Edward Bulwer Paul Clifford. Sechstes Bändchen. Einunddreißigstes Kapitel. Zwischen dem Mund und des Glases Rand Kann hinunter fallen noch allerhand.                               Der Mann gefällt mir Mit seiner Eitelkeit.           *           *           *             * Kommt Chanon Hugh, wie Ihr Ihn seht, geputzt, verlarvt. Und so soll ich betrügen den Konstabel Und plötzlich ein Gewaffneter tritt auf.           *           *           *             * Der Hochkonstabel war mehr, obgleich Den Dick Tator er in den Stock gelegt. Ben Jonson Geschichte einer Tonne. Mittlerweile eilte Clifford mit raschen Schritten durch die Straßen in der Nähe von des Richters Haus, wandte sich dann einem abgelegneren Quartier zu und betrat ein düsteres Gäßchen oder Gang. Hier ward er plötzlich von einem Mann, in einen groben Oberrock gehüllt, von ziemlich verdächtigem Aussehen angeredet: »Ah Kapitän, Ihr seyd über die Zeit ausgeblieben, aber Alles steht gut.« Clifford suchte sich, doch nur mit halbem Erfolge, die unbefangne Selbstbeherrschung zu erkämpfen, welche sonst immer seinem Benehmen gegenüber von seinen Genossen eigen war; er wiederholte die Worte des Fremden und versetzte: »Alles steht gut! was! sind die Gefangnen befreit?« »Nein, wahrlich!« antwortete der Mensch mit rohem Gelächter, »noch nicht; aber Alles zur rechten Zeit; es wäre ein wenig zu viel verlangt, wenn wir erwarten wollten, die Gerechtigkeit verrichte unser Werk, obgleich wir, Gott weiß, oft das ihrige verrichten.« »Was denn?« fragte Clifford ungeduldig. »Nun die armen Bursche sind nach der Stadt – – abgeführt und vor den Richter gebracht worden, eh' ich ankam, obgleich ich im Augenblick, da Ihr mir's befohlen, aufsaß und in vier Stunden den Weg zurücklegte. Das Verhör dauerte gestern den ganzen Tag und auf heute wurden sie wieder bestellt; laßt sehen – es ist noch nicht Mittag; wir können dort seyn, eh es vorüber ist.« »Und das heißt ihr gutstehen!« sagte Clifford ärgerlich. »Nein Hauptmann, werdet nicht falsch! Ihr habt noch nicht Alles gehört! es scheint die einzige harte Anklage, die gegen sie vorgebracht ward, ist die eines stämmigen Viehmästers, dem man etwa fünfzig Meilen von der Stadt: Halt! zurief, und deßhalb gedenkt der Richter, die armen Bursche in das Gefängniß der Grafschaft zu schicken, wo sie dieses Geschäft machten.« »Ha! das kann einige Hoffnung für sie gewähren; wir müssen scharf auf ihre Reise aufpassen; wenn sie einmal im Gefängniß sitzen, so haben sie keine Aussicht mehr, als durch die Feile und das Händeschmieren. Unglücklicherweise ist keiner von ihnen in diesem Fach so geschickt, wie ich.« »Nein, wahrhaftig nicht! da ist keine steinerne Mauer in England, wo der große Hauptmann Lovett nicht durchkröche, das will ich beschwören!« sagte der bewundernde Satellite. »Sattelt die Pferde und ladet die Pistolen! Ich will in zehen Minuten euch treffen. Haltet meine Pachterskleidung bereit samt dem falschen Haar u.s.w. Lest euch auch einen Anzug aus! Beeilt Euch; die drei Federn sind der Ort, wo wir uns finden.« »Und erst in zehen Minuten, Hauptmann?« »Pünktlich!« Der Fremde bog um eine Ecke und verschwand aus dem Gesicht. Clifford murmelte vor sich hin: »Ja, ich war die Ursache ihrer Verhaftung, ich war es, den man suchte; es ist billig, daß ich einen Streich führe, um ihnen zur Flucht zu helfen, eh' ich meine eigne ins Werk setze,« und setzte seinen Weg fort bis er an die Thüre eines Wirthshauses kam. Das Zeichen eines Seemanns hing oben, den lustigen Matrosen darstellend, mit einem artigen Zinnkrug in der Hand, bei weitem beträchtlicher an Umfang, als er selbst. Ein ungeheurer Mops saß vor der Thüre, der seine Zunge heraus reckte, als ob er sich bis an die Zunge vollgestopft hätte und nun genöthigt wäre, dieses nützliche Glied aus seiner eigentlichen Stelle zu verdrängen. Die Läden waren halb geschlossen; aber die Töne roher Lustigkeit drangen lärmend durch. Clifford störte den Mops auf, ging über die Schwelle und rief mit lauter Stimme: »Janseen?« »Hier!« antwortete eine mürrische Stimme und Clifford ging weiter in ein kleines Sprechzimmer neben der Schenkstube. Da fand er den Herrn Wirth an einem runden Eichentisch sitzend, eine rothe trotzige, wetterfeste aber aufgedunsene Gestalt, wie Dirk Hatteraik mit der Wassersucht behaftet. »Wie nun, Hauptmann?« rief er in einem Gurgelton und untermengte seine Worte mit manchen niederländischen Zierlichkeiten, die wir mit Erlaubniß unseres Lesers übergehen, weil sie sich unmöglich buchstabiren lassen, »wie nun! noch nicht fort?« »Nein! ich breche morgen nach der Küste auf; heute hält mich noch ein Geschäft hin. Ich kam zu fragen, ob man sich auf Mellon vollkommen verlassen kann?« »Ja! zuverläßig bis zu den großen Zehen!« »Und Ihr seyd gewiß, daß er trotz meinem längern Verzug die Stadt nicht verlassen hat?« »Gewiß! Wie wär' es anders möglich? Kenn' ich nicht den Jack Mellon zwanzig Jahre her? Er bliebe wie das Log in der Windstille zehen Monate an einander ruhig liegen, ohne sich ein Haarbreit zu rühren, wenn er unter Befehlen steht.« »Und sein Schiff ist schnell und wohl bemannt, für den Fall einer polizeilichen Verfolgung?« »Die schwarze Molly schnell? da fragt nur Eure Großmutter! die schwarze Molly würde einen Haifisch übersegeln und zum Teufel gehen.« »Dann wohlauf, Janseen, hier ist etwas, Eure Pfeife in Glut zu erhalten; wir werden uns nicht mehr, denke ich, innerhalb der drei Meere begegnen. England ist für mich eben so zu heiß, wie Holland für Euch!« »Ihr seyd ein ganzer Kerl!« rief der Herr Wirth, Clifford die Hand schüttelnd, »und wenn die Bursche ihren Verlust erfahren, so werden sie einsehen, daß sie den bravsten und treusten Gesellen, verloren haben, der je das Gewerb eines Freibeuters ergriff; somit Gott befohlen und geht zum T – –!« Mit diesem Abschiedssegen entließ Myn Herr Wirth Clifford und der Räuber eilte in sein Gemach in den drei Federn. Er fand Alles bereit. Eilig legte er seine Maske an und sein Begleiter führte sein Pferd vor, ein edles Thier von der großen irländischen Zucht, von ausgezeichneter Kraft und Knochenstärke, und abgesehen davon, daß es im hintern Theile des Körpers etwas scharf war, (ein Fehler den derjenige leicht verzeiht, der ebenso sehr auf Schnelligkeit als gefällige Form sieht), von beinahe unvergleichlicher Schönheit in Bau und Verhältnissen. Wohl kannte der Renner seinen Herrn und stolz leistete er ihm Gehorsam, das scharfsinnige Thier schnaubte ungeduldig, entzog sich der Hand des es haltenden Räubers, befreite sich vom Zaume und trabte, seine lange Mähne dem Wehen der frischen Luft entgegenschüttelnd, dem Platze zu, wo Clifford stand. »Holla, Robin! holla! was, du zürnst darüber, daß ich deinen Genossen in der rothen Höhle zurückgelassen habe. Den werden wir nie mehr zu sehen bekommen. Aber so lange ich das Leben behalte, will ich nicht von dir lassen, Robin.« Mit diesen Worten streichelte der Räuber seinem Lieblingspferde sanft den schimmernden Hals und als das Thier die Liebkosung erwiederte, indem es den Kopf an den Händen und der athletischen Brust seines Herrn rieb, empfand Clifford in seinem Herzen etwas von dem alten heftigen Aufruhr des Bluts, der für ihn einst der Hauptreiz bei seinem verbrecherischen Gewerbe gewesen, und den er bei dem neuerlichen Wechsel in seinen Gefühlen beinah vergessen hatte. »Wohl, Robin, wohl!« begann er wieder und küßte den Kopf seines Pferdes, »wohl! wir werden noch Tage haben ähnlich den vormaligen; du sollst der Trommete entgegenwiehern und deinen Herrn zu glorreichern Unternehmungen tragen als diejenigen, bei deren Ausführung du dir bisher seinen Dank erwarbst. Du wirst jetzt mein einziger Vertrauter werden, mein einziger Freund, Robin; wir werden beide Fremdlinge seyn im fremden Lande. Aber dich wird man eher willkommen heißen, als deinen Herrn, Robin; und du wirst die alten Tage und deine alten Kameraden und deine alten Neigungen vergessen, wenn – ha!« und jetzt wandte sich Clifford plötzlich zu seinem Begleiter und sagte: »Es ist spät, sagt Ihr; wahr! seht, es wäre unklug, wollten wir beide zusammen London verlassen; Ihr wißt den sechsten Meilenstein; dort trefft mich und dann reisen wir miteinander weiter.« Bereitwillig noch zu bleiben um ein Abschiedsglas zu leeren, stimmte der Genosse der Klugheit des vorgeschlagnen Plans gerne bei, und nach ein paar weitern Worten des Raths und der Warnung stieg Clifford zu Pferd und ritt aus dem Hofe der Herberge. Als er durch das große hölzerne Thor auf die Straße ritt und ein unvollkommner Strahl der winterlichen Sonne auf ihn und sein Pferd fiel: da konnte man sich wohl kaum, trotz seiner Verkleidung und seines unzierlichen Aufzugs, ein anmuthigeres und reizenderes Bild von dem gesetzlosen und verwegnen Gewerbe denken, dem er angehörte; die Größe, Stärke, Schönheit und außerordentliche Dressur, die das Pferd zeigte – das funkelnde Auge, das kühne Profil, die sehnigte Brust, der gefällige Wuchs und die sorglose, kunstreiche Führung des Pferdes an dem Reiter. Mit langem, bewunderndem Blick seinem Chef nachschauend, sagte der Räuber zu dem Hausknecht der Herberge, einem bejahrten, verwitterten Mann, der neun Generationen von Highwaymen hatte aufblühen und untergehen sehen: »Nun, Sef, wann saht Ihr je einen Helden wie diesen da? Das bravste Herz, die sicherste Hand, der beste Pferdekenner, und der schönste Mann, der je der Hounslower-Heide Ehre machte.« »Bei alle dem,« erwiederte der Hausknecht, seinen lahmen Kopf schüttelnd und in die Schenkstube zurückkehrend, »bei all dem, Herr, ist seine Zeit um. Merkt auf mein Wort, Hauptmann Lovett wird es nicht über ein Jahr, vielleicht nicht über einen Monat mehr treiben!« »Warum, Ihr alter Schuft? Woher habt Ihr diese Weisheit, Ihr werdet hoffentlich nicht den Angeber machen?« »Ich angeben? den Teufel auch! Aber nie gab es einen Herrn von der Landstraße groß oder klein, einsichtsvoll oder dumm, der das siebente Jahr überstand. Und das ist das siebente des Hauptmanns, am einundzwanzigsten des nächsten Monats; aber er ist ein ganzer Bursch, und ich werde dazu gehen, wenn man ihn hängt.« »Bscht!« sagte der Räuber verdrießlich, denn er selbst näherte sich dem Ende seines sechsten Jahrs, »Bscht!« »Behaltet es wohl, ich sag' es Euch, Herr! und mag dem seyn, wie ihm wollte, ich denke – und ich habe in solchen Sachen Erfahrung – nach dem unglücklichen Ausdruck seines Augs und dem Herabhängen seines Mundes, daß die Zeit des Hauptmanns heute um seyn wird!« Hier verlor der Räuber ganz und gar die Geduld, schleuderte den grauen Unglücksprofeten gegen die Mauer, drehte sich um und suchte sich einen angenehmern Gesellschafter, mit dem er das Abschiedsglas trinken konnte. Am Morgen des Tags der auf denjenigen folgte, an welchem die obigen Gespräche vorfielen, rollten der scharfsinnige Augustus Tomlinson und der starke Edward Pepper, mit Ketten und Handschellen belastet, auf der Landstraße in einer Postchaise dahin; neben den erstern hatte sich Herr Nabbem angeschmiegt und zwei andre Herrn, Vertraute von ihm, hatten den Bock bestiegen und versperrten auf widerliche Art, wie der lange Ned brummend bemerkte, die Schönheit der Aussicht. »Ah, schon gut!« sagte Nabbem, seinen Ellbogen ohne Schonung in Augustus Seite stoßend, als er seine Tabacksdose herauslangte und sich reichlich mit dem berauschenden Staube versah. »Ihr thätet besser, Herr Pepper, Euch für eine Veränderung der Aussicht vorzubereiten! Ich meine, 's wird Euch nicht absonderlich wohlgefallen in der Prison.« »Nichts macht doch die Leute so witzig als das Unglück Anderer!« sagte der moralisirende Augustus und wandte und drehte sich, so gut er im Stand war, um seinen Körper von dem eingestemmten Ellbogen des Herrn Nabbem zu befreien. »Wenn Einer in der Welt unten ist, so werden alle Umstehenden, vorher die blödesten Köpfe, plötzlich witzig.« »Ihr macht Bemerkungen über mir,« sagte Herr Nabbem, »nun, das hat nicht Nagelsgroß zu bedeuten, denn sobald wir unsere Pflicht und Schuldigkeit thun, werdet Ihr Kameraden infam undankbar!« »Undankbar!« sagte Pepper, »welcher Plage sind wir theilhaftig geworden, wofür wir dankbar seyn sollten? Ich glaube gar, Ihr meint, wir sollen Euch sagen, Ihr seyd der beste Freund den wir haben, weil Ihr uns krumm geschlossen in diesen fürchterlichen Kasten hineingepreßt habt, wie Truthähne, die man auf Weihnachten gemästet. Bei Gott, das Haar ist einem hingetätscht, wie ein Pfannkuchen, und was die Beine betrifft, da hättet Ihr besser gethan, sie auf einmal abzuhauen, als sie in einem Raum von einem Quadratschuh einzukeilen – um nichts von den lumpigen Eisen da zu sagen!« »Die einzigen Eisen, welche in Euren Augen Gnade finden, Ned,« sagte Tomlinson, »sind die Kräuseleisen, he?« »Nun wenn das nicht zu arg ist,« rief Nabbem dazwischen. »Ihr weigert Euch in einen Karren Euch packen zu lassen, wie die Andern Eures Gewerbes, und wenn ich mich über die Gebühr anstrenge, zu oblischiren mit einem Gefährt, so scheltet ihr mich dafür aus!« »Ruhig, guter Nabbem!« sagte Augustus mit der Würde eines Weisen. »Ein wenig üble Laune müßt ihr schon Leuten in so unglücklicher Lage, wie wir sind, nachsehen!« Eine milde Antwort wendet den Zorn ab. Tomlinson's Antwort besänftigte den Herrn Nabbem; und zum Zeichen der Versöhnung hielt er seine Tabacksdose der Nase des unglücklichen Gefangenen hin. Mit verschlossenen Augen zog Tomlinson lang und eifrig das köstliche Pulver hinauf und sobald ihm der Beamte mit seinem eigenen gelbgewürfelten Taschentuch einige hängende Körnchen von der Nasenspitze abgewischt hatte, sprach Tomlinson also: »Ihr seht uns jetzt, Herr Nabbem, im Zustand eines gebrochnen Widerstands, aber unser Muth ist noch nicht gebrochen. Zu unsrer Zeit haben wir etwas mit der Verwaltung zu schaffen gehabt; und unser jetziger Trost ist der Trost gefallner Minister.« »Oho! waret Ihr im Methodistenklub, eh' Ihr auf die Landstraße verfielet?« fragte Nabbem. »Nicht das!« antwortete Augustus ernsthaft; »wir waren politische, nicht kirchliche Methodisten; d. h. wir lebten in einer eignen Gemeinde, ohne eine gesetzliche Berechtigung dazu, und was das Gesetz uns verweigerte, gab uns unser eigner Witz. Aber sagt mir, Herr Nabbem, seyd Ihr der Politik zugethan?« »Nun, sie sagen ich sey es,« sagte Herr Nabbem mit einem Grinsen, »und ich für meinen Theil denke: Alle die dem König dienen, sollten für ihn aufstehen und für ihre kleinen Familien Sorge tragen!« »Ihr sprecht was Andre denken !« antwortete Tomlinson ebenfalls lächelnd, »und da Ihr also die Politik liebt, will ich Euch Etwas sagen, was Ihr, ich darf es wohl behaupten, vorher nie bemerkt habt.« »Was wäre das?« fragte Nabbem. »Eine wunderbare Ähnlichkeit zwischen dem Leben eines Gentleman, der eine Zierde des Raths seiner Majestät ist, und dem Leben eines solchen, den Ihr in seiner Majestät Gefängnis abführt.« Augustus Tomlinsons verläumderische Parallele. »Wir treten, Herr Nabbem, in unsre Laufbahn ebenso ein, wie der Embryominister ins Parlament: durch Bestechung und Verführung. Nun ist freilich zwischen beiden Fällen der Unterschied: wir werden zum Eintritt verlockt durch die Bestechung und Verführung Anderer , sie treten freiwillig und aus eigenem Antrieb ein. Im Anfang, von schwärmerischen Träumen getäuscht, lieben wir den Ruhm unserer Laufbahn mehr als den Gewinn und in jugendlicher Großmuth rühmen wir uns, die Reichen nur aus Rücksicht für die Armen anzugreifen. Allmälig, wenn wir verstockter werden, lachen wir über diese kindischen Träume, Bauer und Fürst fallen gleicherweise in unsre unparteiischen Hände; wir langen nach dem Eimer, aber verachten auch nicht den Fingerhut voll, wir brauchen das Wort Ruhm nur als eine Falle für Proselyten und Neulinge, unsre Finger, wie eine Amtsthüre, thun sich für Alles auf, was ihnen begegnen mag, wir betrachten die Reichen als unsre Besoldung, die Armen als unsre Nebeneinkünfte. Was ist dieß anders als das Bild eines Parlamentsglieds, das zum Minister heranreift, eines Patrioten, der sich für ein Amt mürb macht? Und merkt wohl, Herr Nabbem! ist nicht auch bei Beiden die Sprache, wie ihr Thun sich gleich? Was ist die bei beiden beliebte Redensart? »Zu erleichtern.« Was? »das Publikum!« und erleichtern wir es nicht beide um dieselbe Last? um seinen Geldbeutel nemlich. Fehlt es uns an einer Entschuldigung, wenn wir mit unsern Nebenmenschen ihr Gold theilen oder sie mißhandeln, falls sie Widerstand leisten? ist nicht unsre beiderseitige, unsre bündigste Ausrede der Mißstand ? Freilich unser Patriot nennt es den Mißstand des Landes , aber hat er um ein Jota mehr als wir einen andern Mißstand als seinen eignen im Sinn? Wenn wir heruntergekommen und unsre Röcke schäbig sind – schütteln wir nicht beide den Kopf und sprechen von Reform ? Und wenn – o wenn wir hoch oben sind, in der Welt, weisen wir nicht beide jede Reform zum Teufel? Wie oft geschieht es, daß der Parlamentsmann seinen Platz räumt, nur in der Absicht ihn mit volleren Taschen wieder einzunehmen! Wie oft, theuerster Ned, haben wir in derselben Absicht unsre Plätze geräumt! Bisweilen freilich beschließt er wirklich seine Laufbahn mit der Annahme der Centgerichte – und auch die unsrige kann mit den Centgerichten ihr Ende nehmen! (Ned that einen tiefen Seufzer!) Beobachten Sie uns jetzt, Herr Nabbem, auf dem höchsten Gipfel unsres Glücks! wir haben unsre Taschen gefüllt, wir sind bedeutende Männer im Munde unsrer Partei. Unsre Jungen bewundern uns, unsre Besen beten uns an. Was thun wir in diesem kurzen flüchtigen Sommer? Sparen und Haushalten? Ach nein! wir müssen Essen geben und unser Getränk aufgeben lassen. Wir lassen Pferde beim Wettrennen laufen und zeigen uns als dicke Leute der Menge, die wir geschnellt haben. Ist das nicht ganz der Minister wenn er das Amt bekommen hat? Erinnert Euch das nicht an seine Equipage, seinen Palast, sein Silbergeschirr? In beiden Fällen wird das leicht Gewonnene üppig verschwendet, und das Publikum, dem wir seine Kasse wegstipitzt, kann am Ende das Vergnügen haben, die Figur anzugaffen, die wir damit machen. Dieß ist dann der Herbst unsres Glückes; unsre Feinde, unsre Freunde möchten uns fressen vor Neid; und doch was ist weniger beneidenswerth als unsre Stellung? Haben wir nicht beide unsre gleichen Belästigungen, unsre gemeinschaftlichen Beunruhigungen? Bestechen wir nicht beide (hier schüttelte Herr Nabbem den Kopf und knöpfte seine Weste zu,) unsre Feinde, schmeicheln unsern Anhängern, schreien die an, welche von uns abhängig sind und streiten mit unsern einzigen Freunden, d. h. mit uns selbst? Ist nicht bei beiden der geheime Gedanke: Es steht alles ganz verwünscht artig; aber wie lang wird es dauern? Nun Herr Nabbem, aufgemerkt: beseht das Bild von der andern Seite, wir sind gestürzt, unsre Laufbahn ist beendigt, die Straße ist uns verschlossen und neue Räuber plündern jetzt die Wagen, die wir sonst plünderten. Ist das nicht das Loos von – nein, nein ich täusche mich! die Minister, die geplagten Männer, melken größtentheils die Volkskuh, so lang nur ein Tropfen noch im Euter ist. Der Kanzler stirbt auf einer Pension ab, der Minister siecht bei einer Dotation hin, die großen Spitzbuben haben zwar die Füße unter den Schatzkammerbänken weggezogen, aber sie haben noch ihre Fingerchen im Schatze. Ihre geleisteten Dienste blieben seiner Majestät in gutem Andenken; die unsern werden nur von den Fiskalen angemerkt; sie salviren sich, weil sie an einander hängen; wir fahren zum Teufel, weil wir mutterseelenallein hängen; wir haben unsern kleinen Festtag auf Kosten des Publikums und Alles ist vorbei – aber bei ihnen ist es nie aus. Wir hetzen beide den nemlichen Fuchs; aber wir sind die leichtsinnigen Reiter und sie die schlauen; wir wagen den Satz und brechen den Hals; sie drücken sich durch die Thore und erjagen ihn im Ende.« Als er geschlossen, senkte sich Tomlinsons Haupt auf seine Brust und es war leicht zu sehen, wie diese schmerzhaften Vergleichungen, gemischt vielleicht mit geheimen Seufzern über die Ungerechtigkeit des Schicksals, seine Brust durchwühlten, der lange Ned saß in düstrem Stillschweigen da, und selbst das harte Herz des Herrn Nabbem war durch die ergreifende Parallele, welche er so eben angehört, erweicht worden. Sie waren ohne zu sprechen zwei oder drei Meilen fortgefahren, als der lange Ned, das Auge auf Tomlinson geheftet, ausrief: »Wißt Ihr wohl, Tomlinson, ich meine es ist eine ewige Schmach für Lovett, daß er uns so wie Hammel wegschleppen ließ, ohne einen Versuch zu machen uns unterwegs zu befreien. Es ist allein seine Schuld, daß wir hier sind, denn er war es, den Nabbem aufsuchte, nicht wir.« »Sehr wahr!« sagte der schlaue Polizeimann, »und wenn ich an Eurer Stelle wäre, Herr Pepper, Gott straff mich, ich würd' mich als 'nen Mann von Verstand ausweisen und ebenso wenig Rücksicht für ihn zeigen, als Er für Euch. Nun, beim Himmel, ich brauch' Euch nicht Mittel und Wege zu zeigen; aber das weiß ich, den Behörden liegt es gar am Herzen den Lovett zu fangen, und Einer der ihn angibt und mit ein paar Worten gegen seine Person aussagt, um ihn zu überweisen, der darf sich drauf verlassen für seine kleinen Lumpereien und sofort Pardon zu kriegen.« »Ach,« sagte der lange Ned mit einem Seufzer, »das ist alles sehr gut, Herr Nabbem, aber ich will wie ein Gentleman an den Galgen gehen und nicht meine Kameraden angeben; und jetzt bedenk' ich es erst recht, Lovett hätte uns schwerlich helfen können. Ein einzelner Mann, auch Lovett, so geschickt er ist, hätte uns nicht aus Euern und Eurer Myrmidonen Klauen zu reißen vermocht, Herr Nabbem! Und als wir einmal in – – waren, hatten Sie ein gar scharfes Auge auf uns. – Aber sagt mir jetzt, mein lieber Nabbem,« und die Stimme des langen Ned schien etwas wie einschmeichelnde Milde anzunehmen, »sagt mir, meint Ihr, der Viehmäster werde uns in die Enge treiben?« »Ohne allen Zweifel!« sagte der unerschütterliche Nabbem; der lange Ned ließ das Maul sinken. »Und dann, wenn er es thut, so kann man uns doch blos deportiren?« »Täuscht Euch nicht, Meister Pepper!« sagte Herr Nabbem. »Ihr seyd ein zu alter Schlaukopf für die Heringstonnen! Man ist schon entschlossen Galgenäpfel aus allen solchen Nonpareils wie Ihr seyd, zu machen!« Ned warf einen finstern Blick auf den Beamten. »Ein herrlicher Tröster seyd Ihr,« erwiederte er. »Ich bin in einer Postchaise mit einem Lustigmacher gefahren, das will ich beschwören. Ihr mögt mich einen Apfel nennen, wenn es Euch beliebt, aber dabei bleib' ich, ich bin kein Apfel, den Ihr gerne schälen sehen möchtet.« Mit diesem drohenden Boxerwortspiel versank der kräftige Held wieder in sein nachdenkliches Schweigen. Unsre Reisenden erreichten jetzt eine Stelle, wo die Straße auf einer Seite von einer ziemlich ausgedehnten Heide begrenzt war und auf der andern Seite von einer dichten Baumhecke, deren Lücken gelegentlich den Anblick von Waldungen und Brachfeld gewährten, durchschnitten von Querwegen und kleinen Bächen. »Da reist ein hübscher Geselle!