Heinrich Zschokke Der tote Gast Die Thusnelde Einer meiner Freunde, er hieß Waldrich, hatte die hohe Schule kaum seit zwei Jahren verlassen, und sich in einer Provinzialhauptstadt als überzähliger und unbesoldeter Gerichtsassessor oder dergleichen herumgetrieben, da eben in die Posaune des heiligen Krieges gestoßen ward. Es galt die Befreiung Deutschlands vom Joche des französischen Eroberers. Ein frommer Eifer bemächtigte sich alles Volkes, wie man weiß. Freiheit und Vaterland war das Feldgeschrei in Städten und Dörfern. Tausend und tausend Jünglinge flohen freudig zu den Fahnen. Es galt Deutschlands Ehre und die Hoffnung, auch dann auf Hermanns Boden vielleicht ein edleres Leben zu finden, in gesetzlich geregelten, des gebildeten Zeitalters würdigern Verhältnissen. – Mein lieber Waldrich hatte in dem frommen Eifer und der schönen Hoffnung seinen guten Teil. Kurz, er empfahl sich seinem Gerichtspräsidenten zu Gnaden, und wählte statt der Feder das Schwert. Weil er noch nicht das volle Alter gesetzlicher Mündigkeit besaß, schrieb er, da er keine Eltern mehr hatte, und Reisegeld doch in allen Fällen wohltut, seinem Vormund um die Erlaubnis, den Zug fürs Vaterland mittun zu dürfen, und ersuchte um hundert Taler Reisegeld. Sein Vormund, Herr Bantes, ein reicher Fabrikherr in der Stadt oder Städtchen Herbesheim an der Aa, der ihn, wenn man so sagen will, erzogen hatte (Waldrich hatte nur als Knabe, bis zur Hochschule, bei ihm im Hause gelebt) – Herr Bantes war ein alter, wunderlicher Herr. Dieser schickte ihm einen Brief mit fünfzehn Louisdor in Gold, folgenden Inhalts: »Mein Freund, wenn Sie noch ein Jahr älter sind, können Sie über sich und den kleinen Rest Ihres Vermögens nach Belieben verfügen. Bis dahin bitte, dero Zug fürs Vaterland einzustellen und Ihren Geschäften obzuliegen, um einst Amt und Brot zu bekommen, denn das wird Ihnen sehr nötig sein. Ich weiß, was ich meiner Pflicht und dero Vater, meinem Freunde selig, schuldig bin. Lassen Sie endlich Ihre Schwindeleien alle einmal fahren, und werden Sie solid. Ich schicke daher keinen Kreuzer. Bleibe dero usw.« Die in ein Papier gewickelten fünfzehn Louisdor standen mit diesem Briefe in seltsamen, doch gar nicht unangenehmem Widerspruch. Waldrich hätte sich ihn noch lange nicht und vielleicht nie erklärt, wäre sein Blick nicht auf das zu Boden gefallene Papier geraten, worin das Geld eingeschlagen gewesen. Er nahm es. Es hieß: »Lassen Sie sich nicht abschrecken. Ziehen Sie hinaus für die heilige Sache des armen deutschen Landes. Gott schütze Sie! Dies wünscht Ihre ehemalige Gespielin Friederike.« Diese Gespielin Friederike war nun keine andere, als die junge Tochter des Herrn Bantes. Der Himmel weiß, wie sie zum Briefversiegeln ihres Vaters gekommen war. Waldrich stand ganz begeistert da, mehr über das Heldenherz des deutschen Mädchens als über das Gold entzückt, das Friederike vermutlich aus ihrem eigenen Sparhafen dazugelegt hatte. Er schrieb auf der Stelle nach Herbesheim an einen Freund, schloß ein paar dankbare Zeilen für das kleine Mädchen ein (er hatte aber vergessen, daß das kleine Mädchen wohl seit vier Jahren etwas gewachsen sein konnte), nannte es sogar seine deutsche Thusnelde, und wanderte stolz, wie ein zweiter Hermann, dem Rheine und den Heeren zu. Das Inkognito Ich möchte hier gar nicht umständlich Waldrichs Hermannstaten erzählen. Genug, er war dabei, wenn's galt. Napoleon ward glücklich entkaisert und nach Elba geschickt, Waldrich kehrte nicht zurück, wie die übrigen Freiwilligen, sondern ließ sich gefallen, als Oberleutnant in ein Linien-Infanterieregiment zu treten. Das Leben gefiel ihm im Felde besser, als hinter den Aktenschanzen der staubigen Schreibstube. Sein Regiment machte auch den zweiten Zug gegen Frankreich mit und kehrte endlich, nach vollbrachtem Werk, unter Paukenschlag und Sing und Sang, in die Heimat zurück. Waldrich, der in zwei Schlachten und mehreren Gefechten gestritten hatte, war so glücklich gewesen, ohne alle Wunden davonzukommen. Er schmeichelte sich, als einer der Vaterlandshelden zur Belohnung bald vorzugsweise eine bürgerliche Anstellung zu erhalten. Er war beim Regimente wegen seiner Liebenswürdigkeit und vielen Kenntnisse sehr geachtet. Allein mit der Anstellung ging es nicht so schnell, als er hoffte. Es waren zu viele Söhne und Vettern von Geheimräten, Präsidenten usw. zu versorgen, die so klug gewesen waren, andere in den heiligen Krieg ziehen zu lassen, aber für ihre Person zu Hause zu bleiben; auch hatten sie wohl vor ihm das Ansehen der Geburt voraus. Denn Waldrich stammte nur von bürgerlichen Eltern. So ließ es sich nicht ändern. Er blieb Oberleutnant, und um so lieber, weil ihm Herr Bantes, sein gewesener Vormund, längst den winzigen Rest seines väterlichen Erbteils ausgehändigt hatte, und dieses längst schon zu allen Heiden ausgewandert war. Er trieb sich also in der Besatzung umher, machte in den Wachtstuben Gedichte und auf den Paraden philosophische Betrachtungen. Dies gab ihm bittere Langweile, bis einmal die Truppen verlegt wurden. Da traf es sich ganz unerwartet, daß seine Kompanie Befehl erhielt, nach Herbesheim in Besatzung zu gehen. An der Spitze seiner Kompanie – denn der Hauptmann, ein reicher Baron, war auf Urlaub – rückte er als Kommandierender in sein Vaterstädtchen ein. Oh, wie ward ihm beim Anblick der zwei schwarzen, hochgespitzten Türme und des alten, wohlvertrauten, grauen Torturms. Vor dem Rathause schwieg die Trommel. Ein paar Ratsherrn brachten die Quartierbilletts. Der Kommandierende, versteht sich, ward ins vornehmste, das ist ins reichste Haus der Stadt einquartiert, also auch zu Herrn Bantes. Angenehmeres hätte ihm der gesamte löbliche Stadtrat nicht erweisen können. Die Kompanie schied gar vergnügt auseinander, denn es war um die beliebte Mittagsstunde, und die ehrsame Bürgerschaft, von der Einquartierung zeitig belehrt, hatte sich auf den Empfang der neuen Gäste vorbereitet. Waldrich, der die beiden Ratsherren noch von seiner Knabenzeit her wohl kannte, bemerkte, daß er ganz unkenntlich geworden sein müsse; denn sie behandelten ihn fremd und ehrerbietig, und führten ihn, obwohl er es ablehnte, selbst zum Hause des Fabrikherrn. Hier empfing ihn Herr Bantes ebenso fremd, und führte ihn gar höflich in ein sehr artiges Zimmer. »Herr Kommandant,« sagte Herr Bantes, dieses und die anstoßenden Zimmer hatte auch Ihr Herr Vorfahre; nehmen Sie vorlieb. Machen Sie sich's bequem, und dann erwarten wir Sie zum Essen und dergleichen. Tun Sie, als wären Sie zu Hause.« Unseren Waldrich belustigte sein unerwartetes Inkognito. Er nahm sich auch vor, es erst bei irgendeiner passendern Gelegenheit aufzuheben, um dann die Überraschung zu vermehren.. Sobald er die Kleider geändert hatte, ward er zu Tische gerufen. Er fand da, außer Herrn Bantes und dessen Frau Gemahlin und einigen alten Schreibern und Fabrikaufsehern, die er noch alle recht gut kannte, auch ein junges Frauenzimmer, das er nicht kannte. Man setzte sich. Man sprach vom Wetter; vom heutigen Tagesmarsch der Kompanie; von dem Bedauern der ganzen Bürgerschaft, daß die bisherige Garnison, mit der man ungemein zufrieden gewesen wäre, in eine andere Stadt verlegt worden sei. »Ich hoffe indes,« sagte Waldrich, »Sie werden mit mir und meinen Leuten nicht unzufrieden sein. Lassen Sie uns nur heimisch werden bei Ihnen.« Um nun heimisch zu werden, war es natürlich, daß der Kommandant, der sich schon gewundert hatte, daß seine Jugendgespielin Friederike im Hause fehle, der er immer die fünfzehn Louisdor schuldig geblieben war – daß er, sag' ich, seine Wirte fragte, ob sie keine Kinder hätten. »Eine Tochter!« antwortete Frau Bantes, und zeigte auf das junge Frauenzimmer, das bescheiden die Augen zum Teller niedersenkte. Waldrichs Augen aber gingen voller Verwunderung über Gebühr weit auf. Hilf, heiliger Himmel, welch ein höheres Wesen ist das kleine Riekchen geworden! So rief Waldrich nun eben nicht, aber er dachte es doch bei sich, wie er jetzt die Bescheidene aufmerksamer ansah. Er sagte den Eltern etwas Verbindliches, so gut er es in der ersten Bestürzung aufzubringen wußte, und war herzlich zufrieden, als der alte Papa rief: »Noch einen Löffel Sauce und dergleichen, zu Ihrem trockenen Braten da, Herr Kommandant!« Frau Bantes sprach von einem Sohne, der ihr schon als Kind früh verstorben war, und noch immer sprach sie mit bewegtem Mutterherzen. »Laß gut sein, Mama!« rief der Papa. »Wer weiß, er wäre am Ende vielleicht auch ein Windbeutel und dergleichen geworden, wie der Georg.« Jetzt war die Reihe an Waldrich, die Augen bescheiden auf den Teller niederzusenken; denn mit dem Windbeutel Georg meinte man keinen anderen als seine eigene Wenigkeit. »Aber wissen Sie denn, Papa, ob Georg wirklich solch ein Windbeutel geworden, wie Sie ihn sich vorstellen?« sagte Friederike. – Die Frage erwärmte den Kommandanten durchdringender, als das Glas alten Burgunders, das er eben angesetzt hatte, um seine Verlegenheit zu verbergen. In der Frage lag noch Spur ehemaliger Jugendfreundschaft, die nicht ganz vergessen zu sein schien. Eine solche interessante Frage, die über so interessante Lippen floß, und zwar mit einer so weichen, herzrührenden Stimme gefragt, konnte billig als Honigseim gelten, dem armen Waldrich die bittern Pillen zu versüßen, die Herr Bantes in vollem Maß spendete. Denn dieser erzählte, um sein Urteil zu rechtfertigen, dem Gaste, als wenn der nun Schiedsrichter sein sollte, dessen eigene Lebensgeschichte von der Wiege an bis zum Zuge für das Vaterland. »Hätte der Bursch«, so schloß die Historie nutzanwendend, »auf der Universität etwas Rechtschaffenes gelernt, so wäre er nicht unter die Soldaten und dergleichen gegangen. Wäre er nicht Soldat geworden, säße er jetzt irgendwo als Gerichtsrat, Kriegsrat, Kanzleirat, Hofrat und dergleichen; hätte sein gutes Brot und Auskommen.« »Ich weiß nicht,« entgegnete die Tochter, »ob er auf der Universität fleißig gewesen; aber ich weiß, daß er wenigstens mit guten Herzen ging, sich für eine heilige Sache zu opfern.« »Komm mir doch nicht immer mit deiner heiligen Sache und dergleichen!« rief Herr Bantes. »Wo sitzt denn das heilige Zeug, frage ich? Die Franzosen sind fortgejagt. Nun ja. Aber das heilige Reich ist dennoch zum Kuckuck und zum Küster gegangen. Die alten Steuern sind provisorisch beibehalten, und neue sind provisorisch zugefügt. Die verdammten Engländer mit ihren Waren läßt man wieder zu, wie vorher, und bekümmert sich nicht darum, wenn wir heilige Deutsche darüber zu heiligen Bettlern werden. Alles ging auf der letzten Messe wieder flau. Die Minister und dergleichen essen und trinken wieder; machen, wie sie es wollen; verstehen den Handel nicht; lassen die Fabrikanten bankrott werden, und hilft kein A und kein O. Die Welt liegt wieder im alten, und noch ärger als im alten. Tut eine ehrliche Seele, die es vielleicht besser versteht, den Schnabel auf, will ein anderes Lied pfeifen, als die Exzellenzen da mit dem Kreuze über dem Knopfloch und der Gleichgültigkeit unterm Knopfloch – hast du nicht gesehen, kurz angebunden! Flugs mit der armen Seele in ein Loch, abgesetzt, inquiriert, abgeschmiert, ist ein demagogischer Umtreiber und dergleichen. Ich sage dir, schweig, Mädel, davon verstehst du nichts. Du muß nicht weiter über deine Teekanne sehen, als in die Tasse, dann schüttest du nicht nebenbei.« Waldrich merkte aus dieser Unterhaltung, daß der alte Bantes noch immer der ehemalige lebhafte, aufflammende, wunderliche Mann war, dem man doch bei allen seinen Eigenheiten nicht böse werden konnte. Da nun in diesem Streite zwischen Vater und Tochter ein schiedsrichterlicher Spruch gefällt werden mußte, war der Kommandant so klug und gefällig, erst dem Vater vollkommen recht zu geben, im Punkte der heiligen Sache nämlich. Und das ward seinem Verstande allerdings zur Ehre angerechnet. Dann aber, weil er sich doch auch selbst nicht geradezu verdammen wollte, mußte er auch seiner Fürsprecherin recht geben, nämlich im Punkte des guten Herzens, mit dem sich Georg für die vermeinte Sache geopfert habe. »Merke schon!« rief der Alte. »Der Herr Kommandant ist pfiffiger, als Hans Paris bei den drei törichten Jungfrauen von Troja und dergleichen. Macht sich's bequem; schneidet den Apfel in zwei Hälften und gibt jedem einen Bissen, sagt: wohl bekomm's!« »Nein, Herr Bantes, Ihr Georg irrte, wenn er irrte, wahrscheinlich wie mehrere Tausend anderer deutscher Männer, und wie zum Beispiel ich selbst. Auch ich machte den Kriegsgang für die Befreiung Deutschlands mit, und ließ alles im Stich. Unsere Armeen, Sie wissen es, waren aufgerieben. Das Volk mußte aufstehen und sich selbst helfen, weil die Armeen nicht mehr helfen konnten. Da mußte man nicht rechnen und fragen, sondern zuschlagen, Gut und Blut daransetzen und die Ehre der Nation, den Thron unserer Monarchen retten. Das haben wir getan. Jetzt wollen wir das Heil erwarten. Unsere bessergesinnten Staatsmänner können auch nicht zaubern und das verlorene Paradies durch ein Taschenspielerstückchen sogleich wieder verjüngen. Ich wenigstens bereue meinen Schritt noch nicht.« »Allen Respekt,« sagte Herr Bantes mit tiefem Verbeugen, »allen Respekt, Herr Kommandant, für Ihre Ausnahme von den Regeln. Dünkt mich übrigens spaßhaft oder ernsthaft, daß wir Bürger, Bauern, Kaufleute und Fabrikanten zwanzig Jahre lang unser Geld hergeben müssen, um im Frieden eine Armee von einigen Hunderttausend müßigen Beschirmern des Thrones zu ernähren, zu kleiden in Samt, Seide und Gold, und daß wir anderen dann im einundzwanzigsten Jahre, wenn die Beschirmer des Thrones zusammengehauen sind, selbst aufstehen und das Rad wieder ins Gleis bringen müssen und dergleichen.« In solchen Gesprächen ward man schon beim ersten Mittagsmahl vertraulicher untereinander. Herr Bantes selbst gab dazu den Ton; denn er war ein Mann, und setzte einen Wert darauf, es zu sein, der kein Blatt vors Maul nahm, wie er sich gern auszudrücken pflegte. Dem Kommandanten war sein Inkognito zuweilen ganz behaglich dabei, doch wünschte er sehr, es zu enden. Die Entdeckung Es war aber schon geendet, ehe er es wußte. Frau Bantes, eine stille, feinbeobachtende Frau, die wenig sprach, viel sann, hatte am Tische, sobald sie Waldrichs Stimme hörte, sich seiner Knabenzüge erinnert, sie mit diesen männlichen verglichen und ihn erkannt. Seine sichtbare Verlegenheit, als die Rede auf den Windbeutel Georg gekommen war, konnte, was sie vermutete, nur bestätigen. Dennoch sagte sie weder den anderen noch ihm ein Wort von ihrer Entdeckung. So pflegte sie immer zu tun. Keine Frau hatte so wenig die frauenhafte Art, ihre Gedanken auf der Zunge zu tragen, als sie. Alles ließ sie gehen und reden, wie man gehen und reden wollte; sie hörte, verglich und zog daraus ihre Folgerungen. Daher wußte sie immer mehr als die übrigen im Hause, und leitete unvermerkt alle Geschäfte und Unternehmungen, ohne viele Worte; selbst der lebhafte, feurige Greis, ihr Mann, der ihr am wenigsten gehorchen wollte, gehorchte ihr, ohne es zu ahnen, am meisten. Daß sich Waldrich nicht entdeckte, war ihr etwas verdächtig. Sie wollte schweigend den Grund erforschen. Waldrich hatte in der Tat keinen Grund, sondern suchte nur einen Anlaß, die Familie mit seinem Namen zu überraschen. Da er abends zum Tee gerufen wurde, fand er im Zimmer niemanden als Friederiken. Sie kam eben von einem Besuche heim und warf ihren Schal ab. Waldrich trat zu ihr. »Fräulein,« sagte er, »ich muß Ihnen noch Dank für den Schutz sagen, den Sie meinem Freunde Waldrich gewähren wollten.« »Sie kennen ihn, Herr Kommandant?« »Er dachte Ihrer oft, aber gewiß nicht so oft, als Sie es verdienten.« »Er ist in unserem Hause erzogen worden. Ein wenig undankbar ist es aber doch, daß er, einmal von uns weg, nie, auch nur zu Besuch, zu uns kam. Beträgt er sich gut, ist er geschätzt?« »Man hat nicht über ihn zu klagen! Keiner aber hat so sehr über ihn zu klagen als Sie, mein Fräulein.« »Dann muß er ein guter Mensch sein, denn ich habe nichts gegen ihn.« »Aber er ist ja noch, ich weiß es, Ihr Schuldner.« »Er ist mir nichts schuldig.« »Aber er sprach von einem Reisegelde, das er damals zu seiner Einrichtung gebrauchte, als er zur Armee gehen wollte, und sein Vormund ihm es verweigert hatte.« »Ich habe es ihm ja gegeben, nicht geliehen.« »Ist er darum Ihnen weniger schuldig, Thusnelde?« Friederike sah den Kommandanten bei diesem Namen starr an, und es ging ihr wie ein Licht auf, und sie errötete, da sie ihn erkannte. »Es ist nicht möglich!« rief sie freudig überrascht. »Wohl, liebe Friederike, wenn ich Sie noch so nennen darf – ach, das schöne Du darf ich nicht mehr sagen – der Schuldner, der Sünder steht vor Ihnen – verzeihen Sie ihm. Ja, hätte er früher gewußt, was er nun weiß, er wäre schon tausendmal für einmal nach Herbesheim gekommen.« Er nahm ihre Hand und küßte dieselbe. In dem Augenblicke trat Frau Bantes herein. Friederike eilte ihr entgegen: »Wissen Sie, Mamachen, wie der Herr Kommandant heißt?« Das Antlitz der Frau Bantes ward von einem milden Rot überflogen. Sie sagte sanft lächelnd: »Georg Waldrich.« »Wie, Mamachen, Sie wußten es und verschwiegen es?« sagte Friederike, die sich noch immer nicht von ihrer Überraschung erholen konnte, und nun den hochgewachsenen, festen Kriegsmann im Heerkleide mit dem schüchternen Schulknaben der Vorzeit verglich. »Ja, wahrhaftig,« sagte sie, »er ist es. Wo ich auch nur meine Augen hatte! Da hat er ja noch die Schramme am linken Auge, die er sich vom Falle holte, als er mir eine Zitronenbirne vom höchsten Baume im Garten brach. Wissen Sie noch?« »Ach, was weiß ich nicht noch alles!« sagte Waldrich und küßte seiner ehemaligen, ehrwürdigen Pflegemutter die Hand, und bat auch bei ihr um Verzeihung, nie seit seiner Mündigkeit zum persönlichen Besuch gekommen zu sein. Er behauptete, es sei eigentlich nicht wirkliche Undankbarkeit gewesen, denn er habe oft mit ehrfuchtsvoller Erkenntlichkeit an dieses Haus zurückgedacht; noch weniger Leichtsinn und Gleichgültigkeit – aber er wisse selbst nicht, was ihm immer im Gemüt widerstanden habe, daß er nie nach Herbesheim zurückkehren mochte. »Ungefähr wohl dasselbe,« erwiderte leise die Mutter, »was die seligen Geister abhalten mag, sich nach dem Raupenstande ihres elenden Menschtums zurückzusehnen. Sie waren in Herbesheim eine Waise, und als Waise, ohne Mutter und Vater, ein Fremdling. Das konnten wir Sie nie vergessen machen. Sie waren Knabe, abhängig, oft fehlbar. Es zogen Sie keine reizenden Kindheitserinnerungen an die Stadt, die mehr Ihre Schul- als Vaterstadt gewesen ist. Sobald Sie frei, Jüngling, Mann geworden sind, fühlten Sie sich aller Orten glücklicher, als Sie bei uns sein konnten.« Waldrich blickte mit einer Träne im Auge auf die Rednerin. »Ach, Sie sind noch immer die liebe, fromme, weise Mutter wie sonst. Sie haben recht. Es ist mir aber doch jetzt in der Tat heimatlicher in Herbesheim, als ich selbst erwartet habe; und ich gestehe, der Gegensatz meiner ehemaligen und jetzigen Verhältnisse mag dazu etwas beitragen. Wäre ich nur früher gekommen! Geben Sie mir in Ihrem herrlichen Herzen die Rechte des Pflegesohnes wieder.« Frau Bantes konnte auf die Frage nicht antworten, denn Herr Bantes trat rasch herein und sogleich zum Teetisch. Wie ihm Friederike erklärte, wer ihr Gast sei, stutzte er, streckte dann plötzlich die Hand gegen den Kommandanten und sagte: »Seien Sie mir sehr willkommen, Herr Waldrich. Waren ein Knirps, und sind mir ganz aus den Augen gewachsen, Herr Waldrich. Ja, nun heißt es nicht mehr Georg, sondern Herr Waldrich, oder wohl gar Herr von Waldrich und dergleichen? Sind Sie von Adel?« »Nein.« »Und der Bandzipfel da im Knopfloch? Bedeutet nichts?« »Daß ich mit meiner Kompanie eine feindliche Schanze nahm und gegen drei, vier Stürme sie behauptete.« »Wieviel Mann kostete das?« »Zwölf Tote, siebzehn Verwundete.« »Also neunundzwanzig Menschenkinder für eine Achtelelle Seidenband. Verdammt teure Ware, die der Fürst verkauft, und doch in jedem Kramladen um ein paar Kreuzer einhandelt. Setzen wir uns; trinken wir. Friederike, bediene! Viel Beute gemacht? Wie stehen die Finanzen?« Waldrich zuckte lächelnd die Achsel. »Wir zogen aber auch nicht der Beute willen ins Feld, sondern des Vaterlandes willen, daß es nicht die Beute der Franzosen bleibe.« »Schön, schön. Ich liebe solche Gesinnungen, und es ist gut, daß man auch bei leeren Säcken darauf hält. Und Ihr väterliches Kapitälchen, sicher und solid angelegt?« Waldrich ward rot und sagte dabei lächelnd: »Ich bin sicher, es geht mir nicht wieder verloren.« Der tote Gast Kaum war im Städtchen laut geworden, wer der Kommandant sei, sammelten sich die alten Bekannten wieder zu ihm. Waldrich ward in alle Gesellschaften der besten Häuser gezogen, und er in allen der beste Gesellschafter, geistvoll, witzig, brav, ein angenehmer Erzähler, mit den Gelehrten gelehrt, mit den Kunstfreunden Künstler; er zeichnete gut, spielte Flügel und Flöte mit Fertigkeit, tanzte alllerliebst, und die Frauen und Töchter gaben zu, er sei ein schöner, flüchtiger, aber eben darum äußerst gefährlicher junger Mann. Was die Gefährlichkeit betrifft, wußte eigentlich keine der Schönen bei sich ins klare zu bringen, ob er durch sein bescheidenes Wesen die Gefahr vermindere oder vergrößere. Indessen war es eben damals im Städtchen keiner Schönen und keine Häßlichen sehr darum zu tun, Eroberungen zu machen, oder sich erobern zu lassen. Jede vielmehr verwahrte ihr Herz mit ungewöhnlicher Sorgfalt. Die Ursache dieser Enthaltsamkeit wird, wer nicht zu Herbesheim wohnt, oder die handschriftlichen Chroniken der Stadt kennt, schwerlich erraten; wer sie nun aber kennenlernen wird, schwerlich glauben; und doch ist die unleugbar wahr, je unwahrscheinlicher sie ist. Es war nämlich dieses Jahr die hundertjährige Jubel- oder Jammerfeier des sogenannten toten Gastes, der besonders allen Bräuten in der Stadt ein böser Gesell zu sein schien. Niemand wußte genau, welch eine Bewandtnis es mit diesem Gast habe. Aber man erzählte sich, es sei ein Gespenst, das alle hundert Jahre einmal in die Stadt Herbesheim wiederkomme, vom ersten Advent bis zum letzten Advent darin hause, zwar kein Kind beleidige, aber richtig jeder Braut den Hof mache und damit ende, ihr das Gesicht in den Nacken zu drehen. Des Morgens finde man sie, das Antlitz im Rücken, tot im Bette. Was dies Gespenst aber noch vor allen Gespenstern in der Welt auszeichnet, ist, daß es nicht etwa nur in der gesetzlichen Geisterstunde, nachts zwischen elf und zwölf Uhr, sein Wesen treibt, sondern es soll am heitern, lichten Tage in wahrer Menschengestalt auftreten, ganz modisch wie andere Erdensöhne gekleidet einhergehen, überall hinkommen und sich einführen. Dieser Gast soll Geld vollauf haben und, was das Ärgste ist, wenn er keine Braut eines anderen findet, selbst die Gestalt eines Freiers annehmen, die armen Herzen der Mädchen behexen, bloß um diesen nachher, wenn er ihnen mit Liebesgrillen das Köpfchen ein wenig verrückt hat, des Nachts den Kopf umdrehen zu können. Niemand konnte angeben, woher diese Sage entstanden sei. Im Kirchenbuche der Pfarrei las man noch die Namen von drei Jungfrauen, die zur Adventszeit im Jahre 1720 plötzlich abgestorben waren. Als Glosse liest man daneben die Worte: »Mit dem Angesicht im Nacken, wie vor hundert Jahren. Gott möge ihren armen Seelen gnädig sein.« – Wenn nun auch diese Anmerkung auf dem Rande des Kirchenbuches keinem vernünftigen Manne ein Beweis der Tatsache war, so bewies sie doch wenigstens, daß die Sage schon älter als hundert Jahre gewesen sei, ja daß vielleicht vor zweihundert Jahren irgend etwas Ähnliches begegnet sein müsse, weil sich das Kirchenbuch darauf beruft. Die älteren Kirchenbücher sind leider nicht mehr vorhanden. Sie gingen bei einer Feuersbrunst im spanischen Erbfolgekrieg verloren. Wie dem nun auch sei, jedem war die Sage bekannt; jeder behauptete, sie sei ein lächerliches Gespenster- und Ammenmärchen, und fast jeder dachte doch mit, ich möchte sagen neugieriger Ängstlichkeit, an die bevorstehende Adventzeit, um zu erfahren, was an der Sache sei. Denn, meinten bei sieh im stillen selbst die aufgeklärtesten Köpfe, es gibt ja, laut Hamlets Zeugnis, am Ende noch vielerlei Dinge zwischen Erde und Himmel, von denen sich unsere Philosophie nichts träumen läßt. – Der alte Stadtpfarrer, zu dem man nun häufiger besuchsweise kam, um die wunderliche Stelle im Kirchenbuche mit eigenen Augen zu lesen, äußerte sich auch etwas zweideutig, obwohl er sonst ein sehr verständiger Herr war. Entweder sagte er: »Es will mich wundern, ob... aber ich glaube es doch nicht.« – Oder: »Gott verhüte, daß ich so etwas ins Kirchenbuch eintragen müsse!