Theodor Birt Moderne Novellen Fräulein Agnes Alberti der ehrwürdigen Seniorin des Hauses Alberti in Waldenburg in alter Verehrung und Dankbarkeit dargebracht Vorwort Wenn ich die vorliegenden Erzählungen als »Moderne Novellen« bezeichnet habe, so bedeutet das keineswegs, daß ich mich selbst mit Betonung unter die Modernsten der modernen Poeten stellen möchte. Es soll vielmehr nur angedeutet sein, daß im Gegensatz zu meinen früheren drei Sammlungen der »Novellen und Legenden aus verklungenen Zeiten«, die Stoffe hier nicht mehr der Antike, sondern der Neuzeit entnommen sind. Es ist Gegenwartsdichtung, was ich gebe. Wer mit mir durch jene verklungenen Zeiten gewandert ist, wird, was ich meine, verstehen und den Gegensatz, wie ich hoffe, erträglich finden. Marburg, 15. Mai 1923 Th. Birt In der Schankstube Eine Traumnovelle Als Knabe schon war ich ein Träumer, ja, mehr als jetzt. Ich gedenke noch gern des Lampenschirms aus rosigem Seidenpapier, der mir das grelle Licht abblendete, wenn ich studierte und meine Primaneraufsätze schrieb. So rosig umflort, von Märchengespinnsten umhangen war auch meine Seele. Je nüchterner für einen Hamburger Bürgerssohn der Tag verlief, je tiefer versank ich in die Dämmerung, und das Halblicht wurde beredt. Die Sterne sprachen, es sprachen die Blumen auf den Gartenbeeten, wenn sie im Abendwind sich zueinander neigten. Aber es mußte tiefste Stille sein, sonst hörte ich sie nicht. So auch in den Ferientagen, wenn ich die Einsamkeit suchte und fand. Auf der Oberelbe, wo keine Dampfer gingen, ließ ich mit eingezogenen Riemen mich treiben. Wenn ich ins Wasser starrte und das Boot glitt so leise dahin, als läge es im Schlafe, da war ein Schnalzen und Lachen in den Wellen, unter dem Schilf, und ich lauschte mit Gier, bis ich die Geschichten verstand, die sie sich heimlich erzählten. Dann murrten die Ruder, die den Schwung gewohnt sind, ungeduldig wie das Rassepferd vor dem Ausritt; und ging es dann Schlag um Schlag klatschend durch das Wasser, immer im gleichen Takt wie die Versfüße in den Gedichten, da wußte ich, daß auch sie, die Ruder, märchenblanke Erinnerungen tauschten wie zwei wandernde Poeten und Träumer, die traulich zusammen die Straße ziehn. Nichts liebte ich so sehr wie unsre alte Schrankstube oben in der Mansarde, die neben meiner Schlafstube lag. Es war schon mehr Rumpelkammer, aber weitgeräumig, und außer den Schränken stand auch noch viel andrer alter Hausrat darin, der aus den Jugendzeiten der Großeltern stammte, das ist aus den Zeiten Napoleons; allein schon die alte Guitarre mit den zerrissenen Saiten, die am Pflock über der Tür hing. Ich wußte, daß auch all diese Stücke viel, viel auf dem Herzen hatten und an tausenderlei Vergangenes zurückdachten. Sie lebten nicht in der Gegenwart. Da stand der riesige Leinenschrank breitbrüstig, hochgeschultert und ernst mit verschränkten Armen. Viel altes Leinen, auch vergilbte Seidenstoffe lagen darin, und wenn sein altmodisches Schloß aufging (ich habe das nur selten erlebt), spürte ich seinen starken Odem, wenn der Wäschegeruch so eigen mir entgegenströmte: ein altmodischer Aristokrat. Ihm gegenüber der schlankgebaute Tassenschrank im Empirestil mit den geschnitzten Säulen und wohlerhaltenen Glasscheiben; nur die grünseidenen Vorhänge waren arg zerschlissen, und durch die Spalten des Stoffes konnte man die alten vergoldeten Tassen mit den großen Henkeln, Sätze von Tellern und das alte Familientaufbecken deutlich erkennen. Aber wie selten wurden die Schränke aufgeschlossen (die Schlüssel waren abgezogen), nur an Geburtstagen oder wenn seltene Gäste kamen! Das war immer ein Fest. Aber da war auch noch der Mahagoninähtisch und der Kartentisch; auf dem Konsol die goldene Standuhr, die auf vier Elfenbeinfüßen stand; trotz dieser Füße aber ging sie nicht mehr, seit langem, und schaute stimmlos, blaß und verschlafen in das Leben. Auf der Kommode die zwei Girandolen (altmodische Armleuchter) und die Geldkassette mit dem zerbrochenen Riegel; die sah mürrisch und mißtrauisch darein, und niemand von uns wußte, was sie enthielt. Neben ihr die große Gießkanne und der ausgestopfte Vogel, dem die schwarzen Glasperlenaugen aus dem Kopfe hingen. Sein Schnabel aber stand halb offen. In der Ecke der ehrwürdige Krückstock unseres Urgroßvaters Lebrecht Schröder. Es war Abend, die Eltern verreist. Mein Bruder John ging schon zu Bett und gähnte laut. Ich nicht. Es trieb mich, ohne Licht hinüber in die Schrankstube zu schleichen. Wach war ich, aber warum so taub? Warum konnte ich nichts erlauschen, Geheimnisse der Vergangenheit? So hölzern verschlossen standen sie da, die einst die Augenzeugen jungen Lebens waren! In der Stube, die nur ein breites Fenster hatte, stand in der Mitte ein Billard, das den Tisch vertrat; sein grünes Tuch war arg zerstoßen; von den Kugeln war nur noch die rote Karoline vorhanden. Traumsüchtig legte ich mich auf das Billard, schob mir unter den Schädel ein Kissen, von dem ich wußte, meine Großtante Luise hatte es einst gestickt (blasse Lilien und Rosen waren darauf), lag ganz regungslos still mit weit aufgerissenen Augen im Dunkeln und horchte in die abgrundtiefe Stille hinein, in sehnsüchtiger Neugier, mit pochendem Herzen. Aber die Stille wurde nur noch stiller. Die Straßenlaternen warfen von draußen aus der Tiefe der Straße flackerndes Licht in die dunkle Stube herauf, so daß die Schatten sprangen. Nur in dem halbblinden Rokokospiegel schaukelte dauernd ein mattgelber Lichtreflex. Da schloß ich die Augen fest zu, um besser zu horchen. Dünne Lichtstrahlen, wie schwirrende Fäden, fuhren mir noch durchs Auge; dann verschwanden auch sie. Es war tiefste Nacht: als es in meinen Ohren leise zu rauschen begann, und die Uhr schlug, kein Irrtum; die alte Standuhr, die seit Ewigkeit nicht mehr ging, schlug deutlich elf Schläge, glockenrein und hell. Dann stoßende Geräusche, ein Krächzen und Summen, und jetzt? Ein Räuspern kam, ja es kam, glaub' ich, aus dem Leinenschrank . »Seid ihr wach? Wir stehen hier wie die Vergessenen, aber wir selbst vergessen nicht. Wenn die Menschen schlafen und sich niederlegen, ist unsere Stunde. Denkt ihr noch an den Kanonendonner, als es hieß: der Feind in der Stadt!? und das Liebesgeflüster? Wir trauern immer noch um Luise. Ja, ja, wir erleben hier nichts mehr, aber wir haben viel, viel erlebt.« Aus der Tiefe des Schrankes kam so die Baßstimme immer deutlicher. Eine heiße Blutwelle stieg mir in das Gehirn, vor Aufregung. Was würde folgen? Der ganze Raum war auf einmal magisch hell, und ich sah den Vogel – es war eine ausgestopfte Silbermöve – beifällig mit dem Kopfe nicken. »Ja, wißt ihr noch? Agnes und Luise!« ging es weiter. »Wie lange ist es wohl her? Wir haben seitdem doch wohl schon hundert Winter überstanden. Gottlob, wir sind abgehärtet. Ofen gab es nie in unserer Nähe; aber das ließ uns kalt, und wir sind leidlich gesund geblieben. Im alten großen Hause am Jungfernstieg, da standen wir auf der großen Diele, wir zwei Schränke; das war ein guter Beobachtungsposten; denn auf die Diele mündeten alle Stuben und Gänge, und die großen Flurfenster gaben Licht, und nachts half die Ampel. In den großen Saal führte die Glastür. Hinter dem Saal lag gleich der Garten. Das wissen wir von den Orangenbäumen, die in den Kübeln standen und im Winter aus dem Garten immer zu uns kamen, um nicht zu erfrieren, und das war eigentlich unsere schönste Zeit; denn ihre weißen Blüten rochen wundervoll, zum Schwärmen schön. Die Orangerie, wo ist sie geblieben? Und Luise!« Das Gespräch wurde jetzt allgemein. »Auch mein Standort war auf der Diele,« sagte der Krückstock (wenn er sprach, schwoll ihm gleichsam immer die Kehle). »Und ich war stolz, denn auf mich stützte sich der alte Herr Lebrecht, wenn er zur Börse ging und auf die Kontore der Kaufherrn im Zuckerhandel. Denn er war ja Zuckermakler, der Monsieur Lebrecht. Das ging lange gut. Dann kam die Kriegszeit, die Kriegsdepeschen Jahr für Jahr: der Feind über den Rhein, im Thüringerland! Die Frauen aber machten sich noch keine Sorgen. Thüringen lag fern.« »Agnes und Luise,« sagte der glitzernde Tassenschrank hierauf. »Wir alle liebten sie. Sie waren noch so jung. Wie reizend, wenn sie vor mir hinknieten und sich zum Frühstück die Tassen holten, um nachher alles wieder wegzustellen, in größter Ordnung! und so sauber! Die Teller immer so, daß ein weiches Deckchen zwischen Teller und Teller lag, und dabei kicherten sie und waren so vergnügt. In der Mitte des Flures stand vor mir der große kreisrunde Tisch mit den Delphinfüßen. Wißt ihr noch? Darauf lagen oft die Zuckerproben, die unser Monsieur Lebrecht vom Kontor mit nach Haus brachte. Dann kamen die beiden Fräuleins und naschten davon, und die beiden Buben, ihre kleinen Brüder, erst recht, einerlei, ob die Mutter schalt, die gute Madame Nanette.« Da kam es dumpf, aber doch freundlich aus der Gießkanne : »Ja, und so zärtlich waren die Schwestern zusammen und küßten sich im Garten zwischen den Blumenstauden wie die jungen Tauben vor lauter Liebe. Agnes war blond und kaum 17 Jahre, mit dem Grübchen im Kinn, und so klein und zierlich, und lachte immer neckisch und, ich glaube, halb verliebt. Sie wußte nur noch nicht, wen sie lieben sollte. Wenn sie lief, waren ihre Füßchen in den blanken Lederschuhen wie die Vögel, die da hüpfen, wenn sie noch nicht fliegen können. Sie schäkerte gern mit liebkosender Zärtlichkeit in ihren Blicken und spitzte den Mund wie zum Küssen und wie bei einem guten Witz, wenn der Otto ihr einmal ein Kompliment machte. Denn Otto war der junge Hausfreund, der für Blond und blaue Augen schwärmte. Das stellte sich aber erst später heraus.« Die Gießkanne verstummte. Da hörte ich schon eine andre Stimme, etwas lispelnd und affektiert und im gebrochenen Deutsch. Das war der Rokokospiegel . Der sagte: »Ich hielt unsere Gießkanne für dumm; aber sie hat ganz recht; so war die Demoiselle. Luise dagegen war mir noch lieber; denn sie liebte mich, den Spiegel, wie ihr Gewissen, und ich gab gar zu gern ihr schönes Bild zurück mit den schwärmenden Augen voll tiefer Seele. Sie war brünett und hoch toupiert, und weich gerollte Locken, die sie sorgsam am Stock aufwickelte, rahmten ihr die Schläfen und Wangen ein. Die Locken bebten und zitterten mit ihr vor Erregung, und sie war oft erregt. 19 Jahre zählte sie schon, und man sagte, der gute Johannes, der in des Herrn Lebrecht Geschäft war, sollte sie heiraten. Die schwatzhaften Tanten Henriette und Jenny kamen auch schon einmal, um zur Verlobung zu gratulieren; aber das war zu früh. Mir, ihrem Spiegel, hat sie selbst das alles anvertraut. Hochgewachsen war sie, hatte etwas Schmachtendes und ein Paar Augen, die rasch aufglühten. Wißt ihr noch? Sie trug gern Goldschmuck, während Agnes mehr die Perlen liebte, und trug auch gern eine dunkelrote Sammetschleife im Haar und einen Gurt von gleicher Farbe. Dabei parlierten sie viel französisch, und das taten alle im Haus; denn lange Zeit war eine französische Gouvernante da. Davon haben auch wir schließlich allerlei Französisch verstehen gelernt. Wenn aber Luise grollte und schalt, dann kam immer gleich Agnes, die kleine Schmeichelkatze, und küßte die Schwester so zärtlich, daß ein großes Lachen entstand, und es war gleich wie Sonnenschein im Raum.« »Ja, ja, das waren noch die sorglosen Zeiten,« fielen da schon die anderen Stimmen ein. »Die Menschlein waren glücklich und wir mit ihnen. Wir selbst atmen ja freilich immer nur Stubenluft und sehen voll Neid, wenn die Herrn und die Damen auf die Straße gehen. Sind aber die Fenster auf, da streicht der frische Hauch herein; das Stubenmädchen fegt dann, und die Staubwolken fliegen um uns auf. Reinigung! Unsre Lungen sind dann wie befreit, und aller Mißmut schwindet. So ist es heute; so war es damals. Alle Sonntage kamen der Johannes und der Otto als junge Hausfreunde zu Tisch, und dann gab es oft, wenn auch Toni, die Freundin, und andre dazukamen, auf unsrer Diele ein Jagen und Jachtern und Springen, hast du nicht gesehen? um den Tisch herum. Welch unschuldig fröhliches Leben! bis sie den Tisch ganz wegschoben. ›Platz da!,‹ hieß es, und das Menuetttanzen begann. Die Demoiselles sangen dazu allerliebst. Das Menuett! o dieser Tanz! so gravitätisch und fein! Könnten wir das nachmachen, wir schweren Schränke! Aber unsre Glieder sind zu steif geworden vom langen Stehen. Beneidenswert die Menschen, die sich einmal setzen können! Damals war es auch, daß eines Tages Luise ein Bild mit ins Haus brachte. Die Brüderchen Emil und Fränzchen jubelten gleich: »Napoleon!« Jawohl, so hieß damals ein französischer Kaiser, der überall siegte und herrschte, nur noch in Hamburg nicht. Alles schwärmte für ihn, auch unsre Demoiselles. »Das große Genie! Man muß ihn anbeten,« hieß es. Und natürlich wurde das Bild auf der Diele neben dem Tassenschrank aufgehängt. In diesem Augenblick sprang der Krückstock zornig aus seiner Ecke hervor und stellte sich anklagend steil vor den Tassenschrank hin: »Natürlich, du äffst ja selbst den Empirestil nach und warst immer französisch und revolutionär gesonnen; warst auch nie mit den guten alten Familientassen zufrieden; immer das Modernste mußte für dich angeschafft werden. Unser Herr Lebrecht aber dachte anders, und er haßte das Bild. Da kam der Tag des Verhängnisses. Großes Geschrei vor der Haustüre. Die Buben stürzten herein und meldeten: »Hamburg besetzt; die Franzosen sind da. Der Feldmarschall sitzt schon im Rathaus als Herr; alle Gasthäuser und Trinkstuben voll Musketiere!« Den Buben machte das den hellsten Spaß: »Seht nur die bunten Uniformen!« Und auch die Mädel reckten die Hälse und guckten voll Neugier hinaus, wo schon die Säbel auf dem Pflaster rasselten. Grenadiere! Chasseure! Husaren hoch zu Roß! Am nächsten Morgen, als der Gemüsemann kam und der Honigmann und Luise und Agnes Bohnen oder Rosenkohl und den Honig in Scheiben kauften, da plauderten sie auf der Haustreppe endlos mit den Händlern, bloß um möglichst lange die Straße entlang zu spähen, ob nicht wieder elegante Offiziere daherkämen, bis Frau Nanette sie ängstlich hereinrief. Der Vater aber wetterte gehörig, als er davon hörte: »Der Franzmann ist Landesfeind, und eine sittsame Bürgerstochter hält sich im Hause.« Des Vaters Grimm und Ärger aber wuchs noch, als nun ins Haus die Zwangseinquartierung kam. Welch Lärm und Getrampel und wüstes Treiben in Stall und Küche, und welch Schmutz dazu! Die Fräuleins wurden möglichst abgesperrt. Das herrschaftliche Haus war zur Kaserne geworden. Aber das blieb nicht so (setzte eine andre Stimme ein). Zwei Offiziere, elegante und schöne Herren, kamen ins Haus. Das war ein Ereignis. Strahlend höflich; vom Kürassierregiment: Epauletten; feinstes farbiges Tuch; weiße Lederaufschläge; bunte Kokarden; den blitzenden Helm in der Hand. Sie machten feierlich Visite und brachten eine Invitation. So war es. Es gab Redoute, Offiziersball im Kasino. Die Demoiselles wurden zum Empfang der Herren zwar nicht aus ihren Stuben heruntergeholt, aber die Einladung angenommen. Es war das erstemal, daß der Vater nachgab. Denn das Benehmen der französischen Herren war tadellos, und sie versprachen überdies sofort, daß die lästige Einquartierung aufhörte. Und sie hörte auf. Es war wie Erlösung. Weiß der Spiegel noch, wie da zum Ball die Damen sich kleideten? »O gewiß,« lachte der eitle Spiegel . »Aber Ihr groben Naturen versteht doch nichts davon. Agnes in weißem Mousselin mit blauen Streifen, Luise in Mohnrot; um den Ausschnitt die feinsten Spitzen. Der Fächer aus Perlmutter, den die kleine Agnes trug, ist noch erhalten; er liegt dort im Bauch der Kassette. Aber die mürrisch verschlossene Kassette sperrt das Maul nicht auf; sie gibt ihn nicht her. In Pelzen huschten die Damen hinaus (so hörte ich weiter. Man weiß, wie es in Träumen geht: die Stimmen gingen immer rascher durcheinander und flossen für mich schon fast zusammen; auch schoß alles traumhaft rasch durch mein Hirn, was ich hier langsam nachzuerzählen versuche). In Pelzen also und im Schlitten ging's, unter Schellengeläut' zum Ball; der alte Sebastian kutschierte. Ob Otto eifersüchtig wurde? Er ließ es sich nicht merken. Anders Johannes. Warum blieb Luise nicht zu Hause? So dachte er. Johannes selbst tanzte leider gar nicht. Er war so brav und auch kerngesund, aber wohl etwas zu dick für sein Alter: große, stille Augen im runden Kopf; kirschrote Lippen; auf der Oberlippe keimte der erste Schimmer des Bartes, und wir hatten ihn alle gern. Er hatte etwas Verschlossenes ganz so wie wir Schränke, und er putzte sich immer so sorgsam die Füße ab, ehe er eintrat, ganz anders als die französischen Herren, über die sich die Kathrin so oft beklagt hat. Kathrin, das war die alte Scheuerfrau mit den robusten Armen. Während des Balls tollten die unbeaufsichtigten Buben, Emil und Fränzchen, auf der Diele herum und machten schon gleich die französischen Soldaten nach, mit Epauletten und Säbeln und Tschako und Kokarden, ein Heidenspektakel, und so war denn das ganze alte Patrizierhaus rasch völlig verwandelt und napoleonfromm geworden. Ein gründlicher Umschwung. Es war nichts Gutes; denn wir wissen alle, was folgte. Der Leinenschrank war es, der mit dunklem Ton so sprach: »Ich habe meinen Kollegen, den Tassenschrank, nie begriffen. Denn ich bin aus gutem deutschen Holz. Diese Anbeterei! Wenn solch Franzosenmensch nur oh ma, chère, oh ma charmante sagte, da weinte gleich alles vor Entzücken.« So sprach der Schrank nicht ohne Erbitterung. Da erschrak ich; ich hörte eine schnarrende Stimme; sie klang fast keifend. Ein Bild stand bisher umgekehrt an die Wand gelehnt; jetzt drehte das Bild sich um, und es war Napoleon selber, der zornig aus seinem Rahmen trat und brüsk dareinschrie: »Dumm, dumm, dumm sind alle Deutschen, und die deutschen Schränke erst recht; beschränkt sind die Schränke; danach heißen sie. Es ist schon schlimm, wenn Mobilien Politik treiben, sie sind fast so dumm wie die deutschen Fürsten. Dem deutschen Volk aber wird es eingehämmert, daß ich sein Erlöser bin.« Alles verstummte hiernach vor Schreck. Es wurde völlig nachtdunkel um mich, und ich hörte und sah eine Weile nichts mehr. Aber es war nur eine Pause. Dann tauchten die Gegenstände wieder sichtbar für mich aus dem Grau, und eine zarte weibliche Stimme flüsterte: »Gaston und Theophile! So hießen die beiden Offiziere.« Es war der Nähtisch , der so sprach. Diese Kavaliere! Die Einquartierung war man los; fünf, sechs Offiziere rasselten statt dessen jetzt jeden lieben Sonntag ins Haus, zum Diner, und Frau Nanette tischte mit Begeisterung auf.« »Ganz recht!« bestätigte die Standuhr mit ihrer Silberstimme. »Ich kann es bezeugen. Es schmeckte den Herren köstlich, und ich schlug die Stunden immer umsonst. Auch eine Uhr kann einmal ungeduldig werden. Das Malchen, die Köchin, kochte süperb (Hamburger Küche!). Wir hatten immer nur den Geruch davon: das Muschelragout, die Jülienne, die Lachsforellen, der Maraskinopudding. Nur englischen Käse, den Stilton, gab es zum Nachtisch nicht mehr. Englische Waren waren verpönt. Abends baten dann die Töchter Agnes und Luise so lange, bis der Vater auch noch einen Bischof oder gar einen Kardinal braute in der großen runden Terrine. Gaston und Theophile aber wurden Hausfreunde und kamen auch sonst immer häufiger, immer galant, eine Blume in der Hand. Ja, wir lernten erst da, wie man es macht, galant zu sein. Johannes sah erstaunt dem zu: diese Komplimente und Handküsse und dieses Lächeln und diese Blicke! ›Ravissant,‹ flüsterten sich die Mädel zu, und die beiden Buben, Emil und Fränzchen, machten große Augen. Auch unser biederer Herr Lebrecht sah sich zu vollkommener Höflichkeit gezwungen; der heuchlerischen Weltsitte unterwarf sich auch er. Im Geheimen aber trug er seinen Grimm mit sich herum, und hinterrücks nörgelte er immer, so daß Luise ganz blaß wurde, wenn sie das hörte. Schon wenn er am Kleiderhaken die Militärkäppis hängen sah, gab es ihm einen Stich: »sie sind schon wieder im Haus!« und sein eng gebundener Zopf wackelte ihm im Nacken. Ich glaube, er ärgerte sich auch, daß es keinen Stilton mehr gab. »Was ihr nur schwatzt! Der Grund lag tiefer,« fiel hier der Krückstock des Herrn Lebrecht heftig ein. »Ich weiß Bescheid. Es waren Geschäftssorgen; denn es gab keine Zuckereinfuhr mehr; alle englische Zufuhr abgeschnitten; Handelssperre, Continentalsperre. Der alte Herr stöhnte oft; alle englischen Waren wurden in jenen Tagen von der französischen Polizei aus den Kaufgeschäften weggenommen, konfisziert, geraubt, und der Rundtisch auf unserer Diele sah nun auch gar keine Zuckerproben mehr, zum Naschen für die Kinder. Das Geschäft lag tot; die Preise stiegen und stiegen. Der Herr mußte sein Kapital angreifen. Auch die Damen merkten den Schaden. Frau Nanette wollte ein neues Kleid haben aus englischem Mousselin, aber sie mußte sich mit französischem Batist begnügen.« Da tönte ein Vogelschrei. Die Silbermöve drehte den Kopf, darin die Glasaugen wieder fest saßen, und alles wurde still, als sie sagte: »Ihr redet und redet und wißt doch vom Leben nichts. Anders ich. Was kümmern mich die Alten? Ich hatte vielmehr immer auf die Jugend, auf die jungen Männer, auf Otto und Johannes, acht. Im großen Saal stand ich ja, hoch auf dem Wandbort, und konnte da alles trefflich übersehen. Der Otto zwar ließ sich durch die fremde Gesellschaft nicht einschüchtern, ein echter junger Hanseat, der auch im Meeressturm kalt lächelnd und seelenruhig bleibt; so blieb er schlicht und vornehm zurückhaltend, beobachtete die fremden Herren scharf und freute sich sogar, ohne doch mitzutun, wenn seine Freundin, die kleine Agnes, ihr Vergnügen hatte. Anders Johannes: wenn alles jubelte, stand er abgewandt im Hintergrund des Saales und tat so, als läse er in den Büchern, die da lagen und die die Menschen auf- und zuschlagen, als wären es Austerschalen, aus denen man sich die Nahrung holt, und niemand sah, wie ihm über die Wange die Tränen rollten; Aber ich sah es. Wir Vögel sind wunderbar scharfsichtig. Er hatte so rote Backen; aber er wurde jeden Tag bleicher und bleicher.« Die Mövenstimme wurde ganz weich bei diesen Worten, und wer sollte da nicht auch Mitleid haben? »Wer kann den Theophile beschreiben?« hieß es da. »Er war wie ein Jagdhund, einer der besseren Jagdhunde Napoleons: elegante Taille; das lockige Haar kurz gehalten; flott, springfidel und dreist; beim Gang sich in den Hüften wiegend; einen impertinenten Zug um den Mund und doch so, daß man ihm gut war.« Ja, dreist und erzlustig! Die Gießkanne war es, die jetzt wieder zu erzählen wußte: »Ich begoß, wie stets, mit Fräulein Agnes die Rabatten im Garten. Das wählte solange, bis Agnes zum Teich kam. Da wurde ich weggeworfen; denn der Theophile war da, und er wollte sie fangen, als sie davonlief. Sie war flink, aber verfing sich im Rock mit ihren hohen Hacken. Ob er sie griff? Es war Abend; die Nachtigall schlug. Ob sie zusammen der Nachtigall lauschten? Als sie schließlich ins Haus lief, schalt die Mutter sehr. Folgenden Morgens fand Frau Nanette mich, die Gießkanne, weggeworfen im Gebüsch. Sie fragte entrüstet, wie ich dahin käme? Aber ich verriet nichts. Und bald gab es ein Liebesgeflüster in allen Winkeln. O weh!« Die Stimme der Gießkanne klang unheimlich hohl, als schon der Nähtisch zu schwatzen begann: »Ja wohl, ja wohl! Hört nur weiter. Wenn die Agnes ihre Seidenstickereien machte, setzte der Mensch sich auch mit zu mir, ganz nah, auf dem Tabouret. »Sie haben Talent zur Französin,« sagte er schmeichelnd zu Agnes und ähnliche lose Reden mehr, die ihr sehr gut gefielen. Sie wollte ins Theater, wo es eine Tragödie gab; »Emilie« hieß das Stück; darin hatte ein Weib zwei Liebhaber. »Gehen Sie nicht hin« sagte Theophile; »zwei Liebhaber, das wäre nichts für Sie. Finden Sie nicht auch?« Eine Fliege setzte sich auf ihr Busentuch. Da seufzte er nun gar: »O wäre ich die Fliege, meine Teure!« »Das glaube ich,« gab Agnes klug zurück; »die fliegt so rasch davon, wie sie gekommen.« »Pardon! so meinte ich es nicht. Wenn man liebt, mein Fräulein, liebt man nicht für zwei Tage, sondern für die Ewigkeit, und Sie, Sie sind das Ideal meines Herzens.« »Das klingt schon besser,« lachte die Kleine, und ihre Stickerei flog zur Erde, weil sie in die Hände klatschte. »So steht es auch immer in den Romanen. Sie haben es prachtvoll auswendig gelernt.« Theophile aber war sichtlich verliebt. Als ihr Geburtstag kam, brachte er ihr richtig einen Amor vom Zuckerbäcker. Agnes biß ihm gleich vergnügt ein Bein ab und sagte dann tadelnd: »Zu süß, mein Herr. Wir wollen den Rest zum Zuckerwasser verwenden.« Aber sie ließ sich doch gern die Hand küssen, und er hielt die Hand fest, der Jagdhund. In diesem Augenblick trat Otto ein. »Bitte lassen Sie sich nicht stören,« sagte Otto in größter Ruhe und setzte sich. Agnes sah ihn betroffen an und stand auf. Dann erst erhob sich Otto, um ihr zum Geburtstag in geziemenden Worten zu gratulieren. »Ach ja, die Hände! Wenn ich nur wüßte,« brummte tiefsinnig der Schrank , »weshalb die Menschen sich immer die Hände pressen, wenn sie lieben? Und dazu das Lieben selbst. Es kommt doch schließlich nur, wenn ich recht achtgegeben, auf Menschenvermehrung hinaus. Wir Mobilien haben keine Hände, und wir vermehren uns doch auch. Genau besehen steht es mit uns ebenso wie mit ihnen; denn auch der alte Schrank geht schließlich ein; die Nachkommen leben, und auch unsre Geburt ist schmerzhaft genug. Monatelang wird auch an uns gesägt, gehämmert und poliert, ehe wir aus der engen Werkstatt das Licht der Welt erblicken. Dann stehen wir freilich auf festen Füßen und tun unsre Pflicht; aber die Hände fehlen. Wie gern hätte ich sonst der süßen Agnes nur ein einziges Mal die Hand gedrückt! Einmal riß die Begierde mich hin, und ich klemmte ihre Hand in meine Tür; aber da schrie sie nur bitterlich und erriet meine innige Liebe nicht.« Ich mußte hell auflachen, als ich den Eichenschrank so philosophieren hörte, und über dem Lachen wachte ich auf. Es war wieder stockdunkel im Raum. Aus der Nachbarstube hörte ich ein Schnarchen; da schlief mein Bruder John den Schlaf des Gerechten. Ich aber hatte noch keine Lust, in mein Bett zu kriechen, und blieb auf meinem Billard liegen. Denn mein Träumen konnte noch nicht zu Ende sein. Was würde aus Agnes und Luise werden? Diese Agnes war ja niemand anders als meine Großmutter, deren reizendes Mädchenbild unten in unsrer besten Stube hing. Ich liebte es schwärmerisch. Und Luise war meine Großtante, und auch ihr Bild hing daneben, mit dem sehnsuchtsvoll geneigtem Haupte, fesselnd anzusehen, ein romantisches Rätsel. Schon hörte ich mehr. Man war mitten dabei, von den Schwestern zu erzählen, die einmal wieder auf dem Dielentisch das Frühstücksgeschirr spülten. »Du bist in Gaston verliebt,« sagte Agnes zu Luise. »Warum nicht? Du hast ja auch deinen Theophile.« »Ach, das ist etwas so anderes. Du hast eine Flamme, ich hab' nur ein Flämmchen. Den Gaston könnte ich fürchten. Er ist so wie ein Ritter aus der Tragödie oder wie ein Schauspieler, der den Ritter spielt: wie der Cid auf der Bühne; mir unheimlich.« »Nein, er ist wundervoll, hinreißend. Das verstehst du nicht. Die Narbe in seinem Gesicht! von dem Säbelhieb! Wie viele Schlachten hat er schon erlebt! Wenn er erzählt – seine Stimme geht mir durchs Herz; seine Auge brennt. Und diese Melancholie in den bleichen Zügen!« »Otto durchschaut ihn; Otto sagt: das ist eine kokette Traurigkeit. Du aber, Luise, bist, wie du immer bist: erst Leidenschaft, dann Reue.« Da stampfte Luise ganz wütig mit den Füßen, und der Teller fiel aus ihrer Hand und zerbrach klirrend auf den Fliesen. Es war in der Tat ein blasser Mensch, der Gaston, von einer gelblichen Blässe (so ging die Erzählung weiter); mit musterhafter Tournüre; das tiefschwarze, blank glänzende Haar glatt gescheitelt. Wenn er eintrat, wurde gleich alles still; so imponierte er; die Mutter legte immer gleich ihr Strickzeug weg. Den Kopf stützte er gern in die Hände, als wäre er ihm zu schwer, und wenn er dann aufsah, flammte das schwarze Auge in seinen Höhlen. Er konnte mächtige Blicke werfen, und es war mehr Begierde darin als Zärtlichkeit. Mit dem Musizieren, glaub' ich, begann es, zur Abendstunde. Wir sahen und hörten alles durch die Glastür, die zudem oftmals auch offen stand. Die Wandlichter brannten, und auf das Spinett wurde eine der Girandolen gestellt. Die Girandole ist ja hier, und sie kann selbst alles berichten. Die Girandole gehorchte, verneigte sich aber zuvor wie auf der Bühne: »Freilich, zur Musik gab ich immer das Licht. Die Demoiselle Agnes spielte so behende auf den Tasten, Stücke von Rameau und Salieri, und das Spinett klang wie ein silbernes Saitenspiel. Dann stellte aber Luise die Singnoten auf und sang mit Leidenschaft und in tiefem Stimmklang, natürlich französisch, zuerst ein Tanzlied: Sautez, fillettes et garçons Unisez vos joyeux sons Dansons, dansons Gaston trat herzu und forderte ein ernsteres Lied; da sang sie: Jeune fille, ou vas-tu si tard? Tu portes tes pas au hasard? Schon fiel Gaston mit ein; hinreißend klang es und schmelzend schön, wie im Zwiegesang sich ihre Stimmen vermählten. Sie verstummten; da begann er allein und zärtlich: Vierge aux yeux noirs, pourquoi pencher la tête? »Was neigst du so dein Haupt, schwarzäugige Maid? Wer schuf dir solches Herzeleid?