Berthold Auerbach Schwarzwälder Dorfgeschichten – Achter Band. Edelweiß. Es steht ein Haus an der Bergeshalde, die Morgensonne ruht lange darauf, und wer auf das Haus schaut, dessen Auge erglänzt in Freude; denn der Blick sagt: hier wohnen glückliche Menschen, Menschen eigener Art, sie haben lange, haben schwer ringen müssen, bis sie das Glück aus sich gefunden; sie haben im Vorhofe des Todes gestanden und sind neu auferstanden. . . . Da kommt die Frau, sie hat ein jugendlich schönes, hellfarbiges Antlitz, aber ihr Haar ist schneeweiß; sie lächelt einer Alten zu, die im Garten arbeitet und den Kindern zuruft, nicht so zu tollen. »Komm noch herein, Franzl, und ihr Kinder auch. Der Wilhelm geht jetzt in die Fremde,« sagt die junge Frau mit den weißen Haaren; die Alte begleitet sie, sie ist tief gekrümmt und nimmt schon jetzt die Schürze in die Hand für die kommenden Thränen. Nach einer Weile tritt aus dem Hause der Mann mit einem jungen Burschen, der ein Ränzchen auf dem Rücken trägt, und er sagt: »Wilhelm, hier sag der Mutter Ade und halt dich so, daß du nichts thust, wobei du nicht denken kannst: mein Vater und meine Mutter dürfen's wissen. Dann kannst du, will's Gott, wieder froh über diese Schwelle treten.« Die junge Frau mit dem schneeweißen Haare umhalst den frischen Jüngling und ruft schluchzend: »Ich habe dir nichts mehr zu sagen, der Vater hat dir alles gesagt. Und wenn du ein Pflänzchen Edelweiß auf den Schweizerbergen findest, bring's heim.« Der Wanderbursche zieht von dannen, die Geschwister rufen ihm nach: »Ade, Wilhelm! Ade! Ade!« Sie spielen mit dem Worte Ade und wollen gar nicht aufhören. Der Vater ruft zurück: »Mutter, ich begleite den Wilhelm und den Lorenz nur bis zur Gemarkung, der Pilgrim geht mit ihnen bis zum ersten Nachtlager. Ich bin bald wieder da.« »Ist recht, aber übereil dich nicht und laß dir den Abschied nicht so zu Herzen gehen. Und sag der Fallerin, sie soll zu uns zu Mittag kommen und das Lisle auch mitbringen.« Der Vater geht mit dem Sohne davon, und die junge Frau sagt zu der Alten: »Mir ist es ein Trost, daß der Faller-Lorenz mit unserm Wilhelm auf die Wanderschaft geht. . . .« Wir können erzählen, warum die junge Mutter mit dem Greisenhaare von ihrem in die Fremde ziehenden Sohne ein Pflänzchen Edelweiß wünscht. Es ist eine schwere, herbe, ja, fast unbarmherzige Geschichte, aber die Sonne der Liebe dringt endlich hellleuchtend durch. Erstes Kapitel. Gute Nachrede. »Sie war eine Biederfrau.« »So gibt's wenig mehr.« »Sie war noch von der alten Welt.« »Man hat kommen können, wenn man gewollt hat, man hat Hilfe und Rat bei ihr gehabt.« »Und wie viel hat sie erlebt, hat vier Kinder begraben und ihren Mann und ist doch immer so fröhlich und fromm gewesen!« »Ja, der Lenz wird sie schwer vermissen. Er wird jetzt erst spüren, was er an solch einer Mutter gehabt hat.« »Nein, der hat das bei Lebzeiten gewußt, er hat sie auf Händen getragen.« »Er wird jetzt bald heiraten müssen.« »Er kann wählen, wen er will; er kann an jedem Haus anklopfen, man macht ihm auf, so geschickt und so brav, wie er ist.« »Und ein schönes Vermögen muß auch da sein.« »Und er erbt seinen reichen Ohm, den Petrowitsch.« »Wie schön hat der Liederkranz gesungen. Das geht einem durch Mark und Bein!« »Und wie muß das erst den Lenz angegriffen haben! Er hat ja sonst auch immer mitgesungen, er ist einer der besten.« »Ja, bei der Predigt hat er nicht geweint, aber wie die Kameraden gesungen haben, da hat er geweint und geschluchzt, daß man meint, es stößt ihm das Herz ab.« »Das ist das erste Leichenbegängnis, bei dem der Petrowitsch nicht aus dem Ort gegangen ist. Es wäre auch schändlich, wenn er seiner einzigen Schwägerin nicht die letzte Ehre erwiesen hätte.« – So redeten die Menschen auf allen Wegen, das Thal entlang, die Berge hinan. Sie gingen alle in dunklen Kleidern, denn sie kamen von einem Leichenbegängnis. Drunten an der Kirche, wo wenige Häuser stehen – das Löwenwirtshaus breit und groß in der Mitte – dort hatte man die Witwe des Uhrmachers Lenz von der Morgenhalde begraben, und überall hörte man gute Nachrede; es war allen etwas genommen, da die brave Frau von der Erde genommen war. Die Menschen waren tief bewegt, die Trauer war noch in jedem Angesicht zu lesen; denn wie ein neuer Schmerz alle alten aufweckt, so hatten die Menschen, nachdem das frische Grab zugeschüttet war, die Gräber der eigenen Angehörigen aufgesucht und dort den Abgeschiedenen still nachgetrauert und still gebetet. – Wir sind im heimischen Uhrmacherbezirk, in jenem waldigen Gebirgsstock, wo von der einen Seite die Wasser nach dem Rheine abfließen, von der andern der nicht weit davon entspringenden Donau zu. Die Menschen haben etwas Gelassenes, still Bedächtiges, die Zahl der Frauen ist viel größer als die der Männer, denn von diesen ist ein großer Teil in alle Weltgegenden zerstreut beim Uhrenhandel. Die daheim verbliebenen Männer sehen meist blaß aus, man merkt die Stubenarbeit; die Frauen dagegen, die das Feldgeschäft versehen, sind hellfarbig, und das Angesicht erhält noch eine schöne Geschlossenheit durch die breiten schwarzen Knüpfbänder, die um das Kinn gebunden sind. Der Feldbau ist indes gering; er besteht, einige große Bauerngüter ausgenommen, nur in Spatenwirtschaft und Wiesenbau. An manchen Stellen läuft noch ein schmaler Waldstreif bis zur Thalsohle, bis zum Bache, und da und dort steht noch an Wiesenrändern eine hohe, bis zur Krone abgezweigte Tanne, wie zum Zeichen, daß hier Mattenland und Ackerland dem Walde abgerungen ist. Die Eschen gleichen langgestreckten Kopfweiden, denn man entzweigt sie alljährlich zu Ziegenfutter. Das Dorf, oder eigentlich die Gemeinde, erstreckt sich weit über eine Stunde lang; die Häuser liegen zerstreut im Thal und an den Bergen und sind aus ganzen, quer ineinander gefugten Stämmen erbaut; an der Vorderseite sind die Fenster in ununterbrochener Reihe ohne Zwischenräume angebracht, denn man braucht viel Licht; die Einfahrt in die Scheune, wo sich eine solche findet, geht vom Berge hinter dem Hause geradezu unter das Dach, das schwere Strohdach ragt von der Vorderseite weit vor wie ein Wetterschild. Wie der Bau sich an Berg und Wald anlehnt, stimmt er auch im Farbenton gut damit zusammen, und helle schmale Fußpfade leiten durch die grünen Wiesen zu den Menschenwohnungen. Bald da, bald dort trennt sich eine Frau aus der großen Gruppe, die thalaufwärts gemeinsam schreitet; die Frau winkt mit ihrem Gesangbuch nach ihrem Hause; nach den Kindern, die aus den eng aneinander gereihten Fenstern schauen oder übermütig schnell den Wiesenweg herab der Heimkehrenden entgegenrennen. Und wenn man zu Hause die Sonntagskleider auszieht, seufzt man tief auf im Gedanken der Trauer und im Gedenken, wie gut es doch ist, daß man noch beisammen am Leben ist und noch einander zuliebe leben kann. Die Arbeit will aber doch heute nicht recht von statten gehen. Man ist außerhalb der Welt gewesen und kann nicht so leicht wieder zurück. Der Gewichtlesmann von Knuslingen (er machte die genauesten bleiernen und messingenen Gewichte), der bis zum nächsten Scheideweg mit der Gruppe ging, sagte in bedächtigem Tone. »Es ist doch eine dumme Sache um das Sterben! Da hat die Lenzin so viel Weisheit und Erfahrung angesammelt gehabt, und jetzt legt man's in den Boden hinein, und alles das ist für diese Welt nicht mehr da.« »Ihr Sohn hat ihre Gutheit wenigstens geerbt,« erwiderte eine junge Frau. »Und Gescheitheit und Erfahrung muß man sich selber holen,« sagte ein alter kleiner Mann, der immer wie fragend dreinschaute; er wurde der Pröbler genannt, obgleich er eigentlich Zacherer hieß, denn der alte Mann war verkommen, weil er nicht auf dem geraden Weg der Uhrmacherei geblieben war, immer Neues entdecken wollte und daher immer allerlei probierte oder pröbelte, daher hieß er der Pröbler. »Da waren die alten Zeiten viel besser und gescheiter,« sagte ein alter Schilderdrechsler vom jenseitigen Thale, der Schilder-David genannt, »in alten Zeiten hat man ein gutes Totenmahl aufgesetzt, da hat man sich doch auch wieder gestärkt von dem langen Weg und dem Herzangreifenden – denn Kummer macht hungrig und durstig, – und der Lehrer hat da erst die richtige Nachrede gehalten. Und wenn's auch manchmal ein bißle drüber hinein zugegangen ist, das hat nichts geschadet. Jetzt hat man das alles verboten, und ich bin so hungrig und so matt, ich kann schier nicht mehr vom Fleck.« »Ich auch, und ich auch,« hieß es von vielen Seiten, und der Schilder-David fuhr fort: »Was soll man jetzt anfangen, wenn man heim kommt? Der Tag ist hin. Man gibt ihn gern einem Menschen, den man gern gehabt hat. Aber früher war's besser, da ist man erst nachts heimgekommen, da hat man sich nicht mehr zu besinnen brauchen –« »Und nicht mehr besinnen können,« warf der junge Uhrmacher Faller mit kräftiger Stimme ein; er war zweiter Baß beim Liederkranz und trug sein Liederheft unterm Arm – Gang und Haltung zeigten, daß er Soldat gewesen. – »Ein Totenmahl,« fuhr er fort, »das hätte die alte Meisterin selber nicht zugegeben. Alles zu seiner Zeit, Lustigkeit und Traurigkeit, alles hat seine Zeit, das war ihr Sprichwort. Ich war fünf und dreiviertel Jahr beim alten Lenz in der Arbeit. Ich bin mit dem jungen Lenz in die Lehre eingeschrieben und auch mit ihm Geselle geworden.« »So könntest du den Schulmeister machen und die Nachrede halten,« sagte der Schilder-David ärgerlich und brummte dazu etwas von eingebildeten Liederkränzlern, die da meinen, die Welt fange jetzt erst an, seitdem sie nach Noten singen können. »Ja, das könnte ich auch,« sagte der junge Mann, der die letzten Worte überhörte oder überhören zu wollen schien. »Ich könnte die Nachrede halten, und es verlohnt sich, daß, wenn man ein so grundbraves Herz in die Erde gelegt, man nicht so bald von andern Sachen und allerlei Gelüsten redet. Der alte Meister war ein Mann, wenn alle Menschen so wären, wie er, brauchte man keinen Richter und keine Soldaten und kein Gefängnis und keine Kaserne auf der Welt. Unser alter Meister war streng, es hat kein Lehrjung vom Feilen weggedurft zum Drehen, bis er ein richtiges Achteck aus freier Hand hat feilen können, daß es ausgesehen hat wie gedreht, und wir haben Kleinuhren machen lernen müssen, denn ein Kleinarbeiter ist auch ein richtiger Großarbeiter. Aus seinem Haus ist kein Gehwerk und kein Schlagwerk fortgegeben worden, an dem das Geringste gefehlt hat. Es ist für mich und für unsre Gegend, hat er gesagt, unser guter Name soll bleiben. – Ich will euch nur eine einzige Sache erzählen, und da werdet ihr sehen, was er über uns junge Leute vermocht hat. Der junge Lenz und ich, wie wir Gesellen geworden sind, da haben wir angefangen zu rauchen. Da sagt der Alte: ›Gut, wenn ihr rauchen wollt, ich kann's euch nicht wehren und will nicht, daß ihr's heimlich thut, ich habe ja leider Gottes selber die üble Gewohnheit, daß ich rauchen muß; aber das sage ich euch, wenn ihr rauchet, gewöhne ich mir's ab, so schwer mir's auch wird. Es erträgt sich nicht, daß wir alle rauchen.‹ Natürlich haben wir es uns nicht angewöhnt; lieber hätten wir uns den Mund auf einen Stein aufgeschlagen, als dem Meister das angethan. »Und die Meisterin, sie steht jetzt in der Minute vor Gott, und Gott wird ihr selber sagen: du bist eine rechtschaffene Frau gewesen, wie es wenige gibt auf der Welt. Freilich, deinen Fehler hast du auch gehabt, du hast deinen Sohn ein bißchen verwöhnt und hast ihn nicht in die Fremde gelassen, und das wäre ihm doch gutgewesen, er wäre etwas herber geworden; aber deine tausend und tausend Gutthaten, die niemand gesehen hat, als ich, und wie du nie zugegeben hast, daß man einem Böses nachredet, wie du alles zum besten ausgelegt und sogar dem Petrowitsch das Wort geredet hast – das ist nicht vergessen. Komm her, du sollst deinen Lohn haben. Und wisset ihr, was sie sagen wird, wenn ihr Gott was Gutes thun will? – Thu's meinem Sohn, wird sie sagen, und wenn was übrig ist, schau, da ist der und der, die in Not verbittern, hilf ihnen; ich bin vom Zusehen satt. – Ihr könnt's nicht glauben, wie wenig sie gegessen hat, der Meister hat sie oft darüber ausgespottet; aber es ist wahr und gewiß so gewesen, sie ist satt davon geworden, wenn sie gesehen hat, wie es andere schmeckt. Und so seelengut, wie die Mutter war, so ist ihr Sohn. Das ist ein Herz! Für den ginge ich gern in den Tod.« So erzählte der Uhrmacher Faller, und seine tiefe Baßstimme war oft zitternd bewegt. Die andern ließen ihm aber nicht allein das Lob des jungen Lenz. Der Pröbler behauptete, Lenz sei der einzige in der ganzen Gegend, der etwas mehr verstände, als was man von alters her gewohnt sei. »Und wenn die Menschen nicht so hirnvernagelt und so neidisch aufeinander wären, hätten sie schon lang die Normaluhr angenommen, die wir miteinander hergerichtet haben, das heißt, ich muß ehrlich sagen, er hat das Beste dazu gethan.« Die Menschen achteten nicht sehr auf das, was der Pröbler sagte, dafür sprach er auch so unverständlich und bloß murmelnd, daß man fast nur das Wort »Normaluhr« deutlich heraus hörte. Um so aufmerksamer hörte man dagegen dem Schilder-David zu, der jetzt sagte: »Der Lenz geht an keinem Menschen vorüber, dem er nicht was Gutes thun möchte. Dem blinden Leiermann von Fuchsberg richtet er jedes Jahr seine Orgel wieder her und nimmt nichts dafür; er verwendet seine freien Sonntage darauf. Das ist gewiß ein Gottesdienst, an dem der da droben seine Freude hat. Und mir hat er auch geholfen. Er ist einmal bei mir und sieht, wie ich mich abplage, um die Welle zu treten. Er geht gleich zu dem Müller und spricht mit ihm und macht alles aus, dann kommt er und holt mich und richtet mir meine Werkstatt auf der Bühnenkammer ein und setzt die Welle mit der am Mühlrad in Verbindung, und jetzt arbeite ich mit halber Mühe das Dreifache.« Ein jeder drängte sich herzu, wie zu einem Opferstocke, um dem jungen Lenz irgend ein Lob nachzusagen. Der Gewichtlesmann schwieg und nickte nur beistimmend. Er ist der Gescheiteste von der Gruppe, er weiß, daß alles, was gesagt wurde, wahr ist, aber es ist doch nicht genug, er weiß noch etwas mehr: »Es gibt keinen Arbeitsmann, für den besser zu arbeiten ist, wie für den Lenz; freilich, genau muß alles sein, wie sich's gehört, aber dann kriegt man nicht nur seinen Lohn bar ohne Abzug, sondern auch noch gute, getreue Worte drein, und das thut am wohlsten.« Faller verließ jetzt die Gruppe und ging bergein seinem Hause zu, auch die andern zerstreuten sich da- und dorthin, nachdem jeder noch eine Prise aus der birkenrindenen Dose des Pröblers genommen. Der Schilder-David schritt allein mit seinem Zollstock noch weiter thalaufwärts; denn er wohnte drüben im andern Thale und war der einzige aus seiner Gemeinde, der herübergekommen war. Zweites Kapitel. Der Leidtragende und sein Gefährte. Vom Dorfe aus führt ein schmaler Fußweg nach einem »einzecht« stehenden strohgedeckten Hause, nur ein kleines Stück des Daches, da, wo der Schornstein angebracht ist, ist mit Ziegeln gedeckt. Man sieht das Haus erst, wenn man eine gute Viertelstunde aufwärts geschritten ist. Der Weg führt hinter der Kirche vorbei, zuerst zwischen Hecken, dann frei durch die Matten, wo man das Rauschen des Fichtenwaldes hört, der den ganzen steilen Berg bedeckt. Hinter diesem Berge – Spannreute genannt – türmen sich wieder andre empor; der Vorberg ist aber so steil, daß man eben jetzt die Garben von den Feldern auf der Hochebene nur auf Schlitten thalwärts bringen kann. Auf dem Fußweg zwischen den Hecken gingen jetzt zwei Männer hintereinander; der Vorausschreitende war ein kleiner alter Mann, äußerst wohlhäbig gekleidet. Er trug einen Krückstock in der Hand, zur Vorsicht hatte er noch die Troddel an dem Stocke um das Handgelenk geschlungen. Der Alte hatte aber noch einen festen Schritt, er bewegte sein Gesicht, das aus lauter Runzeln zu bestehen schien, auf und nieder, denn er schmatzte an einem Stückchen weißen Zuckers und nahm von Zeit zu Zeit immer wieder ein Stück aus der Tasche. Die rötlichblonden Brauen des Alten standen aufgeborstet, fast wagrecht, und kluge, hellblaue Augen lugten darunter hervor. Der junge Mann, der hinter dem Alten dreinschritt, war groß und schlank, er trug einen langschoßigen blauen Rock und hatte den Trauerflor um Hut und Arm. Er hatte das Gesicht zur Erde gekehrt und schüttelte bisweilen den Kopf. Jetzt richtete er sich auf, ein hellfarbiges Gesicht mit blondem Barte zeigte sich, die Augenlider über den blauen Augen waren gerötet. »Ohm,« sagte er jetzt stehenbleibend, seine Stimme klang heiser. Der Zuckerschmatzende wandte sich um. »Ohm, es ist genug. Ich danke Euch vielmal, der Weg ist weit, und ich möcht' allein heim.« »Warum?« »Ich weiß nicht, aber es ist mir so –« »Nein, kehr' lieber mit mir um.« »Ohm, es thut mir leid, daß ich Euch nicht folgen kann, aber ich kann nicht, ich kann jetzt nicht ins Wirtshaus gehen; ich habe keinen Hunger und keinen Durst. Ich kann mir's auch nicht denken, wann ich je wieder essen oder trinken soll. Es thut mir leid, daß Ihr jetzt wegen meiner den weiten Weg macht.« »Nein, nein, ich gehe mit dir, ich bin nicht so hartherzig, wie dir deine Mutter eingeredet hat.« »Meine Mutter hat mir gar nichts eingeredet von Euch, sie hat ihr Leben lang nur Gutes von den Menschen gesprochen und besonders von Verwandten, da hat sie's gar nicht hören können, wenn eines das oder das hätte sagen wollen. Sie hat's so im Sprichwort gehabt: Schind' ich meine Nase, schänd' ich mein Angesicht.« »Ja, ja, sie hat viel Sprichwörter gehabt; in der ganzen Gegend heißt's ja immer: So und so hat die Lenz-Marie gesagt. Man soll Toten nur Gutes nachsagen, und ihr kann man ja auch nichts Böses nachsagen.« Der junge Mann sah den Alten von der Seite traurig an. Wenn der auch was Gutes sagte, war's doch immer so, daß er einem dabei einen Druck ins Genick gab. »Ja, Ohm,« fuhr der junge Mann fort, »wie oft hat sie's in den letzten Tagen noch gesagt, und das hat mir im Herzen so weh gethan: Lenz, hat sie gesagt, ich sterb' dir sechs Jahre zu spät. Mit fünfundzwanzig Jahren hättest du heiraten müssen, und jetzt wird's dir immer schwerer, und du hast dich so an mich gewöhnt, und das kann nicht so bleiben. . . . Ich hab' ihr das nicht ausreden können, und das ist das einzige, was ihr den Tod schwer gemacht hat.« »Und sie hat recht gehabt,« sagte der Zuckerschmatzende, »sie ist gutmütig gewesen, freilich auch eigenwillig, aber das geht niemand was an. Aber mit ihrer Gutmütigkeit hat sie dich verdorben. Du bist verwöhnt. Ich hab's dir eigentlich jetzt nicht sagen wollen, es hat Zeit, wenn ich dir das ein andermal vorstelle. Jetzt aber folge mir und thue nicht so kindisch. Du thust ja, wie wenn du nicht mehr wüßtest, wo aus noch ein. Das ist der Lauf der Welt, daß deine Mutter vor dir sterben muß, und Vorwürfe, daß du sie nicht gut behandelt hast, hast du dir ja auch keine zu machen.« »Nein, gottlob nicht!« »Gut, so zeig dich jetzt als Mann und laß das Heulen und Weinen. Du hast ja da auf dem Kirchhof geweint, so habe ich mein Leben lang nicht weinen gesehen.« »Ja, Ohm, ich kann's nicht sagen, wie mir's war. Ich habe um meine Mutter geweint, aber auch um mich. Wie da unser Liederkranz gesungen hat, unsre Lieder, die ich selber mitsinge, und ich bin dabei, stumm und tot, da war mir's, wie wenn ich schon selber tot wäre, und sie singen mir ins Grab, und ich kann nicht einstimmen –« »Du bist« – sagte der Alte, er wollte etwas hinzusetzen, aber er verschluckte es und schritt fürbaß; nur der kleine Hund, der vorausging, schaute in das Gesicht des Alten, und der Hund schüttelte den Kopf; solche Mienen hatte er an seinem Herrn noch nie gesehen. Nach einer Weile hielt der Alte von selbst an und sagte: »Ich kehr' meinetwegen da um. Nur noch eins. Nimm dir jetzt niemand ins Haus von Anverwandten deiner Mutter, das du nachher fortschicken mußt. Sie vergessen dir alles Gute, was du ihnen gethan, und sind bös, weil das nicht ewig so fortgehen kann. Und schenk jetzt auch nichts weg, mag kommen, wer will. Wenn du was wegschenken willst, laß zuerst ein paar Wochen ins Land gehen. Nimm die Schlüssel zu dir, wenn du heimkommst. So, jetzt behüt dich Gott und sei ein Mann!« »Behüt's Gott, Ohm!« sagte der junge Mann und schritt voran, seinem Hause zu. Er hielt den Blick noch immer zur Erde geheftet, aber er wußte doch bei jedem Schritt, wo er war; er kannte jeden Stein am Wege. Als er vor dem Hause stand, war's ihm, als könne er nicht über die Schwelle. Was ist da schon alles aus und ein gegangen, und was wird da noch werden?! Man muß es tragen. – Die alte Magd saß in der Küche auf dem feuerlosen Herde, sie hielt sich die Schürze vor das Gesicht, und als der junge Mann vorüberging, sagte sie schluchzend: »Bist du's, Lenz? Grüß' Gott!« In der Stube war es so leer, und doch war alles noch da: die Werkbank mit den fünf Einschnitten für die gleiche Zahl Arbeiter an den ununterbrochen aneinander gereihten Fenstern, das Werkzeug hing in Riemen und Haken die Wände entlang, die Uhren tickten, die Turteltauben girrten, und doch ist alles so leer, so ausgestorben und öde; der Armstuhl stand da wie mit geöffneten Armen und wartete . . . Lenz stützte sich auf die Lehne und weinte bitterlich. Jetzt richtete er sich auf und wollte nach der Kammer. »Es ist nicht wahr, daß du nicht mehr da bist,« sagte er fast laut – er erschrak vor seiner eigenen Stimme und setzte sich ermattet in den Stuhl, wo die Mutter so oft gesessen. Endlich faßte er Mut und ging in die verlassene Kammer. »Ich meine, ich müßte dir noch etwas nachschicken können, du hättest was vergessen!« sagte er wieder, und mit einem stillen Schauer öffnete er den Schrank der Mutter, in den er nie gesehen; es war ihm fast wie ein Frevel, daß er es wagte, und doch that er's. Vielleicht hat sie dir noch ein Zeichen, ein Wort hinterlassen. Er fand die Einbände (Patengeschenke) seiner verstorbenen Geschwister, jedes mit Namen genannt, und auch seine eigenen Einbände; daneben einige alte Denkmünzen, den Konfirmandenschein der Mutter, ihren Brautkranz, verdorrt, aber wohl eingewickelt, ihre Granatenschnur, und in einem besondern Kästchen, fünffach in seines Papier gewickelt, ein sammetartiges, weißes Pflänzchen und dabei ein Papier, beschrieben von der Mutter Hand. Der Sohn las zuerst leise, dann, als wollte er die Worte der Mutter auch hören, las er halblaut: »Das ist ein Pflänzchen Edelweiß –« »Es ist Essen da!« rief plötzlich eine Stimme durch die geöffnete Kammerthür. Lenz schrak zusammen, als hörte er eine Geisterstimme, und doch hatte nur die alte Franzl gerufen. »Ich komme gleich,« antwortete Lenz, drückte die Kammerthür schnell zu, verriegelte sie, wickelte alles wieder behutsam ein und kam endlich in die Stube. Er sah nichts mehr davon, wie Franzl den Kopf schüttelte über die Geheimthuerei. Drittes Kapitel. Arbeit und Wohlthat. Der nächste Nachbar – er war aber eine gute Strecke entfernt –, der Vogtsbauer, hatte Essen geschickt; denn es ist hier zu Lande Brauch, daß der nächste Nachbar, in der Voraussicht, daß man bei einem Todesfall nicht daran denkt, Essen zu bereiten, solches nach einem Begräbnis den Trauernden schickt. Auch darf man ja während eines Leichenbegängnisses und die nächsten drei Stunden darauf kein Feuer auf dem Herde anzünden. Des Vogtsbauern Tochter brachte selber das Essen in die Stube. »Ich dank' dir, Kathrine, und sag auch deinen Eltern schönen Dank. Stell ab. Wenn ich wieder Hunger kriege, werde ich essen; jetzt kann ich noch nicht,« beteuerte Lenz. »Nein, versuchen mußt du's, das ist der Brauch,« sagte Franzl, »man muß es dem Mund anbieten. Setz dich, Kathrine, bei einem Trauernden muß man sitzen, da darf man nicht stehen bleiben. Die junge Welt weiß doch gar nicht mehr, was der Brauch ist. Und reden mußt auch was, Kathrine. Bei einem Trauernden muß man reden, da darf man nicht still sein. Sag doch was.« Das stämmige, vollwangige Mädchen wurde flammrot im Gesichte, stieß die Worte hervor: »Ich kann nicht!« und brach in heftiges Weinen aus. Lenz sah sie starr an, sie mochte das spüren und verhüllte sich das Gesicht mit der Schürze. »Sei nur ruhig,« tröstete er, »dank Gott jeden Tag, daß du deine Eltern noch hast. So, jetzt habe ich die Suppe versucht.« »Du mußt vom andern auch versuchen,« drängte Franzl. Auch das that Lenz, es ward ihm schwer; er stand auf, auch das Mädchen erhob sich und sagte: »Nimm mir's nicht für ungut, Lenz, ich hätt' dich trösten sollen, aber ich . . . ich . . .« »Ich weiß schon, ich danke dir. Ich kann jetzt auch nicht viel reden.« »Behüt dich Gott! Und der Vater läßt dir sagen, du sollest zu uns kommen; er kann nicht zu dir, er hat einen bösen Fuß.« »Will sehen, wenn ich kann, komme ich.« Das Mädchen verließ die Stube, und Lenz wandelte in derselben auf und ab und streckte die Hände aus, als müßte sie jemand fassen. Es faßte sie niemand. Da blieb sein Blick starr auf dem Handwerkszeug haften und vornehmlich auf einer Feile, die abgesondert hing. Es überrieselte ihn heiß, indem er die Hand danach ausstreckte; jetzt faßte ihn etwas. Diese Feile war das edelste Erbstück, das er besaß. Hier im Ahorngriff war eine Vertiefung, die hatte des Vaters Daumen eingedrückt; siebenundvierzig volle Jahre hat der Vater damit gearbeitet, und er hatte selbst seine Freude daran und sagte oft: »Man sollte es kaum glauben, daß durch die langen Jahre der Holzgriff mit der Hand zusammengedrückt werden kann.« Wenn ein Fremder auf Besuch kam, zeigte die Mutter das Wunderwerk. Der Doktor drunten im Thal, der eine Sammlung von heimischen Wanduhren und Werkzeugen aus alter Zeit hat, wollte die Feile oft haben, um sie auch in sein Kabinett zu hängen, aber der Vater gab sie nicht her, und die Mutter und der Sohn hielten nach seinem Tode das Erbstück hoch. Damals, als man den Vater begrub und der Sohn mit der Mutter wieder still daheim saß, sagte sie: »Lenz, jetzt ist genug geklagt; wir müssen's still tragen. Nimm die Feile des Vaters und arbeite. Betet und arbeitet, solang es Tag ist, heißt es. Sei froh, daß du dein ehrliches Handwerk hast und dich nicht zu hintersinnen brauchst. Tausendmal hat's dein Vater gesagt: so morgens aufstehen, und da ist eine Arbeit, die wartet, das thut wohl und hilft auf, und wenn ich feile, da feile ich mir alle nichtsnutzigen Späne aus dem Kopf, und wenn ich hämmere, gebe ich allen schweren Gedanken einen Schlag, und – fort sind sie.« »So hat damals die Mutter gesagt, und jetzt sind ihre Worte noch einmal auferweckt, sie sagt's wieder. Wenn ich nur immer so bei allem ihre Worte noch wüßte!« . . . Lenz begann emsig zu arbeiten. Draußen stand Franzl bei des Vogtsbauern Kathrine und beteuerte ihr: »Das ist mir lieb, daß du zuerst das Essen gebracht hast, das hat Gutes zu bedeuten. Von wem man nach so einem Fall den ersten Bissen genießt, dem – ich will nichts gesagt haben, man darf das nicht berufen. Komm du nur abends, und du mußt es sein, die ihm heut gut' Nacht sagt, und dreimal mußt: du gut' Nacht sagen, da wird noch mehr draus. – Was ist das? Still! Ja, himmlischer Vater im siebenten Himmel! Es ist so, er arbeitet, jetzt, an dem Tag! Das ist ein Mensch, den kennt niemand aus, und ich kenne ihn doch von Kindheit an, der hat Sachen, auf die gar kein andrer kommt, aber herzensgut ist er. Sag aber niemand was davon, daß er arbeitet; es könnt' ihm üble Nachrede bringen. Hörst du? Auf den Abend holst du das Geschirr, und dann faß dich, daß du auch ordentlich reden kannst; du kannst's doch sonst.« Franzl unterbrach sich, denn Lenz rief unter der Thür: »Franzl, wenn Besuch kommt, ich kann jetzt mit niemand sprechen, außer wenn der Pilgrim kommt. So? Du bist noch da, Kathrine?« »Ich geh' schon,« sagte diese und rannte schnell den Berg hinab. Lenz ging wieder in die Stube, arbeitete unausgesetzt, und Franzl zerbrach sich draußen unausgesetzt den Kopf über den seltsamen Menschen, der just vergehen wollte vor Weinen und jetzt arbeitet. Es kann doch nicht Hartherzigkeit sein und nicht Geiz, aber was ist es denn? »Mein alter Kopf ist nicht gescheit genug,« sagte Franzl und wandte sich nach der Thür, um die alte Lenzin zu fragen, was sie davon denken solle; aber sie schlug sich an die Stirn, da sie sich besann, daß die Mutter ja tot sei. Franzl erschrak ins Herz hinein, da jetzt Besuche kamen, der Lehrer und andre vom Liederkranz, und auch ältere Leute. Sie wies mit bekümmerter Miene alle ab und redete dabei so laut, als ob alle Menschen taub wären; sie hätte allen gern die Ohren verstopft, daß sie Lenz nicht arbeiten hörten. Sie wartete immer auf Pilgrim, der vermag alles über ihn, der wird ihm die Feile aus der Hand nehmen. Aber Pilgrim kam nicht; und jetzt hatte Franzl einen glücklichen Gedanken: sie braucht ja nicht daheim zu bleiben. Sie stellte sich auf den Weg, so weit, daß man Feilen und Hämmern nicht hören konnte, und wer nun des Wegs kam, den wies sie ab. Lenz aber fand in der That Fassung und Beruhigung bei der Arbeit, und erst gegen Abend hörte er auf. Er ging ins Thal hinab, hinter den Häusern vorbei zu seinem Kameraden, dem Schildmaler Pilgrim, aber halbwegs kehrte er wieder um, so plötzlich, als hätte ihn jemand gerufen, und doch war alles still ringsum. Nur die Bachamsel – hier zu Lande Heckegecks genannt – zwitscherte unaufhörlich im Gebüsch, und die Goldammer, auf dem frischen Jahresschoß des Tannenwipfels sitzend, pfiff ihre wenigen Töne und schaute hin und her. Lerchen gibt es hier im Thale und an den Wiesengeländen nicht, sie schwirren nur oben über der Hochebene, wo sich die Kornfelder ausbreiten. Die Wiesen dampften, aber immer nur vorwärts und rückwärts sieht man den leichten Nebel und nie in dem nächsten Umkreis, in dem man steht und geht. Lenz ging thalaufwärts in raschem Schritt, nur als die Sonne hinter der Spannreute unterging und die Nebel im Thale wie feurige Wolken durchglüht standen, hielt er an und sagte: »Sie geht zum erstenmal unter über ihrem Grabe.« Die Abendglocke läutete, er zog den Hut ab und schritt fürbaß. An einer Biegung des Thales stand er still und schaute, von einem Strauche verdeckt, hinauf nach einem einsamen Häuschen. Auf der Bank vor dem Hause saß ein Mann – wir kennen ihn schon, es ist der Uhrmacher Faller – er hielt ein Kind auf dem Schoß und ließ es tanzen, und neben ihm saß seine Schwester, deren Mann in der Fremde ist, und hielt den Säugling an der Brust, ihm das Händchen küssend. »Guten Abend, Faller!« rief Lenz jetzt wieder mit seiner hellen Tenorstimme hinaus. »Ei, du bist's?« tönte es im Baß zurück. »Gerade eben reden wir von dir. Die Lisabeth meint, du wirst jetzt in deiner Trauer uns vergessen, und ich sag': im Gegenteil, er denkt gewiß daran.« »Ja, ich komme eben deswegen. Es ist mir eingefallen, daß ja morgen des Hurgels Haus verkauft wird. Ich will für dich Bürge sein, wenn du es kaufen willst. Ich hab' dich dann auch besser in der Nähe.« »Das ist gut, das ist prächtig! Also du bleibst da?« »Warum nicht?« »Sagen ja die Leute, du gingest jetzt noch auf ein Jahr oder wie lang in die Fremde.« »Wer hat das gesagt?« »Ich glaub', dein Ohm hat's gesagt; ich weiß es aber nicht gewiß.« »So? Kann sein. Wenn ich fortgehe, mußt du in mein Haus ziehen.« »Bleib lieber daheim. Es ist zu spät.« »Und heirat bald,« setzte die junge Frau hinzu. »Ja, dann vergeht einem das Wandern, da ist man angebunden. Schau, Lenz, dir muß es noch gut gehen auf der Welt. Daß du jetzt in deinem Kummer an mich denkst; deine Mutter im Himmel wird dich dafür segnen. Es vergeht keine Minute, wo ich nicht an sie denke. Das hast du von ihr, sie hat auch in allem nur an andre gedacht. Das lohnt Gott!« »Er lohnt's schon. Der Gang zu dir, und was wir miteinander vorhaben, hat mich viel erleichtert. Lisabeth, hast du nichts zu essen? Ich spüre jetzt heut zum erstenmal Hunger.« »Ich will dir ein paar Eier einschlagen.« »Auch recht.« Lenz aß mit großem Appetit, und die Gastfreunde waren ganz glückselig, daß es ihm so schmeckte. Die Mutter Fallers bat, so sehr auch der Sohn abwehrte, Lenz möge ihr etwas Kleider von seiner Mutter schenken. Lenz versprach's. Faller ließ sich's nicht nehmen, er gab ihm ein gut Stück Weges heimwärts das Geleite; aber kaum waren sie zwanzig Schritte vom Hause, als er einen gellenden Pfiff that. Die Schwester fragte, was es gäbe. Er rief ihr zu, daß er diese Nacht nicht heim käme. »Wo willst du bleiben?« fragte Lenz. »Bei dir.« Die beiden Freunde schritten wortlos die Straße dahin, der Mond schien hell, die Eulen im Walde krächzten, aber aus dem Dorf herauf drang fröhlicher Gesang. »Es wäre nicht gut, wenn alles um einen trauerte,« sagte Lenz. »Gottlob, daß jeder für sich lustig und traurig ist.« »Das hat wieder deine Mutter aus dir gesagt,« entgegnete Faller. »Aber halt,« rief jetzt Lenz, »willst du nicht deiner Braut Bescheid sagen, daß du das Häusle kaufen kannst?« »Ja. das möcht' ich. Komm mit. Du wirst eine Freude sehen, wie sie nicht schöner auf der Welt ist.« »Spring du nur allein den Berg hinauf, ich passe jetzt nicht zur Freude, und ich bin grausam müde. Ich warte hier. Jetzt geh schnell und komm schnell wieder.« Faller eilte den Berg hinan, und Lenz saß am Wege auf einem Steinhaufen, und wie sich der Tau jetzt niedersenkte auf Baum und Strauch und Halm, daß alles wieder frisch auflebe, so senkte sich etwas wie reiner Himmelstau auf die Seele des Einsamen. Dort in jenem Berghäuschen, wo es dunkel war, blinkt jetzt ein Licht auf, und Licht und Freude geht auf in den Herzen der Menschen, sie haben so lange gezagt, nun geht die Freude auf. Es gibt keine größere Seligkeit auf Erden als Wohlthun. Faller kam hochatmend wieder und berichtete, wie alles aufgejubelt habe; der alte Vater der Braut habe das Fenster aufgerissen und ins Thal hinausgerufen: »Sei tausendmal gesegnet, du guter Mensch!« und die Braut habe bald geweint, bald hellauf gejauchzt. Die beiden Freunde schritten nun geraume Zeit, jeder still seinen Gedanken folgend, des Weges dahin. Faller hatte einen festen Schritt, in seinem ganzen Behaben war etwas Strammes, Geschlossenes, und indem jetzt Lenz den Gleichschritt mit ihm hielt, richtete er sich unwillkürlich straffer auf. Da, wo es den Berg wieder hinangeht, schaute Lenz einmal um nach dem Kirchhof und seufzte tief. »Mein Vater liegt auch dort, und ich hab' ihn nicht so lang gehabt wie du,« sagte Faller. Lenz ging voraus, den Berg hinan. Was ist denn das Weiße, das sich da oben am Berge bewegt? Wer ist denn noch da? Ist's denn möglich? . . . Es ist nicht wahr, daß die Mutter tot ist! Ja, sie hält's nicht aus, sie kommt gewiß wieder . . . Innerlich bebend starrte der Trauernde drein. »Guten Abend, Lenz!« rief eine Stimme; es ist des Vogtsbauern Kathrine. »Was thust denn du noch da?« »Ich bin bei der Franzl gewesen, sie hat sich unsre Magd geholt, damit sie nicht so allein ist. Sie ist eben alt und fürchtet sich. Ich thät' mich aber gar nicht fürchten, wenn deine Mutter wieder käme. Gut' Nacht, Lenz! Gut' Nacht! Gut' Nacht!« Dreimal sagte Kathrine gut' Nacht, so hatte es Franzl befohlen, denn das hat was zu bedeuten; wer weiß, was daraus wird! Viertes Kapitel. Jeder vor seiner Thür. Der milde Abend nach heißem Tage erlabte die Menschen, die Familien saßen beisammen auf der Bank vor dem Hause, die meisten aber auf dem steinernen Geländer am Brückle; denn wo eine Brücke in einem Orte oder ihm nahe ist, da bildet sich auf ihr der Sammelpunkt für Abendruhe und Abendgespräche. Hier muß nicht nur alles vorbei, was von diesseits und jenseits kommt, das Gemurmel des Baches drunten hilft auch zu fortgesetztem Gespräch. Drunten im Bach lagen verschiedene Hölzer zum Auslaugen, damit die Pflanzensäfte zwischen den Holzfasern herauskommen und dann das Holz beim Verarbeiten zu Uhrengestellen nicht schwinde oder sich werfe; die Menschen oben auf dem Brückle verstanden aber auch das Auslaugen, und zwar in mannigfachster Weise. Man sprach – und das ist viel – noch am Abend von der verstorbenen Lenzin, aber noch mehr davon, daß der Lenz bald heiraten müsse. Die Frauen lobten den Lenz gar sehr, und manches Lob galt auch den Männern zur Mahnung, daß sie sich auch so rühmenswert benehmen sollten; denn wo man das Rechte finde, verstehe man recht wohl, es zu erkennen. Die Männer aber sagten: jawohl, er ist ein braver Mensch, aber – zu weichmütig ist er doch. Die Mädchen – diejenigen ausgenommen, die bereits erklärte Geliebte hatten – schwiegen, zumal da allgemein die Vermutung aufgestellt wurde, Lenz werde eine von des Doktors Töchtern heiraten; ja, einige behaupteten sogar, die Sache sei schon abgemacht und werde alsbald nach der Trauer öffentlich verkündet werden. Plötzlich, man wußte nicht, woher es kam, verbreitete sich von Thür zu Thür und besonders auf dem Brückle das Gerücht, Lenz habe heut, am Begräbnistag seiner Mutter, unausgesetzt gearbeitet. Die Frauen jammerten über den Geiz, der in einem so guten Menschen sein könne; die Männer dagegen suchten ihn zu verteidigen. Bald aber ging das Gespräch auf Wetter und Welthändel über, und das ist ergiebig, denn man weiß weder vom einen noch vom andern, was daraus wird. Es plaudert sich indes behaglich, bis man einander eine ruhsame Nacht wünscht und die Sterne am Himmel und die Händel auf der Welt laufen läßt, wie es ihnen eben gesetzt ist. Am besten ruht sich's doch thalabwärts vor dem schönen, im oberdeutschen Bahnhäuschenstil gebauten Hause, in dem schönen Garten, wo es jetzt in der Nacht wunderbar duftet. Es ist aber kein Wunder dabei, denn hier blühen und wachsen allerlei Apothekerpflanzen. Wir sind im Garten des Doktors, der zugleich auch eine Notapotheke hat. Der Doktor ist ein Kind des Dorfes, Sohn eines Uhrmachers; seine Frau ist aus der Residenz, aber sie ist mit ihrem Manne, der wieder ganz eingewurzelt ist im heimischen Thale, auch hier in vollster Weise daheim geworden, und die alte Mutter des Doktors – man nennt sie die alte Schultheißin – die noch im Hause lebt, sagt oft, sie meine, ihre Schwiegertochter müsse schon einmal auf der Welt gewesen sein, und zwar als Schwarzwälder Kind, so gut und genau wisse sie alles und sei mit allem daheim, und es sei besonders gut von ihr, daß sie lieber Frau Schultheißin heiße als Frau Doktorin. Denn der Doktor ist auch zugleich Schultheiß. Er hat vier Kinder. Der einzige Sohn hat durchaus nicht, wie man sonst meint, wiederum studieren müssen; er hat vielmehr die Uhrmacherei erlernt und ist in der Fremde in der französischen Schweiz. Die drei Töchter sind wohl die vornehmsten im Orte, stehen aber an Fleiß niemand nach. Amanda, die älteste, ist eigentlich Apothekergehilfe des Vaters, und ihr Amt ist es zugleich, den Garten, in dem man viele Heilkräuter zieht, in Ordnung zu halten. Bertha und Minna sind thätig in der Wirtschaft, aber auch emsig, die feinsten Strohgeflechte zu fertigen, die nach Italien wandern und von dort wieder als Florentiner Hüte zurückkommen. Heute abend ist noch ein Fremder bei der Familie, die im Garten sitzt, es ist ein junger Maschinenbauer, im Dorfe nur kurzweg der Techniker genannt – ein Bruder von den beiden Schwiegersöhnen des Löwenwirts, von denen der eine ein reicher Holzhändler in der nahen Amtsstadt, der andre, im untern Schwarzwald, Besitzer einer aus der Nachbarschaft viel besuchten Badeanstalt und eines ansehnlichen Landgutes ist. Man sagt, daß der Techniker die noch einzig übrige Tochter des Löwenwirts, Annele, heiraten werde. »Das ist brav, das gefällt mir, Herr Storr,« sagte der Doktor zu dem Techniker – man hört an der Stimme des Doktors, daß er ein wohlbeleibter Mann sein muß. – »Man muß sich nicht an Berg und Thal erfreuen, unbekümmert um Leben und Treiben der Menschen, die darin wohnen. Die heutige Welt hat viel zu viel von der oberflächlichen unruhigen Reisestimmung. Ich meinesteils spüre gar keine Lust, mich draußen herumzutreiben; ich fühle mich wohl und vollauf begnügt in meinem engen Kreise. Ich habe sogar meine alte Liebhaberei, das Pflanzensammeln, aufgeben müssen oder eigentlich gern aufgegeben, ich bin seitdem den Menschen viel näher. Jeder muß sich in seiner Art in die Teilung der Arbeit fügen; meine Landsleute wollen sich noch nicht drein finden, und das ist der Punkt, woran unsre heimische Industrie krankt.« »Darf ich bitten, daß Sie mir das näher erklären.« »Die Sache ist einfach. Unsre Uhrmacherei ist wie alle Hausindustrie ein natürliches Ergebnis von der geringen Ertragsfähigkeit unsres Landstriches und der Unteilbarkeit der geschlossenen Bauerngüter; die jüngeren Söhne und überhaupt alles, was nur sein Arbeitskapital besitzt, muß einen neuen Wert schaffen, um dafür Brot zu gewinnen. Dazu kommt eine natürliche Begabung, eine genaue und stetige Achtsamkeit, die sich unter uns findet. Unsre Wälder liefern das beste Holz zu Gehäus und Getrieb, und solange noch die alten sogenannten Jockelesuhren guten Absatz fanden, machte ein Uhrmacher – in Gemeinschaft mit der Frau und den Kindern, die das Zifferblatt anmalten – eine Uhr in seinem Hause ganz fertig. Je mehr sich nun aber die Metalluhren einbürgerten und den alten Meister Jockele verdrängten, um so mehr bereitete sich eine Teilung der Arbeit vor. Auch macht man uns in Frankreich, in Amerika und besonders in Sachsen bereits starke Konkurrenz. Wir müssen mehr zu den Stockuhren übergehen, die, wie Sie wissen, nicht durch Gewichte, sondern durch Federkraft bewegt werden. Zu allem dem wäre ein fester Zusammenhalt vonnöten. Die alten Hauensteiner da drüben hatten vorzeiten einen Einungsmeister, und solch eine Art Einungsmeister thut wiederum not; was da zerstreut auf den Bergen lebt, muß sich in eine feste Genossenschaft zusammenfinden, einander in die Hände arbeiten. Das dringt aber bei uns schwer durch. In der Schweiz geht eine Taschenuhr, bis sie fertig ist, durch hundertundzwanzig Hände. Eben die Stetigkeit, die gewiß eine Tugend ist, läßt meine lieben Landsleute schwer zu etwas anderm kommen. Nur durch Genügsamkeit und eine Arbeitslust ohnegleichen ist unsre Industrie bis jetzt möglich gewesen. Es läßt sich da schwer eingreifen; das Stubenhockerische hat bei manchem eine eigene Art feinfühliger Empfindlichkeit erzeugt; sie müssen vorsichtig behandelt werden, ein ungeschickter Griff kann ihr Inneres verletzen, wie ein Uhrwerk verletzt wird, und schlimm ist's, wenn die Kette reißt.« »Ich meine,« entgegnete der junge Mann, »man müßte zunächst auch darauf bedacht sein, den hieländischen Uhren eine gefälligere Form zu geben, so daß sie zugleich auch mehr Zimmerschmuck würden.« »Das wäre gut,« sagte Bertha, die zweite Tochter. »Ich war ein Jahr lang bei der Tante in der Hauptstadt, und wo ich hinkam, traf ich meine Landsmännin, eine Schwarzwälder Uhr, als Aschenbrödel in der Küche. In der guten Stube prangten immer die französischen Pendulen mit allerlei Gold und Alabaster, und sie waren meist unaufgezogen, oder man sagte, sie gingen schlecht; meine Landsmännin aber in der Küche war fleißig und ordentlich.« »Und das Aschenbrödel müßte erlöst werden,« sagte der junge Mann, »aber sie müßte im Prunkgemach ihre Tugend behalten und richtig gehen.« Der Doktor schien auf das Manöver der beiden jungen Leute nicht eingehen zu wollen, denn er begann nun dem Techniker immer mehr von den Sonderheiten der hieländischen Einwohnerschaft zu erzählen; er war lange genug in der Fremde gewesen, um freien Blick dafür zu haben, und war doch wieder eingelebt genug in die Heimat, um die verborgenen Eigenschaften seiner Landsleute zu kennen und zu würdigen; er sprach Hochdeutsch, aber ganz in der Dialektbetonung des Landes. »Guten Abend beisammen,« wurde die Gesellschaft von einem Vorübergehenden angesprochen. »Ah, du bist's, Pilgrim? Wart ein bißchen,« rief der Doktor. Der Grüßende blieb am Zaune stehen, und der Doktor fragte: »Wie geht's dem Lenz?« »Ich weiß nicht. Hab' ihn heute seit dem Begräbnis nicht gesehen. Ich komme aus dem Löwen, wo ich mich dummerweise wegen seiner erzürnt habe.« »So? was gibt's denn?« »Da erzählen sie, der Lenz habe heute den ganzen Mittag gearbeitet, und schimpfen auf ihn und schelten ihn geizig. Der Lenz geizig? Es ist zum Närrischwerden!« »Laß dich's nicht verdrießen, du und ich und noch viele wissen, daß der Lenz ein rechtschaffener, untadeliger Mensch ist. War der Petrowitsch nicht heute beim Lenz?« »Nein. Ich hab's auch geglaubt und bin deswegen nicht zu ihm gegangen. Herr Doktor, ich wollte Sie bitten, wenn Sie morgen Zeit haben, kommen Sie auf einen Sprung zu mir. Ich möchte Ihnen was zeigen, was ich gemacht habe.« »Gut, ich komme.« »Gut' Nacht beisammen.« »Gut' Nacht, Pilgrim. Schlaf wohl.« Der Wanderer ging davon. »Schick mir morgen meine Lieder zurück!« rief ihm Bertha nach. »Ich bringe sie,« antwortete Pilgrim, und bald hörte man ihn in der Ferne schön und kunstreich pfeifen. »Da haben Sie gleich einen besonderen Menschen,« sagte der Doktor zu dem Techniker. »Das ist ein Schildermaler, und ist der beste Freund des Lenz, dessen Mutter man heute begraben hat. Dieser Pilgrim ist ein steckengebliebenes Talent und hat eine merkwürdige Lebensgeschichte.« »Bitte, erzählen Sie.« »Ein andermal, wenn wir allein sind.« »Nein, wir hören's nochmal gern,« riefen Frau und Kinder, und der Doktor begann: Fünftes Kapitel. Pilgrims Fahrten. »Dieser Pilgrim ist der Sohn eines Schildermalers; früh verwaist, wurde er auf Gemeindekosten beim alten Schullehrer erzogen. Er war aber weit mehr oben auf der Morgenhalde beim Uhrmacher Lenz, als beim Schullehrer. Die Frau, die man heute begraben hat, war wie eine Mutter an ihm. Das einzige Kind, das den Leuten verblieben ist, eben der Lenz, der heute gearbeitet hat, ist wie sein Bruder geworden. Der Pilgrim war immer anstelliger und gewandter, der Lenz hat bei aller Tüchtigkeit in seinem Beruf etwas Träumerisches, und wer weiß, ob nicht im Lenz ein Musikgenie und im Pilgrim ein Malergenie steckt! Es ist bei beiden nicht herausgekommen. Sie müssen einmal den Lenz singen hören, er singt den ersten Tenor in dem Liederkranz, und ihm besonders hat es der hiesige Liederkranz zu verdanken, daß er schon zweimal den Quartettpreis beim Musikfest, einmal in Konstanz und einmal in Freiburg, gewonnen hat. Wie nun die beiden halbwüchsige Burschen sind, kommt der Lenz zu seinem Vater in die Lehre und Pilgrim zu einem Schildermaler, aber sie halten doch treu zusammen. An Sommerabenden konnte man die beiden so sicher wie die beiden Brüdersterne am Himmel da oben beisammen sehen; singend und pfeifend wandelten sie miteinander durchs Thal und über die Berge, und an Winterabenden wandelte Pilgrim durch Schnee und Sturm zu Lenz – denn dieser mußte daheim bleiben, er wurde von seiner Mutter etwas verwöhnt, er ist, wie gesagt, das einzige Kind von fünfen – und da lasen sie miteinander halbe Nächte lang, besonders Reisebeschreibungen. Ich habe ihnen manche Bücher geliehen, es war ein großer Wissenstrieb in den beiden Jünglingen. Als Pilgrim sich vom Militär freiloste – Lenz war als einziges Kind von selbst frei – traten sie nun mit ihrem Plan hervor, in die weite Welt miteinander zu ziehen; denn bei aller heimischen Eingesessenheit ist eine große Wanderlust in unserm Volke. Da zeigte sich zum erstenmal ein zäher Eigensinn in dem jungen Lenz, den man gar nicht in ihm vermutet hätte; er wollte durchaus nicht von der Reise abstehen, der Vater wollte ihn auch ziehen lassen, die Mutter aber verzweifelte, und da selbst das Zureden des Pfarrers fruchtlos war, wurde ich angerufen, ich sollte, wenn's nicht anders ginge, dem Lenz ein ganzes Lazarett einreden. Ich suchte natürlich einen andern Weg. Ich hatte von jeher das Vertrauen der beiden Unzertrennlichen, und sie weihten mich willig in alle ihre Plane ein; Pilgrim war der eigentliche Anstifter. Lenz ist bei aller Zartheit der Empfindung eine gesunde praktische Natur, natürlich innerhalb seines Kreises, und er darf nicht wirr gemacht werden, dann trifft er das Richtige mit scharfem Verstand und hat eine Ausdauer bei allem, was er thut, die wie eine Art Andacht ist. Ich werde Ihnen morgen eine Normaluhr zeigen, die er aufgestellt und deren allgemeine Annahme ein Glück für unsre ganze Landschaft wäre. Lenz war eigentlich noch nicht so fest entschlossen, als er seinen Eltern gegenüber Pilgrim darstellen ließ. Lenz wollte, daß Pilgrim vorher ordentlich die Uhrmacherei erlerne, bevor er auf die Handelschaft gehe, denn die Händler müssen natürlich überall Reparaturen machen können an Uhren, die sie vorfinden, und an solchen, die sie mit sich führen; und in der That ging jetzt Pilgrim in die Lehre. Als er aber das Notdürftigste gelernt hatte, war der Reiseplan wieder fix und fertig. In diesem Pilgrim ging gar Verschiedenes vor: bald wollte er die Reise machen, um sich so viel zu erwerben, daß er eine Akademie besuchen könne, bald wollte er auf der Reise selbst ein Künstler werden, bald wieder nur recht viel Geld gewinnen, um mit einem großen Sack voll Geld heimzukommen und den Geldprotzen aufzutrumpfen. Er verachtete eigentlich das Geld, und eben darum wollte er recht viel haben. Daneben, glaube ich, steckte ihm damals eine Liebe im Kopf. Griechenland, Athen, das war das Ziel seiner Reise, und wenn er Athen nur nannte, da glänzen seine Augen, und die Röte seiner Wangen wurde flammend. Athen! sagte er oft, ist es einem nicht, wenn man das sagt, als ob man in einer hohen Halle eine leicht gangbare Marmortreppe hinanstiege? Er stellte sich so etwas vor, wie wenn er durch Einatmen der klassischen Luft ein andrer Mensch, vor allem aber ein großer Künstler werden müßte. Ich suchte ihn natürlich von diesen falschen Vorstellungen zu heilen, und es gelang mir auch so weit, daß er mir versprach, sich auf den Gelderwerb allein zu beschränken, alles andre werde sich dann später finden. Der alte Lenz und ich, wir verbürgten uns für die Waren, die er mitnehmen wollte. Er zog nun allein von dannen, Lenz blieb auf unser Zureden daheim. Ich ziehe wie die Welle vom Schwarzwald zum Schwarzen Meere, sagte Pilgrim oft. Er wollte den Versuch machen, die heimischen Uhren im Orient und in Griechenland einzubürgern, was bisher noch immer nicht so gelungen ist, wie in den nordischen Ländern und in der Neuen Welt. Es ist lustig, wenn Pilgrim erzählt, wie er durch die Länder zog, durch Städte und Dörfer, ringsum behangen mit Schwarzwälder Uhren, die er auf den Straßen erklingen ließ, um und um schauend; aber eben das war's, er hatte zu viel Auge für ganz andre Dinge: auf Sitten und Gebräuche, auf schöne Gebäude und Landschaften. Das ist vom Uebel für einen Handelsmann. So wenig sich das Werk in der Uhr verändert, mag es durch Länder oder über Meere getragen werden, so wenig verändern sich eigentlich unsre Landsleute, die in allen Zonen umherstreifen. Sparen und erwerben, karg leben und sich's erst wieder wohl sein lassen, wenn man mit einem Sack voll Geld daheim ist, darauf geht ihr einziges Sinnen, mag derweil die Welt da ringsum sein, wie sie wolle. Und das ist gut und nötig. Man kann nicht verschiedene Dinge auf einmal im Kopfe haben. Aber jetzt ist es mit dem Sparen und Hausieren auch vorbei. Wir müssen den Markt immer weiter in der Ferne suchen, und der Absatz unsrer Industrie muß mit ständigen Lagern und auf kaufmännische Weise vertrieben werden.« »Kam Pilgrim in der That nach Athen?« »Natürlich, und er hat mir oft gesagt: als die Kreuzfahrer Jerusalem erblickten, hätten sie nicht andächtiger und glückseliger sein können, als er war, da er Athen zum erstenmal erschaute; er rieb sich die Augen, ob's denn auch wahr ist, daß das Athen sei. Die marmornen Statuen sollten ihm winken und ihn grüßen. Er ging klingend durch die Straßen, aber auch nicht eine einzige Uhr verkaufte er in Athen, er litt bittere Not und war endlich glücklich, als er eine Arbeit bekam, aber was für eine! Vierzehn Tage lang konnte er unter dem blauen griechischen Himmel den Lattenzaun eines Biergartens grün anstreichen, im Angesichte der Akropolis.« »Was ist Akropolis?« fragte Bertha. »Erklären Sie ihr das, Herr Storr,« bedeutete der Doktor. Der Techniker schilderte in raschen Umrissen die vormalige Schönheit der Burg von Athen und die nur spärlich verbliebenen Ueberreste; er versprach, wenn er wiederkomme, eine Abbildung zu bringen, dann bat er den Doktor, weiter zu erzählen. »Es ist nicht mehr viel zu berichten,« nahm dieser wieder auf. »Pilgrim brachte es mit genauer Not dahin, die Uhren so zu verwerten, daß er unsrer Bürgschaft nicht zur Last fiel. Es gehörte kein kleiner Mut dazu, wieder in die alten Verhältnisse und noch viel ärmlicher zurückzukehren und sich verspotten zu lassen; aber eben weil er in seinem schwungvollen Künstlersinn die Geldprotzen – das ist ein Lieblingswort von ihm – von oben herab verachtet, zeigte er sich frei und unbefangen und forderte den Spott heraus. Natürlich kam er zuerst auf die Morgenhalde. Man stand dort eben um den Mittagstisch, und alles faltete die Hände, da that der junge Lenz einen Schrei; die Mutter hat oft gesagt, wenn sie ihn noch einmal höre, so sterbe sie. Die beiden Freunde lagen einander in den Armen. Pilgrim war indes schnell wohlgemut und sagte: daheim habe er doch am meisten Glück, da käme er zum gedeckten Tisch; und niemand auf der Welt gönnte es ihm mehr, als die Eltern und der Sohn auf der Morgenhalde. Der alte Lenz wollte Pilgrim ganz ins Haus nehmen, aber dieser lehnte es entschieden ab; er ist ungemein eifersüchtig auf seine Selbständigkeit. Er richtete sich hier in unsrer Nachbarschaft beim Don Bastian eine hübsche Werkstätte ein. Anfangs gab er sich viel Mühe, neue Muster von Uhrenschildern einzuführen – er hat viel Farbe, aber seine Zeichnung ist sehr mangelhaft – er hat es aber besonders darin verfehlt, daß er die Grundform unsres Schwarzwälder Uhrenschildes – das Viereck mit dem aufgesetzten Bogen – verändern wollte. Als er nun sah, daß er mit seinen Neuerungen nicht durchdrang, machte er das Altgewohnte auf Bestellung und ist nun dabei immer heiter und guter Dinge. Sie müssen nämlich wissen, daß die verschiedenen Länder einen ganz besondern Geschmack in Uhrenschildern haben, Frankreich liebt grelle Farbe und das Schild voll bemalt, Norddeutschland, Skandinavien und England mehr ganz einfache Linien, etwas Architektonisches, Giebel, Säulen, höchstens eine Guirlande; die Schilde mit Schäfereien gehen nach dem Vorarlbergischen. Nach dem Orient darf man keine Uhr schicken mit menschlichen Figuren auf den Zifferblättern, nichts als die türkischen Zahlen; erst in neuerer Zeit lassen sie sich auch die römischen Zahlen gefallen. Amerika will gar keine Farbenverzierung, sondern nur Wandkästen mit mehr oder minder Schnitzwerk, hier liegen die Gewichte über Flaschenzügen auf den Seiten des Uhrwerks. Man nennt diese Uhren auch nur Amerikaneruhren. Ungarn und Rußland haben gern Fruchtstücke oder etwas Landschaftliches. Das, was die Kunst schön findet, hat nicht immer Aufnahme, im Gegenteil ist das Verschnörkelte oft am beliebtesten. Wenn Sie das mit der Verschönerung der hieländischen Uhren einmal ausführen wollen, kann Ihnen Pilgrim viel dabei an die Hand gehen, und Sie können ihm vielleicht zu einem Aufschwung in seinem Leben verhelfen, obgleich er dessen kaum bedarf, denn er versteht die seltene Kunst, glücklich zu sein, ohne Glück zu haben.« »Ich bitte Sie, mich mit dem Manne bekannt zu machen.« »Gut. Sie können morgen mit mir gehen, Sie haben gehört, daß er mich einlud; aber kommen Sie recht früh, da können Sie auch noch mit mir über die Berge gehen, ich kann Ihnen schöne Punkte zeigen und viele rechtschaffene Menschen.« Der Techniker sagte herzlich gute Nacht, der Doktor ging mit den Seinen ins Haus. Der Mond stand hell am Himmel, die Blumen dufteten allein für sich in der Nacht, und die Sterne schauten zu ihnen nieder; stille war's überall, nur da und dort, wenn man an einem Hause vorüberkam, hörte man eine Uhr schlagen. Sechstes Kapitel. Die Welt meldet sich. »Guten Morgen, Lenz! Du hast gut geschlafen. Du bist doch noch wie ein Kind; das schläft gut, wenn es sich ausgeweint hat.« So tönte der Grundbaß Fallers am Morgen, und Lenz sagte: »O Kamerad, aufwachen, so wieder aufwachen und sich erinnern, was am gestrigen Tag geschehen ist – das Elend ist neu. Aber ich muß mich jetzt fassen. Ich will dir gleich die Bürgschaft schreiben. Geh damit zum Schultheiß, eh' er davonreitet, und sag ihm auch einen Gruß von mir. Jetzt fällt mir's eben ein, ich habe von ihm geträumt. Wenn du kannst, geh auch zum Pilgrim und sag, ich warte daheim auf ihn. Glück zu deinem Haus. Es thut mir wohl, daß du jetzt einen eigenen Unterschlupf hast.« Faller ging mit der Bürgschaft ins Thal, und Lenz setzte sich zur Arbeit, vorher aber zog er noch eine der Spieluhren auf und ließ den Choral spielen. Er nickte mehrmals, während er an einem Rade feilte; das Stück geht gut, es war auch ihr – der Mutter – Lieblingsstück, dachte er vor sich hin. Die große Spieluhr mit zierlich geschnitztem Nußbaumgehäuse, so groß wie ein mäßiger Kleiderschrank, hieß »die Zauberflöte«, denn die Ouvertüre dieser Oper war neben fünf andern Stücken, die drein gesetzt waren, ihr Hauptstück. Sie war bereits verkauft in ein großes Theehaus nach Odessa. Ein kleineres Werk stand daneben, und an einem dritten arbeitete Lenz. Er arbeitete unablässig bis Mittag. Er war sehr hungrig. Als er sich aber jetzt allein zu Tisch setzen sollte, schien ihm aller Hunger zu vergehen. Er bat die alte Magd, daß sie sich wie zu Lebzeiten der Mutter zu ihm setze. Sie that sehr zimperlich und verschämt, mit einem jungen Manne so allein. Sie selbst ließ sich aber doch endlich dazu bewegen, und schon nach der Suppe sagte sie: »Eigentlich solltest du gar nicht heiraten.« »Wer sagt denn, daß ich heiraten will?« »Ich meine, wenn du heiratest, solltest du des Vogtsbauern Kathrine heiraten, die ist aus einem rechtschaffnen Haus, und sie ehrt dich, sie schwört nicht höher als bei dir. So eine Frau wäre recht. Es wäre schrecklich, wenn du eine bekämst, bei der du den Schuhputzer machen müßtest. Die Mädle sind ja heutigentags so . . . so bräuchig und wollen nichts als prächteln und sich anputzen.« »Ich denke nicht auf Heiraten und am wenigsten jetzt.« »Hast auch recht. Es ist nicht nötig. Besser kriegst du's nicht, glaub mir. Und ich weiß, wie du's gewöhnt bist von jeher, und ich will dir alles so verrichten und halten, daß du meinen sollst, deine Mutter wäre noch auf der Welt. Nicht wahr, die Bohnen schmecken dir gut? Ich hab's von deiner Mutter gelernt, sie so zu machen, ganz so. Sie hat alles verstanden, vom Größten bis zum Kleinsten. Wirst sehen, du wirst vergnügt sein, seelenvergnügt, wenn wir bei einander sind.« »Ja, Franzl,« sagte Lenz, »ich glaube nicht, daß es so bleiben wird.« »So? Hast du schon eine auf dem Korn? Schau einmal an! Meint man, der Lenz habe nichts im Kopf, als seine Uhren und seine Mutter! Wenn's nur eine aus einem rechten Haus ist. Wie gesagt, des Vogtsbauern Kathrine, das gibt eine Frau für Sonntag und Werktag, die kann in Haus und Feld schaffen und kann spinnen, man meint, sie müsse das Stroh vom Dach herunter spinnen. Sie schwört nicht höher als bei dir, und alles, was du thust, und alles, was du sagst, ist für sie ein Heiligtum. Sie sagt immer: vom Lenz kommt nur Gutes, und wenn's auch den Anschein hat, daß es anders ist, wie dein Arbeiten gestern. Und sie hat ein schönes Vermögen und noch ein besonderes Muttergut, da kann man einmal ein Kind drauf setzen, und das kann sich ganz gut nähren.« »Franzl, vom Heiraten ist ja gar keine Rede. Ich hab' im Sinn – ich weiß noch nicht, es ist möglich – vielleicht verkaufe oder verpachte ich mein ganzes Anwesen und gehe noch in die Fremde.« Franzl sah starr auf Lenz und brachte den Löffel nicht mehr aus dem Teller nach dem Munde. Lenz fuhr fort: »Ich werde dich versorgen, Franzl, du sollst keine Not leiden; aber ich meine, ich bin noch nie in der Welt draußen gewesen, und ich möcht' einmal hinaus und auch was sehen und erleben, und vielleicht bringe ich's in meiner Kunst noch weiter, und wer weiß – – –« »Ich will da nichts drein reden,« sagte Franzl, »ich bin ein dummes Mädle, wenn auch sonst wir Knuslinger dafür bekannt sind, daß wir nicht auf den Kopf gefallen sind. Was weiß ich viel von der Welt! Aber so viel weiß ich doch, ich hab' nicht umsonst siebenundzwanzig Jahre da gedient. Ich bin ins Haus gekommen, wie du vier Jahre alt gewesen bist. Und du bist das jüngste und auch das liebste Kind im Hause gewesen. Und deine Geschwister unterm Boden – jetzt aber, das habe ich dir nicht sagen wollen. Ich bin siebenundzwanzig Jahre bei deiner Mutter gewesen. Ich kann nicht sagen, daß ich so gescheit bin, wie sie; wo gibt's eine weit und breit, von der man das sagen kann? Das steht nimmermehr auf, so lang die Welt steht. Aber ich weiß doch viel von ihr. Und wie oft hat sie gesagt: Franzl, hat sie gesagt, da rennen die Menschen in die Welt hinaus, wie wenn da draußen, da drüben über dem Rhein oder gar überm Meer das Glück auf der Gasse herumliefe, und: Ei schönen guten Morgen, Hans und Michel und Christoph, freut mich, daß du kommst, sagt er zum Hans und zum Michel und zum Christoph. Franzl, hat deine Mutter gesagt, wer's daheim zu nichts bringt, bringt's auch draußen zu nichts, und überall, wo man hinkommt, sind auch schon Menschen, und wenn's Gold regnen thät', thäten sie's schon aufheben und nicht warten, bis die Fremden kommen. Und was für ein Glück kann man machen in der Welt? Mehr als essen, trinken und schlafen kann man nicht. Franzl, hat sie gesagt, mein Lenz, der hat auch – verzeih mir's, deine Mutter hat's gesagt, ich sag's nicht aus mir selber – mein Lenz, der hat auch die Narrenspossen mit dem Wandern im Kopf, aber wo kann er's besser kriegen? Und er ist kein Mensch für die wilde Welt. Da muß man ein Ausrauber sein, wie der Petrowitsch, ein ausgeschämter, knickriger, habgieriger, unbarmherziger Mensch, heißt das, wenn ich ehrlich sein soll, sie hat das nicht gesagt, sie hat auf niemand was gesagt; aber ich denk's und ich sag's. Und dann hat sie mir oft ans Herz gelegt: Schau, wenn mein Lenz hinaus käm', der schenkte das Hemd vom Leib weg, wenn er einen Bedürftigen sieht, er ist gar leidmütig, und wer nur will, kann ihn betrügen. Franzl, hat sie gesagt, wenn ich nicht mehr auf der Welt bin und die Wandersucht kommt wieder über ihn, Franzl, hat sie gesagt, häng dich an seinen Rock und laß ihn nicht fort; heißt das, lieber Gott, das thu' ich nicht, wie kann ich das? Aber sagen darf ich's dir, ich muß es, sie hat mir's auf die Seele gebunden. Sieh dich einmal um, da hast du ein eingerichtetes Haus, hast deine gute Nahrung, bist geehrt und bist geliebt, und wenn du hinaus kommst in die fremde Welt, wer kennt dich? Wer weiß, daß das Lenz von der Morgenhalde ist? Und wenn du keine Herberge hast und mußt im Wald übernachten, wie oft wirst du denken: O, lieber Gott! und ich habe ein Haus gehabt und sieben aufgerichtete Betten und Geschirr genug und ein Fäßchen Wein im Keller . . . Soll ich dir nicht ein Schöpple holen? Wart, ich hol'! Wenn man traurig ist, muß man Wein trinken. Tausendmal hat's deine Mutter gesagt: das heitert auf, und da kriegt man andre Gedanken.« Schnell eilte Franzl zur Thür hinaus und in den Keller und kam bald mit einem Schoppen Wein. Lenz that es nicht anders, sie mußte auch für sich ein Glas holen. Er schenkte ihr ein und stieß mit ihr an, sie nippte nur verschämt, nahm aber beim Abräumen doch das Glas Wein mit in die Küche. Lenz arbeitete wieder fleißig, bis es Abend wurde. War's der Wein oder sonst was, er war unruhig bei der Arbeit und mehrmals nahe daran, das Handwerkszeug wegzulegen und irgend wohin auf Besuch zu gehen. Aber er dachte wieder, er dürfe nicht ausgehen, es kämen gewiß gute Freunde, die ihn in seiner Einsamkeit trösteten; sie sollten ihn zu Hause finden. Es kam aber niemand als der Pröbler. Er war dem Lenz besonders gut, weil er einer der wenigen war, die ihn nicht verspotteten und ihn nicht darüber auslachten, daß er sich nicht dazu bringen konnte, eines seiner Kunstwerke zu verkaufen, er verpfändete sie nur, bis er sie nicht mehr einlösen konnte, und man sagte: der Löwenwirt, der als Packer – wie man die eigentlichen Kommissionäre und Großhändler nennt – große Geschäfte machte, verdiene ein schön Stück am Pröbler, der seine Hauptwerke bei ihm verpfändet hatte. Lenz hörte dem alten Pröbler sogar immer ganz aufmerksam und ernst zu, wenn er ihm darthat, daß er nichts Geringeres herstellen könne, als das perpetuum mobile , es fehlte ihm weiter nichts dazu, als die zweiundvierzig Diamanten, auf denen das Werk gehen muß. Dafür hatte ihm der Pröbler auch gern geholfen, die Normaluhr herzustellen, nach der die ganze Gegend arbeiten sollte, und Lenz erzählte überall offen, daß der Pröbler ein Gutes dazugethan habe, denn er drang darauf, die Normaluhr in fünferlei Kaliber vorzurichten. Heute kam aber der Pröbler nicht wegen einer neuen Entdeckung und nicht wegen des perpetuum mobile , er bot sich vielmehr Lenz – nachdem dieser die pflichtgemäße Prise genommen – als Unterhändler an, wenn er heiraten wolle. Er führte ihm eine ganze Reihe heiratsfähiger Mädchen vor, darunter auch die des Doktors, und schloß: »Alle Häuser stehen dir offen, du bist nur zu scheu. Sag mir nur ehrlich, wo deine Gedanken hingehen, ich will schon machen, daß man dir halbwegs entgegenkommt.« Lenz gab kaum eine Antwort, und der Pröbler ging davon. Daß er auch eine von des Doktors Töchtern bekommen könne, beschäftigte Lenz doch eine Weile. Es waren drei prächtige Kernmädchen. Die älteste hat etwas gar Bedächtiges, fast mütterlich Sorgliches, und die zweite konnte so vortrefflich Klavier spielen und singen. Wie oft hatte Lenz vor dem Hause gestanden und ihr zugehört! Die Musik war eigentlich seine einzige Leidenschaft, und er hatte eine wahre Sehnsucht nach Musik, wie ein Durstiger nach einer Wasserquelle. Wie wär's, wenn er eine Frau bekommen könnte, die gut Klavier spielte? Sie müßte ihm alle Stücke vorspielen, die er in seine Uhren setzt, und die sollten dann noch einen ganz andern Klang bekommen. Aber nein, aus einem so vornehmen Haus kannst du keine Frau brauchen, und eine, die gut Klavier spielt, kann nicht Haus und Feld und Stall besorgen, wie die Uhrmachersfrauen müssen. Und überhaupt, du wartest noch ruhig. – Als es zu dämmern begann, zog sich Lenz an und ging ins Thal. Alle Häuser stehen dir offen, hat der Pröbler gesagt. Alle Häuser? Das ist sehr viel, just so viel, wie gar keins. Wenn man nicht in ein Haus treten kann und die Menschen bleiben in ihrer Ordnung; du gehörst dazu, kein Blick, keine Miene fragt: was kommst du daher? Was magst du wollen? Was geht vor? Wenn du nicht heimisch bist, dann hast du eben gar kein Haus. Und wie jetzt Lenz das ganze Dorf hinauf und hinab, eine Stunde weit, in Gedanken von Haus zu Haus ging, man wird ihm überall mit Freuden die Hand reichen, aber er ist eben nirgend daheim. Doch, doch, er hat einen Freund, da ist er daheim, gerad' so viel wie in seiner eigenen Stube. Der Schildermaler Pilgrim hat ihn gestern vom Leichenbegängnis heimbegleiten wollen, aber als sich ihm der Ohm Petrowitsch anschloß, blieb Pilgrim zurück, denn Petrowitsch verachtete den Pilgrim, weil er ein armer Teufel, und Pilgrim verachtete den Petrowitsch, weil er ein reicher Teufel war. Also zum Pilgrim gehst du. Pilgrim wohnte thalabwärts beim Don Bastian, so nannte ihn Pilgrim. Es war dies ein ehemaliger Uhrenhändler, der sich durch einen zwölfjährigen Aufenthalt in Spanien ein beträchtliches Vermögen erworben hatte. Nach seiner Heimkunft kaufte er sich ein Bauerngut, zog wieder Bauernkleider an und hatte außer dem Gelde nichts von seiner spanischen Reise behalten, als ein paar spanische Worte, die er zuzeiten gern verwertete, besonders im Hochsommer, wenn die Weltläufer aus allen Gegenden heimkehrten. Siebentes Kapitel. Wirtstöchterlein schenkt ein. In der großen Gaststube zum Löwen saß ein junger Mann ganz allein vor dem wohlgedeckten Erkertisch und aß mit dem guten Behagen, wie es eben einem stattlichen jungen Manne in der Mitte der zwanziger Jahre nach einer vollen Tageswanderung über Berg und Thal zusteht. Nur manchmal betrachtete er wie träumend das überaus schwere silberne Besteck. Das ist noch aus guter alter Zeit, wo man noch nicht alles zinstragend ausnutzte. Jetzt steckt sich der junge Mann – es ist der Techniker, mit dem wir gestern abend beim Doktor gesessen – eine Zigarre an und bürstet mit einem Taschenbürstchen seinen hellbraunen, vollen Bart; sein Antlitz ist markig, eine große, stark vorgewölbte Stirn schaut hell aus dem braunen Haare heraus; die blauen Augen liegen etwas tief und haben einen Ausdruck herzlicher Innigkeit, die Wangen sind voll und frisch. Ein kühles Abendlüftchen zieht durch das geöffnete Erkerfenster und nimmt die blauen Tabakswölkchen schnell mit fort. »So, Sie rauchen schon, Herr Kurt? Also wollen Sie nichts mehr essen?« sagte ein eintretendes, äußerst säuberlich gekleidetes Mädchen, das eine weiße Schürze mit Brustlatz trug; die Gestalt war schlank und biegsam, leicht beweglich, das längliche und dabei vollwangige Gesicht hellfarbig, braune Rehaugen schauten klug drein, und auf dem Haupte saß eine Krone von dreifachen schweren braunen Flechten. Mit leichtem Redefluß fuhr das Mädchen fort: »Sie müssen fürlieb nehmen. Wir haben nicht mehr geglaubt, daß Sie so spät noch zu Mittag essen.« »Es war alles vortrefflich. Setzen Sie sich ein wenig zu mir, Jungfer Schwägerin.« »Gleich, wenn ich abgeräumt habe. Ich kann mich nicht setzen, wenn alles so herumsteht.« »Ja, bei Ihnen muß alles nett und aufgeräumt sein, wie Sie selber.« »Danke fürs Kompliment. Freut mich, daß Sie nicht alles verausgabt haben bei des Doktors.« »Kommen Sie ja gleich wieder, ich hab' Ihnen viel zu erzählen.« Der junge Mann saß wieder eine Weile allein, dann kam das Wirtstöchterlein, setzte sich zu ihm gegenüber mit einem Strickzeug und sagte: »Nun, so erzählen Sie.« Der junge Mann berichtete, daß er heute den Doktor auf seinen ärztlichen Besuchen über Berg und Thal begleitet habe, und wußte nicht genug zu rühmen, welche tiefe Einblicke er in das Leben der Menschen hier gethan; da lebe man noch, wie der Doktor gesagt habe, aus dem ff, fleißig und fromm, und das letztere ohne alle Bigotterie. »Wir waren auch heute in drei, vier Wirtshäusern,« sagte er; »sonst, wenn man an einem Sommermittag in ein Dorfwirtshaus kommt, trifft man in der Regel einen verkommenen Menschen, der sich nun den Garaus gibt auf der Bank hinter einem Tische, im Halbschlaf bei seinem welken Bier oder Schnaps, und der Elende glotzt die Ankommenden an und prahlt und schimpft in irgend einer Weise auf die Welt halb verständlich. Das habe ich anderwärts oft gesehen, hier aber nirgends.« »Ja,« sagte Annele, »unser Schultheiß, der Doktor, ist streng gegen Trunkenbolde, und wir geben von selber hier im Hause nie einem etwas.« Mit wahrer Ueberschwenglichkeit schilderte nun der Techniker das Wesen des Doktors; wo er hinkam, da war's, als ob der Tag noch heller würde, und selbst in die Hütten der Armut brachte seine treuherzige Natur etwas wie Sättigung, und die Zuversicht, die in seinem Wesen wie in jedem Worte lag, gab überall frischen Mut. Die Zuhörerin schien etwas in Verlegenheit bei dieser begeisterten Schilderung, und sie sagte nur, indem sie eine Stricknadel an die Lippen preßte: »Ja wohl, der Doktor ist ein wahrer Menschenfreund.« »Er ist auch Ihr Freund, er hat gut von Ihnen gesprochen.« »So? Hat er das? Das darf er aber nur draußen auf Feldwegen; daheim darf er nicht gut von mir reden. Das leiden seine fünf Weibsleute nicht. Nein, die alte Schultheißin muß ich ausnehmen, die ist seelengut.