Berthold Auerbach Schwarzwälder Dorfgeschichten – Erster Band. Der Tolpatsch. Ich sehe dich vor mir, guter Tolpatsch, in deiner leibhaftigen Gestalt, mit deinen kurzgeschorenen blonden Haaren, die nur im Nacken eine lange Schichte übrig hatten; du siehst mich an mit deinem breiten Gesichte, mit deinen großen blauen Glotzaugen und dem allweg halboffenen Munde. Damals, als du mir in der Hohlgasse, wo jetzt die neuen Häuser stehen, einen Lindenzweig abschnittst, um mir eine Pfeife daraus zu machen – damals dachten wir nicht daran, daß ich einst der Welt etwas von dir vorpfeifen würde, wenn wir so weit, weit auseinander sein werden. Ich erinnere mich noch wohl deiner ganzen Kleidung: freilich ist sie leicht zu behalten, denn Hemd, roter Hosenträger, und für alle Gefahren schwarzgefärbte leinene Hosen war ja alles. Am Sonntag, ja da war es anders, da hattest du deine Pudelkappe , dein blaues Wams mit den breiten Knöpfen, die scharlachrote Weste, die kurzen gelben Lederhosen, die weißen Strümpfe und die klapsenden Schuhe so gut wie ein andrer, ja sogar meist noch eine frisch gepflückte Blutnelke hinterm Ohr stecken. Aber es war dir nie recht wohl in dieser Pracht. Drum bleib' ich bei dir in deinem Alltagskleide. Jetzt aber, nimm mir's nicht übel, lieber Tolpatsch, und mach dich wieder fort. Ich kann dir deine Geschichte nicht so ins Gesicht hinein erzählen; sei ruhig, ich werde dir nichts Böses nachsagen, wenn ich auch per »Er« von dir spreche. Der Tolpatsch trägt ein ganzes Geschlechtsregister in seinem Namen, denn er heißt eigentlich »des Barthels Basches Bua«, und sein Taufname ist Aloys. Wir thun ihm den Gefallen und bleiben bei seinem rechten Namen. Das freut ihn, da außer seiner Mutter Marei und uns wenigen Kindern ihn fast niemand so nannte; jeder hatte die Frechheit, Tolpatsch zu sagen. Darum ging auch unser Aloys, obgleich er schon siebzehn Jahre alt war, am liebsten mit uns Kindern um. An versteckten Orten spielte er Häufchens mit uns, oder rannte mit uns im Felde umher, und wenn der Tolpatsch, oder besser, der Aloys bei uns war, waren wir geborgen gegen jeden Angriff der Kinder von der Leimgrube; denn die ganze Dorfjugend war fast immer in zwei feindliche Parteien geteilt, die sich auf allen Wegen und Stegen scharf befehdeten. Die Altersgenossen unseres Aloys begannen aber schon eine Rolle im Dorfe zu spielen. Sie rotteten sich allabendlich zusammen und zogen, gleich den großen Burschen, singend und pfeifend durch das Dorf, oder standen schäkernd vor dem Wirtshause zum Adler an der großen Holzbeige und neckten die vorübergehenden Mädchen. Das vornehmste Kennzeichen eines großgewordenen Burschen ist aber die Tabakspfeife. Da standen sie dann mit ihren silberbeschlagenen und mit silbernen Kettchen behangenen Ulmer Maserköpfen, sie hatten sie kalt im Munde; manchmal aber wagte es einer, bei des Bäckers Magd in der Küche eine glühende Kohle zu holen, und dann machten sie fröhliche Gesichter zu ihrem Rauchen, wenn ihnen auch noch so übel davon wurde. Auch unser Aloys hatte schon zu rauchen angefangen, aber nur ganz im verborgenen. Eines Sonntagsabends wagte er es, die Pfeifenspitze aus seiner Brusttasche herausgucken zu lassen und sich so zu seinen Altersgenossen zu gesellen. Einer von ihnen zog ihm mit Hallo die Pfeife aus der Tasche, Aloys forderte sie zurück, sie wanderte aber unter Jubel und Lachen von Hand zu Hand, und als sie Aloys mit immer größerem Ungestüm forderte, da war sie verschwunden, keiner wollte sie mehr haben. Aloys zerrte nun an allen herum und forderte mit Weinen seine Pfeife, aber alles lachte; da packte er die Mütze des ersten, der ihm die Pfeife genommen, und rannte damit davon in des Schmied Jakoben Haus. Der Mützenlose brachte nun die Pfeife, die in der Holzbeige versteckt war, zu Aloys hinauf. Das Haus des Schmied Jakob Bomüller, das war der »Ausgang« des Aloys. Hier war er nämlich immer, wenn er nicht zu Haus war, und er blieb nie zu Haus, sobald er seine Arbeit darin fertig hatte. Die Frau des Schmied Jakob war seine Base, und außer seiner Mutter und uns wenigen Kindern nannte ihn auch noch die Frau Aplon (Apollonia) und ihre älteste Tochter Marannele bei seinem rechten Namen: Aloys. Des Morgens stand der Aloys früh auf, und wenn er seine zwei Kühe und seine Kalbe gefüttert und getränkt hatte, ging er nach des Jakoben Haus, klopfte, bis ihm das Marannele aufmachte, und nach einem einfachen »guten Tag« ging er durch den Stall in die Scheune. Die Tiere kannten ihn, sie brummten jedesmal freundlich und wendeten die Köpfe nach ihm; er aber ließ sich dadurch nicht lange aufhalten, sondern ging in die Scheune und steckte den beiden Ochsen und den beiden Kühen (Futter) auf. Besonders freundlich stand Aloys mit der Bläßkuh. Er hatte sie vom Kalb an auferzogen, und wenn er so bei ihr stand und ihrem Fressen mit Behagen zusah, dann leckte sie ihm oft die Hände, was seinem Morgenanputz zu gute kam. Wenn er dann die Thüre des Stalles öffnete und die Sauberkeit darin wiederherstellte, pflog er manches trauliche Wort mit den Tieren, indem er sie bald rechts bald links stellte. Kein Dünger im ganzen Dorfe war so schön breit und so schön viereckig geschichtet, wie der an des Schmied Jakoben Haus, denn das bildet eine Hauptzierde eines echten Bauernhauses. Dann wusch und striegelte Aloys die Ochsen und die Kühe, daß man sich darin spiegeln konnte. Drauf lief er hinaus an den Brunnen vor dem Hause und pumpte den Trog voll; er ließ dann die Tiere hinausspringen, und während sie draußen soffen, machte er ihnen frische Streue. Wenn nun das Marannele in den Stall kam, um die Kühe zu melken, war alles sauber und aufgeräumt. Oft, wenn eine Kuh »streitig« war, d. h. ausschlug und sich nicht melken lassen wollte, stellte sich Aloys zu ihr und hielt seine Hand auf das Rückgrat der Kuh gelegt, damit das Marannele besser melken konnte; meist aber machte er sich sonst noch etwas zu schaffen. Und wenn das Marannele sagte: »Aloys, du bischt e braver Bua,« da schaute er nicht auf nach ihr, sondern kehrte mit dem Stallbesen so heftig, als wollte er die Pflastersteine aus dem Boden kehren. Drauf schnitt er in der Scheune Futter für den ganzen Tag, und wenn er die niedere Arbeit vollendet hatte, stieg er die Treppe hinauf, holte Wasser für die Küche, hackte Kleinholz und ging endlich in die Stube. Das Marannele brachte die Suppenschüssel, stellte sie auf den Tisch, faltete die Hände, ein jeder that desgleichen, und nun betete sie vor. Nachdem man darauf das Zeichen des Kreuzes gemacht, setzte man sich mit einem »G'segn' es Gott!« zu Tische. Alles aß aus einer Schüssel, und Aloys holte sich oft einen Löffel voll von dem Platze, wo das Marannele sich schöpfte. Still und ernst, wie bei einer heiligen Handlung, saß man bei Tische; nur äußerst selten wurde ein Wort gesprochen. Als abgegessen und abermals gebetet war, trollte sich Aloys nach Hause. So lebte unser Aloys bis in sein neunzehntes Jahr, und als ihm zum Neujahr das Marannele ein Hemd schenkte, zu dem es den Hanf selber gebrochen, das es selber gesponnen, gebleicht und genäht hatte, da war er ganz selig; es that ihm wehe, daß er nicht »hemdärmelig« über die Straße gehen konnte, es hätte ihn trotz der grimmen Kälte gewiß nicht gefroren, aber die Leute hätten ihn ausgelacht, und Aloys wurde immer empfindlicher gegen den Spott der Leute. Daran war besonders des alten Schultheißen Knecht schuld, der seit der Ernte in das Dorf gekommen war. Es war ein schöner, schlanker Bursch, mit einem trotzigen Gesichte, das durch den rötlichen Schnurrbart noch eine besondere Auszeichnung hatte. Jörgli, so hieß der Knecht, war Kavallerist und trug fast immer seine Soldatenmütze. Wenn er Sonntags in seiner geraden, kecken Haltung, die Füße auswärts setzend und die Sporen klingen lassend, die Soldatenmütze auf dem Kopfe, mit den lederbesetzten Reithosen angethan, das Dorf hinaufging, da sagte sein ganzes Wesen: »Ich weiß, daß sich alle Mädle in mich vergucken;« oder wenn er seine Pferde zur Tränke an des Jakoben Brunnen ritt, da wollte dem guten Aloys fast das Herz springen, weil er sah, wie das Marannele jedesmal zum Fenster hinauslugte. Er wünschte, daß es gar keine Milch und Butter auf der Welt gäbe, damit er auch Pferdsbauer wäre. So unerfahren auch unser Aloys war, so waren ihm doch die Unterschiede der drei Stände wohl bekannt. Da standen zu unterst die Kühbauern, die von ihren Zugtieren auch noch Milch und Kälber ziehen müssen; dann kamen die Ochsenbauern, deren Zugtiere man doch noch mästen und schlachten kann, zu oberst aber standen die Pferdsbauern, deren Zugtiere weder Milch noch Fleisch geben, und die doch das beste Futter fressen und oft am meisten gelten. Ich glaube nicht, daß Aloys hierbei an den Nähr-, Lehr- und Wehrstand dachte. Heute am Neujahrstag zeigte sich ein Vorsprung, den der Jörgli als Pferdsbauer hatte. Er führte nach der Morgenkirche des Schultheißen Tochter und ihr »Gespiel«, das Marannele, im Schlitten nach Empfingen spazieren, und so sehr auch unserm Aloys darüber das Herz im Leibe zitterte, so folgte er doch dem Wunsche des Jörgli und half ihm die Pferde einstweilen im Schlitten einprobieren. Er fuhr mit ihm im Dorfe umher und dachte nicht daran, welch eine schlechte Figur er neben dem stattlichen Soldaten ausmachte. Als die Mädchen eingestiegen waren, führte Aloys die Pferde noch einige Schritte, bis sie recht angezogen hatten, rannte so neben den Pferden her und ließ sie dann los. Und als darauf der Jörgli unter Peitschenknallen und Rollengeklingel und dem Zuschauen der halben Gemeinde mit den beiden Mädchen dahinfuhr, da schaute ihnen Aloys noch lange nach, als man sie längst nicht mehr sehen konnte; er schalt dann den dummen Schnee, der ihm das Wasser aus den Augen trieb, und ging traurig nach Hause. Es war ihm, als ob das ganze Dorf ausgestorben wäre, da das Marannele den ganzen Tag darin nicht zu finden sein sollte. Ueberhaupt war Aloys schon seit dem Beginne dieses Winters oft sehr betrübt. Im Hause seiner Mutter kamen die Mädchen oft in die Karz, oder wie man es hier nennt, »zu Licht«. Die Mädchen wählen zu diesen abendlichen Zusammenkünften immer am liebsten eine jungverheiratete Gespielin oder eine freundliche Witwe; die älteren Hausherren stören das harmlose Treiben doch zu sehr. So kamen die Mädchen auch oft zur Mutter Marei, und die Bauernburschen kamen wie immer uneingeladen dazu. Früher hatte sich Aloys gar nicht daran gekehrt, wenn man sich nicht um ihn kümmerte, er saß in einer Ecke und – that gar nichts; jetzt sagte er sich immer in Gedanken: »Aloys! beim Teufel, du bist doch jetzt neunzehn Jahre vorbei, du mußt dich jetzt auch vornhin stellen,« und dann sagte er wieder: »Wenn nur der Teufel den Jörgli lotweise holen thät'.« Der Jörgli war das Endziel seines Unmutes, denn er hatte bald, unerachtet er ein Knecht war (wie das überhaupt hier wenig Unterschied macht), die Oberhand über alle Burschen des ganzen Dorfes gewonnen, und sie mußten alle nach seiner Pfeife tanzen; und wie prächtig konnte er ihnen pfeifen und singen und jodeln und Geschichten erzählen wie ein Hexenmeister. Er lehrte die Burschen und Mädchen neue Lieder und besonders das Reiterlied: »Morgenrot« u. s. w. Als er zum erstenmal den Vers sang: »Thust du stolz mit deinen Wangen, Die wie Milch und Purpur prangen,« da stand der Aloys plötzlich hoch auf, er schien größer wie sonst, er ballte die beiden Fäuste und biß die Zähne vor innerer Freude knarrend aufeinander. Es war, als ob er das Marannele mit seinen Blicken an sich zöge, als ob er sie erst jetzt recht sähe, denn gerade so wie es im Liede stand, sah sie ja aus. Die Mädchen saßen im Kreise, ein jedes hatte seine Kunkel mit dem goldschaumbedeckten Knaufe vor sich stehen, an der der Hanf mit einem farbigen Bande befestigt war; sie netzten den Faden aus ihrem Munde und spannen mit der Spindel, die sich lustig auf dem Boden drehte. Es war dem Aloys immer wohl, wenn er »etwas zum Annetzen«, eine Schüssel voll Aepfel oder Birnen für die Mädchen auf den Tisch stellen konnte, und er stellte die Schüssel immer nahe zu Marannele, damit sie auch tapfer zugreifen konnte. Anfangs Winter that Aloys den ersten mutigen Schritt seiner Großjährigkeit. Das Marannele hatte eine neue, mit Zinn eingelegte schöne Kunkel bekommen. Als es nun zum erstenmal damit in die Spinnstube kam und sich zum Spinnen gesetzt hatte, trat Aloys vor, erfaßte die Kunkel oben und sagte den alten Spruch: »Jungferle, derf i Eu' bitte: Lent mi Euere Engerle schüttle, Die kleine wie die große Auf dere Jungfere Schoße. Jungfer, warum seind Ihr so stolz? Eure Kunkel ischt doch nau von Holz, Wenn sie wär' mit Silber b'schlage, No wett i Eu' was andres sage.« Mit einer ungewohnten Festigkeit, wenn auch mitunter mit Zittern, hatte Aloys den Spruch vorgebracht. Das Marannele schlug zuerst die Blicke in den Schoß aus Scham und aus Angst, der Aloys möchte in seiner Rede stecken bleiben; jetzt aber sah es ihn mit glitzernden Augen an. Nach alter Sitte ließ es darauf Spindel und Wirtel auf den Boden fallen, der Aloys hob beide Gegenstände auf, und das Marannele mußte ihm für die Spindel ein Knöpfle und für den Wirtel Ein Ring von beinhartem Holz oder Stein, den man an das Ende der Spindel steckt, damit man sie so beschwert besser drehen kann. ein Fastnachtküchle versprechen. Das Beste aber kam zuletzt. Aloys gab die Kunkel frei, und als Ablosung gab ihm das Marannele einen rechtschaffenen Kuß. Der Aloys schmatzte so laut, daß man ihn in der ganzen Stube hörte und die andern Burschen ihn darum beneideten; er aber setzte sich wieder in eine Ecke, rieb sich die Hände und war mit sich und der Welt zufrieden. Das dauerte aber nicht lange. denn der Jörgli war sein Störenfried. Eines Abends bat der Jörgli das Marannele – das die erste Vorsängerin in der Kirche war – das Lied vom »schwarzbraunen Mädichen« zu singen. Es begann ohne langes Zaudern, und der Jörgli setzte die zweite Stimme mit so kräftigem Wohllaute ein, daß alle andern, die anfangs mitgesungen hatten, nacheinander stille wurden und den beiden zuhörten, die so schön sangen. Marannele, das sich von den Gefährtinnen verlassen sah, sang anfangs mit zitternder Stimme und stieß die andern neben an, doch mit weiter zu singen; als ihm aber niemand folgte, sang es keck weiter, als könne es gar nicht aufhören, und es war, als ob die Stimme Jörglis es frei und fest emporhielte wie gewaltige Arme. Sie sangen: Es sind zwei Sternlein am blauen Himmel, Glänzen heller als der Mond! Einer scheint aufs schwarzbrauns Mädichen, Einer scheint auf grünen Grund. Jetzt lad' ich meine zwei Pistolen, Thur vor Freuden einen Schuß, Meinem Schätzelein zum Gefallen, Weil es mich geliebet hat, Vor allen meinen Feinden zum Verdruß. Geh' ich 'naus auf fremde Straßen. Schönster Schatz, vergiß nicht mein; Und wann du trinkst ein Gläslein Weine Zur Gesundheit mein' und deine, Weil ich von dir scheiden muß.     Morgens fruh müssen wir marschieren     Wohl zum obern Thörle 'naus;     O du wunderschöns schwarzbrauns Mädichen,     Wohl zum obern Thörle 'naus. Kauf' ich ein Bändelein an meinen Degen Und ein Sträußelein auf meinen Hut, Und ein Tüchelein in meine Taschen, Meine Aeugelein abzuwaschen Weil ich von dir scheiden muß. Gib ich meinem Pferd die Sporen, Reit' ich zu dem Thor hinaus, Gib ich acht aufs schwarzbrauns Mädichen, Weil ich von ihm scheiden muß. Als ein jedes der Mädchen seine vier bis fünf Spindeln voll gesponnen hatte, wurde der Tisch in die Ecke gerückt, und auf dem freien Raume von kaum drei bis vier Schritten, den man dadurch gewonnen, begann nun eines nach dem andern zu tanzen; die Sitzenden sangen den andern dazu. Als der Jörgli mit dem Marannele tanzte, sang er selber einen Ländler und tanzte dabei wie eine Spindel; ja, er brauchte fast nicht viel mehr wie eine Spindel, denn er behauptete: darin zeige sich ein echter Tänzer, daß man sich auf einem Teller gewandt und flink drehen könne. Als er nun endlich mit dem Marannele einhielt und es dabei nochmals so heftig schwenkte, daß der faltige Rock hoch aufwallte, da ließ ihn das Marannele schnell stehen, wie wenn es sich vor ihm flüchtete, es sprang in die Ecke, wo der Aloys trübselig zuschaute, und seine Hand fassend, sagte es: »Komm, Aloys, du mußt auch tanzen.« »Laß mich, du weißt ja, daß ich nicht tanzen kann. Du willst mich nur foppen.« »Du Tol–,« sagte Marannele, es wollte »du Tolpatsch« sagen, aber es hielt schnell inne, denn es sah sein Gesicht, auf dem die Wehmut ausgegossen war, daß ihm das Weinen näher stand als das Lachen, es sagte daher freundlicher: »Nein, g'wiß nicht, ich will dich nicht foppen; komm, und wenn du auch nicht tanzen kannst, so mußt du's lernen, und ich tanz' so gern mit dir als wie mit einem.« Sie tanzte nun mit ihm herum, aber Aloys schlenkerte seine Füße, wie wenn er Holzschuhe anhätte, so daß die andern vor Lachen nicht mehr singen konnten. »Ich lern' dir's ganz allein, Aloys,« sagte das Marannele, ihn beruhigend. Die Mädchen zündeten nun ihre Laternen an und wanderten nach Haus. Aloys ließ es sich nicht nehmen, sie noch zu begleiten; er hätte um alles in der Welt das Marannele nicht allein mit den andern gehen lassen, wenn der Jörgli dabei war. In der stillen, schneeweichen Nacht schallte das Schäkern und Spaßen der Mädchen und Burschen weithin durch das Dorf. Das Marannele aber war still und wich dem Jörgli sichtbar aus. Als die Burschen die Mädchen alle nach Hause begleitet hatten, sagte der Jörgli zu Aloys: »Tolpatsch, du hättest heut nacht beim Marannele bleiben sollen.« »Halunk,« sagte Aloys schnell und lief davon. Die andern aber lachten ihm nach. Der Jörgli jodelt noch allein durch die Gassen bis nach Hause, daß es einem jeden, außer den Schlafenden und Kranken, das Herz im Leibe erfreuen mußte. Des andern Morgens, als Marannele die Kühe melkte, sagte Aloys zu ihm: »Guck, ich könnt' den Jörgli grad vergiften, und du mußt ihn auch in Grundsboden 'nein verfluchen, wenn du brav sein willst.« Das Marannele gab ihm recht, suchte ihn aber auch zu überzeugen, daß er sich Mühe geben müsse, auch so ein flinker Bursche zu werden wie der Jörgli. Da stieg in Aloys ein großer Gedanke auf, er lachte vor sich hin, er warf den steifen alten Stallbesen fort und steckte einen neuen biegsamen an den Stiel, dann sagte er laut: »Ja, ja, du wirst Maul und Augen aufsperren, gib nur acht.« Er mußte nun sogar dem Marannele versprechen, »gut Freund« mit dem Jörgli zu bleiben, und er versprach es endlich nach langem Widerstreben, aber er mußte ja immer thun, was sie wollte. Darum hatte Aloys heute dem Jörgli mit dem Schlitten geholfen, darum trieb ihm der Schnee das Wasser aus den Augen, als er den Wegrollenden nachsah. Abends, so »zwischen Licht«, trieb der Aloys seine Kühe zur Tränke an des Jakoben Brunnen. Ein Rädchen junger Bursche, darunter auch der Jörgli und sein alter Freund, ein Jude, des langen Herzles Kobbel genannt, der mit dem Jörgli im gleichen Regimente diente, hatte sich dort zusammengesellt; das Marannele lugte zum Fenster heraus. – Der Aloys machte den Gang des Jörgli nach. Er ging ganz steif, wie wenn er einen Ladstock geschluckt hätte, und hielt die Arme strack am Leibe herunter, wie wenn sie von Holz wären. »Tolpatsch,« sagte der Kobbel, »was krieg' ich Schmusgeld , wenn ich mach', daß dich das Marannele heiratet?« »Eine tüchtige Trachtel auf dein Maul,« sagte der Aloys und trieb seine Kühe heim. Das Marannele schob das Fenster zu, und die Burschen lachten aus vollem Halse, die Stimme Jörglis tönte aus allen vor. Aloys wischte sich mit dem Aermel den Schweiß von der Stirne, so viel Anstrengung hatte ihn die Aeußerung seines Unmutes gekostet. – Auf dem Futtertrog in seinem Stalle saß er dann noch lange, und sein Plan reifte unwiderruflich in ihm. Aloys war in das zwanzigste Jahr getreten und kam zur Rekrutierung. Am Tage, als er mit den andern Burschen nach der Oberamtsstadt Horb gehen sollte, kam er in seinem Sonntagsstaate nochmals in Maranneles Haus und fragte, ob er nichts aus der Stadt mitbringen solle. Als er fortging, folgte ihm das Marannele nach, und auf der Hausflur wendete es sich ein wenig ab, zog ein blaues Papierchen aus der Brust, wickelte einen Kreuzer heraus und gab diesen dem Aloys. »Da, nimm ihn,« sagte es: »das ist ein Glückskreuzer, sieh, es sind drei Kreuz' darauf; weißt du, wenn als nachts so Sternfunken vom Himmel fallen, da fallt allemal ein silbern Schüssele auf den Boden, und aus den Schüsselen hat man die Kreuzer gemacht, und wenn man so einen Kreuzer im Sack hat, hat man Glück; nimm ihn zu dir, und du spielst dich frei.« Aloys nahm den Kreuzer. Als er aber über die Neckarbrücke ging, langte er in seine Tasche, drückte die Augen zu und warf den Kreuzer hinab in den Neckar: »Ich will nicht frei sein, ich will Soldat sein; wart nur, Jörgli!« so sagte er vor sich hin; seine Faust ballte sich, und er warf sich keck in die Brust. Im Wirtshause zum Engel wartete der Schultheiß auf seine Ortskinder, und als sie alle beisammen waren, ging er mit ihnen nach dem Oberamt. Der Schultheiß war ein ebenso dummer als anmaßender Bauer. Er war früher Unteroffizier gewesen und bildete sich große Stücke auf seine »Charge« ein; er behandelte gern alle Bauern, ältere und jüngere, wie Rekruten. Auf dem Wege sagte er zu Aloys: »Tolpatsch, du ziehst gewiß das größte Los, und wenn du auch Numero 1 ziehst, du brauchst nicht bang zu sein, dich kann man nicht zum Soldaten brauchen.« »Wer weiß,« sagte Aloys keck, »ich kann noch so gut Unteroffizier werden, wie einer; ich kann so gut lesen und schreiben und rechnen, wie einer, und die alten Unteroffiziere haben auch nicht allen Verstand gefressen.« Der Schultheiß sah ihn grimmig an. Als Aloys vor das Rad hinging, war seine Haltung fast herausfordernd keck. Mehrere Lose kamen ihm in die Hand, als er in das Rad griff; er drückte die Augen fest zu, gleich als wolle er nicht sehen, was er nehme, und zog eines heraus; zitternd reichte er es hin, denn er fürchtete, daß es eine hohe Nummer sein könne. Als er aber den Ausrufer »Numero 17« rufen hörte, da johlte er so laut aus, daß man ihn zur Ruhe verweisen mußte. Die Burschen kauften sich nun Sträuße aus gemachten Blumen mit roten Bändern daran, und nachdem sie noch einen tüchtigen Trunk genommen, zogen sie heimwärts. Unser Aloys johlte und sang am lautesten. Oben an der Steige harrten die Mütter und viele Mädchen der Ankömmlinge, auch Marannele war darunter. Aloys, mehr vom Lärmen als vom Weine trunken, ging etwas unsicher Arm in Arm mit den andern. Diese Zutraulichkeit war noch nie vorgekommen, aber heute waren sie alle gleich. Als die Mutter die Nummer 17 an der Mütze ihres Aloys stecken sah, da weinte sie und rief ein Mal über das andre Mal: »Daß Gott erbarm! daß Gott erbarm!« Das Marannele fragte den Aloys beiseite: »Wo hast du denn meinen Kreuzer?« – »Ich hab' ihn verloren,« sagte Aloys, aber trotz seiner halben Unbewußtheit schnitt ihm diese Lüge doch tief in die Seele. Die Burschen zogen nun singend in das Dorf, und die Mütter und Mädchen der mutmaßlich »Gezogenen« gingen weinend hinterdrein und trockneten sich mit den Schürzen die Thränen. Es waren noch sechs Wochen bis zur Visitation, und darauf kam ja eigentlich alles an. Mutter Marei nahm einen großen Ballen Butter und einen Korb voll Eier und ging zu der Frau Doktorin; die Butter schmierte sich trotz des kalten Winters doch recht gut, Mutter Marei erhielt die Versicherung, daß ihr Aloys frei werden solle; »denn,« sagte der gewissenhafte Arzt: »der Aloys ist ja ohnehin untauglich, er sieht ja nicht gut in die Ferne, und darum ist er ja manchmal so tappig.« Der Aloys aber kümmerte sich gar nicht um all diese Geschichten, er war ganz verändert, schwenkte sich und pfiff immer, wenn er das Dorf hinaufging. Der Tag der Visitation kam, die Burschen gingen diesmal etwas stiller nach der Stadt. Als Aloys in das Visitationszimmer gerufen wurde und er sich entkleiden mußte, da sagte er keck: »Knusperet mich nur aus, ihr werdet kein Unthätele an mir finden; ich hab' keinen Fehler, ich kann Soldat sein.« Er mußte sich unter das Maß stellen, und da er es vollauf hatte, wurde er als Soldat eingetragen; der Arzt vergaß Kurzsichtigkeit, Butter und Eier bei der kecken Rede des Aloys. Jetzt, als es Ernst geworden und er unwiderruflich Soldat war, jetzt wurde es dem Aloys so bang, daß er hätte weinen mögen. Als er aber vom Oberamte herabkam und seine Mutter sich weinend von den steinernen Stufen erhob, da richtete sich sein Stolz wieder auf, und er sagte: »Mutter, das ist nicht recht, Ihr müsset nicht greinen; bis in einem Jahr bin ich wieder da, und unser Xaver kann schon dieweil das Sach' im Feld schaffen.« Nach der erlangten Gewißheit ihres Soldatenstandes brachten die Burschen mit Trinken, Singen und Johlen ein, was sie zuvor zu wenig gethan zu haben glaubten. Als der Aloys heimkam, gab ihm das Marannele weinend einen Rosmarinstrauß mit roten Bändern daran und nähte ihm denselben auf seine Mütze. Aloys aber zog seine Pfeife heraus, rauchte flott durch das ganze Dorf hinauf und zechte mit seinen Kameraden bis tief in die Nacht. Noch ein dritter schmerzlicher Tag war zu überwinden, es war der Tag, wo die Rekruten nach Stuttgart einrücken mußten. Aloys ging früh in des Jakoben Haus, das Marannele war im Stall, es mußte jetzt selber alle Arbeit verrichten; Aloys sagte: »Marannele, gib mir deine Hand;« sie gab sie ihm, und er sagte wieder: »Versprich mir, daß du nicht heiratest, bis ich wiederkomm'.« – »Gewiß nicht,« beteuerte sie, und er sagte: »So, jetzt bin ich fertig, aber halt – komm, gib mir auch einen Kuß.« Marannele küßte ihn, und die Kühe und Ochsen sahen verwundert zu, als wüßten sie, was vorging. Aloys klopfte nun noch jeder Kuh und jedem Ochsen auf den Bug und nahm so auch Abschied von ihnen; sie brummten vor sich hin. Der Jörgli hatte seine Pferde an den Wagen gespannt, um die Rekruten einige Stunden weit zu führen, und so fuhren sie nun singend durch das Dorf; des Bäckers Konrad, der die Klarinette blies, saß mit auf dem Leiterwagen und begleitete die Liederweisen. Man fuhr im Schritt. Von allen Seiten drängten sich noch die Freunde herbei und reichten eine Hand oder auch einen Abschiedstrunk. Das Marannele schaute zum Fenster heraus und grüßte noch freundlich. Man näherte sich dem Ende des Dorfes, und nun wurde nochmals »das Gesätz« gesungen: 'Naus, 'naus, 'naus und 'naus, Zum Nordstetter Thörle 'naus \&c. Als man aber das Dorf verlassen hatte, wurde der Aloys plötzlich mäuschenstille. Er schaute mit nassen Augen überall umher; hier neben auf der Heide, »Hochbux« genannt, hatte das Marannele das Tuch gebleicht, von dem er das Hemd anhatte; es war ihm, als ob alle Fäden brennten, so heiß war es ihm. Er sagte allen Bäumen an der Straße und allen Feldern wehmütig Ade. Drüben im Schießmauernfeld, dort liegt sein bester Acker; er hat ihn so oft »umgezackert«, daß er jedes Steinchen kennt. Dort neben hat er noch vorigen Sommer mit dem Marannele Gerste geschnitten, weiter unten im »Hennebühl« liegt sein Kleeacker, er hat ihn gesäet, er sollte ihn nicht wachsen sehen. So schaute Aloys lange umher, und als man die Steige hinabfuhr, blickte er vor sich hin und sprach kein Sterbenswörtchen. Als man über die Brücke fuhr, starrte er hinab in den Fluß; wer weiß, ob er jetzt noch so keck seinen Glückskreuzer hinabgeworfen hätte? Durch die Stadt ging zwar das Singen und Johlen wieder von neuem an, aber erst als man jenseits auf der Spitze der Bildechinger Steige angekommen war, da atmete Aloys wieder frei auf: vor ihm stand ja sein liebes Nordstetten, man meinte, man könnte hinüberrufen, so gleichauf lag es mit dem Berge, obgleich es fast eine Stunde fern war. Er sah das gelb angestrichene Haus des Schmieds Jörgli mit den grünen Läden, und zwei Häuser davon wohnte das Marannele. Er schwenkte seine Mühe und begann nochmals. 'Naus, 'naus, 'naus und 'naus \&c. Der Jörgli führte die Rekruten bis Herrenberg, von dort an gingen sie zu Fuß. Beim Abschied fragte Jörgli den Aloys: »Soll ich nichts ausrichten ans Marannele?« Aloys schoß alles Blut in den Kopf. Der Jörgli war ihm gerade der unrechteste Botenmann, und doch hatte er eben den Mund geöffnet, um einen Gruß zu sagen. Unwillkürlich aber brach er in die Worte aus: »Du brauchst gar nichts mit ihm zu schwätzen, es kann dich auch für den Tod nicht ausstehen.« Der Jörgli fuhr lachend davon. Unterwegs hatten die Rekruten noch ein bemerkenswertes Abenteuer: sie zwangen nämlich im Böblinger Walde einen Holzbauern, sie den zwei Stunden langen Weg zu fahren; Aloys war der Aergste dabei; er hatte den Jörgli so oft von verwegenen Soldatenstreichen erzählen hören, und er wollte auch so sein. Er war aber auch der erste, der am Ende des Waldes seinen ledernen Beutel öffnete und dem wieder umkehrenden Bauern etwas gab. Vor dem Tübinger Thore wurden die Ankömmlinge von einem Feldwebel in Empfang genommen. Mehrere Nordstetter Soldaten waren ihren Landsleuten entgegengegangen; der Aloys biß die Zähne übereinander, als sie alle: »Grüß Gott, Tolpatsch!« sagten. Das Johlen und Singen hatte nun ein Ende, still wie eine Herde Schafe wurden die Rekruten in die Legionskaserne geführt. Aloys sagte seinen Landsleuten, daß er als Freiwilliger zur Kavallerie gehen wolle, denn er wollte es dem Jörgli nachmachen. Als er aber hörte, daß er dann wieder nach Hause müsse, da das Exerzieren der Kavallerie erst im Herbste beginne, da dachte er: »Nein, das geht nicht, ich muß als ein ganz andrer Kerl heimkommen, dann soll mir noch einer Tolpatsch sagen, ich will euch schon tolpatschen.« Aloys wurde nun in das fünfte Infanterieregiment eingereiht, er war gegen alle Erwartung anstellig und gelehrig. Leider hatte er auch hier ein Mißgeschick, denn er bekam einen Zigeuner als seinen » Schlaf «. Der Zigeuner hatte einen absonderlichen Widerwillen vor dem Wasser. Aloys mußte ihn auf Befehl des Rottenmeisters jeden Morgen an den Brunnen hinabführen und ihn tüchtig waschen. Anfangs machte das dem Aloys Spaß, nach und nach wurde es ihm aber sehr zur Last; er hätte lieber sechs Ochsen die Schwänze, als dem Zigeuner das Gesicht gewaschen. In der Kompanie unsers Aloys war auch ein verlorener Maler. Er spürte bei Aloys manchen Mutterpfennig, und nun begann er ihn zu malen, in ganzer Uniform mit Ober- und Untergewehr und der Fahne neben ihm. Das war aber auch alles, was man erkennen konnte, denn das Gesicht war eben ein Gesicht und weiter nichts. Darunter stand jedoch mit schönen lateinischen Buchstaben: Aloys Schorer, Soldat im fünften Infanterieregiment. Aloys ließ das Bild unter Glas und Rahmen bringen und schickte es mit dem Boten seiner Mutter. In dem Briefe, der dabei war, schrieb er: »Mutter! hänget das Bild in der Stube auf, zeiget es auch dem Marannele, hänget es über dem Tisch auf, aber nicht zu nah am Turteltaubenkäfig, und wenn das Marannele das Bild haben will, so schenket es ihm, und mein Kamerad, der es gemacht hat, sagt, Ihr solltet mir auch ein Bällele Butter und ein paar Ellen reisten Tuch für meinem Feldwebel seine Frau, wir heißen sie nur die Feldwebelina, schicken. Ich hab' auch von meinem Kameraden tanzen gelernt, ich geh' Sonntags zum erstenmal nach Heslach zum Tanz. Brauchst nicht maulen, Marannele, ich will mich nur probieren. Und das Marannele soll auch schreiben. Hat der Jakob seine Ochsen noch, und hat die Bläßkuh noch nicht gekalbt? Es ist doch kein recht Geschäft, das Soldatenleben, man wird hundsrackermüd' und hat doch nichts geschafft.« Die Butter kam, und diesmal half sie besser; der Zigeuner wurde einem andern zugewiesen. Bei der Butter aber war auch ein Brief, den der Schullehrer geschrieben, darin hieß es: »Unser Matthes hat aus Amerika fünfzig Gulden geschickt. Er hat auch geschrieben, wenn du nicht Soldat wärst, könntest du jetzt zu ihm, er wollte dir dreißig Morgen Acker schenken. Halt dich nur brav und laß dich nicht verführen, der Mensch ist gar leicht verführt. Das Marannele trutzt so halb und halb mit mir, ich weiß nicht warum: als es dein Bild gesehen hat, hat es gesagt, das wärst du gar nicht.« – Bei diesen Worten schmunzelte der Aloys, denn er dachte: »So ist's recht, ja, ich bin auch jetzt ein ganz andrer Kerl; hab' ich dir's nicht gesagt, Marannele? gelt du?« Monate waren vorüber. Der Aloys wußte, daß nächsten Sonntag Kirchweih in Nordstetten sei; er erhielt durch seinen Feldwebel auf vier Tag Urlaub, er durfte in ganzer Uniform, mit Säbel und Tschako, nach Haus. O du Glücklicher! wie selig warst du, als du Samstagmorgen dein Putzzeug in den Tschako legtest und mit einem »B'hüt's Gott« bei deinem Feldwebel Abschied nahmst! So selig aber auch unser Aloys war, so sprach er doch mit der Wache am Kasernenthor und mit der Wache am Tübinger Thor; er mußte es allen sagen, daß er heim ging, sie sollten sich mit ihm freuen, und ihn dauerten die Kameraden, die so mir nichts dir nichts auf einem kleinen Fleck zwei Stunden lang herumwandeln mußten, während er in dieser Zeit schon seiner Heimat um vieles, vieles näher war. Erst vor Böblingen machte er Halt und trank auf der Waldburg einen Schoppen. Er konnte aber nicht ruhig auf dem Stuhle sitzen, sondern ging alsbald wieder fürbaß. In Nufringen begegnete ihm der Kobbel wieder, der ihn einst so geneckt hatte; sie reichten sich freundlich die Hand. Aloys hörte viel von der Heimat, aber kein Wort von Marannele, und er scheute sich, danach zu fragen. In Bondorf endlich zwang er sich zur Rast; er hätte sich sonst noch den »Herzbengel« eingerennt, wenn er so fortgelaufen wäre. Er streckte sich auf eine Bank hin und überdachte, wie alles aufgucken werde, wenn er heimkomme; dann stellte er sich wieder vor den Spiegel, setzte den Tschako etwas nach dem linken Ohre, drehte die Locke auf der rechten Seite und nickte sich Beifall zu. Es war Abend geworden, als er wieder auf der Anhöhe von Bildechingen stand, ihm gegenüber seine liebe Heimat; er johlte nicht mehr, er stand ruhig und fest und machte seinem Geburtsorte den militärischen Gruß, indem er die Hand an den Tschako legte. Immer langsamer ging Aloys, er wollte absichtlich bei Nacht nach Hause kommen, um dann des andern Morgens alle zu überraschen. Sein Haus war eines der ersten im Dorfe, es war Licht in der Stube, er klopfte an das Fenster und sagte: »Ist der Aloys nicht da?« »Jesus Maria Joseph, ein Gendarm!« rief die Mutter. »Nein, ich bin's, Mutter,« sagte Aloys, und nachdem er wegen der niedrigen Thüre den Tschako abgenommen, ging er hinein und reichte der Mutter die Hand. Bald nach den ersten Begrüßungen äußerte die Mutter ihre Bekümmernis, daß nichts mehr zu essen da sei, sie ging aber hinaus in die Küche und schlug ihm ein paar Eier ein. Aloys stand bei ihr am Herde und nun erzählte er alles. Er fragte nach Marannele, und warum sein Bild noch draußen hänge. Die Mutter erwiderte: »Ich bitt' dich, ich bitt' dich, schlag dir das Marannele aus dem Sinn, das ist ein keinnütziges Ding.« »Mutter, redet mir nimmer davon, ich weiß, was ich weiß,« sagte der Aloys; sein vom Feuer aus dem Herde rot überschienenes Antlitz hatte einen gewaltigen trotzigen Ausdruck. Die Mutter schwieg, und in die Stube zurückgekehrt, sah sie mit Herzensfreude, was ihr Aloys für ein prächtiger Bursch geworden war. Jeden Bissen, den er schluckte, schmeckte sie ihm in ihrem leeren Munde nach; den Tschako aufhebend, jammerte sie über seine grausame Schwere. Des andern Morgens stand der Aloys früh auf, fummelte seinen Tschako, putzte das Behäng am Säbel und die Knöpfe, mehr als wenn er zur Ordonnanz gemußt hätte. Als es zum erstenmal zur Kirche läutete, stand er fix und fertig da; als es zum zweitenmal zusammenläutete, ging er das Dorf hinein. Auf dem Wege hörte er zwei Buben miteinander reden. »Ist das nicht der Tolpatsch?« sagte der eine. »Nein, er ist's nicht.« »Ja, er ist's,« sagte der erste wieder. Aloys schaute die Buben grimmig an, und sie rannten mit ihren Gesangbüchern davon. Aloys schritt, von allen Kirchgängern freundlich begrüßt, der Kirche zu. Er kam vor dem Hause Maranneles vorbei, niemand schaute heraus, er ging den Berg hinan, oft zurückschauend, und trat, als es eben zum drittenmal läutete, in die Kirche. Er zog seine weißledernen Handschuhe aus und besprengte sich mit Weihwasser. Er blickte überall in der Kirche umher, er sah nirgends das Marannele, er blieb an der Thüre stehen, auch unter den Ankömmlingen war es nicht. Der Gesang begann, die Stimme Maranneles war nicht darunter; er hätte sie ja aus Tausenden heraus erkannt. Was nützte ihn nun das Staunen aller? Sie sah ihn ja nicht, für sie allein war er den weiten Weg gerannt und stand er da, so fest und stramm wie gegossen. Als aber nach der Predigt der Pfarrer die Marianne Bomüller von hier und den Georg Melzer von Wiesenstetten als Brautpaar verkündete, da stand der Aloys nicht mehr da wie gegossen, da zitterten seine Kniee und seine Zähne klapperten. Aloys war der erste aus der Kirche. Er rannte über Hals und Kopf nach Haus, warf Säbel und Tschako auf den Stubenboden und versteckte sich im Heu und weinte. Ein Mal über das andre kam ihm der Gedanke, sich zu erhängen, aber er konnte nicht aufstehen vor Wehmut und Weinen; alle seine Glieder waren ihm wie zerschlagen, und dann dachte er auch wieder an seine Mutter, und dann weinte er wieder und schluchzte wieder. Die Mutter kam endlich und fand ihn im Heu, sie tröstete ihn und weinte mit. Er erfuhr nun, daß der Jörgli das Marannele verführt hatte, und daß es hohe Zeit sei, daß sie zusammengegeben würden. Er weinte von neuem, dann aber folgte er seiner Mutter wie ein Lamm in die Stube. Als er hier seines Bildes ansichtig wurde, riß er es von der Wand und schmetterte es auf den Boden. Lange saß Aloys dann hinter dem Tische und hielt sich das Gesicht mit beiden Händen bedeckt, endlich stand er aus, pfiff ein lustiges Lied und ließ sich zu essen geben; er konnte aber nicht essen, er zog sich an und ging in das Dorf. Die Nachmittagskirche war vorüber, aus dem Adler tönte die Musik zu ihm herab. Die Augen niederschlagend, gleich als müßte er sich schämen, ging er an des Jakoben Haus vorbei; als er aber vorüber war, hob er seinen Blick stolz empor. Nachdem er beim Schultheiß seinen Urlaubspaß abgegeben, ging er nach dem Tanzboden. Er schaute überall umher, ob Marannele nicht da sei, und doch wäre ihm nichts unlieber gewesen als das. Der Jörgli aber war da; er trat auf Aloys zu, reichte ihm die Hand und sagte: »Grüß Gott, Kamerad!« Der Aloys sah ihn an, als ob er ihn mit seinen Blicken vergiften wollte; dann drehte er sich um, ohne ihm eine Hand oder Antwort zu geben. Er dachte jetzt, daß es eigentlich gescheiter gewesen wäre, wenn er gesagt hätte: »Was Kamerad! der Teufel ist dein Kamerad, aber ich nicht.« Es war indes zu spät zu dieser Antwort. Von den Tischen brachten es nun alle Buben und Mädchen unserm Aloys zu, er mußte aus jedem Glas trinken, aber es schmeckte ihm alles wie Galle so bitter. Er setzte sich dann auch an den Tisch und ließ sich eine »Bouteille vom Besten« geben, und obgleich es ihm nicht schmeckte, trank er doch ein Glas nach dem andern. Die Mechthilde, die Tochter seines Vetters, des Matthes vom Berg, stand nicht weit von ihm; er brachte es ihr zu. Das Mädchen that ihm herzlich Bescheid und blieb bei ihm stehen, denn es kümmerte sich niemand um sie, sie hatte keinen Schatz und darum heute noch keinen Reihen getanzt, da jeder fast fort und fort mit seinem Schatze tanzte oder mit der Gespielin des Schatzes und dem Schatz eines andern wechselte. Aloys fragte: »Mechthilde, möchtest du nicht auch tanzen?« »Ja, komm, wir wollen einmal.« Sie faßte Aloys bei der Hand, er stand auf, zog seine Handschuhe an, schaute sich nochmals um, als suche er etwas, und tanzte dann so flink, daß alle staunten. Aus Höflichkeit bot Aloys nach dem Tanze der Mechthilde Platz neben sich an; er lud sich damit eine Last auf, denn sie blieb nun den ganzen Abend bei ihm sitzen. Er kümmerte sich indes wenig um ihre Unterhaltung, er schob ihr nur bisweilen das Glas hin, daß sie trinken solle. Die Zornesblicke des Aloys waren fast immer auf den Jörgli geheftet, der sich nicht weit von ihm gesetzt hatte. Als man denselben fragte, wo das Marannele sei, sagte er, es sei »unbaß«, und lachte dabei. Aloys biß so mächtig auf seine Pfeife, daß ihm ein Gelenk der Spitze im Munde blieb, er spie es mit Pfui! aus; der Jörgli sah ihn wütend an, denn er glaubte, das Pfui gelte ihm. Als aber Aloys ruhig blieb, zuckte Jörgli nur verächtlich mit den Achseln und begann allerlei Schelmenlieder zu singen. Sie hatten meist einerlei Weisung und fast alle nur ein Gesätz, wie: »Und a lustiger Bua Verreißt allbot e Paar Schua; Und a trauriger Narr Der hot lang am e Paar.« Es war schon bald nach Mitternacht, als Aloys wiederum seinen Säbel von der Wand nahm und nach Hause gehen wollte. Da sang der Jörgli mit seinen Kameraden das Fopplied, sie schlugen dabei mit den Fäusten auf den Tisch: » Hoan , hoan, hoan gang i net, Wer will schaun hoame gaun , Der muaß koan Geld mei haun ; Hoan! hoan! hoan gang i net.« Aloys kehrte nochmals mit einigen seiner Kameraden um und ließ sich noch zwei Flaschen Wein geben. Sie sangen nun andre Lieder drein, während Jörgli mit seinen Kameraden sang; Jörgli stand auf und rief: »Halt's Maul, Tolpatsch.« Da ergriff dieser eine volle Flasche und warf sie dem Jörgli ins Gesicht, darauf sprang er über den Tisch und packte ihn an der Gurgel, die Tische fielen um, die Gläser klirrten auf dem Boden, die Musik hielt ein, eine Weile war alles still, es war, als wollten sich die beiden Kämpfenden still erwürgen; dann aber entstand wieder allgemeines Hallo, Pfeifen, Schreien und Toben untereinander. Die Freunde wehrten ab, indes nach einer alten Bauerntaktik hielten sie beim Abwehren nur den Gegner ihres Freundes fest, damit dieser um so tüchtiger drauf klopfen konnte. Die Mechthilde aber riß den Jörgli so wacker am Kopf, daß sie ihm ein ganz Büschel Haar ausraufte. Stuhlbeine wurden nun abgeknickt, die Parteien, die sich um die beiden Kämpfenden gebildet hatten, zerbläuten einander nach Herzenslust. Aloys und Jörgli aber hielten sich, wie wenn sie sich ineinander verbissen hätten. Endlich nach langem Ringen hob sich Aloys in die Höhe und warf den Jörgli auf den Boden, daß man meinte, er hätte das Genick gebrochen, dann kniete er auf ihn nieder, und es war, als ob er ihn erdrosseln wollte. Der Dorfschütz trat ein und machte dem Lärmen ein Ende. Die Musik mußte nun für heute aufhören, die beiden Hauptkämpfer mußten in das Gefängnis des Rathauses wandern. Mit einem zerrauften, blaumäligen Gesichte, bleich und abgehärmt, verließ Aloys des andern Tages das Dorf. Sein Urlaub war erst morgen zu Ende, aber was sollte er noch zu Hause? Er ging so gern wieder fort ins Soldatenleben, er wäre am liebsten in den Krieg gezogen. Der Schultheiß hatte ihm die Rauferei in den Paß geschrieben, Aloys ging einer harten Strafe entgegen. Er schaute sich nicht mehr um, er ging fort, ohne es zu wissen, und wünschte nie mehr wiederzukehren. Als er in Horb den Wegweiser nach Freudenstadt sah, von wo aus man nach Straßburg geht, hielt er eine Weile still, er gedachte nach Frankreich zu desertieren. Da grüßte ihn unversehens Mechthilde und fragte: »Ei, Aloys, gehst du schon wieder nach Stuttgart?« »Ja,« antwortete dieser und schlug den Weg dahin ein. Die Mechthilde war wie ein Wegweiser vom Himmel erschienen. Mit einem freundlichen »B'hüt Gott« schied er von ihr. Auf dem Wege summte ihm immer das Lied im Kopfe, das der Jörgli einst zuerst gesungen hatte; jetzt konnte es der Aloys auch singen, und jetzt paßte es erst ganz auf das Marannele. Er summte immer, ohne daß er es wußte, vor sich hin: »Ach wie bald, ach wie bald Schwindet Schönheit und Gestalt. Thust du stolz mit deinen Wangen, Die wie Milch und Purpur prangen, Ach, die Rosen welken all.« In Stuttgart angelangt, sprach er nicht mehr mit der Wache am Tübinger Thor und der an der Kaserne, er schaute wie ein Verbrecher kaum auf. Acht Tage mußte er im »dritten Grad«, in einem finstern Gefängnisse, seine Rauferei abbüßen. Oft war er so ungeduldig und wild, daß er sich an der Wand den Kopf entzweirennen wollte, dann aber lag er wieder fast Tag und Nacht im halben Schlaf. Als er aus dem Gefängnisse kam und auf sechs Wochen in die Strafklasse eingereiht wurde, die sich keine Stunde von der Kaserne entfernen darf, sondern immer zum Appell bereit sein muß, da verfluchte er seinen Vorsatz, daß er zum Militär gegangen war und sich so noch auf sechs Jahre an die Heimat gebunden hatte. Er wäre gern fort, fort, so weit als es ging. Da kam eines Tages Mutter Marei mit einem Briefe von ihrem Matthes aus Amerika. Er hatte vierhundert Gulden geschickt, damit sich der Aloys einen Acker kaufe, oder, wenn er zu ihm wolle, sich mit dem Gelde vom Militär losmache. Der Aloys, der Matthes vom Berg mit seiner Frau und seinen acht Kindern, darunter auch die Mechthilde, wanderten noch diesen Herbst gemeinschaftlich nach Amerika aus. Als Aloys auf der See war, da summte er oft die Strophe des allbekannten Liedes vor sich hin, er verstand sie erst jetzt recht: »Das, das, das und das, Das Schifflein hat den Lauf; Der, der, der und der, Der Schiffmann steht schon drauf, Spür' ich einen rechten Sturmwind wehn, Als wollt' das Schiff zu Grunde gehn, Da stehen meine Gedanken                                             Zu wanken.« In seinem letzten Briefe, vom Ohio, schreibt der Aloys an seine Mutter: ». . . . Es drückt mir oft schier das Herz ab, daß ich all das viele Gut so allein genießen soll. Ich wünsch' mir oft ganz Nordstetten herbei: den alten Zahn, das blinde Konradle, das Schackerle von der Steingrub, den Soges, den Sauerbrunnenbasche und das Maurizele vom Hungerbrunnen, die sollten sich alle bei mir satt essen, bis sie nimmer weiter können. Was hab' ich davon, wenn ich so allein da bin? Da könntet ihr dann auch sehen, wie der Tolpatsch jetzt seine vier Ross' im Stall und zehn Fohlen im Felde hat. Wenn's dem Marannele nicht gut geht, schreibet mir's auch, ich will ihm was schicken; es darf aber nichts davon erfahren, von wem es ist, es dauert mich ins Herz hinein. Der Matthes vom Berg wohnt eine Stund' von mir. Die Mechthilde ist eine tüchtige Schafferin, aber sie ist doch kein Marannele. Wenn es ihm nur auch gut geht. Hat es schon Kinder? Auf der Ueberfahrt ist auch ein gestudierter Landsmann, der Doktor Stäberle von Ulm, bei uns gewesen, der hat mir an einer Weltkugel gezeigt, daß, wenn in Amerika Tag, es in Nordstetten Nacht ist, und so umgekehrt; ich hab' nicht mehr daran gedacht, aber jetzt, wenn ich als im Feld bin und so denk: was machen sie denn jetzt in Nordstetten? da fällt mir's ein: Potz Blitz, die schlafen ja jetzt, und des Schackerles Hannes, der Nachtwächter, ruft sein: ›B'hüt uns Gott und Maria.‹ Am Sonntag ist mir's am ärgsten, daß in Nordstetten jetzt Samstag zu Nacht ist. Das sollt' nicht sein, es sollt' alles einen Tag haben. Am letzten Sonntag haben wir aber doch beim Matthes auf dem Berg getanzt, da war ja Kirchweih in Nordstetten. Ich vergess' das nie, und wenn ich hundert Jahr alt werde. Ich möcht' nur auch einmal wieder eine Stund' in Nordstetten sein, da wollt' ich auch dem Schultheiß zeigen, was ein freier Bürger von Amerika ist.« Die Kriegspfeife. Das ist eine ganz absonderliche Geschichte, die aber doch mit der neueren Weltgeschichte oder, was fast einerlei ist, mit der Geschichte Napoleons ganz genau zusammenhängt. Damals war eine außerordentliche Zeit. Jeder Bauer konnte aus der Königsloge seines eigenen Hauses die ganze Weltgeschichte vorbeidefilieren und agieren sehen, Könige und Kaiser spielten darin mit und erschienen bald so, bald so angezogen; und dieses ganze großartige Schauspiel kostete oft den Bauer weiter nichts als Haus und Hof und etwa noch sein Leben. So arg ging's aber meinem Nachbar Hansjörg nicht; doch – ich will die Geschichte von vorn erzählen. Es war im Jahr 1796. Wir in unsrer mäuschenstillen Zeit, wir Kinder des unbefriedigten Friedens, können uns kaum einen Begriff von der damaligen Unruhe machen; es war, als ob die Leute gar nirgends mehr fest zu Hause wären, als ob das ganze Menschengeschlecht sich auf die Beine gemacht hätte, um einer den andern da und dorthin zu treiben. Ueber den Schwarzwald zogen bald die Oesterreicher mit ihren weißen Wämsern, bald die Franzosen mit ihren lustigen Gesichtern, dann wieder die Russen mit ihren langen Bärten, und zwischendrin steckten die Bayern, Württemberger, Hessen, in allerlei Gestalt. Der Schwarzwald war das allzeit offene Thor für die Franzosen, und jetzt eben ist man endlich daran, einen Riegel vorzuschieben. Es war also oftmals ein Marschieren, Retirieren und Vordringen, ein Schießen und Donnern, daß man nicht wußte, wo einem der Kopf stand; wirklich blieb er manchmal auch nicht stehen, sondern purzelte unversehens um. Nicht weit von Baisingen ist mitten auf dem ebenen Felde eine Anhöhe so hoch wie ein Haus, und drunter sollen lauter tote Soldaten liegen, Franzosen und Deutsche bei einander. Mein Nachbar Hansjörg war aber davor behütet, Soldat werden zu müssen, obschon er eben in das neunzehnte Jahr trat und ein schmucker und handfester Bursch war, der sich überall sehen lassen durfte. Das kam nämlich davon. Am Tage vor des Maurers Wendel Hochzeit, der eine Frau von Empfingen hat, ritt der Hansjörg mit den andern hinter dem Wagen drein, auf dem die Braut mit dem Hausrat auf dem blauangestrichenen Kasten neben der Kunkel und der nagelneuen Wiege saß. Der Hansjörg schoß immer am teufelmäßigsten, er that immer eine doppelte Ladung in die Pistole. Als nun der Zug bei der Leimengrube ankam, wo rechts der Weiher und links die Ziegelhütte ist, aus der das Kätherle heraussah, da schoß der Hansjörg wieder, aber fast noch ehe man den Knall hörte, hörte man den Hansjörg gottserbärmlich schreien. Die Pistole entfiel seiner Hand, er selbst wäre vom Pferde gefallen, wenn ihn sein Kamerad, der Fideli, nicht gehalten hätte. Jetzt sah man, was geschehen war: der Hansjörg hatte sich am mittleren Gelenk den Zeigefinger der rechten Hand abgeschossen; er wurde nun vom Pferde heruntergehoben. Alles sprang mitleidig herzu, und auch das Kätherle aus der Ziegelhütte kam herbei und wurde fast ohnmächtig, als es sah, wie der Finger des Hansjörg nur noch an der Haut hing; der Hansjörg aber biß vor Schmerz die Zähne übereinander und blickte starr auf das Kätherle. Er wurde nun in das Haus des Zieglers gebracht. Der alte Jockel vom Scheubuß, der das Blut stillen konnte, wurde schnell herbeigerufen; ein andrer lief nach der Stadt zu dem Erath, einem vielgeliebten Wundarzt. – Als der alte Jockel ins Zimmer trat, war alles plötzlich still und wich vor ihm zurück, so daß alle Anwesenden zu beiden Seiten eine Gasse bildeten, durch welche er zu dem Verwundeten schritt, der hinter dem Tische auf der Bank lag. Nur das Kätherle trat vor und rief: »Um Gottes willen, Jockel, helfet dem Hansjörg.« Dieser schlug die Augen auf und wendete den Kopf nach der Redenden, und als nun der Jockel vor ihm stand und leise murmelnd die Hand berührte, da hörte das Blut schon auf zu rinnen. Das war aber diesmal nicht durch die Sympathie Jockels geschehen, sondern durch eine andre Sympathie, nämlich durch die zwischen dem Kätherle und dem Hansjörg. Denn als dieser die Worte Kätherles hörte, fühlte er, wie ihm alles Blut nach dem Herren drang, und dadurch hörte das Bluten des Fingers auf. Der Erath kam, und dem Hansjörg wurde nun der Finger abgenommen. Er hielt sich bei dem grausamen Schmerze wie ein Held. Als er schon einige Stunden darauf im Wundfieber lag, war es ihm, als ob ein Engel zu ihm heranschwebte und ihm Kühlung zuwehte. Er wußte es nicht, daß das Kätherle ihm die Fliegen abwehrte und dabei oft ganz nahe an seinem Gesichte auf- und abfuhr; es kann eine solche Nähe – wenn auch nicht eigentliche Berührung – einer liebenden Hand eine magische Wirkung in dem andern hervorrufen, und diese kann sich wohl in unserm Hansjörg als eine solche Traumgestalt gebildet haben. Dann erschien dem Hansjörg im Traume wieder eine ganz verhüllte Gestalt; er konnte sich nachher nicht mehr recht erinnern, wie sie aussah, und – so sonderbar sind die Träume – die Gestalt hatte einen losen Finger im Munde und schmauchte damit Tabak, als ob es eine Pfeife wäre, so daß die blauen Wölkchen sich aus duftigen Ringen ausbreiteten. Kätherle bemerkte, daß die geschlossenen Lippen Hansjörgs sich im Schlafe mehrfach auf- und niederbewegten. Als er erwachte, war das erste, was er verlangte: seine Pfeife. Hansjörg hatte die schönste Pfeife im ganzen Dorfe, und wir müssen sie näher betrachten, denn sie ist ein Hauptstück in unsrer Geschichte. Es war ein Ulmer Maserkopf, dessen braune Marmorierungen die wunderlichsten Figuren bildeten, so daß man sich allerlei hineindenken konnte. Der silberne Deckel war wie ein Helm geformt und so blank, daß man sich drin spiegeln konnte und noch den Vorteil hatte, daß man sein Gesicht doppelt, und zwar zu unterst und zu oberst, darin sah. Auch an der untern Kante sowie am Stiefel war der Pfeifenkopf mit Silber beschlagen. Ein doppeltes silbernes Kettchen mit einem Sprungringe diente statt der Schnur und hielt das kurze Rohr mit der langen, vielgelenken, krummen Mundspitze. War diese Pfeife nicht schön, und hatte Hansjörg nicht recht, daß er sie liebte, wie ein Held des Altertums seinen Schild? Das erste, was Hansjörg bei dem Verluste seines Fingers ärgerte, war das, daß er sich nur schwer mehr werde eine Pfeife stopfen können. Das Kätherle lachte und schalt ihn aus über seine Liebhaberei, aber es stopfte ihm doch eine Pfeife, holte eine Kohle und that sogar selbst ein paar Züge; es schüttelte sich aber und machte ein Gesicht, als ob es sich furchtbar davor ekle. Dem Hansjörg hatte aber noch nie eine Pfeife so gut geschmeckt als die, welche das Kätherle vorher im Munde gehabt hatte. Trotzdem es heißer Sommer war, durfte der Hansjörg mit seiner Wunde nicht nach Hause gebracht werden; er mußte also bei dem Ziegler bleiben. Das war unserm Patienten sehr recht. Obwohl seine Eltern kamen, um ihn zu verpflegen, wußte er doch, daß schon Zeiten kommen würden, wo er mit dem Kätherle allein sein werde. Andern Tages war des Maurers Wendel Hochzeit, und als es zur Kirche läutete, pfiff der Hansjörg den unabänderlich wiederkehrenden Hochzeitsmarsch, der jetzt drinnen im Dorfe gespielt wurde, auf seinem Bette nach. Nach der Kirche zog die Musik im Dorfe umher und spielte vor den Häusern, in denen die schönsten Mädchen waren, oder solche, die Schätze hatten. Die Burschen und Mädchen schlossen sich dann dem Zuge an, der, je weiter er kam, sich immer mehr vergrößerte; sie kamen auch vor des Zieglers Haus. Der Fideli kam, als »Gespiele« Hansjörgs, mit seinem Schatze heraus, um statt des Verwundeten das Kätherle mit zum Tanze zu nehmen; dieses aber dankte, schützte Arbeit vor und blieb daheim. Der Hansjörg war hierüber hoch erfreut, und als sie allein waren, sagte er: »Kätherle, gräm dich nicht, es gibt bald wieder eine Hochzeit, und da wollen wir zwei rechtschaffen miteinander tanzen.« »Eine Hochzeit?« fragte das Kätherle betrübt, »ich wüßt' nicht, von wem.« »Komm 'mal her,« sagte Hansjörg lächelnd; das Kätherle trat näher, und er fuhr fort: »Ich will dir's nur gestehen, ich hab' mir den Finger mit Fleiß abgeschossen, damit ich kein Soldat zu werden brauch'.« Das Kätherle fuhr zurück, schrie laut auf und bedeckte sich mit der Schürze das Angesicht. »Warum schreist du?« fragte Hansjörg, »ist dir's denn nicht recht? Es muß dir recht sein, denn du bist daran schuld.« »Jesus Maria Joseph! nein, gewiß nicht, ich bin daran unschuldig. O du lieber Heiland, was hast du für eine Sünd' gethan, Hansjörg! Du hättest dich ja auch totschießen können; nein, du bist ein wilder Mensch, mit dir möcht' ich nicht hausen, ich hab' Angst vor dir.« Kätherle wollte ihm entfliehen, aber Hansjörg hielt es noch mit der linken Hand fest. Es stand da, riß unwillig, wendete ihm den Rücken zu und kaute an einem Ende der Schürze; der Hansjörg hätte alles in der Welt drum gegeben, wenn es ihn nur einmal angesehen hätte, aber all sein Bitten und Flehen war umsonst. Er ließ nun los und wartete eine Weile, ob es sich nicht umkehre; als es aber immer stumm und abgekehrt blieb, da sagte er mit zitternder Stimme: »Willst du nicht so gut sein und meinen Vater holen? Ich will heim.« »Nein, das darfst du nicht, du könntest ja den Hundskrampf kriegen, hat der Erath gesagt!« erwiderte das Kätherle, noch immer abgekehrt. »Wenn du niemand holst, so geh' ich allein,« sagte Hansjörg. Das Kätherle drehte sich um und sah ihn an mit thränenden Augen, aus denen alle Bitten und alle Mächte der liebenden Besorgnis hell leuchteten. Hansjörg faßte des Kätherles Hand, sie war fieberheiß, und er schaute lange in das Antlitz seines Mädchens. Es war nicht so, was man eigentlich schön nennt, es war derb und kräftig; das Antlitz sowie der ganze Kopf hatte eine fast kugelrunde Bildung, die Stirn war hochgewölbt, beinahe wie ein Halbkreis, die Augen lagen tief in der Biegung, die kleine Stumpfnase, die etwas Neckisches und Uebermütiges aussprach, die runden vollen Wangen, alles verriet gesundes, frisches Leben. Hansjörg betrachtete die Hocherglühende, wie wenn sie die Allerschönste gewesen wäre. So hielten sie sich lange und sprachen kein Wort; endlich sagte Kätherle: »Soll ich dir eine Pfeif' stopfen?« »Ja,« sagte Hansjörg und ließ sie los. In dem Anerbieten Kätherles lag der beste Ausspruch der Versöhnung; das fühlten beide, sie redeten darum kein Wort mehr von ihrem Streit. Gegen Abend kamen viele Burschen und Mädchen mit hochglühenden Wangen und freudestrahlenden Augen, um das Kätherle zum Tanz abzuholen; das aber wollte durchaus nicht mitgehen. Der Hansjörg lächelte vor sich hin. Als er aber das Kätherle bat, ihm doch den Gefallen zu thun und mitzugehen, hüpfte es freudig fort und kam bald darauf schön geputzt wieder. Nun war aber ein neuer Uebelstand. Trotz aller Gutmütigkeit wollte doch keines vom Tanze weg und beim Hansjörg bleiben; da kam zu gutem Glück der alte Jockel, und für einen guten Schoppen, den man ihm vom Wirtshause schicken wollte, versprach er, wenn's nötig wäre, die ganze Nacht dazubleiben. Der Hansjörg hatte sich von dem Erath seinen Finger in einem mit Spiritus gefüllten Glase aufbewahren lassen, er wollte dies dem Kätherle schenken; aber trotz seiner sonstigen Derbheit fürchtete sich das Mädchen davor, wie vor einem Gespenste, es wagte kaum das Glas anzurühren. Als nun der Hansjörg zum erstenmal das Haus verlassen durfte, gingen sie miteinander in den Garten vor dem Hause und begruben den Finger. Hansjörg stand sinnend dabei, als das Kätherle das Loch wieder zuschaufelte. Die Sünde gegen das Vaterland, die er durch seine Selbstverstümmelung begangen hatte, kam ihm nicht in den Sinn; dagegen erwachte in ihm der Gedanke, daß hier ein Teil der ihm von Gott verliehenen Lebenskraft eingescharrt werde, für die er Rechenschaft ablegen müsse. Er stand sozusagen lebendigen Leibes bei seinem eigenen Begräbnis, und der Vorsatz stieg in ihm auf, alle ihm noch gebliebenen Kräfte nach Pflicht und Gewissen treulich zu üben und anzuwenden. Ein Todesgedanke überschauerte ihn, und mit Wehmut und Freude schaute er auf, sah sich lebend und neben sich sein geliebtes Mädchen. Solche Gedanken bewegten sich halb klar in seiner Seele, und er sagte: »Kätherle, ich seh's wohl ein, ich hab' mich schwer versündigt, und ich muß beichten; ich muß es bald vom Herzen haben, ich will gern jede Buße thun.« Kätherle umarmte und küßte ihn, und er genoß im voraus die seligste Absolution, wie sie eigentlich das wahrhaft reuige Gemüt, mit festem Vorsatze ausgerüstet, schon allein für sich empfinden muß. Sonntags darauf ging Hansjörg zur Beichte. Man hat nie erfahren, welche Buße ihm auferlegt wurde. Man sollte meinen, ein Mensch müsse einen besondern, geheimen Zug nach der Stelle hin haben, wo ein Stück seines lebendigen Daseins ruht. Wie uns das Vaterland doppelt heilig ist, weil die Gebeine unsrer Lieben darin ruhen; wie uns die ganze Erde erst recht heilig wird, wenn wir bedenken, wie sich die Körper unsrer Freunde und Mitmenschen mit ihrem Staube vermischen: so muß ein Mensch, von dessen eigenem unzertrennlichem Körper ein lebendiger Teil schon Erde geworden, sich von der unendlichen Macht der irdischen Heiligkeit angezogen fühlen und sich oft nach einem Teil seiner Ruhestätte hinwenden. Solche Gedanken, wenn auch eine dunkle Ahnung davon in unserm Freunde aufstieg, konnten jedoch wie natürlich bei einem Menschen, wie unser Hansjörg war, nicht lange haften. Er ging tagtäglich nach des Zieglers Haus, nicht weil ein Totes, sondern weil das Leben, das heißt die Liebe zu Kätherle, ihn hinzog. Manchmal aber ging er auch recht betrübt von dort weg, denn das Kätherle schien es darauf angelegt zu haben, ihn zu ärgern und zu meistern. Das erste, was das Kätherle immer und immer von ihm verlangte, war: daß er das Rauchen aufgeben solle. Er durfte es nie küssen, wenn er geraucht hatte, und ehe er zu ihm ging, mußte er fast immer seine liebe Pfeife verstecken; in des Zieglers Stube aber durfte er nie und nimmer rauchen, und so gern er auch dort war, machte er sich doch immer nach einer Weile wieder fort. Kätherle hatte wohl recht, wenn es ihn oft damit neckte. Hansjörg ärgerte sich gewaltig über den Eigensinn Kätherles, und er steifte sich immer mehr auf seine Liebhaberei. Er meinte, es sei unmännlich, sich von einem Weibe etwas vorschreiben zu lassen; das Weib müsse nachgeben, dachte er; und dann muß man auch bekennen: es war ihm rein unmöglich, seine Gewohnheit aufzugeben. Er probierte es einmal während der Heuernte zwei Tage lang, aber es war ihm immer, als ob er faste: es fehlte ihm überall etwas, und er holte sich seine Pfeife wieder, und indem er sie vergnüglich zwischen den Zähnen festhielt und dabei Feuer schlug, sagte er vor sich hin: »Eh' mag das Kätherle und mit ihm alle Weibsleut' zum Teufel gehen, eh' ich das Rauchen aufgeb'!« Er schlug sich dabei auf die Finger, und die heftig schmerzende Hand schüttelnd, dachte er: das ist Sündenschuld. denn dein Schwur ist eigentlich doch nicht wahr. Endlich kam der Herbst herbei. Hansjörg wurde richtig für untauglich zum Militärdienst erklärt. Noch einige andre Bauernburschen hatten ihm seine List nachgeahmt, sie hatten sich nämlich die Schaufelzähne ausgerissen, damit sie keine Patronen beißen konnten; aber die Militärkommission sah dies als absichtliche Verstümmelung an, während die des Hansjörg, ihrer Gefährlichkeit wegen, als Unglück betrachtet wurde. Die Zahnlückigen wurden zum Fuhrwesen genommen und mußten nun doch mit in den Krieg ziehen. Mit einer verstümmelten Zahnreihe mußten sie die oft mageren Bissen der Kriegskost beißen, und am Ende mußten sie gar ins Gras beißen, wozu sie eigentlich gar keine Zähne mehr brauchten. In den ersten Tagen des Oktobers hielt der französische General Moreau seinen berühmten Rückzug über den Schwarzwald. Eine Abteilung des Zuges kam auch durch Nordstetten. Man hörte mehrere Tage vorher davon. Es war eine Furcht und Angst im Dorfe, daß man sich nicht zu helfen und zu raten wußte. In allen Kellern wurde gegraben und geschaufelt und alles, was man von Geld und Kostbarkeiten hatte, hineingelegt. Die Mädchen brachten ihre Granatenschnüre mit der daranhängenden silbernen Münze (dem sogen. Anhenker), sie zogen ihre silbernen Ringe vom Finger und legten sie in die Grube. Alles ging schmucklos umher wie bei einer großen Trauer. Das Vieh wurde bei Egelsthal in eine unwegsame Schlucht getrieben. Die Mädchen und Burschen sahen sich betrübt an, wenn man von dem herannahenden Feinde sprach; mancher Bursch faßte dann nach seinem Messergriffe, der aus der Hosentasche hervorsah. Am übelsten waren aber die Juden dran. Wenn man dem Bauer auch alles nimmt, seinen Acker und seinen Pflug kann man ihm doch nicht forttragen; die Juden aber hatten all ihr Vermögen in beweglicher Habe, in Geld und Waren; sie zitterten daher doppelt und dreifach. Der jüdische Kirchenvorsteher, ein gescheiter und gewandter Mann, fand einen pfiffigen Ausweg. Er ließ ein großes Faß mit rotem Wein, der tüchtig mit Branntwein vergeistigt war, vor seinem Hause aufstellen und auf einen Tisch gefüllte Flaschen setzen, um damit die ungebetenen Gäste zu bewirten und abzuhalten. Die List gelang, weil die Franzosen ohnedies Eile hatten, weiterzukommen. Der Tag des Durchmarsches kam und ging besser vorüber, als man je gehofft hatte. Die Leute im Dorfe standen haufenweise bei einander und betrachteten die Vorüberziehenden. Zuerst kam die Reiterei, dann kam ein gewaltiger Trupp Infanterie. Hansjörg war mit seinen Kameraden Fideli und Xaver hinausgegangen nach der Ziegelhütte; er wollte für alle Fälle dort sein, damit dem Kätherle nichts geschehe. Er ging mit seinen Kameraden in den Garten vor dem Hause, und über den Zaun gelehnt, schmauchte er behaglich seine Pfeife. Das Kätherle schaute zum Fenster heraus und sagte: »Wenn du nicht rauchen willst, Hansjörg, kannst du mit deinen Kameraden 'raufkommen.« »Wir sind schon gut da,« erwiderte der Hansjörg, drei Qualme schnell nacheinander ausstoßend und die Pfeife fester fassend. Nun kam die Reiterei. Alle ritten ungeordnet einher, sie schienen kaum zusammenzugehören, ein jeder kümmerte sich fast nur um sich, und doch sah man's wieder, daß sie zusammen hielten. Einige warfen keck lachend und winkend dem Kätherle am Fenster Kußhändchen zu, der Hansjörg fuhr rasch mit der Hand nach seinem Seitenmesser. Das Kätherle schob das Fenster zu und schaute nur noch verstohlen hinter den Scheiben hervor. Nach der Infanterie kamen Fouragewagen und die Wagen mit den Verwundeten. Das war ein erbärmlicher Anblick. Einer der Verwundeten streckte eine Hand heraus, an der auch nur vier Finger waren; das fuhr dem Hansjörg durch Mark und Bein, es war ihm plötzlich, als ob er selber da droben läge. Der Verwundete hatte nichts als ein Tuch um den Kopf gebunden, und es schien ihn zu frieren. Der Hansjörg sprang schnell über den Zaun, nahm die Pudelkappe vom Kopfe und setzte sie dem Armen auf; dann gab er ihm noch sein Geld mitsamt dem ledernen Beutel. Der Verwundete machte mehrere Zeichen mit dem Munde und deutete damit an, daß er gern rauchen möchte; er sah dabei den Hansjörg bittend und bettelnd an und deutete immer auf seine Pfeife, der Hansjörg aber schüttelte Nein. Das Kätherle brachte Brot und Hemden herbei und legte sie auf den Wagen der Verwundeten. Die kranken Krieger sahen vergnügt auf das frische Mädchen, und einige machten ein militärisches Begrüßungszeichen und welschten untereinander. Sie fuhren dann, immer freundlich winkend, davon. Da dachte niemand mehr, ob dies Feinde oder Freunde wären; es waren unglückliche, hilfsbedürftige Menschen, und jeder mußte ihnen helfen. Ein großer Trupp weiter beschloß den Zug. Das Kätherle stand wieder am Fenster, Hansjörg mit seinen Kameraden wieder auf ihrem Posten; da sagte der Fideli: »Guck, da kommen Marodeurs.