« Wie erhaben, rührend melancholisch! Waren es nur Schauer der Bewunderung, die Luise überströmten? Schon hielten sie zusammen das Notenblatt, das in ihren Händen zitterte, und ihre Finger suchten sich, und Luise wechselte die Farbe, ihre Nerven bebten. Dann begegneten sich ihre Blicke: pourquoi pencher la tête ? Es war um unsre Luise geschehen. Johannes war da; er stand wieder kläglich abseits im Schatten und starrte aus dem Fenster, wo im schwarzen Laub das bleiche Mondlicht dämmerte. Gewiß, er liebte Luise heiß, aber es ging ihm in der Liebe wie beim Fangspiel: er war der Unbeholfene und überließ allemal andern die Beute. Luisen aber war es genug, daß der Johannes ihr gehorsam blieb, und er tat knabenhaft gutherzig alles, was er sollte. Sie sollte nicht merken, daß er sich quälte. Jetzt eben rief sie ihn mit Namen. Er schnellte empor. Was wollte sie? Sein Auge strahlte. Sie bat ihn nur um ein Glas Wasser. Er brachte es wortlos und trat zurück. Das war alles. Pourquoi pencherla tête ? Luise vergaß die Melodie nicht, und wir alle lernten sie damals auswendig. Wenn sie vor ihren Spiegel trat, summte sie sie und neigte dazu jetzt mit Absicht das Haupt, dem Liebe zu Gefallen und ganz versonnen. »Ja, sie war fortan ganz verändert,« bestätigte der Spiegel im allergefühlvollsten Ton; »aber sie war noch schöner als früher, trug gern ihr mattgrünes Seidenkleid, weil Gaston das liebte, im Schnitt ganz wie die Madame Recamier oder wie die schöne preußische Königin Luise, der sie ja auch im Namen glich. Ihr Teint war so rein; trotzdem schminkte sie sich jetzt mit Poudre-de-ris und rouge vegetal , und die Puderquaste ruhte nicht. Und dazu die Parfüms! Ein vergoldetes Flakon hatte Gaston ihr geschenkt, und sie ging wie in einer Duftwolke umher. Agnes roch es voll Neid, Frau Nanette voll Hochachtung, der Vater voll Wut und Johannes voll Gram. Er verging vollends vor Sehnsucht, der Johannes. Luise war eine schwüle Schönheit, und zur Liebe kam bei ihm jetzt zehrende Eifersucht. Und er hatte Grund, obschon Gaston sich wohl hütete, von Liebe zu sprechen; wer weiß auch, wie viel Freundinnen er im Geheimen sonst noch hatte? Er machte überhaupt wenig Worte, hielt sich ganz in den Formen der Courtoisie und bat nur um Freundschaft und nicht mehr. Das machte den besten Eindruck. Die Menschen sind eben schlechte Beobachter, weil sie nie vollkommen ruhig stehen wie wir Standmöbel. Wir hören alles und blicken tiefer. So war es damals. Gartenfeste gab es mit Lampions; aber da geschah nichts Auffälliges. Kam die Familie abends aus der Komödie nach Hause, war Gaston natürlich bei Luise in der Loge gewesen; aber warum sollte er nicht? und die Madame Nanette sagte tausendmal: ›welch vollendeter Kavalier! Das ist die Pariser Politur. Es lebt sich gut mit diesen Franzosen.‹ Schon aber begannen die Liebesbilletts, und niemand merkte es. Tief in die große chinesische Vase warfen beide heimlich ihre zarten Briefe. Wie oft griff Luise fiebernd hinein! Papierne Liebesschwüre? Wir zweifelten nicht. Der kluge Mensch warf nun doch seine Angel nach dem Goldfisch, und nicht vergebens. Bei dem Wort »Goldfisch« zuckte die Silbermöve zusammen. Es erregte sie, von Fischen zu hören. Sie wollten sich heimlich treffen; wo anders als im Garten in der Laube beim Teich? Es war Sommernacht. Fränzchen, das Brüderchen, aber lief gerade noch schnell mit der Handlaterne in den Garten, um nach seiner verlorenen Peitsche zu suchen. Die Laterne fiel hin und erlosch. Da hörte er in der Laube ein Wispern und schlich sich heran; denn er war nicht bange. »Wer da?« schrie er. »O, o! Luise mit dem Mossiö! Was macht ihr hier? Sie sitzt auf seinem Schoße. Ich erzähl' es gleich dem Papa.« Zu Tod erschrocken war da Luise und kniete vor ihrem Bruder nieder und flehte tausendmal: » François , lieber Kleiner, nichts sagen, nichts sagen! Wenn du schweigst: der Mossiö bringt dir das schönste Konfekt vom Kuchenbäcker.« »Wie viel Kuchen?« sagte der Schelm da frech. »Bitte sehr, nicht nur für mich, sondern ebenso viel auch für Emil. Sonst schwatzt der Emil es weiter; denn dem muß ich doch gleich alles erzählen.« Wirklich raunte er auf unserer Diele dem Bruder im Dunkeln die ungeheure Entdeckung zu: »Auf dem Schoß saß sie.« Aber beide schwiegen hernach artig wie das Grab, und der Vater erfuhr nichts. Denn sie hatten rechtzeitig den allerschönsten Kuchen bekommen.« Ein großes Stillschweigen entstand jetzt. Mir war, als ob ich aus meinem Traum auffahren sollte; so bange war mir um die Luise geworden, als die Reden schon weiter gingen. »Dann geschah es, daß der gute Johannes das Haus verließ. Uns allen ging es zu Herzen, wie er zum letztenmal nach dem wohlbekannten Hut mit der breiten Krempe griff und des Herrn Lebrecht Hand faßte: »Haben Sie Dank für all Ihre Güte. Sie waren mir alle Zeit wie ein zweiter Vater.« Der Alte stutzte und zog die Brauen: »Warum so feierlich, Johannes?« »Ich kann nicht wiederkommen,« sagte er mit zitternden Lippen. »Ich kann nicht. Darf ich es sagen? Ich hoffte auf Luise, aber ich habe von diesem Gaston gelernt.‹ »Was ist mit dem?« »Ich habe gehört, wie Gaston einmal spottend sagte: Bescheidene Liebe ist halbe Liebe.« »Zu wem? zu Luisen?« »Jawohl. Bescheidene Liebe ist halbe Liebe: das ging auf mich. Er selbst freilich macht es anders.« Der Alte fuhr heftig auf; dann aber lachte er: »Haben Sie Geduld, Junge. Luise mit dem Welschen? Welche Albernheit! Liebe? Unsinn. Es ist nur diese verfluchte Manier des Schöntuns. Meine Tochter ist viel zu klug; sie weiß, eine Ehe würde ich nie dulden. Nie, sag' ich.« Aber Johannes schüttelte nur den Kopf, sagte nichts mehr und ging. Er wandte sich noch einmal zurück und küßte dem Alten die Hand. Dann klingelte die Haustürschelle. Er war draußen. Erst nach drei Jahren haben wir ihn wiedergesehen. Luise hat im Laufe der Tage wohl öfter nach ihm gefragt; sie vermißte ihren Johannes doch, als ob sie ihren Schatten vermißte. Aber sie tröstete sich. Sie wandelte in der Blendung und brauchte keinen Schatten. Dann kam die Wagenfahrt. »Die Wagenfahrt!« Bei dem Wort war es, als wiegte der Leinenschrank seine breite Stirn vor Kummer. »Die Sache war klug ausgedacht. Luise besuchte ihre Freundin Toni, die auf den »Großen Bleichen« wohnte. Warum sollte sie sie nicht besuchen? Die Freundin selbst begünstigte die Sache. Zu verabredeter Stunde, 3 Uhr (wir erfuhren bald alles), verließ Luise dort das Haus; ein geschlossener Mietswagen fuhr vor. Gaston saß verborgen darin, und so fuhren sie zusammen flott zum Stadttor hinaus. Wohin? Einerlei. Sie waren allein, niemand sah sie, und Gaston hatte, was er wollte. Um 7 Uhr war sie rechtzeitig wieder im Haus ihrer Freundin, wo die Frau Nanette sie alsbald persönlich abholte. Es wurde nichts bemerkt; aber Luise hatte ihren Ridicule, worin ihr Spiegelchen, ihre Muschel mit Nähnadeln und ihr kleines Portefeuille mit dem violetten Sammtdeckel steckte, im Wagen liegen lassen; der Lohnkutscher kam und brachte es, und alles wurde entdeckt. Das war ein Schrecken und Aufruhr. Das ganze Haus stand auf dem Kopfe. Luise, in ihrer Bestürzung, blieb wortlos und starr, barg das Gesicht in ihren Händen und verschloß sich in ihrem Zimmer. Gaston betrat ahnungslos das Haus. Herr Lebrecht aber ließ ihn nicht in die Stube. Spreizbeinig stellte er sich vor ihn hin, die Daumen in den Ärmellöchern, und donnerte ihn an: »Was wollen Sie hier, mein Herr? Diese Wagenfahrt! Wir wissen alles. Es ist zu Ende.« »Sie wissen?« »Ich weiß, daß hier für Sie kein Raum ist.« Der Franzose verstand nur halb: »Hören Sie ruhig, mon cher , bei unsrer Freundschaft...« »Sie haben unsre Freundschaft uns übel gedankt.« »Nicht nur Freundschaft. Verstehen Sie mich. Luise liebt mich; sie liebt mich. Es mußte so kommen.« »Und Sie?« » Eh bien , wir lieben uns. Ich liebe den deutschen Walzer; warum soll ich nicht auch ein deutsches Mädchen lieben?« Der Alte griff, zur Seite springend, nach seinem Stock, und der Zopf bebte ihm im Nacken: »So so! Sie haben an unserer Tochter Geschmack gefunden. Für wie lange?« » Parole d'honneur , es ist Ernst. Fragen Sie Ihr Fräulein Tochter. Ich werde sie heiraten. Luise will es.« »Luise will es? Aber nicht ich. Gott bewahre mich! (Des Alten Herz tat sich weit, weit auf). Keinem Feinde geb' ich mein Kind. Wir kennen euch. Wortbrüchig und leichtfertig, so wart Ihr immer. Wissen Sie nicht, daß ein deutsches Bürgerhaus auf Anstand und Ehre hält?« »Ehre!?« Gaston fuhr nach dem Degen. Des Alten Zornader aber schwoll: »Ja, Ehre. Ein Schrei geht durch unsre ganze Stadt, geht durch alle deutschen Städte und Dörfer. Ihr raubt unser Geld und unsere Töchter. Kein Wunder! Ein Räuberhauptmann ist es, den ihr euren Kaiser nennt.« »Majestätsbeleidigung! Sie beschimpfen unseren erhabenen Kaiser! Sie werden von mir hören.« Es klang wie Gebrüll. In Gastons Hand zuckte die nackte Klinge. Er war bleich wie Wachs; nur seine Narbe glühte. »Sie werden von mir hören!« Frau Nanette warf sich händeringend dazwischen. Aber Gaston wandte sich plötzlich, ohne Gruß. Die Haustür fiel krachend zu. Er war gegangen, und der Herr Lebrecht stand mit aufgerissenem Munde da. Den Stock schmiß er in die Ecke und ballte die Fäuste. Er hatte seinem Herzen endlich Luft gemacht; das tat wohl. Aber was nun? Gaston fort. Auch Theophile würde nicht wiederkommen. Das ganze Haus lag auf einmal wie im Fieber. Auch wir selbst, wir fieberten mit. Was nun? Das Essen erschien und kam wieder ungegessen vom Tisch. Nur ein unstetes Gelaufe hin und her. Türen und Fenster sprangen auf, und ein grausiger Luftzug ging durchs Haus, daß die Gardinen flogen. Auch Agnes lachte nicht mehr. Das Abenteuer, das ihr anfangs so interessant schien, ging übel aus. ›Majestätsbeleidigung! Höllenangst! Vater! Vater! Sie haben Napoleon, den allmächtigen Kaiser beschimpft. Die Gendarmen kommen. Man wird Sie verhaften, erschießen.‹ Der Alte sank wie betäubt in seinen Stuhl. ›Ich hatte doch Recht‹ knurrte er; ›aber, aber...‹ Otto kam. Er hörte alles, warf einen festen Blick auf Agnes; dann ging er wieder. Er konnte hier nicht helfen. Auch die Domestiken drängten in die gute Stube, um zu hören, und ächzten und zeterten durcheinander ach, ach! Die Köchin ließ das Abendessen anbrennen, und durch das ganze Haus roch es nach Unglück. Was sie da redeten – es war endlos, aber immer dasselbe. Das Ende war, daß folgenden Tages unser Herr völlig geknickt auf den Wunsch der Seinen zum Herrn Gaston fuhr, um regelrechte Abbitte zu leisten. Ja, er ging, er tat es. Einen Brief Luisens nahm er mit. Der gerade Mann mußte sich krümmen. Er mußte. Es half nichts. Welch Bangen und Zagen! Was würde er bringen, wenn er von diesem schweren Gang zurückkam? »O über die menschlichen Leidenschaften!« kam es brummend aus dem Leinenschrank. »Wir haben, so lange wir leben und den Menschen in ihren vier Wänden zusehen, viel erlebt, aber solchen Aufruhr nie wieder. Welch Glück, daß wir selbst solide Naturen und so blutlos und ohne Wallung sind! Was würde auch sonst aus den Hausständen, wenn wir auch noch durcheinander klagten und jagten? ›Mobilien‹ heißen wir, die ›beweglichen‹? Welcher Unsinn! Je lauter die Leute, je stiller sind wir. Die Menschen sind die Mobilien; sie sind den Fliegen gleich, die am Fensterglas auf- und abrasen, weil sie nicht wissen, wohin?« Ich ärgerte mich auf meinem Billard über diese überflüssigen Betrachtungen. Mobilien oder nicht! Nur weiter, weiter! Schon zuckte es mir in den Augenlidern, als sollte ich aufwachen. Ins Leere, Traumlose glitt ich schon wieder hinüber, hörte schon wieder deutlich das leidige Schnarchen meines Bruders John. Wie spät war es nur? Vielleicht schon bald Mitternacht? Aber ich wich nicht von der Stelle. O Dämmer! o Sehnsucht nach Versunkenheit! Schon hob in meinen Ohren wieder das Rauschen an, und ich hörte wieder deutlich Gastons Namen. Den Krückstock hört' ich jetzt eben sprechen. Er sagte: »Ich war doch froh, daß ich nicht losschlug und so ruhig blieb. Die Selbstbeherrschung ist doch das beste. Jetzt waren sie ausgesprochene Verlobte, Luise und er, und die Tanten Henriette und Jenny, die Freundin Toni und viele andre konnten kommen und gratulieren. Ob ihn, den Gaston, nur die gute Krippe lockte? Er spielte jetzt hoheitsvoll den Gnädigen und war wie Herr im Haus. Herr Lebrecht hieß jetzt der Père. Der Père war freilich wenig zärtlich und verhielt sich steif und verkniffen genug, aber er mußte doch still halten, wenn der Herr Schwiegersohn ihn huldvoll auf die Wangen küßte, und Luise und Gaston, beide dozierten jetzt abwechselnd; ›Was heißt deutsch? was heißt französisch? Alles ist eins – Verbrüderung der Völker. Ganz Europa ein Kaiserreich. Die Grenzen sind gefallen. Kompatrioten sind wir alle, Bürger und Untertanen des einen großen Völkerbefreiers. Darum haben wir uns gefunden.‹ Herr Lebrecht aber knurrte vor sich hin, wenn er über die Straße ging: ›Die Weltgeschichte ist noch nicht zu Ende; der Zar von Rußland lebt noch, und der Weg nach Moskau ist weit. Warten wir, ob dem großen Räuberhauptmann nicht dort, draußen noch einmal die Ohren erfrieren. Wenn mir nur nicht auch noch Agnes, der kleine Racker, Sorge machte! Luise war immer ihr Ein und All, und das Beispiel ist mächtig.‹ Auf der Börse, in den Kontoren hatte der Père allerlei unsichere Gerüchte über Spanien, über Rußland gehört. »Es war doch schön,« hört' ich den Krückstock sagen, »daß wir beide so eines Sinnes waren, beide gut teutonisch, ich und mein Herr. Darum hielten wir auch immer gut Schritt zusammen, und seine Sorgen waren meine Sorgen.« Geschwätz! Wie würde es der Agnes gehen? Da hörte ich schon andere Stimmen berichten. Luise trat zu ihrer Schwester: ›Ich verstehe dich nicht. Du bist jetzt so anders zu Theophile. Wir können stolz sein, solche Männer zu finden, die der Ruhm umstrahlt, und Theophiles Verhalten ist tadellos.‹ Agnes setzte eben Blumen in die kleine Schale: ›Er ist nett und amüsiert mich,‹ sagte sie. ›Mehr will ich nicht. Nein, wirklich. Mache nicht solch feierliches Gesicht. Nur nicht Ernst machen, bitte! Ich habe Angst davor, und ich sag' dir auch offen: ich kann Ottos kalte Miene nicht ertragen.‹ ›Ottos kalte Miene?‹ ›Er kommt immer noch treu zu uns ins Haus, obgleich ihm andre Häuser genug offen stehen; aber er tut so, als sei ihm alles gleichgültig, was er hier sieht.‹ ›Und das reizt meine kleine Agnes?‹ Nun freilich. Otto liebt mich nicht; aber er sollte mich doch auch noch ein bißchen lieb haben, so wie früher....‹ ›Also zwei Liebhaber? Ein kindischer Ehrgeiz.‹ So sagte Luise und gähnte (sie hatte etwas Träges bekommen und tat schon gar nichts mehr im Hausstand). Wir aber glauben, es war nicht Ehrgeiz, es war etwas Besseres. In Agnes erwachte das deutsche Herz. Welch Glück, daß es noch einen Otto gab! Aber sie wußte selbst nicht, was in ihr vorging. Es war die mystische Dämmerung der ersten Liebe. Wir haben alle aufgemerkt und acht gegeben. Theophile war immer noch derselbe. Wurde er aber zu schwärmerisch, da rief Agnes zum Schutz jetzt immer gleich Otto herbei, begünstigte ihn auffallend beim Pfänderspiel, schob ihm bei Tisch rasch den Leckerbissen zu, auf den Theophile sich spitzte, und Otto blickte jetzt stolz und dankbar, aber immer noch in unerschütterlicher Seelenruhe darein wie der Fischer, der in derselben grenzenlosen Ruhe mit seiner Angelrute am Ufer steht und voll listiger Geduld harrt, bis der liebe Hecht anbeißt. Wer sprach da? Ich glaube, es war die Silbermöve, die allein etwas von Fischen verstand. Der neue Krieg kam. Großer Rumor im Rathaus, in den Kasernements, in allen Häusern. Davoust, der böse General, rüstete den Ausmarsch aus Hamburg, so auch das Kürassierregiment. Auch Theophile mußte mit ins Feld. In seiner Erregung hatte Theophile den letzten Abend unter Kameraden zechend verbracht und dachte noch an ein Abenteuer; er stahl sich in unsren Garten und versuchte, am festen Weinstaket zu Agnes' Fenster hinaufklettern. Sie ahnte nichts, hörte im Holzwerk das Knacken und goß dem unheimlichen Gast eine Kanne warmes Wasser über den Kopf. Sie hatte gerade ein Fußbad nehmen wollen. Es war aber zum Glück kein Seifenwasser. Wie da der Otto lachte, als er das hörte! Theophile aber war begossen, für immer. Beide, Theophile und Gaston, ritten mit in den großen russischen Krieg hinaus: Napoleon gegen den Zaren. Der Sommer verging; der Winter kam; ein grausiger Winter. Die Spannung wuchs. Die Kriegsnachrichten kamen immer spärlicher. Es war so kalt, daß auf unsrer Diele fünf der schönsten Orangenbäume erfroren. Wir trauerten tief um sie, als wären sie unsre Brüder; denn Bäume sind Bäume und wir Holzschränke doch gleichsam Holz von ihrem Holz. Es war ein böses Vorzeichen. Theophile kam in der Tat nie wieder. Dreimal schrieb er noch dankbare Zeilen; denn er war im Grunde eine gute und seine Seele. Dann war er verschollen. Gaston kam siech von der Beresina zurück. Kläglich zermalmt war Napoleons Heer; aber Davoust, der General, kam dann doch wieder nach Hamburg, und die Stadt blieb immer noch französisch. Im Lazarett wurde Gaston gepflegt. Fieberkrank lag er und abgezehrt. Luise durfte ihn nicht besuchen; er erhielt nur ihre Briefe. Aber er genas; er betrat wirklich unser Haus wieder. Sein Gesicht war noch bleicher, es war noch fesselnder. Ein schwarzer Bart umkränzte jetzt in zartem Schwung seine schmalen Wangen. Aber er war nicht mehr der Sieger, der Abgott Napoleon eine fragliche Größe, die Zukunft dunkel. Sollte es doch noch zur Heirat kommen? Wir wissen alle noch das Gespräch, das alles entschied. Es war die Zeit, als Davoust die Stadt nun doch endgültig räumen mußte, Hamburg wirklich seiner Befreiung entgegensah. Auch Gaston mußte fort. Keine fremden Säbel sollten mehr rasseln auf unsrer alten Diele. Der Vater nahm feierlich, ernst und gütig Luisens Hand. Er trug den Zopf jetzt nicht mehr, sondern das greise Haar hing ihm lose im Nacken; um den weichen Hemdkragen die große Schleife; eine hellseidene Weste unter dem langschößigen dunkelblauen Tuchrock. Es war der Rock, in dem er zur Kirche zu fahren pflegte. »Hast du Vertrauen? willst du ins Land der Franzosen, die uns gepeinigt haben und uns hassen? willst du dem Herrn Gaston Viallard folgen? uns preisgeben, Kind – sieh dich um, die wir hier stehen –, deine Heimatstadt preisgeben, das Land, wo die deutsche Zunge klingt? das Land Luthers und Goethes? Ich schenkte dir »des Knaben Wunderhorn«. Darin sind tausend Heimatklänge. Können sie dich nicht festhalten? Frage nicht nur deine Schwester Agnes. Wir alle bangen um dich. Glaube mir, in der Fremde wird es dir übel gehen. Gebärdet sich Gaston nicht immer noch als der Grandseigneur, der vornehmer ist als wir und im Grunde verdiente, über die ganze Welt zu herrschen? wie ein Löwe, der die Insekten großmütig in seiner Mähne spielen läßt? Es ist Gnade, daß er sein Wort nicht brach und sich bereit erklärte, dich zur Frau zu nehmen. Die Treue aber ist in Frankreich seltene Ware, und eine deutsche Hausfrau hat es schwer in den Salons, die ein Beaumarchais und Diderot uns schildert. Es kostet uns nur ein Wort, und er geht, und ihm wird darum das Herz nicht brechen. Schluchzend fiel da die kleine Agnes der Schwester in die Arme: »Luise, Luise! soll es wahr werden?« Es war ein Küssen und Streicheln unter den Schwestern, wie sie es lange nicht mehr getan, die schrankenlose Zärtlichkeit aus der Kinderzeit. Auch Mutter Nanette weinte lange Tränen auf ihren Busen und sagte: »Kind, Kind, vergiß auch nicht, daß hier immer noch ein treues Herz für dich schlägt. Denke an Johannes, den braven. Wir hatten gewähnt, ja, wir mußten glauben, unser Hamburg werde für immer französisch bleiben und dein geliebter Gaston würde sich dauernd mit dir in unsrer Stadt niederlassen. Jawohl, so dachten wir. Nun ist alles so anders, so anders!« Luise sank im Kanapee zusammen und grub ihr heißes Gesicht in die Polster: »Eure Worte gehen mir wie ein kaltes Eisen durch meine Brust. Vater! ich weiß es' seit langem, daß Sie mir grollten, und ich verdiene Ihre Güte nicht. Ja, ich sehe, ich muß, ich will verzichten. Gott möge mir helfen. Aber redet mir nicht von Johannes.« »Sorge dich nicht,« fuhr die Mutter fort. »Gewiß, der gütige Gott hilft. Hörtest du unsre Uhr nicht eben schlagen? Du sollst sie so schlagen hören dein Leben lang. In Gottes Hand liegt die Zukunft, und alles geht vorüber wie dieser Stundenschlag. So lauten ja auch die Verse, die Ihr gesungen habt.« »Lassen Sie, Mama! Ich singe nicht mehr.« »O doch, du sollst sie uns oft noch singen: L'avenir n'est à personne. L'avenir est à Dieu. A chaque fois que l'heure sonne, Tout ici-bas nous dit adieu.« »A chaque fois que l'heure sonne, tout ici-bas nous dit adieu!« Luise wiederholte die Worte mechanisch, und ihre Tränen flossen im Kampf zwischen Trotz und Ergebung. Da klang draußen die Schelle; Sporen klirrten; die Glastür sprang auf, und Gaston, der Genesene, trat ein mit der Miene, als wäre er sehnlichst erwartet, im Militärrock wie immer, ritterlich stolz, voll männlicher Grazie und selbstgewiß. Der linke Arm in der Binde. Wenn er grüßte und sprach, geschah es mit jenem Ausdruck melancholischer Mattigkeit, der so berückend wirkte. Aber er sprach nicht viel; sein Blick fuhr suchend umher und traf Luise, herrisch und sengend zugleich. Himmel und Hölle glühte darin. Da war es entschieden. Sie stürzte zu ihm, zog ihn neben sich: »Mein Gaston, mein Gaston!« und alle warnenden Worte waren vergebens gewesen. »Mein Gaston, du meine Zukunft,« wiederholte sie. »Ich weiß, weshalb du kommst.« Sie schien einer Ohnmacht nahe. Er legte den Arm um sie: »Was ist meiner Luise geschehen? Vierge aux yeux noirs, pourquoi pencher la tête?« flüsterte er mit engelhafter Stimme. Dann befahl er: »Das Flakon! Eau de vie und ein Glas starken Wein! Ist nicht noch der alte Burgunder im Haus?« Er befahl, und alles lief und gehorchte. Luise erholte sich rasch genug, und nun ging er gleich auf die Sache los, und zur Hochzeit wurde alles verabredet. Es war der Schicksalstag. Das Geschäftliche lag ihm sehr am Herzen; der Père mußte sich fügen; Gaston trat fordernd vor ihn. »Bescheidene Liebe ist verschwendete Liebe« war sein Motto. Er wußte zu fordern. »Genug, genug!« sagte grimmig der alte Leinenschrank. »Laßt uns schweigen und daran nicht denken. Ich bin des Erzählens müde. Herr Lebrecht bewilligte die nötigen Summen, um in Paris die Ausstattung zu kaufen. Aber auch mir und meinen Kollegen wurde zu Leibe gegangen; es schmerzte sehr, als man mir in meine Eingeweide fuhr. Und dann...« Das Gespräch brach plötzlich ab, als versagte dem treuherzigen Erzähler die Stimme. Ich lauschte umsonst. Erst nach einer Pause ging es weiter: »Laßt uns auch von der Hochzeit nicht reden. Der Sekt floß, und alle guten Schüsseln wurden von den Gestellen genommen und bis oben gefüllt, damit die Gäste satt wurden: die hungrigen französischen Offiziere; es war das letztenmal, daß wir sie fütterten. Aber die Stimmung blieb fremd und gedrückt. Alle Lichter brannten, aber die Sorge warf ihren grauen Schatten über den Tisch. Gaston voll Ungeduld; Luise, jetzt Madame Viallard genannt, im Brautschmuck doppelt schön und stolz und doch zu reiner, siegreicher Freude unfähig, da sie in des Vaters gealterten Zügen den stillen Vorwurf, den Gram und die Mißbilligung las. Eine verlorene Stimme rief: fillettes et garçons, dansons, dansons! Die Tische schob man weg, aber niemand mochte tanzen. Die Kutsche fuhr vor; der alte Sebastian in weißen Handschuhen auf dem Bock; er wischte sich die Augen. Auf der Diele großer Abschied. Der Wagenschlag knallte zu; der Kutscher schnalzte; die Gäule zogen an. Das Brautpaar war in der Nacht verschwunden. Der Hufschlag hallte und verhallte. Agnes stand noch lange allein auf der Treppe, winkte mit dem Spitzentuch noch lange in das Dunkel hinaus. Wir hörten ihr lautes Schluchzen, bis Otto, ja Otto, der Freund, sie hereinholte. Da umschlang sie ihn, umfing sie ihn, legte das Haupt an ihn. Das Herz ging ihm auf; die beiden hatten sich gefunden, und in die große Traurigkeit fiel jauchzend und erlösend auf einmal der helle Lichtstrahl einer jungen Glückseligkeit.« – Hiernach verstummte alles. Niemand wollte mehr reden. Mich selbst hatte eine große Rührung erfaßt, und ich sprang' entschlossen von meinem Billard. Dieser Otto, was wäre ich ohne ihn? Er war ja, wie schon gesagt, mein eigener Großvater, der Vater meiner teuren Mutter, und Agnes mein kleines liebes Großmütterchen, die zärtliche, die mich als Knaben so verzog und die jetzt als Witwe in Wandsbeck phantastisch einsam mit Topsi, ihrem frechen Hündchen, in ihrem großen Hause lebte. Luise aber, meine Großtante, was war aus ihr geworden? Sie war uns immer ein Geheimnis. Ich hatte sie nie mit Augen gesehen. Man sprach nur gelegentlich von ihr wie von einer Romanfigur. Briefe von ihr kamen schon lange nicht mehr aus Frankreich. Wohl aber wußten wir, daß sie katholisch geworden, aber, getrennt von ihrem Gatten, vereinsamt lebte. Die Menschen aus Edelmetall sind selten. Für Gaston war das Ganze nur ein Abenteuer gewesen. Zweimal forderte und erhielt er noch Geldsendungen aus Hamburg; dann blieben sie aus. So hatte er seine Beziehungen in der Pariser Damenwelt sehr bald wieder aufgenommen und die deutsche Person schnöde verlassen. Kinderlos, ein Fremdling unter Fremden, lebte Frau Luise im Kloster in Biarritz bei Pau, am Fuß der Pyrenäen, ihrer Familie trotzig abgewandt (denn sie war ganz zur Französin geworden), ein Opfer ihrer Liebe, in leidenschaftlicher Frömmigkeit, ein gescheitertes, müßiges Leben, das nur noch auf das Jenseits rechnete, da sie das Diesseits betrogen. Es ist schön und groß, freiwillig sich seinem Schicksal zu opfern. Sie hatte es getan; aber das Schicksal ist launisch, und der Ausgang... Aber der Faden meiner Gedanken riß ab. Eben hatte ich den dunklen Raum verlassen wollen, um endlich mein Bett aufzusuchen, als ich leise Musikklänge hörte. Kamen sie von der Straße? Nein. Das Fenster war ja auch geschlossen. Welch Mirakel! Die alte Guitarre, die über der Tür hing und bisher ganz still gewesen, fing auf einmal leise an zu klingen, und den Mahagonikartentisch, der gleichfalls bisher geschwiegen, hörte ich vernehmlich seufzen: »Dansons, dansons! Ach, könnten wir tanzen, ja tanzen! Es waren damals doch schöne Zeiten, an Abwechslung und Erleben reich. Das Menuett möcht' ich noch einmal tanzen, das Menuett, das nicht an Luisens, nein, an Agnes' Hochzeit von den Gästen getanzt wurde und das uns damals durch alle Glieder fuhr. Unsre Glieder sind freilich schwer und steif geworden, aber wer weiß? Die Sehnsucht hilft uns. Man sagt: wer fliegen will, dem wachsen schließlich Flügel.« Die Mobilien wollen tanzen? Welche Albernheit! dachte ich; nun ist es Zeit, mich zu drücken; machte Licht, sah alle Möbel noch einmal staunend an (sie standen so ruhig!) und ging ins Schlafzimmer hinüber. Mein Bruder John fuhr wütend auf: »Mach' das Licht aus: 12 Uhr nachts! Bist du verrückt geworden?« Doch er sank dann gleich wieder in seinen gesunden Schlaf zurück. Übermüdet und betäubt fiel ich in mein Bett und streckte mich, streckte die Glieder seelenruhig, selig und dankbar. Wie viel besser schlief sich's doch im trauten Bett als auf einem Billard! O ihr weichen Kissen! Die Decke über die Ohren! Das Unterbett federt so angenehm. Schlief ich wirklich? oder war ich doch immer noch wach? Hörte ich nur das melodische Schnarchen meines vortrefflichen Bruders, ein Knacken und mildes Sägen und Rasseln? Nein! Es war zu deutlich. Im Nebenzimmer rauschte wieder die Guitarre, als führe jemand über die Saiten, eine langsam wiegende Tanzmelodie. Welch' seltsamer Zustand! heimlich, unheimlich! Geht der Zauber noch weiter? Die Zimmerwand wurde durchsichtig wie Glas, und ich sah das Erstaunlichste. Das Billard stellte sich wie ein dressiertes Zirkuspferd auf seine Hinterfüße und trat mit einer Verbeugung zurück, um Platz zu machen. Der Kartentisch als sein Vis-a-vis tat ebenso und verbeugte sich noch graziöser, und auch der großmächtige Eichenschrank erhob bärenhaft langsam die dicken Füße, machte richtig einen Pas und noch einen Pas und schritt, majestätisch sich wiegend, vor; der behendere Tassenschrank fing gar an zu hüpfen, und das Menuett war schon im Gange: ein Verbeugen, Drehen und Wenden, Chassieren, en avant, en retour, à droite, à gauche, aber geisterhaft leise wie auf Gummisohlen, ein Schleifen und Wiegen in wohliger Genußsucht. Nur bisweilen war es, als knackte es in dem alten Holz. Mit wachsendem Staunen sah ich alles. Ja, die Flügeltüren der Schränke entfalteten sich langsam, als wollten sie sich umarmen, und auch die Silbermöve begann in Sehnsucht ihre Flügel zu dehnen und zu wippen auf ihren Schwimmfüßen, und die zwei Girandolen, die auf der Kommode standen, verneigten sich altmodisch und sein und umschlangen sich feierlich zum Tanz mit ihren glitzernden Armen, so daß die Ketten leise klirrten, die an ihnen hingen, und auch der Spazierstock sprang energisch aus seiner Ecke, und wie ein Korkenzieher, den eine unsichtbare Hand bewegt, drehte er sich närrisch um sich selbst, ohne umzufallen. O ihr lieben alten Möbeln! macht ihr es öfter so? und hab' ich euch endlich ertappt in eurem unheimlichen Treiben? Wenn nur eure Füße nicht brechen und die Tassen heil bleiben und die Wäsche nicht durcheinanderstürzt, die da so sorglich in den Börtern liegt! Was würde sonst meine Mutter sagen? Da rührte sich in der alten Uhr das Schlagwerk mit seinem Silberton, das ich schon einmal gehört hatte, und es schlug 1 Uhr. Dann hörte und sah ich nichts mehr, und traumloser Schlaf umfing mich. Mit brennender Neugier riß ich am anderen Morgen die Tür zur Schrankstube auf. Aber alles stand reglos da, wie es immer gewesen, und das Billard, die Schränke und alle Beteiligten taten, als sei nichts passiert. Diese Heuchler! Nur schien es mir, als hätte der Eichenschrank, der Riese, sich doch den Fuß vertreten; er neigte etwas schiefer als sonst nach der einen Seite, und der Spazierstock stand in der falschen Ecke. War es wirklich so? oder irrte ich mich? Nun sage mir einer, der diese Geschichte erfährt, daß ich nicht ein Träumer bin. Als ich aber in den nächsten Tagen zu meinem Großmütterchen eilte (sie saß grade an ihrem Flügel und phantasierte, und die kleinen Finger griffen ganz tapfer zu), als ich »Großmutter!