« Am ungläubigsten waren die jüngeren Herren. Sie machten sich bei dieser Gelegenheit darüber tapfer lustig. Die Jungfrauen stellten sich zwar auch stark, aber sie stellten sich auch nur so. Heimlich gedachte gewiß jede: Ihr jungen Herren habt gut lachen; es geht das Spiel am Ende nicht um eure Köpfe und Nacken, sondern, und das ist abscheulich, nur um unsere! Die Wirkung dieser Sage und des Glaubens oder Aberglaubens bemerkte niemand besser als der alte Pfarrer, denn wo irgendeine Liebschaft, irgendeine Brautschaft in der Stadt war – alles tummelte sich, die Hochzeit noch vor dem ersten Advent abzutun; und wo keine Hoffnung zur baldigen Vermählung sein konnte, ward Liebschaft und Brautschaft von Grund aus abgebrochen, und hätte das Herz darüber brechen mögen. Nun kann man sich erklären, was die schönen Herbesheimerinnen unter Gefahr verstanden, wenn sie den Kommandanten wider ihre Willen einnehmend fanden. Es war ihnen im buchstäblichen Verstande ums Köpfchen und vor dem Besuche des toten Gastes bange. Man muß ihnen daher gern den etwas unnatürlichen stillen Schwur verzeihen, vor Advent und während der Adventzeit nicht ich mindesten zu lieben, und käme ein Engel vom Himmel, ihn nicht freundlicher anzusehen, als jeden anderen Christenmenschen. Häusliches Glück Es ist mir nicht genau bekannt, ob die schöne Friederike Bantes ungefähr etwas Ähnliches geschworen haben mochte, wie die übrigen Adventsnonnen zu Herbesheim. Doch so viel ist gewiß, sie sah Waldrichen nicht freundlicher an als jeden anderen; denn sie war huldreich jedem. Der Kommandant lebte im Bantesschen Hause einen wahrhaften Paradiessommer. Er stand da wie ein Sohn in der Familie. Die alten Verhältnisse seiner Kindheit, nur etwas behaglicher, stellten sich unerwartet so ganz wieder ein, daß er den Herrn und die Frau Bantes, wie ehemals, Vater und Mutter hieß; daß Herr Bantes ihn von Zeit zu Zeit abkanzelte (so nannte es Herr Bantes, wenn er seinem Verdruß oder seiner üblen Laune in Sittensprüchen Luft machte); daß Frau Bantes jedesmal, wenn der Kommandant einen Schritt aus dem Hause tat, zuvor seinen Anzug musterte, für seine Kleider und Wäsche sorgte, ihm das Mangelnde gab, als wäre er noch Mündel wie sonst; sogar Rechnung über sein Taschengeld hielt und ihm, wenn er sich schon anfangs sträubte, den Geldbeutel zu keinen Ausgaben allmonatlich mit kleiner Münze versah. Waldrich komandierte nicht nur in der Stadt, sondern auch im Hause; gab zu allen Angelegenheiten sein Wort und halt entscheiden, wo man stritt. Auch zwischen Friederiken und ihm, wie sie sich allmählich zueinander gewöhnt und sie gleichsam vergessen hatten, daß sie groß geworden waren, erneuerte sich ganz unabsichtlich der Ton der Kinderzeit. Sie lebten einander, wie damals, gefällig; zankten aber auch, wie damals, nicht selten miteinander, und zwischen dem höflichen Sie sprang oft ganz unberechnet ein Du hervor, nichts weniger als das Du der Zärtlichkeit, sondern das mürrische Du des Vorwurfs. Zwar in der Stadt machten alte und junge Frauen, auch alte und junge Mädchen, wie es so zu geschehen pflegt, ihre frauen- und mädchenhaften Anmerkungen über Waldrichs Verhältnisse. Denn die Herbesheimerinnen hatten ein Vorurteil, das sonst in anderen Städten dem weiblichen Geschlecht gar nicht eigen ist: daß nämlich ein junger Mann von achtundzwanzig und ein hübsches Mädchen von zwanzig Jahren schlechterdings keine vier Wochen miteinander unter einem Dache wohnen könnten, ohne zuletzt, wenn sie einander sähen, Herzklopfen zu haben. Unter dem Dache des Herrn Bantes war aber so wenig vom Herzklopfen die Rede, daß man tagelang beisammen oder getrennt sein konnte, ohne zu empfinden, wo das Herz sei. Dies war auch so auffallend, daß sich selbst die Herbesheimerinnen zuletzt überzeugten, hier gelte statt der Regel die Ausnahme; denn kein Blick, kein Mienenzug, keine Bewegung, keine eigene Betonung der Stimme, und was die Liebe sonst für Buchstaben in ihrem Alphabet haben mag, verriet etwas anderes als einen reinen geschwisterlichen Stand der Dinge aus der Knaben- und Kleinen-Mädchen-Zeit. Am frühesten würde der Feinblick der Frau Bantes allfälligen Herzensunfug erlauscht haben – Frauen haben dafür einen eigenen Sinn, der den Männern fehlt – aber sie erlauerte nichts, und blieb beruhigt. Herr Bantes dachte an solche Möglichkeiten gar nicht. Er selbst hatte in seinem Leben von dem, was man Liebe nennt, keine Vorstellung gehabt, und würde ebenso leicht gefürchtet haben, seine Tochter könne einmal wahnsinnig werden, als sie könne einmal irgendeinen jungen Mann um seines Selbsts willen leidenschaftlich lieben. Er wußte, daß Frau Bantes schon seine Braut gewesen, ehe sie ihn nur von Angesicht zu Angesicht gesehen hatte. Und er war Bräutigam geworden und hatte dem Vater sein Jawort gegeben, sobald er wußte, seine Zukünftige sei ein braves Mädchen, Tochter eines soliden Hauses, und bringe dreißigtausend Taler mit und habe noch weit mehr durch Erbschaft zu erwarten. Dies Verfahren in Ehestands- und Verlobungsgeschäften, von dem ihm seine Erfahrung den unleugbarsten Beweis der Zweckmäßigkeit gegeben – denn er war einer der glücklichsten Ehemänner und Hausväter – schien ihm daher das Vernünftigste. Er hätte seine Tochter längst vermählen können; an Freiern fehlte es nie. Allein teils mochte er sich nicht gern von dem Mädchen trennen, denn er hing mehr an ihm, als er sich bewußt war; teils gab es bei den Abrechnungen mit den Freiern oder Werbern Anstößigkeiten. Er behauptete, die Welt bestehe lediglich durch das Gleichgewicht ihrer Soliditäten, sonst wäre sie schon vor Jahrtausenden zusammengefallen, und eben darum stellte er das Gleichgewicht des gegenseitigen Vermögens als wesentlichen Grundsatz einer ehelichen Verbindung auf. Sowohl Frau Bantes als Friederike hatten dies bisher vollkommen billig gefunden. Nun aber war Friederike bald volle zwanzig Jahre alt. Der Alte bedachte, daß er seine Gattin bekommen, da sie noch weit jünger gewesen, und er dachte ernster an die Verheiratung seiner Tochter. Frau Bantes hatte eingestimmt, und Friederike es ebenfalls ganz billig gefunden. Eine junge zwanzigjährige Frau – der Ausdruck läßt sich hören; es ist etwas Zartes darin. Allein ein junges zwanzigjähriges Mädchen – man kann dies kaum sagen, ohne in Gedanken zu fragen: »Wie lange will denn das jung bleiben?« Herr Bantes fühlte dies sehr gut, und traf danach seine Anstalten. Der Geburtstag Im Hause des Herrn Bantes pflegten viele Familienfeste gefeiert zu werden, und zwar nur von und in der Familie. Bloß am Hochzeittagsfeste des Herrn und der Frau wurden Fremde aus der Stadt eingeladen. Auch der alte Buchhalter, der Fabrikaufseher und Kassierer, welche die Ehre genossen am Tische des Herrn Bantes zu speisen, waren der Familie zugezählt, und die Geburtsfeste derselben wurden förmlich begangen. Kein Wunder also, daß das Jahresfest unseres Oberleutnants stattlich gefeiert werden mußte. An einem solchen Tage durfte, so war's Gesetz, keine Seele im Hause dem Gefeierten eine böse Miene machen, keiner ihm eine billige Bitte abschlagen. Jeder mußte ihm ein Geschenk bringen, es mochte groß oder klein sein. An diesem Tage des Mittags war die Mahlzeit reicher und ausgewählter, nur an diesem Tage speiste man von Silber, brannten des Abends silberne Kerzenstöcke, und der Gefeierte saß am Tische auf der Ehrenstelle, das heißt an dem gewöhnlichen Platze des Hausvaters. Die Geschenke und Angebinde wurden jedesmal überreicht, ehe man sich zum Mittagessen niedersetzte; dem Gefeierten wurden Gesundheiten mit gefüllten Gläsern zugebracht; nach aufgehobener Tafel empfing er von jedem der Anwesenden Umarmung und Kuß. – Herr Bantes hatte die löbliche Sitte noch aus dem elterlichen Hause herübergeerbt und beibehalten. Das alles ging nun auch an Waldrichs Geburtstage in altbestandener, ihm wohlbekannter Ordnung vor sich. Als er ins Speisezimmer trat, waren die sämtlichen Tischgenossen schon versammelt. Herr Bantes kam ihm mit seinem Glückwunsche entgegen, und überreichte ihm ein Blättchen in Seidenpapier eingeschlagen. Es war ein schöner Wechsel, von Herrn Bantes auf sich selbst ausgestellt, a visto zahlbar. Frau Bantes folgte. Sie trug ihm eine äußerst feine, vollständige Hauptmannsuniform entgegen, mit allem Zubehör. Darauf nahte Friederike mit einem Silberteller; auf einem halben Dutzend feinen, von ihrer eigenen Hand gestickten Halstüchern lag ein Brief mit großem Siegel des Regiments und der Adresse: An den Hauptmann Georg Waldrich. Hier stutzte der Oberleutnant, als er aufbrach und ein Hauptmannspatent für sich erblickte. Auf Beförderung hatte er lange gewartet, aber sie sobald nicht zu erleben gehofft. Er war Hauptmann seiner Kompanie geblieben, sein auf Urlaub befindlicher Vorgänger zum Major vorgerückt. »Aber, mein gnädiger Herr Hauptmann,« sagte Friederike mit ihrem ihr eigenen anmutigen Lächeln, »gelt, Sie werden mir doch nicht böse? Ich will nur bekennen, der Brief kam schon vor acht Tagen während Ihrer Abwesenheit an, und ich unterschlug ihn, um ihn für heute aufzusparen. Gestraft genug bin und schon durch meine achttägige Todesangst, Sie möchten die Ernennung noch von wo anders her erfahren, und dann diesen Brief vermissen.« Waldrich war gar nicht in der Laune, zu zürnen; auch konnte er in der Bestürzung kaum ein Wort hervorbringen und den übrigen danken, die ihm Glückwünsche und Angebinde brachten. »Hauptsache ist,« rief Vater Bantes fröhlich, »daß man den neugebackenen Hauptmann bei uns und seiner Kompanie läßt. Ich hatte die die acht Tage durch auch so eine Gattung Todesangst und dergleichen im Leibe, der Georg müsse fort. He, Herr Buchhalter, marsch, in den Keller. Marsch, sag' ich, zu Numero neun, zum alten Neckar. Auf der Stelle den Herren Offizieren der Kompanie ein Dutzend Flaschen, jedem Unteroffizier, Feldwebel, Korporal und Admiral eine Flasche und einen halben Gulden dazu, und jedem Gemeinen einen halben Gulden. Und der Herr Oberleutnant wäre ihr Hauptmann! Sollen eines auf seine Gesundheit trinken, aber ihm heut mit Komplimenten und dergleichen vom Halse bleiben. Morgen soviel sie wollen, nach Herzenslust!« Der Buchhalter gehorchte. Man sah bei Tische offenbar, wie lieb dem Herrn Bantes sein ehemaliger Mündel war. Er sprudelte von ausgelassener Fröhlichkeit in einer Menge drolliger Einfälle. So hatte Waldrich ihn nie gesehen, und er ward recht gerührt dadurch. »Nun, mein Haupt- und Kapitalmännchen,« rief ihm über Tische der muntere Greis zu, »ich meinte, weiß Gott, der Wechsel, den ich Ihnen da gab, werde wohl für Sie als Reisepfennig gut sein müssen. Dazu war er auch bestimmt. Nun ärgert's mich, daß ich so kleinmütig war. Sie brauchen ihn nicht; hätte was Besseres geben sollen. Vergessen Sie nicht das Hausgesetz. Sie können eine Bitte tun, ich muß sie gewähren. Also, ohne Umstände heraus mit der Sprache. Verlangen Sie, was Sie wollen, ich gebe es, und müßte es selbst meine neue, schöne weiße Perücke sein und dergleichen.« Der Hauptmann hatte feuchte Augen. »Ich habe nichts mehr zu bitten.« »Ei, geschwind besonnen! Der Augenblick kommt vielleicht übers Jahr nicht wieder!« rief der Alte. »So erlauben Sie mir, Papa, Ihnen einen herzlichen, dankbaren Kuß zu geben.« »Je, du Herzensjunge, das hast du wohlfeil!« rief Herr Bantes. Beide sprangen sogleich von ihren Sitzen, fielen einander um den Hals, und beide ließen erst mit bewegterem Herzen voneinander los. Es entstand eine tiefe Stille. Die Rührung beider hatte sich über Friederike, ihre Mutter und alle Tischgenossen verbreitet; daß Herr Bantes dem Hauptmann das Du gegeben, war allein eine unerhörte Erscheinung. Herr Bantes sammelte sich aber schneller als die anderen, machte ein ernstes Gesicht und brach das Schweigen. »Nun genug mit den Possen da! Lasset uns wieder etwas Vernünftiges reden.« – Er hob sein Glas und befahl zu füllen. Dann stieß er mit Waldrich an und sprach: »Wo ein Mann ist, muß auch eine Männin sein, und folglich im höheren Chor: wo ein Hauptmann ist, darf noch weniger die Frau Hauptmann fehlen! Also sie lebe, blühe, grüne und dergleichen hoch!« Waldrich konnte sich des Lachens nicht erwehren. »Sie möge fromm, gut und häuslich sein!« sagte Frau Bantes, indem sie mit dem Glase anstieß. »Mama, wie Sie!« antwortete der Hauptmann. »Und die Liebenswürdigste unterm Monde!« sagte Friederike anklingend. »Fräulein, wie Sie!« antwortete er dankend. Friederike schüttelte den Kopf und drohte halb böse, halb schalkhaft lächelnd, mit dem Finger zu ihm herüber: »Man muß sich heute von dem Geburtstagsprinzen viel gefallen lassen, das zu anderen Zeiten mit ... (sie machte mit der Hand ein Zeichen, wie man unartigen Kindern Strafe gibt) vergolten wird!« Buchhalter, Kassierer, Fabrikaufseher und Schreiber machten bei dieser sonderbaren Tischszene ihre unschuldigen Bemerkungen. Erst das kecke Anerbieten, das Herr Bantes dem Hauptmann getan hatte, ihm alles zu gewähren, was er bitten würde – ein Anerbieten, das Waldrich so übel verstand –; dann die ausgebrachte Gesundheit zu Ehren der künftigen Frau Hauptmännin – wahrlich, der Günstling des Glücks mußte blind sein, daß er nicht begriff, was ihm Papa Bantes begreiflich machen wollte. »Und ich glaube doch,« sagte der Fabrikaufseher leise zum Kassierer, als man vom Tische aufstand, »die Sache ist heut richtig gemacht. Was meinst du? Es gibt ein Paar.« Der Kassierer erwiderte ebenso leise: »Mir graut's. Ich denke an den toten Gast. Ich kann nicht anders.« Die Formalität des Geburtstagskusses begann. Man ging rings um den Tisch, sich, gesegnete Mahlzeit wünschend, einander entgegen. Waldrich empfing von jedem Umarmung und Kuß. Er traf auf Fräulein Bantes. Unbefangen höflich näherten sie sich einander und gaben sich einander den Kuß. Aber indem sie ihn gegeben hatten, sahen sie einander auf sonderbare Weise in die Augen, wie Personen, die sich ganz unerwartet als alte Freunde erkannt hätten. Beide schwiegen – sahen Aug' in Auge, wie in den Herzensgrund – neigten sich noch einmal mit den Lippen zusammen und wiederholten den Kuß, als wenn der erste gar nicht gegolten hätte. Ich weiß nicht, ob das jemand bemerkt hatte; aber das weiß ich, Mama Bantes senkte bescheiden ihre Augen nieder auf den Brillantring an ihrem Finger. Und Waldrich ließ sich nach diesem vom Kassierer und Buchhalter usw. küssen; er fühlte keinen anderen Kuß mehr; verlangte keinen zweiten mehr, sondern ließ den ersten jedesmal gelten. In der Tat aber sah er aus, als wäre ihm die breite Brust zu eng geworden. Und Fräulein Bantes ging ebenfalls mit einer Miene zum Fenster hin, als wäre ihr etwas angetan. Doch das zerstreute sich bald. Die Heiterkeit nahm ihr voriges Recht wieder ein. Zwei Chaisen standen draußen angespannt, und man fuhr aufs Land, den lieblichen Herbstnachmittag im Grünen zuzubringen. Noch ein Geburtstag Den folgenden Tag war alles wieder beim alten. Der neue Hauptmann hatte vielerlei Geschäfte abzutun. Er hatte Erlaubnis empfangen, seinen General zu besuchen. Er hatte mit seinem Vorgänger mancherlei in Sachen der Kompanie zu verrechnen. Das machte eine Abwesenheit von einigen Wochen nötig. Er reiste vom Hause Bantes ab, wie von einem Vaterhause; man entließ ihn, wie einen Sohn, mit freundlichen Ermahnungen, mit guten Lehren, mit wohlwollenden Wünschen, wie einen, dessen man sicher ist, ohne Trauer und Wehmut um solch eine Trennung. Waldrich und Friederike schienen ebenso, wie sonst, wenn sie etwa in eine Gesellschaft oder er zur Parade ging. Nur erinnerte sie ihn noch, daß er nicht zu ihrem Geburtsfeste fehlen müsse, am zehnten November. Auch hatte ich das Vergnügen, meinen Freund auf jener Reise einige Tage bei mir zu sehen. Er freute sich seiner Beförderung, zweifelte aber, wie er aus den Worten seines Generals schließen konnte, daß er mit der Kompanie noch lange zu Herbesheim bleiben würde. Das sagte er auch ganz unbefangen bei seiner Rückkehr im Hause Bantes. Man bedauerte ihn wieder verlieren zu müssen. »Doch«, setzte der Alte hinzu, »lassen wir uns kein graues Haar darum wachsen. Spät oder früh schickt uns alle der droben in andere Besatzung. Hier auf dem Erdbällchen sitzen wie einander, ob in dieser oder jener Stadt, immer nahe genug, oft einander nur allzunahe. Die verdammten Engländer und dergleichen sitzen meiner Fabrik zum Beispiel gerade auf dem Nacken.« So versteht sich, Friederikens Geburtstag ward in gewohnter Ordnung und Feierlichkeit begangen. Waldrich hatte ihr aus der Residenz eine neue Harfe, ein zierliches Meisterwerk und ausgesuchte Musikalien mitgebracht. Beides überreichte er ihr, als die Reihe an ihn kam. Ein breites, rosenfarbenes Seidenband flatterte um das glänzende Saitenspiel. Vater Bantes war hochselig. Er ging stillvergnügt und rasch umher im Speisesaal, und rieb sich so heimlich lächelnd die Hände, daß Frau Bantes, die ihm verwundert mit den Augen folgte, sich nicht enthalten konnte, dem Kommandanten leise zuzuflüstern: »Der Papa hat für uns noch eine artige Überraschung im Hintergrunde.« In der Tat, die kluge Matrone irrte nicht. Man setzte sich, nach vollendeten Glückwünschen und Angebinden, zum Tische. Als Friederike, wie die anderen, ihre Serviette vom Teller hob, fand sie auf diesem ein kostbares Halsband von orientalischen Perlen, einen prächtigen Brillantring und einen an sie gerichteten Brief. Das Fräulein erstaunte freudig, und hob die glänzende Schnur und den blitzenden Ring mit mädchenhaftem Wohlgefallen. Herr Bantes sah sie mit freudefunkelnden Augen an, und weidete sich an ihrer und aller Anwesenden Überraschung. Ring und Perlenband gingen darauf an der Tafel umher auf dem Teller, daß jeder die Pracht bequemer schauen könne. Friederike hatte inzwischen den Brief erbrochen und las ihn. Ihre Gesichtszüge verrieten noch mehr Erstaunen, als sie schon vorher bei den Geschenken geäußert hatte. Herr Bantes schwamm in Seligkeit. Die Mama studierte mit einer ängstlichen Neugier die gespannten Gesichtszüge der Tochter. Friederike schwieg lange, indem sie sinnig das Blatt betrachtete. Endlich legte sie es nieder. »Laß auch den Brief herumgehen!« rief der entzückte Vater. Sie gab den Brief verlegen und stumm an die neben ihr sitzende Mutter. »Nun, Riekchen,« rief die Alte, »hat dir die Überraschung den Atem und dergleichen gestohlen? Gelt, der Papa weiß es anzustellen?« »Wer ist der Herr von Hahn?« fragte Friederike mit dunkler Miene. »Wer anders denn als der Sohn meines alten ehemaligen Associé Hahn, des berühmten Bankiers? Könntest du für dich einen andern erwarten? Der Alte hat bessere Geschäfte gemacht, als ich hier mit meiner Fabrik. Nun setzt er sich in Ruhe. Sein Sohn, der junge Hahn, übernimmt die ganze Sache des Alten, und du wirst die Henne des jungen Hahn.« Frau Bantes gab, indem sie mit dem sich sanft hin und her bewegenden Kopfe eine stille Mißbilligung äußerte, den Brief an den Kommandanten. Der Inhalt war folgender: »Zu Ihrem Geburtsfeste, mein schönes Fräulein, drängt sich, leider diesmal im Geiste nur, weil der Arzt bei rauher Witterung die Reise untersagt hat, ein Ihnen Unbekannter. Ach, daß ich sagen muß Unbekannter, daß ich nicht statt dieser Zeilen selbst nach Herbesheim fliegen und dort um Ihre Hand flehen und das, was unsere guten Väter in der Herzlichkeit ihrer Jugendfreundschaft wegen unserer Verbindung beschlossen haben, und was meine Sehnsucht so ungeduldig verlangt, vollenden kann! Oh, mein angebetetes Fräulein, mit der ersten milden Witterung, wenn auch noch etwas kränklich, eile ich nach Herbesheim. Ich segne mein Schicksal. Ich mache es zur Aufgabe meines Lebens, daß auch Sie einst unser vereintes Schicksal segnen sollen. Nur um die Hand darf ich flehen; ich weiß es, nicht um das Herz. Dieses kann sich nur frei hingeben. Aber lassen Sie mir wenigstens die Hoffnung, es verdienen zu können. Wenn Sie wüßten, wie glücklich nur eine kleine Zeile von Ihrer Hand mich machen, wie die mich wunderreicher als die Kunst meines Arztes heilen und stärken würde – Sie ließen mich nicht vergebens bitten. Erlauben Sie, daß ich mich, in Verehrung und Liebe, nennen darf Ihren Verlobten Eduard von Hahn.« Der Kommandant sah ernst und starr auf den Brief. Er hatte gar nicht das Ansehen eines Lesenden, sondern eines Denkenden oder, ich möchte lieber sagen, eines Träumenden. Inzwischen wollte Vater Bantes durchaus, Friederike solle ihre mädchenhafte Ziererei abtun und ihm einmal recht offen und ehrlich bekennen, daß sie sich freue. »Aber Papa, wie kann ich das? Ich habe diesen Herrn Bankier von Hahn in meinem Leben nicht gesehen.« »Närrchen, ich verstehe dich, natürlich. Aber ich kann dir darüber Trost und Frieden geben. Er ist ein feiner, schlanker, großer Jüngling, ein hübsches Milchgesicht. Etwas schwächlich war er schon ehemals; das ist vermutlich vom plötzlichen Wachsen gekommen. Er war gewaltig in die Höhe geschossen.« »Wann sahen Sie ihn denn, Papa?« »Als ich das letztemal in der Residenz war. Laß sehen, es mögen zehn, zwölf Jahre sein. Ich brachte dir damals die schöne Puppe mit, wie hieß sie doch? Sie war fast so groß wie du. Die Babette, Rosette, Lisette oder dergleichen. Nun wißt du's. Der junge Hahn mochte kaum viel über zwanzig haben. Ein rechtes Milchgesicht, sag' ich dir. Du sollst ihn nur sehen.« »Papa, ich hätte erst ihn lieber gesehen, als seinen Brief mit solchem Antrag gelesen.« »Ein dummer Streich ist's, daß er, wie wir Alten es abgemacht hatten, nicht selbst zu deinem Geburtstage kommen konnte. Als ich mit der Mama verlobt war, kam ich selbst. Nun, Mama, und du? Gelt, du hast die Äuglein aufgerissen? Das Geheimnis brannte mir fast die Seele ab. Hätt's dir gern gleich anfangs mitgeteilt. Allein ich kenne euch Frauen. Da wäre das Geheimnis schon vor dem Geburtstage verraten worden und alle Überraschung in die Brüche gegangen.« Frau Bantes erwiderte etwas ernsthaft: »Du hast wohlgetan, Papa, mich, als Mutter, nicht zu Rate zu ziehen. Es ist nun geschehen. Segne der Himmel dein Werk!« »Aber, Mama, ich sage: die Wahl! Für seinen Adel zwar geb' ich ihm keinen roten Kreuzer. Doch, solch ein Mädel nimmt's eben auch nicht übel, wenn es gnädige Frau getitelt wird. Aber der reiche Bankier! Sieh, Mama, wir Fabrikanten sind am Ende mit unserem Plunder nur gemeiner Plunder. Aber ein Bankier ist in der Handelswelt allezeit ein Superlativus und dergleichen. Krümmt der alte Hahn den Finger und winkt nach Wien, flugs ist da am Hofe alles in Bewegung und fragt: was befehlen der Herr von Hahn? Nickt er mit dem Kopfe nach Berlin, flugs beugt sich alles bis zur Erde. Solche einem können der Teufel und die Engländer und dergleichen nichts anhaben. Davon, Mama, sprech' ich. Was sagst du dazu?« »Ich finde die Wahl, eben wie du sie machen konntest, vortrefflich!« sagte Frau Bantes ernst, und senkte die Augen auf ihren Suppenteller. Friederike sah düster seitwärts nach ihrer Mutter und seufzte: »Mama, auch Sie?« Der Kommandant stierte noch immer den Brief an, während man so fortsprach. »Donner, Hauptmännchen, können Sie sich nicht satt lesen? Ihre Suppe wird kalt!« rief Herr Bantes. Waldrich erwachte, sah noch einmal das Papier an und warf es hastig vor sich hin, als säße Pestgift daran. Er aß; ein anderer nahm den Brief. Papa Bantes ärgerte sich, daß Friederike nicht fröhlicher war. Er schob anfangs alles auf die jähe Überraschung, daß das arme Mädchen keine Worte finden konnte. Inzwischen ließ er nicht ab und trieb seine Scherze weiter, wie sie ein frohsinniger alter Herr bei solchen Anlässen wohl zu treiben pflegt. Aber von keiner Seite wollte es anklingen. Nur Buchhalter, Kassierer und Inspektor lächelten freundlichen Beifall. Verdrießlich sagte er endlich zu Friederiken: »Mädchen, rede mir endlich frei von der Leber weg, hab' ich's getroffen oder nicht? einen klugen oder dummen Streich gemacht? Sag's nur dem Papa. Übrigens wirst du schon anders pfeifen, Vögelchen, wenn der junge Hahn kommt.« »Es kann sein, lieber Papa!« erwiderte Friederike. »Wie sollte ich Ihre freundliche wohlwollende Absicht im mindesten bezweifeln? Diese Erklärung beruhige Sie.« »Nun, das ist aller Ehren wert, Riekchen. So muß ein vernünftiges Mädchen zur Sache denken. Mama hat mir's selbst gestanden, sie habe zu ihrer Zeit auch so gedacht. Also die Gläser gefüllt! Die Braut soll leben, und der Bräutigam daneben!« Der Papa stieß mit seiner Tochter an. Die andern folgten. Die frohe Laune schien zurückzukehren. »Dummen Streiches kein Ende, daß der junge Hahn uns gerade heute fehlen muß!« fuhr Herr Bantes wieder fort. »Ein schöner, hübscher Mann, sag' ich dir. Sehr gefällig, sehr gesellig; hat mehr Schulen durchgemacht als sein Vater. Ich wette, du kommst nicht wieder los von ihm, wenn du ihn einmal gesehen hast. Ich wette, du fällst dem Papa um den Hals und dankst ihm.« »Es ist möglich, Papa. Wenn's dann so ist, werd' ich's gern tun. Aber bis ich ihn gesehen, bitt' ich – und Sie wissen, lieber Papa, ich habe am Geburtstage das Recht der billigen Bitte! – und so bitte ich, kein Wort mehr von ihm, bis ich diesen Unbekannten gesehen habe.« Herr Bantes runzelte die Stirn und sagte endlich: »Mit Erlaubnis, Fräulein Tochter, das war einmal eine einfältige Bitte! – Indes sie gilt. Die Mama tat zu ihrer Zeit nicht solche Bitten.« »Schatz,« sagte Frau Bantes zu ihrem Manne, »keine Vorwürfe für Friederike. Du mußt nicht vergessen, daß ihr Geburtsfest ist; es darf sie niemand kränken.« »Hast recht, Mama!« erwiderte der Alte. »Er kommt gewiß bald. Der Neumond ist nahe; dann ändert das Wetter.« Damit nahm die Unterhaltung, freilich anfangs etwas gezwungen, andere Wendung, und ging endlich auch in die alte Unbefangenheit und Gemütlichkeit über. Nur beim Hauptmann blieb unter allen Scherzen etwas Frostiges zurück. Frau Bantes schien es zu bemerken und füllte ihm, wider ihre Gewohnheit, öfter das Glas. Friederike sah einigemal mit starrem, forschendem Auge auf ihn hinüber. Und wenn sich beide zufällig mit den Blicken begegneten, war ihnen, als täten ihre Seelen geheime Fragen aneinander; in Waldrichs Auge lag etwas wie ein stummer Vorwurf, und in Friederikens Gemüt ward es, als vernähme sie von diesem Blicke eine angenehme Antwort. Die anderen plauderten anders; unterhielten sich wohl, und der Papa erreichte die volle Höhe seiner guten und mutwilligen Laune. Es traf sich eben, als man nach aufgehobener Tafel um den Tisch ging, um der schönen Königin des Festes den gesetzlichen Kuß zu geben, daß Waldrich und Friederike einander vor dem Vater begegneten. »Höre, Riekchen,« sagte der mutwillige Vater, »denke dir jetzt, unser Georg sei nun ein gewisser jemand, den ich bei Leibes- und Lebensstrafe nicht nennen darf, bis er hier ist. Denke dir das, dann wird der Kuß anders als ein gemeiner werden; versuch's nur, du Närrchen.