« sagte Nabbem auf einen athletisch aussehenden Mann deutend, der vor dem Wagen ritt, wie ein Pächter gekleidet war und ein großes, gewaltiges Pferd irländischer Zucht hatte. »Ich darf wohl behaupten, er ist genau bekannt mit jenem Viehmäster, Herr Tomlinson; er sieht auf und nieder aus wie Einer von derselben Gattung, und da kommt noch ein Bursche,« (hier erreichte den Unbekannten ein kurzer, stämmiger, röthlicher Mann in einem Kärrnerkittel, auf einem Pferde, das weniger ansehnlich war, als das seines Kameraden, doch von dem kräftigen, elastischen, schlanken und muskelstarken Schlag, auf welchen ein erfahrner Jockey gerne reitet.) »Nun, das ist 'mal, was ich einen wackern Kerl nenne!« fuhr Nabbem fort, auf den letztern Reiter deutend, »das ist kein so leibarmer, schwarzer, gezierter Bursche wie dieser Hauptmann Lovett, der den Weibsleuten die Köpfe verrückt, sondern ein stattlicher, gedrungener kleiner Kerl mit einem Gesicht wie eine rothe Rübe! das ist eine Schönheit nach meinem Geschmack! Ehrlichkeit ist ihm ins Gesicht geschrieben, Hr. Tomlinson! Ich darf sagen« (der Polizeimann grinste, denn er war selbst seiner Zeit ein Wegelagerer gewesen,) »ich darf wohl sagen, der arme, unschuldige Einfaltspinsel kennt nichts von den Wegen und Schlichen Londons; und wenn er deßhalb kein so lustiges Leben hat als andere Leute, so hat er vielleicht ein desto längeres. Aber ein lustiges Leben immerdar, für solche Bursche wie wir, Herr Pepper! Ich sage, Ihr habt doch schon gehört wie Bill Fang nach Spottland (Schottland) kam, und expedirt wurde, weil er der Bank ins Handwerk pfuschte? Er machte im Tod seinem Leben Ehre; denn als sein Vater, ein grauköpfiger Geistlicher, nach gefälltem Urtheil kam, ihn zu sehen, da sagte er zum Erzieher seiner Kindheit: »Schieß was her, Alter,« sagte er, »die Kosten damit zu bezahlen und patent zu sterben.« Der Pfaff holt zehn Füchse heraus und betet dazu immer fort wie besessen. Der Junge läßt eine von den Guineen zwischen die Finger gleiten und sagt: »Ey wie, Aette, du hast ja nur neun Goldsvögel hergeschossen – und eben sprachst du als sollten es zehn seyn?« Auf dieß fingert der Pfaffe, der so arm war, wie einer Kirchenmaus und nicht einem Geistlichen ansteht, eine andre Guinee heraus; und der Junge zum Schließer sich wendend, ruft: den Aette um eine Guinee geprellt, bei Gott! Thatsache. Nun das heiß ich es einmal bis aufs Ende durchsetzen!« Kaum hatte Herr Nabbem seine Anekdote beschlossen, als der wie ein Pächter aussehende Fremde, der neben der Chaise hergeritten war, plötzlich an das Fenster ritt und an den Hut greifend, in Norfolkischer Aussprache sagte: »Gehörten die Herrn, welchen wir auf der Straße begegneten, zu Ihrer Gesellschaft? Sie erkundigten sich nach einer zweispännigen Chaise?« »Nein!« sagte Nabbem, »es gehören keine Herren zu unsrer Gesellschaft!« Zu diesen Worten warf er dem Pächter einen schlauen Wink zu und blinzelte über die Schulter weg die Gefangnen an. »Wie, Ihr reist ganz allein?« sagte der Pächter. »Ja, ganz gewiß,« antwortete Nabbem, »und ohne große Gefahr, dünkt mich, zu dieser Tagszeit, wo die Sonne am Himmel steht so groß wie ein Sechspfenningstück; denn größer als so hab ich sie in diesem Land noch nie gesehen.« In diesem Augenblick sprang der untersetzte Fremde, dessen Erscheinung das Lob des Herrn Nabbem auf sich gezogen hatte, (er war nemlich selbst auch sehr untersetzt und röthlich,) und welcher bisher, im Gespräch mit den Beamten auf dem Bock, neben den Postpferden hergeritten war, plötzlich vom Pferde und im selben Augenblick hatte er die Postpferde angehalten, und den Postillion zu Boden gestreckt mittelst eines kurzen schweren Prügels, den er unter seinem Kittel hervorzog. Ein Pfeifen, wie ein verabredetes Zeichen, ward gehört und beantwortet; drei mit Knitteln bewaffnete Kerls sprangen hinter dem Zaun hervor; und in der Zwischenzeit stieg der vermeintliche Pächter ab, riß die Wagenthüre auf, faßte Herrn Nabbem beim Kragen und schleuderte ihn mit einer Behendigkeit zu Boden, welche mehr der kräuselartigen Rundung der Gestalt dieses Polizeimannes, als dem abgemessenen Ernste seines würdevollen Amtes angemessen war. So rasch und blitzschnell diese That ausgeführt ward, ging sie doch nicht ohne Störung vorüber. Obgleich die Polizeibeamten von einem Befreiungsversuch am hellen Tage und auf offener Landstraße sich nicht hatten träumen lassen, so war doch ihr Beruf der Art, daß sie nicht leicht überraschen ließen. Die zwei Wärter auf dem Bock sprangen behend auf den Boden, aber ehe sie Zeit hatten, sich ihrer Feuergewehre zu bedienen, drangen zwei von den neuen Angreifern, die hinter den Hecken hervorgekommen, auf sie ein und balgten sich mit ihnen herum; während dieß Handgemenge stattfand, hatte der Pächter den niedergestreckten Nabbem entwaffnet, gab ihn dann den noch übrigen Genossen zu Bewachung und befreite dann Tomlinson und seinen Gefährten aus der Chaise. »Bscht!« sagte er leise flüsternd, »verschweigt meinen Namen, meine Maske versteckt mich für jetzt; stützt Euch auf mich – nur durch die Hecke, dort wartet ein Fuhrwerk und Ihr seyd in Sicherheit.« Unter diesen abgebrochenen Worten half er den Räubern, trotz ihren Fesseln, so gut er konnte durch dieselbe Stelle des Geheges, hinter dem die drei Verbündeten vorgesprungen waren. Sie waren bereits durch den Paß, nur die langen Beine des Ned Pepper baumelten noch hintendrein, als am äußersten Ende der ganz ebenen Straße der Wagen eines Gentleman sichtbar wurde. Eine kräftige Hand, auf der anderen Seite des Geheges, faßte Pepper und zog ihn hinüber, und Clifford – welchen der Leser längst in dem Pächter erkannt hat – gab, als er die herannahende Verstärkung wahrnahm, auf einmal mit lautem Geschrei das Zeichen zur Flucht. Der Räuber, welcher Herrn Nabbem bewacht hatte und kein anderer war, als der alte Sack, verlor, so bedächtlich er sonst war, keinen Augenblick, sich in Sicherheit zu bringen; ehe man sagen konnte: Laudamus ! war er schon jenseits der Hecke; die zwei mit den Polizeibeamten beschäftigten Männer konnten nicht eben so schnell loskommen, aber Clifford warf sich in das Handgemenge, beschäftigte die beiden, und verschaffte so den Räubern Gelegenheit zu entfliehen. Sie drängten sich durch das Hag – die Beamten, zähe und kühne Gesellen, machten sich tapfer hinter ihnen her, bis der eine von Clifford niedergestreckt wurde, und der andere, gegen einen Baumstamm anrennend, gezwungen ward, seine Beute aufzugeben; er sprang nun auf die Straße zurück und rüstete sich mit Clifford anzubinden, der jedoch jetzt mehr auf die Flucht, als auf die Offensive bedacht war. Sobald indeß die andern Angreifer über dem Rubicon des Hags wären, fing auch ihre Flucht, so wie die der beiden Herren an, die vor ihnen denselben überschritten. Auf dieser geheimnißvollen Seite des Hags war ein Feldweg, der auf einmal durch eine dicht bewachsene, waldige Gegend führte, welche schleunige und vielfache Gelegenheit sich zu zerstreuen darbot. Hier erwartete ein leichtes Fuhrwerk, nach Art der Tandems von zwei raschen Pferden gezogen, die Flüchtlinge. Der lange Ned und Augustus wurden in den Bauch dieses Fuhrwerks gepackt, drei Gesellen feilten ihnen die Eisen los, und ein vierter, der bisher ruhmlos bei dem Karren verweilt hatte, schwang mit vieler Kunstfertigkeit die Peitsche über den Rennern. Die Equipage rasselte fort, und so ward eine Flucht ins Werk gesetzt, noch immer denkwürdig in den Annalen der Auserwählten und lange gepriesen, als eine der kecksten und waghalsigsten Taten, welche frevelhafter Unternehmungsgeist je ausführte. Clifford und sein berittener Kamerade blieben allein auf dem Feld oder vielmehr der Straße zurück; jener sprang mit Einemmale auf sein Pferd und der andre folgte, nicht faul, seinem Beispiel. Aber der Polizeimann, dem, wie schon gesagt, sein Versuch die Flüchtlinge am Hag festzuhalten, mißlungen und der dann auf die Straße zurückgesprungen war, hatte indeß nicht gefeiert. Als er Clifford im Begriff sah, aufzusteigen, griff er, statt einen Versuch zu machen, den Feind zu greifen, nach der Pistole, die er im vorigen Handgemenge nicht hatte brauchen können, zielte scharf auf Clifford, in dem er bald den Führer des Angriffs erkannt hatte, und jagte dem Räuber eine Kugel in die rechte Seite in dem Augenblick, wo er seinem Pferde die Sporen eingesetzt hatte um zu fliehen. Clifford ließ das Haupt auf den Sattelbogen sinken, das Pferd sprang scheu auf; der Räuber suchte, trotz dem, daß ihm die Sinne schwanden, sich im Sattel zu behaupten – noch einmal erhob er das Haupt – noch einmal ermannte er seine erschlafften, schlotternden Glieder – dann sank er mit einem schwachen Seufzer zur Erde. Das Pferd machte nur noch Einen Sprung und dann blieb es getreu dem empfangenen Unterricht plötzlich stehen. Clifford stützte sich mit großer Mühe auf den einen Arm; mit der andern Hand zog er eine Pistole heraus, er richtete sie wohl bedächtig gegen den Polizeibeamten, der ihn verwundet hatte, der Mann stand regungslos, sich kauernd und wie vom Zauber gebannt, vor dem forschenden Auge des Räubers. Nur einen Augenblick hatte der Mensch Grund zur Flucht, denn Clifford, zwischen den Zähnen murmelnd: Warum es an Einem Feinde verschwenden? wandte die Mündung gegen den Kopf des arglosen Pferds, das sorglich und traurig sich zu ihm hinabzubeugen schien. »Du,« sagte er, »den ich gefüttert und geliebt habe, sollst nie von einem Andern rauhe Behandlung erfahren!« und mit mitleidiger Grausamkeit wälzte er sich um einen Schritt näher zu dem geliebten Thier hin, sprach ein wohlbekanntes Wort aus, welches das gelehrige Thier an seine Seite rief, setzte ihm die Mündung der Pistole nahe aus Ohr, drückte los und sank bewußtlos, sobald er es gethan, zurück. Das Thier taumelte und sank todt nieder. Inzwischen hatte Cliffords Kamerade die Ueberraschung und den panischen Schrecken des Häschers benützt und war bereits außer Schußweite, er sprengte über die Heide und rasch verschwanden er und sein zottiger Renner. Zweiunddreißigstes Kapitel. Sinkt nicht mit ihm zu Grab Das Süßeste was mir das Schicksal gab, Stirbt nicht die Hoffnung mir, des Lebens Trost           *           *           *             * Die Lehren, die ans Herz die Klugheit legt, Sie waren tief der Seele eingeprägt, Da stand geschrieben Warnung, so wie Rath, Und dem Geheiße folgte rasch die That, Er schien von allen Leidenschaften ledig.           *           *           *             * Doch Mancher hielt dafür, sie schliefen nur! Crabbe. O Liebesreste! holder Lenz des Lebens! A. Watts , bei Verbrennung von Briefen. Gar Viele düstere Gedanken geh'n, In tiefer Trauer durch die bange Brust! Du hättest's auch mit Thränen angeseh'n! Mrs. Hemans. Während Sir William Brandon seine ehrgeizigen Pläne verfolgte und trotz Luciens fester und beharrlicher Verschmähung des Lord Mauleverer noch immer auf dieser unpassenden Heirath bestand, während Mauleverer selbst Tag für Tag im Hause des Richters erschien, und obgleich er kein Wort von Liebe sprach, doch durch sein ganzes Benehmen nach Kräften sie an den Tag zu legen suchte, mußte es Jedermann außer dem Liebhaber und dem Vormund auffallen, wie Luciens Aussehen und Gesundheit rasch abnahm. Seit dem Tage, wo sie Clifford zum letztenmal gesehen, hatte ihr zuvor schon heftig erschütterter Geist es verschmäht, auch nur einen Schein seiner von Natur fröhlichen und glücklichen Stimmung wieder anzunehmen. Sie wurde schweigsam und in sich gekehrt, selbst ihre Sanftmuth ging zuweilen in mürrische, reizbare Verstimmung über. Weder zu Büchern, noch zur Musik, noch zu irgend einer Kunstfertigkeit, womit man die Zeit betrügt, nahm sie ihre Zuflucht, um auch nur für kurze Frist die bittern Empfindungen ihres Herzens sich zu erleichtern, aber den stets regen Stachel derselben in vorübergehende Vergessenheit zu versenken. Ihr Gemüth war seinem ganzen Wesen und Umfang nach erschüttert, ihr Stolz war verwundet, ihre Liebe vergällt, ihr Vertrauen wich endlich düsterem schwarzen Verdacht. Nichts, das fühlte sie wohl, als gänzlicher Ruin des guten Namens und Glückes konnte die verstockte Hartnäckigkeit rechtfertigen, womit er sie aufgegeben und verlassen hatte. Ihre Selbstlossprechunq tröstete sie auch nicht mehr in ihrer Betrübniß. Sie verdammte sich selbst wegen ihrer Schwäche, von der Entstehung ihrer unseligen Neigung an bis zu der Wendung, welche sie jetzt genommen hatte. »Warum bekämpfte ich sie nicht gleich Anfangs?« sagte sie mit Bitterkeit, »warum erlaubte ich mir so leicht, einen Unbekannten zu lieben, einen Mann von zweideutigem Charakter trotz den Warnungen meines Oheims und dem Geflüster der Welt?« Ach! Lucie bedachte nicht, daß damals, als sie dieser Schwäche sich schuldig machte, sie noch nicht gelernt hatte, so zu überlegen, wie sie jetzt überlegte und dachte. Ihre Geistesfähigkeiten waren noch nicht vollständig erweckt, ihre Welterfahrung lautere Unwissenheit gewesen. Sie wußte kaum, daß sie liebte, und ahnte durchaus nicht, daß das köstliche lebhafte Gefühl, das ihr Wesen durchdrang, je die Quelle von so viel Unglück und Gefahr werden könnte, als nun der Fall war, und wäre auch ihre Vernunft schon entwickelter gewesen und ihre Entschließungen kräftiger: vermögen denn immer Vernunft und Entschließungen gegen die Königin der Leidenschaften etwas auszurichten? Die Liebe ist allerdings nicht unüberwindlich, aber wie Wenige haben wirklich mit voller Seele sie zu bemeistern getrachtet? Täuschung erzeugt ein Gelübde, aber das Herz vergißt es wieder. Oder, in dem edeln Bild einer Schriftstellerin zu sprechen, die so zart und wahr die Empfindungen ihres Geschlechts schildert: »Wir bauen in Gedanken Die Leiter wo die Engel niedersteigen, Wir selber aber liegen schlafend unten.« Die Geschichte der Leyer von L. E. L. Wir haben vernommen, daß diese reizende und liebenswürdige junge Dame, nicht zufrieden mit ihren Triumfen in der Poesie, im Begriff steht unser Gebiet, die Prosa, zu betreten und in diesem Augenblicke mit der Abfassung einer Novelle sich beschäftigt. Dürften wir, die wir vielleicht mehr als einmal selbst die Erwartungen des Publikums getäuscht haben, uns das Vermögen zutrauen, seine Erwartungen von Andern zu beleben: so wagen wir gerne die Profezeihung großen und verdienten Beifalls, welcher besagter Novelle, wofern sie erscheint, zu Theil werden wird. Jedermann weiß, daß die Dichterin der Improvisatorin über die Hülfsquellen des Gefühls, des Gedankens, der Einbildungskraft und einen außerordentlichen Reichthum von Anschauungen und Glut der Darstellung zu gebieten hat; aber vielleicht weiß nicht Jedermann, daß ihr eben so das zu Diensten steht, was meist noch mehr dazu beiträgt, einer Novelle Berühmtheit zu verschaffen: nemlich anmuthiger und lebhafter Witz, scharfe und richtige Beobachtung, ein sicherer Takt in den Abstufungen und dem Wechsel des Tons und vor Allem die Kunst, Kleinigkeiten recht unterhaltend zu behandeln. Eh Clifford sie das letztemal gesehen, hatte Lucie, wie wir bemerkt, immer noch (und dieß war ein Trost für sie,) den Glauben gehegt, daß trotz den äußern Anzeigen und seinem eigenen Bekenntnis, doch sein früheres Leben nicht von der Art gewesen sey, um alles Recht auf ihre Neigung zu verwürken; und nicht selten waren die Augenblicke, wo sie, bedenkend, daß der Tod ihres Vaters das einzige Wesen entrückt hatte, das unbestreitbare Ansprüche besaß, ihre Handlungen mitzubestimmen, dachte: Clifford könnte auf die Nachricht, daß sie ganz frei über ihre Hand zu verfügen habe, wieder erscheinen und eine Bewerbung erneuen, welche abzulehnen sie sich durch beinahe keine Rücksichten konnte bewogen finden. Dieß ganze, nur halb gestandene, aber ernste Gewebe von Gedanken und Hoffnungen löste sich von dem Augenblick an auf, wo er ihres Oheims Haus verließ. Seine Worte duldeten keine Mißdeutung. Er war nicht einmal auf ihre Herablassung eingegangen und ihre Wangen brannten bei dieser Erinnerung. Aber er liebte sie! Sie sah, sie erkannte es aus jedem Wort und Blick. Eine bittere und schwarze Erinnerung mußte wohl sein Gewissen beschweren, welche durchaus nicht den Beweggrund zu überwältigen vermochte, der ihn trieb, sie zu verlassen, als er sie für immer sich hätte zueignen können! Zwar hatte er, als er früher in einem Briefe ihr Lebewohl sagte, auch die gleiche sich selbstanklagende Sprache geführt – es fanden sich dieselben unheimlichen Hindeutungen und Anspielungen auf Schande oder Schuld darin; aber nie bis jetzt hatte sie dieselben im strengen Sinne verstanden, und nie bis jetzt hatte sie sich träumen lassen, wie weit ihre Bedeutung gehe. Und doch – welche Verbrechen konnte er begangen haben? Die Wahrheit kam Lucien nie in den Sinn. Sie schauderte, sich selbst zu fragen und beschwichtigte ihre Zweifel durch ein trübes, starres Schweigen. Aber trotz allen ihren Selbstanklagen und trotz ihrem gegen Clifford erwachten Verdacht, konnte sie doch nicht umhin sich zu gestehen, daß etwas Edles und ihrer nicht Unwürdiges in seiner Handlungsweise lag und seinen Widerstand gegen seine eigenen und ihre Wünsche veranlaßte; und dieser Glaube vielleicht beunruhigte sie eben, weil er sie rührte, und nährte in ihren Empfindungen einen beständigen Kampf und Streit, welchen ihr zarter Körper und ihr weiches Gemüth auszuhalten nicht im Stande waren. Wenn einmal die Nerven brechen, wie sehr bricht damit auch die Kraft des Charakters! Wie manchen verwitterten und versauerten Ascetikern begegnen wir in der Welt, bei denen es nur Einer Erschütterung des Herzens oder des Körpers bedurft hätte, um sie auf die Seite der sanften Weichheit hinüberzulenken! Sey Kummer oder Krankheit der Grund: der Schlag, welcher eine einzige Fiber verstümmelt, richtet eine seltsame Zerstörung in der Seele an. Wir sind die Sklaven unserer Muskeln und vom Triebwerk des launenhaften Bluts abhängige Puppen; und die herrliche Seele mit all ihren Fähigkeiten, ihren prächtigen Attributen und hochklingenden Ansprüchen ist, so lange sie irdisch, nur das Spielwerk dieses eitlen Gesellen, des Körpers; – vom Traum an, mit dem sie eine Stunde tändelte, bis zum Wahnsinn, der sie schüttelt, daß sie Tollheit schwatzt, daß sie lachend mit ihren eigenen Trümmern spielt und von Blindheit umnachtet ins Grab taumelt! Wir haben oben gesagt, Lucie habe ihren Oheim und seine Gesellschaft geliebt; und noch jetzt, wenn nur Lord Mauleverer und seine Bewerbung nicht Gegenstand des Gesprächs wurde, lag etwas in der Unterhaltung Sir William Brandons, was ein Interesse in ihrer Seele erweckte, so sehr sie sich mit ihren eigenen Anliegen verzehrte. Wirklich setzten Kummer und das den Kummer gerne begleitende Nachdenken sie mehr und mehr in Stand, einen sehr feinen und tiefverschlungenen Charakter zu fassen. Es gibt kein so treffliches Mittel, zur Kenntniß des menschlichen Herzens zu gelangen, als Seelenleiden, besonders solche, welche aus Leidenschaften entstehen. Ueberrascht dich ein Schriftsteller durch seinen tiefen Blick in dein Wesen, so sey versichert, daß er schon Leid getragen hat; eine solche Schule ist die Alchymie der Thränen. Daher die immermehr um sich greifende, beinahe allgemeine Begriffsverwirrung, welche Schwermuth mit Tiefe verwechselt und das Lachen zum Symbol der hohlsten Leerheit stempelt. Beklagenswerther Irrthum! das Nachdenken führt uns zuerst in Dämmerung, aber seine nächste Station ist die Klarheit. Der lachende Filosof hat das Ziel der Weisheit erreicht; Heraklit wimmerte noch an den Auslaufsschranken. Doch für Lucie war es schon viel, wenn sie nur die Vorhalle der Filosofie erreichte. Ungeachtet des Verdrusses, den wir natürlich gegen Jeden empfinden, der einen mißfälligen Gegenstand hartnäckig immer wieder vorbringt, ungeachtet des Eifers, womit Brandon Mauleverers Bewerbung unterstützte, fühlte sich doch Lucie seltsamer Weise mit einer gewissermaßen töchterlichen Zärtlichkeit zu diesem rätselhaften Menschen hingezogen; ja trotz der kalten, abgemessenen Art seines Charakters, – trotz der harten, abgestorbenen, winterlichen Fühllosigkeit, womit er die Wohlfahrt Anderer, oder Treue, Ehre, Tugend betrachtete, – trotz der Verknöcherung und Versteinerung seiner Empfindungen, die kein sterbliches Wesen auch nur für einen Augenblick erweichte, die keine warme und gesunde Aufwallung, außer höchstens zu einer rasch verfliegenden Glut, aufregte: trotz dieser vollendeten Verhärtung und Verweltlichung des Gemüths, wird es doch nicht unglaublich klingen, wenn wir sagen, daß Lucie in diesem Manne zu Zeiten etwas mit ihrem eigenen lebhaften und edeln Wesen Verwandtes fand. Dieses war jedoch nur dann zu bemerken, wenn sie ihn von frühern Zeiten zu reden veranlaßte und wenn allmälig der sarkastische Rechtsmann die Gegenwart vergaß und nicht über die Handlungen, sondern die Gefühle der Vergangenheit beredt wurde. Er konnte ihr Stundenlang von seinen Jugendträumereien, oder seinen Beschäftigungen, seinen Entwürfen als Knabe vorerzählen. Vor Allem liebte er es, sich mit ihr von Warlock zu unterhalten, seinen Ueberbleibseln von der alten Herrlichkeit, von den grünen Ufern des anmuthigen Flusses der den Besitzungen Fruchtbarkeit verlieh, und der Sommerpracht der Wälder und Heiden, welche seine Mittagsträume genährt hatten. Wenn er von diesen Gegenden und Zeiten sprach, wurde seine Miene sanft und etwas in seinem Ausdruck, das in Lucien das Bild eines ihr noch theureren Wesens erweckte, zog sie noch mehr zu ihm hin. Eine Eisrinde schien von seiner Seele weggebrochen und Ströme entfesselter, zarter Empfindungen, mit wohlwollenden und großmüthigen Gefühlen gemischt, ergossen sich daraus. Plötzlich warf ihn ein Gedanke, ein Wort in die Gegenwart zurück – seine Züge erstarrten wieder plötzlich zu ihrer kalten Ruhe oder geheimem höhnischem Lächeln; das Siegel wurde plötzlich wieder auf den gelösten Zauber gedrückt und wie ein verwünschtes Geschöpf in einem Zaubermährchen zu einer bestimmten Stunde eine andere Gestalt annimmt, so war es, als ob das Wesen, dem man zugehört, auf einmal verschwunden und durch ein anderes ersetzt sey, das man mit Staunen ansah. Aber über Einen Zeitpunkt seines Lebens blieb er immer stumm, und dieß war gerade sein Eintritt in seine jetzige Laufbahn – die Periode seines frühsten Trachtens nach Reichthum und Ehre. Dieser ganze Zeitraum erschien wie eine schwarze Kluft, über die er gewandert und ein ganz Anderer geworden war, wie ein Reisender, der unter einem fremden Himmel landet, sobald er die Küste berührt, dessen Sitten und Sprache annimmt. Alle Männer, auch die bescheidensten, haben einen gemeinsamen Fehler, der aber oft Domino und Maske vornimmt – Stolz ! Brandon jedoch hatte diese Eigenschaft in einem Grade, wie er selten bei Männern vorkommt, welche sich in der Welt gehoben und ausgebreitet haben. Aus