Berthold Auerbach Das Landhaus am Rhein, Band 5 Dreizehntes Buch. Erstes Capitel. Die Gärtner harkten den Boden der Fußwege auf, banden niedergetretene Sträucher in die Höhe, entfernten die geknickten ganz; selbst die Stallknechte halfen heute im Garten arbeiten, und im Hause waren die Glaser beschäftigt, neue Spiegelscheiben einzuziehen. Wenn die Herrschaft erwacht, soll möglichst wenig von dem nächtlichen Tumult bemerkt werden. Seit der Rückkehr aus der Residenz empfand Prancken eine Aufreizung, die sich immer mehr gegen Erich kehrte. Schon bei der Ankunft des Fürsten Valerian war er tief empört, daß sich Alles sofort nach dem Zimmer Erichs zog, wie wenn Erich der Mittelpunkt des Hauses wäre. Das darf nicht so bleiben, sagte er sich; der Lehrer muß wissen, wer er ist. Nun hatte sich aber durch den Tumult diese Lehrersfamilie wieder neu in Ansehen gesetzt; die erbärmliche Canaille hatte sich ja von einem alten Weibe beschwichtigen lassen. Prancken war ingrimmig durch den Park gegangen; er hoffte Manna zu begegnen; er wollte Entscheidung. Manna kam nicht. Er sah Fräulein Perini, sie war allein, er begrüßte sie; sie sprachen von dem Tumult. Fräulein Perini sagte nun, sie sei zum ersten Mal irre an der Art, wie sich Baron Prancken verhalte, sie begriffe nicht, warum er noch zögere und sich hinhalten lasse; Manna werde von diesen Dournay's umgarnt und er müsse sie befreien. Sie lobte ihn indeß, daß er unerschütterlich zu Sonnenkamp halte, er solle seine Macht benützen, um diesen jetzt dazu zu bringen, daß er all das Besitzthum aus der Hand gebe. Es war ein schelmischer Blick, wie sie Prancken betrachtete, und sie fragte ihn nun geradezu, ob er sich verbindlich mache, wenn er in den Besitz Manna's und all ihres Gutes käme, die Villa zum Kloster zu weihen. Prancken zuckte die Achseln. Sie stachelte und reizte Prancken, denn sie sah, daß er sie nur noch gering achtete, und sie wollte auch ihn verderben. Er sollte ihr das Versprechen geben, daß, wenn die Sache unwiderleglich sei, er diesen Herrn Dournay fordere und niederschieße. Fräulein Perini hatte einen sichern und festern Plan, den sie nach den veränderten Umständen in aller Stille ausgearbeitet. Herr von Prancken war doch der Mann nicht, den sie und ihre Genossenschaft sich wünschen mußte, und dabei erschien es unzweifelhaft, daß Manna sich Erich zuneigte. Fräulein Perini war nicht so täppisch, das durch Einreden verhindern zu wollen, sie war zu klug, um nicht zu wissen, daß sie dadurch vielleicht eher die Neigung förderte. Manna sollte nur in Sünde verfallen, sollte abtrünnig werden, dann kommt es viel besser. Prancken schießt diesen Dournay nieder, oder dieser Dournay erschießt Prancken; Beides gleich gut, denn in jedem Falle ist Manna dann verlassen, ihre einzige Zufluchtsstätte das Kloster und zuletzt ist Alles gewonnen. Fräulein Perini heuchelte große Freundlichkeit gegen Prancken, während sie ihn innerlich verhöhnte. Dieser sah betroffen drein. Und wieder tauchte eine alte Erinnerung auf; damals, als er mit Erich nach Wolfsgarten gefahren, damals hatte er das voraus gesehen. Sollte es wirklich eintreffen müssen? Er wich aus, er lehnte ab, ja er sagte, daß er dann ja gewiß Manna verloren habe. Fiele er selbst, so wäre es natürlich vorbei, tödtete er Erich, so würde Manna nie die Frau des Mannes werden, der einen andern um ihretwillen getödtet. Fräulein Perini sah zur Erde, sie mußte ihr schelmisches Lächeln verbergen. Das war es ja, was sie wollte. Die Beiden hatten so lange gesprochen, daß die Kirche zu Ende war und der Pfarrer aus der Kirche kam. Fräulein Perini ging mit ihm, Prancken kehrte nach der Villa zurück. Er begegnete dem Doctor und Erich, die in eifrigem Gespräche mit einander wanderten. Der Doctor war nach seiner alten Weise wohlgemuth, er setzte Erich auseinander, daß der frische Most, der so fröhlich eingeht und so vortrefflich mundet, nach der Behauptung der alten Leute eine wahre Cur sei, die den ganzen Körper neu aufbaue, und so trinken denn die Leute in Lust und Bedacht auf Gesundheit zugleich, und die Krisis, die der Rausch des jungen Weines verursacht, sei in der That gut. So sei es jetzt auch mit diesem Tumulte; er habe gut gethan nach vielen Seiten hin. Der Zorn der Menschen in der Umgegend sei über die Linie hinaus gegangen und habe nun allen Rechtsboden verloren. Von dieser Seite sei nichts mehr zu fürchten. Bald begegneten sie auch einer Gruppe von Männern; es waren Abgesandte aus verschiedenen Gemeinden, die Herrn Sonnenkamp versichern wollten, daß sie zu jedem Schutze für ihn bereit seien, er möge nur keine Klage über das Vorgefallene bei Gericht anhängig machen. Der Doctor bat die Männer, wieder umzukehren, er werde vorläufig heute Herr Sonnenkamp berichten. Er ging mit Erich nach der Villa und sie waren nicht wenig erstaunt, die Professorin mit Manna bereits auf der Terrasse zu finden. Sehr heiter scherzte der Doctor über das Genie des Zufalls, das mehr vermöge als alle Wissenschaft; er erklärte die Professorin für vollkommen geheilt. Er fragte, ob Gräfin Bella noch nicht da gewesen; er hörte, daß sie nur Herrn Sonnenkamp gesprochen und Niemand anders auf der Villa. »Ich müßte mich sehr irren,« erklärte der Doctor, »wenn nicht Gräfin Bella von nun an eine besondere Sympathie für den kühnen Herrn Sonnenkamp hätte; das entspricht ganz ihrem der Welt trotzenden und dem Bizarren sich zudrängenden Wesen.« Die Professorin, die doch von Bella tief gekränkt war, suchte die Meinung des Arztes über Bella zu berichtigen. Erich schwieg, er staunte nur über die Beharrlichkeit, mit welcher der Arzt das eigenthümliche Naturell der Gräfin verfolgte und ausdeutete. Der Doctor ließ Sonnenkamp fragen, ob er ihn sprechen wolle. Sonnenkamp ließ erwidern, er möge zuerst Frau Ceres besuchen. »Wie sehe ich aus?« hatte Sonnenkamp am Morgen sofort beim Erwachen, noch ehe er sich erhob, den Kammerdiener Joseph gefragt. »Wie sehe ich aus?« hatte er wiederholt. »Wie immer, Herr.« Sonnenkamp ließ sich einen Handspiegel reichen, gab ihn zurück, legte sich wieder in die Kissen und schloß die Augen. Er verließ lange sein Zimmer nicht. Er hatte Joseph gesagt, daß er allein bleiben wolle. Draußen hörte er, wie die Wege geharkt wurden, wie Männer hin und her gingen; er wollte warten, bis die Spuren der Verwüstung draußen möglichst beseitigt waren. Und die Hand auf den Kopf seines Jagdhundes legend, dachte er: zwei Popanze sind unsere ärgsten Feinde auf der Welt: die Furcht vor der That und die Reue nach der That. Mit diesen Quacksalbereien vergeudet man sein Dasein. Wer keine Zukunft fürchtet und keine Vergangenheit bereut, der allein ist frei. Ich will frei sein! rief er sich zu. In mir bin ich es, aber wo läßt man mich frei sein? Ich muß wieder nach Amerika zurück. Nein, nach Italien, nach Paris, in neue Umgebungen. Aber die Kinder, die Kinder! Die sind mit Gedanken erfüllt, die sie heimatlos und elternlos machen. Das Beste ist doch, Du bleibst, verachtest die Menschen, deren Haß sich allmälig abstumpfen wird, und vielleicht gibt es auch etwas, um die Gemüther zu beschwichtigen, das wie Reue aussehen wird. Hat die Professorin gestern oder hast Du selbst von einem Ehrengericht gesprochen? Ja, das ist's! Wohlan, Welt, ich bin wieder ich selbst und weiter nichts . . . Ueber Alles hinüber, was nun geschehen, erhob sich wieder in ihm die Erbitterung gegen Crutius. Wie reibt der sich dort im Redactionszimmer, wo das kleine Gasflämmchen brennt, nun die Hände! Wie wird er sich freuen, daß die Signalrakete so alles Volk aufrief, wie wird der Tumult in den Zeitungen stehen . . . Er klingelte und ließ Erich kommen; er erinnerte ihn, wie er damals die Dankbarkeit des Volkes und seine edle Art öffentlich verkündet, jetzt – er lachte über das Wort – solle er auch die Unart gehörig darstellen und jedem andern Bericht zuvorkommen und natürlich die ganze Sache als einen Uebermuth des brausenden neuen Weines bezeichnen; am Schlusse aber solle er hinzufügen, daß Herr Sonnenkamp – denn das war sein rechtmäßiger Name von Mutterseite her – etwas thun werde, was die öffentliche Meinung berichtigen und zufrieden stellen werde. Erich wünschte zu wissen, was denn geschehen werde. Sonnenkamp ersuchte ihn, nun die Sache ruhen zu lassen. Wozu das? Man stellt der öffentlichen Meinung etwas in Aussicht; es ist aber nicht nöthig, daß es in der That geschehe; die Menschen vergessen ja, was ihnen versprochen wird. Als Erich eben davon gegangen war, kam der Hundewärter und rief: »O Herr, sie ist vergiftet!« »Wer ist vergiftet?« »Das gute Thier, die Mara; in der Nacht, wie der Lärm da gewesen, haben ihr die schändlichen Menschen etwas gegeben, wahrscheinlich einen in Schmalz gebratenen Schwamm; sie wird jetzt sterben.« »Wo liegt sie?« »Vor der Hundehütte.« Sonnenkamp ging mit dem Wärter nach der Umzäunung, wo die Hunde waren; dort lag Mara, neben ihr die gelöste Kette. »Mara!« rief Sonnenkamp. Der Hund wedelte noch einmal, versuchte den Kopf zu heben, dann ließ er den Kopf sinken und verendete. Es war ein kläglicher Blick aus dem Auge des Thieres. »Begrabe den Hund, ehe Roland etwas davon merkt,« sagte Sonnenkamp. »Wo sollen wir ihn begraben?« »Dort bei der Esche. Zieh dem Hund aber die Haut ab, die Haut ist Geld werth.« »Nein, Herr, das kann ich nicht. Ich hab' das Thier zu lieb gehabt, ich kann ihm die Haut nicht abziehen.« »Gut, so grabe es mit der Haut ein.« Er ging davon. Er wandelte lange im Garten umher und konnte sich doch nicht enthalten, endlich zu der Stelle zu gehen, wo der Hund eingescharrt wurde. Er kehrte ins Haus zurück. Die andern Hunde heulten, als wüßten sie, daß einer ihrer Kameraden verschieden sei. Zweites Capitel. Prancken, der sich treu zu Sonnenkamp hielt, war oft voll Unruhe; aber er sprach nicht aus, was mit ihm vorging. Sonnenkamp wußte durch Lutz, daß Prancken mehrmals Briefe mit großen Siegeln bekommen hatte, einen mit dem Siegel des Hofmarschallamts, einen andern mit dem Siegel des Kriegsministeriums. Er sah Prancken fragend an, aber dieser blieb zurückhaltend, ja Sonnenkamp drängte ihn einmal geradezu, seinen Beistand nicht zu verschmähen, er sei doch in manchen Dingen klug, wenn er auch jetzt unklug gehandelt habe. Prancken erwiderte, das seien Dinge, die er mit sich allein ausmachen müsse; er hoffe, sie zu gutem Ziele durchzuführen. Er deutete an, daß auch die Welt der kleinen Residenz aus verschiedenen Parteien bestehe; er bat aber dringend, ihm jede nähere Angabe zu erlassen. Sonnenkamp nahm ihm das Versprechen ab, daß er sich in kein Duell einlasse, ohne ihm vorher davon Mittheilung gemacht zu haben. Mit Widerstreben gab Prancken das Versprechen und reiste ab . . . . Während Erich noch bei seiner Mutter war, kam Sonnenkamp und sagte, er habe sehr Gewichtiges mit ihnen zu besprechen. Erich und die Mutter erbebten. Weiß Sonnenkamp bereits? Er setzte sich indeß ruhig und begann: »Edle Frau, Sie haben mir Großes geleistet, und nun lege ich in Ihre Hand, in Ihren Geist mein Schicksal und das der Meinen.« Er machte eine Pause und fuhr dann fort: »Schon am Sonntag, als ich nach der Kirche ging, wo der Bettler mir die Schmach anthat, hatte ich trotz meines Unglaubens den Vorsatz, einem Geistlichen zu beichten. Ich gestehe, Herr von Prancken war nicht ohne Einfluß bei diesem Vorsatze, aber er stammte doch auch aus mir. Groß ist die Einrichtung der Beichte: Vergehen, die kein weltlicher Richter sühnen kann, löst und tilgt ein mit der Weihe begnadeter, empfindender, erwägender Mann, der den Beichtenden nicht kennt, nicht sieht und doch den zitternden Hauch seines Bekenntnisses vernimmt, ihm fern ist und doch so nahe.« Die Mutter sah zu Boden. Der Mann solcher Thaten vermag so zu sprechen! Sonnenkamp empfand, was die Frau von ihm dachte, und er rief: »Sie, edle Frau, Sie hinderten meinen Vorsatz.« »Ich?« »Ja, Sie, denn ich dachte mir es besser: In Ihr offnes Antlitz wollte ich Alles sprechen und Sie hatten die Macht zu lösen und zu tilgen . . . aber, Sie haben sie auch nicht.« Die Professorin athmete freier auf. Sonnenkamp fuhr fort: »Da haben Sie das Wort hingeworfen . . . da fand ich, was zu thun ist. In der neuen Welt, draußen in den Ansiedlungen, beruft man ein Schwurgericht von Nachbarn. Ich will nun ein Ehrengericht von freien Männern berufen, ihnen offen gegenüber stehen, sie sollen mich frei richten, ich will Schwurgericht und Beichte verbinden. Ich bin der europäischen Welt eine Sühne schuldig. Verstehen Sie, was ich meine?« »Sie wollen einer Versammlung von freien Männern den Wahrspruch anheim geben?« »Das ist's. Ich sehe, Sie begreifen mich vollkommen,« sagte Sonnenkamp mit Ruhe, »und nun rathen Sie. Wen schlagen Sie vor zu diesem, wenn Sie es so nennen wollen, sittlichen Sühnegericht? Im Voraus muß ich Herrn von Prancken ablehnen, er ist mein Sohn und kann nicht mein Richter sein.« »Ich wüßte Niemand sofort und – ich bin noch zu schwach, dieses Besinnen, dieses Suchen und im Gedanken in der Welt Umhergehen thut mir körperlich weh.« »So beruhigen Sie sich. Herr Dournay, Sie haben Alles gehört, Sie haben doch?« wiederholte er, da er den zerstreuten Blick Erichs sah. »Wohl, wohl . . . Alles.« »Und nun, wen würden Sie vorschlagen?« »Zunächst Herrn Weidmann.« »Weidmann? Er ist der Oheim meines ärgsten Feindes.« »Aber er wird deshalb doch gerecht sein.« »Er ist nicht ohne Urheberschaft an dem Zeitungsartikel des Herrn Crutius.« »Davon ist er vollkommen frei, er hat den Fürsten Valerian ausdrücklich beauftragt, Ihnen zu sagen, daß er das Verfahren des Herrn Crutius mißbillige.« »Und wäre Herr Weidmann auch Ihr Feind,« fügte die Professorin ein, »so müssen Sie gerade auch suchen, Ihre Feinde zu . . .« Die Professorin suchte nach einem Worte, aber Sonnenkamp fiel ein: »Sie sollen Recht haben, Sie sollen sehen, wie ernst es mir ist. Also Herr Weidmann. Und nun, wen weiter?« »Den Grafen Wolfsgarten.« »Ohne Widerrede, angenommen. Weiter!« »Den Landrichter.« »Auch angenommen, und den Doctor gebe ich Ihnen gleich drein; diese Herren sollen die weiteren Männer selbst wählen. Das ist wol das Beste. Jetzt aber, Herr Dournay, machen Sie sich bald auf den Weg, die Sache muß rasch bekannt . . . ich meine, ins Werk gesetzt werden.« Als Sonnenkamp wegging, sahen Erich und die Mutter einander fragend an. Was will der Mann mit diesem Gericht? Sie konnten es nicht finden. Hätte man Sonnenkamp selbst gefragt, er hätte es nicht genau sagen können. Zunächst wollte er die Menschen durch etwas Neues in Athem halten, Zeit gewinnen, die öffentliche Meinung beschäftigen, vielleicht beruhigen. Er war selbst begierig, was sie für ein Urtheil fällen. Ob er sich ihm unterwirft, das wird sich finden. Er will nur etwas thun wegen seiner Kinder, zunächst wegen Rolands; er hat ihm versprochen, daß er etwas unternehme, damals, als der schwärmerische Jüngling von ihm verlangt hatte, daß er all sein Besitzthum weggebe. Und wer weiß, ob bis zur Zeit, wenn das Ehrengericht zusammenkommt, nicht große geschichtliche Ereignisse eintreten . . . Er will die öffentliche Meinung gewinnen, sie muß sich beruhigen und betrügen lassen. Er war nach Europa gekommen, um sich, seiner Frau und seinen Kindern eine Ehrenstellung zu verschaffen; vielleicht ist das doch noch möglich. Er will eine Zeit lang den Reuigen spielen, warum nicht? Ist eine neue Art, während man bis jetzt Alles verhehlt hatte. Und dann sollten diese ehrbaren verhockten Menschen sehen, daß sie nicht besser sind als er; sie haben nur nicht den Muth wie er. Jetzt ist offener Krieg zwischen ihm und der Gesellschaft, er will Rache nehmen an diesen Tugendstolzen, deren Tugend doch nur in der Schwäche besteht. Vielfältiges bewegte sich in seiner Seele; noch ließ sich nicht ein Einzelnes festsetzen, aber der Kampf lockte ihn. Er will wieder selbst inne werden, wer er ist. Sonnenkamp nahm wiederholt das Gutachten zur Hand, das Bella ihm übergeben hatte. War diese Aushändigung nur ein Zeichen des Zerfalles mit ihrem Manne, oder ist es noch ein Weiteres für ihn selbst? Er las in der zierlichen Schrift; manche darin enthaltene Schärfen erlustigten ihn. Also auch dieser so feine Mann kann solche Keulenschläge führen! Ohne gerade auf Sonnenkamp unmittelbar angewendet zu sein, kam das Wort »Brutalität« mehrfach in dem Gutachten vor. Der Herr Graf, dachte er vor sich hin, soll auch ein Gutachten erhalten, mit Keulenschlägen ganz anderer Art. Auch dazu sollte das sogenannte Ehrengericht dienen. Die Frage, ob er bis zu dem Ehrengerichte sich vor der Welt verbergen oder gerade kühn herausfordernd sich zeigen solle, quälte ihn und dazwischen verdroß ihn diese weichliche Rücksichtsnahme, die man in Europa nehmen muß, sobald man einmal in die Ehrenstraße eingelenkt hat. Er wollte Lutz nach Wolfsgarten schicken und überlegte lange, welchen Auftrag dieser zum Vorwand nehmen solle. Am besten ist es zuletzt, Lutz macht sich eine beliebige Ausrede, nur muß er sich der Gräfin zeigen, sie wird ihm dann schon einen schriftlichen oder mündlichen Auftrag geben. Er gab ihm Geld für die Kammerfrau der Gräfin, wenn dies nöthig sei. Zuletzt aber entschloß er sich, selbst nach Wolfsgarten zu reiten. Soll er sich dem aussetzen, daß Graf Clodwig ihn nicht empfängt? Gut, um so besser, er wird dann Bella allein sprechen. Er ritt nach Wolfsgarten, und wie er erwartet, geschah. Clodwig ließ sich entschuldigen, daß er ihn jetzt nicht sprechen könne. Er ging zu Bella, sie schien erstaunt, daß er kam; er gab ihr zunächst das Gutachten wieder zurück, sie dankte für seine Vorsorge, aber sie war seltsam befangen; sie wurde aufgeregt, da Sonnenkamp ihr den Plan mit dem Ehrengerichte darlegte. Wohlgemuth ritt Sonnenkamp wieder nach Villa Eden zurück. Drittes Capitel. Manna übergab Erich einen Brief des Professor Einsiedel. Der gute Mann hatte ihr in Karlsbad gesagt, daß er im nächsten Winter nicht lese; nun hatte sie ihn gebeten, da Erich so vielfach in Anspruch genommen sei, zu Roland nach Villa Eden zu kommen; es werde Allen dort ein willkommener Halt sein. Der Professor hatte geantwortet, daß er komme. Manna erklärte, daß sie zunächst wieder ins Kloster müsse; sie halte es für ihre Pflicht, dort vor Allem ihre Umwandlung zu bekennen, sie wollte ein so Schweres nicht verschieben, sondern sofort auf sich nehmen. »Bedenke nur,« sagte Erich, »daß Du nicht mehr berechtigt bist, Dir Kasteiungen und Martern aufzuerlegen oder auferlegen zu lassen; Du darfst meine Manna nicht quälen oder quälen lassen.« Manna sah ihn strahlenden Auges an, indem sie sagte: »Ich will nur, daß die Seelen derer dort im Kloster durch meinen Austritt, den sie einen Abfall nennen müssen, nicht belastet sein sollen.« Sie wünschte, daß Tante Claudine sie begleite, Erich aber fand es angemessener, daß sie mit Roland reise. Manna ging zu ihrem Vater und sagte, daß sie nach dem Kloster wolle. Sonnenkamp erschrak, er ward aber schnell beruhigt, da Manna hinzufügte, daß sie nur dorthin reise, um auf ewig Abschied zu nehmen, denn sie sei entschlossen, nie ins Kloster zu gehen. Aus all seiner Verzerrung leuchtete eine triumphirende Heiterkeit in den Mienen Sonnenkamps. Manna hätte gern dem Vater sofort Alles bekannt, aber sie wagte es noch nicht . . . Der Tag war nebelig und kalt, an dem die Geschwister und Fräulein Perini stromab fuhren. Gegen Mittag drang die Sonne durch, die Nebel zerflossen und es hellte sich auf. Das Schiff schwamm zu Thal und schoß schnell dahin auf der hellen Fluth zwischen den sonnenbeschienenen Bergen, auf denen hier und dort noch geherbstet wurde. Die Reisenden standen und wandelten auf dem Verdeck und schauten wohlgemuth ins Weite, drunten aber in der Kajüte lag Manna mit geschlossenen Augen. Vergeblich mahnte Fräulein Perini, oben am Ausblicke und der freien Luft sich zu erfrischen; Manna bat, man möge sie allein lassen. Und so lag sie und dachte halb träumend, was Alles geschehen war mit den Ihrigen und mit ihr selbst. Der Confessionsunterschied zwischen ihr und Erich ging wieder auf. Aber was blieb ihr? Untreu zu werden den frommen Schwestern oder hier gegen Erich . . . nein, das ist nicht mehr möglich. Sie hoffte, die große Seele der Oberin solle ihr Beruhigung geben. Und so lag sie während der ganzen Reise im Halbschlaf versunken. Roland stand beim Steuermann und ließ sich von ihm in der Lenkung des Schiffes unterrichten. Fräulein Perini war nun doch froh, daß Manna verborgen geblieben, denn unter den Reisenden wurde hin und her gesprochen über Sonnenkamp. Die Sage ging, der Mohr des Fürsten habe Sonnenkamp mit beiden Händen in die Luft gehoben und die Treppe hinabgetragen, bis die Diener ihn befreiten und in den Wagen brachten. Ein Agent, den Fräulein Perini kannte, sprach davon, wer wol das Landhaus kaufen werde; denn daß der Mann nicht bleibe, war entschieden. Lutz, der sich auf der Vorkajüte niedergelassen, mußte dort hören, wie die Händler, die das Obst von dem Obergärtner Sonnenkamps gekauft und nach dem Niederrhein brachten, einander erzählten, sie möchten keinen Mund voll von dem Obst haben, was dieser Mann gezogen. An der letzten Station vor dem Inselkloster stiegen zwei Nonnen ein. Fräulein Perini kannte die Eine derselben, es war die Französin, die immer so scheu war. Sie ging mit den Nonnen in die Kajüte, wo Manna schlief. Sie setzten sich ihr gegenüber, nahmen ihre Gebetbücher heraus und beteten für die arme Seele, die hier im Schmerzensschlummer lag. Manna schlug die Augen auf, sie sah verwundert drein, sie wußte nicht, wo sie war. Schwester Seraphine hieß sie in französischer Sprache willkommen und sagte ihr tröstend, sie solle, was sie erleiden müsse, geduldig über sich nehmen. Manna richtete sich auf. So war die Kunde auch schon ins Kloster gedrungen! Sie ging mit Roland und den drei Frauen nach dem Verdeck; das Inselkloster wurde sichtbar. Alles war hell und glänzend. Manna hatte die Empfindung, als käme sie plötzlich wieder auf die Erde, und Alles sähe sie fragend an: Wo warst Du denn so lange? Man stieg in den Kahn und fuhr nach der Insel. Wehmüthig sah Manna auf den schönen runden Sitz am Landungsplatz, das sogenannte Vogelnest, da hatte sie so oft mit Heimchen gesessen; jetzt lagen nasse welke Blätter auf der Bank. Sie ließ sich sofort bei der Oberin melden; sie erhielt die Antwort, sie möge vorher eine Stunde in der Kirche bleiben, und dann zu ihr kommen. Manna verstand, was das sein sollte. Wußte denn die Oberin bereits ihre Abtrünnigkeit? Sie ging nach der Kirche, an der Thüre blieb sie stehen, sie ging nicht hinein, sie scheute sich wegen des Bildes darin; sie wußte, daß sie nicht anders kann, als zu demselben aufschauen, und doch darf das nicht sein. Sie kehrte um und ging hinaus nach dem Park. Sie hörte droben die Kinder scherzen, sie hörte singen, sie wußte, wie sie alle sitzen, sie kannte jeden Raum, jede Bank. Sie kam nach der Tanne, wo sie so oft gesessen, die Bank unter der Tanne war nicht mehr da, auf dem Kniebänkchen, wo Heimchen gesessen, lagen welke Blätter. Zum Grabe Heimchens! sprach es in ihr. Sie kehrte um und ging am Kloster vorüber, es erschien ihr wie Empörung und Frevelthat, daß sie dem Befehle der Oberin nicht gehorcht. Sie kam in den Kirchhof. Auf dem Grabe Heimchens stand ein Kreuz mit der Inschrift in goldenen Buchstaben: Das Kind ist nicht gestorben, sondern es schläft. Marcus 5, 39. Wie? dachte Manna. Warum diese Worte hier? Sie sind ja in der Schrift von jenem Kinde gesagt, das auf dem Todtenbette wieder zum Leben erweckt wurde, nicht aber von einem Begrabenen. Sie sank auf das Grab nieder und wirr gingen ihre Gedanken durcheinander; sie wußte nicht, wie lange sie hier gelegen, endlich faßte sie sich und kehrte nach dem Kloster zurück. Sie wurde in das Ansprachzimmer eingelassen; noch mußte sie hier allein warten, die Bilder an der Wand schienen sich in die Ferne zurückzudrängen, wenn sie die Augen auf sie richtete. Endlich kam die Oberin. Manna eilte ihr entgegen und wollte sich ihr an den Hals werfen, aber die Oberin stand starr und wickelte die beiden Enden des hänfenen Gürtels um den Zeigefinger der rechten und linken Hand, so daß der Strick einschnitt. Manna sank zu ihren Füßen nieder. »Steh auf,« sagte die Oberin streng. »Wir dulden hier keine Leidenschaftlichkeit. Das hast Du hoffentlich noch behalten . . . Warst Du in der Kirche?« »Nein,« sagte Manna sich aufrichtend. Lange sprach die Oberin kein Wort, sie erwartete, daß Manna den Frevel erkläre; diese aber konnte nur schwer einen Ton hervorbringen. »Ich bin hierhergekommen,« begann sie endlich, »damit Sie, ehrwürdige Mutter, keinen Gram über meine Undankbarkeit in der Seele hegen. Sie haben groß an mir gehandelt, Sie haben . . .« »Nichts von mir. Sprich von Dir.« »Mein Andenken soll Ihnen keine Kränkung sein. Ich bin gekommen, um Sie zu bitten . . .« »Was zögerst Du so lange? Sprich aus, was willst Du?« »Sie bitten, daß sie an mein ehrliches Ringen glauben. Ich konnte nicht anders. Ich bin in die Welt zurückgekehrt, um mich zu prüfen . . . ich habe die Prüfung nicht bestanden . . . Ich kann nicht dem Leben entsagen . . . mein Leben ist nicht mehr mein eigen . . .« »Ich mache Dir keinen Vorwurf. Es ist besser, Du bist die Gattin des Herrn von Prancken.« Manna bedeckte sich mit beiden Händen das Gesicht. »Was thust Du? Was ist das?« fragte die Oberin. »Du bist doch nicht doppelt abtrünnig? Sprich! Habe ich noch ein Recht, Dich zu fragen? Hast Du noch eine Pflicht, mir zu antworten? Was soll das?« In Manna kämpfte es. Darf sie Erich verleugnen? Nein. Und wenn alle Qualen über sie herabgerufen werden, sie bekannte sich zu ihm. »Erich Dournay,« sagte sie leise. »Wie? Habe ich recht verstanden? Ist Herr von Prancken todt?« Treu und offen berichtete Manna Alles, was geschehen; sie stand aufrecht und ihre Stimme war fest. Als sie geendet, fragte die Oberin: »Du bist also nicht gekommen, um Buße zu thun?« »Nein.« »Wozu denn?« Manna griff sich an die Stirn und sagte: »Habe ich denn nicht deutlich bekannt, daß ich mich nicht sündhaft fühle? Ich bin gekommen, um Ihnen Dank, innigen Dank zu sagen für das Gute, das Sie mir gethan, und damit mein Andenken Ihnen nicht ein Kummer sei. Sie selbst haben mir einst gesagt, es komme ein schwerer Kampf, den ich mit dem Leben kämpfen muß; ich habe ihn nicht bestanden, oder doch . . . Ich bitte nur, bewahren Sie mir eine friedliche Heimstätte in Ihrem Denken.« »Das willst Du und jetzt noch? Ja, so sind sie, die Weltkinder! Die Selbstmörder verlangen noch ein geweihtes Grab. Du hast Dich selbst ermordet und erhältst bei uns kein Grab in heiligem Boden. Du streckst Deine Hand aus zur Versöhnung . . . Deine Hand wird nicht gefaßt.« Eine dienende Schwester trat ein und brachte die Bitte von Fräulein Perini, daß sie zur Oberin und Manna eintreten dürfe. »Haben Sie noch etwas?« wendete die Oberin sich an Fräulein Perini. »Ja. Hier steht Fräulein Manna, ich erinnere sie vor Ihnen, würdige Mutter, an ein heiliges Versprechen, das mir Fräulein Manna abgenommen.« »Ein Versprechen? . . . Ihnen?« »Ja. Sie, Fräulein Manna, haben mir das Versprechen abgenommen, daß ich Sie mit allen Strafen und Banden festhalten solle, wenn je eine Abtrünnigkeit in Ihrer Seele Platz greife. Manna! ich habe es vermieden, Sie anzurufen dort im Hause der Wirrniß. Hier muß ich es. Ich kenne Ihre Seele, die, ohne Falsch, nicht an die Fallstricke glaubt, die man ihr gestellt. Der Augenblick ist entscheidend, rufen Sie Ihre reine Seele in sich zurück. Sie sollen nicht Nonne werden, aber Sie werden es nie ertragen, daß Sie der Kirche abtrünnig werden, und das jetzt, wo Alles Sie zurückführen müßte in das Eine, das ewig feststeht. Manna, hier liege ich auf den Knieen vor Ihnen. Ich habe Sie geleitet, gelehrt, ich habe Sie im Herzen getragen – Manna! Sie tödten mich, Sie tödten sich, Sie tödten das Heiligste!« »Ich bitte,« sagte Manna, »bestürmen Sie mich nicht. Sie können kaum ermessen, wie weh es mir thut, auch Sie zu kränken. Ich wollte mich der Kirche widmen, ich glaubte, dort Trost zu finden, ich kann nicht mehr. Ich sehe ein – ich spreche es nicht gern aus – das Opfer ist nicht möglich . . . Ich will nicht durch Heuchelei entweihen, was Ihnen heilig ist, mir heilig war. Nicht Leidenschaft, nicht Leichtfertigkeit . . .« »Genug, genug!« unterbrach die Oberin. »Hast Du dem Pfarrer gebeichtet?« »Nein.« Die Oberin hatte sich abgewendet und sprach gegen die Wand gekehrt: »Wir zwingen, wir binden Dich nicht; wir könnten es, aber wir wollen nicht. Geh! . . . Geh! Ich will Dein Antlitz nicht mehr sehen. Geh! Wehe, welch eine Hölle trägst Du in Dir! Die Spur Deiner Schritte hier soll verwehen . . . Nein, ich will nichts weiter sagen. Geh! . . . Ist sie fort? Du sollst mir nicht antworten. Liebe Perini, antworten Sie mir. Ist sie fort?« »Sie geht,« antwortete Fräulein Perini. »Wo ist meine Schwester?« hörte man plötzlich die laute Stimme Rolands. Die Thür wurde gewaltsam aufgerissen; Roland übersah schnell, was geschehen, und rief: »Du hast Dich genug gedemüthigt, komm mit mir!« Er faßte Manna an der Hand und verließ mit ihr das Kloster. Draußen sagte Roland, daß er es vor Angst nicht mehr ausgehalten; er habe gefürchtet, Manna wolle sich mißhandeln lassen und dies als Buße tragen. »Und das darfst Du nicht, auch wenn Du es könntest, um Erichs willen nicht.« Wie leuchtete das Auge Manna's, als sie in das glühende Angesicht Rolands sah! »Es ist vorbei,« sagte sie. »Eine Welt versinkt hinter mir. Es ist vorbei.« Fräulein Perini blieb noch eine Weile bei der Oberin, dann folgte sie Manna nach. Sie saß mit ihr im Kahn; mit einem eigenthümlichen, heimlich flüsternden Ton sagte sie: »Ich mußte das noch sagen, ich konnte nicht anders.« Manna streckte ihr die Hand entgegen und sagte: »Sie thaten nach Ihrer Pflicht, ich zürne Ihnen nicht. Verzeihen Sie mir.« Manna wußte nicht, wie sie aus dem Kloster gekommen; erst als Roland sie umarmte, konnte sie weinen. Bei der Rückfahrt auf dem Schiff ging sie nicht mehr in die Kajüte, sie saß neben Roland und ihr großes dunkles Auge schaute weit offen in die Landschaft hinein. Viertes Capitel. Auf dem Wege nach Wolfsgarten begegnete Erich dem Major. Erich erklärte ihm, daß auch er zum Ehrengerichte gehören müsse. Der Major war ohne Zureden sofort bereit. »Der arme Mann! der arme Mann!« sagte er immer; »er war nicht offen gegen mich . . . sie war es aber auch nicht. Ich nehme es ihm nicht übel, sie war es ja auch nicht; es war das erste Mal in ihrem Leben. Sie« – das war natürlich Fräulein Milch – »hat gewußt, daß ich es nicht ertragen könnte. Ich kann Vieles, ja, Kamerad, Sie glauben gar nicht, was ich Alles kann; aber Eines kann ich nicht; heucheln, mit einem Menschen verkehren, den ich nicht achte und liebe, das kann ich nicht. Daß der Mann Sklaven gehalten, habe ich ja gewußt und habe immer gesagt, wer mit Pudeln umgeht, kann sich der Flöhe nicht erwehren. Sollte man es wol glauben, daß der Mann so viel gutherzige Worte haben kann? Mit Ihnen, Kamerad, hat er ja gesprochen wie ein Weiser, wie ein Heiliger. Ich mit meinem dummen Verstand bringe es nicht heraus, und der Herr Weidmann hat mir auch nicht helfen können, warum die guten Kinder das Alles leiden müssen. Jetzt aber, nehmen Sie es mir ab, jetzt verstehe ich es; auf dem Wege ist mir's gekommen. Ich habe nicht viel gelernt, ich bin Tambour gewesen – ich erzähle die Geschichte schon noch einmal . . .« »Ja, was haben Sie denn gefunden?« »Recht so, sie erinnert mich auch immer, wenn ich durcheinander rede. Also sehen Sie, das Menschenkind wird, wie es in der Schrift heißt, in Schmerzen geboren, und der Menschengeist wird auch in Schmerzen geboren, in Noth und Elend. Das wissen wir Armen, und darum sind die Reichen und Vornehmen nicht recht auf der Welt. Ich meine . . . Sie wissen ja . . . Nun ist unser Roland auch neu geboren, wird erst recht ein Adliger. Der Fürst kann den Namen adeln, aber nicht die Seele. Verstehen Sie? So ist's. Unser Roland ist jetzt der wahre Adlige. Böses erdulden und Gutes thun, das ist der Wappenspruch, den er jetzt bekommen hat; der Wappenspruch steht auf keinem Ritterschild, aber sehen Sie, da drin im Herzen steht er, da wird er stehen. Er soll brav sein und er wird es, und jetzt erst recht, aller Welt und dem Adel besonders zum Trotz. Jetzt wird der Wirbel geschlagen. Jetzt drauf und dran! Er ist exercirt, jetzt muß er aus sich selbst etwas machen und er wird's.« Der Major deutete auf sein Herz, und seine Hand zitterte. Der zaghafte, im Worte so ungelenke Mann brachte zwar das Alles mit großen Unterbrechungen, aber mit Kraft vor. Als Erich sich endlich vom Major trennen wollte, hielt ihn dieser noch fest und sagte: »Nur das Eine nehmen Sie mir noch ab. Ich bin Tambour gewesen – ich erzähle Ihnen die Geschichte schon noch einmal – ich bin Officier geworden, und die Kameraden haben nicht geahnt, wie sie mich ehren, wenn sie heimlich – sie haben geglaubt, ich höre es nicht – mich den Hauptmann Trommelschlegel, oder auch kurzweg Schlegel nannten; ja, sie haben mich mit dem Hauptmann Schlegel geehrt, denn von damals an ist es mir klar geworden, ich selber habe mir es nicht so sagen können, aber sie hat mir es deutlich gemacht, sie kann Alles. Ja, so ist's. Wen das Glück zu etwas gemacht, der ist nur halb lebend; das Ungemach, das ist der heilige Geist, der spricht zu dem Menschen: stehe auf und wandle. Verstehen Sie mich?« »Ja,« betheuerte Erich, drückte dem Alten die tapfere Hand und ritt davon gen Wolfsgarten. Aus dem offenen Fenster schrie der Papagei, als wollte er dem ganzen Herrenhaus verkünden, welch ein seltener Gast jetzt wieder einreite, denn Erich war lange nicht hier gewesen. Er glaubte, in dem Zimmer neben dem, wo der Papagei im offenen Fenster hing, die Gestalt Bella's gesehen zu haben, aber sie zeigte sich nicht mehr. Er trat bei Clodwig ein. Er fand ihn zum ersten Mal niedergeschlagen; er mußte auch körperlich angegriffen sein, da er nicht, wie sonst immer, aufstand und den jungen Freund in seiner so formvollen als herzlichen Weise begrüßte. »Ich wußte, daß Sie zu mir kommen,« sagte Clodwig, schwer athmend, mit milder Stimme. »Wenn es eine geistige Wirkung in die Ferne gäbe, hätten Sie und Ihre Mutter vor Allem, in diesen Tagen fühlen müssen, daß ich bei Ihnen war. Herr Sonnenkamp war hier. Ich konnte ihn nicht annehmen. Hat er Ihnen davon gesagt?« Erich verneinte und es war ihm auffällig, daß Sonnenkamp ihn zu den Nachbarn sendete, während er selbst eine Besprechung suchte. »Und nun bitte,« fuhr Clodwig fort, »ich bin etwas angegriffen, lassen Sie uns recht ruhig sprechen. Wir sind befleckt durch den Umgang mit diesem Mann; aber wir dürfen nicht an uns, wir müssen an ihn denken. Sehen Sie« – er nahm ein Fläschchen auf – »sehen Sie, ich habe eine kindische Freude an diesem neuen chemischen Stoff; er sieht aus wie helles Wasser, und dient doch dazu, ein geschriebenes Wort ohne Radirung von einem Papier auszulöschen. Nun denke ich: sollten wir nicht auch sittlich so etwas finden können? Der Scheidepunkt der antiken und modernen Welt liegt doch darin, daß es in unserer Anschauung eine Vergebung der Sünden, oder nennen wir es eine Ausgleichung, geben muß.« Das war der Punkt, auf welchen sich Erich sofort hingewiesen sah; er legte den Plan des Sühnegerichts dar und forderte Clodwig zur Theilnahme auf. Clodwig lehnte ab, da Herr Sonnenkamp, oder wie er heiße, ein Gericht von Pairs, Männer von gleichem Stande, oder vielmehr von gleichem Beruf haben müsse; er selber sei kein Pair des Herrn Sonnenkamp. Er erzählte, wie er in diesen Tagen sich sehr für den Amerikaner bemüht habe, denn einige Hitzköpfe bei Hofe hätten ihn wegen Majestätsbeleidigung vor Gericht stellen wollen. Dem Fürsten sei das zuwider; er habe einen eigenhändigen Brief an Clodwig geschrieben, worin er ihm dankte, daß er von der Adelserhebung abgerathen. Clodwig hatte darauf dem Fürsten erwidert, er möge jede weitere Verfolgung gegen den Mann unterlassen, den man gereizt und zu Dingen verführt hatte, die ihm nicht zustehen. Nochmals brachte Erich seinen Wunsch vor, daß Clodwig sich bei dem Gerichte betheiligen möge. Clodwig erwiderte: »Ich werde nach Hof berichten, daß der Mann freiwillig ein Gericht herausfordert; es wird dort gut wirken, und Ihnen zu lieb« – seine schlaffen Mienen spannten sich, er fuhr mit der Hand über das ganze Gesicht, als müßte er den kummervollen Ausdruck daraus wegwischen – »ja, Ihnen zu lieb, weil vielleicht dadurch eine Lösung oder Klärung in Ihr Verhältniß zu diesem Hause kommen kann, möchte ich mich dem Anruf nicht entziehen.« Man hörte Schritte sich dem Zimmer nahen. Clodwig richtete sich rasch auf, und eilig die Hand Erichs fassend, sagte er leise und bestimmt: »Gut, ich willfahre. Der Mann will ein Ehrengericht – es soll ihm werden.« Clodwig hatte das eilig, wie auf der Flucht, hervorgestoßen, denn jetzt trat Bella ein. In ihrem Gesicht war etwas Ueberwachtes und dabei gewaltsam Aufgereiztes. Sie begrüßte Erich mit lateinischen Worten, und es war eine seltsame Empfindung, jetzt einen Uebermuth zu vernehmen, der gar nicht mit der gegebenen Lage und vor Allem nicht mit der offenbar bedrückten Stimmung Clodwigs zu vereinbaren war. »Sagen Sie einmal,« fragte Bella, »hatten Sie eine Zeit, wo Sie einen Gewaltmenschen wie Ezzelin von Romano bewunderten? Es liegt etwas Großes in solchen Gewaltnaturen, zumal gegenüber der Topfguckerei und kleinlichen Schönthuerei . . .« Erich verstand nicht, was das sein sollte; er konnte nicht ahnen, daß Bella, gedeckt durch die Anwesenheit eines Fremden, Pfeile schoß, die ihr Ziel nicht verfehlten. Clodwig schloß die Augen und nickte mit dem Kopf, dann öffnete er die Augen wieder. »Ach ja,« fuhr Bella in heiterem Ton fort, »gut, daß ich daran denke; ich wollte Ihnen eine Frage vorlegen. Sagen Sie mir: was würde Cicero, was würde Sokrates sagen, wenn er den Kain von Lord Byron läse?« Erich sah verwirrt drein. Diese Frage war so über alle Maßen bizarr, daß er nicht wußte, war das Hohn oder Wahnwitz; aber Bella fuhr fort: »Hat Roland schon Byrons Kain gelesen?« »Ich glaube nicht.« »Geben Sie ihm jetzt das Buch. Das müßte wirken. Er ist auch ein Sohn, der das Recht hat, sich dagegen zu empören, daß sein Vater sich aus Eden vertreiben ließ. Wie das stimmt! Sind wir nicht eigentlich Alle Kinder Kains? Abel war ja kinderlos, folglich stammen wir Alle von Kain. Ein großartiger Stammbaum! . . . Und noch Eins, Herr Doctor. Haben die Gelehrten nie herausgebracht, welche Form und Farbe das Zeichen hatte, das Gott der Vater dem Majoratsherrn Kain auf die Stirne schrieb?« »Ich verstehe Sie nicht,« entgegnete Erich. »Ich verstehe mich auch nicht,« lachte Bella. Es war ein unheimliches Lachen. Dann fuhr sie fort: »Ich habe, allerdings mit Hilfe einer Uebersetzung, Cicero über Freundschaft zu lesen begonnen; ich kam nicht weit, ich habe Byrons Kain vorgenommen; das ist doch das Schönste, was die moderne Welt hat.« Noch immer fand Erich kein Wort der Erwiderung; er sah in das Antlitz Bella's, in das Clodwigs. Was geht hier vor? Und wieder begann Bella: »Nicht wahr, die Sklavinnen, die die Römerinnen bedienten, mußten Pausbacken machen, wenn eine edle Matrone ihnen einen Schlag ins Gesicht geben wollte? Die Römerinnen waren keine sentimentalen Pensionspflänzchen, wie heute unsere Männer und Frauen. Wie geht es Fräulein Sonnenkamp?« »Sie ist nach dem Kloster gereist,« antwortete Erich mit gesenktem Blick. Es ward ihm schwül, da er Bella auf die Frage nach Manna antworten mußte. »Ich finde das sehr praktisch,« setzte Bella wieder fort, »ich hatte eine andere Vermuthung, habe mich also geirrt. Ja, solch ein Kloster ist ein Schirmdach; das empfindsame Kind wird dort am besten ruhen, bis der Sturm vorüber. Was wird nun Roland anfangen? Was werden Sie beginnen und Ihre Frau Mutter?« fragte Bella so äußerlich, so fremd, so gesprächsam, daß Erich mit einer gewissen Art von Munterkeit erwidern konnte: »Einstweilen behelfen wir uns mit der großen That, die so allgemein ist.« »Mit einer großen That?« »Ja; wir thun einstweilen nichts.