« rief und ihr von meinem Traum erzählte – sie war immer noch wie einst des Lachens froh –, da lachte sie nicht, sondern die Tränen rannen aus ihren hellen Augen. »Luise so fern! Tout ici-pas nous dit adieu . O könnte ich sie noch einmal küssen, meine Schwester!« Ihr Mund zuckte; das Haupt in die Hand gestützt, trocknete sie mit dem Spitzentuch ihre Tränen, die immer noch flossen, und sagte nichts. Was gibt es Schöneres, Rührenderes als Schwesternliebe? Dann kam ihre Hand, und sie, streichelte mir liebkosend die Wangen, wie sie es oft getan, da ich Knabe war, und lachte schon wieder ganz vergnügt, als ich sie mit kräftigem Ungestüm auf den Mund küßte. Sie hatte ihren Charme behalten und war immer noch so jugendlich wie ihre Töchter. Es muß reizend gewesen sein, ihr Geliebter zu sein. Das Opfer Eine hessische Dorfgeschichte Nach einer Mitteilung aus den Akten des Landgerichts zu ... vom Jahre 1903. Es hatte geregnet. Der Morgen war trübe. Wie silbern rieselte der Wind durch die jungen Weidenzweige am Ufer, und die Birkenkronen zitterten in beständigem Erschrecken. Es war ein stoßender Wind. Von den Obstbäumen stob ein weißer Blütenregen und wirbelte weithin über Fluß und Wiese. Wie lieblich, aber wie unstät! und wie vergänglich ist die Jugend, auch die Jugend des Jahres, der junge Lenz! In den Städten, da kribbelt und wirbelt das Straßenleben von früh an, wie im Ameisenberg. Im Dorf ist es Vormittags still wie im leeren Taubenschlag; denn jeder geht draußen seinem Werk nach; so auch im Wiesendorf , von dem ich reden will, das, lang hingestreckt und mit seinem hübschen Kirchturm ein Schmuck des Landes, an das ansteigende Ufer der Lahn sich lehnt. Nur ein ältliches, bartloses Männchen stieß in das verbogene Blashorn, und der Mißklang ging wie ein stöhnendes Signal melancholisch den Fluß entlang. Die Gänse des Dorfs schnatterten zusammen unter seiner Obhut und ästen im Gras und watschelten in's seichte Wasser, bis sie auf einmal aufschrieen und mit den Flügeln schlugen. Es war ein großes Ereignis: sie hatten beim Wehr, wo der Mühlgraben begann, tiefes Wasser gefunden. Die Enten hatten das längst entdeckt, die eitel die fette Brust aus dem Wasser hoben und sich mit der breiten Schaufel ihres Schnabels die glitzernden Federn putzten. An der Flußwiese entlang lief die Chaussee. Da spielten die Kinder, rekelten sich an den Zäunen und wälzten sich jauchzend, die Beine hoch, im Sand, den sie mit ihren kleinen Händen griffen. So ist es. Kinder können jauchzen; auch die, die schon zur Dorfschule müssen, sind noch so sorgenlos; sorgenlos auch der Bursch und das Mädel, die im Garten oder im hängenden Feld droben Arbeit tun. Sie gucken oft auf, und wenn ein Fremder – wie ich, der ich dies erzähle – durch's Dorf pilgert, grinsen sie mit trägem Behagen sich an, als dächten sie: Was will der hier? Hat er nichts zu sorgen und ist doch schon so alt? Ja, das Alter und die Sorge! Es ist, als wären die Zwei unzertrennlich. Das Gesetz gilt seit Ewigkeit. Grämlich gebückt stapft der alte Ackersmann hinter dem Pfluge durch die Erdschollen. Wie lang soll er es noch so machen, wie er es schon durch fünfzig Sommer getan? und die Weiber verwittern früh, und der Glanz in ihren Augen ist so stumpf und erloschen, als läge alles Wünschen und Hoffen auf gute Tage weit hinter ihnen. Sie haben Glück und Hoffnung längst an Kinder und Enkel weitergegeben. Auf der steilen Treppe am Kirchhof kauert der Tobias tagaus, tagein, die Hand auf der Krücke, mit der Ziege, die er am Strick hält, und dreht den wackelnden alten Kopf wie ein Automat langsam nach rechts und links, da er sorgfältig hinter jedem dreinschaut; denn er kennt die Dorfleute alle und denkt: Niemand weiß, was kommt, und das Unglück lauert hinter jedem Zaune. Wer ist der nächste, den es packt? Am Mühlgraben beim Wehr, im Halblicht unter den Erlen, da knieen ein paar Frauen und Mägde auf den Holzstegen und spülen Wäsche. »Das war eine feine Kirmes gestern«, ging ihr Geschwätz; »und mit dem Fritz ist es nun auch sicher. Der Fritz Wigand, nun freilich, so ein Bursche! dem mußte es schon glücken. In der Kanonieruniform, die Reitgerte in der Hand, so kam er auf Urlaub in's Dorf zurück, so hat ihn die Lene wiedergesehn. Und er ging ja auch früher schon immer mit der Lene, und gestern, spät...« Hier brach die Rede ab. Es war die schwarze Grete, die so schwatzte, eine handfeste schwere Person mit groben Zügen und kahler breiter Stirn, um die ein spärliches, dünnes Zöpfchen wie ein Rattenschwanz taumelte. Aber sie sprach in Wirklichkeit nie, sie schrie immer nur, als verhandelte sie mit ihren Kühen im Kuhstall oder müßte den Henner, ihren Mann, das dumme Tier, aus dem Schlaf rufen. Seitab, hinter dem breiten Weidenbaum, kniete die Marie am Wasser, ihre Nachbarin. Die sagte nichts, sah nicht auf und schien auch nicht zuzuhören. Da stellte sich die schwarze Grete hinter ihrem nassen Wäschehaufen aufrecht hin, die Hände auf den dicken Hüften, daß die Lunge in der breiten Brust sich dehnte, und schrie: »Ja, ja! der Fritz! der weiß, was recht ist. Aber der Hans? der Hans? wo bleibt der Hans?« Die Frau Marie sah trotzdem nicht auf. Sie tat ihr den Gefallen nicht. Wie taub starrte sie in das Wasser hinab. Ihre Hände ruhten: eine Frau von kaum mehr als dreißig Jahren, aber schmächtig, blaß und früh gealtert; denn wo die Sorge ist, ist keine Jugend; Rock und Mieder verschlissen und abgetragen, die Hände so mager und schmal. Wie trauernd senkte der Weidenbaum seine weichen Zweige über sie, wie über eine Mutter, die am Grab ihres Kindes kniet. »Der Fritz, ja der!« hörte sie wieder. »Aber wo bleibt der Hans? Warum holt er sich nicht auch einen Schatz aus dem Dorf? Er war doch auch auf Urlaub hier. Das macht, er mag die Mißwirtschaft im Hause nicht sehen. Die eigene Mutter verjagt ihn.« Dann tat die Grete, als ob sie flüsterte; aber auch ihr Flüstern war wie ein Feldgeschrei: »Wie lang wird sie's noch ermachen, die Marie? Die letzte Kuh ist aus dem Stall; auch die Nähmaschine hat sie an den Händler weggegeben. Ich hab's mit angesehen. Ach je, ach je! das kommt davon (die Grete flüsterte noch geheimnisvoller), davon kommt's, daß sie den Matthias geheiratet hat, die junge Person den Matthias, den Wittwer, und hat doch ganz genau gewußt, wie es stand mit ihm. Gott soll mich bewahren!« Die Marie verstand mehr, als ihr lieb war. Sie hielt es aus, wie ein Büßer, der sich peitschen läßt. Seufzend warf sie die Wäsche, die sie gespült, auf den Haufen. Das waren ihre eigenen arggeflickten Sachen und die der alten Anne, die mit im Hause half, und die ihres Söhnchens Gottlieb; denn sie hatte nur noch für ihren Gottlieb zu sorgen. Aber auch ein feines Herrenhemd war dabei: weiß mit rotgestreiftem Einsatz. Das war vom Hans. Das hatte sie noch von ihm. Wann würde er es wieder tragen? Rauschend, aber trübe und gelb vom letzten Gewitterregen, schoß das Wasser unter ihr her und führte allerlei Astwerk und junge Blätter mit sich, die der Sturm abgerissen. Die jagten dahin, hinab, hinab! Wohin dies Unaufhörliche? Ein Gesang stieg süß gurgelnd aus der trüben Nässe zu ihr auf. Wer einmal – unglücklich und jung – am Strom gestanden, der weiß auch, was die Wasser singen: »Unser Bett ist tief, und wer nicht feste Wurzel hat, den nehmen wir mit und tragen ihn weich, und er fühlt nichts mehr und gleitet dahin, ein abgerissenes junges Blatt, ins Weite, in's Grenzenlose, in die wundervolle große Rast – Gottes Ewigkeit.« Ist es möglich? Gibt es einen Gott und Heiland, der uns aus solcher Tiefe, aus der Tiefe der nassen Flut in den Himmel hebt? Welch fremdes Gefühl war das in ihr! Marie schüttelte sich: hu, der Graben war tief, und sie konnte nicht schwimmen! Die anderen Weiber waren schon gegangen. Rasch warf sie die Wäsche in den Korb und setzte den Fuß vor, um in's harte Leben zurückzukehren. Es war wohl ein Anblick für ein Künstlerauge, wie sie, mit freiem Hals, das Kinn kräftig hochgezogen, den großen Korb auf dem Haupt wiegte, mit beiden Armen gleichmäßig zu der Last emporgriff und so, in ihrem schlanken und graden Wuchs, über die Wiese wandelte. Früher Kummer adelt. Sie trug die schlichten, treuherzigen Gesichtszüge ihrer Rasse, mit den kräftigen Backenknochen im schmalen Gesicht, das nußbraune Haar straff gescheitelt, den starken Zopf rundum wie einen weiten Kranz hoch um den Hinterkopf gelegt, die braunen Augen groß und voll Glanz, die Lippe immer noch voll und weich. Aber die Haut war ihr rauh in Spalten zerrissen, die Schläfe eingesenkt, und eine graue Müdigkeit hing in den Mienen. Die Sorge hatte sich in dies liebe Gesicht gegraben: enttäuschte Jugend, gescheiterte Kraft. Gleich dort an der Dorfstraße lag Mariens Haus. Waldmann, der schläfrige Hund, rührte sich nicht, als sie kam. Das Gras wuchs im Hof zwischen den Steinen, der Lattenzaun war zerbrochen. Im Gärtchen blühten goldene Priemeln und die mattroten Glocken der Kaiserkrone; aber sie waren von wuchernden Nesseln fast erstickt. Grete, die robuste Nachbarin, hatte nicht übel Lust noch einmal anzubinden. Sie stand in ihrem Hof hinter dem großen Jasmin, sah über den Zaun und weidete sich an dem Verfall des Matthias'schen Hauses. Wie schief hingen nicht dessen Wände, und der graue Lehm sah unter dem Stuck hervor. Wie anders ihr eigenes, hochgetrepptes Haus mit dem frischen Kalkbewurf, der wie Schnee flimmerte, mit den bunt angestrichenen Balken – blau und gelb wie ein Märchenvogel – und all' den hübsch entworfenen Blumenranken und Sinnsprüchen auf den Feldern der Wände! Alles war vor drei Jahren »renoviert«. »So muß es sein, und unsere Häuser stehen gut beisammen«, sagte sie jedem, der ihr auf den Hof kam. »So sieht alle Welt, was ein ordentlicher und was ein schlampiger Haushalt ist.« Da klapperte ein Schalter im Wind, und die Grete fuhr los: »Es ist aber doch eine Schand'! Die ganze lange Nacht hindurch das Gerassel; es ist nicht genug, daß Euch die Ziegeln vom Dache fallen. Den Schalter am Dachspeicher da mein' ich. Wann wird er einmal festgemacht? Das könnte auch schon der Gottlieb, der Nichtsnutz.« »Kannst immer nur schimpfen? in Einem weg?« rief die Marie. Da kam es jovial von der Straße her: »Alle Wetter, die Grete! Gute Freunde, getreue Nachbarn und desgleichen.« Das war der gewaltige Herr Pfarrer Rosentraut, der größte Mann des Dorfs, wie ein wandelnder Kirchturm. Der Jasmin knackte; die Grete war schon verschwunden. Der Goliath aber im Kirchenrock und weißer Binde stand nicht allein vor der Marie; er hatte den Gottlieb an der Hand. »Haben Sie Zeit, Frau Matthias? Dieser Strick! Wir wollen endlich einmal über den Gottlieb sprechen.« »Doch nichts Schlimmes, Herr Pfarrer?« Marie sah nicht das rosige Schmunzeln in des Hochwürdigen bartlosem Gesicht, das von Idealismus und von einem warmen Frühstück glänzte, das ihm Petronella, seine liebe Frau, nebst einem Halbfläschchen eben zu Haus vorgesetzt hatte. Dem Geistlichen oblag die Schulaufsicht in den Dörfern, und Pfarrer Rosentraut hielt auf seine Pflicht und auskultierte nicht blos, die langen Beine in einen Knoten geschlagen; er gab wohl auch oft höchstselbst eine Musterstunde. »Marburg ist Universitätsstadt,« begann er jetzt mit Wichtigkeit. »Ich fahre jetzt eben nach Marburg, Frau Matthias, und will doch einmal sehen, ob ich dort nichts tuen kann für unseren Gottlieb. Aber nur, wenn Sie zustimmen. Natürlich! Gottlieb, geh'! Du brauchst das nicht mit anzuhören. Oder nein! bleib', antworte und zeige erst einmal der Mutter, was du gelernt hast.« Und nun begann ein sehr ernsthaftes Examinieren, die Kreuz und Quer, über Heimatkunde und Bruchrechnen, die zehn Gebote und die Deutschen Helden, Arminius und Bismarck. »Und wer war König David?« Da fing der kleine Gottlieb an zu kichern: »Das ist ja der, der den Goliath erschlug, und der Riese Goliath, das ist der Herr Pfarrer vom Wiesendorf, und der kleine David, das bin ich. Aber nicht böse sein, Herr Pfarrer. Ich tu' Ihnen ja nichts. Ich kämpf' auch für Sie, wenn ich erst so ein Ding, eine Schleuder hab'.« »Nun seh' mir Einer an.« Der fromme Mann zerging in Wohlgefallen und zwinkerte erstaunt mit den Augen: »Jetzt aber geh', du Strick; häng' die Wäsche auf die Leine.« Eine Pause entstand. »Er muß studieren«, fuhr auf einmal der Pfarrer los. Frau Matthias sank auf die Holzbank. »Marburg liegt ja so nah. Wissen Sie, was eine Universität ist? Ich bin ganz vernarrt in den Jungen. Die Nation braucht Talente! Was meinen Sie?« »Ich hätte gemeint, vielleicht Buchdrucker... Aber warum?« »Höher hinaus!« rief der Gewaltige und zählte an seinen fünf Riesenfingern die vier Fakultäten herunter, daß der armen Frau ganz schwindlig wurde. »Denken Sie sich, Euer Gottlieb stände hier einmal auf unserer Kirchenkanzel! Gottesmann wie ich! Er hat einen so lieben, frommen Blick. Aber nein! es wäre fast schade um ihn; er ist so extra-klug; er könnte auch Mediziner... Denken Sie, er führe als Arzt hier in der Chaise herum. Oder Jurist, Staatsanwalt! Denken Sie, Frau Matthias, Ihre Schwiegertochter vielleicht gar Frau Gerichtspräsident! Aber was red' ich? Rechtsprechen ist Recht brechen! Juristerei, dafür bin ich nicht. Schulmann, Pädagog, Philologe, das wäre das Beste, Köstlichste. Wer Freund der Bücher ist und Freund der Jugend, der ist mein Mann. Denn in den Büchern steckt Gottes Geist und der Geist der Menschheit, und in den Schulen, da steckt die Zukunft der Nation. Gottlieb, komm' her, du sollst uns gleich das Gedicht aufsagen, das Gedicht von heut'!« Der Pfarrer nahm eine Prise, schob auf der schnuppernden Nase den großen Zwicker weit nach vorn und beäugte so über die Gläser weg hoch von oben herab den kleinen Burschen. Der stand stramm in seiner dürftigen Figur. Das Knie guckte ihm durch's Hosenbein. Das Haar war ihm im Nacken in Stoppeln entsetzlich kurz geschoren, vorn aber hing es ihm wie Ährenbüschel in langen lockigen Streifen in die feine Stirn. Sein helles Auge flog keck zu Mutter und Pfarrer hin und her; dann begann er, und bei jedem Zeilenende warf er den Kopf vor Eifer in den Nacken: »Wir glauben all an einen Gott, An keine Macht des Bösen. Der Herr will uns aus Angst und Not Und aller Schuld erlösen, Und keine Träne wird geweint, Wo seine Gnadensonne scheint. Steh' ich am frühen Morgen auf...« »Halt, halt! genug!« unterbrach der geistliche Herr, der diese Verse selbst gedichtet hatte. »Sehen Sie, liebe Frau? der Junge behält alles, was man ihm einmal vorspricht. Sogar das schwere Wort Gnadensonne!« Marie sah voll Andacht auf ihren Buben: »Er ist ja fast wie ein Schriftgelehrter!« Da kam das Gottliebchen zu ihr und schmiegte sich an ihr Knie und merkte, daß eine schwere Träne in ihren Wimpern hing. Das machte ihn auf einmal nachdenklich, er trat vor den Pfarrer, faßte zutraulich an dessen Rock den untersten Knopf an, wurde dabei ganz rot und sagte: »Wenn ich was fragen darf...« »Was hast du, Gottliebchen?« »Meine Frage ist wohl sehr dumm...« »Laß doch nur hören.« »Warum weint die Mutter? Läßt der liebe Gott das zu? In den Versen heißt es doch: »und keine Träne wird geweint, wo seine Gnadensonne scheint«. Wenn ich Morgens zur Mutter an den Herd gehe, da weint sie so oft – und ich möchte mit weinen.« Der Pfarrer legte dem Jungen triumphierend die Riesenhand auf's Haupt. In ihm regte sich nur der Pädagog. »Sehen Sie?« sagte er. »Er denkt nach, selbständig nach, der Gottlieb; und fragen tut er auch: am Fragen aber erkennt man den Forscher.« Gottlieb hielt noch immer den Knopf. Er vermißte die Antwort. »Deine Mutter sollte ja nicht weinen, mein Kind,« hörte er da. »Warten wir, warten wir. Das Leben selbst wird uns hoffentlich bald eine gute Antwort auf deine Frage geben.« Da war der Bub' gleich wieder lustig und sprang zur Wäsche zurück. Dabei rief er voll Ernst: »Mutter, die Leine ist mir zu hoch. Könnte ich doch ein Wunder tun wie die heilige Klosterfrau.« »Wie die Klosterfrau?« »Das war eine heilige Frau, die hat bei Soden in einem Kloster gelebt. Wenn sie wusch, hing sie die Wäsche nicht auf ein Seil, sondern einfach in die Luft, und die Luft trug die Wäsche und trocknete sie, und alles kam und schaute das Wunder. Das lob' ich mir. Mir ist der Strick zu hoch. Ich möchte es ebenso machen.« »Aber du bist ja selbst ein Strick,« lachte der Pfarrer. Er war ganz entzückt. »Ja, wie köstlich ist die Begabung und welches Wunder der Menschengeist, wenn er im Kind erwacht und zuerst seinen eigenen Verstand entdeckt, jung schillernd wie die Farben auf den Schwingen des Schmetterlings. Aus Afrika, da meldeten die Zeitungen, daß die Diamanten dort im öden Wüstensand zu Tausenden verborgen liegen und dort aufgefunden werden von uns Deutschen. So schlummern die kostbaren Begabungen auch bei uns hier auf dem Land, im Bauernstand, zwischen Dunghaufen und Schweinetrog und in den Hütten der Armut. Man muß sie entdecken, sie heben. Dazu bin ich da, und darum noch einmal: in diesem Sommer unterricht' ich den Gottlieb selbst, im Winter aber, da müßte er in die Stadt, auf das Gymnasium, und dann...« »Er müßte, und wir hungern!« stieß da die Frau giftig hervor. Es klang fast verächtlich. »Ich brauch' den Jungen im Haus und kann ihm keine Butter auf's Brot legen. Ja, wenn der Hans käm'! Es sitzt mir am Hals. Und Sie, Herr Pfarrer, treiben wohl Ihren Spott mit uns. Hab' ich's Ihnen denn nicht vorgerechnet? das Geld für meinen Mann, baar auf den Tisch, und dann all' das entsetzliche geborgte Geld. Die Zinsen wachsen wie die Nesseln. Die grimme Not! Ich erstick' dran. Den Acker am Wald, den schönsten Acker, muß ich jetzt verkaufen. Ich kann ihn nicht retten. Der Hans kommt ja nicht. Und studieren?« Der Pfarrer schlug sich auf die Hand, als hätte ihn eine Fliege gestochen. Sein strahlend geblähtes Gesicht fiel plötzlich in langen Falten zusammen wie ein Ballon, dem die Füllung ausgeht. »Geld? Geld? Dafür lassen Sie den sorgen, der die Stiele an die Äpfel macht.« So pflegte er wohl sonst in ähnlichen Fällen zu sagen. Aber dieser Fall war zu schwer. »Ja so, ja so,« machte er nur siebenmal. »Freilich, freilich, liebe Frau, es geht Euch nicht gut. Das ist ja wahr, und da ist schwer zu raten, schwer zu raten. Natürlich: von Schulden kann man nicht leben, und auch Horaz mußte erst satt sein, ehe er dichtete. Auch unser Schiller hat das gewußt. Freilich, freilich! Ich glaube, der Wagen wartet, der mich zur Station fährt...« Er war schon auf der Straße. Verlegen und unvermittelt nahm er Abschied und brummte, als er in der Karrete saß, im tiefsten Erstaunen vor sich hin: »Ja ja! das Geld! das wächst nicht auf den Hecken. O wenn ich nur heute der Herrgott wäre. Woher soll die Frau es schaffen? Sie ißt nächstens Brennesseln statt Spinat. Es ist zu vieles unvollkommen hinnieden, und es ist gut, daß es ein Jenseits gibt, wo die aufblühen werden, die hier verkümmern ...« Marie sah dem Pfarrer nicht nach, wohl aber tat das die alte Anne, Maries Schwägerin, die im Haus einsam am Fenster saß und mit gespanntem Auge alles verfolgt hatte. Sie hätte gar zu gern mit zugehört; aber sie war sehr taub und hinkte noch dazu und war zumeist auf ihre eigenen armen Gedanken angewiesen. Der Pfarrer mußte in der Tat wissen, wie es stand. Denn er ging kraft seines Amtes seit zwanzig Jahren treulich in alle Häuser. Aber er war der vollblütigste Optimist, den Gott je geschaffen, vergaß immer das Schlimme über dem Guten, addierte immer nur, wenn er rechnen mußte, und kannte kein Subtrahieren. Daher auch der so unkirchliche Vers, den er die Kleinen lernen ließ: »Wir glauben all' an einen Gott, an keine Macht des Bösen.« Er glaubte eben wirklich nicht an das Böse. Aber das war nicht strenggläubig, und so optimistisch ist unsere Kirche nicht. Marie war die zweite Frau des Ackermanns Christoph Matthias. Christoph Matthias war etwa 20 Jahre älter als sie und einst, wie man es nennt, ein rechter »Bauer in seiner Pracht« gewesen, mit leuchtenden blauen Augen, voll Kraft, Lachen, Scherz und Singen, aber maßlos in der Leidenschaft. Von seiner ersten Frau hatte er den Sohn Hans und noch zwei Töchter, die auswärts verheiratet waren. Als er seine zweite Frau nahm, die aus einem benachbarten Dorfe stammte, war er schon Trinker und die Wirtschaft schon in schlimmem Rückgang. Marie war damals erst 17 Jahre. Sie gab ihm zwei gesunde Kinder, zuerst den Gottlieb, dann noch ein Mädchen. Mit dem Verfall der Wirtschaft hatte aber das unselige Laster in ihm zugenommen. Seine junge Frau lebte nur noch in Angst vor ihm. Wenn sie ihm ihre Sorge zeigte, schlug er um sich. Da hätte der Hans, ihr Stiefsohn, ihr eine Stütze sein müssen. Der war ein ruhiger, arbeitsamer Mensch. Aber schon fünfzehnjährig war er auf- und davongegangen; Marie hatte nie begriffen, warum? Wer durchschaut wohl eine verschlossene Knabenseele? Der Junge las viel Zeitungen, auch die Arbeiterzeitung, und entschloß sich auf einmal, nach Westfalen abzugehen. »Die großen Fabriken bezahlen gut. Was soll ich Futter hacken für die Schweine? mich als Bauer schinden mein Leben lang?« Das schien keine freundliche Rede. Seitdem war er nur auf Militärurlaub zweimal wieder im Wiesendorf. Aber er schien auch da ein schlechter Hausgenosse, voll Unwillen gegen den Vater, voll Scheu und Fremdheit gegen die Stiefmutter. Nur einmal hatte er wie aus Irrtum den Kopf an ihre Schulter gelehnt; es war, als er zum ersten Mal Abschied nahm; sie freute sich des; da war er schon davon. Half der Hans nicht, so half ein anderer; das war der Händler, der Salli Wolff. Der Wolff versprach Diskretion, tiefste Verschwiegenheit, und ihm verfiel der alte Christoph Matthias mit Haut und Haar. Bargeld und wieder Bargeld! Ein blühender Wucher. Der Hof des Matthias mit zwei oder drei Morgen Wiesen und Acker und gutem Obstgarten, das war kein so übler Bissen. Hatte der Wolff nur Geduld, so mußte er schließlich den Zwangsverkauf erleben. So setzte er denn auch gelegentlich, ohne auf Zahlung zu dringen, ein Fäßchen Kartoffelschnaps im Haus des Matthias ab. Es war wie geschenkt. Marie erschrak jedesmal, wenn der Wolff vorfuhr; er brachte Gift, Gift, und er kam immer häufiger. Jede Nacht steigerten sich die tierisch-wüsten Scenen. So geschah denn das Schaurige, daß der Alte, als er sich taumelnd auf das Bett warf, sein jüngstes Kind im Schlaf erdrückte. Das Kind war noch nicht zwölf Monate alt. Erstickt wurde es unter ihm hervorgezogen. Als er die entstellte kleine Leiche sah, brach er wie blöde zusammen. Der Pfarrer griff ein. Der Zerrüttete kam in das Asyl für unheilbar Trunksüchtige. Auch dafür mußte der Wolff vorläufig das Geld schaffen. Aber Maries Gemüt war vom Schwersten, Gräßlichsten zunächst befreit. Der Mann, der ihr einst wahrhaft lieb war und dem sie immer ergeben blieb, war ihr zur Qual, zum Grauen geworden. Jetzt endlich konnte sie ungestört versuchen, die Wirtschaft zu heben: ein zähes Ringen! ein Verzweiflungskampf mit der grauen Not. Sie blieb mit der alten Anne allein, und es fehlte an Händen. Früher fuhr sie an den Markttagen mit ihrer Ware selbst zur Stadt. Jetzt mußte sie, was wuchs, an Zwischenhändler unter dem Preis verschleudern. Das ging nun schon so das dritte Jahr. Es war alles vergebens. Ja, wäre der Hans da! Da wäre gleich alles anders. Sie hatte ihm gleich anfangs geschrieben und schrieb ihm wieder und wieder. Aber er schickte nur einmal ein Sümmchen Geld, und in seinen Briefen stand jedesmal nur das trostlose »Unmöglich«. Sie grübelte: der Vater würde sterben. Und Hans war dann der Erbe. Der Zusammenbruch, der jetzt drohte, traf doch auch ihn. Für ihn, für den Hans mühte sie, die Stiefmutter, sich ab, und er wußte ihr keinen Dank. Steckten Weiber dahinter? hielten Liebschaften ihn fest? Das wäre schlimm, und doch, es wäre noch eine Erklärung! Sie wußte nicht, was sie glauben, hoffen, denken sollte. Aber die Leute im Dorf, die sagten: »Die Stiefmutter hält den Stiefsohn von seinem Erbe zurück; er kann die Mutter nicht leiden. Das ist's, da steckt's.« Das war das Schrecklichste. Nun hatte sie ihm vor acht Tagen aufs Neue geschrieben: ein letzter Notschrei. Das Feuer erlosch auf dem Herd. Der Gottlieb war im Holzstall, die alte Anne pflanzte Rüben hinterm Haus. Marie saß einsam, erregt, die Stirn an das niedrige Fenster gepreßt, und spähte fiebernd weithin die Straße entlang. Dort hinten am Steg, war das nicht die Mütze des Briefboten? Jetzt war seine Stunde. Aber nein! es war nichts, es war bittere Täuschung, und sie sank trostlos in sich zusammen. Dicke Staubwolken flogen ans Haus: ein Automobil raste vorüber. Die jungen Gäule scheuten, die man zur Tränke ritt. Touristen schössen auf Fahrrädern dahin, und auch Buntkappen, ein ganzer Trupp Studenten, kamen marschiert: die hieben in die Luft mit den Stöcken, und »Wohlauf, noch getrunken« und »Lindenwirtin du feine«, so klang es bald aus dem nahen Wirtsgarten herüber. Tausend Menschen, die ihrem Ziel nachjagen, fröhlich und wohlgemut! Und sie? Sie verging vor Not und tätlicher Unruhe. Eine Entscheidung mußte kommen, heute noch. Sie fühlte es instinktiv voraus. Wenn Hans nicht kam, war alles zu Ende, und wenn er kam – sie vermochte nicht weiter zu denken. Da pochte der Fritz Wigand an ihr Fenster. »Vom Hans, vom Hans! ich muß es Euch doch zeigen.« Das Fenster flog auf. Eine Postkarte! »Vom Hans? Und was schreibt er dir?« »Nun, was soll er wohl schreiben? Nur so ein Kartengruß, Gruß und Name. Weiter nichts. Aber dazu sein Bild; das ist auf der Karte. Da habt Ihr den Burschen: so groß und so ähnlich! Es ist fast protzig. Aber ganz der Hans, nichtwahr? Nur einen kräftigen Schnauzbart hat er hinzubekommen.« Wortlos starrte Marie auf das Bild. Da legte der geschwätzige Bursche den Finger darauf: »Ein feiner Kerl ist er doch, und das ist er immer gewesen. An den reich' ich nicht; und ich will ihm auch gleich schreiben, daß ich mit der Lene versprochen bin. Das wird ihn freuen.« Freuen? Marie hätte das Bild gern behalten. Sie warf noch einen hastigen Blick darauf. Das also war der Sohn, auf den sie hoffte. Diese hängende Haltung, dieses Auge, das zur Seite wegblickt: es war noch immer dasselbe wie damals. Auch noch immer der verschleierte Ausdruck, der Mißmut, der scheue Geist. Immer noch? Wie kam das? Daheim ist der Hans nicht glücklich gewesen, er ist es in all den Jahren auch in der Fremde nicht geworden. Er hat kein Frauenglück. Marie fühlte tiefes Mitleid. »Er ist nicht froh,« sagte sie leise, als der junge Bauer die Karte wieder in seine Tasche schob, und fügte müde hinzu: »Ich wollt', er wäre so weit wie du, Fritz. Ich laß' auch deine Lene grüßen.« Der Bursche ging. Sie schloß das Fenster und deckte die Augen mit der Hand. Nun hatte sie genug zu denken. Ihre Ratlosigkeit, ihr Kummer wurde noch größer. Es war so still um sie her. Auch die alte Wanduhr stand still. Keine Fliege summte: als ob Himmel und Erde leer wäre und sie wär' allein geblieben in der verlassenen Welt. Und an den Fritz also hatte der Hans gedacht. Warum nicht an sie? An den Fritz hatte er geschrieben. Es war zu lieblos. Warum war sie seine Mutter? Wenn sie nicht seine Mutter wäre, dann wäre alles anders! Wenn... Da schrie draußen der Gottlieb: »ein Brief, ein Brief!« Der Gottlieb hatte dem Landbriefträger aufgepaßt und sprang in die Stube: »Er ist vom Hans!« Das war ein Schreck, eine Spannung, ein Fürchten und Hoffen, unaussprechlich! Marie nahm das Blatt. Ihre Finger zitterten. Das Licht der Abendsonne durchsonnte die Stube. Halbgeblendet begann sie so, am Fenster sitzend, ein langsames, feierliches Entziffern. Und sie las: »Mutter, da du in Not geraten und geschrieben hast, daß alles davon abhängt, und da du dich auch um Gottlieb bangst, so komme ich und will bei Euch bleiben. Ich komme zum Wochenschluß, am Sonntag. Hans.« »Er kommt und will bleiben!« Die Überraschung war fast zu groß. Marie schloß die Augen, von Schwäche überwältigt, und es währte lange, bis sie sich wiederfand. Dann küßte sie ihren Gottlieb und flog zur alten Anne in den Garten. Die aber sah kaum von ihrem Werk auf und knurrte nur: »An den Christoph denk', der dein Mann ist. Ich bete täglich, daß der Christoph uns noch gesund wird. Nicht der Hans, der Christoph muß kommen. Sonst werd' ich nicht froh, weiß Gott, und du auch nicht.