Hjalmar Bergman Eros' Begräbnis Roman R. Piper \& Co. Verlag - München * Berechtigte Übertragung aus dem Schwedischen von Marie Franzos * Der Titel des Originals lautet: Eros' Begravning   Printed in Germany Copyright 1934 by R. Piper \& Co., München Druck der Spamer A.-G. in Leipzig Frau Olga Janselius saß an ihrem halboffenen Schlafzimmerfenster und betrachtete etwas, das Anlaß zu verschiedenen Gesprächen, noch mehr Geschichten und allerlei Verwicklungen geben sollte. Die Morgentoilette der jungen Frau war nicht abgeschlossen. Sie trug einen Frisiermantel, und das schwarze Haar hing in einem ziemlich dicken Zopf über den Rücken. Gerade als dieser Zopf gelöst werden sollte, hatte die Kammerjungfer an dem Halse ihrer Herrin, gleich unter dem rechten Ohr, einen kleinen Ausschlag, einen sogenannten »roten Wurm« entdeckt. Dieses Übel wird nach Ansicht der Kammerjungfer durch einen kleinen, aber energischen Wurm verursacht, der sich in die menschliche Haut einbohrt, wobei er eine ausgesprochene Vorliebe für junge und zarte Haut zeigt. Er ist mehr lästig als gefährlich, aber muß auf jeden Fall ausgerottet werden, und dafür haben die Weisen ein ausgezeichnetes Mittel im »Kuckucksspeichel« gefunden. Der Kuckuck lebt nämlich von Würmern, und sein Speichel, den man überall auf Gräsern und Kräutern findet, ist für den Wurm ein tödliches Gift. So weit die Kammerjungfer. Frau Janselius benützte die Gelegenheit, ein wenig Aufklärung zu verbreiten. Der sogenannte Kuckucksspeichel hat nichts mit dem Kuckuck zu tun, sondern ist eine schleimige Flüssigkeit, mit der die Larve der Schaumzikade – Aphrophora spumaria – sich umgibt. Worauf Bolla, die Kammerjungfer, erwiderte, daß, ob das Zeug nun von einem Kuckuck oder einer Larve ausgespien sei, sie jedenfalls den elenden Wurm damit vertreiben werde. Und sie begab sich in fliegender Eile von dannen, ein herzzerreißendes Liedchen von einer sehr unglücklichen Liebe trällernd. Soweit war alles gut und schön. Aber als das Mädchen über den Hof gelaufen war und gerade um die Ecke des Flügels biegen wollte, begegnete sie einem jungen Burschen. Und diese Begegnung machte ihrer eiligen Geschäftigkeit ein Ende. Frau Janselius kannte den Burschen nicht, aber sie nahm an, daß er ein Saisonarbeiter sei, zum Torfausstechen aufgenommen. Ferner nahm sie an, daß Bolla stehengeblieben war, um irgendwelche Aufschlüsse bezüglich des Kuckucksspeichels einzuholen. Die erstere Annahme war richtig, die letztere dagegen nicht. Gewisse herausfordernde Bewegungen von seiten des jungen Mannes, gewisse weiche Schlängelungen des Mädchens überzeugten sie, daß das Gespräch eine galante Wendung genommen hatte. Frau Janselius seufzte. Sie steckte den Zeigefinger in den Mund und bestrich den roten Wurm mit ihrem eigenen Speichel – denn auch das soll gut sein –, worauf sie ihren Zopf auflöste, ihr Haar kämmte und es aufsteckte. Sie seufzte noch einmal und kehrte zum Fenster zurück. Das Paar war verschwunden, aber ein Zipfel von Bollas blaugestreiftem Rock lugte hinter der Hausecke hervor, und ab und zu kam ein kräftiger, gebräunter Ellbogen zum Vorschein. Die Unterredung dauerte also fort. Wäre Frau Janselius eine tatkräftig eingestellte Natur gewesen, so hätte sie natürlich das Fenster weit aufgerissen und die Säumige mit wenigen kräftigen Worten zurechtgewiesen. Leider war sie eine Person von mehr wissenschaftlicher Veranlagung. Als einer leidenschaftlichen Statistikerin fiel ihr sofort ein, daß hier ein großes Feld für wissenschaftliche Untersuchungen brachlag. Wieviel Zeit opfert der Mensch seinem Liebesleben? Rasch teilte sie das Arbeitsgebiet in drei Felder: 1. Zeit für Liebeshandlungen (Tanz, Liebkosungen, Paarung); 2. Zeit für Liebesreflexionen und Vorbereitungen (Ausschmückung, »Träumereien«, erotische Bücher und Theaterstücke); 3. Liebesgespräche (»Flirt«, bis zur Grenze des Heiratsantrags, wo man bereits auf soziales Gebiet gerät). Frau Janselius beschloß, sofort eine erste Furche auf dem dritten Felde des großen Gebiets zu pflügen. Sie eilte zum Nachtkästchen und riß die kleine Damenuhr aus ihrem Lederetui. Die kleine Damenuhr stand. Sie blickte zu der großen Uhr auf dem Türsims auf. Stand. Sie wandte sich der Minervauhr zu, einer Konsoluhr von Per Henrik Beurling. Minerva stand. Frau Janselius hatte einen allgemeinen Eindruck von mangelhafter Genauigkeit, von Schlamperei, von Leichtsinn – dem heimtückischsten Feind der Wissenschaft. Dann erinnerte sie sich der Weckeruhr. Auch sie stand, aber sie konnte im Nu aufgezogen werden. Mit diesem bescheidenen, aber nützlichen Instrument in der Hand, nahm sie wieder am Fenster Platz. Frau Olga Janselius, Tochter der bekannten Professorin Anna-Lisa Willman und ihres Gatten, des Professors, Schwester der Frau Doktor Karolina Willman und der Schriftstellerin Anna-Lisa Djurling, Kusine der Dozentinnen Betty Willman und Lotte Brenner, sowie der Bibliothekarin Lizzy Willman, war selbst, wie schon erwähnt, von wissenschaftlicher Veranlagung und war auch nicht ohne wissenschaftlichen Ehrgeiz gewesen. Aber eine in mehr als einer Hinsicht unglückliche Ehe hatte diesen Ehrgeiz in Launen und Einfälle aufgelöst, die manchmal ein gewisses Cachet von Verrücktheit annehmen konnten, das der Wissenschaft so fremd ist. Und dennoch hatte ihre Ehe, wenn nicht der Wissenschaft direkt, so doch wenigstens einigen ihrer Jünger Nutzen gebracht. Zu einem Zeitpunkt, wo die großen Repräsentationskosten der Frau Professor Willman die gar nicht so unbedeutenden Einkünfte des Herrn Professor-Chirurgen zu übersteigen drohten, war ein gewisser Jan-Petter Janselius unter das Messer des Professors geraten und nach einer gelungenen Gallenstein- oder Nierensteinoperation in den Verkehrskreis der Frau Professor einbezogen worden. Seine Geschichte kann nicht alltäglich genannt werden. Er war der jüngste Sohn eines vermögenden Bergwerksbesitzers, des Oberschöffen Erik Jansson auf Lilla Klockeberga. Einige Mitglieder dieser Familie hatten sich Janselius geschrieben, und da Jan-Petter für das gelehrte Studium bestimmt war, nahm er den gelehrten Namen an. Nach einjährigem Aufenthalt an der Universität fuhr Jan-Petter nach Paris. Der Vater war gestorben und hatte ein bedeutendes Vermögen hinterlassen, das sich auf vier Kinder verteilte. Jan-Petter nahm seinen Anteil in Bargeld, und als acht Jahre ins Land gegangen waren, hatte dieses Bargeld sein Ende erreicht. Er kehrte in die Heimat zurück, verwandelt. Als ein rothaariger, sommersprossiger, stumpfnasiger Bauernbursch war er ausgezogen, als ein blasierter, magerer, ältlicher Herr, mit einem kohlschwarzen Haarkranz um den kahlen Schädel, kohlschwarzen Brauen, gebogener Nase, kohlschwarzem Schnurrbart und ebensolchem Spitzbart kehrte er zurück. Eine noch größere Verwandlung stand bevor. In der Nähe von Lilla Klockeberga liegt das Brennersche Gut Larsbo. Das gehörte der kinderlosen Witwe des Grafen Henrik Brenner, einer Dame in Schwarz. Die letzten Jahre ihres Lebens widmete sie mit heiligem Eifer der Religion und errichtete in einem der Flügel des Schlosses eine Missionsschule. Eine Scheune wurde für die Bekehrungsversammlungen eingeräumt. Der beschäftigungslose, gelangweilte Viveur, der bei seinem ältesten Bruder das Gnadenbrot aß, erschien bei diesen Zusammenkünften zuerst als Zuhörer, dann als Bekehrter und Glaubenszeuge, dann als Redner. Schließlich wurde er der Leiter der Missionsschule. Die Gräfinwitwe begegnete allen Einwänden gegen diese Ernennung mit den Worten: »Er ist ein Mann, der viel geliebt und viel gelitten hat.« Auf ihrem Totenbett ließ sie sich mit Jan-Petter Janselius trauen und überließ das Gut und die Schule seiner Obhut. Die Schule verschwand noch vor Ablauf des Trauerjahres. Jan-Petter hatte sich wiederum verwandelt. Seine Religiosität war nun hochkirchlich. Außerdem war er Genealoge geworden und stellte mit Hilfe einiger Berufsgenealogen den Stammbaum der Familie Janselius fest, wobei er auf den eigentümlichen Umstand hinwies, daß das Familienoberhaupt in jeder zweiten Generation den Namen Erik geführt hatte, was auf eine Abstammung von dem Erikschen Königsgeschlechte hindeuten konnte. Eine Hypothese, die er jedoch nicht verfechten, sondern nur aufwerfen wollte. Im übrigen war sein Hauptinteresse in diesen Jahren die Kunst. Sein Geschmack war nicht schlecht, und er hatte sich in bezug auf Kuriositäten eine gewisse Sachkenntnis erworben. Er sammelte und sah bei seiner Wahl mehr auf den Inhalt als auf die Form. Das erotische Motiv war sein Leitstern, und der strahlte ebenso klar aus einer griechischen Vase wie aus einem Lautrecschen Blatt. Mit einigen fünfzig Jahren verheiratete er sich mit der zwanzigjährigen Olga Willman. Er war verliebt. Das Mädchen war mager, aber ziemlich kräftig gebaut, sie hatte große Hände und Füße, das Gesichtsoval war vollendet, die Nase schön gebogen, die Augen dunkel und schillernd, ein klein bißchen blinzelnd, die Stirn ziemlich niedrig, aber mit einer sehr ungebärdigen, lustigen dunklen Locke geschmückt. Die großen Hände, die schlenkernden kantigen Bewegungen, die schillernden Augen und vor allem die ungebärdige Locke gaben ihr eine gewisse Ähnlichkeit mit einem Knaben, und Jan-Petter, der des reingezüchtet Weiblichen müde zu werden begann, fand sie anziehend. Aber er wollte sie unter keiner Bedingung heiraten. Ebensowenig wollte sie ihn heiraten. Die Professorin, die die Partie wünschte, brauchte jedoch weder einen Machtspruch noch Überredungskünste anzuwenden. Um ihre Taktik recht zu verstehen, muß man Mutter sein, und wir begnügen uns damit, die Tatsache zu konstatieren: die jüngste Willman verheiratete sich mit Jan-Petter Janselius auf Schloß Larsbo. Vor Schließung der Ehe setzte Jan-Petter einen Schenkungsbrief auf, der das Eigentumsrecht an Schloß Larsbo auf den Neffen seiner ersten Frau, der verwitweten Gräfin Brenner, den damals kaum zehnjährigen Grafen Ludwig Battwyhl übertrug. Das Erträgnis und das Nutznießungsrecht behielt sich Jan-Petter für Lebenszeit vor, und es sollte nach seinem Tode auf seine Witwe übergehen, solange diese keine neue Ehe schloß. Dagegen erhob die Frau Professor Einwände, erhielt aber eine Erklärung von so zynischer Offenherzigkeit, daß sie zum erstenmal in ihrem Leben einen ausgesprochen ungeordneten Rückzug antrat. Nichtsdestoweniger hatte die Willmansche Familie keinen Grund, diese Heirat zu bedauern. Larsbo war einträglich, der Verwalter, Casimir Brut, ein tüchtiger Mann, und Jan-Petter selbst allerdings geizig, aber nachgiebig. Diese Nachgiebigkeit war ganz und gar das Verdienst der Frau Professor. Schwiegermutter und Schwiegersohn brachten einander eine schwärmerische, etwas süßliche Zuneigung entgegen. Sie fanden sich in vollkommener Sympathie, sie hegten beide dieselbe Neigung für alles, was offiziellen Glanz besaß oder Aussicht hatte, einmal diesen Glanz zu erlangen. Sie hatten beide die großen Fragen des Lebens gelöst und konnten sich nun in Ruhe den kleineren widmen; sie waren beide zahnlos und geschlechtslos und brauchten nichts voreinander zu verbergen; sie bekannten sich zu denselben ethischen und ästhetischen Ansichten, außer in bezug auf Weine, worin Jan-Petter einen verfeinerteren Geschmack zeigte; sie liebten beide das Schöne und Gute, namentlich in seinen pikanten Formen; sie schwärmten beide für genialische und wohlgestaltete Jugend beiderlei Geschlechts. Studenten und Studentinnen, junge Künstler und Literaten, die dem Willmanschen Familien- oder Freundeskreise angehörten, brauchten nicht mehr auf öffentliche Mäzene Rücksicht zu nehmen. Die Professorin, die gerne ein bißchen frondierte, belohnte im Gegenteil die jugendliche Oppositionslust, namentlich wenn sie zu einem kleinen Skandal führte. Sie hatte ein entzückend heiteres Temperament. Durch ein Dezennium konnte Larsbo als eine Stiftung zu Nutz und Frommen der Wissenschaft gelten und außerdem als ein Erholungsheim für junge Wissenschaftler. Man hat also Anlaß, zu vermuten, daß die Janselius-Willmansche Ehe die freie Forschung in unserem Lande wesentlich gefördert hat.   Die junge oder noch junge Frau, die jetzt mit dem Wecker in der Hand die Normalzeit für ein Liebesgespräch zu bestimmen suchte, mochte hingegen weniger Grund gehabt haben, diese Verbindung zu preisen. Jan-Petter war, rein herausgesagt, ein schlechter Ehemann. Die Pflichten, die in das Gebiet des intimen Zusammenlebens fallen, sollen hier nicht berührt werden, namentlich da Jan-Petter schon vor der Hochzeit seine Ungeneigtheit in besagter Hinsicht ausdrücklich betonte. Aber ein Mangel in einer Richtung kann ja in gewissem Maße durch den Überschuß in einer anderen wettgemacht werden. Die Herrin auf Larsbo hatte sich Rechnung auf ein komfortables Leben, Vergnügungen, Schmuck, Reisen machen können. Ihre Ansprüche – wenn sie sie vorbrachte – wurden nicht erfüllt. Seiner Frau gegenüber kam Jan-Petters natürlicher Geiz zu seinem Recht. Sie wollte nicht um Geld und Kleider betteln und bekam auch keine. Die armen jungen Leuchten der Wissenschaft, die im Sommer ihre Gäste waren, prunkten in der schönsten Sommerherrlichkeit, bestritten von Larsboer Geld, aber die Herrin von Larsbo selbst trug ihre verblaßten, abgetragenen, unzählige Male gewaschenen Baumwollfähnchen. Im Winter, den das Ehepaar meist allein verbrachte, war sogar das Essen knapp. Jan-Petters zarte Gesundheit verlangte eine besondere Diät, und die eßlustige junge Frau mußte an den Hungerpfoten saugen. Auch blieb sie mager und eckig bis zu dem Tod des Mannes, um dann während des Trauerjahres in beinahe beunruhigender Weise zuzunehmen. Und daß sie noch zwei Jahre nach dem Tode des Mannes Schwarz trug, war weniger der Pietät als dem Umstand zuzuschreiben, daß die Trauergarderobe die erste war, die sie sich auf eigene Hand und aus eigener Börse angeschafft hatte. Sie war auch außerordentlich schön und reichhaltig ausgefallen und so gut wie unverwüstlich. Ein eigentümlicher Zufall oder vielleicht ein höherer Ratschluß fügte es so, daß Jan-Petter und seine Schwiegermutter an einem und demselben Tage das Zeitliche segneten, es lagen nur ein paar Stunden dazwischen. Man kann vielleicht wagen, anzunehmen, daß das Band, das diese beiden Seelen vereint hatte, stark genug gewesen war, um dem trennenden Hieb des großen Zerstörers zu trotzen. Wie dem auch sei, Frau Olga war mit einem Schlage einer doppelten Vormundschaft los und ledig geworden. Die Trauer machte sie nicht blind gegen diesen Vorteil, und sie sagte sich selbst, daß sie nun ein neues Leben, erfüllt von großen und starken Interessen, beginnen werde. Aber sie fand sich in der neuen Freiheit schlecht zurecht. Ihre Liebe zu Büchern war Jan-Petter ein Dorn im Auge gewesen, und um ihre Selbständigkeit irgendwie zu bekunden, hatte sie studiert wie ein Prüfling: Nächte hindurch war sie bäuchlings dagelegen, den Kopf zwischen die Hände gepreßt, das Buch unter der Nase, und hatte gebüffelt. Jetzt erschien ihr das Lesen zwecklos. Das Schicksal hatte sie zur Herrin eines großen Gutes gemacht, und sie wollte sich ganz seiner Bewirtschaftung widmen. Eine vielseitige und verantwortungsvolle Arbeit. Aber halt! Da stand Casimir Brut, der Gutsverwalter, auf dem Posten. Er war ein Mann, über den man sich möglicherweise hinwegsetzen, aber an dem man schwerlich vorbeikommen konnte. Seine Schulterbreite war verblüffend, beinahe mißgestaltet, die Größe weniger imponierend, die Schwere ansehnlich. Die Stirn war nicht besonders hoch, aber breit und glatt wie eine gehobelte Planke. Die Augen hatten einen starken und meist zornigen Blick, gemildert durch ein beständiges Zwinkern, das zu sagen schien: Na, ich bin ja nicht so schlimm – aber nehmt euch in acht! Der Bart war ein Prachtstück. Dunkelbraun, von Armeslänge, schwellend und wohlgepflegt. Manchmal tunkte er ihn in die Suppe und wand ihn dann langsam und sorgfältig aus, wobei er genau aufpaßte, daß die Tropfen wieder in den Teller zurückfielen. Sonst war er ein gesitteter Mann, und wenn Frau Olga ihm mit ihren verschiedenen Vorschlägen und Reformen kam, hörte er zu. Die junge Frau entwickelte ihre Vorschläge mit einer Klarheit, die in einer breiten, gesunden, klaren und geschulten Logik wurzelte. Aber daß sie unruhig und eifrig war, konnte man daran sehen, daß sie beide Zeigefinger in die Höhe gestreckt hielt, ganz wie eine Geisha in einer Operette. Wenn sie fertig war, blinzelten sie einander gut eine Minute zu – aber nicht verständnisinnig. Casimir Brut sagte: »Meinetwegen. Aber dann gehe ich.« Und das konnte ja nicht in Frage kommen. Frau Olga mußte etwas anderes ausfindig machen. Der Tag wurde leer. Jan-Petter hatte immer irgendein kleines Ärgernis in der rückwärtigen Rocktasche gehabt, gewöhnlich mit einem gewissen Quantum Spannung und einem gewissen Quantum Überraschung versetzt. Kaum einen Abend ihrer zehnjährigen Ehe war sie zu Bett gegangen, ohne zu ihrem Spiegelbild zu sagen: Nein, so was! Und dieses kleine Nein, so was! war doch eine Würze gewesen. Der Tag wurde fade. Die letzte Bosheit, die Jan-Petter ihr angetan, war diese gewesen: Wie schon erwähnt, hatte Jan-Petter in der letzten Periode seines Lebens Kunstwerke gesammelt, die ihn durch ihre Motive an die erste Periode erinnern konnten. Die Sammlung bestand hauptsächlich aus Kupferstichen, Holzschnitten, Mezzotinten, Radierungen, Zeichnungen, alles in allem über dreihundert Nummern. Sie nahmen einen bedeutenden Teil der Wandflächen der Zimmer ein. Ungefähr die Hälfte war von der Art, daß sie sich trotz des mehr oder weniger lasziven Motivs immerhin sehen lassen konnte. Bei der anderen Hälfte überschritt – wenn der Ausdruck gestattet ist – das Unanständige die Grenzen der Anständigkeit. Jan-Petter verteidigte seinen Schatz mit dem Bibelwort, das das Laster gerne im Munde führt: Dem Reinen ist alles rein. Leider mußte Olga gestehen, daß ihre Reinheit die Probe keineswegs bestand. Sie verabscheute diese ganze Schaustellung, und da Jan-Petter vergessen hatte, in seinem Testament – das im übrigen mit ärgerniserregenden Punkten und Klauseln gespickt war – den teuren Schatz zu schirmen, beschloß sie, ihn aus dem Hause zu schaffen. Ihn verbrennen konnte sie nicht mit gutem Gewissen, dazu war sein materieller Wert zu groß. Aber sie konnte ihn dem Nationalmuseum stiften, in dessen geschlossenen Mappen er den armen Forschern zugute kommen konnte, die ihre kunsthistorische Pflicht zwang, im Schmutz zu waten. Folglich nahm sie mit fröhlichem und rachgierigem Sinn eine Sichtung vor, trennte die Schafe von den Böcken, die Unanständigen von den Unanständigsten, nahm die letzteren von den Wänden, löste die Blätter aus den Rahmen, schichtete sie auf und – machte eine Entdeckung. Auf die Rückseite dieser Laszivitäten hatte Jan-Petter mit zittriger, aber leserlicher Schrift geschrieben: »Meiner geliebten Frau, Olga Janselius, geb. Willman.« Hie und da mit einem Zusatz: »An ihrem dreiundzwanzigsten Geburtstag.« »An ihrem Namenstag usw.« Eine Radierung, deren Dunkel vergeblich ein noch dunkleres Laster zu verbergen suchte, trug die Aufschrift: »Zur Erinnerung an unsere Hochzeitsnacht!« Wann hatte der schnurrige Herr ihr diesen Schabernack gespielt? Wer weiß! Vielleicht nach seinem Tode. Ein Versuch, die Widmungen auszuradieren, mißlang, und die Blätter wurden in einer Bodenkammer verstaut. Frau Janselius hatte nicht den Mut, durch ein Brandopfer der kunsthistorischen Forschung einen, sei es auch geringfügigen Verlust zuzufügen. Die Nachwelt würde eine sonderbare Vorstellung von dem Geschmack der jungen Frau erhalten, darein mußte sie sich eben finden. Leider sollte schon das Urteil der Mitwelt durch Jan-Petters satanischen Einfall irregeführt werden. Eines Tages entdeckte Ludwig Battwyhl den Schlupfwinkel und unterzog die Blätter einer genauen Prüfung. Er hatte sie noch nie gesehen oder wenigstens noch nie bemerkt. Denn wer bemerkt das, was an den Wänden hängt? Er zeigte sie seinem Freund Casimir Brut. Dann fiel ihm ein, daß Lotte Brenner sie sehen müsse. Trotz ihrer Dozentur und obwohl sie immer mit einem anatomischen Handatlas unter dem Kopfkissen schlief, hielt er sie für außergewöhnlich unwissend und dabei dumm. Er schleppte das dicke Mädchen in die Dachkammer hinauf, setzte sie auf den staubigen Boden und umgab sie mit einhundertfünfzig erotischen Akten. Es zeigte sich, daß sie tatsächlich unwissend war, aber wißbegierig. Ludwig dozierte. Nach einer knappen Stunde des Unterrichts wurden Lehrer und Schülerin von Frau Olga überrascht. Sie sah ihr Geheimnis verraten, ihr Herz stockte, ihre Pulse hörten auf zu schlagen, ihre Zeigefinger erhoben sich und wiesen himmelwärts. Sie wollte sich lautlos zurückziehen, aber ihre Gemütserregung entlud sich in einer ganzen Serie kräftiger Nieser. Da stürzte sie in die Kammer hinein, packte Ludwig beim Schopf, schleppte ihn auf den Dachboden hinaus und ohrfeigte ihn. Später nahm sie ihn ins Verhör. Hatte er die Blätter noch jemandem, außer Lotte, gezeigt? Ja, dem Verwalter Casimir. Da fing sie zu weinen an, ging zu Bett und zeigte sich an diesem Tage nicht mehr. Aber am folgenden nahm sie ihn wieder ins Verhör. Ludwig bekannte noch ein Verbrechen: er hatte die Blätter Brita Djurling gezeigt. Brita Djurling – einem siebzehnjährigen Mädchen! Warum hatte er das getan? Darüber konnte er keine klare Auskunft geben, aber er meinte, er hätte es getan, um das Mädchen, das von Natur etwas schläfrig war, ein bißchen aufzupulvern. Bei diesem Geständnis drehte sich Frau Olga plötzlich um, nicht aus Scham, sondern weil sie ganz deutlich Jan-Petters kicherndes Lachen hinter ihrem Rücken gehört hatte. Eine Gehörstäuschung. Noch immer mit abgewandtem Gesicht fragte sie, ob er ihnen auch die Widmungen gezeigt hatte. Was für Widmungen? Die Widmungen auf der Rückseite. Nein, die Rückseite hatte er gar nicht angesehen. Er machte einen Schritt auf die Türe zu, vermutlich um hinaufzugehen und das nachzuholen, aber Frau Olga hielt ihn zurück. Sie nahm ihn in die Arme und küßte ihn auf die Wange. Er war neunzehn Jahre und ein großer Nichtsnutz, der dreimal bei der Matura durchgefallen war. Aber er hatte einen Vorzug: er war unglaublich wahrheitsliebend. In der Schule hatte er durch seine Aufrichtigkeit eine herostratische Berühmtheit erlangt, und das Lehrerkollegium hatte bei ein paar causes célèbres ernstlich die Frage erwogen, ob der Knabe nicht in eine Anstalt für Schwachsinnige gebracht werden sollte. Diese unbestechliche Wahrheitsliebe war für den Augenblick und für Frau Olga von großem moralischem Wert. Der Junge hatte die Widmungen nicht gesehen, und folglich wagte sie zu hoffen, daß auch die anderen sie nicht gesehen hatten. Gewißheit war jedoch nicht zu erlangen, und von diesem Tage an wurde sie noch empfindlicher gegen alle Anspielungen und Zweideutigkeiten, die sich möglicherweise auf ihre Sittlichkeit beziehen konnten. Oder richtiger gesagt – noch geneigter, in den unschuldigsten Worten Anspielungen und Zweideutigkeiten zu finden. Hinter dieser Empfindlichkeit und Argwöhnischkeit, die ein bißchen lächerlich erscheinen konnte, steckte ein zehnjähriges Leiden, ein gut verborgenes, aber lebhaftes Gefühl der Scham. Die Frau eines Libertins ist oft dem Mitleid ausgesetzt, immer dem Verdacht. Die Willmansche Familie, die zum nicht geringen Teil von Frau Olgas Ehe lebte, würde ihre eigene moralische Grundanschauung verleugnet haben, wenn sie diese Ehe gebilligt hätte. Ein laut ausgesprochenes Verdammungsurteil wäre eine Unverschämtheit gewesen, aber das moralische Gewissen ist beim Menschen (und bei wohlerzogenen Hunden) so stark, daß es sich aus Rücksicht auf materielle Vorteile nie gänzlich unterdrücken läßt. Wo die Opposition gegen das Unmoralische keine groben Ausdrucksformen annimmt, nimmt sie eben feine an. Um Frau Olgas Leben zwischen Jan-Petters Hochzeit und seinem Begräbnis recht zu schildern, um ihr Verhältnis zu ihrer Umgebung und ihren Seelenzustand erschöpfend zu erklären, müßte man einige hundert pikante Situationen wiedergeben, einige tausend Wortspiele, witzige Einfälle, zum Lachen reizende Bemerkungen zitieren. Es lag sicherlich keinerlei Bitterkeit oder Bosheit in diesen Neckereien. Die Familie hatte nun einmal die moralische Mesalliance mit allen ihren Konsequenzen geschluckt und konstatierte nur mit lächelnder Wehmut, daß es einem ihrer Mitglieder an höherem, sittlichem Gehalt gebrach. Dieser lächelnden Wehmut stellte Frau Olga eigensinnige und erbitterte Versuche entgegen, als eine fanatisch strenge und genaue Hausfrau der alten Schule aufzutreten. Diese Versuche mißlangen jämmerlich. Sie konnte nicht die allerbescheidenste kleinste Rüge erteilen, ohne zu stammeln, zu erröten, zurückzunehmen. Und ihre Genauigkeit nahm nicht selten ebenso lächerliche Ausdrucksformen an, wie jetzt, wo sie mit der Weckeruhr in der Hand auf ihre Kammerjungfer lauerte. Dieser Wecker hatte übrigens noch eine Aufgabe: er war ein Symbol der Wissenschaft. Die Geringschätzung der Familie für ihre kleine Person gründete sich nicht nur auf eine Unterschätzung ihrer Moral, sondern vielleicht in noch höherem Grade auf eine Verkennung ihrer wissenschaftlichen Veranlagung. Damit beging man sicherlich ein großes Unrecht. Sie hatte schon, und zwar mit einem gewissen Glanz, ihr cand. phil. abgelegt, als der befürchtete Ruin des Willmanschen Hauses und Jan-Petters Erscheinen auf der Bildfläche die Professorin bewog, in ihrer Eigenschaft als Oberhaupt der Familie ein aufsehenerregendes Dekret zu erlassen: die jüngste Tochter hatte keinen Kopf zum Lernen. Die Bestürzung war außerordentlich groß. Das Kalb mit den zwei Köpfen ist ein weniger seltsames Spiel der Natur als eine Willman ohne Kopf zum Lernen. Naive Mitglieder der Familie fühlten sich skandalisiert und protestierten. Die Professorin antwortete mit einem geheimnisvollen und zärtlichen Lächeln: »Olga hat etwas, das besser ist als ein guter Kopf!« Was in drei Teufels Namen! Besser als ein guter Kopf? Man grübelte. Plötzlich ging ihnen ein Licht auf. Ein gutes Herz! Ein gutes Herz ist besser als ein guter Kopf. Wenigstens für die Umgebung. Das wurde die Losung und die wissenschaftliche Erklärung des etwas rätselhaften und genanten Falles Olga Janselius geb. Willman. Sie hatte ein gutes Herz. Wie immer, wenn eine große Entdeckung gemacht wird, stellten sich die Beweise von selbst und zu Dutzenden ein. 1. In zartem Alter hatte sie, obwohl ein Flaschenkind, nie geschrien, sondern wie ein Engel Gottes geschlafen (was allerdings daher kam, daß die stets in Anspruch genommene Professorin ein paar Tropfen Schnaps in die Milch gegossen hatte). 2. Als Minderjährige hatte sie a) eine kranke junge Krähe zärtlich gepflegt, b) aus freien Stücken Tante Sara vorgelesen, c) am Weihnachtsabend geweint und sich die längste Zeit geweigert, ihre Geschenke entgegenzunehmen, weil sie auf der Straße einem armen Kind begegnet war. 3. Als junges Mädchen hatte sie, trotz ihres schwachen Kopfes, sich dazu durchgerungen, ihre Prüfungen zu bestehen (als ob jemand gewagt hätte, Anna-Lisa Willmans Tochter durchfallen zu lassen!), nur um ihren Eltern eine Freude zu machen. 4. Als Jungfrau hatte sie ihre Liebe einem kranken, unglücklichen (?) Manne geschenkt. 5. Als Gutsherrin bewies sie ihrer Dienerschaft nur allzuviel Nachsicht (wahr! aber das hinderte nicht, daß sie ihnen täglich Zahnweh und anderes Ungemach wünschte). 6. Auch gegen arme Verwandte bewies sie einige Güte (in runder Zahl dreißigtausend schwedische Kronen jährlich!). 7. Sie schenkte dem unglücklichen, elternlosen Jüngling Ludwig von Battwyhl die zärtlichste Fürsorge. Der letzte Punkt war wortwörtlich wahr, bis auf eines. Ludwig Battwyhl war keineswegs unglücklich; im Gegenteil, man konnte ihn als den Urtypus eines glücklichen Jungen betrachten. Kein Vater hatte ihn unterdrückt, keine Mutter hatte ihm den Magen oder die Seelenruhe verdorben. Er hatte den größten Teil seines Lebens in einer Schulgemeinde verbracht, die er durch seine Talente, seine Fauststärke und seinen Charme vollständig beherrschte. Er flößte seinen Kameraden eine schreckvermischte Bewunderung und seinen Lehrern ein Grauen ein, das sich bisweilen zur Panik steigerte. Er war aus zwei Lehranstalten relegiert worden und hatte in diversen Sportzweigen eine Unmenge Meisterschaften erzielt. Im Alter von siebzehn Jahren war er ein im ganzen Lande bekannter Fußballspieler, verließ aber in der Blüte seines Ruhms den Fußballplatz zufolge eines komplizierten Beinbruchs, der ihn ein klein bißchen lahm und höchst interessant machte. Er war vielleicht übersättigt an Ruhm, aber keineswegs an Speise und Trank, und Gaumen und Magen bereiteten ihm täglich neue Genüsse. Er hatte den feinsten Pointer des Landes mit meterlangem Stammbaum und überdies einen wohlversehenen Stall – der allerdings nicht ihm gehörte. Wie man überhaupt sagen konnte, daß ihm alles gehörte, was nicht sein war, und darin lag der Grund seiner unglaublichen Sorglosigkeit und seiner großartigen Freigebigkeit. Aus seinen Westen- und Hosentaschen rollten beständig Münzen, über deren Herkunft kein Teufel etwas wußte. Sein Charakter galt für gut, aber verkannt, und darum doppelt gut. Seine unbestechliche Wahrheitsliebe wurde schon berührt. Seine Zwanglosigkeit grenzte an Unartigkeit und seine Artigkeit an Dreistigkeit – wie es sich eben fügte. Endlich hatte er eine starke und selten abgewiesene Neigung, die Arme eng um den einen oder andern Damenhals geschlungen, herumzuspazieren. Die Willmansche Familie mit ihren tiefen, psychologischen Erkenntnissen deutete diese Neigung als ein Symptom kindlicher Sehnsucht nach Mutterliebe. Das mag wahr sein, aber in diesem Falle zeigte er eine ausgesprochene Vorliebe für junge Mütter, auch solche, die jünger waren als er selbst. Seine Pflegemutter, die gute Frau Janselius, vergötterte er mit einer Leidenschaft, die an die Leidenschaft der Katze für die Maus erinnerte. Ihre wohlgeformte, kleine Person wurde in den langen Knabenarmen förmlich erdrückt, bis sie nach Atem schnappte. Jan-Petter hatte bei Lebzeiten diese Zärtlichkeitsanfälle mit kicherndem Wohlbehagen mitangesehen. Die Damen Willman wischten sich dabei gern eine Träne aus dem Augenwinkel. Frau Olga schüttelte sich und plusterte sich auf wie eine Henne beim Regen. Sie verwöhnte ihn wirklich, aber das kam weniger von ihrem guten Herzen als von der vollkommenen Unfähigkeit, sich ihn vom Leibe zu halten. Jedenfalls stand es fest, daß sie ein gutes Herz hatte oder – deutlicher formuliert – daß ihr Herz besser war als ihr Kopf. Ferner: daß man von ihr, Jan-Petters Witwe, keine ernste Anschauung des Lebens, namentlich seiner erotischen Seite, erwarten konnte. Kurz gesagt: sie war liebenswürdig, aber ein bißchen minderwertig. Diese Auffassung irritierte sie unerhört, und sie beschloß, sie zu desavouieren. Sie wollte zeigen, daß die Erotik für sie eine Lebensäußerung von untergeordneter Bedeutung war, während sie für die meisten Menschen das Zentrale im Leben ist. Sie wollte nachweisen, welchen unverhältnismäßig großen Raum die sogenannte Liebe nicht nur im Leben des Individuums, sondern auch in dem der Gesellschaft einnehme. Sie wollte diesen sozialen Parasiten unter das Mikroskop legen, seine Lebensbedingungen entdecken, die verheerten Gebiete kartographieren, die Grenze zwischen sozial berechtigter und unberechtigter Erotik ziehen – in kurzen Worten: sie wollte eine neue pragmatische Wissenschaft begründen. Das Willmansche Blut war erwacht und rief nach Ziffern, Beobachtungen, Hypothesen, Statistik, vor allem Statistik. Monate hindurch hatte sie versucht, diesen Ausbruch erblicher Belastung zu bekämpfen. Sie hatte Angst. Sie war sich völlig bewußt, daß ein Mensch, der eine neue Wissenschaft begründen will, ein lächerlicher Mensch ist. Sie erwartete sich weder Lorbeeren noch Rosen, sie erwartete Dornen und Disteln. Und da saß sie nun mit ihrer Weckeruhr.   Das Gespräch der Kammerjungfer mit dem Torfausstecher dauerte 38 Min., 14 Sek. Da für den Anfang nur von approximativen Berechnungen die Rede sein konnte, strich sie sofort die Sekunden und rundete nach kurzem Nachdenken die Minutenziffer auf vierzig auf, was ein überaus bequemer Multiplikationsfaktor ist. Sie stellte die Uhr auf das Fensterbrett und griff zu Papier und Feder. Das Haupthaus Larsbo hatte sechsundzwanzig weibliche Bedienstete, von denen sieben außerhalb der Altersgrenze fielen, die sie etwas willkürlich bei den klimakterischen Jahren zog. Von den übrigen waren neun verheiratet. Als eine erste Arbeitsprämisse nahm sie an, daß eine verheiratete Frau ein halb so großes Bedürfnis nach erotischen Gesprächen wie eine unverheiratete hat. Ihr Arbeitsmittel war also 14½ oder 29/2 Fraueneinheiten. Langjährige Beobachtungen hatten sie gelehrt, daß eine mittelstark erotisch betonte arbeitende Frau sich in der Regel mit einem längeren erotischen Gespräch (vulgär: Stelldichein, Rendezvous, Tete-a-tete) am Tage begnügt. Eine einfache Multiplikation ergab also, daß die weiblichen Bediensteten Larsbos täglich 9 Std. 40 Min. Arbeitszeit zu erotischen Zwecken vergeudeten, was einem materiellen Wert von ca. 4 Kr. 85 entsprach. Ein solches Stelldichein erfordert jedoch auch einen männlichen Partner. Dieser kann allerdings ein nicht zum Hause gehöriger Arbeiter sein; aber da Import und Export zwischen den verschiedenen Gütern sich dabei ausgleichen dürfte, glaubte sie mit Männereinheiten rechnen zu können, wobei sie sich natürlich vorbehielt, später noch eine besondere Berechnung bezüglich der überzähligen Männer des Gutes aufzustellen. Die verplauderte männliche Arbeitszeit repräsentierte, nach dem Durchschnittsstundenlohn berechnet, 12 Kr. 55. Summa männliche und weibliche Arbeitskraft 17 Kr. 40 pro Tag oder ca. 5220 Kr. pro Jahr! Natürlich mußte diese Ziffer noch überprüft und vielleicht im Hinblick auf verschiedene Fehlerquellen erheblich korrigiert werden: die Einwirkung der Jahreszeit auf das erotische Leben (die Stichprobe wurde am Saratag, also mitten im Hochsommer, gemacht); der größere oder geringere Zustrom von Saisonarbeitern; die moralische Atmosphäre des Hauses (ein nicht unwesentlicher Umstand, was Larsbo betrifft), und zuletzt, aber nicht zum geringsten, die etwas erregte Gemütsstimmung des Experimentators. Die letztgenannte Fehlerquelle hatte ihren Grund in einem Gespräch zwischen dem Experimentator und Casimir Brut. Der Verwalter hatte ihr am vorigen Abend in ziemlich ungehobelter Weise Vorwürfe gemacht, indem er sagte: »Es ist nicht möglich, in diesem Hause die Disziplin aufrechtzuerhalten. Die gnädige Frau hält ihre Mädchen zuviel im Hause. Meine Burschen wollen am Abend mit den Mädchen der gnädigen Frau sprechen, aber die gnädige Frau hält sie im Flügel und läßt sie lesen und singen wie im Himmel. Da gehen meine Burschen anderswohin, und am Morgen kann ich herumlaufen und sie aus Scheunen und Heuschobern herausziehen. Wie kann da Disziplin sein?« Diese Darstellung war nicht nur zynisch, sondern auch sachlich unrichtig. Einen ersten Beweis dafür hatte sie schon in der Hand, und sie war fest entschlossen, ihre Forschungen fortzusetzen. Die Willmansche Zunge hatte Blut geleckt, sie empfand ein ererbtes, sozusagen wissenschaftliches Glück. 5220 Kr. im Jahre! Allein im Haupthaus Larsbo! Wieviel entsprechende Güter hatte Schweden? Wie viele weibliche Bedienstete überhaupt? Wie viele arbeitende Frauen? Wie viele Frauen? Die Statistik würde diese Fragen beantworten, die Statistik würde sie mit Ziffern ad libitum versehen. Sie würde aus der lauen, faden, süßlichen Atmosphäre, die Jan-Petter Janselius' Witwe umgab, heraustreten und sich in dem mathematisch kühlen Tempel der Wissenschaft niederlassen. Sie sah vor sich Reihen von Bücherregalen, Lesepulten, Bibliothekstischen, Folianten, Bibliothekaren, Professoren, Studenten. Sie erinnerte sich eines jungen Mannes, der ihr früher einmal eine gewisse Verehrung entgegengebracht hatte. Er war Amanuensis in der Reichsbibliothek und würde sehr erstaunt sein, sie zu sehen; noch mehr, wenn er von ihren Absichten und Plänen erfuhr. Sie sagte sich, daß sie immer ein ganz einfaches schwarzes Kleid tragen werde; das werde sowohl ihre Anspruchslosigkeit wie ihren Ernst betonen. Das war nur ein kleiner Nebengedanke, der rasch verblich. Vor ihr lag ein Arbeitsfeld, dessen Umfang und Bedeutung gar nicht hoch genug angeschlagen werden konnte. Sie beschloß, die Richtlinien ihrer Erstlingsarbeit zu ziehen, und begann mit dem Titel. Ein gut gewählter Titel wirkt zugleich inspirierend und konzentrierend. »Das erotische Leben in sozialer Beleuchtung«. Ein gediegener, prunkloser Titel, aber vielleicht allzu phantasiearm. Die Phantasie spielt im wissenschaftlichen Denken eine größere Rolle, als man im allgemeinen annimmt. »Die Ökonomie der Liebe«? Besser, viel besser! Ernst und dabei ein klein bißchen pikant – für jene, die durchaus etwas Pikantes an diesem Gegenstand finden wollen. Als Buchtitel ausgezeichnet, aber vielleicht geeigneter für eine Arbeit Nr. 2, ein Standardwerk in zwei bis drei Teilen. Die Broschüre ist ein geschmeidigeres Werkzeug für die junge Wissenschaft, die sich nicht vornehm abweisend gegen alle Popularitätsforderungen verhalten kann. Ein kräftiger, aktueller, ernster Titel, eher fragend als beantwortend, wie ein Sprengkeil gegen den Kern des Problems gerichtet. Jetzt hatte sie es! »Hat der moderne Mensch ein soziales Recht auf die Liebe?« Nein, nein, das war nicht gut. Nicht Recht, nein! Das ist ein langweiliges, banalisiertes, deklassiertes Wort und im Grunde eigentlich tief unwissenschaftlich. Aber so: »Kann der moderne Mensch es sich leisten, zu lieben?« Ausgezeichnet! Sie blickte von dem Papier mit den 29/2 Fraueneinheiten und den 5220 Kronen auf und sah sich dabei rein zufällig im Spiegel. Es kam ihr vor, als hätte dieses gedankenvolle, schwermütige, vom Leben gezeichnete, aber durchaus nicht unschöne Gesicht ein besonderes Recht, eine Frage wie diese hinauszuschleudern: Kann der moderne Mensch es sich leisten, zu lieben? Sie lächelte, um zu sehen, ob der gedankenvolle, schwermütige Zug sich verflüchtigen würde; aber nein, er vertiefte sich eher noch, und über der vielleicht etwas jugendlichen Klarheit der Stirn ringelte sich die schwarze Locke wie ein Fragezeichen. Kann der moderne Mensch es sich leisten, zu lieben? Sie mußte daran denken, daß, wenn ihre Arbeiten einmal in einer Gesamtausgabe herausgegeben wurden, das Porträt der Verfasserin gerade so sein mußte, wie das Spiegelbild jetzt: der Kopf leicht geneigt, die Lippen von einem fast unmerklichen, schwermütigen Lächeln gekräuselt, der Blick durch die Wimpern gesiebt, die Locke an ihrem Platz. Außerdem mußte sie ihren Mädchennamen Olga Willman wieder annehmen oder noch besser: Olga Willman-Janselius – in Wahrheit eine symbolische Konstellation über den Worten: Kann der moderne Mensch es sich leisten, zu lieben? War es vielleicht ein Zufall, daß gerade sie für die Menschheit einen der Pfade durch den erotischen Urwald bahnen sollte? Ein zehnjähriges Leiden ist kein Zufall, es ist ein Schicksal. Sie stand vor Eros, geschützt vom Panzer der Erfahrung, fühllos, gerecht, wissenschaftlich. Sie fühlte sich siegesgewiß, sie fühlte, daß sie dem fatalen Gott eine Niederlage zufügen, ihm eine Provinz rauben werde. Sie konnte sich noch keine klare Vorstellung davon machen, wie das zugehen werde, aber ihr Herz erzitterte vor freudigem Ernst, denn sie ahnte etwas Großes. Tanten, Schwestern, Kusinen und der Amanuensis in der Reichsbibliothek wurden einsehen lernen, daß sie nicht das kleine Heiratstierchen war, für das sie sie hielten; der Kuhhandel zwischen der Professorin und Jan-Petter würde gerächt werden. Während sie ihre Erfahrungen sichtete und systematisierte, würde sie gleichzeitig mit Ludwig ihre mathematischen Kenntnisse auffrischen, denn Ziffern und abermals Ziffern, das ist der Sprengstoff, der die abgelagerten Vorurteile von Jahrtausenden aus dem Weg räumt. Und Casimir Brut würde eine wohlverdiente Lektion bekommen! Kalt und nüchtern schritt sie ans Werk, bereit, alle Konsequenzen ihrer Forschungen auf sich zu nehmen, auch die umwälzendsten, auch die zerstörendsten – vielleicht vor allem diese. Sie schenkte ihrem Spiegelbild noch einen Blick und entdeckte einen neuen, bleichen, kühlen Glanz, an den des Marmors gemahnend und recht kleidsam. Aber sie hielt sich bei derlei nicht auf, sondern riß mit einem raschen Griff den ersten, schon bekritzelten Bogen aus dem Notizblock und schrieb auf das blanke Blatt in perlrunden Buchstaben die Worte: Kann der moderne Mensch es sich leisten, zu lieben?   Im selben Augenblick läutete die Weckeruhr. Sie funktionierte ausgezeichnet wie diese Weckeruhren zu 5,50 gewöhnlich. Ihr Schlagwerk war auf sieben gestellt, ihr Zeiger wies auf sieben, und die Sonnenuhr im Hofe war ungefähr derselben Auffassung. Alles war in bester Ordnung. Frau Olga hatte im Schreibkabinett neben dem Schlafzimmer Platz genommen; etwa zehn Meter trennten sie von der Uhr. Sie war ebenso schlaftrunken und bestürzt, als wäre sie aus dem süßesten Schlummer gerissen worden. Blind griff sie um sich und bekam einen kerzentragenden, tanzenden, silbernen Faun in die Hand, dessen Kerze sie knickte. Sie sprang auf, drehte sich im Kreise und stieß an etwas; sie lief ins Schlafzimmer hinaus und vernahm hinter sich einen Krach und ein weiches wehmütiges Klirren. Aber vor ihr arbeitete der Wecker schrill und unverdrossen; mit ausgestreckten Händen stürzte sie zum Fenster hin und wollte das Ding eben packen, als ihre Zeigefinger plötzlich aufschnellten wie Taschenmesserklingen und der Uhr einen gemeinsamen Puff gaben. Sie schwankte, sie fiel, ihr Glas zerschmetterte auf dem Sande, das glänzende Nickelgehäuse barst, aber das Schlagwerk funktionierte tadellos. Frau Olga schrie auf und beugte sich zum Fenster hinaus. Der Wecker lag im Sande und läutete. Beflügeltes Getier umkreiste summend die Linde; Schwalben durchschnitten die Luft und peitschten sie mit ihren Flügeln; die Kühe brüllten nach den Melkmägden, die Katze saß auf der Platte der Sonnenuhr und putzte sich nach der nächtlichen Jagd; der Hund sah zu; die Gänseschar weidete auf dem Grase des Parks. Träge und schläfrig, schwer von süßen Düften zog der Wind von Westen nach Osten, eine gemächliche weißwollige Schar vor sich hintreibend. Es war Morgen, es war Hochsommer, es war Saratag. Und eines nach dem anderen öffneten sich die Fenster der Fassade. Zuerst eines in der untersten Reihe, das zweite von links, und heraus streckte sich ein glattgekämmter Kopf, in der Mitte gescheitelt, mit geflochtenen Schnecken über den Ohren, einem ovalen Gesicht, ovalen Augen, einem krummen Näschen, bogenförmig geschwungenen Lippen und zwischen diesen Lippen ein großes Stück Bärenzucker. Das war Brita Djurling, Frau Olgas Nichte. Dann öffnete sich ein Fenster in der zweiten Etage ganz weit rechts, öffnete sich mit einem Krach, und heraus quollen zwei kräftige Schultern, nackt, dick, braungebrannt von der Sonne; und wie der Knopf auf einer Suppenterrine, so ruhte auf diesem breiten Körper ein viel zu kleiner Kopf, pausbackig und prall, rot und von roten Zotteln umgeben. Auf dem fleischigen Rücken der Nase balancierte etwas schief ein schwankender, klappriger Kneifer mit morgendlich betauten Gläsern, und aus dem linken Mundwinkel hing ein ganz kleines Pfeifchen mit säuerlichem Tabak, nach der braunen Soße auf dem Kinn zu schließen. Das war Lotte Brenner, die Großkusine der Hausfrau mütterlicherseits und Kusine des vorletzten Besitzers von Larsbo. Sie räusperte sich dumpf und spuckte in weitem Bogen auf den Hof hinaus. Hierauf öffnete sich ein Fenster in der dritten Reihe, der höchsten, und ein schönes, seelenvolles Antlitz kam zum Vorschein, recht ähnlich dem Frau Olgas, nur verfeinerter, auch gealterter und in blasseren Farben. Die Augenlider hoben sich nie ganz, und der Mund lächelte ein verschwiegenes, gedankenvolles, mitleidiges Lächeln, so als lausche sie stets schönen, aber traurigen Dingen; aber bei ihrem Tagewerk lauschte sie sicherlich anderem, Doktor Karolina Willman, die berühmte Magenspezialistin. Hier in Larsbo wohnte sie immer ganz hoch oben unter dem Dach in einer ziemlich dürftig möblierten Kammer, denn von ihrem Fenster hatte sie den freien Blick über den Mo-See und konnte mit Hilfe des Feldstechers die Schwäne im Schilf schwimmen sehen. Noch ein Fenster tat sich auf, lautlos, aber rasch, in der Mitte des zweiten Stockwerks, ganz dicht neben dem Olgas. Mit sokratischer Nase zwischen tiefblauen kurzsichtigen Augen und rosig zarten Wangen, zeigte Betty Willman ihre niedliche Person, zog den Mund seitlich wie eine Flunder, als sie die im Kies getreulich läutende Uhr sah, sandte einen Seitenblick zum Himmel und einen anderen zu Olga, nieste, als die Sonne sie gerade in die Stupsnase stach, und verbarg ihr Gesicht in schmalen, weißen, blaugeäderten Händen. Das sechste Fenster öffnete sich in der untersten Reihe, nicht weit von dem Britas. Hier wohnte die holde Lizzy, von der es hieß, daß sie in jeder Fakultät einen verlobten Bräutigam gehabt hatte und in der philosophischen zwei. Verleumdung selbstverständlich, aber würdig der schwärzesten, reichsten, geringeltsten Locken, die je große, tiefe Kenntnisse in altnordischen Sprachen bedeckt haben. Sie grüßte den Tag mit einem rauschenden Gähnen, gefolgt von einem dumpfgrollenden Laut, nicht unähnlich dem Donner; sie streckte die vollen Arme in einer Geste à la Müllers System, aber unterbrach ihre Übung, um sich heftig um Augen und Nase zu kratzen und hier und dort an ihrem halbnackten Körper. Schließlich schrie sie ein kräftiges Gu'n Morgen und nickte fröhlich nach rechts und links schlaftrunkenen Freunden zu. Aber über dem linken Ohr schwebte leicht wie ein Schmetterling, wenn auch in das Haar verwickelt, eine vergessene Papillote, bunt und aus einem Modejournal ausgeschnitten. Schließlich, um die Siebenzahl vollzumachen, wurde langsam und vorsichtig, mit etwas zitternden Händen, das kleine viereckige Fenster gerade über dem Portal geöffnet. Und sie, die nun zum Vorschein kam, war, wenn nicht der Genius des Hauses, so doch der des Tages: Fräulein Sara Schönthal, eine arme Jüdin, die zum Unterschied von allen anderen nicht die geringsten Blutsbande mit der Gutsherrin verbanden. Ob sie als Gouvernante oder Gesellschafterin oder Haushälterin in die Familie gekommen war, weiß niemand mehr. Sicher ist, daß sie mit den Mädchengeheimnissen der seligen Frau Professor vertraut gewesen war, und daß seither etwa zwanzig Jungfrauen zweier Generationen Tante Sara alles anvertraut hatten, was ein Herz vor Freude oder Schmerz zum Brechen bringen kann, und noch etwas dazu. Nichtsdestoweniger war sie dünn und trocken und leer wie ein unbeschriebenes Pergament, vergilbt und geschwärzt, verrunzelt und zersprungen bis zur Unleserlichkeit, noch bevor es beschrieben worden war. Die Nase erhob sich wie ein schwerer, brüchiger, morscher Bugspriet, getakelt von kräftigen Runzeln, die quer über die Wangen liefen und ihren Stützpunkt bei der Basis der Ohren hatten; aber die Ohren selbst hingen wie schlaffe Segel herab. Die Augen waren von schwellenden, schwarzblauen Kissen bedeckt, gefüllt mit alten verdunkelten Tränen, konnte man meinen. Das Gesicht war starr wie Holz, beweglich waren nur die lederartigen Lippen, die bald eingesogen, bald aufgeblasen wurden, sich dann wieder auseinanderzogen und eine gleichmäßige, blendende Zahnreihe im Oberkiefer entblößten und drei gelbe Hauer im unteren. Das war Tante Sara. Aber ihre Güte, Bescheidenheit, Zärtlichkeit, Rücksicht kann niemand würdig beschreiben. Und als nun die Alte, von der Sonne geblendet und nichts von der Anwesenheit all der anderen ahnend, sich hinausreckte, um einen meterlangen Zopf auszuschütteln – aus ein halbes Jahrhundert hindurch ausgekämmten Haaren geflochten, schwarzen, ergrauten und weißen – und ihn zu einem prachtvollen Korb und sehr nötigen Schutz für den Scheitel zusammenrollte, riefen alle: »Hurra! Es lebe Tante Sara!« Doch nicht auf einmal und taktfest, sondern die Rufe stiegen bald hier, bald dort auf und kollerten kreuz und quer über die Fassade. Es klang so, wie wenn Elstern in verschiedenen Nestern zanken und schnattern; aber die Alte verlor die Haltung nicht; sittsam und würdig knixte sie zum Dank für jedes neue Hurra und steckte unterdessen ihren Zopf auf. Endlich verstummte die Weckeruhr im Kies. Und endlich öffnete sich das achte Fenster, gerade über dem Frau Olgas gelegen. Ludwig von Battwyhl, gehüllt in einen kanariengelben Morgenrock mit schwarzen Aufschlägen und ebensolchen Patten, bog sich hinaus und machte einen unwillkürlichen Bückling, so daß ihm das zerraufte Haar in die Stirn klatschte. Das Fensterbrett traf ihn unsanft in den Magen. Herrgott, dachte er, das muß anders werden! Er drückte die Knöchel mit Kraft in die Augenwinkel und bohrte langsam den Schlaf heraus; er gähnte gewaltig, aber lautlos, überlegte es sich dann, gähnte noch einmal, und jetzt mit einem zornigen Brüllen. Er züchtigte seinen Mund mit einem harten Schlag. Wie roh ich bin! dachte er. Das muß anders werden! Eine Stimme rief: »Ludwig! Gratuliere Tante Sara! Heut' ist ihr Namenstag.« Er riß die Augen auf, und indem er den Fensterpfeiler mit festem Griff umklammerte, sprang er auf das Fensterbrett und trat auf das Blech hinaus. Sechs Damen schrien auf, aber die siebente, Tante Sara, stand parat, die Gratulation entgegenzunehmen. Und er sagte: »Liebe Tante Sara! Heute ist dein Namenstag, und du bist so reizend. Ja, das ist meine aufrichtige Meinung, wenn dich auch andere häßlich finden. Wäre ich in der Lage dazu, ich würde dir falsche Zähne für den Unterkiefer schenken. Aber ich bin ein armer Junge, und so wünsche ich dir Glück und Segen. Mit Ausnahme einer reichlichen Nachkommenschaft.« »Ludwig!« schrie Lizzy. »Lizzy?« parierte er prompt und dienstfertig. Und bekümmert fügte er hinzu: »War das plump gesagt? Mir ist nämlich die Bibel eingefallen und das Risiko, das bejahrten Saras anhaftet. Andere sind in diesem Alter verschont. Aber das muß anders werden. Gu'n Morgen, Lizzy, gu'n Morgen, Betty, gu'n Morgen, Tante Karoline. Ich hoffe, du hast gut geschlafen? Gu'n Morgen, Lotte! Gu'n Morgen, süße kleine Brita! Und danke noch für heute nacht! Ich habe geträumt, daß wir in einem Geschwisterbett lägen –« »Ludwig!« schrie Frau Olga. Er fuhr so heftig zusammen, daß das Blech knackte, und starrte erschrocken auf sie hinunter. »Ach so, das bist du, Ollo«, sagte er. »Gu'n Morgen.« Ollo war ihr Kosename, ein Einfall von Jan-Petter. »Du bist roh!« sagte Frau Olga. »Ja«, gab er zu, »das bin ich. Aber das muß anders werden. Ich habe einen hundsgemeinen Traum gehabt –« Er starrte zu Boden, runzelte die Stirn und machte ein Gesicht, als ob er Rizinusöl geschluckt hätte. »Von mir?« fragte Brita und nahm den Bärenzucker aus dem Mund. »Nein, nicht von dir, das hab' ich nur aus Spaß gesagt. Mir hat von einem anderen Weibsbild geträumt. Keine von euch. Ich glaube nicht, daß ich sie gekannt habe. Wir gingen über das Moor und kamen zum Spillebodaer Brunnen. Wir standen dicht am Schilfrand und neckten uns ein bißchen. Und plötzlich wollte sie mich in den Brunnen stoßen. Ach so, sagte ich, nahm sie beim Haar und bog sie zurück. Ich dachte, ich würde sie auf den Hals küssen; aber statt dessen zog ich mein Jagdmesser und schnitt ihr die Kehle durch –« »Ah, hu!« schrien die Damen. »Ah, hu! Wie roh du bist!« Er hörte sie kaum; der Traum lag ihm noch in den Gliedern. Er kniff die Augen fest ein, und sein ganzer Körper zitterte vor Ekel. Er murmelte: »Ganz blutig bin ich geworden. Bis ins Gesicht hinauf.« Plötzlich rief Brita: »Da kommt Casimir Brut!« Ludwig sprang ins Zimmer zurück. In Casimir Bruts Gegenwart benahm er sich immer wie ein junger Gentleman und erlaubte sich keinerlei Lausbübereien. Er hegte eine fanatische Zuneigung zu dem Verwalter, teilweise auf den Umstand zurückzuführen, daß Casimir der einzige war, der ihn gründlich durchgebläut hatte. Der Verwalter kam aus dem Park und ging quer über den Hof auf den rechten Flügel zu. In der einen Hand hielt er seinen Reitstock, in der anderen etwas, das wie ein rotgetupftes Schnupftuch aussah. Als nun die Damen und Ludwig im Chorus riefen: »Gu'n Morgen, Casimir! Gu'n Morgen, Brut! Gu'n Morgen, Herr Verwalter!« knüllte er hastig das Sacktuch zusammen und steckte es in die Tasche. Dann lüpfte er die Mütze ein wenig und setzte seinen Weg fort. Frau Olga hielt ihn an. »Brut!« rief sie. »Haben Sie die Bolla gesehen?« Er blieb stehen, aber drehte sich nicht um. Frau Olga fuhr fort: »Ich habe sie etwas besorgen geschickt, und wips, kam einer von Ihren Torfausstechern daher und legte Beschlag auf sie. Da sehen Sie es!« Er drehte sich langsam um, machte ein paar Schritte auf das Hauptgebäude zu und blieb dann stehen. »Woher wissen Gnädigste, daß es ein Torfausstecher war?« »Das weiß ich nicht«, replizierte Frau Olga. »Aber ich nehme es an. Auf jeden Fall war es keiner von den Gutsleuten.« »Um wieviel Uhr war das ungefähr?« fragte der Verwalter. Frau Olga lächelte. Ungefähr! Sie erwiderte: »Die Zusammenkunft fand dort drüben an der Hausecke statt. Sie begann sechs Uhr dreiundvierzig Minuten und dauerte achtunddreißig Minuten, vierzehn Sekunden.« Der Verwalter zog hastig seine Uhr. Ludwig schrie: »Herrjegerle! Hast du die Zeit kontrolliert?« »Ich habe die Zeit kontrolliert«, gab Frau Olga zurück. Und sie dachte: Es ist ganz gut, daß ich sie vorbereite. »Ich habe die Zeit kontrolliert«, wiederholte sie und wies auf die zerschmetterte Weckeruhr. »Und ich gedenke von nun an die Zeit immer zu kontrollieren, sooft ich Gelegenheit dazu habe. Es scheint mir nämlich von großem Interesse, zu konstatieren, wieviel bezahlte Arbeitszeit verschwätzt wird –« »Wohin sind sie gegangen?« fragte der Verwalter. Das wußte sie nicht so genau. Der Bursch war möglicherweise in den Park hinuntergegangen, das Mädchen war ganz einfach verschwunden. Übrigens entbehrte die Frage jeder Bedeutung. Und sie fuhr fort: »Ich glaube, daß ich mit ein bißchen Aufmerksamkeit und Genauigkeit zu einer allerdings nur approximativen, aber doch recht zuverlässigen Schätzung der vergeudeten Zeit und ihrer ökonomischen Bedeutung gelangen kann. Die Forschungen« (sie lutschte an dem Wort), »die ich schon angestellt habe, haben verblüffende Resultate ergeben –« Sie suchte vergebens nach irgendwelcher Verblüffung in den Gesichtern der Zuhörer. Die Gleichgültigkeit der Wissenschaftler gegen Forschungen auf anderen Gebieten als ihrem eigenen ist unglaublich. Und der vollständig unwissenschaftliche Casimir Brut sagte: »Gnä' Frau hätten klüger getan, das Mädel zurückzurufen.« Das kurze »gnä' Frau« zeigte, daß er böse war. Er drehte sich auf dem Absatz herum und marschierte in das Flügelgebäude. Er war ja auch nicht derjenige, dem sie ihre Pläne zu enthüllen gedachte. Er konnte ihrethalben ruhig seiner Wege gehen. Sie fragte sich, wie sie ihre Worte wählen sollte. Es ist nicht so leicht, die Geburt einer neuen Wissenschaft in vertrauenerweckender und nicht zum Lachen reizender Art anzukündigen. Unterdessen versank die Fassade und ihre Köpfe in eine morgenselige Kontemplation. Dr. Karolina hob den Feldstecher, folgte mit bewaffnetem Auge dem Gleiten der Schwäne durch das Schilf und lächelte. Lotte, das Pfeifchen in einem Mundwinkel, pustete aus dem anderen Rauch, regelmäßig wie ein Motor. Lizzy gab verstohlen ihren üppigen Busen der Sonne preis. Brita warf einen langen tückischen Blick zu Ludwig hinauf und steckte ein neues Stück Bärenzucker in den Mund. Tante Sara zählte sich irgend etwas an den Fingern ab. Betty saß zusammengekauert, das Kinn in die Hand gestützt, den Mund schief gezogen, guckte kreuzweise über die Nasenspitze und sah alles doppelt. Und Frau Olga hustete leicht; sie richtete sich auf, sie umklammerte mit beiden Händen das Fensterbrett und stand da wie ein Vortragender auf dem Katheder. Das Blut stieg ihr plötzlich zu Kopf, ließ ihre Wangen erglühen und machte sie schöner und jünger, als sie in diesem Augenblick zu sein wünschte. Aber sie machte ihre Kehle frei und sagte mit gedämpfter, ernster, beherrschter Stimme: »Mädels! Wißt ihr was! Ich muß euch was sagen!