« »Die andern nicht? Ich hätte geglaubt –« »Ich will nichts gegen die Leute sagen. Ich sag' gegen niemand was. Ich hab's, gottlob! nicht nötig, daß ich mir aus Schimpf über andre mein Lob holen muß, aus fremder Haut Riemen schneide, wie die alte Lenzin ein Sprichwort gehabt hat. Es gehen tausend Menschen bei uns aus und ein, die können auf allen Straßen berichten, wer man ist, und ein Wirtshaus ist ein offenes Haus, da kann man nicht wie andre Leute jetzt auf zwei Tage, so lang ein Besuch da ist, ein Haus säuberlich herrichten und friedlich miteinander thun, und nachher ist wieder eine Hudelwirtschaft, und eines möchte dem andern die Augen auskratzen, und wenn man weiß, daß jemand vorbeigeht, singt man wieder oder setzt sich mit der Arbeit an den Weg und thut schön. Ich will aber gegen niemand was gesagt haben, ich will nur ermahnen, du solltest nicht so obenauf – Verzeih, wenn ich so bei Ihnen bin, da meine ich immer, es wäre der Bruder, mein Schwager, und da kommt das Du heraus.« »Ich habe nichts dagegen, wir wollen du zu einander sagen.« »Nein, um Gottes willen nicht. Wenn noch so was gesagt wird, bleib' ich nicht da sitzen. Wo nur der Vater bleibt?« sagte das Wirtstöchterlein errötend. »Ja, wo ist denn der Vater?« »Er ist in Geschäften aus, er kann jede Minute kommen. Wenn er nur einmal das Geschäft aufgäbe! Wozu braucht er sich noch so anzustrengen? Aber er kann nicht leben ohne das, und er sagt immer: Geschäft aufgeben, da stirbt man bald; das Sorgen und Wachen und Denken und Schaffen, das hält frisch. Und wahr ist's, ich kann mir's nicht denken, wie man mit gesunden Gliedern am Morgen hinsitzen und Klavierspielen oder für nichts und wieder nichts im Haus herumträllern kann: etwas thun und flink aus der Hand, das hält frisch. Freilich, wenn man's in Geld rechnet, ist's nicht viel, was wir Weibsleut' verdienen, aber erhalten und hausen ist auch was wert.« »Ja wohl,« sagte der Techniker, »es ist hierzulande eine schöne Arbeitsausdauer; die meisten Uhrmacher arbeiten vierzehn Stunden täglich. Das ist hoch ehrenwert.« Das Mädchen sah ihn betroffen an; was soll denn das immer mit den einfältigen Uhrmachern? Hat er nicht verstanden oder nicht verstehen wollen, wohin man abzielt? Es trat eine Pause ein, bis der Techniker wieder fragte: »Wo ist Ihre Mutter?« »Sie ist im Garten beim Bohnenbrechen, da läßt sie sich nicht abrufen. Kommen Sie, wir wollen zu ihr.« »Nein, wir wollen hier bleiben. Nun, Jungfer Schwägerin, so darf ich doch sagen: ist nicht die älteste Tochter des Doktors, die Amanda, ein braves, feines Mädchen?« »Die? Warum soll sie nicht brav sein? Alt genug ist sie dazu, und wenn sie sich nicht so ein geschicktes Mieder aus der Stadt verschriebe, könnte man ihren hohen Rücken sehen.« Das Wirtstöchterlein biß sich auf die Lippen: das war dumm, was du da gesagt; weil er nach Amanda fragt, hat ihm die Bertha in die Augen gestochen. So ist's. Sich zusammennehmend, setzte sie daher hinzu: »Die Bertha aber, das ist ein lustiges –« »Ja wohl, ein prächtiges Mädchen,« fiel der Techniker ein; dem Wirtstöchterlein fiel eine Nadel unter den Tisch, er hob sie auf. Dem jungen Mann schien es auch unlieb, daß er so herausgeplatzt war, er sagte daher jetzt: »Gestern abend hat mir der Doktor viel von dem Pilgrim erzählt.« »Was ist da viel zu erzählen? Der Doktor kann nur aus allem was machen.« »Wer ist denn der Petrowitsch? Sie sagten mir, Ihr wüßtet alles von ihm.« »Nicht mehr, als was jeder weiß. Er ißt jeden Mittag bei uns und bezahlt jeden Mittag. Es ist ein eigensinniger alter Kracher, steinreich, aber auch steinhart. Er ist viele, viele Jahre in der Fremde gewesen und nimmt sich um gar keinen Menschen an. Nur ein einziges hat er, woran er Freude hat, das ist die Kirschenallee, die da thalab nach der Stadt zu führt; früher sind da verhutzelte Bäume gestanden, und der Petrowitsch –« »Warum heißt er Petrowitsch?« »Er heißt eigentlich Peter, aber weil er da drunten, ich glaub' bei den Serben, gewesen ist, heißt man ihn hier den Petrowitsch.« »Erzählt weiter, was ist das mit der Allee?« »Ja, der Petrowitsch ist immer mit einem Messer in der Hand spazieren gegangen und hat den Bäumen am Weg die überschüssigen Triebe abgeschnitten, und da hat ihn einmal der Wegknecht als Baumfrevler verhaftet, und da hat er eine ganz neue Kirschenallee pflanzen lassen auf seine Kosten, und schon sechs Jahre läßt er jetzt die Kirschen unreif herunterthun, damit die Bäume von den Dieben nicht beschädigt werden, und die Bäume sind auch schön gewachsen. Um Menschen nimmt er sich aber gar nichts an. Schaut, da geht sein einziges Bruderkind, der Lenz von der Morgenhalde; er kann sich nicht rühmen, daß er von seinem Ohm hat, was man in einem Aug' leiden kann.« »So, das ist der Lenz? Ein hübscher Mensch, ein feines Gesicht, ich hab' mir ihn so gedacht. Geht er immer so gebückt?« »Nein, nur jetzt, er ist in Trauer um seine Mutter. Er ist ein guter Mensch, freilich ein bißle gar zu weichmütig. Wenn es jetzt da hinausgeht, weiß ich, daß zwei Augen aus einem Haus mit wilden Reben nach ihm ausschauen und ihm hereinwinken möchten, und die Augen gehören der Bertha.« »So? Haben die ein Verhältnis miteinander?« sagte der Techniker, und seine weiße Stirn wurde rot. »Nein, das hab' ich ja nicht gesagt. Sie möcht' ihn freilich gern haben, er hat ein schönes Vermögen, und sie hat nichts als einen schönen Strohhut und zerrissene Strümpfe.« Das Wirtstöchterlein, oder, wie es eigentlich heißt, das Löwen-Annele, frohlockte innerlich: »So, Euch ist doch wenigstens die Supp' versalzen!« Ueber diesen Gedanken vergaß sie ihren eigenen Aerger. Der Techniker sagte, daß er noch einen Gang ins Freie machen wolle. »Wohin denn?« »Da hinauf nach der Spannreute.« »Da ist's schön, aber jäh wie an einem Dach.« Der Techniker ging weg. Annele eilte in den Berggarten hinter dem Hause und sah ihm von dort aus nach. Er ging in der That eine Strecke bergauf, bald aber kehrte er um und ging schnellen Schritts thalabwärts, nach dem Hause des Doktors. »Geh zum Teufel,« sagte sie vor sich hin, »von mir kriegst du kein gutes Wort mehr!« Achtes Kapitel. Die Selige zeigt sich, und eine neue Mutter spricht. »Er ist nicht daheim,« rief die Frau des Don Bastian dem Lenz zu, als er die Bergwiese heraufkam. »Er ist wahrscheinlich zu dir. Bist du ihm nicht begegnet?« »Nein. Ist sein Zimmer offen?« »Ja wohl.« »Ich geh' ein bißchen hinauf.« Lenz ging nach der wohlbekannten Stube; als er die Thür öffnete, sank er fast zu Boden. Seine Mutter stand da und lächelte ihn an. Schnell aber besann er sich und dankte im Herzen dem Freunde, der, noch ehe die Erinnerung verwischt, die lieben, guten, innigen Züge festhielt. Ja, ja, so hat sie drein gesehen. Er ist und bleibt meine gute Seele. Weil er nicht hat bei mir sein können, hat er mir derweil etwas Gutes gethan. Ja, und das Beste, das Beste, was du mir hättest thun können. Lange und unverrückt schaute Lenz in das geliebte Antlitz. Die Augen gingen ihm über, aber er schaute immer wieder hin. So lang' mir ein Aug' offen steht, werde ich dich nun sehen, aber hören – wenn ich dich nur hören könnte! O, wenn man nur auch die Stimme eines Toten sich zurückrufen könnte! . . . Er konnte sich nur schwer von dem Zimmer trennen. Es war ihm so wunderbar, seine Mutter so allein zu lassen, und sie sieht immer drein, und niemand sieht sie an . . . Erst als es Nacht wurde, nichts mehr zu sehen war, ging er fort, und unterwegs sagte er sich: So, jetzt muß das Trübselige aufhören. Still in mir behalt' ich's, was ich habe, aber die Welt soll nicht sagen, daß ich nicht feststehe. – Am Hause des Doktors hörte er Musik; die Fenster waren offen, und eine Männerstimme sang in kräftigem Bariton fremde Lieder. Die Stimme ist nicht aus dem Thal. Wer mag das sein? Wer' s auch sei, schön ist's. Jetzt sagte der Fremde: »Nun, Fräulein Berthe, nun singen Sie mir aber auch.« »Nein, Herr Storr, ich kann jetzt nicht. Wir müssen jetzt zum Abendessen. Später singen wir noch zusammen. Sehen Sie derweil das durch.« Die Erinnerung an das Abendessen und der Vorsatz, frisch zu leben, schien auf einmal Hunger und Durst in Lenz geweckt zu haben, und er faßte sogleich einen mutigen Gedanken. Du gehst in den Löwen, sagte er sich und schritt sicher und hoch aufgerichtet in das Dorf hinein. »Ei, guten Abend, Lenz, das ist schön, daß du in deiner Trauer an die guten Freunde denkst! Es ist noch keine Minute, daß ich deinen Namen ausgesprochen hab', und wenn du heute dagewesen wärst, den ganzen Tag ist von dir gesprochen worden, von allen Menschen, die aus und ein gegangen sind. Hast nichts gespürt im rechten Ohr? Ja, guter Lenz, dir wird sich's im Leben bezahlen, was du an deiner Mutter selig gethan hast. Und deine Mutter, du weißt's ja, wir sind die besten Freundinnen gewesen, leider Gottes haben wir uns nur wenig gesehen, sie ist nicht gern fort vom Haus und ich auch nicht – – – Willst ein Schöpple Neuen oder Alten trinken? Trink du Neuen, er ist gar gut und geht nicht so ins Geblüt. Du siehst so erhitzt aus, so rot. Ja, natürlich, wenn man so eine Mutter verloren hat. Ich will nichts sagen, aber . . .« Die Löwenwirtin, die so auf Lenz hineinsprach, winkte mit der Hand, anzeigend, sie könne vor Rührung nicht weiterreden. Endlich fuhr sie fort, indem sie Glas und Flasche auf den Tisch stellte: »Was wollen wir machen? Wir sind sterbliche Menschen; deine Mutter ist einundsiebzig Jahre alt geworden, das ist ein volles Jahr als Zuwage, und morgen kann ich fort müssen, wie deine Mutter. Mit Gottes Hilfe werde ich meinen Kindern auch einen guten Namen hinterlassen. Freilich, mit deiner Mutter kann sich keins vergleichen. Aber darf ich dir jetzt etwas raten? Ich mein's gewiß gut mit dir.« »Ja, ja, ich höre gern einen guten Rat.« »Ich hab' dir nur sagen wollen, du hast so ein weiches Gemüt, laß dich nicht von der Trauer übermannen. Gelt, du nimmst mir's nicht übel?« »Nein, nein, was kann ich denn da übelnehmen? Im Gegenteil, ich sehe jetzt erst, wie viel gute Freunde meine Mutter gehabt hat, und wie ich sie von ihr erbe.« »O, du verdienst's schon allein; du bist ja –« »Ei, Grüß' Gott, Lenz!« wurde die Löwenwirtin plötzlich von einer hellen, jugendlichen Stimme unterbrochen, und eine volle runde Hand bot sich Lenz dar, und das Gesicht, zu dem die Hand gehörte, war ebenso voll. Es war das Löwen-Annele, das mit Licht in die Stube kam, es wurde auf einmal hell, und zur Wirtin gewendet sagte sie: »Mutter, warum habt Ihr mir's nicht sagen lassen, daß der Lenz da ist?« »Ich darf auch noch mit einem jungen Mann in der Dämmerung reden, du bist's nicht allein . . .« erwiderte die Mutter, eigentümlich lachend. Der Spaß schien Lenz gar nicht zu gefallen, und Annele fuhr fort: »O, guter Lenz, du mußt mir's ansehen, wie ich heute und gestern geweint hab' um deine Mutter. Es liegt mir noch in den Knieen. Solche Menschen sollten gar nicht sterben, und wenn man denkt, daß so viel Gutes, wie sie geschafft, auf einmal nicht mehr da – man könnte sich hintersinnen. Ich kann mir's denken, wie's dir in deiner Stube ist. Du schaust in alle Ecken, du meinst, die Thür müsse aufgehen; es kann gar nicht sein, daß sie dir das anthun kann, daß sie nicht mehr da ist: sie muß hereinkommen. O, lieber Gott! Lenz, den ganzen Tag habe ich mir denken müssen: Der gute Lenz, wenn ich's ihm nur abnehmen könnte! Ich möchte ihm gern ein Stück abnehmen können davon. Du bist heute mittag ganz sicher hier erwartet worden zum Mittagessen. Dein Ohm hat dich erwartet. Und wenn man ihm sonst auf den Glockenschlag anrichten muß, hat er heute gesagt: Annele, wart nur, stell's noch ein wenig hin; mein Lenz wird kommen, er wird doch nicht allein da oben sitzen bleiben. Und der Pilgrim hat wieder gesagt, du kämst zu ihm, du würdest mit ihm essen; du weißt, der Pilgrim ißt mit uns, er ist mir wie ein Bruder. Und an dem hast du einen Freund, o, einen ganz echten. Deinem Ohm, dem muß man allein decken an seinem Tischchen, ich muß mich zu ihm setzen und mit ihm plaudern. Er ist ein gespaßiger Mann, aber gescheit, gescheit wie der helle Satan. Jetzt, morgen mußt du zum Essen kommen. Sag, was ißt du denn gern?« »Ich hab' zu gar nichts rechten Appetit. Mir wär's am liebsten, wenn ich jetzt acht Tage immer schlafen könnte, immer nur schlafen und nichts von mir wissen.« »Das wird sich schon ändern. – Ja, ich komme gleich!« rief Annele nach einem andern Tisch, wo eben Fuhrleute angekommen waren. Sie brachte den Fuhrleuten schnell Essen und Trinken und stellte sich wieder zu Lenz hinter dessen Stuhl. Während sie den andern Gästen Antwort gab, hielt sie die Hand auf die Stuhllehne des Lenz, und diesen durchzuckte es gar wundersam, als ob ein elektrischer Strom durch den ganzen Körper ginge. Jetzt aber brachte ihm das Essen der andern wieder seinen eigenen Hunger ins Gedächtnis, und flink wie der Blitz war Annele in der Küche und wieder da und breitete feines Linnen vor Lenz aus und stellte ihm das Besteck so appetitlich hin und sagte mit so herzlicher Stimme: »Gesegn' dir's Gott!« daß es Lenz gar wohl mundete. Ja, so flink und nett wie Annele gibt's doch nicht leicht mehr ein Mädchen. Schade, daß sie die ganze Welt am Narrenseil herumführt, sie weiß Schlag auf Schlag zu antworten und versteht Gespräche aufzubringen und in Gang zu halten, das bricht nicht ab. Lenz hatte den ersten Schoppen ausgetrunken, sie brachte schnell einen neuen und schenkte ihm ein. »Nicht wahr, du rauchst nicht?« »Ich muß es grad' nicht, aber ich kann's.« »Ja, ich hol' dir eine von den Zigarren, die mein Vater raucht. Die Gäste kriegen sonst keine davon.« Sie brachte eine Zigarre, zündete ein Papierchen am Lichte an und hielt es Lenz hin. Indes trat der Löwenwirt ein; eine große, breite, massige Gestalt, ehrwürdig anzuschauen, denn er hatte schneeweißes, spärliches Haar und drauf ein kleines, schwarzes Samtkäppchen, fast wie ein Geistlicher. Dabei trug er eine silberne Brille mit großen, runden Gläsern; er brauchte die Brille nur zum Lesen und hatte sie meist auf die Stirn geschoben, und es war, als ob sein ruhiger Verstand aus der Stirn schaute, und ruhig war er, bis zum Majestätischen ruhig, und für sehr verständig galt er. Er sprach zwar sehr wenig, aber muß ein Mann nicht sehr verständig sein, der es so weit gebracht hat, wie der Löwenwirt? Das Gesicht war rötlich und, wie gesagt, ehrfurchtgebietend. Nur der Mund, der sich meist so verzog, als wenn er etwas behaglich schlürfte, war nicht ganz mit der Ehrfurcht zu vereinbaren. Er war ein ernster und schweigsamer Mann, als müßte er die Redseligkeit seiner Frau und teilweise auch seiner Tochter durch sein Schweigen ins Gleichgewicht bringen. Wenn die Frau gar viel Worte machte und übermäßig schön that, schüttelte er bisweilen den Kopf, wie wenn er sagen wollte: Ein Ehrenmann mag das nicht. Und ein Ehrenmann war der Löwenwirt, weit und breit bekannt und der erste Geschäftsmann, ein sogenannter Packer, denn er kaufte den Uhrmachern die Uhren ab und versandte sie nach allen Weltgegenden. »Guten Abend, Lenz,« sagte der Löwenwirt mit breiter Stimme, als ob darin eine ganze lange Rede wäre; und als Lenz ehrerbietig aufstand, gab er ihm die Hand und sagte: »Bleib nur sitzen und mach keine Umständ', du bist im Wirtshaus.« Dann nickte er still, das sollte so viel heißen: Ich habe Respekt vor dir, und das nötige Beileid, weißt du, ist bei mir sicher wie eine dreifache Hypothek. Dann ging er an seinen Tisch und las die Zeitungen. Annele holte sich ihren Strickstrumpf und setzte sich zu Lenz, indem sie dabei höflich sagte: »Mit Erlaubnis.« Sie sprach viel und gewandt; und es ließ sich nicht sagen, ob sie mehr gescheit oder mehr gut ist. Sie ist eigentlich beides zusammen und gewürfelt wie nur eine. Als Lenz endlich bezahlte, sagte sie: »Siehst du, das thut mir leid, daß ich Geld von dir nehmen muß. Es wär' mir viel lieber gewesen, du wärst unser Gast gewesen. Nun gut' Nacht! Und gräm dir dein Herz nicht ab. Ich wollt', ich könnt' dir beistehen. Ei, da hätt' ich fast vergessen: bis wann geht denn dein schönes, großes Orgelwerk, von dem so viel die Rede ist – das soll ja das Schönste sein, was hierzulande gemacht ist – bis wann geht's denn nach Rußland?« »Es kann jeden Tag Nachricht kommen, daß es abgeholt wird.« »Darf ich auch noch mit meiner Mutter hinaufkommen und es sehen und hören?« »Es wird mir eine Ehre sein. Komm du nur, wann du willst« »Nun gut' Nacht! Und schlaf recht wohl und grüß' mir auch die Franzl, und wenn sie was braucht, soll sie nur zu uns kommen.« »Dank' schön, will's ausrichten.« – – Es ist doch eine starke Viertelstunde bis zum Hause des Lenz und geht steil bergan; heute war er schnell daheim, er wußte nicht, wie. Als er aber wieder allein war in seiner Stube, ward er traurig. Er schaute noch lange hinaus in die Sommernacht, er wußte nicht, was er dachte. Man sieht und hört nichts von der Menschenwelt, nur weit in der Ferne am jenseitigen Berge steht ein einsames Haus, dort wohnt ein Kettenschmied, jetzt blinkt ein Licht auf, verschwindet aber bald. Die Menschen, die kein Leid im Herzen haben, können schlafen. Die Sägmühle, die nicht weit vom Hause des Kettenschmiedes ist, hört man jetzt in der Stille der Nacht bei einer Luftströmung hastig arbeiten. Die Sterne über dem dunkeln Waldrande des Berges glänzen hell; dort, wo der Mond hinter dem Bergwalde hinabgegangen, ist noch ein bläulich lichter Kreis, und die kleinen Wolken am Himmel sind sanft durchleuchtet. Lenz hielt sich die brennende Stirn, und da klopften die Pulse. Die ganze Welt geht mit ihm herum. Das thut gewiß der junge Wein. Du darfst abends keinen Wein trinken. Aber ein gescheites und herzliches Mädchen ist das Annele. – Sei doch kein Narr, was willst du davon? – Gut' Nacht! Schlaf recht wohl! wiederholte er sich, und fand in der That heute einen festen Schlaf. Neuntes Kapitel. Freundesbesprechungen. Der Gesell und der Lehrjunge, die Lenz über die Tage der häuslichen Störung zu ihren Eltern heimgeschickt hatte, arbeiteten bereits in der Werkstatt, als Lenz am andern Morgen erwachte. Das war auch noch nie vorgekommen, daß sie vor dem Meister an der Arbeit waren. Ja, als Lenz das Fenster öffnete, stand die Sonne schon hoch am Himmel, und auf fünf oder sechs Uhren, die in der Stube waren, schlug es zu gleicher Zeit sieben. Es war Lenz, als ob sein Wunsch in Erfüllung gegangen wäre, daß er wochenlang schlafen könne. Zwischen gestern und heute schienen Wochen zu liegen, so lange kam es ihm vor, so vieles war mit ihm vorgegangen. Franzl brachte ihm das Frühstück, setzte sich ungeheißen zu ihm und fragte: »Was soll ich dir heut mittag kochen?« »Mir? Gar nichts, ich esse heute nicht daheim. Koch du für euch, wie du's gewohnt bist. Denk nur, Franzl, der gute Pilgrim . . .« »Ja, er ist gestern abend dagewesen,« unterbrach Franzl, »und hat lang auf dich gewartet.« »So? Und ich bin bei ihm gewesen. Denk' nur, der gute Kerl hat gestern in geheim meine Mutter abgemalt. Du wirst dich wundern, wie lebendig sie drein sieht. Man meint, sie muß zu reden anfangen.« »Ich hab's gewußt, daß er's macht, ich hab' ihm ja heimlich die Sonntagsjacke, das rote Mieder, das feingefaltete Goller, das Halstuch und die Haube deiner Mutter geben müssen; die Granatenschnur hast du ja dort eingeschlossen bei den andern Sachen, die ich nicht weiß. Es geht mich nichts an. Ich brauche nicht alles zu wissen. Aber was ich weiß, wenn's geheimgehalten werden soll, da könnt' man mir alle Adern schlagen, ich red' kein Wort. Hab' ich mit einem Schnauferle verraten, daß ich das von dem Pilgrim weiß? Habe ich dir ein Wort gesagt, warum er nicht kommt? Mir kannst du alles anvertrauen!« Da Lenz ihr indes nichts anvertraute, fragte sie: »Wo gehst du denn heute hin? Wo bist du denn gestern abend gewesen?« Lenz sah sie staunend an und gab keine Antwort. »Du wirst bei deinem Ohm Petrowitsch gewesen sein?« fragte Franzl. Lenz schüttelte verneinend mit dem Kopf, gab aber immer noch keine andre Antwort, und Franzl half ihm und sich aus der Verlegenheit, indem sie sagte: »Ich hab' keine Zeit mehr, ich muß im Garten Bohnen schneiden für heut mittag. Ich hab' eine Taglöhnerin bestellt, die mir hilft; wir müssen heute unsre Kartoffeln häufeln. Es ist dir doch recht?« »Ja, ja, mach du nur das, wie sich's gehört.« Lenz ging auch an die Arbeit, aber der Kopf war ihm heute seltsam eingenommen. Er irrte sich mehrmals in der Wahl der Feilen, und die Feile des Vaters, die doch ein Heiligtum war, warf er unwillig beiseite. Die Zauberflöte spielte. »Wer hat das Werk wieder in Gang gebracht?« fragte Lenz rasch und verwundert. »Ich,« sagte der Lehrjunge. Lenz schwieg. Es muß alles wieder in Gang kommen. Die Welt steht nicht still, wenn ein Herz auf ewig ausgeschlagen und wenn ein trauerndes freiwillig ewig stillstehen möchte. Lenz arbeitete ruhig weiter. Der Gesell berichtete, daß in Triberg ein junger Meisterssohn aus der Fremde heimgekommen, der nun selbständig eine Spieluhrenwerkstatt errichten und sich in der hiesigen Gegend setzen wollte. Dem könntest du dein ganzes Anwesen verkaufen, dachte Lenz, und dann könntest du einmal selber sehen, wie die Welt ausschaut. Aber dieser Gedanke des Fortgehens tauchte nur in ihm auf, wie eine Erinnerung an etwas, was er einmal vor Zeiten gewollt. Ein eigentlicher Trieb war nicht mehr darin, und gerade, daß der Ohm das Gerücht von seiner Wanderung verbreitet hatte und ihn dadurch zwingen wollte, machte ihn widerspenstig. Er nahm die Feile des Vaters nochmals zur Hand und betrachtete sie eine Weile, wie wenn er sagen wollte: Sein Leben lang hat der Mann, der diese Feile geführt – eine kurze, frühe Wanderzeit ausgenommen – hier auf der Stelle gesessen und ist glücklich gewesen; freilich – er hat jung geheiratet, das ist was andres. Sonst schickte Lenz den Lehrjungen zum Gießer, der drüben jenseits am Berge wohnte, heute ging er selbst. Und als er wiederkam, saß er auch nur kurze Zeit an der Arbeit. Es ist unrecht, daß du nicht zum Pilgrim gehst. Mitten im halben Tage ging er den Berg hinab durch das Dorf, die Matte hinauf zu Pilgrim. Der brave Kamerad saß an der Staffelei und malte. Er stand auf, fuhr sich mit beiden Händen durch seine langen, schlichten, rötlich blonden Haare und reichte Lenz die Rechte. Dieser sagte nun, welch eine Freude ihm diese Ueberraschung mache und wie herzlich und treu es vom Freunde sei. »Pah,« lehnte Pilgrim ab und steckte beide Hände in seine weiten Pumphosen, »pah, ich thu' mir selber ein Bene damit. Es ist zum Verzweifeln, jahraus jahrein das liebe Dorf zu malen, die Kirche mit der Bischofsmütze als Kirchturm, der hat ein großes Loch, daß man das Zifferblatt hereinsetzen kann, und der Mäher da mit der Sense steht immer da und kommt nicht vom Fleck, und die Frau mit dem Kinde, die ihm entgegengeht, kommt nie zu ihm; das Kind streckt seine Händchen aus, aber es kriegt den Vater nie. Und der verfluchte Kerl steht immer mit dem Rücken da, ich weiß gar nicht, was er für ein Gesicht hat. Aber hundert und hundertmal muß ich dieses verdammte giftgrüne Zeug malen. Es ist einmal so, die Welt will immer dasselbe. Ich mein', ich könnte mit verbundenen Augen das Ding malen, und muß immer wieder dran. Nun hab' ich mir ein Bene gethan und deine Mutter gemalt. Ich male sonst keine Porträts mehr, ich mag die Gesichter hier herum nicht und will künftigen Jahrhunderten nicht den Possen spielen, daß sie sie auch noch ansehen müssen. Dein Ohm hat recht, daß er sich nicht will malen lassen. Wie vorlängst ein Durchreisender ihn drum angeht, sagt er: Nein, sonst sehe ich mich noch in künftigen Zeiten in einer Trödelbude hangen beim Napoleon und beim alten Fritz. – Der Kerl hat doch Gedanken, man möcht' ein Rad schlagen.« »Was willst du jetzt vom Ohm? Nicht wahr, das Bild meiner Mutter hast du doch für mich gemalt?« »Wenn du's haben willst, ja. Komm, stell dich gleich daher. Mit den Augen bin ich noch am wenigsten zufrieden, die krieg' ich noch nicht weg. Der Doktor war heut früh da, der sagt's auch. Er hat mir einen Fremden bringen wollen, der was von der Kunst versteht, er ist aber zu spät aufgestanden. Du hast ganz die Augen deiner Mutter. Komm, stell dich da her, so, da her. Jetzt halt dich ruhig, denk dir was Gutes von mir, oder wie du einem was schenken möchtest. Das ist brav, daß du dich für den Faller verbürgt hast. Daran denk, dann hast du den Blick deiner Mutter, der einem einheizt. Nicht lächeln. Aber so gut, so getreu, so . . . so . . . Jetzt, jetzt ist's recht. Blinzle nicht. Nein, so kann ich nicht malen, wenn du weinst!« »Es sind mir nur die Augen übergegangen,« beschwichtigte Lenz, »ich hab' mir denken müssen, daß die Augen meiner Mutter . . .« »Nun gut, so lassen wir's sein. Ich weiß jetzt schon. Komm, wir wollen Schicht machen. Es ist ohnedies bald Mittag. Du ißt doch heut mittag mit mir?« »Nein, nimm mir's nicht übel, ich muß mit meinem Ohm Petrowitsch essen.« »Ich nehm' dir nie was übel. Jetzt sag, wie geht dir's?« Lenz legte nun den Plan dar, daß er halb und halb willens sei, noch ein paar Jahre auf die Wanderschaft zu gehen, und er beschwor den Freund, jetzt den damals verdorbenen Plan auszuführen und mit ihm gemeinschaftlich zu ziehen. Vielleicht könnten sie nun das Glück erringen, das sie damals erhofft. »Thut's nicht, geht nicht,« widersprach Pilgrim. »Schau, Lenz, du und ich, wir sind nicht zu großen Reichtümern geboren, und es ist auch recht so. Mein Don Bastian, das war der rechte Weltmann, der zu Geld kommt; lauft der Kerl durch die halbe Welt und weiß so wenig davon, als die Kuh von der Kirchenlehr'. Wo er hinkommt, wo er geht und steht, ist sein einziges Denken: wie kriegt man hier Batzen? Wie spart man, und wie betrügt man? Und da versteht er sich mit der ganzen Welt. Der spanische Bauer ist gerad' so pfiffig dumm wie der deutsche, und ihr Hauptgaudium ist, einen andern übers Ohr hauen. Wie mein Don Bastian heimgekommen ist, hat er nichts abzulegen gehabt als sein Geld, und nur zu sehen, wie er's gut anlegt. Wer so ist, bringt's zu was.« »Und wir?« »Wer Vergnügen an Sachen hat, die man nicht für Geld haben kann, der braucht kein Geld. Schau, alles überzählige Klingende, was ich hab', ist meine Guitarre, und das ist genug. Ich hab' in diesen Tagen einmal dem jüngsten von meinem Don Bastian die zehn Gebote abgehört, und da ist mir auf einmal ein gescheiter Gedanke gekommen. Wie heißt's im ersten Gebot? Ich bin der Herr dein Gott, du sollst keinen andern Gott neben mir haben. – Das ist viel. Jeder Mensch kann nur einen Gott haben. Du und ich, wir haben Freude an unsrer Kunst. Du bist glücklich, wenn du ein Werk gemacht hast, das gut zusammen stimmt, und ich auch, wenn mir's auch oftmals zuwider ist, daß ich das ewige Dörflein mit dem ewigen Mähderlein und dem ewigen Weiblein und Kindelein malen muß. Aber es freut mich doch, wenn's fertig ist, und wenn ich's mach', bin ich lustig wie ein Vogel, siehst du? wie der Fink, der da auf dem Kirchendach sitzt. Und wer an dem, was er thut, Freude hat, wer darauf sein ganzes Dichten und Trachten richtet, der kann nicht auch noch seine Gedanken drauf stellen, wie er reich wird, wie er spekuliert und die Welt hinterlistet. Und wer Freuden hat, die man nicht kaufen kann, was fragt der viel nach Geld und Gut. Ich sättige mich am Anblick einer schönen Baumgruppe, wie da die Lichter durch die Gezweige spielen, wie sie sich wiegen und ineinander huscheln, gar so heimelig und glückselig. Was braucht der Wald mein eigen sein? Du sollst keinen andern Gott neben mir haben. Das ist ein gutes Wort. Freilich, der andre Gott ist meistenteils der Teufel, das kannst du an deinem Ohm Petrowitsch sehen. Und richtig heißt es auch in der Parallelstelle, die ich dazu gefunden im Evangelium: Du kannst nicht den Kelch des Herrn und den des Teufels auf einmal trinken.« »Zieh zu mir ins Haus,« war die ganze Antwort, die Lenz dem Freunde gab, »ich lass' dir unser Oberstüble ausbauen und noch eine Kammer daneben.« »Du meinst's gut, aber es wär' nicht gut. Lenz, du bist ein Wunder. Du bist der geborne Ehemann und Hausvater. Du mußt heiraten, und ich freue mich schon darauf, wie ich deinen Kindern Geschichten von meinen Reisen erzähle. Und wenn ich alt bin und nichts mehr verdienen kann, da kannst du mich meinetwegen ins Haus nehmen und zu Tode füttern. Aber jetzt halt die Augen auf. Und ich nehm' dir's nicht übel, im Gegenteil, ich rate dir's, setz mich ein bißchen hinten an, damit dich dein Ohm Petrowitsch ins Testament setzt. Erben, das können wir. Ich habe das größte Talent zum Erben, ich habe aber leider Gottes lauter arme Verwandte, sie sind alle nur reich an Kindern. Ich bin der einzige, von dem's einmal was zu erben gibt. Ich bin auch ein Erbonkel, so gut wie der Petrowitsch.« Der Freund erheiterte Lenz, wie ein eben schnell vorüberziehender Sonnenregen draußen die Natur erfrischte. Sie warteten, bis es ausgeregnet hatte, dann gingen sie miteinander nach dem Wirtshause; aber schon vor demselben trennten sie sich, denn Pilgrim sagte, er solle nicht mit ihm gemeinschaftlich beim Petrowitsch ankommen. Vor dem Wirtshause stand ein Fuhrwerk, der Löwenwirt begleitete einen jungen Mann bis vor das Haus und reichte ihm zwei Finger zum Abschied und schob dabei das Käppchen etwas in den Nacken. Der junge Mann gab nochmals Grüße an Frau und Tochter auf und befahl dem Fuhrmann, voraus zu fahren und am Hause des Doktors zu warten. Als er an den beiden Freunden vorüberging, grüßte er sie, indem er die Mütze abzog. »Kennst du den jungen Mann?« fragte Lenz. »Nein.« »Und ich auch nicht,« sagte Pilgrim. »Sonderbar! Wer ist der Fremde?« fragte er den Löwenwirt. »Der Bruder von meinem Schwiegersohn.« »Oho!« raunte Pilgrim leise zu Lenz, »jetzt erinnere ich mich. Ich habe von ihm gehört, er ist ein Freier vom Annele.« Lenz stieg schnell voraus die Treppe hinauf. Pilgrim sah nicht, was in seinem Gesichte vorging. Zehntes Kapitel. Ein Mittagessen bei Petrowitsch und Warten auf den Magenschluß. Petrowitsch war noch nicht in der Stube. Lenz setzte sich einstweilen an dessen Tisch und unterhielt sich von da aus mit den Wirtsleuten und Pilgrim.. Annele war heute seltsam wortkarg; ja, als Lenz ihr nach dem Eintreten die Hand darreichte, machte sie sich etwas zu schaffen. Ihre Hand ist wohl versagt, sie kann sie jetzt niemand, auch nur zum Gruße, geben. Und doch, sie sieht nicht aus wie eine Braut. Jetzt kam der Ohm Petrowitsch, das heißt, sein Hund, ein Bastard von Dachs und Rattenfänger, als Läufer ihm voran. »Guten Tag, Lenz!« sagte der Ohm hinterdrein kommend, etwas brummig. »Hab' dich schon gestern erwartet. Hast du's denn vergessen, daß ich dich eingeladen hatte?« »Ja wohl, das muß ich sagen, das hab' ich rein vergessen.« »In solchen Zeiten kann man vergessen, aber sonst ist vergessen nicht gut für einen Geschäftsmann. Ich hab' in meinem ganzen Leben nichts vergessen und nichts verloren; keine Stecknadel verloren und kein Sacktüchle vergessen. Man muß immer seine sieben Sinne bei einander haben. So, jetzt wollen wir essen.« Annele brachte die Suppe; der Ohm schöpfte für sich heraus und noch auf einen Nebenteller. Dann sagte er zu Lenz: »Nimm du das übrige.« Hierauf zog Petrowitsch die Zeitung aus der Tasche, die er sich täglich von der Post holte, schnitt sie auf, bis die Suppe verkühlte, legte Tabaksbeutel und Meerschaumpfeife darauf, und jetzt erst begann er zu essen. »Siehst du,« sagte er nach der Suppe, während er in den Teller für den Unbekannten Brot einbrockte, »siehst du, so lebe ich gern; im Wirtshause essen, da muß mir jeden Tag frisches Weißzeug gegeben werden. Ich werf' tagtäglich die Zeche in Winkel hin und bin immer mein freier Herr.« – Beim Fleische legte Petrowitsch dem Lenz hocheigenhändig ein Stück vor, das andre nahm er für sich und schnitt wieder ein Stück in den Teller des Unbekannten. Es mußte ein sehr Vertrauter sein, denn Petrowitsch steckte den kleinen Finger in das Gericht, schüttelte den Kopf und schüttete etwas Wasser in das Hergerichtete. Jetzt wurde es offenbar: »Komm, Büble,« rief Petrowitsch dem Hunde zu: »sachte, sachte, nicht hitzig sein, Büble, so, so, ruhig!« Er stellte den Teller auf den Boden, und der Hund schmatzte behaglich seine Speise, bis er zuletzt die Mundwinkel ausleckte und seinen Herrn dankbar und zufrieden anschaute. Von nun an bekam der Büble – in der ganzen Gegend war man Petrowitsch bös, daß er dem Hunde diesen Namen gegeben hatte – nur noch kleine Bissen. Petrowitsch sprach wenig während des Essens, und als er nach Tisch seine Pfeife angezündet hatte und die Zeitung aufnahm, kannte Büble das als Zeichen, daß er nun auf den Schoß seines Herrn springen konnte. Dort ruhte er halb sitzend, halb stehend und Petrowitsch las über dem Kopfe des Hundes weg die Zeitung. Lenz saß verlegen da, der Ohm war nicht aus seiner Gewohnheit zu bringen. Endlich fragte Lenz: »Ohm, warum habt Ihr das Gerücht verbreitet, daß ich auf die Wanderschaft gehe?« Petrowitsch rauchte dreimal behaglich und blies noch den Rauch an, dann streichelte er den Büble, schob ihn sanft vom Schoße, legte die Zeitung wieder zusammen, steckte sie in die Tasche und sagte endlich: »Ja, Lenz, wie kommst du mir vor? Du hast mir ja selber gesagt, daß du deine Jugend einholen und noch in die Fremde willst.« »Ich kann mich nicht erinnern.« »Ich nehm' dir auch das nicht übel, du bist nicht dein eigen gewesen; aber gescheit wär's, wenn du noch in die Fremde gingest, du kämest aus manchem heraus. Zwingen will ich dich nicht, und ich kann ja auch nicht.« Lenz ließ sich von der Zuversicht des Ohms einreden, daß er ihm das mitgeteilt, und bat, ihm auch nicht übelzunehmen, daß er das vergessen. »Lenz, rück ein bißchen näher,« lispelte Petrowitsch vertraulich, »es braucht's niemand zu hören, was wir reden. Horch, wenn du mir folgst, heiratest du nicht.« »Aber Ohm, wo werde ich denn jetzt an so etwas denken?« »Bei euch jungen Leuten kann man nichts sagen. Das ist sicher. Schau, Lenz, nimm dir ein Exempel an mir. Ich bin dir einer der glücklichsten Menschen auf der Welt; ich bin jetzt sechs Wochen in Baden-Baden gewesen, und jetzt ist's hier auch wieder schön, und wo ich hinkomme, bin ich mein eigener Herr, und die Welt muß mich bedienen. Und es gibt jetzt gar keine Mädchen mehr, die zu etwas taugen. Die einfältigen und gutmütigen, bei denen stirbt man vor Langeweile; und die gewitzigten und gescheiten, denen soll man täglich dreimal, zu jeder Mahlzeit, Feuerwerk machen, damit sie sich auch amüsieren. Dann heißt's fortwährend: Ach Gott, wie ist das Haushaltführen so langweilig! Ihr Männer wißt' s gar nicht. – Und dabei das Kindergeschrei und die Verwandten und das Schulgeld und die Steuern.« »Wenn aber die ganze Welt Eure Gedanken hätte, da wär' ja die Welt in hundert Jahren ausgestorben!« »Pah, sie stirbt nicht aus!« lachte der alte Petrowitsch und drückte den Tabak in seiner Pfeife mit einem porzellanenen Drücker nieder, den er stets bei sich trug. »Schau, da geht das Annele.« – Lenz erschrak ins Herz hinein, er wußte nicht, warum; aber der Ohm fuhr ruhig fort: »Schau, das ist ein kugeliges Weibsbild, immer aufgeräumt, und sie ist mein Hofnarr. Ja, die alten Könige waren gescheit, die haben sich Hofnarren gehalten, die haben sie beim Essen müssen zum Lachen bringen, das ist gesund, das hilft verdauen. Das Annele ist mein Hofnarr, ich muß tagtäglich über sie lachen.« Als sich Lenz umsah, war Pilgrim bereits verschwunden. Er schien es in der That darauf angelegt zu haben, daß der Freund ihn vor Petrowitsch verleugne. Lenz hielt es aber für seine Pflicht, zu sagen, daß er ein getreuer Freund des Pilgrim sei und bleibe. Der Ohm fand das recht und lobte den Neffen darüber, und Lenz war ganz erstaunt, da Petrowitsch den Pilgrim lobte, indem er hinzusetzte: Er sei auf eine andre Manier ganz so, wie er selbst; er wolle auch nichts vom Heiraten wissen und mache sich auch nichts aus dem Weibsvolk. Der Büble ward unruhig und winselte. »Ruhig!« drohte Petrowitsch, »sei geduldig, wir gehen jetzt schon heim und schlafen; sei geduldig. Komm, Büble. Gehst du mit, Lenz?« Lenz begleitete den Ohm bis zu dessen Hause, das groß und stattlich war und von ihm allein bewohnt wurde. Die Thür öffnete sich von selbst wie durch einen Zauber, denn die Magd mußte aufpassen und ihm öffnen, ohne daß er anklopfte. Ein Fremdes, das sich nicht über sein Begehren auswies, durfte nicht ins Haus, und im Dorfe sagte man: Da muß eine Fliege einen Paß haben, wenn sie ins Haus will. Lenz sagte Lebewohl, und der Ohm dankte ihm gähnend. – – Lenz war froh, als er am Nachmittag wieder bei seiner Arbeit saß. Das Haus, das so verödet war, daß er es nicht mehr darin aushalten zu können glaubte, wurde ihm wieder aufs neue heimisch. Man findet draußen in der Zerstreuung keine rechte Ruhe, die wohnt allein daheim. Er suchte einen Platz für das Bild der Mutter: der beste war gerade über der Feile des Vaters, sie sieht ihm dann zu, wie er arbeitet, und er kann oft zu ihr aufschauen. Halte die Stuben ein bißchen sauber, hatte Lenz zu Franzl gesagt, und mit gerechtem Zorneseifer erwiderte sie: es ist immer sauber! Lenz wollte es nicht sagen, daß er eine besondere Sauberkeit wünschte, denn er wartete jede Stunde, daß Annele mit ihrer Mutter käme, um das Orgelwerk zu sehen und zu hören, ehe es in die weite Welt ging. Dann wollte er sie auch geradezu fragen – der gerade Weg ist der beste – was denn an dem Gerede sei mit dem Techniker. Er weiß zwar nicht, was ihm das Recht gibt, sie zu fragen, aber er meint, er muß es; er kann dann ganz anders mit ihr reden, so oder so. Es verstrich Tag auf Tag, Annele kam nicht, und Lenz ging oftmals am Löwen vorüber, ohne hinauf zu gehen, ja zuletzt, ohne hinauf zu schauen. Elftes Kapitel. Das große Werk spielt seine Stücke, und neue Stücke werden gesetzt. Es war ein Ereignis für das ganze Thal, als sich die Nachricht verbreitete, das schöne große Uhrwerk des Lenz von der Morgenhalde, die Zauberflöte, gehe in den nächsten Tagen an ihren Bestimmungsort nach Rußland. Eine wahre Wallfahrt zog nach dem Hause des Lenz; jeder wollte das schöne Werk noch bewundern, ehe es auf ewig verschwände. Die Franzl hatte viel zu thun, all den Leuten Willkomm zu sagen, die Hand zu reichen und immer vorher die Hände an der Schürze abzuwischen und ihnen das Geleite zu geben. Es waren gar nicht Stühle genug im Hause, um die vielen Leute auf einmal sich setzen zu heißen. Selbst der Ohm Petrowitsch kam ins Hans und mit ihm nicht nur Büble – das versteht sich von selbst – auch Ibrahim, der Spielkamerad Petrowitschs, dem man nachsagte, er sei in seinen fünfzig Jahren Abwesenheit von der Heimat ein Türke geworden, kam mit ihm. Die beiden Alten sprachen wenig; Ibrahim saß still da und rauchte seine lange türkische Pfeife und zwinkte nur manchmal mit den Augbrauen; Petrowitsch war beweglich um ihn her, fast so beweglich, wie Büble um Petrowitsch; denn Ibrahim war eigentlich der einzige Mensch, der eine gewisse Macht über Petrowitsch besaß, und er besaß sie nur, weil er sie nicht übte. Er wies alle Menschen ab, die durch ihn etwas bei Petrowitsch erreichen wollten. Sie karteten ganze Abende miteinander und bezahlten gegenseitig bar aus, und eben die stetige, unbewegliche Ruhe Ibrahims machte Petrowitsch um so lebendiger und dienstwilliger, und hier in seinem elterlichen Hause schien Petrowitsch gewissermaßen den Wirt machen zu wollen. Während ein großes Stück gespielt wurde, stand Petrowitsch an der Werkbank und betrachtete alles, was dalag und an Wand und Decke hing; endlich nahm er die wohlbekannte Feile mit dem eingedrückten Griff herunter. Als das Stück ausgespielt hatte, sagte er zu Lenz: »Nicht. wahr, das ist seine Feile gewesen?« »Ja, meines Vaters selig.« »Ich will sie dir abkaufen.« »Ohm, das ist nicht Euer Ernst, das kann man ja nicht verkaufen.« »Mir wohl.« »Auch Euch nicht, nehmt mir's nicht übel.« »Gut, so schenk mir's. Ich werde dir auch einmal was schenken.« »Ohm, ich weiß nicht – ich weiß nicht, was ich da sagen soll. Aber ich mein, ich darf das nicht aus dem Haus geben.« »Gut, so bleib da,« sagte Petrowitsch zu dem toten Handwerkszeug und steckte es an seine Stelle. Er ging mit Ibrahim bald wieder thalwärts. Auch von stundenweit und aus dem jenseitigen Thale kamen sie daher, um das Werk zu bewundern, und Franzl war besonders glücklich, als der erste Mann aus ihrem Dorfe, der Gewichtlesmann, kam und offen sagte: »So etwas ist in hundert Jahren nicht aus unsrer Gegend gekommen. Schade, daß das so stumm dahin führt und nicht spielt von hier bis Odessa und überall sagt: »Ich komm' vom Schwarzwald, da wohnen kunstfertige Menschen, die so was zuweg bringen.« Franzl lächelte glückselig. So sprechen die Knuslinger, so kann's doch niemand von anderswoher. Sie berichtete, wie lang und eifrig Lenz an dem Werk gearbeitet, und wie er oft in der Nacht aufgestanden sei, um etwas vorzurichten, was ihm in den Sinn gekommen: da seien Geheimnisse darin, die keiner auskunde; sie natürlich war in alles eingeweiht, und stärkeres Herzklopfen hat ein Mädchen nicht, das die erste Liebeserklärung hört, als Franzl empfand, da der erste Mann ihres Dorfes sagte: »Ja, Franzl, und ein Haus, aus dem so ein Werk hervorgeht, so accurat und so fein – so ein Haus muß ordentlich sein; du hast auch teil.« Es nehme mir's keiner übel, ich will niemand damit beleidigen, aber das muß man doch sagen, so gescheit wie bei uns daheim sind sie nirgends in der Welt. Der Mann ist doch der einzige, der alles richtig ausgelegt hat. Wie sind die andern da gestanden? Wie die Kuh vor einem neuen Scheunenthor. Muh! Muh! Ja, die Knuslinger! Gottlob, daß ich von Knuslingen bin! – So sagten die Mienen der Franzl, so sagte ihre Hand, die sie auf das klopfende Herz legte, so sagte ihr Blick, der dabei zum Himmel aufschaute. Lenz mußte immer lachen, wenn sie ihm in jedes Essen einbrockte, wie berühmt er nun in Knuslingen sei, und Knuslingen ist ein kleiner Ort, es hat noch zwei Filiale: Fuchsberg und Knebringen. »Morgen abend schlage ich den Deckel zu, morgen abend geht die Zauberflöte fort,« sagte Lenz. »Schon?« klagte Franzl und sah den Kasten an, als wollte sie ihn bitten, doch noch länger zu bleiben: »er ist so gut daheim und bringt so viel Ehre.« »Ich wundere mich nur,« fuhr Lenz fort, »warum des Doktors nicht kommen und . . . und . . . da des Löwenwirts haben mir's sogar versprochen.« Franzl rieb sich die Stirn und zuckte die Achseln, ihre Unwissenheit bedauernd; sie konnte allerdings nicht wissen, was in den großen Häusern vorgeht. Das Löwen-Annele hatte die Mutter schon lang ermahnt, aber diese wollte nicht ohne den Vater gehen, es fehlt die Majestät, wo er nicht dabei ist; aber die Majestät ging den Dingen nicht nach, wer beachtet sein wollte, mußte zu ihr kommen. Jetzt aber, am letzten Tage, hatte Annele erfahren – sie hatte ihre guten Kundschafter – daß des Doktors zu Lenz gehen; nun mußte die Majestät sich erbitten lassen, und so ist's recht: heute, am letzten Tage kommen die Vornehmsten. Mutter und Tochter beschlossen, daß man erst auf die Morgenhalde gehe, wenn des Doktors vorausgegangen waren; der Majestät sagte man nichts von der Diplomatie, die dabei spielte, ihre Accuratesse und Würde vertrug das nicht. »Der Duzlehrer kommt!« rief Franzl am frühen Morgen, als sie zu ihrem Küchenfenster hinausschaute. Im Dorfe bei den alten Leuten hieß nämlich der jugendlich frische Schullehrer der Duzlehrer, weil er sich mit der ganzen ledigen Mannschaft im Dorfe duzte, was man ihm teilweise sehr übel aufnahm, dafür hieß er aber auch bei seinen Kameraden Liedermeister, und diesen Titel liebte er sehr. Er war der eigentliche Gründer und der feste Mittelpunkt des Liederkranzes und noch dazu mit Lenz und Pilgrim und Faller das erlesenste Quartett. Lenz hieß ihn herzlich willkommen, und Franzl bat ihn zugleich, doch ein paar Stunden zu bleiben, um ihr zu helfen, die vielen Besuche, die heute noch kommen werden, zu empfangen. »Ja, bleib da,« bat Lenz, »du kannst dir nicht vorstellen, wie bang mir ist, da das Werk fortgeht. So muß es einem sein, wenn ein Bruder, ein Kind aus dem Hause in die Fremde zieht.« »Du gehst zu weit,« ermahnte der Lehrer, »du hängst an alles ein Stück Herz. Wo nimmst du nur immer wieder frisches her? Du weißt, ich mag eigentlich das Georgel nicht . . .« Franzl machte ein böses Gesicht, aber der Duzlehrer fuhr fort: »Das Georgel ist für Kinder und kindische Völker. Ich mag schon das Klavier nicht, weil die Töne darin fertig sind; eine Musik auf dem Klaviere ist nicht viel mehr, als wenn man ein gesungenes Lied pfeift, und eure Orgelwerke haben Zungen und Lungen, aber kein Herz.« Franzl verließ unwillig das Zimmer. Gottlob, daß noch Knuslinger auf der Welt sind, die alles besser verstehen. Sie hörte jetzt drin in der Stube singen das rührsame Lied: »Morgen muß ich fort von hier.« Lenz sang einen hellen, wenn auch eben nicht volltönenden Tenor, und der Schulmeister durfte nicht die Vollkraft seines Basses drauf setzen, um ihn nicht zu verdecken. Franzl unterbrach den Gesang, indem sie durch die geöffnete Thür rief: »Des Doktors kommen.« Der Schulmeister ging ihnen als Zeremonienmeister bis vor das Haus entgegen. Der Doktor kam mit Frau und drei Töchtern und sagte alsbald in seiner behaglichen Weise, die nichts Befehlerisches hatte und gegen die es doch kein Ausweichen gab, daß Lenz durch Plaudern sich keine Arbeitszeit rauben solle, er möge nur das Werk in Gang setzen. Das geschah, und alle waren voll sichtbarer Freude. Als das erste Stück geendet, schlug Lenz die Augen nieder, da er soviel Lob hören mußte, und alles war so gesagt, daß man keinen Höflichkeitsrabatt abzuziehen hatte. »Die Großmutter läßt Ihnen gratulieren,« sagte die älteste Tochter, und Bertha rief: »O wie viel Stimmen hat so ein Schrank!« »Möchtest wohl auch soviel haben?« neckte der Vater. Die älteste sagte aber wieder zu Lenz, und ihr braunes Auge war dabei voll Glanz: »Sie haben einen sehr feinen Musiksinn.« »Ja,« sagte Lenz, »wenn mir nur mein Vater selig in meiner Kindheit ein kleines Geigle gekauft hätt', daß ich drauf spielen könnt', ich glaub', ich hätt's in der Musik zu was gebracht.« »Du hast' s zu was gebracht,« sagte der dicke Doktor und legte dabei seine breite dicke Hand auf die Schulter des Lenz. Der Duzlehrer, der seine besondere Freude daran hatte, den inneren Bau des Werkes zu verstehen, überhob Lenz der Mühe, solches den Frauen zu erklären, und Lenz hätte es auch nicht so sagen können, wie hier namentlich die Feinheiten beim Crescendo und Decrescendo angebracht waren, und welch ein feiner Sinn dazu gehört, unbeschadet der Zartheit die Kraft hervorzubringen, die geschleiften und die gestoßenen Töne gehörig abzuschatten. Er erklärte wiederholt, wie Musiksinn und mechanische Fertigkeit sich bei solchem Werke vereinigen müssen, und wie besonders die schwermütigen Partien so wohltuend gelungen seien; und die Seele eines Musikstückes herausbringen, während man nach dem Metronom arbeite, das sei doppelt schwer; denn der frei spielende Musiker spiele nie nach dem Metronom und sei dadurch unbehinderter im Ausdrucke der Empfindung. Er war eben daran, das massive Laufwerk, die Hauptstimmen und Beistimmen und besonders die Beschaffenheit der Walzen zu erklären, wie sie fest zusammengefügt werden müssen, daß sie nicht schwinden, äußerlich das weiche Erlenholz liege, während innerlich verschiedene Hölzer, deren Fasern verschieden gelegt sind, – da wurde seine Erklärung unterbrochen, denn man hörte draußen die Franzl besonders freundlich und herzlich Willkomm sagen. Lenz ging hinaus. Da war der Löwenwirt mit seiner Frau und Annele. Der Löwenwirt gab ihm die Hand und nickte dabei mit dem Bewußtsein, daß es darüber hinaus nichts mehr gebe, wenn ein anerkannter stolzer Ehrenmann einem jungen Mann die Ehre anthue, ein Werk, an das er jahrelangen Fleiß gewendet hat, auch eine Viertelstunde zu mustern. »Kommst doch auch endlich noch?« begrüßte Lenz das Annele. »Warum endlich?« fragte diese. »So? Hast's denn vergessen, daß du mir schon vor sechs Wochen gesagt hast, du kämst?« »Wann denn? Ich kann mich nicht erinnern.« »Am Tage nach dem Tode meiner Mutter hast du gesagt, du kämst bald.« »Ja, ja, es wird so sein, ja, ja, es ist so. Es ist mir immer gewesen, wie wenn mir was auf dem Herzen läge, ich habe nicht gewußt, was – jetzt das ist's, ja wohl. Aber, lieber Gott, in unserm Haus, du kannst es gar nicht glauben. was einem da alles durch den Kopf geht,« so sagte Annele, und Lenz spürte etwas wie einen Stich durch's Herz. Er hatte aber eigentlich nicht Zeit, sich zu besinnen, was ihn dran verdroß oder erfreute, denn nun ging es an ein Bewillkommen von seiten des Löwenwirts und des Doktors. Es fehlte nicht viel, daß Annele nach der Stadtmode die Töchter des Doktors geküßt hätte, die Freundinnen, die sie doch tief haßte, denn sie thaten immer etwas zurückhaltend gegen Annele. Amanda, die Kräutlesmamsell, hatte ihren breiten Hut abgenommen, wie wenn sie daheim wäre; nun that's Annele auch, und sie hatte ein reicheres Haar als alle die drei miteinander, sie konnte auf ihr langes Haar sitzen, so lang und voll war's; sie richtete ihre Krone von dreifachen schweren Flechten auf und schaute wohlgemut drein. Lenz setzte nun eine frische Walze ein und ließ die lustige Weise aus der Zauberflöte spielen, die noch besonders gesetzt war, das Lied des Mohren: »Das klinget so herrlich, das klinget so schön.« Der Löwenwirt brummte: hm! hm! Das war eine große Rede, denn er nickte dabei und schlürfte mit der Unterlippe, wie wenn er einen guten Wein kostete. »Ganz ordentlich,« entschied er endlich und öffnete dabei beide Hände, wie wenn er das Lob buchstäblich mit vollen Händen austeilte, »recht ordentlich.« Das sind in der That gewichtige Worte, wenn das der Löwenwirt sagt. Die Löwenwirtin faltete die Hände auf der Brust und sah mit einer Andacht ohnegleichen auf Lenz: »Nein, daß ein Mensch so was machen kann, und so ein junger Mann! Und er thut so, wie wenn er wär', wie die andern alle. Bleib du nur so, das ist der schönste Schmuck für einen großen Künstler, wenn er bescheiden ist; fahr nur so fort, mach' nur mehr so, du bist gut dran, das sag' ich.« Nach dieser Anrede sah sie vergnügt auf die Doktorin, innerlich frohlockend: so kann die leibarme Person, die Hopfenstange, doch nicht reden. Und wenn sie auch redet, was ist's? Es ist etwas ganz andres, wenn ich was sage. Auch Annele faßte sich und sagte: »Ja, Lenz das schöne Werk hast du noch gemacht, wie deine gute Mutter gelebt hat, da liegt ihr Segen drauf. Ich kann mir denken, wie hart es dir sein muß, daß es jetzt so fortgeht in die weite Welt. Weißt du was? Du mußt mir das Stück bringen, ich will mir's einlernen auf dem Klavier.« »Ich kann dir das Stück leihen,« sagte die älteste Tochter des Doktors. Sie hatte die letzten Worte der Annele gehört. »Aber wir haben's nur vierhändig,« sagte die zweite Tochter. »Und ich bin nur zweihändig,« sagte Annele schnippisch. Die Mädchen hätten noch lange geplaudert, wenn der Doktor ihnen nicht mit ernster Miene gewinkt hätte: sie sollten doch still sein, denn eine neue Walze war eingesetzt, und das zweite Stück begann. Als dieses zu Ende gespielt war und man in die andre Stube ging – Franzl hatte Wein, Butterbrot und Käse aufgestellt – da sagte der Löwenwirt: »Lenz, mir kannst du's ehrlich sagen, du kannst's, ich will keinen Vorteil daraus ziehen; wie viel bekommst du für das Musikwerk?« »Rund und grad zweiundzwanzighundert Gulden. Ich verdiene nicht viel dabei. Ich hab' mich lang dabei aufgehalten und hab' große Ausgaben gehabt. Aber wenn ich wieder eins mache, weiß ich den Vorteil besser.« »Machst du wieder eins?« »Nein, es ist keins bestellt.« »Ich kann keins bestellen, ich handle eigentlich nicht mit Spieluhren. Wie gesagt, ich bestelle nicht, aber wenn du wieder eins machst, ich glaube, daß ich dir's abkaufe: ich hab' eine Spur, wo ich's anbringe.« »Wenn ich das weiß, gehe ich wieder frisch an ein neues, und es soll noch besser werden. Jetzt wird mir's fast leicht, daß das da fortgeht und die Jahre mitnimmt, die ich dran gearbeitet habe.« »Wie gesagt, ich sag' kein Wort mehr und kein Wort weniger. Bei mir geht alles accurat und sauber. Ich bestelle nicht, aber – es ist möglich.« »Das ist mir schon genug, das macht mich ganz glücklich. Das Annele hat mir vorhin dasselbe Wort gesagt, was ich gestern dem Pilgrim sagte: Mir thut's so weh, ich sollt's eigentlich nicht sagen, mir thut's so weh, daß ich das Werk hergeben muß, an dem meine Mutter auch so große Freude gehabt hat.« Annele schaute bescheiden zu Boden. »Und ich werd' Freude dran haben, gerade so wie deine Mutter,« sagte die Löwenwirtin. Die Doktorin und ihre Töchter schauten bei diesen Worten betroffen auf die Löwenwirtin. Der Löwenwirt zog die Brauen tief ein und schaute strafend nach seiner Frau; aber eben durch diese Pause, die jetzt entstand, wurde das Wort der Löwenwirtin noch verfänglicher. Franzl war indes eine gute Aushilfe; sie nötigte jedes, zu essen und zu trinken, und sie war ganz glücklich, da Annele sagte, sie könne stolz sein, daß sie das Haus so nett halte, daß man die Hausfrau gar nicht vermisse. Franzl wischte sich mit ihrer neugewaschenen Schürze die Augen ab. Die Löwenwirtin fand indes bald eine geschickte Frage: »Lenz, ist dein Ohm nicht auch da gewesen, und freut er sich nicht auch über das schöne Werk?« »Er war da, hat aber weiter nichts gesagt, als ich hätte zu billig verkauft und verstünde meinen Vorteil nicht genug.« Nun gibt es nichts Geschickteres, als eine abwesende Person vorzunehmen und gar eine solche, die soviel zu sprechen gibt, wie Petrowitsch. Es kam nur darauf an, welche Tonart man anschlug. Annele und die Löwenwirtin hatten schon den Mund gewetzt, sie mußten aber unter dem brennenden Blicke des Löwenwirts still halten, und der Schultheiß-Doktor begann den Petrowitsch zu loben: er thue nur so rauh, weil er sich vor seinem weichen Herzen fürchte; gegen den Schullehrer und Lenz gewandt sagte er: »Der Petrowitsch ist wie Steinkohle, das sind Bäume, die einst bei der sogenannten Sintflut verkohlt sind, sie haben aber reichen Wärmestoff in sich; so auch der Petrowitsch.« Der Schulmeister lächelte einverständlich, Lenz sah verdutzt drein, und der Löwenwirt brummte. Die älteste Tochter des Doktors sagte: Petrowitsch habe Freude an der Musik, und wer Freude an der Musik finde, habe auch ein gutes Herz. Lenz nickte einverständlich, und Annele lächelte holdselig. Die Löwenwirtin durfte sich's nicht nehmen lassen; sie hatte das Gespräch auf einen so ergiebigen Gegenstand gebracht, es durften nicht andre sich seiner bemächtigen; sie lobte die Gescheitheit des Petrowitsch und gab zu verstehen, daß sie dessen innigste Vertraute sei; wobei nicht undeutlich durchschimmerte, daß sie auch gescheit sei und einen solchen Weisen richtig zu würdigen verstehe, was natürlich nicht jedermanns Sache ist. Auch Annele hatte etwas Gutes anzubringen, sie lobte die Säuberlichkeit des Petrowitsch, und wie er immer so feine Wäsche trage und so unterhaltsame Späße machen könne; ja, selbst für den Büble fiel ein guter Bissen ab von der reichen Lobestafel. Annele schilderte Petrowitsch als den vollkommensten Hausfreund, ja, er wurde zuletzt heilig, es fehlten ihm weiter nichts als ein Paar Flügel, um ein reiner Engel zu sein. Endlich ging der Besuch: der Schulmeister begleitete die Familie des Doktors. Als der Doktor hinterdrein ging, gab ihm Lenz das Geleite und sagte: »Herr Doktor, ich habe eine Bitte, aber Sie müssen mich nicht fragen, warum ich frage.« »Was ist's denn?« »Ich möchte nur wissen, was ist das für eine Pflanze: Edelweiß?« »Weißt du es nicht, Amanda?« fragte der Doktor. Errötend erwiderte Amanda: »Das ist: doch die Alpenpflanze, die nahe an der Schneegrenze, ja sogar unterm Schnee wachsen soll; ich habe sie aber nie lebendig gesehen.« »Das glaube ich, Kind,« erwiderte der Doktor lächelnd; »nur kecke Alpenjäger und Alpenhirten wagen es, die eigensinnige Pflanze an ihrem Standorte zu pflücken, und es gilt als Zeichen glücklichen Mutes, wer sie gewinnt. Es ist eine eigentümliche, fein und zart gebaute Pflanze, wenig saftig und darum leicht lang aufzubewahren, wie unsre heimische Immortelle; die Blüte ist mit weißsamtenen Blättern eingerändert, und auch der Stengel ist mit wolligem Flaum bedeckt. Wenn du einmal zu mir kommst, Lenz, kann ich dir das Pflänzchen zeigen. Der lateinische Name der Pflanze ist: Leontopodium alpinum , was zu deutsch Löwenfuß von den Alpen hieße; woher der deutsche Name kommt, weiß ich nicht, wenn ich's nicht in einem Buche finde; aber schöner ist er jedenfalls als der lateinische.« Lenz dankte. Der Doktor und die Seinigen gingen den Berg hinab. Als alle schon weggegangen waren, hielt sich die Löwenwirtin noch bei Franzl in der Küche auf und wußte nicht genug zu loben, wie sauber und fein da alles sei. »Du bist aber auch wie die Mutter im Haus,« sagte sie und hatte dabei ihr Elsterngelächter, wie es Pilgrim nannte, »du verdienst, daß er dich in Ehren hält und dir Kisten und Kasten anvertraut und kein Geheimnis vor dir hat.« »Das hat er auch nicht, nur ein einziges.« »So? Doch? Darf man's wissen?« »Ich weiß es ja selber nicht. Wie er vom Begräbnis heimgekommen ist, da hat er in der Kammer in dem Schränkchen gekramt, zu dem die Meisterin nie einem den Schlüssel gegeben hat, und wie ich ihn rufe, drückt er die Kammerthür zu und kramt lang und schließt wieder alles fest zu, und wenn er aus dem Haus geht, drückt er noch jedesmal an dem Schränkchen, ob es auch gut verschlossen ist. Er ist aber sonst nicht mißtreu.« Die Löwenwirtin schluckte behaglich und stieß nur ein kurzes Elsterngelächter aus. Das ist gut, die Alte hat gewiß einen Strumpf voll Gold gespart wer weiß, wie viel! – »Besuch' mich auch einmal,« sagte die Löwenwirtin herablassend, »komm du nur, wann du willst, und wenn du 'was brauchst, ich verzeih dir's mein Lebtag nicht, wenn du in ein ander Haus gehst, als in meines. Dein Bruder kommt oft zu uns mit seinem Schindelnfuhrwerk. Soll ich ihm nichts ausrichten?« »Ja, er könnte sich doch auch einmal nach mir umsehen!« »Kannst dich drauf verlassen, daß ich ihm das ausrichte, und wenn er nicht Zeit hat, schicke ich nach dir. Es kommen viel Knuslinger zu uns, sie sind gescheit, wenigstens ich einmal unterhalte mich am liebsten mit ihnen. Wenn die Knuslinger reich wären, sie wären die Berühmtesten landaus und landein. Es ist auch oft die Rede von dir, und die Knuslinger hören's gern, wenn man ihnen sagt, wie du in Ehren stehst und was du bist.« Die Löwenwirtin holte Atem, die Franzl schaute sie voll dienstbeflissener Glückseligkeit an, sie hätte ihr gern mit ihrem Atem ausgeholfen, aber sie hatte selbst keinen mehr; sie legte die Hand aufs Herz, um das zu beteuern, reden konnte sie nicht. Wie ist es denn auf einmal in der Küche? Da ist es ja, wie wenn auf allen Töpfen lauter fröhliche Knuslinger Gesichter lachen, und die schönen, blanken, kupfernen Kessel und Pfannen werden zu Pauken und spielen auf, und die blechernen Trichter blasen, und die schöne weiße Kaffeekanne stemmt den Arm in die Seite und tanzt just wie die alte Bürgermeisterin, die Pate der Franzl; o weh, sie stürzt! Franzl faßte noch glücklich die übermütige Kaffeekanne. Die Löwenwirtin erhob sich und schloß: »Jetzt behüt' dich Gott, Franzl! Es thut einem doch wohl, wenn man wieder einmal mit einer alten guten Freundin spricht. Es ist mir da bei dir viel wohler, als drin in der Stube bei dem Doktor mit seinen verdorbenen Fräulein, die nichts können, als Klavier spielen und Mäulchen machen. Behüt dich Gott, Franzl!« Das Musikwerk drin in der Stube spielte nicht mehr und nicht schönere Melodien, als sich jetzt in dem Herzen der Franzl spielten; sie hätte tanzen und singen mögen vor Freude, sie lachte ins Feuer hinein, und dann schaute sie wieder durch das Küchenfenster der Löwenwirtin nach. Was ist doch das für eine prächtige Frau, und sie ist doch die erste in der Gegend, und sie hat's ja selber gesagt, sie ist deine gute alte Freundin! Als Franzl in der Stube den Tisch deckte, schaute sie einmal rasch in den Spiegel, wie ein Mädchen, das vom Tanz heimkommt: so sieht die Franzl aus, die die beste Freundin der Löwenwirtin ist. Sie konnte keinen Bissen über den Mund bringen von dem guten Essen, das sie bereitet hatte, sie war satt, übersatt. Zwölftes Kapitel. Gutes Geleite und Gedanken in die Weite. Fertig ist's jetzt! sagte Lenz in der Stube vor sich allein, behüt dich Gott! – Er ging nun daran, das Werk auseinander zu schrauben. Es wurde in einzelnen Stücken nach dem Thale gebracht und der große schöne Kasten auf einer Bahre hinab getragen, denn es ging kein Fahrweg nach dem Hause des Lenz. Die beiden Feinde Petrowitsch und Pilgrim trafen zusammen bei dem Wagen, auf dem Lenz stand und die einzelnen, wohl verwickelten Teile einpackte. Auf der einen Seite des Wagens sagte Petrowitsch: »Ich kenne den Mann und das Haus, wo das Werk hinkommt, gerade in Odessa ist einer meiner liebsten Freunde. Der das Werk kriegt, ist ein grundbraver Mensch. Wenn du gescheit wärest, gingst du mit und stelltest das Werk in Odessa auf; dann kriegst du sieben neue Bestellungen.« »Ich hab' schon wieder eine neue Bestellung,« beschwichtigte Lenz. Auf der andern Seite des Wagens sagte Pilgrim: »Lenz, wir geben der Zauberflöte ein Stück Wegs das Geleite, und heute abend sind wir bei guter Zeit wieder daheim.« »Ich bin's zufrieden, ich kann ohnedies heute nichts mehr arbeiten.« Als die beiden Freunde, hinter dem Wagen dreingehend, an dem Löwenwirtshaus vorüber kamen, schaute Annele zum Fenster hinaus und rief: »Glück zu!« Die beiden Freunde dankten. Am Hause des Doktors war's aber doch noch schöner. Da kam die Magd heraus und legte schnell einen Kranz auf den Wagen. »Wer schickt den?« fragte Pilgrim, denn Lenz war starr vor Staunen. »Meine Haustöchter,« sagte die Magd und ging ins Haus zurück. Die beiden Freunde nickten hinauf ans Fenster; es zeigte sich niemand; nur als sie ein Stück weiter gegangen waren, hörten sie aus dem Hause des Doktors die Zauberflöte spielen. »Es sind doch prächtige Menschen, des Doktors,« sagte Pilgrim. »Ich bin nie dümmer, als wenn ich mich frage: Wer von ihnen ist die Beste? Mir die liebste ist die alte Schultheißin. Die ganze Gegend sollte eine Bittschrift hei Gott eingeben, daß er die nicht sterben läßt; jetzt ist deine Mutter tot, und wenn die noch stirbt. dann ist die ganze alte Welt tot, die noch in ehrlichem, hausmachenem Zeug lebte. Aber die Enkel sind auch brav, die Amanda wird einmal eine Großmutter wie die alte Schultheißin.« Lenz schwieg, und den ganzen Weg nach der Stadt war er still. Dort aber, als das Fuhrwerk weiter gezogen war und die Freunde beim Weine saßen, wurde Lenz wohlgemut und redselig und sagte, daß es ihm sei, als ob er jetzt noch einmal zu leben anfange. »Und heiraten mußt du!« das war wieder der Ausspruch des Pilgrim. »Du kannst nur zweierlei wählen: entweder eine rechtschaffene Gebildete, eine von des Doktors Töchtern, du kriegst eine, wenn du willst, und ich rate dir zur Amanda. Es ist nur schade, daß sie nicht so singen kann, wie die Bertha, aber sie ist seelenbrav, sie wird dich ehren, wenn du sie ehrst, und wird deine Kunst hoch halten.« Lenz schaute in das Glas, und Pilgrim fuhr fort: »Oder aber, du machst dir's bequem und heiratest eine rechtschaffene Bauerntochter, des Vogtsbauern Kathrine; die Franzl hat recht, sie springt dir nach über sieben Zäune; die wird dir sparen und hausen, und du wirst gesunde Kinder kriegen, sieben Söhne, die die alten Tannen in des Löwenwirts Wald hinter deinem Hause umreißen, und ein vermögender Mann wirst du auch. Aber für deine Kunst und von dem, was du da sonst noch im Kopf hast, kannst du dann von deiner Frau nichts verlangen. Du hast die Wahl, aber wählen mußt du. Wenn du entschieden bist, schicke nur mich, da oder dorthin. Ich freue mich schon auf meine Würde als Brautwerber, ich ziehe ein Halstuch um, wenn's nötig ist. Kann ich mehr für dich thun auf der Welt?« Lenz schaute noch immer in das Glas. Mit diesem Entweder – Oder des Pilgrim war Annele ausgeschlossen. Erst nach geraumer Zeit sagte Lenz: »Ich möcht' nur einmal in einer großen Stadt sein. Ich möcht' einmal von einem ganzen Orchester so ein Musikstück hören, aber dasselbe Stück fünf, sechsmal. Da, mein' ich, könnt' ich's noch ganz anders setzen. Es ist mir immer, wie wenn noch ein Ton da wäre, den ich nicht herauskriege. Schau, sie mögen mich loben, wie sie wollen, ich weiß doch, daß die Stücke, die ich gesetzt habe, nicht den rechten Ton haben; es ist nicht der rechte Ton; ich weiß es und kann ihn doch nicht anders machen, es ist so 'was Quieksendes, so 'was Herbes, Trockenes darin, wie wenn ein Taubstummer spricht: das klingt fast so, wie wenn wir reden, aber es ist doch nicht so. Wenn ich nur den Ton herauskriegte! Ich kenne ihn, ich höre ihn, aber ich krieg' ihn nicht.« »Ja, ja, es geht mir auch so. Ich meine, es gibt eine Farbe und ein Bild, das ich noch machen könnte. Ich mein', ich müßt's herausreißen und festhalten, aber ich sterbe weg von der Welt und krieg's nicht heraus. Das ist einmal so unser Schicksal, das deinige und das meinige. Da kommst du nicht darüber hinaus. Das muß so sein. Blasbalg und Uhrenrad werden nie das machen können, was ein lebendiger Menschenatem und eine lebendige Menschenhand ausrichten kann; die bringen aus Geigen und Flöten Töne heraus, die ihr nie herauskriegt. Und das muß so sein. Komm, trink aus, wir wollen heim.« Sie tranken aus und gingen wohlgemut heim durch die Herbstnacht und sangen miteinander allerlei Lieder, und als sie des Singens müde waren, pfiffen sie zweistimmig. An seinem Hause nahm Pilgrim Abschied. Als aber Lenz im Löwenwirtshaus noch viel Licht sah und laut sprechen hörte, ging er hinauf. »Das freut mich, daß du noch kommst,« sagte Annele und streckte ihm die Hand entgegen. »Ich hab' mir's gedacht, es muß dir einsam sein daheim, jetzt, wo das Werk fort ist, gerad wie damals, wo deine Mutter gestorben ist.« »Just gerad nicht so, aber doch von der Art. Ja, Annele, sie mögen mir das Musikwerk loben, wie sie wollen, ich weiß doch, es sollte noch ganz anders sein. Schau, ich will mich nicht loben, aber das darf ich doch sagen, ich verstehe, Musik zu hören, und Musik recht hören können, das ist was!« Annele sah ihn groß an. Musik hören können, was ist denn das für eine Kunst! Das kann ja jeder, der Ohren hat und sie nicht verstopft! Sie ahnte aber doch, daß Lenz etwas andres damit meine: sie kennt das, sie weiß aus vielfacher Erfahrung, daß die Menschen oft verkehrt anfangen, wenn sie etwas zu berichten haben, wovon sie ganz voll sind. Sie warf daher nochmals einen großen Blick auf Lenz und sagte: »Ja wohl, das ist was.« »Du verstehst, wie ich's meine,« rief Lenz begeistert. »Ja, aber ich weiß es nicht zu sagen.« »Das ist's ja, das kann ich ja auch nicht. So wie ich an diesen Punkt komme, bin ich gleich ein Stotterer. Ich habe nicht eigentlich regelrecht Musik gelernt, ich kann nicht geigen und nicht Klavier spielen; aber ich höre doch ganz genau, wenn ich die Noten sehe, was der Musiker hat sagen wollen. Ich kann nicht Musik sprechen, aber ich kann Musik hören.« »Das ist ein gutes Wort!« frohlockte Annele. »Das Wort behalt' ich mein Leben lang; Musik sprechen und Musik hören, sind zweierlei. Ja, von dir lernt man gut, wie es einem so innen ist, aber man kann es nicht so geben.« Lenz trank den guten Wein, die guten Worte und den guten Blick des Annele auf einmal hinunter, dann fuhr er fort: »Besonders meinen Mozart, den höre ich ganz, und ich meine, ich höre ihn recht. Wenn ich dem nur einmal im Leben hätte die Hand geben können! Aber ich meine, ich wäre gestorben vor Wehmut, wie er gestorben ist, wenn er zu meiner Zeit gelebt hätte; aber in den Himmel hinein möchte ich ihm 'was Gutes thun. Oftmals denke ich auch wieder: es ist besser, daß ich kein Instrument spielen kann: ich hätte doch nie so sprechen gelernt, wie ich hören kann. Das Hören ist eine Naturgabe, für die ich Gott zu danken habe, und mein Großvater soll auch besonders gut Musik verstanden haben. Wenn ich spielen müßte, anders als ich's hören mag und wie ich's meine, es thäte mir die Ohren zerreißen.« »So geht mir's auch,« setzte Annele ein, »ich höre es gar gern, aber ich hin zu ungeschickt; und wenn man noch dazu im Haus schaffen muß und nicht dabei bleiben kann, da wird nichts Rechtes draus. Ich habe das Klavierspielen aufgegeben. Mein Vater ist bös darüber, er hat nichts gespart, er hat uns Kinder alles lernen lassen; aber ich meine, was man nicht recht aus dem ff kann, muß man ganz bleiben lassen, und eben für Menschen, wie ich, die auch Musik hören, aber nicht sprechen können, eben für solche bist du da und machst deine Musikwerke. Wenn ich Meister im Hause wäre, ich thäte dir dein bestes Musikwerk abkaufen, ich ließe es nicht nach Rußland; da in der Wirtsstube müßte es sein, das wäre unterhaltsam für alle Gäste, und du bekämest auch dadurch Bestellungen genug. Seitdem ich bei dir da oben gewesen hin, spielt's mir immer, wo ich stehe und gehe, die schöne Weise mit dem Glockenspiel: Das klinget so herrlich, das klinget so schön!« Es klang auch in Lenz herrlich und schön. Er suchte Annele zu erklären, daß, wer nicht das rechte Musikgefühl habe, die Stifte wohl vorzeichne und einsetze, wie es die Noten vorschreiben, aber damit sei es nicht gethan und auch nicht mit Veränderung des Tempos, wie es vorgeschrieben ist; wo das Gefühl nicht ist, da wird nichts als ein Leierkasten. Er nehme daher das Piano noch langsamer und das Forte noch schneller; der spielende Musiker thue das von selbst, er wird von selbst beim Piano sanfter und beim Forte hitziger. Das müßte man eben in die Stifte zu bringen suchen, aber es darf nur ganz gering sein, was man nachgibt und vorschlägt, und beim Forte müsse man besonders drauf setzen, weil das Werk da ohnedies viel zu thun hat und von selbst anhält, da müsse man Vorspann geben. »Schau, Annele,« schloß er, »ich kann dir gar nicht sagen, wie glücklich mich meine Kunst, mein Geschäft macht. Der Pilgrim hat recht: da sitze ich da droben und setze heitere und ernste Stücke, die sich dann allein spielen und hundert und hundert Menschen in weiter Ferne glücklich machen.« Annele hörte sehr einverständlich zu und sagte schließlich: »Du verdienst es auch, glücklich zu sein. Und du legst es so schön aus, wie schön das ist, was du thust. Ich danke dir vielmal, daß du mir alles so auslegst. Wenn das manches wüßte, daß du mir alles so sagst, könnte es eifersüchtig sein.« Bei diesen Worten fuhr sich Lenz mit der Hand über die Stirn und sagte: »Ja, Annele, darf ich dich was fragen?« »Ja, dir sag' ich alles.« »Nimm mir's nicht übel: ist es denn wahr, daß du so viel als Braut bist mit dem Techniker?« »Ich danke dir, daß du mich das geradeswegs fragst. Da hast du meine Hand drauf, es ist kein wahres Wort dran, wir haben nichts miteinander.« Lenz hielt die Hand fest und sagte: »Jetzt erlaube ich mir noch eine Frage.« »Frag du nur, was du willst, du sollst ehrlich bedient sein.« »Sag, warum bist du immer so anders gegen mich, wenn der Pilgrim da ist? Habt ihr je was miteinander gehabt?« »Schau, da will ich Gift mit hineintrinken, wenn ich dir nicht die Wahrheit sage,« entgegnete Annele und faßte nach dem Glase des Lenz und nippte, so viel Lenz auch beteuerte: »Du brauchst nicht zu schwören, ich kann Schwören nicht leiden.« Sie fuhr fort: »Ja, wenn alle Menschen so wären wie du, brauchte man nicht zu schwören auf der Welt. Der Pilgrim und ich, wir foppen und hänseln uns immerfort. Aber er kennt mich doch nicht ganz. Und wenn du da bist, da kann ich das Spaßmachen und die Fastnachtspossen nicht leiden. Jetzt mußt du mir aber auch etwas thun. Bleib dabei! So wie du über mich was zu fragen hast, was es auch sei, frag niemand, als mich selber; versprich mir das, gib mir die Hand drauf.« Sie reichten einander die Hände, und Annele fuhr mit wehmütigem Tone fort: »Ich bin eine Wirtstochter, ich hab's nicht so gut wie andre Haustöchter, bei denen darf nicht jeder da hereinkommen, und man muß ihm Rede und Antwort geben. Darum schlag' ich oft aus, wo ich kann, aber ich bin nicht immer so wie ich mich stelle. Dir darf ich das sagen, und dir sag' ich's. Ich könnt' wohl auch manchmal betrübt sein, aber mit Lustigdrüberwegspringen jagt man die Traurigkeit fort.« »Das hätte ich jetzt nie geglaubt, ich hätte nie geglaubt, daß dir je ein trüber Gedanke durch die Seele gegangen. Ich habe immer gemeint, du bist den ganzen Tag wie ein lustiger Vogel.