« Marie ließ sie stehen. Der Abgott der Alten war eben Christoph, ihr Bruder; ihr ganzes Herz hing von jeher an ihm. Sie zürnte noch immer, daß man ihn fortgebracht, und sprühte Gift, wenn man ihn tadelte. Man mußte ihr den Wahn lassen. Das Wiesendorf merkte bald, daß es im Hause der Frau Matthias anders stand. Zwei kräftige Arme mehr! und ein Wille dazu! Der Hans war gekommen. Seine schnarrende, tiefe Stimme scholl über den Zaun. Schon zwei Tage nach seiner Ankunft hatten ihn alle gesehn. Frau Marie saß gleich am Sonntag nach seiner Ankunft in der Kirche, zu der sie lange Zeit nicht den Weg gefunden. Sie war zu müde zur Andacht gewesen. In einer Last schwerer Röcke, in hübschem Käppchen, Zwickelstrümpfen und Schnallenschuhen (das waren lauter altererbte Sachen) saß sie wieder ganz stattlich im Gestühl und genoß die Predigt wie ein heiliges Ergötzen. Und auch der Hans war da und sprach vor der Kirchentür mit Alten und Jungen, und alle krausen Mienen glätteten sich, und man grüßte Marie wieder mit Achtung. Ja, die schwarze Grete schlug plötzlich einen taubenhaften Ton über den Zaun an und war zu jeder Hilfe erbötig. Marie hatte zum Empfang für Hans das Haus gefegt, ihm das Bett geglättet und das Bettkissen mit dem schönsten blaukarrierten Bezug bezogen. Dann war sie mit Gottlieb zur fernen Bahnstation geeilt. Der Fluß lief neben ihrer Straße her und schoß in seinem Bett wie im Fluge dahin; sonnige Libellen flogen durch das Schilfgras. So fröhlich flog auch ihr Schritt talab. Der Lokalzug fuhr klingelnd ein. Das war wie ein festliches Glockenläuten. Und da stand er schon, der Hans, auf dem Trittbrett des Zuges, streng und in sich gekehrt, ganz wie auf dem Bilde. Jeder sah ihm an: der Mensch hatte einen eigenen Willen, der nicht zu brechen war. In ihrem Auge war dagegen nur Dank und dienstfertige Liebe. Nur, als Gottlieb ihn grüßte, lächelte Hans kurz; dann sagte er ernst und mit einem dunklen Stolz: »Ich bleibe, weil du es willst. Aber ich gebe viel auf, Mutter; das kannst du nicht verstehen. Aber du bist doch nicht krank gewesen? Du siehst schlecht aus. Ich rechne auf deine Hilfe.« Es war so, als sagte er: Nimm dich zusammen; denn eine schwächliche Person kann ich nicht brauchen. Sie stand bestürzt da und schüttelte den Kopf, sie schüttelte den ganzen Körper, als müßte jetzt augenblicks alle Schwäche von ihr abfallen. Da bereute er schon sein Wort und nahm ihre Hand: »Ich danke dir,« sagte er. »Du hast mich an meine Pflicht erinnert.« Die Sonne senkte sich. Da schwamm vor ihm im goldenen Licht der alte Kirchturm seines Dorfs und all' die wohlbekannten Giebel und Dächer. So gar nichts verändert! Ein beglücktes Empfinden malte sich flüchtig auf seinem Gesicht. Heimkehr, Heimkehr in die Kinderzeit! Es war alles so still, wie ein Feiertag. Hier war er als Kind einmal wirklich froh gewesen, wirklich froh und dann nicht mehr! nie wieder! Es war damals, als er noch so jung wie der Gottlieb war. »Es ist gut, daß du da bist, Gottlieb,« sagte er. Dann wurde sein Ausdruck verstört. Sorgenvoll trat er in sein Vaterhaus. Im engen Flur hing die ausgestopfte Eule noch wie früher an der Wand; ihr gegenüber aber sah Hans die alte Anne stehen, an die Wand gelehnt, eine zweite Eule. Der alte Vogel hatte die Glasaugen verloren, die alte Anne sah dagegen scharf. Forschend und kühl hing sich ihr Blick an den Neffen, und sie sagte nichts als: »Sieh' an, sieh' an! Ich wollte, ein Anderer wär's. Dann wär' uns besser.« Auf enger Stiege hinan: da fand Hans seine alte Schlafkammer wieder, die er mit Gottlieb teilte. Links daneben lag die Kammer der Eltern. Der Gottlieb aber begann gleich schüchtern sein kluges Fragen und lebhaftes Erzählen und nahm des Bruders Herz wie im Sturm (das war seine liebe Art, der niemand widerstehen konnte); bis er plötzlich einschlief. Hans war mit sich allein. Ein Geruch bäuerlicher Armut war in dem Raum. Er stieß das enge Fenster auf. Das Mondlicht fiel mächtig herein. Da stand der alte Birnbaum noch am Haus, der treue alte Hausfreund, und rieb am Dachgebälk klappernd seine windbewegten Äste. Wie oft war Hans einst in den Baum geklettert! Er sann und blieb wach, bis im Morgengrauen die ersten irren Vogelstimmen, der erste Hahnschrei sich regte. Der Gegensatz von gestern und heut' war zu groß, die Heimkehr zu schwer. Aber er hatte alles durchdacht und überlegt, und sein Plan stand fest. Damals, als er konfirmiert und als gleichzeitig der Gottlieb geboren war, da hatte der Hans sich aus dem Hause davongemacht. Fünfzehnjährig trat er in der großen Maschinenfabrik in Iserlohn als Lehrling in Stellung, dann in der Dampfkesselfabrik von Lange und Lersch in Essen und besuchte dabei zugleich die Fortbildungsschulen und lernte zeichnen bis zu seinem 18. Jähr. Dann kam die Militärzeit. Zweimal kam er als schmucker Husar auf Urlaub nach Haus, ein brauner Bursch wie aus den Zeiten Martin Luthers: »gerad' an Leib, schön von Angesicht, schamhaftig von Sitten,« jedenfalls nicht einer von denen, die an allen Türen hängen bleiben und nach den Händen der Weibsleute greifen. Aber mit dem Dortchen, der Tochter der schwarzen Grete, tanzte und sprang er doch nach Herzenslust. Warum sollte er mit dem hübschen Ding nicht tanzen? Er hatte mit ihr ja schon immer als Kind gespielt, und sie kam ihm sichtlich entgegen. Aber zu Weiterem kam es nicht. Er wollte warten, und sie war auch zu dörflich und täppisch. Sie taugte für das große städtische Leben nicht, das er vor sich sah. Denn kaum hatte er den Husarenrock abgelegt, als er schon in der großen Fabrikstadt Dortmund als Tagearbeiter eintrat, in die Walzwerke der Dortmunder Union. Als tüchtiger Mensch wurde er bald gut bezahlt. Ein Tagearbeiter unter Tausend! Aber dies Leben nahm ihn ganz ein. Rausch und Betäubung! Nicht der Trunk, die Arbeit berauscht: das Zischen der Kessel, das Stampfen der Kolben, das Pochen und Hämmern, die großmächtige Rhythmik der Arbeit war wie ein atemloser dröhnender, wirbelnder Tanz. Je komplizierter das Getriebe, je mehr wuchs in dem jungen Mann der Verstand, das Interesse, die kaltblütige Liebe zur Maschine. Seine Aussichten waren die besten. Auch legte er seit langem Geld auf Zins und verspielte nicht wie so viele Seinesgleichen den Wochenverdienst am Wochenschluß in den Kantinen. Die Briefe der Mutter warf er achtlos bei Seite. Wie? er sollte jetzt auf's Dorf zurück? Wer konnte das von ihm verlangen? Als aber Marie's letzter Notschrei zu ihm drang, da stürzte auf einmal alles zusammen. Ein Dr. Lohmeyer war der Inspektor der vielköpfigen Arbeiterabteilung, der Hans Matthias angehörte. Der Herr hatte längst wohlwollend auf ihn Acht gegeben: ein Mann von tiefgehender volkswirtschaftlicher Bildung, der sich um die Wohlfahrt der handarbeitenden Bevölkerung auf das umsichtigste bemühte. Hans faßte sich ein Herz und legte ihm seine schwierige Lage dar. Da wurde ihm klare Antwort: »Der Sohn muß zur Familie stehen: das ist das Erste. Das heißt, wer ererbte Pflichten hat, der soll keine neuen Pflichten suchen. Und jeder Stand in unserem Volk ist der Ehre wert: das ist das andere. Wir wollen auch den Bauernstand hochhalten.« Hans erkannte, daß er in diesem freundlichen Herrn einen wahren Gönner gefunden. Der Mann versprach kräftigen Vorschuß, gab ihm gleich ein blaues Papier schenkweise zur ersten kleinen Hilfe, beriet alles Weitere eingehend mit ihm und verlangte regelmäßige Nachricht. Das war es, was Hans jetzt in den Nachtstunden zehnfältig rechnend überdachte, bis ihm doch endlich das Bewußtsein schwand. Er schlief, und im Schlaf stand er wieder in seinem Fabriksaal und am zischenden Kessel. Der Feuerschein der Esse, Dampfwolken, gleitende Räder und Riemen, Ruß, Funkensprühen, Kohlenstaub, Gasluft, rauchgeschwärzte Dächer, riesige fensterlose Brandmauern, die Glocke der Fabrik: ein vibrierendes Durcheinander, der wirre Nachklang des vergangenen Lebens, in dem er noch gestern gestanden. So träumte er. Aber kein Frauenbild erschien ihm im Traum. Mit Sonnenaufgang stand er schon vor der Mutter, unten in der großen gedielten Stube. Er hatte den alten abgetragenen blauen Bauernkittel seines Vaters an, und er ließ der Mutter nicht Zeit zu Worten. Sie erfuhr sogleich: dem Wolff konnte er das Nötigste zahlen. Dann sollte die neugegründete Volksbank helfen. An Verkauf der Äcker war nicht zu denken. Wohl aber an Kauf. Ein paar Kühe in den leeren Stall: die wollte er schaffen. Das sollte das erste sein. »Ein Kalb und eine Kuh deckt alle Armut zu.« Der Kauf geschah. Das war ein Ereignis. Welch liebliches Getön, als es drinnen wieder am Eisenring riß und zerrte und langgezogen ein dumpfes Gebrüll sehnsüchtig durch die offene Stalltür dröhnte: es war für Marie wie Orgelklang. Nun hatte das Grasschneiden wieder Sinn, und der Haushahn schlug die Flügel wieder stolzer auf dem wachsenden Dunghaufen, und die Milchwirtschaft begann: mit blanken neuen Milchkannen ging es wieder zur Bahnstation. Die leeren Töpfe steckten zum Austrocknen auf dem Lattenzaun. Der Hans liebte auch die Blumen. Im Vorgarten pflanzte er Malven und Dahlien in einer dichten Reihe; die sollten im Herbst sich hoch über den Zaun strecken und den Leuten draußen verkünden, daß das Leben hier neu zu blühen begann. Die alte Anne sprach sonst jeden Abend inbrünstig ihr Gebet für den Bruder Christoph und seine Genesung. Aber jetzt sperrte sie den zahnlosen Mund vor Staunen auf und vergaß ihr Beten ganz. Sie durfte wieder im warmen Stall auf dem Schemel reiten und Kühe melken. Das war ein Aufleben. Nur der Hans selbst blieb, wie er war, trübsinnig, verschlossen und ungesprächig, und alle helle Freundlichkeit der Mutter schien vergebens. Er rechnete und plante nur, die Stirne gefurcht: wie lange würde er noch in dieser Baracke hausen müssen? Er wollte umbauen, neu bauen. Mit Ingrimm zahlte er auch das Geld für den Vater. Er schlief nicht und verzehrte sich in Ungeduld. Und die Mutter? Er ließ sie gehen und ihr Werk tun und gab Acht, daß sie rechtzeitig ihre Ruhe fand. Das war alles. Oft stand, wenn er im Hof hantierte, Nachbar's Dortchen drüben am Zaun und versuchte ein Geplauder, eine Spaßerei, mit ihm: »Hans, Hans, kommst nicht herüber?« Sie war ein dralles, rosiges Ding, mit allerliebsten Mäusezähnen, wenn sie lachte, und der Hals wuchs ihr voll und weich aus dem losen blauen Mieder. Der Hans aber biß die Zähne zusammen. Er hatte nicht Lust. Das ging drei-, viermal so. Er wollte nicht. Seitdem höhnte sie ihn und steckte die Zunge aus, wenn er nahe kam. Oha! Sie hatte ja auch sonst Burschen genug, die nach ihr frugen. Marie war mit Hans in der Sonntagsfrühe allein. Da hielt es sie nicht länger, und aus ihrem Herzen kam es voll Trauer und Zärtlichkeit: »Hans, du bist nicht froh bei uns. Sehnst dich fort? In der großen Stadt, da war gewiß ein viel besseres Leben?« Sie nahm sein Haupt zwischen ihre Hände, aber er machte sich los. »Ja, hast schon recht; schön war es dort, Mutter,« sagte er zögernd, »und ich denke oft danach zurück. Aber das ist es nicht...« Er brach ab und brütete vor sich hin. »Was hast du noch?« »Findst du nicht auch,« begann er langsam, »daß ich Reu' haben muß, darum daß ich dich so lang hier allein ließ? und daß ich gar als junger Bursch von Euch gegangen bin? Das war eigentlich schlecht von mir. Denn dadurch bist so blaß und elend geworden. Aber bei Gott, ich konnt' nicht anders...« »Aber Hans, was red'st? das ist ja nichts! Mir ist ja jetzt so unbeschreiblich gut. Und ich hab' dir auch mein Lebtag nicht gezürnt.« »Aber ich dir,« fuhr er auf. »Ich hab' dir gezürnt, Mutter! Sollen wir einmal auf's Reine kommen?« Was hatte er? Sie fürchtete sich fast. Er zauderte und ließ sie warten. Was zu tief im Schacht des Herzens sitzt, das will nicht heraus, und die Zunge kann es nicht heben. Ihm kamen die Tränen. »Ich gedenk' an meine Kinderzeit,« kam es langsam und rauh hervor. »Die Martha und die Hedwig, meine beiden Schwestern, waren deine Stieftöchter. Du hast sie gezwungen, sich als Dienstmädchen in der Stadt zu vermieten und auswärts zu heiraten. Die Leute sprachen: das war, weil du allein im Haus herrschen wolltest. So kam's. Der Gottlieb ward geboren. Da ging ich auch weg, weißt du nun, warum? Ich dachte, sie wird doch nur Liebe für ihren eigenen Sohn haben. Der Stiefsohn ist ihr auch im Weg. Und so war es auch. Darum bin ich gegangen, bin Arbeiter geworden und hab' gar nie zurück gewollt, auch nicht, als Vater krank wurde. Ich habe Groll in mir getragen, Mutter, gegen dich, und wenn ich so alles überdenk: ich hab' ihn noch. Ich hab' mich nach deiner Liebe gesehnt, nach Mutterliebe. Aber du hattest nur Augen für den Vater und für dein eigen leiblich Kind.« Er hob den gesenkten Kopf. Es tat ihm wohl, das gesagt zu haben. Es tat ihm auch wohl, daß sie jetzt sagte: »Nun weiß ich es, Hans. Ich habe wider Wissen und Willen an dir gesündigt. Ich habe über dich weggesehn. Es wird so gewesen sein. Ich entschuldige mich nicht. Bedenk', daß ich noch so jung und unklug war. Und es ist lange her. Kann ich's nicht wieder gut machen?« »Hab' mich lieb, Mutter,« sagte er warm und griff nach ihren Händen und legte sie sich weich auf Stirn und Wange. Er sah, daß sie lächelte. In ihrem Lächeln war die Bejahung. Es war ihr ja so selbstverständlich, daß sie den braven Menschen liebte. Da kam der Gottlieb hereingerannt; den liebten sie beide, und es war, als ob die goldene Frühlingssonne aus grauen Winterwolken sprang: ihre Herzen waren auf einmal frei und froh geworden. Das war nun eine schöne Zeit. Jetzt gewann Marie endlich mehr Frische, sie gewann Farbe und Jugend zurück. Hans aber hatte für Gottliebs Lernbegier offenen Sinn; er ging jetzt zum Pfarrer Rosentraut; der mußte einen Bericht aufsetzen, den Hans an das Landratsamt, aber auch an seinen Gönner in Dortmund sandte, und der menschenfreundliche Herr versprach auch für Gottlieb Hilfe, sobald die Zeit es erforderte. Das war ein Jubel. Der Gottlieb erzählte es jedem: »ich soll studieren!« Maries Herz schwoll vor Stolz. Das ganze Dorf hörte die Nachricht mit andächtigem Erstaunen und zählte nun die Familie Matthias wieder zu den vornehmen. Und gar die alte Anne! Sie fand Abends ihr Bett nicht mehr, so eifrig strickte sie. Fragte man, was sie strickte, so sagte sie voll Ehrfurcht: »Studentenstrümpfe«. Sonntags wandelten die drei regelmäßig zusammen zur Kirche, der Hans in seiner städtischen Montur mit steifem Stehkragen und gestickter Weste. Das imponierte den Leuten sehr. Den Rest des Tages blieb Gottlieb dann meist beim Pfarrer, der es nicht für gottlos hielt, auch am Sonntag zu arbeiten. Er unterrichtete den Knaben und streute den ersten schweren Samen des Latein in das junge spröde Ackerfeld. Des Abends kam der Bub' dann mit heißem Kopf nach Haus. Hans aber ging indes mit der Mutter zur Sonntagsfeier über die Felder, in den Wald. Sie freuten sich der Schönheit des Himmels über ihnen und ließen ihre Augen klar in den Tag hinausschauen, jeder vor sich hin, jeder zufrieden, aber doch in dem Gefühl, daß es nicht immer so bleiben konnte. Sie hatten im Wirtshausgarten bei einem Glas Milch und Bier gesessen und strichen langsam durch die duftenden Wiesen. Aus der Ferne scholl der weiche zweistimmige Gesang der Mädchen, die in langer Reihe auf der Straße Hand in Hand gingen. Da begann Marie: »Sag' mir nur, warum bist gegen das Dortchen so kurz? Das ist nicht gut; sie ist eine Reiche...« »Dies Schandmaul, die Kröte! die schwarze Grete! Sie waren schlecht zu dir, Mutter. Das ist mir genug.« »Aber du solltest heiraten!« Sie blieb stehen und lachte ihn an: »Du bist so einer, der kann sich auch eine Reiche holen. Oder auch eine, die nicht reich ist. Das ist immer eine Hilfe. Gelt! und ein paar kleine Kinderchen auf dem Hof! das fehlt uns auch, Hans. Raum ist ja genug. Ich würde unten bei unserer Alten schlafen.« »Und der Vater?« Hans hieb mit dem Stock ein paar Blüten vom Zweig, daß sie taumelnd durch die Luft flogen. »Wenn nun doch der Vater wiederkäm', mein' ich.« Marie lächelte leichthin: »Das glaubst du selber nicht.« Sie hatte den Christoph eben ganz vergessen. Da kam der Herr Pfarrer mit seiner Frau und dem Gottlieb daher: »Nun, das sind wir gewohnt. Mutter und Sohn einträchtig beisammen!« So ging die Begrüßung. Die Frau Pfarrerin war in ihren besten Handschuhen; ihr Mann aber sah unter einem gelben Sonnenschirm hervor, der für ihn viel zu klein war, und auf seinem gewaltigen Haupt tronte etwas schief ein winziges Strohhütchen mit blauem Band. Trotz der Handschuh' machte sich die Frau Pfarrerin mit Gottliebchens Hilfe einen schönen Feldblumenstrauß. Der Pfarrer aber sah den Hans prüfend an: »Heiraten mußt du,« sagte er wuchtig. Hans stutzte. Hatte der Mann ihr Gespräch erraten? Er blickte fast ehrfurchtsvoll zu ihm auf. »Du gehst immer mit der Mutter, Matthias. Das ist ja schön. Aber die Leute wundern sich. Bist du zu gut für uns andere, du Stadtmensch, daß du dich nicht gemein machen willst mit den Leuten hier? Oder bist du zu schlecht und hast was auf dem Gewissen, daß du nicht grad' so frisch und fröhlich wie die andern bist?« »Herr Pfarrer, rechnen Sie, bitte, nach,« sagte Hans. »Ich hab' für den Vater zu zahlen, ich soll Mutter und Bruder ernähren und auch die Wase, die alte Anne, und wir stecken noch immer in Schulden, und der Wucherer steht hinter uns. Heirat' ich, da hab' ich in vier Jahren noch drei, vier Bälge mehr. Ich muß Junggesell bleiben. Das ist mein Los. Das ist unser Leben.« Der Pfarrer stand mit großen, glückverheißenden Augen da: »Selbstlosigkeit ist Tugend, mein Sohn, und der Herr will Opfer, aber kein Opfer des Fleisches und der gesunden Triebe. Das rächt sich. Die Heirat in jungen Jahren ist gesund. Du kennst ja das Kätchen, unsere alte Köchin aus Hesselbach. Ich will sie dir nicht aufschwatzen, oh nein! Denn sie ist 50 Jahr. Aber beiläufig, sie sorgt für alles bei uns wie die liebe Vorsehung. Wenn ich auch nichts sag', hab' ich doch im Winter immer die Wärmflasche im Bett. Und dann, sie kocht dir!...« Der Pfarrer schnalzte unwillkürlich mit der Zunge, ehe er fortfuhr: »Nun also. Besagtes Kätchen hat eine Nichte in Hesselbach, das ist die Lisabet, die sich Elisabet Erdmann schreibt. Der Erdmann ist ein schwerer Bauer, und sie – nun wirklich und wahrhaftig, ein hübsches Ding. Ich hab' sie bei uns in der Küche gesehn.« Der Pfarrer schnalzte leise wieder und mußte dann über sich selber lachen. »Kurz und gut, geh' hin, Hans, geh' nach Hesselbach. Sie weiß schon von dir.« »Eine Reiche nimmt den Armen nicht,« warf er ein. »Versuch's, versuch's!« Hans sah nach der Mutter. Ihr Auge traf ihn so bittend, überredend. Er stand verlegen und sagte kein Wort mehr. Vor dem Schlafengehen saß er gedankenvoll, mit umwölkter Stirn. Sie trat auf ihn zu, streichelte ihm das Haar zurück und sah ihm freundlich dringend in's Auge. Er zuckte zusammen. »Faß' einen Entschluß, Hans,« sagte sie. »Tu's mir zu lieb.« Er wußte nicht, wie ihm war. Er wurde tief betrübt. Ihm gingen die Augen über. So saß er mit nassen Augen lange Zeit und starrte durch's Fenster in den dunklen Nachthimmel. Es folgte die heiße Zeit der Ernte, und auch im Herbst ging die Feldarbeit weiter. Die Abende längten sich. War die Sonne unter und die Suppe und die Bratkartoffeln verspeist, saß der Gottlieb noch mit schmierigen Tintenfingern über seinen Lernbüchern, die alte Anne saß bei ihrem Strumpf, Hans aber lag schwer müde auf der Ofenbank ausgestreckt, stopfte sich die Pfeife und qualmte und las das Wochenblatt, bis es ihm entfiel. Er war eingenickt. Blickte er dann aus dem Schlaf auf, so freute er sich, daß die Mutter mit ihrem Nähwerk an seinem Kopfende saß und daß er ihren freundlichen Blick auffing, der auf ihm ruhte. Er war doch ein rechter Muttersohn, das mußte er sich sagen. Die verlorene Mutterliebe wollte er jetzt wieder einbringen. Das war's. Er vergaß es ganz, daß Marie nur seine Stiefmutter war. Marie aber sagte an jedem Abend zu ihm, wenn er so glücklich dreinschaute: »Überleg' es, Hans, vergiß es nicht. Tu, es mir zu Lieb'.« Der Samstag kam. In Hesselbach war Kirmes, Tanzmusik für zwei Tage. Der Marie fiel auf, daß der Hans heute schon vor Sonnenaufgang bei den Kühen war und in welcher Hetze er die Arbeit tat, grad' als fürchtete er, etwas zu versäumen. Richtig, als es Mittag war, da hatte er schon seinen städtischen Anzug an, mit dem keck gespaltenen grauen Filzhut mit grünem Band, der ihm schräg saß. Er guckte in den kleinen Wandspiegel. Er sah so recht zum Verlieben aus. »Hans! Wohin? nach Hesselbach?« »Ja, Mutter. Erst in die Stadt, zur Bank, und wegen der Maschinen, und dann...« Nach Hesselbach! Eine große Befriedigung erfaßte Marie. War der Hans auch noch unschlüssig, er ging doch; er war gutwillig und verständig. Die schwarze Grete sah, daß Hans fortmachte; sie griff sich den Gottlieb und fragte ihn aus: »wohin?« Sie dachte sich ihr Teil, und in ihr kochte es. Als Marie nach der Vesper zum Brunnen kam, um Wasser zu holen, stieß Grete ihren Eimer fort und schrie sie an: »Fängst wieder an, dich breit zu machen? Gib Acht. Auf den Gottlieb solltest du Acht geben, den infamen Bengel. Das Diebsgesindel! Steigt mir täglich in den Garten und frißt sich voll. Die Reinetten! grade die feinste Sorte! Meint Ihr, die sind für Euch gepflanzt?« Marie rief nach ihrem Gottlieb. Der wurde ganz rot: »Ich schoß mit den Pfeilen, die mir Hans gegeben; die flogen hinüber. Da kletterte ich nach, und ich hab' wohl auch ein paar Äpfel gegessen.« »Da hast du's! und unsere zwei besten Enten sind weg! Nun weiß ich auch, wo die Enten sind,« ging es weiter. »Jawohl! Armut und Ehrlichkeit sind selten zusammen. Der Bub' hat sie gestohlen und du, du hast sie in der Stadt verkauft. Kinder kann man nicht vor Gericht stellen, und die Mutter füllt ihre Taschen und weiß von nichts.« Da schoß Marie der Zorn in's Gesicht: »Beim lebendigen Gott, das ist nicht wahr, das ist erlogen.« Sie sah, wie die Weiber neugierig zusammenliefen, und sie bezwang sich nicht und sagte streng, so daß alle es hörten: »Achte du auf deine eigenen Kinder. Dein Dortchen mein' ich, das Jungfernkind. Wie soll's die Dirn' anders treiben als du? Wann wird bei ihr nicht eingestiegen? Seit diesem Sommer weiß ich's. Ich müßte taub sein, wenn ich's nicht hörte. Die Mannsleut' steigen deiner Tochter in den Obstgarten, und du, du weißt es selber. Ich brauch' dich nicht erst zu warnen: Grete, gib Acht!« Da war ein Zurufen und Lachen. Die Leute um den Brunnen stießen sich mit den Armen an. Grete aber gab mit gesenkter Stimme zurück: »Der Hans ist schlecht gegen mein Kind gewesen. Das kann ich laut vor allen sagen, und daher kommt's. Wenn das Kind heut nicht gut tut, so ist er daran Schuld, der Lump. Und wer weiß, wem der Hans jetzt nachstellt? Aber ob er alle Tag' nach Hesselbach läuft, ihn nimmt keine, die auf Ehre hält.« Marie war ruhig geworden. Sie zuckte nur die Achseln und sagte nichts mehr. Da kreischte die andere: »du meschante Person!« und stellte sich drohend hin: »Du belauerst mein Haus und ich deines. Warte nur! Ich werde von nun an ein Auge auf ihn haben.« Ihr voller Eimer schlug um. Das Wasser klatschte. Die Grete hatte ihn in ihrer Wut umgestoßen. Marie füllte ruhig den ihrigen und ging mit Gottlieb davon. Sie war schlafen gegangen. Es war Mitternacht. Da knarrte die Stiege. Hans trat in die Schlafkammer der Mutter. Sie fuhr erstaunt in die Höhe. »Schon heut zurück?« »Ja,« sagte er und lehnte behaglich am Pfosten. »Ich hab's eilig gemacht. Ist dir's nicht recht? Ich bin schwer müd'. Aber komm. Hast du nicht noch Kaffee für mich? Oder eine Flasche Bier? Ich will dir erzählen...« »Es ist ja nicht viel zu erzählen,« sagte er, als sie unten in der Stube saßen. Er trank das Bier rasch und sah sie glücklich an. »Es ist ja nur, daß ich dich noch etwas seh', Mutter.« Und er sprach von dem, was er in der Stadt geschafft; eine Maschine zum Rübenwaschen hatte er sich angesehen; die war für alt zu kaufen. Er hatte sich mit dem Fritz Wigand zusammen getan; der Kauf würde wohl zu Stande kommen. Das war wieder ein Fortschritt. Und von der Volksbank hatte er Geld erhoben; er wollte noch im Herbst das Dach erneuen. »Und Hesselbach? und Erdmanns?« Er blinzelte sie übermütig lustig an und sagte nichts. »Und die Lisabet?« »Ganz recht, zum Schluß war ich auch in Hesselbach bei Erdmanns. Nun ja! da haben wir den Dreher getanzt, daß die Röcke flogen. Auch gesungen haben wir. Sie gefiel mir wirklich ganz gut und hätte mich wohl auch recht gern bis morgen früh bei sich behalten. Aber es eilt ja doch nicht, Mutter. Es hat mich heimgetrieben. Ist es nicht schöner so, daß ich so zur Nacht wieder bei Euch bin?« Dabei gähnte er und streckte sich auf die Ofenbank. Die Mutter saß, wo sie immer saß. Er lehnte den Kopf an ihre Schulter, wie er es einst, ein einziges Mal, als Knabe getan. Ihr Hals stand offen. So schlief er rasch ein, und sie rührte sich nicht, sie wagte sich nicht zu rühren: als er den Arm auf einmal hob und sie umschlang und an sich zog. So hielt er sie fest. Dann öffnete sich sein Auge, und er sagte dämmernd in einem seligen Ton: »du süße« und küßte sie. Der Hans war wohl nur betrunken gewesen. »Das ist so, wenn einer von der Kirmes kommt.« Das sagte sich Marie am andern Morgen. Sie fand ihn ganz unbefangen und aufgeräumt. Sein Blick ruhte in einem ruhigen Glück in ihrem Auge. Am nächsten Sonntag bestand sie darauf, mit ihm zusammen nach Hesselbach zu gehen. Es war der schönste Herbsttag. Die Lisabet zeigte das freundlichste Gesicht und zwei so strahlend rote Backen wie die Äpfel, die sie anbot. Auch Kaffee gab's und Frischgebacknes. Die Männer rauchten und spuckten und gingen bald zum Kegeln. Marie aber sprach mit dem Mädchen offen und in mütterlicher Sorgfalt über den Hans und daß er jetzt bald heiraten könne. Es herrschte ein Ton des Vertrauens. Lisabet sagte ohne Zögern, sie sei dem Hans gut und wolle kommen; sie würden sich gewiß schon vertragen, wenn der Hans nur wolle. Als man Abschied nahm, sprach auch der Hans mit ihr, in seiner knappen Art: der Winter solle erst überstanden sein; nach dem Winter – o ja! er könnte wohl noch zwei Hände mehr im Haus brauchen, zumal der Gottlieb fortgehe. Der Gottlieb ging. Vor seiner Abreise gingen die beiden Brüder noch viel zusammen und hatten sich viel zu sagen. Wenn da der Hans vom Leben in der Großstadt erzählte, da riß der liebe Junge die himmelblauen Augen weit auf vor Lernbegier. Dann packte er seine Bücher wohl sieben mal und sprang treppauf, treppab in rastloser Freude. Nur in der Abschiedsstunde stürzten ihm die heißen Tränen. Denn auch die Mutter weinte und war auf einmal so ernst. Ihr war, als ob auf einmal das Licht erlosch, als laure etwas im Dunkeln, als ginge ihr sicheres Glück von ihr. »Aber der Hans bleibt ja bei dir, Mutter, und er erzählt so schön,« sagte der Junge mit einem klugen, zärtlich ermunternden Blick und ging rasch, winkte noch lange von der Straße her und war verschwunden. Hans brachte ihn selbst zur Stadt und zu dem Herrn Oberlehrer, der den jungen Gymnasiasten in Pflege und Aufsicht nahm. Gottlieb bekam die blaue Kappe des Unter-Tertianers, blau mit goldenem Streifen. Er schien sich fast schon ein Student. Als Hans Abends heimkehrte, hatte die Alte sich schon gelegt. Marie saß einsam und lauschte in das Stöhnen des Sturmwinds, der wild und unheimlich um das Haus fuhr. Das aufgelöste Haar fiel ihr auf den Nacken. Sie zitterte und erschauerte. Hans sah triumphierend aus. Aber ihr trat das Wasser in die Augen: »Er ist fort, und du bringst ihn nicht wieder. Läßt er mich grüßen? der liebe Junge!« »Wir sind allein, Mutter,« war das Einzige, was er antwortete. »Wir sind allein, und das ist auch schön.« Er legte den Arm um sie, als wollte er sie trösten. Sie war so bewegt; sie gab ihm nach und legte den Kopf an seine Brust, dankbar für seine Liebe, geborgen in seinem männlichen Schutz – als er ihre Hüfte umfaßte, sie eng an sich zog und küßte. Es war ein Kuß wilder Leidenschaft. »Was tust du?« Sie mußte kämpfen, um sich loszureißen; ihr Mieder war unter seinem Griff aufgesprungen. »Hans, Hans, tu' das nicht wieder.« Und als er schwieg und mit schwimmenden Augen sie anstarrte: »Das ist Verirrung. Gott, Gott, was hab' ich verbrochen? Was hast du, daß du mich so anstarrst?« »Es ist wie eine Sehnsucht,« stammelte er fiebernd und zerknirscht. »Aber es soll nicht sein, es soll nicht sein...« Seitdem wußte Marie nicht, wohin. Was wollte das Schicksal mit ihr? »Zu Not und Ängsten auserlesen,« das galt nun von ihr: zuerst die Angst, weil der Hans nicht kam und ihr fernblieb, und, nun er da war, die Angst vor ihm selber! Der Dachdecker war dagewesen; das schadhafte Dach war ausgebessert, das Pochen und Hämmern vorüber. Hans selbst hatte fleißig mit angefaßt. Er war befriedigt; der Winter mochte nun kommen. Und der Winter kam mit frühem Schneetreiben, aber geringer Kälte, mit Schmutz und Nässe und lichtloser, träger Dunkelheit. Es war für den Tätigen, als gähnte eine einzige lange Winternacht auf, als stürzte der Eilzug des Lebens in einen dunklen Tunnel ohne Lichtschacht, der nicht enden wollte, und schliche in stumpfer Blindheit dahin. Er ging wenig aus. Er bestand darauf im eignen Haus zu sitzen. Nahe bei ihr. Das fühlte sie. Eingesperrt mit dem Sohn in den kahlen Räumen, in den langen Nächten! »Und erlöse uns von dem Übel,« schrie sie heimlich zu Gott. »Denn dein ist das Reich und die Kraft – ja, dein ist die Kraft...