« Im selben Augenblick rief Ludwig: »Ollo! Sei so gut und beuge dich ein bißchen mehr zurück!« Sie gehorchte unwillkürlich. »So, jetzt steh ganz still!« befahl er. Und sie stand ganz still, aber schielte zu ihm hinauf, halb erschrocken. Er nickte und lächelte und strahlte vor unschuldiger Freude. Er sagte: »Wie du jetzt dastehst, sehe ich deinen ganzen weißen Rücken bis hinunter zum –« Die Willmänner brachen in Lachen aus. Frau Olga brach in Tränen aus, zog sich hastig zurück und warf das Fenster klirrend zu. Ludwig ging hinunter, um Verzeihung bitten. Frau Olga saß am Fenster und schluchzte. Aber sie war nicht böse. Sie sagte: »Du bist ein Tolpatsch. Aber ich weine nicht deinetwegen. Hier ist ein Unglück passiert.« Ihre Stimme sank um eine Oktave, indem sie das Unglück verkündete. »Der Eros ist zerschlagen.« Und sie schneuzte sich kräftig, um die Tränen aufzuhalten. »Herrjegerle!« rief Ludwig. »War's die Bolla?« Sie überlegte einen Augenblick, stürzte sich dann entschlossen mitten in das Elend hinein und sagte: »Nein, ich. Aber sei so gut und mach kein Geschrei! Ich bin ohnehin schon so traurig. Ich wußte die ganze Zeit, daß ein Unglück geschehen ist. Ich fühlte mich so beklommen. Aber ich wußte nicht, was es war. Bis ich dann in das Schreibzimmer zurückkam.« Ludwig ging auf die Türe des Schreibkabinetts zu; Frau Olga erhob sich hastig und folgte ihm. Die Zerstörung war vollständig. Der ganze Boden war mit kleinen seinen Tonsplittern besät. Sie wieder zusammenzufügen, war ein Ding der Unmöglichkeit. »Herrjegerle«, wiederholte Ludwig, hockte sich auf dem Boden nieder und rührte in den Scherben um. »Wie ist denn das passiert?« Sie erklärte: »Ich saß da am Schreibtisch und dachte an etwas Ernstes. Da begann die Weckeruhr zu klingeln. Das machte mich gräßlich nervös, ich sprang auf und stürzte ins Schlafzimmer. Ich hörte, daß hinter mir etwas fiel und zusammenkrachte, und ich hatte das Gefühl, daß ein Malheur geschehen sei. Aber ich dachte mit keinem Gedanken an den Eros.« »Herrjegerle!« wiederholte Ludwig zum dritten Male und fügte dann hinzu: »Das hätte Jan-Petter sehen sollen!« Und biß sich in die Zunge, denn Frau Olga brach wieder in Tränen aus. Eros war oder war einmal eine griechische Vase, ein weißer Lekythos gewesen. Jan-Petter hatte ihn einem Pariser Antiquitätenhändler für zehntausend Franken abgekauft. Kenner, die Larsbo besuchten, hatten ihn einzig in seiner Art genannt, denn auf diesen Graburnen pflegt Eros sonst nicht vorzukommen. Außerdem war sie signiert, wenn auch mit unleserlichen Buchstaben. Jan-Petter behauptete jedoch, deutlich den Namen Hieron unterscheiden zu können, und es stand auch sehr richtig Hieron da, wenn man annahm, daß es lateinische Buchstaben waren, was jedoch wieder nicht recht zu dem angegebenen Fundort, Kreta, stimmte. Wie dem auch sei, es war eine eigenartige und wertvolle Vase, und sie hatte zehntausend Franken gekostet. Jan-Petter postierte das schöne Stück in das Schreibkabinett seiner Gattin, und zwar gerade vor die Türe, die in sein eigenes Schlafzimmer führte. Ein eigentümlicher Platz, könnte man meinen, aber Jan-Petter wollte vielleicht damit betonen, daß diese Türe die einzige Türe im Hause war, die nie geöffnet wurde. Sie war verriegelt und hinter einer Draperie verborgen. Die Vase hatte also da in Frieden gestanden, und nichts Böses war ihr widerfahren. Aber jetzt war sie zerschmettert. Und Frau Olga weinte. Ludwig sagte: »Es war ja ein kostbares Stück, aber ich kann nicht begreifen, warum du es dir so zu Herzen nimmst.« »Nein«, antwortete sie, »das verstehst du nicht, weil du ein dummer Lausbub bist. Wenn du eine Hausfrau wärst, würdest du mich schon verstehen. Erst gestern oder vorgestern sagte ich zur Bolla: An dem Tag, an dem du die Vase 'runterschmeißt, kannst du gehen. Und jetzt habe ich es selbst getan.« »Ja, ja«, sagte Ludwig, »man muß sich hüten, den Mund zu voll zu nehmen. Übrigens verstehe ich nicht, wie du das angestellt hast. Du wolltest doch ins Schlafzimmer laufen. Und da rennst du zuerst zu Jan-Petters Tür? Das ist doch idiotisch.« Er ging auf Jan-Petters Türe zu, aber Olga stellte sich ihm plötzlich in den Weg; sie legte ihm die Hände auf die Schultern und starrte ihm nachdenklich in die Augen. »Mir fällt etwas ein«, sagte sie. »Das ist vielleicht die Erklärung. Wahrscheinlich hat die Bolla schon angefangen, im Schreibzimmer aufzuräumen, und hat den Eros weggestellt. Ja, jetzt erinnere ich mich, er stand schräg hinter dem Schreibtischsessel. Obwohl ich damals nicht darauf geachtet habe.« »Also ist die Bolla schuld«, dekretierte Ludwig. Frau Olga grübelte nach. Sie sagte: »Es ist darum nicht weniger ärgerlich. Ich möchte am liebsten, daß sie es gar nicht erfährt. Ich könnte natürlich sagen, daß ich die Vase weggestellt habe. Aber die Scherben!« »Die Scherben?« wiederholte Ludwig. »Das ist das Allergeringste. Die nehme ich und vergrabe sie. In einer dunklen Nacht.« »So daß niemand es sieht?« »So daß niemand es sieht!« »Und du klatschest nicht?« »Na, sei so gut!« sagte Ludwig. Da bekam er zwei Küsse. Und hiervon ermuntert, warf er den Pyjamarock ab, breitete ihn auf dem Boden aus und begann ihn mit den Scherben zu füllen. Im selben Augenblick klopfte es an die Schlafzimmertüre. »Ach, Herrgott!« flüsterte Frau Olga. »Das ist die Bolla!« Sie fragte: »Wer da?« Eine rauhe Stimme antwortete kurz angebunden: »Der Verwalter.« Sie drehte sich hastig um. Ludwig sah auf und fragte: »Was ist denn mit dir?« Sie antwortete: »Nichts. Aber du kannst jetzt die Scherben nicht mitnehmen. Ich lege sie dort unten in den Schrank, da kannst du sie dir gelegentlich holen.« Plötzlich und dem Anschein nach ziemlich unmotiviert, stampfte sie wütend auf den Boden und zischte: »So zieh dir doch wenigstens den Rock an, du Tölpel!« Ludwig erhob sich, machte große Augen und nahm seinen Rock. Sie fuhr flüsternd fort: »Übrigens brauchst du nicht durch das Schlafzimmer zu gehen; du kannst ebensogut durch Jan-Petters Zimmer gehen. Eil dich!« Und gegen das Schlafzimmer gewendet, rief sie: »Ich komme schon. Ich muß mir nur den Schuh binden –« »Gott, bist du komisch!« sagte Ludwig und warf ihr einen empörten und bekümmerten Blick zu. »Lügen! Pfui Teufel!« Aber sie war schon in das Schlafzimmer gegangen und hatte die Türe geschlossen. Ludwig schnitt eine Grimasse und gehorchte. Erst als er Jan-Petters Zimmer passiert hatte und in den großen Saal gekommen war, blieb er einen Augenblick nachdenklich stehen. Die Türe zwischen dem Schreibkabinett und Jan-Petters Zimmer war ausnahmsweise und vielleicht zum ersten Male seit einem Dezennium unverriegelt gewesen.   Im Laufe des Vormittags trafen Tante Saras Gäste ein. Zuerst kamen in einem gemieteten Stadtlandauer die Damen Theander, drei Schwestern und Kompagnoninnen. Tante Saras Beziehung zu diesen Damen bestand nur darin, daß sie zwei- oder dreimal im Jahre einige kleine Einkäufe in ihrem Kurzwarengeschäft machte. Aber alte Frauenzimmer verstehen es, einander zu schätzen, sie scharen sich gerne zusammen und sagen sich kindliche Artigkeiten oder Bosheiten, geben einander Kose- und Spitznamen. Sie schneiden lustige und unartige Gesichter, kichern über ein Nichts, geraten zuweilen in Streit und weinen dann bitterlich. Man sagt, daß sie aufs neue Kinder geworden sind; ach, so gut ist es nicht. Aber sie wünschen, daß sie Kinder wären und daß jemand sehr, sehr Alter und Großer und Milder und Verständiger käme und sich ihrer annähme. Denn sie fühlen sich müde und verdrießlich. Die Damen Theander brachten Geschenke mit; die eine eine Parfümflasche, die zweite ein Paar Seidenhalbhandschuhe, die dritte eine Krause. Sie waren nicht reich, aber sie fanden die Freundschaft schön und wollten sie sich gerne etwas kosten lassen. Der Landauer war der feinste Mietlandauer in der Stadt, der Kutscher trug Livree, einen hohen Zylinder mit Kokarde, gelbe Handschuhe und eine rosa Rose im Knopfloch. Rote, gelbe und blaue Papierblumen waren in den Mähnen der Pferde, im Zaumzeug und hier und dort in dem Wagen angebracht. Das Ganze wirkte festlich. Als die Willmanmädchen der Damen Theander ansichtig wurden, fühlten sie sich plötzlich niedergedrückt und verstimmt; sie schlichen sich in den Park hinaus und versteckten sich. Aber die Damen Theander stiegen aus dem Wagen, stellten sich in einer Reihe auf und marschierten mit taktfesten Schritten auf die Vortreppe los, indem sie eins, zwei, eins, zwei zählten. Das war nicht ihre gewöhnliche Art aufzutreten, aber sie waren übereingekommen, einmal ein bißchen über die Schnur zu hauen, sich und anderen Spaß zu machen. Und sie konnten es sich nicht anders denken, als daß sämtliche Schloßbewohner zusähen, sich vor Lachen die Seiten hielten und einander zuflüsterten: »Schaut euch doch nur die Damen Theander an! Das sind doch lustige alte Damen!« Aber niemand sah sie und niemand empfing sie, und an der Treppe angelangt, wurden sie plötzlich befangen und hatten das Gefühl, sich dumm benommen zu haben. Mitten unter ihnen tauchte nun, wie aus den Wolken gefallen oder der Erde entstiegen, ein kleiner alter Herr auf, mit langem weißem Bocksbart und großen, schwärmerisch leuchtenden, schwarzen Augen. Auf dem Kopfe trug er einen grauen Zylinder, und der schmächtige kleine Körper war in einen zu weiten schwarzen Schlußrock gehüllt, der ihm fast bis zu den Füßen reichte. Das war der Generalagent Herr Moritz Schönthal, ein Verwandter, und ein Mann, der Geld zu unmäßigen Zinsen auslieh. Da er ein Wucherer war, stand er in dem Rufe, ein großes Vermögen zu besitzen; aber tatsächlich hätte er von seinem Kapital nicht leben können, wenn er mäßige Zinsen genommen hätte. Er lebte sparsam, aber hatte eine kostspielige Passion: mechanische Spielsachen, namentlich Spieldosen und insonderheit künstliche singende Vögel. Den kostbarsten der ganzen Sammlung, eine goldene Nachtigall in einem silbernen kleinen Käfig, brachte er Kusine Sara mit, natürlich nicht als Geschenk. So töricht war er nicht. Aber sie sollte seinem Gesange lauschen, und die übrigen geehrten Herrschaften sollten lauschen, und der Generalagent würde so wesentlich dazu beitragen, die Stimmung zu erhöhen, ohne dabei selbst einen Verlust zu erleiden. Er war überzeugt, willkommen zu sein, und seines Erfolges sicher, und übrigens nicht so dumm, sich von irgendeinem Menschen seine gute Laune verderben zu lassen. Er schloß sich den wartenden drei Damen an, unterhielt sie auf das beste und lüpfte den Deckel der Pappschachtel ein wenig, so daß immer eine von ihnen einen Blick auf den wunderbaren Vogel werfen konnte. Zu diesen vieren gesellte sich nun eine fünfte. Ein gewisses Fräulein Alexander, die immer zu Fuß ging, weil es zuträglicher für sie war. Sie trug eine große Torte und war nach dem eine halbe Meile langen Weg stark erhitzt. Von diesem Fräulein weiß man eigentlich nur, daß sie einen großen Freundeskreis besaß. Vor etwa zwanzig Jahren hatte sie Tante Sara auf einer Eisenbahnstation getroffen und ihr geholfen, ein Gepäckstück über das Geleise zu tragen, mitten vor der Nase einer allerdings stillstehenden, aber rasend schnaubenden Lokomotive. Dieses abenteuerliche Ereignis hatten die beiden Damen nie vergessen können, und da sie sich nur einmal im Jahre trafen, nämlich gerade am Saratag, wurde es nie erschöpfend erörtert und hatte noch nach Verlauf von zwanzig Jahren einen ungeschwächten Zauber von Kühnheit, Spannung und Grauen. Nachdem sich ihre Freunde so versammelt und eine Weile am Fuße der Treppe gewartet hatten, trat Tante Sara heraus, ziemlich hastig, um die Wahrheit zu sagen, hinausgepufft. Ludwig, der die unglaubliche Schüchternheit der alten Dame kannte und sie ängstlich lauschend an der Türe fand, hatte kurzen Prozeß gemacht, und indem er sagte: »Da hilft nichts! An seinem Namenstag ist selbst der Teufel höflich!« öffnete er die Türe und schob die Alte hinaus. Tante Sara knickste stumm und feierlich nach rechts und nach links, worauf sie nach dem Park hinunterdeutete. Die kleine Gruppe, gefolgt von Tante Sara, setzte sich daraufhin in Bewegung. Die Gratulanten behielten bis auf weiteres ihre Geschenke bei sich, wohl wissend, daß Tante Sara sie erst nach beharrlichem Nötigen annehmen würde. Außerdem wurden sie von ihrer düsteren Feierlichkeit in dem Grade angesteckt, daß, sie es nicht wagten, nebeneinander über den geharkten Kiesplatz zu gehen, sondern eins in den Fußstapfen des anderen einherschlichen, der kleine Generalagent an der Tete. Kaum hatten sie den Rücken gedreht, als Ludwig und Brita Djurling herausschlichen, sich auf die Stufen setzten, ihre Knie mit den Armen umschlangen und kicherten – das unvermeidliche Grinsen der Jugend hinter dem Rücken des Alters. Aber die Allee herauf kam ein festlich laubgeschmückter Leiterwagen, vollbesetzt mit Kindern, Mädchen und Jünglingen. Der Fuhrmann, ein glattrasierter, grobschlächtiger Mann, saß weich und bequem in einem Heuhaufen. Bei der Abzweigung zu den Stallungen hielt er an und sagte: »Steigt aus, liebe Kinder, und seht euch um. Dies ist ein prächtiges, wohlverwaltetes Gut, und ihr könnt da immer etwas lernen.« Sofort schnellten alle Kinder auf wie Fische, wenn man einen Stein ins Schilf wirft, und kugelten und kollerten über den Rand des Leiterwagens. Einige kamen auf die Füße, andere auf die Hände, andere auf den Kopf oder das Hinterteil. Aber im Nu waren sie alle auf den Beinen, huschten stumm und behend nach verschiedenen Richtungen fort und zerstreuten sich über das Gut. Bald strichen sie durch die Himbeersträucher, bald blieben sie an den Stachelbeerbüschen hängen, bald kletterten sie in den Kirschbäumen, bald stürzten sie sich über die süßen Erbsen, bald huschten sie in die Meierei und schlabberten aus den Milchfässern, bald wagten sie sich bis in die Küche. Der Mann mit dem glattrasierten Antlitz lächelte milde und befriedigt. »Da weidet meine Herde«, sagte er. Aber Ludwig sagte zu Brita: »Hier sitzen wir und lachen, als ob kein Unglück passiert wäre. Aber wenn ich sehe, was ich sehe, und höre, was ich höre, so schwant mir, daß Pastors gekommen sind.« Und der Pastor und sein ältester Sohn, der schon ein baumlanger Bengel und stud. jur. war, spannten die Pferde von dem Leiterwagen, führten sie in den Stall und versorgten sie reichlich mit dem prächtigen Larsboer Hafer. Dann klopfte der Sohn die Spreu von dem Rock des Vaters, kämmte ihm mit den Fingern das Haar, richtete seinen Kragen, knöpfte ihm einen Hosenknopf zu, putzte ihm die Nägel und musterte ihn schließlich mit berechtigtem Stolz. »Weißt du was?« sagte er. »Wenn du rein und ganz bist, dann braucht man sich wirklich deiner nicht zu schämen. Komm, gehen wir hinauf zu der Alten!« Der Pastor lächelte noch vergnügter, legte einen Finger auf den Mund und flüsterte: »Pressiert nicht, mein Junge. Laß die Herde weiden. Früh genug wird sie entdeckt.« Er schmunzelte wohlgefällig und freute sich der vielen Münder und Mägen, die nun in eifriger Tätigkeit waren. Aber daß er so viele Kinder in seinem Hause hatte, kam nicht von tadelnswertem Leichtsinn, sondern ganz einfach daher, daß er dreimal verheiratet gewesen war, und zwar jedesmal mit einer kinderreichen Witwe. Von der ganzen Brut waren nur sieben oder acht richtige Geschwister, der Rest Halbgeschwister und zusammengebrachte Kinder. Er machte keinerlei Unterschied zwischen seinen eigenen und den Stiefkindern und konnte, nach Ludwigs Beobachtungen, kaum zwischen den verschiedenen Würfen unterscheiden, und, was die jüngeren Sprößlinge betraf, nicht einmal zwischen den verschiedenen Individuen, sondern rief alle männlichen Lasse und alle weiblichen Lisa. Bezüglich ihrer Anzahl fehlen exakte Angaben. Ludwig hatte sie bei verschiedenen Anlässen gezählt und war jedesmal zu verschiedenen Resultaten gelangt, zwischen siebzehn Stück und fünf bis sechs Dutzend variierend – letztere Angabe eine offenkundige Übertreibung. Er sagte jedenfalls zu Brita Djurling: »Laß uns Ollo warnen. Bielleicht ist noch etwas zu retten.«   Frau Janselius hatte andere Sorgen. Es war elf Uhr, und die Kammerjungfer, die um sechs Uhr dreiundvierzig Minuten zu einer kurzfristigen Besorgung entsandt worden war, hatte noch nichts von sich hören lassen. Das war an und für sich seltsam, und diese Seltsamkeit wurde noch durch das eigentümliche Benehmen des Verwalters unterstrichen. Er war offensichtlich besorgt, und ebenso offensichtlich war es, daß er die Sache zu bagatellisieren versuchte. Er erklärte, das Mädchen werde sich vermutlich nach Spilleboda begeben haben. Befragt, welchen Grund er habe, dies zu glauben, antwortete er höchst ausweichend. Jemand hatte sie auf dem Wege dorthin gesehen, aber er konnte seinen Gewährsmann nicht angeben. Das sah Casimir Brut so gar nicht ähnlich. Übrigens – wenn das Mädchen sich wirklich nach Spilleboda begeben hatte, so war das unangenehm und ernst genug. Spilleboda war ein Lehen, welches zu Larsbo gehörte, aber schon seit langer Zeit von allen Verpflichtungen gegen den Gutshof befreit war. Der Häusler, ein siebzigjähriger Greis, genoß überdies einen verhältnismäßig großen Unterhaltsbeitrag von Larsbo in Geld und Naturalien. Die Ursache dieser Begünstigungen war die, daß der Alte seinerzeit zu den hervorragendsten Aposteln der Missionsschule und Gebetsscheune gehört hatte. Eben seine Beredsamkeit hatte Jan-Petter bekehrt, allerdings nur für einige wenige Jahre. Der Gutsherr war dann zu einer zahmeren und weltlicheren Religiosität übergegangen, seine Untergebenen folgten so allmählich seinem Beispiel; die kleine Sekte schmolz rasch zusammen und umfaßte schließlich nur noch den Spillebodaer, seine Frau und noch vier oder fünf Greise sowie einen Buben, der etwas schwachsinnig war. Dieser kleine Sauerteig war immerhin vorhanden, und bei mehreren Gelegenheiten hatte er ganz plötzlich die ganze Gemeinde durchsäuert. Dann gingen Greise und Greisinnen, Jünglinge und Mädchen, Männer und Frauen, einer nach dem anderen den schmalen Pfad über das Moor nach Spilleboda. Hier lagerten sie sich um die Hütte und warteten geduldig, bis der Prediger heraustrat. Manchmal steckte seine Alte den Kopf heraus und rief: »Schert euch fort, ihr Biester und Schweine, ihr Heidengezücht, ihr Untertanen des Larsboer Teufels, schaut, daß ihr weiterkommt! Mein Kalle sitzt drinnen mit der Bibel in der Hand, aber die Seele ist bei Gott. Ewig, ewig, ewig, halleluja!« »Halleluja!« gab die Volksmenge zurück. Die Kühnsten schlichen sich zum Fenster vor und guckten nach dem heiligen Manne aus, der ganz richtig mit der Bibel auf dem Schoße dasaß, aber den Blick starr vor sich hin gerichtet. Manchmal wiederum kam der schwachsinnige Junge herausgestürzt, mit hochgezücktem Besen oder Schürhaken, und ging aus die Gemeinde los, die ehrfurchtsvoll zurückwich oder sich schlagen ließ. Endlich, wenn das Warten bereits eine angstvolle Spannung hervorgerufen hatte, öffnete sich die Türe, und die Stimme des Kleinhäuslers ließ sich hören, ohne daß er selbst zum Vorschein kam. Er las oder predigte in einem eintönig singenden Tonfall und mit einer überaus langsamen, aber stetigen Steigerung des Rhythmus und der Stimmstärke. Diese Steigerung wirkte aufreizend wie arabische Musik. Die Frauen begannen sich vor und zurück zu biegen, die Männer folgten nach. Plötzlich stand der Prediger mitten unter ihnen; der weitgeöffnete Mund gab einen tosenden Strom von Worten oder Lauten von sich; Gesicht und Körper waren unglaublich verzerrt; und nach der einstimmigen Zeugenaussage von Gläubigen und Ungläubigen schwebte die ganze Gestalt Minute um Minute ein gutes Stück, wahrscheinlich ein paar Fuß über dem Erdboden. Wenn die Ekstase vorüber war, fiel er in einen Haufen zusammen und wurde von der Alten und dem Buben eiligst in die Hütte getragen. Aber auch wenn der Prediger nicht predigte und keine allgemeine Bekehrung die Leute dahin brachte, den Moorpfad in einen breiten ausgetretenen Weg zu verwandeln, geschah es recht oft, daß der eine oder andere Sünder Schutz in Spilleboda suchte. Gewöhnlich war es junges Volk, namentlich Frauen, die den Satan in der einen oder anderen Gestalt nahen gesehen und ihre Schwäche gefühlt hatten. Der Häusler verschwendete nicht viele Worte an sie, aber seine Alte spannte sie zu harter Arbeit ein, und dies, nebst Gesang und Gebet, vertrieb den bösen Feind. Soweit wäre alles gut und schön gewesen, aber die bösen Zungen hatten auch etwas über Spilleboda zu sagen und behaupteten, daß die jungen Weiber dort nicht nur Schutz vor der Sünde fanden, sondern auch Befreiung von deren Folgen. Der Ausdruck: »Nach Spilleboda gehen« hatte in gewissen leichtsinnigen Kreisen eine ganz besondere Bedeutung bekommen und war beinahe zu einem Fachausdruck geworden. Als der Verwalter nun die Vermutung hinwarf, daß die Bolla nach Spilleboda gegangen sei, war folglich Frau Janselins im höchsten Grade aufgebracht und beschuldigte Casimir Brut, die Moral und das Ansehen des Hauses zu untergraben, indem er eine Masse fremder Strolche heranzog. Der Verwalter antwortete mit ungewöhnlicher Sanftmut, er wolle sogleich nach Spilleboda reiten, um die Sache zu untersuchen. Er war schon eine Stunde oder länger weg gewesen, als Ludwig die Ankunft der Gratulanten meldete. Frau Olga fauchte: »Ich habe grade Lust, dazusitzen und mit den alten Schachteln zu schnattern! Geh du und leiste ihnen Gesellschaft!« »Danke herzlichst«, sagte Ludwig und kehrte zu Brita zurück. Frau Olga zog sich unterdessen ihr schwärzestes und schwerstes Kleid an, bis zum Kinn geschlossen und mit einer weißen Krause versehen. Sie wollte ihr Äußeres so düster wie möglich machen und in volle Übereinstimmung mit ihrem Seelenzustand bringen. Am liebsten hätte sie den Witwenhut mit der Schneppe und dem Schleier aufgesetzt, aber fand das doch übertrieben. Sie machte sich auf den Weg zur Küche, um Erfrischungen anzuordnen. Im Servierzimmer hörte sie ein Gekicher aus der Küche; sie schlich zu dem Schiebefenster zwischen den beiden Räumen. Auf einem Stuhl mitten im Raume saß einer von den Söhnen oder Stiefsöhnen des Pfarrers, ein sechzehnjähriger Jüngling, und auf seinem Schoß das Küchenmädchen. Sie bissen abwechselnd von demselben Kuchen ab, und vor ihnen stand die alte Hexe von einer Köchin, die Hände in die Seiten gestemmt, und lächelte selig. Frau Olga hustete und schneuzte sich kräftig, dann ging sie mit schweren, langsamen Schritten auf die Türe zu, die von der Köchin geöffnet wurde. Die beiden jungen Leutchen waren verschwunden, und sie konnte ihre Anordnungen treffen. Jedes auf einer Seite der großen Vortreppe, saßen Ludwig und Brita, zusammengeduckt, gegen die Sonne blinzelnd, aber im übrigen regungslos und ernst, wie Indianer auf dem Kriegspfad. Ludwig sagte: »Das ist jedenfalls meine Meinung, aber du bist ja ein Hasenfuß.« »Glaubst du, ich hab' Angst?« sagte Brita. »Vor dir vielleicht?« »Was streitet ihr denn?« fragte Frau Olga. Sie stand mitten zwischen ihnen, gerade und ernst, den Unterleib etwas vorgeschoben und die Hände darüber gekreuzt. In der linken Hand hielt sie einen plumpen, ehrwürdigen, alten Schlüsselring, vollbehangen mit großen Schlüsseln, die nirgends hinpaßten. Die brauchbaren Schlüssel waren nämlich in der Obhut der Hausmamsell und wurden nicht ausgeliehen. Sie fragte also: »Worüber streitet ihr denn?« Und Brita antwortete: »Er will mich in sein Zimmer hinauflocken.« »Ich möchte ihr etwas zeigen«, erklärte Ludwig. Frau Olga sagte mit hartgeschlossenen Lippen und scharfer Stimme: »Ist dieses Etwas in deinem Zimmer angenagelt, Ludwig? Sonst möchte ich vorschlagen, daß du es hier zeigst.« Ludwig betrachtete sie mit Unruhe: »Herrjegerle, wie dumm du heute bist!« sagte er. Brita sagte: »Sie ist nicht dumm. Aber sie ist naiv.« Und sie führten ihre Unterhandlungen fort, indem er sagte: »Wenn du kein Hasenfuß wärst, würdest du keine Angst haben –« Sie gab zurück: »Was sollte ich denn eigentlich in deinem Zimmer tun? Soll ich vielleicht das Handtuch nehmen und dich hinter den Ohren trocken wischen?« Frau Olga klingelte ganz leicht mit den Schlüsseln und ging. Auf einem Schaukelbrett in einer Ecke des Parkes saßen Lotte Brenner und Lizzy Willman. Als Frau Olga zu ihnen hinkam, hörte sie Lotte quäken: »Himmlisch!« »Was ist denn himmlisch?« fragte sie. Lizzy antwortete: »Es wäre himmlisch, bis zu seinem vierzigsten Lebensjahr ein Weib zu sein und dann ein Mann.« »Was sollte das für einen Zweck haben?« fragte Frau Olga. Lotte kraute sich in den roten Zotteln, drückte ihren Kneifer tiefer in den fleischigen, verwundeten Nasenrücken und ließ die Berge ihrer Wangen zu einem Mienenspiel der Trauer zusammensinken. Sie erwiderte: »Ich sitze da und sehe mir diese alten Weiber an, und da muß ich mich selbst fragen: Was werde ich anfangen, wenn ich einmal aufgehört habe zu gefallen? Ich werde zur Trinkerin. Sicher.« Lizzy schloß die Augen und murmelte: »Ich kenne nur einen Rausch – den erotischen.« Frau Olga klingelte mit den Schlüsseln und ging. Auf einer anderen Bank saßen Dr. Karolina und Betty Willman mit der sokratischen Nase. Als Frau Olga dieser Bank nahte, hörte sie Dr. Karolina in ziemlich erregtem Ton sagen: »Es ist wahr, daß ich mein Kleid hoch aufhebe. Aber das tue ich, weil ich reinlich bin. Ich bin Hygienikerin, mein liebes Kind. Ich will nicht mit Kleidern herumgehen, die in Schmutz getunkt sind. Ich bin fanatisch reinlich.« Mit ihrer sanftmütigen, milden und ein klein wenig heiseren Stimme antwortete Betty: »Übertriebene Reinlichkeit läßt immer auf das Vorhandensein der einen oder anderen Perversität schließen. Ich bin ein natürliches Frauenzimmer, und ich fühle mich bei einem gewissen Quantum von Schmutz wohl. Nichtsdestoweniger trage ich immer kurze Röcke, und wenn das nicht hilft, hebe ich so viel auf, daß jeder verständige Mann es bemerken muß. Natürlich folgt er mir dann, und ich enteile, das Tempo ungefähr nach seinem Alter, seinen Kräften und seinem Charakter einrichtend. Ich habe ein rasches, intuitives Gefühl für die verschiedene Leistungsfähigkeit der verschiedenen Männer. Die Trägen gefallen mir nicht. Ich lasse mich gerne jagen. Das ist ein weiblicher Instinkt, und ich bin ein Weib.« Dr. Karolina lächelte sanft und träumerisch; sie sagte: »Man könnte auch sagen, du bist eine Kokotte.« »Nein«, erwiderte Betty, »das kann man durchaus nicht sagen. Eine Kokotte jagt, anstatt sich jagen zu lassen, und ihre scheinbare Flucht ist nur ein Versuch, die Beute in den Hinterhalt zu locken. Ich fliehe im Ernst. Ich habe gewöhnlich ganz verflixte Angst. Ich lege meine ganze Energie und Findigkeit in die Flucht. Aber ich lasse mich gerne jagen; das pulvert meine gesunden Instinkte auf und macht mich zu einer besseren und sittsameren Frau, stets bereit, ihre Tugend zu verteidigen. Und durch Übung habe ich eine bemerkenswerte Findigkeit erlangt. Ich möchte den sehen, der auch nur so weit kommt, daß er mich in den Schenkel kneifen kann. Nur einmal wäre ich wirklich fast hängen geblieben. Ich kam eines Tages aus dem Dramatischen Theater und wollte nach Hause in den Walhallaweg gehen. Ein Herr folgte mir. Ich konnte nicht sehen, wie er aussah, aber nach gewissen Zeichen zu schließen, war es ein älterer und etwas kränklicher Mann. Ich nahm die Sache also mit Ruhe, und er zeigte sich auch nicht besonders stürmisch. So schlenderten wir ein Weilchen über die Straße, aber plötzlich stand er an einer Straßenecke vor mir. Er hatte den Rockkragen aufgestellt und den Hut in die Stirn gedrückt, so daß ich nur ein paar verteufelt glitzernde Augen sah. Ich ging quer über die Straße und wollte um die Ecke biegen, da stand er auch dort. Ich konnte mir gar nicht denken, was für einen Satz er gemacht hatte, der abscheuliche alte Herr. Er faßte mich am Arm, aber ich riß mich los und ging in gestrecktem Trab weiter. An der nächsten Straßenecke stand er wieder vor mir, mit ausgebreiteten Armen, wie eine Vogelscheuche. Da machte ich kehrt und lief in kurzem Galopp die Straße hinunter; ein leeres Auto kam mir entgegen, das nahm ich, sprang auf das Trittbrett und lugte aus, während ich die Adresse angab, kroch dann hinein und – fiel ihm geradewegs in die Arme. Da begriff ich, daß der Teufel im Spiel war, und ergab mich gutwillig. Er biß mich in den Nacken, das alte Scheusal. Dann begann er leider die heißen Worte der Liebe zu flüstern, und ich erkannte ihn. Es war Jan-Petter. Ich stellte mich kurz und kräftig vor, und er war schrecklich beschämt. Betty! sagte er. Betty! Du mit deiner Stupsnase und deinen dünnen Beinen! Wo habe ich nur meine Augen gehabt!« Frau Olga, die hinter dem Rücken der beiden Damen zugehört hatte, sah keinen Anlaß, mit den Schlüsseln zu klingeln, sondern ging stumm von dannen. Tante Sara und ihre Gratulanten hatten sich im Lusthaus niedergelassen, das von seinem ziemlich hohen Hügel aus den Park beherrschte. Tante Sara saß zwischen dem Generalagenten und dem Pastor; sie trug ihr schweres, lilafarbenes Seidenkleid, das ihr dank des gediegenen starren und bauschigen Stoffes junonische Formen verlieh. Auf dem Scheitel hatte sie nebst dem Zopf eine Haube mit vielen lilafarbenen Bändern, die bald hier-, bald dorthin baumelten, je nach den immer lebhafter werdenden Bewegungen des alten Kopfes. Auf ihrem Schoß stand der Käfig mit dem singenden Goldvogel. Hinter dieser Gruppe wurden die Damen Theander und Alexander sichtbar, die in schüchterner Zurückhaltung beobachteten, wie die beiden Männer Tante Sara huldigten. Als nun die Herrin des Hauses nahte, erhoben sich alle Gäste und gingen ihr entgegen; nur Tante Sara blieb sitzen, zog den Vogel wieder auf, lauschte verzückt seinen Tönen und betrachtete mit tränenvollem Blick seine natürlichen und lebhaften Bewegungen. Aber der Generalagent sagte: »Die kleine Gnädige kommt gerade zurecht, um einen Zwist zwischen mir und diesen lieben Damen zu schlichten« – er wies auf die Schwestern Theander und Fräulein Alexander –, »die behaupten, daß man in ihrem und Saras Alter schon ganz aus dem Spiel sei. Aber ich behaupte, daß ein schönes, feines, altes Mädchen wie Kusine Sara nie sicher ist, solange es aimable und rüstige Witwer gibt, wie den Herrn Pfarrer und mich. Und namentlich halte ich dafür, daß der Herr Pfarrer mit seiner paranten und galanten Statur einer jeden gefährlich werden kann.« »Ja, ja!« sagte der Pastor und warf sich in die Brust. Aber Frau Olga sagte kurz und trocken: »Ich denke, Tante Sara wird sich bedanken.« »Ja, gewiß wird sie sich bedanken!« schrien die Damen Theander in lebhaftem Chor. »Für mich?« fragte der Pastor und betrachtete seinen verschlissenen Kaftan. »Ein Pfarrer und Witwer«, sagte Fräulein Alexander, »ist so viel wert wie ein Reiter ohne Pferd.« »Wie unanständig!« schrie die jüngste Dame Theander, aber bereute es und behauptete, sie hätte an etwas ganz anderes gedacht. Der Pastor ließ sich neben Tante Sara nieder und sah etwas enttäuscht aus. Die Alte wurde zu Mitleid gerührt, tätschelte ihm die Hand und sagte: »Ja, ja, mein lieber Herr Pfarrer, wer weiß, was ich gesagt hätte, wenn ich fünfundzwanzig Jahre jünger gewesen wäre.« »So!« fiel Frau Olga erbittert ein. »Willst du am Ende behaupten, daß du auch heiratswütig warst? Du! Du hast dich doch nicht einmal getraut, einen Mann durch ein berußtes Glas anzusehen –« »Ich?« zischte Tante Sara und schüttelte den Kopf mit den lilafarbenen Bändern. »Nein, das geht zu weit! Ich traue mich nicht, einen Mann anzusehen?« Und sie hielt den Atem an und bohrte die Augen in den Pastor. Die älteste Dame Theander jubelte: »Seht doch Sara an! Wie degagiert!« Aber Tante Sara zog den Blick wieder an sich und barg ihn unter den Tränenkissen. Ganz verlegen über ihre Dreistigkeit, sagte sie: »Ich brauche doch keine Männerhasserin zu sein, weil ich weder verlobt noch verheiratet war! Wer arm und häßlich ist, hat das Nachsehen. Aber ich habe es nie versäumt, männliche Gesellschaft zu genießen, wenn sie sich mir geboten hat.« Und an den Pastor gewendet, fügte sie hinzu: »Das habe ich auch nie bedauert. Denn ich will Ihnen eines sagen, Herr Pastor: Ich habe immer gefunden, daß männlicher Umgang befruchtend wirkt.« Da brach der unglückselige Pastor in ein homerisches Gelächter aus, und nachdem er die ärgste Heiterkeit abgeschüttelt und sich Augen und Mund mit einem zweifelhaft reinen Taschentuch abgewischt hatte, sagte er: »Das ist ein wahres Wort, Fräulein Sara! Und außerdem eine allgemein bekannte Tatsache, die meine armen Frauen zu wiederholten Malen an sich erfahren mußten, zuweilen zu ihrem nicht geringen Verdruß. Aber hier kommt, Gott sei Lob und Dank, der Kaffee!« Drei niedliche Mädchen mit blendend weißen Schürzen und Spitzenhäubchen, jedes ein übervolles Tablett tragend, kamen in vorsichtigem Gänsemarsch zum Sommertempel hinaufgeschritten. Ihnen folgten Ludwig und Brita und in einiger Entfernung die Damen Willman und Brenner, sowohl von den Tabletten wie von dem dröhnenden Lachen des Pastors angelockt. Aber auf Seitenwegen, durch Gebüsch und Gesträuch schlichen sich die Pastorskinder aus den verschiedensten Richtungen heran und zogen einen Kreis um den Hügel. Der älteste Sohn war schon im Tempel, ein Gast unter den anderen, während Geschwister und Halbgeschwister geduldig warteten, die Blicke unverwandt auf den geliebten, klugen und freigebigen Vater gerichtet. Der Pastor grüßte zuerst die neuen Ankömmlinge, dann wendete er sich mit gutgespieltem Zorn und Staunen gegen die Kinder und rief barsch: »Hört mal, ihr Frechdachse, wer hat euch denn die Erlaubnis gegeben, bis hierher zu kommen? Zieht ab!« »Ja, lieber Papa«, schrien sie alle auf einmal und verschwanden. Und der Pastor sagte zu der Herrin des Hauses: »Ich weiß nicht, wie es zugegangen ist, daß ein paar mit in den Wagen geschlüpft sind. Aber kümmern Sie sich nicht um sie, Gnädigste. Sie haben, bevor wir weggefahren sind, ihr gutes, wenn auch bescheidenes Frühmahl bekommen.« Zufrieden, der Schar Beachtung verschafft zu haben, und sicher, nicht beim Worte genommen zu werden, ließ er sich nieder und griff zu. Der Generalagent folgte mit glitzerndem, tränenfeuchtem Blick den forthuschenden Kindern, drehte gedankenvoll seinen Bocksbart und wendete sich dem Pastor mit den Worten zu: »Was man in Liebe gesät hat, wird man in Liebe ernten. Für einen alten Mann wie den Herrn Pastor muß es ein großes Glück sein, sich von einer so zahlreichen Nachkommenschaft umgeben zu sehen.« »Na ja«, erwiderte der Pastor und ließ einen Zwieback in die Schale plumpsen, »es könnten mehr sein, und es könnten weniger sein. Am ärgsten ist es mit dem Schuster und dem Schneider, der Schule und dem Rizinusöl. Wie der Herr vielleicht selbst wissen wird, wenn er etwa auch so ein Dutzend auf dem Halse hat.« Der Generalagent seufzte: »Nein, ich bin kinderlos. Und doch hätte ich Mädchen, lieblich wie Judith, haben sollen und eine ganze kleine Schar betriebsamer Agenten, wenn es nämlich so gekommen wäre, wie ich es mir in meiner schwärmerischen Jugend erträumte.« »Da hör mal einer!« sagte der Pastor. »Was ist denn in die Quere gekommen? Erzählen Sie!« Und der Generalagent erzählte folgende Geschichte:   Vom Rabbiner und der Schneiderswitwe. »Mein Vater war Schneider in Wien und ein tüchtiger und angesehener Mann. In unserer Straße wohnte ein anderer Schneider, ein Anverwandter von uns, aber ein sehr schlechter Mann, als Schneider sowohl wie als Mensch. Durch Künste und Kniffe lockte er unsere Kunden an sich. Mein Vater machte schließlich Konkurs und starb bald daraus; ich kann sagen, an der Schmach. Denn solche Männer gab es noch zu jener Zeit. Ich war damals etwa zwölf Jahre alt und hätte, weiß Gott, mein Brot erbetteln müssen, wenn meine gute Mutter sich nicht so für mich gerackert und abgeplagt hätte. Sie klöppelte die schönsten, feinsten Spitzen, die ich je gesehen habe, und ich ging in den Häusern herum und verkaufte sie. Anfangs bekam ich schlecht bezahlt, und obwohl ich weinte und sagte, ich und meine Mutter, die Klöpplerin, seien nahe daran, Hungers zu sterben, bekam ich darum doch nicht mehr, sondern eher weniger. Aber dann kam ich darauf, die Spitzen in einer alten Pappschachtel herumzutragen, auf deren Deckel sich ein paar venezianische Poststempel befanden. Da glaubten die Leute meiner Angabe, daß es venezianische Spitzen seien, und bezahlten dementsprechend. Auf diese Weise fristeten wir unser Leben, und ich bekam überdies eine gute Erziehung. So allmählich begann ich auch andere Artikel zu verkaufen, und es ging mir gut. Aber daß ich allen Versuchungen der Kindheit und Jugend entging, das habe ich der strengen Zucht und dem wachsamen Blick meiner Mutter zu danken. Und sie ließ mir wahrlich nicht viel Freiheit. Zu Lebzeiten meines Vaters wohnten wir in einem recht großen und schönen Hause nach der Straße zu; hinter dem Hause lag ein kleines Gärtchen, das durch eine Mauer von dem eigentlichen Hinterhause getrennt war. Nach dem Unglück mit meinem Vater mußten wir in dieses Hinterhaus ziehen. Und in unsere frühere Wohnung mit unserem lieben Garten zog ein gewisser Rabbi Schamil ein. Er war ein außerordentlich angesehener Mann und dazu recht vermögend. Er selbst war sehr anspruchslos und bescheiden, aber er hatte in seinen Diensten ein paar Mädchen, die wahrlich frech und übermütig waren, und bald gerieten sie in Zwist mit meiner Mutter. Einmal, als die beiden Mädchen im Garten Teppiche klopften und ich an unserem Fenster stand und ihnen nach Kinderart zunickte und Gesichter schnitt, stürzte meine Mutter plötzlich auf mich los, zog mich am Haar vom Fenster weg und rief: ›Schau nicht zu diesen Frauenzimmern hinaus! Die sind verderbt!‹ Und ich erschrak so, daß ich lange Zeit nicht wagte, einen Blick über die Gartenmauer zu werfen. Ich wußte nämlich, daß meine liebe Mutter überall ihre Augen hatte, wo sie auch ging und stand. Mit den Jahren wurde ich ja weniger ängstlich und etwas selbständiger, und bald begann ich recht lange Blicke über die Mauer zu werfen, denn es zeigte sich, daß Rabbi Schamil eine Tochter hatte, sein einziges Kind, und hold wie Judith, deren Namen sie trug. Ich guckte also, und nach und nach begann sie auch zurückzugucken, aber in größter Heimlichkeit, denn zu jener Zeit war ein solches Blickewechseln eine recht ernste Sache. Und wenn ein junges Mädchen sich von einem Fremden hätte ansprechen lassen, so wäre sie ebenso in Verruf gekommen, als wenn sie sich heutzutage vom erstbesten auf offenem Markte küssen ließe; vielleicht noch mehr. Wir gingen also sehr behutsam vor, und es dauerte ziemlich lange, ehe wir es wagten, ein paar Worte über die Mauer hinweg zu wechseln. Aber bald faßten wir großes Vertrauen zueinander, und ich fing Feuer und war ganz ausgewechselt, so daß ich es einmal ums andere wagte, meiner Mutter zu widersprechen, die mir vor lauter Verblüffung die Antwort schuldig blieb. Doch brachte sie den Schaden bald ein und führte mich zur Ordnung zurück. Eines Tages, als meine Mutter aus war, um Einkäufe zu besorgen, kamen Judith und ich überein, uns nach dem Mittagessen im Prater zu treffen. Ich war nun zwanzig Jahre und Geschäftsmann; ich hatte mehrere einträgliche Agenturen, und wenn ich einmal abends ausgehen wollte, brauchte ich nur zu meiner Mutter zu sagen: Der und der wünscht mich dem und dem vorzustellen, es handelt sich um ein Geschäft. Dann antwortete sie: Geh nur, aber komm beizeiten nach Hause. Länger als bis neun Uhr, wo das Haustor geschlossen wurde, durfte ich nicht ausbleiben. Von dieser Freiheit machte ich jetzt oft und oft Gebrauch, um zusammen mit Judith einige selige Stunden im Prater oder anderswo zu genießen. Meine Einkünfte lieferte ich regelmäßig meiner Mutter ab, aber ich hatte mir doch einen kleinen Sparpfennig beiseitegelegt, mit dem ich die Kosten unserer bescheidenen Vergnügungen bestreiten konnte. Was uns am meisten Spaß machte, war, die Belustigungen anderer Menschen zu beobachten und zu sehen, wie leichtsinnig sie das Geld hinauswarfen. Wir beurteilten ihren Charakter und ihre Stellung und rieten und zankten und neckten uns. Und obgleich diese Ausflüge sich zwei Jahre lang mehrere Male in der Woche wiederholten und obwohl wir beide vergnügter miteinander waren als irgend jemand in ganz Wien, glaube ich nicht, daß sie mich alles in allem mehr als fünf Gulden gekostet haben. Ja, in Wahrheit, das waren die glücklichsten Jahre meines Lebens! Meine Mutter ahnte nichts; aber einmal war sie nahe daran, unser Geheimnis zu entdecken. Um unsere Zusammenkünfte zu erleichtern, hatten wir uns ein ganzes System von verschiedenen Pfiffen zurechtgelegt, mit denen wir fragten und antworteten, Zeit und Ort bestimmten. Eines Tages, als ich gerade im Hofe stand und pfiff, kam plötzlich meine Mutter herausgestürzt und fragte in zornigem Ton, was ich da treibe und warum ich so oft im Hofe pfeife. Vermutlich glaubte sie, ich stünde in irgendeiner Verbindung mit den Mägden des Rabbiners; so hoch, wie bis zu seiner Tochter, verstieg sich ihr Argwohn sicherlich nicht. Ganz erschrocken antwortete ich: ›Liebe Mutter, ich pfeife so gern, aber im Hause will ich es nicht tun, um mich dir gegenüber nicht respektlos zu zeigen.‹ ›Ach so‹, sagte die Mutter, nichts weniger als überzeugt. ›Aber wer ist denn das, der dir antwortet?‹ Noch erschrockener, suchte ich ihr zu erklären, daß das, was sie gehört hatte, nur das Echo von der Hausmauer gewesen war. ›Das Echo will ich hören‹, sagte meine Mutter und befahl mir, zu pfeifen. Mit zitternden Lippen formte ich einen Pfiff. Und horch! Ganz richtig antwortete ein Echo, schwach und gemessen, ganz entsprechend. Aber das Echo war niemand anders als mein Mädchen, das hinter der Mauer gestanden und alles gehört hatte. Da sagte meine Mutter: ›Wollen mal sehen, ob das Echo auch mir antwortet!‹ Und sie rief: ›Gemeines Luder!‹ ›Luder!‹ antwortete das Echo, und mit einer so guten Nachahmung der rauhen heiseren Stimme meiner Mutter, daß sie sich überzeugt fühlte und wieder in das Haus ging. Doch verbot sie mir, weiter im Hof zu pfeifen. Aber ich wußte mir zu helfen. Ich war damals, wie jetzt auch noch, Agent einer großen Spielzeugfabrik in Nürnberg und hatte ein kleines Lager von Spieldosen, singenden Vögeln und derlei. Einen dieser Vögel verehrte ich meiner Liebsten, und einen andern nahm ich für meinen eigenen Gebrauch. Wenn wir nun ein Stelldichein verabreden wollten, ließ ich meinen Vogel auf der einen Seite der Mauer singen, und der ihre antwortete auf der andern. Das ging vortrefflich und klang außerdem sehr hübsch, und ich habe seither immer eine gewisse Schwäche für diese kleinen Vögel behalten. Meine Mutter saß oft am Fenster und lauschte mit Wohlgefallen dem Vogelgesang. Und sie sagte: ›Das ist ein artiger Vogel, den du da hast. Und es klingt ganz, als hätte er zwei Stimmen, eine männliche und eine weibliche.‹ ›Ja‹, antwortete ich, ›es ist ganz so, wie du sagst. Dein Gehör ist ebenso scharf wie dein Gesicht.‹ So allmählich wurden unsere Gefühle tiefer und ernster; mein Mädchen wurde ganz versonnen, und ich sagte mir, daß sie wohl ans Heiraten denke. Das machte mir Kummer, und als sie das sah, sagte sie: ›Mache dir keine Sorgen wegen meines Vaters. Er tut alles, was ich will, und ich habe schon mit ihm gesprochen.‹ Ich wurde nur noch niedergeschlagener, weil ich an meine Mutter dachte. Denn sie pflegte zu sagen: ›Wenn ich einmal meine Augen schließe, ist es Zeit genug für dich zu heiraten.‹ Und ich wußte, wenn ich ihr einen Vorschlag machte, würde sie sofort nein sagen, denn sie wollte, daß alles immer nur von ihr ausgehe. Außerdem würde sie mich fragen, wie ich Judiths Bekanntschaft gemacht hätte, und es würde mir schwer fallen, dies zu erklären. Ich vertraute meine Sorgen Judith an, und sie sagte: ›Ist deine Mutter so geartet, dann müssen wir zur List greifen.‹ Wir grübelten hin und her, aber endlich sagte ich: ›Ehrlich währt am längsten, und mit der Wahrheit kommt man weit, wenn man sie richtig anzuwenden versieht.‹ Ich entwickelte Judith meinen Plan, und er fand ihren Beifall. Aber an diesem Abend blieb ich mit Absicht über die Sperrstunde aus und kam erst nach Hause, als die Uhr zwölf geschlagen hatte. Meine Mutter war ganz außer sich vor Angst um mich, und anstatt mich mit Vorwürfen zu empfangen, wie ich erwartet hatte, preßte sie mich heftig in ihre Arme und weinte an meiner Brust. Da schämte ich mich, aber ich sagte: ›Liebe Mutter, du rührst mich zu Tränen, und ich will dich nicht mit Ausflüchten betrügen, sondern dir die ganze Wahrheit sagen. Ich liebe ein Mädchen, und mit ihr habe ich mich im Prater vergnügt, wenn auch in der unschuldigsten Weise. Was wir heute abend taten, das haben wir schon an vielen Abenden getan; aber das Unglück wollte, daß wir uns verspätet haben.‹ Da stieß meine Mutter mich von sich und stürzte sich dann auf mich und zerrte mich am Haar. Sie fragte mich nach dem Namen des Mädchens, und da ich diesen standhaft verschwieg, rief sie: ›Sicher ist es eine von Rabbi Schamils Mägden. Aber ich werde meinen Spüleimer in seinen Garten schütten, und wenn er dann fragt, was das heißen soll, dann werde ich ihm schon die Wahrheit sagen.‹ Ich suchte sie zu beruhigen und ihren Argwohn vom Hause des Rabbi abzulenken; aber sie wanderte mit gelöstem Haar auf und ab und war im höchsten Grade erregt. Am folgenden Morgen, als sie sich ein wenig beruhigt hatte, sagte sie: ›Ich sehe, daß meine Zucht und meine Gebete nichts gefruchtet haben, und du beginnst jetzt schon zu groß für eine Züchtigung zu werden. Aber eher, als daß du dich mit Dirnen zugrunde richtest, will ich trachten, dich zu verheiraten.‹ Damit hatte ich mein erstes Ziel erreicht. Und ich verriet meine Freude, indem ich rief: ›Ach, liebe Mutter, wenn du es wirklich willst! Und ich habe dir ein prächtiges Mädchen vorzuschlagen.‹ ›Das glaube ich gerne‹, erwiderte meine Mutter ganz trocken. ›Aber diese Sache geht mich an und nicht dich. Laß du mich nur machen.‹ Da wußte ich, daß sie einen Heiratsvermittler aufzusuchen gedachte, und auch dies hatte ich vorausgesehen. In unsrer Straße gab es zwei, und der eine war kein andrer als jener Schneider, unser falscher Anverwandter, der mit seinen Künsten und Kniffen unseren armen Vater ruiniert hatte. Der andere war ein geachteter Kaufmann und unser Nachbar. Zu ihm ging ich und sagte: ›Wenn meine Mutter kommt, um sich mit Ihnen in der Heiratsfrage zu beraten, so tun Sie mir den Gefallen, Rabbi Schamils Tochter vorzuschlagen.‹ Er erwiderte: ›Bist du verrückt? Wer glaubst du zu sein? Das wäre ein Schimpf für Rabbi Schamil!‹ Ich vertraute ihm unser Geheimnis an und erklärte ihm alles; und da der gute Kaufmann einige meiner Artikel zu kaufen wünschte, versprach ich, ihm einen vorteilhaften Rabatt zu verschaffen. Endlich gab er, wenn auch zögernd, meinen Bitten nach. Dann beobachtete ich meine Mutter, und es waren noch nicht viele Tage verstrichen, als ich sah, wie sie ihr bestes Kleid anzog und unser Heim verließ. Ich stellte mich ins Haustor und hielt Ausschau. Sie blieb vor der Türe des Kaufmanns stehen und stand recht lange da; aber plötzlich ging sie quer über die Straße auf das Haus des Schneiders los. Offenbar hatte sie sich im letzten Augenblick für ihn entschlossen, weil er unser Verwandter war. Da packte mich die schwärzeste Verzweiflung; ich stürzte in meine Kammer, warf mich auf das Bett und stieß bald Gebete, bald Flüche aus. Als ich nach einer Weile meine Mutter zurückkehren hörte, faßte ich mich indes, um nicht ihren Verdacht zu erregen. Sie kam zu mir herein und sagte: ›Nun bin ich in deinen Angelegenheiten aus gewesen und habe mein Bestes getan. Ich denke, daß du dich mit Nathan Speibachs Tochter Maria verheiraten wirst. Sie ist fünf Jahre älter als du, aber sonst ist nichts an ihr auszusetzen. Übrigens war nichts Besseres zu haben.‹ Ich wand mich vor Angst, aber beherrschte mich. Und plötzlich kam mir ein glücklicher Gedanke. Ich sagte: ›Liebe Mutter, als du mit dem Schadchen‹ –so nennen wir die Heiratsvermittler – ›von meinen Vermögensverhältnissen sprachst, ein wie großes jährliches Einkommen hast du da angegeben?‹ Sie antwortete: ›Eintausend Gulden.‹ Ich sagte: ›Es ist wahr, daß ich heuer siebenhundert Gulden verdient habe. Aber warum sollte ich nicht nächstes Jahr das Doppelte oder mehr verdienen? Hättest du eine höhere Summe genannt, so würde sich der Mann mehr Mühe gegeben und vielleicht eine bessere Partie gefunden haben.‹ Als meine Mutter das hörte, errötete sie bis zu den Haarwurzeln, und ich glaubte schon, sie würde mir eine Ohrfeige geben. Aber sie schluckte ihren Zorn und brummte: ›Hast du einmal recht, du Taugenichts, so sollst du auch recht behalten. Ich gehe sofort noch mal zu dem Gauner hin.‹ Sie ging also zu dem Schadchen zurück, und wie sie mir später erzählte, hatte sie gesagt: ›Lieber Freund, als ich von den Vermögensverhältnissen meines Sohnes sprach, ein wie großes jährliches Einkommen habe ich da angegeben?‹ Aber er war ihr über und antwortete: ›Da ich dir Speibachs tugendhafte Tochter vorschlagen konnte, mußt du wenigstens zweitausend Gulden gesagt haben.‹ Da wurde meine liebe Mutter ganz wütend und rief: ›Ich erinnere mich sehr genau, daß ich eintausend Gulden gesagt habe. Aber du bist ein Schelm, und ich will nichts mit dir zu tun haben.‹ Und sie ging schnurstracks zu dem anderen Heiratsvermittler, dem Kaufmann. Ich stand im Haustor auf der Lauer, und ich konnte meiner Angst nicht Herr werden, sondern schlich mich zu dem Hause des Kaufmanns. Er erblickte mich und öffnete einen Spalt des Fensters, so daß ich hören konnte, was gesprochen wurde. Und wahrlich, pries meine gute Mutter nicht alle meine Eigenschaften in solchen Ausdrücken, daß meine Augen sich mit Tränen füllten und ich mich schämte? Aber als der Schadchen schließlich Rabbi Schamils Tochter vorschlug, antwortete sie ganz so, wie er selbst geantwortet hatte: ›Wer bin ich, und wer ist mein Sohn? Das wäre ein Schimpf für Rabbi Schamil!‹ ›Laß das meine Sorge sein‹, sagte der Heiratsvermittler. Meine Mutter saß lange in Grübeleien versunken. Endlich sagte sie: ›Oder sollte irgendein Haken an dem Mädchen sein? Vielleicht will der alte Geizhals ihr keine Mitgift geben?‹ ›Im Gegenteil!‹ erwiderte der Schadchen und blinzelte mir mit den Augen zu. ›Im Gegenteil, ich glaube, sie bekommt eine große Mitgift und eine reichliche Aussteuer, da sie die einzige Tochter ist. Auch wüßte ich keinen anderen Fehler, es sei denn, daß sie eine ganz kleine Warze an der Oberlippe hat.‹ ›Warze hin, Warze her‹, brummte meine Mutter. ›Ich wollte, sie hätte die ganze Haut voll, dann hätten wir größere Aussichten.‹ Da wußte ich, daß wir gewonnenes Spiel hatten, und ich lief nach Hause und sprang auf die Mauer und erzählte Judith alles. Aber als meine Mutter zurückkam, saß ich in meiner Kammer und sah tiefbekümmert aus. Sie sagte nichts, aber auch sie sah bekümmert oder wenigstens nachdenklich drein. Wie wir so beim Mittagstisch saßen, kam der Vermittler zu uns herein und rief: ›Freuen Sie sich, liebe Frau, und du, junger Freund! Ich habe schon mit Rabbi Schamil gesprochen, und er hat meinen Vorschlag freundlich aufgenommen. Heute abend wird er Ihnen einen Besuch abstatten.‹ Meine Mutter sprang auf und schloß mich in die Arme. ›Was sagst du jetzt zu deiner Mutter?‹ fragte sie mit Zärtlichkeit und Stolz. ›Denke nur, wenn ich dir Rabbi Schamils Tochter verschaffe!‹ Ich wäre vor Freude fast erstickt, aber ich beherrschte mich und sagte: ›Ich habe sie ab und zu einmal im Vorbeigehen gesehen, und sie scheint ja ganz hübsch zu sein. Aber hat sie nicht eine Warze auf der Oberlippe?‹ Da bekam ich eine Ohrfeige wegen meiner Ungenügsamkeit, und meine Mutter schoß hin und her, um unsere armselige Wohnung nach besten Kräften herauszuputzen und sie des feinen Besuches würdig zu machen. Aber je mehr Zeit verstrich, desto stiller und nachdenklicher wurde sie, und als Rabbi Schamil schließlich kam, empfing sie ihn zwar in der höflichsten Weise, doch ohne allzuviel Umstände zu machen. Und ich saß in meiner Kammer und horchte. Rabbi Schamil ging gerade auf die Sache los, aber verschwieg, was er von unserer Liebe wußte. Nachdem sie die Angelegenheit eine Zeitlang verhandelt hatten, sagte meine Mutter: ›Ja, das ist ja eine große Ehre und ein Glück für meinen Sohn, und möge es ihnen zum Segen gereichen. Ich hoffe, daß Ihr liebes Fräulein Tochter jetzt wohler ist und nicht mehr Blut hustet, wie ich vor einiger Zeit sagen hörte.‹ ›Was ist das für ein Unsinn?‹ gab Rabbi Schamil zurück. ›Blut husten? Ich habe meine Tochter überhaupt nie husten gehört.‹ ›Ja, was die Leute alles zusammenreden!‹ sagte meine Mutter. ›Erst kürzlich hörte ich jemanden sagen, daß das junge Fräulein täglich ein neues Kleid anzieht und ihre eleganten Toiletten überhaupt kein Ende nehmen.‹ Nun wurde Rabbi Schamil etwas ärgerlich und sagte: ›Meine beste Frau, meine Tochter ist ein einfaches, ernstes Mädchen, und in meinem Hause herrschen keine kostspieligen Gewohnheiten.‹ ›Dachte ich es mir doch‹, sagte meine Mutter. ›Ich habe sie auch in Schutz genommen und gesagt: Rabbi Schamils Tochter gehört nicht zu dieser neumodischen Jugend, die sich über die Vorschriften hinwegsetzt und sich an Tand und Tanz, Theater und derlei hängt. Aber die Menschen sind ja so böse, und schwups sagte einer: Nein, das glaub' ich gerne – die Arme ist doch schwerhörig.‹ ›Meine Tochter?‹ rief der Rabbi und sprang auf. ›Nein, das geht aber doch zu weit!‹ ›Ja, was weiß denn ich‹, seufzte meine Mutter. ›Aber das weiß ich: wenn ich eine schöne tugendhafte Tochter hätte und ihr eine gute Mitgift zu geben gedächte, so würde ich mich auch nicht scheuen, von ihren Fehlern zu sprechen.‹ Nun gingen sie in den Flur hinaus, und ich hörte nicht, was weiter gesprochen wurde. Den ganzen Abend verblieb meine Mutter stumm und gedankenvoll, und als sie meine Angst sah, sagte sie: ›Sei du nur froh, daß deine Mutter Augen und Ohren hat; morgen erwidere ich Rabbi Schamil den Besuch.‹ Und richtig zog sie am folgenden Morgen das Beste an, was sie hatte, und begab sich zu unsern Nachbarn. Was sie dort sagte, weiß ich nicht so genau; aber schließlich wurde Rabbi Schamil zornig und wollte sie hinauswerfen. Er besann sich jedoch und ging zuerst zu seiner Tochter hinein, um ihre Meinung über die wunderliche Alte zu hören. Er sagte: ›Hier sitzt die Mutter deines Freundes und hängt dir einen Fehler ärger als den andern an; ich weiß nicht, was ich mit ihr anfangen soll.‹ Judith, der kleine Schalk, fing zu lachen an. ›Ach, lieber Vater‹, sagte sie, ›die Alte wagt nicht, an ihr Glück zu glauben, wenn sie nicht erfährt, daß ich irgendeinen Fehler an mir habe. Aber ehrlich währt am längsten, und darum sollst du so sprechen: Liebe Frau Schönthal, Sie sind mir zu schlau, und darum ist es am besten, wenn ich mit der Wahrheit herausrücke. Meine Tochter ist unbedachterweise im Prater spazierengegangen und hat sich dort und anderswo in männlicher Gesellschaft vergnügt. In Zucht und Ehren, das versichere ich. Aber Sie wissen ja am besten, wie die Leute klatschen. Und darum habe ich es so eilig, sie unter die Haube zu bringen.‹ Das belustigte Rabbi Schamil, und er freute sich, meine liebe Mutter ein bißchen zum besten zu halten. Also sagte er ungefähr das, was Judith ihn gelehrt hatte, und fügte hinzu: ›Sind Sie jetzt zufrieden, Frau Schönthal?‹ ›Ja‹, antwortete meine Mutter, ›jetzt bin ich zufrieden, und es ist mir zumute, als ob mir ein Stein vom Herzen gefallen wäre.‹ Sie verabschiedete sich in der höflichsten Weise und versprach, bald von sich hören zu lassen. Aber ich ließ meinen Vogel auf meiner Seite singen, und Judith ließ ihren Vogel auf ihrer Seite singen, und am Abend trafen wir uns im Prater und nahmen Abschied voneinander, denn ich sollte eine Geschäftsreise antreten und sechs Wochen wegbleiben. Beide waren wir unsrer Sache sicher und priesen unsre List, und einen glücklicheren Abend habe ich nie erlebt. Zu meiner Mutter sagte ich: ›Möchte doch die Sache, wenn ich zurückkomme, so weit sein, daß ich bald Hochzeit feiern kann. Ich merke, daß ich anfange, heiratslustig zu werden.