den Trümmern aller andern Gefühle errichtete sich dieser alle überlebende Sieger und Herr einen großen Palast zu seiner Residenz und nannte das Gebäude: Verachtung . Bitterer Menschenhaß war das innerste Mark von Brandons Natur; selbst über seiner einschmeichelndsten Verstellung, der Sanftheit seiner Stimme, seinem einnehmenden Lächeln, der gefälligen und gewinnenden Anmuth seines Benehmens, schwamm wie Oel ein glatter Hohn, der zwar selten erkennbar war, aber immer, nach Stärke und Menge, zu der dadurch bewirkten Ruhe in genauem Verhältnis stand. Inzwischen, während im Privatleben sein Charakter sich so entfaltete und solche Widersprüche zeigte, stieg sein Name mit reißender Eile in der öffentlichen Schätzung. Ungleich vielen seiner Amtsgenossen hatte der glänzende Rechtsmann die von ihm gehegten Erwartungen übertroffen und erschien sogar noch ausgezeichneter in den weniger durch Zufälligkeiten unterstützten Amtspflichten eines Richters. Selbst der Neid – und Brandons politische Giftzunge machte ihm, trotz seiner persönlichen Leutseligkeit, viele Feinde, – sah sich gezwungen, seine gründliche Gesetzkenntnis anzuerkennen und die Art zu bewundern, wie er die eigenthümlichen Verrichtungen seiner neuen Würde erfüllte. Kein junger Advokat überraschte, kein durchtriebener Rabulist verwirrte ihn; auch verirrte sich seine Aufmerksamkeit nie auch von dem armseligsten Gegenstand, der vor seinen Richtstuhl kam. Ein Maler, der auf seine Leinwand das Bild eines unbeugsamen Richters hätte auftragen wollen, konnte schwerlich sein Ideal besser verwirklicht finden, als in dem strengen, gesammelten, lebhaften und doch majestätischen Angesicht Sir William Brandons, so wie er sich im Schmuck seines Amtes auf dem richterlichen Sitz ausnahm. Die Zeitungen säumten nicht, den merkwürdigen Fang des berüchtigten Lovett zu berichten. Die Keckheit, womit er den Plan zur Befreiung seiner Kameraden entworfen und ausgeführt hatte, verbunden mit der Ungewißheit, in welcher seine Wunde einige Zeit das Publikum ließ, ob er nicht dem ihn bedrohenden Tode durch die Hinterthüre eines andern Todes entgehen würde, verursachte eine bedeutende Aufregung und Gährung in den Gemüthern der Menge, und um das Interesse zu unterhalten, waren die Journalisten nicht müßig, jede Anekdote, die sie nur immer aufbringen konnten, wahr oder falsch, die frühern Abenteuer des verwegnen Highwayman betreffend, aufzutischen. Manche gute Geschichte kam da an den Tag, die eben so viel zum Komischen als zum Tragischen neigte; denn nicht Eines von den Abenteuern des Räubers war durch Grausamkeit oder Blutvergießen bezeichnet; viele derselben verriethen mehr einen kecken, freudigen, lustigen Unternehmungsgeist. Es schien, als habe er die Landstraße wie einen Haupttummelplatz für scherzhafte Streiche angesehen und sey nur ein Räuber geworden, um einer überströmenden Neigung zum Spassen Luft zu machen. Manche hielten es beinah für eine Sünde, mit einem Menschen von so lustiger Gemüthsart streng zu verfahren, und es war besonders merkwürdig, daß nicht Eine der von ihm beraubten Damen vermocht werden konnte, gegen ihn zu klagen, im Gegentheil, sie sprachen von der Begebenheit als einer der angenehmsten Erinnerungen ihres Lebens, und schienen eher eine ermuthigende Dankbarkeit als Rachsucht gegen den artigen Missethäter zu empfinden. Aber nicht alle Herren waren von so versöhnlicher Gemüthsart und zwei stämmige Pächter und ein Viehmäster noch obendrein waren bereit, durch dick und dünn , die Identität des Gefangenen mit einem Reiter zu beschwören, der jedem von ihnen, bei dem Ritt nach Hause von gewissen Märkten, mit vieler Artigkeit eine Stunde lang Gesellschaft geleistet und das Vergnügen seiner Gesellschaft bei weitem, so versicherten sie sehr ernsthaft, über den Spaß hinausgetrieben habe; so daß der Stand seiner Angelegenheiten ein sehr finsteres Aussehen gewann, und der mit seiner Sache beauftragte Advokat – ein erfahrener Kopf – zuversichtlich erklärte, es sey keine Hoffnung vorhanden. Aber eine noch gewichtigere Anklage, weil sie von einer weit höhern Sphäre kam, wartete auf Clifford. In der Höhle des Räubers fanden sich einige Gegenstände, welche genau der Beschreibung der dem Lord Mauleverer auf verbrecherische Weise geraubten Kostbarkeiten entsprachen. Dieser Edelmann erschien nun, um die Sachen einzusehen und den Gefangenen in Augenschein zu nehmen. Auf jene konnte er mit dem ruhigsten Gewissen schwören, den Gefangenen selbst fand er im Fieber, abgemagert und im Zustand des Deliriums auf dem Krankenbett, auf das ihn seine Wunde geworfen. Er erkannte jedoch ohne Anstand in dem eingekerkerten Spitzbuben den stattlichen, herzengewinnenden Clifford, den er sogar einmal mit seiner Eifersucht beehrt hatte. Obwohl sein früher unbestimmter, schwankender Verdacht gegen Clifford auf diese Weise bestätigt ward, empfand doch der gutmüthige Peer einige Beklemmung bei dem Gedanken, als sein Ankläger aufzutreten; diese Beklemmung verschwand indeß in dem Augenblick, wo er das Gemach des Kranken verließ; und nach einem kurzen patriotischen Gespräch mit dem Beamten über die Nothwendigkeit der Pflichterfüllung im öffentlichen Dienst – ein Thema, welches das Auge dieses achtbaren Beamten mit tugendhaften Thränen erfüllte, – stieg er wieder in seinen Wagen, kehrte in die Stadt zurück und nach einem muntern Diner tète-à-tète mit einer alten Freundin , die von allen ihren Reizen nur die Annehmlichkeit der Unterhaltung und die Fähigkeit, Salmi mit Verstand zu essen, gerettet hatte, begab sich Mauleverer noch am Abend seiner Rückkehr in das Haus Sir William Brandons. Als er in den Vorsaal trat, begegnete ihm Barlow, der Leibdiener des Richters, mit ziemlich verstörter und geheimnißvoller Miene, hielt ihn auf, als er eben in Brandons Studirzimmer hüpfen wollte und benachrichtigte ihn: Sir William sey ganz besonders beschäftigt, wolle aber seine Lordschaft im Empfangzimmer sprechen. Während Barlow noch redete, und Mauleverer sein rechtes Ohr, mit dem er am besten hörte, gegen ihn neigte, that sich die Thüre des Studirzimmers auf und ein Mann in grobem, wüstem Aufzug drückte sich unter unbehülflichen Bücklingen heraus. »So! das ist das ganz besondere Geschäft,« dachte Mauleverer; ein sonderbarer Sir Pandarus; aber diese alten Gesellen haben wunderliche Neigungen.« »Jetzt werde ich wohl hinein dürfen, mein guter Freund,« sagte seine Lordschaft zu Barlow, und ohne die Antwort abzuwarten, trat er in das Studirzimmer. Er fand Brandon allein, ernstlich mit einigen Briefen beschäftigt, welche seinen Tisch bedeckten. Mauleverer näherte sich gleichgültig und warf sich in einen Stuhl ihm gegenüber. Sir William erhob das Haupt, als er das Geräusch vernahm, und Mauleverer, fühllos wie er war, erstaunte und entsetzte sich doch beinah über den Ausdruck im Gesicht seines Freundes. Brandons Antliz, obwohl beweglich, hatte doch beinah immer den herrschenden Ausdruck kalter Ruhe; sowohl in der Milde gesellschaftlicher Höflichkeit, wie in der Strenge seines Amtscharakters oder bei dem bittern Sarkasmus, welchen er nicht selten herausließ – immer zeichnete eine gewisse harte und unbeugsame Trockenheit seine Züge und seine Haltung aus. Aber jetzt war ein Kampf mannigfacher, in seinem Aeußern sich sonst nicht aussprechender Empfindungen auf seinem finstern Angesicht, das all die Stärke und Leidenschaftlichkeit seiner mächtigen männlichen Natur verkündigte; aus seinen Zügen und Augen schien etwas wie Schaam, Verdruß, Triumf, Reue und Haß zu sprechen. All diese verschiednen Gemüthsbewegungen, welche, so sonderbar die Behauptung klingen mag, sich in einem Ausdruck begegneten, waren nichts destoweniger so scharf und fürchterlich ausgeprägt, daß Mauleverers Seele mit Einemmal ihren Sinn errieth. Er warf einen Blick auf die Briefe, deren Schrift durch die Zeit oder Feuchtigkeit erloschen und verfärbt schien; dann betrachtete er noch einmal Brandons Gesicht und sagte mit ziemlich ängstlicher und gedämpfter Stimme: »Himmel, Brandon, sind Sie krank? oder hat sich etwas ereignet? Sie beunruhigen mich!« »Kennen Sie diese Locken noch?« sagte Brandon mit hohler Stimme, und unter den Briefen zog er einige kastanienbraune Locken hervor und schob sie mit abgewandtem Antlitz Mauleverer hin. Der Graf hob sie auf – besah sie einige Augenblicke, wechselte die Farbe, schüttelte aber mit einer verneinenden Geberde den Kopf, als er sie wieder auf den Tisch legte. »Diese Handschrift aber doch?« fing der Richter mit nachdrücklicherem und bittererem Tone wieder an, und deutete auf die Briefe. Mauleverer nahm einen davon und hielt ihn zwischen sein Gesicht und die Lampe, so daß, was etwa seine Züge verrathen konnten, seinem Gesellschafter verdeckt blieb. Endlich ließ er den Brief mit erkünstelter Gleichgültigkeit fallen und sagte: »Ach, ich kenne die Handschrift sogar nach so langer Zeit noch; dieser Brief ist an Sie gerichtet!« »So ist es, und alle diese auch,« sagte Brandon im nemlichen Tone unnatürlicher, angestrengter Fassung. »Sie sind nach einer beinah fünfundzwanzigjährigen Entfremdung mir wieder zugekommen; es sind die Briefe, die sie mir in den Tagen unsrer Liebe schrieb, (hier lachte Brandon höhnisch,) – sie nahm dieselben mit sich fort, Sie wissen, wann? und (ein prächtiges Stück von weiblicher Consequenz!) bewahrte sie auf, wie es scheint, bis zu ihrem Todestag!« Der besprochene Gegenstand, was er auch seyn mochte, schien dem Lord Mauleverer unbehaglich; er rückte unruhig auf seinem Stuhl hin und her und sagte endlich: »Nun, das arme Geschöpf! es sind peinliche Erinnerungen, da die Sache so unglücklich ablief; aber es war nicht unser Fehler, lieber Brandon; wir waren Weltmänner; wir kannten den Werth der – der – Weiber, und behandelten sie demgemäß." »Recht, recht, recht!« rief Brandon heftig mit dem lauten Gelächter der Verachtung, dessen fürchterliche Gewalt wir umsonst zu schildern versuchen würden. »Recht und wahrhaftig, mein Lord, ich bedaure nicht, diesen Maaßstab angelegt zu haben, noch bereue ich meine Schätzung!« »So, so, das ist gut!« versetzte Mauleverer, dem es noch nicht ganz wohl ums Herz war, und beeilte sich, das Gespräch zu verändern. »Aber, mein lieber Brandon, ich habe seltsame Neuigkeiten für Sie! Sie erinnern sich noch des verdammten Burschen, des Clifford, der die Unverschämtheit hatte, sich zu Ihrer anbetungswürdigen Nichte zu drängen? Ich sagte Ihnen, ich habe seinen langgewachsenen Freund im Verdacht, meine Bekanntschaft auf eine mißliebige Art gemacht zu haben, und ich hege deswegen gegen Clifford selbst Argwohn. Nun mein lieber Freund, dieser Clifford ist – Wer meinen Sie? kein Andrer als Herr Lovett mit seiner Newgate-Berühmtheit!« »Was Sie mir nicht sagen!« erwiederte Brandon unempfindlich, indem er seine Papiere zusammenraffte und sie in eine Schublade legte. »Es ist in der That wahr; und was noch mehr ist, Brandon, dieser Vogel ist einer von den Straßenräubern, welche mich auf der Reise von Bath ausplünderten. Ohne Zweifel erwies er mir denselben Liebesdienst auf dem Weg nach Mauleverer Park.« »Möglich!« sagte Brandon, der ganz in Träumeeien versunken schien. »Ja!« sagte Mauleverer, ärgerlich über diese Gleichgültigkeit; »aber sehen Sie nicht die Folgen davon für Ihre Nichte ein?« »Meine Nichte?« wiederholte Brandon aufstehend. »Gewiß. Es thut mir leid es zu sagen, mein lieber Freund, – aber sie war jung, sehr jung, damals in Bath. Sie gestattete diesem Burschen ihr allzu offen den Hof zu machen. Ja, – um ganz frei heraus zu sprechen, man hatte sie im Verdacht, ihn zu lieben!« »Sie liebte ihn wirklich,« sagte Brandon trocken und heftete sein boshaft kaltes Auge auf den Freier. »Und nach Allem was ich weiß,« setzte er hinzu, »liebt sie ihn noch in diesem Augenblick.« »Sie sind grausam,« sagte Mauleverer aus der Fassung gebracht. »Ich glaube es nicht, um meiner fortgesetzten Bewerbung willen.« »Mein lieber Lord,« sagte Brandon, freundlich seine Hand ergreifend, während sein höhnisches Lächeln, eine anguis in herba, um seine zusammengekniffenen Lippen spielte, »mein lieber Lord, wir sind alte Freunde und dürfen einander nicht täuschen. Sie wünschen meine Nichte zu heirathen, weil sie eine Erbin von großem Vermögen ist, und Sie setzen voraus, daß aller Wahrscheinlichkeit nach mein Geld und Gut dasselbe noch vergrößern wird. Zudem ist sie schöner als irgend eine junge Dame von Ihrer Bekanntschaft und kann, nach Ihrem Muster gebildet, ebenso wohl Ihrem Geschmack, als Ihrer Klugheit Ehre machen. Unter diesen Umständen werden sie, dessen bin ich versichert, mit Nachsicht ihre mädchenhaften Verirrungen betrachten und sie darum nicht weniger lieben, weil ihre thörichte Einbildung ihr in den Kopf setzt, sie sey in einen Andern verliebt.« »Eh – hm!« sagte Mauleverer, »Sie sehen die Sache weit mehr als Verstandesmensch denn von der Seite des Gefühls an; aber sehen Sie Brandon, wir müssen, um unserer Beider willen, womöglich versuchen, die Identität Lovetts mit Clifford nicht an den Tag kommen zu lassen. Ich sehe nicht ein, was dieß verhindern sollte. Ohne Zweifel war er wohl auf seiner Hut, so lang er in Bath den Vornehmen spielte und beging dort keine Unthat. Der Name Clifford ist bis jetzt gänzlich unbefleckt. Kein Betrug, keine Gewaltthat ist auf den Namen herausgekommen, und wenn nur der Spitzbube selbst sein Geheimnis bewahren will, so können wir ihn durch den Strick aus dem Weg schaffen, ohne daß von dem Geheimnis etwas verlautet.« »Aber wenn ich mich recht besinne,« versetzte Brandon, »so sagen die Zeitungen, dieser Lovett werde nur siebzig oder achtzig Meilen von Bath entfernt vor Gericht gestellt werden, und dieß läßt befürchten, er werde erkannt werden.« »Ja, aber er wird teufelmäßig verändert seyn, denke ich mir, denn seine Wunde hat bereits in seinem Gesicht keine Verschönerung hervorgebracht, und zudem, wenn der Hund einiges Zartgefühl hat, wird er natürlich nicht wünschen, als der galante Mann von jener lustigen Stadt erkannt zu werden, wo er so viel Glück zu machen schien, und wird sich, so gut er nur immer kann, verstellen. Ich höre Wunderdinge erzählen von seiner Kunst, sein Aeußeres zu verwandeln.« »Aber er kann sich selbst in diesem Punkte verrathen in der Zwischenzeit, bis über ihn gerichtet wird,« bemerkte Brandon. »Ich hoffe mich zu versichern, wie fern dieß wahrscheinlich ist, indem ich meinen Kammerdiener zu ihm schicken will, (Sie wissen ja, man behandelt die Herrn Straßenräuber mit einer gewissen Aufmerksamkeit und hängt sie mit aller ihren Gefühlen gebührenden Achtung,) und ihm andeuten lassen: es würde ihm ohne Zweifel sehr widerlich seyn, in seinen dermaligen unglücklichen Umständen, (nicht wahr, das ist der Ausdruck?) als der Gentleman erkannt zu werden, der in Bath sich eines so verdienten Beifalls zu erfreuen hatte, und er dürfe versichert seyn, daß ich, falls er es wünsche, obwohl die Gesetze meines Vaterlandes es mir zur Pflicht machen, gegen ihn aufzutreten, doch sein Geheimniß bewahren werde. Nun, Brandon, was sagen Sie zu diesem Kunstgriff? er wird meinen Plan begünstigen und den Herrn, der ohne Zweifel ganz Erfindung ist, Thränen vergießen machen, über meine großmüthige Schonung.« »Es ist kein übler Gedanke,« erwiederte Brandon. »Ich muß Sie dafür loben. Auf alle Fälle ist es nothwendig, daß meine Nichte von der Lage ihres Liebhabers nichts erfährt. Sie ist ein Mädchen von ganz eigener Sinnesart und ihr Vermögen macht sie unabhängig. Wer weiß, ob sie nicht diese oder jene Thorheit beginge, Bittschriften an den König machte und mich bäte sie zu übergehen, oder gar – denn sie hat eine ganze Romanwelt im Kopf – ins Gefängniß ginge, um ihn zu trösten; oder in jedem Fall würde sie meine Verwendung zu seinen Gunsten ansprechen – eine ganz besonders peinliche Zumuthung, da ich aller Wahrscheinlichkeit nach die Ehre haben werde, über ihn zu Gericht zu sitzen.« »Ja, allerdings, das werden Sie. Und ich stelle mir vor, die Keckheit des Spitzbuben wird sie nicht vermögen, von ihrer gewöhnlichen Strenge nachzulassen. Man sagt, Sie verheißen mehr menschliche Pendel zu machen, als irgendeiner Ihrer Amtsgenossen.« » [Anmerkung Proj. Gutenberg: Textstelle in dieser Ausgabe unleserlich] ... Galle gegen mein Geschlecht; mir ekelt vor der Thorheit und den Halbsünden der Menschen. Ridet et odit ist mein Wahlspruch und ich gebe zu, daß diese Filosofie Einen eben nicht sonderlich barmherzig und gnädig stimmt.« »Nun, Juvenal's Weisheit sey die Ihrige, die meinige die des Horaz!« erwiederte Mauleverer, indem er sich in den Zähnen stocherte; »aber ich bin froh, daß Sie die gebieterische Nothwendigkeit einsehen, dieß Geheimniß vor Luciens Argwohn zu bewahren. Sie liest keine Zeitungen, hoff' ich – Mädchen lesen sie ja nie!« »Nein! und ich will dafür sorgen, daß sie ihr nicht unter die Hand kommen; und da sie in Folge der Trauer um meinen kürzlich verstorbenen armen Bruder Niemand als uns sieht, so ist es unwahrscheinlich, daß wenn auch Lovetts Ansprüche auf den Namen Clifford erweckt werden, es ihr zu Ohren kommen sollte!« »Aber die verwünschten Diener?« »Allerdings wahr! aber bedenken Sie, ehe diese es wissen, müssen es die Zeitungen haben; so daß wenn es je Noth thäte, wir noch Zeit genug haben, sie zu warnen. Ich darf nur Luciens Kammerfrau sagen: »Ein armer Gentleman, ein Freund des seligen Squire, mit dem Eure Gebieterin zu tanzen pflegte und den Ihr auch gesehen haben müßt – Kapitän Clifford ist – ist auf Leben und Tod angeklagt; es würde das arme Kind bei ihrem gegenwärtigen Gesundheitszustand angreifen, wenn man ihr von diesem Unglück eines Freunds von ihrem Vater sagte; deßhalb schweigt, wenn euch Eure Stelle und zehn Guineen lieb sind, – so kann ich mich so ziemlich auf ihre Verschwiegenheit verlassen.« »Sie sollten Präsident seyn bei dem Mittel- und Wegeausschuß!« rief Mauleverer, »mein Herz ist jetzt beruhigt; und wenn einmal der arme Clifford aus dem Weg? ist: » von der stolzen Höh gefallen ,« können wir ihr die Sache auf milde Weise eröffnen, und da ich mich hierbei sehr schonend und ehrerbietig zu benehmen mich befleißigen werde, so kann sie nicht umhin, für meine Güte und wahre Zärtlichkeit empfänglich zu seyn.« »Und wenn ein lebendiger Hund besser ist, als ein todter Löwe,« setzte Brandon hinzu, »so ist gewiß ein lebhafter Lord besser, als ein gehängter Straßenräuber!« »Nach der gemeinen Logik,« erwiederte Mauleverer, »ist dieser Schuß einleuchtend genug; und obwohl ich gerne glaube, daß ein Mädchen dann und wann noch mit dem Andenken eines geschiedenen Geliebten sich beschäftigen mag, so wird sie dieß wohl in dem Fall unterlassen, wenn auf seinem Andenken eine Schmach lastet. Liebe ist nichts anderes als befriedigte Eitelkeit; verwunde die Eitelkeit, so zerstörst du die Liebe. Lucie wird sich genöthigt sehen, nachdem sie in der Wahl eines Geliebten so unglücklich war, in der Wahl eines Gatten desto klüger zu seyn – um sich bei sich selbst wieder in Achtung zu setzen.« »Und deswegen sind Sie ihrer gewiß!« sagte Brandon ironisch. »Dank meinem Stern, – meinem Hosenband – meinem Vorfahren, dem ersten Baronen und mir, dem ersten Grafen, – ich hoffe es zu seyn!« sagte Mauleverer und das Gespräch kam auf andere Gegenstände. Mauleverer blieb nicht mehr lange bei dem Richter, und Brandon, nun allein, machte sich wieder an seine Briefe. Wir können uns kaum vorstellen, welche Empfindungen in Einem, der Brandon nur in seinen spätern Zeiten kannte, aufgestiegen wären, hätte er diese Briefe, die einer so viel frühern Zeit angehörten, gelesen. In dem heftigen, und wenn wir so sagen dürfen, dürren Charakter dieses Mannes lag so wenig, was einen Gedanken an Liebedienerei oder jugendliche Galanterie erweckte, daß ein Briefwechsel dieser Art beinahe so unnatürlich erscheinen konnte, als die Dichtungen von der Liebe der Pflanzen, oder den zärtlichen Neigungen der Gesteine. Die vor Brandon liegende Korrespondenz schilderte mannigfache Empfindungen, aber alle gehörten in Eine Klasse; das Meiste waren offenbar Antworten auf Briefe von ihm. Das einemal antworteten sie zärtlich auf Ausdrücke der Zärtlichkeit, aber ließen einen Zweifel blicken, ob die Schreiberin im Stande seyn würde, sein künftiges Glück zu sichern, und ihm Ersatz zu bieten für gewisse Opfer hinsichtlich der Geburt und des Vermögens und ehrgeiziger Aussichten, worauf sie hindeutete; zu andern Zeiten schien eine Ader geheimer Coquetterie den Styl zu durchdringen; ein unbeschreiblich kaltes und zurückhaltendes Wesen contrastirte gegen frühere Stellen der Korrespondenz und war ganz geeignet, dem Leser den Eindruck zu machen, daß die Gefühle des Liebhabers nicht ganz mit gleicher Innigkeit erwiedert wurden. Häufig warf ihm die Schreiberin, als wäre Brandon selbst auf diese Vermuthung gekommen, seinen unbilligen, eifersüchtigen und unwürdigen Verdacht vor, und der Ton des Vorwurfs war in jedem Brief ein anderer, bald munter und satirisch, bald sanft und entschuldigend, dann wieder scharf und abwägend und oft stolz und unwillig. In der ganzen Korrespondenz jedoch von Seiten der Geliebten, prägte sich eine hinreichend scharfe Individualität aus, um einen feinen Beobachter ziemlich befriedigende Blicke in den Charakter der Verfasserin werfen zu lassen. Er würde vielleicht das Urtheil gefällt haben, sie habe ein lebhaftes und feuriges Gefühl, aber für gewöhnlich eine nicht tiefe, launige Gemüthsart besessen, sehr geneigt, wie es schien, sich beleidigt zu finden und darüber zu grollen. Mit diesen Briefen waren andere von Brandons Handschrift vermischt – in wie ganz anderem, leidenschaftlichem Ton geschrieben! Alles was ein tiefer, stolzer, sinnender und grübelnder Charakter von hingebender Liebe träumen, von erwiederter Liebe verlangen konnte, das war brennend in diesen Blättern ausgeschüttet, und doch waren sie voll von Vorwürfen – von Eifersucht – von ängstlicher und peinlicher Beobachtung, eben so gemacht um zu verwunden, wie die Glut darin hinreissen konnte; und oft brach die bittere Anlage zur Menschenverachtung, welche seinem Temperament eigen war, durch die zärtlichste Schwärmerei der Huldigung, die sanftesten Ergüsse der Liebe hervor. »Du sahst mich gestern nicht,« schrieb er in einem Brief, »aber ich sah Dich, den ganzen Tag war ich bei Dir; Du hattest keine Miene, welche mir unbemerkt blieb; Du machtest keine Bewegung, welche ich nicht in meinem Gedächtniß verzeichnete. Julie, zitterst Du, wenn ich Dir dieß sage? Ja, wenn Du ein Herz hast, so weiß ich, diese Worte haben es bis ins Innerste durchstochen! Du gibst dir vielleicht den Schein, mit Unwillen mir zu antworten! Kluge Heuchlerin! Es ist sehr, sehr listig, sich erzürnt zu stellen, wenn man keine Antwort hat. Ich wiederhole es – während dieser ganzen Lustpartie, (Lustpartie! nun, dein Geschmack, man muß es gestehen, ist unvergleichlich! –) welche Du gestern mitmachtest und woran Theil zu nehmen, Du mich so obenhin batest, haftete mein Auge auf Dir. Du wußtest nicht, daß ich im Walde war, als Du den Arm des unvergleichlichen Digby mit so artig erheuchelter Unruhe annahmst, in dem Augenblick als die Schlange, die mein Fuß aufstörte, über euren Weg schlüpfte. Du wußtest nicht, daß ich in Gehörsweite von dem Zelte war, wo Ihr ein so vergnügliches Mahl einnahmt und von wo aus Euer Gelächter mit so vielen lustigen Tönen die Lüfte erfüllte. Gelächter! – O Julie, kannst Du mir sagen, Du liebest mich, und doch fröhlich seyn, bis zur Lustigkeit, wenn ich weg bin? Liebe! o Gott, was ist die meinige eine ganz andre Empfindung! die meinige gibt den Grundton meines ganzen Lebens an und die deinige! Ich sage Dir, ich meine zu Zeiten, ich wollte lieber deinen Haß auf mir haben, als das lauwarme Gefühl, daß Du gegen mich hegst und mit dem Namen Neigung beehrst. Herrlicher Ausdruck! Ich habe keine Neigung für Dich. Weg mit diesem kränklichen Wort! aber versuche mit mir, o Julie, mit mir einen Ausdruck aufzufinden, der nie im Munde eines Andern zu einer armseligen Bedeutung herabgewürdigt wurde. Neigung! ach das ist ein Name für eine Schwester, ein Name für ein Mädchen gegen ihr Eichhörnchen! aber nicht gemacht ist er für diese rothen, reifen Lippen! Soll ich diesen Abend in dein Haus kommen? Deine Mutter hat mich gebeten und Du – Du hast es angehört und nichts gesagt! O! Aber das war mädchenhafte Zurückhaltung – war es das? und mädchenhafte Zurückhaltung vermochte Dich auch, ein Buch zu ergreifen im Augenblick, wo ich Dich verließ, als gäbe meine Gesellschaft nur eine gewöhnliche Unterhaltung, der man sogleich eine andere folgen lassen muß. Seit ich Dich gesehen habe, sind Gesellschaft, Bücher, Essen – Alles mir verhaßt; aber Du, theure Julie, Du kannst lesen, kannst Du es? Nun aber, als ich Dich verließ, verweilte ich noch vor dem Fenster des Gesellschaftzimmers stundenlang, bis zur Dämmerung, und Du schlugest auch nicht Einmal die Augen auf und sahst mich nicht hin und her gehen. Wenigstens, dachte ich, werdest Du doch auf meine Tritte gehorcht haben, als ich dein Haus verließ; aber ich irre mich, reizende Moralistin! nach deinen Grundsätzen wäre eine solche Aufmerksamkeit gemein gewesen!