« Waldrich und Friederike standen voreinander. Er nahm ihre Hand. Sich, Aug' in Auge verloren, ernst, fast wehmütig anschauend, neigten sie sich zum Kusse gegeneinander. Der Alte sprang mit einer komischen Bewegung auf die Seite, den Kuß zu sehen. Er ward gegeben. Beide, indem sie sich zurückzogen, schlossen ihre Hände fester zusammen. Waldrich erblaßte, Friederikens Augen verdunkelten von einer Träne. Sie neigten noch einmal die Lippen zusammen. Nach diesem Kusse schienen beide voneinander gehen zu wollen. Rasch noch einmal flogen beider Lippen zusammen. Dann laut weinend eilte Friederike fort; Waldrich wankte gegen ein Fenster und zeichnete gedankenlos mit dem Finger im angelaufenen Glase desselben. Der Alte sah links und rechts mit dem Kopfe, während er übrigens steif und wie versteinert stand. »Was, zum Kuckuck, ist denn los? Was hat denn das Mädchen?« rief er. »Was ist ihm begegnet?« Frau Bantes senkte ihre Augen schweigend nieder auf den Brillantring ihrer Hand; sie wußte, was Friederiken begegnet war und sagte zum Herrn Bantes: »Papa, schone jetzt das Mädchen. Laß es erst ausweinen.« »Aber, aber, aber...« rief der Alte hastig, und lief zu Friederike. »Was hast du, Kind, was weinst du?« Sie weinte und erwiderte, sie wisse es selbst nicht. »Ah, Flausen und dergleichen!« rief der Vater. »Dir ist etwas geschehen. Bist du gekränkt worden? Hat etwa die Mama...« »Nein.« »Oder der Hauptmann dir etwas gesagt?« »Nein.« »Donner, doch nicht? – Was? Rede doch, ich? Wegen des Spaßes? Darum weinst du?« Frau Bantes zog ihn sanft an der Hand von Friederiken zurück und sagte: »Papa, du hast dein Wort gebrochen, und sie gekränkt. Du hast ihre Bitte verletzt, und wieder, du weißt es wohl...« »An den jemand erinnert? – Hast recht, ich hätte es nicht tun sollen. Laß gut sein, Riekchen; es geschieht nicht wieder. Wer nimmt aber dem Papa dergleichen auch auf der Stelle so hoch auf?« Friederike beruhigte sich. Frau Bantes führte sie zur Harfe. Waldrich mußte stimmen. Die Flöte ward geholt. Man versuchte die neuen Notenstücke. Friederike spielte die Harfe unter Waldrichs Flötenbegleitung vortrefflich. Es ward noch ein schöner, genußvoller Abend. Beratungen Papa Bantes hielt Wort. Mit keiner Silbe mehr geschah Erwähnung von dem gewissen Jemand. Eitles Treiben. Desto mehr dachte nun jeder im Hause an ihn. Regelmäßig morgens, mittags und abends ging Herr Bantes zum Barometer, klopfte an, um das Quecksilber steigen zu machen und für reisende, kränkliche Leute schönes Wetter zu erzwingen. Friederike, wenn es niemand bemerkte, klopfte auch, um das Quecksilber fallen zu machen. Waldrich, nicht minder Frau Bantes, schielten auch öfter als sonst nach der weissagenden Röhre Torricellis. »Das Wetter bessert offenbar!« sagte eines Tages Herr Bantes, da er sich mit der Mama allein im Zimmer befand. »Die Wolken zerteilen sich. Ich denke, er ist schon unterwegs.« »Das verhüte Gott, Papa. Mir schiene überhaupt geratener, du würdest Herrn von Hahn schreiben, nicht vor Weihnachten nach Herbesheim zu kommen. Und wenn ich auch nicht an das alberne Geschwätz glauben mag, so kann man sich doch nicht erwehren, ängstlich zu sein.« »Ei, ei, Mama! Denkst du an den toten Gast? Possen! Schäme dich.« »Ich geb' es zu, lieber Mann, es ist Torheit. Allein es dürfte unserem Kinde in der Adventszeit begegnen was wolle, man würde immer... ja, bloß der Gedanke daran könnte, wenn etwa Riekchen unpäßlich würde, das Übel verschlimmern. Und wenn ich auch nicht an Gespenster glaube, und wenn auch Friederike darüber lacht, möchten wir doch zum Beispiel nicht nachts in der Kirche herumgehen. Der Mensch ist nun so. Verschiebe die förmliche Verlobung bis nach der fatalen Zeit. Nach Advent haben die jungen Leute noch hundert Jahre Muße, sich einander zu sehen, Verlobung und Hochzeit zu machen. Warum denn eben jetzt geeilt? Was schadet ein Verzug von wenigen Wochen?« »Schäme dich, Mama! Mute mir nicht Torheiten zu. Eben deswegen gerade, weil der Pöbel sein Larifari mit dem toten Gaste hat, muß Friederike jetzt Braut werden, muß jetzt Verlobung sein. Man muß ein Beispiel geben. Es ist für uns Pflicht und dergleichen. Sehen die Leute in der Stadt, daß wir uns um keinen toten Gast bekümmern, daß wir unsere Tochter verloben, allem Geschwätz zum Trotz, daß Rieckchen den Kopf behält und ihr keiner den Hals umdreht, so ist dem tollen Aberglauben der Hals umgedreht auf immer. Den Leuten bloß predigen: seid einmal gescheit, tut Buße, werdet fromm, das hilft nichts; sondern hübsch voran, Herr Pfarrer, voran!« »Gesetzt aber, Papa, dein Kind ist dir doch auch lieb, gesetzt nun... siehst du, vor hundert Jahren muß doch, laut dem Kirchenbuche, etwas Unglücks begegnet sein, sei es gewesen, was es wolle; vielleicht waren damals auch Menschen, die sich über die uralte Sage hinwegsetzten; – nun, wir wollen es auch tun. Aber wenn du die Verlobung eben in die böse, verrufene Adventszeit dieses hundertsten Jahres legst und, was Gott verhüte, es geschähe dann, daß...« »Halt, du willst doch nicht sagen, Friederikens Gesicht im Nacken? Ich mag den Teufelseinfall gar nicht denken. Bleib' mir damit vom Leibe, sag' ich.« »Nein. Aber, zum Beispiel Herr von Hahn käme in diesen berüchtigten Tagen bei diesem winterlichen Wetter zu uns, denke nur, kränklich ist er, wie er schreibt. Es könnte doch die Witterung auf weiter Reise, bei schlechten Wegen, sein Übel verschlimmern... Gesetzt, wir hätten einen kranken – vielleicht zuletzt einen toten Gast; es graut mir, es auszusprechen. Und dann die vom Aberglauben ausgezeichneten Advente dieses Jahres – durch deinen Eigensinn diesen Aberglauben bestätigt... Freund, bedenk' es doch wohl.« Herr Bantes schien nachdenkend zu werden und brummte endlich: »Mama, ich begreife nicht, wie du immer auf Einfälle gerätst, die sonst in keines Menschen Gehirn kommen. Wie machst du's auch? Könntest Poet werden und dergleichen. Spür's übrigens euch allen an, daß ihr vom Popanz der Herbesheimer Adventstage lebendig besessen seid. Alle seid ihr's; du, Friederike, sogar der Hauptmann, der doch Soldat sein will, der Kassierer, Buchhalter, Inspektor, alle, sag' ich! Aber keiner will es Wort haben. Pfui!« »Wenn es wäre, woran ich aber doch fast zweifle, so ist es Pflicht des guten Hausvaters, glimpflich eines Vorurteils zu schonen, das eben keinem schadet.« »Alle Narrheit schadet. Darum keine Schonung; Krieg, offener Krieg! Seit Friederikens Geburtstag geht und steht hier im Hause jedes so verblüfft, als wäre das jüngste Gericht unterwegs. Der Teufel hat das Märchen vom toten Gaste erfunden. Es bleibt, wie gesagt, beim alten, Mama. Nichts wird geändert. Ich bin unbeweglich!« So sagte Herr Bantes und lief aus dem Zimmer. Inzwischen blieb es doch bei ihm nicht so ganz beim alten. Das Gespräch hatte in ihm einen Dorn zurückgelassen. Er fand, daß es um des lieben Hausfriedens willen besser sein könne, die förmliche Verlobung auf Weihnacht hinauszustellen. Er liebte seine Tochter zu sehr, und diese Liebe brachte ihn auf allerlei Besorgnis, der Teufel könne doch auf irgendeine Art sein Spiel treiben, und dann würde man es dem toten Gaste zuschreiben. Je näher der erste Advent rückte, je unheimlicher ward ihm dabei, und zwar wider seinen Willen. Er wünschte, sein zukünftiger Schwiegersohn möchte einstweilen noch ausbleiben. Es jagte ihm Schrecken ein, als sich das Wetter völlig aufklärte und der volle, warme Sonnenschein über die Welt floß, als wolle der Spätherbst noch einen schönen Nachsommer zum Geschenk bringen. Er ging nun ebenso fleißig zum Barometer und klopfte, das Quecksilber wieder fallen zu machen. Zu seiner Verwunderung bemerkte er, daß die Mama, daß Friederike die ehemalige gute Laune mit dem guten Wetter wiederbekommen hatten, der Kommandant ebenfalls, und daß zuletzt alle Hausgenossen den ehemaligen Ton wiederfanden. Nur er konnte ihn nicht sogleich wiederfinden. Gutes Wetter Frau Bantes hatte wohl bemerkt, daß Riekchen mancherlei in ihrem Herzen gegen den reichen Bankier einzuwenden hatte; daß der Stadtkommandant in diesem Herzen, mehr als es sein sollte, Kommandant geworden war. Nicht um den Kommandanten, so lieb er ihr auch war, zu begünstigen, sondern jede Übereilung und das daraus mögliche Unglück zu verhüten, trachtete sie nun, die förmliche Verlobung des Bankiers mit ihrer Tochter zu verspäten. Sie wünschte, die jungen Leute sollten sich erst kennenlernen; Friederike sollte sich erst an ihr bestimmtes Schicksal in Gedanken gewöhnen. Nebenbei war doch auch erst näher zu erfahren, ob Herr von Hahn durch sein Herz das Herz Friederikens verdiene. Daher hatte die sorgliche Mutter dem Herrn Bantes, obwohl er ihr das auch für sie hochwichtige Verfügen über die Hand seiner Tochter bis zum Geburtstage verheimlicht hatte, nie in seiner Wahl widersprochen, keinen Vorwurf gemacht. Sie kannte Herrn Bantes zu gut; Widerspruch würde ihn noch erpichter auf seine Sache gemacht haben. Darum spann sie jenes Gespräch mit ihm an und schob sie ihm den Dorn ins Gewissen, und freute sich, als sie wahrnahm, es sei nicht ohne Wirkung geblieben. Darum hatte sie auch, schon am Geburtstage selbst, an eine Freundin in der Residenz um Erkundigung über den sittlichen Wert des Herrn von Hahn geschrieben. Die Antwort traf an demselben Tage ein, als das schöne Wetter dem Herrn Bantes Schrecken machte. Herr von Hahn ward in dem Briefe der Freundin als einer der rechtschaffensten Männer geschildert, der jedermanns Achtung und bisher auch jedermanns Bedauern genossen hätte, nicht nur, weil er immer sehr kränklich, sondern bisher auch in fast sklavischer Abhängigkeit von seinem alten, mürrischen, wunderlichen und geizigen Vater gewesen wäre. Seit einigen Wochen aber habe der junge Mann die sämtlichen Geschäfte des Alten übernommen. Der Alte zöge sich nun auf ein Landgut zurück, weil er schon die Altersschwächen zu sehr fühle, schwer höre und selbst durch die Brille nicht mehr gut sehe. Diese angenehmen Nachrichten machten der Frau Bantes gutes Wetter. Ein anderer Umstand brachte das gute Wetter für Friederiken und den Kommandanten an demselben Tage. Waldrich war nämlich, im Auftrag der Frau Bantes, in Riekchens Zimmer getreten. Das Mädchen saß am Fenster, die Stirn auf die neue Harfe gelehnt, die sie vor sich hatte. »Fräulein Mama wünscht zu wissen, ob Ihnen gefällig wäre, mit uns beim schönen Wetter eine Fahrt ins Freie zu machen?« Riekchen antwortete nicht, sondern drehte das Gesicht noch ein wenig mehr von ihm ab, gegen das Fenster. »Ihro Gnaden sind ungehalten?« fragte Waldrich, der da glaubte, sie wolle mit ihm Scherz treiben. »Hab' ich zum Frühstück nicht, auch wider Neigung eine Tasse Schokolade mehr getrunken, bloß weil Ihro Gnaden befahlen? Bin ich nicht pünktlich und zu rechter Zeit von der Parade zum Essen gekommen? Hab' ich bei Tische nicht mein ehrerbietiges Ja gesagt?« Es erfolgte keine Antwort. Er stand eine Weile schweigend da, ging dann zur Tür, als wolle er fort, kehrte dann wieder um und sagte ungeduldig: »Kommen Sie, Riekchen, das Wetter ist herrlich.« Darauf ertönte ein dumpfes Nein. Er erschrak bei dem Tone; denn dieser verriet, daß er unter Tränen hervorgegangen sei. »Was fehlt Ihnen?« sagte er ängstlich, und nahm die unter ihrer Stirn ruhende Hand von der Harfe und zwang sie, aufzusehen. »Will Mama ihm vielleicht mit uns entgegenfahren? Soll er heut ankommen? Hat sie etwas gesagt?« fragte Friederike hastig und trocknete mit dem weißen Tuche ihre rotgeweinten Augen. Waldrichs Blick verdunkelte sich. Halb unwillig sagte er: »O Friederike, es ist nicht recht von dir, daß du so fragst. Glaubst du, ich möchte dich noch einladen, wenn ich so etwas nur ahnen könnte? Wollte Gott, er käme nicht, ehe ich davon wäre.« »Wie, davon?« »In eine andere Garnison. Ich habe dem General schon an deinem Geburtstag geschrieben und gebeten, und noch keine Antwort.« Riekchen sah ihn verdrießlich an, stand auf und sagte: »Georg, nimm mir's nicht übel, das war einmal wieder einfältig von dir.« »Ich kann, ich will, ich darf aber nicht bleiben.« »Waldrich, ist das Ihr Ernst? Sie werden machen, daß ich Ihnen zeitlebens böse werde.« »Und wollen Sie meinen Tod, wenn Sie mich zwingen, Ihr Hochzeitsgast zu sein?« »Sie sollen nie zu meiner Hochzeit eingeladen werden. Wer hat Ihnen gesagt, daß ich mein Jawort schon gegeben?« »Sie dürfen es nicht verweigern.« »Und, ach Gott, ich kann es doch nicht geben!« schluchzte das Fräulein und verhüllte ihr Gesicht. Auch Waldrich ward von seinem geheimen Schmerz übermannt. Dies war das erstemal, daß beide unter sich diesen Gegenstand berührten, obgleich er ihnen nie aus dem Sinn gekommen war. Am letzten Geburtstage, als beide zum erstenmal von der Gewißheit oder Möglichkeit erschreckt wurden, sich in Zukunft nicht mehr sehen zu können, was sie bisher in unbefangener Fortsetzung jugendlicher Zusammengewöhnung gewesen waren, hatten sie zum erstenmal in sich erkannt, mit welcher Liebe sie aneinander hingen. Beide betrachtete sich, seit jenen drei verräterischen Festtagsküssen, mit ganz anderen Augen. Beide verstanden sich; wußten, daß sie liebten und geliebt wurden, ohne es weiter einander mit Worten zu sagen. In beiden war plötzlich das ruhige, alles verschönernde Licht der Freundschaft zur Flamme geworden. Beide wollte diese voreinander verbergen, und erhöhten damit nur die innere Macht derselben. Nach einer Weile trat Waldrich wieder zu ihr und sagte in treuherzigem Tone: »Riekchen, dürfen wir noch miteinander bleiben, wie es bisher war?« »Waldrich, können wir denn gegeneinander anders werden, wie bisher?« »Können? Ich? Das ist unmöglich. Ach, ich wußte selbst nicht, Riekchen, was mein Glück gewesen. Nun ich dich verliere, weiß ich erst, daß ich verloren bin.« »Verloren, Georg! Sage mir das nicht, und mache mich nicht unglücklich. Es ist ein entsetzliches Wort das! Nenn' es nicht wieder.« »Aber, wenn er kommt?« »Dann wird Gott sorgen. Da, nimm meine Hand, Georg, zehntausendmal lieber verlob' ich mich dem toten Gaste. Aber du sagst das weder dem Papa noch der Mama. Ich will es ihnen sagen, wenn es Zeit ist. Nimm auf dies Wort meine Hand und sei ruhig für mich.« Er nahm ihre Hand und bedeckte sie mit heißen Küssen. »Es ist ein Lebenswort, Fräulein!« sagte Waldrich; »ich durfte es kaum erwarten. Aber ich nehme es von Ihnen. Brechen Sie es, so brechen Sie mein Leben.« »Und sind Sie nun wieder froh und glücklich?« »Ach, ich war's noch nie so, wie diesen Augenblick!« rief er. »Fort,« rief Friederike, »die Mama wird dich erwarten. Fort, ich mache meine Toilette und fahre mit euch.« Sie stieß ihn zurück und drängte ihn zur Tür; aber an der Tür erlaubte sie ihm einen Abschiedskuß. Wie ein Trunkener ging er und meldete der Frau Bantes Friederikens Entschluß. Sich selbst nicht empfindend, sank Friederike auf einen Sessel hin und verging im Traum ihrer Seligkeit und vergaß die Spazierfahrt. Der Wagen wartete. Frau Bantes ging endlich selbst, die Tochter zu holen. Diese saß träumend da, das Köpfchen von blonden Locken umringelt auf die Brust gesenkt, die gefalteten Hände im Schoß. »Was sinnest du? oder betest du?« fragte die Mama. »Ich habe mit Gott gesprochen.« »Ist dir wohl?« »Wie einem Engel bei Gott.« »Dein Ernst, Riekchen? Du scheinst geweint zu haben?« »Ja, ich habe geweint. Aber ich bin nun glücklich, Mama. Kommen Sie zum Wagen. Ich nehme nur noch den Hut.« Sie nahm den Hut und stellte sich vor den Spiegel, unter dem das rosenrote Seidenband lag, das Waldrich um die Geburtstagsharfe geschlungen hatte. Sie nahm es und band es um ihren Leib als Schleife. Frau Bantes schwieg; aber sie beschloß, dem Kommandanten nie wieder einen Auftrag an das Mädchen zu geben. Die Sage vom toten Gast Am folgenden Abend war im Hause des Herrn Bantes die gewöhnliche erste Wintergesellschaft; so hieß in Herbesheim, was in anderen Städten auch Kränzchen, Soiree, Tee usw. genannt wird. Unter den besten Familien der kleinen Stadt ging es nämlich der Reihe nach herum, sich jede Winterwoche einmal freundlich und einfach zu bewirten, und mit Musik, Gesang, Gespräch, Spiel und Scherz den langen Abend zu erheitern. Zu bemerken ist übrigens im Vorbeigehen, daß unter Spiel kein Kartenspiel verstanden ward, wie es gewöhnlich die armselige Unterhaltung von Leuten zu sein pflegt, die zwischen Medisieren und Langeweilehaben keinen Mittelweg durch ein erheiterndes Gesellschaftsspiel kennen. Diesen Abend beim Herrn Bantes war aber weder an Gesang noch Musik, weder an Spiel noch Scherz zu denken. Man sah sich in diesem Kreise und diesen Winter das erstemal. Man hatte sich einander viel zu sagen, und weil in drei Tagen der erste Advent war, kann man denken, daß der tote Gast die Kosten der Unterhaltung bestreiten mußte. Die jungen Frauenzimmer rümpften die Näschen oder stellten sich doch etwas ungläubig. Manche war froh, daß sie keinen Bräutigam hatte, den sie aber vielleicht nach der Adventzeit nicht verschmäht haben würde; in mancher zog sich das arme Herz bange zusammen, wenn sie an jemanden dachte, der dem armen Herzen angehörte. Die ältern Frauen, nach reiflicher Überlegung, stimmten so ziemlich überein, daß die Geschichte vom toten Gaste nicht ganz aus der Luft gegriffen sein möge. Die jungen Herren waren alle ohne Ausnahme ungläubig. Einige wünschten, der tote Gast möge kommen und ihren Heldenmut versuchen. Ein paar ältliche Herren drohten den jungen Großsprechern warnend mit den Fingern. Einige junge Frauenzimmer stimmten ein, und es gab manche Neckerei, manches Witzspiel und mutwilliges Gelächter. »Aber«, rief Herr Bantes mit drolligem Zürnen, »was ist das für Wirtschaft? Wohin ich den Kopf stecke: toter Gast, links und rechts. Ist das auch eine Unterhaltung für meine lebendigen Gäste? Fort damit, sag' ich. Lebendigere Unterhaltung! Keine Winkelplaudereien, kein Geflüster von den Toten!« »Der Meinung bin ich auch!« sagte der Kreissteuereinnehmer. »Lieber das gemeinste Pfänderspiel! Wenn Herbesheim von den lebendigen Gästen so wenig zu fürchten hätte als vom hundertjährigen Besuche des toten Gastes, so würden wir sicher sein, daß unseren jungen Schönen nie das Köpfchen verdreht würde.« »Ich möchte eigentlich nur wissen, wie das alberne Histörchen in die Welt hineingekommen wäre!« sprach ein junger Ratsherr. »Die Sage ist auch so dürr, wie ein Gerippe; kein näherer Umstand davon bekannt, daß sich daraus allenfalls eine Romanze oder Ballade schaffen ließe, damit es doch zu etwas tauge.« »Umgekehrt,« entgegnete Waldrich, »die Sage vom toten Gaste, wie man sie ehemals kannte und wie ich sie in meiner Kindheit einmal von einem alten Jäger erzählen hörte, ist zu lang und für unsere heutigen Tage zu langweilig; darum hat man sie vergessen und recht daran getan.« »Wie, wissen Sie die Geschichte noch?« fragten schnell mehrere. »Ich erinnere mich ihrer noch dunkel!« erwiderte Waldrich. »Oh, Sie müssen uns erzählen!« riefen die Mädchen und drängten sich zu ihm. »Bitte, bitte, Sie müssen uns erzählen!« Da half kein Widerstand, kein Entschuldigen. Zu den Frauenzimmern traten die Herren und baten. Man rückte die Stühle zusammen. Waldrich, gern oder ungern, mußte sich bequemen, die Sage mitzuteilen, wie er sie vom alten Jäger empfangen hatte. Er schmückte, um damit einigermaßen zu unterhalten, die Geschichte so gut aus, als er es sogleich aus dem Stegreif konnte. »Es sind nun wirklich«, fing er an, »zweihundert Jahre voll, als der Dreißigjährige Krieg angefangen und der Kurfürst Friedrich von der Pfalz die Krone des Königreichs Böhmen auf sein Haupt gesetzt hatte. Der Kaiser aber und der Kurfürst von Bayern, an der Spitze der Katholiken Deutschlands, brachen auf, die Krone wieder zu erobern. Die große entscheidende Schlacht am Weißen Berge bei Prag wurde geliefert. Der Kurfürst Friedrich verlor die Schlacht und die Krone. Wetterschnell flog die Nachricht von Mund zu Mund durch Deutschland. Alle katholischen Städte jubelten über den Untergang des armen Friedrich, der seinen Thron nur wenige Monate besessen hatte, und den man deswegen schlechthin den Winterkönig zu nennen pflegte. Man wußte, daß er in Verkleidung mit geringem Gefolge aus Prag entflohen sei. Das wußten auch unsere lieben Vorfahren in Herbesheim vor zweihundert Jahren. Sie plauderten damals schon ebensogern von Stadt- und Staatsneuigkeiten wie wir, ihre würdigen Enkel; sie waren aber damals, ich darf nicht sagen religiöser, wohl religionswilder. Die Freude über Niederlage und Flucht des Winterkönigs war als ungefähr ebenso ausgelassen, ja weit stürmischer, als bei uns vor einigen Jahren über Niederlage und Flucht des Kaisers Napoleon. Drei bildschöne Jungfrauen saßen einst, vom Winterkönig plaudernd, zusammen. Sie waren alle drei gute Freundinnen und alle drei hatten einen Bräutigam, das heißt jede einen besonderen für sich, weil sie sonst nicht Freundinnen gewesen wären. Die eine hieß Veronika, die andere Franziska, die dritte Jakobea. Man sollte den König der Ketzer nicht aus Deutschland entwischen lassen! sagte Veronika. So lange er lebt, wird das Ungeheuer der Lutherei leben und nicht ruhen, Verderben auszuspeien. Ja, rief Franziska, wer den totschlägt, hat eine große Belohnung vom Kaiser, vom Kurfürsten von Bayern, von der ganzen heiligen Kirchen und vom Papste zu erwarten; ja er hat auf den Himmel zu zählen! Ich wollte, rief Jakobea, er käme in unsere Stadt, o ich wollt' es! Er müßte durch die Hand meines Liebsten sterben. Mein Liebster bekäme wenigstens eine Grafschaft zum Lohn. Es ist die Frage, sagte Veronika, ob dich dein Liebster zur Gräfin machen möchte, denn er hat kaum Herz genug zu solcher Heldentat. Der meinige würde, ich dürfte nur mit den Augen winken, das Schwert anlegen und den Winterkönig zu Boden schlagen. Und die Grafschaft wäre dir vor der Nase weg erobert. Macht euch beide nur nicht so breit! sagte Franziska. Mein Liebster ist doch der Stärkste von allen. Ist er nicht schon im Kriege gewesen als Hauptmann? Und wenn ich ihm geböte, den Großtürken auf dem Throne niederzuhauen, er ginge. Freut euch auf die Grafschaft nicht zu sehr. Indem die Jungfrauen noch um die Grafschaft stritten, entstand ein heftiges Getrappel jagender Rosse auf der Straße vom Tore her. Flugs alle drei Mädchen zum Fenster. Es war aber ein schreckliches Wetter draußen; der Regen schoß in Strömen auf die Gassen von allen Dächern und Rinnen. Der Sturmwind sauste und trieb die Fluten des Regens gegen Häuser und Fenster. Daß sich's Gott erbarme! rief Jakobea. Wer bei solche, Wetter noch unterwegs ist, der reist gewiß nicht aus Lust. Den treibt die wilde Not! sagte Veronika. Oder das böse Gewissen! setzte Franziska hinzu. Gegenüber vor dem Wirtshause zum Lindwurm hielten dreizehn Herren zu Pferde still und stiegen eilfertig ab. Zwölf blieben bei den Rossen, der dreizehnte in weißen Kleidern ging in das Haus des Wirtes. Bald kam der Wirt mit den Knechten. Die Pferde wurden in den Stall, die Herren ins Wirtshaus geführt. Trotz des Regens lief Volk in der Gasse zusammen, die fremden Reiter und Pferde zu sehen. Das schönste Roß gehörte dem weißen Herrn; es war ein schneeweißer Schimmel mit prächtigem Geschirr. Wenn das der Winterkönig wäre! riefen die drei Jungfrauen, als sie sich von den Fenstern abwandten, im ersten Augenblicke und einander bedenklich mit großen Augen anstarrend. Da polterte es auf der Treppe. Siehe, herein traten die drei Bräutigame der Jungfrauen. Wißt ihr schon, rief der eine, der flüchtige Winterkönig ist in unseren Stadtmauern. Da wäre ein Fang zu machen! sagte der zweite. Die Angst liegt dem langen, hagern Weißrock im Angesicht! rief der dritte. Ein froher Schauder überfloß die Mädchen. Sie starrten sich wieder mit großen, forschenden Augen an. Es war, als redeten sie mit den starrten Blicken zusammen, als verständen sie einander. Plötzlich reichten sie einander die Hände und sagten: Ja, es gilt, es gilt! Alle drei miteinander und ungeteilt. Dann ließen sie die Hände los und jede drehte sich hin zu ihrem Bräutigam. Veronika sprach zu dem ihrigen: Läßt mein Liebster den Winterkönig lebendig aus unseren Stadtmauern ziehen, so will ich lieber des Winterkönigs Metze als meines Liebsten ehelich Gemahl sein. So wahr mir Gott helfe mit seinen Heiligen. Franziska sprach zu dem ihrigen: Läßt mein Liebster den Winterkönig diese Nacht überleben, will ich eher den Tod als meinen Liebsten küssen, und mein Liebster soll ewig die Hochzeit umsonst erwarten. So wahr mir Gott mit seinen Heiligen helfe. Jakobea sprach zu dem ihrigen: Der Schlüssel zu meinem Brautkämmerlein ist nun und ewig verloren, bringt morgen der Herzallerliebste mein nicht purpurrot sein Kriegsschwert vom Blute des Winterkönigs. Die drei Bräutigame erschraken; doch sammelten sie ihre Geister bald wieder, indem sie die schönen Jungfrauen liebreizender, denn jemals, vor sich stehen und der Antwort gewärtig sahen. Keiner wollte zurückbleiben; jeder der erste sein, die Inbrunst seiner Liebe durch ein Heldenstück zu beurkunden. Also verhießen sie, der Winterkönig solle die Sonne nicht wiedersehen. Sie beurlaubten sich von den Bräuten, die nun frohlockend beisammensaßen und von dem ewigen Ruhm ihrer Geliebten, von deren Mut und Zärtlichkeit, und zuletzt von der Grafschaft plauderten, wie sie dieselbe unter sich teilen wollten. Die drei jungen Männer aber beredeten sich, gingen alsbald ins Wirtshaus zum Lindwurm, forderten einen Trunk, forschten gesprächig den Fremden nach und wer der König sein möge und wo er schlafe und ob er ein schönes Zimmer habe. Sie kannten aber alle jeden Winkel des Hauses wohl. Und sie zechten bis tief in die Nacht. Vor Tagesanbruch ritten eilfertig zwölf der fremden Gäste fort bei Sturm und Wetter. Der dreizehnte lag