‹ ›Sei ganz ruhig‹, sagte meine Mutter, ›und laß mich nur machen.‹ Sehr richtig! Als ich von meiner Reise zurückkehrte, sah ich sofort, daß unser einfaches Haus verwandelt und geschmückt war, um ein Brautpaar zu empfangen. Ich schlang die Arme um den Hals meiner Mutter, küßte sie ungestüm und bat sie, sie möge mich doch gleich zu Rabbi Schamil begleiten. Sie erwiderte: ›Zu Rabbi Schamil kann ich dich nicht führen, denn sowohl er wie seine unzüchtige Tochter haben die Stadt verlassen, von Schimpf und Schande gefolgt. Aber mit Nathan Speibach ist alles klipp und klar.‹ Ich war so verdonnert, daß ich zuerst den Umfang meines Unglücks nicht ermaß. Meine Mutter erzählte mir ganz ruhig, sie habe Rabbi Schamil einen Brief geschrieben und ihn und seine Tochter scharf getadelt. Ferner war sie bei den Nachbarn herumgegangen und hatte erzählt, was der Vater über den unzüchtigen Wandel seiner Tochter bekannt hatte. Und da habe Rabbi Schamil es offenbar am ratsamsten gefunden, die Stadt für einige Zeit zu verlassen. Endlich wurde mir klar, was geschehen war. Die Verzweiflung erstickte mich beinahe, und in einem wahnwitzigen Strom von Tränen und Vorwürfen gestand ich meiner Mutter die ganze Wahrheit. Zuerst war sie etwas betroffen und niedergeschlagen. Dann aber sagte sie: ›An meinem Wort, das ich Nathan Speibach gegeben habe, kann ich nicht rütteln. Auch kann ich nicht zurücknehmen, was ich über Judith gesagt habe. Und ich sehe nicht ein, daß ihr Wandel besser gewesen ist, weil sie sich mit dir herumgetrieben hat, du Tunichtgut. Im Gegenteil! Ich glaubte doch wenigstens, sie hätte sich mit irgendeinem reichen, vornehmen jungen Herrn vergnügt ...‹ So feierte ich denn Hochzeit mit Speibachs Tochter, und niemand kann etwas andres sagen, als daß sie mir eine gute Ehefrau war. Aber unsre Ehe ward nicht mit Leibesfrucht gesegnet. Meine Mutter, die hierüber sehr trauerte, pflegte zu sagen: ›Das ist die Strafe, weil du dich in deiner Jugend mit Rabbi Schamils unzüchtiger Tochter eingelassen hast.‹ Ich hingegen war eher geneigt, die Schuld ihrer allzu großen Klugheit beizumessen und meiner Torheit, sie überlisten zu wollen. Denn wenn ein törichter Sohn seine kluge Mutter hinters Licht führen will – ach, dann lacht der Teufel sich ins Fäustchen.«   »Das ist wahr«, bestätigte der Pastor, der so allgemach von dem Zwieback zu dem feineren Backwerk übergegangen war. »Aber«, fuhr er fort, »so etwas muß man heutzutage von einem Juden hören. Die halten noch immer die guten Zehn Gebote in Ehren, und nicht zum geringsten das vierte. Während die christliche Jugend sowohl die Religion wie deren Verkünder hofmeistern zu können glaubt. Darum ist sie auch danach, und man kann selbst in gebildeter Gesellschaft freche junge Leute treffen, die auf ihrer Manschette anzeichnen, was ein alter Seelenhirt etwa in seinen Kaffee tunkt.« Diese Rüge, gegen Ludwig von Battwyhl gerichtet, war nicht ganz unberechtigt. Denn der junge Mann hatte tatsächlich einen Strich für jeden Zwieback und einen Haken für jedes Stück Backwerk gemacht, das der Pastor eingetunkt hatte. Allerdings hatte er es auf Anstiften von Brita Djurling getan, die folglich die moralische Verantwortung dafür trug. Er errötete und schob hastig die Manschette in den Ärmel; und um von der Sache abzulenken, rief er: »Ach, wie schade um die kleine Judith! Können Sie sie nicht noch jetzt heiraten, Herr Generalagent, da Sie doch Witwer geworden sind?« »Ich für meine Person«, fiel Fräulein Alexander ein, »muß die Frau Mutter des Herrn Generalagenten ganz entschieden tadeln und Fräulein Judith bedauern. Nach allem zu schließen, waren Sie beide füreinander bestimmt, und meiner Überzeugung nach hat jeder Mensch seinen vorbestimmten Gegenpart, den er früher oder später findet, wenn er nur nicht locker läßt.« »Das ist auch meine Ansicht«, sagte Ludwig. »Man darf nicht locker lassen, wenn es besser werden soll, und ich habe eine schöne Geschichte von einer Frau gehört, die den Rechten erst in ihrer sechsten Ehe und in sehr hohem Alter fand. Sie war, wie gesagt, fünfmal verheiratet gewesen, und alle ihre Männer waren famose Kerle, jeder in seiner Art. Und sowohl während wie auch zwischen ihren Ehen hatte sie Kostproben rechts und links gemacht und eine so große Erfahrung erworben, daß sie schließlich Männer von allen erdenklichen Sorten, Temperamenten, Altern und Formaten gekannt hatte. Aber die ganze Zeit hatte sie das bestimmte Gefühl, daß sie nie dem Rechten begegnet war. Als sie nun zum fünftenmal Witwe geworden und siebzig Jahre alt war, sagte sie zu sich selbst: Kommt er jetzt nicht bald, dann muß ich alle Hoffnung fahren lassen und versuchen, auch so zufrieden zu sein. Aber gerade da kam er. Sie traf ihn in einem Badeort, und da er ein sehr feiner und angenehmer alter Herr war, faßte sie sogleich große Sympathie für ihn und er natürlich für sie. Bald erkannten sie, daß sie füreinander geboren waren, und so heirateten sie und lebten glücklich, obgleich sie es natürlich bedauern mußten, daß sie sich nicht früher getroffen hatten; und eines Tages sagte der Mann zu seiner Frau: ›Nicht daß ich eifersüchtig auf meine Vorgänger bin, denn ich weiß ja, daß du sie nicht so geliebt hast, wie du mich liebst. Aber sage mir doch auf jeden Fall aufrichtig, ob du einem unter ihnen wirklich und aus ganzer Seele zugetan warst; es würde mich interessieren, das zu wissen.‹ Die Frau erforschte gewissenhaft ihr Herz und konnte bald mitteilen, daß sie keinen ihrer Männer mit wirklicher Liebe geliebt hatte. Sie nahm hierauf ihre gelegentlicheren Bekanntschaften vor und ging in der Erinnerung bis in die fernste Vergangenheit zurück, und plötzlich wurde sie bald rot, bald weiß, und sie griff sich an das Herz und sagte: ›Du hast Unrecht getan, mich zu fragen. Jetzt hast du eine Jugenderinnerung erweckt, und ich fühle mich lebhaft ergriffen. Ich habe wirklich einen Mann ebensosehr geliebt, wie ich dich liebe, oder vielleicht noch mehr, denn wir waren beide jung.‹ Dieses Geständnis verdarb dem Manne die Laune und machte ihn unzufrieden mit seinem Los. Wenn er nun doch auf jeden Fall nicht der Rechte war, dann, meinte er, hätte das Ganze seinen Sinn verloren und hätte ebensogut unterbleiben können! Er wurde verdrießlich und ging herum und nörgelte und wollte durchaus alle möglichen Aufschlüsse über diesen Menschen haben, der ihm zuvorgekommen und der Rechte gewesen war. Endlich sagte die gequälte Frau: ›Um deine Eifersucht zu stillen, will ich dir alles erzählen. Diesen Mann, dessen Namen ich längst vergessen habe, aber dessen Züge unvergänglich in meiner Erinnerung strahlen, traf ich auf einer Seereise zwischen Stockholm und Visby. Er war allein, ich war allein. Wir gingen auf dem Verdeck auf und ab und tauschten ernste Gedanken über ernste Dinge aus. Und ich fühlte, daß er mich liebte und ich ihn. Ein Sturm brach los, und wir schlossen uns zusammen; aber später am Abend wurde es wieder ruhig, und wir saßen auf dem Verdeck des Schiffes, Seite an Seite, Hand in Hand, stumm, von Wehmut und Glück erfüllt. Als der Anstand es erforderte, brachen wir auf und trennten uns. Er begleitete mich zu meiner Kajütentür und drückte einen Kuß auf meine Stirn. Es war ein Abschied fürs Leben. Und nun weißt du alles.‹ Aber der alte Ehemann hatte mit steigender Verwunderung zugehört, und nun sagte er: ›Du siehst wohl, daß ich erstaunt bin, aber eigentlich weiß ich nicht, worüber ich am meisten staune. Denn ein ganz ähnliches Abenteuer habe ich erlebt, und zu demselben Zeitpunkt und auch auf einer Reise zwischen Stockholm und Visby. Auch damals erhob sich ein Sturm, und wir schlossen uns zusammen, und nachher wurde es wieder schön. Worüber wir sprachen, kann ich dir auch sagen, denn wir sprachen über dies und das. Und wovon spracht ihr?‹ – ›Genau von demselben‹, rief die alte Dame, und sie schloß ihn in ihre Arme und sagte: ›Können wir es wagen, an unser Glück zu glauben?‹ Er sagte: ›Mein Mädchen war soundso gekleidet.‹ Und sie rief: ›Du beschreibst mich aufs I-Tüpfelchen, wie ich damals war. Kein Zweifel mehr! Du bist der einzige Mann, den ich wahrhaft geliebt habe!‹ – Aber er schob sie ein bißchen von sich weg und sagte: ›Noch ist nicht alles klar. Ich begleitete allerdings mein Mädchen zu ihrer Kajüte und küßte sie zum Abschied auf die Stirn, aber dann reute es mich, und ich schlug vor, sie möge mit mir in meine Kajüte kommen, wo wir allein waren. Und was wir dann taten, das kann ich dir auch sagen –‹« Hier wurde der Erzähler von einem gemeinsamen Aufschrei der Damen Willman unterbrochen. Er warf ihnen einen verachtungsvollen Blick zu. »Was ist denn los? Wenn eure Phantasie mit euch durchgeht, so behaltet das für euch selbst und beunruhigt euch nicht meinetwegen. Wenn ich einmal das Glück habe, in feiner und gebildeter Damengesellschaft zu weilen, so weiß ich mich schon zu benehmen.« Er verneigte sich vor den Damen Theander und Alexander, die die Höflichkeit etwas verlegen erwiderten, dann fuhr er fort: »Der Ehemann sagte also: ›Was ich und mein Mädchen in meiner Kajüte taten, kann ich ruhig erzählen. Denn es war das Unschuldigste von der Welt. Wir saßen Seite an Seite, Hand in Hand, stumm, von Wehmut und Glück erfüllt. Wer plötzlich sprang mein Mädchen auf und rief: ›Ich Unglückliche! Denke nur, wenn das peinliche Folgen hat!‹ Und sie stürzte auf das Verdeck hinauf. Ich folgte ihr, so rasch ich konnte, denn ich fürchtete, sie würde sich in ihrer Verzweiflung über Bord stürzen. Aber es kam noch viel schlimmer, denn dort oben erwarteten uns ihre Angehörigen, und das Schiff hatte schon längst angelegt, und wir hatten uns verschlafen. Wenn dein Abenteuer mit meinem Abenteuer identisch war, wie willst du dann diese Divergenz erklären?‹ – ›Die erkläre ich so‹, erwiderte die alte Dame, ›daß einen von uns das Gedächtnis trügt, was wiederum an einem Zufall liegen kann oder an einer Verwechslung mit irgendeinem anderen ähnlichen Vorfall. Daß du aber der einzige Mann bist, den ich wirklich geliebt habe, davon bin ich jetzt überzeugt.‹ – Und ihre Liebe bekam neuen Schwung, und das Leben hatte gleichsam einen Sinn für sie bekommen. Aber ich habe eine andere wahre und schöne Geschichte von zwei Zwillingen gehört, die dasselbe Mädchen liebten. Aus der kann man noch mehr lernen –« »Verschone uns!« riefen die Damen Willman. »Die haben wir gehört, und die ist entsetzlich.« Ludwig verteidigte sich, indem er sagte: »Es ist an und für sich eine lehrreiche und unschuldige Geschichte, wenn ich auch gezwungen war, sie etwas zu pfeffern, um eurem Geschmack entgegenzukommen. Meine ernsten und moralischen Geschichten erzähle ich den Stallknechten, die sie mit Dankbarkeit aufnehmen; während Tante Karolina immer erst munter wird, wenn ich etwas gesagt habe, worüber ich mich schämen muß. Aber das muß anders werden. Und das erinnert mich an einen Pfarrer, der Kalle Mager hieß. Er hatte all die Gelehrsamkeit, die ein Pfarrer haben soll, und außerdem war er zum Bersten voll von edler Denkungsweise und ernsten Ermahnungen. Und das wäre ja soweit ganz gut und schön gewesen, wenn er nur Absatz dafür gehabt hätte. Aber es gelang ihm nicht, das Vertrauen seiner Schäflein zu gewinnen, und es sah düster für ihn aus. Da kam er auf die Idee, eine nette, kleine, knusperige Geschichte hier und dort in seine öden alten Predigten einzuflechten, und die beste hob er sich immer bis knapp vor dem Segen auf, damit das Publikum mit fröhlichem Herzen von dannen gehe und sich nach dem nächsten Sonntag sehne. Das schlug ein, der Umsatz stieg um viele hundert Prozent, und der Pfarrer bekam mehr Butter, Eier und Braten, als sein Knecht auf dem Markte verkaufen konnte. Er konnte alle seine alten Predigten halten und brauchte sie weder zu wenden noch zu flicken, sondern nahm sie, wie sie waren. Er brauchte nur aufzupassen, daß er mit munteren Geschichten gut versehen war. Eines Tages, als er über die ewigen Höllenstrafen gesprochen und eine richtige Schwergewichtspredigt in drei Runden gehalten hatte, sagte er zu sich selbst: Das nimmt kein gutes Ende, wenn du nicht zum Schluß ein fröhliches Histörchen als Draufgabe erzählst. Aber da lag der Hase im Pfeffer! Er konnte sich nicht an eine einzige muntere Geschichte erinnern! Der kalte Schweiß trat ihm auf die Stirn; aber dann wurde er zornig und dachte: Bin ich ein Priester oder ein Hanswurst? Einmal kann ich wohl auch auf meine Würde halten! Und er ging rasch und barsch zum Segen über. Was geschah? Die Gemeinde schmunzelte. Still und anständig, wie sie zu schmunzeln pflegte, aber zugleich breit und behaglich. Jeder glaubte, der Pfarrer hätte eine Schnurre erzählt, die sie verschlafen oder deren seine Pointe sie nicht kapiert hätten. Die alten Männer lachten den alten Weibern zu, und die alten Weiber den alten Männern, und als sie herauskamen, sagten sie zueinander: ›Ich habe gar nicht recht verstanden, was er gesagt hat, aber so lustig war er heute!‹ Von diesem Tage an brauchte sich der Pfarrer nicht mehr anzustrengen, um irgendwelche ergötzliche Geschichten zu finden. Sein Ruf als urgemütlicher und erbaulicher Prediger war gefestigt, und er konnte so öde und langweilig sein, als er nur wollte, ohne das mindeste dabei zu riskieren.« – Als Ludwig geendet hatte, herrschte allgemeines Schweigen. Alle ahnten ein Unwetter, aber niemand wagte, als Blitzableiter aufzutreten. Endlich stellte der Pastor die Kaffeetasse weg, wischte sich umständlich Mund und Kinn, zerknüllte das Taschentuch in der Hand und sagte: »Wenn der unerzogene und verderbte Jüngling mich durch seine Erzählung ärgern wollte, so ist ihm dies jämmerlich mißlungen. Ich fühle mich wahrlich nicht getroffen. Erstlich habe ich die Ehre, Sven Lager zu heißen und nicht Kalle Mager, zweitens ist es zwar richtig, daß ich meine Predigten hie und da durch die eine oder andere unschuldige Anekdote belebe, aber das geschieht keineswegs, um Heiterkeit zu erregen, sondern nur, um eine paar arme alte Hascher noch zu halten, die sich sonst nur schwer des Schlummers erwehren könnten. Und daß ich in dem Ansehen stehen sollte, ein gemütlicher Pfarrer zu sein, das bestreite ich entschieden. Was schließlich Eier und Butter betrifft, so habe ich noch nie zuviel von dieser Ware bekommen, zumindest nicht aus Larsbo.« »Wie peinlich«, fiel Ludwig ein, »daß der Herr Pastor sein Porträt erkennen sollte! Aber was einmal gesagt ist, ist gesagt. Und ich bleibe steif und fest dabei, daß der Herr Pastor ein urgemütlicher Pfarrer ist.« Jetzt wurde der Pastorssohn glühend rot und brach los: »Bleibst du bei dem, was du über meinen Vater gesagt hast, dann komm mit mir hinter die Scheune. Ich glaube, ich kann dich in fünf Minuten allerlei lehren.« Der Pastor rief: »Brav, brav, Hans! Hau ihn nur ordentlich durch.« Ludwig antwortete höflich: »Es wird mir ein Vergnügen sein; aber zuerst möchte ich hören, ob Casimir die Bolla gefunden hat.« »Nein«, sagte Casimir Brut, nachdem er sehr hastig die Versammelten begrüßt hatte, »ich habe sie nicht gefunden. Ich habe ganz Spilleboda durchsucht und werde vermutlich Unannehmlichkeiten davon haben, denn der Alte war wütend. Soviel weiß ich jetzt doch, in Spilleboda ist sie nicht, obwohl man sie auf dem Moor gesehen hat.« »Allein?« fragte Frau Olga. Der Verwalter antwortete ausweichend: »Das weiß ich nicht.« Ludwig sagte: »Hat man sie auf dem Moor und in der Nähe vom Spillebodaer Brunnen gesehen, so brauchen wir uns über das Schicksal des armen Mädchens nicht erst lange den Kopf zu zerbrechen. Jemand hat sie in das Gehölz gelockt, ihr den Hals abgeschnitten und sie in den Brunnen geworfen. Warum sollte ich sonst so geträumt haben, wie ich heute nacht träumte? Ich habe schon öfters Wahrträume gehabt, diese Sache ist mithin klar.« »Was hast du geträumt?« fragte Brut, und Ludwig erzählte es, aber eigentlich schenkten nur die Damen Theander der Sache einige Aufmerksamkeit. Frau Olga sagte: »Ich nehme an, der Herr Verwalter weiß oder ahnt, wo das Mädchen sich befindet. Obwohl er es nicht zugeben will. Hat man sie auf dem Moor gesehen, so muß sie auf dem Weg zu den Arbeiterbaracken gewesen sein. Ich habe den Torfausstechern verboten, auf das Gut zu kommen und sich an die Mädchen heranzumachen, aber der Herr Verwalter hat erlaubt, daß man mein Verbot ganz ungescheut übertritt. Hier sehen wir eine der Folgen. Das Mädchen hat schlechte Bekanntschaften gemacht, sie hat sich dorthin locken lassen, sie hat sich verspätet, und jetzt schämt sie sich und bleibt weg. Wer ich werde sie sofort entlassen –« Casimir Brut bemerkte, dazu müsse die gnädige Frau das Mädchen erst haben. Die Damen Willman protestierten; Dr. Karolina sagte: »Das ist eine neumodische Strenge; das würde Jan-Petter nicht verstanden haben.« Frau Olga errötete, und ihre Zeigefinger reckten sich zum Angriff. Ihre Stunde war gekommen, und, eine unselige Neigung zum Stottern bekämpfend, sagte sie: »Ich weiß, daß man heutzutage den Leichtsinn der Jugend mit einer gewissen Nachsicht betrachtet, ja ihn sogar ermuntert. Ich habe auch durchaus keine Lust, mir irgendwelche moralische Brillen aufzusetzen. Aber eines Tages wird man daraus kommen, daß die Sache auch eine ökonomische Seite hat. Und dann wird man sie ernster nehmen. Ich habe diese Entdeckung bereits gemacht.« Ein mißtrauisches Gemurmel der Damen Willman reizte sie, weiter zu sprechen, gegen alle Gefahren blind: »Ich habe Material gesammelt, das ich späterhin zu bearbeiten gedenke. Aber schon jetzt kann ich sagen, daß meine vierzehn weiblichen Bediensteten im Haupthause jährlich 5220 Kronen bezahlte Arbeitszeit vergeuden.« Die Ziffer imponierte, und sie fuhr fort: »Dies allein im Haupthaus Larsbo. Jetzt dämmert euch vielleicht eine Ahnung aus, daß die Sache eine ökonomische Seite hat. Wenn wir bedenken, daß die weiblichen Dienstpersonen des Landes im Alter von 15 bis 40 Jahren die Zahl von 67890 erreichen –« »Herrjegerle!« schrie Ludwig. »Wer ist denn 'rumgegangen und hat all die Mädels gezählt?« »Die Statistik!« antwortete Frau Olga, indem sie sich im stillen gelobte, so bald als möglich die wirkliche Ziffer in irgendeinem Nachschlagewerk ausfindig zu machen. Für den Augenblick mußte sie mit einer hypothetischen operieren. Sie fuhr fort: »Meine Berechnungen sind noch lange nicht abgeschlossen, aber ich kann schon jetzt sagen, daß jede dieser 67890 weiblichen Dienstpersonen durchschnittlich 198 St., 4 Min., 24 Sek. im Jahre zu erotischen Zwecken vergeudet. Eine einfache Multiplikation wird euch überzeugen, daß hier bereits große Werte in Frage kommen.« Ludwig murmelte: »198 St., 4 Min., 24 Sek. mal 67 890 weibliche Bedienstete, das ist durchaus keine einfache Multiplikation. Aber ich werde mein Bestes tun.« Frau Olga fuhr fort: »Dies von der dienenden Klasse. Erstrecken wir unsere Untersuchungen in der erwähnten Richtung auf die heranwachsende Jugend der gebildeten Klassen, dann werden wir, glaube ich, zu noch verblüffenderen und niederschmetternderen Ziffern gelangen.« »Das will ich gern glauben«, gab der Pastor zu, »aber was meint die kleine Gnädige, daß da zu tun ist?« Frau Olga antwortete entschlossen und zielbewußt: »Statistische Untersuchungen, Organisationen, Aufklärungsarbeit, letzten Endes Gesetzgebung! Fürs erste bereite ich eine Broschüre mit dem Titel vor: ›Kann der moderne Mensch es sich leisten, zu lieben? ‹« Der kleine Generalagent, der mit einer gewissen Ehrerbietung den großen Ziffern gelauscht hatte, brach plötzlich in ein äußerst unehrerbietiges Gelächter aus, dem nicht einmal die empörten Blicke der Hausfrau Einhalt tun konnten. Endlich vermochte er hervorzustottern: »Es sich leisten, zu lieben? Es sich leisten, zu lieben? Fragen Sie die Damen Theander! Fragen Sie die Damen Theander!« Die drei kleinen Damen, die eine sehr schüchterne und reservierte Haltung beobachtet und einander nur hier und da ermunternd zugenickt hatten, damit die Schüchternheit sie nicht ganz überwältige, warfen sich plötzlich in Verteidigungsstellung, plusterten sich auf und streckten die Hälse. Und im Chore riefen sie: »Was meinen Sie damit, Herr Generalagent?« Aber er lachte nur. Und Lizzy Willman streckte ihre schönen Glieder und lächelte und gähnte ein bißchen und dehnte sich auf ihrem Sessel, indem sie sagte: »Du bist eine kleine Närrin! Die Liebe kann es sich nicht leisten, ökonomisch zu sein. Und sie hat auch keinen Anlaß dazu. Sie ist Selbstzweck und der innerste Sinn des ganzen Daseins. Alle menschlichen Bestrebungen werden von der Lust getrieben, der Liebe zu dienen. Die Gesellschaft ist um ihretwillen da, die Religion, die Wissenschaft, die Kunst, der materielle Fortschritt. Sogar der Selbsterhaltungstrieb kapituliert vor der Liebe. Aber du fragst, ob man es sich leisten könne, zu lieben? Du bist wahnsinnig lächerlich. Die Liebe ist das einzige, was der Mensch nie organisieren kann.« »Und die Ehe?« warf der juristische Sohn des Pastors ein. Lizzy antwortete: »Die Ehe hat nicht die Liebe organisiert, wohl aber organisiert die Liebe die Ehe täglich und stündlich nach ihren Bedürfnissen und Launen.« »Geht es aus diesem Ton?« sagte Ludwig. »Und so etwas soll man von Lizzy Willman hören, die das tüchtigste und gerissenste Mädchen ist, das ich kenne, gerade wenn es sich darum handelt, die Liebe vernünftig zu organisieren und zu verwerten. Ich kann da ein Beispiel erzählen. Als sie noch jung war und ihr Abitur machen sollte, hatte sie zwei Bräutigams. Der eine hieß Karl-August und war ein sehr gelehrter Jüngling, der ihr bei den Lektionen und Aufgaben half, aber der andere hieß Karl-Hermann und war ein Tunichtgut, den sie nur zum Vergnügen hatte. Je näher das Examen heranrückte, desto inniger schloß sie sich an Karl-August an, so daß er so gut wie ihr erklärter Bräutigam war und das Recht hatte, ihr kostbare Präsente zu machen, während Karl-Hermann ihr nur Küsse geben durfte. Einige Wochen vor der Prüfung erkrankte sie an einer heftigen Zahnbeinhautentzündung, und wenn die ihr zusetzte, war sie wie verrückt, schrie und weinte und konnte ihre Studien nicht fortsetzen. Unter solchen Umständen hatte sie weniger Nutzen von Karl-August, da sie ja doch nicht miteinander studieren konnten. Aus reinem Amüsementgesichtspunkt war Karl-Hermann vorzuziehen, und er saß bei ihr und tröstete sie, so gut er es vermochte. Aber urplötzlich flog der Schmerz davon, denn es war ein fliegender Schmerz, und was den betrifft, so läßt er sich nicht organisieren. Da dachte das kluge Mädchen: Soll ich hier sitzen und meine kostbare Studienzeit mit Karl-Hermann vertrödeln? Nein! antwortete ihr Gewissen, und sie sagte: ›Lieber Karl-Hermann, geh in meine Garderobe und bleib dort sitzen, bis ich dich rufe.‹ Er fragte, warum, und sie antwortete: ›Karl-August könnte kommen, und wie du weißt, sind wir bis auf weiteres verlobt. Er könnte es übelnehmen, wenn er dich hier fände. Aber wenn die Gefahr vorüber ist, werde ich dich rufen.‹ ›Gut‹ – sagte Karl-Hermann und ging in die Garderobe; und was er dort in der Dunkelheit tat, das weiß ich nicht, wenn er nicht ein Schläfchen machte. Na, nach kurzer Zeit war ja der Schmerz wieder da, und sie rief ihn wieder heraus. So trieben sie es viele Tage weiter, lange Zeit, bis sich eines Tages Karl-August wirklich einfand. Lizzy hatte gerade ihre gute Stunde, und Karl-Hermann saß in der Garderobe wie gewöhnlich, und diesmal weiß ich, daß er schlief. Karl-August ließ sich nieder, und sie versanken beide in tiefe Studien, aber schwups, setzte der Zahnschmerz ein, und in die Höhe flog das Mädchen wie eine Wahnsinnige und schrie: ›Meine Zähne! Ich sterbe!‹ Und heraus stürzte der schlaftrunkene Karl-Hermann, und da standen die beiden Rivalen voreinander, schnaubend vor Verachtung und Abscheu. Lizzy warf sich zwischen sie und rief: ›Karl-August! Glaube nicht, daß ich dich betrüge! Ich nehme Karl-Hermann nur vor, wenn ich Zahnweh habe.‹ Und das stimmte. Aber es muß mich doch verdrießen, wenn ich dieses Mädchen behaupten höre, daß man die Liebe nicht organisieren könne.« Hierüber lachten alle, mit Ausnahme der Fräulein Theander, die noch immer aufrecht in Verteidigungsstellung dasaßen und darauf bestanden, die Ursache des Lachens und des Ausrufs des Herrn Generalagenten zu erfahren. Er sagte: »Ich wollte nur gesagt haben, daß, wenn die Gnädigste die Liebe auf ökonomische Weise zu organisieren wünscht, sie nicht verabsäumen darf, den Rat der Damen Theander einzuholen, denn auch sie haben in dieser Frage ihre Erfahrungen gemacht.« Die drei Damen betrachteten sich gegenseitig, erregt und dem Anscheine nach jeden Augenblick bereit, die Flucht zu ergreifen. Endlich sagte die Älteste: »Wir wollen hoffen, daß der Herr Generalagent auf eine Sache von geringer Bedeutung anspielt, und in diesem Falle sind wir nicht abgeneigt, unsere Erfahrungen mitzuteilen. Aber sollte er etwa auf etwas anderes hindeuten wollen, dann sind wir wirklich sprachlos. Hingegen kann meine jüngste Schwester erzählen, was uns mit unserem Laufmädchen passiert ist.« Die jüngste Schwester setzte sich mit einem kräftigen Ruck auf dem Stuhl zurecht, und indem sie dem stumm grinsenden Alten den Rücken kehrte, erzählte sie: »Wir haben in unserem kleinen Geschäft ein Laufmädchen, und Fräulein Sara kennt sie. Sie ist reinlich und ehrlich, gut und ordnungsliebend, aufrichtig und glaubwürdig, gottesfürchtig und tugendhaft, aufgeweckt und fleißig, heiter und angenehm und hat ein sehr nettes Benehmen gegen die Kunden, so daß wir sie zu behalten gedenken, wenn gewisse Leute sie in Frieden lassen. Vor einiger Zeit entdeckten wir, daß sie einen sogenannten Bräutigam hat, einen jungen Menschen, der unseren Laden oft besuchte, ohne etwas zu kaufen. Ferner bemerkten wir, daß sie bei ihren Wegen lange fortblieb und die Zeit vermutlich in Gesellschaft dieses jungen Menschen vertrödelte. Da kam mir eine Idee, denn von uns dreien bin gewöhnlich ich diejenige, die die Ideen hat, während meine älteste Schwester die Chefin der Firma ist und meine zweitälteste Kassiererin. Und ich dachte ganz wie die gnädige Frau und machte einen Überschlag und fand, daß dieses Schwatzen und Herumscharmutzieren der Firma einen recht großen Verlust zufügte. Ich beriet mich mit meinen Schwestern, und wir wurden einig. Und meine älteste Schwester sagte zu dem Mädchen: ›An jedem Tag, an dem du deinen Bräutigam nicht triffst, werden wir dir fünfundzwanzig Öre bezahlen, falls du uns am Abend die Hand darauf geben kannst, daß du ihn im Laufe des Tages weder gesehen noch gesprochen hast.‹ Sie überlegte es sich, aber willigte dann ein. Es zeigte sich bald, daß die Idee gut war. Der junge Mann erschien nicht mehr in unserem Laden, das Mädchen erledigte ihre Besorgungen rasch, und wenigstens an sechs Abenden in der Woche konnten wir ihr mit ruhigem Gewissen die fünfundzwanzig Öre ausbezahlen, die wir in eine Sparbüchse legten, um sie nicht zu unnötigen Ausgaben zu verleiten. Auf diese Weise wurde ihr Sinn für Sparsamkeit geschärft, ihr Charakter gestählt, und wir freuten uns sehr über dieses gute Ergebnis. Denn, wenn wir auch nicht moralischer sind als andere Menschen, sondern eher umgekehrt – was der Herr Generalagent bestätigen kann, wenn er will –, so mußte es uns doch jedenfalls Freude machen, zu sehen, wie ein junges Wesen sich in der Kunst der Selbstbeherrschung übte, anstatt Launen und Leidenschaften zu frönen. Mehrere Monate vergingen, der Sparpfennig wuchs unablässig, und wir begannen schon hin und her zu denken, wie er am besten verwendet werden könnte, um dem Mädchen zum Wohle zu gereichen. Aber eines Tages erschien der junge Mann wieder in unserem Laden. Ohne das Mädchen auch nur anzusehen, das sich übrigens abwandte, äußerte er den Wunsch, mit der Chefin der Firma zu sprechen. Meine Schwester fühlte sich etwas beunruhigt, aber von ihrem guten Gewissen gestärkt, empfing sie ihn im Kontor. Er fragte ganz höflich, ob es seine Richtigkeit habe, daß wir seiner Braut für jeden Tag, an dem sie nicht zusammenkamen, fünfundzwanzig Öre bezahlten. Meine Schwester antwortete mit Festigkeit: ›Das tun wir und wollen es auch weiter so halten!‹ – ›Das will ich auch hoffen‹, sagte der junge Mann, ›denn meine Braut spart ihrerseits und ich meinerseits. Und je mehr wir zusammenbringen, desto besser, denn zu Pfingsten wollen wir nach Stockholm und uns gründlich amüsieren und das Geld verjuxen.‹ Man kann sich die Gefühle meiner Schwester denken; aber bevor sie noch einen Entschluß fassen oder sich mit uns beraten konnte, sagte der Mensch: ›Ich habe Ihnen einen Vorschlag zu machen, Fräulein Theander. Bezahlen Sie meiner Braut fünfzig Öre statt fünfundzwanzig, dann wird sie zehnmal soviel arbeiten als jetzt, und Sie gewinnen jedenfalls bei dem Geschäft.‹ – ›Warum sollte ich das tun?« fragte meine Schwester. ›Und warum sollte sie zehnmal soviel arbeiten?‹ – ›Weil‹, antwortete der Mensch, ›wir uns in diesem Falle verpflichten würden, uns auch nicht in den Nächten zu treffen, wie wir das jetzt tun. Sie würde ausgeschlafen zu ihrer Arbeit kommen, und was unser Vergnügen betrifft, so können wir uns das schon zu Pfingsten einbringen.‹ Auf diese Weise«, schloß Fräulein Theander, »wurden wir geprellt, und unser kleiner Versuch mißglückte, obwohl die Idee gut war. Wir vertrauten uns unserem Nachbar, dem Herrn Generalagenten, an; er machte sich über uns lustig und lachte uns aus. Und wir wollen inständig hoffen, daß er über diese belanglose Sache lacht und nicht über etwas anderes. Das wäre zu herzlos!« »Das wäre es!« bekräftigte die älteste und zweitälteste Dame Theander, aber der Generalagent sagte: »Herzlos oder nicht herzlos, jedenfalls lache ich gerade über dieses andere. Eine Geschichte, die ich die Geschichte von den Früchten der Aufklärung zu nennen pflege. Und verhält es sich so, daß die Damen Theander sie nicht erzählen wollen, so kann ich es selbst tun.« Mit einem gemeinsamen Schrei flogen die drei Damen von ihren Sesseln in die Höhe, aber setzten sich dann wieder. Und da saßen sie, allerdings keineswegs sprachlos, wie sie befürchtet hatten, sondern im Gegenteil, eine der anderen in die Rede fallend, so daß niemand ein Wort verstand. Endlich bekam die Jüngste wieder die Oberhand und sagte: »Eher, als daß wir den Herrn Generalagenten das traurigste Ereignis in unserem Leben schildern lassen, will meine älteste Schwester es erzählen. Und wenn es uns auch zur Schande gereicht, so glaube ich doch nicht, daß jemand anderer das Herz haben wird, uns auszulachen, als ein einziger, und gerade derjenige, der eher weinen sollte. Aber vor allem einmal müssen wir die junge Dame bitten, sich zu entfernen, denn das ist nichts für ihre Ohren.« »Wenn die Damen die siebzehnjährige Brita Djurling meinen«, fiel nun Ludwig ein, »so möchte ich Ihnen raten, sich eher meinetwegen zu beunruhigen. Sie erzählt die Geschichte von den beiden Zwillingen, die dasselbe Mädchen liebten, viel besser als ich, auf jeden Fall mit mehr Mark und Schneid. Wenn Sie mir nicht glauben, so will ich sie gerne aufziehen und in Gang setzen, aber die Folgen müssen Sie sich selber zuschreiben.« »Stimmt«, sagte Brita. Die älteste Dame Theander ermannte sich und setzte sich zurecht, den Blick fest auf den Generalagenten gerichtet. Und sie nahm keinerlei Rücksicht mehr, sondern erzählte:   Die Geschichte von den Früchten der Aufklärung »Wir drei Schwestern haben immer ein ruhiges, stilles Leben geführt, und niemand konnte wohl ahnen, daß uns das passieren würde, was uns passierte. Unser kleines Geschäft haben wir von unserem Vater geerbt, wir haben es so gut geführt, als wir es verstanden, und es hat uns unser Auskommen gegeben. Andere haben Reichtümer und viele Freunde und Vergnügungen und große Interessen von verschiedener Art; aber wir haben unser Heim, wo alles uns an unsere Eltern erinnert und namentlich an unseren lieben Vater, der ein strenger, ernster und gottesfürchtiger Mann war. Wir liebten ihn sehr, und wir haben es immer als unsere Pflicht und unsere Lebensaufgabe erachtet, sein Heim schmuck und rein zu erhalten, und gleichsam seinem Andenken geweiht. Wir haben eigentlich nie gerne unsere wenigen männlichen Bekannten in unserem Heim empfangen; das erschien uns beinahe wie eine Untreue gegen das Andenken unseres Vaters. Aber wenn es auch sein mag, daß wir da vielleicht in der Pietät zu weit gingen, so kann man es uns doch wenigstens nicht verdenken, wenn wir unser Heim von Besuchen einer gewissen Art verschont sehen wollten – Besuchen, die natürlich nicht uns galten. Dies war der Grund, weshalb wir es uns jedesmal sehr genau überlegten, bevor wir ein neues Mädchen aufnahmen. Denn wahrlich, kann nicht ein solches, wenn es von der richtigen Sorte ist, ein ganzes Haus verpesten und entweihen? Warum muß zu den Vergnügungen der Mädchen immer ein männliches Individuum gehören? So ist es einmal, sagt man, und so muß es sein. Aber das ist ein Irrtum. Denn man sehe nur uns drei an! Wenn ich unseren lieben Vater ausnehme, den wir nie aufhören werden, zu vermissen und zu beweinen, so haben wir uns wahrhaftig nie nach männlichem Umgang gesehnt. Und obgleich wir so erzogen wurden, daß wir mit jedem, wer es auch sei, verkehren können, und obwohl wir ebenso gerne einen männlichen wie einen weiblichen Kunden bedienen – ja, sogar lieber, denn sie sind reeller und handeln weniger –, so haben wir uns doch immer am wohlsten unter unseren Freundinnen gefühlt. Nun begab es sich eines Sommers, daß ich und meine jüngste Schwester eine Anverwandte besuchten, die mit einem einfachen Landmann in Småland verheiratet ist. Die Schönheit der Gegend entzückte uns, und noch mehr das sittige, arbeitsame Leben der Bevölkerung. Die Fröhlichkeit war darum nicht geringer, aber es war eine Fröhlichkeit in Keuschheit. Und wenn auch dort wie anderswo Ehen geschlossen und Kinder geboren wurden, geschah es doch nie ohne Einwilligung der Eltern oder Vormünder – wenigstens soviel mir bekannt ist. Diese reine Atmosphäre wirkte belebend auf uns, und meiner jüngsten Schwester kam eine Idee. Unsere Verwandte hatte viele Kinder, sie vertraute uns an, daß die Hütte ihnen zu eng zu werden beginne; das älteste Mädchen, das Lisbeth hieß, müsse sich einen Platz suchen. War das nicht ein Wink von oben? Lange gingen wir herum und beobachteten verstohlen die Kleine; ein lieblicheres, frömmeres und reinlicheres Mädchen konnte man nicht sehen. Wir faßten einen raschen Entschluß und nahmen das überglückliche Mädchen mit in die Stadt. Natürlich waren wir uns klar darüber, daß wir damit eine Verantwortung von mehr als gewöhnlichem Maß übernommen hatten. Ihre Kleidung wurde einfach, aber nicht ländlich gewählt, denn ein Instinkt sagte uns, daß die Landmädchen den Attacken der Mädchenjäger ganz besonders ausgesetzt sind. Wir gaben ihr das Zimmer unseres eigenen Vaters, das zwischen dem meiner jüngsten und dem meiner zweitjüngsten Schwester gelegen ist; an der dritten Seite liegt das Kontor, wo ich zu schlafen pflege, das Fenster geht auf den Hof und wurde außerdem mit ziemlich dichten Gardinen versehen. Wir verschafften ihr geeignete Lektüre für ihre Freistunden; wir richteten es so ein, daß das Bildnis unseres Vaters mit den gütigen, aber strengen Zügen auf sie herniederschaute, wenn sie in seinem Bette lag. Natürlich mußte sie uns in die Kirche begleiten, und an den Sonntagen ließen wir sie überhaupt nicht aus den Augen. Nachdem wir ihr eine Reihe von klugen Verhaltungsmaßregeln gegeben hatten, meinte ich meinesteils, daß wir alles übrige der Vorsehung und der natürlichen Unschuld des Mädchens überlassen könnten. Aber meine jüngste Schwester, die viel gelesen hat und ein scharfer Kopf ist, teilte meine Meinung nicht. ›Es ist‹, sagte sie, ›eine moderne Ansicht, daß die Jugend in gewisser Hinsicht aufgeklärt werden muß, vorsichtig, aber gründlich.‹ Da wir nun einmal die Verantwortung für dieses Naturkind übernommen hatten, wäre es unrecht von uns, den Worten der Denker und Pädagogen kein Gehör zu schenken. Meine jüngste Schwester las noch ein paar Bücher über den Gegenstand, und nachdem sie sich so vorbereitet hatte, gingen wir alle drei zu dem Mädchen hinein. ›Liebe Lisbeth‹, sagte sie, ›die moderne Zeit hat einen freieren Verkehr zwischen den Geschlechtern herbeigeführt, was wiederum einen segensreichen Gedankenaustausch fördert und andere Vorteile mit sich bringt. Wer diese Freiheit ist eine Freiheit unter Verantwortung.‹ Ich glaube nicht, daß das Mädchen sie so recht verstand, denn auch bei mir war das nicht der Fall, weshalb ich meine Schwester bat, sich einer leichterfaßlichen Sprache zu bedienen. Sie gab also dem Mädchen zu verstehen, daß die männliche Jugend in unserer Stadt keineswegs den besten Ruf genieße, und sie sagte: ›Wenn nun einer von diesen jungen Leuten dich anspricht, so mußt du nicht gleich Reißaus nehmen. Das tat man allerdings früher einmal, aber das hatte schon damals seine Unzukömmlichkeiten und paßt nicht für unsere geordnete Zeit. Sondern du sollst ihn höflich, aber bestimmt zurechtweisen, einmal, zweimal, dreimal. Hilft das nicht, mußt du dich an den nächsten Schutzmann wenden oder, wenn kein solcher in der Nähe ist, um Hilfe rufen.‹ Lisbeth lauschte aufmerksam, und in ihren klaren Kinderaugen lasen wir mit Rührung den festen Entschluß, unsere Ratschläge zu beherzigen. Aber wir, die wir in der ungesunden Atmosphäre einer Stadt erzogen wurden, konnten ihre Unschuld nicht recht ermessen und sollten sie leider erst verstehen lernen, als es zu spät war. Recht bald wurden wir doch ihrer ewigen Hilferufe überdrüssig und all der Schutzleute, die Aufschlüsse über den Geisteszustand des armen Mädchens verlangten. Und als uns schließlich ein geschätzter Stammkunde fragte, warum wir uns ein so unhöfliches Mädchen genommen hätten, das ihn anschnauzte und ihm mit der Polizei drohte, waren wir ganz betroffen. Wir beratschlagten, und auf den Vorschlag meiner jüngsten Schwester beschlossen wir, noch einen Schritt in aufklärender Richtung zu unternehmen. Wir gingen also zu dem Mädchen hinein und sagten ihr, sie hätte uns mißverstanden, und unsere Vorschriften bezögen sich nur auf Männer mit schlechten Absichten. ›Und wie soll ich ihre Absichten kennenlernen?‹ fragte das Mädchen in ihrem klaren, aber unerfahrenen Sinn. Wir überlegten lange; endlich sagte meine jüngste Schwester: ›Wenn ein Mann Neigung zeigt, dich küssen zu wollen, dann kannst du wissen, daß er zu der schlechten Sorte gehört.‹ – ›Ach‹, seufzte Lisbeth, ›daheim bei uns küßten wir uns immer, und als wir eingesegnet wurden, küßten sich Buben und Mädeln, ohne daß es irgend etwas machte.‹ – Meine Schwester sagte: ›Du weilst nicht mehr in diesen paradiesischen Gefilden. Wenn dich hier in der Stadt ein Mann küßt, so hat er schon dein Verderben beschlossen.‹ – ›Dann soll es auch nie geschehen!‹ rief Lisbeth. Und sie hielt Wort. Nun konnten wir uns lange Zeit an unserem Schützling freuen. Wir fragten die männlichen Kunden, die sich beklagt hatten, wie sie sie jetzt fänden, und sie antworteten wie aus einem Munde: ›Das Mädchen ist wirklich sehr nett geworden.‹ Wir lebten also in Ruhe und Frieden, bis ich eines Tages zufällig einen Blick in den Hof hinaus warf. Da standen Lisbeth und der Herr Generalagent; mit der einen Hand griff er ihr unter das Kinn, und mit der anderen streichelte er ihr die Wange. Ich kann nicht sagen, daß ich besonders erregt war, denn der Herr Generalagent ist ja ein sehr alter Mann und außerdem unser Nachbar und pflegt uns bei der Numerierung unserer Waren zu helfen. Ich hielt jedoch eine Warnung für angezeigt und rief das Mädchen herein. Sie begegnete meinem sanften Vorwurf mit dem Ausruf: ›Er hat mich nicht geküßt!‹ – ›Nein, das hätte gerade noch gefehlt‹, sagte ich, ›und das kannst du auch von einem Mann in seinem Alter nicht erwarten. Meine Warnung gilt vielmehr den jungen Laffen, denn wenn ein solcher dir unter das Kinn greift, dann geschieht es in der bestimmten Absicht, dich zu küssen.‹ Lisbeth versprach, auf ihrer Hut zu sein, und ich hielt es nicht einmal für nötig, den Vorfall meinen Schwestern gegenüber zu erwähnen. Wir lebten, wie gesagt, eine Zeitlang ruhig und glücklich. Allerdings machten wir die Beobachtung, daß unser männlicher Kundenkreis sich erheblich vergrößerte, aber wir nahmen das mit Ruhe hin; und nicht einmal, als ein gewisser junger Mann ein immer häufigerer Gast in unserem Laden zu werden begann, ahnten wir Böses, denn wir kannten seine Mutter als eine achtungswerte Frau, und er machte große und kostspielige Einkäufe. Unsere Gutgläubigkeit sollte sich jedoch rächen. Eines Tages, als ich unvermutet in den Laden hinauskam, wo Lisbeth für einige Augenblicke allein geblieben war, fand ich sie, gerade herausgesagt, in den Armen des jungen Mannes. Er ergriff sofort die Flucht, und ich rief meine Schwestern. Ich brauche wohl nicht unsere Bestürzung zu erwähnen, wohl aber die des jungen Mädchens, denn sie war wirklich und trotz alledem unschuldig. Sie sagte: ›Was hätte ich tun sollen? Er sprach so freundlich zu mir und schlang die Arme um mich, aber er küßte mich nicht und griff mir auch nicht unter das Kinn.‹ – ›Siehst du denn nicht ein‹, fragten wir, ›daß du, in die Umarmung eines Mannes eingeschlossen, schon so gut wie verloren bist?‹ Da brach sie in bittere Tränen aus und bat uns, sie heimfahren zu lassen. ›Denn‹, sagte sie, ›daheim kann so etwas ruhig geschehen, aber ich sehe ein, daß es hier in der Stadt etwas Schreckliches ist.‹ Trotz unserer erregten Gemütsstimmung beherrschten wir uns und suchten das verzweifelte Mädchen zu trösten. Und wir sagten: ›Wenn der junge Mann dich je wieder anspricht, so darfst du ihm keine Antwort geben, es sei denn, daß er dich nach dem Preis einer Ware oder nach sonst etwas auf das Geschäft Bezügliche fragt.‹ Sie versprach es, und wir suchten uns wieder in Ruhe einzuwiegen. Was geschah? Kaum eine Woche darauf, als ich Lisbeths Kommodenladen durchsah, fand ich einige Papiere, die sich als wahre Liebesbriefe entpuppten, strotzend von den rückhaltlosesten und glühendsten Ausdrücken und teilweise in Versen geschrieben. Mit diesen Papieren in der Hand, eilte ich in den Laden, wo sowohl Lisbeth wie meine Schwestern sich aufhielten. Das Mädchen zeigte keinerlei Bestürzung, sondern sagte ganz ruhig, daß der junge Mann die Briefe geschrieben hätte. Sie gestand auch, daß sie sie beantwortet hatte. ›Und wie hast du sie beantwortet?‹ fragte ich. Sie erwiderte: ›So gut ich konnte, liebe Tante; und ich habe auch versucht, in Versen zu schreiben, aber das ging nicht.‹ Ich beschränkte mich darauf, zu sagen: ›Du warst nun wieder nahe daran, dein Leben und dein Glück zu verscherzen.‹ Aber nun begann ich zu ahnen, daß ein wirkliches großes Unglück uns drohte. Und als ich mit meinen Schwestern allein war, sagte ich zu der Jüngsten: ›Dein Aufklärungssystem hat schlechte Früchte getragen. Ich glaube, du hast sie entweder zuviel oder zuwenig aufgeklärt.‹ – ›Das kann sein‹, gab meine Schwester zu, ›aber du mußt auch bedenken, daß das eine sehr verwickelte Sache ist. Wie soll ich alle Gefahren, die einem jungen Mädchen in dieser Hinsicht drohen, im Gedächtnis behalten und aufzählen können? Ebensogut könnte ich hinuntergehen und mich unter die Erlen am Fluß setzen und Mücken fangen.‹ Wir berieten lange und fanden schließlich den Ausweg, das Mädchen unter steter Bewachung zu halten. Folglich nahmen wir ein anderes Mädchen für das Geschäft auf, und ich zog in Lisbeths Zimmer und schlief neben ihr im Bett meines Vaters, und wir ließen sie überhaupt nicht aus den Augen. Aber der Johannistag kam heran, und eine von uns sagte: ›Ich möchte doch gerne in die Kirche gehen und das große Konzert hören!‹ Da waren wir alle mit dabei, nicht zuletzt Lisbeth, die Musik sehr liebte. Sie erkrankte jedoch gerade an diesem Tage, und daß dies kein Vorwand war, wissen wir mit Bestimmtheit, denn sie war stockheiser, im Halse hatte sie einen dicken weißen Belag, der glücklicherweise bald verschwand; der Puls machte allerdings nur siebzig Schläge, aber die Temperatur war gegen neununddreißig, und der Magen revoltierte merklich. Wir glaubten sie also mit Ruhe verlassen zu können, nachdem wir ihre Türe verriegelt und dem Laufmädchen im Kontor aufgetragen hatten, auf sie achtzugeben. Doch kaum hatte ich in der Kirche Platz genommen, als eine unerklärliche Unruhe sich meiner bemächtigte. Ich rückte hin und her, und schließlich sagte ich zu meinen Schwestern: ›Zu Hause geschieht ein Unglück, eilen wir uns!‹ Und obwohl es peinliches Aufsehen in der Kirche erregte, standen wir auf, drängten uns durch und eilten nach Hause. Das erste, was mir auffiel, war, daß das Laufmädchen auf der Straße spazierenging und Bonbons aß. Ich schlich mich rasch in das Kontor und riegelte lautlos die Türe auf. Was ich nun sah, möchte ich lieber verschweigen, aber man hat mich aufgefordert, keinerlei Rücksicht zu nehmen. In unseres Vaters eigenem Bett und unter seinem Bildnis lag Lisbeth, entkleidet, wenn auch die Decke bis an das Kinn hinaufgezogen. Auf dem Bettrand saß der junge Mann. Das Hoffenster stand offen und zeigte, auf welchem Weg er hereingekommen war, und denselben Weg nahm er auch hinaus. Lisbeth, die später als er meine Ankunft gewahrte, rief ihm nach: ›Wohin so schnell? Ich habe dir ja noch nicht gesagt, was es kostet!‹ Als ich sie später fragte, was sie mit diesen Worten gemeint hatte, sagte sie, sie hätte mitten in ihrer Verblendung meine Mahnungen im Sinn gehabt, und darum mit ihrem Verführer nur über die verschiedenen Artikel in unserem kleinen Laden und deren Preise gesprochen. Man wird es vielleicht nicht glauben wollen, aber dies tröstete mich ein wenig, denn es zeigte doch, daß das arme Mädchen im Grunde einen guten Charakter hatte und die Schuld weniger an ihr als an uns lag, die wir sie den unschuldigen Gefilden entrückt hatten, in denen sie aufgewachsen war. Aber daß gerade unser Heim, das von der Erinnerung an unseren lieben strengen Vater erfüllt war, daß gerade dies einen so unseligen Einfluß ausüben sollte, das hat uns mehr geschmerzt, als jemand von Ihnen begreifen kann. Nun beschlossen wir, daß das Mädchen zu den Ihren zurückkehren sollte; aber sie bat flehentlich, bis zum Schluß des Dienstjahres bleiben zu dürfen, da es sonst heißen würde, man hätte sie hinausgeworfen. Wir gaben nach; und während der Zeit, die noch übrig war, bewies sie uns so viel wahre Anhänglichkeit und unschuldige Zuneigung, daß unsere Augen sich oft mit Tränen füllten. Aber das Bitterste sollte uns nicht erspart bleiben. Gegen Herbst zu machte sie uns eine Eröffnung. Sie sagte, ihre Lage sei eine solche, daß sie nicht heimkehren könne, bevor eine gewisse Zeit verflossen sei. ›Ich würde meinen Eltern das Herz brechen‹, sagte das arme Kind, ›und ich kann von ihnen nicht dieselbe Nachsicht erwarten, wie von Ihnen, die Sie sozusagen meinen stufenweisen Fall mit angesehen haben.‹ Ich glaube beinahe, daß wir das Unglück geahnt hatten; auf jeden Fall fand es uns gestählt. Wir richteten es so ein, daß die Unglückliche die bestmögliche Pflege hatte, und als die furchtbare Wartezeit vorüber war, vertrauten wir das Kind einer guten Pflegemutter an. Aber noch eine schmerzliche Überraschung war uns vorbehalten. Als wir uns von Lisbeth trennten, bat sie uns unter strömenden Tränen um Verzeihung. Und sie sagte: ›Ich habe mir alles vorzuwerfen; aber Sie müssen eines bedenken, daß ich mich in meiner Jugend und Dummheit auf Ihre Vorschriften verlassen habe. Und ich kann beschwören, daß der Mann, der mein Unglück wurde, mich nie geküßt oder umarmt hat, auch haben wir nie über etwas anderes gesprochen, als über das Geschäft.‹ Dieser unabsichtliche Vorwurf gegen uns verletzte mich ein wenig, so daß ich sagte: ›Du kannst doch nicht leugnen, daß sowohl ich wie die Ereignisse dich gerade vor diesem jungen Mann gewarnt haben.‹ Da riß sie ihre großen schönen Augen auf und erwiderte: ›Was den jungen Mann betrifft, so hat er gar keinen Anteil an meinem Unglück. Es war ein anderer, und einer, vor dem Sie mich nicht gewarnt haben, und außerdem ein alter Mann, und übrigens kein anderer als Ihr Nachbar, der Herr Generalagent!‹« Dieses letzte Wort schleuderte die älteste Dame Theander mit einer gewissen haßerfüllten und düsteren Kraft hinaus. Dann erhob sie sich hastig, und mit ihr die beiden anderen Schwestern. Aber jetzt waren sie plötzlich in sanfte, scheue, kleine, alte Jüngferchen zurückverwandelt, die knicksten und lächelten und der Herrin des Hauses für die bewiesene Gastfreundschaft dankten. Sie reichten jedem zum Abschied die Hand. Doch ging die Älteste und die Jüngste mit abgewandtem Antlitz an dem Generalagenten vorbei. Die Mittlere hingegen blieb vor ihm stehen, reichte ihm die Hand und sagte: »Ich bin Ihnen nicht böse, Herr Generalagent! Ich weiß und verstehe, was Sie und die arme kleine Judith gelitten haben. Wie sollte ich Ihnen da böse sein können?« Der Generalagent fuhr jedoch fort, höchst unziemlich zu grinsen, trotzdem die ganze Gesellschaft, mit der Hausfrau an der Spitze, ihm ihr deutliches Mißfallen bekundete. Die Damen Theander gingen unterdessen die Treppe hinunter, und nachdem sie sich nochmals wie auf ein gegebenes Zeichen umgedreht und vor den Versammelten geknickst hatten, wanderten sie zu dem festlich geschmückten Mietwagen, der in der Allee auf sie wartete. Unter gegenseitigem Winken, Kußhänden und fröhlichen Zurufen verließen die Damen Theander das Gut. Aber der Pastor wendete sich an den Generalagenten und sagte: »Hören Sie, Verehrtester! Könnten Sie nicht wenigstens aufhören zu grinsen? Und warum haben Sie die Damen Theander genötigt, diese betrübliche Geschichte zu erzählen? Sie sollten sich doch schämen, die harmlosen Würmer zu quälen!« »Aber, lieber Freund, Sie tun mir unrecht!« wendete der Generalagent ein. »Ich habe sie nicht mehr und nicht anders gequält, als sie es sich selber wünschten. Wenn Sie, Herr Pastor, in der Lage wären, daß der Sündenfall eines Mädchens das größte und bedeutungsvollste Ereignis in Ihrem Leben bildete, dann würden Sie sowohl mich wie die Damen Theander besser verstehen. Sie haben vielleicht nie jemand anderen geliebt als ihren strengen Vater, aber sie haben nicht weniger Bedürfnis gehabt als andere, zu lieben und geliebt zu werden. Die älteste Schwester hätte sich vielleicht zu der Sache verstehen können, wenn sie nur einen Ausweg gesehen hätte, sich von dem obligaten Küssen zu drücken, das sie in ihrer kindlichen Einfalt für ein väterliches Prärogativ hielt. Die Jüngste hinwiederum, die forscher ist, ist in ihren Liebesgedanken so weit wie bis zur Umarmung gekommen, wo sie resolut haltgemacht hat, während die mittlere und schüchternste schon vor einem Tätscheln der Wange zurückgeschreckt ist, auch dies ein väterliches Prärogativ. Aber was sie sich selbst zu erleben weigerten, das haben sie in der Person des schönen Mädchens erlebt. Charakteristisch ist, daß sie ihr verboten haben, sich küssen und umarmen zu lassen und Liebesbriefe zu schreiben, aber den wichtigsten Punkt unberührt ließen. Wahrscheinlich glauben sie, daß dies aus Gründen des Anstands geschah, aber im Grunde haben sie wohl das Gefühl, daß man diese Sache weder verbieten kann noch soll. Und gerade darum haben sie die Geschichte des Mädchens tief tragisch und zugleich höchst befriedigend gefunden. In der Phantasie sahen sie sie mit ihren eigenen keuschen Tugenden ausgerüstet, und sie ließen sie tapfer gegen die männliche Arglist kämpfen, um schließlich zu erliegen, wo sie selbst hätten erliegen sollen. Ich tue den Damen Theander keinen üblen Dienst, wenn ich sie hie und da reize, ihre Geschichte zu erzählen, denn sie ist der einzige Inhalt ihres Lebens und weit mehr ihr Erlebnis, als das des Mädchens. Und wer wollte es einem alten Seebären, der als Landratte verschmachtet, mißgönnen, seinen ärgsten Schiffbruch zu erzählen, selbst wenn er nur in seiner Phantasie stattgefunden hat? Nein, ich bin wahrhaftig der beste Freund der Damen Theander und will nur ihr Wohl. Ich habe ihren Vater gekannt und verstehe sie.« »Das ist alles ganz gut und schön«, sagte Ludwig, »wenn ich auch auf Grund meiner Jugend nicht ein Sterbenswort davon verstehe. Ob der Herr Generalagent der Freund der Damen Theander ist, das weiß ich nicht, aber zu dem armen Mädchen scheint er auffallend freundlich gewesen zu sein.« »Was das Mädchen betrifft«, setzte der Generalagent seine Verteidigung fort, »so war sie ein außerordentlich liederliches kleines Mistvieh und schon von allem Anfang an mit allen Wassern gewaschen, obwohl die Damen Theander absolut das Gegenteil glauben wollen. Sie war ein Skandal für unser Haus und die ganze Straße. Und daß sie schließlich die Schuld auf mich armen Mann schob, kam daher, daß ich sie gewarnt und getadelt und schließlich denunziert hatte, was mich auch vor den Damen Theander in ein ungünstiges Licht stellte. In ihrem Glauben wollte ich sie jedoch nicht erschüttern, um ihnen ihre Geschichte nicht zu verderben. Aber als das unverschämte Ding die Frechheit hatte, mir einen Advokaten in gelderpresserischer Absicht zu schicken, konnte ich glücklicherweise den Versuch durch ein ärztliches Zeugnis abschlagen. Vor vielen Jahren wurde ich nämlich von einem Unglück betroffen, das mich der Fähigkeit beraubte, Unglück anzustellen.« »Herrjegerle!« schrie Ludwig. »Und ich saß gerade da und bewunderte die körperliche Rüstigkeit des Herrn Generalagenten! Aber man soll sich auf nichts verlassen, und am allerwenigsten auf ärztliche Atteste. Denn es ist faktisch erwiesen, daß die Liebe Wunder tut. Ich habe eine wahrhafte und interessante Geschichte von einem Eunuchen gelesen, der irgend einmal, wann es nun war, der Stammvater eines großen Kaisergeschlechts wurde. Außerdem weiß man, daß die päpstlichen Kastraten seinerzeit die besten und berühmtesten Frauenjäger der Welt waren und durchaus keine Schlafmützen, sondern Zierden ihres Geschlechtes. Und daß sie nicht verurteilt wurden, Alimente zu zahlen, lag nur an einer Lücke in der päpstlichen Gesetzgebung.« »Was der dumme Jüngling da äußert«, fiel der Pastor ein, »ruft mir einen Schulkameraden in Erinnerung, den ich eine Zeitlang für den unglücklichsten Menschen auf Gottes Erdboden hielt. Und er erzählte:   Die Geschichte von dem unglücklichen Jüngling. »Das Jahr, bevor ich mit der Schule fertig wurde, bekam meine Klasse einen höchst bemerkenswerten Zuwachs in Gestalt eines Jünglings aus Stockholm, der uns ganz unerwartet zugesellt wurde. Sein Taufname war Arthur, den Zunamen will ich verschweigen, da er allzu bekannt sein dürfte. Er war gleichaltrig mit uns anderen, siebzehn oder achtzehn Jahre, aber in jeder Beziehung entwickelter als wir. Wir betrachteten ihn mit einem gewissen Mißtrauen und ließen uns anfangs ungern mit ihm ein. Er besaß Kostbarkeiten, die man zu jener Zeit bei Schulknaben nicht zu finden pflegte, wie eine goldene Uhr und Kette, Perlhemdknöpfchen und dergleichen mehr. Das stieß uns ab. Schließlich entdeckten wir, daß sein Leibchen aus Seide war und daß er unmittelbar auf dem Körper eine goldene Kette mit einem ziemlich großen Medaillon aus demselben Metall trug. Das reizte unsere Neugierde, und wir fragten, ob er das Bild seiner Eltern in dem Medaillon habe. Da machte er Andeutungen, die uns noch mehr aufreizten, so daß wir ihn schließlich mit uns auf den Abtritt lockten, wo wir ihn zu Boden warfen und ihm das Medaillon abnahmen. Es enthielt ein Porträt, den Kopf einer schönen Dame; aber das Merkwürdige war, daß die Augen des Porträts durchstochen, der Mund zerschnitten und die Wangen mit Stecknadelstichen punktiert waren. Arthur entriß uns das Medaillon, er schluchzte vor Wut und drosch mit einer solchen Raserei auf uns los, daß wir ganz verlegen wurden. Bald jedoch wurden wir mit ihm vertrauter. Er war ein guter und freigebiger Kamerad und unbegreiflich gerissen darin, alle Unannehmlichkeiten sowohl für sich selbst wie für uns wegzulügen. Er wurde unser Klassenordner, und wir bürdeten ihm alle unsere Vertrauensaufträge auf, namentlich solche, die darauf ausgingen, den Herren Lehrern eine Nase zu drehen. Abgesehen von einer gewissen Geckenhaftigkeit in der Kleidung und einem beständigen Kämmen und Pomadisieren, Waschen und Nägelputzen, fanden wir nichts an ihm auszusetzen. Und nachdem wir ein kleines Ohrlöffelchen aus Elfenbein zerbrochen hatten, das uns zuviel geworden war, kamen wir ganz gut mit ihm aus. Aber es war mir beschieden, seine schwache Seite zu entdecken. Eines Tages sagte er zu mir: ›Ich bin gerne in dieser Stadt, wegen der vielen Weiber.