« Während des Sprechens mit Bella waren die Gedanken Erichs bei Manna im Kloster. Manna stand in dieser Stunde auch Menschen gegenüber, die ihr ehedem nahe befreundet gewesen; wie stellten sie sich nun als Feinde und Widersacher? Gewiß nehmen sie nicht den kalten, gleichgültigen Ton an wie Bella. Es war ihm, als müsse er schützend seine Hand ausbreiten über Manna, die jetzt niederschmetternde Worte hören, vielleicht gar eine Buße sich auferlegen mußte. So nahm er in Verwirrung Abschied, indem er sagte, daß er zu Weidmann reiten wolle. Wieder ritt er durch den Wald, durch den er damals zuerst auf dem Pferde Clodwigs nach Villa Eden geritten war. Wie ganz anders war das heute! Und auf Wolfsgarten – fühlte er – ging etwas vor, das er sich nicht enträthseln konnte. Wie waren ihm damals Bella und Clodwig glückselig erschienen, und was waren sie nun? Dieses bizarre Hin- und Herwenden Bella's, dieses Durcheinanderschütteln des Verschiedensten – sie muß Stunden verbringen, in denen sie ruhelos in Allem herumzerrt, und Clodwig ist dabei von einer Schwermuth und Bedrücktheit, die ihm seine freie Seelenkraft zu entziehen scheint. Fünftes Capitel. Es war bereits Nacht, als Erich aus Mattenheim anlangte. Die Familie Weidmann hatte, wie sie es nannte, ihre Winterresidenz bezogen, schöne helle Räume im obern Stock des Hauses, mit gewählten Bildern an den Wänden und mit geschmackvollen Kaminen, in denen offene Feuer brannten. Frau Weidmann saß mit ihrer Schwiegertochter hinter dem Tisch bei der Lampe, während ihr Sohn vorlas; Herr Weidmann war in seiner Arbeitsstube. Erich ging zu ihm; er fand ihn unter Kolben und Retorten in seinem chemischen Laboratorium. »Ich kann Ihnen keine Hand geben,« rief ihm Weidmann mit heiterem Ton zu. »Wir suchen eine neue Entdeckung auszubeuten. Man hat gefunden, daß sich aus den ausgepreßten Trauben, aus den Trestern, eine Buchdruckerschwärze bereiten läßt. Die Sache scheint gut, und unser Freund Knopf macht wahrscheinlich bereits ein Gedicht auf diesen Artikel; er will, daß künftig alle lyrischen Gedichte, vornehmlich aber die Trinklieder, nur mit der so bereiteten Schwärze gedruckt werden dürfen. Sehen Sie, hier kocht der neue Stoff. Aber es ist besser, Sie warten im Nebenzimmer; Sie finden dort Zeitungen, die Sie sehr interessiren werden. Ich komme bald.« Erich ging nach dem Zimmer. Auf dem Tische lagen amerikanische Zeitungen. Auf jedem Blatte zeigten sich die gewaltigen, hocherregten Werbungen und Kämpfe zwischen den Republikanern und Demokraten; den letzten Namen hatten diejenigen angenommen, die das Selbstbestimmungsrecht der Einzelstaaten in die äußersten Folgerungen treiben wollten, vor denen die Staatseinheit nicht mehr bestehen konnte; das eigentliche Ziel war zunächst die Erhaltung der Sklaverei. Auf Seite der Republikaner dagegen vereinigte sich Alles auf den Geist und den Namen Abraham Lincolns. Während der Tage, die man jetzt lebte, entschied sich die große Sache in der neuen Welt. Wie wartet nun Sonnenkamp auf die Entscheidung dieses Kampfes, dachte Erich vor sich hin. Weidmann trat ein. Als Erich den Plan des Ehrengerichts darlegte, erklärte sich Weidmann sofort bereit; er sehe zwar kein eigentlich festes Ergebniß voraus, aber es könnte sich doch finden, jedenfalls würde man nähere Einsicht gewinnen und vielleicht die Stellung der Kinder bestimmen. Kaum hatten Erich und Weidmann in Ruhe zu überlegen begonnen, als auch der Doctor erschien. Er war bei einem Kranken in der Nähe gewesen. Als er von dem Ehrengerichte hörte und daß man seine Theilnahme voraussetze, rief er: »Glaubt Ihr in der That, daß er sich unserm Urtheilsspruch fügen wird? Er will nur andere Menschen compromittiren. Er spielt mit Euch Allen und Sie, lieber Dournay, haben sich genug für diesen Mann eingesetzt; ich rathe Ihnen, lassen Sie es dabei bewenden. Sie wollen einen Mohren – nein, Sie wollen einen Mohrenhändler sich weiß waschen lassen.« Der Doctor hatte sein weinfröhliches Lachen, als er dies ausrief, und wenn man ihn lachen hörte, konnte man sich nicht erwehren, auch mit zu lachen. »Der Bursche gefiele mir ganz gut,« fuhr er fort, »er wäre ein gesunder Bösewicht wie in der alten Zeit. Die heutigen Bösewichter genügen sich aber nicht, wie eine elementare Naturmacht zu handeln, sie wollen auch ein Attentat auf die Logik vollziehen. Wenn dieser Herr Sonnenkamp sich wirklich bekehren wollte, so wäre das die verächtlichste Feigheit.« »Feigheit?« entgegnete Weidmann. »Wer kein gutes Gewissen hat, läßt sich leicht werfen und hat keinen ausdauernden Muth; er kann tollkühn sein, aber das ist nicht Muth.« »Hoho!« warf der Doctor ein. »Habe ich Ihnen denn nicht schon gesagt, daß mir die ganze Aufgeregtheit zum Besten der Neger zuwider ist? Ich habe eine natürliche Abneigung gegen die Neger. Ich sehe nicht ein, warum meine Vernunft eine solche physiologische Aversion als Vorurtheil brandmarken soll. Ich wünschte, wir hätten mehr natürliche Aversionen, die wir uns von der sogenannten Bildung nicht rauben ließen. Wenn ich Fürst wäre, ich hätte den Mann geadelt. Ich würde ihm sagen: Guter Freund, nimm ein Bad, dann aber sei lustig! Am meisten ärgert mich, daß Professor Crutius dem Adel den Gefallen that, vorher seinen Artikel loszulassen. Konnte er nicht noch einen Tag warten? Sie mußten ihn bei sich haben, die Adeligen, und dann dran würgen. Wäre das nicht lustig?« Der Doctor schien es darauf angelegt zu haben, der ganzen Sache ihre Schwerfälligkeit zu nehmen. Als er indeß abreiste und Erich sich zu ihm in den Wagen setzte und sein Pferd hinten anbinden ließ, sagte er: »Uebrigens bin ich bereit, und zwar um Ihres Glaubens willen. Sie glauben, daß durch eine einzige Willensanstrengung eine Vergangenheit gesühnt werden kann; und Sie glauben ernstlich, daß der Mann sich bekehren will? Gut, Ihr Glaube soll mich, den Berg des Unglaubens, versetzen. Wir wollen sehen.« Erich erzählte, daß er auf Wolfsgarten gewesen. Er sah nur sein eigenes Gefühl bestätigt, wie der Doctor ihm sagte, daß der Widerspruch und das Unharmonische im Wesen Clodwigs und Bella's an einer Krisis angekommen sei. »Bella,« sagte er, »sucht Betäubung, und während niedere Naturen sich in Branntwein berauschen, sucht sie sich in Byron'scher Poesie zu betäuben. Ich darf über Byron nicht sprechen, ich war einmal zu sehr begeistert von ihm, finde nun, daß diese Poesie nicht Wein ist, sondern . . . Doch, wie gesagt, ich bin ein Ketzer, und zwar ein abtrünniger.« Der Doctor wollte in alter Weise gegen Bella losziehen. Unwillkürlich sagte Erich, wie es ihm auffällig sei, daß der Doctor so gehässig gegen Bella sei, der er doch einmal eine Neigung zugewendet habe. »Bravo!« rief der Doctor laut. »Allen Respect! Ich bewundere diese Frau. Also sie hat Ihnen gesagt, daß ich ihr einmal den Hof gemacht? Vortrefflich! Genial! Das sollte bei Ihnen jede Bedeutung meines Urtheils vernichten. Wir Männer sind doch Stümper! Soll ich Ihnen etwas betheuern? Nein. Glauben Sie, daß ich von einer Frau, die ich auch nur eine Minute geliebt, oder an der ich auch nur eine Secunde Gefallen gefunden, je so sprechen würde? Ich sage Ihnen, diese Frau wird noch in der Welt von sich reden machen. Wie – was? kann ich nicht sagen, aber solch ein Erfindungsreichthum bringt es zu etwas.« Erich war sehr mißgestimmt. Er hörte kaum, wie der Doctor erzählte, daß Prancken mit seiner Hofstellung, mit der Adelssippe viel zu kämpfen habe, weil er sich nicht von Sonnenkamp lossage. Als man im Thal angekommen war, nahm er von dem Doctor Abschied, band sein Pferd los und ritt nach der Villa zurück. Im Zimmer Sonnenkamps war noch Licht. Erich wurde heraufgerufen und berichtete, daß Alles bereitet werde. Sonnenkamp fragte angelegentlich nach dem Befinden Clodwigs, Bella erwähnte er gar nicht. Erich ging nach seinem Zimmer. Er stand lange am Fenster und schaute hinaus in die Landschaft. Das Naturwalten dauert fort in aller Menschenwirrniß, und wohl dem Auge, das im Anschauen desselben sein Selbst vergessen kann. Es war eine düstere Nacht, über den Bergen stand eine schwarze Wolke weithin gebreitet, da zog ein heller Lichtstreif am Bergessaum herauf und stand zwischen den Bergen und der dunklen Wolke. Die Wolke wurde heller, der Mond kam herauf, die schwarze Wolke verschlang ihn und nun glänzte das Licht zu beiden Seiten der Wolke, oben und unten, aber die Wolke war noch dunkler als früher, rechts und links flatterten zerrissene Wolken, bleigrau. Erich drückte die Augen zu und dachte in sich hinein. In welche Wirrnisse ist er gerathen! Wie wird er Manna und sich herausretten? Treibt Sonnenkamp nur ein neues Spiel? Als er wieder hinaussah, stand der Mond über der dunklen Wolke, die Landschaft glänzte im Mondenlicht, das auf dem Strome zitterte. Und wieder nach einer Weile war der Mond von einer schwarzen Wolke ganz bedeckt. Erich starrte lange vor sich hin, und als er aufschaute, war die Wolke verschwunden; glatt wie kaum angehauchter Stahl war der Himmel und ruhig glänzte hoch oben die mildweiße Kugel. In sich gefestigt wirkt die Natur fort nach ewigen Gesetzen. Muß sich das nicht auch im Menschenleben so gestalten? Erich dachte zu Manna, und das Gedenken an sie breitete sanftes Licht über Alles, wie jetzt der Mond hoch oben am Himmel die Erde mit Glanz füllte. Sechstes Capitel. Prancken kam zurück, er sah angegriffen aus; Sonnenkamp drängte, er möge ihm sagen, was vorgehe. Prancken legte zuerst einen Brief vor, worin ihn das Hofmarschallamt in vertraulicher Weise aufmerksam machte wie es unthunlich sei, daß er als Kammerherr des Fürsten einem Mann angeschlossen bleibe, der nicht nur der Ehre verlustig sei, sondern sich auch gegen den Fürsten vergangen habe, so daß noch Verhandlungen darüber stattfänden, ob man ihn nicht der Majestätsbeleidigung anklage. Sonnenkamp stieß ein eigenthümliches Lachen aus. »Der Herr Cabinetsrath wird das wol nicht zugeben,« murmelte er. Er gab den Brief zurück und fragte, was denn der andere Brief enthalte. Der sei noch entschiedener, sagte Prancken, und überreichte ein Schreiben des militärischen Ehrengerichts, in welchem er unter Androhung des Ausschlusses aufgefordert wurde, jede Gemeinschaft mit Sonnenkamp aufzugeben. »Was wollen Sie thun?« fragte Sonnenkamp. »Ich erkläre Sie frei.« »Ich halte zu Ihnen,« entgegnete Prancken. Sonnenkamp umarmte ihn. »Ich trotze Allen,« rief Prancken. »Hier aber ist noch ein Brief an Sie. Entschuldigen Sie, daß ich ihn nicht zuerst übergeben.« Es war ein Brief des Cabinetsraths. Das Schreiben, in sehr höflichen Ausdrücken abgefaßt, enthielt den Rath, daß Herr Sonnenkamp auf einige Zeit verreisen möge, bis man Gelegenheit gefunden habe, die Partei zu besiegen, die darauf dringe, ihn als Majestätsbeleidiger vor Gericht zu stellen. »Wissen Sie, was der Brief enthält?« fragte Sonnenkamp. »Allerdings. Der Herr Cabinetsrath wollte ihn mir offen geben.« »Was rathen Sie mir?« »Ich stimme seinem Wunsche bei.« Ueber die Mienen Sonnenkamps zuckte ein Schreck, aber er wehrte ihn ab. »Also Sie sind auch der Meinung?« »Ja. Aber bevor Sie auf einige Zeit verreisen, erlauben Sie mir, Ihnen ein Mittel anzugeben, wodurch Sie sich selbst und mir neue Ehre gewinnen.« »Gibt es solch ein Mittel?« »Ja. Ich habe Ihnen schon gesagt, es gibt noch eine mächtige Partei, die wird unser, und wir, oder vielmehr Sie, haben die Mittel, sie zu gewinnen.« Nun erklärte Prancken, daß er versprochen, in den nächsten Tagen zu einer Versammlung zu kommen, die der Adel der Kirchenprovinz – die sich ja weiter als die Grenzen des Landes erstreckt – im Palais des Kirchenfürsten abhalte. Die Versammlung sei eine vertrauliche, man wolle Mittel und Wege berathen, durch Militärmacht dem Papste zu Hülfe zu kommen. »Sie wollen doch nicht in das päpstliche Heer eintreten?« fragte Sonnenkamp. »Ich würde es,« entgegnete Prancken, »wenn ich nicht hier auf dem Posten stehen müßte, wo mich die Pflicht der Ehre und die Pflicht der Liebe festhält.« »Schön . . . schön. Warum aber theilen Sie mir das mit? Ich bin ja nicht von Adel, ich gehöre nicht zu dieser Versammlung.« »Sie gehören dazu und werden eine bevorzugte Stellung einnehmen.« »Ich gehöre dazu? Ich werde eine bevorzugte Stellung einnehmen?« »Ja. Ohne weitere Einleitung. Sie geben das Geld, um ein Regiment zu bilden; ich habe Bürgschaft dafür, daß Sie nicht nur unangegriffen, sondern mit Ehren dastehen sollen.« Sonnenkamp rauchte langsam und blies Nullen in die Luft, die leicht zerflossen, dann sagte er: »Also wenn ich das Geld gebe, kann ich hier in allen Ehren bleiben?« »Es wäre besser, wenn Sie auf einige Zeit verreisten.« Durch die Mienen Sonnenkamps ging ein Frohlocken. Jetzt ist's noch besser. Man will ihm einen Theil seines Besitzthums nehmen und ihn noch dazu fortschicken. Er sah sehr freundlich auf Prancken und rief: »Vortrefflich!« »Also Sie stimmen bei?« fragte Prancken. »Ganz vortrefflich!« entgegnete Sonnenkamp. »Meisterlich! Man verkauft Schwarze, kauft Weiße dafür, die Weißen werden Schneeweiße, werden sogar Heilige!« »Ich verstehe Sie nicht.« »Kann wohl sein. Ich freue mich nur, daß die Welt so vortrefflich eingerichtet ist. Junger Freund! sehen Sie denn nicht, daß Alles nur auf Schein und Trug hinausgeht? Sie glauben, Sie seien dort ins Intimste eingeweiht, nicht wahr? Und man spielt auch mit Ihnen.« »Vielleicht wo ich es am wenigsten erwarten dürfte,« schaltete Prancken ein. Sonnenkamp legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte: »Das hat nicht mein Freund Prancken gesprochen. Aber ich verzeihe ihm. Man ist empfindlich, wenn man sich täuschen ließ. O, diese Gesellschaft hat die Meister! Mein junger Freund! Ich glaube, man lehrt auf Universitäten das, was man Tugend nennt, in einem System, man hat ein Moralsystem; man sollte doch auch einmal zeigen, wie Alles im Grunde gestellt ist. Wir wollen ein Lastersystem ausarbeiten und dafür einen Lehrstuhl an der Universität errichten. Tausende von Zuhörern werden uns zuströmen, und wir allein können ihnen die Wahrheit sagen, was wirklich Wahrheit ist. Die Welt ist prächtig! Man muß mich zum Professor der Weltweisheit ernennen. Es wäre Zeit, daß die Moralschminke einmal herunter gerissen würde. Aber was hätten Ihre Freunde noch, lieber Herr von Prancken, wenn wir das Geheimniß öffentlich machten? Ich kenne bis jetzt nur noch einen Menschen, den ich mit in die Facultät aufnehme, leider ist es eine Frau, aber wir müssen auch über dieses Vorurtheil hinaus.« »Sie haben mir noch immer nicht gesagt, ob Sie auf den Plan eingehen . . .« »Habe ich das noch nicht? Junger Vertrauensmann! Sie können noch nicht Professor werden. Ich möchte ein neues Rom gründen, wie einst das alte gegründet wurde, aus lauter Vagabunden, aus einem Volk von Zuchthäuslern; das ist das beste Volk, sind die eigentlich tüchtigen Menschen.« »Ich begreife nicht.« »Sie haben Recht. Wir wollen recht brav, recht bescheiden sein, recht sittlich und recht zärtlich. Junger Freund, ich werde mir auf andere Weise zu helfen suchen; die Mausefalle da von Ihrem Domdechanten ist in unserm Zeitalter der complicirten Maschinen viel zu primitiv. So wissen Sie denn ein für alle Mal, auf den in kirchlicher Salbe gebackenen Köder beiße ich nicht an. Ist meine Eigenheit. Ich habe auch meine Eigenheit. Nicht wahr, Sie erlauben mir auch einige Eigenheit?« Prancken wußte nicht, was das sein sollte; nur das fühlte er, daß dieser Mann sich hochmüthig gegen ihn benahm. Er richtete sich stolz auf und sagte: »Verehrter Herr Vater, ich bitte, jetzt nicht zu scherzen.« »Scherzen?« »Ja. Ich habe mich Ihnen angeschlossen in einer Treue . . . Doch, das wollte ich jetzt nicht sagen. Ich muß nur bitten, daß Sie sich dem Plane nicht entziehen. Wir haben Verpflichtungen, große Verpflichtungen . . .« »Schön . . . sehr schön,« erwiderte Sonnenkamp. »Haben Sie schon überlegt, welche Uniform wir wählen? Werden wir ein Cavallerie-Regiment errichten oder Infanterie? Natürlich, Roland machen wir sofort zum Officier . . . Besser Cavallerie, er sitzt gut zu Pferde. Sehen Sie . . . verehrter Schwärmer, ich habe auch Phantasie. Wir reiten durch die Campagne, hei! das ist lustig! Und wir haben die besten neuen Waffen . . . ich verstehe etwas davon, habe viel nach Amerika geliefert, mehr als Ihr Alle wißt. Wie meinen Sie, wenn ich das ganze Regiment in Amerika anwerben würde?« »Das wäre um so schöner.« »Hahaha!« lachte Sonnenkamp. »Morgentraum! Junger Freund! Man sagt, Morgenträume seien die süßesten . . . Vorbei! verflogen!« Prancken begriff nicht, warum Sonnenkamp den Vorschlag mit solchem Hohn zurückwies. Sonnenkamp mochte ahnen, was in Prancken vorging; er ging auf ihn zu und sagte: »Ich habe nichts dagegen, daß Sie fromm sind, oder auch fromm thun, das ist mir gleich; aber, junger Freund, von meinem Gelde wird den Kutten nichts nachgeworfen. Manna möchte ein Kloster errichten, Sie wollen ein Regiment werben, und dafür soll ich . . . Lassen Sie uns nicht mehr davon reden. Seien Sie gescheidt, betrügen Sie die ganze vornehme fromme Sippschaft, die da glaubt, sie sei die gescheidteste. Junger Freund, Sie werden noch andrer Meinung werden.« Sonnenkamp und Prancken saßen noch lange beisammen; sie waren so zutraulich und hatten doch Beide das Gefühl, daß sie einander fremd waren. Denn das ist und bleibt: es gibt nur eine Einheit im reinen Streben; das ist die Liebe, die Alles bindet, die den geheimnißvollen Zusammenhang der Kräfte herstellt. Wo das nicht ist, ist jeden Augenblick Zerfall und Auflösung da; und die Auflösung aller Verhältnisse sollte bald in dies Haus einbrechen. Noch stand Alles fest, wie die Bäume in ihrem Grund, wie das Haus in seiner Fügung; aber Auflösung, Zerfall und Zerbröckelung nahte still. Siebentes Capitel. Dem Gebote der Wahrhaftigkeit folgend, hatte Manna ihre Liehe zu Erich im Kloster bekannt, sie war heimgekehrt ins elterliche Haus mit dem Entschlusse, nun auch dem Vater Alles offen zu sagen. Sie fragte nach Erich, er war nicht da. Rasch entschlossen ließ sie sich beim Vater melden. Bei ihrem Eintritt kam ihr Prancken freundlich entgegen; ihr Herz pochte, sie war nicht darauf gefaßt, vor ihm und dem Vater zugleich ihre Liebe zu bekennen. »Die Reise hat Dir gut gethan, mein Kind, Du siehst belebt aus,« redete Sonnenkamp sie an. Manna athmete freier. aber sie konnte noch kein Wort hervorbringen. »Wie war es im Kloster?« fragte Sonnenkamp weiter. »Ich habe dort auf ewig Lebewohl gesagt.« »Dank Dir, mein Kind, Dank! Du thust mir Gutes; das thut mir jetzt doppelt gut.« »Herr von Prancken,« begann Manna, »ich wollte meinem Vater eine Mittheilung machen . . .« »Und da wünschen Sie allein zu sein?« »Nein, nein . . . nun ist es besser, daß Sie da sind.« »Gewiß,« bestätigte Sonnenkamp. »Du kannst mir nichts zu sagen haben, was nicht unser Freund mit anhören darf. Setze Dich.« Manna setzte sich nicht, sie hielt die Stuhllehne krampfhaft in der Hand und sagte: »Herr von Prancken, ich wünschte Ihnen meine Dankbarkeit zu beweisen, daß Sie so treu . . .« »Das wirst Du, das kannst Du,« unterbrach Sonnenkamp. »Gut, wir brauchen Freude, Heiterkeit; jetzt ist Labung doppelt gut. Du bist mein starkes Mädchen . . . Reiche nun unserm Freunde die Hand.« »Ich reiche sie ihm zum Abschied.« »Zum Abschied?« rief Sonnenkamp. »Ich bitte,« fiel Manna ein. »Herr von Prancken, Sie sind ein Mann, den ich ehre und hoch halte; Sie haben sich meinem Vater treu erwiesen. So lange ich lebe, werde ich Sie schätzen und Ihnen Dankbarkeit weihen, aber . . .« »Nun, aber?« fragte Sonnenkamp. Manna antwortete nicht ihm, sondern fuhr zu Prancken gewendet fort: »Ich hin Ihnen Wahrheit schuldig. Ihre Gattin kann ich nicht werden. Ich liebe Erich Dournay und er liebt mich. Wir sind vereint und keine Macht der Erde und des Himmels kann uns trennen.« »Du, mit dem Lehrer, mit dem Protestanten, dem Sentenzenkrämer, dem Betrüger?« »Vater,« erwiderte Manna, sich hoch aufrichtend, ein Heldenmuth leuchtete aus ihren Augen, der sie größer und mächtiger erscheinen ließ, »Vater, ein Lehrer und ein Protestant ist Erich, das Andere spricht nur Dein Zorn.« »Mein Zorn wird nicht mehr sprechen, Du kennst mich noch nicht. Ich setze mein Leben an diesen . . .« »Das wirst Du nicht, Vater.« Sonnenkamp wendete sich zu Prancken und sagte: »Verlassen Sie uns, Herr von Prancken; lassen Sie mich mit meiner Tochter allein!« »Nein,« erwiderte Prancken, »ich lasse Sie nicht allein; ich habe sie geliebt . . . ich habe ein Recht . . .« »Hörst Du Manna, hörst Du?« unterbrach Sonnenkamp. »Und solch einen Edelmann willst Du verstoßen? Sieh, wie verkehrt Dein Sinn ist. Sieh diesen Mann . . . diesen Mann verstoßen! Manna, Du bist ein kluges, ein gutes Kind, Du hast eine große Seele, ich weiß . . . Reich' ihm die Hand, ich will gerne sterben, will Alles thun, was die Welt will, nur erfülle diesen meinen einzigen Wunsch.« »Ich kann nicht, Vater.« »Du kannst und wirst.« »Glaube mir, Vater . . .« »Dir glauben? Wer noch vor Kurzem so fest sagte: ich will Nonne werden, dem kann man nicht glauben, wenn er einen Vorsatz ändert. Du darfst Dir nicht mehr vertrauen, Du mußt Dich lenken lassen zu Deinem Besten, zu dem Besten hier, zu diesem unserm Freunde.« »Vater, es schmerzt mich unsagbar, daß ich Dich und Herrn von Prancken so kränken muß.« »Und dafür soll ich all diese Mühe und Noth, soll die alte Welt und die neue Welt durchkämpft haben . . . und aus beiden Welten ausgestoßen . . . Ich dulde es nicht!« Prancken legte ihm die Hand auf die Schulter; die Drei standen einander gegenüber, Keines redete ein Wort. Manna hielt ruhig den Blick ihres Vaters aus, und doch ahnte sie nicht, was wieder in diesem Blicke lag. Mit großer Selbstbeherrschung sagte Sonnenkamp: »Manna, ich zwinge Dich nicht; das aber verlange ich, daß Du diesem Lehrer entsagst.« Manna horchte auf; es nahten sich Schritte, es klopfte an; ohne eine Antwort abzuwarten, trat Erich ein. »Gut, daß Sie kommen,« rief ihm Sonnenkamp entgegen. »Sie wissen, was Sie gethan an diesem Kinde, an mir, an diesem Manne . . . Nein, ich will ruhig sein . . . Sie sind in mein Haus eingetreten . . . Sie werden das Haus verlassen.« »Ich werde das Haus verlassen.« »Ich gehe mit!« rief Manna. »Nein, Manna, bleibe Du bei Deinem Vater.« »Du . . .! Manna . . .!« schrie Sonnenkamp und wollte auf Erich los, aber Prancken fiel ihm in den Arm und sagte: »Herr Sonnenkamp, wenn Jemand mit Herrn Dournay hier einen Ausgleich zu verlangen hat, so bin ich es zuerst. Herr Dournay,« fuhr er fort, gegen Erich gewendet, »ich habe Sie in dieses Haus gebracht, Ihnen ausdrücklich gesagt, in welchem Verhältnisse ich zur Tochter dieses Hauses stehe. Bisher hatte ich noch einen Grad von Achtung für Sie . . .« Erich fuhr in die Höhe. »Sie beleidigen mich unter einem Schutze, den ich, wie Sie wissen, nicht verletze.« »Nicht so,« entgegnete Prancken; »Sie wollen mir die Waffen entwinden. Ein Götterschild deckt Sie, Ihr Leben ruht im Schutze von Fräulein Manna und macht Sie unverletzlich. Dies mein letztes Wort an Sie, so lange diese Lippen sich noch bewegen.« Mit zitternden Händen tastete Prancken an sich umher, dann zog er ein kleines Buch aus der Tasche und reichte es Manna; seine Stimme war bewegt, als er sagte: »Fräulein Manna, das gaben Sie mir einst, nehmen Sie es wieder; der Zweig liegt noch darin, er ist kahl. Wie dieser Zweig, vom Baume abgerissen, nie mehr ihm anwächst, so bin ich abgerissen von Allem hier.« Er übergab das Buch und schloß: »So, nun sind wir auf ewig geschieden.« Er zog ruhig seine Handschuhe an und knöpfte sie zu, dann nahm er seinen Hut, machte eine Verbeugung und ging davon. Manna faßte die Hand Erichs; die Beiden standen vor Sonnenkamp, der sie gläsernen Blickes anschaute, dann rief er: »Wartet Ihr noch auf meinen Segen? Segen von mir? Geht – geht! Oder gelte ich nichts mehr, daß Ihr so starr bleibt?« »Herr Sonnenkamp,« begann Erich, »ich habe lang und schwer gerungen, bevor ich dieser Liebe mich hingab. Ich erkläre Ihnen hiermit, daß ich nie etwas von Ihrem Besitzthum mein Eigen nennen werde; ich habe Kraft für mich und Manna.« »Gut, gut; ich kenne die Predigten . . . Genug. An Sie hatte ich geglaubt, Sie hielt ich keines Vertrauensbruches fähig. Es ist gut, es war meine letzte Täuschung.« »Ich bitte den Vater Rolands und den Vater Manna's.« »Sie haben nichts zu bitten, ich nichts zu gewähren. Sie verlassen das Haus. Noch ist dies mein Haus!« »Vater!« rief Manna. »Nenne mich nicht so!« rief Sonnenkamp. »Geh! geh! Ich will von Dir das Wort nicht mehr hören . . . Geh!« »Vater! Vater!« »Geh! . . . geh!« herrschte Sonnenkamp. Hand in Hand verließen Erich und Manna das Zimmer. Sonnenkamp saß allein, er freute sich fast, daß er etwas Neues hatte, was ihn quälte, und mitten aus seiner Qual erhob sich ein gewisser Stolz, wie da das Kind vor ihm stand so muthig; das war seine Tochter, sein kühnes, unbeugsames Kind. Und weiter gingen seine Gedanken. Das Kind verläßt Dich, geht seinem eigenen Willen nach. Gut, mag sein . . . Wenn das zu Tage kommt, was er im Sinne hegt . . . Mag sein. Da Prancken nicht sein Sohn werden konnte, ist sie im Schutze eines Mannes wie Erich doch geborgen. Vorbei! Aber Roland? Auch er mag zurückbleiben. Aber Frau Ceres? . . . Pah! die speist man mit Kleidern ab, mit Schmuck und schenkt ihr ein Märchen, mit dem man sie einlullt. Er ging in den Garten, in das Treibhaus, wo die schwarze Erde aufgehäuft war. Er zog wieder das sackartige graue Gewand an, er wühlte in der Erde und roch an ihrem Duft, heute schien er ihn nicht zu empfinden. Er riß das Gewand vom Leibe. »Nie mehr!« rief er. »Kinderei! vorbei!« Er ging nach dem Obstgarten und half mit großer Sorgfalt die Früchte abnehmen. Er gedachte der Tage, die diese Früchte zeitigten; vom Frühling an, da Roland genesen, der Fürst gekommen, die Badereise, die sonnigen Tage bis jetzt, die thauigen Nächte . . . Still fragte er: Wenn wieder neue Früchte kommen, wo wirst Du zu jener Zeit sein? Wo? Vielleicht unter der Erde. Dann wühlst Du nicht mehr in der schwarzen Gartenerde . . . dann – Es ist ein Hohn, daß wir sterben müssen, und ein doppelter, daß wir vom Sterben wissen. Wie verloren starrte er drein; auf dieser Stelle, wo ihm das jetzt durch den Sinn fuhr, hatte er ein Gleiches damals beim ersten Eintritte Erichs ausgesprochen. Was soll das jetzt? Während er so dreinstarrte, kam Roland daher. »Vater!« rief er. »Wenn Erich das Haus verläßt, so gehe auch ich.« »Gut, so gehe auch Du,« sagte Sonnenkamp, ohne aufzuschauen. »Warum bleibst Du noch stehen? Geh! Ich halte Dich nicht.« »Vater,« sagte Roland mit zitternder Stimme, »Du bist jetzt . . .« »Was bin ich? Willst auch Du mich beschützen, mich lenken? Ach, ich habe gute Kinder . . . prächtige Kinder! Sie sorgen für mich, sie stützen mich, helfen mir . . . Sieh her, Roland, ich kann noch allein gehen, ohne Stütze . . . Geh! geh mit Erich! geh mit Manna! Verlaßt mich Alle!« »Vater! das willst Du nicht, das wollen wir nicht! Ich habe nur eine einzige Bitte.« »So . . . Du hast noch eine Bitte?« »Ich bitte, Vater, Du hast versprochen, ein Großes zu thun. Ich höre, daß Du ein Gericht zusammenrufst, ich danke Dir. Aber, Vater, verstoße Erich nicht . . . Komm mit . . . geh mit zu ihm . . . Sage ihm, daß er bleibe, daß Du ihn gerne Sohn nennst!« Sonnenkamp lächelte. »Siehst Du, Vater, ich weiß, Du nennst ihn gerne Sohn, er muß Dir ja viel lieber sein als Prancken. Wer kann sich denn mit Erich vergleichen? Komm, Vater! Er kann Dich ja nicht bitten, daß er bleiben darf . . . Komm Du zu ihm. Sei groß, Du kannst groß sein!« Durch die Mienen Sonnenkamps gingen Strömungen verschiedenster Art. Mitten in dieser Verwirrung hat sich ihm das Herz seines Sohnes aufgethan, der Sohn wird diesen Augenblick nie vergessen und das gewaltsame Spiel, das er noch zu spielen hat, erscheint als Nachgiebigkeit, als Güte. Ringt dieser Idealist mit ihm um den Besitz des Hauses und der Kinder und wird zum Sieger? Ist die Macht des Geistes, der Sittlichkeit doch noch größer als die des Goldes und der Gewalt, ja der natürlichen Bande? Er triumphirte über sein Schicksal, das ihm mitten in aller Verzweiflung und Verwirrung die Heuchelei zur Pflicht macht. Er gewährt seinem Sohne als Bitte, was eigentlich still sein eigener Wunsch ist. Er kann und will jetzt Erich nicht fortschicken, um seines Hauses und der ganzen Umgebung willen nicht. Und wenn etwas in ihm reift, was er sich noch nicht voll eingesteht, würde ja sein Haus ganz stützenlos. Er faßte die Hand Rolands und ging mit ihm nach dem Hause. Erich begegnete ihnen; Sonnenkamp sagte kurz, daß Alles vergessen und ausgelöscht sein solle. Als er noch bei Erich stand, meldete Joseph den Notar; Sonnenkamp zog sich mit demselben zurück. Roland eilte zu Manna und zur Professorin ins grüne Haus und war voll Glückseligkeit, daß Alles wieder geschlichtet und geebnet war. Achtes Capitel. Die Tage auf Villa Eden waren dumpf und schwül, man lebte noch mit einander, aber aller Zusammenhang schien bereits gelöst. Frau Ceres klagte, daß Prancken sich nicht mehr sehen lasse. Als man ihr mittheilte, daß Manna die Braut Erichs sei, sagte sie nur: »Er ist schöner als Herr von Prancken.« Sie ließ große Kisten packen, aber im Geheimen, denn Sonnenkamp hatte ihr gesagt, daß sie bald abreisen, zunächst nach Italien, dann vielleicht wieder nach Amerika. Zwischen Sonnenkamp und Erich fand ein gemessenes Verhalten statt; sie sprachen fast nur von der Einrichtung des Ehrengerichts, zu dem zwölf angesehene Männer – darunter auch Fürst Valerian, der Schwiegersohn Weidmanns und der amerikanische Consul – sich bereit erklärt hatten. Eine neue Erquickung wurde Manna und Roland, da Professor Einsiedel ankam und im grünen Hause wohnte. Einsiedel und die Mutter Erichs waren nun diejenigen, an denen sich Alle erholten. Sonnenkamp hatte mit dem Notar sein Testament aufgesetzt und dasselbe von den beiden Gehülfen des Notars als Zeugen unterzeichnen lassen. Er schickte viele Briefe ab und las Tage lang in den Zeitungen. Der Tag des Ehrengerichts kam. Einer Einladung Weidmanns zufolge fuhr die Professorin nach Mattenheim, Roland und Manna begleiteten sie. Die zwölf Männer trafen ein. Zuerst kam Weidmann mit dem Fürsten Valerian und Knopf, dann Clodwig mit dem Banquier, der Doctor mit dem Landrichter. Professor Einsiedel stand beim Hundestall und unterhielt sich angelegentlich mit dem Krischer; er freute sich sehr an den guten Beobachtungen, die der Mann in der Hundezucht gemacht. Der Major kam in voller Uniform mit allen seinen Orden geschmückt, und als er sah, daß Clodwig im schlichten Bürgergewande ohne irgend eine Auszeichnung gekommen war, dachte er ärgerlich vor sich hin: Sie hat doch wieder Recht gehabt, ich habe aber gemeint, zum Ehrengericht – nun, es schadet in keinem Fall. Sonnenkamp ließ sagen, daß er Niemand vorher begrüßen wolle, er werde sie erst sehen, wenn er zu Gericht vor ihnen erscheine. Er sah aber doch einen der Ankömmlinge; Lutz war der Vertraute, er führte Bella über die mit Glycinen bewachsene Treppe durch das Sämereienzimmer bei Sonnenkamp ein. »Nur wenige Worte,« rief Sonnenkamp ihr entgegen. »Weil ein Wesen wie Sie mit mir auf Erden lebt, darum will ich noch leben, darum will ich zeigen, was ein Mann ist. Hier in diesem Zimmer werde ich sprechen.« Er geleitete sie durch das Sämereienzimmer wieder zurück; sie wußte, daß die Thüre offen blieb. Bella ging voll Unruhe in der Villa umher, sie sah Lina, die mit ihrem Vater gekommen war, um Manna in diesen schrecklichen Tagen Gesellschaft zu leisten, aber sich nun gar nicht zu helfen wußte, da sie hörte, wie Alles in diesem Hause auseinander gefahren sei. Sie bat Bella, daß sie mit ihr nach dem grünen Hause gehe, wo Claudine allein zurückgeblieben war. Bella aber lehnte ab. Lina ging zu Claudine und ward dieser zum wirklichen Trost, ja sogar zur Freude. »Ach, sagen Sie,« fragte Lina, »sind Neger und Mohren dasselbe?« »Allerdings.« »Ach, ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie böse ich auf die Mohren und Neger bin. Ich habe ja nichts dagegen, daß sie frei werden, warum nicht? Aber sie hätten das früher oder später werden können; warum denn jetzt? Warum müssen sie mir meine schöne Brautzeit wegnehmen? Niemand ist zur Lustbarkeit aufgelegt, Niemand spricht von etwas Anderem wegen der Neger. Man trägt jetzt auch Ketten und nennt sie Chaînes d'esclaves  . . . Ach, ich habe Sie doch etwas fragen wollen – was war es doch nur – ja, jetzt weiß ich's. Sagen Sie mir, was macht man denn nun mit dem Teufel?« »Warum denn mit dem Teufel?« »Ja, wie soll man denn den Teufel abmalen, wenn er nicht mehr schwarz sein soll?« Claudine mußte von Herzen lachen; in diesem eintönig düsteren Leben wurde man wieder daran erinnert, daß es noch Harmlosigkeit auf der Welt gibt. Sie willfahrte der Bitte Lina's, mit ihr nach der Burg zu gehen, auf der sie bis zum Nachmittage verweilten und oft hinunterschauten nach der Villa, wo »die Männer gar Absonderliches vorhatten,« wie Lina sagte. Sonnenkamp ging zu seiner Frau; er glaubte, ihr sagen zu müssen, was vorgehe. Sie erinnerte ihn höhnend an sein Versprechen, wieder nach Amerika zurückzukehren; sie wollte die Entscheidung nicht von Fremden abhängig sein lassen. Er ließ Frau Ceres reden, denn Alles, was sie sprach, war ihm vollkommen gleichgültig. Er begab sich in sein Zimmer zurück, wo bereits die Stühle gestellt waren, er stellte sich seinen Stuhl mit einem Tische davor an die Thür, die nach dem Sämereienzimmer führte, dann zog er sich zurück. Neuntes Capitel. Die Männer waren versammelt; Erich klopfte nach Verabredung an die Thür, sie schob sich zurück und wieder vor, Sonnenkamp trat ein, eine bläuliche Blässe lag auf seinem Antlitz. Er trat an den kleinen Tisch, wo zwei Hölzer zum Schnitzeln und das Schnitzelmesser lagen; er stemmte die Hand auf den Tisch und begann: »Geehrte Nachbarn!« Er machte eine Pause, dann fuhr er fort. »Sie sind auf meinen Anruf gekommen und schenken mir ein Stück aus Ihrem Leben, diese Stunden Ihr Denken und Empfinden. Ich erkenne diese Gabe. In der Prairie, im einsamen Blockhaus, rufen wir, um einen Menschen abzuurtheilen, von dem wir Unbill erfahren, die Nachbarn meilenweit von den einsamen Gehöften herbei, den Wahrspruch zu schöpfen und das Urtheil zu vollziehen . . . so habe auch ich hier gethan und so thun Sie hier. Sie sollen Urtheil fällen, Sühne bestimmen für ein Thun, das nicht in die Wagschale eines Gesetzesparagraphen geworfen werden kann. Ich werde Ihnen unverhohlen meine Vergangenheit darlegen. Es ist mir eine Befreiung, da Sie das Aergste bereits von mir wissen. Sie sollen sehen, wie ich von Kindheit an geworden, und dann urtheilen und bestimmen Sie. Ich habe in meinem Leben nie Mitleid gefühlt, so bitte auch ich nicht um Mitleid, ich bitte um Gerechtigkeit.« Mit müdem Ton hatte Sonnenkamp begonnen, sein Blick war verfallen, bald aber wurde sein Ton lebendiger, seine Mienen gespannt, sein Auge glänzend. »Ich erkläre also, daß ich mich der Sühne unterwerfe, die Sie bestimmen. Nur Eines bitte ich. Ein Jeder von Ihnen schreibt sein Gutachten, oder wie man es nennen mag, binnen sieben Tagen nieder und übergibt es zu Händen des Herrn Hauptmann Doctor Dournay, der unter Beiziehung zweier Anderen das Siegel lösen wird. Ich trete nun einen Augenblick zurück, damit Sie unter sich erklären, ob Sie in solcher Weise das Amt vollziehen und sich einen Obmann wählen wollen.« Er machte eine Verbeugung, es war etwas Theatralisches und doch dabei ernst Gefaßtes in der Art, wie er sprach und sich nun ins Nebengemach wieder zurück begab. Die Versammelten sahen einander an, Niemand sprach ein Wort, Aller Augen waren auf Clodwig gerichtet, von dem man zuerst einen Ausspruch erwartete. Ruhig und leise sagte er: »Herr Weidmann wird wol die Güte haben, das Amt des Obmanns zu übernehmen. Wir bedürfen dessen vor Allem zunächst zu unserer Vorbereitung.« Ohne Weiteres nahm Weidmann das Amt an und erklärte, daß er mit Abfassung eines schriftlichen Urtheils einverstanden sei. Auch die Anderen waren bereit, nur sagte Professor Einsiedel, schüchtern beginnend, aber dann immer zuversichtlicher werdend, daß damit eine gemeinsame Besprechung zur Klärung und Feststellung des eigenen Urtheils nicht ausgeschlossen sein dürfte; denn wäre das, so würde die Gemeinsamkeit des Urtheils aufgelöst und es wäre überflüssig, daß man zusammen hier sitze; der Eine würde dies, der Andere jenes bestimmen und Niemand könne bezeichnen, was vollzogen werden solle. Auch diese Bestimmung wurde angenommen. Der Landrichter erklärte, daß er nur gekommen sei, um vielleicht eine moralische Klärung bewirken zu helfen, denn eine andere könne es nicht geben. Herr Sonnenkamp sei Ankläger, Angeklagter und Vertheidiger in einer Person, er werde Verhältnisse darstellen, die in entfernten Landen vorgegangen und die man ihm glauben müsse, denn man habe Niemand ihm entgegenzustellen. Der Neger des Fürsten sei vielleicht der Einzige, den man ihm hier gegenüberstellen könne, schließlich aber habe man doch keinerlei Macht, um einen Urtheilsspruch vollziehen zu lassen. Man mußte die Bedenken des Landrichters anerkennen und einigte sich dahin, daß nur eine moralische Klärung stattfinden könne. Der amerikanische Consul legte dar, daß er allerdings die Verhältnisse kenne, aber ebenfalls nur zur Abgabe eines sittlichen Wahrspruchs gekommen sei. Erich wurde beauftragt, Sonnenkamp wieder in den Saal zu rufen. Als Erich in das Sämereienzimmer eintrat, glaubte er ein Knistern wie von einem seidenen Gewande vernommen zu haben. Weidmann theilte Sonnenkamp den Beschluß mit dem Zusatze des Professor Einsiedel mit. Sonnenkamp nickte einverständlich. »Bevor ich nun beginne,« sagte Sonnenkamp und faßte lächelnd einen der Pflöcke, »muß ich bitten, mir eine Gewohnheit zu gute zu halten, die ich leider nicht lassen kann. Ich bin gewohnt, wenn ich allein in mir arbeite – und ich werde zu Ihnen sprechen, als wäre ich mit mir allein – zu rauchen oder zu schnitzeln, oftmals Beides zugleich. Ich kann mich besser in mir fassen, wenn ich das auch jetzt thue.« Er setzte sich, machte an den vier Ecken des Pflockes einen tiefen Einschnitt und begann: »Wenn ich Ihnen meine Jugend erzähle, so will ich damit nicht, was ich gethan, auf die Verhältnisse, auf ein Verhängniß abwälzen. Ich bitte Sie, daß Jeder von Ihnen mich mit Fragen unterbreche, wo etwas unklar oder gegen meinen Willen verhüllt erscheinen sollte. Also: Ich bin der Sohn eines der reichsten Männer in Warschau. Mein Vater hatte das größte continentale Geschäft in Holz und Getreide. Er zog, als ich sechs Jahr alt war, nach der großen deutschen Stadt, denn einstmals, als er einen Wald ausstocken ließ, wurde mein älterer Bruder von einem Baum erschlagen. Meine Mutter starb bald darauf, sie liegt neben meinem Bruder in dem Dorfe, das dem Wald am nächsten ist, begraben. Ich hörte, daß ich eine Stiefmutter bekommen werde, es geschah nicht. Mein Vater – ich spreche offen von ihm, wie von mir selbst – mein Vater war der beliebteste Mann, er aber liebte Niemand und nichts. Wer zu ihm kam, dem gab er beide Hände, war zuvorkommend, innig, schwärmerisch; kaum aber hatte der Mann den Rücken gewendet, so sprach er verächtlich von ihm und Jedermann. Er war Heuchler aus Liebhaberei; er war es sogar gegen Bettler. An meines Vaters Tische saßen die höchsten Staatsbeamten, Künstler und Gelehrte, sie wollten gut essen und mußten dafür unsern Tisch mit ihren Orden und Titeln decoriren. Wir gaben Gesellschaften und hatten keinen Umgang. Bei großen Gastmahlen im Hause, wo die besternten Männer und die Frauen mit entblößtem Nacken saßen, wurde ich zum Dessert hereingeführt, von Schooß zu Schooß gegeben, geherzt, geschmeichelt; ich bekam Eis und Confitüren. In irgend einer Trödelbude muß ein Bild von mir sein; ich bin da lebensgroß abgebildet mit gebrannten Locken und im Sammethabit. Der Hofmaler malte das Bild, aber es ist später mit unserem gesammten Hausrath verkauft worden. Verwandte hatte ich nicht. Ich erhielt einen Privatlehrer, mein Vater wollte mich nicht in eine öffentliche Schule schicken. Ich wuchs heran und war der Abgott meines Vaters; er küßte mich immer heftig, wenn er mich zu sich kommen ließ. Mein Erzieher gab mir die Lehre, mich als Mittelpunkt aller Dinge zu betrachten und nichts nach den lieben Mitmenschen zu fragen. Das half mir mehr als er ahnen konnte.« »Ich möchte fragen,« erhob sich Fürst Valerian, »war Ihr Vater ein Pole?« »Nein, ein Deutscher, wie meine Mutter eine Deutsche.