« An einer anderen Stelle des Briefwechsels suchte sich ein noch ernsterer, wenn nicht tieferer Strom von Empfindungen Luft zu machen: »Du sagst, Julie, wenn Du Einen heirathen solltest, der so viel an das denkt, was er deinetwillen aufgibt, und von Dir eine eben solche ungeheure Erwiederung seiner Liebe verlangt, so müßtest Du wegen des zukünftigen Glücks von uns beiden zittern. Julie, die Alltäglichkeit einer solchen Besorgniß beweist mir, daß Du nicht wahrhaft liebst. Ich zittre nicht wegen unsres künftigen Glücks; im Gegentheil, die Stärke meiner Leidenschaft für Dich macht es mir zur Gewißheit , daß wir nie glücklich seyn können, nie außer dem ersten trunknen Entzücken der Vereinigung. Glück ist ein ruhiges stilles Gefühl. Kein Gefühl, das ich je gegen Dich empfinden kann, wird diese Prädikate verdienen – ich weiß, daß ich dem Elend und dem Fluche verfallen bin, wenn ich mit Dir verbunden seyn werde. Staune nicht! ich will Dir sogleich sagen warum. Ich träume nicht von Glück, und Du, könntest Du nur einen Tropfen von dem dunkeln grenzenlosen Meer meiner Empfindungen ergründen, würdest mir auch dieß Wort nicht nennen. Die krämerhafte, kaltherzige Berechnung der Wahrscheinlichkeit einer dereinstigen Glückseligkeit (welches Predigtbuch lieferte Dir einen so gewählten Ausdruck?) findet keinen Raum in einer Seele, welche mit einer Alles überwältigenden Liebe liebt. Die Leidenschaft sieht nur auf Einen Gegenstand und nicht darüber hinaus – ich dürste, ich schmachte – nicht nach Glück, sondern nach Dir ! Müßte mich dein Besitz unausbleiblich an einen Abgrund von Qual und Schande führen: meinst Du ich würde um ein Jota weniger darnach lechzen? Wenn Du nur Einen Gedanken, Eine Hoffnung, Eine dämmernde Vorstellung hegst von etwas Anderem außer dem Einzigen, daß Du die Meinige werden sollst: so magst Du der Achtung der Menschen würdiger seyn; aber völlig unwerth bist Du meiner Liebe !« »Jetzt will ich Dir sagen, woher ich weiß, daß wir nicht glücklich seyn können. Erstlich: wenn Du sagst, ich sey stolz auf meine Geburt, besitze einen krankhaft reizbaren Ehrgeiz und großes Verlangen, in der Welt zu glänzen; ich werde, nachdem der erste Rausch der Liebe verflogen, Bitterkeit gegen das Weib fühlen, die meinen Stolz so gedemüthigt und meine Aussichten so verfinstert habe: so will ich nicht mit Zuversicht behaupten, daß du Dich völlig täuschest. Aber das weiß ich gewiß, daß das rasche Heilmittel in Deiner Macht ist. Hast Du die Geduld, Julie, eine Art von Geschichte meines Lebens oder vielmehr meiner Gefühle anzuhören? Wenn Du sie hast, so ist dieß vielleicht die beste Art, Alles, was ich vorzubringen habe, auseinander zu setzen. Du wirst dann sehen, das mein Familienstolz und mein weltlicher Ehrgeiz durchaus nicht auf denselben Grundlagen beruhen, welche mich über Andere lachen machen; wenn indeß meine Gefühle hierin, wie Du andeuten willst, ebenso Veranlassung zum Spott geben, siehe, meine Julie, so kann ich auch über sie lachen! So ein wesentliches Bedürfnis ist mir die Geringschätzung, daß ich eher mich selbst verachten wollte, als gar Keinen haben, den ich verachten könnte; doch zu meiner Erzählung! Wisse denn, wir waren unsrer nur zwei Geschwister, Söhne eines Squire auf dem Lande von alter Familie, welche vordem weitläufige Besitzungen und einen gewissermaßen historischen Namen hatte. Wir lebten auf einem alten Landsitz; mein Vater war ein Freund von Schmausereien und Gastereien, ein Fuchsjäger, ein Trunkenbold, aber in seiner Art ein feiner Gentleman und ein Mitglied der Gesellschaft, das ihr wenig Ehre macht. Die ersten Empfindungen rücksichtlich seiner, auf die ich mich besinnen kann, waren die der Schaam. Wenig Anlaß zum Familienstolz also, wirst Du sagen! Allerdings, und das war gerade der Grund, der mir den Familienstolz in andrer Weise einflößte. Meines Vaters Haus wimmelte von Gästen, hohen und niedrigen, und Alle stimmten darin zusammen, daß sie sich über den Wirth lustig machten. Bald entdeckte ich diesen Spott und Du kannst Dir leicht denken, daß ich keine Freude daran hatte. Der alte Jäger indeß, dessen Familie etwa eben so alt war als die unsrige und dessen Ahnen in derselben Eigenschaft wie er den Ahnen seines Herrn seit undenklichen Zelten gedient hatten, erzählte mir Geschichten über Geschichten von den Brandons der frühern Zeit. Ich wandte mich von den Geschichten zur eigentlichen Geschichte und fand, daß die Legenden ziemlich glaubhaft waren. Bei dieser Entdeckung begann ich zu glühen; mein Stolz, gedemüthigt wenn ich an meinen Herrn Vater dachte, lebte wieder auf, wenn mir meine Vorfahren einfielen – ich faßte den Entschluß ihnen nachzueifern, den gesunknen Namen wieder herzustellen und baute mir tolle Luftschlösser von diesen Entwürfen. Die Neigung, über diesen Gedanken zu brüten, nahm in mir überhand; ich vernahm keinen Scherz auf Kosten meines väterlichen Pflegers; ich sah nie den trunkenen Blick seiner umnebelten Augen, hörte nie eine ausgefuchste Nichtswürdigkeit von seinem faselnden Munde ohne daß meine Gedanken augenblicklich zu den Sir Charles und Sir Roberts meines Stammes zurückflohen, und ich mich mit der Hoffnung tröstete, die jetzige Entartung werde vorübergehen. Daher, Julie, mein Familienstolz; daher auch ein andres Gefühl, das Dir an mir mißfällt, meine Menschenverachtung. Ich lernte zuerst meinen Vater, den Wirth verachten; und dann auch meine Bekannten, seine Gäste; denn ich sah, daß sie ihm schmeichelten, während sie ihn verspotteten, und daß ihre Neigung zur Fröhlichkeit nicht die einzige war, welche sie auf seine Kosten zu befriedigen wußten. So wuchs die Menschenverachtung mit mir groß und ich hatte nichts, um ihr entgegenzuarbeiten; denn wenn ich mich umsah, fand ich keine Seele, die ich achten konnte. Dieser mein Vater hatte jedoch so viel Verstand, zu merken, daß ich kein Dummkopf sey. Er war stolz (der arme Mann!) auf meine Talente , d.h. auf die Preise die ich in der Schule gewann und die Glückwunschschreiben meiner Lehrer. Er schickte mich auf das Collegium; hier nahm mein Geist einen Anlauf – ich will Dir sagen, Liebste, was es war! Ehe ich dahin kam, hatte ich einige hübsche unbestimmte Traumvorstellungen von Tugend. Ich gedachte die Ehre meiner Ahnen durch Rechtschaffenheit wieder zu beleben; kurz ich war ein Embryo von einem König Pipin. Aus diesem Traum erwachte ich auf der Universität; da begriff ich zum erstenmal die wahre Wichtigkeit des Standes. »In der Schule, weißt Du Julie, bekümmern sich die Knaben nichts um einen Lord. Ein guter Kolbenspieler, ein wackrer Gesell wiegt alle Grafen der Peerschaft auf. Aber auf dem Collegium hat Das Alles ein Ende; Ballen und Schlegel sanken jetzt zu der Werthlosigkeit herab, in welcher Korallen und Uhrgehänge zuvor gestanden hatten. Man wächst zum Mann heran und bekommt Achtung vor Kronen und schönen Wagen. Ich sah, es war wohl hübsch, einen Preis zu gewinnen, aber es war doch zehnmal hübscher, in Gesellschaft eines Peers einen Rausch zu trinken. Und so bewog mich, als ich jenes gethan hatte, das Verlangen, meines Ahnen würdig zu werden, auch das zweite zu thun – zwar nicht im vollen Umfang; ich bekam nie einen Rausch, mein Vater verleidete mir diesen ... [Anmerkung Proj. Gutenberg: Textstelle in dieser Ausgabe unleserlich ]... schon frühe. Seiner Schlemmerei verdanke ich meine Genügsamkeit mit Pflanzenkost, und seiner Trunksucht meine Anhänglichkeit an das Wasser. Nein – ich betrank mich nicht mit Peers; aber ich war bei ihnen doch so wohl gelitten, als hätte ich mich mit ihnen bezecht wie sie selbst. Ich stand ganz ... [Anmerkung Proj. Gutenberg: Textstelle in dieser Ausgabe unleserlich] ... Hüten auf der Universität, und wurde deßhalb von den Kappen so angesehen, als hätte mein Kopf die Höhe aller der Hüte erlangt, welche ich kannte. Aber es war dieß nicht von Vorne herein so. Ich muß Dir zwei kleine Anekdoten erzählen, die mich zuerst in das Geheimniß ächter Größe einweihten. Die erste ist folgende: ich saß mit einigen Collegiumsgenossen, ernsten und geschickten Leuten, zu Tische; zwei davon die mich nicht kannten, unterhielten sich von mir; sie hätten gehört, sagten sie, ich werde nie ein so guter Geselle werden wie mein Vater, nie einen solchen Keller und ein so gastfreies Haus haben. »Ich habe sechs Grafen und einen Marquis dort getroffen,« sagte der andre Senior. »Und sein Sohn,« versetzte der erste Herr wieder, »pflegt nur mit armen Teufeln Umgang, glaub ich.« »So muß man also,« sprach ich bei mir selbst, »um das Lob kluger Leute zu verdienen, gute Weine haben, viele Grafen kennen und den Umgang mit armen Teufeln verschwören!« Nichts konnte wichtiger seyn, als mein Schluß. Die zweite Anekdote: An dem Tage, wo ich einen großen Preis der Universität gewann, lud ich meine Freunde zum Essen bei mir ein. Vier davon lehnten es ab, weil sie versagt seyn (sie waren eingeladen worden erst nachdem ich sie zu mir gebeten,) bei Wem? bei dem reichsten Mann auf der Universität. Diese gleichzeitigen Vorfälle versetzten mich in eine tiefe Träumerei; ich erwachte und wurde ein Mann der Welt. Ich entschloß mich, nicht länger den Tugendhaften zu machen und dem Ruhme der Römer und Athener nachzujagen – ich entschloß mich, nach Reichthum, Macht und einem Namen in der Welt zu trachten. Ich schwor meine ehrlichen armen Teufel ab, und hielt mich, wie schon gesagt, zu einigen reichen Hüten. Siehe da meinen ersten großen Schritt in die Welt! Ich wurde ein Schmeichler und Schmarotzer. Wie! konnte das mein Stolz ertragen? ja freilich, mein Stolz freute sich daran, denn es kitzelte meine Verachtung, diese vornehmen Leute mir nützlich zu machen! es kitzelte zu sehr, wie leicht ich sie beschwatzen konnte und zu welch einer Menge von Absichten ich die beschwerliche Last ihrer Bekanntschaft verwenden mochte. Nichts ist thörichter als die Meinung: eitle vornehme Leute seyen nicht zu brauchen! man kann sie brauchen zu was man will, zu Allem was ein kluger Kopf aus ihnen zu machen Lust hat. Nun siehe Julie, wie mein Charakter bereits gebildet war! Familienstolz, Menschenverachtung und Ehrsucht – da hast Du ihn! spätere Verhältnisse prägten nur das schon Angelegte schärfer aus. Ich wünschte nach dem Abgang vom Collegium auf Reisen zu gehen; mein Vater konnte mir kein Geld geben. Was wollte das sagen? ich sah mich unbesorgt nach einem Bekannten um, der reicher war als meines Vaters Kasse; ich fand einen solchen in Lord Mauleverer; er war mit mir auf dem Collegium gewesen, und ich konnte seine Gesellschaft wohl ertragen, denn er hatte Bildung, Witz und Gutmüthigkeit; ich brachte ihn auf den Wunsch, ins Ausland zu gehen, und auf den Gedanken, er würde vor langer Weile sterben, wenn ich ihn nicht begleitete. Ich willigte mit Widerstreben in sein Verlangen, daß ich dieß thun solle, und sah Alles in Europa, was er zu sehen versäumte, auf seine Kosten. Was mich am meisten belustigte, war die Beobachtung, daß ich, der Schmarotzer, von ihm geachtet, und er, der Wohlthäter, von mir verlacht wurde! so wäre es nicht gekommen, wenn ich bei meiner Tugend geblieben wäre. Nun, holdeste Julie, die Welt gab, wie gesagt, meinen Universitätserfahrungen die Weihe ihrer Bestätigung. Ich kehrte nach England zurück, mein Vater starb und hinterließ mir keinen Schilling und meinem Bruder ein so verschuldetes Gut, daß er nichts davon bezog und zugleich mit solchen Bedingungen, daß er es nicht verkaufen konnte. Jetzt war für mich die Zeit gekommen, die Erfahrungen zu nutzen, deren ich mich rühmte. Ich erkannte die Nothwendigkeit, einen Beruf zu ergreifen. Ein Beruf ist eine Maske für den armen Spitzbuben! er gibt dem Betrug ein Ansehen und einen Anspruch, auf Anderer Kosten zu leben. Ich musterte meine Talente und betrachtete die Einrichtungen meines Vaterlandes; hieraus ergab sich der Entschluß, mich an der Schranke zu versuchen. Ich besaß eine unerschöpfliche Aufmerksamkeit und Thätigkeit, ich war lebhaft, schlau und kühn. Alle diese Eigenschaften galten bei den Gerichtshöfen. Ich hielt meine gesetzlichen Termine, ich ward berufen, ich besuchte meinen Bezirk – und ich erhielt keine Rechtssache, keine, Julie! meine nie sehr feste Gesundheit wankte unter dem Studium und der Gereiztheit meines Gemüthes; man verordnete mir, mich aufs Land zu begeben, ich kam in diese Stadt, die abgelegen und gesund ist. Ich wohnte im Hause Deiner Muhme, Du kamst täglich dahin, – ich sah Dich – das Uebrige weißt Du. Aber wo waren, wirst Du fragen, während dieser Zeit all die vornehmen Freunde? Beim Himmel, seit wir das Collegium verlassen, hatten sie etwas von der Weisheit gelernt, welche ich damals schon besaß; sie hatten keine Lust, etwas umsonst auszugeben; sie hatten jüngere Brüder, Vetter, Mätressen und wohl gar auch Kinder, für die sie sorgen mußten. Zudem hatten sie Ausgaben genug; je reicher Einer ist, desto weniger hat er zu geben. Einer von ihnen hätte mir eine Pfründe übertragen, wenn ich hätte in die Kirche, ein Anderer eine Offizierstelle, wenn ich hätte in sein Regiment treten wollen. Aber ich sah wohl, daß die Zeit für mich vorbei war, Geistlicher oder Soldat zu werden; auch verlangte ich nicht blos zu leben, oder auch behaglich zu leben, sondern ich wollte in den Besitz von Macht und Ansehen kommen, und so lehnte ich diese Anerbietungen ab. Andere meiner Freunde hätten mit dem größten Vergnügen mich in ihr Haus aufgenommen, mir Feste gegeben, mit mir gescherzt, wären mit mir geritten – aber weiter auch nichts! Aber ich hatte bereits so viel Einsicht, um zu begreifen, daß wenn Einer durch Kunst und Gewandheit zur Auszeichnung sich emporschwingt, es nicht mit Bedientenschritten geschehen darf. Man muß Gunstbezeugungen und Gönnerschaften annehmen, aber mit der Art eines unabhängigen Mannes. So wurden mir meine alten Freunde unbrauchbar, meine Gesetzesstudien verhinderten mich, neue zu gewinnen, ja sie entfremdeten mich den alten; denn die Leute mögen sagen, was sie wollen, daß die Gleichheit der Ansichten das Haupterforderniß zur Freundschaft sey; die Gleichheit der Lebensweise ist es weit mehr. Der, mit dem du ißst, frühstückst und zusammenwohnst, gehst, reitest, spielst oder stiehlst: der ist dein Freund! nicht der, welcher den Virgil eben so liebt wie du, und mit dir in der Bewunderung Händels zusammenstimmt. Meine Hauptbeute indeß, Lord Mauleverer, war weg; er hatte die Dulcinea eines Andern entführt und in Italien einen Schlupfwinkel gesucht; seitdem habe ich von ihm nichts mehr gehört und gesehen und kenne selbst seinen Aufenthalt nicht. Mit Ausnahme von ein paar schmalen Zuschüssen meines Bruders, des gutherzigen Mannes, den ich noch mehr ausplündern könnte, wäre ich nicht entschlossen, das Gut der Familie nicht zu ruiniren, bin ich ganz mir selbst überlassen gewesen: der Erfolg davon ist, daß ich, obgleich so gescheut als Andre meines Gleichen, kaum den Hungertod mir vom Leib gehalten habe; wären meine Bedürfnisse weniger einfach, so hätte ich mich seiner nicht erwehrt. Aber nicht leicht stirbt ein Mann Hungers, der Wasser trinkt und seine Speise nach dem Loth abwiegt. Aber etwas Anderes hätte mich nachdrücklicher und gefährlicher treffen können: getäuschte Erwartung, Zorn, betrogne Hoffnung, gekränkter Stolz – Alles dieß, was an meinem Herzen nagte, hätte es längst aufreiben können, wäre nicht die tiefgegründete, eiserne, trotzige Härte gewesen, womit die Natur – nein, ich muß um Verzeihung bitten, das ist nicht Natur! – womit die Verhältnisse mich ausgerüstet. Diese hat mich aufrecht erhalten und wird mich durch Zeit, Schmach, körperliche Schwäche und geistige Unruhe hindurch begleiten, bis mein Ehrgeiz eine gewisse Höhe erreicht und meine Verachtung menschlicher Armseligkeit sich sowohl an den Quellen des äußerlichen Glücks, als an der innerlich strömenden Quelle bitteren, an sich selbst zehrenden Trostes vollgeschwelgt hat. Und doch, o Julie, ich weiß nicht, ob auch dieß mich aufrecht erhalten hätte, wenn nicht mein Herz gerade in dem Zeitpunkt, wo ich am tiefsten verwundet, körperlich geschwächt, und geistig verbittert war, das Deinige gefunden und ihm zugeeilt wäre; ich sah Dich, liebte Dich, und das Leben gewann für mich eine neue Gestalt. Selbst jetzt, wo ich Dir dieß schreibe, verfliegt alle Bitterkeit, aller Stolz; Alles, wonach ich verlangt habe, verschwindet, selbst mein Ehrgeiz ist weg – ich habe keinen Wunsch mehr als Dich, Julie! schöne angebetete Julie! Wenn ich Dich liebe, liebe ich sogar mein Geschlecht. O, Du weißt nicht, welche Gewalt Du über mich hast! Mißbrauche sie nicht! Du kannst mir noch alles verwirklichen, wovon ich als Knabe träumte, aber Du kannst auch jeden Gedanken, jedes Gefühl, jede Empfindung in mir zu Stein verhärten. Ich wollte Dir sagen, warum ich kein Glück von unsrer Verbindung erwarte. Du kennst jetzt mein Wesen. Du hast die Geschichte meines Lebens verfolgt, indem Du die Geschichte meines Charakters verfolgtest. Du siehst was ich aufgebe, wenn ich Dich gewinne. Ich sträube mich nicht gegen das Opfer. Ich gebe das eigentliche Wesen meines Geists und meiner Seele, wie sie jetzt sind, auf. Ich höre auf, ein Weltkind zu seyn. Ich kann mich nicht erheben; ich kann den Namen meiner Ahnen nicht mehr beleben; ja ich will ihn für immer verlassen. Ich will einen andern Namen annehmen. Ich will mich zu einem andern Rang im Leben heruntergeben. In einer abgelegnen Stadt mittelst eines niedrigeren Berufs als mein bisheriger war, müßen wir unsern Lebensunterhalt gewinnen und über den Ehrgeiz lächeln. Ich sag es Dir frei heraus, Julie, wenn ich die Augen meines Herzens schließe, wenn ich mein Auge von Dir abkehre, so macht mich dieses Opfer erbleichen. Aber dann drängst Du Dich mit Gewalt vor mein Auge, und ich fühle, daß Einer Deiner Blicke mir mehr als Alles ist. Wenn Du mit mir tragen kannst, wenn Du mich trösten kannst, wenn Du, falls eine Wolke über mein Gemüth zieht, sie unbemerkt vorübergehen lassen und mich anlächeln kannst, sobald sie weg ist – o Julie! dann gibt es keine so bittre Armuth, keine Verfolgung des Schicksals, keine Verzichtleistung auf frühere Träume, die mir nicht Wonne und Entzücken seyn würden, verbunden mit der Seligkeit, zu wissen, daß Du mein bist. Nie sollte Dir meine Lippe, nie mein Auge Dir sagen, daß es etwas auf Erden gibt, das ich bereuen, nach dem ich mich sehnen könnte. Nein Julie! könnte ich meinem Herzen mit dieser Hoffnung schmeicheln: Du würdest mich nicht bei einer Verbindung mit Dir Unglücksahnungen aussprechen hören! Aber ich zittre, Julie, wenn ich Deine Gemüthsart und die meinige bedenke; Du wirst einen trüben Blick von Einem, der nie fröhlich ist, für eine Beleidigung nehmen; Du wirst jeden Ausdruck der Leidenschaft gegen das Schicksal oder Andre, als einen Vorwurf gegen Dich ansehen. Du kannst Dich auch nicht in mein Wesen finden, Du kannst nicht in seine Tiefen hinabsteigen, nicht sehen, und noch viel weniger zu beschwichtigen suchen wirst Du die grübelnde, luchsäugige Eifersucht die hier wohnt. Holdeste Julie, nach jedem Athemzug, jeder Berührung, jedem Blick von Dir schmachte ich weit heftiger als eine Mutter nach dem Kinde sich sehnt, das ihr auf Jahre lang entrissen wird. Dein Haupt lehnte einmal auf einem alten Baum, erinnerst Du Dich desselben noch, in der Nähe von ...? – und jeden Tag, nachdem ich Dich gesehen, ging ich hin um ihn zu küssen. Wunderst Du Dich über meine Eifersucht? Wie kann ich Dich so lieben, und nicht eifersüchtig seyn? mein ganzes Wesen ist von Dir berauscht. Dieß also, Dein Stolz und der meinige – Dein Wohlgefallen an der Bewunderung Anderer – Deine Flüchtigkeit, Julie! läßt mich meine ewige, immer strömende Quelle von Seelenpein voraus sehen. Es kümmert mich nicht; es kümmert mich nichts, wenn nur Du mein wirst, und wär' es nur für Eine Stunde!