« »Ja, die Lustigkeit ist mir auch lieber,« erwiderte Annele und bekam plötzlich ein ganz andres Gesicht. »Ich mag auch die traurige Musik nicht. Das klinget so herrlich, das klinget so schön! Das ist eine Weise, die ist lustig, da möchte man dazu hüpfen und tanzen.« Das Gespräch war wieder auf die Musik und auf das heute abgesandte Werk zurückgelenkt. Lenz sprach gern und viel davon, wie er die Zauberflöte auf ihrem langen Wege begleite. Er hätte gern allen Packknechten, allen Fuhrleuten und allen Matrosen zugerufen: Habt acht! Schade, daß ihr nicht hören könnt, was da eingewickelt ist! Noch nie in seinem Leben war Lenz, wie heute, der letzte Gast im Wirtshause gewesen, und er fühlte gar keine Lust, aufzustehen und heim zu gehen; die große Schlaguhr in der Stube schlug laut und mahnend, und die Gewichte rollten dabei wie zornig, Lenz hörte sie nicht. Der Löwenwirt war in der Stube verblieben, da sich die Frau zu Bette gelegt hatte. Er las seine Zeitung am andern Tisch, stand auf, gab Annele einen Wink, Feierabend zu machen; sie mußte es nicht verstanden haben, sie sprach eifrig weiter. Er löschte mit Geräusch sein Licht aus, auch das merkten die beiden nicht. Er ging mit schwer knarrenden Stiefeln die Stube auf und ab, Lenz achtete nicht darauf. Das war noch nie geschehen, daß jemand that, als ob der Löwenwirt nicht in der Stube war. Der Löwenwirt ließ seine Repetieruhr schlagen, auch darauf merkte Lenz nicht. Endlich – der Löwenwirt hat's nicht nötig, sich vor jemand einen Zwang anzuthun – endlich ließ er sich vernehmen: »Lenz, wenn du hier über Nacht bleiben willst, will ich dir ein Zimmer anweisen.« Lenz erwachte, er gab Annele die Hand, er hätte sie auch dem Löwenwirt gern gereicht, aber das darf man nicht wagen, wenn er nicht selber dazu auffordert. Still, allerlei in Gedanken überlegend, ging Lenz heimwärts. Dreizehntes Kapitel. Löwe, Fuchs und Elster. In den ersten Wintermonaten wie in den ersten Frühlingsmonaten war's auf der Morgenhalde am schönsten in der ganzen Gegend. Der alte Lenz hatte recht gehabt, als er sagte: Auf meinem Haus und meiner Wiese, da liegt den ganzen Tag die Morgensonne. Man brauchte den halben Tag nur wenig zu heizen. In dem kleinen Gärtchen hinter dem Hause blühten noch Blumen, wenn anderwärts schon lang keine mehr zu sehen, und da sproßten sie wieder auf, wenn sonst noch alles kahl war. Dieses Gärtchen ist aber auch geschützt wie eine Stube, und – was in der Gegend selten ist – es stand hier ein zahmer Kastanienbaum, dem aber die Eichhörnchen und Nußhäher aus dem nahen Walde manchen unliebsamen Besuch abstatteten. Das Haus schützte das Gärtchen von der einen Seite, ohne ihm doch von zehn Uhr ab die Sonne zu entziehen. Und der mächtige Wald, der den steil aufsteigenden Berg hinter dem Hause bedeckte, schien seine besondere Freude an dem Gärtchen und dem Hause zu haben. Er hatte zwei seiner mächtigsten Tannen als Wache an den Eingang desselben gestellt. Wenn es viele Spaziergänger im Dorf gegeben hätte, in den unfreundlichen ersten Wintermonaten hätten sie den Weg, die Bergmatte hinauf, am Hause des Lenz vorüber in den Wald hinein und von oben über den Bergkamm zurück gewiß oft besucht. Es gab aber nur einen Spaziergänger im Dorfe oder eigentlich zwei, nämlich den Petrowitsch und seinen Hund, den Büble. Jeden Tag vor dem Mittagsmahl holte sich Petrowitsch einen guten Appetit, indem er eben den Weg durch die Matte, am Hause vorbei über den Bergkamm ging. Der Büble machte sich dabei doppelte und dreifache Bewegung, denn er sprang immer den Habichtstobel (wie man die ausgehöhlte Rinnse im Berge nennt, die rechts vom Hause des Lenz thalwärts lief) hinab und hinauf. Die Rinnse war jetzt trocken und diente nur dazu, im Frühling und Sommer die wilden Wasser aufzunehmen. Petrowitsch war äußerst freundlich mit seinem Hunde, und in verliebten Stunden nannte er ihn auch »Sohnele«. Petrowitsch war reich aus der Fremde zurückgekehrt; man schätzte sein Vermögen natürlich in der Gegend dreifach höher, aber es war immer noch erklecklich, was er in Wahrheit heimgebracht. Die Sehnsucht, die den Oberdeutschen und den Sohn der Berge nie verläßt und ihn drängt, wieder nach der Heimat zurückzukehren, hatte auch Petrowitsch auf seine alten Tage wieder in die Heimat zurückgeführt, und er lebte hier in seiner Art ein vergnügtes Leben. Seine fröhlichste Zeit aber war der Hochsommer, denn da kamen aus allen Weltgegenden die Händler hier zusammen, und man hörte im Löwen Spanisch, Italienisch, Englisch, Russisch und Holländisch, überhaupt alle Sprachen der Welt, und dazwischen wieder ganz gesundes Schwarzwälder Deutsch von denselben Menschen, die eben in allen Zungen redeten. Da war Petrowitsch eine gesuchte Person, und er lebte ganz stolz auf, da er wieder einmal Gelegenheit hatte, spanisch und russisch zu sprechen. Während er sonst immer zur gesetzten Zeit das Löwenwirtshaus verließ, hielt er sich da oft ganze Tage, ja, bis in die Nacht hinein auf. Und wenn der Markt verlaufen war, blieb er allein übrig und that sich viel darauf zu gut, namentlich denjenigen, die nach der untern Donau gingen, nachrechnen zu können, wo sie jetzt und jetzt seien. Petrowitsch hielt die ganze Gegend in Spannung. Er sagte es zwar nicht selbst, aber es war doch bekannt geworden, daß er eine große milde Stiftung für die ganze Gegend machen wolle. In jedem Zimmer des großen Hauses, das er sich erbaut hatte, war ein Ofen, das deutete an – und er sagte nicht ja und nicht nein, wenn man's ihm vorhielt – daß er eine Stiftung für invalide Arbeiter machen wolle. Lenz, sein einziger Erbe, wurde dabei nicht minder in Spannung erhalten; denn es galt natürlich als ausgemacht, daß er ihm auch einen erklecklichen Teil hinterlassen werde. Lenz rechnete aber nicht darauf. Er erwies dem Ohm alle Ehre, die ihm gebührte; im übrigen war er Manns genug, für sich selber zu sorgen. Er ließ für den Lieblingsspaziergang des Ohms den Weg durch den Lehrling immer gut im Stand erhalten, aber nie sagte weder er noch Petrowitsch ein Wort darüber. Jeden Mittag, wenn die Gänse und Hühner des Lenz lärmten und ein Hund bellte, war's die Anzeige, daß der Ohm Petrowitsch daherkam. Lenz grüßte durch das Fenster, an dem er arbeitete; der Ohm dankte und ging seines Weges. Lenz kam nicht zu Besuch in das Haus des Ohms, und dieser nicht in das seine. Eines Tages blieb der Ohm vor dem Fenster stehen, und der Büble schien auch die Gedanken seines Herrn zu erraten; denn während er sonst die Hühner des Lenz nur bis an den Gartenzaun verfolgte und sich's genügen ließ, wenn sie gackernd hinter den Zaun flogen, und dann zufrieden zu seinem Herrn zurückkehrte, verfolgte er heute die Hühner in den Garten hinein bis ins Haus, wo sie indes an Franzl Schutz genug fanden. Petrowitsch zankte heute ernstlich mit dem Hunde und ging vorüber, indem er dabei vor sich hin dachte: Der Lenz muß dir selber kommen, und es ist besser, du kümmerst dich gar nicht um ihn; sobald man sich um irgend einen Menschen kümmert, hört die Ruhe auf. Man hat dann zu denken: Wird er das thun? Wird er jenes thun? Nichts da! Mich geht, gottlob! niemand auf der Welt etwas an. – Dennoch konnte er das Denken nicht abwehren: was ist das mit dem Walde! Denn gestern am Mittag hatte sich die Löwenwirtin zu ihm gesetzt, und nachdem sie von allerlei gesprochen, lobte sie es zuletzt, aber ganz unversehens, daß Petrowitsch täglich seinen ruhigen Gang mache; das erhalte ihn gesund, und dabei könne er hundert Jahre alt werden, er habe ganz das Ansehen dazu. Sie gönne es ihm auch von Herzen, er habe sich's sauer werden lassen, er verdiene es nun auch, daß es ihm wohlgehe. Petrowitsch war klug genug, zu wissen, dahinter steckt etwas; er dachte vielleicht nicht mit Unrecht, daß die Löwenwirtin so besonders freundlich mit ihm sei, weil sie Absichten auf seinen Neffen habe. Sie redete aber davon gar nichts. Sie kam nochmals auf seinen Spaziergang und sagte, wie es ein kluger Schick wäre, wenn Petrowitsch ihrem Mann den schönen Spannreuterwald an der Morgenhalde abkaufe; er gebe ihn zwar nicht gern her, und sie wisse überhaupt nicht, ob er ihn hergebe, aber sie möchte dem Petrowitsch das Gute gönnen, daß er täglich in seinem eigenen Wald spazierengehen könne, das müßte doch vergnüglicher sein. Petrowitsch dankte für die überaus zartsinnige Aufmerksamkeit und sagte schließlich, er gehe in fremdem Wald ebenso gern spazieren; im Gegenteil, er habe sich dann gar nicht zu ärgern, wenn er Holzdiebe anträfe, und solcher Aerger sei vor Tische gar nicht gut. Die Löwenwirtin lächelte überaus klug und meinte: wenn man sich schon etwas Gescheites ausgedacht habe, so sei der Petrowitsch immer noch gescheiter. Wiederum dankte er, und beide waren gar süß miteinander, noch viel süßer als das Stück Zucker, das sich Petrowitsch von seiner Nachtischtasse einsteckte. Nun ging's Petrowitsch durch den Kopf, daß der Wald für Lenz ein schicklicher Kauf wäre, wenn er ihn durch dritte Hand kaufen ließe, denn ihm selber werde der Löwenwirt einen zu hohen Preis stellen. Das war's nun, was er ihm sagen wollte, wovon er aber doch wieder abließ, weil er den edlen Grundsatz hatte, sich um keinen Menschen zu kümmern. Und schon das war zu viel, daß er sich mit der Sache beschäftigte. Er merkte es, das Bergsteigen wurde ihm heute viel schwerer; denn man soll nichts denken beim Bergsteigen, gar nichts denken. nur gut atmen. Petrowitsch befahl dem Büble, der nach einem Maulwurf kratzte, während ihm doch ruhiges, gekochtes Essen bevorstand: hierher! dummer Kerl! Was geht dich der Maulwurf an? Laß ihn graben. Und als der Hund hart neben ihm ging, befahl er nun: zurück! Der Hund ging hinter ihm, und so wies er auch alle unnützen Gedanken hinter sich; er mochte nichts davon wissen, das ruhige Leben darf nicht gestört werden. Im Löwenwirtshaus traf Petrowitsch die Familie verstimmt. Die Frau hatte ihrem Manne gesagt, daß sie Petrowitsch den Wald an der Morgenhalde angeboten habe, daß er ihn aber nicht wolle. Der Mann war äußerst ergrimmt über diese voreilige Zutraulichkeit und schloß: »Jetzt wird der Petrowitsch gewiß aussprengen, ich brauche Geld.« »Du hast ja gesagt, du brauchtest Geld,« erwiderte die Frau schmollend. »Und ich brauche dich nicht zum Unterhändler. Ich mag nur bei dem jetzigen Kurse keine Papiere verkaufen!« schrie der Löwenwirt ungewöhnlich laut, eben als Petrowitsch eintrat. Dieser schmunzelte behaglich und dachte in sich hinein: Weil du so schreist und prahlst, brauchst du Geld. Als man sich zu Tische setzen wollte, brachte der Briefbote mehrere Briefe, darunter auch rekommandierte; der Löwenwirt bescheinigte den Empfang, öffnete aber die Briefe nicht und setzte sich zu Tische, indem er laut wiederholte, was er schon oft gesagt hatte: »Ich lese keine Briefe vor Tisch; sind sie gut oder sind sie nicht gut, sie verderben einem das Essen. Ich lasse mich nicht aus meiner Ruhe bringen durch die Eisenbahnen.« Es saß ein böser Spötter am andern Tische, der dieser Weisheit das gebührende Staunen entzog und in sich hinein dachte: Dir geht doch eine Lokomotive im Leib herum, du magst noch so gemächlich thun. – Und dieser Spötter war natürlich Petrowitsch. Nach dem Essen ging Pilgrim mehrmals am Tische des Petrowitsch vorüber und wollte sichtlich vor demselben stehen bleiben; vier Augen betrachteten ihn mit Verwunderung; der Büble, der auf dem Schoße seines Herrn saß, starrte ihn an und knurrte, er spürte, daß man was von seinem Herrn will, und Petrowitsch blinzelte manchmal von seiner Zeitung aus: Was will denn der? Der hat doch nicht auch einen Wald zu verkaufen? Höchstens den aus seinem Kopf, wenn er ihn nicht schuldig ist. Pilgrim fuhr sich allerdings oftmal mit der Hand durch seine langen, schlichten Haare, er fand aber damit keinen Weg zu Petrowitsch, vielmehr stand dieser jetzt auf, bezahlte und ging. Pilgrim eilte ihm nach, und auf der Straße sagte er: »Herr Lenz, ich bitte um ein paar Worte.« »Guten Tag, das sind just ein paar Worte.« »Herr Lenz, ich will nichts für mich, aber ich halte es für meine Pflicht –« »Ihre Pflichten gehen mich nichts an.« »Doch, Herr Lenz, nehmen Sie an, es sagt' ein andrer, was ich sage; es ist nur, damit Sie's wissen.« »Ich bin nicht neugierig.« »Kurz und gut, es betrifft Ihren Neffen Lenz.« »Das hab' ich gewußt.« »Es ist noch mehr. Sie können sein Lebensglück machen.« »Das muß jeder selber machen.« »Es kostet Ihnen nur einen Gang zum Doktor.« »Ist der Lenz krank?« »Nein. Die Sache ist kurz die: er muß heiraten, und er will auch, und die beste Frau für ihn ist des Doktors Amanda. Ich hab's nach allen Seiten hin überlegt. Er ist aber nicht dazu zu bringen, daß er selber den Mut hat; er meint auch – er hat's nicht gesagt, aber ich weiß es –, er wäre nicht reich genug dazu. Jetzt wenn der Ohm anhält und dabei verspricht –« »So? Hab's gewußt, daß darauf alles abgespitzt ist. Wenn mein Bruderssohn eine Frau braucht und eine will, soll er sie selber holen; ich bin ein alter Junggeselle, ich verstehe das nicht.« »Wenn nicht seine Freunde dazu thun, verheiratet sich die Amanda; es hält ein Apotheker um sie an, ich weiß das.« »Gut, dazu paßt sie. Aber ich bin nicht der Versorger der Welt.« »Und wenn Euer Neffe anderswo ungeschickt hineintappt?« »Soll er sehen, wie er herauskommt.« »Herr Lenz, Sie sind nicht so hart, wie Sie sich stellen.« »Ich stell' mich gar nicht, ich geh'. Guten Tag, Herr Pilgrim.« Er ging davon, und Pilgrim stand tief aufatmend und ging endlich heimwärts, um bei dem trüben Wetter, wo es kaum tagte, wenigstens Farben zu reiben für helle Tage. Vierzehntes Kapitel. Schränke und Augen werden aufgemacht. »Grüß' Gott, Franzl! Ei, du läßt dich auch einmal sehen? Das ist schön, das freut mich.« So wurde Franzl von der Löwenwirtin angeredet, als sie in die Wirtsstube trat. »Mit Verlaub, habt Ihr nicht nach mir geschickt? Mein Bruder soll ja da sein,« brachte Franzl stotternd hervor. Die Löwenwirtin wußte von nichts. Der Bruder war allerdings dagewesen, war aber schon lange wieder fort. Die Löwenwirtin hatte dem Hausknecht nur Auftrag gegeben, bei Gelegenheit einmal der Franzl Botschaft zu bringen; von heute wußte sie nichts. Franzl bat um Verleihung, wollte gleich wieder umkehren, sie kam sich unendlich überflüssig vor hier; das schien der Löwenwirtin zu genügen. Die einfältige Magd durfte nichts merken, mußte glückselig sein, daß man ein paar Minuten sich mit ihr abgab. So war's am besten, sie zu tausend Dank zu verpflichten, statt ihr einen schuldig zu werden. Franzl wurde nun, da sie einmal da war, genötigt, in das Familienstüble zu treten; dort ein wenig zu warten, bis die Vielbeschäftigte zu ihr käme. Franzl wagte es nicht, sich hier auf einen Stuhl zu setzen, und blieb an der Thür stehen und starrte nur immer die großen Schränke an, die bis zur Decke hinausreichten. Endlich kam die Löwenwirtin und sagte, sich die Kleider glatt streichend: »So, jetzt hab' ich alles abgeschüttelt, jetzt will ich auch einmal eine gute Stunde mit einer alten Freundin haben. Was hat man denn sonst auf der Welt, wenn man auch noch so viel hat?« Franzl fühlte sich hochbegnadigt. Sie mußte sich zur Löwenwirtin setzen, ganz nahe, aufs Sofa, und eine Magd brachte Kaffee mit Backwerk. Franzl zierte sich, wie sich's gebührt, und noch etwas mehr, und wollte mit aller Gewalt den Rahm, den ihr die Löwenwirtin ganz eingeschenkt hatte, in die Tasse der Löwenwirtin schütten, bis diese sagte: »Ich werde bös, wenn du mit mir Umstände machst.« Bei der zweiten Tasse mußte Franzl erzählen, wie es denn oben aussehe, und sie berichtete, daß Lenz so fleißig sei, wie wenn er kein Brot im Haus hätte, und es sei doch alles gespickt voll. Er gehe fast gar nicht aus dem Haus, nur manchmal zum Faller, dem er sein Haus einrichten helfe, für dessen Ankauf er sich verbürgt habe, und er habe dem Faller ein aufgerichtetes Bett und der alten Fallerin das Sonntagsgewand seiner Mutter geschenkt. Wenn der nicht bald jemand bekäme, der ihm die Schlüssel abnehme, der schenke alles weg; aber für sich selber spare und geize er überaus. Er raucht nicht, er schnupft nicht, er trinkt nicht: und spielt nicht, er braucht für sich gar nichts, belobigte Franzl. Nachdem die Löwenwirtin wieder die Knuslinger, die alles verstehen, sattsam gerühmt hatte, fügte sie beiläufig an: »Denk einmal, gute Franzl, sagt man, dein Herr – was, dein Herr? dein Haussohn will des Doktors Kräutles-Mamsell heiraten. Ist etwas an dem?« »Ja wohl.« »So?« »Heißt das, es ist nichts, mein' ich. Der Pilgrim hat ihm freilich zugeredet, er soll, aber er will nicht, und ich glaub', sie sind bös deswegen.« »So? Das ist anders. Ich sag's immer: Der Lenz weiß, was er will. Da ist viel besser, er thut, was du meinst, er heiratet des Vogtsbauern Kathrine.« »Siehst du?« triumphierte Franzl und lächelte in die Luft hinein und nickte, wie wenn Lenz vor ihr stände. »Siehst du? sagt's die gescheite Löwenwirtin auch, daß ich recht habe. Siehst du? Und meinst du immer, sie wäre zu stotzig für dich, und man brächte nichts aus ihr heraus. Ich will's ihm sagen, daß Ihr auch dazu ratet. Das wird mir helfen. Ich hab' mich schon lang nach einer Hilfe umgesehen.« »Nein, Franzl, Gott behüte! Von mir redest du kein Wort, wenn du heimkommst; aber recht hat er, des Vogtsbauern Kathrine paßt nicht für so einen feinen Menschen, da muß es was ganz Apartes sein.« »Ja, lieber Gott, wo findet sich das?« »Ei, guten Tag, Franzl!« sagte das plötzlich eintretende Annele. »Das ist schön, daß du auch einmal da bist. Bleib nur sitzen. Wenn man dich so sieht, meint man, du wärst eine Bäurin von einem großen Hof, und verstehen thätest du alles so gut wie eine. Trink nur, dein Kaffee wird dir kalt. Ist er auch süß genug?« »O, mehr als genug!« und die Worte Anneles thaten ganze Zuckerhüte hinein. »Ich möchte auch gern dableiben und ein gescheit Wort von dir hören, aber ich muß in die Wirtsstube. Eins muß da sein. Komm nur bald wieder. Dann bleibst du aber bei mir.« »O, was ist das ein liebs, liebs Mädle!« lobpreiste Franzl hinter dem weggegangenen Annele. »Ihr habt doch das Himmelreich auf Erden!« »Man hat auch seine Sorgen. Es ist unser letztes Kind, aber doch denkt man: wenn sie nur schon versorgt wäre!« Franzl machte große Augen, dann lächelte sie blöd erstaunt, sie wagte aber kein Wort zu sprechen. Die Löwenwirtin zupfte sich mehrmals an der Nase und lachte ganz elstermäßig; Franzl hielt es für ihre Pflicht, auch zu lachen. Sie weiß auch, was sich schickt auf einem Kaffeebesuch; ja, eines von Knuslingen kann man hinstellen, wo man will, es weiß sich zu helfen. Die Löwenwirtin wußte sich aber nicht zu helfen, so gescheit sie auch war, oder doch, das ist gut. »Sag, Franzl, bist du Liebhaber, schönes Weißzeug zu sehen?« »O lieber Gott! das ist ja meine einzige Freude. Wenn ich reich wäre, sieben Kasten voll schönster Leinen müßte ich haben. Die Gewichtlesfrau von Knuslingen, die hat –« »Da schau einmal,« sagte die Löwenwirtin, die Flügelthüren eines großen Schrankes öffnend, wo in blauen, roten und grünen Seidenbändern alles zu Dutzenden aufgeschichtet war, bis zur Decke hinauf. »Ist das für die Wirtschaft?« fragte Franzl, als sie sich von Ausrufungen der Bewunderung erholt hatte. »Gott bewahre! Das ist die Aussteuer von meinem Annele. Von ihrem siebenten Jahr an habe ich so zurückgelegt, bei allen meinen drei Töchtern. Man kann bei so einem Mädle nicht wissen, wie's plötzlich kommt, da brauch' ich nicht mehr zum Weber und nicht mehr zur Näherin. Ich möcht' nur, daß auch einmal eine Aussteuer von einem Kind im Ort bliebe und daß wir auch ein Kind bei uns behielten. Es geht meinen Kindern draußen, gottlob, gut! mehr als gut, aber gut sehen ist besser als gut hören.« Ueber Franzl kam's wie eine Offenbarung, der Schrank mit all dem Leinenzeug tanzte vor ihr, und die blauen und roten und grünen und gelben Bänder schmolzen in einen Regenbogen zusammen. »Frau Löwenwirtin, darf ich was sagen? Wenn's unverschämt ist, bitt' ich tausendmal um Verzeihung. O, lieber Gott, wo das ist, was muß da sonst noch sein! Wie wär's? Darf ich's sagen . . . Wenn mein Lenz . . .?« »Ich sag' nichts, ich bin die Mutter, und mein Kind ist so, daß man ihm nachfragen kann. Verstehst du? Ich mein' . . . ich weiß nicht –« »O, das ist genug, himmelgenug! O, lieber Gott! Ich flieg' heim, ich hab' ihn auf den Armen getragen, ich trag' ihn wieder, daher; aber er wird springen, über sieben Hecken, über alle Häuser. Frau Löwenwirtin, ich bin dumm, ganz einfältig, nehmt mir's nicht übel.« »Was? Du einfältig? Du kannst ja einem den hintersten Gedanken aus der Seele ziehen. Du kannst sieben Ratsherren in die Tasche stecken! Aber schau, Franzl, wir sind da ganz allein bei einander, zwei gute Freunde, vor Gott; ich hab' dir nichts gesagt, du hast das selber ausfindig gemacht. Mein Mann will natürlich höher hinaus. Ich will aber auch ein Kind im Ort haben, wenn's Gottes Wille ist. Ich sag' dir ehrlich, ich kann nicht falsch sein und nichts verleugnen, ich werfe deinen Antrag nicht weg.« »Das ist genug. Ich will zeigen, daß wir Knuslinger nicht umsonst den Namen haben!« »Ja, wie willst du's denn nun machen?« »Hoho!« rief Franzl sehr entschieden und that dabei sehr pfiffig. »Das wird schnell gehen. All sein Handwerkszeug reiß' ich ihm aus der Hand und jag' ihn fort. Noch heut muß er da sein. Stehet ihm aber auch bei, er ist unter Fremden ein bißle scheuch –« Die Löwenwirtin beruhigte die entflammte Franzl, die bald aufstand, bald sich niedersetzte, bald die Hände zum Himmel erhob, bald sie still faltete. Sie empfahl ihr, ja ihre Klugheit zu beweisen und nichts zu verraten, daß die Mutter Anneles ihm hold sei. Sie gab ihr noch die weise Lehre, hauptsächlich auf die andern bös zu reden, das heißt: Lenz vor ihnen zu warnen und das Annele kaum zu erwähnen; »denn,« schloß die Löwenwirtin, »so etwas muß man zimpfer anfassen, und man sagt im Sprichwort: Man darf auf einen Blitz nicht mit Fingern deuten.« Franzl wollte immer gehen und ging doch nicht. Endlich hatte sie die Thür in der Hand, sie grüßte noch den großen Schrank, und ihr Blick sagte: du bist bald bei uns. Sie nickte zu jedem Stück Hausrat: das ist jetzt alles unser, und ich bin's, die's bringt. Und heimwärts ging's, als ob all das Weißzeug zu Segeln geworden wäre und sie im scharfen Herbstwinde den Berg hinauftrüge. Annele sagte aber hinter dem Schenktisch zur Mutter: »Mutter, warum zeiselt Ihr die alte dumme Kuh so ins Haus? Wenn je etwas daraus wird, soll man der dann den Hof machen, und thut man's nicht, schreit sie über Undank. Und was pressiert es denn so?« »Stell dich nicht so, wie wenn du von nichts wüßtest. Es ist gut und nötig, daß du bald versorgt bist.« »Ich stell' mich nicht und weiß nichts. Ihr habt ja früher nichts vom Lenz wissen wollen; warum wollet Ihr jetzt?« Die Mutter sah Annele groß an. Sollte die Schnabelschnelle wirklich nichts wissen? Sie sagte nur: »Jetzt ist's anders, jetzt ist der Lenz allein und hat ein volles Haus. Zu einer Schwiegermutter hätte ich dich nicht gegeben.« Sie verließ die Stube und dachte: Thust du falsch gegen mich, thu' ich's auch gegen dich. Auf der Morgenhalde ging Franzl immer umher und lächelte, und mit lächelndem Mund schimpfte sie auf alle Mädchen, auf des Doktors, auf des Vogtsbauern Kathrine; Annele erwähnte sie nicht, sprach aber geheimnisvoll von Weißzeugbergen und rechten Leuten. Lenz glaubte, daß die Alte in ihrer Einsamkeit verwirrt zu werden beginne; sie that aber ruhig ihre Arbeit und war lustiger als je, und ebenso in sich begnügt war er selbst bei der Arbeit und kam lange nicht ins Dorf. Fünfzehntes Kapitel. Junge Herzen nach einer Trauung. Lenz saß zu Hause und arbeitete unablässig. Er hatte das Glück, daß sein kleineres, fast vollendetes Werk durch Vermittelung des Knuslinger Gewichtlesmanns verkauft war. Mit wahrer Lust arbeitete er an der Vollendung und rüstete daneben zu dem neuen, das der Löwenwirt so viel als bestellt hatte; er war so glückselig in der Arbeit, daß er oftmals daran dachte: Du brauchst nicht zu heiraten, und du kannst nicht. Wo sollst du noch Gedanken hernehmen für Frau und Kind, wenn dir deine Kunst Kopf und Herz so voll einnimmt? Pilgrim hatte seine alten Plane und Entwürfe zu neuen Uhrenmodellen wieder vorgenommen und arbeitete in den Abendstunden – er konnte keine Arbeitszeit darauf verwenden – unablässig daran. So sahen die Freunde einander seltener, und Lenz kam jetzt nicht zu den Uebungsabenden des Liederkranzes. Die Hochzeit des Faller brachte Lenz doch wieder ins Dorf. Der gute Kamerad ließ nicht ab, bis der Gründer seines Glückes ihm willfahrte, trotz der Trauer mit ihm zur Kirche zu gehen. Die Hochzeit war nur klein, ohne Gäste und ohne Musik, denn Faller erklärte: »Wenn ich einmal 'was Uebriges habe, lade ich mir Gäste ein, und Musik mache ich mir selber.« Lenz mußte im Hochzeithause viel Lob hören, was er da alles gethan, und die alte Fallerin sagte: »Wenn du, will's Gott, bald heiratest, trage ich auch die Kleider deiner Mutter in die Kirche. Ich schäme mich nicht, daß ich ihre Kleider trage; im Gegenteil, jeder sagt's, ich habe Ehre mit angethan.« »Und ich bin gut gebettet,« sagte Faller, und seine starke Stimme klang fast komisch in der Rührung. »O Lenz, ich bete heute fast gar nicht für mich, ich bete für dich zu unserm Herrgott. Gott soll dich davor bewahren, aber ich wünsche mir doch, wenn du nur einmal in einer schweren Gefahr wärest, daß ich dich herausholen könnte. Ich möchte mich in der Kirche zur Gemeinde umwenden und rufen: Schaut, Gott hat mir geholfen, daß ich da stehe, aber er hat mir geholfen durch meinen Freund, und lieber Gott, segne du ihn dafür und seine Eltern im Himmel. Lenz, du mußt glücklich sein, denn du hast ein ganzes Haus glücklich gemacht.« Der starke, feste Faller konnte nicht weiter reden und zwirbelte seinen soldatischen Schnurrbart. Lenz war im Hochzeithause fast mehr Gegenstand der Ehrenbezeigung, als das junge Ehepaar, und er war froh, als es endlich in die Kirche ging. Der Liederkranz sang schön in der Kirche, man merkte aber doch, daß zwei Hauptstimmen fehlten, die des Faller und die des Lenz. Das ganze Dorf, vor allem aber die Frauen und Mädchen, waren bei der Trauung; die Verheirateten hörten wieder einmal gern die Eheermahnungen, und die Ledigen wollten einstweilen Fassung gewinnen, wie sie sich, hoffentlich bald, dabei benehmen werden. Die Frauen weinten, und die Mädchen schauten neugierig umher in der Kirche, und wenn Lenz aufgeschaut hätte, er hätte vielen Blicken begegnen können. Nach der Trauung trennte sich Lenz von den Hochzeitleuten und ging allein heimwärts. Schon am Kirchhofszaun wurde er begrüßt, es war des Vogtsbauern Kathrine, die mit einem schönen Burschen – der Tracht nach ein Bauernsohn aus einem benachbarten Thale – dort stand; sie ward rot, als sie Lenz starr ansah und weiterging. Jetzt grüßte er zuvorkommend und lüpfte den Hut; die beiden ältesten Töchter des Doktors gingen des Weges, und sie hatten schöne Schnürstiefelchen an, die sie bei dem nassen Wetter nicht verbergen konnten. »Wir haben gemeint, Sie seien verreist,« sagte Bertha, die mutigere. »Nein, ich bin immer daheim,« erwiderte Lenz. »Wir auch,« setzte Bertha fort. Lenz schwieg. »Sind Sie wieder an einer neuen großen Arbeit?« fragte Amanda. »An neuer und an alter. Bei unsereinem hört die Arbeit nicht auf.« »Ist es nicht sehr anstrengend, so beständig?« fragte Amanda wieder. »O nein, ich wüßte nicht, was ich sonst machen sollte.« »Ja, die Uhrmacher,« neckte Bertha, »die sind wie die Uhren selber, immer aufgezogen.« »Und Sie sind so ein Schlüssel, der einen aufzieht,« entgegnete Lenz rasch. Er hatte eigentlich etwas andres sagen wollen, aber er fand es nicht. »Das ist gut, Herr Lenz, daß Sie ihr heimbezahlen,« schloß Amanda. »Hier scheidet unser Weg, hier müssen wir Adieu sagen.« »Vielleicht geht der Herr Lenz noch mit,« nahm Bertha auf, »vielleicht geht er zum Pilgrim?« In Lenz pochte das Herz: er wollte ja sagen, er wollte sagen, er gehe zum Pilgrim, aber unwillkürlich, wie in Angst, wie zitternd sagte er: »Nein, ich gehe heim. Adieu wohl.« »Adieu!« Lenz ging tief atmend den Berg hinan; er wollte umkehren, wer weiß, was wird! jetzt trifft er sie noch, jetzt sind sie am Löwen, jetzt an der Kirchhofsmauer . . . aber im Denken ging er immer weiter, und mit hochklopfendem Herzen kam er daheim an, und es war ihm, als flüchtete er in sein Haus. Er flüchtete, aber vor was denn? Er weiß es selbst nicht. Nur unruhig war er heute, unruhig und unzufrieden wie noch nie. Am Abend zog er sich frisch an und ging ins Dorf; er wollte zu Pilgrim oder auch zum Doktor, er hat ja schon lange gesagt, er solle einmal kommen. Pilgrim war nicht zu Hause, und am Hause des Doktors stand Lenz lange und wagte es nicht, die Klingel zu ziehen. Er ging mehrmals auf und ab, vielleicht kommt der Doktor, spricht ihn an und nimmt ihn mit, aber es kam niemand. Der Don Bastian ging vorüber. Lenz flüchtete wie ein Dieb, dem die Verfolger auf dem Fuße sind, ins Dorf hinein; da war's doch besser, und da stand ein Haus offen, das ist gut. Wir sind im Löwen, da ist man geborgen. Lenz war froh, daß es doch noch einen ruhigen Platz auf der Welt gibt, Stühle, wo man sich setzen, Tische, worauf man etwas stellen kann, und da sind Menschen; denen nicht vor Unruhe das Herz klopft, daß die Brust zerspringen will, sie sind ruhig und gelassen, und da kommt der gelassenste und gleichmütigste von allen und grüßt wohlwollend. Sechzehntes Kapitel. Das Herz geht auf. Der Löwenwirt setzte sich zu Lenz und war sehr väterlich: »Du hast das Geld für dein Musikwerk bekommen?« fragte er beiläufig. »Ja,« antwortete Lenz. »Du thust gescheit daran,« begann der Löwenwirt wieder, »wenn du Aktien von der neuen Eisenbahnanleihe kaufst, die werden gut. Du hast doch das Geld noch bar?« »Nein, ich hab' noch 800 Gulden gehabt, und da hab' ich meinem Nachbar, dem Vogtsbauer, in runder Summe 3000 Gulden geliehen. Er braucht's, um die Ablösungsgelder zu bezahlen.« »So? Hast du eine Hypothek, und wie viel Zinsen bezahlt er?« »Ich hab' eine bloße Handschrift, und er gibt fünf Prozent.« »Der Vogtsbauer ist gut, und fünf Prozeß ist auch gut! aber wie gesagt, wenn du einmal was machen willst, ich stehe dir gern mit Rat zu Diensten.« »Ich bleib' gerne bei dem, was ich verstehe; natürlich Euch thät' ich blindlings folgen. Ich bin mit dem neuen Werk, das Ihr mir abkauft, schon weit, und ich glaub', es wird besser.« »Lenz, vergiß nicht, daß ich dir nichts Gewisses gesagt habe. Ein Ehrenmann geht nicht weiter . . .« »Redet doch kein Wort, ich werde Euer Wort nie . . .« »Wie gesagt, mit dem besten Freund muß man glatt und accurat sein. Da liegt ein accurater Mann, soll man mir einmal aufs Grab schreiben.« Lenz war überaus begeistert von dem festen, charaktervollen Manne. Der ist doch wie pures Gold. Annele kam, sagte: »Mit Verlaub,« und setzte sich auch mit an den Tisch zum Vater und zu Lenz. Es dauerte nicht lange, da erhob sich der Löwenwirt, und Lenz sagte: »Annele, du darfst stolz sein, so einen Vater zu haben. Das ist ein Mann. Es thut einem wohl, wenn man mit ihm redet. Gerad' weil er wenig redet, da ist jedes Wort – wie soll ich doch sagen? lauter Kern, lauter Mark.« »Ja,« sagte Annele. »Es gibt nichts Besseres für ein Kind, als so von seinem Vater reden zu hören, und er verdientes auch. Freilich, brummig und überzwerch ist er auch, wie alle Männer.« »Alle Männer?« fragte Lenz. »Ja, alle. Ich darf dir's ins Gesicht sagen, du bist doch einer der besten, aber du hast gewiß auch deine Launen. Man muß eben Geduld mit euch haben.« »Das ist brav, Annele. Siehst du, das freut mich am meisten; nicht, daß du mir solches Lob nachsagst – ich verdien's nicht –. Ich kann dir nicht sagen, wie oft ich auf mich selber bös bin. Ich verunschicke viel, und die Musik, die mir immer im Kopf herumgeht, macht, daß ich manches nur halb höre und halb thue; ich bin viel ungeschickter, als viele andre, und bin's doch nicht, und bin auch hitzig, und Dinge liegen schwer auf mir, die ein andrer auf die leichte Achsel nimmt. Weiß der Teufel, ich krieg' das nicht weg. Meine Mutter hat mir's tausendmal gesagt: Lenz, bei aller deiner Gutheit hat's eine doch manchmal nicht gut mit dir, wenn sie nicht gescheit ist und dich von Herzen gern hat. Und das ist es eben, siehst du, die rechte Geduld und die rechte Liebe, daß man weiß, jetzt ist er einmal ein Hitzenblitz, aber ich kenn' ihn doch und weiß, was an ihm ist. Laß mir deine Hand, Annele, warum ziehst du mir deine Hand weg?« In der Hitze der Darlegung hatte Lenz die Hand der Annele ergriffen, und er merkte es erst, als sie ihm dieselbe entzog. Mit einem scheu verschämten Blicke, die Stricknadel an die Lippe drückend, sagte Annele: »Wir sind nicht allein in der Stube, es sind noch mehr Menschen da.« Plötzlich überlief es Lenz siedend heiß und eiskalt, und er sagte: »Nimm mir's nicht übel, ich bin nicht so, und du kennst mich ja, Annele. Ich hab' nicht aufdringlich sein wollen. Gelt, du bist mir nicht bös?« »O, davon ist kein Red'. Bös? Bös? Wie kannst du nur so was sagen?« »Aber gut?« fragte Lenz, und sein ganzes Gesicht leuchtete. »Um Gottes willen,« sagte Annele, sich an der Stuhllehne des Lenz anhaltend, »red' jetzt nicht mehr so. Wie kommst du denn dazu? Was ist denn das? Ich hab' gemeint, mit dir darf man reden wie mit einem Bruder, ich hab' leider Gottes keinen.« »Und ich hab' keine Schwester und gar niemand.« »Dich haben alle Menschen gern.« »Wenn ich aber einen brauch', hab' ich doch niemand.« Es trat eine lange Pause ein, und Annele fragte: »Weißt du auch schon, daß des Vogtsbauern Kathrine Braut wird mit einem vom Thal drüben, man heißt ihn den Holdersepp? Sie haben just vorhin den Verlobungswein holen lassen.« »So?« sagte Lenz, »ich hab' sie heute bei einem stehen sehen, wie ich aus der Kirche gegangen bin. Das gibt eine brave Bäuerin, ich wünsch' ihr Glück. Sag', Annele, bist du heut auch bei der Trauung in der Kirche gewesen?« »Ja wohl, ich habe dich gesehen. An dem Faller verdienst du dir das Himmelreich.« »Das wäre leicht verdient. Der Pfarrer hat doch prächtig gepredigt! Da hat sich jedes was herausnehmen können, sei es ledig oder verheiratet. Das heilige Wort hat's doch gerade wie die Musik. Hunderte und Hunderte, die es hören, es nimmt keiner dem andern dadurch etwas, jeder hat's ganz für sich.« »Und ich kann dir sagen, ich höre dir fast noch lieber zu wie dem Pfarrer; bei dir kommt alles so aus einem klaren Grund, ich kann's gar nicht sagen, wie ich's meine. Ich denke manchmal, es ist schade, daß du nur Uhrmacher bist.« »Nur Uhrmacher? Ich bin's ganz gern, das ist was Schönes: da drüber könnte ich predigen. Die ganze Welt ist ein Uhrwerk, von Ewigkeit zu Ewigkeit von Gott aufgezogen, da laufen die Sterne umeinander, und einer dreht sich durch den andern. Der Pilgrim hat einmal gesagt, im Paradies hat's keine Uhr gegeben; freilich nicht, aber von der Stunde an, wo die Menschen haben arbeiten müssen, haben sie sich die Zeit einteilen müssen und denk' dir einmal, daß wir keine Stunde mehr wüßten, wir wären wie die Kinder und wie die Verrückten.« »Du kannst einem alles gut auslegen, daran hab' ich jetzt noch nie gedacht.« Diese Zwischenrede machte den Lenz neu beredt. »Ich halte an der Uhrmacherei fest, und wenn's nicht anders geht, mache ich auch Jockelesuhren; das ist ein sicheres Brot, da gehe ich nicht davon ab. Ich verdiene freilich bei den Musikwerken viel mehr, aber der Sache ist nicht zu trauen, da kann man nichts machen, was nicht bestellt ist, und da säße man auf einmal da und hätte nichts, und Liebhaber von Musikwerken gibt's nicht alle Tage. Und mein höchstes Glück wäre, wenn ich noch die Einung zustande bringen könnte, daß alle Uhrmacher sich zusammenthun und jeder seinen Vorteil davon hat. Wenn ich das zuweg bringen könnte, ich wollte versprechen, sieben Jahre lang und, wenn's sein muß, mein ganzes Leben lang nichts als Normaluhren zu machen.« »Du meinst es gut,« entgegnete Annele, »aber die Musikwerke, die sind doch dein Eigentliches.« »Ja, wenn ich von den Uhren wieder zum Musikwerk komme, da bin ich so glückseliglich, so . . .« »Da geht dein Herz zum Tanz, da hast du Kirchweih in dir.« »O, Annele, was bist du gescheit und lieb! Wenn ich nur wüßte –« »Was? Was denn?« Es lag ein warmer, schmelzender Ton in diesem einfachen: Was denn? Glühenden Antlitzes stotterte Lenz: »Ich kann's nicht sagen. Wenn du's nicht weißt, kann ich's nicht sagen. Ich bin . . . Schau, Annele . . .« »Kinder, die ganze Stube guckt auf euch, was machet ihr denn da?« sagte plötzlich die herzutretende Löwenwirtin. »Lenz, wenn du so ins Annele hineinzureden hast, ich vertraue dir, du bist brav, ich stelle Licht ins Stüble, da könnt ihr miteinander reden.« »O Mutter, nein,« rief Annele zitternd, aber die Löwenwirtin entfernte sich rasch, Annele flog ihr nach. Lenz saß still, die ganze Stube ging mit ihm herum. Endlich stand er auf, schlich hinaus, das Stüble war offen; er war mit Annele allein. Sie verhüllte ihr Gesicht. »Sieh mich an,« bat er, »so, so. Jetzt darf ich dir doch was sagen? Schau, Annele, ich bin ein einfältiger Mensch, ein ganz einfältiger, aber« – er klopft mit der Hand aufs Herz, er konnte fast nicht weiter reden – »wenn du glaubst, daß ich's wert bin, du thätest mich glücklich machen.« »Du bist mehr wert als die ganze Welt, du bist zu gut, du weißt gar nicht, wie schlecht die Welt ist.« »Die Welt ist nicht schlecht, du bist ja auch drin. Jetzt sag', ist dir's recht, ist dir's rechtschaffen recht? Willst du mir beistehen und mir helfen gut und fleißig sein, und willst du meine Mutter und meine Frau und mein alles sein? Sag' ja, und ich will dir mein Leben lang die Hände unter die Füße legen.« »Ja, tausend und tausendmal ja!« Sie sank in seine Arme, und er hielt sie fest. »Mutter! o liebe Mutter!« rief Lenz; die Löwenwirtin kam herbei. »Und, o Löwenwirtin, verzeiht,« sagte er plötzlich. »Von mir hast du nur Gutes zu erwarten,« sagte die Löwenwirtin. »Kinder, jetzt bitt' ich aber um eins. Das Annele kann dir's sagen, wer's gewesen ist, der immer so gut von dir geredet und immer gesagt hat: ›Dem Lenz muß es noch gut gehen, der Segen seiner Mutter ruht auf ihm.‹ – Aber ich bitt' euch, haltet euch ruhig. Du kennst meinen Mann nicht. Jedes Kind ist ihm ans Herz gewachsen, und er ist allemal bös, wenn ihm jemand eins wegnimmt. Gottlob, wenn's Gottes Wille ist, behalten wir jetzt doch auch ein Kind im Ort, und sie werden nicht alle so verfremdet.« Die Löwenwirtin weinte bei diesen letzten Worten bitterlich, fuhr aber, nachdem sie sich sehr stark geschneuzt hatte, fort: »Der Vater darf jetzt noch nichts merken. Kinder, laßt mich ihm das zuerst beibringen, und ich will dir's schon zu wissen thun, wann du ordnungsmäßig bei ihm anhalten sollst; komm bis dahin nicht mehr ins Haus, es geht nicht; und wenn du bei ihm anhältst, bring auch deinen Ohm mit, das gehört sich, du mußt ihm die Ehre anthun, Vaterstelle zu vertreten. Meine Kinder sind bis jetzt immer noch in große Familien gekommen. Wir sind gewohnt, daß es bei uns hergeht wie bei Ehrenleuten. Lenz, Gott hat mir keinen Sohn gegeben, aber ich will dir's nur ehrlich sagen, das freut mich, daß du mein Sohn werden sollst. Ich hab' meine anderen Schwiegersöhne gewiß lieb, aber sie sind mir zu vornehm und zu hochdeutsch. Jetzt geh, Lenz; er kann ja jede Minute da hereinkommen, und wer weiß, was dann wird! Nein, halt, da nimm noch das; gib ihm das, Annele.« Sie öffnete beide Doppelthüren des großen Schrankes und gab Annele eine Goldmünze mit den Worten: »Schau, die hat dir dein Pate, unser seliger Pfarrer, als Einbund in die Wiege gelegt, so, die ist paßlich, es ist eine alte Denkmünze. Aber nein, du mußt ihr zuerst eine Trau geben.« »Ich habe nichts, ja wohl, doch. Da, Annele, da hast du meine Uhr, die hat mein seliger Vater selber gemacht in der Schweiz und hat sie meiner Mutter gegeben. Und zur Hochzeit, will's Gott, gebe ich dir auch was von meiner Mutter, was dich freuen wird. Da, nimm die Uhr. Horch, wie sie pickt! Die hat an meinem Herzen gelegen! ich wollte, ich könnte auch mein Herz so herausnehmen und in deine getreue Hand legen.« Sie tauschten gegenseitig die Trau aus; die Löwenwirtin, die doch auch etwas sagen mußte, erklärte: »Ja, ein Herz und eine Uhr, die sind gleich, und die Liebe ist der Uhrschlüssel. – Sie lächelte über ihre eigene Gescheitheit, da es niemand anders that. Sie kramte im Schranke und sagte: »Schau, das war das erste Kleidchen, das mein Annele getragen hat, und das sind ihre Jahresschuhe.« Lenz betrachtete mit Entzücken diese Zeichen aus der Kindheit und bat: »Schenkt mir das.« Es wurde ihm willfahrt, und die Löwenwirtin begann wieder: »Aber jetzt mußt du gehen, Lenz, ich kann dir's nicht ersparen. Geh da durch die Küche. So, da hast du meine Hand. Gute Nacht, Lenz!« »Darf mich das Annele nicht ein bißchen begleiten?« »Nein, das kann ich nicht erlauben, du wirst mir's nicht übelnehmen; ich bin einmal so, ich bin ein bißle streng; ich habe drei Töchter groß gezogen, und es soll einmal eines kommen und ihnen was nachsagen – das ist mein Stolz. Ihr könnt euch, wenn's Gottes Wille ist, mit Ehren und mit Wissen der Eltern noch genug haben.« »Gut Nacht, Lenz!« »Gut Nacht, Annele!« »Nochmals gut Nacht!« »Gut Nacht, herztausiger Schatz!« »Gut Nacht, lieber Lenz! Schlaf wohl!« »Und du auch, tausendmal.« »Jetzt ist's genug,« schalt die Löwenwirtin lachend. Lenz stand auf der Straße, die ganze Welt ging mit ihm herum, die Sterne am Himmel tanzten. Das Annele, des Löwenwirts Annele ist dein! Er eilte heimwärts, er muß es der Franzl sagen, die hat ja auch das Annele so gelobt. O Gott, wie wird die sich freuen! Wenn du's nur gleich ausrufen dürftest von Haus zu Haus . . . Aber als er fast schon oben vor seinem Hause stand, hielt er ein: nein, der Franzl darfst du's nicht sagen; erst wenn's sicher ist, sonst bleibt's nicht geheim. Aber du mußt's doch einem Menschen sagen. Er kehrte wieder um, stand lange vor dem Löwenwirtshaus: jetzt mußt du noch fremd dastehen, morgen bist du hier daheim. Endlich riß er sich los und ging hinaus zum Pilgrim. Siebzehntes Kapitel. Freundeseinspruch. »Gottlob, er ist daheim! Es ist Licht in seinem Zimmer, und er spielt Guitarre. O, du guter Pilgrim! O, du guter Pilgrim! Gott, erhalte mich nur gesund und laß mich nicht sterben vor Freude! O, wenn nur meine gute Mutter das noch erlebt hätte!« Pilgrim spielte und sang laut. Er hörte den die Treppe Heraufkommenden nicht. Lenz öffnete die Thür und rief, die Arme ausbreitend: »Jauchze laut auf, Herzbruder! Ich bin glücklich!« »Was ist?« »Ich bin verlobt!« »So? Mit wem?« »Wie kannst du fragen?! Mit ihr, mit der besten Seele. Und so gescheit und klug wie der Tag. O, Annele!« »Was? Annele? Das Löwen-Annele?« »So? Du wunderst dich auch, daß sie mich nimmt! Ich weiß, ich bin's nicht wert, aber ich will's verdienen, Gott ist mein Zeuge, ich will's verdienen, ich will ihr die Hände unter die Füße legen, und sie soll . . .« Lenz sah jetzt das Bild seiner Mutter und rief: »Gute Mutter! Herzliebe Mutter! Freue dich im siebenten Himmel, dein Sohn ist glückselig!« Er konnte vor Weinen nicht weiter reden und sank in die Knie. Pilgrim ging auf ihn zu und legte ihm die Hand auf die Schulter. »Verzeih mir, lieber Pilgrim, verzeih mir!« bat Lenz aufstehend. »Ich möchte die ganze Welt um Verzeihung bitten. Ich hab' mir's fest vorgenommen, ich will jetzt ein starker, fester Mann sein! Ich krieg' jetzt eine Frau, die's verdient, daß sie einen starken Mann hat. Aber heute, heute noch übermannt mich's. Unterwegs habe ich mir immer nur gewünscht: Wenn nur jetzt jemand käm' und mir was Schweres auferlegte, ich weiß nicht was, aber etwas, etwas, wozu man sein ganzes Herz hergeben muß und was ganz schwer ist, ich will's thun. Ich will's verdienen, daß mir Gott das Glück geschenkt hat.« »Ruhig, sei doch ruhig. Es haben andre Männlein auch schon Weiblein bekommen, und man braucht da nicht die Welt um und um zu reißen dafür.« »O, wenn meine Mutter nur das noch erlebt hätte.« »Wenn deine Mutter noch lebte, nähm' dich das Annele nicht, der bist du erst gut ohne Anhang, ohne Mutter.« »Sag' das nicht. Wie ehrt sie meine Mutter!« »Das hat sie jetzt leicht, weil sie nicht mehr auf der Welt ist. Und ich sag' dir, du bist für das Annele erst auf der Welt, seitdem du keine Mutter mehr hast.« »Und du hast mir noch nicht einmal Glück gewünscht.« »Ich wünsch' dir Glück! Ich wünsch' dir Glück!« »Warum sagst du das zweimal? Warum zweimal?« »Es ist mir nur so herausgefahren.« »Nein, du hast was dabei.« »Ja, das ist wahr. Ich will dir's morgen sagen, nicht heute.« »Warum morgen? Nein, jetzt, du darfst mir nichts verschweigen.« »Denk', du bist jetzt berauscht, wie kann man da nüchtern mit dir reden? – Nun gut, so sag' mir, wie ist denn das so schnell gekommen?« »Ich weiß selbst nicht, es ist wie vom Himmel herunter auf mich gekommen, und jetzt ist mir's deutlich, daß ich schon lange nichts andres gedacht habe.« »Ich hab's auch geglaubt, aber ich hab' auch geglaubt, du thust nichts ohne mich.« »Nein, das thu ich auch nicht, du gehst morgen mit mir als Brautwerber. Ich muß beim Vater noch um sie anhalten.« »So? Das ist mir lieb, dann hoff' ich, wird nichts aus der Sache.« »Was! du willst mich verrückt machen?« »Ist nicht nötig. – Lenz, jetzt ist sie noch nicht deine Braut, jetzt ist sie noch nicht deine Frau, jetzt darf ich noch frei reden. Lenz, es ist ein Unrecht, wenn du jetzt noch zurücktrittst, aber es ist nur ein Unrecht; und wenn du Annele heiratest, thust du tausendmal unrecht, dein Leben lang. Lenz, das ist keine Frau für dich, die am allerwenigsten.« »Du kennst sie nicht. Ihr foppt immer einander. Ich hab' sie aber kennen gelernt, so aus der Seele heraus. So grundgut und so grundgescheit.« »Ich kenne sie nicht? sagst du. Und hab' doch einen Scheffel Salz mit den Leuten gegessen. Ich will dir sagen, was an denen allen ist. Das Annele und die Mutter sind sich eigentlich gleich, und eben deswegen können sie einander nicht leiden, wenn sie vor der Welt auch noch so schön miteinander thun. Alles, was sie reden, ist nichts als Schwätzmusik. Man ißt und trinkt besser, wenn man dabei Tafelmusik macht. Es kommt ihnen gar nichts aus der Seele, sie sind gemütlos. Ich hätte nie geglaubt, daß es solche Menschen gibt, aber es ist so; sie reden dir von Güte, von Liebe, von Mitleid, ja, wenn's dazu kommt, auch von Religion, sogar von Vaterland, und alles das sind bloße Worte, sie denken nichts dabei, wollen nichts davon und glauben fest, alle Menschen haben's so ausgemacht, solche Worte miteinander auszuwechseln, aber was an der Sache ist, da will niemand was davon. Das Annele hat nicht einen Funken Herz, und ich bleibe dabei: wer kein Herz hat, hat auch keinen Verstand; er versteht nie, wie es einem andern zu Mute ist, und weiß nicht einzuteilen noch nachzugeben. Das Annele kann, wie seine Mutter, andern abhorchen, was sie sagen, und das sagt's dann geschickt nach, und eine besondere Kunst versteht es darin, es kann einen tadeln, ja sogar auszanken, aber in einer Art, daß man nicht klug daraus wird, ist das eine Liebes- oder eine Kriegserklärung. Vater, Mutter und Tochter machen miteinander gute Schwätzmusik: das Annele spielt die erste Geige, die Alte die zweite, und der Löwenwirt den Brummbaß. Das muß ich sagen, er ist der einzige Ehrliche im Haus. Es ist und bleibt wahr, nur die weiblichen Bienen können stechen, und wie! Der Löwenwirt spricht von jedem nur Gutes und kann's nicht leiden, daß die Weibsleute ein andres ausmachen. Denn das ist ihnen ein besonders gutes Gericht, wenn sie den guten Namen von einem Mädchen oder einer Frau ins Haus metzgen können. Die Frau thut's noch mit einem gewissen scheinheiligen Mitleid, das Annele aber spielt gern mit der Welt, wie die Katze mit der Maus. Und das Ende vom Lied soll immer sein: Du bist die Schönste, die Gesündeste und die Gescheiteste und – wenn das ein Lob ist – auch die Bravste. Ich habe mich lang in der Welt besonnen, worin die eigentliche tiefste Roheit besteht, und die ist gerade oft recht manierlich. Die eigentliche Roheit ist – die Schadenfreude. O Lenz, du kennst die Tonart nicht, da hilft dir alle deine Musik nichts, du kennst die Tonart nicht, aus die dieses Haus gestimmt ist. Da ist nichts als Spott und Lüge. Diese Menschen werden dich und was du willst und was dir Freude macht, nie verstehen. Ich sag's auch. Nur wer aus der Wahrheit ist, kann die Wahrheit fassen und lieben. Du wirst da ewig fremd sein.« »Pilgrim, was bist du für ein Mensch! Bei den Leuten, von denen du so redest, gehst du jetzt acht Jahre täglich aus und ein, issest mit ihnen am selben Tisch und bist heiter und gut mit ihnen. Was soll ich von dir denken?« »Daß ich ins Wirtshaus gehe und esse und trinke und bar bezahle. Ich zahle täglich und bin täglich mit ihnen fertig.« »Ich versteh' das nicht, wie man so sein kann.« »Glaub' dir's. Hab's auch schwer bezahlen müssen; wäre mir auch lieber, ich könnte so sein wie du. Es macht nicht froh, die Menschen zu kennen, wie sie sind. Heißt das, es gibt noch immer einige . . .« »Und du meinst, einer von den guten bist du?« »Ich halte mich nicht ganz dafür. Hab' mir's aber gedacht, daß du gegen mich losfahren wirst. Ich muß es tragen. Schimpf' auf mich, mach' mit mir, was du willst, hack' mir da die Hand ab, ich will betteln gehen und will dabei wissen, ich hab' einen Menschen gerettet, wie du. Laß vom Annele! Ich bitt' dich! Du hast beim Löwenwirt noch nicht angehalten, du hast noch keine Verpflichtung.« »Das sind deine weltklugen Hinterthüren. Ich hin nicht so gescheit wie du, ich war nicht in der Fremde, wie du, aber ich weiß, was recht ist. Ich hab' mich mit dem Annele verlobt vor ihrer Mutter, und ich halte mein Wort. Gott gebe nur, daß ich's vom Vater auch kriege. Und jetzt sag' ich dir zum letztenmale: Ich hab' dich nicht um Rat gefragt, und ich weiß selber, was ich thue.« »In Gottes Namen, es soll mich freuen, wenn ich im Irrtum gewesen bin. Nein! Schau, Lenz, um Gottes willen, laß dich anrufen, es ist noch Zeit. Du kannst nicht sagen, daß ich dir je abgeraten habe, zu heiraten.« »Nein.« »Du bist der geborene Ehemann, aber ich bin ein Narr gewesen, daß ich dir's nicht stärker gesagt habe; von des Doktors Töchtern mußt du eine heiraten.« »Und du meinst, ich wäre hingegangen und hätte gesagt: einen schönen Gruß von meinem Vormund, dem Pilgrim, er läßt euch sagen, es soll mich eine von euch heiraten, und die Amanda besonders. Nein, die sind mir zu vornehm.« »Freilich, die sind vornehm, und das Annele thut nur vornehm. Weil du zu des Doktors Töchtern Sie sagst, hast du nicht gewußt, wie du zum Du kommen sollst. Beim Annele ist dir's leichter geworden. Du hast in den Löwen gehen können, und es hat dich niemand gefragt: Warum kommst du daher? O, ich sehe alles vor mir. Das Annele hat mit dir über deine Trauer geschwatzt, es kann über alles schwatzen, und das hat dir das Herz weich gemacht. Das Annele hat eine Ledertasche in jedem Rock, und sein Herz ist auch nichts als eine Ledertasche, und da wie dort hat es immer klein Geld und kann jedem Gast wechseln und herausgeben.« »Pilgrim, du versündigst dich, du versündigst dich schwer!« sagte Lenz, seine Lippe bebte vor Zorn und Wehmut, und er erzählte, um Pilgrim zu zeigen, wie innig und herzgetreu Annele war, was sie ihm nach dem Tode der Mutter, was sie ihm nach dem Abgang des großen Werkes gesagt; er hatte jedes Wort behalten wie eine Offenbarung. »Meine Groschen! Meine Pfennige!« schrie Pilgrim darauf. »Meine armen Groschen! Sie hat einen Bettelmann ausgeraubt, da hat man Pfennige. O, ich einfältiger, verdammter Narr! Alles, was sie da gesagt hat, ja, jedes Wort hat sie von mir aufgeschnappt. Sie hat Redensarten an sich wie Pfropfenzieher, sie kann alles herauskriegen. Ich bin so einfältig gewesen und habe ihr damals und damals das gesagt. Geschieht mir recht! Habe ich aber ahnen können, daß sie dich mit meinen Worten fangen wird? O meine Bettelgroschen!« Die beiden Freunde saßen lange still; Pilgrim biß sich die Lippen wund, und Lenz schüttelte den Kopf ungläubig; da fuhr Pilgrim wieder auf: »Und weißt du, warum das Annele dich hauptsächlich nimmt? Nicht wegen deiner langen Gestalt, nicht wegen deinem guten Herz, auch nicht wegen deinem Vermögen! Nein, das ist alles Nebensache. Es freut sich hauptsächlich, daß dich des Doktors Tochter nicht kriegt. Etsch! Gelt, du kriegst ihn nicht; aber ich! Glaub' mir, das Annele ist ein Wesen, das du gar nicht beurteilen kannst; du glaubst nicht, daß es Menschen gibt, die keine Freude, kein Glück kennen, als wenn sie darin einem andern wehe thun oder über ein andres bös werden können und sich ausdenken, wie ein andres sich darüber ärgert, weil sie so schön, so reich, so lustig sind. Ich hab's auch nicht geglaubt, daß es solche Menschen gibt, bis ich das Annele kennen gelernt hab'. Bruder, lern' du es nicht weiter kennen, es ist dein Unglück! Was siehst mich so an und bist so stumm? Fahr los; thu, was du willst, thu mit mir, was du willst, nur laß vom Annele, das ist Gift! Ich bitt' dich, laß vom Annele. Und ja, die Hauptsache habe ich vergessen, denk' daran, Gott gebe nur, daß du nicht zu spät daran denkst, ich will kein böser Prophet sein – denk' daran, das Annele kann nicht alt werden.« »Ha, ha! Jetzt: soll sie auch noch krank sein, und sie ist kerngesund. Sie hat ja ein Gesicht wie Milch und Blut.« »Ich mein's ja nicht so, ich mein's ja ganz anders. Schau deine Mutter; hat's eine Frau gegeben, bei der es einem wohler gewesen ist? Und warum? Weil ihr das gute Herz aus dem Gesicht gesehen hat, die Freundlichkeit für alle Menschen, die Freude und die Sorge, daß es ihnen gut geht; das macht ein altes Gesicht schön, das macht einen fromm, wenn man da hineinsieht. Und das Annele? Wenn es seine Haare nicht mehr in eine Krone flechten kann, wenn es keine roten Backen mehr hat, wenn es beim Lachen nicht mehr seine weißen Zähne zeigen kann, was bleibt? Es hat nichts zum Altwerden, es hat keine Seele im Leib, es hat nur Redensarten, es hat kein gutes Herz, es hat keinen braven Verstand, es kann nur spötteln; wenn es alt wird, da ist es nichts als des Teufels Großmutter!« Lenz preßte die Lippen scharf zwischen die Zähne, endlich sagte er: »Jetzt ist's genug, übergenug! Kein Wort mehr! Aber eins kann ich von dir verlangen, so darfst du nur zu mir reden, und auch zu mir heut so zum letztenmal und zu niemand anders, zu niemand! Ich hab' mein Annele lieb und . . . und . . . dich auch; kannst machen, was du willst, in deiner Eifersucht. Ich verlange nicht mehr, daß du mit mir zur Brautwerbung gehst. Nur die vier Wände hier haben das von dir gehört. Gut Nacht, Pilgrim!« »Gut Nacht, Lenz!« Achtzehntes Kapitel. Heimlich stille Liebe, Verspruch ohne Anhang und Einungskampf. Als Lenz weggegangen war, saß Pilgrim lange allein, starrte in das Licht und zwirbelte heftig an seinem rötlichen Kinnbart. Er war ärgerlich, er hatte zwar alles gesagt, aber er hatte zu viel gesagt und seinen Zweck verfehlt; zurücknehmen konnte er nichts, es war ihm ja alles wahr, aber was half's? Er ging unruhig in seinem Zimmer umher, dann saß er wieder still und starrte in das Licht. Wie ist doch das Leben so seltsam! Wie weniger Menschen Schicksal kommt zu seinem geraden Ziele! Man will's nicht glauben, solang man jung ist; man schilt die Alten griesgrämig, und am Ende wird man selber so und findet sich in die Flickschneiderei. Nein, lustig ist's. Man muß nur nicht alles haben wollen. Ein tief verborgenes Leben zog an Pilgrim vorüber. Es war vor zehn Jahren, als er mit dem Mute, die ganze Welt zu erobern, in die Fremde zog, und ein stilles Glück beseelte ihn. Er hatte nicht Wort, nicht Zeichen gegeben und erhalten, und doch war's sicher in ihm. Er liebte die schöne, schlanke Tochter des Doktors, Amanda, und sie, sie hatte sich zu ihm geneigt wie eine Prinzessin, wie eine Göttin, ja, sie hatte sich zu ihm geneigt; er half ihr in Feierstunden die Stäbe zu den fremden Pflanzen einsetzen, darauf er selbst aus einem Buche die Namen gar zierlich abgeschrieben hatte. Sie behandelte den armen, verlassenen Knaben wie ein milder Geist, und selbst, als er zum Jüngling heranwuchs, durfte er ihr noch manchmal beistehen; sie war immer gleich liebreich und jeder Blick wie gesegnet. Als er allein in die Fremde zog und noch einmal an dem Garten vorüberkam, da reichte sie ihm über den Gartenzaun nochmals die Hand und sagte: »Ich habe ein ganzes Stammbuch von dir; die Täfelchen, worauf du die fremden Namen geschrieben. Wenn du jetzt draußen in der Welt die fremden Pflanzen findest, da wo sie daheim sind, wirst du auch manchmal an unsern Garten gedenken und an das Haus, wo dir alle Menschen gut sind. Leb' wohl und komm' auch wieder!« »Leb wohl und komm' auch wieder!« Das war ein Wort, das den Wandersmann über Berg und Thal, über Meere und durch fremde Länder begleitete, und manches Echo hat den Namen Amanda, der sich unwillkürlich jubelnd in die Welt hineinrief, zurückgegeben. Pilgrim wollte reich werden, ein großer Künstler werden und sich Amanda erwerben. Er kam arm und zerfetzt wieder heim. Als viele ihn mit wohlfeilem Spott empfingen, sagte Amanda – sie war größer und stärker geworden, und ihr braunes Auge leuchtete –: »Pilgrim, seien Sie froh, daß Sie wenigstens gesund sind, und erhalten Sie sich Ihren heiteren Mut.« Und er bewahrte sich seinen frohen Mut. Er gewöhnte sich daran, sie zu lieben, wie drüben die schöne Linde in Nachbars Garten, wie die Sterne am Himmel. Niemand hörte je ein Wort, sah je ein Zeichen seiner Liebe, selbst Amanda nicht. Und wie die Sage von Edelsteinen erzählt, die in der Nacht leuchten gleich der Sonne, so durchleuchtete die innige Neigung zu Amanda das Leben Pilgrims. Er sah sie oft wochenlang nicht, und wenn er sie sah, blieb sein Benehmen so ruhig, als wenn ihm ein Fremdes begegnete. Nur der Gedanke beschäftigte ihn oft, wer sie heimführen werde. Er wollte aus der Welt gehen, ohne daß sie je ahnte, was sie ihm war, aber sie sollte glücklich sein. Lenz war der einzige, der sie heimführen sollte, ihm gönnte er sie, sie waren einander wert, und er wollte ihre Kinder auf den Armen wiegen und sie erlustigen mit dem ganzen Vorrat seiner Lieder und Scherze. Jetzt war auch das anders geworden, und Lenz stand dazu noch an einem Abgrund, das glaubte Pilgrim fest. So starrte er lang in das Licht und schüttelte bisweilen den Kopf, bis er das Licht löschte und sich sagte: »Ich habe mir selber nicht helfen können, ich kann auch andern nicht helfen.« Unterdes war Lenz heimwärts gegangen. Er ging langsam. Er war so müde, daß er sich auf einen Steinhaufen am Wege setzen mußte. Als er ans Löwenwirtshaus kam, war alles dunkel, kein Stern blinkte mehr, der Himmel hatte sich mit Wolken überzogen. Lenz war stehen geblieben, und es war ihm, als müßte das ganze Wirtshaus auf ihn niederstürzen. Er ging heim. Franzl schlief schon. Er weckte sie, er mußte einen Menschen haben, der sich mit ihm freute; Pilgrim hatte ihm alles wie mit Asche bestreut. Franzl war glückselig über die Nachricht, die sie erhielt, und Lenz lächelte, da Franzl zum Beweis, daß sie auch wisse, was Liebe sei, ja, nur zu gut, zum hundertstenmale ihre »gefehlte Liebe«, wie sie es beständig nannte, erzählte. Sie begann stets mit Weinen und hörte mit Zanken auf, und sie hatte zu beidem recht. »Wie schön war's damals daheim, drüben im Thal! Er war der Nachbarssohn und brav und fleißig und schön, so schön gibt's keinen mehr; das soll mir niemand übelnehmen, aber es ist so. Aber er – ich will seinen Namen nur nennen, es weiß doch jedermann, daß er Anton Striegler geheißen hat – er hat hoch hinaus gewollt und ist auch in die Fremde auf die Handelschaft, und dort am Bach hat er noch zum Abschied gesagt: Franzl, hat er gesagt, so lang der Bach da fließt, bin ich dir getreu im Herzen, und bleib du es auch. Er hat schön reden und auch im Schreiben die Worte schön setzen können, ja, so sind die falschen Menschen, ich hätt's nie geglaubt. – Durch vier Jahre lang habe ich siebzehn Briefe von ihm bekommen, aus Frankreich, aus England und aus Spanien. Der Brief auf England hat allemal einen Kronenthaler gekostet, denn der Napoleon hat damals keinen Kaffee und keinen Brief zu uns hereinlassen wollen, und da ist der Brief, wie unser Pfarrer gesagt hat, über Konstantinopel und durch Oesterreich hierher und hat allemal einen ganzen Kronenthaler gekostet. Nachher nichts mehr, ist lang keiner mehr gekommen. Vierzehn Jahre hab' ich gewartet, da höre ich, daß er sich in Spanien mit einer Schwarzen verheiratet hat. Ich habe nichts mehr wissen wollen von dem schlechten Menschen, schlechter gibt es doch keinen, und da habe ich die schönen Briefe, die Lügenbriefe, die er mir geschrieben hat, verbrannt; die Liebe ist in Rauch aufgegangen zum Schornstein hinaus.« Mit diesen feststehenden Worten schloß Franzl immer. Heute hatte sie einen guten Zuhörer gehabt, den besten, er hatte nur den einzigen Fehler, daß er eigentlich gar nicht hörte, was sie sagte; er starrte sie nur immer an und dachte an Annele. Jetzt kam Franzl aus Dankbarkeit auch auf diese zu reden. »Ja, ich will's dem Annele sagen, wie du bist, ich kenne dich ja am besten. Du hast dein Leben lang kein Kind beleidigt, und wie gut bist du immer gegen mich gewesen! Mach' nur kein so finsteres Gesicht. Sei lustig! Ich weiß wohl, ach Gott, ich weiß ja, wenn man ein so großes Glück erfährt, meint man, man müsse darunter zusammenbrechen. Gottlob, ihr habt's gut, ihr bleibt ruhig bei einander daheim und könnt euch jeden Tag, den Gott gibt, guten Morgen und gute Nacht sagen. Jetzt sag' ich auch gut Nacht! Es ist spät.« Mitternacht war vorüber, als Lenz endlich die Ruhe suchte, und mit einem »Gut Nacht, Annele! Gut Nacht, du gutes Herz!« schlief er ein. Am Morgen war's ihm seltsam zu Mute. Er erinnerte sich, daß er geträumt hatte: er stand hoch oben auf dem Bergeskamm hinter seinem Hause dort auf hohem Felsen, und er hatte immer einen Fuß gehoben und wollte hinaufsteigen in die Luft – – – – Das fehlte noch, daß ich mich noch von Träumen ängstigen lasse, sagte er und wischte den Traum von der Seele weg und betrachtete die Denkmünze. Noch mehr aber erlustigte er sich an den kleinen Schuhen und an dem ersten Kleidchen Anneles, bis er diese Heiligtümer zu der Hinterlassenschaft seiner Mutter einschloß. Es kam ein Bote von der Löwenwirtin: Lenz solle um elf Uhr kommen. Lenz zog sich sonntäglich an und eilte zum Ohm Petrowitsch. Nachdem er mehreremale an der Klingel gezogen und endlich eingelassen wurde, kam ihm der Ohm etwas unwirsch entgegen: »Was gibt's denn schon so früh?« »Ohm, Ihr seid meines Vaters Bruder –« »Ja, und wie ich in die Fremde gegangen bin, habe ich deinem Vater alles gelassen. Alles, was ich habe, habe ich mir selber erworben.« »Ich will kein Geld von Euch, Ihr sollt nur Vaterstelle bei mir vertreten.« »Was? Wie?« »Ohm, des Löwenwirts Annele und ich, wir haben einander gern, rechtschaffen gern, und die Mutter des Annele weiß es und hat eingewilligt, und jetzt in dieser Stunde soll ich beim Vater anhalten, wie's der Brauch ist, und da sollt Ihr mit mir gehen, weil Ihr meines Vaters Bruder seid.« »So?« sagte Petrowitsch, nachdem er ein Stück weißen Zucker in den Mund gesteckt, die teppichbelegte Stube auf- und abgehend. »So?« sagte er bei der Wendung noch einmal. »Eine alerte Frau kriegst du, und ich muß sagen, du hast Courage. Ich hätte dir's nicht zugetraut, daß du die Courage hättest, solch eine Frau zu nehmen.« »Warum Courage? Was ist denn dabei?« »Nichts Schlechtes, aber ich hätt's nur nicht geglaubt, daß du so hoffärtig bist, so eine Frau zu nehmen.« »Hoffärtig? Was ist da für Hoffart dabei?« Petrowitsch lächelte und gab keine Antwort. Lenz fuhr fort: »Ohm, Ihr kennt sie ja, sie ist ordentlich und genügsam und kommt aus einem braven Haus.« »Ich mein's nicht so. Es ist Hoffart von dir, daß du dir einbildest, einem Mädchen, das in einem Wirtshaus zweiundzwanzig Jahre alt geworden ist, auf der einsamen Morgenhalde eine ganze Wirtsstube voll schmeichelnder Gäste ersetzen zu können. Es ist Hoffart von dir, daß du eine Frau, die einem großen Wirtshaus vorstehen kann, für dich allein haben willst. Ein ganzer Mann nimmt keine Frau, die ihm das halbe Leben auffrißt, wenn er ihr zu Gefallen leben will. Und so eine Frau zu regieren, ist keine Kleinigkeit; das ist schwerer, als vom Bock herunter vier Steppenpferde zu regieren.« »Ich will sie nicht regieren.« »Glaub's. Aber eines muß sein: regieren oder regiert werden. Das muß ich sagen, gutmütig ist sie. Freilich nur gegen den, der sie lobt oder ihr unterthänig ist; sie ist die einzige Gute im Haus. Die beiden Alten, da ist jedes auf seine Art scheinheilig; die Frau mit vielem Schwätzen, der Mann mit wenig Schwätzen. Wenn er ein Wort sagt, gibt er dabei zu verstehen: Bei mir wiegt jedes Wort ein Pfund, kannst's nachwägen, es wird richtig sein, wird kein Quentchen fehlen. Und wie er einen Fuß setzt, heißt jeder Schritt: Da kommt der Ehrenmann; wie er die Gabel in die Hand nimmt: So ißt der Ehrenmann; und wenn er zum Fenster hinausschaut, soll ihm Gott vom Himmel herunter sagen: Guten Morgen, Ehrenmann! Und ich wette meinen Kopf, er ist die Gabel in der Hand und die knacksenden Stiefel am Fuße schuldig.« »Ohm, das hab' ich nicht hören wollen.« »Glaub's.« »Ich hab' Euch nur in allem Respekt fragen wollen, ob Ihr an Vaterstatt mit mir gehen wollet zur Brautwerbung.« »Fällt mir nicht ein. Du bist volljährig, du hast mich ja nicht vorher gefragt!« »Nehmt mir's nicht übel, daß ich Euch jetzt gefragt habe.« »Gar nicht. – Halt!« rief Petrowitsch, als Lenz eben weggehen wollte, »noch ein Wort, nur noch ein einziges Wort.« Lenz kehrte um, und Petrowitsch legte zum erstenmal in seinem Leben die Hand auf die Schulter des Neffen, und diesen durchzuckte es wunderbar von der Berührung, noch mehr aber von den Worten, da Petrowitsch mit bewegter Stimme sagte: »Ich möchte doch nicht umsonst gelebt haben für die Meinigen. Ich will dir was geben, viele Menschen gäben ihr Leben drum, wenn sie's zur Zeit bekommen hätten. Lenz! Wenn ein Mensch in Hitze und Jast ist, darf er nicht trinken; er kann sich den Tod hineintrinken, und der thut ihm gut, der ihm das Glas aus der Hand schlägt. Man kann aber auch anders erhitzt sein, und da darf man nichts trinken, will sagen, nichts thun, was fürs ganze Leben gilt, man kann sich auch den Tod mit anthun, ein langsames Siechtum. Du darfst jetzt zu keiner Heirat dich entschließen, auch wenn es eine andre wäre als das Annele; du bist erhitzt, schnaufe zuerst ruhig aus, und in einem halben Jahre frage wieder bei dir an. Laß mir's, ich will bei dem Löwenwirt für dich aufkündigen; laß sie dann auf mich schimpfen, schadet mir nichts. Willst du mir folgen und absetzen? Du trinkst ein Siechtum in dich hinein, daß kein Doktor dir mehr helfen kann.« »Ich bin verlobt, da hilft kein Reden mehr,« erwiderte Lenz. Der kalte Schweiß stand ihm auf der Stirn, als er das Haus des Ohms verließ. Aber so sind die alten Junggesellen! Das Herz verhärtet ihnen. Der Pilgrim und der Ohm, es ist eigentlich kein Unterschied. Und prächtig ist's. Der Pilgrim hält den Alten allein für brav und der Ohm das Annele allein für brav; jetzt wird noch ein dritter kommen, der wird die Alte allein für brav halten. Geht mir alle miteinander! Wir brauchen keinen Zeugen, ich bin Manns genug für mich. Das muß aufhören, daß es sich jeder herausnimmt in meine Sachen dreinzureden. Und jetzt in einer Stunde werde ich fest in einer stammhaften Familie. Es dauerte keine Stunde, und Lenz war fest darin. Die Einreden Pilgrims und des Ohms hatten keinen Einfluß auf ihn; das aber hatten sie doch bewirkt: wie er so unbeirrt um Annele beim Vater warb, so stolz und fest, sprach etwas in ihm: Sie wird es einsehen und mir danken, daß ich mich an keine Einreden gekehrt habe. Das war bös. Annele hielt mit der einen Hand die Schürze vor die Augen, mit der andern hielt sie die des Lenz fest, als die Handreichung gethan war; der Löwenwirt ging im Stüble auf und ab, seine neuen Stiefel knarrten laut, die Löwenwirtin weinte, sie weinte wirkliche Thränen und rief: »O, lieber Gott, so das letzte Kind aus dem Haus geben! Wenn ich mich niederleg' und wenn ich aufsteh', werd' ich mir nicht zu helfen wissen: wo ist mein Annele? Aber das sag' ich: vor einem Jahr leid' ich die Hochzeit nicht. Daß du uns lieb bist, Lenz, brauchen wir dir das zu sagen, wenn man einem sein letztes Kind gibt? O Gott! Wenn das deine Mutter nur noch erlebt hätte! Aber sie wird sich im Himmel oben freuen und an Gottes Thron für euch stehen.« – Beim Anschlag dieses Tones mußte Lenz laut aufweinen. – Hatten schon bei den Reden der Frau die Stiefel des Löwenwirts unwillig geknarrt, so knarrten sie jetzt noch viel rascher. Endlich schwiegen die Stiefel des Löwenwirts, und sein Mund begann: »Jetzt genug, wir sind da Männer. Lenz! Schau ruhig auf; so, so ist's recht. Jetzt sag', wie hast du' s mit dem Weibergut?« »Ich habe ja nicht nach der Ehesteuer gefragt; es ist Euer Kind, und Ihr werdet es nicht verkürzen.« »Da hast du recht. Bei uns gilt der alte Spruch: So viel Mund, so viel Pfund,« schaltete der Löwenwirt ein, dann schwieg er; er hat nicht nötig, viel Worte zu machen. Lenz fuhr fort: »Reich bin ich nicht, meine Kunst ist mein Hauptvermögen, aber ich danke meinen Eltern, daß sie für alle Not gesorgt haben. Da fehlt's nicht. Wir haben unser ehrlich Brot und auch noch ein bißle Butter dazu.« »Das ist gut gesagt, accurat, so hab ich's gern. Jetzt aber wegen dem Ehevertrag, wie meinst du da?« »Da habe ich keine Meinung, dafür sind die Landesgesetze da.« »Ja, man darf aber einen besonderen Vertrag machen. Schau, du weißt, eine Witfrau ist nur noch das Halbe wert, da muß Geld nachhelfen. Jetzt, wenn du ohne eheleibliche Erben vor der Frau stirbst –« »Vater!« schrie Annele, »wenn Ihr so was reden wollet, da lasset mich fort; ich kann's nicht hören.« Auch Lenz war erblaßt. Der Löwenwirt aber fuhr gleichmäßig fort: »Thu nicht so zimpfer. So seid ihr Frauenzimmer! Nur nicht von Geld reden! Pfui! Aeh! Bäh! Es schüttelt euch, wie wenn euch ein Frosch an den Füßen krabbelte; wenn aber kein Geld da ist, da könnt ihr schön aufbegehren. Du hast es, gottlob! dein Lebtag nicht erfahren und sollst es auch dein Lebtag nicht, drum wegen Leben und Sterben –« »Ich will nichts davon hören! Ist das die Freude beim Verspruch, daß man von so was redet?« widerstritt Annele. »Der Vater hat recht,« beschwichtigte die Mutter. »Sei gescheit, es ist bald vorbei, nachher kann man noch lustiger sein.« »Mein Annele hat recht,« sagte Lenz mit starkem ungewohntem Tone. »Wir heiraten nach Landesgesetz, und damit Punktum, und weiter kein Wort mehr. Komm, Annele. Was! Leben und Sterben! Es gibt jetzt nur Leben! Nichts für ungut, Vater und Mutter, wir sind ja einig; jetzt ist jede Minute eine Million wert. Weißt, Annele, wie's im Lied heißt? Großer Reichtum bringt mir kein' Ehr', Große Armut keine Schand', Und so wollt' ich, daß ich tausend Thaler reicher wär' Und hätt' mein Schätzlein an der Hand.« So wollte er singend mit Annele zur Stube hinaustanzen, aber der Löwenwirt legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte mit gewichtiger Stimme: »Halt! Noch ein Wort.« Lenz stand, wie verwirrt, ihm war's, als hätte sich ein Dolch zwischen die Lippen gelegt, die sich eben küssen wollten. »Wir haben uns das Wort gegeben, es braucht jetzt nichts mehr,« rief Annele trotzig. »Wir Männer haben noch miteinander zu reden,« entgegnete der Löwenwirt mit starker Stimme, und Lenz bestätigte: »Ja, laß deinen Vater reden.« Der Löwenwirt zog sein schwarzes Sammetkäppchen ab, schaute hinein, setzte es wieder auf und begann: »Du hast es ehrlich und getreu gemeint, und wenn dich die Leute hinterrücks verspotten. kann dir das gleich sein, und wenn du darüber zu Grunde gingest, du hast dich vor niemand zu verantworten, du bist bis daher allein für dich gewesen.« Der Löwenwirt machte hier eine längere Pause, Lenz sah ihn wie irrsinnig an und fragte endlich: »Was habe ich denn gethan, und was will ich denn so Schreckliches?