‹ ›Sind denn hier mehr als anderswo?‹ fragte ich in meiner Einfalt. Und er erwiderte: ›Du verstehst nicht, was ich meine. Weiber nenne ich nur solche Frauenzimmer, auf die man Lust kriegt und die man haben kann.‹ In meiner ländlichen Unschuld wagte ich nichts anderes, als mich so zu stellen, als ob ich ihn verstünde. Ich erging mich in leichtsinnigen Reden und trug nach besten Kräften recht dick auf, um uns nicht vor einem Jüngling aus einer anderen Stadt und Lehranstalt lächerlich erscheinen zu lassen. Denn die Furcht, sich lächerlich zu machen, überwindet bei der Jugend auch die stärkste Tugend. Er wurde nun ganz vertraulich, nahm mich unter den Arm und sagte: ›Ich weiß nicht, wie das bei dir ist, aber ich meinerseits kann nicht ohne Weiber leben. Von daheim mußte ich fort, weil ich ein Verhältnis mit der Gesellschafterin meiner Mutter hatte. Übrigens hätte ich mir nichts aus ihr gemacht, wenn es nicht gewesen wäre, um die zu Hause zu ärgern.‹ Ich ließ die Kameraden wissen, was ich erfahren hatte, und sie riefen aus einem Munde: ›Glaube ihm nicht! Er schneidet auf!‹ Denn für uns war dies etwas Unerhörtes, das unsere Weltanschauung verletzte. Unser Verkehr mit dem anderen Geschlecht bestand ja nur darin, daß wir jeden Abend die Pflastersteine der Hauptstraße in Gesellschaft einer treuen Freundin abwanderten. Der Neuankömmling hingegen hatte andere Sitten, und bald kamen die sonderbarsten Gerüchte in Umlauf. Es wurde bald dieses Dienstmädchen, bald jene Näh- oder Ladenmamsell als Opfer seiner Verführungskünste genannt. Und wie soll man seinen Erfolg bei diesen armen Mädchen erklären? Ich kann ohne Prahlerei sagen, daß ich selbst ein weit schönerer Jüngling war, nur daß meine anständige Schamhaftigkeit mir stets im Wege gestanden ist. Sein Haar war ganz rabenschwarz, wenn das nun etwas sein soll, und die Augen ziemlich groß und glänzend. Der Mund klein, schmal, hochrot und von bösartiger Form. Am hervorstechendsten war die unnatürliche Blässe des Gesichts; und ob dies nun seine angeborene Hautfarbe oder schon eine Folge seines Lebenswandels war, so machte sie jedenfalls einen eigentümlichen Eindruck. Seine Gestalt war nach meinem Geschmack zu schmächtig, wenn auch gut gebildet. Der wirkliche Grund seines Glücks bei dem anderen Geschlecht war sicherlich seine Keckheit und die Ungewohnheit der armen Kleinstadtmädchen an solche Dreistigkeit. Wie dem auch sei, jedenfalls weiß ich mit Bestimmtheit, daß er viele Eroberungen machte, und alle so gründlich, daß Tränen und Elend ihm auf dem Fuße folgten. Wir Kameraden mußten natürlich seine Liederlichkeit mißbilligen, aber es läßt sich nicht leugnen, daß wir seine Kühnheit bewunderten. Auch wo diese Eigenschaft sich in den Dienst der schwärzesten Laster stellt, zwingt sie der Jugend Bewunderung ab; eine Tatsache, die man bedauerlich, aber kaum verwunderlich nennen kann, denn die Menschheit kann möglicherweise ohne Tugenden, aber unmöglich ohne Kühnheit bestehen. Der eine oder andere begann so allmählich in seine Fußtapfen zu treten. Und zu mir sagte er: ›Gedenkst du viele hundert Jahre zu leben, da du nicht beizeiten anfängst?‹ Meine Armut beschützte meine Keuschheit, und ich hatte stärkere Gründe als er, mir die gute Meinung der Leute nicht zu verscherzen. Andere zeigten weniger Festigkeit als ich. Die armen Dinger, die von dem Verführer verlassen waren, suchten Trost bei seinen Freunden. Einige verfielen der vollständigen Sittenlosigkeit und gingen bald von einer Hand in die andere, und zwar keineswegs aus Gewinnsucht, sondern weil sie die Sklavinnen einer Begierde geworden waren, die zu früh erweckt worden war. In unserem kleinen, harmlosen Gemeinwesen führte er in einigen Monaten einen leichtsinnigen Lebenswandel ein, den zu propagieren Philosophen bedenklicher Schulen Jahrzehnte gebraucht hätten. Das Laster erringt seine größten Siege dank der Macht des Beispiels. Es mag wunderlich erscheinen, daß niemand dem Treiben des zügellosen Knaben Einhalt tat. Aber einerseits erfuhren nicht viele von den Älteren davon, denn wenn etwas an den Tag kam, schoben die Mädchen die Schuld auf andere und ließen Arthur unbehelligt. Andrerseits hatte er gewisse Eigenschaften, die ihm auch die Achtung älterer Personen gewannen. Er war unerschrocken und hatte eine wahre Manie, Leute aus Lebensgefahr zu retten. In der Zeit des dünnen Eises betrieb er einen förmlichen Bubenfischfang am Flußufer, und seinem Heldenruhm konnte nicht einmal die Behauptung gewisser Knirpse etwas anhaben, daß der edelmütige Retter sie zuerst hineingestoßen habe. Auch fanden jene Übelgesinnten keinen Glauben, die vorgaben, er habe eine Holzspelunke eigens angezündet, um Gelegenheit zu finden, im letzten Augenblick eine gebrechliche Greisin hinauszuschleppen. Wie dem auch sei, auf jeden Fall hatte er etwas von einem Helden; er erntete große Lobeserhebungen, und der Ruhm seiner Tugenden kam seinen Lastern zugute. Außerdem war er liebenswürdig gegen alle, außer gegen jene, die er liebte. Er hatte immer irgendeinen Ulk vor, der die Leute aufpulverte. Er gründete Vereine und bildete Theatertruppen, arrangierte Bälle und führte groß angelegte Gänsemärsche an, er schlug Fensterscheiben bei mißliebigen Lehrern ein und war ein Meister in allen Arten von Serenaden, den angenehmen wie den unangenehmen. Er war, kurz gesagt, scharmant. Ich hatte ihn gerne und konnte nicht umhin, über seinen Leichtsinn zu trauern. Aber er sagte: ›Davon verstehst du nichts. Dein Leben ist abgesteckt. Du wirst Pfarrer werden und dich dreimal mit drei kinderreichen Witwen verheiraten. Du wirst neunzig Jahre alt, und auf deinem Grabstein werden deine Tugenden, von deinen Kindern eingemeißelt, stehen. Mit mir ist das etwas anderes. Ich sterbe bald und gedenke nicht, die Zeit zu verpassen.‹ ›Sicherlich‹, gab ich zu, ›wirst du bald sterben, wenn du dieses Leben fortführst.‹ Da schien er einen Augenblick nachdenklich, und ich erinnere mich ganz genau an sein weißes Gesicht gerade in diesem Augenblick. Plötzlich sagte er: ›In diesem Falle würde ich meiner lieben Mama einen großen Gefallen tun. Sie hat mich nie ausstehen können. Und ich sie auch nicht.‹ Ich wurde ganz verzagt bei diesem Bekenntnis, das mir unsinnig und unheimlich vorkam. Denn selbst habe ich immer das vierte Gebot obenan gestellt, es als das bindendste und selbstverständlichste betrachtet. Er sah meine Verlegenheit und meine Zweifel, ob ich auch recht gehört hätte. Da riß er hastig sein Medaillon heraus, hielt mir das Bild vor die Augen und brach mit einer Leidenschaft aus, wie man sie wohl sonst nie an erwachsenen Leuten wahrnimmt. ›Hier hast du sie! Und glaube du meinen Worten: sie hat mich nie auch nur geküßt oder mir ein gutes Wort gegeben! Aber ich steche sie jeden Abend mit einer Nadel. Das ist mein Abendgebet.‹ Ich sagte nichts, aber von diesem Augenblick an hielt ich mich ferne und kam ihm nicht in die Nähe, gewiß, daß ein Unglück ihn erwarte. Er wurde auch schließlich vom Unglück getroffen; seine Sünden fanden ihren Lohn. Einige Wochen vor dem Abitur verschwand er aus der Schule, und im Vertrauen teilte man uns die Ursache mit, in der Meinung, daß das Beispiel abschreckend wirken würde. Eine vernachlässigte Krankheit, die er sich durch das Laster zugezogen, hatte eine so bösartige Wendung genommen, daß er in das Lazarett gebracht werden mußte, um sich einer Operation zu unterziehen, die das Leben auf Kosten des Geschlechts retten sollte. Ich glaube, daß diejenigen unter uns, die an seinen Ausschweifungen teilgenommen hatten, diese Nacht ziemlich schlecht schliefen und sich in den folgenden Tagen jämmerlicher fühlten, als wenn sie sieben tödliche Krankheiten im Leibe gehabt hätten. Möge die Angst nicht zu früh von ihnen gewichen sein! Ich meinesteils beklagte sein Schicksal tief und pries meine eigene Standhaftigkeit. Aber das Examen stand vor der Türe, und ich hatte keine Zeit für den unglücklichen Jüngling übrig. Erst als ich meine Prüfung mit großen Ehren bestanden hatte, erinnerte ich mich wieder seiner. Ich erfuhr, daß er noch immer im Krankenhaus war, als Rekonvaleszent. Ich machte ihm einen Besuch. Er lag angekleidet auf dem Bett, abgemagert, und womöglich noch blasser als früher, aber sonst ziemlich unverändert. Meine ungeschickten und vielleicht etwas plumpen Versuche, ihn zu trösten, fertigte er mit schmutzigen Witzen ab. Erst als ich ihn ermahnte, sein Schicksal mit Geduld zu tragen und sein Leben irgendeinem großen, guten Werk zu weihen, das ihm den Verlust von Liebesglück und Familienleben ersetzen könne, nahm er die Sache ernster und sagte: ›Du glaubst, daß ich das hier zu überleben gedenke? Da kennst du mich schlecht.‹ Hierauf erging er sich in Lästerungen und Schmähungen gegen das Leben und den Höchsten. Um diese Abscheulichkeiten abzubrechen, fragte ich, wie seine Mutter sein Unglück aufgenommen habe. Er antwortete ganz achtlos, sie müsse jedenfalls darauf vorbereitet gewesen sein, da er nie ein Hehl aus seinem Lebenswandel gemacht, sondern, darüber befragt, eher übertrieben als gemildert hätte. Ich wußte dem jungen Zyniker nichts weiter zu sagen, sondern nahm ziemlich hastig und kühl Abschied. Ich reichte ihm die Hand. Er nahm sie. Aber plötzlich setzte er sich halb auf, halb zog er mich zu sich hinunter und schlang mir die Arme um den Hals. Und er brach in ein Weinen aus – Gott verschone mich davor, es noch einmal zu hören. Er lag in meinen Armen, hilflos und kläglich wie ein Kindchen, und ich wußte nicht, was ich tun sollte. Schließlich sank das Weinen zu Schluchzen hinab und das Schluchzen ging in ein leises, leierndes Murmeln über, das ich schließlich als: ›Mama, Mama, Mama –‹ deutete. Da dachte ich: Der Verstockte ist weich geworden; er will mit seiner Mutter sprechen. Ich machte mich los und beeilte mich, eine Krankenschwester aufzusuchen, die ich von seiner Bitte unterrichtete. Sie sah mich ganz bestürzt an und sagte: ›Seine Mutter ist allerdings hier gewesen, aber schon vor einer Woche abgereist. Es muß ein unheimliches und sonderbares Verhältnis zwischen ihnen bestehen, denn als er erfuhr, daß sie hier sei, geriet er ganz außer sich und verbot uns, sie hereinzulassen. Und sie zeigte auch keine besondere Lust, ihn zu sehen, sondern entfernte sich.‹ Ich kehrte zu dem unglücklichen Jüngling zurück, der jetzt vollkommen ruhig war und nichts dergleichen tat. Wir nahmen Abschied voneinander. Was mich betrifft, so erwies er sich als ein guter Prophet. Ich wurde Pfarrer und verheiratete mich dreimal mit kinderreichen Witwen. Jetzt erübrigt nur noch der Grabstein mit den eingemeißelten Tugenden, der Abschluß eines unbedeutenden, aber redlichen Lebens. Von meinem Jugendfreund wußte ich durch viele Jahre nur, daß er für seine eigene Person weniger wahr prophezeit hatte und noch immer lebte. Dachte ich einmal an ihn, was wohl selten vorkam, so betrachtete ich ihn als den unglücklichsten Menschen auf Erden. Denn ich hatte immer eine unausrottbare Liebe zu Kindern, und namentlich zu meinen eigenen. Obwohl sie mir viele Entbehrungen auferlegten, hatte ich doch stets meine Freude daran, sie wie die Zicklein grasen und wachsen zu sehen. Als das siebente kam, hörte ich auf zu rauchen, und das klare Brunnenwasser kam auf meinen Tisch; beim zehnten verzichtete ich darauf, Gäste in meinem Hause zu sehen; Nummer zwölf nahm mir Bücher und Zeitschriften; nach dem vierzehnten schaffte ich mir keine neuen Kleidungsstücke mehr an; Nummer sechzehn gewöhnte mir den Schnupftabak ab und verbot mir, Almosen zu geben, was für einen Pastor eine schlimme Sache ist. Als das siebzehnte und letzte auf die Welt gekommen war, beschloß ich, meine liebe Frau nicht mehr zu besuchen. Das war das Allerschwerste, aber unvermeidlich, wenn ich nicht auf das Essen verzichten wollte. So schob denn der Selbsterhaltungstrieb dieser Tür einen Riegel vor. Aber den unglücklichen Jüngling sah ich vor etwa zwanzig Jahren wieder, als ich bei einem Pastorenkongreß in einer Stadt war, deren Namen ich nicht nennen will. Da war vor kurzer Zeit ein märchenhaft prunkvolles Schanklokal eingeweiht worden, von dem es hieß, es sei von oben bis unten vergoldet, und das schien mir ganz wunderbar. So daß ich zu mir selbst sagte: Jetzt hast du so oft gegen den verderblichen Luxus der Reichen gepredigt, daß du ihn dir doch auch einmal anschauen mußt. Übrigens sollst du doch den Kindern etwas zu erzählen haben, wenn du nach Hause kommst. Also trat ich kühnlich ein, setzte mich in eine Ecke des Saals und bestellte eine Tasse Kaffee. Das Lokal war wirklich sündhaft prächtig und schön, aber meine Aufmerksamkeit wendete sich doch hauptsächlich der glänzenden Gesellschaft von Damen und Herren zu, die da saßen. Ein kleiner Landpfarrer, der seine Schäflein aus mageren Feldern weidet, fühlt sich in solcher Gesellschaft verloren, befangen und ein klein bißchen geärgert. Denn wenn man auch fröhlichen Mutes den schmalen Pfad wandert, völlig überzeugt, daß er der rechte ist, empfindet man bisweilen doch eine gewisse Niedergeschlagenheit bei dem Anblick jener, die es verstanden haben, auf dem breiten vorwärtszukommen. Ich saß also versteckt da und philosophierte bei meiner Tasse Kaffee, als ich einen Mann erblickte, der, nach allem zu schließen, all den andern noch etwas über war. Seine Haltung war aufrecht, sein Gang majestätisch, und wo er vorbeischritt, wurde er mit Achtung gegrüßt. Aber er war kein anderer als mein Schulkamerad Arthur, der unglückliche Jüngling. Ich erkannte ihn sofort, obwohl er sich sehr verändert hatte. Früher zu schmächtig, jetzt zu breit. Das schmale weiße Gesicht rot und aufgedunsen. Ich verglich in meinem stillen Sinn den hilflos weinenden Knaben mit dem selbstsicheren stattlichen Manne. Und obgleich ich mich über die Veränderung ja hätte freuen sollen, freute ich mich nicht. Als er in die Nähe meines Tisches gekommen war, erhob ich mich und ging ihm entgegen. Ich fragte: ›Kennst du mich?‹ Nein, er kannte mich nicht, obwohl ich mich viel weniger verändert hatte als er. Ich nannte meinen Namen. Er betrachtete mich ganz bekümmert und sagte: ›Ich weiß, daß ich dich ganz gut kenne; aber dein Name sagt mir nichts.‹ Da erwähnte ich die Stadt und die Schule; immer bekümmerter und verlegener wurde er, und ich sah, wie er sein Gedächtnis auspreßte. Er sagte: ›Mein Schulbesuch war etwas unregelmäßig, und ich bin in vielen Städten und Lehranstalten gewesen. Aber wir wollen uns setzen, dann klärt es sich vielleicht.‹ Wir nahmen mitten im Saale Platz, und er bestellte für uns beide allerhand Leckereien, Speisen und Getränke, die mir bis dahin und auch nachher versagt blieben. Die Art, wie wir bedient wurden, bestärkte mich in der Annahme, daß er ein angesehener Mann sein müsse. So allmählich, aber gleichsam widerwillig erwachte sein Gedächtnis, und wir vertrieben uns die Zeit damit, frohe Erinnerungen neu zu beleben. Plötzlich sagte er: ›Schade, daß ich dich nicht in mein Heim führen kann. Meine Frau ist etwas unpäßlich.‹ Aha! dachte ich, er ist verheiratet, auf das häusliche Behagen hat er nicht verzichten müssen. Sonderbar und etwas ungerecht. Aber was vermag nicht alles der Reichtum! Nun schilderte ich meine Schicksale und gestand, daß seine Prophezeiungen auf dem besten Wege waren, sich zu erfüllen, denn ich war schon zum zweitenmal verheiratet und hatte zwölf Kinder im Hause. Er sagte lächelnd: ›Ich meinesteils habe mich mit dreien begnügt.‹ Eh? dachte ich und platzte heraus: ›Du hast also auch eine Witwe geheiratet?‹ Aber das war nicht der Fall, und meine Frage setzte ihn in Erstaunen. Da wechselte ich rasch das Gesprächsthema, und während wir über dies und jenes plauderten, wurde ich immer zerstreuter und grübelte angestrengt nach und erforschte mein Gedächtnis. Wieder sprach er sein Bedauern aus, mich nicht in seine Familie einführen zu können, und sagte: ›Aber meine Frau erwartet dieser Tage ein Kleines.‹ Oho! dachte ich. Und nun entdeckte ich, daß sein Gesicht tiefe Falten des Kummers hatte. Ich wußte nicht recht, sollte ich reden oder schweigen. Er mußte jedoch mein warmes Mitleid gefühlt haben, denn er legte seine Hand auf die meine, indem er sagte: ›Auch steht es bei mir zu Hause nicht so, wie es sollte. Rein heraus gesagt – ich fürchte, es kommt zur Scheidung.‹ Ja, ja! dachte ich. Hier fruchtet kein Reichtum, und seine Strafe ist grausam ausgefallen, fast über Gebühr. In meiner Eigenschaft als Geistlicher hielt ich mich doch für verpflichtet, einige allgemeine Worte über die Heiligkeit der Ehe und die Pflicht des Christen, zu verzeihen, zu äußern, und sagte: ›Das sollst du dir aber noch sehr gut überlegen.‹ Er erwiderte: ›Du befindest dich im Irrtum! Ich habe nichts zu verzeihen! Gott bewahre! Wie kannst du nur auf eine solche Idee verfallen. Ich will mich ja auch gar nicht scheiden lassen. Meine Frau ist die beste Gattin und Mutter, und außerdem würde ich als der schuldige Teil meine Kinder verlieren, und das ist mir ein unerträglicher Gedanke.‹ ›Du bist also der schuldige Teil?‹ fragte ich und riß die Augen auf. Er erwiderte: ›Schuldig! Schuldig! Wer kann seine Natur ändern? Du erinnerst dich, daß ich schon als Jüngling eine gewisse Schwäche für das zarte Geschlecht hatte, und die ist mit den Jahren kaum geringer geworden. Doch habe ich mir nichts Ernstes vorzuwerfen. Aber meine liebe Frau vergrößert meine Fehler und quält mich mit ihrer Eifersucht. Hätte sie nur ein bißchen Vertrauen zu mir, ich wäre der glücklichste Mensch auf Gottes Erdboden.‹ Er seufzte schwer, aber ich seufzte noch schwerer. Denn meine Kreise waren gestört worden, mein Rechtsgefühl hatte einen Fleck bekommen und meine Naturkunde einen Riß. Den unglücklichen Jüngling, der an meiner Brust seine verlorene Mannheit beweint hatte, fand ich als Vater von drei Kindern, mit der Aussicht auf ein viertes wieder und als den glücklichsten Menschen auf Erden, wenn er nur nicht von der Eifersucht seiner Frau gequält würde. Meine Verwunderung siegte über mein Feingefühl, und ich brachte die Rede auf unseren Abschied. Ich sagte, es freue mich, ihn frisch und gesund wiederzufinden, da er doch in einem recht betrüblichen Zustand gewesen sei, als wir uns im Lazarett voneinander trennten. Nun begann er etwas zu stammeln, aber bemerkte schließlich kurz und abweisend: ›Deine Erinnerung täuscht dich. Ich habe nie in irgendeinem Lazarett gelegen.‹ Mein Gedächtnis ist jedoch klar wie Kristall und mein größter Stolz; und wenn jemand das in Zweifel ziehen will, bekomme ich leicht einen heißen Kopf. Ich beschrieb darum das Lazarett, den Arzt, die Krankenschwester und erinnerte ihn an allerhand Einzelheiten. Endlich erwachte sein Gedächtnis auch in diesem Punkte, und er sagte: ›Du hast recht. Jetzt erinnere ich mich tatsächlich, daß ich im Lazarett lag. Ich bekam unmittelbar vor dem Abitur eine Diphtheritis, und meine liebe Mama reiste zu mir und pflegte mich. Ich erinnere mich ganz genau.‹ ›Nein, du erinnerst dich nicht!‹ gab ich zurück, erregt von meinem Eifer, recht zu behalten. ›Diphtheritis wird, wie du weißt, nicht im Lazarett behandelt. Und was deine liebe Mama betrifft, so kann ich mich erinnern, daß sie dich nicht ausstehen konnte, und du sie auch nicht. Und du hast jeden Abend ihr Bild mit einer Stecknadel durchstochen. Trägst du noch immer dieses Medaillon? Oder hast du jetzt vielleicht das Bildnis deiner lieben Mutter mit dem deiner lieben Frau vertauscht?‹ Wieder begann er zu stammeln, und sein feistes Gesicht war so dunkelrot, daß mir ganz ängstlich zumute wurde. Aber als er mich nun mit seiner lallenden Zunge der Lüge beschuldigte, da riß mir die Geduld. Obgleich von Natur sanftmütig, wurde meine Sanftmut von meinem Widerwillen besiegt, und ich brach los: ›Du, du bist ein Lügner von Geburt an. Mich betrügst du jedoch nicht, und noch weniger dürftest du imstande sein, deine Frau zu betrügen. Aber vielleicht hast du wirklich dich selbst betrogen, und ich wüßte gerne, wie so etwas möglich ist!‹ Hierauf erwiderte er nichts, sondern sprach vielmehr über dies und jenes, als wäre unser vorangegangenes Gespräch nie gewesen. Plötzlich unterbrach er sich in seinem Redestrom, und nach einigen Augenblicken des Schweigens sagte er ganz ruhig und gelassen: ›Warum ich mich selbst betrogen habe und wie ich es konnte, das kann ich dir sagen. Ich habe mein ganzes Leben lang nur zwei Frauen geliebt. Die eine war meine Mutter, die andere meine Frau. Aber darin hast du recht, daß meine Mutter mich nicht mochte.‹ ›Und deine Frau?‹ hätte ich fast gefragt, aber biß mich auf die Zunge. Denn sein Gesicht war weiß geworden wie damals, und das viele Fleisch hing schlaff um das zarte Knochengerüst. Ich glaubte wieder, den weinenden Knaben zu sehen, und obgleich ich nicht wehleidig bin, waren mir selbst die Tränen nahe. Er fuhr jedoch fort, über dies und das zu sprechen, als ob nichts geschehen wäre. Als er nach einiger Zeit aufstand und ging, war er wieder ebenso groß. Ich blieb sitzen und war wieder ebenso klein und unbedeutend wie früher, in der beispiellos prächtigen Umgebung.   So verhielt es sich mit dieser Sache«, schloß der Pastor seine Geschichte. »Vielleicht war ich unbarmherzig. Ich erfuhr später, daß es wirklich zur Scheidung gekommen ist, allerdings nicht auf Verlangen der Frau, sondern auf das des Mannes. So daß ich möglicherweise diese Ehe zerstört habe. Aber ich habe keine Geduld mit Leuten, die ihre Erinnerungen forteskamotieren und in Einbildungen leben. Sie freveln an Gott und der natürlichen Ordnung der Dinge. Übrigens sind sie schon tot und sollen nicht weiter herumgeistern. Meine Strafe habe ich auf jeden Fall bekommen, und zwar sofort. Denn in seiner Verwirrung vergaß der Mensch ganz, unsere reichliche Zeche zu bezahlen, die also an mir hängen blieb. Aber nun«, fuhr er fort, »mag es für mich an der Zeit sein, mich zu verabschieden. Sonst könnte die Gnädigste am Ende den Eindruck haben, daß ich zum Mittagessen dazubleiben gedenke. Und sicherlich würde ich mit Dank ja gesagt haben, wenn ich nicht alle Kinder mit hätte.« Die Worte erregten Verstimmung und erschreckten die Damen Willman. Die Pastorskinder den ganzen Tag auf dem Gut, das bedeutete gestörten Hausfrieden nebst verwüsteten Hecken, Büschen, Beeten und Obstbäumen. Jeder Winkel in Park und Garten sowie alle Zimmer des Hauses würden durchschnüffelt, Schlupfwinkel, die vielleicht irgendeine unschuldige Schwäche bargen, entdeckt, verlegte Briefe gefunden und leise oder laut gelesen werden, die diskreten Geheimnisse der Toilettentische würden gelüftet, alle Geheimnisse, große wie kleine, gewissenhaft an den Tag gebracht werden. Dazu unvorhergesehene Unglücksfälle, zerschmetterte Spiegel, losgelassene Stiere, kleinere Feuersbrünste und dergleichen mehr. Die Pastorskinder entbehrten keineswegs der Zucht und Ordnung; zu Hause benahmen sie sich in der musterhaftesten Weise, aber der Pastor meinte mit Recht, daß Kinder sich ab und zu austoben müssen. Diesen Aussichten zum Trotz stammelte Frau Olga schon eine Einladung hervor, als Ludwig sie unterbrach, indem er rief: »Stopp, Ollo, und höre einen Vorschlag, der sowohl auf die berechtigten Interessen der Pastorskinder wie auf die unseren Rücksicht nimmt. Der Herr Pfarrer verpflichtet sich, seine Kinder zu sammeln und, genau abgezählt, in den Heuwagen zu stopfen. Unterdessen richtet Tante Sara einen fabelhaften Proviantsack, und, mit diesem an Bord, ziehen die Pastorskinder fröhlich und wohlgemut ab. Wir hingegen dürfen uns noch eine Zeitlang der Gesellschaft des Herrn Pfarrers erfreuen. Und ich sage es noch einmal: der Herr Pastor ist ein urgemütlicher Pfarrer!« »Du sagst das noch einmal«, murmelte der älteste Sohn des Pfarrers und näherte sich drohend; aber der Vater hielt ihn zurück, indem er sagte: »Beruhige dich! Der Vorschlag ist gut und wird angenommen. Suche du die Kinder zusammen, so werde ich einspannen und vorfahren.« So geschah es. Der Pfarrer begab sich in den Stall, und der älteste Sohn begann die Jagd. Ludwig sagte zu Brita: »Komm, wir wollen ihm helfen!« Und bald erschollen Jagdrufe und Heerschreie aus allen Teilen des Parks und Hauses. Die Jagd mißlang. Brita Djurling siel selbst drei halberwachsenen Buben zum Opfer, die ihr die Hände auf den Rücken banden und sie an einem Baum festschnürten, worauf sie vermittels eines berußten Korks mit Schnurrbart, Spitzbart und zwei Hörnern versehen wurde. Ludwigs einzige Beute war ein Dreijähriger, der auf dem Bauch lag und aus Leibeskräften schrie, während der Gänserich ihn mit seinen kräftigen Flügeln bearbeitete. Die Damen Willman, Brenner und Alexander begannen binnen kurzem rot zu sehen, das Jagdfieber hatte sie gepackt, und sie gaben sich mit Inbrunst dem Fang hin. Und was die Kinder nicht ruinierten, das ruinierte Fräulein Alexander, die beständig eine leichtfüßige Beute gerade in Greifweite hatte, beständig rief: »Endlich ein Kleines!« und beständig mit leeren Händen in den kostbarsten Beeten herumkollerte. Der Generalagent hingegen bediente sich einer klügeren Methode, er setzte sich still auf die Sonnenuhr und ließ seinen Vogel singen. Auf solche Art fing er ein paar Kinder, aber sah sich genötigt, sie wieder loszulassen, um den Vogel zu retten und einige leichtere Schrammen zu bepflastern. Endlich rollten ganz gemächlich der Pfarrer, das Pferd und der Heuwagen heran. Lächelnd sah er ein Weilchen der spannenden Jagd zu, und als das Vaterherz sich genügend an der Behendigkeit und Schlauheit der Sprößlinge ergötzt hatte, steckte er zwei Finger in den Mund und stieß drei schrille Signale aus. Sofort brach das Spiel ab, und dreizehn schnaubende, prustende, keuchende Kinder scharten sich heiß, aber still um den Vater. »Aufsitzen!« befahl er, und schon saßen sie im Heu. Nun erschienen wieder die drei niedlichen kleinen Hausmädchen, gefolgt von Tante Sara, alle vier gewaltige Lasten tragend, die der Pastor freigebig und gerecht verteilte. »Bedankt euch schön!« sagte der Pastor, und die Kinder riefen alle auf einmal: »Danke, lieber Vater!« Aber er belehrte sie eines Besseren, und sie dankten nun Tante Sara. Endlich rumpelte der Wagen die Allee hinunter, gefolgt von den zärtlichen Blicken des Vaters und den ärgerlichen der übrigen. Nachdem Ludwig noch mit Sorgfalt seine Freundin, Brita Djurling, gewaschen und hierauf ihre Fesseln gelöst hatte, war die Ordnung wiederhergestellt und die Episode beendet.   Eine neue nahm ihren Anfang mit einer sonderbaren Szene zwischen der Herrin des Hauses und dem Verwalter Casimir Brut. Die Schar der pustenden, rotglühenden Kinderjäger näherte sich eben in langsamem Marsch dem Lusthaus, als in dessen Türe, wie in einem Kasperletheater, Casimir und Frau Olga erschienen. Letztere hielt ihre Zeigefinger drohend ausgestreckt, und der anmutige Körper, in einem Bogen vorgeneigt, geschmeidig und angespannt, hob und senkte sich mit den Fußsohlen und prallte jedesmal leicht mit den Zehenspitzen ab. Ihr gegenüber stand, mit eingewurzelten Fersen, Casimir Brut, die Knie leicht gebogen, den mächtigen Rücken in einer Kurve, den Kopf vorgestreckt, die Arme gekrümmt und sachte schwingend, die prächtigen Fäuste bereit, dreinzuschlagen. Es sah nach einem wirklichen Spektakel aus, drohend, sonderbar und höchst interessant. Die Damen Willman zauderten eine halbe Sekunde in Verwunderung, aber als Tante Sara, erschrocken und verlegen, in einen anderen Weg einbiegen wollte, schnoben sie plötzlich vor Eifer und stürzten vor wie Fohlen, wobei Dr. Karolina ihren Kittel zum freieren Sprung hob. Aber sie kamen zu spät, denn im Nu löste sich die Szene in Nichts auf, Olga verschwand in das Innere des Lusthauses, und der Verwalter schritt ganz ruhig die Treppe hinunter. Immerhin lud sein Gesichtsausdruck nicht zu Fragen ein, und die Damen Willman eilten in das Lusthaus und riefen: »Was ist geschehen?« Die Uhr über dem Schloßportal schlug mit dunklem Erzklang zwölf Schläge; die Sonnenuhr hingegen warf ihren Schatten irgendwohin zwischen zwei und drei. »Wir haben«, sagte Ludwig, »einen Zank gesehen und den Anfang einer Keilerei. Warum habt ihr euch zerkriegt?« Frau Olga antwortete würdig, wenn auch mit zitternder Stimme: »Zwischen Herrn und Diener gibt es so etwas wie Zank nicht. Wir haben nur diskutiert. Ich gedenke es nicht zu dulden, daß meine Mädchen durch seine ungehobelten Burschen von ihren Obliegenheiten abgezogen werden. Diese Sache mit Bolla ist eine Beleidigung gegen mich persönlich. Ich trage die Verantwortung für die Führung des Gutes, und hier soll radikal und auf wissenschaftlicher Grundlage reformiert werden.« Dr. Karolina lächelte ihr weiches Lächeln und murmelte: »Dieser sittliche Eifer erscheint etwas fremd hier in Jan-Petters lauschigem Larsbo.« Frau Olga drehte sich hastig um, bleich und großäugig; sie sagte: »Mein Eifer ist alles eher als sittlich. Wenn ich bitten darf! Er ist rein ökonomisch und kann also den Anspruch erheben, daß man ihn ernst nimmt.« »Ja, natürlich«, räumte Lizzy ein, »aber gerade vom ökonomischen Gesichtspunkt aus wäre es eine Dummheit, Eros auf Hungerkost zu setzen. Sein Pfeilschuß ist das stärkste stimulierende Mittel, das die Geschichte der Medizin kennt. Die Erostherapie hat noch nicht ihren wissenschaftlichen Begründer gefunden, obwohl es an beachtenswerten Versuchen nicht gefehlt hat. Aber als Hauskur ist sie uralt. Die stimulierende Einwirkung der Erotik auf Dichter und Denker ist allbekannt, und vermutlich wirkt sie auf Torfausstecher auch nicht anders. Eine ganz kleine Dosis steigert die Arbeitsintensität ganz kolossal. Ein sehr glaubwürdiger Forstmeister hat mir folgendes erzählt: Er sollte irgendwo in einer Wildnis einen Wald abholzen und hatte eine Arbeitskolonne von fünfzehn Mann. Eine ältere Frauensperson übernahm es, sie zu verköstigen. Sie war eine tüchtige und kochkundige Frau, aber die Leute waren auf jeden Fall mit der Verpflegung nicht zufrieden. Sie bockten und maulten, waren unwillig bei der Arbeit, und das Ganze ging nicht recht vorwärts. Schließlich kriegte die gute Alte ihre Nörgeleien satt und ließ sie sitzen. Ersatz zu finden war nicht leicht, und der Forstmeister machte sich große Sorgen, die er gesprächsweise einer jungen Verwandten anvertraute. Sie fühlte Mitleid mit den armen Männern, und außerdem war sie von Natur aus wißbegierig und wollte gern bei allem dabei sein. Sie machte sich also erbötig, den Platz der Alten einzunehmen, und wenn sie auch nicht viel vom Kochen verstand, so tat sie doch ihr Bestes, um die Kerle bei guter Laune zu erhalten. Nach einer Woche lagen vier von ihnen im Spital, mehr oder weniger von Messern zerstochen; aber die Überlebenden gingen wie Berserker aus den Wald los und wetteiferten, ihre Kraft und Geschicklichkeit zu zeigen. Die mächtigen Föhren fielen mit Schwung und Getöse; der Forstmeister wunderte sich, aber das Mädchen sagte: ›Ihre Kräfte haben sich vervielfacht, weil ich ihnen so gut koche. Laß mich nur machen, aber komm nie in meine Hütte, denn ich habe das Gefühl, daß das Unglück bringen würde.‹ Der Forstmeister versprach es, und er kämpfte tapfer gegen seine Neugierde an, aber eines Herbstabends konnte er nicht länger widerstehen. Er schlich sich zu der Hütte, die man für das Mädchen gezimmert hatte. Es war zu der Zeit, wo sie das Abendessen bereiten sollte, und auf einer Steinplatte vor der Hütte brannte auch ganz richtig ein Feuer, und über dem Feuer hing ein Kessel. Einige Burschen waren rings um das Feuer versammelt; einer von ihnen kratzte sich den Kopf und schleuderte ein Büschel Wurzelwerk in den Kessel, ein anderer griff sich nachdenklich an das Kinn und legte eine Speckschwarte zu den Wurzeln, ein dritter schüttete den Graupensack in die Suppe, ein vierter brockte Brot hinein, ein fünfter würzte sie mit Salz und Pfeffer, Ingwer und Zimt, Anis und Fenchel und all den Gewürzen, die in der Büchse waren. Der sechste rührte mit einem Holzscheit fleißig um, indem er sagte, die Hauptsache beim Suppekochen sei gut umrühren. Aber das Mädchen, das kochen sollte, war nicht zu sehen. Da ging der Forstmeister in die Hütte hinein, und da saß das Mädchen und beguckte sich im Spiegel und drehte sich Papilloten für die Nacht ein. Der Forstmeister wurde sehr böse, weil sie mehr an ihr Aussehen als an ihre Pflicht dachte. Um sie gründlich zu strafen, schlich er sich von rückwärts nahe heran, legte ihr die Hände über die Augen und küßte sie. Das Mädchen rief: ›Ach, du Unglücklicher! Wer du auch bist! Hast du vergessen, wie es deinen Kameraden ergangen ist? Sei ganz sicher, morgen um diese Zeit liegst du im Spital!‹ Als sie sah, wer sie geküßt hatte, war sie noch bestürzter und ahnte ein Unglück. Aber der Forstmeister lachte nur und ging mit frischem Mut von dannen. Was weiter geschah, weiß ich nicht. Aber sicher ist, daß er einige Zeit im Spital lag. Da hörte auch das Abholzen auf, die tüchtige Arbeitskolonne zerstreute sich, und das Mädchen wandte sich anderen Aufgaben zu. »Aus dieser Geschichte geht jedoch hervor«, fuhr Lizzy Willman fort, »daß schon kleine Dosen Erotik den Ehrgeiz und die Körperkräfte stärken und die Eßlust anregen, so daß auch weniger schmackhafte Kost mit frischem frohem Sinn verzehrt wird. Seine günstigste Wirkung hat doch dieses Mittel in Fällen von mangelndem Selbstvertrauen.« »Das stimmt!« bestätigte Ludwig. »Ich kannte einen Bankkassierer, der zwanzigtausend Kronen stahl, nur weil er eines Abends zufällig in nähere Berührung mit einer Kellnerin gekommen war. Und dabei stand er sein ganzes Leben lang in dem Rufe, ein Schlappschwanz zu sein, dem man, ohne das geringste Risiko, weiß Gott wieviel Geld anvertrauen konnte. Das wurde nun anders! Das Mädchen munterte ihn derart auf und brachte ihn so in Form, daß er ein tadellos schönes Spiel lieferte, geschmeidig und kühn; für kleinere Distanzen, wie zehn- bis zwanzigtausend Kronen, wurde er Champion und bekam eine lobende Erwähnung des Preisrichters und eine schmeichelhafte Kritik in der Fachpresse. Aber als die Kellnerin ihn so weit hatte, fand sie, daß sie das Ihre getan, und zog sich bescheiden zurück. Kein Mensch verschwendete Druckerschwärze an sie. Das ist stets das Los des Weibes gewesen.« »Das erinnert mich«, fuhr Lizzy fort, »an Tante Annalisa Willman und eine gewisse Sorte von jungen Idioten, die in ihrem Hause verkehrten. Unter vielen anderen. Sie litten an Imbezillität, gepaart mit Melancholie und Verrücktheit. Die Krankheitsursache war immer dieselbe: schlechte Erziehung. Die guten Mütter hatten wohl gesagt: ›Sei immer höflich! Mach Platz! Verbeuge dich! Der Klügere gibt nach! Ehre, wem Ehre gebührt! Geduld ist die Stärke der Kleinen! Trau dir nicht zuviel zu! Chi va piano, va sano! Bescheidenheit ist die schönste Zierde der Jugend!‹ und andere ebenso lügenhafte wie dumme Behauptungen, die sie in dem unglückseligen Glauben, daß sie das reinste Gold seien, durch den Filter der Erfahrung gesiebt hatten. Das Resultat dieser Erziehung ist meist eine Psychose. Wenn der Patient in Räume gebracht wird, wo andere Personen sich aufhalten, sucht er Schutz in Türspalten und Kachelofenecken oder hinter Gardinen und Wandschirmen. Aus seinem Schlupfwinkel hervorgezogen, gerät er in starke Erhitzung, der bald Ermattung und zuweilen Kollaps folgt. Die Sprache ist stammelnd und unzusammenhängend, der Puls unregelmäßig, er transpiriert heftig, namentlich an Händen und Füßen, in schweren Fällen kommt Inkontinenz vor. Die Urteilskraft ist beeinträchtigt, und er zeigt vollständige Unfähigkeit zu logischem Denken. Er hält sich für den unbedeutendsten Menschen der Welt, aber glaubt gleichzeitig der Gegenstand der allgemeinen Aufmerksamkeit zu sein. In jüngeren Jahren kann sein Aussehen ganz angenehm sein, und man kann zu sich selbst sagen: Aus dem Jungen wird noch etwas, wenn er nur mehr Schneid bekommt. Aber die kriegt er nicht. Die Nabelschnur Schüchternheit erstickt ihn. Stürzt er sich einmal in eine selbständige Arbeit, so ist die Freude von kurzer Dauer. Bald stößt er auf irgendein kleines Detail, das ihm unüberwindlich vorkommt. Andere würden es mit Ungeduld ansehen, er betrachtet es mit dem Aberglauben der Demut: Ich habe zu hoch fliegen wollen! Wie recht meine liebe Mutter hatte! Und so sinkt er abwärts. Um sich für seine eigene Kühnheit zu strafen, nimmt er fremde Gedanken in kolossalen Quantitäten zu sich, und nichts kann ungesünder sein. Der Blick wird trübe, der Rücken gekrümmt, der Kopf sinkt auf die Brust. Die Fadenscheinigkeit des Rockkragens steckt das Haar an, das auszufallen beginnt, das Fleckfieber der Kleider greift auf die Haut über und entstellt das Gesicht. Die Scheu der Seele erzeugt Gerstenkörner im Augenwinkel und läßt die Nase tropfen. Er altert rasch und verschwindet, zwar nicht in das Grab, aber in irgendeinen grauen, dunklen, modrigen Winkel. Diese Krankheit«, fuhr Lizzy fort, »geht nie von selbst in Gesundheit über, aber glücklicherweise haben wir ein unfehlbares Spezifikum: die Erotik. Tante Anna-Lisa wendete das Mittel bei ihren jungen Idioten mit großem Erfolg an. Ihre Terminologie war unklar, sie gebrauchte das Wort Verständnis anstatt Erotik. Ein ungeniertes dreistes Auftreten nannte sie Genialität, und sie pflegte daher zu sagen: ›Dieser junge Mann wäre ein Genie, wenn er nur jemanden hätte, der ihn versteht!‹ Ihr Haus war tatsächlich eine sehr gut geleitete Privatklinik, wo sie mit nie versagendem Geschick die Arbeit leistete, während wir jungen Mädchen assistierten. Auf mein Los fielen gewöhnlich die schwersten Fälle. Man fand, daß ich natürliche Anlagen hätte, die bei dieser Kur eine größere Rolle spielen als Kenntnisse und Erfahrung. Mir ist auch nie etwas mißlungen, aber einmal war es nahe daran, und ich hatte schon alle Hoffnung aufgegeben, als ein reiner Zufall den Patienten rettete. Er war der Sohn einer armen Witwe, und um sein Unglück vollzumachen, war er ein paar Jahre nach dem Tode seines Vaters auf die Welt gekommen. Die Kindheit war danach, und als er auf unsere Klinik gebracht wurde, war er wirklich ein Schulbeispiel der Schüchternheit, Ungeschicklichkeit, Melancholie und Verrücktheit. Tante Anna-Lisa legte mir die Hand auf den Kopf und sagte: ›Versuche ihn zu verstehen, dann wird aus ihm sicherlich ein Genie.‹ Das wurde er auch, obgleich die Sache tief saß. Ich nahm die Kur sogleich in Angriff, bestrahlte ihn mit meinen Augen, liebkoste und schmeichelte ihm mit meiner Rede und lockte ihn mit allen Reizen eines jungen unschuldigen Mädchens. Aber er glaubte, ich mache mich über ihn lustig, und sein Zustand verschlimmerte sich. Schließlich war ich, wie gesagt, nahe daran, die Hoffnung aufzugeben, wozu wohl auch der Umstand beitrug, daß ich zu dem fraglichen Zeitpunkt selbst an unglücklicher Liebe litt.« »Du!« fiel Ludwig ein. »Das glaube ich nicht. Wer hätte sich geweigert, dich abzubusseln?« »Soviel ich weiß, niemand«, erwiderte Lizzy, »aber es handelte sich nicht um Küsse, sondern um ein entzückendes Kollier, das ich in einer Auslage gesehen hatte und das sich der Betreffende mit unerklärlicher Halsstarrigkeit weigerte, mir zu kaufen. Auf einem Ball bei Tante Anna-Lisa kam es zum offenen Bruch zwischen uns, und ich beschloß, mich auszuweinen. Ich habe die Gewohnheit, nicht immer über jeden Schmerz extra zu weinen, sondern ich sammle sie zu einem Buschen, den ich bei passender Gelegenheit mit meinen Tränen benetze. Das erspart Zeit, schont Augen und Teint, aber hat auch zur Folge, daß mein Weinen eine verblüffende Intensität und Dauer erreicht. Ich suchte also ein abseits gelegenes Zimmer auf, wo ich ungestört sein konnte, aber aus alter Gewohnheit hatte ich meinen Patienten mitgeschleppt. Ich dachte nicht weiter daran, sondern setzte ihn auf einen Stuhl und warf mich selbst kopfüber auf ein Sofa. Ich legte mich sofort mit voller Energie hinein, bedachte den Umfang und die Vielfältigkeit meines Unglücks und weinte mit Volldampf, denn ich wußte, daß so etwas Zeit braucht, und ich wollte gern bei dem Kotillon mit dabei sein. Eine Viertelstunde herrschte in dem kleinen Zimmer die düsterste Verzweiflung, ein Orkan von Schluchzen, halberstickten Klageschreien wirbelte mit den strömenden Tränen dahin, und meine Füße schmetterten heftig gegen die Sofaleiste. Plötzlich fühlte ich ein Krauen rückwärts im Nacken. Der Patient hatte sich aus eigenem Antrieb erhoben und war zu mir hingekommen. Stammelnd, aber ziemlich deutlich fragte er, warum ich weine. Ich erwiderte wahrheitsgemäß, daß ich sterben wolle, weil der, den ich liebte, meiner Liebe mit Verachtung und Kälte begegnete. Das Krauen hörte auf, und ich legte wieder los. Nach einer weiteren Viertelstunde hatte mein Leiden seinen Höhepunkt erreicht, und ich benötigte dringend ein Taschentuch. Ich hob den Kopf ein bißchen, um meinen Patienten zu bitten, mich zu schneuzen. Was sah ich! Er stand vor dem Spiegel in einer Haltung, die mir an ihm ganz fremd war. Der Rücken war gerade, der Kopf hoch erhoben, die Hände in die Seiten gestemmt, die Wangen waren von einer lebhaften Röte gefärbt, und die Augen des Spiegelbildes glitzerten vor Mut und unverhohlenem Glück. Plötzlich erblickte er mich im Spiegel und geriet in hochgradige Verwirrung. Er war ein schlechter Schauspieler und brauchte eine gute Minute, um sein Gesicht zu einer einigermaßen anständigen Verzweiflung umzukomponieren. Er kam auf mich zu und sagte: ›Lizzy, du brichst mir das Herz!‹ – ›Wirklich?‹ sagte ich und setzte mich auf. Er nahm meine Hände und drückte sie an seine Brust. Er sagte: ›Hätte ich geahnt, daß du mich liebhast, ich hätte mich schon längst zurückgezogen.‹ Nun war ich wirklich bestürzt und verwirrt«, fuhr Lizzy fort, »und ich sagte: ›Wie sonderbar! Warum hättest du dich zurückgezogen?‹ Er erwiderte: ›Weil ich deine Kusine Betty liebe; und wenn du nichts dagegen hast, gehe ich jetzt ein bißchen hinüber und tanze mit ihr.‹ Das ist doch das Höchste, dachte ich. Jetzt heißt es, die Zunge nicht durchgehen lassen. Ich besann mich einen Augenblick, um den rechten Ton zu finden, dann stieß ich ihn mit aller Kraft von mir, warf mich wieder kopfüber hin und murmelte dumpf: ›Geh! Geh! Ich hasse euch beide!‹ Ohne auch nur einen Versuch zu machen, sich zu verstellen, rief er: ›Danke‹, und verschwand. Aber ich sprang auf und schlich ihm nach. Flott und keck ging er quer durch den Ballsaal, puffte die Tanzenden nach rechts lind links und nahm mit kühner Hand Betty ihrem Kavalier weg. Hierbei entstand ein kleiner Disput, und auch da hielt er sich tapfer, ließ seinen Rivalen abfallen und lachte ihn aus. Das Glück, daß es ihm geglückt war, ein schönes Mädchen unglücklich zu machen, war ihm zu Kopf gestiegen. Von diesem Augenblick an schritt seine Genesung mit verblüffender Raschheit fort. Er ist jetzt ein hervorragender Mann in seinem Fach und in bezug auf ungeniertes Auftreten der Genialste, den ich je getroffen habe. Mir gegenüber zeigt er eine mitleidige Zärtlichkeit, die mir bis in die Seele hinein wohltut.« »Und die Moral von der Geschichte ist«, warf Dr. Karolina ein, »daß Olgachen es mit Ruhe nehmen soll, wenn ihre Mädels ein bißchen mit den Knechten scharmuzieren. Die Zeit, die damit vergeudet wird, ist gar nicht vergeudet. Die Liebe gibt tausendfach mehr als sie nimmt. Sie ist stolz und ruhig, frei und schön wie die Schwäne im Schilf und weiß nichts von kleinlichen Regeln und Schranken. Laß darum den vortrefflichen Brut in Frieden. Allzu große Prüderie kleidet eine junge Witwe nicht, namentlich wenn sie Janselius heißt! Sie ist die Letzte, die in der Liebe ein Verbrechen sehen sollte.« »Das kann schon sein«, sagte der Pastor, »aber was hier als Beispiel für die Liebe angeführt wurde, das kann ich nicht gelten lassen. Das nenne ich ganz einfach Wollust. Die Liebe ist eins und unveränderlich und währet das ganze Leben.« Mit schwärmerischer, weihevoller Stimme wiederholte der Generalagent: »Die Liebe ist eins und unveränderlich und währet das ganze Leben.« Und Tante Sara bemerkte verschämt: »Das ist auch meine Ansicht.« »Ja, von solchen muß man es hören!« sagte Ludwig. »Einer männerscheuen Mamsell! Einem Gentleman, dem ein ernstes Malheur zugestoßen ist! Und einem gemütlichen Pfarrer, der dreimal mit drei Witwen verheiratet war!« Kaum hatte er diese Worte ausgesprochen, als er sich hinter Brita niederhockte und flüsterte: »Weh mir! Sonderbar, daß ich den Pastor nicht in Frieden lassen kann. Sieh nur den Sohn an, wie seine Augen funkeln und seine Pusteln glühen! Es fängt mir an, unheimlich zumute zu werden.« Aber Betty mit der sokratischen Nase bemerkte: »Ich möchte doch bitten, in der Liebe etwas Verbrecherisches sehen zu dürfen. Ruhige und stolze Liebe, das kann für sehr schöne Mädchen passen wie Lizzy, aber ich mit meiner Stupsnase und meinen ungewöhnlich schmalen Beinen muß schon etwas anderes finden. Ich kann mir eine Liebe nicht ohne Spannung und Schrecken denken. Und ich nehme an, daß, wenn die Gesellschaft vervollkommnet und das Verbrechertum auf ein Minimum reduziert und der Mensch so ideal-sozial als nur möglich geworden ist, die Liebe weiter als ein grünender Hag da stehen wird, wo er seine natürliche Schlechtigkeit weiden und seine Lust, eklig gegen sich selbst und andere zu sein, ausleben können wird.« »Wie wahr!« rief plötzlich Fräulein Alexander. Und sie seufzte tief und wiederholte: »Wie wahr! Wie wahr!« Aber Betty hatte schon begonnen, sie erzählte:   Die spannende Geschichte. »Meine erste Liebe hatte weder Anfang noch Ende. Mein Geliebter kam vom Mond, zum Mond kehrte er zurück, und ich weiß nicht einmal seinen Namen. Freilich gab er einen an und obendrein einen sehr hochadligen, aber ich weiß nicht recht, warum er sich gerade in der Frage des Namens an die Wahrheit gehalten haben sollte. Mein Vater war ja Beamter, und als er pensioniert wurde, brach eine schwere Zeit für mich an. Er war furchtbar pedantisch und hatte jetzt nur mich zu kommandieren. Ich mußte so all die Vorschriften und Rügen über mich ergehen lassen, die sich früher aus ein halbes Dutzend Kanzlisten und Amtsdiener verteilt hatten. Das war zuviel für ein junges Mädchen. Mein Sinn wurde trotzig, und ich war nicht weit davon entfernt, einen Haß gegen meinen armen Vater zu fassen. Ich hätte mich sicherlich aufgelehnt und irgendein Malheur angerichtet, wenn nicht meine erste Liebe dazwischen gekommen wäre und mich in meinen eigenen Augen schuldig und infolgedessen unterwürfig gegen meinen Vater gemacht hätte. An einem Mondscheinabend, als ich von einer Freundin heimkehrte und das Herz mir bis in die Halsgrube schlug – denn ich hatte mich um fünf Minuten verspätet –, stand plötzlich mein Geliebter vor mir. Er war nur um einige Jahre älter als ich, die ich eben sechzehn geworden war; sein Aussehen war romantisch und machte einen starken Eindruck von Unzuverlässigkeit. Er erklärte mir sofort seine Liebe. Mir war dies eine zwar angenehme, aber überraschende Neuigkeit, da ich ihn nie zuvor gesehen hatte und er mich ebensowenig. Er beachtete meine Verlegenheit gar nicht, sondern begann von sich selbst zu erzählen. Er deutete an, daß er eine stürmische Vergangenheit hinter sich habe und sich eine noch stürmischere Zukunft erwarte. Der Gemütsart nach war er düster und erheblich bitterer und haßerfüllter als ich; er lebte eigentlich mehr aus Trotz, als weil es ihm irgendein Vergnügen bereitete. Schließlich wollte er Zeit und Ort für eine wirkliche Liebeszusammenkunft bestimmen. Ich hatte mit steigendem Interesse zugehört, aber nun fand ich, daß ich auch einmal den Mund aufmachen könnte. Ich erklärte, daß diese Zusammenkunft auf unüberwindliche Schwierigkeiten stoßen würde; denn mein Vater, der fürchtete, daß man mich entführen könne, hielt mich so gut wie in gefänglichem Gewahrsam. Ich gab ihm zu verstehen, daß ich keineswegs das unbeschriebene Blatt sei, für das er mich hielt, und daß gewisse Erfahrungen mich skeptisch und kalt gemacht hätten. Kurz, ich flunkerte ihm ungefähr ebensoviel vor, wie er mir aufgebunden hatte, und wir schieden, zufrieden mit uns selbst und miteinander. Am folgenden Tage, als mein Vater und ich unserem Morgenspaziergang machten, begegneten wir meinem Geliebten. Mein Herz klopfte heftig, aber es wäre fast stehengeblieben, als er, gerade als er an uns vorüber war, sich umdrehte und mir einen Brief reichte, indem er sagte: ›Die Dame hat etwas fallen lassen.‹ Vater dankte ihm artig und tadelte mich wegen meiner unglaublichen Unachtsamkeit. Ich war vor Gemütserregung machtlos, und noch matter wurde ich, als ich endlich Gelegenheit fand, den Brief zu lesen. Er enthielt etwas Schreckliches: Wenn ich nicht zu einem bestimmten Glockenschlag meinen Geliebten vor unserem Hause träfe, würde er sich auf unserer Treppe erschießen. Da ich wisse, wie heiß er mich liebe und wie gering er sein Leben einschätze, dürfe ich nicht daran zweifeln, daß er Wort halten werde. Ich zweifelte auch keinen Augenblick, und meine Angst war ungeheuerlich, bis mir einfiel, daß der bestimmte Glockenschlag tatsächlich höchst günstig gewählt war. Gerade zu diesem Glockenschlag begab sich mein Vater mit gewohnter Regelmäßigkeit an einen Ort, der dazumal in Provinzstädten im Hinterhof gelegen war. Hier verbrachte er eine Viertelstunde; weder mehr noch weniger, und der Weg hin und zurück nahm fünf Minuten in Anspruch. Zwanzig Minuten standen also zu unserer Verfügung. Wir nützten sie an diesem Tage und den folgenden mit einer Pünktlichkeit aus, die nicht einmal von der meines Vaters übertroffen wurde. Und unsre Liebe wuchs. Aber mein Vater erkrankte, und der Umstand, daß diese Krankheit sein ganzes System von Gewohnheiten umwarf und seine Zeiteinteilung änderte, hätte mir sagen können, wie ernst sie war. Das verstand ich jedoch nicht, und mein ganzes Sinnen und Trachten war nur darauf gerichtet, meinen armen Vater zu überlisten und mich zu den Zusammenkünften mit meinem Geliebten zu stehlen. Ich bildete mich rasch zu einer geschickten Lügnerin aus. Andrerseits suchte ich meine Sünden dadurch wettzumachen, daß ich meinem Vater außerordentliche Dienstfertigkeit bewies, und ich wäre sicherlich nicht halb so aufopfernd gewesen, wenn ich ihn nicht betrogen hätte. Schließlich konnte er sich nicht länger aufrechthalten; und da er niemand anderen als mich in seinem Zimmer dulden wollte, war ich so gut wie den ganzen Tag an sein Bett gefesselt. Ich suchte ihn zu zerstreuen, so gut ich konnte, und dies wäre eine leichtere Aufgabe gewesen, wenn er sich für etwas anderes interessiert hätte als den Amtskalender. Er unterhielt sich mit mir über die Beförderungen in den verschiedenen Ressorts; ich mußte bald diesen, bald jenen Beamten nachschlagen, und wir berechneten zusammen seine Dienstjahre und seine Aussichten. Unterdessen saß ich da und dachte an meinen Geliebten, mit Sehnsucht natürlich, aber noch mehr mit Angst, denn ich war überzeugt, daß er eines schönen Tages zu uns hereinstürzen oder das Haus in die Luft sprengen oder irgendeine andere Verzweiflungstat begehen werde. Ich wußte mir nicht zu raten und lebte in großer Unsicherheit. Aber Vaters Pünktlichkeit kam bald zu ihrem Recht; er richtete sich neue zuverlässige Gewohnheiten ein. Ich beobachtete, daß er Schlag neun Uhr jeden Abend einschlummerte, um wieder aufzuwachen, wenn die Uhr elf schlug. Zwischen diesen Glockenschlägen brauchte ich nicht zu befürchten, gerufen zu werden. Es gelang mir, meinem Geliebten das mitzuteilen, und ich forderte ihn auf, sich um neun Uhr in unserem Hof einzufinden, um zwei Stunden meine Gesellschaft zu genießen. Vaters Schlafzimmer ging nämlich auf den Hof; es war Sommer, und er schlief bei offenem Fenster. Ich konnte also auch vom Hof aus über ihn wachen und hören, wenn er rief. Dieses Arrangement entsprach in hohem Grade meinen Anforderungen an ein vollkommenes Glück. Ich durfte meinen Geliebten treffen und lebte in tödlicher Angst vor der Entdeckung. Ich betrog meinen Vater und wurde von nagender Reue gepeinigt. Das Leben war von Spannung erfüllt. Mein Geliebter sah unser Verhältnis mit nicht weniger tragischem Blick an als ich. Er schlug vor, wir sollten Vater vergiften. Ich weigerte mich bestimmt; hingegen erklärte ich mich bereit, mit meinem Geliebten wann und wohin immer durchzugehen. Denn ich wollte wahrlich nicht, daß er glaube, ich sei irgendein braves Haustöchterchen, wenn ich auch vor einem Vatermord zurückscheute. Der Gedanke, durchzugehen, sagte auch ihm zu, und wir saßen auf der Bank unter Vaters Fenster, und der Mond leuchtete auf uns, und Vater schnarchte, und wir umarmten und küßten uns und schmiedeten unsre Pläne. Mein Geliebter hatte, wie er sagte, ein Gut in Schoonen, und zwar eines der allergrößten und prächtigsten, das man sich nur denken konnte. Mit diesem Gut war ein tragisches Geheimnis verknüpft. Die Stiefmutter meines Geliebten hatte seinen Vater vergiftet und lebte nun auf dem Gut mit ihrem Liebhaber zusammen. Sie hatte auch versucht, ihren Stiefsohn zu vergiften, und wenn er sich im Schlosse einfände, konnte er seines Todes so gut wie sicher sein. Um das Recht auf das Gut geltend zu machen, brauchte er jedoch gewisse Papiere, die das böse Weib an einem unbekannten Ort verwahrte. Er schlug nun vor, wir sollten durchgehen, ich sollte verkleidet eine Stelle auf dem Gut annehmen, mich in das Vertrauen der Stiefmutter einschleichen und ihr die Papiere rauben. Das war der ursprüngliche, recht simple Plan. Doch mit jedem Abend wurde er immer komplizierter. Neue Schwierigkeiten tauchten auf, neue Feinde stellten sich unserm Glück in den Weg. Namentlich ist mir eine Tante in lebhafter Erinnerung, die mit überaus markanten Zügen ausgestattet war. Es war eine unheimliche Alte, bösartig für zwei und mit etlichen Verbrechen auf dem Gewissen; aber sie war dabei listig wie der Teufel. Ihr Scharfsinn nötigte uns, unseren Plan immer verwickelter zu gestalten. Ich wollte sie durch Gift oder Ersticken töten; denn mein Geliebter hatte mich gelehrt, ein Menschenleben nicht allzu hoch einzuschätzen. Aber er lächelte geheimnisvoll und erwiderte: ›Glaubst du, das hätte ich nicht schon versucht?‹ Er geriet immer in heftigen Aufruhr, wenn er nur an diese entsetzliche Tante dachte, und ich mußte ihm oft die Hand auf den Mund legen, damit er meinen Vater mit seinen Ergüssen nicht wecke. Wenn ich des Morgens zu meinem Vater hineinging, hatte ich immer entsetzliches Herzklopfen. Ich erwartete, daß mein Geheimnis früher oder später entdeckt werden würde, und ich war auf etwas Furchtbares gefaßt. Vater sah auch oft sehr gequält und betrübt aus, aber das kam wohl von der Krankheit. Sein Zustand verschlimmerte sich. Eines Tages sagte der Arzt zu mir: ›Du wirst deinen Vater nicht mehr lange behalten.‹ Ich glaubte es nicht. Aber am selben Tage ließ mein Vater ein paar Freunde zu sich rufen. Ich lauschte an der Tür und hörte, wie Vater sich mit ihnen beriet und Bestimmungen über sein Begräbnis traf. Da war ich ganz verzweifelt, und mein erster Gedanke war: nie mehr werde ich ihn auch nur für einen Augenblick verlassen. Doch als die Uhr neun geschlagen und Vater eingeschlummert war, schlich ich mich doch in den Hof hinaus. So machte ich es an diesem Abend, und so machte ich es an den folgenden. Da saßen wir, und dort drinnen lag mein Vater, der bald sterben sollte. Mein Geliebter sprach oft so laut, daß seine Stimme Vater sehr leicht hätte wecken können; und ihn zum Schweigen zu mahnen, nützte nicht viel wegen seines lebhaften Temperaments. Aber mehr als die Angst quälte mich doch die Scham. Ich log Vater an, ich betrog ihn. Mein Herz war gequält. Ich träumte nachts, daß wir auf der Bank saßen und Vater plötzlich aus dem Fenster hervortrat, blauweiß und mit verzerrtem Gesicht, übrigens geradeso, wie ich ihn dann im Todeskampf sah. Ich war schließlich so überreizt, daß das kleinste Geräusch mich am ganzen Körper zittern ließ. Endlich merkte mein Geliebter, daß ich mich verändert hatte; er fragte, was mir sei. Ich erzählte, was der Arzt über meinen Vater gesagt hatte. Mein Geliebter ließ mich los und sah zu der dunklen Fensteröffnung auf. Dann wendete er sein Gesicht mir zu, aber sah wieder weg und rückte ein Stück von mir ab. So saßen wir im Mondschein, stumm. Ich weiß nicht, wie lange, aber lange war es. Endlich erhob sich mein Geliebter, und ohne mich anzusehen, sagte er: ›Hier sitzest du, und drinnen liegt dein Vater. Wer weiß? Vielleicht stirbt er gerade jetzt.