« Es scheint, daß trotz der sonderbaren, bisweilen mit dem Charakter eines Liebhabers im Widerspruch stehenden, trotzigen und selbstsüchtigen Weise dieser Briefe Brandons, der ächte Ton der Leidenschaft, vielleicht ihre Originalität – unterstützt ohne Zweifel durch einige von dem Schreiber angewandte Beredtsamkeit und eine verrätherische Neigung von Seiten der Dame, endlich doch siegte, und daß zuletzt eine Verbindung geschlossen wurde, von der so unwahrscheinlich war, daß ihr ein günstiger Stern lächeln werde. Der Brief, welcher die Correspondenz schloß, war von Brandon; er war am Abend vor der Vermählung geschrieben, welche nach den Andeutungen dieses Briefs in der Stille und heimlich vor sich gehen sollte. Nach einem schwärmerischen Erguß der Hoffnung und Freude fuhr er also fort: »Ja Julie, ich widerrufe meine Worte: ich glaube nicht mehr, daß Du oder ich je Grund haben werden, uns unglücklich zu fühlen. Diese Augen, welche so zärtlich auf den meinigen hafteten, diese Hand, deren Druck ich noch in jedem Nerven meines Wesens fühle; diese Lippen, die sich so spröde – und doch, soll ich es sagen? mit Widerstreben von mir abwendeten – Alles sagt mir, daß Du mich liebst und meine Befürchtungen sind verbannt. Die Liebe, welche meine Natur besiegte, wird auch das Einzige, was ich an Dir verändert sehen möchte, besiegen. Nichts könnte mich je vermögen, Dich weniger anzubeten, obgleich Du dieß zu fürchten Dich anstellst; nichts als die Ueberzeugung, daß Du meiner unwürdig wärest, daß Du Gedanken an einen Andern hegtest – dann – auch dann würde ich Dich nicht hassen. Nein! das herrschende Gefühl meines frühern Daseyns würde sich wieder beleben, ich würde schwelgen in einem Uebermaß von Verachtung, ich würde Dich gering schätzen – Dich verhöhnen, und wieder werden, was ich war, eh' ich Dich kannte. Doch warum rede ich so? Meine Braut, meine Wonne, vergib mir!« Zudem wir unsre Auszüge aus dieser Correspondenz beschließen, bitten wir den Leser Folgendes sich zu merken: Erstens, daß die Liebe, zu welcher Brandon sich bekannte, von jener heftigen und sinnlichen Art war, welche einerseits oft die am wenigsten dauernde und andrerseits die leicht in die fürchterlichsten Extreme des Hasses und sogar des Widerwillens übergehende ist. Zweitens, daß der Charakter, welcher mit so sarkastischer Aufrichtigkeit sich aufschloß, offenbar bei der Geliebten entweder gänzliche Hingebung oder die kunstreichste Gewandheit erheischt; und Drittens, daß wir auf solche Eigenschaften bei der schönen Schreiberin hindeuteten, welche eben zu keinen sanguinischen Hoffnungen hinsichtlich solcher Erfordernisse berechtigten. Während der herbe und sarkastische Brandon mit verzognem, aber oft auch mit bebendem Munde sich selbst zu dem Geschäft zwang, sich durch diese Denkmale früherer Thorheit und jugendlicher Aufregung durchzuarbeiten, bringt uns die weitere Darstellung der Begebenheiten, die jetzt rasch einer verhängnißvollen, furchtbaren Katastrofe entgegen gingen, auf die Erzählung von Thatsachen, welche viele Jahre früher fallen als die Zeit, bei der wir jetzt angekommen sind. Dreiunddreißigstes Kapitel. Clem. Der Jahre Schleier weg! was ist dahinter? Ein menschlich Herz! O Riesenstadt, bewohnt, Von jeder Herrlichkeit und jeder Schande! Faul, aber schweigend, durch der Leidenschaften Gebraus, strömt hin der Fluß der Lieblingssünde; Ein Leben und ein Gift trägt seine Welle.           *           *           *             *           *           *           *             * Clem. Dein Weib? Vict. Fort fort! ich hab' dieß Wort vertauscht mit Spott! Clem. Dein Kind? Vict. Das traf mein Herz! mein Kind! mein Kind! Liebe und Haß von – – In einer abgelegenen Stadt in – –shire schlug ein junges Paar seinen Wohnsitz auf, dessen Erscheinung und Lebensweise die Aufmerksamkeit der Klatschmäuler in der Nachbarschaft in mehr als gewöhnlichem Grad auf sich zog. Sie nannten sich Welford. Der Mann griff zu dem Gewerbe eines Sachwalters . Er war ohne Empfehlungen und Protektion, seine Lebensweise verrieth Armuth; sein Benehmen war zurückhaltend und sogar herb und trotz der scharfen und neugierigen Aufmerksamkeit womit er betrachtet wurde, gewann er keine Clienten und bekam keine Prozesse. Der Mangel aller jener anständigen Charlatanerieen, welche die Leute jedes Berufs beinah nothgedrungen anwenden müssen, und die plötzliche unvorbereitete Art seines Auftretens waren vielleicht die Hauptursachen dieses schlechten Glücks. »Sein Haus,« sagten die Leute, »sey zu klein um Achtung und Vertrauen einzuflößen!« Und wenig Gutes ließ sich auch von einem Sachwalter erwarten, bei welchem sogar das Gitter um die Hausthüre so kläglich nach einem frischen Anstrich schmachtete. Zudem erwarb sich auch Mrs. Welford eine ungeheure Menge Feindinnen. Sie war über alle Beschreibung schön, und in ihrem Benehmen lag eine Art Coquetterie, welche zu zeigen schien, daß sie sich ihrer Reize bewußt war. Alle Damen in – – haßten sie. Wenige Leute besuchten das junge Paar. Welford empfing sie kalt; ihre Einladungen wurden nicht angenommen und was noch schlimmer war, nie erwiedert. Der Teufel selbst hätte es mit einem Anwalt unter solchen Umständen nicht ausgehalten, Verschlossen, armselig, dürftig, grob, unempfohlen, ein schlechtes Haus, ein unangestrichenes Gitter und ein schönes Weib! Demungeachtet, obwohl Welford nicht zu Rathe gezogen wurde, ward er doch, wie wir schon gesagt, beobachtet. Anfangs nach ihrer Ankunft, im Sommer, sah man oft das junge Paar in den Feldern und Hainen, welche in der Nähe ihres Hauses waren, lustwandeln. Bisweilen gingen sie zärtlich mit einander und man beobachtete, mit welcher Sorgfalt Welford seiner Gattin den Mantel oder Schawl um den schlanken Leib hing, wenn die Abendkühle hereinbrach. Aber oft zog er den Arm weg, blieb hinter ihr zurück und sie setzten ihren Gang schweigend und jedes für sich fort, oder kehrten nach Haus. Allmälig ging ein Geflüster in der ganzen Stadt um, das neuvermählte Paar lebe durchaus nicht glücklich. Die Männer schoben die Schuld auf den griesgrämigen Gemahl, die Weiber auf die wilde Hummel von Frau. Die einzige Dienerin jedoch, die sie hielten, erklärte, obgleich Herr Welford bisweilen grolle und Mrs. Welford zu Zeiten weine, seyen sie doch äußerst zärtlich gegen einander und zanken sich blos aus Liebe. Das Mädchen hatte selbst schon vier Liebhaber gehabt und mochte in solchen Dingen gut bewandert seyn. Sie erhielten keine Besuche aus der Nähe oder Ferne und der Briefträger erklärte, es sey ihm nie ein Brief an eines von beiden unter die Augen gekommen. Ein so geheimnißvoller Schleier hüllte dieses Paar ein und machte, daß sie noch mehr angegafft, und was viel sagen will, noch mehr gemieden wurden, als ohne dieß der Fall gewesen wäre. So arm Welford war, verriethen doch seine Haltung und sein Gang in hohem Grad das, was gemeine Leute Vornehmheit nennen. Und hierin that er es bei weitem seiner schönen Frau zuvor, welche, obwohl durchaus nichts Ungebildetes und Gemeines in ihrer Erscheinung war, doch ganz der ausgesuchten Feinheit in Betragen, Geberden und Ausdruck ermangelte, welche Herrn Welford auszeichnte. Ungefähr zwei Jahre lebten sie in dieser Weise, und so sparsam und ruhig, daß, obgleich Welford, so viel man wußte, keine Mittel zum Lebensunterhalt hatte, sich Niemand wundern konnte, wie sie doch so auskamen. Nach Verfluß dieser Zeit steckte Welford auf Einmal eine kleine Summe in eine die Grafschaft angehende Spekulation. Im Verlauf dieser Unternehmung bewies er zum Staunen seiner Nachbarn einen außerordentlichen Sinn für Berechnung und sein Benehmen verrieth ganz den Mann von Gewandheit und Geschäftskenntniß. Dieses so angelegte Kapital trug der Familie Welford hinreichende Zinsen, um, wenn sie dazu geneigt gewesen wäre, eine etwas bessere Lebensweise anzunehmen als bisher. Sie blieben aber in ihrer Weise unverändert, und die einzige Aenderung, welche durch dieß Ereigniß herbeigeführt wurde, bestand darin, daß sich Herr Welford von seinem angenommenen Berufe zurückzog. Er blieb nicht länger Anwalt! Man muß gestehen, daß er bei seiner Zurückziehung keine großen Einkünfte aufopferte. Um diese Zeit wurden einige Offiziere in – – einquartirt und einer von diesen, ein hübscher Lieutenant, war von den Reizen der Mrs. Welford, die er in der Kirche sah, so hingerissen, daß er keine Gelegenheit versäumte, seine Bewunderung an den Tag zu legen. Man machte die boshafte, obwohl nicht unbegründete Bemerkung, daß die Frau Welford, obgleich man in ihrem Benehmen keine förmliche Unschicklichkeit aufweisen konnte, doch weit entfernt war, die augenfälligen Huldigungen des jungen Lieutenants mit Mißfallen zu betrachten. Röthe übergoß ihre Wange wenn sie ihn erblickte und der galante Stutzer versicherte, dieß Erröthen sey nicht immer ohne ein Lächeln. Kühn gemacht durch die Auslegungen seiner Eitelkeit, und wie Jedermann, den Contrast bedenkend, welchen sein lebhaftes Gesicht und seine schimmernde Kleidung mit dem strengen und düstern Ausdruck, dem ungekünstelten Anzug und dem trotzigen Gang machte, was alles bei Welford den Eindruck einer wahrhaft schönen Person störte, kam unser Lieutenant auf den Gedanken, seine Leidenschaft in einem Briefe zu offenbaren, welchen er in den Kirchstuhl der Mrs. Welford legte. Diese kam aber an diesem Tag nicht in die Kirche; der Brief wurde von einem guthherzigen Nachbar gefunden, und in einem Ueberschlag ohne Namen dem Gemahl zugeschickt. Was auf dieß Ereigniß hin in dem verborgenen Heiligthum der Häuslichkeit erfolgte, blieb natürlich ein Geheimniß; aber am nächsten Sonntag bemerkte ein scharfsichtiger Nachbar, wahrscheinlich der anonyme Freund, das Antlitz des Herrn Welford, der zuvor nie in der Kirche erschienen war. – nicht in demselben Stuhle mit seiner Frau, sondern in einem fernen Winkel des heiligen Hauses. Und Einmal, als der Lieutenant darauf lauerte, eine Antwort auf seine Epistel im Angesicht der Mrs. Welford zu lesen, behauptete derselbe gefällige Oberaufseher, es habe Welfords Gesicht ein satanisches, hinsterbendes, höhnisches Lächeln angenommen, das ihm das Blut gerinnen gemacht. Wie dem seyn mochte, der Lieutenant schied aus seinem Quartier, und der Ruf der Mrs. Welford blieb, zum Mißvergnügen der Leute, ungetrübt. Bald nach diesem mißglückte die Spekulation und es war eine ausgemachte Sache, daß die Welfords sich anschickten die Stadt zu verlassen; wohin, wußte Niemand; einige meinten ins Gefängniß; aber unglücklicherweise fand sich kein Gläubiger. Ihre Rechnungen hatten beinahe Nichts betragen, oder hatten sie sie regelmäßig bezahlt. Bevor jedoch die besprochne Auswanderung statt hatte, ereignete sich etwas, worüber die guten Leute in – – sich nicht wenig verwunderten. An einem hellen Frühlingsmorgen kam eine Lustpartie von einem großen Hause in der Nachbarschaft durch die Stadt. Am meisten fiel unter den Reisenden ein junger, reich gekleideter Reiter von sehr glänzendem und einnehmendem Aeußern auf. Nicht unempfindlich gegen das Aufsehen das er machte, ritt dieser Cavalier langsam hinter dem Zuge drein, um mit mehr Muße einige Damen zu betrachten, welche an einem Fenster standen und sehr bereitwillig waren, seine Blicke mit Lebhaftigkeit zu erwiedern. In diesem Augenblick scheute das Pferd, welches ungeduldig in den Zügel knirschte, der es von seinen Begleitern zurückhielt, an einem Scherenschleifer, prallte heftig auf eine Seite hinüber und der anmuthsvolle Reiter, der nicht an die Stellung gedacht hatte, welche ihn am besten im Gleichgewicht halten, sondern welche ihn im vortheilhaftesten Licht zeigen könnte, wurde mit ziemlicher Heftigkeit auf einen Haufen Schutt und Backsteine geschleudert, der schon lang zum Aergerniß der Nachbarschaft, vor dem unangestrichnen Gitter von Herrn Welfords Haus lag. Welford ging eben aus und fühlte sich genöthigt, (denn er war sonst kein Mann, dessen theilnehmende Gefühle so leicht anzuregen waren,) einen Blick auf den Zustand eines Menschen zu werfen, der ohne Bewegung vor seinem eignen Hause lag. Der Reiter kam bald wieder zur Besinnung, fühlte sich aber außer Stande aufzustehen; ein Bein war gebrochen. In den Armen seines Reitknechts sich aufrichtend, schaute er sich um und sein Auge begegnete Welford. Eine augenblickliche Wiedererkennung belebte das Angesicht des Fremden und verbreitete eine dunkle Röthe über die finstern Züge des Andern. »Himmel!« sagte der Cavalier, »ist das – –« »Still, mein Lord!« rief Welford ihn rasch unterbrechend und sah sich rings um. »Aber Sie sind beschädigt – wollen Sie in mein Haus kommen?« Der Reiter gab seine Einwilligung zu erkennen und wurde auf den Armen des Reitknechts und Welfords in die armselige Thüre des Exanwalts getragen. Dann wurde der Reitknecht mit einer Entschuldigung an die Gesellschaft abgefertigt, von welcher bereits viele dem Hause zueilten; obgleich ein Paar den Zugang über die ungastliche Schwelle erzwangen, gaben sie sich doch, sobald sie einige Noth- und Flickworte ausgestoßen und das Sinken ihres Sterns unter der finstern und kalten Herbigkeit des Wirths bemerkt hatten, damit zufrieden, daß es zwar ein verdammt widerwärtiger Streich für ihren Freund sey, daß sie aber vor der Hand ihm doch nichts helfen könnten; und mit dem Versprechen sich am nächsten Tage nach ihm erkundigen zu lassen, saßen sie wieder auf und ritten heim, größere Aufmerksamkeit als gewöhnlich den Bewegungen ihrer Pferde widmend. Sie schieden jedoch nicht eher, als bis der Wundarzt der Stadt erschienen war und erklärt hatte, der Verwundete dürfe durchaus nicht von hier weggebracht werden. Ein Lordsbein war ein Glücksfall, der dem Wundarzt von – – nicht jeden Tag begegnete. Wir können uns den Zustand der begierigen Erwartung denken, welche während dieser ganzen Zeit in der Stadt herrschte, die tödtliche Pein dieser ländlichen Nerven, wie sie sich bei so kleinen Bevölkerungen erzeugen und eine so tiefgreifende Sympathie mit den Angelegenheiten andrer Leute haben. Ein Tag, zwei Tage, drei Tage, eine Woche, vierzehn Tage, ein Monat verging und der Lord war noch immer ein Gast in Welfords Hause. Indem wir die Basen und Gevatern an ihrer Neugier zehren lassen – »Cannibalen an ihrem eignen Herzen!« – müßen wir den Leser einen Blick in das Innere der ungastfreundlichen Behausung des Exanwalts werfen lassen. Es war gegen Abend, der Kranke hatte sich auf einem Sopha aufgerichtet und die schöne Mrs. Welford, welche ihn als Wärterin gepflegt hatte, legte das Kissen unter dem verletzten Glied zurecht. Er selbst versuchte ihre Hand zu ergreifen, welche sie spröd wegzog, und lispelte dazu Worte, süßer und artiger als sie je gehört hatte. In diesem Augenblick trat Welford leise ein, von beiden unbemerkt; er stand an der Thüre und betrachtete sie mit einem Lächeln kalten, sich selbst beglückwünschenden Hohns. Das Gesicht des Mephistopheles wie er Faust und Gretchen beobachtet, könnte einen Begriff von dem Bilde geben, das wir zu zeichnen beabsichtigen; aber Welfords Miene war erhabner (und auch schöner) seinem Charakter nach, obwohl nicht weniger boshaft im Ausdruck, als das, welches der unvergleichliche Retsch seinem Erzfeind der Menschen gegeben hat. So ausgesprochen, so triumphirend, so stolz war die Verachtung auf Welfords finstern und starken Zügen, daß, obgleich er in einer Lage war, wo das Lächerliche meist auf den Gemahl fällt, es doch der Liebhaber und die Frau waren, welche dem Zuschauer als die Erniedrigten und beneidenswerthen erschienen seyn würden. Nach einer augenblicklichen Pause trat Welford mit schweren Schritten näher – die Frau fuhr erschrocken auf; – aber mit einem freundlichen, schmeichelnden Ausdruck, der seit seinem Aufenthalt in der Stadt – – selten auf seinem Angesicht zu sehen gewesen war, redete der Wirth die beiden an, lächelte gegen die Wärterin und beglückwünschte den Patienten wegen seiner Fortschritte in der Genesung. Der Edelmann, wohlbewandert in den Sitten der Welt, antwortete leicht und munter, und das Gespräch ging lustig genug fort, bis die Frau, welche in sich gekehrt und allein da saß, dann und wann verstohlene, scheue Blicke auf ihren Gemahl und andere, sanftere auf den Patienten werfend, sich aus dem Zimmer zurückzog. Dann gab Welford der Unterhaltung eine neue Wendung; er erinnerte den Edelmann an die vergnügten Tage, welche sie in Italien verlebt, an die Abenteuer die sie getheilt und die Intriguen woran sie sich ergötzt hatten; als das Gespräch wärmer wurde, nahm er einen freiern und leichtfertigeren Ton an; und nicht wenig, glauben wir, hätten die guten Leute in – – gestaunt, wenn sie die muntern Spässe und die freigeisterischen Grundsätze hätten anhören können, welche den schmalen Lippen des kalten und strengen Welford entfloßen, dessen Angesicht ein geschworner Feind der Fröhlichkeit schien. Von Weibern sprachen sie im Allgemeinen mit der lebhaften Verachtung, wie es der gewöhnliche Ton bei Weltmännern ist, – nur nahm sie bei Welford einen bitterern, gründlicheren und filosofischeren Anstrich an, als bei seinem lebhaftern aber weniger kräftigen Gaste. Der Edelmann schien an seinem Freund das größte Behagen zu finden, die Unterhaltung war eben recht nach seinem Geschmack, und als Welford ihm ins Bett geholfen hatte, schüttelte er diesem mit Wärme die Hand und drückte seine Hoffnung aus, ihn bald in ganz andern Umständen zu sehen. Als sich die Thüre des Peers hinter Welford geschlossen hatte, stand er einige Augenblicke regungslos da; dann stieg er mit leisen Schritten in sein Schlafgemach hinauf. Seine Frau schlief fest, neben dem Bette stand die Wiege seines Kindes. Als sein Auge auf diese fiel ließ die starre Ironie, welche jetzt seinen Zügen beständig anhaftete, nach und er beugte sich lange, in tiefem Schweigen über die Wiege. Das Antlitz der Mutter, gemischt mit den väterlichen Zügen, war auf die Miene des schlafenden Engels vor ihm geprägt; und als er es endlich, aus seiner Träumerei sich erhebend, sanft küßte, murmelte er: »Wenn ich dich ansehe, so möchte ich glauben, daß sie mich einst liebte – Pah!« fuhr er dann plötzlich fort und stand auf, »diese Vaterzärtlichkeit für einen *** Balg steht mir trefflich an!« Mit diesen Worten verließ er, ohne seine Frau anzusehen, welche aufgeschreckt durch sein lautes Reden, heftig auffuhr, das Zimmer und ging in dasjenige hinunter, wo er sich mit seinem Gast unterhalten hatte. Er schloß vorsichtig die Thüre, ging rasch in dem niedrigen Gemach auf und ab und ließ seinen Gedanken die Zügel schießen, in der abgebrochnen Weise etwa, wie sie hier dem Auge des Lesers dargeboten werden. »Ja, ja, sie ist mein Verderben gewesen! und wenn ich einer von den schwachen Thoren wäre, welche aus den einfältigsten und abgeschmacktesten Narrheiten dieser verdammten gesellschaftlichen Einrichtungen ein Evangelium machen, so wäre sie jetzt auch meine Schande; aber statt der Schande will ich aus ihr meinen Schemel zu Ehre und Reichthum machen. Und dann – zum Teufel mit dem Schemel! Ja, zwei Jahre habe ich durchgemacht, was all mein Blut hätte in Galle verwandeln sollen: Unthätigkeit, Hoffnungslosigkeit, im Innern ein verödetes Herz und Leben, Schmach von der Welt, Kälte, Unlust, Undankbarkeit von der Einen für welche – O, Esel der ich war! – der ich das Theuerste meines Wesens, ja mein Wesen selbst aufgab! Zwei Jahre habe ich dieß ertragen, und jetzt will ich meinen Ersatz haben, ich will sie verkaufen – sie verkaufen – Gott! Ich will sie verkaufen wie das gemeinste Thier auf dem Markte. Und dieß lumpige Stück falsches Geld soll mir erkaufen – meine Welt! Andrer Leute Rachsucht entspringt aus Haß; – eine niedrige, plumpe, unfilosofische Empfindung; die meinige entspringt aus Verachtung, der einzigen der Vernunft auf die Dauer angemeßnen Stimmung. Andrer Leute Rache verderbt sie selbst, die meinige soll mich retten! Herr des Himmels! wie lächerlich ist mir im Innersten zu Muthe, wenn ich dieß jämmerliche Pärchen betrachte, die jetzt meinen ich sehe sie nicht, und weiß, daß jede ihrer Bewegungen nur eine Masche an meinem Gewebe ist! Aber,« und Welford hielt nachdenklich inne, »aber ich kann nicht umhin, über mich selbst zu spotten, wenn ich bedenke, welchen Erzgimpel diese Knabenthorheit, die Liebe, – Liebe wahrhaftig! – schon das Wort macht mich krank vor Ekel – aus mir gemacht hat. Hätte dieß Weib, einfältig, schwach, willen- und leblos wie sie ist, mich wahrhaft geliebt, – hätte sie Sinn gehabt für das unaussprechliche Opfer das ich ihr brachte – (das des Antonius war Nichts dagegen – er verlor nur eine wirkliche Welt, und ich eine Welt der Phantasie und Hoffnung!) hätte sie sich nur herabgegeben, mein Wesen kennen zu lernen, den Weibesteufel in ihrem eignen zu überwältigen: ich hätte in dieser abgeschmackten Einsiedlerei immer so fort leben können, hätte mich für glücklich und zufrieden gehalten und wäre ein ganz anderes Geschöpf geworden. Ich glaube gar, ich hätte werden können, was unsre Moralisten (die Quacksalber!) einen guten Menschen nennen. Aber diese flatterhafte Leichtfertigkeit des Herzens, dieses Wohlgefallen am Lobe der Thoren, dieses mürrische Wesen, diese Verdrießlichkeit, womit sie den Trübsinn erwiederte, den sie an mir weder verstand noch vergab; das gemeine, tägliche, stündliche Gejammer um die armseligen Bedrängnisse der Armuth, dieß häusliche Gewinsel, die Gardinenklagen, wenn ich – ich keinen Sinn hatte für solche erbärmliche Prüfungen der Zärtlichkeit; und bei alle dem kein Gedanke an meine Qualen, meine begrabnen Hoffnungen, meinen zur Niedrigkeit verdammten Geist und verlorenen Namen; die Größe meiner Verzichtleistung ihr zu lieb nicht einmal begriffen; ja ihre Unbequemlichkeiten – ein dunkler Herd, glaub' ich, oder ein nicht leckrer Tisch, verglichen, ja ganz gleichgestellt mit Allem, was ich um ihretwillen verlassen hatte! Als ob es nicht genug gewesen wäre – wär' ich ein Narr, ein ehrgeizloser, seelenloser Narr gewesen – an dem bloßen Gedanken schon, daß ich meinen Namen mit dem eines Krämers – o nicht doch! eines gewesenen Krämers verband! – als ob das Bewußtseyn dieses Umstands, den vor den meinigen zu verbergen, ich mich entschließen könnte mein ganzes Geschlecht, Alle die mir je begegnet sind und mich gesehen haben, zu erwürgen, nicht genug wäre, wenn sie von Vergleichen spricht, um mich das Fleisch von meinen Knochen nagen zu machen! Nein, nein, nein! Nie hat mein Schicksal eine so glänzende Wendung genommen als jetzt, da dieser betitelte Stutzer mit seiner einschmeichelnden Stimme und seinen schimmernden Flittern hieher kam. Ich will sie zum Werkzeug machen um mich aus dieser Höhle, worein sie mich versenkt hat, herauszugraben. Ich will meines Lords Leidenschaft hegen, bis mein Lord seine Leidenschaft (die Leidenschaft eines Sommervogels) eines Preises werth achtet. Dann will ich selbst meine Bedingungen machen, meinen Lord zur Verschwiegenheit verpflichten und mein Weib, meine Schande und die Anwaltschaft des Herrn Welford für immer abschütteln. Glänzende, glänzende Aussichten! laßt mich das Auge schließen um in Euch zu schwelgen! Aber sachte! mein edler Freund nennt sich einen Weltmann, einen Kenner der menschlichen Natur und einen Verächter ihrer Vorurtheile, zwar in seiner beschränkten Weise – nicht in Folge großartiger Ansichten, sondern lasterhafter Erfahrungen – so ist er! das Buch der Welt ist ein ungeheures Gemisch; er ist vollkommen vertraut, ohne Zweifel, mit den Blättern, welche von dem guten Tone handeln; ist gründlich bewandert, dafür steh' ich, in dem hinten angehefteten Magasin des Modes . Aber werde ich, mit aller Ueberlegenheit, welche mein Geist über den seinigen behaupten muß, werde ich im Stande seyn, mich in der Seele dieses welterfahrnen Peers von einem erniedrigenden Andenken rein zu erhalten? Hahnrei, Hahnrei! ist ein häßliches Wort; ein gutwilliger, die Hand bietender Hahnrei! hm – dieser Ausdruck hat nichts Großartiges, seinen philosophischen Firniß. Laß sehen! Ja! Ich weiß ein Mittel gegen das Alles. Ich heirathete mich im Stillen – gut! unter angenommenem Namen – gut! es war eine heimliche Heirath, fern von ihrer Vaterstadt – gut! die Zeugen ihr unbekannt – gut! die Beweise leicht in meine Hände gebracht – herrlich! der Narr soll glauben es sey eine falsche Heirath gewesen, ein listiger, galanter Streich von mir; ich will den Flecken Hahnrei mit dem Wasser eines andern Worts auswaschen, ich will eine Maitresse, nicht eine Gattin verkaufen. Ich will ihn warnen, ihr dieß Geheimniß nicht mitzutheilen; ich muß überlegen mit welchem Vorwande! oh – die Rechtmäßigkeit meines Sohns könnte mir später erwünscht seyn. Er wird diesen Grund begreifen und ich werde sein Ehrenwort darauf haben; und beiläufig, es liegt mir an dieser Rechtmäßigkeit und ich will die Beweise aufbewahren; ich liebe mein Kind; ehrsüchtige Männer lieben ihre Kinder; ich kann selbst ein Lord werden und mir einen Sohn wünschen, der an meine Stelle tritt; und dieser Sohn ist mein, Dank dem Himmel! über diesen Punkt bin ich sicher – und dieß soll auch das einzige Kind bleiben, das mir heranwächst. Nie, das schwör' ich, will ich mich wieder meiner Selbstständigkeit begeben! Meiner ganzen Natur, außer Einer Leidenschaft, hab' ich bisher Gewalt angethan; diese Leidenschaft soll hinfort meine Sklavin seyn, mein einziger Gedanke der Ehrgeiz, mein einziges Verlangen die Welt!