tot im Blute schwimmend auf dem Bette. Er hatte drei Todeswunden. Niemand konnte sagen, wer er sei; doch versicherte der Wirt, der König sei es nicht. Und er hatte recht; denn der Winterkönig entkam, wie bekannt, glücklich nach Holland und lebte noch manches Jahr. – Der tote Gast wurde noch desselben Tages begraben, aber nicht auf dem Kirchhofe in geweihter Erde zu den Gebeinen anderer katholischer Christen, sondern als ein vermutlicher Ketzer, aus christlicher Liebe, auf dem Schindanger ohne Sang und Klang. Ängstlich warteten indessen die drei Bräute auf die Ankunft ihrer Liebsten, um ihnen süßen Lohn zu zollen. Aber sie kamen nicht. Sie schickten wohl nach ihnen aus in alle Gassen und Häuser, aber es hatte sie niemand mehr seit der Mitternachtsstunde gesehen. Selbst der Wirt und dessen Frau, Mägde und Knechte wußten nicht zu sagen, wohin sie gegangen und was aus ihnen geworden. Da härmten sich die armen Mädchen bitterlich, und sie weinten Tag und Nacht, und bereuten den frevelvollen Befehl, den sie so treuen und schönen Männern gegeben. Am meisten jammerte heimlich die reizende Jakobea, denn sie hatte zuerst den gefährlichen Anschlag auf das Leben des Winterkönigs vor ihren Gespielinnen getan. Zwei Tage waren seit der Unglücksnacht verflossen, der dritte fast verflossen. Noch wußten die Bräute, noch die bekümmerten Eltern nichts über das Schicksal der Jünglinge. Da ward an Jakobeas Tür gepocht, und es trat ein fremder vornehmer Mann herein und fragte nach dem Mägdlein, das weinend neben dem Vater und der Mutter saß. Der Fremde überreichte einen Brief, den er unterwegs von einem Jüngling empfangen und zu bestellen versprochen hatte. Oh, wie freudig erschrak Jakobea! Das Briefchen kam vom Geliebten. Es war aber fast dunkel. Die Mutter eilte und brachte zwei brennende Lampen, den Brief zu lesen und den Fremden besser zu sehen. Er war ein Mann bei dreißig Jahre alt, von hoher, magerer Gestalt, ganz schwarz gekleidet, doch nach der Sitte damaliger Zeit mit großem, von schwarzen Federn umwehtem Hut, schwarzem Wams mit weit überliegendem Spitzenkragen auf den Achseln, schwarzen Unterkleidern und weiten Stiefeln; an der Seite ein Schwert, dessen Griff mit Gold und Perlen und blitzenden Steinen ausgelegt war. Funkelnde Edelsteine sah man mit allerlei Licht von seinen Fingerringen strahlen. Doch sein Angesicht war regelmäßig und edel, war, trotz dem Feuer seines Blicks blaß und erdfarben, und der schwarze Anzug machte ihn noch bleicher. Er setzte sich; und der Vater las bei der Lampe den Brief. Er lautete: Wir haben den Unrechten getroffen; drum, Liebchen, lebe wohl, dieweil ich den Schlüssel zum Brautkämmerlein verloren. Ich zieh in Krieg gen Böhmenland und suche mir eine neue Braut, die nicht fordert vom Liebsten ein purpurrotes Schwert. Tröste dich, wie ich mich. Da send' ich dir den Ring zurück. Der Ring fiel aus dem Briefe. Als Jakobea solches verlesen hörte, ward sie schier ohnmächtig, und sie weinte und fluchte dem Ungetreuen. Vater und Mutter trösteten das arme Kind, und der Fremde redete viel holdselige Worte: Hätt' ich gewußt, daß der Schalksknecht mich zum Überbringer solcher Verzweiflung mache, so wahr ich bin der Graf von Gräbern, ich hätt' ihm den Johannissegen mit meinem guten Schwert erteilt. Trocknet Eure schönen Augen, holdes Fräulein; eine einzige Tränenperle, die über Eure rosenroten Wangen rinnt, ist genug, alle Flammen Eurer Liebe auszulöschen. Aber Jakobea konnte nicht aufhören zu weinen. Der Graf entfernte sich endlich und bat um die Erlaubnis, die schöne Leidende am folgenden Tage noch einmal besuchen zu können. Er hielt auch Wort und kam, und da er mit Jakobea allein war, sprach er: Ich habe die ganze Nacht nicht schlafen können, indem ich immer Eurer Schönheit und Eurer Tränen gedachte. Ihr seid mir wohl ein Lächeln schuldig, daß meine von Schlaflosigkeit blassen Wangen wieder Röte gewinnen. Wie kann ich lächeln? sagte Jakobea. Hat nicht der Ungetreue mir den Ring gesandt, das Herz umgewandelt? Der Graf nahm den Ring und warf ihn hinaus zum Fenster. Weg mit dem Ring! rief er. Wie gern ersetzt' ich ihn mit einem schönern! und er legte den prächtigsten Reif von seinen Fingern vor ihr auf den Tisch, wie gern mit allen diesen Ringen, und an jedwedem hängt eine reiche Herrschaft! Jakobea errötete. Sie schob den prächtigen Ring zurück. Seid nicht so grausam, sprach der Graf, denn nun ich Euch einmal gesehen, kann ich Euch nimmer vergessen. Hat Euch Euer Liebster verschmäht, verschmäht ihn wieder. Das ist süße Rache. Mein Herz und meine Grafschaft liegen zu Euren Füßen. Zwar Jakobea mochte nicht davon hören; aber doch fand sie in ihrem Herzen, der Graf habe mit der Rache recht, und der Treulose müsse vergessen sein. Sie sprachen noch vieles miteinander. Der Graf redete sehr bescheiden und einnehmend, nur war er nicht so schön wie der verlorene Bräutigam, sein Gesicht auch gar zu bleich und erdfarben. Doch wenn er anmutig redete, vergaß man die Farbe leicht. Und da alles seine Zeit hat, so hörte auch Jakobea auf zu weinen, und sie mußte wohl zuweilen zu den Scherzen des Grafen lächeln. Die Anwesenheit des reichen Herrn in Herbesheim ward bald in der ganzen Stadt ruchbar, denn er hatte prachtvoll gekleidete Dienerschaft und machte viel Aufwand. Auch daß er Jakobea einen Brief von dem verschwundenen Bräutigam gebracht, erfuhr bald jeder. Als dies Veronika und Franziska hörten, eilten sie zu ihrer Freundin und fragten, ob der vornehme Graf nichts von den übrigen beiden gewußt habe und baten, danach zu forschen. Solches tat auch Jakobea; und da der Graf sagte, er wolle die leidtragenden Freundinnen selbst aufsuchen, um nach den Beschreibungen zu urteilen, wer ihre Liebsten wären, dankte ihm das Mägdlein sehr. Auch tat sie ihm schon gütiger, denn sie hatte nachts bei sich selber mancherlei überlegt, und den kostbaren Ring viel betrachtet und gedacht: Da darf ich ja nur die Hand ausstrecken und die Grafschaft nehmen, ohne sie mit Veronika und Franziska teilen zu müssen. So hat mir doch die Tat des Ungetreuen zur Grafschaft geholfen. Und sie zeigte den Eltern das Juwel, das der Herr auf dem Tische hatte liegen lassen, und von seinen ehrbaren Anträgen erzählte sie alles, und von seinen weitläufigen Herrschaften was sie wußte. Die Eltern erstaunten sehr und wollten lange nicht daran glauben. Wie aber der Graf wiederkam und die Eltern geziemend bat, ihrer Jungfrau Tochter eine Kleinigkeit zum Sonntagsschmuck verehren zu dürfen, und wie er aus kostbarem Kästlein ein Diamantenkreuz an siebenfacher Perlenschnur zog, bekamen sie den Glauben. Da beredeten sich Vater und Mutter und sprachen: Der Eidam steht uns wohl an, den müssen wir fahen! Nun redeten sie ihrer Tochter viel zu, ließen sie auch viel im Kämmerlein mit dem Grafen allein, und bewirteten ihn mit Leckerbissen und edeln Weinen, oft noch spät in der Nacht. Er nahm nichts ohne Dank, und die Eltern erfreuten sich seiner schönen Geschenke. Jakobea freute sich im Geiste, als Gräfin von Gräbern den Neid und die Bewunderung der ganzen Stadt zu erregen, und ward gegen den Ungestüm des neuen Liebhabers nachgiebiger. Dieser aber war doch ein böser Vogel. Denn als er zu Veronika kam, fand er sie noch schöner als die schöne Jakobea; und wie er endlich gar die blondlockige Franziska sah, deuchten ihm die andern fast häßlich. Er sagte aber der blondlockigen Franziska und der rabenlockigen Veronika, einer jeden insbesondere, von ihrem Liebsten fast die gleiche Geschichte. Er habe unterwegs die drei Junggesellen in einer Herberge gefunden, mit zwei jungen Mädchen gar ausgelassen scherzend, bei vollen Weinbechern. Alle hätten in den Krieg nach Böhmenland ziehen wollen, und die Dirnen mit ihnen. Als sie von ihm im Gespräch vernommen, er werde auf seiner Reise durch das Städtlein Herbesheim ziehen, habe der eine an Jakobea den Brief geschrieben und ihn gebeten, solchen mitzunehmen. Die andern hätten aber gespottet und gesagt: Wir haben wohl hier bei lustigen Mädeln Besseres zu tun als Briefe zu schreiben; wollt Ihr Euch für uns beschweren, so sagt ihnen wir zögen nach Böhmenland, weil wir auf ihr Geheiß ein übles Werk getan. Und wir schickten ihnen statt des Briefes den Brautring zurück. Sie sollen sich durch den Mann trösten lassen, dem er besser als ihnen an den Finger passe. Schon bei Veronika behauptete der Graf, der Ring passe ihm vortrefflich; aber bei Franziska fand er, der Ring wäre wie ausschließlich für ihn gemacht. Und er tröstete jede gar beredt und fragte sie, ob ein Bräutigam solche Tränen verdiene, der sein Liebchen so schnöde verlassen und an der Seite einer leichtfertigen Buhlin Ring und Herz wegwerfen könne? Und er spielte seine Rolle bei jeder so gut, wie bei Jakobea, und wußte zuletzt jede zu trösten; jeder machte er Geschenke. Jeder bot er sein Herz und die Grafschaft, und jede gewöhnte sich bald an sein blasses Gesicht. Die drei Freundinnen aber machten sich gegenseitig aus ihrem Umgang mit dem Grafen und aus ihren Entwürfen ein Geheimnis; denn eine fürchtete die andere, daß sie ihr Netz nach dem reichen Liebhaber auswerfen möchte. Sie besuchten sich nicht mehr wie sonst und ärgerten sich sehr, wenn sie zufällig erfuhren, daß der Graf auch die Bekanntschaft der andern unterhalte. Eine auf die andere eifersüchtig, wollte es den übrigen zuvortun, ließ sich anfangs Liebkosungen gefallen und erwiderte endlich dieselben, um den Anbeter enger zu fesseln. Niemand freute sich dieser Eifersucht mehr als der lose Graf. Denn vermittels derselben gewann er in kurzer Zeit immer größere Vorteile über die drei Schönen. Zwar beteuerte er jeder, bei allem was heilig im Himmel ist, daß er die übrigen häßlich und albern fände; aber doch müsse er sie von Zeit zu Zeit, Höflichkeit willen, noch besuchen. Auch diese Ausrede half ihm zuletzt nichts mehr. Wie aber jede nun von ihm, als Beweis wahrer Liebe, begehrte, er müsse die anderen beiden gänzlich meiden, stellte er sich sehr betroffen. Und er machte eine Gegenbedingung: förmliche Verlobung und Ringwechsel in Gegenwart der Eltern, und nach diesem eine stille Stunde in der Nacht, wo Liebende ungestört von der Hochzeit, von der Reise und von den Einrichtungen im gräflichen Palaste kosen könnten. – Auch das gab jede der drei Schönen zu, und das Wort ward mit einem Kusse versiegelt. Aber im Küssen sagte jede: Liebster Graf, wie seid Ihr doch so gar bleich? Legt das schwarze Gewand ab, es macht Euch noch blässer. Dann antwortete er immer: Ich trage schwarz, um ein Gelübde zu erfüllen. Am Hochzeitstage erscheine ich rot und weiß, wie, Herzallerliebste, deine Wangen. Also hielt der Graf Verlobung mit jeder, das geschah am gleichen Tage. Dann schlich er im Finstern zu jeder ins Schlafkämmerlein. Das geschah in der gleichen Nacht. – Als des anderen Morgens die Mädchen zu lange schliefen, gingen die Eltern, sie zu wecken. Da lag jede der Jungfrauen eiskalt im Bette und den Hals umgedreht, das Gesicht im Nacken. Zetergeschrei fuhr aus den drei Häusern über die Gassen. Alles Volk rannte erschrocken zusammen. Mord! Mord! ward geschrien; und weil der Verdacht auf den Grafen von Gräbern fiel, sammelten sich die Menschen vor dem Wirtshause zum Lindwurm, und die Stadtweibel und Hatschiere drangen hinein. Da wehklagte im Hause der Wirt, sein Gast sei verschwunden mit allen seinen Knechten, und niemand habe sie sehen fortwandern. Alles Gepäck, dessen so viel gewesen, sei davon und habe es doch niemand von hinnen getragen; aus dem wohlverschlossenen Stalle seinen die vielen prächtigen Rosse entkommen, und keiner auf den Straßen, kein Wächter an den Toren habe von ihnen gehört. Da erschrak alle Welt, und jeder schlug ein Kreuz und segnete sich, wer an den Häusern der unglücklichen drei Bräute vorüberging. Drinnen heulte Jammer und Schmerz, und bedenklich mußte jedem vorkommen, daß die reichen Geschenke, die prächtigen Brautkleider, die der Graf schon gegeben, die Perlenschnüre, Steinringe und Diamantenkreuze nicht mehr gefunden werden konnten. Es war nur ein kleines Leichengefolge, das den Särgen der drei Jungfrauen zum Tor hinaus nachwandelte, in schwarze Mäntel gehüllt. Und als die Särge auf dem Gottesacker bei der Sebalduskirche niedergesetzt worden waren und das Gebet verrichtet werden sollte, sah man einen langen Mann aus dem Gefolge hinweggehen, den man bisher nicht bemerkt hatte. Und wie man ihm nachsah, wunderte sich jeder, wie er, obgleich vorher schwarz gekleidet gewesen, allmählich ganz weiß ward. Und es erschienen drei rote Flecken auf dem weißen Wams, und das Blut träufelte sichtbar über die Schöße des Wamses herunter. Und der lange bleiche Mann ging zum Schindanger. Jesus Maria! schrie der Wirt vom Lindwurm, das ist der tote Gast, den wir vor einundzwanzig Tagen dort einscharren ließen. Entsetzen ergriff die auf dem Kirchhof waren, und alle liefen mit Grausen davon, und die Schuhhacken wurden ihnen unter den Füßen lang. Ein Sturmwind mit Schnee und Regen blies in heftigen Stößen ihnen nach. Drei Tage und drei Nächte blieben die Särge unbeerdigt stehen neben den offenen Grüften. Als die Obrigkeit endlich befahl, sie einzusenken, und die Eltern viel Geld an herzhafte Männer boten, das letzte Liebeswerk zu leisten, verwunderten sich die Männer gar sehr. Denn wie sie die Särge aufhoben, fanden sie dieselben so leicht, als wenn sie leer wären, und doch sah man noch die Deckel fest vernagelt. Einer faßte Mut, holte Stemmeisen und Hammer, und ein anderer mußte den Herrn Pfarrer und Kaplan rufen. Als die Särge geöffnet wurden, fand man dieselben ganz leer, und auch kein Totenkissen, kein Leinentuch, keinen Strohhalm darin. Also wurden die leeren Särge vergraben.« Hier machte Waldrich eine Pause. Es war Totenstille im Zimmer. Alle Kerzen brannten dunkel und warfen falbes Halblicht auf den Kreis der Horchenden. Die Männer saßen und standen ernsthaft umher; die jungen Frauenzimmer hatten sich unvermerkt paarweise enger aneinander gedrängt und die betagten Frauen horchten noch, da Waldrich schon lange schwieg, mit gefalteten Händen und verlängerten Gesichtszügen. »Vor allen Dingen putzt die Lichter!« rief Herr Bantes. »Und redet wieder, daß man warme Menschenstimmen höre, sonst lauf' ich davon. Das Teufelszeug könnte einem Grauen machen.« Das war jedem aus der Seele gesprochen. Man lief zu den Kerzen. Man stand auf. Man bot Erfrischungen umher. Man gefiel sich, recht laut zu plaudern und laut zu lachen, und sich mit der Furchtsamkeit zu necken, die einer am anderen bemerkt haben und keiner gestehen wolle. Man nannte die Sage vom toten Gaste das tollste Märchen, was je eine Ammenphantasie ausgebrütet habe und meinte, wenn eine Miß Anna Radcliffe oder ein Lord Byron darum wüßten, die Welt noch ein Meisterstück des Schauerlichen zu erwarten hätte. Sobald aber der Stadtkommandant vom Reden und die Gesellschaft vom Hören ausgeruht hatten, ward das Bitten um den zweiten Teil der Sage, oder um die Geschichte von der anderen Erscheinung des toten Gastes, begonnen, Man setzte sich im Halbkreise um den Erzähler, ohne seine Erklärung abzuwarten, ob er fortfahren wolle. Mit furchtsamer Neugier richteten sich aller Augen auf ihn, als er endlich seinen Platz einnahm. Gruppenweise rückten gleich anfangs die Mädchen die Stühle enger zusammen, ebenso die Matronen untereinander. Es war neue Stille. »Das heutige Beckersche Gut vor der Stadt gehörte ehemals, wie Sie wissen, einer freiherrlichen Familie von Roren,« erzählte Waldrich, »die es aber schon seit hundert Jahren nicht mehr bewohnte, sondern in Pacht gab, bis es vor ungefähr zwanzig Jahren in den Kriegsunruhen an den verstorbenen Herrn Hofrat Becker kaufsweise kam. Der letzte Baron, der dieses Gut, zu dem noch ein großer Teil unserer Stadtwaldungen gehörte, mit seiner Familie zuweilen selbst bewohnte, war ein ungeheuerer Verschwender. Er zog freilich nur hierher, wenn er nach seinem Aufwand, den er zu Venedig oder Paris getrieben, wieder Kräfte sammeln wollte. Allein selbst seine ökonomischen Erholungszeiten auf dem prächtigen Edelsitze waren meistens nur Fortsetzungen der gewohnten Lustbarkeiten in verjüngtem Maßstabe. Noch jetzt sehen wir da die Spuren der alten Größe und Pracht an den weitläufigen Ruinen des ehemaligen Schlosses und der Nebengebäude, die schon vor siebzig Jahren ein Raub der Flammen geworden sind, und an deren Seite sich jetzt das schöne, bürgerlich-bescheidene Landhaus erhebt, das der Hofrat Becker zu seiner Zeit aufführen ließ. Weit umher, wo jetzt der Pflug geht, war ehemals alles Garten. Als der Baron das letztemal zu seinem Edelsitze kam, war es zu ganz ungewöhnlicher Zeit und in ganz ungewöhnlich großer Gesellschaft, nämlich spät im Herbst und mit fünfzehn bis zwanzig jungen Edelleuten und deren Dienerschaft. Seine Tochter war damals die Braut des Vicomte de Vivienne, eines reichen und liebenswürdigen Wildfangs, der die deutschen Höfe mit Aufträgen des Kardinals Dubois bereist hatte. Dubois war der allmächtige Minister des Herzogs von Orleans, Regenten von Frankreich, und Vivienne sein besonderer Günstling. Man kann sich denken, der Baron von Roren ließ es an nichts fehlen, seinem Gaste den Aufenthalt im ländlichen Palaste neben einer kleinen Stadt so angenehm als möglich zu machen. Die Freuden der Tafel, die Freuden der Jagd in den benachbarten Forsten, die Freuden des Hasardspiels um aufgeschichtete Goldsummen wechselten mit Lustreisen, mit Aufführung kleiner französischer Schauspiele usw. unablässig ab. Graf Altenkreuz, ein junger reicher Lebenslustiger, der Sohn einer der vornehmsten Familien am Niederrheine, machte in dieser frohen Bande den Freudenmeister. Er war ein Erzspieler, kannte das Treiben aller damaligen Höfe und hatte an allen die kostbare Kunst gelernt, die Tage im möglichsten Wechsel der Lustbarkeiten zu verjubeln. Nichts kam darin seinem erfinderischen Witze gleich. Der Baron von Roren hatte erst kurz vorher, ehe er nach Herbesheim ging, seine Bekanntschaft gemacht und ihn als einen wahren Schatz mitgenommen, vermutlich wohl auch deswegen, weil Altenkreuz gern und hoch spielte, aber nicht immer glücklich. So war von ihm, zur Herstellung zerrütteter Finanzen, mancher schöne Beitrag zu hoffen. Ebendieser junge Wüstling war es auch, der, als die Wintertage anrückten, auf den Einfall geriet, man müsse einmal Maskenbälle geben und zwar also, daß sich jeder seine Schöne dazu aus der Nachbarschaft oder aus der Stadt, ohne Rücksicht auf Stand und Geburt, wählen könne. Denn in der Tat fehlte es in den Gesellschaften und Festen der Herren an Frauenzimmern. Die junge Baronesse Roren und einige ihrer Freundinnen verloren sich zu sehr in der zahlreichen Menge der Herren. Wozu denn, wo man Freude sucht, nach dem Stammbaum schauen? sagte Altenkreuz. Die Schönheit ist jedem Stande, selbst den Königinnen, ebenbürtig, und unter den Grisetten zählt man die Schönheiten, die auch kein Hof verschmäht. Alles klatschte Beifall, wenn schon die Fräulein ein wenig die Nase rümpften. Nun wurden Putzmacher und Schneider des Städtchens in Bewegung gesetzt, sogar aus anderen Städten verschrieben, um Maskentrachten von allerlei Art zu bereiten. Der Vicomte de Vivienne wollte auch hier an Geschmack vor allen sich auszeichnen; und Altenkreuz auch hier, wie immer, den Franzosen überglänzen. Er suchte sich in Herbesheim den geschicktesten Schneider und das hübscheste Mädchen, um es zum Ball zu führen. Beides fand er unter einerlei Dach beisammen. Meister Vogel war der beste Schneider, der sogleich die Vorzeichnungen des Grafen verstand, und seine Tochter Henriette in der ersten Blüte ihrer Reize, die den Grafen bald mehr, als sie sollten, bezauberten. Der Graf fehlte nur selten im Hause des Meisters. Er hatte beständig nachzusehen, damit nichts verdorben würde. Besonders hatte er der fleißigen Henriette bei ihrer Arbeit viel zu erinnern. Auch ein paar köstliche weibliche Anzüge ließ er verfertigen für den Maskenball, die mußte Henriette nicht nur nähen, sondern der Vater ihr auch nach ihrem eigenen Körper anmessen, weil der Graf sagte, daß ein Fräulein von einem benachbarten Edelsitze, das er zum Ball führen würde, vollkommen Henriettens schlanke Gestalt habe. Dabei war er sehr freigebig; bloß die kleinen Geschenke, die er machte, waren zuletzt so viel wert, als der wirklich bedungene Arbeitslohn. Daß Henriette die ausgewähltesten Geschenke bekam, verstand sich von selbst, und daß er ihr, wenn er sie allein traf, viel Schmeichelhaftes über ihre Schönheit sagte, ja zuletzt sogar von Liebe sprach, war bei seiner Leidenschaft vorauszusehen. Henriette mochte nun freilich von diesen Zärtlichkeiten nichts hören, denn sie war ein ehrbares Mädchen, und noch überdies schon mit einem Gesellen ihres Vaters versprochen; aber sie hörte doch auch die Süßigkeiten eines so vornehmen und gütigen Herrn nicht mit Verdruß, denn ein Mädchen kann selten auf den böse werden, von dem es verehrt wird. Wenige Tage vor dem Balltage – schon waren die Maskenkleider fertig – kam Altenkreuz sehr düster und verstimmt in Meister Vogels Haus. Er bat den Meister, ein Wort mit ihm allein zu reden, und die entfernten sich. Meister, sagte er, ich bin in schwerer Verlegenheit. Ihr, wenn Ihr wollt, könnt mir aus der Not helfen und ich will es Euch besser lohnen, wenn Ihr mir den Gefallen erweist, als wenn Ihr mir das ganze Jahr Ballkleider nähtet. Ich bin Eurer Gnaden allezeit gehorsamer Diener! versetzte mit Verbeugung und lächelnder Miene der Schneider. Denkt nur, Meister, sagte Altenkreuz ferner, mein Fräulein, das ich zum Tanz führen sollte, ist krank geworden und läßt mir absagen. Alle anderen Herren haben ihre Tänzerinnen und, Ihr wißt es, meistens Bürgerstöchter aus der Stadt. Nun steh ich da, ohne meine andere Hälfte. Ich könnte sie wohl noch in den Familien der Ratsherren und Kaufleute finden, aber welcher passen die Ballkleider? Ihr seht, Meister, ich muß Euch schlechterdings um Eure Tochter bitten. Ihr selbst habt ihr ja die Anzüge auf den Leib gemessen. Ihr müßt sie bitten. Der Schneider stutzte anfangs. Soviel Ehre hatte er nicht erwarten können. Er verbeugte sich vielmals und konnte kein Wort hervorbringen. Henriette soll es nicht bereuen, fuhr Altenkreuz fort, die Kleider, in denen sie tanzt, bleiben ihr Eigentum und ich will ihr, was in einer glänzenden Gesellschaft noch nötig sein mag, um würdig zu erscheinen, mit Freuden anschaffen. Eure Gnaden sind allzugütig! rief Meister Vogel. Ich muß Eure Gnaden auch noch ohne Selbstlob sagen, das Mädchen tanzt vortrefflich. Sie sollten sie nur an der Hochzeit meines Nachbars, des Zinngießers, gesehen haben. Ich bin starr und steif geworden, als ich das Mädchen so tanzen sah. Es hat nichts zu sagen. Bleiben Eure Gnaden nur im Zimmer hier. Ich will das Mädchen herschicken. Tragen's Eure Gnaden vor, und an mir soll's nicht fehlen. Aber, Meister, versetzte Altenkreuz, Henriettes Bräutigam ist vielleicht eifersüchtig, woran er sehr unrecht hätte. Ihr müßt ihm ein gutes Wort geben. Oh! rief Meister Vogel, der Lümmel darf mir nicht mucksen. Er ging. Nach einem Weilchen trat Henriette errötend ins Zimmer. Der Graf bedeckte ihre Hand mit seinen Küssen. Er sagte ihr seine Wünsche, seine Verlegenheiten und daß er sie bäte, auf seine Kosten alles anzuschaffen, was sie für unentbehrlich halte, um gleich dem geschmücktesten Fräulein zu erscheinen. Sie errötete von neuem, besonders als er ihr zuflüsterte, sie werde die erste Schönheit des Balles sein, und als er ihr ein Paar der prächtigsten Ohrringe überreichte. Das war für ein schwaches, eitles Mädchen fast zu viel. Henriette dachte sich in einem flüchtigen Augenblicke die Pracht des Festes, sich darin glänzend und bewundernd, vom Kopfe bis zum Fuße den ersten Fräulein gleichgekleidet... aber sie blieb verlegen und stammelte etwas von ihrem Vater her, wenn er es erlauben würde. Altenkreuz beruhigte sie über diesen Punkt. Und da sie nun nicht anstand, seine Einladung dankbar anzunehmen, schloß er sie entzückt in die Arme und sagte: Henriette, was soll ich's leugnen? Du, und kein anderes Fräulein, warst vom ersten Augenblicke an meine Auserwählte. Dich hatte ich schon ersehen, als dein Vater dir den Maskenanzug auf deinem schönen Leibe maß. Nur zur Tänzerin wählte ich dich damals. Ach, Henriette, ich möchte dich zu mehr wählen, denn ich bete dich an. Du bist nicht so wunderschön geschaffen, um das Eheweib eines rohen, armen Schneidergesellen zu sein. Du bist zu Höherem bestimmt. Verstehst du mich, willst du mich verstehen? Sie antwortete nichts, zog sich aus seinem Arm und versprach nur, seine Tänzerin zu werden, wenn der Vater nichts dagegen habe. Beide gingen in die Arbeitsstube zurück. Hier lispelte Altenkreuz dem Meister ins Ohr: Sie ist es zufrieden. Sorgt, daß ihr das Nötige angeschafft werde, um anständig zu erscheinen. Hier nehmt dies zur Bestreitung der Auslagen. Und er drückte dem Alten eine Rolle Goldstücke in die Hand und ging. Jetzt aber gab es stürmische Auftritte in dem Hause des Schneiders; denn Christian, der Gesell, Henriettes Verlobter, ward fast toll als er vernahm, wovon die Rede sei. Weder die tausend Liebkosungen des weinenden Mädchens, noch die Flüche und Schwüre des Alten konnten ihn wieder zur Vernunft bringen. Das dauerte den ganzen Tag. Henriette hatte eine schlaflose Nacht. Sie war dem Christian in vollem Ernste gut; aber sie konnte ihm doch unmöglich, wie er es trotzig forderte, die Gelegenheit aufopfern, einmal an einem Maskenball unter allen Vornehmen der Stadt und der Nachbarschaft, im höchsten Schmuck, wie sie ihn in ihrem Leben nicht getragen hatte, Bewunderung zu ernten. Er verlangte in der Tat auch beinahe das Unmögliche. Ja, sie konnte nicht anders als glauben, er liebe sie