« Sonnenkamp hielt einen Augenblick inne, betrachtete die Gesellschaft, seine Schnitzerei und fuhr in neuem Tone fort: »Das Beste ist, das sogenannte Gewissen abstumpfen; alle Menschen thun es, nur die Einen stümperhafter als die Anderen. Die Welt ist nichts als ein Zusammenhang von Egoismen. Mit sechzehn Jahren war ich bereits in den Händen von Wucherern. Ich war Erbe einer Million, das war damals mehr als heutigen Tages sieben. Der Anwalt meines Vaters machte mit ihnen ab, und war das geschehen, so erneuerte ich ihnen ihre Wechsel; es freute mich, so viel Credit zu haben. Ich war leichtsinnig und blieb es. Ich hatte keine Liebe, ja, ich hatte keine Achtung für meinen Vater, der – es muß mit Einem Wort gesagt sein – der perfekteste Heuchler war, der je die weiße Halsbinde des Anstandes getragen hat. Mein Vater war aber ein ehrlicher Heuchler; Andere beheucheln sich selbst, schminken sich mit Idealität und reden sich ein, daß ihnen irgend etwas, was nicht Geld und Genuß ist, wirklich ernst und wahr wäre. Mein Vater war auch Philosoph, er sagte stets: Mein Sohn! Die Welt gehört dem, der sie erobert, durch Kraft, durch List; wer sentimental zuschaut, behält eben das Zusehen. Die beiden Großmächte der Welt sind Dummheit und Schlechtigkeit. Rechne stets auf diese und Du wirst nie fehl gehen. Manchmal sind Dummheit und Schlechtigkeit beisammen; dann verfallen sie den Gerichten. Willst Du gut durch die Welt kommen, so zeige bei den Dummen nie, daß Du gescheidt, bei den Schlechten nie, daß Du gut sein möchtest oder zu sein glaubst.« Sonnenkamp kratzte hastig an dem Pflocke, den er in der Hand hielt; man hörte nichts als das Schaben des Messers, das jetzt die Spitze des Pflocks rundete. »Nun ich das gesagt,« begann er wieder, kann ich ruhig fortfahren. Mit siebzehn Jahren war ich ein in alle vornehme Laster eingeweihter Wüstling. Ich war ein Taugenichts, aber vornehm und reich und darum höchst beliebt; dazu hatten mich Natur und Schicksal mit grausamer Verschwendung ausgestattet. Mein Vater bezahlte meine Spielschulden und auch andere. Er ging mit mir ins Ballet und dort lieh er mir seinen schärfern Operngucker, um die sylphidenhafte Cortini zu beobachten, die, wie er wußte, mir nicht fremd war. Ja, wir waren lustige Leute! Mein Vater wiederholte mir nur immer die Lehre: halte Dich nicht an Eine. Jeden Sonntag mußte ich heucheln und sagen, daß ich in die Kirche gehe; aber mein Vater wußte und hatte seine geheime Lust daran, daß ich ganz wo anders hinging. Unsere Equipage hielt allsonntäglich vor der Kirche, wo der frommste und vornehmste Geistliche celebrirte, und je am zweiten Sonntag fuhren wir nicht, sondern gingen; dann mußte auch unser Kutscher zur Kirche gehen. Unsere Livree mußte sich fromm zeigen. Mein Vater war Protestant und ich war meiner Mutter zu liebe Katholik. Ich kenne alle Confessionen. Ich überlasse es Anderen, zu beurtheilen, in welcher Confession die Heuchelei am besten ausgebildet ist. Nun fragte es sich, was ich werden sollte? Auf dem Comptoir zu arbeiten hatte ich keine Lust. Ich hatte das Verlangen, Soldat zu werden, aber ich war nicht von Adel und wollte im Jockeyclub nicht blos geduldet und begnadigt werden. Ich ging nach Paris. Was die Welt an tollen Genüssen bietet, habe ich zum Uebermaß genossen. Die Menschen rühmen sich ihrer Tugend, die meist nichts ist als Schwäche ihrer Constitution; sie machen aus der Noth eine Tugend. Als ich genug gebraust, holte mich mein Vater ab. Ich lebte daheim, und was ich von sogenannter Tugend vor mir sah, war nichts als Feigheit und die Furcht, daß man gering angesehen werde. Tugendhaft sein, ist langweilig, tugendhaft scheinen, unterhaltend und nützlich zugleich. Alles, was man vollführen kann, ohne daß es gesehen und entdeckt wird, ist erlaubt; Hauptsache ist, daß man zur Gesellschaft gehört . . . Ich ging oft auf glänzenden Gesellschaften in elende Spelunken; das niedrige Laster schien mir verehrungswürdig. Wir waren stolz darauf, recht verruchte Gesellen zu sein. Das hatte einen poetischen Anstrich. Man muß nur einen Dichter wie Byron finden, der außerordentlich glänzend schildert, und Alles, was in niederen Sphären Laster ist, wird vornehmes Abenteuer. Ich sah es, die ganze Welt ist in Anstand maskirtes Laster, und in Wahrheit ist es gar kein Laster, man nennt es nur so, man schreibt Gift auf die Flasche, damit das gemeine Volk sie nicht austrinke. Ich weiß nicht, war es Zufall, oder hatte man das geschickt so angeordnet, ich wurde mit einem schönen Mädchen bekannt gemacht, frisch wie eine Rose. Einundzwanzig Jahre alt sollte ich ein solider Ehemann werden. Alles glückwünschte mir, da ich, wie man es nennt, ausgerast hatte und ein respectabler Hausvater und Ehemann sein sollte. Meine Braut schien ein schwärmerisches Kind, und noch heute verstehe ich nicht, wie sie, wahrscheinlich von ihrer Mutter dazu angeleitet, über meine Vergangenheit mit mir scherzte. Warum ich das Kind heiratete, weiß ich nicht. Wie ich zur Kirche fuhr, wie ich zurückkehrte, wie ich eine Hochzeitsreise machte, Alles das war mir geschehen, als hätte es ein Anderer erlebt. Wir kehrten zurück und – die Sache ist schon so lang, ich weiß nur noch, daß ich eine frühere Liebe des holden Kindes entdeckte. Mich kränkte nur, daß ich verlacht wurde. Ich verließ sie, und noch während der anhängigen Scheidung starb sie und mit ihr ein zweites Leben. Nun war ich wieder frei . . . Frei! das heißt doch nur, in Paris sein. Ich wollte mich im Genuß zu Grunde richten. Ich wollte mein Leben verschwenden, und jeden Morgen wuchs mir ein neues. Ich verachtete das Leben und warf es doch nicht von mir. Was bietet das Leben? Ruhm oder Reichthum! Das Erste konnte ich nicht verlangen, das Zweite stand mir frei. Mein Vater wollte mich knapp halten; ich spielte an der Börse, gewann bedeutende Summen und verlor sie wieder; ich hatte aber noch genug, um mich durch Hazardspiel flott zu erhalten. Ich war in Marseille in lustiger Gesellschaft, als ich den Tod meines Vaters erfuhr. Der größte Theil meines Erbes wurde von meinen Gläubigern an sich gerissen, und weil ich keine Heimats-Erinnerungen haben wollte, schrieb ich dem Advocaten, daß er Alles verkaufen möge. Ein böses Wort ging um nach dem Tode meines Vaters. Es hieß: Ein Gutes kann man ihm nachsagen, er war besser als sein Sohn. Man sagt, Gott und der Teufel ringen mit einander um die Herrschaft der Welt. Ich habe von diesen beiden Großmächten immer nur gehört, sie haben sich mir nie vorstellen lassen; aber ich wußte, zwei Dinge kämpfen mit einander: Arbeit und Langeweile. Man betäubt sich wie im Genusse, so in der Arbeit, im Fastnachtsspuke der sogenannten Moral. Alles ist eitel, hat jener weise König gesagt; es muß heißen: Alles ist langweilig, öde, nichtig, ein endloses Gähnen, das nur im Todesröcheln aufhört. Ich habe die ganze Sandwüste der Langeweile durchlaufen; nichts hilft darüber hinaus, als Opium, Haschisch, Hazardspiel und Abenteuer.« Wieder hielt Sonnenkamp inne und, jetzt sehr fein bohrend, sagte er: »Sie sehen mich wol staunend an, daß ich Weisheit gebe? Sie ist eben so unschmackhaft, wie Ehre, Musik, Freundschaft, Ruhm – Alles schal. Die heutigen Götter, die kirchlichen, wie die weltlichen, sagen: wir wissen, daß ihr uns nur heuchelt; aber daß ihr uns heucheln müßt, ist doch noch ein Zeichen unserer Herrschaft. Und die sogenannte Freude an der Natur, an Berg und Thal, an Wasser und Wald, Sonnenglanz, Mondenschein und Sternenblinken – was ist's? Lauter Illusion, ein Vorhang, um den Grabesmoder zu verhüllen. Was soll denn ein Mensch auf der Welt? Wissen, daß Millionen vor ihm gelebt, und nach den Sternen schauen? Stolz darauf sein, daß das Alles sich abspielt, wie der Leiermann seine auf die Walze gesetzte Melodie, so heute, so gestern, so morgen? Sie sehen, ich hatte mich gut in meinen Byron eingelebt. Zum Unglück war ich weder ein Dichter, noch ein interessanter Seeräuber. Die Welt war mir zum Ekel. Mich tödten wollte ich nicht, ich wollte leben und Alles verachten. Mit Wahnwitz, wie um mich selbst zu verhöhnen, verspielte ich Alles, und jetzt kam das Lustigste. Es war eine naßkalte Nacht, aber es that mir wohl, so vollständig gerupft über die Straße zu gehen. Da ging ich nun hin in dem Ameisenhaufen der großen Stadt; mein Geld hatte ich verspielt, meine Geliebte war mir untreu, und es war ein kluges, feines Männchen, das mir damals bei einer Flasche Sect bewies, daß ich ein Capital besäße, das ich nicht zu discontiren verstände; ich sei der geborne Diplomat. Ich verstand die Weise des Lockvogels beim ersten Pfiff. Sollte ich Diplomat sein, so spielte ich auch da. Neue Pferde, neue Diener, neue Geliebte, neue große Wohnung waren wieder mein; ich war attachirt, zu deutsch, ich war ein Spion. Ich hänge dem Worte kein moralisches Mäntelchen um, und lustig war das Leben. Endlich war es gefunden, jetzt hatte das Heucheln doch einen Zweck. Das Lob, das mir der Gesandte spendete, verdiente ich mehr als er wußte. Sie kennen das Institut der Rückversicherung. Ich hinterbrachte dem Gesandten die ergiebigsten Nachrichten und hatte dabei ein Nebengeschäft mit dem Polizeiminister, dem ich hinterbrachte, was ich von den Machinationen des Gesandten erfuhr. Der Gesandte gab mir falsche Nachrichten; wir wußten das, aber aus den falschen Nachrichten konnten wir herausnehmen, was er in Wirklichkeit that. Und dieser Gesandte – er konnte sehr gut stilisirte Gutachten und Denkschriften abfassen – gab sich als Weiser, als höhere Natur, und ließ sich die Brust mit Orden schmücken aus meinen Kundschaftereien, aus meinen Bestechungen, aus meinen Depeschen-Diebstählen. Dürfte man das vielleicht nicht etwa – ich weiß nicht, ob ich mich diplomatisch ausdrücke – in annähernder Weise Brutalität nennen?« Er hielt an, fesselte seinen Blick auf Clodwig und wartete bis dieser aufschaute, dann fuhr er fort: »Pfui! über einen Mann, der sich einen Menschen zum Sklaven hält, der einen Menschen zum Sklaven macht! Aber Ehre, Excellenz, Ehre auf Sie, der Sie einen Menschen zum Spion, zum Dieb, zum Verräther machen! O die Welt ist gar schön!« Sonnenkamp machte eine Pause; er sah frei über die Versammelten hin und schien einen Anruf zu erwarten. Da keiner sich kundgab, fuhr er mit ruhigem Tone fort: »Es kam ein Tag, wo ich entfliehen mußte.« Der Landrichter erhob sich und fragte: »Wollen Sie uns nicht sagen, warum Sie entfliehen mußten?« »Einfach wegen eines Duells. Ich hatte die Wahl, auf fünf Pässe mit verschiedenen Namen zu reisen. Ich wollte vorerst verborgen leben, und man verbirgt sich am Besten, wenn man unter die sogenannten ehrlichen Leute geht. In Nizza wurde ich Gärtner. Alle meine Sinne waren stumpf; ich erschien mir wie todt, als wäre ich mit meinen Gedanken nur noch der Begleiter meiner Leiche; da kam ich zu dem Gärtner. Der Geruch der feuchten Erde war das seit langer Zeit Erste, was mir wohl that, mich fühlen ließ, daß ich lebe. Es kräftigte mich. Die Maskerade gefiel mir; ich hatte guten Schlaf, guten Appetit. Die Tochter des Gärtners wollte mich heiraten. Ich hatte wiederum Grund, zu entfliehen. Ich hatte mir ein gut Stück Geld bei Seite gelegt, jetzt grub ich es aus. In Neapel begann ich ein neues lustiges Leben. Ich gestehe, ich war stolz darauf, allerlei Wandlung mit mir vorzunehmen; ich war wieder flott, bei Gesundheit und guter Laune. Ich habe leichtes Blut und geselliges Talent; die Welt war mein. Wohin ich kam, hatte ich Freunde – wie lange sie meine Freunde waren? So lange ich Geld hatte. Das war mir gleichgültig. Ich verlangte keine Treue, ich gab keine. Ich hatte einen Körper von Stahl, ein Herz von Marmor und unerschütterliche Nerven, ich kannte keine Krankheit und kein Mitleid. Ich habe manchen Reiz des Lebens empfunden . . .« Er machte eine Pause; es war das einzige Mal, daß er während seiner ganzen Rede lächelte. Dann fuhr er fort: »Ein seltsamer Zug von Sentimentalität verließ mich aber doch nicht. Es war in Neapel. Wir fuhren in lustiger bunter Gesellschaft ins Meer hinaus und ich war der Lustigste von Allen. Wer kann sagen, was in einem Menschen vorgeht? Dort unter dem heiteren Himmel Italiens, mit lachenden, singenden, scherzenden Männern und Frauen, zog mir wieder durch den Sinn: Was hast Du auf dem Festlande? Nichts. Doch ja . . . Eines; das Grab Deiner Mutter. Und aus dem lachenden, übermüthigen Italien reiste ich ohne Aufenthalt durch die Länder, sah nichts, immer weiter und weiter ging's nach dem traurigen, schmutzigen Polen. Ich kam in dem Dorfe an, das ich seit meinem sechsten Jahre nicht gesehen. Und so ist der Mensch – nein, so bin ich. Ich wollte mir den Schmerz nicht auferlegen, das Grab meiner Mutter zu sehen; ich schaute über den Zaun des Kirchhofs, aber ich ging nicht hinein und reiste zurück, ohne das Grab gesehen zu haben. So bin ich, so gut, oder so schlecht; ich glaube, es ist Beides dasselbe. Ich reiste durch Griechenland, durch Egypten, ich war in Algier, ich that Alles, um meine Lebenskraft zu zerstören; es gelang nicht. Ich habe eine eiserne, unzerstörbare Natur. Ich war in England, im Lande der Respectabilität. Mag sein, daß ich einen besonderen Blick habe, ich sah überall nichts als Maske, Heuchelei, Convenienz. Von dort schiffte ich mich nach Amerika ein. Sie werden lachen, wenn ich Ihnen sage, daß ich mich den Mormonen anschließen wollte, und doch ist's so. Diese Leute haben den Muth und die Ehrlichkeit, die Vielweiberei zum Gesetz zu machen, während sie in der ganzen übrigen Welt unter der Maske der Lüge besteht. Aber ich taugte nicht unter die Gesellschaft. So war ich bald wieder in Newyork, und da fand ich die Hochschule und den Olymp der Spieler; Stümper sind die Lebemänner von Paris und London gegen die Yankees. Es war schon damals Mode, daß man über die südlichen Junker loszog, aber ich habe unter ihnen wahrhaft heroische Naturen gefunden, von dem Stoff, aus dem sich das erobernde Rom aufbaute. Nur wer in Amerika war, kennt das, was sich Mensch nennt, in Wirklichkeit; da ist Alles rücksichtslos, ungebunden – nur in der Religion heucheln sie, das gehört zur Respectabilität.« Professor Einsiedel erhob sich; Sonnenkamp wendete sich an ihn, ob er eine Frage zu stellen habe. Der Professor verneinte, und Sonnenkamp fuhr fort: »Meine fünf Pässe waren noch immer gut; ich hieß hier Graf Gronau. Die Amerikaner lieben es, mit Adligen zu verkehren. Nach einer tollen Nacht erschoß ich einen Mann, der mich beleidigt hatte, auf offener Straße; ich entfloh und lebte eine Zeit lang mit den Pferdedieben in Arkansas. Es war ein lustiges Leben, abenteuerlich wie kein anderes. Der Mensch wird da zum Raubthier, und mein Körper hielt das Ungeheuerlichste aus. Ich verließ auch diese Genossenschaft und wurde Matrose auf einem Schiff, das auf den Wallfischfang auszog. Ich hatte in Algier auf Löwen und Leoparden geschossen, jetzt war ich auf der Jagd nach dem König des Meeres. Die ganze Welt ist doch nur dazu da, daß man sie einfange und niederwerfe. Ich gewann bald Gewandtheit genug, um die Stelle als Steuermann zu erlangen, und da war es, daß ich geworben wurde. Das Letzte fehlte mir noch: Jagd auf Menschen. Es war zuerst ein Jagdabenteuer, neu aufregend, anziehend. Wir haben Menschen eingefangen und Menschen eingehandelt; Muth und List waren in Thätigkeit und das Handwerk behagte mir. Viel Gefahr, viel Geld. Auf Cuba war der Hauptstapelplatz für unsere schwarze Waare. Wir legten dem Generalsecretär Säcke mit Dublonen vor die Thür; das war das Zeichen, daß eine Ladung Neger an der Küste beim Landen war. Wir hatten unsere Buchten, wo wir landeten, wir mußten die Neger meilenweit ins Land hineintreiben, um sie dann wieder herauszuholen. Wir führten meist Knaben ein, keine älteren Männer. Ja, ich bin Sklavenhändler gewesen; man nannte mich den Seeadler, denn der Seeadler hat die feinste Witterung. Es war ein kühner und schöner Spaß. Ich habe auch den Häuptling geraubt, der mir seine Unterthanen verkaufte. Diese schwarzen sprechenden Thiere haben von den sogenannten Mitmenschen das, was sie vielleicht – ich sage vielleicht – gleichstellt; sie können heucheln, wie die weißhäutigen Menschen. Nach der ersten Raserei that der Häuptling sehr ergeben; aber eines Tages war ich mit meiner Ladung von einem englischen Schiff verfolgt. Ich hatte geglaubt, daß wir gefangen werden. Es geschah nicht. Aber in der Besorgniß, gefangen zu werden, hatte ich unsere ganze Ladung über Bord geworfen. Das gab Futter für die Haifische. Sie erwarten vielleicht eine Beschönigung, eine Rechtfertigung meiner Handlungsweise? Es war einfach mein Recht.« Eine Bewegung entstand unter den Zuhörern; Sonnenkamp achtete nicht darauf und fuhr mit gewaltiger Stimme fort: »Hier ist der Finger, den der Häuptling mir abbeißen wollte; Sie wissen, wie er in diesen Tagen erschien. Von damals an ging ich nicht mehr zur See, ich ließ das Geschäft durch Andere ausführen, endlich gab ich es ganz auf. Ich hatte große Pflanzungen, und das Kind des Steuermanns, der auf dem Wallfischfang gestorben war, hatte ich mir erzogen und heiratete es. Mir behagte solch ein halbschlafendes, in allem Denken kindisch lallendes, oder eigentlich gedankenloses Wesen. Ich wußte damals noch nicht, daß es große, heroische, welterobernde Frauenseelen gibt.« Diese letzten Worte sprach Sonnenkamp sehr laut. Er machte eine kurze Pause, dann fuhr er fort: »Ich lebte still und ruhig, als vom Norden her die wahnwitzige Partei sich breit machte, die die Sklaverei aufheben will. Vor allem drängten sich meine deutschen Landsleute als großmüthige Menschenfreunde vor. Da trat ich heraus in öffentlicher Schrift und bekannte mich als Deutschen, um zu sagen, daß nicht Alle den Humanitätsschreiern gleichen. Ich zeigte, daß es Wahnwitz ist, die Sklaven befreien zu wollen. Die humanen Menschen wollen mit Wohlthätigkeit helfen, aber mit Wohlthätigkeit heilt man nicht das Elend der Welt. Die Werke der Barmherzigkeit, wie sie da sind, sind eitel Quacksalbereien; die einzig dauernde, wirkliche Wohlthat für die niederen Menschen ist die Sklaverei. Nichts Anderes sein wollen, als was sie sind, vom Herrn versorgt werden, das ist das Beste . . . für die Schwarzen gewiß, für die Weißen vielleicht nicht minder. Herr Weidmann weiß, daß es vor Allem sein Neffe ist, der mein erbittertster Feind war. In den Südstaaten war ich und die mit mir der Adel; wir sind die Privilegirten; es gibt privilegirte Stämme und in den Stämmen privilegirte Naturen. Die einzigen nach meiner Art ehrlichen Menschen, die ich kennen lernte, sind mir die Barone der Südstaaten, sonst war überall nur Heuchelei; es mißfiel mir zwar, daß auch sie ihre Sache mit Religion zudecken wollten, aber es war doch ein lustiger Spaß, daß die Geistlichen sich bereitwillig zum Zudecken hergaben. Bald lernte ich aber auch diese südlichen Junker gering achten, sie halten Sklaven und sehen doch den, der Sklaven einführt und damit handelt, geringschätzig an. Das ist noch ein Rest aus der alten Heuchelei der Tugendherrschaft. Warum die natürliche, offene, unbarmherzige Herrschaft verleugnen? Warum bekennt man sich nicht offen zu dem, was man doch im Stillen thut? Weil die englischen Lordsanbeter die Sklavenhändler unter die Kategorie der Seeräuber stellen? Die freien Männer des Südens sind selbst Sklaven eines Herkommens. Nun kam es auch über mich. Da ich einen Sohn hatte, erwachte in mir eine Sehnsucht, die ich nicht besiegen konnte. Ich habe Ihnen schon gesagt, daß mir in früher Jugend oft durch den Sinn ging: wäre ich ein Adliger, wäre ich mit meinem Muth und meiner Kraft ins Militär eingetreten, ich wäre vielleicht ein sogenannter ehrbarer Mensch geworden, eine Zeit lang leichtsinnig, dann aber mein Gut bewirthschaftend, den Ehrenstamm meiner Familie fortpflanzend. Es ist ein Widerspruch, ich weiß es, daß ich die Welt verachte und doch nach Ehre strebte. Das stammte aus einem Jugendeindruck. Die einzige Sicherheit, daß Einem die Welt zulächelt, gibt Adel und Genie, sonst kommt man nicht über Mittelmäßigkeit und Duldung hinaus. Ich sehe in der neuen Welt den Kampf kommen; Muth und Kraft ist auf unserer Seite; ein Gemetzel ohne Gleichen wird kommen, aber wir werden siegen. Die Südstaaten wollen Unabhängigkeit, und ich habe in Europa für unsere Sache gewirkt. Wir lebten in England, in Italien, in der Schweiz. Eine Weile dachte ich daran, ein sogenannter freier Bürger der Schweiz zu werden. Aber ich haßte die Schweiz; sie duldet, daß der Fremde frei sei; will er aber ein Bürger des Staates werden, darf er kein freier Mann mehr sein, er muß sich betheiligen an all dem kleinen Getriebe. Wer nicht Geld verdienen und nicht fromm sein will – Beides läßt sich aber sehr gut vereinen – der taugt nicht in die Schweiz; da ist kein Hof, kein Adel, keine freie Gesellschaft, sie haben nur drei Dinge: Kirche, Schule und Hospital – alle drei sind mir gleichgültig. Ich wollte auch nicht stündlich unerreichbare Höhen vor Augen haben, das drückt nieder; darum ist es hier am Rhein so traulich und heimisch. Für den freien Menschen ist und bleibt Deutschland das einzige Land. Da zahlt man seine Steuer und ist fertig. Ich kehrte nach Deutschland zurück, weil ich ein Leben gesellschaftlichen Glanzes für mich und meinen Sohn erobern wollte. Die Achtung der Umgebung, der Mitmenschen, ist ein schöner Luxus, vielleicht der schönste; ich wollte ihn haben. Dazu klang es in mir beständig wie eine Melodie: ein Landhaus am Rhein . . . Das zog durch meine Kindheit, durch mein Mannesleben, das ist der sentimentale Zug meines Lebens, und der richtet mich zu Grunde. Wenn ich mir die ganze Welt beschaut und mich fragte, wo lebt es sich am glücklichsten, dann mußte ich mir gestehen: das größte Vergnügen ist ein reicher Baron eines kleinen deutschen Landes zu sein, da hat man ein Leben voll Genuß ohne Pflicht, alle Ehren im kleinsten Kreise und alle Freude dazu. Ich habe mit Rothhäuten gezecht und gerauft und meine Kopfhaut war mehr als Einmal in Gefahr, zum Schmuck eines Indianers zu werden; ich wollte es nun auch mit den Rothkragen und ihrem Häuptling versuchen. Ich wollte nicht von der Welt gehen, bis auch das Hofleben mein geworden. Ich hatte mir eine Idylle geträumt, und nicht umsonst nannte ich mein Haus Villa Eden. Hier wollte ich still, mir selbst genügend leben, mit meinen Pflanzen, wie meine Pflanzen selbst; aber es riß mich doch wieder hinaus in die Welt durch den Gedanken an meine Kinder. Sie wissen ja, daß ich mich adeln lassen wollte. So. Nun bin ich eigentlich zu Ende. Aber –« Er machte eine Pause und betrachtete das, was er geschnitzt hatte, es war ein Negerkopf, der die Zunge aus dem Munde streckte. Mit einem scharfen Schnitt löste Sonnenkamp plötzlich Zunge und Mund ab, daß sie ihm auf den Schooß fielen, dann fuhr er, die verstümmelte Figur in der Hand haltend, fort: »Ich habe mich und die Meinigen in die Obhut der Civilisation gestellt, habe mich nicht in die Wildniß, ich habe mich in die sogenannte Bildung geflüchtet. Ehrlich gestanden, ich bereue nicht. Ich bin kein Schwächling. Meine Seele ist im Feuer gestählt. Ich verbarg meine Vergangenheit nicht, weil ich sie für schlecht hielt. Was ist denn schlecht in dieser Welt? Ich verbarg mich vor dem Unverstand und der Weichlichkeit. Tausende bereuen, ohne sich zu bessern; ich bereute nicht und wollte mich auch nicht bessern. Wäre ich Soldat in einem glücklichen Kriege gewesen, vielleicht wäre ich ein Held. Ich bin ein Mann ohne Aberglaube, ich habe auch nicht den Aberglauben der sogenannten Humanität. Ich lebe und sterbe der Ueberzeugung, daß die sogenannte Rechtsgleichheit ein Märchen ist; die Neger befreien, das thut nimmer und nimmer gut, sie werden ausgerottet, wenn es je dahin käme, daß ein Neger im Weißen Hause zu Washington säße. Die Welt ist voll Heuchelei, mein einziger Stolz ist jetzt, kein Heuchler mehr zu sein. Nun aber, hat Einer von Ihnen mich noch etwas zu fragen, was ihm unklar? Ich bin bereit, zu antworten.« Er machte eine Pause. Niemand antwortete. »Nun denn,« so schloß er, »ich bin zu Ende, ich habe meine Lebensansichten nicht geändert, ich ändere sie nicht; ich habe offen erklärt, wie ich denke. Ich bin nicht anders als Viele, ich bekenne nur offen, was ich bin. Um meiner Kinder willen bin ich bereit, das, was man öffentliche Meinung, was man Humanität nennt, zu beruhigen. Ich will ein ehrbares Leben führen, an Ihnen ist es, zu finden, wie es sein soll. Man hat mir den Adel verweigert, ich hätte bewiesen, wie ich mich füge – ich sage, füge, denn ändern will ich mich nicht. Nur noch Eins. Ich kann beweisen, daß nicht die Hälfte meines Gutes vom sogenannten Mitmenschen, vom Neger, stammt. Und nun, meine Nachbarn, befinden Sie, entscheiden Sie. Sie erfreuen sich eines makellosen, geordneten Lebenswandels, erfüllen Sie Ihre Pflicht, Ihre Liebe an einem ungeordneten, mit einem Makel behafteten Manne. Ich warte die bestimmten Tage auf Ihren Wahrspruch.« Er zog sich zurück und ließ die Männer allein. Zehntes Capitel. Wer die Mienen der Richter und den Wechsel des Ausdrucks hätte fassen können, während Sonnenkamp erzählte! Jetzt, als er sich zurückgezogen, saßen Alle stumm beisammen. Was wollte der Mann? Ist das Alles Spott und Hohn, oder erwartet er in der That ein Mittel der Sühne? Klar und fest schaute Weidmann drein, sein helles blaues Auge war ruhig, er schien von nichts überrascht. Der Major kämpfte mit sich, er gedachte seiner verlassenen Jugend und schlug sich oft mit der geballten Faust ans Herz, indem er in sich hineindachte: Ja, wer weiß, ob Du nicht auch so hättest werden können. Und in der Rührung über sich und dem Schmerz über den Mann, der so keck sprach, überwältigte es ihn. Er wollte die Thränen zurückhalten, aber es gelang ihm nicht. Er wischte sich mit einem Tuche den Schweiß vom Gesicht und ward dabei auch der Thränen habhaft. Hätte er seinem Verlangen folgen dürfen, er wäre dem Manne nachgeeilt, hätte ihn umarmt und ihm zugerufen: Bruder, Bruder, Du warst ein sehr schlechter Bruder. Nein, nein, Du bist ein Prahler, ein Großthuer mit Schlechtigkeit; Du bist aber nicht schlecht, und warst Du es auch, Du hast doch ein gutes Herz und wirst brav, ich . . . ich bürge für dich. Er wagte es nicht, seinem Herzensdrange nachzugeben. Er schaute um, ob Niemand zu sprechen beginne; Professor Einsiedel sah ihn treuherzig an und der Major nickte, wie wenn er sagen wollte: Ja, in all Deinen Büchern hast Du doch nichts so gefunden. Es ist ein Grausen, was der Mensch Alles denken und thun kann; aber glaub' mir, er ist gar nicht so schlecht, wie er sich machen will . . . Der Doctor wagte zuerst laut zu Clodwig zu sagen: »Wir haben uns zu einer Komödie mißbrauchen lassen. Einen leidenschaftlichen Verbrecher kann man vielleicht bekehren, einen schlauen und abgehärteten nie.« »Und bei allem Verabscheuungswürdigen,« erwiderte Clodwig, »diese Kraft, die Heuchelei der Welt so bloßzulegen.« Der Gaumen schien ihm vertrocknet. »Wir Deutsche,« rief der Doctor lustig, »bleiben doch immer und ewig Schulmeister. Will dieser hart gesottene Bösewicht noch lehren, daß seine Bosheit eitel Weisheit und Logik sei, und putzt seinen Cynismus höhnisch mit Ideen auf!« »Das Exil,« begann Professor Einsiedel, »wäre das Einzige, das wir, wie die Alten, über den aussprechen könnten, der alle Güter der Bildungswelt entweihte und beleidigte; aber es gibt kein Land mehr, wohin wir den Verbannten schicken, damit er, aller Cultureroberung entkleidet, sein Dasein verbüße.« »Jede Strafe, die wir über ihn verhängen,« sagte Fürst Valerian, »ist eine Bestrafung seiner Kinder.« »Dieser Herr Sonnenkamp,« sagte Clodwig mit bebender Lippe, »ist in all seiner Verruchtheit doch leider eine Ausgeburt unserer Zeit. Die ganze heutige Menschheit hat ein böses Gewissen, sie ist uneinig mit sich, bekennt sich nicht in Wahrheit zu ihren Ueberzeugungen.« Wieder trat eine längere Pause ein. »Ich bitte,« rief Weidmann, »daß wir von heut in sieben Tagen uns zur Eröffnung der abgegebenen Urtheile hier wieder versammeln, dann werden wir offen beschließen.« Mit stockender Stimme bat der Major die Freunde, noch nicht auseinander zu gehen, man habe ja noch nichts Rechtes ausgemacht und er wisse sich nicht zu helfen. Er hätte eigentlich gern gefragt, ob er Fräulein Milch zu Rathe ziehen dürfe, denn das wußte er, sie würde ihm helfen; aber bei einem Ehrengerichte darf man ja nur für sich allein urtheilen. Der schwere Kopf des Majors wankte hin und her. Die Versammelten schienen der Pein entfliehen zu wollen, und Weidmann rief: »Ich erkläre die Versammlung für geschlossen.« Alle erhoben sich, wie wenn sie aus einer Gefangenschaft, aus einer verpesteten Luft befreit werden müßten; sie wären gern ins Freie gegangen, aber es regnete beständig und in den Gartenwegen bildeten sich kleine Bäche und Pfützen. Man ging nach einem großen Saal. Clodwig bat den Doctor, daß er mit ihm nach Wolfsgarten reise, er fühle sich unwohl; aber eben als der Doctor mit ihm in den Wagen steigen wollte, wurde er zu Frau Ceres gerufen. Joseph kam bald wieder und brachte die Nachricht, daß der Doctor die Kranke nicht verlassen könne; er müsse bei Frau Ceres bleiben, die in einem Anfall von Raserei den Papagei erwürgt und Alles, was im Zimmer war, zerschmettert hatte. Es wurde ihr zur Ader gelassen, das Blut floß dunkel, aber sie ward ruhiger. Obgleich man Sonnenkamp von dem Unwohlsein seiner Frau benachrichtigte, verließ er dennoch das Zimmer nicht. Der Doctor ließ Clodwig nochmals sagen, er möge hier bleiben, da es fort und fort in schweren Güssen regnete; aber Clodwig bestand darauf, heim zu kehren. Er bat den Banquier mit nach Wolfsgarten zu reisen, dieser war sofort bereit, er wollte nur voraus nach dem Städtchen fahren, um dort ein Telegramm an sein Haus aufzugeben, daß man ihn bis auf weitere Nachricht nicht erwarten solle. Bella hatte sich inzwischen nach dem grünen Hause begeben und war dort sehr liebreich gegen Claudine und Lina, ließ es aber nicht an scharfen Worten fehlen, daß die Professorin und Manna sich egoistisch zurückgezogen hätten, während im Hause der schwere Austrag stattfinden sollte. Als ein Diener kam und meldete, Clodwig wolle sofort zurückreisen, rief sie, heftig mit dem Fuße aufstampfend: »Ich will nicht!« Dann aber setzte sie hinzu: »Er soll mit dem Wagen hieher kommen.« Der Wagen fuhr vor, Clodwig stieg nicht aus und Bella setzte sich zu ihm; er saß fröstelnd in einer Ecke. »Warum fragst Du nicht, wie es mir geht?« sagte er mit leiser, bebender Stimme. Bella antwortete nicht; es kämpfte etwas in ihr, plötzlich aber rief sie: »Schmach über Euch Alle! Was seid Ihr diesem Manne gegenüber? Da ist einmal etwas Gewaltiges in dieser Charpie zupfenden humanitären Genossenschaft. Ihr seid alle Schwachköpfe, Feiglinge!« »Frau, Du treibst ein schlimmes Spiel mit dem Bösen. Verdirb Dich nicht noch mehr.« »Mich verderben? Ich fahre ja mit Dir heim . . . heim . . . Du hast ja zu befehlen . . . Was willst Du denn noch mehr? Sprich kein Wort . . . kein Wort, oder ich kümmere mich nichts um den strömenden Regen. Ich springe aus dem Wagen, ich laufe in die Welt, ich weiß nicht wohin; nur nicht mehr gefangen will ich sein, nicht mehr gebannt in Eure erbärmliche, topfausgrabende, schönrednerische, humanitätsgeschminkte Welt!« »Frau, was sprichst Du? Ist denn gut und schlecht . . .« »Pah! schlecht und gut, das sind die Krücken, auf die Ihr Euch stützt, weil Ihr keinen Halt in Euch selbst habt. Stark und fest muß ein Mann sein! Nur nicht weich, nur nicht sentimental, nur nicht hinter Eure thränenselige Humanität versteckt. Und ein Jude und ein Atheist wie dieser Herr Dournay sitzt über einen solchen Mann zu Gericht.« »Ich begreife Dich nicht,« schaltete Clodwig ein, aber ohne darauf zu antworten, fuhr Bella fort: »Er hat Euch zu viel Ehre angethan, als er zu Euch gehören wollte. Ihr fürchtet Euch Alle vor Jean Jacques Rousseau, vor dem Gleichheitsnarren. Euer ganzes Dasein ist eine Trivialität! Noch einmal wird sich zeigen, ob die Welt im Gleichheitsbrei ersaufen, oder ob es noch Höhen geben soll. Ueber's Meer müßtet Ihr ziehen, jetzt kommt die letzte Entscheidungsschlacht; aber Ihr seid nichts als aufgeputzter Parade-Adel. Die Südstaaten stehen auf und wenn sie fallen, dann gibt es keine Aristokratie mehr, dann laßt Euch Alle nur unter der Gleichheitsscheere scheeren. Warum zieht ihr Humanitätsheilige nicht übers Meer und befreit Euren schwarzen Bruder? Ruf' doch den Kutscher herein, Deinen Menschenbruder! Laß ihn nicht im Regen draußen, er soll sich zu uns in den Wagen setzen. Oder soll ich ihn für Dich rufen?« Sie faßte die Schnur; der Kutscher hielt an; sie ließ Clodwig peinvoll harren, dann rief sie: »Fahr nur zu, es ist nichts.« Sie wendete den Kopf unruhevoll hin und her, ihr Auge rollte wild, und knirschend rief sie laut: »Ich weiß nicht mehr, was ich thue . . . Verflucht sei . . .« Sie hielt plötzlich inne. In diesem Augenblicke klirrte etwas in ihrem Munde, sie legte die Hand an den Mund. Was ist das? Sie nimmt es heraus. In ihrer knirschenden Wuth hatte sie sich einen Vorderzahn ausgebissen, der schon lange sehr dünn und behutsam zu behandeln war. Sie krampfte die Hand, in der sie den Zahn hielt, und preßte den Mund zusammen. Daß ihr das geschehen mußte! Schnell schoß es ihr durch den Sinn: sie kann nun nicht mehr auf die Leute losziehen, die falsche Zähne haben . . . Indessen . . . Niemand wird glauben, daß sie, Bella, einen falschen Zahn hat. Im Städtchen traf man den Banquier wartend. Bella stieg aus, sie hielt ein Tuch vor den Mund und dumpf tönte durch dasselbe, wie sie den Banquier bat, ihren Mann zu begleiten, und wie sie einem Diener sagte, daß er bei ihr bleibe. Sie eilte nach der Eisenbahn. Auf dem Bahnhof war sie verlegen und that das Tuch nicht vom Munde ab, sie sagte dem Diener, daß er Billets nach der Festungsstadt nehme. Dann saß sie still in einer Ecke des Wartesaals und hatte den Schleier doppelt über das Gesicht gebreitet. Sie fuhr nach der Festungsstadt. Niemand soll wissen, daß sie sich einen falschen Zahn einsetzen läßt, Niemand soll sie je mit einer Zahnlücke gesehen haben. – Clodwig fuhr heimwärts, er wischte sich oft die Augen ab, als müßte er einen sich immer wieder ausbreitenden Schleier wegwischen. Er war vor Allem in seinem Stolz beleidigt; er, Clodwig, wurde verhöhnt, und von wem? Von seiner Frau. – Sie hat mich nicht eine Minute geliebt, das empfand er als einen Stich in seinem Herzen, und dieser Stich wich nie mehr, denn was er in der Seele empfand, äußerte sich zugleich körperlich. Wer mißt hier die Wechselwirkung aus? Der Regen hatte aufgehört, aber Clodwig erschien Alles in Nebel, trüb. Er kam auf Wolfsgarten an, alle Zimmer erschienen ihm voll Rauch, voll Nebel. Er setzte sich in seinen Stuhl. »Ich bin einsam . . . einsam,« sagte er vor sich hin. Der Banquier redete ihm mit milden Worten zu, aber Clodwig schüttelte den Kopf. Die Worte Bella's hatten ihn ins Herz getroffen, tödtlich verwundet. Man zog Clodwig den Rock aus, er sah lange auf den Rock und nickte wehmüthig lächelnd. Ahnte er, daß er ihn nie mehr anziehen wird? . . . Als Bella am frühen Morgen heimkehrte und an das Bett Clodwigs trat, sah er sie mit geisterhaften Mienen an. »Medusa! Medusa!« schrie er. Er wußte nicht, daß er es gerufen, er fiel zurück in die Kissen. Man brachte ihn wieder zum Leben. Stunden der höchsten Pein waren es, bis der Doctor kam. Er sagte, Clodwig sei schwer krank, die Verhandlung habe ihn übermäßig angegriffen, die Heimfahrt durch den Regen – »und vielleicht noch etwas Anderes,« setzte er gegen Bella hinzu, die ihn starr mit unbewegten Mienen anschaute. Clodwig hatte, sobald er wieder zum Bewußtsein gekommen, nach Erich verlangt. Man sandte ihm einen Boten. Bella schickte nach ihrem Bruder. Niemand wußte genau, wo er war. »Ich bin allein,« sagte auch sie. Sie erschrak, da sie das gesagt hatte, denn sie fühlte, daß sie in der That bald allein sein würde. Elftes Capitel. Es war schwer gewesen, Prancken zu finden. Nie ging ein Mann äußerlich fester und innerlich gebrochener dahin als Prancken, da er Villa Eden verließ. Es war mehr als gute Form, es war eine sichere Gewöhnung, die ihn aufrecht erhielt. Prancken hätte es schwer getragen, aber er hätte sich doch darein gefunden, wenn Manna ihn um des Klosters willen verstoßen. Aber ihn um eines Andern willen verstoßen, ihn, Otto von Prancken! . . . Er war tief empört. Er war verschmäht, wo er wirklich liebte. Kann Otto von Prancken Liebe widmen und sie wird nicht erwidert? Wenn das Mädchen den Schleier nahm und die Welt verwarf, so verwarf sie ihn damit, denn er war ja auch in der Welt; aber verschmäht, abgewiesen um eines Andern willen – Er fühlte vorerst nur seine beleidigte Würde, seine verschmähte Liebe, denn er liebte Manna; mit ihr vereint, natürlich auch mit ihrem Gelde, wollte er brav sein und sich nur noch an schönen Pferden freuen. Also das ist der Tugend Lohn? So lohnen die Himmlischen die guten Vorsätze? Prancken fürchtete sich vor seinen rebellischen Gedanken und bereute sie sofort. Hin und her, bald demüthig, bald empört schwankten seine Gedanken. Zum ersten Mal in seinem Leben erschien er sich als verkannte, mißhandelte Tugend, vor Allem aber als der beleidigte, edle Anstand, als die mit Undank belohnte Treue. Was hatte er nicht Alles diesem Hause geopfert! Und nun? Vor seinen Gedanken war es wie ein schwarzer gedrängter Leichenzug; was am Wege steht, darf sich nicht durchdrängen, muß warten, bis Alles vorüber ist. Er ritt dahin wie ausgestoßen von der Welt. Wohin soll er sich wenden? Soll Otto von Prancken einem Menschen klagen, vor einem Andern hülflos erscheinen? Er lachte laut auf, da er sich erinnerte, daß er, in Voraussicht der Millionen, die ihm werden mußten, bedeutende Schulden gemacht. Was nun? Unwillkürlich wendete er sich noch einmal und sah nach Villa Eden zurück. Es bedurfte nur einer Zeile, nur einer kurzen Zusammenkunft, ja, wenn er zurücktritt, wenn er dies Eine Sonnenkamp darlegte, er reitet dann mit Hunderttausenden den Weg dahin. Aber nein, das darf er nicht. Er ritt des Weges weiter, er kam am Landhause des Herrn von Endlich vorüber. Da droben wohnte die junge Wittwe – sollte er hinaufgehen? Er wußte, sein Liebesantrag wird nicht verschmäht. Nein, jetzt noch nicht. Und doch hielt er an und stieg ab. Er fragte nach der gnädigen Frau; es hieß, sie sei mit ihrem Bruder nach Italien gereist. Er wollte zu Bella und Clodwig – nein, auch das nicht. Er hatte sie nicht zu Rathe gezogen, da er im Widerspruch mit der ganzen Welt sich Sonnenkamp angeschlossen; sollte er jetzt sich von Clodwig bemitleiden und mit Weisheit abspeisen lassen? Er drehte das Pferd und ritt stromauf, er kam wieder an Villa Eden vorüber; sein Pferd wollte in das Thor einbiegen, er spornte und peitschte es, daß es vorüberging. Er ritt nach dem Pfarrhause und ließ Fräulein Perini rufen. Zuerst fragte er, ob sie noch ferner im Hause bleiben wolle. Fräulein Perini sah ihn groß an und erklärte, daß sie sich hoffentlich nicht in ihm geirrt habe, er werde doch nicht den Dournay's Alles überlassen; ihr Vater sei um weit Geringeres im Duell gefallen. Der Pfarrer fiel ein: »Edler junger Freund! Nein, nicht das. Was soll dies kleine Duell in einem Waldwinkel, und daß Sie einen Menschen nach den Gesetzen des Zweikampfes tödten? Ihr Söhne des Adels müßt unter dem Banner des Papstes das große Duell mit der Revolution wagen. Auch um Euretwillen. Dort wird der große Kampf zwischen ewigem Gesetz und tagesflüchtiger Selbstvergötterung ausgekämpft und der Sieg ist Euer wie unser.« Prancken lächelte in sich hinein, aber er sprach nicht aus, wie seltsam es ihm vorkam, da der Pfarrer nun erklärte, bevor man gewußt, woher das Geld stammt, hätte man von demselben für heilige Zwecke annehmen können, jetzt aber nicht mehr. Prancken sah dem Pfarrer lächelnd ins Antlitz. Wußte der Pfarrer die Herkunft des Geldes nicht früher auch? Er hatte auf den Lippen, ihm zu sagen: Es ist sehr freundlich und klug, nun man nichts mehr bekommen kann, zu thun, als ob man es abgelehnt hätte. Aber warum soll er sich die einzige Partei verbittern, die noch fest an ihm hielt? Er wollte nicht minder klug sein, und sagte, er habe sich von Sonnenkamp getrennt, weil dieser sich geweigert, seiner Forderung gemäß den Haupttheil des Vermögens einer frommen Stiftung zu widmen. Er konnte das mit Fug und Recht sagen, denn er hatte es gewollt. Das war es, was er festhalten wollte; die Ablehnung Manna's verschwand dadurch und sein unnachgiebiges Festhalten an Sonnenkamp erhielt eine gewisse Weihe. Der Pfarrer erinnerte Prancken, daß heute die Versammlung sei; er werde dort erwartet. Prancken verabschiedete sich. Fräulein Perini kehrte stolz lächelnd in die Villa zurück. Seltsame Menschen, diese Deutschen! Sie ihrerseits wollte sich nicht mit leerer Hand verdrängen lassen. Prancken ritt dahin. Er kam an der Villa vorüber, die dem Cabinetsrath gehört hatte. Ah, die waren klug, sprach es in ihm, die haben sich den Beute-Antheil gesichert vor der Entscheidung. Warum warst Du so einfältig, zart und vertrauend? Auf dem Bahnhofe stellte er sein Pferd ab und fuhr nach der Bischofsstadt; er wird ja erwartet. Aber wie soll er unter die Genossen treten? Er kam glücklicherweise, als die Versammlung bereits zu Ende war. Im Palais des Kirchenfürsten wurde er ehrenvoll bewillkommt, und im raschen Entschlusse traf er hier eine Entscheidung. Hier auch traf ihn die Botschaft von Bella. Er kam nach Wolfsgarten. Der Erste, der ihm begegnete, war der Banquier. Prancken sah den Mann hochmüthig an, hatte aber gute Form genug, ein freundliches Wort an ihn zu wenden. Er kam zu Bella, die ihm kurz von der Krankheit Clodwigs berichtete. Prancken verhielt sich schweigsam. Es war jetzt nicht Zeit, das, was vorgefallen war, und seinen Entschluß kund zu geben. Auch als Bella ihn fragte, warum er so verstört aussehe, mochte er nicht antworten. »Warum warst Du nicht bei der Versammlung? Kommst Du von Villa Eden? Wie sieht es dort aus?