Joachim Wilhelm von Brawe Der Freigeist Ein Trauerspiel in fünf Aufzügen. Für das Projekt Gutenberg herausgegeben von Frank Fischer und Jörg Riemer. Personen des Trauerspiels: Clerdon . Granville . Miß Amalia Granville . Henley . Truworth , Clerdons Diener . Widston , Henleys Diener . Ein Bedienter . Hier spannt, o Sterbliche, der Seele Sehnen an, Wo Wissen ewig nützt, und Irren schaden kann. Haller. Erster Aufzug. Erster Auftritt. Henley und Widston. Henley . Welch ein unvermuteter Zufall! – Was habe ich erblickt! – Meine Anschläge – meine Rache – alles ist hin! ich Unglückseliger! – (Indem er sich umsieht.) Du folgst mir? Widston . Ja, mein Herr, Ihre heftige Bestürzung beunruhigt mich zu sehr. Werden Sie mir vergeben, wenn ich nach der Ursache dieser jählingen Veränderung mich erkundige? Henley . Kanntest du den Fremden, der eben itzt so schnell bei uns vorbeiging? Widston . Eine dunkle Erinnerung, daß ich ihn irgendeinmal gesehn – Henley . Du betrogst dich nicht, es war Granville, mit dem ich in London durch den Clerdon in eine kurze Bekanntschaft geriet. Widston . Und seine Gegenwart kann in Ihnen so heftige Bewegungen erregen? Henley . Sie ist für mich der widrigste Zufall, mit dem ein feindselig Geschick mich nur strafen konnte. Meine Rache, eine Rache, nach der meine ganze Seele lechzet, steht in Gefahr, hintergangen zu werden. Du kennst mich, Widston, du mußt also die Qual kennen, die itzt mein Herz zerfoltert – Jedoch alle meine Worte werden dir unauflösliche Rätsel scheinen; ich sehe es, deine neubegierigen Augen fragen mich bereits um ein Geheimnis, das du verdientest, eher erfahren zu haben. Entschuldige mich. Du bist meines Vertrauens würdig. Die letztere Probe, die du mir davon gegeben, redet zu stark für dich. Ich gestehe es, vor dieser stand ich noch an, so sehr ich dich auch geprüft hatte, dir dies Geheimnis anzuvertrauen. Itzt soll sich dir mein ganzes Herz aufschließen. – Du kennst die Verhältnisse, in denen ich mit dem Clerdon stehe. Unsre beiden Häuser sind stets teils durch die Bande der Verwandtschaft, teils durch die Nachbarschaft ihrer Güter und andre Umstände verknüpft gewesen, und eben diese genauen Verbindungen haben unaufhörlich eine geheime Eifersucht unter ihnen genähret. Ich ward mit dem Clerdon bei meiner Rückkehr von Reisen, wie du weißt, bekannt. Sein schimmernder Charakter zog jedermanns Aufmerksamkeit auf sich. Der Christ, der rechtschaffne Mann, wie alle von ihm rühmten – du wirst bald sehen, daß ich dies zur Verherrlichung meines Triumphs wiederhole –, vereinigte sich in ihm mit den vorzüglichsten Gaben des Geistes. Überall verdunkelte er alle seine Freunde, man vergaß ihrer oder kannte sie nur unter dem Charakter seiner Freunde. Meine Eifersucht ward aufgebracht. Sie verdoppelte sich, da er bei verschiedenen Gelegenheiten, als wir uns um einerlei Bedienungen bewarben, Hoffnungen erhielt, die man mir versagte. Überall mußten wir Nebenbuhler sein, und überall siegte er. Ich ward sein unversöhnlichster Feind. Du weißt selbst, wie oft ich gegen dich meinen Zorn und Verdruß über dies widrige Geschick aushauchte. Endlich verwickelte uns ebendasselbe in einen Kampf, der den Überwundnen ebenso schamrot machen als mit Wut entflammen mußte. Wir strebten beide nach der Gunst der Schwester des Granville, einer Schönheit, die damals aller Wünsche reizte. Sie besitzt nicht gemeine Vorzüge – doch verabscheuet sei das Lob, das ich ihr gebe, ihr, die ich itzt tödlich hasse! Ich will mich nicht länger bei den Tagen meines Schimpfes verweilen. Sie verwarf mich – das letztere Geschäfte, das dir mein ganzes Vertrauen erworben, zwang dich damals, dich von mir zu entfernen. – Sie zog mir den Clerdon vor und versprach ihm ihre Hand. Widston . Clerdon ist Ihr Nebenbuhler und, noch mehr, ein begünstigter? und Clerdon lebt noch? Henley . Du erstaunst? Kenne meinen ganzen Charakter. So eine gemeine und geringe Rache als der Tod war meiner unwürdig. Ich hätte den Clerdon durchbohrt, ein Augenblick wäre seine Strafe gewesen. Nein, eine empfindlichere, eine langwierigere Strafe, eine Strafe, die mir selbst, da ich sie ausdachte, einen Schauer einjagte, soll meine Schmach ahnden. Ebendiese glänzenden Vorzüge, diese so gerühmten Tugenden, durch die er mir überlegen ward, beschloß ich, ihm zu rauben; aus dieser erhabenen Sphäre ihn herabzustoßen, ihn zum Lasterhaften, zum Frevler, ja womöglich zum Ungeheuer zu erniedrigen, ihn mit ebensoviel Schande zu überhäufen, als ihn zuvor Ehre krönte, und endlich, wenn ich ihn zu den schwärzesten Verbrechen hingerissen, ihn noch vielleicht jenseits des Grabes – o wie schwellt mein Herz der stolze Gedank' auf – beseufzen zu lassen, daß er mich jemals beleidigte; dies war mein großer Entwurf. Widston . Und Sie konnten hoffen – Henley . Ich rief die Verstellung zu Hülfe; ich überkleidete den Todfeind mit dem einnehmenden Schein eines Bewunderers und Freundes. Ich stellte mich, als hätte ich die vorige Leidenschaft der Freundschaft aufgeopfert, und es gelang mir. Mein erster Versuch war, seine Liebe zur Religion zu bekämpfen, eher durfte ich's nicht wagen, ihn mit dem Laster bekannt zu machen. Ich verstrickte ihn in unendliche Zerstreuungen. Ich verführete ihn zu kleinen Vergehungen, die ihn beunruhigten und bald in ihm einen heimlichen Widerwillen gegen die Religion, die ihn deswegen bestrafte, pflanzten. Ich hatte gewonnen, ich bestritt ihn mit einem Heere von Zweifeln. Ich empörte seinen Ehrgeiz. Mit dem Pöbel einerlei zu denken, stellte ich ihm als schimpflich vor. Er ward ein Freigeist. In diesem Augenblicke war meine Rache gesichert. Umsonst führte er in seinen Gedanken das hinfällige Gebäude der Religion eines rechtschaffenen Mannes auf. Ich lobte diesen Vorsatz. Doch bald riß ich ihn von Verbrechen zu Verbrechen hin. Seine stärkste Rüstung schützte ihn nicht mehr. Er ergab sich den zügellosesten Verschwendungen. Stürzten ihn seine Laster in den Abgrund eines fürchterlichen Mangels, so bewog ich ihn, sich durch neue daraus zu retten. Er erpreßte auf die grausamste Weise von seinem Vater die ansehnlichsten Summen; dieser opferte alles für einen Sohn auf, der bisher seine ganze Freude gewesen war. Dieser gutwillige Greis litt bald die Strafe, die Clerdons Ausschweifungen verdienten; er versank in die schmählichste Dürftigkeit. Ich wußte ihn mit seinem besten Freunde, dem Granville, und – dies war mein vorzüglichster Triumph – mit seiner Geliebten zu entzweien. Itzt entwich die Scham, die ihn noch bisher zurückgehalten hatte; itzt fing er an, sich öffentlich wider die Religion aufzulehnen, die er schon lange heimlich gehaßt hatte. Seine Schulden nötigten ihn endlich, London zu verlassen, mit dem letzten Raube seines unglücklichen Vaters beladen. Er kam mit mir in diesen nordlichen Teil Englands, wo er unbekannt – doch was sehe ich? Du entfärbst dich? Du zitterst, deine Blicke verraten Abscheu und Entsetzen – Feiger! Wie sehr hab' ich mich betrogen: Gewöhnt an das, was der Pöbel Frevel nennt, bebst du für diesen? – Treibe deine Beleidigung nicht weiter; deine mir erwiesnen Dienste verteidigen dich noch – Hüte dich, die Zaghaftigkeit bis zur Verräterei zu treiben, sonst lerne für dein Leben zittern. Widston . Sie könnten glauben – Henley . Verlaß mich, es nähert sich jemand, sobald ich allein bin, eile wieder zu mir. Zweiter Auftritt. Henley, Clerdon. Clerdon (unruhig) . Ich muß zu Ihnen, liebster Freund, meine Zuflucht nehmen – eine tötende Unruhe jagt mich überall herum – meine ganze Seele ist Aufruhr – Henley . Ich erstaune, Clerdon, welche eine plötzliche Ursache – Clerdon . Nicht plötzliche, Henley. Schon seit einiger Zeit haben die oft erwachenden – wie soll ich sie nennen – Vorurteile der Kindheit – ja, diese mögen es zu meiner Beruhigung sein – mein Innres in eine qualvolle Zerrüttung gesetzt; schon lange hat das Andenken meines unglücklichen Vaters alle Ruhe aus meiner Seele verwiesen. Henley . Ich weiß es, ich kenne die unmännliche Schwermut, die Sie manchmal befällt, und ich erröte Ihrentwegen darüber. Aber ein so wildes Entsetzen, eine so außerordentliche Bangigkeit nahm ich nie an Ihnen wahr. Clerdon . Nein, ich darf Ihnen die Ursache nicht eröffnen. Sie würden meiner spotten. Henley . Ich Ihrer spotten! Beleidigende Vermutung! Nein, Clerdon, ich bin weder ein Unmensch noch ein verächtlicher Leichtsinniger. Eins von beiden muß der sein, der über einen Freund in der Betrübnis spotten kann. Ich würde fürchten müssen, daß Ihre Freundschaft gegen mich zu ermatten anfinge, wenn Sie länger anstünden, mir Ihre Bekümmernisse mitzuteilen. Clerdon . Was werden Sie sagen, wenn ich Ihnen gestehe, daß ich unmännlich, klein genug bin, mich durch die nächtliche Geburt einer beunruhigten Einbildung so aufbringen zu lassen? Henley . Wie? Ist's möglich – Clerdon . Ja, meine Schande ist Ihnen nunmehr bekannt; o könnte ich sie vor mir selbst verbergen! Haben Sie Mitleiden mit meiner Schwachheit – Doch lassen Sie mir Gerechtigkeit widerfahren; nicht das fürchterliche Schicksal, das mir verkündigt zu werden scheint, schrecket mich: Diese Drohungen, die eiteln Geschöpfe eines aufgebrachten Blutes, war ich nie zu achten gewohnt; nur das Andenken meines Vaters, das so stark in mir rege gemacht worden, quälet mich – Mir kam es vor, als sähe ich ihn diese Nacht, und wie? – peinigende Vorstellung! – sterbend zu meinen Füßen liegen. Schon hatte eine tödliche Blässe sich über sein ehrwürdiges Gesicht gezogen. Seine Augen, die in Tränen schwammen, richteten sich flehend nach mir empor. Kein Unwille flammte in ihnen; sie kündigten nur den gütigen, den versöhnten Vater an. Er breitete seine zitternden Hände gegen mich aus und bat mich mit gebrochner und sterbender, doch, Henley, mit so rührender Stimme, daß mein Innerstes sie hörte, mich einem fürchterlichen Abgrunde nicht zu nähern, zu welchem nicht fern von uns ein lockendes Ungeheuer – das Schrecken hat gemacht, daß ich seine Gestalt vergessen – mich hinrief. Er fiel endlich tot zu meinen Füßen nieder. Ganz außer mir, ward ich von Empfindungen, die allen Ausdruck übersteigen, durchstürmt. Henley . Vielleicht haben die beständigen zaghaften Vorstellungen – Clerdon . Hören Sie den Erfolg. Mich dünkte, die schmeichelnde Stimme des Ungeheuers besänftigte nach und nach diese brausenden Bewegungen. Ja, bewundern Sie, Freund, die Gewalt derselben; sie zwang mich, die Ermahnungen meines Vaters zu vergessen und mich dem Abgrunde zu nähern. Doch in dem Augenblicke schien eine glänzende Wolke eine prächtige Gestalt aus ihrem Schoße herabzulassen, in der ich die Züge des Granville – der sonst mein Freund war – zu erkennen glaubte, nur daß sie mit etwas Feierlichen und Erhabnen vermischt waren, das über die Menschheit, selbst in ihrer größten Würde, ist. Ein majestätischer Schimmer durchfloß den ganzen Raum um ihn her. Mit freundlicher Hand wollte er mich von dem gefährlichen Orte hinwegwenden; verächtlich stieß ich sie zurück, und in diesem Augenblicke kam es mir vor, als wenn das Ungeheuer meinen Freund vor meinen Augen tötete. Wütend stürzte ich mich auf dasselbe los, ihn zu rächen, als plötzlich – wie flieht meine Seele vor der schrecklichen Erinnerung zurück – der ganze Himmel sich über uns öffnete und Feuer und Ungewitter ward. Ein stürmender Donner schleuderte mich und den Vorwurf meiner Rache in den gräßlichen Abgrund hinab, und ich erwachte. Henley . Allzu schwacher Freund, dies kann Sie ängstigen? Clerdon . Ich gestehe es, ich schäme mich vor mir selbst; und was mir Erstaunen erweckt, so scheint seit einiger Zeit meine Natur ganz ausgeartet zu sein und eine gewisse unwiderstehbare Schwermut ihr Gift durch meine Seele ergossen zu haben. Überall öffnen sich mir dunkle melancholische Aussichten; überall bin ich, wie mich dünkt, von Gefahren belagert. Henley . Dies macht, weil Sie sich noch nicht ganz von dem Joche der alten Vorurteile entfesselt, noch nicht weit genug über den Pöbel hinweggeschwungen haben und immer schüchtern zurücksehn. Clerdon . Sollte denn aber dieser innre Zwang, dieses unüberwindliche Gefühl, dieses Schwert, das – ich will aufrichtig reden – meine Brust oft mitten unter den Spöttereien durchbohrte, mit denen ich die Religion angriff, sollte dies alles nur Gewohnheit, nur Vorurteil sein? Henley . Nicht anders, Gewohnheit, Vorurteil, Milzbeschwerung, wie Sie es nennen wollen. Wie sind Sie doch heute so überaus kleinmütig! Ein Traum – denken Sie mir nicht mehr daran, es schmerzt mich zu sehr, Sie so erniedrigt zu sehn. Clerdon (nach einigem Nachsinnen) . Unglücklicher, liebreicher Vater, wie grausam habe ich dir begegnet! Henley . Hören Sie auf, Sie werden immer schwermütiger. – Doch eben itzt finde ich ein bequemes Mittel darwider. Die blühenden Gänge des Gartens dieses Hauses scheinen Sie zu rufen. Dieser entzückende Morgen hat alle ihre Schönheiten erhöht. Versuchen Sie es; vielleicht verwehen frischere Lüfte die Nebel Ihres Gemütes. Sie müßten sehr fühllos sein, wenn bei dem Anblicke jener lachenden Aussichten keine sanfte Wollust sich Ihrer bemeistern sollte. Ich würde Sie begleiten, wenn nicht einige Geschäfte mich zurückhielten. (Clerdon geht ab.) Dritter Auftritt. Henley und hernach Widston. Henley . Wie kleinmütig wird er! Ich muß meine Vorsicht verdoppeln, daß mein Sieg mir nicht aus den Händen schlüpft. (Widston tritt auf.) Danke es deinen mir geleisteten Diensten, daß ich deine vorige Weichherzigkeit vergessen kann; allein mache dich meines Vertrauens nicht unwürdig. Widston . Dies Verbrechen ist mir unmöglich. Henley . Vernimm nunmehr, was mich vorhin so bestürzt gemacht hat – Sobald Clerdon hier angelangt war, bewog ich ihn, sich allen möglichen Lustbarkeiten zu überlassen. Doch alle diese Zerstreuungen haben nicht hindern können, daß ich nicht oft die Spuren einer tiefen Schwermut an ihm bemerkt hätte. Kurz, Clerdon büßet bereits für seine Verbrechen. Wie angenehm würde seine Marter meinem Hasse sein, wenn sie mir nicht wegen seiner künftigen Veränderung Furcht erweckte. Jedoch sein Ehrgeiz, den ich zu rechter Zeit rege zu machen weiß, die Zerstreuungen, in denen er durch mich beständig herumirrt, und der Charakter eines Freigeists, den er öffentlich angenommen hat, werden ihm schon den Weg zur Besserung verschließen. Noch ein oder zwei Verbrechen mehr, so artet seine Schwermut in Verzweiflung aus, so wird er vollkommen unglücklich und ich glücklich und gerächt. – Doch ich zittre, wenn ich bedenke, was für eine furchtbare Hindernis meiner Absichten ich heute erblickt habe. Granvillen – einst seinen besten Freund –, nun wird deine Verwunderung über meine Bestürzung aufhören. Dieser kömmt gewiß, ihn zu retten. Was meine Furcht vergrößert, ist, daß, wie man mir gemeldet, seine Schwester ihn begleitet, beide diese Nacht hier angekommen und den untern Teil dieses Hauses bezogen haben. – Welcher Unglückselige muß ihm unsern Aufenthalt verraten haben? Widston . Weiß Clerdon schon – Henley . Er weiß noch nichts. Indessen muß er es bald erfahren. Und meine Rache – doch was fürchte ich? Diese soll mir dennoch nicht fehlschlagen. Clerdon triumphiere noch nicht, Himmel und Erden sollen ihn dafür nicht schützen können. Eher will ich seinen Freund, seine Geliebte – Umsonst sind sie zu seiner Rettung gekommen, sie mögen für sich selbst zittern – meine Rache soll sie gemeinschaftlich ergreifen; ihr gemeinschaftliches Verderben soll meinen Triumph erhöhen – ja, Widston, ich werde ein Mittel finden, sie alle dreie, eines durch das andre aufzuopfern. Widston . Wird nicht Ihre Liebe zum mindsten Miß Granville ausnehmen? Henley . Was Liebe? wer mich beleidigt, und wäre er die Vollkommenheit selbst, und hätte ich ihm mein Leben zu danken, ich könnte ihn nicht lieben. Wünschte ich ja noch, sie zu besitzen, so wäre es, um ihr Henker zu sein und sie unaussprechlich elend machen zu können. Doch ein leichtrer Weg bietet sich mir darzu an. Clerdon liebt sie noch. Clerdon ist höchst eifersüchtig. Ehrgeiz und Eifersucht, beide tyrannisieren über sein Herz in gleich heftigem Grade. Beide sollen sein Verderben und die Diener meines Hasses sein – Nun kennst du den ganzen Plan meiner Rache. Sage, ist er nicht meiner würdig? Gemeine Geister sind zufrieden, wenn sie ihren Gegnern nur ihre jetzigen Tage vergiften. So enge Grenzen sind für mich nicht gemacht. Ich will meinen Beleidiger, wo es möglich ist, noch bis über die Pforten des Grabes verfolgen und mich an der stolzen Vorstellung ergötzen, ihm selbst jenes Glück vernichtet zu haben, das sonst über alle sterbliche Gewalt erhaben ist. Widston . Sie setzen mich in Verwunderung. Wie? Gedanken von jener Zukunft können Sie beschäftigen, ohne diesen Anschlag in Ihnen zu ersticken? Henley . Wundre dich darüber nicht; rede ich gleich die Sprache des Freigeists, so fällt es mir doch schwer, so zu denken – wie sehr