« »Wie gesagt, du meinst es ehrlich und getreu, das habe ich immer behauptet,« ließ sich der Löwenwirt vernehmen, die Frauen sahen ihn staunend an, »du hast mit dem Pröbler eine Normaluhr, heißt man's nicht so? Ich kümmere mich eigentlich um die Sache nicht – so ein Werk für alle aufgestellt. Mit dem Pröbler kannst du natürlich jetzt keine Gemeinschaft mehr haben, der Name von meinem Schwiegersohn und von dem Pröbler können nicht miteinander genannt werden. Das ist jetzt Punktum aus und vorbei. Aber das andre – das ist noch die Hauptsache. Du willst da eine Einung stiften, heißt es nicht so? heiß' es, wie es wolle, das muß auch Punktum aus und vorbei sein.« Die Löwenwirtin wollte hier dreinreden, aber der Löwenwirt stieß heftig mit dem Fuße auf und rief: »Laß mich ausreden, Frau! Ich sage dir, Lenz, diese Sache darf dir nicht mehr in den Sinn kommen. Du wirst nicht glauben, daß ich so rede, weil es gegen meinen Vorteil sein könnte; ich fürchte mich vor keiner Einung, und wenn's auch wäre, mein Vorteil ist jetzt auch dein Vorteil. Aber dabei kommt nichts heraus als Spott und Undank. Ich kenne die Menschen besser. Wenn's ja zur Ausführung käme, du brockst dein Vermögen ein und wirst ein Bettelmann. Also – da gibst mir die Hand: Von dieser Stunde an denkst du nicht mehr an die Sache und willst nichts mehr von der Einung.« Lenz stand zögernd und schaute zur Erde, und die Löwenwirtin rief: »Ja, gib ihm die Hand, er meint's gut, er meint's recht, er meint's wie ein Vater, er ist dein Vater,« und sie nickte lobpreisend ihrem Manne zu. Lenz richtete sich auf, sein Gesicht war flammrot. und mit scharfer Entschiedenheit rief er: »Ich gebe die Hand nicht! Eh soll sie mir erlahmen, daß ich mein Leben lang kein Werkzeug mehr fassen kann.« »Schwör' nicht, du hast gesagt, man soll nicht schwören,« warf Annele dazwischen, sie faßte seine Hand und wollte sie dem Vater reichen, er aber wehrte ab und sagte mit scharfem Tone: »Laß sein. Laß das. Ich schwöre meinen Glauben nicht ab, und wenn ich das versprechen müßte, hätte ich meinen Glauben abgeschworen. Und wenn Ihr mich da hinausjagt, da, wo ich daheim hab' sein wollen, ich thu's nicht, Löwenwirt! Ich glaub's Euch, Ihr meint's gut, aber es meint's ein jeder, wie er's versteht. Meine Gemeinschaft mit dem Pröbler ist gar keine, und wenn sie auch wäre, ich bin der Lenz, ich kann umgehen, mit wem ich will, ich bleib', wer ich bin. Ich sag's nicht gern, aber ich muß es sagen: Ich verunehre mich mit nichts, im Gegenteil, ich bringe andern Ehre, und ich danke Gott, daß ich so stehe. Was aber die Einung betrifft: – ja, Einung heißt's, Ihr habt das Wort richtig behalten – so habe ich Tag und Nacht seit Jahren darüber nachgesonnen und muß besser wissen, was daran ist. Weiß wohl, da habt Ihr recht, es gibt Schelme und Einfältige genug, die mich darüber ausspotten; aber wer hat, solang die Welt steht, was Gutes für die Welt gewollt und hat sich nicht dafür ausspotten lassen müssen? Das ficht mich nicht an. Daß Ihr fürchtet, ich möchte mein Vermögen dabei einbrocken; es ist recht, und ich erkenne die Gutheit an, daß Ihr daran denket. Aber es sind jetzt volle zehn Jahre, daß ich ganz allein unser Geschäft und unser Haus in der Hand habe: ich will Euch mein Buch aufschlagen, sehet nach, ob ich was verunschickt, und es ist nicht so, daß man selber dabei zu Grunde gehen muß, wenn man etwas ins Werk setzen will, das allen zu gute kommt. Und kurzum, morgen am Tage, wenn ich die Einung zu stande bringen kann, thue ich von dem Meinigen dazu, was ich vor mir verantworten kann. Ich sage Euch das gerade heraus, wie Ihr gerade heraus zu mir gesprochen habt. Ich gebe meine Hand nicht, ich nehme guten Rat an, aber ich muß selber auch wissen, was ich zu thun habe. Auf das, was Ihr von mir wollt, gebe ich meine Hand nicht, und wenn jetzt mein höchstes Glück darüber zu Boden fällt.« Lenz spürte, wie das Herz sich in ihm zusammenpreßte, und erzitterte, während er sprach, aber er sprach scharf und fest, und jetzt hielt er inne. »Mach' deine Faust auf. Mir gibst du doch die Hand? Du bist ein ganzer Mann, du bist mein guter Mann, mein stolzer Mann!« So rief Annele und warf sich an den Hals des Lenz und weinte und lachte durcheinander in krampfhaften Zuckungen. »Ich hab' dir's sagen müssen, jetzt geht's mich weiter nichts an,« beruhigte der Löwenwirt etwas kleinlaut, und die Löwenwirtin sagte, während sie sich sehr stark schneuzte: »Mann, das hast du ganz gut gemacht, ganz gut. Wir haben jetzt erst recht gesehen, was unser Lenz für ein fester Mann ist. Ich muß sagen, ich hätte das nie geglaubt, aber es freut mich jetzt doppelt.« Lenz hatte viel zu thun, Annele zu beruhigen, sie lag wie hingegossen an ihn und richtete sich erst wieder straff auf, als er ihr Wein zu trinken gab. »Jetzt gehet miteinander in den Garten, ich stelle euch den Wein in die Laube,« schloß die Löwenwirtin, ging mit Flasche und Gläser voraus, die Brautleute fest umschlungen hintendrein. »Ein seltsamer Mensch!« sagte der Löwenwirt vor sich hin, als Lenz die Stube verlassen, »aber so ist's, alle Musikanten haben einen Spritzer; da heult er, sobald man seine Mutter nennt, wie ein Kind, nachher will er singen wie eine Lerche, und zuletzt predigt er wie ein alter Wiedertäufer. Aber eine gute Haut ist er, und wenn ich meinen brasilianischen Prozeß gewinne oder das große Los, ich schwör's, er kriegt zuerst seine Ehesteuer, und in Gold zahle ich sie ihm auf den Tisch. Das wird oben abgeschöpft, vorher kriegt niemand was.« Mit diesem beruhigenden Vorsatz ging der Löwenwirt in die Wirtsstube, erholte sich dort von dem ungewohnten vielen Reden und nahm mit Würde die Glückwünsche von Fremden und Angehörigen in Empfang. Er redete wenig und gab nur zu verstehen, daß es sich für ihn wohl thun lasse, nicht auf großen Reichtum zu sehen. Wenn der Mensch nur gesund und ehrlich ist – lautete sein Hauptspruch, und jedes nickte; da steckt in wenig Worten alle Weisheit. – Lenz und Annele saßen indes bei einander voll Wonne im Garten, und aus der innigsten Umarmung heraus sagte Lenz: »Ich meine, ich wäre gar nicht mehr in unserem Heimatsort, ich meine, ich wäre in der Fremde und käme von einer langen Reise.« »Du bist daheim und bleibst daheim,« entgegnete Annele; »du hast dich nur stark verausgabt mit meinem Vater. Ich kann dir nicht sagen, wie mich's freut, daß ich dich so habe reden hören, ich wünschte nur, die ganze Welt hätte es gehört, dann müßten sie auch alle Respekt vor dir haben, aber glaub' mir, es war eigentlich unnötig, daß du dich wegen meinem Vater so ins Geschirr gelegt hast.« »Wie meinst du das?« »Glaub' mir, ich weiß es ganz gewiß, es ist meinem Vater gar nicht so ernst gewesen mit seinen Anweisungen und Ermahnungen. Er spielt nur gern den Grundgescheiten, der durch sieben Bretter sieht. Wenn's ihm ja ernst gewesen wäre, hätte er die Sache vor dem Verspruch vorgebracht und nicht erst nachher. Er hat nur den Gescheiten vor dir machen wollen, aber du bist noch gescheiter gewesen, und das freut mich.« Lenz schaute bei diesen Worten um und um, als suche er etwas; und wie ein Volk Tauben jetzt in raschem Fluge über die beiden Liebenden dahinschwebte und schnellschwindende Schatten auf den Boden warf, so kam jetzt ein Schwarm von Gedanken, die Pilgrim ausgesprochen, noch schneller daher und warf Schatten, die aber noch schneller schwanden. »Mögen meinetwegen andere gescheiter, weltkluger und respektierter sein,« schloß Lenz, »lieb haben, seine Frau lieb haben soll kein Mann auf der Welt mehr und getreuer können, als ich.« Neunzehntes Kapitel. Heimsuchungen unten und oben. Der erste Glückwünschende, der zu Annele kam, war Faller. Sie sah zwar sehr von oben herab auf den armen Teufel, aber seine Unterwürfigkeit that ihr doch wohl, und Faller wußte gar nicht Entschuldigungen genug vorzubringen, daß er schon so früh komme, es habe ihm keine Ruhe gelassen, der Lenz sei ihm ans Herz gewachsen; für den ließe er sich alle Adern aufschneiden. »Freut mich, daß mein Bräutigam so gute Freunde hat; es kann einem jeder helfen in der Welt, wer er sei.« Faller verstand den letzten Stich nicht, oder wollte ihn nicht verstehen, und nun begann er mit begeisterten Worten zu schildern, welch ein heiliges Herz in Lenz sei. Die Thränen standen ihm in den Augen, als er schloß: »Annele, er hat ein Herz wie ein Engel, wie ein neugeborenes Kind; sei um Gottes willen nie herb gegen ihn, du thätest dich an Gott versündigen; denk' nur immer, du hast einen Menschen, dem jedes scharfe Wort wie ein Messer in den Leib fährt. Er ist nicht anfechtig (schnell zornig), aber er nimmt sich alles zu arg zu Herzen. Nimm mir's ja recht nicht übel, daß ich dir das sage, ich thu's ja zu eurem Guten; ich möchte was für ihn thun, und ich weiß nicht, was. Du bist auserwählt von Gott, daß du so einen Menschen haben sollst; das ist ein Mensch, der darf überall frei hinstehen und darf dreinreden, es kann ihm niemand auch nur das Geringste vorwerfen, der hat sein Lehen lang keinen Mißtritt gethan. Geh nur recht lind mit ihm um, recht lind und gut.« »Bist du fertig?« fragte Annele – aus ihrem Auge zuckten Blitze – »oder hast du noch was zu sagen?« »Nein.« »So will ich dir was sagen. Du hast dich so keck benommen, daß ich dich gleich hinauswerfen lassen könnte. Was ist das? Was erlaubst du dir? Wer hat dich zum Fürsprech gemacht? Wie kannst du mir zumuten, daß ich herb sei? Aber gut, gut, daß ich das jetzt schon erfahre; ich sehe, was für Bettelvolk sich an meinen Lenz gehängt hat. Ich will schon den Kehrbesen nehmen und auskehren. Es ist vorbei, daß ihr ihn aussaugt mit Schönthun. So, den Schoppen, den du verzehrt hast, schenk' ich dir. Jetzt kannst du gehen. Ich will aber meinem Lenz sagen, was du dir erlaubt hast; das wird dir aufgekreidet! Adje.« Faller konnte beschwören und beteuern, bitten und betteln, es nützte nichts. Annele wies ihm die Thür. Er ging endlich davon. Annele würdigte ihn nicht des Nachschauens. Bald nach Faller kam Franzl strahlend von Glück. Die Mutter nahm sie schnell ins Stüble. Die Franzl pries sich glücklich, daß sie das fertig gebracht habe; sie beteuerte, nun ruhig sterben zu können. Aber es schlug ihr schlecht aus, daß sie sich mehr zuschrieb, als sie verdiente; nun bekam sie gar nichts. Die Löwenwirtin belehrte sie: »Franzl, was denkst? Du hast nichts gethan bei der Sache, und ich auch nicht. Ja, wir sind der jungen Welt nicht mehr gescheit genug! Wir reden da noch vor ein paar Tagen, wie es werden könnte, und derweil sind die schon lang hinter unserem Rücken fertig. Meinem Annele hätte ich so was zugetraut, aber dem Lenz nicht. Aber es ist besser so, das hat Gott gemacht, dem wollen wir danken.« Franzl stand Mund und Augen auf, aber sie bekam nicht so viel in den Mund, als man im Auge leiden kann; sie mußte leer wieder heim, und Annele redete kaum ein Wort mit ihr; denn eben kam Pilgrim. Ganz anders, als gegen Faller, mußte sich Annele gegen Pilgrim benehmen. Sie wußte, daß er ihr nicht hold war; aber noch ehe er ein Wort geredet hatte, dankte sie ihm für die herzliche Teilnahme, die er habe, und Pilgrim behandelte die ganze Sache äußerst scherzhaft und wohlgemut, wobei er jedoch einfließen ließ, daß niemand zu trauen sei, Lenz habe ihm kein Wort vorher gesagt. Damit hatte er sein Gewissen geborgen und doch nichts gestört, was einmal feststand. Es gab noch einen harten Ast zu sägen, das war Petrowitsch; die Hauptsäge, der Vater, mußte da herbei. Petrowitsch, der zum Mittagstisch sich einstellte, that, als ob er von nichts wüßte. Der Löwenwirt teilte ihm nun die Sache offiziell mit und sagte, Lenz werde gleich kommen, er komme zum Essen. Annele war überaus kindlich und unterwürfig gegen den Alten, es fehlte nicht viel, daß sie niederkniete und um seinen Segen bat. Er reichte ihr wohlwollend die Hand. Auch die Löwenwirtin wollte eine Hand haben, sie erhielt aber nur zwei Finger der Linken. Lenz war froh, als er kam und alles bereits in guter Ordnung fand. Nur that es ihm weh, daß Pilgrim, der so über alle gesprochen, mit am Tische saß. Aber Pilgrim war unbefangen, und so wurde es Lenz auch. Der Himmel machte ein finsteres Gesicht zur Verlobung des Lenz. Es regnete mehrere Tage unaufhörlich. Es rieselte immer so fort, wie ein unleidlicher Schwätzer, der gar kein Punktum finden kann in seiner Rede. Lenz war natürlich viel im Löwenwirtshaus, und da ist's so geschickt, da ist man bald für sich wie in einem andern Hause, bald auf einem gewärmten »Marktplatz«, wie Lenz einmal gegen Annele die große Wirtsstube mit den sechzehn Tischen nannte. »Du bist witzig,« sagte diese, »das muß ich meinem Vater sagen, der hat solche Worte gern.« »Ist nicht nötig, es ist genug, wenn ich dir's gesagt habe; sag's nicht weiter.« Lenz ging den langen, jetzt fast grundlosen Weg von der Morgenhalde auf und ab, als ging's von einer Stube in die andere. Auf dem Wege wurde ihm oft Glück gewünscht von Männern und Frauen, und viele sagten: »Du siehst aus, wie wenn du seit deiner Verlobung gewachsen wärest.« In der That ging Lenz seit dieser Zeit stolz aufgerichtet wie noch nie; und dann lächelte er, wenn man ihm vorhielt: »Du stehst hoch im Preis, denn was einer für eine Frau kriegt, das ist der Preis, den er gilt. Ohne dir zu nahe treten zu wollen, ich hätte es nie geglaubt, daß das Annele im Dorf bleiben würde. Man hat ja immer gesagt, sie heiratet einen Wirt in Baden-Baden, oder den Techniker . . . Du kannst lachen, dir ist dein Brot in den Honig gefallen.« Lenz war gar nicht beleidigt, daß man ihn für geringer hielt; im Gegenteil, er war stolz, daß Annele so bescheiden war und ihn auswählte. Wenn er bei Annele und der Mutter im Stüble saß und der Alte bisweilen kam und ein gewichtiges Wort brummte, da sagte Lenz: »O, lieber Gott! wie dank' ich dir, daß du mir wieder Eltern gegeben hast! Und was für Eltern! Ich bin zum zweitenmal auf die Welt gekommen. Ich kann mir's gar nicht glauben, daß ich da im Löwen daheim sein soll. Wenn ich bedenke, wie mir's als Kind gewesen ist, wie man da den obern Stock aufgesetzt hat und Spiegelglasscheiben in alle Fenster! In Karlsruhe ist gewiß das Schloß nicht schöner – haben wir Kinder zu einander gesagt. Und ich bin dabei gewesen, wie der goldene Löwe aufgehängt worden ist. Wenn ich mir damals hätte denken können, daß ich in dem Schloß einmal daheim sein könnte. Es ist doch hart, daß das meine Mutter nicht noch erlebt hat.« Die beiden Frauen wurden gerührt von diesen Worten, wenngleich Annele dabei die Stiche an ihrer Stickerei zählte, denn sie hatte sofort begonnen, für Lenz ein Paar Pantoffeln zu flicken. Sie sprachen beide lange nichts, bis die Mutter sagte: »Ja. und was für eine schöne Familie kriegst du noch außerdem an den andern beiden Schwiegersöhnen! Ich hab' dir's schon gesagt, sie sind mir wert und lieb, aber ganz anders wie du; dich kenn' ich von Jugend auf, du bist mir, wie wenn ich dich unter dem Herzen getragen hätte. Aber du kennst sie ja, was das für feine, adlige Menschen sind. Und Geschäftsleute oben 'raus. Es wär' ein anderes froh, wenn es so viel Vermögen hätte, als die in einem Jahr verdienen.« Annele aber sagte nach geraumer Weile: »Wenn nur der dumme Regen einmal aufhören möchte! Weißt du, Lenz? Dann lassen wir gleich anspannen und fahren einmal miteinander hinaus.« »Ja, ich freue mich auch darauf, mit dir einmal unter Gottes weiten Himmel zu kommen. Mir ist's für mein Glück fast zu eng hier im Haus.« »Und nach der Stadt fahren wir.« »Ja, wohin du willst.« Und wieder sagte Lenz: »Ich bin nur froh, daß meine Zauberflöte so gut verpackt ist; es thät' mir im Herzen weh, wenn etwas dran geschähe.« »Das ist übertrieben,« berichtigte die Mutter. »Die Sach' ist nun einmal verkauft. Es geht jetzt auf Gefahr des Käufers.« »Mutter, nein, das ist nicht so. Ich verstehe meinen Lenz besser. Er hat recht, ihm ist's auf Herz gewachsen, was er gemacht hat, und er möcht' immer die Hand darüber halten. Denn wenn man monatelang Tag und Nacht auf eine Sache Obacht gehabt hat, da thut's einem weh, wenn's verdorben wird.« »Ja, lieb Annele, du bist mein!« rief Lenz im Entzücken, wie tief und gut ihn das herrliche Mädchen verstand und ihm alles so gut und getreu auslegte! Die Mutter schalt mit süßsaurer Freundlichkeit: »Mit euch Liebesleuten kann man nicht reden; wer nicht verliebt ist, der sagt euch nichts recht.« – Sie ging ab und zu, denn Lenz hatte gebeten, daß Annele wenigstens in der ersten Zeit von den Pflichten in der Wirtsstube enthoben werde. »Ich bin nicht eifersüchtig,« beteuerte er, »kein Gedanke, aber ich möchte jedem den Blick wegnehmen, den du auf ihn richtest; es gehört alles nur mir!« Eines Mittags hörte es eine Stunde zu regnen auf. Lenz ließ nicht ab, bis Annele ihm willfahrte und mit ihm nach seinem Hause ging. »Es ist mir, wie wenn alles auf dich wartete. Alle Töpfe, alle Schränke und auch sonstige Sachen, über die du dich freuen wirst.« Annele widerstrebte lang und sagte endlich: »Die Mutter muß aber mitgehen.« Diese war wider Erwarten schnell bereit. Man ging durch das Dorf. Alles grüßte. Man war kaum hundert Schritte gegangen, da klagte Annele: »Lenz, das ist ein böser Weg, da versinkt man ja fast. Den Weg mußt du besser herrichten lassen, und weißt du was? Du mußt einen Fahrweg machen lassen, daß man auch bis vor unser Haus fahren kann. Meiner Babett ihr Mann hat sich auch eine eigene Straße durchs Feld brechen lassen bis vor sein Haus.« »Das geht bei mir schwer,« erwiderte Lenz, »das kostet viel Geld, und ich müßte das Feld kaufen. Siehst du? Erst von dort an, von der Haselhecke an, ist die Matte mein eigen, und zu meinem Geschäft brauche ich keinen Fahrweg. Nicht wahr, Annele? du weißt, ich thät' dir gern alles zulieb, aber das kann ich nicht.« Annele schwieg und ging voraus. Die Mutter aber flüsterte Lenz zu: »Was brauchst du so viel zu reden? Hättest du gesagt: Ja, liebs Annele, wollen sehen, oder so und so. Nachher kannst du ja immer noch thun, was du willst. Sie ist ein Kind, und ein Kind muß man mit schönen Reden abspeisen. Du kannst alles mit ihr machen, wenn du gescheit bist. Nur nicht viel von einer Sache wichtig machen und jedes Wort aufheben, kurzab bei einander, und dann laß es ein paar Tage ruhen und fang nicht gleich wieder davon an; mach's nicht auf einmal aus, wenn du glaubst, daß es noch nicht fertig ist, sie besinnt sich schon allein darüber, oder vergißt es, sie ist ein Kind.« Lenz widersprach, die Mutter groß ansehend: »Annele ist kein Kind, mit der kann man alles reden, und sie versteht alles.« »Wie du meinst,« schmollte die Mutter achselzuckend. Man war erst halben Wegs auf der Matte, da rief Annele von neuem: »O, lieber Gott, das ist ja so weit! Ich hab' mir's nicht so weit vorgestellt. Das dauert ja eine Ewigkeit, bis man da herauf kommt.« »Ich kann den Weg nicht kürzer machen,« sagte Lenz barsch und trotzig. Annele drehte sich um und sah ihn durchdringend an. Er setzte stotternd hinzu: »Ich weiß, du wirst dich noch freuen, daß der Weg so weit ist. Denk', dafür haben wir ja auch eine so große Matte. Ich könnte drei Kühe halten, wenn mir's nicht zu viel Ueberlast wäre.« Annele lachte gezwungen. Man war endlich am Hause angekommen. Annele atmete tief auf und klagte, daß ihr so heiß geworden sei. »In Gottes Namen willkommen daheim!« sagte Lenz und faßte auf der Schwelle ihre Hand. Sie betrachtete ihn, als spräche er eine fremde Sprache, aber plötzlich sagte sie: »Du bist doch ein lieber, guter Mensch. Du machst aus allem so was Gutes.« Lenz war zufrieden, und welch eine Freude hatte erst Franzl! Die Mutter gab ihr zuerst eine Hand, dann aber auch Annele. Und beide lobten, wie sauber und nett Hausgang, Küche und Wohnstube sei. »Ich werde mir Mühe geben müssen, mich an die niederen Stuben zu gewöhnen,« sagte Annele und reichte mit der Hand fast an die Decke. »Ich kann die Stuben nicht höher machen, und sie halten auch so besser warm.« »Jawohl. Weißt, Lenz, wenn man eben aus einem so großen Haus kommt wie das unsere, da wird es einem schwer, die Decke liegt einem auf dem Kopf. Aber ich trag's gern. Brauchst nicht zu sorgen, daß mich das anficht.« Lenz drehte die Geschirrhange, die, mit allerlei Handwerkszeug besteckt, wie ein Kronleuchter von der Decke herabhing. Er erklärte Annele die verschiedenen Handwerkszeuge; den Drillbohrer, auch Melker genannt, den Hohlbohrer, auch Neuberle genannt, und den Versenker, der auch Fresser oder Ausräumer heißt. Bald aber sagte er: »Du wirst schon bekannt mit allem werden, mit dem ich mein Leben verbringe. Das sind meine stillen Helfer. Jetzt will ich dir unser Haus zeigen.« Die Mutter blieb bei Franzl in der Stube sitzen, Lenz führte Annele durch das ganze Haus und zeigte ihr die sieben aufgerichteten Betten und noch zwei große Federsäcke, aus denen man noch mehr füllen konnte. Er öffnete Kisten und Kasten, worin reich aufgeschichtete Linnen wohl geordnet standen, und sagte: »Nun, Annele, was sagst du dazu? Nicht wahr, du bist ganz erstaunt? Ist das nicht das Prächtigste, was man sehen kann?« »Ja, es ist brav und ordentlich. Aber, lieber Gott:! Ich will von meiner Schwester Theres gar nicht reden; natürlich, wenn man oft sechzig Badgäste im Hause hat, braucht man viel Weißzeug, das gehört zum Geschäft; aber da solltest du nur die Kisten von der Schwiegermutter meiner Babett sehen. Was will das dagegen heißen!« Lenz wurde leichenblaß und konnte kaum die Worte hervorstottern: »Annele, thu das nicht, sag das nicht, mach jetzt keinen Spaß.« »Ich mache keinen Spaß, das ist mein Ernst; ich bin gar nicht verwundert, das hab' ich feiner und besser und mehr gesehen. Sei doch gescheit! Will doch nicht, daß ich mich über etwas auf den Kopf stellen soll, was ordentlich ist, aber weiter nichts. Ich habe schon mehr gesehen in der Welt, du kennst die Welt noch nicht genug.« »Kann sein, ist wohl so,« sagte Lenz mit blasser Lippe. Annele fuhr ihm mit der Hand über das Gesicht und scherzte: »Du guter Kerl! was geht denn das dich an, ob ich drüber staune oder nicht? Deine Mutter hat's brav gemacht, in ihrem Stand ganz brav, das kann niemand anders sagen; aber, guter Lenz, wegen deinem Vermögen habe ich dich nicht geheiratet, du hast mir gefallen, du, das ist die Hauptsache!« Diese Zurede war bitter und süß zugleich; Lenz schmeckte doch nur eigentlich das Bittere, wie ihm der Mund plötzlich gallenbitter war. Man kehrte wieder in die Stube zurück; dort stand eine reiche Aufwartung, wie sie eben die Franzl zusammen gestellt hatte. Annele behauptete, sie habe zu gar nichts Appetit; aber als Lenz sagte: »Das geht nicht, du mußt doch etwas genießen, wenn du zum erstenmal ins Haus kommst,« willigte sie ein, brach ein Brotränftchen ab und kaute es mühsam. Lenz mußte die Franzl mehrmals schweigen heißen, denn sie konnte ihn gar nicht genug loben. »Du mußt was Gutes auf der Welt gethan haben, daß du so einen Mann kriegst,« sagte sie zu Annele. »Und er muß auch was gethan haben,« sagte die Mutter und schaute dabei auf Annele, die ihr mit einem Zornesblicke erwiderte; denn sie glaubte, daß die Mutter damit gesagt habe: Der muß auch was gethan haben, daß er die kriegt! »Komm her, Annele, setz' dich zu mir,« bat Lenz. »Du hast schon oft gesagt, du möchtest einmal sehen, wie ich so ein Musikstück setze; das habe ich mir nun aufbewahrt, bis du zum erstenmal bei mir bist, das setze ich jetzt, und es spielt sich dann allein fort. Es ist ein wunderschönes Stück von Spohr, ich kann dir's singen, aber es ist viel, viel schöner, als ich's singen kann.« Er sang die Arie aus Faust: »Liebe ist die zarte Blüte,« dann setzte sich Annele zu ihm, und er begann nun nach dem vorgelegten Notenblatte auf den Punkten, die er bereits mit der Hackenklaviatur vorbezeichnet hatte, die Stifte in die Walze einzurammen, und jeder Stift saß beim ersten Schlage vollkommen fest. Annele war voll Bewunderung, und Lenz arbeitete frohmutig weiter; er bat sie indes, nicht zu sprechen, denn er müsse auf das Metronom achten, das er in Gang gebracht hatte. Die Mutter wußte, daß Stillsitzen und müßig Zuschauen für Annele eine schwere Arbeit war; sie sagte daher, glückselig lächelnd: »Das weiß jeder, daß du ein ganz geschickter Mensch bist; aber wir müssen heim, es ist schon Mittag, und wir haben Fremde; es ist genug, daß du das angefangen hast, während wir da sind.« Annele erhob sich, und Lenz ließ von der Arbeit ab. Franzl schaute immer auf die Hände Anneles und der Löwenwirtin, und wenn eines in die Tasche fuhr, erzitterte sie und verbarg schnell im voraus die Hände hinter dem Rücken, um zu zeigen, daß sie nichts will; sie läßt sich nur zwingen, etwas anzunehmen. Jetzt kommt's gewiß, jetzt kommt die goldene Kette oder ein brillantener Ring oder hundert neue Thaler, solche Leute geben gleich groß. Aber sie gaben weder groß noch klein, kaum die Hand zum Abschied, und Franzl ging in die Küche, nahm einen ihrer größten und ältesten Töpfe, hielt ihn hoch, sie wollte ihn den schlechten, undankbaren Menschen nachwerfen; der Topf dauerte sie aber. Hat man je so was gehört? Nicht einmal eine Schürze einem bringen! Armer, armer Lenz! Du bist bös hineingefallen. Gottlob, daß ich nichts dazu gethan habe. Das ist recht, sie haben's ja selber gesagt, daß ich nichts dazu gethan habe. Gottlob, von dieser Sache will ich keinen Lohn, jeder Heller thät' mir auf der Seele brennen. – Lenz gab der Schwiegermutter und der Braut das Geleit bis über seine Matte hinaus, dann kehrte er wieder heim, denn es war ausgemacht, wenn den andern Tag schön Wetter ist, fährt man über Land zur Schwester Babett. Lenz hatte noch mancherlei vorzubereiten und dem Gesellen und Lehrjungen Anweisungen zu geben. Es war ihm seltsam zu Mute, wie er wieder so allein war, und kaum nach zwei Stunden wollte er wieder hinab zu Annele. Ihm war so bang, er wußte nicht warum. Sie sollte und konnte die Bangigkeit lösen. Er blieb aber doch daheim; und als er noch vor Schlafengehen die offen gebliebenen Kisten und Kasten verschloß, war's ihm, als müßte er etwas hören, er wußte nicht was; da lag das Gespinst der Mutter, das sie mit ihrem Munde genetzt und mit ihrer Hand gesponnen hatte. Es ist seltsam, es ist, wie wenn ein Geist immer hinter ihm drein ginge und aus Kisten und Kasten heraus jammerte – – In ihrer Kammer aber saß Franzl noch aufrecht in ihrem Bett; sie murmelte allerlei Verwünschungen gegen die Löwenwirtin und Annele, bat aber Gott sogleich wieder, er möge ihr die Worte zurückgeben, sie sollten nicht gesprochen sein, denn alles Böse, was nun das Annele betraf, traf ja auch den Lenz. Zwanzigstes Kapitel. Erste Ausfahrt. Am andern Morgen, da war nun der heiß ersehnte Tag. Die Sonne schien freudig auf die Erde nieder, und auch Lenz wurde es wieder freudig zu Mute. Er schickte alsbald den Lehrling zu Annele und ließ ihr sagen, sie solle bereit sein, er komme nach einer Stunde. Sonntäglich gekleidet trat er nach einer Stunde den Weg nach dem Löwen an. Annele war noch nicht fertig; sie gab ihm nur auf sein Bitten und Betteln eine Hand durch die Kammerthür, sehen durfte er sie nicht, sie reichte ihm nur rote Bänder und Kokarden heraus, die er dem Knecht geben solle, damit er sie an Pferdegeschirr und Peitsche anhefte. Endlich und endlich kam sie, schön geschmückt. »Ist der Wagen angespannt?« war ihr erstes Wort. »Nein.« »Warum hast du das nicht besorgt? Sage dem Gregor, er soll seine gute Postillonsuniform anziehen und sein Horn mitnehmen.« »Laß doch das! Wozu soll's?« »Wir dürfen uns zeigen vor der ganzen Welt, wir haben nach niemand was zu fragen, und sie sollen aufschauen, wenn wir daher kommen.« Man stieg endlich ein. Vor dem Hause des Doktors befahl Annele dem Gregor: »Blas jetzt, blas scharf! Sie sollen herausschauen, des Doktors Töchter, und sollen sehen, wie wir miteinander fahren. Schau. Es zeigt sich keine Seele, das Fenster wird zugemacht in der Eckstube. Dort sind sie. Sie vergehen vor Aerger drinnen, und sie müssen's noch erzählen, denn ich weiß, die alte Schultheißin fragt jetzt: warum blast man da? Ich möcht' hinter der Thür stehen und hören, wie sie alles berichten!« »Annele, du bist übermütig heut.« »Warum nicht? Du gefällst mir heute besonders. Die Leute haben recht, du hast so getreue, helle Augen; ich hab's gar nicht gewußt, daß sie so schön sind, du bist wirklich ein hübscher Kerle!« Das ganze Gesicht des Lenz erglänzte, und er wurde noch hübscher. »Ich will mir neue Kleider machen lassen, nach der Mode; was meinst du?« fragte Lenz. »Nein, bleib du nur so, das sieht viel ehrbarer und solider aus.« »Es sieht nicht nur so aus, es ist's auch.« »Jawohl, es ist's auch. Thu nur jetzt nicht so, als ob jedes Wort ein Zahn an einem Uhrenrad wäre.« »Hast recht.« Man fuhr durch das Nachbardorf, und Annele befahl wieder: »Gregor, blas, blas scharf! Schau, da die Krämerin Ernestine ist eine Base von mir, sie hat lang bei uns gedient und hat nachher den Schneider geheiratet, der jetzt Krämer geworden ist; die kann mich nicht ausstehen und ich sie nicht, die soll sich ärgern, daß ihr grünes Gesicht blau wird, wenn sie sieht, daß wir beide vorüberfahren und nicht einkehren! Hui! da kommt sie ans Fenster. Ja, guck' dir nur deine überwachsenen Schweinsaugen aus, mach' das Maul auf, daß man dein buckliges Zahnfleisch sieht, ja, ich bin's, und das da ist mein Lenz. Sieh dir ihn an! Gelt, hättest auch Appetit! Prosit Mahlzeit! Laß dir deinen vorjährigen Hering schmecken!« Sie schnalzte mit der Zunge vor Jubel, und man fuhr vorüber. »Macht dir das jetzt Freude, Annele?« fragte Lenz. »Warum nicht? Einem bösen Menschen muß man Böses thun, und einem guten Gutes. Beides ist recht.« »Ich glaub', ich kann's nicht.« »Darum sei froh, daß du mich hast. Sie sollen alle in ein Mauseloch kriechen vor uns, sie sollen froh sein, wenn wir sie nur anschauen.« Vor der Stadt gab Annele ihrem Bräutigam noch Verhaltungsregeln: »Wenn der Bruder meines Schwagers, der Techniker, da ist, thu nur recht stolz gegen ihn. Er wird dir was am Zeug flicken wollen, denn er ist grausam bös, weil ich ihn nicht genommen habe, aber ich mag ihn nicht. Und wenn dir meine Schwester was vorheulen will, hör's geduldig an; brauchst sie nicht zu trösten, es nutzt doch nichts und ist auch nicht nötig. Sie sitzt im Gold und hat doch immer nichts, als zu flennen; sie ist halt nicht ganz gesund. Sonst aber ist unsere ganze Familie gesund, das siehst ja an mir.« Die beiden Brautleute trafen es nicht gut bei der Schwester. Sie lag in der That krank zu Bett, und weder der Schwager noch dessen Bruder war zu Haus. Sie waren beide rheinabwärts gefahren mit einem großen Floß. »Willst du nicht bei deiner Schwester bleiben? Ich habe mich in der Stadt umzuschauen.« »Kann ich nicht dabei sein?« »Nein, ich habe dir was zu besorgen.« »Da kann ich auch dabei sein, und es ist besser; ihr Männer könnt nicht gut auswählen.« »Nein, dabei kannst du nicht sein,« bestand Lenz darauf. Er nahm ein ziemlich umfangreiches Päckchen aus dem Wagensitz und ging damit nach der Stadt; denn das Haus der Babett war draußen am Bach, in der Nähe der großen Holzlager. Ohne daß es Annele bemerkt hatte, brachte Lenz das, was er mitgenommen hatte, etwas vergrößert wieder zurück und legte es in den Wagensitz. »Was hast du mir gekauft?« fragte Annele. »Ich will dir's daheim geben.« Annele war's zwar hart, daß sie den schönen Schmuck nicht der Schwester zeigen konnte, aber sie hatte schon gemerkt, das war etwas, worin Lenz seinen eigenen Weg ging und sich nicht abbringen ließ. Man aß im Wirtshause, und Annele erzählte, daß der Sohn des Hauses, ein feiner Mensch, der jetzt einen großen Gasthof in Baden-Baden habe, auch um sie gefreit; sie hätte ihn aber nicht gewollt. »Das brauchst du mir nicht zu erzählen,« sagte Lenz. »Ich bin fast eifersüchtig auf die vergangenen Tage; auf die Zukunft nie. Hier hast du meine Hand. Ich kenne dich. Es thut mir aber weh, daß noch andere einmal ein Auge zu dir aufgehoben haben. Laß alles, was vergangen ist, vergangen sein. Wir fangen unser Leben von vorn an.« Es war ein eigener, warmer Strahl, der über das Antlitz Anneles zuckte bei diesen Worten. Etwas von der Gemütsheiligkeit des Lenz ging vor ihr auf, sie war sanft und äußerst liebevoll. Sie konnte es nach ihrer Art nicht besser ausdrücken, als indem sie beteuerte: »Lenz, du brauchst mir gar kein Brautgeschenk zu kaufen. Du brauchst das nicht zu thun, was andere thun. Ich kenne dich. Es gibt noch was Besseres als alle goldenen Ketten.« Die Thränen standen ihr im Auge, als sie das sagte, und Lenz war noch nie glückseliger gewesen, als jetzt. Die Kirchenuhr schlug fünf, als man zur Heimkehr wieder auf dem Wagen saß. »Die Uhr da hat mein Vater selig gemacht, und da hat der Faller noch mitgeholfen,« sagte Lenz. »Halt! Das ist gut, daß mir das einfällt. Der Faller sagt, du habest ihm ein ungeschicktes Wort übelgenommen; er will mir nicht sagen, was. Sei ihm nicht bös, er ist oftmals ungeschickt gerad aus, ein steifer Soldat, aber ein besonders guter Mensch.« »Kann sein. Aber schau, Lenz, du hast zu viel Kletten an dir hängen, die mußt du abschütteln.« »Meine Freunde gebe ich nicht auf.« »Das will ich ja auch nicht, Gott bewahre! Ich habe dir weiter nichts sagen wollen, als du sollst dich so halten, daß nicht jeder kommen kann und dir in alles dreinredet.« »Da hast du recht, das ist mein Fehler; ermahn' mich nur, so oft du willst, daß ich ihn ablege.« Als Lenz dieses Wort und so demutsvoll aussprach, stand Annele plötzlich im Wagen aufrecht. »Was hast? Was gibt's?« fragte Lenz. »Nichts, gar nichts, ich weiß nicht, warum ich aufgestanden bin. Ich meine, ich sitze nicht gut. So, jetzt ist's besser. Es fährt sich doch gut in unserer Kutsche, nicht wahr?« »Ja, ganz gut. Man sitzt wie auf dem Stuhl und ist doch in der weiten Welt. Fahren ist doch schön, und ich bin noch nie in eigenem Fuhrwerk gefahren, und deines Vaters ist doch auch mein.« »Jawohl.« Am Wege ging der Pröbler. Er stand still, als die Brautleute vorüberfuhren und nickte mehrmals. »Ich möchte den alten Mann gern mitfahren lassen,« sagte Lenz. »Das wäre schön!« lachte Annele. »Eine Brautfahrt mit dem Pröbler!« »Du hast recht,« entgegnete Lenz, »wir wären nicht mehr allein bei einander, so gut selbander, so herzeinig, wenn da noch ein drittes säße und zusähe und zuhörte. Ich bin gegen niemand hart, wenn ich ihn jetzt nicht mitfahren lasse. Das ist jetzt eine Stunde, wo wir jetzt nur für uns allein so glückselig sein können. O, wie schön ist alles. Ich meine, die ganze Welt lacht. Der Pröbler hat auch gelacht und hat's gar nicht übelgenommen. Er hat sich gewiß auch gedacht, daß ich von dieser Stunde jetzt nichts herschenken kann.« Annele sah Lenz groß an, dann schlug sie den Blick nieder und faßte still die Hand ihres Bräutigams. – – Die erste Ausfahrt der Brautleute war nicht so lustig gewesen, als man voraus vermutet hatte, aber die beiden brachten doch eine besondere Freude mit heim. Annele sprach sehr wenig, es ging was Besonderes in ihr vor. Man kam noch bei hellem Tag wieder heim. Lenz half Annele aus dem Wagen und ließ sie allein voraus gehen. Dann nahm er das sorgsam Eingewickelte aus dem Kutschensitz, ging ebenfalls hinauf und rief Annele in das Stüble. Dort wurde das Geheimnis ausgewickelt mit den Worten: »Annele, ich schenk' dir hiermit das Liebste und das Beste, was ich habe. Das hat mir mein guter Pilgrim gemacht, und du sollst's haben.« Annele sah starr auf das Bildnis, für das Lenz so geheimnisvoll den goldenen Rahmen in der Stadt besorgt hatte. »Nicht wahr, du kannst nichts reden, wie dich jetzt meine Mutter ansieht?« »So? Das ist deine Mutter? Ja, es ist ihr Rock und ihr Halstuch und ihre Haube, aber deine Mutter? Nein, das könnte ebensogut des Schreiners Annelise, oder die alte Fallerin sein. Ja, und der sieht's noch mehr ähnlich. Warum siehst du jetzt wieder so blaß aus, daß dir kein Blutstropfen im Gesicht ist? Guter Lenz, soll ich denn die Unwahrheit sprechen? Das willst du doch nicht. Und was kannst du dafür? Der Pilgrim ist eben der Garnichts. Der versteht gar nichts, der kann bloß seine Kirchtürme malen.« »Wie du so redest, ist mir's, als wenn meine Mutter zum zweitenmal gestorben wäre,« sagte Lenz. »Sei doch nicht gleich so traurig,« bat Annele mit innigem Tone. »Ich will das Bild in Ehren halten, ich häng' es jetzt über meinem Bett auf. Gelt, du bist jetzt nicht mehr traurig? Du bist heut so lieb gewesen, und schau, wenn ich das Bild ansehe, kann ich doch besser an deine Mutter denken.« Wie es Lenz bald siedendheiß, bald eiskalt überlief, so konnte ihn Annele, wie sie nur wollte, bald in die höchste Seligkeit versetzen, bald zu Tode kränken. Und so ging's nun Wochen und Monate. Aber die eigentliche Freude war doch vorherrschend, denn über Annele war eine Weichheit gekommen, die niemand je in ihr vermutet hätte. Selbst Pilgrim kam eines Tages zu Lenz und sagte: »Andre Menschen sind glücklich, wenn sie sehen, wie gescheit sie gewesen sind; mich freut's, daß ich dumm gewesen bin.« »So? Worin denn?« »Man lernt ein Mädchen nie auskennen. In dem Annele steckt doch etwas, was dich ganz glücklich machen kann. Es ist vielleicht gerade gut, daß sie nicht so weichherzig und träumerisch ist, wie du.« »Ich danke dir. Gottlob, daß es so gekommen ist,« rief Lenz. Die beiden Freunde reichten einander die Hände und hielten sie lange fest. Einundzwanzigstes Kapitel. Eine große Hochzeit, davon ein harter Bissen übrig bleibt. Der Lenz von der Morgenhalde macht Hochzeit! Das Löwen Annele heiratet! So hieß es durch das ganze Thal und weit, weit darüber hinaus, und oft im selben Hause wurde bald nur vom Annele, bald nur vom Lenz allein geredet; beide hatte man im Worte noch nicht zusammengegeben, das wird sich erst finden, wenn sie getraut sind, das Löwen-Annele wird dann wohl das Lenz-Annele heißen. Es hatte tapfer geschneit, und jetzt war's wieder hell, echtes gerechtes Schlittenwetter, und von allen Bergen und in allen Thalen tönte Rollengeklingel und Peitschenknallen, gewiß hundert Schlitten standen am Hochzeitmorgen vor dem Löwen, in allen Ställen war fremde Einquartierung, und manche einsame Kuh begriff nicht, wie auf einmal solch ein paar stattliche Pferde zu Besuch kämen. Freilich, nur so eine einsam überwinternde Kuh kann nicht wissen, was in der Welt vorgeht, aber die Menschen wissen's; es ist ein Ereignis, wie nicht leicht eines im Dorfe war, und selbst alte kranke Mütterchen ließen nicht ab, bis man sie ankleidete, damit sie sich ans Fenster setzen können, obgleich sie abseits wohnen, wo man nichts sieht und nur bisweilen fernes Rollengeklingel und Peitschenknallen hört. Die Krämer-Ernestine war schon mehrere Tage vor der Hochzeit im Löwen als Anhelferin. Da konnte von Empfindlichkeit – weil man nicht besonders besucht, nicht besonders eingeladen war – keine Rede sein; das große Stammhaus feierte ein Fest, die Vasallen mußten sich von selber einfinden. Ernestine hatte ihre Kinder in einem Nachbarhause untergebracht, der Mann mußte derweil das Haus hüten, dem Kramladen vorstehen und sich etwas kochen, so gut es ging. Wenn der Löwe ruft, haben andre kein Recht mehr. Ernestine wußte im Hause zu allem gut Bescheid, sie konnte jedem, was es verlangte, in die Hand geben, sie wirtschafte in Küche und Keller und freute sich ihrer Wichtigkeit. Am Hochzeitsmorgen kleidete sie Annele an, denn diese hatte doch eigentlich keine rechte Gespiele. Der Löwe zeigte heute, welch einen Umfang er hat. Der ganze erste Stock, nach der ganzen Breite des Hauses, war nur ein einziger Saal. Man hatte die Zwischenwände, die nur aus Brettern bestehen, herausgenommen, und heute war da erst recht ein großer gewärmter Marktplatz. Lenz hätte nach seiner Art gern eine stille Hochzeit gehalten, aber Annele hatte recht, da sie sagte: »Ich weiß wohl, ich erkenne, was dir das Liebste wäre; aber wir sind es den Menschen schuldig, daß wir ihnen auch die Lustbarkeit gönnen, und man hat nur einmal im Leben Hochzeit. Man hat jahraus jahrein Ueberlast genug von den Leuten, wir müssen es ihnen auch gönnen, daß sie uns dankbar sind. Wie vielmal im Jahr gibt es eine Hochzeit in der ganzen Gegend, wo wir nicht hingehen und Geschenke bringen? Zweitausend Gulden ist wenig, was wir so verausgabt haben. Gut, jetzt sollen sie auch wieder einen Teil hergeben. Ich will nichts geschenkt von der Welt. Ich bin froh, wenn sie nur halb bezahlt.« Und in der That, die Hochzeitsgeschenke waren überreich an Geld und Geldeswert. Es that sich nicht anders, man mußte zwei Tage Hochzeit halten: einen Tag für die Einheimischen und Anverwandten und einen Tag für die Fremden. Am Hochzeitsmorgen kam Pilgrim mit gesalbtem Haar, einem Rosmarinstrauß mit Bändern im Knopfloch, zu Lenz, und er sagte: »Ich schenke dir nichts zu deiner Hochzeit.« »Du hast mir genug gegeben, das Bild meiner Mutter.« »Das will nichts heißen; ich weiß wohl, wie es zu machen wäre, aber ich kann's nicht. Nein, Lenz, ich habe zu deiner Hochzeit mir selber etwas geschenkt; da schau, mit dem Papier da bin ich wie der Siegfried, von dem wir einmal gelesen haben. Jetzt habe ich eine Hornhaut, da geht kein Stich mehr durch.« »Was ist denn das?« »Das ist eine Rentenversicherung. Von meinem sechzigsten Jahre an habe ich hundert Gulden jährlich, und bis dahin werd' ich mich schon durchschmieren. Und wenn ich dann nicht mehr allein sein kann, dann mußt du mir ein Stüble einrichten im Haus, einen warmen Winkel hinter dem Ofen, und da will ich mit deinen Enkeln spielen, und was ich ihnen vorzeichne, werden sie schon recht finden. – Es hat mich viel gekostet, bis ich die erste Einzahlung aufgebracht habe. Es ist einfältig, ich hab' mein Auskommen, aber ich kann nichts erübrigen. Da hab' ich mir nun ein Jahr lang das Frühstück abgewöhnt – der Löwenwirt hat's gespürt, daß ich mittags auch noch zum Frühstück komme – und da habe ich's nun doch herausbekommen. Später gewöhn' ich mir auch das Mittagessen ab und so nach und nach das ganze Leben. Das wäre prächtig, wenn man nach und nach alle Fensterladen zumachen könnte, dann – gut' Nacht, Welt.« Unter diesen Darlegungen half er Lenz sich schön ankleiden, nagelneu von Kopf bis Fuß; er dankte dem Freunde, daß er ihn nun auch solid gemacht habe, und wußte dabei sehr vergnüglich zu schildern, wie alle Mitglieder der Rentenanstalt eine Familie bilden, nur mit dem Unterschied, daß sie einander nicht zum Geburtstag gratulieren, und das gar nicht aus bösem Willen, sondern bloß, weil sie einander nicht kennen. Pilgrim hatte eine ganze Statistik der Rentenanstalt im Kopfe, er gab sie preis, um Lenz nicht zu einer überflüssigen Gemütsbewegung kommen zu lassen. Als Lenz hochzeitlich geschmückt war, kam auch Petrowitsch ganz freiwillig als Brautführer. Er bedeutete mit schelmisch-geheimnisvoller Miene: »Von mir, Lenz, kriegst du kein Hochzeitsgeschenk, du weißt schon, warum; es wird dir aber zur Zeit nicht fehlen.« Mit dem Köder, daß Lenz sein Haupterbe sein solle – was er indes nie ganz deutlich sagte – konnte Petrowitsch die erste Person bei den Hochzeitsfeierlichkeiten sein. Er that das gern, so recht mitten drin sitzen, wo alles um ihn herum wuselt, und er hat doch das Bewußtsein: Ich hab' meinen Schlüssel in der Tasche und daheim meinen feuerfesten Geldschrank. – Das war so ganz nach seiner Art. Und solche zwei lustige Tage thun doch auch gut in dem Einerlei des Winters. Der Löwenwirt trug heute seinen Apostelkopf noch etwas höher, er strahlte von Würde und streichelte sich dabei immer sein frisch rasiertes Kinn. Musik und Schießen und Jubeln tönten überlaut in den frischkalten hellen Wintertag hinein, als man zur Kirche ging. Die Kirche konnte nicht alle Neugierigen und Teilnehmenden fassen. Es standen wohl ebensoviel Menschen vor der Kirche, als darin waren. Der Pfarrer hielt eine besondere Predigt, nicht eine, wie sie aus dem Uniformenmagazin genommen wird, um einen beliebigen Rekruten einzukleiden; sie war auf den Leib angemessen. Er sprach eindringlich über die Hausehre, über die gemeinsame Ehre der Eheleute: ein Kind erbt die Ehre der Eltern; aber wenn es schlecht ist, können sich die Eltern vor Gott und Menschen rechtfertigen: wir haben das Unsrige gethan, mehr konnten wir nicht. Ein Kind verkommener Eltern kann sich zur Ehre durcharbeiten, es hat sein Leben für sich; der Bruder teilt die Ehre des Bruders, er kann sie aber auch von seinem Wandel trennen. Anders aber ist die Ehre der Eheleute, hier ist im reinsten Sinne: Mann und Weib ein Leib. Hier sei Eintracht, ein einiges Trachten. Wo eines eine Ehre für sich sucht und gar auf Kosten des andern, da ist Zwietracht, die Hölle, der ewige Tod. Es ist eine heilige Einrichtung, daß die Frau ihren Taufnamen behält, einen neuen Familiennamen aber vom Manne bekommt; sie trägt des Mannes Namen, des Mannes Ehre. – Der Pfarrer lobte nun die guten Eigenschaften der beiden, die vor dem Altare stehen, allerdings lobte er Lenz etwas mehr, aber auch Annele bekam einen guten Teil, und wieder ermahnte er, daß kein Mensch auf seine guten Eigenschaften sich etwas einbilde, daß der Flinke den Langsamen, der Langsame den Flinken nach seiner Art schätze und hochhalte, daß die Ehe nicht nur nach Landesgesetzen eine Gemeinschaft der zeitlichen Güter, sondern auch nach ewigen Weltgesetzen eine Gemeinschaft der geistigen Güter sein solle, wo alles Mein und Dein aufhört und alles nur noch unser heißt, und doch wiederum nicht unser, es gehört der Welt, es gehört Gott an. In allgemeinen Betrachtungen und doch dabei leicht auf die Persönlichkeiten anwendbar, gab der Pfarrer gewissermaßen den Besorgnissen der Freunde lauten Ausdruck, daß zwei Menschen so ungleich an Art und Lebensgewohnheit fortan eine friedliche, einige Gemeinschaft sein sollten. Pilgrim, der bei den Sängern auf dem Empor saß, nickte dem Liedermeister zu, und dieser winkte einverständlich. Faller sah nicht auf, er drückte sich mit der Hand beide Augen zu und dachte vor sich hin: So von der Art hast du auch zum Annele gesprochen; wer weiß, was sie dem Pfarrer herausgäbe, wenn sie reden dürfte! Aber ich bitt' dich, lieber Gott, du hast so viele Wunder gethan auf der Welt, thu uns jetzt nur das eine, pflanze ihr gute Gedanken ins Herz und lege ihr gute Worte auf die Lippen für den guten Lenz, den getreuen . . . Keine Stimme tönte mächtiger als die des Faller, da er nach der Trauung in den Gesang einfiel. Der Liedermeister winkte ihm, seinen Grundbaß etwas zu mäßigen, denn der Tenor war nur schwach, der Lenz fehlte, aber Faller ließ sich nicht beschwichtigen, kühn und gewaltig übertönte seine Stimme die Orgel und die Sangesgenossen. – Als die Trauung vorüber war, hatten die Weiber, die so glücklich waren, sie zu sehen und zu hören, denen draußen viel zu erzählen; das sei noch nicht vorgekommen, der Bräutigam habe so laut geweint, so habe man's noch nie von einem Mann gehört. Freilich, der Pfarrer hat's auch gar »herzrührig« gemacht; besonders wie er die Eltern des Lenz angerufen um ihren Segen, da habe der Lenz so laut geschluchzt und geweint, daß man gemeint habe, er müsse zusammenbrechen, und alle Versammelten hätten mitgeweint. Jetzt weinten die, die draußen gestanden, auch; sie waren so gut zur Hochzeit gekommen wie die andern, sie durften auch von allem haben, vom Weinen und von der Lustbarkeit. Die Männer aber sagten zu den Fremden: »Nicht wahr, so einen Pfarrer hat doch kein anderes Dorf? Dem geht's vom Mund weg, so rund und gerad, und er macht nicht viel Wesens draus; es ist, wie wenn er mit einem alles überlegen möchte. Ja, unser Pfarrer!« Vom eigentlichen Inhalt der Rede sprachen weder die Männer noch die Frauen. Als Lenz – rechts vom Petrowitsch, links vom Löwenwirt geleitet – aus der Kirche ging, kam die alte Fallerin auf ihn zu und sagte: »Ich hab's gehalten, die Kleider deiner Mutter sind in der Kirche gewesen, und mehr aus dem Herzen hätte sie nicht für dich beten können als ich.« Lenz konnte nicht antworten, denn der Löwenwirt schalt die Fallerin, daß sie dem Bräutigam zuerst in den Weg trat. Er schalt zwar über den Aberglauben, der in der ersten Anrede einer alten Frau Unglücksbedeutung sieht, rief aber doch einen schönen jungen Knaben herbei, jetzt zuerst dem Lenz die Hand zu geben. Von nun aber gab es nur noch Lustbarkeit. Es war gar nicht zu glauben, daß je ein Menschenauge geweint hätte. Wie nun Lenz im Stüble den Schwägerinnen die Hand gab und die Schwäger umarmte und küßte, und wie dann der Doktor kam und auch seine Töchter – das war doch gut von ihnen, daß sie zur Hochzeit kamen – und eins nach dem andern aus- und einging und Glück wünschte, da saß Annele auf dem Stuhl und hielt sich ein feines, weißes Sacktuch vor die Augen, und Lenz sagte oftmals: »Daß ich so geweint hab', ich hab' nichts dafür gekonnt, du weißt, wie glücklich ich bin. Und das wollen wir behalten, fest und getreu, daß wir jetzt nur noch eine Ehre haben, und will's Gott, soll sie bei einander gut wachsen. Und wenn ich so sehe, was du mir für eine Familie gibst, ich werde dir's nie vergessen. Das sollen, will's Gott, die letzten Thränen sein, die wir miteinander geweint haben. Zieh aber die Handschuhe aus, ich hab' auch keine an.« Annele schüttelte mit dem Kopf verneinend, aber sie sprach kein Wort. »Zum Essen! Zum Essen! Zum Essen!« hieß es dreifach. Und in der That, es wurde auch dreifach gegessen. Nur ein einziger Mensch klagte immer: »Ich kann nichts essen, ich bring' keinen Bissen übers Herz; es ist schade um das gute Sach', aber ich kann nicht« – und diese klagende Person war Franzl. Schon während des Essens hatte der Tanz in der obern Stube begonnen, das Brautpaar ging ab und zu, bald an die Tafel, bald auf den Tanzboden. »Es ist unverschämt von dem Techniker, daß er mit zur Hochzeit kommt,« sagte Annele einmal auf der Treppe zu Lenz. »Er ist doch nicht eingeladen. Red nur kein Wort mit ihm.« »Nein, laß ihn doch, es soll keines mißvergnügt sein,« beschwichtigte Lenz. »Mir thut's nur leid, daß der Faller nicht da ist. Ich habe nach ihm geschickt, aber er ist nicht gekommen.« Pilgrim tanzte den ersten Tanz mit Annele. Sie sagte: »Im Tanzen bist du Meister.« »Aber im Malen meinst du nicht?« »Das habe ich nicht gesagt.« »Gut, so wirst du auch nicht von mir gemalt; und ich hatte mir's heute vorgenommen, dich zu malen. Eigentlich bist du nicht gut zu malen, du bist hübsch, so lang du plauderst; wenn du aber still bist, da ist was in deinem Gesicht, ich kann dir's nicht sagen.« »Wenn du nur so gut malen könntest, wie schwätzen!« »Gut, du wirst nicht von mir gemalt. Weißt du? von wegen an die Wand malen –« »Von dir möcht' ich nicht gemalt auf der Welt sein,« sagte Annele. Sie hatte bald ihre heitre Laune wieder. Das Brautpaar wurde in die Unterstube gerufen, dort hatten sich die angesehensten Männer und Frauen aus der Verwandtschaft um Petrowitsch versammelt. Sie wollten, daß er jetzt gleich eine Bestimmung mache, was er dem Lenz vererbe. Don Bastian, der pfiffige Hauswirt Pilgrims, war der Hauptsprecher; er konnte da sein mageres Hochzeitsgeschenk mit fremdem Fett spicken, und er verstand Petrowitsch in die Enge zu treiben, daß er fast nicht mehr los konnte. Der Kettenschmied, der sich was darauf zu gute that, der einzige Nachbar des Lenz zu sein – er wohnte fast eine halbe Stunde entfernt, aber sein Haus war das einzige, das man von der Morgenhalde aus sehen konnte – war ein Jugendgespiele des Petrowitsch und wußte ihm mit alten Erinnerungen warm zu machen. Die Löwenwirtin glaubte, es fehle nur noch, daß das Brautpaar selber dabei sei; darum hatte sie nach ihm geschickt. Als sie jetzt in den Kreis traten, sagte Petrowitsch, der sehr in die Enge getrieben war: »Gut, da ist ja der Lenz, der weiß, wie ich's mit ihm vorhabe. In unsrer Familie hängt man das nicht an die große Glocke. Nicht wahr, Lenz, du weißt, wie wir miteinander stehen?« »Jawohl, Ohm,« sagte dieser. »Darum verlier' ich kein Wort mehr,« schrie Petrowitsch, sich erhebend. Er fürchtete besonders, es möchte jemand, vor allem der Kettenschmied, herauskriegen, daß heute sein fünfundsechzigster Geburtstag war; da hätte man ihm gar noch von allen Seiten gratuliert, und er hätte durch eine Verschreibung für Lenz die Glückwünsche teuer bezahlen müssen. Er drängte sich nun durch die Versammelten hinaus aus der Stube. Der Büble, der hinter ihm drein ging, schrie laut auf, denn er bekam einen Tritt von unsichtbarem Fuß. Lenz schaute dem Weggehenden verdutzt nach, es war vielleicht doch nicht gescheit, daß er dem Ohm so aus der Klemme geholfen. Jetzt wäre er zu was zu bringen gewesen, und jetzt ist's vorbei. Lenz schlug sich aber alles das schnell aus dem Sinn. Er war heiter bis spät in die Nacht hinein. Die Anverwandten, die entfernt wohnten, hatten sich schon davon gemacht. Es war auch für die Brautleute Zeit, heimzugehen, denn vor Mitternacht müssen die Brautleute daheim sein. Im Stüble sagte Lenz: »Annele, du hast doch recht gehabt; es thut mir jetzt leid, es gibt keinen Fahrweg zu uns. Mach dich nur recht warm ein.« »Du wirst schon noch einsehen, daß ich in vielem recht habe,« erwiderte Annele. Pilgrim hatte den Zug künstlerisch geordnet; voraus zog die Musik, vor und hinter dem Brautpaar zwei Fackelträger; Kinder mit den schönsten Geschenken, mit Bechern, Tellern, Gläsern und Kaffeebrettern, ebenfalls brennende Kienspäne tragend, gingen hinterdrein. Als man an den Berg kam, löste sich der Zug allerdings unordentlich auf, eines mußte hinter dem andern gehen. Lenz sagte zu Annele: »Geh du voraus, ich lasse dir gern den Vorrang.« Man war endlich oben angekommen, die Geschenke waren abgestellt; die Musik spielte noch einen lustigen Tanz, dreimal wurde Hoch! gerufen. Die Musik verklang das Thal hinab. »Wir sind im Himmel und wissen, daß die Menschen drunten auf der Erde sich über uns freuen,« sagte Lenz. »Ich hab' gar nicht gewußt, daß du so reden kannst,« entgegnete Annele. »Wie ist's auf einmal so still!« »Wart', ich hab' noch ein schönes Musikwerk. Gottlob, jetzt spiel' ich mir selber auf und für uns beide ganz allein.« Er brachte ein Musikwerk in Gang, es spielte: Die Meeresstille von Beethoven. Es spielte noch lange für sich fort, und still war's im Hause. Zweiundzwanzigstes Kapitel. Die Morgengabe. »Mir ist's lieb, daß wir noch einmal Hochzeit haben; dir nicht auch, Frauele?« sagte Lenz am andern Morgen. »Nein; warum denn dir?« »Das Weinen hat mir doch eigentlich gestern die Hochzeit verdorben, und heute, heute bin ich erst recht lustig. Es ist mir, wie wenn ich zu einer Hochzeit eingeladen wäre.« »Du bist ein wunderlicher Mensch!« lächelte Annele. »Halt!« rief Lenz plötzlich aufspringend, »ich muß dir ja was geben. Wart nur ein bißle.« Er ging nach der Kammer und kramte lange. Was wird er bringen? Gewiß hat er noch daran gedacht, daß man seiner Braut eine ordentliche goldene Kette gibt und schöne Ohrringe. Aber das hätte er gestern thun müssen, warum denn heute? Annele hatte lange Zeit, sich zu besinnen. Endlich kam Lenz und sagte: »So, da hab' ich's, ich hab's verräumt gehabt. Da hast du die Granatenschnur von meiner Mutter selig; das sind noch von den guten alten, die werden dir auch gut stehen auf deinem lieben Hals. Komm, zieh's einmal an.« »Nein, Lenz, das ist zu altmodisch, das kann ich nicht tragen, und das reibt mich am Hals; nein, das kann ich nicht tragen. Ich will's umtauschen beim Goldarbeiter.« »Nein, das nicht.« »Wie du willst. Was hast du denn da noch?« »Das ist was, das ich keinem Menschen geben darf, als dir. Das hat meine Mutter selig verordnet. Es hat keinen Wert, aber es ist doch so was Wunderbares.« »So zeig doch endlich das Wunder.« »Da, sieh einmal.« »Was ist denn das?« »Das ist Edelweiß, das Pflänzchen, das unter dem Schnee wächst. Lies einmal, was meine Mutter da dazu geschrieben hat.« »Ich kann das nicht lesen, das ist so eine böse Schrift.« Lenz zuckte, während Annele doch nur landesüblich eine undeutliche Schrift eine böse genannt hatte, und Annele fuhr fort: »Lies du mir's doch vor.« Lenz las laut: »Das ist ein Pflänzchen Edelweiß, gewachsen auf dem höchsten Berg in der Schweiz unterm Schnee. Hat mein Mann selbst gefunden, dabei mein gedacht und mir gebracht von seiner Wanderschaft und gegeben an unserm Hochzeitstag. Soll mir in die Hand gegeben werden, wenn man mich in die Erden legt. So es aber vergessen oder übersehen wird, soll es mein Sohn am Tag nach seiner Hochzeit seiner Frau übergeben, und solang sie es in Ehren hält, wird es Segen bringen. Ist aber keine Zauberei dabei. Dies Pflänzchen ist genennet Edelweiß. – Maria Lenzin.« Als Lenz gelesen hatte, sagte er: »Nicht wahr, es greift dir ans Herz, daß jetzt eine Tote zu dir spricht? Laß dich's nicht zu sehr angreifen. Sei lustig! Sie hat's auch gern gehabt, wenn man lustig ist, und ist selber lustig gewesen und hat doch so Schweres erlebt gehabt.« Annele lächelte und legte das Pflänzchen, in ein Papier gewickelt, zur Granatenschnur. Die beiden jungen Leute verplauderten sich so lange, bis Botschaft vom Löwen heraufkam: es seien schon so viele fremde Gäste da, sie sollten sich sputen. Franzl war eine sehr ungeschickte Kammerfrau. Lenz mußte vorausgehen und ein Dienstmädchen vom Löwen heraufschicken. Er sagte noch, daß er auch gleich zum Faller gehe und ihn zur Hochzeit einlade; heute müsse er kommen, und Annele solle gut gegen ihn sein und ihm vergessen, wenn er etwas Ungeschicktes gesagt habe. Annele sagte: »Ja, ja, geh nur und schick mir schnell die Margret oder besser die Ernestine.« Endlich erschien Annele im Elternhause. Die Mutter eilte ihr entgegen und umhalste sie. Im Stüble klagte Annele der Mutter: Lenz habe ihr heute eine alte Granatenschnur und eine verdorrte Blume als Morgengabe geschenkt, sie könne sich heute vor den Wirtstöchtern und den Wirtsfrauen und Wirtssöhnen nicht sehen lassen ohne goldene Kette. »Er ist ein Kreuzerklemmer, ein armes, verkargtes Uhrmacherle!« klagte Annele. Die Mutter war klug, denn sie sagte: »Annele, geizig ist er nicht, er hat nicht nach deiner Ehesteuer gefragt, mit keinem Wort, und dumm ist er auch nicht, eher zu pfiffig. Es ist ja heute nacht ein Goldarbeiter aus Pforzheim mit einer großen Kiste hier angekommen. Ich hab's wohl gemerkt, daß er ihn bestellt hat. Da kannst du dir auswählen, das Schönste, was dir gefällt. –« Die Mutter wußte, daß Annele diese Lüge nicht glaubte, und Annele wußte, daß die Mutter sie nicht für so dumm hielt, daß sie sich solche Mär aufbinden ließ; sie thaten aber doch beide, als wenn jedes lauter Wahrheit im Sinne hätte, und der Erfolg entschied für sie. Lenz war eine Zeitlang verschwunden. Er stand bei der Krämer-Ernestine auf der dunkeln Kellertreppe. Und richtig, er kam nach einiger Zeit und brachte Annele eine goldene Kette von dem Händler, der im Hause war. Daß er ihr die Auswahl ließ: Herz, was begehrst du? dazu hatte er sich trotz alles Zuredens doch nicht verstanden, und er bekam jetzt weniger Dank von seinem nachträglichen Geschenk. Annele war aber schnell und bald aufgeräumt, wie sich's gehört. Eine Wirtstochter muß immer geweckt und aufgeräumt sein, und was im Familienstüble vorkommt, gehört nicht in die Wirtsstube. War gestern ein Fahren ohne Ende gewesen, so war's heute noch um so größer, denn heute kamen die Wirtsleute von weit und breit, mit hellem Rollengeschirr und schönen, wohlgenährten Pferden. Bei solcher Gelegenheit muß man auch zeigen, wer man ist und was man hat. Die Wirte und ihre Frauen und Töchter gingen umher, als wenn jedes ein Wirtshaus auf dem Rücken hätte, so besitzstolz; jeder Blick sagte: daheim hab' ich das alles auch so, und wenn ich auch nicht so viel Geld habe, wie der Löwenwirt, ich kann doch zufrieden sein. – Das war ein Begrüßen, das war ein Freundlichthun, ein Verwundern, ein übermäßiges Danken für die reichen Geschenke: O, das ist zu viel! Nein, das ist zu prächtig! Aber an so etwas kann doch nur die Bärenwirtin denken! Da sieht man die Adlerwirtin, ja, wer so gescheit wär'! Und die Engelwirtin! Ich will hoffen, daß wir's bald wett machen können; aber so groß können wir uns nicht zeigen. Es war völlig wunderbar, wieviel hunderterlei geschickte Reden Annele hatte. Lenz stand oftmals dabei und wußte kein Wort vorzubringen. Die ihn nicht kannten, hielten ihn für blöde und einfältig; ihm war aber dieses Sichbeschenkenlassen und Sichbedanken gar nicht recht. – Es kamen nun auch die armen Uhrmacher, die Zinspflichtigen des Löwenwirts, die er unter dem Daumen hielt und denen er ihre Arbeit abkaufte, um sie in ferne Länder zu schicken. Annele achtete ihrer nicht, und sie hielten sich vornehmlich zu Lenz und sprachen eine gewisse freudige Genugtuung aus, daß nun auch ein Uhrmacher ein Schwiegersohn des Löwenwirts geworden sei. Manche hofften davon billigere Rücksichtnahme beim Löwenwirt, andre fragten Lenz geradezu, ob er nun sein Geschäft aufgeben und auch Wirt und Handelschaft treiben werde. Sie lächelten, da Lenz versicherte, er bleibe stets, was er sei. Sie fragten ihn auch spöttisch, ob er auch jetzt, da er der Schwiegersohn eines reichen Packers geworden, noch gerne seine Normaluhr einführen möchte, wodurch eine Einigung gestiftet werden und allen Uhrmachern der volle Gewinn zufallen sollte. Sie machten verwunderte Gesichter, als Lenz beteuerte, daß er lieber heute als morgen die Einung zu stande bringen und in dieselbe eintreten möchte. Als nun diese armen Leute, denen man das karge Wesen ansah und die sich nur dadurch erhalten, daß sie bei vierzehnstündiger täglicher Arbeit mit einer fabelhaften Sparsamkeit und Enthaltsamkeit ihr Leben durchbringen, als nun auch diese ihre Sechsbätzner und ihre Halbenguldenstückle und manche sogar nur einen Dreibätzner Lenz in die Hand drückten, da war's Lenz, als ob er feurige Kohlen fassen müsse. Er hätte gern den Leuten ihre Gaben zurückgegeben, aber er durfte sie nicht beleidigen. Er teilte seine Gedanken Annele mit, in einer Pause, wo er ihrer flüchtig habhaft werden konnte: sie sah ihn groß an und sagte kopfschüttelnd: »Mein Vater hat recht; du bist kein Geschäftsmann. Du kannst arbeiten und dein Brot verdienen, aber andre arbeiten lassen, daß sie für dich was verdienen, das kannst du nicht. Du fragst zu viel: Wie geht's dem und jenem dabei? Das kann man nicht. In der Welt muß man flott dreinfahren und nicht danach fragen, wer da barfuß am Weg geht. Du möchtest aber den alten Pröbler und die ganze Bettelwelt mitfahren lassen. Aber ich will dir jetzt keine Lehren geben . . . Ei, grüß Gott, Lammwirtin! Je später die Zeit, desto schöner die Gäste. Ich habe schon lang gedacht, vor einer Minute hab' ich's zu meiner Mutter gesagt: wo nur die gute Lammwirtin von Edelshof bleibt? Meine halbe Freude wär' mir genommen, wenn die nicht auch an meinem Ehrentag wäre! Und das ist wohl die Schwiegertochter? Wo ist denn der Mann?« »Er ist noch unten bei den Pferden. Man weiß ja heut nicht, wo man die Pferde unterbringen soll.« »Ja, wir haben, gottlob! viele gute Freunde. An so einem Tag sieht man erst, wie gesegnet voll die Welt von Freunden ist. Lenz, führe die Lammwirtin an den obern Tisch, ich habe dort einen Ehrenplatz für sie aufgehoben.« Und schnell bewillkommte Annele wieder andre. Es streifte Lenz flüchtig, aber es ritzte ihn doch, daß Annele ihm vorwarf, heute schon vorwarf, daß er sich zu viel in andre Menschen hineindenke; und doch mußte er sich gestehen, daß das wahr sei und daß er eben deswegen minder schlagfertig war, als andre Menschen; er galt dadurch für minder gescheit, als er zu sein glaubte; ein Wort, eine Wahrnehmung konnte ihm tagelang nachgehen, er war dann nie allein. Andre Menschen machen's gescheiter, sie leben für sich und raffen zusammen, was sie kriegen, fragen nicht danach: wie geht's den andern? Das mußt du auch lernen, da hat man sich besser beisammen. Eine Weile stand Lenz in diesen Gedanken wie verloren, wie ein Fremder, mitten in Lärm und Jubel, als ob ihn das alles nichts anginge; bald aber bewegte er sich wieder mitten drin, und zwar als Mittelpunkt, wie es dem Bräutigam gebührt. Der Tag war überaus voll, und es ist doch schön, wenn so viele Menschen sich um eines willen versammeln und freuen. Es ging so lustig her, daß am Abend, als die Gäste wieder wegfahren wollten, der Löwenwirt einen schönen Spaß ausgeführt hatte. Auf seinen Befehl hatte Gregor sämtliche Schlittenstangen abhängen und verstecken müssen. Nun konnten die ehrenwerten Gäste nicht fort und mußten noch bleiben bis lange nach Mitternacht. Und das war um so besser, wie man allerseits tröstete, denn um Mitternacht ging der Mond auf. Die kleinen Uhrmacher wurden nicht aufgehalten, und manche waren so bedächtig, bald heimzukehren, denn sonst ist morgen noch ein Arbeitstag verloren. Manche aber wollten sich für ihr Hochzeitsgeschenk recht bezahlt machen und blieben sitzen und aßen beständig fort, als ob sie sich für ein ganzes Jahr sättigen müßten. Denn vom Morgen bis in die tiefe Nacht hinein wurde immer frisch aufgetragen; Fleisch und Wurst und Sauerkraut erschienen unerschöpflich. Faller ging etwas steif und verlegen unter den Hochzeitsgästen umher und ward erst froh, als ihm die Krämer-Ernestine eine große weiße Schürze umband und ihn mit zur Bedienung anhielt. Ich thue das nur für den Lenz, sagte er sich und hätte das gern jedem gesagt, dem er Essen und Trinken brachte. Er selber aß und trank fast gar nicht. Als er einmal Lenz habhaft wurde, sagte er ihm: »Ich habe dir gar kein Hochzeitgeschenk gegeben; wenig mag ich nicht, und viel hab' ich nicht, und mein ganzes Herz aus dem Leib möcht' ich dir geben.« Lenz ermahnte nur den guten Kameraden, er solle sich's recht wohl sein lassen und sich selber zuerst bedienen. Noch zu guter Zeit fiel's ihm ein, daß er auch den alten Pröbler hatte einladen wollen. Faller übernahm's, ihn zu holen. Der alte Pröbler kam, aber er ließ sich nicht bewegen, in die Gaststube einzutreten, er hatte kein rechtes Sonntagsgewand, und Lenz gab ihm einen großen Topf voll Essen mit für drei Tage und auch eine Flasche guten Wein dazu. Der Alte war so überrascht, daß er fast vergaß, seine gewohnte Prise anzubieten, und immer nur sagte: »Ich bring' die Flasche wieder.« Lenz sagte: »Du kannst sie behalten.« Der Alte war's auch zufrieden und trollte sich fort. Es ging schon scharf gegen Morgen, der Mond war herausgekommen, war aber jetzt wieder von Wolken bedeckt, als Lenz und Annele wieder nach Hause zurückkehrten. Heute gingen sie ohne Geleite und ohne Fackeln. Annele klagte, daß es so entsetzlich dunkel und daß sie zum Umfallen müde sei. »Ich hätte nur daheim bleiben sollen,« sagte sie. »Was daheim? Da oben bist du daheim.« Annele schwieg, und so gingen beide geraume Zeit still nebeneinander her. »Hast du das Geld gezählt, das eingekommen ist?« fragte sie unterwegs. »Nein, das kann ich daheim. Viel ist's, es liegt mir schwer in der Hand. Es ist gut, daß mir dein Vater einen von seinen leeren Geldsäcken geborgt hat.« »Was leer? Er hat noch volle genug!« sagte Annele heftig. »Danach habe ich nicht gefragt und hab' auch nicht daran gedacht.« Zu Haus drang sie nun darauf, daß Lenz schnell das Geld zähle. Er machte es ihr zu langsam, und sie zeigte, daß sie als Wirtstochter besser zählen könne. Während des Zählens sagte Lenz: »Ich habe mich anders besonnen. Es ist gut, daß wir auch von den armen Leuten Geschenke annehmen; das gibt ihnen Ehre vor sich und macht's ihnen leichter, in Nöten Beistand von uns anzunehmen, in dem und jenem.« Annele sah ihn mitten im Zählen groß an. Lenz hatte für ganz gewöhnliche Dinge immer ganz außergewöhnliche Gründe; er nahm nichts an, weil es eben so ist, sondern erst, wenn er sich damit zurecht fand, dann war er aber auch gründlich bekehrt. Annele sagte nichts, sie sprach nur still mit den Lippen die Zahl, die sie im Kopf hatte, um sie nicht zu vergessen. Geradeaus hundertundzwanzig Gulden waren zusammengekommen, wenn man die vier falschen Sechsbätzner, die dabei waren, abzählte. Annele schimpfte entsetzlich auf die schlechten Menschen, die einen mit solchem Gelde betrügen. Lenz beschwichtigte: »Thu doch nicht so, vielleicht sind's Arme, die nichts andres gehabt haben.« Da flammte ihr Auge, und sie sagte: »Wie es scheint, weißt du alles besser, und ich verstehe gar nichts!« »Das habe ich nicht gemeint. Sei doch gut.« »Ich bin mein Lebtag nicht bös gewesen, du bist der erste Mensch, der mir sagt, ich sei bös; frag einmal nach, und du hast es ja heut gesehen, was die Menschen auf mich halten.« »Ja, ja, es ist nicht der Mühe wert, daß wir darüber einen Streit haben.« »Ich habe keinen Streit. Und es kommt nicht darauf an, was es ist; meinetwegen sei's nur ein halber Heller! Und ich lasse mir nicht übers Maul fahren, wenn ich was sage!« »Gut, sei doch ruhig, die Franzl kann ja meinen, wir hätten Händel.« »Die Franzl kann meinen, was sie will, und das will ich dir gleich sagen, die Franzl muß aus dem Haus.« »Doch heute nicht mehr?« »Heute nicht, aber morgen, oder bald!« »So wollen wir morgen darüber reden. Ich bin müde, und du hast ja gesagt, du seiest es auch.« »Ja, aber wenn man mir unrecht thut, hört alle Müdigkeit auf. Da lasse ich nicht ab!« »Ich habe dir nichts gethan und will dir nichts thun. Denk daran, was der Pfarrer gesagt hat: Wir haben nur eine Ehre.« »Was der Pfarrer gesagt hat, brauchst du mir nicht noch einmal zu sagen. Und schön ist's nicht von ihm gewesen. Er hat ja gepredigt, wie wenn er Frieden stiften sollt'.« »Das soll, will's Gott, nie nötig sein. Wir wollen in guten Treuen Lieb' und Leid einträchtig miteinander tragen, wie meine Mutter immer gesagt hat.« »Ja, wir wollen der Welt zeigen, daß wir rechtschaffen hausen.« »Soll ich noch einmal das Musikwerk in Gang bringen?« »Nein, heut ist's genug.« Dreiundzwanzigstes Kapitel. Der erste Nagel im Hause wird eingeschlagen. Friede auf der Höhe und der erste Sonntagsgast. Am andern Tage war Annele doch wieder zufrieden mit Franzl. Sie wußte zu allem so gut Bescheid, und Annele sagte: »Ich habe dir noch nichts geschenkt, Franzl; willst du ein Kleid oder Geld?« »Geld wäre mir lieber.« »Da hast du zwei Kronenthaler.« Lenz fügte mit fröhlicher Miene die gleiche Summe hinzu, als ihm Franzl die beiden Geldstücke zeigte. Das Annele denkt doch an alles und weiß besser, was der Brauch in der Welt ist, ich hätte es rein vergessen, daß man der Franzl auch noch eine besondere Freude machen muß. Und da spricht sie noch gestern vom Fortschicken. So dachte er, und laut sprach er: »Es ist ein närrisches, hitziges, gutes, liebes Kind,« und Franzl gab die Erklärung: »Sie ist wie die junge Bürgermeisterin bei uns daheim, von der hat einmal die Gewichtlesfrau gesagt: Sie hat immer sieben Besuche im Kopf, aber nur sechs Stühle, und da muß immer einer herumträppeln, derweil die andern sitzen.« Lenz lachte, und Franzl fuhr fort: »Ja, wir Knuslinger, wir sind nicht auf den Kopf gefallen. Aber schau, wie deine Frau schon alles in Ordnung gebracht hat; da hätte eine andre drei Tage dazu gebraucht und wäre siebenzehnmal gestolpert und hätte die Hälfte zerbrochen. Deine Frau hat gar keine linke Hand, die ist hüben und drüben rechts.« Lenz erzählte Annele, daß Franzl ihr nachsage, sie habe zwei rechte Hände, und Annele war wohl zufrieden mit diesem Lobe. Jetzt zeigte Annele noch eine neue Geschicklichkeit. Lenz bat sie, über der Feile des Vaters einen Nagel einzuschlagen. Sie traf den Nagel gleich auf den Kopf, und an den ersten Nagel, den sie eingeschlagen hatte, mußte sie das Bild der Mutter hängen. »So ist's recht,« bekräftigte Lenz. »Wenn's auch nicht ganz ihr Gesicht ist, es sind doch ihre Augen, und die sollen, will's Gott, auf ein schönes, gedeihliches, gutes Leben herniedersehen. Wir wollen's immer so halten, daß die Mutter immer zufrieden zusehen kann.