nicht wahrhaft, weil er ihr eine solche Freude, die an sich höchst unschuldig war, mißgönnen mochte. Am anderen Tage war Christian wohl etwas ruhiger, das heißt er tobte nicht mehr so erschrecklich; aber doch wiederholte er immer drohen und warnend sein: Und du gehst nicht zum Ball! dem Henriette gewöhnlich ebenso mürrisch entgegensetzte: Und ich gehe doch! worauf der Vater hinzuzusetzen pflegte: Und sie soll gehen, dir zum Trotz, ich befehl' es. – Tanzschuhe, Seidenstrümpfe, feine Schnupftücher, Spitzen usw., alles aufs kostbarste, ward angekauft. Wie aber der Balltag kam und aus der Sache Ernst ward, schnürte Christian sein Bündel und trat vollkommen reisefertig herein und sprach: Gehst du, so geh' ich auch, und wir sind auf ewig geschiedene Leute. – Henriette erblaßte. Der Alte, der schon vorher heftig mit Christian gezankt hatte, sprach: Packe dich, wenn du willst. Ich will doch sehen, wer von uns hier Meister ist! Henriette bekommt noch alle Tage einen Mann, zehnmal besser als du bist. – Aber Henriette weinte. Da trat ein Bedienter des Grafen Altenkreuz mit einer Schachtel herein, die er im Namen seines Herrn abgab. Sie enthielt, sagte er, noch einige Kleinigkeiten zu Anzuge der Jungfer Vogel. Es war ein kostbarer Schleier; es waren prächtige Rollen breiten Seidenbandes; es war eine zierliche Korallenschnur zum Halsbande; es waren zwei Brillantringe. Henriette sah seitwärts nach den Herrlichkeiten, die der Vater hervorzog, und durch ihre Tränen funkelten die Diamanten der Ringe noch sonnenhafter in allen Farben. Sie wankte zwischen Eitelkeit und Liebe. Und du gehst nicht! rief Christian. Und ich gehe! sagte Henriette mit stolzer Entschlossenheit. Du bist nicht wert, daß ich so viel um dich weine; du bist nicht wert, daß ich dich so liebhabe. Denn nun sehe ich deutlich, daß du mir so viel Freude und Ehre nicht gönnst, und mir nie gut gewesen bist. Meinethalben! sagte Christian. So geh! Du brichst ein treues Herz. Er warf ihr den von ihr empfangenen Ring vor die Füße und ging und kam nicht wieder. Henriette schluchzte laut, wollte ihn zurückrufen; allein der Vater tröstete sie. Der Abend kam. Sie kleidete sich zum Ball an. Die Zerstreuungen des Putzes machten sie bald des davongelaufenen Liebhabers vergessen. Ein Wagen wollte vor das Haus. Altenkreuz kam, sie abzuholen. Man fuhr davon. Ach, Henriette! sagte er im Wagen, du bist unendlich schöner als ich glaubte. Du bist eine Göttin. Du bist für solchen Putz und nicht für deinen niedrigen Stand geboren! Das Fest war glänzend. Altenkreuz und Henriette erschienen diesen Abend schwarz, in altdeutscher Tracht. Beide zogen durch ihre Pracht aller Augen an sich; denn sie übertrafen selbst die Pracht des Vicomte de Vivienne und der jungen Baronin von Roren, die sich durch die bunten Reihen als Perser und Perserin bewegten. Der Schwarze ist kein anderer als der Graf! sagte der Vicomte zu seiner Geliebten. Wozu nur der Narr die Larve vornimmt! Er kann doch seine Stangenfigur nicht verkürzen, mit der er eines Kopfes Länge und alle wegragt. Um sich kenntlicher zu machen, bedarf dieser Ritter von der traurigen Gestalt wahrhaftig seiner Leibfarbe nicht, in der er sich alle Tage wie ein Pariser Abbé zur Schau stellte, Schwarz auf Schwarz. Aber neugieriger bin ich, wer seine Tänzerin sei. Wahrhaftig, sie hat schönen Wuchs und tanzt allerliebst. Ich wette, sagte die Baronesse, irgendein gemeines Ding aus der Stadt. Man sieht es der gezwungenen ungelenken Haltung an. Der Ball dauerte tief in die Nacht, ehe man zum Gastmahl ging, bei dem man natürlich die Masken ablegte. Da gab es beim Erblicken so vieler reizenden fremden Gesichter neue, angenehme Überraschungen. Der Vicomte konnte sich an der lieblichen Altdeutschen nicht satt schauen. Er saß bei der Tafel neben ihr, so wie Altenkreuz bei der jungen Baronin. Die beiden Herren schienen hier ganz ihre Rollen zu wechseln; so viel Artigkeiten, die fast mehr als Artigkeiten waren, die der Vicomte seiner freudetrunkenen Nachbarin spendete, ebensoviel der Graf der Geliebten des Vicomte. Diese Vertraulichkeiten setzen sich auch nach aufgehobener Tafel fort. So wahr ich lebe, sagte der Vicomte zum Grafen, ich kapere Ihnen Ihre Tänzerin, und wenn Sie mir darüber todfeind würden. Ich habe die Rache in Händen, lieber Vicomte, erwiderte Altenkreuz, ich kapere Ihnen Ihre liebenswürdige Baronesse. Der Vicomte, den die neue Leidenschaft und der alte Wein am Tische allzulebhaft gemacht hatten, sagte unbesonnen genug, und ohne darauf zu achten, daß die Baronesse in der Nähe stand und es wohl hören konnte: Ein Dutzend meiner Baronessen für die einzige Venus im altdeutschen Kostüm! Vicomte, rief der Graf finster, besinnen Sie sich, was Sie sagen. Wie artig immerhin meine Tänzerin sei, der erste Preis der Schönheit gebührt immerhin der Königin dieses Festes, Ihrer Braut. Titularkönigin! Titularkönigin! Ich halte es mit der wirklichen Macht! rief der Vicomte. Der Graf gab vergebens durch Blicke und Winke, wegen der Nähe der Baronin, zu verstehen, daß er sich mäßigen solle; redete zuletzt entschlossener und gebot dem Vicomte, keine Beleidigungen weiter, wegen der Baronin, die sich zornig entfernte, auszustoßen. So kam es zum Wortwechsel. Umsonst suchte der Graf wieder zum Gütlichen einzuleiten. Der Vicomte, von Liebe, Wein und Ärger entflammt, betrug sich immer unanständiger. Die Gäste traten zusammen. Der Graf suchte durch Schweigen größeres Aufsehen zu verhüten. Als der Vicomte aber sagte: Graf, ich hätte nicht geglaubt, daß ein so abgezehrter Wüstling, wie Sie, noch Kraft genug zur Eifersucht habe; denn nur ohnmächtige Eifersucht spricht aus Ihnen! Da konnte sich auch Altenkreuz nicht länger mäßigen. Vicomte! rief er. Wüstling? Ich? Wer sagt das? Ihr eigenes bleifarbenes Gesicht! lachte höhnisch der Vicomte. Wenn Sie keine Memme sind, Vicomte, sagte der Graf, so geben Sie mir Rechenschaft über Ihre Albernheit. Einer von uns wird dies Haus verlassen müssen. Sie sind ein Geck. Baron von Roren hatte seine Tochter in einem Nebensaale weinend angetroffen und von ihr die Ungezogenheit des Vicomte erfahren. Er suchte ihn auf. Er hörte noch die letzten Reden des Grafen. Alle Anwesenden waren gegen den Vicomte empört. Der Baron faßte zornig die Hand des Vicomte und führte ihn auf die Seite. Sie haben meine Tochter öffentlich beschimpft! Elender, haben wir das um Sie verdient? Mir geben Sie diesen Augenblick, nicht erst morgen, Genugtuug. – Damit verließen beide den Tanzsaal. Während sich hier die Paare von neuem reihten, um im Tanze die gestörte Freude herzustellen, waren der Baron und der Vicomte in einen erleuchteten einsamen Nebensaal getreten. Ihnen auf dem Fuße aber war der Graf gefolgt. Er brachte zwei Degen und bot einen dem Vicomte dar, indem er sich zugleich an den Baron wandte und sagte: Erlauben Sie, Herr Baron, daß ich die Ehre der göttlichen Baronesse und meine eigene an diesem Nichtswürdigen räche! Der Vicomte rief wütend: Nun denn, du Aschengesicht, zieh! Und damit zog er den Degen, schleuderte die Scheide weg und fiel den Grafen an. Dieser verteidigte sich mit vieler Kaltblütigkeit. Es währte der Zweikampf keine drei Minuten, da ward dem Vicomte der Degen mit gewaltiger Macht aus der Hand geschleudert, daß die Klinge weit weg in einen großen Wandspiegel flog, der in tausend Stücke zersplitterte. Erbärmlicher Mensch! rief der Graf. Dein Leben ist in meiner Macht. Ich möchte mich nicht mit deinem verächtlichen Blute besudeln. Fort aus dieser Atmosphäre, und erscheine mir nicht wieder. Damit gab er dem Vicomte einen flachen Hieb über den Rücken und warf ihn mit Riesenstärke zur Tür hinaus. Noch in derselben Nacht verließ der Vicomte de Vivienne mit seinen Leuten das Schloß. Wie schwer gekränkt auch die junge Baronin durch die Unanständigkeit des Vicomte gewesen, hatte sie doch in der Ehre, daß man ihretwillen den Degen zog, volle Entschädigung gefunden. Zwar hatte sie den Vicomte eigentlich nicht geliebt, aber jetzt haßte sie ihn; – hingegen der Graf, der ihr vorher nicht hübsch genug gewesen, schien ihr nun wirklich viel Angenehmes zu haben. Man muß sich über die plötzliche Verwandlung eben nicht wundern. Ist es doch bekannt: Liebe macht blind. Und die Selbstliebe der Eitelkeit ist ja auch eine Liebe. Als sie alles Vorgefallene von ihrem Vater erfahren hatte, suchte sie den Grafen mit einer freilich nur angenommenen Ängstlichkeit auf. Sie wußte sehr gut, daß von beiden Seiten alles blutlos abgelaufen war. Aber, rief sie, bester Graf, was haben Sie begonnen? Sie sind doch nicht verwundet? Um Gottes willen, wie Sie mich erschreckt haben! Meine Gnädige, und wenn ich nun für Sie verwundet wäre, wie stolz würde ich sein! Fürchten Sie nichts; mich verwundet solch ein Geck, wie der Vicomte, nicht leicht. Wollen Sie aber doch ein wenig Mitleiden mit mir haben, so haben Sie es immerhin; denn verwundet bin ich doch an gefährlicher Stelle – in diesem Herzen – und noch dazu durch Sie. Aber dafür haben Sie kein Mitleiden. Tändler! Bis jetzt hat Ihnen die ganze Welt noch keinen Wundenschmerz angesehen. Ich schwieg und litt, und wollte gern eins der vielen Opfer Ihrer Reize sein. Ich schwieg, und war glücklich Sie mit Hinwagen meines Lebens an einem Frevler zu rächen. Ich werde schweigen, und werde einst mit Freuden für Sie sterben. Schweigen Sie! sagte die Baronin lächelnd und vergalt seine Worte mit einem leisen Händedruck. Führen Sie mich lieber zum Tanz. Sie tanzten. Beide wurden nun vertraulicher, da er das schwere Geständnis, das schwerste für jeden Liebenden, schüchtern ausgesprochen und sie es nicht verworfen hatte. Als sie ihn ihren vielgetreuen Kämpen und Ritter im Scherze nannte, verlangte er auch auf Ritterweise den Ehren- und Minnesold. Den nun freilich verweigerte die junge Baronin, ob er gleich nur in der Erlaubnis eines Kusses auf ihre glühenden Wangen bestehen sollte; aber die Eroberung war ihr darum nicht minder angenehm. Noch freudeberauschter war Henriette. Sie sah sich als den Gegenstand allgemeiner Bewunderung. So viel Schönes war ihr in ihrem Leben noch nicht über ihre Schönheit gesagt, wie hier von den jungen Edelleuten auf dem Balle. Als der Graf sie gegen Morgen wieder im Wagen zum väterlichen Hause zurückführte und sie wieder zum nächsten Balle einlud, verdoppelte sich ganz natürlich ihr Entzücken. Ach, Henriette, seufzte er, wirst du mich nie ein wenig lieben? Du hattest heute einen frohen Abend; willst du nicht immer diese Abende, diese Tage, diese Nächte? Es hängt von dir ab. Als Gräfin von Altenkreuz ist dein ganzes Leben ein fröhlicher Balltag. – Sie schwieg. Er raubte ihr einen Kuß, indem er sie an seine Brust drückte. Sie zitterte und schwieg, und duldete einen zweiten. Des anderen Tages fehlte der Graf nicht, sich nach dem Befinden beider Tänzerinnen zu erkundigen und bei beiden seine Bewerbungen fortzusetzen. Beiden machte er glänzende Geschenke; beider Mädchen Eitelkeit begeisterte er so, daß beide sich zuletzt einbildeten, sie liebten ihn wirklich. Die Väter, der Schneider wie der Baron, wurden auf gleiche Weise von ihm geblendet. Der Schneider glaubte sich bald reich genug, sein Handwerk aufgeben zu können, und der Baron konnte den Grafen nicht genug loben und schmeicheln, denn dieser hatte ihm, der in bedeutender Geldverlegenheit war, wirklich beträchtliche Summen vorgeschossen. Altenkreuz hatte also leichtes Spiel, als er, um zum Ziel zu kommen, beim Schneider um Henriettens Hand, beim Baron von Roren um dessen Tochter anhielt. Ohne daß einer vom anderen wußte, gaben ihm beide das Jawort, wie er es endlich auch schon von den beiden hoffärtigen Mädchen herausgelockt hatte. Ja, was das Äußerste war, dieser unersättliche Verführer hatte dasselbe Spiel noch im Hause eines Beamten in der Stadt getrieben, durch seine Künste die Tochter des Hauses von ihrem Geliebten getrennt und dann dessen Stelle eingenommen. Förmlich war die Verlobung mit allen abgeschlossen. Der Baron feierte den Verlobungstag seiner Tochter mit Gastmahl, Spiel und Ball. Auch Henriette ward wieder dazu eingeladen, und Altenkreuz empfing Erlaubnis von seiner Braut, die Schneiderstochter, jedoch erst abends, zum Tanze abzuholen. Es war aber ein fürchterlicher Tag in der Natur; Sturm, Regen und Schnee wüteten. Sogar Blitz und Donner fanden sich mit Hagelschauern ein. Von den Dächern rasselten die Ziegel; viele Bäume stürzten gebrochen. Dessen ward man jedoch im Tanzsaal nicht gewahr. Hier glänzte von hundert Kerzen ein heller, warmer Tag, und Liebe, Wein und Spiel herrschten ungestört unter den Schrecken der empörten Außenwelt. Die junge Baronin und Henriette schwammen in Seligkeit. Der Graf weihte sich jener mit gesteigerter Zärtlichkeit fast ausschließlich; nur selten tanzte er mit Henrietten, die sich indessen mit den Anbetungen schadlos hielt, die ihr von anderen Tänzern wetteifernd dargebracht wurden. Die junge Baronin, die in wirklich königlicher Pracht ganz in die verschwenderischen Geschenke ihres Verlobten gekleidet war, tanzte mit ausgelassener Lust, und weidete sich stolz an der neidischen Bewunderung der übrigen Frauenzimmer. Viele der reichsten Edelfräulein der ganzen Nachbarschaft mußten diesen Abend Zeuginnen ihres Reichtums sein, und sie ließ mehreren empfindlich fühlen, daß sie, als Braut des reichsten Grafen von Deutschland, nicht mehr ihresgleichen kennen möchte. Früh ermüdet verließ sie den Ball gegen Morgen, ehe der Ball selbst geendet war. Der Graf, liebetrunken, führte sie unbemerkt hinweg. Im Nebensaale fanden sie eine der Kammerfrauen, die ihr zum Schlafgemach folgen wollte. Die junge Baronin, am Arm ihres Verlobten, sagte hocherrötend: Macht Euch lustig, ich will Euren Dienst nicht, und will mich selbst entkleiden. Sie ging durch den Korridor, der Graf folgte ihr ins Schlafgemach. Als er zurückkam, war die Gesellschaft eben bereit zum Aufbruch. Die Wagen fuhren vor. Altenkreuz führte Henriette zum Wagen und begleitete sie bis nach Hause. Alles schlief. Leise öffnete sie. Vergebens sträubte sie sich vor dem Hause. Der Graf ließ den Kutscher zurückfahren. Er folgte Henriette. Folgenden Morgens schon früh durchlief ein entsetzliches Gerücht die Stadt, man habe die Tochter eines Beamten tot im Bette gefunden, den Hals umgedreht. Man drängte sich zu dem Hause hin; Ärzte und Polizeibeamte eilten dahin. Die schreckliche Wehklage aus dem Trauerhause scholl weit durch den Haufen der hinzugeströmten Neugierigen. Jetzt fiel mehreren die Begebenheit ein, die sich schon vor hundert Jahren, ebenfalls in der Adventszeit, zu Herbesheim ereignet hatte. Die Sage vom toten Gaste lebte wieder auf. Todesschrecken kam über alle Familien. Auch der Meister Vogel hörte davon. Da dachte er mit heimlichen Grausen an Henriette; doch befremdete ihn ihr langes Schlafen nicht, da sie erst spät vom Balle zurückgekommen war. Aber wenn er des toten Gastes gedachte, wie ihn die Sage schilderte, und dann an den Grafen Altenkreuz dachte – an ihn, den großen, langen Mann, an sein bleiches Gesicht, an die schwarze Kleidung, in der er immer zu gehen pflegte – dann ward es ihm doch, als wolle sich sein Haar aufwärts sträuben. Indessen er glaubte an die Sage nicht, weil die ganze Stadt an das Geschwätz nie geglaubt hatte. Er machte sich selbst über seine abgergläubische Einbildung Vorwürfe und ging zum Schränkchen, eine kleine Herzstärkung gegen seine Schwäche zu nehmen, ein Gläschen Madeira, von des Grafen Geschenken. Zu seiner Verwunderung fehlte die Flasche; noch mehr staunte er, als er, in anderen Schränken nachsuchend, eins ums andere alles fehlen sag, was er oder seine Tochter jemals durch die Freigebigkeit des Grafen empfangen hatten. Er schüttelte den Kopf. Ihm ward nicht wohl. Ihm ahnte Böses. Allein und still schlich er die Treppe hinauf zu Henriettes Kämmerlein, daß im schrecklichsten Fall kein anderer Zeuge vorhanden wäre und er nicht das Gerede der Stadt würde. Leise öffnete er die Tür. Er ging zum Bett der Tochter, und hatte doch nicht das Herz, aufzublicken. Und als er endlich die Augen flüchtig dahin richtete – dunkel ward es ihm vor seinen Sinnen – da lag sie tot, das schöne Gesicht im Nacken. Betäubt wie vom Blitzstrahl stand er da. Mitten in der Betäubung nahm er den blassen Kopf der Verstorbenen und legte denselben in seine natürliche Lage. Ohne zu wissen, was er tat, eilte er davon zum Arzt und meldete ihm den jähen Tod seines Kindes. Der Arzt betrachtete die schöne Leiche und schüttelte den Kopf. Meister Vogel, der um alles in der Welt die Wahrheit nicht verraten wissen wollte, meinte, Erhitzung auf dem nächtlichen Balle, dann der kalte Wintersturm bei der Heimkehr möge die Ursache des schnellen Todes sein. Er heulte seinen Schmerz so laut aus, daß alle Nachbarn erschrocken zusammenliefen. Noch sprach alles in Straßen und Häusern vom Unglück der beiden Mädchen, als sich dazu ein neues Gerücht vom schnellen Hinscheiden der einzigen Tochter des Barons von Roren mischte. Zwar die Ärzte, die vom Hause des Barons in die Stadt zurückkamen, versicherten, das Fräulein habe noch am Morgen gelebt, oder lebe noch; ein Schlagfluß, Folge nächtlicher Erkältung, Folge des Balles, habe das zarte Leben zerstört; allein wer hätte das glauben mögen? Jeder war überzeugt, die junge Baronin habe das Schicksal der übrigen gehabt und der Baron ehrenhalber das Geld nicht gespart, um ihr Schweigen zu erkaufen. Wirklich war das Haus des Barons plötzlich aus einem Wohnsitze rauschender Freuden in ein Trauerhaus verwandelt, der unglückliche Vater untröstlich. Sein Entsetzen, wenn es möglich gewesen wäre, zu vergrößern, mußt er noch die Entdeckung machen, daß alle Geldwechsel und Geldrollen, alle Halsbänder, Ringe, Juwelen, die der Graf von Altenkreuz dem Vater oder der Tochter gegeben, zugleich mit dem Leben der jungen Baronin verschwunden waren. Ja, der Graf selbst, den man aller Orten suchte, zu dem man aus mehreren Häusern schickte, hatte sich auf die unbegreiflichste Weise unsichtbar gemacht. Seine Zimmer standen so leer, aufgeräumt und sauber da, als hätte er nie darin gewohnt. Mit Kisten und Kasten, Dienern und Pferden, Wagen, allem, was ihm angehörte, war er davon, daß man auch kein Fädchen und Stäubchen mehr von ihm entdeckte. So wurden an einem und demselben Tage die drei Leichen der unglücklichen Bräute zu Erde bestattet. Die Särge mit ihren Trauerbegleitungen trafen zu gleicher Zeit auf dem Kirchhofe vor der Stadt zusammen. Der Pfarrer hielt für sie insgesamt das Gebet. Da ging einer der Leidtragenden, in seinen schwarzen Mantel gehüllt, noch ehe das Gebet vollendet ward, seitwärts, und kaum einige Schritte war er entfernt, sah man ihn, wie in veränderter Gestalt, in uraltmodischer, sonderbarer Tracht, schneeweiß, mit weißer Feder auf dem Hut, und auf dem Rücken wie auf der Brust, wenn er sich wandte, sah man drei dunkle rote Flecken und ganz deutlich Blutstropfen niedertröpfeln über das weiße Wams und die weißen Beinkleider. Er wandelte gegen den Schindanger, und ward nicht mehr gesehen. – Während Grausen den Betenden ankam, die ihm nachsahen, überfiel Grausen die Sargträger, als sie die Särge heben wollten, um sie in die Gruft zu senken. Denn diese schienen ihnen auch gar zu leicht, als wenn sie leer wären. Aber voller Schrecken stürzten sie die hohlen Särge in die Grüfte und schütteten eilfertig Erde nach. Wolkenbruchartige Regenschauer mit Sturm fuhren herein ins Land. Alles flüchtete mit Furcht und Schrecken dem Tore der Stadt zu. Ein schneidender Wind sauste ihnen im Nacken. Wenige Tage nach diesem, im traurigsten Wetter, verließ der Baron von Roren sein Landgut. Nie kehrte aus seiner Familie einer wieder hierher zurück. Die Gärten verwilderten. Das Schloß stand unbewohnt und verlassen, bis er, der Himmel weiß wie, ein Raub der Flammen ward.« Gegenseitige Erklärungen So schloß Waldrich seine Erzählung. Es war sichtbar, daß die aufmerksamen Zuhörer und Zuhörerinnen, diesmal weniger von der Erzählung ergriffen als das erstemal, ihre Plätze verließen und sich mit ungezwungener Munterkeit untereinander mischten. Indessen schien der zweite Teil der Sage doch auch nicht ohne Eindruck geblieben zu sein; denn man unterhielt sich den ganzen Abend davon, und einige gar ernsthaft über die Möglichkeit solchen Spuks. Am kecksten jedoch spottete der alte Herr Bantes über das Märchen. Sein Witz und Spott aber wirkte bei den wenigsten; denn man kannte ihn schon als eine Art Freigeist und man wußte, daß der ehemalige alte Pfarrer deutlich auf ihn gezielt habe, wenn in der Predigt von Arianern, Naturalisten, Deisten, Atheisten und Sozinianern die Rede gewesen war. Wie mächtig die Erzählung Waldrichs allgemeine Teilnahme angeregt hatte, ward schon daraus klar, daß sie sich in den folgen den Tagen die ganze Stadt wiedererzählte und daß sie, natürlich mit mancherlei Zusätzen reich ausgestattet, herumgeboten ward. Zu einer anderen Zeit hätte sie kaum hingereicht, den Abend einer hörlustigen Wintergesellschaft auszufüllen. Jetzt aber, da die Rede von der hundertjährigen Wiederkunft des toten Gastes an der Tagesordnung war, beschäftigte es allerdings die Neugier auch der Ungläubigsten oder Gleichgültigsten, was für eine Bewandtnis es mit dem toten Gaste habe. Waldrich selbst erfuhr erst später, welches unbeabsichtigte Schicksal sein Geschichtchen hatte. Denn er mußte Herbesheim in Geschäften seines Regiments auf einige Wochen verlassen. Das hätte er nun gern abgelehnt, nicht nur wegen des häßlichen Winterwetters, das sich früh einzustellen drohte, sondern auch Friederikes oder vielmehr seiner selbst willen. Denn nun erst, da seiner Liebe durch den Herrn von Hahn Gefahr drohte, war diese zur Leidenschaft geworden. Er zweifelte zwar nicht an der Treue ihres Herzens, noch weniger an ihrem Mut, auf keine Weise in den kaufmännisch berechneten Heiratsplan ihres Vaters einzugehen; aber – doch ängstigten ihn Gedanken von hunderttausend Möglichkeiten. Und hätten sie ihn nicht geängstigt, würde ihm doch die Trennung von der ihm heimlich Verlobten, deren ganzes Wesen sich ihm in der Glut seiner Leidenschaft vergöttert hatte, unerträglich gewesen sein. – Allein der Befehl war da, und der soldatische Gehorsam konnte nichts einwenden. »Friederike,« sagte er am Abend vor seiner Abreise, da er zufällig mit dem Fräulein im halbdunkeln Zimmer allein beisammen war, »Friederike, nie, nie bin ich mit so schwerem Herzen von Herbesheim und von Ihnen gegangen als diesmal. Und ist es gleich nur für wenige Wochen, ist es doch, als wäre es für ewig. Es steht etwas vor mir wie ein dunkles Unglück, das sich durch Ahnungen verkündet. Mir wäre leichter, wenn ich bestimmt wußte, es ginge in den Tod.« Friederike erschrak über seine Worte. Sie ergriff seine Hand und sagte: »Macht dir etwa der Herr von Hahn Sorgen, daß er während deiner Abwesenheit eintreffe? Oder ist dir wegen meiner Standhaftigkeit bange? – Fürchte doch nichts, ich bitte dich, fürchte nichts. Sorge doch nicht für mich, sondern für dich, für deine Gesundheit, für dein Leben bei dieser ungesunden Jahreszeit. Denn ich gestehe dir, auch mir war noch bei keiner unserer Trennungen so übel zumute wie diesmal. Ich weiß nicht zu sagen, warum; aber ich zittere, du kommst gar nicht wieder.« Beide fuhren fort, sich ihre Bangigkeiten und Besorgnisse auszusprechen – und was sie nicht öffentlich durften, taten sie jetzt, sie sagten sich unter Umarmungen, Tränen und Küssen ihr Lebewohl, beide mit dem schweren Gefühl, es sei das letzte. Da trat eine Magd herein mit dem brennenden Licht. Waldrich eilte fort und aus dem Hause, um seine Tränen zu verbergen und seinen Schmerz im Freien auszuhauchen. Friederike ging in ihr Zimmer und schützte Kopfweh vor, um sich ins Bett zu legen und den ganzen Abend ungestört sein zu können. In der Nacht reiste der Hauptmann ab. Herr Bantes hatte vorher ihn noch gezwungen, einen guten wärmenden Punsch mit ihm zu trinken. Aber der Punsch erheiterte das Gemüt des Scheidenden nicht, ob er sich gleich in Gegenwart des Herrn Bantes Gewalt tat, fröhlich zu scheinen. Frau Bantes bemerkte es wohl. Und als sie folgenden Morgens zu Friederike ans Bett trat und fragte: »Wie hast du geschlafen? Ist dir besser?« sah sie wohl, daß das arme Mädchen blaß war und rotgeweinte Augen hatte. »Kind,« sprach sie, »ich merke, du bist krank. Warum verhehlst du der Mutter deine Leiden? Bin ich deine Mutter nicht mehr? Liebe ich dich weniger denn sonst, oder liebst du mich weniger, seit Waldrich deine Liebe ist? – Warum wirst du rot? Errötest du vor einem Unrecht? Daß du ihn liebst, darin finde ich eben nichts Sündhaftes; aber daß du mit deinem Herzen nicht wie sonst klar vor mir wie vor Gott stehst, das ist zu tadeln.« Friederike richtete sich auf, breitete ihre Arme aus und drückte laut weinend die Mutter an sich: »Ja, ich lieb' ihn. Ja, ich bin ihm zugesagt. Sie wissen es. Ich hatte unrecht, gegen die gute Mutter zu schweigen; aber ich wollte ihr ja nur mein Unglück verschweigen, um sie nicht zu früh mit in mein Leiden zu ziehen. Das muß endlich doch, aber so spät als möglich geschehen, wenn es der Vater erfahren wird, daß ich lieber unvermählt sterbe, als seinem für mich Erwählten die Hand gebe. So dachte ich – und schwieg.« »Kind, ich bin nicht gekommen, dir Vorwürfe zu machen. Ich verzeihe deinem Mißtrauen gegen ein Mutterherz, das sich dir noch nicht verleugnet hat. Also davon still. Und was deine und Waldrichs gegenseitige Neigung betrifft, hatte ich sie längst befürchtet. Ja, es konnte nichts anders kommen. Ihr konntet beide nichts ändern. Doch sei ruhig. Hoffe, bete! Wenn Gott will, wird er's lenken. Er ist deiner wert, ob er gleich nicht hat und ist, was der Vater dir bestimmt hat. Ich werde es dem Vater entdecken, wie ihr beide miteinander steht.