wünschte ich das Gegenteil! – Vielleicht würde ich selbst ein eifriger Verehrer der Religion sein, besäße ich nicht das, was große Geister Ehre, der gemeine Haufe Rachgier nennt. Die Religion verbeut es, ich kann sie nicht lieben. Diese Leidenschaft ist mir so teuer geworden, hat sich meine ganze Seele so unterwürfig gemacht, daß ich eines Feindes Verderben selbst mit meinem eignen erkaufen wollte. Und bin ich nicht durch Jugend und Gesundheit gesichert? Das Alter wird vielleicht dies gewaltige Feuer in mir bändigen, und wenn meine Feinde schon lange eine Beute des Verderbens geworden sind, werde ich noch Zeit haben – doch hinweg mit dergleichen Gedanken! itzt entferne ich mich, auf Mittel zu denken, Granvillens Gegenwart fruchtlos und vielleicht beiden verderblich zu machen – Folge mir bald nach, vielleicht möchte ich deiner dabei bedürftig sein – nur erinnere dich, daß, wem solche Geheimnisse anvertrauet sind, der muß zu schweigen oder zu sterben wissen. Vierter Auftritt. Widston. Widston . Welch entsetzliches Vorhaben! – welch ein Gemisch von Frevel, von Unmenschlichkeit, von widernatürlichen – wie soll ich es nennen? Kein Wort vermag die Abscheulichkeiten dieses Anschlags auszudrücken – ich zittre – wie schrecklich, wie ungeheuer muß er sein! Mir erweckt er Grausen – mir, der ich ein so gefälliger Diener der Bosheit meines Herrn bin, mir, der ich Verbrechen genug verübt, selbst dieses Unmenschen Vertrauen zu gewinnen; – mich lehrt er das entwohnte Mitleiden, die vergeßne Menschlichkeit wieder – ja, ich folge ihrem Rufe, ich folge dem deinigen, o Himmel! Vielleicht öffnest du mir hier einen Weg, alle meine Verbrechen zu vergüten; ich entdecke es dem Clerdon – doch die wütende Rache meines Herrn, wenn er es erführe – ein entsetzlicher Tod – und schreckte er dich, Elender, wenn du zum Frevel eiltest? Nur dann, wenn Tugend ihn auffordert, versagt sich dein Mut ihr – und dennoch könnte man vielleicht – Clerdon kömmt, ich muß ihn vermeiden. In dieser Ungewißheit und Zerrüttung kann ich ihn ohnmöglich sprechen. Ich gehe, ein Mittel zu erfinden, ihn und mich zugleich zu retten. Fünfter Auftritt. Clerdon, Truworth. Clerdon . Umsonst, Truworth, nichts kann meine Unruhe verdrängen – (Da er den Widston erblickt, der sich entfernt.) War das nicht Widston, der jetzt so eilig hinwegging? Wo muß sein Herr sein, ich glaubte ihn hier zu finden. Sein Umgang ist vielleicht das einzige, was meine Schwermut aufheitern kann. Vergebens sind alle Versuche, mich zu zerstreuen; gleich unversöhnlichen Feinden dringen mir quälende Vorstellungen überall nach und verkleiden auch die freudigsten Aussichten um mich her in eine finstre Gestalt. Truworth . Und Sie haben mir bis itzt die außerordentliche Ursache dieser Betrübnis verhehlt? Clerdon . Du weißt, daß ich einen Vater, eine Geliebte, einen Freund hatte, daß ich sie unverzeihlich beleidigt, und sie befremdet dich? – Ach, mein Vater, wie schrecklich wirst du an dem Unmenschen gerächt, der dich betrüben konnte! Ja, Truworth, dieser ehrwürdige Greis schwebt zu meiner Verzweiflung mir stets vor Augen. Wie zerreißt nicht mein Herz das Andenken jener Beleidigung, die ich ihm kurz vor meiner Flucht zufügte? Meine Ausschweifungen hatten mich aufs neue in einen fürchterlichen Mangel gestürzt. Mit unbändiger Frechheit eilte ich zu diesem liebreichen Vater, der mich ihm schon so oft entrissen. Wie trotzig foderte ich neue Hülfe; wie mußte sein Herz bei meinen harten und drohenden Worten bluten! Er schwieg – mit unaussprechlicher Zärtlichkeit heftete er seine gütigen Augen auf mich. Tränen brachen aus ihnen mit Gewalt hervor. Ohne mir Vorwürfe zu machen, übergab er mir den letzten Rest seines Vermögens, umarmte mich, benetzte mich mit seinen Tränen und sagte Worte, die mich itzt mehr peinigen, als tausend Folterer vermöchten. Dank sei der Vorsicht, sprach er, daß mir soviel übriggeblieben ist, deinen dürftigen Umständen, mein Sohn, beizustehen. Was schadet es, daß ich selbst nichts mehr habe? Laß mich, Gott, laß mich unglücklich sein, nur mache meinen Sohn glücklich und tugendhaft! – Und dies konnte mich nicht rühren! und ich konnte ihn verlassen, diesen teuren, diesen so sehr gekränkten Vater? – Ich Unmensch! Truworth . Wie ergötzend ist es für mich, diese Empfindungen bei Ihnen zu bemerken! Verzeihen Sie einem alten Diener, der schon lange Jahre gewohnt war, Sie zu lieben und – ja, ich darf es kühnlich sagen – Sie als ein Vater zu lieben – Ich sehe die Tugend wieder in Ihnen aufleben, und ich wünsche Ihnen Glück dazu. – Wie lange beweinte ich die unselige Verblendung, die Sie gefesselt hielt; itzt ist sie zerteilt; kommen Sie, mein Herr, kehren Sie nach London zurück, Tugend und Religion – Clerdon . Was? Religion? ein Phantom, vor dem ich schon lange nicht mehr erzitterte. Truworth . Wie, mein Herr, Sie verachten etwas, das Sie sonst so liebenswürdig, so geehrt und, darf ich's sagen, ruhiger, als Sie itzt sind, machte? Mein Verstand ist zwar viel zu geringe, als daß ich über so wichtige Sachen mit Ihnen zu streiten mich erkühnen sollte. Allein es ist ja nur kurze Zeit, daß Sie das, was Sie itzt Aberglauben nennen, noch eifrigst verehrten. Haben Ihre Einsichten in so wenig Zeit einen so außerordentlichen Zuwachs bekommen? Clerdon . Höre auf. Der Pöbel und Kinder mögen die Religion glauben, ich nicht. Truworth . Eins erlauben Sie mir hinzuzusetzen. Warum sind Ihnen nach Ihrer Veränderung so viele Widerwärtigkeiten zugestoßen! Ihr vorher so stolzerhabenes Glück liegt zerstört, nichts als Mangel und Elend drohn Ihnen; wie traurig und schwermütig erblicke ich Sie itzt! Sollte sich der Himmel vielleicht – ich zittre, es auszusprechen –, sollte er sich rächen! (Er wirft sich ihm zu Füßen.) Ach, mein Herr, mit Tränen muß ich Ihre Knie umfassen – entschuldigen Sie meinen Eifer – lassen Sie die letzten Tage Ihres Vaters heiter sein; lassen Sie ihn nicht mit Angst über Ihr künftiges Schicksal ins Grab sinken. Beschleunigen Sie nicht die Strafe des Himmels, die zu zögern scheint – sollte es geschehen, was ich befürchte – Ihr Unglück würde mein Tod sein. Clerdon . Stehe auf. Deine Treue zu belohnen, will ich deine Unbescheidenheit vergessen. Allein ich gebiete es dir, rede mir niemals mehr davon – was meinen Vater betrifft, so habe ich bereits darauf gedacht, ob ich nicht wieder zu ihm zurückkehre. Der Gedanke, ihn länger vielleicht in den kläglichsten Umständen schmachten zu lassen, ist mir unerträglich. Ich gehe, mich mit meinem Freunde Henley darüber zu entschließen. Truworth . Er Ihr Freund? Vertrauen Sie sich ihm nicht; seit seiner unglücklichen Bekanntschaft – ja, ich will reden, ich will mein Herz entledigen; länger zu schweigen, wäre ein Verbrechen – er ist Ihr Verführer, Ihr Feind, Ihr Verderber. Clerdon . Schweig, Unverschämter! – Und du wagst es, den Namen meines Freundes, den mir so heiligen Namen, mit Unehrerbietung zu nennen? Und du wagst es – Fliehe meinen Zorn, Elender, sonst dürfte ich vielleicht vergessen, daß du meiner Rache unwürdig bist. (Sie gehn auf verschiednen Seiten ab.) Ende des ersten Aufzugs. Zweiter Aufzug. Erster Auftritt. Granville, Miß Amalia. Granville . Wie glücklich sind wir, meine Schwester! Nach einer so langen Entfernung befinden wir uns wieder so nahe bei unserm bedrängten Freunde. Amalia . Hast du ihn bereits gesehen? Granville . Ich sah ihn vorhin, ohne von ihm bemerkt zu werden. Er eilte in den Garten an diesem Hause. Doch wie sehr – Amalia . Sage mir vorher, ob wir fürchten müssen, daß ihm unsre Ankunft, bevor es zu unserm Vorhaben bequem ist, wird bekannt werden? Granville . Ich fürchte nichts. Ich glaube genugsame Mittel darwider vorgekehrt zu haben. Amalia . So hast du den unglücklichen Clerdon gesehn? Er beleidigte mich – dennoch kann ich für sein Schicksal nicht unempfindlich sein. Granville . Deine Empfindungen sind gerecht, er war für dich bestimmt. Ein gleiches heiliges Band verknüpfte ihn mit mir; er war mein Freund – trauriger Gedanke! Vielleicht haßt er mich itzt, da ich ihn zu retten komme – als ich ihn sah – wie wahr hat uns Truworths Brief seinen Zustand geschildert! – wie verändert war er! Nicht mehr der blühende Jüngling, den die Gesundheit, die Freude und Lebhaftigkeit überall zu begleiten schienen. Sein verfallnes Gesicht war in kranke Schwermut und finstern Verdruß eingehüllt, seine wankenden Schritte verrieten Angst und Entsetzen. Der strafende Arm des Himmels muß über ihn schon ausgestreckt sein; er büßet bereits – du weinst, Schwester? – Amalia . Du kennst mich, und es befremdet dich, mich bei seinen Leiden gerührt zu sehn? Unglücklicher Jüngling! vielleicht sind dies die Boten deines nahen Verderbens. Granville . Laß uns beßre Hoffnung fassen. Vielleicht wird diese Schwermut zur Quelle seines Glücks. Was ist der Zweck unsrer Reise? Ist es nicht, einen liebenswürdigen jungen Menschen der Tugend und Religion wieder zuzuführen, dessen Herz dieser Bemühung nicht unwürdig ist? Und könnte wohl etwas unserm Vorhaben günstiger sein, als wenn das in ihm wieder entfesselte Gewissen uns den Weg dazu bahnte? Clerdon ist kein Unmensch. Ein Bösewicht hat ihn verführt, allein seine Verblendung kann nicht ewig währen. Amalia . Du entzückst mich, Bruder; ja, mein Herz überläßt sich dieser liebkosenden Hoffnung. Ich werde den Clerdon wieder tugendhaft, wieder getreu sehn; ich werde ihn ohne Tadel wieder lieben können: Mit welcher Freude werde ich mein Vermögen mit ihm teilen. Sein Unglück, das ihm alles, nur mein Herz nicht geraubt hat, macht ihn mir werter. Ich werde ihm also seine Ruhe, seinen Wohlstand, seine Freude wiedergeben können. Entzückender Gedanke! – Aber vielleicht liebt er mich nicht mehr – sollte dieses sein – und warum zweifle ich? – Granville . Fürchte nichts. Er wäre deiner unwürdig – ein Ungeheuer, könnte er dich vergessen. Eine Liebe wie die seinige kann durch lärmende Ausschweifungen übertäubt, niemals ganz unterdrückt werden. Du selbst hast vor seiner Flucht aus London häufige Merkmale davon gehabt – doch itzt entferne dich. Ich habe den Clerdon um diese Zeit hieherrufen lassen – Ich werde ihn rühren. Der unglückliche Fall, von dem ich ihm Nachricht bringen muß – Amalia . Sollte ihn auch diese Nachricht zu sehr niederschlagen? Sie ist schrecklich; ich kenne sein zärtlich Gefühl und überdies seine Schwermut – ach, sein Herz braucht keine neuen Wunden! Schone ihn, setze ihn nicht in Verzweiflung. Granville . Deine Neigung verführt dich. Einen Freigeist zu rühren – Tränen entfallen mir, da ich dies von meinem besten Freunde sagen muß –, kann nichts schrecklich genug sein – Entferne dich nur und überlaß meiner Freundschaft diese Sorge. Du weißt, ich bin nicht gemacht, jemand grausam zu begegnen. (Amalia geht ab.) Zweiter Auftritt. Granville. Granville . Ich werde ihn sprechen – wie schauert mir für dieser ersten Zusammenkunft! – und dennoch liebe ich ihn unaussprechlich. Wie wird er mich empfangen? vielleicht kaltsinnig. Doch selbst gegen seine Härte soll meine Freundschaft gegen ihn unüberwindlich sein – er begegne mir grausam – es wird mich schmerzen –, ich will ihn beschämen und glücklich machen – Er kommt. Dritter Auftritt. Granville, Clerdon. Clerdon (zu einem Bedienten, der ihn bis an die Türe begleitet) . Dies ist also das Zimmer des Fremden, der mich zu sprechen verlangt? (Indem er sich umsieht.) Wen seh' ich! – ich erstaune – Granville! – Granville . Umarmen Sie mich, liebster Freund, lassen Sie mich eines so lange entbehrten Glücks wieder genießen. Clerdon . Sie nennen mich Ihren Freund! Sie wollen mich umarmen? Entweihen Sie diese Liebkosungen nicht, die Sie an einen Elenden verschwenden, der nichts als Unwillen verdient. Lassen Sie mich Sie fliehen. Ihre Gegenwart ist mir ein zu marternder Vorwurf. Granville . Halten Sie ein mit diesen Reden, liebster Clerdon. Wäre ich nicht unwert, jemals Ihr Freund gewesen zu sein, wenn die geringen Nebel, die neulich einige Zeit unsre Freundschaft umzogen, mich diesen Namen ganz hätten vergessen lassen? Und zu welcher Zeit? Zu der, da die Pflichten desselben am heiligsten sein müssen, da mein Freund in bedrängten Umständen ist. Vielleicht hatte ich Sie beleidigt – Sie haben mich bestraft. Die kurze Zeit, da ich Ihre Gegenwart entbehren müssen und die für mich so quälend war, wird mich lehren, künftig vorsichtiger zu sein. Vergeben Sie mir meinen Fehler, und lassen Sie mich wieder den süßen Namen Freund von den Lippen meines Clerdon hören. Clerdon . Zu großmütiger Freund – mit Zittern nenne ich dieses Wort, dessen ich unwürdig bin –, wie durchbohren Sie mein Herz! ich, nur ich hatte Sie beleidigt, und warum? weil Sie mich liebten, weil Sie mir die Hand reichten, mich von einem Abgrunde zu retten, an dem ich sorglos herumirrte. Ich Elender! wütend stieß ich diese mitleidige Hand zurück – Granville . Noch einmal, Clerdon, hören Sie auf, davon zu reden. Lassen Sie das das Zeichen sein, daß Sie mir Ihr Herz wieder schenken, daß Sie von den traurigen Zufällen schweigen, die mir es entwandt hatten. Die ersten Tage unserer wiederauflebenden Freundschaft, die uns so freudig und heiter sein sollten, werden ohnedem wolkicht genug sein. Ich habe Ihnen Nachrichten zu bringen – bereiten Sie Ihr Herz, den fürchterlichsten Anfällen des Schreckens und der Betrübnis Widerstand zu tun – Ihr Vater – Clerdon . Sie stocken – genug, Freund, mein Unglück, mein Verderben ist auf seinem Gipfel – meine Verzweiflung muß es auch sein – (Er will abgehn.) Granville (hält ihn zurück) . Wohin, Clerdon? Unmännliche Verzweiflung! Rufen Sie jenen Mut zurück, der Sie sonst über andre erhub. Ihr Vater, es ist an dem, ist dahin; doch so tief ihn auch sein Unglück erniedrigte, so starb er dennoch nicht in Verzweiflung. Welch ein Heldenmut in seinen letzten Stunden! – Itzt zürnt er vielleicht, daß ihm sein Sohn so unähnlich ist. Clerdon . Nein, er wird diesen Elenden seines Andenkens unwürdig halten, und denkt er an ihn, so wird er ihn verabscheuen. Schonen Sie meiner nicht, sagen Sie mir das Schrecklichste, das mir noch übrigbleibt. Erzählen Sie mir die fürchterlichen Flüche, die sein Zorn in seinen letzten Stunden wider mich aussprach – – ich hatte sie verdient – konnte er meinen Namen ohne Entsetzen hören? foderte er nicht Elend und Verderben über einen Sohn auf, der sein Verderben geworden! Marternder Gedanke! – Lassen Sie mich, Freund, ich eile, ihn zu rächen. Granville . Nein, ihn aufs neue zu beleidigen – sein Gebot, das Gebot Ihres sterbenden Vaters, befiehlt Ihnen etwas anderes. Bezähmen Sie diese stürmende Betrübnis, und hören Sie von mir die Empfindungen seiner letzten Stunden. Wie unähnlich sind sie Ihren Besorgnissen! die einen so zärtlichen Vater beleidigen – Ich übergehe die genauern Umstände seines Todes, Ihre zu sehr aufgebrachten Leidenschaften verstatten nicht diese Erzählung – meine Tränen verraten mich –, sie waren traurig – Clerdon . Nur zu sehr sagen mir diese Tränen, wie schrecklich sie gewesen sind. Granville . Ich war damals entfernt. Sobald ich seinen gefährlichen Zustand vernommen, kehrte ich nach London zurück. Ich sah ihn. Alle seine Züge verkündigten den kommenden Tod; doch herrschte eine Gelassenheit in ihnen, die seine ganze edle Seele entfaltete. "Sie sehn es", sagte er mit leiser, gebrochner Stimme, "das Ende meiner Bedrängnisse nahet heran. Ich sehe ihm mit Freuden entgegen, ich segne die erlösende Hand des Todes, und ich würde ganz Heiterkeit sein, wenn nicht eine Betrachtung mich noch mit Schmerz erfüllte. Mein Sohn" – hier ward seine Sprache von Seufzern erstickt, Tränen überflossen sein bleiches Gesicht – "Mein Sohn ist fern, in Gefahr, in Unglück, ich muß sterben und kann ihn nicht zuvor wieder glücklich wissen. Eilen Sie zu ihm, erheitern Sie zum mindsten seine Seele mit Trost; sagen Sie ihm, daß ich ihn liebe, daß ich ihm vergebe, daß diese ohnmächtigen Hände sich für ihn zum letztenmale falten, diese sterbenden Lippen für sein Wohl die letzten Gebete stammeln, daß meine letzte Träne für ihn geflossen ist. Bringen Sie ihm meinen Segen, und sollte ihn mein Tod betrüben – denn vielleicht liebt er mich noch –, so beschwören Sie ihn, seinen Schmerz nicht ausschweifen zu lassen; doch sagen Sie ihm zugleich" – hier erhub sich seine Stimme, sein Ansehn ward feierlicher – "wo die Bitten, das Gebot seines sterbenden Vaters, wo die Stimme seines warnenden Schutzengels, der vielleicht durch mich redet, etwas über ihn vermögen, so soll er zur Tugend und Religion zurückkehren, dann werde er glücklich sein" – Ich habe mich bestrebt, die Worte Ihres Vaters beizubehalten, keine können seine Regungen lebendiger ausdrücken – Sobald er sie geredet, sammelte er den letzten Rest seiner hinsinkenden Kräfte, richtete sich empor, hub seine Augen gen Himmel und tat die feierlichsten Wünsche für Ihre Änderung und Glückseligkeit. Unter diesem