« Mach nur keine Heilige aus ihr, wollte Annele sagen, aber sie verschluckte es. Die Woche – es war erst Mittwoch – wurde noch wie ein Halbfeiertag gehalten. Lenz arbeitete einige Stunden, aber fast nur, um sich zu erinnern, daß das sein Beruf sei; und er war auch fröhlicher, wenn er ein paar Stunden gearbeitet hatte. Die Hochzeitserinnerungen wurden natürlich noch einmal durchgekostet. Besonders lustig war's, wie Annele allen nachahmen und alle ausspotten konnte. Die Bärenwirtin und die Lammwirtin und die Adlerwirtin waren leibhaftig zu sehen und zu hören; und besonders den Faller konnte sie so meisterlich nachahmen, wie er seinen Schnurrbart immer mit der ganzen Hand exerzierte, und sie machte es so, daß man hätte glauben mögen, auf ihrer schalkhaften Lippe müsse ein struppiger Bart sitzen. Es war bei diesem Nachspiel nicht böse gemeint, sie hatte eben Freude am Fastnachtsspiel und war überaus glückselig, und am Morgen rief sie: »O, wie schön, wie wohl und gut ist es hier oben! O, lieber Himmel, wie gut still! Ich hab's gar nicht gewußt, daß es in der Welt so still sein kann. Wenn ich so dasitze und nichts von der Welt sehe und höre, niemand Antwort zu geben habe, mir ist's, wie wenn ich mit wachen Augen schlafe – und gut schlafe; da drunten ist es ja immer wie in einer Mühle, hier oben ist man wie auf einer andern Welt, ich meine, ich höre mein Herz schlagen; vierzehn Tage gehe ich nicht mehr ins Dorf hinunter, ich will mich davon abgewöhnen, und ich kann's gut; sie wissen drunten gar nicht, wie wohl es einem ist so aus der Welt draußen, aus dem Gescheuch und Gejag und Gehetz. O, Lenz, du weißt gar nicht, wie gut du es dein lebenlang gehabt hast.« So in beständigen hundertfältigen Ausrufen der Wonne saß Annele am Morgen bei Lenz, und dieser erwiderte strahlenden Angesichts: »So ist's recht; ich hab's gewußt, daß dir's hier wohl sein wird, und glaub mir, ich bin dankbar gegen Gott und meine Eltern, daß ich mein Lehen da habe verbringen können. Aber, liebs Weible, vierzehn Tage bleiben wir nicht da oben abgeschieden, mindestens nächsten Sonntag müssen wir in die Kirche; ich meine aber, wir sollten noch heute ein bißchen zu den Eltern.« »Wie du meinst; und das ist gut, die glückselige Ruhe, die wir da oben haben, tragen wir nicht mit fort, und wenn wir wieder heimkommen, wartet sie auf uns.« »Und da meine Mutter,« unterbrach Lenz, »das ist unser Ruhegeist und schaut uns an mit den getreuen Augen und sagt: Gottlob, Kinder, daß ihr so seid und bleibet nur so euer lebenlang.« Lenz schaute zum Bilde seiner Mutter auf, und Annele fuhr fort: »Ich begreife es gar nicht, daß ich erst so kurz da bin; ich meine, ich wäre schon von uralters her da oben; ja, an solchen stillen Stunden hat man eben so viel, wie sonst in Jahren.« »Du legst alles gut aus, du bist gescheit. Halt das nur fest, wenn dir's doch einmal zu einödig da oben wird. Die Leute, die es nicht geglaubt haben, daß du in der Einsamkeit glücklich sein kannst, werden staunen.« »Wer hat das nicht geglaubt? Gewiß dein Pilgrim, der große Künstler, ja, der, der ist der Rechte: geraten ihm die Engel nicht, macht er Teufel daraus; aber das sage ich dir, er darf mir nicht über die Schwelle.« »Der Pilgrim hat das nicht gesagt. Warum willst du jetzt einen Menschen, den du hassen kannst? Meine Mutter hat's hundertmal gesagt: es gibt keine Ruhe im Gemüt, keine andre, als gut an die Menschen denken. Ich wollte, sie hätte nur noch ein Jahr gelebt, daß du alles von ihr hättest behalten können. Ist das nicht ein gutes Wort? Du verstehst doch alles? Wenn man einen Menschen haßt, oder wenn man weiß, daß man einen Feind hat – ich habe das auch einmal erfahren, nur ein einzigmal, aber schwer, o grausam schwer – da ist's einem, wie wenn überall, wo man geht und steht, ein Pistol auf einen gerichtet wäre, das man nicht sieht. Mein größtes Glück ist, daß kein Mensch auf der Welt ist, den ich hasse, und keiner, von dem ich weiß, daß er mir feind ist.« Annele hatte dem allem halb zugehört; sie fragte jetzt nur: »Wer hat dir's denn gesagt, wenn nicht der Pilgrim?« »Eigentlich niemand, und ich hab' mir's nur selber manchmal so gedacht.« »Das glaube ich dir nicht, es hat dir's jemand gesagt; aber gescheit war's nicht von dir, daß du mir's wieder berichtest. Ich könnte dir auch sagen, was die Leute mir über dich berichtet haben, Leute, von denen du es gar nicht denkst; du hast auch deine Feinde, so gut wie einer, aber ich werde mich wohl hüten, dich zu verhetzen und das dumme Geschwätz nachzureden.« »Das sagst du jetzt nur, um mir heimzubezahlen. Gut, ich hab's verdient, jetzt sind wir wett, und jetzt laß uns lustig sein. Die ganze Welt geht uns jetzt nichts an; du und ich, wir sind die ganze Welt.« In der That waren die beiden wieder voll Glückseligkeit, und Franzl in der Küche bewegte oft die Lippen, wie sie's in der Gewohnheit hatte, wenn sie in sich hinein dachte, und sie dachte jetzt oft: Gottlob, gottlob, so muß es sein, und so hätte ich auch mit meinem Anton gelebt, wenn er nicht so falsch gewesen wäre und eine Schwarze geheiratet hätte! – Am Sonntagmorgen sagte Lenz: »Ich hab's ganz vergessen; ich hab' dir auf heute mittag einen Gast eingeladen, du hast doch nichts dagegen?« »Nein, wen denn?« »Meinen guten Pilgrim.« »Du solltest aber den Ohm auch einladen, das gehört sich.« »Ja, ich habe auch schon daran gedacht, aber das darf man nicht, ich kenne ihn.« Die Glocken im Thale begannen zum erstenmal zu läuten, und Lenz sagte: »Ist das nicht schön? Meine Mutter hat tausendmal gesagt, wir hören die Glocken selber nicht, wir hören nur den Widerhall vom Walde hinter unserm Haus, und das ist, wie wenn's vom Himmel herunter läutete.« »Jawohl, wir wollen uns aber auf den Weg machen,« schloß Annele. Unterwegs begann sie: »Lenz, es ist nicht aus Neugierde, warum ich frage, ich bin deine Frau, mir darfst du's sagen, und ich schwör' dir da beim Glockengeläute, es bleibt bei mir.« »Brauchst nicht zu schwören, nie, ich habe einen Widerwillen gegen das Schwören. Sag, was willst du?« »Lenz, du und dein Ohm, ihr habt so einverständlich gethan an unsrer Hochzeit; was habt ihr denn miteinander ausgemacht von wegen der Erbschaft?« »Gar nichts; wir haben noch nie ein Wort darüber geredet.« »Und du hast doch so gethan, als wenn alles mit sieben Siegeln verbrieft wär'.« »Ich hab nichts gethan, als ich habe gesagt, ich bin mit meinem Ohm einverstanden, und das sind wir auch. Wir reden nichts von solchen Sachen, er hat seinen freien Willen.« »Und du hast ihn aus der Klemme gelassen? Damals hätt' er nicht nebenaus können. So eine Zeit kommt nicht wieder. Er hätte uns, heißt das dir, viel vermachen müssen.« »Ich kann aber nicht leiden, daß sich Fremde da drein mengen. Und ich bin ja nicht in der Klemme, und wenn er mir nichts vererbt, ich kann mir selber verdienen, was ich brauche.« Annele schwieg; aber in ihrer Seele war es nicht wie Glockengeläute, das eben draußen in hellen Klängen über Thal und Berg hinschwebte. Sie gingen still miteinander zur Kirche, und nach derselben, ehe man heimwärts ging, machte man noch einen Besuch bei den Eltern. Nicht weit von der freien Wiese rief Pilgrim hinter ihnen: »Nehmt eine arme Seele mit in euern Himmel!« Beide lachten und wendeten sich um. Pilgrim war munter auf dem Wege und noch munterer bei Tisch; zuletzt trank er ein volles Glas auf das Wohl des Burschen, bei dem er Gevatter stehen werde. Annele mußte mit anstoßen, und sie war überaus freundlich gegen Pilgrim. Anfangs war es ihr dabei unheimlich, denn sie begegnete einmal dem Blick ihres Mannes, der da sagte: Wie? So schön kannst du lügen? Sie sah nicht mehr auf ihn, aber sie glaubte hinter ihrem Rücken sein Kopfschütteln zu spüren, und sie war bös auf ihn. Als sie aber jetzt nach ihm umschaute und sein freudeglänzendes Gesicht sah, darauf geschrieben stand, wie gern und getreu er an ihre Güte glaubte, war diese zur Wahrheit in ihr, und sie sagte Pilgrim geradezu: »Von heut an bin ich dir wirklich gut. Ihr habt's doch gut auf der Welt, daß ihr so Freunde zu einander seid.« Als Pilgrim wegging, begleitete ihn Lenz eine Strecke, und Pilgrim lobte jetzt Annele überaus. Beim Wiedereintritt in die Stube rief Lenz freudig: »Mir hat's noch nie in meinem Leben besser geschmeckt, als heute. Was gibt's Besseres auf der Welt, als mit ehrlicher Arbeit gehörig zu essen und zu trinken haben und eine liebe Frau dabei und einen guten Freund?« »Ja, der Pilgrim ist ein unterhaltsamer Mensch,« bestätigte Annele. »Und das freut mich noch,« setzte Lenz hinzu, »du hast ihn bekehrt. Er ist gar nicht so gut gegen dich gewesen, aber du hast ihn bekehrt, du bist eine Hexe, du kannst aus jedem machen, was du willst.« Annele schwieg, und Lenz bereute, daß er ihr das mitgeteilt, es war doch nicht nötig; aber Ehrlichkeit schadet nichts. Er wiederholte nochmals: daß es Annele besondere Freude machen müsse, einen Widersacher so gründlich verwandelt zu haben. Annele schwieg noch immer und redete nichts drein, wenn später und oft der Name Pilgrims genannt wurde. Lenz war nur zu bekehren, wenn er auch über andre Menschen anders denken lernte. Sie feierte mit der Zeit manchen Triumph, denn sie zeigte Lenz bei allen Gelegenheiten, wie schlecht, wie verdorben, hinterlistig und falsch alle Menschen sind. »Ich hab's gar nicht gewußt, daß die Welt so ist; ich hab' doch gelebt wie ein Kind,« sagte Lenz, und Annele fuhr fort: »Ja, Lenz, ich bin für dich in der Fremde gewesen, habe tausend und tausend Menschen kennen gelernt in Handel und Wandel, habe gesehen und gehört, wie sie reden, wenn einer den Rücken wendet, mit dem sie schön thun, und wie sie ihn auslachen, weil er an treuherzige Mienen und Redensarten glaubt. Es geht den meisten Menschen kein wahres Wort aus dem Maul heraus. Ich kann dir mehr berichten, als wenn du zehn Jahre auf der Wanderschaft gewesen wärest.« »Nützt das was?« fragte Lenz. »Ich sehe nicht, daß es etwas nützt. Wenn man seinen geraden Weg geht, kann die Welt um uns herum schlecht sein, sie kann doch nichts machen; und es gibt auch viele ehrliche Menschen. Aber du hast recht, so ein Kind im Wirtshaus ist daheim in der Fremde. Du hast das auch gespürt, an jenem Abend hast du mir's gesagt. Es muß dir lieb sein, daß du jetzt erst recht daheim bist, da kann nicht jeder hereinkommen und sich für seinen Schoppen hinflötzen, wie er will, und sich und andre schlecht machen.« »Freilich,« erwiderte Annele, aber schon nicht mehr so entzückt, denn es verdroß sie wieder, daß Lenz ihre Vergangenheit nicht hoch pries. Er kann sich was drauf einbilden, daß er sie erst ins Glück gesetzt. Vierundzwanzigstes Kapitel. Alte Erbstücke wandern aus, und ein neuer Ton wird auf der Morgenhalde gehört. Die Hochzeitswoche und viele andre Wochen und Monate sind vorüber. Es ist nicht viel davon zu berichten. Annele lachte nur fast jeden Morgen über Lenz, denn er konnte sich gar nicht daran gewöhnen, daß die Löwenwirtin jeden Morgen neubackenes Weißbrot aus dem Dorfe heraufschickte. Nicht sowohl der Luxus, als daß die Menschen sich an so etwas gewöhnen mögen, setzte ihn monatelang in Erstaunen. Auch in vielen andern Dingen zeigte sich, daß für Annele manches Bedürfnis und Gewohnheit war, was Lenz als Festesfreude galt. Sie scherzte über die Unerfahrenheit, die es nicht versteht, sich mit denselben Kosten das Leben doppelt schmackhaft zu machen, und in der That war alles viel nahrhafter im Hause, ohne dabei den Aufwand zu steigern; sie buk aus demselben Mehl weit besseres Brot, als man ehedem bereitete. Daneben war sie aber auch oft unwirsch, und sie klagte im Frühling immer fort: »Ach Gott, auf der Höhe da geht ein Wind, man meint, er nimmt einem das Haus über dem Kopf weg.« »Ja, liebs Kind, ich kann nichts dafür. Dafür haben wir auch die gesündeste Luft da oben. Da ist jeder Atemzug, wie wenn man Tau tränke. Denk nur daran, wie du dich im Herbst gefreut hast, daß wir hier oben hellen, fröhlichen Sonnenschein haben, derweil drunten im Thal dicker Nebel steht. Und was für ein gutes Wasser haben wir! Hier oben werden alle Menschen alt, uralt, und für unser Haus brauchst du nichts zu fürchten, das ist noch von ganzen Stämmen, die halten fest, noch für unsre Urenkel.« Als der Schnee schmolz und in dem sonst leeren Habichtstobel ein gewaltiger Strom in mächtigen Wasserstürzen niederrauschte und Lenz sich darüber freute, klagte sie, daß man vor dem entsetzlichen Geräusch nicht schlafen könne. »Du hast den Winter über doch oft geklagt, daß es hier oben so totenstill sei, daß man keine Wagen hört, keinen Reiter, keinen Menschen vorübergehen sieht; jetzt hast du Lärm genug.« Annele sah Lenz von der Seite an, sagte nichts und ging hinaus in die Küche zur Franzl und weinte. Franzl ging zu Lenz und ermahnte ihn, doch seiner Frau nicht so zuwider zu reden, das sei nicht gut für die Frau und für das andre auch nicht. Lenz war ruhig und fleißig, und wenn es ihm gelang, einen richtigen Ton herauszukriegen, und er sagte: »Horch, Annele, wie schön, wie glockenrein!« so sagte sie: »Meinetwegen, das geht mich nichts an. Ich fürchte, ich fürchte, du verrechnest dich mit deinen Arbeiten; du machst zu lange dran, das wird dir nicht bezahlt. Wenn man was vor sich bringen will, muß man flink sein und nicht so lange besteln.« »Annele, das versteh' ich besser.« »Wenn du's besser verstehst, so red mit mir nichts davon. Ich kann nur reden, wie ich's versteh'. Wenn du einen bloßen Haubenstock zum Zuhörer haben willst, geh zu des Doktors und leih dir einen, die haben schön gemalte rote Mäulchen und reden nie ein Wort.« Die Tage gingen still hin, und der Frühling, der jetzt so herrlich über der Erde anbrach, schien auch frisches Leben auf die Morgenhalde zu bringen. Die Löwenwirtin kam oft hinauf und freute sich der guten Sonne da oben. Der Löwenwirt ließ sich fast gar nicht sehen. Er war noch brummiger geworden, als je zuvor. Annele schloß sich sichtlich und offenbar von den Eltern ab und schmiegte sich mit besonderer Innigkeit an Lenz, ja, sie ging manchmal mit ihm am Sonntagmorgen und auch an Feierabenden in den Wald, wo sich jetzt Lenz im Eigentum des Schwähers eine Bank errichtet. Wohlgemut saßen sie bei einander, und Lenz sagte: »Horch, der Vogel, das ist doch der eigentliche Sänger, er fragt nichts danach, ob ihn jemand hört, er singt für sich und sein Weible, und so thu' ich's auch.« Lenz sang fröhlich in den hallenden Wald hinein, und Annele erwiderte: »Ja, so ist's recht, und darum solltest du aus dem Liederkranz austreten, das schickt sich nicht mehr für dich; als lediger Mann haben der Faller und die andern da deine Kameraden sein können, aber jetzt bist du ein Mann, da geht's nicht mehr, und du bist auch zu alt zu der Singerei.« »Ich alt? Ich komme jeden Frühling neu auf die Welt. Jetzt eben meine ich, ich wäre noch ein Kind, da habe ich mir da ein Schiff gebaut, ich und mein verstorbener Bruder. O Gott, wie glücklich waren wir da.« »Du thust, als ob alles, was du erlebt hättest, lauter Wunder wäre. Was ist denn da dran?« »Ja, du hast recht, ich muß lernen alt sein, ich bin fast so alt wie der Wald da; ich erinnere mich als Kind, daß da nur wenig große Stämme waren, sonst lauter junge Schonung. Jetzt ist der Wald, der mir weit über den Kopf gewachsen ist, gottlob unser.« »Wie unser? Hast du ihn vom Vater dir übergeben lassen?« »Nein, er gehört deinem Vater, das heißt, mit Bedingnis. Ganz abholzen hätte er ihn nie dürfen, der Wald ist unser Wetterschutz, daß nicht der Schnee oder gar der Berg selber auf unser Haus herunterrutscht.« »Was redest du mir nur davon? Was geht das mich an?« »Ich verstehe dich nicht.« »Ich dich auch nicht. Wie ich jetzt bin, solltest du mir nichts so Trauriges vormachen.« »Gut, so will ich dir singen, und wenn noch jemand zuhört, schadet's auch nichts.« Singend wanderte Lenz mit Annele heimwärts, und bald kam ein Besuch, es war der Löwenwirt. Er nahm den Schwiegersohn in die innere Stube und sagte: »Lenz, ich kann dir was Gutes zuwenden.« »Ist recht. Das kann man immer brauchen.« »Hast du dein Geld noch bei dem Vogtsbauer stehen?« »Vierhundert Gulden hat er mir 'dran bezahlt, ich hab' aber viel in dem Vorrat da stecken.« »Bar Geld ist jetzt Trumpf; du kannst ein gutes Geschäft machen.« »Ich will dem Vogtsbauer kündigen.« »Das dauert viel zu lang. Gib mir die Handschrift, ich will sie schon verkaufen, und fünfundzwanzig Prozent gewinnst du.« »Da teilen wir.« »Wäre besser gewesen, du hättest das nicht gesagt. Ich hab' dir's ganz lassen wollen, aber du bist ein ordentlicher Mann.« »Dank', Schwäher, ich thu' das Meinige. Ich lasse mir nicht gern schenken.« »Am besten ist, du lässest das Geld in meinem Geschäft stehen, und was es verdient, ist dein.« »Ich verstehe mich nicht auf Geschäfte, ich nehme lieber meine ruhigen Prozente.« Annele brachte den wieder in die Stube Eintretenden eine gute Aufwartung, aber der Vater wollte nichts trinken, er wollte gleich wieder fort. Annele ließ ihn nicht: »Es ist ja Euer eigener Wein, Vater, und bleibt nur ein bißle sitzen. Man hat Euch ja so wenig.« Es schien kein Stuhl auf der Morgenhalde breit genug, um die ganze Würde des Löwenwirts zu tragen. Er trank stehend ein Glas, ging dann den Berg hinab, indem er mehrmals mit der Hand nach der Brusttasche griff. »Der Vater ist heute so absonderlich,« sagte Annele. »Er hat eben dringende Geschäfte. Ich hab' ihm gerad' meine zwei Tausend sechs Hundert Gulden dazu gegeben, die ich beim Vogtsbauer stehen hab'.« »Und was hat er dir dafür gegeben?« »Ich weiß nicht, was du meinst; nichts. Ich werde mir gelegentlich eine Handschrift von ihm geben lassen, weil's so der Brauch ist.« »Wenn du mich gefragt hättest, hättest du's ihm nicht gegeben.« »Annele, was ist das? Jetzt nehm' ich dir gar nichts mehr übel, weil ich sehe, daß du gegen deinen eigenen Vater mißtrauisch bist. Aber die Franzl hat recht, sie hat alle Geduld mit dir, weil man dir jetzt in allem nachgeben muß.« »So?« sagte Annele. »Mir braucht niemand nachzugeben. Das wegen meinem Vater war ein Geschwätz. Ich weiß selbst nicht, wie ich dazu gekommen hin. Aber die Franzl muß aus dem Haus! So? Die verhetzt dich?« Lenz konnte abwehren, wie er wollte, konnte Franzl entschuldigen, und daß sie es ganz anders gesagt; es nützte nichts. Es dauerte nicht vierzehn Tage, und Franzl mußte das Haus verlassen. Lenz tröstete sie, soviel er vermochte: sie käme gewiß bald wieder, und er gebe ihr ihren Jahreslohn, solang sie lebe. Franzl schüttelte den Kopf und sagte weinend: »Unser Herrgott wird mich schon bald ausdingen. Ich hätt' nie geglaubt, daß ich aus dem Hause muß, ehe man mich hinausträgt. Ich bin achtundzwanzig Jahre dagewesen. Meinetwegen. O lieber Gott, da sind meine Töpfe, meine kupfernen Kessel, meine Pfannen und meine Kübel; wie viel tausendmal habe ich sie in der Hand gehabt und wieder sauber gemacht, man kann mir nicht nachsagen, daß ich unordentlich gewesen bin, da stehen meine Zeugen; wenn sie reden könnten, jedes Schnäuzle am Topf müßte sagen, wie ich gewesen bin und wer ich gewesen bin, aber Gott weiß alles, er sieht in die Wirtsstuben und in die Küchen und in die Herzen auf einmal. Das ist mein Trost und mein Labsal und meine Wegzehrung und – genug. Ich hin eigentlich froh, daß ich daraus hinauskomme; lieber möchte ich Dornen spinnen, als da sein. Ich will dir das Herz nicht schwer machen, Lenz, lieber schlag mich tot, wie eine Ratte, ehe ich dir Unfrieden ins Hans bringe. Nein, nein, das will ich nicht. Hab' keine Sorge um mich, du hast genug; wenn ich sie dir nur forttragen könnte, ich wollte gern darunter zusammensinken. Sei ohne Sorge um mich. Ich gehe zu meinem Bruder nach Knuslingen, dort hin ich geboren, und dort will ich warten, bis ich sterbe, und wenn ich zu deiner Mutter ins Paradies komme, will ich ihr abwarten, wie sie' s gewohnt ist; ihr zulieb wird mich unser Herrgott schon einlassen müssen, und ihr zulieb wird es dir auch noch gut gehen auf der Welt. Jetzt leb wohl und verzeih mir, wenn ich dich je beleidigt habe. Leb wohl und leb tausendmal wohl.« Lenz war lange Zeit nach dem Abgange der Franzl stumm und finster. Aber Annele war um so heiterer. Sie war wohl eine Hexe, sie konnte mit ihm umspringen, wie sie wollte; es war wie ein Zauber in ihrem Tone, wenn sie gut sein wollte, daß ihr niemand widerstehen konnte. Pilgrim beschwichtigte Lenz noch vollends. Er suchte ihm zu beweisen, daß Annele sich erst vollständig als Hausfrau fühle, seitdem die alte Magd nicht mehr da sei, die sich eine Art Herrschaft angemaßt habe. Annele war überhaupt an größere Thätigkeit im Hause gewohnt und war viel vergnügter, wenn es recht viel zu wirtschaften gab; sie sprach es gegen Lenz aus, daß sie nie mehr eine Magd ins Haus nehmen wolle, solch ein kleiner Hausstand sei für sie allein kaum halbe Arbeit. Der Lehrjunge mußte aushelfen. Lenz brachte es nur mit Hilfe der Schwiegermutter dahin, daß wieder eine neue Magd ins Haus genommen wurde. Bis in den Sommer hinein war's nun wieder heiter und wohlgemut im Hause. Annele drang bei der Löwenwirtin darauf, daß der Vater dem Lenz sein Geld wieder zurückzahle. Dieser kam in der That eines Tages und bot Lenz den Wald hinter seinem Hause an Zahlungsstatt an und verlangte noch tausend Gulden heraus. Lenz erwiderte, er brauche keinen Wald, er müsse flüssiges Geld haben; er könne aber noch gut einige Zeit warten. Die Sache schlief wieder ein, und der Ehrenmann that's nicht anders, er gab Lenz »wegen Lebens und Sterbens« eine richtige Handschrift. Im Spätsommer war großes Leben im Dorfe. Der Techniker heiratete Bertha, die zweite Tochter des Doktors – die älteste wollte ledig bleiben –; und der Sohn des Doktors, der ebenfalls Kunstuhren verfertigte, war aus der Fremde zurückgekehrt. Man sagte, er errichte nicht weit vom Hause des Doktors eine große Anstalt für Uhrenfabrikation mit allerlei Maschinen. In der ganzen Gegend wurde geklagt, daß man dabei zu Grunde ginge, man würde jetzt wie in Amerika Uhren machen, an denen man keinen Feilenstoß sehe, alles durch Pressen mit Maschinen. Lenz war einer von den Ruhigen. Er und der Duzlehrer gaben sich alle Mühe, den lange gehegten Plan der Einung ins Werk zu setzen. Die Not sollte die Menschen zwingen, wozu sie sich aus freien Stücken nicht hatten verständigen wollen. Lenz und der Duzlehrer gingen tagelang von Haus zu Haus und erklärten die Normaluhr. Fünf Kaliber sollten allgemein angenommen werden. Das reicht vollkommen aus, um die Mannigfaltigkeit herzustellen. Die Arbeitsteilung allein kann helfen. Die Achsen, Räder und Triebe, die Gesperrfedern, und besonders auch die Hemmungen und Schrauben, die lassen sich fabrikmäßig billiger und genauer herstellen. Die Zusammensetzung und Vollendung bleibt dabei noch immer den Meistern, denn eine Maschine kann kein Werk zusammensetzen, dazu bedarf es Menschenverstand und Bedacht. Lenz drang darauf, daß man sich bei der Fabrik beteilige oder sofort eine gemeinschaftliche errichte, aber er fand statt thätigen Zugreifens nichts als lässige Klagen, und schließlich wollte niemand von seiner besondern Art abgehen, jeder glaubte für sich allein das Beste zu haben und wollte es nicht um andrer willen drangeben. Lenz kam traurig wieder heim, und Annele klagte: »Um Gottes willen, laß doch ab, daß du der Kegelbub sein willst, der andern die Kegel aufsetzt:. Laß doch die andern Menschen. Wer denkt denn an dich? Du möchtest gern die Thüren in allen Häusern schmieren, daß sie nicht quieken; es thut dir in den Ohren weh, und die andern merken nichts davon.« Lenz lächelte über die scharfen Vergleiche seiner Frau. Er ließ ab von seinem Sorgen für andre, aber nun drang Annele wiederholt darauf, daß Lenz mit dem Vater auch eine solche Fabrik errichte. Er solle, wenn es notwendig wäre, noch ein Jahr auf Reisen gehen, und sie wolle bei den Eltern bleiben. Lenz aber behauptete: »Ich passe nicht dafür, und ich werde nicht als Ehemann fortgehen, wo ich als ledig zu Hause geblieben bin.« Er ließ zunächst von dem Plan der Einung ab und beschwichtigte Annele damit, daß sie immer ihr Auskommen haben würden, daran solle sie nicht zweifeln, und Pilgrim war derjenige, der Lenz in seinen Auseinandersetzungen vollkommen beipflichtete. Annele sah daher in Pilgrim das Haupthindernis, daß Lenz nicht zu Größerem käme. Er ist ein Mensch, der es sein lebenlang zu nichts gebracht hat und es zu nichts bringen will, meinte sie. Sie versuchte alle Mittel und Wege, Lenz und Pilgrim zu entzweien, aber es gelang ihr nicht. Annele erwog immer allerlei Verhältnisse in Gedanken und hatte beständig eine Buchführung im Kopfe; sie wußte, daß sich Lenz für Faller beim Hauskaufe verbürgt hatte, und nun drang sie darauf, daß Lenz die Bürgschaft zurücknehme. Er mußte ihr willfahren, aber eben. als er zu Faller ins Haus kam, trat ihm dieser halb lachend entgegen: »Soeben hat meine Frau zum zweitenmal Zwillinge. Die kleinen Terkel wissen, daß ich ein Kindernarr bin, und kommen darum gleich paarweise zu mir.« Daß Lenz jetzt den Faller nicht mit Zurückziehung der Bürgschaft plagte, verstand sich von selbst, und als Annele ihn fragte, wie die Sache stände, gab er eine ausweichende Antwort. In der Nacht vor der Hochzeit des Technikers mit der Tochter des Doktors genas Annele eines Knaben. Als Lenz wonneselig an ihrem Bette stand, sagte sie: »Lenz, versprich mir jetzt das eine , versprich mir, daß du von dem Pilgrim lassest, und daß du's wenigstens auf ein Vierteljahr probierst.« »Ich kann dir jetzt nichts versprechen,« sagte Lenz, und es fiel ein bitterer Tropfen in den Kelch seiner Freude. Annele war außer sich, als sie die Musik vom Thale herauf hörte, und Mutter und Mann bebten für ihr Leben bei dieser Aufregung. Sie schlief aber doch mittags glücklich ein. Lenz stopfte alle Thüren im Hause zu, daß Annele nichts höre. Sie ward nun ruhiger, sie ward geduldig und liebreich, und Lenz dankte doppelt für das Vater- und Gattenglück, das ihm geschenkt war. Annele war sogar so weich, daß sie sagte: »Wir haben's dem Pilgrim versprochen, daß er Gevatter sei, und das müssen wir halten.« Es war wunderbar, wie die Stimmungen bei ihr wechselten. Lenz wollte auch noch Petrowitsch als zweiten Gevatter haben, dieser aber lehnte ab. Pilgrim brachte ein großes Blatt mit vielen Unterschriften, das er selbst gemalt hatte und das er dem Täufling in die Wiege legte. Es war ein Diplom des Liederkranzes, worin der Neugeborene wegen seiner unzweifelhaft guten Stimme zum Ehrenmitglied ernannt wurde. »Ja,« sagte Lenz, »weißt du, welches der schönste Ton auf der Welt ist? Wenn man den ersten Schrei seines Kindes hört. Halt, da hast du noch was, mein Sohn, faß! Siehst du, wie er faßt?« Er gab dem kleinen Täufling wie zu einer eigenen Weihe die Feile des Vaters in die kleine Hand. Annele riß sie schnell weg und rief: »Das Kind kann sich mit der Spitze töten.« Sie warf die Feile auf den Boden, daß die Spitze brach. »Jetzt ist dem Ehrenzeichen meines Vaters die Spitze abgebrochen,« sagte Lenz wehmütig. Pilgrim suchte ihn zu trösten und erklärte lachend, daß immer neue Menschen und neues Handwerkszeug auf der Welt sein müssen. Annele sprach kein Wort. Fünfundzwanzigstes Kapitel. Die Pendel schwingen eigensinnig, und es reißt zum Zerspringen an der Kette. »Annele, komm her, ich will dir was zeigen.« »Ich habe keine Zeit.« »Schau nur, es wird dich freuen; schau, da lasse ich jetzt zwei Pendel schwingen an den beiden Uhren, den einen Pendel von rechts nach links, den andern umgekehrt. Gib einmal acht, in wenig Tagen werden sie beide gleich schwingen,. von rechts nach links, oder umgekehrt. Das ist die Anziehungskraft, die sie auf einander ausüben, allmählich geben sie beide nach.« »Das glaub' ich nicht.« »Du wirst es mit eigenen Augen sehen, und schau, so wird es auch uns gehen; bei uns ist es auch so, das eine fängt von rechts und das andre von links an. Es muß sich auch bei uns ausgleichen. Freilich, die Pendel ticken auch nie zusammen, daß es nur einen Ton gibt; das hat schon ein spanischer König zuweg bringen wollen und ist darüber närrisch geworden.« »Mich gehen alle die Narreteien nichts an; du hast, wie es scheint, Zeit dazu, ich nicht.« Die Pendel schwangen in wenig Tagen in gleicher Richtung, die Herzen der beiden Eheleute hielten eigensinnig den ersten gewohnten Anlauf fest. Manchmal war's, als ob das Wunder geschähe, das dort am Werk aus Menschenhand nicht möglich ist: der gleiche Schlag. Aber es war nur Täuschung, und dann war die Wahrnehmung, daß man sich getäuscht, um so trauriger. Lenz glaubte, daß er nachgiebig sei, und er war es in Wirklichkeit nicht, er blieb bei seiner altgewohnten Weise. Annele wollte geradezu gar nicht nachgiebig sein. Sie wußte alles von Anfang an viel besser, sie war weltklug und weltgewandt; Menschen aus allen Gegenden, alte und junge, reiche und arme hatten ihr von Kindheit an in der Wirtsstube gesagt, sie sei gescheit wie der Tag. Annele war, was man kurzweg, aber nicht ganz zutreffend eine oberflächliche Natur nennt, sie war aber auch leichtlebig, flink und behend. Sie plauderte gern und gern viel, wenn's aber vorüber war, dachte sie nichts mehr, weder an das, was sie gehört, noch was sie gesagt hatte. Lenz war eine tiefgründige, aber auch schwerfällige, ja oft zaghafte Natur, als ob alles auf der Welt zerbrechlich wäre; er behandelte jegliches, auch das Gleichgültigste, mit der ganzen subtilen Genauigkeit seinem Handwerks, oder, wie er es lieber hörte, seiner Kunst. Wenn Annele nichts erlebte, hatte sie nichts zu reden, und gerade, je stiller das Dasein war, um so mehr hatte Lenz zu berichten. Wenn Lenz sprach, hörte er dabei immer auf zu arbeiten; Annele sprach und vollführte dabei jede Arbeit, die eben zur Hand war. Annele erzählte gern ihre Träume, und wunderbarerweise träumte sie immer, daß sie gefahren sei, in einem schönen Wagen mit schönen Pferden, in einer schönen Gegend, mit einer lustigen Gesellschaft, und, »ach Gott, wie viel haben wir da gelacht!« hieß es immer. Oder auch sie träumte, daß sie Wirtin sei, und Könige und Fürsten kommen vor dem Hause angefahren, und sie hat ihnen gute Antwort gegeben. Lenz hielt nichts auf Träume und hörte sie nicht einmal gern wieder erzählen. Annele war vom Erwachen bis zum Schlafengehen immer schmuck und sauber gekleidet. Annele freute sich, daß Lenz sie deshalb oft und oft lobte. Er konnte dieselbe Sache fast mit denselben Worten hundert und hundertmal sagen, und er hatte dabei immer die gleiche neue Empfindung, als ob er noch gar nie daran gedacht hätte. Er war in seinem Denken etwas wie draußen in der Natur, wo sich das Gleiche immer mit neuer Frische wiederholt, oder auch wie in seinem Handwerk, wo er das schon hundertmal Bereitete immer mit gleicher Lust und Genauigkeit neu fertigte. Annele fand das langweilig und einfältig. Sie wollte, daß Lenz sich auch schmucker halte, aber er verwendete seine ganze Aufmerksamkeit auf seine Arbeit, er hatte nichts übrig für sich selbst. Lenz konnte des Morgens kaum ein Wort sprechen; sein Denken wachte erst allmählich auf, er träumte lange mit offenen Augen, ja noch bei der Arbeit. Erst nach und nach wurde es heller Tag in ihm. Annele dagegen war beim ersten Augenaufschlag wie ein Soldat auf dem Posten, gewaffnet und gerüstet; sie faßte den Tag mit Lebhaftigkeit an, und alles halbwache Duseln war ihr zuwider; sie war und blieb das schmucke, flinke Wirtstöchterlein, da finden die Gäste schon am frühesten Morgen alles zuweg und ein leichtes Geplauder obendrein. Lenz sah bei dem lärmenden Gebaren oft zum Bilde der Mutter auf, wie wenn er ihr sagen wollte: laß dich nicht auch aus deiner Ruhe aufscheuchen, das Peitschenknallen ist einmal ihre Lust. Wenn ihm Annele bei der Arbeit zusah, ging ihre Unruhe auf ihn über. Er betrachtete oft etwas, das er gefertigt oder erst fertigen wollte, lange hin und her; er glaubte dabei ihren ungeduldigen Blick zu spüren, ihre unwilligen Gedanken über seine Langsamkeit zu hören, und ward selber ungeduldig und unwillig. Das war ein böses Dabeisein. Der kleine Wilhelm gedieh prächtig auf der Morgenhalde, und als nun noch ein kleines Schwesterchen dazu kam, war ein lautes Leben im Hause, als ob beständig das wilde Heer durchzöge. Wenn Lenz manchmal darüber klagte, erwiderte Annele trotzig: »Zum Ruhehaben muß man reich sein, da muß man ein Schloß haben, wo die Prinzen in einem andern Flügel wohnen.« »Ich bin nicht reich,« erwiderte Lenz. Er lächelte über den Vorwurf, und doch that er ihm weh. Nur in gleicher Atmosphäre oder eigentlich in gleicher Entfernung vom Mittelpunkt der Erde machen zwei Pendel in derselben Zeit die gleiche Anzahl Schwingungen. Lenz war noch mehr still und in sich gekehrt, und wenn er mit seiner Frau sprach, sah er sie immer staunend an, daß sie über alles so viel Worte machen konnte. Sagte er des Morgens: »Heut ist ein starker Nebel,« so entgegnete sie behend: »Ja, und so früh im Herbst, es kann aber doch noch sein, daß es heiter Wetter gibt; man kann sich nie aufs Wetter verlassen bei uns in den Bergen; und wer weiß, der eine wünscht sich Regen, der andere heiter, eben je nachdem einer etwas vor hat. Wenn unser Herrgott jedem sein Wetter besonders kochen wollte, da hätte er viel zu thun. Wie ist es jenem Wettermacher gegangen?« Und nun erzählte sie eine Geschichte und hing noch andere daran. Ueber alles und jedes gab es ein langes Gespräch, wie man eben einen Fuhrmann unterhält, solange die Pferde draußen an der fliegenden Krippe fressen, oder einen eiligen Fremden, der Essen bestellt hat und trotz schnell angelegten Tellers und Bestecks lange darauf warten muß. Lenz zuckte die Achseln und schwieg nach solchen Reden, schwieg oft tagelang, und seine Frau sagte ihm erst gutmütig, dann aber scharf: »Du bist ein langweiliger, wortkarger Gesell.« Er lächelte über den Vorwurf, und doch that er ihm weh. Die Befürchtungen, die man von der Fabrik hegte, waren nicht eingetroffen, der Betrieb des häuslichen Handwerks wurde im Gegenteil schwungvoller; denn die Fabrik beschränkte sich zunächst auf die Gießerei von Zinkgestellen und fand darin willige Abnahme. Lenz bildete sich viel darauf ein, daß er das vorausgesagt. Er fand manches Lob darüber, nur Annele fand nichts Rühmenswertes an dieser Voraussicht; das verstand sich von selbst, daß jeder weiß, wie es in seinem Geschäfte wird, und das blieb doch, daß der Sohn des Doktors und der Techniker reich wurden, während die Uhrmacher froh waren, in ihrem alten Schlendrian zu bleiben. Annele lobte jetzt oft den Pröbler, der doch wenigstens neue Erfindungen zu machen versuche. Lenz war indes glücklich in der Arbeit, und er sagte zu Annele: »Schau, wenn ich morgens aufstehe und denke: heut kannst du rechtschaffen arbeiten, und das Werk geht gut von statten und kommt zuweg, da ist mir's, wie wenn ich im Herzen eine Sonne hätte, die nie untergeht.« »Du kannst gut predigen, du hättest sollen Pfarrer werden,« sagte Annele und ging aus der Stube und dachte für sich: da hast du deinen Trumpf; dir soll man zuhören, aber was ein anderes sagt, das ist nichts. Da hast du deinen Trumpf. Es war nicht Rache, es war reine Vergeßlichkeit, daß Lenz manchmal, wenn Annele bei Tisch etwas erzählte, wie erwachend sagte: »Nimm mir's nicht übel, ich habe gar nicht gehört, was du gesagt hast. Mir geht die schöne Melodie im Kopf herum. Wenn ich's nur auch so geben könnte! Das ist prächtig, wie da Dur in Moll übergeht.« Anna lächelte, aber sie vergaß ihm dieses Vergessen ihrer doch nicht. Die Pendel gingen immer mehr jeder seine eigensinnige Richtung. Sonst, wenn Lenz heimgekommen war von einem Gang zum Gelbgießer, zum Schlosser oder über Land, saß seine Mutter bei ihm, während er aß, und was er erzählte, war gut; das Glas Bier, das er dort getrunken, labte hier die Mutter; wer ihn freundlich begrüßt, dem dankte sie jetzt daheim noch einmal. Alles, was Lenz berichtete, war wichtig, Lenz hatte es ja erlebt. Jetzt, wenn er heim kam, hatte Annele keine Zeit, sich zu ihm zu setzen, und saß sie bei ihm und er gab Bericht, sagte sie: »Ach, was geht das mich an? Das geht mich gar nichts an. Die Menschen können meinetwegen leben, wie sie wollen; sie geben mir nichts von ihrem Glück, und von ihrem Unglück brauche ich nichts. Freilich, dir thun die Menschen schön, sie brauchen dich nur aufzuziehen, und da spielst du jedem vor, wie deine Spieluhr.« Lenz lachte, denn Pilgrim hatte ihn einmal eine Achttaguhr genannt, weil er jedesmal am Sonntag frisch aufgezogen wurde. Die ganze Woche gab es für ihn keine Ruhe, dafür war aber auch der Sonntag um so festlicher, und wenn die Sonne hell schien, konnte er ausrufen: »Gottlob, heut freuen sich tausend und tausend Menschen mit diesem schönen Sonntag.« »Du thust, wie wenn du der Herrgott wärest und immer an alle Welt zu denken hättest,« erwiderte Annele darauf. Er schwieg fortan mit solchen Gedanken und wurde dabei fast irre an sich. Wollte er aber jetzt des Sonntags mit Annele über Land gehen zu einem Stelldichein des Gesangvereins im Nachbardorf, oder auch nur mit Faller und dessen Frau, thalaufwärts, da hieß es: »Du kannst überall hingehen, einem Mann thut's nichts, in welcher Gesellschaft er sich herumtreibt, aber ich gehe nicht mit, ich bin mir zu gut dazu; der Faller und die Fallerin sind meine Gesellschaft nicht. Geh aber du nur, ich habe nichts dagegen.« Natürlich blieb nun auch Lenz davon weg und war mehr, als sich's gebührte, mißlaunisch, im Löwen oder daheim. Lenz hatte in seinem ganzen Leben weder eine Spielkarte noch eine Kegelkugel in die Hand genommen, andere vertreiben sich damit die Zeit und die Mißlaune. »Ich wollte, ich hätte auch Freude am Karteln und Kegeln,« sagte er; er war aber nicht gefaßt auf die Antwort, die Annele gab: »Ein Mann darf schon spielen, wenn er nur nachher wieder frisch an seinem Geschäft ist, und es ist sogar besser, als mit dem Geschäft spielen.« Die Pendel gingen immer mehr jeder seine eigensinnige Richtung. Lenz verkaufte den größten Teil seines Vorrates zu guten Preisen, nur mit dem großen Werke, das er eigentlich für den Schwiegervater unternommen hatte, ging es nicht recht vorwärts, und wenn Lenz nicht umhin konnte, Annele zu klagen, daß ihm dies und jenes nicht gelinge, suchte sie ihm zu beweisen, daß er nicht genug ans Geldverdienen denke. »Die Leute wollen ihre Arbeit haben und viel und schnell, du thust aber immer so heilig damit. Du bist ein Träumer, aber ein Träumer am hellen Tag. Wach' doch einmal auf, um Gottes willen, wach' auf!« »O lieber Gott, ich lebe ja in einer Unruhe; mein Schlaf ist kein Schlaf mehr! ich liege wie in Nesseln gebettet. O, wenn ich nur einmal eine einzige Nacht wieder so recht von Herzen gut schlafen könnte! Ich bin so aufgescheucht, ich meine, ich wache ohne Aufhören, mir ist, als käme ich gar nicht mehr aus den Kleidern, Tag und Nacht.« Statt Mitgefühl und neues Selbstvertrauen bei Mißlingendem zu geben, suchte Annele im Gegenteil Lenz zu beweisen, daß er sich selber nicht zu helfen wisse, daß aber sie ihm helfen könne. Gelang ihm etwas, und er konnte sich nicht enthalten, ihr zuzurufen: »Horch, wie glockenrein!« da konnte sie erwidern: »Ich will dir nur ehrlich sagen, ich mag eigentlich die Orgelei nicht. Ich habe das Stück in Baden-Baden gehört, das klingt ganz anders.« Lenz hatte doch das vor sich selber und zu Pilgrim schon bekannt, aber wie es jetzt Annele sagte, that es ihm weh; sie zerstörte ihm damit seine ganze Lebensthätigkeit. Und dabei hatte Annele für sich einen festen klugen Plan und hielt sich vollberechtigt dazu. Sie fühlte ihre beste Kraft brach liegen und konnte sie in dem kleinen Hausstand nicht zur Anwendung bringen. Sie wollte etwas gewerben, und ein Wirtshaus war das Geeignetste für sie. Sie hatte ehedem gesucht, Lenz und Pilgrim auseinander zu bringen, jetzt machte sie Pilgrim zu ihrem Verbündeten; er hatte ja gesagt, es sei schade, daß sie nicht Wirtin sei, sie könnte den Löwen in neuen Aufschwung bringen, das sagten alle Leute. Nun sollte Pilgrim helfen, den Lenz zu bestimmen, daß er das Löwenwirtshaus übernehme, er könne seine Kunst – in guten Stunden nannte sie es Kunst, in bösen immer Handwerk – daneben betreiben, entweder im Löwen oder auf der Morgenhalde, ja, da noch besser, da sei es ruhiger, und mancher habe ja seine Fabrik viel entfernter von seiner Wohnung, als die Morgenhalde vom Löwen war. Wenn Pilgrim kam, sagte ihm Annele zuvorkommend: »Ich bitte dich, zünde dir deine Pfeife an, ich riech's gar gern; es wird mir ganz heimisch, wenn geraucht wird.« Ja, du bist hier oben in fremder Luft, dachte Pilgrim, aber er sagte es nicht. Kam dann Annele von den verschiedensten Seiten her auf ihren Plan, so lehnte Pilgrim jede Mitwirkung ab, und Lenz war hartnäckig und unzugänglich gegen Schmeicheleien und gegen Zornesausbrüche, wie man es gar nicht von ihm vermutet hätte. »Zuerst hast du mich zu einem Uhrenhändler und dann zu einem Fabrikanten machen wollen,« sagte er, »und jetzt soll ich Löwenwirt werden; ja, wenn ich ein ganz anderer Mann werden soll, was hast du denn an mir geheiratet?« Annele gab keine gerade Antwort, sie sagte nur: »Gegen die ganze Welt bist du butterweich und gegen mich hart wie Kieselstein . . .« Lenz hielt sich für einen gemachten Mann, und Annele wollte erst einen aus ihm machen. Daß sie sich für die Erwerbsfähigere hielt, gestand sie nicht, sie weinte und klagte nur, daß sie zu gar nichts nutz sein solle, und hatte tiefes Mitleid mit sich selber, sie wollte ja nur das Beste. Was will sie denn? Arbeiten will sie, erwerben, aber er will sie nicht aufkommen lassen. Lenz sagte ihr, daß man früher viel aus dem Garten gezogen, sie sollte im Garten arbeiten. Sie hatte aber keine Freude an der Gärtnerei. Da wächst jedes Pflänzchen, wie es ihm gesetzt ist, sachte und still, und läßt sich nicht drängen und treiben: mach' hurtig! Das dauert viel zu lang, bis da was wächst und herauskommt. Dreimal in die Küche und dreimal in den Keller, und ich habe verdient, was so ein Garten den ganzen Sommer bringt. Und zum Gärtnern ist eine Tagelöhnerin gut genug. Nun aber hörte das Zerren und Klagen und Jammern, wie karg man leben müsse im Hause, nicht auf. Lenz wollte oft verzweifeln, und manchmal wurde er so toll, daß man glauben konnte, er sei ein ganz anderer Mensch geworden. Dann aber kam wieder tiefe Reue über ihn, er kleidete sie indes anders ein und sagte, er schäme sich vor dem Gesellen und Lehrjungen, und wenn Annele nicht Ruhe gebe, schicke er beide fort. Annele lachte ihn aus über diese Drohung; er sei doch nicht im stande, sie auszuführen. Er bewies ihr, daß er ernst mache, und schickte in der That den Gesellen und Lehrjungen aus dem Hause. Solange die stille, stetige Natur des Lenz vorgehalten hatte, besaß er gewissermaßen eine Uebermacht über Annele; jetzt, in lautem Auftrumpfen, das aber eigentlich nur Jammer über sein Verkommen war, ward Annele Herr über ihn und hielt ihm täglich vor, daß er der Garnichts sei, er habe die Gesellen aus Faulheit fortgeschickt, und seine Gutmütigkeit sei auch nichts als Faulenzerei. Statt über solch einen unbegreiflichen Vorwurf zu lachen, konnte Lenz tagelang bei der einsamen Arbeit solch ein Wort aussinnen, und da hing sich ein Gedanke an den andern und wurde ein ganzes Uhrwerk daraus, während Annele längst nichts mehr davon wußte, was sie gesagt hatte. Ihr kam eben das ganz vereinsamte Leben hier so vor, wie ein verregneter Sommersonntag: man hat mit Recht darauf gerechnet, sich zu erheitern, sich mit andern Menschen zu vergnügen, man ist sonntäglich angethan, aber die Wege sind grundlos, und das Daheimbleiben ist wie eine Gefangenschaft. Das darf nicht so bleiben! Das muß anders werden! sagte sich Annele innerlich immer vor, und sie war ärgerlich und leicht erzürnt bei allerlei unscheinbaren Anlässen, während sie weder sich noch Lenz erklärte, woher diese Zornmütigkeit stammte. Lenz suchte Beruhigung außer dem Hause, und daß er wegging, machte sie minder unwillig und ungeduldig, als die Art, wie er es that. Er druckste so lange umher, bis er das Haus verließ, und dann kam er noch oft vor der Thür zwei-, dreimal zurück, wie wenn er etwas vergessen hätte. Er konnte es nicht sagen, wie schwer es ihm wurde, mit einer Seele fortzugehen, die ihn fast zu einem fremden Menschen machte. Er meinte, Annele müßte ihn zurückhalten, oder ihm doch noch ein gutes Wort sagen, damit er der alte sei. Vor Zeiten, wenn er über Land gegangen war, hatte ihm die Mutter immer noch ein Stück Brot aus der Tischlade mitgegeben, das schützt vor vielem, und besonders daß es einem nicht schadet, wenn man über Hungerkraut geht, und noch schützender als das Brot war ein gutes Wort aus ihrem Herzen. Jetzt ging er fort, wie wenn das ganze Haus nicht sein eigen wäre und er selbst nicht sein eigen. Darum vertrödelte er immer so viel Zeit und konnte doch nicht sagen, was er wünsche. Das Geforderte und Verlangte verliert die Heilkraft, es muß von selbst geschehen, denn es ist kein Aberglaube: der wahre Segen liegt auf dem, was unberufen gegeben und gefunden wird. Lange vor Feierabend saß Lenz oft schon bei Pilgrim und Annele bei den Eltern. Das ganze Haus schien aus den Fugen zu gehen; Lenz sprach bei Pilgrim kein Wort von dem, was innerlich an ihm zehrte, und wenn Annele ihren Eltern klagte, wollten diese nichts davon wissen, sie hatten, wie es schien, anderes im Kopfe. Auch bei Faller saß Lenz oft, und da war ihm wohl, fast noch wohler als bei Pilgrim; hier war Freude und Ehrerbietung, wenn er kam, hier wurde noch der Lenz von vergangenen Tagen geehrt; daheim galt er nichts mehr. Faller und seine Frau lebten einträchtiglich miteinander, sie waren gegenseitig voneinander überzeugt, daß sie die vorzüglichsten Menschen von der Welt seien; wenn sie nur schuldenfrei wären und dann noch ein übriges Geld hätten, da sollte die Welt aufschauen. Sie sparten und arbeiteten und waren allzeit guter Dinge. Faller war kein besonders geschickter Arbeiter, er hielt sich mehr an die Großuhren – denn je größer das Werk, desto leichter ist es genau herzustellen – und dabei erlustigte er sich und seine Frau im Erzählen von Theaterstücken, in denen er während seines Garnisonslebens in verschiedenen Verkleidungen mitgespielt hatte. Frau Fallerin war ein stets dankbares Publikum, und die Königsmäntel, Kronen und Diamanten, von denen Faller sprach, hatte er für seine Frau alle an. Wie ganz anders erschien Lenz dagegen sein eigenes Leben! Immer dunkler, immer nächtiger wurde es in seiner Seele. Alles, was er erlebte, verwandelte sich in Bitterkeit und Trauer. Wenn er es nicht umgehen konnte, sich bei den Uebungen und Proben des Liederkranzes einzufinden, und er da die Lieder der Liebe, der Sehnsucht, des seligen Entzückens sang, weinte die Seele in ihm: »Ist denn das wahr? Ist denn das möglich? Hat es Menschen gegeben, die so wonnig und glückselig waren? Und doch war's einmal in dir . . .« Er verlangte oft Lieder der Schwermut, und die Kameraden staunten über einen herzergreifenden Ton in seiner Stimme, der wie tiefste Klage klang; aber während er sonst nicht genug bekommen konnte im Singen, hörte er jetzt immer bald auf und war müde und ärgerlich über das geringste unebene Wort, und dann war er wieder ebenso schnell bei der Hand, jeden um Verzeihung zu bitten, wo gar nichts zu verzeihen war. Lenz faßte sich wieder und sagte sich, daß seine Grämlichkeit davon komme, weil er nicht fleißig genug sei. Er arbeitete nun emsig, aber es war kein Segen in seiner Arbeit; er mußte oft am andern Tage ausreißen und wegwerfen, was er bis tief in die Nacht hinein gearbeitet hatte. Seine Hand zitterte oft, wenn er die Feile führte; ja, selbst die wieder gespitzte Feile des Vaters, die immer Ruhe gegeben hatte, half nichts mehr. Er löste oft eine Arbeit wieder auf, zerstörte damit sein ganzes Tagwerk; er war überzeugt, daß er alles falsch zusammengesetzt hatte. Da fand sich denn aber, daß er regelrechte gute Arbeit gemacht, nur sein Sinn war irr, und da glaubte er auch, daß alles irr und verkehrt sein müsse. Er faßte sich oft an dem Kopf, wie wenn er etwas vergessen hätte, wie wenn ihm etwas entfallen wäre. Er wußte nicht was. Wenn man so sagen kann, das Gewissen seiner Arbeit war ihm entschwunden, vermöge dessen sich manches wie von selbst ohne jegliches Besinnen thut. Mit einem wahren Zorn auf sich selbst zwang er sich nun zur Ruhe und Bedachtsamkeit bei der Arbeit. Wenn du auch das noch verlierst, dann ist alles verloren; du warst einmal glücklich mit deiner Kunst allein, jetzt mußt du wieder damit allein glücklich sein. Wie man ein Musikstück hören kann, während ein Geräusch ist, das nicht dazu gehört, du kannst es lostrennen – so mußt du auch wieder deine Sache haben und dich nicht um das Geräusch kümmern, das dazwischen läuft. Wenn du es nicht hören willst, so hörst du's nicht. Sei stark im Willen. Es gelang Lenz, wieder ruhig und geordnet zu arbeiten, es fehlte nur ein einziges, nur ein kleines Wort, das Annele hätte sagen können: Gottlob, daß du jetzt wieder so auf dem Fleck bist! Er hatte geglaubt, das Wort entbehren zu können, und konnte es doch nicht. Annele hatte das Wort oft auf den Lippen, aber sie brachte es nicht hervor, denn an der Kehrumthüre sagte ihr Stolz wieder: was sollst du ihn loben, wenn er seine Schuldigkeit thut? Und jetzt wär's gerade gut, wenn wir ein Wirtshaus hätten; er arbeitet am besten, wenn er allein ist, wenn man sich gar nicht nach ihm umsieht, und da wär' ich derweil in der Wirtsstube und er in seiner Werkstatt, und alles wäre gut. Die Arbeit kostete Lenz jetzt doppelte Anstrengung; er war am Abend so müde, wie sonst noch nie im Leben; er hatte ehedem gar nicht gewußt, daß Arbeit so müde macht; er gönnte sich dennoch keine Erholung, er fürchtete, alles zu verlieren, keinen Heimweg mehr zu finden, wenn er Haus und Werkstätte verließ. Wochenlang kam er nicht ins Dorf, und Annele war viel bei den Eltern. Ein Verhängnis riß ihn aus dem Hause. Pilgrim ward schwer krank; nächtelang saß Lenz bei ihm, und er konnte nicht sagen, wie schwer ihm das wurde, denn Annele hatte ihm auch diese Freundesthat vergiftet, sie hatte ihm einst gesagt: »Deine Gutthaten an dem Pilgrim sind nichts als ein Deckmantel für deine Faulenzerei, für dein lahmes, lotteriges Wesen. Du redest dir ein, du hättest was damit gethan in der Welt, weil du sonst nichts thust und es zu nichts bringst. Du bist der Garnichts.« Sein Atem ging schneller, wie er das hörte; es war ihm, als falle ihm ein Stein ins Herz, und der Stein wich nicht mehr und haftete fest. »Nun gibt's nichts mehr, was du mir noch sagen könntest, nur noch das, daß ich meine Mutter schlecht behandelt habe.« »Ja, das hast du auch, das hast du auch. Der Högertoni, dein Vetter, der in Amerika ist, hat's tausendmal bei uns erzählt: einen Scheinheiligeren, als du bist, gäbe es nicht auf der Welt, und er habe tausendmal Frieden stiften müssen zwischen dir und deiner Mutter.« »Das sagst du nur, weil du gern sehen möchtest, wie ich wieder toll werde, aber ich werde es nicht, das rührt mich nicht an. Warum hast du einen Zeugen, der in Amerika ist? Warum nicht jemand von hier? Aber du willst mich nur aufstacheln. Gute Nacht!« Er ging zu Pilgrim, der wieder in der Genesung war, und blieb bei ihm die ganze Nacht. Pilgrim war in der Genesung natürlich heiter, und Lenz wollte ihm diese Heiterkeit nicht verscheuchen, er hörte vielmehr geduldig zu, wie Pilgrim berichte: »In meiner Krankheit habe ich verstehen gelernt, wie so ein Vogel sein Leben lang nur ein paar Töne zwitschern kann. Es ist ein Leben im Halbschlaf, und da ist ein einziger Ton genug. »Durch vier Wochen lang hat sich mir in der Seele nichts als die paar Worte gespielt: der Mensch hat keine Flügel, aber seine beiden Lungenflügel. und ich kann mit einem Lungenflügel auch 77 Jahre Kartoffeln essen. Und wenn ich ein Vogel gewesen wäre, ich hätte auch immer gepfiffen: ein Lungenflügel, zwei Lungenflügel, zwei Lungenflügel, ein Lungenflügel. Just wie eine Grasmücke.« Es waren auch nur wenig Worte, die sich durch die Seele des Lenz spielten, aber sie waren traurig, niemand soll sie hören. »Mir hat die Bibel wieder geholfen,« fuhr Pilgrim in guter Laune fort, »daß ich fest entschlossen bin, ledig und allein zu bleiben. Da steht's ja ganz klar: der Mann war zuerst allein auf der Welt, das Weibsen war nie allein auf der Welt, und daher kommt's, daß der Mann allein sein kann.« Lenz lächelt, aber auch das traf ihn. Am Morgen ging Lenz schwer, übernächtig und leichenblaß heim an seine Arbeit. Und als er die Kinder sah, sagte er: »Ich habe gar nicht mehr gewußt, daß ich Kinder habe.« »Jawohl, das vergissest du,« sagte Annele. Lenz fühlte wieder einen Stich durchs Herz, aber es that kaum mehr weh. Und als er das Bild der Mutter erblickte, rief er: »Mutter! Liebe Mutter. Dich hat sie auch beschimpft. Kannst du denn nichts sagen? Straf sie nicht, bitt vor Gott, daß er sie nicht dafür straft; wenn er sie straft, straft er ja mich und meine armen Kinder mit. Hilf mir, liebe Mutter, gib Zeugnis, daß sie aufhört, mir das Herz aus dem Leibe zu reißen. Hilf mir, liebe Mutter! du kennst mich.« »Da steht ein gesunder Mann und bettelt! Ich will nichts von deinen Possen hören,« sagte Annele und ging mit den beiden Kindern in die Küche. Es riß zum Zerspringen an der Kette. Sechsundzwanzigstes Kapitel. Die Axt geht ans Leben, und die Thränen fallen aufs Brot. Es war schwül am Tage und blieb noch schwül am Abend; als der Löwenwirt, der in offener Kalesche mit seinen beiden Fuchsen nach der Stadt gefahren war, wieder heimkehrte. Er schaute sich bei der Einfahrt ins Dorf seltsam um, rechts und links, und grüßte zuvorkommend. Gregor, der in Postillonsuniform, aber ohne Horn, ihn gefahren hatte, war bereits abgestiegen, hatte die Fuchsen bereits ausgesträngt, der Löwenwirt saß noch unbeweglich in der Kalesche. Er schaute nachdenklich das Löwenwirtshaus an und dann wieder die Kalesche und die Pferde. Als er endlich abstieg und auf dem Boden stand, seufzte er tief auf, denn er wußte, daß er zum letztenmal so gefahren war. Da ist noch alles, wie es gewesen, und nur noch ein einziger Mensch außer ihm weiß, daß es bald anders sein wird. Mit mühsamem Schritte ging er die Treppe hinauf, oben stand die Frau und fragte ihn leise: »Wie ist's gegangen?« »Es arrangiert sich alles,« erwiderte der Löwenwirt und ging an der Frau vorüber rasch nach der Wirtsstube, nicht, wie sonst bei der Heimkehr, zuerst in das Stüble. Er ließ sich von der Magd Hut und Stock abnehmen und setzte sich zu anwesenden Gästen. Er ließ sich auch zu essen bringen an den Fremdentisch, aber es mundete ihm heute nicht. Die Gäste blieben bis spät in der Nacht, und er blieb bei ihnen sitzen; er sprach nicht viel, aber schon daß er bei ihnen saß, war Unterhaltung und Aufmerksamkeit genug. Die Frau war zu Bett gegangen, und nachdem sie längst schlief, begab sich auch der Löwenwirt zur Ruhe. Ruhe fand er nicht, denn eine unsichtbare Gewalt zog ihm die Kissen unterm Kopf weg: dieses Bett, das Haus, alles das ist morgen nicht mehr dein. Vornehmlich blieben die Gedanken bei der Kalesche und den beiden Fuchsen haften. Er rieb sich hastig die Augen, denn es war ihm plötzlich, als ob die beiden Fuchsen in die Schlafkammer gekommen wären, sie strecken ihre Köpfe übers Bett, hauchen ihn heiß an aus ihren Nüstern und glotzen mit ihren großen Augen auf ihn. Der Löwenwirt beruhigte sich wieder und besonders in dem stolzen Gedanken, daß er sich mannhaft gehalten habe. Er hat seiner Frau nichts gesagt, sie soll heute noch ruhig schlafen, es ist Zeit genug, wenn sie's morgen erfährt, und zwar erst nach dem Frühstück; wenn man sich ausgeruht und gekräftigt hat und der helle Tag scheint, kann man's mit dem Schlimmsten leichter aufnehmen. Der helle Tag erschien, der Löwenwirt war müde und bat seine Frau, einstweilen allein zu frühstücken. Endlich kam er, ließ sich's wohl schmecken, und da nun die Frau in ihn drang, doch zu berichten, wie sich alles geordnet habe, erklärte er endlich: »Frau, ich habe dir eine ruhige Nacht gelassen und einen guten Morgen, jetzt sei auch stark und nimm alles ruhig und gelassen. Eben jetzt in dieser Stunde erklärt mein Advokat in der Stadt, daß ich mich in die Gant gebe.« Die Löwenwirtin saß eine Weile starr und stumm; endlich fragte sie: »Warum hast du mir das nicht gleich gestern nacht gesagt?« »Weil ich's gut meine und dich die Nacht noch habe wollen ruhig schlafen lassen.« »Gut? Du? Der einfältigste Gesell von der Welt bist du! Hättest du mir's gestern nacht gesagt, so hätte sich noch manches wegschaffen lassen, was uns für Jahre zu gute käme; heute am Tag ist's nicht mehr möglich. Wehe! wehe! zu Hilfe! zu Hilfe!« schrie die Löwenwirtin plötzlich aus der ruhigen Rede im entsetzlichen Geschrei auf und sank fast ohnmächtig auf den Stuhl. Die Mägde aus der Küche und Gregor, der Postillon, kamen in die Stube. Die Löwenwirtin erhob sich und schrie jammernd: »Du hast mir's verhehlt, du hast mir nichts gesagt, wie es mit dir steht, daß du vergantet wirst. Auf dich kommt aller Jammer und aller Fluch; ich bin unschuldig. O, ich Arme!« Jetzt war's an dem Löwenwirt, in Ohnmacht zu sinken, wenn nicht seine starke Kraft dagegen ausgehalten hätte; die Brille fiel von der Stirn von selbst vor die Augen, damit er deutlich sehen könne, ob's denn wahr sei, was hier vorgeht: diese Frau, die nicht abgelassen hatte, bis er, der gelernte Bäcker und Bierbrauer, sich mit ihrem Bruder verband, einen großen Uhrenhandel zu treiben, und als der Schwager starb, ihn fast zwang, das Geschäft allein fortzuführen, obgleich er eigentlich nichts Rechtes davon verstand; diese Frau, die ihn immer zu neuen Unternehmungen gestachelt hatte und von allem wußte, fast besser als er selber, diese Frau hatte jetzt das Gesinde zu Zeugen gerufen, damit auf ihn allein alle Schuld und alle Schmach falle. In dieser Minute sah der Löwenwirt, wie er im Elend war; fünfunddreißig Jahre zurück, und vorwärts – wer weiß wie viele Jahre noch! Um sich zu retten und ihn allein preiszugeben, trieb die Frau die Heuchelei bis auf die Spitze. Die Brille war angelaufen, er sah nichts mehr; er fuhr mit einem Tuche gelassen zuerst über die Brillengläser, dann über die Augen. In diesem Augenblick setzte sich tief in ihm ein Groll an, der nimmer wich; aber der stolze Löwenwirt blieb in seiner gewohnten Ruhe und Gelassenheit. Als die Mägde und der Postillon die Stube verlassen hatten, sagte er: »Du mußt wissen, warum du so gethan hast, ich weiß nicht, wozu es gut ist; aber ich rede kein Wort mehr darüber.« Und so hielt er's, er verharrte in seiner Schweigsamkeit und ließ die Frau sagen und klagen, was sie wollte. Es erlustigte ihn fast, wie das so schön thun kann vor der Welt. Er wurde jetzt fast der Weise, für den er gegolten hatte, denn bei dem ganzem Gethue seiner Frau dachte er: es ist doch wunderbar, was der Mensch nicht alles kann. – Ja, Uebung macht den Meister! – Die unweise Welt fand sich aber nicht so geduldig in den Fall des Löwenwirts. Wie ein Donnerschlag rollte es über Berg und Thal: der Löwenwirt wird vergantet! Es ist nicht zu glauben, es ist nicht möglich, was steht noch fest, wenn der Löwenwirt umfällt? Selbst der goldene Löwe im Schilde schien sich dagegen zu stemmen, die Angel, in der das weit hinausragende Schild hing, knarrte; aber die Gantkommission bezwingt auch Löwen und fragt nichts danach, ob sie von außen vergoldet sind. Das Schild wurde eingezogen. Der Löwe sah traurig drein, das eine Auge war von der Wand verdeckt, und das andre schien so müde zu blinzeln, wie wenn es sich vor Jammer und Schande auch schließen wollte. Es krachte unten im Dorfe, und es krachte oben auf der Morgenhalde. Lenz lief hinab ins Dorf und wieder den Berg hinauf. Der Löwenwirt ging noch immer gravitätisch in der großen Stube auf und ab und sagte mit Würde: »Man muß auch das ertragen als Mann.« Fast hätte er gesagt: als Ehrenmann. Die Löwenwirtin heulte und klagte: sie habe nichts davon gewußt, und sie schwur, daß sie sich den Tod anthue. »Schwäher,« sagte Lenz, »Schwäher, ist mein Geld auch mit verloren?« »In dem großen Haufen kennt man das Geld nicht heraus, wem das oder das gehört,« erwiderte der Löwenwirt im Tone der Weisheit. »Ich werde mich aber arrangieren. Wenn man mir drei Jahre Zeit läßt, gebe ich fünfzig Prozent. Setz' dich. Mit den Händen in der Luft herumfuchteln, hilft da nichts. Lisabeth!« rief er in die Küche hinaus, »mein Essen!« Die Köchin brachte ein vollständiges Mittagessen herein, der Löwenwirt that rasch die Mütze ab, setzte sie wieder auf und ließ sich behaglich in seinen Armstuhl nieder, schöpfte sich heraus und aß mit der Ruhe eines wahren Weisen. Erst beim zweiten Teller schaute er auf und sagte: »Du solltest auch hersitzen, Frau, das ist der beste Vorspann; da kommt man den steilsten Berg hinauf, wenn man ein rechtschaffen Stück Fleisch im Leib hat. Haben sie allen unsern Wein versiegelt, oder kannst du mir einen Trunk geben?« »Es ist alles versiegelt.« »So mach mir nachher einen guten Kaffee, der hilft auch.« Lenz griff sich an den Kopf. Ist er denn verrückt? Wie ist denn das möglich, daß der Mann, um den jetzt in dieser Minute Hunderte am Leben verzweifeln, sich's behaglich munden läßt? Der Löwenwirt war herablassend gesprächsam und lobte Annele, daß sie nicht auch ins Haus stürme und das unnütze Gejammer vermehre. »Ja, du hast eine gewerbige gescheite Frau, das gescheiteste von meinen Kindern. Schade, daß die nicht ein Mann geworden ist, die hat einen unternehmenden Geist, die Welt wäre anders, wenn die ein Mann wäre. Schade, daß mein Annele nicht einem großen Geschäft vorstehen kann, einem großen Wirtshaus, das wäre das erste weit und breit.« Lenz war empört über diese Ruhmredigkeiten und dieses ganze Gebaren, jetzt in dieser Stunde; aber er kämpfte es in sich nieder; und aus diesem Kampfe mit sich selbst sagte er in zagem, fast demütigem Tone: »Schwäher, so sorget nur vor allem dafür, daß der Wald hinter meinem Hause nicht geschlagen wird. Ich hörte schon den ganzen Morgen Holz darin schlagen, das darf doch nicht sein.« Je kleinlauter Lenz das sagte, um so lärmender schrie der Löwenwirt: »Warum nicht? der den Wald hat, kann damit machen, was er will.« »Schwäher, Ihr habt ja mir den Wald versprochen!« »Du hast ihn ja nicht genommen; der Wald ist verkauft an den Holzhändler von Trenzlingen.« »Und Ihr könnt ihn nicht verkaufen; der Wald ist das Dach von meinem Haus. Man darf wohl einige Stämme herausnehmen, aber nicht den ganzen Wald abtreiben. So ist es seit hundert Jahren gehalten. So hat noch mein Großvater erzählt.« »Das geht mich nichts an. Ich habe jetzt andres zu sorgen.« »O Himmel,« schrie Lenz weinend, »was habt Ihr mir angethan! Ihr habt mich um das Schönste auf der Welt gebracht.« »So? Ist Geld alles? Habe nicht gewußt, daß auch bei dir das Herz im Hosensack ist.« »O nein, Ihr habt mich darum gebracht, daß ich aufs neue Eltern haben soll.« »Du bist groß genug, um als Waisenkind zu leben; aber ich weiß wohl, du bist einer von denen, der, wenn er schon Großvater ist, noch nach seiner Mutter schreit: Mütterle! Mütterle! dein Kind wird beleidigt! Du hast ja damals gesagt, du seist ein Mann, und was für ein Mann! Ein solcher, der eine Einung stiften kann, da soll ja, wie sie sagen, alles zusammenstehen wie ein Wald, ein Wald voll Uhrmächerle! Ha, ha! So mach jetzt deine Einung, dann bist du ja geborgen mitsamt den andern.« So sagte der Löwenwirt, man hätte gar nicht geglaubt, daß er so boshaft sein kann. Lenz war eben der einzige von seinen Gläubigern, der ihm in den Schuß lief, und auf ihn ging die ganze Ladung seines Zornes los. Lenz war bald glühend rot, bald blaß geworden, seine Lippen bebten, und er sagte: »Schwäher, Ihr seid der Großvater von meinen Kindern, Ihr wißt, was Ihr ihnen genommen. Ich möcht' Euer Gewissen nicht haben. Aber den Wald darf man nicht schlagen. Ich lasse es auf einen Prozeß ankommen.« »Gut. Das mach' du, wie du willst,« sagte der Löwenwirt und schenkte sich den Kaffee zum Nachtisch ein. Lenz hielt es in der Stube nicht mehr aus. Auf der Steinbank vor dem Löwen saß eine abgehärmte Gestalt, es war der Pröbler. Er sagte jedem, der vorüberging, er warte hier auf den Amtspfleger, denn droben beim Löwenwirt sei sein bestes Werk, worin er alle seine Erfindungen angebracht, verpfändet; das dürfe nun nicht mit versteigert werden, damit es hinauskäme und alle Welt es ihm nachmache und er nichts davon habe. Die Gantkommission müsse ihm vorher ein Patent bei der Regierung auswirken, das ihn zum reichen und berühmten Manne mache. Lenz gab sich viele Mühe, den Alten zu beruhigen, er suchte ihm zu beweisen, daß er der einzige sei, an dem der Löwenwirt brav gehandelt, denn er hatte die Werke, die nicht verkäuflich waren – sie standen alle noch oben – zum vollen Preise abgenommen und den Pröbler auf dem Glauben gelassen, daß sie nur verpfändet seien. Der Pröbler war aber nicht von seinem Gedanken abzubringen, so wenig er sich von der Stelle bewegen ließ. Lenz ging davon, er hatte genug für sich zu thun. Er eilte zum Ohm Petrowitsch. »Siehst du,« sagte dieser triumphierend, »hab' ich dir's nicht hier in meiner Stube gesagt, damals, wie ich hätt' um das Annele anhalten sollen für dich, hab' ich dir's nicht gesagt, der Löwenwirt ist sein Sammetkäpple auf dem Kopf und seine Stiefel an den Füßen schuldig? Und den dicken Bauch hat er sich von fremdem Gut angefressen.« »Ja, ja, Ohm, Ihr habt recht, Ihr seid gescheit, aber jetzt helft mir.« »Da ist nichts zu helfen.« Lenz erzählte die Angelegenheit mit dem Walde. »Da läßt sich noch vielleicht was machen,« sagte Petrowitsch. »Gottlob! Wenn ich nur den Wald kriege!« »Davon ist keine Rede; der Wald ist verkauft: aber er darf nur durchforstet und nicht ganz geschlagen werden. Der Wald ist der Wetterschutz für dein Haus, der darf nicht umgemacht werden, mir nichts, dir nichts. Wir wollen dem Bergschinder von Trenzlingen schon den Meister zeigen.« »Herr Gott, mein Haus!« schrie Lenz. Es war ihm, als ob es einstürze, als ob er heim müsse, es zu retten. »Dein Haus! Jawohl, du bist aus dem Häusle,« sagte Petrowitsch und lachte dabei über seinen guten Witz. »Geh zum Schultheiß und thu Einspruch. Noch eins, Lenz; ich glaub' in meinem Leben an keinen Menschen mehr; ich hab' dir damals gesagt: deine Frau ist die einzige Gute im Hause. In den beiden andern, siehst du, habe ich mich nicht getäuscht. Sie hat's aber auch schon lang gewußt, vor Jahren hat sie's schon gewußt, und gewiß gewußt, wie's mit ihrem Vater steht. Und du warst der Notnagel, weil sie der Schwiegersohn vom Doktor nicht gewollt hat, und er hat's recht gemacht.« »Ohm, warum sagt Ihr mir das jetzt?« »Warum? Weil's wahr ist; ich kann dir Zeugen dafür aufrufen.« »Warum aber jetzt?« »Gibt's denn eine Zeit, wo man die Wahrheit nicht sagen soll? Ich hab' gemeint, du und dein Pilgrim, ihr wäret solche Tugendhelden. Ich will dir sagen, was du bist; du bist der ärmste Mensch gewesen, eh' du dein Geld verloren hast, denn du bist ein Reuling, und das ist der armütigste Mensch, da hat der Sack immer ein Loch. Ja, Reuling, merk' dir das. Du hast immer heute Reue auf das, was du gestern gethan hast, und dann denkst du: o, ich Unglückseliger! und ich hab's doch so gut gemeint! Mitleid will kein Mann, oder er ist kein Mann; um Mitleid bettelt nur ein Weib.« »Ohm, Ihr gehet hart mit mir um.« »Weil du zu weich mit dir umgehst. Jetzt aber sei einmal fest, laß deine Frau nichts entgelten: behandle sie sanft, denn sie ist jetzt im Elend, weit mehr als du.« »So?« »Ja. Dem stolzen Löwen-Annele, dem wird's jetzt schwer eingehen, wenn sie nicht mehr denken kann, es ist jedes stolz darauf, daß sie ihm guten Morgen sagt.« »Es ist jetzt nicht mehr das Löwen-Annele, es ist meine Frau.« »Ja, vor Gott und den Menschen; es war dein eigener freier Wille, ich habe dir abgeraten.« Lenz eilte zum Schultheiß und traf ihn nicht zu Hause, sein Weg ging wie durch Dornen, sie rissen und zerrten an ihm; die guten Menschen waren nicht daheim, und die bösen holten hervor, was sie im geheimen gegen ihn im Sinne hatten, und plagten und höhnten ihn, eben jetzt, da er hilflos war. Er ging wieder heimwärts, rannte aber an seinem Hause vorbei nach dem Walde und befahl den Holzhauern, einzuhalten: »Es darf hier nicht geschlagen werden.« »Bezahlst du uns den Taglohn für heute?« »Ja.« »Gut.« Sie nahmen ihre Aexte und gingen heim. Zu Haus fand Lenz Annele, wie sie die Kinder an sich drückte und schrie: »O, meine armen Kinder! Ihr müßt betteln gehen, ihr armen Kinder!« »Solange ich lebe und gesund bin, das nicht; ich bin der Mann, halte dich nur ruhig und sei gutmütig.« »Gutmütig? Ich habe mein Lebtag nichts Böses gethan; und du irrst dich, wenn du jetzt glaubst, daß du mich unterjochen kannst, daß ich vor dir krieche, weil mein Vater das Unglück gehabt hat. Gerade nicht! Kein bißchen geb' ich nach. Jetzt ist's an dir, deine berühmte Gutmütigkeiten zeigen. Zeig jetzt, wie du deiner Frau beistehst.« »Ich will's ja, aber wer die Hand nicht aufmacht, dem kann man nichts geben.« »Hättest du mir nur gefolgt und den Löwen gekauft, da wären wir versorgt, und das Haus wäre nicht verfremdet. Und sag mir nur kein Wort wegen dem Geld! Da, wo du jetzt sitzest, da hast du gesessen, und da ich, und da hat das Glas gestanden, ganz nah am Rand, ich hab's noch hereingerückt; erinnerst dich? Da hab ich dir's gesagt, deutlich und ehrlich gesagt hab' ich's: ein ordentlicher Mann gibt kein Geld her, auch dem Vater nicht, so mir nichts, dir nichts.« »Hast du denn das damals schon gewußt?« »Ich habe gar nichts gewußt, gar nichts; ich weiß nur, was ordentlich ist, und weiter laß mich in Ruh.« »Willst du nicht zu deiner Mutter gehen? Sie jammert gar arg.« »Was soll ich bei ihr? Daß sie noch einmal heult, wenn ich komme? Ich soll wohl gleich hinuntergehen und mich von allen Leuten begucken und bemitleiden lassen? soll hören, wie des Doktors liebe Töchter Musik machen und lachen, wenn ich vorübergehe? Ich bin mir da oben in meiner Einsamkeit genug, ich brauche keinen Menschen.« »Vielleicht ist's zum Guten,« tröstete Lenz, »vielleicht bist du da oben in der Einsamkeit von jetzt an glücklicher und besser bei mir. Es kann wieder kommen, es muß wieder kommen, wie's einmal war, damals, wo du gesagt hast: hier oben sind wir im Himmel und lassen die Welt da unten fuhrwerken und jagen und rennen, wie sie mag. Daran wollen wir uns halten. Wir waren einmal glückselig und werden's wieder; wenn du gut bist, kann ich so viel arbeiten als drei. Und vor mir kannst du ruhig sein: wegen dem Gelde habe ich dich nicht geheiratet.« »Und ich habe dich auch nicht wegen dem Geld geheiratet, wär' auch nicht der Mühe wert; wenn ich auf Reichtum hätte sehen wollen, hätte ich ganz andre haben können.« »Wir sind schon zu lange bei einander, man redet da nicht mehr von heiraten,« brach Lenz ab; »wir wollen essen.« Bei Tische erzählte Lenz die Sache mit dem Walde, und Annele sagte: »Weißt du, was dabei herauskommt?« »Was?« »Nichts, als daß du den Holzhauern den Lohn bezahlen mußt.« »Das wollen wir sehen,« sagte Lenz und ging gleich nach Tische abermals zum Schultheiß, den er in der Frühe nicht getroffen hatte. Auf dem Wege gesellte sich ein trauriger Genosse zu ihm; leichenblaß kam Faller auf ihn zu und rief: »O, das ist entsetzlich, entsetzlich, das ist ein Blitz aus heiterem Himmel!« Lenz sprach beruhigend; freilich sei dritthalbtausend Gulden ein schwerer Verlust, aber er werde hoffentlich doch aufrechtstehen. Er dankte dem treuen Kameraden für seine Teilnahme. Da blieb Faller stehen wie eingewurzelt. »Was? dich, dich hat er auch hineingebracht? Und mir ist er auch einunddreißig Gulden schuldig, lauter gute Uhren, ich habe wenig dabei verdient, aber ich habe es bei ihm stehen lassen wie auf der Sparkasse; um ein Ziel an meinem Haus abzuzahlen. Jetzt bin ich auf mindestens zwei Jahre zurückgeschnellt.« Lenz ließ die Hände sinken und sagte, daß er sich nicht bei dem Kameraden aufhalten könne, er müsse zum Schultheiß. Faller sah ihm traurig nach, er vergaß fast sein eigenes Elend über dem des Freundes. Der Schultheiß-Doktor war von dem Schlage, der den Löwenwirt getroffen, tief gebeugt. Die Summe, die er selbst dabei verlor, war ohne Bedeutung, aber dieser Sturz war ein Unglück für das ganze Dorf, für die ganze Gegend. Als Lenz erzählte, wie auch er betroffen sei, rief der Doktor, sich entsetzend: »Also auch dich hat er mit hineingerissen! Nun überrascht mich nichts mehr. Wie ist's nur möglich? Wie ist's nur möglich?« Nach einer Weile sagte er: »Wie trägt's deine Frau?