‹ Mein Geliebter ging, und ich dachte: ich sehe ihn nie wieder. So war es auch. Er verschwand ganz einfach, ließ nie mehr von sich hören. Vom Monde kam er, und zum Monde kehrte er zurück. Ich aber hatte damals nur einen Gedanken und einen Wunsch: ich wollte Vater alles gestehen. Bevor er starb, mußte ich ihm alles sagen, sonst würde ich nie Frieden finden. Den ganzen folgenden Tag ging ich herum und suchte nach einer Gelegenheit, aber der Mut verließ mich. Vater schlief wie gewöhnlich um neun Uhr ein, und diesen Abend blieb ich an seinem Bett sitzen. Nach einem kleinen Weilchen erwachte er wieder. Er sah mich an und zog die Augenbrauen zusammen, wie er es zu tun pflegte, wenn er sich über etwas wunderte und nachdachte. Er sagte: ›Willst du heute abend nicht ausgehen?‹ Ich murmelte etwas und eilte in mein Zimmer. Ich konnte nicht einmal weinen. Wußte mein Vater etwas? Und was wußte er? Ich dachte: Er weiß alles, aber er kann es nicht einmal über sich bringen, mich zu tadeln. Es ekelt ihm vor mir, weil ich eine Dirne bin, die ihren sterbenden Vater betrügt. Und ich wußte, daß ich nicht die Kraft haben würde, meine Schuld zu gestehen, und ihn um Verzeihung zu bitten. Den ganzen nächsten Tag saß ich stumm an seinem Bett und vermochte kein Wort zu sagen. Vater war auch stumm. Um neun Uhr schlummerte er ein und schlief etwa zehn Minuten. Dann hob er plötzlich den Kopf und sagte: ›Gedenkst du heute abend auch nicht auszugehen?‹ Da brach mein Herz in zwei Hälften, und mein Herzblut verströmte in Tränen. Und mit den Tränen das Geständnis. Ich lag auf den Knien vor seinem Bett und erzählte alles. Vater ließ mich reden und weinen, und ich tat beides recht lange. Endlich verstummte ich und wartete auf mein Urteil. Vater sagte: ›Es wird wirklich Zeit, mir das zu erzählen, nachdem ich schon seit Wochen daliege und euch zuhöre.‹ Und er grübelte ein wenig nach. Denn sein ganzes Leben lang hatte er nie eine übereilte Handlung begangen oder ein unbedachtes Wort gesagt. Endlich streichelte er mir die Wange, was Verzeihung bedeutete. Und er sagte: ›Eigentlich sollte ich dir sehr böse sein und noch mehr diesem jungen Lümmel, der mich vergiften wollte. Das sollte ich. Aber andrerseits hat er mir viele schwere Stunden vertrieben, und du hast mir gerade keinen Gefallen getan, wenn du ihn zum Schweigen gemahnt hast. Ich hätte doch gerne gewußt, wie er schließlich mit dieser gräßlichen Tante fertig werden wollte. Ja, es tut mir wirklich leid, daß ich das Ende der Geschichte nicht hören soll, denn sie war spannend...‹   Seither«, fuhr Betty fort, »habe ich mir gedacht und es zuweilen auch bestätigt gefunden, daß wir vielleicht die Bedeutung unserer Handlungen übertreiben, der bösen nicht weniger als der guten. Vielleicht schläft auch der liebe Gott bei offenem Fenster, und wenn wir einmal auf zitternden Beinen unsre Sündenlast vor seinen Thron schleppen, wird er vielleicht sagen: ›Eigentlich sollte ich dir sehr böse sein, aber andrerseits hast du mir so manche lange Stunde vertrieben...‹« »Verlassen Sie sich nicht darauf, mein kleines Fräuleinchen!« schnauzte der Pastor sie unwirsch an. »Denn sonst könnten Sie seinerzeit unangenehm überrascht sein. Die Hölle schluckt, die da sündigen, so sicher, als die Sonne den zergangenen schmutzigen Schnee auftrocknet. Das steht so ziemlich felsenfest. Und für die Sünder gegen das sechste Gebot brennt ein besonderes Feuer, dessen Flammen schon über die Erdrinde schlagen. Denn sicherlich sieht man sie bereits im irdischen Leben brennen. Wer die schwere Pflicht gehabt hat, Jan-Petter Janselius die letzte Ölung zu geben, weiß wohl, wie heftig die Hitze schon diesseits des Grabes zu werden beginnt.« Die Andeutung, wo man den verblichenen Herrn von Larsbo gegenwärtig zu suchen habe, rief keinerlei Erregung hervor, außer bei der Witwe, die sich hastig abwandte, und bei Ludwig, der schrie: »Herrjegerle! Jetzt fängt der Herr Pastor wieder an, gemütlich zu werden. Aber hier hat einer nach dem anderen schlagende Beweise für die Wichtigkeit und Bedeutung der Liebe in ihren verschiedenen Wandlungen und Gestalten angeführt; und ich will mich, weiß Gott, meiner Pflicht nicht entziehen, sondern jetzt müssen die Zwillinge dran! Ich werde die Geschichte mit solchem Anstand erzählen, daß weder der Herr Generalagent noch Tante Sara ein Haar in ihr finden werden.   Es war einmal ein männliches Zwillingspaar von edelster Gestalt und vollkommenster Ähnlichkeit. Diese Ähnlichkeit erstreckte sich auch auf Neigung und Geschmack, sodaß sie dasselbe Mädchen liebten. Da sagte der eine zu dem andern: ›Das mit uns zweien ist solch ein Fall, wo die Braut die Wahl treffen muß.‹ Und sie gingen zu dem Mädchen und freiten um sie und baten sie, zu wählen, ohne sich zu genieren. Sie betrachtete sie von vorn und von hinten, und drehte sie und befühlte sie und bat sie, die Zunge herauszustrecken, ließ sie traben und galoppieren und drückte sie auf die Flanken und sah ihnen in den Mund – kurz, ging ebenso gewissenhaft vor wie bei einem Pferdekauf. Aber es war glatt unmöglich, auch nur den leisesten Unterschied zu entdecken. Da legte sie aufs Geratewohl die Hand auf den einen und rief: ›Dich nehme ich, denn sonst werde ich verrückt. Aber dein Bruder muß sofort nach einem anderen Weltteil fahren, denn die Liebe ist ewiglich und unwandelbar und währet das ganze Leben, und ich will nichts mit Verwechslungen oder anderen Scherereien zu tun haben.‹ Das waren kluge Worte, und so geschah es. Aber die Zwillinge waren Seeleute, und das Schicksal wollte es, daß sie sich doch noch einmal treffen sollten, und es blies so pfiffig auf ihre Schiffe, daß sie irgendwo ganz weit weg in denselben Hafen einliefen. Man denke sich ihre Freudentränen! Als sie sich gegenseitig ihre Abenteuer erzählt hatten, sagte der Unverheiratete: ›Bruder, eine Frage: Bist du glücklich in deiner Ehe?‹ – ›Da kannst du Gift drauf nehmen‹, versetzte der andere. ›Meine Ehe ist die glücklichste auf der Welt, und wir lieben uns Tag und Nacht das liebe lange Jahr, so daß wir Blasen auf den Lippen kriegen. Aber überdies haben wir einen heiligen Eid geschworen, zusammen zu sterben und einander auch nicht um einen Tag zu überleben.‹ – ›Herrjegerle!‹ rief der Zwilling. Und in seiner tiefen Bewegung wollte er den Bruder umarmen, aber er stellte sich dabei so ungeschickt an, daß er ihn vom Ufer hinunterstieß ins Meer. Es wäre eine Kleinigkeit gewesen, ihn herauszuziehen, aber der Zwilling hatte sein Sonntagsgewand an, und während er es ablegte und zusammenfaltete, wie seine Mutter es ihn gelehrt hatte, kam ein Hai und fraß den unglücklichen Bruder auf. Nachdem der Unverheiratete den Verheirateten bitterlich beweint hatte, sagte er zu sich selbst: Wie wird das nun mit der kleinen Schwägerin? Das ist eine fatale Geschichte für sie. Namentlich in Anbetracht dieses heiligen Schwurs, ihren Gatten nicht zu überleben. Es wäre jammerschade um das Frauenzimmer. Er grübelte ein Weilchen nach und ging dann an Bord von seines Bruders Schiff und sagte: ›Hier habt ihr mich wieder, ihr Halunken! Na, kennt ihr mich nicht?‹ Die Kerls antworteten: ›Dich kennt man schon, du Schweinehund, und wenn's stockfinstre Nacht wäre!‹ Da fühlte er sich sicher vor Entdeckung und segelte mit seines Bruders Schiff heimwärts. Zu Hause ging es ebenso, niemand bezweifelte, daß er der verheiratete (und nunmehr verstorbene) Zwilling sei. Allerdings war ihm etwas flau zumute, als er vor die prüfenden Blicke des geliebten Weibes trat; allerdings war er etwas unruhig, nicht allen Erwartungen voll zu entsprechen. Aber das waren unnötige Sorgen. Denn die Wissenschaft lehrt uns, daß Zwillinge dieser Sorte einander bis in die kleinste Einzelheit gleich sind. Er bestand die Probe, und die Folge war, daß sie viele, viele Jahre froh und zufrieden lebten. Bis sie die goldene Hochzeit feiern sollten. Da kam es zum Krach und ging in die Brüche, wie man so sagt. Da saß auf ihrem Salonsofa die feine, zarte, alte Dame mit schneeweißem Haar und neben ihr der wettergebräunte Greis und hielt ihre Hand in der seinen. Und die Alte dankte dem Höchsten, der sie in einer langen glücklichen Ehe ohne Verwicklungen und Schwulitäten hatte leben lassen. Fein und wie geschmiert war es immerzu gegangen und hatte in keinem einzigen Punkt versagt. Bald lobte sie ihren Gott, bald ihren Mann und die ganze Zeit sich selbst. Sie wühlte in ihren Erinnerungen, tat dem Alten schön und sagte zu ihm, er sei heute noch ganz derselbe wie vor fünfzig Jahren. ›Und immer bist du mein lieber, guter Alter gewesen‹, sagte sie, ›und dir gleich einen Tag wie den anderen. Ausgenommen damals, als du von jener Reise in fernen Gewässern heimkamst. Da hattest du dich ein klein bißchen verändert. Aber nur zu deinem Vorteil, so daß du noch flotter und forscher warst und du mir nach dieser Reise fast noch besser gefielst.‹ Da dachte der falsche Zwilling: Jetzt ist der richtige Augenblick für einen Gentleman, Farbe zu bekennen und die Karten auf den Tisch zu legen. Ich will nicht mit einer Lüge auf dem Gewissen in die Grube fahren. Und in schonenden Ausdrücken, mit schönen Denksprüchen gespickt, schilderte er das betrübliche Ereignis und beteuerte, daß er gern dem Haifisch seinen besten Schnupftabak in die Augen geworfen hätte, wenn er damit seinen unglücklichen Bruder hätte retten können. Aber weder seine schonende Art noch seine edle Denkungsweise halfen im allergeringsten. Die Alte geriet außer sich, weinte und schlug um sich, kurz, gebärdete sich, als ob sie das ganze Haus einreißen wollte. Und die ganze Zeit rief sie: ›Das wurmt mich! Das wurmt mich!‹ Der Zwilling war beinahe ein bißchen beleidigt. Er hatte immer sein Bestes getan, um ihr alles recht zu machen. Und daß sie Witwe geworden, war ja nicht seine Schuld, sondern die des Hais. Übrigens hatte sie weniger Nachteile davon gehabt als sonst Witwen insgemein. Und er rappelte sich auf und sagte: ›Was wurmt dich denn, du närrische Trine? Hast du nicht selber gesagt, daß du gar keinen Unterschied zwischen mir und meinem Bruder gemerkt hast, sondern daß wir uns sozusagen das ganze Leben hindurch gleichgeblieben sind?‹ Aber die Alte schrie: ›Das wurmt mich doch eben. Wenn das Schicksal mich nun schon zur Witwe gemacht und mich verlockt hatte, den heiligen Eid, den ich meinem armen Manne geschworen habe, zu brechen, so hätte ich doch wenigstens ein bißchen Abwechslung davon haben können!‹   »Das ist eine gute Geschichte«, schloß Ludwig seine Erzählung. »Und wenn ich auch Tante Saras wegen die feinsten Pointen durch Blinzeln und Räuspern ersetzen mußte, werdet ihr wohl alle das Gefühl haben, daß dies eine tragische Geschichte aus dem wirklichen Leben ist. Will der Herr Pfarrer sie vielleicht Sonntags einlegen, und darf ich die Reklame besorgen, so garantiere ich ein ausverkauftes Haus!« Dieser grobe Scherz mit dem würdigen Seelsorger wurde von vielen Seiten mit Unwillen aufgenommen, aber der leibliche Sohn des Pastors brach in ein leises, wieherndes Kichern aus, das nebst dem Mienenspiel deutliche Bewunderung für den humorvollen Geist des jungen Grafen ausdrückte. Und Ludwig war betroffen. Er sagte zu Brita: »Was ist denn in den Esel gefahren? Schau, wie er grinst, wenn ich seinen Vater gröblich beleidige! Hat der Zorn die Fackel seines Verstandes ausgelöscht?« Er stand auf, ging zu dem Pastorssohn hin und sagte: »Hört der Herr? Hat der Herr mich nicht vorhin hinter dem Stall sprechen wollen?« »Ich weiß nicht recht«, murmelte der Pastorssohn und lächelte verlegen. Aber Ludwig runzelte grübelnd die Stirn und kehrte zu Brita zurück, die sagte: »Ruhe, mein Engel! Der wird kein Haar auf deinem Kopfe krümmen, wenn ich so weiter tun kann.« »Weiter tun?« wiederholte Ludwig. »Geliebter Ludwig«, sagte Brita, »glaubst du, ich werde es zulassen, daß dieser Flegel dich verprügelt und vielleicht dein schönes Kinderantlitz verunstaltet? Seit einer halben Stunde habe ich ihn in Behandlung, obwohl du blinder Maulwurf nichts gemerkt hast.« »Wieso Behandlung?« fragte Ludwig. Und Brita antwortete: »Ich wärme ihn an. Ich werde schon zeigen, daß ich diese Kunst ebensogut verstehe, wie Betty und Lizzy. Schau, wie er rot wird! Der Flegel wird sich nicht schlagen, sag' ich dir, es sei denn meinetwegen.« Nun erblaßte Ludwig, und als er sah, wie sein geliebtes, treues Mädchen einen anderen aufs Korn nahm, es auf ihn anlegte und ihn mit blitzenden Blicken beschoß, murmelte er leise zu sich selbst: »Gibt es ein größeres Gesindel als die Weiber? Wird bezweifelt!« Aber Lotte Brenner sagte: »Das war die Geschichte von einer goldenen Hochzeit, und ihrem Gehalt nach war sie ebenso dumm und nichtsnutzig, wie der Erzähler selbst. Aber ich denke daran, wie es mit mir armen Mädchen sein wird, wenn ich gealtert irgendwo ganz allein sitze, wenn kein Freund meine Wange streichelt, wenn ich ganz aufgehört haben werde zu gefallen. Dieser Gedanke bringt mich zur Verzweiflung.« Sie kraute sich lebhaft im Haar und nahm – zur schlecht verhehlten Verwunderung des Generalagenten – ihr kleines Pfeifchen hervor, stopfte es, zündete es an, machte einige kräftige Züge und spuckte dann weit in den Park hinaus. »Übrigens«, fuhr sie fort, »bin ich selbst als kleinwinziges Mädchen hier auf dem Gut auf einer goldenen Hochzeit gewesen. Und die fiel merkwürdig aus. Das war zu Lebzeiten meiner Tante, der Gräfin, vor Jan-Petters Zeit. Wollt ihr hören?« Und sie erzählte die Geschichte von:   Philemon und Baucis. »Wo jetzt die Arbeiterbaracken stehen, war in meiner Kindheit ein Garten, der sich sehen lassen konnte. Recht verwildert war er freilich, und die Apfel- und Birnbäume sahen eigentlich aus wie alte Besen, die unser Herrgott jeden Sommer mit etwas Laub behing, als ein Wunder und Zeichen, daß er tut, was ihm gefällt. Aber er hängte auch Birnen und Apfel hinauf und ließ sie gute Ernte tragen, ob nun ein Obstjahr war oder nicht. Mitten im Garten stand ein ziemlich großes, rotes, zweistöckiges Haus mit einem glockenförmigen dunklen Ziegeldach. Es mußte sehr alt sein; die Dielenbretter waren ellenbreit, die Schwellen ganze Baumstämme, die Türklinken fast zu schwer für meine Hände. An den Wänden des Saals waren holländische Kattuntapeten mit Blumenmustern, und da stand ein gewaltiger Kachelofen mit zwei Feuerstellen. Es war, wie man sagte, eine Wohnung für Standespersonen, und ich weiß nicht, für wen sie gebaut oder wie sie früher einmal verwendet worden war. Aber in meiner Kindheit wurde sie von Philemon und Baucis bewohnt, obgleich der Mann Erik gerufen wurde und die Frau Lovisa. Wie ich mich seiner erinnere, war er etwa achtzig Jahre alt oder vielleicht noch älter, die Alte ungefähr ein Jahrzehnt jünger. Er war irgendeinmal Kutscher im Schloß gewesen, aber das war schon so lange her, daß niemand sich erinnern konnte, wann. Ein paar Spenden und Geschenke bekamen sie wohl, aber Unterhalt oder Pension genossen sie nicht. Die einzigen Tiere, die ich dort sah, waren ein Schwein, eine Katze und drei uralte, kahle Hühner, die alle miteinander nicht mehr als ein Ei im Jahr zusammenbrachten. Ein Gärtchen und ein Kartoffelfeld hatten sie natürlich, und der Alte hatte einen langen, schwarzen Rock, der noch vom Schloß stammte, und die Alte ein lilageblümtes Kleid mit einer Halskrause. Sie saßen in dem feinen Hause als Herrschaftsleute, und der Hausrat war auch danach, wenigstens in dem großen Saal, der der einzige Raum war, in den Leute geführt wurden. Da stand dann der Alte in Positur und empfing einen, wenn man ihm eine Tüte Schnupftabak brachte. ›Danke jedenfalls für die freundliche Aufmerksamkeit‹, sagte er dann, ›ich hoffe mich bei der lieben Frau Gräfin revanchieren zu können.‹ Und das tat er im Herbst, wenn er mit seinen wunderbaren Birnen kam. Da kriegte er Schnaps und etwas zum Zubeißen, aber nicht wie andre Leute in der Küche, sondern im kleinen Salon. Und da saß er und unterhielt die Gräfin eine Stunde lang, worauf er einen Korb mit Süßigkeiten für Lovisa mitbekam. Aber diesen Korb brauchte er aus irgendeinem Grunde nicht selbst zu tragen, sondern ein Mädchen oder ein Knecht wurde ihm mitgegeben, und er ging nie neben dem Mädchen oder dem Knecht, sondern ein paar Schritte voraus und hielt einen Stock in der Hand. Niemand wußte, wie er so fein auftreten konnte, immer glattrasiert und mit Vatermördern um das breite Kinn. Niemand wußte auch, wer ihm und der Alten das Recht gegeben hatte, in dem großen Hause zu wohnen, das für ihren Stand und ihre Lebensumstände viel zu geräumig war. Die Gräfin stellte Nachforschungen an und fand, daß, als das Haus vor etwa dreißig Jahren leer gestanden hatte, die beiden Alten ganz einfach hineingezogen waren. Aber nun begann es in Larsbo knapp mit dem Raum zu werden. Die Gräfin ließ eine leerstehende Kätnerhütte im Walde für sie herrichten. Die hatte Küche und Kammer und war ganz nett; ein Gärtchen gehörte dazu, ein Stall, Obstbäume und Sträucher. Aber sie war ja in keiner Weise mit dem großen roten Hause zu vergleichen. Als die Gräfin dem Alten vorschlug, hineinzuziehen, lachte er ihr ins Gesicht und machte sich in höflicher, scherzhafter Weise über sie lustig. ›Nein, Frau Gräfin, damit dürfen Sie mir nicht kommen!‹ sagte er. ›Sonst müßte ich ja rein glauben, die Frau Gräfin ist nicht recht bei sich. Wie würde das denn aussehen, wenn wir in dieses Lausenest ziehen würden? Die Leute könnten ja glauben, daß es mit uns auf unsere alten Tage bergab gegangen sei! Nicht, daß ich mich viel darum schere, was da im Kirchspiel geschwätzt wird. Aber Lovisa hat ihre Gefühle! Und wenn ich mir erlauben darf, der Frau Gräfin in aller Bescheidenheit einen Rat zu geben: Verderben Sie sich's nicht mit der Lovisa!‹ Dabei mußte es vorderhand sein Bewenden haben. Der Alte spazierte zurück in das feine, alte Haus, flott, mit hochgetragenem Kopf und roten Backen zwischen den weißen Polissons. Und er hatte sich aus vielen Schwierigkeiten gezogen und bei so manchen Gelegenheiten seinen Willen durchgesetzt, indem er sagte: ›Darf ich einen Rat geben? Verderben Sie sich's nicht mit der Lovisa!‹ Aber Lovisa war ein kleines, altes Mütterchen mit großen runden Augen, großem rundem Kopf und kleinem rundem Körper. Sie war so urbescheiden, daß man beinahe glauben konnte, sie hätte die Sprache verloren. Sie sagte nie ein böses Wort, und das viele Gute, was sie sagte, bestand hauptsächlich in zärtlichen, entzückten Ausrufen. Es gab keine Reibungsfläche, um bei ihr anzustoßen, und das wußte der Alte wohl am besten, der sie regierte, wie der Hahn die Henne regiert. Er selbst war munter und gutmütig, und wenn wir Kinder in seinem Garten Obst stahlen, tat er immer, als sähe er uns nicht, falls wir nicht gar zu früh am Morgen kamen. Er hatte eine entsetzliche Morgenlaune, und das soll der Grund gewesen sein, weshalb er als Kutscher seinen Abschied bekam. Dies hatte zur Folge, daß wir Kinder sein Obst mit Vorliebe des Morgens stahlen, und selbst die Faulsten unter uns konnten der Versuchung nicht widerstehen, sondern krochen schon um sechs Uhr früh aus den Federn, um bei Erik zu stehlen. Da huschte er unter den Bäumen mit einer Peitsche herum und knallte nach uns. Meine Beine waren oft gestreift und geschwollen. Ob die Alte auch die Peitsche zu kosten bekam, das weiß ich nicht, ich glaube es kaum. Denn wenn er in dieser Laune war, pflegte er eine Art schrillen Pfiff auszustoßen, der, meiner Meinung nach, ein Warnungssignal für die Alte war. Und ich hörte ihn auch rufen: ›Weib, bleib mir vom Leibe! Ich habe den Teufel im Herzen und die Peitsche in der Hand!‹ Derlei begab sich des Morgens; sonst war er fromm und fröhlich. An der Alten hatte er nichts auszusetzen, nur drei Dinge: erstens das heftige Temperament, das sie seiner Behauptung nach hatte. Aber das war eine offenkundige Lüge. Zweitens, daß sie sich in den Unterrock schneuzte. Das war wahr und wurmte ihn um so mehr, als er behauptete, der einzige wirkliche Unterschied zwischen besseren und minderen Leuten läge im Taschentuch. Er hatte selbst die allerfeinsten Batisttücher mit dem Monogramm meines Großvaters und der Grafenkrone. Manche behaupteten, er habe sie gestohlen; aber wahrscheinlich ist, daß er sie nach Großvaters Tod bekommen hat, als die ganze Wäsche unter die Leute verteilt wurde. Der dritte Vorwurf bestand darin, daß die Alte ihm nicht auf der Stelle parierte und seinen Wünschen nicht augenblicklich nachkam. Das war teilweise richtig, denn die Alte war taub und verstand sehr schwer, was er zu ihr sagte. Seiner Meinung nach hätte sie aber in fünfzig Jahren seine Mienen und Gebärden schon verstehen lernen müssen. Er exerzierte und übte täglich mit ihr, ohne daß sie nennenswerte Fortschritte machte. Das betrübte sie beide, aber meiner Meinung nach lebten sie ganz glücklich miteinander. Dann begann jedoch das Torfausstechen in großem Maßstab, und der Raum in Larsbo wurde immer knapper. Der Verwalter lag meiner Tante in den Ohren und redete ihr zu, die beiden Alten zu delogieren und ins Armenhaus zu schicken, da sie sich in ihrem Starrsinn nicht mit der Waldhütte begnügen wollten. Das widerstrebte ihr jedoch, und sie fand einen anderen Ausweg. Die Alten hatten zwei Töchter, die beide sehr gut verheiratet waren, die eine mit einem Rauchfangkehrermeister in Örebro und die andere mit einem Kupferschmied in Arboga. Als die Gräfin einmal in Örebro war, ließ sie den Rauchfangkehrermeister kommen und machte ihm den Vorschlag, die Schwiegereltern zu sich in Kost und Quartier zu nehmen gegen angemessene Vergütung und einen entsprechenden Unterhaltsbeitrag, in Anbetracht ihres hohen Alters war es ja auch wünschenswert, daß sie Pflege und Aufsicht hatten. Der Rauchfangkehrermeister hatte nichts gegen diesen Vorschlag einzuwenden, was die Alte betraf, aber der böse Morgenhumor des Alten schreckte ihn ab. Er sagte: ›Mein Schwager in Arboga ist Kupferschmied und ein Teufelskerl, der fürchtet sich vor nichts. Wenn er den Alten nehmen will, so nehme ich gerne die Alte.‹ Sie wurden einig, und der Rauchfangkehrermeister und der Kupferschmied wurden ebenfalls einig. Die Zeit der Abholung wurde auf einen Tag im Spätsommer festgesetzt, an dem die beiden Alten die goldene Hochzeit feiern sollten und die Töchter und Schwiegersöhne ohnehin die lange Reise unternommen hätten, um ihnen eine Freude zu bereiten. Da der Alte ein Dickschädel war, beschloß man, die Sache bis auf weiteres geheimzuhalten. Meine Tante sagte also den beiden Leutchen noch nichts, und als der bedeutungsvolle Tag herankam, verreiste sie, nachdem sie noch zuerst verfügt hatte, daß die goldene Hochzeit mit allem erdenklichen Prunk und auf ihre Kosten gefeiert werden solle. Gegen zwölf Uhr am Tage der goldenen Hochzeit begaben wir uns in das feine, alte Haus. Ich, die ich sieben oder acht Jahre alt war, repräsentierte meine Tante, war weiß gekleidet und hatte einen Blumenkranz im Haar und einen großen Blumenwedel in der Hand, und in den Blumen steckte ein Kuvert mit Geld. Gleich nach mir kamen alle Honoratioren des Gutes, der Verwalter und die Buchhalter, der Großknecht und der Kutscher mit ihren Frauen, die Hausmamsell und die Kammerjungfer. Ferner fanden sich der Küster und der Schullehrer und die Schullehrerin und vielleicht noch einige andere ein, aber lauter bessere Leute. Ein paar Mädchen trugen große Körbe mit allerlei Gottesgaben. Der Alte im schwarzen Rock und galonierter Kutschermütze stand mitten im Garten und neben ihm seine Frau. Große, rotgelbe Birnen und rosagrüne Äpfel hingen an schweren Zweigen über ihren Köpfen. Der Alte nahm unsere Huldigung mit angemessener Überraschung entgegen, artig und würdig; die Alte schmunzelte und piepste vor Dankbarkeit und Glück. Ein Tisch wurde zwischen Himbeer-, Johannisbeer- und Stachelbeerbüschen gedeckt, und wir ließen uns nieder und guckten nach der Straße. Und plötzlich wirbelte eine Staubwolke auf, und aus der Staubwolke kam mit Rasseln und schmetternden Hufen der Larsboer Char à bancs , bekränzt und mit dem gleichfalls bekränzten Kupferschmied auf dem Kutschbock. Im Wagen saßen der Rauchfangkehrermeister, die Töchter und einige Kinder und Enkelkinder. Das Ganze schwankte, schlingerte und schlängelte sich; denn der Fuhrmann war mehr heiter als gewandt, und im Rucksack befand sich ein Fünfzehnliterkrug mit Branntwein und ein anderer mit Punsch. Wir Landleute waren still und sittsam gewesen und hatten über das Wetter gesprochen. Aber Städter wie diese sind vergnügter und beherzter und benehmen sich frei. Der Kupferschmied umarmte alle Anwesenden, und mich küßte er, so daß mir seine Bartstoppeln Löcher in die Haut stachen. ›Häßlich bist du‹, sagte er, ›aber jetzt hab' ich doch auf jeden Fall eine kleine Gräfin geküßt!‹ Wir setzten uns um den Tisch und aßen und tranken. Der Kupferschmied gab mir ein Glas Punsch, und gleich wurde mir so wirr im Kopf, daß ich nichts mehr deutlich sah und hörte. Arme und Beine, Köpfe und Hände tanzten vor mir zwischen den Birnen und Äpfeln unter dem Himmel herum. Aber als ich wieder zur Besinnung kam, fiel mein Blick auf die beiden Alten. Sie stand da und zog ihn am Rockärmel, und er zog nach seiner Seite, so daß sie hin und her wackelten. Der Alte schrie: ›Nein, ich will nach Arboga! Und das paßt für mich, denn das ist eine feine Stadt. Da werde ich über die breiten Straßen gehen und mich in den großen Auslagescheiben spiegeln, denn ich habe das Bauernland satt und dich auch, du altes Bauernweib!‹ Und er wendete sich an die andern und sagte: ›Glaubt ihr, ich habe ihr in all den fünfzig Jahren beibringen können, sich wie ein Mensch zu schneuzen?‹ ›Schneuz dich!‹ brüllte er der Alten ins Ohr. ›Der Rotz rinnt dir herunter!‹ Das war richtig, denn die Alte weinte bitterlich. Jetzt hob sie sofort den Rand des Unterrockes auf und schneuzte sich. ›Seht ihr's! Seht ihr's! Seht ihr's!‹ triumphierte der Alte. ›Drei Sachen habe ich ihr nicht beibringen können, obwohl ich jetzt fünfzig Jahre mit ihr geübt und exerziert habe: sich zu schneuzen wie ein Mensch, im Moment zu parieren und ihre böse Zunge im Zaum zu halten. Nein, jetzt habe ich dich aber übersatt, Lovisa! Fahr du nur nach Örebro! Ich fahre nach Arboga!‹ Die Alte zerrte und weinte und weinte und zerrte, und schließlich gelang es ihr, ihn ins Haus zu bugsieren. Das letzte, was ich von ihnen hörte, war der Alte, der schrie: ›Bis hierher hab' ich dich, Alte! Hab' ich's nicht fünfzig Jahre mit dir ausgehalten, und jetzt gönnst du mir nichts? Gönnst mir nicht, nach Arboga zu kommen! Aber das werd' ich! Und herrlich und in Freuden leben! Werd' ich!‹ Mehr bekam ich von Philemon und Baucis nicht zu hören und zu sehen, denn die Kammerjungfer meiner Tante nahm mich eiligst bei der Hand und führte mich nach Hause. Vermutlich war die Gesellschaft etwas zu lebhaft geworden. Aber als es am allerlustigsten zuging, soll der Alte wieder herausgekommen sein, verlegen und ernst. Er zog seinen Schwiegersohn, den Kupferschmied, beiseite und erklärte, das Ganze sei nur ein Spaß gewesen. Weder würde er nach Arboga fahren noch die Alte nach Örebro, sondern sie würden in ihrem Hause verbleiben, die Tage, die ihnen noch beschieden seien. Da wurde der Kupferschmied zornig, und er sagte: ›Wenn du dickschädlig bist, Alter, dann werden wir gleich zusammenpacken. Und das müssen wir ohnehin, da wir in aller Frühe, um fünf Uhr, aufbrechen sollen.‹ So gingen sie denn ins Haus, die Töchter und die Schwiegersöhne und die andern, und begannen zu packen. Der Verwalter ließ einen Leiterwagen vorfahren, und in den wurde der Hausrat gestopft. Und der Verwalter sagte: ›Es ist der Befehl der Frau Gräfin. Da habt ihr's, weil ihr nicht in der Waldhütte wohnen wolltet.‹ Nun ging die Alte von dem einen zum andern, von den Töchtern zu den Schwiegersöhnen, vom Verwalter zum Küster, vom Schullehrer zur Hausmamsell. Sie gab jedem die Hand, und zu jedem sagte sie, während sie immerzu weinte: ›Ach, du liebes Herrgöttle! Könnt ihr denn nicht verstehen?‹ Der Schulmeister sagte: ›Was können wir nicht verstehen? Sollen alte Leute so närrisch sein, daß sie nicht ein jedes in seiner Stadt wohnen können? Wenn es nur zu ihrem Besten ist und sie die zärtlichste Pflege von Kindern und Kindeskindern haben?‹ Aber die Alte hatte keine anderen Worte als diese: ›Könnt ihr denn nicht verstehen! Könnt ihr denn nicht verstehen!‹ Und der Alte stand wortlos vor dem Umsturz, schwer nach dem Mittagsrausch. Wußte schließlich nichts Besseres, als seinen alten Kniff anzuwenden und zu sagen: ›Darf ich einen Rat geben? Verderben Sie sich's nicht mit der Lovisa!‹ Da konnten sie nicht umhin zu lachen, aber sie waren auch gerührt von der Hilflosigkeit der beiden Alten; sie umarmten sie und streichelten sie, und unterdessen packte man fertig. Als diese Arbeit erledigt und die Alte endlich verstummt war und der Alte mit ihr, wollte der Kupferschmied, daß es wieder lustig werde, da es ja doch auf jeden Fall ein Festtag war. Die beiden Alten wurden bekränzt, der Rauchfangkehrermeister hielt eine Rede auf sie und pries ihre Treue und Liebe; die Töchter und die Kinder setzten sich zu ihnen und hätschelten sie. Sie ließen es geschehen; aber als sie ein Weilchen so gesessen hatten, standen sie auf, und der Alte sagte: ›Sollen wir beizeiten fahren, so ist es am besten, daß wir auch beizeiten zu Bett gehend!‹ Sie gingen in das Haus hinein, wo man ihnen ein Bett für die Nacht stehengelassen hatte. Im Garten dauerte das Fest fort, und da die Hausmamsell mit freigebiger Hand dafür gesorgt hatte, hörte die Freude nicht so bald auf. Sie waren vergnügt, bis plötzlich eines der Enkelkinder gelaufen kam und rief: ›Schaut! Großvater und Großmutter! Schaut! Großvater und Großmutter dort auf dem Weg!‹ In einiger Entfernung sah man über den Weg den alten Mann und die alte Frau gehen, und zwischen sich schoben und zogen sie einen Karren, und auf dem Karren stand das Bett. Sofort stürzten sie ihnen nach und hatten sie bald eingeholt. Sie schrien und riefen durcheinander, einige ärgerlich, andere gerührt, wieder andere lachend. Aber der Alte sagte: ›Jetzt gehen wir ins Waldhäusel. Wollt ihr uns das auch nicht gönnen?‹ ›Das gibt's nicht!‹ sagte der Kupferschmied. ›Wir haben mit der Frau Gräfin alles mit Wort und Handschlag abgemacht, und da läßt sich nichts ändern.‹ Er nahm den Alten beim Arm, ganz wie ein kleines Kind, der Rauchfangkehrermeister nahm die Alte, und die andern nahmen den Karren. Dann schlossen sie sie in das Haus ein. Das Fest dauerte fort, bis es Zeit wurde, zu Bett zu gehen. Die Städter hatten Unterkunft im Herrenhof gefunden, aber eine der Töchter blieb zurück, um über die beiden Alten zu wachen, die ins Bett gekrochen und eingeschlummert waren. Sie richtete sich ein Lager neben dem ihren und hielt sich eine gute Weile wach. Da sie nichts anderes von ihnen hörte als ein gleichmäßiges Schnarchen vom Vater und ein Schnüffeln von der Mutter, überließ sie sich auch dem Schlummer und schlief eine Stunde lang. Mitten in der Nacht erwachte sie und fand das Bett der beiden Alten leer. Nachdem sie vergeblich gerufen und gesucht hatte, eilte sie in das Schloß hinauf und weckte die Ihren. Sie begaben sich wieder den Weg zum Waldhäusel hinauf und waren noch nicht lange gegangen, als sie sie einholten. Der Alte lag der Länge nach quer über dem Weg, und die Frau saß am Straßenrand, seinen Kopf auf ihrem Schoß. Als sie sah, daß die Kinder wieder über ihr waren, begann sie ihren Mann zu schütteln und an ihm zu zerren, aber er erwachte nicht. Die Kinder nahmen ihn in die Mitte und trugen ihn nach Hause, die Frau folgte stumm nach. Der Körper des Alten war eiskalt, und die Kinder glaubten, er liege im Sterben. Aber nachdem sie ihn abgerieben und mit heißen Breiumschlägen erwärmt hatten, spürten sie, daß Herz und Puls normal schlugen. Ihn erwecken konnten sie jedoch nicht. Man holte einen Arzt und einen weisen Mann und eine kluge Frau und alles, was es in der Gegend an Einsicht und Verstand gab, aber ihn erwecken, das konnten sie nicht. Die beiden Schwiegersöhne mußten in ihre Städte und zu ihren Berufen zurückkehren. Die Töchter blieben da, um das Erwachen des Greises abzuwarten. Er schlief fünf Tage und fünf Nächte hintereinander, und sein sonderbarer Zustand erregte allgemeines Staunen. Denn obgleich Herz und Lunge normal arbeiteten, schienen alle anderen Funktionen des Körpers aufgehoben zu sein. Die Töchter betrauerten ihn schon als tot, und seine Frau vergoß hier und da ein Tränlein, ohne doch jenen fassungslosen Schmerz zu zeigen, den man erwartet hatte. Das war auch ein Rätsel. Und beides fand seine Erklärung gleichzeitig in der sechsten Nacht. Die eine Tochter, die in dem Zimmer neben der Schlafkammer der Alten schlief, wurde nämlich von einem klirrenden Geräusch geweckt. Sie horchte, aber als sie keinen weiteren Lärm hörte, glaubte sie geträumt zu haben; sie stand immerhin auf und öffnete einen Türspalt. Im Bette saß der Alte kerzengerade und, nach seinem Gesicht zu urteilen, in seiner fürchterlichsten Morgenlaune; auf dem Boden lag die Alte auf den Knien und klaubte gekochte Kartoffeln und die Scherben einer Schüssel auf. Und sie flüsterte: ›Schau, schau! Laß gut sein! Morgen kommt die Frau Gräfin zurück, und dann brauchst du nicht mehr daliegen und Komödie spielen und kannst was Ordentliches zu essen kriegen.‹ Das Geheimnis war verraten, und die Falschheit des Alten und die List der Alten waren enthüllt, denn sie soll es ausgeheckt haben, daß der Alte sich scheintot stellen solle. Aber da er schließlich der mageren Kost, die sie ihm zustecken konnte, überdrüssig geworden war, hatte er ihr einen Stoß versetzt, daß ihr die Schüssel aus den Händen geflogen war. Nun wollten die Töchter sich wieder ins Mittel legen und die beiden Alten jedes in seine Stadt spedieren. Meine Tante kam jedoch am selben Tag an. Sie ließ im Hause die alte Ordnung wiederherstellen und verbot jedem, Philemon und Baucis zu beunruhigen. Kaum hatte sie dieses Verbot ausgesprochen, als der Alte auf seinen Beinen stand, frisch und munter. Doch währte die Freude nicht lange, denn schon am Tage darauf lag er in seinem Bett, und jetzt führten sich weder Herz noch Lunge so auf, wie sie sollten. Die Spannung war vorüber, der Wille war erschlafft, und der alte Körper gab nach. Eines Tages, als es zu Ende ging, ließ er meine Tante holen. Sie saß lange und geduldig bei ihm, aber sie konnte aus ihm nicht herauslocken, was er eigentlich wünschte. Schließlich sagte er: ›Die Frau Gräfin darf nicht mich fragen, sondern die Lovisa! Denn sie führt das Regiment. Und verderben Sie sich's nur nicht mit ihr, Frau Gräfin!‹ Da ging meine Tante in die Küche hinaus, wo die Alte herumwirtschaftete, und fragte sie, was sie beide wünschten. ›Ach, ach!‹ jammerte die Alte. ›Hat er es denn noch nicht gesagt? Es ist nichts anderes, als daß die Frau Gräfin sich mit dem Begräbnis nicht beeilen möge, so daß wir alle zwei auf einmal unter die Erde kommen. Das wünschen wir, wenn die Frau Gräfin so gut sein will, nicht zu pressieren, obwohl Sommer ist. Und lange dauert es ja ohnehin nicht.‹ Meine Tante versprach alles, was gewünscht wurde, denn sie glaubte, daß der eine phantasiere und die andere an ihrem Verstand Schaden genommen habe. Aber zwei Tage, bevor der Alte starb, erkrankte die Frau an einer Lungenentzündung, und zwei Tage nach seinem Tode starb auch sie. Da nun die beiden Alten jeder das seinige getan, tat auch meine Tante das ihre und sorgte für ein anständiges und schönes Begräbnis. Philemon und Baucis flehten um die Gnade, gleichzeitig sterben zu dürfen. Ich glaube nicht, daß es Erik und Lovisa in den Sinn gekommen wäre, eine solche Bitte zu tun. Aber als sie beide das Ende nahen fühlten, fanden sie es klug und wohlgetan, das Begräbnis so einzurichten, wie es dann geschah. Aber trotz dieser Verschiedenheit nenne ich sie Philemon und Baucis. Und damit schmeichle ich niemand und schmähe ich niemand.«   Während Lotte Brenner ihre Geschichte erzählte und sie mit rufzeichenförmigen Rauchwolken punktierte, stand Frau Olga von den übrigen abgewendet da und trat sachte von einem Fuß auf den anderen. Sie mußte ein Geständnis ablegen, und sie wußte, daß es mit brausender Empörung aufgenommen werden würde. Sie sagte sich selbst, daß sie ein selbständiges Wesen sei, das auf niemanden Rücksicht zu nehmen brauche, aber das half ihr herzlich wenig. Ihre Knie knickten ein; sie sank auf einen Sessel. Sie stammelte und sagte mit aufeinanderschlagenden Zähnen: »Ju – Jungens! Ich habe euch etwas zu sagen.« Sofort lauschte man aufmerksam, denn wenn ein Willmanmädchen die Menschheit mit dem Kollektiv Jungens anruft, dann ist ihre Mitteilung von Gewicht, und ihr seelisches Gleichgewicht ist erschüttert. Mit gefestigterer Stimme fuhr sie fort: »Ihr werdet schreien und toben, aber das macht mir gar nichts. Das kann meinen Entschluß nicht beeinflussen. Ich bin ein selbständiges Wesen. Das gedenke ich jetzt zu zeigen. Jan-Petter hat mir nicht gestattet, an der Führung des Gutes teilzunehmen –« »Jan-Petter«, unterbrach der Pastor, »war in mancher Hinsicht ein verständiger Mann und guter Ehegatte. Nichtsdestoweniger sagt mir meine Erfahrung als Mensch und als Seelsorger, daß die kleine Gnädige sich wieder verheiraten sollte.« »Da hat Jan-Petter einen Riegel vorgeschoben«, bemerkte Dr. Karolina trocken. »Bei ihrer Wiederverheiratung fällt Larsbo an Ludwig. Das wäre ein großer Verlust.« »Namentlich für die Willmänner«, höhnte Ludwig, dessen Laune infolge Britas energischem Augenflirt mit dem Pastorssohn unablässig verdüstert wurde. »Meine erste Maßregel wäre, die entsetzlichen Mädels auszumieten, mit Ausnahme von Ollo selbst, die sittlich unantastbar und ein netter Kerl ist.« »Jan-Petters Testament«, fuhr Dr. Karolina mit Nachdruck fort, »gereicht Larsbo zum Vorteil. Solange Olga unverheiratet ist, wird sie Casimir Brut als Verwalter behalten. Und das Gut kann in keinen besseren Händen sein. Hätte Olga das Recht, wieder zu heiraten, würde sie vielleicht an irgendeinen jungen Taugenichts geraten, der Larsbo zugrunde richten würde.« Frau Olga streckte ihre Zeigefinger in die Höhe und rief: »Ich war doch die, die reden sollte!« Und da niemand ihr das Recht bestritt, fuhr sie fort: »Ich bin ein selbständiges Wesen –« »Das haben wir gehört«, paffte Lotte. »Ich finde Jan-Petters Testament unsittlich. Erst dreißig Jahre alt sein und nicht wieder Heiraten dürfen! Man denke an die Folgen!« »Ich bin ein selbständiges Wesen!« wiederholte Frau Olga mit erhobener Stimme und Tränen in der Kehle. Nun unterbrach sie Ludwig, sagend: »Die große Katharina von Rußland war auch ein selbständiges Wesen und durfte auch nicht wieder heiraten, wie man mir gesagt hat. Die Folge war ein Aus- und Einlaufen von diversen Mannspersonen, ärger als in irgendeiner Magdkammer –« Frau Olga sagte: »Wollt ihr zuhören oder nicht?« Und da alle ihre Bereitwilligkeit beteuerten, fuhr sie fort: »Die Familie hat mich immer als eine Null betrachtet, aber ich gedenke jedenfalls zu zeigen, was ich leisten kann. Ich gedenke das Gut selbst zu verwalten. Ich gedenke gewisse Reformen einzuführen. Die Moral in Larsbo ist derart, daß sie Anstoß erregt. Ich bin nicht engherzig, aber ich sehe ein, daß diese laxe Moral eine ernste Gefahr bedeutet. Ich will den Geist des Hauses reformieren. Das wird meine Lebensaufgabe sein.« »Gedenkst du ein Missionshaus zu bauen?« fragte Dr. Karolina, »und mit dem Spillebodaer zusammenzuarbeiten?« Frau Olga fauchte: »Meine Methode basiert auf psychologischen Beobachtungen. Sie wird rein wissenschaftlich sein.« »Und was willst du erreichen?« fragte die Magenärztin. Frau Olga erwiderte mit Nachdruck: »Erhöhte Arbeitsintensität, verringerte Betriebskosten, verdoppelten Ertrag!« Da verneigte sich der Herr Generalagent bis zur Erde vor der tüchtigen Frau. »Jetzt höre ich, daß die Gnädige den richtigen Weg eingeschlagen hat! Verringerte Kosten und verdoppeltes Netto ist ein sehr gesundes Prinzip.« »Meinetwegen«, gab Dr. Karolina zu, »kannst du reformieren und experimentieren soviel du willst. Wenn du nur nicht Herrn Brut ungeduldig machst.« »Denn dann geht alles zum Teufel«, bestätigte Ludwig. »Casimir hat dir gegenüber väterliche Nachsicht, aber ich habe eine Heidenangst, daß er dir eines schönen Tages eine herunterhaut. Nimm dich nur in acht! Ich weiß, wie das schmeckt!« Die Warnung hatte eine sonderbare Wirkung auf das selbständige Wesen. Sie wiegte sich hin und her, so, als ob sie von Magenschmerzen gequält würde. Das Gesicht drückte das Schwindelgefühl eines jungen weiblichen Geschöpfes aus, das unwiderruflich entschlossen ist, die Zehenspitzen in kaltes Wasser zu tauchen. Und plötzlich stieß sie die schicksalsschweren Worte hervor: »Jungens! Ich habe Casimir Brut entlassen.« Diese Mitteilung, die an das Unfaßbare grenzte, wurde mit lang anhaltendem Schweigen aufgenommen. Endlich sagte Dr. Karolina mit Ruhe und Nachdruck: »Das würde bedeuten, daß du schwachsinnig geworden bist. Was ist deine Absicht? Erkläre dich!« Frau Olga murmelte fast unhörbar: »Ich gedenke das Gut selbst zu verwalten.« Betty sagte: »Begabte Personen, die so wie Olga lange von ihrer Umgebung über die Achsel angesehen wurden, fallen leicht dem Größenwahnsinn zum Opfer. Hier ist es Pflicht des Arztes, einzugreifen.« Wieder herrschte für einen Augenblick Schweigen, worauf die Damen Willman, das Unglück in seinem ganzen Umfang plötzlich erfassend, ausriefen: »Casimir Brut entlassen! Das ist nicht wahr! Das ist unmöglich!« »Jetzt ist es auf jeden Fall geschehen«, murmelte Frau Olga, erhob sich von dem Sessel und hielt sich an dessen Rückenlehne aufrecht. Ludwig, den Mitleid mit ihrem jammervollen Zustand ergriff, bemerkte milde und beruhigend: »Kein Unglück ist unkurierbar, ausgenommen der Tod. Und auch der läßt sich vermeiden, wenn man rechtzeitig ein Komitee einsetzt. Laßt uns überlegen! Ollo hat Casimir beleidigt. Sie ist übrigens schon lange so aufgetreten, als ob sie und nicht er in Larsbo zu befehlen hätte. Das muß anders werden. Vor allem einmal muß sie ihn unter feierlichen Formen um Entschuldigung bitten. Vielleicht läßt er sich von ihren Tränen erweichen –« Die Tränen der kleinen Frau hatten wirklich zu fließen begonnen, eine nach der anderen, sachte, aber stetig rannen sie die Wangen hinab. Die leichtgerührten Willmanmädchen stimmten den Ton um. Mit sanfter Stimme fragte Dr. Karolina: »Und warum, arme Ollo, hast du Brut entlassen?« »Weil«, antwortete Frau Olga mit plötzlicher Bestimmtheit, die Tränen verschluckend, »weil das auf die Dauer nicht geht, zwei Willen in einem Hause.« »Und wer«, fragte Ludwig wohlwollend, aber bekümmert, »wer hat dir, arme Ollo, eingeredet, daß du einen Willen hast?« »Und wen«, fuhr Dr. Karolina fort, »gedenkst du an seine Stelle zu setzen? Vermutlich irgendeinen jungen Menschen, der ein vorteilhafteres Exterieur aufweisen kann als Herr Brut.« »Übertrieben schön ist er nicht«, gab Lizzy zu. »Und alles eher als liebenswürdig. Aber in einem solchen Fall wie diesem würde ich mich nur an seine Tüchtigkeit halten.« »Ach, wir armen Mädchen!« rief Lotte. »Wie wird das gehen, wenn Ollo uns ruiniert! Mein kleines Stipendium reicht kaum für den Tabak.« »Lauschiges Larsbo!« tremolierte Ludwig mit tiefen Brusttönen. »Stolzes, männliches, väterliches Haus, das in eines Weibes Hände gefallen! Im Geiste sehe ich deine Ruinen! Wiesen und Felder von Unkraut erstickt, unter ergrauendem Moos begraben. Vergeblich brüllen die Rinder nach Nahrung und Pflege und zerstreuen schließlich ihre Gebeine über das Moor, Scheuern und Scheunen stürzen modernd zusammen unter den dumpfen Seufzern des Windes. Und in dem dachlosen Schlosse sprießt Gras aus der Erde der faulenden Dielen. Uhu und Habicht horsten in Sälen und Prunkgemächern, der Fuchs hat seinen Bau im Keller. Aber sonst ist die Jagd kaputt, denn Hunderte von Wildschützen haben sie ruiniert. Und in den meilenweiten Wäldern gibt es kein anderes eßbares Wild als die Willmanmädchen, eine irrende, ausgehungerte Schar, die schließlich die sehnsüchtigen Blicke auf den keuschen Mann im Mond richtet. Dies, o Larsbo, ist dein Los, wenn Casimir geht.« »Schwätze keine solchen Dummheiten!« unterbrach Dr. Karolina in schrillerem Ton. »Ich kann es nicht ertragen, über diese Sache sprechen zu hören. Junge Witwen sind ja als launisch bekannt und stellen große Ansprüche an ihre Umgebung, namentlich die männliche. Aber alles muß doch Maß und Ziel haben! Ich werde sofort mit Herrn Brut sprechen!« Sie erhob sich, um ihren Entschluß auszuführen. Aber Frau Olga stellte sich ihr in den Weg, sie ergriff sie beim Arm und drückte ihn so hart, daß es schon mehr wie ein Zwicken aussah. Sie sagte: »Herr Brut hat seinen Abschied bekommen, und wer sich in diese Sache zu mischen gedenkt, tut am besten daran, Larsbo zu verlassen. Ich bin ein selbständiges Wesen, und ihr dürft nicht glauben, daß es mir um eure Gesellschaft so sehr zu tun ist. Von mir aus könnt ihr abziehen! Alle miteinander! Sonst könnte es passieren, daß ich euch hinauswerfe!« Nachdem die kleine Frau diese wunderbare Drohung hinausgeschleudert hatte, ergriff sie selbst die Flucht und verließ halb laufend das Lusthaus. Auf stürzte Tante Sara und setzte ihr nach; Dr. Karolina schnappte einen Augenblick nach Atem, aber folgte dann rasch. In ihren Fußstapfen glitt mit weich wiegendem Gang Lizzy, trippelte Betty, latschte Lotte, der das struppige Haar schlaff über Stirn und Nase hing. Brita schließlich nahm sich Zeit, einen neuen Bärenzucker in den Mund zu stecken und dem Sohn des Pastors zum Abschied einen langen Blick zu schenken. »Hört der Herr!« sagte Ludwig zu diesem. »Die Mädeln können einen rasend machen. Hat der Herr das gemerkt? Sie sind ja ganz nett, solange es anhält, aber nachher schlägt es einem schlecht an. Denkt der Herr so wie ich, so gehen wir hinter den Stall. Jetzt ist der richtige Augenblick dafür.« Und sie gingen zusammen hinter den Stall. Nachdem der Kutscher gerufen worden war, um als Schiedsrichter zu fungieren, bemerkte Ludwig sachlich und besonnen: »Weiß der Herr, was ich von einer sehr glaubwürdigen Persönlichkeit gehört habe? Ich habe gehört, daß der Vater des Herrn ein urgemütlicher Pfarrer sein soll!« »Wer sagt das?« fragte der Pastorssohn. »Ich!« antwortete Ludwig. »Und du«, gab der Pastorssohn zurück, »bist ein ganz unerzogener Lümmel und ein ekliger Mädel-Junge.« »Wer sagt das?« fragte Ludwig. »Ich!« antwortete der Pastorssohn. Diese kurze Zeremonie gab der Schlägerei ihre moralische Berechtigung, und die beiden Recken legten nun mit Würde und ohne jede Eile ihre Röcke ab, worauf der Kutscher sich räusperte, ausspuckte und sagte, jetzt könne es losgehen.   Im Lusthaus blieben jedoch der Pastor, Fräulein Alexander und der Generalagent zurück. Der Pastor wanderte bedächtig umher, nahm einen Kuchen hier und einen Zwieback dort und steckte sie gedankenvoll in seine Taschen. Endlich tat er seinen Mund auf und sagte: »Da wird hin und her geredet über Liebe und anderes, aber mir scheint, daß es hier etwas gibt, was verborgen werden soll. Irgendwo liegt ein Hund begraben, das werdet ihr schon sehen. Es geht nicht alles mit rechten Dingen zu. Und was ist denn das für eine Geschichte mit dem fortgelaufenen Mädchen?« »Ach, Herr Pastor«, erwiderte Fräulein Alexander, »das ist eine entsetzliche Geschichte! Das Mädchen soll zum Spillebodaer Brunnen geschleppt, ermordet und ins Wasser versenkt worden sein.« »Wer hat Ihnen denn das aufgebunden, Fräuleinchen?« fragte der Pastor und riß die Augen auf. Fräulein Alexander lächelte. »Ich habe das so an mir«, sagte sie, »daß die Leute sich mir gerne anvertrauen, wenn sie etwas Trauriges oder Schreckliches auf dem Herzen haben. Ich weiß nicht, wie es kommt, aber so ist es. Und diesen traurigen Vorfall hörte ich schon auf dem Hinweg von einer alten Frau, der ich begegnete, und sie hatte es von ein paar Burschen gehört, und die hatten es wiederum von dem Häusler in Spilleboda. Es soll große Unruhe unter den Arbeitern herrschen, und man muß auf alles mögliche gefaßt sein, wenn der Schuldige nicht gesteht und der Strafe zugeführt wird. Aber wer dieser Schuldige ist, das könnte ich dem Herrn Pfarrer auch sagen, wenn ich es mir nicht zum Prinzip gemacht hätte, solche Dinge nie weiterzutragen.« »Geschätztes Fräulein!« erwiderte der Pastor. »Wenn Sie für eine glaubwürdige Person gelten wollen, dann wiederholen Sie nie, was Sie in Larsbo sagen hören. Unter so vielen Frauenzimmern gedeiht der Geist der Lüge üppig, und ich übrigens, weiß Gott, auch. Immerhin halte ich es nicht für unmöglich, daß etwas Schauriges vorgefallen ist, und in diesem Falle habe ich eine ganz nette Entdeckung gemacht. Heute früh, als ich mich mit meinen Kindern dem Gute näherte, machten wir auf dem Hügel bei Spilleboda halt. Denn die Stunde war früh, und man wird von Müßiggängern nicht gut empfangen, wenn man sie in ihrem Morgenschlaf stört. Darum schickte ich meine Kinder aus, um im Walde Beeren zu pflücken. Und einige von ihnen kamen zurück und erzählten, sie hätten die Kammerjungfer der gnädigen Frau im Gehölz gesehen, von einem Mannsbild festgehalten und mit ihm kämpfend, worauf sie sich schließlich losgerissen hätte. Schreiend sei sie davongelaufen und er ihr nach. Und dieses Mannsbild sei kein anderer gewesen als der Verwalter Casimir Brut. Aber ich, mein geschätztes Fräulein, gehe jetzt und strecke meine alten Knochen auf einer Wiese aus und mache vor dem Mittagessen ein Schläfchen.« Damit ging der Pastor. Allein mit dem Generalagenten, bemerkte Fräulein Alexander: »Ich habe eine ziemlich gute Beobachtungsgabe, und mir entgeht kaum etwas. Ich könnte allerlei erzählen, was den Herrn Generalagenten baß erstaunen würde.« Aber der Generalagent erwiderte: »Meine Liebe, ich bin nicht neugierig. Fremder Leute Sorgen kümmern mich nicht, und ich meinesteils gedenke vergnügt zu sein, solange ich kann und noch ein bißchen länger. In meiner Jugend und meinem Mannesalter führte ich ein mühseliges und unruhiges Leben, war bald da, bald dort und legte mich tüchtig ins Zeug, wie man so sagt. Ich hatte eine Masse Agenturen, große Artikel, gute Artikel. Aber jetzt bin ich nur ein angenehmer Gesellschafter, der seine Stunden in Ruhe genießt. Liebesangelegenheiten und Geldangelegenheiten sind für mich ein Ding und machen mir nicht kalt und nicht warm. Ich habe mich zurückgezogen und bin jetzt nur noch Generalagent für künstliche Vögel. Das ist ein kleiner Artikel, aber fein und angenehm.« Er öffnete mit liebevoller Sorgfalt die Dose, und der Käfig mit dem Vogel kam zum Vorschein. Er drehte eine Scheibe, und das niedliche Tier verneigte sich artig, schlug mit den Flügeln und klatschte mit dem Schwanz. Der Generalagent lächelte zärtlich und beseligt: »Meine Liebe«, sagte er, »wir sind beide in das Alter gekommen, wo man so ziemlich das meiste mit Ruhe hinnehmen kann. Das Wetter ist schön, das Plätzchen lauschig. Was fehlt uns? Ja, ein wenig Vogelgezwitscher! Horchen Sie auf, so hören Sie eine Nachtigall, die nie heiser wird! Das ist Kunst, die selbst die Natur übertrifft! Und der Preis ist phantastisch billig! Horchen Sie auf, gleich werden Sie hören! Ohne Kaufzwang! Nur um den Reiz des Ortes und der Stunde zu erhöhen!« Er drückte auf einen Knopf, und sofort begann der Vogel wohllautend zu singen.   So wie eine Henne, wenn sie ihr Ei in Frieden legen will, suchend bald hin, bald her huscht, um ein Versteck vor der übrigen Schar zu finden, so lief Frau Olga, unruhig und verwirrt, bald im Park herum, bald im Hof, und schließlich durch die Säle und Zimmer des Hauses. Hinter ihr drein Dr. Karolina und Lizzy, Betty, Brita und Lotte, während Tante Sara abschwenkte und atemlos aus dem Spiel austrat. Hie und da riefen die Damen, eine nach der anderen: »Was ist geschehen? Was ist geschehen?« Aber bekamen keine Antwort. Endlich, in einem Zimmer mit nur einem Ausgang konnte Frau Olga den Verfolgern nicht länger entgehen. Der Raum war klein, intim, kokett in seinem nachgeahmten Rokoko. Einstmals ein Aufenthalt für Jan-Petters Auswahl schlüpfriger Bilder, zeigten die Wände jetzt nichts Unanständiges, wenn man nicht ein Porträt Jan-Petters dazu rechnen will. Der Mäzen hält eine kleine appetitliche Gruppe in der Hand, »Leda mit dem Schwan«, und scheint in eine gut wiedergegebene ungeheuchelte Bewunderung versunken. Hier war Frau Olga gefangen, und hier keuchten die Damen im Chor: »Aber Ollo! Was ist geschehen?« Sie betrachtete sie mit Augen, die eine heiße, funkelnde Wut rasch trocknete. Plötzlich nahm sie Jan-Petter zwischen ihre Hände und kehrte ihn rechtsum der Wand zu. Setzte sich dann starr und steif auf einen Stuhl und sagte: »Das ist ja das Schreckliche! Daß, wenn ich von einer Idee gepackt werde, sie durchdacht, bearbeitet, gesichtet und sie euch in aller Eile skizziert habe – dann fragt ihr: ›Was ist geschehen?‹ Als ob ich unmöglich eine Idee haben könnte, ohne daß etwas geschehen ist! Nicht von selbst denken, beobachten, analysieren, synthetisieren, grübeln, erfassen, verstehen könnte! Glaubt ihr, mir muß erst ein Dachziegel auf den Schädel fallen, oder ich muß einen Magenkrampf oder andere Gebreste haben, um zu einer Weltanschauung zu gelangen?« »Ollo!« sagte Dr. Karolina, setzte sich ihr gegenüber hin und suchte sie mit ihrem ärztlichen Blick zu bändigen. »Wir wissen, daß du von selber denken, beobachten, analysieren, synthetisieren, grübeln, erfassen und verstehen kannst. Aber du kannst uns doch immerhin sagen, was geschehen ist?« »Nun ja«, sagte Frau Olga, »nichts ist geschehen; aber ich kann schon sagen, was mich quält. Er dort!« Und sie deutete mit dem Daumen über die Achsel auf Jan-Petters rechtsumgedrehtes Porträt. »Er quält mich heute den ganzen Tag und übrigens schon viele Tage und überhaupt immer. Ich bin nicht abergläubisch, ich glaube nicht an ein Leben nach diesem. Ich selbst werde sterben wie eine Blume und ihr auch! Aber für Jan-Petter mache ich eine Ausnahme. Er war zu konzentriert boshaft, um mich in Ruhe zu lassen, solange noch irgend etwas von mir übrig ist. Er geht um, und er wird weiter umgehen, bis er seinen Willen durchgesetzt hat.« »Willen?« wiederholte Dr. Karolina. »Erkläre dich! Was wollte Jan-Petter?« Frau Olga ließ ihre Zeigefinger einen Spitzbogen bilden, den sie betrachtete. Plötzlich lächelte sie; sie hob den Blick und ließ ihn von Dr. Karolina zu Betty wandern, von Betty zu Lizzy, von Lizzy zu Lotte. Und noch immer lächelte sie; aber die anderen lächelten nicht; sie blinzelten, verlegen und nervös, sie bissen sich auf die Lippen, sie wendeten sich ab. »Nun ja«, antwortete Frau Olga auf die Frage. »Was er im Allerinnersten wollte, läßt sich vermutlich nicht in gemeinverständlicher Sprache ausdrücken. In den letzten Jahren konnte er ja nur stottern und lallen. Aber wir können ja sagen, daß er mich zu einem schlechten Menschen machen wollte. Er wollte mir das bißchen Glauben an die Existenz sittlicher Kräfte, das ich noch hatte, nehmen. Ich habe zehn Jahre lang, Abend für Abend, seine Geschichten angehört. Seine Seele war in Erotik ertrunken und war so aufgelöst, verfault und widerlich wie ein Körper, der monatelang im Wasser gelegen ist. Ihr könnt mir glauben, er hat mir nichts erspart, von den Phantasien der puerilen Impotenz bis zu denen der senilen. Aber wenn ich mit meiner teuer erkauften Erfahrung eine Idee aufwerfe und gewisse Reformvorschläge darlege, dann behandelt ihr mich wie ein kleines Kind, lacht mich aus und fragt mich noch dazu, was geschehen ist!« »Das ist ungehörig«, gab Betty zu. »Und wir interessieren uns gar nicht mehr dafür, was geschehen ist. Wir haben den intensiven Wunsch, dich zu verstehen, aber wir ersuchen ergebenst um Sachlichkeit und Ruhe.