Gebete überraschte ihn der Tod, und sein letztes Wort war der Name seines Sohnes – Und nun, liebster Freund, gehorchen Sie der Bitte Ihres Vaters, lassen Sie sich durch die Last Ihrer Schmerzen nicht überwältigen – Sie schweigen? eine trunkne Betäubung scheint Sie fühllos gemacht zu haben? – Durchbohren Sie mich nicht länger durch diesen Anblick. Clerdon . Zu zärtlicher Freund eines Unwürdigen, überlassen Sie mich einige Augenblicke mir selbst, geben Sie mir Muße, mich aus diesem Wirbel aufrührischer Leidenschaften herauszuarbeiten. Granville . Ich gehorche; wenn Sie es erlauben, werde ich bald wieder zurückkehren. Vierter Auftritt. Clerdon. Clerdon (nach einigem Stillschweigen) . Welche unbekannte Regungen bemeistern sich meiner? Sind sie die Folgen jener schrecklichen Nachricht, die alles um mich her in melancholische Schatten verhüllt? Lagen sie vielleicht schon unter der nagenden Traurigkeit verdeckt, die mich seit einiger Zeit verzehrte? Es ist mir, als rufte eine geheime Stimme mir zu, ich sei strafbar – strafbar? – ja, ich bin es, ich fühle es, meine Ausschweifungen, die den besten der Väter in Dürftigkeit, Gram und endlich – denn was verhehle ich es vor mir selbst? – ins Grab gestürzt, kann ich diese entschuldigen? – Doch fühle ich nicht noch etwas, noch einen geheimen Vorwurf! Sollte auch wohl die Verlassung eines Aberglaubens ein Verbrechen sein? – Ja, es war Aberglaube – wie martert es mich, daß ich dir, beruhigender Gedanke, nicht ganz glauben kann, es war Aberglaube! – Sind diese Zweifel Schwachheit? sind sie Gewissen? – in welcher Nacht irre ich? – Fünfter Auftritt. Clerdon, Henley. Henley (indem er hereintritt, für sich) . Ich muß diese glücklichen Augenblicke nutzen, da er allein ist; wie bald kann Granville wiederkommen. (Zum Clerdon.) Sie sind tiefsinnig, Clerdon? ich hatte mich dessen nicht versehn! Ich kam her, ein Zeuge Ihrer Freude über den Besuch Ihres Freundes, des Granville, zu sein. Clerdon . Sein Sie ein Zeuge meiner Verzweiflung. Ich bin verloren, Freund. Mein Vater ist dahin. Sein Tod ist von den schrecklichsten Umständen begleitet worden. Granville, dessen zu sorgsame Freundschaft ihre Erzählung meinen Schmerzen ersparen wollte, ließ wider Willen Tränen fallen, da er ihrer erwähnte. Henley . Und diese Nachricht schlägt meinen Freund, den mutigen Clerdon, so nieder? die Weichlichkeit eines schwachen Granville teilt sich auch seinem heldenmütigen Geiste mit. Ein abgelebter Greis muß dem gemeinen Schicksale gehorchen, er wird zugleich von den Beschwernissen des Alters befreit. Ist dies die wichtige Ursache Ihrer Verzweiflung? Clerdon . Wie können Sie meines Schmerzens so spotten! War dieser ehrwürdige Greis nicht mein Vater? War er nicht so unerschöpflich gegen mich an Wohltaten, als ich in dem letzten Zeitpunkte seines Lebens unerschöpflich gegen ihn an Beleidigungen war? Sie wissen es selbst, mit welcher Bereitwilligkeit er sein ganzes Vermögen mir zuliebe aufopferte. Haben nicht meine Ausschweifungen seine Tage verkürzt? Bin ich nicht sein Mörder, der Mörder meines Vaters – meines Wohltäters! O Gedanke, der mein Innerstes gleich dem Donner zermalmt! Welch eine Verantwortung, welch eine Rache muß meiner erwarten! Henley . Was reden Sie von Rache und Verantwortung? daß doch die Vorurteile unsrer tierischen Jahre, auch wenn wir sie ganz erstickt zu haben glauben, uns so oft überraschen! Fassen Sie sich, Clerdon, zeigen Sie den Mann, der wie in allem, so auch in dem, was den Pöbel niederzuschlagen pflegt, über ihn erhaben ist. Weil Ihr Bezeigen, Ihr so vernünftiges Bezeigen, dem eigensinnigen Alter Ihres Vaters zuletzt nicht stets gefallen wollte, so meinen Sie, der Gram hierüber habe seinen letzten Tag beschleunigt! Nichtige Furcht! ich sollte glauben, der Tod eines Greises bedürfe keiner so außerordentlichen Ursache. (Nach einigem Innehalten.) Ich errate die Quelle Ihrer schwermütigen Besorgnisse. Sie wissen, daß kein Mensch an mehrern Vorurteilen und unüberwindlichern Aberglauben krank liegt als Granville. Sie kennen seinen Stolz, seine Lüsternheit, ein Muster zu sein und die ganze Welt, wäre es möglich, so schwach, als er selbst ist, zu machen, Sie kennen seine Begierde, über die Gemüter zu herrschen – Clerdon . Sie vergessen seine Verdienste, die gewiß seine Fehler, wenn er auch welche hat, weit überwiegen. Henley . Ich begehre dies nicht zu leugnen. Indessen wissen Sie selbst, daß die stolze Art, mit welcher er über Sie eine Herrschaft behaupten wollte, Sie damals in London nötigte, seinen Umgang zu fliehen. Itzt kommt er mit einer künstlich erfundnen rührenden Erzählung von dem Tode Ihres Vaters, sich in Ihr erweichtes Herz wieder einzuschmeicheln. Gelingt es ihm, so wird er Ihnen die alten Fesseln wieder anlegen; dann wird er Sie bereden, nach London zurückzukehren und daselbst als sein Sklave mit ihm ein finstres, einsames, freudenloses oder, wie er es nennt, tugendhaftes Leben zu führen. Clerdon . Sie irren sich; nicht er, sondern mein sterbender Vater selbst gebeut mir, meine vorigen Grundsätze wieder anzunehmen. Henley . Und Sie wollen gehorchen, Clerdon? Sie wollen gehorchen? Granville nennt sich Ihren Freund, und dennoch – ja, ich muß es sagen, mein Eifer, meine Zärtlichkeit für Sie übermannt mich – ist er Ihr schädlichster Feind – Schon sehe ich Sie von Verachtung niedergebeugt herumschleichen, Ihre schüchterne Augen wagen es nicht, sich von der Erde zu erheben, die Scham glüht auf Ihrer Wange, und überall verfolgt Sie das Gelächter des Spottes. Clerdon, wird die Welt sprechen, empfing von der Natur mit dem edelmütigsten Herzen den durchdringendesten Geist. Seine herrlichen Vorzüge machten, daß er gar bald die sklavischen Fesseln des Aberglaubens zerbrach, an die man seine Kindheit gewöhnt hatte. Er fing an, frei, groß, unpöbelhaft zu denken. Doch eine plötzliche Veränderung! Sein Vater, ein abgelebter Greis, stirbt. Eine so gar außerordentliche Begebenheit mußte freilich den nun wieder frommen Clerdon rühren. Zahm und gebeugt kehrt er in seine alte Knechtschaft zurück und wird der Abgott der Einfalt, der Gegenstand des Mitleidens seiner Freunde und der Spott der Vernünftigen. So wird die Welt sprechen. Doch ich will Sie von Ihrem glorreichen Vorhaben nicht zurückhalten. Bald werden Sie das seltne Glück genießen, wie der gemeinste Verstand zu denken und noch dazu durch eine Wankelmütigkeit in Ihren Gesinnungen, die gemeiniglich das prangende Merkmal kleiner Geister ist, sich eine unsterbliche Bewunderung zu erwerben. Ich wünsche Ihnen Glück dazu. Clerdon . Halten Sie ein mit diesem grausamen Spotte; es ist mir unerträglich, verachtet zu werden – Ja, Sie haben mich von diesem schimpflichen Schlummer, der meinen Geist bald gänzlich überwältigt hätte, erweckt; ich will nicht der Spott der Welt werden – Ich muß es gestehen, Freund, ich war im Begriff – Eine Unruhe, die mich seit der Änderung meiner Grundsätze öfters befallen hat und die meine Zaghaftigkeit dieser Änderung zuschrieb, der Befehl eines sterbenden Vaters, der Schmerz über seinen Tod, alles bestürmte meine Standhaftigkeit. Schon drohte sie zu fallen, doch Ihre Reden haben sie mit neuer Kraft begeistert. Ich bin mir wieder selbst gleich, ich bin würdig, Ihr Freund zu sein. Henley . Ich höre jemand kommen, vermutlich ist es Granville. Ich verlasse Sie; erinnern Sie sich Ihrer Entschlüsse. Rüsten Sie sich mit unbezwinglicher Stärke gegen seine überredenden Lockungen. Entweder Sie zerstören itzt auf einmal seine törichten Hoffnungen, oder Sie sind auf ewig seine Sklave. Sechster Auftritt. Clerdon, Granville. Granville . Finde ich meinen Freund ruhiger! Clerdon . Zum mindsten wünschte ich es. Granville . Ihre edle Gesinnung und der vielleicht nicht ganz unnütze Eifer meiner Freundschaft werden, wie ich mir schmeichle, über Ihren Schmerz endlich die Oberhand gewinnen. Nicht als wünschte ich in Ihnen ganz das Andenken Ihres Vaters zu ersticken. Nein, beweinen Sie seinen Tod. Die Tugend liebt diese Tränen. Den Rechtschaffnen bedauern, verrät das Bestreben, ihm gleich zu sein. Nur beweinen Sie ihn als ein Weiser, der weitere, erhabnere Aussichten vor sich hat. Doch es ist unnötig, Ihnen das zu wiederholen, was Ihnen Ihre eigne Überlegung bereits sagt. – Entdecken Sie mir nunmehr Ihre Absichten; sind Sie gesonnen, nach London zurückzukehren? Clerdon . Ich hatte mich dazu entschlossen, ehe ich den Tod meines Vaters erfuhr. Aber itzt werde ich London nie wiedersehn. Glauben Sie, mein Schmerz könne einen solchen Anblick ertragen? Würden nicht selbst diese Gegenden mit stummen Vorwürfen mich ängstigen? Würde nicht jenes Haus, das meinen Vater einst in solchem Glanze und dann durch mich in solcher Dürftigkeit erblickt hat, das vielleicht von dem frohlockenden Jauchzen der Besitzer seiner unglücklichen Beute ertönt, würde nicht dieses wider mich reden? würde es mich nicht als den Zerstörer seines Glücks anklagen? – Und überdies ist noch etwas in London, das zu schmerzliche Regungen in mir aufwiegeln würde – Warum sollte ich's Ihnen verhehlen? ich war ein Unmensch, ich wagte es, diejenige zu beleidigen – darf ich sie noch nennen? – die liebenswürdigste – Ihre Schwester – und dennoch habe ich sie stets verehrt, und noch itzt bete ich sie mehr als jemals an. Sie wird, sie muß mich hassen, und ich sollte es wagen, ihr so nahe und doch von ihr gehaßt zu sein? Granville . Umarmen Sie mich, Clerdon, welch Entzücken überströmet mich! Ja, ich finde den Freund, den edeln Clerdon wieder, den ich sonst in Ihnen fand. Nun sind meine Wünsche befriedigt. Sie werden glücklich sein, und wie glücklich bin ich, daß ich etwas dazu beitragen kann! Wenn der Anblick von London Ihrem annoch unbeugsamen Schmerz unerträglich ist, so begleiten Sie mich auf mein Landgut; meine Schwester – doch, Clerdon, noch ein schrecklicher Zweifel widersteht dem vollen Ausbruche meiner Freude. Entlästigen Sie mich seiner. Wollen Sie dem Befehle Ihres Vaters gehorchen? wollen Sie dem schmählichen, dem verhaßten Namen und den Grundsätzen eines Freigeists entsagen! Clerdon . Entschuldigen Sie mich, wenn ich offenherzig rede. Ich halte es für sehr unrühmlich, Vorurteilen, die man einmal besiegt hat, sich gutwillig wieder zu unterwerfen. Granville . Was höre ich? – Clerdon, mein Freund! – Ach wüßten Sie, wie empfindlich Sie itzt mein Herz durchbohrten! Meine schönsten Hoffnungen haben Sie in Ihrer Blüte verheert. So halten Sie es denn vor rühmlicher, von dem größten, dem edelsten und dem vernünftigsten Teile abzuweichen und sich zu einer Rotte verwegner Bösewichter zu gesellen, die in Ansehung ihres Verstandes des Tollhauses und in Ansehung ihres Herzens der schimpflichsten Todesstrafe würdig wären? Verzeihen Sie mir, wenn ich mich zu heftig ausdrücke; wie schwer wird es, gelaßner hiervon zu reden! Clerdon . Heftige Ausdrücke beleidigen; aber sie beweisen nichts. Granville . Sind hier Beweise nötig? Würde ich nicht diesen so oft beschämten, so oft wiederholten Zweifeln zu viel Ehre erzeigen, wenn ich sie einer neuen Beantwortung würdigen wollte? Würde ich nicht zugleich Ihrem Verstande einen gewiß ungerechten Vorwurf machen, gleich als wüßten Sie nicht bereits, wie man diese ohnmächtigen Phantomen, die Bosheit und Unverstand erschaffen, niederkämpfen kann? Sie kennen Ihre Religion. Es war eine Zeit, da Sie es würden für eine Beleidigung angesehn haben, wenn man an Ihrer Verehrung gegen dieselbe gezweifelt hätte. Durchforschen Sie sich unparteiisch. Wenn wurden Sie ein Freigeist? War es nicht der unglückliche Zeitpunkt, mit dem sich zugleich Ihre Ausschweifungen anfingen? War es nicht der Haß gegen eine verdrüßliche Lehrerin, die Ihnen Ihre Fehler verwies? war es nicht Stolz, Eitelkeit, Zerstreuung, die Sie wider Ihren Schöpfer – Clerdon . Schöpfer, Granville? Setzen Sie mich in die Klasse der Gottesleugner? Granville . Nein, Clerdon, eines solchen Grades der Raserei sind nur die Verworfensten des menschlichen Geschlechts fähig. Ich will es Ihnen zugestehn, Sie gehören zu denen, die auf das stolze Bekenntnis einer natürlichen Religion trotzen. Allein muß Ihr System davon nicht das verächtlichste Gespinst sein, das je ein menschlicher Wahn zusammengewebt hat? Vernünftig handeln wollen und mitten in einem verschwenderisch um uns her ausgegoßnen Überfluß von Licht mit Gewalt sich die Augen zudrücken; einen Schöpfer verehren, ihn erkennen wollen und doch den vorzüglichsten Weg, uns von ihm zu unterrichten, sogleich im voraus ohne alle Ursache sich verschließen und zugleich sich mutwillig in Gefahr stürzen, als der undankbarste Frevler gegen ihn zu handeln, wenn eine aus Parteilichkeit verworfne Religion wahr sein sollte, die uns ihn – Clerdon . Halten Sie ein. Mein Entschluß bleibt unerschüttert, erwarten Sie nichts von Ihren Bemühungen. Granville . Können Sie in diesem einzigen Punkte so unbeweglich sein? So durchdrungen von dem Tode eines beleidigten Vaters, so beugsam gegen das Andenken Ihrer vorigen Vergehungen und doch so unüberwindlich gegen die Religion? Unbezwinglicher Stolz! – ich muß das Äußerste versuchen, mit Schmerzen – doch Sie wollen es – hören Sie also die schrecklichen Umstände, die den Tod Ihres Vaters begleiteten, vielleicht machen Ihnen diese sein letztes Gebot heiliger – Er starb im Kerker. Ihre Gläubiger – Sie kennen die niedrigen und pöbelhaften Gesinnungen derselben, entblößten ihn erst von allen, selbst den notdürftigsten Gütern. Von einem grausamen Rechte unterstützt, da er, wie Sie wissen, Sie zu retten, alle Ihre Schulden auf sich genommen, und Sie ihn vor Ihrer Entfernung von London aller Mittel, sie zu tilgen, beraubt hatten, warfen sie ihn in das schmählichste Gefängnis, ohne von dem hülflosen und zitternden Alter dieses redlichen Greises, das sie stillschweigend um Mitleiden anflehte, gerührt zu werden. Clerdon . Die Unmenschen! – Entsetzliche Nachricht! – kann ich sie nur anhören? Granville . Die Dürftigkeit der Nahrungsmittel nebst dem Mangel der Wartung entschieden hier bald sein Schicksal. Könnte ich Ihnen alle Gegenstände des Jammers, die ihn umringten, schildern, da ich ihn das letztemal erblickte; könnte ich Ihnen seine verfallne, von den Spuren des traurigsten Mangels überdeckte Gestalt, seine Mienen – Clerdon . Grausamer Granville! nehmen Sie mein Leben, nehmen Sie es, nur hören Sie auf, mich so zu peinigen. Granville . Und Sie wollen die Bitte eines Vaters, der durch Sie so viel erlitten und Sie doch so unaussprechlich, selbst da er es litte, geliebt hat, fruchtlos sein lassen? Sie wollen in dem zerstörenden Ungewitter, das Ihr Haus überfallen, nicht die Winke Ihres beleidigten Schöpfers erkennen? Alles warnt Sie für Ihrem Verderben, und Sie sind gegen alles taub? Geben Sie der vereinigten Stimme der Pflicht und Freundschaft Gehör. Ihr Vater ruft Ihnen aus jenen glänzenden Gegenden zu; folgen Sie ihm. Lassen Sie nicht das Gebet, das er sterbend für Sie tat, umsonst getan, die Tränen, die er für Sie vergossen, umsonst vergossen sein! hören Sie die Bitten Ihres Granville. Nur Ihr Wohl ist meine Absicht, Sie werden es dereinst erfahren. Sie sollen in mir einen Freund und den, den Sie itzt beweinen, zugleich finden. Meine Schwester, Ihre Amalia – Sie lieben sie ja noch – fleht Sie mit mir mit Tränen an, hören Sie auf, Ihr eigner tödlicher Feind zu sein – Und was für Sie das Wichtigste sein muß, selbst Ihr Gott, den Sie so treulos verlassen, wider den Sie sich so frevelhaft aufgelehnt haben, ermahnt Sie; kehren Sie zurück. Denken Sie, er rede durch meine Stimme. Hüten Sie sich, seine Warnung zu verachten. Vielleicht ist es die letzte. Noch schont er Ihrer, noch brennt er, Sie zu retten, da Sie sich bestreben, überall seine Verehrung zu vertilgen. Vielleicht ist er ermüdet, vielleicht waffnet sich schon das Verderben – o wende es ab, wende es ab, Langmütigster. Nimm mein Blut, mein Leben, nur laß meinen Freund dir wieder unterwürfig werden! – Sie scheinen erweicht, Clerdon? Ihre Tränen bekräftigen es. Glückliches Merkmal! Versprechen Sie mir, zum mindsten eine ernstliche Untersuchung darüber anzustellen, und ich habe gesiegt. Clerdon . Sie sind unwiderstehlich, Granville. Wenn es denn – ich weiß nicht, was ich sagen soll – Sie wollen es, und ich muß – Siebenter Auftritt. Clerdon, Granville, Henley. Henley (der zugehört hat, für sich) . Ha! mein Opfer entgeht mir. (Zum Granville.) Schreiben Sie es meiner Ungeduld, Sie zu sehen, zu, daß ich Sie in einem vielleicht wichtigen Gespräche überfalle. Ich vernahm eben itzt Ihre Ankunft. Granville . Ich kann es nicht leugnen, mein Herr, unser Gespräch war sehr ernsthaft. (Für sich.) Das ist sein Verderber; kann ich seinen Anblick ertragen? Henley . So bitte ich Sie denn, mich zu entschuldigen. Erlauben Sie mir indessen, daß ich Ihnen in dieser Umarmung – Granville (der sich von ihm losmacht) . Verzeihen Sie mir, daß ich mich