« Dieß war das Selbstgespräch eines Mannes, den die gesellschaftlichen Einrichtungen der Welt gleichsam systematisch zum vollendeten, niederträchtigen Bösewicht zu machen, verschworen schienen, und nachdem er damit zu Ende war, stieg Welford langsam die Treppen hinan, und ging wieder in sein Schlafzimmer, wo seine Gattin noch schlief; ihre Schönheit war von jener holdseligen, mädchenhaften und harmonischen Art, welche von Liebhabern und Dichtern mit dem Ausdruck engelgleich bezeichnet wird; und als Welford ihr vom Schlaf geröthetes und beinah verklärtes Angesicht betrachtete, hätte man vielleicht eine gewisse Weichheit und Unentschlossenheit in den scharfen Linien seiner stolzen Züge wahrnehmen können. In diesem Augenblick bewegten sich, gleichsam um beiden für immer den Rückweg zur Hoffnung und zur Tugend abzuschneiden, ihre Lippen und sprachen Ein Wort aus – es war der Name von Welfords vornehmem Gaste. Ungefähr drei Wochen nach diesem Abend entlief Mrs. Welford mit dem jungen Edelmann, und am nächsten Morgen nach diesem Vorfall verschwand der verwirrte Ehmann mit seinem Kinde für immer aus der Stadt – –. Von diesem Tag an gelangten durchaus keine Nachrichten über sein Schicksal mehr zu den gespitzten Ohren seiner um ihn sehr besorgten Nachbarn; und Zweifel, Neugier, Vermuthungen beruhigten sich endlich bei der Annahme, daß die Verzweiflung ihn zum Selbstmord getrieben. Obgleich die unglückliche Mrs. Welford in der That von flüchtiger und leichtfertiger Sinnesart war, und besonders mit persönlicher Eitelkeit sehr begabt, war sie doch nicht ohne heiße Neigungen und heftige Empfindungen. Ihre Heirath war eine Sache der Liebe gewesen, das heißt von ihrer Seite: einer Liebe wie sie gewöhnlich bei Mädchen ist, welche nicht sowohl mit wirklicher, natürlicher Empfindung lieben, als überrascht von einem schnellen Eindruck. Ihre Wahl war auf einen Mann gefallen, der seiner Geburt nach über ihr stand, und in Person und Benehmen sich vor Allen auszeichnete, mit welchen sie gewöhnlich umging. So hatte ihre Eitelkeit ihre Neigung verstärkt und etwas Sonderbares und Excentrisches in der Gemüthsart und im Geist Welfords hatte, wenn gleich es zu Zeiten ihre Furcht erregte, viel beigetragen, ihre Einbildungskraft zu entflammen. Und dann war er auch, obwohl kein schmeichlerisch-tändelnder, so doch leidenschaftlicher und schwärmerischer Liebhaber. Sie empfand es, daß er ihr zu lieb Vieles aufgab, was er zuvor als durchaus nothwendig zu seinem Daseyn angesehen hatte; und sie hielt sich nicht dabei auf zu untersuchen, wie fern es wahrscheinlich sey, daß diese Hingebung daure, oder welches Betragen von ihrer Seite am ehesten die Gefühle nähren und unterhalten würde, aus welchen jene entsprang. Sie war mit ihm geflohen. Sie hatte in eine heimliche Ehe gewilligt. Sie hatte einen glücklichen Monat mit ihm verlebt und dann verschwand die Täuschung. Mrs. Welford war nicht die Frau, welche einen der Täuschung gleichen Reiz und Zauber der Wirklichkeit zu geben, oder in ihr zu finden vermochte. Sie war gänzlich unfähig den tiefverschlungenen und gefährlichen Charakter ihres Gemahls zu begreifen. Sie besaß weder den Schlüssel zu seinen Tugenden, noch den Zauberspruch gegen seine Fehler. Auch war der Zustand, zu welchem ihre Armuth sie nöthigte, nicht eben ein günstiger für jene zarte Grübelei, die, durch Zerstreutheit gesteigert und in behaglichem Müssiggang gehegt, so oft dem Liebenden das Geheimniß des wahren Wesens der Geliebten entdeckt. Obwohl ihrem Gemahl an Stand und Ansprüchen nicht gleich, hatte sich Mrs. Welford doch an gewisse Bequemlichkeiten des Lebens gewöhnt, welche oft von Personen der geringeren Stände mehr empfunden werden, als von Angehörigen der höhern Klassen, die, wenn sie einmal eine Art des Luxus aufgeben, oft gern auf alle verzichten. Eine vornehme Dame kann sich mehr Beschwerden aussetzen als ihre Kammerfrau, und jeder Gentleman auf Reisen lächelt bei den Entbehrungen, über welche sein Kammerdiener sich entsetzt. Armuth und ihr grausames Gefolge erzeugten eine ganze Schaar von kleinlichen Zänkereien und verdrießlicher Klagen; und da kein Gast oder Besuch das häusliche Mißvergnügen hob, oder häusliche Gezänke unterbrach, so endigten sie gewöhnlich mit der mürrischen Verstimmung, welche so oft der Liebe das Grab der Reue gräbt. Nichts macht die Menschen einander widerwärtiger als eine Vertraulichkeit, welche Rücksichtslosigkeit beim Streit und Derbheit beim Klagen gestattet. Der beißende Hohn Welfords gab dem Murren seiner Frau mehr Schärfe; und wenn einmal Jedes von beiden das Unrecht auf der andern und die Kränkung auf seiner Seite sah, konnte man nicht mehr hoffen, das Eine werde vorsichtiger, oder das Andre nachgiebiger werden. Beide spannten ihre Forderungen zu hoch und die Frau besonders gab zu wenig nach. Mrs. Welford war ganz und im vollsten Sinne das, was ein Wüstling ein Weib nennt, das was eine leichtfertige Erziehung aus einem Weibe, macht – großmüthig im Großen, kleinlich im Kleinen, eitel, reizbar, voll von ihrer eignen Unbedeutenheit und ihren armseligen Klagen; bereit mit ihrem Geliebten sich in einen Abgrund zu stürzen, aber eben so geneigt alle Liebe durch Vorwürfe zu verscheuchen, wenn der Sprung gemacht war. Von allen Männern war Welford der letzte der dieß ertragen konnte. Eine Frau von größerem Herzen, von gereifterer Erfahrung und einem Verstande, fähig seinen Charakter zu würdigen und alle seine Eigenschaften zu erforschen, hätte ihn vielleicht zum brauchbaren und angesehnen Mann gemacht, wenigstens sich seine Liebe lebenslang erhalten. Trotz einer Saat von unglücklichen Gemüthseigenschaften machte ihn doch schon seine kräftige Natur tiefer Empfindungen und edler Aufwallungen fähig. Wer sich auf ihn verließ, war sicher – wer sich gegen ihn aufließ, konnte nur auf die Laune seiner Menschenverachtung rechnen. Während der zwei Jahre jedoch kämpfte die Liebe, obwohl mit jeder Stunde mehr ermattend, noch immer in der Brust beider fort, und man konnte kaum behaupten, daß sie bei dem Weibe ganz überwältigt gewesen sey, sogar als sie mit ihrem schönen Verführer entlief. Ein französischer Schriftsteller hat bündig genug gesagt: »Man vergleiche einen Augenblick die Fühllosigkeit eines Ehmanns mit der Aufmerksamkeit, der Artigkeit, der Huldigung eines Liebhabers: kann man über das Resultat im Zweifel seyn?« Dieß sagt ein französischer Schriftsteller; aber Mrs. Welford hatte in ihrer Gemüthsart viel von einer Französin. Ein leidender Patient, jung, schön, wohl bewandert in den Künsten der Intrigue, contrastirte freilich mit einem grämlichen Ehmann, den sie nie verstanden, lange gefürchtet, und in der letzten Zeit, sie wußte selbst nicht, ob nicht gar mit Widerwillen angesehen hatte; – ach! ein weit schwächerer Contrast hat manches weit bessere Weib zur Beute der Advokaten gemacht! Mrs. Welford entlief; aber sie empfand eine wiederauflebende Zärtlichkeit gegen ihren Gemahl noch an dem Morgen wo sie dieß that. Sie nahm seine Liebesbriefe wie die ihrigen mit sich fort, welche sie im Anfang ihrer Ehe in einer zärtlichen Stunde zusammengesammelt hatte – damals ein unschätzbares Kleinod! und nie erhielt ihr neuer Geliebter von ihren schönen Lippen einen nur halb so leidenschaftlichen Kuß, als sie beim Scheiden auf die Wange ihres Kindes drückte. Einige Monate genoß sie mit ihrem Buhlen Alles, wornach sie in ihrem Hause geseufzt hatte. Derjenige, welchem zu lieb sie ihre gesetzlichen Bande zerrissen hatte, war ein so durchaus leutseliger, artiger und was man gewöhnlich so nennt, gutmüthiger Mann (obgleich er so viel Selbstsucht in sich hatte, als ein Edelmann mit Anstand haben kann), daß er galant gegen sie blieb, ohne Mühe und Anstrengung, lange noch nachdem er schon sich die Möglichkeit gedacht hatte, selbst eines so lieblichen Angesichts überdrüssig zu werden. Doch gab es auch Augenblicke, wo das leichtsinnige Weib mit Reue an ihren Gatten zurückdachte, und eine Vergleichung mit ihrem Verführer nicht durchaus schmeichelhaft für den letztern ausfiel. Ein mächtiger, stark ausgeprägter Charakter hat etwas an sich, das Weiber und alle schwachen Naturen zu achten sich gedrungen fühlen; und Welfords Charakter hob sich scharf und deßwegen vortheilhaft, wenn gleich finster, hervor, zusammengehalten mit dem Leichtsinn und der Schwäche des dermaligen Anbeters seiner schuldbelasteten Gattin. Wie dem seyn mochte, der Würfel war geworfen, und die Klugheit gebot der Dame, das Spiel wie es jetzt war, aufs Beste zu nützen. Aber sie, die als Gattin gemurrt hatte, war als Geliebte nicht gefällig. Vorwürfe bildeten ein Zwischenspiel unter die Liebkosungen hinein, das den edlen Liebhaber ganz und gar nicht erbaute. Er war nicht der Mann gleiches mit gleichem zu vergelten; dazu war er zu indolent, aber auch nicht derjenige, der viel Geduld hatte. »Meine reizende Freundin,« sagte er eines Tags nach einem Auftritt, »du bist meiner müde – nichts natürlicher als das! Warum einander quälen? Du sagst, ich habe dich zu Grund gerichtet; meine holde Freundin, laß mich das Unglück vergüten – mache dich unabhängig; ich will dir ein Jahrgeld aussetzen; fliehe mich – suche sonst wo dein Glück und überlasse deinen unglücklichen, verzweifelten Anbeter seinem Schicksal!« »Wollen Sie mich höhnen, mein Lord?« rief die erzürnte Schöne; »oder glauben Sie, daß Geld mir die Ansprüche und Rechte ersetzen kann, deren Sie mich beraubt haben? – können Sie mich wieder zur Gattin machen – zur glücklichen, geachteten Gattin? Thun Sie dieß mein Lord, so entschädigen Sie mich!« Der Edelmann lächelte und zuckte die Achseln. Die Dame wiederholte mit noch größerem Zorn ihre Frage. Der Liebhaber antwortete unbestimmt und zweideutig, wodurch sie zugleich bestürzt und doppelt in Harnisch gejagt wurde. Sie verlangte heftig Auskunft, und seine Lordschaft, die weiter gegangen war, als sie beabsichtigt hatte, verließ das Zimmer. Aber seine Worte hatten sich tief in die Brust des unglücklichen Weibes gesenkt und sie beschloß fest, sich Aufklärung zu verschaffen. Gemäß jenem klugen Verfahren, wodurch der Reisende in der Fabel veranlaßt wurde den Mantel auszuziehen, ließ sie den Sturm beiseite und wählte den Sonnenschein; sie wartete einen Augenblick der Zärtlichkeit ab, benutzte den Vortheil der guten Stunde, und sezte sich allmählig in den Besitz eines Geheimnisses das sie mit Schaam, Widerwillen und Verdruß erfüllte. Verkauft, verhandelt! der Gegenstand eines für Käufer und Verkäufer schmachvollen Schachers; verkauft überdies mit einer Lüge, wodurch sie auf einmal zu einem Geschöpf erniedrigt wurde, das mit dem Mitleid auch schon Spott und Hohn erntete. Schon beraubt des Namens und der Ehre einer Frau, und als eine Metze aus den satten Armen eines Buhlen den launenhaften Liebkosungen eines Andern überliefert. Ein solches Bild erhob sich vor ihr, und während es im Einen Augenblick ihre heftigeren Leidenschaften zum Wahnsinn empörte, demüthigte es im folgenden ihre Eitelkeit bis in den Staub. Sie, welche die gewaltige Leidenschaft Welfords kannte, sah auf Einen Blick, welch verächtliches und hohnwürdiges Wesen sie für ihn geworden war. Während sie sich für die Verrätherin hielt, war sie verrathen worden; lebhaft sah sie vor sich (und schauderte bei dem Anblick!) ihres Gemahls eisiges Lächeln, sein Schlangenauge, seine in Sarkasmus getauchten Züge, und den ganzen Hohn seiner Seele auf dem Angesicht ausgeprägt, dessen leichtester Spott so gallenbitter war. Sie wandte sich ab von diesem Bilde, und sah das höfische Gesicht des Käufers – sein unterdrücktes Lächeln bei ihren Vorwürfen – seinen geheimen Hohn bei ihren Ansprüchen auf eine Stellung im Leben, welche sie, so mußte jener den Aufschlüssen des Erzbetrügers in dieser Sache zufolge glauben, nie eingenommen hatte. Sie sah, wie bald er ihrer Reize überdrüssig wurde, was er allerdings mit Schonung – einer kränkenden Schonung – zu verstehen gab, ohne jedoch die mindesten Gewissensscrupel dabei zu empfinden. Sie sah bei beiden, wie überall, nur gegenseitige Verachtung. Sie war in einem Gewebe tiefster Niederträchtigkeit. Selbst der stolze Schmerz des Gewissens bei einem Verbrechen gegen einen Andern, der, wenn er auch sticht, doch nicht erniedrigt, war verschlungen von einem weit herzzerreißenderen Gefühl für ein so eitles Wesen, wie die Ehebrecherin – das brennende Gefühl der Schaam, selbst, während sie sündigte, die Närrin und Betrogne gewesen zu seyn. Ihre ganze Seele erblaßte bei dieser Demüthigung. Der Fluch von Welfords Rache lastete jetzt auf ihr und ward bis aufs Aeußerste gesättigt. Was sie von zärtlichen Gefühlen gegen ihren Beschützer noch mochte empfunden haben, ward auf Einmal durch diese Entdeckung, weggewischt. Sie konnte den Gedanken nicht ertragen dem Auge eines Mannes zu begegnen, der bei diesem schmachvollen Handel der gewinnende Theil war. Die Schwächen und Unvollkommenheiten des Liebhabers nahmen eine hassens- und verachtenswerthe Farbe an. Und in dem Maß als sie sich entwürdigt fühlte, empfand sie Abscheu gegen ihn. Den Tag, nachdem sie jene Entdeckung gemacht hatte, verschwand Mrs. Welford aus dem Hause ihres Beschützers – Niemand wußte wohin. Zwei Jahre lang nach dieser Zeit hatte man keine Spur von ihrem Schicksal. Was war aus Welford binnen dieser Frist geworden? ein Mann, der rasch in der Welt stieg, der sich an der Schranke auszeichnete, wo ihn sein erster Prozeß bekannt gemacht hatte, der eine vielversprechende Laufbahn im Parlament begann, gewinnreiche und ehrenvolle Aufträge erfüllte, wegen der strengen Rechtlichkeit seines moralischen Charakters geschätzt wurde, und wie er an öffentlicher Achtung immer mehr sich hob, die günstigste Meinung aller Leute für sich hatte. Er hatte wieder seinen Familiennamen angenommen; seine frühere Geschichte war unbekannt; und keine Seele in der abgelegenen, entfernten Stadt – – hätte je errathen, daß der geringgeschätzte Welford der William Brandon war, dessen Lob in so vielen Journalen wiederhallte, und dessen aufstrebender Genius von allen anerkannt wurde. Die Härte, Herbigkeit und Düsternheit, die ihn in ausgezeichnet hatten, und die er, als ihm natürlich, in einer seinen Talenten nicht entsprechenden und seine Hoffnungen beschämenden Stellung, sich nicht die Mühe gab zu verstellen, wurden jetzt glänzend überfirnißt mit einer Heuchelei, die ganz gemacht war seinen Ehrgeiz zu unterstützen. So kunstreich wußte dieser seltne Mann sich Andern zu fügen, daß Wenige unter den angesehensten Männern in seine Gesellschaft kamen, ohne sie von ihm mit dem Wunsche zu trennen, seine Freunde zu werden. Durch seinen edeln Nebenbuhler, durch den Lord Mauleverer (um die Gewißheit unsrer Leser noch zu verdoppeln,) hatte er seine erste gewinnreiche Stelle, eine Gönnerschaft bei der Regierung und einen Sitz im Parlament erhalten. Wenn er bei der Gerichtsschranke geblieben war, statt sich ganz den Staatsintriguen hinzugeben, so war es nur deßwegen, weil seine Talente ohne Vergleich mehr geeignet waren, ihn auf jenem als auf diesem Wege zu hohen Ehren zu dringen. So ganz hatte er sich dem öffentlichen Leben gewidmet, daß er sich nur Eine Freude im Privatleben gestattete – seinen Sohn. Da Niemand, auch sein Bruder nicht, von seiner Heirath wußte (während der zwei Jahre, wo er unter fremdem Namen lebte, hatte man ihn im Ausland geglaubt), so war das Daseyn dieses Sohnes das Einzige, was die Welt, in ihrer Freude am Skandal, gegen die strenge Sittlichkeit seines reinen Rufs anklagend flüsterte; aber er selbst, die gelegne Zeit zur Anerkennung eines rechtmäßigen Erben abwartend, gab vor es sey die Waise eines lieben Freundes, den er im Ausland kennen gelernt; und die puritanische Ehrbarkeit des Lebens und Betragens, die er annahm, verschaffte dieser Behauptung ziemlich vielen Glauben. Diesen Sohn vergötterte Brandon. Wie wir aus seinem eignen Munde gehört haben: Ehrgeizige Männer sind außerordentlich zärtlich gegen ihre Kinder, mehr sogar als andre Väter. Die beständige Rücksichtnahme des Ehrgeizigen auf die Nachwelt ist vielleicht der Hauptgrund. Aber Brandon war auch überhaupt ein Kinderfreund; Freude an Nachkommenschaft war ein hervorstechender Zug in seinem Charakter, und könnte im Widerspruch zu stehen scheinen mit dessen Härte und Berechnung, wenn man nicht auch sonst diese Liebe bei rauhen und berechnenden Naturen fände. Es ist wie wenn ein halbbewußtes, angenehmes Gefühl, daß auch sie einst weich und unschuldig waren, es ihnen zum Genuß machte, eine Sympathie mit ihrem frühern Seyn wieder zu beleben. Oft pflegte Brandon nach dem geernteten Beifall und den Anstrengungen des Tags sich in das Schlafzimmer seines Sohns zu begeben und stundenlang seinem Schlummer zuzusehen; oft, ehe am Morgen sein Tagwerk begann, das Kind mit der natürlichen Zärtlichkeit und der überströmenden Freude eines Weibes in seinen Armen zu wiegen. Und oft, wenn eine ernstere, mehr seinem Charakter entsprechende Empfindung ihn beschlich, pflegte er bei sich zu sagen: »du sollst unsern zerfallnen Namen auf einem bessern Grund als dein Vater wieder aufrichten. Ich beginne das Leben zu spät und arbeite mich auf einem zu beschwerlichen und steinigten Wege ab; aber ich will den Pfad zum Ruhm für dich leicht und gangbar machen. Auch sollst du, während du nach der Ehre strebst, dein Herz nicht um seine Ruhe bringen. Für dich, mein Kind, sollen die Freuden der Häuslichkeit und der Liebe seyn, für die ich ein Herz, das sich nicht über der Vergangenheit grämt, und durch lauter Verdruß einer einsamen und dornenvollen Auszeichnung in der Zukunft entgegenstrebt. Nicht nur was dein Vater gewann, sollst du zu genießen haben, sondern auch das, was sein Fluch gewesen, zu vermeiden, soll seine Wachsamkeit dich anleiten.« So wandten sich nicht allein seine milderen und sanften, sondern überhaupt alle besseren und edleren Gefühle, welche selbst in der härtesten und verruchtesten Brust noch Wurzel schlagen, seinem Kinde zu; und dieser falsche und lasterhafte Mann versprach ein zärtlicher und vielleicht weiser Vater zu werden. Eines Nachts kehrte Brandon vom Essen bei einem Minister nach Haus zurück. Die Nacht war kalt und hell, es war spät und sein Weg führte ihn durch die längste, besterleuchtete Straße der Hauptstadt. Er war wie gewöhnlich in Gedanken versunken, als er plötzlich durch eine leichte Berührung seines Arms aus seiner Träumerei geweckt wurde. Er wandte sich um und sah eines der unseligen Geschöpfe, welche um Mitternacht die Straßen durchschwärmen, ihm den Weg vertreten. Beide sahen einander recht ins Gesicht; und so begegnete, zum erstenmal wieder, seit sie ihr Haupt auf dasselbe Kissen niedergelegt hatten, der Gatte seiner Gattin wieder! Der Himmel war ganz klar und das Laternenlicht fiel voll und ruhig auf beider Antlitz. Beide konnten nicht im Zweifel bleiben. Plötzlich, verstört und mit tödtlicher Bestürzung erkannten sie sich. Das Weib schwankte und mußte sich an einem Pfosten halten; Brandons Aussehen blieb kalt und unbeweglich; die Stunde, nach der dieser bittere und rachsüchtige Geist gelechzt hatte, war gekommen: seine Nerven dehnten sich in wollustvoller Ruhe aus, gleichsam um ihm einen recht bedächtigen Genuß der Erfüllung seiner Hoffnung zu gewähren. Was immer die Worte seyn mochten, welche bei diesem von keinen Zeugen beobachteten, grausenhaften Zwiegespräch zwischen ihnen fielen: wir dürfen sicher glauben, daß Brandon, so viel in seiner Macht stand, der Unglücklichen keinen Tropfen Bitterkeit schenkte. Das verwahrloste, verworfene Weib kehrte nach Haus zurück und ihr ganzes Wesen, durch Verbrechen und gemeine Lebensweise herabgewürdigt, versteinerte sich zur Rachsucht, zu dem unnatürlichen Gefühl, das man die Hoffnung der Verzweiflung nennen kann. In der dritten Nacht nach diesem Zusammentreffen wurde in Brandons Haus eingebrochen. Wie die Häuser vieler Rechtsgelehrten lag es in einer gefährlichen, schwachbevölkerten Vorstadt und war für Räuber leicht zugänglich. Er wurde durch einen Lärmen geweckt; er fuhr auf und fand sich unter den Fäusten zweier Männer. Am Fuße des Bettes stand ein Weib, ein Licht haltend; ihr Angesicht, abgezehrt von zerstörenden Leidenschaften und geisterhaft entstellt durch die aussätzige Blässe der Krankheit und des nahen Todes, stierte ihn graß an. »Jetzt ist die Reihe an mir,« sagte das Weib, mit einem höhnischen Grinsen um das sie selbst Brandon beneiden mochte, »du hast mich verflucht und ich gebe dir den Fluch heim! du hast mir gesagt, mein Kind solle mich nie anders als mit Erröthen nennen. Thor! ich triumphire über dich; dich soll er nie kennen bis zu seinem Todestag! du hast mir gesagt, meinem Kind und meines Kindes Kinde (eine lange Kette der Verwünschung!) solle mein Name, der Name des Weibes, das du niederträchtigerweise dem Verderben und der Hölle verkauft hast, als ein Vermächtniß des Abscheus und der Schande hinterbleiben! Mann! du sollst dieß Kind nichts mehr lehren! du sollst nicht erfahren, ob es lebt oder todt ist, oder Kinder hat dein gepriesenes Geschlecht fortzupflanzen; oder ob, wenn es Kinder hat, diese Kinder nicht der Auswurf der Erde, die vor Menschen und Gott Verfluchten, die würdigen Abkömmlinge des Wesens sind, zu dem du mich gemacht hast. Elender! ich schleudre auf dich den Namen zurück, womit du, als wir uns vor drei Nächten trafen, das Opfer deiner Treulosigkeit zermalmen wolltest. Du sollst den Weg deiner Ehrsucht kinderlos, zwecklos, hoffnungslos wandeln. Krankheit drücke deinem Leib ihren Stempel auf. Der Wurm nage an deinem Herzen. Du sollst Ehren gewinnen und sie nicht genießen, das Ziel deiner Ehrsucht erreichen und verzweifeln; sollst nach deinem Sohn schmachten und ihn nicht finden, oder wenn du ihn findest, die Stunde verfluchen, wo er geboren ward. Höre meine Worte, Mann! ich bin eine Sterbende, die spricht – ich weiß, daß ich eine Prophetin bin in meinem Fluche. Von dieser Stunde an bin ich gerächt und du bist Gegenstand meines Hohns!