« »Sie schiebt alles mir zu.« Lenz berichtete vom Wald und drang auf schleunigste Hilfe, daß nicht auch noch sein Haus allem Wetterschaden ausgesetzt sei und ihm nicht einmal plötzlich der Berg auf den Kopf rolle. Der Schultheiß-Doktor stimmte bei: »Den Wald da kahl abholzen, das verschändet unsre ganze Gegend, und vielleicht verdirbt dadurch unser bester Brunnen, der bei der Kirche, der vom Wald gespeist wird. Mindestens einen Vorstand auf dem Bergrücken müßte man stehen lassen, aber wir können nichts dagegen thun. Es ist und bleibt ein Elend, daß die Waldeigentümer alles abholzen dürfen, wie es ihnen einfällt. Sie wollen jetzt ein Gesetz dagegen machen, aber ich fürchte, es geht da auch wieder wie immer: wenn die Kuh draußen ist, macht man den Stall zu.« »Aber, Herr Schultheiß, mich trifft das Elend zuerst. Ist da nichts zu machen?« »Ich glaube schwerlich; es ist bei der Ablösung der Grundlasten versäumt worden – ich war damals noch nicht Schultheiß, dein Schwäher war's –, das Recht der Gemeinde und auch dein Recht zu wahren. Freilich hätte niemand da ein Haus hingebaut, wo deines steht, wenn man an dem Wald hätte den Kahlhieb machen dürfen; aber du hast kein verbrieftes Recht auf den Waldschutz. Probier's aber beim Amt, ich will dir ein Schreiben mitgeben, vielleicht können sie dort doch noch helfen.« Lenz ist es in den Knieen; er kann kaum vom Fleck, er darf aber jetzt nichts versäumen und die Kosten nicht scheuen. Er nimmt ein Fuhrwerk und fährt nach der Stadt zu Amt. Eine fast vergessene Gestalt zeigte sich unterdes auf der Morgenhalde, und zwar in strahlendem Putze. Die Krämerin aus dem nächsten Dorfe, die Base Ernestine, über die Annele damals bei der ersten Ausfahrt so sehr gespottet hatte, kam auf Besuch, in einem neuen seidenen Kleid, mit einer goldenen Uhr behängt. Sie sagte, sie sei im Dorf gewesen, sie habe Geld einzukassieren gehabt, es ginge ihr gottlob sehr gut, ihr Mann mache als Vermittler bei Häuser- und Güterkauf und auch im Lumpenhandel gute Geschäfte, und er sei auch Agent für Feuer-, Hagel-, Menschen- und Viehversicherung, die schön gedruckten Tafeln hingen an allen Laden, das bringe ein schönes Stück Geld ein, und man habe gar nichts dabei zu riskieren, sie habe eben die Ausstände eingetrieben, und da habe sie es nicht übers Herz bringen können, auch nach Annele umzuschauen. Annele dankte höflich und entschuldigte sich, daß sie keine Aufwartung machen könne. Ernestine beteuerte, daß sie nicht deswegen gekommen sei. »Ich glaub' dir das,« sagte Annele, und diese Worte hatten viele Deutungen. Annele war fest überzeugt, daß Ernestine nur gekommen sei, um Rache an ihr zu nehmen. Annele, die sie stets gering angesehen hatte, sollte jetzt vergehen vor Neid und Aerger. Annele war indes noch Wirtstöchterlein genug, um die Boshafte mit einigen aufgewärmten höflichen Redensarten abzuspeisen; sie bewahrte dabei aber ihren Stolz – sie war die Haustochter vom Löwen, und das nur eine arme Verwandte, die einst als Magd bei ihnen gedient – sie gab Ernestine zu verstehen, daß es Geschäfte gebe, die sich nur für niedere Leute schicken, andre könnten daraus kein Geld ziehen. Ernestine war in der That nicht ohne Schadenfreude die Morgenhalde hinaufgegangen, wenn sie gleich dabei an ihre Armtasche griff, in der sie ein Pfund gebrannten Kaffee und ein Pfund Zucker für Annele zum Mitbring hatte. Als sie aber Annele sah, verwandelte sich ihre Schadenfreude in aufrichtiges Mitleid, und als Annele sie so von oben herab behandelte, kam sie wieder in die altgewohnte Unterwürfigkeit und vergaß ihr neues seidenes Kleid und ihre goldene Uhr. Den Mitbring, den sie Annele hatte geben wollen, bot sie ihr jetzt als Probe an, damit sie auch ihre Kundschaft gewinne, und sie weinte in der That aus dem Herzen, als sie sagte: Wenn alle Menschen, die Gutthaten aus dem Löwen empfangen, sie jetzt vergelten möchten, da könnten die Eltern der Annele noch hundert Jahre vollauf davon leben. Sie setzte mit aufrichtigem Tone hinzu, daß, wenn Annele auf den Löwen geheiratet hätte, gewiß alles noch im alten guten Stand wäre. Bei diesem Lockruf vergaß Annele allen alten Hader und alle neuen Kleider der unleidlichen Base. Es ging nun an einen Austausch von Erinnerungen an glückliche Zeiten, mit Klagen über die Gegenwart untermischt, über die falschen, undankbaren Menschen, und sie waren so einig, daß Annele und Ernestine voneinander schieden, als wären sie von Ewigkeit her die besten Freundinnen gewesen und hätten wie Schwestern miteinander gelebt. Annele gab Ernestine noch ein Stück Weges das Geleite und beauftragte sie, ihr Mann solle ein schickliches Wirtshaus suchen, besonders wo eine gute Ausspanne ist, das sich kaufen und in die Höhe bringen ließe, und dann wollten sie ihr Haus hier auf der Morgenhalde verkaufen. Ernestine versprach, alles zu besorgen, und bat Annele wiederholt, ja nicht zu einem andern zu schicken, wenn sie Kaufmannswaren brauche. Als Annele wieder heimkehrte, gingen ihr mancherlei Gedanken durch den Kopf: unser Haus hat so viele Menschen versorgt und ins Glück gesetzt, und wir sollen nichts mehr sein? Sogar die einfältige Ernestine ist bei uns gewitzigt worden, daß sie jetzt einem Kaufladen vorstehen kann, und hat ihren Mann, den verkommenen Schneider, zu etwas gebracht. Sie hat früher meine abgelegten Kleider getragen, und wie kommt sie jetzt daher! Wie eine Amtmännin, und rasselt mit dem Geld in der Tasche! Und ich soll's zu nichts mehr bringen, soll da oben verdorren und soll gar von der Ernestine Wohlthaten annehmen? Denn sie hat es doch nur nicht gewagt, mir den Kaffee und Zucker zu schenken, und hat ihn als Probe dagelassen. Nein, Uhrmacherle! Ich ziehe dich anders auf, und ich setze eine Musik, die anders klingt. Sie war nur froh, daß sie den Auftrag gegeben, ein Wirtshaus ausfindig zu machen. Wenn einmal was Bestimmtes da ist, da kann man ganz anders vorfahren. Einstweilen hielt sie sich still und ruhig. Erst spät in der Nacht kehrte Lenz aus der Stadt zurück mit abschlägigem Bescheid. Es fand sich kein verbrieftes Recht auf den Waldschutz. Und als Lenz morgens erwachte und die Axthiebe am Berge hinter seinem Hause hörte, war's, als ginge ihm jeder Axthieb ins Mark. Ich möcht' am liebsten sterben, sagte er zu sich selbst und ging an seine Arbeit. Er war den ganzen Tag wortlos, und nur, als er am Abend das Licht in der Kammer auslöschte, sagte er laut: »Ich wollte, ich könnte auch mein Leben so auslöschen!« Annele that, als ob sie ihn nicht hörte. Annele hatte bisher über den so traurigen Fall keine Thräne vergossen, weder über das Los der Eltern noch über ihr eigenes. Sie hielt sich, mit Ausnahme der Klagen um die Kinder, gefaßt. Als aber am andern Morgen kein neubackenes Weißbrot mehr vom Dorfe heraufkam, als sie den gewöhnlichen Brotlaib zum Kaffee auf den Tisch legte, kugelten ihr schwere Thränen die Wangen herab und fielen auf das Brot; sie schnitt sich, ehe es Lenz sah, das thränenfeuchte Stück ab und aß es, aß es mit ihren Thränen. Siebenundzwanzigstes Kapitel. Alles danieder. Die Gant zerrte alles ans Tageslicht, und da kam zum Vorschein, was der Löwe im verborgenen beherbergt hatte. Der Löwenwirt erschien als ein wahrer Greuel. Er hatte, um Leute zu befriedigen, die ihm fremd und streng gegenüberstanden, gerade diejenigen betrogen, die ihm zugethan und von ihm abhängig waren. Selbst die eigenen Postillone waren um ihr bißchen Erspartes gekommen. Arme Uhrmacher gingen verzweifelnd im Dorfe hin und her und klagten: der Löwenwirt hat ihnen Monate und Jahre ihres Lebens gestohlen, und jeder hätte doch darauf geschworen, daß er der rechtschaffenste Mann landauf und landab sei. Die Löwenwirtin kam dabei nicht besser weg, obgleich sie so unschuldig that. Sie hatte immer einen solchen Glanz um ihr Haus verbreitet und immer großthuerisch geprahlt und jeden mit ihrer Huld begnadigt. Der Löwenwirt hatte doch nur mit Schweigen gelogen und sich's gefallen lassen, daß man ihn Ehrenmann rechts und Ehrenmann links nannte und den Accuraten noch obendrein. Viele Gläubiger kamen zu Lenz auf die Morgenhalde; sie ließen sich den weiten Weg nicht verdrießen, sie waren einmal im Dorf und hatten ein Recht darauf, das ganze Elend zu sehen. Es war ein Gemisch von Mitleid und Aufrichten an noch größerem Elend, da sie alle Lenz beklagten, daß er so bös dreingefallen sei. Manche trösteten ihn indes, daß er vielleicht seinen Ohm beerbe, und sie beteuerten, daß sie nichts von ihm fordern wollten, wenn er reich sei, sie hätten ja kein Recht dazu. Und wo sich Lenz sehen ließ, wurde er bedauert und beklagt wegen der Schlechtigkeit des Schwiegervaters, der den eigenen Sohn ausgeraubt. Es gab nur einen einzigen Menschen, der dem Löwenwirt noch das Wort redete, und das war Pilgrim, und daß er das aus voller Seele that und im Hause des Lenz immer behauptete, der Löwenwirt habe sich nur verrechnet, er habe auf den unglücklichen brasilianischen Prozeß alles gestellt und sei nicht schlecht, das gewann ihm das Herz des Annele, denn den Vater hatte sie immer geliebt. Man sagte im Dorf, die Löwenwirtin suche noch alles, was sich beiseite schaffen ließe, zum Lenz hinaufzubringen. Ein armer Uhrmacher kam geradeswegs zu Lenz ins Haus und sagte: er wolle nichts verraten, man solle ihm nur so viel geben, was er zu fordern habe. Lenz rief seine Frau herbei und erklärte, er werde es ihr nie vergeben, wenn sie für einen Heller Werts ungetreues Gut ins Haus aufnehme. Annele schwor auf das Haupt ihres Kindes. daß das nie gewesen sei und nie sein werde. Lenz that ihre Hand vom Haupte des Kindes weg, denn er wollte kein Schwören. Annele hatte recht, das Haus auf der Morgenhalde beherbergte kein unrechtes Gut. Die Schwiegermutter war oft da. Lenz sprach wenig mit ihr, und jetzt war's geschickt, daß Franzl nicht mehr da war, denn die neue Magd – sie war eine nahe Verwandte des Löwen-Annele – ging in der Nacht mehrmals mit schweren Körben hin und her zwischen dem Löwen und dem benachbarten Dorfe, und die Krämer-Ernestine wußte aus allem Geld zu machen. Der einzige von den Vasallen des Löwenwirts, der nichts an ihm verlor, war der Mann der Krämer-Ernestine. Die Uhrmacher, die kein bar Geld bekamen, durften dafür allerlei Waren beim Krämer entnehmen, und der Löwenwirt bürgte dafür. Jetzt hatten die Armen keine Uhren, aber Schulden, und der Krämer beteuerte ihnen aufrichtig, daß sie zahlungsfähiger seien als ihr ehemaliger Bürge. Die Leute hatten Lenz bedauert, weil der Fall des Schwähers auch ihn mit niederreißen werde. Er hatte zuversichtlich darauf geantwortet, daß er fest stehe; nun aber, das war ein ewiges Kommen und Warten! Wo Lenz nur einen Kreuzer schuldig war, wurde es ihm abgefordert, man traute ihm eben nicht mehr. Lenz wußte sich nicht zu helfen, und die Hauptsache durfte er Annele gar nicht bekennen, sie hatte ihn ja davor gewarnt. Denn mitten in der Wirrnis kündigte der Gläubiger des Faller diesem die Hauptschuld; die Bürgschaft des Lenz war jetzt keine Stütze mehr. Faller war außer sich vor Wehmut, da er Lenz das mitteilen mußte und ihm klagte, daß er mit seinem Doppelgespann kein Unterkommen wisse. Lenz versprach ihm zuversichtlich Hilfe, sein alter guter Name und der seiner Eltern wird doch noch vorhalten. So schlecht kann doch die Welt nicht sein, daß altbewährte Ehrlichkeit nichts mehr gelten soll. – Annele wußte nur von den kleinen Schulden, und sie sagte: »Geh doch zum Ohm, er muß dir helfen.« Ja, zum Ohm! Petrowitsch ging regelmäßig aus dem Dorfe, wenn ein Leichenbegängnis darin war. Nicht aus Mitleid, denn er hatte den Anblick nicht gern. Und am andern Tag nach dem Falle des Löwenwirts war Petrowitsch abgereist. Das Gerede von dem gefallenen Mann war ihm auch zuwider, und er überließ diesmal sogar dem Wegknecht die Einerntung der unreifen Kirschen von den Bäumen an der Straße. Erst als es bereits winterte und ein neuer Wirt im Löwen war und die beiden Alten nach der Stadt in ein Nebenhaus des Schwiegersohn-Holzhändlers gezogen waren, war er wieder sichtbar im Dorfe. Der Löwenwirt hatte sein Schicksal mit fast bewundernswertem Gleichmut getragen. Nur einmal, als der Techniker mit der Kalesche und den beiden Fuchsen draußen vor dem Dorfe an ihm vorüberfuhr, da verlor der Löwenwirt sein Gleichgewicht, aber es sah niemand, wie er stolperte und in den Graben fiel und dort lange lag, bis er sich endlich aufrichtete. Petrowitsch hatte jetzt einen andern Spaziergang. Er ging nicht mehr am Hause des Lenz vorbei und nicht mehr in den Wald, der bereits fast ganz niedergeschlagen war. Lenz saß bis in die Nacht hinein und rechnete; es läßt sich noch helfen, und bald bot sich ihm eine Summe, aber sie war heiß, als käme sie frisch aus des Teufels Münzstätte. Der Mann der Krämer-Ernestine kam mit einem Fremden auf die Morgenhalde und sagte: »Lenz, der Mann will dein Haus kaufen.« »Was? mein Haus?« »Ja, du hast's selbst gesagt; es ist jetzt viel weniger wert, als früher, seitdem der Wald geschlagen ist, es steht gefährlich, aber es werden sich schon Vorkehrungen treffen lassen.« »Wer hat denn gesagt, daß ich mein Haus verkaufen will?« »Deine Frau.« »So? meine Frau? Annele, komm herein. Hast du gesagt, daß ich mein Haus verkaufen will?« »So nicht; ich hab' der Ernestine nur gesagt, wenn ihr Mann ein gutes Wirtshaus in einer guten Gegend weiß, wollen wir eins kaufen und verkaufen dann unser Haus.« »Und da ist es doch gescheiter,« fügte der Krämer bei, »ihr verkaufet zuerst euer Haus; mit bar Geld in der Hand krieget ihr leicht ein schickliches Wirtshaus.« Lenz war blaß geworden und sagte endlich: »Ich verkaufe mein Haus gar nicht.« Der Krämer ging mit dem Fremden, schimpfend und spottend über die verwahrlosten Menschen, bei denen kein Wort mehr gelte und die einem unnötige Mühe machen. Lenz wollte auffahren, aber er hatte noch Kraft genug, sich zu bezwingen. Als er mit Annele allein war – sie schwieg, obgleich er sie mehrmals ansah – sagte er endlich: »Warum hast du mir das gethan?« »Dir? Ich habe dir nichts gethan, aber die Sache muß sein. Es gibt keine Ruhe, bis wir von hier fort sind. Ich will nicht mehr hier sein, und ein Wirtshaus will ich haben, und du wirst sehen, ich verdiene im Jahre dreimal so viel, als du mit deiner Stiftlessucherei.« »Und du meinst, du kannst mich dazu zwingen?« »Du wirst mir's danken, wenn ich dich dazu gezwungen habe; du kommst schwer aus dem alten Trab heraus.« »Ich bin heraus, ich komme heraus,« sagte Lenz dumpf, zog mit Hast seinen Rock an und verließ das Haus. Annele lief ihm eine Strecke nach. »Wohin gehst du, Lenz?« Ergab keine Antwort und ging immer weiter den Berg hinan. Oben auf dem Kamm des Berges schaute er noch einmal um; da lag sein elterliches Haus; es war jetzt nicht mehr verdeckt von den Bäumen, es war nackt, und ihm selber war's, als wäre er nackt, sein ganzes Lehen ist in die Welt hinausgestellt. Er wandte sich ab und rannte weiter. In die Fremde, in die Fremde ziehst du, und wenn du wiederkehrst, bist du anders und die Welt anders . . . Er rannte weiter, immer weiter, und doch zog's ihn mit unbändiger Gewalt zurück. Endlich setzte er sich auf einen Baumstumpf und bedeckte sich das Gesicht mit beiden Händen. Es war ein stiller, milder Spätherbstmittag, die Sonne meinte es noch gut mit der Erde und besonders mit der Morgenhalde; sie beschien noch mit warmem Blicke die gefällten Bäume, die sie so lange erquickt hatte. Die Elstern schnatterten redselig drunten auf dem Kastanienbaume, und der Nußhäher redete manchmal ein Wort drein. In Lenz war alles Nacht und Tod. Da rief ein Kind: »Mann, helfet mir auf.« Lenz erhob sich und half dem ältesten Töchterchen Fallers, das hier Späne gesammelt hatte, die Traglast auf den Rücken nehmen. Das Kind erschrak, da es Lenz erkannte, er sah so wild aus, wie ein Mörder, wie ein Gespenst. Das Kind ging eilig den Berg hinab. Lenz sah ihm lange nach. Es war schon Nacht, als er heimkehrte. Er sprach kein Wort und saß wohl eine Stunde lang starr vor sich niederschauend auf dem Stuhle. Dann betrachtete er das Handwerkszeug, das an der Wand hing, und die Geschirrhangen an der Decke wie mit staunenden, prüfenden Blicken, als müßte er sich besinnen, was denn das alles sei, wozu denn das alles dienen solle. Das Kind in der Kammer schrie, Annele ging hinein, sie konnte es nicht anders beschwichtigen, sie mußte singen. Die Mutter singt um des Kindes willen, wenn ihr das Wehe auch das Herz bricht. Da richtete sich Lenz auf. Er ging hinein in die Kammer und sagte: »Annele, ich bin in der Fremde gewesen, ich habe auf und davon gehen wollen. Ja, lach' nur, ich hab's gewußt, daß du lachen wirst.« »Ich lache nicht, ich habe auch schon daran gedacht, vielleicht wär' es gut, wenn du das noch nachholtest und auf ein Jahr in die Fremde gingst. Du kämst vielleicht gewitzigter wieder, und alles wäre ruhiger.« Lenz schnitt es in die Seele, daß ihn Annele könnte ziehen lassen, und er sagte nur: »Ich habe nicht fortgekonnt, solang mir's gut gegangen ist, jetzt mit dem Elend im Herzen kann ich's noch weniger. Ich bin nichts, ich bin zu gar nichts nutz, wenn ich nicht ein glückliches Gedenken in der Seele habe.« »Jetzt muß ich lachen,« sagte Annele, »im Glück hast du nicht in die Fremde gekonnt und im Unglück auch nicht?« »Ich versteh' dich nicht, ich hab' dich nie verstanden und du mich auch nicht.« »Das ist das Aergste, daß in dem Elend draußen noch ein Elend in uns ist.« »So thu's ab und sei gut.« »Sprich nicht so laut, du weckst das Kind noch einmal,« entgegnen Annele. Sobald sie an den Punkt der Einlenkung zur Güte kam, war nicht mehr mit ihr zu reden. Lenz ging wieder in die Stube, und als auch Annele hereinkam und die Kammerthüre leise anlehnte, sagte er: »Jetzt in dem Elend, jetzt sollten wir einander recht lieb haben und herzen; das wär' das einzige, was wir noch haben, und du willst nicht. Warum willst du nicht?« »Das läßt sich nicht zwingen.« »So gehe ich noch einmal fort.« »Und ich bleibe daheim,« sagte Annele tonlos, »ich bleibe bei meinen Kindern.« »Es sind meine so gut wie deine.« »Freilich,« sagte Annele wieder mit harter Stimme. »Und jetzt fängt die Uhr an zu spielen.« schrie Lenz jammernd. »O Gott, und den lustigen Walzer! Ich mag gar keinen Ton mehr hören, gar nichts. Wenn mir nur einer das Hirn einschlüge, das wäre das Beste; ich kriege keinen Gedanken und nichts mehr heraus! Kannst du denn nicht ein gutes Wort sagen, Annele?« »Ich weiß keins.« »So will ich eins sagen: Wir wollen Frieden haben, und alles ist gut.« »Ist mir auch recht.« »Kannst du mich jetzt nicht um den Hals nehmen und dich freuen, daß ich wieder da bin?« »Nein, aber morgen vielleicht.« »Und wenn ich heute nacht sterbe?« »So bin ich eine Witfrau.« »Und heiratest dann einen andern?« »Wenn mich einer mag.« »Du willst mich verrückt machen!« »Ist nicht mehr viel nötig dazu.« »Annele!!!« »Ja, so heiß' ich.« »Was soll denn aus alledem werden?« »Das weiß Gott.« »Annele! Ist denn alles nicht gewesen, daß wir einmal so herzensfroh miteinander waren?« »Ja, es muß einmal gewesen sein.« »Und kann's nicht wieder sein?« »Ich weiß nicht.« »Warum gibst du mir solche Antworten?« »Weil du mich so fragst.« Lenz bedeckte sich das Gesicht mit beiden Händen, und so saß er fast die ganze Nacht. Er wollte ausdenken, was denn war, und warum denn neben dem andern Unglück auch noch das und so entsetzlich! Er fand es nicht, er dachte sich alles durch vom ersten Tag bis heute, er fand es nicht. Ich find' es nicht! Ich find' es nicht! – – rief er. Wenn nur eine Stimme vom Himmel käme und mir's sagte! Es kam keine Stimme vom Himmel, es blieb still und lautlos. Nur die Uhren gingen im Takte fort. Lenz sah lange zum Fenster hinaus. Es war eine stille Nacht, nichts regte sich, Schneewolken jagten am Himmel eilig dahin. Dort auf dem fernen Berge beim Kettenschmied brannte ein Licht, es brannte die ganze Nacht, der Kettenschmied ist heute gestorben. Warum hat der sterben können und nicht du? Und du wärst so gern . . . Leben und Tod jagten im wirren Durcheinander durch die Seele des Lenz, die Lebenden lebten nicht, die Toten waren nicht tot, das ganze Leben ist nichts als eine einzige Unbarmherzigkeit, nie hat ein Vogel gesungen, nie ein Mensch ein Lied angestimmt. Die ganze Welt ist wieder öde und wüst wie vor der Schöpfung, alles schwimmt durcheinander . . . Die Stirn des Lenz fiel auf den Fenstersims, er schrak aus entsetzlichen, wachen Träumen auf. Er suchte Ruhe und Vergessen im Schlafe. Annele schlief schon lange; er betrachtete sie: Wenn er nur in ihre Träume sehen könnte. Wenn er nur helfen könnte, ihr und sich. Achtundzwanzigstes Kapitel. Bettelhut und Sparpfennig. Wir sind in einer Gegend, wo es viele Monate lang nicht auftaut, wenn's einmal gefroren hat. Die Morgenhalde macht die einzige Ausnahme, dorthin wirkt die Sonne so kräftig, daß es vom Dache tropft, wenn anderswo schwere Eiszapfen unbeweglich niederhangen. In diesem Winter schien auch die Sonne am Himmel die Morgenhalde nicht mehr so zu kennen, wie vor Zeiten. Es taute nicht auf draußen am Hause, und erst drinnen – – Es war nicht nur kälter als ehedem – das kam wohl daher, weil der Wald am Berge geschlagen war; die Stämme lagen rings umher und warteten nur auf die Frühjahrsschwallung, der sie zu Thal geflößt werden sollten – auch bei den Menschen auf der Morgenhalde war's wie gefroren. Annele schien gar nicht mehr zum Leben erwachen zu können; es war an ihr etwas erstarrt, was kein warmer Hauch mehr lösen konnte, und auch der warme Hauch blieb aus. Annele, die bei den Eltern im Orte verblieben war, fühlte sich jetzt, da sie nicht mehr da waren, von ihnen am schwersten verlassen. Sie sagte es niemand, aber still in ihr nagte es wie ein Wurm, daß sie die einzige Arme von den Geschwistern sein sollte. Sie konnte den Eltern nichts thun, ihnen nicht beistehen. Ja, wer weiß, vielleicht muß sie selber noch einmal bei den Schwestern betteln gehen und sie bitten, die abgelegten Kleider ihrer Kinder ihren eigenen Kindern zu schenken. Annele ging immer still umher, und sie, die Redselige, redete kaum ein Wort. Sie antwortete pünktlich auf alles, was man sie fragte, aber kein Wort darüber hinaus. Das Haus verließ sie fast nie, und ihre vormalige Unruhe schien jetzt in Lenz gefahren zu sein. Er verzweifelte, daß er mit stiller, ruhiger Arbeit wieder zu etwas komme, und das machte eben, als ob der Stuhl, auf dem er saß, als ob das Handwerkszeug, das er in der Hand hielt, brenne. Dazu hatte er immer kleine Gläubiger zu beschwichtigen und den Menschen gute Worte zu geben. Er, der sonst immer einfach gesagt hatte: so und so ist's, und man glaubte ihm, er mußte jetzt immer hoch und heilig beteuern, daß er den und den bezahlen werde. Um so größer war seine Sorge, daß er das verpfändete Wort einlösen könne, und er verzweifelte an der Rettung seiner Ehre, mehr als nötig war. Immer dachte er hinaus an diejenigen, die da und dort auf ihr Guthaben warten, seine Unruhe nahm immer mehr zu. Lenz hatte ehedem für zuverlässig gegolten, jetzt vernachlässigte er da und dort, wo man auf ihn hoffte, ja wo er sogar bestimmte Versprechungen gemacht hatte. Er vertraute, daß die Menschen alles zurechtlegen, da sie doch das eine wissen, daß er im Elend ist, vom andern gar nicht zu reden. Er lernte bald kennen, daß die Menschen immer in allem bar Geld sehen wollen, heute muß es klingen, ein Ruf von ehedem hält nur bei wenigen vor. Man hat zu oft gesehen, wie die Zuverlässigsten in Verwahrlosung gerieten. – Annele sah wohl, daß er sich übermäßig abquälte, sie hatte es oft auf den Lippen, die Zudringlichen abzutrumpfen und Lenz zu sagen, daß er nicht so demütig thun solle; denn je mehr man sich bückt, um so mehr trampelt die Welt auf einem herum. Aber sie behielt das für sich, seine Angst sollte ihr zur Ausführung ihres Planes helfen – den gab sie nicht auf – ein Wirtshaus muß gekauft werden, dann ist die Welt wieder anders. In Sorge und Verzweiflung fühlte Lenz, wie sein ganzes Herz verwüstet wurde, und manchmal sah er Annele von der Seite an, und er sagte es nicht, aber er dachte es: du hast recht, du hast mich den Garnichts gescholten, es wird wahr werden, ich bin der Garnichts; die Sorge nagt mir am Herzen, und die Zwietracht reißt mir das Herz auseinander. Ich bin wie eine Kerze, die an beiden Enden angezündet ist. Wenn's nur bald aus wäre! Man brachte ihm Reparaturen, er sollte die kleinen Ausstände dadurch abverdienen. Jetzt arbeiten, um Vergangenes zu löschen, und man braucht's für heute! – Und kein Ausblick für die Zukunft! Manche blieben bei ihm sitzen, bis er ihnen die gewünschte Arbeit vollendete, sie hielten ihn in seinem eigenen Hause gefangen und er konnte sie nicht hinauswerfen. Andre holten mit Schimpfen und Schelten ihr unvollendetes Eigentum wieder. »Das geht nicht mehr, es muß gründlich geholfen werden. Das ist nicht gelebt und nicht gestorben. So zwischen Thür und Angel hangen, das darf nicht mehr sein. Ich muß wieder festen Boden unter den Füßen haben,« sagte er zu Annele. Sie nickte kaum merklich, aber schon der feste Wille in ihm gab ihm neue Kraft. Am frühen Morgen machte sich Lenz auf zu den Verwandten seiner Mutter im jenseitigen Thale. Die mußten ihm helfen, sie waren immer so stolz auf ihn gewesen, sie konnten ihn nicht sinken lassen. Als er auf dem Bergeskamm war, tagte es, die Sterne am Himmel erblichen, und Lenz schaute hinein in die weite schneebedeckte Welt. Nirgends ein Lebenszeichen, und warum mußt du leben? Ein Wort aus seinen schlaflosen Nächten wachte in ihm auf: Der weiße Schlaf! Da ist er. Das fieberische Traumwort machte ihm die Wange erglühen, und über die Höhe sauste jetzt ein eisiger Wind. Lenz wurde aufgeweckt, denn der Wind riß ihm den Hut vom Kopf und rollte ihn einen jähen Abgrund hinab. Lenz wollte dem Hute nach, aber er sah schnell, daß er in den Tod stürze. Es wäre gut, wenn du durch ein Unglück aus der Welt kämest – flog ihm schnell durch den Sinn, aber er schlug sich an die Stirn über diesen feigen Gedanken. Das Schneewehen ließ nicht ab und blendete fast, selbst der Rabe in der Luft konnte seinen Flug kaum regieren, er wurde fast geschleudert, bald in die Höhe, bald in die Tiefe, und der sonst so sicher und ruhig sich schwingende Vogel flatterte ängstlich. Lenz arbeitete sich durch Schnee und Wind, und er atmete endlich frei auf. Dort sind Häuser! Der Rauch trennt sich nur schwer von den Dächern, er schwimmt wie eine leise bewegte Wolke um das Haus, denn die Erfindung der Schornsteine ist hier noch nicht daheim. Am ersten Bauernhofe trat Lenz ein, und: »Ei, grüß' Gott, Lenz, das freut mich, daß du auch noch an mich denkst,« rief ihm eine stattliche Frau entgegen, die am Herde stand und eben einen mächtigen Ast auseinander gebrochen hatte. »Warum hast du den Hut ab?« »Jetzt erkenne ich dich erst; du bist's, Kathrine? Du bist stark geworden. Ich komme als Bettelmann zu dir.« »O Lenz, so arg wird's doch nicht sein.« »Doch, doch,« sagte Lenz, bitter lächelnd, – er fühlte, es steht ihm nicht mehr an, mit solch einer Sache zu spaßen – »doch, du sollst mir einen alten Hut leihen oder schenken; der Wind hat mir den meinigen genommen.« »Komm nur in die Stube. Meinem Mann wird's leid sein, daß er nicht daheim ist, er ist beim Holzschleifen im Wald.« Des Vogtsbauern Kathrine öffnete die Stube und hieß Lenz ganz manierlich voraus eintreten. Es war warm und behaglich in der Stube. Kathrine nahm es gut auf, daß ihr Lenz offen gestand, er habe nicht daran gedacht und nichts davon gewußt, daß sie hier wohne; es freue ihn aber, daß der Zufall ihn hergeführt. »Du bist dein Lebtag ein grundguter, ehrlicher Mensch gewesen, und es freut mich, daß du so bleibst,« sagte Kathrine. Sie brachte einen alten grauen Hut und eine Soldatenmütze ihres Mannes und bat Lenz, doch die Soldatenmütze zu nehmen, der Hut sei gar zu abgetragen, das schicke sich nicht für ihn; aber Lenz wählte den Hut, obgleich er sehr zerdrückt war und auch die Hutschnur daran fehlte. Da Lenz so entschieden war, holte Kathrine schnell ihre schwarze Sonntagshaube mit den breiten Bändern, trennte eines davon ab und wand es um den Hut. Sie sprach währenddessen von daheim und hatte alles in getreuem Andenken. »Weißt du noch, wie du vom Konstanzer Liederfest heimkommen bist, und du hast den Hut in die Luft geworfen und er ist die Matte hinuntergekugelt, und ich hab' dir ihn heraufgeholt?« »Jawohl. Jetzt werfe ich den Hut nicht mehr in die Höhe, der Wind reißt mir ihn ab.« »Es wird allemal nach dem Winter auch wieder Sommer,« tröstete Kathrine. Lenz sah staunend auf die stattliche Frau, die so behend zur Hilfe bereit war und so gut und gradaus sprechen konnte. Sie that es nicht anders, Lenz mußte nochmals Kaffee trinken, und sie hatte ihn schnell fertig. Während Lenz trank, sagte Kathrine, wohl aus mancherlei Erinnerungen heraus: »Die Franzl ist auch schon oftmals bei mir gewesen, wir sind noch immer gute Freunde.« »Man sieht dir's an, es geht dir gut,« sagte Lenz. »Ich habe gottlob nichts zu klagen, ich bin gesund und habe für mich genug und für andre auch noch was. Mein Mann ist brav und fleißig. Freilich, so lustig wie daheim ist's hier nicht; sie können hier gar nicht singen. Es wäre alles gut, wenn ich nur ein Kind hätte; ich habe aber mit meinem Manne ausgemacht, wenn wir an unserem fünften Hochzeitstag noch keins haben, nehmen wir eins an. Der Faller muß uns eins geben, da mußt du uns dazu helfen.« »Das will ich gern.« »Du hast grausam gealtert, Lenz; du siehst so eingefallen aus. Ist's denn wahr, daß das Annele so eine böse Frau geworden ist?« Lenz wurde flammrot im Gesichte, und Kathrine rief: »O lieber Gott, wie dumm bin ich! Nimm mir's nicht übel, ich bitt' dich tausendmal, ich habe dich gewiß nicht beleidigen wollen, und es ist gewiß auch nicht wahr; die Leute sagen viel, wenn der Tag lang ist, und wenn er kurz ist, nehmen sie die Nacht dazu. Ich bitt' dich tausendmal, laß dich dünken, daß ich's nicht gesagt habe. Schau, ich habe mich so gefreut, daß du einmal siehst, wo ich bin, und jetzt ist alle Freude weg, und ich habe wochenlang keine Ruhe mehr. Du hast recht gehabt, die Löwenwirtin hat's der Franzl gesagt: ich bin zu dumm. Ich bitt' dich, gib mir das einfältige Wort zurück.« Sie streckte ihm die Hand dar, als könnte er ihr das Wort wieder drein legen. Lenz faßte ihre Hand und beteuerte, daß er ihr nicht bös, im Gegenteil von Herzen dankbar und gut sei. Die Hände der beiden zitterten. Lenz wollte bald seines Weges weiter ziehen, aber Kathrine hielt ihn noch auf, sie wollte noch recht viel reden, damit das einfältige Wort zugedeckt wäre, und als Lenz endlich wegging, rief sie ihm noch nach: »Grüß mir dein Annele, und kommet einmal miteinander auf Besuch zu mir.« Lenz ging mit dem fremden Hute fürbaß. Du trägst den Bettelhut, sagte er wehmütig lächelnd vor sich hin. Die Reden der Kathrine gingen ihm nach. Wie hier, so bedauerte man ihn gewiß in vielen Häusern. Das wollte ihm das Herz weich machen, aber er wehrte sich dagegen; er sagte sich, daß er selber schuld sei, daß er nicht fester dastehe. Der Stock fiel ihm hundertmal aus der Hand, und er meinte jedesmal, er müsse zusammenbrechen, wenn er sich bückte. So geht's, wenn man in traurigen Gedanken verloren dahingeht. Wenn dir die Hand nicht angewachsen wäre, würdest du sie auch verlieren. Nimm dich zusammen! Lenz richtete sich straff auf und schritt frisch seines Weges dahin. Die Sonne schien hell und warm, die Eiszapfen an den Felsenwänden glitzerten und tropften. Wandern! Wandern! Frohe Wanderlieder, die er so oft beim Liederkranz gesungen, gingen ihm durch den Sinn, er wehrte sie ab; das muß ein anderer Mensch gewesen sein, der einmal das aus dem Herzen gesungen hat. Die Verwandten, bei denen er einsprach, waren beim Willkomm sehr erfreut, und er erzählte mehrmals sein Hutabenteuer, um diese Verwahrlosung zu erklären. Als er aber merkte, daß man sein Daherkommen mit einem abgetragenen Hut gar nicht bemerkte, erzählte er nichts mehr davon; und gerade da, wo er schwieg, dachte man innerlich: der ist schon weit heruntergekommen mit so einem Hut. Man war bald höflich, bald grob: »Wie kannst du nur daran denken! Du hast ja eine so große Familie, so reiche Schwäger und einen steinreichen Ohm, die können dir eher helfen.« Wo man gutmütiger thun wollte, da hieß es: »Ja, wir brauchen selber Geld, wir müssen bauen, haben einen neuen Acker gekauft.« Und wieder hieß es: »Wärst du nur acht Tage früher gekommen, da haben wir Geld gehabt, jetzt haben wir's auf Hypothek gegeben.« Schwer in Sorgen zog Lenz weiter, und wenn er heimdachte, sprach es in ihm: O, wenn ich doch nimmer hinauf müßte die Morgenhalde! Da in dem Graben liegen, da in dem Wald, es sind so viele Plätze, da hinliegen und sterben, das wäre das Beste. Eine unwiderstehliche Macht trieb ihn aber immer seinen Weg vorwärts. Da ist Knuslingen, da wohnt die Franzl bei ihrem Bruder, es gibt doch noch einen Menschen, den dein Besuch glücklich macht. Ja, glücklicher konnte kein Mensch sein, als Franzl, da Lenz bei ihr eintrat. Sie saß am Fenster und spann grobes Werg, und als sie Lenz sah, tanzte die Kunkel in die Höhe. Zweimal wischte Franzl den Stuhl ab, auf den sich Lenz setzen mußte, und klagte nur immer, daß es so unordentlich aussähe; sie bemerkte jetzt erst, wie dumpf und räucherig die Stube war. Lenz sollte erzählen, und doch ließ ihn Franzl nicht zu Worte kommen, und sie sagte oft: »Anfangs habe ich es hier vor Kälte nicht aushalten können; ich war an unsere gute Sonne auf der Morgenhalde gewöhnt. Da gibt die Sonne ja keinen Strahl her, von dem man nicht auch was kriegt. O Lenz! Mag dir's gehen, wie es will, sei glücklich und dankbar, du hast so viel gute Sonne, die kann dir niemand nehmen. »Aber hier. Sieben Wochen und fünf Tage fällt kein Sonnenstrahl ins Thal herein. Am zweiten Tage nach dem heiligen Dreikönigstag, da fällt der erste Sonnenstrahl mittags um elf dort auf den Birnbaum da an der Eck vom Berg, und von da an geht's gut in die Höhe mit der Sonn', und im Sommer haben wir rechtschaffen warm. Jetzt hab' ich mich schon wieder dreingefunden. Aber, Lenz, wie siehst du denn aus? Es ist was Fremdes in deinem Gesicht, das ich nicht kenne, und das gehört nicht hinein. So, so, wenn du so schmunzelst, da hast du wieder dein altes Gesicht, dein gutes. Du mußt es spüren, jeden Abend und jeden Morgen bete ich für dich und dein ganzes Haus. Dem Annele bin ich auch nicht mehr bös, gar nicht. Sie hat recht gehabt, ich gehöre unter das alte Eisen. Wie sehen denn deine Kinder aus? Wie heißen sie? Wenn ich den Frühling noch am Leben bin, und wenn ich auf den Händen kriechen muß, komme ich zu dir, ich muß sie sehen.« Und dann berichtete Franzl, daß sie drei eigene Hühner und zwei eigene Gänse habe und ein eigenes Kartoffelland. »Wir sind arm,« sagte sie, die Hände auf der Brust übereinander legend, »aber wir haben, gottlob! noch nie zusehen müssen, wie andre essen; wir haben noch immer selber etwas gehabt. Und wenn es Gottes Wille ist, schaffe ich mir nächstes Frühjahr eine Ziege an.« Sie lobte ihre Gänse, besonders aber ihre Hühner. Die Hühner, die in dem Gitter beim Ofen ihr Winterquartier hatten, glucksten, höflich dankend, und schauten, den Kamm bald rechts, bald links werfend, zu dem Manne herauf, dem ihre guten Eigenschaften verkündigt wurden. Ja, die goldgelbe Henne, Goldammer genannt, streckte die Flügel aus vor Behagen und schüttelte sich dann glückselig. Lenz kam nicht zu Worte, und Franzl glaubte, ihm einen Trost zu geben, wenn sie tapfer auf die Löwenwirtin loszog, und zwischenhinein erzählte sie von des Vogtsbauern Kathrine, wie viel Gutes die an ihr thue und an allen Armen in der Gegend. »Sie gibt mir Futter für meine Hühner, und meine Hühner geben mir wieder Futter.« Franzl lachte selber über diesen Spaß. Endlich konnte Lenz wenigstens sagen, daß er wieder fort müsse. Annele hat recht, er läßt sich überall zu lang aufhalten, auch wenn ihm der Boden unter den Füßen brennt; er kann nicht abbrechen, wenn ihm einer noch was zu klagen und zu sagen hat. Er fühlte die Vorwürfe Anneles, jetzt, hier; sie stand in Gedanken hinter ihm und drängte weiter. Er schaute rückwärts, als ob sie wirklich da wäre. Er nahm rasch Hut und Stock. Da bat ihn Franzl, mit auf ihre Dachkammer zu kommen, sie habe ihm was zu sagen. Lenz bebte innerlich. Wird auch die Franzl über die Zwietracht im Hause sprechen? Sie sagte aber kein Wort davon. holte aus dem Strohsack im Bett einen schweren, vollgestopften und vielfach verknüpften Schuh hervor und sagte: »Du mußt mir die Liebe thun, ich schlafe nicht ruhig, ich bitt' dich, heb' du mir's auf und mach' mit, was du willst; es sind hundert Gulden und drei Kronenthaler. Gelt, du thust's und gibst mir meinen Schlaf wieder?« Lenz nahm das Geld nicht. Franzl weinte, als er Abschied nehmen wollte; sie hielt ihn noch fest und sagte: »Wenn du deiner Mutter was Besonderes zu sagen hast, thu mir's zu wissen. Ich komme, will's Gott, bald zu ihr. Ich will dir alles getreulich ausrichten. Und wenn deine Mutter zu scheu ist und unserm Herrgott nicht alles sagen will, da gehe ich. Kannst dich drauf verlassen.« Immer noch ließ Franzl die Hand des Lenz nicht los und sagte oftmals: »Ich habe dir noch was sagen wollen, es liegt mir auf der Zunge, aber ich weiß nicht mehr, was, und ich weiß gewiß, wenn du fort hist, fällt mir's ein. Ich muß dich noch an was erinnern; weißt du nicht, was ich meine?« Lenz wußte es nicht und ging endlich fast unwillig seines Weges. In einem Wirtshause am Wege kehrte Lenz ein, und: »Heisa lustig! Das ist prächtig, daß du auch da bist!« wurde Lenz entgegengerufen. Es war der Pröbler, der ihn so grüßte; er saß mit noch zwei Kameraden hinter dem Tische vor einer großen Maßflasche Wein. Der eine der Zechgenossen war der blinde Spielmann von Fuchsberg, dem Lenz alljährlich sein Orgelwerk neu herrichtete. Der blinde Spielmann verzerrte etwas das Gesicht in Verlegenheit, da er die Stimme des Lenz hörte, er half sich aber damit, daß er das Glas hoch hob und rief: »Komm her, mir mußt du Bescheid thun, aus meinem Glas mußt trinken.« Lenz dankte. Der Pröbler führte hier das große Wort, er wollte aufstehen und Lenz entgegengehen; aber seine Füße hielten es für besser, daß er sitzen blieb, und er rief nun laut: »Setz' dich her, Lenz; laß die Welt draußen verschneit und bankerott werden, sie ist nicht mehr wert. Hier sitzen wir bis zum jüngsten Gericht. Ich will nichts mehr, gar nichts mehr, und wenn ich nichts mehr hab', verkaufe ich meinen Rock und vertrinke ihn und lege mich hinaus in den Schnee und erspare euch die Begräbniskosten. Seht her, Kameraden! Da habt ihr das beste Beispiel, was das heute für eine Lumpenwelt ist. Wer was Besseres ist, den richten sie zu Grunde. Trink einmal, Lenz. So. Seht, das war euch der beste und der bravste Mensch von der Welt, und wie hat ihm die Welt mitgespielt! Wie er ledig gewesen ist und besonders damals nach dem Tode seiner Mutter, wo es geheißen hat: jetzt muß der Lenz von der Morgenhalde heiraten – die Spatzen, wenn ein Sack Korn aufgeht, können euch nicht toller sein, als damals die Mädchen waren.« »Laßt das jetzt,« unterbrach Lenz. »Nein, brauchst dich nicht zu schämen, es ist lauter Wahrheit,« beruhigte Pröbler, »des Doktors Töchter, des Papiermüllers einzige Tochter, die so schön und so reich ist und die der Baron Dingsda geheiratet hat, jede hätte ihn mit Freude genommen. Den Tag nach seiner Verlobung sagte mir der Papiermüller: dem Lenz von der Morgenhalde hätte ich meine Tochter gern gegeben. Und jetzt! Sei ruhig, Lenz, sei ruhig, ich sag' weiter nichts, aber das ist doch Gott bekannt oder dem Teufel, wer die Vorhand haben will. – Seht den Mann da! Sein eigener Schwäher hat ihn ausgeraubt, und er hat ihm die Haare vom Kopfe verkauft, und jetzt muß sein Haus mitten im Winter geschoren herumlaufen. O Lenz, ich bin auch einmal brav gewesen, aber ich thu' nicht mehr mit, ich hab's genug. Und du hast's jetzt auch erfahren. Geh nur in der Welt herum, wenn du was brauchst; geh zu den gutherzigen Menschen. Da schnupf! ihre Dose öffnen sie und bieten dir eine Prise, nichts als eine Prise. Da schnupf!« Der Pröbler drängte ihm seine Dose hin und lachte unbändig. Lenz erzitterte ins Herz hinein, da er als glänzendstes Beispiel der Verkommenheit aufgestellt wurde; solchen Ruhm hatte er nie zu erwerben gedacht. Er suchte nun dem Pröbler vorzuhalten, daß das nichts ist, sich selber zu Grunde richten und dann ausrufen: Da schau, Welt, was du gethan hast! Reut es dich nicht? – Und indem er dem Pröbler vorhielt, daß man nicht von der Welt erwarten dürfe, was man selber zu leisten habe, man müsse sich aufrecht erhalten, wurde der Gedanke immer lebendiger in ihm, aber der Gedanke verfing beim Pröbler nicht; er nahm sein Messer aus der Tasche, er nahm das Messer auf dem Tische und drängte beide Lenz in die Hand und schrie: »So, da hast du die Messer, ich kann dir nichts thun, ich thu' dir nichts; sag's gradaus, ob ich ein Lump bin, oder ob ich der erste Mensch von der Welt wäre, wenn mir die Welt geholfen hätte; dein Schwäher, den muß der Teufel lotweise auswägen, der hat mit meinem Mark seine knacksenden Stiefel geschmiert, das gibt gute Wichse. Sag' ehrlich, bin ich ein Lump, oder was bin ich?« Lenz mußte natürlich bekennen, daß der Pröbler einer der ersten Meister wäre, wenn er auf dem geraden Wege bliebe. Der Pröbler schlug auf den Tisch und jauchzte hoch auf; Lenz hatte sich nur zu wehren, daß er ihn nicht umarmte und küßte. »Ich will keine andere Leichenpredigt, der Lenz hat sie gehalten, und jetzt ist's genug, jetzt trink aus, aus, ganz aus!« Lenz mußte austrinken, und der Pröbler schenkte schnell wieder frisch ein und rief jauchzend: »Der Doktor will mich in die Kur nehmen, in seine Fabrik. Es ist zu spät. Es ist ausgedoktert und ausgefabrikelt. Seht, das ist der Lenz von der Morgenhalde, alles hat Respekt vor ihm, heut noch, morgen noch, wie lang noch? Bin auch einmal so gewesen, und jetzt, wenn ich durchs Dorf gehe, deuten sie mit Fingern auf mich, zucken die Achseln: pah, das ist ja der Niemand, das ist ja der Pröbler. Folge mir, Lenz, werd' nicht so alt, mach' früher den Kehraus. Schau, Lenz! Bruder! Ich sag' dir was Gutes. Weißt noch, wie wir die Normaluhren zusammengerichtet haben? Weißt, was wir damals gewesen sind? Ein ganzes Paar Normalnarren. Hast Einung machen wollen aus den Uhrmächerlein? Möcht' auch eine machen, um sie in einem Klubbert dem Teufel in die Hand zu geben. Horch, Bruder! Reiß dich nicht los, bleib, bleib; ich hab' dir was Gutes zu sagen. Dir vermach' ich alles. Schau, man kann noch auf der Welt Fröhlichkeit kaufen und Vergessen und Jauchzen. Ich weiß, dein Herz ist dir schwer. Ich weiß, wo die Katz' im Stroh liegt; ich weiß alles, der Pröbler weiß mehr, als andere Menschen. Schütte Wein drauf, Wein oder Branntwein, wenn es dir im Herzen nagt; was da löscht, ist gut; da gibt's keine Uhren und keine Stunden und keinen Tag und keine Nacht und keine Zeit mehr, da drin ist die ganze Ewigkeit.« Der Pröbler raste wild durcheinander, bald blitzten helle Gedanken auf, bald verfiel er in Unsinn. Man konnte nicht klug daraus werden, war's Wahrheit, oder redete er sich's nur ein, daß er seinen Sparpfennig für Tage der Not beim Löwenwirt verloren habe, oder war es der Verkauf seines geheimnisvollen Werkes, was ihn so zur Verzweiflung brachte; und immer wieder rief der Pröbler Lenz zu: »Sauf dir in den jungen Jahren den Hals ab, eh du so lang dran würgen mußt wie ich.« Lenz wurde es schwül in dem wüsten Gelärm, und die Haare sträubten sich ihm empor, da ihm lebendig vor Augen stand, wohin ein Mensch kommen kann, der sich selbst verliert – und dem nichts mehr bleibt, als sich selbst vergessen. »Deine Mutter hat ein großes Wort gehabt,« sagte der Pröbler wieder. »Habe ich's euch denn schon gesagt, daß das der Lenz von der Morgenhalde ist? Ja, deine Mutter! Es ist besser barfuß gehen als in zerrissenen Stiefeln, hat sie immer gesagt. Versteht ihr, was das heißt? Ich habe aber auch ein Wort: wenn man den Gaul zum Schinder bringt, reißt man ihm vorher die Eisen ab. Wirtshaus! Da ist noch ein Hufeisen. Wein her!« So schrie der Pröbler und warf einen Thaler auf den Tisch. – Die Erinnerung an seine Mutter und daß sie auch hier, wenn auch noch so verkehrt, erwähnt wurde, gemahnte Lenz, wie wenn plötzlich ihr Auge streng auf ihn gerichtet wäre. Er erhob sich, so sehr sich auch der Pröbler an ihn hängte. Er wollte den Pröbler mit heim nehmen, aber der war nicht vom Fleck zu bringen, und Lenz empfahl nur noch dem Wirt, den alten Mann heute nicht mehr aus dem Hause zu lassen und ihm nichts mehr zu trinken zu geben. Als Lenz die Thür hinter sich schloß, warf der Pröbler seine birkenrindene Dose nach und schrie: »Jetzt habe ich ausgeschnupft.« Hoch aufatmend, wie wenn er aus einer heißen, dumpfen Hölle entronnen wäre, wanderte Lenz wieder hinaus ins Freie. Es begann zu dämmern, der Eisvogel sang drunten am zugefrornen Bach, die Raben flogen waldeinwärts, jetzt kam ein Rehbock aus dem Wald, stand am Rande desselben lange still, schaute Lenz unverrückt an, bis er ganz nahe war, dann sprang er rasch wieder ins Dickicht, man konnte seine Spur lange verfolgen an dem Schnee, der von den Zweigen der jungen Tannen fiel. Lenz stand mehrmals still, denn er glaubte hinter sich seinen Namen rufen zu hören; vielleicht kommt ihm der Pröbler doch noch nach; er antwortete mit lauter Stimme, das Echo hallte wider, er kehrte eine gute Strecke zurück, aber er sah und hörte nichts: nun schritt er fürbaß, die Bäume, die Berge kamen ihm entgegen und tanzten, und dort kommt eine Frauengestalt, sie sieht aus wie seine Mutter. Wenn die ihn jetzt so sähe. Die alte Frau, die ihm begegnet, grüßt freundlich, er dankt, und sie sagt, er solle sich dazu halten, daß er vor Nacht aus dem Thal komme, es zeigten sich schwarze Rinnen im Schnee, es gingen überall Lawinen ab, und man sei verweht, man wisse nicht, wie. Die Stimme der Frau klang wunderbar, es war doch, als wenn es die seiner Mutter wäre. Und die gutherzige Warnung! Tief im Herzen that Lenz ein heiliges Gelübde. – – Er wollte aber auch nicht mit leeren Händen heimkommen. Er ging nach der Stadt zum Schwager Holzhändler und war so glücklich, ihn daheim zu treffen. Es ward Lenz schwer, sein Anliegen vorzubringen, denn der »Herr Schwager« that bös oder war bös. Er machte Lenz Vorwürfe, daß er den Schwäher nicht beherrscht, ihm nicht das Geschäft aus der Hand genommen. Lenz war an dem Unglück schuld. War der Schwager bös, oder that er nur so, jedenfalls ist das die beste Manier, Hilfe zu versagen; Lenz bat mit aufgehobenen Händen, ihn zu retten, er sei verloren. Der Schwager zuckte die Achseln und sagte, Lenz solle sich an seinen reichen Ohm Petrowitsch wenden. Neunundzwanzigstes Kapitel. Eine andere Welt. »Guten Abend, Herr Lenz!« wurde der dumpf dahin Wandernde auf dem Wege angerufen. Lenz erschrak ins Herz hinein. Wer nennt ihn »Herr« Lenz? Ein Schwanenschlitten hielt still, der Techniker schlug den Pelz vom Gesicht zurück und sagte: »Es ist noch Platz, wollen Sie nicht mit mir fahren?« Er stieg ab, zog den Pelz aus und sagte: »Ziehen Sie den über, Sie haben sich warm gegangen; ich nehme die Pferdedecke, die ist für mich vollkommen genügend.« Es half keine Widerrede. Lenz saß, in den Pelz gehüllt, neben dem Techniker, die Pferde griffen tapfer aus; es war ein behagliches, lustig klingendes Fahren, fast wie ein Fliegen durch die seltsam milde Nacht, und jetzt in seiner Armut und Verlassenheit dachte Lenz: Annele hat doch wohl recht gehabt. Man sollte es dahin bringen, daß man Kutschen fährt. – Der Gedanke machte ihm heiß: es war, als ob heute ein tückischer Geist alle Veranstaltungen getroffen hätte, um Lenz vor die Augen zu führen, daß sein Leben ein verfehltes sei, und böse Gelüste in ihm zu wecken. Der Techniker war gesprächsam, und besonders gern erzählte er, wie sehr es ihn freue, daß Pilgrim sich mit ihm befreunde. Pilgrim habe einen feinen Farbensinn, aber es fehle ihm an strenger Zeichnung; er selber habe ein Jahr die Akademie besucht, aber zeitig genug eingesehen, daß er zu wenig Talent habe und ein praktischer Beruf für ihn passender sei. Jetzt nehme er in Freistunden das Malen wieder auf; Pilgrim helfe ihm in der Farbengebung und er dagegen jenem in der Zeichnung: sie hofften miteinander weiter zu kommen, besonders aber machten sie neue Muster für Tischler, Drechsler und Holzbildhauer, und auch für Uhrenschilder hätten sie schon allerlei Entwürfe; das werde hoffentlich der Uhrmacherei sehr zu statten kommen. Pilgrim habe sehr viel Erfindungsgabe und sei ganz glücklich, daß sein alter Lieblingsplan nun doch noch zur Ausführung komme. Lenz hörte das alles wie im Traum. Was ist denn das? Gibt es denn noch Menschen, die sich mit solchen Sachen abgeben und sich damit freuen, einander weiter zu bringen? Lenz sprach sehr wenig, aber das Fahren that ihm gar wohl. So fortgezogen werden, ist doch besser, als mühsam über Berg und Thal wandern. Zum erstenmal in seinem Leben empfand Lenz etwas wie Neid. Am Hause des Doktors mußte er absteigen, und die freundlichen Menschen ließen nicht ab, er mußte eintreten. O, wie wohl! Gibt's denn noch so schöne ruhige Häuser auf der Welt, wo es so gut warm ist und blühende Hyacinthen aus dem Doppelfenster duften? Und die Menschen sind so freundlich und still, und man merkt es an allem, hier gibt es kein lautes, gehässiges Wort, und wie sie so beisammen sitzen, lauter getreue, warme Herzen, das macht wärmer als der beste Ofen. Lenz mußte Thee trinken. Amanda reichte ihm die Tasse und sagte: »Das freut mich, daß Sie auch einmal bei uns sind. Wie geht's dem Annele? Wenn ich wüßte, daß es Ihrer Frau recht wäre, möchte ich sie einmal besuchen.« »Ich bin seit heute früh um Viere – ich meine, es wären schon acht Tage – nicht daheim gewesen; ich glaube, es geht ihr gut; ich werde es Ihnen sagen lassen, wenn Sie uns einmal besuchen sollen.« So sagte Lenz laut und schaute dabei um und um, als suche er etwas. Und wer weiß, welcherlei Gedanken ihm durch die Seele zogen! Wie ganz anders wäre es, wenn er um das Mädchen hier geworben hätte! Pilgrim hatte ja fest gesagt, sie hätte ihn nicht abgewiesen. Da säße er jetzt hier als Haussohn und hätte einen Anhalt in der Welt, und was für einen! und seine Frau würde ihn ehren und hochhalten, und alle die guten Menschen hier wären seine Angehörigen. Lenz erstickte fast an dem ersten Schluck Thee, den er nahm. Die alte Schultheißin – die Mutter des Doktors – die am Theetisch ihre gebrannte Mehlsuppe aß, hatte ihre besondere Freude an Lenz. Er mußte sich zu ihr setzen und, da sie harthörig war, laut sprechen. Sie war die Gespielin seiner Mutter gewesen und erzählte viel von ihr, wie lustig sie in der Jugend miteinander gewesen seien, besonders auf den Schlittenfahrten zu Fastnacht, die jetzt auch abgekommen sind; da habe die Marie die schönsten Späße angegeben. Die alte Schultheißin fragte auch nach Franzl, und Lenz erzählte, wie er sie getroffen – von der Geldanerbietung schwieg er natürlich – und auch von den Wohlthaten, die des Vogtsbauern Kathrine übe, und wie sie ein Kind annehmen wolle; alles das erzählte er gut. Die ganze Gesellschaft hörte ihm still und aufmerksam zu, und Lenz sah ganz erstaunt drein, daß er so ohne Widerrede, ohne »Ach, was gehen mich die Sachen an!« erzählen durfte. Die alte Schultheißin bat ihn, er solle doch öfter kommen und seine Frau mitbringen. »Und deine Frau soll ja so gescheit und gut sein; grüß mir sie und auch deine Kinder.« Lenz war es gar sonderbar zu Mute, als er das alles so an sich hinreden lassen und dankbar annehmen mußte. Die Alte sprach so herzlich, sie spottete seiner gewiß nicht. In diesem Hause wird gewiß nur Gutes von den Menschen geredet, und daher kommt's, daß die Alte nur das Gute hört. »Gerade, wie du gekommen bist,« sagte die alte Schultheißin, »haben wir von deinem Vater gesprochen und auch von meinem Mann selig. Es war ein Uhrenhändler da aus dem Preußischen, und der sagt, die Uhren werden nicht mehr so ordentlich gemacht wie damals, wo dein Vater und mein Mann noch gelebt haben; sie gehen nicht mehr so genau. Im Gegenteil, sage ich, die Verstorbenen in allen Ehren, die Uhren sind jetzt gewiß noch so genau wie in alten Zeiten, aber die Menschen waren damals noch nicht so genau wie jetzt. Das ist's. Habe ich recht oder nicht, Lenz? Du bist ein ehrlicher Mensch, habe ich recht oder nicht?« Lenz gab ihr vollkommen recht, und wie besonders gut es von ihr sei, daß sie nicht die alte Zeit auf Kosten der neuen herausstreichen lasse. Der Techniker erklärte die strengere Genauigkeit der neueren Zeit aus Eisenbahnen und Telegraphen. Da nun das Gespräch allgemeiner wurde, nahm der Doktor den Lenz beiseite und sagte: »Lenz, du wirst mir's nicht übel nehmen, wenn ich dir was sage.« Lenz erschrak ins Herz hinein. So will also der Doktor über den Verfall in seinem Hause reden. »Was meint Ihr?« konnte er kaum hervorbringen. »Ich wollte dir's nur sagen, wenn dir's vielleicht nicht unangenehm wäre, und ich meine, du solltest es thun – ach, was brauch' ich so lange Einleitungen! Ich meine, du solltest als Werkführer in die Stockuhrenfabrik meines Sohnes und meines Schwiegersohnes eintreten. Sie wollen jetzt weiter gehen zur Stockuhrenfabrikation und können dich brauchen und werden dir auch mit der Zeit einen gewissen Anteil außer deinem Lohne geben.« Das war wie eine Hand vom Himmel, die herunterreichte und ihn faßte. Lenz erwiderte, und es wurde ihm fieberheiß dabei: »Jawohl, jawohl, das kann ich. Aber, Herr Doktor, Sie wissen, ich habe daran zu arbeiten versucht, um alle Uhrmacher unserer Gegend zu einer Einung zu bringen. Die Sache ist mir bei anderem, was mich bedrängt hat, aus der Hand gefallen. Nun möchte ich nur so in die Fabrik eintreten, wenn Ihre beiden Söhne mit mir einverstanden sind, daß auch die Fabrik zur Einung gehöre, vielleicht später ganz Eigentum der Einung werde.« »Das ist ganz unser Vorhaben, und es freut mich rechtschaffen von dir, daß du in allem noch immer auch an die anderen denkst.« »Gut denn; und nun bitte ich noch um eins: redet nichts davon, bis ich« – – – Lenz stockte. »Nun, bis wann?« »Bis ich mit meiner Frau darüber gesprochen habe, sie hat ihre Eigenheiten.« »Kenne sie wohl; sie ist auch gut, wenn es ihr Stolz zugibt. Den Stolz muß man vor allem bei ihr in Ehren halten.« Lenz schaute nieder; der Doktor gab ihm eine Lehre, und er gab sie ihm in guter Meinung und in guter Manier. So ist's recht, so kann man alles annehmen. Seine Gedanken gingen aber schnell wieder auf die Fabrik, und er sagte: »Herr Doktor, ich möchte mir noch eine Frage erlauben.« »Immer zu, sei nur nicht so zaghaft.« »Wer tritt vorerst sonst noch ein von hiesigen Meistern?« »Wir haben noch mit niemand geredet. Doch, ja, der Pröbler soll auch eintreten, natürlich in untergeordneter Stellung, nicht so, wie du; aber er ist doch ein erfinderischer Kopf und hat manches ausfindig gemacht, was sich praktisch ausführen läßt. Es ist dem armen Teufel zu gönnen, daß er noch auf seine alten Tage zu etwas kommt, er ist ohnedies fast ganz närrisch, seitdem da bei der Versteigerung sein Geheimnis verkauft worden ist.« Lenz schwieg geraume Zeit, dann erzählte er, wie er den Pröbler gefunden, und schloß: »Ich habe aber noch eine Bitte, Herr Doktor. Ich kann mit meinem Ohm nicht reden. Ihr seid der erste in der Gegend, und wer Euch was abschlagen kann, der hat kein Herz im Leib. Herr Doktor, redet mit meinem Ohm, daß er mir hilft. – Ich glaube nicht – je mehr ich mir's überlege –, daß meine Frau das mit der Fabrik zugibt, und Ihr habt ja selbst gesagt: man muß ihren Stolz in Ehren halten.« »Gut, ich gehe sogleich; willst du noch hier bleiben oder mich bis ins Dorf begleiten?« »Nein, ich gehe mit.« Man wünschte ihm von allen Seiten herzlich gute Nacht. Jedes gab ihm die Hand, und die alte Schultheißin legte noch die Linke wie segnend auf seine Hand, als sie ihm die Rechte reichte. Lenz ging mit dem Doktor; sie kamen am Hause des Pilgrim vorüber, man hörte ihn pfeifen und auf seiner Guitarre klimpern. Der treue Kamerad trug doch das Schicksal des Lenz teilnehmend in der Seele, aber teilnehmen ist doch noch anders, als selber und ganz darin sein; das eigene Leben macht seine Rechte geltend. Da, wo der Weg bergan geht, trennte sich Lenz vom Doktor, der nur noch sagte: »Warte daheim, ich komme noch zu dir. Es ist heut abend wunderbar warm! Wir bekommen starkes Tauwetter.« – – Ich habe die Hilfe draußen gesucht und soll sie doch nur daheim finden. Es gibt noch gute Menschen auf der Welt, und sie sind weit besser als du – so sagte sich Lenz, als er bergauf heimwärts ging. Dreißigstes Kapitel. Es taut auf, auch bei Petrowitsch, und es gefriert wieder. »Ich weiß, was Sie wollen,« sagte Petrowitsch zu dem eintretenden Doktor, »aber setzen Sie sich.« Er rückte ihm einen Stuhl an den Ofen, wo ein offenes Kaminfeuer hell loderte, dahinter aber ein wohlgeheizter Ofen war. »Nun, was wünsche ich, Herr Prophet?« fragte der Doktor und nahm all seinen Humor zusammen. »Geld, Geld wollen Sie, für meinen Neffen.« »Sie sind nur ein halber Prophet, ich wünsche auch ein gutes Herz.« »Geld, Geld ist doch die Hauptsache; ich will aber nur kurz und rund sagen: ich gehöre nicht zu denen, die einen Betrunkenen am Wege mitleidig aufheben, und wenn er sich auch ein Bein gebrochen hat, er hat's selbst verschuldet. Das sage ich Ihnen, weil Sie einer der wenigen sind, die ich respektiere.« »Danke für die Ehre; aber ein rechtschaffener Arzt muß verschuldete und unverschuldete Wunden heilen.« »Sie sind ein Doktor und sind doch auch krank, wie unsere ganze Gegend, wie unser ganzes Geschlecht jetzt.« Der Doktor äußerte seine Verwunderung, ihn ganz neu kennen zu lernen; er habe bis jetzt geglaubt, seine Menschverachtung sei bloß Bequemlichkeit, nun sehe er, daß sie auf Grundsätze gestellt sei. »Wollen Sie eine Stunde bei mir bleiben? Es ist heute mein siebzigster Geburtstag.« »Gratuliere.« »Danke.« Petrowitsch schickte die Magd zu Ibrahim, sie solle sagen, daß er erst in einer Stunde zum Spiel käme, dann setzte er sich wieder zum Doktor und sagte: »Ich hin heute gelaunt, einmal auszupacken. Ich mache mir nichts daraus, was die Welt von mir denkt; das Scheit Holz, das ich da ins Feuer lege, kann sich nicht weniger darum kümmern, wer es verbrennt.« »Mich würde es aber sehr interessieren, wenn Sie mir erzählten, wie Sie zu so hartem Holze gewachsen sind.« Petrowitsch lachte, und der Doktor, obgleich er wußte, wie peinlich Lenz auf ihn warte, hoffte doch noch durch tieferes Erkennen des knorrigen Alten ihn zu biegen. Sein Plan war, daß Petrowitsch eine namhafte Summe vorschieße, damit Lenz sofort als Teilhaber in die Fabrik eintrete. »Sie waren acht Jahre alt, als ich in die Fremde zog,« begann Petrowitsch, »und wissen also nichts von mir.« »Doch, doch, man erzählte viele lose Streiche vom –« »Vom Geißhirtle, nicht wahr? Gut, da liegt eine Hauptsache darin. Ich bin zweiundvierzig Jahr' in der Fremde gewesen, zu Wasser und zu Land, in allen Hitz- und Kältegraden, die der Mensch und der Hund aushalten kann, und das Wort ist mir auch nachgegangen wie ein Hund, und ich war dumm genug, ihm nicht einen Tritt zu geben für immer. »Wir waren unser drei Brüder, sonst keine Geschwister. Unser Vater war stolz, wenn wir so daher gekommen sind, aber damals hat man den Kindern noch nicht so viel gute Worte gegeben wie heutigen Tages, und das war besser; das hat Kraft gegeben, und ein einzig Wort, ein gutes oder böses, hat mehr gegolten als jetzt hundert. Mein Bruder Lorenz, man hat ihn auch nur Lenz geheißen bei unserm Familiennamen, der Vater von dem jetzigen Lenz, war der älteste, ich der jüngste, der zwischen uns – unser Mathes – das war ein wunderschöner Mensch; er ist von dem großen Menschenmetzger Napoleon mit fortgenommen worden und hat in Spanien den Tod gefunden. Ich bin auf dem Schlachtfeld gewesen, wo er gefallen ist. Es ist ein großer Berg, da unter dem Berg sollen lauter Soldaten drunter liegen, da findet man keinen Bruder heraus. Doch wozu erzähl' ich das? Nicht lang nachdem unser Mathes zu den Soldaten gekommen, ist mein Bruder Lorenz in die Fremde, in die Schweiz, nur auf ein Vierteljahr, und hat mich mitgenommen. Wer war glücklicher als ich? Mein Bruder war ein ruhiger, bedachtsamer Mann, das kann man nicht anders sagen. Er ist immer gewesen wie eine gut gehende Uhr, ordentlich und streng, grausam streng. Ich bin ein wilder Bub gewesen, unbändig, zu gar nichts nutz, und hinter dem Werktisch sitzen, dazu hab' ich eben gar kein Geschick. Was thut nun mein Bruder? Er bringt mich kurz nach Lichtmeß auf den Bubenmarkt bei St. Gallen. Da war damals noch alle Jahre Bubenmarkt; da kommen die großen Schweizer Bauern und holen sich Hirtenbuben aus dem Schwabenland. »Wie ich nun da bei meinem Bruder auf dem Markt stehe, kommt ein vierschrötiger Appenzeller daher, stellt sich mit gespreizten Beinen vor uns hin und fragt meinen Bruder: was kostet der Bua? »Ich gebe keck zur Antwort: eine Klafter Schweizer Verstand, sechs Schuh breit und sechs Schuh hoch. »Der dicke Appenzeller lacht und sagt zu meinem Bruder: Der Bua ist nicht dumm; das gefällt mir. – Ich gebe auf alles Antwort, so gut ich's eben vermag. »Mein Bruder und der Appenzeller werden handelseins, und die ganze Lehre, die mir mein Bruder beim Abschied gegeben hat, war: Wenn du vor dem Winter heim kommst, kriegst du Schläge. »Ich bin nun einen ganzen Sommer lang Geißhirt gewesen. Es war eigentlich ein lustiges Leben, und ich habe viel gesungen, aber manchmal hat mir's doch wie vom Himmel herunter gerufen: was kostet der Bua? Und ich bin mir verkauft vorgekommen wie Joseph in Aegypten; mich hat auch mein Bruder verkauft, aber ich werde nicht König. »Zum Winter bin ich wieder heim; ich hab's nicht gut gehabt daheim, ich hab' aber auch nicht gut gethan. Im Frühling sage ich zu meinem Vater: Gebt mir für hundert Gulden Uhren, ich will mit auf die Handelschaft gehen. Hundert Ohrfeigen kannst du kriegen, sagt mein Bruder Lorenz darauf; er hat damals schon das ganze Geschäft in der Hand gehabt und das ganze Hauswesen; der Vater war krank, und die Mutter hat es nicht gewagt, ein Wort drein zu reden. Damals haben die Weiber noch nicht so viel gegolten wie heutigen Tages, und ich meine, sie haben's besser dabei gehabt und ihre Männer auch. Ich mach' nun, daß mich ein Händler mitnimmt; ich trag' ihm die Uhren. Ich hab' mich fast krumm schleppen müssen und hab' Hunger dabei gelitten zum Erbarmen, und kann meinem Peiniger nicht davon. Ich bin ärger angespannt als ein Pferd in Riemen, und das läßt man doch nicht von Kräften kommen, weil's was wert ist. Ich habe oftmals stehlen und davon laufen wollen, aber dann habe ich mir's wieder als Buße für meine bösen Gedanken ausgelegt, bei meinem Peiniger zu bleiben. Es hat alles nichts geschadet, ich bin gesund und ehrlich geblieben. Eines muß ich gleich hier erzählen, weil es später wieder kommt; es hat mir viel zu schaffen gemacht. Ich bin mit dem Anton Striegler in Spanien; wir sind in einem großen Dorf, sechs Stunden von Valencia, es war ein schöner Sommermittag, wir sitzen vor der Posada – so heißt man in Spanien das Wirtshaus – und plaudern miteinander. Da geht ein schöner Bursch vorüber mit großen schwarzen Augen, bleibt plötzlich stehen und horcht uns zu und fuchtelt mit den Händen, wie wenn er besessen wäre. Ich stoße den Striegler an, er sieht es auch, und der Bursch springt auf uns zu und packt den Striegler: Was habt Ihr da geredet? fragt er den Striegler auf spanisch. Das geht niemand was an, sagt der Striegler auch auf spanisch. Welche Sprache ist das? fragt der Spanier wieder. Deutsch, sagt der Striegler. Der Bursch faßt das Heiligenbild, das er um den Hals hangen hat, und küßt es, wie wenn er's fressen wollte, und endlich sagt er uns, in solcher Sprache rede sein Vater daheim, und er bittet uns, doch mit ihm zu kommen. Unterwegs erzählt er uns, sein Vater sei vor mehr als vierzig Jahren ins Dorf gekommen, er sei auch aus Deutschland, sei Hufschmied und habe sich hier verheiratet. Jetzt läge er schon seit Wochen auf den Tod krank und könne nicht sterben, und seit mehreren Tagen rede er in einer Sprache, von der sie kein Wort verstehen, und er verstehe die Mutter nicht und die Kinder nicht und die Enkel nicht. Das sei zum Verzweifeln. – Wir gehen nun ins Haus und treffen einen alten Mann mit schneeweißen Haaren und schneeweißem langem Bart im Bett aufrecht sitzend, und er ruft: Gebt mir ein Sträußlein Rosmarin! und dann singt er: und pflanzt es auf mein Grab! – Mir ist es durch Mark und Bein gefahren, wie ich das sehe und höre; der Striegler ist aber keck und geht auf ihn zu und sagt: Grüß Gott, Landsmann! Die Augen, die da der Alte gemacht hat, wie er das hört, wenn ich hundert Jahre alt werde, ich sehe die Augen immer offen, und er hat die Arme ausgestreckt und die Hände auf der Brust übereinander gelegt, wie wenn er die Worte an die Brust drücke. Der Striegler spricht weiter, und der Alte gibt auf alles ordentlich Antwort, manchmal ein bißle verwirrt, aber im ganzen doch deutlich. Er ist aus dem Hessischen gebürtig, hat Reuter geheißen und hat sich Caballero umgetauft; seit fünfzig Jahren hat er nichts als spanisch gesprochen, und jetzt, da es ans Sterben geht, bringt er kein spanisch Wort mehr heraus, es ist wie weggeblasen, und ich glaube, ich weiß es aber nicht gewiß, er versteht kein Spanisch mehr. Die ganze Familie ist nun glücklich, wie wir ihr alles dolmetschen, was der Alte will. Der Striegler hat das benutzt, daß er so viel gilt im Dorf, und hat gute Geschäfte gemacht, und ich hab' derweil beim Alten gesessen, und solang ich beim Striegler war, ist das meine beste Zeit gewesen. Ich habe zu essen und zu trinken bekommen genug. Die Leute haben mich gefüttert, wie wenn's dem Alten zu gute käme. Er ist nicht gestorben und wir sind nach drei Tagen fort; aber kaum sind wir ein paar Stunden davon, kommt uns der Sohn nachgeritten, der Vater jammert nach uns, wir müssen zurück. Wir kommen noch und hören ihn reden, deutsch, aber es war nicht zu verstehen, was er will, und mit dem Rufe: Jetzt will ich fort, jetzt will ich heim! ist er gestorben.« Petrowitsch machte eine Pause, dann fuhr er wieder fort: »Die ganze Sache ist mir ins Herz gegangen, ich hab' damals nicht so gewußt, erst später ist es wieder gekommen. Der Striegler ist nachderhand wieder nach Spanien und hat, wie ich höre, eine Tochter von dem Caballero geheiratet. Wie wir in Frankreich sind, treffe ich in Marseille Ihren Vater, Herr Doktor, und der hat gesehen, daß ich doch nicht so bin, wie man meint, zu gar nichts nutz. Der hat mir Kredit gegeben, und nun bin ich auf eigene Hand weiter. Sparen und hungern habe ich gelernt für andere, jetzt hab' ich's erst für mich recht angewendet. Ich habe Ihrem Vater sein Geld ordentlich geschickt, und er mir immer mehr Waren. Ich bin in der halben Welt herumgekommen. Ich kann fünf Sprachen sprechen; wenn ich aber wo ein deutsches Wort gehört habe, und nun gar Schwarzwäldisch, da hab' ich gemeint, das Herz im Leib müßte mir springen. Ich habe einen großen Fehler, ich habe das Heimweh nie überwinden können. Es schleicht mir nach, hinter mir drein, wie wenn's ein Geist wäre, und bei manchem fröhlichen Trunk war mir's, wie wenn mir jemand das Salz auf dem Tisch in den Wein geschüttet hätte.« Petrowitsch hielt abermals inne und stocherte im Feuer, daß es hell aufprasselte, dann sich mit der Hand übers Gesicht fahrend und die Falten auf- und abschiebend begann er wieder: »Ich überspringe zehn Jahre. Ich bin in Odessa und bin ein gemachter Mann. Das ist eine prächtige Stadt, dort sind alle Nationen daheim, und ich habe einen Freund, den werde ich nie vergessen. Es sind auch Dörfer in der Nähe, Lustdorf und Kleinliebenthal und noch viele andere, wo lauter Deutsche sind, aber nicht aus unserer Gegend, sie sind aus dem Württembergischen. Von allen Seiten von daheim bekomme ich Anträge. Ich bleibe aber bei Ihrem Vater bis zu seinem Tod. Ich habe ein hübsches Vermögen, ich könnte jetzt fahren, aber ich wandere zu Fuß durch ganz Rußland. Von Strapazen habe ich gar nichts gewußt. Da sehen Sie meinen Arm, da ist jeder Muskel wie von Stahl, und gar erst vor dreißig Jahren. Da war's noch ganz anders. »Ich setze mich wieder in Moskau und bleibe da vier Jahre. Ich kann eigentlich nicht sagen: gesetzt, denn ich habe mich nie niedergesetzt bloß zur Ruhe, ich habe mir' s nie, auch nur eine Stunde, so was man sagt, daheim gemacht, und das hat mir geholfen sparen und erwerben. Ich habe mich mein Lebenlang nie aus dem Schlaf wecken lassen, habe mich aber auch, solang ich lebe, nie nochmals auf die andere Seite gelegt, wenn ich am Morgen aufgewacht bin. – Es kommen Landsleute genug; ich hab' ihnen geholfen. Es ist mehr als einer draußen in der Welt, der durch mich sein Glück gemacht hat. Ich frage, wie's daheim geht. Mein Vater ist gestorben, meine Mutter ist gestorben, und mein Bruder hat geheiratet. Ich frage, ob er sich gar nie nach mir erkundige, die Leute haben mir aber keinen guten Bericht gegeben: mein Bruder sage, ich käme doch noch als Bettler heim. Und wissen Sie, was mir am wehesten gethan hat? Daß mich alle Landsleute den Geißhirtle heißen. Daran ist mein Bruder schuld, daß ich den Schimpfnamen mein Lebenlang tragen muß. Ich bin immer drauf und dran gewesen, ich will ihm ein paar tausend Gulden schicken und ihm dabei schreiben: das schickt dir der Geißhirtle für die hundert Ohrfeigen, die du ihm noch schuldig bist, und für alles Gute, was du ihm gethan hast, und daß du so treulich für ihn gesorgt. Ich nehme mir immer vor, ich will das thun, aber weiß der Teufel, ich komme nicht dazu. Es ist meines Bleibens in Moskau auch nicht, ich will heim. Aber statt heim, gehe ich nach Tiflis und bleibe da elf Jahre. Und wie ich anfange, älter zu werden, denk' ich: nein, du machst's ganz anders, du kommst heim und bringst einen ganzen Sack voll Gold mit. Und alle Menschen sollen's sehen und dein Bruder nicht, mit ihm redest du kein Wort und – wie das so ist, mir ist's immer fester, immer deutlicher geworden, daß er mich eigentlich unterdrückt hat, daß er mich am liebsten aus dem Leben geschafft hätt'. Gut, du sollst es büßen. Ich habe ihn gehaßt und ihn oft ausgeschimpft in Gedanken und hab's doch nicht los werden können, an ihn zu denken. Und daneben habe ich doch immer ein Heimweh gehabt, ich kann's gar nicht sagen; kein Wasser auf der Welt schmeckt so gut, wie das beim Brunnen an der Kirche, und an Sommerabenden, was ist das für eine Luft daheim, wie lauter Balsam! Ich gäbe hundert Gulden, wenn mir einer eine Stube voll Luft bringen könnte von daheim; das ist mir tausend- und tausendmal durch den Kopf gegangen. Und dann hab' ich mich gefreut, wie alle Leute vom obern und vom untern Dorf zusammenlaufen werden, und da wird's heißen: da ist der Peter oder der Petrowitsch, wie sie mich jetzt einmal geheißen haben, und drei Tage sollen sie alle essen und trinken bis genug. Und auf der großen Wiese, da vor unserm Haus lasse ich lange Tafeln aufschlagen, und da sollen sie alle kommen, wer da will; alle sollen sie kommen, nur mein Bruder nicht. Und zwischen hinein hab' ich's doch gespürt, daß er eigentlich der einzige Mensch auf der Welt ist, den ich lieb haben möchte. Aber ich hab' mir's nicht eingestehen wollen. Und jedes Jahr hab' ich mir gesagt: beim nächsten Abschluß gehst du; aber ich hab' immer nicht fortgekonnt; denn wenn man so ein Geschäft hat, wo alles, was man anrührt, zu Gold wird, man kann nicht davon weg. Ich bin grau geworden und alt und habe gar nicht gewußt, wie. Da bin ich krank geworden, zum erstenmal in meinem Leben, recht krank. Ich habe wochenlang nichts von mir gewußt, und wie ich wieder bei Besinnung bin, sagen sie mir, ich hätte im Fieber in einer Sprache gesprochen, die kein Mensch verstanden hätte, nur der Doktor habe ein paar Worte verstanden, er habe gesagt, es sei deutsch, aber er verstehe es doch nicht recht; ich hätte oft Kain! gerufen und ›was kostet der Bua?