itzt entferne, ohne Ihnen alles entdecken zu können, was mein Herz für diesen Ihren freundschaftlichen Eifer empfindet. Ich nehme ihn so an, wie ich soll! Aber ein wichtig Geschäfte ruft mich von hier. (Zum Clerdon.) Ich verlasse Sie, Clerdon, denken Sie unserm Gespräche ernsthaft nach. Erinnern Sie sich, daß die Langmut ermüdet, wenn man nicht aufhört, ihr zu trotzen und daß zu oft verschmähte Warnungen den Untergang gebären. (Geht ab.) Henley (indem er ihm nachsieht) . Wäre dieser Gang doch sein letzter! dürfte ich ihm doch nacheilen und den tötenden Dolch rauchend aus seiner durchbohrten Brust ziehn! Achter Auftritt. Clerdon, Henley. Henley . Der Abschied war sehr feierlich; die Unterredung wird, glaube ich, noch erbaulicher gewesen sein! – so sprachlos, so bestürzt, Clerdon? Schon wieder angesteckt? Clerdon (nach einigem Nachsinnen) . Vielleicht, Henley – wie furchtbar ist dieser Gedanke –, irren wir. Wir denken Weisen zu sein – vielleicht sind wir törichte Bösewichter. Henley . Ich erschrecke, Clerdon. So abergläubisch hörte ich Sie noch nie reden. Und Sie tun es, ohne zu erröten? Möchte doch Granville – doch er spricht, er sei Ihr Freund – Auf, kommen Sie mit mir; eine kurze Zerstreuung wird diese rebellischen Vorurteile bald wieder zum Schweigen zwingen. Clerdon . Ich gehe, es zu versuchen – Eine traurige Ahndung bemächtigt sich meiner, vielleicht gehe ich, mich tiefer in mein Verderben zu verstricken. Ende des zweiten Aufzugs. Dritter Aufzug. Erster Auftritt. Henley. Henley . Endlich habe ich ihn beruhigt – zum zweitenmale habe ich über den Granville triumphiert; doch ein schwer erstrittner Triumph! Ich sehe es, dieser geschäftige Freund wird mir noch das Opfer meiner Rache entführen. Clerdon wankt. Stolz und Gewissen kämpfen in ihm. Der Feige! er hat nicht das Herz, ganz ein Bösewicht zu sein. Doch, er soll es werden – und der gestrafteste dazu. Dieser Brief (er zieht einen Brief hervor) soll sein Verderben vollenden – aber wird er ihm auch glauben? wird ihn die erkünstelte Hand seines Freundes auch hintergehen? Er kennt den Granville, den großmütigen, den zärtlichen Granville. Wird er ihn auch zu einer solchen Tat für fähig halten? – hinweg, Zweifel! Clerdon ist stolz, hitzig, eifersüchtig. Ich herrsche über sein Herz; es muß mir gelingen – und gesetzt, es mißlingt – dann werf' ich die Maske hinweg, dann zeige ich mich ihm als seinen Todfeind, und in dem Augenblicke stoße ich ihm den Dolch ins Herz. Von seinem Blute noch rauchend, eile ich zu seinem Freunde, und auch diesen – mich dünkt, es nähert sich jemand. Meine Hitze könnte mich verraten. Zweiter Auftritt. Henley, Clerdon. Henley . So eilig und bestürzt, Clerdon? Clerdon . Retten Sie mich, Henley, retten Sie Ihren Freund. Man sinnt auf meinen Untergang; man ist noch nicht mit den Bedrängnissen vergnügt, die mich bereits niederbeugen. Ich habe Feinde, ich kenne sie nicht – vielleicht habe ich sie nie beleidigt – eine dunkle und unterbrochne Warnung, ein Brief von einer verborgnen Hand lehrt mich sie fürchten, ohne sie mir zu nennen. Henley . Meine Bestürzung gleicht der Ihrigen. Befriedigen Sie meine Ungeduld. Entwickeln Sie diese fürchterlichen Geheimnisse. Clerdon . Ihr Diener begegnete mir heute. Sein bleiches und verändertes Gesicht verriet die aufgebrachten Bewegungen seiner Seele. Schrecken und Abscheu schienen ihn ganz überwältigt zu haben. Er verlangte von mir ein vertrautes Gehör. Seine dunkeln, abgebrochnen, schüchternen Reden ließen mich soviel erraten, daß man mich unter der Decke der Freundschaft hintergehen und unglücklich machen will. Er entfernte sich, ohne sich deutlicher auszudrücken. Die Furcht schien ihn mit Gewalt zurückzuhalten. Henley (für sich) . Ha! der Verräter! Kaum daß ich meine Wut bezähmen kann! Clerdon . Dieses würde mich wenig beunruhigen. Doch itzt erhalte ich einen Brief von einen Unbekannten, der meine Besorgnis nur zu gegründet macht. Hören Sie ihn selbst; Sie werden mir beifallen. (Er liest.) "Man glaubt sich um Sie verdient zu machen, wenn man Sie für einer Gefahr warnt, die eine unbegreifliche Verblendung Ihren Blicken verbirgt. Hüten Sie sich. Eine Hand, die um so gefährlicher, da sie versteckt ist, droht Ihnen den tödlichsten Streich. Sie haben einen Freund, Sie schätzen ihn über alles, Ihr ganzes Herz ist ihm offen; und er – ist ein Bösewicht, Ihr Todfeind. Durch entsetzliche und unerhörte Verbrechen bereitet er Ihnen insgeheim den Untergang. Die Furcht, entdeckt zu werden, befiehlt, seinen Namen zu verschweigen. Sie werden selbst die besten Mittel wissen, diesen frevelhaften Absichten zuvorzukommen; dies einzige bittet man Sie, gehn Sie mit diesem Briefe behutsam um; sein Urheber ist verloren, wo man ihn entdeckt." Nun? ist meine Furcht ungerecht? Henley (für sich) . Wie nahe, verraten zu werden? ich zittre – der Bösewicht! auch dieser Brief ist von ihm. Clerdon . Sie antworten nichts, Henley? Henley (für sich) . Itzt komme ich auf die glücklichste List, selbst dieser Brief soll mir behülflich sein, ihn wider Granvillen aufzubringen. (Zum Clerdon.) Entschuldigen Sie mich, daß ich Ihnen nicht gleich antwortete. Ein innerlicher Kampf band meine Zunge. Ich fürchtete, wenn ich Ihnen das eröffnete, was dieses ganze unglückliche Geheimnis aufschließen muß, mir den Schein eines niederträchtigen Zerstörers freundschaftlicher Verbindungen zuzuziehn. Doch Ihre dringende Not siegt über alle meine Bedenklichkeiten. Sie sollen es erfahren – die entsetzlichste Treulosigkeit, die jemals ausgedacht worden; Granville – Sie zittern, da Sie diesen Namen hören; bald wird er Ihnen nichts als Schauer und Abscheu erwecken –, Granville hat mir eben itzt einen Brief übersendet. Sie wissen, wie frostig er sich vorhin gegen mich bezeigte; sollten Sie wohl glauben, daß dies alles nur Verstellung war? Sein Brief bezeuget es. Er fängt mit den heftigsten Klagen über die Beleidigungen an, die ihm und seiner Schwester von Ihnen widerfahren sind. Er hielte sie, wie er versichert, für unverzeihlich und sich zur strengsten Rache berechtigt. Ebendiese sei die Absicht seiner Reise; doch müsse er sich noch gegen Sie verstellen. Die Anwesenheit seiner Schwester, die ihn hieher begleitet, habe er Ihnen mit Fleiß verhehlt; er wüßte, wie eifrig ich mich einst um ihre Gunst beworben; itzt böt' er sie mir mit der Hälfte seines väterlichen Vermögens an. Unsre Verbindung sollte sogleich vollzogen werden. Clerdon . Was höre ich? Mein ganzes Blut erstarrt. Henley . Er setzte hinzu, er wüßte, Sie beteten seine Schwester an, und ebendarum wollte er Sie auf der empfindlichsten Seite angreifen; dies würde der geschickteste Weg sein, seine verletzte Ehre zu rächen, Sie gänzlich niederzuschlagen und öffentlich über Sie zu triumphieren, wenn er Ihnen Ihre Verlobte und mit ihr alle Mittel raubte, Ihren bedrängten Umständen jemals wieder aufzuhelfen. Clerdon . Nein, ehe soll er sterben – der Unmensch! – Was hält meine Wut noch zurück? – ich eile zu ihm – von meiner Hand soll er sterben, der Treulose! – Doch Sie, Henley, befreien Sie mich von diesem quälenden Zweifel, haben auch Sie sich wider mich verschworen? Henley . Wie können Sie einen solchen Argwohn bei sich aufsteigen lassen? Widerspricht ihm nicht mein ganzes Verfahren? Würde ich nicht geschwiegen haben, wäre ich nur im mindsten zweifelhaft gewesen? Es ist wahr, ich liebte Miß Granville, solange der Vorzug, den man Ihnen gab, meine Liebe nicht strafbar machte; Eine günstige Gelegenheit bietet sie mir itzt an. Ein ansehnlich Vermögen erhöht noch die schimmernde Lockung. Meine Umstände – Sie wissen es selbst – raten mir, es nicht auszuschlagen. Doch verabscheut sei das Glück, das sich auf den Ruinen meines Freundes erhebt! Nein, Clerdon, ich will den Gesetzen der Freundschaft mein Glück, ja meine zärtlichste Leidenschaft aufopfern. Ich liebe Sie höher als mich. Sie sollen es erfahren, Sie sollen erkennen lernen, wer von uns beiden den Vorzug in der Freundschaft verdient, Granville oder ich. Clerdon . Sie sind die Großmut selbst. Mein Leben ist eine zu geringe Belohnung für diese edle Gesinnung. Soviel Zärtlichkeit, Uneigennützigkeit, Hoheit der Seele – ach verzeihen Sie, daß ich zwischen Ihnen und Granvillen jemals zweifelhaft gewesen bin – Doch ist's möglich? kann ich diese abscheuliche Niederträchtigkeit glauben? So ein schwarzes Verbrechen von Granvillen? Henley . Mir selbst war es anfangs unbegreiflich. Ich wagte es nicht, meinen Augen zu trauen. Doch alles bekräftigt es unwidersprechlich. Selbst der Brief, den Sie empfangen haben, erklärt ihn für schuldig. Denn wen könnte er sonst anklagen? Vermutlich hat Granville einem gemeinschaftlichen Freunde von Ihnen beiden seine rachgierigen Absichten anvertraut, dem haben Sie diese Warnung zu danken. Clerdon (staunend) . Granville kann treulos handeln? Henley . Hätte Ihnen doch Ihr edelmütiges und über alles Mißtrauen erhabnes Herz eher erlaubt, die Falten des seinigen zu durchschauen. Ich bekenne es, schon lange haben nur zu gewisse Nachrichten einen geheimen Argwohn gegen ihn bei mir unterhalten – vielleicht war es meine Schuldigkeit, es Ihnen eher zu melden – ich fürchte, seine verborgne Feindschaft hat nicht wenig beigetragen, Ihre Gläubiger mit unerbittlicher Strenge zu bewaffnen. Clerdon . Granville kann treulos handeln! Henley . Ich sehe es, Ihr Herz weigert sich, ihn für einen Verräter zu halten. So lesen Sie denn diesen Brief selbst; Sie kennen seine Hand. Dieser muß Sie einem vielleicht schmeichelhaften, aber gefährlichem Irrtume entreißen – (Für sich, indem Clerdon liest.) Seine Blicke sind Wut – ich triumphiere. Clerdon (nachdem er ihn durchgelesen) . Ich habe ihn gelesen, und ich verfluche seinen Urheber. Dieser Augenblick ist der Tod unsrer Freundschaft. Wo Rache, Wut, Verzweiflung – Worte mangeln meinen Empfindungen – Welche abscheuliche Gesinnungen entweihen dieses Blatt! Er beschwört Sie – der Treulose! – er beschwört Sie, mir alles so lange zu verhehlen, bis die Verbindung mit seiner Schwester völlig geschlossen und sie dann beide öffentlich über mich triumphieren könnten – triumphieren? Ja, ich will ihnen die Freude dieses Triumphs verbittern. Lassen Sie mich, ich eile zu ihm, meine Rache – Henley (der ihn zurückhält) . Wo wollen Sie hin, Clerdon? Ihre Hitze macht Sie unbedachtsam. Granville kann vielleicht den Augenblick zu Ihnen kommen. Allein wo Ihnen unsre Freundschaft teuer ist, wo Sie mir einige Erkenntlichkeit für das, was ich Ihnen heute aufopfre, schuldig zu sein glauben, so verhehlen Sie ihm unsre Unterredung. Nie kann man vorsichtig genug sein, Freundschaften aufzurichten, und nie vorsichtig genug, schon geschloßne zu trennen. Es ist wahr, Sie haben bereits unverwerfliche Zeugnisse von Granvillens Treulosigkeit. Wird es indessen nicht besser sein, auch dem mindsten Scheine der Ungewißheit auszuweichen? Reden Sie mit dem Granville, verstellen Sie sich, tun Sie, als hätte Sie sein Vorschlag, mit ihm ein Einsiedler zu werden, überredet. Lenken Sie das Gespräch auf seine Schwester. Finden Sie, daß uns der Brief nicht hintergangen hat, daß seine Schwester gegenwärtig ist und er es doch für Ihnen verborgen hat, so ist leider – Sie werden es selbst wissen, welche unglückliche Folgerung Sie daraus ziehen müssen – doch wie sehr wünschte ich, wir irrten uns, und Granville wäre unschuldig! Clerdon . Ich fürchte, dieser Versuch wird mir mühsam werden. Ich war stets zu stolz, die Verstellung zu Hülfe zu rufen, und da ich in ihren Künsten ein Fremdling bin, versagt sie mir vielleicht itzt ihren Beistand. Henley . Und dennoch müssen Sie alle Ihre Kräfte aufbieten, in diesem Versuch glücklich zu sein. Ich wiederhole es, so teuer Ihnen unsre Freundschaft, ja Ihr eigen Wohl ist – doch es kommt jemand; vielleicht ist's Granville – Noch einmal, liebster Clerdon, beschwöre ich Sie – Clerdon . Fürchten Sie nichts; Ihren Wunsch zu befriedigen, würde ich auch das schwerste Geschäfte nicht ausschlagen. Dritter Auftritt. Clerdon, Granville. Clerdon (für sich) . Ja, er ist's; beherrsche dich, aufwallendes Herz! Granville . Ich suchte Sie, Clerdon. Ich bin voll Ungeduld, unser unterbrochnes Gespräch zu erneuern. Sie schienen überwunden zu sein; darf ich mir mit diesen glorreichen Triumphe noch schmeicheln? Clerdon . Ihre Gründe, Granville, sind bei mir nicht fruchtlos gewesen. Granville . So bin ich der glücklichste der Menschen! Ein Überfluß unaussprechlicher Freuden drängt sich in mich. Itzt umarme ich in Ihnen den nicht mehr verdunkelten Clerdon – den Verehrer der Tugend und der Religion. O Clerdon, sein Sie stolz auf diesen Namen! Wenn einst der Glanz aller übrigen wird dahin sein, so wird dessen Schimmer noch unsterbliche Strahlen von sich werfen – Was sehe ich? Sie wenden sich von mir? – Sie scheinen meine Umarmungen zu fliehn? Wider Ihren Willen dringen Seufzer hervor; was verkündigt mir dieses ungewöhnliche Bezeigen? Clerdon . Bei meinen itzigen Umständen befremden Sie die Spuren der Traurigkeit, die Sie an mir bemerken? Granville . Umsonst suchen Sie mir auszuweichen. Ihr Gesicht verrät einen geheimen Schmerz, es verrät Abscheu, Mißtrauen – Ihre Blicke weigern sich, den meinigen zu begegnen – Clerdon, ist's möglich! – war ich fähig, Sie zu beleidigen? Clerdon . Sie sind mein Freund, Granville? Granville . Sie fragen mich das, und eine Träne zittert in Ihrem Auge, da Sie es tun? Womit verdiente ich dieses quälende Mißtrauen? Fände ich doch gleich itzt Gelegenheit, Ihr Glück mit meinem Leben zu erkaufen! dies sollte meine Antwort sein. Clerdon (für sich) . Der Treulose! wie unterwiesen er in der Verstellung ist! Granville . Sie antworten nichts, Clerdon? Ein schrecklicher Argwohn muß sich Ihrer bemächtigt haben. Eröffnen Sie mir ihn; fürchten Sie nicht, mich zu beleidigen; so schimpflich er auch sein mag, so werde ich nichts tun, als mich verteidigen und es denen verzeihen, die ihn vielleicht erweckten. Sie kennen mich, mein Herz erniedrigte sich nie zu dem, was man Rache nennt. Clerdon . Sie werden zu leicht unruhig. Ich setze kein Mißtrauen in Ihre Freundschaft. Granville . Die Verwirrung Ihrer Blicke und der Kaltsinn Ihrer Versichrungen widerlegen Sie – doch vielleicht wollen Sie nicht, daß ich diesem Geheimnisse weiter nachforschen soll; ich gehorche Ihnen, so marternd mir auch diese Ungewißheit ist – welcher Qual wollte ich mich nicht unterwerfen, Ihnen gefällig zu sein! – Nur um dieses einzige beschwöre ich Sie, versichern Sie mich, daß Sie mich noch lieben. Schlagen Sie mir diese Bitte nicht ab; sie ist meinen Herzen von unschätzbarem Werte. Lieben Sie mich noch, Clerdon! Clerdon . Ob ich Sie liebe? Granville . Sie seufzen, Sie stocken – mein Unglück ist gewiß! Clerdon (kaltsinnig) . Nein doch – ich liebe Sie. Granville . Ich danke Ihnen unendlich für diese Versichrung, obgleich eine Zeit war, da sie vielleicht weniger Kaltsinn würde begleitet haben. Clerdon (nach einigem Stillschweigen) . Sie urteilen stets gerecht, Granville. Was würden Sie wohl von einem Freunde halten, dessen Herz zu der Zeit, da seine Lippen von Zärtlichkeit überflossen, von dem Vorhaben voll wäre, einen bedrängten Freund gänzlich zu verderben, seine Liebe, seine Ehre, alles, was ihm das Kostbarste ist, anzugreifen und zur Beschönigung – Granville . Halten Sie ein mit diesem schrecklichen Abrisse. Ein Ungeheuer wäre er, würdig, zu der niedrigsten Klasse der Bösewichter verstoßen zu werden – Ich erstaune über diese Frage von Ihnen. Clerdon . Sie scheinen heute besonders fruchtbar an argwöhnischen Vorstellungen zu sein. Wir wollen einen angenehmern Stoff zu unsrer Unterredung wählen – Man hat mir gesagt, Miß Amalia, Ihre Schwester, habe Sie hieher begleitet. Ich habe diesem Gerüchte nicht trauen können. Granville sollte mir aus etwas ein Geheimnis gemacht haben, von dem er weiß, wie zärtlich es mich angeht? (Für sich.) Er ist schuldig, seine Verwirrung ist sein Verräter. Granville . Ich bin verdrüßlich, daß man Ihnen etwas zeitiger eröffnet hat – Clerdon (erhitzt) . Wie! so ist es denn an dem? Ein so feindselig Mißtrauen von dem, der sich meinen Freund nennt! – in einer Sache, die mir die teuerste ist – ja, mein Argwohn ist gewiß. Umsonst suchen Ihre einnehmenden Liebkosungen ihn einzuschläfern – ich bin hintergangen – Treulosigkeit und Rachsucht – Granville . Sie reden von Treulosigkeit, von Rachsucht, und das mit mir? Clerdon (für sich) . Meine Hitze verrät mich. (Zum Granville.) Verzeihen Sie diesen jählingen Aufwallungen einer beleidigten Ehre und Freundschaft. Dieser Schein des Mißtrauens, ich leugne es nicht, schmerzet mich. Granville . Ein geheimes Gift, das unsrer Freundschaft den Tod droht, muß Ihr Innerstes durchdrungen haben. Ihr ganzes Bezeigen sagt mir etwas, dessen genauere Bestimmung Ihre Lippen mir so unerbittlich verweigern. Ich sehe zum voraus – nein, ich kann diese traurige