« »Ich bin immer sachlich, solange man mich nicht reizt. Aber ich habe den ganzen Tag das Gefühl gehabt, daß Jan-Petter mich auslacht. Und wie benehmt ihr euch? Schon heute früh habe ich angefangen, mit euch ernst über diese Dinge zu sprechen, aber anstatt mir eure Ansichten mitzuteilen, tischt ihr eine unanständige Anekdote und Geschichte nach der anderen auf. Ihr glaubt ganz einfach, ich hätte keine Ansichten.« »Um dir das Gegenteil zu beweisen«, fiel Lizzy ein, »bitten wir inständigst, daß du uns deine Ansicht mitteilst. Wir glaubten, daß etwas geschehen sei, aber verstehen nun, daß das Geschehnis von seelischer Art war. Etwas Neues ist in dir geboren, und aus gewissen Äußerungen zu schließen, ist dieses Neue eine Ansicht. Wir warten gespannt auf deine Eröffnungen.« »So ist es!« stimmten sämtliche Willmanmädchen ein. Frau Olga betrachtete sie mißtrauisch und scheu. »Macht ihr euch jetzt wieder lustig?« Aber sie machten sich nicht lustig. »Meine Ansicht«, fuhr Frau Olga fort, ermuntert durch ihren imposanten Ernst, der sogar Brita bewog, ihren Bärenzucker aus dem Mund zu nehmen, »meine Ansicht ist die, daß unsere sogenannt erotische Kultur die Menschheit zugrunde zu richten droht. Das Neue an meiner Ansicht ist, daß ich Unsittlichkeit und dergleichen gar kein Gewicht beilege. Das ist mir eigentlich tief gleichgültig. Ich richte meinen Angriff gegen die Liebe selbst. Die ist ebenso schädlich innerhalb wie außerhalb der Ehe, vielleicht innerhalb derselben noch schädlicher. Wo immer sie zu finden ist, ist auch die Versuchung vorhanden, ihr ein Übermaß an Zeit, Kräften, Gedanken und Phantasien zu widmen. Man behauptet, daß die Liebe eine notwendige Voraussetzung für die Fortpflanzung der Gattung ist. Das ist falsch. Das Menschengeschlecht kann und wird zeigen, daß es sich ohne Mystik und Aberglauben, ohne Liebe also, fortpflanzen kann, sachlich und ruhig.« »Herrjegerle!« flüsterte Brita Lotte zu. »Wenn Ludwig das hört, wird er aufrichtig betrübt sein.« Aber Frau Olga fuhr immer inspirierter fort: »Der Mensch muß enterotisiert werden. Ich möchte die Sache besser formulieren, aber das kommt später ganz von selbst. Unser Intellekt muß von den erotischen Schlacken befreit werden. Ich möchte alle erotische Kunst und Literatur verbieten. Und damit meine ich nicht die sogenannte Schmutzliteratur. Die ist mir tief gleichgültig. Sondern gerade die große Kunst und Literatur sind in dem Maße verderblich, in dem sie erotische Motive behandeln. Die Liebe zwischen zwei Individuen verschiedenen Geschlechts wird als das Schönste, Wichtigste, Edelste im Leben ausposaunt. Das ist ja geradezu widerwärtig! Die Liebe zu der Gattin wird über die Liebe zur Menschheit, zum Fortschritt, zur Wissenschaft gestellt! Das ist direkt wahnsinnig, denn die Gattin kann auch ohne Liebe Kinder zur Welt bringen, aber der Fortschritt bedarf unserer ungeteilten Liebe, um überhaupt weiterzukommen.« »Ach!« rief die gute Lotte bekümmert, »wie leid mir das tut! Kann denn niemand herausbringen, was ihr fehlt?« Und Lizzi sagte: »Wir möchten dir so gerne helfen, arme Ollo! Können wir denn gar nichts für dich tun?« »Ich glaube«, fiel Dr. Karolina ein, »wir sollten ihre Grübeleien nicht mit Scherzen abtun. Natürlich kommt ein kluger Mensch nicht mit solchen Tollheiten, ohne einen ernsten Grund zu haben. Entweder ist sie krank, und damit ist nicht zu spaßen. Oder aber sie hat irgendeine Absicht, die wir nicht kennen.« Doch Frau Olga hörte sie nicht. Ihre Wangen wurden lebhaft rot, ihre Augen begannen zu funkeln, und sie sog die Luft gierig durch geblähte Nüstern ein. Plötzlich sagte sie rasch und lebendig: »Jungens! Ich möchte eine Bewegung inaugurieren!« Sie spitzten die Ohren. »Eine Bewegung?« wiederholte Dr. Karolina und hob hastig die schleppenden Augenlider. Auch Lizzy, Betty, Lotte und Brita wiederholten das Wort, alle mit demselben Interesse, derselben Achtung. Dieses Interesse war tatsächlich ein Salut für das Andenken des Oberhauptes der Willmanschen Familie, der Frau Professor Anna-Lisa. Diese kraftvolle Frau hatte nämlich während ihrer ein halbes Säkulum währenden Glanzperiode jährlich drei bis vier mächtige und bedeutungsvolle Bewegungen auf verschiedenen Gebieten und nach verschiedenen Richtungen entfesselt. Ein Verzeichnis dieser Bewegungen würde länger sein als die Dauer der Mehrzahl derselben, aber alle hatten sie von sich reden gemacht. Das Wort Bewegung, in diesem Sinne genommen, hatte also einen eigenen vertrauten Klang für die Willmanmädchen. Und trotz des Leichtsinns, der manchmal ihrem Benehmen, ihren Reden und ihrer Lebensanschauung aufgeprägt sein konnte, würde sich keine von ihnen geweigert haben, ihre Kräfte einer frischen, ernsten Bewegung zu weihen, ob es sich nun um reformierte Sitten handelte oder um Hüte oder Korsetts oder Essen und Trinken oder Gefängniswesen oder Krankenpflege oder Kindererziehung oder Bekehrung von Dirnen oder Verwertung von Vagabunden oder Bekämpfung der Klatschsucht oder Ausrottung der Ratten oder Hebung des Musiklebens oder Abschaffung des Kaffees oder Verbreitung der Bildung oder Förderung der Kaninchenzucht oder Vereinfachung der Geselligkeit oder Entwicklung der Körperkultur oder irgend etwas anderes, das sich überhaupt reformieren, aufrichten, verwerten, bekämpfen, ausrotten, heben, abschaffen, verbreiten, fördern, vereinfachen oder entwickeln ließ. Aber trotz Verwandtenliebe und aufrichtiger Freundschaft hegten sie gegen Ollo ein Mißtrauen, das in Dr. Karolinas Worten zum Ausdruck kam: »Eine wirkliche Bewegung? Traust du dir das zu?« »Warum sollte ich weniger fähig dazu sein wie irgend ein anderer? Ich habe allerdings keine Examina oder andere Qualifikationen in dieser Richtung, aber ich habe Energie! Und das ist die Hauptsache. Im übrigen würde es mich amüsieren, oder richtiger gesagt, interessieren. Mein Leben würde einen Inhalt bekommen.« »Das ist wahr«, räumte Dr. Karolina ein. »Und ich würde dir natürlich meine Unterstützung angedeihen lassen. Aber was sollte das für eine Bewegung sein?« Frau Olga erwiderte: »Man kann sie natürlich nennen, wie man will, aber sie braucht ein einigendes Schlagwort, und ich würde proponieren: Los von der Erotik! Was, wie ich glaube, ganz famos und direkt niederschmetternd für die Spötter wäre, ist, daß ich die Sache ausschließlich vom ökonomischen Gesichtspunkt aus behandle. Das ist reell. Ich habe eine Masse Broschüren im Kopf, und eine habe ich schon geschrieben: Kann der moderne Mensch es sich leisten, zu lieben?« Dr. Karolina sprach den Wunsch aus, dieses Opus sofort zu lesen, aber Frau Olga erinnerte sich, daß gewisse Ziffern noch korrigiert werden mußten. Sie fuhr fort: »Ich habe auch an die Möglichkeit gedacht, eine literarische Zeitschrift zu gründen. Sie würde die Liebe auf ihren rechten Platz verweisen, der überhaupt kein Platz ist. Kann der Mensch ohne Erotik fertig werden, so kann es natürlich die schöne Literatur erst recht.« »Ollo!« rief Lizzy. »Wenn du eine Zeitschrift zu gründen gedenkst, dann stelle ich meine Kräfte der Bewegung zur Verfügung. Ich habe immer davon geträumt, eine Zeitschrift zu redigieren, aber bin nie dazugekommen. Wogegen ich nie davon geträumt habe, zu flirten, aber immer dazugekommen bin.« Jetzt wedelte Brita eifrig mit der Hand und sagte: »Darf ich fragen? Sollen alle jungen Bengels abgeschafft werden? Oder wie soll es sonst gehen? Solange Ludwig am Leben ist, kann ich nicht mit einem ungeteilt keuschen und ökonomischen Dasein rechnen.« »Du bist nicht so dumm, wie du dich stellst!« schnauzte sie Dr. Karolina an. »Es ist gar kein Grund, Ollo zu verhöhnen, weil sie sich ein bißchen unpräzise ausdrückt. Ihr Gedanke ist auf jeden Fall ein Gedanke und als Ansporn für eine sittlich erziehliche Bewegung gar nicht übel. Wir gedenken weder Geschlecht, noch Geschlechtseigenschaften, noch Geschlechtshandlungen abzuschaffen. Bewahre! Aber wir gedenken, den erotischen Einschlag in unserem Gefühlsleben auf das zu reduzieren, was er sein soll: eine quantité négligeable . Unser intellektuelles Ich soll von erotischen Distraktionen befreit werden. Darin liegt immerhin ein Stück Zukunftsprogramm.« Frau Olga errötete vor Freude. »Du fängst an, mich zu verstehen«, sagte sie. »Ich glaube, es könnte eine kräftige, aufrüttelnde Bewegung werden.« »Ich fange auch an, zu verstehen«, versicherte Lotte, »wenn auch nur langsam. Persönlich bin ich nicht gewillt, von einem zärtlichen und schwärmerischen Umgang mit jüngeren Mannspersonen abzustehen, wenn ein solcher sich mir wirklich bietet. Aber falls die geplante Bewegung ›Los von der Erotik‹ künftigen Mädchen mit roten Haaren, Augengläsern und Kartoffelnase zugute kommen und sie stoisch und kühl gegenüber dem männlichen Geschlecht machen kann, so ist es meine sonnenklare Pflicht, die Bewegung zu unterstützen. Wenn das der Fall ist, werde ich mit Vergnügen an Demonstrationen teilnehmen, und Fahnen mit Inschriften bei windigem Wetter zu tragen, gehört zu dem Lustigsten, was ich kenne. Ich werde auch gegen angemessene Vergütung Vorträge über den Gegenstand halten. Aber weiterzugehen, gestattet mir mein Gewissen nicht.« »Und ich«, sagte Betty, »schließe mich auch der neuen Heilsarmee an, unter der Voraussetzung, daß sie eine kleidsame Uniform kriegt. Ich glaube nicht sehr an die Sache, aber dadurch, daß ich andere überzeuge, werde ich schließlich mich selbst überzeugen. Im übrigen ist es wahnsinnig spannend, etwas zu starten, was die Leute für verrückt erklären. Aber um einen Aufschluß möchte ich gebeten haben: in welchem Zusammenhang steht die Bewegung mit Casimir Brut und seiner Entlassung?« Frau Olgas Antwort erfolgte augenblicklich und mit außerordentlicher Schärfe: »Wer das nicht kapiert, ist ein Esel oder ein heuchlerisches Individuum. Herr Brut muß fort, weil er mich hindert, Larsbo zu einem sittlich-ökonomischen Mustergut zu machen. Es ist meine Absicht, Larsbo zu dem Brennpunkt der Bewegung zu machen, wo es sich zeigen soll, daß die beiden Geschlechter Seite an Seite arbeiten können, ohne Zeit und Kräfte an das Erotische zu vergeuden.« »Und was«, fragte Dr. Karolina, »hat Brut dagegen einzuwenden? Sollte er selbst ein leichtsinniger Mensch sein?« »Casimir!« schrie Brita. »Nein, das geht zu weit! Er ist doch der sittlich-ökonomischste Brummbär, den es gibt. Sind wir nicht alle Zeuge gewesen, wie die arme Lizzy den ganzen Sommer ihr Feuer verpufft hat, ohne ihn auch nur ein klein bißchen erwärmen zu können? Einen solchen Mann will die Bewegung abschaffen, aber Ludwig darf bleiben, der allen Mädeln wie eine Boa um den Hals hängt, wenn er nicht gar an Ollo selber baumelt. So was nennt man Gerechtigkeit!« Frau Olga errötete wieder, aber vor Zorn. Sie sagte: »Ludwig ist ein Kind. Er kann gemodelt und gebildet werden. Ich sehe ein, daß die Erotik durch etwas anderes ersetzt werden muß. Ich will, daß Arbeit und bildende Zerstreuungen einander nach einem vernünftigen Schema ablösen.« »Oj, oj«, ächzte Brita. »Ich will gerne Mist aufladen, wenn mir nur die bildenden Zerstreuungen geschenkt werden!« Aber die einstimmige Mißbilligung der Damen Willman ließ sie verstummen. Frau Olga improvisierte rasch ein Schema, das durch seine Reichhaltigkeit überraschte. Die Stunden des Tages sollten in Wahrheit wohl ausgenützt werden. Das harmlose Larsbo wurde zu einem Neuen Jerusalem, einem Mekka. Das Glück der Improvisation berauschte die kleine Frau; sie vergaß ihre Sorgen und ließ ihrer Phantasie die Zügel schießen. Frauen und Männer von makelloser kühler Reinheit erfüllten die Wölbungen des lauschigen Parks mit einem Raunen von vernünftigen und einsichtsvollen Gesprächen. Der große Saal bekam einen Anstrich der Schule von Athen. Alles war weißgekleidet, rein, arbeitsam, ökonomisch und vernünftig. Plötzlich unterbrach sie sich in ihrer Schilderung, indem sie rief: »Begreift ihr jetzt, daß dieser Mensch da fort muß? Er paßt nicht in mein Programm. Wir scheiden im guten, und er ist sehr einverstanden damit, Larsbo zu verlassen. Er hat natürlich für seine Person andere Pläne Sie schluckte ein paarmal, aber die Stimme war dumpf und unklar, als sie fortfuhr: »Übrigens gedenke ich noch andere zu entlassen. Ich habe sie alle miteinander übersatt. Ich gedenke reinen Tisch zu machen. So daß ich mich endlich als ordentlicher und anständiger Mensch fühlen kann. Ich gedenke alles zu entfernen, was mich an Jan-Petter erinnert. Brut war sein Augapfel, und das verzeihe ich ihm nie. Ich kann ihn nie sehen, ohne an etwas zu denken, was Jan-Petter zu mir sagte, bevor er starb. Infam! Er hat nicht das Recht, als ein Gespenst herumzugeistern und mich auszulachen. Ich habe mit mir selbst gekämpft, mehr als solche Gänse wie ihr ahnen könnt. Ich habe eine zehnjährige Erfahrung der Bitterkeit und Schmach. Ich will Genugtuung haben, ich will etwas leisten. Aber wenn ich meinen Entschluß gefaßt und einen Plan entwickelt habe, der doch immerhin recht großzügig ist, dann kommt ihr Gänse und sagt: ›Was ist geschehen?‹« Sie erhob sich und ging. Durch ein Rauschen von »Liebe Ollo!« und »Gute Ollo!« und »Arme Ollo!« schritt sie dahin, ausgestreckten Händen geschmeidig ausweichend, und entschwand. Der Ausbruch hatte die Damen Willman in dem Grade erschreckt und überrascht, daß sie längere Zeit vollständig stumm dasaßen. Endlich rief Dr. Karolina: »Aber gibt es denn keinen Menschen, der uns sagen kann, was geschehen ist!«   Doch, einen! Fräulein Alexander hatte gesehen, begriffen und ihre Schlußfolgerungen gezogen. Nachdem sie geduldig dem singenden Vogel des Generalagenten gelauscht und alle Vorschläge, einen solchen, sei es bar, sei es gegen Ratenzahlung, anzukaufen, mit Entschiedenheit abgewiesen hatte, bemerkte sie: »Herr Generalagent! Ich habe eine Eigenheit an mir, die Sie unheimlich finden werden. Ich selbst bin nie irgendwelchen Unglücksfällen ausgesetzt, aber ich kann keinen meiner Freunde besuchen, ohne daß ihnen etwas Trauriges zustößt. Das ist natürlich nicht meine Schuld, und das sehen sie auch ein. Aber sobald sie mich erblicken, rufen sie: ›Da kommt Fräulein Alexander! Schließt alle Türen und Fenster und hängt das Telephon aus!‹ Ganz wie bei einem Gewitter. Was sagen Sie dazu?« »Ich sage«, erwiderte der Generalagent, »daß ältere Damen abergläubisch sind, aber daß Sie sich auf jeden Fall lieber daheim halten sollten.« »Nennen Sie es Aberglaube, daß ich Unglück bringe, so werden Sie es vermutlich noch vor dem Abend bereuen. Sie müssen doch wohl zugeben, daß unsere liebe Gastgeberin bereits alles eher als glücklich ist? Von dem armen Herrn Brut zu schweigen!« Der Generalagent legte die Spieldose in die Schachtel; er dachte: wenn das Glück mir hold ist, und die Alte, wie ich glaube, den Wein liebt, kann ich vielleicht nach dem Mittagessen einen kleinen Vogel verkaufen. Aber laut sagte er: »Das Glück, meine Liebe, ist ein Vogel, den alle hören und keiner sieht. Er fliegt von Zweig zu Zweig und von Baum zu Baum, und darum ist unsere Wanderung geschlängelt und ohne Ziel. Aber nicht ohne Sinn, denn wir sehen uns um und lernen allerlei, das für eine spätere Gelegenheit gut zu wissen sein kann.« »Ach ja! Wie wahr und wie schön!« seufzte Fräulein Alexander. »Wir sind alle Kinder, und das Leben ist nichts anderes als eine Tanzschule, wo wir ein passendes Auftreten lernen. Aber einige lernen für den Himmel, andere für die Hölle. Ich war einmal in einer Gesellschaft bei liebenswürdigen Menschen, Mann, Frau und Tochter, ein entzückendes Mädchen, schön und unschuldig, weich und träumerisch. Die Eltern waren reiche Leute, prächtige Leute, angesehene Leute. Aber beim Mittagtisch gerieten sie in Zwist. Wer hätte das gedacht? Der Zwist wurde zum Zank, und es wurden Dinge geäußert, die über alle Grenzen gingen. Die verlegenen Gäste suchten das Ganze zu bagatellisieren, aber das hätten sie nicht sollen, denn die beiden Gatten wurden davon nur noch angefeuert. Namentlich sprühte die Frau vor Hohn und Haß und schleuderte eine Beschuldigung ärger als die andere hinaus. Plötzlich stand der Mann auf und verließ das Zimmer. Die Gäste saßen stumm und verlegen da; die Frau sagte auch nichts und schien ganz abwesend. Aber das junge Mädchen plauderte und lachte und suchte die Konversation aufrechtzuerhalten. Nach einer Weile erhob sich auch die Frau und verließ den Saal. Gleich darauf kam ein Dienstmädchen hereingestürzt und rief: ›Zu Hilfe, zu Hilfe! Der Herr hat sich erhängt!‹ Die Gäste sprangen auf und folgten ihr. Sie führte sie in eine große Garderobe; von der Decke hing ein abgeschnittener Strick und unter dem Strick lag der große, feine, gute, reiche, angesehene Herr unversehrt, wenn auch ohnmächtig. In den Armen seiner Frau kehrte er bald wieder zum Leben zurück. Und nun, Herr Generalagent, bekamen die Gäste so zärtliche Worte und heiße Liebeserklärungen zu hören, wie sie sie vielleicht noch nie vernommen hatten. Wären sie nicht bei dem Vorangegangenen dabei gewesen, sie hätten wahrlich glauben können, einem Stelldichein zwischen zwei jungen Liebenden beizuwohnen. Verlegen zogen sie sich wieder in den Saal zurück und wußten weder aus noch ein. Aber das junge Mädchen, die Tochter des Paares, sagte: ›Ach, laßt sie nur in Frieden und kümmert euch nicht um die Sache! Es ist nicht das erstemal, daß das geschieht, und wird wohl auch nicht das letztemal sein!‹ Was sagen Sie dazu, Herr Generalagent?« »Ich sage«, erwiderte der Generalagent, »daß das Mädchen ein Monstrum war.« »Gerade kein Kompliment für mich«, sagte Fräulein Alexander und lächelte wehmütig. »Ich kann jedoch versichern, daß meine armen Eltern sich innig liebten. Daß sie sich zuweilen so zyklonartig haßten, war wohl nur eine Art, einander näherzukommen und sich inniger zu vereinen, als die Liebe zu bewirken vermag. Denn die Liebe ist nichts anderes als ein hoffnungsloser Versuch, von sich selbst loszukommen. Aber dort drüben«, fuhr Fräulein Alexander fort, »kommt jemand, der mir wirklich leid tut!« Sie reckte den Hals und rief: »Herr Brut! Herr Brut! Haben Sie sie gefunden?« Casimir Brut kam vom Feld und ging quer durch den Park. Bei Fräulein Alexanders Anruf zuckte er zusammen, blieb einen Augenblick stehen, schüttelte den Kopf und ging in beschleunigtem Tempo weiter. Fräulein Alexander folgte ihm mit den Blicken, solange er in Sehweite war. Und sie wendete sich an den Generalagenten und sagte: »Geben Sie zu, daß das Gewissen eine sonderbare Einrichtung ist? Einige sind der Ansicht, daß das Gewissen Angst vor der Strafe ist, aber das glaube ich nicht recht. Eher ist es Angst, der Entdeckung zu entgehen. Der Glaube an die Heiligkeit der Wahrheit ist der unausrottbarste Glaube oder Aberglaube, den der Mensch hat. Wenn er sich nicht richtig betragen hat und genötigt ist, mit dem Munde zu lügen, dann versucht er mit den Augen oder der Gesichtsfarbe die Wahrheit zu sprechen, oder er gesteht sie in verblümten Redewendungen oder findet eine Zeichensprache. Denn heraus muß sie, und das Gewissen ist nichts anderes, als die Angst, daß sie nicht herauskommen könnte. Wenn Sie sich über diese Sache klar wären, Herr Generalagent, hätten Sie heute hier viele Geständnisse hören und sehen können. Aber Herrn Bruts Geständnis kommt schon noch im Laufe des Tages, und dann müssen Sie aufpassen!« »Was ist denn geschehen?« schrie der Generalagent und riß die Augen auf, ganz so wie die Willmanmädchen. »Soweit ich verstehen kann«, erwiderte Fräulein Alexander, »hat Herr Brut das arme Mädchen erschlagen. Im Jähzorn natürlich. Ich nehme an, daß er sie leidenschaftlich geliebt hat. Ich habe die Gelegenheit wahrgenommen und ein bißchen mit ihren Kameradinnen geplaudert, und da erfuhr ich, daß sie sich in letzter Zeit einen Bräutigam zugelegt hat, einen der Torfausstecher. Vermutlich hat sie ihn heute morgens getroffen, und vermutlich hat der Verwalter sie im Walde überrascht. Der Bräutigam ergriff die Flucht und ließ das Mädchen mit dem rasenden Menschen allein. Die Pastorskinder sahen sie miteinander ringen. Ob er sie dann erschossen oder in anderer Weise umgebracht hat, das wage ich nicht zu sagen. Aber es wird schon bald an den Tag kommen. Und was sagen Sie jetzt, Herr Generalagent?« »Ich sage«, erwiderte der Generalagent, »daß Sie eine schreckliche Person sind! Woher wissen Sie das alles?« Fräulein Alexander lächelte wehmütig: »Gewisse Menschen haben einen scharfen Blick und eine rasche Auffassung, was Unglücksfälle betrifft. Sie üben sich schon in der Kindheit. Und nun hoffe ich, wird der Herr Generalagent mich nicht mehr der Abergläubischkeit beschuldigen, wenn ich sage, daß ich Unglück bringe?« Aber der erregte alte Mann erwiderte: »Sie sind eine Närrin! Ich sage das aus aufrichtigem Herzen! Sie sind eine gräßliche alte Närrin! Ich glaube nicht ein Wort von all dem, was Sie gesagt haben! Mich schrecken Sie mit Ihrem Aberglauben nicht!« »Wie es Ihnen beliebt!« sagte Fräulein Alexander. »Ich hoffe innig, daß ich Ihnen kein Unglück bringen werde! Jetzt gehe ich und plaudre ein bißchen mit den Mädchen in der Küche und schaue zu dem Großknecht hinein, und höre hier und dort herum, dann erfahre ich vielleicht etwas Näheres. Aber ich sage nur eines: Armer Herr Brut, der selbst den Suchgang nach seinem eigenen Opfer leiten muß! Und man kann sich ja denken, wie er geleitet werden wird! Und das arme kleine Opfer! Und die arme gnädige Frau, wenn sie erfährt, was geschehen ist! Und auch Sie, armer Herr Generalagent!« Sie stand auf, aber hatte noch nicht viele Schritte auf die Türe des Lusthauses zu gemacht, als sie zufällig auf eine morsche Planke trat, die sich aus den Fugen gelöst hatte. Die Planke schnellte in die Höhe und warf ein kleines Tischchen um, auf das der Generalagent die Schachtel mit dem singenden Vogel gestellt hatte. »Ach!« rief Fräulein Alexander. »Wenn nur der schöne Vogel keinen Schaden genommen hat!« Damit ging sie. Der Generalagent jedoch hob mit zitternden Händen die Schachtel auf, öffnete vorsichtig den Deckel und fand, daß sein Lieblingsvogel vom Pflöckchen gefallen war. Da lag er auf dem Boden des Käfigs, mit gebrochenem Hals, die goldenen Flügelchen ausgebreitet, so tot und hin, als ein singender künstlicher Vogel nur sein kann.   Fräulein Alexander plauderte mit den Mädchen in der Küche, schaute zum Großknecht hinein, und hörte hier und dort herum. Sie ging auch auf die große Landstraße hinaus und traf eine Anzahl von Personen, mit denen sie interessante Gespräche anknüpfte. Keiner dieser guten Leute wußte mehr als sie, und die meisten wußten weniger. Anstatt Aufschlüsse einzuholen, wurde es eher ihr Los, solche mitzuteilen. Und das tat sie gerne. Sie sagte auch, sie glaube, daß der Verwalter noch vor dem Abend gestehen werde. Wo sie dahinging, ruhig und milde, ließ sie bestürzte und erstaunte Menschen zurück. Sie ging wie die Fama. Ihr Weg und ihre Wanderung führte sie auch am Stallhügel vorbei. Auf dem Staket saßen drei Mannsleute und rauchten Zigaretten. Der eine war der Kutscher, der andere war der Sohn des Pastors und der dritte war Ludwig. Die jungen Herren hatten sich in vier Gängen geschlagen und ruhten sich jetzt vor dem fünften aus. Der Sohn des Pastors war arg zugerichtet, Ludwig hingegen ganz heil, aber verdrießlich, weil die Sache ewig kein Ende nahm. Denn sobald er den armen Pastorsjungen untergekriegt und ihn tüchtig zerbleut hatte, stieß der Geschlagene zwischen Schnauben und Keuchen hervor: »Willst du jetzt zugestehen, daß du ein Lügner bist?« »Und das kann ich doch nicht«, sagte Ludwig zu dem Kutscher. »Ich bin aus zwei allgemeinen höheren Lehranstalten auf Grund meiner Wahrheitsliebe relegiert worden, wie kann ich da leugnen, daß sein Vater ein urgemütlicher Pfarrer ist?« »Nein, das geht freilich nicht«, gab der Kutscher zu. »Das beweist, daß du noch mehr Keile kriegen mußt«, keuchte der Sohn des Pastors. So stand die Sache, als Fräulein Alexander eintraf. Sie blieb vor ihnen stehen und sagte: »Könnten die jungen Herren nicht etwas Nützlicheres und Ehrenwerteres vornehmen, als sich zu raufen?« »Der dort«, erwiderte Ludwig zornig, »rauft sich für die Ehre seines Vaters und ich für meine eigene. Wissen Fräulein etwas Nützlicheres und Ehrenwerteres, dann bitte nur heraus damit!« »Die jungen Herren«, fuhr Fräulein Alexander fort, ohne sich an seine Unwirschheit zu kehren, »könnten sich zum Beispiel an dem Suchgang nach dem unglücklichen Mädchen beteiligen. Eine Kette geht durch den Wald, hat man mir gesagt, und eine andere über das Moor.« »Herrjegerle!« schrie Ludwig. »Suchen sie die Bolla, und ich bin nicht mit dabei! Was meint der Herr«, sagte er zu dem Sohn des Pastors, »sollen wir nicht ein bissel nach dem Mädel suchen? Inzwischen kann der Herr auch wieder in bessere Form kommen.« Der Vorschlag wurde angenommen, und die beiden Kämpfer sprengten über die Wiese und am Rain des Weizenfeldes vorbei, auf das Moor zu. Aus der Ferne hörte man schon die Rufe der noch unsichtbaren Kette, die sich näherte. »Und was glaubt der Herr Kutscher?« fragte Fräulein Alexander. Der Kutscher sah Fräulein Alexander an, und er sah zum Wald hinüber, und er sah zum Schloß auf und über das Moor hin. Schließlich sagte er: »Was ich glaube? Ich glaube, ich halte den Mund.« Fräulein Alexander tat ihm dann zu wissen, was sie glaubte. Und während all dessen schlugen die Uhren von Larsbo ihre Schläge und gaben ihre Ansicht über die Zeit kund, während die Sonnenuhr eine andere hatte und der Magen des Pastors eine dritte. Was ihn betraf, so lag er ausgestreckt auf der Rasenböschung unterhalb des Hofes. Die Gänse weideten rings um ihn. Ludwigs Jagdhund hatte ihm das Gesicht abgeschleckt und teilte nun sein Lager, den Kopf auf seiner Brust. Das Haus war still, der Tag war warm, das Gras war weich, der Pastor schlief ungestört zwei volle Stunden. Schließlich erwachte er, setzte sich auf, streckte sich, gähnte und sagte: »Es bullert so schön in meinem Magen. Wenn nicht alle Zeichen trügen, so soll das bedeuten, daß die gesegnete Stunde geschlagen hat und der Tisch auf Larsbo gedeckt ist.« Leider hatte der Herr Pfarrer in seinen Berechnungen gewisse psychologische Faktoren außer acht gelassen, die, wie es sich zeigen sollte, großen Einfluß in retardierender Richtung hatten. Das Essen war bereitet, das berichtete schon die Luft, die von herrlichen Duften geschwängert war. Der Tisch im großen Speisesaal stand gedeckt, reich an Silber und Kristall, Blumen und Karaffen, einladend und schön. Die Gäste des Hauses, der Pfarrer, der Generalagent und Fräulein Alexander hielten sich in seiner unmittelbaren Nähe auf, und Tante Sara strich hie und da stumm durch das Gemach, änderte und ordnete. Aber die Herrin des Hauses, die allein das erlösende Wort aussprechen und dem peinvollen Warten ein Ende machen konnte, fand sich nicht ein, und ebensowenig ihre Freundinnen. Schließlich nahm der Herr Pfarrer Fräulein Schönthal unter den Arm und bemerkte höflich, aber bestimmt: »Bestes Fräulein Sara, fertiges Essen verliert mit jeder Minute an Saft und Aroma. Man begeht ein Unrecht gegen sich selbst, wenn man es nicht verzehrt, solange es am leckersten ist.« »Ach ja, ich weiß!« murmelte die unglückliche alte Dame und eilte fort, wie um irgendeine Anordnung zu treffen. Tatsächlich fehlte ihr jeder Einfluß, und sie konnte nichts in der Sache machen. Die psychologischen Faktoren, die der Pastor bei seiner Berechnung der Mahlzeitstunde außer acht gelassen hatte, waren Frau Olgas labiler Seelenzustand. Die Ereignisse des langen Sommertages hatten ihre Kräfte überanstrengt. Nach einer ziemlich unruhigen Nacht war sie ums Morgengrauen aufgestanden, erfüllt von einer gewissen flackernden Energie, die ihren ersten Ausdruck in der Entsendung der Kammerjungfer gefunden hatte. Das Mädchen war gleich Noahs dritter Taube nicht zurückgekehrt, und obgleich die kleine Gnädige durchaus nicht den divinatorischen Genius eines Fräulein Alexander besaß, mußte sie doch ein Unglück ahnen. Und die Verdrießlichkeiten waren einander Schlag auf Schlag gefolgt! Sie hatte eine Uhr zum Fenster hinausgeworfen und das ganze Haus zur Unzeit geweckt. Sie hatte Jan-Petters kostbarsten Kunstschatz, die Vase mit dem Eros, zerschlagen und sich mit Ludwig verschworen, die Spuren dieses Unglücks zu beseitigen. Dabei war sie von dem Verwalter überrascht worden, und die erregte Gemütsstimmung hatte einen Zwist hervorgerufen, der im Laufe des Tages zum vollständigen Bruch geführt hatte. Herr Brut, der durch fünfzehn Jahre das ausgedehnte Larsbo tadellos verwaltet hatte, war von ihr entlassen worden! Und der Mensch hatte sein Urteil mit übertriebener, ganz unerwarteter Befriedigung aufgenommen; er hatte sich ausgebeten, das Haus sofort verlassen zu dürfen; er packte vielleicht schon seine Koffer. Da stand sie mit ihrem Gut, mehr oder weniger hilflos. Aber aus diesen Unglücksfällen, Beleidigungen und Verfolgungen hatte ihre Seele eine ungeahnte Stärke geschöpft. Frau Olga hatte sich tatsächlich mit verblüffender Schnelligkeit entwickelt. Um sechs Uhr morgens war sie noch Jan-Petters reiche, anmutige, aber recht unbedeutende Witwe gewesen. Gegen vier Uhr nachmittags hatte selbst Dr. Karolina zugeben müssen, daß dieses unbedeutende Persönchen vielleicht Möglichkeiten zu einer großen neuen Bewegung im Geiste der Zeit entdeckt hatte. Los von der Erotik! Eine neue Maxime, gesund und ökonomisch, frei und streng; eine Bewegung, die weitverzweigte Verbindungen mit allen möglichen Wissenschaften anknüpfen und in alle menschlichen Gebiete eindringen konnte. Das waren doch auf jeden Fall keine Kleinigkeiten! Und diese Bewegung war zwischen sechs Uhr früh und vier Uhr nachmittags aus ihrer Seele entsprungen – in Wahrheit eine leichte Entbindung. Natürlich lag sie noch in ihren Windeln, ihr Charakter war ein wenig unbestimmt, ihre Züge verschwommen – man darf nicht zuviel verlangen – aber da war sie! Und sie hatte mit einem Schlag ihr ganzes Leben auf den Kopf gestellt. Sie sah in dunklem, aber lockendem Schein eine Perspektive von Zeitungsartikeln, Broschüren, Interviews, Kongressen in Larsbo, Agitationsreisen rund um die Erde, Verfolgung und Ruhm, fanatische Feinde und fanatische Freunde. Sie wäre nicht Frau Professor Anna-Lisas Tochter gewesen, wenn sie diese Zukunft nicht anregend und entzückend gefunden hätte. Wer oder was hatte diese plötzliche Verwandlung bewirkt? Niemand, nichts. Die Natur selbst hatte sie in ihren rechten Zusammenhang mit der Menschheit wiedereingesetzt. Einmal war sie das Opfer der großen, wissenschaftlichen Willmanschen Familie auf dem Altar des schnöden Mammons gewesen. Sie war verkauft worden, wie im Morgenland junge Mädchen an die Harems reicher Wollüstlinge verkauft werden. Aber sie hatte sich aus dem erotischen Schlamm emporgearbeitet, ihr Intellekt hatte triumphiert, ihr Kopf hatte über ihr Herz gesiegt. Sie hatte sich selbst befreit, und sie würde andere befreien. Los von der Erotik! Was es nun war, aber Kleinigkeiten waren es jedenfalls nicht. Unter solchen Betrachtungen und in einer bald angstvollen, bald freudebebenden Gemütsstimmung ging Frau Olga daran, ihre Mittagstoilette zu bestimmen. Ihre erste Absicht war, keinerlei Änderungen an dem schwarzen und beinahe düsteren Kleid, das sie trug, vorzunehmen. Aber nach einem Blick in den Spiegel fiel es ihr ein, daß ihre Gleichgültigkeit gegen äußeren Tand als eine Unfreundlichkeit gegen das Namenstagskind, Tante Sara, und als eine Unhöflichkeit gegen die weitgereisten Gäste aufgefaßt werden konnte. Mit einem leichten Seufzer begab sie sich in die Garderobe. Während sie nachdenklich von Kleid zu Kleid ging, fast alle schwarz oder zumindest dunkel, entdeckte sie, in eine Ecke weggehängt, ein ganz weißes Kleidchen. Sie nahm es hervor und betrachtete es mit einem wehmütigen Lächeln. Es war ihr letztes Ballkleid als Mädchen, nur ein einziges Mal getragen. Es war natürlich unmodern, sehr einfach und unerheblich dekolletiert, aber, abgesehen von einigen blödsinnigen rosa Bändchen, ganz niedlich. Und das einzig Weiße in der Garderobe. Frau Olga sagte zu sich selbst: Es ist wahnsinnig, aber ich ziehe es an, weil es mir Spaß macht, es anzuziehen. Ich bin, seit ich mich verheiratet habe, wie eine alte Schachtel herumgegangen. Es ist zwar äußerst kurzärmelig für ein solches Mittagessen, aber wenn ich es nicht wage, einem so lächerlichen Vorurteil zu trotzen, so kann ich gleich einpacken! Und »Los von der Erotik« mit mir! Ich nehme es, wenn es mir nicht zu knapp um die Brust und zu eng um die Hüften ist. Sie zog sich um und stellte sich vor den Spiegel. Es zeigte sich, daß sie ihre Mädchenfigur so ziemlich beibehalten hatte; nur wenige ganz kleine Änderungen waren nötig. Hatte sie Zeit dazu? Sie sah auf ihre Uhr; sie stand noch immer und gab ihr keine exakten Aufschlüsse, wohl aber den allgemeinen Eindruck, daß es nicht so arg spät sein konnte. Sie ging rasch ans Werk, nahm Schere und Messer zum Trennen zur Hand, und stampfte kräftig auf den Boden, um Lotte Brenner zu rufen, die im Zimmer unter ihr wohnte. Lotte kam im Unterrock und mit zwei kleinen hängenden roten Zöpfchen, die um den kugelrunden Kopf baumelten. Sie betrachtete das Kleid; es wurde nochmals probiert, und Lotte sagte: »Es ist am besten, ich rufe die Willmänner her!« Sie begann also im Hause herumzuirren und kam auch dem Pastor unter die Augen, der sich mit Abscheu abwendete. Endlich fand sie die Willmanmädchen in Lizzys Zimmer versammelt, wo sie noch immer die Ereignisse des Tages diskutierten. »Wißt ihr was!« schrie sie. »Ollo gedenkt sich weiß anzuziehen!« All das Seltsame, das der Tag gebracht hatte, schien in diesem Ausruf zu kulminieren! Die Willmanmädchen sanken zusammen, ihre Münder öffneten sich zu einem Ausdruck stumpfen Staunens. Betty erholte sich zuerst, sie steckte die sokratische Nase in die Luft und bemerkte: »So, weiß! Zweifelt jetzt noch jemand daran, daß sie in Casimir Brut verliebt ist?« Eine Frage, die eben diskutiert worden war. Dr. Karolina sagte: »Sie ist nicht verliebt. Da hätte ich etwas bemerkt, und ich habe nichts gemerkt, obwohl ich sie gut im Auge gehabt habe.« »Sie ist nicht verliebt«, bestätigte Lizzy. »Aber sie ist wütend. Er hat sie irgendwie beleidigt, und sie will ihm zeigen, in was für ein Wespennest er gestochen hat.« »Wir wollen ihr helfen!« rief die gutherzige Brita. Sie lief voraus, und die anderen folgten ihr, sich in allen Türen drängend und stoßend. Aber als sie in die Nähe der Garderobe kamen, blieben sie stehen und lauschten mit angehaltenem Atem. Frau Olga sang! Sie hatte als Mädchen gesungen, aber nie seit der Hochzeit und auch nicht seit dem Begräbnis. Nun sang sie in ihrer Einsamkeit! Sie sang die Pagenarie aus Figaros Hochzeit; musikalisch nicht einwandfrei, aber mit Gefühl und hörbarem Vergnügen. Die Willmanmädchen traten leise in die Garderobe. Da saß Frau Olga am Nähtisch und trennte die rosa Bänder ab. Ihr Gesicht hatte eine lebhafte Farbe, ihre Augen einen warmen Glanz. Dr. Karolina, als ausgesprochene Gegnerin der Liebeshypothese, befürchtete ein körperliches Leiden. »Hast du Fieber?« fragte sie. »Nein«, erwiderte Frau Olga ruhig. »Warum sollte ich Fieber haben? Ich stehe an einem Wendepunkt meines Lebens und fühle mich ein wenig sonderbar. Ich gedenke diesen lieben alten Fetzen anzuziehen. Was sagt ihr dazu?« »Und du fühlst dich in keiner Weise unwohl?« setzte die Doktorin ihr Verhör fort, aber Lizzy sagte: »Wir müssen sehen, ob das Ding dir steht.« Zum drittenmal wurde das halb aufgetrennte Kleid angezogen. Frau Olga drehte sich langsam ringsherum und ließ sich beschauen. Lotte setzte ihr Pincenez rittlings auf den fleischigen Nasenrücken und brummte einen leisen Fluch; Betty stützte das Kinn in die Hand und versank in kritische Bewunderung; Lizzy steckte sich den Mund voll Stecknadeln und begann Falten zu ordnen; Dr. Karolina, noch immer unruhig, ließ ihre Hand an Frau Olgas Rücken hinabgleiten, um zu fühlen, ob er sehr heiß sei; Brita sagte: »In diesem Kleid sieht sie wie ein Mädelchen aus, das wird die Geschichte zum Klappen bringen.« »Wieso zum Klappen?« fragte Frau Olga und fügte mit Schärfe hinzu: »Wenn ich fragen darf!« »Was weiß ich«, murmelte Brita, von der Glut in Frau Olgas Blick und der Majestät ihrer Haltung gebändigt. Die anderen setzten in Ruhe, aber mit steigendem Interesse ihre Prüfung fort. Betty sagte: »Ich hoffe, du siehst ein, daß deine Frisur radikal umgestaltet werden muß?« »Das sehe ich vollkommen ein«, erwiderte Frau Olga. »Ich muß etwas ganz Neues ausfindig machen, und ich glaube beinahe, ich habe eine Idee. Aber wer wird mir dabei helfen?« »Wir!« riefen die Willmanmädchen, und Lizzy fuhr fort: »Ich habe Ollos Aussehen eigentlich noch nie nähere Beachtung geschenkt. Faktum ist, daß sie nahezu schön ist und mit kleinen einfachen Mitteln zu einer blendenden Beauté gemacht werden kann. Ich hoffe, Jungens, daß wir alle einen honetten Ehrgeiz haben und in einem Fall, wie diesem, unsere Pflicht kennen?« So begaben sich alle mit frohem Mut, entschlossen, eifrig, beherzt, kundig, ideenreich, wohl geschult und vorbereitet in Frau Olgas Toilettezimmer. Einige widmeten sich ihr, andere dem Kleid, und alle gaben schöne Proben von Eifer, Geschmack und Verstand. Nach einer Stunde anhaltender stummer Arbeit konnten sie die kleine Frau vor den Spiegel stellen und sagen: »Nuuun? Was meinst du?« Sie sah, und sie lächelte, teils vor Freude an dem schönen Bild, teils um die verschiedene Wirkung von einem halben Dutzend Lächeln auszuprobieren. Sie sagte: »Zauberhaft!« Aber wurde im Nu wieder ernst und ängstlich und rief aus: »Hat jemand eine Ahnung, wieviel Uhr es ist? Ich glaube, es muß Essenszeit sein. Der Pastor wird untraitabel, wenn er eine halbe Minute warten muß! Gehen wir gleich!« Darauf riefen die Willmanmädchen aus einem Munde: »Fünf Minuten, wenn wir bitten dürfen! Nur fünf Minuten!« Und sie stürzten fort – jede in ihr Zimmer und an ihren Toilettentisch. Minuten verrannen Halbdutzend-, dutzend- und schockweise, denn der honette Ehrgeiz der Mädchen war geweckt und stand in voller Blüte und verlangte seine Zeit. Während der Generalagent mit seinem verstummten Vogel aus einer Ecke in die andre wankte, ängstlich dem unglückbringenden Fräulein Alexander ausweichend; während der Magen des Pastors dumpf gurrte, wie die Tauben des Waldes, und seine Zunge die rastlos umherirrende Sara mit verdrießlichen Zurufen quälte; während Casimir in die Gutsrechnungen vertieft dasaß, und einmal ums andere aufsprang, um einen düsteren, unruhigen Blick über das Moor zu werfen; während die Teilnehmer der beiden Rettungsexpeditionen sich einer nach dem anderen in Spilleboda versammelten, um mit Ludwig an der Spitze einen letzten Versuch zu machen, das verschwundene Mädchen, tot oder lebendig, wiederzufinden – arbeiteten die fünf Mädchen munter und flink an fünf Toilettentischen, unbekümmert um Zeit und Geschehnisse. Frau Olga, in ihrem umgewandelten Kleid vom letzten Mädchenball unbeschreiblich zierlich und fein, eilte von der einen zu der anderen, stets bereit, mit Rat und Tat zu helfen, und dabei nie verabsäumend, ihre eigene Person in den verschiedenen Spiegeln mit Wohlgefallen zu betrachten. Nach allem zu schließen, hatte sie für den Augenblick die Sorgen, die erschütternden Ereignisse und großen Gedanken des Tages vergessen.   Aber als das Resultat all dieser gewissenhaften Arbeit, dieser Phantasie, dieses Ideenreichtums und Geschmacks sich endlich in gesammeltem Trupp im Speisesaal einfand, konnten die Willmanmädchen nicht umhin, tiefe Enttäuschung zu empfinden. Sie hatten ja keinen Publikumssuccès erwartet, wohl wissend, daß es in Larsbo kein Publikum, das der Rede wert war, gab. Und dennoch hatte das Tete-a-tete mit dem stetig, Minute für Minute immer schöneren Spiegelbild ihnen die vage Hoffnung eingeflößt, mit entzückten Ausrufen, Komplimenten, bewundernden Blicken begrüßt zu werden. Das war nicht der Fall. Der Pastor war zum Platzen wütend, der Generalagent traurig und verstimmt, Fräulein Alexander verdrossen und beleidigt durch den Vergleich zwischen ihrer eigenen grauen Unansehnlichkeit und diesen Prachtblumen, Tante Sara scheu und niedergeschlagen. Casimir Brut, Ludwig und der Pastorssohn fehlten. Das kolossale Mißverhältnis zwischen Absicht und Wirkung mußte eine gewisse Verstimmung, selbst bei diesen gutmütigen, munteren Mädchen hervorrufen, die wirklich keine Mühe scheuten und selbst mit der Bewunderung eines Kuhhirten vorlieb genommen hätten, wenn sie aufrichtig gewesen wäre. Frau Olga allein schien ganz unberührt von dem kühlen Empfang und ging in naiver Selbstbewunderung so weit, daß sie den gereizten Pastor fragte, ob Weiß ihr nicht gut stehe. Glücklicherweise ließ er sich vom Essen den Mund verstopfen; und Frau Olga wendete sich nun an den Generalagenten und ließ die sechs sorgsam ausprobierten Lächeln einander in rascher und graziöser Folge ablösen. Und obwohl nicht einmal dies ein nennenswertes Resultat ergab, schien sie doch froh und zufrieden. Aber als Casimir Brut erst nach der Suppe seinen Einzug hielt, runzelte sie die Stirn und bemerkte schroff: »Ich weiß nicht, wie es in Ihrem Elternhaus Brauch gewesen ist, Herr Brut! Aber in meinem mußte man die Mahlzeiten einhalten, oder wenigstens um Entschuldigung bitten, wenn man zu spät kam.« Brut antwortete ruhig: »Ich habe kein Elternhaus gehabt und bin ein ganz unerzogener Mensch. Aber natürlich bitte ich um Entschuldigung.« Er nahm neben dem Pastor Platz, der sich ihm zuwendete, indem er sagte: »Frauenzimmer Pünktlichkeit loben zu hören, ist ebenso rührend, als hörte man den Teufel das Evangelium preisen. Was mich betrifft, so habe ich eine sorgfältige Erziehung genossen, und darum sage ich, daß dieser Braten gut ist, aber sicherlich vor zwei Stunden verdaulicher und schmackhafter gewesen wäre.« Da er den Braten neben sich hatte, untersuchte er ihn genau, schnitt mit Sorgfalt einige Scheiben ab und aß. Frau Olga nahm ihre Zuflucht wieder zu dem Generalagenten, schenkte fleißig in sein Glas ein und machte ihre Blicke und ihr Lächeln so sinnbetörend als möglich. Schließlich begann der traurige alte Mann Feuer zu fangen, er fächelte mit den Händen, ganz wie der zerbrochene kleine Vogel mit den Flügeln gefächelt hatte, er schaukelte sich auf seinem Stuhl, ganz wie der Vogel aus seinem Pflöckchen, und sein Falsett trillerte und tremolierte. »Da schau her!« flüsterte Brita Betty zu. »Meiner Seel', schlägt sie nicht Funken aus dem Generalagenten!« Plötzlich unterbrach Frau Olga das Spiel; sie zuckte zusammen, und mit aufgerissenen Augen fragte sie: »Wo ist Ludwig?« »Ja, wo ist Ludwig?« wiederholten die Willmanmädchen. Fräulein Alexander lächelte überlegen und mitleidig. »Die Beobachtungsgabe der Damen«, sagte sie, »ist offenbar nicht besonders ausgebildet. Ich kann jedoch mitteilen, daß Herr Ludwig und der Herr Sohn des Herrn Pfarrers an dem Suchgang nach dem ermordeten Mädchen teilnehmen.« Eine Pause von einer Viertelminute entstand, worauf die sechs Damen vereint aufschrieen: »Dem ermordeten Mädchen? Dem ermordeten Mädchen?« Sechs Soprane, ein Falsett und Fräulein Alexanders Alt ergossen sich nun in einen wirren Strom von Ausrufen, Fragen ohne Antworten und Antworten ohne Fragen. Bis plötzlich Casimir Bruts Stimme den schrillen Lärm durchbrach, dunkel und schmetternd wie ein Donnerschlag. »Ich möchte doch bitten, keine solchen Dummheiten daherzureden!« Etwas gedämpfter fügte er hinzu: »Das Mädchen ist nicht ermordet.« »So? Nicht ermordet?« wiederholte Fräulein Alexander nach einem Augenblick. Und mit einem vielsagenden Lächeln fuhr sie fort: »Vielleicht weiß der Herr Verwalter, wo sie sich befindet?« »Nein«, antwortete er kurz angebunden. »Aber ich nehme an, sie wird schon wieder zum Vorschein kommen. Auf jeden Fall ist es unnötig, jetzt über die Sache zu sprechen.« »Sooo!« fiel Frau Olga ein. »Warum sollte man nicht über die Sache sprechen dürfen?« Er sah auf seinen Teller herab, er sah wieder auf, und er sah ihr für eine Sekunde gerade in die Augen. Dann antwortete er mit milder Ruhe und Sanftmut, die sonderbar von dem schroffen Inhalt des Satzes abstach: »Weil ich es nicht will.« Frau Olga schwieg, und das Schweigen wurde allgemein. Bis der Pfarrer so viel gegessen hatte, daß der Magen verstummt war und er selbst zu sprechen beginnen konnte. »Nun, Herr Brut«, sagte er, »was für ein Gefühl ist es, Larsbo zu verlassen?« Casimir Brut warf einen großäugigen Blick auf Frau Olga, die errötend und ungeduldig ausrief: »Warum sehen Sie mich so an? Ich habe meinen Freunden erzählt, daß Sie uns verlassen werden.« Brut nickte, und an den Pastor gewendet, erwiderte er: »Was für ein Gefühl es ist? Ein schweres Gefühl. Ich habe hier fünfzehn Jahre gearbeitet, ich habe meine beste Zeit hier gehabt. So etwas empfindet man schwer.« »Warum in Gottes Namen gehen Sie dann?« fragte der Pastor. Er antwortete: »Man pflegt zu gehen, wenn man hinausgeworfen wird.« Frau Olga stieß einen Ausruf aus, aber Dr. Karolina schnitt ihr mit einem barschen: »Still, du!« das Wort ab. Und sie sagte: »Was soll das heißen? Hinausgeworfen? Ollo hat uns gesagt, daß Sie mehr als bereitwillig Larsbo verlassen.« »Hat sie das gesagt«, gab Brut ruhig zurück, »dann hat sie gelogen.« »Gelogen!« keuchte Frau Olga. Aber er bekümmerte sich nicht um ihre Erregung, sondern fuhr fort: »Wenn ein Mensch zu hören bekommt, daß er überflüssig ist, und daß man ihn los sein will, so kann er natürlich nicht bleiben. Aber er geht dann nicht bereitwillig. Wenn es auch angenehmer klingt, so zu sagen. Frauenzimmer mögen das, was angenehm klingt.« »Das ist wahr!« gab Lizzy zu. »Ich für meine Person ziehe das, was angenehm klingt, dem vor, was unangenehm klingt. Ganz wie ich das Schöne dem Häßlichen und das Behagliche dem Unbehaglichen vorziehe.« »Und die Wahrheit?« fiel Brut ein. Lizzy warf die Lippen auf und senkte die Augenlider in vornehmer Gleichgültigkeit. Betty sagte: »Es ist leichter, das Angenehme von dem Unangenehmen zu unterscheiden, als das Wahre von dem Unwahren. Darum ist es am klügsten, sich an das Angenehme zu halten. Das Risiko, gefährliche Irrtümer zu begehen, ist wesentlich geringer.« »Nein«, sagte Brut und senkte den Kopf, so daß der schwarze Bart sich über das Tuch ausbreitete. »Auf das Risiko kommt es nicht an. Frauen fürchten sich nicht vor dem Risiko, das kann man ihnen nicht nachsagen. Aber sie mögen die Wahrheit nicht, sie verstehen sich nicht auf sie und wissen nicht, was sie mit ihr anfangen sollen. Sich an die Wahrheit halten, das heißt ja, einzig und allein Rücksicht auf Tatsachen nehmen und sie gelten lassen, ob sie nun angenehm oder unangenehm sind. Frauen nehmen nur Rücksicht darauf, wie die Sachen und Dinge nach ihrem Geschmack sein sollten. Wenn ein Mann eine bucklige Frau hat, so findet er, daß sie häßlich ist, was das Äußere betrifft. Wenn eine Frau einen buckligen Mann hat, so findet sie, daß er ungewöhnlich gerade gewachsen ist. Was natürlich nicht hindert, daß sie andere und größere Fehler an ihm findet. Aber solche, die er nicht hat. Es gibt nichts, was sie nicht hinzu- oder weglügen können. Männer können auch lügen, wenn sie dazu gezwungen sind. Aber die Wahrheit ist für sie Granit; sie müssen sie fortsprengen. Frauen wedeln sie mit dem Taschentuch weg.« »Der Herr ist bitter«, fiel der Pfarrer ein, »und das wäre ich auch, wenn ich von dem einen oder anderen kleinen Zierpüppchen hinausgeworfen wurde. Und damit spiele ich nicht speziell auf die Gnädige an, sondern auf junge Frauenzimmer im allgemeinen, die, wenn sie in ein gewisses Alter gekommen sind, die süßen Liebesworte durch allerhand Redensarten ersetzen. Wenn eine Frau sagt: ›Ich liebe dich!‹, so meint sie, daß der Betreffende sie in die Arme nehmen soll. Aber wenn sie sagt: ›Rette die Menschheit!‹, so meint sie akkurat dasselbe.« »Und wie ist es mit den Männern?« fragte Betty. »Wenn ein Mann zu seiner Frau sagt: ›Wie schön du bist!‹, so meint er: Bin ich nicht ein stattlicher Kerl? Und sagt er: ›Rette die Menschheit!‹, so meint er akkurat dasselbe. Es gibt vielleicht einen Unterschied, aber der ist kaum zu finden.« »Ich möchte bitten!« schmetterte plötzlich Dr. Karolinas Stimme scharf und unheilverkündend. »Ich möchte doch bitten, daß Herr Brut sich erklärt! Herrn Bruts traurige Erfahrungen mit der weiblichen Lügenhaftigkeit sind wahrhaftig nicht besonders schmeichelhaft für uns Damen in Larsbo. Wir gedenken uns nicht mit irgendwelchen dunklen Andeutungen zufrieden zu geben. Bitte sehr!« Brut antwortete langsam: »Ich brauche meine Erfahrungen ja nicht in Larsbo gemacht zu haben. Ich habe sie schon aus meiner Kindheit. Mein Vater und meine Mutter waren nicht verheiratet, wohl aber heiratete meine Mutter, kurz nachdem ich geboren wurde, einen anderen Mann. Das wollte meine Mutter nicht wahr haben. Sie wollte nicht, daß es so sein sollte. Und obwohl das ganze Dorf wußte, daß ich der Sohn eines Knechts und nicht eines Bauern war, zwang sie meinen alten Stiefvater, so zu tun, als wenn ich sein Sohn wäre. Ich hätte weniger Sticheleien einstecken müssen und wäre besser behandelt worden, wenn sie mir ein Plakat mit der genauen Angabe meiner Geburt umgehängt hätte. Aber wenn eine Frau mit einem halben Pfund Wahrheit auskommen kann, so verwendet sie lieber zehn Pfund Lüge. Hat sie ein Loch in ein Tuch gebrannt, so hat der Blitz eingeschlagen. Hat sie einen Teller zerbrochen, so war's ein Erdbeben. Hat sie das begangen, was man einen Fehltritt nennt, so muß sofort die ganze Menschheit gerettet werden. Denn wie hätte sie einen Fehltritt begehen können, wenn die Menschheit nicht in Grund und Boden verderbt wäre? Alles wird so groß und unverhältnismäßig, infolge ihrer starken Phantasie und ihrer Geringschätzung für kleine einfache Tatsachen. Sind diese noch dazu unerquicklich, so dürfen sie absolut nicht existieren. Ihre Phantasie dichtet den unbedeutendsten Vorgängen die gräßlichsten, unmöglichsten Konsequenzen an. Wenn ihr allergeringstes Geheimnis verraten wird, steht sofort die Welt in Brand. Und das schlimmste ist, daß diese ihre Phantasie suggestiv ist und die ganz besondere Gabe hat, andere Leute in Bewegung zu setzen und sie dazu zu bringen, Dummheiten anzustellen. Nehmen wir ein Beispiel. Sagen wir, daß einer Frau ein verhältnismäßig unbedeutendes Malheur passiert ist. Sie hat einen wertvollen Gegenstand zerschlagen, zum Beispiel eine kostbare Vase –« Gerade in diesem Augenblick ereignete sich ein ähnliches Unglück: Frau Olga stieß ein Blumenglas um, das vor ihr stand. Das war ein eigentümliches Zusammentreffen, aber es erregte an und für sich weniger Erstaunen als Frau Olgas erschrockener Ausruf: »Casimir!« Die Willmanmädchen, trotz ihres Leichtsinns durch eine ungewöhnliche Selbstbeherrschung bekannt, schnellten von ihren Stühlen in die Höhe; der Pastor räusperte sich dumpf; Fräulein Alexander öffnete den Mund weit, als hätte sie sagen wollen: Aha! Der Generalagent rückte hastig ab, denn in Frau Olgas Stimme lag eine energiegeladene Drohung. Aber Casimir Brut bemerkte ruhig: »Ich meinesteils ziehe die Wahrheit vor, angenehm oder unangenehm. Die unangenehmste Wahrheit macht noch immer weniger Scherereien als die angenehmste Luge.« Nun brachten die drei niedlichen Mädchen den Kaffee, die Liköre, die Zigaretten herein. Während diese Gottesgaben verteilt wurden und die ersten Rauchwolken sich über dem Tische kreuzten, herrschte ein gedankenvolles Schweigen. Die heftig erregten Willmanmädchen begannen einander bedeutungsvolle Blicke zuzuwerfen, verbunden mit gewissen geheimnisvollen Grimassen, die die Zeichensprache der Familie bildeten. Frau Olga saß ganz still da und sah gerade vor sich hin; in dem weißen, etwas jugendlichen Kleidchen sah sie wie ein Mädelchen aus, das zum erstenmal unter großen Leuten sein darf. Das Schweigen wurde von dem Pastor gebrochen, der sagte: »Ein gutes Wort ist dieses: Was du sagst, sei wahr, aber sage nicht alles, was wahr ist. Ich sage gerne die Wahrheit, aber ich tue es in manierlicher Weise und verletze niemanden. Das ist meine Methode. Aber der Herr dürfte nicht im Besitz von sehr viel Lebensart sein.« »Das bin ich wohl nicht«, gab Brut zu. »Ich habe in dieser Richtung nicht viel gelernt.« »Die Kindheit des Herrn«, fuhr der Pastor fort, »scheint auch von betrüblicher Art gewesen zu sein. Der Stiefsohn eines Bauern und der uneheliche Sohn eines Knechts zu sein, das ist ein übler Anfang. Ich nehme an, daß der richtige Vater des Herrn sich nicht viel um ihn gekümmert hat?« »Das konnte er nicht«, antwortete Brut. »Er kam ins Gefängnis, als ich ein paar Jahre alt war, und er starb im Gefängnis.« »Das wird ja immer schöner!« sagte der Pastor. »Darf man fragen, warum er ins Gefängnis kam?« »Wegen Mord«, antwortete Brut. »Ich muß sagen«, fuhr der Pastor nach einem nachdenklichen Schweigen fort, »ich muß sagen, daß solche Prämissen zu einer schlechteren Konklusion hätten führen können, als sie der Herr darstellt. Aber jetzt muß uns der Herr ein bißchen von all dem erzählen!« »Nun ja«, sagte Casimir Brut und strich den Bart vom Tisch. »Wenn jemand etwas daraus lernen kann, so kann ich es schon erzählen.« Hie und da von den Fragen des Pastors und den Einwürfen der Damen unterbrochen, erzählte er die Geschichte ungefähr wie folgt:   Hans Hinz und die Frauen. Hans Hinz Faber hieß er, der die Mühle bediente; der Besitzer hieß Gruber. Die Mühle lag eine halbe Stunde Wegs oberhalb des Dorfes, und das Wasser, das das Mühlrad trieb, wurde im Dorfe in einem gemauerten Becken gestaut, in dem die Frauen ihre Wäsche spülten. Wenn sie damit beschäftigt waren, dann kam die Rede oft auf Hans Hinz, und die Frauen überboten einander, seine Kenntnisse und Fähigkeiten zu preisen. Wenn ein Fremdling diesen Lobgesang gehört hätte, so hätte er sicherlich geglaubt, der Müller sei ein reifer Mann und im Besitz der reichsten Erfahrung. So verhielt es sich jedoch keineswegs. Hans Hinz zählte erst einige zwanzig Jahre. Hingegen war es richtig, daß er außerordentliche Körperkräfte besaß, was die Frauen auch nicht verabsäumten, gleichfalls zu preisen. Er verrichtete ganz allein die Arbeit in der Mühle und hielt den alten Klapperkasten in Gang, der fast täglich geflickt und gestützt werden mußte. Außerdem fand er noch Zeit und Kräfte, den Dorffrauen bei ihren zahllosen Mühen und Kümmernissen beizustehen. Diejenige unter ihnen, die Hans Hinz zuerst entdeckte, war eine gewisse Frau Maturin, eine Witwe, die später den reichen Bauer Joachim Brut heiratete. An einem Augustabend kam sie, und viele mit ihr, von einem Erntefest in einem entlegenen Gebirgsdorf. Die übrige Gesellschaft ging an der Mühle vorbei, ohne Hans Hinz zu bemerken, der regungslos auf der Bank an der Mühlenwand saß. Die Wand war graugrün von Moos, der Knecht graugelb vom Mehl; in der Dämmerung sahen sie ihn nicht. Aber Frau Maturin blieb stehen und entdeckte seine Augenbrauen, die schwarz, breit und zusammengewachsen wie ein Sargdeckel über den Augen lagen. Frau Maturin war müde vom Tanz und vom Weg, sie setzte sich neben ihn, indem sie fragte: »Bist du nicht Hansi, der Hirtenbub? Seit wann bist du Müller geworden?