« fragte Bella. »Ich weiß nichts,« entgegnete Prancken endlich. – Ja, wie sah es aus auf Villa Eden? Zwölftes Capitel. Sonnenkamp saß allein. Er hatte die versammelten Männer nicht mehr gesprochen, wie er ihnen vor der Verhandlung hatte sagen lassen. Anfangs saß er mit einem gewissen Selbstgefühl, ja mit einem Siegesmuthe in seiner Stube, als wäre er ein Held, der nach einer glorreichen Schlacht die Waffen abgelegt und in seinem Zelte ausruht. Jetzt überkam ihn eine andere Empfindung. Wie ein Knistern, ein leises, kaum hörbares Nagen, wie das Züngeln einer Flamme im Gebälke, die immer weiter frißt und im Stoffe, den sie findet, sich vergrößert, solch ein leises Knistern und Züngeln glaubte er in seiner Einsamkeit zu hören. Er hatte sich getäuscht und doch wußte er, es brennt ein Funke geräuschlos fort, er faßt den Boden des Zimmers, er leckt hinan zu den Wänden, die Stühle brennen, die Schränke, die Bilder, fratzenhaft verzerren sich die gemalten Gesichter auf der Leinwand und werden zur Flamme, und die Flamme strebt weiter, dringt in alle Gemächer, faßt endlich das Dach und das ganze Haus und schlägt zum Himmel auf. Da klopft es an. Gewiß kommt Bella und erklärt, warum sie geflohen war, als er in das Sämereienzimmer kam. Er öffnete rasch, aber nicht Bella, sondern Weidmann trat ein. »Haben Sie mich noch etwas im Geheimen zu fragen?« herrschte ihn Sonnenkamp an. »Ich habe nur eine Bitte an Sie.« »Eine Bitte? Sie?« »Ja. Lassen Sie mir Ihren Sohn . . .« »Meinen Sohn?« »Wollen Sie mich gefälligst meinen Satz endigen lassen. – Geben Sie mir Ihren Sohn in mein Haus auf Tage, Wochen, Monate, so lange es Ihnen beliebt; nur lassen Sie den Jüngling für einige Zeit in eine andere Sphäre versetzen, worin er wieder gedeihen kann. Er bedarf jetzt einer energischen und befreienden Thätigkeit. Er hat Lust und Trieb, auf Andere zu schauen und nicht auf sich. Das wird ihm helfen und ich möchte ihm darin weiter helfen. Da Ihr Sohn nicht Soldat werden soll, ist es ihm vielleicht gut, die Landwirthschaft kennen zu lernen.« »Ist das ein Plan, den Sie mit Herrn Dournay verabredet haben?« »Ja, es ist sein Wunsch und ich finde ihn angemessen.« »So?« sagte Sonnenkamp. »Wußte auch vielleicht schon Roland selbst von diesem Wunsche und von seiner Angemessenheit, als er heute mit der Professorin abreiste?« »Nein. Wenn Sie ablehnen, weiß Niemand davon, als Sie, Herr Dournay und ich.« »Habe ich denn gesagt, daß ich ablehne? Sie werden noch einen Beweis bekommen, wie sehr ich Ihnen vertraue; ich habe Sie zu einem Vollstrecker meines Testaments gemacht.« »Ich bin viel älter als Sie.« Sonnenkamp antwortete nicht auf diesen Einwand und Weidmann fuhr fort: »Was beschließen Sie auf meine Bitte wegen Ihres Sohnes?« »Wenn er bei Ihnen bleiben will, so hat er meine Einwilligung.« Der Wagen, der Roland, die Professorin und Manna zurückbrachte, fuhr bald in den Hof ein. Weidmann begrüßte die Professorin herzlich; er hatte sie vor Zeiten gekannt, die einst so blühende Schönheit sah er jetzt zum ersten Mal als Matrone. Als man noch im grünen Hause beisammen saß, kam ein reitender Bote von Clodwig, der Erich zu ihm rief. Weidmann erneuerte nun den Vorschlag, daß Roland nach Mattenheim übersiedle; es wurde Roland von allen Seiten zugesprochen und er erklärte, daß es gar keines Zuspruches bedürfe. Er willigte ein und so fuhr er mit Weidmann, Fürst Valerian und Knopf davon. – Ein Wirbelwind stürmte durch den Park; er riß die letzten Blätter ab, hob die abgefallenen vom Boden, trieb sie durcheinander, und umstürmte das Haus, und ein Wirbelwind schien alle die Einwohner von Villa Eden auseinander zu reißen. Roland war fort, Prancken zeigte sich nicht mehr, Manna wohnte bei der Professorin im grünen Hause, Erich war davon geritten. Sonnenkamp und Frau Ceres waren allein in der Villa. Da kam Fräulein Perini und meldete Sonnenkamp, daß seine Frau ihn augenblicklich zu sprechen wünsche; es sei ein Zustand eingetreten, den sie nicht mehr zu bewältigen verstehe. Sonnenkamp eilte nach dem Zimmer der Frau Ceres, sie war nicht da. Die Kammerfrau sagte, sie sei, sobald Fräulein Perini weggegangen war, durch das Haus in den Park geeilt. Man suchte, man rief sie, man fand sie endlich am Ufer sitzend, im Wetter-Sturm, mit ihrem Diadem auf dem Haupte, dicke Perlenreihen auf dem nackten Halse, am Arme große Spangen und einen Gürtel von grünen Steinen um den Leib; das glitzerte und schimmerte. Sie sah Sonnenkamp mit einem fremden Lächeln an, dann sagte sie: »Du hast mich schön geschmückt, reich beschenkt.« Sie schien größer zu werden, sie stand auf und warf die schwarzen Locken zurück. »Sieh, hier ist der Dolch, ich wollte mich mit ihm tödten, aber ich schleudre ihn von mir.« Der Griff von Edelsteinen und Perlen blinkte durch die Luft, stürzte in den Strom und versank. »Was thust Du? Was ist das?« »Du kehrst mit mir zurück,« rief sie, »oder ich stürze mich hier in den Strom und nehme ein Stück Deines Reichthums mit, diesen Schmuck.« »Du bist ein betrogenes Kind,« höhnte Sonnenkamp. »Du glaubst, daß das der echte Schmuck sei? Ich habe Dir, dem einfältigen Kinde, immer nur den nachgeahmten gegeben; den echten, ganz genau mit demselben Kasten, in derselben Fassung, habe ich bei mir im diebessichern Schrank.« »So? Du bist klug,« erwiderte Frau Ceres. »Und Du, mein wildes Kind, bist nicht wahnsinnig.« »Nein, ich bin's nicht, wenn es nicht kommt. Ich bleibe bei Dir, ich verlasse Dich keine Minute mehr. O, ich kenne Dich – o, ich kenne Dich, Du willst mich verlassen.« Sonnenkamp schauderte. Was ist das? Wie kommt das einfältige Wesen dazu, ihm einen noch schlummernden Gedanken wach zu rufen und aus der Seele zu nehmen? Er sprach die begütigendsten Worte zu Frau Ceres, er brachte sie in das Haus zurück und küßte sie, sie wurde ruhiger. Fest stand es in ihm, er macht sich frei. Es gab nur noch Eines zu gewinnen, dann fort in die weite Welt. Vorerst wollte er nach der Residenz und Professor Crutius niederschießen. Er kämpfte und rang mit dem Gedanken, und endlich mußte er ihn doch aufgeben. Aber das Andere, das muß. Und wie eine Bestätigung dessen, was er in der Seele barg, kam jetzt ein Bote von Erich mit der Meldung, daß er länger auf Wolfsgarten bleiben müsse, denn Graf Clodwig sei dem Sterben nahe. Dreizehntes Capitel. Erich ritt nach Wolfsgarten. Was ist aus ihm, was ist aus den Anderen geworden, seit er von Wolfsgarten aus nach Villa Eden ritt? Alles zog ihm durch die Seele und in stiller Befriedigung athmete er tief auf, indem er dachte, was aus ihm geworden wäre, wenn er nicht mit aller Macht das Verhältniß zu Bella zum Rechten gelenkt hätte. Wie wäre es, wenn er jetzt dahin ritte mit einer die Seele zerreißenden Empfindung? Am Bette des Sterbenden müßte er als der niedrigste Heuchler stehen! Wie muß es zweien Menschen zu Muthe sein, die mit der Todesnachricht eines Andern sich ihr Glück gründen, und die keine Verbrecher, sondern sehr gebildete, sehr verständige Menschen sind? . . . Er schaute sich um wie ein Erretteter. Er ritt durch den Bergwald. Stille war es hier ringsum. Die Hagebuche, die sich zuerst belaubt, ließ jetzt auch zuerst die gelben Blätter fallen; es rieselte und knisterte in diesem Blätterfalle leise im Walde, und nur der Habicht kreischte oben in der Höhe. Erich kam vor das Herrenhaus und trat in den Hof. Er ging zu Bella, die blaß und schwer leidend aussah. Erich war erschreckt, Prancken hier zu treffen. Die beiden Männer bedurften der äußersten Haltung, um jetzt hier einander gegenüber zu stehen. »Er schläft jetzt,« sagte Bella; »er spricht beständig von Ihnen. Seien Sie gefaßt, Sie werden ihn kaum kennen; geben Sie ihm in Allem nach, er ist sehr gereizt.« Die Stimme Bella's war heiser; sie verhüllte die Augen mit einem weißen Tuch, dann fragte sie: »Sie waren beim Tode Ihres Vaters?« Erich bejahte. Bella ging, um Clodwig die Ankunft Erichs zu melden. Prancken und Erich waren allein. Lange sprachen sie kein Wort, endlich begann Erich: »Es thut mir weh, daß ich den Schein eines Unrechts gegen Sie auf mich laden mußte. Ich mußte es, weil ich das höhere Recht der Liebe Manna's . . .« »Genug!« unterbrach Prancken. »Ich hätte nie geglaubt, noch ein Wort mit Herr Dournay zu sprechen; aber wir sind jetzt an ein Krankenbett gestellt, und um des Kranken willen . . .« Bella kam zurück und sagte: »Er schläft noch. Ach, Herr Dournay, Clodwig liebt Sie weit mehr, als irgend einen andern Menschen auf der Welt.« Sie reichte Erich ihre Hand, die eiskalt war. Lange waren die Drei stumm, endlich fragte Erich: »Ist es denn entschieden?« »Der Doctor sagt, sein Leben sei nur noch nach Stunden zu zählen. Hören Sie nichts? Der Doctor hat versprochen, zu kommen . . . sofort wiederzukommen. Ach, wenn ich nur Clodwig dazu bringen könnte, daß er noch einen anderen Arzt zu Rathe zieht. Bitte, bewegen Sie ihn dazu. Ich habe kein Vertrauen zu Doctor Richard.« Erich antwortete nichts. »Ach, mein Gott,« klagte Bella, »wie verlassen sind wir doch in der Noth. Nicht wahr, Sie bleiben bei uns? Sie verlassen uns nicht?« Erich versprach's. Es war ein seltsamer Ton, eine Erinnerung aus höflicher Vergangenheit, als Bella sich nun entschuldigte, daß sie noch nicht nach der Mutter Erichs, nach Frau Ceres und Manna gefragt habe, und mit einem eigenthümlichen Herausstoßen der Worte fragte sie: »Wie lebt denn Herr Sonnenkamp?« Ein Diener kam und meldete, der Herr Graf sei erwacht und habe sofort nach Herrn Hauptmann Dournay gefragt. »Gehen Sie zu ihm,« sagte Bella und legte die Hand auf die Schulter Erichs. »Bitte, sprechen Sie es als Ihre und nicht als meine Ansicht aus, daß man noch einen anderen Arzt zuziehe.« Erich ging, und Bella sagte schnell hinter ihm drein zu Prancken: »Otto, schaff mir mit guter Manier den Juden fort. Was will er da?« Prancken ging zu dem Banquier. Bella war allein, sie war von einer Unruhe, die sie nicht bemeistern konnte; sie setzte in Gedanken die Todesanzeige auf, ja sie schrieb schon die Worte: Verwandten und Freunden die schmerzliche Nachricht, daß mein geliebter Mann Clodwig, Graf von Wolfsgarten auf Wolfsgarten, vormals **scher Gesandter in Rom, Ritter hoher Orden, fünfundsechzig Jahre alt, nach kurzem Krankenlager gestorben ist. Ich bitte um stille Theilnahme. Bella, Gräfin von Wolfsgarten, geb. von Prancken. Ein Dämon sagte ihr immer diese Todesanzeige vor, sie sah sie schwarz gerändert vor sich, während Clodwig noch lebte. Warum ist das? Was zwingt sie, das jetzt schon in Worte zu fassen und vor sich zu sehen? Sie konnte nicht davon los kommen. Sie nahm das Blatt, zerriß es in Stücke und streute die Stücke zum Fenster hinaus in den Regensturm. Vierzehntes Capitel. Erich war unterdeß in das Krankenzimmer getreten. »Bist Du endlich da?« rief Clodwig; seine Stimme war matt und die Kinderhand, die der Kranke dem Eintretenden entgegenstreckte, schien noch feiner. »Setze Dich,« sagte er, »sei nicht so erschüttert, Du bist jung und stark, hast ruhiges Bewußtsein. Laß mir nur Deine Hand. Es ist ein Glück, daß ich mit voller Besinnung sterbe; ich habe oft gewünscht, an einem plötzlichen Schlag zu sterben. Es ist besser so. Erzähle, wie geht es Deiner Mutter?« Erich konnte kaum ein Wort hervorbringen, und Clodwig fuhr fort: »Nun sage, wie geht es Roland? Wollte er nicht mit Dir kommen? Ich sehe ihn, den schönen Jüngling, immer vor mir . . . Du hast es gut gemacht, Erich.« Bevor dieser antworten konnte, legte sich der Kranke wieder in die Kissen zurück. Er schien eingeschlummert. Man hörte nichts als das Ticken der Uhr. Ein Wagen fuhr in den Hof, die Räder knirschten in den Sand einschneidend. Clodwig erwachte. »Das ist der Doctor,« sagte er laut. Er bat die Krankenwärterin, eine barmherzige Schwester, dem Arzte zu sagen, er möge ihn noch eine Weile mit Erich allein lassen. Sich rasch aufrichtend, sagte Clodwig: »Schließe die Thür, ich habe mit Dir allein zu sprechen.« Erich saß vor dem Bette und Clodwig begann: »Du fragst um mein Urtheil über Sonnenkamp? Ich habe ihn freigesprochen. Sein Weg wirr, sein Ziel grausam. Wer richtet? Die Heuchelei ist groß in der Welt. Ein Wirrwarr von Fratzen, Masken. Er hatte den Muth, die Frechheit, sich selbst, auch die Heuchelei zu bekennen. Wenn ich mein Leben überschaue, was ist es? Ich habe eine Uniform ausgefüllt. Was sind wir? . . . Oede, mit der Landesfarbe angestrichene Schilderhäuser. Wenn eine Ablösung kommt, thun wir geheimnißvoll, flüstern . . . eitel Possenspiel. Heuchelei ist das Leben der meisten Menschen, auch das meine, so lang, so ehrenvoll. Wir haben keinen Muth, bekennen nicht, was wir sind; wir schleppen uns mit Formen und Nachgiebigkeiten, mit Höflichkeiten und Fügsamkeiten, und wo ist unser wahres Innere? Nie sagen wir einander, was wir sind, wozu wir uns bekennen. Ich habe kein Verbrechen, Vergehen, das ich jetzt zu gestehen hätte, ich war mein Lebenlang wie Tausende, wie Millionen neben mir. Ich habe nur nicht gethan, was ich thun mußte, bin nicht von Stunde zu Stunde hingetreten vor die Mächtigen und habe gesagt: so bin ich und so müßt ihr sein. Ich habe mich eingelullt mit falscher Philosophie, habe mir eingeredet, es wird Alles von selbst, wir stehen im Gesetz der Entwicklung, wir haben nichts dazu zu thun. Ja wohl! Es entwickelt sich Alles von selbst . . . der Tod kommt von selbst und nimmt das Leben, das kein Leben war, keine Offenheit, kein eigen Selbst. Ich kannte große Schauspieler. Einem Schauspieler wird der Tod immer am schwersten, nicht nur weil er den Tod so oft gespielt; er weiß, was von ihm bleibt, Maske, Schminke, welke Kränze. Wir Diplomaten sterben den Tod des Schauspielers. Ich habe ein unnützes Leben geführt.« »Sie sind zu hart gegen sich,« konnte endlich Erich entgegnen. »Es ist viel, das Schöne und Gute in sich ausgebildet und dargestellt zu haben. Nur wenige Menschen sind zu Anderem, zu dem, was als äußere That sich darstellt, berufen.« Clodwig legte schnell seine Hand auf die Erichs, er sah ihn mit innigem Blicke an und sagte lächelnd: »Ganz so sprach auch einmal Dein Vater und es mag ein Trost sein. Ich hatte kein Vaterland, das mir mehr als diplomatische Narrenspossen zu thun geben konnte. Mein Leben war eine thatlose Geschäftigkeit. Ich habe den größten Theil desselben in der Livree zugebracht für eine Sache, die ich nicht achtete, kaum schätzte. Da ist dieser Sklavenhändler. Wie verächtlich betrachtet ihn die vornehme Welt – und es hat Unterhändler in diesen Kreisen gegeben, die höchst geehrt und schlimmer als Sklavenhändler waren, und Andere sitzen nur deshalb nicht im Zuchthause, weil sie nicht nöthig hatten zu stehlen und weil ihnen ihre Unsittlichkeit mit Geld abgekauft wurde. Bitte, gib mir zu trinken, der Gaumen vertrocknet mir.« Erich gab Clodwig zu trinken, sie waren aber Beide so ungeschickt, daß sie das Getränk fast ganz verschütteten. Lächelnd sagte Clodwig, daß es in der Welt so sei, das Wenigste werde wirklich getrunken, das Meiste werde verschüttet und vergeudet. Clodwig bat nun, daß man den Arzt eintreten lasse. Erich ging in den Garten. Draußen raste der Novembersturm und peitschte den Regen. Erich hüllte sich in seinen Mantel, ging durch Park und Wald denselben Weg, den er am Morgen gegangen, als er am Abend vorher dem neu gewonnenen Freunde Clodwig sein eigenes Leben dargelegt. Jetzt schritt er nicht im Frohgefühl, nicht als ob eine fremde Macht ihn trüge; er mußte mit dem Sturm kämpfen und über ihm brausten die Kronen der Bäume. Wie damals stand er an der offenen Halle, aber in der weiten Landschaft sah man nichts als Regenwolken, die dahinjagten. Am Gemäuer der Halle stand noch eine schöne blaue Glockenblume; Erich brach sie ab. Er ging zurück und jetzt erst fiel ihm ein, daß er dem Kranken die Blume bringen wolle. Er trat in das Krankenzimmer, und Clodwig rief: »Ach, die blaue Blume! Du brichst sie, Du bringst sie mir. Wir haben viel davon geträumt in meiner Jugendzeit. Jugendzeit! Jugendzeit!« wiederholte der Kranke oft. Clodwig beugte sich weit vor aus dem Bett, roch an den Kleidern Erichs und sagte: »Warum fallen mir jetzt die Bilder aus der Bibel ein? Der Erzvater Isaak sagt zu seinem Sohne, der zu ihm in die Krankenstube kam: Mein Sohn, Dein Athem ist wie der Athem des Feldes. Ja, Erich, Du bringst die freie Feldluft in meine Krankenstube. Wenn ich nicht mehr bin, denke, Du hast mir Gutes gethan.« Erich weinte. »Weine nur, das ist gut, es schadet Dir nichts, daß ich Dir das Herz schwer mache; Du wirst froh, frei thätig auf der Erde sein, deren Schollen bald auf mir ruhen. Nur bitte ich, bleib Du bei mir, wenn ich sterbe. Bleib bei mir, Erich. Ich will nicht an Kleines, an Einzelnes denken, will nicht in Haß und Zorn aus der Welt scheiden; nein, nicht in Haß, in Zorn, auf Niemand. Hilf nur ins Weite, ins Große, da lebe ich, da sterbe ich.« Er legte sich in die Kissen zurück. Erich beugte sich über ihn, der Athem des Kranken ging ruhig und auf seinem Gesichte war der Ausdruck eines milden Lächelns. Welche Gedanken mochten jetzt diese Seele bewegen? Fünfzehntes Capitel. Clodwig schlief mehrere Stunden. Erich saß bei dem Banquier und erquickte sich an dem theilnahmvollen selbstlosen Wesen desselben; dem Banquier fehlten manche bräuchliche Lebensformen, aber er bewährte eine tactvolle Haltung, und mitten in aller Herzensbewegung dachte Erich: nur die Selbstlosigkeit hat den wahren Tact, Tactlosigkeit ist Egoismus, denn dieser denkt nur an sich oder handelt nur für sich. Erich lernte den Banquier jetzt erst kennen. In Karlsbad hatte der Mann sein vielbewegtes Denken mit gewaltsamer Beflissenheit auszulegen gesucht, jetzt gab sich sein mildes und verständnißvolles Naturell wie von selbst. Bella behandelte ihn mit offenbarer Zurücksetzung, er ließ sich das still gefallen, er sagte nichts, aber er zeigte, daß er ihr nicht grolle. Sie handelte ihrer Natur gemäß und sie war ja auch nicht seine Freundin, Clodwig war sein Freund, und für ihn sich etwas gefallen zu lassen, erschien als Pflicht. Er saß im Bihliothekzimmer, er war bereit, so oft man ihn rief, und hielt sich zurück, so oft er störend zu sein glaubte. Gegen Mitternacht wurde Erich abgerufen, Clodwig sei erwacht und verlange nach ihm. Auch Bella kam. Sie freute sich, daß Clodwig so lebhaft dreinschaute, und noch jetzt bewahrte Clodwig eine formvolle Höflichkeit gegen seine Frau; sie wollte ihm Medicin reichen und er sagte: »Ja wohl, gib sie mir, aber sprich nicht dabei gegen Doctor Richard. Bitte, thu es nicht.« Bella saß eine Weile still am Bette. Clodwig bat, daß sie sich zur Ruhe begebe: sie willfahrte ihm. Und als er mit Erich wieder allein war, sagte er: »Ach, ich habe so gut geschlafen, und wunderlich! Ich träume jetzt immer von einer Cousine Lottchen, die soll ich heiraten, sie gefällt mir auch und ich ihr, aber sie hat so gar nichts gelernt und will nichts lernen und hat ein Lachen, so spitz, und da sagt sie: komm, Clodwig, Du bist so traurig, komm, heirate mich, wir wollen lustig sein. Und da sag' ich: Kind, ich bin ja schon so alt; sieh, ich hab' ja keine Zähne mehr, und was wird Bella dazu sagen? Ach was, sagt sie, Albernheiten. Komm, wir wollen tanzen. Und wir tanzen hinunter zur Capelle und da steht der Pfarrer und er winkt uns und wir tanzen fort, an dem Pfarrer vorbei, und sie ist ein prächtiges Kind und hat gar schöne Augen und hat mich so gern, und so tanzen wir und tanzen und ich kann es ganz gut.« »Lebt Ihre Cousine Lottchen noch?« »O nein, sie ist schon lange todt, vorige Woche war ein Enkel von ihr bei mir. Aber ist es nicht seltsam, daß meine erste Jugendliebe – ich war damals kaum zehn Jahr alt – in mir erwacht? Damals hatte sie einen Apfel in der Hand und da biß sie herunter und sagte: Beiß auch. Ich will den Apfel nehmen, aber sie gibt ihn mir nicht und sagt: beiße nicht zu tief. Und sieh, als ich erwachte, war mir's im Munde, als ob ich wirklich einen feinen Apfel gegessen hätte. Ja, und jetzt fällt mir's eigentlich erst ein. Wir sind einmal mit einander gemalt worden, der Maler behauptete, es würde uns später sehr freuen; er that es heimlich, man hat ihm natürlich das Bild abgekauft; ich glaube, es ist erhalten, ich weiß nur nicht wo. Findest Du es nicht auch schön, daß sie Lottchen heißt? Es ist ein halbwüchsiges Kind in blaßrothem Cattunkleid mit weißer Schürze, und so ging sie auch immer, und hatte einen breiten Florentiner Hut, dessen Rand bis über die Schultern hinausreichte.« So erzählte Clodwig und mit einem unterdrückten Seufzer sagte er: »Bella hat nie von meiner Jugend wissen wollen.« Schnell aber, als ob er nicht von ihr sprechen wolle, sagte er zitternd, beide Hände bewegend: »Mein Vater war Minister, ich bin im Ministerpalais geboren, Sohn einer späten Ehe, einziger Sohn. Mein Vater wurde Bundestagsgesandter. Die Gesellschaft der Bundestagsgesandten – wer weiß, ob sie nicht dahin geht und Niemand hat sie recht geschildert – Ich hätte es gekonnt; schon als ich Student war, ging es mir auf, das ist eine Gesellschaft, die nur dazu da ist, um alles Gute zu verhindern. Der Bundestag ist das böse Gewissen der Fürsten. Sieh, das dachte ich schon früh und das wußte ich schon früh und steckte doch mitten drin und je weiter ich kam, je mehr sah ich es. Alles Gute, was geschieht, hat sich neben dem Bundestage aufgebaut, und darin hat die Kirche etwas vom Bundestag; das Gute geschieht auch außerhalb ihr, neben ihr; nicht einmal die Todesstrafe, nicht die Folter, die Kettenstrafe, nichts hat sie abgeschafft. Jetzt kommen die zwei großen Befreiungen, die Befreiung der Sklaven und der Leibeigenen, und wer vollzieht sie? Allein die freie Humanität. Sieh, dieser Herr Sonnenkamp lebt in einer ganz andern Welt als ich und doch war mein Leben . . . Ach, warte einen Augenblick, warte, ich kann jetzt nicht weiter sprechen.« Nach einer Weile begann Clodwig wieder: »Kindererinnerung! Höre! . . . Ich sehe, wie ein kleines Kind, ganz klein, nur mit einem Hemdchen bekleidet, auf einem Polster auf dem Tische sitzt und meine Mutter hält mich und sie erzählt . . . ich meine, ich spüre noch den warmen Athem ihrer Worte, sie hat ihr Haupt an meine Brust gelegt und da sagt sie: Es war einmal ein Kind und das ging in den Wald, um Blumen zu suchen, und fand schöne rothe Blumen und sammelte sie, und dann fand es schöne blaue Blumen und da warf es die rothen weg und sammelte die blauen, und da fand es schöne gelbe und warf die blauen Blumen weg und sammelte die gelben, und es fand schöne weiße und da warf es die gelben weg und sammelte die weißen; es kam vor den Wald und da war ein Bach und es warf die schönen weißen Blumen in den Bach und da hatte es gar nichts mehr in der Hand . . . Ist unser Leben nur ein Spiel mit Blumen?« Er schien einzuschlummern; nach einer Weile richtete er sich wieder auf und sagte: »Geh hinauf in das Zimmer, wo Du zuerst bei mir gewohnt; nimm Robert mit, bring mir die Büste der Victoria her.« Erich ging mit dem Diener nach dem Erkerzimmer, er ließ die Büste der Victoria aufnehmen, die der Medusa, die ihr gegenüber gestanden, lag in Stücken auf dem Boden. Er fragte Robert, wer sie zerbrochen. Robert wußte nichts davon. Als Erich die Büste vor das Bett des Kranken in entsprechende Beleuchtung gestellt hatte, sagte Clodwig: »Ja, so sah die Verstorbene aus . . . auch sie in besseren Stunden . . . Deine Mutter hat sie gekannt.« Weiter sagte er nichts. Nachdem er lange stumm auf die Büste geschaut, sagte er Erich, er möge auch den Banquier hereinrufen. Dieser kam; Clodwig streckte ihm die Hand entgegen und sagte: »Es gehört auch Ihnen.« Nachdem er mehrmals vor sich hingenickt, fuhr er fort: »Ich sehe in die Welt hinaus. Der Imperialismus will sich festsetzen in Amerika . . . Und in der alten Welt . . . Um Rom sammeln sich die Einen, aber um ein Anderes, es ist kein Mann, nur ein Gedanke, die Freiheit, da sammeln sich die Anderen. Zwei große Fahnen sind aufgepflanzt und um diese Fahnen sammeln sich zwei Heere, unabsehbar. Auf der einen Fahne steht: Wir können nicht! Auf der andern: Wir wollen! Ein neuer Glaube, eine neue Erkenntniß wird kommen und die Welt wieder auffrischen. Die neue Religion wird die Menschen nicht loben, ihnen nicht schmeicheln; sie wird ihnen etwas zumuthen, von ihnen fordern, streng, scharf und hart gegen sie sein. Das allein hilft. Wir wandeln beständig auf einem Kirchhof, unser Leben ist todt. Nur eine Erneuerung durch eine große Idee, durch eine neue Religion . . . Kopf an Kopf sammeln sich die Menschen in zahllosen Haufen, sie wallen hin zu einem hohen Berge, um die Fahne aufzupflanzen. Ich sehe Dich, wie Du damals unter dem blühenden Apfelbaum standest . . . ein Bote. Du trägst die Fahne und darauf steht: Freie Arbeit! . . . Und nun schlaft wohl . . . gute Nacht . . .« Er brach ab. Ein glanzvolles Licht lag auf seinem Antlitz und blickte aus seinem Auge, er starrte in die Luft hinein, dann legte er den Kopf zurück und schloß die Augen, aber er tastete nach der Hand Erichs und hielt sie fest. Nach einer Weile ließ er sie los. Der Banquier zog sich zurück. Erich saß vor dem Bette Clodwigs, der eingeschlafen war. Bella kam noch einmal und mit ihr Prancken; er betete mit der barmherzigen Schwester für den Sterbenden; er that das ohne Scheu und Schaustellung, mit offenem Anstand. Erich winkte Bella, recht ruhig zu sein; sie saß eine Weile still, dann ging sie mit Prancken davon. Erich kämpfte mit Schlaf und Müdigkeit. Der Morgen brach herein und übergoß die Stube mit flammrothem Lichte. Erich beugte sich über Clodwig, er hörte keinen Athem mehr. Clodwig war in den Tod hinübergeschlummert . . . Erich ließ Prancken rufen und übertrug es ihm, seine Schwester zu benachrichtigen; Prancken bestand darauf, daß man Bella schlafen lasse, bis sie von selbst erwache, sie bedürfe der Kraft. So stieg der Morgen immer höher; die barmherzige Schwester saß betend an dem Bette des Entschlummerten. Ein Wagen fuhr in den Hof; der Leibarzt des Fürsten kam. Doctor Richard, der Leibarzt, Erich und der Banquier gingen nochmals zur Leiche. Erich warf noch einen Blick auf die Leiche des Freundes. Die Victoria, der Leiche gegenüber, schien schmerzlich drein zu schauen. Doctor Richard berichtete kurz, an welchen Leiden Clodwig gestorben sei, eine Erkältung und eine Gemüthsbewegung hätten zusammen gewirkt. Die Männer traten in den Gartensaal, wohin Doctor Richard Wein bringen ließ. »Trinken Sie,« ermuthigte er Erich, »es geht nicht anders; Sie verbrauchen jetzt viel, die Maschine muß mit Wein gefüttert werden.« Erich trank, aber er trank eine Thräne mit dem Wein hinab. Der Leibarzt sagte, daß nun wieder ein Ehrenmann dahin gerafft sei, in dessen Gedenken Jeder eine Erquickung gefunden habe; sein maßvolles und stetig sich vervollkommnendes Wesen, seine Ruhe und Milde, das seien Eigenschaften, wie sie nur einer dahinschwindenden Zeit angehören. Doctor Richard saß in einem Lehnstuhl und rief: »Er hatte das Glück oder das Unglück, alles Einzelne im Zusammenhang der Menschheit anzusehen, und da ist es freilich gleichgültig, ob dies Einzelne heute oder morgen geschehe, ob Du es thust oder ein Anderer. Er hätte Größeres bewirken, hätte umwälzend eingreifen können; aber das schien ihm zu herb und er sprach sich davon frei. Jedes Ereigniß, jede Erfahrung sollte ihm nur dazu dienen, sein schönes Naturell aufzubauen. Das ist ein kinderloses, thatenloses Dasein, dessen Mutter eine Philosophie war, die Alles begriff, Alles geschehen ließ, nur um es nachher in ein System zu bringen. Ich habe ihm das selbst so oft in seinem Leben vorgehalten, daß ich es nun auch nach seinem Tode darf. Ich glaube nicht, daß ich ein Tadler des Mannes war; von Allen in der weiten Welt, die von seinem Tode hören und darum trauern, hat ihn Niemand mehr verehrt als ich.« Der Doctor fuhr mit dem Leibarzt davon, bald darauf auch Erich mit dem Banquier, denn Bella hatte gewünscht, daß man sie allein lasse. Man schaute wehmüthig zurück nach dem Herrenhause, wo jetzt eine schwarze Fahne aufgezogen wurde. Zwei Tage lang wurde Clodwigs Leiche im großen Saal ausgestellt; er lag auf weißen Atlaskissen, sein Antlitz war friedlich. An seinem Sarge brannten Lichter und er war rings umgeben von Palmen und Blumen. Aus der ganzen Gegend strömte Alles herzu. Am dritten Tage geleiteten Erich, der Landrichter, der Banquier, der Major, viele angesehene Bürger aus der Stadt, dazu auch ein Abgesandter des Fürsten, und mehrere höhere Staatsbeamte die Leiche Clodwigs nach der Gruft auf Wolfsgarten. Die Glocken klangen von Berg zu Thal, der letzte Wolfsgarten wurde beigesetzt. Sonnenkamp hatte ebenfalls zum Leichenbegängniß kommen wollen, er war auf dem Weg nach Wolfsgarten geritten, aber man sah ihn nicht unter den Leidtragenden. Durch die offenen Fenster im Sterbezimmer Clodwigs drang feuchter Herbstnebel, auf der Stirne der Victoria sammelte er sich in Tropfen. Lautlos, öde war es auf Wolfsgarten, auch Prancken war abgereist. Sechzehntes Capitel. Bella saß in tief schwarzen Trauerkleidern in ihrem Zimmer. Sie hatte schwarze Bracelets an den Handgelenken, sie hatte so eben schwarze Handschuhe anprobirt und wieder abgezogen; jetzt legte sie die feinen Hände zusammen, und ihr Auge starrte ins Leere, ins Weite, ins große Nichts, und in ihr sprach es: Du bist allein, Du warst stets allein, in Dir, in der Welt, eine einsame Natur, einsam als Frau . . . In Gedanken ging sie in der Residenz von Haus zu Haus, sie wußte, wie man von ihr, von Clodwig spricht. Man hatte ihr viel gehuldigt, wo aber war jetzt eine Menschenseele, die es zu ihr drängte? Ich bin allein und will allein sein, wiederholte sie sich. Sie hörte den Pendelschlag der Uhr und gedachte eines Wortes von Clodwig, er hatte einmal gesagt: Erinnern an die Vergangenheit und Wünschen für die Zukunft, das ist der Pendelschlag unseres Lebens . . . Das galt für ihn, für mich nicht! Ich stehe nicht zwischen Erinnern und Wünschen, ich will Gegenwart – Leben, brennendes Leben. Sie stand auf, sie trat vor den Spiegel, ein Schmerz zuckte durch ihre Mienen, sie sah, daß sie nicht mehr so schlank war, wie früher, und schwarz macht doch schlank; sie erschien sich so klein. Weiter gingen ihre Gedanken: da er doch vor ihr sterben mußte, hätte er nicht Jahre früher sterben können, als Du noch schön warst? Und kühn das Haupt erhebend, sprach sie fast laut vor sich hin: Ich fragte nichts nach der Convenienz. Ich erlaube mir zu denken, was Andere erst nach einem Jahre denken. Ja, Du bist eine Wittwe, der man nur noch aus Gnade einen Besuch macht, eine allein stehende Wittwe. Ich kann nach der Residenz ziehen, ein Haus aufmachen . . . O göttergleiches Schicksal! Ich bin ein Haus und werde Präsidentin der Suppenanstalt und ein auserwähltes Dutzend Waisenmädchen in blauen Schürzen folgt meiner Leiche. Dafür kann man schon gelebt haben. Nein! Ich will nicht. Soll ich wieder durch die Länder reisen, an Landschaftsblicken, an Volksgetümmel, an Kunstwerken Selbstvergessen und eingeredete Freude haben, und dann in Gesellschaft conversiren, scherzen, musiciren? . . . Fürst Valerian ließe sich gewinnen. Aber in eine fremde Welt, und da wieder heucheln, menschenfreundlich sich freuen, daß russische Bauern innerlich frisirt werden? . . . Der Weincavalier wäre sehr bequem, duckt unter, jede Minute anbetend, zwar nur Manier, aber die Manier ist gut, gefällig und – gelogen ist doch Alles! Nein! Nein! Fort möchte ich, in Kampf, in Krieg, in Gefahr, in Noth; aber Leben, gewaltiges, Alles einsetzendes, das muß mir noch werden. Ich höhne die ganze Welt, ich schleudere ihr ins Antlitz, was sie von Ehre, was sie von humanitären Caprizzios will . . . Ein Reiter sprengte in den Hof. Es war Sonnenkamp. Was will er? . . . Sonnenkamp wurde gemeldet. »Ist willkommen.« Er trat ein. »Frau Gräfin, was Sie mir neu erweckt, bringe ich Ihnen zurück – Heldenmuth.« »Heldenmuth! Was soll er mir? Ich bin in Verlassenheit, schwach.« »Sie verlassen? Schwach? Sie haben in mir die Kraft angefacht, der ganzen Welt zu trotzen; ich bin wieder jung, ich bin wieder frisch. Jetzt in dieser bedeutsamen Stunde komme ich zu Ihnen, zu Ihnen allein; Sie allein sind mir noch die Welt, Sie allein machen mir die Welt noch werth, und ich möchte Ihnen etwas sein, daß auch Ihnen die Welt wieder werth wäre.« Bella stand starr und er fuhr fort: »Schwingen Sie sich auf über diese Stunde, über dies Jahr, über dies Land, über alle Verhältnisse hinweg. Wenn es ein menschliches Wesen gibt, das das vermag, Sie sind es . . .« Bella that die schwarzen Armspangen ab, sie schienen sie zu pressen, und Sonnenkamp fuhr fort: »Bella, ich könnte sagen, ich entfliehe in die weite Welt, ich opfere, ich vernichte rücksichtslos Alles, ich stoße von mir Frau, Kinder, nur wenn Du mir folgst, wenn Du es wagst, Alles hinter Dich zu werfen, eine freie Natur zu sein. Das könnte ich sagen und es wäre wahr. Aber das darf Dich nicht bestimmen. Nicht mir sollst Du leben, Dir sollst Du leben. Bella! Ich sehe Deine Seele vor mir, in mir, ich spreche aus Dir, Du sagst wie ich: Ich stehe im Kampf mit der Welt, sie will Gemeinnützigkeit und ich – ich bin kein gemeinnütziges Wesen, bin keine Wohthätigkeitsanstalt. Andere würden Dich mit süßen Phrasen kirren, betäuben, überreden; ich achte Dich zu hoch, Du hast den Muth, Du selbst zu sein.« »Ich verstehe nicht. Was wollen Sie? Was wollen Sie für sich, was wollen Sie für mich?« »Für mich? Was habe ich noch zu wollen? Eine Kugel durchs Hirn. Nur ein Einziges gibt es, was mich retten kann.« »Was ist das?« »Du bist es. Um Dir das Große zu zeigen, um Dich groß zu sehen, möchte ich noch leben, kämpfen. Wenn es eine Bewunderung gibt, ein Beugen vor dem Erhabenen, vor dem die Welt besiegenden Genie, ich . . .« Er machte eine Bewegung, einen Schritt vorwärts, Bella gewann das ruhige Wort und sagte: »Setzen Sie sich.« Er schien betroffen von diesem Wort, aber er setzte sich und fuhr fort: »Ich weiß nicht, was Sie jetzt beginnen wollen . . . Doch nein, ich weiß, was Sie beginnen sollen. Sprechen Sie nicht, lassen Sie mich reden. Wenn ich mich in Ihnen geirrt habe, dann ist mein ganzes Leben, all mein Denken, mein Ringen, mein Kämpfen Wahnwitz und die salbungsvollen Verkünder hoher Phrasen haben Recht. Bella, Sie haben mir das große Wort gesagt: ein Mensch der entschlossenen That hat keine Familie, darf keine Familie haben. Das ist mein Leitstern. Ich habe keine Familie mehr, ich bin nichts auf der Welt, als ich selbst, und Sie . . . Sie sollen auch nichts aus der Welt sein, als Sie selbst, Sie waren nie Sie selbst, bis jetzt nicht, Sie können, Sie müssen es werden.« »Ja, ich will! Sie schleudern all das Gerümpel weg, was mein Wesen verschüttet. Sprechen Sie weiter . . . was bringen Sie?« »Ich habe hinter mich geworfen Alles, was in der Welt noch bindet, Ihnen allein sage ich es . . . Dir allein; noch heut ziehe ich fort in die neue Welt. Dort gibt es eine neue Welt!« Sonnenkamp stand rasch auf und faßte ihre Hand. »Bella, Sie sind ein großes Weib, eine zum Herrschen geborne Natur; ziehen Sie mit mir, Sie haben Muth.« Bella durchzuckte es, ihr Auge wurde größer, sie öffnete den Mund, aber sie sprach nicht und Sonnenkamp fuhr fort: »Ich weiß, daß Ihre Unabhängigkeit Ihnen über Alles geht, ich bin bereit, Ihnen jede Bürgschaft dieser Unabhängigkeit zu geben. Ziehen Sie mit mir, es gilt einen Thron aufzurichten. Diese Stirn ist geschaffen für eine Krone. Komm mit mir.« Es war ein Gewaltiges in dem Tone Sonnenkamps, ein Hinreißendes und Bestrickendes. Er faßte ihre Hand, sie entzog sich ihm nicht. Hatte sie so lange mit Allen gespielt, daß sie nun überwältigt wurde? Eine Secunde zog es ihr wiederum durch den Sinn: es wird eine große Erinnerung sein, auch das erlebt, in der Hand gehabt und von sich gewiesen zu haben . . . Du darfst Dich nicht binden, nie, nirgends mehr. Aber unwillkürlich sagte sie: »Sie denken groß und Sie denken groß von mir. Ich danke Ihnen. O Freund, wir sind erbärmliche schwache Geschöpfe. Zu spät! Zu spät! Warum kommt solcher Ruf zu spät? Vor zehn Jahren hatte ich noch die Kraft, da hätte es mich gelockt, da hätte ich Alles eingesetzt. Nur nicht dieses lahme, müßige, nichtige, Antiquitäten grabende und kramende, schönselige . . . Nein, das wollte ich nicht sagen . . . Und doch . . . Sie erkennen mich. Aber es kann nicht sein. Zu spät!« »Zu spät?« rief Sonnenkamp und faßte ihre beiden Hände. »Bella, Du hast mir gesagt, wäre ich in Deiner Jugend gekommen, Du wärest mit mir in die weite Welt gezogen. Bella . . . Wir sind jung, so lange wir es sein wollen; Du bist jung und ich will es sein. Sei muthig, sei Du selbst, sei Dein eigen. Was sind siebzig müßige, lahme Jahre? Ein einziges Jahr, voll gelebt, ist mehr als Alles.« Es trat eine längere Pause ein; man hörte nichts als das Ticken der Uhr und aus dem Nebengemach das Schreien des Papageis. »Wann reisen Sie?« fragte Bella. »Heut Nacht mit dem Eilzuge.« »Nein, zu Schiff. Geht kein Schiff mehr?« »Doch; auch noch heute Nacht.« »Ich komme mit. Aber jetzt geh . . . geh! Hier meine Hand, ich komme mit.« Sie faß still, sie legte die Hände zusammen, sie schloß die Augen. Sonnenkamp faßte ihre Hand, er hielt sie fest, er fühlte den Trauring an ihrem Finger und leise zog er ihn ab. »Was thun Sie?« fuhr Bella plötzlich auf. Sie sah Sonnenkamp starr an, sie sah den Ring in seiner Hand. »Lassen Sie mir das als Zeichen,« bat er. »Was soll's? Wir sind keine Menschen, die Scenen machen. Geben Sie.« Er gab den Ring zurück; sie steckte ihn nicht mehr an den Finger . . . In der Nacht hielt das Dampfschiff beim Städtchen; es regnete und stürmte und die Maschine zischte und brummte; da stand ein Mann an der Schiffslände, tief in seinen Mantel gehüllt, und an ihm vorüber ging eine verhüllte große Gestalt. »Laß mich allein,« sagte die Frau zu dem Manne, an ihm vorüberschreitend. Das Landungsbrett wurde angelegt, die Frau ging hinüber, der Mann hinter ihr drein. Das Brett wurde aufgezogen, das Schiff wendete und schwamm in Nacht und Unwetter hinein. Niemand war auf dem Verdeck, als die Beiden. Die Matrosen eilten, wieder in die Cajüte zu kommen. Der Steuermann im Regenmantel und mit dem Dreimaster auf dem Kopf drehte das Rad und pfiff leise dazu. Die große schwarze verhüllte Frauengestalt stand auf dem Deck des Dampfschiffes, das stromabwärts schoß; die Gestalt starrte lange in die Wellen und auf die Dörfer und Städte am Ufer, wo da und dort noch ein Licht durch die Scheiben blinkte und einen schnell verschlungenen Lichtstreif auf das Wasser warf. Ein Feuerregen aus dem Schlot, ein Strom von hellen Funken zog über die Gestalt hin . . . Vierzehntes Buch. Erstes Capitel. Die Blätter an den Bäumen fielen ab, die Zweige waren kahl, Villa Eden stand da, so weiß, so glänzend, wie emporgehoben, da kein belaubtes Gezweige mehr das hellfarbige Mauerwerk verdeckte. Das Haus war verlassen; der es gebaut, der den Garten gepflanzt, war verschwunden. Nach Europa war Sonnenkamp zurückgekehrt, er hatte sich Ruhe und Ehrenhaltung geben, seinen Kindern eine freie Stellung sichern wollen. Es war mißlungen. Nun trieb es ihn wieder zurück in die neue Welt, und er hatte eine ruhelose, abenteuersüchtige Seele mit sich in den Strudel gerissen. Ein Novembersturm wehte durch das Rheinthal, schüttelte die Bäume, blies in die aufgespannten Segel und trieb die Schiffe vor sich her. Als Erich erwachte, empfand er aufs Neue den Schmerz um den Tod Clodwigs; er trauerte doppelt um ihn, denn er fühlte, daß Niemand, dem man von dem Dahingegangenen erzählte, ganz die Reinheit und Hoheit seines Wesens begreifen würde. Clodwig hatte keine Spur seines Wirkens hinterlassen, und nur diejenigen, die in sein Auge geschaut und seine Stimme gehört, konnten wissen und in sich erneuern, wer er war. Nicht lange durfte Erich dem dahingegangenen Freunde am stillen Morgen nachtrauern. Der Notar des Städtchens wurde gemeldet. Er trat ein und überbrachte ein Schreiben Sonnenkamps, worin dieser auseinander setzte, daß er mit sich genommen habe, was vom Sklavenhandel stammte. Er ertheilte Weidmann und Erich Vollmacht, über alles Zurückgelassene bis zur Großjährigkeit seiner Kinder zu verfügen und für Frau Ceres zu sorgen. Erich las wiederholt das Schreiben; er schien nicht zu begreifen, was das sein sollte, aber da stand es, und der Notar erklärte ihm, daß Sonnenkamp noch gestern bei ihm gewesen und die Vollmacht ausgefertigt habe; er habe auch einen Brief an Weidmann geschrieben. Erich ließ den Notar allein, er ging nachdenklich im Parke hin und her. Er begegnete Tante Claudine, und ihr zuerst theilte er die Nachricht mit. »Er hat sich selbst sein Urtheil vollzogen,« sagte Claudine in der ihr eigenen ruhig bedachtsamen Weise und erzählte, daß Sonnenkamp noch am Tage vorher im grünen Hause gewesen und ihnen ans Herz gelegt habe, ihre Sorgfalt für Frau Ceres und die Kinder zu bewahren. In alle Seelen hinein mußte man sich denken, wie sie es erfassen, wie sie es bewegen werde, wenn sie die Nachricht erhalten. Wie wird man es der Frau, den Kindern mittheilen? Erich ging mit Claudine zu seiner Mutter; sie trafen Manna bei ihr. In leisen Uebergängen suchte er die schnelle Abreise Sonnenkamps zu verkünden, aber Manna rief: »Er hat uns verlassen!