« Wie die härtesten Naturen erschrocken zurückbeben vor dem gläsernen Auge des Rasenden, so erlag in den Schauern der Nacht, geknebelt von den Schurken, bei der wilden und feierlichen, durch Leidenschaft und theilweisen Wahnsinn noch geschärften Stimme der geisterhaften Gestalt, welche ihm durch alle Nerven gellte, selbst William Brandon's trotzige Seelenstärke. Er brachte nicht ein Wort hervor. Man fand ihn am nächsten Morgen mit starken Stricken an sein Bett gebunden. Er sprach nicht als er befreit war, sondern ging schweigend in das Schlafgemach seines Kindes; – das Kind war weg. Auch einige werthvolle Sachen waren gestohlen; die verzweifelten Werkzeuge, deren die Mutter sich bediente, hatten wohl nicht ohne Belohnung die That ausführen wollen. Es bedarf kaum der Versicherung, daß Brandon zur Entdeckung seines Sohns alle Künste und Kanäle der Polizei und der Gerechtigkeit in Bewegung setzte. Alle List und Heftigkeit seines eignen Charakters, unterstützt durch die Erfahrungen seines Berufs, bot er Jahrelang für diesen Zweck auf. Alle Nachforschungen waren ganz vergeblich; nicht die geringste Spur, die zur Entdeckung führte, konnte aufgefunden werden, bis sich (wie wir seines Orts berichteten) einige der gestohlnen Sachen vorfanden. Das Schicksal trug in seinem dunkeln Schooß, den kein Sterblicher ergründet, Ort und Stunde verborgen, wo William Brandons heißester Wunsch erfüllt werden sollte! Vierunddreißigstes Kapitel. O Fortuna, viris invida fortibus Quam non aequa bonis praemia dividis. Seneca. Und wie ein Hase, gehetzt von Hunden und Halloh, Zu keuchet dem Orte, von wo er Anfangs floh.           *           *           *             * Dem heimathlosen Kind des Darbens     Steht offen noch mein Thor. Goldsmith. Langsam verstrichen für Lucie die Wochen des Winters, der ihr der peinlichste Zeitabschnitt wurde, den sie je verlebt hatte. Es kam die Zeit, wo der Richter eine der periodischen Visitationsreisen machen mußte, die so viel Furcht und Kummer über die unglücklichen Insaßen der dunkeln Orte bringen, womit sie durch die verworrenen Gesetze dieses Landes so reichlich versehen werden; diese Zeiten großer Heiterkeit und fröhlicher Mahle für die Gesetzesleute: Die vom Verbrechen sich, vom Elend mästen. Und die ein Delinquent erregt zu Festen. O herrliche Ordnung der Welt, welche zu stören, so frevelhaft ist! Wie wunderschön muß das System seyn, das aus den brennenden Thränen der Schuld Wein macht, und aus der erstickenden Bangigkeit, der herzzerreißenden Furcht, dem erzwungenen, sich selbst täuschenden Trotz dem gräßlichen Urtheilspruch, der verzweifelnden Todesangst des Einen Menschen, für den Andern die lächelnde Erwartung von Nebeneinkünften, die heitere Gesellschaft und den kostenfreien Festtag abzuleiten weiß! »Vom Gesetz kann man nichts Geringeres sagen, als daß sein Ursprung in der Brust Gottes ist!« Hooker's Kirchenpolizei. Sicherlich nicht, Richard Hooker, du hast vollkommen recht! Die Göttlichkeit von Gerichtssitzungen und die Eingebung von Old Bailey sind unbestreitbar! Sir William Brandons Sorgfalt hatte wirklich die Kunde der schmachvollen Lage ihres Geliebten von Luciens Ohr ferne gehalten. Freilich begriff bei ihrem zarten Gesundheitszustand sogar das harte Auge Brandons und der gedankenlose Blick Mauleverers die Gefahr einer solchen Entdeckung. Der Graf, der jetzt sich zum Hauptsturm auf Lucie anschickte, sobald der Vorhang für immer über Clifford gefallen seyn würde, verfuhr in seiner Bewerbung um die gewünschte Braut mit großer Vorsicht und Zartheit. Er wartete mit um so mehr Geduld zu, als er bei seinem Freund Sir William auf das Vermögen der Erbin hin schon einige Anleihen gemacht hatte; und er gab gerne zu, daß er in der Zwischenzeit keinen bessern Sachwalter haben könne, als er in Brandon gefunden. Wirklich war die Beredsamkeit dieses gewandten Sophisten so schlagend und so fein, daß oft bei seinen kunstreichen Unterredungen mit seiner Nichte sogar in dem unverdorbenen und kräftigen, aber unbefangenen Gemüth Luciens ein unbehaglicher und unruhiger Eindruck zurückblieb, welchen die Zeit zu einem Wohlgefallen an den weltlichen Vortheilen der ihr angetragnen Heirath hätte reifen können. Brandon war kein, die Sache verpfuschender Mittelsmann oder ein gewaltsamer Dränger. Er schien sich bei ihrer Verschmähung Mauleverers zu beruhigen. Er kam auf die Sache kaum mehr zu sprechen. Selten sogar rühmte er den Grafen, außer wegen der unbestreitbaren Eigenschaften der Lebhaftigkeit und Gutmüthigkeit. Aber er redete mit all der Farbenglut, welche er nach Gutdünken seinen Worten verleihen konnte, von den Freuden und Pflichten des hohen Rangs und des Reichthums. Wohl verstand er es, hiebei allen Vorurtheilen und Blößen des menschlichen Herzens zu schmeicheln, und die Tugend durch ihre eignen Schwächen zu beherrschen. Lucie war, wie die Töchter der meisten Landedelleute, von alter Familie, in unschuldigem, unbefangenem Bewußtseyn ihrer höhern Geburt erzogen worden; und sie war durchaus nicht unempfindlich gegen die Lebhaftigkeit und sogar Wärme, (denn hier war es Brandon Ernst,) womit ihr Oheim von der Pflicht sprach, einen edeln in Mißachtung gefallenen Namen wieder zu erheben und die eignen Neigungen zum Opfer zu bringen, um den verblichenen Glanz derer, die in frühern Zeiten lebten, wieder aufzufrischen. Wenn die Begriffsverwirrung, welche durch unbestimmte prächtigklingende Floskeln erzeugt wird, und die frühe Einprägung eines Gefühls, das fälschlicherweise für eine Tugend gehalten wird, so oft im Punkt der Ahnenschaft aus verständigen Leuten Thoren macht, wenn sogar Brandons sarkastischer und lebhafter Geist von diesem Irrthum umwölkt war: so können wir den Einfluß desselben auf ein Mädchen verzeihen, das in der Kunst des Räsonnements so wenig bewandert war, wie die arme Lucie, welche, wir dürfen es wohl sagen, nicht eher denken gelernt hatte, als bis sie liebte. Der Eindruck jedoch, den Brandon in den erfolgreichsten Augenblicken seiner Überredungskunst machte, blieb immer nur vorübergehend; er verschwand vor dem ersten Gedanken an Clifford und erzeugte in ihr nie die leisesten Zweifel hinsichtlich der fortgesetzten Bewerbung Mauleverers. Am Tage der Abreise in seinen Bezirk, berief Sir William Brandon seinen Barlow und schärfte diesem seinen und klugen Diener die gemessensten Vorsichtsmaßregeln in Betreff Luciens ein. Er trug ihm auf, sie vor allen Personen von jedem Stand und Rang zu verläugnen, sorgfältig alle Zeitungen durchzusehen, die man ihr bringen würde und alle Briefe, außer die von der Handschrift des Richters selbst, zurückzuhalten. Luciens Dienstmädchen hatte Brandon bereits zum Schweigen verpflichtet, und der Oheim erfreute sich jetzt an dem Gedanken, jeder Möglichkeit einer Entdeckung sicher vorgebaut zu haben. Die Identität Lovetts mit Clifford war noch nicht ruchbar geworden und Mauleverer hatte Clifford richtig beurtheilt, wenn er vermuthete, der Gefangene werde selbst allem aufbieten, die Entdeckung dieses Umstands zu verhüten. Clifford antwortete auf des Grafen Zuschrift und Versprechen in einem Brief, welcher in so ergreifendem und doch männlichem Ton der Dankbarkeit abgefaßt war, daß sogar Brandon, als er ihn las, gerührt wurde. Und seit seiner Haft und theilweisen Wiederherstellung hatte sich Clifford ganz abgeschlossen gehalten und alle Besuche abgelehnt. Ermuthigt durch den Gedanken an dieß und den Glauben an die Zuverläßigkeit seiner Vorsichtsmaßregeln, nahm Brandon von Lucie Abschied. »Lebe wohl,« sagte er, indem er sie zärtlich umarmte. »Schreibe mir ja gewiß, und verzeihe mir, wenn ich dir nicht pünktlich antworte. Nimm deine Gesundheit in Acht, meine holde Nichte und laß mich bei meiner Rückkehr eine frischere Farbe auf diesen sanften Wangen sehen!« »Nehmen Sie vielmehr Ihre Gesundheit in Acht, mein lieber, lieber Oheim,« sagte Lucie sich an ihn schmiegend und weinend, wie ihr bei der geringsten Bewegung in neuerer Zeit in Folge ihrer geschwächten Nerven geschah. »Warum darf ich Sie nicht begleiten? Sie schienen wir in den letzten drei, vier Tagen blässer als sonst, und beklagten sich gestern. Lassen Sie mich mit ihnen gehen; ich will keine Beschwerde machen, durchaus keine; aber ich bin überzeugt, Sie brauchen eine Wärterin.« »Du willst mir Angst machen, meine liebliche Lucie,« sagte Brandon und schüttelte lächelnd den Kopf. »Ich befinde mich wohl, sehr wohl; zwar gestern hatte ich einen heftigen Blutandrang gegen den Kopf, aber heute fühle ich mich leichter und kräftiger als seit Jahren. Noch einmal, Gott segne dich, mein Kind!« Und Brandon riß sich los und trat seine Reise an. Der unstete, dramatische Verlauf unsrer Geschichte führt uns jetzt in eine abgelegne Gasse der Hauptstadt, auf die Themse gehend, und macht uns zu Zeugen eines rührenden Abschieds zwischen zwei Personen, welche die Ungerechtigkeit des Schicksals und die Verfolgungen der Menschen vielleicht für immer zu trennen im Begriff standen. »Adieu, mein Freund!« sagte Augustus Tomlinson, und sah dabei Edward Pepper voll in den Abschnitt seines Gesichts, welcher nicht durch einen ungeheuren Hut und ein rothes vorgehaltnes Taschentuch bedeckt war. Tomlinson selbst war ganz in die Tracht eines würdigen Geistlichen gekleidet. »Adieu, mein Freund, weil Ihr in England bleiben wollt – adieu! ich bin, mit Stolz sage ich es, ein nicht minder aufrichtiger Patriot als ihr! Der Himmel sey mein Zeuge, wie lang ich mit Widerstreben des armen Lovetts Vorschlag betrachtete, mein geliebtes Vaterland zu verlassen. Aber alle Hoffnung aufs Leben hier ist dahin; und wahrlich, während der letzten zehn Tage bin ich so von Winkel zu Winkel gehetzt worden, so belästigt mit höflichen Einladungen, gleich denen einer Bauersfrau an ihre Hühner: »Gluck, Gluck, Gluck! kommt und laßt Euch abthun!« daß meine Vaterlandsliebe wunderbar abgekühlt ist, und ich mich nicht mehr gegen den Gedanken an freiwillige Verbannung sträube. »Die Erde,« mein lieber Ned, so hat ein griechischer Weiser sehr wahr bemerkt, »die Erde ist überall dieselbe,« und wenn man mich nach meiner Heimath fragt, kann ich, wie Anaxagoras an den Himmel deuten.« »Meiner Seel' Ihr rührt mich!« sagte Ned mit dumpfer Stimme sprechend, entweder aus Schmerz oder wegen des Drucks von dem vorgehaltnen Taschentuch, »es ist ganz schön, Euch so reden zu hören.« »Ermannt Euch, mein theurer Freund,« fuhr Tomlinson fort, »ermannt Euch gegen Eure jetzigen Trübsale. Was sind für einen Mann, der sich durch Vernunft und den Gedanken an die Kürze des Lebens ermuthigt, die kleinen Widerwärtigkeiten des Körpers! Was ist Gefangenschaft, oder Verfolgung, oder Kälte, oder Hunger? Beiläufig, Ihr vergaßt doch nicht die Sandwichs in meine Rocktasche zu stecken?« »Bscht!« flüsterte Ned und eilte unwillkührlich weiter, »ich sehe einen Mann am andern Ende der Straße.« »Laßt uns unsern Schritt beschleunigen,« sagte Tomlinson; und die Beiden eilten dem Fluß zu. »Und jetzt,« fing Ned an, der dachte, er dürfe wohl auch etwas von sich sprechen, denn bisher hatte Augustus, in der Hitze seiner Freundschaft, nur seine Pläne erörtert, »und jetzt, das heißt wenn ich Euch verlasse, will ich mich eiligst unter einem Obdach unterducken, bis der Sturm vorbeigebraust ist. Ich bin kein großer Freund davon in einem Keller zu leben und einen Filzkittel zu tragen – aber diese Verstecke haben doch bei alle dem etwas Interessantes an sich; der sicherste, heimlichste Platz von dem ich weiß, ist das Niederland bei Thames Court; so gedenke ich ein Zimmer unter der Erde dort zu miethen und die Kost aus dem alten Quartier des armen Lovett, dem Krug zu beziehen – die Polizei wird nicht davon träumen, in diesen gemeinen Löchern einen Mann von meinem Ton zu suchen.« »Ihr könnt Euch also nicht von England losreißen?« sagte Tomlinson. »Nein, zum Henker! die Bursche jenseits des Wassers sind so verdammt unmannhaft. Ich hasse ihren Wein und ihr Parläwuh . Auch gibt es keine Kurzweil dort!« Tomlinson, in seinen eignen Gedanken vertieft, machte keine Anmerkungen zu den trefflichen Gründen seines Freundes gegen die Reise und das Paar näherte sich jetzt dem Ufer des Flusses. Ein Boot erwartete den glorreichen Emigranten um ihn an Bord des Schiffes zu bringen, worin er einen Platz bis Calais gemiethet hatte. Aber als Tomlinsons Auge plötzlich auf den derben Matrosen und das kleine Boot fiel, das ihn aus seinem Heimathland wegführen sollte, als er über das blaue Wasser hinsah, das ein heftiger Wind wild aufregte und bedachte, wie viel ungestümer es auf der See seyn werde, wo seine Seele ohne Wechsel auf den schwanken Wellen schmachten sollte, da drang auf ihn eine ganze Fluth tiefer und kummervoller Gefühle ein. Er wandte sich um; der Platz worauf er stand war ein Grundstück, das, wie ein Anschlagebrett verkündigte, zum Bauen vermiethet werden sollte; darunter waren die Stufen, welche ihn zu dem Boot führten; ringsum gewährte der öde, häuserlose Platz in weiter und ferner Ausdehnung den Anblick der Kirchthürme, Giebel und Kamine der großen Stadt, deren Einwohner er nicht mehr ausplündern sollte. Als er so lange hinsah, da traten ihm die Thränen ins Auge und in einer schwärmerischen Aufwallung, welche schlecht zu seinem gemäßigten und filosofischen Wesen stimmte, zog er die rechte Hand aus der Tasche seiner schwarzen Hosen und brach in folgendes Lebewohl an die Hauptstadt seiner Heimathfluren aus: »Lebe wohl, mein geliebtes London, lebe wohl! Wo soll ich wieder eine Stadt finden wie du? Nie bis jetzt fühlte ich, wie unaussprechlich theuer du mir bist. Du bist mir Vater, Mutter, Bruder, Geliebte, Schneider, Schuhmacher, Hutmacher, Koch und Mundschenk gewesen. Du und ich wir haben uns nie mißverstanden. Ich grollte nicht, wenn ich sah, welche schöne Häuser und gute Geldkisten du andern Leuten gabst. Nein! ich freute mich ihres Glücks. Es entzückte mich, einen reichen Mann zu sehen; mein einziger Verdruß war, über einen armen zu stolpern. Meinen Nachbarn gabst du Reichthümer, aber, o großmüthiges London, diese Nachbarn gabst du mir! Prächtige Straßen, alle christlichen Tugenden thronen in Euch. Menschenliebe ist so gemein wie Rauch. Wo, in welchem Theile der bewohnbaren Welt werde ich Wesen finden mit so vielem Ueberfluß begabt? wo werde ich so leicht ihrer gutmüthigen Leichtgläubigkeit diesen Ueberfluß abschmeicheln? Nur Gott weiß, mein theures, theures geliebtes London, was ich an dir verliere! O öffentliche Wohlthätigkeitsanstalten! o öffentliche Einrichtungen! O Banken, welche Axiome der Mathematik zu Schanden und Lotterien aus Nichts machen! O Schausäle, wo man erwartet, daß Franzosen Berlinerblausäure wie Wasser trinken werden! O mitleidige Zuschauer, welche besagte Franzosen bis in die Kohlenkammern verfolgen, wenn sie sich weigern sich zu vergiften! O alte Verfassung, die immer bestritten werden muß! O neue Verbesserungen, welche nie dem Zweck entsprechen! O Spekulationen! O Kompanieen ! O Wuchergesetze, welche gegen Wucherer dadurch schützen, daß sie deren so viele als möglich machen! O Kirchen, in welchen Niemand etwas profitirt, als der Pfarrer und die alten Weiber, welche die Kirchstühle für einen Abend vermiethen! O superbe Theater, zu klein zu einem Park, zu ökonomisch für Häuser, welche Komödie und Belustigung ausschließen und ein Monopol darauf haben, riesenmäßigen Unsinn darzustellen! O Häuser von Gyps, an einem Tag erbaut! O Paläste, vier Fuß hoch, mit einer Kuppel in der Mitte, die unsichtbar seyn soll! Wir dürfen diese Apostrofe für keinen Anachronismus halten. Tomlinson meint natürlich einen Palast aus seiner Zeit. Einen der Läden, welche dem König von dem ökonomischen Volk der Ladenkrämer als Christgeschenk gegeben wurden. Wir vermuthen, er ist längst entweder niedergerissen oder umgeweht, ohne Zweifel ist er jetziger Zeit vergessen, ausgenommen bei dem Antiquitätenliebhaber. Nichts ist so efemer als große Häuser vom Volke gebaut. – Die Könige spielen den Henker mit ihren Spielsachen! O Krämerläden, Tausende werth, und Krämer nicht einen Schilling werth! O Kreditsystem, bei dem Bettler Fürsten, und Fürsten Bettler werden! O Haft wegen Schulden, welche den Gaul stehlen läßt und dann den Zaum einschließt! O Gauner und Gimpel, Senatoren, Schöngeister, Kneipen, Bordelle, Klubs, öffentliche und Privathäuser: O LONDON Mit Einem Worte! empfange mein letztes Lebewohl! Lang mögest du blühen in Frieden und Fülle! mögen deine Schelme schlau und deine Narren reich seyn! Mögest du nur zwei Dinge abstellen: die verdammten Kunststücke des Hängens und Deportirens! Das sind deine einzigen Fehler; wären diese nicht, ich würde dich nie verlassen. – Lebe wohl!« Hiemit kehrte Tomlinson das Angesicht weg, schüttelte mit einem zitternden und warmen Druck dem langen Ned hastig die Hand, eilte die Stufen hinunter und bestieg das Boot. Ned blieb einige Augenblicke bewegungslos stehen und folgte ihm mit den Augen als er sich an das eine Ende des Boots setzte und ein weißes Taschentuch wehen ließ. Endlich entzog ihn eine Reihe von Barken dem Anblick des Nachsehenden und Ned wandte sich langsam weg und murmelte: »Ja ich habe immer gehört, daß Dame Lobkins die sicherste Freistätte für Unglückliche meiner Art war. Ich will mir eine Wohnung ausfindig machen, und morgen will ich mein Frühstück in dem Krug einnehmen.« Sey es dir denn gefällig, lieber Leser, mit uns dem guten Räuber zuvorzukommen und zur Stunde des Sonnenaufgangs am Tage nach Tomlinsons Abreise auf den Schauplatz zurückzukehren, von wo unsre Erzählung ausging. Wir sind jetzt wieder im Hause der Frau Margrete Lobkins. Das Zimmer, das zu so vielen Zwecken diente, war noch dasselbe wie damals, als Paul es zum Tummelplatz seiner muthwilligen Streiche machte. Der Küchentisch mit seinen Gefäßen, halb Steingut, halb Zinn, behauptete noch seinen alten, ehrfurchtgebietenden Stand. Nur das kann angemerkt werden, daß das Zinn viel trüber war als früher, und daß verschiedentliche Risse ihre unregelmäßigen Wanderungen über die gelbe Oberfläche des Steinguts gemacht hatten. Das Auge der Gebieterin hatte von seiner frühern Lebhaftigkeit verloren, und der Eifer der an die Hand gehenden Magd hatte natürlich nachgelassen. Die große Uhr summte noch ihr eintöniges Geprickel; die spanische Wand von Bettdecken, vielleicht von keiner Seifenberührung entweiht, seit wir sie zuletzt beschrieben, mit den vielen Geschichten und Balladen, breitete noch immer ihre weiten Flügel aus, reich an Spuren der zerstörenden Zeit. Der Spieß und die Muskete hingen noch in freundlicher Nachbarschaft an der Wand. Die lange, glatte Bank »mit manchem drauf geprägten heil'gen Text,« gab noch dem müden Wanderer Rast und einen Gegenstand für das stiere Auge der Dame Margrete Lobkins, wenn sie gegenüber davon in ihrem Stuhl nickte und die Welt vergaß. Aber die arme Piggy Lob! mit der war eine Veränderung vorgegangen! die Seele des Weibes war dahin! der Geist war aus dieser menschlichen Flasche verdampft. Sie saß mit offnem Mund und gläsernem Auge in ihrem Stuhl, schwankte herüber und hinüber, mit den leisen mürrischen Tönen des ärgerlichen Alters und körperlicher Beschwerden, und bisweilen verstärkte sich dieß klagende Gewinsel zu einem gellenden aber sinnlosen Gekeife. »Ihr da, Galgenvogel, habt vom Dünnbier genommen und nicht angekreidet; ihr wollt eine arme Widdfrau bedrühgen; aber ich seh's wohl, ja wohl! du Schlumbe du, du gifdige Strunsel, bring den Schnabbs her, siehscht nicht, wie ich leiden muß? Hascht keine Kuddeln im Leid, daß du eine arme krischdliche Krewadur aus Mangel an Hülfe umkommen läscht? das ischt der Brauch bei ihnen, ja das ischt der Brauch! Niemand bekümmert sich mehr um Unsereins – Niemand hat mehr Achdung vor den grauen Haaren des Alders!« Und dann sank die Stimme zu ihrem gewöhnlichen winselnden Gesumme herab. Martha, ein Dragoner von Weibsbild mit rothen Haaren, welche über ihre Schneehügel hinunterwallten, war indeß nicht unachtsam gegen die Bedürfnisse ihrer Gebieterin. »Wer weiß,« sagte sie zu einem Mann, der am Herde saß, Thee aus einer blauen Kanne trank, und sich zu seines Leibes Nahrung und Nothdurft mit großer Sorgfalt zwei oder drei ungeheure runde Brodstücke röstete, »wer weiß, was aus uns selbst werden kann?« und mit diesen Worten setzte sie einen glühenden Becher neben den Ellenbogen ihrer Gebieterin. Aber in dem Verfall ihrer Verstandeskräfte war das alte Weib sogar für diesen Trost unempfänglich, zwar schlürfte und trank sie; aber als ob der Strom die erstarrten Gegenden, durch welche er kam, nicht mehr erwärmte, fuhr sie fort in ihrer kreischenden und jammernden Art zu brummen: »Ischt das eure Dankbarkeid, ihr Schlaugenbruhd! was bringd Ihr nicht den Schnabbs, wie ich's sage? Bin ich in dem Alder Wasser zu drinken wie ein Gaul, du garstiges Mensch! O wenn ich mir das je gedachd hädde, daß ich so werde im Stich gelassen werden!« Ohne auf dieses Schelten zu achten, das sie als ungegründet erkannte, verließ die rumorende Martha jetzt das Zimmer, um ihren Beschäftigungen in der obern Haushaltung nachzugehen. Der Mann am Herd blieb jetzt der einzige Gesellschafter der Wittwe. Mit rohem Mitleid im Auge sah er sie, als sie weinend da saß, einen Augenblick an, kaute gemächlich an seiner Schnitte, die er jetzt mit Butter geröstet, und auf ein Teller von Steingut auf der Kaminecke gelegt hatte und begann folgenden tröstlichen Zuspruch: »Ah, Frau Lobkins, wär' nur der kleine Paul noch bei Euch! wär' doch eine Art Galgentroscht für Euch beim herannahenden End'.« Der Name Paul machte, daß die gute Frau den Kopf gegen den Sprechenden wendete; ein Strahl der Erinnerung zuckte durch ihr verdumpftes Hirn. »Der kleine Paul! He, ihr Herr da? Wo ischt der Paul? Paul, sag' ich mein Bürschchen! Ach und weh! Er ischt fort, läßd seine arme alde Pflegmudder wie eine Katz' im Keller verderben. Oh Dummie! wünschd Euch doch nicht ald zu werden, Mann! Sie lassen uns im Alder eben sitzen und nehmen allen Schnabbs mit fort. Ich hab' keinen Drobfen Droscht mehr in der weiden Weld!