« Er antwortete nicht, sondern sah in der Dämmerung vor sich hin, ruhig in seinen Gedanken. Es war seine freie Zeit, und da kümmerte er sich um keinen Menschen. Als Frau Maturin sich ausgerastet hatte, stand sie auf und sagte Lebewohl. Auch jetzt antwortete er nichts, und sie ging, ohne sein unhöfliches Schweigen weiter zu beachten. Aber nachts, als sie wach lag, sah sie seine dunklen, starken Augenbrauen vor sich, und sie begann über sein Schweigen, seine Einsamkeit und seine Jugend nachzusinnen. Bei der ersten Gelegenheit begab sie sich wieder in die Mühle. Und sie wiederholte ihre Besuche. Die Dorfleute, die stets über Frau Maturin wachten, begannen sie zu necken. Das nahm sie aber krumm und antwortete heftig, wenn es viele so sittsame junge Männer gäbe wie Hans Hinz Faber, so würde sie eine bessere Meinung von den Männern haben. Hierüber lachten die Männer, aber die Frauen wurden neugierig. Noch im selben Herbst begannen sie den Pfad zur Mühle hinaufzuwandern und huschten in der Dämmerung über die Lichtung, lautlos wie Nachtvögel. Er sah sie zwischen den Tannen heranschleichen und bei der letzten vor der Mühle stehenbleiben, als erwarteten sie, daß er sie zu sich rufen würde. Er rief nicht. Schließlich kamen sie heran, grüßten und ließen sich nieder. Er machte ihnen nicht Platz und inkommodierte sich ihretwegen in keiner Weise. Aber wenn nun eine Frau, um ihrem Besuch einen einleuchtenden Grund zu geben, ihn fragte, warum ihre Kuh keine Milch gäbe, da wurde er anders, denn das war eine ernste Frage, und er hatte als Hirtenbub so mancherlei Erfahrungen gesammelt. Er bemühte sich also, die richtige Antwort zu finden. Da ging mit seinem Gesicht eine merkwürdige Verwandlung vor. Die verdrossene Miene verschwand, der schläfrige Blick bekam Leben, die Pupillen blitzten wie schwarze Diamanten. Den stärksten Eindruck machten seine Augenbrauen, die sich ganz sachte hoben, aber schließlich so hoch, daß der Zuschauer dasselbe unruhige Gefühl empfand, als sähe er einen geschickten Bogenschützen seinen Bogen bis aufs äußerste spannen. Die Ratschläge, die in diesen und ähnlichen Fällen das Resultat des ernsten Nachdenkens des Knechtes waren, bestanden in nichts anderem als alten Hauskuren, die die Frauen gewöhnlich schon kannten. Nichtsdestoweniger begann der Glaube an seine wunderbaren Gaben und Erkenntnisse sich zu verbreiten, und die Frauen gelangten bald zu der Schlußfolgerung, daß, wer die Krankheiten der Tiere kurieren könne, auch die der Menschen heilen müsse. Mütter brachten ihm ihre kranken Kleinen. Er lehnte es ab, sich mit ihnen zu befassen, er brummte, er fluchte, er stieß sie weg. Aber diese Widerspenstigkeit reizte die Mütter nur. Je unzugänglicher der Wundertäter ist, desto tiefer sind seine Einsichten. Eines Abends kam Försters Gretel. Sie war jung und ledig und hatte sich um keine Kinder zu bekümmern. Als Hans Hinz sie kommen sah, ging er rasch in die Mühlkammer hinauf, im Vorbeigehen eine Kelle Wasser aus der Rinne schöpfend. Darin wusch er sich Gesicht und Hände. Unterdessen kam Gretel zaghaft heran. Sie kannte den Knecht aus ihrer Kinderzeit, aber sie hatte schon so viel von seinen wunderbaren Kuren, seinem einsamen Leben und seinem harten unwirschen Betragen gegen die Frauen gehört, daß sie ein Zittern und Zagen vor dem Müllersknecht fühlte, als wäre er der Herr Pfarrer in höchsteigener Person. Außerdem war ihr Anliegen geringfügig, ja lächerlich. Sie hatte große häßliche Warzen an den Händen, die weder Kreide noch Lapis zu vertreiben vermochten. War das nun ein Gebrechen, mit dem man einem Wundertäter kommen durfte? Sie stand an der Türe, und ihr Herz klopfte stärker als ihre Hand. Auf der anderen Seite der Türe stand Hansi und lauschte, und Gott weiß, wie lange sie so gestanden haben mochten. Endlich nahm er seinen Mut zusammen und trat hinaus, und auch Gretel faßte Mut, brachte ihr Anliegen vor und zeigte ihm ihre armen Hände. Hansi berührte die Warzen ganz leicht mit den Fingerspitzen und schüttelte den Kopf. Er konnte sich um alles in der Welt auf kein einziges Mittel gegen Warzen besinnen. Nachdem er die Bank hastig mit dem Rockärmel abgewischt hatte, bat er Gretel, Platz zu nehmen. Sie setzte sich, und sie schwiegen, bis Gretel ein bißchen ungeduldig fragte, ob er ihr denn nicht helfen wolle. »Was redest du da zusammen?« antwortete Hansi. »Bin ich vielleicht ein Doktor oder eine weise Frau? Warum kommt ihr zu mir? Und du auch! Scher dich zum Kuckuck!« Aber als sie ganz erschrocken aufstand, drückte er sie wieder auf die Bank nieder. Da saß sie, und da stand er, beide stumm. Bis eine Schwarzdrossel zu Hansi hinhüpfte und an seinem Stiefel zu picken anfing. Er ließ den Vogel auf seine Hand hüpfen und begann seine Locktöne nachzuahmen, wobei die Drossel sich auf das drolligste brüstete, die Schwanzfedern ausspannte und gluckste, so daß das kleine Brüstlein zu einem großen weichen Ball anschwoll. Da brachen sie in Lachen aus, und der Vogel flog davon. Und nun begann Hansi Proben der Künste zu zeigen, die er in seinen Hirtenbubenjahren gelernt hatte und die hauptsächlich in einer geschickten Nachahmung von allerhand Tierstimmen bestanden. Nachdem er so und anderweitig seine Verdienste und Fähigkeiten ins beste Licht gerückt hatte, lief er fort, zu einem uralten Kirschenbaum, dessen einziger noch lebender Ast einige überreife, aber saftige Beeren trug. Es zeigte sich, daß es dreizehn an der Zahl waren; sechs gab er Gretel, sechs aß er selbst, aber die dreizehnte teilten sie so, daß Gretel die eine Hälfte zwischen ihren Lippen hielt, während Hansi die andere abbiß. Da war es schon so dämmrig im Walde, daß Gretel ins Dorf zurückkehren mußte. Als der Winter kam, wurde der Mühlweg schwer gangbar, und jetzt war Frau Maturin die einzige, die hie und da die Mühle besuchte, einen Korb vollgepfropft mit Eßwaren mitbringend. Gleichwohl hörte Hans Hinz nicht auf, die Phantasie der Frauen zu beschäftigen. Einige von ihnen hatten Geschichten von frommen Wundertätern gelesen, die alle ebenso einsam und dürftig lebten wie der Müller. Sein Bild wuchs in ihrer Vorstellung. Und in den langen dunklen Monaten, wo sie nur die Spuren seiner Skier im Schnee sahen und nur seine kräftigen Axthiebe gegen die gefrorenen Stämme hörten, war Hansi Hinz unablässig der Gegenstand ihres Sinnens. Die Männer im Dorf konnten nicht umhin, sich über all dies Getue mit dem Müllerknecht zu ärgern. Sie glaubten, seine schwache Seite herausgefunden zu haben und beeilten sich, sie anzugreifen: er ging nie in die Kirche. Folglich mußte er ein gottloser Kerl sein. Hierauf entgegneten die Frauen flink, er spreche seine Gebete ebenso getreulich wie irgendein anderer; und obgleich sie ihn nie auch nur ein einziges Vaterunser beten gehört hatten, waren sie bereit, seine Gottesfurcht heilig und teuer zu beeiden. Zugleich begannen sie, über den armen Pfarrer loszuziehen und behaupteten, daß, wer seinen Glauben in Ehren halten wolle, der solle der Dorfkirche lieber aus dem Wege gehen. Die Männer mußten schließlich allein zum Hochamt wandern, und hatten sie die Frauen mit, so sah man diesen oft die Spuren von Tränen und Ohrfeigen an. Während die Frauen so Hans Hinz verteidigten, war sein eigener größter Kummer gerade der, daß er nie zur Messe kommen konnte. Der Grund war einfach, aber triftig: er besaß kein Sonntagsgewand. In dem geflickten Arbeitskittel, durchsetzt von Mehl und förmlich gefirnißt von Pech, konnte er nicht hingehen, ohne sich vor unserem Herrgott sowie vor Försters Gretel schämen zu müssen. Er dachte lange unter hochgespannten Augenbrauen darüber nach, wie er zu einem anständigen Feiertagsgewand kommen könnte. Geld hatte er keins. Sein Lohn wurde in Natura geleistet und war so karg, daß er nur zum täglichen Essen reichte, einer Art Mehlpapp, den er sich in Salzwasser kochte. Hans Hinz grübelte sechs Monate nach und beschloß endlich, den Mühlenbesitzer, Herrn Gruber, aufzusuchen, der eine Dachkammer im Schulhause bewohnte. Der Besuch sollte an einem Sonntag vor sich gehen, aber schon am Samstag abend machte er sich auf den Weg. Die Nacht gedachte er in der Nähe von Gretels Haus zu verbringen. Dort im Dorfe herrschte die Sitte, daß die männliche Jugend die Sonntagsnacht dazu verwendete, ihre Liebchen aufzusuchen. Hansi stieß infolgedessen mit vielen jungen Männern zusammen, die allein und stumm oder auch in singenden Scharen zum Dorf hinunterzogen. Sie grüßten ihn mit einer allerdings mürrischen, aber doch unverkennbaren Achtung. Der einzige Sohn des reichen Bauern Brut aus erster Ehe, ein junger, etwas einfältiger Mann, namens Henrik, trennte sich sogar von seiner singenden Schar, um sich Hans Hinz anzuschließen. Und binnen kurzem hatte der herzensgute Tropf dem Hansi sein Samstaggeheimnis anvertraut: er gedachte bei Försters Gretel zu fensterln! Hans Hinz hätte gern gefragt, ob Henrik sich mit Gretel verabredet habe, und ob sie vielleicht schon Brautleute seien. Aber er brachte es nicht über die Lippen. Stillschweigend, und dem Anschein nach unberührt, ging er neben dem plappernden Jüngling einher, wußte es aber doch so einzurichten, daß sie beide zurückblicken und sich bald in einer ansehnlichen Entfernung von der Schar befanden. Dann blieb er plötzlich stehen, und indem er sich von Henriks Arm frei machte, sagte er: »Du gedenkst zu Försters Gretel zu gehen? Aber paß jetzt gut auf: ich werde statt deiner gehen!« Der verblüffte Freier suchte die Sache mit Scherzen abzutun. Hansi überzeugte ihn jedoch bald von seinem Ernst und warf ihn schließlich auf den Rücken in einen wassergefüllten Graben. Ganz beruhigt, daß das Muttersöhnchen erst nach Hause gehen würde, um trockene Kleider anzuziehen, begab er selbst sich geradeswegs in das Försterhaus. Er schlich sich die Außenstiege hinauf, die zum Dachboden und Gretels Kammer führte. Er probierte die Türe und fand sie verschlossen. Nun begann er die Drossel nachzuahmen, und davon wachte niemand im Hause auf, mit Ausnahme von Gretel. Nach einer Weile kam sie zu ihm hinaus, und sie saßen Seite an Seite auf der Treppe. Hansi erzählte, daß er zu Herrn Gruber gehen und Geld für ein Feiertagsgewand verlangen wolle. Gretel dachte ein Weilchen nach, dann sagte sie: »Du solltest dir einen besseren Posten suchen. Aber nicht hier im Dorf.« Nun war Hansi an der Reihe, nachzudenken, und nach einem Weilchen sagte er: »Darf ich wieder zu dir kommen, wenn alles mit dem Meister abgemacht ist?« Sie antwortete: »Wie du halt meinst.« Gretel ging wieder hinein, aber Hansi blieb auf der Treppe sitzen. Und während er in seinem Kopfe allerhand Pläne für die Zukunft wälzte und beschloß, aus dem Orte mit seinen dummen Frauen wegzugehen, begannen endlich die Hähne zu krähen. Und Hansi machte sich zu Herrn Gruber auf. Der Alte empfing ihn, im Bette liegend. Er war Schullehrer gewesen und erst auf seine alten Tage infolge einer Erbschaft Mühlenbesitzer geworden. Er selbst konnte die Mühle nicht führen, und der alte Klapperkasten hätte ihm überhaupt keinen Ertrag gebracht, wenn er gezwungen gewesen wäre, den Knecht anständig zu entlohnen. Nun war es ihm jedoch gelungen, den Hirtenbuben mit allerhand dunklen Verheißungen zukünftiger Vorteile an sich zu locken. Als nun Hansi mit der Mütze in der Hand, mürrisch, aber höflich, Geld für ein Feiertagsgewand verlangte, geriet der Alte aus Rand und Band und überhäufte ihn mit Beschimpfungen. Hatte er ihm nicht künftige Vorteile versprochen? Hansi erwiderte: »Der Meister verspricht, aber was weiß ich, ob er es zu halten gedenkt? Übrigens kann ich nicht darauf warten. Ich möchte heiraten.« Herr Gruber, der eben den Wasserkrug an den Mund geführt hatte, um seinen Hals nach all dem Schimpfen zu letzen, bekam den Wasserschluck in die unrechte Kehle. Erst nachdem Hansi ihn tüchtig auf den Rücken geklopft hatte, kam er wieder zu Atem, aber lag lange Zeit ganz ermattet da. Endlich erhob er sich mit Hansis Hilfe und wankte auf bloßen Füßen zu einer Truhe hin, in der er seine Papiere verwahrte. Zuoberst lag ein gestempeltes Dokument, das der Alte mit bebenden Händen entfaltete; und mehr aus dem Gedächtnis als aus dem Blatt las er den Inhalt, wobei die heisere Greisenstimme warme, fast zärtliche Töne anschlug. Das Dokument war ein Testament, wodurch Gruber seinem getreuen Knecht, Hans Hinz Faber, all seine Hinterlassenschaft vermachte. Als der Alte die Vorlesung beendet hatte, fügte er mit demselben zärtlichen Tonfall hinzu: »Ich habe an dich gedacht, wie ein Vater an seinen Sohn denkt. Aber du willst mich armen, alten Mann im Stich lassen. So geh denn, Undankbarer!« Ob nun der Alte wirklich an Hansi wie ein Vater an seinen Sohn gedacht, oder ob er das Testament nur errichtet hatte, um die Früchte der Arbeit des flinken Knechtes zu genießen, ohne ihn bei Lebzeiten irgendwie entlohnen zu müssen, so fühlte sich Hans Hinz doch ganz überwältigt von dieser plötzlich offenbarten Güte. Er beugte sich herab und küßte den Ärmel seines Schlafrockes, und der Alte nahm diese Zärtlichkeitsbezeigung mit einer Würde entgegen, aus der bereits die Entrüstung des gekränkten Wohltäters sprach. Er begann den Knecht einem Kreuzverhör über seine Heiratspläne zu unterziehen, und als er erfuhr, daß sie Gretel galten, sagte er nach kurzem Nachdenken: »Daß du Försters Gretel gewählt hast, dagegen habe ich nichts. Aber laß mich zuerst mit dem Förster sprechen und ihm sagen, wie es zwischen mir und dir steht. Sonst bekommst du ein glattes Nein, mein armer Junge. Ich hingegen habe in dieser Truhe so allerlei, was den Förster geneigt stimmen kann, an die Sache zu denken. Laß mich nur machen, und geh du gleich in die Mühle zurück.« All dies äußerte er mit väterlichem Wohlwollen, und so kam es, daß Hans Hinz das Dorf verließ, ohne zuerst Gretel aufzusuchen, aber fest überzeugt, daß er seine Sache in die besten Hände gelegt habe. Für Herrn Gruber war es jedoch von größtem Gewicht, einen dicken Strich durch Hansis Zukunftspläne zu ziehen. Und der böse Feind selbst führte ihm Frau Maturin in den Weg. Er vertraute ihr unumwunden seine Befürchtungen an und gab ihr zu verstehen, daß, wenn Hansi Gretel heiratete, er sicherlich die Gegend verlassen würde, um sich anderswo ein beßres Auskommen zu suchen. Frau Maturin erwies sich als eine ebenso ausgesprochene Gegnerin dieser Heirat wie Herr Gruber selbst. Und sie war ein Weib und obendrein eine geübte Ehevermittlerin: sie wußte Rat. Sie suchte den Bauer Brut auf, machte ihn aufmerksam, welche vorteilhafte Heirat sich hier für seinen Sohn Henrik biete, und legte ihm nahe, unverzüglich mit dem Förster zu sprechen. So geschah es. Gretels Vater hatte nichts gegen den Freier einzuwenden, aber er legte die Entscheidung ganz und gar in die Hand des Mädchens. Gretel erklärte, daß sie Henrik nicht heiraten könne, da sie einen anderen lieb habe. Befragt, ob dieser andere Hans Hinz sei, antwortete sie nichts, sondern verließ das Zimmer. Aber die kluge Frau Maturin folgte ihr, holte sie im Hof ein, schlang vertraulich den Arm um ihre Mitte und führte sie auf die Wiese hinter dem Haus. Hier teilte sie ihr gewisse Dinge über ihr Verhältnis zu Faber mit, und ob sie nun die Wahrheit oder die Unwahrheit sprach, brachte sie das Mädchen dazu, einzusehen, daß sie von Hansi nichts Gutes zu erwarten habe. Das Ende vom Liede war, daß Gretel Henrik ihr Jawort gab. Zu Mitsommer wurde die Hochzeit gefeiert, und noch am Abend des Hochzeitstages bekam Hans Hinz den Besuch der Frau Maturin. Als Ehestifterin war sie hoch und vornehm in der Kirche wie im Hochzeitshause gesessen. Aber als der Tanz beginnen sollte, war sie aus dem Hochzeitshause verschwunden und saß nun schon auf der Bank neben Hans Hinz. Ihr Herz pochte heftig; doch sie verbarg ihre Unruhe unter einem unablässig summenden Geplauder. Sie schilderte die Hochzeit und den ganzen Hochzeitszug und kam schließlich zur Braut. Sie sagte, Gretel sei das glücklichste Mädchen gewesen, das man nur je unter dem Brautschleier gesehen habe. Während all dieses Geplauders bewahrte Hansi seine Ruhe und sein Schweigen. Sie wagte es, seine Hand zu fassen, und rückte dicht an ihn heran. Er ließ sie gewähren. Nach einer Weile stand er auf und ging in die Mühle hinein. Zuerst zuckte sie zusammen, als hätte sie einen Schlag ins Gesicht bekommen. Einige Augenblicke saß sie stumm da und starrte vor sich hin. Ihr Körper bebte. Aber als sie sich erhob, um zu gehen, merkte sie, daß Hansi die Mühlentüre offen gelassen hatte. Nun lächelte sie und seufzte, und ihre Augen wurden zu heiß für Tränen. Sachte trat sie in die Mühle und riegelte die Türe hinter sich zu. – Seither versah Faber die Arbeit in der Mühle ebenso fleißig wie früher, ohne Herrn Gruber je mit einer Lohnforderung lästig zu fallen. Die Dorffrauen versorgten ihn mit so vielem wohlzubereiteten Essen, daß sein starker Körper sicherlich überfüttert worden wäre, wenn er ihn nicht mit immer härterer Arbeit kasteit hätte. Ohne Zweifel hätten sie ihn auch mit Kleidern und Bargeld versehen, wenn er solche Dinge nur hätte annehmen wollen. Aber derlei wies er kurz und unwirsch zurück. Übrigens kümmerte er sich nicht viel um die Frauen, sondern ließ sie gewähren. Kamen sie aber nicht mit ernsthaften Fragen oder mit Bitten, ihnen in irgendeiner schwierigen Lage zu helfen, so konnten sie eines schlechten Empfanges gewärtig sein. Aber da das Leben des Weibes stets von vielen, wenn auch nicht immer großen Sorgen erfüllt ist, fehlte es ihnen nie an einem Vorwand, an seiner Seite Platz zu nehmen. Auch ihre Sündenangst und ihre Glaubenszweifel und Grübeleien begannen sie ihm anzuvertrauen. Und während Hans Hinz hinter langsam emporgezogenen Augenbrauen den heiklen Fall erwog, fand sich Gelegenheit, seine Hände zu ergreifen und zu streicheln und sein Blut zu erwärmen. Nachdem er die Frage in Worten und Wendungen beantwortet hatte, die mit der Zeit immer tiefsinniger und schwerer verständlich wurden, nicht nur für die Frauen, sondern auch für ihn selbst, stand er gewöhnlich auf und ging in die Mühle. Schloß er die Türe hinter sich zu, dann blieb für die Frau nichts anderes übrig, als sich enttäuscht von dannen zu schleichen. Ließ er hingegen die Türe angelehnt, so konnte sie ihm folgen. Derlei mußte natürlich großes Ärgernis im Dorfe erregen, sowohl unter den Männern wie in noch höherem Grade unter den ehrbaren Frauen, die nicht von dem sonderbaren »Mühlenfieber« ergriffen waren. Der Pfarrer wurde gedrängt, gegen den Unfug einzuschreiten, aber das Alter hatte den vortrefflichen Mann bequem gemacht. Er entschuldigte sich damit, daß Faber sich trotz all seines Hokuspokus keiner wirklichen Ketzerei schuldig gemacht habe. Und die krankhafte Schwärmerei für seine Person würde um so rascher erlöschen, je weniger man sie anfachte. Doch als schließlich Fabers Ruf solche Verbreitung fand, daß Leute aus entfernten Kirchspielen ihn aufsuchten, wurde der gute Alte ganz ängstlich, kroch in sein Bett und schützte Krankheit vor. Da ereignete sich folgendes: Eine Frau kam zu Faber und bat ihn, ihr Hühnerhaus zu pölzen, dessen Giebel von der Last des Schnees eingedrückt war. Hansi antwortete: »Bitte deinen Mann!« Worauf die Frau erwiderte: »Wie du daherredest! Wäre mein Mann nicht ein Tropf, so käme ich nicht zu dir! Außerdem ist er mit einem Kalb in die Stadt gefahren und kommt nicht zurück, bevor er das Geld versoffen hat. Ich bin allein im Haus.« Hansi versprach ihr zu helfen, und gegen Abend fand er sich auch richtig mit einem Stecken über der Schulter ein. Er schritt sofort ans Werk. Aber nun wollte es das Unglück, daß der Bauer früher heimkehrte, als die Frau vermutet hatte. Als er den ortsbekannten Müller auf seinem Hof erblickte, taumelte er aus dem Schlitten und wankte auf unsicheren Beinen auf Faber zu. Dieser nickte einen stummen Gruß und setzte seine Arbeit fort. Der Bauer stand eine Zeitlang da und betrachtete ihn mit berauschten blinzelnden Augen, dann fand er es, trotz seines Rausches, am ratsamsten, die Sache mit der Frau ins reine zu bringen. Er torkelte also ins Haus, und bald hörte Faber dort drinnen eine furchtbare Katzbalgerei. Völlig unberührt davon, führte er seine Arbeit zu Ende und kehrte ganz ruhig in die Mühle zurück. Kaum hatte jedoch die Frau den Mann notdürftig beruhigt, als sie sich hinausschlich, um Hansi zu treffen. Sie suchte ihn vergeblich, und nun war die Reihe an ihr, in Raserei auszubrechen. Sie stürzte auf den Mann zu, der schon auf der Holzbank lag und schnarchte, zerrte ihn an den Haaren und überschüttete ihn mit Schimpfworten, indem sie mit schamloser Offenheit eingestand, daß sie Hansi hergelockt habe, um bei Nacht allein mit ihm zu sein. Sie riß den halb schlafenden Trunkenbold von der Bank, schleppte ihn zur Türe hinaus und schleuderte ihn in einen Schneehaufen. Eine halbe Stunde des Schlafs in Schnee und Kälte ernüchterte den Mann. Er stand auf, um ins Haus zu gehen, aber fand Türen und Fensterläden geschlossen. Sofort nahm er an, daß die Frau sich mit Hansi eingesperrt habe. Nachdem er vergeblich an das Tor getrommelt hatte, mußte er, um ein Dach über dem Kopf zu haben, zu den Nachbarsleuten gehen, wo er weinend und fluchend sein Unglück erzählte. Am folgenden Tage wurde der Vorfall dem Pfarrer berichtet, und diesmal konnte er sich nicht weigern, einzuschreiten. Von einigen der Dorfältesten begleitet, trat er mit schwerem Herzen die Wanderung zu der Mühle an. Aber Hansis Freundinnen, die von der Frau benachrichtigt worden waren, beschlossen, ihn nicht im Stich zu lassen. Sie brachen in gesammeltem Trupp auf und folgten in einiger Entfernung den Männern. Faber, mit der Mütze in der Hand, lauschte geduldig und unterwürfig dem Herrn Pfarrer, der ihm das Eindringen in das Heim eines geachteten Mannes und wohl gar in sein Ehebett vorwarf. Als der Pfarrer verstummt war, berichtete er ruhig den wirklichen Verlauf des Ereignisses. Er war der Frau behilflich gewesen, ihr Hühnerhaus zu pölzen, und nach beendeter Arbeit war er nach Hause zurückgekehrt. Er konnte sogar ein paar Personen namhaft machen, denen er auf der Heimwanderung begegnet war. Der Pfarrer und die Ältesten standen ganz verlegen da, doch nicht so die Frauen. Nun griffen sie ein und nahmen sich kein Blatt vor den Mund, weder als sie Fabers Tüchtigkeit und Hilfsbereitschaft priesen, noch als sie die Jämmerlichkeit und Eifersüchtelei der Bauern schilderten. Bald begannen sie ihr Geschnatter mit Anspielungen zu würzen, die allerdings für den braven Pfarrer unverständlich waren, aber ihn vollends in Verwirrung brachten. Seine Begleiter kamen nicht dazu, den Mund aufzutun, und um das Unglück voll zu machen, konnten einige unter ihnen den saftigen Scherzen der Frauen nicht widerstehen, sondern fingen zu grinsen an. Auch Faber lächelte, und trotz seiner noch immer ehrfurchtsvollen Miene konnte man sehen, daß er sich an der Verlegenheit seiner Widersacher weidete. Aber plötzlich zuckte der Müller zusammen und zog sich hastig hinter die Türe zurück. Gleich darauf trat er wieder heraus und stand da, anscheinend ruhig, aber so schwer, fast keuchend, Atem holend, daß es sogar die Aufmerksamkeit des Pfarrers erregte. Dieser räusperte sich und begann, ein wenig stammelnd, einige allgemeine Betrachtungen anzustellen. Aber er hatte das bestimmte Gefühl, daß niemand, und am allerwenigsten Faber, zuhörte. Er sah, wie alle nach derselben Richtung blickten, und nun entdeckte er in der Lichtung eine Frau, die den Pfad hinaufwanderte. Und er erkannte in ihr die Frau des Bauernsohnes Henrik, Gretel. Und Gretel, die einen Weg in das Dorf oberhalb der Mühle hatte, ging still und stumm an dem Pfarrer und seinen Zuhörern vorbei, ahnungslos, was da vorging befangen und traurig, als sie Hansis Blick begegnete, der ihr unverwandt folgte. Dem Geistlichen gelang es jedoch, seine Rede so zu wenden, daß sie Faber weder freisprach noch ihn verurteilte, und zufrieden mit seiner priesterlichen Diplomatie verließ er die Mühle, von den Männern gefolgt. Als Hansi Gretel verschwinden sah, ging er hinein und riegelte die Türe hinter sich zu. Da begaben sich auch die Frauen in das Dorf hinunter. Sie gingen still und stumm wie Gretel.   Die Begegnung zwischen dem Pfarrer und dem Knecht, als Gretel gerade vorbeiging, gab mit den Anstoß zu den nun folgenden Unglücksfällen, dem Morde an Herrn Gruber, dem großen Prozeß und Fabers Verurteilung. Schon einige Tage nach dieser Begegnung hieß es im Dorf, daß der Pfarrer ausgezogen sei, um Faber zu bekehren, aber anstatt dessen selbst bekehrt worden wäre. Noch einige Tage später wußte man zu erzählen, daß der alte Pfarrer dem Knecht zu Füßen gefallen sei, ihm die Hände geküßt und weinend um seinen Segen gefleht habe. Fragte man die Verbreiter dieser Gerüchte, zu welcher neuen oder alten Lehre Faber den Pfarrer bekehrt habe, so konnten sie freilich keinen klaren Bescheid geben, aber sie ließen sich auch nicht verblüffen, sondern erwiderten: »Würde denn der Pfarrer auf die Knie gefallen sein, wenn er nicht bekehrt worden wäre?« Stellte man die Fragen hingegen in einer anderen Reihenfolge und fragte, ob es wirklich glaublich sei, daß der ehrwürdige Pfarrer vor dem Knechte niedergekniet sei, da wurde mit noch größerer Glaubensgewißheit geantwortet: »Nicht vor Faber ist er niedergekniet, sondern vor der göttlichen Wahrheit.« Die Ältesten, die der Begegnung beigewohnt hatten, gaben kaum klarere Auskunft. Niemand hatte den Kniefall gesehen, aber der Pfarrer war erregt und verwirrt gewesen und hatte Faber eher gelobt als getadelt. Dazu kam, daß die kleine Episode mit Gretel, das plötzliche, erwartungsvolle Schweigen, Fabers Betragen und Aussehen in ihrer Erinnerung bald merkwürdiger wurde als in Wirklichkeit. Sie glaubten zu begreifen, daß sich gerade in diesem Augenblick etwas Seltsames ereignet habe, aber über dessen Art und Wesen konnten sie nichts aussagen. Der Pfarrer selbst war wohl der einzige, der klaren Bescheid hätte geben können, aber der alte Herr hatte mehr als genug von der ganzen Sache. Er legte sich wieder zu Bett, fest entschlossen, sich erst wieder zu zeigen, wenn die ganze Geschichte in Vergessenheit geraten wäre. Die Aussage der Frauen blieb darum so ziemlich unwidersprochen, und dies benützte Frau Maturin, um in Faber zu dringen, als ein Verkünder des Worts und Mann Gottes aufzutreten. Es ist möglich, daß sie wirklich einen dunklen Glauben und noch dunklere Vorstellungen von seiner Mission hatte, aber außerdem hatte sie einen ganz besonderen Grund, ihn mit einem mystischen Glorienschein zu umgeben. Sie war seit einiger Zeit mit dem Bauer Brut, Henriks Vater, verlobt, und man wußte, daß es mit der Hochzeit eile. Man wußte auch oder glaubte zu wissen, daß die Ursache dieser Eile nicht der künftige Ehemann war, sondern eben Hans Hinz. Und diese Schlußfolgerung zog man aus Frau Maturins häufigen Besuchen in der Mühle. Für sie mußte es also erwünscht sein, diesen Besuchen eine Erklärung zu geben: sie hatte zu den Füßen des neuen Apostels gesessen, sie war seine erste Jüngerin. Dieser gut ausgedachte Betrug oder Selbstbetrug stieß jedoch auf ein unüberwindliches Hindernis. Der »Apostel« weigerte sich auf das Bestimmteste, sich zu irgendwelchen Gaben dieser außerordentlichen Art zu bekennen. Er wollte von solchen Dummheiten nichts hören; er war ein ungelehrter Knecht und wußte wenig von den heiligen Dingen. Die listige Frau Maturin wich vor diesem Hindernis zurück und schlug einen anderen Weg ein. Sie wollte ihn auch gegen seinen Willen zum »Apostel« machen. Seine Bewunderer und Anhänger, zu denen jetzt auch nicht wenige Männer zählten, waren nun zahlreich genug, um eine kleine Gemeinde zu bilden. Frau Maturin wollte sie an einem geeigneten Tag in die Mühle führen, und wenn Faber plötzlich so vielen Gläubigen Angesicht gen Angesicht gegenüberstand, würde er sich wohl bewegen lassen, einige erbauliche Worte an sie zu richten. Und damit wäre ein guter Anfang gemacht. Hans Hinz wußte also nichts von Frau Maturins Anstalten. Aber wie geheim sie sie auch betrieb, kam doch das Gerücht davon Herrn Gruber zu Ohren. Der Alte erschrak furchtbar. Sollte sein Knecht Prediger werden? Mit anderen Worten ihn und die Mühle im Stich lassen? Das alte Menschenwrack hatte allzu lange von den Kräften des jungen Mannes gelebt, um eine solche Veränderung nicht als eine grobe Rechtsverletzung zu empfinden. Er humpelte und hopste in einer Art von hinkendem Trab zur Mühle hinauf und begann nach echter Schulfuchsmanier den Knecht mit Vorwürfen zu überschütten, ihm seinen schwarzen Undank vorzuhalten. Schließlich verbot er ihm kurz und bündig, als Prediger aufzutreten. Faber begriff nichts von alledem, aber der Alte schrie: »Du Heuchler! Du weißt sehr gut, was ich meine. Aber ich werde dem schon ein Ende machen, gerade so wie ich der dummen Geschichte mit der Försterstochter ein Ende gemacht habe.« Faber hatte wie stets, wenn der Meister ihn tadelte, stumm und ehrerbietig mit der Mütze in der Hand dagestanden. Und weder seine Haltung noch sein Gesichtsausdruck veränderte sich, als er sagte: »Das war also der Meister, der zwischen mir und Försters Gretel ein Ende gemacht hat?« Herr Gruber hatte sein Geheimnis verraten. Er bekam eine unsinnige Angst. Anstatt zu antworten, schrie er: »Nimm dich in acht! Ich kann das Testament jederzeit zerreißen, wann es mir beliebt!« Faber stand ein Weilchen da und grübelte nach; dann machte er einen Schritt auf den Alten zu, blieb stehen und sagte: »Wie könnte der Meister das? Ich habe ohne Lohn gedient. Das wäre Unrecht. Das würde der Meister bereuen.« »Drohst du mir?« schrie Herr Gruber, und plötzlich stürzte er sich auf den Knecht und begann mit seinen ausgemergelten, kraftlosen Fäusten auf ihn los zu dreschen. Faber wollte sich nicht zur Wehr setzen, aber der Alte, der die schwellenden, harten Muskeln des Jungen unter dem dünnen Rock spürte, lief in heller Angst zur Türe hinaus, fluchend und beteuernd, der Knecht habe ihn ermorden wollen. Unterwegs begegnete er Gretels Mann, Henrik, und schilderte ihm den Vorfall auf seine Art, ohne jedoch Glauben oder Mitleid zu finden. Die Vorbereitungen für die Versammlung, die den Müllersknecht und Frauenbetörer in einen Wundertäter und Apostel verwandeln sollte, wurden gegen Sommer zu immer offener betrieben. Männer und Frauen aus fremden Kirchspielen kamen ins Dorf und fanden bei Fabers Anhängern Unterkunft. Frau Maturins Plan wurde allgemein bekannt, und auch Herr Gruber erfuhr, daß man beabsichtigte, Faber zu überrumpeln und ihn dazu zu bringen, vor der Gemeinde aufzutreten. Da wußte sich Herr Gruber keinen anderen Rat, als trotz seiner Furcht Hansi in der Mühle aufzusuchen.   Er fand den Knecht an seinem gewöhnlichen Abendplatz, und, wie gewöhnlich, stand er auf und begrüßte den Meister, indem er die Mütze abnahm. Gruber rückte sofort mit seinem Verbot heraus. Hansi antwortete ganz fügsam, daß er sich nicht zu der Versammlung locken lassen würde. Eine Weile standen sie stumm nebeneinander, der Alte keuchte noch von der Mühe der Wanderung, und auch der junge Mensch atmete schwer. Der Alte ging nun in die Mühle hinein und rief dem Knecht zu, ihm zu folgen. Ganz wie gewöhnlich, fand er viele Dinge auszusetzen und schrie sich heiser, um den Lärm zu übertönen. Hans schrie zurück, daß er nichts hören könne, und da er ernste Dinge mit dem Meister zu sprechen habe, schlug er vor, daß sie in die Mühlkammer hinaufsteigen sollten. Der Alte willigte ein, und sie kletterten die Leiter hinauf. In der Kammer, deren Fenster nur eine fußhohe Öffnung war, war es schon stockfinster. Der Alte ging zu dem Fenster hin, Hans blieb bei der Luke stehen. »Meister –«, begann er, aber die Stimme stockte. Der Alte rief: »Komm her! Ich hör' dich nicht!« Langsam und mit gesenktem Kopf trat Hans zu ihm hin, und ohne den Blick von den Bodendielen zu heben, fragte er, ob Herr Gruber wirklich daran festhalte, daß er das Testament jederzeit zerreißen könne. Gruber bejahte. »Dann«, sagte Hans, »ist es am besten, wenn ich die Mühle schon morgen verlasse, da ich dem Meister nicht mehr auf sein Wort glauben kann. Ich habe lange genug ohne Lohn gedient.« Gruber antwortete: »Schön! Schön! Ich werde den Fetzen noch heutigentags zerreißen.« Nach einer Weile sagte Hans mit unklarer Stimme, die Gruber zu seinem Staunen und seiner Erleichterung für dumpf von Tränen hielt: »Ich würde ja doch nicht gehen, wenn ich nicht im Zweifel wäre, ob das Papier überhaupt noch vorhanden ist. Der Meister hat es wohl schon verbrannt.« Gruber erwiderte: »Schafskopf! Komm mit mir nach Hause, dann werde ich dir zeigen, daß es in meiner Truhe liegt. Aber jetzt verlasse ich mich nicht mehr auf dich, du undankbarer Kerl. Schau, daß du weiterkommst! Ich werde mir schon einen anderen finden. Und sowie ich nach Hause komme, werde ich den Wisch zerreißen und bis auf das letzte Fetzchen verbrennen.« Sie standen eine Zeitlang stumm da; Gruber wendete sich von dem Fensterchen ab. Plötzlich schrie er auf: »Was stehst du da und glotzest zu Boden? Sieh mich an!« Hans packte ihn am Arm, nicht besonders hart, aber mit einem Griff, der dem Alten unlöslich schien. Er sagte: »Der Meister kommt nicht mehr nach Haus.« Wieder standen sie eine Weile stumm da. Gruber machte keinen Versuch, loszukommen. Seine Gedanken wurden rasch klar und besonnen. Er sah ein, daß er mit Gewalt oder Drohungen nichts ausrichten konnte. Er begann, im Tonfall eines gebildeten Mannes zu sprechen, eine Art, die er längst abgelegt hatte. »Mein lieber Junge«, sagte er, »du hast mich offenbar gründlich mißverstanden. Du müßtest doch mein Temperament kennen und wissen, daß ich nur so daher rede, wenn mir die Galle überläuft. Ich habe keinen Augenblick daran gedacht, an meinem Wort zu rütteln. Was habe ich denn getan, daß du mir mißtraust? Denkst du vielleicht an diese Geschichte mit Gretel? Ich schwöre bei allem, was mir heilig ist –« Er verstummte jäh; der Griff um seinen Arm hatte sich plötzlich verhärtet und gab ihm zu verstehen, daß er einen gefährlichen Weg eingeschlagen hatte. Nach einem Augenblick fuhr er fort, erklärend, ruhig, klar, kalt: »Na, also gut, du mißtraust mir. Das kann ich verstehen. Du mißtraust mir, ich mißtraue dir, du mißtraust mir, so pflegt es zu sein. Und das schadet nichts, es ist hier im Leben notwendig, mit einer gewissen Portion Mißtrauen in der Westentasche herumzugehen. Aber es gibt ja noch Gesetz und Recht. Ich kann das Testament registrieren lassen. Oder noch besser! Ich kann morgigentags einen Schenkungsbrief aufsetzen. Ich werde das Konzept schreiben, sowie ich nach Hause gekommen bin –« Hans wiederholte eintönig: »Der Meister kommt nicht nach Haus.« Sie schwiegen. Plötzlich sank der Alte zusammen, und Hans mußte den Arm um seinen Leib schlingen. Während sein Kopf schlaff an der Brust des Knechtes ruhte, flüsterte Herr Gruber: »Mein lieber Junge, ich versichere dir! Ich spreche in deinem eigenen Interesse. Du wirst doch auf jeden Fall keine Freude davon haben. Bedenke! Sobald man erfährt – du kommst ins Gefängnis –« Hans erwiderte: »Ich habe es mir so ausgedacht, daß niemand etwas erfahren wird.« Er trug den halb bewußtlosen Alten zur Luke hin. Noch einmal begann Herr Gruber zu flüstern: »Mein lieber Junge, ich verstehe nicht – warum glaubst du mir nicht auf mein Wort? Wir müssen einander glauben. Das ist notwendig. Sobald ich nach Hause gekommen bin, werde ich dir zeigen – wie unrecht du hast –« Hans wiederholte: »Der Meister kommt nicht nach Haus.«   Am selben Abend wurde Hans Hinz in einem Bauernhof südlich vom Dorf gesehen. Er hatte dort ein unbedeutendes Anliegen und entfernte sich nach einigen Minuten. Gegen elf Uhr klopfte er bei der Frau an, deren Hühnerhaus er gepölzt hatte, und fragte, ob er die Nacht über dableiben könne. Er erzählte, wo er herkomme, und sagte, er müsse schon in aller Frühe weiter zur Mühle. Der Mann sowohl wie die Frau zählten jetzt zu seinen Anhängern. Sie konnten sich nicht genug über die Ehre freuen, die er ihrem Hause erwies, und die Frau wollte ihm in der Wohnstube aufbetten, aber der Gast zog es vor, bei den anderen in der Küche zu liegen. Bei Tagesanbruch entfernte er sich. Als Frau Maturin und ihre Freunde, alles in allem etwa siebzig Leute, durch den Wald hinaufzogen, trafen sie ihn auf dem Weg zum Dorf hinunter. Er erzählte, daß er bei seiner Heimkehr, frühmorgens, den alten Gruber tot am Fuße der Mühlkammerleiter gefunden habe. Vermutlich habe der Alte ihn in der Mühle aufgesucht und war, da er ihn nicht gefunden, die Leiter hinaufgeklettert; beim Rückweg hatte er in der Dunkelheit wohl einen Fehltritt gemacht, war durch die Luke hinuntergestürzt und hatte sich das Genick gebrochen. Der bestürzte Menschenhaufen ging mit ihm zur Mühle hinauf, wo sie Herrn Gruber in der Lage und Stellung fanden, die der Knecht beschrieben hatte. Aber noch am selben Abend wurde der Müllersknecht Hans Hinz Faber, als in dem dringenden Verdacht stehend, den Tod seines Herrn verursacht zu haben, verhaftet. Allerdings konnte er eine Art Alibi beibringen, aber da Gruber das Dorf nachweislich schon gegen sechs Uhr verlassen hatte und Faber in dem erwähnten Bauernhof erst nach zehn Uhr eingetroffen war, stand dies Alibi auf schwachen Füßen. Wer die Aufmerksamkeit der Behörden auf den verdächtigen Fall gelenkt hatte, blieb ein Geheimnis, aber das Gerücht nannte Henrik, Gretels Mann. Gretel selbst sollte ihn mit einem Auftrag in die Mühle geschickt haben, wo er gegen acht Uhr angekommen war. Er hatte die Türe verriegelt gefunden, aber das Mühlwerk war in Gang gewesen. Und als er, um auszuruhen und nachzudenken, sich auf der Bank niederlassen wollte, da hatte er sich auf etwas Weiches gesetzt, das sich als Hans Hinz' Mütze erwies. Da der Knecht keine andere Mütze hatte als diese und sicherlich nicht bloßköpfig die halbe Meile zu dem Bauernhof hinunter gewandert war, hatte er sich vermutlich damals in der Mühle befunden und also jedenfalls seinen Herrn noch vor dessen Tod getroffen, eine Tatsache, die er jedoch hartnäckig in Abrede stellte. – Fabers Rechtsbeistand hieß Schüler, ein kundiger und geschickter Jurist, aber stets von einem sonderbaren Pech verfolgt. Ein Witzbold hatte ihn »den Advokat der verlierenden Partei« getauft, und dank diesem betrüblichen Renommee mußte er gewöhnlich mit mehr oder weniger zweideutigen Fällen vorlieb nehmen. In der Sache Faber schien er die Möglichkeit eines »großen« Prozesses gewittert zu haben. Die Sache sah freilich einfach genug aus. Die für den Angeklagten gravierenden Umstände waren überwältigend, und dagegen konnte er nur ein sehr schwaches Alibi aufstellen. Aber Herr Schüler hatte gelegentlich eines Besuchs im Dorf eine Bekanntschaft gemacht, die in ihm gewisse Hoffnungen erweckt hatte, einen großen Schlag führen zu können – er hatte Frau Maturin kennengelernt. Herrn Schülers Taktik ging darauf aus, Faber als einen Volksführer und ein Opfer kirchlicher Intrigen hinzustellen. Leider stimmte das Auftreten des Angeklagten vor Gericht schlecht dazu. Faber setzte feste Zuversicht auf sein Alibi. Die Indizien häuften sich, aber er glaubte sie mit den leichtfertigsten Lügen entkräften zu können. Er schien die Verhöre als ein spannendes Spiel zu betrachten und war sichtlich stolz, mit dem entscheidenden Trumpf in der Hand dazusitzen: der Wahrheit. Er begegnete dem Staatsanwalt und den Zeugen mitleidig, ironisch, überlegen. Und er, der früher selten oder nie gelacht, ja auch nur gelächelt hatte, konnte jetzt bei einer Frage, die ihm besonders dumm und sinnlos vorkam, in ein schallendes Gelächter ausbrechen. »Ihr glaubt mir ja doch nicht!« schrie er. »Aber es ist notwendig, daß wir Menschen einander glauben. Das ist das einzige, was not tut. Ihr redet viel zu viel! Man fängt die Wahrheit nicht so, wie man ein Eichhörnchen fängt, indem man sich unter den Baum stellt und mit der Zunge schnalzt.« Trotz der Zurechtweisungen des Richters wiederholte er immer wieder solche Redensarten mit unverhohlener Ironie. Die Zuhörer waren darum anfangs ganz einig in ihrem Urteil über den Angeklagten: er war eine typische Verbrechernatur. Die Wahrheit zu sagen, machte er einen nichts weniger als günstigen Eindruck. Der schöne Dorfbursch hatte sich im Gefängnis rasch verändert und keineswegs zu seinem Vorteil. Die reichliche Gefängniskost im Verein mit dem ungewohnten Stillsitzen hatten Körper und Gesicht zu bläßlicher fetter Aufgedunsenheit anschwellen lassen. Die früher wettergebräunten Wangen waren jetzt mehlweiß, und von dieser krankhaften Blässe stach der breite schwarze Streif der Augenbrauen in einer Weise ab, die einen brutalen Eindruck machte. Dazu kam, daß sein Auftreten mit jedem neuen Verhandlungstag immer selbstbewußter wurde. Namentlich machte es ihm Spaß, der Gegenstand der Aufmerksamkeit so vieler reichgeputzter Damen zu sein. Die Frauen sind doch überall gleich, dachte er. Wäre ich Müller in der Stadt gewesen, so wären alle diese feinen Damen auf meinen Mehlsäcken gesessen. Am ersten Verhandlungstag ereignete sich nichts Bemerkenswertes, außer, daß Herr Schüler den Hauptzeugen des Staatsanwaltes, den Bauer Henrik, Gretels Mann, abzulehnen versuchte. Der Zeuge habe seit langem dem Angeklagten offenkundige Feindseligkeit, durch Eifersucht verursacht, entgegengebracht. Da er jedoch seine Behauptung nicht zu beweisen vermochte – der Angeklagte selbst rief in ärgerlichem und entschiedenem Tone: »Das ist Lüge! Henrik hat nie Grund zur Eifersucht gehabt!« –, lehnte das Gericht seinen Antrag ab. Der Sieg des Staatsanwalts entpuppte sich jedoch am folgenden Tage als eine Niederlage. Der Zeuge Henrik redete ganz bedenklich herum. Da rief Herr Schüler: »Junger Mann, vor Gericht können Sie ruhig sprechen. Bis hierher erstreckt sich der Einfluß der Schwarzröcke nicht.« Höchlich geärgert, bemerkte der Staatsanwalt, er gedenke nicht zu dulden, daß der Verteidiger alle unbequemen Zeugen als von der Geistlichkeit beeinflußt und eingeschüchtert hinstelle. Um dieser tadelnswerten Taktik entgegenzutreten, würde er den Pfarrer des Dorfes als Zeugen vorladen. Herr Schüler erwiderte pathetisch: »Ich wäre meinem geehrten Kollegen hierin zuvorgekommen, wenn ich nicht kürzlich die Nachricht erhalten hätte, daß der Herr Pfarrer vor einer Woche seine irdische Wanderung beschlossen hat. Er steht jetzt vor einem Richter, der in dieser Sache klarer sieht als wir.« Diese unvermutete Nachricht aus dem Dorf und der pathetische Tonfall des Anwalts rührten Hansi; seine Augen füllten sich mit Tränen, und einige spärliche Tropfen flossen die Wangen hinab. Der aufmerksame Herr Schüler wendete sich an seinen Klienten und bemerkte laut: »Ich habe das vor Ihnen geheimgehalten, mein lieber Freund. Er war Ihr Feind, aber ich wußte, es würde Sie betrüben.« Die kleine Episode und die mitleidigen Worte des Advokaten wirkten auf die Zuhörer zugunsten des Angeklagten. Und das darauf folgende Kreuzverhör mit dem Zeugen Henrik brachte ihnen eine ganz neue Auffassung der Sache bei. Henrik leugnete, daß die Mühle an jenem verhängnisvollen Abend in Betrieb gewesen sei, und was die Mütze auf der Bank betreffe, so könne sie ebensogut Herrn Gruber wie Faber gehört haben. Ferner sagte er, er wisse von keiner Unstimmigkeit zwischen Herrn und Knecht; im Gegenteil, habe er Herrn Gruber Faber loben hören. Verwirrt durch das Verhalten seines Kronzeugen, wendete sich der Staatsanwalt an das Gericht mit dem Ersuchen, der Zeuge möge an seinen Seelsorger gewiesen werden, behufs einer offenbar sehr notwendigen Unterweisung über die Bedeutung des Zeugeneides. Herr Schüler warf ein: »Der Herr Staatsanwalt will vielleicht seinen eigenen Zeugen ablehnen? Meinetwegen, bitte sehr, wenn er nur zugibt, daß er gerade auf die Aussage dieses Zeugen seine Anklage aufgebaut hat. Persönlich habe ich nunmehr eine weit bessere Meinung von dem Charakter und der Zuverlässigkeit des Zeugen. Er steht vor mir als ein Mann, bei dem die Wahrheitsliebe über kleinliche Rücksichten gesiegt hat –« Diese schöne Apostrophe wurde von einem schallenden Gelächter unterbrochen. Alle Versammelten zuckten zusammen und wendeten sich dem Angeklagten zu. Er war es wirklich, der lachte, und zwar aus vollem Halse lachte. Die Bestürzung war groß, das Ärgernis noch größer. Herr Schüler trat beidem durch rasches Eingreifen entgegen. Er sagte: »Ich wollte schon früher auf einen Umstand aufmerksam machen, der mir große Sorge macht. Die physische und vor allem die psychische Gesundheit meines Klienten hat in letzter Zeit bedenklich gelitten. Die deprimierende Einwirkung der Gefängnisluft hat auch diese robusten Nerven zugrunde gerichtet –« Die Verhandlung wurde unterbrochen, der Angeklagte in seine Zelle zurückgeführt, der Gefängnisarzt gerufen. Er fand kein wie immer geartetes Symptom einer Nervenkrankheit. Befragt, warum er in Lachen ausgebrochen sei, antwortete Faber: »Kann man anders? Ich weiß nicht, wer ärger lügt, mein Advokat oder der andere!« Die Erinnerung an den Wortstreit der Juristen ließ ihn wieder in Lachen ausbrechen, aber diesmal endete das Lachen in einem heftigen Hustenanfall. Er fuhr sich mit der Hand über den Mund und zeigte dem Arzt einen blutuntermischten Auswurf. Eine Untersuchung mit dem Stethoskop ergab, daß die eine Lunge ziemlich stark angegriffen war. Das Mikroskop zeigte das Vorhandensein von Tuberkeln im Auswurf. Faber wurde in die Krankenabteilung des Gefängnisses überführt. Sein Zustand war jedoch nicht derart, daß man einen Aufschub in den Verhandlungen eintreten lassen mußte. So stand die Sache, als Herr Schüler die Dorffrauen ins Treffen führte. Trotzdem sie ihre Aussagen in so gleichlautende Wendungen kleideten, daß der Staatsanwalt geringschätzig von »Herrn Schülers Formular« sprechen konnte, waren diese Verhöre doch nicht einförmig zu nennen. Eine Frau hatte gehofft, daß Faber das Saufen im Dorfe ausrotten werde; eine andere, daß er sich der Sache der mißhandelten Frauen annehmen werde; eine dritte hatte erwartet, von einem jahrelangen Leiden geheilt zu werden, eine vierte hatte ihn wegen seines tiefen Einblicks in die verschiedenen Reiche der Natur aufgesucht und verehrt. Die meisten behaupteten jedoch, von Faber ein klareres Gotteswort gehört zu haben, als die Kirche geben konnte. So hatte eine jede ihm ihre besonderen Wünsche umgehängt und ihn mit Eigenschaften nach ihren eigenen Bedürfnissen ausgeschmückt. Hans Hinz lauschte dem Lobgesang mit sichtlichem Behagen. Und noch einmal brach er in Lachen aus, aber diesmal ging sein Lachen in dem der ganzen Versammlung unter. Ein Mädchen, dessen Verstand offenbar nicht zu den schärfsten gehörte, hatte in schwärmerischen Ausdrücken Hansi als den gepriesen, der jeden glücklich machen könne, und ganz besonders die Frauen. Um ihrem zweideutigen Geplapper ein Ende zu machen, fragte Herr Schüler kurz und trocken, ob sie Faber zutraue, einen Menschen totzuschlagen, worauf das Mädchen in gekränktem Ton erwiderte: »Na, und ob! Auch ein Dutzend, wenn's drauf ankommt!« Ihr Stolz auf die Körperkräfte des Helden und ihre Verständnislosigkeit für die moralische Bedeutung der Frage rief stürmische Heiterkeit hervor. Der Richter drohte, den Saal räumen zu lassen, und als die Ruhe wiederhergestellt war, rief Herr Schüler seine Hauptzeugin vor: Frau Maturin. Sie stand an der Zeugenschranke und hielt sich krampfhaft an dem Gitterwerk fest. Schon ihre Stimme und ihr Tonfall, als sie den Eid ablegte, ließ die Versammelten ahnen, daß es sich hier um eine wichtige Zeugenaussage handele. Der Richter stellte einige einleitende Fragen, auf die kaum hörbare Antworten erfolgten. An ihn gewendet, sagte nun Herr Schüler: »Ich wünsche zu wissen, wo sich die Zeugin an dem verhängnisvollen Tage zwischen fünf und halb zehn Uhr abends befunden hat.« Der Richter wiederholte die Frage, Frau Maturin antwortete leise, aber ganz deutlich: »Bei mir daheim.« »Waren Sie allein?« fragte Herr Schüler. Frau Maturin duckte sich zusammen und zog das Umhangtuch enger um sich. Der Richter wiederholte die Frage; sie antwortete: »Mein Mann war in die Stadt gefahren.« Herr Schüler zeigte deutlich, daß er mit der Antwort nicht zufrieden sei, und ebenso deutlich, daß er sich selbst befangen fühlte. Er fuhr sich zu wiederholten Malen mit der Hand über das Gesicht. Plötzlich ging er auf den Zehenspitzen zum Richter hin und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Dieser fuhr zusammen und blickte erstaunt zu Herrn Schüler auf. Dann nickte er und sagte, indem er sich an die Zeugin wandte: »Sie dürfen die Frage nicht umgehen! Waren Sie allein daheim?« Frau Maturin antwortete hastig und ein wenig stammelnd: »Hans Hinz war bei mir.« Der Angeklagte lächelte halb verblüfft, halb mitleidig. Es kam ihm vor, als wären die Worte durch die Stille geflattert wie unstet taumelnde kleine schwarze Schmetterlinge. Herr Schüler fuhr fort: »Können Sie sich erinnern, zu welcher Zeit Ihr Mann das Haus verlassen hat?« Frau Maturin hatte inzwischen ihre Ruhe wiedergefunden und antwortete, immer dem Richter zugewendet, laut und deutlich: »Er ist mit dem Fünfuhrzug weggefahren.« »Und wann fand sich der Angeklagte ein?« »Gleich darauf. Vielleicht eine Viertelstunde später.« »Wußte er schon vorher, daß Ihr Mann das Haus verlassen würde?« »Ja.« Herr Schüler ließ der Antwort Zeit, zu wirken; dann wendete er sich an den Richter und bemerkte: »Erst vor drei Tagen fand sich die Zeugin in meiner Wohnung ein und legte dieses Geständnis ab. Als ich ihr zum Vorwurf machte, daß sie einen Umstand von so entscheidender Bedeutung so lange verschwiegen habe, erwiderte sie, sie hätte so lange als möglich ihren Mann schonen wollen. Ich wünsche nun bestätigt zu hören, daß dieses Feingefühl oder diese Furcht der Anlaß ihrer Verschwiegenheit war.« Der Richter brauchte einige Minuten, um diese heikle Frage zu formulieren. Noch bevor sie gestellt wurde, erhielt sie jedoch eine Art Antwort: einen vernehmlichen, stöhnenden Seufzer. Der Richter wendete sich ärgerlich gegen die Zuhörer, aber der beabsichtigte Vorwurf blieb ihm in der Kehle stecken. Der Friedensstörer, der in der vordersten Zuhörerbank saß, war ein großer, krummrückiger, alter Bauer mit glattrasiertem, rötlichem Gesicht, Frau Maturins Mann. Er hielt die geballten Fäuste hart gegen den Mund gepreßt, als wollte er weitere Seufzer unterdrücken. Der Richter wendete sich wieder der Zeugin zu: »Hatten Sie irgendeinen triftigen Grund, zu vermuten, daß der Besuch des Angeklagten in Ihrem Hause Ihrem Manne Zorn oder Kummer verursachen würde?« Frau Maturin antwortete mit naiver Aufrichtigkeit: »Das ist klar; das kann man sich doch denken.« Ein Schelm unter den Zuhörern rief: »Gefreut wird es ihn haben!« Er wurde sofort aus dem Saal geführt, aber sein dummer Scherz erregte weder Gelächter noch überhaupt Aufmerksamkeit. Die Spannung war zu stark. Der Richter fuhr fort: »Wie lange hielt sich der Angeklagte in Ihrem Hause auf?« »Er ging ein Viertel über neun.« »Wieso können Sie sich so genau an den Glockenschlag erinnern?« »Ich hatte mehrmals auf die Uhr gesehen. Hansi hatte in einem Bauernhof südlich vom Dorfe etwas zu tun, und er konnte nicht später als um zehn Uhr hinkommen.« »Wissen Sie, ob der Angeklagte sich direkt in diesen Bauernhof begab, nachdem er Ihr Haus verlassen hatte?« »Ich habe ihn ein Stück Wegs begleitet.« »Sind Sie auf dem Wege jemandem begegnet?« Frau Maturin schien ihr Gedächtnis zu durchforschen; schließlich bejahte sie die Frage und nannte zwei Frauen. »Konnte sich der Angeklagte solange in Ihrem Hause aufhalten, ohne daß jemand von Ihrem Hausgesinde ihn bemerkte?« Frau Maturin antwortete rasch: »Eine der Mägde hat ihn gesehen, als er kam; aber ich habe sie gebeten, zu schweigen.« Während diese Zeugenaussage abgegeben wurde, hatte der Staatsanwalt seine Aufmerksamkeit hauptsächlich dem Angeklagten zugewendet. Fabers verblüfftes, mitleidiges Lächeln war ihm nicht entgangen; je weiter die Zeugenaussage fortschritt, desto überlegener und geringschätziger wurde der Gesichtsausdruck und die Haltung des Angeklagten. Im Hinblick auf seine Krankheit gestattete man ihm, zu sitzen, und diese Erlaubnis nützte er jetzt in einer fast unverschämten Weise aus. Gemächlich gegen die Schranke zurückgelehnt, die Arme über der Brust gekreuzt, ein Bein über das andere geschlagen, schien er der Verhandlung halb gelangweilt, halb amüsiert zu folgen. Offenbar betrachtete er die Sache als bereits zu seinen Gunsten entschieden. Der Staatsanwalt griff ein. »Es kann ja möglich sein«, sagte er, »daß die Zeugin aus Rücksicht auf ihren Mann und ihren Ruf einen so wichtigen Umstand geheimgehalten hat. Hingegen erscheint es mir ganz unglaublich, daß der Angeklagte, der aus seinem äußerst schwachen Alibi eine so große Nummer gemacht hat, seinen Besuch bei der Zeugin nicht mit einem Wort berührt haben sollte. Wir wollen doch ein wenig Achtung, wenn schon nicht vor der Wahrheit, so doch wenigstens vor der Wahrscheinlichkeit zeigen.« Herr Schüler stand eben im Begriff, den scharfen Ausfall zu parieren, als sein Klient plötzlich von der Bank aufsprang und rief: »Die Wahrheit ist, daß ich den Weibern nie nachgelaufen bin, wohl aber sind sie mir nachgelaufen. Das ist die Wahrheit. Und man soll mir nicht kommen und in diesem Lügennest von Wahrheit reden! Die Frauen haben mich hierhergelogen, und jetzt sollen sie nur zusehen, wie sie mich wieder von hier fortkriegen.« Der Richter erteilte ihm eine strenge Rüge, wobei der Angeklagte sich verbeugte und mit der Hand nach dem Kopf griff; wie um die Mütze abzunehmen. Er murmelte, halb für sich selbst: »Die Leute halten gar soviel auf die Wahrheit, wenn sie ihnen selber nützt oder anderen schadet. Sonst sind sie nicht so heikel. Aber man kann auch alle die Lügen satt kriegen.« – Am letzten Verhandlungstag in aller Frühe trat Herr Schüler in die Zelle seines Klienten. Er war gedankenvoll und bekümmert; der Sieg schien ihm durchaus nicht sicher. Der Staatsanwalt hatte noch drei Zeugen im Hintertreffen. Zwei davon waren Männer: der Dorfschulmeister und der Förster. Ihre Aussage würde, so nahm Herr Schüler an, darauf ausgehen, Fabers Verhältnis zu den Frauen in ein solches Licht zu stellen, daß der Wert ihrer Zeugenaussagen verringert wurde. Der dritte Zeuge war eine Frau, die Tochter des Försters, Gretel. Von ihr wußte Herr Schüler nichts anderes, als daß sie Henriks Frau war, und diese seine Unwissenheit beunruhigte den vorsichtigen Advokaten. Hans Hinz saß vor einem recht reichlichen und schmackhaften Frühstück und befand sich in der vortrefflichsten Laune. »Guten Morgen, Meister!« rief er Herrn Schüler zu und schmunzelte selbst über seinen scherzhaften Gruß. Zwischen ihm und Herrn Schüler herrschte große Vertraulichkeit, und wenn sie unter vier Augen waren, pflegte der Advokat seinen Klienten zu duzen. In seine Grübeleien versunken, beantwortete Schüler Hansis Gruß nicht, sondern setzte sich auf die Bank und begann eifrig in den Papieren seiner Aktentasche zu blättern. Endlich sah Herr Schüler von seinen Akten auf und bemerkte in nachdenklichem Ton: »Ja, mein lieber Freund, ich habe mein Bestes getan, und ich hoffe, wir werden Erfolg haben. Aber der Mensch denkt, und Gott lenkt, wie man zu sagen pflegt. Der Herr Staatsanwalt hat noch drei Zeugen im Hintertreffen. Zwei davon machen mir keine Sorgen. Aber der dritte ist die Frau dieses Bauern Henrik, Gretel. Wenn die nur kein Malheur anrichtet!« »Gretel!« rief Hans Hinz und zog die Augenbrauen bis zum Haaransatz hinauf. Nach einer kleinen Weile sagte er ruhig und treuherzig: »Die ist nicht gefährlich. Die weiß von nichts.« »Nein, was sollte sie auch wissen?« murmelte Herr Schüler ein bißchen verlegen. Und er fuhr fort: »Aber Frauen sind in gewissen Fällen sehr schlechte und unzuverlässige Zeuginnen. Sie wissen, was sie wissen wollen. Sie wissen sozusagen mit dem Herzen. Die Frage ist nun, ob ihr Herz zu deinen Gunsten gestimmt ist oder umgekehrt. Davon kann viel abhängen.« Faber drehte ihm unwillig den Rücken, und als Herr Schüler seine bekümmerten Grübeleien fortsetzte, unterbrach er ihn barsch: »Reden Sie keinen Unsinn! Gretel! Das ist etwas ganz anderes. Übrigens weiß sie nichts. Lassen Sie das doch!« In den Gerichtssaal geführt, verbeugte er sich zuerst wie gewöhnlich vor dem Richter, aber wendete sich dann den gedrängt vollen Zuhörerbänken zu und grüßte ganz zierlich mit wiederholten Verbeugungen. Da begannen einige Damen mit ihren Taschentüchern zu winken, andere warfen Kußhände, und wieder andere klatschten. Der ergrimmte Richter drohte den Saal räumen zu lassen, wobei Faber vorwurfsvoll ausrief: »Herr Richter! Es ist ja das letztemal!« Als Strafe für sein unschickliches Betragen wurde ihm das Recht entzogen, während der Verhandlung sitzenzubleiben. Faber verbeugte sich und sagte ernst: »Ganz richtig. Heute soll ich stehen.