« Zwei zerlumpte Kerle in halber Uniform, ohne Sattel und Bügel, sprengten heran. Eine Strecke, ehe sie bei Hansjörg waren, hielten sie ein und sprachen etwas miteinander; man hörte den einen lachen. Sie ritten dann langsam und der eine ganz nahe an dem Zaune hin, und ratsch! riß er dem Hansjörg die Pfeife aus dem Munde, und dann im gestreckten Galopp auf und davon. Der Marodeur steckte sich die noch brennende Pfeife in den Mund und dampfte lustig, wie zum Hohne. Der Hansjörg hielt sich den Mund, es war ihm, als ob ihm alle Zähne aus dem Kiefer herausgerissen wären; das Kätherle aber lachte aus vollem Halse und rief: »So, jetzt hol dir dein' Pfeif'.« »Ja, ich hol' sie,« sagte Hansjörg und knackte vor Wut eine Latte am Zaun zusammen, »kommet, Fideli, Xaver, wir thun unsre Gäul' 'raus und reiten nach, und wenn wir darüber zu Grund gehen, den Halunken lass' ich mein' Pfeif' nicht.« Die beiden Kameraden gingen davon und holten schnell die Pferde aus dem Stall; das Kätherle aber kam herabgesprungen, rief den Hansjörg in den Hausgang, unwillig ging er zu ihm, denn er war bös, daß es ihn so ausgelacht hatte; das Kätherle aber faßte zitternd seine Hand und sagte: »Um Gottes willen, Hansjörg, laß die Pfeif'. Guck, ich will dir auch alles zu Gefallen thun, folg mir nur jetzt. Willst du dich denn wegen so eines nichtsnutzigen Dinges umbringen lassen? Ich bitt' dich, bleib da.« »Ich mag nicht. Mir ist's recht, wenn mir einer eine Kugel durch den Kopf schießt. Was soll ich da thun? Du kannst doch nur nichts als foppen.« »Nein, nein!« rief das Kätherle und fiel ihm um den Hals, »ich lass' dich nicht gehen, du mußt dableiben.« Den Hansjörg durchzuckte es wunderbar, aber er fragte keck: »Willst du denn mein Weib sein?« »Ja, ja, ich will ja!« Die beiden umarmten sich selig, dann rief Hansjörg: »Mein Lebtag kommt mir kein' Pfeif' mehr in den Mund. Guck, mich soll ein Heiligkreuz –« »Nein, schwör nicht, du mußt's auch so halten können, das ist viel besser. Gelt, du bleibst jetzt aber auch da? Laß die Pfeif' beim Franzos und beim Teufel.« Unterdessen kamen die Kameraden zu Pferd, sie hatten sich mit Heugabeln bewaffnet und riefen: »Tapfer, Hansjörg, komm!« »Ich geh' nicht mit,« sagte der Hansjörg, das Kätherle im Arm haltend. »Was kriegen wir denn, wenn wir dein' Pfeif' wiederbringen?« fragte Fideli. »Sie ist euer.« Die beiden ritten wie im Sturme davon den Weg nach Empfingen, Hansjörg und Kätherle schauten ihnen nach. Dort, an der kleinen Anhöhe, wo die Lehmgrube für die Ziegelhütte ist, hatten sie die Marodeurs fast eingeholt; als diese sich aber verfolgt sahen, machten sie keck Kehrtum, schwenkten ihre Säbel, und der eine zielte noch mit einer Pistole. Als der Fideli und der Xaver das sahen, machten sie ebenfalls hurtig Kehrtum und waren schneller wieder da, als sie dort gewesen waren. Von diesem Tage an that der Hansjörg keinen Zug mehr aus einer Pfeife. Vier Wochen später wurde er von der Kanzel herab mit dem Kätherle verkündet. Eines Tages ging Hansjörg nach der Ziegelbütte; er war hinter dem Hause hergekommen, niemand hatte ihn gesehen; da hörte er drinnen das Kätherle mit jemand sprechen: »Also du kennst sie ganz genau?« fragte das Kätherle. »Warum soll ich sie nicht kennen?« erwiderte der Angeredete. Hansjörg erkannte an der Stimme das rote Maierle, einen Handelsjuden. »Ich hab' ihn ja oft genug mit ihr gesehen. Er hat sie so gern gehabt, wie er dich hat, und wenn es gegangen wär', ich glaub', er hätt' sie geheiratet.« »Weißt du,« sagte Kätherle, »ich will nur sehen, wie er die Augen sperrangelweit aufreißen wird, wenn er sie an seiner Hochzeit wiedersieht. Ich kann mich also ganz gewiß darauf verlassen? »So gewiß soll ich hunderttausend Gulden reich werden, sie muß da sein.« »Aber der Hansjörg darf nichts von ihr erfahren.« »Stumm wie ein Fisch!« erwiderte das rote Maierle und ging davon. Hansjörg kam schüchtern zu Kätherle, er schämte sich zu gestehen, daß er gehorcht habe; als sie aber traulich bei einander saßen, sagte er: »Ich will dir's nur sagen, laß dir nichts vorschwätzen, es ist nicht wahr. Man hat mir einmal nachgesagt, ich hätt' Bekanntschaft mit der Adlerwirtsmagd, die jetzt in Rottweil dient: glaub du mir, es ist nicht wahr, ich bin ja damals noch in die Christenlehr' gegangen. es war nichts als Kinderei.« Das Kätherle that, als ob es ein gar großes Gewicht auf diesen Umstand lege, und der Hansjörg hatte viel zu thun, sich zu rechtfertigen. Er gab sich noch am Abend alle Mühe, das rote Maierle auszuhorchen, aber das war »stumm wie ein Fisch«. Hansjörg hatte noch viele Rügen auszustehen und gewissermaßen durch das ganze Dorf Spießruten zu laufen. Das war nämlich so. Am Sonntage vor der Hochzeit gingen nach alter Sitte der Hansjörg und sein »Gespiel«, der Fideli, jeder mit einem roten Bande um den Arm und einer roten Schleife an dem dreieckigen Hute, von Haus zu Haus im ganzen Dorfe, und der »Hochzeiter« sagte folgenden Spruch: »Ihr sollet höflich eing'laden sein zur Hauzich am Zinstig (Hochzeit am Dienstag) im Adler. Wemmers (wenn wir's) wieder verdäue (vergelten) könnet, welle mer's au thoan (wollen wir's auch thun). Kommet au g'wiß. Vergesset's et. Kommet au g'wiß.« Darauf öffnete in jedem Hause die Frau die Schublade am Tisch, that Brot und Messer heraus und reichte es mit den Worten: »Schneidet au Brot.« Der Hochzeiter mußte nun ein Schnitzel Brot abschneiden und dasselbe mitnehmen. Hansjörg machte das Brotschneiden mit seinen vier Fingern etwas ungeschickt, und es that ihm wehe, wenn man in vielen Häusern mit gutmütigem Spott zu ihm sagte: »Du dürftest eigentlich nicht heiraten, Hansjörg, denn du kannst mit deinem Stumpffinger doch nicht gut Brot schneiden.« Der Hansjörg war hochfroh, als diese Einladungen vorüber waren. Mit Singen und Jubeln wurde die Hochzeit gefeiert, nur durfte dabei nicht geschossen werden, denn seit dem Unglücke oder dem Mutwillen Hansjörgs war das strenge verboten. Am Hochzeitstische ging alles lustig her. Gleich nach Tisch ging Kätherle hinaus in die Küche, es kam aber schnell wieder und hatte die uns wohlbekannte Pfeife im Munde – man konnte wirklich nicht unterscheiden, ob es die alte oder eine aufs Pünktchen hin ähnliche sei – das Kätherle that nun mit verzerrten Mienen wieder einige Züge aus der Pfeife und reichte sie dann dem Hansjörg mit den Worten: »Da, nimm, du hast dich wacker gehalten, du kannst dir schon 'was versagen; meinetwegen magst du wohl rauchen, ich hab' kein bißle dagegen.« Hansjörg wurde feuerrot, er schüttelte aber Nein und sagte: »Was ich einmal gesagt hab', da beißt kein' Maus keinen Faden davon; mein Lebtag thu' ich keinen Zug mehr.« Er stand auf und sagte wieder: »Gelt, Kätherle, aber dich darf ich doch küssen, wenn du geraucht hast?« Die beiden Glücklichen lagen sich selig in den Armen. Darauf gestand Hansjörg, daß er gehorcht, als sich das Kätherle mit dem roten Maierle besprach, und daß er gemeint habe, es sei von der Adlerwirtsmagd die Rede. Man lachte herzlich über den Spaß. Die Pfeife wurde als ewiges Andenken über dem Himmelbette des jungen Ehepaares aufgehängt, und Hansjörg deutet oft darauf hin, wenn er beweisen will, daß man sich mit festem Vorsatz und aus Liebe alles abgewöhnen könne. Zwei Worte rücken uns plötzlich weit hinaus: Hansjörg und Kätherle sind betagte Großeltern, im Kreise der Ihrigen glücklich, frisch und munter. Die Pfeife gilt als ein ehrwürdiges Familienstück bei den fünf Söhnen Hansjörgs; keiner von ihnen und von ihren Kindern hat sich bis heute das Rauchen angewöhnt. Des Schloßbauers Vefele. 1. Wenige werden erraten, wie der obenstehende Name eigentlich im Kalender heißt, und doch ist er allgemein bekannt, und erinnert das Schicksal deren, die ihn trug, leider nur zu sehr an das ihrer Patronin Genoveva. Das vornehmste Haus des ganzen Dorfes, das eine so breite Front nach der Straße zu macht, daß alle Handwerksburschen, die durch das Dorf wandern, hineingehen und um einen Zehrpfennig bitten, das gehörte einst dem Vater des Vefele; die beiden rechts und links stehenden Häuser, das waren seine Scheunen. Der Vater ist tot, die Mutter ist tot, die Kinder sind tot. In dem großen Hause ist eine Leinweberei. Die Scheunen sind zu Häusern verbaut, und das Vefele ist spurlos verschwunden. Nur das eine steht noch fest und wird es wohl immer bleiben, im ganzen Dorfe heißt das große Haus noch immer »des Schloßbauern Haus«; denn der alte Zahn, der Vater Vefeles, wurde der Schloßbauer genannt. Er war nicht aus dem Dorfe gebürtig, sondern aus dem zwei Stunden entfernten Baisingen herübergezogen. Baisingen gehört zu dem kornreichen sogenannten »Strohgäu«, und die Baisinger werden spottweise »die Strohgänger« genannt, weil im ganzen Dorfe fast alle Gassen mit Stroh bestreut sind. Dies dient sowohl dazu, um der Mühe der Straßenreinigung überhoben zu sein, als auch, um auf diese Weise mit dem zertretenen Stroh neuen Dünger zu gewinnen; denn die Baisinger haben so viele Aecker, daß sie dessen nicht genug habhaft werden können. Dreißig Jahre wohnte der Schloßbauer im Dorfe, aber so oft er einen Streit hatte, wurde er der Baisinger Strohgänger und seine Frau die krumme Baisingerin geschimpft. Die Frau Zahn war aber keineswegs krumm, sie war noch in ihrem Alter eine schöne, schlanke Frau mit gerader Haltung; nur war ihr linker Fuß etwas zu kurz, und daher kam's, daß sie beim Gehen hinkte. Dieser Körperfehler war aber auch mit die Ursache ihres ungewöhnlichen Reichtums. Ihr Vater, Staufer mit Namen, sagte einmal öffentlich im Wirtshause, daß der kurze Fuß seiner Tochter nichts schade, er stelle als Heiratsgut ein gestrichenes Simri Kronenthaler darunter, und da wolle er sehen, ob das nicht gerade mache. Der alte Staufer hielt Wort, und als der Zahn dessen Tochter heiratete, ließ er ihn ein Simri mit Kronenthalern füllen und so viel hineinthun, als hineinging; drauf strich er mit dem Streichbengel darüber und sagte. »So, was drin ist, ist dein!« Seine Tochter mußte zum Spaß ihren linken Fuß darauf stellen, und das mit dem Gelde gefüllte Kornmaß prangte als schöne Schüssel auf dem Hochzeitstische. Der Zahn kaufte sich bald darauf mit dem Gelde das gräflich Schleitheimische Schloßgut, baute das schöne große Haus, und darum hieß er der Schloßbauer. Von neun Kindern, die ihm geboren wurden, blieben fünf am Leben, drei Söhne und zwei Töchter. Das jüngste Kind war Vefele. Es war so schön und zart gebaut, daß man es, halb spöttisch, halb anerkennend, das »Fräle« hieß. Halb aus Mitleid, halb aus Schadenfreude bemerkte fast jeder, wenn von ihm die Rede war, es sei eben doch eine »Gezeichnete«, denn es hatte den kurzen Fuß von der Mutter geerbt. Mit dem Ausdruck »Gezeichnet« verbindet sich ein schlimmer Nebenbegriff; man nennt die Roten, Buckligen, Einäugigen, Hinkenden so und will damit sagen, daß Gott sie damit gezeichnet habe, weil sie gewöhnlich gefährliche und ungutmütige Menschen seien. Weil man nun solche Unglückliche spöttisch und argwöhnisch behandelt, werden sie meist schalkhaft, bitter und hinterlistig; das anfänglich ungerechte Vorurteil ruft die Folgen hervor, die man dann als Bestätigung für das Vorurteil annimmt. Das Vefele that zwar niemand etwas zuleide, ja es war gut und freundlich gegen alle Menschen; aber der Haß des ganzen Dorfes gegen den Schloßbauer wurde auch auf alle seine Kinder ausgedehnt. Der Schloßbauer prozessierte schon seit achtzehn Jahren mit der ganzen Gemeinde. Er machte auf die patronatsherrlichen Rechte Anspruch, er bezog den Rauchhafer, Hühnerhafer, Weghafer, und wie alle die grundherrlichen Abgaben heißen; auch hatte er fünfzig Stimmen bei der Schultheißenwahl. Nur mit dem tiefsten Aerger, mit Schelten und Schimpfen entrichteten die Bauern diese ihre gewohnten Abgaben. So sind die Menschen! Einem Grafen, Baron oder Freiherrn hätten sie ohne Widerrede alles entrichtet; aber jetzt verfluchten sie jedes Körnchen, das sie an einen ihresgleichen abgeben mußten. Sie wußten sich nicht anders zu rächen, als daß sie dem Schloßbauern nachts seine Kornfelder niedermähten, wenn das Korn noch grün war. Das gereichte ihnen aber doppelt zum Nachteil, denn der Schloßbauer brachte es durch Klagen beim Syndikatsamte dahin, daß der zugefügte Schaden – da die Thäter nicht entdeckt wurden – auf den Gemeindeschaden gestellt und ihm aus der Gemeindekasse vergütet wurde; auch hielt er sich fortan einen eigenen Flurschützen, den das Dorf zur Hälfte besolden mußte. Die Reibereien zwischen den Dorfbauern und dem Schloßbauer dauerten aber noch immer fort. Da ließ sich ein neuer Advokat in dem Städtchen Sulz nieder, und nun begann der Prozeß der Gemeinde mit dem Schloßbauern, bei dem so viel Papier verschrieben wurde, daß man einen ganzen Morgen Acker damit zudecken konnte. Das Dorf gehörte damals noch, wie ein großer Teil des Schwarzwaldes, zu Vorderösterreich, der Landvogt hatte seinen Sitz in Rottenburg, das Appellationsgericht in Freiburg im Breisgau; ein größerer Prozeß konnte aber noch weiter getrieben werden. Bei der entfernten und verwickelten obern Gerichtsbarkeit war es daher ein Leichtes, den Prozeß bis zum jüngsten Gericht in gehöriger Verwirrung zu erhalten. Der Streit zwischen dem Schloßbauern und seinen Ortsbewohnern gestaltete sich mit der Zeit zur Feindseligkeit zwischen den Baisingern und Nordstettern. Die Baisinger foppten und neckten die Nordstetter auf Märkten oder in der Stadt, wo sie mit denselben zusammenkamen; nannten sie spottweise ihre Unterthanen und Grundholden, weil ein Baisinger Bauer über sie herrschte. Die Nordstetter, unter dem Namen der Spitzmäuligen oder der Spöttler bekannt, blieben keine Antwort schuldig. Ein Wort gab das andre, man lachte, man scherzte, immer noch als »gut Freund«, aber die Anzüglichkeiten wurden immer derber, und ehe man sich's versah, war der Krieg auf irgend einer Seite ausgebrochen, und es setzte die ergiebigsten Prügel. Das war zum erstenmal auf dem Ergenzinger Markt, als dies geschah, und nun konnten Nordstetter und Baisinger nie mehr beisammen sein, ohne sich zu prügeln. Stundenweit gingen namentlich die jungen Burschen beider Orte zu einem Tanze oder zu einer Hochzeit, tranken und tanzten zuerst ruhig miteinander, und am Ende brach das Hauptfest, eine tüchtige Prügelei, los. Der Schloßbauer lebte aber mitten im Dorfe wie auf einer Einöde. Kein Mensch bot ihm die Zeit, kein Mensch besuchte ihn. Wenn er ins Wirtshaus kam, war alles plötzlich still. Es war ihm immer, als ob sie gerade von ihm gesprochen hätten. Er legte seinen mit gutem Tabak gefüllten Beutel neben sich auf den Tisch, aber eher hätte einer seinen Mund auf einen Stein aufgeschlagen, ehe er den Schloßbauer um eine Pfeife Tabak gebeten hätte. Anfangs gab er sich Mühe, um die wie verabredete Feindseligkeit aller durch Freundlichkeit und Güte zu zerstreuen, denn er war von Natur ein guter und nur etwas strenger Mann; als er aber sah, daß es nichts fruchtete, verachtete er alle insgesamt, scherte sich wenig mehr um sie und setzte nun erst recht seinen Kopf darauf, sein Recht zu behaupten. Er schloß sich nun selber von allen ab, nahm Taglöhner ans Ahldorf zu seinen Feldarbeiten, und um auch nicht einmal Gott mit seinen Dorfgenossen zu dienen, ging er Sonntagsmorgens jedesmal nach Horb in die Kirche. Er sah stattlich aus, wenn er so dahinschritt. Er schien kleiner, als er war, denn er war gedrungen und breitschulterig; er hatte seinen dreieckigen Hut etwas mutig nach der linken Seite zu gesetzt und den breiten Teil nach vorn gekehrt. Durch den Schatten, der dadurch auf sein Antlitz fiel, ward dieses noch finsterer und ernster, als es eigentlich war. Wenn er dann so fest einherschritt, klingelten die breiten, ganz nahe aneinander gereihten silbernen Knöpfe an seinem blauen Rocke ohne Kragen und die runden, silbernen Knöpfe an seiner roten Weste hell wie ein Glockenspiel aufeinander. Die Mutter und ihre Kinder, namentlich aber ihre beiden Töchter Agathle und Vefele, litten am meisten bei dieser Trennung von der Gemeinde. Sie saßen oft bei einander und klagten über ihr Los und weinten, während der Vater in der Stadt mit seinem Advokaten beim Schoppen saß und erst spät heimkehrte. So weit war der Haß gegangen, daß selbst die Armen, aus Furcht vor den andern, keine Gabe aus des Schloßbauern Hause nehmen durften. In doppelter Heimlichkeit, sowohl vor dem Vater als vor den andern Dorfbewohnern, übten die Mutter und ihre Töchter ihre fromme Wohlthätigkeit; gleich als ob es Diebstahl wäre, trugen sie Kartoffeln, Korn und Mehl in den Schloßgarten, wo die Armen ihrer warteten. Die Mutter hielt alles das nicht mehr aus; sie ging zu ihrem Vater und klagte ihm ihre Not. Der alte Staufer war ein besonnener, ruhiger Mann und wollte sichern Weges gehen. Er schickte daher zuerst seinen Hofjuden Marem nach Nordstetten, damit er insgeheim auskundschafte, wer denn eigentlich die Rädelsführer bei dem Prozesse seien, und ob sich nicht ein Vergleich machen ließe. Der Marem war aber gescheiter als der alte Staufer, trotzdem dieser schon fünfzehn Jahre Schultheiß war. Er ließ durch einen Bekannten in Nordstetten das Gerücht aussprengen, der Schloßbauer habe es dahin gebracht, daß eine kaiserliche Kommission auf Unrechtskosten nach Nordstetten kommen, die Sache untersuchen und dort bleiben werde, bis sie entschieden sei. Dann kam er selber und ging unmittelbar zu den Hauptleuten, sagte ihnen, daß er gegen eine bestimmte Vergütung einen Vergleich zustande bringen wolle, obgleich es sehr hart halten werde; er sicherte sich so auf beiden Seiten einen Vorteil. Was helfen aber alle noch so feinen Finten bei Menschen, die bärenmäßig dreinschlagen und alle Berechnungen und Kunststücke zu Schanden machen? Der alte Staufer kam, mit ihm Marem. Sie gingen in Begleitung des Schloßbauern nach dem Wirtshause, wo sich die Wortführer versammelt hatten. »Guten Tag, Herr Schultheiß,« sagten die Versammelten zu dem Ankommenden; sie thaten, als ob sonst niemand als der Gegrüßte eingetreten wäre. Der alte Staufer fuhr zusammen, ließ aber doch alsbald zwei Flaschen Wein bringen, schenkte ein, und sein Glas ergreifend, stieß er an die andern Gläser an und trank den Versammelten zu. Da sagte der Schlosser Ludwig: »Wir nehmend für genossen an, wir trinken aber nicht. Allen Respekt vor Euch, Herr Schultheiß, aber bei uns ist der Brauch, daß man erst nach dem Handel den Weinkauf trinkt. Wie's die reichen Herrenbauern in Baisingen machen, das wissen wir nicht.« Der Schultheiß setzte, ohne zu trinken, sein Glas wieder ab und seufzte tief. Er begann darauf mit ziemlicher Ruhe die Verhandlung und setzte auseinander, daß man sein sauer erworbenes Gut nicht an »die Blutsauger, die Advokaten«, wegwerfen solle, daß jeder Prozeß mit aus der Schüssel esse und das Fett oben 'runter schöpfe, und schloß damit, daß ein Schritt hüben und ein Schritt drüben zum Frieden führe. Es wurde nun von beiden Seiten eine weit auseinander liegende Vergleichssumme angesetzt. Der Marem gab sich alle Mühe, sie einander näher zu bringen. Er nahm bald diesen, bald jenen beiseite, flüsterte ihm etwas ins Ohr; er nahm endlich sogar, trotz beiderseitiger Einrede, eine Vergleichssumme aus seine eigene Verantwortung; er zerrte an allen umher und suchte die Hände der beiden Parteien mit Gewalt ineinander zu legen. Da sagte endlich der Schloßbauer: »Nein, eh' ich so einen Bettel nehm', schenk' ich's euch lieber ganz, ihr Hungerleider.« »Was du!« sagte darauf der Schlosser Ludwig, »mit dir schwätzt man ja gar nicht, du Strohgänger.« »Gebt nur acht,« erwiderte der Schloßbauer, »ihr werdet keine Strohgänger. Ich will euch schon betten, daß ihr kein Stroh mehr unterm Kopf habt zum Draufliegen. Und wenn ich und Weib und Kind drüber zu Grund gehen soll, und wenn mir kein Handbreit Ackers übrig bleibt, keinen roten Heller lass' ich euch jetzt mehr nach; ich muß mein Recht haben, und wenn ich an den Kaiser selber gehen muß. Wartet nur!« Er stand zähneknirschend auf; der Vergleich war durch keinerlei Bemühungen mehr zustande zu bringen. Der Schloßbauer fing sogar zuletzt noch mit seinem Schwäher Händel an und ging fort, indem er die Thüre laut hinter sich zuschlug. Zu Hause weinte die Mutter mit ihren Töchtern so laut, als ob jemand gestorben wäre, so daß alle Vorübergehenden eine Weile vor dem Hause stehen blieben; aber alle Bitten der Mutter und der Kinder halfen nichts, der Schloßbauer blieb bei seinem Vorsatze. Der alte Staufer reiste wieder nach Hause, ohne nochmals zu seiner Tochter zu kommen, er ließ ihr nur durch den Marem Ade sagen. Der alte Zustand dauerte fort, der Schloßbauer und seine Frau lebten oft in Unfrieden, aber das Vefele wußte immer alles gut zu machen. Der Vater hatte eine gewisse heilige Ehrfurcht vor dem Kinde, denn »das Kind« hieß Vefele im ganzen Hause. Es hatte ein so engelmildes Antlitz und eine so bezaubernde Stimme, es durfte nur des Vaters Hand nehmen, ihn mit den treuen, blauen Augen anschauen und sagen: »Aber, lieber Aetti«, und er war still und gut; der starke, trotzige Mann ließ sich von seinem Kinde besänftigen, wie wenn es ein höheres Wesen wäre; nie redete er ein hartes Wort, wenn das Vefele zugegen war, er that ihm alles, was es wollte, zu Gefallen, nur nicht die Versöhnung mit seinen Feinden. In dieser letzteren Beziehung war der Schloßbauer, trotzdem er nach außen so fest und bestimmt auftrat, doch innerlich in einem gewaltigen Zwiespalte. Er hätte gern seinen Feinden gutwillig die Hand gereicht, aber er schämte sich, so schwach zu sein, wie er es nannte, und er glaubte auch, er habe es schon zu weit kommen lassen, seine Ehre hänge davon ab, es durchzusetzen. Dann, wenn er an die Ehre dachte, erhob sich wieder sein Stolz, und er hielt sich für etwas Besseres als alle die andern Bauern. In diesem Gedanken bestärkten ihn die schmarotzenden Schreiber in dem nahen Städtchen und der Kronenwirt; sie redeten ihm viel vor von seinem ungewöhnlichen Verstande und von seinem Baronenvermögen; er glaubte es zwar nicht, es that ihm aber doch wohl, es zu hören. Nach und nach, als er merkte, daß die Stadtleute wirklich nicht gescheiter waren als er, hielt er sich in der That für besser als alle andern Bauern. Es war ihm zwar nie recht wohl in der Gesellschaft dieser Leute, die sich gern einen guten Schoppen von ihm bezahlen ließen; aber, dachte er wieder, man muß doch Gesellschaft haben, und es ist doch besser als Bauerngeschwätz. Ohne daß er sich's recht gestand, ging er gern in diese Gesellschaft, weil sie auf alle Art seiner Eitelkeit schmeichelte. So geht's. Der Schloßbauer lebte in Unfrieden mit sich, mit seinem Weibe, mit seinen Mitbürgern, mit allen, bloß weil er sich nicht demütigen wollte, weil er nichts von den alten Herrenrechten, oder besser Unrechten, nachlassen wollte, während er doch sonst noch vollauf zu leben hatte; sein Herz und seine Gedanken kamen immer mehr in Verwirrung, und er richtete sich und die Seinigen zu Grunde, während es ihnen doch hätte so wohl sein können. Nach und nach kamen in den Winterabenden einige alte Bauern, die zu Hause keinen warmen Ofen hatten, oder die ihren scheltenden Weibern davon gegangen waren, zu dem Schloßbauern; er aber war mürrisch und barsch gegen sie, es verdroß ihn, daß nur diese und nicht auch die Angeseheneren kamen. Die Besuchenden blieben wieder weg. Die Mutter war mit beiden Töchtern oft mehrere Tage bei ihrem Vater in Baisingen, der Schloßbauer aber schmollte mit seinem Schwäher. Er sah ihn nicht mehr, bis er auf der Bahre lag. Das Leben im Dorfe ward immer unangenehmer. Es ist ein traurig Ding, wenn man ins Feld geht und niemand bietet einem die Zeit. Der Schloßbauer unterhielt sich dann immer mit seinem großen Hunde, dem Sultan: das ist und bleibt doch immer eine traurige Unterhaltung für einen Menschen. Die schweren Zeiten, die durch Napoleon über Europa kamen, verschonten auch nicht das einsamste Bauernhaus im Schwarzwald. Straßburg war nicht weit, und Leute, die besonders gute Ohren hatten, wollten auf der Hochbur die in Straßburg abgefeuerten Siegesschüsse gehört haben; das sollte kommende große Not anzeigen. Freilich war damals leicht prophezeien, daß alles drunter und drüber gehen werde. Zum Feldzug nach Rußland wurde mit aller Macht gerüstet. Auch der Philipp und der Kaspar, die beiden ältesten Söhne des Schloßbauern, mußten mit in den Krieg; ihr Vater wäre lieber selber mitgezogen, denn ihm war alles verleidet, er sah seine beiden Söhne mit einem Stumpfsinn und einer Gleichgültigkeit scheiden, wie wenn einer sagt: Mir ist alles eins, komm, was da wolle. Der Philipp und der Kaspar sind wahrscheinlich im russischen Schnee begraben, man hat nie mehr etwas von ihnen gehört; nur das eine hat der General Hügel oft erzählt: Auf dem Rückzuge von Moskau aus sah er einen Soldaten, der etwas abseits ging und dem die Kälte oder die Not und das Heimweh, oder vielleicht alles zusammen, die Thränen stromweise über die Backen herunterrinnen machte. Der General ritt auf ihn zu und fragte ihn freundlich: »Woher?« »I bin des Schloßbauern Bua vom Schwarzwald do obe ra!« erwiderte der Soldat, nach der Seite zu deutend, als ob seines Vaters Haus nur einen Büchsenschuß weit dort um die Ecke läge. Der General mußte über die Antwort des Soldaten, der in Gedanken so nahe zu Hause war, so herzlich lachen, daß auch ihm Thränen über die Backen liefen, die aber in seinem langen Schnurrbarte als Eistropfen hängen blieben. Das ist alles, was die Geschichte über das Leben und Ende der beiden Sohne des Schloßbauern berichtet. Unterdessen war zu Hause Freud und Leid gemischt. Wenn ein Unglück oder ein trauriger Zustand lange dauert, richtet man sich zwischen Thür und Angel wohnlich ein; ein Mensch, wenn er gesund ist, kann nicht lange dem Schmerze nachhängen, die alte Lust des Lebens steigt bald wieder in ihm auf. So wurden zu Hause Kirchweihen und Hochzeiten gefeiert, während draußen in fernen Landen Hunderte der nächsten Angehörigen vom Tode in sein kaltes Bett gelegt wurden. Agathle, die älteste Tochter des Schloßbauern, war die Braut des Rößlewirts in Eutingen geworden; der Schloßbauer, der mit dem ganzen Dorfe verfeindet war, mußte seine Kinder außerhalb des Orts verheiraten. Vefele sah am Hochzeitstage der Schwester gar prächtig aus. Die Schwestern hatten im Dorfe keinen weitern Umgang, und so war Vefele die einzige »Gespiele« der Braut und ganz so wie sie gekleidet. Es hatte die »Schappel« – eine Krone von flimmernden Silberflittern – auf dem Haupte, in die beiden den Rücken hinabhängenden Zöpfe waren handbreite, ziegelrote Seidenbänder eingeflochten, die fast bis auf den Boden hinabreichten; das ist die besondere Zierde einer Jungfrau, denn nur eine solche darf rote Bänder im Haare tragen; ein Mädchen, »das sich verfehlt hat«, muß weiße leinene Bänder tragen. Um den Hals hatte Vefele die vielreihige Granatenschnur, deren dunkle Farbe die auffallende Zartheit der Haut noch mehr hervorhob; über dem weißen Spitzenkoller ragte ein frischer Blumenstrauß aus dem scharlachroten Mieder hervor, das zu beiden Seiten von silbernen Agraffen, durch die sich Silberkettchen schlangen, gehalten war; der um und um weitfaltige blaue »Wiflingrock«, der bis an die Kniee reichte, war zur Hälfte von der weißen Schürze bedeckt; überall, an den Schultern wie an den Enden der kurzen Hemdärmel, flatterten rote Bänder. Die »Stöckleschuhe« mit den hohen hölzernen Absätzen in der Mitte, gaben dem ohnedies schwankenden Gange Vefeles noch etwas Unsicheres. Dennoch, als es unter dem Klange der Musik und dem Abfeuern der Pistolen neben seiner Schwester zur Kirche ging, erschien Vefele so liebreizend, daß jeder es gerne als die Braut angesehen hätte. Wer weiß, wo die beiden Söhne des Schloßbauern waren, während dieser mit den Seinen fröhlich beim Hochzeitsschmause saß! Niemand gedachte ihrer. Nur Vefele schaute einmal lange unverrückt drein; es war, als ob sie nichts von alledem sehe, was um sie her vorging; als ob ihr Blick durch die Wände dringe und suchend hinausschweife ins Unendliche – sie gedachte ihrer fernen Brüder. Kaum zwei Monate später feierte auch Melchior, der dritte Sohn des Schloßbauern, seine Hochzeit. Er hatte auf des Agathles Hochzeit seine Braut, die einzige Tochter des Engelwirts von Ergenzingen, kennen gelernt und sich mit ihr versprochen. Obgleich Melchior noch sehr jung und kaum ein Jahr älter war als Vefele, beschleunigte man doch die Hochzeit, denn man fürchtete, er müsse sonst auch mit in den Krieg. Melchior zog nun auch fort aus dem Dorfe, und Vefele blieb allein im Hause. Die Mutter kränkelte, ein stiller Gram zehrte an ihrem Leben. Sie wollte ihren Mann immer dazu bringen, daß er alles verkaufe und aus dem Dorfe weg zu einem seiner Kinder zöge; der Schloßbauer aber gab ihr so heftige Antworten, daß sie nicht mehr davon reden durfte. Da hatte das Vefele traurige Zeiten, denn es hatte immer zu vertuschen und zu begütigen. Die Kränklichkeit machte die Mutter noch immer gereizter und unnachgiebiger, und sie sagte oft: wenn ihr Vater noch lebte, würde sie ihrem Manne auf und davongehen. – Diese Leute sahen doch schon bald das zweite Geschlecht aus ihrer Ehe hervorgehen, und noch konnten sie sich nicht ineinander finden; ja, je älter sie wurden, um so mehr schien sich eine Uebelnehmerei, eine heftige Bitterkeit zwischen ihnen kundzugeben. Das Vefele wußte zwar immer wieder den Frieden herzustellen; es war dann vergnügt und munter, aber im stillen weinte es oft bitterlich über das traurige Schicksal seiner Eltern und über sein eigenes, und dann gelobte es sich heilig, nie zu heiraten. Es kannte ja ohnedies niemand, dem es sein Leben hätte widmen mögen, und dann sah es wohl ein, wie nötig es im elterlichen Hause sei, wenn nicht das Feuer zum Dache herausschlagen solle. Geschrieben steht: Gott ahndet die Sünde der Väter an den Kindern; das gilt am meisten von einer bösen Ehe. In dem Herzen ohne Kindesliebe nimmt gar leicht Trübseligkeit oder Verirrung andrer Art Platz. Der Tod brachte die Mutter Vefeles bald zu ihrem Vater, und jetzt, nachdem seine Frau tot war, fühlte der Schloßbauer erst, wie viel ihm fehlte, wie lieb er doch im Grunde seines Herzens seine Frau gehabt hatte. Er grämte sich, daß er sie nicht nachgiebiger behandelt und daß er ihre Kränklichkeit so oft für Verstellung angesehen hatte; jedes harte Wort, das er ihr gegeben, schnitt ihm tief durch die Seele; er hätte gern sein Leben drum gegeben, wenn er es wieder hätte zurückrufen können. So geht's. Statt im Leben freundlich und friedfertig einander zu tragen und zu erfreuen, grämen sich die meisten Menschen, wenn es zu spät ist, wenn der Tod die traulichen Lebensgefährten von der Seite gerissen hat; darum soll man sich lieben, solange man noch lebt, denn jede Stunde, die man in Unliebe verbringt, hat man sich und dem andern unwiederbringlich vom Leben geraubt. Der Schloßbauer ging des Sonntags nicht mehr nach der Stadt, sondern in die Kirche des Dorfes, denn neben der Kirche lag ja seine Frau begraben; er machte jedesmal den Umweg und ging über den Gottesacker. Es war, als ob er das Grab seiner Frau durch diesen sonntäglichen Besuch versöhnen wollte. Im Hause war alles still, man hörte kein lautes Wort mehr, und das Vefele waltete sanft wie ein Friedensengel. Der Friede war da, aber die Freude fehlte doch: es war immer im Hause, wie wenn man jemand schmerzlich vermißte oder erwartete. Nach und nach fühlte sich der Schloßbauer durch das freundliche Walten Vefeles so wohl, daß er wieder neu auflebte; er that gar nichts ohne die Zustimmung »des Kindes«, er ließ es sogar meist allein über alles verfügen, und wenn jemand etwas von ihm haben wollte, sagte er immer ruhig: »Da müsset Ihr eben mein Vefele fragen.« So lebten sie viele Jahre; Vefele hatte die erste Hälfte der zwanziger Jahre überschritten. Viele Freier stellten sich ein und hielten um seine Hand an, aber es sagte immer, daß es nicht heiraten wollte; der Vater gab ihm recht. Dann sagte er wieder: »Vefele, du bist zu fein für einen Bauersmann, und wenn ich meinen Prozeß gewinn', ziehen wir in die Stadt, und ich geb' dir auch ein Simri voll Kronenthaler zum Heiratsgut, und dann kannst du unter den Herrenleuten wählen.« Das Vefele lachte zwar, aber innerlich gab es seinem Vater doch darin recht, daß, wenn es auch heirate, es doch nie und nimmer einen Bauern heiraten wolle. Es hatte ihre Leidenschaftlichkeit und Unversöhnlichkeit zu lange mit erduldet und hatte nun ein tiefes Vorurteil gegen sie; es wähnte, in der Stadt, wo die Leute gesitteter und feiner wären, müßten sie auch besser und braver sein. Die vielen Kränkungen hatte es nur dadurch ertragen, daß es die Leute für zu roh und sich selber für etwas Besseres hielt, und indem es so immer mehr über das Bauernleben nachdachte, hielt es sich selber nicht nur für besser als die andern, sondern auch für höher stehend und vornehmer. Das war sein großes Unglück. 2. Man irrt sich gar gewaltig, wenn man glaubt, auf dem Lande da könne man ganz ungestört allein für sich leben. Das kann man nur in einer großen Stadt, wo die Menschen sich nicht umeinander kümmern, wo einer an dem andern täglich vorübergeht, ohne zu wissen, wer er ist, was er thut und treibt, wo man ohne Gruß, ja fast ohne Blick vor einem Menschen vorbeirennt, als ob er ein Stein, und nicht, als ob er ein Mensch wäre. Aus dem Lande, in einem Dorfe aber, wo die kleine Anzahl der Einwohner sich kennt, muß man gewissermaßen von seinem Thun und Treiben einem jeden Rechenschaft geben, man kann sich nicht selbstgenügsam abschließen. – Im Schwarzwalde ändert sich der Gruß je nach dem öffentlichen Thun: gehst du den Berg hinab, so sagt dir der Begegnende: »Weant (wollt) Ihr au do 'na?« Den Berg hinauf: »Weant Ihr au do 'nuf?« Ladest du etwas auf den Wagen, so heißt es: »Ueberladet et«; oder: »Ueberschaffet Eu et.« Sitzest du ausruhend vor deinem Hause oder auf einem Feldraine: »Weant Ihr au g'ruawe (ruhen)?« oder: »Hent (habt) Ihr Feierobed?« Plauderst du mit andern, so sagt der Vorübergehende: »Hent ihr guate Rot?« u. s. w. In dieser ausgesprochenen Teilnahme an dem Thun und Lassen des andern liegt eine gewisse sinnige Gemeinschaft des Lebens, die sich über alles ausbreitet; aber auch hier fehlen die Schattenseiten nicht. Will einer aus besonderen Gründen sein Leben so einrichten, daß es gegen die allgemeinen Sitten und Gewohnheiten verstößt, so ist er dem Widerstreben und dem Spotte aller ausgesetzt; namentlich ist ein alter Junggeselle oder eine alte Jungfer die Zielscheibe des Straßenwitzes, gleichviel, ob sie aus Armut oder aus irgend einem andern Grunde im ledigen Stande verharren. Je mehr sich nun Vefele der trübseligen Altjungferzeit näherte, um so mehr erlaubte man sich, das »Schloßfräle« zu necken und zu verhöhnen. Einmal, an einem Sonntage, ging Vefele durch das Dorf. Vor dem Rathause stand ein »Rädchen« junger Bursche; der Tralle, ein halbstummer Dorftölpel, stand nicht weit davon. Als sie nun das Vefele bemerkten, da rief einer: »Tralle, da kommt dein' Hochzeiterin.« Der Tralle grinste fröhlich. Sie ermutigten, hetzten und stießen ihn nun, er solle seine Braut am Arme nehmen; das Vefele hörte es und glaubte, es müsse vor Scham und Aerger in den Boden sinken. Schon stolperte der Tralle zu ihm her und faßte es mit grinsenden, verzerrten Mienen am Arme; Vefele erhob seinen Blick so jammernd und vorwurfsvoll nach den Burschen, daß wirklich einer derselben versucht war, ihm beizustehen. Man hörte nicht, was er sprach, denn die Burschen lachten überlaut. Da kam dem Vefele unversehens Hilfe. Der Hund, das Mohrle, der ihm gefolgt war, sprang plötzlich auf den Rücken des Tralle, faßte ihn am Kragen und riß ihn zu Boden. Vefele hatte nur zu thun, den Hund wieder von seiner Beute loszumachen, dann ging es schnell seines Weges fort. Das Mohrle war fortan eine gefürchtete Macht im Dorfe. Dieser Vorfall betrübte das Vefele sehr, und die Abneigung gegen das Bauernwesen bestärkte sich immer mehr in ihm. Vefele war auf einige Wochen zum Besuche bei Melchior in Ergenzingen; auch hier war es oft betrübt, denn der Melchior hatte eine hartherzige, geizige Frau, bei der er kaum satt zu essen bekam. Der Schultheiß von Ergenzingen, ein Witwer mit drei Kindern, kam oft zum Melchior, und eines Tages freite er um Vefele. Vefele war fast entschlossen, dem Antrag zu willfahren; es hatte zwar keine Neigung zu dem Schultheißen, aber das einsame Leben war ihm verleidet, und dann erfreute es sich an dem Gedanken, den mutterlosen Kindern eine freundlich liebende Mutter zu sein. Da kam der Schloßbauer und stellte seinem Kinde vor, daß der Schultheiß ein Grobian sei, der seine erste Frau hart gehalten habe, und dann sagte er wieder, daß für Vefele nur ein feiner Mann passe. Der Schultheiß erhielt eine abschlägige Antwort. Sein Antrag war aber im Flecken bekannt geworden; die jungen Burschen, die dem strengen Mann gern einen Streich spielten, streuten ihm des Nachts Spreu von seinem Hause bis zu dem Hause Melchiors. Der Schultheiß faßte fortan einen besonderen Haß gegen Melchior und Vefele, dieses aber zog mit seinem Vater wieder nach Haus in die Einsamkeit. Hätte nur Vefele seiner eigenen Eingebung gefolgt und den Schultheißen geheiratet! Aber es war bestimmt, es sollte sein trauriges Schicksal erfüllen. Das Leben des Schloßbauern schien früher enden zu wollen als sein Prozeß. Der einst so starke Mann kränkelte und siechte; der lange verhaltene Gram und Aerger hatten wie ein Wurm seinen Lebenskern angefressen. Oft halbe Tage saß er in seinem großen Lehnstuhle und redete kein Wort, nur bisweilen murmelte er ein paar unverständliche Laute mit seinem Hunde Mohrle, der, den Kopf auf seines Herrn Schoß gelegt, mit treuen Augen nach ihm aufschaute. Vefele konnte nicht immer um den Vater sein, und jetzt in seiner Krankheit fühlte er doppelt und dreifach, wie vereinsamt und abgeschnitten er von aller Welt war. Gerade wie es vielen Menschen ergeht, die, solange sie gesund und glücklich sind, oft von Gott verlassen so in den Tag hineinleben, wenn aber Krankheit und Unglück über sie kommen, um so schmerzlicher nach Gott, ja sogar oft nach dem falschen Gott des Aberglaubens ringen; so erging es in andrer Weise dem Schloßbauern. Er hatte, solange er gesund war, von den Menschen verlassen gelebt und sich wenig darum bekümmert; jetzt wäre es ihm überaus lieb gewesen, wenn irgend einer, wer es auch sei, mit ihm seine warme Stube geteilt hätte, und wenn sie sich gegenseitig nur hätten eine Prise Tabak bieten können. Der Schloßbauer legte sich in das Fenster und schaute hinaus, er hustete, wenn einer vorüberging; aber niemand grüßte, niemand kam. Er machte dann immer wieder mißmutig das Fenster zu. Es war zwei Tage vor Neujahr, Vefele war mit der Magd am Rathausbrunnen, um Wasser zu holen; es zwang sich absichtlich zu dieser groben Arbeit, weil es gehört hatte, daß die Leute im Dorfe sagten, es schäme sich einer solchen. Eben hatte es seinen Kübel voll gepumpt, da sagte die Magd: »Guck, der do mit den doppelten Augen, des ist g'wiß der neue Feldscherer.« Ein modisch gekleideter Herr kam das Dorf herab, er trug eine Brille auf der Nase. Just als er an den beiden Mädchen vorüberging, nahm Vefele das Wasser auf den Kopf, aber durch einen unglücklichen Tritt glitt es auf dem Glatteise aus, fiel auf den Boden und ward ganz durchnäßt. Als Vefele sich wieder aufrichtete, stand der fremde Herr bei ihm, er reichte ihm die Hand und hob es auf, dann fragte er teilnehmend, ob es sich keinen Schaden gethan, es wäre gar gefährlich gefallen. Es lag so was Gutes in dem Ton seiner Worte, daß dem Vefele plötzlich gar wunderlich zu Mute wurde; es dankte herzlich und sagte, daß es sich nichts gethan; es ging weiter, der Fremde ging neben ihm. »Ei, Sie hinken ja!« sagte der Fremde wieder, »haben Sie sich den Fuß verrenkt?« »Nein, ich hab' einen kurzen Fuß,« sagte Vefele, und trotzdem, daß es an allen Gliedern fror, schoß ihm doch das Blut siedendheiß ins Gesicht. Es bedeckte sich mit der Schürze das Gesicht und that, als ob es sich abtrocknen wollte, und doch war die Schürze ganz durchnäßt. Der Fremde bemerkte nun, daß es kaum merklich hinke; Vefele lächelte halb ungläubig, halb geschmeichelt darüber. Es war Vefele ganz eigen zu Mute, daß der Fremde immer so neben ihm herging durch das ganze Dorf bis zu seinem Hause; aber auch dort trat er mit einigen Entschuldigungsworten ein, ohne eine Antwort darauf abzuwarten. Das Mohrle aber sprang plötzlich auf den Fremden los und hätte ihn gewiß niedergerissen, wenn nicht der herbeigekommene Schloßbauer und das Vefele mit aller Macht abgewehrt hätten. Der Fremde verordnete nun für Vefele mancherlei Vorkehrungen gegen Erkältung, es mußte sich ins Bett legen und Thee trinken. Mittlerweile saß nun der Fremde, oder wie er eigentlich hieß, Eduard Brönner, bei dem Schloßbauern und plauderte behaglich mit ihm; kaum eine Stunde war vorüber, so hatte er die ganze Geschichte des Schloßbauern erfahren. Dieser gewann den Herrn Chirurgus Brönner schnell lieb, sprach aber soviel von der Brille und fragte mehrmals, ob er diese immer nötig habe, daß Brönner wohl merkte, dieses Gelehrteninstrument war ihm unangenehm. Er nahm daher die Brille ab, und der Schloßbauer nickte ihm dafür freundlich zu, indem er sogleich bemerkte, daß er viel offener mit einem sprechen könne, der sein Augenlicht nicht in einer Laterne stecken habe. Nun klagte er auch sein körperliches Leid; Brönner machte eine gar wichtige Miene und sagte: er wäre bis jetzt durchaus falsch behandelt worden, und verschrieb ein unfehlbares Mittel. Brönner kam von dieser Zeit an fast jeden Tag in des Schloßbauern Haus. Jedes freute sich, wenn er kam, nur das Mohrle behielt seine Abneigung; es gab keinen Worten mehr Gehör, sondern mußte jedesmal angebunden werden, wenn Brönner da war. Eines Tages, als Brönner wegging, warf er unversehens dem Hund ein Stück Brot hin, aber der Hund ließ das Brot liegen und sprang nach dem Geber, als ob er ihn zerreißen wollte, und das Sprichwort: »kein Hund nimmt ein Stück Brot von ihm,« bewährte sich an Brönner buchstäblich. Vefele aber nahm um so mehr die Schmeicheleien und schönen Reden Brönners an. Es zankte gar gewaltig mit der Magd, welche behauptete, der Brönner habe nur einen Rock, denn er käme Sonntags und Werktags in demselben; es schalt das Mädchen dumm und erklärte, daß das bei den Herrenleuten so wäre. Vefele saß oft dabei, wenn Brönner mit dem Vater über allerlei sprach, und es freute sich jedesmal, wenn dem Vater die Ansichten Brönners gefielen und er sie gescheit nannte, wie wenn es selber das gesagt hätte. Der Schloßbauer fühlte sich auf das von Brönner verordnete Mittel zufällig etwas besser, und nun sprach dieser oft davon, daß er eigentlich ein besserer Doktor sei, als der Physikus, daß aber das Gesetz ihm die Ausübung verbiete. Er schalt dann auf die Herren, die da meinen, nur einer, der viel Bücher im Kopfe habe, wäre gescheit; die »Praxi« (wie er es nannte) mache den Meister; ein Bauer, der die Welt kennt, verstände oft mehr von der Regierung, als alle Minister und Landvögte, und so sei es auch meistens bei der Medizin, die »Praxi« mache den Meister. Indem er nun so, zufällig oder absichtlich, Wahres und Falsches untereinander mischte, gewann er die Neigung des Schloßbauern, der sich in seinen Lieblingsansichten immer mehr bestärkt sah. – Auch des Prozesses nahm sich Brönner an; er bekräftigte den Schloßbauer in seinem Vorsatze, nun endlich auch wie seine Gegenpartei zur Bestechung seine Zuflucht zu nehmen. Brönner hatte den gescheiten Gedanken, daß man seine Gegenpartei übertreffen und Gold geben solle. Damals in der »guten alten Zeit« konnte kein Rechtshandel ohne »Schmierale« fertig werden, und die Beamten nahmen dies ohne Scheu an. Als Brönner eines Abends aus des Schloßbauern Haus wegging, gab ihm Vefele das Geleite bis unter die Thür; da standen sie noch eine Weile bei einander. Brönner faßte die Hand Vefeles und sagte: » Parole d'honneur , Vefele, Sie sind ein liebes Mädchen und gar nicht wie ein Bauernmädchen. Sie sind auch viel zu fein für ein Bauernmädchen, parole d'honneur , und haben so viel Verstand, wie irgend eine in der Stadt.« Vefele sagte zwar, er wolle es nur foppen, aber innerlich gab es ihm doch recht. Er küßte dann die Hand Vefeles und nahm Abschied, indem er höflich seinen Hut vor ihm abzog. Vefele stand noch lange unter der Thür und blickte gedankenvoll drein, ein heiteres Lächeln schwebte auf seinem Antlitze; die höfliche und doch so gutherzige Art Brönners hatte ihm gar wohl gefallen. Dann ging es singend die Treppe hinauf, und als es die große Suppenschüssel fallen ließ, lachte es überlaut. Es kam ihm heute abend alles so lustig vor, daß es keine trübe Miene machen konnte, es ging noch spät in den Keller und holte den Knechten heimlich eine Flasche Obstwein; sie sollten auch einmal mitten in der Woche vergnügt sein. Das Verhältnis zwischen Brönner und Vefele ging nun in Riesenschritten vorwärts. Ein neues, durch das lange Harren fast unerwartetes Ereignis brachte frische Lust und Freude in des Schloßbauern Haus; die Nachricht war angekommen: er hatte endlich seinen Prozeß gewonnen. Die Gegenpartei war in Rottenburg gewesen, und der Landvogt hatte ihnen offen und doch verblümt gesagt: »Des Schloßbauern Füchsle haben eure Schimmele überritten.« Trotzdem der Schloßbauer nicht ausgehen konnte, zog er doch sein Sonntagskleid an und saß vergnügt in seinem Stuhle und schüttete dem Mohrle einen ganzen Hafen Milch in seine Morgensuppe. Er schickte sogleich Boten nach Melchior und Agathle, sie sollten kommen und sich mit ihm freuen; man sagte ihm nicht, daß Agathle todkrank darniederliege. Auch nach Brönner wurde geschickt, und dieser war der einzige, der zum Schmause kam. Der Schloßbauer saß bis tief in die Nacht hinein und trank und lachte und scherzte, manchmal wurde er auch trüb; er wünschte sich nur, daß seine »Alte« das auch noch miterlebt hätte, und er trank ein volles Glas zu ihrem Andenken. Man mußte den Ueberfröhlichen, der schon auf dem Stuhle halb eingeschlafen war, endlich zu Bette bringen. Es war schon spät, als auch Brönner sich zum Fortgehen anschickte; Vefele leuchtete ihm hinab, sie waren beide hocherregt und küßten sich heftig. Auf sein Bitten und Betteln sagte nun Vefele ganz laut: »gut Nacht«; Brönner that desgleichen, er nahm den Hausschlüssel, schloß die Thür auf, schlug sie heftig zu und verschloß wieder. Aber er war nicht hinausgegangen, sondern er schlich sich hinauf in das Kämmerlein Vefeles. Niemand im Hause merkte etwas davon, nur das Mohrle, das im Hofe angebunden war, bellte unaufhörlich die ganze Nacht, wie wenn ein Dieb ins Haus gedrungen wäre. In derselben Nacht teilte sich der Engel des Lebens und der Engel des Todes in die Herrschaft des einen Hauses; am andern Morgen fand man den Schloßbauer, vom Schlage gerührt, tot in seinem Bette. Niemand ahnte, warum das Vefele bei der Leiche des Vaters wie wahnsinnig raste und sich gar nicht wollte beruhigen lassen; es war sonst immer so verständig und besonnen, und jetzt wollte es gar keine Vernunft annehmen. Das Schloßgut wurde nun wieder von einem Baron angekauft, und die Bauern bezahlten nach wie vor ohne Widerrede die alten Herrenabgaben. 3. Vefele zog nun zu seinem Bruder Melchior nach Ergenzingen; nichts war ihm aus dem Dorfe gefolgt als das Mohrle. Die Schwester Agathle starb bald nach dem Tode des Vaters, und die Leute munkelten, Vefele werde nun ihren Schwager heiraten; das konnte aber nie und nimmer geschehen. Brönner kam jede Woche mehrmals nach Ergenzingen; er mußte irgendwo Geld aufgetrieben haben, denn er war überaus prächtig gekleidet, auch benahm er sich gegen Vefele und die andern ganz sicher, ja fast vornehm. Er gab zu verstehen, daß man ihn künftighin »Herr Doktor« heißen solle. Vefele mußte nicht, was das sein sollte, es ließ sich aber alles gefallen, denn es hatte ihm seinen Stand eröffnet. Im Hause Melchiors war ein Knecht, Wendel mit Namen, ein baumstarker und arbeitsamer Bursch; der teilte gleiche Freundschaft und Feindschaft mit dem Mohrle: er liebte den Hund, weil er gleich ihm den Brönner haßte, und er liebte ihn doppelt, weil er ebenfalls dem Vefele so gut war. Brönner hatte einmal per »Er« mit dem Wendel gesprochen, und dieser, der schon lang gern einen Grund gehabt hätte, um Brönner zu hassen, faßte von da an eine Todfeindschaft auf den »Bartkratzer«. Dennoch aber ließ er sich mehr als zwanzigmal und oft spät in der Nacht zu ihm nach der Stadt schicken, wenn Vefele sagte: »Wendel, willst du nicht so gut sein?« Da wanderte er dann hin, und das Mohrle sprang mit, und sie brachten einen Brief von Vefele an den »Doktor«. Oft auch, wenn der Wendel den ganzen Tag geackert hatte und müder war als seine Gäule, brauchte das Vefele nur ein gut Wort zu sagen, und er spannte nochmals ein und führte den Brönner durch Nacht und Wetter heim. Eines Samstagabends sagte Vefele im Hofe zum Wendel: »Morgen früh mußt du so gut sein und ganz früh nach Horb fahren und den Brönner holen.« »Ist's denn wahr?« fragte Wendel, »daß Ihr Euch miteinander versprechen wollt?« »Ja.« »Wenn ich Euch raten soll, so thut's nicht, es gibt noch rechtschaffene Bauersleut' genug.« Vefele erwiderte: »Du kannst's eben dem Brönner nicht vergeben, daß er einmal Er zu dir gesagt hat.« Es wollte noch mehr hinzusetzen, aber es bedachte sich, denn es wollte den Wendel nicht beleidigen. Innerlich aber sagte es sich: »es ist doch gräßlich, wie dumm und hartnäckig so ein Bauer ist,« und es freute sich, darüber hinausgekommen zu sein. – Trotz seiner Widerrede war Wendel doch schon lange, ehe es tagte, mit dem Wägelchen auf der Straße, um den Brönner abzuholen. Vefele und Brönner verlobten sich nun öffentlich miteinander, und die Leute sprachen allerlei davon, ja sie sagten sogar heimlich, Brönner habe dem Schloßbauern, weil er die Heirat mit seiner Tochter nicht habe zugeben wollen, einen Trank gegeben, woran er gestorben sei. So schießen die Leute in ihren überklugen Vermutungen meist über das Ziel hinaus. Die erste Veränderung, der sich nun Vefele unterwerfen mußte, war eine sehr traurige. Der Brönner schickte ihm eines Tages eine Näherin aus der Stadt und ließ ihm Kleider anmessen. Vefele kam sich vor wie ein Rekrut, der nicht mehr Herr über sich ist und sich in jede beliebige Uniform stecken lassen muß, weil ihn das Los so getroffen; es ließ alles ohne Widerrede aus sich machen. Als es nun am Sonntage darauf die neuen Kleider anziehen mußte, stand es weinend bei der Näherin in der Kammer, es nahm von jedem einzelnen Stückchen wehmütig Abschied, es war ihm, als ob es seinem ganzen bisherigen Leben damit entsagte. Mit besonderer Wehmut betrachtete es den seinen Wiflingrock; seine Mutter hatte ihn ihm gegeben, als es gefirmt wurde, es war darin zum erstenmal zur Beichte und zu Gottes Tisch gegangen, und die Mutter hatte ihm gesagt, es solle einst damit zum Traualtare gehen. Auch das ist eine Unannehmlichkeit der Stadtkleider und bezeichnet schon das Herrenwesen, daß man sie nicht allein anziehen kann und jemand zum Zuhafteln braucht. Vefele schauderte immer zusammen, wenn die Näherin so an ihm herumbosselte. Die Haare waren in einen Zopf geflochten und mit einem Kamme aufgesteckt, und als nun das Vefele endlich fix und fertig dastand und sich im Spiegel betrachtete, mußte es über sich lachen, und es verbeugte sich höflich vor sich selber. Brönner war hocherfreut, als das Vefele schüchtern in die Stube trat; er bemerkte, daß es zehnmal hübscher aussehe. Als aber Vefele sagte: daß die Stadtkleider doch nichts seien, und daß ein einziges Bauernkleid mehr wert sei und auch mehr koste als sechs solcher Stadtfahnen, da machte der Brönner ein böses Gesicht und sagte, das wäre »dummes Bauerngeschwätz«. Das Vefele preßte die Lippen zusammen, und die Thränen standen ihm in den Augen; es ging hinaus und weinte. Das Vefele ging fast gar nicht aus dem Hause, denn es schämte sich, so »vermaskiert« zu sein; es meinte, jedermann müsse es drum ansehen. Nur ein einziges Mädchen im Dorfe, das bei der alten Ursula aufgezogen ward, hatte auch Stadtkleider an, und man wußte nicht recht, woher es war. Das Vefele hatte schwere Zeiten in dem Hause Melchiors, dessen Frau ein böser Drache war und immer tote Kinder gebar, so daß die Leute sagten, ihr Gift töte die Kinder im Leibe. – Oft saßen Melchior und Vefele in der Scheune, und sie thaten, als ob sie sich zum Spaß Rüben schälten; in der That aber aßen sie sie mit gutem Appetit. Vefele gab sich alle Mühe, den Bruder zu steter Nachgiebigkeit zu ermahnen. Es hatte erfahren, was Unfriede in einem Hause war, und es drang nun darauf, daß bei allen Entbehrungen Friede sein sollte; der gute Melchior willigte gern in alles. Doppelt und dreifach drang aber Vefele bei Brönner auf baldige Verheiratung. Da trat dieser mit einem neuen Plane hervor; er wolle nach Amerika auswandern, er könne so gut doktern wie der Amtsphysikus, hier zu Lande aber dürfe er das nicht, und darum wolle und müsse er fort. Das Vefele rang die Hände, warf sich auf die Kniee und bat, daß er von diesem Plane abstehe, sie hätten ja Vermögen genug, um auch ohne Doktorei zu leben. Der Brönner aber blieb unerschütterlich und nannte das Vefele ein »dummes Dorfkind, das nicht wisse, daß hinterm Berge auch noch Leute wohnen«. Da sank das Vefele in sich zusammen, es lag mit dem Gesichte auf dem Boden, und ein furchtbarer Gedanke ging ihm durch die Seele, der Gedanke, daß es mißachtet und auf ewig unglücklich sein werde. Brönner mochte das ahnen, er kam zu ihm, hob es freundlich auf, küßte es und redete gar fein und höflich, so daß das Vefele alles vergaß und in alles willigte: es wollte mit ihm nach Amerika auswandern, es wäre ihm in die Hölle gefolgt, so hatte er sein Herz und seine Sinne bestrickt. Brönner hatte schon alles vorbereitet, das Vermögen Vefeles wurde zu Geld gemacht und, um zur Reise bequemer zu sein, in lauter Gold eingewechselt. Vefele hob es bei seiner Aussteuer auf. Vefele und Brönner sollten in der Kirche verkündet werden; aber die Papiere Brönners, der aus dem Hohenlohischen gebürtig war, blieben immer aus. Da kam dieser eines Tages – Vefele stand in der Küche am Waschzuber – und er sagte: »Vefele, weißt du was, ich muß heim und die Papiere selber holen, unten ist ein guter Freund mit einer Chaise, ich habe gerade Gelegenheit, nach Tübingen zu fahren; dann laß ich auch für uns den Paß von dem Gesandten unterschreiben, und dann gehen wir noch den Herbst fort.« »Lieber heut als morgen,« sagte das Vefele. »Apropos,« sagte Brönner wieder, »ich habe jetzt gerade kein Geld, kannst du mir nicht was geben?« »Da hast den Schlüssel,« sagte Vefele, »hol dir droben; du weißt ja, wo's liegt, links bei den neuen Hemden, die mit dem blauen Bändele zusammengebunden sind.« Brönner ging hinauf und kam nach einer Weile wieder, Vefele trocknete an der Schürze die Hand und reichte ihm dieselbe, Brönners Hand zitterte. Vefele wollte ihm ein Stück Weges »ausfolgen«; er bat es, da zu bleiben, und er rannte schnell die Treppe hinab. Es war Vefele traurig zu Mute, daß Brönner sich nicht einmal bis unter die Hausthür begleiten ließ, es glaubte, er schäme sich seiner vor seinem Freunde; es dachte darüber nach, wie das einst werden solle, und bittere Thränen tröpfelten in den Waschzuber. Dennoch ging es hinauf in seine Dachkammer und schaute zum Fenster hinaus, um die Kutsche noch mit den Blicken begleiten zu können. Wie erstaunte es aber, als es sah, daß die Kutsche nicht nach Tübingen, sondern den Weg nach Herrenberg fuhr. Es hatte schon den Mund geöffnet, es war ihm, als müßte oder könnte es ihnen zurufen, sie seien auf falschem Weg; da besann es sich, daß es sich wohl verhört, oder der Brönner sich versprochen haben möge. Acht, vierzehn Tage waren vorüber, weder Brönner noch Nachricht von ihm kam. Vefele war oft betrübt in dem Gedanken, daß es sein ganzes Leben lang einem Manne hingegeben sein solle, der keinen rechten Respekt vor ihm hatte; es war nicht stolz, aber es dachte doch daran, wie jeder, und sogar der Schultheiß im Orte, sich hochgeehrt gefühlt hätte durch seine Hand. Oft aber dachte es wieder mit dem innigsten Entzücken an Brönner, und es bat ihn in Gedanken um Verzeihung für alle die herben Vorwürfe, die es ihm in seiner Seele gemacht hatte. Es stellte sich ihn ganz vor, wie er war, und da erschien er so herrlich und lieb, und es sah gar keinen Fehler mehr an ihm; denn so ist es immer: wenn wir von Menschen entfernt sind, die wir gern haben, sehen wir gar keinen Fehler und nur Tugenden an ihnen. – Hätte der Brönner nur eine Tugend gehabt! Melchior fragte Vefele über das lange Ausbleiben Brönners, und es that, als wüßte es den Grund und wäre darüber beruhigt. Eines Tages saß Vefele in trüben Gedanken in seiner Kammer; es hatte lange zum. Dachfenster hinausgeschaut, ob Brönner nicht komme, aber es sah nichts. Es wollte sich eine Freude machen und öffnete den Schrank, um die schöne Aussteuer zu betrachten, aber, o Himmel! da war alles so zerzaust, als ob Hexen darüber gewesen wären; es griff unwillkürlich nach dem Gelde, aber – das war fort. Es schrie laut auf und plötzlich, wie feurige Pfeile so schnell, flogen ihm die Gedanken durch die Seele: der falsche Weg, den Brönner gefahren . . das Zittern seiner Hand . . daß es ihm nicht ausfolgen durfte . . sein langes Ausbleiben – – Mit raschen Schritten sprang Vefele an das Dachfenster und wollte sich hinausstürzen; da faßte es eine Hand von hinten, es war Melchior, der auf den Schmerzensschrei herbeigeeilt war. Vefele warf sich auf die Kniee und erzählte händeringend seinem Bruder alles. Melchior raste und wütete, er wollte fort, alle Gerichte zu Hilfe rufen. Da fiel Vefele auf das Angesicht und erzählte ihm seine Schande; Melchior sank zu ihm nieder auf den Boden und weinte mit. Lange saßen die beiden Geschwister so auf dem Boden hart aneinander gelehnt, laut schluchzend, ohne ein Wort zu reden, ja beide scheuten sich fast, einander anzusehen. – Wer die Menschen kennt und die Eigentümlichkeiten der Bauern insbesondere, der wird es wohl zu schätzen wissen, daß Melchior seiner Schwester Vefele nie den geringsten Vorwurf über ihren Fall machte; ja, er suchte, so viel er konnte, ihren niedergedrückten Lebensgeist wieder aufzurichten. Die meisten Menschen machen sich für ihre Teilnahme bei einem Mißgeschick oder einem Fehltritt gleich dadurch bezahlt, daß sie ihrem freundschaftlichen Aerger und ihren weisen Ermahnungen Luft machen. Das mag bei Kindern oder überhaupt bei solchen Menschen am Platze sein, die nicht wissen, was ihnen geschehen oder was sie gethan; bei Menschen aber, die den Pfeil wohl fühlen, der in ihre Brust gedrungen, ist es unvernünftig, wenn nicht grausam, den Pfeil noch um und um zu wühlen, statt ihn sogleich behutsam und zart herauszuziehen. Melchior beratschlagte nun mit Vefele, was zu thun sei, und sie kamen überein, daß man vorerst keinen Lärm machen und alles im geheimen zu Ende führen müsse. Mit einer Entschiedenheit, als wäre er ein ganz andrer Mensch geworden, forderte Melchior seiner Frau Geld ab, und wenige Stunden darauf reiste er in seinem Wägelchen dem Brönner nach. Vefele wollte mit, es wollte fast verzweifeln, daß es zu Hause bleiben und nichts thun solle, als harren und weinen, aber Melchior redete ihm die Mitreise aufs liebevollste aus. Tage und Wochen schmerzlichen Hinbrütens vergingen. Wer das Vefele früher gekannt hatte, wäre jetzt furchtbar erschrocken über die Veränderung seines ganzen Wesens. Es ließ sich aber vor niemand sehen, es lebte ein Leben ohne Willen, das kein eigentliches Leben war, es aß und trank, schlief und stand auf, aber es wußte und wollte von alledem nichts, es blickte immer drein wie eine Wahnsinnige. Auch weinen konnte es nicht mehr. All sein Denken, seine tiefste Seele war wie scheintot, wie lebendig begraben; es hörte die Welt draußen hantieren, es verstand sie wohl, aber sich selber konnte es nicht verständigen. Als Melchior zurückkam, ohne eine Spur von Brönner entdeckt zu haben, hörte Vefele alles mit einem herzzerreißenden Stumpfsinn an, es schien auf alles gefaßt. Still, fast ohne ein Wort zu reden, lebte es dahin. Nur als es vernahm, daß Brönner mit Steckbriefen verfolgt wurde, jammerte es laut auf; es war ihm, als ob Millionen Zungen durch die Welt hin seinen Schmerz und seine Schande verkündeten, und doch – so weit geht die Liebe – weinte es fast mehr um Brönner, als um sich selber. Bei alledem hatte das traurige Schicksal Vefeles noch nicht seine höchste Höhe erreicht. Als seine Schwägerin seinen Stand inne ward, steigerte sich ihre Hartherzigkeit zum empörendsten Grade, sie verfolgte und mißhandelte Vefele auf jede Weise. Das aber duldete still, es sah sich auserkoren, das größte Kreuz über sich zu nehmen, und es gehorchte ohne Murren; das Doppelleben in ihm schien es mit einer geistigen und körperlichen Kraft auszurüsten, die über jedes Ungemach unversehrt hinwegschritt. Als aber Vefele hörte, wie die Schwägerin dem Melchior Vorwürfe machte, und wie sie den Tag verwünschte, an dem sie in eine Familie eingetreten war, die einen solchen Schandfleck habe, da blutete das Herz der Unglücklichen tief. Sie, die Engelsmilde, sollte die Schande ihrer Familie sein! Alles ertrug sie, nur das, daß sie an dem Unglück und der Schande ihres Bruders schuld sein solle, das war zu viel! Es ist jammervoll, daß fast lauter böse, in die Tracht schwarzer Leidenschaften gehüllte Menschen am Lebenswege Vefeles sich wie eine festgeschlossene Reihe aufgestellt hatten. Das verhinderte es auch, die guten, in den Lichtglanz des Edelsinns gehüllten Menschen zu erkennen, die sich nicht so leicht hindurchdrängen, weil es ihre stille Tugend so mit sich bringt, und weil sie auch erwarten dürfen, daß man sie doch herausfinde. Vefele saß eines Tages weinend in der Küche auf dem Herde, da trat der Wendel ein und sagte: »Müsset nicht greinen, ich hab's Euch ja damals gesagt, es gibt noch rechtschaffene Bauersleut' genug, wenn sie auch keinen Katzenbuckel machen können.« Vefele sah mit thränenden Augen auf, über diese Rede befremdet; es antwortete aber nichts, und Wendel fuhr nach einer Weile fort: »Ja, gucket mich nur an; was ich sag', ist so wahr, wie wenn's der Pfarrer von der Kanzel sagt.« Er näherte sich Vefele und faßte dessen Hand, indem er weiter sagte: »Drum kurz und gut, ich weiß, wie's mit Euch steht, aber Ihr seid doch braver als hundert andre, und wenn Ihr Ja saget, ist über vierzehn Tag unsre Hochzeit, und Euer Kind ist mein Kind.« Vefele entzog ihm rasch die Hand und bedeckte sich damit die Augen, dann stand es auf und sagte glühenden Antlitzes: »Weißt du denn auch, daß ich bettelarm bin? Gelt, das hast du nicht gewußt?« Wendel stand eine Weile still, Zorn und Mitleid kämpften in seinem Herzen wie auf seinem Angesichte, er schämte sich für das Vefele und für sich selber über diese Rede; endlich sagte er: »Ja, ich weiß alles; wenn du noch reich wärst, hätt' ich mein Lebtag nichts gesagt; meine Mutter hat ein kleines Gütle, und ich hab' mir auch ein Geldle gespart, und wir können ja schaffen und uns in Ehren durchbringen.« Vefele faltete die Hände, hob die Blicke himmelwärts und sagte dann: »Verzeih mir's, Wendel, aber ich hab's nicht so schlecht gemeint, ich bin nicht so schlecht, aber die ganze Welt kommt mir so vor; verzeih mir's, Wendel.« »Nun, sagst du Ja?« fragte dieser. Vefele schüttelte den Kopf verneinend, und Wendel stampfte mit dem Fuße auf den Boden: »Warum denn nicht?« fragte er. »Ich kann nicht viel reden,« sagte Vefele schwer atmend, »aber verzeih mir's, ich kann nicht; Gott wird dir dein Herz gewiß noch belohnen, aber gelt, jetzt reden wir weiter kein Wort mehr davon?« Der Wendel ging weg und sagte noch in derselben Stunde dem Melchior auf Martini den Dienst auf. Endlich kam das äußerste Unglück über Vefele. Der Schultheiß des Orts hatte ihren Stand erfahren, und der hartherzige Mann ließ nun seinen alten verhaltenen Grimm aus; er ließ Vefele durch den Dorfschützen sagen, es müsse das Dorf verlassen und nach seinem Geburtsort zurückkehren, da sonst das Kind, wenn es hier geboren würde, Heimatsrechte ansprechen könnte. Vefele duldete es nicht, daß man Schritte gegen diese Grausamkeit that, und in einer stürmischen Herbstnacht bestieg es mit Wendel das Wägelchen und fuhr nach Seedorf. Wendel suchte es auf dem Wege zu trösten, so gut er konnte; er sagte, daß er sich jeden Tag darüber gräme, daß er nicht, wie er oft vorgehabt habe, den Brönner einmal die Bildechinger Steige hinabgeworfen habe, damit er Hals und Bein breche. Vefele schien fast froh, als es in Seedorf kein Unterkommen fand. Wendel bat und beschwor es, mit ihm zu seiner Mutter nach Bondorf zu gehen; aber es gab auf alle seine Bitten kein Gehör, schickte ihn des andern Morgens nach Hause und wanderte zu Fuß fort, wie es sagte, nach Tübingen. Das Mohrle war auch mit gewesen, es wollte sich von Vefele nicht trennen lassen, und der Wendel mußte den Hund mit einem Seile unter dem Wägelchen anbinden. Der Wind jagte den Regen, der Boden war so schlüpfrig, daß man bei jedem Schritte ausglitt, als Vefele den Weg nach Rottenburg einschlug. Es war städtisch gekleidet und hatte ein hellrotes Halstuch um, unter dem Arme trug es ein kleines Bündel. Ein altes Lied, das es fast ganz vergessen hatte, tauchte plötzlich in seiner Erinnerung auf; es war das Lied von der betrogenen Grafentochter. Ohne den Mund zu öffnen, wiederholte es oft innerlich den Vers: Weinst du um dein Vatergut, Oder weinst du um dein' stolzen Mut? Oder weinst du um dein junges Blut? Oder weinst du um deine Ehr? Ja Ehr? Die findst du nimmermehr. Kaum einige hundert Schritte war Vefele von Seedorf entfernt, als plötzlich etwas an ihm hinaufsprang. Es fuhr erschreckt zusammen, aber sein Antlitz war schnell wieder freundlich, es war Mohrle; der Hund trug einen Seilstumpf, den er abgebissen hatte, am Halse, er gebärdete sich ganz wie selig und wollte sich gar nicht beruhigen lassen. Der Sturm war so heftig, daß es war, wie wenn man ganz hart an dem Ohre zwei Steine aufeinander schlüge, und als ob um und um unfaßbare rauschende Gewänder einen umstrickten und zu ersticken suchten. Vefele ging mühsam weiter, und plötzlich – ohne daß es wußte, warum oder wie – kam ihm der Gedanke, daß Brönner jetzt auf dem Meere sei. Es hatte in seinem Leben nur einmal eine bildliche Darstellung des Sturmes im Evangelium gesehen; aber jetzt sah es ihn leibhaftig vor sich, es selbst war mitten drin: es sah die häuserhohen dunkeln Wellen, sah das Schiff, wie es auf und nieder geschnellt wurde, und oben stand der Brönner und streckte jammernd die Arme empor. Da! wehe! Vefele streckte ebenfalls die Arme empor, sein Mund öffnete sich, aber der Schrei erstarb ihm auf der Zunge, es sah den Brönner hinabstürzen in das Meer, und eine Welle begrub ihn. Vefele ließ die Arme sinken, sein Haupt neigte sich, seine Hände falteten sich, und es betete für die arme Seele des Verlorenen. So stand es eine Weile, in seinem Innersten sah es: Brönner war in dieser Minute gestorben. Dann richtete es seufzend das Haupt wieder empor, es hob das Bündel auf, das ihm entfallen war, und schritt durch Sturm und Regen wieder fürbaß. Auf der Anhöhe, wo der Weg umbiegt und das Städtchen Rottenburg vor den Blicken liegt, steht eine Kapelle. Vefele trat hinein und betete lange und inbrünstig vor der Mutter Gottes. Als es wieder aus der Kapelle trat, sah es die weite Ebene vor sich fast wie einen See; der Neckar war übergetreten. Vefele ging außen an der Stadt herum, Hirschau zu. Hier traf es plötzlich einen alten Bekannten, den auch uns noch wohl erinnerlichen Marem; er trug einen Quersack auf dem Rücken und führte eine Kuh am Seile, er ging ebenfalls nach Hirschau. Wer sollte es glauben, daß Marem ein Mitgefühl mit dem Schicksale Vefeles hatte, das ihm Thränen auspreßte? Und doch war es so. Nehmt einen Dorfjuden und einen Bauern von gleicher Bildungsstufe, ihr werdet jenen verschmitzter, auf seinen Vorteil bedachter und scheinbar kälter finden; aber bei jedem rein menschlichen Elend werdet ihr meist eine Wärme und Zartheit des Mitgefühls in ihm entdecken, die ihn weit über sein sonstiges Sein hinaushebt. Sein Schicksal hat ihn für manche andre Weltbeziehung abgestumpft, aber ihn auch zum teilnehmenden Bruder jedes rein menschlichen Schmerzes gemacht. Marem bot alles auf, um Vefele von seinem Wege zurückzubringen, er bot ihm sein eigenes Haus als Unterkommen an, ja, er wollte ihm sogar Geld aufdringen. Vefele lehnte alles ab. In Hirschau kehrten die beiden ein. Marem ließ dem Vefele eine gute Suppe kochen, aber es stand gleich, nachdem es den ersten Löffel voll genommen, wieder auf, um weiter zu gehen. Marem wollte den Hund bei sich behalten, aber Vefele ließ das treue Tier nicht, es schied mit einem: »Vergelt's Euch Gott!