« Dummie, der im gegenwärtigen Augenblick seine eigene Gründe hatte, der Frau zu schmeicheln und eifrig strebte eine Unterredung ohne Zeugen, wie die dermalige, auf's beste für seine Zwecke zu benützen, antwortete theilnehmend; und mit einer Schlauheit, welche ihn gar leicht zum Ziele führen konnte, schalt er Paul bitter, daß er die Alte nie von seinem Aufenthaltsort und seinem Schicksal in Kenntniß gesetzt, »aber kommt, Alte,« so schloß er, »ich weiß, daß er über das Alles hinaus ischt, und daß Ihr Euer aldes Hirn nicht anzugreifen braucht, um herauszubringen, wo er liegt oder was er dreibt. Schlag mich dieser und der, Mudder Lob – ich bitt' um Exkuhse, Mrs. Margrete wolld' ich sagen – wenn ich nicht gern fünf goldne Füxe, ja und noch fünf oben drein gäbe, wenn ich wüßde, wo herum der arme Kerl jetzt ischt; ich hab' eine greuliche Affekzion für den lieben Jungen!« »Oh, Oh,« stöhnte das alte Weib, an deren zerrüttetem Sinn die listigen Nachforschungen Dummie's ganz kraftlos scheiterten: »mein armes sündhaftes Geripp! was ischht das für ein Wesen darin!« Mit vieler List erneuerte Dummie Dumwater, noch nicht muthlos, seinen Angriff; aber das Glück begünstigt nicht immer den Klugen und es entstand jetzt dem Dummie aus zwei Gründen; erstens, weil es der Frau unmöglich war, ihn zu verstehen, zweitens, weil, wenn dieß auch der Fall gewesen wäre, sie nichts zu entdecken hatte. Einige von Cliffords Geldgeschenken waren ohne Namensunterschrift, alle ohne Bezeichnung des Aufenthalts und Datum gekommen; und zum größten Theil hatte die kluge Martha, in deren Hand sie zuerst fielen, zu ihren Privatzwecken sie sich zugeeignet. Auch bedurfte die Alte Cliffords Erkenntlichkeit nicht, denn sie war eine Frau, welche in dieser Welt ihr erträgliches Auskommen hatte, in Betracht wie schnell sie schon einer andern zureiste. Länger hätte aber wahrscheinlich Dummie seine unersprießlichen Nachforschungen fortgesetzt, hätte nicht die Thüre der Kneipe in ihren Angeln geknarrt und die trotzige Gestalt eines großen Mannes in einem Filzkittel, aber mit einem auffallend schönen Haarwuchs, die Schwelle verdunkelt. Er beehrte die Dame, welche auf ihn einen Blick ihres glanzlosen Auges fallen ließ, mit einem verdrießlichen, aber höflichen Bückling, holte Flasche geistiges Getränk und einen Becher, zündete ein Licht an, zog eine kleine kölnische Pfeife und eine Tabacksbüchse aus der Tasche, legte diese Kostbarkeiten auf einen kleinen Tisch, schob diesen in eine entlegene Ecke des Zimmers, warf sich in einen Stuhl und seine Beine auf einen andern, und erfreute sich so des Endes seiner Strapazen in einem trüben aber stolzen Stillschweigen. Lang und ernstlich betrachtete der demüthige Dummie das Angesicht des Herrn, der vor ihm saß. Seit einigen Jahren hatte er es nicht mehr gesehen; aber es war Eines, das sich nicht leicht im Gedächtniß verwischte; und obgleich der Inhaber desselben ein Mann war, der sich in der Welt emporgemacht und die Höhe seines Berufs erreicht hatte, (ein Rang, der weit erhaben war über die tägliche Geschäfts-Sfäre Dummie Dummakers) und der anspruchslose Dieb deßwegen sehr stutzte, ihn in diesen niedrigen Regionen zu erblicken, so führte doch Dummie's Erinnerung ihn in Zeiten zurück, wo sie ohne Unterschied der Personen gemeinschaftliche Geschäfte gemacht hatten, und recht artige Gesellen in der Ausübung des edlen Spiels: Lump mein Nachbar! gewesen waren. Während jedoch Dummie Dummaker, von Natur ein wenig scheu und schüchtern, bei sich überlegte, ob es sich schicke, die Ansprüche auf alte Bekanntschaft geltend zu machen, trat ein schmutziger Bube mit einem Gesicht, das Frost verrieth, wie, nach Dummie's eigenem Ausdruck: eine Pflaume, die am Scharlachfieber stirbt, ins Zimmer, mit einer Zeitung in der rechten Pfote. »Große Neuigkeiten, große Neuigkeiten!« schrie der kleine Zottelbär, die kreischenden Originale auf der Straße nachahmend, »Alle von dem berühmten Hauptmann Lovett, so lang wie das Leben!« »Halt's Maul mit deinem Geplärre, du Schreihals! « sagte Dummie verweisend und griff nach der Zeitung. »Mein Herr sagt, er müsse sie wieder haben, um sie nach Clapham zu schicken, und könne sie nicht länger als eine Stunde entbehren!« sagte der Knabe beim Weggehen. »Ich erinnere mich noch des Tags,« sagte Dummie, mit dem Eifer eines Stammgast, »wo der Krug eine Zeidung ganz für sich allein hielt, stadd sie zu endlehnen bei dem Mäkler!« Hier öffnete er mit einem Schneller das Blatt und gab sich der Lektüre hin; aber der große Fremde, mit einem Ruck sich aufrichtend, rief aus: »Habt Ihr nicht so viel Lebensart, einem Andern auch etwas mitzutheilen? Meint Ihr, Niemand bekümmre sich um Hauptmann Lovett, als Ihr?« Auf dieß wandte sich Dummie auf seinem Stuhl um, und mit einem: »Schlag mich dieser und jener, Ihr seyd willkommen, ganz gewiß!« begann er wie folgt: (wir geben den Inhalt nach dem Druck und nicht nach der Vorlesung.) »Das Gericht über den berüchtigten Lovett fängt heute an. Große Anstrengungen sind von Leuten aller Klassen gemacht worden, um sich Sitze im Stadtsaal zu verschaffen, der in einem Grade wird angefüllt werden, wie es in dieser friedlichen Provinz noch nie erlebt ward. Man sagt, nicht weniger als sieben Anklagen erwarten den Gefangnen; man hat festgesetzt, daß der an Lord Mauleverer verübte Raub zuerst vorkommen soll. Der Hauptzeuge für diesen Fall gegen den Gefangenen ist dem Vernehmen nach der Zeuge des Königs, Mac Grawler. Ueber die der Theilnahme an dem Verbrechen Verdächtigen, Augustus Tomlinson und Edward Pepper, hat man nichts Neues in Erfahrung gebracht. Man glaubt, jener habe das Land verlassen, und der letztere verkrieche sich in den dunkeln Zufluchtsstätten des Verbrechens, woran die Hauptstadt so reich ist. Die Berichte reden sehr günstig von der Person und dem Benehmen Lovetts. Er gilt auch für einen Mann von einigem Talent und war früher Mitarbeiter an einer obskuren Zeitschrift, von Mac Grawler herausgegeben, und Altenäum oder Asinäum genannt. Demungeachtet vermuthen wir, daß seine Herkunft ganz niedrig ist und der Art seines Treibens entspricht. Der Gefangene wird hinsichtlich des Richters sehr glücklich seyn. Nie erntete ein Mann in dem hohen Amt wie Sir William Brandon, in so kurzer Zeit so hohes Lob und solchen Ruf. Die Whigs pflegen uns zu verhöhnen, wenn wir auf die Privattugenden unserer Minister ein Gewicht legen. Sie mögen Sir William Brandon ansehen und gestehen, daß die strengste Sittlichkeit mit der gründlichsten Einsicht und dem glänzendsten Geiste gepaart seyn kann. Die Eröffnungsanrede des gelehrten Richters an die Geschwornen zu – –, ist vielleicht das gewaltigste und feierlichste Meisterstück von Beredtsamkeit in der englischen Sprache!« Die Ursache dieser Lobsprüche könnte man vielleicht in einem andern Abschnitt der Zeitung finden, wo es hieß: »In den höhern Cirkeln hat sich, wie wir hören, das Gerücht verbreitet, daß Sir William Brandon zur parlamentarischen Thätigkeit in einer höhern Weise zurückkehren soll. So hoch werden die Talente dieses Mannes von seiner Majestät und den Ministern geachtet, daß diese, wie man erzählt, das Verlangen hegen, sich seinen Beistand im Cabinet zu gewinnen, und natürlich, da sein Stand ihn von den Gemeinen abschließt, im Hause der Lords!« Als Dummie sich auf mühseliger Wanderung durch die erste der obigen Stellen durchbuchstabirt hatte, wandte er sich zu dem großen Fremden, sah ihn mit einer Art von zuwinkender Bedeutsamkeit an und sagte: »So, Mac Grawler petzt, wirft die Harpune nach seinen Gesellen! eh! Nun guhd, ich hab immer diesen Sohn einer Kanone im Verdachd gehabd, er kam manchen lieben Dag in den Krug, unsern kleinen Paul zu unterrichden, und sagd' ich zu Piggy Lob', sagd' ich, schlag mich dieser und jener, wenn das nicht ein Blaustrumpf ischt! und wenn er nicht noch gehenkt wird, sagd' ich, so ischt es nur darum, weil er rostig werden wird, und Einen seiner Spießgesellen an den Galgen liefern! So seht Ihr jetzt, – (hier sah sich Dummie rings um und seine Stimme wurde zu einem leisen Flüstern;) – »so seht Ihr, mein Herr Pepper , ich war da kein Narr!« Der lange Ned ließ die Pfeife sinken und sagte herb und mit argwöhnischem Stirnrunzeln: »Wie! Ihr kennt mich?« »Gewiß und wahrhafdig das duh' ich,« antwortete der kleine Dummie und ging an den Tisch, wo der Räuber saß. »Kennt Ihr mich denn nicht?« Ned betrachtete den Frager mit einem mürrischen Blick, der sich allmälig zur Wiedererkennung aufklärte. »Ah,« sagte er mit dem Anstand eines Brummel, »Herr Bummie, oder Dummie, glaub' ich, he? Hand her! – freut mich, Euch zu sehen – Besinne mich, als ich Euch das letztemal sah, habt Ihr mich eigentlich beleidigt. Denkt nicht mehr daran. Ich glaube gern, es war nicht Eure Absicht.« Ermuthigt durch diesen leutseligen Empfang des Highwayman, aber doch ein wenig in Verlegenheit gesetzt durch Neds Anspielung auf sein früheres Benehmen, welche er gegründet fand, grinste Dummie, rückte einen Stuhl neben Ned, setzte sich und sorgfältig einer unmittelbaren Antwort auf Neds Vorwurf ausweichend, erwiederte er: »Wißd Ihr, Herr Pepper, Ihr habt mich vor Staunen ganz konfus gemacht. Ich konnde mir nicht im Draum einfallen lassen, Ihr würdet Euch heud zu Dag noch herundergeben, in den Krug zu kommen, wo ich Euch nie als früher Einmal gesehen hab. Der Herr schütz' Euch! es heißt, Ihr gehet an alle vornehmen Oerter hin mit Manschedden und ein Baar silbernen Buffern in den Westendaschen! Wenn die Jungen hierherum sagen, Ihr und Herr Tomlinson und der arme Deufel in der Brison seyen die fornehmsten Gennelmen in der Stadt; und o Herr im Himmel! wenn ich Eure Höflichkeit bedenke gegen einem armseligen Lumpenhändler, wie Unsereins!« »Ach,« sagte Ned ernst, »es sind jetzt arge Grundsätze im Schwang. Man will jetzt alle Standesauszeichnungen wegschaffen, einen Herzog für nichts Besseres gelten lassen als seinen Kammerdiener, und einen Gentleman von der Landstraße mit einem Taschenfeger zusammenlociren. Aber Gott straf mich, wenn ich nicht denke, das Unglück macht uns alle ganz gleich; und das Unglück bringt mich hirher, kleiner Dummie.« »Aha, Ihr wollt Euch den Fleischmännern aus dem Wege machen?« »Recht! Seit sie den armen Lovett in den Stock gelegt haben, woran nichts Schuld war, das muß ich sagen, als sein verdammt gentlemanmäßiges Benehmen gegen mich und Augustus, (Ihr habt es von Guz gehört, sagtet Ihr,) scheint unser Bund ganz zersplittert. Die eignen Freunde scheinen aufgelegt, ein falsches Spiel mit Einem zu treiben, und in der That die Polizeispürhunde sind uns so scharf auf den Hacken, daß ich es für das sicherste hielt, für einige Zeit unterzukriechen. So hab' ich denn eine Wohnung in einem Keller gemiethet, und habe im Sinne das nächste Vierteljahr mich von dem Kruge speisen zu lassen. Ich habe gehört, ich könne hier ganz sicher im Versteck liegen. Dummie, Eure Gesundheit! Gebt mir die Kanne!« »Ich sage, Herr Pepper,« versetzte Dummie sich räuspernd, nachdem er der Anforderung entsprochen, »könnt Ihr mir wohl Auskunft geben, ob Ihr auf Euern Wanderungen nicht unserm kleinen Paul begegnet seyd? der arme Junge! Ihr wißt, wie und warum er vom Richter Burnflat in Brison geschickt wurde. Nu, als er herauskam ging er zum Deufel, oder edwas dergleichen, und seither haben wir keine Sylbe von ihm gehört. Ihr erinnert Euch des Burschen – ein ausbändig feiner Gesell, schlank und gerad wie ein Bfeil!« »Nun, Ihr Narr!« sagte Ned, »wißt Ihr nicht,« dann hielt er plötzlich inne, »ach, da fällt mir's ein, der verwetterte Eid! Ich sollt' es nicht sagen; aber jetzt ist's zu spät, ihn noch zu halten fürcht' ich! Es ist nicht der Brauch nach dem Siegel zu sehen, wenn der Brief verbrannt ist.« »Schlag mich!« rief Dummaker mit unverstellter Heftigkeit, »ich seh' Ihr wißt, was aus ihm geworden ischt! Manchen guhden Dienscht will ich Euch wieder duhn, wenn Ihr mir es sagt!« »Warum? Ist Er Euch ein Dutzend Füchse schuldig, oder was sonst Dummie?« sagte Ned. »Er nicht – Er nicht!« rief Dummie. »Was denn, wollt Ihr ihm irgend einen Streich spielen?« »Dem kleinen Paul einen Streich spielen!« schrie Dummie laut auf, »was, ich habe ja den Schelmen gekannt seit er so hoch war! Nein, aber ich möchde ihm gern einen großen Dienscht erweisen, Herr Pepper, und mir selbscht auch mit – und Euch obendrein, Herr Pepper, nach Allem was ich weiß.« »Hm!« sagte Ned, »hm, was wollt Ihr damit sagen? Ich weiß allerdings wo der kleine Paul ist, aber Ihr müßt mir zuerst sagen, warum Ihr es zu erfahren wünscht, sonst mögt Ihr Euren Großvater fragen und nicht mich!« Einen langen, scharfen, bedenklichen Blick warf Dummie Dummaker rings umher, eh er antwortete. Alles schien sicher und geeignet zu vertraulichen Mittheilungen. Die erstorbnen Züge der Frau Lobkins waren in schläfrige Starrheit versunken; sogar die graue Katze im Flur lag in Morfeus Umarmung. Demungeachtet sprach Dummie nur in leise flüsterndem Tone. »Ich darf wohl versichert seyn, Herr Pepper, daß Ihr Euch noch erinnert, wie Harry Cook, der große Highwayman – der arme Kerl! er ischt hingegangen, wohin wir Alle müssen! – Euch, damals einen bloßen Laffen zum erschdenmal in das kleine hindere Unterhaldungszimmer im Hahn und Henne in Devereux-Court brachte?« Ned nickte zustimmend. »Und erinnert Euch auch, wie ich Euch und Harry dort draf und wegen Euch ganz in Sorgen war – Ursach warum? Ich hatt' Euch zuvor nie gesehen und wir wollden eben einem Herrn einen Besuch durch eine neue Dühre machen. Und Harry sprach guhd für Euch und sagde, daß Ihr, obgleich erscht in die Stadt gekommen, doch schon ein durchdriebener Vogel wäret – Ihr erinnert Euch noch? he?« »Ja, ich erinnere mich an Alles,« sagte Ned, »es war das erste und einzige Haus, wo ich beim Einbrechen Hand anlegte. Harry war ein Bursche von gemeiner Lebensweise, so gab ich seine Bekanntschaft auf und hielt mich allein an die Landstraße, oder machte dann und wann einen Geniestreich. Ich habe keinen Begriff von einem Gentleman der ein Nachtdieb wird.« »Nun, Ihr gienget mit uns und wir schoben Euch durch ein Loch im Küchenfenster. Ihr waret der schmalste von uns, so dick Ihr jetzt seyd, und Ihr drücktet Euch durch und öffnetet uns die Dühre und als Ihr die Dühre aufgemacht haddet, da habt Ihr gesehen, daß ein Weib zu uns gestoßen war; und da kam Euch die Schwerenoth an und Ihr bliebt draussen vor dem Haus, und hieltet Wache mittlerweile wir hineingingen.« »Gut, gut!« rief Ned, »was Teufels hat all dieß heillose Gewäsche mit Paul zu schaffen?« »Werdet nicht falsch, sondern laßt mich nach meinem Geschmack die Sache vordragen. Wie wir hinausgekommen sind, merkdet Ihr, daß das Weib ein Bündel in den Armen drug und ihr habt sie deswegen angeredet, aber sie hat Euch barsch geandwordet und uns verlassen und ist geradenwegs nach Haus gegangen; wir aber gingen her, vermauschelden noch in der Nacht den Plunder, und deilden dann die Pflichtdeihle aus. Und Ihr habt uns dazumalen auch herzlich lachen machen, Herr Pepper, wie Ihr gesagt habt: »das Weib da,« habt Ihr gesagt, »ist ein verweddert hübscher Besen!« das war sie auch, Herr Pepper!« »Oh, verschont mich,« sagte Ned dringend, »und macht schnell; Ihr laßt mich so lang ganz im Dunkeln. Beiläufig ich erinnere mich, daß Ihr mich wegen des Bündels aufzogt; und als ich fragte was das Weib darin eingewickelt gehabt habe, schworet ihr: ein Kind. Wahrscheinlicher wahrhaftig, daß die Jungfer, oder was sie war, ein Kind zurückgelassen als eins mitfortgenommen hätte.« Dummie's Angesicht erweiterte sich in sich fühlender Wichtigthuerei. »Nun guhd, Ihr habt uns dazumalen nicht glauben wollen; aber es ischt ganz wahr gewesen, in dem Bündel war des Weibs Kind, ich bilde mir ein, ein unehliches von dem Herrn; sie hat uns in das Haus geführt under der Bedingung, ihr zum Raub des Kinds behülflich zu seyn. Und schlag mich dieser und jener, wir haben uns für unsre Mühe recht ordentlich bezahlt gemacht. Das Weib war ein curioses Geschöpf; es hieß sie sey eines Lords seine Mädreß gewesen; aber wie das seyn mag, sie war ein so heißgrädiges und seldsames Ding als wäre sie's wirklich gewesen. Es ischt aber eine Teufelshatz über der Sache losgegangen, und der Preis der auf unsre Entdeckung gesetzt wurde, ischt so groß gewesen, daß Harry, weil Ihr noch nicht so recht erbrobt waret, es für das Beschde hielt, Euch mit auf's Land zu nehmen und zu sagen: es sey mit dem Kind in dem Bündel lauter Jux gewesen.« »Wahrhaftig,« sagte Ned, »ich glaubte ihm recht gerne; und der arme Harry ward bald nachher herumgezwirbelt, und ich ging der Sicherheit wegen nach Irland, wo ich zwei Jahre blieb und verteufelt guten Claret bekam.« »So, während Ihr dort gewesen seyd,« fuhr Dummie fort, »ischt die arme Judy, das Weib, geschdorben – sie ischt in diesem Haus geschdorben und ließ ihr Waisel der Zärdlichkeit der Piggy Lob, die wahrhaftig ganz närrisch verliebt darein gewesen ischt. Oh! ich erinnre mich's noch wohl, was das für eine Nacht gewesen ischt, wo die arme Judy geschdorben ischt; der Wind blies wie besessen, und der Regen strollte herum, wie wenn er einen Feierdag gehabt hädde; und da ischt die arme Krewadur im Rasen da gelegen, grad über unserm Kopf, wo wir jetzt sitzen. Behüt mich der Herr! was ischt das für ein Anblick gewesen!« Hier hielt Dummie inne und schien sich die Scene, wovon er Augenzeuge gewesen, wieder in's Gedächtniß zu rufen; aber in der Seele des langen Ned ging allmählig ein Licht auf. »Ha so!!« sagte er, den Zeigefinger erhebend, »ha so! ich rieche den Braten; dieß gestohlene Kind, also, war kein anderes als Paul, aber bitte, wem gehörte jenes Haus? dieß hat mir Harry nie mitgetheilt. Ich hörte nur der Eigenthümer sey ein Rechtsgelehrter oder Geistlicher, oder sonst so was!« »Je nun, ich will es Euch erzählen, aber werdet nicht falsch. So, seht Ihr, wie die Judy geschdorben ischt und der Harry gehenkt worden, da bin ich das einzige lebendige Geschöpf gewesen das um das Geheimniß gewußt hat; und wie die Mudder Lobkins einen Tropfen Herzstärkung genommen hat, nach dem Abscheiden der Judy, da mach' ich eine große Kischde auf, wo die arme Judy ihren Geschmuck und Siebensachen gehabt hadde, und wahrhafdig da find' ich auf dem Boden der Kischde gar viele Briefschafden und derlei Zeug; denn ich wußde, daß sie da wären; ich raffe sie zusammen und nehme sie mit nach Haus, und bald darauf verkauft mir Mudder Lob die Kischde mit den Siebensachen um zwei Goldsvögel – Ursach warum? Ich war ein Lumpenhändler. So nun hab' ich bei mir beschlossen, weil das Geheimniß ganz nur bei mir stand, es so guhd zu verwahren wie den Hahnen am Weinfaß! erschdlich, seht Ihr, fürchdede ich mir, ich würde an den Galgen kommen, wenn ich es sagen würde – Ursach warum? Ich hab' eine Uhr und sonschdige Sachen geschdohlen ausser dem Wechselbalg, und zudem fürchdede ich mir auch, die Mudder möchde wieder kommen, und mich heimsuchen, wie Sall den Billy heimsuchde, denn es war eine grausenhafde Nacht, wo ihre Seele Flügel bekommen hat. Und über und zu dem Allem, Herr Pepper, dachd' ich, es könnde doch edwa einmal die Sache so wenden, daß es für mich am Beschden wäre, mein Geheimniß für mich zu behalden und die Belohnung wegzuschnabben, wenn ich einmal frei geschdehen durfte.« Hier erzählte nun Dummie weiter, in welcher Besorgniß er gewesen, Ned möchte Alles entdecken, wenn er (man wird sich aus dem Anfang dieser Geschichte erinnern, wie Pepper den Paul in die Schule nahm,) im Hause der Frau Lobkins mit dem Ehrenmann zusammenträfe; wie diese Besorgniß ihn veranlaßt, gegen Pepper die Kälte und Grobheit anzunehmen, wodurch der stolze Highwayman so erbittert geworden war, und welchen Trost und welche Freude ihm die Entdeckung gemacht habe, daß Ned nicht mehr den Krug besuchte. Dann unterrichtete er weiter seinen neuen Vertrauten von seinem Zusammentreffen mit dem Vater, der scharfsinnige Leser weiß schon, wo und wann,) und was auf diesen Vorfall hin statt fand. Er erzählte, wie er bei seiner ersten Verhandlung mit dem Vater, weislich beschließend, die Aufschlüsse in deren Besitz er war, nur tropfenweise ihm mitzutheilen, ohne seinen Antheil an der Räuberei einzugestehen, nur erklärt habe: er glaube das Haus zu kennen, in welchem das Kind niedergelegt worden, und wenn es sich so verhalte, daß es auch noch lebe – aber darüber wolle er Nachforschungen anstellen. Dann berichtete er, wie der hoffnungsreiche Vater, welcher einsah, daß den Dummie wegen des Diebstahls an seinem Hause zu hängen, ein nicht halb so sichres Mittel seyn würde, seinen Sohn wieder zu bekommen, als Bestechung und Verzeihung, ihm nicht allein sein früheres Verbrechen vergeben, sondern auch seinen Eifer in der Nachforschung durch Belohnung seiner Eröffnungen geschärft habe. Dann setzte er weiter auseinander, wie er außer Stand, Paul oder eine Spur von ihm aufzufinden, den Vater von Zeit zu Zeit mit ersonnenen Entschuldigungen beruhigt; wie ihm Anfangs die erhaltenen Summen keine Lust gemacht, eine Entdeckung zu beschleunigen, welche so angenehme Zuflüsse würde abgeschnitten haben; wie zuletzt die Größe der versprochnen Belohnung, verbunden mit den Drohungen des Vaters ihm ein ernstliches Verlangen eingeflößt, das wirkliche Schicksal und den dermaligen Aufenthaltsort Pauls zu erfahren; wie er das letztemal als er den Vater gesprochen, ihm zur Begütigung und als erste Ausbeute seiner Forschungen, alle von der unglücklichen Mutter hinterlassenen Papiere, welche er aufbewahrt, eingehändigt habe, und wie er jetzt hocherfreut sey zu erfahren, daß Ned Pauls Aufenthaltsort kenne. Seit er verzweifelte, durch eigne Bemühungen allein Paul aufzufinden, hielt er sein Geheimniß weniger zäh fest, und bot jetzt Ned für Aufschlüsse über Paul ein Drittheil der Belohnung an, welche er bisher sich allein zuzueignen gehofft hatte. Ned sperrte Mund und Augen bei diesem Vorschlag auf. »Aber den Namen – den Namen des Vaters – den habt Ihr mir ja noch nicht gesagt!« rief er ungeduldig. »Nein, nein!« sagte Dummie schlau, »ich sag' Euch nicht Alles, eh' Ihr mir auch was gesagt habt. Wo ischt der kleine Paul, sag' ich; und wie kommen wir ihm bei?« Ned seufzte tief auf. »Was den Eid betrifft,« sagte er nachdenklich, »so wäre es eine Sünde ihn zu halten, da ihn zu brechen ihm keinen Schaden bringen, wohl aber nützlich werden kann! besonders da im Fall der Einsperrung oder des Todes der Eid als nicht mehr verbindend gilt; aber ich fürchte, für die Belohnung ist es zu spät. Der Vater wird euch kaum Dank wissen, wenn ihr ihm seinen Sohn auffindet! Wißt Dummie – Paul ist im – – Kerker! er ist Eine und dieselbe Person mit dem Hauptmann Lovett!« Nie prägte sich das Erstaunen in leserlicheren Zügen aus, als es sich jetzt auf dem rohen Gesicht Dummie Dummaker's kund gab. So gewaltig aber sind die auf den Beruf sich beziehenden Empfindungen, verglichen mit allen andern, daß Dummie's erstes verworrenes Gefühl das des Stolzes war. »Der große Hauptmann Lovett!« stammelte er. »Der kleine Paul auf dem höchsten Gipfel des Handwerks! Herr! Herr im Himmel! Hab' ja immer gesagt, er hab' Ehr' im Leib, um hoch zu steigen!« »Gut, gut, aber der Name des Vaters?« Bei dieser Frage sank der Ausdruck in Dummie's Angesicht; ein plötzlicher Schauder umnebelte ihm die Augen –.