« Erich bejahte. Die Professorin faßte die Hand Manna's; Manna starrte unbewegt drein, endlich sagte sie: »O, meine Mutter! Ich will zu ihr.« Man überlegte, ob nicht durch Fräulein Perini die Kunde an Frau Ceres gegeben werden solle, aber Manna bestand darauf, daß sie und die Mutter Erichs es ihr sagen. Vom grünen Hause gingen sie nach der Villa. Sie kamen zu Frau Ceres; kaum hatten sie angedeutet, daß Sonnenkamp verreist sei, als Frau Ceres rief: »Ich weiß, ich weiß. Darf's nicht sagen. O, ich kann verschwiegen sein. Wir haben's gelernt.« Sie gab indeß doch zu verstehen, daß Sonnenkamp nach Italien gereist sei, vielleicht aber auch nach Paris, und er werde sie Alle bald nachkommen lassen. Wie sich jetzt Manna eifrig um ihre Mutter bemühte, lächelte diese: »Ja, Kind, Du hattest nicht nöthig, ins Kloster zu gehen. Das habe ich nie gewollt. Wenn wir zum Vater kommen, mußt Du ihm sagen, daß ich das nie gewollt habe. Es ist so kalt im Kloster und lauter schwarze Kleider – schwarz kleidet Dich gar nicht gut.« Erich wurde abgerufen, Roland war angekommen, seine Wangen glühten und er rief: »Erich, Herr Weidmann läßt Dir sagen, daß er heut zu Dir kommen werde. Und weißt Du auch schon? Lincoln ist gewählt! Herr Weidmann hat die Nachricht erhalten.« Jetzt verknüpfte sich's Erich. Sonnenkamp hatte die Nachricht gewiß auch bereits, und das hatte seinen Entschluß beschleunigt. Er hatte ja oft davon gesprochen, daß der Kampf unabwendbar eintreten werde, wenn Lincoln gewählt wird. Er war entflohen, um in den Kampf einzutreten. »Wo ist mein Vater?« fragte Roland, da Erich kein Wort hervorbringen konnte. »Dein Vater?« »Ja, wo ist er?« »Nach Amerika.« »Ohne Abschied von uns Allen? Und meine Mutter – wo ist unsre Mutter?« »Manna ist bei ihr.« Erich mußte Roland Alles sagen. Roland hörte ihn an und schaute lange nicht auf; endlich sagte er: »Ich gehe zu meiner Mutter.« Erich schärfte ihm ein, recht behutsam zu sein; er versprach es. Als Roland bei seiner Mutter eintrat, rief diese: »Er hat Euch mir gelassen, er kann nicht fortbleiben, er kommt wieder.« Sie umarmte Roland mit Heftigkeit und rief: »Du hast mich nie verlassen, Du bist nie in ein Kloster gegangen. Ja, Manna, nimm Dir Deinen Bruder zum Beispiel. Jetzt bleibst Du bei mir.« Die Professorin hatte einen Boten nach dem Major geschickt; er kam, und als er die Nachricht hörte, sagte er: »Und wir haben ihm ja sein Urtheil noch nicht gesprochen.« Der Sturmwind jagte die Blätter durcheinander, er schien auch die Menschen hin und her zu jagen. Noch standen Erich und der Major beisammen, als ein Reiter bei ihnen erschien. Er war tief in den Mantel gehüllt; er hielt an. Wenn Sonnenkamp selber wieder gekommen wäre, sie hätten nicht mehr erstaunt sein können, als jetzt diesen zu sehen. Es war Prancken. Er sah verstört aus. »Wo ist Herr Sonnenkamp?« fragte er. Man gab ihm die Nachricht. »Und ist er allein? Wissen Sie nicht . . wer bei ihm?« »Nein.« »Ist Niemand von den Meinigen hier aus der Villa? Haben Sie . . . meine Schwester nicht gesehen?« Man konnte ihm keinen Bescheid geben. Ohne ein Wort zu sagen, wendete Prancken sein Pferd und ritt davon. Der Doctor kam, und von ihm hörte man, daß Bella von Schloß Wolfsgarten verschwunden sei. Als er jetzt vernahm, daß auch Sonnenkamp entflohen sei, rief er: »Sie ist mit ihm entflohen! Ein Meisterstück! Wenn Sonnenkamp die feinste Taktik angelegt hätte, er hätte es nicht klüger machen können. Durch diese Entführung Bella's lenkt er die Nachrede von sich ab und von Allem, was er gethan. Daß er Bella Prancken mit sich fortreißen konnte, das ist gewaltiger als Alles.« Zweites Capitel. »Heinrich, komm! Heinrich, komm zurück! Das sind Deine Bäume, Dein Haus! Komm zurück! Ich tanze Dir! Heinrich! Heinrich!« So rief Frau Ceres. Sie wollte auch gar nicht mehr essen, sie wollte warten, bis ihr Mann sagte: Liebes Kind, so genieße doch etwas. Nur auf eindringliches Zureden des Fräulein Perini nahm sie Speise zu sich. Klagend ging sie durch die Gärten, durch die Treibhäuser. Fräulein Perini hatte unsägliche Mühe, sie zu beruhigen. Frau Ceres schalt auf den Gärtner, weil er die Wege reche, da seien Fußspuren von ihrem Manne, die dürfe man nicht verwischen, sonst müsse er sterben. Am Fenster saß sie wieder stundenlang und schaute hinaus über den Strom, wo die Schiffe auf- und abgingen, zu den Bergen und Wolken, und leise klagte sie vor sich hin. »Heinrich, ich habe Dich schwer gekränkt, Du darfst mich peitschen, wie Deine Sklaven; nur nimm mich zu Dir, verzeih mir. Ach, weißt Du noch, wie es war, als Du zu mir herauskamst? Cäsar spielte die Harfe, und ich tanzte in meinem blauen Kleidchen und meinen goldgelben Schuhen . . . Weißt Du noch? . . . Manna!« rief sie dann heftig. »Manna! bring Deine Harfe, spiel mir vor, ich will tanzen, ich bin noch schön. Komm, Heinrich!« Sie versuchte eine Tanzweise zu singen. Plötzlich fragte sie dann Fräulein Perini: »Nicht wahr, er kommt wieder?« Und das fragte sie so ruhig, in so klarem Ton, daß man wieder von der Angst befreit wurde. »Wenn ich sterbe, soll er Frau Bella heiraten, sagen Sie ihm das,« flüsterte sie vertraulich, mit großen Augen dreinstarrend. »Frau Bella ist eine schöne Wittwe, sehr schön, und er soll ihr meinen Schmuck geben, er wird ihr gut stehen. Lassen Sie anspannen, ich will zur Gräfin Bella, sie hat Briefe von ihm, ich weiß das.« Fräulein Perini suchte sie zu beruhigen, aber Frau Ceres bestand darauf, sie wolle zur Gräfin Bella. In ihrer Angst schickte Fräulein Perini zur Professorin und zu Erich; sie hoffte, daß man Frau Ceres zerstreuen und von ihrem Gedanken abbringen könne, aber es gelang nicht; Frau Ceres blieb bei ihrer Forderung. Man sagte ihr, die Gräfin sei verreist. »Dann ist sie mit ihm . . . mit ihm. Ich weiß, er hat ihr meinen Schmuck gegeben, ich habe den falschen. Ruft mir meine Kinder!« Manna und Roland kamen, und mit einer erstarrenden Lustigkeit rief Frau Ceres: »Euer Vater hat Frau Bella geheiratet, Ihr habt jetzt noch eine Mutter, sie ist schön . . . sehr schön. Da stehen sie Alle und sehen mich an! Fragt sie . . . fragt sie nur, ob es nicht wahr ist? Ich bin nicht dumm, er hat selber gesagt, ich sei gescheidt . . . O, ich bin gescheidt!« Manna wendete sich an Claudine, und diese bestätigte, es sei allerdings wahr, daß Sonnenkamp mit Gräfin Bella entflohen sei. Roland sah auf Erich. Erich senkte die Augen. Die Kinder warfen sich an den Hals der Mutter und weinten und schluchzten. »Sie hat keine Kinder, sie ist doch Eure Mutter nicht! Ihr bleibt bei mir, Ihr geht nicht zu ihr . . . Er wird Euch stehlen wollen. Laßt Euch nicht stehlen.« Man legte Frau Ceres auf ein Ruhebett, sie hielt die Hände ihrer Kinder, bis sie einschlief. Manna und Roland saßen still. Wer kann ermessen, was durch ihre Seelen zog? Welches Erbe von Schmach häufte der Vater auf sie! Weidmann ließ melden, daß er angekommen sei. Der Notar übergab ihm und Erich die Vollmachten, er hatte zugleich auch von Sonnenkamp Anweisung erhalten, wie man Nachrichten an ihn gelangen lassen könne. In einer südstaatlichen Zeitung sollte man unter der Chiffre S. B. Mittheilung machen von dem, was auf Villa Eden vorging. Ein Schauder überrieselte die Männer, daß in diesen Instructionen offen bezeichnet war, die Nachricht vom Tode der Frau Ceres solle man auch in genau bezeichnete englische und französische Zeitungen setzen. Es schien, daß Sonnenkamp einen Selbstmord seiner Frau erwartete. Als Weidmann, der Notar und Erich wieder in den Hof kamen, trafen sie Roland. Er reichte Weidmann die Hand und fragte, ob er jetzt wissen dürfe, was sein Vater an ihn geschrieben habe. Weidmann übergab den Brief, worin Sonnenkamp ihm das Schicksal seines Sohnes ans Herz legte und das Vertrauen aussprach, daß sein Sohn in Allem sich der Leitung Weidmanns überlassen werde. »Nun kann nichts mehr kommen, nun ist Alles erschöpft,« sagte Roland mit ruhiger Stimme. Während die Männer noch beisammen standen, kam Knopf und mit ihm der Neger Adams. Adams trug einen grauen Schnurenrock, ganz ähnlich wie Sonnenkamp einen solchen, wenn er im Garten hin und her ging, zu tragen pflegte. Roland bot dem Neger die Hand und sagte: »Du hast meinem Vater Böses thun wollen, ich verzeihe Dir, es ist Dir auch Böses geschehen.« Jetzt erst erfuhr Erich, daß Roland nicht nachgelassen habe, bis man Adams holte. Weidmann wünschte, daß Adams die Villa verlasse, er wollte ihn mit nach Mattenheim nehmen; Roland aber bat, Adams möge bleiben, bis er selber wieder nach Mattenheim zurückkehre. Der Major war gerne bereit, den Neger vorläufig in sein Haus zu nehmen. Knopf berichtete mit einer Art von Triumph, welch ein Muster von Gaunerei dieser Neger sei; er habe die Absicht gehabt, zu Sonnenkamp zu gehen, offen seine That zu bereuen und ihm falsch Zeugniß anzubieten, natürlich für viel Geld; er sei daher außer sich gewesen, als er hörte, daß Sonnenkamp entflohen und sein falsches Zeugniß nun werthlos sei. Knopf, ein so gutmüthiger, ja ein so weichmüthiger Mensch, hatte eine wahre Lust daran, nun vollkommene Gauner zu kennen, wie Sonnenkamp und Adams; wo er einmal Schlechtigkeit gefunden, führte er dieselbe wie alle Idealisten zur äußersten Consequenz. Der Major ging nun mit Adams nach seinem Hause, er hatte eigentlich innerlich einen Widerwillen gegen diesen Menschen, aber er bezwang sich und war besonders freundlich. Roland ging zu Manna und erzählte ihr, daß er den Neger habe kommen lassen; er halte es für seine Pflicht, diesem Manne zu zeigen, wie er ihm das Ueble, das er über das Haus gebracht, nicht nachtrage, es vielmehr sein Wille sei, ihm Gutes zu erweisen. Manna wollte von dem Neger nichts wissen. Sie war scheu in sich zurückgezogen, sie hatte nicht die Fassung gewonnen, zu der Roland so rasch gelangt war, sie kam fast nie mehr nach dem grünen Hause. Sie blieb bei ihrer Mutter, war zutraulich und dankbar gegen Fräulein Perini und bat sie wiederholt um Entschuldigung, wenn sie jemals sie gekränkt. Die Stimme Manna's hatte wieder jenen umflorten Ton, über ihr ganzes Wesen schien sich wieder die Verschleierung zu breiten, die von ihr gewichen war. Diese Gemüthsverfassung erschien Fräulein Perini als eine wohl zu benutzende. Sie ging zum Pfarrer und sagte, jetzt sei die Zeit, vielleicht die letzte, wo wiederum Alles zu gewinnen wäre; Sonnenkamp habe seine Kinder selbständig gestellt, Frau Ceres magere sichtbar ab und bei ihren Heftigkeiten ließe sich nicht absehen, wie sie plötzlich dahingerafft würde. Jetzt wäre es noch möglich, Manna aus der Umgarnung, in der die Dournay's sie gefangen hielten, zu befreien. Der Pfarrer erachtete es ohnedies als Pflicht, sich dem Kinde, das sich ihm ehemals so vertraulich nahe gestellt, nicht zu entziehen; er lehnte aber auch vor Fräulein Perini jede andere Absicht ab. Er ging nach der Villa und ließ Manna sagen, daß er sie zu sprechen wünsche. Manna erbebte, sie ließ erwidern, daß sie sehr dankbar für seinen Besuch sei, sie sei jedoch die Verlobte Erichs und könne den Pfarrer nur im Beisein Erichs sprechen. Fräulein Perini lehnte es ab, dem Pfarrer diese Antwort zu überbringen. »So gehe ich selbst,« sagte Manna. Sie ging hinab in den Balkonsaal und sagte, sie bitte dringend, daß der Pfarrer keinerlei Verletzung darin sehen möge, aber als die Braut Erichs müsse sie fortan auf jeden geistlichen Zuspruch verzichten. Der Pfarrer sah sie nicht zornig, er sah sie mitleidig an und entgegnete: »Gut, es geschehe nach Ihrem Willen.« Er wendete sich ab und ging. Drittes Capitel. Von allen Menschen, deren Sinnen nach Villa Eden gerichtet war, wurde keiner von den so scharfen Ereignissen schwerer betroffen, als der Major. Er hatte keine Ruhe mehr im Hause, und schon seit der Erzählung Sonnenkamps hatte er auch sein Bestes verloren, »die Ablösung,« wie er es nannte, nämlich seinen gesunden Schlaf. Er ging unruhig hin und her und sprach oft mit der Laadi. In der Nacht war ihm das unruhige Denken so beängstigend, daß er leise mit sich selber sprach, manchmal aber auch Fräulein Milch weckte, daß sie ihm darüber weghelfe; die Flucht Sonnenkamps und die Nachricht, daß Bella mit ihm entflohen wäre, verwirrte ihn noch mehr. Als er nun mit Knopf und dem Neger kam, bat Fräulein Milch Herrn Knopf, dazubleiben; sie gestand ihm offen, sie fühle eine Furcht, die sie nicht bemeistern könne. Knopf bedauerte, daß er nicht bleiben könne, er habe Pflichten gegen den Fürsten Valerian. Er beschwichtigte keineswegs die Angst der Fräulein Milch, steigerte sie vielmehr noch, da er mit großem Behagen darlegte, welch ein prächtiger Gauner dieser Adams sei. Wenige Tage, nachdem Adams ins Haus genommen worden, wurde der Major krank und mußte sich zu Bette legen. Der Doctor gab beruhigende Mittel, sie halfen dem Major, aber für Fräulein Milch konnte er keine beruhigenden Mittel verordnen. Diese gab ihr ein Mann, der nichts von Medicin verstand. Es war Professor Einsiedel. Ihm klagte sie über die Anwesenheit des Negers und sie sagte: »Ich muß mich hüten, durch diesen einen Neger nicht ein Vorurtheil gegen alle Neger anzunehmen.« »Wie meinen Sie das?« Fräulein Milch erröthete und erwiderte: »Wenn man ein fremdes Volk oder einen fremden Stamm nicht kennt und eine nicht günstige Vormeinung von denselben hat, kommt man leicht dazu, den Einzelnen, den man kennen lernt, als den Vertreter der Gesammtheit anzusehen, seine Eigenheiten und Fehler der Gesammtheit aufzubürden. Dieser Neger nun ist ein Mann, der nichts lernen und arbeiten will, er ist als Sklave und dann als Lakai gewöhnt worden, daß Andere für ihn sorgen. Nun könnte man leicht auf das Vorurtheil kommen, daß alle Neger so sind, und das wäre doch ungerecht.« »Wohl bedacht,« gab der Professor seine Censur ab. »Ich möchte nur wissen, wie Sie dazu kommen, sich gegen Vorurtheile zu wehren? Ich kenne freilich das weibliche Geschlecht nur wenig, aber ich meine, daß dies Behüten vor Vorurtheilen selten bei Frauen ist.« Fräulein Milch preßte die Lippen zusammen; sie hätte wohl sagen können, woher in ihr die Forderung stammte, daß jeder Einzelne für sich betrachtet werden müsse. Nach einer Weile fuhr sie fort: »Glauben Sie nicht auch, daß die Neger nie vollkommen frei werden, wenn sie sich nicht selbst befreien, wenn nicht ein Moses aus ihrer Mitte ersteht und sie aus ihrer Sklaverei führt? Glauben Sie nicht, daß auch dies Geschlecht, das in der Sklaverei war, verkommen und absterben muß und erst das neue, in Freiheit erwachsene Geschlecht ins gelobte Land der Freiheit kommt?« »Da haben Sie es,« fiel Professor Einsiedel ein, »ich hoffe, Sie verstehen mich. Die schwarze Rasse hat keine selbständige Culturentwickelung, sie bringt, so weit wir bis jetzt sehen, nichts mit in das geistige Familiengut der Menschheit. Allerdings sollten nicht Fremde sie befreien, aber der Erlöser, den wir allein kennen, heißt Bildung, und die wird übertragen und sie allein erlöst. Sie kennen wol die neueren Forschungen über die Japhetiden?« »Ach nein.« Der Professor war eben daran, Fräulein Milch zu erklären, wie man in egyptischen Papyrosrollen überraschende Aufschlüsse gefunden; es zeige sich, daß der Verfasser oder Redacteur der Bibel nicht vollkommen Egyptisch verstanden, ja es finde sich das Wesentliche, was die Bibel enthalte, bereits in egyptischen Schriften, nur die Befreiung der Sklaven bleibe die große That des mythischen Moses und stehe einzig da in der ganzen alten Welt. In seiner Freude, eine so gute Zuhörerin zu haben, wollte der Professor eben weitläufig werden, als der Krischer mit seinem Sohne, dem Küfer, und der Tochter des Siebenpfeifers kam. Zum Hause des Majors gingen sie zuerst, um hier zu verkünden, daß Alles wieder gütlich ausgeglichen sei; der Siebenpfeifer hatte die Einwilligung gegeben. Noch mehr. Man hatte das »nahrhafte Wirthshaus,« wie der Krischer es nannte, das Wirthshaus zum Karpfen im Städtchen angekauft und der Krischer wußte schön auszumalen, wie glücklich er sei, daß er nun Vater eines Wirthshauses sei. Der Major, der in der Kammer von den Ankömmlingen gehört hatte, ließ nicht ab, bis sie zu ihm hereinkamen, denn solch eine Freude mache ihn halb gesund; er ermahnte nur den Krischer, sich nicht dem Trinken zu überlassen. Der Krischer gab ihm die Hand und sagte: »Da haben Sie meine Hand drauf. Von heute an trinke ich keinen Tropfen mehr über den Durst. Aber meinen Durst löschen darf ich doch? Ich habe Gottlob einen gesunden Durst, aber an der Hochzeit – Sie müssen auch dabei sein – da trink ich mir einen Allerweltsrausch! Unser Herrgott soll vom Himmel herunter lachen: ja, so kann's doch Keiner, wie mein Krischer.« Dieses einfache freudige Ereigniß brachte in die dumpfe Schwüle, in die alle Menschen im Umkreise von Villa Eden versetzt waren, eine Erfrischung und Belebung; Professor Einsiedel hatte einen guten Gedanken, er sagte dem Krischer, daß er als Dank für seine Freude auch ein Gutes thun und den Neger ins Haus nehmen möge. Der Krischer war sofort bereit. Leise sagte ihm Fräulein Milch, es werde schwer halten, Adams zur Arbeit zu bringen, und sie bat, er möge ja recht gut gegen den Neger sein. Der Krischer versprach's und nahm Adams mit. Die Hunde bellten laut, als der Neger in das Haus des Krischers kam, und die Frauen schrien in Angst; das Angstgeschrei verstummte bald, das Bellen der Hunde aber hörte nicht auf, sobald Adams aus dem Hause trat, bellten die Hunde aufs Neue . . . Als der Doctor mit der Professorin zum Hause des Majors kam, war er sehr befriedigt, daß Adams bereits das Haus verlassen hatte, und noch mehr, daß der Major wieder aufrecht im Bette saß und seine lange Pfeife rauchte. Er bat nur, daß der Major sich noch ruhig verhalte, dann ging er mit den beiden Frauen in die Wohnstube. Hier theilte er ihnen mit, daß er stolz sein könne; Bella habe an ihn aus Antwerpen geschrieben. Der Brief lautete: Sie allein haben mir nie Freundlichkeit geheuchelt, darum sollen Sie auch ein Andenken von mir haben. Ich schenke Ihnen meinen Papagei. Der Papagei ist das Meisterstück der Schöpfung, er spricht nur, was man ihm einlernt. Adieu! Bella . Die beiden Frauen sahen einander erschreckt an und der Doctor war nicht wenig erstaunt, als Fräulein Milch sagte, sie habe gewiß nie etwas Freundliches von Herrn von Prancken erfahren, aber es sei doch hart, daß ihn ein solch schweres Schicksal betroffen. Nachdem er die Braut verloren, habe auch die Schwester ihn verlassen, bereite ihm so viel Kummer und bringe Schande über ihn. Hätte Prancken geahnt, daß Fräulein Milch ihm jetzt Mitleid widmete, es wäre vielleicht das Härteste gewesen, was er in seiner jetzigen Lage empfunden. Der Doctor erzählte von der Verwirrung, die nach der Flucht Bella's auf Wolfsgarten geherrscht; es sei nicht recht klar, ob sie die bedeutenden Ersparnisse mitgenommen oder zurückgelassen habe. »Mir fehlt etwas,« sagte er, »seitdem Bella verschwunden ist, ein Barometer für das rechte Denken und eine Quelle von Betrachtungen. Jetzt da diese Frau fort ist, merkt man erst, wie breit ihre Wirkung war, vielleicht ausgedehnter, als ihr zustand. Uebrigens freut mich diese Geschichte, sie ist wieder einmal ein Beweis, daß es noch kühne, gewaltige Menschen gibt.« »Sie lieben die Bizarrerie,« warf die Professorin ein. »O nein. Was Andern als Bizarrerie erscheint, sehe ich als folgerichtige Handlungsweise; so und nicht anders mußte Bella handeln, das gehört zu ihrem Heroismus. Herr Erich kann mir bezeugen, daß ich geraume Zeit vor dem Ereignisse etwas der Art ahnte. Bella und Sonnenkamp haben Aehnlichkeit, sie sind Beide geistreich, scharf denkend in allem Unpersönlichen, aber tyrannisch, boshaft, selbstisch in allem Persönlichen. Jetzt, da sie fort ist, kann ich es sagen, sie ist auch als Mörderin geflohen; nicht mit Gift und Dolch, aber mit tödtenden Worten hat sie Clodwig ins Herz getroffen, er hat es mir gestanden.« »Wie ist bei so viel Bildung Alles das möglich?« sagte die Professorin. »Ja, eben darin liegt's,« warf der Doctor ein. »Alles Geistesleben ging Frau Bella nie etwas an, sie kam hinein und wußte nicht wozu; sie mußte verwüsten, denn was sollte sie mit all dieser Bildung? Bisher gab es nur Religionsheuchelei, jetzt gibt es auch Bildungsheuchelei. Aber nein, Frau Bella war keine Heuchlerin und eigentlich nicht bös, sie war einfach roh.« »Roh?« »Ja. Denken an ein Anderes ist Bildung des Geistes und des Herzens; Frau Bella dachte stets nur an sich, an das, was sie zu sagen, zu empfinden hatte. Ich habe lange nach einer Grundlage in dieser Natur geforscht, bis ich es, wie ich glaube, gefunden habe. Es ist das Beauté-Bewußtsein. Ich bin eine Beauté, ist das Princip, auf das sich ein ganzes System stellt; die anderen Menschen sind nur dazu da, die Beauté zu sehen und zu bewundern. Es war ein Verrath an sich selbst, als Bella den Grafen Clodwig heiratete, es konnte nur in einem Momente sein, wo sie ihr Beauté-Bewußtsein verlor. Wie können wir solche Menschen gerecht beurtheilen?« Der Major rief laut aus der Kammer, man solle ihm doch mittheilen, was der Doctor so laut und heftig spreche. Fräulein Milch beruhigte ihn und sagte: es sei keine Unterhaltung für einen Kranken; sie gestand indeß, daß von Bella die Rede sei. Als Fräulein Milch wieder in die Wohnstube eintrat, kam ein Bote von Villa Eden, der den Doctor und die Professorin heimrief; Frau Ceres sei in Lebensgefahr. Der Doctor und die Professorin eilten nach der Villa. Viertes Capitel. »Heinrich, komm! komm zurück! Das sind Deine Bäume, Dein Haus! Komm zu mir! Ich tanze Dir! Heinrich! Heinrich!« So rief Frau Ceres. »Kommen Sie,« sagte sie zu Fräulein Perini. »Seine Eriken müssen gut gepflegt werden, ich verstehe es, ich hab's von ihm gelernt. Gute Moorerde, die lassen wir trocknen und zerschlagen und sieben. Wenn er kommt, wird er sagen: das hast Du brav gemacht, Ceres; Du bist ganz gescheidt.« Sie ging mit Fräulein Perini nach dem Treibhause und sagte mit Verständigkeit dem Obergärtner, wie er sorgsam darauf halten solle, daß die Luft bei den Eriken in mittlerer Temperatur und ständig feucht gehalten werde. Fräulein Perini schickte einen Gartenburschen nach Erich, sie konnte es vor Beängstigung mit Frau Ceres allein nicht aushalten. Frau Ceres war ganz ruhig; sie hob die Erikentöpfe etwas in die Höhe, um nachzusehen, ob die Untersetzer gehörig feucht seien; endlich wendete sie sich um und sagte: »Es wäre Zeit, daß der Herr Hauptmann lernte, wie man die Pflanzen behandelt. Die Herren Gelehrten meinen immer, sie können von uns nichts lernen; von meinem Mann können sie sehr viel lernen. Mehr als zweihundert Sorten Eriken sind am Cap. Ja, Sie können es glauben. Er hat's gesagt. Nun wollen wir wieder ins Haus zurückgehen.« Sie gingen und kamen auf den großen Platz, wo der See mit dem Springbrunnen war. Plötzlich that Frau Ceres einen gellenden Schrei. Dort ging ein Mann im grauen Schnurenrock, mit ihm der Krischer. »Heinrich! Heinrich! Da bist Du! Ich bin da. Komm. Warum wendest Du Dich ab.« Der Mann wendete sich um; es war Adams. Frau Ceres schrie: »Du bist in einen Neger verwandelt! Heinrich, wer hat Dir das gethan? Heinrich! Pfui! Thu die schwarze Haut ab, Heinrich!« schrie sie und sprang mit aller Kraft auf Adams zu und riß ihm die Kleider vom Leibe. Sie sank vor ihm nieder, sie wurde in Zuckungen von Adams und dem Krischer ins Haus getragen, als eben der Doctor und die Professorin ankamen. Frau Ceres wurde nicht mehr zum Leben erweckt . . . Manna und Roland knieten lautlos an der Leiche ihrer Mutter. Die schönen Blumen, die Sonnenkamp so sorgsam gepflegt, standen um die Leiche seiner Frau im Musiksaale. Die Freunde kamen; sie umarmten und küßten Roland, auch Lina kam und umarmte Manna still; mit einem Händedruck, mit einer Umarmung sagte ein Jedes dem Leidtragenden: Ich bin bei Dir, ich möchte Dir helfen, ich lebe. Auch Prancken erschien unter den Leidtragenden; er kniete an der Leiche nieder, neben ihm Fräulein Perini. Die Leiche wurde in der Kirche eingesegnet, und von da wandelte das Gefolge nach dem Kirchhofe. Knopf und der Lehrer Faßbender hatten den Gesangverein zusammen gebracht, sie sangen vor dem offenen Grabe. Roland stand an Erich gelehnt, Manna war von der Professorin und Claudine gehalten. Der Gesang war zu Ende, der Pfarrer trat vor. Er ließ eine Weile still seinen Blick auf der Versammlung ruhen; kein Laut war vernehmbar, vom Walde hörte man nur die Elster schnattern und den Nußhäher kreischen. Der Pfarrer sprach das Gebet um Sündenvergebung in das offene Grab hinein, dann weihte er das Grab mit den üblichen Worten, ließ Weihrauch darüber wehen und spritzte dreimal Weihwasser hinab. Jetzt bückte er sich, nahm die Schaufel und warf drei Schaufeln Erde hinab, indem er sprach: »Von Staub bist Du, zu Staub wirst Du.« Er erhob sich, sah die Versammlung ruhig an, sah still in das Antlitz der Leidtragenden, drückte das Gebetbuch an die Brust, und nachdem er einige allgemeine Betrachtungen ausgesprochen, rief er: »Du armes reiches Kind aus der neuen Welt! Jetzt bist Du in der wahren neuen Welt. Du, Verewigte, bist jetzt geadelt, denn der Tod adelt und Du trägst einen Schmuck, schöner als alle Deine Diamanten, denn Du warst bei aller Weltlichkeit ein gläubig Gemüth; Du hast die Dornenkrone des Schmerzes getragen. Ihr aber, die Ihr lebendig hier steht, Euch rufe ich zu: Ihr könnt Landhäuser bauen, Ihr könnt sie schön ausstatten, aber es kommt der Fürst alles Lebens, der Tod. Ein Bretterhaus, das ist die Heimat, das ist das Landhaus, Jedem beschieden tief im Erdengrund. An jenen reichen Jüngling ging das Wort: Laß Alles hinter Dir und folge mir nach. Wollt Ihr auch weinend von dannen gehen, da Ihr von dem Besitzthum der Welt nicht lassen konntet? . . . O, ich rufe Euch – nein, der diesen Tag über uns heraufgeführt und der in dieses Grab hinunterschaut, hoch oben über Allem, er ruft Euch zu: Zerreißt die Bande der Sklaverei, Ihr selbst seid Sklaven! Seid frei! Du, edle Jungfrau, die Du das Beste in Dir gehegt, schau hinab in dieses Grab und hinaus über die Spanne Zeit, wo Dir solch eine Grube sich öffnet. Verschmähe die Hand nicht, die Dich retten will. Tage des Jammers, Nächte der Verlassenheit werden über Dich kommen. Du wirst am Tage fragen: wo bin ich und was soll ich auf der Welt? Und in die dunkle Nacht hinein wirst Du klagen und schaudern vor der Nacht des Todes. Du kanntest das Heil, Du trugst es in Dir. Und nun? Treulos . . . dreifach treulos! . . . Treulos an Dir, an Deinen Freunden und an Deinem Gott!« Sich auf die Brust schlagend, mit thränengepreßter Stimme fuhr er fort: »Wie gerne, wie freudig will ich sterben, ich, der hier zu Euch spricht, wenn ich sagen kann, ich habe Euch gerettet. Nein, nicht ich, der Geist hat Euch gerettet durch den Hauch meines Mundes. Kommt her, laßt Alles, was Euch hält, worauf Ihr Euch stützt – kommt her zu mir, Ihr Kinder des Schmerzes, zu mir, Ihr Kinder des Elends, des Leids, des Reichthums und der hilflosen Armuth!« Er machte eine Pause, und als sich Niemand bewegte, fuhr er fort: »Ich habe gesprochen, habe gemahnt, wie ich mußte und weil ich mußte. Ich rufe Dich an, deren Hülle wir jetzt der Erde übergeben, rufe Du Deinen Kindern zu: die drei Schollen sollt Ihr auf mein Grab werfen, wenn Eure Hand hingibt, was man das Besitzthum der Welt nennt, und was nichts ist als der Kaufpreis um die verlorne Seele. Thut Ihr es nicht, so beten wir für Euch, die Ihr todt seid im lebendigen Leibe, wie wir für Dich beten, die wir nun todten Leibes in die Grube senken, aber deren Seele aufgegangen ist in die Ewigkeit. Gib, daß Deine Kinder die Ewigkeit empfahen, die Ewigkeit allein . . .« Der Pfarrer zitterte am ganzen Leibe und Roland bebte an der Seite Erichs. Jetzt trat Weidmann an die andere Seite Rolands und legte ihm die Hand auf die Schulter. Das Grab wurde zugeschüttet. Der Pfarrer ging rasch von dannen; Prancken ging mit ihm; die Leidtragenden kehrten nach der Villa zurück. – Roland war es zuerst, der sich ermannte und rief: »Ich lasse mich nicht zerbrechen und knicken. Der schwarze Schrecken soll mich nicht verscheuchen.« Auch Manna richtete sich auf. Der Tod und die Erschütterung am Grabe der Mutter ward zur neuen Befestigung im Wesen der Kinder . . . Am Tage nach dem Begräbniß bat Fräulein Perini um ihre Entlassung; sie erhielt noch die gesammte Garderobe der Frau Ceres. Sie ließ dieselbe in großen Kisten nach dem Pfarrhause bringen und reiste bald nach Italien zu der jungen Wittwe, der Tochter des Herrn von Endlich. Fünftes Capitel. Auf Villa Eden herrschte Stille und Trauer; draußen aber setzten die leichtblütigen Rheinländer ihr Leben in gewohnter Weise fort. Die Schoppengäste saßen beisammen. Da war die Rede von Paris, von London, von Amerika, der geht hin, der ist dort, der kommt heim; das ganze bewegliche Wesen der Rheinländer wurde laut; das lebt beständig wie auf die Welle gesetzt. Der grüne Strauß war im Nachbarstädtchen aufgesteckt, die treuen Verehrer des Heurigen, der noch auf der Zunge tanzt, versammelten sich. Zuerst kam der Holzhändler, man kann eigentlich nicht sagen, er kam, denn er war immer da; er ging nur bisweilen nach seinem Hause, um nach dem Geschäfte zu sehen, dann war er wieder in der guten getäferten Wirthshausstube, wo es im Sommer so kühl und im Winter so behaglich warm und so früh dunkel ist, daß man bald bei Licht trinken kann. Nun kamen sie nach und nach alle heran mit jenen zufriedenen Mienen, die die Zuversicht eines guten Trunkes und einer behaglichen Unterhaltung verleiht. Sie saßen endlich beisammen. Zuerst ging's an ein Besprechen über das Benehmen des Pfarrers beim Begräbniß der Frau Ceres. Man stritt hin und her, ob der Kirchenfürst den Auftrag hiezu gegeben oder mindestens einverstanden sei. Weiter wagte man sich nicht, denn der Holzhändler, oder vielmehr die Frau des Holzhändlers hielt streng zur Geistlichkeit. Das Gespräch wendete sich bald vom Pfarrer weg und haftete um so ergiebiger bei Sonnenkamp. Man hatte eigentlich doch Respect vor ihm; die Kraft imponirt, und ein Kraftstreich war es, wenn auch ein verwerflicher, nicht nur Sklaven zu verkaufen, solch ein Haus zu bauen, den ganzen Hof an der Nase herumzuführen, sondern auch noch zuletzt die Gräfin mitzunehmen. Der Agent, der mit Manna und Fräulein Perini rheinabwärts gefahren war, wollte wissen, daß Prinz Leonhard in Unterhandlung stehe, die Villa zu kaufen; er suchte dadurch eigentlich nur vorzubeugen, daß Niemand sich mit der Sache einlasse, da er selber einen Käufer ausfindig machen wollte. Der Holzhändler, der in Permanenz beim Schoppen war, sagte, das Beste wäre eigentlich, es machte sich eine Gesellschaft zusammen und kaufte die Villa mit aller fahrenden Habe. Das war nun guter Stoff. Ein Weinhändler, der jedes Jahr verkündete, daß er sein Geschäft aufgebe, und die letzte Versteigerung hielt, dann aber auch jedes Jahr sein Geschäft erneuerte, sagte, daß ihm einige Weinberge Sonnenkamps gut anständen; auch die Kellereien zu miethen und den gesammten Vorrath anzukaufen, wäre er nicht abgeneigt; die Pferde, die Hunde wurden vorläufig zur Versteigerung ausgesetzt. Es fragte sich nur, was man aus dem Hause machen solle. Wer nicht eine Million hat, kann das Haus nicht bewohnen, und schade wäre es doch für das schöne Haus und den gewählten Punkt, wenn man eine Fabrik daraus machte. »Hellauf! da kommt der Sputzenmacher!« hieß es plötzlich. Es war der Mann, mit dem Erich damals, als er beim Doctor übernachtet hatte, eine Strecke heimwärts fuhr; er hatte eines jener weinseligen gerötheten Gesichter, die kein Alter erkennen lassen jenseits der Vierziger-Jahre; dabei war sein Antlitz so beweglich, als ob es von Guttapercha wäre. Der Sputzenmacher winkte dem Wirthsmädchen, es wußte, von welchem er trank; er setzte sich behaglich nieder, die Cigarrenspitze aus der Tasche nehmend und das Futteral öffnend. »Was gibt's Neues?« wurde gefragt. Der Sputzenmacher gab die gewöhnliche Antwort: »Schön Wetter und nichts darauf.« »Wo bist Du denn seit drei Tagen gewesen, daß man Dich nicht gesehen?« »Da, wo man sein Leben verlängert.« »Was ist denn das wieder?« »Ich bin in der Hauptstadt Uniformingen gewesen; da kann man sein Leben verlängern, denn da wird einem die Zeit doppelt lang.« »Alt! alt!« schrieen die Schoppengäste. »Mußt was Neues geben!« »Ja wohl, was Neues! Ich sage Euch, manche Lügen sind nicht wahr, und das sind oft gerade die schönsten. Geht aber hinaus auf das Schiff; sie sitzen in der großen Cajüte, das ist ein Leben! Jedes bringt sein eigenes Kochbuch in die Ehe und dann verheiraten sie die Braten mit einander.« Von allen Seiten wurde der Sputzenmacher gehänselt, weil er so Albernes vorbringe. »Wenn Ihr ruhig sein wollt, erzähle ich Euch die Geschichte, aber erst muß Eins hinausgehen an den Rhein, damit ich hernach einen Zeugen habe, daß meine Geschichte eine wirklich wahre ist, wie der alte Oberförster sagt.« Ein Küfer wurde nach dem am Rhein vor Anker liegenden Schiffe abgeschickt; der Sputzenmacher gab Anweisung, was er erkunden sollte, dann sagte er: »Ja, ich hab' einmal das Glück, daß ich die besten Geschichten erlebe; sie laufen mir in die Hände.« »Erzähl'! erzähl'! Ist's was vom starken Sonnenkamp, oder von der schönen Gräfin?« »Ah bah! Das wäre altbacken. Ich habe eine neue, frisch von der Pfanne, und meine Geschichte heißt: Die Liebe von der »Lorelei« und dem »Beethoven«, oder ein Spanferkel als Ehestifter. Ja, lacht nur, werdet sehen, daß es eine wirklich wahre Geschichte ist. Also, Ihr kennt doch den Wirth auf der »Lorelei«? Sie heißen ihn das große Einmaleins, ein bestandener Mann und ein ehrlicher dazu, denn er gesteht ehrlich, daß er durch geschickte Addition bei den Rechnungen sich ein hübsches Vermögen zusammenaddirt hat. Nun ist er ledig . . . schrecklich ledig; Essen und Trinken schmeckt ihm, aber . . .« »Ja, ja, wir kennen ihn. Weiter.« »Unterbrecht mich nicht! Meine Geschichte muß nicht erzählt sein, mir ist's genug, wenn ich sie allein weiß. Also die Sache ist so: Der Capitän von der »Lorelei«, Ihr kennt ihn ja, der große Baumlange, er ist mehrere Jahre Steuermann auf dem »Adolph« gewesen . . . Also, der Capitän weiß seinem Restaurateur den Mund wässerig zu machen nach der Wirthin auf dem »Beethoven«, die seit zwei Jahren Wittwe ist, eine runde, appetitliche Frau. Es werden Grüße gewechselt von der weißen Mütze hüben und der weißen Haube drüben; zu einander gekommen sind sie aber nicht, bis vor vierzehn Tagen in Köln auf einige Minuten; da legten die »Lorelei« und der »Beethoven« an einander an, und dann war's wieder vorbei. Seitdem schmunzelt das große Einmaleins auf der »Lorelei« gar munter, aber vom Heiraten will er nichts wissen. Sich ein gutes Essen bereiten, wo Niemand etwas dreinreden kann, ist sein Hauptspaß; und da hat er nun ein säuberliches Spanferkel zurecht gemacht, das er sich auf morgen braten wollte. Sein Capitän weiß, daß die beiden Schiffe auf morgen, das heißt auf heute, hier übernachten. Er stiehlt nun das Spanferkel, gibt es dem Nachbar-Capitän und dieser der Wittwe vom »Beethoven«, daß sie es gut bereite und noch etwas dazu; sie thut das mit allem Willen. Nun ladet der Capitän seinen Wirth zum Abendessen auf dem »Beethoven« ein, und da die Wirthin das Essen stellt, ist es nicht mehr als billig, daß der Einmaleins von der »Lorelei« den Wein dazu gibt. Sie setzen sich auf dem »Beethoven« zum Schmaus, die Wirthin ist natürlich auch dabei, und es geht überaus lustig her. Der Einmaleins sagt, besser könne man ein Spanferkel nicht herrichten, und es sei fast gar so fein, wie das seinige. Nun kommt die Schelmerei bald heraus, aber lustig sind sie, und kurz und gut – beim Spanferkel ist die Verlobung gefeiert worden.« Kaum hatte der Sputzenmacher so weit erzählt, als der Küfer mit dem Capitän der »Lorelei« kam und Alles der Wahrheit gemäß bestätigte. Die Lustigkeit war lärmend und übermüthig, und der Capitän erzählte, daß die Neuverlobten die gleiche Liebhaberei hätten; sie sammelten während des Sommers möglichst viel Gold, und jetzt sitzen sie beisammen und putzen mit Seifenwasser das Gold blank und lachen dazu. Da trat der Steuermann ein; er mußte noch einmal die Geschichte erzählen, wie bei stürmischem Wetter die Gräfin Wolfsgarten mit Sonnenkamp rheinab gefahren sei; er hatte sie deutlich erkannt. Jetzt wendete sich das Gespräch wieder, und es schien eine Vereinigung zu Stande zu kommen, daß eine Gesellschaft das Landhaus mit allem Zubehör kaufe und dann den Gewinn aus dem Wiederverkauf theile. Der Agent, der diese Gesellschaft nicht zu Stande kommen lassen wollte, lachte über das Vorhaben und sagte jetzt, es sei eigentlich nur Scherz gewesen, daß er erzählt habe, Prinz Leonhard wolle das Landhaus kaufen; es sei so viel als sicher, daß die Kinder das Landhaus gar nicht veräußern. Und warum sollten sie nicht in der Gegend bleiben? Jedermann habe sie lieb, hier sei nun einmal bekannt, wer sie seien; man habe sie trotzdem lieb. Auch Andere stimmten bei, daß man den Kindern nur rathen könne, im Lande zu bleiben, zumal da ein so tüchtiger Mann, wie der Hauptmann Dournay, das Ganze in Besitz nehmen werde. Man sprach lebhaft und der Wein mundete gut dazu; Schoppen auf Schoppen wurde getrunken. Als man endlich davon ging, hielt der Holzhändler in einem Seitengäßchen zwei Kameraden fest und sagte, es wäre nicht gut, solch ein Geschäft in großer Gesellschaft abzumachen, sie drei mit einander wollten suchen, es in die Hand zu bekommen; er habe erfahren, daß Herr Weidmann auf Mattenheim eine Art Vormund und Bevollmächtigter sei; er sei ein Mann, mit dem sich gut verkehren lasse, und so müsse es das Erste sein, daß man mit ihm in Verbindung trete. Andern Tages erschien der Agent bei Weidmann und bat, daß man ihm die Vermittlung beim Verkauf des Landhauses übergeben möge, er werde das Beste herausbringen. Kaum hatte Weidmann ihn abgewiesen, als die drei Männer vom Heurigen kamen; auch diese lehnte Weidmann ab, da vorerst keine Rede davon sei, das Landhaus zu verkaufen. Sechstes Capitel. Während die Menschen draußen bereits über Haus und Hof verfügten und dessen Bewohner in die Fremde schickten, saßen Roland und Manna in stiller Trauer. Nach gewaltiger Erschütterung, nach der anspannenden Kraft, solche zu ertragen, tritt eine Müdigkeit, eine Ruhebedürftigkeit ein, die nichts möchte, als nur die erste Zeit im Schlafe verbringen, bis sich die Lebenskräfte wieder erneuert haben. Der Vater war entflohen, die Mutter todt, und draußen tobten die einbrechenden Winterstürme. Sonnenkamp hatte seinen Kindern den größten Theil seines Reichthums zurückgelassen; er hatte erklärt, daß auf diesem Besitzthum kein Flecken hafte, aber es ruhte dennoch kein Segen für die Kinder auf diesem väterlichen Erbe. Sollten sie Alles von sich geben? Sie waren im Reichthum erzogen, daran gewöhnt, hier in diesem Hause, wo Alles in solcher Fülle, hier im Garten, wo man lustwandeln konnte; aber weit weg drängten sie die Versuchung des Reichthums, ja sie waren kaum davon berührt. Erich und Manna wollten sich ein neues Leben schaffen. In Roland erwachte nun ganz allein der Gedanke, zu welchem Berufe er sich bestimmen sollte. Er sagte Manna, daß er entschlossen sei, Landwirth zu werden und mit seiner Hände Arbeit sich sein Brod zu verdienen. »Ach,« sagte er ihr, »wenn Du nur auch eine Thätigkeit gewinnen könntest.