« »Um Gottes willen, noch nicht, nur jetzt noch nicht!« »Ja, Friederike, jetzt. Es wäre besser gewesen, schon früher. Ich muß es ihm entdecken, denn ich bin seine Frau. Als solche will ich und darf ich kein bedeutendes Geheimnis vor dem Manne haben; habe du dergleichen auch nie im Leben vor deinem künftigen Gemahl. Das erste Geheimnis, welches Mann oder Weib in der sonst glücklichen Ehe voreinander hegen, bringt den Untergang alles Glücks, bringt Mißtrauen und Spannung. Wir mögen jemals recht oder unrecht handeln. Offenheit tut zu allem wohl, hindert das Erscheinen vieles Bösen und macht selbst das Fehlerhafte minder schuldvoll.« »Aber was soll ich tun?« fragte Friederike. »Du? Was du? Weißt du's nicht? Wende dich im stillen Gebete zu deinem Gott. Die Unterhaltung mit dem, der die Sonnen droben und die Sonnenstäubchen hier unten leitet, wird dich erheben, dich heiligen, beruhigen. Du wirst besonnener, edler denken und tun. Und dann wirst du nie Übles tun. Und tust du das Rechte und sagst du das Rechte, glaube mir, so wird' nicht unrecht gehen.« So sprach ihr Frau Bantes zu und verließ sie, um sich zu ihrem Manne ans Frühstück zu setzen. »Was fehlt dem Mädchen?« fragte er. »Vertrauen zu dir und mir, aus allzugroßer Liebe zu ihren Eltern.« »Krummes Zeug und dergleichen! Mama, du hast wieder etwas im Hintergrunde. Gestern hatte sie Kopfweh und heute kein Vertrauen.« »Sie hat Furcht, dich zu kränken; darum wird sie krank.« »Possen und dergleichen!« »Sie fürchtet, du werdest ihr den Herrn von Hahn aufzwingen, auch wenn sie ihn nicht will.« »Sie hat ihn ja noch nicht gesehen.« »Sie möchte ihn lieber nicht sehen. Ihr Herz hat schon entschieden. Sie und Waldrich haben Neigung füreinander. Du hättest es längst bemerken können.« »Halt!« rief Herr Bantes und setzte die Kaffeetasse nieder, besann sich, hob die Tasse wieder auf und sagte: »Weiter?« »Was weiter? Daß du behutsam gehen, daß du mit der Verlobung nichts übereilen mußt, wenn du nicht Unglück anrichten willst ohne Not. Es ist möglich, daß Friederike den Herrn von Hahn, wenn sie nur weiß, daß er ihr nicht aufgedrungen werden soll, nach und nach recht angenehm findet. Es ist möglich, daß der Kommandant in eine andere Garnison verlegt wird, daß Trennung und Zeit die erste Leidenschaft schwächt... dann –« »Richtig! das ist auch mein ganzer Sinn. Ich schreibe seinem General. Er muß in andere Garnison. Zum Kuckuck und Küster, Friederike wird doch nicht Frau Hauptmännin werden wollen? Ich schreibe mit nächstem Posttag. Das sind mir Teufelsstreiche!« Jetzt hatte Frau Bantes angebahnt. Es gab freilich eine sehr lebhafte Unterredung; Vater Bantes stürmte nach seiner Art ein wenig und sprach seinen Willen entschieden genug aus, doch gab er zu, man müsse behutsam gehen, keinem Strom einen Damm entgegenbauen und keiner Leidenschaft Gewaltgebote geben; Waldrich müsse mit guter Art von Herbesheim fort, Friederikes Neigung nicht offen widersprochen werden, damit sie sich beruhige, und so müsse dem Ziel unvermerkt zugesteuert sein. »Bei dem allen bleibt's ein dummer Streich!« sagte Herr Bantes ärgerlich. Das sagte er auch, als er sich mit Friederike unter vier Augen verständigt hatte. »Siehst du,« sprach er zu ihr, »du bist ein vernünftiges Mädchen, und solltest dich da nicht wie ein anderes Gänschen verplempern. Aber, wie gesagt, ich habe nichts dagegen; meinetwegen liebt euch – nur an Heirat denkt nicht! Daraus wird nichts. Du bist zu jung. Nichts überhaspelt! Lerne alle Männer kennen. Es hat jeder sein Gutes. Denke dann, was sich für dich schickt. Lerne den Herrn von Hahn kennen. Taugt er nicht für dich, dann marsch mit ihm. Ich zwinge dich zu nichts, aber zwinge mich auch zu nichts.« So ward der innere Friede der Familie wiederhergestellt, und durch weise Leitung der Frau Bantes ein drohendes Ungewitter in einen stillen trüben Regentag verwandelt. Die alte Heiterkeit, so gut es ging, kehrte zurück und alles nahm den gewohnten Gang ein. Friederike, vollkommen beruhigt, dankte dem Himmel, daß es so weit gediehen sei, und erwartete von der Zukunft vertrauensvoll das noch Bessere. Mit Zuversicht erwartete auch Herr Bantes das Bessere. Er freute sich, daß Friederike ihren bisherigen Frohsinn wieder annahm, und entwarf indes das Schreiben an den General. Frau Bantes, die ihren Gemahl wie ihre Tochter mit gleicher Zärtlichkeit im Herzen umschloß, hoffte wenig, fürchtete wenig; sie überließ die Entscheidung dem Himmel. Waldrich war ihr lieb, wie ein angenommener Sohn; aber auch der Herr von Hahn war ihr durch die erhaltenen Anzeigen und durch die Vorliebe ihres Gatten schätzbar. Sie wollte nur ihrer Tochter Glück, gleichviel, durch wessen Hand es gegeben werden könne. Die Überraschung »Ach, der arme Waldrich!« sagte Friederike am Sonntage, da sie mit ihrer Mutter aus der Kirche gekommen war, und nun plaudernd mit ihr im warmen Zimmer am Fenster saß und auf die öden Straßen hinabsah, die von Regenströmen rauschten. »Wenn er nur jetzt nicht unterwegs ist! Es wäre bisher das schönste Wetter zur Reise gewesen, und nun er fort ist, muß auch das übelste eintreffen.« »Ein Soldat soll alles tragen können!« antwortete Frau Bantes. »Und willst du eines Soldaten Frau werden, so gewöhne dich zeitig an den Gedanken, daß dem Mann dem Könige mehr als dir, der Ehre mehr als der Liebe, dem Feldlager mehr als dem Hause gehört, und daß, wenn anderen Männern nur ein Tod nachlauscht, dem Soldaten hundert Tode aufpassen. Darum wäre ich nie eine Soldatenfrau geworden.« »Aber sehen Sie auch hinaus, Mama, wie es in der Luft wütet, wie schwarz der Himmel! Sehen Sie doch, zwischen dem Regen große Hagelsteine!« Frau Bantes lächelte, denn es kam ihr ein Einfall, von dem sie anfangs nicht wußte, ob sie ihn mitteilen sollte. Endlich sagte sie: »Friederike, weißt du's? Heut ist der erste Adventsonntag, wo die Regierung des toten Gastes beginnen soll. Der wüste Prinz meldet sich, scheint's, immer mit Sturm an.« »Ich wette, Mama, der Regensturz macht unseren Herbesheimern himmelangst. Die verriegeln vielleicht schon am hellen Mittag die Haustüren, damit das lange, bleiche Gesicht nicht eindringe.« In diesem Augenblicke trat Herr Bantes eilfertig mit einem lauten, doch etwas sonderbaren Gelächter in die Stube; sonderbar war es, weil man nicht wußte, ob es ein willkürliches oder ein unwillkürliches Lachen war. »Tolles Zeug und dergleichen!« rief Herr Bantes. »Geh in die Küche, Mama, und bringe die Mädel in Ordnung, sonst werfen sie dir den Braten in die Suppe, die Suppe ins Gemüse, das Gemüse in die Milchcreme.« »Was gibt's denn?« fragte Frau Bantes verwundert. »Wißt ihr nichts? Die ganze Stadt sagt, der tote Gast sei angekommen. Zwei Fabrikarbeiter kommen mir da atemlos und pudelnaß von der Gasse in die Zahlstube gesprungen und erzählen, was ihnen an zehn Orten schon erzählt worden ist. Mag von dem tollen Zeug kein Wort hören; gehe an der Küche vorbei, die Mägde drinnen lärmen. Ich stecke den Kopf hinein, zu sehen, was es gibt; schreien die dummen Dinger beim Anblick meiner schwarzen Perücke laut auf und rennen die Närrinnen seitwärts, meinen, ich sei der tote Gast. Seid ihr alle unklug? rief ich. – Ach Gott! schrie die Käte, ich will's nicht leugnen, Herr Bantes, ich bin abscheulich erschrocken. Mir zittern die Knie. Und ich brauchte mich eigentlich gar nicht zu schämen, daß ich mich mit dem Schornsteinfeger Max eingelassen und versprochen habe. Aber nun es so kommt, wollte ich, ich hätte den Max in meinem Leben nicht gesehen. – So schrie Käte, und wie sie sich die Angsttränen abtrocknen will, läßt sie die Pfanne mit den aufgeschlagenen Eiern aus der Hand fallen. Die Susanne sitzt hinter dem Feuerherd und weint hinter ihrer Schürze. Die alte unschuldige Lene mit ihren fünfzig Jahren sogar sieht ganz verstört drein, und schneidet sich richtig mit dem Küchenmesser in die Finger, da sie es abwischen will.« »Hab' ich es nicht gesagt, Mama?« rief Friederike, indem sie ausgelassen lachte. »Stelle Ordnung in der Küche her, Mama!« fuhr Herr Bantes fort, »sonst ist die erste Teufelei des toten Gastes in Herbesheim, daß wir am lieben Sonntage verhungern müssen.« Friederike hüpfte lachend hinaus zur Küche und rief: »So arg soll er's uns doch nicht treiben!« »Das sind«, sagte Herr Bantes, »die saubern Früchte des Aberglaubens, der Pöbelweisheit. Alles Pöbelweisheit, von oben bis unten, vom Stallknecht bis zum Minister! Da schimpfen mir jetzt Schulknaben und Priester, Hebammen und Professoren, Geheimräte und geheime Speichellecker auf die Aufklärung; sagen, sie bringe Insubordination, Irreligion, Revolution und wollen das Volk wieder in die alte Dummheit zurückklecksen. Und die Esel von modischen Versemachern iahen ihre Wunder- und Heiligenlieder dazwischen, und die Esel von Bücherfabrikanten machen sich mit Ammenmärchen breit, und wollen Heiden und Türken katholisch machen, den Papst zum Herrgott der Könige, den Staat zum Notstall. Lumpenpack! Da geben sie kaum einen roten Kreuzer für Verbesserung der Schulen, aber Millionen für die Soldaten hin und für Üppigkeit; da schnüren sie vernünftigen Leuten das Maul zu, wo nicht den Hals; aber wer Unsinn und Knechterei und Schlächterei lobpreist, den behängen sie mit Orden, Titeln und Tressen. Da haben wir's nun. Aberglaube oben und unten. Erster Advent, Winterwetter – sieh da, kriechen die Narren in die Winkel und bekreuzen und segnen sich; meinen, der tote Gast mache den Sonntagsregen und dergleichen.« Frau Bantes lächelte sanft und sprach: »Papa, nicht so eifrig; nicht so böse, die Sache verdient's nicht.« »Verdient's nicht? He, du selbst hast wurmstichigen Glauben, Mama! Nimm mir den Aberglauben nicht in Schutz, nimm mir keinen Unsinn in Schutz! Ich will, wenn ich sterbe, zehntausend Gulden Legat aussetzen, bloß zur Besoldung eines Lehrers an der Schule, der gesunde Vernunft lehren soll. Wer solche wahnsinnige Einbildungen von Gespenstern, Teufeln, Totenerscheinungen und toten Gästen dulden kann, der kann auch dulden, daß die ganze Welt ein Tollhaus und jedes Land ein Sklavenjoch werde, worin die eine Hälfte des Volks leibeigen fronen, die andere mit Musketen und Kanonen die gehorchende im Zaum halten muß.« »Aber, aber, Papa, wohin verirrst du dich?« »Verflucht sei der Aberglaube! Aber ich merke wohl, man will ihn. Nur zu, das ist den Engländern recht. Je dümmer die Völker, je leichter saugen sie uns aus. Es wird nicht eher besser, bis einmal wieder ein Haus Bonaparte mit eiserner Rute kommt und Schule hält mit den Narren.« Indem Herr Bantes noch fortfuhr, in vollem Ernste so zu donnern, während er hastig die Stube auf und ab ging und von Zeit zu Zeit mitten im Laufe stehenblieb, trat leise der Buchhalter herein. »Es ist doch richtig, Herr Bantes.« »Was ist richtig?« »Er ist wirklich angelangt. Er logiert im Schwarzen Kreuz.« »Wer logiert im Schwarzen Kreuz?« »Der tote Gast.« »Narrheit! Müssen Sie, als ein verständiger Mann, denn alles glauben, was Ihnen alte Weiber sagen?« »Aber meine Augen sind keine alten Weiber. Ich ging aus Neugier ins Schwarze Kreuz; der Herr Gerichtschreiber war, sozusagen, mein Gefährte. Wir nahmen ein Gläschen Goldwasser, sozusagen nur zum Vorwand. Da saß er.« »Was?« »Ich erkannte ihn auf der Stelle. Der Wirt scheint ihn auch zu kennen. Denn wie der zur Tür hinausging, wandte er dem Herrn Gerichtschreiber seitwärts das Gesicht zu, machte große Augen, zog den Mund und die Augenbrauen in die Höhe, als wollte er sozusagen andeuten, der da sitzt bringt nichts Gutes.« »Larifari!« »Der Zolleinnehmer, der ihn schon am Tor erkannte, hat sich auf der Stelle zum Herrn Polizeileutnant gemacht. Der Zolleinnehmer hat es uns gesagt, als wir wieder aus dem Schwarzen Kreuz kamen.« »Der Zolleinnehmer ist ein abergläubiger Narr; schämen sollte er sich in die Seele hinein!« »Ganz wohl; aber erlauben Sie, wenn's nicht der tote Gast ist, so ist's sein Zwillingsbruder. Ein bleiches Gesicht. Vom Kopf bis zum Fuß rabenschwarz. Eine Gestalt, vier, fünf Ellen lang. Eine dreifache goldene Kette über die Brust zur Sackuhr. An den Fingern funkelnde Brillantringe. Prächtige Equipage. Extrapost.« Herr Bantes sah den Buchhalter lange mit starrem Blick an, worin Unglauben und Befremden zu kämpfen schienen; lachte endlich laut und übermäßig und rief: »Treibt denn der Teufel seinen Spaß mit uns, daß der gerade am ersten Adventsonntage einpassieren muß?« »Und gerade wie die Kirche aus war,« sagte der Buchhalter, »gerade wie die Leute über die Gasse liefen und Wind und Regen sozusagen am schrecklichsten stürmten.« »Wie heißt denn der Fremde?« fragte Herr Bantes. »Mir nicht bekannt,« antwortete der Buchhalter; »der aber gibt sich am Ende Namen, wie er will. Bald ist er ein Herr von Gräbern, bald ein Graf von Altenkreuz. Es ist mir sozusagen bedenklich, daß er geradezu ins Schwarze Kreuz einkehrte. Der Name scheint ihn angezogen zu haben.« Herr Bantes schwieg eine Zeitlang ganz ernsthaft und nachdenkend, fuhr sich endlich mit der Hand rasch über das Gesicht und sagte: »Ist nichts als Zufall, sonderbarer Spaß des Ungefährs. Denkt doch nicht an den toten Gast und dergleichen. Possen! Aber ein eigener Zufall ist es, ein toller Streich! Gerade am Adventsonntage, im schrecklichsten Wetter, lang, schwarz, blaß, die Fingerringe, die Equipage – ich würde kein Wort davon glauben, Buchhalterchen, wenn Sie nicht ein vernünftiger Mann wären. Aber, nichts für ungut, Sie hörten das Märchen vom toten Gast, sahen einen Fremden; hatte schwarze Kleider, flugs spielt Ihnen die gottlose Einbildungskraft einen Hexenstreich und setzt Ihnen, was noch fehlt, hinzu.« Dabei blieb es. Herr Bantes ließ sich auf keine anderen Gedanken bringen. Die Erscheinung Der tote Gast war nun das Gespräch über Tische bei der Mahlzeit. Man freute sich, bald mehr über ihn zu vernehmen und gewisse Auskunft über den Fremden in der heutigen Winterabendgesellschaft beim Bürgermeister zu erhalten, und wenn nicht aus offiziellem Munde des Stadthauptes, doch durch die Frau Amtsbürgermeisterin, die, ohne Hilfe geheimer Polizei, ununterbrochen eine wahre Tag- und Nachtchronik von Herbesheim hielt. Die Frauenzimmer fuhren sogleich nach Beendigung des nachmittäglichen Gottesdienstes zu ihr. Herr Bantes versprach, sobald es dunkel werden wollte, nachzukommen; er hatte noch einige Geschäfte mit Leuten aus seiner Fabrik abzutun, die er gewöhnlich an Sonntagnachmittagen zu sich kommen ließ. Er war eben im Begriff, den letzten dieser Leute abzufertigen und sich auf den Weg zur Wintergesellschaft zu machen, als plötzlich ein durchschneidender weiblicher Schrei geschah. Herr Bantes und der Fabrikarbeiter erschraken heftig. Es war tiefe Stille. »Sieh doch einmal nach, Paul, was begegnet ist!« sagte Herr Bantes zum Arbeiter. Dieser ging, kam aber nach wenigen Augenblicken mit ganz verstörter Miene zurück und konnte kaum halblaut mit bebender Stimme sprechen: »Es verlangt Sie jemand zu sehen.« »Nur herein!« sagte Herr Bantes ärgerlich. Paul öffnete die Tür und es trat ganz langsam ein Fremder herein. Es war ein hagere, langer Mann, in schwarzen Kleidern; das Gesicht zwar von angenehmen, feinen Zügen, aber bleich. Durch das dicke, schwarze Seidentuch um den Hals ward die Blässe noch gesteigert und recht totenhaft. Die saubere Kleidung, die äußerst feine Wäsche, deren Schneeglanz unter der schwarzen Seidenweste hervorstach, die reichen Ringe, die von den Fingern blitzten, der Anstand in allem Äußern verriet den Fremden als einen Mann von höherem Stande. Herr Bantes starrte den Unbekannten an. Er sah den toten Gast vor seinen Augen; faßte sich aber, so gut er konnte, und sagte, indem er sich mit etwas erschrockener Höflichkeit gegen den Eintretenden verneigte, zum Arbeiter: »Paul, du bleibst hier! Ich habe dir nachher noch etwas zu sagen.« »Es freut mich das Glück, Herr Bantes, Ihre Bekanntschaft zu machen!« sagte der Fremde leise und langsam. »Ich würde meine Aufwartung schon am Morgen gemacht haben, hätte ich nicht Ruhe von der Reise nötig gehabt und Furcht gehabt, Sie und die Ihrigen sogleich nach meiner Ankunft unangenehm zu belästigen.« »Viel Ehre, viel Ehre!« erwiderte Herr Bantes mit einiger Verlegenheit. »Aber...« Es überfiel ihn ein unwillkürliches Grausen. Er traute seinen Augen kaum. Er rückte dem Fremden einen Stuhl hin und wünschte ihn hundert Meilen weit von sich. Der Fremde verneigte sich langsam, nahm Platz und sprach: »Sie kennen mich nicht; aber erraten ohne Zweifel, wer ich bin?« Es ward dem Herrn Bantes, als sträubten sich unter seiner Perücke alle Haare bergan. Er schüttelte höflich und ängstlich den Kopf und sagte mit erzwungener Freundlichkeit: »Ich habe nicht die Ehre, Sie zu kennen.« »Ich bin Hahn, der Sohn Ihres alten Freundes!« sprach der tote Gast mit hohler Stimme und lächelte den Alten an, dem das Lächeln das Herz erstarrte. »Sie haben keinen Brief von meinem alten Freund?« fragte Herr Bantes. Jener wickelte eine prächtige Brieftasche auf und übergab ein Schreiben. Es enthielt nur wenige Zeilen zur Empfehlung und die Bitte, dem Überbringer alles zur Eroberung des Herzens der Braut zu erleichtern. Die Schriftzüge hatten wohl viel Ähnlichkeit mit der Hand des alten Bankiers, doch schien etwas Fremdartiges darunter. Herr Bantes las lange und las wieder, nur um Zeit zu gewinnen, und zu überlegen. In ihm war ganz natürlich alles Widerspruch und Kampf. Er wollte als ein aufgeklärter Mann, trotz dem unwillkürlichen Grauen, nicht glauben, daß er den berüchtigten toten Gast vor sich habe; aber ebensowenig wollte er und konnte er sich überzeugen, daß der Sohn seines Freundes eben genau in Wesen und Gestalt der aus Sagen vielbekannten Gestalt des entsetzlichen Gastes gliche. Hier war weder Gaukelei der Einbildungskraft noch des Zufalls denkbar. Er sprang geschwind auf, bat um Verzeihung, er müsse seine Brille suchen, die Augen wären ihm etwas dunkel und entfernte sich, um nur in dieser Verlegenheit zur Besonnenheit zu kommen. Wie Herr Bantes ins Nebenzimmer ging, griff auch Paul nach dem Schlosse der Stubentür. Der tote Gast wandte langsam sein Gesicht gegen diesen, und mit einem Sprunge, an allen Gliedern bebend, war Paul zur Stube hinaus und kam nicht wieder, bis er Herrn Bantes vom Nebenzimmer zurückkehren hörte. Herr Bantes hatte wirklich in der Eile überlegt, und in der Eile einen verzweifelten Entschluß gefaßt. Noch ungewiß, welchen Gast er vor sich habe, wollte er wenigstens die arme Friederike nicht geradezu in die Hände des Zweideutigen ausliefern. – Er trat demselben nicht ganz ohne Herzklopfen näher und sagte mit Achselzucken und Bedauern: »Hören Sie, mein wertester Herr von Hahn, ich hege für Ihre Person alle Hochachtung. Indessen haben sich hier Dinge ereignet, äußerst fatale Dinge, die ich nicht voraussehen konnte. Hätte Sie doch uns die Ehre erwiesen, früher zu kommen! Seitdem hat sich zwischen meiner Tochter und dem Kommandanten der hiesigen Besatzung ein Liebeshandel entsponnen – Verlobung und dergleichen; – das vernahm ich erst vor wenigen Tagen. Der Hauptmann ist mein Pflegesohn; er war einst mein Mündel. Was konnte ich tun? Gern oder ungern, ich mußte mein Ja sagen. Ich hatte mir vorgenommen, morgen Ihrem Herrn Vater die Widerwärtigkeit zu melden, ihn zu bitten, Sie nicht zu bemühen. Es schmerzt mich sehr. Was wird mein alter Freund von mir denken!« Weiter konnte Herr Bantes nicht reden, denn die Stimme ging ihm vor Entsetzen aus. Der Gast ihm gegenüber hatte nicht nur, wider alle Erwartung, ganz kalt und ruhig zugehört, sondern die Miene desselben, vorher still und düster, heiterte sich sogar bei den Wörtern »Liebeshändel« – »Verlobung« sichtbar auf, als wenn es ihm eben recht um ein Mädchen zu tun wäre, das einem anderen schon Hand und Herz verschenkt hätte. Auch entging Herrn Bantes nicht, daß das bleiche Gesicht, als hätte es sich verraten, schnell wieder den vorigen Ernst, mit sich selbst zufrieden, herzustellen suchte. »Beunruhigen Sie sich deswegen nicht!« sagte der Herr von Hahn, »weder meines Vaters noch meinetwillen nicht!« Herr Bantes dachte bei sich: Ich verstehe dich schon! Aber nun war es ihm doppelt darum zu tun, den aus der Sage wohlbekannten schrecklichen Verführer für immer von Friederike abzuhalten. »Ich sollte Sie«, sprach er, »freilich nicht im Wirtshause lassen, sondern bitten, bei mir im Hause vorlieb zu nehmen. Allein eben jene Geschichte mit dem Kommandanten und meiner Tochter und dergleichen – Sie begreifen, wie es da geht, einen zweiten Bräutigam in Abwesenheit des anderen und dergleichen – und dann, Sie begreifen wohl – die Leute in einer so kleinen Stadt schwatzen gleich mehr als sie wissen. Auch hat meine Tochter...« »Ich bitte, keine Entschuldigung!« sagte der Sohn des Bankiers. »Ich bin im Gasthofe nicht übel. Ich verstehe Sie. Wenn Sie mir nur erlauben, dem Fräulein meine Aufwartung machen zu dürfen.« »Aber, Sie...« »Denn in Herbesheim gewesen zu sein und die Braut, die mir bestimmt gewesen, nicht gesehen zu haben, ich könnte es nicht bei mir selbst verantworten.« »Allerdings, Sie sind...« »Ich sollte den Herrn Kommandanten beneiden. Alles, was man mir von der seltenen Schönheit und Liebenswürdigkeit des Fräuleins...« »Sie sind zu gütig.« »Mir wäre allerdings die größere Ehre widerfahren, in Ihre herrliche Familie aufgenommen worden zu sein, und der Sohn eines Mannes geheißen zu haben, von dem mein Vater nie ohne freundschaftliche Gefühle reden kann.« »Gehorsamer Diener.« »Darf ich bitten, dem Fräulein wenigstens vorgestellt zu werden?« »Tut mir leid, sehr leid. Sie ist mit meiner Frau für diesen Abend in großer Gesellschaft, und – es ist Gesetz da, daß man keinen Fremden, unter keinerlei Vorwand, einführen darf. Also...« »In der Tat liegt mir für diesen Abend wenig daran, ich fühle mich noch ermüdet. Noch weniger liegt mir daran, sie in großer Gesellschaft zu sehen, wo man mehr oder minder beengt ist. Gern sähe ich sie in ihrem häuslichen Wesen.« Herr Bantes machte eine stumme Verbeugung. »Noch lieber, und das gewähren Sie mir doch gütigst? möchte ich dem Fräulein einmal unter vier Augen, wenn ich sagen darf, vertraulich manches mitteilen, was...« Herr Bantes erschrak. Er dachte bei sich: Da haben wir's, der marschiert in gerader Linie auf sein Ziel los! – Er räusperte sich. Der Fremde schwieg nun und erwartete, ob Herr Bantes reden wollte; da dies nicht geschah, fuhr jener fort: »Ich hoffe, durch meine Mitteilungen das Fräulein vielleicht in betreff meiner auf richtigere Ansichten zu leiten; und vielleicht, indem ich sie über Verschiedenes beruhigen kann, mir ihre Achtung zuzusichern, die mir durchaus unter gegenwärtigen Umständen nicht ganz gleichgültig bleibt.« Herr Bantes versuchte mancherlei Wenn und Aber zu entgegnen, um dies wahrscheinlich von Folgen begleitete vertrauliche Unter-vier-Augen abzulehnen. Er sprach in der Angst viel, aber verworren und aus Höflichkeit dunkel. Der tote Gast aber verstand ihn gar nicht, oder schien ihn nicht verstehen zu wollen, und ward immer zudringlicher. Desto peinlicher ward die Stellung des Herrn Bantes, der sein schönes Kind schon von jener Scheingestalt und ihren verruchten Künsten umgarnt und mit umgedrehten Köpfchen sah. Über diese Unterredung, die ziemlich lange dauerte, war es dunkel geworden. Als der Gast sich schlechterdings nicht entfernen wollte, stand Herr Bantes jähling auf und erklärte unter großem Bedauern, daß er ihn verlassen müsse, weil unaufschiebbare Geschäfte ihn abriefen. – So erzwang er den Abschied. Der Gast, etwas finster, empfahl sich, bat aber um die Erlaubnis, wiederzukommen. Herr Bantes eilte in die Wintergesellschaft zum Bürgermeister, war aber auffallend still und nachdenkend. Man sprach von nichts als vom toten Gaste. Man wollte wissen, er führe eine schwere Kiste voller Gold bei sich; er kenne schon alle Bräute von Herbesheim; er sei ein sehr angenehmer Mann, doch spüre man ihm etwas Verwesungsgeruch an. Alles, was hier geredet wurde, stimmte meistens nur zu sehr mit dem überein, was Herr Bantes an dem, der vor ihm die Gestalt des reichen Bankiers angenommen, bemerkt hatte. Sobald Herr Bantes mit seiner Frau und Tochter werden zu Hause war, erzählte er von dem Besuche des toten Gastes und wie er ihn hoffentlich ein für allemal abgefertigt zu haben glaube. Anfangs erstaunten beide Frauenzimmer, oder vielmehr, sie erschraken; dann lächelten beide verwundert sich an, als sie den Namen des Bräutigams aus der Residenz hörten; zuletzt lachten sie hell auf, als sie hörten, der Vater habe Friederike förmlich zur Verlobten des Kommandanten erklärt. »O Papa, süßer Papa!« rief Friederike und fiel ihm um den Hals. »Ich bitte Sie, halten Sie auch Wort.« »Zum Kuckuck und Küster!« schrie der Alte. »Ich werde doch wohl Wort halten müssen.« »Auch dann, liebster Papa, wenn der tote Gast zuletzt der Herr von Hahn wäre?« »Meinst du, ich habe keine Augen? Er ist es nicht. Eine Scheingestalt ist's. Wie käme der junge Hahn auf den Teufelseinfall, sich in die Figur des toten Gastes zu vermummen, von dessen Geschichte er wahrscheinlich in seinem Leben nichts gehört hat.« Den Frauenzimmern war das Ereignis freilich etwas unbegreiflich; aber doch wollten sie lieber glauben, der Papa habe mit seiner regen Phantasie etwas hinzugefügt, oder der Zufall diesmal drolligen Scherz getrieben, als daß sie an der Persönlichkeit des angekommenen Herrn Hahn gezweifelt hätten. Gerade diese Hartnäckigkeit der Mutter und der Tochter, sich durchaus keines Bessern belehren zu lassen, ängstigte den Herrn Bantes nur noch mehr. »So muß es kommen, gerade so!