« – Eine Stunde später ging Marem, nachdem er seine Kuh verkauft hatte, ebenfalls nach Tübingen. Nicht weit von Hirschau sprang ihm das Mohrle entgegen, es trug ein rotes Halstuch im Maul. Marem wurde blaß vor Schrecken, das Mohrle sprang ihm nun voraus und er nach. Sie kamen an eine Stelle, wo das Wasser über die Straße getreten war; der Hund sprang hinein, er schwamm immer weiter, immer weiter, bis er endlich aus den Augen verschwand. – – *           * * Das vornehmste Haus des ganzen Dorfes, das gehörte einst dem Vater des Vefele; der Vater ist tot, die Mutter ist tot, die fünf Kinder sind tot, und das Vefele ist spurlos verschwunden. Tonele mit der gebissenen Wange. Auf dem Feldraine, da, wo der Weg sich scheidet und der eine nach Mühringen, der andre nach Ahldorf führt, im sogenannten »Kirschenbusch«, dort saßen an einem Sonntagnachmittage drei Mädchen unter einem blühenden Kirschenbaume. Ringsumher war alles stille, kein Pflug regte sich, kein Wagen rasselte. So weit das Auge schauen konnte, überall sonntägige Ruhe. Von der Anhöhe gegenüber, vom Daberwasen, wo noch die Kirche eines alten Klosters steht, tönte die Glocke, die wie mit lautem Gruße die Betenden heimgeleitete. In dem kleinen Thälchen, »im Grunde« genannt, blühte der gelbe Raps zwischen den grünen Kornfeldern, und rechts auf der Anhöhe sah man von dem jüdischen Gottesacker nur die vier Trauerweiden, die an den vier Ecken des großen Hügels stehen, unter welchem die Großmutter, die Mutter und ihre fünf Kinder ruhen, die alle in einem Hause verbrannt sind. – Weiter unten stand mitten unter den blühenden Bäumen ein hohes, ziegelrot und weiß angestrichenes hölzernes Kruzifix. Sonst war ringsumher lauter still treibendes Leben. Der einzige Laubwald in der ganzen Gegend, das sogenannte »Buchwäldle«, stand in voller Blätterpracht, und auf der andern Seite des Weges zog sich der Fichtenwald mit seinen stolzen und geraden Stämmen in lichter unbewegter Ruhe dahin. Kein Lüftchen wehte. Hoch zu den Wolken hinan schmetterte die Lerche ihren Gesang, und tief in den Furchen versteckt schlug die Wachtel. Es war, als ob die Aecker nur für sich selber blühten, denn nirgends war ein Mensch zu sehen, der mit Hacke und Schaufel andeutete, daß die Erde ihm unterthan sei. Hie und da kam ein Bauer quer übers Feld, bisweilen einer, bisweilen aber auch mehrere, die sich unter traulichem Gespräche nach dem Gedeihen ihrer Saat umschauten; in ihrem Sonntagsstaate kamen sie und sahen vergnügt das stille Walten und Wirken in der Natur in ihrer Sonntagspracht. Die drei Mädchen saßen ruhig da, die Hände auf ihre weißen Schürzen gelegt, und stimmten ihre Lieder an. Bärbele sang die erste Stimme, das Tonele (Antonie) und das Brigittle begleiteten es mit natürlichem Takte. Andächtig und wehmütig schallten die langgezogenen Töne über die Flur dahin, und so oft die Mädchen sangen, pfiff ein Distelfink, der in den Zweigen des Kirschbaumes saß, mit doppelter Lust, und so oft die Mädchen nach Beendigung einer Strophe innehielten oder leise miteinander plauderten, verstummte der Distelfink fast plötzlich. Die Mädchen sangen: »Schöns Schätzle, um was i di bitte thur, Bleib nur noch e Jährle bei mir. Und alles, was du verzehre thust, Das will ich bezahle vor dir.« »Und wenn du gleich alles bezahle thust, Geschieden muß es jetzt sein. Wir reisen in fremdeste Länder hinein, Schöns Schätzle, vergiß du nit mein.« Und als ich in fremde Land hineinkam, Schöns Schätzle steht unter der Thür, Es thät mich so freundlich nit grüßen: »Schöns Schätzle, was machst du allhier?« Es ist kein Apfel am Baum so rot, Schwarz Kerne sind es darin. Es ist kein Mädle im ganz Oestreich, So führt es ein falschen Sinn. Paff! fiel ein Schuß, die Mädchen schreckten zusammen, der Distelfink flog vom Kirschbaum fort. Da sahen die Mädchen den Jäger von Mühringen in ein Rapsfeld springen, sein Hund ihm voraus. Der Jäger hob die Gabelweihe, die von seinem Schusse getroffen ins Saatfeld gesunken war, in die Höhe, raufte eine Feder aus, steckte sie auf den Hut, schob den Vogel in die Jagdtasche und hing sich seine Flinte wieder um; es war ein schöner Mann, wie er so aus dem grünen Felde daherkam. Das Tonele sagte: »Er hätt' doch das Tier am Sonntag leben lassen können.« »Ja,« sagte Bärbele, »die Jäger sind alle keine rechten Christenmenschen: sie können nichts als die armen Bauern wegen Holzfrevel in den Turm und die unschuldigen Tiere ums Leben bringen. Der grün' Teufelsknecht hat noch vergangen des Bläsis Käther auf vier Wochen ins Spinnhaus gebracht. Ich möcht' keinen Jäger heiren und wenn er mir weiß nicht was versprechen thät.« »Die alt' Ursel hat mir einmal erzählt,« sagte Brigittle, die jüngste von den dreien, »daß ein Jäger jeden Tag ein lebiges Wesen tot machen muß.« »Das kann er genug haben,« lachte Bärbele und wies hin an das Ungeziefer. Unterdessen kam der Jäger näher. Wie auf eine Verabredung begannen alle drei Mädchen zu singen; sie wollten thun, als ob sie den Jäger nicht bemerkten, und doch sangen sie in ihrer Befangenheit nur mit halber Stimme und summten nur so vor sich hin den letzten Vers des Liedes: Ein falschen Sinn, ein hohen Mut, Drei Federn trag' ich auf meinem Hut; Und weil ich mein Schätzle verloren hab', So reis' ich gleich wiederum ab. »Guten Tag, ihr Jungfern, warum so leis?« fragte der Jäger stehen bleibend. Die drei Mädchen fingen an, zu kichern, und hielten sich ihre Schürzen vor den Mund; Bärbele aber gewann am schnellsten das Wort wieder und sagte: »Schön Dank, Herr Jäger, wir singen halt nur für uns, und wir hören's schon, wenn wir auch noch so leis singen, wir singen nicht für andre.« »Brr!« sagte der Jäger, »das Mäule schneid't ja wie geschliffen.« »Geschliffen oder ungeschliffen, das ist gehupft wie gesprungen; wem's nicht gefällt, der kann's ja besser machen, wenn er's kann,« erwiderte das Bärbele; das Tonele stieß sie an und sagte halblaut: »Du bist aber auch grob wie Bohnenstroh.« »Ich kann schon einen Spaß vertragen,« sagte der Jäger, zum bösen Spiele gute Miene machend. Die Mädchen waren bei alledem doch verlegen, und sie wählten wohl gerade das unrechteste Mittel, der Verlegenheit auszuweichen; sie standen auf und faßten einander unter dem Arme, um nach Hause zu gehen. »Darf ich den Jungfern Gesellschaft leisten?« sagte der Jäger wieder. »Das ist Landstraße, und die Straß' ist breit,« sagte Bärbele. Der Jäger dachte daran, sich von dem groben Mädchen fortzumachen, aber er besann sich schnell, wie lächerlich es wäre, sich verblüffen zu lassen. Er fühlte es wohl, er sollte auch in dem gleichen Tone antworten, aber er konnte nicht: das Tonele, an dessen Seite er ging, hatte ihm so in die Augen gestochen, daß er gar keinen tüchtigen Spaß machen konnte, und er war doch sonst gar nicht so blöde; er ließ daher dem Mädchen seine Freude und ging mit, ohne ein Wort zu reden. Um doch einiges wieder gut zu machen, fragte das Tonele: »Wohin wollet Ihr denn am Sonntag?« »Ge' Horb,« sagte der Jäger, »und wenn mich die Jungfern begleiten thäten, es käm' mir auf den besten Schoppen nicht an.« »Wir bleiben daheim,« sagte das Tonele und wurde über und über rot. »Wir löschen lieber den Durst mit Gänswein, den kriegen wir auch geschenkt,« sagte das Bärbele. Man war dem Dorfe näher gekommen, da sagte das Bärbele abermals, auf einen Fußweg deutend: »Herr Jäger, da könntet Ihr hinten 'rum kommen, da geht der nächste Weg nach Horb.« Dem Jäger wurde es endlich zu viel, und er hatte ein höchst derbes Wortspiel im Munde; aber er unterdrückte es und sagte nur: »Ich seh' gern ehrlichen Leuten und einem ehrlichen Dorf ins Gesicht.« Er konnte sich aber nicht enthalten, dem Bärbele dabei den Rücken zuzukehren. So geht's. Weil der Jäger keinen Spaß machen konnte, wurde er grob, und so geht's oft. Als die vier in das Dorf hineingingen, fragte der Jäger das Tonele, wie es heiße; aber noch ehe es antworten konnte, sagte Bärbele: »Wie man's getauft hat.« Und als nun der Jäger zum Bärbele sagte: »Ihr seid ja wundergescheit, wie alt seid Ihr denn?« erhielt er die gewöhnliche Antwort: »So alt wie mein kleiner Finger.« Das Tonele aber sagte halb leise: »Ich heiß' Tonele. Warum fraget Ihr denn?« »Weil mir's lieb ist, es zu wissen.« Man ging den Berg hinan, an dem sich die beiden Häuserreihen hinaufziehen; oben an des Sauerbrunnenbasches Haus steckten die drei Mädchen stillstehend die Köpfe zusammen, und husch! stoben sie wie verscheuchte Tauben auseinander und ließen den Jäger allein stehen; dieser pfiff seinem Hunde, der den Mädchen nachgesprungen war, steckte die linke Hand in den Gewehrriemen und ging ebenfalls davon. An der Steingrube erholten und sammelten sich die Mädchen wieder. »Du bist aber auch gar zu grob,« sagte Tonele zu Bärbele. »Jo weger ,« beteuerte Brigittle. »Er hat dir ja nichts than,« fuhr Tonele fort, »und du bist auf ihn losgefahren wie ein Kettenhund.« »Ich hab' ihm auch nichts than,« sagte Bärbele, »ich hab' ihn nur gefoppt, warum hat der Tralle mir nicht rausgeben? Und wahr bleibt wahr, ich mag ihn nicht; wie kommt der Grünrock dazu? Meint er, weil er beim Baron Mühringen Jäger sei, dürft' er nur so mit uns laufen durch das ganze Dorf durch, daß alle Leute meinen, wir wollen was von ihm? Und was müßt' der Sepper und der Kasper davon denken? Nein, nein, ich bin kein so Tättele wie du, ich laß mir nichts gefallen, von keinem Grafen und von keinem Baronen.« Das Gespräch wurde unterbrochen, denn der Sepper und der Kasper kamen; sie hatten ihre Schätze im Kirschenbusch gesucht und nicht gefunden. Bärbele erzählte nun die ganze Geschichte, es konnte niemand außer ihm zu Worte kommen, und da ihm noch viel spitzere Redensarten einfielen, nahm es das nicht so genau und erzählte auch diese. Denn das findet sich überall und bei gar vielen Menschen, daß, wenn sie etwas von sich erzählen, sie es noch schöner herausputzen: sie berichten dann, daß sie dies und das gesagt und gethan, wo sie zur Zeit den Mut nicht gehabt hatten, oder was ihnen erst später einfiel. Der Sepper gab dem Bärbele vollkommen recht und sagte: »Das Herrenpack muß man gleich von vornherein abdachteln!« Der Jäger, der doch nichts weniger als ein »Herr« war, wurde immer mehr zu einem solchen gestempelt, damit man desto besser auf ihn losziehen konnte. Sepper nahm seinen Schatz, das Tonele, an den einen Arm, an den andern hing sich das Brigittle; der Kasper und das Bärbele gingen neben ihnen, und so wanderten sie durch die Hohlgasse nach der Hochbur spazieren. Der Sepper und das Tonele waren ein herrliches Paar, beide fast gleich groß und schlank, und beide doppelt schön, wenn sie miteinander gingen; jedes für sich allein war schon schön, aber bei einander waren sie es erst recht, unter Tausenden heraus hätte man sagen müssen: diese zwei gehören zusammen. Der Sepper ging halb bäurisch, halb soldatisch gekleidet; das kurze schlotterige Bauernwams hob das schöne Ebenmaß der Glieder unter den eng zugeschnallten Beinkleidern noch schärfer hervor. Der Sepper sah aus wie ein Offizier, der sich's »kommod gemacht« hat, so schlank und straff und doch wieder so frei und ungezwungen war sein ganzes Wesen. Auf der Hochbur angelangt, sahen sie nicht weit davon den Jäger heim Nordstetter Waldschützen stehen. Der Sepper bemerkte sogar, daß der Jäger nach ihnen hindeutete, und er räusperte sich, als ob er dem »Herrn« sogleich eine tüchtige Antwort zu geben hätte, obgleich sie noch mehr als zweihundert Schritte voneinander entfernt waren. Dann faßte er das Tonele um den Hals und gab ihm einen herzhaften Kuß, gleichsam auch als weithin erkennbare Sprache. Darauf schritt er lustig pfeifend dahin und schwenkte sich gar keck und mutig. Hätte er gehört, was der Jäger mit dem Waldschützen sprach, er wäre noch schärfer aufgetreten, denn der Jäger sagte: »Gucket, da kommt es grad. Es ist ein Mädle wie von Wachs, grad wie die Mutter Gottes in der Kirche; solang ich mir denken mag, hab' ich noch keines so gesehen.« »Ja, ja, wie ich unbesehen gesagt hab',« erwiderte der Waldschütz, »das ist des Pudelkopfs Tonele; man heißt ihren Vater den Pudelkopf, weil er ein Haar hat wie ein Schaf, das Tonele hat auch so weißes gerolltes Haar; man heißt's auch im ganzen Dorf das Borsdorfer Aepfele, weil es so rote Bäckle hat. Der alte Pfarrer, der war nicht versteckt , der hat's zur Köchin haben wollen; aber prost Mahlzeit, der Pudelkopf hat mit einem schönen Dank das Maul gewischt. Das Tonele kriegt einmal seine fünf Jauchert Ackers in einer Zelg Fünf Morgen Ackers in jeder Gemarkung gilt als der Besitzstand eines wohlhabenden Bauern. , und das kleckt noch nicht.« Der Jäger gab dem Waldschützen die Hand, und noch ehe ihn die Spazierenden erreichen konnten, ging er rasch die Steige hinab. Auf einem Feldraine sitzend verbrachten unsre Bekannten unter Singen und Küssen den Nachmittag. Am übelsten war das Brigittle dran, sein Schatz war in Heilbronn bei den Soldaten; wer weiß, wo er jetzt war, während sein Mädchen glühenden Antlitzes abseits von den andern, mit einer Blume spielend, seiner gedachte? Als es Abend zu werden begann, machte Brigittle die andern Mädchen wieder zurecht; seine eigene Halskrause war in der besten Ordnung geblieben, während die Haare und Halskrausen der andere »verstrobelt und verzobelt« waren, wie es gutmütig scheltend sagte. Man ging wiederum auf der Straße spazieren. Alle Mädchen und Burschen sammelten sich dort, und nun schieden sich die Geschlechter. Im Westen, wie man bei uns sagt, »über dem Rheine«, ging die Sonne blutigrot unter und prophezeite für morgen einen guten Tag. Die Burschen gingen in langen Reihen, aber ein jeder für sich, singend oder im Chore vierstimmig pfeifend das Dorf hinein. Etwa dreißig Schritt hinter ihnen gingen die Mädchen Arm in Arm, ebenfalls in langen Reihen, die die ganze Breite der Straße einnahmen. Sie sangen unaufhörlich. Immer wieder fing ein Mädchen ein neues Lied an, und die andern stimmten ohne langes Besinnen und Hin- und Herreden ein. Das Tonele ging an der linken Flanke und an seinem rechten Arme hing des Blätschles Marann', die Flambomarann' genannt. Das war ein unglückliches Mädchen, denn die ganze linke Hälfte seines Gesichts, von der Stirn bis zum Kinn, war blau, wie von geronnenem Blute unterlaufen. Bei dem großen Brande vor achtzehn Jahren, wobei die sieben Menschen verbrannten, war die Mutter Maranns, die damals schwanger war, schnell herzugeeilt, und da sie die Flamme sah, fuhr sie sich erschreckt mit der Hand über das Gesicht. Als nun das Kind zur Welt kam, hatte es auf der einen Seite ein blitzblaues Gesicht. Das Tonele hatte immer einen unüberwindlichen »Grausel« vor der Marann', aber es hatte nicht Mut genug, vor ihr zurückzuweichen, als sie seinen Arm faßte. So ging es nun neben ihr, innerlich zitternd, aber es sang um so lauter, um dadurch gerade über sich Meister zu werden. Bei des Schloßbauern Hans holte der Jäger, von Horb kommend, die Mädchen ein. Als er das Tonele ansichtig wurde, ward er feuerrot, er hob sein Gewehr etwas von der Schulter, hing es aber sogleich wieder über und sagte, zu Tonele gewendet: »Guten Abend, ihr Jungfern.« »Schön Dank,« erwiderten einige, und der Jäger fuhr leiser zu Tonele fort: »Ist's jetzt eher erlaubt, daß man mitgeht« »Nein, das schickt sich nicht, daß Ihr mit uns durch das Dorf gehet, thut mir den Gefallen und gehet voraus zu den Buben,« erwiderte das Tonele ebenfalls ganz leise. Der Jäger war hierüber hoch erfreut und ging höflich grüßend voraus. Beim Adler machte alles Halt. Die Abendglocke läutete, die Burschen zogen ihre Mützen ab und sprachen ein leises Vaterunser; auch die Mädchen sprachen dasselbe leise, darauf machte ein jedes das Zeichen des Kreuzes. Kaum war aber dies vorbei, so ging das Scherzen und Schäkern wieder los. Der Jäger sagte: »Gute Nacht beisammen,« und ging seines Weges. Die Mädchen foppten das Tonele mit dem Jäger, und daß es etwas leise mit ihm gemunkelt habe. Der Sepper, der das hörte, stand plötzlich starr und hielt die Pfeife, die er eben zum Munde führen wollte, krampfhaft vor sich hin, seine linke Faust ballte sich, er sprach kein Wort, aber aus seinem Auge, das stier auf Tonele gerichtet war, blitzten furchtbare Gedanken. Dann aber wiegte er sich wieder stolz auf seinen Knieen und warf nur einmal den Kopf rückwärts. Als sich alles zerstreute, begleitete der Sepper das Tonele. Er ging eine Weile still neben ihm her, dann sagte er: »Was hast du mit dem Jäger?« »Nichts.« »Was hast du mit ihm gered't?« »Was man eben so red't.« »Ich will aber, du sollst kein Wörtle zu ihm sagen.« »Und ich laß mir von dir nicht befehlen, mit wem ich reden soll.« »Du bist eben ein hoffärtiges, falsches Ding.« »Wenn du's glaubst, ist mir's auch recht.« Die beiden gingen noch eine Strecke miteinander und redeten kein Wort. Sie kamen vor dem Hause Toneles an, es sagte gute Nacht, aber der Sepper gab ihm keine Antwort, und das Tonele ging ins Haus. Den ganzen Abend blieb noch der Sepper vor dem Hause stehen, er pfiff und sang allerlei Weisen, er glaubte, das Tonele müsse noch zu ihm herauskommen; aber es kam nicht, und er ging in heftigem Zorne davon. Während der ganzen Woche sprach der Sepper kein Wort mit dem Tonele, ja, er wich ihm sogar aus, wo er ihm begegnete. Am Samstagnachmittag holte der Sepper mit seinen Gäulen im Würmlesthäle Klee für den Sonntag. Auf der Heimfahrt sah er das Bärbele mit einem schweren Kleebündel auf dem Kopfe aus dem Veigelesthäle kommen; er hielt an, rief dem Bärbele, es mußte seinen Klee auf den Wagen legen und sich dann zu ihm hinaufsetzen. Hier oben kam es nun zu einer grundmäßigen Erklärung. Das Bärbele machte dem Sepper wegen seiner dummen Eifersucht so tüchtig den Marsch, daß er noch an demselben Abend beim Rathausbrunnen wartete, bis das Tonele kam, um Wasser zu holen; er sprang schnell herzu, hob ihm den Kübel auf den Kopf, dann ging er neben ihm her und sagte: »Wie hast du denn die Woch' gelebt? Ich hab' sündlich viel zu schaffen.« »Und machst dir noch mehr zu schaffen, für nichts und wieder nichts. Du bist ein recht unbändiger Mensch. Siehst du jetzt ein, daß du unrecht gehabt hast?« »Mit dem Jäger darfst du halt kein Wort mehr reden.« »So oft ich will, red' ich,« sagte Tonele. »Ich bin kein Kind, ich weiß schon, was ich zu thun hab'.« »Aber wenn du doch nicht mußt, brauchst du doch nicht mit ihm zu reden?« »Nein, das brauch' ich nicht, aber ich laß mich nicht so kurz am Leitseil halten.« Der Friede war wieder hergestellt, keine Störung trat ein, denn auch der Jäger kam lange nicht mehr nach Nordstetten. Tonele saß am Sonntag oft mit den Gespielinnen oder auch mit dem Sepper im Kirschenbusch und sang und scherzte. Die Waldkirschen (denn andre gibt es bei uns nicht) waren längst reif, der Raps wurde eingeheimst, Roggen und Gerste geschnitten, in dem stillen, friedlichen Leben unsrer Bekannten war alles beim alten geblieben; die Liebe Toneles und Seppers hatte, wenn es möglich war, noch an Heftigkeit zugenommen. Nur noch diesen Herbst hatte der Sepper das letzte Manöver beim Militär mitzumachen, dann bekam er seinen Abschied und dann – gab es Hochzeit. Seit jenem Sonntag im Frühjahr hatte das Tonele den Jäger mit keinem Auge mehr gesehen. Erst als es mit dem Sepper gemeinschaftlich in der Molde Hafer schnitt, ging der Jäger vorüber und sagte: »Schneidet's gut?« Das Tonele schreckte unwillkürlich zusammen, es antwortete nicht, sondern bückte sich und schnitt emsig, der Sepper aber sagte: »Großen Dank,« und auf eine Garbe knieend, drehte er dieselbe recht fest zu, als ob er dem Jäger damit den Hals zudrehe. Der Jäger ging fürbaß. Es war gut, daß der Sepper erst drei Tage nach des Bärbeles Hochzeit mit dem Kasper zum Manöver einrücken mußte. Er nahm sich deshalb vor, sich dabei noch recht wohl sein zu lassen, und er hielt getreulich Wort. Fast in allen Häusern, wo der Sepper mit dem Kaspar die Einladungen zur Hochzeit machte, sagten die Leute: »Nun, Sepper, jetzt kommt's bald an dich,« und er schmunzelte bejahend. Am Hochzeitstage war es dem Sepper so wohl wie einem Vogel im Hanfsamen. Er genoß die Vorfreude seines künftigen baldigen Glückes. Als es zum Tanze ging, stieg er zu den Musikanten auf die Erhöhung und bestellte sie samt noch zwei Trompetern mehr zu seiner Hochzeit; er wollte als Gardist recht viel Trompeten haben. Abends machte aber eine neue Erscheinung dem Sepper einen Strich durch die Rechnung; der Jäger kam nämlich auch zum Tanze, und die erste, die er»engagierte«, war Tonele. »Ist schon angeschirrt,« antwortete Sepper statt des Tonele. »Die Jungfer wird wohl selber reden können,« erwiderte der Jäger. »Den nächsten Hopser wollen wir miteinander tanzen,« sagte das Tonele und nahm den Sepper bei der Hand. Es wendete sich aber nochmals nach dem Jäger um, ehe es zu tanzen begann. Als nun das Tonele mit dem Jäger den Hopser tanzte, setzte sich der Sepper an den Tisch und nahm sich vor, heute abend keinen Fuß mehr zu rühren, und daß das Tonele auch nicht mehr tanzen dürfe. Da kam Bärbele, von seiner »Gespiele« geschickt, und forderte den Mürrischen auf. Der Hochzeiterin darf nie jemand einen Tanz ausschlagen, und so folgte der Sepper dem ihn nachziehenden Bärbele, das ihm alsdann beim Aushalten tüchtig die Leviten las: »Ich weiß gar nicht,« sagte es, »du kommst mir ganz närrisch vor mit dem Jäger. Du bist dran schuld, wenn ihn das Tonele gern kriegt. Es thät schon lange mit keinem Gedanken mehr nach ihm umgucken; wenn du es aber so fort und fort mit ihm quälst, da muß es ja immer wieder an ihn denken, und da denkt es darüber nach, ob es wirklich wahr ist, daß der Jäger es gern hat, und da kann es ihn eben auch gern kriegen, denn guck, er kann doch noch besser tanzen als du, so links 'rum kannst du doch nicht hopsen.« Der Sepper lachte, aber innerlich mußte er dem schalkhaft gescheiten Weibchen recht gehen, und als er dann mit seinem Schatze am Tische saß, brachte er es dem Jäger zu (ihm Bescheid zu thun), er winkte daher dem Tonele und sagte: »Stoß mit ihm an.« Der Jäger trank, eine höfliche Verbeugung machend, auf die Gesundheit Toneles, dem Sepper nickte er kaum zu. Dieser aber nahm sich vor, heute nicht mehr böse zu sein, er freute sich vielmehr über sein kluges Benehmen gegen den Jäger und hielt dann das Tonele selig im Arme. Da wurde er zu dem Hauptspaße einer Hochzeit abgerufen. Die gesamte ledige Mannschaft hatte nämlich nach alter Sitte die Hochzeiterin gestohlen. Sie hielten das Bärbele in einen großen Kreis geschlossen, und Kasper, der Hochzeiter, mußte es nun unter vielen possierlichen Hin- und Herreden von den Unholden loskaufen. Sechs Flaschen Wein befreiten die Gefangene, und die beiden, die sich wiedergefunden, marschierten nach Hause. Die Musikanten stiegen von der Anhöhe an die offenen Fenster und spielten ihnen den üblichen Marsch auf, und manches Hoch! schallte noch hinterdrein. Das Tonele stand träumerisch am Fenster, als das Bärbele schon längst fort war und alles wieder tanzte. Es war schon spät in der Nacht, oder eigentlich früh am Morgen, als der Sepper das Tonele nach Hause begleitete. Sie waren noch lange allein, und das Tonele schmiegte sich mit wilder Glut an seine Wangen und faßte ihn mit gewaltigen Armen fest. Auch der Sepper war hoch erregt, aber er konnte es doch nicht unterdrücken, noch einmal von dem Jäger zu sprechen. Das Tonele sagte: »Laß jetzt den Jäger, guck, es gibt jetzt gar nichts auf der Welt als du.« – Der Sepper hob das Tonele hoch in die Lüfte, dann umfaßte er es wieder, und den Mund auf seine Wangen pressend, sagte er: »Guck, ich möcht' dir grad 'neinbeißen.« »Beiß,« sagte Tonele. Wehe! der Sepper hatte wirklich gebissen; das Blut rann Tonele von der Wange und floß hinab bis an den Hals. Erschreckt fuhr es mit der Hand nach seiner Wange, es fühlte die offenen Spuren der Zähne, da stieß es den Sepper von sich, daß er rücklings hinstürzte, dann schrie und heulte es laut auf, daß alles im Hause erwachte. Der Sepper richtete sich auf, um es zu trösten, aber jämmerlich wehklagend stieß es ihn abermals von sich. Da man Geräusch im Hause vernahm, schlich sich der Sepper fort, denn er dachte: die Sache ist nicht so arg; auch wollte er sich und Tonele jede Verlegenheit ersparen, und er hoffte, es würde schnell eine Ausrede vorbringen, wenn die Leute herbeikämen. Der Vater und die Mutter kamen mit Licht und schlugen die Hände zusammen, als sie ihr bluttriefendes Kind sahen. Schnell wurde die alte Ursel, die viel Hausmittelchen kannte, herbeigeholt. Die alte Frau sagte ganz offen: »Das kann den Krebs geben, oder der das gethan hat, muß die Wunde mit seiner Zunge reinigen.« – Das Tonele schwur hoch und heilig, lieber zu sterben, als daß der Sepper es nur noch einmal berühren dürfte. Es wurden nun allerlei Heilmittel angewendet, und das Tonele stöhnte wie eine Sterbende. Andern Tages war die Geschichte im ganzen Dorfe bekannt, und man sagte, der Sepper habe dem Tonele ein ganzes Stück Fleisch aus dem Backen herausgebissen. Alles kam, um das Tonele zu trösten, aber auch um seine Neugierde zu befriedigen. Auch der Sepper kam, aber das Tonele schrie wie eine Besessene, er solle augenblicklich aus dem Hause und nie mehr kommen. Kein Bitten, kein Klagen, nichts half; das Tonele that wie wahnsinnig, und der Sepper mußte fort. Er ging zum Bärbele und bat es, doch für ihn ein gutes Wort einzulegen. Das Bärbele war gerade damit beschäftigt, die Hochzeitsgeschenke zu ordnen; Küchengeschirr und allerlei Hausrat lag zerstreut um sie her. Es schimpfte nun zwar den Sepper tüchtig aus, ließ aber doch augenblicklich alles stehen und liegen und ging zum Tonele. Dieses schrie laut auf am Halse seiner Gespielin: »Ich bin verschänd't für mein Lebtag. – Auf vieles Zureden stand es endlich doch auf aus dem Bette, und als es zum erstenmal vor den Spiegel trat und die gräßliche Verwüstung sah, rief es: »Jesus Maria Joseph! Ich bin ja grad wie die Flambomarann'. Lieber Gott, ich hab' mich g'wiß an ihr versündigt; ich bin gestraft genug.« Unter keiner Bedingung wollte das Tonele mehr den Sepper sehen, und dieser ging endlich zwei Tage darauf, ein kleines weißleinenes Ränzchen auf dem Rücken, nach Stuttgart. Erst nach vierzehn Tagen ging Tonele aus dem Hause, aber immer mit verbundenem Gesichte. Merkwürdig! fast der erste, der ihm begegnete, als es mit der Hacke auf der Schulter zum Kartoffelgraben ins Feld ging, war der Jäger. »Wie geht's, schönes Tonele?« fragte er gutmütig die Verbundene. Das Tonele wollte vor Scham in den Boden sinken, es war ihm so eigen, daß er es bei seinem Namen nannte und noch dazu »schönes« sagte; es fühlte jetzt doppelt, wie gräßlich entstellt es war. Als es daher schweigend seufzte, sagte der Jäger: »Ich hab' schon gehört, was Euch geschehen ist, darf man's nicht sehen?« – Das Tonele schob schüchtern das Tuch weg, und der Jäger schlug unwillkürlich die Hände zusammen; dann aber sagte er: »Das ist unverzeihlich, unmenschlich, so mit einem herrlichen Mädchen umzugehen, wie Ihr seid. Das ist einmal wieder eine rechte Bauernroheit, verzeihet mir's, ich mein' Euch gewiß nicht mit, aber die Menschen sind oft halb Vieh. Lasset's Euch aber nicht zu sehr grämen.« Das Tonele hörte aus allem diesen nur die Teilnahme des Jägers heraus und sagte: »Nicht wahr, ich bin recht verschänd't?« »Bei mir thät' das nichts,« sagte der Jäger, »und wenn Ihr nur einen Backen hättet, Ihr thätet mir doch besser gefallen, als alle Mädle von Nordstetten bis Paris.« »Das ist nicht recht, einen so zu foppen,« sagte das Tonele wehmütig lächelnd. »Nein, ich fopp' nicht,« sagte der Jäger, die Hand des Mädchens fassend, und fuhr fort: »gucket, ich thät' Euch gleich heiraten, so wahr mir Gott das Leben gibt.« »Das ist sündhaft gesprochen,« sagte Tonele. »Ich seh' keine Sünd' dran, wenn wir uns heiraten thäten,« sagte der Jäger. »Wenn wir gut Freund bleiben wollen, so redet davon kein Wörtle mehr,« sagte Tonele und ging quer übers Feld. Der Jäger war schon zufrieden, daß er »gut Freund« mit dem Tonele sein durfte, und er machte sich das wohl zu nutze; denn er kam jetzt fast jede Woche ein paarmal nach Nordstetten. Er unterhandelte zuerst mit dem Pudelkopf, Toneles Vater, wegen der Holzfuhren, die es jetzt im Herbste gab; dadurch bekam er immer mehr Gelegenheit, mit dem Tonele zu sprechen. Er sagte nichts mehr vom Heiraten, aber man hätte ein Narr sein müssen, wenn man's nicht gemerkt hätte, daß er darauf herum redete. Einen schweren Stand hatte der Jäger bei dem Bärbele, ohne das beim Tonele nichts auszurichten war. Zuerst versuchte er es mit Güte und Spaß, aber das Bärbele verstand gar keinen Spaß mehr; es redete immer und immer vom Sepper, so oft der Jäger da war. Da begab sich für den Jäger ein Ereignis, wie er sich's nicht besser wünschen konnte. Das Tonele hatte eine reiche Base in Mühringen, deren Hochzeit in wenigen Tagen sein sollte, und das Tonele kam für den drei Tage lang dauernden Tanz nach Mühringen. Die Schwester des Jägers schloß schnell Freundschaft mit Tonele, und die beiden Mädchen spazierten miteinander über Wies' und Feld und hielten sich beim Tanze zusammen. Das Tonele erschien hier zum erstenmal mit unverbundenem Gesichte, und man kann fast sagen, es war schöner seit dem Bisse. Manche wilde und abergläubische Völker verstümmeln etwas vollkommen Schönes, damit der böse Blick keine Macht über dasselbe habe und der Teufel, der nichts Vollkommenes duldet, darüber beruhigt sei. Der Biß in der Wange Toneles war nur so viel, daß der Neidteufel, der nie etwas ganz und durchaus loben mag, sein Aber dabei anbringen konnte. Der Jäger hielt sich heim Tanze immer zum Tonele, und am Abend machte er ihm noch eine Freude, wie sie noch kein Bauernmädchen von ganz Nordstetten gehabt hatte. Der alte Baron, ein wohllebig dicker Mann, so geizig er auch war und so streng er auch einem Bauer, der ein Bündel dürres Holz im Walde holte, nachjagte, war doch sehr splendid für ein kleines Theater, das er sich auf dem Schlosse hielt und wozu er die Honoratioren der Gegend einlud. Der Jäger erhielt die Erlaubnis, das Tonele mit ins Theater zu bringen. Das Tonele zitterte, daß ihm die Zähne klapperten, als es mit dem Jäger den Berg hinanging, auf dem das Schloß in altertümlicher Weise mit Zugbrücke, Wall und Graben steht. Still, ganz in sich zusammengeschauert, auf den Zehen gehend, trat es in den Saal, wo die Herrschaften schon waren; es erhielt einen Platz nicht weit hinter der Musik. Die Obervogtin richtete ihre Lorgnette lange nach ihm, und das Tonele saß da, schlug die Augen nieder und wagte kaum zu atmen; die Narbe an der Wange brannte, es war, als ob der Blick der Obervogtin die Wunde wieder aufgerissen hätte. Da rauschte nach der Musik der Vorhang auf, Tonele hörte mit angehaltenem Atem zu. Es weinte bittere Thränen über das Schicksal des armen, herzensguten Lorenz Kindlein (dieses Stück wurde gespielt), es hätte gewiß nicht so lange gewartet, wenn es die Tochter gewesen wäre, und erst als der Vorhang wieder fiel, entlud sich ein gewaltiger Seufzer seiner Brust. Auf dem Rückwege faßte der Jäger das Tonele um den Hals, und es schmiegte sich traulich an ihn, es war ganz aufgelöst von der mächtigen Aufregung; es war ihm, als ob der Jäger ihm alles das geschenkt hätte, als ob er das alles selber gemacht hätte, und doch wäre es wieder gar zu gerne noch einmal zu dem guten alten Manne und seiner lieben Tochter gegangen, die jetzt so glückselig bei einander waren. Aber auch der Jäger war glückselig, denn er erhielt das Versprechen, daß das Tonele am Sonntag nach der Mittagskirche im Buchwäldle mit ihm zusammenkommen wolle. Und so war der Jäger bei seinem Manöver viel glücklicher als der Sepper zu Rosse bei dem Manöver auf der Ebene von Ludwigsburg, und noch ehe er den Abschied vom Militär erhielt, hatte ihm das Tonele den Abschied gegeben. Bei seiner Heimkunft war der erste Ausgang des Seppers zu dem Tonele. Er traf es an der Kunkel in der Stube bei seinen Eltern, aber es redete kein Wort mit ihm und blickte ihn nur manchmal stier an. Er zeigte seinen ehrenvollen Abschied und breitete ihn, nachdem er alle Stäubchen weggeblasen, auf dem Tische aus; aber das Tonele kam nicht einmal her, um hineinzublicken. Er wickelte den Abschied wieder in doppeltes Papier und ging, das Dokument behutsam in der Hand haltend, fort zu dem Bärbele. Hier hörte er nun alles, und daß die beiden Gespielen sich wegen des Jägers verfeindet hätten. Der Sepper zerknitterte den Abschied mit beiden Händen zu einem Ballen zusammen und ging dann fort. Es war in der Dämmerung, da saß der Sepper unter demselben Baume im Kirschenbusch, wo wir das Tonele zuerst gesehen haben. Der Baum war entblättert, der Wind pfiff über die Stoppelfelder, und der Fichtenwald rauschte und brauste wie ein Strom; vom Daberwasen her tönte das Nachtglöcklein, und ein verspäteter Rabe flog krächzend dem Walde zu. Der Sepper aber sah und hörte nichts. Er saß da, die Ellbogen auf die Kniee gestemmt, und hielt sich mit den Händen die Augen zu. So saß er lange. Da hörte er das Bellen eines Hundes und herannahende Schritte, er sprang rasch auf. Der Jäger kam aus dem Dorfe. Sepper sah das Glitzern des Gewehres, er sah auch eine weiße Schürze und vermutete mit Recht, daß das Tonele den Jäger begleitet hatte. Sie blieben eine Weile stehen, dann kehrte das Tonele um. Als ihm der Jäger nahe war, sagte der Sepper in trotzigem Tone: »Guten Abend!« »Schön Dank,« erwiderte der Jäger. »Ich hab' mit Euch ein Hühnle zu rupfen,« sagte der erste wieder. »Ah, der Sepper,« sagte der Jäger, »seit wann seid Ihr wieder da?« »Für dich zu früh, du – wir wollen nicht lange machen, da, wir wollen Hälmle ziehen, wer von uns beiden vom Tonele lassen muß; und wenn ich's verlier', so muß ich das Gewehr für mich haben.« »Ich zieh' kein Hälmle.« »Dann zieh' ich dir dein' Seel' aus deinem Leib, du grüner Spitzbub,« schrie der Sepper, das Gewehr des Jägers mit der einen Hand, mit der andern seine Gurgel packend. »Waldmann faß!« schrie der Jäger noch mit halber Stimme, der Sepper gab dem Hunde einen tüchtigen Tritt, dadurch wurde indes der Jäger etwas freier. Mit aller Macht rissen sich nun die beiden um das Gewehr und hielten sich an der Gurgel, da – plötzlich ging das Gewehr los, und der Jäger stürzte rücklings in den Graben. Er stöhnte nur noch einmal, und der Sepper beugte sich über ihn, um zu hören, ob er noch atme. Das Tonele kam herbeigesprungen, der Schuß in finsterer Nacht hatte es herbeigelockt, es ahnte nichts Gutes. »Da! da!« rief der Sepper, »da liegt dein Jäger, jetzt heirat' ihn.« Das Tonele stand erstarrt und konnte sich nicht regen, endlich sagte es: »Sepper, Sepper, du hast dich und mich unglücklich gemacht.« »Was geh' ich dich an? Ich will von der ganzen Welt nichts mehr,« rief der Sepper und floh nach dem Fichtenwalde zu. – Man hat nie mehr etwas von ihm gehört. Auf dem Wege nach Mühringen im Kirschenbusch steht an dem Feldraine ein steinernes Kreuz zum ewigen Andenken, daß hier der Jäger von Mühringen erschlagen wurde. Das Tonele ist aber erst nach vielen Jahren einsamen Kummers vom Leben erlöst worden. Befehlerles. 1. Am ersten Maimorgen prangte an des Wagner Michels Haus ein stattlicher Maibaum; es war eine schöne schlanke Tanne, welcher man die Aeste abgehauen und nur die Krone gelassen hatte. Weit über alle Häuser hin ragte sie, und stände der Kirchturm nicht auf dem Berge, die Tanne hätte darüber hinausgeschaut. Sonst war kein Maibaum im ganzen Dorfe, und alle Mädchen heneideten das Aivle , des Wagner Michels älteste Tochter, weil es allein einen Maien hatte. Die Kinder kamen das Dorf herauf, in ihrer Mitte bewegte sich eine grüne Hütte. Eine zuckerhutförmige, aus Reifen gebundene und mit Laub bedeckte Hütte war über einen Knaben gestülpt, der sich nun von Hausthür zu Hausthür bewegte und eine Weile dort Halt machte; neben ihm gingen zwei andre Knaben, einen mit Spreu und Eiern gefüllten Korb an den Henkeln tragend, ein großer Schwarm von Knaben, grüne Zweige in den Händen haltend, zog hinterdrein. Sie sangen vor jedem Hause:                   Ho! ho! ho! Der Maiemann ischt do, Geant auns schnell d'Eier 'raus, Sust kommt der Marder ins Heanerhaus, Geant auns Eier, wie mer's wella, Sust streue mer Spreuer auf dia Schwelle,                   Ho! ho! ho! u. s. w. Wo sie nun keine Eier erhielten, vollführten sie ihre Drohung und streuten mit Jubel und Lachen eine Handvoll Spreu auf die Schwelle. Fast überall aber wurde ihnen willfahrt, und sie gingen von Haus zu Haus; nur an des Schloßbauern Haus gingen sie, ohne anzuhalten, vorbei. Die Aufmerksamkeit des Dorfes war aber diesmal nicht auf den Maienmann gerichtet, denn alles stand vor des Wagner Michels Haus und betrachtete den Maibaum. Zur Herbeischaffung eines solchen mußten wenigstens sechs Mann und zwei Pferde geholfen haben. Es war fast wunderbar, wie das so »hehlings« geschehen konnte; denn das Maisetzen war streng verboten und wurde als großer Waldfrevel mit drei Monaten Ludwigsburg, d. i. Arbeitshaus, bestraft. Darum hatte es keiner der Burschen gewagt, nach alter Sitte seinem Schatz diesen gewaltigen Strauß vors Haus zu stecken; nur des Wendels Matthes, der »zu dem Aivle geht«, hatte dies trotz des Verbots ausgeführt. Man konnte nicht herausbringen, wer ihm dabei geholfen hatte; man sagte, daß ihm Burschen aus dem eine Viertelstunde entfernten Dettensee, das zum »Sigmaringer Ländle« gehört, beigestanden hätten. Viele Bauern, die mit Egge und Pflug ins Feld gehen wollten, andre mit der Hacke auf der Schulter, machten Halt und betrachteten eine Zeitlang den Maibaum. Auch des Wendels Matthes war unter den Versammelten, und er lachte immer in sich hinein und winkte dem Aivle, das vergnügt zum Fenster heraussah, mit den Augen zu; diese Augen sagten gar viel. Auf die oft schelmisch wiederholte Frage, wer wohl den Maibaum gesetzt, antwortete das Aivle stets nur mit einem schelmischen Achselzucken. Eben waren die Maikinder am Hause des Wagners Michel angelangt und begannen ihren Spruch, als der Dorfschütz mit dem Bannert herzutrat und laut rief: »Seid still, ihr Krotten!« Die Kinder schwiegen plötzlich; darauf ging der Gestrenge gerade auf den Matthes zu, faßte ihn am Arme und sagte: »Komm mit zum Schultes!« Der Matthes schleuderte die breite Hand der Polizei von sich weg und fragte: »Warum?« »Das wirst du schon erfahren; jetzt komm mit, oder es geht dir schlecht.« Der Matthes schaute sich rechts und links um, als wisse er nicht, was er thun solle, oder als müsse ihm von irgend einer Seite her Hilfe und Rat werden. Da bewegte sich plötzlich die Maihütte gerade auf den Schütz zu und stieß ihm ins Gesicht. Der Bub verließ sich wohl darauf, daß er als Mai eine geheiligte Person und unverletzlich sei; der Schütz aber kannte keine andre unverletzliche Person, als sich selber, und zerfetzte mit einem Risse dem Knaben sein ganzes Laubhaus. Der Christle, der jüngste Bruder des Matthes, sprang daraus hervor, und der Maienmann hatte nun ein Ende. Unterdessen war das Aivle vom Hause herabgekommen, es erfaßte den Matthes beim Arme, als wollte es ihn retten. Dieser aber rückte auch seine Hand ebenso harsch von sich ab, und der Dorfschütz sagte zum Aivle: »Du wirst noch warten können, bis man dich holt.« »Ich geh' schon mit,« sagte Matthes, dem Aivle einen vielsagenden Blick zuwerfend. Dieses aber sah nichts mehr, denn die hellen Thränen standen ihm im Auge, und die Schürze vor das Gesicht haltend, ging es schnell zurück ins Haus. Die Bauern gingen nun aufs Feld, der Matthes mit den beiden Schützen hinein in das Dorf, die Kinder mit Hallo hinterdrein. Als der Schütz den Nachruf nicht mehr hören konnte, riefen einige verwegene Knaben: »Soges! Soges!« Dies war der Schimpfname des Schützen und brachte ihn jedesmal gewaltig auf. Er hatte nämlich noch in den letzten Jahren der österreichischen Herrschaft sein jetziges Amt versehen; in seiner Dienstbeflissenheit glaubte er auch den österreichischen Dialekt sprechen zu müssen und sagte einmal: »I sog es.« Seitdem schimpfte man ihn den »Soges«. Hinter der geheimnisvollen braunen Hausthüre des Schultheißen verschwanden Soges, Matthes und Bannert. Der Schultheiß schalt den Angeklagten wegen seines Verbrechens sogleich tüchtig aus. Matthes stand ruhig da, er spielte nur leise mit dem Fuße nach einer Melodie, die er innerlich sang; endlich sagte er: »Seid Ihr bald fertig, Herr Schultheiß? Das geht mich alles nichts an, ich habe keinen Maien gesetzt; jetzt machet nur weiter, ich kann schon noch eine Weil' zuhören.« Der Schultheiß fuhr auf; er wollte gerade auf Matthes los, aber der Soges sagte ihm etwas ganz leise, und seine geballte Faust senkte sich. Er befahl nun dem Soges, den Verbrecher wegen groben Leugnens 24 Stunden einzusperren. »Ich bin ein Kind aus dem Ort; man weiß, wo ich zu finden bin, ich verlauf' wegen so einem Bettel nicht; man kann mich nicht einstecken,« sagte Matthes mit Recht. »Man kann nicht?« rief der Schultheiß zornglühend, »das wollen wir doch sehen, du –« »Oha! es ist genug geschimpft, ich geh' schon,« sagte Matthes, »aber mit einem Bürgersohn sollt' man nicht so verfahren. Wenn mein Vetter, der Buchmaier, daheim wär', dürft' das nicht geschehen.« Noch auf dem Wege zum Gefängnisse begegnete Matthes dem Aivle, aber er versuchte es nicht einmal, mit ihm zu sprechen. Aivle konnte sich das nicht erklären, es schaute Matthes lange nach, und von der Schande und dem Kummer niedergedrückt, ging es gesenkten Blickes in des Schultheißen Haus. Die Frau Schultheißin war die Firmgode Aivles, dieses wollte nun nicht eher vom Platze gehen, bis der Matthes frei wäre. Aber diesmal half die so einflußreiche Verwendung nichts; der Schultheiß hatte mit nächstem das Ruggericht zu erwarten, und er wollte sich durch unnachsichtige Strenge beim Oberamtmann beliebt machen. Im Verein mit dem Soges, seinem getreuen und weisen Minister, setzte der Schultheiß einen Bericht auf, und am andern Morgen in aller Frühe ward Matthes nach Horb transportiert. Es war gut, daß der Weg nach der andern Seite des Dorfes zuging und das Aivle den Matthes nicht sah, denn es war ein erbärmlicher Anblick, wie der sonst so mutige und säuberliche Bursche jetzt so geknickt und verwahrlost erschien; eine einzige Nacht im Gefängnisse hatte ihn so zugerichtet. Von allen Hecken, an denen Matthes vorüberkam, riß er sich im Zorne einen Zweig ab, warf ihn aber bald wieder weg, nur als er durch den Tannenwald auf der Steige geführt wurde, riß er sich ein Tannenreis ab und hielt es zwischen den Zähnen fest. Auf dem ganzen Wege sprach er kein Wort; es war, als ob dieses Tannenreis ihm das sichtbare Sinnbild seines Schweigens über den Maibaum wäre, als ob dieses Reislein seine Zunge wie mit einem Zauber festbinden sollte. Vor dem Oberamte nahm er schnell das Tannenreis heraus, und fast ohne es zu wissen, steckte er das Sinnbild seiner Anklage in die Tasche. Wer nie in den Händen des Gerichts war, weiß nicht, welch ein schreckliches Los es ist, so auf einmal nicht mehr Herr über sich zu sein; es ist, als ob einem der eigene Körper genommen wäre. Von Hand zu Hand geschubt, muß man freiwillig seine Füße aufheben, um doch nur dahin zu gehen, wohin andre wollen. Das fühlte Matthes, denn er war in seinem ganzen Leben jetzt zum erstenmal vor Gericht. Es war ihm so schwer und so bang zu Mute, als ob er ein recht großer Verbrecher wäre, als ob er einen Menschen ums Leben gebracht hätte; er meinte, die Kniee müßten ihm zusammenbrechen, als er die vielen Treppen den Berg hinaufgeführt wurde. Er ward nun in den Turm gesperrt, der so zudringlich hoch auf dem Berge steht wie eine Zwingburg, wie ein großer steinerner Zeigefinger, der der ganzen Umgegend zuwinkt: »Hütet euch!« Die Zeit wurde dem Matthes sterbenslang. Er war, solange er denken konnte, nie eine Stunde allein ohne Arbeit gewesen; was sollte er nun thun? Er lugte eine Weile durch das doppelt vergitterte Fenster in der sechs Schuh dicken Mauer hinaus, aber er sah nichts als ein Stückchen blauen Himmel. Auf der Pritsche liegend, spielte er lange mit dem Tannenreis, das er in seiner Tasche fand, das war noch ein Ueberrest aus der grünenden Welt draußen. Er steckte es zwischen eine Brettspalte und dachte es sich als den großen Maibaum, der an des Aivles Haus stand; es kam ihm vor, als ob es schon hundert Jahre wäre, seit er diesen gesehen hatte. Seufzend fuhr er auf, er schaute wirr umher und stampfte mit den Füßen; er fing nun an, pfeifend die Nadeln an dem Tannenreis zu zählen. Mitten drin aber hörte er auf und betrachtete das Reis genauer; er sah jetzt zum erstenmal, wie schön so ein Reis ist; unten waren die Nadeln dunkelgrün und hart, nach der Spitze zu aber waren sie noch so sanft und hellfarbig, so weich wie der Flaum eines Vogels, der noch nicht flügge ist, und ganz oben war der kleine Keim mit seinen zierlich übereinander gelegten Schuppen – das sollte ein Tannzapfen werden. Besser als Lavendel und Rosmarin roch der frische Harzduft des Zweiges. Matthes fuhr sich mit demselben leise und sanft über das ganze Gesicht und über die geschlossenen Augen; den Zweig in der Hand haltend, schlief er endlich ein. Im Traume war es ihm, als ob er auf einer schwankenden Tanne festgebannt wäre, so daß er kein Glied rühren könnte; er hörte die Stimme Aivles, das den bösen Geist bat, daß es zu ihm hinaus dürfe, um ihn zu erlösen. Er erwachte und hörte wirklich die Stimme Aivles und die seines Bruders Christle. Sie hatten ihm das Mittagessen gebracht und baten den Gefängniswärter, ihn in seinem Beisein besuchen zu dürfen, aber es wurde nicht gestattet. Erst gegen Abend wurde Matthes in das Verhör gebracht. Der Oberamtmann redete ihn sogleich mit Du an und schimpfte ihn auf Hochdeutsch ebenso, wie gestern der Schultheiß auf Bauerndeutsch. Solange die Gerichtsverhandlungen nicht öffentlich sind, wie sie es zu alten Zeiten in Deutschland überall waren, solange wird ein Beamter immer mit einem Angeklagten machen können, was er will; darf er ihn auch nicht mehr auf die Folter spannen oder prügeln lassen, es gibt noch viele andre, oft härtere Mißhandlungen. Sporenklirrend im Zimmer auf und nieder schreitend, ein kleines Papierchen stets rasch zwischen den Fingern drehend, stellte der Oberamtmann seine Fragen: »Wo hast du den Baum gestohlen?« »Ich weiß von nichts, Herr Oberamtmann.« »Vermaledeiter Spitzbub, du lügst,« sagte der Amtmann rasch, indem er auf Matthes zutrat und den Zipfel seines » Brusttuches « faßte. Matthes zuckte rückwärts zusammen, seine Hand ballte sich unwillkürlich. »Ich bin kein Spitzbub,« sagte er endlich, »und Ihr müsset das, was Ihr da gesagt habt, ins Protokoll 'neinschreiben; ich will sehen, ob ich ein Spitzbub bin. Mein Vetter, der Buchmaier, kommt schon wieder heim.« Auf diese Rede kehrte sich der Amtmann um und kniff die Lippen übereinander. Wäre die Sache des Matthes nur eine bessere gewesen, es hätte dem Amtmann schlecht ergehen können; wohlweislich aber ließ dieser seine Rede nicht ins Protokoll setzen. Er klingelte und ließ den Soges hereinkommen. »Was habt Ihr für Beweise, daß der da den Maien gesetzt hat?« »Jed' Kind im Dorf, die Ziegel auf dem Dach wissen's, daß der Matthes zu dem Aivle geht; nichts für ungut, aber ich mein', das Kürzeste wär', man läßt das Aivle kommen, da wird er's nimmer leugnen, er kann keinen auf die Gabel nehmen Einen auf die Gabel nehmen, so viel als einen Eid schwören; von dem Bilde der erhobenen drei Finger genommen. , daß es nicht wahr ist.« Als der Matthes das hörte, sperrte er die Augen weit auf und seine Lippen zuckten, aber er schwieg. Der Amtmann war eine Zeitlang stutzig, er erkannte das Ungehörige eines solchen Beweismittels wohl; aber er wollte »ein Exempel statuieren«, wie er sich in der Gerichtssprache ausdrückte. Nachdem Matthes, der Soges und die herkömmlichen zwei Gerichtsschöppen – oder wie man sie bei uns heißt, Gerichtsbeischläfer – das Protokoll unterschrieben hatten, war das Verhör geschlossen. Matthes hatte den Mut nicht, seine frühere Forderung in Betreff der Schimpfreden des Oberamtmanns zu wiederholen, er wurde abermals in das Gefängnis abgeführt. Es war schon spät gegen Abend, da saß Aivle oben an der Steige und schaute hinüber nach dem Turme auf dem Berge jenseits; es meinte, der Matthes müsse doch endlich kommen. Es saß hinter einer Hecke, um von den Leuten nicht gesehen und befragt zu werden. Da sah es den Soges die Bergwiese heraufkommen; es ging nach der Straße, der Soges winkte ihm zu, es sprang ihm schnell entgegen. » Thur stet , Aivle,« rief der Soges, »ich hab' dir nur sagen wollen, du sparst mir einen Gang, du mußt morgen früh um acht Uhr vor Oberamt.« Das Aivle stand leichenblaß da und schaute wie verwirrt drein, dann rannte es schnell den Berg hinab und hielt erst unten am Neckar inne; es blickte sich verwundert um, es war ihm gewesen, als würde es jetzt gleich eingesperrt, und als müsse es auf und davon laufen. Still weinend und gesenkten Hauptes kehrte es heim. Fast die ganze Nacht that Aivle kein Auge zu, denn morgen sollte es ja zum erstenmal vor Gericht; allerlei Schreckbilder von schwarzbehangenen Gemächern standen vor seiner Seele, und hätte sich nicht sein Gespiel, des Schneiderles Agath, erboten, bei ihm zu schlafen, es wäre gestorben vor Angst. Als kaum der Morgen graute, ging Aivle nach dem Schranke, holte sein Sonntagshäs , und die Agath mußte es ankleiden; es konnte vor Zittern kein Bändel knüpfen. Wehmütig betrachtete es sich in seinem zerbrochenen Spiegel; es war ihm, als müßte es in seinen Sonntagskleidern zu einem Leichenbegängnisse. Der Wagner Michel begleitete seine Tochter, er konnte das Kind ja nicht allein gehen lassen. In der Oberamtei zog er seinen Hut ab, strich sich die kurzgeschorenen Haare glatt und machte schon jetzt ein demütig freundliches Gesicht, als er mit den Füßen scharrend vor der Stubenthür stand. Er stellte seinen Schlehdornstock an die Wand, und den dreieckigen Hut mit der linken Hand vor die Brust haltend, den Kopf demütig vorgebeugt, klopfte er an. Die Thür öffnete sich. »Was will Er?« fragte eine rauhe Stimme. »Ich bin der Wagner Michel, und das da ist mein' Tochter, das Aivle, und das fürcht' sich so, da hab' ich fragen wollen, ob ich nicht mit 'nein darf vor Gericht.« »Nein,« war die rauhe Antwort, und die Thür wurde ihm vor der Nase zugeschlagen, daß der Wagner Michel zurücktaumelte. Er konnte seine weitere Begründung, daß eigentlich er und nicht seine Tochter vor Gericht gehöre, da der Maien vor seinem Hause stand, nicht mehr anbringen. Die beiden Hände auf den Schlehdorn gelegt und das Kinn auf die Hände gestemmt, so saß der Wagner Michel neben seiner Tochter auf der Hausflur und heftete seinen Blick auf die Steine des Fußbodens, die so kalt und teilnahmlos waren wie das Antlitz des Beamten. Dann brummte er vor sich hin: »Wenn der Buchmaier da wär', müßt' er andre Saiten aufziehen.« Das Aivle konnte kein Wort reden, es hatte die Hände gefaltet und hustete nur manchmal ganz leise in sein schön gebügeltes Sacktuch hinein. Endlich wurde es in die Gerichtsstube gerufen; es stand rasch auf, Vater und Tochter sahen sich stumm an, und das Aivle verschwand hinter der Thüre. Es blieb an der Thüre stehen; der Oberamtmann war nicht da, aber dort saß der Schreiber und spielte mit der Feder in der Hand, neben ihm die beiden Gerichtsschöppen, sie pisperten leise miteinander. Aivle zitterte und bebte an allen Gliedern; die Stille dauerte fast zehn Minuten, für Aivle eine halbe Ewigkeit. Endlich hörte man Sporenklingen, der Oberamtmann kam. Aivle schien ihm sehr zu gefallen, denn er faßte es am Kinn, streichelte ihm die heißen, roten Wangen und sagte dann: »Setz dich nur.« Aivle gehorchte, sich zaghaft auf den Rand des Sessels niederlassend. Nachdem es mit niedergeschlagenen Augen auf die Fragen: Name, Stand, Alter u. s. w. angegeben, fragte der Oberamtmann: »Nun, wer hat dir den Maibaum gesetzt?« »I kahn's et wisse, Herr Oberamtmann.« »Hast du nicht das Seil zum Anbinden an dem Dachfenster hergegeben?« »Noan, Herr Oberamtmann.« »Weißt du auch nicht, wer dein Schatz ist?« Aivle fing laut an zu weinen. Es war ihm schrecklich, daß es hier leugnen sollte, und doch konnte es auch nicht eingestehen. Der Amtmann half ihm, denn er sagte: »Nun, was ist denn da zu leugnen? Der Matthes ist dein Schatz, ihr wollt euch ja bald heiraten.« Aivle dachte daran, daß sie über vier Wochen sich beim Amte die Heiratserlaubnis holen wollten; es glaubte, wenn es jetzt leugne, bekäme es die »Papiere« und die »Annahme« nicht; auch durfte es nicht Nein sagen, das war gegen sein Gewissen. Sein Herz klopfte rasch, ein gewisses Gefühl des Stolzes erhob sich in ihm, ein Bewußtsein, das über alle Gefahren hinausragte, belebte sein ganzes Wesen, es dachte plötzlich nicht mehr an die Papiere, nicht mehr an den Oberamtmann, nicht mehr, wo es war, es dachte nur an Matthes; die letzte Thräne fiel von seinen Wimpern, sein Auge leuchtete hell, es erhob sich rasch, schaute wie siegverklärt umher und sagte: »Jo, koan andre uf der Welt nähm i.« »Der Matthes hat dir also den Maien gesetzt?« »'s kann wohl sein, aber me derf jo et dabei sein, und i bin diesell Nacht –« es konnte wiederum vor Weinen nicht weiter reden. Es war gut, daß Aivle die Augen zuhielt und das Lächeln der Gerichtsmänner nicht sah. »Gesteh's nur, kein andrer hat dir den Maien gesetzt?« »Was kahn i wisse?« Durch allerlei Querfragen und durch die freundliche Versicherung, daß die Strafe nur gering sei, brachte der Oberamtmann endlich das Geständnis Aivles heraus. Nun wurde ihm das Protokoll vorgelesen, worin die Aussagen in hochdeutsche Sprache übersetzt und in zusammenhängende Rede gebracht waren; von all dem Weinen und den Qualen des Mädchens stand kein Wort darin. Aivle erstaunte über alles das, was es da gesagt hatte; aber es unterschrieb doch und war seelenfroh, als es wieder fort durfte. Als die Thüre hinter ihm wieder zu war und die Klinke ins Schloß fiel, stand es plötzlich wie festgebannt da und faltete die Hände; ein schwerer Seufzer entlud sich seiner Brust, es meinte, der Boden müsse unter ihm zusammensinken, denn es überdachte jetzt erst recht, was es seinem Matthes gethan haben konnte. Sich an das Treppengeländer haltend, ging es furchtsam die steinernen Stufen hinab und suchte seinen Vater, der im Lamm einen Schoppen zur Herzstärkung trank; ohne ein Wort zu reden und ohne einen Tropfen über die Lippen zu bringen, saß Aivle neben ihm. Unterdes kam auch der Matthes abermals zum Verhör, und als er das Geständnis Aivles hörte, stampfte er mit dem Fuß auf den Boden und knirschte die Zähne. Diese Aeußerungen wurden sogleich als Grundlagen des Geständnisses genommen, und müde gehetzt gab sich Matthes gefangen; aber er gebärdete sich noch wie ein Wild, das im Netze steckt, sich nach allen Seiten hin und her windet, um sich loszumachen, aber immer tiefer sich hineinwirrt. Auf die Frage, wo er den Baum geholt, sagte Matthes zuerst, daß er ihn aus dem Dettenseer Walde (aus dem Sigmaringischen) genommen. Als man hierauf eine neue Untersuchung einleiten und an das Amt Haigerloch berichten wollte, gestand er endlich, daß er den Baum aus seinem eigenen Walde, im »Weiherle« gelegen, genommen und daß es ein solcher sei, der nächster Tage von dem Förster ausgezeichnet worden wäre. In Betracht dieser mildernden Umstände wurde Matthes um zehn Reichsthaler gestraft, weil er vor der Auszeichnung einen Baum aus seinem eigenen Walde geholt hatte. Oben an der Steige, dort, wo der Matthes tags zuvor einen Zweig abgerissen, traf er mit dem Aivle und ihrem Vater zusammen, die den Wiesenweg heraufkamen. Matthes wollte ohne Gruß weiter gehen. Da sprang das Aivle auf ihn zu, faßte seine Hand und rief schwer atmend: »Matthes, trutz et, guck, do hoscht du mein Anhenker und au meine Granate, wenn du Strof zahle muscht. Dank aunserm Heiland, daß du nimmeh eing'sperrt bischt.« Nach einigem Hin- und Herreden gab Matthes nach, Hand in Hand ging er dann mit seinem Aivle das Dorf hinein und wurde von allen freundlich bewillkommt. Das ist die Geschichte von dem Maibaum an des Wagner Michels Haus; am Hochzeitstage der beiden Liebenden ward er mit roten Bändern geschmückt. Der Himmel schien mehr Wohlgefallen an dem Baum zu haben als die löbliche Polizei, denn auf eine fast wunderbare Weise grünte der Baum und schlug neue Wurzeln; noch heutigestags prangt er als ewiges Liebeszeichen an dem Hause der Glücklichen. 2. Mit dieser Geschichte hängt aber noch eine andre von allgemeiner Bedeutung zusammen. – Das Maiensetzen, sowie noch andre nach dieser Zeit vorgekommene Waldfrevel veranlaßten den Oberamtmann, eine Verordnung zu erlassen, die ihm schon lange in der Feder schwebte. – Seit alten Zeiten ist es nämlich ein Recht und eine Sitte der Schwarzwälder Bauern, bei einem Gange über Feld, d. h. von einem Orte zum andern, eine kleine Handaxt am linken Arme zu tragen; nur die »Mannen«, d. h. die verheirateten Männer, tragen dieses Wahrzeichen, die »Buben«, die ledigen Bursche, aber nicht. Es mag wohl sein; daß dies, wie die Sage geht, noch ein Ueberrest von der allgemeinen Wehrhaftigkeit ist. Am ersten Pfingsttage war in allen Dörfern des Oberamtes am schwarzen Brette des Rathauses folgende Verordnung zu lesen: »Da man in Erfahrung gebracht, daß viele Waldfrevel von dem unbefugten Tragen der Aexte herrühren, so wird anmit zur öffentlichen Kunde gebracht: Von heute an soll jeder, der sich auf der Straße oder im Walde mit einer Axt umhertreibt, dem ihn betreffenden Landjäger, Flur- oder Waldschützen genaue Auskunft geben, wozu und warum er die Axt bei sich hat; sofern er hierüber nicht genügenden Ausweis geben kann, verfällt er beim erstmaligen Betreffen in die Strafe von 1 Reichsthaler, bei Wiederholung in die von 3 Reichsthalern und beim abermaligen Zuwiderhandeln in eine Gefängnisstrafe von acht Tagen bis vier Wochen. Der Oberamtmann Rellings .«      Viele Bauern standen nach der Nachmittagskirche am Rathause; der Matthes, der nun auch zu den Mannen gehörte, las die Verordnung laut vor. Alle schüttelten die Köpfe und murmelten Verwünschungen und Flüche vor sich hin; der alte Schultheiß aber sagte laut: »Des wär' vor alters et g'schea, des sind aunsere G'rechtsame.« Da sah man den Buchmaier mit der Axt am Arme vom obern Dorfe herabkommen:, alles schaute nach ihm hin, wie er so daherschritt. Es war ein behäbiger, kräftiger Mann in seinen besten Jahren, nicht groß, aber breitschulterig und dick. Aus den kurzen ledernen Beinkleidern hatte sich das Hemd etwas aufgestaucht; aus der offenen roten Weste sah das breite Querband der an Nesteln aufgehakten Hosenträger hervor, das buntgewoben und in der Ferne wie ein Pistolengurt aussah; der dreieckige Hut saß auf einem fast unverhältnismäßig kleinen Kopfe, dessen milde Gesichtszüge besonders um Mund und Kinn etwas weiblich Zartes ausdrückten; die weitgeschlitzten, hellglänzenden blauen Augen mit den emporstehenden dunkeln Augenbrauen verkündeten Klarheit und männlichen Trotz. Matthes sprang dem Buchmaier entgegen, meldete ihm die Verordnung und sagte: »Vetter, ihr seid alle keine rechten Gemeinderäte, wenn ihr euch das gefallen lasset.« Der Buchmaier wandelte in seinem gemessenen Gange fort, ohne auch nur einen Schritt zu beschleunigen; er ging geradeswegs auf das Brett zu. Alles wich zurück, damit er bequem lesen könne, er rückte seinen Hut etwas in die Höhe, erwartungsvolle Stille herrschte ringsum. Als der Buchmaier leise zu Ende gelesen hatte, schlug er sich mit der flachen Hand auf die Rundung seines Hutes, ihn fester setzend; das deutete etwas Unternehmendes an. Darauf nahm er ruhig seine Axt vom linken Arm und mit einem »Da!« hieb er sie in das schwarze Brett mitten durch die Verordnung; dann wendete er sich zu den Umstehenden und sagte: »Wir sind Bürger und Gemeinderäte; ohne Amtsversammlung, ohne Beistimmung von allen Gemeinderäten kann man keine solche Verordnung erlassen; ich will einmal sehen, ob die Schreiber alles sind, und ob wir denn gar nichts mehr gelten, und wenn es bis an den König geht, wir dürfen das nicht leiden. Wer mit mir einig ist, der nehme meine Axt da heraus und hau' sie noch einmal ins Brett.« Der Matthes war der erste, der zugriff; der Buchmaier aber hielt ihm den Arm und sagte: »Laß die ältern Leute zuerst dran.« Dieses Wort wirkte auf die Verzagten und Zweifelnden, die über die Handlungsweise des Buchmaiers betroffen waren und nicht wußten, was sie thun sollten. Der alte Schultheiß führte zuerst seinen Hieb mit zitternder Hand, dann griffen alle tapfer zu; von allen Umstehenden schloß sich keiner aus, und besonders der Name des Oberamtmanns wurde kreuz und quer zerhackt. – Nach und nach kam das ganze Dorf herbei; alle wurden zur gleichen sinnbildlichen Handlung ermuntert, und unter Lachen und Jubeln that jeder seinen Hieb. Der Schultheiß, von dem, was geschehen war, benachrichtigt, wollte Landjäger von Horb kommen lassen; sein weiser Minister aber riet ihm von diesem Aufgebote ab, da das doch nichts helfe; auch dachte der kluge Soges bei sich. »Gut, laß sie nur alle freveln, das gibt eine ganze Ernte Vorladungen, und für jede Vorladung einen Batzen; hauet nur wacker zu, es geht euch ins Fleisch, und das ist mein Batzenfleisch.« Mit fröhlicher Miene berechnete Soges bei einem Schoppen im Adler seinen Gewinn aus den Dorfhändeln. So blieb endlich außer dem Soges und dem Schultheißen keiner im ganzen Dorf an dem Excesse unschuldig. Am Dienstage gingen auf Veranlassung des alten Schultheißen die Gemeinderäte selber vor Amt und machten die Anzeige von dem, was sie gethan hatten. Der Oberamtmann wütete und fluchte in der Stube umher. Er hieß nicht umsonst Rellings, er sah wirklich aus wie ein geschorner Kater , dem man eine Brille aufsetzt und Sporen an die Füße heftet. Er wollte die Verbrecher sogleich einstecken lassen; der Buchmaier aber trat scharf vor ihn und sagte: »Ist das Eure ganze Kunst? Einsperren? Da hat's noch gute Weil'. Wir sind da, um Gegensprach' einzulegen, wir bekennen frei, was wir gethan haben, und da kann von keinem vorläufigen Einsperren die Rede sein: ich bin kein Landläufer, Ihr wisset, wo ich wohn', ich bin der Buchmaier, das da ist der Bäck, das da der Schmiedhannes, und das da des Michels Basche, wir sind auf unserm eigenen Grund und Boden zu finden. Ohne Urtel kann man uns nicht einsperren, und dann gibt's noch einen Ausweg weiter 'naus, Reutlingen zu oder Stuttgart, wenn's sein muß.« Der Oberamtmann lenkte wieder ein und lud die Männer auf morgen um neun Uhr zum Verhöre vor. Dieses letzte war wenigstens insofern gut, daß der Soges dadurch um seine wohlgezählten Batzen geprellt wurde. – So betrügen sich oft die großen und kleinen Herren in ihren Berechnungen. Es sah fast kriegerisch aus, als des andern Tages mehr als hundert Bauern, die Handäxte am Arme, durch das Dorf hinauswanderten. Sie hielten oft vor einem Hause und riefen einen Verspäteten an, der sich in der Eile noch auf der Straße seinen Rock anzog, manche Scherze und Witzreden wurden nicht weiter gesponnen, wenn man den Buchmaier ansah, der die Augenbrauen tief hereinzog. Kein Tropfen wurde getrunken, ehe man vor Amt ging: » Erst Rotes und nachher Brotes «, war der Wahlspruch der Bauern. Der Oberamtmann sah im Schlafrock mit der langen Pfeife im Munde zum Fenster heraus. Als er nun den bewaffneten Zug so daher kommen sah, machte er schnell das Fenster zu und sprang nach der Klingel, weil er aber stets Sporen an den Stiefeln hatte, verfing er sich in dem Vorhange und stürzte der ganzen Körperlänge nach auf den Boden; die lange Pfeife lag wie seine Waffe neben ihm. Er erhob sich indes schnell wieder, klingelte nach dem Amtsdiener, schickte ihn zum Stationskommandanten, zum Wachtmeister der Landjäger, und befahl, daß sie alle mit scharfgeladenen Gewehren herkommen sollten. Leider aber waren nur noch vier Mann im Orte. Er befahl nun, daß sie sich unten in der Amtsdienerstube halten und jeden Augenblick bereit sein sollten. In der Amtsstube befahl er sodann, daß von den Bauern einer nach dem andern hereinkommen und daß sogleich immer wieder geschlossen werden solle. Als nun der Buchmaier zuerst hereingerufen wurde, sagte er, die Thür in der Hand haltend: »Guten Morgen, Herr Oberamtmann,« und sich sogleich umkehrend, sagte er zu den Draußenstehenden: »Kommet 'rein, ihr Mannen, wir haben gemeinschaftliche Sach', ich red' nicht für mich allein.« Ehe sich's der Oberamtmann versah, war die ganze Stube mit den Bauern gefüllt, die ihre Aexte im linken Arme trugen. Der Buchmaier trat vor, auf den Schreiber zu, und seine Hand ausstreckend, sagte er: »Schreibet's auf, Wort für Wort, was ich sag'; sie sollen's bei der Kreisregierung auch wissen.