« Und es war ein aus Schmerzen hervorbrechendes Lächeln, wie ein aus dunkler Wolke dringender heller Strahl, da er hinzusetzte: »Ich vergesse ja ganz, daß Du die Gattin Erichs wirst.« Manna schwieg. »Was liesest Du denn so eifrig?« fragte Manna, da er stundenlang still sitzend von einem Buche nicht aufsah. Er zeigte es ihr, es war ein Lehrbuch der Forstwissenschaft. Die Erkenntniß des stetigen Wachsens, diese Pflege desselben durch den Menschen erquickte ihm die Seele. Es war mit einem eigenen Herzstoß, da er sagte: »Ich konnte nicht, wie der Väter, Gartenpflanzen pflegen, aber es ist doch von ihm, daß mich der Forstbetrieb am meisten anzieht. Die Kraft des Bodens, die Gesetze des Wachsthums sind in der alten und neuen – ich wollte sagen – auf der ganzen Erde die gleichen.« Roland wagte noch nicht, Manna zu sagen, daß er sich vorbereite, nach Amerika zu ziehen. Selbst die Geschwister scheuten sich, mit einander davon zu sprechen, wie sie ein Leben fortsetzen wollten, dem alles Aeußerliche geboten war, dem aber ein Etwas fehlte, das nie zu ersetzen schien: die Ehre. Weidmann kam nach Villa Eden, und jetzt übernahmen er und Erich im Beisein des Notars die Werthpapiere. Im Pulte des Schreibtisches lagen die Schlüssel und das geheimnißvolle Wort, zu dem die Buchstaben an den Drehrosetten gefügt werden mußten, damit der Schlüssel öffne. Das Wort hieß Manna. Das Besitzthum war wohlgeordnet; in verschiedenen Fächern lagen Staatspapiere von allen europäischen Staaten, in der größten Anzahl von amerikanischen, Actien von Bergwerken und den mannigfaltigsten Bank-Instituten; da lagen die Papiere von verschiedener Art und Farbe, alle Schattirungen des Regenbogens waren da. Auf den Wunsch Weidmanns mußte Erich mit Roland und Joseph nach der Handelsstadt reisen, um die Staatspapiere in sichere Obhut zu bringen. Dort angekommen, war ihr erster Weg nach dem Hause des Banquiers, das, in einem Garten vor dem Thore, ländliche Ruhe mit städtischer Bewegtheit vereinigte; das Gewerbs- und Geschäftsleben hielt sich im Innern der Stadt, hier draußen war ein befreites Sein. Freundlich anmuthend herrschten Schönheit und Bildungssinn in dem reich ausgestatteten Hause. Erich traf den Banquier in dem großen, mit schönen Statuen geschmückten Bibliotheksaale; er schaute verwundert auf den Mann, der sich so bescheiden auf Wolfsgarten beim Tode Clodwigs verhalten, während er in seinem Heimwesen über eine gediegene Fülle gebot. Das Gespräch ging bald auf Clodwig und Bella über. Der Banquier urtheilte mild; er hatte Mitleid mit Bella, deren zurückgedrängte Abenteurerlust zu einem solchen Extrem gekommen war. Er machte es Clodwig zum Vorwurf, noch einmal geheiratet zu haben; Clodwig habe sich getäuscht und einer Täuschung Bella's nachgegeben, die da geglaubt, daß sie sich an einem stillen Leben genügen könnte. Man fuhr nach dem Comptoir in der innern Stadt. Inmitten seiner Thätigkeit erschien der Banquier als ein ganz anderer; er hatte so zu sagen eine Comptoirseele und eine Hausseele. In seinem Hause freundlich, liebenswürdig, leicht spendend und redselig, auf dem Comptoir karg im Wort, kurzab, entschieden und genau berechnend. Zunächst erklärte er, daß er das reiche Besitzthum nicht selbst in Verwahrung nehme; man müsse es vielmehr der städtischen Bank übergeben. In Begleitung des Cassiers, der ein Sohn Faßbenders war, brachten Erich und Roland die Papiere nach dem Gewölbe der Bank. Als man das Bankgebäude verließ, athmete Roland frei auf, da nun das Alles von ihm und den Seinen genommen war. Wie von einer Last befreit, kehrte er mit Erich nach Villa Eden zurück. Er sehnte sich nach Mattenheim, und jetzt erklärte auch Erich, daß er mit nach Mattenheim ziehe; er wolle ausschauen und sich vorbereiten, eine Thätigkeit zu finden, die ihm gestatte, aus eigener Kraft einen Hausstand zu gründen. Als Erich seinen Plan dem Major mittheilte, klagte dieser, daß er sich in alten Tagen noch ein neues Nest bauen müsse, denn der Bruder Altmeister, dessen Frau gestorben war, hatte sich wieder verlobt und wollte zum Frühling heiraten. Fräulein Milch hatte nicht Lust, neben einer jungen Frau geduldet zu leben, und als der Bruder Altmeister sagte, daß er eines der Zimmer, welche der Major bisher inne gehabt, zum Fremdenzimmer für Verwandte herrichten wolle, übte sie eine große Eigenmächtigkeit, indem sie mit eben so viel Dank als Entschiedenheit erklärte, daß sie das Haus verlasse. Das war vielleicht das einzige Mal, daß ein Zwiespalt zwischen ihr und dem Major stattfand. Als aber der Major sah, wie schmerzlich Fräulein Milch den Fehler der Eigenmächtigkeit empfand, schalt er über sich selbst, daß er zu demüthig und nachgiebig sei; ja, er dankte Fräulein Milch, daß sie den Stolz wahre, den er eigentlich haben müsse und so leicht vergesse. Er besprach mit ihr den Plan, nach der Burg zu ziehen, da seien bereits ausgebaute Zimmer, und es müsse sich da oben gar lustig leben; aber Fräulein Milch wollte vom Wohnen auf der Ritterburg nichts wissen. Sie schilderte dem Major die Plackerei, die man haben werde; den Fleischer, den Bäcker, den Krämer, die Milchfrau, alle Handwerke und Geschäfte jagte sie ihm auf den Hals, daß ihm ganz Angst wurde. »Es ist keine Rede mehr davon,« rief er, »aber bitte, lassen Sie mich nicht vergessen, ich muß den Hauptmann Dournay fragen, wie denn die alten Ritter lebten.« Als nun Erich kam, war das auch das Erste, was der Major ihm vorlegte; erst dann besprach er seine Wohnungsnoth. Als Erich am andern Tage nach Mattenheim abreiste, küßte er zum ersten Male vor den Augen der Mutter seine Braut. Erich und Roland ritten davon. Auch Adams ritt mit ihnen; er sollte auf Mattenheim zur Thätigkeit angeleitet werden. Die Frauen waren allein mit Professor Einsiedel und dem Major, der mehr als je sich bei ihnen aufhielt. Die Villa war still und leer, viele Diener waren entlassen, nur die Gärtner hatte man behalten. Manna wohnte im grünen Hause, sie trug schwarze Trauerkleider, ihr dunkles Auge erschien noch größer; sie wollte von der Gemeinschaft der Menschen draußen nichts mehr wissen; sie lebte wie eine jüngere Schwester in ständiger Gesellschaft Claudinens, mit der sie las, musicirte und nach den Sternen sah. Sie schrieb einst an Erich nach Mattenheim: jene Anmerkung seines Vaters über eine Frau, die in der Trauerzeit die Musik von sich gewiesen, passe nicht auf sie; sie fühle eine Art Erlösung im Reich der Töne, noch mehr als im Ausblick zu den Sternen. Siebentes Capitel. Ein frisches Leben war auf Mattenheim; der Tag begann früh und endete früh. Alles war voll Arbeitsamkeit, Erich arbeitete in der Pulverfabrik, die ein Sohn Weidmanns eingerichtet hatte, selbst Adams, der sah, wie Jedes sich bethätigte, konnte sich der Arbeit nicht entziehen. Er schämte sich seines Müßiggangs. Der Knecht, der ehemals Sträfling gewesen, mußte ihn pflügen und säen lehren; auch zum Dreschen drängte er sich, aber er konnte nicht Tact halten. Am liebsten arbeitete er in der Mühle, und es war ein seltsamer Anblick, den starken Neger mit Mehlstaub bedeckt auf und ab wandeln zu sehen. Daneben war er am Abend eifrig beim Unterricht, den ihm Knopf ertheilte. Von allen Menschen auf Mattenheim war Knopf der Glücklichste. Was hatte er auch nicht Alles? Weidmann, den er verehrte, Erich, den er hoch hielt, Roland, den er schwärmerisch liebte, und einen Fürsten und einen Sklaven, die er unterrichtete. Ja, Fürst Valerian mußte es sich gefallen lassen, neben Adams unterrichtet zu werden; denn während dieser Schönschriften machte, setzte der Fürst seine Studien in Geschichte und Mathematik fort. Den Tag über war man in jeglichem Wetter auf freiem Felde beschäftigt; es wurden Vermessungen vorgenommen, vor Allem in der nun angekauften Domäne; die Wälder wurden durchforstet und es gab gute Jagden, bei denen sich Roland mit großem Geschicke hervorthat. Weidmann war besonders glücklich, daß er den Plan ausführen konnte, ein neues Dorf auf der vom Staate angekauften Domäne anzulegen. Er belehrte die jüngeren Männer, daß Weinbau ohne Ackerland einen unsichern Hausstand gebe, nicht nur durch Fehljahre, sondern auch dadurch, daß der kleinere Weinbauer, der im Herbste verkaufen muß, für sein geringes Wachsthum weniger erhält; ein Bauer, der Weizen oder Kartoffeln zu verkaufen hat, bekommt für das kleine Erträgniß denselben allgemeinen Preis, den Andere für ein großes bekommen; nicht so aber ist es beim Weinverkauf. Knopf bat beständig, man möge ja nicht eines jener langweiligen Colonisten-Dörfer bauen in gerader Linie; der Architekt tröstete ihn, indem er zeigte, daß der Bach durch seine Krümmungen und die anzulegende Kirche auf einer Anhöhe eine künstlerische Gruppirung gebe. Roland ging so zu sagen von Hand zu Hand, denn Jeder der Söhne Weidmanns nahm ihn auf Stunden und Tage mit und Jeder hatte seine Lust, ihm das Beste mitzutheilen, was er wußte. Weidmann hatte ein beständiges, zuverlässiges Gleichgewicht, so daß jede stürmische Bewegtheit eines Andern davor zurückwich; er hatte Würde ohne Schwerfälligkeit, er hatte ein ruhiges festes Maß für alle Dinge. Er registrirte einen Fehler, ein Mißgeschick, in allgemein politischen wie in Privat-Angelegenheiten, mit mannhafter Ruhe, ohne sich beirren und entmuthigen zu lassen. Ein Strom, der so klar ist, daß man dessen Grund sehen kann, erscheint weniger tief als er ist, und so war es auch bei Weidmann. Er hatte weniger Geistreiches, er war einfach sachlich. Der Abend jedes Tages hatte seine feierliche Weihe; der Feierabend, der leider aus unserer Welt verschwindet, stand hier noch in voller Geltung. Hier war das frische Leben des productiven Reichthums. Frau Weidmann, die Tages über wohl sauber und nett, erschien am Abend gesellschaftsmäßig gekleidet. Man betete auf Mattenheim nicht, aber Weidmann hatte eine eigene Andacht des Geistes, die sich bei vielen Lebensereignissen kundgab. Viel Heiterkeit erregte Fürst Valerian; er hatte die Wißbegierde, die er schon am ersten Tage auf Wolfsgarten bekundete, noch immer behalten, und so unermüdlich der Fürst im Fragen, so unermüdlich war Weidmann im Antworten. Jetzt stand Roland in einer Gemeinschaft, er hörte Antworten auf Fragen, die er nicht selbst gestellt; und wie er zuerst diese Fragen sich innerlich erneuern mußte, so drangen auch die Antworten erwecklicher in seine Seele als diejenigen, die er ehedem selbst gefordert hatte. Wenn man auf dem Felde, von den Fabriken, den Bergwerken und der Domäne heimkam, konnte man im Antlitz der Frau Weidmann sehen, ob ein Brief aus Amerika da war. Von Doctor Fritz kamen oft Briefe und die höchste Freude war es, wenn auch Lilian dazu schrieb. Knopf hatte seine heimliche Dichterlust, der Stillvertraute einer romantischen Liebe zu sein. Weidmann sprach es geradezu aus, daß jetzt ein Gewitter über der Welt heraufziehe, und er hoffe, daß das in Amerika losbrechende auch die Luft in Europa reinige. Knopf, hierdurch ermuntert, erzählte, wie man Ludwig XII. vorgestellt, daß man die wilden Völker nicht bekehren könne, man müsse sie vorher zu Sklaven machen, dann könne man sie zur Kirche bekehren; man bekehrte sie nun zur Kirche und vergaß nur die Kleinigkeit, sie dann aus der Sklaverei zu befreien. Frau Weidmann war sehr unwillig, daß man Derartiges vor Roland erörterte, aber sie tröstete sich, daß ihr Mann gewiß seinen wohlbedachten Zweck habe. Und in der That war es die Absicht Weidmanns, Roland voll und ganz in diese Frage zu führen. Er kannte die Sophistik der Welt und wußte, wie leicht ein bedrücktes Gemüth derselben zugänglich ist; hatte er ja auch in der Handelsstadt vernommen, daß selbst menschenfreundlich Gesinnte die Sache des Sklavenhandels mit allerlei Beschönigung betrachteten. Roland sollte den ganzen Schmerz haben, um nach seinen Kräften die ganze Versöhnung zu bewirken. Mit einer ihm sonst fremden Heftigkeit sprach er seinen Unmuth aus, daß man eine Berechtigung dafür finden konnte, einen mit Sprache und Vernunft begabten Menschen als Sache zu behandeln. So lebte man auf Mattenheim geraume Zeit in allseitiger Bewegung . . . Die rheinische Gastfreundschaft war auf Mattenheim noch volle Wahrheit. Der Banquier kam und war erfreut, Roland so frisch thätig zu finden. Auch Professor Crutius kam. Er näherte sich Roland freundlich, dieser aber hielt sich entschieden von ihm fern. Knopf, der ein Studiengenosse des Professor Crutius war und ihn nach Villa Eden empfohlen hatte, kündigte Crutius förmlich seine Freundschaft auf; er hätte Sonnenkamp um der Kinder willen schonen müssen. Weidmann dagegen, der die Art, wie Crutius verfahren, ebenfalls mißbilligte, aber die streng politische Haltung des Mannes hoch achtete, behielt ein freundliches Verhältniß zu ihm. Durch Crutius und seine Mittheilungen über die Zustände der neuen Welt wurde nun sehr eifrig besprochen, wie ein großer, langer und entscheidender Kampf zwischen Freiheit und Knechtschaft bevorsteht. Crutius konnte aufs Neue und aus eigener Wahrnehmung bestätigen, daß die Südstaaten reichlich mit wohlgeschulten Officieren versehen seien, denn an der Kriegsschule zu Westpoint, wo er ehedem Lehrer gewesen, waren weit mehr Zöglinge aus den südlichen, als aus den nördlichen Staaten. Wird die Union zersprengt, siegen die Sklavenhalter, dann ist die Sache der Freiheit ins Mark getroffen. Nach der Abreise des Professor Crutius bemerkte man an Roland eine stille Schwermuth. Er that, was man von ihm wünschte, aber stundenlang konnte er starr dreinschauen. Weder zu Weidmann, noch zu Erich gab er kund, was in ihm vorging; nur gegen Knopf äußerte er seine Beklommenheit, aber Knopf mußte ihm geloben, sonst Niemand Mittheilung zu machen. Roland hatte vernommen, daß Doctor Fritz der erbittertste Feind seines Vaters sei. Wie eine verschüttete Flamme, die plötzlich vielzackig aufzüngelt, so ging aufs Neue aller Schmerz in Roland auf. Der Schmerz um die That des Vaters, um seine Flucht und die Entführung Bella's, während die Mutter noch lebte; der Tod der Mutter und das traurige Erbe – das Alles wirrte sich durch einander und die einzige freie Erlösung war vernichtet. Lilian ist die Tochter eines der erbittertsten Feinde seines Vaters und er selber, wenn es zur Entscheidung kam, sollte er im feindlichen Heere seinem Vater gegenüber stehen? Achtes Capitel. Das große Gesetz unserer Zeit, daß alles Leben als einheitliches empfunden wird, machte sich nirgends stärker und nachhaltiger geltend, als in dem thätigen Hause auf Mattenheim. Weidmann hielt sein Denken auf die Bewegung in der neuen Welt gerichtet, und der Jüngling war durch sein Schicksal damit verbunden. Mit Begierde las Roland die Schriften und Zeitungen, in denen die sogenannte Sklavenfrage erörtert wurde. Doctor Fritz schrieb in unzufriedenem Tone über Lincoln; er fürchtete, daß der Mann so lauteren Charakters und so grundmäßigen Glaubens an die Güte der Menschen nicht entschieden genug gegen die Junker der Südstaaten vorgehen werde. Roland hörte hier die Sklavenhalter immer Junker nennen, und Weidmann erklärte ihm, daß dies der vollkommen deckende Ausdruck sei. Die Sklavenbesitzer wollten nur den sogenannten noblen Passionen leben; für den Lebensunterhalt, ja für den Luxus sollten andere Menschen arbeiten. Das ist das correcte Junkerthum. Denn es sieht die Arbeit als etwas Erniedrigendes und Entwürdigendes an, während Arbeit allein der Adel des Menschen ist. Roland las jetzt zum ersten Mal »Onkel Toms Hütte«; er weinte Thränen darüber, aber bald richtete er sich auf und fragte: Was ist das? Den Gepeitschten und Mißhandelten an Vergeltung im Jenseits weisen, wo der Herr des Sklaven gezüchtigt und der mißhandelte Sklave erhöht wird? Wer gibt die erlittene Qual zurück? Ist das nicht wie damals beim Krischer? Wer entschädigt ihn für die Gefangenschaft, die er erleiden mußte, um dann als unschuldig erkannt zu werden? Ganz anders war die Wirkung des aus gediegener Vorbereitung entstandenen Buches von Friedrich Kapp, »Geschichte der Sklaverei in Amerika,« dessen Erscheinen eben jetzt wunderbar mit den Ereignissen zusammen traf. Anfangs konnte der Jüngling nicht fassen, wie man sachlich und rein geschichtlich eine so empörende Thatsache darstellen könne; bei einer Stelle aber schrie er unwillkürlich laut auf, denn es hieß: »Die Rheder der Sklavenschiffe sind fast sämmtlich Ausländer, Spanier und Portugiesen, leider auch« . . . hier folgte ein Gedankenstrich, und dieser Gedankenstrich war wie ein Dolch . . . »leider auch – Deutsche!« Zum ersten Mal wurde Roland auch an Benjamin Franklin zweifelhaft. Er las, daß Franklin zwar den Vorsitz in der abolitionistischen Gesellschaft zu Philadelphia geführt, aber auch er wie die anderen Helden des amerikanischen Befreiungskampfes hatten sich in der Bemühung, die Einheit zu schaffen, bei Gründung der Union mit dem Gedanken getröstet, daß in einem Menschenalter durch Zunahme der freien Arbeit die Sklaverei aufhören und erlöschen werde. Ihre Hoffnung hatte sich nicht erfüllt und jenes Wort Theodor Parkers erneuerte sich schmerzlich: » Alle großen Urkunden der Menschheit sind mit Blut geschrieben worden. « Vor einem Bild von Ary Scheffer, das in der Wohnstube hing, stand Roland oft nachdenklich, es war die Anbetung des Jesuskindes. Darauf ist ein Neger, eine tiefrührende Gestalt, der die gefesselten Arme dem tröstenden und befreienden Erlöser entgegenstreckt. Zwei Jahrtausende streckt dieser Stamm dem erlösenden Menschheitsgedanken die gefesselten Arme entgegen. – Warum ist das bis jetzt so geblieben? Roland fielen die Verse von Goethe ein, er wiederholte sie zu Weidmann und dieser sagte: »Das Erbtheil des freien Menschen ist, daß er Niemand ganz und in Allem als vollkommen vor sich sehen kann. Aehnlich wie Goethe es thut, rühmen sich die Amerikaner selber, daß sie keine mittelalterlichen Zustände zu überwinden hätten, und sie haben doch das Erbe der Sklaverei, das Manche sogar als den natürlichen Zustand der arbeitenden Classe erklären.« Weidmann gab Roland die Rede zu lesen, die Abraham Lincoln im Cooper-Institute zu Newyork gehalten. Roland mußte sie laut vorlesen, seine Stimme stockte, sein Ton war schmerzlich bewegt, als er las: »Und würden wir auch unsere Stimmen aufopfern, Republikaner, Ihr könnt sicher sein, die Demokraten werden es hierbei nicht bewenden lassen. Wir dürfen nicht einmal stille sein. Wir müßten aufhören, die Sklaverei ein Uebel zu nennen, mir müßten ihre Berechtigung laut und unbedingt zugeben. Die Constitutionen aller unserer freien Staaten müßten abgeändert, und was immer in ihnen der Sklaverei widerspricht, ausgestrichen werden. Da die Südlichen vorgeben, die Sklaverei sei eine moralische Einrichtung, welche die Menschheit erhebe, so müssen sie folgerichtig darauf ausgehen, daß sie allgemein als ein sittliches Recht, als ein socialer Segen anerkannt und auch allenthalben eingeführt werde. Unser Pflichtgefühl fordert uns auf, solch einem Verlangen entgegen zu treten. Wir müssen an unserer Pflicht festhalten und jede schlechte Zumuthung mit ganzer Kraft und ohne alle Rücksicht zurückweisen. Weg mit dem sophistischen Gerede von einer Vermittlung, von einem Halbweg zwischen Gutem und Bösem! Hieße das nicht eben so viel als nach einem Mann forschen, der weder todt ist noch lebendig? Fort mit der Staatsweisheit »was gehts Euch an,« über eine Frage, die alle Menschen angeht. Kerker dürfen uns nicht erschrecken. Halten wir fest an dem Glauben: Recht gibt Macht. In diesem Glauben laßt uns handeln wie die Pflicht es gebietet bis zum Ende unserer Tage.« Thränen traten Roland in die Augen, er sah zu dem Bilde auf, wo der gefesselte Neger seine Hände emporstreckt, und in ihm sprach es: Du wirst erlöst. Neuntes Capitel. Die Bienen, die wir aus Europa mitgebracht, fliegen jetzt in den Frühling hinaus . . . schrieb Lilian aus Newyork. Auch auf Mattenheim nahte der Frühling mit Macht. Die Arbeit in Feld und Wald drängte sich, Sonnenschein und Hagelschauer wechselten in rascher Folge, aber die grüne Saat erquickte das Auge. Von Mattenheim aus gingen Einladungen an die Freunde zu einem Abschiedsfeste für Fürst Valerian, der in seine Heimat zurückkehren wollte. Zuerst kamen von Villa Eden die Professorin, Claudine und Manna, mit ihnen der Major und Professor Einsiedel. Manna und die Professorin fanden freundlichen Anschluß an Frau Weidmann und deren Schwiegertöchtern. Es war ein Leben im Hause so voll und reich durch alle Altersstufen, daß es einem Jeden das Herz erquickte. Die Frauen von Villa Eden wurden zu vielen Betrachtungen und Selbstprüfungen erregt, da sie hier ein immer thätiges Wesen sahen; denn im Hause war bei aller Geschäftigkeit ein gelassener festgeordneter Gang und ohne sich mit Gedanken abzuplagen, erfüllte Frau Weidmann den Kreis ihrer Pflichten. Sie war stolz darauf, das ganze Haus und besonders die großen Einmachgläser zu zeigen, wo nicht nur Vorrath für ihre eigene weitverzweigte Familie war, sondern auch für die Armen, die für nichts vorsorgen konnten. Freilich klagte sie auch, daß sie nicht Zeit genug auf ihre Fortbildung verwenden könnte, aber lächelnd setzte sie hinzu, es gehe ihr da, wie in ihrem Pflanzengarten; sie vertreibe dort die Vögel, denn entweder müsse man auf Salat und Strauchbeeren, oder auf Vogelsang verzichten. Alle waren erstaunt, als sie hier von der großen Bewegung hörten, die in der neuen Welt vorging, denn mit einem Briefe Lilians waren auch Zeitungen angekommen und Weidmann sagte, daß in diesem herankommenden Sommer die größte Entscheidung unseres Jahrhunderts, ja vielleicht die der ganzen modernen Geschichte vor sich gehe. Wenn es möglich ist, die Union zu zersprengen, dann wäre die Freiheit und Humanität, an der wir Alle arbeiten, in so großem Maße geschädigt und zurückgeworfen, daß die kleine Arbeit des Einzelnen davor verschwindet. Lina kam mit ihren Eltern und ihrem Bräutigam, auch der Doctor mit seiner Frau kam; er brachte die alle Anwesenden bewegende Nachricht, daß Prancken in das päpstliche Heer eingetreten sei. Man versammelte sich endlich zu dem großen Mahle, das ein Abschiedsfest für den Fürsten Valerian sein sollte. Weidmann, der obenan saß, brachte den Trinkspruch auf den scheidenden Freund aus. Nachdem er dessen Wißbegierde und Eifer für die Mitmenschen betont, führte er aus: »Zwei Dinge kämpfen in der Welt mit einander: Egoismus und Humanität. Je mehr Du Anderen in Liebe dienst, um so freier bist Du; je mehr Du Dich hingibst, um so reicher bist Du in Dir. Wir arbeiten an der Befreiung unsrer Mitmenschen. Auf Berechnung allein stellt sich keine Befreiung. Wo die Liebe nicht mitwirkt, die Selbstlosigkeit, wird kein Dauerndes geschaffen. Erwerbssucht und Genußsucht drängen sich vor, als wären sie allein der Charakter unserer Zeit. Wir aber rufen: groß ist unser Jahrhundert! Europa mit seiner alten Cultur, seinem untergehenden Adel, strebt danach, alle Menschen zur Arbeit zu verpflichten, das russische Reich und Amerika die Menschen zur freien Arbeit zu erlösen. Seit ich die große Jahrtausendwelle auf mich eindringen sehe, seitdem lebe ich froh und in heiliger Zuversicht. Den Glaubenssatz versteht Jeder nach seinem eigenen Sinn, wie ihn Jeder in seiner ihm allein angehörenden, im letzten Ton unnachahmlichen Stimme spricht. Die That, die gerechte, die schöne, die freie That allein kann nicht gedeutet, nicht mißverstanden, vom Einzelnen nicht verändert werden; wir können keinen Bund der freien That stiften, denn die freie That gehört Jedem allein.« So ziehe nun Fürst Valerian in fremde Lande als Genosse der freien schönen That. Noch während man bei Tische saß, kam ein Brief des Professor Crutius, worin dieser Herrn Weidmann mittheilte, daß nach so eben bei der Redaction eingetroffenen überseeischen Correspondenzen der Krieg in Amerika ausgebrochen sei. Tief bewegt verkündete Weidmann diese Nachricht der Gesellschaft. »Ich ziehe in den Krieg!« erhob sich Roland. Sein Angesicht leuchtete, sein Auge glühte. Alles schaute auf ihn, Niemand schien ein Wort zu wagen; endlich sagte Weidmann: »Es ist Ihr Schicksal, Ihre Pflicht.« »Könnte ich mit Dir ziehen!« sagte Erich. »Du kannst, Du sollst!« fiel Manna ein. »Ich? Und Du, Manna?« »Ich ziehe mit Dir; ich ziehe mit Euch.« Roland fiel seiner Schwester um den Hals und rief: »Manna, Du bist eine Heldenfrau. O meine Schwester! O Erich! Wir Alle setzen uns ein! Jetzt ist die Befreiung da.« »Ich habe das kommen sehen,« sagte die Professorin. »Wer darf es wagen, Euch zurückzuhalten?« Knopf hatte Adams herbeigerufen, der laut aufjauchzte, die Fäuste ballte und rief: »Ziehen wir alle . . . alle!« Man umarmte einander, wie wenn eine Erlösung über die Welt gekommen wäre. Als man sich wieder ruhig niedergesetzt hatte, sagte Manna leise zu Erich: »O Erich! Und der Vater im feindlichen Lager, und sein Sohn ihm gegenüber . . .« Erich beruhigte sie, indem er erklärte, daß er in die von Sonnenkamp bezeichnete südstaatliche Zeitung mit Worten, die nur Sonnenkamp verstehe, die Anzeige gebe, daß Roland in das amerikanische Landheer eintrete, in der Zuversicht, daß er dann nicht seinem in der Marine kämpfenden Vater gegenüber stehe. Es schien ganz vergessen, daß man zu einer Abschiedsfeier des Fürsten Valerian zusammengekommen war. Dieser erhob sich und sagte, daß er die hochgehende Stimmung der Freunde, die er zurücklasse, nicht unterbrechen wolle; er werde es in der Seele mitnehmen, welche dem Reinen lebende Menschen in einem Hause auf der rheinischen Hochebene athmen, und das Gedenken als ein Heiligthum für sein ganzes Leben auch in weiter Ferne bewahren. Er wußte darauf hinzudeuten, daß es Momente im Leben gibt, die wie ein Aufbrechen der Blüthe seien, die sich lange und still in der Knospe vorbereitet. Und wie jetzt draußen in der Natur Alles aufbreche, so sei es ihm ein Glück, Erich und Manna nun als Ehegatten zu wissen, die sich entschließen, vereint dem Kampfe um die reine Menschlichkeit sich zu Gebote zu stellen. Der Fürst sprach mit bewegter Stimme, und Alles war bewegt, da er zuerst laut ausgesprochen hatte, daß Erich und Manna nun ihre Hochzeit feiern. In die aufs Höchste gespannte Gemüthsspannung Aller kam eine gewisse Beruhigung und Ablenkung, als Knopf nun ein Abschiedsgedicht vorlas; es war viel Lustiges darin, die ganze Tischgenossenschaft lachte, während einem Jeden das Herz erbebte. Man stand auf. Lina mußte noch ein Abschiedslied singen, und fröhlich fuhr Fürst Valerian dahin, von Knopf bis zur Eisenbahn begleitet. Die Männer umstanden Erich, die Frauen waren bei Manna, die in sich erschauernd, die Augen niederschlagend, mit in einander gelegten Händen da stand; Roland ging von einer Gruppe zur andern, bald sprach er zu Manna, bald zu Erich. Es wurde beschlossen, daß die Professorin, Claudine, Lina und Manna im Geleite Rolands und des Professor Einsiedel nach der Villa zurückkehren und andern Tages auch Erich mit den Männern dahin kommen sollte, wo alsdann Weidmann die bürgerliche Trauung, die seines Amtes war, vollziehen werde. Zehntes Capitel. Ein heller Frühlingstag war aufgegangen. Manna stand in bräutlichem Schleier in ihrem Zimmer bei der Professorin und Claudine; sie sprach kaum ein Wort. Lina brachte den frischen Myrtenkranz; sie war voll Jubel und mußte sich zurückhalten, ihre übermüthige Stimmung zu beherrschen. Der Major und Professor Einsiedel traten ein und holten Manna zur Trauung ab. Im Musiksaale, den die Gärtner nach der Anordnung Lina's reich geschmückt hatten, harrten ihrer Erich, der Doctor, der Landrichter und Weidmann, der heut zum Zeichen seines Bürgermeister-Amtes die goldene Kette auf der Brust trug. Erich ging Manna entgegen, sie reichte ihm die Hand, er führte sie an den mit Blumen bestellten Tisch, hinter welchem Weidmann wartend stand. Als Manna ihren Namen schrieb, sank sie fast zusammen: sie schrieb »Manna« und sah sich um und fragte leise: »Wie soll ich schreiben? Sonnenkamp oder Banfield?« Sie legte ihr Haupt mit dem Myrtenkranz an die Brust Erichs, der ganze Schmerz ihres Lebens drängte sich in diesen einen Augenblick zusammen. »Schreibe beide Namen,« sagte Erich leise. »Künftig hast Du den meinen.« Sie schrieb, dann erhob sie sich und sagte: »Nun ist das Letzte geschehen. Hier verspreche ich Dir, Erich, nie mehr soll Derartiges mich überwältigen. Mit Dir, mit Deinem Namen beginnt mein neues Leben.« Weidmann segnete das Paar ein. Er begann mit seinem Satze: »Ich verstehe nicht, wie die Menschen es fertig bringen, nicht an Gott zu glauben. Ihr seid durch den Allgeist, den wir erkennen, so wundersam zusammengefügt.« Er legte in kurzen Worten dar, was es heißt, jetzt, auf der Schwelle einer großen weltgeschichtlichen Entscheidung, mit dem Entschlusse, sein Leben dafür einzusetzen, sich zu vereinen. Erich legte den Trauring an die Hand Manna's. Dann ging er mit ihr in den Garten, und sie saßen dort an jener Stelle, wo sie sich den ersten Kuß gegeben; um sie her duftete der Frühling und die Nachtigall sang. Am Mittag fuhren Erich und Manna rheinabwärts. Es war Abend, als sie mit einander auf der Burgruine saßen und hinab schauten auf das Kloster. Erich erzählte, wie er an jenem Abend, da er Manna zuerst gesehen, hier einsam in einer Herzbewegung gesessen, die er nicht bemeistern konnte. Leise sagte Manna: »Dort – dort wollte ich bleiben mein Lebenlang, mich opfern zur Sühne für die schwere That. Jetzt bringe ich mehr, unsäglich mehr als Opfergabe. Ich nehme auf mich das schwerste Frauenloos, zu harren und zu warten, ob die Kämpfer lebend heimkehren, oder ob wir sie todt unter erschlagenen Feinden suchen müssen. O Erich, daß ich Dich von dieser Stunde an mein nennen darf, macht mich glückselig, wie es mehr nie ein Menschenkind auf Erden war.« Sie hatte heute keine Thräne vergossen; jetzt weinte sie. Es gelang Erich, sie zu beruhigen. Still gingen sie Hand in Hand den Berg hinab. Der Mond stand über dem Rheinthale und glitzerte auf dem Strom und schimmerte auf Baum und Busch, wo die Knospen leise sprangen und die Nachtigall unermüdlich schlug; in Wonne lebte die Welt. Elftes Capitel. Zur Hochzeit von Lina und dem Architekten waren Manna und Erich noch einmal fröhlich mit den Fröhlichen. Als sie nach Villa Eden zurückkehrten, war ein Besuch eingetroffen. Der Banquier war mit seiner Schwiegertochter gekommen, die die Schwester Rolands und die Schwiegermutter kennen lernen wollten. Die drei Frauen schlossen schnell jene Freundschaft, die sich auf Grundlage schöner und freier Bildung aufbaut. Sie gingen nach dem Treibhaus, ein würziger Duftstrom wallte ihnen entgegen und hielt sie umflossen, und das Auge ward erquickt von den vielfarbigen neu entfalteten Blüthen. Da kam der Major mit Fräulein Milch und sein erstes Wort war, zu Manna gewendet: »Frau Hauptmann, ich stelle Ihnen hier die Frau Majorin vor.« Er ließ die erstaunten Frauen stehen und holte die Männer herbei, dann sagte er, daß er bereit sei, dem Andringen der Freunde nachzugeben, die Villa zu bewohnen und Alles in Stand zu halten, und daß Fräulein Milch sich bereit erklärt habe, nun ihre Verhüllung zu lösen; der freie und schöne Entschluß Manna's habe auch den Bann von Fräulein Milch genommen, er bitte die Freunde, die Geschichte anzuhören, die sie erzählen werde. Man setzte sich und Fräulein Milch erzählte: »Sie, Herr Professor, sind ganz wie mein Vater; er war auch ein Gelehrter, aber in anderem Gebiet. Sie haben viel von seinen Gewohnheiten. Sie, Frau Professorin, die mich geehrt, bevor Sie mein Leben kannten, und Sie, Frau Hauptmann, die mir, nach Besiegung schweren Vorurtheils, reiche Liebe zugewendet, sollen mich nun kennen. Sie aber,« wendete sie sich an den Banquier, »Sie werden meine Lebensgeschichte noch am besten verstehen, denn Sie sind ein Jude, wie ich eine Jüdin.« Sie hielt inne. Alle schwiegen. Fräulein Milch fuhr fort: »Ich bin die Tochter eines jüdischen Gelehrten. Mein Vater war ein Mann, edel und fromm, er galt als scharfsinniger Gelehrter, aber im Leben war er kindlich unbefangen und sogar unbeholfen. Er las in den heiligen Büchern vom Morgen bis zum Abend. Meine Mutter, die aus einem vermögenden Hause stammte, hatte nach dem Willen ihrer Eltern meinen Vater um seiner Frömmigkeit und Gelehrsamkeit willen geheiratet; sie war voll Anbetung für meinen Vater. Die Stille und Gleichmäßigkeit, die ruhige Sättigung, die in meinem elterlichen Hause herrschte, wie die Armen gespeist wurden, wie das ganze Leben nichts war als die Pause von einem Gottesdienst, von einem Fest zum andern, das können nur Sie« – sie wendete sich wieder zum Banquier – »nur Sie allein ermessen. Ich selber muß mich oft darauf besinnen, wie auf einen Traum. Im Winter, wenn die Gemeinde zu meinem Vater in sein Studirzimmer kam zum gemeinsamen Gebete, da er nicht ausgehen durfte, hörte ich nach Vollendung des Gebets auch von Weltbegebenheiten sprechen. Was wußten wir von der Welt? Die Beamten, die Soldaten da draußen, denen gehörte die Welt, sie erschienen mir als Wesen, die in einem Märchenreich sich bewegten, in das man nicht kommen kann. Mein einziger Bruder war ein schöner Mensch, er hatte Aehnlichkeit mit dem Herrn Hauptmann Dournay und er ward der Freund des bei uns einquartierten jungen Tambours Graßler. Er ehrte den Vater, wir gewannen ihn bald lieb. Der Tambour mußte weiter ziehen. Ich weiß noch als wäre es heute, ich stand an der Treppe, ich hielt eine Kugel des Geländers, die sich drehen ließ, in der Hand und spielte damit, da sagte der Tambour zu mir: Ja, Rosalie, wenn Du groß bist und ich Officier geworden, da komme ich wieder und hole Dich. Er ging davon und trommelte, und ich hörte aus dem Trommeln heraus immer die seltsamen Worte und stand an der Treppe und drehte die Kugel und die ganze Welt drehte sich mit mir. Aber ich bitte, ich werde zu weitläufig.« »Nein, erzählen Sie nur so ausführlich, als Sie wollen.« »Nun also, sie zogen in den Krieg, mein Bruder fiel; Conrad kam zurück, er war Fähnrich geworden, er brachte dem Vater das kleine Gebetbuch meines Bruders, durch dessen Decke und Blätter eine Kugel gegangen war. Mein Vater, meine Mutter und ich, wir saßen sieben Tage trauernd auf der Erde; Conrad kam und setzte sich zu uns. Dann saß mein Vater wieder unter seinen heiligen Büchern, aber während er sonst nur leise vor sich hinsummte, sprach er jetzt die Worte laut und heftig; er schien die Gedanken bezwingen zu müssen, die sich nach dem Sohne hindrängten. Die Zeit heilte allmälig den Schmerz. Der Bruder ruhte längst, wer weiß wo, im Grabe, Conrad war nach der Heimat zurückgekehrt. Ich war siebzehn Jahre alt, wir hatten das Osterfest gefeiert und mein Vater sprach über die wunderbare Befreiung aus der Sklaverei, deren Gedächtniß wir zu Ostern feiern, und klagte über den Druck, unter dem wir jetzt noch seufzen. Erst spät hatten wir uns zur Ruhe begeben. Ich schlief in der Kammer neben meinen Eltern. Da hörte ich, wie mein Vater zur Mutter sagte: Was sind wir Juden doch so armselig dran! Da ist der prächtige Mensch, der getreue, herzgute Conrad Graßler wiedergekommen. Er hat es bis zum Hauptmann gebracht und sie haben ihn als Major pensionirt, und da kommt er nun und hält um unsere Rosalie an. Wenn der gute Mensch von unserm Glauben wäre, wie gern gäbe ich ihm mein Kind! Ich könnte mir keinen besseren Mann für sie wünschen. So aber kann es doch nicht sein, und Gott soll mir die Sünde verzeihen über Alles, was ich gedacht habe. Das hörte ich in der Kammer im elterlichen Hause; im Geiste war ich schon auf und davon, in der Welt draußen, wo die Beamten lebten, die Soldaten und alle die, denen die weite Welt gehört. Mein Vater hätte nichts gegen Conrad, wenn das Eine nicht gewesen wäre . . . so sprach es in mir die ganze Nacht. Und am Morgen, als Vater und Mutter in der Synagoge waren, saß ich mit meinem Gebetbuch allein . . . hier ist es, es ist ein Andachtsbuch für Frauen, von meinem Vater verfaßt . . . aber meine Gedanken waren nicht dabei. Ich war allein im Hause, auf der Gasse sah man Niemand. Die ganze Gemeinde war in der Synagoge. Ich setzte mich in die Mitte des Zimmers, ich wollte nicht durchs Fenster sehen, denn gewiß geht Conrad vorüber. Wie wunderbar, daß er gehalten, was er mir als Kind versprochen. Wie ist er geworden? Wie wird er mich finden? Da, ich weiß nicht, wie es kam, stand ich doch am Fenster und schaute hinaus; ich sehe Conrad, ich ziehe mich vom Fenster zurück, aber es kommen Schritte die Treppe herauf . . . mein Herz klopft zum Zerspringen. Ich erzählte Conrad, was mein Vater in der Nacht zur Mutter gesagt. Mein Vater kam aus der Synagoge zurück und nie habe ich schwereres Leid empfunden, als da er mir segnend die Hand aufs Haupt legte, wie das Brauch bei uns ist. Ich wollte die Festesfreude nicht stören, erst nach dem Feste – ach, ich habe ihm die ganze Freude des Lebens zerstört, es gab kein Fest mehr für ihn – entfloh ich mit Conrad. Ich redete mir ein, mein Vater würde uns seinen Segen geben, wenn er sähe, daß es nicht mehr anders möglich sei. Wir schrieben an ihn, er antwortete nicht; durch einen Freund ließ er uns sagen, er habe zwei Kinder gehabt, die seien gestorben; er bitte und bete, daß es ihnen in der andern Welt gut gehen möge. Dann ließ er mir weiter sagen: Du suchst Ehre vor der Welt und um dieser Ehre willen hast Du Deinen Vater verlassen. Ich schrieb ihm zurück und gelobte heilig, daß ich keine Ehre vor der Welt wolle; ich versprach, die Geringschätzung, die Schande der Welt auf mich zu nehmen, und – das habe ich gehalten bis auf den heutigen Tag. Wir ließen uns bürgerlich trauen, vor der Welt aber verzichtete ich auf alle Ehre. Conrad bekam bald die Nachricht, daß meine Mutter gestorben war, auch der Vater folgte ihr nach wenigen Monaten. Ich erhielt ein kleines Erbe; ich habe lange Zeit in Schmerz um meine Handlungsweise gegen meine Eltern gelebt. Conrad, der selber darunter litt, tröstete mich mit der ganzen Güte seines Herzens. Ich war einmal auf dem Grabe meiner Eltern, unerkannt, in der Nacht. Wenn es eine schwere Buße giebt, ich ertrug sie, daß ich bei Nacht, mich vor dem Blicke der Menschen fürchtend, auf dem Grabe meiner Eltern sein mußte. Und doch gewann ich von dort eine Erleichterung. Ich hatte wenigstens die Kraft, vor Conrad meinen Schmerz zu unterdrücken. Conrad und ich zogen nach dem Rhein. In einem Dorfe am Niederrhein lebten wir zwölf Jahre, verborgen vor aller Welt, in uns glücklich. Wir bedurften nichts von der Welt als uns selbst. Niemand kannte uns. Ich besuchte die Kirche, ich hatte das Verlangen, gemeinsam mit Menschen zu beten. Während die Orgel brauste und ein mir fremder Gottesdienst gefeiert wurde, saß ich allein und betete in dem Gebetbuch, das mein Vater verfaßt, und in dem andern, das mein Bruder im Felde gehabt und das an seinem Herzen geruht hatte, bis es nicht mehr schlug. Ich war keine Fremde mehr, denn da waren Menschen neben mir, die zu demselben Geist beten, den auch ich anrufe, und dieser Geist wird wissen und zurecht legen, warum die Menschen in so verschiedener Weise sich zu ihm wenden. Wir zogen hieher. Wie ich hier lebte, wissen Sie. Auch beim Umzuge wollte Conrad, daß ich meine Ehrenstellung einnehme, aber mir war es lieber, nicht Frau Majorin zu heißen; es war mir eine Buße und Kasteiung, weil ich doch meine Eltern und die Meinen verlassen hatte; wir lebten in der Treue, in Einigkeit. So haben wir gelebt und nun glaube ich, meine Schmerzen haben mich entsühnt, ich bin frei.« »Sie sind es,« riefen der Banquier und Professor Einsiedel wie aus Einem Munde. Manna umarmte die Majorin. Zwölftes Capitel. Im Wirthshaus zum Karpfen war lautes Getümmel. Der Küfer, als junger Wirth, schenkte fröhlich ein, der Krischer und der Siebenpfeifer schauten vergnüglich zu und stießen manchmal mit den gerippten Gläsern an. Man wußte in der ganzen Gegend, daß der Küfer ein Vertrauter Rolands und Erichs war, und nun kamen junge Männer von allen Orten, die sich für den amerikanischen Krieg anwerben lassen wollten, ja, eine Deputation aus der Cementfabrik Weidmanns bat um Ueberfahrtsgeld für zweiunddreißig Mann. Der Küfer hatte Roland berichtet, was vorging. Roland kam in das Wirthshaus zum Karpfen und legte den Männern dar, daß er nur drei junge Aerzte – für einen derselben war der Banquier eingetreten – mitnehme, daß er aber sonst Niemand veranlasse, mit ihnen zu gehen. Von Krischer geleitet, kehrte er wieder nach Villa Eden zurück, wo jetzt der Major lebte. Der Major machte mit der Frau Majorin auch seine Hochzeitsreise; sie verweilten eine Zeit lang in dem Theile des Gartens, der Nizza genannt wurde, dann gingen sie durch den Park und auf den Hügel, wo man rheinabwärts schaute. Sehr vergnüglich sagte er: »Nun, Frau Majorin, hier sind wir auf dem höchsten Berge der Schweiz.