« rief Herr Bantes ärgerlich und zaghaft. »So hat er euch beide schon halb in seinen Krallen, hat euch schon betäubt! Ich bin doch wahrhaftig sonst nicht abergläubig, und auch diesmal kein altes wundersüchtiges Weib, aber was mit begegnet ist, das ist mir begegnet. Es ist ein höllischer Spuk, der mich verrückt machen könnte. Die Vernunft begreift's nicht. Aber es mag vieles sein, das die Vernunft nicht begreift. Und sollte ich euch in den Keller sperren, ich sperre euch ein, nur daß ihr mir beide nichts mit dem Teufelsgespenst und dergleichen zu schaffen habt!« »Schönster Papa!« rief Friederike. »Ich gebe Ihnen ja gern die Sache wohlfeiler. Möge der tote Gast Herr von Hahn sein oder nicht; ich schwöre Ihnen, ich will ihn nicht lieben, ich will Waldrichen nie vergessen. Aber geben Sie mir Ihr Vaterwort, daß Sie Waldrichen nicht von mir trennen, es möge nun der Herr von Hahn oder der tote Gast um mich werben.« »Wahrhaftig, lieber gäb' ich dich dem ärmsten Bettler auf der Gasse – ist's doch ein lebendiger Mensch! – als dem Gespenst, dem Satan.« Gute und schlimme Wirkungen Friederike schlief unter schönen Träumen die Nacht, Herr Bantes äußerst unruhig. Die schwarze, bleiche Figur, deren Mondgesicht durch das schwarze Kopfhaar und den starken schwarzen Backenbart ihm so fürchterlich hervorblickte, schwebte ihm auch vor verschlossenen Augen sichtbar. Friederike hegte hingegen für den gespensterhaften Unbekannten recht dankbare Gesinnungen, daß er ihren Vater so schleunig bekehrt und in der Angst dem lieben Waldrich zugewandt hatte. Am anderen Morgen, sobald Herr Bantes mit den Seinigen gefrühstückt hatte, begab er sich zum Amtsbürgermeister – dies war das Ergebnis nächtlicher Überlegungen – und bat denselben, gegen den Unbekannten Polizeimaßregeln zu versuchen, um ihn aus der Stadt zu entfernen. Er erzählte ihm nun offen, was sich gestern, ehe er in die Abendgesellschaft gekommen, in seinem Hause zugetragen habe, und wie seine Frau und Tochter schon halb und halb in ihren Sinnen benebelt wären, daß sie den toten Gast für den angekündigten Sohn des Bankiers Hahn hielten; ungeachtet der junge Bankier, um Bräutigamsrollen zu spielen, nicht dazu das Äußere des bekannten Gespenstes wählen würde, und wenn er sie aus Narrheit oder Spaß hätte wählen wollen, sie gewiß nicht gekannt haben würde. Der Bürgermeister schüttelte lächelnd den Kopf. Er wußte nicht, was er zum plötzlichen Aberglauben des sonst ungläubigen Herrn Bantes sagen sollte; versicherte aber, er wollen ernste Untersuchungen anstellen, denn die ganze Stadt sei von dieser wunderlichen Erscheinung beunruhigt. Als Herr Bantes nach einigen Stunden (denn auch mit dem Polizeileutnant und anderen Freunden hatte er sich beraten) nach Hause ging, sah er von ungefähr seitwärts durch ein Fenster ins Erdgeschoß seines Hauses. Das Fenster gehörte zu einem schön geschmückten Zimmer, das sonst der Kommandant Waldrich zu bewohnen pflegte. Herr Bantes glaubte seinen Augen nicht trauen zu dürfen. Er sah den wüsten, toten Gast da im tiefen, ja es schien, im leidenschaftlichen Gespräch mit Friederike. Das Mädchen lächelte ihm freundlich zu und schien gar nichts dagegen zu haben, als er ihre Hand ergriff und küssend an seine Lippen drückte. Jetzt schwankte alles vor den Augen des Greises, oder vielmehr er schwankte. Anfangs wollte er geradezu hinein in des Kommandanten Zimmer, um die zärtliche Unterredung zu unterbrechen und den unüberwindlichen Verführer aus dem Hause zu jagen; dann besann er sich, daß dies üble Folgen für ihn oder Friederike haben könnte. Er erinnerte sich des Duells zwischen dem Grafen von Altenkreuz und dem Vicomte vor hundert Jahren. Er eilte totenbleich ins Zimmer seiner Gemahlin, die vor seinem Anblick erschrak. Als sie die Ursache seines Zustandes erfahren hatte, suchte sie ihn zu beruhigen; versicherte, das vermeintliche Gespenst sei in der Tat der erwartete Bräutigam, ein liebenswürdiger, bescheidener Mann, mit dem sie und Friederike sich lange unterhalten habe. »Ich glaub's schon, Mama, der ist mit dir in deinen Jahren ganz bescheiden. Aber geh hin und sieh, wie weit er mir Friederike in kurzer Zeit gekommen ist. Sie küssen sich.« »Das ist nicht möglich, Papa!« »Da, da, diese Augen strafe du nicht Lügen. Er hat sie; sie ist verloren! Warum sind die allein? Dir ist auch schon der Verstand vergiftet, sonst würdest du sie beide nicht allein gelassen haben.« »Lieber Papa, er bat um Erlaubnis, sich allein gegen Friederike erklären zu dürfen. Laß doch deine Einbildung fahren! Wie ist es möglich, daß du, eben du, aufgeklärter, alles verspottender Mann deinen Glauben so betören lassen kannst, und plötzlich der abergläubigste aller Menschen wirst?« »Überrumpeln? Abergläubig? Nein, vorsichtig, behutsam und dergleichen gegen dies Teufelsblendwerk! – Sei es, was es immer wolle, man soll sich auf keine Weise prellen lassen. Das Mädchen ist mir zu teuer. Ich befehle ein für allemal, ihr sollt mit eurem sogenannten Herrn von Hahn allen Umgang abbrechen.« »Aber was wird sein Vater sagen?« »Oh, der Alte wird nichts sagen. Und wie sollte er? Er hat ja weder Tod noch Teufel zum Sohn! – Und in Gottes Namen sag' er, was er wolle. Geh, ich bitte dich, schicke den Verführer fort!« Frau Bantes ward verlegen. Sie trat freundlich zu ihm hin, legte ihre Hand traulich auf seine Schulter und sagte leise mit bittendem Tone: »Lieber Mann, bedenke, was du aus eitler Furcht tust! Wegen eines blassen Gesichts und eines schwarzen Kleides ist ja ein Fremder noch kein Gespenst. Wenn du aber befiehlst und darauf beharrst, und es zu deiner Ruhe beiträgt, so werde ich dir gehorchen. Doch bedenke, Friederike und ich haben ihn schon zum Mittagessen eingeladen.« »Da könnte einen ja der Schlag rühren!« schrie Herr Bantes. »Nun gar zum Mittagessen! Der muß einen Zauberdunst und dergleichen in seinem Odem haben, daß er euch behext wie die afrikanische Schlange die kleinen Vögel, die sich ihrem offenen Rachen gern oder ungern nähern müssen. Fort, fort, fort! Ich will nichts von ihm!« In diesem Augenblicke trat sehr heiter Friederike herein. »Wo ist der Herr von Hahn?« fragte die Mutter mißmutig. »Nur auf einen Augenblick in seine Wohnung. Er kommt sogleich zurück. Er ist wahrlich ein guter, edler Mensch!« »Da haben wir's!« rief Herr Bantes. »In einer Viertelstunde Gesprächs hat sie es schon weg, daß er ein guter, edler Mensch ist. Wie? du den Waldrich lieben? Oh, daß Waldrich hier wäre! Wenn er – – kurz weg! Ich will nichts davon wissen. Laß ihm absagen. Laß ihm eine Lüge sagen, eine ehrliche Notlüge, ich sei krank geworden; wir bedauerten sehr; könnten heute nicht die Ehre haben, ihn bei Tische zu sehen und dergleichen.« Friederike erschrak über die Heftigkeit ihres Vaters. »Hören Sie mich doch, Papa; Sie sollen alles wissen, was er mir gesagt hat. Er ist gewiß ein vortrefflicher Mann, und Sie werden...« »Halt!« rief Herr Bantes. »Ich will nichts hören; habe schon zuviel Treffliches gehört. Sieh, Kind, laß mir jetzt meinen Willen. Nenn' es Wunderlichkeit, nenn' es wie du willst, höre mich an. Gleicht der tote Gast dem Herrn von Hahn, oder der Herr von Hahn dem toten Gast, so ist das alles ein Teufel. Ich mag und will nichts von ihm. Kannst du deinen edeln, vortrefflichen, guten Menschen und dergleichen bewegen, daß er Herbesheim noch heute verläßt, auf immer verläßt, so geb' ich dir mein Ehrenwort, sollst den Waldrich behalten, und wenn der wirkliche Sohn meines Freundes dann auch wirklich ankäme. Ich verspreche dir, auf der Stelle an seinen Vater zu schreiben, alles mit ihm Abgekartete ganz ehrenhaft rückgängig zu machen, sobald ich weiß, der Schwarze ist fort. Da, nimm meine Hand darauf. Nun sage mir, kannst du ihn bewegen einzupacken und sich aus dem Staub davonzumachen?« »Wohl!« rief Friederike freudeglühend, »denn sehen Sie – er wird gehen. Erlauben Sie mir, ihn nur noch einige Augenblicke zu sprechen, unter vier Augen.« »Da haben wir's wieder! Nein, fort, fort! Schreib ihm ein paar Zeilen! Nicht zum Essen! Fort mit ihm!« Es half kein Widerreden. Aber der Preis, der Friederike geboten war, hatte zuviel Wert. Sie schrieb an den ihr lieb gewordenen Bankier; entschuldigte, durch Krankheit ihres Vaters, die Einladung zum Mittagsmahl widerrufen zu müssen; bat ihn sogar, wenn er einige Achtung und Freundschaft für sie habe, die Stadt sobald als möglich zu verlassen, denn von seiner Entfernung hänge ihr Glück und der Frieden ihres Hauses ab. Sie verhieß ihm, mit nächster Post in einem Briefe die sonderbaren Ursachen dieser sonderbaren, unartigen, aber höchst dringenden Bitte zu entwickeln. Unterhaltungen mit dem toten Gaste Ein Hausknecht trug Friederikes Brief ins Wirtshaus und fragte dem Bankier von Hahn nach. Der Kerl war schnell gegangen; er hoffte den vielbesprochenen toten Gast bei dieser Gelegenheit aus der Ferne zu sehen. Indem er aber die Tür vom Zimmer des Bankiers öffnete, wie man ihn angewiesen hatte, fuhr er plötzlich zusammen, als er den langen, schwarzen, blassen Herrn gegen sich zuschreiten sah und fragen hörte mit hohler Stimme: was willst du? Die Gestalt schien ihm jetzt noch weit schwärzer, länger und bleicher zu sein, als er sich gedacht hatte. »Halten zu Gnaden,« sagte der Erschrockene mit einem Gesicht, worin sichtbar Todesangst lag, »ich wollte nicht zu Ihnen sondern zum Herrn Bankier von Hahn.« »Der bin ich.« »Sie selbst?« sagte der arme Mensch zitternd, weil ihm zumute ward, als klebten seine Fußsohlen fester am Boden. »Um Gottes willen, lassen Sie mich wieder gehen.« »Ich halte dich nicht. Wer hat dich geschickt?« »Fräulein Bantes.« »Weswegen?« »Diesen Brief sollen Sie...« Mit diesen Worten, die er nicht vollendete, weil der Bankier einen Schritt näher kam, warf er demselben den Brief vor die Füße und lief in vollem Sprunge davon. Der Bankier sagte halblaut für sich: »Sind die Leute hierzulande allesamt närrisch?« Er las Friederikes Zeilen, runzelte die Stirn, nickte mit dem Kopfe und ging pfeifend im Zimmer auf und ab. Indem ward wieder leise an die Tür gepocht. Schüchtern trat der Wirt herein, ehrerbietig die Mütze in der Hand, unter vielen Verbeugungen. »Sie kommen zu rechter Zeit, Herr Wirt; ist das Essen fertig?« sagte der schwarze Herr. »Das Essen bei uns wird Ihrer Gnaden ohne Zweifel zu schlecht sein.« »Nichts weniger als das. Es ist gut gekocht. Ich freilich esse nie viel, aber das soll keinen Vorwurf gelten.« »Man speist im Goldenen Engel besser.« »Ich mag nichts vom Engel, ich bleibe beim Kreuz. Sie sind bescheidener, als ich je einen Wirt gesehen habe. Lassen Sie bald decken.« Der Kreuzwirt rieb die Mütze in den Händen herum und schien verlegen, wie er noch etwas anbringen sollte, das ihm auf dem Herzen lag. Der Schwarze bemerkte es anfangs nicht, sondern ging, vertieft in Gedanken, her und hin. So oft er aber dem Wirte zu nahe kam, wich dieser sorgfältig auf vier Schritte aus. »Wollen Sie noch etwas, Herr Wirt?« fragte der Bankier endlich. »He, ja! Eure Gnaden wollen es doch aber ja nicht übel deuten.« »Nicht im geringsten. Frisch heraus mit der Sprache!« rief der tote Gast und streckte den Arm aus, um dem Wirt freundlich auf die Schulter zu klopfen. Dieser aber verstand die Bewegung unrecht und vermutete das Ärgste. Er mochte sich wohl gar einbilden, der Gast wolle an seinem Kopfe und Genicke den Versuch machen, den derselbe vor hundert und zweihundert Jahren an manchem Mädchen gemacht hatte. Drum duckte sich der Bedrohtglaubende wetterschnell mit dem ganzen Leibe nieder, drehte sich um, nahm einen Satz und war mit einem einzigen Sprunge zur Tür hinaus. Herr von Hahn konnte sich, wie ärgerlich ihm dies Betragen auch vorkommen mußte, doch des Lächelns nicht erwehren. Er hatte dieselbe wunderliche Schüchternheit an allen Hausgenossen bemerkt; sie war ihm besonders erst seit dem heutigen Morgen aufgefallen. »Hält man mich denn«, sprach er bei sich selbst, »für den zweiten Doktor Faust?« Es ward abermals an die Tür gepocht, diese nur halb und leise geöffnet, und ein martialischer Kopf mit einer Römernase und dem kräftigsten Schnurrbarte schob sich mit der Frage herein: »Bin ich hier recht? Beim Herrn von Hahn?« »Allerdings!« Ein großer baumstarker Mann in Polizei-Livree kam nun hinter der Tür hervor ins Zimmer. »Der Herr Amtsbürgermeister läßt Ihro Gnaden bitten, sich auf einige Augenblicke zu ihm zu verfügen.« »Verfügen? Das klingt etwas polizeimäßig. Wo wohnt er?« »Am Ende der Straße, gnädiger Herr, im großen Eckhause mit dem Balkon. Ich werde die Ehre haben, Sie hinzuführen.« »Nun, das wäre eben nicht nötig, guter Freund. Ich liebe weder militärische noch polizeiliche Eskorten.« »Der Herr Amtsbürgermeister hat es so befohlen.« »Gut, und Ihr gehorcht unbedingt. Nicht so, Ihr seid Soldat gewesen?« »Beim dritten Husarenregiment.« »Aus welchem Treffen habt Ihr die schöne Narbe auf der Stirn?« »Hm, gnädiger Herr, aus einem Treffen mit Kameraden um ein hübsches Mädchen.« »Da wird Eure Frau die Narbe nicht gern sehen, falls sie nicht selbst das hübsche Mädchen war.« »Ich habe keine Frau.« »Nun, gleichviel, also ein Liebchen. Denn wer solche Ehrennarben für das schöne Geschlecht zur Schau trägt, der bleibt nicht unempfindlich. Aber nicht so, Eure Auserwählte wird jetzt, wenn sie nun alles weiß, etwas widerspenstig sein?« Der Schnurrbart runzelte die Stirn. Den Frager belustigte, in den Mienen des Helden eine Art Bestätigung seiner Vermutung zu lesen, und er fuhr daher fort: »Ihr müßt nur nicht den Mut verlieren. Gerade mit Eurer Narbe bringt Ihr Eurer Geliebten den Beweis, was Ihr für einen einzigen Blick ihrer großen schwarzen Augen, ja für eine einzige Locke ihrer braunen Haare wagen würdet.« Der Polizeibediente verfärbte sich und riß die Augen weit auf. »Ihro Gnaden,« stammelte er, »kennen Sie das Mädchen schon?« »Warum nicht? Ist's doch gerade das niedlichste Kind in der ganzen Stadt!« versetzte Herr von Hahn lächelnd, den es kitzelte, durch zufälliges dreistes Forschen die Liebeshändel der Polizei so schnell zu erraten. Den Polizeibedienten aber kitzelten die Fragen gar nicht; besonders deuchte ihm das schalkhafte Lächeln des bleichen, totenhaften Antlitzes etwas Gräßliches, Höllisch-Boshaftes zu haben. »Ihro Gnaden kenne sie schon? Wie ist das möglich? Seit gestern erst sind Sie in der Stadt? Ich habe die Haustür der Putzmacherin mit keinem Auge verlassen, und war ich nicht da, hatte ein anderer acht. Sichtbarerweise kamen Sie nicht ins Haus.« »Guter Freund, ein artiges Mädchen ist leicht zu kennen, und die Häuser haben auch Hintertüren.« Der Schnurrbart stand mit verblüfftem Gesicht da, weil er sich in der Tat einer Hintertür erinnern mochte. Herr von Hahn dagegen ward durch die Verlegenheit des Polizeimanns immer mutwilliger und legte es darauf an, ihn ein wenig eifersüchtig zu machen. »Also sie spielt nun«, sagte er, »die Spröde gegen Eure Zärtlichkeiten? Dacht' ich's doch! Die Narbe!« »Nein, gnädiger Herr, nicht die Narbe! Nichts für ungut; Sie selbst!« »Was, ich? Laßt Euch das von mir nicht träumen. Pfui, Ihr seid doch nicht schon eifersüchtig? Machen wir beide einen Bund miteinander, versteht mich wohl...« »Ich verstehe nur zu gut. Daraus wird diesmal nichts! Gott bewahre mich!« »Ihr führet mich bei Eurer jungen Putzmacherin ein, und ich versöhne sie mit Eurer Narbe.« Der Polizeibeamte machte eine Bewegung, als ginge ihm ein Schauer über den Leib. Dann lud er mit trockener Amtsmiene den Herrn von Hahn ein, ihm zum Bürgermeister zu folgen. »Ich werde kommen; aber Eure Begleitung durch die Stadt verbitt' ich mir.« »Ich habe Befehl so.« »Und ich befehle das Gegenteil. Also geht und meldet's dem Herrn Bürgermeister. Macht Ihr die geringsten Umstände, so zählt keinen Augenblick mehr auf Euer Mädchen!« »Herr, um Gottes willen!« sagte der ehrliche Schnurrbart in großer Beklemmung. »Ich gehorche. Aber lassen Sie, gnädiger Herr, um Gottes willen das unschuldige Blut am Leben!« »Ich hoffe, Ihr traut mir doch nicht zu, ich werde Euch das Mädchen aus purer Liebe fressen?« »Ihr Ehrenwort, gnädiger Herr, Sie verschonen das arme Kind; dann will ich für Sie tun, was Sie befehlen, und sollten Sie meinen eigenen Tod begehren.« »Seid ruhig. Ich geb' Euch gern mein Ehrenwort, das artige Mädchen am Leben zu lassen. Aber sagt mir, wie springt Eure Furcht gleich zum ärgsten Stück über? Wer in aller Welt will denn einem schönen Kinde gleich ans Leben!« »Sie haben Ihr Ehrenwort gegeben, gnädiger Herr. Ich bin zufrieden. Was kann Ihnen auch daran liegen, Dem guten Käterle das Genick umzudrehen? Ich gehe und lasse Sie allein gehen. Auch die Hölle muß Wort halten.« Mit diesen Worten war der arme Mensch zur Tür hinaus. Er hörte hinter sich den toten Gast laut lachen. Das Lachen drang ihm schneidend durch die Ohren. Es kam ihm wie Hohngelächter des Satans vor. Er lief zum Amtsbürgermeister und erzählte zum Erstaunen desselben seine ganze Geschichte. Das Verhör Herr von Hahn nahm Stock und Hut und ging. Noch mußte er heimlich über die Herzensangst des Polizeibeamten lächeln, dessen Eifersucht er erregt zu haben glaubte. Er bemerkte bald, als er über die Straße ging, daß er in einer kleinen Stadt sei, wo man jeden Fremden wie ein Wundertier angafft, und mit Begrüßtwerden und Wiedergrüßen im Jahr ein Dutzend Hüte auf dem Kopfe verdirbt. Wo er ging, rechts und links, wich man ihm höflich aus mit tiefer Verbeugung. Schon von weitem zogen die ihm Begegnenden ihre Hüte und Mützen tief ab. Keinem Könige konnte mit mehr Ehrfurcht begegnet werden. Rechts und links in den Häusern, wo er vorüberkam, sah er hinter den ungeöffneten Fenstern eine Menge neugieriger Köpfe durch die Glasscheiben nach ihm schauend. Das Ärgste aber widerfuhr ihm, als er dem bezeichneten Eckhause mit dem Balkon näher kam. Unweit dem Hause befand sich auf dem Platze ein Brunnen, der aus sieben Röhren sein Wasser in ein weiter Steinbecken goß. Um den Brunnen stand eine Schar Mägde mit Eimern und Zubern, emsig plaudernd. Einige schabten Fische, andere wuschen Salat, andere setzten ihre leeren Eimer unter die Röhre, andere trugen ihn schon gefüllt auf dem Kopfe. Herr von Hahn, der Wohnung der Bürgermeisters sicherer zu sein, trat seitwärts, um eine dieser geschäftigen Mägde zu fragen, die ihn in der Lebhaftigkeit ihrer Unterhaltung anfangs nicht bemerkt hatte. Wie er aber den Mund öffnete und sämtliche jetzt die Augen nach ihm wandten – hilf, heiliger Himmel! Welche ein Zetergeschrei, welch eine Verwirrung! Alle prallten mit Entsetzen auseinander. Die eine ließ die Fische in das Brunnenbecken fahren, die andere schüttete den gewaschenen Salat auf den Erdboden, der dritten stürzte der Wassereimer vom Kopfe. Alle rannten bleich und atemlos davon. Nur eine alte, deren Fußwerk nicht mehr gehorchen mochte, drängte sich mit dem Rücken hinterwärts gegen den hohen Brunnenpfeiler, als wollte sie ihn umstürzen, schlug mit der dürren Hand vor sich Kreuze über Kreuze, sperrte die Lippen voneinander und stierte ihn mit Augen der Verzweiflung an, während ihr Haar auf dem Kopfe emporstieg. So sieht man eine vom Hund angebellte Katze, den krummen Rücken ganz in sich hineingezogen, das Haar gesträubt, das Maul offen, mit durchbohrenden Blicken jeder Bewegung des Bellenden folgen. Verdrießlich über die närrischen Leute, wandte Herr von Hahn sich ab und ging geradezu in das Haus mit dem Balkon. Er war am rechten Orte. Der Bürgermeister, ein kleiner, feiner, gewandter Mann, empfing ihn sehr artig oben an der Treppe und führte ihn ins Zimmer. »Sie haben mich zu sich rufen lassen,« sagte Herr von Hahn, »und in der Tat, ich komme gern, denn ich hoffe, bei Ihnen mir Rätsel lösen zu können. Ich bin erst seit gestern in Ihrer Stadt und gestehe, hier habe ich schon mehr Abenteuer erlebt, als sonst auf allen meinen Reisen.« »Ich glaub' es!« sagte lächelnd der Bürgermeister. »Ich habe davon gehört, und einigemal sogar das Unglaubliche. Sie sind der Herr von Hahn, Sohn des Bankiers aus der Hauptstadt; haben Verbindung mit dem hiesigen Hause Bantes; kamen, weil Fräulein Bantes...« »Richtig alles. Soll ich mich bei Ihnen legitimieren, Herr Bürgermeister?« Herr von Hahn zog bei diesen Worten einige Papiere aus der Brieftasche. Der Bürgermeister lehnte es nicht ab, sie flüchtig durchzusehen, gab sie aber mit den verbindlichsten Äußerungen seiner Zufriedenheit zurück. »Ich habe Ihnen nun alles gesagt und beurkundet, Herr Bürgermeister, worüber Sie irgend von mir Auskunft begehren können. Nun bitte ich hingegen Sie um Auskunft über allerlei Seltsamkeiten Ihrer Stadt. Herbesheim liegt doch nicht so gar weit von der übrigen Welt getrennt; es werden doch zuweilen auch Fremde hierherkommen; wie geht's nun zu, daß man mich...« »Ich weiß, was Sie sagen wollen, Herr von Hahn. Sie sollen alles erfahren, wenn Sie die Güte haben, mir ein paar Fragen zu beantworten.« »Ich stehe zu Befehl.« »Zählen Sie einstweilen meine Fragen nur auch zu den Seltsamkeiten von Herbesheim, die Ihnen aufstießen; hintennach werden Sie den Grund davon ohne Mühe sehen. Kleiden Sie sich gewöhnlich schwarz?« »Ich bin in Trauer um eine meiner Tanten.« »Waren Sie schon in Herbesheim?« »Nie.« »Haben Sie früher schon Bekanntschaft mit Personen aus dieser Stadt gehabt oder zufällig etwas von den Geschichten dieser Stadt, nämlich von alten Geschichten, Märchen, Volkssagen der Herbesheimer gelesen oder gehört?« »Ich kannte persönlich niemand von Herbesheim, und wußte von dieser Stadt nichts, als daß hier das Haus Bantes sei, und daß Fräulein Bantes ein äußerst liebenswürdiges Frauenzimmer wäre, was ich nun mit Vergnügen bestätigen will.« »Haben Sie vielleicht nie ein Geschichtchen vom toten Gaste der Herbesheimer gelesen oder davon gehört?« »Ich wiederderhole es, die Historie von Herbesheim, zumal die alte – ich muß es zu meiner Schande sagen, Herr Bürgermeister – ist mir so fremd, als die Historie des Königreichs Siam und Pegu.« »Nun, Herr von Hahn, und Ihre Abenteuer bei uns, die ich mehr vermute als kenne, stammen in gerader Linie aus unseren hiesigen alten Geschichten her.« »Wie komme ich mit Ihren alten Geschichten zusammen? Dergleichen ist mir in meinem Leben nicht begegnet. Sagen Sie doch.« Der Bürgermeister lächelte und erwiderte. »Man hält Sie für den toten Gast, für ein Gespenst aus unseren Volksmärchen; und wie spaßhaft mir auch die lächerliche Einbildung unserer Spießbürger ist, kann ich doch – Sie nehmen mir Offenheit nicht übel – selbst meine Verwunderung nicht bergen, sie Wie mit dem Helden aus unserer Herbesheimer Schreckenshistorie eine ganz eigene Ähnlichkeit haben. Vorausgesetzt, Sie haben mit mir nicht etwa einen abfälligen Scherz fortsetzen wollen und wissen durchaus nichts von der Geschichte des toten Gastes, will ich sie Ihnen so erzählen, wie ich sie mir habe von mehreren erzählen lassen.« Herr von Hahn gab die lebhaftesten Äußerungen seiner Neugier. Der Bürgermeister sagte: »Es ist wohl das erstemal, daß man ein Ammenmärchen ganz offiziell vorträgt.« Und nun hob er lachend die Erzählung vom toten Gaste an. »Jetzt erklär' ich mir alles!« sagte lachend Herr von Hahn, als die Geschichte beendet war, »den schönen Herbesheimerinnen ist um ihre Hälse bange.« »Scherz beiseite, Herr von Hahn, mir ist noch mancherlei dunkel. Ich glaube zwar auch an die buntesten Spiele des Zufalls; aber hier spielt dieser launenhafte Schicksalsgott doch fast zu grob, als daß ich nicht wirklich einen kleinen Verdacht gegen Sie fassen sollte.« »Wie, Herr Bürgermeister, Sie sind doch nicht in der Stimmung, mich für den Mann Ihrer Fabel zu halten, der Herbesheim nur alle hundert Jahre besucht, um arme Täubchen zu schlachten?« »Das wohl nicht. Aber etwas von dem Gespenstermärchen könnten Sie doch zufällig gehört und Ihre Gestalt benutzt haben, um sich an dem Schrecken unserer leichtgläubigen Schönen zu belustigen. Warum zum Beispiel wählten Sie eben den ersten Adventsonntag zu Ihrer Ankunft, und eben den Augenblick des ärgsten Sturms und Regens, wenn Sie nichts gewußt hätten von der Fabel?« »Sie haben recht, Herr Bürgermeister, er ist auffallend, dieser Zufall; er überrascht mich selbst. Indessen darf ich Sie versichern, daß ich im Kalender so unerfahren bin, daß ich eben jetzt das Vergnügen habe, zu erfahren, ich sei am ersten Advent hergekommen. Auch kann ich mit einem Eide beteuern, daß ich den Regen vom Himmel gar nicht bestellt hatte; umgekehrt, ich hätte ihn gern abbestellt, weil das Wetter mir sehr übel zuschlug.« »Wie aber, Herr von Hahn, erklären Sie mir den Griff, den Sie diesen Morgen so schalkhaft nach dem Nacken Ihres Wirtes machten? Wußten Sie nichts von unserm Gaste und seinem berühmten Griff?« Herr von Hahn lachte laut auf. »Aha, darum duckte sich der arme Teufel tief unter mir weg! Der Wirt hielt meine unschuldige Handbewegung – ich wollte ihm auf die Schulter klopfen – für verdächtig.« »Noch eins, Herr von Hahn. Kennen Sie die Jungfer Wiesel?« »Manche Wiesel, Herr Bürgermeister, aber keine Jungfer dieses schönen Namens.« »Man will doch behaupten, Sie wären mit ihr, und sogar bis auf die Hintertür, bekannt.« »Hintertür der Jungfer Wiesel? Oh, nun versteh' ich. An der Hintertür erkenn' ich jetzt die Abgöttin Ihres Polizeidieners. Nun werden mir auch die Reden und Bitten dieses Menschen erst klar.« »Noch eins, Herr von Hahn. Sie werden bemerken, daß ich von allen Ihren Schritten unterrichtet bin und die geheime Polizei von Herbesheim der besten von Paris aus den Zeiten der Spionenmeister Fouché und Savigny nichts nachgibt. Wenn ich mir nun im Notfall auch alles bisherige sehr natürlich erklären kann, ohne Sie in Verdacht zu haben, unser frommes Völkchen durch absichtliches Spielen der Totengastrolle ängstigen zu wollen – muß ich doch eine Frage noch tun. Wenn Sie diese Rolle wirklich nicht spielen konnten oder wollten, sagen Sie mir denn – und diese Frage richte ich weniger aus mir selbst, als für jemand anderes, an Sie – wie war es möglich, da Sie mit Fräulein Bantes, das Sie vorher nicht kannten, diesen Morgen binnen wenigen Minuten, binnen einer Viertelstunde so jählings, so innig vertraut wurden, daß Sie – daß Sie das Fräulein – ich weiß nicht, wie ich sagen soll...