« Er fuhr sich sodann zweimal mit der rechten Hand durch den Hemdkragen, stemmte seine Faust auf den grünen Tisch und begann: »Allen Respekt vor Euch, Herr Oberamtmann, der König hat Euch geschickt, und wir müssen Euch gehorchen, wie das Gesetz will; der König ist ein braver, rechtschaffener Mann, er will gewiß nicht, daß man die Bauern wie das Vieh hudeln oder wie die Kinder mit Döble einschulen soll. Die kleinen Herrle, die von oben bis 'runter stehen, die haben Freud' an dem Befehlerles-Spielen; zuletzt schreiben sie's noch nach Noten vor, wie die Henn' gackern muß, wenn sie ein Ei legt. Ich will Euch einmal das Deckele vom Häfele thun, ich will Euch den klaren Wein einschenken. Ich weiß wohl, es nützt jetzt nichts; gesagt muß es aber sein, ich muß den Putzen einmal 'rausthun, es würgt mich schon lang. Die Gemeind' soll jetzt gar nichts mehr gelten, alles soll in den Beamtenstuben abgethan werden. Ei so pflüget und säet und erntet auch in den Beamtenstuben. So ein verzwängtes Schreiberle kujoniert ein ganzes Rathaus voll Bauern, und eh' man sich's verlugt, wird ein Schreiberschultheiß nach dem andern auf das Dorf gesetzt; da ist hernach alles in der besten Schreiberordnung. Wahr ist wahr, Ordnung muß sein, aber zuerst muß man sehen, ob's nicht ohne Schreiber besser geht; und dann, wir sind grad' auch nicht auf den Kopf gefallen, und ist's auch nicht im Amtsstil, wir können's doch auch. Es muß g'studierte Leut' geben, die über alles eine Aufsicht haben; aber zuerst müssen die Bürger selber ihr Sach' in Ordnung bringen.« »Zur Sache, zur Sache!« drängte der Amtmann. »Das gehört' zur Sach'. Mit eurem Schreiberwesen wisset ihr nichts mehr zu befehlen und ihr kommt ans Verhüten, Vorsorgen und Verhindern, ja Verhindern, ich hätt' schier gesagt – Zuletzt stellet ihr noch an jeden Baum einen Polizeidiener, damit er keine Händel kriegt mit dem Wind und nicht zu viel trinkt, wenn's regnet. Wenn das mit dem Befehlerles so fort geht, möcht' man ja auf der Kuh fortreiten . Alles, alles wollt ihr uns nehmen; jetzt ist eins da, um das lassen wir uns nicht bringen.« Erhob die Art hoch auf und fuhr dabei zähneknirschend fort: »Und wenn ich mit der Axt da die Thüren bis zum König aufbrechen muß, ich geb' sie nicht aus der Hand. Von alten Zeiten her ist es unser Recht, daß wir Aexte tragen, und wenn man sie uns nehmen will, so muß es die Amtsversammlung oder der Landtag thun, und da haben wir auch ein Wort mitzureden. Aber warum wollet ihr sie uns nehmen? Damit kein Waldfrevel geschieht? Dafür sind Waldschützen und Strafen und Gesetze da, und die gelten gleich für Edelmann und Bettelmann. Wie viel Zähn' braucht ein armer Bauer, um Grundbirnen zu essen? Reißt ihm die andern 'raus, damit er nicht in Versuchung kommt, Fleisch zu stehlen. Und warum lasset ihr denn die Hund 'rumlaufen mit ihren Fangzähnen – Wenn ein Bub' acht, neun Jahr' alt ist, hat er sein Messer im Sack, und wenn er sich in den Finger schneid't, ist er eben selber daran schuld; thut er einem andern 'was damit, klopft man ihm auf die Finger. Wer sagt denn euch, daß wir noch ärger als kleine Kinder sind, und ihr unsre Lehrer und Vormünder? Ihr Herren thut grad', als wäret ihr dran schuld, daß ich jetzt nicht zum Fenster 'nausspring'; in der Hauptsach' vom Leben muß ja doch jeder für sich und jede Gemeinde für sich sorgen und nicht ihr Herren. Was sag' ich da? Herren! Unsere Diener seid ihr, und wir sind die Herren. Ihr meinet immer, wir sind euretwegen da, damit ihr was zu befehlen habt; wir bezahlen euch, damit Ordnung im Land ist, und nicht, um uns kujonieren zu lassen. Staatsdiener seid ihr, und der Staat, das sind wir, die Bürger. Wenn uns kein Recht wird, so gehen wir nicht zum Brünnele, sondern zum Brunnen, und eh' leg' ich meinen Kopf auf den Block und laß mir ihn mit der Axt da vom Henker abhauen, eh' ich mir sie von einem Beamten ohne meinen Willen nehmen lass'. So ist's, ich bin fertig.« Andächtige Stille herrschte ringsum, ein jeder sah den andern an, blinzelte mit den Augen, die gleichsam sagten: »Der hat sein Sach'. Jetzt kann er's sieden oder braten.« Der Basche aber sagte ganz leise zum Bäck: »Da paßt das Sprichwort recht: dem ist's gut von der Haue gefallen.« – »Ja, der hat das Maul nicht in der Tasch'!« erwiderte der Bäck. Der Oberamtmann ließ den Eindruck dieser Rede nicht lange andauern; ein Papierchen zwischen den Fingern drehend, begann er mit ruhigem Tone die Schwere des geschehenen Verbrechens darzustellen. Mancher scharfe Seitenhieb auf den Buchmaier fiel; dieser aber schüttelte immer nur leise den Kopf, als ob er Fliegen abwehre. Zuletzt sprach der Oberamtmann von Prozeßkrämern und Aufrührern, von eingebildeten Herrenbauern, die einmal mit einem Advokaten einen Schoppen getrunken, die läuten hörten und nicht wüßten, wo? Von dieser allgemeinen Abschweifung ging er sodann wieder auf das Vorliegende über; er nannte einzelne Anwesende bei Namen, lobte sie als ruhige, verständige Bürger, die zu einer solchen That unfähig seien. Er sprach seine tiefe Ueberzeugung aus, daß sie sich von dem Buchmaier hatten verleiten lassen; er beschwor sie bei ihrem Gewissen, bei ihrem Gehorsam gegen König und Gesetz, bei ihrer Liebe zu Frau und Kindern, die schwere Schuld nicht auf sich zu laden, offen und frei die Verführung zu bekennen, und ihre Strafe werde mild sein. Wiederum herrschte Stille; einige sahen einander an und blickten dann verlegen zur Erde. Der Buchmaier erhob sein Antlitz hoch und kühn, er schaute allen frei ins Angesicht, seine Brust hob sich, erwartungsvoll hielt er den Atem an. Der Matthes hatte schon den Mund geöffnet, um zu sprechen; da hielt ihm der Schmiedhannes den Mund zu, denn eben erhob sich der alte Schultheiß, der von allen Anwesenden allein auf einem Stuhle gesessen hatte. Mit schweren Tritten, die Füße kaum erhebend, ging er vor an den grünen Tisch, anfangs keuchend und oft Atem holend, dann aber in fließender Rede sagte er: »Groß Dank für die gute Nachred', die Ihr mir und andern gehalten habt, Herr Oberamtmann, aber was der Buchmaier gesagt hat, unterschreibe ich aufs Tüpfele hin. Wenn's noch einen Beweis braucht', daß uns die Herren wie kleine Kinder, wie Unmündige ansehen, so hättet Ihr ihn geliefert, Herr Oberamtmann; nein, ich bin sechsundsiebzig Jahre alt und bin zwanzig Jahre Schultheiß gewesen. Wir sind keine Kinder, die sich zu so etwas wie zu einem Bubenstreich verführen lassen, die Axt bleibt bei mir, bis man mir sechs Bretter mitgibt. Wer als ein Kind dasteht, der soll's nur bekennen. Ich bin ein Mann, der weiß, was er thut; wenn's zur Straf' kommt, bin ich auch dabei.« »Wir auch!« riefen alle Bauern wie aus einem Mund; die Stimme des Matthes tönte vor. Das Antlitz des Buchmaiers war wie mit Licht übergossen; er faßte noch mit der rechten Hand seine Axt und drückte sie innig ans Herz. Nachdem die herkömmlichen Förmlichkeiten beendet, das Protokoll unterschrieben und der Buchmaier sich eine Abschrift davon erbeten hatte, verließen die Bauern still die Oberamtei. Noch mehrere andre Gemeinden thaten Einsprache gegen die neue Verordnung; die Sache kam bis vor die Kreisregierung. Diejenigen, welche auf eine so ungebührliche Weise mit den Aexten selber Einsprache gethan hatten, wurden um eine namhafte Summe bestraft. Indes wurde nach einiger Zeit der Oberamtmann Rellings versetzt, die Verordnung aber nicht mehr erneuert. Nach wie vor tragen die Mannen ihre Axt am linken Arme. Ich erzähle wohl ein andermal noch weiteres vom Buchmaier. Die feindlichen Brüder. In der spärlich bewohnten kalten Gasse, »der Kniebis« genannt, steht ein kleines Häuschen, das außer einem Stall und einem Schuppen nur drei zum Teil mit Papier zugeklebte Fenster hat; oben am Dachfenster hängt ein Laden nur an einer Angel und droht jeden Augenblick herunterzufallen. Neben dem Hause ist ein kleines Gärtchen, das noch durch einen der Länge nach hindurchlaufenden Zaun von dürren Dornen in zwei Hälften geschieden ist. In dem Hause wohnten zwei Brüder schon seit vierzehn Jahren in unabänderlicher Feindschaft. Wie im Garten, so war auch im Hause alles geteilt, von der Dachkammer bis hinab in den kleinen Keller; die Fallthüre war offen, aber drunten hatte jeder seinen durch Latten abgeteilten verschlossenen Raum. Auch sonst waren an allen Thüren noch Hängeschlösser befestigt, als ob man stündlich den Ueberfall von Dieben fürchtete; der Stall gehörte dem einen, der Schuppen dem andern Bruder. Kein Wort wurde im Hause vernommen, wenn nicht einer bisweilen laut vor sich hinfluchte. Michel und Koanradle, so hießen die beiden Brüder, waren beide schon sehr bei Jahren und beide unbeweibt. Dem Koanradle war seine Frau schon früh gestorben, und er lebte nun so für sich allein; der Michel war nie verheiratet gewesen. Eine blau angestrichene, lange, sogenannte Bankkiste war die erste Ursache des Bruderhasses. Nach dem Tode der Mutter sollte alles geteilt werden; die im Dorfe verheiratete Schwester hatte schon ihr Pflichtteil bekommen. Der Koanradle behauptete, er habe die Kiste aus seinem eigenen Gelde gekauft, das er sich als Wegknecht durch Steinschlagen auf der Straße verdient, er habe sie nur der Mutter geliehen, und sie sei sein eigen; der Michel aber behauptete, der Koanradle habe der Mutter Brot gegessen und habe somit kein eigenes Vermögen. Nach einem persönlich heftigen Streite kam die Sache vor den Schultheiß und sodann vor das Gericht; es wurde entschieden, daß, da die Brüder nicht übereinkommen können, alles im Hause samt der Kiste verkauft und der Erlös geteilt werden solle. Ja, das Haus selber wurde versteigert; da sich aber kein Käufer dafür fand, mußten es in Gottes Namen die Brüder behalten. Die Brüder mußten nun ihre eigenen Sachen, ihr Bett und andres öffentlich wieder kaufen. Das machte dem Koanradle manchen Kummer, denn er hatte etwas mehr Empfindung als gewöhnlich. – Es gibt in jedem Hause mancherlei Dinge, die keinem Fremden für Geld zu haben sind; sie sind viel mehr wert, als man eigentlich dafür bezahlen kann, denn es haften Gedanken und Lebenserinnerungen daran, die für keinen andern in der Welt Wert haben. Solche Sachen müssen sich still von Geschlecht zu Geschlecht forterben; dadurch bleibt ihr steter innerer Wert unangetastet. Muß man sie aber erst wieder aus den Händen andrer reißen und um Geld mit Fremden darum ringen, so ist ein großer Teil ihrer ursprünglichen Weihe dahin; sie sind in ihrem Geldeswerte errungen und nicht still, man möchte sagen, wie ein Heiligtum, ererbt. Solcherlei Gedanken waren es, worüber der Koanradle oft den Kopf schüttelte, wenn ihm ein altes Hausgeräte zugeschlagen wurde; und als das in schwarzen Samt eingebundene Gesangbuch der Mutter mit den silbernen Spangen und den silbernen Buckeln zum Verkaufe kam und ein Trödler das Silber in der Hand wog, um das Gewicht zu schätzen, schoß ihm alles Blut in den Kopf. Er steigerte das Gesangbuch um hohen Preis. Endlich kam die Kiste an die Reihe. Der Michel räusperte sich laut und betrachtete mit einem herausfordernden Blicke seinen Bruder; er setzte sogleich eine namhafte Summe darauf. Der Koanradle bot schnell einen Gulden mehr, ohne dabei aufzuschauen, und zählte die Knöpfe an seinem Wams. Der Michel aber bot, sich keck umschauend, höher: kein Fremder steigerte mit, und von den Brüdern wollte zum Hohne keiner dem andern die Streitsache lassen. Ein jeder dachte auch bei sich: du brauchst ja nur die Hälfte zu bezahlen, und so gingen sie immer höher und höher, und endlich wurde die Kiste für mehr als das Fünffache ihres Wertes, für achtundzwanzig Gulden, dem Koanradle zugeschlagen. Jetzt erst schaute er auf, und sein Gesicht war ganz verändert; Hohn und Spott sprachen aus den aufgerissenen Augen, dem offenen Munde und dem ganzen vorgebeugten Antlitze. »Wenn du stirbst, so schenk' ich dir die Kist', daß man dich drein n'einlegt,« sagte er zitternd vor Wut zum Michel, und das waren die letzten Worte, die er seit vierzehn Jahren zu ihm gesprochen hat. Im ganzen Dorfe wurde die Kistengeschichte zu allerlei Spaß und Lustbarkeit benutzt, und wo einer den Koanradle sah, bemerkte er, wie schändlich der Michel gehandelt habe, und der Koanradle redete sich immer mehr in Wut gegen seinen Bruder hinein. Auch sonst waren die beiden Brüder ganz verschiedener Sinnesart und gingen auch ihre verschiedenen Wege. Der Koanradle hielt sich eine Kuh, die er mit der Kuh seines Nachbarn Christian zur Feldarbeit zusammenspannte. In der übrigen Zeit schlug er für fünfzehn Kreuzer des Tages Steine auf der Straße. Auch war der Koanradle sehr beisichtig; er trat unsicher auf, und wenn er sich Feuer schlug, brachte er den Zunder immer nahe zur Nase, um dadurch gewiß zu sein, daß er brenne. Er hieß im ganzen Dorfe der »blind' Koanradle«; das »le« wurde ihm gegeben, weil er eine kurze, untersetzte Gestalt hatte. Der Michel hingegen war gerade das Gegenspiel. Er war lang und hager und schritt ganz sicher einher; er trug sich vollkommen bäuerisch, nicht weil er ein besonderer Bauer war, denn er war eigentlich gar keiner, sondern weil ihm das zu seinem Handel sehr förderlich war. Er handelte nämlich mit alten Pferden, und die Leute haben weit mehr Zutrauen zu einem Pferde, das sie von einem bäuerisch gekleideten Manne kaufen. Der Michel war ein verdorbener Hufschmied; er verpachtete und verkaufte zum Teil seine Aecker, legte sich ganz auf den Pferdehandel und führte dabei ein Herrenleben. Er war eine wichtige Person in der ganzen Gegend. Er kannte auf sechs, acht Stunden im Umkreis, im Württembergischen, im ganzen Sigmaringer und Hechinger »Ländle« und bis ins Badische hinein den Zustand und das Kontingent der Ställe so gut wie ein großer Staatsmann die statistischen Berichte fremder Staaten und die Stellung der Kabinette; und wie dieser in den Zeitungen, so sondierte Michel die Stimmung des Volkes in den Wirtshäusern. Er hatte auch in jedem Orte einen Thunichtgut als Residenten, mit denen er manche geheime Konferenzen hielt und die im Notfalle eine Stafette zum Michel sandten, nämlich sich selber, für die sie weiter nichts verlangten, als ein gutes Trinkgeld im buchstäblichen Sinne des Wortes. Dann aber hatte auch Michel geheime Agenten, die die Leute zu Revolutionen in ihren Ställen verleiteten, und so kam es, daß in seinem Schuppen, der als Stall diente, fast immer ein Marodegaul war, den er für einen neuen Feldzug, für die Oeffentlichkeit, d. h. für den Verkauf auf dem Markt zustutzte. Er färbte die Haare über den Augen, er feilte die Zähne, und wenn das arme Tier auch nichts mehr als Kleien fressen konnte und bei andrem Futter verhungern mußte, ihn kümmerte das wenig, denn er schlug es auf dem nächsten Markte unfehlbar wieder los. Dabei hatte er seine besonderen Kunststückchen; er stellte z. B. einen Helfershelfer auf, der zum Scheine einen Tausch mit ihm machen wollte; sie lärmten dabei ganz ungeheuer, dann rief aber der Michel ganz laut: »Ich kann nicht tauschen, ich hab' kein Futter und keinen Platz, und wenn ich den Gaul für eine Karolin weggeben muß, fort muß er!« Oder er machte es noch gescheiter: er stellte für ein paar Kreuzer ein dummes Bäuerchen hin, gab ihm den Gaul, ließ sich ihn vorreiten und sagte: »Wenn ein rechter Bauer das Tier hätt', da könnt' man einen schönen Gaul hinfüttern; das Gestell ist überaus, die Knochen sind englisch, dem fehlt nichts als Fleisch, und da ist er seine zwanzig Karolin wert.« Dann brachte er einen Käufer, bedingte sich noch ein Unterhändlergeld und erhielt beim Verkaufe seines eigenen Pferdes noch einen Nebenverdienst. Am meisten war der Michel den gerichtlichen Urkunden feind, in denen man gegen die Hauptfehler gewährleisten mußte; er ließ, wenn es drauf und dran kam, lieber noch ein paar Gulden nach, ehe er solche Verbindlichkeiten einging. Dabei hatte er aber doch manchen Prozeß, der den Gaul samt dem Profit auffraß; aber es liegt in dieser Art Leben, von freiem, arbeitslosem Herumstreifen etwas so Verführerisches, und der Michel rechnete immer auch wieder eins ins andre, daß er vom Pferdehandel nicht lassen konnte. Sein Grundsatz war: »Ich geh' nicht vom Markt, gepatscht muß sein.« Damit meinte er, ein Handel muß abgeschlossen sein, wobei man die Hände schallend zusammenschlägt. Die Handelsjuden auf den Märkten waren ihm auch vielfach behilflich, und er spielte wieder mit ihnen unter einer Decke. Wenn der Michel so zu Markte ritt oder vom Markte heimfuhr und der Koanradle an der Straße Steine schlug, da sah er seinen Bruder halb mitleidig, halb höhnisch an, denn er dachte: »O du armer Schelm! Schlägst Stein' von morgens bis abends um fünfzehn Kreuzer, und ich verdiene, wenn's nur ein bißle gut geht, fünfzehn Gulden.« Der Koanradle, der das mit seinen blöden Augen doch bemerkte, schlug dann auf die Steine, daß die Splitter weit umherspritzten. Wir wollen aber sehen, wer es weiter bringt, der Michel oder der Koanradle. Der Michel war einer der beliebtesten Unterhaltungsmenschen im ganzen Dorfe, denn er konnte Tag und Nacht immerfort erzählen, so viel Schliche und Streiche wußte er, und er kannte auch Gott und die Welt. Freilich Gott kannte er wenig, obgleich er manchmal in die Kirche ging, denn davon kann sich auf dem Lande keiner ganz ausschließen; aber er ging eben in die Kirche wie gar viele, ohne etwas dabei zu denken und sein Leben danach einzurichten. Der Koanradle hatte auch seine Untugenden, und dazu gehörte besonders sein Haß gegen seinen Bruder und die Art, wie er denselben äußerte. Wenn man ihn fragte: »Wie geht's deinem Michel?« antwortete er immer: »Dem geht's noch so;« dabei machte er unter dem Kinn mit beiden Händen, als ob er einen Knoten schlinge, dann fuhr er nach beiden Seiten aus und streckte die Zunge heraus. Er wollte, wie leicht erkenntlich, damit sagen: der wird noch gehenkt. Natürlich sparten die Leute diese Frage nicht sehr, und es war immer ein besonderes Hallo, wenn man den Koanradle zu seiner feststehenden Antwort brachte. Auch sonst schürten die Leute den Haß der Brüder, nicht gerade immer aus Bosheit, sondern weil es ihnen Spaß machte. Der Michel aber zuckte nur verächtlich die Achseln, wenn man von dem »armen Schelm« sprach. Nie blieben die Brüder in einer Stube; wenn sie sich in dem Wirtshause oder bei ihrer Schwester trafen, ging immer einer von ihnen fort. Niemand dachte mehr daran, sie zu versöhnen, und wenn zwei Leute in Feindschaft miteinander waren, hieß es sprichwörtlich: »Die leben wie der Michel und der Koanradle.« Zu Hause redeten die beiden kein Wort, wenn sie sich begegneten, ja sie sahen sich nicht einmal an. Dennoch, wenn einer merkte, daß der andre unwohl im Bette lag, ging er den weiten Weg zu der Schwester, die in der Froschgasse wohnte, und sagte: »Gang 'nuf, i glaub', es ischt ihm et reacht«; und dann arbeitete ein jeder von den Brüdern gewiß leise und ohne Geräusch, um den andern nicht zu stören. Außer dem Hause aber und unter den Leuten lebten sie in gleichmäßiger Feindschaft, und niemand dachte daran, daß noch ein Funke Liebe in ihnen sei. Das dauerte nun in das vierzehnte Jahr. Dem Michel war unter dem vielen Hin- und Herhandeln das Geld von seinen verkauften zwei Aeckern durch die Finger gefallen, er wußte nicht, wie; der Koanradle aber hatte sich von einem Auswanderer noch einen neuen Acker gekauft und fast ganz bezahlt. Der Michel gab sich nun meist damit ab, andren Leuten beim Handel behilflich zu sein, und er dachte daran, durch den Verkauf eines neuen Ackers sich wieder flott und selbsthandelnd zu machen. »Und es kam ein neuer König in Aegypten,« diesen Vers im zweiten Buch Moses, Kap. 1, V. 8, konnten die Leute im Dorf auf eine eigene Weise auf sich anwenden. Der alte Pfarrer war gestorben; er war ein guter Mann, aber er ließ alles gehen, wie es ging. Der neue Pfarrer, der in das Dorf gekommen war, war ein eifriger junger Mann; er wollte alles in Ordnung bringen, und er brachte auch vieles zustande, bis er endlich in ein offenbares Verhältnis zu dem Schäpflewirts Lisle kam, worauf er sich eben auch nicht mehr in die Privatangelegenheiten der Leute mischte, denn man konnte sagen: kehr du vor deiner Thür! Jetzt aber war noch alles im frischen Schwunge. Es war an einem Sonntage nach der Mittagskirche, da saßen die Leute bei einander auf dem Bauholz für das neue Feuerspritzenhaus neben dem Rathausbrunnen; auch der Michel war darunter, er saß gebückt da und kaute spielend an einem Strohhalm. Da ging der Peter, der fünfjährige Bub des Schackerles Hannes, vorbei. Einer rief das Kind herbei und sagte, in die Tasche greifend: »Guck, Peter, du kriegst ein Häufle Nuß, wenn du dem Koanradle nachmachst; wie macht der Koanradle?« Der Bub schüttelte Nein und wollte gehen, denn er war gescheit und fürchtete den anwesenden Michel, aber er wurde festgehalten und fast gezwungen, und endlich machte er das Knotenschlingen, das Ausziehen und das Zungenausstrecken; es war ein Gelächter, daß man's durch das halbe Dorf hörte. Als nun der Bub die Nüsse wollte, zeigte sich's, daß der Versprecher keine hatte, und neues Gelächter entstand, als der Knabe mit den Füßen nach dem Betrüger ausschlug. Der neue Pfarrer war indes den kleinen Hügel am Rathause herahgekommen; er war stehen geblieben und hatte dem ganzen Handel zugesehen. Als nun der Knabe für seine dringende Forderung noch geprügelt werden sollte, da trat der Pfarrer schnell herzu und riß das Kind weg; alle Bauern standen schnell auf und rissen die Mützen vom Kopfe. Der Pfarrer nahm den Heiligenpfleger, der mit darunter gewesen war, mit durch das Dorf und ließ sich alles von ihm erzählen. Er erfuhr nun die Feindschaft der Brüder und alles, was wir bisher erfahren. Am Samstag darauf wurde der Koanradle, als er mitten im Dorfe Steine schlug, auf morgen früh nach der Kirche zum Pfarrer vorgeladen. Er glotzte verwundert drein, die Pfeife ging ihm aus, und fast zwei Sekunden lang blieb der Stein unter seinem mit einem Brette besohlten Fuße unzerspalten, er konnte sich gar nicht denken, was es im Pfarrhause gebe; er wäre lieber gern gleich hingegangen. Den Michel traf die Vorladung, als er gerade einem alten Gaul »seine Sonntagsstiefel schmierte«, so hieß er nämlich das Aufputzen der Hufe; er pfiff dann die Melodie eines unzüchtigen Liedes, hörte aber doch mitten drin auf, denn er wußte wohl, was es morgen geben würde. Er war froh, daß er sich auch noch auf eine tüchtig gesalzene Gegenpredigt vorbereiten konnte; ein paar Brocken davon murmelte er schon jetzt leise vor sich hin. Am Sonntag Morgen hielt der Pfarrer eine Predigt über den Text Psalm 133, Vers 1: »Siehe, wie gut und wie lieblich ist's, wenn Brüder beisammen sitzen.« Er zeigte, wie alles Glück und alle Freude auf Erden nur halb oder gar nichtig ist, wenn wir es nicht mit denen genießen und teilen, die unter demselben Mutterherzen wie wir geruht; er zeigte, wie die Eltern diesseits nicht glücklich und jenseits nicht selig werden können, deren Kinder Haß, Neid und Bosheit trennt; er wies auf das Beispiel von Kain und Abel hin und zeigte, wie der Brudermord die erste giftige Frucht des Sündenfalls war. Alles dies und wohl noch viel mehr sprach der Pfarrer mit klangvoller donnernder Stimme, so daß die Bauern von ihr sagten: »sie druckt die Wänd' auseinander«. Aber freilich ist es oft fast noch leichter, die Wände auseinander zu drücken, als die verhärtete, verschlossene Brust der Menschen zu öffnen. Die Bärbel weinte bittere Thränen über die Hartherzigkeit ihrer Brüder, und obgleich der Pfarrer zehnmal wiederholte, er meine nicht diesen oder jenen, sondern jeder möge die Hand aufs Herz legen und fragen, ob er die echte Liebe gegen die Seinigen hege, so dachte doch eben jeder nur: »Das geht auf den Michel und den Koanradle, das ist bloß auf die gemünzt.« Diese beiden standen nicht weit voneinander, der Michel kaute an seiner Mütze, die er zwischen den Zähnen hielt, der Koanradle aber hörte mit offenem Munde zu, und als sich einmal die Blicke beider begegneten, fiel dem Michel die Mütze aus der Hand. und er bückte sich schnell. Das Lied machte einen sanften, beruhigenden Schluß; aber noch ehe die letzten Töne verklungen waren, war der Michel aus der Kirche und stand vor der Thüre des Pfarrhauses. Sie war noch geschlossen; er ging in den Garten. Lange stand er hier an den Bienenstöcken und sah dem emsigen Treiben der Tierchen zu: »Die wissen's nit, daß Sunntig isch,« und er dachte: »Du hast auch keinen Sonntag bei deinem Handel, denn du hast auch keinen rechten Werktag,« und er dachte wieder: »Wie viel hundert Geschwister in so einem Bienenstock bei einander wohnen,, und alle arbeiten, wie die Alten;« aber er blieb nicht lange bei derlei Gedanken, sondern nahm sich vor, sich von dem Pfarrer keine Trense aufsetzen zu lassen, und als er nach dem Gottesacker drüben sah, dachte er an die letzten Worte Koanradles, und seine Fäuste ballten sich. Im Pfarrhause traf der Michel den Pfarrer und den Koanradle schon in eifrigem Gespräche beisammen; der Pfarrer stand auf; er schien den Ankömmling nicht mehr erwartet zu haben. Er bot Michel einen Stuhl an; auf seinen Bruder deutend, erwiderte aber Michel: »Herr Pfarrer, allen Respekt vor Euch, aber ich setz' mich nicht nieder, wo der da ist; Herr Pfarrer, Ihr seid erst kurz im Dorf, Ihr wisset nicht, was der für ein Lugenbeutel ist, das ist ein scheinheiliger Duckmäuser, der hat's aber faustdick hinter den Ohren. Alle Kinder machen ihm nach,« fuhr er zähneknirschend fort, »wie geht's deinem Michel?« er machte nun ebenfalls die uns sattsam bekannten Manieren, dann sagte er wieder, zitternd vor Wut: »Herr Pfarrer, der da ist an meinem Unglück schuldig, er hat mir den Frieden im Haus verscheucht, und ich hab' mich dem Teufel mit seinem Roßhandel ergeben. Du hast mir's prophezeit, du,« sagte er, auf seinen Bruder losfahrend; »ich häng' mich noch an einem Roßhalfter auf, aber zuerst mußt du dran.« Der Pfarrer ließ die beiden Brüder austoben; er gebrauchte seine Würde nur in so weit, um von Tätlichkeiten zurückzuhalten. Er wußte wohl, daß, wenn der lang verhaltene Ingrimm ausgeschüttet, auch die Liebe zum Vorschein kommen müsse, aber er täuschte sich noch halb. Endlich saßen die beiden Brüder wortlos und nur noch laut atmend da, keiner regte sich. Da sprach der Pfarrer zuerst mit sanften Worten, er öffnete alle verborgenen Falten des Herzens; es half nichts! die beiden sahen zur Erde. – Der Pfarrer schilderte ihnen die Qualen ihrer Eltern im Jenseits, der Koanradle seufzte, aber er sah nicht auf; da faßte der Pfarrer alle seine Kraft zusammen, seine Stimme dröhnte wie die eines strafenden Propheten, er schilderte ihnen, wie sie nach ihrem Tode vor den Richterstuhl des Herrn kommen, und der Herr ruft: »Wehe! Wehe! Wehe! ihr habt verstockten Herzens in Haß gelebt, ihr habt die Bruderhand einander entzogen, gehet hin aneinander geschmiedet, verschmachtet ewig in der Hölle.« Alles war stille, der Koanradle wischte sich mit seinem Aermel die Thränen ab, dann stand er auf und sagte: »Michel.« Der Angeredete hatte seit so vielen Jahren diesen Ton nicht gehört, daß er plötzlich aufschaute, und der Koanradle trat näher und sagte: »Michel, verzeih!« – Die Hände der Brüder lagen fest ineinander, die Hand des Pfarrers wie segnend darauf. Alles im Dorfe schaute auf und freute sich, als man den Michel und den Koanradle Hand in Hand den kleinen Hügel am Rathause herunterkommen sah. Bis nach Hause ließen sie ihre Hand nicht los, es war, als ob sie die lange Entbehrung einbringen müßten. Zu Hause aber rissen sie schnell die Hängeschlösser ab; dann gingen sie in den Garten und stürzten den Zaun um; so viel Kohl auch dabei zu Grunde ging, dies Zeichen der Zwietracht mußte fort. Dann gingen sie zu ihrer Schwester und aßen an einem Tisch nebeneinander. Nachmittags saßen die beiden Brüder in der Kirche, und ein jeder hielt eine Seite von dem Gesangbuche der Mutter in der Hand. Ihr ganzes Leben ward fortan wiederum ein einiges. Ivo, der Hajrle. 1. Die Primiz. An einem Samstagnachmittage wurde auf der Hochbur emsig gezimmert und gehämmert. Der Zimmermeister Valentin schlug mit seinen beiden Söhnen ein Gerüste auf, das nichts weniger war, als ein Altar und eine Kanzel. Des Schneider Christles Gregor sollte hier morgen seine Primiz halten, so nennt man nämlich die Feier des ersten Meßopfers und die erste Predigt eines neugeweihten Geistlichen. Ivo, der kleinste Sohn Valentins, ein blonder Knabe von sechs Jahren, half seinem Vater mit wichtiger Miene bei der Arbeit. Barhaupt und barfuß kletterte er behend wie ein Eichhorn auf dem Gebälke umher, bei jeder Hebung eines Balkens schrie er gleichfalls: »Holz her!« stemmte sich an und schnaufte, als ob er das meiste dazu vollbringe. Valentin gab dem kleinen Ivo auch sonst immer »etwas zu schaffen«; er mußte den Bindfaden auf die Spule wickeln, das (Handwerks-) »Geschirr« zusammentragen oder die Späne auf einen Haufen sammeln. Mit einem Ernst und mit emsigen Gebärden, als ob er das größte Werk vollführe, befolgte Ivo seinen Auftrag, und als er einmal als Beschwerungslast auf die Spitze eines schwanken Balkens sitzen mußte, zitterten ihm die Bewegungen der Säge so durch alle Glieder, daß er beständig laut auflachen mußte und fast herunterfiel; er hielt sich aber fest und bemühte sich, sein gewichtiges Amt still zu vollziehen. Das Gerüste war endlich fertig. Der Sattler Ludwig war bereit, die Teppiche anzunageln. Ivo wollte ihm gleichfalls dabei helfen, aber der barsche Mann jagte ihn fort, und Ivo setzte sich still auf die zusammengelesenen Späne und schaute hinaus nach den jenseitigen Bergen, über denen die Sonne glühendrot unterging. Da hörte er den Pfiff seines Vaters, er sprang auf und eilte zu ihm. »Vater,« sagte Ivo, »wenn ich nur einmal in Hochdorf wär'.« »Warum?« »Gucket, das ist ganz nah beim Himmel, und da möcht' ich einmal 'naufsteigen.« »Du dummes Kind, das ist nur so, wie wenn dort der Himmel aufstehen thät; hinter Hochdorf ist noch weit bis Stuttgart, und von da ist es auch noch weit bis in den Himmel.« »Wie weit?« »Man kann eben nicht hinkommen, bis man tot ist.« Seinen kleinen Sohn an der rechten Hand führend und am linken Arm das Handwerkszeug tragend, ging Valentin durch das Dorf. Ueberall wurde gescheuert und gewaschen, die Stühle und Tische standen vor den Häusern; denn jedes erwartete zu der heiligen Handlung auf morgen einen Besuch aus einem nahen oder entfernten Dorfe. Als Valentin an des Schneider Christles Haus vorüber ging, langte er an seine Mütze, bereit, sie abzuziehen, wenn jemand heraussähe; aber es sah niemand heraus, das ganze Haus war so still wie ein Kloster. Einige Bauernweiber gingen mit Schüsseln unter den Schürzen in das Haus, andre kamen mit leeren Schüsseln unterm Arme heraus; sie begrüßten sich still; sie hatten die Hochzeitsgeschenke für den jungen Pfarrer ins Haus gebracht, der ja morgen öffentlich getraut wurde mit seiner heiligen Braut, der Kirche. Die Abendglocke läutete, Valentin ließ die Hand seines Sohnes los, der schnell seine Händchen faltete; auch Valentin legte über dem schweren Handwerkszeuge die Hände übereinander und betete ein Ave. – – Andern Morgens schaute ein heller Tag auf das Dorf herab. Ivo wurde schon früh von seiner Mutter schön angekleidet mit einem neuen Janker von gestreiftem Manchester und, wie ihm schien, silbernen Knöpfen und frisch gewaschenen, kurzen ledernen Beinkleidern; er sollte das Kruzifix tragen. Gretle, die älteste Schwester Ivos, nahm diesen bei der Hand und führte ihn auf die Gasse, damit es »Platz im Hause gebe«. Sie schärfte ihm ein, daß er ja nicht mehr zurückkehren solle; dann eilte sie geschäftig ins Haus zurück. Ivo ging das Dorf hinein, überall standen die Männer und Burschen in Rädchen auf der Straße; sie waren nur in halbem Putze, ohne Jacke oder Rock, die weißen Hemdärmel zur Schau tragend. Hier und dort sprangen Frauen und Mädchen, ebenfalls ohne Mieder, mit halb aufgelösten Haaren und das flatternde rote Wickelband in der Hand tragend, von einem Hause ins andre. Es erschien Ivo als eine grausame Tyrannei seiner Schwester, daß er so aus dem Hause verstoßen war. Er wäre auch gar zu gerne wie die großen Leute zuerst im Halbstaate und dann unter dem Geläute der Glocken in voller Pracht erschienen; aber er wagte es nicht, wieder zurückzukehren, noch irgendwo sich niederzulassen, aus Furcht, seine Kleider zu verderben. Behutsam ging er so durch das Dorf. Wagen an Wagen brachte fremde Bauern und Bäuerinnen, aus den Häusern wurden ihnen Stühle zum Absteigen entgegengetragen und sie freundlich bewillkommt. Alle Leute sahen heute so in sich vergnügt, so erhaben aus, wie eine Einwohnerschaft, die einen sieggekrönten Helden aus ihrer Mitte im Triumphe empfängt. Von der Kirche bis zur Hochbur war die Straße mit Gras und Blumen bestreut, die einen würzigen Duft emporsteigen ließen. Der Schultheiß kam aus des Schneider Christles Haus und setzte erst auf der Straße seinen Hut wieder auf. Der Soges hatte ein frisch lackiertes Bandelier an seinem Säbel. Bald darauf kam auch die Frau Schultheißin, ihr sechsjähriges Töchterchen, Bäbele, an der Hand führend. Bäbele war geschmückt, just wie eine Braut. Es hatte die Schappel samt dem Kränzchen auf dem Kopfe und war überaus prächtig gekleidet; in der That stellte Bäbele, als reine Jungfrau, die Braut des jungen Geistlichen vor. Es läutete zum erstenmal, und wie durch einen Zauberruf zerstreuten sich plötzlich die Gruppen der hemdärmeligen Leute, sie gingen in die Häuser, um sich würdig anzukleiden, Ivo ging nach der Kirche. Unter dem Geläute aller Glocken bewegte sich endlich der Zug aus der Kirche hervor. Die Fahnen flatterten, die Stadtmusik, die von Horb herbeigekommen war, schallte drein, und dazwischen hörte man wieder die Gebete der Männer und Frauen. Ivo ging voraus neben dem Lehrer mit dem Kruzifix. Auf der Hochbur war der Altar schön geschmückt, die Kelche und Lampen, die Flitterkleider der Heiligen glitzerten im Sonnenlichte, und unabsehbar über die ganze Heide und über die Felder war die Menge der Andächtigen ausgebreitet. Ivo wagte es kaum, den Hajrle anzuschauen, der in golddurchwirktem Gewande, entblößten, nur mit dem goldenen Kranze geschmückten Hauptes und bleichen, frommen Antlitzes, unter dem Schalle der Musik sich stets tief verbeugend, die kleinen weißen Hände auf der Brust übereinander legend, die Stufen des Altars hinaufstieg. Ihm voraus war des Schultheißen Bäbele gegangen, das als seine Braut eine mit Rosmarin umwundene, brennende Kerze in der Hand trug. Es stellte sich zur Seite des Altars auf. Das Hochamt begann, und als die Klingel läutete, stürzte alles auf das Antlitz nieder, kein Laut war weit umher vernehmbar; nur ein Flug Tauben flog gerade über den Altar weg, und man hörte das Flattern und Zwitschern dieser Tiere, das man stets bei ihrem Fluge vernimmt. Um alles in der Welt hätte Ivo nicht aufgeschaut, denn er wußte wohl, daß jetzt der heilige Geist herniedersteigt, um die geheimnisvolle Wandlung des Weines in Blut und des Brotes in Fleisch vorzunehmen, und daß kein sterbliches Auge sich zu ihm erheben darf, ohne zu erblinden. Der Kaplan von Horb bestieg nun die Kanzel und redete den Primizianten feierlich an. Hierauf bestieg der Hajrle die Kanzel. Ivo saß nicht weit davon auf einem Schemel; den rechten Arm auf das Knie gestemmt und das Kinn auf die Hand gelehnt, horchte er eifrig zu. Er verstand wenig von allem, aber sein Blick hing an den Lippen und den Mienen des Predigers, die so treuherzig sprachen, und sein Sinn war kindlich und liebend bei Gott und dem guten Hajrle. Als darauf unter abermaligem Geläute der Glocken und den Siegestönen der rauschenden Musik der Zug sich wieder heim nach der Kirche bewegte, da faßte Ivo das Kruzifix mit beiden Händen fest; es war, als ob er mit erneuter Kraft seinen Herrgott vor sich hertragen wollte. Unter der Menge, die sich nun zerstreute, sprach alles mit Entzücken von dem Hajrle, und wie glücklich die Eltern eines solchen Sohnes zu preisen wären. Der Schneider Christle und seine Frau gingen, von seliger Lust getragen, die überdachte Treppe an dem Kirchberg herab. Man achtete doch sonst wenig auf diese Leute, heute aber drängte sich alles mit ausnehmender Verehrung zu ihnen, um ihnen Glück zu wünschen. Die Mutter des jungen Pfarrers dankte mit thränenverklärten Blicken, sie konnte vor seligem Weinen nicht reden. – Ivo hörte von seiner Base aus Rexingen, die zu der heiligen Handlung herübergekommen war, daß die Eltern Gregors diesen nun mit Sie anreden müßten. »Ist das wahr, Mutter?« fragte er. »G'wiß. der ist jetzt mehr, als andre Menschen,« lautete die Antwort. Bei allem Entzücken blieb auch der wirkliche Vorteil des Schneider Christles nicht unbesprochen. Man sagte, der habe nun ausgesorgt für sein ganzes Leben; das Kordele, des Gregors Schwester, werde » Hausere «, und der Gregor sei ein Glück für die ganze Familie und eine Ehre für das ganze Dorf. Zwischen seinen Eltern, von beiden an der Hand geführt, ging Ivo nach Haus. »Vater,« sagte er, »der Gregor sollt' hier Pfarrer sein.« »Das geht nicht, man macht nie einen zum Pfarrer, wo er geboren ist.« »Warum?« »Mit deinem ewigen dummen Warum! Weil's eben so ist,« entgegnete Valentin. Die Mutter aber sagte: »Er hätt' sonst zu viel Anhang im Dorf und wär' nicht unparteiisch.« Entweder wußte sie es nicht oder konnte sie dem Kinde nicht erklären, daß bei einem Ortsangehörigen die Heiligkeit des Amtes und die Ehrfurcht vor der Person des Priesters beeinträchtigt würde, da man seinen menschlichen Ursprung und sein Wachstum kennt. Valentin aber sagte nach einer Weile: »Das best' Leben hat doch so ein Pfarrer. Er kriegt keine Schwiele in die Hand vom Pflügen und kein Rückenweh vom Schneiden, und die Pfarrscheuer ist doch voll Frucht; er legt sich aufs Kanapee hin und denkt sich sein' Predigt aus und macht seine ganze Familie glücklich. Ivo, wenn du brav bist, kannst du auch Hajrle werden. Möchtest du gern?« »Ja,« sagte Ivo mit voller Stimme und schaute mit weit aufgerissenen Augen nach seinem Vater auf, »aber Ihr dürfet nicht Sie zu mir sagen,« setzte er dann hinzu. »Das hat noch gute Weil',« erwiderte Valentin lächelnd. Nach dem Mittagessen stellte sich Ivo hinter dem Tisch auf die Bank, dort in die Ecke unter dem Kruzifix, wo der Vater gesessen. Zuerst bewegten sich seine Lippen leise, dann hielt er mit lauter Stimme eine Predigt. Mit der ernstesten Miene sprach er das kunterbunteste Zeug, er wollte gar nicht aufhören, bis ihm Valentin freundlich mit der Hand über den Kopf fuhr und sagte: »So, jetzt ist's genug.« Die Mutter aber nahm den Ivo herab auf ihren Schoß, herzte und küßte ihn und sagte fast weinend: »O liebe Mutter Gottes! ich möcht' nicht länger leben, als daß mich unser Herrgott den Tag sehen ließ', an dem du dein' Primiz hältst;« dann setzte sie kopfschüttelnd und leise hinzu: »Verzeih mir Gott meine Sünden, ich denk' schon wieder zu viel an mich.« Sie stellte ihren Sohn nieder und hielt ihre Hand auf seinem Kopfe. »Gelt,« sagte Ivo, »und unser Gretle wird mein' Hauserin, und ich laß ihm auch Stadtkleider machen, wie die Pfarrköchin hat?« Die gute Base Magdalena von Rexingen schenkte dem Ivo einen Kreuzer für seine Predigt. Schnell sprang er dann zu dem Knechte, der vor dem Hause unter dem Nußbaum saß, und erzählte ihm, daß er Hajrle werde. Nazi schüttelte nur mit dem Kopfe und drückte den überquellenden, brennenden Tabak in seiner Pfeife nieder. Die Mittagskirche war nicht so feierlich und so besucht wie sonst, die Andacht hatte sich heute morgen erschöpft. Gegen Abend ging der junge Pfarrer mit dem Kaplan von Horb und mehreren andern Geistlichen durch das Dorf. Alle Leute, die vor den Häusern saßen, standen auf und grüßten freundlich; die ältern Frauen lächelten dem jungen Pfarrer zu, wie wenn sie sagen wollten: »Wir kennen dich und haben dich gern; denkt dir' s noch, wie ich dir eine Birn' geschenkt hab'? Und ich hab's ja schon lang gesagt, der Gregor wird ein großer Mann.« Die jungen Burschen zogen die Pfeifen aus dem Munde und die Mützen ab, und die Mädchen flüchteten sich unter ein Haus und stießen einander und blickten verstohlen heraus. Die Kinder aber kamen herbei, gaben dem Gregor die Hand und küßten die seinige. Auch Ivo kam herbei. Der junge Geistliche mochte vielleicht das Zittern des Knaben und seinen andächtig frommen Kuß herausfühlen, er hielt seine Hand noch länger, strich ihm mit der andern Hand über die Wange und sagte: »Wie heißt du, liebes Kind?« »Ivo.« »Und dein Vater?« »Der Zimmermann Valentin.« »Sag einen schönen Gruß von mir an deinen Vater und deine Mutter und sei recht fromm und brav.« Ivo stand noch lange wie festgezaubert da, als die Männer schon längst fort waren, es war ihm, als ob ihm ein Heiliger erschienen wäre und mit ihm geredet hätte. Er blickte lange staunend zur Erde, dann eilte er in großen Sätzen jubelnd nach Hause und erzählte alles. Die ganze Familie saß auf dem Bauholze unter dem Nußbaume, der Nazi nicht weit davon auf einem Steine an der Hausthür. Ivo ging zu ihm und berichtete auch ihm seine Begegnung, der Knecht aber war heute mürrisch, und Ivo setzte sich zu Füßen seines Vaters nieder. Es war Nacht geworden, man sprach wenig, nur der Schreiner Koch sagte noch: »Ich will sehen, wo Ihr Geld krieget unter fünf Prozent.« Niemand antwortete. Ivo blickte einmal zu seinem Vater auf, aus seinem Auge leuchtete eine stille Verklärung, niemand konnte ahnen, was die junge Seele bewegte. »Vater,« sagte Ivo, »schlaft denn des Schneider Christles Hajrle auch wie andre Menschen?« »Ja, aber nicht so lang wie du; wenn man Hajrle werden will, muß man früh aufstehen und beten und lernen. Gang jetzt, marsch ins Bett!« Die Mutter begleitete Ivo ins Haus, und in sein Nachtgebet, das er ihr vorsagte, schloß er freiwillig neben den namhaft gemachten Verwandten auch den Hajrle ein. Die Primiz hatte die unmittelbarsten Folgen. Gleich andern Tages ging der Hansjörg, den wir noch von der Kriegspfeife her kennen, mit seinem Sohne, Peter, nach Horb zum Kaplan; auch der reiche Johannesle von der Bruck, der den Beinamen der Schmutzige hatte, brachte seinen Konstantin, einen aufgeweckten, gescheiten Buben, zum Kaplan. Die beiden Knaben sollten fortan die lateinische Schule besuchen, Ivo war hierfür noch zu jung. – Wir treffen die beiden andern Knaben wohl später wieder, jetzt bleiben wir beim Ivo und wollen sein ganzes Jugendleben möglichst genau beobachten. 2. Der Lehrer. Der Lehrer im Dorfe war ein heller Kopf, dabei aber heftig; seine Neigung und sein Haupttalent war die Musik. Er hatte wenig Einfluß auf Ivo, wie dies ein einzelner Mann bei hundertzwanzig Kindern auch sonst nicht wohl haben konnte. Der beste Lehrer Ivos, wer sollte es denken! war der Nazi, der nicht schreiben und kaum lesen konnte. Man nennt bei uns die Dienstboten »Ehhalten«, was ihre Bedeutung gar schön bezeichnet, und wie man sie schon in der Stadt das Unterschicksal des Familienlebens nennen kann, so sind sie das noch weit mehr im Dorfe, wo das ganze Leben des Hauses ein in Arbeit und Genuß gemeinsames ist. Weil nun in einer guten Haushaltung die Eltern und das Gesinde friedlich zusammenleben, kann man um so gefahrloser die Kinder den Einflüssen des Gesindes überlassen, da man sie genau kennt. Bei dem Nazi aber war gewiß nichts zu gefährden. Auf der Krippe und im Heuschober errichtete Nazi seinen Lehrstuhl, antwortete auf die eifrigen Fragen seines Zöglings oder erzählte ihm wunderbare Geschichten. Nazi war am liebsten mit den Tieren zusammen, und wenn er auch mit ihnen reden konnte, und wenn besonders das Falb Menschenverstand hatte, man konnte doch keine rechte Antwort bekommen, so viel man auch redete; der Ivo aber konnte doch wenigstens einmal die Hände zusammenschlagen und »Ei Herr Jerem« rufen. So hatte Nazi den Knaben gern bei sich. Wie ein Füllen neben dem im Wagen eingespannten Pferde los und ledig einherrennt und allerlei Sprünge macht, so sprang Ivo immer neben dem Nazi einher, wo er auch hingehen mochte. Wenn dann wieder die beiden auf dem Stroh saßen und Nazi die Geschichte vom Mockle -Peter, vom Wacholdermännchen, oder von dem verwunschenen Fräulein von Isenburg erzählte, da bildeten die dumpfen Töne der fressenden Tiere eine schauerliche Begleitung zu der Rede Nazis. Besonders die Geschichte vom Mockle-Peter, der den jungen Tannen, die noch bluteten, mutwillig die Kronen abriß und der als Baummörder in der Egelsthaler Halde geistet , sowie die Geschichte vom Wacholdermännchen, das ein graues und ein schwarzes Aug' hat, die jedes Jahr mit ihrer Farbe abwechseln, diese Geschichten mußte Nazi oft erzählen; denn die Kinder sind noch nicht so verwöhnt, daß sie immer was Neues haben wollen. Bei diesen Wiederholungen hatte indes Nazi einen schweren Stand, denn sobald er etwas nicht mehr genau wußte oder anders erzählen wollte, fiel Ivo ein: »Ei, das ist ja nicht so.« Dann hob ihn Nazi auf den Schoß und sagte: »Du hast recht, ich kann mich nicht mehr so recht darauf besinnen. Narrle, es gehen mir noch viele andre Sachen im Kopf herum,« und dann erzählte Ivo mit großem Eifer den weitern Verlauf, so daß Nazi von der Gelehrigkeit seines Schülers entzückt war. Oft aber sprachen auch die beiden über allerlei Lebensverhältnisse, von denen die Stadtkinder erst spät Einsicht und Kunde erhalten: von Reichtum und Armut, Treue und Falschheit, Handel und dergleichen; denn das Leben im Dorfe ist stets ein offenkundiges, das Innere des Hauses ist allen bekannt, groß und klein. Einst ging Ivo mit seinem Vater vom Zimmerplatze nach Hause. »Vater,« sagte er, »warum hat denn unser Heiland die Bäum' nicht viereckig gemacht, da braucht' man's ja auch nicht zu behauen.« »Warum – dummer Jung', da bräucht' man ja auch keine Zimmerleut' und hätt' auch keine Spän'.« Ivo war still, und der Vater dachte darüber nach, daß der Bub doch eigentlich gar »gut gekopft« sei, und daß es unrecht sei, ihn so barsch anzufahren; er sagte daher nach einer Weile: »Ivo, so Sachen fragt man in der Schul' den Lehrer oder den Herrn Pfarrer. Merk dir das.« Das war brav von Valentin. Nur wenige Eltern sind so gewissenhaft und so klug, diesen allein richtigen Ausweg aus ihrer etwaigen Unwissenheit zu ergreifen. Ivo fragte aber nicht den Schullehrer und nicht den Pfarrer. Er ging zu Nazi und sagte: »Weißt du auch schon, warum unser Heiland die Bäum' nicht viereckig, gerade recht zum Bauholz gemacht hat?« »Weil man die Bäum' zu noch viel mehr Sachen als zum Bauen braucht.« Ivo stand verwundert da, das war noch eine andre Antwort. Dadurch, daß Ivo sich so innig an Nazi anschloß, hatte er unter seinen Altersgenossen keinen Kameraden; dafür betrachtete ihn aber auch Nazi wie seinen Vertrauten, und wenn er ihn liebkoste, sagte er: »Du gute alte Seele!« In besonders gemütlichen Stunden erzählte er ihm dann auch viel von seinem Hellauf, dem Hunde, den er früher als Schäfer gehabt hatte, und der »gescheiter war als zehn Doktor«. »Ich sag' dir's,« beteuerte Nazi, »der Hellauf hat meine verborgensten Gedanken erraten; wenn er mich nume angesehen hat, hat er gleich gewußt, was ich will. Hast du schon einmal so einen Hund genau betrachtet? Die haben oft ein Gesicht, auf dem der Kummer ausgeschüttet liegt, grad' wie wenn es sagen thät: ich möcht' flennen, weil ich nicht mit dir schwätzen kann. Wenn ich meinen Hellauf so angesehen hab', da hat er gebellt und geheult und hat dabei die Augen zugedrückt, daß es mir durch die Seel' gangen ist. Wenn ich ihm nume ein bös Wörtle geben hab', hat er den ganzen Tag keinen Bissen gefressen, es war ein Tier, es war zu gut für diese Welt.« »Kommen die Hund' auch in Himmel?« fragte Ivo. »Ich weiß nicht, es steht nichts davon geschrieben,« erwiderte Nazi. Besondere Freude machte es dann Nazi, daß auch Ivo eine so innige Liebe zu den Tieren hatte; denn ganz alte einsame Leute oder Kinder, die beide mit ihrer Liebe nicht recht wissen, wohin, wenden ihre Neigung den Tieren zu. Diese machen keine Ansprüche, man hat wenig Pflichten für sie, und besonders erfährt man von ihnen nie Widerspruch, welchen sowohl die alten als auch die jungen Kinder nicht leiden mögen. »So eine Sau ist doch ein armes Tierle,« sagte Ivo einmal, »die ist doch nur auf der Welt, um gemetzget zu werden; die andern Tiere kann man doch auch noch lebig gebrauchen.« Nazi nickte vergnügt mit dem Kopfe. Nach einer Weile sagte er: »Es kann wohl sein, daß dessenthalben auch so eine Sau am ärgsten schreit und heult, wenn man's metzget.« Durch mancherlei Fragen, Bemerkungen und Reden galt Ivo im ganzen Dorf als ein »unterhaltsamer, aufgeweckter Bub«. Niemand ahnte seinen Wecker. Der Schullehrer aber war unzufrieden mit ihm, weil er nie, wie es die Schulordnung verlangt, ruhig nach Hause ging, sondern stets tollte und schrie wie besessen. Die armen Kinder! sie müssen stundenlang in sich zusammengepreßt sitzen; wenn es dann endlich fortgeht, können sie nicht anders, sie müssen sich aufrütteln und frei in die Luft hineinjubeln. Darum ist es oft um elf Uhr, als ob das wilde Heer käme. Niemand zweifelte, daß der Ivo einst ein tüchtiger Pfarrer würde, er war sonst fromm und gesittet. Der Valentin berühmte sich einst im Adler, sein Ivo werde des Hansjörgs Peter und des Johannesles Konstantin noch weit überholen. Dazu hatte es indes noch Zeit. 3. Kinderliebe. Neben Valentin wohnte des Schackerles Michel, ein armer Mann, der bloß an Kindern reich war, von denen das jüngste Emmerenz hieß; die Zimmermännin war dessen Patin, und die Emmerenz war nun fast den ganzen Tag bei ihr im Hause, sie aß und trank dort und schlief nur bei ihren Eltern. Emmerenz war fast gerade so alt als Ivo, und die beiden Kinder waren unzertrennlich. Obgleich Ivo deshalb von seinen ungalanten Schulkameraden »Mädleschmecker« geschimpft wurde, ließ er doch nicht von der Emmerenz. Sie hatten sogar gemeinschaftlich einen Maunkel; so nennt man nämlich einen Schatz gesammelten Obstes, den man unter dem größten Geheimnis im Heu versteckt und der dem Speicher eines Kornhamsters nicht unähnlich sieht. Da saßen denn die Kinder mit heimlich stillem Entzücken bei ihrem Schatze. Ivo zeigte sich schon darin als Mann, daß er bis hundert zählen konnte. Er zählte die Aepfel, Birnen und Zwetschen. Emmerenz hörte ihm andächtig zu und sprach leise die Zahlen nach. Die anbrüchigen Stücke und die von ungerader Zahl wurden zu gleichen Teilen verzehrt. Oft aber gab es auch Händel, und das Vereinsgut wurde dann alsbald geteilt. Diese Trennung dauerte aber nie länger als einen Tag, denn die beiden hätten ja sonst nicht mehr miteinander von ihrem Reichtum sprechen können. Große Veränderungen aber gingen bald mit den beiden Kindern vor; Ivo bekam vom Nazi eine Peitsche, und Emmerenz lernte stricken. In der Stadt bekommen die Kinder eine Trommel oder einen kleinen Kaufladen, sie spielen dann Soldaterles oder Handelns, bis es Ernst mit dem Leben wird; auf dem Dorfe beginnt mit der Peitsche das Bauernspiel. Ivo stand nun oft auf dem leeren Wagen vor dem Hause, knallte nach der leeren Deichsel hinab und schrie: »Hio, Hist und Hott.« Sobald er aus der Schule kam, wurden Schiefertafel und Lineal auf den Tritt hinter den Ofen gestellt und mit knallender Peitsche die Hühner und Gänse auf der Straße herumgejagt. So tollte er eines Mittags umher, da sah er die Emmerenz, die mit ihrem Strickzeuge unter dem Nußbaume saß. Nicht weit davon lag ihr kleines schwarzes Kätzchen, Miezchen genannt, in der Sonne und pustete und putzte sich emsig. Das runde, blondhaarige Mädchen knüpfte mit einem Eifer die Maschen, daß es nicht aufzuschauen wagte; ein so ungewöhnlicher Ernst schwebte um die zusammengepreßten Lippen, als gälte es, dem bergeshohen Schneemann, dem Winter, eine wollene Jacke zu stricken. Ivo stand eine Weile ruhig neben Emmerenz und schaute ihr zu, dann sagte er: »Strickst du Strümpf' für dein' Katz'?« Emmerenz gab keine Antwort und strickte ohne Unterlaß fort. Da kitzelte Ivo der Mutwille, er zog rasch die Nadeln aus dem Strickzeug und sprang davon. Emmerenz stand schnell auf und warf ihm einen Stein nach; da sie ihn aber, nach Art der Mädchen, nicht über die Schulter erhob, sondern nur gerade vor sich hinschleuderte, fiel er kaum drei Schritte vor ihr nieder. Nachdem sie die Nadeln zusammengelesen, ging sie weinend nach Haus. Nachmittags machte Ivo seine Grausamkeit schnell vergessen, er brachte der Emmerenz ein Stück blaues Glas von einer zerbrochenen Flasche. Eins nach dem andern betrachtete nun die Sonne durch das Glas und rief: »Ujadele, wie schön!« Ivo wickelte das Kleinod in ein Papierchen und schenkte es der Emmerenz. Einst kam ein Mann in das Dorf, der, wie weiland der kühne Rattenfänger, alle Kinder hinter sich dreinzog; das war nämlich der » Holgen -Mann«, der für zerbrochenes Glaswerk den Kindern gemalte Bilder verhandelte. Ivo lief im ganzen Hause umher, bis er sich die blinkende Münze erobert, und dann brachte er den Preis der Emmerenz. Aber nicht nur beim Sonnenschein, auch beim Regen treffen wir die Kinder bei einander. Der alte Valentin sah stillvergnügt zum Fenster hinaus, denn man kann gar leicht, ohne etwas Bestimmtes zu denken und zu haben, doch stillvergnügt einem Regen zusehen, da wird Körper und Seele wie mit einem erquicklich leichten, feinen Nebel angehaucht, und wie man träumerisch dem Wellenspiele eines Stromes zusieht, so sieht man nun von den Dächern überall die Tropfen rinnen; alles, was uns umgibt, die stillfließende Luft selber, hat Stimme und Gestalt gewonnen. Ivo und Emmerenz hatten sich unter die offene Scheune geflüchtet, auch der kleine Jakobele, des Schultheißen dreijähriger Knabe, war dabei. Die Hühner hatten auch gleiche Zuflucht gesucht, sie standen neben den Kindern, ließen ihre Schwänze hängen und schüttelten sich oft. Das schwarze Kätzchen kam gleichfalls ganz hart am Hause hergeschlichen, es ging so leise und trat so behutsam auf und schüttelte nach jedem Auftreten die Pfote, daß man sein Herbeikommen gar nicht merkte, bis die Hühner aufgackerten; es verschwand aber schnell in dem offenen Stallfensterchen. Anfangs rieselte es so zart, daß man nur an der Dunkelheit des offenen Dachfensters gegenüber merkte, daß Tropfen herunterfielen; bald aber plätscherte es gewaltig und Ivo sagte: »Ah! das thut meinen Nägele im Garten gut.« – »Garten gut,« wiederholte der kleine Jakobele. Dann sagte Ivo wieder: »Ah, das gibt einen großen Bach.« – »Großen Bach,« wiederholte Jakobele abermals, Ivo sah ihn grimmig an, dann sang er, auf Emmerenz schlagend: Es regnet regnet Tropfe, Die Mädle muß mer klopfe, Die Bube muß mer Kutsche fahre, Die Mädle muß mer in Neckar trage. Emmerenz machte sich los und sang, auf Ivo schlagend:    Es regnet regnet Tropfe, Die Bube muß mer klopfe, Die Mädle legt mer in ein golden Bett, Die Bube in ein' Dornenheck. Bauern fuhren mit leeren Säcken auf dem Kopfe schreiend vorbei, um dem schweren Wetter zu entfliehen; die Kinder lachten sie aus und schrieen ebenfalls Hio! Emmerenz stand da, den Kopf auf die linke Seite geneigt und die Händchen unter der Schürze übereinander gehalten; als es aber gerade am ärgsten regnete, stieß Ivo sie hinaus unter die Dachtraufe. Der Jakobele sprang von selbst hinaus, gleichsam den Regen herausfordernd; er duckte aber doch blinzelnd seinen Kopf unter, als wollte er nicht zu schwer von dem Regen getroffen werden. Mit der Schürze über dem Kopfe gab sich nun Emmerenz alle Mühe, wieder unter Dach zu kommen, aber Ivo hielt strenge Wacht, und erst als sie weinte, ließ er sie herein. Der Regen hörte endlich auf, die Sonne schien hell, und mit unnennbarer Lust sprangen die Kinder umher; es war als ob die erfrischte Luft auch diese jungen Menschenpflänzchen neu belebte. Braune Ströme hatten sich neben der Straße gebildet, die Kinder ließen Späne als Flöße darauf schwimmen und wateten mit Lust in dem Wasser, nach Eisen darin suchend. Ivo, der immer weitere Pläne hatte, wollte ein Mühlrad bauen, aber lange ehe das Rad fertig war, war das Wasser verflossen. Wie oft geht das so, daß wir Gewerke herrichten für den Strom unsrer Lebenstage, und ehe das Gewerk nur halb fertig, ist alles versiegt und trocken. So neckisch auch Ivo manchmal gegen Emmerenz war, so ließ er ihr doch von niemand ein Leid anthun. Einst ging er aus der Schule nach Haus, da sah er, wie die Emmerenz von zwei Unholden, zwei alten, grauen Gänsen, verfolgt wurde. Schreiend und wehklagend floh das Mädchen mit rückwärts gekehrtem Kopfe. Schon hatte eins der Unholde ihr Kleid erfaßt und zerrte daran, da sprang Ivo, gerüstet, wie er war, mit seinem Schilde, der Schiefertafel, und seinem Schwerte, dem Lineal, auf die Verfolger los und trieb sie nach schwerem, aber mutigem Kampfe in die Flucht. Mit heldenmütigem Selbstgefühl hob er dann Emmerenz, die auf den Boden gefallen war, auf und schritt triumphierend in seinem Waffenschmucke neben ihr her. Nazi hatte ihm von Rittern erzählt, die wehrlose Fräulein von Drachen erretteten; er erschien sich jetzt als ein solcher Ritter und war gar zufrieden und vergnügt. 4. Muckele und Wusele. Das Haus Valentins wurde um ein Glied vermehrt, auf das die Blicke aller gerichtet waren; Valentin brachte nämlich vom Oberndorfer Markt eine schöne Kuhkalbin mit. Ehe das Tier ins Haus gebracht wurde, musterten und schätzten es die Nachbarn und alle Vorübergehenden. Die Mutter, Ivo und Nazi gingen dem Ankömmling bis vor die Thür entgegen. Hier erhielt Ivo ein hölzernes Pferd, dann übergab Valentin, vergnügt um sich schauend, das Seil an Nazi, herausfordernd betrachtete er die Nachbarn und wiederum das »ausbundige« Tier, das er mit einem Schlage in den Stall entließ. Das Tier war schön und stattlich, mit einem Worte, so was man eine »rechtschaffene, stolze Kuh« nennt. Als die offene Stelle im Stalle wieder besetzt war, eilte Ivo, sein hölzernes Pferd auf der Brust tragend, mit Nazi in den Schuppen; sie brachten »kurz Futter« für die Fremde, aber das Tier öffnete den Mund nicht und brummte nur so vor sich hin. Ivo strich ihm sanft mit der Hand über die zarten Haare, es wendete den Kopf nach dem Knaben und schaute ihn lange an. Ivo tummelte dann sein hölzernes Pferd, das that gar nicht fremd, es war überall zu Hause und trug den Kopf mit der Hahnenfeder immer stolz. Nachts erwachte Ivo plötzlich von seinem Schlafe; er hörte ein Jammern, das ihm durch die Seele schütterte. Die Klagen der Algäuer Kalbin erschollen immer tiefer und tiefer aus dem Innersten heraus, und es war, als ob sie ihr ganzes Leben damit ausklagen müßte. Ivo hörte lange zu, wie das Schreien durch die Stille der Nacht so wehvoll und schauerlich klang. So oft das Tier eine Pause machte, horchte er mit angehaltenem Atem; er glaubte, jetzt und jetzt müsse doch das Klagen aufhören, aber es kam immer wieder. Ivo weckte endlich seinen Vater. »Was gibt's?« »Die fremd' Kalbin schreit.« »Laß sie schreien, schlaf, du dummer Bub, die Kalbin hat eben Jammer , und da ist's nicht anders.« Ivo verdeckte sich die Ohren mit dem Kissen und schlief wieder ein. Fast drei Tage lang fraß die Kalbin keinen Bissen, endlich aber gewöhnte sie sich an das andere Vieh im Stalle und war still und fraß wie die andern. Zu neuem Jammer gingen ihr aber die Klauen an den Vorderfüßen ab; sie waren nur gewohnt, auf weicher Weide, nicht aber einen so weiten Weg auf harter Straße zu gehen. Ivo half nun oft dem Nazi der Kalbin die Füße verbinden, seine Demut und sein Mitleid, das er der Fremden bezeigte, war gar groß; sie erwiderte aber auch, so weit sie vermochte, seine Teilnahme, und Nazi, der sich gar wohl auf die Tiere verstand, sagte: »Der Hirtenbub von der Algäuerin hat dir ähnlich gesehen, Ivo, das merk' ich wohl.« So viel Freude nun Ivo an der Algäuerin gewonnen, ebensoviel Schmerz erlebte er an seinem hölzernen Pferde. Dieses war durch den Lauf der Zeit unsauber geworden. Ganz in aller Stille lief er daher eines Morgens nach der Schwemme, wusch und putzte es tüchtig, aber laut wehklagend kehrte er heim, denn alle Farben waren abgelaufen. So erfuhr Ivo schon frühe, wie wenig dem gemachten Spielzeuge zu trauen ist. Das Schicksal gab ihm aber reichlichen Ersatz für seinen Verlust. Es war wiederum einmal spät in der Nacht, da war alles im Hause wegen der Kalbin auf den Beinen; sie gebar ein Junges. Ivo durfte nicht in den Stall, er hörte von ferne ein jämmerlich dumpfes Wehklagen, denn auch die Haustiere hat der Fluch getroffen, daß sie »mit Schmerzen gebären«. Als es kaum Tag war, eilte Ivo in den Stall. Er sah das schöne Kälbchen zu den Füßen der Mutter, es war ein Stromel , die Mutter küßte und leckte es mit ihrer Zunge; niemand durfte sich ihm nahen, denn die Kuh war dann wie wütend, nur als Ivo hinzu kam und das Kälbchen schüchtern berührte, war die Algäuerin ruhig; ihr Erstgebornes war ein Sohn, und Ivo ließ bei seinem Vater nicht nach, bis er ihm das Versprechen gab, daß man das Kälbchen »anbinden«, das heißt: großziehen wolle. Von nun an war Ivo jedesmal in der Küche dabei, wenn der Wöchnerin warme Tränke bereitet wurde, und niemand als er durfte ihr den Kübel hinhalten. Fast nie bleibt eine Freude ungestört, das erfuhr auch Ivo. Eines Tages kehrte er aus der Schule heim, da sah er einen großen Hund auf der Hausschwelle stehen. Sorgsam ging er an ihm vorbei nach dem Stalle. Dort erblickte er einen Mann mit einem blauen Ueberhemde, ein rot und gelb gewürfeltes Halstuch hing lose geknüpft an seinem Halse, und in der Hand hielt er den von Messingdraht umwundenen Griff eines Schlehdornstockes. Ivo sah wohl, daß das ein Metzger war. Der Vater stand bei ihm und sagte: »Um acht Gulden geb' ich's, es ist aber schad, wenn es gemetzget wird, es hat so mächtige Stotzen .« »Sieben Gulden geb' ich!« Der Vater schüttelte den Kopf. »Nun meinetwegen noch ein Kopfstück .« Ivo hatte dies kaum vernommen, da wurde ihm alles klar. Er stellte sein Schulzeug schnell an die Wand, sprang in den Stall, fiel dem Kälbchen um den Hals, und es mit seinen Armen fest umklammernd, rief er: »Nein, guts Muckele, sie dürfen dir nicht in deinen lieben Hals 'nein stechen,« er weinte laut und konnte kaum noch die Worte hervorbringen: »Vater, Vater! Ihr habt mir's ja versprochen.« Das Kälbchen schrie laut, gleich als ahnte es, was vorging, und die Kuh wendete den Kopf und brummte, ohne das Maul zu öffnen. Valentin nahm in Verlegenheit seine Mütze ab, schaute hinein und setzte sie wieder auf. Mit einem lächelnden Blicke auf Ivo sagte er endlich: »Nun, es soll so bleiben, ich mag's dem Kinde nicht zuleide thun. Ivo, du kannst es aufziehen, aber du mußt ihm auch Futter schaffen.« Der Metzger ging fort, sein Hund bellte ihm voraus, gleich als wollte er den innern Zorn seines Herrn laut werden lassen. Er fuhr dann unter die Hühner und Gänse Valentins und jagte sie auseinander, gerade wie ein Bedienter an den Untergebenen von seines Herrn Feinden seinen Mutwillen ausläßt. Ivo war nun glücklich mit dem Kälbchen, er hatte es vom Tode gerettet; aber es schnitt ihm doch tief durch die junge Seele, daß sein Vater ihm sein Versprechen hatte brechen wollen. Er vergaß dies indes bald wieder, und mit großer Freude führte er in seinen Freistunden das Muckele hinaus an einen Rain und ließ es weiden. Eines Nachmittags stand Ivo neben seinem Muckele an dem Wiesenrain in der Hohlgasse, er hielt das Seil und ließ das Kälbchen fressen. Mit heller Stimme sang er ein Lied, das ihn der Nazi gelehrt. Die Töne klangen wie von Sehnsucht und Heimweh durchzittert. Er sang: Dort oben, dort oben An der himmlischen Thür, Und da steht eine arme Seele, Schaut traurig herfür. Arme Seele mein, arme Seele mein, Komm zu mir herein; Und da werden deine Kleider Ja alle so rein. So rein und so weiß, So weiß als wie der Schnee, Und so wollen wir miteinander In das Himmelreich eingehn. In das Himmelreich, in das Himmelreich, In das himmlische Paradies, Wo Gott Vater, wo Gott Sohne, Wo Gott heiliger Geist ist. Kaum hatte das Lied geendet, da sah er die Emmerenz von der Leimengrube herkommen. Sie trieb mit einem dürren Tannenzweige junge Entchen vor sich her, bei Ivo hielt sie an und ließ die Entchen sich im Graben tummeln. »Ich komm' von der Leimengrub,« erzählte sie, »ich hab' viel Prast gehabt, bis ich meine sechs Wusele Eigentlich nennt man bloß junge Gänse so, junge Entchen aber heißen Geitle, Emmerenz gebrauchte aber abwechselnd beide Ausdrücke. , guck da, vier graue und zwei weiße, aus dem Wasser 'rausgelockt hab'. Jetzt sind sie acht Tag' alt. Denk einmal, mein' Mutter hat die Eier einer Henn' untergelegt, und jetzt will sie die Henn' nicht annehmen, sie läßt sie laufen und kümmert sich gar nicht um sie.« »Das sind jetzt Waisenkinder, und da mußt du ihr' Mutter sein,« sagte Ivo. »Ach, und wie barmherzig können die einen ansehen, weißt du, nur so von der Seite.« Emmerenz ahmte die Tierchen nach; den Kopf auf die Seite legend und von unten aufschauend, blickte sie Ivo gar lieblich an, der wiederum sagte:. »Guck, die Tierle können doch kein' Augenblick ruhig sein, das pfludert und pfladert in einem fort; ich thät' den Schwindel kriegen, wenn ich so wär'.« »Ich komm' nicht draus,« sagte Emmerenz mit sinnendem Blicke, »woher denn die Geitle wissen, daß sie ins Wasser können; wenn sie noch ein' Geit ausgebrütet hätt', die thät's ihnen weisen, aber die Henn' hat sie ja laufen lassen, und wie sie nur haben fortkratteln können, patschen sie wick wack, von einem Fuß auf den andern, 'naus in die Leimengrub.« Hier standen die Gedanken zweier jungen Seelen vor der geheimen Thüre der Natur. Eine Weile herrschte Stille, dann aber sagte Ivo: »Die Geitle halten alle zusammen und gehen nicht voneinander; mein' Mutter hat gesagt, so müssen's auch die Menschen machen, Geschwister gehören zusammen, und wenn die Gluck ruft, kommen alle Bibbele gesprungen.« »Ja, die garstigen Bibbele, die großen Dinger schämen sich nicht und fressen meinen Geitle alles weg, wenn ich ihnen was bring'. Wenn's nur auch einmal wieder rechtschaffen regnen thät, daß meine Geitle auch wachsen thäten. Nachts, da thu ich sie allemal in einen Tratten , man darf sie nicht recht anrühren, so weich sind sie, und da huschen sie in ihrem Bettle zusammen. wie ich zu meiner Ahne ; und mein' Ahne hat gesagt, wenn sie einmal groß sind, da rupft sie sie und macht mir ein Kissen daraus.« So plauderte Emmerenz. Ivo fing aber plötzlich an zu singen:          Da droben auf'm Bergle, Do steht e weißer Schimmel, Und de brave Büeble Kommet alle in Himmel. Emmerenz sang dagegen: Und die brave Büeble Kommet et allein drein, Und die brave Mädle Müsset au dabei sein. Ivo sang wieder:        Da droben auf'm Bergle, Do steht e schwarzer Mann, Er hot mi wolle fresse, Hot's Maul aufgethan. Bald begann nun eins, bald das andre der Kinder, und sie sangen:               Schätzle, schau schau! Jetzt kommt der Wauwau, Hot e Ränzle auf'm Buckel Und e Pfeifle im Maul. *           * * Hörst et, wie's Vögele singt, Hörst et, wie's pfeift? In dem Wald, aus dem Wald: Schätzle, wo bleibst? *           * * Fahr mer et über mein Aeckerle, Fahr mer et über mein Wies', Oder i prügel di wägerle , Oder i prügel di g'wiß. *           * * O Appele von Kappele, Was machen deine Gäns'? Sie pfluderet, sie pfladeret Mit ihre kurze Schwänz'. So sangen die Kinder noch mancherlei, eins schien das andre an Liederreichtum überbieten zu wollen. Endlich sagte Ivo: »Treib du jetzt deine Geitle heim, i gang au bald.