Ahndung nicht aussprechen. Könnte ich doch dieses unglückliche Geheimnis so leicht entwickeln, als es mir leicht sein wird, mein Verhalten gegen alle Vorwürfe des Mißtrauens zu rechtfertigen. Vergönnen Sie mir, daß ich mich entferne; ich werde bald wieder bei Ihnen sein und allen Ihren Argwohn zerstreuen. Vierter Auftritt. Clerdon. Clerdon . Geh nur, Elender, und hoffe es dann, wenn du mich ebenso blödsinnig wirst gemacht haben, als du mich unglücklich zu machen gedenkst. Alle meine Zweifel sind nun verschwunden. Seine Treulosigkeit ist nur zu gewiß. Umsonst scheute sich mein Herz, dem Henley zu glauben – Und warum? – Kannte ich nicht die Hand des Verräters? Nur ihr, zu standhafte Triebe einer betrogenen Freundschaft, nur ihr strittet für ihn – hinweg, euch höre ich nicht mehr; die Gewißheit soll die Wut meiner Rache verdoppeln. Sein Verderben – sein gänzliches Verderben. – Fünfter Auftritt. Clerdon, Henley. Clerdon (sobald er den Henley erblickt) . Er ist schuldig, Henley. Mitten unter den erkünstelten Schmeicheleien, die wider meinen Verdacht kämpften, drang ich bis zu seinen entsetzlichen Absichten hindurch. Ich nannte seine Schwester; er geriet in Verwirrung, er gestand – Freund, nehmen Sie teil an meiner Wut. Granville ist schuldig, er ist der niederträchtigste Treulose. Henley . Sie verließen einander ohne Zweifel sehr aufgebracht? Clerdon . Noch wollte er sich verteidigen, noch glaubte er sich unter den Hüllen der Verstellung sicher, so gewiß war er seiner Erfahrung in derselben, mit so vieler Kunst suchte er mich ins Verderben zu stürzen; er versicherte mich, da er mich verließ, er wolle bald zurückkehren und sich vollkommen rechtfertigen. Henley . Wie sehr fürchte ich, er werde sich endlich Ihres Vertrauens wieder bemeistern, und dann sind Sie der ganzen Willkür seiner geheimen Feindschaft überlassen. Er ist ein zu großer Künstler im Betruge. Clerdon . Besorgen Sie nichts; ich werde unüberwindlich gegen seine List sein. Alles redet wider ihn, sein eigner schändlicher Brief, die Warnung des Unbekannten, die für mich geheimgehaltene Gegenwart seiner Schwester – Ja, Henley, Sie selbst würde ich für meinen Feind achten, wollten Sie ihn noch entschuldigen. Henley . Auch Ihr Haß, so fürchterlich er mir sonst ist, würde mich nicht abschrecken, Freunde wieder zu versöhnen – das freudigste Geschäfte für edelmütige Seelen! – wäre nur nicht – mit Schmerzen bekenne ich es – aller Weg, ihn zu entschuldigen, verschlossen – was sind indessen Ihre Absichten? Von mir können Sie überzeugt sein, daß ich eher den Tod wählen als mit dem Raube meines Freundes mich bereichern würde. Ein anderer wird also das Werkzeug werden, durch das man Ihnen den tötenden Streich beibringt. Wollen Sie wohl einem andern diejenige geruhig überlassen – Clerdon . Der bloße Gedanke einer solchen Niederträchtigkeit beschimpft mich. Sollte ich meine Ehre, meine Liebe – denn ich muß es Ihnen gestehn, noch itzt liebe ich Miß Granville, und ich fühle es, diese Leidenschaft wird nur mit mir selbst sterben. Mitten unter meinen Ausschweifungen, da jedermann sie für erstickt hielt, da ich mich recht ängstlich zu bestreben schien, mich der, die ich so unaussprechlich liebte, zum Abscheu zu machen, selbst da war sie nur betäubt, und oft war es an dem, daß sie mich siegend zu ihren Füßen zurückführen sollte. Bei meiner Entfernung von London erwachte sie völlig. Ich verhehlte Ihnen meine Schwachheit. Dank sei meinem Unglücke, ich fand stets Ursache genug, meine Schwermut zu rechtfertigen, ohne des Anteils, den diese daran hatte, zu erwähnen. – Und ich sollte den Anblick ertragen können? – diejenige, die ich anbete, die schon durch die heiligsten Versicherungen die meinige ist, in eines andern Armen – dieser Triumph sollte des Elenden Untergang sein – ich sollte sehen, daß Granville, dieser Niederträchtige, dieses Ungeheuer – hier vereinigen sich alle meine empörten Bewegungen, hier wird meine ganze Seele Rache. Ich will, wenn es möglich ist, grausamer, unmenschlicher gegen ihn sein, als er es gegen mich ist. Henley . Wie freue ich mich, Sie in einer Ihrer so würdigen Verfassung zu erblicken! Solange man es mit einiger Hoffnung versuchen konnte, entschuldigte ich Granvillen. Itzt würde ich ihm ähnlich und gleich treulos sein, wenn ich nicht den edelmütigen Zorn Ihrer beleidigten Ehre billigen sollte. Ja, eilen Sie zu ihm; ohne ihm Zeit zu lassen, zu erkünstelten Entschuldigungen zu flüchten, müsse ein rächender Dolch – Clerdon (aufgebracht) . Was raten Sie mir, Henley? Henley . Was die Ehre befiehlt, was Ihre Pflicht ist – Granvillen zu töten. Clerdon . Granvillen zu töten? Henley . Sie stutzen? sind Sie noch zweifelhaft? Clerdon . Ich soll niedrig genug sein, mich der Schmach eines Meuchelmordes zu unterwerfen? Ich soll ehrlos werden, die Rechte meiner verletzten Ehre zu ahnden? Henley . Mein Eifer hat verursacht, daß ich zweideutig redete. Zwingen Sie ihn zum Zweikampf, nur unter solchen Umständen, daß er ihn nicht ausschlagen kann. Geben Sie ihm Raum, sich zu entschuldigen, so sind Sie verloren. Clerdon . Wozu muß mich dieser Unglückselige bringen! Ach, Henley, wüßten Sie, welch ein Tumult, welch ein Kampf widerwärtiger Bewegungen diese Brust zerreißt! – Wie sehr habe ich ihn nicht geliebt! mit Freuden hätte ich einst mein Blut für ihn verschwendet. Und er mußte mich so treulos hintergehn? und ich soll ihn – Sie sehn meine Tränen hervorbrechen; tadeln Sie sie nicht, sie beweinen den Tod einer Freundschaft, die sonst das Glück meiner Tage war. Henley . Ich beklage sie und verabscheue den Granville immer heftiger. Jede Träne, die Sie um ihn weinen, erhöht sein Verbrechen. Doch itzt müssen Sie alle diese erweichenden Vorstellungen entfernen. Sie würden nur Ihren strafenden Arm ohnmächtiger machen. Töten Sie den Verräter, und dann bedauern Sie, daß er Sie dazu zwang. Clerdon . Werde ich mich aber hierdurch dem Ziel meiner Wünsche nähern? Wird seine Schwester eine Hand annehmen, von der das Blut ihres Bruders herabträufelt? Unsinn wär' es, dies nur zu denken. Henley . Und werden Ihre Wünsche vergnügt werden, wenn Sie es unterlassen? Werden Sie nicht zugleich unglücklich in Ihrer Liebe, beschimpft, ungestraft beleidigt, erniedrigt in den Augen Ihrer Freunde und der Spott des frohlockenden Granville sein? Nein, Clerdon, rächen Sie sich, und überlassen Sie das übrige dem Geschicke. Vielleicht kann man die Hand vor ihr verbergen, durch die ihr Bruder fiel – vielleicht kann die Zeit – doch was erwähne ich das? Sie können unmöglich klein genug sein, daß solche Gedanken Ihre Rache entwaffnen sollten – noch sind Sie zweifelhaft? Clerdon . Ich muß gestehn, es war eine Zeit, da ich nicht vorteilhaft von dem Zweikampfe dachte. Ich hielt ihn für einen nur feierlichern Frevel, für eine prahlende Niederträchtigkeit. Henley . O erwähnen Sie niemals, ohne schamrot zu werden, die schimpflichen Zeiten Ihrer Verblendung! Alles nichts als Vorurteile, die uns zu Verzagten erniedrigen wollen? Danken Sie es Ihrem Geschicke, daß Sie diesen abergläubischen Irrtümern entsagt haben, die itzt Ihre zur Rache schon aufgehabne Hand fesseln würden – ein Geräusch erhebt sich, vermutlich ist's Granville, der zu Ihnen zurückkehrt. Ich muß seiner Gegenwart ausweichen. Erinnern Sie sich, wie heilig Sie mir versprochen, nichts gegen ihn von mir und seinem Vorhaben zu gedenken. Daß Sie es wissen, darf er nicht eher erfahren, als bis er Sie im Begriff sieht, es zu strafen. Sechster Auftritt. Clerdon, Amalia, Granville. Clerdon (für sich) . Was seh' ich! – Himmel! – Granvillens Schwester! – Granville . Entschuldige mich, meine Schwester, bei unserm Freunde, daß ich ihm deine Anwesenheit nicht eher entdeckt habe. Er zürnt mit mir wegen dieser Verbergung; deine Fürsprache wird ihn vielleicht besänftigen. (Zum Clerdon.) So bestürzt, Clerdon? Clerdon . Verzeihen Sie mir, Miß, meine Verwirrung – dies unvermutete Glück – Ihre Gegenwart – das Andenken meiner Verbrechen – Amalia . Die Bewegung, in der ich Sie erblicke, läßt mich hoffen, daß mein Andenken bei Ihnen noch nicht ganz erloschen ist. Clerdon . Ich sollte Sie vergessen – Wie? haben Sie jemals einen so grausamen Gedanken von mir fassen können? – doch worüber beschwere ich mich? Haben Sie nicht meine frevelhaften Ausschweifungen – Granville . Erwähnen Sie ihrer nicht, Clerdon; auf ewig müssen sie künftig aus unsern Unterredungen verbannt sein. Sie müssen dieses marternde Andenken unterdrücken. Clerdon . Kann ich es jemals, da ich Sie, Miß, dadurch beleidigte? Doch Sie sind gerächt. Ich seufze unter einer Last von Unglücksfällen – und ich habe sie alle verdient – zwar nie dadurch, daß ich aufgehöret hätte, Sie anzubeten; nein, Miß, nicht einen Augenblick ist Ihr Bild aus meinem Herzen verdrängt worden, selbst da nicht, da ich der unempfindlichste Bösewicht zu sein schien; selbst da ängstete es mich mit rächenden Qualen. Der Gedanke, von Ihnen gehasset zu werden, hat alle meine Leiden zu einer Höhe emporgetrieben, die mir den Tod wünschenswert macht. Ich fühle seine herannahende zerstörende Gewalt, und vielleicht wird im kurzen – Sie scheinen gerührt, Miß, Ihre Augen fließen von gütigem Mitleiden über, (er wirft sich ihr zu Füßen) ach, ich bin dessen unwert! Amalia . Stehn Sie auf; mein Herz redet für Sie. Ich weiß nicht mehr, daß mich Clerdon jemals beleidigte. Clerdon . Himmlische Gütigkeit – teuerste, großmütigste Miß, können Sie das zu einem so verworfnen Verbrecher sagen? Unaussprechliches Glück! – ich kann es nicht fassen. Vergeben Sie diesen überströmenden Freuden, dieser hinreißenden Zärtlichkeit – hier zu Ihren Füßen lassen Sie mich (er will sich ihr zu Füßen werfen) – doch – was tue ich? (Für sich.) Ich soll sie verlieren? Entsetzlicher Gedanke! Amalia . Sie erschrecken mich, Clerdon. Woher diese jählinge Veränderung? Sie wenden sich weg, die Verzweiflung ist in Ihren Augen. Clerdon (außer sich) . Ich soll Sie verlieren! Amalia . Welche entsetzliche Blicke werfen Sie auf mich? Fassen Sie sich, Clerdon, rufen Sie Ihre verirrten Sinne zurück. Granville . Liebster Clerdon – das Entsetzen widersteht meinen Worten – Liebster Clerdon, erwachen Sie aus dieser schauervollen Betäubung. Kennen Sie mich nicht mehr, kennen Sie nicht mehr Ihren Granville? Clerdon (heftig) . Ja, ich kenne ihn. Granville . Ihr Ton ist wütend, Ihre Blicke strahlen nichts als Grimm und Abscheu auf mich, Sie stoßen meine Arme, die Sie zu umfassen begehren, mit Unwillen zurück? O mein Freund – Clerdon . Entweihen Sie diesen Namen nicht; es war eine Zeit, da er die Wollust meines Ohres war – Granville . Und diese Zeit ist vorbei? und das mußte ich jemals von Ihnen hören? Doch Sie bleiben mein Freund. Mit so vieler Grausamkeit Sie mir auch begegnen, so können sich meine Lippen doch nicht gewöhnen, Sie anders als Freund zu nennen. Clerdon . Warum zerreißen Sie mein Herz, Unglücklicher? Es ist zu schwach, Ihren schmeichelnden Künsten zu widerstehn. Nehmen Sie mein Leben, ich überlasse es Ihnen, suchen Sie nicht durch marternde Umschweife eine Rache zu sättigen – Granville . Ich an Ihnen meine Rache sättigen? ich Ihr Leben rauben? Mit Entzücken würde ich für Sie das meinige aufopfern – Ihr Bezeigen, Clerdon, bestätigt nur zu sehr meine Furcht – Sie müssen etwas vor mir verhehlt halten – einen Verdacht, der mich in Ihren Augen zum Ungeheuer macht. Amalia . Ihre Reden haben alles in mir in Aufruhr gesetzt. Klären Sie, ich beschwöre Sie, die fürchterlichen Dunkelheiten auf. Clerdon . Möchte eine ewige Nacht sie begraben! möchte ich diese Abscheulichkeiten nie erkannt haben! Grausamer Freund, daß du mir sie eröffnetest! Warum werd' ich nicht unwissend ihr Opfer. Amalia . Können Sie gegen meine Bitten so fühllos sein? Wo Sie mich jemals geliebt haben, Clerdon – und Sie versicherten mich ja, daß Sie mich noch liebten, so stillen Sie mein Verlangen, erklären Sie dieses traurige Geheimnis. Clerdon . Wo Sie es noch nicht wissen, so wünschen Sie nie, es zu erfahren. Graun und Entsetzen ruhen darauf, eine Hölle von Frevel ist darinnen beisammen. Noch einmal beschwöre ich Sie, Miß, dringen Sie nicht weiter in mich, ich würde die heiligsten Rechte der Freundschaft und Vertraulichkeit verletzen, wenn ich Ihnen gehorchte. Amalia . So wollen Sie unerbittlich bleiben, so wollen Sie mich der Angst, dem Schrecken, den heftigsten Qualen – und die ich für Ihr Schicksal fühle – aufopfern? Können Sie mich über eine Sache, die Ihr Wohl so nahe angeht, unruhig lassen? – Vielleicht wissen Sie nicht, wie nahe das meinige damit verwandt ist – Hören Sie auf, meinem Flehen länger zu widerstehen. Wenden Sie Ihre Blicke nicht weg, suchen Sie sich nicht gegen die Gewalt meiner Tränen zu verhärten. Ihr Herz, Clerdon, schien einst nicht zur Fühllosigkeit geschaffen zu sein. Granville . Geben Sie den vereinigten Bemühungen der Liebe und Freundschaft nach. Haben Sie Mitleiden mit den tötenden Schmerzen, womit Ihr hartnäckiges Schweigen mich erfüllt. Vormals in den glücklichen Tagen unserer Freundschaft – warum mußten diese so schnell vorüberrauschen? – empfanden Sie die geringste Bekümmernis, die mich angriff, heftiger als ich selbst. Clerdon . Ich fühle es, meine Standhaftigkeit ermattet. Wie schwer ist es, Ihnen zu widerstehen, Miß! Ihre Reden haben einen Kampf in mir entzündet, den ich nicht länger aushalten kann. Ich würde treulos handeln, wo ich Sie nicht flöhe. Entschuldigen Sie mich, eine gebieterische Notwendigkeit zwingt mich dazu. (Clerdon geht ab.) Siebenter Auftritt. Amalia, Granville. Amalia . Er verläßt uns in einer solchen Bewegung – in einer so qualvollen Ungewißheit – Traurige Anzeichen! wie wird mir das Vergnügen, ihn wiederzusehn, vergiftet! Granville . Nur zu sehr fängt dieses unglückliche Geheimnis an, sich mir aufzuhellen. Ein Treuloser hat sein Herz wider mich aufgebracht – Sollte es wohl Henley sein? Er war der Zerstörer seiner Tugend – doch ihn eines so schwarzen Frevels anzuklagen, bloß weil er andre begangen, wäre ungerecht – Komm, meine Schwester, wir müssen alles versuchen, uns aus dieser Ungewißheit herauszudrängen. Gelingt es mir, so will ich bald das Herz meines Clerdon wieder erobern, aller Argwohn soll sogleich verschwinden, und dann bestrafe ich ihn durch die zärtlichsten Liebkosungen, daß er so ungerecht von mir dachte. Ende des dritten Aufzugs. Vierter Aufzug. Erster Auftritt. Clerdon. Clerdon . Bald wäre ich überwunden worden – bald hätte diese schmeichelnde, diese zärtliche Stimme, an deren sanfte Herrschaft mein Herz so gewöhnt ist, alle meine Anschläge triumphierend zernichtet – wäre nicht Granville dabei gewesen! Dank sei dem verhaßten Anblicke dieses Treulosen, ich empfing von ihm Wut genug, der gebietrischen Macht so vieler Reizungen zu widerstehn – Doch warum führte er sie zu mir? sollte er – nein, er kann nicht unschuldig sein; der Brief des Unbekannten – sein eigner – diese mißtrauische Verhehlung – Henley, den im Verdacht eines Betrugs zu haben, ein Frevel wäre, alles ist wider ihn – und ich muß mich dann rächen? – in seinem Blute – Blut meines Freundes, dich soll ich vergießen? Er soll sterben, er, für den ich mein Leben einst mit Freuden würde hingegeben haben, er, der Bruder derjenigen, die ich anbete? Und werde ich nicht ihr zugleich den Dolch in die Brust stoßen? Werde ich stark – unmenschlich genug sein, den Anblick auszuhalten? Werden mich ihre bangen, angstvollen Blicke, ihr liebenswürdiges Gesicht, mit einer Flut von Tränen überschwemmt, ihre Seufzer, ihre rührenden Klagen, ihre Verzweiflung, wenn sie das Blut des Bruders von den Händen des Geliebten fodern soll – des Geliebten? – sie liebt mich ja nicht mehr, sie ist ja für einen andern bestimmt – für einen andern? – und ich bestimmt, verworfen, verachtet, mit Schmach überhäuft, ein niedres Denkmal des Triumphs eines Bösewichts zu sein? Und ich bin noch zweifelhaft? – Nein, es ist entschieden; ich fühle es, nie empfundne Bewegungen ergreifen mich. Ich höre dich, Stimme der Rache, der Wut, der Verzweiflung, du foderst Blut! – Dir soll gehorcht werden – ich wage den Streich – vielleicht verfluche ich ihn, wenn er gewagt ist – es sei, ich wage ihn. Zweiter Auftritt. Clerdon, Henley. Henley (heftig) . Diese Treulosigkeit geht zu weit – dieser entsetzliche Frevel übersteigt alles – Sie erblicken mich, Clerdon, ganz zerrüttet – Der Zorn, das Erstaunen vergönnt mir kaum zu reden. Clerdon . Ihr Schrecken wird das meinige; wo kommen Sie her? Henley . Von einer Szene voll Abscheu, voll Entsetzen – Alles empört sich in mir, wenn ich ihrer gedenke. Diesen Augenblick sprach ich mit dem Granville – die Wut funkelt in Ihren Augen bei dem Namen dieses Treulosen; o möchte sie bald verdientes Verderben auf sein Haupt schleudern! – Kurz darauf, nachdem Sie der Verräter mit seiner Schwester verlassen, suchte er mich auf. Ich übergehe die schmeichelhaften