‹ Da ist mir der Caballero eingefallen, der da in dem Dorf bei Valencia. Wenn du auch so daliegst und du verschmachtest und willst Wasser, und es versteht dich kein Mensch – –. Jetzt ist's fertig, heim, heim, heim! Ich bin schnell gesund geworden, ich hab' eine gute Natur; da hab' ich mir's fest vorgesetzt und einen Strich über alles gemacht, heim gehst du. Und wenn er zu Kreuz kriecht, wenn er sagt: ich habe schlecht an dir gethan – dann bleib ich bei ihm bis zu meinem Tod. Wie lang haben wir denn noch?! Was hat man denn auf der Welt, wenn man den Menschen nicht hat, der einem angehört! Auf der Reise – ich habe mich doch endlich dazu gebracht – da bin ich gewesen wie ein Kind, das flennend heimspringt, wenn es in den Wald entlaufen ist. Ich habe mich oft besinnen müssen, wie alt ich bin; und der Haß auf meinen Bruder hat mich doch wieder geplagt, und wenn man so etwas nicht verwinden kann, da ist es, wie wenn man einem eine Ader geschlagen hat; sobald man dran rührt, ja, wenn man nur dran denkt, so blutet's wieder, böses, schwarzes Blut. »Ich bin heim gekommen. »Wie ich ins Thal komme, da ist mir's, wie wenn die Berge aufständen und mir entgegen laufen. »Ich fahre an Dörfern vorbei, da wohnt der und der, aber ich weiß nicht mehr, wie die Dörfer heißen, erst als ich vorüber bin, fällt mir's ein. Die Straße ist jetzt breiter und gemächlicher. Man fährt nicht mehr über den Woltendinger Berg, man fährt dem Thal nach. Ich bin in der Fremde und doch daheim. Berge, die vordem dicht bestanden waren, sehen jetzt aus wie glattrasierte Türkenköpfe. Sie haben grausam mit dem Wald gewirtschaftet. Ich komme in unser Dorf, es war ein schöner Sommerabend. man hat eben geheuet, die Glocke läutet, das war, wie wenn ich auf einmal Stimmen hörte, wie es keine auf der Welt mehr gibt. Ich habe viel Glocken gehört in den zweiundvierzig Jahren in der Fremde, aber so hat keine einen Klang. Ich ziehe den Hut ab, ich weiß nicht, warum; aber es hat mir so wohl, so selig wohl gethan, wie mir die Luft der Heimat um den Kopf weht; da grüßt was drin – ich kann's nicht sagen. Ich meine, das graue Haar auf meinem Kopf muß wieder jung werden, die Menschen, die am Weg gehen, ich habe wenige mehr erkannt, Sie, Herr Doktor, habe ich erkannt, Sie sehen Ihrem Vater ähnlich. Mich hat niemand gekannt. Ich halte beim Löwen an, ich frage: Ist der Lorenz Lenz auf der Morgenhalde daheim? Was daheim? der ist schon vor sieben Jahren gestorben. Das war, wie wenn mich ein Blitz in den Boden schlüge; ich fasse mich aber, es hat mir nie jemand angemerkt, was in mir vorgeht. »Ich gehe auf mein Zimmer und spät in der Nacht durchs Dorf, da haben mich hunderterlei Dinge angeheimelt. Ich gehe nach meinem Elternhaus, es ist alles still. Die Tannen im Wald hinter meinem Elternhaus, die damals kaum zweimal so groß waren als ich, sind jetzt mächtig und schlagbar. Ich nehme mir vor, ehe es tagt, wieder abzureisen. Was soll ich hier? Und es hat mich niemand erkannt. »Ich komme aber nicht fort. »Jetzt sind sie gekommen von überall her und haben die Hand aufgemacht, ich soll schenken. Aber, Herr Doktor, ich habe einmal aus Langerweile die Sperlinge auf meinem Fenstersims gefüttert, und da sind die zudringlichen Bettler wie besessen jeden Morgen da und machen mir den Kopf toll, ich kann sie nicht mehr verscheuchen. Ja, das ist leicht hergewöhnt, aber schwer fortgebracht. Ich frage nach keinem Menschen mehr, denn wo ich gefragt habe, höre ich nichts als gestorben und verdorben und bekomme siebzehnmal im Tag einen Schreck in den Leib. Wer mir begegnet, ist recht; wer mir nicht begegnet, ist nicht da. Alle sind sie gekommen, nur meine Schwägerin und ihr Prinz nicht. Meine Schwägerin hat gesagt: Mein Schwager weiß, wo seiner Eltern Haus ist, wir laufen ihm nicht nach. Wie ich den jungen Lenz zum erstenmal gesehen habe, war er mir zuwider; er sieht nicht in unsre Familie, er artet seiner Mutter nach. Und jetzt, wie ich mir das Dorf ansehe und die ganze Gegend, hätte ich mir meine alten Haare ausreißen mögen, daß ich heim bin. Da ist ja alles verhockt und verdorben und verbuttet, und wo ist die alte Lustigkeit, der alte Uebermut? Nichts ist mehr da. Und die Jugend, die ist gar nichts nutz. Muß ich nicht die Kirschen von der Allee unreif herunter thun, damit sie mir die jungen Bäume nicht zerstören? Mein Singneffe, das ist ein Stubenhocker, und ich bin in der Welt draußen gewesen; mich ficht nichts an, dem thut aber jeder rauhe Wind und jedes rauhe Wort weh und macht ihn krank. Noch ein einziges Mal habe ich etwas auf ihn gesetzt und habe gedacht: der macht mir noch das Leben schön. Wenn er Ihre Tochter Amanda geheiratet hätte, da wäre ich zu den jungen Leuten gezogen oder sie zu mir. Mein Vermögen wäre in Ihre Familie gekommen, und das wäre mir recht gewesen; ich verdanke Ihrem Vater den Grund meines Glückes, wenn es ein Glück ist. Der verdammte Pilgrim hat meine Gedanken erraten und hat mich zum Vermittler machen wollen, aber ich thue nichts, nie. Ich rede nie jemand zu etwas zu und lasse mir auch zu nichts zureden. Jeder muß aus ihm selber leben. Und das ist die Hauptsache, was ich sagen will, ich gebe keinen roten Heller; lieber hab' ich . . . lieber werfe ich mein Geld in den Abgrund. Jetzt habe ich aber genug erzählt, ich bin ganz heiß.« »Wie hat Ihnen denn das Wasser am Kirchbrunnen geschmeckt, nach dem Sie sich so sehr sehnten?« fragte der Doktor. »Schlecht, ganz schlecht, es ist zu kalt und zu hart, ich vertrag' es nicht.« An dieses Wort knüpfte der Doktor an und suchte Petrowitsch zu bekehren und ihm zu zeigen, daß die Welt nicht anders, nicht schlechter geworden sei, so wenig als bis vor kurzem der Brunnen; nur sein Magen sei kein junger mehr, und so auch seine Augen, seine Gedanken. Er erklärte Petrowitsch. daß er allerdings und mit Recht draußen in der Welt wetterhart und eroberungsfähig geworden, daß es aber auch zur Bethätigung des häuslichen Fleißes und zur Genügsamkeit nötig sei, daß viele daheim still und emsig arbeiten und an die Werkbank angeschraubt seien wie ihre Schraubstöcke; er legte einen besonderen Nachdruck darauf, daß, wer Musikwerke mache, eine Feinheit haben müsse, die sich zur Empfindlichkeit steigere, und dazwischen zeigte er ihm, wie er doch auch weichherzig sei, ähnlich wie sein Neffe. Mit eindringlichen Worten legte er ihm ans Herz, daß er helfen müsse, aber Petrowitsch war wieder der Alte, Starre und schloß mit den Worten: »Ich bleibe dabei. Ich rede niemand zu und lasse mir nicht zureden. Ich thue nichts. Noch ein Wort, Herr Doktor, und ich weiß nicht, was ich thue.« Dabei blieb's. Als jetzt ein Bote von Ibrahim kam, verließ Petrowitsch mit dem Doktor das Haus. Der Doktor ging nach der Morgenhalde. Er mußte seinen Mantel fest an sich ziehen, es ging ein heftiger, aber seltsam lauer Wind. Einunddreißigstes Kapitel. Es taut auf, auch bei Annele, und es gefriert wieder. Während Lenz im tiefsten inneren Jammer draußen in der Welt umherzog, wurde Annele zu Hause von der Welt heimgesucht. Sie war allein, ganz allein, denn Lenz hatte ihr kein Lebewohl daheimgelassen. Er war stumm, mit geschlossener Lippe davongegangen. Pah! Mit zwei Worten ist der wieder umgewendet – dachte Annele vor sich hin, und doch kam heute eine ungewohnte Bangigkeit über sie, und ihre Wangen glühten. Sie war's nicht gewohnt, für sich allein zu denken; sie hatte ihr Leben lang in Geräusch und Zerstreuung gelebt und sich nie eigentlich still auf sich besonnen. Jetzt konnte sie dem nicht entrinnen, sie mochte zur Hand nehmen, was sie wollte, auf und ab im Hause gehen, es folgte ihr etwas nach, das sie immer wie am Kleide zupfte und leise flüsterte: hör mich an. Sie hatte das kleine Mädchen eingeschläfert, der kleine Wilhelm saß bei der Magd und haspelte das Garn, das diese gesponnen, und als das Mädchen schlief, da war's, als ob jemand sie niederdrückte auf dem Stuhl, auf dem sie saß, sie konnte nicht aufstehen, und jetzt sprach's: Annele, was ist aus dir geworden? Das schöne, lustige, überall beliebte und belobte Annele sitzt jetzt da in einer dunkeln Kammer, in einem einödigen Haus, muß sparen und sorgen. Ich wollte ja alles gern thun, wenn ich nur im Hause geehrt wäre. Aber alles, was ich thue und was ich rede, ist ihm zuwider. Und was thue ich denn Böses? Bin ich nicht sparsam und fleißig und möchte gern noch mehr arbeiten! Aber hier oben ist man ja wie im Grab . . . Bei diesen Gedanken riß es Annele empor, sie stand zitternd aufrecht. Ein Traum der vergangenen Nacht wachte auf: sie hatte diesmal nicht von lustigen Fahrten, von vergnüglichen Wirtshausbesuchen geträumt; sie war vor ihrem offenen Grabe gestanden. – Ganz deutlich hatte sie's gesehen, wie von der ausgegrabenen Erde kleine Schollen hinabrollen. Wehe! schrie sie jetzt laut auf und stand lange wie gelähmt. Endlich raffte sie sich wieder zusammen, und in ihr sprach's: ich will noch nicht sterben, ich habe ja noch nicht gelebt, daheim nicht und hier nicht. Sie weinte im tiefen Mitleid mit sich selber, und Jahre zurück wanderten ihre Gedanken. Sie hatte sich's so schön gedacht, mit einem geliebten Manne einsam, von der ganzen Welt nichts wissend, leben zu wollen, sie war ja das Wirtshausleben überdrüssig gewesen, und die Angst, die sie, ohne alles klar zu wissen, doch fühlte, daß das ganze großthuerische Lehen auf schwanken Füßen steht. Die Schuld ihres Mannes ist es, daß sie sich wieder hinaussehnte zu größerem Erwerb, zum Ausnutzen ihrer brach liegenden Kraft. Er ist wie seine Musikwerke, die spielen ihre Stücke, hören aber keine fremden. Sie mußte mitten in ihrem Jammer über diesen Vergleich lachen. Und weiter gingen ihre Gedanken: sie wollte ja so gern unterthan sein einem Manne, der der Welt den Meister zeigt, aber nicht einem Stiftlessucher. Du hast doch gewußt, was er ist und wie er ist – zupfte es sie. – Ja, aber nicht so – war ihre Antwort – so nicht. Aber hat er nicht ein gutes Herz? Ja, gegen alle Menschen, gegen mich nicht. Es hat noch keines mit ihm gelebt, es weiß kein Mensch, wie launisch er ist und wie teufelmäßig wild er werden kann. Es geht nicht mehr, auf dem Stiftlesweg kommen wir nicht mehr auf, es muß ein anderes Leben versucht werden. Das war der tiefste Punkt in Annele, und dahin fiel alles immer wieder; sie wollte ihre Kraft anwenden als Wirtin, als besuchteste Wirtin landaus und landein, und wenn sie auch zu thun hat, für sich was gewerben, sich auch mit andern Leuten ausgeben kann, dann werden wieder ruhige Stunden, gute Zeiten kommen. Sie ging in die Stube und betrachtete sich im Spiegel und zog sich säuberlich an; sie konnte nie verwahrlost umhergehen, Pantoffeln gab's für sie nicht, während Lenz oft von einem Sonntag zum andern keine Stiefel anzog. Wie sie sich jetzt säuberlich herrichtete und seit langer Zeit wieder zum erstenmal ihre Krone von dreifachen schweren Flechten aufsetzte, sagten ihre trotzigen Mienen: Ich hin das Löwen-Annele, ich will nichts von Vergrämen; ich schirre frisch ein, und er muß mit, er muß. Ich habe unsre zwei stärksten Rosse kutschiert. – Sie schnalzte mit der Zunge und hob die Rechte, als ob sie über die Köpfe der Pferde weg knallen müsse. »Ist die Frau zu Hause?« fragte es draußen. »Ja.« Es klopfte an, Annele machte große Augen, der Pfarrer trat ein. »Willkommen, Herr Pfarrer,« sagte Annele mit einem Knicks, »Sie haben zu mir gewollt und nicht zu meinem Mann?« »Zu dir. Ich weiß, daß dein Mann verreist ist: ich habe dich noch nicht im Dorf gesehen seit dem Mißgeschick deiner Eltern, und ich dachte mir, ich könnte dir da vielleicht beistehen in deinen Gedanken.« Annele atmete freier, sie hatte gefürchtet, der Pfarrer sei von Lenz geschickt oder von selbst gekommen, um wegen seiner mit ihr zu reden. Annele beklagte nun das Schicksal der Eltern und daß sie fürchte, die Mutter überlebe den Schlag nicht lange. Der Pfarrer redete ihr in herzlicher Weise zu, nicht mit Gott zu hadern über das, was geschehen sei, verschuldet oder unverschuldet, und sich nicht von der Welt zurückziehen in Aerger und Not. Er erinnerte sie daran, daß er damals bei der Trauung gesagt, welches die gemeinsame Ehre sei; begütigend setzte er hinzu, daß der Löwenwirt sich nur verrechnet habe, freilich schwer, aber doch unschuldig. »Ich habe es nicht vergessen,« nahm der Pfarrer eine Wendung, »heute ist dein fünfter Hochzeitstag, und da wollte ich dir guten Morgen sagen.« Annele dankte verbindlich lächelnd – aber durch ihre Seele zuckte es: und Lenz ist fortgegangen, ohne guten Morgen zu sagen! In gewandter Gesprächsamkeit sagte sie, wie wohl es ihr thue, daß der Pfarrer sie so ehre; sie sprach viel von seiner Güte und wie das ganze Dorf täglich beten sollte, daß ihn Gott noch lange erhalte. Annele wollte offenbar den Pfarrer durch leichte Gesprächsamkeit in der Ferne halten, daß er nicht in ihre Angelegenheiten eingehen könne; sie will sich nicht, auch in der mildesten Form nicht, vor den Pfarrer entbieten lassen zum Austrag ihres Zwistes. Sie schärfte die Lippen mit jener Zuversicht, wie der Postillon Gregor, wenn er das Horn ansetzen wollte, um eines seiner gut eingelernten Stücklein aufzuspielen. Der Pfarrer merkte das wohl. Er begann, Annele zu loben, das Lob, das sie in der That verdiente: wie sie allzeit so aufgeräumt und ordentlich und bei aller Necksucht doch stets streng tugendhaft gelebt habe und auf alles bedacht gewesen sei im elterlichen Hause. »Ich bin Lob nicht mehr gewohnt,« erwiderte Annele. »ich weiß nichts mehr davon, daß ich je in der Welt etwas gegolten habe und noch etwas bin.« Der Pfarrer nickte, nickte kaum merklich, der Haken saß fest; und wie ein Arzt das Vertrauen des Kranken gewinnt, indem er ihm sagt: Da und da thut's Ihnen weh, da sticht's, da drückt's, da schneidet's – der Kranke schaut froh auf: ja wohl, der weiß alles, der wird helfen – so wußte der Pfarrer das Seelenleid des Annele zu schildern, als ob er's selbst mit erlebt, und er schloß: »Du hast wohl schon manchmal geronnen Blut gesehen, an dir oder andern, wie es durch einen Schlag, einen Druck, eine Quetschung entsteht. Das schwarze geronnene Blut nimmt nach und nach alle sieben Farben an, und so geht's auch in der Seele: eine Beleidigung, eine Kränkung ist da wie geronnen Blut. das nimmt auch alle Farben an, Haß, Verachtung, Zorn, Mitleid mit sich selber und Reue über die Anreizung, das Verlangen, den andern zu verderben und dann wieder alles verfallen und verfaulen zu lassen.« Jetzt war's, als ob Annele ihr Herz in die Hand nehme und leibhaftig zeige, wie das zerstoßen, wie das zerschunden, wie das zerschlagen ist, der Stiftlessucher, der Garnichts bekam seine volle Ladung. Und: »Herr Pfarrer, helfet!« schloß sie. »Das kann ich, aber es muß mir noch jemand helfen, und das bist du. Du brauchst dich nicht zu ändern. Es wäre traurig, wenn du es müßtest. Ich bin alt genug und weiß, wie leicht das gesagt und wie schwer das gethan ist. Du brauchst dich nur zu bessern, nur ein Fremdes abzuschütteln, denn du bist von Haus aus gut, du hast es nur vergessen und vergessen wollen und darüber gespottet und dir auf dein scharfes Mundwerk was eingebildet. Laß die Einbildung und die Herrschsucht. Wo keine Herzeinigkeit, ist ein wahres Einanderverzehren.« Das kleine Männchen wurde auf einmal größer, seine Stimme wurde mächtiger, als es nun Annele ihre Herzenshärtigkeit gegen Franzl und ihren falschen Stolz vor die Seele rief; Annele schaute blitzenden Auges drein, und wie auf eine Beute schoß sie los, als der Pfarrer ihre Versündigung an Franzl erwähnte. Jetzt ist's also heraus, die diebische Alte, die scheinheilige, die hat alles gegen sie aufgebracht, die hat den Pfarrer und die ganze Welt aufgehetzt. Mit größerer Lust zerbeißt eine Katze nicht eine Maus, als Annele nun die Franzl zerrte und zerbiß. »Wenn ich sie nur unter meine Hände kriegen könnte!« knirschte sie immer. Der Pfarrer ließ sie austoben und sagte endlich: »Du hast dich da bös gezeigt, aber ich bleibe dabei, du bist nicht so bös, du bist überhaupt nicht bös.« Jetzt weinte Annele, daß sie sich so entsetzlich verändert habe, sie sei so grimmzornig, das sei gar nicht ihre Art; es käme alles nur davon her, weil sie nichts gewerben, nichts verdienen könne, sie sei nicht dazu geschaffen, um einem kleinen Uhrmacherle sein Hauswesen im stand zu halten, sie sei eine Wirtin, und wenn der Pfarrer ihr verhelfe, daß sie Wirtin werde, so verspreche sie ihm heilig, daß nie mehr ein Zorn oder irgend etwas Böses an ihr gesehen werden solle. Der Pfarrer gab ihr recht, daß sie eigentlich zur Wirtin geboren sei – sie küßte ihm die Hände in Dankbarkeit – er versprach, das Seinige zu thun und ihr dazu zu helfen, beschwor sie aber, nicht von etwas Aeußerem ihre Umwandlung zu erwarten. »Du bist durch Elend und Jammer noch nicht zerbrochen genug. Dein Hochmut ist deine Sünde und dein Unglück und das Unglück der Deinen. Gott gebe, daß du nicht erst durch ein wirkliches Unglück an Mann und Kind bekehrt werden mußt.« Annele saß, ohne daß sie es wußte, dem Spiegel gegenüber, sie sah jetzt ihr Gesicht, es war ihr, als lege sich Spinnweb auf ihr Gesicht, sie wischte mehrmals mit der Hand darüber. Der Pfarrer wollte gehen, Annele bat ihn, doch noch zu bleiben, sie könne besser denken, wenn er da sei, er solle nur noch ein wenig still sitzen. Die beiden saßen lange still, man hörte nichts als das Ticken der Uhren, die Lippen Anneles bewegten sich, aber ohne einen Laut von sich zu geben. Als der Pfarrer endlich ging, küßte sie ihm inbrünstig die Hände, und er sagte: »Wenn du dich im Herzen dessen wert fühlst, wenn du ganz ehrlich dich bekehrt hast, aber ganz ehrlich, dann komm morgen zum Abendmahl. Behüt dich Gott.« Annele wollte dem Pfarrer höflich das Geleite geben, aber er sagte: »Keine Höflichkeit jetzt, vor allem sei gut, sei demütig in dir. Richtet euch selber, so werdet ihr nicht gerichtet werden, spricht der Apostel Paulus. Richte dich selbst, fasse dich in dir. Gewöhne dich daran, ruhig zu sitzen und in dich hineinzudenken.« Der Pfarrer ging, und Annele saß festgebannt; es ward ihr schwer, denn ruhig zu sitzen, müßig sitzen und denken gehörte nicht zu ihrer Gewohnheit, aber sie bezwang sich, und ein Wort des Pfarrers ging ihr immer noch nach, denn er hatte gesagt: »Du hast auch oft ganz brave, gute Gedanken, Reuegedanken, aber sie kommen bei dir nur wie die Gäste, trinken ihren Schoppen und dann fort auf Nimmerwiedersehen. Du stellst den Stuhl wieder zurecht, wischest den Tisch ab, und es ist niemand dagewesen.« Das überdachte nun Annele, und – sie fand es wahr. Sie war nicht nur hart gegen andre, sie konnte es auch gegen sich selber sein. Warum hast du das Leben so zugerichtet? fragte sie sich. Das Kind erwachte und schrie. Schnell schoß es ihr durch die Gedanken: der Pfarrer hat keine Kinder, der hat gut befehlen, daß ich sitzen bleibe, aber ich kann nicht, ich muß mein Kind beruhigen. Sie nahm das Kind aus dem Bett und herzte es, mehr als je: das Kind half ihr auch die einsamen Gedanken verscheuchen. Das Kind wollte wieder schlafen, und plötzlich kam Annele die Weisung auf die Lippen, die Lenz damals beim ersten Besuch gesetzt, und sie sang: »Liebe ist die zarte Blüte.« Das Kind schlief wieder, sie hielt es geruhig in den Armen und sang die Weisung fort, und in ihr sprach's dazu: Wen hast denn du geliebt auf der Welt? Wen liebst du? . . . Du hast den Wirtssohn, hast den Techniker heiraten wollen; es hätte dir gefallen, eine stolze Frau zu werden, aber geliebt, aus Herzensgrund geliebt, hast du keinen. Und dein Mann? Du hast ihn geheiratet, weil ihn auch eine von des Doktors Töchtern genommen hätte, weil du aus dem Hause fort gewollt hast und weil er ein gutherziger beliebter Mensch war . . . Das Kind auf ihrem Arme zuckte im Schlaf. Es durchschütterte Annele. Das Kind schlief ruhig weiter, aber Annele wurde es unheimlich, so mit ihren Gedanken allein. Das ist ja, wie wenn am hellen Tag in allen Ecken Gespenster wären. Wenn nur jemand da wäre, der mich erheiterte. Ja, komm, Lenz! Komm heim. Und wenn du gut bist, ist alles gut. Es braucht uns kein Pfarrer und niemand zu helfen, wir helfen uns allein, es ist geholfen, ich hab' dich lieb . . . Es war Mittag geworden, die Sonne schien warm. Annele hüllte das ermunterte Kind gut ein und ging mit ihm vor das Haus; vielleicht kommt Lenz jetzt schon heim, und sie will ihn getreulich begrüßen, ihm den guten Morgen zurufen, den er vergessen hat, und ihm sagen, daß alles gut ist. Jetzt ist die Stunde, da sie vor fünf Jahren getraut wurden, und jetzt gibt's wieder Hochzeit. Es kommt ein Mann den Berg herauf, er ist noch nicht zu erkennen, sie sagt dem Kinde: »Ruf Vater.« Das Kind ruft: »Vater! Vater!« Der Mann kommt näher, es ist nicht Lenz, es ist Faller, er hat einen Hut auf und trägt einen andern in der Hand, er eilt auf Annele zu und ruft: »Ist der Lenz wieder daheim?« »Nein.« »Um Gottes willen, da ist sein Hut. Mein Schwager hat ihn in der Igelswang beim Holzschleifen gefunden. Wenn sich der Lenz ein Leids angethan hätte!« Annele zitterten die Kniee, sie preßte das Kind an sich, daß es laut schrie. »Du bist verrückt und willst mich verrückt machen!« rief sie. »Was willst du?« »Ist das nicht sein Hut?« »Herr Gott! ja!« schrie Annele, sie sank um mit dem Kinde. Faller richtete beide auf. »Hat man ihn gefunden? Tot?« fragte Annele. »Nein, das, gottlob! nicht; komm ins Haus, geh allein, ich trag' das Kind. Sei ruhig, er hat nur den Hut verloren.« Annele wankte nach Hause; es legte sich wie ein Nebel vor ihre Augen, sie fuhr mit beiden Händen hin und her, als müßte sie mit den Händen den Nebel abwehren. Wär's möglich? Lenz jetzt tot? Jetzt – wo ihr Herz ihm entgegenschlug? Es kann nicht sein, es ist nicht. In der Stube setzte sie sich nieder und fragte gefaßt: »Warum soll sich mein Lenz umbringen? Warum meint Ihr das?« Faller gab keine Antwort. »Kannst du nur reden, wenn man's nicht von dir verlangt?« fragte Annele heftig. »Setz dich, setz dich,« herrschte sie ihn an, »und erzähl, was gibt's?« Als ob er Annele damit strafen könne, daß er ihr nicht folge, blieb Faller stehen, obgleich ihm die Kniee wankten. Er sah sie an mit einem Blicke so voll Trauer, so voll bittern Vorwurfs, daß Annele die Augen niederschlug. »Wie soll man sich bei dir setzen?« sagte er endlich, »du hast jedem Stuhl die Ruhe genommen.« »Ich brauche deine Ermahnungen nicht. Das weißt du schon lange. Wenn du was von meinem Manne weißt, so erzähl'. Hat man meinen Mann tot gefunden? Wo? So red doch du . . .« »Nein, gottlob! nicht. Gottbewahre. Der Schindelmacher von Knuslingen, der Bruder von der Franzl, hat unten im Dorf erzählt, daß der Lenz bei der Franzl gewesen ist, und das ist fast zwei Stunden weit weg von dem Platz, wo man den Hut gefunden hat.« Annele atmete tief auf. Bald aber fragte sie wieder: »Warum hast du mich so erschreckt?« »So? Kann man dich auch noch erschrecken?« Nun berichtete Faller, daß Lenz überall um eine Anleihe bitte, und er suche auch Geld wegen der Bürgschaft, die er bei Fallers Hauskauf geleistet. Das sei aber nicht mehr nötig, der Don Bastian habe heute alles für ihn bar bezahlt. Als Annele das hörte, richtete sie sich straff auf, der alte herbe zornmütige Geist stand wieder da, nur noch mächtiger, noch geißelsüchtiger, und ihre Mienen sprachen: so hat er dich betrogen, belogen. Er lebt, er muß leben, denn er muß büßen; er hat dir gesagt, daß er die Bürgschaft zurückgenommen. Komm nur heim, du Lügner, du Heuchler! Annele ging in die Kammer und ließ Faller allein, bis er wegging. Verschwunden war alle Reue, alle Zerknirschung, alle Liebe. Lenz hat sie belogen und betrogen, das soll er büßen; so sind sie, die Wassersüppler, die Gutmütigen, weil sie nicht den Mut haben, scharf zuzugreifen, wo sich's gehört, wo sich's um ihre eigene Sache handelt, da wollen sie immer, man solle sie anfassen wie ein schalloses Ei: thu mir nichts, ich thu' ja auch niemand was, versag mir nichts, ich versag' ja auch niemand was, und wenn ich drüber zum Bettelmann werde. Komm nur heim, du Wassersüppler! Annele stellte für Lenz kein Essen an das Feuer, daß er es bei der Heimkehr finde: es kochte schon etwas ganz andres. Zweiunddreißigstes Kapitel. Eine Sturmnacht. Als Lenz vom Doktor weg bergauf ging, war er voll froher Zuversicht; es sind wieder zwei Wege offen: der Ohm oder die Fabrik. Als er Licht in seinem Hause blinken sah, sagte er sich: Gottlob, da wartet doch noch alles, daß alles wieder gut werde. O, Annele, du hast es viel schwerer als ich; du bist von Jugend auf nur daran gewöhnt worden, an die Schlechtigkeit der Menschen zu glauben, und ich, sowie ich nur hinaus komme, zeigt sich mir die Welt als brav. Ich will dir helfen, daß es dir leichter wird. Plötzlich, wie ein feuriger Pfeil fuhr es ihm durch die Seele: Du bist heute schlecht gewesen, grundschlecht, doppelt und dreifach. Bei des Vogtbauern Kathrine und im Hause des Doktors ist dir der sündhafte Gedanke aufgewacht, daß es anders sein könnte. Du hast dir was auf deine Bravheit eingebildet, sie ist nichts wert. Du bist Vater von zwei Kindern und fünf Jahre verheiratet. Herr Gott! heute ist unser fünfter Hochzeitstag. Er stand still, und innerlich sprach's weiter: Annele! Gutes Annele! Ich habe an einem Tag alle Schlechtigkeiten durchgemacht. Meine Eltern im Himmel sollen mir's nicht verzeihen, wenn ich das je wieder aufkommen lasse. Gottlob, von heute an haben wir neu Hochzeit gehalten! Im Gefühl des Zornes über sich, und in der Freude, daß nun alles wieder gut werde, trat er in sein Haus. »Wo ist meine Frau?« fragte er, da die Kinder bei der Magd in der Stube saßen. »Sie hat sich eben niedergelegt.« »Was? Ist sie krankt »Sie hat über nichts geklagt.« Lenz ging zu seiner Frau: »Grüß Gott, Annele! Ich sag' dir guten Abend und guten Morgen; ich hab' das heute früh vergessen. Und ich wünsche dir auch Glück, dir und mir; es soll, will's Gott, von heute an alles besser werden.« »Dank schön!« »Fehlt dir was? Bist du krank?« »Nein, ich bin nur müde gewesen, arg müde; ich stehe aber gleich auf.« »Nein, bleib liegen, wenn's dir gut thut. Ich hab' dir Gutes zu sagen.« »Ich will aber nicht liegen bleiben. Geh hinaus, ich komme gleich.« »So hör mich doch vorher an.« »Das hat nachher Zeit; es wird jetzt auf die paar Minuten nicht ankommen.« Der ganze frische Mut des Lenz wollte schwinden; er faßte sich, er ging hinaus und herzte die Kinder. Endlich kam Annele. »Willst du was essen?« fragte sie. »Nein. Woher ist denn mein Hut wieder da?« »Der Faller hat ihn gebracht. Du hast ihn dem Faller wohl gegeben, daß er mir ihn bringen soll?« »Warum sollte ich das? Der Wind hat mir ihn vom Kopf geweht.« Er erzählte kurz das Begegnis mit des Vogtsbauern Kathrine. Annele schwieg, sie hielt den Pfeil mit der Lüge von der aufgesagten Bürgschaft still verborgen, es wird schon die Zeit kommen, wo sie ihn losschießen kann. Sie kann warten. Lenz schickte die Magd in die Küche, und den Knaben auf dem Schoß haltend, erzählte er ihr alles ganz ehrlich bis auf das eine – bis auf den Gedanken der Untreue, der ihm durch die Seele gezogen. Und Annele sagte: »Weißt du, was das einzige ist, was wirklich ist von allem?« »Was?« »Die hundert Gulden und drei Kronenthaler, die dir die Franzl angeboten hat. Alles andre ist nichts.« »Warum nichts?« »Weil dir dein Ohm nicht hilft. Siehst du jetzt, daß du ihn damals, heute vor fünf Jahren, nicht hättest freigeben sollen?« »Und das mit der Fabrik?« »Wer tritt denn sonst noch ein?« »Ich weiß vorderhand von niemand als vom Pröbler, und es ist wahr, er hat doch manches Brauchbare erfunden.« »Ha ha! Das ist gut, der Pröbler und du, das ist gut, das ist das richtige Gespann. Hab' ich dir's nicht hundertmal gesagt, du kommst noch dahin, wo der ist? Und er ist noch mehr wie du, er hat nicht mit seinem Pröbeln Frau und Kinder ins Elend gesetzt. Geh zum Teufel, du Fabrikler, du Wassersüppler. Laß dich mit dem Pröbler zusammenspannen!« schrie Annele und riß ihm den Knaben vom Schoße und sprach an den Knaben hin: »Dein Vater ist der Garnichts, dem muß man den Zulp ins Maul stecken. Schade, daß seine Mutter nicht mehr lebt, sie sollte ihm den Kindsbrei geben. O, wie bin ich verloren! Das sage ich aber, so lang ich leb', gehst du nicht in die Fabrik; da ersäuf' ich mich lieber und meine Kinder. Dann geh, und vielleicht heiratet dich dann noch die Kräutles-Mamsell, die hochbeinige Doktors-Tochter.« Lenz saß starr, die Haare standen ihm zu Berge. Endlich sagte er: »Ruf meine Mutter nicht an. Laß sie in Ruh' in der Ewigkeit.« »Ich lasse sie, ich will nichts von ihr und habe nichts von ihr.« »Was? Hast du denn das Pflänzchen Edelweiß nicht mehr von ihr? Sag, hast du's nicht mehr?« »O dummes Zeug! ich hab's noch.« »Wo? Gib's her!« Annele öffnete einen Schrank und zeigte es. »Gottlob, daß du das noch hast, das bringt noch Segen!« rief Lenz. »Jetzt wird er auch noch abergläubisch und verrückt, er weiß sich nicht mehr zu helfen und hält sich an einen Strohhalm. So sind sie, so sind sie, die Verlumpten, da wird er herumlaufen verwahrlost und nichts.« Annele sprach im höchsten Aerger, stets gegen die Wand gekehrt, und als spräche sie zur ganzen Welt. Es war ein blickloser Blick, und daß sie dabei that, als ob Lenz gar nicht da wäre und stets mit er von ihm sprach, das kränkte ihn am tiefsten. Er faßte sich und sagte: »Annele, sprich nicht so, es ist ja, wie wenn du nicht selbst redetest, wie wenn ein Teufel aus dir spräche. Zerknittere das Pflänzchen nicht, das ist ein Heiligtum.« »Ha ha!« lachte Annele. »Das fehlt nur noch. Jetzt wird er noch abergläubisch. Da, flieg in die Luft, Edelweiß, mitsamt der heiligen Schrift.« Sie öffnete das Fenster, draußen blies der Sturmwind. »Da, Wind!« rief sie, »komm! Nimm alles mit, den ganzen heiligen Bettel!« Schrift und Pflanze flogen davon. Der Wind pfiff und heulte und trug die Schrift hinauf auf den kahlen Berg. »Annele, was hast du gethan?« stöhnte Lenz. »Ich bin nicht so abergläubisch wie du. Ich bin noch nicht so weit herunter, daß ich auf einen Aberglauben hoffe.« »Es ist ja kein Aberglaube. Meine Mutter hat ja nur damit gemeint: solange meine Frau das achtet, was von meiner Mutter kommt, wird es uns Segen bringen. Dir ist aber nichts heilig!« »Jawohl, du bist nicht heilig und deine Mutter auch nicht.« »Jetzt ist's genug, genug!« schrie Lenz mit heiserer Stimme und knackte einen Stuhl zusammen. »Geh mit dem Wilhelm aus der Stube. Genug. Genug, oder ich werde verrückt. Still! Es kommt jemand.« – Annele ging mit dem Knaben nach der Kammer. Der Doktor trat ein. »Wie ich's vermutet, so ist's leider gekommen. Dein Ohm will gar nichts thun, gar nichts. Er sagt, er habe dir abgeraten, zu heiraten, und stemmt sich darauf. Ich habe alles aufgeboten, alles vergebens. Er hat mir fast die Thür gewiesen.« »O, lieber Gott. Und um meinetwillen! Das ist das Entsetzlichste, daß, wer mir gut ist und mir Gutes thun will, auch Elend über sich nehmen muß. Verzeihen Sie mir, lieber Herr Doktor. Ich kann nichts dafür.« »Das weiß ich, wie kannst du nur so reden? Ich habe viele Menschen kennen gelernt, aber einen wie deinen Oheim noch nie. Er hat mir sein Herz aufgemacht, er hat das weiche Herz von eurer Familie. Ich habe gemeint, ich könnte ihn jetzt leiten und lenken wie ein Kind, aber wie er an den einen Punkt kommt, ans Geld – der Doktor schnalzte mit den Fingern – vorbei, da ist nicht mehr zu reden. Und ich glaube fest, er hat eigentlich nichts, er hat nur eine Jahresrente auf irgend einer Versicherungsbank. Doch, lassen wir ihn beiseite. Ich werde mit meinen Söhnen reden. Du sollst, wenn dir's nicht recht ist, in die Fabrik zu gehen, hier oben in deinem Hause fünf oder sechs Gesellen, so viel du setzen kannst, für Rechnung der Fabrik beschäftigen.« »Redet nicht so laut. Meine Frau hört alles in der Kammer. Und wie Ihr bei meinem Ohm, so hab' ich's leider auch da vorher gewußt. So war sie noch nie, wie sie jetzt gewesen ist, da ich das Wort Fabrik gesagt habe. Sie leidet's nicht.« »So überleg dir's noch. Willst du nicht ein bißchen mit mir kommen?« »Nein, ich bitt' um Verzeihung, ich bin so müde; mir brechen die Kniee, ich bin jetzt seit heut früh um viere nicht zur Ruhe gekommen, ich bin das Herumlaufen nicht gewöhnt, und ich meine fast, es sitzt eine schwere Krankheit in mir.« »Dein Puls ist fieberisch. Das ist natürlich. Schlaf heut, und dann ist alles vorbei. Aber nimm dich fernerhin in acht. Du kannst allerdings schwer krank werden, wenn du dich nicht ruhig hältst, dich nicht schonst und pflegst. Sag deiner Frau von mir,« setzte der Doktor laut hinzu, daß es in der Kammer nicht zu überhören war, »sag ihr, sie soll den Vater« – hier machte er eine Kunstpause – »sie soll den Vater ihrer Kinder jetzt bei dem Tauwetter besonders gut pflegen und daheim halten; so ein sitzender Uhrmacher ist gar ein heikles Geschöpf. Gute Nacht, Lenz, schlaf wohl!« Der Doktor ging. Auf seinem Wege rutschte er oft aus und sank fast nieder in dem überall sich erweichenden Schnee, auf dessen Oberfläche ein trügerisches Steingerölle lag. Er mußte besser auf den Weg sehen und nicht schweren Gedanken nachgehen; denn er sann darüber nach, wie ihm Pilgrim vor kurzem gesagt hatte: Lenz könnte wohl gut leben, was man so nennt, aber ein trockenes Nebeneinander genügt ihm nicht; er will Glück, Freude, herzinnige Liebe – und das bleibt aus. Lenz saß indes allein in seiner Stube. Er war so müde und konnte doch keine Ruhe finden. Er ging in der Stube hin und her wie ein gefangenes Wild in einem Käfig. Er hätte dem Doktor viel zu klagen gehabt, schweres körperliches Leid, und auf einmal rief er: »Wehe! Wehe! Kranksein, bei einer bösen Frau nicht fort können, da liegst du und mußt dir alles gefallen, alles an dich hinsagen lassen, deine Krankenlaunen sind nichts als Bosheiten, und deine besten Freunde dürfen nicht zu dir. Krank sein und angewiesen auf die Gutheit einer bösen Frau, – lieber den Tod aus eigener Hand!« Der Wind löschte das Feuer, das Haus war voll Rauch. Lenz öffnete das Fenster und schaute lange hinaus. Beim Kettenschmied ist kein Licht mehr, er ist begraben in dunkler Erde. Wer es nur auch so gut hätte und erlöst wäre aus allem Elend! Die Luft war warm, unbegreiflich warm, es tropfte vom Dach, und von Berg zu Thal raste und tobte der Wind, es rasselte in der Luft, als ob immer ein Windstoß den andern fortstieße. Auf dem Berge hinter dem Hause rollt und grollt es, der Sturm ist grimmig, daß man ihm seinen Wald genommen, in dem er nach Lust aufspielen konnte, er läßt seinen Zorn am Kastanienbaum und an den Tannen beim Hause aus, sie beugen sich hin und her und ächzen und krächzen. Es ist nur gut, daß das Haus fest ist, noch eins von den alten, aus quer aufeinander gelegten festen Balken, sonst müßte man fürchten, daß der Wind das Haus forttrage mit allem, was darin. Das wäre lustig! Lenz lachte bitter, aber oftmals schaute er wieder wie erschreckt um, es knackte heute so seltsam im alten Gebälk, als ahnte das Haus, was darin vorgeht. Solche Worte haben diese Wände noch nie gehört, eine solche Nacht in solcher Stimmung hat noch nie ein Bewohner des Hauses durchlebt, dein Vater nicht und dein Ahn und Urahn nicht. Er ging, Schreibzeug zu holen, da stand er, ohne daß er's wußte, mit dem Lichte vor dem Spiegel und starrte das Antlitz eines Menschen mit gequollenen Augen an. Endlich setzte er sich nieder und schrieb; er hielt mehrmals inne, drückte sich die Hand vor die Augen; dann schrieb er wieder rasch weiter. Er rieb sich die Augen, keine Thräne quoll daraus hervor. Du hast das Weinen verlernt; du hast zu viel für einen Mann, sagte er dumpf vor sich hin. Er schrieb: »Mein Herzbruder! »Es stößt mir das Herz ab, da ich Dir schreibe, aber ich muß noch einmal zu Dir reden. Ich denke der Tage und der Sommernächte, die ich mit Dir, mein herzgeliebter Bruder, einherwandelte. Ich kann nicht glauben, daß ich's gewesen hin, es war ein andrer Mensch. Gott ist mein Zeuge und meine Mutter im Himmel auch: ich hab' mit Willen mein Leben lang niemand beleidigt, und wenn ich Dich beleidigt habe, mein lieber Herzbruder, verzeih mir's; ich bitte Dich tausendmal um Verzeihung, es ist nicht gern geschehen. Ein Mensch, der so ist, wie ich, soll nicht leben. »Und jetzt, das ist's; ich weiß keinen Ausweg, als den Tod. Ich weiß, es ist schändlich, aber wenn ich lebe, ist's noch schändlicher. Ich bin jeden Tag ein Mörder. Das halt' ich nicht aus. Ich weine die Nächte durch, und ich verachte mich, daß ich's thue. Ich darf sagen, ich wäre ein gerader, ruhiger, ehrlicher Mensch gewesen, wenn ich den geraden Weg hätte gehen können. Zum Auskämpfen bin ich nicht gemacht. Ich weine darüber, wenn ich denke, was aus mir geworden ist, und ich bin doch anders gewesen. Wenn ich leben bleibe, wird mein Leben meinen Kindern zur Schande; jetzt wird's nur mein Tod. Uebers Jahr ist's vergessen, ist Gras über mein Grab gewachsen. Ich rufe dich an, bei deinem guten Herzen und bei allem, was du Gutes an mir gethan Dein Leben lang, nimm Dich meiner verlassenen Kinder an als ein Vater. Meine armen Kinder! – Ich darf nicht daran denken. Ich habe mir einmal eingebildet, ich könnte ein Vater sein, wie es keinen bessern gibt auf der Welt. Ich kann's nicht, ich kann gar nichts. Wer mich nicht von selber gern hat, den kann ich nicht dazu bringen, und das ist mein Elend, und darüber komme ich nicht hinaus; es ist, als wenn ich an einer gläsernen Wand hinauf sollte. Meine Mutter selig hat recht gehabt. Wie oft hat sie's gesagt: Man kann alles säen und pflanzen und durch Fleiß zwingen, aber eines muß von selber wachsen, und das ist Gutmeinen. Es wächst bei mir nicht bei dem, wo es wachsen sollte. »Geh mit meinen Kindern aus dem Dorf, wenn ich begraben werde. Sie sollen das nicht mit ansehen. Bitte den Pfarrer und den Schultheiß, daß ich neben meinen Eltern und meinen Geschwistern liegen darf. Meine Geschwister haben's besser gehabt wie ich. Warum habe ich allein leben müssen, um so zu enden? »Du bist Pate bei meinem Wilhelm; jetzt mußt Du Dich seiner annehmen. Du hast immer gesagt: er hat Geschick zum Zeichnen, nimm Dich seiner an. Und wenn es Dir möglich ist, söhne Dich mit dem Ohm Petrowitsch aus, vielleicht thut er doch noch etwas für meine Kinder, wenn ich nicht mehr da bin. Und ich sag' Dir's noch einmal, ich will Dich jetzt gewiß nicht belügen, er hat Dich eigentlich gern, und ihr könnt gute Freunde sein, und er hat ein gutes Herz, mehr, als er das Wort haben will, meine Mutter selig hat's auch hundertmal gesagt. Meine Frau . . . Ich will nichts über sie sagen. Wenn's meinen Kindern gut geht, soll man mir meinetwegen alles nachsagen. »Ich habe Dinge hören und sagen müssen, ich hätte es nie geglaubt, daß das möglich. O Welt! Wo bist du? »Ich bin in der Gefangenschaft, ich muß heraus. Ich habe Tage durchgelebt, Nächte durchgewacht, wie Jahre. Ich bin müde, sterbensmüde, ich kann nicht weiter. Seit Monaten, wenn ich die Augen zuthue und will schlafen, da ist alles so entsetzlich, und am Tage noch geht mir's nach. Ich halte den schwarzen Schlaf nicht mehr aus, ich will den weißen Schlaf, und der weiße Schlaf ist der Tod! »Für das Geld, das ich Dir schuldig bin, ist die Taschenuhr, die ich bei mir trag', Dein Eigentum; sie wird an Deinem getreuen Herzen schlagen, wenn mein Herz nicht mehr schlägt. Und wenn mein' Sach' verkauft wird, kauf Du die Feile von meinem Vater selig und heb sie für meinen Wilhelm auf. Ich kann ihm nichts hinterlassen; sag ihm aber doch auch manchmal, daß sein Vater nicht schlecht gewesen ist. Er hat auch meine unglückliche Natur, treib sie ihm aus, mach ihn recht stark und herb. Und das kleine Kind – – »Es thut mir arg weh, arg weh, daß ich aus dem Leben scheiden muß, ich bin doch noch so jung, aber besser jetzt. Der Doktor soll dafür sorgen, daß ich nicht nach Freiburg zu den Studenten gebracht werde. Grüß mir ihn und alle die Seinigen aus Herzensgrund. Er hat oftmals gemerkt, wie mir's geht, aber da hat kein Doktor helfen können. Sag auch allen unsern Kameraden Lebewohl, besonders dem Faller und dem Liedermeister. Mein herzgeliebter Bruder! Ich meine, ich habe noch so viel zu sagen, aber mir schwindelt's vor den Augen. Gut' Nacht. Leb wohl. Auf ewig Dein getreuer Lenz.« Er faltete den Brief und schrieb auf die Rückseite: »Meinem Herzbruder Pilgrim zu Handen.« Es tagte; er löschte das Licht; den Brief in der Hand haltend, wie den letzten Gruß an die weite Welt da draußen, schaute Lenz zum Fenster hinaus. Drüben überm Berg ging die Sonne auf, zuerst ein blaßgelber Streifen, eine langgestreckte dunkle Wolke zieht sich darüber hin, zu Häupten der Wolke das freie dunkle Blau des Himmels, die ganze Weite, schneebedeckt, zittert wie im fahlen Lichte. Auf der Oberfläche der dunkeln Wolke zeigt sich eine leise angeglühte Röte, der Kern bleibt dunkel, da plötzlich – die Wolke zerreißt in hellgelbe Fetzen, der ganze Himmel gelb, bis er sich allmählich rötet, und jetzt alles auf einmal ein einzig helleuchtender Purpurglanz. Das ist die Welt, die Welt des Lichtes, des hellen Daseins, sie will sich dir noch einmal zeigen, bevor du sie lässest auf immer. Lenz steckte den Brief zu sich und ging hinaus rings um das Haus herum; er fiel bis an die Kniee in Schnee. Er kehrte wieder in die Stube zurück. Annele stand heute nicht auf, er zog selber die Kinder an und frühstückte mit ihnen. Er gab ihnen mit großer Zärtlichkeit zu essen und zu trinken; dann, als es eben zu läuten begann, befahl er der Magd, Wilhelm au der Hand und das Mädchen auf den Arm zu nehmen und mit ihnen zu Pilgrim zu gehen. Er wollte der Magd den Brief mitgeben, aber er nahm ihr denselben wieder aus der Hand und steckte ihn heimlich in die Tasche des Mädchens. Wenn man das Kind abends auskleidet, wird man den Brief finden, und dann ist alles vorbei. »Geh zum Pilgrim,« befahl er der Magd nochmals, »und warte bei ihm, bis ich komme, und wenn ich nicht komme, so bleib bei ihm, bis es Nacht ist.« Er küßte die Kinder, dann wandte er sich ab und legte den Kopf auf den Tisch. So lag er lange. Nichts regte sich im Haus. Es läutete drunten zur Kirche, er erhob sich, er wartete, bis der letzte Ton verklungen war. Er verriegelte das Haus und kehrte in die Stube zurück. Dann rief er mit einem Jammergeschrei: »Herr Gott, verzeih mir, aber es muß sein!« – – Er sank in die Kniee, wollte beten, er konnte nicht; sie betete ja oft, sie – und kaum war das letzte Wort des Gebetes über die Lippen, ging Zank und Streit und Schimpf und Spott von neuem wieder los. Sie hat sich an allem versündigt, was im Himmel und auf Erden . . . Sie muß mit . . . Nein, sie soll leben. Aber vor ihren Augen thu' ich's, sie soll sehen, was sie thut . . . Er bedeckte sich mit beiden Händen das Gesicht, dann ballten sich seine Fäuste, er stürzte nach der Kammer, er wollte sich vor den Augen Anneles ermorden. Er zog den Vorhang am Bette zurück. »Kuckuck! Kuckuck!« rief da das kleine Mädchen, das bei der Mutter auf dem Bette saß, und Lenz sank an dem Bette nieder wie leblos. Da – es rollt – – die Erde thut sich auf und verschlingt alles – – es rollt wie Donner unter der Erde – über der Erde – – Es stürzt mit Macht über das Haus – – – Nacht, tiefdunkle Nacht ist's plötzlich. »Um Gottes willen, was ist?« schreit Annele. Lenz richtet sich auf: »Ich weiß nicht, ich weiß nicht, was ist geschehen?« Annele weint und schreit, das Kind weint und schreit, und Lenz schreit: »Herr Gott, was ist?« Sie sind alle wie betäubt. Lenz will ein Fenster öffnen, es geht nicht; er tappt nach der Stube, auch dort alles dunkel. Er stürzt über einen Stuhl und in die Kammer. »Annele, wir sind begraben, wir sind im Schnee begraben!« ruft er. Die beiden konnten kein Wort mehr sprechen, nur das Kind schrie heftig, und die Hühner im Holzstall jammerten, wie wenn ein Marder unter sie gekommen wäre, dann war alles still, totenstill. Dreiunddreißigstes Kapitel. Ein Freund in der Not. Um dieselbe Stunde hatte Pilgrim zur Kirche gehen wollen, aber auf dem Wege kehrte er wieder um und ging mehrmals an dem Hause des Petrowitsch vorüber. Endlich blieb er vor dem Hause stehen und zog an der Klingel. Petrowitsch hatte ihn schon lange an seinem Fenster beobachtet, und als er jetzt klingelte, sagte Petrowitsch oben vor sich hin: »So, du willst zu mir? Du sollst dran denken, wie ich dich heimschicke.« Petrowitsch war sehr übel gelaunt, so verdrießlich, als litte er an den Folgen eines nächtigen Rausches, und es war fast so. Er hatte sich verleiten lassen, in alten Erinnerungen zu schwelgen und einen andern davon trunken zu machen. Es ärgerte ihn, daß er dem Kitzel nicht widerstanden hatte, vor einem Menschen gut zu erscheinen. Er schämte sich, daß er dem Doktor nochmals am Tageslicht unter die Augen treten solle. Sein Stolz, daß er sich gar nicht darum kümmere, was die Welt von ihm denke, war dahin. Nun kam Pilgrim, der soll die volle Ladung des Aergers empfangen, der wird heute nicht mehr Guitarre spielen und pfeifen und singen. Pilgrim trat ein und sagte: »Guten Morgen, Herr Lenz!« »Ebensoviel, Herr Pilgrim!« »Herr Lenz, ich komme zu Ihnen, statt in die Kirche zu gehen.« »Hätte nicht geglaubt, daß ich für so heilig gelte.« »Herr Lenz, ich komme zu Ihnen, nicht weil ich glaube, daß es was nützt, ich will nur meine Schuldigkeit gethan haben.« »Schön, wenn jeder seine Schuldigkeit thut!« »Ihr wißt, Euer Lenz . . .« »Ich habe weiter keinen Lenz, als den da,« sagte Petrowitsch, sein wohlrasiertes Angesicht im Spiegel betrachtend. »Ihr wisset, Euer Brudersohn steckt im Elend.« »Nein, das Elend steckt n ihm; das kommt davon, wenn man sich etwas auf sein gutes Herz einbildet und Kameraden hat, die einen damit hätscheln, und was da nicht mit einstimmt, das sind lauter Launen von griesgrämigen, vertrockneten Alten.« »Ihr mögt recht haben, mit Gescheitreden ist aber nichts geholfen. Das Elend von Eurem Lenz ist größer, als Ihr glaubt.« »Ich hab's noch nie ausgemessen.« »Mit einem Wort, ich fürchte, er bringt sich ums Leben.« »Das hat er ja schon lang gethan. Wer so dumm heiratet, bringt sich ums Leben.« »Ich weiß nichts mehr zu reden. Ich bin auf alles gefaßt gewesen, aber auf das nicht, Ihr seid noch viel mehr . . . und anders als ich geglaubt habe.« »Danke fürs Kompliment. Nur schade, daß ich mir das nicht als Orden anhängen kann, wie die Liederkränzler.« Der lustige, allezeit wohlgemute Pilgrim stand vor dem Alten verdutzt, wie ein Fechter, dem bei jedem Ausfall die Klinge aus der Hand gewunden wird. Petrowitsch weidete sich an diesem Schauspiele und steckte ein großes Stück Zucker in den Mund. Dann sagte er schmatzend: »Der Sohn meines verstorbenen Bruders hat nach seinem eigenen Willen gehandelt, es wäre nicht recht von mir, ihn um den Ertrag seines Willens zu bringen. Er hat sein Leben verschleudert und sein Geld, ich kann's ihm nicht wieder holen.« »O Gott, Herr Lenz, das können Sie! Sein Leben und das seiner ganzen Familie ist noch zu retten. Die Hässigkeit im Hause wird aufhören, wenn es da wieder aus dem Vollen geht, alles geordnet und ohne Sorge. Ueber der leeren Krippe zanken sich die Gäule, sagt man. Das Geld ist nicht der Friede, aber es kann Frieden bringen.« »Schau einmal an, wie gescheit die junge Welt mit fremdem Geld ist! Aber selbst erwerben will sie's nicht. Kurz und gut, ich thue nichts für den Mann des Löwen-Annele der sich ihre guten Worte um Geld kaufen muß.« »Und wenn Euer Neffe stirbt?« »So wird er wahrscheinlich begraben.« »Und was wird aus den Kindern?« »Es weiß niemand, was aus Kindern wird.« »Hat Euch Euer Neffe je etwas zuleide gethan?« »Wüßte nicht, warum er das sollte.« »Was könnt Ihr denn Besseres thun mit Eurem Gelde, als jetzt . . .« »Wenn ich einmal einen Vormund brauche, werde ich mir den Herrn Pilgrim ausbitten.« »Herr Lenz, ich sehe, ich bin für Euch nicht gescheit genug.« »Ist mir eine große Ehre,« sagte Petrowitsch, einen Fuß über den andern legend und mit dem Klapppantoffel in der Luft spielend. »Ich habe das Meinige gethan,« sagte Pilgrim wieder. »Und billig, mit ein paar guten Worten; was kostet der Scheffel? Möchte mir auch kaufen.« »Ich hab Euch zum ersten- und letztenmal um etwas gebeten.« »Und ich Euch zum ersten- und letztenmal etwas abgeschlagen.« »Guten Morgen, Herr Lenz!« »Ebensoviel, Herr Pilgrim!« An der Thür kehrte Pilgrim noch einmal um, sein Angesicht war rot, in seinen Augen flimmerte es, und er sagte: »Herr Lenz, wißt Ihr, was Ihr thut?« »Bis jetzt hab' ich noch immer gewußt, was ich thue.« »Eigentlich werft Ihr mich zur Thür hinaus.« »So?« schmunzelte Petrowitsch. Er senkte aber doch den Blick, da er die Mienen Pilgrims sah, es zuckte etwas darin, war's Rauflust oder Weinen? Und Pilgrim fuhr fort: »Herr Lenz, ich lasse mir alles von Euch gefallen. Soweit es Menschen gibt, die Hecken und Bäume gesehen haben, woran Stöcke wachsen, gibt es keinen, keinen, der auftreten kann und sagen, man darf den Pilgrim ungestraft beleidigen. Ihr dürft's, und wißt Ihr warum? Weil ich mich für meinen Freund beleidigen lasse. Ich kann leider Gottes nichts andres für ihn thun. Ich sage Euch kein böses Wort, kein einziges. Ihr sollt nicht sagen können: der Pilgrim hat mich grob behandelt, drum thue ich nichts für seinen Herzbruder, den Lenz. Ich nehme um meines Freundes willen gern den Schimpf auf mich. Ihr könnt es überall erzählen, daß Ihr mir die Thür gewiesen.« »Wird mir nicht viel Ehre einbringen.« Pilgrim atmete tief auf, seine Lippen wurden blaß, und er verließ stumm die Stube. Petrowitsch schaute dem Davongehenden nach mit einer Siegesmiene, wie sie der Fuchs machen muß, wenn er vollauf gesättigt einem Häschen zum Spaß ein bißchen Blut aussaugt und es dann wieder laufen läßt, so gut es kann. Mit großem Behagen ging er in seiner Stube auf und ab und machte die Troddel an seinem Schlafrocke etwas weiter. Das Behagen schien ihn wahrhaft aufzublähen, er strich sich mit beiden Händen am Leibe herunter, und das sagte: so, jetzt bist du wieder der Petrowitsch; gestern abend warst du ein einfältiger Narr und hattest kein Recht dazu, auf der Waschlappenwelt hier herumzuschimpfen. Unterdes ging Pilgrim still heimwärts, aber auch vor seinem Hause ging er vorüber und weit hinaus ins Feld, bis er endlich wieder umkehrte. Er fand zu Hause eine große Freude, den Sohn seines Freundes. So ist's, wenn Freunde einander in der Seele haben. Der gute Lenz hat in demselben Augenblick an dich gedacht, wie du an ihn. Vielleicht hat er sogar gewußt, geahnt, wie du zum Petrowitsch gingst. Er hat dir das Kind wie zur Beihilfe geschickt, aber es hätte nichts genügt; zu dem reden Menschen und Engel vergebens. Pilgrim war unerschöpflich in Spielen, die er für das Kind erfand, und in Zeichnungen, die er ihm vormachte. Und dann konnte er aus einem weißen Sacktuch und seinem schwarzen Halstuch mit seinen Fingern Hase und Hund machen, und wie die einander nachspringen. Der kleine Wilhelm war voll Juchzen, und Pilgrim mußte ihm immer dieselbe Geschichte dreimal wiederholen. Gut erzählen konnte Pilgrim, besonders von einem kastanienbraunen Türken Kulikali, mit der großen Nase, der den Rauch schlucken kann. Pilgrim verkleidete sich selber als Türke Kulikali, setzte sich mit gekreuzten Beinen auf eine Decke am Boden und machte allerlei Schnickschnack. Pilgrim war gewiß heute ebensoviel Kind, wie sein junger Pate, und sie aßen miteinander unten bei Don Bastian. Nachmittags mußte Pilgrim, trotzdem es halb regnete, halb schneite, doch eine Stunde mit Wilhelm hinab an den Bach. Das war doch gar zu schön! Da schwammen die großem Eisschollen, und auf den Schollen saßen die Raben; sie wollten auch einmal zu Schiffe fahren, aber sobald eine Eisscholle zerschellte, flogen sie sehr geschickt auf und setzten sich auf eine andre. Es machte fast schwindelig, von der Anhöhe herab dem zuzusehen. Es war, als ob der Boden sich bewegte und das Eis stehen bliebe. Der Knabe hielt sich ängstlich an Pilgrim. Er kehrte mit ihm heim und ließ seinem Patchen ein Bett herrichten auf seinem zersessenen Sofa, und die beiden waren einig, daß der junge Lenz gar nicht mehr heimgehe. Und tief durch die Seele ging's Pilgrim, als das Kind sagte: »Der Vater schreit immer so und die Mutter auch, und die Mutter hat gesagt, der Vater ist ein böser Mann.« O, armer Lenz, du mußt bald dazu thun, daß dein Kind anders wird! dachte Pilgrim. Es regnete und schneite, daß man nicht vors Haus konnte, zumal da immer jetzt große Lawinen von den Dächern und den Wiesengeländen rollten. Es ward unversehens Abend, aber Lenz kam nicht; und Pilgrim horchte hoch auf, als ihm die Magd erzählte, Petrowitsch sei ihr auf dem Wege nach der Morgenhalde nicht weit vom Hause begegnet. Er habe sie gefragt: »Wem gehört das Kind?« Und als sie gesagt: »Das ist ja des Lenzen Wilhelm,« da habe er den Knaben gestreichelt und ihm ein Stückchen Zucker gegeben; aber kein ganzes, denn er habe die Hälfte abgebrochen und sich selber in den Mund gesteckt. Ist's denn möglich? Kann denn der Petrowitsch wirklich erweicht werden? Wer kennt die Gedanken der Menschen? Nachdem Petrowitsch das Behagen des Triumphes über den Doktor und über den Pilgrim sattsam genossen hatte, fühlte er sich sehr ruhig. Er sah die Menschen truppweise zur Kirche gehen und zuletzt eine einzelne Frau, einen einzelnen Mann eilig und allein dahinrennen, um noch zur rechten Zeit zu kommen. Petrowitsch ging sonst auch fast regelmäßig zur Kirche, ja, man sagte sogar, er werde in seinem Testamente eine große Summe zum Neubau aussetzen; heute blieb er daheim, er hatte genug mit sich selber zu thun, und unwillkürlich dachte er: Der Bursch hat doch gute Freunde in der Not. Pah! Wer weiß, ob sie's wären, wenn sie Geld hätten . . . Das von dem Pilgrim kann aber doch echt gewesen sein, es scheint fast; das Weinen hat ihm nahe gestanden, er hat an sich gehalten und hat sich alles gefallen lassen, um es für seinen Freund nicht zu verderben . . . Wer weiß, ob das nicht doch falsches Spiel ist? Nein, es gibt doch noch wirklich Freunde . . . Von fern her dröhnte die Orgel, erschallte der Gesang der Gemeinde, und jetzt war's still, jetzt predigt der Pfarrer, man hört eine einzelne Menschenstimme nicht so weit. Petrowitsch saß auf seinem Stuhl und hielt die Hände ineinander, und es war fast, als predige ihm jemand, und plötzlich erhob er sich und sagte fast laut: »Es ist gut, den Menschen den Meister zu zeigen; aber es schmeckt doch auch gut, verehrt zu werden. – Nein, das ist nicht viel wert – aber den Menschen einmal die Augen ausreißen, daß sie sagen: beim Blitz, das hätten wir nicht geglaubt! ja, ja, das schmeckt doch.« Seit vielen Jahren hatte sich Petrowitsch nicht so schnell angekleidet wie heute. Sonst war das Ankleiden, wie überhaupt alles, was er zu thun hatte, eine gemächliche Arbeit, bei der man ein schönes Stündchen verbringt; heute war er schnell fertig. Petrowitsch hatte seinen Pelz angezogen, er hatte den feinsten Pelz weit und breit; er war nicht umsonst so lange in Rußland gewesen. Die alte Haushälterin hatte ihn doch noch vor wenig Minuten im Schlafrock gesehen, sie sah ihn staunend an, sie durfte aber nichts reden, wenn er sie nicht zuerst ansprach. Mit seinem goldknaufigen Stocke, an dem aber eine sehr spitzige Zwinge war, ging Petrowitsch durch das Dorf und richtig den Berg hinauf. Kein Mensch war auf dem Wege, keiner sah aus dem Fenster, es wunderte sich niemand, ihn zu solch ungewöhnlicher Zeit und bei so schlechtem Wetter außer dem Hause zu sehen. Nur Büble bellte laut für die ganze Menschheit: Mein Herr geht einen Weg, einen Weg, es glaubt's kein Mensch! Ich hätt's selber nicht geglaubt. – So bellte er bald einem Raben zu, der beschaulich auf einer Hecke saß und mit tiefem Sinnen betrachtete, wie der Schnee schmolz; bald bellte Büble es ganz für sich hin, und je tiefer der Schnee war, um so höher, wie emporgeschnellt, hüpfte Büble auf seinen überflüssigen Abschweifungen bergauf und bergab. Und dann schaute er seinen Herrn wieder an, wie wenn er sagen wollte: Uns zwei versteht keine Menschenseele, nur du und ich, wir kennen uns. »Ich gebe meine Ruhe mit hin, wenn ich's thue,« sagte Petrowitsch vor sich hin, »aber wenn ich's nicht thue, habe ich auch keine Ruhe, und es ist doch besser, ich habe Dank davon. Und ein einfältiger, guter, ehrlicher Mensch ist er doch, gerade wie sein Vater gewesen ist; ja, ja.« Petrowitsch kam bis vor das Haus des Lenz. Die Hausthür war verschlossen, Büble stand schon auf der Schwelle, und in diesem Augenblick – Petrowitsch hatte fast schon die Thürklinke in der Hand – sank er zu Boden. Er lag unterm Schnee. Das hat man davon, wenn man sich um einen andern Menschen annimmt, war sein erster Gedanke beim Niederstürzen. Bald aber hatte er keine Gedanken mehr. Vierunddreißigstes Kapitel. Verschüttet und heimgesucht. »Zünd ein Licht an, Lenz, zünd ein Licht an. Wenn eine Gefahr ist, muß ich sie sehen. Du bleibst im Finstern und klagst und weinst. Was weinst du jetzt auf meine Hand? Was soll das? Laß mich los, ich will aufstehen und Licht machen.« »Annele, so bleib doch ruhig,« konnte Lenz kaum hervorbringen. Seine Zähne klapperten. »Annele, ich habe mich vor deinen Augen umbringen wollen.« »Bring lieber mich um. Mir wäre der Tod recht.« »Annele, hast du mich denn nicht verstanden? Wir sind begraben mit unserm Kind. Wir sind verschüttet.« »Jawohl, wenn du das Unglück zu machen gehabt hättest, wär's nicht geschehen; es hat von selber kommen müssen.« Noch immer, jetzt noch dieser gellende, schneidende Ton, diese ätzenden, stachelnden Worte! Lenz konnte kaum Atem holen. »Ich stehe auf, ich stehe auf,« fuhr Annele fort, »ich bin nicht so wie du und lasse die Arme hängen: komm, Glück, komm, Unglück, mach mit mir, was du willst! Ich muß sehen, was da zu machen ist. Du möchtest am liebsten warten, bis man dich ausgräbt oder der Schnee von selbst weggeht. Bei mir ist's anders. Wehr dich, hat unser alter Hund geheißen.« »Bleib ruhig. Ich will Licht anzünden,« erwiderte Lenz und ging nach der Stube; aber noch hatte er das Licht nicht angezündet, als Annele bei ihm stand. Sie hatte das Kind auf dem Arm. Er ging nach dem Speicher, kam aber schnell wieder zurück und berichtete mit Entsetzen, daß das Dach eingedrückt sei. »Das ist nicht vom Schnee allein,« sagte er, »da sind Baumstämme mit heruntergerollt. Drum hat's so gepoltert.« »Was geht mich das an? Helfen, ein Rettungsweg ist die Hauptsache.« Annele rannte hin und her, drückte an allen Fenstern, an allen Thüren. Es darf nicht sein, solch ein Unglück darf nicht geschehen! Erst als sie merkte, daß nichts nachgab, alles wie fest eingemauert, schrie sie laut jammernd auf und setzte das Kind auf den Tisch. Lenz nahm das Kind auf den Arm und redete Annele zu, geduldig zu sein; sie gab keinen Laut von sich. »Die kalte Hand des Todes liegt auf unserm Hause,« sagte er, »da hilft kein Ankämpfen mehr. Hast du den Wilhelm auch noch daheim? Ist er wo versteckt?« »Nein, er ist fort, das Kind aber hab' ich bei mir behalten.« »Gottlob! da sind wir doch nicht alle verloren, ist doch eines von uns gerettet. O, du armes Kind! Ich will dir ehrlich sagen, ich habe den Knaben fortgeschickt, er sollte nicht dabei sein, wie ich mich umbringe. Jetzt ist's anders. Jetzt hat uns Gott miteinander abgefordert. O, du armes Kind, daß du um der Sünde deiner Eltern willen sterben mußt!« »Ich habe nicht gesündigt, ich habe mir nichts vorzuwerfen.« »Gut, bleib auch jetzt noch dabei. Davon weißt du nichts, daß du mich ermordet, mir das Herz im Leib vergiftet, mich verunehrt hast vor mir selber, mich hast unter den Fuß treten wollen und mir alle Kraft genommen?« »Ein Mann, der sich die Kraft nehmen läßt, verdient's nicht besser.« »Annele, um Gottes willen, in einer Stunde stehen wir vielleicht vor einem andern Richter. Geh in dich!« »Ich brauche dein Predigen nicht, predige dir selber.« Sie ging in die Küche und wollte Feuer anzünden, aber sie that einen jammervollen Schrei. Als Lenz hinauskam, sah er ihren Blick starr auf den Herd gerichtet, da saßen die Ratten und Mäuse auf dem Herde und starrten sie an, und ein Rabe flog in der Küche umher und schlug bald einen Teller, bald einen Topf zu Boden.« »Schlag sie tot,« schrie Annele und floh in die Stube. Lenz wurde der Ratten und Mäuse bald Meister, des Raben konnte er nicht habhaft werden, wenn er nicht alles Geschirr in der Küche zertrümmern wollte, beim Lampenlicht war er wie toll, und ohne Licht fand man ihn nicht. Lenz ging in die Stube und sagte: »Ich habe hier meine geladene Pistole, ich könnte den Raben erschießen, aber ich darf's nicht wagen; die Erschütterung durch den Schuß kann das Zusammenstürzen des Hauses beschleunigen. So, ich will wenigstens diese Stube sicher machen.« Er rückte in die Mitte der Stube unter den Durchzugsbalken einen schweren Schrank, stemmte einen kleinen darauf, stopfte sie voll mit Linnenzeug und rammte sie so fest gegen die Decke, daß sie sattsam Tragkraft haben mußten. »Jetzt wollen wir, was wir von Speisen haben, hierhereinbringen.« Auch das vollführte er schnell und sicher. Annele sah ihn staunend an, sie konnte sich nicht vom Platze bewegen, sie war wie gelähmt. Lenz holte sein Gebetbuch und das Anneles, er schlug in beiden das Gleiche auf: Vorbereitung zum Tode. Er legte das eine vor Annele, in dem andern las er; aber bald schaute er auf und sagte: »Du hast recht, daß du nicht hineinsiehst, da steht nichts für uns.« Noch nie waren zwei Menschen auf der Welt, sie sollten, abgeschieden, still einander das Leben verdoppeln, aber sie hielten's nicht aus, dahin, dorthin zieht es, und jetzt sind sie beide gefangen im Vorhof des Todes, konnten nicht miteinander leben, müssen miteinander sterben. »Still!« unterbrach er sie plötzlich. »Hörst du nicht schreien? Mir war's, wie wenn ich was hörte, tiefes Brummen.« »Ich höre nichts.« »Wir können kein Feuer machen,« fuhr Lenz fort, »der Rauchfang ist verschüttet, wir ersticken. Gottlob! da ist die Spirituslampe, die meine Mutter selig noch angeschafft hat. Ja, Mutter,« sagte er, zu dem Bilde aufschauend, »du hilfst noch im Tode. So, jetzt zünd an, Annele, spar aber den Spiritus. Wer weiß, wie lange wir da ausharren müssen!« Annele sah dem ganzen Gebaren des Lenz wie erstarrt zu, das Wort drängte sich ihr oft auf die Lippe: »Bist du denn der Lenz, der sich nicht zu helfen weiß?« Aber sie brachte das Wort nicht hervor, sie war wie ein Scheintoter, der reden will und nicht kann; das Wort kam nicht heraus. »Wenn aber die Mäuse auch hier hereinkommen,« sagte Annele, als sie den ersten Schluck warmer Milch getrunken. »Dann schlagen wir sie auch hier tot, und ich stecke sie in den Schnee hinaus, damit der Faulgeruch uns nicht schadet. Ich will gleich die draußen versorgen.« Annele sah Lenz wieder erstaunt nach. Ist denn das ein andrer Mensch? Ist das der alte, weiche, schlaffe Mensch, der jetzt im Angesicht des Todes so keck zugreift? Ein gutes, ein anerkennendes Wort kam bis auf die Lippe, aber es kam nicht hervor. »Schau', der verdammte Rabe hat mich gebissen,« sagte Lenz, mit blutiger Hand eintretend, »und ich kann ihn nicht fassen. Der Kerl ist toll, weil ihn die Schneelawine auch mit fortgerollt hat. Durch den Schornstein ist eine ganze Schneesäule herunter. Schau', jetzt ist's schon zehn Uhr. Jetzt gehen sie drunten im Dorf aus der Kirche. Mit dem letzten Läuten sind wir verschüttet worden. Das war unser Grabgeläute.« »Ich will aber noch nicht sterben, ich bin noch so jung! Und mein Kind! Das habe ich nie gewußt, das habe ich nie geahnt, daß man sich so in den Tod stellt, wenn man sich zu euch Uhrmachern auf der Einöde niederläßt.« »Das hat auch nur dein Vater gethan,« erwiderte Lenz; »meine Eltern sind auch dreimal verschneit gewesen, draußen lag der Schnee, daß man zwei, drei Tage nicht aus dem Hause konnte, aber verschüttet waren wir nie. Da hat dein Vater den Wald verthan, das ist sein Werk, er hat mir den Wald überm Kopf niederhauen lassen.« »Du bist selbst schuld. Er hat dir den Wald geben wollen.« »Das ist wahr.« »O lieber Gott, wenn ich nur mit meinem Kind da heraus wäre!« klagte Annele wieder. »Und an mich denkst du gar nicht?« Annele that, als ob sie das nicht hörte, und rief nur wieder: »O lieber Gott, warum muß ich so sterben! Was hab' ich denn gethan?« »Was du gethan hast? Ueber eine Weile wird dir's Gott selber sagen, mein Reden hilft nichts mehr.« Lenz schwieg, auch Annele schwieg, und doch war ihr, als müßte sie reden, ganz anders, sie konnte nicht. »O lieber Gott,« begann Lenz, »da sind wir zwei jetzt in den Tod gestellt, und wie sind wir zu einander! O Elend und Jammer! Und wenn wir gerettet werden, da geht das Martern und Peinigen von neuem an. Meine Eltern waren auch dreimal verschneit; meine Mutter hat jeden Winter Vorkehrungen dagegen getroffen und immer großen Vorrat von Salz und Oel gehabt. Von den ersten beiden Malen weiß ich nichts, aber das letzte Mal, das ist mir noch ganz im Gedächtnis. Nie in meinem Leben habe ich gesehen, daß Vater und Mutter einander küßten, und doch haben sie einander im Herzen getragen – getreu und gut; und wie nun der Vater sagt: ›Marie, jetzt sind wir einmal wieder allein auf der Welt, außer der Welt,‹ da habe ich zum erstenmal gesehen, wie die Mutter den Vater küßt, und die drei Tage lang war's, wie wenn man immer in der Ewigkeit wäre, im Paradies. Am Morgen, am Mittag und Abend haben Vater und Mutter miteinander aus dem Gesangbuch gesungen, und jedes Wort, was sie miteinander redeten, war so heilig und so still, ich kann's gar nicht sagen. Meine Mutter sagte einmal: ›Wenn wir nur einsmals so miteinander sterben könnten, so aus der Ruhe heraus in die ewige Ruhe, und ich möchte mit dir in derselben Minute sterben, daß keines dem andern nachjammern muß.‹ Da war's auch, wie der Vater vom Ohm gesprochen hat, und er sagte: ›Wenn ich jetzt sterben müßte, ich habe keinen Feind draußen in der Welt, ich bin niemand was schuldig, nur mein Bruder Peter ist mir feind, und das thut mir weh.‹« Plötzlich hielt Lenz wieder inne im Erzählen. Es kratzt etwas an der Hausthür, es wimmert, es bellt. »Was ist das? Ich muß sehen, was das ist,« sagte Lenz. »Nein, laß, um Gottes willen, laß!« schrie Annele und legte ihre Hand auf seine Schulter, es durchzuckte ihn wie ein Blitz. »Laß, Lenz. Es ist ein Fuchs, der bellt, nein, es ist ein Wolf, so bellen die Wölfe. Ich hab' einmal einen gehört.« Von den Stimmen im Hause geweckt, schien das draußen lebendiger, es kratzte und bellte mächtiger. »Nein, das ist kein Wolf, das ist ein Hund. Still, das ist der Büble. Heiliger Gott, der ist's! Wo der Büble ist, ist auch der Ohm. Der ist auch verschüttet.« »Laß ihn liegen, wenn er's ist, der Schelm verdient's nicht besser.« »Weib, bist du toll? Jetzt noch kannst du dein Gift nicht lassen?« »Ich habe mich voll getrunken, bis da herauf an Gift. Ich habe die langen Tage sonst nichts gehabt. Es war meine einzige Speise.« Lenz ging nach der Küche und kam mit dem Beile wieder. »Was willst du?« sagte Annele und hielt das Kind vor sich. »Geh weg! Geh weg!« schrie Lenz, und mit aller Macht hieb er die Thür, die nach außen aufging, in Stücke. Es war in der That Büble, der heulend hereinsprang; schnell aber eilte er wieder zurück und begann im Schnee zu wühlen und immer wieder zu bellen. Lenz machte sich dran, den Schnee wegzuschaufeln. Es dauerte nicht lange, es kam ein Pelzstück zum Vorschein, Lenz arbeitete behutsam weiter, legte Hacke und Schaufel weg und grub mit den Händen. Er mußte den Schnee in das Haus hereinnehmen, um Raum zu gewinnen. Er fand den Ohm. Er war leblos und so schwer, daß er ihn fast nicht erschleppen konnte. Lenz trug ihn in die Kammer, riß ihm die Kleider vom Leib und brachte ihn ins Bett. Dort rieb er ihn mit aller Macht, bis er aufatmete. »Wo bin ich?« stöhnte er, »wo bin ich?« »Bei mir, Ohm!« »Wer hat mich hierher gebracht? Wer hat mir meine Kleider ausgezogen? Wo sind die Kleider? Wo ist mein Pelz? Wo ist meine Weste? Da sind meine Schlüssel drin? Ha! Habt ihr mich endlich?« »Ohm, haltet euch ruhig, ich will alles suchen. Da, da ist Euer Pelz; da, da ist Eure Weste.« »Gib sie her; sind die Schlüssel drin? Da, da sind sie. Ha! Büble, bist du auch da?« »Ja, Ohm, der hat Euch gerettet.« »Ja, jetzt besinn' ich mich. Wir sind verschüttet. Wie lange ist das schon? War's nicht gestern?« »Es ist kaum eine Stunde,« sagte Lenz. »Hörst du nicht Hilfe kommen?« »Ich höre gar nichts; haltet Euch jetzt ein bißchen ruhig, ich gehe in die andere Stube und will Euch was holen.« »Laß mir das Licht da, bring' mir etwas Warmes.« Als er allein war, sagte Petrowitsch vor sich hin: »Geschieht mir recht, geschieht mir ganz recht. Warum bin ich von meinem Weg abgegangen?« Lenz brachte indes dem Ohm etwas Branntwein. Der schien ihn zu erfrischen, und den Hund hätschelnd, der sich an ihn schmiegte, sagte Petrowitsch: »Laß mich jetzt schlafen. Was ist das? Schreit nicht ein Rabe?« »Ja, es ist einer vom Schnee durch den Schornstein in die Küche gewirbelt.« »So? Laß mich schlafen.« Fünfunddreißigstes Kapitel. Ins Herz getroffen. Lenz saß draußen bei Annele in der Stube, beide redeten kein Wort; nur das Kind lachte und wollte bald nach dem Licht, bald nach den Augen des Vaters greifen, die starr auf das Kind gerichtet waren. »Gottlob! es ist doch unser Sohn gerettet, wenn wir da sterben müssen,« sagte Lenz. Annele schwieg; die Uhren gingen im Takte fort, und jetzt begann die Spieluhr einen Choral zu spielen. Zum erstenmal begegneten sich wieder die Blicke der beiden. Annele faßte das Kind anders und faltete die Hände über dessen jauchzender Brust. »Wenn du beten kannst,« sagte Lenz, nachdem der Choral vorüber war, »so mein ich, solltest du auch in dich gehen und bereuen können.« »Ich habe gegen dich nichts zu bereuen, und was ich zu bereuen habe, das sage ich nur Gott. Ich habe mit dir nichts gewollt, als was gut und rechtschaffen ist.« »Und ich?« »Du auch, soweit du eben kannst; ich bin gerechter gegen dich, als du gegen mich; du willst mich nicht dazu kommen lassen, daß ich was erwerbe.« »Und deine entsetzlichen Worte?« »Pah. Worte machen einem kein Loch in den Kopf.« Lenz bat und beschwor sie, doch jetzt wenigstens vor dem Ohm gut und friedlich zu sein. Wie aus dem Traum entgegnete Annele: »Der Ohm und der Rabe da draußen, die sagen mir, daß wir jetzt sterben müssen.« »Du bist doch sonst nicht abergläubisch; das wäre schrecklich, für dich am meisten. Du hast ja die Schrift und das Vermächtnis in den Sturm hinausgeschleudert und ihn gerufen, daß er kommen soll.« Annele gab keine Antwort, und Lenz erhob sich nach einer Weile und sagte, er wolle sich durch die Höhlung, darin der Ohm gelegen, weiter durchgraben; wenn er nur bis zum Berg käme, dann könne er hinauf und Hilfe bringen. Annele hatte schon die Hand ausgestreckt, um ihn zurückzuhalten. Wenn der Schnee sich senkt und Lenz verschüttet wird, sie und Petrowitsch haben nicht Kraft, ihn wieder herauszuscharren. Sie hatte schon die Hand ausgestreckt, um ihn zurückzuhalten, aber sie fuhr sich mit der Hand über das Gesicht und ließ ihn gehen. Er kam nach kurzer Weile wieder und sagte, der Schnee sei so locker, daß jede Höhlung gleich wieder einsinke, und es sei zu fürchten, daß es draußen unaufhörlich fortschneie. Er schaufelte nun den Schnee, den er beim Ausscharren des Ohms ins Haus gebracht, wieder hinaus und schob einen Schrank vor den Hauseingang, wo durch die zertrümmerte Thür immer mehr Schnee eindrang. Er mußte sich umkleiden und sein Sonntagsgewand anziehen, es war sein Hochzeitskleid, das er anzog. Heute vor fünf Jahren, sagte er wie für sich, sind viel Schlitten vor dem Löwen gestanden; wenn nur die Gäste von damals alle da wären, um uns auszugraben! Petrowitsch war nach kurzem Schlafe in der Kammer erwacht, aber er hielt sich ruhig. Er besann sich mit Gelassenheit auf alles, was geschehen war. Eilen hilft hier nichts und Klagen auch nichts. Er hatte gestern sein ganzes vergangenes Leben noch einmal auferweckt, er hatte in kurzem Zeitraum alles noch einmal gelebt, und jetzt ist's am Ende. Das sagte er sich mit Ruhe. Wie er sich aber zu denen da draußen in der Stube verhalten solle, darüber konnte er lange nicht einig werden. Endlich rief er Lenz und verlangte seine Kleider, er wolle aufstehen. Lenz sagte, es sei kalt in der Stube und man könne nicht heizen, auch seien die Kleider naß. Petrowitsch aber verlangte dennoch aufzustehen und fragte: »Hast du nicht einen guten Schlafrock?