« Sie war zu Hans nicht unfreundlich, aber sie war jetzt kühl und fremd, hielt sich ihm räumlich fern, so gut es die Enge des Raumes zuließ, saß nicht mehr auf der Ofenbank und hielt stets die alte Anne in ihrer Nähe. Trat er ihr nah, stand sie, den Kopf zurückgeworfen, die Arme verschränkt, stolz, vorwurfsvoll und unnahbar. Sie versuchte es, sich mit der Hoheit der Mutter zu umgeben. Es gelang ihr. Aber er war gewohnt, seinen Willen zu haben; er wurde jetzt eigensinnig, mürrisch, verdrossen, ja rauh, besonders gegen die alte Anne, der er mit bissigem Hohn das verdammte laute Beten verbot. Marie bewahrte tapfer ihre Haltung. Da fing er zu trinken an. Schnaps ließ er auf den Hof fahren. Der Händler Wolff selbst brachte ihn. Die alte Anne erhob ein Geheul, wie sie es sah. Er trank jetzt wie der Vater. Grauen! Marie fand ihn eines Nachts schwer betrunken vor ihrer Kammer liegen. »Tu' es nicht,« bat sie ihn, als er auf sie hörte. Ihre Stimme hatte wieder den milden, gütigen Klang, der ihm zu Herzen ging. »Sei gut zu mir, Mutter,« flehte er. »Dann will ich auch gut sein.« Er holte den Ton tief aus dem Herzen. Es erschütterte sie. Da wurde sie wieder freundlich zu ihm, aber mit Angst im Herzen. Sie betete viel: »Gott hilft den Verirrten, er wird auch ihm helfen« – aber sie saß wieder bei ihm, sie ließ ihm auch ihre Hand; sie duldete es, wenn er ihr Bilder zeigte – es waren Zeichnungen landwirtschaftlicher Maschinen –, daß er dabei seine Wange an ihre legte. War es unrecht? Es war Schwäche. Sie konnte nicht schroff sein. Es wird ihn beruhigen, dachte sie. Er heiratet nicht, weil er für mich und den Gottlieb sorgt. Er ist einsam, er braucht ein Etwas von Zärtlichkeit. Aber er wird heiraten, und alles wird gut. Die alte Anne aber war scharfsichtig und sah mehr, als sie sollte. Drohend schrie sie sie an: »Der Christoph kommt,« daß die Köpfe auseinander fuhren. »Ja, ja! ich hab' ihn im Traum gesehn. Marie, vergiß den Christoph nicht.« Marie erschrak heftig, Hans aber sprach ihr in's Ohr: »Die Alte ist verrückt. Die Nachrichten vom Vater sind immer dieselben. Verblödung! Da ist nichts zu fürchten.« »Da ist nichts zu hoffen !« verbesserte die Mutter, aber sie war ganz blaß geworden. Gewöhnung bestärkt das Begehren. Wenn es nachtstill im Hause war und die Anne in Schlaf fiel und die beiden rechts und links in ihre Kammer gingen, da wuchs ihre Bedrängnis. Er ließ ihre Hand nicht. Er wich nicht von ihrer Tür. »Niemand sieht uns. Jetzt, jetzt! nur einen Augenblick!« Er sagte es nicht; sie fühlte nur, daß er es dachte. Sie stieß hinter sich den Riegel zu. Dann stand er allein, finster in der Finsterniß, und horchte zu ihr hin, den bösen Stachel im Herzen. Da kam Rettung. Der Gottlieb kam zum Weihnachtsfest. Das war Reinigung. Erlösung! Ein frischer Luftzug in die Stickluft. Auf ihn stürzte sich die Mutter, aber auch Hans war gleich von dem Jungen erobert. Wie war der Gottlieb gewachsen! Die Jackenärmel waren ihm schon zu kurz geworden. Und wieviel hatte er zu berichten, und wie ähnlich war er dabei seiner Mutter! ganz wie aus dem Gesicht geschnitten. Er erzählte von den vielen guten Lehrern und von einem Lehrer, der so dumm war, daß er immer einen Zettel im Buch hatte, zum Nachsehen, wenn er nicht weiter wußte. »Den Zettel haben wir ihm aus dem Buch gestohlen – haha! – und er mußte ganz still sein und durfte uns nicht strafen.« Beim Stall, da schaufelte der Junge den Schnee zusammen zu einem gewaltigen Kastell, mit einem Tempel oben darauf; das war das römische Kapitol, das der böse Brennus belagerte. Dann rief er alle Gänse zusammen und befahl ihnen, das Kapitol zu retten, und richtig, die klugen Gänse schnatterten, und Gottlieb, der der Brennus war, ergriff die Flucht. Dann setzten sich Marie und Hans artig auf die Bank, der große Hans bekam die kleine Tertianerkappe auf den Kopf, und Gottlieb trat als der Herr Klassenordinarius mit vorgestülpter Unterlippe vor sie hin und exerzierte das Latein » Cicero, Ciceronis, Ciceronem ,« daß den beiden angst und bange wurde. Dann pries er seine Mitschüler. Ja, die hatten schöne Schlittschuhe, und er hatte keine; sie hatten auch Handschuh' und so schöne feine Taschentücher mit gesticktem Namenszug und blauem Rand, und er hatte keine. Das alles erzählte er ohne jeden Neid und sang glückselig ein hellklingendes Lied nach dem andern, daß es durch's Haus schallte. Denn er hatte auch Singstunde. Das war ein neues Leben. Und der Herr Pfarrer blieb nicht aus. Er kam und lud das ganze Haus Matthias zu sich zur Festbescherung. Da putzte sich jeder zur großen Feier. Die alte Anne brauchte wohl einen halben Tag dazu, und ehrfürchtig schritten dann die Vier über den knirschenden Schnee die Dorfstraße hinan. Wie lang hatte Hans sie nicht erlebt, die Weihe der Christnacht! Seine Kinderzeit umgab ihn wieder. Er sah auf den Gottlieb hin. Ja! so harmlos und strahlend fröhlich wie der Gottlieb, so war er damals auch gewesen. Glücklich der, der bei den Seinen daheim ist! Die Dorfkirche stand schon tief im Dunklen; aber ihre hohen Fenster glommen voll Lichtglanz, als wäre die Sonne selbst darin eingefangen, und die Glocken schwangen sich im heiligen Eifer und streuten ihr Geläut weit über das horchende Tal und hinein in alle Stuben, deren Fenster weit offen standen, um die heilige Nacht einzulassen. Beim Pfarrer waren auch dessen Kinder und Enkel zugegen. Das waren seine Leute aus der Stadt. Für jeden Gast stand ein Teller mit süßem Gebäck auf dem Tisch und dazu noch irgend ein artiges Bild in bunten Farben; für Gottlieb aber noch sechs, sage sechs Taschentücher mit blauem Rand. Welche Überraschung! Die waren von der lieben Frau Pfarrerin. Dann schritt man in den großen Saal, wo, gewaltig wie ein König, der Christbaum auf sie wartete. Aus dem einsam verschneiten Forst da draußen war der Baum als ein hoher Wunderzeuge Gottes gekommen; denn er hatte den Stern der Verheißung am Himmel selbst geschaut, und stand nun in seinem glitzernden Ornat, in seinem Würzeduft, funkelnde Sterne und Lichter auf seinen wiegenden Armen, und der Spiegel hinter dem Baum verdoppelte seine heilige Pracht. Dann erklang das Weihnachtslied aus Kindermund, und nachdem der Pfarrer den Wundertext verlesen, redete er noch fröhlich erhebende Worte nach dem Spruch Salomo's (Pred. VII, 15), der da lautet: »Am guten Tag sei guter Dinge, und auch den bösen Tag nimm für gut;« denn er war nun einmal der Mann, der nicht an das Böse glaubte. Dann kam das »Friede auf Erden.« Es klang so feierlich. Es war alles so beweglich. Die Seelen stiegen rein wie aus einem Bade der Heiligung. Jedes Auge füllte sich wie mit Glanz von oben. Friede! Hans wagte lange nicht aufzusehen. Dann sah er befangen zur Mutter hinüber und gewahrte den Frieden in ihr. Sie wandte das klare Auge von ihm nicht ab, und er konnte den Blick ertragen. Auch in ihm war Friede geworden, eine tiefe Beruhigung. Marie faltete die Hände unter der Schürze und dankte Gott. Wenn nur das Feuer nicht noch unter der Asche glomm! An einem der folgenden Tage kam die Lisabet aus Hesselbach, wie sie es lange versprochen, mit der alten Frau Erdmann, ihrer Mutter, zum Besuch. Das war, was Marie gehofft hatte. Es schien just eben der rechte Zeitpunkt. Mit ihrem Stumpfnäschen, rotem Mund und vollen runden Armen war die Lisabet so nett, so herzbeweglich anzusehn, und sie fand an Hof und Haus der Frau Matthias, an Küche und Kammer wirklich ein so natürliches Gefallen; der Hans mußte ihr alles zeigen; sie blinzelte den Hans auch so erzlustig an, als die zwei im Holzverschlag beieinander standen. Hans lachte sie lustig wieder an. Es ging gar nicht anders. Die Dirne gefiel ihm wirklich. Da merkte er den ungeschickten Eifer seiner Mutter. Die Mutter hatte die beiden absichtlich eben allein gelassen; den Gottlieb hatte sie schon vorher aus dem Haus getan, und Hans sah, wie die Mutter jetzt mit der Frau Erdmann hinter der Stalltür stand und herüber lauschte. Ärgerlich rief er nach ihr. Es kam ein Trotz in ihm auf. Er merkte: sie wollte ihn zwingen, daß er jetzt Ernst machte mit dem Verloben, und er verglich die beiden miteinander, die Lisabet mit seiner Mutter. Mutter? Sie war ja gar nicht seine Mutter, und sie war immer noch jung genug. Er sah: ihr Leib war voll in's Blühen gekommen. Wahrhaftig! er wußte es ja. Keine war wie sie. Er liebte den lauen Hauch ihrer Nähe. Als ihm Lisabet mit ihrer Mutter Adjes gab, war er trübe wie ein Sturmabend. Tags darauf reiste auch der Gottlieb fort. Hans selbst beschleunigte die Abreise des lieben Knaben. Als Marie schlafen ging, stand jemand in ihrer Kammer. Sie schrie. Er löschte ihr Licht und langte nach ihr, um sie mit Übermacht niederzuziehen. Die Kerze fiel zu Boden. »Schrei' nicht, Marie!« Ihr Herzschlag stockte; aber sie war schon draußen, die Stiege hinab, und schlug im Sturz mit dem Hinterkopf auf die Stufen, daß ihr die Sinne schwanden. Da war er schon bei ihr, über ihr: »Die Nacht ist zu graus ohne dich, zu sehnsüchtig dunkel,« hörte sie ihn flüstern in ihrer Betäubung; »und der Vater ist schon wie tot, und du liebst ihn nicht, und ich, ich... Laß mich nicht so allein, Marie!« »Sünde, Hans,« stammelte sie mit keuchendem, engem Atem. »Weg! weg! Gott bewahre uns. Du willst im Bett deines Vaters liegen...« Er schlich davon. Ihr Herz zog sich zusammen. Frieden auf Erden? Nein, nein! Angst, Angst, frierende Angst. Seitdem war sie kalt wie Eis. Kam Hans nah, sträubten sich ihre Brauen schmerzhaft und voll Widerwillen. Wie ein Verstoßener, Verurteilter schlich er sich zu den Mahlzeiten scheu an der Wand entlang zum Tisch, stahl er sich Abends fort, um sich auf seinen Bettsack zu werfen. Kein Blick mehr von ihr, keine Anrede. In ihrem verhärmten Gesicht standen die Augen dunkel und anklagend, als riefen sie: Satan! Auch die alte Anne war wie gelähmt. Ihr Beten verstummte. Es betete niemand mehr im Haus. Es schwebte ein Etwas, ein fliegender dunkler Punkt, ein unsichtbarer Keim der Sünde in der dumpfen Stubenluft, auf den alle drei starrten, als müßte er vor ihren Augen plötzlich greifbar, sichtbar werden, sich entfalten und furchtbar anwachsen, schwarz, schwarz wie ein Sargtuch, und auf einmal wäre alles damit zugedeckt, verschlungen in den hohlen Schlund der Hölle. Hans stemmte die Ellenbogen breit auf den Tisch, das Kinn auf beide Hände, und so, in böser Gier, starrte er sie an, stundenlang, mit hungrigen Blicken. Seine Arbeit ließ er liegen. Er tat nichts mehr. Die Januarstürme heulten um's Dach. Die Schneewolken jagten. Der Schnee begrub alles. Der alte treue Birnbaum am Haus zerbrach krachend unter seiner Last. Marie erlahmte; sie wurde bleicher als der Schnee und zitterte, von Frost durchschauert, auch wenn in der Stube die Glut aus dem Herde schlug. Er aber? was sollte er? Aus dem Haus? in die Wirtsstuben laufen? Aber er fürchtete den prüfenden Blick der Leute, die Neugier der schwarzen Grete, er fürchtete ihre Fragen, als könnte schon irgendwer irgendwas vermuten, erraten. Sollte er sich betäuben, sich betrinken? wie der Vater? täglich? vor ihren Augen? Der Wolff kam auf seinen Wink schon mit einem Faß angefahren. Aber er wies ihn wieder vom Hof. Er zerschmiß das Glas. Er konnte es nicht. Das Laster war ihm im Innersten zuwider. Er trat zur Mutter. »Es muß ein Ende nehmen. Marie, du mußt...« Sie saß aschfahl und versteinert. Zur Nacht pochte er an ihrer Kammer. Vergebens. Es war ein Freitag. Sie pflegte gegen Abend die leeren Milchkannen von der Station zu holen. Als sie von ihrem Ausgang zurückkam, da sah sie des Hans Reisekoffer vor seiner Kammertür stehn. Sie klappte ihn auf: seine Kleider lagen darin. Sie erriet, was er wollte. Hans blieb den Abend unzugänglich auf seiner Kammer. Draußen stöhnte der Wind. Das Unwetter wuchs. Die Lichter waren im Haus ausgelöscht. Da schlug er laut an der Mutter Tür: »Mach' auf oder ich geh...« Nur der Wind draußen gab Antwort. »Hörst du nicht? ich geh', Marie; es muß ein Ende nehmen: in den Sturm, in die Nacht! Nach Westfalen, an die Fabrik geh' ich zurück und komm' nicht wieder. Ich komm' nicht wieder, Marie. Mag der Wolff hier alles schlucken. Ich kann euch vor ihm nicht retten. Jetzt gleich...« Er preßte die Tür: »Hörst du nicht?« Sie antwortete nicht. »Soll ich gehn, Marie?« Er hörte nur ihr Ächzen. »So, ohne Abschied von dir?« Da kam es gequält: »Ach ach! Hans, Hans!« »Sag' mir, was ich tun soll.« »Nein, verlaß' uns nicht! O Gott, allmächtiger Gott, die Angst! nun wieder allein ohne ihn!« »So nimm mich zu dir. Ich will...« »Geh nicht!« wiederholte sie dringender; und dann: »Ich war unfreundlich und liebe dich doch, und Gott helfe mir in meiner Not (sie schluchzte) – ich will auch wieder freundlich sein.« »Und läßt mich hier stehn?« Er warf sich gegen die Tür. Sie verstummte. Minuten vergingen. Keine Minuten, es waren Ewigkeiten. Sie blieb stumm. Da hörte sie sein: »Nu Adjes, Marie!« Seine Stimme brach sich in Wut und Erregung. Sie war gerettet. Er war gegangen. Draußen raste der Nachtsturm. Jetzt riß er seine Kammertür auf, jetzt schlug er sie wieder zu. Die Holzstiege knackte. Sie hörte, daß er hinunterging und seinen Koffer schleppte. Der Koffer schleifte auf der Treppe nach; auch sein schwerer Stock schlug auf. Waldmann, der alte Hund, der im Flur an der Haustür lag, begann ein Winseln und ein Geheul, schwermütig und langgezogen. Was hatte das Tier? Es hallte so wehevoll durch das dunkle Haus. Hans stieß das Vieh mit dem Fuß. Da setzte er plötzlich den Koffer ab und fuhr sich mit den Händen in das Haar vor grellem Schreck und frohem Grausen. »Hans, Hans!« kam es hinter ihm. Er stürzte zur Stiege. Es war stockfinster, und er sah nicht, daß eine Halbtote in seinen Armen lag. Er sollte nicht geben. Sie hatte ihm aufgetan. Die Sturmnacht war vorüber. Am Morgen rief die alte Anne, als sie aus ihrer Kammer kam, nach der Marie und schlug die Hände zusammen: »Es war etwas,« sagte sie. »Er, er war da! Der Christoph ist gekommen. Diese Nacht. Er ist wieder gesund. Gott sei gelobt. Ich hab' ihn im Traum gehört. Der Christoph ging zu dir in die Kammer hinauf, Marie!« Die Alte lachte. »Hä, hä! Du willst es nicht verraten.« Sie hatte ein sonderbares, meckerndes Lachen. Marie erschauerte bis in die Knochen und sank an die Wand, kreidebleich, mit geschlossenen Augen. Sie glaubte, sie müsse in den Boden sinken. Hans legte leise die Hand auf ihre Schulter. Die Anne erwartete ja auf ihre Frage keine Antwort. Aber es war ein Geheimnis, das sie jetzt eng verband, Mutter und Sohn; es war ihr Geheimnis allein. Niemand sonst konnte etwas ahnen. So mußte es bleiben. Was war denn geschehen? Sünde? Verbrechen? Es war nur wie eine Schwäre am gesunden Leib, die anschwillt, bis sie reif ist, und die abstirbt, wenn sie aufgegangen. Nun war sie aufgegangen, und sie war im Absterben. Das Fieber hatte sich ausgetobt: Das Fieber erlosch. Hans fühlte es. Er taumelte wie von einem Abgrund zurück. Sein Gewissen schrie: »Meines Vaters Weib! und der Vater lebt! Es darf nichts geschehen sein. Ich will sie heilig halten, und es kann noch alles gut werden. Gewiß! es soll, es soll.« Marie sah nicht um sich. Aber sie klammerte sich an das Leben. Automatisch tat sie ihr Werk wie bisher. Erst nach Wochen, als sie wahrnahm, daß Hans nicht war wie sonst, daß er ruhig und auf einmal ein ganz anderer geworden, schlug sie wieder die Augen auf. Aber umsonst umgab er sie mit fast ehrfürchtiger Sorgfalt. Sie war wie eine Abgeschiedene neben ihm. Es fiel kein Licht in ihre Seele. Der Schnee schmolz. Der süße Vogelsang regte sich draußen; der Frühlingswind fächelte, und es sproß und keimte auf Wiesen und Hecken. Die Sonne warf ihr warmes Licht in die Stube und machte die Diele glänzen. Marie sah dem Hans mit Staunen zu. Seine Willenskraft wuchs. Er war voll Hoffnung. Die schreckliche Sturmnacht war vergessen. Vergessen? Die Kundigen sagten: dies Jahr sollte ein wundervolles Jahr werden. Der Hans wollte es wahr machen. Mit gewaltsamer Freudigkeit streckte er seine Arme zum Zugreifen. Er brauchte Menschen, ein erregtes Getriebe. Von seinem Gönner aus Dortmund erhielt er Hinweise auf neue Ackermaschinen; er stellte solch' Wunderwerk auf seinem Hofe auf, und die Menschen kamen in Haufen, um es zu sehen. Sein Ansehn im Kreise wuchs. Dann kamen die Maler und machten ihr Gerüst um das Haus. Das Haus wurde »renoviert« und schimmerte in frischen Farben. Wie ein Schmuckkasten war es jetzt; wie schön, darin zu leben! Marie hörte nicht hin, sah nicht hin. Ihre Augen waren noch immer voll Angst. Das Wort war ihr verdorrt im Munde. Wann würde sie endlich lernen, zu vergessen? Hans wollte den Gottlieb für sie kommen lassen. Aber da schrie sie herzzerreißend auf: »Nein, nein, nicht jetzt, um alles nicht! und ob ich ihn niemals wiedersehe.« So gab es denn nur eine Beruhigung, eine Hülfe. Hans war zu allem entschlossen. Die Erinnerung an das Geschehene wollte er mit dem Fuß zertreten. Er ging hinüber nach Hesselbach. Eine junge Frau im Haus und alles war gut; und schon hörten alle im Wiesendorf die große Nachricht von dem Verlöbnis. Im Herbst sollte Hochzeit sein, eine Prachthochzeit mit Böllerschüssen und Vorreitern und Peitschenknallen. Die schwarze Grete barst vor Neid: »Wer das Glück hat,« zischte sie, »dem kalbt auch ein Ochse!« Der Hans stand aufrecht mit heller Stirn und entschlossener Miene. Die Ereignisse selbst hatten ihn geschoben; die Woge des Lebens hob ihn. Jetzt nur resolut gehandelt, und alles war gewonnen. Ein Rausch faßte ihn, Zuversicht, junge Lebenswonne. Daran mußte sich endlich auch die Mutter erwärmen. Warum tat sie es nicht? warum schlich sie immer noch wie ein Schemen einher? Ihre Schwäche irritierte, ergrimmte Hans. Fürchtete sie sich vor der zweiten jungen Frau im Haus? War ihr die Lisabet zuwider geworden? Der August ging zu Ende. Da war großes Sängerfest im Wiesendorf, und die Lisabet sollte mit ihren Eltern dazu herüberkommen. Marie raffte sich endlich zusammen, sie hatte das Haus festlich geputzt, hängte am Morgen noch einen Festkranz über die Tür, weil Hans es so wollte, und säuberte ihm mit lautlosem Fleiß seinen Sonntagsanzug; denn er sollte heute beim Festzug selbst das Banner tragen. Mit gehetzten Blicken verfolgte er sie. Er ertrug ihre beklemmende Stillheit nicht und schüttelte sie: »Du, du hast's gewollt! darum hab' ich die Braut! Mutter, Mutter, freust du dich nicht?« Aber ihr gelang kein Lächeln. »Mutter, Mutter!« rief er in bitterem Flehen. Sie wandte sich. Schwerfällig ging sie auf ihre Kammer und öffnete die große Truhe, um ihren schönsten Feststaat herauszuholen. Denn Hans verlangte, sie sollte heute ihr Bestes tun. Der schwere Deckel öffnete sich knarrend. Da lag obenauf das ausgeschnittene grüne Sammtmieder und das seidene veilchenblaue Busentuch; dann kamen die bunten Schürzen, die geblümten Strumpfbänder mit flatternden Schleifen; die vielen Halstücher mit Fransen; tief unten endlich die faltenreichen schweren Röcke mit glitzernden Borten, wohl acht an der Zahl. Wie lange hatte sie diesen alten Staat nicht angerührt! Nun war ein großes Freudenfest gekommen. Freude! Freude! Sie kniete an der Lade, hin und faltete die Hände, horchte und wurde still und stiller, in Sehnsucht nach Rast, in Sehnsucht nach Besinnung, in Sehnsucht nach dem Unbegreiflichen, nach großer, überschwänglicher, schattenloser Freude. Ach, ach! Nur einen Tropfen davon auf ihre lechzenden Lippen! Da packte sie das Entsetzen. Sie fiel flach hin und wand sich vor Schmerz. Sie war zu feige gewesen. Sie hatte es dem Hans bis heut' verheimlicht. Die Zeit kam nah', die gräßliche Stunde, daß sie gebären sollte. Das Messer saß ihr im Herzen. Es war nun alles aus. Sie hatte in den Tod gehen wollen, aber ihr gebrach der Mut. Sie hatte gedacht: wenn die Natur es doch noch anders wendete! Es ist unmöglich, daß Gott mich so straft. Es muß anders kommen! Wer beten könnte! Gottes erbarmende Hilfe herniederbeten! Der Sohn kam herauf, sie zu holen. Sie stammelte, sie sei krank. Der Jubeltag wurde ohne sie gefeiert. Das Juchzen, Blasen und Singen scholl mitleidslos zu ihr herauf. In einem einzigen qualvollen Augenblick sah sie da alles, was nun kommen mußte. Wohin sich verkriechen? Sie wollte alles dulden; aber was sollte aus Hans werden? aus Hans? Und es kam alles, wie sie voraussah. Auf die Gasse mußte sie ihr Elend tragen. Da stand schon die schwarze Grete vor ihr am Brunnen: »Das ist die, die mir mein Dortchen beschimpft hat. Wer ist nun bei dir eingestiegen? Ihren Mann hat sie weggeschafft. Der Sohn gefiel ihr besser.« Die Unglückliche zerbiß sich die Zunge: ein Martyrium der Schande. Das Gerede lief schnell herum; es lief bis nach Hesselbach. Nur die alte Anne wußte es besser. Die sagte jedem: »Der Christoph war bei der Marie. Ich hab' nicht umsonst gebetet. In der Winternacht, in der Sturmnacht, da ist er gekommen, die Stiege hinauf. Ich hab' ihn selbst gesehen.« Sie wollte es vor Gericht beschwören. Aber niemand glaubte ihr. Ratlos, zerbrochen, ein Verbrecher stand Hans vor der Mutter. Reisen? fliehen? fort, fort? Er konnte es nicht. Er stürzte ihr an den Hals: »Marie, Marie, warum bist du in unser Haus gekommen? Ich habe dich immer geliebt, jetzt weiß ich es – schon damals als Knabe, als ich vor dir aus dem Hause floh.« Der alte krumme Tobias saß immer noch auf der Kirchhofstreppe und drehte das weiße Knochengesicht hin und her und wartete mit gläsernen Augen auf das Unheil, das hinter jedem Zaun lauerte. Das arme Gänsemännchen hütete noch immer seine Gänseherde auf der Flußwiese und stieß, als seufzte er, melancholisch in sein Hörn. Krächzend fielen die Raben in das öde Stoppelfeld jenseits des Flusses. Der Mühlgraben war hoch voll Wasser, und die Weiber waren da und wuschen. Es war ein bleicher Novembertag. Keines von ihnen sprach ein Wort. Die Marie fehlte unter ihnen. Sie hatten Scheu; sie fürchteten sich. Alle dachten an sie, und keine mochte von ihr reden. Da entdeckte die Grete eine Kinderleiche im Wasser. Am folgenden Tag – es war ein Sonntag, zur Mittagsstunde; ein flotter Studentenschwarm war eben wieder in's Dorf eingefallen, und »sind wir nicht zur Herrlichkeit geboren,« tönte es ausgelassen aus der Schenke; ein Maschinenklavier hämmerte einen grellen Walzer –, da wurde unterhalb des Wiesendorfs eine Leiche gelandet. Eine Frau im braunen Tuch. Auf der Karre fuhr man sie die lange Dorfstraße entlang. Der alte Tobias sah hin, und die Augen traten ihm aus dem Kopf vor Schreck. Die Verunglückte war vom reißenden Wasser so weit im Fluß hinabgetrieben, bis sie im weichen Schilfgras hängen blieb. Eine vergilbte Windenranke hatte sich in ihrem Haar verfangen. Es war Nacht gewesen, als Marie zum Fluß rannte. Sie hatte einen Sohn geboren, der seines Vaters Bruder war. Es war nur ein Augenblick: eine schwere Hand legte sich auf sie und drückte sie rasch unter die Flut. Das Kind, das sie trug, entglitt im Fall ihren Händen. Die Wasser aber sangen über der Ertrunkenen: Unser Bett ist tief, und wer nicht feste Wurzel hat, den nehmen wir mit, und er fühlt nichts mehr und gleitet dahin, ein abgerissenes Blatt, in's endlose Weite – wohin? wohin? »Was ist denn unser Sterben? Ein Ertrinken ist's, so oder so. Wir versinken alle im Meer des Lebens, wenn wir die Kraft verlieren. Und Sünde? wo ist sie? die Macht des Bösen? Macht? Ich bleibe dabei; es gibt nur eine Ohnmacht des Guten. Ihr ist diese beklagenswerte Frau erlegen. Denn alle Macht ist bei Gott. »Und führe uns nicht in Versuchung,« so flehen Millionen bange Herzen zum Himmel. Gott aber will uns versuchen. Er tut es selbst. Seine Versuchung erprobt die Besten, und wer redlich kämpft und unterliegt, den zieht er rettend an sein Herz und ruft ihn zu sich in seinen erhabenen Frieden.« So sprach zu mir der Pfarrer. Sein Glaube war hochgewachsen wie seine Gestalt. »Und dazu,« fragte ich erschüttert, »und dazu dies Leben voll Angst und Herzeleid? ein tägliches Selbstopfer, das in Verzweiflung endet? Elend um Elend! Wo ist da Gottes Gerechtigkeit? und warum hilft die Gesellschaft nicht? Gott und die Gesellschaft! Gott und Mensch! Beide stehn ohnmächtig vor der gräßlichen Not des Augenblicks.« Der Pfarrer seufzte schwer; seine Augen feuchteten sich; seine Riesengestalt bog sich mutlos zusammen: »Des Hans wird sich das Gericht bemächtigen. Was soll aus ihm – und was soll aus meinem Gottlieb werden? aus meinem Gottlieb?« Man sah ihn eine Woche nicht. Er war krank vor Betrübnis. Der Antrag Eine Skizze Wir autelten durch das bergische Land im hellen Sonnenschein auf den Landstraßen, die langgestreckten Dörfer entlang. Überall hübsch gebaute Bauernhäuser in blühenden Gärten, von Wirtschaftsräumen umstanden; vor den Fenstern Blumenstöcke. Die Obstgärten in Flor, die Felder ringsum reich und vielversprechend. »Sie werden bemerken,« sagte der alte Herr, mit dem ich fuhr, ein Arzt und Sanitätsrat, der hier alles kannte: »Der Reichtum der Bauern hat hier seit dem Weltkriege nur noch zugenommen, und zugleich auch ihr Selbstgefühl. Die Preise der Landesprodukte stiegen und stiegen, und ihr Haben auf den Banken schwoll. Kaufkräftig erweitern sie jetzt ihre kleinen Pachten, werden zu Gutsbesitzern, arbeiten tüchtig in Stall und Feld und nützen ihre Mistgruben, als wären es Goldgruben. Sonntags aber putzen sich ihre Weiber in Seide und durchbrochenen Strümpfen, mit Reiherfedern und Kopenhagener Handschuhen, die jetzt keine Gräfin mehr trägt, und bevölkern die Filmbuden und die Tanzböden in der Kreisstadt. Man sagt: die dümmsten Bauern haben die größten Kartoffeln. Ich glaube, Sprichwörter sind nie sinnlos. Solch ein Bauer hier herum... Ganz richtig! Da fällt mir eine Geschichte ein, die das Fräulein von Borghorst betrifft. Helene! Ihr Hausarzt bin ich und weiß alles genau. Eben jetzt fahren wir an ihrem Waldhaus vorüber. Dort hinter den Tannen steckt es; man sieht es nicht. Aber wir wollen erst hier einkehren und die Fahrt stoppen. Haben Sie den Türgriff? Der Daimler ist bequem. Eine Dorfschenke! In der Glashalle sitzt es sich gut. Etwas blühender Frühling um uns, etwas Alkohol in uns, und dazu eine kostbare Speckschnitte, um die uns jeder Großstädter beneidet. Ich mache es natürlich kurz; denn wir müssen weiter. Die Geschichte ist ernst genug, und doch drollig zugleich. Fräulein Helene ist so noch eine echte Adlige alten Stils und aus altem Geschlecht. Ihre Eltern hatte sie früh verloren. Der väterliche Besitz wurde verkauft. Ihr Bruder war irgendwo auswärts in hoher Stellung. Nur sie, die Tochter, wahrte den Familiensinn und den Sinn für die Sässigkeit in dieser Provinz, die ihre schöne Heimat ist. Sie war unvermählt geblieben und baute sich dies Waldhaus; die umliegenden Forste gehören ihr. Denken Sie sich so etwas wie eine Brunhilde, aber hübsch durchgeistigt; das Körperliche wie aus der Reckenzeit, die Seele durch aristokratische Erziehung und Tradition im guten Komtessenstil verfeinert. Wach und mit Ehrgeiz hielt sie auf das Ansehen ihres Namens. Sind Sie etwa ein Verächter des Adels und verlachen Sie dies als Überhebung? Darüber ließe sich reden. Es gibt Menschen mit Stammbaum und ohne Stammbaum. Sehen Sie dort die wundervolle Buche, die mit vollem Wipfel frei und allein auf dem Hügel steht? Bis unten hat sie ihr reichbelaubtes Astwerk erhalten können, und an solchem majestätischen Baum kann also der jüngste Trieb mit Stolz alle ältesten Triebe überschauen; denn er trägt die Jahrhunderte in seinen Zweigen. Das ist so recht des Adels Sinnbild; denn auch in einem adligen Geschlecht kann immer der jüngste Sproß, seines Stammbaums froh, auf alle früheren Generationen des Geschlechts zurückblicken, aus denen er hervorwuchs. Er lebt, von seinen Ahnen umgeben. Anders die Fichten dort im dicken Wald. Auch sie sind gesund und hochgewachsen; aber sie wirken doch nur plebejisch als Masse; denn nur ihre höchsten Spitzen zeigen noch junges Grün; alles ältere Astwerk ist abgestorben, kahl und leer, so kahl, wie die Stammbäume der vielen unter uns, die von ihren Vorfahren nichts wissen oder doch sie nicht ehren. Ist es nun nicht begreiflich, daß jene Buche, stolz in ihrer Isolierung, die Masse der anderen nicht für ihresgleichen hält?« »Gewiß. Für die Forstwirtschaft sind aber die Fichten, so plebejisch sie scheinen, doch rentabler, und man wird die Baumaristokraten als Luxusgeschöpfe mehr und mehr ausrotten.