Anträge, die seinen Brief bekräftigten. Er gestand, er habe sich gezwungen gesehn, seine Schwester, da ihre Anwesenheit Ihnen zu seinem Verdrusse zur Unzeit wäre bekannt worden, zu Ihnen zu führen. Er hoffte indessen, durch seine Liebkosungen und Versicherungen allem Argwohn vorgebeugt und Ihre einfältige Gutwilligkeit, wie er sich ausdrückte, genugsam eingeschläfert zu haben. Nach vielen Reden, die so voll bittrer Spöttereien über Ihr itziges Unglück und unbändiger Rachsucht gegen Sie waren, daß ich mich sie zu wiederholen scheue, eröffnete er mir, die Sicherheit seiner Absichten erfodere, daß er diese Nacht mit seiner Schwester in der Stille von hier aufbräche; ich möchte ihm folgen, unsre Verbindung sollte sodann sogleich an einem Ihnen unbekannten Orte vollzogen werden, und hierauf wolle er zurückkehren, um den Rest Ihrer Hoffnungen durch den Anblick aller Ihnen nun geraubten Mittel, aus ihren Bedrängnissen sich zu retten, vollends niederzuschlagen; er frohlockte bereits – Clerdon . Wo verließ er Sie? Henley . Er ging in die schattigen Gänge dieses Gartens, vielleicht daselbst seiner Rache – (Clerdon eilt wütend ab.) Dritter Auftritt. Henley. Henley . Mein Triumph ist gewiß. Grimm und Blutdurst brannten in seinen Augen. Trunken von Rache, nicht mehr Meister über sich, weiß er nicht, zu welchem Frevel er eilt. Bald werde ich ihn mit dem Blute seines treuesten Freundes überdeckt erblicken. O Wollust, wenn nun alle betrügerischen Nebel für seinen Blicken zerfließen, wenn er nun erkennen wird, wessen Brust er durchbohrt hat! wenn Schmerz, Reue, Verzweiflung seine Seele gleich aufrührischen Wogen durchstürmen, wenn er nun alles verloren und ich dann, der Urheber seines Elends, mit triumphierendem Hohn auf seine Ruinen herabsehe! – Doch den treulosen Widston muß ich zuvor entfernen; meine Rache hätte ihn bereits getroffen, fürchtete ich nicht, daß meine Absichten mit Clerdon – er naht sich, ich muß mich verstellen und mich von seiner hinderlichen Gegenwart mit List entledigen. Vierter Auftritt. Henley, Widston. Widston . Man hat mir gesagt, mein Herr, daß Sie mich zu sprechen verlangten. Henley . Ja, Widston, vereinige deine Freude mit der meinigen, wünsche mir Glück. Bald ist meine Rache vollführt, bald ist Clerdon der Unglücklichste – du entfärbst dich? Wie! welchen Teil nimmst du an seinem Schicksal? Widston . Keinen, mein Herr. Henley . Ha, Verräter! die Verstellung ist fruchtlos. Ich kenne deine Treulosigkeit – der Brief an Clerdon – Widston . Ja, er war von mir. Ich sehe, mein Herr, Sie haben alles erfahren. Ich bin entdeckt und, ich weiß es, dem Tode nahe. Doch, wo die Worte eines Menschen, der so lange ein Diener Ihrer Gewalttätigkeiten gewesen, bei Ihnen einiges Gewicht haben, so sättigen Sie Ihren Grimm an mir und verschonen Sie Ihres unglücklichen Freundes. Er wirft sich in Ihre Arme, sein Herz weiß nicht, wie es etwas für Sie verbergen soll; die feurigste Zärtlichkeit spricht aus ihm, wenn er Ihrer gedenkt, er hält Sie für seine einzige Zuflucht, für den Trost seiner Bedrängnisse. – Und Sie könnten ein Vergnügen finden, ein Herz zu peinigen, das Sie unaussprechlich liebt? – Womit hat er Sie jemals beleidigt! Er besaß Vorzüge, die den Ihrigen schadeten; beruhigen Sie sich, Sie haben ihn von diesem schimmernden Gipfel herabgestürzt; kann Ihnen das nicht genug sein? Sie haben ihn seines Vaters, seiner Geliebten, seines Freundes, seines Vermögens und, was das Wichtigste ist, seiner Tugend beraubt; itzt wollen Sie ihm noch alle Mittel, sich zu retten, entwenden und, da er hier nichts mehr zu verlieren hat, den rächenden Arm selbst über seine künftigen Hoffnungen verwegen erheben – O mein Herr, wo Sie nicht wollen, (er fällt ihm zu Fuße) daß ein unversöhnlicher Fluch Ihr Grab noch verfolgen soll, wo der Gedanke jener fürchterlichen Ewigkeit etwas bei Ihnen vermag, so stehen Sie von dem entsetzlichen Vorhaben ab. Henley . Stehe auf, Widston, ich fühle es, ich bin überwunden. Widston . In welches Entzücken setzen Sie mich. Wie, so dürfte ich hoffen? – Henley . Ja, es ist geschehn; dein Brief, den ich bei dem Clerdon erblickte, die Freundschaft und Zärtlichkeit dieses Unglücklichen machten bereits meinen Entschluß wankend. Alles, was ich dir itzt von meiner bald hinausgeführten Rache sagte, der Zorn, den ich gegen dich äußerte, alles war Verstellung, die mich nur gewisser machen sollte, daß du der Urheber des Briefs an Clerdon seist. Deine Bitten haben mich vollends entwaffnet. Ich verzeihe dir, ich schenke dem Clerdon meine Freundschaft wieder, und ich werde eben die Bemühungen anwenden, seine Leiden zu enden, die ich vorhin verschwendete, ihn in neue zu verwickeln. Du kannst dich bei meinem Versprechen beruhigen. Widston . Ja, es beruhigt mich; was sollte Sie bewegen, sich gegen einen Elenden zu verstellen, der in Ihrer Gewalt ist? Henley . Du siehst, wieviel ich dir verzeihe; belohne mich dafür mit einer Offenherzigkeit, die du mir sonst nie zu versagen pflegtest. Was bewog dich, einen so zärtlichen Anteil an dem Geschicke des Clerdon zu nehmen und zugleich ein Verbrechen – itzt nenne ich es so – hintertreiben zu wollen; dich, der sonst nur zu fertig war, sie auszuführen? Ich wiederhole es, alles ist vergeben; deiner Verstellung würde alle Beschönigung mangeln. Widston . Der leutselige Charakter des Clerdon, seine vorzügliche Güte gegen mich hatten ihm mein Herz erobert. Noch mehr aber bewog mich der Anschlag selbst, an den ich auch noch itzt – ich rede frei – nicht ohne Schauer denken kann. Das Entsetzliche, das ihn begleitete, da er bis über dieses Leben hinausging, erweckte auf einmal zu graunvolle Vorstellungen in mir. Mein sonst fühlloses Herz ward aufgebracht. Meine Einbildung schreckten die fürchterlichsten Bilder. Überall glaubte ich einen Abgrund zu sehn, der mich zu verschlingen drohte, wo ich schwiege. Gedrungen, wider meinen Willen ward ich ein Verräter – itzt danke ich dem Himmel, daß ich es geworden bin. Henley . Zu Clerdons und selbst meinem Glücke bist du es worden. Ich werde von nun an die süßen Freuden großmütiger Versöhnlichkeit schmecken, ohne dich mir ewig fremde, ungefühlte Freuden – Doch ich wünschte, du möchtest dich von hier entfernen. Clerdon, der dich für den Urheber des Briefs hält, wird ohne Zweifel bei dir nach den weitern Umständen forschen. Dies könnte dich in Verlegenheit setzen oder vielleicht aufs neue eine tödliche Feindschaft unter uns beiden entzünden und mich nötigen, Absichten, die ich itzt verworfen, wieder zu ergreifen. Ich will dies durchaus nicht. Ewig muß ihm dieses unglückliche Geheimnis verborgen sein. Begib dich sogleich auf mein Gut, und laß alles sich anschicken, mich und den Clerdon und vielleicht mehrere Freunde zu empfangen; ich will indessen arbeiten, sein Gemüt zu beruhigen und sein Glück wiederherzustellen; sobald mir dieses gelungen ist, folge ich dir, und dann wird alles in Vergessenheit begraben sein. Widston . Ich werde Ihren Befehl aufs sorgfältigste vollstrecken. Henley . Ich höre jemand kommen. Entferne dich und reise sogleich ab. Vor allen vermeide den Clerdon. Widston . Ich gehorche. (Er geht ab.) Henley . Das fürchterlichste Hindernis ist hinweg – Geh nur, Elender, bald werde ich dir folgen und Tod und Rache mit mir! Fünfter Auftritt. Henley, Clerdon. Henley . Nun, Clerdon, haben Sie Ihre Schmach geahndet? Haben Sie den treulosen Granville – Clerdon (in heftiger Bewegung) . Wo bin ich – wer rettet mich? Henley . Fassen Sie sich; Sie sind bei Ihrem treusten Freunde. Wovon sollte ich Sie retten? Niemand ist hier, der Sie beleidigen will. Clerdon . Hören Sie jenes sterbende Röcheln? – Wie entsetzlich tönt es in meinen Ohren! – erblicken Sie nicht den bleichen blutigen Körper, wie furchtbar er mir droht? Henley . Ihre verirrte Phantasie gebiert diese Schreckbilder. Sein Sie ruhig – Clerdon . Ich, ruhig? O Angst! O Verzweiflung! Sehen Sie diese blutigen, diese von Mord noch rauchenden Hände – ich könnte ruhig sein? Henley . Ich sehe, daß Sie einen Treulosen, Niederträchtigen, den unversöhnlichsten Feind Ihrer Glückseligkeit gestraft haben. Clerdon . Vielleicht würden Sie ihm gelindere Namen geben, wären Sie selbst ein Zeuge der schrecklichen Begebenheit gewesen. Henley . Und Sie könnten noch zweifeln – Clerdon . Hören Sie die Umstände dieser abscheulichen Tat, und dann richten Sie. – Sie wissen, wie wütend ich Sie verließ. Ich eilte nach dem Garten. Alles schien sich um mich her in Nacht und Grauen zu verhüllen. Die Erde, wie es mir vorkam, zitterte unter meinen Füßen. Überall erblickte meine aufgewiegelte Einbildung nichts als schauervolle Tiefen, die den entsetzlichen Gang verhindern wollten – vielleicht warnende Stimmen eines gütigen Geschickes! Mein zügelloser Grimm war gegen alles taub. Ich fand den Granville. Er streckte schon die Arme aus, mich in einer zärtlichen Aufwallung zu umarmen. Tobend stürmte ich auf ihn ein und foderte ihn zum Zweikampfe auf. Er entsetzte sich, er flehte, er beschwor mich auf das rührendste, ihm nur sein Verbrechen vorher zu eröffnen; er verschwendete die zärtlichsten Liebkosungen; nichts erweichte mich. Ich entblößte den Degen und fiel ihn an. Er zog endlich den seinigen, sich zu verteidigen – und eine wehmütige Träne entfloß seinem Auge, da er es tat. Zweimal gab ihm meine unbändige und unvorsichtige Hitze mein Leben in seine Gewalt, und zweimal – O Gedanke, der ewig mein Peiniger sein wird! – zweimal wandte er die tödliche Spitze von meiner Brust hinweg. Hätte nicht dieses meine blutdürstige Wut entwaffnen sollen? In dem ganzen Kampfe schien er mit größrer Besorgnis für mein Leben als für das seinige eingenommen zu sein. Diese zärtliche Großmut ward ihm endlich nachteilig. Es gelang mir – wäre es mir doch nie gelungen! Hätte mich doch ein niederschmetternder Donner getroffen, ehe ich den unseligen Streich vollführte! – Ich sah ihn fallen. Ströme von Blut bedeckten ihn. Todesblässe überfloß sein Gesicht. Seine Augen voll Menschlichkeit und Güte wurden verdunkelt, ohne dennoch mit Haß und Abscheu gegen seinen Mörder erfüllt zu werden. Liebreich, mitleidig, mit einer Zärtlichkeit, die ihn in diesem Augenblicke über die Menschheit erhub, wandte er sie auf mich. Dieser Anblick durchdrang mich. Plötzlich sanken jene aufgetürmten Wagen von Wut und Rache, die mich vorhin unwiderstehlich mit sich fortschleuderten, darnieder. Schüchtern entfloh ich – der Unglückliche sammelte seine letzten Kräfte, und anstatt mir Flüche nachzudonnern, bat er mich mit ohnmächtiger wehmütiger Stimme, zu ihm zurückzukehren, nannte mich seinen Freund, seinen geliebten Clerdon – mich, den Unmenschen, der ihn ermorden konnte. Und auch dieses versagte ich ihm noch! Vielleicht haucht er in diesem Augenblicke seine edelmütige Seele aus. Lassen Sie mich zu ihm zurückeilen und zu seinen Füßen für Wehmut sterben. Henley (der ihn zurückhält) . Sie vergessen sich, Clerdon. Wie? Sie wollten sich der Gefahr bloßstellen, von einer Menge Personen, die vielleicht um ihn beschäftigt sind, für den Urheber seines Todes erkannt zu werden. Sie müssen auf Ihre Sicherheit bedacht sein, Sie müssen diesen Ort sogleich verlassen. Clerdon . Wo könnte ich Sicherheit finden? Wohin würde mir nicht die verklagende Stimme des Blutes meines Freundes nachschallen? Wo könnte ich dem Bilde entfliehen, das mir den, den ich so zärtlich liebte, blutig, entstellt, von meiner Hand ermordet zu meinen Füßen liegend vorhält. Diese entsetzlichen Vorstellungen werden gleich unerbittlichen Verfolgern mir überall nacheilen. Überall werde ich Flüche rauschen hören, jeder Ort wird sich um mich her in eine Hölle verwandeln. Henley . Wie können Sie so schwach sein und sich über eine Tat ängstigen, zu welcher Sie die strengste Gerechtigkeit nötigte? Wie? Weil Granvillens Zaghaftigkeit oder Ungeschicklichkeit Ihrer aufrührerischen Einbildung Großmut und die jedem Sterbenden eigne Begierde, jemanden zu seinem Beistande um sich zu sehen, Liebe und Zärtlichkeit schien, reuet es Sie, denjenigen gestraft zu haben, der ein grausames und unmenschliches Vergnügen darinne fand, einen Unglücklichen noch unglücklicher zu machen, ihm sein Kostbarstes zu rauben und dann über seine Schmerzen und Verzweiflung öffentlich zu frohlocken. Clerdon . Ja, es möge so sein, er sei wirklich der Treulose, an dem ich mich zu rächen gedachte. Ist es ein Irrtum, o möchte ich ihn nie verlieren, diesen einzigen Balsam für meine brennende Wunde! – Und dennoch wird selbst dieser sie nicht ganz heilen – Ich habe nun alles verloren, was mir jemals schätzbar gewesen ist, ich habe nun nichts mehr zu hoffen als den Tod. Wie sehn' ich mich nach ihm! Möchte ich doch bald in dem Schoße seiner Finsternisse mich und mein schreckliches Geschick für aller Welt verbergen können! Selbst die Hand der Gerechtigkeit wird mir willkommen sein – Henley . Welch ein Geräusch erhebt sich – Himmel! man führt den sterbenden Granville hieher. Kommen Sie, Clerdon, wir müssen diesen Anblick vermeiden. Clerdon . Ich kann nicht – Ich fühle es, eine geheime unwiderstehbare Macht hält mich zurück. Ich zittre für dieser furchtbaren Szene, und dennoch habe ich nicht Gewalt genug, sie zu fliehen. Henley . Sein Sie zum mindsten vorsichtig, sich nicht zu verraten – mir fällt es ohnmöglich, einen Augenblick hier zu verweilen. Sechster Auftritt. Clerdon. Granville, den Truworth und ein Bedienter führen. Granville . Setzt mich hier nieder, meine Freunde, und entfernt euch. Ich wünschte meine letzten Augenblicke mit meinem Clerdon allein zuzubringen. Bemüht euch nicht, mir Hülfe zu schaffen. Ich empfinde es, sie würde fruchtlos sein – Stille deine Tränen, Truworth, und auch du, dessen Treue gegen mich nicht die Treue eines Bedienten, sondern eines Freundes gewesen – Wie kränkt es mich, daß ich die Welt verlassen muß, ehe ich beiden diese Zärtlichkeit zu vergelten vermag. (Truworth und der Bediente gehn ab. Zum Clerdon, der in einiger Entfernung steht.) Nähern Sie sich, Clerdon. Clerdon . Ach, Unglücklicher, wozu haben Sie mich bringen müssen! Granville . Ich komme nicht hieher, Ihnen Vorwürfe zu machen – ich komme, mich zu rechtfertigen – Das Grab würde mir fürchterlich und grauenvoll scheinen, wenn es mich mit Ihrem Haß beladen empfangen sollte – Sie schlugen es mir vorhin ab, mein Verbrechen mir zu eröffnen. Itzt bitte ich, verschweigen Sie es nicht weiter. Lassen Sie es an dieser Rache genug sein; hören Sie meine Verteidigung an, und gönnen Sie mir, in den Armen meines ausgesöhnten Freundes zu sterben. Clerdon . Konnte in einem Herzen von so großmütiger Zärtlichkeit ein so schwarzes Verbrechen geboren werden? Schauervolle Aussichten! wenn diese vielleicht betrügrischen Hüllen hinwegwichen, wenn ich finden sollte, ich hätte mich geirrt – doch Sie wollen es. So hören Sie denn die unselige Ursache meiner Raserei – Henley zeigte mir einen Brief. Es war Ihre Hand, Ihr Name. Sie trugen ihm darinne Ihre Schwester an; gegen mich hauchten Sie nichts als unversöhnliche Rache wegen meines Betragens in London aus. Sie wollten, wie der Brief redete, mich durch die Zernichtung meiner teuersten Hoffnungen strafen und denn öffentlich über meine Verzweiflung triumphieren – Verhaßter Brief! hätte ich ihn nie gesehn! – Die Verbergung der Ankunft Ihrer Schwester brachte meine von finsterm Verdacht umwölkte Seele noch mehr auf. Endlich trieb eine Unterredung, die, wie Henley vorgab, Sie mit ihm gehabt und die voll der grausamsten Gesinnungen gegen mich war, die Furien meiner Brust aufs höchste. Ich eilte – Hätte eine tödliche Erstarrung doch gleich den ersten Schritt gehemmt! – Denn, sind Sie auch schuldig, Granville, so bin ich doch unglücklich. Granville . Dank sei dir, ewige Güte, daß du mir in meinen letzten Augenblicken die Glückseligkeit gönnest, mich bei meinem Freunde zu rechtfertigen! Auch Ihnen, Clerdon, danke ich dafür – Meine Augen werden sich also noch mit dem Lächeln des Vergnügens schließen! Ich fühle es, dieser freudige Gedanke verjüngt mein schon stockendes Blut mit neuer Kraft zu seinem letzten Geschäfte; (nach einigem Innehalten) die zu begrenzte Zeit, die mir übrigbleibt, befiehlt mir, meine Rechtfertigung abzukürzen – Ich kam mit meiner Schwester hieher, Sie mit ihr verbunden und durch die Mitteilung meiner Güter wieder glücklich zu sehn. Die Ehre und die Zärtlichkeit derselben foderten, ihre Gegenwart Ihnen so lange zu verschweigen, bis ich Ihre Gesinnungen sowohl in Ansehung ihrer als der Religion, wider welche Sie sich öffentlich aufgelehnt hatten, erforschet; dann hätte ich Sie mit dieser Freude unvermutet überraschen wollen. Das war mein Vorhaben – Wofern es auch möglich wäre, daß in dieser feierlichen Minute die Lippen eines Sterbenden Unwahrheit entheiligen sollte, so werden doch die Schriften, die ich stets bei mir führe und die ich Ihnen in Ihre Gewalt gebe, mich gänzlich