« »Wohl, ich habe einen, ich habe noch den von meinem seligen Vater. Wollt Ihr ihn anziehen? »Wenn du keinen andern hast, gib her,« sagte Petrowitsch zornig, innerlich aber war's ihm wehmütig, ja fast bang, den Rock seines Bruders anzuziehen. »Ihr sehet meinem Vater jetzt ganz gleich!« rief Lenz, »ganz ähnlich, nur ein wenig kleiner.« »Ich habe eine harte Jugend gehabt, sonst wäre ich auch größer,« sagte Petrowitsch und schaute, als er in die Stube kam, in den Spiegel. Der Rabe schrie in der Küche, Petrowitsch erschrak und befahl Lenz gebieterisch, den Raben totzuschlagen. Lenz erklärte, daß er das nicht könne, und jetzt war Friede zu stiften zwischen Büble und der Hauskatze. Büble jammerte noch lange, er schien hart getroffen; die Katze wurde in die Küche gesperrt, das war doppelt gut, denn der Rabe war fortan still. Petrowitsch verlangte noch mehr von dem Kirschbranntwein, und Lenz erzählte, daß gottlob noch drei Flaschen da seien, die seien mindestens zwölf Jahre alt, die seien noch von seiner Mutter. Petrowitsch bereitete mit heißem Wasser und Zucker einen guten Grog. Er wurde gesprächsam und rief: »Es wäre doch gar zu toll! Habe meinen Körper durch die ganze Welt geschleppt, und jetzt soll ich daheim im elterlichen Haus zerquetscht werden. Geschieht mir recht; warum habe ich das dumme Heimweh nicht bezwingen können! Ja, Heimweh!« Er lachte laut auf und fuhr fort: »Mein Leben ist versichert, was hilft mir's jetzt? Und wißt ihr, wer uns da begraben hat? Der Ehrenmann, der dicke Löwenwirt, hat den Wald da über uns verfressen.« »Leider Gottes, er begrabt damit sein Kind und Kindeskind,« setzte Lenz hinzu. »Und ihr seid beide nicht wert, meinen Vater zu nennen!« schrie Annele mit gellender Stimme. »Mein Vater hat Unglück gehabt, aber schlecht ist er nicht, und wenn ihr noch so ein Wort sagt, zünde ich das Haus an.« »Du bist verrückt!« rief Petrowitsch; »sollen wir ihm dafür danken, daß er uns den kleinen Schneeballen da auf den Kopf geworfen hat? Aber sei ruhig, Annele, komm her, setz' dich zu mir und gib mir die Hand. Annele! Ich will dir was sagen, ich hab' dich auch für nicht brav gehalten, aber jetzt bist du brav; das ist recht, das gefällt mir von dir, daß du nichts auf deinen Vater kommen lassest. Es gibt wenige, die bei einem aushalten, wenn man nichts mehr hat. O, wie hab' ich dich so lieb! heißt's, so lange man Geld im Beutel hat. Das ist brav von dir.« Annele schaute nur einmal auf zu Lenz, und er schlug den Blick nieder. Petrowitsch fuhr fort: »Es ist vielleicht gut, daß wir so bei einander sitzen, noch die Stunde; wer weiß, wie bald wir sterben müssen! und jetzt muß alles rein und klar heraus; Lenz, rück' auch ein bißchen näher. Ich glaube, du hast gewollt, deine Frau soll dich im Unglück trösten, und gerade, weil du unzufrieden gewesen bist mit dir und dir selber hast kein Lob gehen können, hast du von andern Lob erwartet, statt daß du ihr hättest Hilfe leisten sollen, dem stolzen Löwen-Annele. Ja, du bist stolz, schüttle den Kopf nicht. Stolz ist eine gute Sache, wenn nur der Lenz ein bißchen mehr hätte; ja, wart' nur, es kommt schon auch noch an dich.« »Ja!« rief Annele, »er hat mich belogen, er hat mir eingeredet, er habe die Bürgschaft für den Faller gekündigt, und es ist doch nicht wahr.« »Ich habe dir nichts gesagt, ich bin deinem beständigen Drängen nur ausgewichen.« »Wie gesagt, die Reihe kommt auch an dich. Jetzt sag' mir nur eins, Annele,« fuhr Petrowitsch fort, »aber auf Ehre und Gewissen: hast du gewußt, wie du den Lenz geheiratet hast, daß dein Vater nichts mehr hat?« »Soll ich's ganz ehrlich sagen?« »Ja.« »Nun denn, ich schwöre es vor Gott, daß es so gewesen ist: Ich hab' gewußt, daß mein Vater kein reicher Mann mehr ist, aber für vermögend habe ich ihn immer noch gehalten. Ich hab' den Lenz gern gehabt, wie wir noch reich gewesen sind; damals hat meine Mutter nichts davon wissen wollen. Meine Mutter hat mit uns immer hoch hinaus gewollt, und daneben hat sie mich auch nicht zu einer Schwiegermutter ins Haus geben wollen.« »Du für dich wärst also zu meiner Mutter gegangen, wenn sie noch gelebt hätte, und der Pilgrim hat ja gesagt, das hättest du nie gethan?« »Wenn er das gesagt hat, hat er die Wahrheit gesagt. Ich habe als Mädchen manches unnütze Wort gesprochen, um groß zu thun, und weil die Leute über Keckheiten lachen.« Lenz schaute Annele groß an. Aber Petrowitsch sagte: »Rede jetzt nichts mehr drein, bis ich dich frage. Ihr beide habt einander betrogen und euch selbst betrogen. Ihr habt euch beide eingeredet, es sei lauter Liebe und Zärtlichkeit, warum ihr euch heiratet, und eigentlich hat jedes vom andern geglaubt, es sei reich, und wie sich gezeigt hat, daß das nicht ist, da ist der Grimmzorn und die Einbildung auf einmal mit einander im Herzen aufgestiegen. Sag', Lenz, hast du nicht geglaubt, das Annele sei reich?« »Ja, das habe ich geglaubt. Aber, Ohm, daß mich das Elend verzehrt, daß mir das Herz blutet und das Hirn brennt, das stammt nicht davon her. Ich habe nicht danach gefragt, aber ich hab's geglaubt, daß der Löwenwirt reich sei.« »Und du, Annele?« »Ich nicht. Und wenn ihr beide mich mitten voneinander reißt, es ist nicht wahr.« »Gut, du bist doch nicht ganz heraus, aber das wirst du doch gestehen: ihr seid beide im selben Spital krank. Du, Lenz, bist auf deine Gutheit und auf deine Gescheitheit eingebildet. Ist das auch nicht wahr, Annele?« »Ich habe mir nichts auf meine Gescheitheit eingebildet, aber ich bin doch gescheiter und erfahrener als er und weiß mir eher zu helfen. Und wenn er mir nachgegeben und wir ein Wirtshaus angeschafft hätten, säßen wir jetzt nicht da im Elend, vielleicht im Tod.« »Und wie hast du ihn dazu bringen wollen, daß er dir nachgibt?« »Ich habe ihm gezeigt, daß er der Garnichts ist, der Stiftlessucher. Ich leugne nichts. Ich habe ihn mitten voneinander entzweigebrochen und ihm gesagt, was mir in den Mund gekommen ist, und je weher es ihm gethan hat, desto lieber ist mir's gewesen.« »Annele, glaubst du an die Hölle?« »Ich muß, ich hab' sie ja vor mir, ich bin in der Gewalt von euch beiden, ärger kann's drüben keine Hölle geben. Ihr beide könnt mich jetzt quälen, wie ihr wollt, ich kann mich nicht wehren, ich bin eine schwache Frau!« »Schwache Frau?« schrie Petrowitsch. Seine Stimme war ungewöhnlich stark. »Schwache Frau? Das ist das Rechte. Widerspenstig bleiben, daß man die Wand hinauf möchte vor Verzweiflung, einem Gift ins Herz spritzen, daß man toll wird, und nachher heißt's: Ich bin eine schwache Frau!« »Ich könnte lügen,« fuhr Annele fort, »und euch jetzt alles versprechen, aber ich will nicht; lieber lasse ich mich zerreißen, ehe ich einen Punkt von meinem Recht nachgebe. Alles, was ich gesagt habe, ist wahr; daß ich's giftig gesagt habe, ist auch wahr.« »So? Alles ist wahr?« schrie Lenz leichenblaß. »Denk nur an eines! Du hast gesagt, meine Gutthaten seien nur ein Deckmantel für meine Faulheit, und du hast gesagt, ich hätte meine Mutter schlecht behandelt. Meine Mutter! Wie wird dir's sein, wenn wir jetzt in einer Stunde vielleicht vor sie treten?« Annele schwieg; Petrowitsch schärfte sich lange die Lippen mit den Zähnen, er konnte nicht reden, endlich sagte er: »Annele, wenn er dich erdrosselt hätte auf das Wort, er wäre geköpft worden, aber er würde vor Gott unschuldig befunden. Ja, du Wirtstöchterle mit deinem Wirtsstubenmäulchen, du bist gewitzigt, du hast gewiß auch von schuftigen, hängenswerten Fuhrknechten gehört, daß sie den Pferden, wenn sie nicht schnell genug laufen, brennenden Zunder ins Ohr legen – du hast dem Lenz solche Worte wie brennenden Zunder ins Ohr gelegt und hast ihn rasend gemacht. Da meine Hand, Lenz, du bist ein Blickbettler, du gehst herum und bittest jeden: Sieh mich gut an, gib mir ein gutes Wort; das ist armselig. Aber solche Strafe hast du nicht verdient, du hast's nicht verdient, daß ein Teufel dich verrückt macht. Das Kind her! Du bist nicht wert, ein unschuldiges Kind auf dem Arm zu haben.« Er entriß ihr das Kind; das Kind schrie laut, aber Lenz trat dazwischen und sagte: »Nicht so, Ohm. Nicht so. Annele, hör mich gut an, ich will gut mit dir reden. Annele, wir stehen da vor dem offenen Grab . . .« »Weh!« rief Annele und bedeckte das Gesicht, und Lenz fuhr fort: »Auch du stehst vor deinem offenen Grab . . .« Annele gab keine Antwort mehr, sie sank leblos auf den Boden. Sechsunddreißigstes Kapitel. Versunkene Stimmen werden kund. Bei dem Sturz war die Lampe vom Tisch gefallen und erloschen, die vier waren im Dunkeln. Lenz rieb Annele mit dem Kirschbranntwein, den er glücklich erhascht hatte; sie atmete auf und legte ihm die Hand auf das Gesicht. Er trug sie in die Kammer auf das Bett, dann eilte er, wieder Licht zu machen. Lenz hatte einen großen Vorrat von gereinigtem Terpentinöl, bei dem er in der Nacht arbeitete, im Hause. Der Rabe in der Küche hatte das große Gefäß zerbrochen, und ein unerträglicher Harzgeruch drang in die Stube, wenn man die Thür öffnete. Lenz zündete in der Lampe Kirschbranntwein an, und schauerlich sahen die Verschütteten einander an bei dem blauen, fahlen Licht. Petrowitsch legte das Kind auf das Bett, seine Füße waren eiskalt. Er befahl Büble, daß er sich auf die Füße des Kindes lege. Büble gehorchte. Dann nahm Petrowitsch den Lenz am Arm und führte ihn wieder in die Stube, die Kammerthür blieb offen. Der Rabe und die Katze waren draußen in der Küche wieder im Streit. Man ließ sie gewähren, bis sie von selbst ruhig waren. »Hast du nichts Ordentliches zu essen?« fragte Petrowitsch; »es ist schon fünf Uhr, ich habe bitteren Hunger.« Es war zu essen genug da, ein Schinken, der durch den Kamin herabgefallen war, Brot und vor allem ein großer Sack Dürrobst. Petrowitsch aß mit gutem Appetit und drang auch in Lenz, daß er esse, aber Lenz konnte keinen Bissen hinunterbringen. Er horchte immer nach der Kammer. Das Kind plauderte im Schlafe, es war wie ein unverständliches Gemurmel aus jener Welt, und erschreckend war's, wie es lachte. Annele atmete still. Lenz ging hinein und griff nach dem Kinde und schrie vor Entsetzen laut auf, er hatte den Büble gefaßt, und dieser schnappte nach ihm. Annele war von dem Schrei erwacht, und sie rief ihn und Petrowitsch zu sich, sie saß aufrecht und sagte: »Ich danke Gott, daß ich wieder lebe, und wenn's auch nur eine Stunde ist. Ich bitte alle um Verzeihung, dich vor allem, Lenz.« »Red jetzt nicht viel,« unterbrach dieser. »Willst du nicht jetzt was genießen? Ich habe Kaffee gefunden, aber die Mühle nicht. Ich will ihn zerklopfen, wenn das Kind wach ist. Es ist auch guter Schinken da.« »Ich will nichts. Laß mich reden. Was ist geschehen? Warum hast du so geschrieen, Lenz?« »Es war nichts. Ich habe nach dem Kind gegriffen, und da hat der Büble nach mir geschnappt, und in der Angst und in dem allem war mir's, wie wenn ein Ungeheuer, ich weiß nicht was, mich verschlingen wollte.« »Ja, die Verwirrung,« sagte Annele, »die Verwirrung, die bringt alles. O Lenz, es ist so geworden, wie mir's geträumt hat, du hast das Wort gesagt. In der vergangenen Nacht da war's, ich stehe an einem offenen Grab und sehe hinein, tief, tief, dunkel; es rollen kleine Schollen hinab, und ich will mich halten und kann doch nicht; ich stürze, es zieht mich hinab. Halte mich! So, so, es ist vorbei. So, es ist verschwunden. Leg mir die Hand aufs Gesicht. So. O lieber Gott! daß ihr alle mit mir sterben müßt, daß das über uns alle gekommen ist, damit ich gebessert werde! Ich hab's verdient, aber ihr und mein Kind! Und, o mein Wilhelm, mein armer Wilhelm! du hast mich noch so barmherzig angesehen, wie du fort bist, und hast gesagt: ›Mutter, ich bring' dir was Gutes mit‹ . . . In den Himmel hinein mußt du mir was Gutes bringen. Sei brav und gut und . . .« Sie konnte vor Weinen nicht weiter reden, sie faßte nach der Hand des Lenz und hielt sie an ihre Wange. Dann rief sie: »Vor einer Stunde wäre ich noch gern gestorben, jetzt möchte ich doch wieder leben! Ich möchte es noch in der Welt zeigen, was ich kann! Ich sehe jetzt, wo ich gewesen bin. Ich, ich will jetzt um jeden guten Blick betteln. Lieber Gott, hilf uns heraus, nur eine Stunde, nur einen Tag! Lenz, und die Franzl hol' ich, an ihr habe ich angefangen.« »Jetzt glaub' ich, daß der Teufel ausgetrieben ist,« sagte der Ohm; »daß du an die Franzl denkst, daß du einem Gutes thun willst, dem du das Leben abgekränkt, das ist mir ein Zeichen. Da hast du meine Hand, jetzt ist's gut.« Lenz konnte kein Wort reden; er eilte nach der Stube und fand noch einen Rest des Grogs, den der Ohm bereitet, er versuchte ihn, hielt Annele das Glas an den Mund und sagte: »Trink, so viel Tropfen du trinkst, so viel tausend glückselige Worte möchte ich dir geben.« Annele setzte ab, und er fuhr fort: »Trink nur noch, trink aus. So, jetzt ruh dich aus und red nichts mehr.« »Ich kann nicht mehr trinken. Glaub mir, ich kann nicht,« sagte Annele; sie klagte jammervoll, daß sie alle sterben müßten, und als ihr Lenz tröstend einredete, sie hätten noch auf viele Tage Nahrung, man müsse Gott dafür danken, und ehe das aufgebraucht sei, komme gewiß Hilfe, da klagte sich Annele aufs neue an, daß sie sich versündigt habe; sie sähe jetzt, wie sie doch immer vollauf zu leben gehabt hätten, und sie habe undankbar und verstockt dessen nicht geachtet, und immer aufs neue klagte und jammerte sie: »Mir ist, als ob mir lauter Schlangen auf dem Kopfe wachsen. Greif auf meinen Kopf, ob da nicht jedes Haar eine Schlange ist. O Gott! und ich hab' mich heute, oder war's gestern? zum erstenmal wieder hoch gezöpft. Laß mich! Ich muß mein Haar auflösen.« Mit fieberisch zitternden Händen löste sie das Haar auf, und sie sah wild und jammervoll zugleich aus. Lenz und Petrowitsch hatten schwere Mühe, sie zu beruhigen; der Ohm zwang endlich Lenz, mit ihm in die Stube zu gehen und Annele allein zu lassen. In der Stube sagte der Ohm: »Halte dich ruhig, sonst stirbt dir deine Frau, ehe uns Hilfe kommen kann. Solch eine Umwandlung eines Menschen habe ich noch nie erlebt und hätte ich nie geglaubt. Das hält einer schwer aus. Jetzt sag, was ist das für ein Brief, den ich da, wie ich den Büble auf die Füße des Kindes gelegt, im Kleide deines Kindes gefunden habe?« Lenz erzählte den entsetzlichen Entschluß, zu dem er gekommen war, und bat, ihm den Brief zurückzugeben, es sei sein Abschied vom Leben gewesen; der Ohm hielt ihn fest und las leise für sich. Lenz zitterte im Herzen, da er dabei sein mußte, wie die Worte, die er aus dem Tode heraus sprechen wollte, jetzt vernommen wurden. Er forschte in den Mienen des Ohms, soweit sich bei dem blauen Lichte sehen ließ, was er sagen würde; der Ohm aber schaute nicht auf und las bis zu Ende, dann traf nur ein flüchtiger, aber scharfer Blick den Lenz. Der Ohm steckte den Brief zu sich. »Gebt mir den Brief, wir wollen ihn verbrennen,« bat Lenz kaum hörbar. Ebenfalls im leisesten Tone erwiderte Petrowitsch: »Nein, ich behalte ihn, ich habe dich doch nur halb gekannt.« Es war unentschieden, ob Petrowitsch das im Guten oder Bösen meinte. Er stand auf, nahm die Feile des Bruders von der Wand, hielt sie fest und drückte den Daumen in die durch jahrelange Arbeit ausgehöhlte Vertiefung. Vielleicht that er dabei ein Gelübde, daß er Vaterstelle an Lenz vertreten wolle, wenn sie gerettet würden. Er sagte indes nur: »Komm her, ich will dir was ins Ohr sagen. Das Niederträchtigste von allem, dessen der Mensch fähig ist, ist der Selbstmord. Ich kannte den Sohn eines Selbstmörders, der sagte: ›Mein Vater hat sich's leicht gemacht und uns schwer‹. Und der Sohn hat das Andenken seines Vaters« – Petrowitsch machte plötzlich eine Pause, dann riß er Lenz scharf an sich und rief ihm laut ins Ohr hinein: »– verflucht!« Lenz taumelte zurück und sank fast nieder, da er das hörte, und Annele schrie aus der Kammer: »Lenz, um Gottes willen, Lenz, steh auf!« Die beiden Männer eilten zu ihr, und sie sagte: »O guter Lenz, du hast dich umbringen wollen; ich weiß nicht, ob du's gekonnt hättest, aber daß du's gewollt hast, daß du dir's ausgedacht hast, daran bin ich schuld. O, wie muß dein Herz geblutet haben! Ich weiß nicht, was das Aergste ist, das du mir zu verzeihen hast.« »Es ist alles vorbei,« beschwichtigte Petrowitsch. Es war wunderbar, daß Annele in der Kammer am selben Gedanken sich abarbeitete, und sie konnte doch nicht hören, was die Männer draußen im leisesten Tone gesprochen hatten. Beide Männer suchten Annele zu beruhigen. Es schlug drei Uhr auf mehreren Uhren. »Ist das Mittag oder Nacht?« fragte Annele. »Es muß Nacht sein.« Sie wiederholten sich zusammen, was sie seit der Verschüttung erlebt hatten; es muß nach Mitternacht sein. »O Tag! Wenn ich nur noch einmal, nur noch ein einzigmal die Sonne sehen könnte! Sonne, komm! komm herauf und hilf!« so klagte Annele fortwährend. »Ich will noch leben, ich muß noch leben, lange Jahre. O, wenn man nur in einem Tag so viel Elend wieder gut machen könnte! Aber das braucht Jahre. Ich will getreu und geduldig aushalten.« Sie war nicht zu beruhigen, bis sie wieder einschlief. Auch Petrowitsch schlief ein, nur Lenz allein wachte. Er durfte nicht schlafen, er mußte die Todesgefahr im Auge behalten und sie abwehren, soviel er vermochte. Er löschte das Licht. Der Vorrat an Kirschbranntwein sollte nicht verbraucht werden; wer weiß, wie lange er vorhalten muß! Und bald war's Lenz, wie er so ins Finstere starrte, es müsse doch erst Mittag sein, bald wieder, es sei Nacht, bald war ihm das eine, bald das andre zum Trost: ist es Tag, ist Hilfe näher; ist es Nacht, so arbeiten sie schon länger, um Schnee und Steingeröll und Holzstämme wegzuräumen. Oftmals ist's, als wenn man ein Geräusch von außen hörte, es ist Täuschung, der Rabe in der Küche krukst im Schlafe. Siebenunddreißigstes Kapitel. Eine Phalanx. Um dieselbe Stunde, es war Mittag, ging Faller nach dem Hause des Lenz, er wollte ihm sagen, daß er nun seiner Bürgschaft entledigt sei. Es regnete und schneite durcheinander, und ein heftiger Wind peitschte Regen und Schnee, daß man nicht durchschauen konnte. Faller schritt, den Blick zur Erde geheftet, immer vorwärts. Plötzlich schaute er auf und rieb sich die Augen: Wo bist du denn? Bist du verirrt? Wo ist das Haus des Lenz? Er drehte sich im Kreise umher und konnte sich nicht zurechtfinden. Halt! Da sind die Tannen, die stehen beim Hause des Lenz; aber das Haus! das Haus! In der Angst war Faller ausgeglitten und in eine Schneewehe gesunken, und je mehr er sich herausarbeiten wollte, um so tiefer sank er ein. Er betete, er schrie um Hilfe, niemand hörte ihn. Er arbeitete sich glücklich nach einem Baume durch, aber er konnte nicht weiter, er hielt sich an den Aesten; da kam eine frische Lawine den Berg herabgerollt, sie nahm den Schnee unter ihm mit, er war frei. In der Höhlung, welche die Lawine gemacht hatte, eilte er zu Thal. Schon blinkten ihm Lichter entgegen, es war Nacht geworden, und mit einem Zetergeschrei, das die Schlafenden erweckt hätte, schrie Faller durch das Dorf: »Hilfe! Hilfe!« Alles eilte ans Fenster, auf die Straße, und Faller erklärte, daß das Haus des Lenz auf der Morgenhalde verschüttet sei. Faller eilte in die Kirche und läutete Sturm. Es kamen nur wenige aus der Ferne, das Wetter war zu unbarmherzig, und der Wind trug das Sturmgeläute nicht weit. Pilgrim und der Techniker waren die ersten, die auf dem Platze bei der Kirche waren. Alles klagte über das entsetzliche Unglück, jetzt in der Nacht, bei diesem Sturm. Pilgrim konnte kein Wort reden, er war wie erstarrt. Der Techniker bewährte sich als umsichtiger und tapferer junger Mann. »Leitern und Stricke so viel als möglich herbei und Schaufeln und Hacken!« rief er. Fackeln wurden angezündet, die der Sturm mächtig anblies. Die Frauen kamen herbei, sie hatten vor dem Regen und Schnee ihre Oberkleider über den Kopf gestülpt, und es war ein grausiger Anblick, wie die gespensterhaft verhüllten Frauen beim Fackelschein an ihren Männern und Söhnen zerrten und sie nicht ziehen lassen wollten, damit sie nicht auch im Schnee versinken. Der Techniker band sich das Ende eines langen Strickes um den Leib und befahl – es ergab sich von selbst, daß er befahl – daß je sechs Männer in ziemlich weiten Zwischenräumen sich zusammenbinden sollten, damit man nicht einander zu suchen habe und damit man sich gegenseitig heraushelfen könne. Pilgrim band sich zum Techniker in die Kette, und nach ihm wollte gleich Don Bastian eintreten, aber der Techniker bat ihn, daß er eine besondere Kette führe. Man nahm dürres Holz mit zum Feueranzünden, und mit Hacken, Schaufeln und Leitern ging es bergan. Etwa fünfzig Schritte vom Hause – man konnte nicht näher heran – wurde an einer gedeckten Stelle ein Raum freigeschaufelt und ein Feuer angezündet. Man legte die Leitern auf den Schneeberg, sie sanken ein, sobald ein Mann sich darauf stellte, dazu verlöschte der Wind die Fackeln, da und dort schrie einer: »Ich versinke!« Es wurden allerlei Versuche gemacht. »In der Nacht ist nicht zu helfen!« hieß es zuletzt. Man zog heimwärts. Bei dem Feuer wurde eine Wache gelassen. Faller erbot sich sogleich, dabei zu bleiben, auch Pilgrim wollte ausharren; aber der Techniker sah, wie ihm die Zähne klapperten, und er zog ihn mit heimwärts, tröstend, daß, wenn die Verschütteten noch am Leben, ihnen am Tage die Hilfe noch zeitig genug käme. Im Dorfe wurde es kund, daß auch Petrowitsch verschüttet sein müsse, er sei am Morgen nach dem Hause des Lenz gegangen und nicht wiedergekehrt; sein Spielkamerad, der Ibrahim, war beim Sturmläuten mit dem Spiel Karten in der Hand auf die Straße gekommen und sagte immer: »Ich warte auf den Petrowitsch.« Pilgrim sagte zu seinem neuen Freunde, dem Techniker: »Entsetzlich, wenn Petrowitsch endlich Hilfe bringen wollte und dabei zu Grunde ging!« Pilgrim machte sich schwere Vorwürfe, daß er den ganzen Tag in kindischem Spiel verbracht; es hatte ihn immer wie eine Ahnung nach der Morgenhalde gezogen, es muß dort ein Unglück geschehen, er hatte sich's wieder ausgeredet und war wohlgemut mit seinem Paten. Jetzt saß er, bis ihm die Augen zusanken, am Bett des Kindes, das schlief ruhig und ahnte nicht, welch ein Schicksal diese Nacht ihm bringen konnte, ja, vielleicht schon gebracht hatte. Faller blieb auf dem Posten wie ein Soldat im Feld, und er hatte einen Kriegskameraden, der mit ihm aushielt, es war ein Gestellmacher, der ehemals bei den Pionieren gestanden. Sie hielten Rat, wie die Schneefestung zu nehmen sei, sie fanden aber kein Mittel. Faller schürte indes das Feuer am Berge voll Zorn, daß er derweil nichts helfen konnte. Ein Fremder gesellte sich zu denen am Wachtfeuer, es war ein Bote aus der Stadt, der Annele zu ihrer Mutter holen sollte, die im Sterben lag. »Hol sie heraus!« sagte Faller in bitterem Grimm, »dort steckt sie.« Er erzählte, was geschehen sei, und der Bote ging durch die Nacht heimwärts. Faller wagte sich auf einem Umwege den ausgerodeten Wald hinan. Wenn er nur zu den Tannen am Hause kommen konnte, dann war die Hilfe näher. In Gemeinschaft mit dem Gestellmacher rollte er viele abgezweigte Stämme, die am Berge lagen, hinab nach den Tannen, mehrere rollten darüber weg und blieben aufrecht im Schnee, während einer sich längs vom Berge aus auf die Tannen legte. »O weh!« sagte der Kamerad, »die Stämme, die wir da hinuntergerollt haben, werden das Dach zusammendrücken und die Verschütteten zerquetschen.« »Ich bin der dummste Kerl von der Welt, der dummste, der einfältigste. Jetzt bin ich's, der dich umgebracht hat, du guter Lenz!« jammerte Faller. Nach einer Weile rutschte er aber doch hinaus nach der Brücke, die der eine Stamm gebildet hatte, und es gelang ihm, mehrere Stämme, die sich hier zusammengeschoben hatten, mit den Fackeln anzuzünden. »Die werden den Schnee schmelzen!« rief er frohlockend. »Ja, und jetzt kann das Strohdach anbrennen,« erwiderte der Kamerad. Faller stand in stummer Verzweiflung. Er kugelte große Schneeballen und rollte sie in das Feuer, das Feuer erlosch eben, als der Tag anbrach. Es war ein heller, fast frühlingswarmer Tag. Die Sonne schien warm auf die Morgenhalde, sie suchte das Haus, das sie schon so lange grüßte, sie fand es nicht; sie suchte den Meister, der still und emsig am Montagmorgen dort am Fenster arbeitete, wie einst sein Vater, wie einst sein Großvater; sie fand nicht Haus, nicht Meister, und gar seltsam blinzelten die Sonnenstrahlen und zitterten hin und her, wie wenn sie sich verirrt hätten; der tückische Schnee legte sich breit hin: thue mir was, wenn du kannst! Die Sonne schickte feurigere Strahlen nach gegen die ersten Feiglinge, die zurückwichen; es hilft nichts, eine Feste will tagelang belagert sein. Die Kameraden alle waren da, der Techniker ihnen voran, und auch vom oberen Dorf und aus andern Gemeinden waren hilfbereite Menschen genug. Die von Faller hinabgerollten Stämme boten nun doch einen festen Anhalt, es wurde bergmännisch ein Gang von unten angelegt, und auch von oben wurde fleißig und nach festem Plan gearbeitet. Ein einzelner Rabe flog immer unter den Schaufelnden auf und nieder und ließ sich nicht verscheuchen. Die Kameraden in der Luft riefen ihn an, er kümmerte sich nichts darum und schaute die Schaufelnden an, wie wenn er ihnen was zu sagen hätte. Achtunddreißigstes Kapitel. Es wächst ein Pflänzchen unter dem Schnee. Lenz saß starr und stumm und wachte in Tod und Nacht hinein. Petrowitsch war der erste, der sich wieder erhob, und er erzählte Lenz, daß in seiner Jugend auch einmal solch ein Haus so verschüttet worden, und als man die Versunkenen ausgrub, fand man sie alle plattgedrückt, vier Bauern lagen zerquetscht um einen Tisch und hatten noch die Spielkarten in der Hand. Es schauerte den Alten, da er diese Erinnerung aussprach, und doch konnte er sie nicht bei sich behalten, er muß sich erleichtern und sie erzählen, wenn auch dem Hörer das Mark darüber erstarrte. Schnell setzte er indes hinzu, Gott werde sie um des unschuldigen Kindes willen retten, und er zankte fast mit Gott, wenn er das thun könne, daß er das Kind mit verschütte. »Sie ist auch wieder gut wie ein Kind geworden,« erwiderte Lenz. Petrowitsch schüttelte den Kopf und ermahnte ihn, wenn er wieder herauskomme, nicht so schnell bekehrt zu sein: er solle sich so halten, daß Annele täglich und stündlich um seine Liebe werben müsse. Lenz widerstritt und erklärte dem Ohm, daß er noch nie verheiratet gewesen sei; in Annele stecke ein Engel, der einen in den Himmel heben könne, und das sei ja eben der Jammer gewesen, daß sie in der Verbitterung ihr eigenes gutes Herz ebensosehr unterdrückt und mißhandelt habe, wie das anderer. Petrowitsch schüttelte den Kopf, aber er erwiderte nichts mehr. Das Kind schrie plötzlich laut auf, auch Annele erwachte und schrie: »Die Decke sinkt ein! Die Decke sinkt ein! Wo bist du, Lenz? Bleib bei mir! Wir wollen miteinander sterben. Gib mir das Kind in den Arm.« Annele wurde beruhigt, sie war wieder gekräftigt, und sie gingen allesamt miteinander in die Stube. Lenz zerklopfte hier die Kaffeebohnen, es war noch der Vorrat, den die Krämer-Ernestine gebracht. Man saß wieder bei dem dürftigen blauen Flämmchen. Der Kaffee erheiterte alle. Es schlug aus den Uhren. Annele sagte, sie zähle nicht mehr, sie frage nicht mehr, ob es Tag, ob es Nacht sei, sie lebten jetzt schon miteinander in der Ewigkeit; wenn nur der schwere Schritt schon überstanden wäre. Sie hatte gehofft, daß man ihre Furcht, ihre Gewißheit des Todes widerlege, aber niemand antwortete. Man saß lange stumm beisammen, es gibt jetzt nichts mehr zu reden. Nach geraumer Weile sagte Lenz zum Ohm, es sei jetzt alles so klar und glatt, nur möchte er noch wissen, warum der Ohm allezeit so herb und verschlossen gegen ihn gewesen. »Weil ich den da, dessen Schlafrock ich anhabe, gehaßt habe, ja gehaßt; er hat mich unterdrückt in meiner Jugend, und er ist schuld, daß man mich Geißhirtle genannt hat. Ins harte Holz, da an der Feile, gibt's durch langes Aufdrücken eine Höhlung, wie viel mehr ins Menschenherz, und das hat immer drauf gedrückt: dein einziger Bruder hat dich verstoßen! Und wie ich endlich heim bin, ich habe mich doch drauf gefreut, das Bündel Haß, das ich mit mir herumtrage, endlich abzulegen. Ich kann in Wahrheit sagen, ich habe ihn in den Tod hinein gehaßt; warum ist er mir weggestorben und läßt mich allein, und wir haben das rechte Wort einander nicht gesagt? Auf dem ganzen langen Weg habe ich mich gefreut, daß mir wieder einer Bruder sein soll, und jetzt ist niemand mehr da, der das kann. Und eigentlich, ehrlich gestanden, habe ich ihn doch nicht gehaßt. Wäre ich denn sonst heim? Ich höre das Wort Bruder auf dieser Welt nicht mehr, bald anderswo . . .« »Ohm,« sagte Annele, »in derselben Minute, wie der Büble an der Thür gekratzt hat, in derselben Minute hat mir mein Lenz erzählt, wie sein Vater einmal, da er hier verschneit war, aber nicht verschüttet, wie wir, wie er da gesagt hat: ›Wenn ich jetzt sterben müßte, ich habe niemand auf der Welt, der mir feind ist, als mein Bruder Peter, und ich möchte ihn doch auch versöhnen.‹« »So? So?« sagte Petrowitsch, er drückte sich mit der einen Hand die Augen zu, mit der andern faßte er krampfhaft den Feilengriff, diesen Griff, den der Bruder jahrzehntelang in der Hand gehalten. Man hörte lange nichts, als das Ticken der Uhren, bis Lenz wieder fragte, warum denn der Ohm gegen ihn so lieblos gewesen sei; es habe ihm das Herz zerrissen, daß fast ein Jahr lang da der einzige Bruder seines Vaters umhergehe und ihn nicht kennen wolle; er wäre gern, so oft er ihm begegnet, auf ihn zugeeilt und hätte seine Hand gefaßt. »Hab's wohl gemerkt,« erwiderte Petrowitsch; »aber ich war bös auf dich und deine Mutter, weil ich höre, daß sie dich verkindelt und dir alle Tage siebenmal sagt: ›O, was bist du für ein guter Mensch, und der beste Sohn und der geschickteste und der gescheiteste!‹ Das ist nicht gut. Die Menschen sind wie die Vögel. Es gibt Mückenfresser, die müssen jede Minute was im Kröpfle haben, und so ein Vogel bist du, jede Minute ein Patschhändle und ein Löble.« »Er hat recht, nicht wahr, Annele, er hat recht?« sagte Lenz bitter lächelnd. »Kann wohl sein!« entgegnen Annele. »Sei ruhig du!« rief Petrowitsch, »du bist auch ein Vogel, bist wenigstens einer gewesen, und weißt du, was für einer? Ein Raubvogel, die können tagelang hungern, dann fressen sie aber, was sie kriegen, einen unschuldigen Singvogel, ein junges Kitzchen, mit Knochen und Haut und Haar auf.« »Er hat leider Gottes auch recht,« erwiderte Annele; »mir ist's am liebsten gewesen, wenn ich eines habe recht zausen und mitten voneinander reißen können. Ich hab' schon damals gespürt, wie es mir bei unserer ersten Ausfahrt so eine Herzenslust gewesen ist, die Krämer-Ernestine zu ärgern, und du hast mich gefragt: ›Macht dir das Freude?‹ Die paar Worte sind mir ins Herz gesunken, und ich habe mir vorgenommen, auch so gut zu werden wie du, es ist einem viel wohler dabei. Und wie du bei der Heimfahrt den alten Pröbler hast wollen mitfahren lassen, ich hätte dich gern zum Wagen hinausgeworfen über solch eine Einfältigkeit. Wie du dann aber wieder davon abstehst und dich vor Gott und deinem Gewissen entschuldigst, daß du einen Armen am Wege nicht mitnimmst, und wie du so glückselig bist – ich hätte dir gern die Hände geküßt für deine Gutheit; aber der Stolz leidet's nicht, und ich hab' mir nur still vorgenommen, auch so zu sein wie du, und doch habe ich im alten Trumm fortgelebt, und ich habe mir nur vorgenommen, dann und dann fangst du anders an, aber es darf's niemand merken, mein Mann vor allem nicht, und da ist der alte Teufel wieder gekommen, und ich habe mich zuerst geschämt, daß die Menschen merken sollen, daß ich jetzt anders sein will, und bald habe ich gar nicht mehr anders sein wollen. Ich bin das Löwen-Annele, an dem die ganze Welt Freude gehabt hat, wie es gewesen ist. Ich brauche nicht anders zu werden. Und ich bin bös auf dich gewesen, grimmig bös, weil du der erste Mensch bist, der mir tadelt, was andere gelobt und belacht haben, und da habe ich dir beweisen wollen, daß deine Sache auch nichts ist. Und zuletzt hat sich alles auf das eine hinausgespitzt: Wirtin mußt du wieder werden, dann weißt du wieder, wer du bist, und die Welt weiß es auch. So habe ich fortgehaust und übel gehaust. Noch gestern . . . war's gestern? Wie der Pfarrer dagewesen ist . . . Horch, der Ohm schläft. Das ist mir lieb. Ich will noch eine Stunde mit dir allein sein, bevor wir in die Ewigkeit gehen. Es kann doch kein drittes wissen und kann es keines verstehen, wie wir zwei einander im Herzen haben bei allem und bei allem, was gewesen ist. O Lenz, gestern, wie ich so ganz mit mir allein gewesen bin, da ist mir's zum erstenmal in meinem Leben aufgegangen, daß ich nie gewußt habe, was es eigentlich ist, einen Menschen von ganzer Seele lieben. Ich bin deine Frau gewesen und hab's nicht gewußt, wie lieb ich dich habe, bis gestern, und wenn du da gekommen wärst, ich hätte dir die Augen und die Hände geküßt, du weißt gar nicht, wie lieb ich dich haben kann. Und da ist der Faller gekommen und hat mich zuerst erschreckt und dann berichtet, daß du mich mit der Bürgschaft betrogen hast, und da bin ich auf einmal wieder besessen gewesen vom alten Teufel, der redet und thut aus mir, was er will und nicht, was ich möchte. Jetzt ist er fort. Er hat jetzt keine Macht mehr. Ich will dich auf Händen tragen. Wenn ich dich nur noch einmal sehen könnte, nur noch einmal , ganz, im hellen Tag! Bei dem blauen Flämmchen sieht man nichts. Wenn ich nur noch einmal dein gutes Gesicht, deine getreuen Augen hell sehen könnte! So ungesehen sterben, den Blick nicht mehr sehen, wie weh thut das! Und wie oft habe ich den Blick weggewandt, wenn ich gesehen habe, daß dein Auge mich sucht! O, nur ein Blitz, nur ein Blitz, daß ich dich nur ein einzigmal sehen könnte!« Petrowitsch that indes nur, als ob er schliefe. Er hatte es wohl gemerkt, daß Annele jetzt ihr Herz aufthun will und daß da kein Fremder dabei sein kann. Das Kind spielte mit Büble, und Annele fuhr fort: »O, wenn ich nur die Jahre wieder heraufrufen könnte! Du hast einmal am Mittag gesagt: ›Gibt's was Besseres, als die Sonne!‹ und einmal am Abend: ›O, die gute frische Luft, das ist doch lauter Glückseligkeit!‹ Ich habe dich verspottet über diese Einfältigkeit, ich habe mich an allem versündigt, und du hast doch recht gehabt; du bist glücklich. Dich macht alles glücklich, und so muß es sein. Und wie ich damals die Feile deines Vaters weggeworfen habe, daß die Spitze gebrochen ist, die Spitze ist mir ins Herz gefahren, ich habe aber nichts davon merken lassen, im Gegenteil; und die gute Schrift und das Andenken deiner Mutter habe ich zum Fenster hinausgeworfen. Es gibt nichts, nichts, woran ich mich nicht versündigt habe. Ich weiß, ich weiß gewiß, du verzeihst mir; bitte auch Gott für mich, daß er mir verzeiht im Leben wie im Sterben.« Eine Spieluhr begann zu spielen, der Ohm wandte sich unwillig im Sessel hin und her, schlief aber, wie es schien, doch weiter. Als das Stück zu Ende gespielt war, rief Annele wieder: »O Gott! ich meine, ich müßte alles um Verzeihung bitten, die Spieluhr auch. Jetzt zum erstenmal in meinem Leben höre ich, wie heilig das klingt, und wie oft habe ich dich damit beleidigt! Lieber Gott! ich bitte dich nicht für mich; o, rette, rette uns! Laß mich beweisen, daß ich alles gut machen kann.« »Es ist alles gut, und wenn wir auch sterben,« erwiderte Lenz. »Derweil das Stück da spielte, ist mir in Gedanken gekommen: wir haben das Edelweiß wieder, unterm Schnee ist es in deinem guten Herzen und in uns allen aufgewachsen! Warum zitterst du so?« »Mir ist so kalt, meine Füße sind wie erfroren.« »Zieh die Schuhe aus, ich will dir die Füße wärmen. So, so will ich dir mein Leben lang die Hände unter die Füße legen. Wird's besser jetzt?« »O, viel besser, aber im Kopf da ist's, wie wenn aus jedem Haar Blut flösse. Horch! ich höre den Hahn krähen, und auch der Rabe schreit. Gottlob, es ist Tag!« Sie erhoben sich, wie wenn die Rettung schon da wäre, auch der Ohm erhob sich aus seinem Scheinschlafe; aber jetzt polterte es plötzlich. »Wir sind verloren!« schrie Petrowitsch. Es ward wieder still. In der Schlafkammer war die Decke eingebrochen, die Thür ließ sich nicht mehr öffnen. Nach dem ersten Schreck sprach Lenz seinen Dank gegen Gott aus, daß Frau und Kind im Schlafe den Einsturz geahnt hatten, und er sagte zur Beruhigung, daß die Schlafkammer ein neuer Anbau sei, der das eigentliche Haus nicht gefährde; der Durchzugsbalken im alten Hause stand fest und unberührt. Es schien ihm zwar – er sprach es indes nicht aus –, daß er sich auch nach der Kammer hin beuge, aber das war wohl nur Täuschung bei dem unsicheren blauen Licht. Wiederum war lange, lautlose Stille, nur wenn aus der Ferne der Hahn krähte, bellte Büble und der Rabe krächzte drein. »Das ist ja eine wahre Arche Noah!« sagte Petrowitsch, und Lenz erwiderte: »Ob wir jetzt zum Tode oder zum Leben gehen, wir sind jetzt auch aus der Sündflut gerettet.« Annele legte ihm die Hand auf das Gesicht. »Wenn ich nur eine Pfeife Tabak hätte! Es ist dumm, daß du nicht rauchst, Lenz!« klagte Petrowitsch, und beim Gedanken an die Pfeifenreihe daheim mußte ihm sein feuerfester Geldschrank daneben in den Sinn gekommen sein, denn er fuhr fort: »Das sage ich euch, wenn wir auch gerettet werden, Geld bekommt ihr nicht von mir. Gar nichts.« »Wir brauchen keins mehr,« sagte Lenz, und Annele fragte mit heller Stimme: »Wißt Ihr, wer Euch das nicht glaubt?« »Du?« »Nein, die Welt wird es nicht glauben; und wenn Ihr hundertmal schwört, es wird kein Mensch glauben, daß wer mit uns im Tode war, nicht mit uns leben will. Die Welt wird uns auf Euch hin borgen und uns reich machen, wenn wir wollen.« »Du bist noch der alte Schelm,« schalt Petrowitsch; »ich habe geglaubt, deine lustigen Possen wären dir vergangen.« »Gottlob, daß sie sie noch hat!« rief Lenz. »Annele, bleib' lustig, wenn uns Gott wieder heraushilft! Fleißig und fidel, sagt der Pilgrim.« Annele faßte Lenz um den Hals und herzte und küßte ihn. Alle drei fühlten plötzlich, daß sie so heiter geworden waren, als sei alle Gefahr vorüber, und doch war sie jetzt am höchsten. Keines wollte es dem andern kundgeben, und doch zitterte es in jedem nach, die Wände zitterten und der Durchzugsbalken schien sich senken zu wollen. Annele und Lenz hielten sich umschlungen. »So wollen wir sterben und das Kind decken,« rief Annele. »Fahr' hin, Welt! Herr Gott, rette nur unser Kind!« »Horch! es tönt dumpf; das sind die Retter, sie kommen, sie kommen, sie retten uns!« Neununddreißigstes Kapitel. Gerettet. »Jetzt, jetzt sind's zwei Schläge nacheinander!« rief Lenz. »Ich will ein Zeichen geben, ich lasse die Uhren zusammenspielen.« Er brachte die beiden Musikwerke in Gang; aber nun merkte er, daß ihn das entsetzliche Tongewirre fast sinnlos machte; noch in der Todesangst war ihm der Mißklang unerträglich. Er stellte die Musikwerke, und als ob ihm eine Herzader risse, so war's, da er merkte, daß beim ungeschickten Einhalt im großen Werke etwas riß. Wieder horchten sie mit angehaltenem Atem, man vernahm nichts mehr. »Ihr habt zu früh gejubelt,« brachte Petrowitsch kaum vor Zähneklappern hervor; »noch sind wir dem Tode näher als dem Leben.« Es klopfte wieder von oben. »Bum! bum!« ahmte das Kind nach, und Petrowitsch klagte, daß das Hämmern über dem Haupte ihn töte, ihm gehe jeder Schlag durchs Hirn. Lenz mußte die Musikwerke nicht gut gestellt haben, denn plötzlich begann das eine die Melodie des großen Halleluja, und Lenz sang laut: »Halleluja! Lobt Gott den Herrn!« Annele sang mit und hielt dabei die eine Hand auf der Schulter des Lenz und die andere auf dem Kopfe des Kindes. Und von oben rief jetzt eine Stimme: »Halleluja! Halleluja!« »Mein Pilgrim! mein Herzbruder!« schrie Lenz. Das war jener markerschütternde Schrei, den er schon einmal gethan hatte. Die Kammerthür wurde mit einem Beil zerschlagen. »Seid ihr alle noch am Leben?« rief Pilgrim. »Gott Lob und Dank, alle!« Pilgrim umarmte zuerst den Petrowitsch, den er für Lenz hielt, und Petrowitsch küßte ihn nach russischer Manier auf beide Backen. Gleich nach Pilgrim kam der Techniker, ihm folgten Faller, Don Bastian und die Kameraden vom Liederkranz. »Ist mein Wilhelm gesund?« fragte Lenz. »Jawohl, er ist bei mir im Hause,« sagte Don Bastian. Jetzt wurde draußen der Schnee von den Fenstern weggeschaufelt. »Sonne, Sonne, du bist da!« rief Annele und sank in die Kniee. Das Musikwerk spielte fort: Halleluja, der Duzlehrer stimmte ein und der ganze Liederkranz sang mit, volltönend und stark. Und es war, als ob die Schneemassen von dem mächtigen Gesang niederrollten, denn jetzt wälzte sich die ganze Lawine von der vorderen Seite des Hauses thalwärts. Das Haus stand frei. Die Stubenthür war offen geblieben, und als man nun die Fenster öffnete, schoß der Rabe über das Haupt des Kindes hinweg, hinaus ins Freie. »Rab' fort!« rief das Kind. Draußen aber harrte des Raben ein anderer und flog mit ihm, bald sich höher, bald sich tiefer schwingend, hinüber über das Thal. Die erste Frau, die bei Annele eingetreten, war die Krämerin Ernestine, sie hatte das Unglück vernommen und noch dazu den Tod der Löwenwirtin und war Annele zu Hilfe geeilt. Sie kniete neben ihr. Lenz lehnte an der Brust Pilgrims. Petrowitsch wollte schon grimmig werden, daß sich niemand um ihn kümmerte, als noch zu rechter Zeit der Techniker auf ihn zukam, ihm Glück wünschte zu seiner Errettung und sich eifrig um ihn bemühte. Das ist gut. Das ist doch der Vornehmste von der ganzen Bande. Auch Pilgrim that freundlich und sagte laut: »Bitt' um Verzeihung für die Umarmung. Jetzt gebt mir aber Eure Hand.« Petrowitsch reichte sie ihm dar. »Ich hab eine Schrift deiner Mutter im Schnee gefunden,« sagte Faller mit heiserer Stimme. »Alles andre ist verwischt, aber da steht noch: Dies Pflänzchen ist genennet Edelweiß. Marie Lenzin.« »Das Blatt gehört mir!« rief Annele, sich aufrichtend. Alle sahen sie staunend an, und Ernestine schrie: »Annele, um Gottes willen, was hast du auf dem Kopf? Du hast ja weiße Haare!« Annele ging vor den Spiegel, sie stieß einen Jammerruf aus und schlug die Hände überm Kopf zusammen. »Eine alte Frau! Eine alte Frau!« jammerte sie und sank an die Brust des Lenz. Nach einer Weile erhob sie sich schluchzend, trocknete die Thränen und sagte Lenz leise ins Ohr: »Das ist mein Edelweiß, das mir unterm Schnee gewachsen ist.« Vierzigstes Kapitel. Geschlichtet. Die Raben flogen über das Thal und flogen über die Berge, sie flogen an einem ärmlichen Hause vorbei, wo eine Alte am Fenster saß und grobes Werg spann, und Thränen rollten ihr auf den Faden, den sie zog. Es war Franzl. Sie hatte die Nachricht gehört, daß Lenz mit seinem ganzen Hause verschüttet sei; auch aus Knuslingen waren Rettende hinübergeeilt. Franzl wäre auch gern mit ihnen gegangen und hätte geholfen, aber ihre Füße trugen sie nicht, und zum Ueberfluß hatte sie noch ihr einzig Paar guter Schuhe einer armen Frau geliehen, die zum Doktor mußte. Mitten in aller Trauer schlug sich auch Franzl mehrmals an ihren dummen Kopf und sagte zu sich selber: »Ja, warum ist dir's denn vorgestern nicht eingefallen, wie er dagewesen ist? Was nützt das jetzt? Damals hat dir's auf der Zunge gelegen,. daß du ihn hast daran erinnern wollen, er soll Vorkehrungen treffen gegen das Eingeschneitwerden; wir sind ja dreimal eingeschneit gewesen, anderthalb Tage lang, da muß man jeden Winter dran denken. Aber was nützt das jetzt? Die alte Meisterin hat recht gehabt, sie hat hundertmal gesagt: ›Franzl, du bist auch gescheit, aber allemal eine Stunde zu spät.‹« Die Raben, die jetzt vorüberflogen, hätten Franzl sagen können, daß sie ihre Thränen trocknen dürfe, die Verschütteten waren gerettet; aber die Menschen verstehen die Raben nicht, und die Menschen brauchen lange, bis sie eine gute Botschaft über Berg und Thal tragen können. Es war am Abend, da kam ein Schlitten mit hellem Rollengeklingel dahergefahren. Was will der Schlitten da oben? Es ist niemand daheim, als die alte Franzl. Der Schwanenschlitten hielt just vor dem Fenster. Wer steigt aus? Ist das nicht Pilgrim? Franzl will aufstehen, ihm entgegen, sie kann aber nicht. »Franzl, ich komme und hole dich!« rief Pilgrim. Franzl rieb sich die Stirn. Ist das ein Traum? Was ist das? Und Pilgrim fuhr fort: »Der Lenz und alles ist gerettet, und ich soll dich holen, holdselige Prinzessin Aschenputtel. Vertraust du dich dem Schwan an?« »Ich habe ja keine Schuhe,« brachte Franzl endlich hervor. »Dafür bringe ich dir Pelzstiefel, sie werden deinen kleinen Füßchen passen,« entgegnete Pilgrim, »und da ist die Haut, will sagen der Schafpelz von Petrowitsch, dem Unhold. Du mußt noch heute mit, vielliebe Franzl von Knuslingen samt Filial Fuchsberg und Knebringen. Deinen zauberischen Spinnrocken magst du hier lassen, wenn es ihm nicht beliebt, uns auf seinen hölzernen Beinen nachzulaufen. Nun schürz dich, Gretlein, schürz dich, Du mußt mit mir hinan, Das Korn ist abgeschnitten, Der Wein ist eingethan.« So sang Pilgrim zuletzt und hot Franzl den Arm an, wie zum Tanz. Franzl war wie verwirrt. Glücklicherweise kam aber jetzt die Schwägerin heim, und es schien ihr nicht unlieb, daß Franzl in einem Schwan davonfuhr. Sie wollte Franzl helfen, ihre Sachen einpacken, aber Franzl wies sie aus der Kammer, sie mußte vor allem ihren geheimen Schuh gut in dem Packe verwahren. »Ich habe mein eigen Bett, kannst du's nicht auf den Schlitten packen?« fragte Franzl. »Laß Knuslingen drauf gut schlafen,« erwiderte Pilgrim. »Mach dein Kopfkissen zum Fußschemel. Alles andre laß. Du kriegst ein Himmelbett auf Erden.« »Soll ich meine Hühner und meine Gänse auch hier lassen? Ich habe eigene, sie gehören mir eigen, und meine Goldammer legt schon sechs Wochen.« Die Belobte steckte wieder ihren Kopf zum Gitter heraus und zeigte ihren roten Kamm. Pilgrim sagte, daß der wahren Prinzessin Aschenputtel die Hühner und Gänse von selbst nachlaufen; wenn die hier es auch thun wollten, sei es ihnen unverwehrt, aber mitgenommen werden sie nicht. Nun empfahl Franzl der Schwägerin die größte Sorgfalt für die Hinterbleibenden, sie solle sie gut pflegen und ihr schicken, wenn ein Bote käme. Als Franzl die Stube verließ, gackerten die Hühner vor Unruhe in der Steige und auch die Gänse im Stalle sprachen ein Wort, als man dort vorüberkam. Es war eine schöne, helle Winternacht, als Franzl mit Pilgrim dahinfuhr, die Sterne glitzerten droben und ein Himmel voll glitzernder Sterne ging in Franzl auf. Sie griff oft nach ihrem Packe und drückte daran, bis sie den gefüllten Schuh spürte, denn oftmals war ihr, als sei alles nur ein Traum. »Schau, dort ist mein Kartoffeläckerle, das ich mir gekauft habe,« sagte Franzl, »es ist nichts als ein Steinhaufen gewesen, und ich hab's in den vier Jahren hergerichtet, daß es das Doppelte wert ist, das trägt Kartoffeln wie lauter Weißmehl.« »Die Kartoffeln sollen den Knuslingern gut bekommen, du kriegst was andres,« erwiderte Pilgrim und berichtete ausführlich von der Rettung der Verschütteten und daß sie jetzt alle bei Petrowitsch im Hause wohnten, und er und Petrowitsch seien jetzt die besten Freunde; der alte Knicker sei ganz wie verwandelt, und Annele habe sich's als Erstes ausgebeten, daß die Franzl geholt werde. Franzl weinte laut, als ihr Pilgrim erzählte, daß Annele schneeweißes Haar habe. Sie sagte, sie habe schon davon gehört, die alte Bürgermeisterin habe auch davon erzählt, daß ihre Mutter berichtet habe, ein Mann im Elsaß drüben, ein Verwandter von ihr, habe von einem Schreck weiße Haare bekommen. Aber wunderbar sei es doch, und sie habe nur Mitleid mit dem Annele, das nun von jedem darüber berufen werde. »Denn die Menschen sind dir gar grausam dumm,« sagte Franzl, »da meint ein jedes, es müsse was Gescheites sagen und auch beweisen, daß es sich darüber verwundert. Ich werde aber schon den Leuten das Wort vom Maul abschneiden. Wir brauchen euer Geschwätz nicht.« An jedem Hause, wo eben Licht angezündet wurde, wäre Franzl gern ausgestiegen und hätte berichtet. Da wohnt ja der und der und die und die, lauter gute, herzgetreue Menschen, die haben alle gejammert über das Schicksal des Lenz; es ist hart, daß sie noch trauern, und es ist nicht mehr nötig, und sie werden sich auch himmelhoch freuen, wenn sie hören, daß man zu allererst die Franzl holen läßt, und wer weiß, ob man noch einmal im Leben einander ade sagen kann. Pilgrim fuhr indes unbarmherzig an all den guten Menschen vorüber und hielt nirgends an. Wo ein Fenster sich öffnete und jemand heraussah nach dem Schlitten, rief Franzl laut: »Lebet wohl und behüt' Euch Gott!« Wenn man auch bei dem Rollengeklingel nicht viel davon hörte; sie hatte doch den guten Seelen ein gutes Wort zugerufen, wer weiß, wann man's wieder kann. An dem Hofe, wo des Vogtsbauern Kathrine wohnte, mußte Pilgrim stillhalten, aber – es ist keine Freude auf Erden ganz voll – Kathrine war leider nicht daheim. Da sie keine eigenen Kinder hatte, mußte sie sehr viel Gevatter stehen, und sie war eben jetzt bei einer Wöchnerin. Franzl ließ ihr nun durch die Näherin alles sagen, sie wiederholte jedes Wort doppelt, damit man's nicht vergesse. Beim Wiedereinsteigen genoß sie ihr Glück erst aufs neue. »Jetzt ist mir's noch viel wohler,« sagte sie. »Es ist, wie wenn man gut schläft und nachts ein wenig aufwacht und man sagt: ›Ah! das ist prächtig,‹ und schläft weiter. Ich schlafe aber nicht, ich bin schon wie im ewigen Leben.« Fast hätte hierauf Pilgrim durch eine ungeschickte Neckerei alle Glückseligkeit verdorben. »Franzl,« sagte er, »ja drüben gibt es aber jetzt schmale Bissen.« »Wo drüben?« »Ich meine in der andern Welt. Du kriegst es jetzt wie im Paradies, und wer es auf dieser Welt so gut kriegt, kann nicht verlangen, daß es ihm auch drüben so geht. Beides wäre zu viel.« »Halt an! Halt an! Ich steig' aus, ich geh' heim!« rief Franzl. »Ich will nichts von euch, ich gebe mein ewiges Leben für nichts her. Halt an! oder ich springe heraus.« Mit einer Kraft, die man ihr nicht zugetraut hätte, faßte Franzl nach den Zügeln und wollte sie Pilgrim entreißen. Pilgrim hatte schwere Mühe, Franzl zu beruhigen, er sagte, sie verstehe gar keinen Spaß mehr; Franzl wollte nichts davon wissen, daß man mit solchen Dingen spaße. Pilgrim suchte Franzl zu überzeugen, daß sie das ewige Leben nicht verliere, er nahm eine Stelle des heiligen Haspucius zu Hilfe, die er griechisch anführte, aber sehr gefällig gleich ins Deutsche und sogar ins Schwarzwäldische übersetzte, und die Stelle sagte ausdrücklich: Bei Dienstboten wird eine Ausnahme gemacht, die haben es ohnedies, bei allem Guten, was ihnen auf dieser Welt zukommt, hart genug. Ueberhaupt hatte Pilgrim genaue Nachricht, wie es im Himmel zugeht, und es war nur gut, daß er dem Kitzel widerstand, Franzl zu beteuern, er sei Hofmaler beim heiligen Petrus. Franzl wurde ruhiger, das mit den Dienstboten ist gewiß und wahr, und bald sagte sie: »Ich freue mich am meisten auf die Kinder von meinem Lenz. Ich habe sie noch gar nicht gesehen. Nicht wahr, der Bub' heißt Wilhelm, wie du? Und wie heißt denn das Töchterle?« »Marie.« »Jawohl, nach der Großmutter.« »Gut, daß du mich daran erinnerst, das hätte ich bald vergessen; die Kinder wissen nicht anders, als ich hole die Großmutter, und die kommt in einem Schwan angefahren. Die Kinder bleiben wach, bis wir kommen, und du mußt dir's gefallen lassen, Hochgeborne von Knuslingen samt Filial Fuchsberg und Knebringen, Euer Liebden müssen geruhen, daß die Kinder Euch Großmutter benamsen.« Franzl, das »ledige Mädle«, fand das sehr gottlos und doppelt, denn es ist nicht recht, den Kindern so was einzureden; ein Verwandtennamen gehört nur Blutsangehörigen, das ist etwas, mit dem man kein Fastnachtsspiel treiben darf. Sie beruhigte sich indes und sagte, sie wolle den Kindern schon alles aufklären, sie sei nicht umsonst von Knuslingen gebürtig. In dem Bewußtsein, daß sie die Ehre von Knuslingen zu vertreten habe, fand sie den rechten Anhalt. Diese Zwischenfälle auf der Fahrt waren indes gut, Franzl wurde dadurch etwas ernüchtert; denn sie hatte sich anfangs eingeredet, daß das ganze Dorf Spalier stehe, um sie bei der Wiederkehr zu empfangen. Sie wurde aber von einem unbändigen Gelächter empfangen, und zwar von Petrowitsch, der über den Aufzug der Franzl so lachte, daß er sich auf einen Stuhl setzen mußte, und Büble that auch das Seinige, und weil er nicht lachen konnte, bellte er die Franzl an, und es war gewiß nicht gutmütig von Petrowitsch, daß er ausrief: »Der Anton Striegler hat's gewußt, daß du einmal so aussehen wirst, darum hat er dich sitzen lassen.« »Und Euch lassen die Würmer noch eine Weile herumlaufen, bis Ihr gar seid, jetzt seid Ihr ihnen noch zu zäh,« erwiderte Franzl. Der ganze langjährige Haß und dazu der Zorn, daß man sie mit ihrer gefehlten Liebe neckte, gab ihr die bissige Antwort ein. Büble bellte nicht mehr und Petrowitsch lachte nicht mehr. Beide hatten fortan eine eigene Scheu vor Franzl. Lenz schlief. Annele war bei den Kindern, die doch nicht wach geblieben waren. Annele mußte an sich halten, Franzl nicht um den Hals zu fallen, aber sie schämte sich vor den mit ihr eingetretenen Männern, vor Pilgrim und Petrowitsch. »Schau, das sind unsre Kinder,« sagte sie, »gib ihnen nur einen Kuß, sie wachen nicht auf.« Franzl mußte in der Stube bleiben, Annele ging in die Küche und bereitete ihr Essen. Franzl nickte: »Die ist anders geworden.« – Sie hielt es indes in der Stube nicht lange aus und gesellte sich zu Annele, und diese sagte: »O, wie schön ist es doch, daß man Feuer anmachen kann!« Franzl schaute blöd drein, sie begriff nicht, daß Annele für alles dankbar war, für die tausend Dinge, die man im Leben hinnimmt, als müßte es so sein. »Was sagst du zu meinen weißen Haaren?« fragte Annele »Ich wollt', ich könnt' dir meine geben, sie sind noch alle schwarz. Das bleibt so. Meine Mutter hat mir's hundertmal gesagt, ich bin mit einem Kopf voll Haare auf die Welt gekommen.« Annele lächelte und sagte, es hätte so kommen müssen, sie solle ein ewiges Zeichen behalten, daß sie im Tode gewesen sei und jetzt gut mit der Welt leben müsse. »Du verzeihst mir doch auch, Franzl? Ich habe im Tod an dich gedacht.« Franzl weinte. Es war in der That wunderbar, welch eine Wandlung in Annele vorgegangen war. Als sie zum erstenmal das Glockengeläut hörte, nahm sie das Kind auf den Arm und legte ihm die Hände zusammen und rief: »O Kind, ich hätte nie mehr geglaubt, daß ich das höre!« und als Franzl den ersten Kübel Wasser brachte, rief sie: »O Gott, wie gut, wie hell ist das Wasser! Ich danke dir, lieber Gott, daß du uns das gegeben hast!« Während die Männer die Schreckenszeit, da sie im Tode lebten, bald fast ganz verwunden hatten, stand das Erlebte Annele stets vor den Gedanken, und sie war mild und sanft, und jedes heftige Wort war ihr wie ein Stich in die Seele, so daß Franzl oft zu Pilgrim klagte: »Ich fürchte, das Annele lebt nicht mehr lange, es ist so was Frommes, so was Heiliges in ihr, ich kann's gar nicht sagen.« Ueber der Rettung der Verschütteten wurde ein andrer Unfall fast kaum beachtet, der sonst viel zu reden und zu denken gegeben hätte. Am zweiten Tag nach der Rettung hatte man in einer Waldschlucht nahe bei Knuslingen die Leiche eines Mannes gefunden, der unterm Schnee verschüttet, erfroren war, es war der Pröbler. Niemand trauerte ihm so tief nach, als Lenz; er glaubte nun doch, daß er ihm damals gerufen habe, und er sah in dem Tode des noch in alten Tagen wild gewordenen Entdeckers noch etwas mehr, als alle andern Menschen, aber er verschloß den Gedanken still in sich. Annele gedieh in dem großen Hause beim Ohm und war frisch und blühend wie je. Man blieb bis in den hohen Sommer hinein, bis das Haus wieder hergerichtet war, beim Ohm. Dieser war oft launisch. Es ärgerte ihn, daß der kleine Wilhelm auf Stühle und Sofas stieg, wo doch der Büble ohne Scheu sich tummelte. Petrowitsch hatte einen bösen Husten aus der Verschüttung davongetragen. Der Arzt wollte ihn ins Bad schicken, aber er ging nicht. Er sagte es nicht, aber er dachte wohl, wenn er sterben sollte, wollte er daheim sterben, dann hat alles Heimweh ein Ende. Er ging oft mit dem kleinen Wilhelm nach der Spannreute, wo man jetzt ziemlich erwachsene Lärchenbäume zum Schutze für das Haus anpflanzte und Gräben zog, und als er einmal scheltend sagte: »Wilhelm, du bist grad wie der Büble; ihr könnt nicht den geraden Weg gehen, das ist euch nicht genug; querfeldein springen, da über einen Graben, da auf einen Felsen, das ist eure Lust! Ja, Büble, du bist auch so, ihr zwei seid die rechten Kameraden!« da sagte der kleine Wilhelm: »Ohm, ein Hund ist kein Mensch, und ein Mensch ist kein Hund.« Das einfältige Wort des Kindes machte den Alten geschmeidiger, so daß er Lenz bat, wenn er nun doch einmal wieder in sein Haus ziehen wolle, so möge er ihm den Wilhelm lassen. Es war Annele besonders, die immer wieder darauf drang, daß man bald wieder ins Haus auf der Morgenhalde zurückkehre. Einst war es ihr wie ein Paradies erschienen, im Hause des Petrowitsch zu wohnen, den Alten zu pflegen und ihn zu beerben; jetzt wollte sie nichts mehr, als still und glücklich und genügsam auf einsamer Höhe ihre Tage verbringen. Der Tod der Mutter, den man ihr geraume Zeit verhehlt hatte, traf sie wie ein dumpfer Schlag. Es war alles eine einzige schwere Nacht, in der sich alles Unheil zusammengedrängt hatte. Wilhelm blieb beim Ohm, und auch Pilgrim zog zu ihm ins Haus. Wenn man an dem Hause vorbeiging, hörte man wiehern wie ein junges Füllen, grunzen wie ein Schwein, pfeifen wie eine Nachtigall und quieksen wie junge Eulen, und manchmal erschien ein alter Kindskopf und ein junger Kindskopf am Fenster; es war Pilgrim und sein junger Pate, sie suchten einander zu überbieten, wer die meisten Tierstimmen nachahmen könne, und dann hörte man wirkliches Bellen: es war der Büble, der bellte, und dann hörte man mächtiges Lachen, nur bisweilen von Husten unterbrochen: es war Petrowitsch, der über all den tollen Streichen der beiden Kindsköpfe nicht aus dem Lachen herauskam, bis er in seinen schweren Husten verfiel. Er verließ seit Jahren das Dorf nicht mehr, er behauptete, das viele Lachen ersetze ihm die Brunnenkur . . . Das Haus auf der Morgenhalde wurde wieder neu aufgebaut, und jetzt zeigte sich, wie viel Freunde Lenz hatte; von allen Seiten kamen sie herbei, ihm unentgeltlich Holz und Stein zu führen, und der Techniker legte eine gute Schutzwehr am Berge an. Es wurde aber Lenz unsäglich schwer, sich sein Leben wieder aufzuerbauen, es sollte ein neues und größeres werden; er war wie ein Genesender, dem es nicht genügen will, das Leben wieder da fortzusetzen, wo es durch Krankheit unterbrochen wurde; er fühlte sich so stark und gewachsen, daß er ganz andres in die Hand nehmen mußte. »Ich bin in der Fremde gewesen und in einer bösen Fremde und möchte was Besseres, Größeres, da ich heimkehre,« sagte er oft. Und jetzt bot sich zu leichtem Gelingen die Ausführung eines alten Planes, alles schien bereit, alles schien darauf gewartet zu haben, und niemand förderte den Plan mehr, als Annele. Sie redete getreulich zu, sie erhob und stärkte Lenz, da sie ihm zurief: »Du hast es immer in dir gehabt, du hast das Glück von hundert und hundert Menschen in dir. Ich habe es nicht vergessen, wie du damals, bald nach unsrer Verheiratung gesagt hast: ›Ich freue mich an dem hellen Sonntag, weil heute tausend und tausend Menschen sich freuen können. Geh nur, wohin du kommst, bringst du Sonne mit. Ich möchte mitgehen und allen Menschen sagen, wie gut du bist.‹« Im Verein mit dem Techniker, mit dem Doktor, mit Pilgrim, dem Duzlehrer und dem Gewichtlesmann ging Lenz wie getragen von Dorf zu Dorf, von Haus zu Haus, und alle Menschen rühmten, wie beredt, wie klug und gut er war, wie er Not und Bedrängnis aller ins Herz geschlossen hatte und ihr abzuhelfen wußte. Was ihm in den Tagen der Ruhe und Sicherung nicht gelungen war, das fügte sich jetzt, wie auf stille Verabredung, er brachte die Einung der zerstreuten Handwerksmeister zustande. Und wie er seinen eigenen Hausstand neu errichtete und erhob und den andrer feststellte, so gelang es ihm auch, einen neuen Hausstand zu gründen. Einst hatte Pilgrim für ihn bei des Doktors Tochter freien wollen, jetzt hielt er für Pilgrim um die Hand der Amanda an, und Pilgrim wurde Vorsteher der Gestellwerkstätte. Von ihm rühren die anmutigen sogenannten Bahnhäuslesuhren her, und noch liegen viele Stämme von dem ehemaligen Spannreuter Walde bereit, zu architektonischen und Blätterverzierungen verarbeitet zu werden, zunächst aber kommen die gut durchgeräucherten alten Stämme daran, die man beim Neubau aus dem Hause auf der Morgenhalde entnommen. Es war im zweiten Sommer, da kam eines Tages Lenz zum Ohm und sagte: »Ohm, ich habe Euch noch nie um etwas angesprochen.« »Aber ich will dich um was ansprechen. Sei so gut und sprich mich um nichts an.« »Ich will nichts für mich, ich bitte für den Faller. Er hat sich bei unsrer Rettung ein Kehlkopfleiden zugezogen, er muß in ein Bad.« »Gut, da hast du das Geld dazu. Sag ihm, er soll auch für mich ins Bad gehen und meinen Husten dort wegschwemmen. Es ist brav, daß du nichts für dich bittest. Du hilfst dir selber, das ist das beste.« Es kostete viele Mühe, Faller dazu zu bringen, daß er in ein Bad ging, aber Annele brachte es durch dessen Frau zuwege. Annele hatte jetzt zwei Freundinnen und zwar von ganz ungleicher Art. Die eine war des Doktors Amanda, nunmehrige Frau Pilgrim, und der Garten auf der Morgenhalde hatte viele Setzlinge aus des Doktors Garten. Annele hatte jetzt viele Freude an der Gärtnerei, sie hatte warten, hegen und pflegen gelernt. Die zweite Freundin war die Frau Fallers. Faller ging ins Bad zur zweitältesten Schwester des Annele, und hier traf er einen alten Bekannten. Der Badmeister hier war der alte Löwenwirt, der sich nach dem Tode seiner Frau hierher zurückgezogen hatte. Er hatte immer noch seine Gönnermiene, mit der er gern beglückte; die abgethanen Sorgen schienen ihm das Leben erleichtert zu haben, er war auffallend heiter und auch gesprächsam. Von seiner eigenen Vergangenheit sprach er nicht, das war gegen die Würde; es könnte da zu unangenehmen Auseinandersetzungen kommen, der unbeholfene Faller selbst konnte sich vergessen oder eigentlich seines Guthabens erinnern. Dagegen sprach der Löwenwirt mit sehr vieler wohlwollender Würdigung von Lenz und band es Faller aufs Herz, Lenz zu sagen, er möge sich mit Hauen und Stechen ja nie zu etwas verleiten lassen, das sich nicht aus ihm selbst versteht. Faller mußte ihm Silbe für Silbe diese Worte nachsprechen, und als er sie endlich ganz genau hersagte, setzte der Löwenwirt seine Brille auf, um zu sehen, wie jetzt der Faller aussieht, der einen solchen Spruch im Kopf hat. »Solch einen Spruch kann doch nur der Löwenwirt geben,« nickte er sich zu, »da stecken sieben Weise darin.« Besonders gern erzählte er dann, daß man in Brasilien kein Recht finde, und dann pries er die Badequelle und die guten Molken, die thäten Wunder, und wenn nur einmal eine Prinzessin da herkäme, könnte das eines der ersten Bäder in der Welt werden. Der Löwenwirt trug jedem seinen Prinzessinwunsch vor; denn erstlich sieht man daraus, wie gescheit er ist und weiter hinaus denkt, und zweitens kann man doch nicht wissen, wie der Wunsch doch einmal an eine Prinzessin kommt. Der gute Faller mußte alles ganz genau und wiederholt sich einprägen lassen, als ob er es wäre, der in der nächsten Minute über zwölf große und zwölf kleine Prinzessinnen zu verfügen hätte. Faller kam wieder heim, aber im Vorfrühling, just um die Zeit, als der Schnee wieder schmolz, starb er. Bald nach ihm begrub man auch den Petrowitsch; er hatte oft den Tod überwunden, denn seit dem Herbste hatte sich sein böser Husten gesteigert, so daß er jedesmal daran zu ersticken glaubte, und in der That erstickte er auch einmal plötzlich an demselben. Wie es der Schultheiß-Doktor vorausgesagt, so war's. Petrowitsch hatte nichts als eine Jahresrente gehabt, die er sich von dem Reste seines Vermögens sicherte. Das Hauptvermögen hatte der Spieltisch in Baden-Baden verschlungen. Viele Unebenheiten und Widersprüche im Gebaren Petrowitsch' erklärten sich daraus; vor allem behauptete der Doktor, daß Petrowitsch zornig gegen die Welt gewesen, weil er mit sich selbst im Zorn lag. Lenz nahm einen Sohn des Faller zu sich ins Haus, das Töchterlein blieb bei der Mutter, und das andre Zwillingspaar nahm des Vogtsbauern Kathrine an Kindesstatt an; sie hatte zwar nur eines gewollt, aber die Kinder wollten sich nicht trennen. Franzl war glückselig, ihrer alten Freundin Kathrine erzählen zu können, wie es jetzt auf der Morgenhalde hergeht. »Ich weiß nicht, wen das Annele mehr verwöhnt, ihren Mann oder mich. Unsern Herrgott im Himmel muß es freuen, wenn er sieht, wie die miteinander leben. Du weißt, ich bin von Knuslingen, mir kann man nichts vormachen, und ich will mich nicht berühmen, aber ich sehe mehr, als andre Menschen. Anfangs haben sie sich voreinander noch gefürchtet, wie wenn ein Haus zusammengebrannt ist, sowie man gräbt, schlägt wieder die Flamme aus. Sie haben sich gefürchtet, daß ein unbefangenes Wort einen alten Schaden aufreißt, bis sie nach und nach gesehen haben, daß jedes von jeher besser gewesen ist und das andre von Herzen gern gehabt hat, und was man für Bosheit gehalten und was sich auch so ausgelassen hat, ist nur der Jammer gewesen, daß man nicht den rechten Schick gefunden, wie eins dem andern wohlthut. Die Wirtshausgedanken sind bei dem Annele wie ausgelöscht, und ich muß auch sagen, mein Lenz ist viel mannhafter geworden. Aus dem Liederkranz ist jetzt auch noch was andres geworden, und sie sagen alle, da hat mein Lenz erst recht die erste Stimme; er ist gar geschickt; sie haben da was, ich kann dir's nicht recht erklären, was es ist, es soll was besonders Gutes sein für alle, sie heißen meinen Lenz den Einungsmeister. Wenn du den Gewichtlesmann von Knuslingen siehst, der kann dir alles besser berichten, der ist auch dabei. Du weißt doch, daß sie meinem Lenz von England herüber eine Denkmünze geschickt haben, weil auf einer großen Ausstellung sein Musikwerk dort das beste gewesen ist? Und wie er die Denkmünze dem Annele zeigt und sagt: ›Es freut mich noch mehr für dich, daß du siehst, was ich kann‹, da weint sie und sagt: ›Das ist noch aus dem vergrabenen Leben, weck' es nicht auf! Ich brauche niemand, der dir ein Zeugnis gibt, ich geb' dir das beste.‹ »Wie sie das sagt, hat er zum Bild seiner Mutter gesagt: ›Mutter, sing im Himmel! Wir sind glückselig!‹« Des Vogtsbauern Kathrine hörte den Bericht mit gebührender Freude. Franzl war auch wie ein aufgezogenes Uhrwerk, sie fuhr fort: »Und weißt du, was wir vom Petrowitsch geerbt haben? Nichts als seinen Hund, und der frißt dir keinen Bissen Kartoffeln und keinen Bissen trocken Brot; er sollte es schon noch bei mir lernen, aber mein Lenz ist zu gut gegen den Hund, er sagt, er habe der kleinen Marie das Leben gerettet. Also keinen roten Heller haben wir von Petrowitsch; der Doktor hat's schon lange gesagt, er ist in einer, ich glaube Krankenversicherung heißt man's, und hat nichts gehabt, als ein gutes Jahrgeld. Jetzt ist's auch klar, warum er so hart und zäh gewesen ist, und man hat auch erst jetzt erfahren, daß er sein Hauptvermögen, das er sich in allen Weltteilen zusammengescharrt, an der Spielbank verloren hat. Ja, Spieler, die sind oft die gescheitesten Menschen und die dummsten in einem Stück. Der Doktor hat's gesagt, und was der sagt, ist gewiß und wahr. – Bleibst du nicht bis morgen hier? Da begräbt man die alte Schultheißin, das ist die letzte aus der alten Welt. Sie ist nicht ganz achtundsiebenzig geworden. Mein Lenz hat gesagt, wie der Ohm gestorben ist: ›Es ist mir lieber, ich komme nicht durch ihn auf, ich helfe mir aus mir allein.‹ Er will auch den jungen Faller und den Wilhelm miteinander in die Lehre nehmen, aber dann, sagt er, müssen sie mir in die Fremde.« »Und dich halten sie gut?« fragte Kathrine, um doch auch etwas zu sagen. »O lieber Gott, nur zu gut! Ich weiß nicht, was ich für eine Kunst verstehe, daß die Menschen thun, als ob sie nicht ohne mich glücklich leben könnten. Es ist nur hart, daß ich schon so alt bin, aber meine Großmutter ist dreiundachtzig Jahre alt geworden, und wer weiß, ob sie nicht dreiundneunzig gewesen ist! Solche alte Leute, die nicht schreiben und lesen können, verrechnen sich. Ich kann auch so alt werden. Essen und Trinken schmeckt mir und Schlaf auch. Es ist alles gesegnet bei uns. Und schau', der Wald wächst schon wieder gut, er ist jetzt unser; und so gewiß, als der Wald da jetzt grad' fortwächst, wie's Gott gesetzt hat und wie sich's gehört, so sicher ist jetzt alles bei uns im besten Wachsen und Gedeihen. Nicht wahr, das sind schöne junge Bäume da? Wir wollen sie noch miteinander groß sehen.« Kathrine hatte nicht Zeit, das abzuwarten, und als sie, von Lenz und Annele und der Fallerin geleitet, mit dem Zwillingspaar davonging, rief ihr noch Franzl aus der Küche nach: »Kathrine, mach' dich drauf gefaßt, das nächste Mal mußt du bei uns Gevatter stehen.« *           * * Das ist die Geschichte von Lenz und Annele auf der Morgenhalde, und jetzt wissen wir, warum die junge Mutter mit dem Greisenhaar von ihrem in die Fremde ziehenden Sohne ein Pflänzchen Edelweiß wünschte. Als Lenz vom Geleite der Wanderburschen heimkam, fand er einen frischen Strauß über dem Bilde der Mutter. Er nickte nur still Annele zu, sie hatte das Andenken dieses Tages – heute waren es achtzehn Jahre, daß die Mutter begraben worden war – immer so gefeiert. Sie sagten es einander nicht, aber sie wußten es, daß das Gedenken der Seligen immer neu in ihnen aufblühte, wie alljährlich neu die Blumen auf den Feldern wachsen. Zu Mittag aßen heute die Fallerin und ihre Tochter mit; Lenz tröstete sie, da sie immer klagte: »Wenn nur mein Mann das noch erlebt hätte, daß unsre beiden Söhne miteinander in die Fremde ziehen!« Er erzählte ihr, daß das Zwillingspaar, die des Vogtsbauern Kathrine angenommen hatte, sich gar gut in Ansehen erhalte. Der eine, der Soldat war, hatte es schon zum Feldwebel gebracht, und der andre sollte in der That der Erbe seines Pflegevaters werden. Die Tochter der Fallerin, ein schlank aufgeschossenes fünfzehnjähriges Mädchen, sagte, sie habe ihrem Bruder und dem Wilhelm versprochen, ihnen an jedem Ersten des Monats zu schreiben. Nach Tische arbeitete Lenz wieder in gewohnter Weise. Heute vor achtzehn Jahren hatte er eine viel schwerere Gemütserregung ebenfalls bei der Arbeit beruhigt. Es war und blieb seine Art, an der Werkbank über alles Herr zu werden; Annele saß mit einer Handarbeit bei ihm, sie war nicht mehr voll Unruhe und ihr Blick machte nicht mehr unruhig, vielmehr hatte er etwas Segnendes, die Arbeit gedieh besser, wenn sie zusah. Sie sprach wenig, und der ganze Gang ihrer jetzigen Gedanken ließ sich erraten, da sie sagte: »Unser Wilhelm hat sechs Hemden bei sich von dem Tuch, das deine Mutter selig noch gesponnen.« Die Plätze der beiden Lehrlinge waren wieder besetzt, denn von allen Seiten drängte man sich herzu, um beim Lenz in die Lehre zu treten. Franzl war besonders glücklich, daß Lenz einen Enkel des Gewichtlesmannes von Knuslingen in die Lehre genommen hatte. Gegen Abend kam der Duzlehrer mit einem großen Pack Schriften unterm Arm. Er legte sie ab. Mit großen Buchstaben war darauf zu lesen: Akten der Uhrmachereinung. Der Duzlehrer forderte Lenz auf, noch eine Weile, bis die Mannen versammelt seien, mit ihm in den Wald zu gehen. Lenz ging mit. Unterdes stellte Annele zwei Reihen Stühle zurecht in der Stube, denn Lenz war Einungsmeister.