« Ein gewisses Schamgefühl hielt ihn ab, mit Emmerenz zugleich durch das Dorf heimzukehren; er war sich bloß der Scheu vor seinen neckenden Kameraden bewußt. Nachdem Emmerenz eine Weile fort war, machte sich Ivo mit seinem Muckele auf den Heimweg. Ivo, der, mit einer besonders feinen Empfindung begabt, auf alles sein Gefühl übertrug, sah mit Schmerz, daß die Algäuerin, seitdem ihr Junges abgewöhnt war, sich gar nicht mehr um dasselbe bekümmerte. Er hatte noch nicht gewußt, daß die Tiere nur so lange mit liebender Sorgfalt an ihren Jungen hängen, als diese in unmittelbarer Abhängigkeit und in natürlichem Zusammenhange mit ihnen stehen. Nur so lange die jungen Vögel noch nicht recht fliegen und ihre Nahrung holen können, nur so lange ein Junges an der Mutter saugt, dauert das elterliche Verhältnis. Aus dem natürlichen Zusammenhange herausgerissen, oder ihm entwachsen, kennen die Eltern, und besonders die Haustiere, die Jungen nicht mehr. Der Mensch allein, der zu seinem Kinde nicht bloß in leiblichem, sondern auch in geistigem Zusammenhange steht, nur der Mensch allein erhält ewige Liebe für seine Sprößlinge. 5. Feldleben. Nicht nur zu Hause bei Mensch und Vieh, sondern auch draußen bei der stillwachsenden Saat und unter den rauschenden Bäumen hatte Ivo ein reich angeregtes Leben; die ganze Welt mit ihren Herrlichkeiten und stillen Freuden zog in die offenen Paradiesespforten dieser jungen Seele ein. Wenn wir durch das ganze Leben so fortfahren könnten, an Wachstum und Fülle zuzunehmen wie in der Kindheit, ein himmlisch gesegnetes Dasein wäre unser Los; aber das All dringt plötzlich in uns ein, und wir haben unser ganzes Leben lang nur damit zu thun, es zu zerlegen, zu enträtseln und zu erklären. Während der großen Vakanz, zur Zeit der Ernte und der Heberet , war Ivo fast immer mit Nazi im Felde. Da draußen lebte er erst recht und doppelt auf, und wenn er den Blick aufwärts richtete, so war das Blau seiner Augen wie ein Tropfen aus der Himmelsbläue droben, die sich so still und klar über die Erde und die emsigen Menschen ausbreitete, und es war, als ob dieses leibhaftige Stückchen in einen Menschen versenkten Himmels wieder aufstrebe zu seinem unendlichen Urquell. So etwas wenigstens dachte einst Nazi, als er den aufschauenden Ivo am Kinn faßte und ihn inbrünstig auf die Augen küßte. Gleich darauf aber schämte er sich dieser Zärtlichkeit und neckte und schlug im Scherze den Ivo. Wenn die Kühe angespannt wurden, war Ivo immer zur Hand, er legte der Algäuerin, die nun auch zum Felddienste angehalten wurde, das Polster zwischen die Hörner; es freute ihn, daß das hölzerne Joch doch nicht gerade so hart auf dem Kopf der Tiere liege. Dann stand er im Felde bei den Tieren und wehrte ihnen mit einem Baumzweige die Bremsen ab. Zu dieser Sorgfalt für die wehrlos Angefochten hielt ihn Nazi mit weisen Ermahnungen an. Ivo und Emmerenz stellten sich auch oft, schon lange ehe die Kühe oder der Falb angespannt wurde, auf den Wagen und tanzten auf dem Brette; dann fuhren sie selig hinaus ins Feld; tummelten sich auf der Wiese, sammelten das Heu auf Schochen und stießen einander mutwillig hinein. So oft der Nazi ins Feld fuhr, stand Ivo bei ihm auf dem Wagen, oder er saß auch allein oben, die Hände in den Schoß gelegt; und wie sein Leib erzitterte von dem Rütteln des Wagens, so hüpfte ihm das Herz im Leibe. Er sah träumerisch hinaus in die Gefilde. Wer mag ermessen, welches lautlose Naturleben die Brust eines solchen Kindes bewegt? Auch fromme Wohlthätigkeit übte Ivo schon frühe. Emmerenz mußte als Kind armer Eltern die abgefallenen Aehren auf dem Felde zusammenlesen. Ivo ließ sich nun von seiner Mutter ein Säckchen nähen, hing es an einem Bändel um den Hals und sammelte für Emmerenz die Aehren. Die Mutter warnte ihn nur, während sie ihm das Säckchen umhing, er solle acht geben, daß der Vater ihn nicht sehe, denn er würde zanken, da es sich für ein Kind vermögender Eltern nicht schicke, Aehren zu lesen. Ivo sah verwundert nach seiner Mutter, eine tiefe Betrübnis blickte aus seinem Antlitze, aber sie haftete nicht lange. Mit himmlischer Freude, wie er sie fast noch nie empfunden, ging er barfuß über die scharfen Stoppeln und sammelte für Emmerenz einen ganzen Sack voll Gerste. Er war dann dabei, als Emmerenz mit einem Teile davon die jungen Entchen fütterte, er ahmte die Tierchen nach, wie sie so hastig hin und her springend die Körner aufschnabelten. Einst ging Ivo mit Nazi ins Feld. Der Falb, ein wohlbeleibtes Pferd mit tief eingeschnittenem Kreuze und weißer Mähne, die bis auf die Brust hinabreichte, war an die Egge gespannt. An des Schloßbauern Haus trieb der Wirbelwind eine Staubsäule in die Höhe. »Meine Mutter hat gesagt,« erzählte Ivo, »daß in so einem Wirbelwind böse Geister einander würgen, und wenn man dazwischen kommt, erwürgen sie einen.« »Wir kriegen heute noch bös Wetter,« erwiderte Nazi, »bleib du daheim.« »Nein, laß mich mit,« erwiderte Ivo, die rauhe Hand Nazis fassend. Nazi hatte recht prophezeit. Sie waren kaum eine Stunde im Felde, als sie von einem furchtbaren Hagelwetter überfallen wurden. Schnell wurde das Pferd von der Egge gespannt, Nazi schwang sich mit Ivo hinauf, und im Galopp ging es der Heimat zu. Es war so dunkel geworden, als ob die Nacht hereinbräche. Ivo schmiegte sich furchtsam an Nazi: »Gelt,« sagte er, »das Wetter haben die bösen Geister vom Wirbelwind gebracht?« »Es gibt keine böse Geister, es gibt nur böse Menschen,« erwiderte Nazi. Sonderbar! Ivo fing vor Furcht an, laut zu lachen, so daß es dem Nazi angst und bange wurde. Schrecken und Freude sind so nahe verwandt, daß Ivo in dem Zittern seiner Seele sozusagen ein kitzelndes Wohlgefühl empfand. Leichenblaß und zähneklappernd kam Ivo nach Haus, seine Mutter brachte ihn schnell ins Bette, besonders auch um ihn vor dem Vater zu verbergen, der es schon lange nicht leiden wollte, daß das zarte, zum Pfarrer bestimmte Kind mit ins Feld ging. Ivo war kaum einige Minuten im Bette, da kam der Nazi mit einem Apothekerglas, gab ihm einige Tropfen daraus zu trinken, worauf er in einen sanften Schlaf verfiel und schon nach einer Stunde so gesund war wie zuvor. – – Die unvergleichlichste Freude genoß einst Ivo, als er einen ganzen Tag lang, ohne zwischendrein nach Hause zu kommen, mit ins Feld durfte. Morgens in aller Frühe, schon vor der Frühmesse, ging er mit Nazi und dem Falben, der an den Pflug gespannt war, hinaus ins Feld, nach dem größten und entferntesten Acker Valentins, der an der Isenburger Gemarkung im Würmlesthäle liegt. Es war ein schöner heller Augustmorgen, es hatte in der Nacht gewittert, ein frischer Lebensatem wehte von den Bäumen und Feldern. Die Kleeblumen, das einzig Blühende im Felde, schauten wie mit glitzernden Augen auf zur Sonne, die man noch nicht sehen konnte, obgleich es längst heller Tag war; sie war jenseits hinter dem Hohenzollern aufgegangen. Der Pflug griff wacker ein, ein erquickender Brodem stieg aus der braunen, regengesättigten Erde auf. Der Falb schien sich fast gar nicht anzustrengen, und Nazi lenkte den Pflug so leicht wie ein Fährmann das Ruder eines mit dem Strome schwimmenden Kahnes. Weit ringsum war alles so hell, und bald da, bald dort sah man Menschen und Vieh fröhlich arbeiten. Als es in Horb zur Frühmesse läutete, hielt Ivo an. Das Pferd stand still, der Pflug ruhte in der Furche, Ivo und Nazi falteten die Hände; es war fast, als ob der Falb auch mit bete, denn er schwenkte den Kopf mehrmals auf und nieder. Darauf zogen sie noch die Furche bis ans Ende, setzten sich an den Rain und verzehrten ein Stück Brot. »Wenn wir nun heut einen Schatz finden thäten,« sagte Ivo, »weißt du, wie selber Bauer, von dem der Emmerenz ihr Mutter erzählt hat, dem ein ganzer Hafen voll goldener Karlin beim Pflügen unterm Fuß gelegen ist; da thät ich der Emmerenz ein neu Kleid kaufen und ihrem Vater die Schuld von seinem Häusle bezahlen, und was thätst du?« »Nichts,« sagte Nazi, »ich brauch' kein Geld.« Nun ging es wieder tapfer zur Arbeit, die heute so leicht war, daß Nazi zu singen begann, aber nichts vom Pflügen und nichts vom Säen und überhaupt nichts von der Feldarbeit. Er sang: Wir sind der Geschwister drei, Die Lise, die Käthi, die Mei, Die jüngste, die ließ den Knaben herein. Sie stellt' ihn wohl hinter die Thür, Bis Vater und Mutter im Bette war – Da zog sie ihn wieder herfür. Sie führt' ihn wohl oben ins Haus, Sie führt' ihn wohl in ein Zimmer hinein Und warf ihn zum Fenster hinaus. Er fiel wohl auf einen Stein, Er brach sich das Herz im Leibe entzwei, Dazu auch ein Achselbein. Er raffte sich wiederum heim; Ach, Mutter! ich bin es gefallen Auf einen harten Stein. Mein Sohne, und das geschieht dir recht, Wärst du es bei Tage nach Hause, Wie ein anderer Bauernknecht. Er legt sich wohl oben aufs Bett, Und als das Glöcklein zwölfe schlägt, Da hat ihn der Tod gestreckt. Jetzt schlug Nazi ein Schnippchen, setzte den Hut fester und sang, wohl in Erinnerung an die Vergangenheit: Ei, liedricher Knecht! Und zum Saufen bist recht, Und zum Tanzen bist g'macht, Und kein Geld hast im Sack. Wenn i au kei Geld han, Was geht's andere Leut' an? D'Frau Wirtin schenkt ein, Wenn i austrunken han. Und wenn i's net zahl, So schreibt se's an d'Thür, Daß e jeder kann sehen, Daß i liederich bin. Jo, liederich bin i, Kein Mensch und der mag mi, Han kein Haus und kein Feld Und kein Teil an der Welt. Plötzlich hielt: Nazi inne und schrie dem Pferde zu: »Hio!« Man konnte nicht wissen, ob er vergessen, daß Ivo bei ihm war, oder ob er seiner nicht achtete. So viel aber ist gewiß, daß derartige Lieder auf ein Dorfkind nicht, wie man glauben sollte, einen verderblichen Einfluß ausüben. In frühester Jugend hörte Ivo besonders in Liedern allerlei Dinge bei ihren unverhüllten Benennungen, aber die Feinheit seines Gemüts ward dadurch keineswegs befleckt, vielmehr machte gerade das Offene und Unverhüllte derselben sie spurlos abgleiten. In Nazi schienen heute allerlei Erinnerungen aufzusteigen, und nach einer längeren Pause sang er halblaut: Ich leb' schon vierzig Jahre, Hab' auch schon graue Haare, Und wenn ich halt kein Weib bekomm, Ist Feuer auf dem Dach; Und wenn ich halt kein Weib bekomm, Da spring' ich in den Bach. Gleich darauf sang er wieder: Ach, Schatz, wo fehlt es dir, Daß du nicht red'st mit mir? Hast du einen anderweiten, Der dir thut die Zeit vertreiben, Der dir ja lieber ist? Und wenn er dir ja lieber ist, So reis' ich weg von dir, Reis' ich auf fremde Straßen, Thu mein' Schatz einem andern lassen Und schreib ihm einen Brief;     Laß dich grüßen,     Du mußt wissen, Daß ich ein Reiter bin. Thu' ich reisen fremde Straßen, Thu' mein'n Schatz ein'm andern lassen,     O wie hart ist das,     O wie leicht ist das, Wenn man kein'n Schatz nicht hat, Kann man schlafen ohne Sorgen Von dem Abend bis zum Morgen,     O wie leicht ist das. Es hätt' auch wohl schöne Städt', Die ich gewandret hätt', In dem spanischen Niederland, Und wo ich auch wandern thät, Ich niemals mein Schätzichen fand. Wer hat das Liedlein gemacht und erdacht? Es hat's gemacht, es hat's erdacht Ein schöner junger Knab', Seiner Herzlieben zu guter Nacht. Wie Sehnsuchtsblicke, die in endloser Ferne schweifen, so zogen die Töne dahin, weit über das Feld, und sie verklangen, und wer weiß, wem sie gegolten. Sollte der alte Knecht noch eine so tiefe Liebe in der Seele nähren? Es läutete elf Uhr, und nun wurde wiederum angehalten und gebetet; das Pferd wurde vom Pfluge gespannt und ihm ein Bündel Klee vorgeworfen. Ivo und Nazi setzten sich auf den Rain neben dem Kleeacker und harrten auf Gretle, die das Essen bringen sollte; es ließ auch nicht lange auf sich warten. Aus einer Schüssel aßen nun die beiden, und es schmeckte ihnen wohl, denn sie hatten tüchtig gearbeitet; sie aßen so rein aus, daß das Gretle sagte: »Es gibt morgen gut Wetter, ihr machet sauber G'schirr.« »Ja,« sagte Nazi, die Schüssel umkehrend, »da versauft kein' Wanz' mehr drin.« Nach dem Essen legten sich die beiden ein wenig nieder, denn: Es ist kein'm Tierle zu vergessen, Es ruht ein Stündle nach dem Essen. Ivo lag an dem Raine ausgestreckt, und auf das tausendstimmige Zirpen im Kleeacker hinhorchend, sagte er, indem er die Augen schloß: »Es ist just, wie wenn der ganz' Kleeacker leben und die Blumen singen thäten . . . und droben die Lerch' . . . und die Grasmück« – er beendete seine Rede nicht, denn er war eingeschlafen. Nazi betrachtete ihn lange mit Wohlgefallen, dann holte er einige Stäbe herbei, steckte sie behutsam in den Boden und breitete das Grastuch, in welches der Klee eingebunden war, darüber aus. so daß der Knabe im Schatten schlief; leise stand er dann auf, spannte das Pferd wieder an und fuhr lautlos in seiner Arbeit fort. Man wußte nicht, ob er die Lieder von seinem Munde zurückdrängte, oder ob ein tiefer Ernst ihn so stille machte. Der Falb war sehr folgsam, er zog von selbst die Furchen ganz schnurgerade, und es bedurfte nur eines leisen Rucks am Zügel und keines lauten Worts, um ihn stets in gleichmäßiger Richtung zu erhalten. Die Sonne war schon im Hinabsteigen, als Ivo erwachte. Er riß das über ihm aufgebaute Zelt schnell ein und sah sich verwundert um, er wußte eine Zeitlang nicht, wo er war; als er den Nazi erblickte, sprang er mit Freudenjubel auf ihn zu. Er half nun die Arbeit vollenden, und es that ihm fast wehe, daß der Nazi auch ohne ihn hatte pflügen können, denn er that sich was darauf zu gut, bei der Arbeit helfen zu müssen. Es war Abend geworden, als man den Pflug abspannte, um mit dem ledigen Pferde heimzukehren. Nazi hob den Ivo auf das Pferd und folgte hinterdrein den Berg hinan; plötzlich erinnerte er sich, daß er sein Messer beim Pfluge hatte liegen lassen, er kehrte um, und nun stand er unten und schaute hinauf nach der scheidenden Sonne, die zwischen den zwei von schwarzen Tannen bekränzten Bergen unterging. Wie ein aus lauter Licht und fließendem Gold erbauter Chor einer Kirche sah Himmel und Erde aus, es war, als ob die ganze Ewigkeit ihre Heiligtümer aufgeschlossen hätte; lange Glutstreifen flatterten ringsum vom brennendsten Flammenpurpur bis zum weichsten, kaum gehauchten Rot, die kleinen Wölkchen glichen lichten Engelsköpfen, und mitten drin stand eine große Wolke in feierlicher Stille, gleich einem großen Altar; das Fußgestell war blau, und drüber brannte eine Flammendecke; es war, als müßte man sich plötzlich da hinaufschwingen und verzehren, verglühen, und es war wiederum, als müßte jetzt plötzlich diese Wolke sich zerteilen und heraustreten der Herr in seiner Glorie und verkünden das tausendjährige Reich des Heils und des Friedens. Droben am Bergesrande ritt Ivo auf dem Pferde, und es war, als ob das Tier, das, an die Erde gebannt heute ihre Furchen aufwühlte, jetzt plötzlich hinweggehoben von der Scholle in der Luft schwebe und mit dem Kinde hinausgezogen werde in den Himmel; man sah die Füße nur sich sanft in der Luft heben, Ivo streckte die Arme aus, als winke ihm ein Engel. Zwei Tauben flogen hoch in den Lüften der Heimat zu, sie flogen hoch, sie flogen weit – was ist hier weit, und was ist hoch? – ihre Flügel regten sich nicht, sie schwebten dahin, wie von einer unendlichen Macht gezogen, und verschwanden in den Gluten. Wer verkündet all die Himmelspracht, wo das Herz, durchglüht vom heiligen Geiste des Alls, sich ausdehnt bis dahin, wo keine Schranke mehr, wo man aufgegangen, ins Unendliche, doch beseligt, befriedigt, in sich, in Gott, die klopfende Brust hält. So stand Nazi da, alle Erdenpein und alle Begierde war von ihm genommen. In die Seele dieses armen, einfältigen Knechtes fiel ein Strahl aus der unerschöpflichen Glorie Gottes, und er stand höher als alle die Großen auf den Thronen des Geistes und der Macht – die Majestät Gottes hatte sich auf ihn herniedergesenkt. Unvergeßlich blieb dieser Tag für Nazi und Ivo. 6. Die lateinische Schule. Eine Lebensveränderung trennte Ivo bald von seinem Jugendfreunde. Die Zeit war gekommen, in der Ivo seinen ersten Schritt aus dem elterlichen Hause und zu seinem Berufe thun mußte. Auch äußerlich ging zu diesem Zwecke eine Aenderung mit ihm vor; statt der kurzen Jacke hatte man ihm einen langen, blauen Rock machen lassen, und da man wohl voraussehen konnte, daß er ihn verwachsen würde, war er nach allen Richtungen überflüssig weit. Als nun Ivo so standesmäßig gekleidet mit seiner Mutter nach Horb ging, schlotterte der sonst so behende Knabe in den großen Stiefeln mühselig einher; er hob stets seine Hände empor, um auch seinen abstehenden Rock mitzunehmen. Valentin nahm sich wenig mehr um die Bestimmung seines Sohnes an. Er hatte den Pfarrersgedanken genugsam ausgekostet, es war ihm jetzt fast gleich, ob sein Sohn Pfarrer oder Bauer würde; überhaupt war ihm, wo es drauf und dran kam, etwas Außergewöhnliches zu thun, jede Mühe zu viel. Die Mutter Christine aber war eine fromme und entschlossene Frau, sie ließ einen einmal erfaßten Gedanken nicht mehr so leicht wieder los. Der Kaplan wohnte neben der Stadtkirche. Mutter und Sohn gingen nun zuerst in die Kirche, knieten vor dem Altare nieder und beteten inbrünstig drei Vaterunser. Mit ähnlichen Gefühlen, wie einst Hanna ihren Sohn Samuel dem Hohenpriester im Tempel zu Jerusalem brachte, war die Seele der Mutter Christine erfüllt. Sie hatte zwar das Alte Testament nie gelesen und kannte die Geschichte von Hanna und Samuel nicht, aber in ihrem Geiste lebten jene alten Empfindungen rein und neu wieder auf. Mit einem von Wehmut und Liebe strahlenden Blicke schaute sie auf zur heiligen Mutter Gottes, die so hochbegnadigt war, den unter dem Herzen zu tragen, der da ist das Heil der Welt, und sie bat sie, ihren Sohn zu beschützen und anzunehmen als Diener der heiligen Kirche. Die Hände fest auf ihren Busen drückend, betrachtete Christine ihren Sohn, als sie mit ihm die Kirche verließ. In der Kaplanei stellte sie ihr Körbchen in die Küche und gab der Köchin Eier und Butter; darauf wurde sie gemeldet, und mit kleinen Schritten, nach jedem Tritte sich verbeugend, ging sie in die geöffnete Stube des Kaplans. Dieser war ein gutmütiger Mann, der, seine fleischigen Hände stets in- und auseinander wickelnd, mit salbungsvollen Mienen und Gebärden die Ankömmlinge traktierte. Die Mutter horchte so aufmerksam zu wie bei einer Predigt, und als nun Ivo ermahnt wurde, recht fleißig zu sein, weinte er laut auf, er wußte nicht, warum, aber sein Herz war so voll, er konnte nicht anders; der gute Mann tröstete und streichelte ihn, und still beruhigt verließen die beiden das Haus. Nun ging es zu einer alten Witfrau, die neben dem Staffelbäck wohnte; im Vorbeigehen hatte Ivo eine Fastenbrezel erhalten, und am Ofen sitzend, den Leckerbissen verzehrend, hörte Ivo die Unterhandlung mit der Frau Hanklerin. Benannte Frau war eine Butter- und Eierhändlerin, die in alter Geschäftsverbindung mit der Frau Christine stand. Es wurde nun ausgemacht, daß sich Ivo künftig hier im Hause über Mittag aufhalten, daß ihm die Frau Hanklerin etwas kochen und dafür ein Gewisses an Eiern, Butter und Mehl erhalten solle. Zu Hause angekommen, warf Ivo schnell den weiten Rock ab, schlenkerte die Stiefel von den Füßen und eilte in den Stall zum Nazi; dieser fuhr sich mit der Hand über die Augen, als er hörte, daß Ivo nun Student sei. Andern Tages war es unserm jungen Freunde schwer zu Mute, als er zum erstenmal in die lateinische Schule sollte. Er wurde früh aufgeweckt, mußte sich schön anziehen, und damit ihm der Abschied nicht zu schwer sei, begleitete ihn die Mutter bis vor das Dorf auf die Hochbur. Dort gab sie ihm noch ein Stückchen in Papier gewickeltes gebraten Fleisch und sagte ihm, das solle er heute mittag verzehren; dann gab sie ihm noch zwei Kreuzer, für alle Gefahren, damit er sich etwas kaufen könne. Die Leser kennen längst den Weg nach Horb, da sie ihn schon oft gegangen; aber neben dem kaum halbstündigen Schlangenweg, der sich am steilen Berge hinanzieht, gibt es noch einen näheren Fußsteig von der Hochbur aus links durch den Wald; diesen schlug Ivo ein, und in wenigen Minuten sprang er – denn man kann hier nicht gehen, sondern bloß springen – bis hinab zur Horber Ziegelhütte. Sein Herz pochte schnell, und seine Thränen flossen reichlich, denn er empfand es wohl, daß er ein neues Leben beginne. An der Ziegelhütte machte er Halt, trocknete seine Thränen und schaute nach dem Braten; er roch daran und genoß einen angenehmen Duft. Er wickelte das Papier auseinander, das Fleisch lachte ihn an, es war zum Küssen, er spielte Versucherles, und kurz – nach einer Weile hatte er nichts mehr als das leere Papier. Gestärkt und ganz wohlgemut ging er nach der lateinischen Schule. Hier musterten die Knaben den neuen Ankömmling ganz unverhohlen; sie machten sich besonders über seine weiten Kleider lustig. »Wie heißt du?« fragte einer. »Ivo Bock.« »Das ist der Ivo Bock Mit dem Familienrock,« sagte ein Knabe mit einem schön gestickten Hemdkragen. In Ivos Antlitz verriet sich jenes Zucken, das dem Weinen vorausgeht. Als nun aber mehrere auf ihn zukamen und ihn zerren wollten, schlug er mit wütender Kraft mit beiden Fäusten um sich. Der Reimschmied aber mit dem gestickten Kragen kam auf ihn zu und sagte: »Sei zufrieden, es darf dir niemand was thun, ich helf' dir.« »Ist das dein Ernst, oder willst du mich noch mehr foppen?« fragte Ivo mit bewegter Stimme, indem er noch immer seine Fäuste ballte. »Mein voller Ernst, da hast du meine Hand drauf.« »Meinetwegen,« sagte Ivo, und seine Faust löste sich zu friedlichem Händedruck auf. Es ist wohl möglich, daß das Stadtkind unsern Ivo anfangs noch weiter zu necken oder ihn mit hoher Gönnerschaft zu schützen gedachte; die sichere Haltung Ivos mochte aber allem diesem eine andre Wendung gehen. Die Ankunft des Kaplans brachte plötzlich Stille unter die Versammelten. Der Unterricht war der gewöhnliche, wenn man mensa zu deklinieren beginnt. Als die Schule zu Ende war, begleitete der Knabe mit dem gestickten Kragen nebst seinem jüngeren Bruder unsern Ivo bis zur Frau Hanklerin; es waren des Oberamtmanns Söhne, deren Gesellschaft er hatte. Wir können nun schon beruhigter seinem Schicksale in der Stadt entgegensehen. Bei der Frau Hanklerin waren alle Thüren verschlossen. Ivo setzte sich auf die Hausschwelle, ihrer harrend. Trübe Gedanken stiegen in seiner Seele auf, sie waren zunächst nur alltäglichen Ursprungs, ihn hungerte. Er gedachte, wie sie jetzt zu Hause sich alle um den Tisch setzen und er allein hier hungernd und verlassen draußen in der Welt stehe, kein Mensch sich um ihn kümmere; da liefen die Leute alle so rasch vorbei, und keiner schaute nach ihm um, alle gingen zu dampfenden Schüsseln, die ihrer harrten, nur er saß da, als ob er vom Himmel gefallen wäre und keine Heimat hätte. »Jedem Stückle Vieh,« sagte er, »steckt man zur Zeit sein Futter auf, nur um mich bekümmert sich niemand; zwar hab' ich zwei Kreuzer im Sack, aber ich darf das Geld doch nicht jetzt schon angreifen.« Immer schrecklicher ward es ihm, so da draußen in der fremden Welt zu sein, ein unnennbares Heimweh preßte seine Brust; rasch richtete er sich auf, und in großen Sätzen sprang er auf und davon, der Heimat zu. Als er um die Ecke bog, begegnete ihm die Frau Hanklerin. Sie entschuldigte sich viel tausendmal, sie habe ihn vergessen und sei aufgehalten worden. »Komm mit,« war der tröstliche Schluß ihrer Rede, »ich koch' dir ein Rübelessüpple und schmelz' dir's recht gut, deiner Mutter zulieb; dein' Mutter ist eine brave Frau, und wenn du einmal Hajrle bist und ich gestorben bin, mußt du auch eine Mess' für mich lesen, gelt, das thust du?« Ivo war ganz glückselig, daß jemand von seiner Mutter sprach; es war ihm, als wäre er tausend Stunden weit und schon zehn Jahre von Haus weg: das Latein, der Braten, der Familienrock, die Händel, der neue Kamerad, die Flucht – er hatte heute schon so viel erlebt, mehr als sonst in einem halben Jahre. Er ließ sich nun das Essen gut schmecken, aber es war ihm doch nicht wohl bei der fremden Frau; ein stilles Gefühl dämmerte in ihm, daß er dem Boden seines Daseins, dem elterlichen Hause, entrückt war. Ein junger Waldbaum, der schützenden Genossenschaft, dem still ruhenden festen Erdreiche entzogen, auf rasselnden Wagen dahingerollt, um auf ferner Anhöhe einsam einzuwurzeln – wenn er reden könnte, er müßte herzdurchbohrende Jammertöne ausstoßen. Ivo fühlte ein schweres Drücken auf seiner Herzgrube. Der Nachmittagsunterricht ging leichter, da kam Deutsch vor, da konnte Ivo auch ein Wort mitsprechen. Auf dem Heimwege gesellte er sich zu seinen zwei Ortskindern, zu des Johannesles Konstantin und zu des Hansjörgs Peter; Konstantin sagte, der jüngste der Studenten müsse den älteren immer die Bücher tragen, und Ivo ließ sich die schwere Bürde ohne Widerrede aufladen. Oben an der Steige aber sahen sie die Mutter Christine, die ihrem Sohne entgegengegangen war; die Bücher wurden ihm abgenommen. Ivo sprang jubelnd seiner Mutter entgegen, aber mitten drin hielt er ein, er schämte sich vor den großen Burschen, seiner Mutter um den Hals zu fallen, und duldete selbst ihre Liebkosungen nur ungern. Die Mützen auf die Seite gerückt, mit ihren Büchern unterm Arme stolzierend, gingen die beiden größeren Studenten durch das Dorf. Ivo hatte nun seiner Mutter und zu Hause dem Nazi gar viel zu erzählen, als ob er über dem Meere gewesen wäre. Er kam sich auch als was Rechtes vor, da man für ihn besonders gekocht hatte und ihm besonders auftrug. Selbst das Gretle, das ihm fast nie ein gutes Wort gab, war jetzt freundlicher gegen ihn; er kam ja aus der Fremde. So wanderte nun Ivo von Tag zu Tag in die lateinische Schule. Um dieselbe Zeit war auch mit dem Muckele eine große Veränderung vorgegangen, es stand nicht mehr so fröhlich im Stalle, denn es war zum Zugtiere gezähmt worden. Ivo glaubte, das Tier leide durch seine Entfernung vom Hause, und er war sehr betrübt. In der lateinischen Schule aber ging alles vortrefflich. Wie Ivo schnell in den zu weit angemessenen Rock hineinwuchs, so erfüllte er auch bald alle seine neuen Verhältnisse und fühlte sich behaglich darin. Die innige Beziehung zu Nazi litt sehr, denn sie konnten nicht mehr so alles miteinander teilen; die genauen Berichte hörten auch nach und nach auf, es gab immer seltener etwas Wichtiges zu erzählen, und Ivo setzte sich, wenn er nach Hause kam, meist still hinter seine Bücher. Dagegen trat die Frau Hanklerin in ein freundschaftliches Verhältnis. Sie sagte immer: »Man könne sich mit Ivo ausschwatzen wie mit einem Alten.« Sie erzählte ihm viel von ihrem verstorbenen Mann, und Ivo half ihr sorgen und raten, wenn der vierteljährige Hauszins zu bezahlen war. Mit des Oberamtmanns Kindern stand Ivo in beneideter Freundschaft. Und Emmerenz? Sie war jetzt neun Jahre alt, ging in die Schule und diente in den Freistunden als Kindsmagd bei dem Schullehrer. In einem Lebensalter, in welchem sonst die Kinder nur mit der Puppe spielen, hatte Emmerenz eine lebendige anspruchsvolle Puppe zu versorgen; aber sie that es meist mit kindlicher Lust und Spielerei. Nur wenn Valentin nicht zu Hause war, durfte sie mit ihrem Kind bei ihm »ause laufen,« d. h. Besuchmachen, sonst war sie » unwert «. Der Zimmermann konnte das Kindergeschrei nicht leiden. Er ward überhaupt immer krittlicher und unzufriedener. Ivo sah nun zwar die Emmerenz hin und wieder, aber die beiden Kinder hatten eine gewisse Scheu voreinander, besonders Ivo bedachte ernstlich, daß es sich für ihn, als künftigen Geistlichen, nicht schicke, so vertraut mit einem Mädchen zu sein. Er ging oft mit seinen Büchern an Emmerenz vorbei, ohne sie zu grüßen. Auch sonst sah sich Ivo vielfach von seinen alten Lieblingssachen hinweggedrängt. Wenn er zu Hause war und nach alter Gewohnheit in den Stall ging, um dem Nazi zu helfen, den Stier, die Algäuerin und den Falb zu füttern, da jagte ihn oft sein Vater hinaus mit den Worten: »Fort, du hast nichts im Stall zu schaffen, gang du zu deinen Büchern und lern was Rechts, du mußt Hajrle werden. Meinst du, man gibt das Heidengeld umsonst aus? Marschier dich.« Mit schwerem Herzen sah Ivo, wie die andern Knaben die Pferde zur Schwemme ritten, oder stolz auf dem Sattelgaul an einem garbenvollen Wagen saßen. Mancher schwere Seufzer entstieg seiner Brust, während er die Heldenthaten des Miltiades übersetzte; ihm wäre es draußen im Schießmauernfeld beim »Zakkern« viel wohler gewesen, als hier auf dem Schlachtfelde bei Marathon. Er sprang oft vom Stuhle auf und schlug um sich, gleich als erfüllte er damit sein innerstes Streben. Auch das entfremdete Ivo vom elterlichen Hause, daß er hier mitten unter den Seinigen seinen Geist mit Dingen erfüllte, um die sich sonst niemand bekümmerte; er konnte mit keinem davon sprechen, auch mit dem Nazi nicht. So war er mitten in seinem Hause ein fremder Mensch, mit ganz andern Gedanken als die übrigen. Der Nazi aber dachte darüber nach, wie er dem oft so betrübten Knaben eine rechte Freude machen könne. Ivo hatte ihm oft mit Entzücken erzählt, welch einen schönen Taubenschlag des Oberamtmanns Buben hätten, und nun zimmerte Nazi in seinen Freistunden den verfallenen Taubenschlag zurecht, kaufte für sein eigen Geld fünf Paar Tauben und Wicken zum Futter. Ivo fiel dem Knechte um den Hals, als er ihn eines Morgens, ohne ein Wort zu reden, auf die » Bühne « führte und ihm alles Vorbereitete schenkte. Man mußte nun Ivo sehen, wie er des Sonntagmorgens hemdärmelig unter dem Nußbaume stand, die Arme auf der Brust übereinander geschlagen, mit seliger Spannung hinaufschauend nach den lieben Tierchen auf dem Dache, die ihre Morgengespräche hielten, ihre Verbeugungen machten und endlich lustig aufflatterten hinaus ins Feld. Von den Besitztümern, die er fassen konnte, die mit ihm auf der Erde wandelten, war er nun an solche gekommen, die er nur noch mit liebenden Blicken begleiten durfte; nur durch den unsichtbaren Gedanken besaß er sie, fassen und liebkosen durfte er sie nicht, sie flatterten dahin frei in die Luft, und nur mit den Banden des seligsten Vertrauens hielt er sie fest. Kann man dies nicht als ein Sinnbild der Lebenswendung ansehen, die das Schicksal Ivos genommen? Da stand er dann in dem sonnenhellen Morgen unter dem Nußbaume, den Blick liebend nach oben gewandt. Er pfiff den Tierchen auf dem Dache, sie kamen zu ihm hernieder, tänzelten vor seinen Füßen und pickten das Futter auf, das er ihnen hinwarf, aber er durfte sich nicht rühren, um seine Freude auszudrücken, still mußte er sie in seiner Seele hegen, wenn er nicht alle plötzlich aufscheuchen wollte, und so summte er au den Baum gelehnt oft das Lied, das ihn Nazi gelehrt: Alles, was auf Erden schwebet, Gleichet keiner Taube nicht. Tauben, das sind schöne Tier', Tauben, die gefallen mir, Tauben, die gefallen mir. Morgens fruh um halber achte Steig' ich vor mein Bett heraus, Schau, was meine Tauben machen, Ob sie schlafen oder wachen, Ob sie noch bei Leben sein. Morgens fruh um halber neune, Fliegen sie nach Nahrung aus, Da wird mir's ganz angst und wehe, Weil ich keine Tauben sehe, Keine in dem Schlag mehr seh'. Abends spat dann kommen sie wieder, Fremde haben sie mitgebracht; Sperr' ich sie fein sauber ein, Daß sie möchten sicher sein Vor dem Marder in der Nacht. Wenn Ivo dann in die Kirche kam, war seine Seele so voll Liebe und kindlichen Zutrauens, daß er fast immer: »Guten Morgen, Gott!« sagte. Mit einem heimischen Wohlgefühle ging er dann in die Sakristei, kleidete sich als Ministrant an und verrichtete beim Hochamt seine Obliegenheiten. Eine tiefinnige Gottesfurcht, getragen von einer glutvollen Liebe zur Mutter Gottes und besonders zu dem lieben herzigen Christkindchen, wohnte in der Seele Ivos. Mit besonderer Freude dachte er daran, daß auch der Heiland eines Zimmermanns Sohn gewesen und sich auf den Balken seines Vaters sonnte. Von allen heiligen Tagen war Ivo der Palmsonntag der liebste; er machte fast noch mehr Eindruck auf ihn als der Karfreitag. Schon Wochen vorher stellte man Weiden, Pappeln und andre Zweige ins Wasser, damit sie grünen; mit den in Büschel gebundenen frühgrünen Reisern umstanden dann die Kinder den Altar zum Andenken an den palmenbegrüßten Einzug Christi in Jerusalem. Die Sträuße wurden mit Weihwasser besprengt und dann im Stalle aufgehängt, damit den Tieren kein Schaden geschehen konnte. Zu Hause war den ganzen Tag alles so ernst und feierlich, man hörte kein lautes Wort, selbst vom Vater nicht; ein jedes behandelte das andre freundlich und liebreich, so daß Ivo ganz glückselig war. Schon frühe machte sich indes auch in religiösen Dingen ein gewisser Geist des Nachdenkens bei ihm geltend. Der Kaplan erklärte einst, daß der heilige Petrus deshalb den Schlüssel trage, weil er den Seligen die Himmelsthüre öffne. »Ei, wie denn?« fragte Ivo, »wo sitzt denn der?« »Am Himmelsthor.« »Ei, da kommt ja der gar nicht in den Himmel, wenn der da sitzen muß, um den andern aufzumachen?« Der Kaplan sah Ivo betroffen an und schwieg eine Weile, dann aber sagte er mit vergnüglichem Lächeln: »Der findet eben seine himmlische Seligkeit darin, andern die Thore des ewigen Heils aufzumachen. Das ist die höchste Tugend, sich an der Glückseligkeit andrer zu freuen und für sie zu arbeiten; das ist der hohe Beruf des heiligen Vaters zu Rom, der den Schlüssel Petri auf Erden hat, sowie aller derer, die von ihm und seinen Bischöfen geweiht sind.« Ivo war das schon recht, doch begriff er es nicht ganz, und es that ihm bei alledem leid, daß der gute Petrus so immer an der Thüre sitzen muß. Eine schwere Sorge lud der Kaplan dem Ivo auf, als er einst den Kindern einschärfte, man müsse sich jeden Tag fragen: was hast du heute gelernt oder Gutes gethan? Ivo nahm das buchstäblich genau und war oft sehr übel daran, wenn er nichts Rechtes auffinden konnte. Er wälzte sich dann verzweiflungsvoll in seinem Bette umher. Es geht mit dem Wachstum des Geistes, wie mit jedem natürlichen Wachstume: ein Tier, eine Pflanze wächst, ohne daß man es eigentlich im wahren Sinn des Wortes sieht. Man sieht stets nur das Gewachsene, nie das Wachsen. Wir werden sehen, daß Ivo an Geist zunahm, obgleich er sich keine genaue Rechenschaft davon geben konnte. Dagegen hatte der Kaplan eine weise und nachahmungswerte Einrichtung in seiner Schule. Er setzte die Knaben nicht nach ihrer Fähigkeit und Geschicklichkeit, sondern nach ihrem Fleiße und ihrer Pünktlichkeit; erst nach diesen sollten jene den Ausschlag geben, »denn,« sagte er, »Fleiß und Ordnung kann sich jeder angewöhnen; das Angeeignete ist die höhere Tugend, Fähigkeit und Geschick aber sind nur überkommene Naturgaben.« So zwang er die Befähigten zur Emsigkeit und verlieh den Minderbegabten Mut und Zuversicht. Ivo, der mit entschiedener Begabung eine große Gewissenhaftigkeit vereinigte, war bald einer der ersten, und der Oberamtmann sah es gern, daß seine Knaben ihn ins Haus zogen. Wir kennen den Oberamtmann Rellings noch von dem Befehlerles her. Ivo hatte zu Hause auch oft von seiner Härte erzählen gehört; wie erstaunte er nun, daß er einen freundlichen, gütigen Mann in ihm fand, der mit seinen Kindern spielte und ihnen allerlei Freude bereitete. So ist es eben. Man wird Hunderte von Menschen treffen, die in Bezug auf das Allgemeine die freisinnigsten Ansichten verfolgen, daß alle Menschen gleich seien u. s. w.; zu Hause aber quälen sie ihr Gesinde, ja sogar Frau und Kinder, wie echte eigenwillige Tyrannen; dagegen wird man andre, besonders Beamte finden, die jeden Menschen, der kein Beamter ist, wie einen Sklaven und Landläufer ansehen und danach behandeln; in ihren vier Wänden sind sie aber die besten Hausväter. So wohl sich nun Ivo in der Stadt fühlte, so empfand er doch jeden Sonntagabend, wenn es zu Nacht läutete, einen stillen Schmerz; diese Töne verkündeten ihm: morgen ist's Montag, und da geht's wieder fort aus dem elterlichen Hause, von der Mutter, vom Nazi und den Tauben. Nach und nach lernte er auch auf seinem täglichen Gange die darin liegenden Freuden ziehen. Er ging stets allein, denn er wich gern dem Konstantin aus, der ihn auf alle Weise neckte. Im Sommer ging er stets singend seinen Weg; im Herbste hatte er immer die besondere Freude, daß seine Mutter und Schwester einige Tage in des Staffelnbäcks Mühle mahlten; er ging dann mittags nicht zur Frau Hanklerin, sondern aß mit den Seinigen in der dröhnenden Mühlstube zu Mittag. Der Winter bot ihm die meisten Freuden. Nazi, der allerlei Handwerk verstand, hatte mit einem alten eisernen Reifen den Bergschlitten beschlagen. Auf der Hochbur setzte sich dann Ivo auf sein leichtes Fahrzeug, und wie ein Pfeil fuhr er die Straße hinab bis vor die Neckarbrücke. Zähneklappernd sagte er oft im Fahren seinen Spruch oder seine Regel aus der Syntax vor sich hin. Freilich mußte dann Ivo auch des Abends seinen Schlitten wieder an einem Seile den Berg hinaufziehen, aber er that das gern, und meist fand sich auch ein Wagen, an den er sein kleines Fuhrwerk anhängen durfte; nur äußerst selten widerstand ein zäher Fuhrmann seinem freundlichen Bitten. Ivo versah auch Botendienste für das halbe Dorf: für den einen trug er Garn in die Farbe, für den andern einen Brief auf die Post, für einen dritten fragte er nach, ob kein Brief für ihn da sei. Beim Nachhausegehen hatte er oft einige Stränge Seide, Brustthee, Blutegel in einem Glase, auch Hoffmannstropfen und allerlei, was ihm die Leute aufgetragen, in seinem Schulranzen. Daher war er im ganzen Dorfe sehr beliebt, während Peter und Konstantin solche Botendienste stolz abwiesen. Großes Aufsehen erregte es im ganzen Dorfe, als des Sonntagsnachmittags im Herbste die beiden Söhne des Oberamtmanns mit ihren roten Mützen den Ivo besuchten. Die Mutter Christine sah zum Fenster hinaus und hörte, wie die Knaben den blinden Koanradle nach Ivos Haus fragten; und obgleich alles im Zimmer wohlaufgeräumt war, geriet sie doch in große Angst. In ihrer Hast legte sie den Schemel auf das Bett und stellte ein Paar Stiefel, die im Winkel standen, gerade vorn unter den Tisch. Sie hörte den Besuch die Treppe heraufpoltern und machte gar verlegen, aber doch mit sichtbarer Freude den »jungen Herren« die Thüre auf und hieß sie willkommen; dann rief sie der Emmerenz zum Fenster hinaus, sie solle den Ivo aufsuchen und auch den Vater, sie sollten schnell heimkommen, es sei Besuch da. Abermals wischte sie mit ihrer weißen Sonntagsschürze beide Stühle ab und nötigte die Knaben zum Sitzen. Sie entschuldigte sich, daß alles so unordentlich aussehe; »so ist es halt bei Bauersleuten,« schloß sie und heftete beschämt den Blick auf den Boden, der doch so rein gewaschen war, daß die Rippen aus den Brettern heraussahen. Der blinde Koanradle machte eben die Thüre auf, um zu sehen, was es gäbe, und dafür, daß er den Knaben das Haus gezeigt, an der Aufwartung, etwa an einem guten »Schäle« Kaffee teilzunehmen; die Mutter Christine schob ihn aber, ohne viele Umstände zu machen, wieder zur Thüre hinaus und sagte: »Komm ein andermal.« Gute Frau! Du warst sonst so groß in deiner religiösen Kraft, und vor diesen Setzlingen der Herren der Erde bist du so klein und demütig. Freilich bist du in der Furcht des Herrn und fast noch mehr in der Furcht »der Herren« auferzogen und alt geworden. Der älteste der Oberamtmannssöhne hatte sich unterdessen mit vieler Zuversicht in der Stube umgesehen; auf die Stubenthür deutend, fragte er nun: »Warum ist denn das Hufeisen da angenagelt?« Ernst die Hände zusammenlegend und den Kopf niederbeugend, sagte die Mutter: »Das wisset ihr nicht? Das ist von deswegen: Wenn man mittags zwischen elf und zwölf ein Hufeisen findet, es unbeschrieen einsteckt und an die Thür nagelt, kann kein böser Geist, kein Teufel und kein' Hex herein.« – Die Knaben schauten verwundert drein. Ivo kam und bald nach ihm der Vater, er zog die Mütze ab und hieß die »jungen Herren« willkommen; dann sagte er, sich die Hände reibend: »Wie? Weib, hast denn gar nichts im Haus? Hol auch was zum Aufwarten.« Die Mutter hatte nur darauf geharrt, bis sie abkommen konnte; sie ging nun, das Schönste und Beste zusammen zu suchen. Die Emmerenz war so gescheit gewesen und hatte sich in der Küche eingestellt, da man vielleicht noch ihrer bedürfe, denn das Gretle war mit seinem Schatz spazieren; auch hatte wohl Emmerenz noch den geheimen Grund, die vornehmen Kameraden des Ivo noch einmal zu sehen, denn auch ihr that es wohl, daß er so hoch in Ehren stand. Noch viele Nachbarfrauen hatten sich, von dem Besuche angelockt, in der Küche eingefunden, die Mutter verließ sie mit freundlichen Entschuldigungen und trug eine große Schüssel voll rotbackiger Aepfel, »Breitlinge« genannt, in die Stube. Die Emmerenz trug auf einem blanken Zinnteller zwei Gläschen voll Kirschenwasser. Die Knaben mußten essen und sogar von dem Branntwein trinken, dann stopfte ihnen die Mutter noch alle Taschen voll Obst. Zuletzt gab sie dem Kleinen noch besonders einen schönen Apfel zum »Gruß an die Frau Mutter, und sie solle ihn auf den Kommod stellen.« Die Knaben gingen endlich fort. Valentin nickte freundlich, als sie ihn baten, daß der Ivo mit dürfe; die Mutter rückte ihm noch den Hemdkragen zurecht und putzte ihm noch alle Fiserchen von seinem blauen Rocke weg. Ivo hörte zu seiner Freude, daß er bald einen neuen bekäme. Mit den Frauen, die hinter der halb vorgezogenen Küchenthür gewartet hatten, ging nun Christine auf die Straße und sah vergnügt den dreien nach, die Valentin noch bis zum Adler begleitete. Die Schultheißin sah zum Fenster heraus, und Christine rief ihr hinauf: »Das sind des Oberamtmanns Buben. Sie holen meinen Ivo 'naus zu ihrem Vater in das Schäpfle , er sieht's gern, daß sie Kameradschaft mit ihm haben, er ist gar gescheit und beliebt.« Es darf auch nicht verschwiegen werden, daß sogar Ivo mit einem gewissen Stolze Hand in Hand mit den Knaben durch das Dorf ging. Er freute sich, daß alle Leute zu den Fenstern heraussahen. und er sagte allen mit großer Selbstzufriedenheit: »Guten Tag.« Wer wird ihm das verdenken in einem Lande, wo des Kindes Vorstellung schon von der Allmacht der Beamten fabelt, wo ihr Dasein und ihre Wirksamkeit in ein majestätisches Dunkel gehüllt ist, wo groß und klein jeden Landreiter und Schreiber demütig grüßt, weil man weiß, wie man in ihre Hand gegeben ist, wenn die Thüre des geheimen Gerichtes hinter einem in die Klinke fallt? Der Schäpfleswirt grüßte Ivo ebenfalls sehr freundlich und rieb dabei nach seiner Gewohnheit die Hände, als ob es ihn friere. Ivo durfte nun in das »Herrenstüble« an den durch einen Bretterverschlag abgesonderten Tisch, wo der Kameralverwalter und der Oberamtmann saßen. Zwei Kaufleute aus Horb standen etwas zaghaft unter dem Eingange in die Herrenkammer. Endlich sagte der eine: »Nun, Herr Stadtrat, was wollen wir denn trinken?« »Was Sie wollen, Herr Stadtrat,« erwiderte der Angeredete. Jetzt war's heraus, die beiden Männer waren gestern zu dieser Würde gewählt worden; sie gehörten nun auch an den Herrentisch und nahmen mit tiefen Bücklingen Platz. Der Oberamtmann sah seinen Kollegen an und lächelte höhnisch. Ivo war seelenvergnügt in dieser Gesellschaft, aber er sollte bald eine Züchtigung für seine Eitelkeit erfahren. Die Kinder erzählten, was sie von Ivos Mutter über die Wirksamkeit des Hufeisens gehört hatten. Der Oberamtmann, der sich gern in religiösen Dingen als freidenkend zeigte, weil das nicht gegen ein ausdrückliches Verbot im Gesetze war, sondern sogar zur Bildung gehörte, sagte: »Was dummes Zeug! Das ist ein hirnloser Aberglaube. Laßt euch von einem einfältigen Bauernweib nichts aufbinden; ich hab's euch schon oft gesagt, es gibt keinen Teufel und keine Heiligen, oder Heilige, die will ich noch hingehen lassen.« Ivo zitterte auf seinem Stuhle. Es schnitt ihm tief durch die Seele, wie man hier von seiner Mutter sprach. und noch dazu so gottlos. Er wünschte sich, daß nie solche Kameraden zu ihm gekommen wären. Gegen den Oberamtmann aber faßte er einen gründlichen Haß, er sah ihn grimmig an. Dieser schien nichts davon zu verspüren, er war sehr herablassend und freundlich gegen die zwei neuen Stadträte, welche, ganz entzückt von so viel Güte, den Mund nicht zubringen konnten. Unserm Ivo ward es aber erst wieder leicht, als alle die »Herrenleute« weggingen; und so bös war er, daß er sich damit freute, dem Oberamtmann keine gute Nacht gewünscht zu haben. 7. Das Kloster. Jahre gingen vorüber, man merkte es kaum. Konstantin und Peter hatten im Herbste ihre Prüfung bestanden und waren nun bestimmt, in das Kloster zu Rottweil einzutreten; ein Ereignis aber, von dem man noch lange redete, hielt den Peter im Dorfe fest. Das zweite Gras war im Schloßgarten abgemäht, die Zeitlose, bei uns Dirnenblume genannt, weil sie so schamlos ohne alle Blätterverhüllung erscheint, stand einsam unter dem bereiften Grase; die Kühe weideten jetzt hier frei, und die Kinder tummelten sich überall und machten auf vereinzelte, an den Bäumen hängen gebliebene Aepfel und Birnen Jagd, gegen die sie mit Stöcken und Steinen auszogen. Peter saß auf dem Wadelbirnenbaum an der Schloßmauer, nicht weit von dem Eckturme; eine goldgelbe Birne war das Ziel seines hohen Strebens, der mutwillige Konstantin aber wollte ihm die Beute wegschnappen und warf mit einem Steine danach. Da schrie Peter: »mein Aug', mein Aug'!« und stürzte samt dem Aste, auf dem er gesessen, vom Baume; das Blut quoll ihm aus dem Auge, Konstantin stand neben ihm, weinte und schrie aus vollem Halse um Hilfe. Das Mauritzele, das die Kühe hütete, kam herbei. Es sah den blutenden Knaben, nahm ihn schnell auf die Schulter und trug ihn nach Haus; Konstantin ging hintendrein, alle andern Kinder gesellten sich dazu. Der Zug vergrößerte sich stets, bis man vor Hansjörgs Haus kam; dieser richtete eben einen Wagen her, und als er sein Kind so blutend fand und ohnmächtig sah, schlug er die Hände über dem Kopfe zusammen. Peter schlug das eine Auge auf, das andre aber blutete immer stärker. »Wer hat dir das gethan?« fragte Hansjörg mit geballter Faust, bald sein jammerndes Kind, bald den zitternden Konstantin betrachtend. »Ich bin vom Baum gefallen,« sagte Peter, auch das gesunde Auge zudrückend, »ach Gott, ach Gott, mein Aug' lauft aus.« Kaum hatte Konstantin das gehört, sprang er schnell fort nach Horb zu dem jungen Erath, der jetzt das Amt seines verstorbenen Vaters bekleidete. Mit namenloser Angst lief Konstantin vor dem Hause des Wundarztes hin und her, der über Feld gegangen war; er hielt sich immer mit der Hand ein Auge zu, um sich das Unglück Peters recht zu vergegenwärtigen. Weinend und stöhnend biß er sich die Lippen blutig, er wollte als ein Missethäter in die weite Welt entfliehen, und doch wollte er ausharren, um zu retten, was zu retten war; schnell entlehnte er ein gesatteltes Pferd, und endlich kam der Ersehnte, er ritt rasch davon, aber Konstantin lief noch schneller ohne auszuschnaufen den Berg hinan. Der Wundarzt erklärte das Auge für unrettbar verloren. Konstantin schloß seine beiden Augen; es war ihm, als ob plötzlich Nacht und Blindheit über ihn hereinbreche; Hansjörg aber sah mit thränenschweren Blicken vor sich hin und hielt krampfhaft den Stumpffinger an seiner rechten Hand. Er sah es als eine schwere Strafe Gottes an, der dafür, weil er einst mutwillig sich selber verletzt, jetzt seinem Kinde das Auge nahm. Mild und liebreich behandelte er den unschuldigen Peter, der für ihn so Hartes erdulden mußte. Die Mutter aber, das uns wohlbekannte Kätherle, war nicht so demutvoll, sie sagte ganz offen, daß das gewiß der vermaledeite Konstantin gethan habe; sie jagte ihn aus dem Hause und schwur, daß sie ihm das Genick breche, wenn er noch einmal über die Schwelle käme. Peter beharrte bei seiner Aussage, und Konstantin verlebte die qualvollsten Tage; er rannte immer im Feld umher, wie von einem bösen Geiste getrieben, und wo er einen Stein sah, da erzitterte sein Herz. »Kain! Kain!« rief er oft und wünschte, daß er auch in die Wüste entfliehen könnte, aber er kehrte immer wieder nach Hause zurück. Nach drei Tagen endlich wagte er es, seinen Kameraden zu besuchen. Er duckte sich und war bereit, die härtesten Schläge auszuhalten; aber der Zorn der Mutter hatte sich gelegt, es geschah ihm nichts. Ivo saß am Bette des Kranken, dessen Hand haltend. Konstantin schob den Ivo beiseite und faßte die Hand Peters, ohne ein Wort zu reden, sein Atem zitterte, endlich sagte er: »Geh du fort, Ivo, ich bleib' da, wir haben miteinander zu reden.« »Nein, laß ihn da, der Ivo darf alles wissen,« sagte der Halbgeblendete. »Peter,« sagte Konstantin, »in der untersten Höll' kann man nicht mehr ausstehen, als ich ausgestanden hab'. Ich hab' unsern Herrgott oft darum gebeten, er soll mir mein Aug' nehmen und das deinige erhalten; ich hab' mir, wo ich allein gewesen bin, immer ein Aug' zugehalten, ich will nicht mehr haben als du; gelt, lieber, guter, herziger Peter, du verzeihst mir?« Konstantin weinte bitterlich, und der Kranke beschwor ihn, doch ja stille zu sein, sonst würden es seine Eltern merken; auch Ivo tröstete den Unglücklichen; schnell aber erhob sich in diesem seine alte Natur, und er sagte: »Ich wollt', es thät mir einer ein Aug' ausstechen, dann bräucht' ich auch kein Pfarrer zu werden, hinter die Bücher hocken und ein Katzengesicht machen, wenn die andern Leute fröhlich sind; sei froh, daß du nur ein Aug' hast, du brauchst nicht Pfarrer zu werden. Aber wart nur, der letzt' hat noch nicht gepfiffen.« Ivo faltete die Hände und sah den wilden Knaben kummervoll an. In der That konnte nun auch Peter nicht mehr Geistlicher werden, denn geschrieben steht 3. B. M. K. 22, V. 20: »Wenn du dem Herrn ein Ganzopfer darbringst, so soll es vollständig sein, es darf keinen Fehler haben.« Ein Geistlicher darf keinen Leibesfehler haben. Noch in der letzten Stunde, als schon der Wagen vor dem Hause stand und Konstantin von Peter Abschied nahm, sagte er: »Ich wollt', daß der Wagen umstürzen und ich einen Fuß brechen thät'. B'hüt dich Gott, Peter, und gräm dich nicht zu arg über dein verlorenes Aug'.« Auf Ivo hatten die Worte Konstantins, die sein innerstes Widerstreben gegen den geistlichen Stand bekundeten, einen tiefen Eindruck gemacht. Oft, wenn er so einsam seines Weges nach der Schule ging, sagte er leise vor sich hin: »Sei froh, daß du nur ein Aug' hast, du brauchst nicht Pfarrer zu werden,« und er hielt wechselsweise ein Auge zu, um sich zu versichern, daß er nicht in dem Fall sei; den Konstantin konnte er gar nicht begreifen, und doch betete er eine Zeitlang für ihn in der Kirche. Indes war auch die Zeit herangenaht, da Ivo nach erstandener Prüfung in das Kloster zu Ehingen abreisen sollte. Im elterlichen Hause wurde die Aussteuer herbeigeschafft, als ob er verheiratet würde. Eine Weile freute sich Ivo mit den neuen Kleidern, aber bald überwog das Gefühl des Abschiedes, und eine zitternde Bangigkeit breitete sich über sein ganzes Wesen aus; doch war er froh, daß seine Mutter mit Nazi und dem Falben ihn noch begleiten wollten. Nachdem er von dem Kaplan, von den Kameraden in Horb und von der Frau Hanklerin Abschied genommen, begann er schon drei Tage vor der Abreise seinen Rundgang durch das Dorf. Alles wünschte ihm von Herzen Glück, denn jedes wollte ihm wohl und pries die Eltern eines so schönen und trefflichen Knaben glücklich. Hier und dort erhielt er auch ein Geschenk, ein Sacktuch, ein Paar Hosenträger, einen Beutel und sogar etwas Geld; letzteres scheute sich zwar Ivo anzunehmen, denn als Kind reicher Eltern schien es ihm fast beleidigend, aber er dachte wieder: die Geistlichen müssen Geschenke annehmen, und freute sich kindisch mit den neuen Sechskreuzerstücken. Der Rundgang durch das Dorf war schneller beendigt, als Ivo gedacht hatte. Er ließ sich nun vor den Häusern, in denen er bereits Abschied genommen, nicht mehr sehen; denn es liegt eine unangenehme Empfindung darin, Leuten, denen man bereits feierlich und auf lange Lebewohl gesagt, wieder so bald danach unter die Augen zu treten, es ist, als ob ein tiefes Gefühl dadurch verwischt würde, und als ob man eine übernommene Schuld noch nicht getilgt habe. Ivo blieb daher fast wie ein Gefangener zu Hause, verweilte bei seinen Tauben, nahm von ihnen und all den stillen Plätzchen feierlichen Abschied. Am Abend vor der Abreise ging er in das Haus der Emmerenz, um Ade zu sagen. Emmerenz brachte ihm etwas in ein Papier gewickelt und sagte: »Da, nimm's, es ist eins von meinen Geitle.« Obgleich Ivo keinen Widerspruch machte, sagte sie doch: »Nein, du mußt's nehmen. Weißt du noch, wie ich's von der Hohlgasse 'reingetrieben hab'? Da sind sie klein und wunzig gewesen, und du hast ja auch Futter für's gesammelt; nein, nimm's nur, das könnet ihr morgen auf dem Weg verzehren.« In der einen Hand hielt Ivo die gebratene Ente, die andre reichte er Emmerenz und ihren Eltern zum Abschiede. Mit schwerem Herzen ging er dann nach Hause. Hier war alles in großer Geschäftigkeit, man wollte heute nacht um ein Uhr fort, damit man noch »zeitlich« nach Ehingen käme. Auf der Ofenbank saß ein Waisenknabe aus Ahldorf, der ebenfalls in das Kloster eintreten sollte; neben ihm lag in einem blauen Kissenüberzuge sein Bündel. Ivo vergaß seinen eigenen Schmerz über dem Mitleid mit dem Waisenknaben, den niemand begleitete, der, allein und verlassen, auf gute Leute bauen mußte. Da er keinen andern Trost bei der Hand hatte, hielt er ihm die Ente unter die Nase und sagte: »Guck, das essen wir morgen miteinander. Gelt, du ißt doch auch gerne ein gut's Schlegele oder ein Stückle von der Brust?« Er sah hierbei ganz fröhlich aus, und um dem Fremden die volle Gewißheit seines Anteils zu geben, sagte er: »Da hast's, kannst's in deinen Bündel thun.« Die Mutter wehrte dies ab, weil sonst die Kleider beschmutzt würden. Man ging früh ins Bette. Der Waisenknabe, Bartholomä genannt, schlief in Nazis Bett, da dieser aufbleiben mußte, um den Gaul zu füttern und dafür zu sorgen, daß man nicht verschlafe. Als Ivo schon zu Bette lag, kam die Mutter nochmals, leisen Schrittes. Sie hielt die Hand vor das Licht an der Oellampe, die sie trug, um den etwa Schlafenden nicht zu stören; Ivo aber wachte noch, und die Mutter sagte, indem sie behutsam die Decke unter seinem Kinn festlegte, und dann mit der Hand über seinen Kopf fuhr: »Bet auch recht, dann schlafst du gut. Gut Nacht.« Ivo weinte bitterlich, als seine Mutter fort war. Wie eine Lichtgestalt war sie verschwunden, und er lag wieder in dichter Finsternis. Es war ihm, als wäre er schon fern in ödem, fremdem Haus; dann dachte er wieder, daß morgen seine Mutter nicht mehr zu ihm käme, und er schluchzte in die Kissen hinein. Er dachte an Emmerenz und an alle Leute im Dorfe, er hatte sie alle so lieb, er konnte sich gar nicht vorstellen, wie sie es denn machen würden, wenn er nicht zu Hause wäre, ob denn noch alles gerade so fortginge wie gestern; er meinte, alle Leute müßten ihn so entbehren, wie er sich nach ihnen sehnte; in das Leben aller müßte sein Weggehen so tief eingreifen. wie in das seinige; er weinte um sich und um die andern, und seine Thränen flossen unaufhaltsam. Endlich raffte er sich auf, faltete die Hände und betete laut, mit einer Inbrunst, als ob er Gott und alle Heiligen leibhaftig an sein Herz drücke; dann schlief er sanft ein. Blinzelnd schlug Ivo um sich, als Nazi mit dem Lichte kam, er wollte nichts vom Aufstehen wissen, Nazi aber sagte mit betrübter Miene: »Ich kann dir nicht helfen, steh auf, du mußt jetzt lernen aufstehen, wie's die Leut' befehlen.« Noch in der Stube taumelte Ivo wie schlaftrunken umher. Erst der erweckende Kaffee brachte ihn zur vollen Besinnung. Alles im Hause war auf den Beinen, Ivo nahm von seinen Geschwistern weinend Abschied. Der Bartel saß bei Nazi auf dem vordern, mit dem Hafersack gepolsterten Brette, die Mutter war schon auf den Wagen gestiegen, Joseph, der älteste Bruder, hielt den Falben am Zügel. Da hob Valentin seinen Sohn in die Höhe und küßte ihn, es war das erste Mal in seinem Leben, daß er ihm dieses Liebeszeichen gab, Ivo umschlang ihn laut wehklagend, Valentin war sichtbar gerührt, aber er war noch Mann genug und hob Ivo auf das Wägelchen, reichte ihm die Hand und sagte mit stockender Stimme: »B'hüt di Gott, Ivo, sei brav.« Die Mutter hüllte Ivo zu sich in den Mantel ihres Mannes, der Falb zog an, und fort ging es durch das Dorf, das still und dunkel war; nur hier und dort brannte ein traurig Licht bei einem Kranken und schwebten trübe Schatten der Wartenden an den Fenstern vorüber. Kein Lebewohl sagten die trauten Menschen, die hinter all den stillen Mauern wohnten; nur der Nachtwächter hielt an der Leimengrube mitten in seinem Rufe inne und sagte: »Glück auf den Weg.« Fast eine Stunde lang fuhren die vier so fort, man hörte nichts als den Hufschlag des Pferdes und das Rasseln des Wagens. Ivo lag an dem Herzen seiner Mutter und hielt sie fest umschlungen. Jetzt wickelte er sich plötzlich aus der warmen Verhüllung und sagte: »Bartel, hast du auch einen Mantel?« »Ja, der Nazi hat mir die Roßdeck' geben.« Ivo legte sich wieder still an das warme Herz seiner Mutter, und von Trauer und Müdigkeit überwältigt, schlief er ein. Seliges Los der Kindheit, deren Wehe noch die stille Nacht des Schlummers in Vergessenheit einwiegt! Der Weg ging fast immer durch den Wald, zuerst bis Mühringen, dann durch das liebliche Eyachthälchen und den Badeort Imnau. Ivo sah von alle dem nichts. Erst als man die Haigerlocher Steige hinanfuhr, erwachte er und schreckte zusammen, als er da unten die Stadt von den senkrecht steilen Bergen umdrängt sah; es kam ihm alles wie ein Wunder vor. Es tagte, und die Kälte wurde eine Weile empfindlicher; denn es ist, wie wenn beim Aufgang der Sonne die kalte Nacht sich von der Erde erhöbe und mit verstärkter letzter Kraft die irdischen Geschöpfe anhauche. In Hechingen im Rößle kehrte man ein. Ein junges Mädchen stand unter der Thüre des Wirtshauses. Ivo mochte an Emmerenz denken, denn er sagte: »Mutter, essen wir jetzt das Geitle?« »Nein, in Gamertingen machen wir Mittag, und da lassen wir uns auch ein Süpple dazu kochen.« Der sonnenhelle Tag im schönen Killerthale, die wechselnden Gegenstände, das fremde Leben der rauhen Alb heiterten Ivo auf, und als er eine große Rinderherde auf der Weide sah, sagte er zu Nazi: »Versorg nur auch meinen Stromel gut!« »Da ist nicht mehr viel zu versorgen, dein Vater hat ihn an den Buchmaier verkauft, der wird ihn dieser Tage holen und ins Joch eingewöhnen.« Ivo kannte den Fortgang im Schicksale der Tiere zu gut, um hierüber eine Betrübnis zu empfinden; er sagte daher nur: »Beim Buchmaier hat er's gut, der ist rechtschaffen gegen Mensch und Vieh, der wird ihm nicht zu viel zumuten. Er spannt ja auch die Ochsen nicht ins Doppeljoch, da hat jeder sein besonderes, das plagt sie nicht so arg, da können sie sich doch regen.« Die Sonne neigte sich schon zum Untergehen, als man in das Donauthal kam. Nazi schien besonders aufgeräumt. Er erzählte mit zurückgewendetem Kopfe allerlei drollige Streiche von dem nahe gelegenen Munderkingen, dem man das Gleiche nacherzählt, was man sonst den Schildbürgern aufbürdet; Ivo lachte aus voller Seele und sagte einmal: »Ich wollt', wir könnten ein ganz Jahr lang so miteinander in der Welt herumfahren.« Das hatte aber jetzt ein Ende, denn man war vor Ehingen angelangt. Ivo fuhr zusammen und faßte die Hand seiner Mutter fest. Man stellte in der Traube, nicht weit von dem Kloster, ein. Kaum hatten sich unsre Reisenden an einen Tisch gesetzt, als es zur Vesper läutete; die Mutter stand auf, winkte den beiden Knaben und ging mit ihnen zur Kirche. Es liegt eine tiefe Macht in der allverbreiteten Sichtbarkeit der katholischen Kirche: wohin du wanderst und wo du dich niederlässest, überall stehen hohe Tempel offen für deinen Glauben, deine Hoffnung, deinen Gott, überall kniet die Gemeinde, andächtig nach denselben Heiligtümern ausschauend, dieselben Worte im Munde, dieselben Zeichen führend, überall bist du unter Brüdern und Kindern des einen heiligen, sichtbaren Vaters zu Rom. Der katholische Glaube in seiner strengen ungeteilten Einheit und Allverbreitung zeigt dir überall Säulen und Hallen, getragen vom Namen deines Herrn, und im Hause deines Gottes findest du überall dein Heimathaus und den gleichen Eingang zu deiner ewigen Urständ. So lag die Mutter Christine mit den beiden Knaben im andächtigen Gebete vor dem Altar. Sie wußten nicht mehr, daß ihre Heimat weit weg sei, die Hand des Herrn hatte den von fern her Kommenden eine selige Heimat auferbaut. Fest und innig, gottvertrauend, nahm die Mutter ihren Sohn an die eine, den Waisenknaben an die andre Hand und ging mit ihnen zum Kloster. Hier war überall ein buntes Hin- und Herrennen, Trachten aus allen katholischen Gegenden des Landes waren hier zu schauen. Nachdem der Famulus am Eingange des Klosters die Zeugnisse eingesehen und wieder zurückgegeben, wurden die drei zum Direktor geführt. Dieser war ein alter, grämlich aussehender Mann, er sagte auf alle Reden der Mutter Christine nur: »Gut, gut, schon recht.« Er hatte heute schon gar viel anhören müssen, daß man es ihm nicht verübeln konnte, wenn er wortkarg war. Ivo zupfte seine Mutter am Rocke, und sie bat nun, daß der »Herr Hochwürden« erlauben möchten, daß ihr Sohn noch heute nacht mit ihr im Wirtshause schlafe. Nach einer Weile sagte der Mann: »Meinetwegen, aber morgen früh vor der Kirche muß er da sein.« Bartel nahm einen sehr wortreichen Abschied von der Frau Christine. Der arme Knabe war es gewöhnt, oft guten Leuten zu danken, und er konnte es so meistermäßig wie eine Litanei. Er folgte willig dem Famulus in sein Zimmer. Ivo sprang und hüpfte fröhlich, da er nun noch bei seiner Mutter bleiben durfte, und er plauderte mit ihr noch lange in die Nacht hinein. Ein klarer Sonntag im eigentlichen Sinne des Wortes leuchtete des andern Morgens. Schon eine Stunde vor der Kirche ging Ivo an der Hand seiner Mutter nach dem Kloster, der Nazi ging hinterdrein mit dem Gepäcke und dem Bündel für Bartholomä. Die Mutter half Ivo nun seine Sachen in den bereit stehenden Schrank einräumen und zählte ihm alles vor; oft blickte sie aber traurig umher, da sie sah, daß zwölf Knaben hier in einer Stube hausen mußten. Es läutete auf der Klosterkirche. Mutter und Sohn trennten sich, denn dieser mußte sich zu seinen Kameraden gesellen. Nach der Kirche ging die Mutter zur Frau Speisemeisterin, das war noch eine Frau, mit der konnte man doch eher reden. Sie bat sie, ihrem Ivo doch mitunter etwas zwischen der Zeit zu geben, der Bub vergesse sonst daran, sie wolle ja gern alles doppelt vergelten. Ivo durfte noch eine Weile vor dem Essen zu seiner Mutter ins Wirtshaus. Auch der Frau Traubenwirtin legte die sorgsame Mutter ihren Sohn ans Herz, sie solle ihm immer geben, was er wolle, alles pünktlich aufschreiben, und es werde richtig bezahlt werden. Die geschäftige Wirtin versprach alles, obgleich sie wohl wußte, daß sie nichts für ihn thun konnte. Bei Tische aß Ivo mit gutem Appetit, er wußte ja, daß seine Mutter bei ihm war; nach dem Essen aber ging er betrübt zur Traube zurück, denn jetzt kam der schwerste Abschied. Er ging in den Stall zu Nazi, der eben den Falb aufschirrte. »Gelt, Nazi,« sagte er, »du bleibst mir auch ein guter Freund?« »Kannst darauf schwören, wie aufs Evangelium,« erwiderte dieser, dem Pferde das Kummet über den Kopf schiebend; er kehrte sich nicht um, denn er wollte seine Rührung verbergen. »Und du grüßest mir auch alle Leut', die nach mir fragen?« »Ja, ja, g'wiß, gräm dich nur nicht so, daß du jetzt nimmer daheim bist; das ist noch ein fröhlich Abschiednehmen, wenn man so zurückdenken kann, daß daheim Leut' sind, die einen von Herzen gern haben und denen man nichts Leids gethan hat.« – Die Stimme Nazis stockte, die Kehle war ihm wie vertrocknet, und es drückte ihn im Halse; Ivo merkte von alle dem nichts, denn er fragte: »Und die Tauben, gelt, die gibst nicht weg, bis ich wieder komm'?« »Kein Federle kommt weg. Geh jetzt aber 'nein zu deiner Mutter, wir müssen fort, sonst ist morgen der Tag auch hin. Sei nur fröhlich und laß dich's nicht zu arg keien , das Ehingen ist ja auch nicht aus der Welt. Huuf Falb.« Er führte das Pferd an das Wägelchen, und Ivo ging zu seiner Mutter. Als er sie so jämmerlich weinen sah, unterdrückte er seinen Schmerz und sagte: »Müsset nicht so jammern, das Ehingen ist ja nicht aus der Welt, und bis Ostern komm' ich wieder, da wollen wir aber lustig sein, hui!« Schmerzlich preßte die Mutter ihre Lippen zwischen die Zähne, dann beugte sie sich zu Ivo nieder, umfaßte ihn und küßte ihn und »Bleib fromm und gut,« das waren die letzten Worte, die sie hervorschluchzte; dann stieg sie auf den Wagen, der Falb zog an, das Tier schaute sich nochmals um, als wollte es auch von Ivo Abschied nehmen, der Nazi winkte noch einmal mit dem Kopfe, und fort rasselten sie. Ivo stand da, die Hände ineinander gelegt, gesenkten Hauptes. Als er den thränenschweren Blick emporrichtete und nichts von seinen Lieben mehr sah, da trieb es ihn mit zauberischer Gewalt, er rannte dem Wägelchen nach vor die Stadt, und da sah er es von ferne auf der weißen Straße dahineilen. Er blieb stehen und kehrte dann in die Stadt zurück: da waren alle Menschen so froh und zu Hause, nur er war fremd und traurig. Draußen aber auf dem Wägelchen nahm die Mutter ihr » Nuster « in die Hand und betete: »Liebe heilige Mutter Gottes! Du weißt, was Mutterliebe ist, du hast es in Schmerzen und Freuden empfunden. Beschütze mein Kind, es ist mein Herzblättchen. Und wenn ich eine Sünde damit thue, daß ich ihn so lieb hab', laß die Schuld mich entgelten und nicht ihn!