lossprechen – Mein letzter Wille – dieser Zufall hat mich nicht unbereitet überfallen – erklärt Sie und meine Schwester zu Besitzern meines Vermögens. Der Brief – meine Unterredung mit Henley, alles ist Erdichtung – Und nun sein Sie versöhnt, Clerdon, lassen Sie mich, liebster Freund – Clerdon (der sich ihm zu Füßen wirft) . Nennen Sie mich nicht Ihren Freund; dieser Name ist ein Donner in meinen Ohren. Nicht diese Blicke, nicht diese Güte, großmütiger, göttlicher Mann; nennen Sie mich ein Ungeheuer – den Abscheu der Natur – Ihren Mörder. Rufen Sie die zornigste Rache des Himmels über mein Haupt. Sie wird, sie muß mich treffen – die entsetzlichsten Flüche – Granville . Nein, Clerdon, ich kann nichts, als Sie segnen. Meine Religion befiehlt es, und wie leicht wird diese Pflicht meinem Herzen! Stehen Sie auf, teuerster Freund – es ist mir nicht möglich, Sie anders zu nennen – umarmen Sie mich, lassen Sie mich ganz die Freude schmecken, von dem wieder geliebt zu werden, der stets das kostbarste Glück meines Lebens gewesen ist. Clerdon . O Worte voll Tod! o Qual! o Verzweiflung! Und Sie können dem vergeben, was sage ich, Sie können mit dem von Liebe reden, der den abscheulichen Stahl in die zärtlichste, in die edelmütigste Brust stoßen konnte? Wo jemals – Granville . Nicht weiter, Clerdon; ich erlaub' es Ihnen, einige stille Tränen der Freundschaft auf mein Grab hin zu weinen, doch diese tobende, stürmische Angst müssen Sie bezähmen. Sie vollführten den Streich in einer Trunkenheit von Wut, da Sie selbst nicht Herr über Ihren Arm waren. Ein unglücklicher Irrtum hatte ihn bewaffnet – Clerdon . Nein, entschuldigen Sie nicht eine Freveltat, für der sich die Natur entsetzen muß. War es nicht schon Verbrechen genug, ein Herz wie das Ihrige in Verdacht zu haben? – O Henley, Ungeheuer, das mich fast selbst übertrifft, dich müsse meine Rache – Granville . Sie müsse ihn nie treffen. Ich bitte für ihn – Verwerfen Sie nicht die Bitten eines sterbenden Freundes; huldigen Sie aufs neue den sanften Gesetzen der Religion, und dann werden Sie diese selbst lehren, ihm zu verzeihen – Versichern Sie ihn von mir, daß ich ihm meinen Tod vergebe und in meinem letzten Augenblicke die feurigsten Wünsche für seine Wohlfahrt tue – Lassen Sie uns, liebster Freund, diesen stolzen Geist zu seinem Besten schamrot machen und ihn nötigen, wenn er sieht, wie Christen, die er so tödlich beleidigt, sich rächen, selbst einer und glücklich zu werden. (Nach einigem Stillschweigen.) Ich sehe Sie trostlos, Clerdon, in stummer, betäubender Verzweiflung – Ach, Unglücklicher! Ihr künftiges Schicksal – traurige Ahndung! Clerdon . Wie! Sie würdigen mich, mich zu beklagen? Für mich fließet dieses großmütige Mitleid aus diesen liebreichen Augen, die nun bald durch mich sich auf immer schließen. Granville . Itzt gedenke ich an meine Schwester – die unglückliche Amalia! – Ihnen, Clerdon, befehle ich Sie an, das kostbarste Kleinod, das ich besitze. Sein Sie ihr ein Bruder, ein Freund, ein Gemahl – ja, ein Gemahl – denn warum sollte dieser widrige Zufall meine Absichten zerstören – sie war schon die Ihrige, sie soll es auch bleiben. Nie darf sie die Art meines Todes erfahren. Ihr Diener und der meinige, die mich verwundet gefunden, glauben, es sei von unbekannter Hand geschehn – Meine Güter werden Ihren verfallnen Umständen wieder emporhelfen – dies ist der einzige Zeitpunkt meines Lebens, wo ich mir großen Reichtum gewünschet – Möchten doch Ihrer beider Tage in Gefilden voll Glücks und ruhiger Freuden dahinfließen und Ihr Bruder und Freund Ihnen nicht ein trauriges, sondern angenehmes Andenken sein. Clerdon (der sich ihm zu Füßen wirft) . Erhabner, schon den Unsterblichen, die deiner warten, ähnlicher Mann, wenn ein Elender aus seiner Tiefe dich um etwas beschwören darf, o so töte mich nicht mehr durch diese mehr als menschliche Güte! Sie ist Marter, unerträgliche Marter für mich. Ich sollte dir danken und kann nichts als verzweifeln. Granville . Halten Sie ein, Clerdon. Gönnen Sie mir doch die Freude, Sie ruhiger zu sehn, ehe ich sterbe – Ich fühle es, der wichtige, der große Augenblick nahet heran – noch wiederhole ich meine Bitte, die letzte, die feierlichste Bitte, werden Sie wieder, was Sie vormals waren, der Bekenner einer Religion, die ihre Bekenner weit über die Klasse gemeiner Menschen emporhebt – Lassen Sie meinen Tod den Zeitpunkt sein, da Sie zu Ihrem Gott zurückkehren – O Clerdon, welch ein Glück, ein Christ zu sein! In der Stunde des Todes, dann werden Sie es erst recht fühlen – Möchte doch die Ihrige der meinigen ähnlich sein! Sie ist heiter – ganz heiter, wenn nicht die Bekümmernis um Sie mir Tränen ablockte – Unaussprechliche Wollust ergießt sich durch meine Seele – Große – ein nahes Glück weissagende Empfindungen bemeistern sich meiner; mein entzücktes Ohr höret die Harmonien der Unsterblichen! – (Nach einigem Innehalten.) Unterstützen Sie mich, Clerdon, mit Ihren freundschaftlichen Armen – mein Auge kann Sie nicht mehr sehen, die Natur verwelkt vor meinen Blicken – wie sanft ist der Tod an der Brust eines Freundes! – Ihre bebenden Arme vermögen mich kaum zu umfassen, Ihre Tränen benetzen häufig mein Gesicht – o träufle Trost auf ihn herab, du, zu dem sich mein Geist voll Ungeduld aufschwingt, und auch mir – (Er hebt die Augen gen Himmel und scheint einige Worte für sich zu sprechen.) Nun ist es geschehn – Leben Sie glücklich, Clerdon – sein Sie ein Christ – bester Freund – (Er stirbt.) (Clerdon sieht den Körper des Granville einige Zeit starr und sprachlos an und geht mit einer Stellung, die Verzweiflung und betäubend Entsetzen verrät, ab.) Ende des vierten Aufzugs. Fünfter Aufzug. Erster Auftritt. Clerdon. Clerdon (in einer wütenden Stellung) . Hinweg, quälende Vorstellungen! Laßt ab, mich zu töten – Wie! nirgends kann ich euch entfliehn? Hier, nur hier laßt mich, Peiniger, ruhen – ich zittre – auch hier fließen für meinen erschrocknen Blicken Fluten von Blut, auch hier ängstigt mein Ohr ein sterbendes Ächzen – ja, ich sehe es, überall verfolgst du mich, Blut meines unschuldigen Freundes – Warum mußte ich dich vergießen? Den, den ich schon so tödlich beleidigt hatte, der gleich einer erbarmenden Gottheit kam, den grausamen Beleidiger zu retten, den konnte meine treulose Wut – den Besten, den Großmütigsten, ihre Zierde entriß ich der traurenden Menschheit? – alles muß mich verabscheuen, alles muß sich zu meinem Verderben aufmachen – Und du verzeuchst noch, Rache? Warum brausen deine Ungewitter noch immer von ferne? warum bin ich noch? – ich empfinde es, du nahest dich – ja, du hörst mich, sie kommen, deine furchtbaren Herolde – Undurchdringliche Nächte umlagern mich auf allen Seiten – o deckt mich, Finsternisse, deckt mich für jener entsetzlichen Gestalt – itzt hat sie mich ereilt – itzt droht mir ihr flammendes Schwert – ich erkenne dich, du bist der ermordete Granville. Welch ein Grimm schreckt aus deinem Auge! Nicht mehr jene Züge des Friedens und Liebe, mit denen du starbst – Engel des Verderbens – denn dazu hat dich der Allmächtige ausgerüstet – o vollführe den Streich, töte alles in mir, töte dies Gefühl, daß ich unaussprechlich elend bin – Noch stürzt dein Blut aus der entsetzlichen Wunde hervor – noch ist es ungerächt. Was verweilest du? Ist es Erbarmen oder Strafe? – Ach, wohin gebietet mir deine drohende Rechte zu blicken? – Mein Vater, auch du bist zur Strafe des unwürdigsten Sohnes gekommen! Ja, vollziehe sie. Ich war es, der dich in den schmachvollen Kerker warf, ich trat dein zitterndes Alter in den Staub der Dürftigkeit und Verachtung nieder; ich gebot dem Grabe, sich dir zeitiger zu öffnen, als es ihm die Natur gebot. Ich verwarf deine Warnungen, deine Befehle, das Flehen deiner sterbenden Lippen – itzt bist du glücklich – itzt wird kein frevelnder Sohn mehr Tränen des Kummers von dir erzwingen – doch ich – ja, du bist gerächt – ich bin zu unaufhörlichen Qualen verdammt. Der Fluch, den nicht deine Lippen, den dein Elend über mich aussprach, stürmt mit unversöhnlichen Zorn auf mich los. Ach, mein Vater – doch deine drohende Stirn verbietet mir, dich so zu nennen – ich vermag diesen Anblick nicht länger zu ertragen. Diese Augen, in denen einst nichts als Liebe und Zärtlichkeit lächelte, glühen itzt von Wut, diese Hände, die mich so oft segneten, bitten Verderben auf mich herab – wohin entflieh' ich! welche gräßliche Tiefe öffnet mir eine Freistatt – Hinweg, blutige Schatten, hindert mich nicht – Unerbittliche! selbst den Tod gönnt ihr mir nicht – er würde für mich Seligkeit sein, er würde euer Opfer euch entreißen – Zweiter Auftritt. Clerdon, Amalia. Amalia (die in wilder Betrübnis auftritt) . Zu Ihnen, Clerdon! muß ich fliehen – Ihren Beistand, Ihr Mitleiden muß ich anflehen – Mein Bruder – Clerdon . Wessen Stimme höre ich! – (Indem er sie erblickt.) O Rache – Miß – ich bin verloren! Amalia . Sie erschrecken? So wissen Sie denn schon, daß der beste, der zärtlichste Bruder – daß Ihr Freund von der Hand eines Bösewichts entseelt liegt? – Ich Unglückliche konnte den entsetzlichen Streich nicht verhindern – ich konnte zum mindsten die letzten zärtlichen Worte von seinen sterbenden Lippen nicht aufsammeln – seine brechenden Augen konnte ich nicht zudrücken, und auch den traurigen Trost, seinen blutigen Überrest zu umarmen, versagt man mir. Clerdon . Unglückliche Miß! – unseliger Mörder! – Amalia . Sie müssen seinen Tod rächen, Sie müssen dem Mörder nacheilen. Ein geheimer und um soviel gefährlicher Feind muß ihm nachgefolget und keinen bequemern Ort zu seinem Frevel gewußt haben. Auf, Clerdon! vielleicht ist der Bösewicht noch in dem Bezirk dieser Mauern. Clerdon . Wie, Miß? ich seinen Tod rächen? – ich Elender! – Amalia . Und wem könnte dieses traurige Geschäfte anders zukommen als Ihnen? Waren Sie nicht stets der liebste und teuerste seiner Freunde? Wüßten Sie, wie zärtlich er für Ihre Wohlfahrt besorgt war, wie viele wehmütige Tränen Ihre bedrängten Umstände ihm abgelockt, wie sehr seine Seele mit der Ihrigen litte, mit welcher Ungeduld er diese Reise beschleunigte, die er bloß zu Ihrem Besten unternahm, wie sein ganzes Herz in Wollust zerfloß, wenn er sich Ihr durch ihn wieder aufblühendes Glück vorstellte; wüßten Sie die Entwürfe, die er machte, es Ihnen auch nach seinem Tode zu versichern – vielleicht gab ihm dies Ihr Schutzgeist ein, der den traurigen Fall voraussah – wenn Sie dieses wüßten – doch warum sollten Sie es nicht wissen? Sie liebten ihn ja auch – nur zu sehr sehe ich, welche betäubende Traurigkeit sich durch Ihre Seele verbreitet hat, ich lese Ihre Verzweiflung in Ihren Augen. Clerdon . O Tag voll Frevel! voll Grauen! warum mußte ich dich erleben? Amalia . Ihre Schmerzen, Ihre stürmische Angst machen Sie mir noch teuerer. Nun erkenne ich den wahren Freund – Clerdon . Fliehen Sie mich, Miß, fliehen Sie mich auf ewig, Sie würden mich verabscheuen, wenn Sie mich kennten. Amalia . Ich Sie fliehen? Wo bliebe mir nach Ihnen noch eine Zuflucht übrig. In meinem Bruder hat eine grausame Hand mir die letzte Stütze geraubt – Sie allein sind mitten unter den Ruinen von dem, was mir jemals teuer gewesen, zurückgeblieben; Sie – denn warum sollte ich eine Liebe, die von allen gebilligt wird, leugnen –, Sie, den zu lieben, durch eine süße Gewohnheit mein Herz schon so lange zu seinem vorzüglichsten Geschäfte gemacht hat; Sie, den selbst der Wille des zärtlichsten Bruders bestimmte, künftig mit mir vereinigt, gesellige Tränen seinem Andenken zu weihen, Sie allein müssen mir itzt alles, was ich verlor, ersetzen, Sie müssen meinen Verlust an dem Unwürdigen ahnden, der ihn verursachte – vielleicht frohlockt der Blutdürstige itzt über den gelungnen Frevel. Noch einmal, Clerdon, eilen Sie ihm nach. Bei dem vergoßnen Blute Ihres Freundes, bei seinem Andenken, bei Ihrer Zärtlichkeit gegen mich beschwöre ich Sie – Clerdon . Nicht weiter, Miß; diesen Reden kann ich nicht länger widerstehn. Sie sind gleich tausend brennenden Schwertern in meiner Brust. Sie sollen alles wissen – Sie werden mich hassen, Sie werden mich verfluchen – zu meinem Verderben sollen Sie alles wissen – ich kenne den Mörder. Amalia . Sie kennen ihn? und noch befleckt das Blut meines Bruders ungeahndet die Erde? noch geht das Ungeheuer, das ihn töten konnte, triumphierend und frei herum? – Nennen Sie mir ihn; ich gehe selbst, alles wider ihn aufzubringen. Clerdon . Sie wollen es – zittern Sie – er ist – Amalia . Wer? Clerdon . Ich selbst. Amalia . Ist's möglich? – Clerdon – Nein, Ihre zerrüttete Phantasie reißt Sie dahin – Sie sind nicht der Mörder meines Bruders; Sie konnten nicht den zärtlichsten, den großmütigsten Freund durchbohren und diejenige zu beständigen Tränen verdammen, die Sie unaussprechlich liebt – Nein, Clerdon, dies konnten Sie nicht. Clerdon . Ich wäre zu irgendeinem Frevel unfähig? – ich betrüge Sie nicht, Miß, ich bin der Mörder, ich bin das Ungeheuer, das Sie so lange verkannt haben. Amalia . Die Übermaß der Schmerzen hat Ihren Geist überwältigt – fassen Sie sich und hören Sie auf, mich mit so ausschweifenden Reden zu schrecken. Schauer durchströmt mich bei dem bloßen Gedanken, daß Ihnen diese Tat möglich gewesen – Wie? Sie wären unmenschlich genug? – nein! ein einziger Blick Ihres Freundes würde Sie entwaffnet haben. Clerdon . Sie müssen mir glauben, Miß – ich will es, ich fodere Ihren Haß – das Ärgste, das Fürchterlichste für mich – ich brenne, mein Verderben vollendet zu sehn. Ja, Ihr Bruder fiel durch meine Hand und fiel unschuldig; Eifersucht, Irrtum, ein Geist des Verderbens, der sich meiner bemächtigte, trieb mich zu der entsetzlichen Tat – Wo seine Angst, seine Wut, seine Verzweiflung, wo der Abscheu, mit dem die ganze Natur sich wider ihn empört, Ihnen den Mörder nicht verraten, so erkennen Sie ihn an dem Grausen, das ihm Ihre Gegenwart einjagt – sie war unaussprechliche Wollust für ihn, solange er unschuldig war – Überzeugt Sie dies nicht, so fürchten Sie, daß die Erde vor Ihren Augen sich unter ihm aufreiße und Sie zwinge zu glauben – Nein, Miß, keine zerrüttete Einbildung spricht aus mir; ich schwöre bei den unerträglichen Gerichten – Amalia . Entsetzlicher Schwur! – schreckliches Licht, das mich überfällt! – Hinweg, Mörder – Ungeheuer – das Blut deines Freundes strömt an dir herab – Raserei und Mordlust umgeben dich – ich sehe ihn, ich sehe den Unglücklichen sorglos für sein Geschick zu dir nahen, ich sehe, wie dein wütender Arm den blutdürstigen Stahl gegen ihn emporhebt – gegen ihn? – Unmensch! er denkt auf nichts als dein Wohl – du durchbohrst eine Brust, an die die Freundschaft dich so oft mit Inbrunst drückte – Kann dich nichts erweichen? nicht jene sanfte Majestät, die von seiner Stirne herabstrahlt, nicht jene Mienen, die Güte und Menschenliebe reden? – O Entsetzen! ich sehe ihn fallen, ich sehe ihn den Tod doppelt fühlen, da er ihn von der Hand des Freundes empfängt – Du verweilst noch hier, Wütender? du tötest mich noch länger durch deinen Anblick? Trunken vom Blute des Bruders, bist du ungeduldig, dich mit dem meinigen zu sättigen? Kröne deinen Triumph, stoße den grausamen Stahl, den Mörder deiner Freunde, in diese Brust – töte mich – denn auch ich kam, dich zu retten. Clerdon . Deine Wut ist erschöpft, verfolgendes Geschick; nunmehr bin ich zum tiefsten Abgrund der Verzweiflung hinabgesunken; ich trotze itzt deinem Haß, versuche es, erfinde neue, höhere Qualen für mich – Und dennoch übersteigt diese peinigenden Empfindungen die Größe meines Verbrechens. Sie selbst, Miß, wissen noch nicht jeden Umstand, der es erhöht. Sie kennen noch nicht den ganzen erhabnen Geist, den ich der Welt raubte – Hier an diesem Orte empfing ich Vergebung von seinen sterbenden Lippen; hier war es, wo er mit seinem Mörder von nichts als Liebe redete; hier war es, wo seine emporstrebende Seele nur darum zu verweilen schien, ihre ganze Größe zu entfalten und, von einem blendenden Schimmer mehr als menschlicher Tugend umflossen, die Erde zu verlassen. Amalia . Er hat demjenigen vergeben – Clerdon . Ja, er tat es und noch mehr, er hat ihn gewürdigt, ihn Freund zu nennen. Er hat seine letzten Tränen über das Schicksal seines Mörders vergossen und die feurigsten Gebete für das Wohl des Zerstörers seines irdischen Glücks gesprochen. O Andenken, das ewig sein Rächer sein wird! – ich sah ihn seine erstarrenden kraftlosen Arme, da ihm die siegende Gewalt des Todes sie kaum noch zu erheben erlaubte, voll Zärtlichkeit gegen mich ausstrecken, und in meinen Umarmungen hauchte er die göttliche Seele aus. So einen Bruder habe ich Ihnen entrissen. Schütten Sie nunmehr Ihren ganzen Zorn über mich aus; überhäufen Sie mich mit Flüchen – Wie! Sie blicken mich mit Tränen, mit einer Miene voll Mitleid an – Nicht diese Empfindungen, Miß – Sie beleidigen das Andenken meines Freundes – Zorn, Wut, Abscheu, Verwünschungen, diese fodre ich, diese verdiene ich. Amalia (nach einem langen Stillschweigen) . Meine ersten Bewegungen haben mich hingerissen – wie unähnlich war ich dir, o mein erhabner Bruder! – dein Beispiel begeistert mich itzt – ich sehe, wie du mir aus jenen Gegenden, wo Glanz und Unsterblichkeit dich krönen, zurufst und mir jene großmütige Sanftmut empfiehlst, für welche dich itzo das Lob der Himmel belohnt. Mein Bruder hat Ihnen vergeben, Clerdon, und ich würde strafbar sein, wenn ich Rache gegen den aushauchte, den er noch sterbend seinen Freund nannte. Da seine Lippen Sie segneten, so sei es fern, daß die meinigen von Verwünschungen wider Sie strömen sollten. Nur zu sehr bemerke ich, was für bittre Vorwürfe Ihnen Ihr eigen Herz macht – Ich verzeihe Ihnen, und ich bedaure Sie – Möchte Ihnen doch jener göttliche Richter auch verzeihen! Clerdon . Dies kann er nie. Die Tränen, die ich eine so edelmütige Tugend zu weinen zwinge, sind zu mächtige Ankläger für mich. Amalia (nach einigem Stillschweigen) . Wir müssen uns trennen. Dieser unglückliche Zufall hebt alle Verbindung zwischen uns auf. Ich eile, mich einer beständigen Einsamkeit zu widmen und den Bruder und Geliebten zu beweinen, die mir beide ein neidisches Geschick auf einen Tag entwandt hat – Unglücklicher Clerdon, könnten Sie doch der Ruhe künftig genießen, der ich nie wieder genießen werde! Clerdon . Sie mich auf ewig verlassen? – Doch ja, Sie müssen es. Nie sollen Sie den strafbaren Clerdon wieder erblicken – möchten Sie mit ihm alle Schmerzen vergessen, die er Ihnen jemals verursachte! – ich gehe zu sterben, und bald soll ein rächender Tod – Amalia . Nein, Clerdon, leben Sie, wo meine letzte Bitte etwas über Sie vermag, so leben Sie, um Ihre Verbrechen zu beweinen und einen Gott zu versöhnen, den Sie so sehr gereizt haben. Warum mußten Sie ihn jemals verlassen, und warum wollten Sie zu so vielen Empörungen die größte hinzutun und den Tod wählen, da er Ihnen zu leben erlaubt – meine hervorbrechenden Tränen verbieten mir, diese Unterredung fortzusetzen – noch einmal, Clerdon, wiederhole ich es, leben Sie, und wo meine Wünsche bei dem Himmel etwas vermögen, so werden Sie glücklich leben. (Sie geht ab.) Dritter Auftritt. Clerdon. Clerdon . Ich ihn versöhnen? Raserei wäre es, dies zu hoffen. Nicht Gnade, nur Verzweiflung wartet meiner – Ich fühle deine tötenden Gerichte, Ewiger. Ach, unerträglich donnern sie auf mich herab – und nur zu sehr habe ich sie verdient – Deine beleidigte Religion ruft dich zur Rache – Sie muß wahr sein, diese Angst, diese brennende Verzweiflung, die in mir wütet, lehrt es mich – Ja, sie fallen, die unseligen Hüllen, die meine Augen bisher gefangenhielten – Graunvoller Anblick! Ganz entdecke ich die entsetzliche Bahn der Frevel, auf die ich mich verirrte – Wider eine Religion wagte ich's, mich zu empören, in deren Schoß ich nichts als Freude und Zufriedenheit genoß! Einen Schöpfer beleidigte ich verwegen, den ich bisher nur durch Wohltaten gekannt hatte! Spöttereien über das, was mir das Heiligste hatte sein sollen, strömten von meinen Lippen – die liebenswürdigsten Tugenden gab ich für erniedrigende Wollüste auf, und öffentlich – hier ergreift mich Schauer und Verzweiflung –, öffentlich erfrechte ich mich, ein Feind Gottes und der Religion zu sein, öffentlich ihnen den Krieg anzukündigen – Und wie manchen rissen vielleicht meine unsinnigen Reden zu gleichem Aufruhr fort! Welch entsetzliches Weh wird die zerstörte Tugend über mich ausrufen! Welche Verwünschungen müssen sich auf mein Haupt häufen! Du bist gerächt, Religion; sobald du mich, göttliche Führerin, verließest, ward jeder Schritt ein Frevel – jede meiner Taten spricht das Todesurteil über mich aus, jede fodert eine Hölle – Ich sehe den gräßlichen Abgrund zu meinen Füßen sich auftun. Ich sehe die Qualen vor meinen Augen sich verbreiten, die mir die Zukunft aufbehält. Schon rüstet sich ewige Nacht, mit ihren Schrecknissen mich zu überfallen. Du, Elend, wirst künftig meine Heimat, du, Verzweiflung, mein Geschäfte und mein ganzes Empfinden Pein sein. – Tage des Gerichts, der Rache und des Jammers, ich segne euch entgegen! Ihr rechtfertigt den Himmel, ihr straft einen Verruchten, den die Natur mit Entsetzen erblickt. Ihr werdet unsterbliche Qualen auf mich häufen und doch das Maß der Gerechtigkeit nicht ausfüllen – Ich höre deine Stimme, fürchterliche Ewigkeit – du rufst mir – hier empfange dein Opfer (er zieht einen Dolch hervor und will sich töten) – Doch was tue ich? O Tod! ich wage es, dich zu wählen! – Schwindelnder Abgrund! – Bewahrer furchtbarer Geheimnisse! – Wege des Lebens und des Verderbens öffnen sich hinter deinen Pforten, und die Unendlichkeit ist ihr Maß – ich wage es, dich zu wählen! ich wage es, mich freiwillig in die Arme eines allmächtigen Richters zu stürzen? Vernichtender Gedanke! ewig von ihm gehaßt, ewig mit seinen unerträglichen Gerichten belastet zu sein! – So muß ich denn leben! – nein, dies kann ich nicht. Diese nagende Angst, diese namlose Pein vermag ich nicht zu ertragen – Doch wird sie der Tod enden? wird er sie nicht verdoppeln? – Ich Elender! wohin kann ich flüchten? Überall ist Abgrund. Das Leben ist eine Hölle und der Tod auch – Doch vielleicht ist der Tod Vernichtung – Eitler Trost! Dieses klopfende Herz, diese Angst, dieser Schauer, alles widerspricht dir. Ich empfinde es, daß ich zu ewigen Martern geschaffen bin, daß ein ewiger Richter – Wehe mir! ich sehe ihn kommen – ja, ich trüge mich nicht, diese furchtbare Herrlichkeit, dieser verzehrende Glanz, dies Entsetzen der Natur verkündigt ihn. Wohin entflieh' ich? Unwiderstehliche Schrecknisse rauschen vor ihm her. Seine Blicke sind Tod. Flammen und Ungewitter toben auf allen Seiten um mich her – Itzt gebeut er dem Verderben, mich zu schlagen – itzt ergreift mich sein Donner – o Erde, decke mich vor ihm! o Vernichtung, komm über mich! – Vierter Auftritt. Clerdon, Truworth. Truworth . Entschuldigen Sie meine Verwegenheit, mein Herr, Sie befahlen mir, Ihre Gegenwart zu meiden, und dennoch wage ich es – Clerdon . Wer kommt, an meinem Verderben teilzunehmen? (Nachdem er ihn einige Zeit stillschweigend angesehn.) Bist du es, Truworth? Truworth . Die unglückliche Miß Granville, die sich eben itzt anschickt, diesen Ort zu verlassen, befahl mir, zu Ihnen zu eilen; Sie befänden sich in traurigen Umständen – Verzeihen Sie mir meine vorige Unbescheidenheit. Die Übermaß meines Eifers hatte sie verursacht. Clerdon . Was soll ich dir verzeihen! O hätte ich deinem warnenden Eifer Gehör gegeben, anstatt mich über ihn zu erzürnen! – Doch mir geschah recht; meine Verbrechen verdienten diese Verblendung – du weinst, Truworth? Truworth . Was muß ich erblicken? Diese wild herumirrenden Augen, diese Züge, in denen sich die Verzweiflung und das Bild des Todes abdrückt – kann der unglückliche Tod Ihres Freundes Ihnen so unaussprechliche Schmerzen erwecken? Clerdon . Du siehst noch nicht die ganze endlose Tiefe meines Elendes. Starres Entsetzen würde dich fassen, wenn du sie sähest. Kennst du den Mörder des Granville? Truworth . Ein Unbekannter soll die schändliche Tat vollführt haben. Clerdon . So kenne ihn: Ich bin's. Truworth . Sie – Ihren Freund – Clerdon . Ja, meinen Freund und noch dazu den besten, den edelgesinntesten Freund, der bloß hieher gekommen war, meinen bedrängten Umständen beizustehen und sein ganzes Glück mit mir zu teilen – Deine tugendhafte Seele wird die abscheuliche Tat nicht begreifen können – So kenne denn ihren verfluchten Urheber – Henley – Hätte ich den unseligen Namen nie gehört! – dieser hatte mich durch die feindseligsten Verleumdungen aufgebracht; dieser hatte meine Rachbegierde zu einem solchen Grade von Raserei empört, daß ich Granvillens Leben würde angefallen haben, und hätten es Heere beschützt – Wundre dich nun nicht über meine Verzweiflung. Das Blut meines Freundes ruft ein unaufhörliches Weh über mich. Mein aufgewiegeltes Gewissen stellt mir auf einmal die schwärzesten Frevel dar. Itzt empfinde ich, daß die Religion Wahrheit ist, die ich mich zu lästern erkühnte. Ich empfinde die furchtbaren Gerichte des Allmächtigen, ich seufze unter der Last seiner strafenden Rechte; stets sehe ich den Himmel bereit, verheerende Blitze auf mich herabzuschütten – in der fernsten Zukunft sehe ich eine unendliche Kette sich häufender Qualen – ich sehe es – und verfluche mein Dasein. Truworth . Nicht diese Verzweiflung, mein Herr, nicht diese will die Langmut des gütigsten Wesens von Ihnen – Reue und Unterwerfung, dies verlangt es, und dann – ich weiß es gewiß – dann wird es Sie begnadigen. Ihre Vergehungen, ich bekenne es, sind groß, der Tod eines unschuldigen Freundes – doch auch dieser kann vergeben werden – Aber Ihre Sicherheit – Ach, Menschen sind unerbittlicher als der Himmel ist – vielleicht ist alles schon ruchtbar, vielleicht schickt man sich schon an – Clerdon . Ich verstehe dich – was braucht ein Elender, der nichts zu hoffen hat, auf seine Sicherheit bedacht zu sein? Warum sollte ich der verdienten Ahndung der Gerechtigkeit zu entrinnen suchen? Würde wohl die schmählichste Todesart zu viel Strafe für mein Verbrechen sein? – Doch du, Truworth, höre auf, dein Schicksal an das Geschick eines strafbaren Herrn zu fesseln. Fliehe einen Unwürdigen – einen Mörder – Granvillens Tod müsse dich alles fürchten lehren; auch du bist tugendhaft, auch du liebst mich. Ist dies nicht genug, dein Verderben von mir zu erwarten? Truworth (nach einigem Stillschweigen) . Ja – dies ist das Mittel, Sie zu retten; Dank sei dem Himmel, der es mir eingab! – Sie sehen, wie wenig Jahre, vielleicht wenig Monate den Rest meines Lebens ausfüllen müssen. Diese grauen Haare, diese hinwelkenden Glieder, alles ruft mich zum Grabe. Könnte ich diesen unnützen, nichtigen Überrest besser anwenden, als Sie, meinen Herrn und Wohltäter, zu retten und der Welt ein Leben zu erhalten, das ihr vielleicht noch lange nützlich sein kann. Ich will zu den Gerichten hineilen und mich als den Mörder des Granville angeben – Was schadet es, ob auch die Welt glaubt, daß ich als ein Bösewicht sterbe, wenn nur Gott weiß, daß ich unschuldig bin! – Tränen der Freude verdunkeln mein Auge; o mein Herr! mein liebster Herr, (er küßt ihm mit Inbrunst die Hand) wie glücklich bin ich, daß ich für Sie sterben kann! Clerdon (indem er ihn umarmt) . Nicht weiter, großmutvoller Truworth, du durchbohrst mein Herz. Wie! so viele heldenmütige Tugend bei so vieler Niedrigkeit und so dürftigem Glück? Wahrer, bester Freund, dieser Übermaße von Treue bin ich nicht würdig. Muß sich denn alles um mich herum in einem so blendenden Glanze von Tugend und erhabner Gesinnung zeigen? – und ich allein ein so niedriger und verworfner Frevler sein! – Geh, mein Freund, geh und mache Anstalt, daß wir diese Stadt sogleich verlassen; du bist mir viel zu kostbar, als daß ich dich meiner Sicherheit aufopfern sollte. Ich hoffe, ehe sich noch das Gerüchte von Granvillens Tod überall verbreitet und ehe der Argwohn auf mich fällt, weit von diesen unglücklichen Mauern zu sein. Truworth (der ihn traurig und nachdenkend ansieht) . Soll ich Sie denn verlassen? – in so heftiger Bewegung – eine schauervolle Ahndung schreckt mich – Clerdon . Geh nur und mache alles zu unsrer Abreise fertig, für mich sei unbesorgt. Fünfter Auftritt. Clerdon. Clerdon . Das letztemal empfunden, was es sei, von irgendeinem Wesen geliebt zu werden! Hinfort in jener Zukunft voll Grauen wird mein Teil nur Haß sein; alles, mich selbst werde ich hassen, und allem werde ich ein Abscheu sein – Was zaudre ich noch? ich muß den Tod wählen. Die Erde, die jeden Augenblick unter meinen Füßen wegzuweichen droht, dieses Licht, das mir itzt so fürchterlich glänzt – diese vor meinen Blicken herumirrenden Bilder des Todes vermag ich nicht zu ertragen. Ein so peinigend Schicksal auch meiner wartet, so kann es doch nie dieses wütende Feuer, diesen innern Tod, den ich fühle, übertreffen – Vielleicht irre ich – so sei es. Eine unwiderstehliche Rache treibt mich zu dem Abgrunde, dem ich umsonst zu entfliehn suche – Name eines Freigeists, auf den ich einst stolz war, wie verfluche ich dich itzt! O träfe die ein dem meinigen ähnliches Weh, die ihn zuerst erfanden, die zuerst einen unseligen Ruhm daransetzten. Empörer wider den Unendlichen und frevelnde Wahnwitzige zu sein. Von euch müsse das Verderben so vieler gefodert werden, Lehrer der Raserei! eine Sündflut von Flammen der rächenden Allmacht müsse euch überströmen! – Wie empört sich alles in mir! Wie schauert der Seele für der entsetzlichen Minute! – Deine Rache soll nicht länger verzögert werden, Blut meines Freundes – ich höre dein Rufen – ich verstehe euch, Töne des Todes – ich eile. (Er erblickt den Henley.) O Abscheu! Da ist mein Verderber. Letzter Auftritt. Clerdon, Henley. Clerdon (der wütend auf ihn losgeht) . Ha, Treuloser! wo ist Granville? von deinen Händen, Ungeheuer, fodre ich sein Blut. Henley . Sein Sie ruhig, Clerdon, nur einige Augenblicke sein Sie es. Ich komme nicht hieher, Ihre Wut zu besänftigen, ich komme, sie noch stärker zu entflammen; nur so lange, bis Sie mich angehört haben, gebieten Sie ihr zu ruhen. Itzt sollen Sie Ihr Geschick und die geheime Ursache Ihrer Unfälle kennenlernen – Sie wissen, wie ich mit Ihnen zu London bei der Rückkehr von meiner Reise bekannt wurde. Sie waren damals in dem Schoße eines blühenden Glücks. Überall ertönte das Lob Ihrer Tugenden; überall folgte Ihnen Glanz und Bewundrung nach. Sie wissen die Vorteile, die Ihnen diese Vorzüge über mich gewannen – Unselige Vorteile für Sie! – Ich ward Ihr Todfeind, der letzte und wichtigste Triumph, den Sie bei unsrer Bewerbung um Miß Granville davontrugen, machte meinen Haß unversöhnlich und Ihren Untergang gewiß. Ich beschloß, Sie auf der Seite anzufallen, auf der Sie meinen Glück so nachteilig geworden waren. Ich beschloß, diese stolzende Tugenden zu bekriegen, den erhabnen, ruhmvollen Clerdon in die verworfne Klasse der Wollüstlinge, Lasterhaften und Religionsspötter zu verweisen, seine schönsten Hoffnungen sowohl des jetzigen Lebens als jener Zukunft zu verwüsten – ja, beben Sie nur! – ihn selbst in der Ewigkeit die Folgen meines Hasses fühlen zu lassen. Clerdon . Ist's möglich? – Was höre ich! – Henley . Dieses war das große Vorhaben, das ich bei jedem Schritte vor Augen hatte. Sie wissen, ob es mir gelungen ist – Itzt will ich Ihnen alles entdecken, zu Ihrer Pein will ich es. Granville war unschuldig, alles, dessen ich ihn anklagte, war Erdichtung. Ihr frevelnder Arm – verfluchen Sie sich selbst – hat dem edelgesinntesten, dem zärtlichsten Freunde das Leben geraubt – Nun ist meine Rache vollendet. Nun sind Sie in dem tiefsten Abgrunde der Verzweiflung. Alle Frevel sind für Sie erschöpft. Hier können Sie nun nichts mehr verlieren, und jenseit des Grabes drohn Ihnen unerbittliche Gerichte – Wie triumphiere ich! wie genieße ich Ihr Unglück? Unaussprechliche Wollust bemächtigt sich meiner, da ich Ihrer Verzweiflung Hohn sprechen kann. Dies ist der schönste Tag meines Lebens – Stoßen Sie nun die bittersten Schmähungen wider mich aus; überhäufen Sie mich mit Flüchen. Je mehr Sie toben, je mehr fühlen Sie Ihr Elend, je mehr triumphiere ich. Ihre Tränen, Ihre Qual sind das ergötzendste Schauspiel für mich, Ihre Seufzer sind Harmonien in meinen Ohren! – Wo sind nun diese erhabnen und blendenden Verdienste, die Ihre Lobredner so zu erheben wußten? wie ohnmächtig Sie vor mir dahinfielen! wie entstellt Sie in Ihren Ruinen liegen! Unsträflicher, edelmütiger Clerdon, Freund der Tugend und Religion, wie war es Ihnen möglich, sich zu so schändlichen Verbrechen zu erniedrigen? – Auf, entreißen Sie sich dieser fühllosen Erstarrung. Empfinden Sie meinen Spott, meinen Triumph, er ist hin, wo Sie ihn nicht empfinden – O könnte ich Sie für Ihr Elend ganz zu Gefühl machen! Clerdon . Rede ich mit einem Menschen? Nein, die Hölle redet aus dir, Ungeheuer, ihrer sind diese Gesinnungen wert – Ja, frohlocke nur, frohlocke, ich fühle den ganzen Grimm und die niederschmetternden Gerichte des Himmels, sie strafen mich, weil ich deinen unseligen Eingebungen folgte und ein Ungeheuer wie du ward. Zittre für diesem Richter! Ein noch entsetzlicher Verderben wird dich ergreifen, erzürntere Donner werden auf dies stolze Haupt herabstürzen, und jene Zukunft wird den Verführer von dem Verführten unterscheiden – Noch einmal rufe die ganze Freude der Hölle in deiner Brust zusammen – ja, deine treulosen Ratschläge haben mich in dies grenzenlose Elend hinabgestoßen. Frohlocke und nimm den Lohn dafür (er zieht jähling einen Dolch hervor und ersticht ihn) – Und dies sei der meinige, daß ich dir Gehör gab. (Er tötet sich.) Henley . Ich sterbe! – doch mein Feind stirbt mir zur Seiten – ich bin gerächt – o Triumph! o Rache! Ende des Freigeists.