« »Das ist der Standpunkt des Holzhändlers; ich aber bin ein bißchen Ästhet und Gefühlsmensch, ich liebe mir die Buche und freue mich, daß sie noch steht. Wer weiß, für wie lange? Nun also das Fräulein Helene. Sie war eine prachtvolle Person, als sie jung war; aber der Tod war gleichsam ihr Gegner, und sie hatte mit ihm zu oft zu ringen. Erst starben die Eltern, dann auch ihr Bräutigam. Sie blieb ehelos. In der rüstigen Arbeit fand sie Trost und Ablenkung. Es galt mit recht beschränkten Mitteln Haus zu halten. Den alten Familienkutscher ernährte sie noch; aber der Pferdestall stand leer. Bei der Arbeit im großen Gemüsegarten, beim Heumachen, Beschneiden der Obstbäume sahen wir sie im Kattunkleid und aufgesteckten Ärmeln wie ihre Magd gekleidet; sonst war sie die Gnädige, die streng auf alle Formen hielt. Ein junger Kammerdiener durfte nicht fehlen, und er wurde stilvoll in die alte Livree gesteckt. Zur Morgenandacht traten täglich auf der großen Diele alle Hilfskräfte an. Das Essen sparsam, aber herrschaftlich; Kohl und Rüben wurde in kostbaren Schüsseln aufgegeben: Familiensilber und altes Porzellan. Das Wappen auf dem Teller veredelte den Quark und das Pflaumenmus. Dasselbe Wappen über der Haustür, auf dem Halsband der Hunde. Im Modejournal wurde fleißig geblättert, aber selten etwas gekauft. Ich habe bisweilen mitgespeist. Welch ein Anblick, wenn da dies Hünenweib zum Tischgebet ihr Haupt senkte, mit den schweren blonden Haarmassen im Nacken! Die großen gefalteten Hände stark und doch ausdrucksvoll. Der galonnierte Diener stand hinter ihr, um ihr den Teller hinzustellen. Nicht völlig allein lebte sie so dahin, sondern das Fräulein Minna, eine ältere mittellose Person, war ihre stille, fromme Hausgenossin. Auch Gäste kamen viel. Nebenher aber schriftstellerte sie; sie schrieb Novellen, von denen mehrere in der ›Kreuzzeitung‹ oder im ›Daheim‹ pseudonym wirklich erschienen sein sollen. Da hinein legte sie all ihr eigenes Liebesleben. Es waren Geschichten mit vielen Abenteuern, die aber immer glücklich endeten; sie endeten mit dem Liebesglück, das sie selbst nicht gefunden. ' So kannten wir sie alle, jahrzehntelang; denn die Zeit, die nie ruht, trug auch sie dahin, aus einem Jahr in das andere. Die meisten, die bei ihr verkehrten, waren nun wohl schon jünger als sie, und ihre Züge alterten wirklich schon etwas, aber nicht ihre Energie: bis der Graf Nordau, Graf Felix genannt, regelmäßiger Hausgast wurde, ihr Jugendfreund, nunmehr verwitwet. Kindheitserinnerungen tauschten sie aus, und es entstand eine rechte Kameradschaft zwischen ihr und ihm, ein wohltuender Verkehr, der aber ihr Blut nicht in Wallung brachte. Er lebte sonst in der Hauptstadt. Sein Vorleben geht uns hier nichts an. Vielgereist war er, etwas englisch angehaucht, hatte in Kanada und Arkansas Bären- und Biberjagden mitgemacht und erzählte gut. Im Waldhaus Helenens machte er sich, wenn er da war, durch praktisches Zugreifen oft sehr nützlich, entlarvte z.B. den Förster, der beim Holzverkauf dreiste Unterschlagungen beging. Auch schien es ihm Spaß zu machen, ihr zu dienen, und auch aus der Hauptstadt besorgte er ihr gern die besten Waren preiswert, Kolonialwaren oder Gartengerät, sogar Stoff- und Kleiderschnittmuster für ihre Toilette, die jetzt allmählich matronenhafter wurde. Sie duzten sich seit der Kinderzeit, und so ließ der Unglückliche es sich eines Tages einfallen, ihr einen Antrag zu machen. Es war Winter; sie saßen am Kaminfeuer auf der schönen Flurdiele; der Feuerschein warf ein Glorie um ihr stolzes Haupt. Da stieß er plötzlich seine dicke Zigarre in den Aschenbecher und bat um ihre Hand; nein! er ergriff ihre Hand vielmehr und sagte: ›Helene du bist die Einsame; ich bin es auch. Wollen wir nicht aus zwei Einsamkeiten mit nur halbem Glück eine Gemeinsamkeit machen, die für beide vielleicht ein volles Glück bedeutet?‹ ›Ich spreche nicht gern vom Glück‹ sagte sie herbe, indem sie aufstand und sich hochreckte. ›Ich bin 45 und du?‹ Dann lachte sie und fügte hinzu: ›Die Ehe ist ein Jugendbund. Das solltest du, guter Mensch, aus den Novellen wissen, die ich schreibe. Aber wer weiß? du hast sie nie gelesen?‹ Das Scherzwort sollte die Lage ins Harmlose wenden. Als er ihr trotzdem leidenschaftlich näher trat, drehte sie sich ab. Was weiter geschah, weiß ich nicht. Die Folge war, daß er abreiste (er hatte im nahen Jägerhaus gewohnt), abreiste und nicht wiederkam. Es war denn doch echtes Liebesfeuer in ihm gewesen, Johannestrieb, und solch kalten Wasserguß wollte er nicht noch einmal erleben. Auch war Graf Felix damals gewiß immer noch liebenswert. Seine blendenden Zähne waren freilich kein echtes Geschenk der Natur, aber seine Nägel sehr spitz und wohlgepflegt, sein Teint nett gesund, seine Krawatte ebenso tadellos wie sein Handkuß und wie sein Sitz als Reiter; seine Stimme etwas schnarrend wie eine ungeschmierte Türangel, sein Lachen und sein gutmütiger Blick aber doch echt und warm. Auch für Fräulein Helene war diese Wendung schmerzlich. Die beiden wechselten zwar immer noch Briefe zu gewissen Zeiten und in freundlichster Form; aber sie sahen sich eben nicht mehr. Jedoch sie hatte ihre Gründe, und mit eisernem Willen hielt sie daran fest. Für die beiden Neffen lebte sie, die allein noch ihren Namen, den Namen derer von Borghorst trugen. Für sie sparte sie, hielt sie das Familienerbe an kostbaren Mobilien, Hausrat und Bildern ängstlich zusammen, und es sollte davon nichts, nichts jemals in andere Hände kommen. Darum durfte sie selbst nicht heiraten. Das verstand sich. Kuno und Adalbert! Adalbert und Kuno! Die Söhne ihres einzigen Bruders: die Namen waren im Geschlecht erblich und klingen vornehm genug. Ich muß sagen, es waren wirklich ein Paar famose Bengel, diese Knaben, rassig und gut und hell. Nichts köstlicher als zu sehen, wie die Hünin mit ihnen umging; denn auf Ferien kamen sie immer ins Waldhaus. Wie die jauchzten, wenn die Tante Helene mit ihnen über die Hecken sprang, wenn ihre Befehle über den Garten schollen und sie mit dem Stecken das fremde Vieh von der Weide trieb. Ein bissiger Hund fiel sie einmal an, sprang an ihr hoch: wie sie den bändigte! So unterwies sie selbst die Jungen in allem Tüchtigen: Klettern, Springen, Nestersuchen, Grasschneiden, Holzspalten, Melken und Misten. Nußernte war; da sagte sie belehrend: ›Das mit den Nüssen, ihr Kinder, hat seinen Sinn; den merkt euch. Gott legt uns die Nüsse auf den Tisch, wir aber müssen sie knacken. Da hilft er uns nicht. Mein Gebiß ist noch stark. Sorgt, daß es mit euch nicht anders ist. Das gehört zur Rasse.‹ Übrigens ging es immer noch sehr frugal her. Als die beiden aber älter wurden, holte sie den ererbten Stammbaum auf großem Pergamentbogen hervor und allerlei uralte Briefe, Silhouetten und Andenken, erklärte ihnen im Speisesaal die alten, ziemlich roh gemalten Perückenköpfe, die da im verblaßten Goldrahmen hingen (im Rahmen war der Holzwurm; die Köpfe hatten knallrote Backen, aber einen stolzen Blick unter den hochgezogenen Brauen) und erzählte ihnen von den Ahnen des Hauses mit Humor, aber zugleich mit heiligem Ernst; das ging in die Zeiten des Großen Kurfürsten zurück und noch weiter; immer erziehend, und die jungen Kadetten lauschten begierig: ›Ihr sollt den Stamm fortführen. Auf eure vier Augen ist alles gestellt. Macht also eurem Namen Ehre. Mit dem guten Namen ist es wie mit dem guten Rock: wer ihn trägt, der läßt sich nicht gehen. Anders die Leute, die im schlechten Kittel laufen.‹ Es waren für sie schöne Zeiten, voll Hoffnung und Hochtrieb. Nun mußte sie auch immer den alten Familienschmuck tragen; die Jünglinge wollten es so: die schönen Perlen. Sie sträubte sich zwar und sagte: ›Eine Königin bleibt Königin auch ohne Krone.‹ Aber sie fügte sich doch. Die Pferde fehlten leider noch immer im Stall; aber den alten Familienjagdwagen zogen die zwei trotzdem aus der Remise, setzten sich auf den Bock, schwenkten die Peitsche und sprachen: ›Tante Helene, wer weiß? wir fahren noch einst mit vieren zusammen!‹ Der Weltkrieg kam, der Weltkrieg, der mit so großen Hoffnungen begann und schließlich bei uns alles unter Schutt begrub. Die beiden Neffen fielen. Aber soll ich aufhören? Sie sagen: Wozu so tragische Geschichten? und der Chauffeur kurbelt auch schon wieder an. Geduld! Ich bin gleich zu Ende. Sie ahnen nicht, wie es weiterging. Die Neffen fielen, sagte ich; nicht nur sie, sondern schließlich wurde auch deren Vater, Helenens Bruder, ein Opfer des Krieges; er erlag dem Klimafieber, in Gibraltar von den Engländern interniert, und sie war nun plötzlich die letzte Trägerin ihres Namens; er starb aus mit ihr. Wie sie es trug? Ich will das nicht beschreiben. Das Wappen am Haus schwarz verhängt; sie selbst hochgereckt in ihren schwarzen Schleiern. Es war auf alle Fälle imponierend, dies zu sehen. ›Ich breche nicht zusammen,‹ sagte sie; ›der Himmel legt mir die Last auf; also glaubt er auch, daß ich sie tragen kann; ich will ihn nicht enttäuschen.‹ Der Stolz auf ihren Namen aber steigerte sich womöglich noch; sie wollte ihn in Ehren zu Grabe tragen. Doppelt tätig war sie jetzt: Rotes Kreuz, Verwundetenpflege in ihrem Waldhaus, solange der Krieg dauerte; auch dabei verweile ich nicht. Die Revolution kam, das Chaos kam, die Geldnot, die Warennot in unserem armen Lande, vor allem in den Städten. Ihr aber ging es jetzt wie den Bauern, von denen wir sprachen; auch sie wurde vom Glück gehoben. Sie beerbte nicht nur ihren Bruder, sondern auch das kleine Waldgut ergab, da der Wert des Holzes ins Ungeheure stieg, die ungeahntesten Vorteile. Wohin mit den Geldern? auf die Banken? Ich war es, der ihr riet, vielmehr sich weiteren Grundbesitz zu kaufen, und so erwarb sie wirklich ein kleines Landgut bei Wallendorf, das dort jenseits ihres Waldberges liegt; nur etwa 100 Morgen, mit zwanzig Kühen usw. Den alten Pächter ließ sie darin sitzen. Auch Pferde, zwei prächtige Füchse, hatte sie sich jetzt endlich gekauft und fuhr wiederholt zur Besichtigung dort hinüber, im Jagdwagen, selbst kutschierend. Straff saß sie da, in Lederhandschuhen, das Haupt in der Kappe; der Diener hinten auf. Als sie so einmal dort war und den Hauptacker entlang schritt, grüßte sie ein Bauer, der am Feldrain stand. Sie beachtete es nicht. Als sie den Wagen bestieg, um wieder abzufahren, stand derselbe Bauer an der Straße und verfolgte jede ihrer Hantierungen. Da fragte sie den Pächter: ›Wer ist der Mensch?‹ ›Zu Befehl, Gnädige: August Bommel, unser Nachbar. Er hat auch schon vorhin unsere Gäule, das Lederzeug sorglich gemustert.‹ Neugieriges Volk! Was ging das sie an? Es hatte geregnet. Müde kam sie nach Hause. Wozu eigentlich alles? die neue Last? Für was? für wen? Sinnlos schien ihr jetzt plötzlich all ihre Unternehmungslust. Die folgenden Nächte schlief sie schlecht, und auch noch am Sonntag war ihre Stimmung dieselbe. Ihr Spiegel sagte ihr: ›Du bist jetzt sechzig; deine Züge frisch, aber hart, hart. Kein Wunder! Dazu die dicken, grauen Zöpfe! Grauschimmel du! Sieh nur: das Gastmahl ist aus, die Tische abgedeckt, die Lichter niedergebrannt: da stehen wir in der Öde. Draußen Herbststurm: die welken Blätter fliegen raschelnd ums Haus. Die Neffen tot, die Neffen tot!‹ Sie streckte die Hände ins Leere: die Zukunft leer, das Leben zerfetzt! Die Morgenandacht war vorüber; das Personal schon bei der Arbeit, Fritz, der Diener, beim Silberputzen. Ein Spitzentüchlein lag da. Sie trat vor den Pfeilerspiegel auf der großen Diele und machte sich eine Haube daraus zurecht, die sie mit altmodisch schweren Nadeln feststeckte. Die alte Frau war fertig: witwenhaft. Großer Tiefstand des Barometers; er tritt immer einmal ein. Die Hausfreundin, Fräulein Minna, die nun bald 80 zählte, saß daneben, sah es mit großen Augen und schüttelte stumm tadelnd den Kopf. Da ging die Haustür. Der Postbote brachte die Zeitungen und Briefe. Fritz kam und überreichte sie auf dem Silberbrett. Das meiste diesmal nur Geschäftsreklamen und Rechnungen. Aber doch! da! ein wirklicher Brief mit unbeholfenster Aufschrift. Ohne Neugier schnitt sie ihn langsam auf und las die Unterschrift: ›Es grüßt achtungsvoll Gutsbesitzer August Bommel in Wallendorf Nr. 200 Ich bin katolisch.‹ »Wer ist das? August Bommel, der Bauer! Was will er?« Und sie begann nun doch mit Spannung zu lesen: ›Hochgeehrtes Fräulein von Borghorst. Ich bitte Sie höflichst, mir auf diesen Brief zu antworten, ob Sie noch ledig sind. Ich wollte mit Ihnen die Liebe anknüpfen.‹ ›Die Liebe anknüpfen?‹ Hierauf folgte ein Moment der Erstarrung. Dann befiel die Gnädige ein Lachen, daß sie hochsprang wie ein junges Mädel: ›August Bommel fragt, ob ich ledig bin. Hurra!‹ Sie lachte, lachte Tränen. Die Nadeln riß sie sich aus dem Haar, daß der Spitzenschmuck herunterflog, und war gleich zehn Jahr jünger. ›Wie geht es weiter?‹ Fräulein Minna mußte mit lesen. ›Sie haben bei Wallendorf ein Gut gekauft. Ich habe auch ein Gut dort, 70 Morgen bestes Land und noch einen Streifen Wald und auch Gartenland und kann auch noch ein Gut kaufen. Ich bin junger Witwer – Sie haben mich ja gesehen – ein gutter Korrakter, hübsche Figur. Ich hätte die einzige Tochter des nächsten Bauern bekommen, wann ich gefragt hätte. Die hätte auch wie Sie für mich gepast. Vielleicht kommen Sie nach Bunzlau; im Schuhwarengeschäft Hirsch dortselbst kennen sie mich. Kaufen Sie da nicht auch? Ich habe eine kapute Feder und muß aufhören zu schreiben.‹ Da war ein Absatz. Aber darunter stand trotzdem noch: ›Wenn Sie noch keinen Freier haben, so schreiben Sie mir; sonst ist es nicht notwendig. Ich habe einen Sohn und zwei Töchter; die machen die ganze Arbeit mit; sind aber gute hübsche Kinder. Hochachtungsvoll‹ usw. Die Heiterkeit der Gnädigen nahm nur noch zu: ›Ich habe also doch Eindruck gemacht. Ich kam, er sah und ich siegte! Und da hätte ich ja gleich auch drei gute hübsche Kinder.‹ Was glauben Sie, was folgte? Die Wirkung des Briefes war umschmeißend, erlösend. Selbigen Tages schickte sie ihn an Graf Felix. Es war, als ob sie den Jugendfreund riefe: komm! Ja, sie rief ihn wirklich, und er kam, und nun sind beide seit 14 Tagen glücklich vermählt, vermählt; die Gnädige von Borghorst ist nun doch Gräfin Nordau geworden. Glauben Sie etwa, daß ich den Brief zu novellistischem Zweck erfunden habe? Hier ist eine Kopie, die ich mir von dem Kuriosum nehmen durfte. Sie sehen: die Interpunktion fehlte darin gänzlich; die habe ich erst hergestellt. Wie wär's, wenn wir hernach einmal zu der neuen Gräfin ins Waldhaus hinüberführen? Der Chauffeur wartet schon; meine letzte Zigarette hat er in seiner Ungeduld schon aufgeraucht. ›Die alte Krähe ruft Dich doch noch in ihr Nest,‹ hatte sie dem Grafen geschrieben. ›Willst Du mich noch? Ich habe keinen Grund mehr, nein zu sagen.‹ Auch der Freund hatte sich zum Glück leidlich konserviert; freilich schon etwas wacklig auf den Beinen; vor allem sein Gebiß noch ebenso glänzend wie vor fünfzehn Jahren. Hoffen wir, daß sie nicht bald an dem Herrn zu pflegen hat. Zwei Wappen sieht man jetzt über der Haustür, und jeder von beiden ißt von seinen höchsteigenen alten Familientellern. So haben sie es abgemacht. Sonst ist die Einigkeit groß, und dabei lachen sie sich an, vor Staunen, daß sie, wie einst, Freund und Freundin sind und doch nun Eheleute bedeuten. Aber ein Sohn, ein junger Graf Nordau ist wenigstens da, Offizier a.D., jetzt an einer der Großbanken in Dresden. Der wird erben. Wenn er nur auch heiratete! Sonst, sonst ... Die Buche dort auf dem Hügel steht immer noch, vornehm und selbstbewußt. Aber es wird ihr nichts helfen; die Axt droht doch! Die Aristokraten gehen ein, unter den Bäumen und unter den Menschen. Die Masse ist's, die bleibt. Wenn nur gut aufgeforstet wird in Baumschulen und Menschenschulen, dann wollen wir auch der Masse froh sein. Der August Bommel aber ist tatsächlich einer von den schweren Bauern, der sich à la paysane mit der Hand schneuzt, aber wie ein Fürst aus dem vollen lebt; schon mehr Handelsmann, mit Telephon und Bankbetrieb. Er weiß für Magermilch, Vollmilch, Schmand und Speckseiten seine Preise zu machen. Mitleidig hat er die Achseln gezuckt und sich auf die Geldtasche geklopft: ›Nun ist sie also Gräfin, wie ich höre, das dumme Fräulein. Ich hätte wahrhaftig gern ihr Gut gehabt, um mich abzurunden, und sie hätte an mir einen noch mächtig frischen Kerl gehabt, jawohl! und dazu das beste Futter bis zu ihrem Ableben. Ein Mahagonibett hab' ich schon extra kaufen wollen für sie und ein Grammophon und einen Ausziehtisch; und einen Eimer Milch hätte sie jeden Tag kostenlos für sich allein bei mir gehabt und ganz so wie meine Töchter soviel Schinken oder Kalbsbraten sich herunterschneiden können, bis sie die Armsteife kriegte. Dazu meinen Weinkeller, keine Flasche unter 300 Mark. Ich wollt', sie äß' nur ein einziges Mal bei mir zu Gast; der Tisch sollte sich biegen, und sie fräße die Reue. Aber so ist die Weiberschaft oft: zu schämig, zu bescheiden; sie haben nicht den Mut zuzufassen.‹ Das Auto läuft gut. Nun sind wir gleich da. Wir werden das alte Paar sehen. Ich glaube übrigens, daß Frau Helene, die jetzige Gräfin Nordau, noch einmal wieder zur Feder greift und eine Novelle schreiben wird, worin sie ihr eigenes Leben darstellt: ›Eine Ehe der Freundschaft!‹ Dann wird auch – wenigstens in Büchern – ihr ausgestorbener Name rühmlich weiterleben.« »Ich will der dichtenden Gräfin nicht zu nahe treten,« versetzte ich, als der alte Herr seinen Bericht beendet, indem ich dankbar seine Hand ergriff. »Erfreulicher wäre es freilich, wenn die Ärzte uns öfter Novellen erzählten, sowie Sie es getan; denn ein Arzt ist schon von Beruf Psychologe – und das ist für alle Dichtungen das wichtigste –, mag es ihm auch an Phantastik fehlen. Aber er ist auch oft wie eben Sie, Verehrtester, im Besitz intimer Kenntnis der Lebensschicksale wertvoller Menschen, von denen zu hören ein Gewinn ist und die doch in das Nichts verklingen, wenn die Feder sich nicht regt oder die Lippe zu träge ist, davon zu reden.« Damajanti. Ein Quasi-Lustspiel. »Es waren doch nette Tage mit Mama,« sagte Margot, noch halb verschlafen. »Ja, ja! Wie lange war sie eigentlich da?« kam es langsam aus dem Munde ihres Gatten, indem er dabei in den frischen Semmel biß. Auch er schien noch etwas träge. »Nun, doch sechs Wochen,« sagte Margot, und nach einer Pause mit einem Seufzerchen, indem sie den Kaffee eingoß: »Es ist doch recht still ohne sie.« »Aber die Stille tut uns gut. Ich habe mich wieder trefflich mit meiner Schwiegermama vertragen; das dient zu ihrem Ruhm und zu meinem. Aber sie begreift nicht, daß ein Gelehrter wie ich auch seine Ruhe haben muß. Wie viele Gesellschaften haben wir für sie gegeben und mitgemacht! Übrigens, wie ist es, du meine Lerche? Ich hab' heut' ja eine andre Kaffeetasse als sonst?« Eine wichtige Frage. Er schien die Tasse nicht benutzen zu wollen. Es war noch nicht 8 Uhr, als sie so beim Morgenbrot saßen, Edgar und Margot. Die Balkontür stand offen, und der linde Hauch des ersten Frühlings wehte herein und bewegte leicht die Gardine. Übrigens gab es damals zum Frühstück noch guten Bohnenkaffee und Butter in Fülle. Auch seinen Teller mit Buchweizengrütze bekam Edgar jeden Morgen. Er brauchte das. »Die Tasse ist neu,« versetzte die kleine Frau. »Das bemerkst du zerstreuter Mensch erst jetzt? Trink nur. Echt chinesisches Porzellan; Drachenmuster. Ich hatte die schon lange für dich bestimmt.« »Nun, meine alte Mundtasse war mir sehr lieb, aus meiner Junggesellenwirtschaft.« »Aber blos Steingut, Edgar, und so roh bemalt, mit zwei grasgrünen Enten darauf.« »Nun gut. Ich trink' ja schon, mein Engel.« Da rasselte draußen die Schelle, und Ursel, die Köchin, die fast so alt war wie Margot und Edgar zusammengenommen, brachte die Post herein. »Ein Brief von Mama! ... Sie ist glücklich wieder in Dresden angekommen. Soll ich vorlesen?« Edgar hörte schmunzelnd zu. Der Brief war voll Dank und Zufriedenheit; da stand: »Wie beruhigt es mich, daß Ihr so schmuck und gemütlich wohnt.« (»Na, na! Mama ist eben sehr anspruchslos«, warf Margot dazwischen.) »Und Euer Umgang. Universitätskreise! Solch Gelehrtentum ist doch zu anregend! Und Dein Fach, lieber Edgar, das Indische! wie imposant! Ich träume noch immer von weißen Elefanten. Wenn ich aber wiederkomme, Ihr Kinder, dann hoffe ich, es aus einem andern Anlaß zu tun.« Diese Worte hörte Edgar mit einem Extraschmunzeln und trat seinem Weibchen zärtlich auf den Fuß. Sie aber tat, als beachtete sie es gar nicht. Dann setzte er sich mit Wucht an seinen Schreibtisch, steckte sich seine große Zigarre an, so daß er gleich wie in einer Wolke saß (er rauchte morgens nur zweiter Güte, aber sehr viel, und Margot fand, daß dies für die Gardinen nicht zuträglich war), und seine Stimmung blieb dieselbe: »Ja, ja, die Alte sprach mit mir voll Sorge davon, und ich hab' sie vertröstet. Wir wollen schon sorgen, daß sie Großmutter wird.« Dann fegte er ein paar Bücher vom Schreibtisch, so daß sie über den nächsten Stuhl flogen, und riß einen dicken Quartband aus dem Fach, in wildem Eifer. Als er ihn auseinanderklappte, wäre beinah' auch das Tintenfaß vom Tisch gesaust. Margot war indeß mit schleichendem Gang an ihm vorbei in die gute Stube geschlüpft (es war der größte Wohnraum mit den hellen Rosentapeten), trat vor den Spiegel und betupfte sich ihren Teint mit dem Taschentuch. Sie sah übrigens reizend aus in ihrer himmelblauen Morgenjacke mit den weit offenen Hängeärmeln; aber blaß und etwas schmal. Ihre braunen Augen standen groß und glänzend wie Antilopenaugen unter der schmalen, weißen Stirn. Sie rieb sich die Wangen, damit etwas Röte sich einstellte, und gähnte dabei etwas nervös, wobei ihr zart gerundetes, fein ziseliertes Kinn sich senkte und ihre Zähne frei wurden, die wie ein allerliebstes Perlengeschmeide hinter dem Korallenriff ihrer Lippen standen. Dann ging ein verstohlenes Lächeln über ihr Gesicht, als sie selbst diesen Vergleich zog. Der Vergleich stammte von ihrem jungen Gatten; der war ja Indologe, in der Südsee zu Hause und sprach gern von Korallen und Perlenmuscheln. Er kaufte sie leider nur nicht. Die Mutter hatte ja auch zu ihr über jene Hoffnungen, die Edgar so heiter stimmten, gesprochen. Aber sie hatte gesagt: »Kleine Kinder, Mama? Das ist so unmodern, und ich sehne mich gar nicht danach. Lulu hat welche, und das genügt mir vorläufig.« Lulu war ihre Freundin, die gleich ihr gegenüber wohnte. »Freilich, freilich,« hatte die Mutter kopfschüttelnd erwiedert. »Du bist arg blaß, Kind, und brauchst noch etwas Schonung. Das ist wahr. Ihr habt im ersten Jahr eurer jungen Ehe so viel Trubel gehabt; Reisen und all die Geselligkeit. Das war das erste Einleben in die akademischen Kreise. Jetzt, hoff' ich, kommt ein recht ruhiges Jahr für dich.« So dachte auch Edgar. Erst die offiziellen Visiten; dann die Einladungen. Die wichtigsten hatten sie erwiedert. Jetzt sollte Schluß sein. Inzwischen wischte die junge Frau in der guten Stube mit dem Wischtuch gedankenverloren die Möbel ab, die Stuhllehnen, Fensterbänke und Börter, auch das marmorne Gesims über dem Heizkörper der Zentralheizung. Die Stube, auch Salon genannt, sah doch im Grunde recht langweilig aus. Alle Stühle egal, mit den steifen Lehnen, die Bilder, Stiche und Lithographien alle in dieselben Goldleisten gerahmt. Knaus' Madonna und der ewige Bismarck mit dem Schlapphut. Auf dem Klavier ein kleiner lackierter Mozartkopf. Ach Gott, ach Gott! Am Fenster die üblichen Kakteen und eine Palme mit 5 Blättern. »Edgar!« rief sie. »Willst du die Pflanzen nicht begießen? Südländische Vegetation! Deinen indischen Park! Du tust es doch sonst!« Er lachte, aber er kam nicht und rief nur hastig:. »Heute nicht, heute nicht, süße Damajanti. Zu dick in der Arbeit! Stör' mich nicht.« Seine Baßstimme klang schmelzend gutherzig, aber entschieden. So war es. Sie wußte es ja. Er war mit seinen Arbeiten arg im Rückstand, und die Druckereien drängten. Er mußte die zwei Aufsätze erledigen über den Kalidasa und Sômadçva (auch Sômadçva war ein indischer Dichter; das hatte sie sich gemerkt) und dazu noch den schwierigen Textdruck in der Sanskritschrift. Welch scheußliche Mühe hatte sich ihr guter Mann damit aufgeladen, gerade dies Fach zu wählen, Sanskrit zu treiben! Aber die Gedanken, die er da findet, sind oft wundervoll und die Fabelwesen grotesk, zum Träumen; manches so, daß einem das Entsetzen kommt, und manches wieder so spaßig. So heißt es von den indischen Königen, daß sie, wenn sie einen guten Tag haben sollen, nach Anweisung ihres Hausgeistlichen (des Purohita-Priesters) morgens ihr Gesicht in flüssiger Butter spiegeln müssen: »Daher sorg' ich, daß auch Edgar jeden Morgen immer gute, frische Grasbutter hat. Er lebt so in seinen indischen Gedanken!« Sie griff sich ein schlankes Buch aus dem Schrank, warf sich in die Sofaecke, auf den roten Plüsch, und streckte sich erst, die Arme über dem Blondkopf, die Augen halb geschlossen, lang aus, die kleinen Füße auf dem Atlaskissen. Dann öffnete sie das Bändchen und beugte sich vor, um zu lesen: »Nal und Damajanti«, das entzückende Götter- und Heldenmärchen. Sie las darin gleich mit völliger Versenkung. Denn Edgar wollte es so. Rückert hat die Dichtung in deutsche Verse gebracht und den honig-süßen Zucker seiner Reime darüber gestreut. Aber sie las noch kaum 5 Minuten, da meldete die alte Ursel mit ihrer grunzenden Stimme: ob sie Fisch zu Tisch wollten. »Ja Fisch! gewiß.« Gleich eilte die kleine Frau in die Küche, und die Hausstandssorgen begannen. Zum Fisch – Hecht! – sollte es flüssige Butter geben: »Da kann sich Edgar wirklich darin spiegeln, und er hat einen guten Tag wie jene Könige von Bengalen. Es ist doch spaßig, die Frau eines Gelehrten zu sein!« Am Nachmittag, als Edgar abwesend (es war seine Kollegstunde), kam neue Post. Es war ein überraschender Brief von Onkel Oskar aus Bad Nauheim. Höchst wichtig! Sie war ganz aufgeregt. Es war der reiche Onkel aus Argentinien, und er schrieb: Zu »Eurer Hochzeit, liebe Margot, habe ich Euch leider kein Geschenk machen können, wie es sich für Deinen Patenonkel geziemte, weil ich damals, wie Du weißt, Euch so fern, in Buenos Ayres festsaß. Nun muß ich hier, dummerweise, herzleidend, wie ich bin, in Bad Nauheim mich auskurieren und kann nicht zu Euch reisen, überweise Dir aber heute nachträglich per Scheck 30 000 Mark, die Du von der Bank erheben kannst. Schaffe Dir dafür an, was Dir lieb ist, mein Kind, und denke freundlich Deines alten Onkels« u.s.f. Herzleidend! der arme! Aber so viel Geld! Unglaublich, fabelhaft! Was würde Edgar sagen? Aber nein. Sie wollte ihm vorläufig den Brief gar nicht zeigen; erst sich überlegen, was sie wohl kostbares sich kaufen könnte. Ja was? »Was mir lieb ist.« Was ist mir lieb? Gedankenvoll schritt sie durch die vier Stuben. Am Abend sprach sie wenig. Ihr lieber Mann merkte es nicht. Er büffelte und hatte sonst genug im Kopfe. Sein Schädel dampfte. Gleich schrieb sie einen glühenden Dankbrief an den Onkel. Möchte es ihm doch bald besser gehen! In der Nacht aber schlief sie schlecht, zum ersten Mal seit langem. Folgenden Tags aber ging sie aus, Vormittags, Nachmittags, ging aus und kam nicht wieder. Edgar suchte sie in allen Stuben. »Wo warst du nur?« fragte er erstaunt, als sie endlich wieder auftauchte. Sie log, ganz unverlegen, mit Lulu, der Freundin, sei sie auf Besorgungen gewesen; die brauchte neue Blusen und einen Sommerhut. In Wirklichkeit hatte sie einen Althändler entdeckt und in Galanteriewaren- und Bijouteriegeschäften alles um und umgekehrt: Schnallen, und Dosen und Fächer und Hutnadeln, Fayencen, Majolika, Kristallschalen. Schon am nächsten Morgen stand auf der Verkleidung des Heizkörpers ein hübsches Bronzerelief, darstellend einen Fackellauf griechischer Jünglinge; rechts und links daneben zwei neue Leuchter in strahlendem Kupfer. Sie waren als zwei Palmen geformt, in denen die kleinen elektrischen Birnen hingen. Triumphierend zeigte sie das dem Gatten; der fand das auch wunderhübsch, als sie sagte: »Wir müssen wirklich endlich etwas tun, damit es flotter bei uns aussieht.« Am nächsten Morgen führte sie ihn zum Klavier. Da war der Mozartkopf verschwunden, und eine große Lyra stand da, wieder in Bronze, antiker Form und herrlich geschwungen; die Hörner der Lyra liefen in Schwanenköpfe aus. »Was sagst du, Edgar?« »Ach, den kleinen Mozart geb' ich ungern preis. Er blickte so biederschelmisch darein, wenn wir aus Figaros Hochzeit vierhändig spielten und immer aus dem Takt kamen. Aber kaufst du das alles vom Hausstandsgeld oder auf Rechnung? auf Rechnung? und ich soll zahlen?« »Mein Geheimnis! Aber es ist alles billig, so billig! Beim Althändler. Man muß dafür Sinn haben, findig sein! Glaube mir, ich versteh's.« Sie merkte nicht, wie er, als er still für sich am Schreibtisch saß, den dicken Wollkopf schüttelte und vor sich hin grunzte: »Diese Weiber! diese Weiber! Nie zufrieden! Was ist in sie gefahren?« Bald danach aber kam es schlimmer. Als er am Sonntag Morgen in die gute Stube trat, war da der große Pfeilerspiegel verschwunden, der freilich kein Prunkstück war und den üblichen Spiegeln in den Friseurgeschäften glich, und ein anderer, viel hübscherer, stand an dessen Stelle, zwar mit trübem Glas, das bläulich schimmerte, aber der Rahmen im Barockstil geschnitzt, wie ein goldener Kranz von geschwungenen Akanthusblättern, darin ein halbes Dutzend Amoretten saßen. Edgar pflegte da zur Sonntagsfeier seine Kravatte zu binden, seinen Schnurrbart hoch zu bürsten. Aber er schreckte bös zurück. Margot stand zaghaft hinter ihm: »Umgetauscht, Liebster,« hauchte sie. »Ohne mein Wissen? Wie konntest du? Und woher das alles? woher das Geld? Du hast gehörig zuzahlen müssen.« Sie berichtete jetzt endlich: von Onkel Oskar kam das Geld, schon vor acht Tagen, und so viel! »Aber zu meiner freien Verfügung.