« Als Ivo in das Kloster zurückkam, mußte er sogleich wieder in die Mittagskirche; aber er konnte diesmal keine Andacht finden, er war zu abgemattet, sein Herz zitterte zu sehr. Er war zum erstenmal in der Kirche, ohne zu wissen, daß er darinnen sei; gedankenlos sang, gedankenlos hörte er. Schon in diesem einzigen Umstande liegt ein Ergebnis der nunmehr eintretenden Lebensweise; die eigene Willensbestimmung trat zurück, Befehl und Gesetz herrschte. So ward nun das Leben unsres Ivo ein gesetzmäßiges strenges Einerlei, und wenn wir den Verlauf eines Tages kennen, kennen wir die andern alle. Die Knaben schliefen in großen Sälen unter Aufsicht eines Repetenten. Morgens halb sechs Uhr wurde geläutet; der Famulus kam, zündete die an der Decke hängende Laterne an, und nun mußte alles in die Kirche zum Gebet; dann ging es zum gemeinsamen Frühstück, worauf die Privatarbeit begann, bis um acht Uhr, da der Unterricht seinen Anfang nahm; von diesem ging es zum gemeinsamen Tische, nach welchem man eine Stunde »Recreation« hatte, d. h. unter Aufsicht spazieren ging. Nach dem hierauf mehrstündig fortgesetzten Unterrichte durften die Knaben eine Weile im Hofe spielen, aber auch hier fehlte das offene Auge des Aufsehers nicht. Wie schon der beschränkte Raum die Unfreiheit anzeigte, so war diese auch inmitten des »freien« Spiels; nirgends eine selbstgeschaffene, ungebundene Freude, und vor allem nie ein still in sich gehegtes Alleinsein . Zu Hause war Ivo wie das Kleinod der Familie gehalten worden: wenn er in der Stube bei seinen Büchern saß, sorgte die Mutter behutsam, daß sich kein Lärm und kein Geräusch in seiner Nähe finde, fast niemand durfte die Stube betreten, und es war, als ob drinnen ein Heiliger geheimnisvolle Wunder vollführe; hier aber, wenn es nach dem Nachtessen nochmals zur Privatarbeit ging, regte sich bald da, bald dort einer und pisperte, wenn auch nur leise; Ivo konnte sich nicht enthalten, darauf hinzuhorchen, und er arbeitete lässig. Wer es weiß, welch unergründliche Macht oft die Seele durchdringt, die einsam mit sich in ihren eigenen Gedanken sich spiegelt, oder fremde Gedanken in sich aufnimmt; wer jenen lautlosen Geistesverkehr kennt, der sich still ausbreitet, wie die Blume sich geräuschlos entfaltet, der wird den Schmerz Ivos mit empfinden, daß er nun gar nicht mehr allein war. Er gehörte nicht mehr sich selber, er gehörte unaufhörlich einer Genossenschaft an. Um neun Uhr läutete es wieder zum allgemeinen Gebet, worauf alles sich zur Ruhe begeben mußte. Erst jetzt wurde Ivo sich selber wiedergegeben, und er flüchtete sich in Gedanken zu den Seinigen, bis der Schlaf alles zudeckte. So kam sich Ivo in den ersten Tagen wie verkauft vor, denn nirgends war mehr freier Wille, alles Verordnung und Gebot; eine grausame Erfahrung stand vor seiner Seele: die Unerbittlichkeit des Gesetzes . Es ist eine folgerechte Anordnung jeglichen äußerlich fest bestimmten Kirchentums, daß es schon frühe seinen Zöglingen die Fruchtbarkeit des freien Willens ausschneidet und all ihr Thun und Denken in die unbeugsamen Gesetze einjocht. Die höchste Aufgabe der Bildung ist aber die Erziehung zur Pflicht, zur Erfüllung des Gesetzes, das wir in der Erkenntnis finden. Voll Trübsal ging Ivo umher, und es bedurfte nur eines harten Wortes, um die Tränen aus seinen Augen hervorzulocken. Das merkten sich einige lose Kameraden, und sie neckten ihn auf allerlei Weise. Es waren mitunter rohe, häßliche Gesellen, die, aus einem niedrigen Hauswesen gekommen, sich bei der guten Kost und der Fürsorge für alles behaglich fühlten. Sie merkten, daß Ivo ekel sei, und sprachen bei Tische allerlei ekelerregende Dinge, so daß Ivo oft ohne einen Bissen zu essen aufstand. Die Vorsorge der Mutter bei der Speisemeisterin kam ihm jetzt sehr zu statten. Das Vielregieren erzeugt überall ein Umgehen des Gesetzes, das die Wächter ohne strenge Ahndung geschehen lassen müssen, und so hatten mehrere Knaben außer dem, was sich wie durch eine geheime Ueberlieferung forterbte, bald allerlei Schliche und Winkelzüge zu größerer Freiheit ersonnen; Ivo aber nahm keinen Teil daran, ebensowenig wie an den geheimen Possen, die man mitunter den Lehrern und Aufsehern spielte – er war still und allein. Der erste Brief an seine Eltern mag uns seine Lage zeigen; er lautete: »Liebe Eltern und Geschwister! »Ich wollte nicht eher schreiben, als bis ich mich hier eingewöhnt hatte. Ach! ich habe in diesen drei Wochen so viel erlebt, daß ich wähnte, ich würde sterben. Wahrlich! wenn ich mich nicht geschämt hätte, wäre ich wahrhaftig wieder heimgelaufen. Ich dachte oft daran: es ging mir, wie unsrer Algäuerin, die fraß auch nichts, bis sie sich an das andre Vieh gewöhnt hatte. Wir haben hier gutes Essen, jeden Tag außer Freitag Fleisch, und am Sonntag auch Wein. Die Frau Speisemeisterin that mir viel Gutes; zu der Tranbenwirtin darf ich nicht hingehen, da der Besuch von Wirtshäusern uns unerlaubt ist. Ach! wir sind überhaupt sehr streng gehalten – – Wir dürfen nicht einmal allein spazieren gehen, mittags eine halbe Stunde. O! wenn ich nur auch als Flügel hätte, daß ich zu Euch hinfliegen könnte. Am liebsten ist mir's, wenn wir auf den Weg spazieren gehen, wo wir herein gefahren sind, da denke ich an die grüne Zukunft – – wo ich auch diesen Weg in die Vakanz gehe. Es ist hier auch Hier war » frigor ad « durchstrichen. sehr kalt. Schicke mir doch ein wollenes Unterwams, liebe Mutter, vorn auf der Brust grün ausgeschlagen. Es friert mich hier viel mehr, als da ich nach Horb ging; da konnte ich machen, was ich wollte, hier bin ich gar nicht mein eigen. Ach! mir ist der Kopf oft so schwer vom Weinen, daß ich wähne, ich würde krank werden. Liebe Mutter, betrübe Dich aber nicht zu sehr, es wird schon besser gehen, und ich befinde mich auch sonst recht wohl; ich muß aber doch mein Herz vor Dir ausschütten. Ich will gewiß recht fleißig sein, da wird mit Gottes Hilfe alles gut gehen; ich vertraue auf ihn, auf unsern Heiland, auf die heilige Mutter Gottes und auf alle Heiligen, es hielten es ja auch schon andre vor mir aus. Seid also recht vergnügt, habt einander recht lieb! Denn wenn man fort ist, da fühlt man's, wie lieb man sich haben soll, während man bei einander ist; ich wäre jetzt gewiß nie streitig oder unzufrieden, und das liebe Gretle würde mich nicht mehr zanken. Lebet wohl, grüßet mir alle gute Freunde, ich bin Euer lieber Sohn Ivo Bock. Postscriptum . Liebe Mutter! Es kam auch ein neuer Repetent an, nämlich des Schneider Christles Gregor, er hat aber nicht seine Schwester, sondern eine fremde Person bei sich. Macht, daß der Schneider Christle an ihn schreibe, er solle sich um mich annehmen. Lieber Nazi, ich grüße Dich von Herzen, ich denke auch recht oft an Dich. Man sieht hier fast lauter blaues Algäuer Vieh, und wenn ich einen Bauer auf dem Feld arbeiten sehe, möchte ich immer gerade hin springen und ihm helfen. Der Speisemeister hat auch Tauben, aber er thut sie alle ab auf den Winter! – Der Bartel wohnt nicht mit mir auf einer Stube, er ist sehr zufrieden, er hat es nie besser gehabt; er hat auch keine so liebe, gute Mutter und auch keinen so Vater, wie ich. Wenn ich nur einen rechtschaffenen Kameraden hier hätte – Man darf hier auch Besuche abends in Familien machen, es gehen viele dahin, aber ich kenne niemand hier. Ach Gott! wenn ich in Nordstetten wäre – – Verzeihet mein schlechtes Schreiben. Ach Gott! wenn ich bei Euch wäre! Es liegt mir noch vieles auf dem Herzen, ich will aber jetzt schließen, es läutet zum Schlafengehen. Denket auch recht oft an mich!« Dieser Brief machte einen gewaltigen Eindruck im elterlichen Hause, die Mutter steckte ihn in ihre Tasche und las ihn so oft, bis er in Stücke zerfiel; immer aber, wenn sie an Worte kam, wie: »ich dachte, ich that, ich konnte,« schaute sie ein wenig vom Blatte auf, ihr Kind war ihr hierin so fremd, dann aber besann sie sich wieder, daß der Brief eben von einem »G'studierten« sei, und daß der Pfarrer in der Predigt ja auch so spreche. Ein besonderes Kreuz waren dann noch die vielen Gedankenstriche, die konnten so gar vieles enthalten. Der Nazi erbot sich alsbald, eine ganze Nacht hindurch nach Ehingen zu laufen, und dem Ivo die gewünschten Sachen und Nachricht zu bringen. Das Walpurgle, die schöne Näherin, wurde nun ins Haus genommen, die Mutter gab ihr das Beste zu essen und zu trinken; es war ihr, als ob das dem Wämschen zu gut käme, und dann sagte sie oft: »Spar nur nichts, es ist für meinen Ivo.« Weihnachten war nicht fern, und so wurde für Ivo Hutzelbrot gebacken, das mit Kirschwasser geknetet und mit Hutzeln und Nüssen angefüllt war; dieses, nebst vielem Obst, einigem Geld und andern Sachen wurde in einen Sack gepackt, und spät am Abend ging Nazi damit durch das Dorf hinaus. Ivo wollte seinen Augen kaum trauen, als er auf dem Mittagsspaziergange den Nazi mit einem Zwerchsacke daher kommen sah; als aber Nazi winkte, sprang er ihm entgegen und fiel ihm um den Hals. Viele Knaben kam herbei und standen verwundert umher. »Bock,« fragte einer, »ist das dein Bruder?« Ivo nickte, er wollte nicht sagen, daß der Nazi nur Knecht sei. »Da muß dein Vater ein steinalter Bock sein,« sagte ein andrer Knabe. Alle lachten. Der Clemens Bauer aber, ein Knabe aus dem Hohenlohischen, sagte: »Pfui, schämt euch, ihr Neidhammel; ihr solltet euch mit freuen, daß er so eine Freud' hat.« Er lief nun schnell zu dem Repetenten, der als Aufseher mitging, und Ivo erhielt durch ihn die Erlaubnis, allein mit Nazi heimzukehren. Ein seliges Entzücken leuchtete aus dem Antlitze unsres Ivo, das war ein rechtschaffener Bub; der Gedanke dämmerte durch seine Seele, daß er durch seinen Nazi auch zu einem Freunde kommen werde. An der Hand des alten Freundes ging er nun zurück, seines Redens und seiner Freude war kein Ende. Als nun gar noch die Sachen ausgepackt wurden, jauchzte er hoch auf. Er legte sogleich etwas zurück für den guten Klemens, aber auch einem jeden seiner Stubenkameraden teilte er bei ihrer Rückkehr etwas mit. Nazi hatte auch einen Brief an des Schneider Christles Gregor mitgebracht, Ivo trug ihn sogleich hin, und Gregor bat ihn, öfter zu kommen und ihm alle seine Anliegen mitzuteilen. Abends durfte Ivo zu Nazi ins Wirtshaus, sie konnten gar nicht fertig werden mit Reden und Fragen. Als es zum Gebet läutete, ging Nazi noch mit bis an das Kloster. Wie von einer freundlichen Hand getragen, fast schwebend ging Ivo die Klostertreppe hinauf, er fühlte sich jetzt weit mehr hier zu Hause, da sein ganzes Nordstetten zu ihm hergekommen war, indem es ihm seinen liebsten Gesandten geschickt hatte; auch hatte er jetzt einen Gönner und einen Freund, alles das durch den lieben, guten Nazi. Von nun an war das Leben unsers Ivo durch Fleiß, Heiterkeit und Freundschaft gehoben. Seine Mutter ließ, wie man sagt, keinen Vogel vorbeifliegen, ohne ihm etwas an ihren Sohn mitzugeben. Und wie es diesem in seinem Schranke fast nie an etwas Besonderem fehlte, so hatte er auch stets in seinem Herzensschreine irgend eine heimliche Freude. Alles um ihn her gewann ein schöneres Leben, wozu vornehmlich auch die Ermunterung des Klemens beitrug. Dennoch schlossen sich die beiden nicht so rasch aneinander an, wie man hätte vermuten sollen; es bedurfte hierzu eines außerordentlichen Ereignisses. Die andern Knaben aber, als sie sahen, daß Ivo bei dem Repetenten Haible, so hieß Gregor, viel galt, ließen ihn fortan ungekränkt und bewarben sich sogar um seine Gunst. Eine besondere Freude gewann auch Ivo durch Erlernung der Musik. Man richtete ein möglichst vollständiges Orchester für die Kirchenfeierlichkeiten ein, Ivo wählte das Waldhorn und gelangte bald zu einer ziemlichen Fertigkeit. Der Direktor wollte einst den Knaben, die ein bloßes Kasernenleben führten, wieder etwas Familienhäuslichkeit zu kosten geben. Er lud daher in der Religionsstunde die zwölf Ersten, zu denen auch Ivo gehörte, auf einen Abend zu sich ein. Diese Eröffnung wurde als Befehl angesehen, und nach der Reihenfolge ihrer Plätze in der Klasse traten die Knaben, ein jeder sich vielmal verbeugend, abends ein. Der Direktor lebte mit seiner alten Schwester zusammen. Es wurde nun Thee bereitet, und die Scholaren griffen schüchtern zu. Dem guten alten Manne selber war das Familienleben schon längst abhanden gekommen. Statt daher die Knaben nach ihrer Heimat und dergleichen zu fragen, sprach er mit ihnen von den Büchern und dem Studium. Nur einmal, als er einen lustigen Spaß aus seiner Jugend erzählte, wie nämlich zwei Blätter in seiner Bibel zusammengeklebt waren und er sich nicht zu helfen wußte, lief ein halblautes Kichern durch die Reihe der Knaben. Der Direktor aber knüpfte sogleich die Lehre daran, daß, wenn man etwas in der Bibel nicht recht verstehe, einem noch irgendwo ein Blatt zugeklebt sei. Als es neun Uhr läutete, sagte er: »So, jetzt zum Nachtgebet.« Alles stand auf und betete, dann sagte er: »Gute Nacht,« und die Knaben trollten sich fort. Sie hatten wenig Familienleben bei dem Direktor gehabt. So verging für Ivo der Winter. Oft war er auch sehr betrübt, wenn er die Knaben aus der Stadt Schlitten fahren oder Schneeballen werfen sah. Als aber draußen der Schnee schmolz und die ersten Triebe sich in der Natur regten, da zitterte sein Herz mit den Pulsen, die draußen die Erde belebten; es drängte auch ihn hinaus in die freie, sonnige Heimat. 8. Die Vakanz. Schon mehrere Wochen vor der Ostervakanz hatte kein Knabe mehr seine Gedanken recht bei dem Lernen; alles hüpfte und sprang, wenn es ans Nachhausegehen dachte. Ivo und Klemens gingen auf Spaziergängen oft Hand in Hand und erzählten einander viel von der Heimat. Klemens war der Sohn eines Schreibers. Er hatte keine heimische Kindheit gehabt, da sein Vater schon zum drittenmal in eine fremde Stadt versetzt worden war. Am Abend vor der Vakanz war großes Packen auf allen Stuben, wie vor einem Manöver; am Morgen aber mußten noch alle Knaben in die Kirche, und so laut sie auch sangen, so war ihr Denken und ihre Sehnsucht doch mehr nach ihrer irdischen Heimat gerichtet, als nach ihrer himmlischen. Ivo nahm herzlichen Abschied von Klemens, und nach der Fuhrmannsregel hielt er zuerst kurzen Schritt, obgleich es ihn zur höchsten Eile drängte. Bartel begleitete ihn, er ging zu einer Base. Er war ein lästiger Gefährte, denn wo unser Herrgott einen Arm herausstreckte, wollte er einkehren. Ivo willfahrte ihm erst in Untermarchthal, wo sich ihr Weg schied. Glücklicherweise traf hier Ivo jüdische Pferdehändler aus Nordstetten. Sie hatten eine große Freude mit ihm, die er von ganzem Herzen erwiderte, sie waren eben zur Abreise bereit, und Ivo konnte mehrere Stunden mit ihnen fahren. Er fragte nun nach allem, was im Dorfe vorgegangen war, und er hörte von Geburt, Heirat und Tod. Ivo dachte, daß diese drei die Parzen des Lebens seien, und citierte still vor sich hin den Schlußvers: Clotho colum retinet, Lachesis net, et Atropos occat . Als es bergan ging, zogen die reisenden Handelsleute ihre Gebetriemen aus einem Beutelchen und legten sie um Stirn und Arm: aus kleinen Büchern sprachen sie sodann ihr langes Morgengebet. Ivo verglich die Atemwolken, die ihrem schnell bewegten Munde entströmten, mit dem Rauchopfer in der Bibel, denn er achtete jedes Glaubensbekenntnis, und besonders das jüdische als das uralt ehrwürdige. Er blickte auch in das offene Gebetbuch seines Nebenmannes und freute sich, daß er auch Ebräisch lesen konnte. Der Betende nickte ihm still, aber freundlich zu. Ivo bewunderte die Fertigkeit, mit der diese Leute das Ebräische so schnell weglasen, schneller als der Direktor selber. Als Ivo herzlich dankend vom Wägelchen abstieg, um seinen Weg zu Fuße weiter zu gehen, mußte er seinen Landsleuten versprechen, heute nicht mehr ganz nach Hause zu gehen, damit er nicht krank werde. Still seine Schritte fördernd, lobte Ivo innerlich sein liebes Nordstetten, in dem alle Menschen so gut waren, Christ und Jud, alles gleich. So sehr auch die Gedanken Ivos immer zu Hause waren, so merkte er doch auf alles und machte sogar manche allgemeine Betrachtung. Mehrmals, als er von ferne die Turmspitze eines Dorfes erblickte, dachte er: »Es ist doch schön, daß man von jedem Dorfe die Kirche zuerst sieht; da weiß man gleich, da sind Christenmenschen bei einander, und ihr schönstes und bestes Haus gehört Gott.« Ein andermal bemerkte er: »Wie prächtig ist's, daß die Obstbäume so rings um jedes Dorf stehen; sie sind die besten Freunde von den Menschen. Zuerst kommt der Mensch, dann das Vieh, dann die Obstbäume; die brauchen den Menschen auch noch, er muß sie äugeln, pfropfen und raupen. Es ist doch wunderbar! Da rings herum ist alles Gras und klein Gewächs, und da auf einmal geht ein großer Stamm weit in die Luft hinein, und da hangt alles voll Bluest . O wunderschön ist Gottes Erde Und wert, darauf vergnügt zu sein, Drum will ich, bis ich Asche werde, Mich dieser schönen Erde freun.« Ivo stand still, die heilige Offenbarung von der Größe und Allmacht Gottes hatte sich vor ihm aufgethan. Wenn nun auch die Seele unsers Ivo so in sich begnügt war, so schloß er sich doch manchem Reisenden an, der mit ihm des Weges ging; die Leute gewannen alle schnell Zutrauen zu ihm, sein freundliches Gemüt lag auf seinem Antlitze, und er war ganz glückselig, daß überall lauter gute, freundliche Menschen waren. Es war Nacht, als unser Reisender in Hechingen anlangte und so nur noch fünf Stunden von Hause entfernt war. Er fühlte sich zwar nicht sehr müde, ja, er hätte noch die ganze Nacht durchlaufen können, aber er dachte an sein Versprechen; sodann wollte er auch bei hellem Tage nach Hause kommen. »Dunkel war's, als ich wegging,« sagte er, als er in der Herberge hinter dem Tische saß, »hell ist's, wenn ich wiederkomme.« Er war sogar so eitel, daß er wünschte, sein elterliches Haus läge am andern Ende des Dorfes, damit er mit seinem grünen Studentenränzchen durch das ganze Dorf gehen und Aufsehen erregen könnte. Die Sonne leuchtete längst in vollem Glanze, als Ivo erwachte. Das war ein fröhlicheres Erwachen, als bei der Klosterlaterne. Es war ein schöner Tag, ein echter Jubeltag für die Vögel in der Luft und die Blüten auf den Bäumen. Ivo wünschte sich nur auch Flügel zu haben, und er ließ wenigstens seine Kappe in die Luft fliegen. Rasch schritt er des Weges dahin, plötzlich aber hielt er inne, setzte sich an einen Rain, und die Worte aus 2. Buch Moses K. 3, V. 5 sprechend: »Ziehe deine Schuhe aus von deinen Füßen, denn der Ort, auf dem du stehest, ist heiliger Boden,« entkleidete er seine Füße. Hurtig, wie ein unbeschlagenes Füllen, sprang er dahin, es ging ja erst recht der Heimat zu; bald aber merkte er, daß er im Kloster das Barfußgehen verlernt hatte. Die Lippen vor Schmerz zusammenpressend und seine Füße wieder bekleidend, dachte er an den schönen Vers 12 im Psalm 91: »Der Herr wird seine Engel vor dir hersenden, damit dein Fuß an keinen Stein stoße.« In Haigerloch kaufte Ivo zwei rösche Fastenbrezeln, die eine für seine Mutter, die andre für – Emmerenz. »Sie hat dir ja auch das Geitle geschenkt,« entschuldigte er sich bei seinem geistlichen Gewissen. Er machte gern den Umweg und ging der Landstraße nach, denn er fürchtete, in seiner Herzensfreude zu verirren, er wollte ganz sicher sein: auch hatte er so eine größere Strecke durch das Dorf zu gehen, als wenn er von Mühringen kam. Je näher es nun der Heimat zuging, um so lichter wurde es für Ivo, um so mehr hob er im stillen Jubel die Arme empor. Manchmal aber fürchtete er auch, es wäre gar nicht möglich, daß er heim käme, die Freude wäre zu groß, er müsse vor irgend einem Unglück oder dem Uebermaße des Entzückens auf dem Wege erliegen; dann setzte er sich oft nieder, um neue Kraft zu sammeln. Die Leute hatten unrecht, daß sie von Haigerloch aus nur zwei Stunden rechneten, »den Weg hat der Fuchs gemessen, und hat den Schwanz dazu gegeben; das sind ja mehr als acht Stunden,« dachte Ivo. O Heimat! du heiliger, trauter Ort! Da klopfen die Pulse, da zittert das Herz; da ist der Boden, da sind die Wurzeln des Daseins, zauberischer Atem haucht ringsum, durch die Gassen hin zieht die entschwundene Kindheit, und Augen, längst geschlossen, schauen freundlich zu dir nieder. Sei gesegnet, sei gesegnet, du stille Heimat! Nicht weit vom Buchhofe sah Ivo seinen Stromel an einem Pfluge ackern. Er sprang schnell hinzu, fragte den Knecht, ob der Stromel gut sei, und freute sich seines Lobes; das Tier aber schien ihn nicht mehr zu kennen, es beugte seinen Kopf unter dem Joch erdenwärts. Gern hätte ihm Ivo etwas gegeben, und er war nahe daran, ihm eine Brezel vor das Maul zu halten, aber er schämte sich und ging fürbaß. An der Ziegelhütte begegnete ihm des Hansjörgs Peter, der Einäugige, der reichte ihm traurig die Hand und sagte: »Der Konstantin ist schon gestern kommen.« Von allen Leuten bewillkommt, ging Ivo weiter. Alles heimelte ihn an, was da lebte und was in stiller Ruhe stand, jeder Zaun, jede Holzbeige schaute ihn traulich an und erzählte ihm vergangene Geschichten; als er seinem elterlichen Hauses ansichtig wurde, zitterte es vor ihm, denn die Freudenthränen standen ihm im Auge. Die Emmerenz saß mit des Schullehrers Kind unter dem Nußbaume. Als sie den Kommenden erblickte, ging sie ihm nicht entgegen. sondern sprang in das Haus und rief laut: »Der Ivo kommt, der Ivo kommt!« Die Mutter stand am Waschzuber, sie eilte schnell die Treppe hinab, trocknete ihre Hände an der Schürze und umarmte ihren lieben Sohn. Auch der Vater, das Gretle, die Brüder, alle kamen fröhlich herbei, und die Mutter hielt ihren Arm um den Nacken ihres Sohnes und trug ihn fast ins Haus. Nun kam auch die Emmerenz herbei und sagte: »Ich hab's gewußt, daß du heut kommst, der Konstantin ist ja schon gestern kommen; geltet, Bas, ich hab' ihn doch zuerst gesehen?« setzte sie vergnügt, zu der Mutter gewandt, hinzu. Nun kam auch endlich der Nazi, und nach herzlichem »Grüß Gott« zog er Ivo die Schuhe aus und brachte ihm ein Paar Pantoffeln. Unserm Fremden kam die elterliche Stube so nieder vor, er war an die hohen Klosterzimmer gewöhnt, sich gewaltig reckend, wollte er mit seinen Armen nach der Decke hinaufgreifen, das war doch noch zu viel, obgleich er erstaunlich gewachsen war. Die Mutter bereitete nun schnell für Ivo eine Suppe und einen Pfarrersbraten; so nennt man nämlich einen Pfannkuchen, weil dies die gewöhnliche Kost ist, die man den Gästen in den Pfarrhäusern schnell vorsetzt. Ivo gab seiner Mutter die Brezel und ging dann zu Nazi in den Stall. Die Tiere erkannten ihn wieder, besonders die Algäuerin drehte ihm die Stirne zu und ließ sich gar gern von ihm zwischen den Hörnern krauen. »Hast mir denn gar nichts krohmt ?« fragte Nazi lächelnd. Ivo langte in die Tasche und gab ihm still die noch übrige Brezel. Er ward hierdurch auch von dem Zweifel befreit, ob er nicht unrecht thäte, wenn er der Emmerenz etwas mitbringe; als er aber wieder in die Küche zurückkam, hörte er, wie die Emmerenz sagte: »Nu, Bas, was krieg' i denn für e Bäckebrot ?« »Nimm die Brezel, die er mitgebracht hat, du wirst nichts dagegen haben, Ivo, ich nehm's für genossen an, aber ich kann's nimmer gut beißen.« Gern willigte Ivo ein, die Emmerenz hatte nun doch was von ihm; es verdroß ihn aber sehr, daß sie alsbald dem schreienden Kinde die Hälfte davon abgeben mußte. Ueberhaupt nahm er viel Aergernis an dem Kinde, das schon so groß war und das Emmerenz noch immer herumschleppen mußte, so daß es oft aussah, als müßte sie das Uebergewicht erhalten und umstürzen. Er sagte daher mit bedeutungsvollem Ernst: »Du thust eine Sünd', Emmerenz, an dir und an dem Kleinen, wenn du's auf den Arm nimmst; das Kind hat starke Füß', es kann laufen und muß es lernen, und du schleppst dich krumm.« Emmerenz setzte sogleich das Kind nieder und nahm es, trotz des Schreiens, nicht mehr auf den Arm; der Ivo war ja jetzt ein junger Pfarrer, und er hatte ja gesagt, es sei eine Sünd'. Diese Zurechtweisung im Dienstverhältnis war fast die einzige Teilnahme, die Ivo während der ganzen Vakanz an Emmerenz bezeigte; er glaubte, sie vor seinem Gewissen wohl verantworten zu können, mehr aber nicht. Das Mädchen sah ihn oft fragend an, wenn er sich so gar nicht um sie kümmerte. Nur einmal in einer guten Stunde fragte er noch: »Wo hast denn dein' Katz'?« »Denk nur, der Pfannenflicker, der Hundskaspar, der hat sie gestohlen, hat ihr die schöne schwarze Haut abgezogen und das gut Miezchen gefressen.« Nachmittags genoß Ivo die volle Ehre des Willkommens bei einem großen Teile im Dorfe. Er hielt sich bei allen Leuten gern auf, es that ihm wohl, daß er nun ein so weit gereister Mensch war, daß alle auf ihn zukamen, ihm die Hand gaben und sein gutes Aussehen bewunderten. Aber nicht bloß Eitelkeit verklärte sein Antlitz, noch ein höheres Gefühl strahlte darauf: er empfand den höchsten Genuß darin, daß die Leute alle so eine recht innige Freude mit ihm hatten. Das innerste Streben seines Herzens fand eine wohlige Befriedigung. Wie »heimelich« war es dann Ivo abends wieder, als er zu Hause im Bette lag, als seine Mutter zu ihm kam und ihn sorgfältig zudeckte. Weiße Weihnachten, grüne Ostern; das war dieses Jahr eingetroffen. Andern Tages war Ostersonntag, alles schien doppelt hell und grün. Ivo stand wieder wie vordem unter dem Nußbaume, an dem die bräunlich zarten Blätter noch scheu in sich zusammengehüllt waren; er betrachtete wieder mit alter Lust seine Tauben, aber er sang nicht mehr, das schickte sich nicht für ihn. Nach der Mittagskirche machte sich Ivo auf den Weg, um nach Horb zu gehen. Draußen im Scheubuß, an des Paules Garten, saßen mehrere Frauen auf dem Brückenmäuerchen bei der Trauerweide, deren Aeste in allerlei Bogen verwachsen sind. Sie standen alle ehrerbietig auf, als Ivo freundlich grüßte, eine aber trat auf ihn zu, und nachdem sie ihre Hand mehrmals an der Schürze abgerieben hatte, reichte sie ihm dieselbe; wir kennen sie noch wohl, obgleich sie sehr gealtert hat: es ist die Mutter Marei. »Grüß Gott, Ivo,« sagte sie, »du bist recht gewachsen; ich ihrze dich nicht, bis du einmal im Seminar zu Rottenburg bist.« »Ihr dürfet allfort du sagen, Bas.« »Nein, nein, das geht nicht.« Die andern Frauen kamen auch herbei und betrachteten den jungen Hajrle, aber keine redete ein Wort, so scheu waren sie vor ihm. »Wie geht's dem Matthes und dem Aloys in Amerika?« fragte Ivo. »Guck, das ist brav, daß du an sie denkst. Mein Aloys hat mir erst wieder geschrieben. Du weißt, er ist schon lang geheirat't mit der Mechthild, du kennst sie wohl, da des Matthesen vom Berg; sie haben auch schon zwei Kinder, ich möcht' sie nur ein gotzig's mal sehen. Man ist doch wie halb gestorben, wenn man so verdammt weit voneinander ist. Ich muß meinem Matthes und meinem Aloys seine Kinder sehen, und die Söhnerin , die Amerikanerin, die kenn' ich ja noch gar nicht. Meine Buben schreiben mir allfort, ich soll kommen und kommen; ja wenn's nur nicht so grausam weit wär' nach dem Amerika; sie wollen mich in Havre de grace abholen, und wenn's Gottes Wille ist, geh' ich nach Pfingsten mit Auswanderern von Rexingen fort. Wenn mich unser Herrgott zu sich nehmen will, weiß er mich schon zu finden, wo ich bin. Gelt, hab' ich recht?« Ivo nickte bejahend, und Marei, ein sorgfältig eingewickeltes Papier aus der Tasche holend, sagte: »Guck, das ist der neu' Brief, du thätst einen Gotteslohn, komm mit 'rein, lies mir ihn noch einmal vor; ich kann nicht Geschriebenes lesen. Unser Schullehrer, dem ist's überleid. und der Judenschullehrer hat mir ihn auch schon dreimal vorgelesen: es ist aber ein Wort darin, das können sie all' beide nicht 'rausbuchstabieren; du bist g'studiert, du kannst's gewiß.« Ivo ging mit Marei in ihr Hans, die andern Frauen folgten erst schüchtern, dann aber herzhaft nach und setzten sich still horchend. Ivo las, und es wird wohl manchem alten Freunde des Tolpatsch lieb sein, mit zuzuhören: Nordstetten in Amerika am Ohioflusse, den 18. Oktober 18— »Liebe Mutter. Da Ihr nicht wisset, wie mir's geht, so will ich's Euch schreiben. Ich hab's Euch von Anfang als gar nicht geschrieben, wie hart mir's gegangen ist; das ist jetzund mit Gottes Hulf vorbei. Ich hab' als gedenkt, was braucht sich dein Mütterle auch noch zu grämen, sie kann dir doch nicht helfen? und da hab ich alles in mich 'nein verschluckt und hab' gepfiffen und dabei recht geschafft.« Hier hielt Ivo einen Augenblick inne, er schien sich das zur Lehre zu nehmen; dann fuhr er fort: »Nun, jetzt ist alles im Stand, es ist kein' Kleinigkeit, wenn man sich so ein Haus bauen und alle Aecker zum erstenmale umzackern muß und neane kein Hulf und kein Rat von keinem Menschen: jetzt sieht's aber bei mir aus, schöner als beim Buchmaier. Es hat Armschmalz gekostet, wir sind aber doch gesund, und das ist das Best'. Viele von unsren Landsleuten sind hier und haben's ärger als drüben und müssen an der Straß' schanzen. Es gibt hier gar viele Verführer, wenn man ans Land kommt, die einem, weiß nicht was, vorschwätzen, bis man keinen roten Heller mehr im Sack hat, und darnach: hast mich gesehen, fort sind sie. Es gibt recht scheinheilige Menschen, hüben und drüben; die Ueberfahrt putzt nur den Magen aus, aber die Seel' nicht. Wir haben aber von dem Dampsschiffmann in Mainz ein' gute Anweisung gehabt an eine Gesellschaft von braven Männern, von lauter Deutschen, die einem umsonst Weg und Steg zeigen und alles aufs best' raten; von uns ist keiner verunglückt. Saget doch das allen denen, wo noch 'rüber wollen, sie sollen keinem trauen, als dem Mann und der Anweisung. Von Anfang, wie ich als ein bißle von meinem Führer weggangen bin, allein in Neuyork 'rum, bis der Matthes kommen ist, da ist mir's oft grad gewesen, wie wenn ich unter lauter Vieh wär. Verzeih mir's Gott, das waren ja auch Menschen, sie haben aber so miteinander gewelscht, wie der Franzosensimpel, der Sepple von der Froschgaß, der schwätzt auch Holderdipolderle. Es ist aber englisch gewesen, was sie miteinander schwätzen; ich kann jetzt auch ein bißle, es ist oft gerad wie deutsch, man muß nur ein Maul dazu machen, wie wenn man an einem unzeitigen Apfel die Zähn' verschlagen hätt'. Es sind noch viel mit uns gewesen, aber der ein' ist da-, der ander' dorthin. Das ist nichts, wir Deutschen sollten auch so zusammenhalten. Ich hab sonst immer als nur die Württemberger für meine Landsleut' gehalten, aber hier heißt man uns alle Deutsche, und wenn jetzt einer aus dem Sachsenland kommt, da ist es mir grad, wie wenn er vom Unterland wär. Geltet, ich schreib' da Sachen, die Ihr nicht möget? aber mir gehen die Gedanken so oft im Kopf 'rum, daß sie, eh ich mich verguck', 'rausplotzen. »Nun muß ich Euch was anders sagen. Habt Ihr nicht schon aufgemerkt, daß ich da oben Nordstetten hingeschrieben hab? Ja, so ist's, und so bleibt's. Ich hab' einen Stock nicht weit von meinem Haus hingesteckt, mit einer Tafel, und darauf hab' ich mit großen Buchstaben hingeschrieben: Nordstetten . Es wird schon kommen, daß noch mehr Leut' sich hier anbauen, und da bleibt der Nam'; dann bauen wir ein' Kirch, grad wie die daheim, ich hab' schon das Bergle dazu da, grad 'rüber von meiner Scheuer, wir heißen's schon jetzt das Kirchbergle. Da lassen wir hernach einen Pfarrer von drüben kommen, und meine Aecker, die haben alle Namen von daheim. Ich und mein' Mechthild, wir schwätzen oft abends davon, wie das einmal aussehen wird. Wenn wir's auch nicht mehr verleben, nachher verleben's unsre Kinder und Kindeskinder, und ich hin nachher halt doch die Ursach davon. Wenn nur einer von denen Nordstetter G'studenten dann 'rüber käm' als Pfarrer, er hätt's hier gut, aber im Feld schaffen müßt' er auch. Wir wählen uns hier selber den Pfarrer, wir nehmen den, der uns am besten gefällt, wir lassen uns keinen vom Konsistore aufbinden. Da spielen die Pfarrer auch nicht die Herren gegen uns, hier ist alles gleich, sie sind halt grad wie wir auch, nur daß sie eben g'studiert haben und geweiht sind; wir haben drei Stund' von hier einen, der ist von Rangendingen gebürtig. An meinem Haus haben sich auch gleich Schwalben angebaut, ich hab' vergangenen Herbst einer ein Zettele angehängt und hab' darauf geschrieben: »Grüß Gott an alle drüben,« und meinen Namen darunter. Ich dummer Kerl hab' gemeint, sie käm' nach Nordstetten, und da ist sie wieder kommen, da ist auf einem Zettel gestanden Χαιρε, ich hab' noch niemand fragen können, was das heißt, es ist grad wie wenn's Kaibe hieß, das wär' doch schändlich.« – »Weißt du vielleicht, Ivo, wie's heißt?« fragte Marei. »Jawohl: Chaire, es ist griechisch und bedeutet: sei gegrüßt.« Die Frauen schlugen die Hände zusammen vor Erstaunen über die große Gelehrsamkeit Ivos. »Wo hat denn die Schwalb' überwintert?« fragte Marei wieder. »Wahrscheinlich bei den Feuerländern,« erwiderte Ivo und las nach einer Pause weiter: »Ich hab' daheim gar nicht gewußt, daß die Lerchen so schön singen. Denket nur einmal, hier zu Land gibt's gar keine und auch keine Nachtigallen; aber viel andre schöne Vögel, auch hat's schöne Fichten und Eichbäum' und noch andre prächtige Bäum', die geben ein Staatsholz. »Liebe Mutter! Ich hab' das schon vor acht Tag geschrieben, und wie ich's so überlug, sag' ich: ei, du schreibst Larifari! Aber mir ist's alleweil, als wie wenn ich bei Euch sitzen thät vor des Schmied Jakoben Haus am Brunnen; und da gehen die Leut vorbei und sagen: ›hent ihr gute Rot?‹ und da ist mir das Herz so voll, und ich weiß nicht, was ich zuerst sagen soll. Wir sind gottlob alle recht gesund, das Essen und Trinken schmeckt uns wohl und schlägt gut an. Wir haben alle unsre Kleider weiter machen müssen. Es ist gut, daß die Mechthild das Nähen gelernt hat. »Wenn ich als einen guten Bissen ess', denk' ich: wenn nur auch dein Mütterle da wär, da thät ich das Best' neben 'nauslegen und thät sagen: da, Mütterle, da müsset Ihr 'reinlangen, da liegt ein herzig's Bröckele, und es thät Euch gewiß weidlich bei mir schmecken. »Unser Basche, der geratet prächtig, es hat ihm noch kein Brösele gefehlt. Ach Gott! wenn das kleine Mareile noch leben thät, das wär bis nächste Michaeli ein Jahr alt, das ist ein gar lieb Engele gewesen; es war doch erst drei Wochen alt, aber wenn man's gerufen hat, da hat's einen so gescheit angesehen und hat einem nach den Augen gegriffen. Auf Allerseelen lassen wir ihm ein eisern Kreuz setzen. Ach, du lieber Heiland! Das Kind ist jetzt im Himmel, und der Himmel ist doch erst das recht' Amerika. »Ich muß Euch noch mehr von meinem Hauswesen schreiben, ich darf nicht so viel an das Kind denken, es geht mir so zu Herzen: ich sag', wie der Pfarrer gesagt hat: der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, der Name des Herrn sei gelobt. »Wenn uns nur Gott jetzt alles gesund bei einander erhält. Unser Herrgott hat mich auch noch immer mit dem Vieh glücklich erhalten, es ist uns noch keines gefallen, alles kerngesund, und das ist mir eine besondere Freud', daß das Vieh hier alleweil genug zu fressen hat. Ich werd's mein Lebtag nicht vergessen, was die Futterklemme ein Kreuz und ein Elend gewesen ist; grad selben Sommer, eh' ich zum Militär gekommen bin, wo's fast kein Hälmle Futter gegeben hat. Wisset Ihr noch, wie's einem da ums Herz gewesen ist, wenn man morgens aufgestanden ist und hat dem Vieh nur viertelssatt zu fressen geben können und hat zusehen können, wie ihm das Fleisch abgefallen ist? Ich hätt' oft vor Waitag verlaufen mögen. So ein Tierle ist anbunden und kann nicht schwätzen und deuten und muß sich alles gefallen lassen. Hier geht das Vieh fast das ganze Jahr auf die Weid und hat alleweil vollauf, und es ist noch nicht vorkommen, daß ich hab' eines stechen müssen, weil es zu viel gefressen hat. Drüben, weil sie das ganze Jahr im Stall stehen, fressen sie, bis ihnen der Bauch aufspringt, wenn sie einmal an einen Kleeacker kommen; und wie's beim Vieh geht, so geht's auch bei den Menschen: die müssen drüben auch im Stall stehen, vom Schultheiß und dene Amtleut' anbunden, bis sie ellenlange Klauen kriegen, daß sie nimmer laufen können, und wenn sie einmal ausreißen oder man's 'nausläßt, werden sie toll und voll. Das hat einer in der Volksversammlung ganz schön so ausgelegt. Mutter! das ist was Schön's, so ein' Volksversammlung, das ist grad, wie wenn man in der Kirche wär; aber nein, es ist doch nicht so, denn da red't ein jeder, wer nur kann und mag, da gilt alles gleich. Gucket, ich will's Euch verzählen, wie das ist, aber ich kann's doch nicht recht. Ich muß Euch nur noch sagen, daß unser Matthes ein Hauptsprecher ist, dem geht's vom Maul weg wie dem besten Pfarrer; sie haben ihn auch schon in die Abteilung gewählt, er gilt viel, und der Nam Matthias Schorer, das ist ein Wort, vor dem alle Respekt haben. Ich hab' aber auch schon einmal vor alle Leut gesprochen. Ich weiß gar nicht, von Anfang hat mir ein bißle das Herz puppert, nachher ist mir's aber grad gewesen, wie wenn ich zu Euch reden thät, so frank von der Leber weg. Sie haben sich da drum gestritten, es ist ein Deutscher, ein Württemberger, oder wie man's hier heißt, ein Schwab ankommen, er ist Offizier gewesen, und der König hat ihn begnadigt, er hat ein' Verschwörung angestiftet gehabt unterm Militär und hat nachher alle seine Kameraden verraten, hier hat er sich für einen Freiheitsmann ausgegeben, da ist aber ein Brief von drüben rüber kommen, daß er dem Teufel vom Karren gefallen und für den Galgen zu schlecht sei. Da haben sie lang gestritten, ob er bei uns hier Offizier werden kann, da hab' ich endlich gesagt: Zu der Haue kann man einen Stiel finden. Er soll einen Brief beibringen von seinen Kameraden, daß er den Braven an ihnen gemacht hat; ich kann's nicht glauben, daß ein Württemberger so schlecht ist, daß er zuerst den König und nachher noch einmal seine Kameraden verrat't. Und das ist auch beschlossen worden, wie ich's gesagt hab'. Wie ich aber den Mann mit seinem Gesicht wieder angesehen hab', da hab' ich denkt: das Letzt' hätt'st können bleiben lassen, der sieht ja aus, wie wenn er die Gais gestohlen hätt'. »Ich bin auch Offizier bei der Nazenalmiliz, so was man bei uns Leutnant heißt; weil ich beim Militär gewesen bin und die Sach' gut versteh', haben sie mich dazu gewählt. Wir wählen uns hier selber die Offizier', hier ist alles frei. Der Schultheiß von Nordstetten ist doch nur Feldwebel gewesen. Wenn ich heim kommen thät, nein, ich thät mich doch nicht als Offizier anziehen; ich bin ein freier Bürger, und das ist mehr als Offizier und General, ich tausch' mit keinem König. Mutter, es ist ein prächtig Land, das Amerika; schaffen muß man, und das recht tüchtig, aber darnach weiß man auch warum, die Zehnten und Steuern nehmen nicht den Rahm oben 'runter. Ich leb' hier auf meinem Hof, da hat mir kein Kaiser und kein König was zu befehlen, und vom Presser weiß man hier gar nichts. Du lieber Gott! wenn ich dran denk', wie der mit einem langen Zettel in der Hand, mitsamt dem Schütz durchs Dorf gegangen ist, und die Leut' in den Häusern haben geheult und geschrieen und die Thüren zugeschlagen, und da hat der Presser einen zinnernen Teller, einen Kupferhafen, eine Pfann' und eine Schabeslamp von einem armen Juden zum Schultheiß tragen. Es ist ein Kreuz, daß das Elend bei uns so ist; ich mein', das könnt' und müßt' anders sein. Ich möcht' aber doch keinen dazu aufstiften, 'rüber zu kommen. Es ist kein' Kleinigkeit, so weit weg von daheim zu sein, wenn man's auch noch so gut hat. Allbot überkommt mich ein Jammer, daß ich mich vor mir selber schäm', da möcht' ich grad alles aufpacken und fort nach Deutschland. Einmal muß ich's noch sehen, so lang mir ein Aug' offen steht. Ich kann's nicht sagen, wie mir's ist, aber ich verzwazel oft schier und möcht oft grad heulen wie ein Schloßhund. Ich weiß wohl, das schickt sich nicht für einen Mann, aber ich kann nicht anders, und vor Euch brauch' ich mich ja nicht zu schämen. Ich glaub' als, es ist eigentlich nur der Jammer nach Euch. Schon mehr als tausendmal hab' ich so vor mich hin gesagt: Wenn nur auch mein Mütterle da wär, mein gut, gut Mütterle! wenn sie nur einmal dort auf der Bank gesessen hätt'; da thätet Ihr Euch freuen mit denen großen Milchhäfen und o du lieber Heiland! mit meinem Basche und mit dem, wo jetzt auf dem Weg ist. Wenn ich Euch was leids than hab', verzeihet mir's, es hat Euch g'wiß kein Mensch auf der Welt lieber als ich. »Ich hab' ein bißle ausschnaufen müssen und schreib' jetzt weiter. Es ist doch ein' schöne Sach, daß wir ordentlich schreiben und lesen gelernt haben, ich dank's Euch tausendmal, daß Ihr uns recht dazu angehalten. Ihr müsset aber nicht denken, daß ich traurig bin. Freilich bin ich nimmer allweil so lustig wie vor Zeiten, ich bin halt auch älter und hab' viel erfahren; aber manchmal bin ich doch so froh und hab' alles so gern auf der ganzen Welt, daß ich pfeifen, singen und tanzen kann. Manchmal thut mir's als noch ein bißle weh, wenn ich an etwas denk', aber ich mach Brr! und schüttl' mich wie ein Gaul, und fort muß es. Ich und mein' Mechthild wir leben wie zwei Kinder, und unser Basche, der hat Knochen, so fest und stark wie ein jung's Kalb, und Fleisch wie ein Nußkern. »Am Sonntag, wenn wir zur Kirch' fahren, da nehmen wir uns Salz mit heim, und was man sonst noch braucht, und mein' Mechthild hat gesagt, wir holen uns auch himmlisch Salz, aus der Mess' und der Predigt, und damit salzen wir unser Seel. Die Mechthild macht oft gar schöne Rätsel und G'späß. Wir haben uns auch ein Ritterbuch kauft, von dem Rinaldo Rinaldini, das ist ein' gar grauselige Räubergeschicht', und die haben wir schon mehr als zehnmal gelesen, und wie ich vorlängst verschlafen bin, ist die Mechthild kommen und hat das Lied gesungen und hat mich geweckt. Weil ich grad von Lieder red', hätt' ich eine Bitt', Ihr müsset mich aber nicht auslachen. »Gucket, wenn man so in der weiten Welt draußen ist und allein für sich singen soll, da merkt man erst, wie man von so viel Lieder bloß den Anfang kennt, und das andre hat man eben bloß so denen andren im Tralatel nachg'sungen, und da möcht' man sich schier den Kopf 'runterreißen, weil einem das Ding nicht einfallen will, aber man kriegt's halt nicht 'raus. Es geht einem mit vielen Dingen so, man meint, man könn's, bis es einmal heißt: jetzt Alterle, jetzt mach's allein. »Nun hätt' ich die Bitt', aber dürfet mich nicht auslachen: lasset Euch alle Nordstetter Lieder vom alten Schullehrer aufschreiben, ich will's ihm gern gut bezahlen. Geltet, Ihr vergesset's aber nicht und schicket mir's oder bringet's mit, wenn Ihr kommet. »Ich muß Euch auch noch was erzählen. Denket nur einmal, Mutter! Ich sitz' am Dienstag vor drei Wochen an meinem Wagen und mach' die Deichsel zurecht – man kann hier nicht all' Ritt zum Wagner springen, da muß man alles selber machen – wie ich nun so da sitz', da hör' ich auf einmal: ›Bist fleißig, Aloys?‹ Ich guck' auf, wer steht da? des langen Herzles Kobbel . der bei der Gard' gewesen ist. Wir sind sonst nicht die besten Freund' gewesen, aber ich hab' nicht daran denkt und bin ihm um den Hals gefallen und hab' ihn schier verdruckt. Ich glaub', wenn der Jörgli käm', ich thät ihm auch die Hand geben; er käm' ja von Nordstetten. »Ich hab' alles im Haus zusammengerufen und hab' einem welschen Hahn den Kragen abgeschnitten. Der Kobbel hat mit mir gessen, wie ein andrer Mensch auch. Die Gesetz' von denen Essensspeisen, die sind für die alt Welt und nicht mehr für die neu. »Der Kobbel ist acht Tag' bei mir blieben und hat mir helfen schaffen im Feld, er kann's so gut wie ein Christ; das hat mir rechtschaffen gefallen, daß er einsieht: für einen Soldaten, der Ehr' im Leib hat, schickt sich's nicht mehr, mit dem Zwerchsack 'rumzulaufen; er will sich hier herum Aecker kaufen, ich bin ihm dazu behilflich, ich muß auch meine lieben Juden von Nordstetten hier haben, sonst ist es gar kein recht's Nordstetten. Darnach wird er auch zur Nazenalmiliz gehen. Er kann mit der Zeit auch Offizier werden. Hier fragt man keinen nach seinem Glauben; wenn der Mensch nur brav und gesund ist. Abends sind wir alls zusammengesessen, ich, mein' Mechthild, mein Schwäher und mein' Schwieger und ihre Buben und Mädle und der Kobbel, und da haben wir Lieder von daheim gesungen, es ist mir grad g'wesen, wie damals, wo das Marannele mit seiner neuen Kunkel kommen ist. Ihr müsset aber nicht meinen, daß ich oft an das Marannele denk'. Ich hab' mein' Mechthild rechtschaffen gern und sie mich auch. Ich wünsch', daß alle Leut' einander so gern hätten und so gut hausen thäten. »Nun von wegen Eurem Kommen. Ich mag nicht zu arg bitten, der Matthes wird Euch alles da drüber schreiben: aber wenn's möglich wär' – nein, ich will ja nicht bitten. Der Kobbel sagt mir, daß unser Xaver zu des Zimmermann Valentins Gretle geht; das wird sich auch nicht vor der Ueberfahrt fürchten und wird mit ihm gehen. Es ist jetzt eins, Nordstetten hüben oder Nordstetten drüben. »Schreibet auch bald Antwort. Schicket den Brief nur wieder an den Matthes, der kommt öfter nach der Stadt. »Nun wünsch' ich von Herzen wohl zu leben. Denket auch als einmal an mich. Mein' Mechthild und mein Basche und meine Schwiegereltern grüßen Euch von Herzen. Mein' Schwieger hat meinen Basche gelernt, wenn man ihn fragt: wo ist denn deine andre Ahne? hernach sagt er: drüben auf dem Schwarzwald. Ich verbleibe Euer getreuer Sohn Aloys Schorer. »Das ist die Hand von meinem Basche, ich hab' sie abzeichnet, liebe Mutter, grad wie er sie aufs Papier gelegt hat, weil noch Platz da gewesen ist.« Ivo sollte nun auch noch den Brief vom Matthes lesen, aber er versprach dies auf ein andermal. und von der dankenden Mutter, die ihre Thränen trocknete, bis an die Thüre geleitet, machte er sich auf seinen Weg. Draußen vor dem Dorfe sah er seine Schwester Gretle mit dem Xaver nach der Wiese gehen. Er wußte jetzt, warum seine Schwester immer so streitsüchtig und mißmutig war: der Vater wollte ihre Bekanntschaft mit dem »Amerikaner«, wie er Xaver betitelte, nicht dulden. Mit einem Hops hoch in die Luft springend, schüttelte Ivo die ganze Last der Standeswürde von sich ab. Er sprang und sang wie ehedem, immer über die Steinhaufen am Rande der Straße hinweghüpfend. Der Brief des Aloys hatte einen gewaltigen Eindruck auf ihn gemacht. Er sah hier ein durch tüchtige Arbeit und Selbständigkeit beglücktes, ein rechtschaffenes Leben in der eigentlichen Bedeutung des Wortes; zum erstenmal wurde es ihm recht klar, wie bei dem Studieren die Körperkraft so brach liegt und darum so oft eine prickelnde Unruhe in allen Gliedern sitzt, wie die Müdigkeit da kein so angenehmes Gefühl bietet, als nach körperlicher Anstrengung. Er dachte daran, daß er Pfarrer und zugleich Bauer in Amerika sein wolle, und er dachte weiter, wie er seine Schwester besuche, von Hof zu Hof wandere, die Kinder lehre und in allen Häusern ein gottseliges Aufschauen nach oben erwecke. So kam er unter mancherlei Gedanken nach Horb. Die Stadt erschien ihm bei weitem nicht mehr so schön als früher, die Häuser nicht mehr so groß; er hatte jetzt schönere gesehen. Der Kaplan war hocherfreut über seinen Zögling, und die Frau Hanklerin, die krank im Bette lag, sagte: »Das macht mich wieder ganz gesund, daß du wieder da bist.« Die Oberamtmannssöhne waren nicht mehr in der Stadt, denn wir erinnern uns, daß ihr Vater von der Aextegeschichte her versetzt worden ist. Es war schon Nacht geworden, als Ivo von Horb heimkehrte. Im Dorfe traf er den Konstantin, der, den einäugigen Peter an der Hand führend, mit den halbgewachsenen Burschen singend durch die Straße zog: er lehrte sie neue Lieder und erzählte unter großem Gelächter allerlei Schliche und Schabernack, die er seinen Lehrern im Kloster angethan hatte. Ivo ging eine Weile still mit, vor seinem Hause aber sagte er: »Gute Nacht« und ging hinein. Während der ganzen Vakanz war Ivo viel allein. Er spazierte entweder einsam durch das Feld, oder übte sich zu Hause auf dem Waldhorn, das er sich von des Bäcken Konrad entlehnt hatte. Die Mutter Christine aber drängte ihn immer, er solle auch aus dem Haus gehen und nicht so immer daheim hinhocken. Bisweilen ging er nun auch mit dem neuen Schullehrer über Feld. An Konstantin schloß er sich nur dann an, wenn er ihm nicht ausweichen konnte. Ein großer Schmerz durchwühlte das junge Herz unsers Ivo, er sah die nur halbverdeckte Zwietracht zwischen seinen Eltern; früher hatte er nichts davon bemerkt, er war stets inmitten aller dieser Verhältnisse aufgewachsen. er kannte ihre Mängel nicht, im Kloster hatte er sich sodann das Leben zu Hause als ein paradiesisches, im ewigen Frieden hinfließendes vor die Seele gezaubert, alles Herbe und Schroffe, wenn je etwas davon in seiner Seele gehaftet hatte, war vergessen. So, mit neuem Bewußtsein, mit einem gewissen Bilde der Vollkommenheit in sein elterliches Haus zurückgekehrt, erschien ihm vieles darin verzerrt und zerrissen, vielleicht ärger, als es war. Er kam aus einem Hause, wo sich alles nach steten äußerlich festgestellten Gesetzen bewegt: da ging alles ohne Ueberlegung und Widerrede nach der Regel wie ein Uhrwerk, und wenn ihn auch der Klosterzwang sehr drückte, so verstand er es doch nicht, wie in einem freien Familienverbande, wo jedes nach eigener Bestimmung für das Ganze handelt, manches Disputieren und manche laute Zurechtsetzung stattfinden muß. War ihm daher das ganze laute Treiben des Hauses, ja sogar das stark betonte Sprechen fremd und sah er die Leute verwundert an, so schüttelte er über die Art und Weise seines Vaters oft den Kopf. Wenn die Mutter zu den Planen Valentins von neuen Häuserbauten »auf den Verkauf« schwieg, schrie er: »Da haben wir's wieder, du gibst halt nie etwas auf das, was ich sag'; ob ein Hund bellt, oder ob ich schwätz', das ist dir all' eins.« Widersprach sie ihm, dann sagte er schmerzlich: »Das ist der alt' Tanz, was ich halt vorhab', ist bei dir nicht recht.« Behandelte ihn dann die Mutter sanft, wie einen Gemütskranken, und er merkte das, so fluchte er. War sie dagegen standhaft und fest und ließ sich nichts von ihm gefallen, so sagte er: »Das ist Gott bekannt, du lebst eben nicht für mich, du lebst für deine Kinder; gelt, es wär' dir recht, wenn ich sterben thät?« und dann setzte er sich hin; aß nicht und trank nicht und redete kein Wort, oder er ging ins Wirtshaus; er ließ sich aber dort nichts zu essen geben; denn er wußte, daß das seine Frau kränke, weil die Leute darüber reden würden, er ging dann lieber hungrig zu Bette. Mit unbeschreiblichem Schmerze blickte Christine bei derlei Vorkommnissen auf ihren Ivo. Sie sah alle die Qualen, die ihre Marterzüge auf seinem Antlitze ausbreiteten, und sie gab sich noch mehr Mühe, alles zu verhehlen und zu vertuschen; die andren Kinder waren solche Vorfälle mehr gewohnt, es ging ihnen nicht mehr nahe. Christine sah wohl ein, daß sie sich mit ihrem jüngsten Sohn besprechen müsse; sie setzte sich daher eines Abends vor sein Bett und sagte: »Guck, dein Vater ist der rechtschaffenste Mann, den man finden kann, aber er hat eine unglückliche Natur, er ist mit sich selber unzufrieden, weil er halt manches verunschickt und nicht alles nach seinem Kopf geht; und da möcht' er dann grad, daß andre allfort mit ihm zufrieden sein sollten. Wenn er sieht, daß das nicht ist, und das kann ja nicht sein, da regt sich sein guter Geist noch mehr in ihm, und ich bin's doch meinen Kindern schuldig, ich darf's nicht zugeben, daß alles hinter sich geht. Ich für mein Teil wollt' gern mein Leben lang trocken Brot essen, aber für meine Kinder darf ich's nicht zugeben, daß wir in fünf Jahren an den Bettelstab kommen und sie unter fremden Leuten herumgestoßen werden. Guck, er hat keinen Menschen auf der Welt lieber als mich, er gäb' gleich den letzten Tropfen Blut für mich hin, ich für ihn auch; aber er will eine Hypothek aufs Haus und die Güter aufnehmen und will mit dem Schreiner Koch Häuser auf den Verkauf bauen. und ich soll mit unterschreiben, und das thu' ich nicht, da bringen mich keine zehn Gäul' dazu, das ist meinen Kindern ihr Sach', ich muß als Mutter an ihnen handeln. Wir sind schon die reichen Leute nimmer, und die Armen dürfen ja auch nicht drunter leiden, daß es nimmer so bei uns ist, die müssen ihr Schenkasche haben, und wenn ich mir's am Maul absparen muß. Ja, lieber Ivo, laß dir das von deiner Mutter gesagt sein: wie dir's auch geht, vergiß nur nie der Armen; das Korn auf der Bühne wächst noch, wenn man davon hergibt, und unser Herrgott gesegnet das Brot in der Schublade, daß es besser sättigt. Gelt, guter Ivo, du hast deinen Vater auch recht gern? Er ist der best' Mensch von der Welt. Gelt, du hältst ihn in Ehren? Du bist sein Stolz, wenn er dir's auch nicht sagt, er kann das nicht. Wenn er vom Adler heimkommt, wo dich alle Leut' so überaus loben, weil des Schneider Christles Gregor so gut von dir schreibt, da kann man ihn um einen Finger wickeln. Nimm dir's nur recht vor, daß du dich gar nicht irr machen lassen willst, und sei nicht betrübt. Was man sich recht vornimmt, das kann man auch, glaub mir's.« Ivo nickte bejahend und küßte die Hand seiner Mutter, aber eine tiefe Schwermut belastete seine Seele: das Paradies seines elterlichen Hauses war vor ihm eingesunken, nur seine Mutter schwebte noch wie ein Lichtengel darüber, und einmal sagte er sich ganz leise: »Sie heißt nicht umsonst Christine, sie ist grad wie der Heiland, sie nimmt mit Lächeln das schwerste Kreuz auf sich, will gar nichts für sich und alles für andre.« So kam es, daß Ivo dem Ende der Vakanz mit weniger Schmerz entgegensah, als er bei der Heimkunft gedacht hatte. 9. Die Freunde. In der ersten Zeit, als Ivo ins Kloster zurückgekehrt war, überfiel ihn wieder das alte Heimweh. Er machte sich Vorwürfe, daß er die Vakanz nicht recht genossen habe, daß er sich von Dingen verstimmen lassen, die nicht einmal so arg waren, wie sie schienen; aber er hatte sich vorgenommen, es dem Aloys nachzuthun und seine Mutter mit kläglichen Briefen nicht noch mehr zu betrüben. Dadurch, daß Ivo früher in Gedanken immer zu Haus war, hatte er sich gar nicht in seine neuen Verhältnisse und in das Zusammensein mit den Kameraden eingelebt, das sollte jetzt anders werden. »Man kann alles, wenn man nur recht will, hat meine Mutter gesagt; das soll mein Wahlspruch sein.« Ivo und Klemens hatten sich herzlich bewillkommt, die andern Kameraden waren dabei, ein jeder hatte viel zu erzählen. Mittags auf dem Spaziergange blieben Ivo und Klemens wie auf eine geheime Verabredung zurück, und hinter einer blühenden Schlehdornhecke, wo es niemand sah, fielen sie, ohne ein Wort zu reden, sich um den Hals und küßten und herzten sich inniglich. Die Lerchen jubelten hoch in den Lüften, und die Schlehblüten regten sich von einem sanften Winde. Freudeverklärten Antlitzes, ein jeder seinen Arm um den Nacken des andern geschlungen, so kehrten sie wieder auf die Straße zu den vorausgegangenen Kameraden zurück. Ivo sagte nur, aus einer langen innerlichen Rede heraus, laut die Worte: »still und heilig!« und schaute dabei in das hellleuchtende Auge seines Klemens, sie reichten sich schweigend die Rechte und hielten sie fest, dann schlug Klemens den Ivo und sprang von ihm fort zu den andern. Ivo verstand wohl, daß sie ihren geheimen Liebesbund ja recht sicher vor den andern verbergen sollten. Sie gingen dann mit den andern, aber bald faßten sie sich wieder und schlugen sich neckend, nun suchte der eine dem andern zu entrinnen, dieser ihn wieder einzuholen, so waren sie abermals eine Weile allein, und in scheinbarem Ringen drückten sie einander innig ans Herz und »lieber Ivo«, »lieber Klemens« hieß es immer. So erfinderisch war schon diese junge, plötzlich wie eine Knospe aufgebrochene Freundschaft. In den Herzen der beiden Knaben war von nun an ein neues, wonneseliges Leben. Ivo hatte noch nie einen »Herzbruder« aus seinem Alter gehabt, Klemens hatte sich bei den vielen Wanderungen seiner Familie nur an seine ältere Schwester angeschlossen. Jetzt, wenn Ivo erwachte, schaute er freudig um sich und sagte: »Guten Morgen, Klemens,« obgleich dieser in einem andern Zimmer lag. Er war in der Fremde nicht mehr fremd, das Kloster war kein Ort des Zwanges und des unerbittlichen Gesetzes mehr, er that alles willig, denn sein Klemens war ja bei ihm. Nun brauchte er sich nicht mehr vorzunehmen, fröhliche Briefe nach Hause zu schreiben, sein ganzes Leben war nur noch ein hochgestimmter Freudenklang, und die Mutter Christine schüttelte oft den Kopf, wenn sie seine hohen Redensarten las. Klemens, der zu Hause eine große Menge Ritterbücher und Märchen gelesen hatte, eröffnete unserm Freunde einen ganzen Zaubergarten voll Wunder; er machte sich und Ivo zu zwei verwünschten Prinzen, den Direktor zu dem Riesen Goggolo, und eine Zeitlang redeten sich die beiden Freunde immer in den gegebenen Rollen an. Die Welt der Wunder und der Märchen, die das Rätsel des Daseins durch neue, selbstgeschaffene Abenteuerlichkeiten zu überbieten und so gewissermaßen die alltägliche Welt zu erklären strebt, der ganze selbstvergessene Taumel einer kindlich spielenden Phantasie, war Ivo bisher fern geblieben; das, was ihm Nazi erzählt hatte, lehnte sich noch zu sehr an das rohe Feld- und Waldleben, wußte nichts von unterirdischen Schlössern aus lauter Gold und Edelsteinen; die Wundergeschichten der Religion hatte Ivo mit kindlich gläubigem Gemüte hingenommen, sie waren schlicht und ernst: – nun aber eröffnete ihm sein Freund die goldenen Thore der Phantasie, und sie lustwandelten behaglich in den Zaubergärten und in den Palästen unter dem Meere. Die Schlehdornhecke ward von unsern Freunden als der heilige Freundschaftsbaum betrachtet, nie gingen sie vorüber, ohne einander anzusehen und dann nach der Hecke zu schauen. Ivo, den wir schon als bibelfest kennen, sagte einmal: »Uns ist es grad gegangen wie dem Moses, dem ist Jehovah im Dornbusch erschienen, der hat gebrannt: und ist doch nicht verbrannt. Jehovah, weißt du auch noch, was Jehovah heißt – Ich bin, der ich sein werde, das ist das Futurum von Hava. Gelt! auch im Futurum werden wir Freunde sein, wie wir sind?« »Ich will dir einmal was erzählen,« erwiderte Klemens. »Es ist einmal eine Prinzessin auf einer Insel gewesen, die hat aber nicht, wie die alt' Bas in der Bibel, Lea geheißen, sondern Schleha, die hat auch keine roten Augen gehabt wie jene, sondern ganz schöne dunkel dunkelblaue; die hat aber gar keinen Dorn leiden können, das kleinst' Dörnle war ihr ein Dorn im Auge, und wenn sie eins gesehen hat, da hat sie gleich gottsjämmerlich geschrieen: ›O weh, das sticht mich, ich spür's schon in meinen schönen dunkel dunkelblauen Augen‹; und da hat man auf der ganzen Insel alles, was Dornen gehabt hat, plutt abschneiden und bis aufs kleinste Würzele 'naus ausgraben müssen, und wie die Prinzessin gestorben ist, da hat man sie begraben, und zur Straf', weil sie hat keine Dornen leiden können, sind aus ihren zwei Augen 'raus zwei Dornhecken gewachsen, die tragen aber auch ganz schöne dunkel dunkelblaue Augen, wie die Prinzessin gehabt hat, und man heißt's auch Schlehe.« So beendigte Klemens mit triumphierendem Lächeln seine Erzählung. Ivo betrachtete ihn mit heiterer Miene. Ach, es war gar zu schön, was Klemens erzählte. Wie eine glänzende Perlschnur reihten sich seine lieben Worte aneinander; alles, was doch der Clemens that und sagte, war so schön, wie sonst gar nichts auf der weiten Welt. Auf Veranlassung Ivos hatten sich's die Freunde gelobt, recht große Männer zu werden, und sie eiferten sich nun gegenseitig zu dem ausdauerndsten Fleiße an. Alles wurde ihnen leicht, da ein jedes dem andern zu lieb handelte. Ivo ward sogar von dieser Zeit an über ein Jahr lang Primus, mit Klemens aber ging oft seine Phantasie durch. Alles, was er sah, regte ihn an, er vergaß dann das nächste; von den Lehrern gefragt, erwachte er oft wie aus einem Traume und gab zerstreute Antworten. Der geheime Bund konnte indes den andern Mitschülern nicht lange verborgen bleiben; denn wie Liebende sich oft lange für unbemerkt halten, während sie sich die offenkundigsten Zeichen der Zuneigung gehen, so erging es auch unsern Freunden. Die hohe Stellung Ivos machte, daß die hieraus entstehenden Spöttereien und Neckereien nicht lange dauerten, ja es drängten sich alsbald noch mehrere in den Freundschaftsbund; aber die Pforten waren streng geschlossen, besonders Klemens wachte sorgsam, und die Fremden zogen sich bald zurück. Nur als Bartel sich mit großer Untertänigkeit zu den beiden gesellte und offen um ihre Freundschaft bat, da nahm ihn Ivo auf. Er durfte sich nun auf den Spaziergängen zu ihnen halten, auch in Hof und Garten bei ihnen sein. Der Bartel war, wenn er vollauf gegessen hatte, ein gar eifriger und wißbegieriger Knabe, er that gern alles, um nur auch recht geschickt zu werden und auch obenan zu sitzen; so lieb er daher Ivo und Klemens hatte, so war ihre hohe Stellung doch auch mit ein Grund seiner Annäherung; in das innerste Heiligtum ihrer Freundschaft, das hatte sich Klemens vorausbedungen, wurde jedoch Bartel nicht zugelassen. Von ihren phantastischen Spielereien gelangten unsre Freunde auf ein andres Gebiet, das sich mehr der Wirklichkeit näherte; in dem hohen Schwunge ihres Strebens suchten sie sich nämlich erhabene Vorbilder, Ideale. Man hatte einst einen größern Spaziergang Blaubeuren zu unternommen; dort, auf einem hohen Berge, auf einem Felsenvorsprung, wo man das liebliche Thal der Blau überschaut und fernher das Ulmer Münster und die Donau erblickt, dort, hatte Klemens angeordnet, sollten sie sich ihren Fund offenbaren. Auf dem Vorsprunge des Berges saßen nun die drei Knaben und schauten hinaus in die endlose Ferne. »Wer ist dein Ideal, Ivo?« fragte Klemens »Sixtus. Meine gute Mutter, die sagt immer: man kann alles erreichen, wenn man rechtschaffen will, das hat Sixtus auch gezeigt.« »Du willst also auch Papst werden?« »Wenn's geht, warum nicht – Ich will jetzt einmal.« »Und ich,« sagte Klemens, »ich habe mir einen viel Unheiligern gewählt, mein Ideal ist Alexander der Große.« Er erklärte nicht, inwiefern er ihm nacheifern wolle, denn Bartel fragte in weinerlichem Tone: »Wen soll ich mir denn zum Ideal nehmen?« »Frag den Direktor,« erwiderte Klemens ernsthaft, Ivo Schweigen zuwinkend. Bartel merkte sich die Rede des Klemens, und als man heimgekehrt war, ging er zum Direktor, klopfte an, und auf das »Herein« trat er in die Stube und sagte zitternd und stockend: »Herr Direktor, verzeihen Euer Hochwürden, ich hab' Sie bitten wollen, ich möcht' mir gern ein Ideal wählen, ich weiß nicht, wen soll ich mir denn nehmen?« Der Direktor stand eine Weile still, dann sagte er, den Finger nach oben erhebend: »Gott.« »Ich dank' vielmal, Herr Direktor,« sagte Bartel, sich verbeugend und die Stube verlassend. Er sprang schnell zu seinen Freunden und rief frohlockend: »Ich hab' eins, ich hab' jetzt auch ein Ideal.« »Wen denn?« »Gott,« sagte Bartel, ebenfalls den Finger nach oben erhebend. »Wer hat dir denn das verraten?« fragte Klemens neckisch und zupfte dabei den Ivo. »Der Direktor.« Ivo kehrte sich aber nicht an die stille Ermahnung seines Freundes, sondern setzte dem Bartel auseinander, wie man sich nur figürlich Gott zum Ideal nehmen könne, da man ja nie allmächtig oder allwissend werde; freilich bleibe Gott das höchste Endziel, aber dazwischen seien die Heiligen da, die stünden uns näher, bei denen könnten wir leichter mit unserm Gebet ankommen, und wenn's geht, könnten wir auch werden wie sie. »Heiliger Ivo, ich will nichts von dir,« sagte Klemens und ging zornig davon; ihn ärgerte, daß Ivo jeden Spaß verdarb, und er redete den ganzen Abend und den andern Morgen kein Wort mit ihm. Auch sonst war der Bartel vielfach Veranlassung zu Zerwürfnissen zwischen den Freunden. Klemens hatte sich in den Kopf gesetzt, die ganze volle Freundschaft seines Ivo sei ihm durch den Eindringling geschmälert. Er nahm nun allerlei Gelegenheiten wahr, um seiner Eifersucht Nahrung zu geben. Einst sprach er deshalb mit Ivo acht Tage lang kein Wort, nur seine Blicke verfolgten ihn überall, wie mit einer wahnsinnigen Leidenschaft; am letzten Abende warf er Ivo ein Zettelchen auf sein Buch, worauf die Worte standen: »Heute nacht, Schlag zwölf Uhr, kommst du auf den Kirchturm, oder wir sind auf ewig geschieden.« Von den grausamsten Qualen gemartert, wälzte sich Ivo auf dem Lager, er fürchtete, die Frist zu verschlafen, und zählte jede langsame Viertelstunde. Als der erste Schlag von Zwölf ertönte, huschte er aus seinem Zimmer; aus dem andern, worin Klemens war, kam dieser ebenfalls. Schweigend gingen sie miteinander den Turm hinan, der letzte Ton hatte ausgeklungen, da begann Klemens: »Gib mir deine Hand darauf, daß du von dem Bartel ganz lassen willst, wo nicht, so stürz' ich mich da grad hinab.« Ivo stand schaudernd und faßte die Hand seines Freundes. »Kein Wort! Ja oder Nein!« knirschte Klemens. »Nun ja, ja! Der arme Kerl dauert mich, aber du bist ganz verwildert in den acht Tagen.« Klemens umarmte und küßte Ivo, dann stieg er schweigend die Treppe hinab und verschwand in seinem Zimmer. Andern Tages war Klemens wie zuvor, heiter und innig. Ivo durfte beim Tageslicht nie von jenem nächtlichen Begebnis sprechen, der Bartel tröstete sich auch bald über seine Verabschiedung. Während der unruhige Geist des Klemens in allerlei Seltsamkeiten abenteuerte, fühlte Ivo eine andre Unruhe. Das Wachstum seinem Körpers war fast noch rascher vorgeschritten als das seines Geistes, er war lang und breitschulterig; aber wenn er so an dem Pulte vor den Büchern saß, da raste alles Blut wild in ihm, und er stand oft auf, sich gewaltsam bäumend und reckend. Er hätte gern irgend eine gewaltige Last frei in die Höhe gehoben, aber es bot sich ihm nichts als eine schwere Periode irgend eines klassischen Autors. An dem Turnen, das nur sehr mangelhaft betrieben wurde, hatte Ivo keine rechte Freude; er wollte etwas thun, eine wirkliche Arbeit vollbringen. Wenn er dann mit seinem Freunde draußen spazieren ging, klagte er oft, daß er nicht pflügen und nicht schneiden dürfe. Er war von Kindheit auf an Körperthätigkeit gewöhnt, später hatte der Gang nach der lateinischen Schule die Bewegung in der Arbeit ersetzt; nun aber war es ihm wie einem Riesen, dem man statt der Keule eine Nähnadel in die Hand gegeben. Einst sagte er zu Klemens: »Guck, das ist mir so arg, daß ich mit der Bibel nicht recht einig bin; da ist die höchste Straf' für die Erbsünd': ›daß der Mensch im Schweiß seines Angesichts sein Brot essen soll‹. Daß man recht schaffen muß, das ist ja grad das größte Vergnügen.« »O du!« erwiderte Clemens, »was geht dich das Alte Testament an? das ist für die Juden, und für die paßt's, denen ist Schaffen das ärgste Kreuz.