« Und beim kleinen See sagte er: »Frau Majorin, wollen Sie gefälligst den Lago maggiore bewundern.« Durch die Treibhäuser gingen sie und der Major rief lachend, daß die Welt hier ihren schönsten Pflanzenschmuck zusammengestellt, um ihnen nicht die Mühe der Wanderung zu machen. Er bat seine Frau, sie möge ihn entschuldigen, wenn er in den nächsten Tagen sich ihr nicht widme; es sei noch so Vieles zur Abreise zu besorgen. Es gab in der That der Erledigungen noch viele und zuletzt mußte Erich doch manches Wesentliche Weidmann und dem Landrichter überlassen. Bevor er abreisen konnte, mußte er seinen Abschied nehmen; er stand in der Reserve. Er erhielt auf seine Eingabe die Antwort, daß der Fürst ihn persönlich sprechen wolle. Er reiste nach der Residenz und war nicht wenig erstaunt, wie huldreich und ehrend der Fürst sich aussprach, indem er äußerte, daß er einem Manne wie Erich nicht den Abschied, sondern Urlaub auf unbestimmte Zeit geben möchte. Erichs Stolz wurde indeß alsbald gebeugt, da der Fürst darauf hinwies, daß Erich, der nun solche Reichthümer besitze, im Lande bleiben möge. Der Tag der Abreise, lange vorbereitet, kam doch überraschend. Der Kammerdiener Joseph kam mit seiner Braut; man hatte ihm die Mittel gegeben, daß er ein eigenes Wirthshaus in der Residenz erwerbe. Er benahm sich indeß hier noch als der Diener des Hauses. Der Sohn Faßbenders, der im Comptoir des Banquiers gearbeitet hatte, zog mit in die neue Welt; er wollte in das Geschäft seines Bruders eintreten, der ein bedeutender Bauunternehmer war. Der Stumme aus der Cementfabrik, dem Roland ein Messer geschenkt hatte, kam am Abend vor der Abfahrt; er brachte Roland einen Topf, worauf in sehr unbeholfener Schrift eingegraben war: Komm wieder. Roland bat den Sohn Weidmanns, für den Verlassenen zu sorgen. Der Stumme zog mit nach Mattenheim. Sehr schwer ward Roland der Abschied von den Pferden und Hunden. Er hatte gewünscht, Greif mitzunehmen, aber man hatte ihm die Beschwerlichkeiten vorgehalten und er stand davon ab. Und so hielt er die Hand auf den Kopf des Hundes gelegt und sagte: »Ja, alter Freund, kann dich nicht mitnehmen, muß noch viel mehr hier lassen als dich, weiß selbst nicht, wohin es geht.« Der Hund sah traurig zu seinem Herrn auf. Am Morgen war große Wallfahrt von der Villa nach der Anlände des Dampfschiffes. Man ließ die Wagen vorausfahren, Weidmann hielt Erich, der Major Roland, und Knopf hielt den Neger an der Hand; Manna ging zwischen der Professorin und der Majorin, Claudine und Professor Einsiedel waren auf der Villa zurückgeblieben. So wandelte man dahin. Manna weinte und stützte sich auf den Arm ihrer Führerin. Nach dem Kirchhof aufschauend sagte sie: »Am Ufer dieses Stromes sind wir zu Hause, hier ruht unsere Mutter in der Erde. Ich erinnere mich einer alten Sage: die nomadischen Stämme wandern und wandern, aber wo sie ein Grab der Ihren gegraben, da müssen sie endlich bleiben und aufhören, Wanderer zu sein.« Die Stimme Manna's stockte; nach einer Weile fuhr sie fort: »Da stehen die Bäume, die der Vater gepflanzt . . .« Sie konnte vor Weinen nicht weiter sprechen. Als man an der Anlände ankam, fand man eine große Versammlung. Der nunmehrige Karpfenwirth und der Siebenpfeifer übergaben im Namen Vieler ein Fäßchen Jungfernwein mit frischem Grün bekränzt. Jetzt wurde der Krischer lebendig, er rechnete aus, wie viel auf jeden Mann von der Reisegesellschaft täglich komme, bis man in Newyork sei. Erich und Manna saßen bei der Mutter und hielten ihre Hand; die Mutter sprach ihnen Trost ein und sagte: »Erich, schone Dein Leben . . . Solltest Du fallen um der großen Sache willen, so werde ich um Dich trauern, Dich nicht beklagen.« »Mutter, ich habe die Zuversicht, daß ich lebend aus diesem Kampf heimkehre; und sollte ich fallen, so halte fest, ich habe das höchste Leben gelebt, durch Dich, durch den Vater und durch die Liebe meiner Manna.« Die Mutter drückte ihm still die Hand. Dann übergab sie ihm noch das Bild von Oheim Alphons und empfahl, nach ihm und seinen etwaigen Nachkommen zu forschen. Jetzt zeigte sich wieder die Lustigkeit des rheinischen Lebens. Der Gesangverein hatte sich mit einer Musikbande eingefunden, helle Lieder wurden in den jungen Tag hinein gesungen, vom Schiffe, das jetzt stromab kam, so zierlich und schlank, tönten Böllerschüsse, das Schiff hielt an, der Abschied war bedrängt. Erich, Manna und Roland küßten die Mutter und die Mutter rief: »Haltet treu aus.« Das Schiff stieß ab, da tönte ein Schrei; der Hund Greif, den der Küfer am Halsbande gehalten, hatte sich losgerissen und war in den Rhein gesprungen, dem Schiffe nach. Das Schiff hielt nochmals an, der Hund wurde heraufgezogen und nun mitgenommen. Die am Ufer Zurückbleibenden winkten, die auf dem Schiff antworteten, bis sie einander nicht mehr sahen, aber noch lange ruhte ihr Blick auf der Villa. Was wird aus dem Hause? Welche Menschen werden dahin zurückkehren? Welch ein Leben wird sich dort aufbauen? Jetzt aber hatten sie noch eine Ueberraschung. Es war Niemand aufgefallen, daß man den Major beim Abschiede nicht gesehen, nun kam er mit seiner Gattin aus der Cajüte. Sie begleiteten die Davonziehenden bis nach dem Niederrhein. Ein gutes Stück Heimat zog mit ihnen. »Ja,« sagte der Major zu Erich, »Sie wissen, ich bin Tambour gewesen . . . ich erzähl' Ihnen die Geschichte schon noch einmal . . . Wenn Sie wiederkommen, sollen Sie sie haben.« An der Station vor der Insel stiegen der Major und seine Frau aus, hier hatten sie in der ersten Zeit ihrer Vereinigung gewohnt, hier wollten sie nun wieder einen Tag sein und den freundlichen Menschen von damals sich als Eheleute zeigen. Noch vom Kahn aus winkte der Major, er wollte ein fröhliches Gesicht machen, aber die Thränen rannen ihm über die Wangen, er beugte sich über den Kahn und seine Thränen flossen in den Rhein. Man fuhr still dahin. Als man an der Klosterinsel vorüber kam, wiegte sich ein Flug weißer Tauben über der Insel, die Nachtigallen schlugen so laut, daß man sie durch das Geklapper der Dampfschiffräder hindurch hörte, die Kinder auf der Insel gingen Paar und Paar am Uferweg und sangen. Manna grüßte hinüber. Niemand ahnte, wer da vorüberfuhr, fort . . . fort dem Meere zu, in die neue Welt. Erich erinnerte sich eines Blattes, das ihm Weidmann beim Abschied gegeben, er las es; es waren Worte aus dem Schlusse des Kosmos von Humboldt: »Es gibt bildsamere, höher gebildete, durch geistige Cultur veredelte, aber keine edleren Volksstämme. Alle sind gleichmäßig zur Freiheit bestimmt.« Aus Briefen von und nach der neuen Welt.   Fünfzehntes Buch. Erich an seine Mutter. An Bord des Benjamin Franklin. . . . Unser Schiff trägt den Namen, den der Vater immer mit besonderer Innigkeit nannte. Meine Mutter! Ich lebe jetzt auf dem Meere und mir ist, als schriebe ich Dir aus einer andern Welt. Wir hatten noch ein freundliches Begegniß, ehe wir das Vaterland verließen. Als wir am ersten Abend anlandeten, sah aus dem Fenster des Eckhauses am Landungsplatz eine breite, wohlwollend behagliche Gestalt; der Mann grüßte, ich dankte, ich kannte ihn nicht. Beim Eintritte in die Stadt kam er uns entgegen; es war Meister Ferdinand, dem ich beim Musikfeste ausgeholfen hatte. Er hatte von unserm Leben gehört. Wir mußten bei ihm eintreten und mit einer Behendigkeit, die nur die selbstlose volle Güte verleiht, brachte er Kunstgenossen und gutgeschulte Dilettanten aus der Stadt zusammen; es wurde gesungen und musicirt bis tief in die Nacht hinein. Mit Musik in der Seele verließen wir den Rhein, verließen wir Deutschland. – Manna und Roland werden Dir selbst schreiben, sie sind jetzt oben auf Deck und lesen die Odyssee; es ist das Einzige, was man hier lesen mag. Was sich auf dem Festlande bewegt, was in geschlossenen Räumen unter allerlei Hausrath vorgeht, das Alles liegt weit ab. Solch ein Schiff ist eine Welt für sich. Unser Freund Knopf hatte ein wunderbares Begegniß. Er schreibt an den Major, laß Dir seinen Brief zeigen. Wir kamen in Liverpool am Abend an, wir wollten hier einen Tag ausruhen. Am Morgen war ich allein am Hafen. Das ist der erste englische Hafen, in welchem Sklavenschiffe ausgerüstet wurden. Ich wurde aus meinen Träumereien über die Wandlungen der Geschichte geweckt; ein Schiff, das in See ging, lichtete die Anker. Auf dem Verdeck stand ein Mann, ich zweifle nicht, daß es Sonnenkamp war; er hat einen Vollbart, aber ich erkannte ihn doch. Entweder ist er bis jetzt in Europa gewesen oder wiedergekommen. Er schien mich zu erkennen, er lüpfte seinen breiträndrigen Hut, winkte Jemand herbei, eine Gestalt kam, ich konnte sie nicht deutlich erkennen, aber ich meine, es sei Bella gewesen. Von Freunden, an die mich Herr Weidmann empfohlen, erfuhr ich, daß ein Mann ganz vom Behaben Sonnenkamps eine Schiffsladung Waffen und Munition nach einem südstaatlichen Hafen expedirte. Ich darf nicht ausdenken, welches Entsetzen ein Zusammentreffen hier gebracht hätte. Tief ergriff mich, daß Manna, als ich Nachmittags mit ihr durch die Stadt ging, sagte: Mir ist, als müßte ich hier dem Vater begegnen, als müßte er jetzt dort um die Ecke biegen. Ich glaube, ich that nicht Unrecht, daß ich ihr verschwieg, was ich gesehen. Tief marternd ist der Gedanke, daß Vater und Sohn vielleicht doch in feindlichen Heeren gegen einander kämpfen. Meine Hoffnung ist, daß Sonnenkamp als alter Seemann zur See kämpfen wird. Roland ist der Liebling des ganzen Schiffes. Mit unermüdlichem Eifer sucht er die Schiffs-Einrichtung und alle Thätigkeiten der Mannschaft kennen zu lernen. Er ist bald da, bald dort mit thätig und ich freue mich, daß er sich alles schweren Sinnens und Grübelns entschlägt.   Am zweiten Abend. Es ist jetzt Nacht. Manna ist allein auf dem Verdeck und schaut nach den Sternen. Oben das Uebermaß der Sterne und rings um uns das unermeßliche Meer. Mir ist, als müßte ich auf dieser Seefahrt alles schwere Denken, Sinnen und Grübeln ins Weite verflattern lassen, um auf dem Boden der neuen Welt ein Mensch der geschlossenen That zu sein. Es war ein abenteuerlicher Zug in meinem Lebensgange und meinem Wesen . . . Was ist's, das mich nun dahin führt, mein ganzes Sein in einer großen Wendung der Menschheitsgeschichte einzusetzen? Nicht mehr blos Zuschauer zu sein, sondern zu handeln, zu leben und vielleicht – Nein, Mutter, ich habe die Zuversicht, ich werde lebend aus diesem Kampf heimkehren. Heim! Heim! O Mutter, meine Seele schwingt sich über das unabsehbare Wogen des Lebens, wir sind bei Dir. Und wenn das Schicksal doch anders beschlossen, so halte fest: Dein Sohn war glücklich, er besaß das Leben in seiner Fülle. Ich hatte Dich, den Vater, Manna, die Wissenschaft, das reine Streben, die That, Alles ist mein gewesen. Da sitze ich und die Welle trägt mich dahin. Wohl dem, der es empfindet wie ich jetzt, daß er einem hohen Ziele zustrebt. Es sind viel junge Männer an Bord, sie haben versucht, Roland in ihre Gesellschaft zu ziehen, er weiß sich mit gutem Tact fern zu halten. Die jungen Männer, Kaufmannssöhne verschiedener Confessionen, vertreiben sich die Zeit mit Hazardspielen; die Kellner auf dem Schiffe verstehen Instrumente zu spielen und haben ein leidliches Orchester zusammengebracht. Auch eine Drehorgel haben wir, die vier Schiffsjungen drehen sie zu bestimmten Zeiten abwechselnd, dann wird für sie gesammelt. Wir – Knopf und seine Braut gehören mit zu uns, und auch unsre Aerzte halten sich in der Regel zu unsrem Kreise – bilden eine abgeschlossene Genossenschaft.   Am siebenten Tage. Ich habe seit fünf Tagen nicht geschrieben, seitdem war ich mit den Meinen am Rande des Todes. Wir haben einen Sturm erlebt, wie der Capitän, der nun schon dreiundzwanzig Jahre auf dem Meere fährt, noch nie einen durchgemacht. Die Stärksten inmitten des Sturmes waren Roland und Knopf. Knopf war aber nicht bei uns, er war auf dem Vorderdeck bei seiner Braut. Manna hielt mich umschlungen, wir wollten mit einander sterben. Ach, was soll ich von den Gefahren erzählen? Es ist vorbei. Am Morgen als der Himmel klar, das Meer ruhig war, da feierten wir auf dem Schiff eine Verlobung. Freund Knopf wird Alles näher schreiben. Das Faß Jungfernwein, das uns mitgegeben wurde, ist an diesem Tage von der Schiffsgesellschaft ausgetrunken worden. Der Rhein hat uns Allen Frohmuth in die Adern gegossen. Es wurde gesungen, getanzt, gejubelt, alle Flaggen wurden aufgezogen und bei Tisch hielt Freund Knopf eine Rede, so lustig als ergreifend. Ich glaube, er wird dem Major die Rede schicken. Eigene Musik hatten wir auch. Knopf blies die Flöte und brachte es dahin, daß Manna ihre Harfe auf Deck bringen ließ und spielte; die ganze Schiffsgesellschaft stand umher und hielt den Athem an; als sie geendet, jauchzte und jubelte Alles. Uebermorgen sollen wir ans Land steigen. Mein erster Gang auf dem Boden der neuen Welt wird sein, Dir diesen Brief zu senden, wenn wir nicht noch unterwegs ein Schiff treffen, das ihn nach Europa nimmt. Nach Europa! Sei froh im Gedanken an Deinen glücklichen Sohn Erich .   Knopf an den Major und die Frau Majorin. Auf dem Rhein. Sofort in der Stunde, da Ihr uns verlassen, schreibe ich Euch. Was war die Nibelungenfahrt auf dem Rhein? Was war der Argonautenzug? In unserer Zeit ist Alles neu, schön und klar. Da drüben sitzt Erich mit seiner jungen Frau. Die alte Sage, die hier am Rhein besonders oft verbreitet ist, erneuert sich, die Sage von der erlösten Jungfrau. Nur ein reiner Jüngling wie Dournay konnte die reine Jungfrau erlösen. Und ich, was bin ich? Ich bin selbst begierig, was das Schicksal aus mir macht.   Liverpool. Morgen früh schiffen wir uns ein in die neue Welt. Wie oft habe ich vom Meere gesungen, jetzt soll ich auf ihm leben. Ich habe gar kein Bangen und keine Wehmuth, daß ich Europa verlassen muß. Ich habe eine Ahnung in der Seele, daß mir etwas Großes begegnet.   Auf dem Meere. Lieber Bruder und liebe Schwester! O, wie gut, daß ich, der nie zu einem Menschen so sagen konnte, jetzt Bruder und Schwester sagen kann! In dem rothen Buch, das Du, liebe Schwester, mir geschenkt, sind viele Reisenotizen; ich hoffe, sie einmal ausführen zu können, jetzt kann ich nicht. Schnell das Beste: ich bin verlobt!!! Indem ich die drei Ausrufungszeichen mache, fällt mir ein, daß die Form dieser Zeichen eine Bedeutung habe; sie erscheinen mir als Bild eines Kometen. Fragt einmal Professor Einsiedel, ob ich da nicht eine große wissenschaftliche Entdeckung gemacht habe. Erinnerst Du Dich, liebe Schwester, wie ich Dir erzählte, daß mir damals, als ich unsern Freund Dournay aufsuchte, ein Mädchen mit zwei Knaben im Walde begegnete? Dieses Mädchen ist jetzt meine Braut, sie heißt auch Rosalie wie Du, sie könnte Deine Schwester sein . . . Ja sie ist es. Sie hat auch braune Augen wie Du. Ja, wer ist sie denn? höre ich Dich fragen, und Du legst Dein Nähzeug weg und schaust mich so getreu an. Laß mich nur ruhig berichten. Also das Mädchen von damals, mein Waldmädchen, ist die Tochter eines Lehrers und – ich bitte um Respect – sie hat ihr Lehrerin-Examen gemacht. Ich wagte es nicht, mich ihr zu nähern, obgleich ich sie beim ersten Anblick auf dem Schiffe erkannte; ich suchte mir die Brüder anzuwerben und sagte dem Kleineren – der sogleich an mir hing – »sag Deiner Schwester, daß ich ihr im Mai im Walde begegnete, wie sie mit Euch nach der Kapelle ging, sie hatte ein braunes Kleid an.« »Warum sagst Du ihr das nicht selber?« fragte der Kleine. Ich hatte nicht Zeit, ihm zu erwidern, denn eben kam mein Waldmädchen daher und schalt die Brüder, daß sie den fremden Herrn belästigen. Da rief der Kleine: »Das ist ja der Herr, dem Du nachahmst, wie er Dich über die Brille weg angeblinzelt hat.« Nun war es heraus. Also sie hat über mich gespottet? sie auch? Ich that meine Brille ab; ehrlich gestanden, ich hätte die Brille gern ins Meer geworfen. Wir standen verlegen, da sagte sie – ach was hat sie für eine Stimme! Sie singt auch, ganz ähnlich wie Landrichters Lina, sie hat aber mehr Höhe, bis zum zweigestrichenen a. Was sie sagte? fragst Du. Gutes, Inniges; sie habe nicht über mich gespottet . . . Ach, ich weiß nicht mehr . . . sie reichte mir die Hand und . . . Ich kann es nicht schreiben, Ihr werdet Alles später erfahren, und wenn ich es auch nicht schreibe, wißt Ihr es doch: ich, Emil Knopf, Mädchenlehrer von so und so viel Generationen, bin verlobt mit einem Engel. Das ist eine abgebrauchte Phrase. Wer weiß, ob die Engel das Examen als Lehrerinnen bestehen könnten. Kann das ein Menschenverstand ausdenken, daß das Mädchen schon damals Wohlgefallen an mir findet, daß ich keine Ahnung habe, woher sie ist, wer sie ist; und nun wird sie mir aufs Schiff gesetzt, oder ich werde aufs Schiff gesetzt und sie hat einen Onkel in Amerika, zu dem sie reist. – Es ist doch eine schöne Sache, daß es Onkel in Amerika gibt. Ich glaube, ich habe meinen Schwiegervater gekannt. Wir haben einen Sturm erlebt. Mitten im Sturm – und es war kein gewöhnlicher – habe ich gedacht: wie wäre es, wenn Du hättest ins Meer versinken müssen und hättest nie gewußt, wie eine Mädchenlippe küßt und wie es thut, wenn eine zarte Hand Einem über das Gesicht streichelt und sogar sagt: Du bist hübsch . . . Denkt nur! Ich, Emil Knopf, berühmt als der ungefährlichste Mensch, ich bin hübsch! O wie verblendet waren die Mütter und Töchter im gelobten Lande Uniformingen! Rosalie hat einen kleinen Spiegel, und wie ich da hineinsehe, bin ich wirklich hübsch; ich gefalle mir. Glaubt aber nicht, daß ich närrisch geworden, ich habe meinen vollen Verstand. Herr Major, ich mache mich anheischig, das Gesetz von Schwerpunkt und Schwerlinie zu erklären. Ich bin bei vollem Verstand. Eins aber ist mir hart. Ich erkenne, daß ich kein Dichter bin. Wenn ich es wäre, jetzt müßte ich Gedichte machen, daß die ganze Welt von nichts Anderem mehr wüßte; die Matrosen müßten sie singen und die Soldaten, und das weißhändige Fräulein am Clavier und der Handwerksbursch am Wegrain, wenn er den Wachstuchhut abthut und sein Haupt auf das Ränzel legt. Ach, ich meine, ich müßte etwas finden, um die ganze Welt zu beglücken, und möchte allen Menschen zurufen: Seht Ihr denn nicht, wie schön die Welt ist? Nun bitte ich mir aber ein Hochzeitsgeschenk aus; Du und die Majorin, Ihr müßt Euch photographiren lassen, mir zu lieb. In der neuen Welt schreibe ich wieder, jetzt kein Wort mehr; ich habe genug geschrieben mein Lebenlang, jetzt will ich nichts als scherzen und küssen. Ach! Die schöne Melodie aus Don Juan fällt mir dabei ein. Nur das will ich noch sagen: Manna benimmt sich lieb und gut gegen meine Rosalie und auch unsere drei Doctoren und der junge Faßbender. Alles freut sich mit unserm Glück und hat so auch sein Theil Glück. Meine jungen Schwäger sind frische Bursche. Dir, lieber Major, muß ich nur noch besonders sagen: Dein Glaube ist der rechte. Du glaubst an das unzerstörbare Gute in jedem Menschen, und es bewährt sich. Adams ist ein ganz verwandelter Mensch. Der Gedanke, daß er für die Befreiung seiner Stammesbrüder kämpfen soll, hat die bessere Seele in ihm erweckt. Ich könnte Dir da viel sagen, aber es ist genug. Du weißt schon. Wir üben uns alle im Englischen, aber wir wollen Deutsche bleiben.   Vor Land. In drei Tagen sind wir in Newyork. Ich weiß nicht, was da Alles auf mich einstürmen wird. Rosalie sagt, ich soll jetzt schreiben; sie sitzt neben mir. Ich kann eigentlich nicht Brief schreiben, wenn Jemand bei mir im Zimmer ist, und nun gar, wenn so liebe Augen auf mich sehen. Ich will es aber doch versuchen; Rosalie meint, ich hätte so schön gesprochen, daß das nicht verloren gehen darf. Sie macht mich noch eitel; sie hält große Stücke auf Alles, was ich sage. Ihr wißt, daß wir einen fürchterlichen Sturm gehabt und daß wir am Tage darauf unsere Verlobung gefeiert haben. Im Geiste haben wir dazu vom Festlande die besten Menschen geladen und ich habe sie Alle citirt und angesprochen. Zuerst Sie, lieber Major – oder, verzeihe, Dich, und dann Dich, liebe Schwester; Deine Haube mit dem blauen Band ist für mich ein gutes Anknüpfband geworden. Meine Rosalie trug auch ein blaues Band. Ich habe Dir nämlich gesagt . . . Ach, Ihr guten Menschen, ich kann nicht. Sie sagen alle, ich hätte gesprochen wie ein Pfingstgeist. Kann wohl sein, aber schreiben kann ich es nicht. So, nun ist's genug. (Nachschrift.) Ich habe, was ich geschrieben, meiner Rosalie zu lesen gegeben; sie notirt mir eine schlechte Censur. Ja, so sind die examinirten Lehrerinnen!   Newyork. In einen Brief zu fassen, was man in drei Tagen, ja nur in Einem Tage in Newyork erlebt, das hieße Wellenwogen und wechselnde Wolkengebilde schildern. In mein Tagebuch schreibe ich gar nichts mehr, es ist zu viel. Als wir anlandeten, wartete der Onkel auf uns; er hat mich aber nicht gern zum Neffen angenommen. Ich wollte, ich hätte Dich da, lieber Major, daß Du ihm erklärtest, wer ich bin und wie ich bin. Jetzt muß ich warten, bis er es selber einsieht; vielleicht geschieht das nie. Ich nehme es dem Onkel gar nicht übel, er hatte für Rosalie bereits einen Bräutigam bestimmt, und als ich ihm den Hauptmann Dournay vorstellte, sagte er: »Dournay . . . Dournay?« Weiter nichts. Er muß einmal mit Einem aus der Familie zu thun gehabt haben. Der Onkel ist sehr verschlossen, aber so verschlossen als er, so offen ist Alles im Hause des Doctor Fritz. Jetzt weiß ich, wie Herr Weidmann und sein Haus in der Jugendzeit gewesen sein muß; aber Herr Weidmann hat mehr Söhne und hier sind Töchter. Und was für prächtige Geschöpfe! Und eine Frau! Ich kann nur sagen, wenn sie Einen mit ihren großen Augen ansieht, ist man wie durchleuchtet. O, was sind wir Deutsche für herrliche Menschen! Wo man uns hinversetzt, und nun gar in den Boden und in die Luft der Freiheit, da gehen wir auf, da zeigt sich, was wir sind. Ich war dabei, wie Roland und Lilian einander begrüßten; sie müssen ein geheimes Erkennungszeichen haben, denn ihr erstes Wort war »Kiesel«. Ja, in einem Liebesverhältniß bildet sich immer ein geheimes Einverständniß. Roland und Lilian hielten sich nur an der Hand, dann gingen sie mit einander aus. Die Kinder leben hier in großer Selbständigkeit. Kein Mensch hat hier Zeit. Ich verstehe jetzt erst, warum sie in Amerika sagen: Zeit ist Geld. Das ist eine Rastlosigkeit ohne Gleichen. So viel sehe ich schon jetzt, man wird es hier für Schwärmerei halten, daß Erich, Roland und Manna auf das große Vermögen verzichten. Hier fragt kein Mensch, wovon man reich ist.   Fortsetzung. Hier ist Krieg – Krieg! Die meisten Menschen glauben, er sei bald vorüber; Doctor Fritz sagt aber jetzt auch, die Hartnäckigkeit der Südstaaten sei groß, und sie seien viel besser gerüstet als wir. Was aus mir wird? Doctor Fritz findet es nun sonderbar, daß ich Negerlehrer werden will, ich bin noch nicht fertig genug in der Sprache. Er läßt mir aber die Hoffnung, daß sich die Sache später ausführen ließe. Und ich denke sogar weiter. Es muß ein Lehrer-Seminar für Neger-Jünglinge gegründet werden; ich lasse nicht ab. Einstweilen gebe ich Musikstunden, und es ist gar seltsam, wenn ich, aus einem Haus kommend, wo wir Musik geübt haben, auf der Straße die Trommel rasseln und lärmen höre. Adams ist voll Verzweiflung, daß der Präsident noch keine Schwarzen ins Heer eintreten lassen will; Adams soll mit an Festungswerken bauen, und das will er nicht. Aber er wird sich schon anders besinnen. Es ist Eins, was man für die Freiheit thut, wenn man nur dafür arbeitet. Der junge Faßbender übernimmt mit seinem Bruder Lieferungen für die Armee. Ich hoffe, daß er sich ehrlich benimmt, denn wie ich höre, gibt es auch in der Republik sehr viel Betrügerei und Unterschleif. Das ist traurig!   Knopf an Faßbender. . . . und sag mir, habe ich nicht einmal einen Lehrer mit Namen Runzler bei Dir getroffen? Es liegt mir viel daran, dies zu wissen, denn dieser Lehrer Runzler ist der Vater meiner Braut gewesen. Ich meine, er war bei Dir und hat aus einer großen Dose geschnupft. Ich habe eben meine Rosalie gefragt. Ihr Vater hat aus einer großen Buchsbaumdose geschnupft. Es ist also richtig. Das Gedächtniß ist doch ein wunderliches Ding, wir sollten pädagogisch weit mehr darauf Bedacht nehmen. Ich erinnere mich eigentlich nur noch der Dose und bitte Dich, mir zu sagen, was wir gesprochen haben. Erinnere Dich, ich war damals sehr traurig wegen des Kinderstreichs, den mir Roland gespielt, und ich hatte noch dazu meine Brille verloren. Ich war so sehr bedrückt, daß ich gar kein Gedenken aus jener Zeit mehr habe. Also schreib mir Alles, Du thust mir einen großen Gefallen damit. Du bekommst auch bald eine Karte, worauf steht: Emil Knopf, Rosalie Knopf, geb. Runzler, Vermählte. Ich sage Dir, das ganze Leben ist ein Märchen. Dein Sohn ist ein äußerst praktischer Mensch; Du wirst Freude an ihm haben. Wenn Dein Unterlehrer hierher kommen will, so kann ich ihm viel Clavierstunden verschaffen. Wir haben in Deutschland Lehrer genug zum Export.   Roland an die Professorin. Verzeihen Sie, wenn ich Sie nicht mehr Mutter nenne; es ist mir wie ein Unrecht an meiner verstorbenen Mutter, daß ich es je that. Ich bitte, das Grab meiner Mutter sorgsam pflegen zu lassen und ihre Lieblingsblumen, Eriken und Nelken, darauf zu halten. Nun ich das vom Herzen habe, will ich weiter schreiben. Wenn ich an das grüne Haus denke, ist mir immer, als schwämme es auf dem Meere und müßte zu uns herankommen. Ueber unsere Fahrt werden Ihnen Erich und Manna geschrieben haben. Ich habe auf See ziemlich die ganze Schiffsbehandlung gelernt und möchte am liebsten mich zur See anwerben lassen, aber Erich ist entschieden dagegen. Es ist wahrscheinlich, daß mein Vater zur See gegen uns kämpft, und da ist es besser, ich bin im Landheer. Ich habe Lilian hier getroffen. Sagen Sie nicht, daß wir noch so jung seien; wir sind älter durch die Ereignisse. Benjamin Franklin wollte ja Miß Read auch heiraten, als er 18 Jahr alt war. Wir haben uns gelobt, erst wenn der Krieg zu Ende, einander anzugehören. Ich bitte, diese Zeilen von keinem andern Auge sehen zu lassen, als von dem Ihrigen. Wir waren in Washington; ich habe die Akropolis der neuen Welt gesehen. Ich wollte zum Grabe Franklins wallfahrten, aber es ist gut, daß ich zuerst zu einem seiner größten Nachfolger, zu Abraham Lincoln, wallfahrten konnte. Ich habe zum ersten Mal einen Mann unsterblichen Ruhmes gesehen, habe ihm ins Angesicht den Namen gesprochen, den die Nachwelt bewahren wird. Die Lippen, deren Worte zur jetzt lebenden Welt und zur künftigen dringen, haben meinen Namen genannt. Ich sah die Größe, sie ist so einfach. Es war in Carlsbad in jenem merkwürdigen Gespräch, ich habe nicht viel davon behalten; das aber traf mich, als der General sagte: Wer je durch eine Galerie seiner Ahnen geschritten, der wandelt durch das ganze Leben wie begleitet von ihren Augen. O, aus den Augen Lincolns sah auf mich der Geist des Sokrates und des Aristides, der Geist des Moses, des Washington und Franklin. Und da habe ich es gefühlt: das sind die Ahnen, die Jeder sich erwerben kann durch redliche Arbeit, durch Treue und Aufopferung. Ich habe die höchsten Ahnen und will ihrer würdig sein. Ich lege Ihnen hier eine Photographie Lincolns bei; er hat mich an Herrn Weidmann gemahnt, nicht in der Erscheinung, aber in der ganzen Art. Ich erzählte ihm von Adams und wie unglücklich der Neger sei, daß er nicht ins Heer eintreten und nur zum Festungsbau verwendet werden könne. Lincoln ermahnte mich, der reifen Besonnenheit zu vertrauen und nicht in jugendlichem Uebermuthe zu vergessen, daß man alle Mittel der Verständigung zuerst einsetzen müsse, um vor seinem eigenen Gewissen und vor Gott gerechtfertigt zu sein, wenn man weiter geht; denn es sei ein Bruderkampf, man führe den Krieg nicht zur Vernichtung, sondern zur Versöhnung. Ich möchte gern in ein Regiment von Negern eintreten; ich sagte ihm das. Er schwieg und legte nur seine breite gewaltige Hand auf mein Haupt. Manna bleibt im Hause des Doctor Fritz. Erich hat Ihnen wol schon gesagt, daß er mit dem Range eines Majors eintritt. Und ich habe einen Kameraden, Hermann, den Bruder Lilians, er hat viel Aehnlichkeit mit Rudolf Weidmann, er ist in gleichem Alter mit ihm, aber hier ist man mit achtzehn Jahren schon viel weiter. Er spricht wenig, aber was er spricht, ist gediegen und fest. Ach, er hat eine schöne Jugend gehabt! . . . Nein, ich will nicht mehr davon sprechen. Ich habe Lilian den Greif zurückgelassen. Wir sind bei der Cavallerie. Hätten wir nur unsere Pferde von Villa Eden hier. Man hat hier schlechte Karrengäule zur Cavallerie nehmen müssen und Fuhrleute wurden Cavalleristen. Lassen Sie mir vom Major schreiben, wer unsere Pferde gekauft hat. Das Herz thut mir weh, wenn ich an Villa Eden denke . . . Ich höre hier, daß Viele vom Gleichen in Ehren und Freuden leben. Das darf uns aber nicht in Versuchung führen und nicht abwendig machen, nie . . . Ich mußte aufhören. Haben Sie Geduld mit mir, Sie sollen sehen, daß Sie mir nicht vergebens so viel Gutes gethan; Sie sollen sehen, daß sich als Mann benimmt Ihr Franklin Roland . So heiße ich nun allein.   Manna an die Professorin. . . . An Deine Brust möchte ich mich werfen und sagen: Mutter! Weiter nichts. Die Feder in der Hand zittert mir, aber ich höre, wie Du sagst: sei stark. Ich will es sein. Ich darf nicht daran denken, wie es sein wird, wenn wir wieder bei Dir leben, Du bist unsere Heimat. Wir müssen ausharren, wer weiß wie lange, wer weiß zu welchen Opfern. Ich darf nicht daran denken, daß mir Erich entrissen würde, mir – uns. Wie ein Traum war es mir, als wir das Festland betraten, das Land meiner Geburt; ich hätte ewig auf dem Schiffe so fortschwimmen mögen. Ich lebe im Hause des Doctor Fritz, Erich und Roland sind heute nach Washington gereist; ich fasse es nicht, daß Erich nicht bei mir ist, und doch werde ich ihn ganz anders noch entlassen müssen. Nicht wahr, Mutter, wir bangen nicht? Ein wunderbares Schicksal hat uns zusammengeführt und erhalten, es wird uns treu bleiben. Von dem Hause, in dem ich wohne, von den guten, geistig erweckten Menschen möchte ich gern viel berichten, und oft, wenn ich die Frau und die Kinder sprechen höre, handeln sehe, möchte ich sagen: das habt ihr von der Mutter Erichs, von meiner Mutter. Es ist eine Gemeinschaft der Edeln durch die ganze Welt, und wer etwas davon in sich hat, findet sie. Das bedeutet für mich jenes Wort: Suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgethan. Ich habe von Dir die Kraft des Suchens, des Anklopfens, und ich finde, es wird mir aufgethan. O Mutter! warum müssen es so gewaltige, auf der Spitze von Leben und Tod sich bewegende Ereignisse sein, vor denen die Größe und Güte, die Opferwilligkeit des Menschenherzens sich aufthut? Warum nicht in Frieden, in Liebe, in stiller Sorgfalt? Es ist gut, daß ich unterbrochen worden bin. Lilian hat eine frische Singstimme, und auch die Braut unseres Freundes Knopf singt schön. Wir haben uns hier Stücke eingeübt, und ich begleite Lilians Gesang mit der Harfe. Wenn wir nur diese Töne hinübersenden könnten zu Euch. Mitten im Aufruhr alles Lebens sitzen wir hier stundenlang und singen. Ich verstehe aufs Neue jenes Wort, daß die Kunst eine Erlöserin ist, jenes Wort, das der Vater gesagt. Warum zerreißt das Wort Vater mir so die Seele? Wenn ich auf diesen Weg des Denkens komme, ist mir immer, als schritte ich in eine Wüste, weit – weit hinaus, nirgends etwas, das das Auge erquickt, die Seele erfrischt. Ich muß es tragen. Ich sehe mit Kummer, daß ich so verwirrt schreibe, Du weißt aber und glaubst mir, ich bin es nicht, und vor Allem sollst Du wissen, daß ich unsern Erich nie mit solch schwerem Denken belaste. Es ist nicht Vorsatz, nein, sobald er da ist, schwindet Bangen und Trauern, Alles ist Licht, Sonne, Tag.   Drei Tage später. Erich ist mit Roland von Washington zurückgekehrt, sie erzählen viel, und Roland ist von einer Begeisterung, die Du Dir denken kannst. Lilian ist weit reifer, als man ihren Jahren nach erwarten dürfte. Ihres Bekehrungseifers wegen wurde sie nach Deutschland geschickt und unser Freund Knopf hat da gute Arbeit vollendet. Lilian ist mir eine Schwester geworden und wir sprechen viel davon, wie sie mit uns an den Rhein ziehen wird; sie meint aber, daß Erich und ich hier bleiben, und das wird doch nimmer sein. Dort ist unsere Heimat, Du bist unsere Heimat. Ich küsse Dir die Augen, die Wangen, den Mund, die Hände. Ich bin glücklich, daß ich bin Deine Tochter Manna Dournay . (Nachschrift.) Liebe Tante Claudine, Professor Einsiedel hat mir versprochen, astronomische Bücher zu besorgen. Erinnere ihn daran mit meinem innigsten Gruße. Ich finde hier viel Befreiung im Betrachten der Sterne. Ich spiele auch fleißig Harfe.   Erich an Weidmann. . . . . . Weil ich in meinem kurzen Leben erfahren habe, welche reine und edle Menschen mit mir athmen, darum war ich frei und unbefangen, als ich vor Lincoln stand. Mir ist ein hohes Loos beschieden, ich darf den Besten meines Zeitalters ins Antlitz schauen. Und wenn mir die Klüglinge wieder herablassend sagen sollten, ich sei ein Idealist, so kann ich ihnen erwidern: das muß ich sein, denn mir sind von den Besten auf meinem Lebenswege begegnet. In der Umgebung Lincolns hörten wir den Ausspruch, man dürfe die Neger nicht frei geben, denn sie würden nichts arbeiten, wenn sie nicht gezwungen würden. Da sagte Roland leise zu mir: »Arbeiten denn die Negerbesitzer, die nicht müssen?« Lincoln sah, daß der Jüngling etwas zu mir sagte; er ermahnte, es offen zu bekennen, und mit ruhiger Herzhaftigkeit wiederholte Roland, was er mir gesagt. Sie, der Sie mit mir an der Erweckung dieser Jünglingsseele gearbeitet, empfinden das gleiche Glück wie ich. Und nun will ich Ihnen von Ihrem Neffen erzählen. O, unser gesegnetes deutsches Leben! In alten Zeiten trugen Auswanderer ihre Götterbilder mit in die Fremde, wir Deutsche tragen unsere Dichter, unsere Philosophen und Musiker durch die ganze Welt; und so ist im Hause Ihres Neffen eine Bildungsstätte, heimisch, wohlig und frei. Mitten im Aufruhr des Staatswesens und des Privatlebens walten unsterbliche Geister und bewirken eine Andacht, eine Ruhe, eine Tempelstille eigener Art. Mitten im Wachsen und Walten der geschichtlichen Bewegung fühle ich: der Einzelne ist wie die Zelle am Baum, oder anders: wir sind wie die Schüler auf der Schulbank, wir kennen den Lehrplan nicht, wir wissen die Ziele nicht, zu denen dies Alles führt; heute müssen wir unsere Aufgabe lernen und es wächst Zelle an Zelle, reiht sich Wissen an Wissen, bis – ja, wer weiß das Ende. Beim ersten großen Kampf, beim Unabhängigkeitskriege der neuen Welt waren von deutschen Fürsten verkaufte Deutsche, die für die Engländer gegen die Amerikaner kämpften, und wenige freie Deutsche – unter ihnen Steuben und Kalb – kämpften für die Republik. Damals standen die Franzosen – der Name Lafayette klingt hell hervor – unter den Freiheitskämpfern der neuen Welt voran, heute stehen Tausende von Deutschen im Unionsheere, ausgewanderte und ausgesendete Zeugen. Eingewanderte Franzosen haben Zuavenregimenter gebildet, sie werden französisch commandirt. Als die besten Truppen gelten aber Irländer und Deutsche. Ich sehe den Dichter der Zukunft kommen, ihm stellt sich das große Drama unserer Zeit – der Kampf zwischen Cäsarismus und Selbstbestimmung – in einer Ausdehnung dar, wie keine Vergangenheit sie kennen konnte; er drängt den Kampf in dichterischen Bildern zusammen, Gestalten, durch Meere getrennt, werden zu Trägern kämpfender Mächte und ringen mit einander. Es sind noch nicht hundert Jahre, seitdem die Republik der Vereinigten Staaten besteht. O, wie anders sieht es hier aus, als wir uns dachten. Ich habe Viele gefunden, die an dem Fortbestand der Union zweifeln, ja ein gebildeter Geistlicher sagte mir, es sei doch wol in der monarchischen Verfassung mehr Kraft der Dauer. Das ist das Empfinden der Muthlosigkeit und Verzweiflung, die aber, wie ich glaube, nur vereinzelt ist. Wie oft muß ich mich hier einen philanthropischen Idealisten nennen lassen; sie sagen mir, ich würde auch bald bekehrt werden. Ihr Neffe, der mit großem Blick Alles überschaut, hat mir das Räthsel gelöst. Die Menschen hier haben lange blos für Erwerb und Wohlbefinden gelebt und die Staatspflicht nur zeitweise als Wähler empfunden; sie müssen die Schule der Militärpflichtigkeit durchmachen, jenes Einsetzen des Lebens für den Staatsbestand, natürlich nur als Schule, um dann wieder frei zu sein. Die Sklavenfrage ist hier noch nicht so entschieden, als wir glaubten. Ihr Neffe meint, daß die gänzliche Aufhebung der Sklaverei eine nothwendige Kriegsmaßregel werden müsse, der Kampf um den Bestand des Staates. Der Patriotismus muß sich mit der Humanität verbinden, die reine Idee mit Nutzen und Nothwendigkeit versetzt werden; die Logik der Thatsachen bringe eine Entscheidung, die die Logik der Gedanken nicht vermochte. Es gibt auch hier im Norden eine starke Partei, die nicht zu dem einzigen, wie sie es nennt, extremen Mittel, zur absoluten Aufhebung der Sklaverei, fortschreiten will; sie hofft, nicht durch Aufhebung der Sklaverei, sondern durch den Krieg den Süden zu unterwerfen. Wir hoffen, es gelingt nicht. Der Kampf muß ganz durchgefochten werden. Das Wort Staatsnothwendigkeit, das von den Tyrannen so oft mißbraucht wurde, wird hoffentlich auch einmal zur Freiheit führen. Was muß man hier nicht alles gegen die Neger hören. Daß die vier Millionen Sklaven nahezu zweitausend Millionen Dollars Gold repräsentiren, steht natürlich obenan; daß die Neger viele Laster haben – als ob die Unterdrückten lauter Tugendmuster sein könnten. Jedes Volk, so lange in Sklaverei gehalten, gepeinigt, gemartert und zur Unwissenheit verdammt, hätte so werden müssen. Immer hat die Tyrannei die Unterdrückten für niedrige Wesen ausgegeben, natürlich indem sie verleugnete, daß, was sie etwa von Niedrigkeit haben, ihnen durch die Unterdrückung aufgeprägt und eingepflanzt wurde. Ich habe hier einen hochbegabten Neger kennen gelernt und hörte von ihm eine Rede über Stellung und Zukunft seiner Stammesgenossen; es war etwas Demosthenisches darin, der Mann ist 22 Jahr lang Sklave gewesen und hat sich jetzt eine vollkommene wissenschaftliche Bildung angeeignet. Manchmal ist in seinem Ton eine zitternde Klage, wie von einem Verschmachtenden, und ich bewundere, daß er allen knirschenden Zorn niederhält. Wenn ein Einzelner je noch Befreier seines Volkes werden könnte, dieser Mann oder ein Anderer ihm gleicher könnte ein befreiender Held werden. Aber das Heroenthum ist vorbei, immer und überall. Wir haben nur noch die Solidarität Aller. Wohl sehe ich, seitdem ich hier bin, nicht nur eingerostete Vorurtheile, die sich mit humanen Redensarten zudecken, es zeigt sich mir auch die große Umwälzung, die die Aufhebung der Sklaverei mit sich bringt. Aber Amerika muß jetzt sühnen für die Unterlassungssünde der Vorfahren. Da sind die Straßen, die Häuser, die Felder, sie sind auch aus Mark und Knochen der Neger aufgebaut, das muß bezahlt werden, getilgt. Daß das jetzige Geschlecht es muß, ist hart, aber es muß. Ganz Amerika trägt eine Schuld des Vaters auf sich. Roland ist nur ein hervorstechendes Beispiel von jener Schuld der Väter, die die Kinder zu sühnen haben. Wir sind mitten in einen historischen Proceß versetzt, der seine eigene Logik erweist. Die Mittel friedlichen Ausgleichs haben nichts geholfen. Gegen den Ruf: Nur keine Unterjochung! Nur keinen Eingriff in die Unabhängigkeit der Einzelnstaaten! mußte doch ein Heer ausgestellt werden, und nun heißt der Ruf: Nur keine Confiscation des Eigenthums! Das heißt, keine Aufhebung der Sklaverei, und diese wird doch die zweite Consequenz sein müssen, da sie nicht die erste sein konnte. Die moralische Schuld, die nie an der Börse notirt, nicht verzinst, nicht amortisirt wurde, wird jetzt zu einer großen Staatsschuld der Union, und jene moralische Schuld wird mit Geld und Blut abgetragen werden müssen. Da sagen sie hier, der Krieg kostet drei tausend Millionen Dollars, mit der Hälfte dieser Summe hätte man die Sklaven freikaufen können. Aber eine Idee läßt sich nicht mit Geld kaufen, die muß doch mit dem Einsetzen des Lebens errungen werden. Die Freiheit läßt sich nicht kaufen, nicht schenken, sie muß erkämpft werden . . .   