« Da gratulierte er ihr voller Staunen und höchstem Respekt und mit einem dröhnenden »Famos«, als hätte sie Geburtstag, und strahlte vor Vergnügen. Dann faßte er sie unterm Kinn und sagte zärtlich: »Aber du kannst doch eigentlich nicht wissen, ob es mir recht ist?« Er wies auf den Spiegel. »O! du verstehst so wenig davon,« begann sie schmeichelnd, »und hast ja auf solche Dinge nie acht. Dir war immer alles recht, die ganze Ausstattung, wie sie Mama damals anschaffte; nach der Schablone; Schema F: komplette Zimmerausstattung direkt vom Möbellager zu so und so viel tausend Mark, anständig, aber öde. Auch Mama, die gute, der Pelikan, verstand es nicht besser. Sie stammt noch aus der alten Zeit. Aber ich, nun ja, ich bin feiner organisiert.« »Gewiß, kleine, das bist du. Ich habe so etwas Dickhäuternaturell. Aber das Spiegelglas ist trübe. Ich erkenne ja darin meine Kravatte kaum, sehe nicht, was daran Vorder- und Rückseite ist.« »Darauf kommt es wirklich nicht an, sondern auf das Ornamentale, ob das Zierstück dem Zimmer gut steht. Halt' still. Ich will dir die Schleife binden helfen. Du hast dein Studierzimmer ganz indisch ausgestattet. Ich gönne es dir gern. Der schreckliche hölzerne Buddha, der da kreuzbeinig in der Ecke sitzt, und die Photos an der Wand mit all den verrückten Tempelbildern; der Glaskasten voll exotischer Riesen- Schmetterlinge, der noch ganz nach Kampfer riecht; der ausgestopfte Vampyr; dazu als Aschenbecher der klotzige Elefant mit ausgehöhltem Rücken, der die Zigarre im Rüssel trägt! und auf dem Jagdschrank der Tropenhelm, als wolltest du gleich morgen absegeln in die Heimat der Damajanti und der Singhalesen. Aber hier, hier, Edgar, dies ist der Salon, und da bin ich zu Hause. Du hast es ja gern, wenn ich mich modern kleide; der Salon aber muß zu meiner Toilette stimmen. So nun auch dies Bild über dem Sofa...« »Da hast du recht,« fiel Edgar lebhaft ein. »Das Bild da, diese abgedroschene Madonna, kann auch ich nicht mehr ausstehen. Das wäre wenigstens gescheit, wenn du mir da ein besseres Bild hinhängtest; etwas Apartes und Würdiges. Aber mach' dich nun fertig. Es ist herrliches Wetter. Wir wollen doch unseren Sonntagsspaziergang machen.« Spazieren? Sie tat es ja so gern, aber nur nicht grade Sonntags, wo Vormittags die Visiten kamen. Sie wäre lieber zu Hause geblieben. Aber sie sagte nichts und stand nach einem Stündlein mit Federhut, Boa und Sonnenschirm bereit. Erst fuhren sie in der Elektrischen zum nächsten Vorort, wo dann der Weg bald in die Waldwiesen abbog. Und da wandelten sie einhellig im Grünen. Wie alles blüht! Welcher Friede! Friede außen und innen. Sie liebten sich ja so, und er war ganz verzaubert. In der Schweiz hatten sie sich kennen gelernt. Nach Indien hatte er gewollt, die Studienreise dorthin zu machen, die für sein Fortkommen unerläßlich schien. Da verliebte er sich in sie, auf einer der Hochtouren, wo sie am selben Seil befestigt waren, um den Gletscher zu nehmen. Das Seil riß nicht und hielt sie für immer verbunden. In Interlaken geschah die Verlobung, und die große Reise unterblieb. Er war sonst eine starke Natur, von etwas eckigem Wesen. Aber sie erfuhr da gleich und von Anfang an, was sie über ihn vermochte. Nal und Damajanti! Übrigens sicherten ihm seine gediegenen literarischen Arbeiten trotzdem den Erfolg, und er wurde bald in die außerordentliche Professur berufen. An all das dachten die Beiden eben jetzt und hielten sich vergnügt an den Händen. Wie schön, den Arbeitstisch, wie schön, den Hausstand zu vergessen! Hausstand und Arbeitstisch, es waren doch nur zwei enge Welten. Wozu lebt man eigentlich? Nur um sich lieb zu haben? Oder gibt es noch etwas darüber? »Wozu fragen, mein Schatz? Es gibt ein Zukünftiges. In uns allen liegen die Keime der Zukunft. Aber man muß sie stille lassen. Wer sich redlich auslebt, erfüllt schon damit seinen Zweck wie die Tauben, die über uns wirbeln, und das blühende Schilf am Weiher; sich auslebt, sag' ich, in den Grenzen seines Wesens, das bei uns Menschen auf Erziehung beruht.« Sie hatte bei aller Lebenslust manchmal etwas Grüblerisches, Fragendes, gerade in den Stunden überschwellender Seligkeitsstimmung. Als sie jetzt am Fluß gingen und sie im gelinden Wellenschlag ein Boot ziellos taumeln sah, dem das Steuer fehlte, dachte sie: so ziellos ist auch meine Sehnsucht. Das Leben ist ein Warten: Worauf? Zu Fuß gingen sie heim durch die belebten Straßen, als sie an der Kaserne vorbeikamen, aus deren hundert Fenstern die Musketiere müßig herausschauten; vor dem Tor zog die Wache auf; die Gewehrkolben flogen; der Metallbeschlag blitzte an den Helmen. Den Edgar befiel, wie so oft, die Lust zu scherzen: »Was würde dazu ein Inder sagen? Solches Gebäude voll Helden ist bissig wie ein Tigerrachen voll Zähne! Ach, was gäbe ich um eine Tigerjagd! Du siehst, auch ich habe meine Sehnsüchte. Aber ein Seufzer genügt, und es ist vorbei.« Ein Seufzer genügt? Da rief Margot: »Sieh nur! Wer kommt da aus unserem Hause?« Patent, im Visitenanzug, kam ihnen da der Dr. Walter entgegen. »Doktorchen, schon hier?« rief Edgar. »Wollte eben bei Ihnen Antrittsvisite machen.« »Vortrefflich. Seit wann in Halle?« »Nun, seit acht Tagen.« »Schon Wohnung gefunden?« »Für den Junggesellen provisorisch ganz erträglich.« »Es ist unser neuer Kollege, für neuere Geschichte!« sagte Edgar vorstellend. Ein zierlicher, munterer, rosiger Herr mit fliegenden Augen, behend' und jovial, stand vor ihr. Helle Hosen und Tuchgamaschen über den Lackschuhen. Das Schnurrbärtchen kurz geschnitten bis zur Unkenntlichkeit. Auf der feinen Nase hatte sich ein Kneifer festgebissen mit kreisrunden Gläsern, blank wie Diamantschliff. »Ein scharfsichtiger Mensch!« dachte Margot und sah ihn mit Neugier an, als ihre behandschuhten Hände freundlich in einander ruhten. »Scharfsichtig und recht modern, glaube ich.« »Mein Studiengenosse von Leipzig her,« ergänzte Edgar die Vorstellung. »Könnte längst Professor sein, wenn er nicht solch ein Kunstfex wäre. Das ist immer gefährlich. Nichts für ungut, lieber Freund. Erneuern Sie bald Ihren Besuch.« Ein Abend wurde verabredet. Das Gespräch war nur kurz. Als der Herr zum Abschied den Zylinderhut lüftete, sah Margot, daß sein feines Vorderhaar schon stark gelichtet. Aber es schien eine geistvolle Stirn zu sein. Zur verabredeten Zeit erschien das Doktorchen pünktlich; im Smoking, doch unauffällig gekleidet; eine bescheidene Perle in der schwarzen Schleife. Seine kleinen Hände versanken in riesigen Handmanschetten wie ein Käfer im Lilienkelch. Es war eine Gesellschaft zu nur fünf Personen. Das Philosophenpaar war auch noch da. Dr. Walter saß neben der Hausfrau. Man aß recht gut zu Abend. Man sprach, wie so oft, über die Wohnungspreise, lachte über die alte Ursel, die, als echte Hüterin, wenn Gäste kamen, die Flurtür immer nur halb auftat und mit durchbohrendem Blick nachsah, ob etwa ein Einbrecher käme. Aber sie meinte es so gut mit ihrer jungen Herrschaft. Dann kamen die Jugenderinnerungen der gelehrten Herren. Edgar war als Student immer etwas Teutone gewesen; schon sein Schmiß auf der linken Backe bezeugte es; Dr. Walter dagegen der Ästhet. Im Sport fanden sich die beiden. »Aber wer konnte es mit Edgar aufnehmen? Beim Fußball dieser Weitsprung! Diese Muskulatur der Arme! Ja, mit einem Berufsathleten hat er sich einmal gemessen!« Margot blickte stolz und fast erschreckt auf ihn, der, als der andere so redete, stumm vergnügt seine geballten Fäuste aufeinanderlegte mit den starken Nägeln. Gesund und fest war an ihm alles. Warum konnte er nicht durch die Dschungeln auf einem Elefanten reiten? Der Philosoph, Professor Profundus (so nannte man ihn zum Scherz), wiegte hinhorchend immer nur den Kopf und sagte wenig. Er hatte gelernt, daß das Schweigen Sache des Weisen sei und das Sprechen nur unser Nichtwissen verrät. Sein Mund ein Portemonnaie, aus dem kein Groschen herausfällt, dachte Margot. An Dr. Walter aber fiel ihr auf, daß er, wenn es neue Teller gab, seinen Teller jedesmal umkehrte, um nach dem Fabrikstempel zu sehen. An seiner linken Hand entdeckte sie einen schweren Ring mit wertvollem Stein, aber es war kein Verlobungsring. Hernach schlug der Philosoph das Klavier auf. Er stöhnte übermäßig, während er spielte, und Lulu, seine liebe Frau, sang schmetternd »Von ewiger Liebe« dazu. Während dessen musterte Dr. Walter erst die Bilder an den Wänden; er schien leider enttäuscht. Dann entdeckte er das neue Relief mit den Fackel tragenden Jünglingen über dem Heizkörper und befingerte es mit sichtlichem Wohlgefallen und fixierte endlich auch die Bronzeleier auf dem Klavier und zwar so eifrig, daß die Sängerin beinah aus dem Text kam. Sie konnte auch nicht ahnen, daß das Fixieren nur der Leier galt. Als das Lied aus war, applaudierte er gar nicht, sondern sagte nur: »Und welch wundervoller Spiegel!« »Finden Sie?« Margot wurde rot vor Freude. »Woher?« Margot nannte das Geschäft. »Ich hab' ihn erst vorige Woche angeschafft. Meinem Mann gefällt er nicht.« »O, er wird schon daran Gefallen finden. Dieser Schwung! diese Plastik und Phantastik! Ein Spiegel muß phantastisch gerahmt sein; denn das steigert die Illusion.« »Hörst du, Edgar?« rief Margot fröhlich. Der Gatte schüttelte nur den Kopf. »Schlechtes Glas«, sagte er kurz ab. Daß er morgens nie mehr vor den Spiegel trat, um seine Kravatte zu ordnen, wurde verschwiegen. Die Frau Lulu begann, da man kein weiteres Lied von ihr verlangte, von ihren kleinen Kindern zu sprechen. Da war Edgar ganz Ohr. »Wie alt ist der älteste? drei Jahre?« »Nein, 3 ¼.« »Ist er schon nett unartig?« Und so ging es weiter. Der Philosoph hörte väterlich zu, und seine beiden Augen strahlten wie zwei Scheinwerfer, die das Auto vor sich herträgt. »Wie finden Sie sonst unsere Einrichtung, Herr Doktor?« fragte indeß Margot ihren Gast, der noch immer vor dem Spiegel stand. »Ich fürchte, etwas spießig, nicht wahr? Ich habe es längst heraus, daß Sie ein Mann von Geschmack sind. Die Stühle zum Beispiel. Man sieht es ihnen an, daß sie nur Fabrikware sind mit dem unseligen Muschelornament, das auch das Sofa zeigt. Es langweilt mich so: gerade so wie die Tapete, wo man in allen Ecken ewig dieselbe Rose mit den zwei Blättern sieht.« »Wenn Sie mich fragen, Gnädigste, so kann ich nicht ganz widersprechen,« entgegnete er mit einem Ton, sanft wie Seide. »Ihr Edgar darf nicht böse sein.« »O, er hört es nicht.« »Mein Grundsatz ist, möglichst viel alte Stücke, aber erlesen. Daran klebt Vergangenheit, Erinnerung, Poesie. Nehmen Sie auch nur ein altes geschliffenes Sektglas, Spitzglas; darin ein paar Orchideen, oder auch nur ein paar Apfelblüten! Heruntergekommene Sachen, wie der Trödler sie liefert: aber sie erzählen, wenn man sie in verlorenen Stunden belauscht. Köstlicher wär's freilich, von den Großeltern ererbte alte Sachen zu haben, als sie vom Trödler zu nehmen. Wer weiß, wer früher aus dem Sektglas getrunken hat? Aber ein paar charaktervollere Sessel immerhin; und eine Kommode im Rokokostil. Ich sehe hier im Raum gar keine Kommode. Sie kann so graziös sein, und sie ist so jung von Natur.« »Jung von Natur?« »Davon könnte man stundenlang schwatzen. Meinen Sie, daß der heilige Augustin oder Karl der Große schon eine Kommode gekannt hat? oder selbst Gustav Adolf? Gott bewahre.« »Edgar, höre,« rief Margot. »Herr Walter will uns von der Geburt der Kommode erzählen.« Alles gab acht; man saß um den Tisch und der Genannte hub an, indem er die kleinen Hände faltete, so daß seine großen, lilienkelchhaften Manschetten sich zu küssen schienen: »Zu Anfang war die Truhe. Die hatte etwas Zisternenhaftes; denn es fällt alles von oben hinein. Dazu ungegliedert wie ein Trog, aus dem die Kühe saufen. Hartnäckig von Natur. Jahrtausende wurde sie alt und änderte sich nicht. Der Renaissancestil machte freilich Kunstwerke daraus, mit Reliefschmuck und Intarsien, so wie die alten Römer ihre Särge schmückten. Aber sie blieb so klotzig und erdwurmhaft, wie sie immer gewesen. Da geschah der geniale Akt: sie wurde im 18. Jahrhundert, dem Jahrhundert der Aufklärung endlich, endlich auf vier Füße gestellt, wie ein rechtes Lebewesen, das nicht am Boden kriecht, ihr Deckel zugenagelt, ihre Brust weit geöffnet, die sich in Schubfächer auflöste, so daß ein bewegtes Innenleben entstand, und sie wurde von Jahr zu Jahr immer leichter und frauenhaft-eleganter im Wuchs. Entgegenkommen ist ihre Pflicht; daher heißt sie auch Kommode, »die bequeme.« Zwar weiß sie jedes Geheimnis zu wahren, wenn man es fordert. Das hat sie von der alten Truhe geerbt. Aber ein Ruck, und sie öffnet ihre Seele. Und schon begannen sich auch ihre Konturen kokett zu biegen und zu schwingen und alle Starrheit abzuwerfen. Dazu der Goldbronzebeschlag wie ein Brautschmuck der Schönen: Louis-Seize-Geschmack. Das war der Gipfel ihrer jungen Existenz. Mochte man Louis-Seize selber köpfen; seine Möbel leben ewig. Der Empirestil hat hernach versucht, sie umzubauen, und neue Moden kamen. Ich weiß nicht, wie Sie darüber denken. Ich finde, die Kommode, dies liebe, jugendliche Geschöpf, wurde dadurch rasch alt und matronenhaft wie eine alte Schachtel.« Der Vortragende schien elegisch in Trauer zu versinken; dann fuhr er fort: »Übrigens bin ich gar nicht für die alberne Stilreinheit, die man gemeinhin predigt. Man stelle ruhig ein Stück von gotischem Chorgestühl neben einen modernen Klubsessel und ein Taburet aus den Salons der Madame Beauharnais: mir soll es recht sein.« Eine andächtige Pause entstand. Der Redner fühlte den Beifall in den stillen Blicken. »Wie sind Sie selbst denn eingerichtet?« fragte Margot schüchtern. »Sie könnten mich neugierig machen.« »O, ich habe ja nur eine provisorische Wohnung von drei Stuben; da ist vorläufig wenig zu sehen. Aber allerlei Qincaillerien, nette Kleinigkeiten, stehen bei mir herum. Die werde ich Ihnen gelegentlich zeigen, mitbringen, wenn ich kommen darf.« »Wie gern. Es interessiert mich brennend.« Dr. Walter aber beugte sich zur Frau Lulu hinüber. Er hatte den Brillantring an ihrem Finger schon längst entdeckt. Jetzt hörte er, es sei ein altes Familienstück; der Kunstkenner geruhte ihn zu bewundern, und des Philosophen Äugen glühten wieder vor stiller Freude wie zwei Glühlichter in der Nacht. Dann brach man auf. »Ihnen hat es gewiß nicht gefallen in unseren schlichten Räumen?« sagte Margot besorgt. »O, teure Frau Kollega, was denken Sie von mir? Wer gibt auf die Austerschale acht, wenn er die Auster hat? Nicht die Sachen machen das Wohlgefallen, sondern die Menschen, für die sie nur der Rahmen sind; d. h. die Frau des Hauses. Und es gibt Frauen, die keinen Rahmen brauchen.« »Famos gesagt«, rief Edgar vergnügt. Verbeugung. Handkuß. Man ging so früh, weil die Frau Lulu nach ihren Kleinen sehen wollte. »Ein netter, netter Herr«, sagte Margot beim Schlafengehen: als sie ihr Haar löste. Edgar lag schon unter der Decke. »Für unseren Verkehr eine gute Acquisition. Findest du nicht auch?« »Freut mich, wenn er dir gefällt«, kam mühsam das Echo aus den Bettkissen. Margot schlief noch lange nicht ein, als ihr Mann schon in allen Tonarten schnarchte. Dies Schnarchen klang manchmal unheimlich wie ein Raubtierbrummen in den düsteren Dschungeln Indiens, von denen er gewiß eben träumte. Am folgenden Tag saß sie auf ihren Stühlen herum, rastlos und unbefriedigt. Nal und Damajanti hatte sie zu Ende gelesen. Sollte sie nun auch noch die Fabelmär von der Sawitri lesen, von der jungen Frau, der grenzenlos opferfreudigen, die es fertig brachte, den braven Gatten, der schon gestorben, aus dem Tode zu erlösen? In all diesen Geschichten war es immer der Mann, der da tat, wozu er eben Lust hatte; die Frau gab sich immer nur hin in bedingungsloser Liebe. Wie wunderbar! Das war so recht in Edgars Sinn. Er war nicht zufällig Indologe geworden. Die süße Damajanti war natürlich, wie es in dem Gedichtbuch steht, das bezauberndste aller Geschöpfe, die Perle unter den Frauen, wie Nala der Diamant unter den Männern. Wie glücklich war sie mit Nal, dem auserwählten! König und Königin in erster Jugend. Da kam aber der Neid der Götter, der gräßlich böse Geist, mit Namen Kali, der Gott der Mörder und Banditen; der nahm heimtückisch Wohnung in Nal's Eingeweiden, so daß er in schnöden Leichtsinn und böse Leidenschaften fiel und gar schließlich von ihr hinweglief, in die Weite der Welten. Damajanti aber machte sich auf, ihn zu suchen, durch Wildnisse und Meeresgrausen, von Not und Tod umgeben, bis sie nach tausend Qualen ihn gefunden und Kali, der Teufel, selbst Exbarmen fühlte und in Rauch aus Nala's Brust davonging. Das war ja rührend! Aber Margot schlief nun doch bei solchen Märchen ein. Gottlob, daß das Leben jetzt angeregter wurde! Schon in den nächsten Tagen kam Dr. Walter und brachte ein paar hübsche Sachen, Antiquitäten, die er ihr zeigte, wahre Bijou's. Und er kam öfter. Auch Bildwerke, bunte Blätter zur Geschichte der Frauentrachten, zeigte er ihr, unverdrossen. Wie fesselnd das alles! Er war in allen diesen Dingen zu Hause. Das war einmal etwas anderes als der ewige Mahabarata oder der König von Kânjakudscha, mit dem Edgar es eben jetzt zu tun hatte. Kânjakudscha! welch gräßlicher Name! Dazu die 1028 Hymnen des Rigveda, die Edgar augenscheinlich alle durchlas, der arme! Genug davon. Wie die Kühe, die auf die Weide ziehen, so suchen unsere Gedanken nach immer frischer Nahrung, und ob sie auch am Abgrund wächst. Eines Tages waren im Salon von den Dutzend Stühlen zwei verschwunden. Statt ihrer sah Edgar zwei schlemmerhafte Polsterstühle stehen; rechter Louis-Seize-Stil, mit kokett gewundenen Beinen und Armlehnen in Vergoldung; der Bezug purpurrot, und darin die französischen Lilien. Edgar hatte leider vorläufig kein Verständnis dafür. Er hatte heute Morgen ein wertvolles Buch verlegt, verkramt, verstellt und suchte danach verzweifelt: Winternitz' indische Literaturgeschichte; von der Berliner königlichen Bibliothek hatte er das Werk erst kürzlich entliehen. Wo steckte es nur? Und nun die Sessel! »Woher?« Der Doktor hat sie entdeckt. Es macht mich glücklich.« »Dich glücklich? Ach was! Das bleibt nicht so!« Und er stürzte zurück, über seine Bücher, und schrie: »Winternitz, Winternitz!« Tags darauf standen noch zwei weitere fremde Stühle da, diesmal braun gebeizt, mit schönem Schnitzwerk. Der Althändler hatte sie heute erst nachgeliefert. Edgar aber war noch übler gestimmt. Denn das Buch war immer noch nicht da. Er raufte sich die urwüchsigen Haare, griff dann in den Gewehrschrank und wollte aus Wut zur Jagd. Das Arbeiten ging heute doch nicht. Und nun wieder die Stühle! die Stühle! »Nein, hör' mal,« fuhr er los. »Das wird mir denn doch zu ungemütlich. Erst die Mundtasse, dann der Spiegel und nun diese Bescherung. Ich verbitt' es mir.« »Aber Edgar!« »Hast du gar keine Pietät?« sagte er milder. »Deine gute Mutter ...« »Ach, Mama«! »Jawohl, deine Mutter gab uns all die soliden biederen Sachen, wie sie unsren Verhältnissen gemäß sind. Kleine Vögel haben kleine Nester. Sie hat mir so gütig das Nest bereitet, dir und mir. Du aber ...« »Ach, setz' dich doch nur einmal in den Armstuhl hier«, flehte sie. »Er ist alt, aber er kracht nicht; er hält. Ich bin so entzückt; ich hatte es mir so sehr gewünscht.« »Und ich? Zum Museum, zur Trödelbude machst du mir die Wohnung.« »Ich hab' ja aber das Geld«, warf sie stolz dazwischen, »und soll mir dafür kaufen, was ich liebe, ich, ja, ich. Halt, Nala, du wirst dich daran gewöhnen. Du wirst deine Damajanti nicht kränken. Oder ist der böse Geist, der Kali, in dich gefahren?« »Ich fürchte, er sitzt in deiner Brust«, gab Edgar kritisch zurück. »Ich sage dir nochmals: ich mag das nicht. Weiteres solches Stuhlwerk wünsche ich nicht zu sehen. Das merke dir. Viel wichtiger aber: du suchst mir mein Buch wieder.« Und er stürmte davon, zur Jagd, ohne Zärtlichkeiten. Wie häßlich! Bei einem Gutsbesitzer in der Nähe mochte er Krähen schießen. Es war sonst nichts zu jagen da. Er würde nicht besserer Laune wiederkommen. Indeß war Margot der Jagdhund. Sie suchte und suchte in allen Winkeln, bis sie das vermißte Buch wirklich fand. Es war in den tiefen Papierkorb gefallen; tausend Zettel darüber. Sie sprang vor Vergnügen. Am anderen Morgen legte sie es ihm auf den Frühstückstisch, und den Kaffee goß sie ihm schlau wieder in seine Junggesellentasse; freilich nur für heute. Da war er versöhnt, küßte sie mit einem mächtigen Kuß und strahlte. Aber was half es? Das liebliche Einvernehmen sollte nicht andauern. Die Wochen vergingen; Pfingsten war schon vorüber. Edgar hatte selbst an den Festtagen nicht ausgespannt. Er hoffte immer noch auf die große Studienreise über Suez nach Osten, und er mußte es seiner Margot immer wieder sagen: »Möchtest du nicht mit nach Ceylon? nach Madras? Delhi? Wir reisen dann natürlich mit viel Geld und mit dem Boy zur Bedienung und lassen die Sorgen zu Haus. Denke nur! Wie herrlich, da zu landen in der Morgenfrühe, wenn das Meerwasser in allen Regenbogenfarben spielt; sich in den Rickscha zu setzen und so das Gebirge hinan, von Kulis geschoben, durch domgleiche Alleen von Kokospalmen, Phönix und Bananen, die im heißen Wind sich wiegen, die Stätte zu suchen, wo einst Buddha gen Himmel fuhr. Seine Fußspuren sind da noch erhalten; so sagen die Gläubigen; weiter zu den Tempeln mit den tausend Säulen zu pilgern, durch Reis- und Baumwollenfelder und grüne Matten, wo das stille Zebu und die Antilope grast und in den Lüften die Geier schweben, und die Priester mit den glattrasierten Köpfen zu sehen, die in ihren knallgelben Röcken mit Sonnenschirm und Fächer die Straße ziehen. Und die Kränze von Märchenblumen, die man den Göttern bringt! Was red' ich weiter? Wenn wir erst da sind – ich werde dort nicht nur hinter den alten, verjährten Büchern sitzen!« In der Tat, schon wiederholt war Edgar im Dienst seiner Sache in London gewesen, hatte zu den dortigen Sanskritgelehrten nahe Beziehungen gewonnen. Auch eine seiner Arbeiten, die er eben jetzt schrieb, war für einen englischen Verlag bestimmt. Der Plan mußte gelingen. Zu zweien? Um so schöner. Aber eben deshalb mußte er sich jetzt seiner Frau entziehen und war im Grunde froh, daß sie in ihrer lebhaften Natur an Dr. Walter Unterhaltung und Zerstreuung fand. Aber, aber! Die intensive Arbeit schadete ihm; seine starken Nerven hielten dem Hochdruck nicht stand, und der sonst immer so gleichmäßig heitere Mann wurde reizbarer. Am Sonntag sollte Margot wieder zum Spaziergang bereit sein. Es war dies jetzt seine einzige Ausspannung. Da kam Dr. Walter, um seinen Besuch zu machen. Auch ihm paßten dazu gerade die Sonntagsvormittage besonders. Ein neues Buch brachte er mit, den Buddenbrockroman von Thomas Mann; er fand ihn maniriert wie auch die Sachen von Federer und wollte daraus vorlesen, um Kritik zu üben. Nun aber blieben die Bücher liegen, und sie mußten zu dreien spazieren gehen. Es war sehr warm, Ende Mai, und Edgar nahm einen Wagen. Aber es gefiel keinem der drei. Wie oft gilt der Satz: Zu Drei'n sein Ist Zweien zur Pein sein! Edgar hätte eben gern mit seiner Damajanti allein geplaudert (da öffnete sich ihm immer das Herz so recht), und Margot hätte gern von den Büchern gehört und dem Doktor gelauscht. Der Doktor brachte seine eigene Atmosphäre mit, die sie anzog; warum? Sie wußte es selber nicht. Am nächsten Sonntag, als der Hausfreund wieder kam, entschuldigte sich Margot bei Edgar; er möchte einmal allein gehen. Es war zu heiß, und sie war zu müde; auch war sie – ausnahmsweise – vorher in der Kirche gewesen. Das dritte Mal fragte Edgar gar nicht erst, sondern lief allein fort, und die üble Laune sammelte sich in ihm an, bis zum Grimm. Den ganzen Tag war er bärbeißig wortkarg, als wollte er den Taubstummen markieren. Auch am Abend. Welch Benehmen! Sie schwieg gleichfalls. Ihm schien das gleichgültig. Beim Schlafengehen lösen sich immer die Zungen. »Was hast du?« fragt sie ihn da. Auch ihr Ton war jetzt unwillkürlich etwas frostig. »Ich war dem Kerl immer gut,« knurrte er, und trat vor sie hin. »Aber er wird mir nachgerade unbequem. Ja, und du bist wohl gar verliebt in ihn?« »Edgar!« Sie starrte ihn an, indem sie den Kamm aus ihren flutenden Haaren riß. »Meinst du, ich merke es nicht? Ich kenne eure weiblichen Gebärden. Aber ich bin fähig zur Eifersucht und kann wild werden.« »Aber ich bitte dich, Männchen«, rief sie erschreckt und versuchte zu schmeicheln. »Ich werde ihm ja sagen, daß er zu anderen Tageszeiten kommt.« Er sah: ihre ganze Figur bebte im losen Kleide. »Und Freundschaft! Gibt es keine Freundschaft? Er ist mein Freund geworden. Dein Freund ist er ja auch. Er schenkt mir seine kostbare Zeit, und ich bin ihm dankbar. Soll es zwischen Frauen und Männern keine harmlose Freundschaft geben können?« »Solche wärmlichen Freundschaften überhitzen sich leicht, und es entsteht Feuersbrunst.« »Pfui! Das sollst du nicht sagen.« Er schwieg, riß sich den Kragen vom Hals. Dann sagte er: »Bin ich dir nicht Freund genug?« »Frage nicht so. Du bist zu unmodern und kannst dir solch feine seelischen Beziehungen nicht denken, wie sie die Dichter jetzt so oft schildern. Du steckst nur in deinen alten Büchern und qualmst dazu und sitzt in deinen Tabaksqualm vergraben. Soll ich immer nur die Asche wegkehren, die du streust, und immer nur von den indischen Geschichten hören, wo die Frauen vor dem Gatten immer nur ehrfürchtig die Hände falten oder sich gar vor ihm auf den Boden werfen, um huldigend seine Füße zu streicheln? Ich bin kein Hinduweib, und du sagst ja selbst: der Mensch soll sich ausleben.« So redete sie sich in heftige Erregung hinein bis zu Tränen. Im Bett lag sie und schluchzte. Er hörte es und legte die Hand unter ihr Haupt: »Sei nur ruhig. Es gleicht sich alles im Leben aus, und ich bin, will's Gott, kein solcher Berserker und Schlangenkönig, wie du denkst. Das solltest du doch wissen.« Sie hörte nicht darauf, und ihre Gefühle steigerten sich unheimlich. Freundschaft? Wie war es denn damit in Wirklichkeit? Dieser Doktor Walter – Arnold hieß er, Arnold Walter –, er war so klug und vielseitig und so zutraulich. Man konnte ihm alles glauben und mußte ihm gut sein. Es war, als füllte er die Leere aus, die sie fühlte. Und doch, die Leere wuchs nur und wuchs. Daher dies immer sich steigernde Verlangen. Am anderen Morgen gestand sie sich, daß sie von ihm geträumt, sich seiner Nähe gefreut hatte. Das erschreckte sie tief. Aber dann mußte sie lachen, über Edgar und über sich. Solcher Unsinn! Sie hatte Hunger, aber gewiß nur Wissenshunger, und wollte sich nicht stören lassen, um satt zu werden. Sie konnte sich's nicht verhehlen; sie freute sich auf heut' Abend, wo sie den neuen Freund in der Gesellschaft treffen würde. Gewiß, er würde ihr Tischherr werden. Und es kam auch wirklich so. Die Gesellschaft hatte offenbar schon bemerkt, daß er besonders für sie, nein, daß sie für ihn das feinere Verständnis hatte. Das machte sie stolz. Warum nicht? Geistiges Verstehen! Was ist es nur damit? Wenn es tief geht, ist es wie wenn zwei Intelligenzen sich umarmen, zwar spröde wie Glas, kühl und blutlos, aber sie tauchen sich spiegelnd ineinander, in der Tat, wie zwei Spiegel, die sich gegenüber hängen und nicht aufhören können, sich ihre Bilder zuzuwerfen; aber sie brauchen Distance, um sich so geistig zu lieben. So etwa glaubte sich die nachdenkliche kleine Frau ihre Gefühlslage klar zu machen. Ob es zutraf? Bald darauf kam der öffentliche Vortrag, den Dr. Walter im größten Hörsaal der Universität halten wollte: über den Einfluß des französischen Geschmacks auf die Kultur Europas. Edgar kam natürlich nicht; Margot dagegen war prompt da, in ihrem hübschen Federbarett, und saß mit anderen Damen gleich in den vordersten Reihen; Lulu neben ihr. Studenten füllten den Saal; übrigens waren aus der sogen. Gesellschaft fast nur Damen zu sehen. Ein Vortrag mit Lichtbildern. Mit bescheidenem Anstand trat der Redner auf, im schwarzen Samtjacket. Seine Verbeugung schien nur den Damen zu gelten. Die nahe elektrische Lampe illuminierte sein stilles, doch so geistvolles Gesicht. Funken schienen aus dem Kneifer zu sprühen. Indem er die hellen Handschuhe auszog, räusperte er sich dreimal. Dann gab es eine Fülle von Detail aus dem Kunstleben, durch Bilder belebt. Alle Sätze fein abgezirkelt und kokett zugespitzt wie Sinnsprüche und Epigramme. Etwas Feminines im Ton. Bisweilen machte er eine Pause und betrachtete sorgfältig seine rosigen Fingernägel, und eine besonders geistreiche Wendung folgte dann. »Nächstens saugt er sich die Weisheit aus den Fingern«, ulkte irgend ein Student im Hintergrund. Zum Glück merkte Margot das nicht und der Redner auch nicht. Von der Stilmischung sprach er auch jetzt wieder. Er forderte Freiheit in allen Dingen der Kunst; Aufruhr und Empörung gegen die Geschmackstyrannei der Philister. Wie jeder Jahrgang am Rhein einen neuen Wein zeitigt, so jedes Jahrhundert einen neuen Kunststil. Wir sind die Erben und dürfen von jedem Jahrgang trinken; wir dürfen uns jedes Kunststils freuen, je nachdem wir durstig sind. Wozu den Reichtum verschütten? Gott Bacchus offenbart sich in den Weinsorten, der Geist der Schönheit, in den Künsten immer anders und immer neu. Dann aber kam ein deutliches Kompliment für Frau Margot selbst, und es schlug ihr wie ein Lichtschein durch die Seele: »Die Männer sind oft zu banausisch stumpf und wie mit Blindheit geschlagen; darum seien gepriesen die Frauen, die mit ihnen den Kampf, den täglichen Kleinkrieg wagen, um genial und spielend-heiter der freien Schönheit und dem modernen Geschmack zum Sieg zu verhelfen.