« Es ist wunderbar, wie Klemens diesen bekannten Kniff der Theologen, wenn sie sich mit dem Alten Testament nicht mehr helfen können, aus sich selber fand. Klemens blieb aber nicht bei derlei Erörterungen, er vertraute vielmehr auch seinerseits seinem Freunde, wie es ihn dränge, mit Gefahren zu kämpfen, fremde Länder und Gebiete zu durchstreifen. Die beiden Freunde redeten sogar viel von einer Flucht aus dem Kloster. Sie malten sich's gar schön aus, wie sie auf einer unbewohnten Insel ankämen, wo sie mit den wilden Tieren kämpften und den Boden zum erstenmal umpflügten. Es blieh indes bei dieser Gedankenflucht; die Gesetze des Klosters und die Familienbande hielten sie in der Heimat fest. Die Innigkeit der beiden Freunde nahm fast mit jedem Tage zu, und so verschieden auch ihre Charaktere waren, sie fanden sich doch einig in der Liebe. Ivo ließ es ohne Trübsal geschehen, daß er seinen ersten Platz verlor und sogar so weit hinunterrückte, daß der Bartel über ihn kam; diese äußerliche Hintansetzung freute ihn fast, sie bekundete seine Unlust an dem Studium. Das Bewußtsein, daß er mehr war, als es schien, that ihm wohl, es gab ihm eine gewisse Selbständigkeit, eine gewisse Abgeschlossenheit der Außenwelt gegenüber. Mit den untersten Dienern des Klosters, mit den Holzhackern, schloß Ivo einen geheimen Bund. Mit einem Eifer, als gälte es, die ganze Erdkugel zu zerspalten, führte er im geheimen die Axt, bis endlich ein Professor diese Ausschweifungen gewahr wurde und Ivo dafür im Karzer büßen mußte. So war Ivo von dem ersten und fleißigsten der Schüler zu einem der letzten und widerspenstigsten herabgesunken. Wenn die Vakanz kam, trennten sich die beiden Freunde mit fieberhafter Wehmut; sie trösteten sich mit dem Wiedersehen und wünschten doch, nie mehr in das Kloster zurückzukehren. Auf dem Wege erschien dann Ivo die Welt nicht mehr so schön, die Leute nicht mehr so gut; denn die Welt in ihm hatte eine andre Gestalt angenommen. Zu Hause zog sich Ivo nicht mehr so streng von Konstantin zurück, das Leben in seinem elterlichen Hause erschien ihm nicht mehr so gedrückt; er sah, daß fast kein Mensch auf Erden, für sich allein betrachtet, ganz glücklich ist, daß also eine Gemeinschaft des Lebens, in der Ehe, in der Familie, auch manches Unvollkommene und Unglückliche haben muß. Die Welt der Ideale war ihm eingesunken. Nur manchmal erhob er sich noch in innigem Gebete über alle Mißlichkeiten und Herbheiten des Daseins, aber auch selbst in die himmlischen Heiligtümer verfolgte ihn bisweilen der Gedanke der Unvollkommenheit und Mangelhaftigkeit. Er war sehr unglücklich. Die Leute hielten sein verstörtes Aussehen für eine Folge des Studiums. Es schnitt ihm tief durch die Seele, wenn ihn seine Mutter bat, sich nicht so übermäßig beim Studieren anzustrengen; er konnte der guten Frau nicht klar machen, was ihn bedrückte; war es ja ihm selber nicht klar. So, in der Fülle der Lebenskraft stehend, fühlte er sich doch lebensmatt und kampfesmüde; er hatte das Rätsel des Daseins noch nicht überwunden und glaubte, daß nur der Tod es löse. In der vorletzten Vakanz, vor dem Abgange nach Tübingen, erfuhr Ivo einen herben Verlust; er traf seinen Nazi nicht mehr im Hause. Das Gretle hatte sich mit Xaver verheiratet, der Widerspruch des Vaters war endlich besiegt worden, und sie war mit nach Amerika gezogen; jetzt fehlte es an weiblicher Hilfe im Hause, die Söhne Valentins konnten das Feldgeschäft schon allein besorgen, und so wurde der Nazi verabschiedet; er war fortgegangen, ohne zu sagen, wohin. Der Taubenschlag war leer, und die Tiere im Stalle schienen mit Ivo um den fernen Freund zu trauern. Freilich war Emmerenz dafür als Magd ins Haus gekommen. Sie war ein starkes, munteres Mädchen geworden, etwas kurz und untersetzt, so was man »mockig« nennt, man konnte sie wohl zu den Hübscheren im Dorfe zählen; aber Ivo widmete ihr längst keine Aufmerksamkeit mehr, die Liebe zu seinem Klemens hatte sein ganzes Herz erfüllt. Es waren Vakanzen vorübergegangen, in denen er Emmerenz nicht einmal angesprochen. Jetzt betrachtete er sie bisweilen verstohlen, schnell aber wendete er dann, wenn er dessen inne wurde, den Blick. Nur einmal, als er sie im Stalle so freundlich walten sah, sagte er: »Das ist brav, Emmerenz, daß du das Vieh gut versorgst; gib nur auf den Falb und die Algäuerin recht acht.« »Ich weiß wohl,« erwiderte die Angeredete, »das sind deine alten Lieblinge; guck, das gefällt mir jetzt, daß du sie so gern hast,« und gleichsam um einen alten Klang aus seiner Kindheit in ihm zu wecken, sang sie, während sie der Algäuerin Futter aufsteckte: Da droben auf'm Bergle, Da steht e weißer Schimmel, Und die brave Büeble Kommet alle in Himmel. Und die brave Büeble Kommet et allein drein, Und die brave Mädle Müsset au dabei sein. Ivo ging still davon, hinaus in das Veigelesthäle, wo er einst einen ganzen Tag mit dem Nazi »gezackert« hatte; er meinte fast, er müsse hier eine Kunde von ihm finden. Er beneidete seine Brüder, die hier arbeiteten, die am elterlichen Tische mit den Ihrigen Freud' und Leid teilten, die niemand als ihren natürlichen Obern zu gehorsamen hatten. Mit erneuter Innigkeit schloß sich Ivo nach der Rückkehr ins Kloster an seinen Klemens an; er mußte ihm jetzt auch den verlorenen Nazi ersetzen. Der letzte Sommer, der nun in Ehingen zu verleben war, bracht auch mannigfache Abwechselung. Klemens war aus einer großenteils protestantischen Stadt; er kannte daher mehrere von den Klösterlingen in Blaubeuren, die etwas mehr Freiheit hatten; sie kamen nun bisweilen nach Ehingen, gingen zum Direktor; einer sagte, daß er ein Landsmann von Klemens, der andre, daß er desgleichen von Ivo sei, und so andre von andern. Die Landsleute erhielten nun einen Mittag frei, und im nahen Dorfe, unter fröhlichen Liedern, das volle Glas in der Hand, trank Ivo manchen Schmollis mit den protestantischen Klösterlingen. Sie waren beiderseits nicht frei, wenn auch die Blaubeurer einzelne Freiheiten mehr hatten. Die Studentenzeit stand wie ein lichtglänzender, von Süßigkeiten behangener Weihnachtsbaum vor der Seele aller dieser Jünglinge, und sie rüttelten gewaltsam an den Pforten vor der künftigen Bescherung; sie genossen im voraus die Freude des Burschenlebens, die ihnen doch nicht vollauf werden sollte. So kam endlich der Herbst. Am Abend vor dem Abschiede gingen Ivo und Klemens nach der Freundschaftshecke, ein jeder brach sich einen Zweig und steckte ihn auf die Mütze, dann reichten sie sich die Hände und schwuren sich nochmals ewige Freundschaft. Ivo versprach noch, seinen Klemens während der Vakanz in Crailsheim zu besuchen. Das Verlassen eines Ortes, so wenig glücklich man auch in demselben gelebt hat, erregt doch stets eine Wehmut; das Vergangene wird zu einer abgeworfenen Hülle, man kehrt nie mehr als derselbe zu ihr zurück: diese Häuser, diese Gärten und Straßen sind die Geburtsstätten eines ganzen Schicksals. Hier hatten sich die Freunde gefunden, hier hatte sich ihr Geist zu ungeahnter Höhe entfaltet, und mit tiefem Schmerze trennten sich die Freunde von dem Kloster und der Stadt. Sie gelobten, einst, in altersgrauen Tagen, wieder miteinander dahin zu wallfahrten, um die stillen Spielplätze ihrer jugendlichen Gedanken als Männer aufzusuchen. 10. Neues Zusammentreffen. Nachdem Ivo nur wenige Tage zu Hause geblieben war, machte er sich auf den Weg zu seinem Freunde, dessen Wohnort am andern Ende Württembergs, nach Franken hin, lag. Als er nun zum erstenmal auf der jenseitigen Anhöhe stand, gedachte er jenes Abends vor der Primiz Gregors, da er geglaubt hatte, hier könne man in den Himmel hineinsteigen. Jetzt wußte er, daß es keine irdische Stelle gibt, von wannen sich der Eingang in den Himmel öffnet; ja, dieser selbst stand ihm nicht mehr vor dem Auge, und er fragte nach dem Wo – Er suchte das Himmelreich auf Erden und wußte es nicht zu fassen. Mit stillen Betrachtungen durchwanderte er die Städte und Dörfer, mit fragendem Blicke betrachtete er das Treiben der Menschen; das Rätsel des Daseins verwirrte sich stets mehr vor seinen Augen. Der traubenreiche Herbst jubelte durch das Unterland, Lieder schallten, Pistolen knallten von den Geländen, aber Ivo fragte: »Sammelt ihr den Wein, der sich in Blut verwandelt?« Es war am dritten Abend, Ivo wanderte der guten Stadt Schwäbisch Hall zu, die Sonne ging feierlich unter, es war wie an jenem Abende, da er mit Nazi im Veigelesthäle gewesen. Er stand still und gedachte mit Wehmut des armen Freundes, den er auf immer verloren; da sah er einen Schäfer, der, mit dem Rücken gegen die Straße gewendet, auf seinen Stab gelehnt, hineinschaute in die Abendgluten; er sang das Lied: Da droben, da droben An der himmlischen Thür, Und da steht eine arme Seele, Schaut traurig herfür. Ivo durchzuckte es wie eine Ahnung, er sprang schnell feldein, er wollte den Schäfer fragen, wie weit er noch nach Hall habe; da bellte der Hund, der Schäfer rief, sich umwendend: »Still, Bleß!« und mit dem Rufe: »Bist du's?« lag Ivo seinem Nazi am Halse. Nun war des Fragens kein Ende. Die Nacht war hereingebrochen, und Ivo sagte: »Ach Gott, ich muß jetzt schon fort; ich muß sehen, daß ich eine Herberge krieg'.« »Warum?« erwiderte Nazi, auf die rote Schäferhütte deutend, »gefällt dir der Gasthof zum roten Haus nicht? Bleib du nur bei mir, ich duck' mich in ein' Eck', du sollst gut schlafen; oder ich mach' mir nichts daraus und bleib' ganz auf, heut nacht um zwei Uhr kommt ein Hauptstern.« Ivo willigte gern ein, mit Nazi in der Hütte zu schlafen. »Hast Hunger?« fragte Nazi. »Da unterm Dach ist mein Keller.« Er holte Brot und Milch herbei, machte ein kleines Feuer und wärmte für Ivo die Milch; dann hob er die hölzerne Gabel weg, auf der der Hinterteil der Hütte während des Tages aufgerichtet war, und sagte: » Sodele , da kennen wir gut schlafen, das Gesicht muß gegen Sonnenaufgang liegen.« Wie das so oft geschieht, daß, wenn man so viel zu sagen hat, man gerade das Unbedeutendste zuerst vorbringt, so fragte auch Ivo: »Was bedeuten denn die wunderlichen Figuren von Messingnägeln auf dem Riemen da?« »Das sind die drei Haupthimmelszeichen, die schützen das Vieh gegen böse Geister; weiter kann ich dir nichts sagen.« Wieder wie in den Tagen seiner Kindheit saß Ivo neben Nazi auf dem Feldraine und verzehrte ein einfaches Mahl; aber es war Nacht, sie waren in fremder Gegend, und vieles hatten sie seitdem erlebt. »Was macht denn die Emmerenz?« fragte Nazi. »Die ist jetzt Magd bei uns.« »Wenn du nicht Pfarrer würdest, bigott , die hättest du heiraten müssen.« »Das hätt' ich auch,« sagte Ivo mit fester Stimme; die Nacht verdeckte die Röte, die in seinem Antlitze aufstieg. Nun fragte Ivo nach den Lebensschicksalen Nazis, und dieser begann: »Du bist jetzt in dem Alter, daß ich dir alles erzählen kann, wer weiß, ob wir uns je wieder sehen, und du sollst alles von mir wissen, du bist mein Herzbruder. Ich bin nicht aus deiner Gegend gebürtig, ich bin von der andern Seite vom Schwarzwald, gegen den Rhein zu. Wenn man von Freiburg aus durchs Himmelreich und das Höllenthal geht und die Höllsteig oben ist, da sieht man rechts ein Thal, wo die Treisam fließt und viel viel Hammerwerke, Sägmühlen und Mahlmühlen sind, und wenn man auf der andern Seite den Berg 'naufgeht, man heißt's das Windeck, da sieht man ein groß ›Buurehus‹, das ist des Beßtebuuren, und das war mein Vater. Du kannst dir denken, was das für ein Gut ist: es hält seine sechzig, auch siebzig Stückle Vieh, und man braucht kein Hämpfele Heu kaufen. Dort ist es nicht wie da hier 'rum und bei euch, da wohnt ein jeder Buur für sich, mitten auf seinem Grund und Boden. Das Haus ist ganz von Holz, nur die Grundmauern sind von Stein, die Fenster sind alle hart nebeneinander gegen die Morgenseite hin, ums ganze Haus herum geht eine Altane, und das Dach geht weit vor und ist von Stroh, das vor Alter grau geworden ist, da ist's wärmer wie im schönsten Schloß. Ach Gott, wenn du einmal kannst, mußt du einmal hingehen, wo dein Nazi aufgewachsen ist; thu's mir zulieb. Unsere Aecker, die gehen weit auf den Feldberg 'nauf und 'nab bis zur Treisam, und zweihundert Morgen Waldung, man kann ganz leicht für zehntausend Gulden Holz schlagen. Es ist ein' Pracht. Wo man hinguckt, ist alles eigen und alles in gutem Stand. Wir waren drei Kinder, wie das gewöhnlich ist, ich war der Aelteste, und nach mir noch ein Bruder und eine Schwester, und das muß ich dir noch sagen, daß beim Absterben vom Vater, oder wenn er sein Sach abgibt, der Hof nicht geteilt wird; der älteste Sohn kriegt alles, und der Vater macht den Anschlag, was er seinen Geschwistern an Geld 'rausbezahlen muß. Wenn aber eins von den Kindern klagt, nachher teilt die Regierung den Hof. Das ist aber nur ein paarmal vorkommen und ist nie gut ausgangen. Nun hat vierhundert Schritt von uns, auf einem ganz kleinen Schnipfele Feld, eine Witfrau ihr einzecht stehend Häusle gehabt, und darin hat sie gelebt mit ihrer einzechten Tochter. Sie waren im dritten Glied Nachkommen von einem jüngeren Kind und waren blutarm, aber lieb und gut wie die Engel, so sind sie mir wenigstens vorkommen. Die Mutter, weißt du, das war eine von den langen Weibern, die immer so freundlich thun können; das Lisle, nein, in dem war keine falsche Ader, das muß ich noch heut sagen. Die Mutter und Tochter haben sich davon ernährt, daß sie Strohhüt' genäht haben, denn drüben überm Berg, im Glotterthal und weiter hinein, da tragen die Weibsleut' runde, hellgelbe Strohhüt', grad so wie in der Stadt die Herren, und die Mannen tragen schwarze Strohhüt'. Ein Hut vom Windecker Lisle hat immer drei Groschen mehr gegolten; und wenn eine noch so Wüste einen Hut von ihm aufgehabt hat, war sie schön. Das Lisle hat Händ' gehabt so zart und so weiß wie eine Heilige; es hätt' aber doch auch recht im Feld schaffen können. Wenn es so am Fenster gesessen ist und hat genäht, bin ich oft draußen hingestanden und hab' ihm zuguckt; wenn es sich einmal in den Finger gestochen hat, ist mir's durch Mark und Bein gangen. Mein Vater hat's bald gemerkt, wie's mit mir und dem Lisle steht, und er hat's nicht leiden wollen, aber ich hätt' eher vom Leben gelassen, als von ihm; und da hat mich mein Vater vom Hof weg auf die Sägmühle gethan, die gehört eigentlich nicht zu unserm Erblehen, die hat mein Vater nur so angekauft, und da hab' ich die ganze Woch' keinen Menschen gesehen, als das Kind, das mir das Essen gebracht, und die Leut', die die Stämme her- und die Bretter fortgeführt haben. Nachts bin ich aber als auf und davon, um nume noch ein Wörtle mit dem Lisle zu reden. Da ist plötzlich mein Vater gestorben und hat das Gut meinem Bruder vermacht, und für mich zehntausend Gulden und auch so viel für meine Schwester; das ist ein Bettel, das ist das Holz von einem Jahr. Meine Schwester hat sich nach der Neustadt an einen Uhrmacher verheiratet; ich war ganz rabiat und hab' gesagt, ich geh' nicht aus dem Haus, ich lass' es auf einen Prozeß ankommen. Da geh' ich einmal abends 'nüber zum Lisle, und wie ich zum Fenster 'neinguck', wer meinst, daß darin sitzt und das Lisle küßt und herzt? Mein Bruder, und die alt' Hex' steht dabei und lacht, daß ihr Gesicht doppelt so lang gewesen ist. Ich 'nein ins Haus, das Messer ziehen, meinem Bruder in den Leib stechen – das war all eins.« Hier seufzte Nazi tief, schwieg eine geraume Zeit, dann fuhr er fort: »Mein Bruder ist auf dem Boden gelegen und hat sich nicht geregt, das Lisle ist seiner Mutter um den Hals gefallen und hat geschrieen: ›Mutter, an dem Tod seid Ihr schuld. Geh fort, Nazi, ich kann dich nicht mehr sehen.‹ Ich bin davon, wie wenn mich der Teufel am Bändel hätt' und hinten nachschleifen thät, und einmal übers andre bin ich wieder stehen blieben und hab' mich an einen Baum aufhängen wollen. Da trifft mich der Schmiedjörg, und ich geh' mit ihm und versteck' mich bei ihm bis den andern Tag. Tausendmal hab' ich gebetet, daß Gott mein Leben von mir nehmen und mir die schwere Schuld des Brudermords nicht aufladen soll. Ich hab' die Hand aufs Herz gelegt und hab' heilig geschworen, von da an ein bußfertiges Leben zu führen, und unser Herrgott hat mich erhört. Am andern Morgen, ganz früh, kommt der Schmiedjörg zu mir in die Scheuer, wo ich im Heu gelegen hab', und hat gesagt: ›Dein Bruder lebt, und er kann davon kommen.‹ Da bin ich fort über Berg und Thal, hab' meinem Bruder alles gelassen und hab' mich zum Buchmaier als Schäfer verdingt; ich hab' nimmer unter Menschen sein mögen, ich war froh, so allein auf dem Feld. Mein Hellauf, der war mein einziger Freund; du erinnerst dich wohl, ich hab' dir ja oft von ihm erzählt – ich bin schändlich drum gekommen.« Hier hielt Nazi wiederum ein, sein neuer Hund schmiegte sich an ihn und sah traurig zu ihm auf, gleich als gräme es ihn, den alten Verlust nicht ersetzen zu können. »Wie ich so allein auf dem Feld gewesen bin,« fuhr Nazi fort, »hab' ich mir viel Kräuter gemerkt, hab' sie gesammelt und Tränke daraus gemacht. Einmal im Winter kriegt ein Nebenknecht von mir das Fieber, daß es ihn schier zum Bett herausgeworfen hat; ich helf' ihm schnell, und von der Zeit an sind alle Leut' aus der Umgegend zu mir kommen, wenn einem etwas gefehlt hat, und ich hab' ihnen so ein Tränkle geben müssen. Weißt du noch, wie du einmal so krank vom Feld heimkommen bist? da hab' ich dir auch geholfen, das war seitdem das erste Mal, daß ich jemand was gegeben. Damals hat das der Doktor erfahren und hat mich bei Amt angezeigt. Es ist mir bei hoher Straf' das Quacksalbern verboten worden. Ich hab' nun keinem Bitten und keinem Betteln mehr nachgegeben. Da ist ein' Geschicht' passiert, du kannst dich nicht erinnern, du warst noch zu klein: der Dick', draußen in den Hinterhäusern, hat zwei Söhn' gehabt, der eine war ein Mensch wie ein Graf, er war bei der Gard' in Stuttgart und war auf Urlaub; sein bester Freund war sein kleiner Bruder, so ein halbgewachsener, wilder Bub, der hat Jochem geheißen. Der Gardist ist zu dem schönen Walpurgle, zu der Näherin, gegangen, du kennst sie wohl, die mit dem feinen Gesicht, die allfort so in Pantöffele 'rumlauft; die hat aber auch noch einen andern Liebhaber gehabt von Betra. Des Dicken Buben, die beiden Brüder, die haben dem einmal aufgepaßt, um ihn tüchtig durchzukarbatschen, der Betramer wehrt sich aber tapfer; da zieht der kleine Jochem das Messer und sticht nach ihm und sticht seinem Bruder gerad in den Leib. Ich lieg' in meinem Schäferhäuschen und hör' auf einmal schreien und rufen und heulen, ich steh' auf, und da sind viel Männer und auch der Jochem, und sie erzählen mir alles und bitten mich, ich soll dem Erstochenen 'was geben; da ist mir selbe Nacht von daheim in den Sinn kommen, das Walpurgle und das Lisle sind auch einander gleich gewesen, kurzum, ich hab' meine Schaf' dem Schackerle übergeben und bin mit. Wie der Gardist fast ganz tot dagelegen ist und ich hab' ihn angesehen, hat mir's als einen Herzschütterer nach dem andern geben. Ich hab' geweint wie ein Kind, und die Leut' haben mein Mitleid gelobt; sie haben nicht gewußt, wie mir's ist, und ich hab's ihnen nicht sagen können. Ich hab' dem Gardist ein Tränkle eingegossen, daß er den Brand nicht kriegen soll, und da sind hernach die Doktor gekommen, und er ist doch gestorben. Kurz und gut, sie haben mich ins Gefängnis gesperrt und ein Jahr ins Zuchthaus. Der Jochem ist auch ins Zuchthaus gekommen; der war schlecht, er hat lang alles geleugnet und die Schuld auf den Betramer geschoben, bis sich's bewiesen hat, daß er's gethan hat. Bruderherz!« sagte Nazi, die Hand Ivos fassend, »was ich im Zuchthaus ausgestanden hab', das ist nicht zu vermelden; in der Höll' kann man bei keinem schlechteren Gesindel sein, ich hab' aber alles gern ertragen und hab's als Sündenschuld für mein vergangen Leben angesehen. Einmal hab' ich auch dem Pfarrer gebeichtet und hab' ihm alles erzählt. Er hat gesagt: ich hätt' neues Unrecht gethan, ich hätt' mein Vermögen der Kirch' vermachen müssen; seitdem ließ' ich mich eher verreißen, eh' ich an einen Beichtstuhl geh'! Wie ich 'nauskommen bin, war mein erstes, daß ich den Hellauf wieder aufgesucht hab', der Dick' hat ihn zu sich genommen; aber sie haben gesagt, der Hund sei, wie ich fort gewesen bin, toll geworden, und da haben sie ihn auf den Kopf geschlagen. Des Dicken hätten mich gern bei sich behalten. aber ihr Haus war ganz verruiniert: die Mutter ist ein Jahr lang nicht ans Tageslicht gegangen, nur nachts nimmt sie ein Laternle und geht auf das Grab von ihrem Hannesle und betet dort. Du wirst dich noch wohl erinnern, sie geht ihr Lebtag schwarz gekleidet. Wie ich nun so das Dorf hinausgeh', allein und nicht einmal mein Hund mehr bei mir, da verkommt mir dein' Mutter; sie hat wohl gewußt, daß ich nicht schlecht bin, wenn ich auch ein Sträfling war, und da bin ich halt zu deinem Vater in den Dienst kommen. Ich hab' nimmer mögen Schäfer sein, ich hab' wieder unter Menschen leben müssen. Wie mir's nachher gegangen ist, weißt du. Ich hab' jetzt wieder einen guten Dienst da auf dem Deurershof; aber es ist mir doch als, als müßt' ich zu meinem Bruder und wär' mein' Demut erst die recht', wenn ich bei ihm dien'.« Nazi hielt inne und drückte sich mit der Hand die Augen zu; da sagte Ivo: »Du hättest eigentlich sollen in ein Kloster gehen und Mönch werden, das paßt für dich.« »Pfaff?« sagte Nazi mit ungewöhnlich scharfem Tone, »da ließ' ich mir lieber die Händ' abhacken; vom Frommsein leben, das ist nichts nutz. Nimm mir's nicht übel, verzeih mein einfältig Geschwätz, ich bin ein dummer Kerl; du wirst Pfarrer, und du thust recht daran, du hast ein rein Gemüt, aber komm,« sagte er dann, nach den Sternen aufschauend, »es ist schon bald elf Uhr, wir wollen schlafen.« Mit tief bewegter Seele schlüpfte Ivo mit Nazi in den Karren. »Sag mir einmal, du bist doch g'studiert,« begann Nazi, »wie kommt's, daß die Lieb' das meiste Unglück über die Menschen bringt? wär's nicht besser, sie wär' gar nicht da?« Ivo war verlegen, er hatte darüber noch nicht nachgedacht; mit schläfriger Stimme antwortete er indes: »Das kommt vom Sündenfall, von der Erbsünde . . . ich will aber darüber nachdenken. Gute Nacht.« Die müde Seele und der ermattete Körper Ivos wurden von den weichen Armen des Schlafes empfangen. Als er andern Morgens erwachte, war ihm alles wie ein Traum, er fand den Nazi nicht mehr an seiner Seite, und als er den Kopf zum Häuschen herausstreckte, stand der Schäfer schon pfeifend bei seinen Tieren. Nach einem einfachen Morgenimbiß trennten sich die beiden Freunde, und noch als Ivo fort war, rief ihm Nazi abermals nach: »Wenn du einmal nach Freiburg gehst, komm zum Beßtebuur, da bin ich.« – – Mit Klemens verlebte Ivo fröhliche Tage, nur einmal schüttelte er den Kopf über seinen Jugendgenossen; er erzählte ihm nämlich sein Zusammentreffen mit Nazi und dessen Geschichte, da sagte Klemens: »Donner und Doria! das ist ein prächtiges Abenteuer, du bist ein Glückskind, ich beneide dich fast darum; die Geschichte von dem Knecht ist ganz schön schauerlich, nur fehlt noch ein Geist oder ein Gespenst darin.« Ivo verstand den Klemens nicht, er begriff es nicht, wie man die herben Schicksale des Menschen als Phantasiegebilde eines müßigen Weltgeistes betrachten könne. 11. Das Konvikt. Allein, ohne Geleite von Familienangehörigen, zog Ivo nach seinem neuen Bestimmungsort; er war den Familienbeziehungen entwachsen, und selbständig ging er nun seinen Weg. Freundlich und hell lachte ihn die gute Stadt Tübingen an. Er träumte von den Wonnen, die sich ihm hier aufthun sollten, obschon er wohl wußte. daß noch immer Klosterzwang, wenngleich ein etwas milderer, seiner harrte. Das Leben der freien Wissenschaft war nun unserm Ivo erschlossen. Er besuchte mehrere philosophische Vorlesungen außerhalb des Klosters; im tiefsten Grunde seiner Seele aber hatte alles eine theologische oder eigentlich eine katholische Beziehung. Die schläfrigen Vorträge alter Lehrer – die dürre Begriffsformeln aufpflanzten, an denen nirgends frisches Leben grünte – waren nicht geeignet, Ivo auf die Höhe der freien Wissenschaft zu heben, von wo aus die Theologie in ihrer abgeschiedenen und begrenzten Stellung sich erweist. Fest schloß sich Ivo an seinen Klemens an, mit dem er nun doch eine Stunde im Freien ohne Aufsicht sich ergehen durfte. Auch andre Bekannte traf er hier; vorerst die Söhne des Oberamtmanns. Sie thaten jetzt sehr vornehm, ihr Vater war zum Regierungsrat befördert und hatte den Verdienstorden erhalten, er schrieb sich jetzt »von Rellings«; obgleich nun die Söhne dadurch noch nicht geadelt waren, hielten sie sich doch an den Adel und besonders an den anwesenden Sohn eines mediatisierten Fürsten. Ivo begegnete ihnen eines Tages, als sie mit ihrer vornehmen Gesellschaft ausritten, er sprang auf sie zu und reichte ihnen die Hand; sie hatten aber Peitsche und Zügel zu halten, und er erhielt nur einen Finger. Mit herablassendem Zunicken sagte der Aelteste: »Ah, jetzt auch hier? das ist schön,« und ihren Pferden die Sporen gebend, ritten sie davon. Ivo gedachte jenes Tages, da er einst stolzierend mit ihnen durch das Dorf gegangen war, er sah diese Behandlung als gerechte Strafe für seinen damaligen Hochmut an. Die Rellingse hatten jetzt Höhere gefunden, und sie thaten in deren Begleitung ebenso herablassend gegen ihn, wie er einst in ihrem Geleite den grüßenden Bauern gedankt hatte. So erlebte Ivo das seltene Unglück, daß Standesunterschiede der Eltern auch in das Zwischenreich des Studentenlebens hineinragten; denn dieses ist gerade noch der einzige Punkt, auf welchem die gewöhnlichen Lebenstrennungen nicht vorhanden sind, wo die jungen Geister sich auf dem ungespaltenen Boden der Gleichheit bewegen. Ein andrer Bekannter, den Ivo im Kloster traf, schloß sich mit besonderer Vorliebe an ihn an; dies war Konstantin. Er wußte alle Schliche und Auswege, wie man die Stunden schwänzen und dafür im Wirtshaus sitzen, wie man sich abends frei machen und einem flotten Burschenkommers beiwohnen konnte; er gab sich viele Mühe, den »krassen Fuchs«, seinen Landsmann Ivo, ebenfalls zu einem »forschen Studio« herzurichten. So wenig ihm dies indes bei Ivo gelang, um so gelehriger war Klemens; sein abenteuerlicher Sinn fand in dem Studentenleben eine entsprechende Nahrung. Nachts, an zusammengeknüpften Tüchern aus dem Konvikte entfliehen, in den Kneipen singen und jubilieren, dann durch die Straßen randalieren und wieder mit doppelter Gefahr in das Kloster zurückkehren, das war eine Freude nach seinem Herzen. Die Lust des brausenden Jugendmutes reizte Klemens fast noch mehr, als die Freude, das Gesetz verhöhnen zu können. Obgleich nun Ivo wiederholt seinen Klemens ermahnte, mehr an die Zukunft zu denken, ließ er sich doch selber einst dazu verleiten, in dunkler Nacht dem Klostergefängnis zu entrinnen. Sie waren nach Konstantins Ausdrucke »kreuzfidel«, setzten in der Kneipe bunte Mützen auf, und Ivo war der Lustigste von allen; aber gerade diesmal wurden sie bei der Heimkehr ertappt, und Ivo mußte mehrere Tage im Karzer sein Vergehen abbüßen. Konstantin war hocherfreut, daß sein Landsmann nun die Studentenweihe erhalten habe, er sagte oft: »Ich werde kein Pfarrer, die Scher' wird nicht geschliffen, die mir die Haare abschneidet; ich muß nur vorher 'was abwarten.« – Dann sagte er ein andermal: »Wenn ein recht Leben unter euch wär', thäten wir uns alle verbinden, daß wir samt und sonders aus dem Kloster austreten, nachher soll einmal unser Herrgott allein die Welt regieren; er soll sehen, wie er fertig wird.« »Was möchtest du denn werden?« fragte Ivo, dem diese gottlosen Reden das Blut in die Wangen trieben. »Ein Nordstetter Bauer, und weiter nichts.« »Aufrichtig gestanden, das möcht' ich auch, aber das ist einmal meine Bestimmung nicht.« »Ich will mich noch bestimmen, gib nur acht,« sagte Konstantin. Viele Konviktoren bekamen auch von ihren Eltern Besuch, es waren meist Bauern, in ihre übliche Landestracht oft ärmlich gekleidet. Es that Ivo sehr wehe, daß die »Herren Studenten« sich ihrer Eltern schämten und ungern mit ihnen ausgingen; als ihn daher einst seine Mutter besuchte, ging er stets Hand in Hand mit ihr durch die Stadt und verließ sie den ganzen Tag nicht. Es war im Februar, da kam Konstantin zu Ivo auf die Stube, die den altherkömmlichen Beinamen »Zion« hatte; er zog einen Strauß von gemachten Blumen mit roten Bändern daran aus der Tasche und sagte: »Guck, das hat mir das Hannele von der Hauffei geschickt, ich bin Rekrut, ich bin dies Jahr beim Zug und hab' mich frei gespielt; juchhe! jetzt komm' ich aus dem Kloster.« »Wie so?« »O du Böcklein weiß wie Schnee, ging einstens auf die Weide! Ich will dir sagen, wie das geht, aber auf dein Cerevis, daß du's bei dir behältst. Wenn ich freiwillig aus dem Kloster treten thät', müßt' ich den Genuß, den ich darin gehabt, 'rausbezahlen und müßt' Soldat werden; vom letztern bin ich jetzt frei, und wenn ich mach', daß sie mich aus der Wallachei da 'nausmaßregeln, nachher brauch' ich nichts zu bezahlen; dem Direktor, dem spendier' ich noch ein besonderes Trinkgeld.« Konstantin steckte den rotbebänderten Strauß auf seine Mütze und ging damit keck über den Klosterhof; er kam den ganzen Tag nicht mehr zurück und zog mit den andern Studenten, die ebenfalls dieses Jahr im Zuge waren, Arm in Arm über den Markt, und durch die ganze Stadt sang und trank und randalierte er. Erst spät abends kehrte er heim und wurde sogleich auf den sogenannten »Herrentritt« zum Direktor beschieden. Der Direktor war allein, Konstantin blieb an der Thüre, sich mit beiden Händen rückwärts an derselben festhaltend; da trat der Direktor mit grimmiger Rede auf ihn zu, Konstantin lachte, stolperte vorwärts und trat dem Direktor so hart auf die Füße, daß er laut aufschrie und noch härtere Reden vorbrachte; aber Konstantin rückte abermals vor und machte den Herrentritt zur buchstäblichen Wahrheit. Der arme Direktor nahm den einzigen Stuhl, der im Zimmer war, und hielt ihn vor sich, aber Konstantin drang stets schärfer auf ihn, jagte ihn von einer Seite zur andern und schrie wie die englischen Reiter, wenn sie ein Pferd im Kreise treiben: »Ha! hupp!« und schnalzte mit der Zunge. Endlich gelang es dem grausam Verfolgten, die Klingel zu erreichen; der Famulus kam, und Konstantin wurde in das finsterste Karzer gesperrt. Vier Wochen lang mußte er hier seinen schnöden Mutwillen abbüßen, und als ihn Ivo einmal besuchte, gab er ihm recht, daß es sündhaft war, den Unmut gegen das Gesetz an dem unschuldigen Vollstrecker desselben auszulassen. Ivo setzte hinzu: »Es ist doppelt sündlich. Die Alten sind freilich die Kerkermeister, die uns bewachen, aber sie müssen ja auch grad wie wir im Gefängnis wohnen und haben's nicht viel besser; der Schlüssel, der ihnen selber aufschließen könnt', ist gar nicht einmal hier.« »Ja,« lachte Konstantin, »weißt, wie es als im Abzählen beim Spielen geheißen hat? Das Engelland ist zugeschlossen, Und der Schlüssel abgebrochen . . . Da hab' ich halt eine Riegelwand eingestoßen.« Konstantin wurde mit Schimpf aus dem Kloster entlassen. Als Ivo in der Ostervakanz nach Hause kam, reichte ihm Konstantin seine Hand, an der drei Finger verbunden waren; er hatte sich nämlich bei einer Rauferei zwischen den Nordstettern und Baisingern, von der Schloßbauernfeindschaft her, gewaltig ausgezeichnet, wobei ihm eine Flasche aus der Hand in Splitter zerschlagen wurde. Ueherhaupt gehörte bereits der Studentle – so hieß fortan Konstantin – zu den meisterlosesten Burschen im Dorfe. Er hatte sich bäuerisch gekleidet und gefiel sich darin, recht toll zu sein und jedes höhere Bildungselement, das noch an ihm haftete, abzustreifen. Mit seinen beiden Kameraden, des Hansjörgs Peter und des Metzgerles Florian, dem Sohne eines verkommenen Schlächters, führte er allerlei lose Streiche aus; die drei hielten fest zusammen und ließen keinen andern in ihre Kameradschaft. Höchst eigentümlich war das Verhältnis Konstantins zu Peter: liebender wacht ein Mutterauge nicht über das Wohl ihres kranken Kindes, nachgiebiger ist ein sanftes Weib nicht gegen ihren verstörten Gatten, als Konstantin gegen Peter war; ja, er unterdrückte sogar die Neigung zu des Jörgs Magdalene, weil er merkte, daß Peter sich um ihre Liebe bewarb, er verhalf ihm hierzu, so viel er konnte. Wenn Konstantin ganz wild war, so daß kein Mensch mit ihm auskommen konnte und er alles kurz und klein schlagen wollte, durfte Peter nur sagen: »thu's mir zulieb, Konstantin, und gib Frieden,« und er war zahm und folgsam wie ein Lamm. Ivo hatte viele Mühe, sich von Konstantin loszumachen, aber es gelang ihm doch. Er war still und ernst, selbst bei den lustigsten Reden und Späßen Konstantins verzog er keine Miene, und dieser ließ den »Betbruder« endlich gewähren. Als Ivo wieder in das Kloster zurückgekehrt war, traf er seinen Freund Klemens in einer großen Umwandlung. Klemens war als junger, lebenskecker Student in nähere Beziehung zu der Tochter seines Amtmanns gekommen, sein ganzes Wesen loderte nun in einer Flamme für sie. Er wollte aus dem Kloster austreten und die Rechte studieren, er verhöhnte das geistliche Amt mit den bittersten Reden, er verhöhnte sich selber und sein Geschick, das ihn arm und hilflos an einen verhaßten Beruf gekettet; mit dem ganzen Ungestüm seines Geistes rüttelte er stets an den Fesseln, die ihn einzwängten. Er sah überall nichts als Sklaverei; bleichen Antlitzes und oft zähneknirschend ging er einher. Ivo bot die ganze Macht seiner Liebe auf, um seinen Freund zu retten; aber bald erkannte er, daß hier eine höhere Macht walte, und er trauerte mit seinem armen Freunde, obgleich er seinen wilden Ungestüm nicht recht fassen konnte. Klemens saß in den Hörsälen, und während die andern mit eifriger Hast die flüchtigen Worte des Lehrers nachschrieben, malte er nur bisweilen den Namen Kornelie und verkritzelte ihn dann wieder zur Unkenntlichkeit. Der Funke der Unzufriedenheit, der in Ivo geruht hatte, drohte zur Flamme zu werden, aber noch hielten ihn die festen Mauern des Gehorsams, die gewohnte Unterordnung unter das Schicksal, in stiller Glut. Eine Verschiedenheit im Wesen der beiden Freunde zeigte sich auch darin, daß Klemens in seinem Mißmute stets durch Zerstreuungen, lärmende Gesellschaften und dergleichen Selbstvergessenheit suchte, während Ivo in seinen Verstimmungen sich immer mehr in sich versenkte, gehalten und leise seinen Schmerz aufzuklären und in Selbsterkenntnis zu lösen trachtete. Dies gelang ihm aber nur schwer, und eine tiefe Verstimmung bedrückte seine Seele; auch er liebte das Leben weniger als sonst, es war ihm eine Bürde, er sagte oft, daß er gerne sterben oder ewig schlafen möchte. »Das Beste auf der Welt,« sagte er einmal nachts zu seinem neben ihm liegenden Klemens, »ist doch ein Bett. Ein Vogel im Käfig, der ist übel dran, wenn er auch schläft, er ruht dabei doch nicht recht aus: er sitzt auf dem Stängele und muß sich noch immer mit seinen Krallen festhalten; das ist doch immer eine Thätigkeit, das ist keine vollkommene Ruhe. So auch der Mensch, wenn er sitzt, ruht nicht recht aus, er muß sich dabei noch immer halten; erst wenn man sich niederlegt, alle Glieder sich auflösen läßt und gar keine Muskel mehr anspannt, erst das ist die wahre Ruhe. Darum ist es dem Vogel im Nest und dem Menschen im Bett so wohl. Plato hat den Menschen einen federlosen Zweifüßler geheißen. Was schadet's? er steckt sich in fremde Federn. Der Nazi hat mir einmal gesagt: wenn man einen Raubvogel zahm machen will, hängt man ihn in eine Mühle, damit er nicht schlafen kann, und da wird er so geschlacht wie eine Taube; das ist gerade wie von dem Tyrannen, wo wir einmal in Ehingen gelesen haben, der seine Gefangenen alle Stund' hat wecken lassen. Wenn's ans Plagen geht, da sind die Menschen gar erfinderisch; mit dem Erfreuen sind sie nicht so bei der Hand. Das größte Wunder sind mir immer noch die Säulenheiligen, die allfort gestanden haben. Das ist die größte Selbstüberwindung. Denk nur einmal, wenn man so sein Leben lang immer dastehen müßt', daß einem die Füße ganz pelzig werden. Ahdele ! ich dank' unserm Herrgott für das Bett; ein gut's Rühle geht über ein gut's Brühle, sagt man bei uns daheim.« So philosophierte Ivo, Klemens aber gab ihm keine Antwort und seufzte nur einmal leise »Kornelie«. Ivo schlief ruhig ein. Der Weltgeist, der Geist der Natur, wenn er allnächtlich auf die Klöster herabsah, verhüllte klagend sein Antlitz. Klemens hielt sich gewaltsam wach, und als es elf Uhr geschlagen, schlich er leise in den Klosterhof. Es war eine linde Sommernacht, es hatte gewittert, zerrissene Wolken ließen das Licht des Vollmondes bald hell erglänzen, bald überdeckten sie es mit ihrem Schatten. Klemens kniete nieder, und die Hände ringend rief er zitternd: »Teufel! Beelzebub! du Herrscher der Hölle, erscheine mir, gib mir von deinen Schätzen. und meine Seele sei dein, erscheine, erscheine!« Klemens horchte mit angehaltenem Atem, alles war still, nichts regte sich, nur von ferne vernahm man das Bellen eines Hundes. In sich zusammengekauert, lag Klemens lange so, und als noch immer nichts erschien, kehrte er fröstelnd in sein Bett zurück. Andern Tages saß Klemens blaß und abgehärmt an seinem Pulte, das Buch war vor ihm aufgeschlagen, aber er las nicht. Wie Schlangenwindungen krochen die schwarzen Zeichen vor seinem Auge ineinander; da brachte ihm der Briefträger einen Brief. Er hatte ihn kaum überlesen, als er ohnmächtig vom Stuhl herabsank, seiner krampfhaft geballten Hand entfiel ein lithographiertes Billet, darauf stand: »Kornelie Müller und Hermann Adam, Verlobte.« Alles eilte schnell herbei, Klemens wurde zu Bette gebracht. Ivo harrte zitternd und weinend, bis der Atem seines Freundes wieder zurückkehrte; nun aber verfiel Klemens in ein heftiges Fieber, seine Zähne klapperten, und er zuckte stets zusammen, daß man ihn halten mußte. Drei Tage lang lag der Unglückliche im Delirium, er sprach bisweilen von dem Teufel und bellte wie ein Hund; nur einmal sagte er, sanft die Augen zulegend: »Gute Nacht, Kornelie.« Ivo durchlas den an Klemens gerichteten Brief, er hatte dieses Recht stets gehabt, und nun fand er einigermaßen den Zusammenhang. Der Brief enthielt die Nachricht, daß ein reicher Oheim von Klemens' Mutter gestorben sei und sie zur Gesamterbin eingesetzt habe; die freudigsten Hoffnungen für die Zukunft waren hieran geknüpft. Ivo wich nicht von dem Bette seines Freundes, und wenn er fort mußte, löste ihn meist Bartel ab. Das Krankenlager des Klemens war ein tief schmerzliches. Meist düsterte er so hin mit offenen Augen, aber, wie es schien, ohne etwas zu sehen. Ivo mußte die Hand auf seine brennend heiße Stirne legen, und dann sagte er manchmal, die Augen schließend: »Ah!« Es war wie wenn bei der Berührung der geweihten Freundeshand böse Martergeister aus der engen Behausung des Gehirnes auszögen. Hin und wieder brauste auch Klemens in gewaltigem Ingrimm auf und verfluchte die ganze Welt und ihre Lieblosigkeit; wenn ihn dann Ivo zu begütigen suchte, kehrte sich der Zorn des Gereizten gerade gegen ihn, mit krampfhaft zitternden Händen um sich schlagend, rief er: »O du herzloser Wicht, gelt, mich kannst du quälen?« Mit frommer Duldung, Thränen in den Augen, nahm Ivo diese rauhe Behandlung hin; ja, er empfand bisweilen sogar eine gewisse innere Freude und Genugtuung darin, für seinen Freund auch dieses über sich nehmen zu dürfen. Als Klemens am vierten Tage erwachte, war es ihm, als ob sich vor ihm in der Unendlichkeit, aber doch wieder ganz nahe, so daß er es greifen konnte, in der blauen Luft eine Nische aufthäte, die von lauter Licht erfüllt war; um ihn und aus ihm rief es: »Klemens!« Er hatte sich wieder gefunden. Noch oft erzählte er, daß es ihm in diesem Augenblicke war, als ob Gott in seiner Strahlenglorie ihn erhellte und ihn zurückführte zu ihm und zu sich selber. Als er nun endlich wieder zu ruhiger Besinnung gelangt war, sagte er, die Hände hoch erhebend: »Mich hungert nach Gottes Tisch.« Er verlangte nach dem Beichtiger und sagte diesem alles: daß er den Teufel beschworen, daß dieser ihm geholfen und ihn zu Grunde gerichtet habe. Er bat zerknirscht um eine schwere Buße und Absolution. Der Beichtiger auferlegte ihm eine leichte Buße und bedeutete ihn eindringlich, daß ihm das Vergangene dazu dienen müsse, alle weltlichen Gelüste von sich abzulösen, wie Gott ihn wunderbar gerettet, und wie er fortan nur ihm angehören müsse. Wer in das Antlitz des Klemens hätte schauen können, als er mit gläubig geschlossenen Augen dalag, und der Beichtiger, den Segen über ihn aussprechend, als Sinnbild der Versöhnung das Zeichen des Kreuzes auf dem Angesichte des Kranken vollführte, wer die Spannung der Muskeln und das Pulsieren der Wangen hätte beobachten können, der hätte es Klemens nachfühlen mögen, welch eine heilige Wandlung mit ihm vorging; es war ihm wirklich und wahrhaft, als ob die Hand Gottes ihn berührte, leicht und lind all die Schwere aus ihm hervorleitete und neuer Lebenshauch ihn durchströmte. Der wiedererstandene Klemens war ein ganz andrer. Er schlich leise umher, sich oft umschauend, als fürchte er etwas, dann stand er wieder plötzlich stille. Ivo vermochte es nicht, ihn aufzurichten, denn selbst ihm hatte Klemens den ganzen Verlauf seiner Sündhaftigkeit nicht zu bekennen gewagt. – Wiederum nach der Vakanz war Klemens ganz verwandelt. Er sah wohl blühend aus wie zuvor, aber aus seinem Auge leuchteten geheimnisvolle Flammen. Einst zog er im Burgholz, in dem nahen Walde, seinen Freund an die Brust und sagte: »Ivo, danke Gott mit mir, er hat mir die Gnade wiedergegeben. Unsre Schuld ist's, wenn der Herr nicht Wunder an uns thut, weil wir uns nicht reinigen zu Gefäßen seines unerforschlichen Willens. Ich habe gelobt, Missionär zu werden und den Wilden das Heil der Welt zu verkünden. Ich habe sie wiedergesehen, die meine Seele dem Herrn gestohlen hatte, aber mitten in ihrem Anblicke verschwand die Welt vor meinen Augen, der Allbarmherzige legte seine Hand auf mich und rettete mich. Er zog mich hinauf auf den Berg. Dort saß ich, bis die Sonne verglühte und die Nacht hereinbrach. Alles umher war still und tot. Da hör' ich plötzlich jenseits im Walde die Stimme eines Singenden; das waren nicht irdische Töne: ›Wohl nach dem heißen Afrika.‹ Ich kniete nieder, und der Herr vernahm mein Gelöbnis. Das Herz war mir aus dem Leibe genommen, ich hielt es in der Hand. Ich küßte den Fels unter mir und den Baum neben mir, und ich habe den Geist Gottes aus ihnen in mich eingesogen; ich hörte die Bäume schauern und die Felsen in verhaltenem Harme klagen, sie weinen und trauern und harren des Tages, da das Kreuz geworden ist der Lebensbaum, aufgerichtet zwischen Himmel und Erde, da der Herr Herr wieder erscheint und die Welt erlöst ist, da werden die Felsen freudig hüpfen und die Ströme freudig jauchzen.« Klemens kniete nieder und fuhr dann fort: »Herr! Herr! begnade mich! lege deine Worte auf meine Zunge, würdige mich der seraphischen Liebe, gieße deine Gnade aus über meinen Herzbruder, zerbrich ihn, daß er mitfühle die Schwerter, die durch deine Brust gegangen und die das Herz der Welt zerschneiden. Ich danke dir, o Herr! daß du mich mit der heiligen Armut vermählt; ja, ich will mich ganz weihen der glückseligen Thorheit und will mich schmähen und martern lassen, bis die Hütte meines Leibes wieder abgebrochen wird, bis ich die Verwesung dieses Lebens vollendet habe. Herr! Du hast mich reich gemacht, damit ich werde der Armen einer. Selig sind die Armen, selig sind die Kranken!« Klemens küßte die Füße seines Freundes, lag dann noch eine Weile, das Haupt auf den Boden gedrückt, dann stand er auf, und die beiden gingen still heimwärts. In der Seele Ivos bebte namenlose Furcht; wohl fühlte er die Macht des Opfermutes, die über Klemens gekommen war, aber er sah auch ihre schrecklichen Verirrungen – er fühlte ein Schwert durch sein Herz fahren. Willig folgte er seinem Freunde in die Nachtgebiete menschlichen Lebens und Wissens; es war ihm, als müsse er ihn stets begleiten, um zur Hilfe bereit zu sein. Das Leben der Heiligen war es, was sie vor allem durchforschten. Ivo sagte einmal: »Ich freue mich der Erkenntnis, daß die Offenbarung fort und fort durch die Menschheit geht; Heilige erstehen, denen sich der Herr geoffenbart und ihnen die Wunderkraft verliehen, und wer sich recht heiligt, dem kann es durch die Gnade werden. Jetzt hat wiederum jede Stadt und jedes Land seinen wahren Heiligen, wie einst die Griechen die falschen Götter. Gott ist überall leibhaftig nahe.« Klemens küßte, ohne zu antworten, die Stirn Ivos. Nach einer Weile aber sprach er mit feuriger Zunge von den Helden, die mit leerer Hand die Welt erobert und bewältigt. Das Leben des heiligen Franz von Assisi nahmen sie mit besonderer Innigkeit in sich auf, seine Bekehrung vom brausenden Weltleben und die Art, wie er zuerst einen Aussätzigen durch seinen Kuß geheilt, zog Klemens besonders an. Ivo aber erquickte sich an der kindlichen Einheit des Heiligen mit der Natur und seiner Wundermacht über sie: wie er einst den Vögeln gepredigt, daß sie das Lob Gottes singen sollen, wie sie stille horchten, bis er das Zeichen des Kreuzes über sie gemacht und sie gesegnet, und sie dann ein schmetternd Lied erschallen ließen; wie er mit einer Nachtigall einen Wett- und Wechselgesang zum Lobe Gottes bis zum Abend fortsang, wie er dann ermüdet war, so daß der Vogel auf seine Hand geflogen kam, damit er ihn segne. Bei der Erzählung von dem Lamme, das der Heilige von der Schlachtbank gerettet und das jedesmal im Chore beim Gesange niederkniete, dachte Ivo mit Freude an sein Muckele. Als sie lasen, daß der Heilige so hoch begnadigt war, die Wundenmale Christi, die durchstochenen Hände und Füße und die Lanzenwunde im Herzen an seinem eigenen Leibe auf wunderbare Weise zu empfangen, fing Klemens laut zu weinen an. Er wiederholte seinen Vorsatz, Franziskanermönch zu werden, und forderte auch Ivo zu gleichem auf, damit sie nach der Ordensregel zu zwei durch alle Welt wandeln, Qualen aufsuchen, arm und hilflos nur von Almosen leben. Mit unersättlicher Gier versenkte sich dann auch Klemens in die Tiefen der Mystik und riß seinen Freund mit sich fort. 12. Der Studentle. In der Vakanz wurde Ivo wiederum mächtig in das Leben hineingezogen. Da konnte man das Treiben und Wirken der Außenwelt nicht so leicht von sich weisen und sich in eine Welt willkürlicher Gedanken versenken. Solche Ueberhebungen sind meist nur möglich, so lange man außerhalb der Familie, also außerhalb des wirklichen Lebens steht; sowie er ins Dorf zurückgekehrt war, schlangen sich wiederum die Familienbande um ihn, und die vielfach ineinander verwebten Lebensgeschicke der Dorfbewohner drangen auf ihn ein. Er kannte ja das innere Gebaren in all diesen Häusern, hinter all diesen Mauern; er fand sich wie nach einem Erwachen wieder. Eines Abends traf Ivo den Konstantin vor seinem Hause, er kaute an einem Strohhalm und sah verdrießlich drein. »Wo fehlt's« fragte Ivo. »Was? du kannst mir doch nicht helfen.« »Nun, so sag's doch.« »Du hast keinen Sinn für die Welt, du kannst dir nicht denken, was das ist: jetzt ist bald Pfingsten, und da ist der Hammeltanz und – ich hab' keinen Schatz; ich könnte einen haben, aber ich hab' mich zu patzig benommen, und doch mag ich halt keinen andern, und es thät mich gottsträflich verzürnen, wenn sie mit einem andern ging'. Das gibt einen Hammeltanz, daß Gott erbarm'.« »Wer ist denn die Stolze?« »Du kennst's wohl, die Emmerenz.« Ivo erschrak unwillkürlich, er fragte aber doch schnell: »Hast du schon lange Bekanntschaft mit ihr?« »Sie will ja nichts von mir, das ist eben die Sach', die thut so heilig und zimperlich wie die keusche Diana.« »Meinst du's denn auch ehrlich mit ihr und willst du sie heiraten?« »Was? ehrlich? G'wiß, was denn anders? aber vom Heiraten ist jetzt noch keine Red', kennst du noch das alte Burschenlied: Lieben, lieben will ich dich, Ich will dich lieben, Aber heiraten nicht.« »Da muß ich der Emmerenz recht geben.« »Was? sans touche , das kapierst du nicht recht; so ein Mädle muß content sein, wenn es einen Schatz kriegt, wie ich bin. Des Schulzen Bäbele thät mit allen zehn Fingern nach mir langen, wenn ich nur bst! machen thät; aber die könnt' jetzt auch nicht mehr die keusche Kirche vorstellen, wie bei des Georgs Primiz; ich mag sie nicht.« Während Ivo und Konstantin so miteinander sprachen, kamen auch der Peter und der Florian hinzu. »Ah!« sagte der letztere, »läßt sich der Herr Student auch einmal sehen? Ich hab' gemeint, unsereins wär' ihm zu gering, daß er ihm nur ein Wörtle gunnen thät.« »Ja,« ergänzte Peter, »alle Buben im Ort sagen: so wär' noch keiner gewesen wie du, Ivo; du thust ja, als ob du von Stuttgart wärst und nicht von Nordstetten.« »Um Gottes willen,« sagte der von allen Seiten angegriffene Ivo; »es ist mir nie eingefallen, stolz zu sein; kommet, wir gehen miteinander ins Wirtshaus.« »Das ist recht,« sagte Florian, »wir feiern heut' abend meinen Abschied, morgen geh' ich in die Fremd'.« Die Leute im Dorfe wunderten sich, als sie den Ivo mit dem Kleeblatt dahingehen sahen; das war ein seltener vierblätteriger Klee. »Haben wir auch einmal die Ehr?« sagte die Adlerwirtin, als Ivo mit den andern in die Wirtsstube trat. »Ich will gleich ein Licht ins Verschlägle stellen. Mit was kann man aufwarten? Soll ich ein Schöpple guten Ueberrheiner bringen?« »Wir bleiben für jetzt noch bei Württemberg,« sagte Konstantin, »und der Ivo trinkt mit uns, er ist ein Nordstetter Bub, grad wie wir auch.« »Wie du nicht, das wär' schad',« entgegnete die Wirtin. »Ich will dir einmal 'was aufzuraten geben, du Schneppepperle: worin sind die Weiber und die Gäns' einander ganz gleich?« sagte Konstantin. »Daß so Ganstreiber wie du sie regieren wollen,« erwiderte die Wirtin. »Bärbele, sei froh: wenn man am Dummsein schwer tragen thät, du könntest schon lange nimmer laufen. Ich will dir's sagen, worin sie gleich sind: an den Gans' und an den Weibern ist alles gut bis auf den Schnabel. Jetzt gang und hol ein Maß Sechser.« »Du bist kein' Batzen wert,« sagte Bärbele lächelnd, indem es fortging, um das Befohlene zu bringen. Wir haben es wohl wieder erkannt, es ist das Bärbele, dessen wir uns noch vom Jäger von Mühringen her erinnern. Der Kaspar hatte den Adler gekauft, und Bärbele war eine tüchtige Wirtin; es konnte jedermann gut unterhalten und blieb, wie wohl bekannt, niemand eine Antwort schuldig, so daß sogar die Horber »Herren« nicht mehr bloß in das Schäpfle gingen, sondern auch den Adler mit ihrem Besuche beehrten. Nachdem eingeschenkt und angestoßen war, begann Florian das Lied: »Es geht ein Pudelmann um unsern Tisch herum, 'rum 'rum.« Dann wurde »Sasa geschmauset« gesungen, und die Worte » edite, bibite « waren in »hebet sie, leget sie« übertragen; diese Einbringung fremder Kultur war das Werk Konstantins. Die Bursche thaten sich nicht wenig zu gut auf ihre neuen Lieder. Ivo sang mit lächelnder Miene mit, denn er wollte nicht herrisch erscheinen. Die drei Kameraden waren trefflich eingeübt. Peter sang die erste Stimme, und obgleich er einen klangvollen Tenor hatte, überbot er ihn doch durch übermäßiges Schreien, denn die singenden Bauern und die predigenden Pfarrer halten meist die ins Unnatürliche getriebene Stimme für schöner und weihevoller. Konstantin bewegte sich beim Singen auf und nieder, er ballte die beiden Fäuste und schlug damit in kurzen Sätzen in die Luft; Florian aber lag ruhig mit beiden Armen auf den Tisch gestemmt und drückte wie zu innerer Andacht die Augen zu. Die Maß war bald getrunken, da rief der Studentle: »Bärbele, noch einmal so, auf einem Fuß lauft man nicht,« und dann sang er: »Wein her! Wein her! Oder i fall' um und um. Umfallen thur i net, Lutherisch wur i net, Wein her! Wein her! Oder i fall' um.« Gleich darauf aber sang er wieder: »Und die'n i gar et mag, Die sieh'n i alle Tag, Und die'n i gerne hätt', Die ist so weit aweg; Kein' Schöne krieg' i net, Kein' Wüste mag i net, Und ledig bleib' i net: Was fang' i an?« »Ist's wahr, Konstantin?« fragte Bärbele, »kannst du so gut polnisch betteln gehen? Hat dich die Emmerenz mit einem Helf dir Gott um ein Haus weitergeschickt?« »Ich parier' drei Maß vom Besten, sie geht mit mir zum Hammeltanz und mit keinem andern.« Florian sang: »Wegen ein'm Schätzle trauern, Das wär' mir e Schand, Und i kehr' mi glei um, Geb' 'ner andre die Hand.« Peter erwiderte: »Wenn i schaun kein Schatz haun, Ich leb' ohne Sorge: Es wurd alle Tag Obed Und wieder Morge.« Konstantin sang: »Wenn's schneit, so schneit's weiß, Und wenn's g'friert, so g'friert's Eis; Und was die Leut' keit, Des thur i mit Fleiß.« Florian dagegen: »Heut ist es grad acht Tag', Hot mir mein Schatz aufg'sagt; Es hat so bitter g'weint Und i haun g'lacht.« Und: »Drei Wochen vor Ostern, Do goht der Schnee weg, Do heiret mein Schätzle, No haun i en Dreck.« »Nicht so, man muß den Stiel umkehren; so muß es heißen,« sagte Konstantin und sang: »Drei Wochen vor Ostern, Da geht aweg Schnee, Da heiret mein' Wüste, Do haun i e Schön'.« Ein schallendes Gelächter und allseitiger Lobpreis aus allen Ecken der Stube lohnte das neue Gesätz. Der Peter sang: »Schätzle, du närrt's, Du liegst mir im Herz Und du kommst mir et draus, Bis das Leben ist aus.« Und: »Wenn i nu wüßt', Wo mei Schätzele wär', Und da wär' mein Herz Nit halb a so schwer.« Florian sang wieder: »Und wenn man will recht fröhlich sein Und leben ohne Kummer, Muß mer heiren wie die Vögelein: Nur auf ein' einzigen Sommer.« Konstantin sang: »Zu dir bin i gange, Zu dir hat's mi g'freut. Zu dir gang i nimmeh, Der Weg ist mir z'weit. Es wär' mir et z'weit, Und er wär' mir schon recht, Und du kannst dir's wohl denken, Du bist mir viel z'schlecht.« Ivo saß mit unruhigem Sinnen hinter dem Tische. Er dachte darüber nach, wie oft er um diese Stunde bei der einsamen Lampe die Geheimnisse der Weltschöpfung und Erlösung zu enträtseln trachtete, wie da all das Treiben der Menschen, all die Wünsche des Einzellebens fernab von ihm lagen, und nun stellte er all diesem das Leben seiner Altersgenossen entgegen. Der Mittelpunkt ihres Denkens und Treibens war die Liebe, in derbem Spott wie in zarten Sehnsuchtshauchen klang das einzige Gefühl doch überall durch – das ganze Dasein fiel ihm wiederum wie von scharfem Stahl zerschnitten in zwei Hälften auseinander, in Geistlich und Weltlich. Bärbele hatte ihn genau beobachtet, es hatte das mißbehagliche Zucken in seinem Antlitze wohl entdeckt, es ging daher auf die Singenden zu und sagte: »Ei wie? schämet ihr euch nicht – könnet ihr denn nicht auch ein ordentlich Lied singen?« Konstantin erwiderte: »Ei, g'fällt's euch halt et? So g'fällt es halt mir; Ei, könnet ihr's besser, So singet jetzt ihr.« »Ja, wir wollen, wenn du mitsingst,« sagte Florian. »Meinetwegen.« »Nun, was denn?« fragte Peter. »Ehrlich und fromm.« »Ist mein Reichtum – nein, das mag ich nicht,« sagte Konstantin. »Nun, das: Morgens früh beim kühlen Tauen.« »Ja.« Bärbele begann herzhaft, und die andern sangen mit: »Morgens früh beim kühlen Tauen, Wenn das Gras am längsten ist, Werd' ich mein schön Schätzlein schauen, Eh und bevor es niemand sieht. Fuchs und Hasen soll man schießen, Eh sie laufen in den Wald; Junge Mädchen soll man lieben, Eh und bevor sie werden alt. Bis daß der Mühlstein trägt die Reben Und herausfließt roter Wein; So lang der Tod mir schenkt das Leben, So lang sollst du mein eigen sein.« Ivo dankte dem Bärbele herzlich für das schöne Lied, Konstantin aber setzte sogleich drauf: »Aus ist's mit mir, Und mein Haus hat kein' Thür, Und mein' Thür hat kein Schloß, Und vom Schatz bin i los. Aus ist's mit mir In dem ganzen Revier, Und wann die Donau austrocknet, So heiraten wir. Und sie trocknet net aus Und ist alleweil naß, Jetzt muß ich gehn schauen Um ein' anderen Schatz.« »Wollen wir jetzt das: Es ging ein Knab' spazieren?« fragte Bärbele. »Laß du ihn nur daheim,« entgegnete Konstantin. »O du! wärst du daheim blieben, hätt' man dich nicht heimgeschickt wie das Hundle von Bretten.« »Fang eins an,« sagte Florian, und sie sangen nun »Froh will ich sein! Wann's nur dir wohl geht, Wann schon mein jung frisch Leben In Trauerheit steht. Alle Wässerlein auf Erden, Die haben ihren Lauf, Kein Mensch ist schier auf Erden, Der mir mein Herz macht auf. Die Sonne und der Mond, Das ganze Firmament, Soll alles für mich trauern Bis an mein selig End'. Ivo saß unruhig auf seinem Stuhle, in diesem Liede war sein Schicksal ausgesprochen. »Bleib nur da,« sagte Konstantin, der die Unruhe Ivos bemerkte. »Bärbele, bei dir geht's nicht wie bei dem Wirt zu Emmaus, du gibst zuerst den guten und dann den schlechten, du hast da lutherisch und katholisch untereinander gebracht, der Wein ist eine gemischte Ehe.« »Wenn die Mäus' satt sind, nachher schmeckt das Mehl bitter,« erwiderte die Wirtin. »Wisset ihr was?« rief Konstantin, »jetzt trinken wir warmen Wein.« »Du hast g'nug für heut,« sagte Bärbele. »Was wir nicht trinken, schütten wir in die Schuh'. Heut' wollen wir einmal einen Kommers halten, du bist doch auch dabei, und du, und du?« Alles nickte bejahend, und Florian sang: »Bruder, trink einmal, Wir seind ja noch jung, Im Alter ist es immer Für Sorgen Zeit genung. Denn der gute Wein Ist für gute Leute, Bruder, laß uns heute Froh und fröhlich sein.« Als der warme Wein kam, sang Konstantin, mit den Füßen stampfend und mit den Fäusten auf den Tisch schlagend: »I und mein altes Weib Können schön tanzen. Sie nimmt den Bettelsack, I nehm' den Ranzen. Schenk mir einmal bayrisch ein, Bayrisch wollen wir lustig sein: Bayrisch, bayrisch, bayrisch wollen wir sein. Sie ging wohl in die Stadt, I bleib' da draußen; Was sie erbettelt hat, Thur ich versaufen. Schenk mir einmal bayrisch ein u. s. w.« Es war schon spät, ein Knabe hatte Ivo den Hausschlüssel gebracht, der Schütz war gekommen, um »abzubieten«, aber Konstantin beschwichtigte ihn durch ein Glas Wein; gleiches gelang auch bei dem bald eintretenden Nachtwächter. Konstantin begann die Professoren nachzuahmen und von seinen Studentenstreichen zu erzählen. Sich entschuldigend stand Ivo auf, um nach Hause zu gehen, die andern wollten ihn halten, Konstantin aber machte ihm Platz, besonders weil er sich scheute, im Beisein Ivos fremde Heldenthaten sich selber anzueignen; er sagte daher nur noch: »Trink aus, du könntest sonst über den Stumpen fallen.« Ivo leerte noch das Glas glühenden Weines und sagte gute Nacht. »Nimm die Stubenthür zu dir ins Bett,« rief ihm noch Konstantin nach; Ivo hörte es nicht mehr. Eine linde Vollmondsnacht legte sich über die Erde, es war, als ob das sanfte Licht überall hin Stille und Ruhe ausbreitete. Ivo hielt oft an und legte die Hand auf die hochklopfende Brust, er zog die Mütze ab, um sein Haupt um und um von den sanften Lüften anfächeln zu lassen. Als er sich zu Hause entkleiden wollte, fühlte er doppelt, wie all sein Blut in ihm wogte, wie die schnellen Takte seiner Pulse sich jagten; er verließ daher nochmals das Haus, um draußen in dem Frieden der Nacht Ruhe zu finden. Auf der Landstraße und durch die Felder schritt er hin, er war so froh und selig, er fragte nicht warum, er hätte ewig so fortwandeln mögen, so mit freudig hüpfender Brust: der Geist des Lebens war wiederum in ihm auferstanden und trug ihn schwebend auf der schönen, friedlichen Erde. Als er endlich wieder heimgekehrt war, sah er die Thüre an der Ehren -Kammer halb offen. Ohne daß er es wußte oder wollte, ging er hinein und stand wie festgezaubert: da lag Emmerenz. Der Mond beschien ihr Antlitz, ihr Haupt lag unter ihrem rechten Arme und die linke Hand ruhte an dem Gelände. Die Brust Ivos hob sich, sein ganzes Wesen erzitterte, er wußte nicht, wie ihm geschah, aber er beugte sich über Emmerenz und küßte sie so leise und zart wie der Mondstrahl auf ihre Wangen; Emmerenz schien es doch zu fühlen, denn, sich auf die andre Seite legend, sagte sie nur halblaut: »Ein' Katz, Katz, Katz.« Ivo stand noch eine Weile still, mit emporgestrebten Armen lauschend, ob sie nicht erwacht sei; als sie aber ungestört fortschlief, ward Ivo von der Heiligkeit dieser Ruhe bewältigt, er schlug sich zähneknirschend mit geballter Faust vor die Stirne und verließ das Gemach. In seinem Zimmer warf er sich dann auf den Boden, und seine Seele im tiefsten Grunde marternd rief er: »Herr Gott! vergib, laß mich sterben, denn ich habe gesündigt. Ich bin ein Verworfener, Nichtswürdiger. Herr Gott! strecke deine Hand aus und zermalme mich.« – – Von Kälte geschüttelt, erwachte Ivo, es war Tag, er legte sich zu Bett. Die Mutter brachte ihm den Kaffee vor das Bett, sie fand ihn sehr übel aussehend. sie wollte es nicht zugeben, daß er aufstehe; Ivo aber ließ sich nicht davon abhalten, denn er wollte und mußte zur Kirche gehen. Als Ivo vor dem Stalle vorüberging, hörte er die Emmerenz drin singen: »I haun koan Haus Und haun koan Hof, I haun koan Feld Und haun koan Geld, Und so e Mädle, Wie'n i bin, Hot koan Freud' auf der Welt.« »Warum so traurig?« konnte sich Ivo nicht enthalten zu fragen, »hast du schlecht geschlafen?« »Vom schlecht Schlafen weiß ich nichts, ich bin müd, wenn ich ins Bett komm', und da fallen mir die Augen zu; das Lied ist mir halt grad so eingefallen.« »Brauchst nichts zu verhehlen, gelt, du hättest eben doch gern den Konstantin zum Schatz?« »Den? lieber den Franzosensimpel oder den blinden Koanradle; ich hab' kein Gelust, das halb Dutzend bei ihm voll zu machen. Ich brauch' kein' Schatz. ich bleib' ledig.« »So sprechen alle Mädchen.« »Du wirst schon sehen, daß mir's ernst ist.« »Wenn du einen braven Mann kriegen kannst, mußt du nicht zu heikel sein.« »Was könnt' ich kriegen? so einen alten Witwer, der schon ein paar Weiber unter die Erd' geliefert hat. Nein, wenn ich einmal nimmer bei euch bleiben kann, bin ich kurz resolviert; ich hab' dem Gretle versprochen, ich komm' zu ihm nach Amerika. Es macht mir aber rechtschaffen Freud', daß du dich auch noch um mich kümmerst; so ist's ja nicht, daß, wenn man Geistlich wird, man gar nicht nach seinen alten Freunden umgucken darf?« »Ich wünsche von Herzen, daß ich dir zu deinem Glücke verhelfen könnte.« Emmerenz sah ihn freudestrahlend an, dann sagte sie: »Das hab' ich mir immer denkt, du bist allfort gut gewesen, ich hab's nie glaubt, daß du stolz seist. Frag nur dein' Mutter, wir reden oft von dir. Spürst als nichts in deinem rechten Ohr?« Die beiden plauderten noch eine Weile so miteinander. Emmerenz erzählte, daß sie der Mutter die Briefe vorlese und daß sie sie fast ganz auswendig wisse. Ivo hielt es für seine Pflicht, sie darauf aufmerksam zu machen, daß er auch ihrer nicht vergessen habe und daß sie nur stets recht brav sein solle; er sagte dies alles mit großer Selbstbeherrschung, denn das treuherzige Wesen des Mädchens hatte einen gewaltigen Eindruck auf ihn gemacht. Es läutete, und an einigen mit ihren Gebetbüchern heimkehrenden alten Frauen merkte Ivo, daß er die Frühmesse versäumt hatte. »Wo schaffst du denn heute im Feld?« fragte er noch. »Draußen im Weiherle.« Mit einem »B'hüt di Gott« ging Ivo auch hinaus ins Feld, aber gerade nach der entgegengesetzten Seite; es zog ihn oft dahin, wo er wußte, daß Emmerenz war, dann ging er aber um so schneller, um der Versuchung seines Herzens Trotz zu bieten. Endlich kehrte er nach Haus und nahm ein Buch vor, um zu studieren; aber er konnte seine Gedanken nicht zusammenbringen. Er nahm Papier und begann einen Brief an seinen Klemens, er wollte ihm sein ganzes Inneres aufdecken, bald aber zerriß er den angefangenen Brief wieder und tröstete sich damit, daß er seinen Freund ja bald wieder sehe. Gegen alle frühere Gewohnheit war nun Ivo selten zu Hause. Er brachte oft halbe Tage in des Jakoben Schmiede zu. Die Schmieden sind Aufenthaltsplätze für allerlei Nichtsthuer, für alte Leute und Faulenzer; da kommen fremde Fuhrleute, da kommen Einheimische, die die Pferde beschlagen lassen oder schadhaftes Feldgeräte bringen; wie der Blasbalg immer neu das Feuer anschürt, so strömt auch stets neue Unterhaltung herzu. Ivo dachte viel darüber nach, wie es geworden wäre, wenn der Wunsch seiner Kindheit in Erfüllung gegangen und er das Schmiedehandwerk erlernt hätte. Er nahm sich vor, einst, wenn er Pfarrer sei, diese Orte oft zu besuchen und hier gelegentlich manches gute Wort anzubringen. Und wenn er daran dachte, daß er vielleicht nie zum geistlichen Amte gelange, sagte er sich innerlich: »Immerhin, aber nur nicht so werden wie der Studentle.« 13. Der Zwiespalt. Als Ivo wieder in das Kloster zurückgekehrt war, ließ er mehrere Tage vorübergehen, ehe er die Bewegung seines Innern seinem bleich gewordenen Freunde Klemens mitteilte; er schauderte mit Recht vor dieser Eröffnung. Als sie wiederum im Burgholz waren, faßte Klemens die Hand Ivos und sagte: »Ich habe es im Traume gesehen, wie Satan sein Netz über dich ausspannte.« Ivo gestand seine Liebe zu Emmerenz. »Wehe!« rief Klemens, »wehe! auch über dich ist der Versucher gekommen! Aergert dich dein Auge, so reiß es aus, du mußt die Höllenflamme in dir zertreten und sterbe auch dein Leben mit.« Ivo mußte nun alsbald zur Beichte gehen. Auch von ihm erfuhr man nie, welche Buße ihm auferlegt wurde, nur willigte er gern in den Vorschlag des Klemens, daß sie fortan auf der Erde schliefen und sich auch sonst auf allerlei Weise kasteiten. Klemens schlief fast immer auf der Erde, sitzend mit ausgebreiteten Armen, in der Form des Kreuzes. Mit aller Macht seines Willens wendete Ivo seine Seele von den Weltgedanken ab, und es gelang ihm wiederum, sich ganz in die Gottesgelahrtheit zu versenken. Bald aber verfolgte ihn auch in diese heiligen Gebiete ein fremder Dämon. Er wagte es nicht, dies Klemens mitzuteilen; denn dieser hätte von neuem kläglich Zeter gerufen. So war der Zerfall der beiden Freunde schon vorbereitet, der endlich ganz unerwartet zum Durchbruche kam. Klemens sprach einst von der Gottheit Christi, der den martervollen Kreuzestod über sich genommen, und wie ihn das erst als Gott und Heiland der Welt offenbare. »Ich sehe an dem Kreuzestod nichts so Uebermenschliches,« sagte Ivo ganz ruhig. »Es ist heilig, aber nicht übermenschlich, als Unschuldiger für ein erhabenes Streben zu sterben. Nicht der gekreuzigte Christus, sondern der lebende und lehrende, der so allliebend war, wie noch keiner vor ihm, der ist mein Heiland; er wäre mir derselbe, wenn er die Treue seiner göttlichen Sendung auch nicht mit dem Martertode besiegelt, wenn die verblendeten Juden ihn anerkannt und ihn leben gelassen hätten. Nicht der gekreuzigte, sondern der lebendige Christus, sein göttliches Leben und seine göttliche Lehre ist mein Heiland, mein Erlöser.« Klemens stand da und zitterte am ganzen Körper, seine Lippen quollen auf, sein Auge rollte wild, und mit gewaltiger Faust schlug er Ivo ins Gesicht, daß diesem die Funken aus den Augen sprühten und die Wange brannte. Ivo stand ruhig da, Clemens aber fiel vor ihm nieder, faßte seine Hand und schrie: »Wirf dich mit mir in den Staub, Elender! Wahrlich, die schwerste Züchtigung, die für deine Gottlosigkeit dir werden konnte, hat der Herr durch meine Hand an dir vollführt; ich wollte es nicht, aber der Herr hat meinen Arm gegen dich geschleudert. Du bist mein Herzbruder, und durch mich mußtest du gezüchtigt werden, daß du es fühlest, wie zweischneidige Schwerter durch dein Gebein fahren. – Wirst du mich von dir stoßen, so ist das die härteste Strafe, die der Herr über dich verhängte; er will dir deinen besten Freund nehmen. Thue, wie dir dein Geist befiehlt, verstoße mich, dann bist du zwiefach elend. In tiefe Nacht muß dich der Herr tauchen, damit du zum Licht kommst, mit Wermut muß er dich tränken, mit Galle dich sättigen, bis der Lügengeist aus dir ausfahre und der Sündenschlamm von dir abfällt. Herr! laß dir dies Opfer wohlgefallen, ich opfere dir ein Stück meines Herzens, meinen Freund. Du bist mein Freund, o Herr! Vergib mir, daß meine Seele noch an ihm hing, der da ist ein Fraß der Würmer. Begnadige mich, o Herr! reiche mir den vollen Becher des Schmerzes, führ mich den Dornenweg, zu dir, zu dir!« Wehmütig stand Ivo da und blickte auf seinen Freund, dessen überquellende Heftigkeit er wohl kannte; er wollte ihn aufrichten, Klemens aber wehrte es ab, und Ivo erkannte bald den vollen Gedankenlauf dieser Verzückung. Mit unbeschreiblichem Schmerze sah er dann hier in seinem lebendigen Freunde dessen Leiche vor sich, und wiederum war es ihm, als stünde sein eigener Geist vor dem eigenen entseelten Körper und sähe ihn zum letztenmal zusammenzucken; ihm schwindelte. Er versuchte es nochmals, Klemens aufzuheben, dieser aber richtete sich straff auf und fragte Ivo gebieterisch: »Willst du Buße thun? Willst du mit den Thränen der Reue den Rost deiner Seele abwaschen?« »Nein.« »So fahre zur Hölle!« rief Klemens, Ivo abermals packend; dieser aber wehrte kräftig ab, und der Wilde sagte bittend: »Schlage mich, tritt mich, ich will alles gern über mich nehmen, aber retten muß ich dich, das will der Herr.