Manna an die Professorin. . . . . . Was war dagegen jener nächtliche Spuk der geschwärzten Männer! Ich habe hier einen Sklavenaufruhr erlebt. Doctor Fritz sagt, es sei die Erbitterung gegen die angeordnete Conscription, die ihn veranlaßt. Viele Neger sind ermordet, unserm Freund Knopf wurde seine Schule zerstört, die Waisenhäuser der Neger sind niedergebrannt worden und die armen schwarzen Kinder wälzen sich wimmernd auf der Straße. Wir haben viel zu thun und gut zu machen. Ich war beim Begräbniß einer Negerfrau. Die Neger haben ihre getrennten Begräbnißplätze. Noch im Tode die Ausscheidung. . . . Wie oft höre ich im Geiste die Melodie und die Worte: Denn alle Schuld rächt sich auf Erden. Es war ein Sommertag, da ich das Lied zuerst hörte von Erich, der es auf dem Rheine sang. Wie namenlos weh war mir damals. Und jetzt ist es, als ob über den ganzen Welttheil das Wort Goethe's hintönte: Denn alle Schuld rächt sich auf Erden.   Erich an den Banquier. . . . . . Vollkommen erkenne ich Ihren Schmerz darüber, daß Juden bei den Sonderbündlern stehen. Der General Twiggs, der in Texas befehligte und Armee, Festung und Kriegsgeräthe den Rebellen übergab, ist ein Jude. Daß auch Börsenspeculanten den Vertheidigern der Sklaverei Vorschub leisten – warum sollen sie's minder als die kirchenfrommen Engländer? Warum verlangen Sie, daß alle Juden auf Seite des sittlichen Princips stehen? Es soll sich zeigen und es zeigt sich, daß keine Religion auserwählt zur Sittlichkeit ist. Je mehr ich über Ihren Brief denke, um so mehr gelange ich zu der Betrachtung: Die Juden, die so lange und so grausam ausgestoßen aus staatlicher Gemeinschaft und zu einem traurigen Kosmopolitismus verdammt waren, bewähren sich in der Befreiung als Eingeborne der verschiedenen staatlichen Gemeinschaften und halten sich zunächst an den Patriotismus. Mir stellt sich nun wieder eine Parallele, die ich schon oft im Auge hatte; die Juden und die Hugenotten haben eine eigenthümliche Mission. Unter fremde Völker vertrieben, mit ihnen Eins geworden, stellen sie gewissermaßen eine Bindung dar, so daß sich das Volksthum nicht auf die Blutabstammung allein gründet; ja noch mehr, sie repräsentiren die Einheit des Menschenthums. Uebrigens sind sehr viele Juden hier bei uns und kämpfen tapfer und aufopfernd. Der junge Arzt, den Sie ausgerüstet, ist sehr tüchtig. Die Summe, die Sie übersendet haben, wird gewissenhaft verwendet . . .   Die Professorin an Erich und Manna. . . . . . So viel Blüthen trägt kein Baum, als Segenswünsche aus meinem Herzen zu Euch hin sich wenden. Wir sitzen hier still, und Ihr draußen seid im Kampf. Wir können nichts für Euch thun, nur sagen will ich Dir, mein Sohn, und Dir, meine Tochter: was auch kommt, seid beruhigt in der Zuversicht, daß wir dem Geiste gefolgt. Wir müssen nun unser Theil still erkennend tragen. Ich war auch im neuen Dorf. So muß es in Amerika in einer neuen Ansiedlung sein. Ein großes Glück ist es, so vielen Menschen ein heiteres und arbeitsames Dasein bereiten zu können. Mein Sohn! Warum schreibst Du nicht, ob Du nach dem Onkel Alphons geforscht? Versäume das nicht. Wenn er noch lebt, sage ihm, daß ich ihn nie verkannt habe, trotzdem er so hart gegen uns verfahren, und sage ihm, daß Dein Vater seiner immer brüderlich gedachte. Ach, ich weiß ja nicht, ob er noch lebt. Versuche, Dir Gewißheit zu verschaffen. Unser Freund Einsiedel ordnet jetzt die Papiere Deines Vaters. Unser guter Major will sich ein Zimmer im Warmhause einrichten und da will er im nächsten Winter den ganzen Tag unter den Pflanzen leben und ihren Athem einsaugen. Er behauptet, daß er dann hundert Jahre alt werde.   Claudine an Manna. . . . . .Es ist gut, daß Du vom Schweren, das Du erleben mußt, in der Pflege der Sternkunde Dich befreist. Das hilft über alles Kleine hinweg.   Lina an Manna. . . . . . Morgen ist der Jahrestag meiner Hochzeit und da gebe ich meinen ersten großen Kaffee. Habe Respect vor mir. Ich lege schöne damastne Decken auf und habe eigene goldgeränderte Tassen. Ach, warum kannst Du nicht da sein! Die Leute sagen, meine Stimme wäre jetzt, seit ich Mutter bin, viel stärker. O Manna, der beglückendste Gesang ist doch der, den man seinem Kinde singt. Schreib es mir nur gleich. Prancken und seine Frau sind zurückgekehrt, sie bleiben aber nicht bei uns. Er wird Gesandter da drunten an der Donau bei der Türkei, ich weiß nicht, wie das Land heißt. Ich habe mir etwas Schönes für Dich ausgedacht. Wenn Du wiederkommst, mußt Du einen Gesangverein stiften für alle Frauen und Mädchen der Gegend, und da singen wir in Eurem Garten und im Musiksaal, auf dem flachen Dach und in Kähnen auf dem Wasser, überall. Ach, das soll ein Leben sein! Wenn es nur schon morgen wäre!   Einsiedel an Erich. . . . . . Erhebende Gedanken sind in den hinterlassenen Papieren Ihres Vaters. Es ist zu bedauern, daß nicht Einiges davon früher herausgegeben wurde. Er hat diesen Krieg in Amerika vorausgesehen, ganz deutlich. Die Consequenz des Denkens ist eine Art Prophetie. Ich werde die Blätter veröffentlichen und darauf hinweisen, daß sie viele Jahre vor diesen Ereignissen von einem einsamen Geiste niedergeschrieben sind.   Weidmann an Erich. . . . . . Mein Neffe schickt mir regelmäßig die Zeitungen. Lassen Sie sich nicht vom Denken an Europa und an die verschiedenen Verhältnisse beunruhigen, Sie sind jetzt auf einen Posten gestellt, wo Sie nur das Nächste im Auge haben dürfen. Verzeihen Sie, daß ich mir erlaube, Sie zu ermahnen. Es war höchste Zeit, daß diese Schmach aus dem Bewußtsein unserer Zeit getilgt wurde, denn es zeigt sich, daß sie durch lange Gewohnheit gar nicht mehr so bitter und scharf als Sünde und Schmach empfunden wurde. Ich mache nach dieser Seite hin überraschende Erfahrungen. Herr Sonnenkamp war mehr als er wußte ein Verderber unserer Landschaft; man spricht jetzt gut von ihm. Ach, nur ein Sklavenhändler? kann man aller Orten hören. Der Heroismus hat immer etwas Bewältigendes, der kühne Bösewicht wird anziehender als der einfach tugendhafte Mensch. Ganz ernste Männer finden es übertrieben, daß der Fürst Herrn Sonnenkamp nicht geadelt hat. Es hat sich nach Europa eine Pflanze verbreitet, die das Volk die Wasserpest nennt, Sie werden davon gelesen haben, sie kam aus Canada und hat die Themse durch ihr Wurzel- und Stengelgewirre fast verstopft, hat sich tief in den Continent hinein geschlungen und ist nun schon bei uns. Solch eine Art Wasserpest verbreitet sich auch in geistigen Dingen. Es ist gut, daß Sie und Roland die Angelegenheit mit dem in der Bank niedergelegten Gelde meinem Neffen und mir nun anheim geben. Mein Neffe ist der Ansicht, daß jetzt ein Theil und der andere nach Beendigung des Krieges verwendet werden solle. Er schreibt mir sehr befriedigt darüber, wie Sie und Roland jeder Versuchung widerstehen, die sich, wie ich vermuthete, in Amerika wieder erneuern wird.   Doctor Richard an Erich. . . . . . Seien Sie froh, daß Sie nicht mehr zu grübeln, sondern etwas zu thun haben. Und jetzt eine schöne Geschichte. Otto von Prancken, für den ich immer wie alle profanen Menschen eine Sympathie hatte – er ist kein Tugendheld, aber eine volle Natur – hat die Schwarzröcke im Wettrennen an Klugheit überrannt; er ließ sich von ihnen nach Rom empfehlen und hat dort einen lustigen Streich vollführt. Er war mit Majorsrang in das päpstliche Heer eingetreten, hat aber Streit bekommen: wie ich glaube, hat er ihn gesucht. Er schrieb einen Brief voll Unzufriedenheit über die Organisation des Heeres. Das sollte ihn entschuldigen, da er wieder austreten wollte, um die junge Wittwe, die Tochter des Herrn von Endlich, heimzuführen. Wenn Sie wiederkommen, haben Sie neue Nachbarschaft. Man sagt indeß, daß Prancken in die diplomatische Carriere eintreten würde, und ich glaube, er hat Talent dazu. Haben Sie nichts von Frau Bella gehört oder gesehen?   Die Majorin Graßler, weiland Fräulein Milch, an Knopf. . . . . . Du kannst Dir denken, welche Freude uns Dein Brief gemacht. Mein guter Mann war seit geraumer Zeit zum ersten Mal wieder heiter; er ist, seitdem Ihr Alle abgereist seid, voll Unruhe. Monate lang hat er den Gedanken nicht los werden können, warum er nicht jünger sei, daß er auch hätte mitziehen können. Wir haben ein wahres Hauskreuz, denn unsere Laadi ist erblindet, es kann ihr kein Arzt helfen. Die Menschen lachen uns aus, weil wir den Hund so treu pflegen; sie wollen, daß wir ihn erschießen lassen, das aber können wir nicht. Mein Mann sitzt stundenlang bei der Laadi und spricht mit ihr, ja er führt sie an einem Strick täglich spazieren. Warum mußte der Hund blind werden? Man muß sich hüten, nicht sentimental zu werden, Mutter Natur ist eine sehr harte Mutter. Ach, lieber Freund, ich schäme mich, daß ich Dir so Kleinliches schreibe, Du stehst jetzt inmitten eines großen Weltereignisses, was mag Dir da dies Alles sein? Mein Mann hat mir erzählt, daß einmal beim Grafen Wolfsgarten viel über das amerikanische Sprüchwort gesprochen wurde: Hilf Dir selbst. Ist das nicht jetzt das große Wort, das in Amerika zur That wird? Amerika hilft einem lange geknechteten Stamm zu seiner Freiheit und es hilft sich selbst damit zu seiner Freiheit und Sittlichkeit. (Nachschrift.) Ich habe den Vater Ihrer Rosalie gekannt, er war einmal mit dem Lehrer Faßbender bei uns.   Erich an Weidmann. Adams ist zum Schanzenbau beordert und mit ihm eine große Zahl von Negern. Er wollte nicht die Hacke zur Hand nehmen, da schloß sich Roland den Negern an und führte mit ihnen die Hacke. Es ist sehr viel Unzufriedenheit im Heere, man verargt es Lincoln, daß er eine Politik des Schwankens, der Unsicherheit, gelindestens gesagt, des äußersten Zögerns inne hält. Ich muß es Doctor Fritz selbst oder vielmehr der Zeit überlassen, seinen Ausspruch zu rechtfertigen, denn er sagt: Lincoln ist nicht eine geniale, um Haupteslänge über die Massen hervorragende Persönlichkeit, er ist das Durchschnittsmaß, der exacte Ausdruck dessen, wozu der Volksgeist hier bis jetzt gediehen. Er ist kein Mann der Auszeichnung, sondern nur der richtigen Bezeichnung. Mag sein, aber das ist viel. Es ist nicht Größe im alten Sinne, aber sind wir nicht bereits in die Zeit eingetreten, die das Heroenthum, den Träger der Heldenrolle, um den sich alles Andere nur als Nebenfigur gruppirt, überwunden hat? Dem Monarchischen, dem Aristokratischen und Monotheistischen gegenüber steht das Republikanische, das Demokratische, das Pantheistische; es sind drei verschiedene Namen für drei Regionen desselben Princips.   Roland an die Professorin. Meine ersten Zeilen aus dem Felde sind an Sie, liebe Frau Professorin. Warum kennen Sie Lilian nicht? Sie ist es würdig, von Ihnen gekannt zu sein. O, was ist Doctor Fritz für ein Mann! Er sagte mir, er sei ein Schüler Ihres Mannes und es muß Sie beglücken, daß sein Geist nun fortlebt in einem solchen Manne in der neuen Welt. Ich muß mir Mühe geben, nicht zu viel an Sie und an die Vergangenheit zu denken; ich darf jetzt nichts denken, als was wir vorhaben, und ich bin müde, ich habe scharf exerciren müssen. Erich genießt hier großes Ansehen. Es ist jetzt still im Lager, es heißt, daß wir morgen zum ersten Mal ins Feuer kommen. Am Morgen. Die Schlacht beginnt. Ich hoffe meine Schuldigkeit zu thun. Am Abend. Ich bin zum Officier ernannt.   Erich an Weidmann. Aus dem Lager. Wir haben eine Schlacht geschlagen. Wir sind besiegt. Roland hat sich hervorgethan, er ist zum Officier ernannt; ich muß allen meinen Einfluß anwenden, seine Kühnheit zu zügeln. Es ist mir eine wirksame Hilfe, daß Ihr Großneffe Hermann so besonnen ist. Das Härteste an diesem Kriege ist, daß Tausende geopfert werden müssen, damit die Führer die Kriegskunst lernen; es fehlt an bewährten und mit Vertrauen geschmückten Führern. Es ist kein Geringes, daß das Heer, ohne die Zuversicht in die Kriegskunst seiner Führer, sich so tapfer hält; sie müssen erst den Krieg im Kriege lernen. Die Südstaaten sind dadurch im Vorsprung. Viel zu denken gibt es mir, ob unsere Gegner mit Hoffnung auf Sieg kämpfen; ich meine, ob sie ehrlich hoffen, daß, wenn sie siegen, ihr Princip ein dauernd geltendes sein kann. Gerade die über alle Grenzen der Menschlichkeit gehende Erbitterung, gerade die Rachsucht, mit der sie kämpfen und die Gefangenen behandeln, sind mir Zeichen, daß sie wohl an den Sieg im Kriege glauben, aber nicht an einen Sieg im Frieden. Und da stellt sich mir wieder die Frage: warum muß ein ideell Anerkanntes immer und immer noch mit Blut erkämpft werden? Es ist das große Räthsel der Geschichte. Es ist wie im Kleinen und Einzelnen. Der Mensch ist ein vernünftiges, aber noch vorherrschend leidenschaftliches Wesen, und immer ist es die Leidenschaft, der Affect, der das Einzelleben wie das der Menschheit gewaltig treibt und erneuert. Amerika hat nicht, wie Goethe sagte, kein Mittelalter zu besiegen, wie er auch darin irrte, daß es keine Basaltlager habe; es bekämpft seinen besonderen Feudalismus. Seine Geschichte drängt sich nur wie in einem dramatischen Gedicht näher und in kürzeren Zeiträumen zusammen. Amerika hat keine dynastischen und keine Religionskriege mitgemacht. Unabhängigkeit war das erste Moment, aber das kann auch egoistisch sein. Befreiung Anderer ist das zweite und rein ideale Moment. Aus dem Streben nach Besitz und Geld, wo materielle Wohlfahrt das Einzige, Letzte und Höchste war, nun in eine Geschichtsperiode versetzt zu sein, wo man das Leben für eine Idee einsetzen muß, das gibt die Idealität. Jetzt erst bringt Amerika seine Opfergabe in das Pantheon der Menschheit. Bisher konnte man sagen, daß die Geschichtsgröße Amerika's in keinem Vergleiche stehe mit seiner Naturgröße. Jetzt erlebt Amerika ins Eins zusammengedrängt seine Völkerwanderung, seine Kreuzzüge und seinen dreißigjährigen Krieg; es ist eine Zusammendrängung der Zeit; seine Geschichte entwickelt sich im Zeitalter des elektrischen Telegraphen. Da sitze ich im Lager und schulmeistere. Aber es hat mir doch wohlgethan, ich fühle mich gesammelt, erlabt und gesättigt, indem ich mich zu Ihnen wenden konnte.   Erich an Weidmann. Aus dem Lager. . . . . . Das Echte, das Nothwendige ist geschehen; die Neger sind zum Heeresdienst berufen; wir sind in ein Neger-Regiment eingetreten, Roland, Hermann und ich. Jetzt erst ist der Kampf ein voller. Die Neger benehmen sich willig und gut und sind immer lustig. Diese Disciplinirung im Heere ist eine große Vorschule für das Leben. Von einem Spione, den wir ausgesendet, haben wir erfahren, daß ein Mann, der Beschreibung nach halte ich ihn für Sonnenkamp, im Heere uns gegenüberstehe und bei ihm eine Frau in Männerkleidung, eine gewaltige Schönheit, sei, der Alles huldigt. Ich hatte gehofft, daß er in der Marine stehen würde, und mir ist es entsetzlich, daß er und sein Sohn so unmittelbar gegen einander kämpfen. Wenn nur Roland nichts davon erfährt. Eine Freude ist es, die schöne Kameradschaft zwischen Roland und Ihrem Großneffen Hermann zu sehen, die beiden Jünglinge sind unzertrennlich.   Roland an die Professorin. . . . Endlich ist das Volle eingetreten. Erich, Hermann und ich, wir dienen in einem schwarzen Regimente. Das ist's, was ich wollte. Ihnen darf ich's sagen, sie lieben mich, diese Geknechteten, die jetzt um ihr Menschenthum kämpfen, das man ihnen nicht im Frieden geben wollte. Ich denke an das Wort Parkers. Ach, was war das für ein Tag, als ich zum ersten Mal seinen Namen von Ihnen hörte, dort beim Ausgang aus der Kirche, und dann – Vorwärts! heißt jetzt unsere Losung, wir dürfen nicht mehr zurückschauen. Ich habe einen Freund gefunden, einen Freund, den Sie mir nach Ihrem vollen Herzen nicht besser hätten schaffen können, und mein Hermann ist der Bruder Lilians. Ich darf nicht daran denken, daß er aus freiem Entschluß kämpft und ich – Nein, ich setze auch frei Alles ein . . . Wir sind geschlagen! Mutter, wir sind geschlagen! Erich tröstet mich und tröstet Alle, er sagt, daß es gut sei, wir müssen lernen aushalten. Gut, ich will es lernen. (Nachschrift Erichs.) Mutter! Diese Zeilen Rolands fand ich in seinen zurückgelassenen Sachen, ich schicke sie Dir. Wir haben seitdem nochmals gekämpft und einen Sieg errungen. Roland ist verschwunden, er ist gefallen oder gefangen, aber er hat sich tapfer gehalten. O mein Roland!   Erich an Weidmann. Aus dem Lager. O Freund! Wir haben einen Sieg erfochten, aber Roland ist verloren. Ich habe mit unserm Arzte, mit Adams und Hermann das Schlachtfeld durchsucht. Welch ein Anblick! Wir haben Roland nicht gefunden. Unsere Hoffnung ist, daß er gefangen ist. Welch eine Hoffnung! Ich muß mich trösten, indem ich Hermann tröste. Die volle Seelenkraft dieses gediegenen Jünglings tritt im Schmerz um den Verlornen heraus, er ist aber fern von aller Weichlichkeit; es zeigt sich die gute Schule des Freistaates und des deutschen elterlichen Hauses. Hermann ist nun mein Zeltgenosse; er ist ganz anders als Roland. Hier in Amerika hat Jedes Raum und alles Gezweige lebt und gestaltet sich aus am Baum; dazu hat Hermann kein Schmerzensschicksal in der Seele, wie mein armer Roland es hatte. Ich bitte Sie, wenn vielleicht eine Nachricht von Sonnenkamp an mich eintrifft, ihm zu schreiben, daß sein Sohn gefangen sei. Ich bin bis zum Tode ermattet. Die Bilder der Verwundeten, der Todten, der Zerstampften, werden niemals aus meinem Gedächtniß schwinden. Ich weiß nicht, wann ich Ihnen wieder schreibe, nur bitte ich das wegen Rolands an Sonnenkamp ja auszuführen; vielleicht könnten Sie es auch in eine englische Zeitung setzen lassen, die nach den Südstaaten kommt. Besprechen Sie Alles mit Professor Einsiedel. Roland war gestern ganz übermäßig bewegt. Er hatte von den Negern ein Lied gehört und plötzlich ging ihm die Erinnerung auf, daß dies das Lied war, welches ihm seine Amme gesungen. Es hatte einen traurigen Inhalt und eine fast noch traurigere Weise. Eine Negermutter singt ihrem Kinde, es solle wachsen und schöne Zähne bekommen, denn der Herr will das. Den ganzen Tag ging Roland das Lied nach, er sprach davon und summte es vor sich hin, es schien ihm die Seele einzunehmen. Sein Wiegenlied lag ihm in Gedanken, während er vielleicht doch in den Tod ging . . .   Lilian an die Professorin. »Schreibe es sofort an die Mutter Erichs,« sagt mir Roland. So wissen Sie denn, verehrte Frau, ich habe ihn gefunden. Die Schreckensnachricht kam zu uns, daß Roland gefallen oder gefangen sei, ich hielt es nicht mehr aus. Ich wanderte ins feindliche Land. Im Geleite von Bruder Martin, ich meine nämlich Herrn Knopf – wagte ich es, über die Linie zu kommen. Wir waren als Südländer verkleidet, ich trug einen Arm in der Binde, als wäre ich verwundet. Ach! was soll ich von den Gefahren erzählen, die wir bestanden? Herr Knopf kam doch nicht über die Linie, ich kam allein hinüber, Greif war bei mir. O was habe ich Alles erlebt! Ich bin auf den Schlachtfeldern gewesen, habe Hunderten von Verstümmelten und Todten ins Antlitz geschaut. Ich war in Lazarethen, habe das Aechzen, das Wimmern gehört, und nirgends war Roland, nirgends eine Spur. Weiter und weiter wanderte ich, und sie haben Mitleid mit mir gehabt, die Entsetzlichen. Ich habe ihn endlich gefunden. Nein, nicht ich – Greif hat ihn gefunden. In einer Scheune lag er verwundet; er sah so abgemagert und verändert aus, ich hätte ihn kaum mehr erkannt. Roland spricht davon, daß eine Frau in Männerkleidern ihn habe in die Scheune tragen lassen, er behauptet, es sei Gräfin Bella gewesen. Ich habe sie einmal gesehen, als ich noch auf Mattenheim war, ich sah sie jetzt – ich glaube, sie war es – in Männerkleidern auf einem Pferde vorübersausen; sie sah mich an, sie mußte mich erkannt haben. Ich habe Roland einen Kiesel geschenkt, als wir uns auf Mattenheim trennten; diesen Kiesel, wohleingenäht, trug er auf dem Herzen, und durch ihn wurde er vom Tode gerettet. Ich habe Alles nach Newyork berichtet, weiß aber nicht, ob der Brief ankommt. Nach Europa werden Briefe durchkommen, ich bitte Sie, die Nachricht an meinen Vater und an Erich gelangen zu lassen. Sagen Sie noch, daß Roland außer aller Gefahr ist; ein deutscher Arzt, der hier im Heere dient, gibt mir die Versicherung. Geben Sie diese Nachrichten an Onkel und Tante und alle Angehörigen. Roland ist eben erwacht. Er läßt Sie bitten, den Taubstummen auf die Villa zu nehmen und ihm im Garten Beschäftigung zu geben, er spricht viel von ihm.   Doctor Fritz an Doctor Richard. Wir erhalten nur schwer Nachrichten aus den Südstaaten. Ein Gefangener, der glücklich entkommen ist – Sie kennen wol die Unmenschlichkeiten, mit denen die Südstaatlichen die Gefangenen behandeln – erzählte mir zufällig, daß Sonnenkamp-Banfield dort im Heere kämpfe und bei ihm eine schöne Dame sei. Sonnenkamp ist in den Südstaaten nicht zu der Geltung gelangt, die sein Ehrgeiz erwartete. Er ist den südstaatlichen Junkern zu radikal, er macht aus dem, was sie wollen, ein logisches Princip, wie er das ja auch früher im Kampfe gegen mich that. Ganz vernichtet aber hat er seinen Einfluß, da er mit dem Plane heraustrat, aus den Südstaaten eine Monarchie zu machen. Das wollten die Junker des Südens doch nicht; der Republikanismus sitzt ihnen noch in den Gliedern, und wenn auch Sonnenkamp von seinem Plane zurücktrat, er hat das Ansehen verscherzt, das er bei seiner unbestreitbaren Kraft und seiner Rücksichtslosigkeit hätte erlangen müssen. Ich glaube, er und Gräfin Bella kämpfen nur noch aus Verzweiflung und Abenteuersucht.   Erich an Weidmann. . . . So ist nun das Aeußerste erlebt! Es war ein heißer Tag, auf beiden Seiten wurde mit Hartnäckigkeit gekämpft. Wir haben gesiegt, aber unser Verlust ist groß. Da kam Adams zu mir, er blutete und Schaum stand ihm vor dem Munde. Ich wollte seine Wunde verbinden lassen, er wehrte ab und rief: »Kommen Sie! Kommen Sie! Ich habe ihn nicht getödtet . . . draußen liegt er.« »Wer denn?« »Der Vater Rolands!« Ich nahm einen Arzt mit, wir eilten an Verstümmelten, Hülferufenden vorüber. Wir kamen zu einem Hügel, dort lag er. Als ich vor ihm stand, konnte ich kaum athmen, endlich rief ich: »Vater!« »Vater!« schrie er. »Weg von mir! Laßt mich!« Gläsernen Blicks starrte er mich an. Er raufte das Gras aus und wühlte tief hinein, dann steckte er das Gesicht in die aufgewühlte Erde, er mochte den einzigen Duft suchen, der ihn erquickt hatte, aber er schüttelte den Kopf, er schien nichts mehr vom Brodem der Erde zu riechen. Jetzt wendete er sich und starrte mich an. Der Arzt untersuchte ihn, er blutete. Mit Kraft stieß er ihn von sich. »Ich will nicht verbunden sein! Fort mit Euch Allen!« Ich kniete zu ihm nieder und sagte, er habe nicht seinem Sohn im Kampf gegenüber gestanden, Roland sei seit drei Monaten verschwunden, wahrscheinlich gefangen. »Gefangen! . . . Wehe! dreimal wehe!« schrie er. »Gefangen! . . . O, sie ist schuld . . . sie! . . . Ich wollte nicht . . . ich mußte . . . sie wollte zu Pferde sitzen . . . Amazone spielen . . .« Er lachte höhnisch. »Auf dem Meere . . . zur See . . .« fuhr er dann fort, »da wollte ich sein . . . ich mußte ihr folgen . . . ich sah sie fallen . . . sie war schön noch im Tode . . . eine Zauberin . . .« Der Arzt winkte mir, ich verstand. Ich fragte, ob er keinen Wunsch mehr habe. Er sah mich starr an. »Dort . . . das gib mir . . . gib!« Er deutete nach einer Erika, die nicht weit von ihm stand. Adams war unserm Blicke und den Worten gefolgt, er raufte einen ganzen Büschel Eriken aus und gab sie dem Sterbenden in die Hand, der den Neger mit heraustretenden Augen ansah. Dann trat ein Lächeln in sein Angesicht, er bäumte sich noch einmal hoch auf mit gewaltiger Kraft, that einen entsetzlichen Schrei, und sank zurück, der Tod streckte ihm die Glieder. Mit der Erika in der krampfhaften Hand starb er. O, was habe ich erlebt, was mußte ich erleben! Als wir ihn in die Erde eingruben und ihn ganz mit Eriken zudeckten, da weinte ich um den Mann von so gewaltiger Kraft. Was wäre aus ihm geworden, wenn . . . Mitten im Schreiben werde ich unterbrochen. Seit diese Zeilen hier stehen, habe ich noch einen Todten begraben. Ich wurde zu Adams gerufen, er hatte es verabsäumt, sich verbinden zu lassen, und nun war es zu spät. Er verlangte nach mir. Ich stand an seinem Lager. »Herr Major, werden meine Brüder frei?« »Ja, ja,« rief ich ihm zu, da hob er seine Hände in die Höhe und schrie und tobte wie rasend. Seine wilde Natur, die nur gebändigt und zurückgehalten war, trat in seinem Todeskampfe heraus. Ach, ich kann nicht weiter schreiben; ich habe mich in mir selbst geirrt. Ich glaubte gefestigt zu sein gegen Alles, ich bin es nicht. Ich bitte Sie nur, lieber Herr Weidmann, meiner Mutter den Tod vom Vater Manna's und Rolands mitzutheilen. Könnte ich nur schlafen, Ruhe finden! (Nachschrift von der Hand Manna's.) Dieser Brief, bis hierher geschrieben, fand sich in der Tasche meines Erich, als er unter dem Pferde hervorgezogen wurde. In der bis zur Bewußtlosigkeit gesteigerten Aufregung ist er zu Pferde gestiegen und wollte in die Schlacht, er ist gestürzt. Ich schicke den Brief. Noch erkennt er Niemand, noch spricht er verwirrt, aber der Arzt gibt mir Hoffnung. Ich schicke den Brief erst fort, wenn ich Besseres berichten kann. Drei Tage später. Mein Mann sagt, daß er im Gedenken an Sie eine Labung finde. Ich habe heut auch an die Mutter geschrieben.   Manna an die Professorin. Mutter, er ist gerettet! Verflogen alle Qual! Er ist gerettet! Tage lang, Nächte lang lag er im Fieber und erkannte mich nicht. Einmal aber rief er: »Ach, die Harfentöne!« Ich telegraphirte sofort nach Newyork, daß man mir meine Harfe schicke, da sagte mir der Telegraphist, daß eine Frau, die hier einsam lebe, eine Harfe besitze. Ich ging zu der Frau . . . Und diese Frau ist die Mutter meines Heimchen. Die Oberin hatte ihr von der Liebe des Kindes zu mir geschrieben und ich mußte nun der Mutter viel erzählen. Und jetzt . . . Ja, wir leben im Wunder! Von Heimchen kam mir die Harfe, die meinem Manne Ruhe zutönen sollte. Ich weiß nicht, ob ich Ihnen je von einer verschleierten Spanierin, die wir in Carlsbad gesehen und der ich manchmal in der Kirche begegnete, gesagt habe; das war die Mutter Heimchens. Sie trägt ein schweres Schicksal; sie hatte sich vermählt und dann erfahren, daß ihr Mann bereits verheiratet war; sie will aber den Namen ihres Mannes nie nennen. Sie erzählte mir jetzt, daß sie mich schon damals kannte, sich mir aber nicht genähert habe; ein Cavalier aus der Umgebung der Gräfin Bella habe sie schwer beleidigt, so daß sie abgereist sei. Ich verstehe vieles nicht, was die Frau spricht; ich darf sie nicht bedrängen, denn sie spricht nicht gern. Ich kehrte zu Erich zurück. Der Arzt war einverstanden, ich spielte im Nebenzimmer. Erich schlief, und als er erwachte, sagte er: »Warum kommt denn Manna nicht?« Der Arzt verbot mir, bei ihm einzutreten, man dürfe keine Erschütterung über ihn bringen. Und so durfte ich ihn nur sehen, wenn er die Augen geschlossen hatte, bis der Arzt es mir endlich erlaubte. In seinen Fieber-Phantasien hat er mich immer im Kloster gesehen, wie ich damals das Flügelpaar trug, und dann sprach er französisch und lachte über Schwester Seraphine. Die Erschütterung, die Erich durch den Tod des Vaters erfahren, hatte ihm so alle Fassung genommen, daß er, wie der Arzt mir sagte, geraume Zeit keine Stunde mehr geschlafen. Es wurden ihm Schlafmittel gegeben, aber sie erschienen gefährlich; man mußte ablassen. Da kam es wieder zur Schlacht, Alle baten ihn, sich Ruhe zu gönnen, er hatte sich ja so ruhmvoll bewiesen, aber er stieg zu Pferde und ritt hinaus. Das Pferd stürzte mit ihm und für todt wurde er ins Lazareth getragen. Ich erhielt die Nachricht und eilte hieher. Jetzt ist bereits Alles wieder gut, nur ist er noch sehr schwach. Aber wie das seine Art ist, er bat mich, auch den anderen Verwundeten die Freude zu gönnen, und so muß ich oft stundenlang in den Krankensälen Harfe spielen. Es erquickt die Kranken unsäglich und die Aerzte behaupten sogar, daß durch die seitdem erheiterte Gemüthsstimmung die Wunden besser heilen. Wenn ich dann zu Erich komme und der Arzt ihm erzählt, wie wohlthuend die Musik für die Kranken sei, da leuchtet sein Antlitz; er spricht wenig, er hält nur still meine Hand. Aber, Mutter, Du kannst ruhig sein. Erich verlangt, daß ihm erlaubt werde, auch ein Wort an Dich zu schreiben. (Mit zitternden Zügen standen hier:) Dein lebender, liebender, geliebter Sohn Erich. (Dann von der Hand Manna's:) Erschrick nicht über diese unsteten Schriftzüge. Der Arzt wiederholt, daß jede Gefahr vorüber sei, nur ist große Ruhe nöthig. O Mutter! Wie soll ich Gott danken, daß mein Erich lebt, ich nicht verwittwet und ein Leben verwaist vor der Geburt. Sei ruhig, ich halte mich stark, ich habe dreifältig zu leben die Pflicht.   Manna an Professor Einsiedel. . . . . . Im Hospitale wurde ich zu einem Schwerverwundeten gerufen, es war ein Gefangener aus dem Heere der Südstaaten, er hatte mein Harfenspiel gehört, nach mir gefragt und erfahren, daß ich eine Deutsche sei. Der Mann erzählte mir, er habe einen Oheim in Deutschland, der Buchhalter in einem großen Bankgeschäft gewesen. Eines Abends, als der Oheim im Theater, bestahl er ihn und entfloh. Ich sagte ihm daß ich einen solchen Mann durch Sie in Carlsbad kennen gelernt, das heißt nur gesehen habe; ich schilderte ihn so gut ich konnte. Der Kranke behauptete, das sei sein Oheim. Und nun bat er mich, diesem zu schreiben, daß er seine That bereue. Er habe immer gehofft, er werde zu großem Reichthum kommen, um zurückzukehren und Alles gut zu machen. Das sei nun nicht eingetroffen, er müsse arm sterben, aber er wünsche, daß der Oheim von seiner Umkehr wisse. Wollen Sie dem Manne das Alles mittheilen.   Erich an seine Mutter. . . . . In meinen Fieberträumen sagte ich mir immer: Du hast ja Deiner Mutter versprochen, gesund wieder heimzukehren; Du darfst nicht krank sein, nicht sterben, Du mußt Dein Versprechen erfüllen. Und das begleitete mich fort und fort, machte mich bald ruhig, bald unruhig. Ich meinte immer, ich müsse etwas thun können, um die Natur zu zwingen, daß sie die Schatten wegnehme, die Beschwerniß, die Unfähigkeit, die auf mir lastete. Es waren zwei Seelen in mir. Und einmal hörte ich Dich ganz deutlich zu mir sagen: Halte Dich nur ruhig; mit Deinem Denken zerstörst Du Dein Leben; lerne einmal gar nichts denken. Und dann stand ich oben auf der Tribüne beim Musikfest und sollte singen und konnte keinen Ton aus der Kehle bringen. Ich habe entsetzliche Qualen durchgemacht. Nun aber bin ich vollkommen frischauf . . .   Doctor Fritz an Weidmann. . . . . . . Durch die Verwundung Erichs und das Harfenspiel Manna's, wie es in den Zeitungen stand, hat sich ein seltsames Räthsel gelöst. Zu mir kam ein altes Männchen von seinem Aeußeren, er sprach deutsch, aber offenbar mit jener Mühsamkeit, die zeigte, daß er vielleicht Jahrzehnte lang sich nicht in dieser Sprache ausgedrückt. Er fragte mich nun, ob ich in der That mit einem Major Dournay bekannt sei. Ich bejahte das, und nur mühsam brachte ich endlich heraus, daß dies der Oheim Erichs, ein Mann von großem Reichthum. Er wollte Näheres über die Familie wissen, vor Allem ob seine Schwester Claudine noch lebe. Glücklicherweise wußte Knopf alles Nähere.   Erich an seine Mutter. Mutter! Der Oheim ist gefunden. Mein Sturz vom Pferde, mehr aber noch das Harfenspiel Manna's, wurde wie eine Wundermär in den Zeitungen erzählt. Der Oheim Alphons las das und meldete sich bei Doctor Fritz. Der Oheim kam selbst zu mir, als ich noch schwer krank war. Ich glaubte den Vater gesehen zu haben. Man erzählte mir, ich sei so aufgeregt gewesen, daß man aufs Neue für mein Leben fürchtete. Nun mußten sie mir die Nachricht vorenthalten, bis ich wieder ganz gesund war. Ich habe dem Oheim Deinen Brief gezeigt. Der alte Mann, der Jahrzehnte lang nichts mehr von Europa, nichts von Blutsverwandten wissen wollte, weinte bitterlich. Er will mit uns nach Europa zurückkehren.   Knopf an Faßbender. . . . Das classische Alterthum hatte schöne, große, heroische Gestalten, aber es hatte keinen Onkel in Amerika. Und wie wurde nur die Welt vor Columbus fertig ohne den Onkel in Amerika? Ich glaube, daß unser Herrgott, als er am siebenten Tage ruhte, in seinem Mittagsschläfchen den reichen Onkel von Amerika träumte, dichtete und schuf. Mein Freund, der Major Dournay, hat nun auch seinen Onkel gefunden mit einer Mitgift, ich weiß nicht wie viel, aber viel ists, und Alles ehrlich erworben. Jetzt ist er selber auf den Punkt gestellt, das Räthsel zu lösen, was man mit so vielem Geld anfängt. Meine Sängerhallen will er nicht bauen, aber er wird anderes Großes thun . . .   Doctor Fritz an Weidmann. . . . . . Zwei Kinder sind uns geboren. Manna ist von einem Sohn genesen und die Frau Knopfs eines Mädchens. Ich war gerade bei Knopf, als ihm die Tochter geboren wurde, und als er sie zum ersten Mal sah, rief er laut: »Rein kaukasische Rasse!« Er gestand mir dann, er habe trotz seiner Liebe zu den Negern doch immer gefürchtet, daß seine Rosalie ein schwarzes Kind gebäre, denn sie sah immer Negerkinder vor sich, da sie Lehrerin derselben wie er auch. Und nun freute er sich, daß seine Tochter, die er Manna Erika nennen läßt, rein kaukasische Rasse, und gar lustig preist er das Schicksal, das ihm, dem Mädchenlehrer, als Erstgebornes ein Mädchen gab. Das Kind Manna's hat die Namen Benjamin Alphons erhalten. Onkel Alphons ist Pathe; er hat testamentarisch sein ganzes Vermögen zu gleichen Theilen seiner Schwester Claudine und dem Sohne seines Bruders verschrieben und jetzt bereits die Hälfte davon übergeben. Er will mit nach Europa ziehen, ich glaube aber, daß der gute Mann nicht lange mehr lebt. Ich habe Ihnen früher mitgetheilt, daß meine Tochter Lilian den Heldenjüngling Roland in Feindesland aufgesucht und gerettet hat. Roland ist noch sehr schwach, er ist mit einem deutschen Arzte auf unserer Farm Lilianhouse, seine Jugendkraft wird ihn wieder herstellen. Er will später in die Marine eintreten. Der große Kampf geht zu Ende, und mit der Siegesfeier werden wir die Hochzeit Rolands und Lilians feiern können. Sie bleiben hier bei uns. Roland hat sich tapfer bewährt. Wir verwenden den größten Theil seines väterlichen Besitzthums, um den Negern freies Land zu schaffen, sie mit allem Nöthigen auszurüsten und Erziehungs-Institute für dieselben einzurichten . . .   Roland an Weidmann. Lilian-House. Hier in der Stille des Landlebens, während ich mich von den Mühen des Krieges erhole, habe ich auf einsamen Gängen einen Gedanken in der Seele gehegt, der sich schließlich in Worte fügte, die mich Tage lang wie eine Melodie begleiteten. Ein Haus des Friedens und der Ruhe für die Kämpfer des freien Gedankens sei Villa Eden. Wie dem, was ich will, eine bestimmte Fassung zu geben wäre, weiß ich noch nicht; aber ich meine doch, daß etwas der Art wie ein Kloster für einsam stehende, ruhebedürftige freie Seelen ins Werk gesetzt werden sollte. Was wir hier von dem Erwerbniß während des Krieges verwendet und wie wir es nun für die befreiten Neger anwenden, das geschieht unter Mitwirkung von Doctor Fritz, den ich nun Vater nenne; denn erst jetzt beginnt die große und mühsame Arbeit. In Europa ist noch unser Haus; meine Schwester wünscht mit mir, daß es nicht verkauft werde und nicht verödet bleibe, und ich frage, ob sich nicht etwas gründen und aufrichten ließe, das den Männern, die ihr Lebenlang für die höheren Anliegen des Geistes gearbeitet, eine freie und friedliche Ruhestätte biete. Erich hat viele Bedenken; er wird mitberathen. Sollten Sie und die Freunde dort anders bestimmen, so erklären wir uns im Voraus einverstanden. (Nachschrift Erichs.) Ich schicke Ihnen diesen Brief Rolands; ich lege ihn in Ihre Hand als Zeugniß seiner Gesinnung, denn dem Plane, den er mit Villa Eden hat, stehen unzählige Bedenken entgegen, die alle aus dem Einen fließen, daß der Gedanke der Freiheit sich keine Form aus einem andern Gebiete aneignen kann.   Erich an die Mutter. . . . . . Mutter! Großmutter! Alles ist wohlauf. Ach, was ist da mehr zu sagen. Aus allem Elend heraus sind wir glücklich. Und Mutter, ich komme – ich komme heim mit meiner Frau und meinem Kinde und dem Oheim Alphons. Die Wellen werden tragen, das Schiff wird halten, das Land wird feststehen, und Mutter, ich werde Dich wieder in meine Arme schließen, ich werde mein Kind in Deine Arme legen, wir werden leben, wirken . . .   Erich an Weidmann. . . . . . Wir sind mit unserm schwarzen Regiment in Richmond eingezogen. Ich habe das Höchste gelebt, ich durfte mitwirken in dem größten Kampf unseres Jahrhunderts. Es gibt keine Sklaverei mehr. Nun sollen sie herankommen die Herren mit Talaren und Bäffchen und uns sogenannten Ketzern eine That von solcher Tragweite zeigen gleich dieser. Später. . . . . . Da lesen Sie. Ein Mord, ein Meuchelmord! Warum soll es nicht sein? Warum soll nichts rein und schön sich vollführen? Lincoln ermordet! Ist es nicht oft, als ob ein schadenfroher Dämon die Welt regierte? Nein, diese That steht da als Zeichen, bis zu welcher Barbarei die Bekenner der Aristokratie, die Vertheidiger privilegirter Classen, die Menschenleugner sich fähig gemacht. In künftigen Tagen würde man nicht mehr an die Ruchlosigkeit glauben, jetzt steht sie da als Meuchelmord und nicht als Meuchelmord eines Einzelnen; eine Bande hatte sich verschworen. Sie hatten in den Südstaaten den Fanatismus losgelassen im Kriege, nun hat er sein blutiges Siegel.   Doctor Fritz an Weidmann. . . . Die klare Geschichte wird es nicht dulden, daß aus Lincoln nun durch seinen Märtyrertod ein Heros gedichtet wird. Er war ein rechtschaffener, gediegener Mann, er lebte für eine gute Sache, er wurde ermordet um ihretwillen; das ist viel und genug. Der Steuermann ist über Bord gestürzt. Mir fällt ein Ereigniß aus meinem Leben ein, das sich jetzt in der weitesten Ausdehnung erneuert. Als ich zum ersten Mal, nachdem unsere Hoffnungen für das deutsche Vaterland gescheitert waren, über das Meer in die neue Welt fuhr, war ein plötzlicher Schreck auf dem Schiffe, das im raschen Lauf unversehens anhielt. Alles war erschüttert; Alles fragte: was ist geschehen? Und da hieß es: der Steuermann ist über Bord gestürzt. Der Steuermann der amerikanischen Union ist über Bord gestürzt und die tausendfältige unermeßliche Bewegung der neuen Welt hält plötzlich still, wie damals unser Schiff auf dem Meere. Aber das Schiff ist fest gefügt, im Sturm erprobt; es wird dem Steuermann nachgetrauert, aber Andere treten an seine Stelle. Es ist kein Wortspiel, wenn ich Ihnen sage, daß jetzt zum ersten Mal die amerikanische Union eine wunderbare Einheit der Empfindung gewonnen hat. Es ist so schwer, daß sich in unserer modernen Welt eine gemeinsame Empfindung in allen Seelen festsetze; jetzt ist sie da und wird eine Wirkung üben, unabsehbar. Wann hatte der neue Continent je eine Stunde, einen Tag, in dem eine einzige Empfindung die Herzen aller Menschen durchzitterte, wie jetzt beim Tode Lincolns? Das ist eine Wirkung, wie sie größer nicht erdacht werden kann. Nicht der Aufruhr, sondern die Ruhe, die nach dem Tode Lincolns eintrat, ist das Große. Da war ein still trauerndes Volk, eine ganze große Volksseele trauerte. Wenn es noch etwas geben konnte, um auf ewig auch die letzte Spur von einer Berechtigung der Sklaverei aus der Seele der Menschen zu tilgen, der Tod dieses einfach tüchtigen Mannes und die Todesart hat das bewirkt. Ist es vielleicht doch ein Gesetz der Geschichte, daß eine große Idee zu ihrer Besiegelung den Opfertod eines Märtyrers erheischt?   Knopf an den Major. . . . . . Der Oheim unseres Freundes Dournay ist todt, er war krank, die Nachricht von der Ermordung des Präsidenten Lincoln hat ihn getödtet. Erich und Manna kehren heim mit ihrem Sohne.   Erich an Weidmann. . . . . . Denn das ist so geworden, die Geschichte hat über das so erworbene Besitzthum verfügt. Roland bleibt hier, er findet hier die rechte Bethätigung für sein Streben im Anschluß an die Familie unseres Freundes Doctor Fritz. Ich kehre mit Manna heim. Wir haben uns entschlossen, vorerst Villa Eden zu bewohnen. Dieser Brief geht uns nur um drei Tage voraus nach Europa, an den Rhein . . . Ich habe Roland versprochen, zum Jahre 1876, zur Jahrhundertfeier der amerikanischen Republik hierher zu kommen. In dem großen Erinnerungsfeste der modernen freien Welt wollen wir Beide dann auch still vergleichen, was Jeder in seinem Vaterlande gewirkt.