« Als der Redner schloß, zeigten die Studenten wenig Verständnis; umsomehr die Damen, Margot voran. Beim in die Hände klatschen sprangen die Nähte ihrer neuen Handschuhe; so sprang ihr auch gleichsam das Herz auf, und sie war eine der ersten, die den Redner umdrängten, um ihm die Hand zu drücken. »Sind Sie mit mir zufrieden?« sagte er etwas überanstrengt, aber mit dem Blick intimen Verständnisses; ja, huldigend, so schien es ihr. Es ist nichts schöner als Geist, nicht nur Geist, nein, Geist, der mit den Schätzen der Gelehrsamkeit zu spielen weiß wie der Jongleur mit seinen bunten Kugeln. Eine gesellige Vereinigung folgte auf den Vortrag. Die Honoratioren fanden sich da zusammen. Nach Verabredung kam auch Edgar dazu, wie immer, arg überarbeitet. Der Wein floß. Edgar sah Margots Begeisterung. Die Temperatur schien in ihr gestiegen; aber er sagte nichts, auch beim Nachhausegehen, und Damajanti entschlief, nachdem sie ihren Nala flüchtig geküßt und ihm die Stirn gestreichelt, ganz glückselig und ohne Sorgen. Aber Edgar schlief nicht. Jetzt war für ihn die Zeit der schlaflosen Nächte gekommen. Denn in all diesen Zeiten stand er erst nach Mitternacht vom Schreibtisch auf, mit wüstem Schädel, und die Gedanken jagten sich, wenn er sich im Bett umwarf. Und Margot merkte das nicht einmal: sie lag in seligen Träumen neben ihm. So hatte er Tags und Nachts nichts von ihr, und dieser Hausfreund, der Tagedieb, konnte statt seiner ihre Anmut genießen und Stunden über Stunden mit ihr vertun. Wen sollte das nicht rabiat machen? Er fragte sich das täglich, aber er hatte beschlossen, sich zu beherrschen. Nichts läppischer als Eifersüchteleien. An einem der nächsten Tage kam der junge Professor um 4 Uhr aus seiner Vorlesung, das Stengelsche Lehrbuch in der Hand. Er hatte mit den Schülern Sanskritgrammatik gepaukt. Eine saure Arbeit. In so schöner Sommerszeit wirkt der Hörsaal mit den leeren Bänken so öde! Einsam schwebte er wie ein krächzender Geier auf dem Katheder, unter sich auf der ersten Sitzbank nur die drei Schüler, nicht mehr, mit den über das Buch gebückten Köpfen. Er sah von ihnen nur die Haarbüschel, die sich sträubten vor Angst, wenn die Schwierigkeiten sich häuften. Ein Trost nur, daß es nicht die schlechtesten deutschen Jünglinge sind, die Sanskrit treiben! So schlenderte er die Marktgasse entlang, als er an dem breiten Ladenfenster des Althändlers vorbeikam. Völlig zerstreut, den Kopf durchschwirrt von Verbalformen auf mi und mas , warf er einen Blick in den Laden. Da sah er Margot mit dem Hausfreund stehen. Sie betrachteten da zusammen alten schäbigen Goldbrokat und legten ihn sich gegenseitig über die Schultern. »Ei, sieh nur!« Sollte er zu ihnen hinein gehen? Aber wozu? Eben war auch Margots Blick auf die Straße geglitten, und sie fragte sich, ob Edgar sie wohl erkannt habe? Sie war ja so unschuldig an der Sache, und warum machte sie sich überhaupt Gedanken? Sie war allein im Laden gewesen; da war der Freund – er war ja der Freund – ohne ihr Vorwissen dazu gekommen. Als sie nach Hause kam, sagte Edgar nichts. Er schien wie sonst. Um so besser. Sie zeigte ihm eine kleine Schildpattdose, die sie gekauft. Er fand das nett. Was wollte sie mehr? Dann kam die Sache mit den Ohrringen. Margot schmückte sich gern, trug aber bisher nur unscheinbare Knöpfe aus blasser Koralle im Ohr. Eines Tages brachte ihr Walter – in ihren Gedanken hieß er nur noch Arnold – eine Bildermappe, darin sie blätterten. Da waren auch alte Muster für Ohrgehänge. »Wie reizend! Wenn man so etwas haben könnte!« seufzte sie. Er stand umblätternd hinter ihr, als sie die Zeichnungen besah, und betrachtete statt der Bilder ihre rosige kleine Ohrmuschel, die unter den weichen Locken hervorlauschte, aus nächster Nähe. »Sie haben Recht, liebe Freundin«, sagte er; »Sie brauchen solchen Schmuck unbedingt. Für einen so schlanken Hals wie Ihren gehören lange Ohrgehänge. Sie müßten auch nicht so hochgeschlossene Kragen tragen; das ist nicht vorteilhaft.« Sie fühlte seinen Hauch am Ohr, als er so sprach; ihr war, als käme seine Hand ihrem Hals schon nah. Aber sie irrte sich. Seine Hand blieb auf ihrer Stuhllehne ruhen, als er fortfuhr: »Etwa diese Goldkugeln mit Filigrangehänge?« »O ja«, sagte sie; »denn zu Brillantboutons und Perlen schwingen wir uns nicht auf. Wir sparen ja schon immer für die große Reise nach Indien.« Sie seufzte wieder. Er lachte leicht auf. »Darf ich mich anbieten, Ihnen zu helfen? Am Rathausplatz das Juweliergeschäft; ich kenne es, und es hat eine reiche Auslage.« Sie war einen Augenblick verlegen. Diesmal wäre es ein verabredetes Zusammentreffen, anders als das erste Mal. Aber warum nicht? »Mein Mann interessiert sich nun einmal nicht dafür«, warf sie hin, »und ich will ihn überraschen. Wie gütig von Ihnen! Sie wissen: Ihr Rat und Beifall ist mir so wertvoll.« Wie genußreich ist's für den Schönheitsfreund, in Juweliergeschäften sich umzuschauen – und nun gar zu zweien –, wenn all die geheimnisvollen Futterale aufspringen und, elegant auf weißem Atlas oder blauem Sammet gebettet, die blinkenden Preziosen den Betrachter überrascht anstrahlen, als wachten sie eben aus tiefem Schlafe auf! Am schönsten bei künstlichem Licht, dem Schlaglicht der elektrischen Lampen. Aber die Wahl blieb unentschieden. Zwei Muster gefielen den beiden nach langem Suchen gleich sehr. »Das beste wird sein, sie zu Hause anzuprobieren«, entschied Margot endlich. »Bin ich zu verwegen«, sagte er, »wenn ich Sie bitte, auch dabei zugegen sein zu dürfen?« Sollte sie nein sagen? Es war ja im Grunde reizend von ihm. Ihr Herz pochte, aber sie besann sich nicht. »Freundlich wie immer,« gab sie zurück; »also morgen, morgen, bitte, wenn Sie Zeit haben.« Und er kam und betrat den Salon, als Edgar grad' nicht zu Haus war; es war Edgars Kollegstunde. War das Zufall? fragte sie sich. Warum kam er nicht zur Teestunde? Die alte Ursel knurrte boshaft: »Dieser Schleicher! Wie oft drückt er nun schon unsere Schelle! Ganz heiser hat sie sich schon gerasselt und versagt, glaub' ich, nächstens vor Wut. Und warum kommt er immer nur zur Frau Professor? Ich mache jedes Mal einen Strich an die Wand, wenn er da ist. Ist das Hundert voll, ruf ich den Herrn Edgar in die Küche, und er mag sich wundern.« Frau Margot fühlte selbst: sie war in Erregung. Die Situation war zum ersten Mal beispiellos intim. Die kommende Stunde – wer weiß? – sie trug ein Erlebnis in ihrem Schoße. Sie hatte sich ganz in Weiß gekleidet, ihr zart gewebtes Lieblingskleid mit dem gestickten Einsatz und breiten Seidenbändern. Ihr lose gestecktes Haar duftete verführerisch. Es war noch immer die erste Jugend, die in ihr blühte. Da stand er und schlug die kleinen Hände zusammen: »Welche Freude, Sie so zu sehen! weiß und duftig wie Jasmin.« »Für meinen Mann. Er wird bald kommen«, warf sie hin. Sein Gesicht strahlte, aber er hatte ohne allen Affekt gesprochen. War es blos Kunstsinn, der ihn hertrieb? oder dreiste Neugier? oder Abenteuerlust? Sehnsucht nach ihrer jungen Schönheit? Sollte sie sagen: »Warten wir, bis Edgar kommt?« Aber das erforderte Geduld, Geduld, und sie wollte ja auch mit dem neuen Schmuck ihren Mann überraschen. Er öffnete sogleich vorsichtig die beiden Schmuckfutterale, indes sie erst ihren Handspiegel aus dem Schlafgemach holte. Auch den nahm er gleich und putzte ihn mit dem Seidentuch. Dann stellte sie sich vor den großen Wandspiegel, um so mit beiden Spiegeln ihr Bild doppelt aufzufangen; der Wandspiegel aber war immer noch trübe und funktionierte schlecht. Um so nötiger war der Freund und sein Kennerblick. Ihre weiten Ärmel fielen zurück, als sie beide Hände zum rechten Ohr erhob. Im Spiegel sah sie, wie sein Auge an ihr hing; gewiß, er fand es reizend. Es galt erst die Korallenknöpfe aus den Ohren zu entfernen, und das war mühsam. Es gelang ihr nicht. Da half er. Er berührte ihr Ohrläppchen. Wie zart seine Hand, wie weich ihr Druck! Die Hand eines Engels, dachte sie, oder einer Kammerzofe!! Sie mußte lachen. »Mir scheint, Sie haben Übung!« scherzte sie. »O ja, wozu habe ich all die Schwestern und Kusinen.« »Und Freundinnen?« »Ja, auch Freundinnen!« »Aber immer noch keine Braut?« »Braut? Wie sollte ich Armer? Ich bin nur mit der Freundschaft verlobt. Was ich liebe, fürchte ich, ist in festen Händen.« Was wollte er damit sagen? »in festen Händen!« Meinte er sie, sie? Aber er »fürchtete«. Was sollte das heißen? Eine Pause entstand. »Habe ich Ihnen weh getan?« flüsterte er. Sie schüttelte nur den Kopf, völlig sprachlos, und beeilte sich den neuen Schmuck einzuhängen; dabei fiel abermals ihr Ärmel zurück. »Sind Sie einmal in Rom gewesen?« hörte sie ihn fragen. »Ach nein! Warum das?« »In Rom gibt es, in der Galleria Rospigliosi, ein Bild von Tizian; es heißt die Vanitá ,« » Vanita ? Das geht auf mich? Die Eitelkeit?« »O lassen Sie sich nicht betrüben. Eine Schönheit hat da Tizian gemalt, die dabei ist, sich ebenso wie Sie jetzt zu schmücken, indem sie eine große Perle in ihr allerliebstes Ohr befestigt. Dabei öffnet sie leise den Mund mit gespannten Lippen, als wollte sie küssen, küssen! Entzückend! Das Bild wird mir jetzt lebendig. Es lebt vor mir. Das danke ich Ihnen, liebste Freundin!« Sie errötete. Jetzt kam es! Sie fühlte ein leises Fiebern. Er war dreist, zu dreist, und es durfte so nicht weiter gehen. Aber sie lachte doch innerlich. Machen wir ein Ende! Kein Wort weiter! Sie biß die Zähne auf die Unterlippe. Aber sie hielt still; fast hingebend ließ sie sich von ihm wieder und wieder helfen, bis erst der eine, dann der andere neue Schmuck in ihren Ohren hing. Welcher stand ihr besser? Sie drängte auf Entscheidung. »Der letzte, der mit den goldenen Regentropfen«, entschied er langsam und feierlich. »Aber, Frau Margot, ich sagte schon: den engen Halsverschluß müßten Sie ändern.« Sie schob den Handspiegel weg und warf sich in den Sessel. »Es war anstrengend«, hauchte sie, und ein müder, ein fast schmachtender Blick traf ihn. Aber er griff nach seinem Hut und schien auch jetzt wieder so merkwürdig kühl, kühl und wohlgemut! War es Täuschung? Wäre es möglich? Bin ich ihm nur ein Kunstwerk, dachte sie, weiter nichts? Eine Glut schoß ihr ins Gesicht. Waren es nur modische Galanterien, was er gesprochen? Ist er bloßer Ästhet? ein Dekorateur von Beruf, keiner Wallungen fähig? Wenn er jetzt den Arm um mich legte! Ich würde ihn abschütteln, aber ... Sie dachte den Gedanken nicht aus. Ihre Seele war entzündet und flackernd in ungewollter Abenteuerlust, während er ihr zum Abschied mit jenem Lächeln die Hand küßte, das sie schon kannte: fast zärtlich und doch gleichsam trieblos und seelenfern. Der Stachel blieb in ihr zurück. Sie war ihm nur ein Bild gewesen, das bewundert zu haben genügte, und dabei war er der Verständige und sie die Törin. Ihre Erregung wuchs. Da kam Edgar nach Haus. Die beiden Männer begegneten sich unten in der Haustür. Der Freund wollte stehen bleiben; aber Edgar ging kurz grüßend und stampfend wie ein Lastauto an ihm vorbei. Im Flur grinste ihn Ursel, die alte Köchin, höhnisch an und sagte nur: »Es war Besuch da« in dem Ton, als wollte sie sagen: »Sie wissen schon, wer.« Dann sah er seine Frau. Sie stand seiner harrend am Klavier. Die Ohrringe taten ihr noch weh im Ohr, aber sie dachte: ich will ihm doch nun damit eine Freude machen. »Sieh nur Edgar!« sagte sie, drehte sich einmal um sich selbst und schüttelte das Köpfchen, daß die Ohrgehänge flogen. »Sieh nur! etwas Neues! Ich habe mich für dich geschmückt.« »Für mich oder für den anderen? Er war ja hier.« Sie erschrak über seinen Blick. Dann stammelte sie: »Jawohl. Er half mir. Es ist ja Spielerei in deinen Augen; aber ich dachte, es würde dich freuen.« »Also er half dir. Ihr traft euch wieder in den Ladengeschäften? Ist es nicht so?« Sie dachte nicht daran, zu leugnen; sie war zu brav und zu stolz und erzählte ihm alles. »Du kennst ihn ja«, fügte sie hinzu. »Dieser Ästhet!« Sie wiederholte dabei, was sie vorhin zu sich selbst gesagt: »Er hat die Natur und die Geschäftigkeit des Dekorateurs und tut uns nichts zu leide.« »Und du? Bist du auch zufrieden, daß er nichts weiter tut? Dein Seelenfreund schlägt hier Wurzeln. Ihr trefft euch, wenn ich nicht zu Hause, und dieser elende Zierkram ist der Vorwand.« Er hätte das Wort gern zurückgenommen. »Schändlich«, rief sie und reckte zornfunkelnd ihr feines Näschen hoch; weiß Gott, sie sah reizend aus in der Leidenschaft. Ihre Augen sprühten wundervoll hexenhaft, und sie riß sich unter Schmerzen den Schmuck aus den Ohren und schleuderte ihn in den ersten besten Kasten. »Bin ich zu weit gegangen?« sagte er in gedämpftem Tone. »Es komme, was da kommt. Ich lasse mir diesen Freund nicht nehmen«, rief sie mit zitternder Stimme und eilte in ihr Toilettenzimmer, daß hinter ihr die Tür knallend zuflog. Es war das erste große Zerwürfnis in ihrer jungen Ehe. Kali, der böse Teufel, war in das Herz Damajantis gefahren; nicht nur das, er sprang hin und her aus ihrem Herzen in das ihres Nal hinüber und wieder zurück, und die Erbitterung wuchs. Jetzt erst fühlte Margot, daß sie diesen Arnold liebte, ja, liebte. Die Erbitterung tat es. Zu ihrem Staunen hörte sie am folgenden Tage, daß Dr. Walter abgereist sei. Edgar teilte ihr dies in einem Tone mit, der wie Hohn klang. Wohin? Nach Erfurt. Zu welchem Zweck? Man wußte es nicht. Arnold war abgereist? Warum hatte er ihr gestern von der Absicht zu reisen nichts gesagt? Ihre Unruhe wuchs. War Edgar schuld? Edgar hatte ihn in der Haustür getroffen. Hatte Edgar ihn bedroht? zur Flucht veranlaßt? Ihre Phantasie fing an zu arbeiten, gegen Edgar aber wuchs ihr feindseliges Empfinden. Es waren peinliche Tage, die folgten. Edgar panzerte sich in Mißbilligung und hatte, wie es Margot schien, einen geradezu bösen Blick, wenn er geruhte sie anzusehen. Er wartete, bis sie erklären würde, daß ihr an dem Seelenfreund nichts mehr liege. Um so mehr trotzte sie und stemmte Verlauntheit gegen Verlauntheit. Solche Stimmungen können sich festsetzen wie Schlamm und übles Spülwerk im Bach, das alle Strömung hemmt und das klare Wasser trübt, als sollte es zum Höllenpfuhl werden. Die Sache wurde auch nur erträglich und durchführbar, weil beide Beteiligten im hintersten Winkel ihres Herzens fühlten, das könne nicht so bleiben und ein lösender Durchbruch müsse kommen, sei es auch erst an Edgars Geburtstag. Das waren freilich noch gut drei Wochen: unausdenkbar lange. Die beiden sprachen also nichts mehr als ein knappes Ja und Nein, ein gekniffenes »Bitte« oder »Danke«, wenn sie sich die Schüssel hinschoben, und die alte Ursel machte große, besorgte Augen. Fließende Butter, darin Edgar sich spiegeln konnte, gab es nicht mehr. Im übrigen waren beide so aushäusig wie möglich. Jagd gab es jetzt nicht; aber Edgar saß viel bei den Kollegen herum oder spielte gar Billard im Hotel mit den Hotelgästen; ein Werk der Verzweiflung. Und ihr ging es ganz ebenso. Sie hatte alle Kauflust verloren, aber nervös lief sie von einer Freundin zur anderen, die sich nicht genug wundern konnten; denn niemand erfuhr, was eigentlich los war. Oder sie behelligte ihre Schneiderin und Putzmacherin mit Änderung der Taille und des Korsetts und neuem Hutbesatz, nie zufrieden, ägriert und ungeduldig, wie eine reizende Wildkatze. Aus Versehen trafen sich beide Ehegatten dann zufällig im selben Hause, in der Wohnung des Professor Profundus, des Philosophen. Margot saß da bei ihrer Freundin Lulu auf dem Roßhaarsofa und versuchte sich für die Kinderchen zu begeistern, die gerade ihren Milchbrei schlangen. Da hörte sie im Nebenzimmer Edgars dröhnende Stimme, der eben gleichzeitig den Philosophen heimsuchte. Sogleich bat Margot ihre Freundin um etwas Musik, und Lulu mußte die Aufforderung zum Tanz und den Höllengalopp von Offenbach spielen, damit sie Edgars Stimme nicht hörte. Der Philosoph war natürlich wortkarg wie immer. Edgar wollte mit ihm hinabsteigen in die Abgründe der indischen Philosophie. Weltseele! Was ist das? Was ist überhaupt Seele? Der Philosoph holte aus, um nach einer Definition zu suchen: Seele ist Bewegung. Ist Bewegung sterblich? oder unsterblich? Welch Problem! Damit hing die Erlösungslehre der alten Brahmanen, auf die es Edgar ankam, zusammen: Erlösung der Seelen. »Erlösung durch Erkenntnis!« so lautete die Formel. Ach, wann fände er sie selbst, die Erlösung aus diesen vertrakten Stimmungen? Wann würde ihm und ihr die richtige Erkenntnis kommen? Nie lasen die beiden jungen Ehegatten die Zeitung so eifrig wie jetzt, und gerade bei den Mahlzeiten, beim Abendbrot. Da hatte jeder ein großes Zeitungsblatt vor dem Gesicht, und, so verschanzt, brauchten sie sich nicht zu bemerken, nicht anzusehen. Ihm war manchmal zumute, als müßte er auf den Tisch hauen, daß die Schüsseln tanzten; ihr war zumute, als müßte sie schreien, schreien, um den verhaltenen Groll los zu werden. Welch ausgehöhltes Gefühl! Und das sollte noch wochenlang so weitergehen? Dann gähnte er plötzlich laut, und das wirkte leider auf sie ansteckend. Auch sie gähnte; sie wollte es verhindern; aber ihr ziertlicher Kiefer sank wider Willen herunter, und ihr kleiner Mund wurde groß und größer. Es war die einzige Sympathie in dieser antipathisch verbissenen Doppelexistenz: die [:O}de übertrug sich. Da lachte der böse Edgar grell auf; es klang wie Hohn, und sie ging aus der Stube, um ihn mit ihrem schlechten Klavierspiel zu ärgern. Das Klavier war so verstimmt wie sie. Ein galliger Geschmack war ihr im Munde. Ach, und wie schwer war jetzt das Einschlafen! Jeder von beiden lauschte auf den anderen, ob er sich noch im Bett umwarf, ob er vielleicht ein freundliches Wort fände. Aber es kam nicht. Fünf Tage waren erst vergangen; da traf Margot den Dr. Walter auf der Straße. Er war eben aus einem Auto gesprungen. Das Auto hielt. Beide blieben stehen. Nun? Margot mußte sich fassen. Durch ihre Nerven ging es förmlich wie Sturm. Die Männer sind undankbar und verdienen nicht, daß man sich um sie grämt. »Nun, schon zurück?« wollte sie pikiert ihn fragen. Aber er unterbrach sie gleich, selig strahlend und mit einer Energie im Blick, wie sie ihn noch nie gesehen. »In Erfurt war ich, meine Teuerste. Es ging mir nach Wunsch; über Erwarten. Das Genauere einmal später. Jetzt nur das Eine. Der Geburtstag Ihres Gatten naht; er wünscht sich ein würdiges Bild anstelle der leidigen Madonna an der Hauptwand über Ihrem Sofa, und wir haben bisher vergebens nach einem solchen gesucht. Ich habe eins gefunden. Es ist ganz nach Ihrem Sinn; glauben Sie es mir. Vertrauen Sie mir. Kein Holländer. Ein Italiener. Kopie. Aber gut. Natürlich ganz nachgedunkelt; aber ich hab' es schon zum Auffrischen an einen Kunstmaler gegeben, der auch den Rahmen nachbessert ...« »Wie herrlich! wie gut!« stammelte sie. »Das Bild kommt nächstens auf meine Wohnung. Ich werde Ihnen ein Billet schreiben. Dann können Sie es sich bei mir ansehen, ob es Ihnen wirklich gefällt. Am Geburtstagmorgen hängen wir es auf.« »Was für ein Bild? welcher Gegenstand?« »Sie werden es sehen. Ich bin in Eile.« Sie drückten sich hastig die Hände. Er schien ihr größer geworden und wie auf dem Kothurn zu gehen, und er verschwand im Auto. Hell-froh war sie nun, ihr Herz wie erlöst. Sie lachte ihren Mann triumphierend an. Er begriff es nicht und blieb kurz angebunden wie bisher. »Ganz recht,« dachte er; der Seelenfreund ist wieder da; sie hat gut lachen.« Aber sie fiel in neue Erregung; vierzehn Tage vergingen noch; der Freund kam nicht, zeigte sich nicht; auch kein Billet von ihm. Da endlich fand sie im Briefkasten, den sie täglich zwanzigmal öffnete, das verheißene Kuvert. Es war rosafarben und aus bestem Papier. Ganz er! »Das Bild ist da«, las sie. »Wollen Sie mich aufsuchen, teure Freundin (die teure Freundin war stereotyp geworden), um es zu besichtigen? Vielleicht morgen Nachmittag vier Uhr. Ich erwarte Ihr Urteil mit Spannung und werde glücklich sein, Sie endlich einmal bei mir zu sehen. In aller Verehrung Ihr Arnold Walter.« »Endlich einmal!« So schrieb er. »Endlich!« Da stand es. Also doch! Er empfand, er empfand! Dieser rätselhafte Mensch war doch entzündbar. Es gab für sie kein Zurück. Es komme, was da kommt! wiederholte sie sich immer wieder. Am anderen Tag war sie auf dem Weg zu ihm. Durch das Küchenfenster schaute ihr die alte Ursel nach; deren Blick war Unheil verkündend. Sie hatte wieder dieselbe Toilette wie damals gewählt: weiß und duftig wie Jasmin, ja, auch die Ohrringe wieder aus dem Kasten genommen, die neuen Ohrringe. Arnold würde sich sonst wundern, wenn sie sie nicht trüge. Sie gefiel sich darin außerordentlich. Dazu den Hals offen, aber ein zartes Goldkettchen mit einem Rubin um den Hals; das Barett schräg auf dem Köpfchen. So schritt sie die Straßen entlang, anfangs hastig. Freundinnen begegneten ihr, Herren grüßten; sie sah sie nicht. Maréestraße Nr. 12, 2 Treppen. Marée! Schon der Name klang so erlesen künstlerisch. Aber je näher sie dem Ziel kam, je langsamer wurden ihre Schritte. Wie würde sie ihn treffen? wie er sie empfangen? Sie mit ihm allein! Es wäre doch ein Triumph, wenn sie merkte, daß diese so vorsichtig schüchterne Natur sich einmal in Leidenschaft verlöre. Ein Überspringen der Funken! Es ist schließlich Pflicht der jungen Frauen, die weiblich zaghaften Jünglinge, die da drohen, ewig Jünglinge zu bleiben, zu Männern zu erziehen. Nur freilich: er war eigentlich kein Jüngling mehr, diese Sphinx, der sie sich nahte. Ihre Hochspannung wuchs, als sie vor dem Portal des Hauses stand: Nr. 12. Die elegante Treppe schritt sie mit Herzklopfen hinauf; immer langsamer, als zerrte sie ein Magnet zurück. Ihr Atem wollte ihr stocken; sie fühlte, wie sie glühte, als sie nach langem Zaudern wirklich mit dem Finger leise auf die elektrische Klingel stieß. Es war geschehen. Sie wiederholte sich immer dasselbe: es komme, was da komme. Sie trat in den Flur. Eine Magd hatte geöffnet: »Ist der Herr Doktor zu Hause?« »Noch nicht.« Also zu früh! Sie zog die Uhr. War sie zu eilig gewesen? Da trat eine junge Dame aus der Küche, eine pikante Brünette, kräftig und hochgewachsen, vollbusig, mit energisch lebensfrischen Zügen. Ein Brett mit Kuchen trug sie auf der Hand und fragte kühl und nachlässig: »Sie wünschen?« Margot zeigte ihre Karte. »O! Sie sind es?« sagte die Dame da plötzlich ganz lebhaft und öffnete die Tür zur Wohnstube. »Bitte, bitte, treten Sie ein. Willkommen, gnädige Frau! Arnold wird sich kolossal freuen, liebe Frau Professor. Frau Margot darf ich sagen? Ich bin nämlich seine Braut.« »Die Braut?« »Arnolds Braut.« Margot wandte das Gesicht weg, als suchte sie etwas. Es war ihr, als würde sie kreidebleich. Sie mußte sich am Stuhl halten. Ein Riß, der ihr mittendurch ging. Sie glaubte, umzufallen. Aber es war nur ein Moment. Dann lachte sie, wie erlöst; das ganze Gesicht ein Glückwunsch. Sie lachte laut auf. Er war verlobt! Es war, als fielen ihr plötzlich Bleiklumpen von den Füßen und sie stünde befreit, ja, befreit und federleicht auf ihren Sohlen und könnte über alle Tische springen, wie nichts. Was gibt es für wunderbare Geschichten! Ihre Glückwünsche waren die herzlichsten: »Seit wann verlobt? Ich wußte ja von nichts.« »Nun, erst seit sechs Tagen. In Erfurt war's. Da trafen wir uns. Ich bin aus Eisenach. O, dieser Arnold! Er hatte so viele Freundinnen; sie wechselten periodisch. Ich könnte Ihnen davon erzählen. Da mußte ich endlich eingreifen. Ich telegraphierte: komm! Aber legen Sie doch ab und nehmen Sie Platz. Arnold muß gleich hier sein.« »Kannten Sie sich schon lange?« »Ei freilich. Ich bin ja eine von seinen Cousinen. Seine Freundinnen haben ihn arg verwöhnt, und er glaubte, ich möchte das nicht und ich hielte darum zu einem anderen. Aber mir riß die Geduld. Können Sie sich das nicht denken?« Da kam er schon, der Bräutigam, höchst flott, und schwenkte sein Taschentuch wie eine Fahne, und Margot war auch gleich die unbefangenste Heiterkeit selbst, als hätte ihr dummes Herz nie gesprochen. Händeschütteln, Zunicken, harmlos lustige Freundschaftsversicherungen. Zum Kuchen kam die Schokolade. Man sprach so viel, daß Margot ganz vergaß, in der interessanten Wohnung sich umzusehen, bis Arnold schließlich sagte: »das Bild, das Bild!« Das große Bild stand in der Ecke an die Wand gelehnt. Arnold hob es hoch. Was war es? Eine Kopie nach Tizian's Vanitá ! die schöne Frau mit den Ohrringen! »Köstlich, köstlich!« rief Margot gleich. »Welch glücklicher Fund. O wissen Sie noch?« Sie brach ab und errötete. Aber sie fand, dieser Arnold ist doch einer, um den es sich verlohnte sich zu grämen. Bertha, so hieß die stattliche Braut, wollte eben zur Geige greifen (denn sie war Geigerin), da ging die Schelle. Ein wildes Klingeln. Die Tür ging auf. Edgar trat ein. Fuchswild blickte er darein, der Riesenkerl, mit geballten Fäusten, daß alles auflachte. Er hatte zu Hause das Billet gefunden. Margot hatte es in ihrer Hast, vordem sie das Haus verließ, wegschließen wollen. Aber es glitt unter den Tisch. Sie gab nicht acht. Edgar fand es. »Ich werde glücklich sein, Sie endlich einmal bei mir zu sehen.« »Teuerste Freundin« und »endlich einmal«. Da hatte er es Schwarz auf Weiß. Um vier Uhr war das Rendezvous auf der Junggesellenwohnung? Er wollte es beiden eintränken. Er war nicht auf den Mund gefallen. Aber Margot selbst trat ihm gleich lachend entgegen: »Gut, Edgar, daß du kommst. Eine Verlobungsfeier zu Dreien! Darf ich dich vorstellen: Arnolds Braut.« Da ging es ihm wie ihr. Wie Pulverexplosion, und die ganze Ladung seines Zornes flog auf einmal wie Rauch in die Luft. Die Wände zitterten, so lachte er los. O heiliger Unsinn! Dieser Kerl, der Schleicher, der mit seiner Ästhetik hausieren ging! »Ich muß mich in seine Braut verlieben; die endlich auf ihn den Daumen setzte, den Schmetterling auf ihrer Nadel spießte. Sitzt die Nadel auch ordentlich fest, mein Fräulein? und ist es ihm durch und durch gedrungen?« »Sie spießte mich, aber sie ist nicht spießig!« witzelte Arnold, holte Wein (das Bild hatte er rasch entfernt); die Gläser klangen. Glück hier. Glück dort. Der Bacchus wirkte; schließlich küßten sich Edgar und Margot, sie küßten sich vor Seligkeit. Sie hätten jauchzen mögen. Nal und Damajanti hatten sich wieder. »O wie dumm wir beiden!« flüsterten sie. Es war, als wären hier zwei Brautpaare versammelt; denn auch in ihnen war es wie jungbräutliches Gefühl, in ihm und in ihr, ein neues Lieben, das unsäglich viel tiefer in's Herz schlug als einst, da sie zuerst sich fanden. Bertha nahm auf's neue die Geige und stand groß und stolz, im leichten Spiel sich wiegend, und schaute siegreich auf die anderen herab. Sie war ja eigentlich die Erlöserin. Aber sie ahnte nicht, was sie vollbracht. »Ja, diese Bertha, das ist ein Weib!« sagte Edgar beim Nachhausegehen. »Die könnte ihren Arnold im Geigenkasten mit sich herumtragen.« »O pfui! wie kannst du von ihm so schmählich reden?« »Ist er noch immer dein Seelenfreund?« Sie preßte zärtlich seinen Arm. »Du weißt, Edgar, wie mir zu Mute ist.« Und er sah Tränen der Seligkeit in ihren Augen, die sie in süßer Sehnsucht zu ihm aufschlug. Daß Edgars Geburtstag festlich verlief, werden wir glauben. Das Tizianbild hing richtig am bestimmten Platz. Der Kunstbarbar stand andächtig davor. Er hätte gewiß lieber eine Tigerjagd gehabt. Aber sein Verständnis wuchs. »Ein Mund zum Küssen«, sagte er. Warum lachte da Margot so? Dasselbe hatte ja auch Arnold gesagt. Aber sie verschwieg das. Das Bild war wie ein Denkmal ihrer Irrung. Mochte jeder dabei denken, was er wollte. Dann holte sie ein Buch hervor, das Buch von Nal und Damajanti. Was sagt da die junge Frau nach aller Irrung? Ich weiß nicht mehr, was er je verbrach. Kein böses Wort mehr, das er sprach, Der edele, der huldige, Der starke und geduldige. Das Herz war' mir zerrissen Vor Leid, müßt' ich ihn missen. Ein Jahr verging. Da kam Margot's Mutter wieder angereist, und ein Kinderwagen wurde in's Haus geschafft. Der Althändler wurde in Ruhe gelassen. Ein Kinderwagen! Was nun aus der Reise nach Ceylon werden sollte? Vielleicht war es besser, zu Hause geduldig und still den Kinderwagen zu schieben. Aber es war eben damals auch die Zeit, wo die Feindschaft Englands gegen Deutschland begann, und schon darum wird es vielleicht nie zu der ersehnten Reise kommen, und der Tropenhelm bleibt unbenutzt. Dann kam die große Teuerung über Deutschland, auch die Butter wurde rar, und Margot sagte betrübt: »Dein Herz muß darben um meinetwillen, und du kannst dich nicht einmal mehr wie jene Könige, die nach Glück verlangten, in flüssiger Butter spiegeln.« Er aber umschlang sie und sagte: »Nimm Hut und Mantel. Der Sonntag ist da. Laß uns wandeln zu zweien durch Gottes Natur, wie er sie uns hier im deutschen Vaterland gegeben: die Wiesenhänge hinauf, wo die Buchenwipfel rauschen. Da ist mir's, als läg' ich tief im Traum, Wie im Märchen, unterm Asôkabaum, Dem blumenkelchgekrönten, Waldvogelsangdurchtönten. So ist's. Der Traum ist frei. Die Wirklichkeit ist ein Gefängnis. Wer kann uns die Liebe rauben und wer den Gottesglauben, so lange die Liebe währt? O meine Damajanti!«