« Ivo kehrte sich ab und verließ lautlos seinen Freund. Still und gedankenvoll ging Ivo lange Tage umher: die volltönendste Saite seiner Seele war in schrillem Mißklange zerrissen, er hatte eine schöne Liebe begraben, seine Trauer war tief und namenlos. – Jetzt auch, da er ein Extrem der Glaubensschwärmerei vor sich gesehen hatte, regten sich viele halbschlummernde Zweifel und Bedenken lebhafter, er war »zwiefach elend«, wie Klemens verheißen, aber er konnte sich nicht retten. Der Horber Kaplan war als Professor nach Tübingen gekommen. er hatte noch immer eine gewisse Vorliebe für Ivo; dieser schloß sich ihm inniger an und eröffnete ihm die Marter seiner Seele. Sonderbar! gerade über die Jungfrau Maria wagte Ivo die meisten Bedenken. Er fragte zuerst, ob sie »eine Heilige, auch allgegenwärtig sei«, da man doch überall zu ihr bete. Der Professor sah ihn etwas betroffen an, dann sagte er: »Der Begriff der Gegenwart ist ein bloß menschlicher, den körperlichen Dingen entnommen, eigentlich nur für sie geltend; indem wir das Wörtchen ›all‹ zu ›gegenwärtig‹ hinzusetzen, wollen wir nun die Gesamtheit des Daseins zusammenfassen, wir glauben nun dadurch einen neuen Begriff zu gewinnen, in der That aber haben wir keinen. Wie wir überhaupt nichts Ueberirdisches als solches in Begriffe fassen können, ist also das Dasein eines Geistes durch den Begriff der Gegenwart gar nicht meßbar. Wir fassen überhaupt alles Ueberirdische nicht durch den Begriff, sondern durch den Glauben.« Ivo befriedigte sich vollkommen mit dieser Antwort; schüchtern wagte er noch die Frage, wie man von der Jungfrau Maria sprechen könne, da doch in der Bibel Brüder Christi erwähnt würden. Der Professor erwiderte: »Das griechische Wort αδελφός ist nicht wörtlich zu nehmen, das ist ein orientalischer Ausdruck, aus dem Hebräischen genommen, und heißt so viel als Verwandter, Freund.« »So wäre also der Ausdruck υιὸς θεου̃ auch nicht wörtlich zu nehmen, und wäre auch bloß orientalischer Ausdruck?« »Keineswegs, hierfür sprechen ausdrücklich die messianischen Stellen des Alten Testaments, die Evangelien und die Satzungen der Kirche, und dann,« setzte er hinzu, indem er die Mienen Ivos scharf beobachtete, »ist die ganze Menschwerdung Gottes nur dazu, um dem menschlichen Begriff einen Halt zu geben, da, wie ich vorhin gesagt, wir das Ueberirdische nicht begreifen können. Das Wesen derselben ist und bleibt eben ein Mysterium, das wir nur glauben können, und der Glaube wird in dir wohnen, wofern du dich nur recht befleißest, deine Seele rein und kindlich zu erhalten.« »Ja, das ist nicht so leicht,« sagte Ivo zaghaft. »Ich will dir einen bewährten Rat geben,« sagte der Professor, die Hand auf die Schulter Ivos legend: »so oft ein Gedanke in dir aufsteigt, der dich vom Glauben entfernt, such ihn augenblicklich zu bannen durch Gebet und Studium, laß ihn nie länger in dir walten. Es geht uns mit unserm Gotte, wie mit einem Freunde; haben wir uns länger innerlich von ihm entfernt, so finden wir leicht den rechten Weg zu seinem Herzen nicht mehr.« Diese Lehre und dieses Gleichnis trafen Ivo gewaltig, aber es war zu spät. Man sollte vermuten, solcherlei Forschungen hätten Ivo über die Kirche hinaus bis an die äußersten Grenzen des Denkens treiben müssen, aber er war und blieb ein gläubiges Gemüt; er war vom Vorhandensein der Wunder lebendig überzeugt, und nur eine Seele, die noch auf dem Zauberboden der Wunder steht, weilt noch auf dem Gebiete des wahrhaften Kirchenglaubens: der Glaube ist die Hingabe an ein Unerklärbares oder Unerklärtes, an ein Wunder. Das Widerstreben Ivos gegen das geistliche Studium hatte noch ganz andre Grundlagen, die ihm jetzt immer deutlicher wurden; die alte Lust nach einem thätigen Leben regte sich in ihm. Eine frühere Gedankenreihe, die schon im Kloster zu Ehingen begonnen, aber wieder abgebrochen ward, setzte sich in Ivo fort. »Nicht die schweißvolle Arbeit der Hände,« sagte er zu sich, »ist die Strafe für die erste Sünde, sondern, weil die Menschen vom Baume der Erkenntnis einmal gegessen, müssen sie nun ewig danach streben, ohne sich ganz daran ersättigen zu können; im Schweiße ihres Angesichts suchen sie das Brot ihres Geistes, die flatternden dürren Papiere sind die Blätter am Baume der Erkenntnis, zwischen welchen die Frucht versteckt sein soll. Glückselig, wem der heilige Christbaum mit seinen von höherer Hand angezündeten Lichtern der volle Baum der Erkenntnis geworden. Arbeit! Arbeit! Nur das Tier lebt und arbeitet nicht, es gehet aus, um seine Nahrung zu suchen, und bereitet sie nicht; der Mensch aber greift ein in die ewig schaffende Kraft der Erde, frei mitwirkend in der Thätigkeit des Alls erringt er den Segen der That, kommt Ruhe und Friede über ihn. Ihr verblendeten Römer! Euer Wahlspruch war: Leben heißt Krieg führen, und ihr ginget hin, eure Brüder zu unterjochen, um im stolzen Triumphe in die Roma einzuziehen. Nein! Leben heißt arbeiten. Wohl ist das auch ein Kampf mit den stillen Mächten der Natur, aber ein Kampf des freien Lebens, der Liebe, der die Welt neugestaltet: des Steines Härte weicht des Meißels Kraft und füget sich zum schönen Gebäude; und vor allem sei du mir gepriesen, Ackerbau! In der Erde Furchenwunden streuest du siebenfältig Leben. Da hebt sich das Herz, da wächst der Geist. Und wie wir die Erde bebauen, sie uns unterthan machen, so lernen wir auch unsre Erdennatur, die wir mit uns herumtragen, beherrschen und lenken; und wie wir des Segens und des Sonnenscheins von oben harren, der unser Werk aufgehen und reifen macht, so ist es dein Wille, o Herr! die Gnade über uns auszugießen, damit die Saat unsres Geistes gedeihe und unsern Leib heilige. Gib mir, o Herr! einen kleinen Fleck Erde, und ich will ihn siebenfältig umarbeiten, auf daß die verborgenen Säfte aufschießen in Halme, die sich vor dem Hauch deines Mundes anbetend neigen. Ich will meine schwieligen Hände lobpreisend zu dir erheben, bis du mich hinaufziehst in das Reich deiner Glorie.« »Ich möcht' wohl Pfarrer sein,« sagte er ein andermal vor sich hin, »aber nur des Sonntags: so die ganz' Woch' mit nichts als mit unserm Herrgott und von dem leben, was man von ihm weiß, in der Kirche so daheim sein wie in seiner Stub', da hat man gar keine Kirche und keinen Sonntag mehr. Ach, lieber Himmel! wie schön war mir's, wenn ich des Morgens in die Kirche gekommen hin und hab' ›guten Morgen, Gott‹ gesagt; die Sonne hat ganz anders geschienen, die Häuser haben anders ausgesehen, und die Welt war ganz anders wie an einem Werktag.« Ivo mochte an Emmerenz gedacht haben, denn er sagte weiter: »Das lutherische Pfarrleben gefällt mir auch nicht. Vom Predigen eine Frau und einen Haufen Kinder ernähren, nein! nein!« Dann kamen wieder leise die theologischen Bedenken, und er sagte einmal: »Die Theologie verdirbt die Religion. Was braucht's da viel? Liebe Gott und liebe deinen Nächsten. Punktum.« So erzitterte und erbebte das ganze Wesen Ivos. Der Gedanke an Emmerenz jagte ihm oft Fiebergluten in das Antlitz, und dann überrieselte ihn wieder Eiseskälte, wenn er an sein Schicksal dachte. Ivo dachte nun viel darüber nach, wie er den Eltern seinen unabänderlichen Entschluß, aus dem Kloster zu treten, mitteilen wolle; es war schwer, ihnen klar zu machen, daß er keinen rechten Beruf zum Geistlichen und auch den vollen Glauben nicht in sich fühle. Da kam plötzlich ein Bote aus Nordstetten mit einem Briefe vom Schultheiß an den Direktor, der den Wunsch enthielt, Ivo einige Tage nach Hause zu entlassen, da seine Mutter eine schwere chirurgische Operation nur in seinem Beisein bestehen wolle. Von Angst gejagt, eilte Ivo mit dem Boten nach Hause. Er erfuhr, daß seine Mutter schon vor längerer Zeit beim Fallen von der Treppe einen Arm gebrochen, daß sie aber nicht darauf geachtet, und nun, als es schlimmer geworden sei, der Arm noch einmal gebrochen und wieder eingerichtet werden müsse, sonst müsse sie sterben; nur ihrer Kinder wegen, für die sie sich erhalten müsse, wolle sie sich der schmerzlichen Operation unterziehen. Es durchschnitt Ivo die Seele, daß der Bote immer von seiner Mutter sprach, wie wenn sie schon gestorben wäre, oder sicherlich »nicht mehr davonkäme«. »Sie war die rechtschaffenste Frau, so weit man kocht,« war der stete Schluß seiner Reden. Das Wiedersehen von Mutter und Sohn war herzergreifend, und die Mutter sagte. »So, jetzt kann ich alles besser aushalten, wenn du da bist.« Andern Tages kam der Chirurgus, er wollte, daß man der Frau die Augen verbinde, sie aber sagte: »Nein, rücket das Bett in die Mitte des Zimmers, so daß ich den Heiland sehen kann, und ihr werdet's erfahren, ich werd' nicht zucken und keinen Laut geben.« – Nach vielem Einreden und Widerstreben wurde ihr willfahrt. In der einen Hand, an ihrem kranken Arme, hielt sie den Rosenkranz, mit der andern hielt sie die Hand ihres Sohnes fest, ihr Auge war starr nach dem Kruzifix gerichtet, und sie sagte: »Lieber Heiland! Du hast die höchsten Schmerzen mit göttlichem Lächeln ertragen, lieber Heiland, gib mir Kraft, halte mich fest, wenn ich zittern will, und wenn die Schwerter mir durch die Seele fahren, will ich dein gedenken, o heilige Mutter Gottes! und stille dulden. Bete mit mir, lieber Ivo.« Ohne einen Laut von sich zu geben, ließ sie die Operation vollziehen, und als der Knochen unter gewaltigem Drucke knackte, als alles ringsum weinte und stöhnte, als der Vater halb ohnmächtig in die Kammer geführt und hinter der verschlossenen Thüre sein halb unterdrücktes Schluchzen laut wurde, da war die Mutter Christine still und regungslos, nur ihre Lippen bewegten sich, ihr Auge war fest auf den Heiland gerichtet, und ein heiliger Glanz leuchtete daraus hervor. Als nun alles vollbracht war und selbst der Chirurgus nicht umhin konnte, die Heldenkraft der Kranken zu preisen, da sank Christine in die Kissen zurück, ihr Auge schloß sich, aber eine lichte Glorie schwebte auf ihrem Antlitze. Alle Anwesenden standen in stummer Bewunderung. Der Vater war wieder eingetreten. Er beugte sich über seine Frau; als er ihren Atem fühlte, blickte er mit einem schweren Seufzer und dem Rufe: »Gelobt sei Gott!« nach oben. Ivo kniete an dem Bette nieder, er blickte zu seiner Mutter auf und betete die Verklärte an. Alles faltete still die Hände, niemand wagte einen Laut, und es war, wie wenn der lebendige Geist Gottes durch alle Herzen zöge. Als die Mutter Christine erwachte und »Valentin!« rief, eilte dieser auf sie zu, faßte ihre Hand, drückte sie an sein Herz und weinte. »Gelt,« sagte er endlich, »du verzeihst mir? du sollst g'wiß kein unschön Wörtle mehr von mir kriegen. Ich bin dich nicht wert, das seh' ich erst jetzt doppelt ein; und wenn unser Herrgott dich mir genommen hätt', ich wär' toll geworden.« »Sei nur ruhig, Valentin, ich hab' dir nichts zu verzeihen; ich weiß wohl, du bist gut, wenn du auch manchmal nicht so bist, wie du bist. Gräm dich nur jetzt nicht, Valentin, es geht wieder alles gut. Unser Herrgott hat uns nur versuchen wollen.« – – Die Mutter Christine genas wunderbar schnell. Valentin hielt getreulich Wort. Er wachte um seine Frau wie um ein höheres Leben, der leiseste Wink ihres Auges war ihm ein fröhliches Gebot; man mußte ihn zwingen, sich nur etwas Nachtruhe zu gönnen. Emmerenz und Ivo wechselten ab, um bei der Mutter zu wachen, und diese sagte manchmal: »Ihr seid liebe, brave Kinder, unser Herrgott wird's euch g'wiß gut gehen lassen.« Oft auch, wenn die Mutter schlief und das eine kam, um das andre abzulösen, redeten sie noch lange miteinander. Ivo offenbarte der Emmerenz den tiefsten Wunsch seiner Seele nach einer anstrengenden Arbeit, und sie sagte: »Ja, ich kann mir's denken, ich könnt' nicht leben, wenn ich nicht recht tüchtig zu schaffen hätt'; ich will mich nichts berühmen, aber im Schaffen nehm' ich's mit einer jeden im Dorf auf.« »Und wenn du erst ein eigen Hauswesen hättest, gelt, da thätest du erst rechtschaffen arbeiten?« »Ja,« sagte Emmerenz und streifte ihre kurzen Hemdärmel noch besser hinauf und straffte ihre kräftigen Arme, gleich als müsse sie jetzt augenblicklich zugreifen. »Ja, wenn das wär'! aber es ist mir auch so kein' Arbeit zu viel.« »Nun,« sagte Ivo, »denkst du denn auch als etwas bei der Arbeit?« »Ja, g'wiß.« »Was denn?« »Was einem eben so in den Sinn kommt, ich hab' mich noch nie darum besonnen.« »Nun sag mir's zum Beispiel.« »Ja, da weiß ich nichts.« Das sonst so zuversichtliche Mädchen wußte sich vor Verlegenheit gar nicht zu helfen. »Schämst du dich, mir's zu sagen?« »Kein Brösele, aber ich weiß halt nichts.« »Nun, was hast du heut morgen beim Dinkelschneiden gedacht? was für Gedanken sind dir durch den Kopf gegangen?« »Ja, da muß ich mich besinnen, du darfst mich aber nicht auslachen.« »Nein.« »Zuerst hab' ich, glaub' ich, an gar nichts gedenkt. Du könntest mich drauf rädern, es fällt mir nichts ein. Ja doch, ich hab' dacht, wie lang wir da zu schneiden haben. Hernach bin ich auf ein Wachtelnest gestoßen, da sind ganz junge Vögele drin gewesen; jetzt hab' ich's auf die Seite than, daß es die Buben nicht kriegen. Jetzt hätt' ich gar zu gern die Alten gesehen, wie die sich wundern, wenn auf einmal ihr Haus an einem andern Fleck steht. Jetzt ist mir das Lied vom Nazi eingefallen, du kannst's ja auch so schön singen, das von der armen Seel'. Jetzt hab' ich so dacht: wo mag auch der Nazi sein? Jetzt, ja, jetzt hab' ich dacht: es ist gut, daß bald Mittag ist, denn ich hab' einen wetterlichen Hunger gehabt. So, das ist alles. Gelt, das ist nicht viel?« Scheu zupfte das Mädchen an seinen Kleidern und wollte den Blick gar nicht erheben. Ivo fragte nun wieder: »Denkst du denn nicht auch als daran, wie wunderbar es ist, daß Gott das Samenkorn, das der Mensch säet, siebenfältig aufschießen läßt, daß die Saat unter dem Schnee schläft, bis die Frühlingssonne sie weckt – wie viel Millionen Menschen sich schon von dem Safte der Erde genährt und ihn doch nie erschöpfen?« »Jawohl, das hab' ich auch schon denkt, aber von ihm selber wär' ich nicht drauf kommen; der Pfarrer hat das auch oft in der Predigt und in der Christenlehr' gesagt. Guck, wenn man selbst so viel mit dem Sach' zu schaffen hat, da kommt man auf keine solche Gedanken, da denkt man halt: ist's bald zeitig, und gibt's viel aus? Die Pfarrer, die nicht im Felde schaffen, die keinen Dung 'nausführen und nicht dreschen, die kommen eher auf solche Gedanken.« »Du mußt sie auch öfter aufsuchen, dann findest du sie von selber, thu das, Emmerenz.« »Jawohl, das will ich, du hast recht, es ist immer gut, wenn man einen ermahnt. Wenn du mich wieder fragst, wirst sehen, kann ich dir mehr sagen; ich bin nicht so dumm.« »Und recht lieb,« sagte Ivo. Er wollte ihre Hand fassen, hielt aber schnell wieder an sich; dessen aber konnte er sich nicht erwehren, daß er das kernhafte Wesen des Mädchens immer mehr liebte. – – Mit tief erschütterter Seele kehrte Ivo wieder in das Kloster zurück. Er bewunderte die Heldenkraft seiner Mutter und gelobte sich, ihr nachzustreben; aber noch andres bewegte seine Brust: das Paradies seines elterlichen Hauses war aus Schmerz und Qual vor seinen Augen wiedererstanden. Er erkannte, welch eine unversiegbare Seligkeit es ist, wenn zwei liebende Herzen fest aneinander halten und im ewigen Wechsel des Lebens sich traut aneinander schmiegen. Der mächtig zurückgehaltene ewige Schmerz trat hervor. Er dachte an Emmerenz – und im dunkeln Tannenwalde saß er und weinte. Drunten im Thale schrillten die grellen Töne einer Sägemühle; Ivo wünschte, daß dies die Bretter zu seinem Sarge sein möchten, die man dort bereite. – – In der nächsten Vakanz war Ivo wiederum fast immer zu Hause; hier war jetzt ein seliges Leben, Valentin war wie ausgewechselt, kein lautes Wort wurde vernommen, ein jedes behandelte das andre liebreich und zart, es war wie ein steter Palmsonntag aus der Kinderzeit. Aber all diese Ruhe erregte auch in Ivo eine Unruhe, all diese Freude erweckte ihm auch Schmerz und Unfrieden; er erkannte deutlich seine einsam verkümmerte Zukunft, ihm war kein so seliges Leben beschieden. Zwei gewichtige Ereignisse erhöhten noch das Leben dieser Vakanz; der Johannesle hatte für seinen Konstantin ein Haus bauen lassen, Valentin hatte es mit seinen Söhnen aufgerichtet, und Joseph, der in diesen Tagen Meister wurde, hielt den Bauspruch. Das ganze Dorf war vor dem Hause versammelt, Meister und Gesellen standen hoch oben und steckten die junge Tanne, mit Bändern aller Art geschmückt, auf die Spitze des Giebels. Alles war gespannt auf den ersten Spruch Josephs. Nach einem einfachen Gruße sagte er: »Allhier bin ich aufgestiegen und geschritten, Hätt' ich ein Pferd gehabt, so wär' ich heraufgeritten; Weil ich aber hab' kein Pferd, So ist es nicht viel sagenswert. Das höchste Haupt, der Kaiser gut, Den Gott erhalt' in seiner Hut, Ja, alle Fürsten, Grafen und Herren Das ehrbar' Zimmerhandwerk nicht können entbehren. Ein Zimmergeselle bin ich genannt, Ich reise [wie] Fürsten und Herren durchs Land, Dasselbe mit Fleiß zu besehen, Daß ich einmal möchte bestehen. Wann ich hätte aller Jungfrauen Gunst Und aller Meister ihre Kunst Und aller Künstler ihren Witz, So wollt' ich ein Haus bauen auf eine Nadelspitz'; Weil ich aber dasselbe nicht thun kann, So muß ich bauen nach einem guten Plan. Wer da will bauen auf Gassen und Straßen, Der muß einen jeden können reden lassen. Ich lieb', was fein ist, Wann's gleich nicht mein ist; Wann mir's gleich nicht werden kann, Hab' ich doch Lust und Freud' daran. Drauf trinket ein Gläselein Wein, Kamerad. schenk mir drauf eins ein. Bauherr! ich bring's Euch aus Lieb' und Freud', Nicht aus Haß oder großem Neid, Sondern aus Lieb' und Freundlichkeit. Auf unsers Kaisers feine Tapferkeit! Auf seines Feindes Verderblichkeit, Auf hiesiger Herren Gesundheit Und aller guten Freunde insgemein, Die hier unten versammelt sein. Jetzt trink' ich über euch allen, Gebt acht! das Glück wird hinunterfallen, Hinunter ist gar gefährlich Und euch herauf beschwerlich. Ich will mich jetzt eins bedenken Und das Glas hinunterschwenken.« Joseph trank, das Glas fiel hinab, und ein hundertstimmiges Hoch erschallte. Dann sprach er wieder: »Durch Gottes Hilfe und seine Macht Haben wir diesen Bau zustande bracht, Drum thun wir dem lieben Gott danken, Daß er keinen hat lassen wanken; Daß keiner ist in Unglück kommen, Und daß keiner kein' Schaden genommen; Auch thun wir den lieben Gott noch bitten: Er wolle uns ferner in Gnaden behüten; Nun befehl' ich diesen Bau in Gottes Hand, Dazu auch das ganze Vaterland. Auch wünsch' ich daneben unserm Bauherrn im neuen Haus Gut Nahrung von denen, die gehen ein und aus; Und so wünsch' ich allen insgesamt Glück, Segen und Heil zu allem Stand. Ich hätt' mich bald hoch vermessen Und der viel ehr- und tugendsamen Jungfrauen vergessen, Die uns diesen Kranz haben formiert Und mit schöner Lieberei geziert; Ich dank' für alle diese Liebereien gut, Die werden uns hübsch stehen aufm Hut.« Mit dem Rosmarinstrauße auf dem Hut und dem unverschnittenen Felle angethan, kam Joseph herab und wurde von allen beglückwünscht und gepriesen, selig aber faßte seine Braut, des Hansjörgs Mareile, seine beiden Hände, sah ihm freudeverklärt in das Antlitz und blickte dann siegesfroh nach den Umstehenden. Ivo stand daneben, und Joseph sagte: »Gelt, Ivo, ich kann auch predigen, wenn's sein muß? Das ist mein' Primiz.« Ivo seufzte tief, da er an die Primiz erinnert wurde. Als alles sich entfernte, ein Teil heimwärts, ein andrer zum Schmause ging, ließ sich Ivo durch kein Zureden Konstantins zu letzterm bewegen; er stand noch eine Weile allein vor dem luftigen Gebälke und dachte darüber nach, wie glücklich der Konstantin bald sein werde, der nun schon ein Haus sein eigen nannte. »So ein Pfarrhaus,« sagte er dann vor sich hin, »ist wie ein Schilderhaus, das gehört niemand, keiner hinterläßt eine echte Spur seines Daseins, da zieht eine andre einsame Wache auf, bis wieder eine kommt und ablöst; doch ich will nicht selbstisch sein, wird mir auch das Glück des Familienlebens nicht, ich will für andre arbeiten und an den Spruch denken: Ich lieb', was fein ist, Wann's gleich nicht mein ist; Wann mir's gleich nicht werden kann, Hab' ich doch Lust und Freud' daran.« Acht Tage später war nun auch die Hochzeit Josephs. Da ging es lustig her, die Mutter Christine saß obenan neben ihrem Sohne Ivo, dieser war und blieb der Stolz der Familie. Ivo tanzte dann einmal mit seiner Schwägerin, hierauf aber auch mit Emmerenz; sie war ganz selig und sagte: »So, Jetzt haben wir doch auch einmal miteinander getanzt; wer weiß, ob wir noch im Leben dazu kommen.« Nun brachte der zweitälteste Bruder Ivos ihm seinen Schatz und sagte: »Tanzet miteinander.« Ivo willfahrte gern. Als er geendet, kam die Mutter Christine auf ihn zu und sagte: »Du tanzst ja prächtig, wo hast's denn gelernt?« »Das kann ich noch von meiner Jugend her; wisset Ihr, die Spinnerin hat mich's als zwischen Licht gelehrt.« »Wollen wir's auch einmal probieren?« »Ja, Mutter.« Alles hielt aus, während Ivo mit seiner Mutter tanzte. Jetzt erhob sich Valentin, schnalzte mit den Fingern und rief: »Spielleut'! einen Vortanz für mich, es gibt eine Bouteill'. Komm, Alte.« Er nahm seine Frau am Arm, hüpfte und sprang, dann tanzte er den alten Nationaltanz: er schnalzte mit der Zunge, schlug sich auf Brust und Schenkel, wiegte sich bald auf den Zehen, bald auf den Fersen und führte allerlei Figuren auf; bald faßte er seine Tänzerin, bald ließ er sie wieder los und trippelte mit geneigtem Kopfe und ausgestreckten Armen ganz verliebt um sie herum. Christine sah mit züchtiger Andacht, aber doch freudevoll zur Erde, drehte sich oft und oft, fast ohne sich von der Stelle zu bewegen. Sie hielt ein Ende ihrer Schürze anmutig in der Hand und schlüpfte bald unter dem rechten, bald unter dem linken Arme ihres Mannes durch, bald drehten und wendeten sich beide unter den erhobenen Armen hinweg. Mit einem Hops, von dem der ganze Boden zitterte, beschloß Valentin den Tanz. So war diese Vakanz voll Freude im Hause und außer demselben. 14. Der Zerfall. Von allen diesen Freuden weg mußte Ivo aber- und abermals in das Kloster. Er traf Klemens nicht mehr. Dieser hatte die Erlaubnis erhalten, ein Jahr früher auszutreten, um sich in ein königlich bayrisches Kloster zu begeben. Einen neuen Schmerz erfuhr Ivo in dem Schicksal Bartels, den wir mit ihm seit einiger Zeit aus den Augen verloren haben. Der gutmütige Jüngling hatte sich seit lange im voraus einem geheimen Laster ergeben, das seine ganze Körperkraft unterwühlte; er kaute immer an den Nägeln und dann rieb er sich wieder die Hände, als ob es ihn friere, sein Gang war schwankend und unstät, die Farbe seines Gesichts war weißlichgrün, eingefallene Wangen, eine rote Nase und der stets weit aufgerissene Mund machten den lang aufgeschossenen, lendenschwachen Jüngling zu einer Schreckgestalt. Er war dem Blödsinn nahe und wurde nun im Lazarett untergebracht. Man wollte noch den Versuch zu seiner Herstellung machen und ihn andernfalls aus dem Kloster entlassen. Ivo schauderte, als er ihn besuchte, denn die einzelnen kräftigen Erhebungen Bartels waren nur dazu, um sein eigenes Thun mit den heftigsten Gewissensbissen anzuklagen. Immer mächtiger drängte alles auf Ivo herein, die Luft um ihn her schien ihm verpestet. Er schrieb endlich einen Brief an seine Eltern, worin er ihnen seinen unabänderlichen Entschluß eröffnete, aus dem Kloster auszutreten, denn er könne nicht Geistlicher werden; weiter ließ er sich auf keine Erörterung der Gründe ein, denn er wußte wohl, daß diese doch nichts verschlagen würden, auch hätte man ihn gottlos gescholten, wenn er sie darlegte, und das hätte doppelten Schmerz gebracht. Mit fester Hand schrieb er den Brief, mit zitternder aber warf er ihn im Abenddunkel in die Brieflade. Als er das Papier den Schieber hinabgleiten hörte, war es ihm, als ob sein vergangenes Leben damit ins Grab hinabsinke, und jedes Leben, sei es auch noch so schmerzlich und verloren, krümmt sich im Tode; entschlossen richtete er sich dann wieder auf, der Zukunft entgegenschauend. Einige Tage später erhielt Ivo Besuch von seinen Eltern. Sie nahmen ihn mit in das Wirtshaus zum Lamm. Dort ließ sich Valentin ein Zimmer anweisen, und als sie alle darin waren, verriegelte er die Thüre. »Was geht mit dir vor?« fragte er Ivo streng. »Ich kann nicht Geistlich werden, lieber Vater; sehet mich nicht so grimmig an, Ihr seid doch auch einmal jung gewesen.« »So? da steckt der Putzen? Du vermaledeiter Bub', warum hast du denn das nicht vor acht Jahren gesagt?« »Ich hab's damals nicht so verstanden und hätt' auch die Kurasche nicht gehabt.« »Wart, ich will dich kuraschen. Mit dir mach' ich kurzen Handel, du wirst Pfarrer und damit basta!« »Eh spring' ich ins Wasser.« »Ist nicht nötig, du kommst nicht lebendig aus der Stub', wenn du mir nicht in die Hand hinein versprichst, Geistlich zu werden.« »Das thu' ich nicht.« »Was? das thust du nicht?« schrie Valentin, Ivo an der Gurgel packend. »Vater!« schrie Ivo, »um Gottes willen, Vater! lasset mich los, machet nicht, daß ich mich wehren muß, ich bin kein Kind mehr.« Christine hing sich an ihren Mann: »Valentin!« klagte sie, »ich schrei' Feuerjo zum Fenster 'naus, wenn du nicht gleich losläßt.« Valentin ließ ab, und Christine fuhr fort: »Ist das die Sanftmut, die du mir versprochen hast? Ivo, verzeih ihm, er ist nicht so bös, er ist ja dein Vater, Gott hat ihm die Macht über dich gegeben. Valentin, wenn du noch ein laut Wörtle redst, hast du mich gesehen, ich lauf' auf und davon. Ivo, thu's mir zulieb und gib ihm die Hand.« Ivo stand da und preßte die Lippen zusammen und weinte große Tropfen. »Vater,« schluchzte er, »ich hab' mich ja nicht selber zum Geistlichen bestimmt, und Ihr seid auch unschuldig, Ihr habt nicht wissen können, daß ich nicht dazu taug'; wir wollen einander keine Vorwürf' machen.« Er ging auf Valentin zu und wollte seine Hand fassen, dieser aber sagte: »Schon recht. Was will denn der hoffärtig Herr werden?« »Lasset mich noch ein halb Jahr die Tierarzneischul' besuchen, und dann will ich mich als Tierarzt und Bauer schon irgendwo niederlassen.« »Hast's gut vor, und ich soll dem Kloster 'rausbezahlen? für jed' Jahr zweihundert Gulden? Da kann man mir mein Haus ausschellen. Das wird schön klingen, und da wird's heißen: ja, der Ivo wird ein Katzendoktor, da kann man das Häusle schon dafür springen lassen – und von was willst du denn studieren? Willst du auf den alten Kaiser 'nein leben, oder meinst gar, ich geb' dir Geld? Du kannst einen Prozeß mit mir anfangen, kannst dein Mütterliches verlangen; ich will dir aber hernach schon eine Rechnung machen, was du mich kostest.« »Ich werde es beim Ministerium dahin bringen, daß man die Vergütung an das Kloster auf mein einstiges Vermögen überträgt.« – »Wir haben miteinander ausgeredet, brauchst mir nichts mehr zu sagen,« unterbrach ihn Valentin. »Wenn du nicht folgst, denk nur nicht, daß du noch einen Vater auf der Welt hast. Du bist mein Stolz gewesen, jetzt darf ich keinem Menschen mehr unter die Augen treten; ich muß froh sein, wenn die Leut' so gut sind und nicht von dir reden.« Dem harten Manne quollen Thränen aus den Augen; das Gesicht in beide Hände drückend, fuhr er fort: »Wenn mich nur ein siedig Donnerwetter in Boden 'nein verschlagen hätt', eh ich den Tag erlebt,« – er legte den Kopf auf das Fenstergesims, stampfte gewaltig gegen die Wand und kehrte sich nicht mehr um. Da sieht man's wieder, wie's die Menschen machen: seinen Haß und seinen Zorn ganz offen an seinem Sohne auszulassen, trug Valentin keine Scheu; seine Liebe und Zufriedenheit aber zu offenbaren, schämte er sich stets und verschloß sie in sich. Machen's nicht die meisten gebildeten und ungebildeten Menschen so? Die Mutter Christine hatte bis jetzt immer nur mit beiden erhobenen Händen Stille und Beruhigung herabbeschworen, nun sagte sie mit festerer Stimme, als man ihrem Antlitze nach hätte vermuten sollen: »Ivo, lieber Ivo, du bist doch allfort brav und gottesfürchtig gewesen, es ist ja kein bös Aederle in dir. Ich will nichts davon sagen, daß ich mir denkt hab', wie mir das eine Staffel im Himmel ist, wenn du Geistlich wirst, davon ist jetzt kein' Red', es ist mir um deinetwegen; um Jesu Christi Blut willen geh in dich, sei gut, bet rechtschaffen, und unser Herrgott wird dir helfen und dein Herz von allem, was nicht 'nein gehört, reinigen. Ach! du hast ja immer einen frommen Sinn gehabt. Guck, ich kann nicht viel reden, es stoßt mir schier das Herz ab; sei wieder so fromm und gut, wie du gewesen bist, sei wieder der lieb' Ivo,« – sie fiel an seinen Hals und weinte. Ivo umarmte sie und sagte: »Mutter lieb, Mutter lieb, ich kann nicht Geistlich werden; glaubet Ihr denn, ich hätt' Euch den Kummer gemacht, wenn ich anders könnt'? Ich kann nicht.« »Sag nicht: ich kann nicht. Das ist nicht fromm; will du nur recht, nimm dich recht fest zusammen und schüttel' all das böse Gelüst von dir, es muß gehen. Der Allbarmherzige wird dir helfen, und du bist wieder unser Glanz und unser' Freud', und bist ein fromm Kind vor Gott und den Menschen.« »Ich bin nicht schlecht, liebe Mutter, aber ich kann nicht Geistlich werden. Zerreißet mir das Herz nicht so. Ach! ich möcht' Euch ja so gern folgen, aber ich kann nicht.« »Laß ihn zum Teufel gehen, den Halunk'!« sagte der Vater, Christinen von ihrem Sohne wegreißend, »kannst du denn dein' Mutter so bitten und betteln sehen?« »Zerreißet mich!« rief Ivo, »aber Geistlich kann ich nicht werden.« »'naus, fort, 'naus, oder ich vergreif' mich an deinem Leben!« rief Valentin, der Schaum stand ihm vor dem Munde, er riegelte die Thüre auf und schob Ivo hinaus. »Es ist vorbei,« sagte Ivo tief aufatmend und schwankte die Treppe hinab. Von droben vernahm man ein Poltern, die Thüre wurde aufgerissen, und die Mutter kam herab; Hand in Hand ging sie mit ihrem Sohne bis vor das Kloster, sie redete kein Wort; nur als sie jetzt Abschied nahm, sagte sie: »Gib mir dein' Hand drauf, daß du's noch überlegen willst, und daß du dir kein Leid an deinem Leben anthust.« Ivo versprach's und ging still in seine Klause, der Boden wankte unter ihm, aber in dem tiefsten Kern seiner Seele stand der Gedanke fest und aufrecht, sich durch keinerlei kindliche Bewegungen zu einem Lebensberufe hindrängen zu lassen. »Ich habe Pflichten gegen mich selber und muß selber für mich einstehen,« sagte er zu sich. »In den Tod könnte ich gehen, um meiner Mutter zu willfahren, aber ein Leben, zu dem der innerste Beruf allein berechtigt, kann und darf ich ohne diesen nicht über mich nehmen.« In der Nacht aber erwachte Ivo plötzlich, es war ihm, als ob er durch einen Schrei seiner Mutter aufgeweckt worden wäre; er richtete sich in seinem Bette auf, und jetzt gedachte er, welch einen hohen, heiligen Beruf er zu verlassen gedenke, die ganze Herrlichkeit des geistlichen Amtes stand vor seiner Seele: ein liebender, tröstender, hilfreicher Freund der Armen und Bedrängten, ein Vater der Waisen und Verlassenen, ein Spender des Lichts und des Heils in allen Seelen. Er sah über all die theologischen Satzungen weg, ja, er gedachte, mitzukämpfen den heiligen Kampf der Befreiung von Aberwitz und Menschensatzung und den kommenden Geschlechtern das reine Licht des Himmels zu sichern; er kämpfte alle Erdenlust und alle Selbstsucht in sich nieder, er wollte leben für andre und für die andre Welt – kein Tag sollte vorübergehen, an dem er nicht eine Seele erquickt, ein Herz erfreut. »Wo ein armes Erdenkind in schwerem Harme weint, da will ich sein Wehe in mein Herz aufnehmen und es darin auskämpfen lassen. Ich will die Thränen der Trauernden trocknen, und du, o Herr! trockne die Thränen von meinem Antlitze, wenn mein Geist erlahmt und ich nächtlich weine über mein armes, verlassenes Leben!« So sprach Ivo vor sich hin, und ihm war so leicht und frei; es war ihm, als ob er, aller irdischen Schwere entbunden, sich jetzt hinaufschwingen müsse zum Urquell der Seligkeit. Und dann fühlte er sich wieder so siegesmutig, so kraftdurchströmt, als müsse er sich plötzlich in das heißeste Gewühl der Schlachten stürzen; entzückt dachte er an den Jubel, den seine Rückkehr zu seinem Berufe im elterlichen Hause erwecke – aus seligem Entzücken wurde er wieder hinübergetragen in das Reich des Traumes. Andern morgens schrieb Ivo einen Brief nach Hause, worin er mit tiefem Ernste und siegesfroher Zerknirschung die Rückkehr zu seinem Berufe verkündete und die Hoheit seines Wirkens pries. Was er aus Nachgiebigkeit gegen seine Eltern nicht thun konnte, das hatte er jetzt aus freier Selbstbestimmung vollführt. Als er wiederum an dem Briefschalter stand und das Schreiben durch den Schieber hinabglitt, da deuchte ihm dies wie der scharfe Schnitt eines Richtschwertes, er hatte sich selbst das Urteil geschrieben und vollzogen; kopfschüttelnd ging er nach dem Kloster zurück, die Kraft seines Wesens war gebrochen und klaffte im Zwiespalt auseinander. Mit allem Aufgebot seiner Willenskraft gab er sich nun wiederum dem Studium hin, es gelang ihm, für einige Zeit Friede und Beruhigung darin zu finden. Zu Hause erregte der Brief das höchste Entzücken. Kaum aber war die erste Freude der Botschaft vorüber, da lächelte die Mutter oft schmerzlich vor sich hin; sie ging gedankenvoll im Hause umher und redete wenig. Oft ließ sie sich abends, wenn ihr die Augen übergingen, den Brief von Emmerenz vorlesen, und wenn sie an die Stelle kam: »Ich will mein Leben Gott opfern, der mir es gegeben, ich will Euch, meine liebe Mutter, die höchste Freude Eures Lebens gewähren,« da seufzte Christine schwer. Einst, am Samstagabend, saßen Christine und Emmerenz bei einander und schälten Kartoffeln auf morgen; Emmerenz hatte den Brief wieder vorgelesen, und sie sagte nun: »Bas, es ist mir immer, als ob Ihr Euch nicht grundmäßig freuen könntet, daß der Ivo Geistlich wird; saget's nur frei von der Leber weg, ich merk's wohl, vor mir brauchet Ihr ja kein Hehling haben.« »Du hast recht, guck, ich will dir's nur sagen, vor ihm (sie meinte hiermit ihren Mann) dürft' ich davon nicht schnaufen, da wär' gleich Feuer und Flamm' auf dem Dach. Guck, mir ist es halt immer, wie wenn ich eine schwere Sünd' begangen hätt'; guck, ich hab' ihm sein Herz so schwer gemacht, und er ist gar ein gut Kind, es ist kein bös Blutströpfle in ihm, und da wird er mir zulieb Geistlich, und sein Herz hängt doch an der Welt, und das ist eine schwere Sünd'.« »Das ist ja ganz erschrecklich, da hätt' ich kein' ruhige Stund', da müßt' mir geholfen sein.« »Ja, aber wie? Guck, ich möcht' ihm das gern zu wissen thun, und hinter ihm (sie meinte hiermit wieder ihren Mann) mag ich mich doch dem Schullehrer nicht anvertrauen, und ich kann doch selber nicht mehr schreiben.« »Da ist leicht geholfen, da schreib' halt ich, ich kann's ganz gut, und Ihr saget mir alles vor.« »Ja, das ist ja wahr, daran hab' ich gar nicht dacht. Du bist ein lieb' Kind, komm, wir wollen gleich.« Nun war aber großer Jammer, denn nirgends war eine geschnittene Feder zu finden; so geringfügig dies auch erscheinen mag, so war es doch ein großer Mangel. Emmerenz wollte zum Schullehrer gehen und sich eine schneiden lassen, sie wollte der fragenden Frau Schulmeisterin schon was vorlügen, aber Christine duldete es nicht. »Wir dürfen nicht mit einer Sünd' anfangen,« sagte sie. Die gleiche Antwort gab sie auch, als Emmerenz sagte, sie wisse, wo der Schullehrer seine Federn liegen habe, sie wolle eine stehlen und dafür ein Dutzend ungeschnittene Eckfedern hinlegen. Endlich rief Emmerenz, sich erhebend: »Ich kriege eine. Meiner Schwester ihr Bub', der Karle, geht ja in die Schul', der muß mir eine geben.« Sie sprang fort und kehrte jubelnd, eine Feder in der Hand, zurück. Nun setzte sie sich an den Tisch, zog mit einer Kluf den Docht an der Lampe besser heraus, legte alles zurecht und sagte: »So, jetzt machet mir die Diktate.« Die Mutter saß hinter dem Tisch in der Ecke unter dem Kruzifix und versuchte es, noch eine Kartoffel zu schälen, sie sagte: »Schreib: ›Lieber Ivo‹. Hast das?« »Ja.« »›Ich denk' alleweil an Dich; es vergeht kein' Stund' im Tag, und nachts, wenn ich im Bett: lieg' und wach', sind meine Gedanken bei Dir, herzlieber Ivo.‹« »Nicht so schnell, sonst komm' ich nicht nach,« jammerte Emmerenz; sie hob ihr hocherrötend Antlitz, blickte in das Licht und kaute eine Weile an der Feder; gerade so hätte sie ja auch für sich selber an den Ivo geschrieben; ihr Angesicht fast ganz auf das Papier legend, schrieb sie dann und sagte endlich: »herzlieber Ivo – weiter.« »Nein, lies mir zuerst vor, was du geschrieben hast.« Emmerenz las. »So ist's recht, jetzt schreib weiter: ›Es ist mir nicht recht wohl dabei, daß Du Dich wieder so schnell andere resolviert hast.‹ – Halt, das schreib noch nicht . . . so darf man nicht anfangen.« Emmerenz stützte das Kinn auf die Hand und blickte harrend drein; die Mutter aber sagte: »Du hast jetzt schon gehört, wie mir's ums Herz ist, schreib du jetzt alles, so macht's der Schullehrer auch.« »Ich will Euch was sagen,« begann Emmerenz, sich erhebend, »so ein Brief kann in unrechte Händ' kommen, er kann verloren gehen, und wir können's ja doch nicht so recht aufsetzen; das best' wird sein, ich geh' zum Ivo und sag' ihm alles. Morgen ist Sonntag, da versäum' ich nichts, Kurzfutter hab' ich geschnitten, ich will dem Vieh noch schnell über Nacht geben, und den einzigen Tag kann's mein' Schwester schon versorgen; die Grundbirnen sind geschält, ich richt's hin, daß Ihr bloß das Fleisch ans Feuer zu stellen braucht. Dem Thal nach sind es ja nur sieben Stund' bis Tübingen, und ich will laufen wie ein Feuerreiter; so ein Sonntag ist lang, und morgen abend bin ich wieder zeitlich da.« »So ganz allein willst fort? und in der Nacht?« »Allein? unser Herrgott ist überall, und der hält seine Hand über ein armes Mädchen.« Fast unwillig setzte Emmerenz hinzu: »In der Nacht muß ich ja fort, sonst käm' ich ja morgen nicht wieder heim, und er thät balgen «. »Ich kann nicht nein sagen, es ist mir, als müßt' das so sein; geh in Gottes Namen. Da, nimm mein Nuster mit, da ist ein Stückle Zedernholz vom Berg Libanon drin, das stammt von meiner Urahne, das wird dich beschützen.« Sie nahm den Rosenkranz, der an der Pfoste der Stubenthüre über dem Weihkesselchen hing, reichte ihn Emmerenz und fuhr fort: »Ueberlauf dich nicht; wenn du müd bist, komm erst übermorgen, es ist noch Zeit. Ich hab' auch noch einen Sechsbätzner, den will ich dir geben, und da nimm das Brot mit, Brot aus der Schublade bringt Segen. Aber was sag' ich denn den Leuten, wenn sie nach dir fragen? Ich darf doch nicht lügen?« »Ihr saget halt, ich hätt' was Notwendiges zu schaffen; die Leut' brauchen ja nicht alles zu wissen. Ich will nur machen, daß ich fort bin, eh er heimkommt.« Mit wunderbarer Behendigkeit sprang Emmerenz treppauf und treppab und besorgte alles, wie sie gesagt, dann ging sie in ihre Kammer, um sich sonntagsmäßig anzukleiden. Die Mutter half ihr, und als das Mädchen sein schönstes Koller aus der Kiste hervorzog, fiel etwas, das in ein Papier gewickelt war, klingend auf den Boden. »Was ist das?« fragte die Mutter. »Das ist ein Stückle Glas, das hat mir der Ivo einmal geschenkt, wie wir noch ganz kleine Kinder gewesen sind,« sagte das Mädchen, mit Hast das Kleinod wieder verbergend. Als Emmerenz endlich angekleidet war, sagte die Mutter, ihr Schürzenband auf- und wieder zuknüpfend: »Ich weiß nicht, du solltest eben doch dableiben.« »Dableiben? Mich halten keine zehn Gäul' mehr. Bosget nur nicht, Ihr habt mir's einmal versprochen, daß ich gehen soll; das wär' das erste Mal, daß Ihr Euer Wort nicht halten thätet.« Nachdem Emmerenz nochmals in die Stube gegangen und sich aus dem Weihkesselchen an der Thüre im Zeichen des Kreuzes besprengt hatte, machte sie sich auf den Weg. Noch unter der Hausthüre suchte Christine die Emmerenz zurückzuhalten, diese aber schritt schnell mit einem »B'hüt Euch Gott!« davon. Christine sah ihr mit frommen Segenswünschen nach, wie sie durch den Garten in das Feld ging. Emmerenz wählte diesen Weg, damit niemand im Dorfe ihr begegnete. Als sie nun durch das Schießmauernfeld so dahinschritt, war der Mond von einer großen Wolke bedeckt: sie betrat den dunklen Bergwald, um nach dem Neckar hinabzugehen, ihr schauderte ein wenig, ringsum war alles so still und so »finster wie in einer Kuh«. Sie schaute sich um, es war ihr, als schritte etwas hinter ihr drein, aber es war nur ihr eigener Schritt, den sie vernommen; mutig hüpfte sie, ohne zu straucheln, über die Wurzeln weg, die sich über den schmalen Waldweg schlängeln. Emmerenz war gut geschult, sie glaubte nicht mehr an Geister und Gespenster, aber an den Mocklepeter glaubte sie steif und fest, hatten ihn ja schon so viele Leute hockeln müssen. Sie hob oft ihre Schultern, um sich zu vergewissern, daß der Geist nicht auf ihr sitze. Auch an das Nickesle glaubte sie, das sich oft den Leuten wie eine wilde Katze oder wie ein Holzblock vor die Füße rollt, so daß, wenn man sich daraufsetzen will, man in feuchten Schlamm versinkt. Sie hielt den Rosenkranz fest um ihre Hand gewunden. An der Lichtung des Waldes, wo die schöne Buche steht, an deren glattem Stamm ein Muttergottesbild befestigt ist, dort kniete Emmerenz nieder, faßte den Rosenkranz zwischen ihre gefalteten Hände und betete inbrünstig. Der Mond trat, wie man sagt, mit vollen Backen aus den Wolken hervor und überglänzte wie mit Wohlgefallen die Betende, die sich dann gestärkt erhob und ihres Weges fortschritt. Längs des Neckars zog sich nun die Straße hin, zu beiden Seiten standen die schwarzen Tannenwälder bis zum Bergesgipfel hinan, das Thal war meist so eng, daß es nur für schmale Wiesen, für den Fluß und die Straße Raum bot. Alles lag in stiller Ruhe, nur bisweilen zirpte ein Vogel wie aus dem Schlafe, als wollte er sagen: »Ahdele, da ist's recht gut im Nest.« Die Hunde schlugen an, wenn Emmerenz an den einsamen Gehöften vorüber schritt; immer wiederkehrende Mühlen klapperten und pochten emsig, aber das Herz des Mädchens pochte noch viel schneller. Emmerenz war noch nie weiter als zwei Stunden von ihrem Geburtsorte fortgekommen, viele Gedanken bewegten nun ihre Seele. Zuerst lobte sie ihre liebe Heimat, »da ist's doch anders, das liegt auf dem Berg und hat Felder mit Boden wie Speck«. Emmerenz wünschte nur, daß der Neckar über den Berg fließen möchte, damit der Wassermangel nicht so groß sei. Die Sterne glitzerten hell, Emmerenz blickte hinauf und sagte: »Es ist doch goldig, wie viel Millionen Stern' da oben sind, das ist grad, wie wenn an einer rußigen Pfann' so viel tausend Lichtle funkeln, aber viel, vielmal schöner und heiliger, und da droben sitzt unser Herrgott und hält Wacht. Man verschlaft doch das ganze Jahr recht viel Schönes, und wenn man nicht recht um sich guckt, merkt man's auch nicht, wenn man die Augen offen hat. Er hat recht gehabt, ich merk' jetzt viel besser auf alles auf, und es macht mir auch viel Freud'.« Da fiel eine Sternschnuppe, Emmerenz hob die Hände empor und rief: »Ivo!« Sie stand still und blickte schamhaft zur Erde, sie hatte den tiefsten Wunsch ihres Herzens offenbart, denn es ist wohlbekannt: was man beim Fallen einer Sternschnuppe wünscht, geht in Erfüllung. Rasch ihres Weges fortgehend, dachte Emmerenz wieder: »Ach Gott! Wenn ich nur so eine Mühl' hätt', da wollt' ich schaffen wie ein Gaul. Ach, lieber Heiland! es muß doch prächtig sein, wann man so ein Gütle anguckt und sagen kann: das ist mein. Ich möcht' nur wissen, wen er heiraten thät', wenn er kein Geistlich wird? Unser Herrgott ist mein Zeug', ich lauf grad so gern für ihn, wenn er auch eine andre nähm'; grad so gern? nein, das doch nicht, aber doch rechtschaffen gern. Er hat recht, daß er kein Geistlich wird: so niemand auf der Welt haben und niemandes sein, das ist doch ein schwer Kreuz. Wenn unser Herrgott gewollt hätt', daß man kein Weib nehmen sollt', hätt' er lauter Mannsleut' gemacht und ließ er die Menschen auf den Bäumen wachsen. Ei, das sind doch recht gottlose Gedanken« – schloß Emmerenz ihr Selbstgespräch und lief schneller, als wollte sie ihren eigenen Gedanken entfliehen. Sie richtete mit Gewalt ihr Sinnen auf die Außenwelt und, auf das Rauschen des Flusses horchend, gleich ihm unaufhaltsam fortschreitend, dachte sie: »Es ist doch gar ein wunderiges Ding, so ein Wässerle, das lauft und lauft immerfort. Gelt, du möchtest nur so für passlethan dein's Wegs fort und nichts schaffen? Aber Mulle blas Gerste, das geht nicht, guck, du mußt halt auch die Floß tragen und da mußt du die Mühlen treiben: schaffen muß alles auf der Welt, und das ist auch recht. Das ist ja auch sein (sie meinte Ivo) Kreuz, er möcht' auch schaffen und nicht bloß predigen und Meß verrichten und in denen Büchern lesen, da hat man ja noch nichts geschafft. Ich will ihm schon alles sagen, aber von mir darf er nichts merken.« Es tagte, und nun erst wurde es Emmerenz recht leicht. Sie strich sich ihre Kleider glatt, ging hinab an den Fluß, wusch sich die Augen hell und glättete ihr Haar; träumerisch stand sie eine Weile da und schaute nach ihrem Bilde, das der Fluß widerspiegelte, ihre Augen waren starr auf die Wellen gerichtet, aber sie sah nichts, sie hatte, was man so sagt, »den Glotzer«; da ist es, als ob ein Gedanke den leiblichen Blick von der nächsten Umgebung entführt, um ihn auf einen Gegenstand zu lenken, der vor der Seele schwebt, damit man ihn lebendiger erschaue. Weiterschreitend schaute sich Emmerenz oft verwundert in der Gegend um, es war ihr ganz eigen zu Mute, so allein beim ersten Sonnenstrahl auf fremdem Boden zu stehen, wo niemand sie kennt, niemand etwas von ihr weiß; trotzdem sie den Gang wohl spürte, war es ihr doch, wie wenn sie urplötzlich dahergezaubert wäre. Es war ein schöner, heller Augustmorgen, die Lerchen jubelten froh in den Lüften, im Walde zwitscherten die Amseln; alles das machte keinen Eindruck auf Emmerenz, sie war das gewohnt, und im Weitergehen sang sie: Die hohen hohen Berge, Das tiefe tiefe Thal! Jetzt seh' ich mein schön Schätzle Zum allerletztenmal. In Rottenburg machte sie eine Weile Rast, dann ging sie wieder neu gestärkt weiter. Erst als sie Tübingen sah, fiel es ihr schwer aufs Herz, wie sie es anfangen sollte, den Ivo im Kloster zu sehen. Sie erinnerte sich indes, daß des Christians Lisbeth beim Prokurator dient; die Magd eines Prokurators, dachte sie, wird schon leicht Rat wissen, lauft ja alles zu ihrem Herrn, wenn es nicht mehr weiß, wo aus noch ein. Nach vielem Umherfragen fand Emmerenz die Lisbeth, diese wußte aber keinen Rat und trug den schwierigen Fall dem Knechte vor. Der Knecht, schnell überrechnend, daß ein Mädchen, das einen katholischen Geistlichen heimlich sprechen wolle, nicht heikel sein möge, sagte: »Komm Sie mit, ich will's Ihr zeigen.« Er versuchte es, seinen Arm um den Hals der Emmerenz zu schlingen, Emmerenz schlug ihm aber auf die Brust, daß es laut dröhnte. Etwas von »holzigen Schwarzwäldern« brummend, ging der Knecht von dannen. »Weißt du was?« sagte nun Lisbeth, die gescheite Advokatenmagd, »bleib ein' Stund da, bis es zusammenläutet und man in die Kirch' geht, in der Kirch' setzst du dich links vorn hin, und da siehst du den Ivo oben auf dem Empor, dann gibst ihm ein Zeichen, daß er nach der Kirch zu dir 'rauskommen soll.« »In der Kirch'?« sagte Emmerenz, laut die Hände zusammenschlagend, »Jesus Maria Joseph! Du bist aber recht verdorben in der Stadt. Lieber thät' ich unverrichteter Sach wieder heimgehen.« »Nu, so hilf dir anders, du Scheinheilige.« »Das will ich auch,« sagte Emmerenz fortgehend. Sie begab sich nun geradeswegs in das Kloster, ließ sich beim Direktor melden und sagte aufrichtig, sie habe was mit dem Ivo zu sprechen. »Bist du seine Schwester?« fragte der Direktor. »Nein, ich bin nur die Magd im Haus.« Der Direktor sah Emmerenz starr in das Gesicht, sie blickte ihn treuherzig an, keine Miene zuckte; der Direktor befahl dem Famulus, sie zu Ivo zu führen. In einer Fenstervertiefung auf der langen gewölbten Hausflur wartete Emmerenz, bis Ivo herauskam; er schreckte ersichtlich zusammen, als er sie erblickte. »Grüß Gott, Emmerenz, was machst du hier – es ist doch alles wohl daheim?« fragte Ivo, nichts Gutes ahnend. »Alles wohlauf, ich bin von der Mutter geschickt, viel tausend herzliche Grüß', und ich soll sagen, der Ivo braucht nicht Geistlich zu werden, wenn er's nicht von Herzen gern thut. Die Mutter kann nicht ruhen und rasten, sie meint, sie häb' ihm das Gemüt zu schwer gemacht, und er thät's ihr zulieb, und das bräucht' er nicht, und er wär' doch ihr lieber Sohn, wenn er auch nicht Geistlich wird und . . . ja, das ist alles.« »Sei nur nicht so erschrocken, sprich herzhaft mit mir, gib mir deine Hand,« sagte Ivo, als eben einer seiner neugierigen Kameraden vorbeigehuscht war, »ich bin dir ja nicht so fremd, wir sind ja alte gute Freund', gelt?« Nun erzählte Emmerenz mit wunderbarer Geläufigkeit, wie sie den Brief habe schreiben wollen und wie sie die Nacht durch zu ihm hergewandert sei; sie blickte manchmal zur Erde und drehte den Kopf, als suche sie etwas. Die Augen Ivos ruhten mit tiefer Innigkeit auf ihr, und wenn ihre Blicke sich begegneten, erglühten die Wangen beider, aber ein jedes scheute sich vor dem andern, sie sagten sich nichts von dem, was ihre Seele bewegte. Als Emmerenz ihre Erzählung geendet, sagte Ivo: »Ich dank' dir von Grund des Herzens, es kann wohl einmal die Zeit kommen, wo ich dir deine Gutthat vergelten kann.« »Das ist ja nicht der Red' wert. Wenn's zu deinem Besten wär', und du thätst sagen: lauf jetzt für mich nach Stuttgart zum König, ich thät mich nicht lang besinnen und ging' eben grad, es ist mir jetzt so . . . so wie . . .« »Nun, wie denn?« fragte Ivo das stockende Mädchen. »Wie . . . wie wenn mir jetzt grad halt alles gut ausgehen müßt'.« Ohne ein Wort zu reden, standen die beiden eine Weile einander gegenüber, im Innersten aber wechselten sie die traulichsten Reden; endlich sagte Ivo, sich mit einem schweren Seufzer erhebend: »Sag meiner Mutter, ich müss' mir das alles noch überlegen, sie soll ruhig sein, schlecht werde ich nicht; sorg recht für sie und laß sie mit ihrem kranken Arm nicht zu viel schaffen. Nächst meiner Mutter bist du . . . und der Nazi mir die liebsten Menschen auf der Welt.« Sowohl Ivo als Emmerenz blickten zur Erde bei diesen Worten, jener aber fuhr fort: »Hast nichts von Nazi gehört?« »Nein.« Ohne daß es die beiden merkten, war die ihnen zugemessene Zeit vorübergegangen, es läutete. »Du gehst doch auch in die Kirch'?« fragte Ivo. »Ja, aber hernach muß ich tapfer machen, daß ich wieder heim komm'.« »Wenn ich's machen kann, seh' ich dich noch einmal nach der Kirch', drunten in der Neckarhalde, wo man nach Hirschau geht, wenn's aber nicht sein kann, so sag' ich dir Ade. B'hüt dich Gott, lauf nicht zu arg und . . . und . . . bleib rechtschaffen.« Sie trennten sich. Trotzdem Emmerenz vor einer Stunde so scharf über die Lisbeth losgezogen hatte, setzte sie sich in der Kirche doch links und freute sich, daß ihr der Ivo so mit den Augen zuwinkte. Fast eine Stunde wartete Emmerenz nach der Kirche in der Neckarhalde, aber niemand kam. Sie ging nun ihres Weges, indem sie noch oft zurückschaute; endlich gelobte sie sich, dies nicht mehr zu thun. »Es ist besser so,« sagte sie, »ich mein' zwar immer, ich hätt' ihm die Sach' nicht recht gesagt, aber es ist doch besser so.« Sie schaute sich nicht mehr um, setzte sich aber, ihr Brot verzehrend, auf eine Anhöhe, von wo sie den ganzen Weg bis zur Stadt übersehen konnte. Die Brosamen von ihrem Kleide abschüttelnd, stand sie endlich rasch auf und verfolgte ihren Weg. Wir können sie nicht begleiten und können nur soviel berichten, daß sie wohlbehalten und munter nach Hause gelangte. Wir bleiben beim Ivo, der in schweren Gedanken umherwandelte. Er hatte sich wieder in seinem angewiesenen Berufe zurechtgefunden, nun aber hatten die Ermahnungen der Mutter den festen Grund seines Willens wieder ganz aufgelockert und ihn an sich selber unsicher gemacht. Die Erscheinung des Mädchens, dem sich sein Herz zuwendete, hatte einen schweren Kampf in ihm erregt. Er hätte wohl noch nach der Kirche in die Neckarhalde kommen können, aber er fürchtete sich vor sich selber, vor andern und blieb weg. Der reine, frische Willensbeschluß, den Ivo früher gegen seine Eltern durchführt hatte, war durch seine nachmalige freie Umkehr jetzt anbrüchig und morsch; er hatte kein rechtes Vertrauen zu seiner eigensten Kraft mehr. – Es ist immer schwer, wenn man sich etwas fest vorgesetzt und wieder davon abgelassen, abermals dazu zurückzukehren; es fehlt dann das frische Mark, die rechte Erquickung, es ist wie das Nachgras, das wird wohl feiner und zarter, gibt aber keine feste Nahrung mehr. 15. Erlösung. Ein schauervolles Ereignis ließ Ivo aus Schmerz und Qual wieder neu erstehen. Bartel war an seinem Namenstage, am Tage des heiligen Bartholomäus, den Wächtern im Lazarette entronnen, von Gewissensbissen gefoltert, stürzte er sich zum Fenster hinaus und zerschmetterte sich das Hirn. Um zum Frommen des Klosters diese That zu verhehlen, sowie auch aus Rücksicht auf die Geisteskrankheit Bartels, ließ man ihm ein ehrliches Begräbnis angedeihen. Die Klösterlinge zogen nun alle mit Floren behangen unter der klagenden Trauermusik hinter der Leiche drein. Ivo blies das Horn, seine Töne flatterten wie jach zerrissene Bänder in den Lüften. Auf dem Kirchhof trat Ivo vor und hielt seinem verlorenen Kameraden eine herzergreifende Denkrede. Anfangs stockte er ein wenig, alle seine Pulse zitterten; zum erstenmal hatte ihm der wirkliche Tod eine Leiche vor die Füße gerollt und ihm zugerufen: »Lerne das Leben begreifen und den Tod!« Wie er einst Klemens vor seinen Füßen als tot erblickt hatte, so lag jetzt in Wahrheit die entseelte Hülle eines Jugendgenossen vor ihm, mit dem er so lange gelebt. Er pries zuerst das Leben, das freie, selige Atmen, und wollte den Tod weit weg bannen aus der Mitte der Menschen, dann aber ward seine Rede feuriger, wie ein lebendiger Springquell strömten die Worte dahin, mit schmerzloser Innigkeit pries er das Los des Entschlummerten, der, ein verlorenes Waisenkind, endlich heimgekehrt sei zu seinem Vater im Himmel. Die Weihe kam über Ivo, noch bevor ihn die Hand eines Priesters berührt. Er schwang sich hinauf zum Thron des Allvaters, kniete nieder und bat um Gnade für seinen Freund; in kurzen abgestoßenen Sätzen bat er dann um Gnade für sich, um sein eigenes seliges Ende, um das aller Menschen und sprach endlich das Amen. Mit jubelndem Marsche zogen die Klösterlinge wiederum heim; sie, das stehende Heer des Himmels, sollten gleich dem stehenden Heer der Erde auch nie lange dem Schmerze sich hingeben, sondern alsbald wieder lebensmutig die Schritte fördern, obgleich die Todesbetrachtung zu ihren vornehmsten Exercitien gehörte. Auch Ivo fühlte wieder neue Lebenslust in sich auferstehen; die beiden, die ihm am nächsten gestanden, hatte das Geschick von ihm gerissen, den einen durch geistigen, den andern durch leiblichen Selbstmord – er fühlte sich allein und stark. Als nun die andern Kameraden, die das Leben, ihr Geschick und den Tod leichter nahmen, allesamt in ein Wirtshaus gingen, um nach altem Brauch dem Verstorbenen hundert und einen Schoppen Bieres, jeden Schoppen in einem Zug, ins Grab zu trinken, da ging Ivo einsam, sein Waldhorn unter dem Arm, hinaus über die Brücke, immer weiter. Die Sonne begann zu sinken, noch zitterten ihre letzten hellen Strahlen auf der Erde, aber schon stand der Mond hoch oben am wolkenlosen Himmel, als wollte er den Erdenkindern sagen: zaget nicht, ich wache über euch und leuchte euren nächtlich stillen Bahnen, bis eine neue Sonne glänzend heraufsteigt. Ivo sagte sich innerlich: »So zagen und jammern die Menschen, wenn eine neue Lehre untergeht oder eine Lebensleuchte versinkt; nicht immer ist alsbald ein neues Licht in ihnen aufgestiegen, und doch naht es ihnen unvermerkt, sie aber fürchten die ewige Nacht, weil sie es noch nicht erblicken, weil sie nicht vertrauen dem ewigen Licht.« Es wurde Nacht, Ivo stand still, aber mit dem Rufe: »Fort, fort, nie mehr zurück!« ging er stets rascher. Er schlug nun einen andern Weg ein, er wollte seine Heimat vermeiden. Wohl dachte er des Schmerzes seiner Mutter, aber er wollte ihr von Straßburg aus schreiben, dorthin wendete er sich. Er gedachte sich einstweilen mit der Musik zu ernähren, oder als Bauernknecht zu dienen, bis er so viel Geld habe, um nach Amerika auszuwandern. Es war ihm, als ob er nie hinter den Büchern gesessen, er wußte nichts mehr von all den theologischen Satzungen und Systemen, er kam sich wie neugeboren vor, und nichts als die Erinnerungen seiner frühesten Jugend spielten vor seiner Seele. So lief er die ganze Nacht durch, ohne zu rasten, und als er sich beim ersten Morgenstrahl in einem fremden Thale fand, da stand er stille und betete inbrünstig zu Gott um Hilfe. Er kniete nicht nieder, aber seine Seele lag anbetend vor dem Herrn. Im Weitergehen summte er ein Lied vor sich hin, das er in seiner Kindheit oft gehört: Nun ade, herzlieber Vater, Nun ade, jetzt lebet wohl! Wollt Ihr mich noch einmal sehen, Steigt hinauf auf Bergeshöhen, Schaut hinab ins tiefe Thal, Seht Ihr mich zum letztenmal. Nun ade, herzliebe Mutter, Nun ade, jetzt lebet wohl! Habt Ihr mich in Schmerz geboren Für die Kirche auferzogen, Seht Ihr mich zum letztenmal, Nun ade, jetzt lebet wohl. Auf einem Steine sitzend, überlegte dann Ivo sein Schicksal. Er war doch unbesonnen fortgegangen, er hatte nichts Klingendes bei sich, als die Klänge seines Waldhorns; er gedachte, wie er nun gute Leute ansprechen müsse, um fortzukommen. Auch bei dem reinsten Herzen ist es doch immer etwas tief Einschneidendes, betteln zu müssen; Ivo errötete im voraus bei dem Gedanken. Wir dürfen auch nicht vergessen, daß er als wohlhabender Leute Kind an die Fülle zu Hause dachte, und aus seiner tiefsten Seele löste sich der abgerissene Klang eines alten Liedes; mit schmerzlichem Lächeln sang er: Han kein Haus und halt kein Geld Und kein Teil an der Welt. Da sah er eine Schar Ochsen des Weges daherkommen, voraus ging ein Paar Stromel. Ivo gesellte sich zu den Ochsentreibern und fragte, wohin sie wollten; er erfuhr, daß sie die fetten Tiere einem Metzger in Straßburg brächten, auch erfuhr er, daß sie gerade auf dem Wege nach Freiburg seien. Ivo war um viele Stunden umgegangen, war aber doch noch auf dem rechten Wege. Er bat nun die Männer, sie begleiten zu dürfen, er wolle ihnen helfen, und sie sollten die Zehrung für ihn bezahlen; die Männer sahen den sonderbaren Menschen in den schwarzen Kleidern mit dem Horn unterm Arm von oben herunter an, sie munkelten etwas miteinander. »In der Fremdenlegion, mit dem nach Algier gehen, ist's nichts,« sagte der eine. »Es ist besser,« sagte der andre, »man sitzt seine paar Jahr' Straf' daheim ab, es kostet den Kopf nicht.« Er lächelte so zuversichtlich, daß Ivo wohl merkte, er habe diese Erfahrung selbst gemacht. Ivo erkannte nun, daß er für einen Verbrecher gehalten wurde, er wagte indes nicht, diese Meinung zu entfernen, er wollte das Mitleid der Leute für sich wach erhalten; sie sagten ihm aber, sie könnten ihm nichts versprechen, in Neustadt träfen sie ihren Herrn, er solle mit dem reden. Still ging nun Ivo hinter den Tieren drein, der Zuchthauserfahrene trat ihm gnädig sein Zepter ab, und Ivo regierte mild und sicher mit demselben die Unterthanen. »Woher ist das Paar Stromel?« fragte Ivo. »Nicht wahr?« sagte der Algierfeind, »denen sieht man's an, daß sie aus einem guten Stall kommen, die sind auf dem Schramberger Markt vom Buchmaier gekauft worden.« Ivo sprang zu den Tieren und erkannte seinen Stromel alsbald an den aufgesträubten Haaren mitten auf der Stirne, es war ihm, als habe er gleiches Schicksal mit dem Tiere und ginge er gleich ihm dem Tode entgegen, aber er konnte und wollte nicht mehr zurück. Wie erstaunte aber Ivo, als, zu Neustadt angelangt, die Treiber ihren Herrn begrüßten, der zum Fenster des Wirtshauses herausschaute, und Ivo den Florian in ihm erkannte. Er wollte seinen Augen kaum trauen, bis Florian auf ihn zukam und mit unbändigem Gelächter den sonderbaren Ochsentreiber bewillkommte. Ivo erzählte nun alles, und Florian schrie, auf den Tisch schlagend: »Noch eine Bouteill'. Brav, das ist recht, ich helf' dir durch, du hast meine Parole. Narr, ohne Paß kommst du nicht auf Straßburg, da,« er schlüpfte behend aus seinem blauen Ueberhemde, »zieh das an, da wird dich jeder für einen Straßburger Metzger halten, und,« setzte der Schelm hinzu, seine schwere Geldkatze aufhebend, »die tragst du auf der Achsel, die macht dich ferm zu einem von uns.« Ivo ließ sich alles gern gefallen und zog, nachdem er sich sattsam gestärkt hatte, wohlgemut mit Florian weiter. Florian war seinerseits froh, viel von seinem angesehenen Leben erzählen und den Nordstettern einen Schabernack spielen zu können; dabei half er aber auch dem Ivo von Herzen gern. Es war ein heißer Tag, oben an der Höllsteig wurde Mittag gemacht. Florian setzte dem Ivo mit Trinken sehr zu, so daß dieser sich eine Weile von ihm loszumachen suchte. Er ging in die Schmiede neben dem Wirtshause und unterhielt sich mit dem Meister, es heimelte ihn hier wiederum so an, wie ehedem zu Hause. Plötzlich gedachte Ivo, daß hier der Ort und dies der Mann sei, bei dem sich einst Nazi verborgen; eben wollte er nach ihm fragen, als der Schmied zu seinem Jungen sagte: »Da, trag die zwei Pflugeisen 'nüber zum Beßtebuur.« »Wie weit ist das?« fragte Ivo. »Eine gute Viertelstund'.« »Ich geh' mit,« sagte Ivo, sprang in das Wirtshaus, sagte Florian, daß er bald wiederkäme, und er würde ihn schon wieder einholen; dann legte er das Ueberhemd ab und nahm sein Waldhorn unter den Arm. In Begleitung des Jungen ging er nun über die Wiese den Waldsteig hinab. Drunten rauschte der Bach und klapperten die Mühlen; Ivo war's, als müßte hinter jedem Baum sein Nazi hervortreten, er fragte den Jungen: »Ist der Beßtebuur ein braver Mann?« »Ja, bräver weder sein Bruder. wo gestorben ist.« »Wie heißt denn der jetzige Beßtebuur mit seinem Taufnamen?« »Das weiß ich nicht, er heißt halt der Beßtebuur; er ist in vielen Ländern gewesen als Knecht und als Doktor.« Ivo jauchzte hoch auf, hierher hatte ihn der Finger Gottes geführt. »Seit wann ist denn der Beßtebuur da?« fragte er wieder. »Seit zwei Jahren. Er hat ein Jahr lang als Knecht bei seinem Bruder gedient, und da ist der gestorben, man sagt, er häb's ihm anthun, er ist ein halber Hexenmeister; er hat ihn auch schon vor vielen Jahren einmal umbringen wollen, und weil keine Kinder dagewesen sind, ist der Hof an ihn gefallen, er ist aber sonst ein braver Mann.« Mit tiefer Trauer erfuhr Ivo, daß nun sein guter Nazi doch als Brudermörder gelten sollte, weil er einst die Sünde zu begehen getrachtet hatte, aber Ivo tröstete sich bald wieder mit Recht, daß dies nur ein Geschwätz neidischer und boshafter Leute sein könne. Sie kamen an der Sägmühle vorbei, in welcher Nazi einen großen Teil seiner Jugend verlebt. Ivo freute sich besonders, daß auch hier, von der Bergwand geschützt, ein schöner Nußbaum stand, gerade wie zu Hause vor der Wohnung seiner Eltern. Nun ging es rasch den andern Berg hinan. Ivo wußte zwar wohl, was eine nachbarliche Bauernviertelstunde zu bedeuten habe, aber daß es mehr als eine Stunde sei, hatte er doch nicht gedacht. Da er sehr eilte, nahm er dem Jungen die schweren Eisen ab, damit er gleichen Schritt mit ihm halte. Der Harzgeruch der sonnenbeschienenen Tannen erweckte in Ivo die Jugenderinnerungen immer lebendiger: er sah sich auf der Krippe neben seinem Nazi sitzen, er war draußen im Veigelesthäle – singend und jubelnd tanzten und sprangen alle die Bilder der Kindheit vor ihm her. Auf der Windeck angelangt, sah Ivo das ihm wohlbekannte kleine Haus, ein bleiches Frauenbild sah aus dem Fenster, es war das Windecker Lisle, das hier wieder einsam wohnte. Ivo dachte darüber nach, wie auffallend es sei, daß die Kirche es wagte, ein ausdrückliches Gebot der Bibel in ein Verbot umzuwandeln. Nach dem Alten Testamente mußte der Bruder die kinderlose Witwe seines Bruders heiraten, das kanonische Recht aber verbot dies geradezu, Nazi und Lisle durften sich nie ehelichen. Ivo fuhr sich mit der Hand über die Stirne, als wollte er die letzte theologische Erinnerung aus seinem Kopfe verbannen. Man näherte sich dem Hofe des Beßtebuuren, die Wege waren gut und sauber. Endlich wurde man des stattlichen Hauses ansichtig, als man fast vor ihm stand. Ivo sah den Nazi, der Heu rechte, mehrere Mägde und Knechte um ihn her; aber Ivo eilte nicht auf ihn zu, sondern setzte das Horn an den Mund und blies die Weise des Liedes: Da droben, da droben An der himmlischen Thür, Und da steht eine arme Seele, Schaut traurig herfür. Dann rief er. »Nazi!« und die beiden, sich erkennend, lagen einander selig in den Armen. *           * * Wie nach banger, pfadloser Irre können wir jetzt auf gebahntem Wege dem Ende unsrer Erzählung zueilen. Ivo blieb bei Nazi, der ihn wie einen Bruder behandelte. Als einer der reichsten Bauern konnte er in allem für ihn sorgen. Er reiste für ihn als Brautwerber in die Heimat und holte die Emmerenz, die sich vor Freude gar nicht zu fassen wußte. Alle Leute im Dorfe und sogar die Eltern söhnten sich mit der Lebenswendung Ivos aus, denn wenn es einem Menschen gut ergeht, beruhigen sich die Leute gern bei einer Aenderung, die ihnen sonst verdammlich erschiene. Nazi schenkte dem Ivo die Sägmühle; mit freudiger Lust arbeitet er nun dort unverdrossen im Verein mit seiner Emmerenz. Oft sitzt er abends unter seinem Nußbaum und bläst auf seinem Waldhorn, daß es fernhin erschallt. Weit umher von den einzelnen Gehöften stehen in stillen Mondnächten die Burschen und Mädchen und lauschen den fernen Klängen. Emmerenz sagte das einst Ivo, und dieser erwiderte: »Guck, an der Musik haben wir ein Gleichnis vom rechten Menschenleben. Ich mach' jetzt die Musik doch eigentlich nur für uns; aber wenn ich weiß, daß die Töne weit hinausfliegen und noch andrer Menschen Herz erfreuen, da ist mir's noch viel lieber, ich bin noch viel fröhlicher und besser. Wenn nur jeder für sich selber sein Sach' recht macht, so hilft er auch andern und macht ihnen Freud'. Ich bin nicht uneigennützig genug gewesen, bloß für andre Leut' Musik zu machen; ich tanz' auch gern selber mit.« »Ja,« sagte Emmerenz, »du bist doch studiert, und ich versteh' dich doch. Wenn als die Buben beim Mocklesammeln in der Neckarhalde so lustig gesungen und gejodelt haben, da hab' ich als denkt: guck, die singen für sich, und mich freut's doch auch und einen jeden, der die Ohren bei ihm hat, und die Vögel singen auch für sich, und es gefällt den Menschen doch wohl, und wenn ein jedes in der Kirch' recht für sich allein singt, nachher paßt alles gut zusammen und ist alles schön.« Ivo umarmte innig seine Emmerenz. »Wenn's nur nie Winter werden thät; es ist doch gar einödig da,« sagte Emmerenz. »Da wohnet ihr eben bei mir,« sprach eine Stimme. Es war die des guten Nazi.