« »Also auch das schon haben Sie erfahren?« sagte der Herr von Hahn ganz betroffen, und über das bleiche, doch lebhafte Gesicht verbreitete sich eine Röte, die dem Scharfblick des Bürgermeisters nicht entging. »Ich bitte Sie noch einmal wegen meiner Neugier um Verzeihung!« setzte der Bürgermeister hinzu. »Sie wissen ja, Polizeibeamte und Ärzte haben das Vorrecht indiskrete Fragen zu tun. Und bekannt ist Ihnen, daß der tote Gast ganz besonders im Rufe steht, Frauenzimmer wetterschnell zu bezaubern; eine Kunst, die ich Ihnen übrigens gerne zutraue, ohne Sie für tot zu halten.« Herr von Hahn schwieg eine Weile; endlich sagte er: »Herr Bürgermeister, ich fange bald an, mich vor Ihnen mehr zu fürchten, als sich Ihre ganze Bürgerschaft vor meinem schwarzen Rock fürchten kann. Ihnen müssen die Wände ausplaudern können, denn ich war diesen Morgen mit dem liebenswürdigen Fräulein Bantes nur eine kurze Zeit allein, wenn Sie mit dem Worte ›Vertrautwerden‹ darauf anspielen. Erlauben Sie mir aber, eben über diesen Punkt zu schweigen. Entweder Ihre Wände haben Ihnen den Inhalt meiner Unterredung ausgeplaudert, dann kennen Sie ihn, oder nicht, dann geziemt es mir nicht, darüber den Vorhang wegzuziehen, falls Fräulein Bantes es nicht mit eigener Hand tun will.« Der Bürgermeister zeigte mit einer sanften Neigung des Hauptes an, daß er nicht weiter in ihn dringen wolle, sondern wandte das Gespräch. »Bleiben Sie noch lange bei uns, Herr von Hahn?« »Ich reise schon morgen wieder ab. Meine Geschäfte sind hier beendet und wahrhaftig, es ist doch auch gar zu unlustig, den Poltergeist spielen zu müssen. Der Zufall hat wohl noch keinen Sterblichen übler mißhandelt als mich, daß ich gerade auserwählt sein mußte, dem toten Gast Ihrer hundertjährigen Stadtsage oder Stadtchronik auf ein Haar ähnlich zu sein.« Diese Erklärung der plötzlichen Abreise kam dem Bürgermeister sehr gelegen. Er verlor also darüber kein Wort mehr und unterhielt sich über andere Dinge mit seinem Inquisiten. Dieser empfahl sich endlich. Der Bürgermeister fand die Sache sonderbar. Denn für ein ungefähres Zusammentreffen der Umstände, die den Herrn von Hahn zum toten Gast stempeln wollten, war es im gewöhnlichen Gange der Dinge hier zu viel. Und von der anderen Seite hatte sich auch kein Grund gezeigt, an der Redlichkeit der Aussagen des Fremden zu zweifeln. Dies erwog der Bürgermeister her und hin, indem er zum offenen Fenster hinaus auf die Straße sah. Er war, gleich nachdem sein Besuch aus dem Zimmer verschwunden, an dies Fenster getreten, um zu seiner Belustigung achtzugeben, mit welchen Augen die Leute auf der Gasse den toten Gast betrachten würden. Allein zu seiner großen Verwunderung verließ dieser das Haus nicht. Der Bürgermeister wartete noch lange; es verging fast eine Viertelstunde, und er wartete vergebens. Er zog die Klingel. Der Bediente kam und ward vom Bürgermeister befragt. Der Bediente schwor, seit einer Stunde unter dem Balkon vor der Haustür gestanden, aber keinen Herrn in schwarzer Kleidung gesehen zu haben. Der Bediente ward entlassen. »Das sieht mir doch etwas gespenstisch aus!« brummte der Bürgermeister verlegen lächelnd vor sich hin, und lag wieder im Fenster. Nach einiger Zeit trat der Bediente ungerufen herein und meldete, das Kammermädchen sitze totenbleich und weinend in der Küche und erzähle, der tote Gast sei beim Fräulein Tochter des Herrn Bürgermeisters. Das Fräulein tue mit der schrecklichen Gestalt sehr bekannt, der Unbekannte habe dem Fräulein ein paar prächtige Armbänder überreicht und dazu etwas leise mit dem Fräulein gesprochen. Das Kammermädchen habe zwar alles gesehen, aber nichts verstanden; es wäre auch vom Fräulein sogleich aus dem Zimmer fortgeschickt worden. Der Bürgermeister lachte zuerst; dann verging ihm bei den Armbändern, bei dem Leisemiteinanderreden, bei dem Fortschicken des Kammermädchens alle Neigung zum Lachen. Er hieß ärgerlich dem Bedienten sich fortmachen. »Armbänder? Flüstern mit meinem Minchen? Woher kennt er sie? Jesus Maria! Wie wird das Mädchen mit dem Manne so schnell vertraut? Wahrhaftig, der legt's darauf an, den toten Gast zu machen.« So sprach er bei sich. Bald lief er zur Stubentür, öffnete und wollte hinaus, um seine Tochter und den Fremden zu überraschen, bald schämte er sich seines keimenden Aberglaubens und legte er seiner Ängstlichkeit Zaum und Gebiß an. Darüber verging eine Viertelstunde. Endlich ward ihm die Zeit zu lang. Er ging zu seiner Tochter, deren Zimmer nicht weit vom seinigen entfernt war. Sie saß am Fenster allein und betrachtete die köstlichen Armbänder. »Was hast du da, Minchen?« fragte er mit ungewisser Stimme. Minchen antwortete ganz unbefangen: »Ein Geschenk des Herrn von Hahn für Riekchen Bantes. Er reist morgen früh ab, und hat seine Gründe, selbst nicht mehr in das Haus des Herrn Bantes zu gehen. Er ist mir unbegreiflich. Bräutigam und schon wieder davonreisen! Nun soll ich's ihr geben« »Und woher kennst du ihn oder er dich?« »Als ich diesen Morgen bei Riekchen und ihrer Mutter war, machten wir Bekanntschaft. Es durchschauerte mich, als ich ihn zum erstenmal sah. Der leibhafte tote Gast! Aber er ist ein sehr guter Mensch. Als er von Ihnen ging, Papa, trat ich eben aus meinem Zimmer. Wir erkannten uns, und er brachte sogleich sein Gesuch an.« Minchen erzählte dies so unbefangen, daß dem Bürgermeister bis auf Nebensachen alles klar ward. Doch folgenden Morgens mußte der Polizeidiener sogleich nachspüren, ob der Fremde wirklich, seinem Worte gemäß, abgereist sei. Neue Schrecken Der Bürgermeister, durchaus ein Mann ohne Vorurteil und Aberglauben, hatte doch eine etwas schlaflose Nacht gehabt. In der Nacht aber, beim Monden- oder Sternenschein, oder beim Mangel alles Lichts, hat nicht nur die Gestaltung der äußeren Welt ein anderes Aussehen, sondern auch die innere Welt des Menschen. Man ist religiöser, zum Glauben an Ungewöhnliches, Seltsames, Abenteuerliches und Wunderhaftes geneigter, was auch die altkluge Vernunft dagegen einzuwenden habe. Die Vernunft ist die Tagessonne des Gemüts, alles wird hell und klar durch ihren Schein; der Glaube des Gefühls und der Phantasie ist der nächtliche Mond des Gemüts, alles wird in dessen zweifelhaftem Schimmern und zauberhaftem Helldunkel fremdartig. – Durchlief der Bürgermeister nun die ganze Geschichte, mit der sich die Stadt vom toten Gaste trug und verglich damit die Zeit und Stunde, in welcher der Herr von Hahn erschien, seine Gestalt, sein bleiches Gesicht, seine Kleidertracht, seine verschwenderischen Geschenke, sein schnelles Vertrautwerden mit Bräuten – denn auch Minchen war auf dem Sprunge, versprochen zu werden, und das Geschichtchen von der Jungfer Wiesel hatte in der Tat etwas Verdächtiges – so mußte das alles wenigstens auffallen. Jungfer Wiesel hatte dem Polizeidiener wirklich noch am Abend gestanden, der schwarze Gast sei bei ihr im Putzladen gewesen, habe eine Kleinigkeit gekauft; doch erst in der Abenddämmerung sei er erschienen, und nie vorher; noch weniger wollte sie von der berüchtigten Hintertür etwas wissen. Dies hatte der Bürgermeister von seinem Polizeidiener wieder vernommen, und es machte ihm allerlei sonderbare Gedanken. Für einen bloßen Spaßvogel konnte er den schwarzen langen Herrn unmöglich halten; dazu sah er zu ernsthaft aus. Auch waren seine Geschenke viel zu kostbar gewesen, als daß er nur einen Scherz mit den lieben Herbesheimern getrieben haben sollte. Herr Bantes, sonst ein Todfeind alles Aberglaubens, hatte aber dem Bürgermeister so viel Seltsames erzählt und geklagt, daß dieser allerdings eine unruhige Nacht haben konnte, indem er Für und Wider in seinem Kopf umherwarf. Ehe noch der Polizeidiener folgenden Morgens auf Befehl des Bürgermeisters zum Kreuz kam, erzählten ihm schon die Leute auf der Straße, daß der tote Gast und sein Diener Knall und Fall verschwunden wären, man wisse nicht wohin? Er hätte weder Wagen noch Pferde noch Extrapost genommen, wäre zu keinem Stadttor hinaus, und doch nirgends zu finden. Dies bestätigte auch die Aussage des Kreuzwirtes, der den Polizeimann in das Zimmer führte, wo der angebliche Herr von Hahn gewohnt hatte. Da war noch alles in bester Ordnung, als hätte niemand darin gewohnt; die Betten standen unangestastet, die Stühle an ihrem Ort; kein Koffer, kein Kleid, kein Bändchen, kein Stückchen Papier – nichts Hinterlassenes, keine Spur! Nut auf dem Tische lag die volle Zahlung des Wirts in harten Talern, die er aber wohlweislich nicht anrühren mochte. »Nehme das Teufelsgeld wer will!« sagte der Kreuzwirt. »Man weiß ja, dabei ist kein Segen. Leg' ich's in meine Truhe, wird es mir zu stinkendem Unrat. Ich will es den Armen im Stadtspital schenken; ich mag es einmal nicht.« Er übergab die harten Taler dem Polizeidiener, der sie dem Spitalpfleger bringen mußte. Das Gerücht vom plötzlichen Verschwinden des toten Gastes war mit allen Nebenumständen sogleich durch ganz Herbesheim verbreitet. Auch Herr und Frau Bantes, da sie kaum das Bett verlassen hatten, vernahmen es von ihren Mägden, bald auch von dem Buchhalter und Kassierer. »Wunderbar!« sagte Herr Bantes zu seiner Frau. »Nun, was sagst du denn dazu? Ich freue mich, daß er fort ist. Du wirst doch glauben, daß es da nicht ganz mit rechten Dingen zuging? Ich sage dir, das war mir nimmermehr der Sohn meines alten Freundes Hahn. Wer hätte jemals an so tolle Märchen, an solchen Unsinn und dergleichen glauben sollen, wenn man nicht mit leiblichen Augen Zeuge gewesen wäre!« Frau Bantes brachte gegen die Aussagen der Mägde und des Buchhalters einige bescheidene Zweifel vor. Man schickte den Kassierer zum Kreuzwirt, aber auch dieser kam bald mit der vollen Bestätigung zurück. Frau Bantes lächelte befremdet zu dem allem, und wußte nichts mehr zu erwidern. Sie meinte nur, das müsse sich noch anders aufklären, denn ihren gesunden Verstand wolle sie doch nicht bei dieser Geschichte preisgeben. Plötzlich fuhr Herr Bantes mit wahrhaftem Todesschrecken auf und er ward so blaß, daß Frau Bantes für ihn zu zittern anfing. Denn lange konnte oder wollte er nicht reden. Endlich rief er mit einer matten, ungewissen Stimme: »Mutter, ist das eine wahr, so könnte auch das andere wahr sein.« »Was denn, um Gottes willen?« »Glaubst du, Friederike schlafe noch? Wir sind doch schon lange wach gewesen in unsern Betten, hast du denn von ihr im Nebenzimmer auch nur den geringsten Ton, nur einen Fußtritt, nur das Rücken eines Stuhles gehört?« »Rede doch, Papa, du wirst doch nicht argwohnen, das Kind sei...« »Aber wenn das eine wahr ist, kann auch das andere – es wäre doch entsetzlich! Mama, ich habe nicht den Mut nachzusehen.« »Wie denn? Glaubst du, sie sei...« »Nun ja, den Kopf im Nacken!« Mit diesen Worten sprang der Alte, von den schwersten Ahnungen gefoltert, zu Friederikens Schlafkabinett. Ängstlich trippelte Frau Bantes ihm nach. Er legte seine zitternde Hand an das Schloß der Tür; er öffnete diese leise; er wagte kaum zu atmen, und da ihm keine Stimme entgegentönte, getraute er sich lange nicht, zum Bett hinzublicken. »Sieh du hin, Mama!« sagte er, und war in ängstlicher Beklemmung. »Sie schläft ja sanft!« sagte Frau Bantes. Er richtete die Augen dahin. Da lag Friederike harmlos im Bette, das zarte Gesicht mit den vom Morgenschlummer geschlossenen Augen noch an der gehörigen Stelle. »Aber lebt sie?« fragte Herr Bantes, und hielt mißtrauisch das Steigen und Fallen der atmenden Brust des Kindes für eine Täuschung der Augen. Erst wie er ihre warme Hand berührte, ward ihm wohl, und noch mehr, als sie, davon erwachend, ihre Augen aufschlug und ihr erstes ein freundliches, doch verwunderungsvolles Lächeln war. Die Mama erklärte ihr nun den Besuch, und erzählte das geheimnisvolle Verschwinden des Herrn von Hahn und die daraus entstandene neue Angst des Papa. Und allesamt waren sie nun zufrieden und fröhlich. Ende gut alles gut Noch zufriedener und fröhlicher aber wurden sie, da allesamt an demselben Tage des Abends beim Nachtessen saßen, und ein Wagen rasch durch die Straßen rollte und plötzlich vor dem Hause hielt. Friederike, horchend, sprang auf und rief: »Waldrich!« Er war's. Alles eilte ihm entgegen. Vater Bantes schloß ihn zum Willkommen herzlicher, denn jemals, in seine Arme. – Da hatte man sich nun tausend Dinge zu fragen und zu antworten und wieder zu fragen. Vater Bantes machte endlich dem Lärmen ein Ende und pflanzte den Kommandanten auf den gewohnten Platz zu sich an den Tisch. Da aber ging das lebhafte, freudige Geschwätz von neuem an. »Und denken Sie nur,« rief Herr Bantes, »denken Sie nur, Schätzchen, Hauptmännchen, wir haben den Teufelskerl, den toten Gast und dergleichen leibhaftig in Herbesheim, leibhaftig im Hause hier gehabt. Was sagen Sie dazu? Ja, was sagen Sie dazu, er hatte schon wieder seine drei Bräute binnen kaum vierundzwanzig Stunden aufgefischt; da war voran das Mädchen Friederike dort, dann Bürgermeisters Minchen, und zum dritten die Jungfer Wiesel bei der Putzmacherin. Wir haben uns hier alle in der Stadt gefürchtet wie die kleinen Kinder und dergleichen.« Der Kommandant lachte hell auf und sagte: »Ich aber habe mit ihm heut im Posthause von Odernberg zu Mittag gespeist. Sie werden doch den Herrn von Hahn meinen, denk' ich, und keinen anderen?« Herr Bantes lächelte ärgerlich. »Herr von Hahn hin, Herr von Hahn her! Sei er gewesen, wer er wolle, er war der tote Gast wie er leibt und lebt, und der bekommt meine Friederike nicht, auch wenn's der Herr von Hahn wäre und dergleichen. Denn ich möchte nicht erleben, daß ich einen kalten Schauer bekäme, so oft ich meinen Schwiegersohn erblicken würde. Ist es der Sohn meines Freundes wirklich gewesen, desto schlimmer für ihn, denn er sah bestimmt aus, wie Sie den toten Gast beschrieben haben.« »Ah!« rief der Hauptmann, »daran ist er sehr unschuldig. Als ich jenen Abend die alte Sage vom toten Gaste in der Wintergesellschaft erzählen mußte und sein Äußeres beschreiben sollte, fand ich in der Eile zu meiner Figur kein Original als eben unseren Herrn von Hahn. Der gerade fiel mir ein, weil er mir gerade damals doppelt zuwider war. Als ich diesen Sommer mit meiner Kompanie nach Herbesheim verlegt und auf dem Marsch hierher nur wenige Meilen von der Residenz entfernt war, machte ich unterwegs einen kleinen Abstecher dahin. An der Wirtstafel im ›König von Portugal‹ fiel mir unter vielen Gästen, die da zu Mittag speisten, die über Gebühr lange Gestalt des Herrn von Hahn auf, die um eine Kopflänge über alle Sterblichen hinwegragte, zugleich sein schwarzes Haar, sein erdfahles Gesicht und die schwarze Kleidung dazu. Ich vernahm, er sei der Sohn des berühmten Bankiers. Er war mir damals seht gleichgültig, aber ich konnte doch die Gestalt nicht vergessen; und noch weniger vergessen konnt' ich sie, da er mir aufhörte gleichgültig zu sein, weil er – Sie erlauben mir doch, es zu sagen? – weil ich wußte, daß er um Fräulein Friederike warb.« »Donner!« rief Herr Bantes lachend aus und rieb sich und klopfte sich die Stirn, »Phantasiestreich eines Nebenbuhlers! Weiter nichts! Daß das keinem in Sinn kommen mußte, selbst dem allwissenden klugen Bürgermeister und seiner Polizei nicht! Hätte ich nicht, sobald ich den Herrn von Hahn sah, gleich darauffallen sollen, daß der schelmische Kommandant ihn wahrscheinlich gekannt und aus ihm den toten Gast geschnitzelt habe? Wir Alten bleiben doch einfältige Kinder und dergleichen bis ins graue Haar. – Aber, Herr Kommandant, Sie sind an den fatalen Geschichten schuld. Der junge Hahn wird entsetzlich aufgebracht sein; wird wettern und fluchen, wie man ihn hier behandelt habe; wir mich einen alten Hans Kaspar heißen und dergleichen.« »Nichts weniger, Papa, als das!« sagte Waldrich. »Vielmehr, er ist sehr mit der Wendung der Dinge und dem Gange des Schicksals zufrieden. Freundlich empfiehlt er sich durch mich Ihnen, der Mama und Fräulein Friederike. Er und ich sind heute wirklich Freunde geworden. Denn wir haben uns einander alle Geheimnisse der Herzen gebeichtet. Anfangs, da wir beide im Posthause allein bei Tische saßen und unsere Suppe verzehrten, ging es unter uns trocken zu. Er war finster und still, ob er mich gleich nicht kannte. Ich war finster und still, eben weil ich ihn kannte und glaubte, er sei auf der Bräutigamsfahrt nach Herbesheim. Zufällig, als wir aus Höflichkeit einige Worte über Tische wechselten, vernahm ich nun, daß er von Herbesheim komme und heimreise. Da brannte mich eine verzeihliche Neugier, mehr zu erfahren. Natürlich konnte ich nun nicht leugnen, ich sei in Herbesheim wohl bekannt, sei der Stadtkommandant. Aha, rief er lachend und reichte mir über den Tisch die Hand, mein glücklicher Nebenbuhler, dem ich für sein Glück noch dankbar sein muß! – Da war die Bekanntschaft gemacht und die Offenherzigkeit an der Tagesordnung. Denken Sie, Papa, er behauptet, Fräulein Friederike selbst habe ihm erklärt, sie sei schon mit mir versprochen, und habe ihn gebeten, sie und mich nicht unglücklich zu machen. Und er hingegen habe dem Fräulein die Hand geküßt und gesagt: er habe zwar unbedingt dem Willen seines alten Vaters gehorchen, nach Herbesheim reisen und um das Fräulein werben müssen; doch sei es ihm damit nur halber Ernst und in ihm sogar Hoffnung gewesen, alles durch sein Betragen rückgängig zu machen. Denn er habe schon in der Residenz eine geheime Liebe, die Tochter eines dortigen Professors, der aber außer seinen Geistesschätzen wenig irdische besitze, was dem alten Bankier Hahn ein Ärgernis und Greuel wäre. Der alte Herr hätte ihm also, unter Strafe der Enterbung, alle Gedanken an das arme Professormädchen untersagt; der junge Herr habe seiner Geliebten Treue gelobt und sei fest entschlossen, sie nach dem Tode seines Vaters dennoch zu heiraten.« »Was?« rief Herr Bantes erstaunt. »Und du, Friederike, hast das alles von ihm selbst gewußt? – Kinder, es will mir zu Sinnen kommen, ihr habt mich alle zum besten. Warum hast du mir davon keine Silbe, keinen Buchstaben gesagt?« Friederike küßte die Hand ihres Vaters und sagte: »Besinnen Sie sich wohl, Väterchen, und machen Sie Ihrer Friederike keine Vorwürfe. Wissen Sie wohl, als ich so froh von meiner Unterhaltung mit Herrn Hahn zu Ihnen kam, und Ihnen sein Lob verkündigte, und Ihnen alles haarklein erzählen wollte, wie böse Sie geworden sind? Wissen Sie, wie Sie mir zu reden verboten und mir zur Belohnung meines stummen Gehorsams versprachen, den Waldrich da drüben für Herrn von Hahn auszuwechseln? Wissen Sie noch?« »So? Hab' ich das getan? – Es geht doch in der Welt nichts über den Gehorsam, wenn man sich damit ein Vorteilchen machen will!« »Mußt' ich denn nicht gehorchen? Drohten Sie nicht, die liebe Mutter und mich in den Keller sperren zu wollen, wenn...« »Ganz gut, du Plappermaul! Rücke mir nicht noch meine Sünden vor. Da du aber doch mit dem jungen Hahn, weißt du's, ohne mein Vorwissen geplappert hast, konntest du ihm nicht gleich damals sagen, welches wunderliche Vorurteil gegen ihn aufgekommen sei? Er wäre gewiß imstande gewesen, uns sogleich anders zu belehren. Wenigstens hättest du ihm einen anständigen Grund und dergleichen sagen sollen, warum wir uns so und nicht anders gegen ihn betrugen?« »Das habe ich getan. Sobald er vernahm, bei mir im Herzen sei kein Kämmerchen mehr zu vermieten, freute er sich und erzählte mir das gleiche Geschichtchen von seinem Herzen. Ein anständigerer Grund zur Trennung ließ sich nicht finden. Sie wissen ja, wir, Mama und ich, hatten ihn zum Essen eingeladen, allein...« »Schweig! – Kommandantchen, weitererzählt! Er war also gar nicht zornig auf uns? Was muß er auch von uns ehrlichen Herbesheimern denken! Glaubte er nicht, wir wären samt und sonders am Adventstag Narren geworden und dergleichen?« Waldrich antwortete: »Ungefähr so etwas Ähnliches glaubte er wirklich. Das Benehmen der Leute in Herbesheim mußte ihm aufgefallen sein, denn er erzählte mir drollige Auftritte von der allgemeinen Furchtsamkeit. Als er aber durch den Amtsbürgermeister die Sage von dem toten Gaste und zugleich erfahren hatte, daß man ihm die unverdiente Ehre erweise, ihn für einen Hofkavalier des vor zweihundert Jahren hochselig verstorbenen Winterkönigs zu halten, kam ihm alles noch toller vor, und er belustigte sich an dem Ärgernis und dem Schrecken weidlich, das er mit seiner Person unschuldigerweise verursacht hatte.« »Und woran Sie mir Ihrer gottlosen Erzählung«, rief Friederike, allein schuld sind, Herr Kommandant; daß Sie's nur nicht vergessen! Wer wußte denn vor dem ersten Wintergesellschaftsabend, wie der tote Gast ausgesehen habe? Am folgenden Tage sagten sich's schon alle Kinder auf der Gasse wieder.« »Nun, ich war ehrlich genug, dem Herrn von Hahn meine Sünde zu bekennen, sobald mir nach einem viertelstündigen Lachen der Gebrauch der Stimme wiederkam. Daß mir närrischerweise eben seine Figur bei der Erzählung vorgeschwebt hatte, war verzeihlich. Doch ließ ich mir damals eher den Einsturz des Himmels, als eine solche Wirkung meiner unschuldigen Historie träumen. Herr von Hahn lachte aus Leibeskräften mit mir. Er erzählte mir nun dagegen, daß er, um die aufgeklärten Herbesheimer noch mehr zu ängstigen und in ihrem frommen Glauben zu besteifen, allerlei Schwänke getrieben. Einen verliebten Polizeidiener zu plagen, habe er dessen Braut bei einer Putzmacherin besucht; um seinen erschrockenen Kreuzwirt noch mehr in Furcht und Erstaunen zu setzen, habe er vorgegeben, früh ins Bett zu gehen und am anderen Tage abreisen zu wollen, habe aber in der Dunkelheit des Abends durch seinen Bedienten den Reisekoffer zum Tor hinaustragen lassen, den Spaziergang bis zum nächsten Dorfe zu Fuße bei Mondschein gemacht und dort bis zur nächsten Poststation Fuhre genommen, nachdem er ausgeschlafen. Genug, nicht leicht in der Welt haben zwei Menschen das unauslöschliche Gelächter der Homerischen Götter über Vulkans Geschäftigkeit im Olymp so treu nachgelacht, als wir beide in unserem Gelächter über die Geschäftigkeit der Herbesheimer mit dem toten Gaste. Bei einer Flasche Champagner schlossen wir zwei versöhnten Nebenbuhler unseren Freundschaftsbund, und schieden später voneinander, als wir anfangs dachten, da wie noch bei der Suppe gesessen hatten.« Vater Bantes schien, trotzdem er zu Waldrichs ferneren Erzählungen lächelte, mit sich selbst im Kriege zu sein. Verdruß und Frohsinn waren in seinen Mienen wunderlich vermischt zu sehen. Friederike schmeichelte ihm zärtlicher, denn sie sah wohl, was in ihm vorging, und küßte ihm die Falten von der Stirn weg, so oft sie sich zeigen wollten. »Kinder,« sagte Herr Bantes, »da seht ihr nun, welche Schleppe von Narrheiten und Albernheiten der Aberglaube hinter sich zieht. Und sogar ich alter Philosoph habe noch die Schellenkappe aufsetzen und mittraben müssen. Möchte mich gern schämen, aber find' es doch auch lächerlich, sich seiner armen menschlichen Natur geradeswegs zu schämen. Also bleibt's dabei: dünke sich keiner hoch, fest, stark auf den Füßen, sondern sehe sich lieber vor, daß er nicht falle. Mama, laß eine Bowle Punsch machen, damit wir froh werden mit unserm Kommandanten. Ich sage Wir, das soll heißen: nur meiner Wenigkeit; denn du, Mama, hast einen vollständigen Sieg der Aufklärung davongetragen und bist froh; und dir, Friederike, sieht man es auch wohl an, daß du dem Waldrich da gegenüber nicht gar bekümmert bist, denn du hast einen vollständigen Sieg für deine Liebe davongetragen.« Die Mama reichte dem Kommandanten mit gütigem, wahrhaft mütterlichem Lächeln die Hand und sagte: »Haben Sie das letzte Wort des Papa recht verstanden?« »Nein,« sagte der Kommandant verlegen und errötend, »aber ich möchte beinahe verwegen genug werden, es zu verstehen.« »Mama, laß eine Bowle Punsch anrichten; laß alles Geschwätz und dergleichen beiseite. Wir müssen uns die verwünschte Geschichte aus dem Gedächtnisse mit Punsch wegbeizen. – Auch der Stärkste und Mutigste, der schon mehr als ein Dutzend Kugeln um seine Ohren pfeifen hörte, hat einmal seine Reißausminute; auch der Weltumsegler, der sich in den fremdesten Ländern und Meeren nicht verirrte, kann einmal auf einem Spaziergange den rechten Weg verfehlen; auch die andächtigste, reinste Himmelsbraut im Kloster hat einmal einen Augenblick wie jede Evenstochter: auch der gescheiteste Mann unterm Monde hat einmal seinen Tag, wo Hans Ballhorn verständiger ist als er.« »Fangen Sie doch an, Papa,« rief Friederike schmeichelnd, »und reden Sie von etwas anderem! Zum Beispiel – fangen Sie doch von etwas anderem an.« »Apropos, Kommandantchen,« fuhr Herr Bantes fort, »wissen Sie, daß ich Sie verkauft habe? Um den Preis, mir den toten Gast vom Halse zu schaffen, habe ich Sie da an Friederiken verkauft. Nehmen Sie's mir nicht übel, daß ich so mir nichts dir nichts in Ihrer Abwesenheit über Sie disponierte. Als ehemaliger Vormund glaubte ich mir so etwas herausnehmen zu dürfen. Da, Friederike, nimm ihn. Seid glücklich zusammen.« Beide sprangen auf und fielen sich um den Hals. »Halt!« rief er. »Waldrich, aber fort mit der Uniform.« »Sie muß fort!« sagte der Kommandant mit Freudentränen in den Augen. »Und Abschied genommen vom Militär! Denn Friederike wohnt bei ihren Eltern, und ich habe Sie ihr, aber nicht sie Ihnen geschenkt. Also...« »Morgen fordere ich den Abschied, Papa!« »Kinder!« rief Bantes, indem er sich unter den lebhaften Umarmungen der jungen Leute Luft machte, »eure Freude hat etwas Würgendes und dergleichen an sich; Mama, bringe den Punsch!«