« Die Verhandlung begann. Die Aussagen des Försters und des Schulmeisters gingen, wie Herr Schüler vermutet hatte, darauf aus, zu zeigen, welchen Einfluß der Angeklagte auf die Frauen gehabt habe. Aber zum Ärger des Staatsanwalts redeten sie ganz so unsicher herum wie Henrik, und der Förster erklärte schließlich ganz bestimmt, sein Gewissen verbiete ihm, all den dummen Dorfklatsch vor Gericht zu wiederholen. Nun kam Gretel an die Reihe. Sie hatte den vorgesprochenen Eid mit deutlicher, starker Stimme nachgesagt, aber beantwortete jetzt die Fragen leise und ängstlich. Herr Schüler saß in starker Spannung da. Der Staatsanwalt stellte jedoch nur ein paar ziemlich belanglose Fragen an die Zeugin. Sie war am Morgen des verhängnisvollen Tages der Stiefmutter ihres Mannes begegnet und hatte von ihr erfahren, daß der Schwiegervater in die Stadt fahren sollte. Ferner hatte Frau Maturin gesagt, daß sie die Zeit während der Abwesenheit ihres Mannes gut anzuwenden gedächte. Befragt, was die Schwiegermutter ihrer Ansicht nach mit dieser Äußerung gemeint habe, antwortete sie, sie habe geglaubt, die Schwiegermutter wolle Vorbereitungen für die geplante Versammlung im Walde treffen. Nachdem er dieses recht magere Resultat erreicht hatte, erklärte der Staatsanwalt, daß er keine weiteren Fragen zu stellen habe. Da erhob sich Herr Schüler und stellte dieselbe Frage, die er regelmäßig an alle früheren Zeugen gerichtet hatte: hielt sie den Angeklagten für fähig, eine solche Untat zu begehen wie die, die ihm zur Last gelegt wurde? Mit einer trotzigen Stärke und Schärfe in der Stimme, die man ihr kaum zugetraut hätte, antwortete Gretel: »Nein. Nie im Leben! Ich kenne ihn, seit wir Kinder waren. Ich weiß, daß er es nicht getan hat.« Herr Schüler zuckte zusammen und strahlte. Der Zufall hatte ihm da offenbar noch einen Trumpf in die Hand gespielt. Es war wahrlich nicht übel, die lange Reihe der Zeugenaussagen mit einer vom Staatsanwalt eingeführten Zeugin abzuschließen, die ihren felsenfesten Glauben an die Unschuld des Angeklagten zum Ausdruck brachte. Er beschloß, den Trumpf auszunützen, er forderte Gretel auf, ausführlich zu erzählen, was ihr über den Angeklagten bekannt sei. Unglücklicherweise faßte Gretel diese Aufforderung allzu buchstäblich auf. Das eidliche Versprechen, nichts zu verschweigen, veranlaßte sie zu unnötiger Weitschweifigkeit. Sie schilderte recht umständlich die Knabenjahre des elternlosen Buben, die zum größten Teil im Hause des Försters verflossen waren. Richter wie Staatsanwalt und schließlich auch Herr Schüler suchten hie und da ihren Erzählereifer zu dämpfen, aber beständig fielen ihr neue Einzelheiten ein, die sie sehr bedeutungsvoll fand. Und sie erzählte so treuherzig und mit so kindlicher Überzeugung von der Wichtigkeit der Geschichte, daß sie es kaum übers Herz brachten, sie zu unterbrechen. So erhielten die Zuhörer ein frisches Bild des Hirtenbuben. Sie bekamen einige ziemlich unschuldige Lausbubenstreiche zu hören, die um so belustigender wirkten, als die Erzählerin sie offenbar mit ernster Mißbilligung vortrug. Aber der Gesamteindruck war: ein prächtiger, gutherziger Bursch, stark, fleißig, gewissenhaft, hilfsbereit! Die kleinen Erzählungen von ländlicher und kindlicher Unschuld bezauberten die Stadtdamen und erweckten in den Dorffrauen sanfte, wehmütige Erinnerungen. Die Stimmung in dem pompösen, düsteren Gerichtssaal veränderte sich so, als hätte man plötzlich alle seine Fenster der Frühlingssonne und dem Frühlingswind aufgetan. Aller Blicke waren unverwandt auf die Erzählerin gerichtet. Von Herrn Schülers behutsamen Fragen geleitet, wurde sie nun zu späteren Zeiten geführt. Sie wurde weniger mitteilsam. Seit Faber in Herrn Grubers Dienste getreten war, hatten sie sich nur noch selten getroffen. Um den Weiberklatsch von den geheimnisvollen Kräften und Wunderkuren des Knechts hatte sie sich nie viel gekümmert. Von ihrer Neugier gelockt, hatte sie doch einmal seine Hilfe gesucht, aber da er offen eingestanden hatte, daß er nicht einmal Warzen wegzaubern könne, hatte sie ja gesehen, daß es mit seinen Kenntnissen nicht das geringste auf sich habe. Dieses in einem gewissen geringschätzigem Ton ausgesprochene Urteil rief eine Lachlust hervor, die selbst den Richter ansteckte. Mitten in die Lachsalve hinein rief Hans Hinz eifrig und leicht geärgert: »Du vergißt, daß ich dir dafür Kirschen gegeben habe!« Gretel rief zurück: »Das vergess' ich gewiß nicht. Sechs hast du gegessen, und sechs hab' ich gegessen, und die dreizehnte haben wir geteilt.« Der Richter fand es nun geraten, die Heiterkeit hinter seiner allerstrengsten Amtsmiene zu verbergen. Sowohl Staatsanwalt wie Verteidiger erklärten sich bereit, die Verhandlung zu schließen. Der Staatsanwalt faßte sich ganz kurz, er wies darauf hin, daß alle Indizien in dieselbe, für den Angeklagten ungünstige Richtung wiesen, er betonte die Schwächen des beigebrachten Alibis und bemerkte schließlich mit Schärfe, daß, wenn einige Zeugen in ungehöriger Weise beeinflußt worden wären, es wahrlich nicht die der Staatsanwaltschaft seien. Auch Herr Schüler legte sich eine gewisse Mäßigung auf. Er stellte das Ergebnis der Zeugenaussagen in seiner Weise dar und plädierte für den Freispruch des Angeklagten. Immerhin konnte er es sich nicht ganz versagen, den Versuch zu machen, dem Prozeß eine mehr allgemeine Wendung zu geben. Er bemerkte: »Es handelt sich hier nicht nur um ein Menschenschicksal, sondern zugleich um gewisse Prinzipien, die mir immer heilig waren. Wenn der Angeklagte sich nicht mehr erworben hätte, als die bloße Achtung seiner Mitbürger, stünde er vermutlich nicht da, wo er jetzt steht. Das Durchschnittsmäßige ist ja nicht Gegenstand des Tadels, des Neides und der Intrigen. Faber ist oder war ein Volksführer. Der Herr Staatsanwalt hat bei mehreren Gelegenheiten mit deutlicher Verachtung darauf hingewiesen, daß seine Anhängerschaft hauptsächlich aus Frauen bestand. Ich will meinem Kollegen eine vielleicht etwas unbescheidene Frage stellen. Scheint ihm wirklich die Hingebung und die Bewunderung der Frauen soviel weniger wert als die der Männer? Mag sein, daß sie sich in höherem Grade als wir von ihren Gefühlen leiten lassen. Müssen diese Gefühle sie unbedingt irreleiten? Werden sie wirklich von einer perversen Neigung für alles, was unecht, falsch, lügenhaft ist, gelenkt? Ja, dann muß ich zugeben, daß die Hingebung dieser Frauen meinen Klienten a priori zum Schwerverbrecher stempelt. Aber ich erkühne mich zu vermuten, daß nicht einmal mein geehrter Gegner unsere Mütter, Frauen und Töchter in so düsterem Lichte sieht. Das mag übrigens seine Privatsache bleiben. Für mich und für viele mit mir fällt das weibliche Vertrauen eher schwerer ins Gewicht als das männliche. Ein ehrlicher Wahrheitssucher wird – das ist meine feste Überzeugung – seine ersten Proselyten unter den Frauen gewinnen. Und wenn er nur einen einzigen Anhänger fände, und dieser einzige wäre ein Weib, so würde ich sagen: er hat vielleicht die Wahrheit nicht gefunden, aber ich weiß, daß er sie gesucht hat. Ein solcher Wahrheitssucher ist mein Klient. Frauen haben in ihm ihren Führer gesehen, Männer haben ihm ein Verbrechen angedichtet. Ich überlasse ihn mit Ruhe seinen einsichtsvollen und gewissenhaften Richtern. Aus materiellem Gesichtspunkt gesehen, kann er nicht schuldig sein; aus ideellem Gesichtspunkt gesehen, darf er es nicht sein.« Herrn Schülers Rede wurde mit stillschweigender, aber deutlicher Zustimmung aufgenommen. Der Richter stellte nun an den Angeklagten die obligate Frage, ob er etwas hinzuzufügen habe, bevor der Gerichtshof sich zur Beratung zurückziehe. Faber antwortete: »Ich will erzählen, wie es zugegangen ist.« Seine Stimme war jedoch so belegt, daß der Richter die Antwort nicht verstand. Eine Weile stand Hans Hinz stumm da und starrte vor sich hin. Seine Augenbrauen waren hoch in die Stirn hinaufgezogen, ganz so wie damals, als er, auf der Bank vor der Mühle sitzend, über die Fragen der Frauen nachgrübelte. Endlich begann er zu sprechen, nun mit deutlicher Stimme, aber in abgehackten und bisweilen schwer verständlichen Sätzen. Er sagte: »So war's. Der Meister hat mir versprochen, mit dem Förster wegen der Gretel zu sprechen. Ich hab' mich auf das Versprechen verlassen, aber er hat mich betrogen. Dann hat er mir das Testament gezeigt, daß die Mühle und der Wald mir gehören sollen. Das hab' ich recht gefunden. Aber mit der Zeit ist er bös auf mich geworden. Er hat gesagt, er kann das Testament zerreißen, so, als ob nichts gewesen wäre. Da könnt' ich mich auch darauf nicht verlassen. Worauf hätt' ich mich verlassen sollen? Alles war Lug und Trug. Und das hab' ich unrecht gefunden. Und an diesem Tag ist der Meister zu mir gekommen, und ich hatt' lang auf ihn gewartet und über die Sache nachgedacht. Da hab' ich ihn mit hinauf in die Kammer genommen und gefragt, ob er das Papier schon zerrissen hat. ›Nein‹, hat er gesagt, ›aber er wird's noch am selben Abend zerreißen.‹ Da hab' ich mir gedacht: der wird lügen, solang er lebt. Aber wenn er jetzt stirbt, dann lügt er nimmer mehr. Und er hat gemerkt, was ich mir gedacht habe. Er hat solche Angst bekommen, daß ich ihn halten mußt'. Er hat seinen Kopf hierher auf meine Brust gelegt und versprochen, daß er nimmer lügen wird. Aber jetzt war's zu spät. ›Du mußt mir glauben‹, hat er gesagt. ›Es ist notwendig, daß wir Menschen einer dem anderen glauben.‹ Kann schon sein. Aber er hat selbst so gehandelt, daß ich ihm nicht glauben könnt'. Da hab' ich ihn zur Luke hingetragen und in die Mühle hinunterfallen lassen. Ich bin dann gleich hinabgelaufen und hab' ihn angefühlt, und da war er schon tot. Da bin ich erschrocken und bin in den Wald gelaufen, aber wie ich wieder ruhiger war, bin ich zu Bekannten gegangen, damit die Leute glauben, daß ich gar nicht in der Mühle gewesen bin. Das ist die Wahrheit.« Fabers Geständnis folgte ein tiefes, recht lang andauerndes Schweigen. Nicht einmal der bestürzte Herr Schüler vermochte ein Wort hervorzubringen. Der Richter drehte und wendete heftig seine Papiere, und dieses leichte Rascheln war der einzige Laut, den man vernahm. Endlich sagte der Richter: »Wie kommt es, Faber, daß Sie, nachdem Sie bisher halsstarrig alle Schuld geleugnet haben, jetzt ganz plötzlich ein Geständnis ablegen?« Hans Hinz zog nachdenklich die dichten Augenbrauen empor. Dann wendete er sich langsam um und suchte mit dem Blick Gretel, die unter den Zuhörern Platz genommen hatte. Er deutete auf sie. Er sagte: »Wenn die dort gelogen hätte wie die anderen, dann hätte ich nicht ein Wort gesagt, und die Herren hätten schön herumraten können. Aber es ist wahr: alles, was sie gesagt hat. Von der Zeit an, wo wir klein waren, ist es wahr, alles miteinander. Alles, was die anderen gesagt haben, war Lüge, aber alles, was die Gretel gesagt hat, ist wahr. Warum sollt' ich dann lügen? Man gewinnt nichts mit dem Lügen, nein, gar nichts.« Der Angeklagte, der die ganze Zeit stehengeblieben war, zeigte nun beunruhigende Zeichen von Schwäche und einer beginnenden Ohnmacht, weshalb die Verhandlung abgebrochen wurde. In der folgenden Verhandlung wurde der Müllersknecht Hans Hinz Faber – trotz Herrn Schülers Anstrengungen, seinen Geisteszustand untersuchen zu lassen – zu lebenslänglicher Strafarbeit verurteilt. Faber erklärte sich mit dem Urteil einverstanden. Herrn Schülers Niederlage war mithin vollständig, und seine Hoffnung, mit dem Fall Faber als Sprungbrett, eine bessere Stellung zu erreichen, gescheitert. Mehrere Zeugen wurden wegen Meineids zur Verantwortung gezogen, aber nur Frau Maturin konnte überwiesen werden. Da sie sich jedoch in gesegneten Umständen befand, glaubte der Arzt bezeugen zu können, daß sie bei dem fraglichen Anlaß nicht im vollen Besitz ihrer Sinne gewesen sei. Im Dorf wurde natürlich lange über diesen Prozeß und über Hans Hinz gesprochen. Auch als Zuchthäusler beschäftigte er die Phantasie der Frauen und war der Gegenstand ihres zärtlichsten Mitleids. Gretel zeigten sie eine stumme Abneigung, deren unvernünftige Ursache die war, daß sie in ihr den Ursprung von Hansis Unglück sahen. Sie lebte fast ebenso einsam und still dahin wie der Gefangene selbst. Was Hans Hinz betrifft, so schien er sich in seiner Krankenzelle nicht schlecht zu befinden. Allerdings saß er meist stumm und regungslos auf der Bank an der Wand und suchte allerhand Vorwände, um sich den vorgeschriebenen Spaziergängen zu entziehen. Aber er sah ganz zufrieden aus, wie er da ruhig mit seinen Gedanken saß, hinter hochgezogenen Augenbrauen über dies und das nachgrübelnd. Seine Strafe währte kurz; anderthalb Jahre nach der Urteilsverkündigung war er tot.« Als Casimir Brut schloß, war der Pastor vollgeladen mit Fragen, aber der Verwalter entschuldigte sich eiligst und kehrte zu seinen Rechnungen zurück. Nun zog der Pastor auf den armen Faber los, ließ kein gutes Haar an ihm und meinte, er sei ein Erzspitzbube gewesen und habe sein Schicksal wohl verdient. Die Damen Willman hingegen nahmen ihn recht warm in Schutz, sodaß es aussah, als hätte der Arme noch nach seinem Tode etwas von seinem Glück bei den Frauen bewahrt. Lotte bewunderte seine standhafte Liebe zu einer einzigen Frau, Dr. Karolina pries seine Hilfsbereitschaft und Ritterlichkeit gegen Frauen in Bedrängnis, Betty staunte über seine Gabe, so ganz in der Stille mit so vielen Frauenzimmern fertig zu werden, und Lizzy sagte: »Ich habe den Eindruck, daß er ein stattlicher und prächtiger Bursch gewesen sein muß und gar nicht so unähnlich Herrn Brut selbst. Es tut mir wirklich leid, daß er mich nicht ausstehen kann.« »Trübe Erfahrungen haben ihn zum Frauenhasser gemacht«, erklärte Betty. »Es sieht beinahe so aus«, fiel Dr. Karolina mit bedeutungsvoller Schärfe ein. Und während dieser Repliken betrachteten die Damen unverwandt Frau Olga, die in ihrem weißen Kleide dasaß und aussah, als müßte sie etwas Bitteres schlucken. Fräulein Alexander flüsterte dem Generalagenten zu: »Wenn ich mich nicht irre, sind der kleinen Gnädigen die Tränen nahe. Ich wage zu prophezeien, daß die Sache sich noch trauriger gestaltet, als ich ursprünglich dachte.« »Prophezeien Sie, was Sie wollen, meine Liebe«, murmelte der Generalagent und wich scheu zur Seite. »Aber lassen Sie mich in Frieden! Ich habe schon Unglück genug gehabt.« »Meine Damen«, fuhr er, an die übrigen gewendet, fort, »es ist hier viel von Liebe gesprochen worden, und sicherlich versüßt sie das Leben und macht es lebenswert, während sie es zugleich verwirrt und vielerlei Unannehmlichkeiten und unnötige Ausgaben verursacht. Aber es gibt auch Ausgaben, die man nie zu bereuen braucht. Es kommt eine Zeit, meine Damen, wo die Liebe nichts mehr zu sagen hat. Die Freundschaft auch nicht. Die großen, weit umspannenden Interessen fallen von der Seele ab wie die Zweige von einer alten Tanne. Treue wird ein leerer Wahn, Erfolg bedeutungslos, Freude Hohn. Das Leben wird nebelgrau. Die Erinnerungen quälen. Der Körper genießt nichts; die Seele wird langsam in Dunkelheit eingeschlossen. Alle Weisheit verliert ihr Salz. Und die Zeit wird lang. Aber hat man dann, meine Damen – und auch der Herr Pastor kann an die Sache denken, denn es gibt viele verschiedene Preislagen – hat man dann einen kleinen künstlichen singenden Vogel –«   Hier wurde der Generalagent von dem Lärm einer Tür, die aufgerissen wurde, unterbrochen, von Getümmel auf der Treppe, einem Stolpern über die Schwelle. Der Sohn des Pastors stand in der Türöffnung, keuchend, aber trotz des Laufens bleich. Gleich hinter ihm kam Ludwig, puffte den anderen beiseite und warf sich auf einen Sessel. Der Tisch mit den Kaffeetassen und den Likörflaschen wäre fast umgefallen, da alle Damen zugleich aufsprangen. »Beruhigt euch«, keuchte Ludwig. »Ich habe mich nur gerauft.« Und das konnten sie ihm ruhig aufs Wort glauben, denn das Blut floß ihm reichlich aus Nase und Mund. Brita lief um Wasser und Handtücher. Ludwig blutete und sagte: »Ich habe mich mit den Kerls gerauft.« »Mit der ganzen Bande?« fragte Brita. »Schaf! Aber mit dem Allerärgsten habe ich gerauft, das kann der Herr da bezeugen. Es war der Bolla ihr Bräutigam, und er hat sich für das Mädel gerauft, also da ist nichts zu sagen. Ich habe mit ihm gerauft, weil er behauptet hat, der Casimir hat sie umgebracht. Und dagegen ist auch nichts zu sagen. Ein Mensch kann dahin kommen, einen anderen totzuschlagen, und kann dabei doch ein hochanständiger Kerl sein. Aber er hat behauptet, daß Casimir die Schuld auf einen von den Arbeitern schieben und sich selber drücken wolle. Da habe ich mit ihm gerauft.« »Und er hat viel Keile bekommen«, fuhr der Sohn des Pastors mit einer gewissen Befriedigung fort. »Und jetzt ist es auf Herrn Brut selber abgesehen. Die ganze Bande kommt hierher.« »Lauf in den Flügel hinunter«, befahl der Pastor seinem Sohn, »und sag dem Verwalter, daß er gleich herkommen soll.« »Ludwig«, sagte Dr. Karolina, die in ihrer Eigenschaft als ältestes Willmanmädchen bei ernsten Anlässen gerne die Führung an sich nahm. »Ludwig, du stehst in dem Rufe, ein wahrheitsliebender Knabe zu sein. Sage uns, was du weißt!« »Ich weiß nichts anderes, als was die Kerls erzählen«, knurrte Ludwig unwillig. »Aber so soll es zugegangen sein. Das Mädchen ist heut früh fortgegangen, um Kuckucksspeichel für Ollo zu holen, die einen kleinen Ausschlag hinter dem Ohr hat. Dabei ist sie ihrem Bräutigam begegnet, der Torfausstecher ist, und ich kenne ihn jetzt sehr gut, nachdem ich mit ihm gerauft habe. Na ja, sie gingen und gingen und entfernten sich immer weiter, ohne Kuckucksspeichel zu finden. Ob sie etwas anderes fanden, weiß ich nicht, aber auf einmal überraschte Casimir sie im Walde. Er hatte sie schon einmal in aller Frühe erwischt und das Mädchen nach Hause geschickt und fand also jetzt, daß das Maß übervoll war. Er schimpfte sie alle beide tüchtig zusammen und sagte, daß die gnädige Frau so etwas strenge verboten habe. Der Torfausstecher sah auch das Unrichtige seiner Handlungsweise ein und hatte sich gerade in Trab gesetzt, als das giftige Mädchen etwas rief, was Casimir aus Rand und Band brachte.« »Was rief sie?« fragte Dr. Karolina. Aber Ludwig fuhr fort: »Er packte sie und sagte, jetzt werde sie sofort mit ihm zum Amtmann kommen und wegen ihrer bösen Zunge in den Arrest gesteckt werden. Aber das Mädel geriet ganz außer sich und schrie, lieber würde sie sich das Leben nehmen, als sich einsperren lassen. Sie riß sich los und lief davon. Und Casimir ihr nach. Seither ist sie nicht mehr gesehen worden; aber im Laufe des Tages erschien Casimir und ließ die Arbeiterbaracken und ganz Spilleboda durchsuchen und rüstete einen Suchgang aus. Und nun glauben sie, daß er das alles nur getan hat, um die Leute irrezuführen und den Verdacht auf die Torfausstecher zu lenken. Überdies sind diese entsetzlichen Pastorskinder überall herumgelaufen und haben beteuert, daß sie den Mord begehen sahen. Und eine ältere Dame aus der Stadt soll bei den Taglöhnern gewesen sein und gesagt haben, daß der Verwalter noch vor dem Abend gestehen wird.« »Die ältere Dame aus der Stadt«, fiel Fräulein Alexander ein, »ist wohl niemand anders als ich. Und ich glaube auch noch immer, daß das Geständnis nicht lange auf sich warten lassen wird. So etwas habe ich im Gefühl. Übrigens dürfen wir Herrn Brut nicht zu hart verurteilen. Was das Mädchen ihm zurief, war wirklich unanständig. Und ein Mann mit seinem Temperament wird leicht ein Opfer seines Zornes.« »Herrjegerle!« rief Ludwig und starrte entgeistert das düster lächelnde Fräulein Alexander an. »Wie kann die Dame wissen, was im Walde gesprochen worden ist?« »Kennt man die Menschen«, erwiderte Fräulein Alexander, »so weiß man fast immer so ungefähr, was sie bei dem einen oder anderen Anlaß gesagt haben oder sagen werden. Man kann sich im Wortlaut irren, nicht aber im Inhalt.« »Ludwig!« mahnte Dr. Karolina, »es ist von Bedeutung, zu wissen, was das Mädchen gesagt hat, das Herrn Brut in diesem Grade erregen konnte. Ich kann nicht glauben, daß du uns die Wahrheit vorzuenthalten gedenkst.« »Doch, das gedenke ich«, sagte Ludwig, der mit zurückgebogenem Kopf dasaß, um das Blut zum Stocken zu bringen. Und er fügte hinzu: »In diesem Falle kann kein Teufel die Wahrheit sagen. Da ist es besser, sich zu raufen.« »Ach so«, sagte der Pastor, »dann dürfte sie ihn des Diebstahls oder anderer Unzukömmlichkeiten beschuldigt haben, und das kann zu der unerwarteten Entlassung stimmen.« »Da hat der Herr Pfarrer aber gründlich daneben geschossen!« schrie Ludwig geärgert. Und plötzlich seiner peinlichen, tyrannischen Wahrheitsliebe nachgebend, fuhr er mürrisch fort: »Das Mädel hat gesagt, daß die gnädige Frau leicht bei Tag streng sein kann, wenn sie selbst bei der Nacht zum Verwalter geht. Da könnt ihr euch nicht wundern, daß ihm die Galle überlief, namentlich da der Knecht zuhörte –«   Es ist möglich, daß ein gewisses Anständigkeitsgefühl, mit Mitleid gepaart, die Damen Willman abgehalten hätte, die sensationelle Enthüllung zu kommentieren, wenn das erste tiefe Schweigen in einer würdigen und ablenkenden Weise gebrochen worden wäre. Unglücklicherweise war es der Herr Generalagent für künstliche Vögel, der zuerst das Wort ergriff. Er war der Situation nicht gewachsen. Oder richtiger gesagt: er war durchaus nicht in Form. Sein Lieblingsvogel war zerbrochen, und trotz der späten Stunde hatte er noch keine einzige Bestellung entgegengenommen. Er war selbst traurig und unruhig, und wie alle Traurigen und Unruhigen glaubte er sich von lauter fröhlichen, glücklichen, zu Scherzen aufgelegten Menschen umgeben. Dazu kam, daß die für ihn ungewohnten Weine und Liköre sein sonst scharfes Urteil getrübt hatten. Er brach in ein spasmodisches Kichern aus und rief: »Ach, meine kleine Gnädige! Jetzt ist der rechte Augenblick, zwei kleine Vögelchen zu kaufen, eines für Sie selbst und eines für Ihren Freund. Erinnern Sie sich nicht, wie ich und meine geliebte Judith uns miteinander verständigten? Das ist praktisch! Das ist poetisch! Auf die Länge auch billig, infolge der Unverwüstlichkeit des Spielwerks. Und es ist einmal eine Erinnerung! Wenn der Herbst kommt und das Alter und der Winter und die große Stille – man drücke auf den Knopf, und Lenz und Jugend sind wieder da! Wenn die Nachtigall verstummt, Gnädigste, dann singen meine Vögel!« Ludwig faßte ihn unter den Arm und flüsterte wohlwollend: »Wenn der Herr Generalagent verstummt, verspreche ich, ein halbes Dutzend zu kaufen!« Der Generalagent verstummte und notierte die Bestellung. Aber die Damen Willman schritten zum Angriff. »Sonderbar!« sagte Dr. Karolina, »sonderbar, daß das dir passieren muß, liebe Olga, die von unserer Mutter immer als ein leuchtendes Beispiel der Selbstbeherrschung hingestellt wurde. Sonderbar, wenn auch nicht ganz unerwartet. Aus alle Fälle katastrophal! Herr Brut ist doch ein Diener. Er gehört nicht zu unserer Sphäre. Das kann eine peinliche Geschichte werden.« »Peinlich oder nicht«, meinte Betty, »jedenfalls psychologisch interessant. Los von der Erotik rückt in ein ganz neues Licht! Die Bewegung wird mir sympathischer, denn es steckt wirkliches Pathos dahinter und ein großes moralisches Fallissement.« »Meint ihr wirklich, daß sie in ihn verliebt ist?« wunderte sich Lizzy. »In diesem Fall ist seine Entlassung ein Rätsel.« »Oder ein Bluff!« fuhr Dr. Karolina fort. »Das beunruhigt mich mehr als alles andere, denn das läßt auf Zukunftspläne schließen. Wie weit hast du dir eigentlich gedacht zu gehen, mein liebes Kind? Ich hoffe doch, du hast in deinem Taumel nicht Jan-Petters Testament vergessen? Eine neue Ehe bedeutet den Verlust von Larsbo. Wie wäre es, wenn du dich etwas näher erklären wolltest? Wir sind hier unter uns, die Situation ist kritisch und eine falsche Gêne unnötig.« »Jetzt verstehe ich«, siel Betty ein, »warum gerade Ollo den Zusammenhang zwischen Sittlichkeit und Ökonomie entdecken mußte. Aber ich verstehe nicht, wie sie das Problem für ihre eigene Person zu lösen gedenkt.« »Auf alle Fälle«, sagte Lizzy, »ist es klar, daß sie experimentiert hat.« »Wie in aller Welt ist sie nur bei Nacht hinausgekommen?« wunderte sich Brita, die sich wie alle sehr jungen Menschen mehr für die rein technische Seite der Angelegenheit interessierte. »Die Bolla liegt doch im Nebenzimmer und hat einen Schlaf wie ein Vogel.« Lotte sagte: »Ihr werdet sehen, sie ist durch Jan-Petters Zimmer gegangen!« »Die Tür ist doch zugenagelt!« wendete Dr. Karolina ein. »Nägel können ausgezogen werden!« »Aber die große Vase steht vor der Tür«, wendete Lizzy ein. »Große Vasen kann man wegrücken!« Die Damen Willman verstummten grübelnd. Eigentümlicherweise schien das Interesse für Frau Olgas Art, sich unbemerkt aus und ein zu praktizieren, alle anderen Interessen verdrängt zu haben. Sie stellten jedoch keine Fragen, vielleicht in der Überzeugung, ja doch keine Antworten zu bekommen. Denn der Gegenstand ihrer Mißbilligung und empörten Verwunderung schien ganz fühllos zu sein und nicht zu hören, was da gesprochen wurde. Frau Olga war an das offene Fenster getreten, da stand sie und sah über den Hof und den Park hin. Das Gesicht war wachsgelb, die Augen von großen blauen Ringen umgeben. Die feingeschweifte kleine Gestalt wurde in stoßweise Schwingungen versetzt, als wären elektrische Ströme hindurchgegangen. Es läßt sich nicht leugnen, daß ihr Aussehen in der letzten Viertelstunde bedenklich sur le retour war. Sie sah nicht gerade alt aus; sie sah aus, wie ein krankes Mädchen, eine Rekonvaleszentin. Der Festglanz war verblichen. Ihre Denkfähigkeit war glücklicherweise betäubt, ihre Gefühle unglücklicherweise nicht. Ganz wie am Morgen hatte sie die dunkle Empfindung, daß etwas zerbrochen war – eine ganze kleine Spielzeugwelt. Sie sah aus wie ein Kind, das sich ein Kärtchen angelegt, musterhaft gearbeitet, nach Mädchenart gebastelt und gestochert, jede Blume gehegt, jedes Hälmchen geordnet und das Ganze wunderbar nett, zierlich und ordentlich hergestellt hat. Mitten im Hag, unter Ranken und Gestrüpp, wilden Rosen und Disteln. Und kluge Leute hatten gesagt: »Aber, aber Kindchen, du arbeitest ja nur für den Ziegenbock!« Das war nicht wahr gewesen; aber jetzt war es doch wahr. Das Unglück und die Schande lag weniger darin, daß der Bock ihr Gärtchen verwüstet hatte; eher darin, daß sie es so fein, so zierlich und niedlich gemacht hatte. Denn der Bock! Wer war der Bock? Casimir Brut? Nein. Jan-Petter und kein anderer. Und sie wußte, ohne es in Worten zu denken, daß ein langer Kampf mit einer Niederlage geendet hatte. Jan-Petter triumphierte! Sie vernahm seine Stimme in der Stimme der Willmanmädchen; sie hörte gar nicht auf die Worte, die Stimme war ihr ganz genug. Wie sie nun dastand, mit leerem Hirn, aber mit grübelndem Herzen, begann sie halb abwesend einem Geräusch zu lauschen, das in den letzten Minuten unablässig angewachsen war und immer näher kam. Ein vielstimmiges Raunen aus dem Park, das hier und da verstummte, um einer einsamen Stimme freie Bahn zu geben. Es war jetzt gegen neun Uhr, die Sonne hatte sich geneigt, das Licht über dem grauen Kies des Hofes war noch ziemlich stark, aber in dem Dunkel unter dem tiefen Grün der Bäume konnte sie nichts unterscheiden. Nun kehrte der Sohn des Pastors zurück und verkündigte, daß Brut im Verwalterflügel nicht zu finden sei. Ludwig stürzte zum Fenster und stieß Frau Olga weg. Die Willmanmädchen umdrängten sie, stellten sich auf die Zehen, reckten die Hälse, lauschten. Ludwig, der sich zum Fenster hinausgebeugt hatte, wendete sich wieder dem Saal zu. Das Blut floß ihm von neuem über Mund und Kinn, aber er beachtete es nicht. »Herrjegerle!« flüsterte er. »Casimir ist zu ihnen hinausgegangen. Was wird das jetzt werden? Der schlägt gleich zu, und es sind mindestens fünfzig Stück.« Plötzlich hörten sie Bruts Stimme, unterschieden sie deutlich, obwohl das Gemurmel nicht mehr verstummte. Seine Stimme grollte wie der Donner, das Gemurmel wie dessen Echo mit unregelmäßig steigendem und fallendem Rhythmus. Frau Olga drehte sich um und ging auf die Tür zu. Da stand der Pastor. Er umfaßte ihre Handgelenke. Er fragte: »Wohin?« Sie antwortete mit Tränen in der Stimme und mit einem Ausdruck, als wäre sie zwanzig Jahre in der Zeit zurückversetzt worden: »Ich will hinausgehen und sie bitten, vernünftig zu sein.« »Jaso, sie bitten, vernünftig zu sein«, wiederholte der Pastor. Und er sagt: »Ta–ta–ta!« und schob sie zu den Damen Willman zurück. »Ich werde hinausgehen und mit ihnen sprechen«, sagte er. »Es ist nicht nötig, daß jemand mitkommt, denn ich gehe als Priester und nicht als Raufbold.« Er ging. Aber am Fuß der Treppe stieß er auf ein kleines, graues, altes Männchen mit krummen Knien und langen Armen, die unruhig hin und her schlenkerten. Neben dem Alten stand ein ungewöhnlich großes und dickes altes Weib, und zwischen sie drängte sich ein drittes Wesen, das wie ein schlottriger fünfzehnjähriger Junge aussah, aber mit einem Greisengesicht. Sein Haar war rot, und seine Augen waren rot, glänzend, tränend; er winselte leise, wie ein kranker junger Hund. Alle drei sahen in der Dämmerung aus wie eine Koboldfamilie auf dem Abendspaziergang. Ihre Blicke huschten kreuz und quer über die Schloßfassade, schnuppernd wie Mäuse. Und der Pastor sagte: »Aha, der Spillebodaer geht spazieren. Konnt' mir schon denken, daß der Teufel nicht ohne Geleit kommt.« Da tat die Frau ihren Mund zu Anklagen und Flüchen auf. Wem der Zorn galt, verblieb unklar; aber der Anlaß war der Besuch des Verwalters in Spilleboda, wo er nach dem verschwundenen Mädchen suchte. Der Pfarrer ließ sich jedoch nichts gefallen, sondern brüllte: »Schweig, Teufelsweib! Soll einer sprechen, dann schon der Alte selber!« »So ist's recht«, sagte der Häusler. »Schweig, Weib!« Sofort verstummte die Alte, und der Pfarrer fragte nach dem Anlaß des Besuches. Die Arme des Häuslers gerieten in noch lebhaftere Schwingung, er sah gewaltig verlegen aus, aber murmelte schließlich, er sei gekommen, um mit Jan-Petters Witwe zu sprechen. »Was willst du von ihr?« fragte der Pfarrer. Der Häusler erwiderte: »Ich habe doch ein Wort und einen Gruß an sie, von ihm selber.« »Was für einem Ihm?« fragte der Pastor. »Jan-Petter!« »Das wäre des Kuckucks«, rief der Pastor. »Kommst du von so weit her?« Der Häusler grinste, aber wurde sofort wieder ernst und erwiderte: »Es ist ein Wort, das Jan-Petter mir gesagt hat, als ich in seinem letzten Stündlein bei ihm saß. Ich sollte es zur gelegenen Zeit und Stunde an die Witwe weitergeben.« »Was sagst du da!« verwunderte sich der Pfarrer. »Bist du auch an seinem Totenbett gesessen?« »Ich saß wohl bei Nacht da, und der Herr Pfarrer bei Tag«, erwiderte der Spillebodaer und fügte hinzu: »Und wenn weder der Herr Pfarrer noch ich dasaß, dann saß der dritte da. Und der saß am längsten.« »Das meine ich auch«, sagte der Pastor. »Aber jetzt sollst du ein vernünftiger Kerl sein, Spillebodaer, und zeigen, daß du etwas Besseres bist als die armen Sünder! Du sollst dafür sorgen, daß die Hofleute zur Ruhe kommen und das andere Gesindel zurück in die Baracken. Was treiben sie denn mit dem Verwalter?« Von dem Hof und der Treppe aus konnte man kaum sehen, was im Parke vorging. Die rufenden Stimmen waren verstummt; doch hörte man dumpfe Laute, wie von einer Schlägerei oder eher von einer Volksmasse, die sich hin und her wälzt. Der Häusler sagte: »Sie halten ihn fest, bis der Amtmann kommt. Ich habe nichts mit ihm zu schaffen. Ich komme der Wittib wegen, auf daß sie hier heraustrete.« »Wozu sollte das gut sein?« fragte der Pfarrer erstaunt. Der Häusler antwortete: »Es steht geschrieben: Der Sünderin soll ihre Schmach werden.«   Die Sünderin war unterdessen dem Pfarrer nachgeschlichen und schon bis in den Flur gekommen, als die Damen Willman ihre Flucht entdeckten. Sie eilten ihr nach und umringten sie. »Was gedenkst du jetzt zu tun?« fragten sie. »Gedenkst du irgendeinen neuen Skandal anzustiften?« »Was mich am meisten erregt«, rief Dr. Karolina, »ist dein Mangel an Vertrauen zu uns, deiner Schwester, deiner Familie, deinen Freunden! Ich würde dich verstehen, wenn wir engherzige Wesen wären, aber du weißt doch gerade so gut wie ich, daß du bei uns auf Verständnis rechnen konntest.« »Eben darum!« murmelte die Sünderin. Dr. Karolina hörte sie nicht, sondern sprach weiter: »Du verstehst doch um Gottes willen, Kind, daß wir nicht deine kleine Schwäche tadeln! Jeder hat seine, und auf deine haben wir sozusagen lange und vergeblich gewartet. Aber die Art, Kind! Von der du keine Ahnung zu haben scheinst! Entweder tritt man die konventionelle Moral mit Füßen, kühn und mit hocherhobenem Kopf. Man tut es mit Pathos!« »Und mit Stil!« fiel Lizzy ein. »Und wenn irgend möglich mit Reklame«, fügte Betty hinzu. »Denn dadurch«, fuhr Dr. Karolina fort, »erhebt man sich über die Moral und wird sozusagen eine Portalfigur zum Tempel der neuen Ethik. Man wird getadelt, aber auch bewundert. Auf jeden Fall kommt ein großer Zug in das Ganze. Oder, wenn man nicht den Mut, die Kraft, die Intelligenz hat, sich an so etwas zu wagen, bewegt man sich innerhalb der üblichen Grenzen und gebräuchlichen Formen. Wer nicht groß sein kann, muß wenigstens elegant und taktvoll sein können. Du hast dich benommen wie eine Landpomeranze!« »Wie eine altmodische Mamsell!« fiel Lizzy mit steigender Hitze ein. »Wir schämen uns für dich. Du hast dich selbst, deine Familie, dein Geschlecht profaniert, indem du herumschleichst, wie eine schuldbewußte Magd. Du hast dich schuldig gefühlt, das ist dein großer Fehler. Denn nichts kann ungesünder sein!« »Nein, nichts kann ungesünder sein!« wiederholte Dr. Karolina. »Und nun befindest du dich in einer Situation, die hoffnungslos aussieht. Du hast dich durch dem proletarisches Verhalten lächerlich gemacht. Du kannst ganz einfach nicht in Larsbo bleiben, es sei denn, daß du diesen netten Herrn heiratest. Und wenn du heiratest, darfst du nicht bleiben. Wie willst du dich aus dieser Affäre ziehen? Wenn ich Jan-Petter recht gekannt habe, so hat er so etwas geahnt und dir eine Falle gestellt. Leider hat er jetzt wie immer die Lacher auf seiner Seite! Dein Fall ist hoffnungslos.« »Ich glaube«, meinte Betty, »daß Ollo auch in diesem posthumen Fall eine Desillusion für den armen Jan-Petter sein wird. Ich glaube, sie ist von der großen Liebe ereilt, und das kann nie und nimmer die Absicht dieses maliziösen, aber herzensguten Affen gewesen sein.«   Der Pastor sagte: »Da stehst du und grinsest innerlich, Spillebodaer, und das wundert mich nicht. Denn wenn ein Weltkind in die Grube fällt, dann frohlockt der Teufel sowie die Frommen. Aber welche Kenntnis hast du von der Sache und wie hast du sie erlangt?« »Haha!« kreischte plötzlich die alte Hexe. »Wir haben die Augen offengehalten, seit Jan-Petter starb und schon lange vorher. Haha! Das spürt eins schon, wo's brenzlich riecht! Der arme Bub hat Augen wie eine Katze und huscht herum, ohne daß einer ihn sieht. Denn wer achtet des Wurms, der demütig einherkriecht? Haha! Oder der Eule auf dem Ast des Baumes? Wir wissen schon, was für Ärgernis es in der Gemeinde gibt! Haha! Nur sich nicht zu breitmachen, Herr Pfarrer! Oder die Fledermaus in der Dämmerung, wer sieht sie wohl? Aber er sieht auch durch Pfarrhofmauern hindurch! Und was er nicht sieht, das versteht er mit dem Verstande –« »Schweig, Alte!« sagte der Häusler. Und zum Pastor: »Der Junge ist herumgegangen und hat sich umgesehen. Ganz wie die Kinder des Herrn Pfarrers übrigens.« »Ach so!« sagte der Pastor. »Dann wissen wir, daß die Sache allgemein bekannt ist; und eine bekannte Sache ist so gut wie bezeugt. Aber du wirst nicht leugnen, daß du die Leute aufgewiegelt hast mit deinen Lügengeschichten von ermordeten Mädchen und anderen Greueln. Du hast schon öfters Krawall gemacht und vor allem Volk mit der Sünde und dem Teufel gekämpft. Aber wenn du dann eine Kanne Branntwein und ein paar Reichstaler gekriegt hast, bist du schön brav nach Hause gegangen. Und was willst du also jetzt von Jan-Petters Witwe?« »Sie ist hoffärtig«, sagte der Häusler. »Und eines ist dem Herrn ein Greuel: hoffärtige Augen!« Der Pfarrer gab zurück: »Wenn es wahr ist, was man sagt, daß sie sich mit einem armen Verwalter zusammengetan hat, so kannst du sie nicht der Hoffart bezichtigen! Und laß du gefälligst ihre Augen in Frieden. Oder haben ihre Augen es dir angetan, und lässest du dich gelüsten nach ihrer Lieblichkeit?« Als der Häusler biblische Worte vernahm, wurde er nachdenklich und suchte in seinem eigenen Vorrat; aber die Alte rief: »Haha! Die nicht hoffärtig! Als mein Alter bei Jan-Petter an seinem Sterbebett saß, da wollte sie nicht neben ihm sitzen und an dem Gebet für die Seelenruhe des Sterbenden teilnehmen. Haha! Die nicht hoffärtig! Und wo mein armer Alter in ihrem Hause ging und stand, war sie mit Riechwasser hinter ihm drein und hat es über ihn gespritzt und gegossen. Und zum Schluß ließ sie ihn von der Dienerschaft hinauswerfen.« »Aha! Da drückt der Schuh«, sagte der Pastor. »Haha!« fuhr die Alte fort. »Ihn drückt kein Schuh, sondern den Herrn der Heerscharen drückt es, wenn er sieht, wie eine Sünderin sich hoffärtig vor den Heiligen gebärdet! Aber Jan-Petter in seiner großen Sündhaftigkeit hielt sich nicht für zu gut, meinen Alten bei der Hand zu halten und von ihm Gebet und Segen anzunehmen. Und er schämte sich der Hoffart des Weibes und sagte: ›So wie sie Riechwasser über dich gießt, so hat sie mich angespien um meiner Schwäche und meiner Sünden willen, und sie ist wie die Pharisäer: außen weißgetüncht, aber inwendig voll von den Gebeinen der Toten.‹« »So, hat er das gesagt, Jan-Petter?« sagte der Pastor. »Zu mir hat er wieder anders geredet, aber er wird wohl bis zuletzt doppelzüngig gewesen sein. Und nun bist du hergekommen, Spillebodaer, und hast alle Gutsleute aufgeboten, um Rache zu nehmen, für das Riechwasser?« Der Häusler antwortete leise: »Ich habe Jan-Petter versprochen, daß ich ihre Wege behüten werde. Und wenn ich sie fallen sähe, sollte ich vortreten und sie aufrichten. Denn er vergaß in seiner Seelennot nicht, daß er ein Weib mit sich durch die Sünde geschleift hatte, und er ängstigte sich mehr um ihre Seele als um seine eigene.« »Er war ein vorsorglicher Mann«, gab der Pastor zu, »und er wußte genau, wie er es anstellen müsse, um es seiner Umgebung behaglich zu machen. Aber rück schon einmal damit heraus, was du haben willst, um dich zu trollen und das andere Gesindel gleichfalls wegzubringen!« Der Spillebodaer wiederholte störrisch und hartnäckig: »Jan-Petters Wittib soll hier herauskommen.« »Warum denn?« fragte der Pastor noch einmal, und noch einmal erwiderte der Häusler: »Sie soll ihre Schmach hinnehmen.« »So, so, du richtest die Gefallenen mit Schmach auf, du?« fragte der Pastor. »Nicht ich«, gab der Häusler zurück, »sondern der Herr!« Da lief dem Pastor die Galle über, und er schrie: »Der Herr, dem du und deinesgleichen dienst, ist kein anderer als der Teufel! Das merkt man daran, daß die Sünde euch ein süßer Geruch ist, so daß ihr gerne bei Wind und Wetter Meilen hin und her lauft, wenn ihr nur an einer, und sei es noch so kleinen, Sünde riechen könnt. Treibhunde seid ihr, bei der großen Wildschützenjagd auf Gottes Wildbret. Und wie die Hunde kennt ihr keine größere Lust, als zu hetzen und zu jagen, und darum steht euch der Schaum ums Maul, und die Zunge hängt euch aus dem Rachen. Aber ein Diener des Herrn spricht in Sanftmut, so wie ich.« »Haha!« quäkte die Alte. »Du sprichst in Sanftmut? Du?« »Jawohl, das tue ich«, gab der Pastor zurück. »Denn spräche ich im Zorn, so würdest du platzen. Aber fall du mir nicht in mein Amt, Häusler, so will ich dir nicht in deines fallen. Glaubst du nicht, daß ich, der ich des Predigeramts durch vierzig Jahre gewaltet habe, dazu erzogen und geweiht, glaubst du nicht, daß ich mit einem kleinen Frauenzimmerchen, das mal über den Zaun gehüpft ist, ein vernünftiges Wort sprechen kann? Glaubst du nicht, daß ich ihr das Tor und den rechten Weg zeigen kann? Wer bist du, du Tropf, daß du dich über andere zu Gericht setzen willst, und noch dazu über die Schloßfrau? Was lockt dich her, und was suchst du auf ihren Wegen? Daß Jan-Petter dich hergeschickt hat, das halte ich für sehr glaublich. Und wie schlimm es ihm auch jetzt da ergehen mag, wo er sich befindet, so glaube ich doch, daß er jetzt dasitzt und dich auslacht, du Narr. Denn wer sich über die Unzucht zum Richter aufwirft, der macht sich selbst schuldig in seinem Herzen. Oder lebst nicht auch du in Sünde? Was würde aus dir werden, wenn ich mein Amt ausübte und dich beichten ließe? Aber ich habe Nachsicht mit dir wie mit anderen räudigen Schafen meiner Herde, weil ich weiß, daß der Herr uns Schritt für Schritt weiterführt, nach seinem Sinn und nicht nach unserem. Dahin müssen wir, du Narr, zu seinem Thron! Denn die Pforten Jerusalems stehen offen.« »Ja, die Pforten Jerusalems stehen offen!« wiederholte der Häusler halb verwirrt, und die Alte rief: »Hach ja, hach ja!« Der Pastor sah die gute Wirkung des Wortes, wurde davon befeuert und fuhr fort: »Bergauf, bergab, ihr Leute, so geht es! Denselben Weg haben wir alle, dieselbe Pein und Qual, Seufzer und Angst, Tränen und Kummer, Sünde und Schmach, Wunden und Schmerzen. Aber verdammt, ewig verdammt ist der, so seinen fehlenden Bruder vom Wege stößt. Darum sollst du nicht hier stehen und Schmach über deine Gutsherrin bringen! Sondern zeuch in Frieden und nimm die alte Hexe und euren Wechselbalg mit. Was bist du für einer, der die Nacht zum Tage macht und hier um zehn Uhr abends herumstrolchst? Man kann dir wahrlich allerhand zutrauen! Mach, daß du weiterkommst!« Aber der Spillebodaer stand, wo er stand, und murmelte: »Ihr soll ihre Schmach werden!«   Und der Pastor hatte an anderes zu denken, denn es sah so aus, als sollte der Park sein Dunkel über den Hof ergießen. Die Volksmenge wälzte sich heran und blieb bei der Sonnenuhr stehen. Die dunkle bewegliche Masse hakte einen festen Kern: Casimir Brut und die Männer, die ihn hielten. Was zu sagen war, war gesagt, und die Menschen verhielten sich still. Aber der Sand raschelte und knirschte wie Strandkies unter den gleitenden Wellen, wie die Menge so in langsamen Schwingungen hin und her flutete. Casimir Brut kämpfte noch immer, um loszukommen. Ein Mann ging über den Hof und erstieg zögernd die Stufen; er zog höflich die Mütze und fragte nach Frau Janselius. »Was wollen Sie von ihr?« fragte der Pastor. Der Mann, der Vorarbeiter beim Torfausstechen war, dachte ein Weilchen nach und antwortete dann verlegen: »Wir wollen eigentlich nur, daß der Amtmann geholt wird.« Und er fügte halblaut hinzu: »Es wäre am besten, wenn er so rasch als möglich käme. Der Teufel ist in die Leute gefahren, und ich habe keine Macht über sie. Sie sagen, der Verwalter hat das Mädel totgeschlagen, weil sie ihn mit der Frau überrascht hat. Ich weiß ja nichts, aber es wird am besten sein, wenn der Amtmann kommt.« Der Pastor überlegte einen Augenblick. »Na ja, ich habe nichts dagegen«, sagte er; »ich will sehen, daß er kommt.« Er wandte sich um, um ins Haus zu gehen, aber im Tor, das sich hinter ihm geöffnet hatte, ging ein hastiges Ringen vor sich, worauf Frau Olga auf die Vortreppe hinaustrat und das Tor sich wieder schloß. Ihr weißes Kleid leuchtete in dem Halbdunkel neben dem schwarzen Langrock des Pfarrers. Als Casimir Brut sie erblickte, machte er einen neuerlichen Versuch, loszukommen. Die ganze Menschenmenge, die jetzt den rückwärtigen Teil des Hofes erfüllte, wurde dadurch wieder in eine wellenförmige Bewegung versetzt, die so allmählich die Vordersten bis zur Treppe brachte. Frau Olga sagte: »Hier bin ich, wenn ihr mich sucht.« Der Spillebodaer glitt mit krummen Knien hastig und stumm wie ein Schatten die Treppe hinauf. »Bist du Jan-Petters Wittib, du?« quäkte er. »Ich erkenne dich nicht in deinem weißen Kleide.« Er steckte zwei Finger in den Leibriemen und zog einen Zettel hervor, den er ihr reichte, indem er sagte: »Hier hast du ein Wort und einen Gruß von ihm selbst. Von Jan-Petter, als er in den letzten Zügen lag.« Frau Olga nahm den Zettel und starrte ihn entgeistert an. Es war ganz einfach eine vergilbte Visitenkarte: Jan-Petter Janselius. Ohne recht zu wissen, was sie tat, steckte sie die Karte in den Gürtel. Im selben Augenblick trat der Vorarbeiter auf sie zu und bemerkte in knappem, befehlendem Ton: »Wir wollen, daß ein Wagen um den Amtmann geschickt wird.« Sie antwortete: »Nein!« Und es wurde einen Augenblick vollkommen still. Nur der Pastor murmelte eine Warnung. Er nahm sie sanft beim Arm. Aber sie machte sich los, trat weiter auf die Treppe vor und rief: »Nein! Der Amtmann wird nicht geholt. Und ihr werdet Herrn Brut augenblicklich loslassen. Er hat nichts Böses getan.« Nun wurde ihr Antwort in einem Gemurmel, das zu vielstimmig war, um sich deuten zu lassen. Die Volksmenge im Hof war jetzt auf anderthalbhundert angestiegen, Männer und Frauen. Die Arbeiterbaracken auf dem Moor und die Hütten rings um Larsbo standen leer. Das Verhältnis zwischen Frau Janselius und dem Verwalter, das bis zu diesem Tage ihren Anverwandten unbekannt geblieben war, hatte seit ein paar Wochen das allgemeine Interesse auf Larsbo konzentriert. Es war ein Liebesroman, und er entflammte alle Gemüter. Achtzigjährige Greise verfolgten ihn mit derselben Spannung wie siebzehnjährige Jungfrauen. Sozialpolitisch aufgeklärte Torfausstecher fanden in der Geschichte einen Beleg für gewisse Theorien über die geheimen Laster der Oberklasse. Der Spillebodaer und seine Anhänger erläuterten sie nach ihren Methoden, ohne daß die Geschichte dadurch an Saft und Pikanterie einbüßte. Der leere Begriff die Gnädige Frau oder die Gutsherrin war zu einem kleinen Weibchen geworden, das jeder in seine Herzenskammer einlassen und nach Belieben behandeln konnte. Und plötzlich war die Geschichte mit einer kräftigen Dosis Tragik gewürzt worden. Ein armes Mädel hatte das verbrecherische Verhältnis entdeckt, und diese Entdeckung hatte ihr das Leben gekostet. In der einen oder anderen Weise. Entweder hatte Brut sie so eingeschüchtert, daß sie Selbstmord begangen hatte. Das war Fräulein Alexanders Version, die von ihren Bekannten unter den Gutsleuten geteilt wurde. Oder auch hatte er sie geradezu aus dem Wege geräumt. Die Torfausstecher, die Gelegenheit gehabt hatten, die ungewöhnliche Stärke des Verwalters zu bewundern, neigten mehr dieser Ansicht zu. Sie wußten aus eigener Erfahrung, daß er ein aufbrausendes Temperament hatte. Sie hatten ihn unruhig und ganz gegen seine Gewohnheit förmlich verzagt gesehen. Die Rettungsexpedition und die Hausdurchsuchung in Spilleboda und in den Baracken hielten sie für eine Finte. Der Suchgang selbst mit seiner fruchtlosen Spannung hatte sie nur noch mehr erregt. Die Männer, die ihn zwischen ihren Händen hielten, fühlten den starken Körper zittern. Das reizte sie, und nichts reizt Männer so wie die Furcht von Männern. Für die Menge ist Schwäche eine Todsünde. Das Gedränge erregte, die Püffe reizten auf. Die Vordersten der Schar waren jetzt dicht an der Treppe, und Brut und seine Wächter kaum zehn Schritte davon entfernt. Sie konnten es nicht länger ertragen, seinen Körper unversehrt zu spüren. Sie wollten ihn vor seiner Mitschuldigen schlagen. Darin lag Gerechtigkeit und außerdem ein besonderer Genuß. Ein Schlag fiel und noch einer. Bei dem ersten herrschte Schweigen, bei dem zweiten stieß die Menge ein Geheul aus, als wäre jeder einzelne von dem Schlag getroffen worden. Aber nun wurden die Reihen, die den Gefangenen von der Treppe trennten, von den schaufelförmigen Fäusten des Vorarbeiters gesprengt. Im Handumdrehen hatte er den Verwalter losgerissen und ihn mit sich die Treppe hinaufgezogen. »Was sind das für verdammte Dummheiten!« brüllte er. »Seid ihr Menschen oder Viecher! Wollt ihr den Kerl totschlagen, bevor ihr noch wißt, ob das Mädel tot ist? Die sitzt vielleicht auf dem Rauchfang und lacht uns aus. Wenn ein Weibsbild im Spiel ist, dann ist eines sicher: daß man gefoppt wird!« Im Vorraum hinter dem Tor standen die Willmanmädchen, lauschend, zitternd und zähneklappernd, außerstande, die verschiedenen Formen, wie eine kleine Liebesaffäre mit Grazie oder Größe abgewickelt werden kann, weiter zu erörtern. Im Saal saß der Generalagent, Tante Sara in den Armen, ihr mit den Händen die Ohren zuhaltend. Fräulein Alexander lauschte an einem Fenster, triumphierend und unheilverkündend, aber selbst glücklicher, als wenn sie einem Begräbnis beigewohnt hätte. An einem anderen Fenster hingen Brita und Ludwig. Und Brita flüsterte zwischen klappernden Zähnen: »Sie werden sie alle beide totschlagen! Lieber Gott, wenn das gut geht, werde ich nie mehr küssen!« Plötzlich rief Ludwig: »Herrjegerle!« Und zog sich ins Zimmer zurück. Er starrte Brita aus weitaufgerissenen Augen an, er murmelte: »Hundert gegen eins! Merk dir's! Ich wette hundert gegen eins!« Damit verschwand er, laufend, aber auf den Zehen. Aber Casimir Brut, der einen Augenblick Frist hatte, atmete auf, zog Luft in die Lungen und rief mit starker Stimme: »Ich sage Euch, daß ich dem Mädel nichts zuleide getan habe! So gut solltet Ihr mich kennen, daß Ihr wißt, daß ich nicht lüge!« Da stand der Spillebodaer vor ihm und schrie mit seiner schrillen Stimme, seiner strauchelnden, geschwinden Predigerzunge: »So lasset uns denn prüfen, ob du vom Geiste der Wahrheit oder vom Geiste der Lüge bist! Ist es Wahrheit oder Lüge, daß du dich gegen das sechste Gebot vergangen hast, mit deiner eigenen Gutsfrau und der Witwe deines Herrn?« Anstatt zu antworten; ging Brut auf ihn los, aber die Zunächststehenden stürzten die Treppe hinauf, um den Häusler zu schützen. Die hinwiederum, die weiter rückwärts standen, riefen: »Geht aus dem Weg! Wir wollen sie sehen! Stoßt sie zusammen! Sie sollen sich nur abbusseln!« Die Burschen zogen sich zurück, und Casimir Brut und Frau Olga standen allein, Seite an Seite vor dem schwarzen Tor. Die Schmach war groß und vollkommen. Und der Spillebodaer wies auf die weiße kleine Frau und rief: »Seht, da steht sie im Dirnengewande, listig. Wilden Sinns und unbändig, so daß ihre Füße nicht in ihrem Hause bleiben können. Nun ist sie draußen, nun auf der Straße und späht an allen Ecken. In der Dämmerung, des Abends, als es dunkel ward. Und ich sah unter den Unwissenden einen Toren, der den Weg zu ihrem Hause einschlug. Und sie küßte ihn sonder Scham und sprach zu ihm: ›Darum bin ich ausgegangen, dir zu begegnen, dein Antlitz zu suchen, früh und spät, und nun habe ich dich gefunden. Ich habe mein Bett gar lieblich geschmücket mit Decken aus dem Lande Ägypten, und ich habe meine Schlafkammer mit Myrrha bestäubt, mit Aloe und Zimt. Komm, laß uns buhlen bis zum Morgen und der Liebe pflegen.‹«   Soweit war er ungestört gekommen, denn ein Teil der Leute fand Erbauung an seinen Worten, und ein anderer Teil erwartete, daß sie saftiger und leichter verständlich werden würden. Der Pastor und der Vorarbeiter hatten alle Mühe, Casimir Brut zurückzuhalten. Und Frau Olga stand still und ergeben am Schandpfahl. Die kluge Lizzy hatte sie verstanden; sie fühlte sich wirklich schuldig. Dieses schreckliche, ungesunde Gefühl, das sie heute morgen dazu gebracht hatte, ein kleines moralisches Fallissement hinter einer großen Bewegung und einer gründlichen Aufrüttlung der gesamten Menschheit verbergen zu wollen, dieses Gefühl kam nun in einer stumpfen Zerknirschung zum Ausdruck. Sie hörte die Stimme des Spillebodaers, aber erfaßte vorerst die Worte nicht. Es sauste ihr in den Ohren, und sie hatte die wohlbegründete Überzeugung, daß die Posaunen des Jüngsten Gerichts erschallten, und Jan-Petter lachte. Sie lauschte jedoch, so gut sie konnte, der Rede des Spillebodaers, und sie lauschte mit demütigem Sinn, schuldbewußt und zerknirscht. Aber plötzlich fuhr sie zusammen und züngelte wie ein weißer Strahl aus dem Dunkel des Tores aus; und, den Spillebodaer überschreiend, brach sie los: »Herrgott! Was reden Sie da, Sie Kerl! Sprechen Sie von mir in dieser gräßlichen Weise?« »Gewiß, von dir, Jan-Petters Wittib!« schrie der Häusler wütend, aber ziemlich verblüfft durch die Unterbrechung. »Ich stäube Zimt in mein Schlafzimmer und all das andere?« fuhr Frau Olga fort, ganz weiß im Gesicht und mit übergroßen schwarzen Augen. » Mich nennen Sie so?« »Bist du nicht eine Metze?« schrie der Spillebodaer. »Nein, das geht zu weit!« murmelte Frau Olga. Und plötzlich erwachte der starke Geist der Frau Professor Anna-Lisa in ihr. Geschmeidig und rasch ging sie auf den Spillebodaer zu und rief: »Was unterstehst du dich, du Lümmel? Ich werde dich lehren, zu sprechen wie ein Mensch!« Eine Ohrfeige brannte ab. Der Spillebodaer taumelte die Treppe hinunter und fiel seiner dicken Alten in die Arme. Wie es zugegangen war, blieb ungeklärt. Einige hielten dafür, daß der Pastor, der in der Nähe stand, dazwischengefahren und den Schlag ausgeteilt hatte. Und da der Pastor nicht sehr beliebt war, schrien sie zornig auf. Die Mehrzahl meinte hingegen, daß die kleine Frau selbst dem Häusler seinen Lohn gegeben hatte, und ihre Befriedigung und Bewunderung kannte keine Grenzen. Zwischen diesen beiden Ansichten und Parteien entspannen sich nun heftige Zwiste, die vielleicht in Handgreiflichkeiten ausgeartet wären, wenn die Partei des Spillebodaers nicht beinahe ausschließlich aus Weibern bestanden hätte, die Frau Olgas hingegen aus Männern. Überdies traf gleich darauf ein entscheidendes Ereignis ein, das der Wendepunkt in diesem kleinen, sittlich-religiösen Aufstand wurde. Das quietschende schwarze Tor tat sich auf, und Ludwig von Battwyhl trat heraus, rücklings und gebückt, ein Wesen nachschleifend, das sich mit allen Kräften sträubte. Das Tor wurde hinter dem Paar wieder geschlossen. Ohne seine Beute loszulassen, wendete sich Ludwig an die Versammelten und rief laut und klar, kalt und verächtlich: »Ja, da habt ihr sie jetzt auf jeden Fall! Dummköpfe!« »Die Bolla!« kam es von der Versammlung in dumpfem Chor zurück, vermischt mit einigen schrillen Ausrufen und Gelächter. »Die Bolla!« »Na ja!« rief das Mädchen geärgert. »Schreit vielleicht noch ein bissel mehr! Das hätte euch gerade passen können, ihr gräßlichen Menschen, wenn ich irgendwo tot liegen würde. Aber das tue ich nicht.« An Frau Olga gewendet, schluchzte sie: »Wir beide sind doch wirklich zu bedauern, Euer Gnaden! Das haben wir heute früh nicht geahnt, wie die Sonne so schön geschienen hat.« »Wo hast du gesteckt?« fragte Frau Olga leise, nicht sehr darauf erpicht, das Verhör vor der Öffentlichkeit zu führen. Bolla hingegen hegte keine derartigen Bedenken, sondern rief: »Wo ich gesteckt hab'? Den halben Tag bin ich in einem Trockenofen draußen auf dem Moor gesessen und habe mir die Seele aus dem Leib geschwitzt. Ich wollte mich ja umbringen, denn ich wußte es nicht anders, als daß der Verwalter den Amtmann geholt hat. Ich dachte mir, es ist besser, wenn ich armes Ding sterbe, als daß Euer Gnaden belästigt werden. Aber als ich ein paar Stunden dorten gesessen war, kam Axel zu mir herein und sagte: ›Hier kannst du nicht länger sitzen, denn jetzt hat dich der Verwalter austrommeln lassen. Aber ich werde sie zu den Sandgruben hinüberführen, dann kannst du unterdessen ins Schloß laufen und die gnädige Frau um Verzeihung bitten, bevor der Amtmann kommt.‹ Ich bin also dort geblieben, bis ich sie auf die Sandgruben zugehen gehört habe. Da bin ich ganz behutsam ins Schloß geschlichen, und wie ich zu dem Stallhügel komme, sehe ich Ludwig und den Pastorsbuben miteinander raufen. Ich hab' mir gedacht, daß Ludwig bei Euer Gnaden ein gutes Wort für mich einlegen könnte, und so hab' ich mich an die Stallecke gestellt und ihm zugeblinzelt und gewunken. Aber merkt denn so ein dummer Bub was, wenn er im Raufen ist! So mußt' ich allein gehen, und ich hatt' solche Angst, daß ich nur so gezittert hab'. Und es kam noch schlimmer, denn in der Allee traf ich Fräulein Alexander, und die fragte, ob ich gehört habe, daß der Verwalter die Kammerjungfer der gnädigen Frau totgeschlagen hat, weil sie ein Geheimnis ausgeplaudert hat. Da hab' ich gesehen, was ich angestellt hab', und bin geradewegs auf den Boden gelaufen, um mich aufzuhängen. Aber nicht das kleinste Stückel Schnur war dort oben. Da könnt' ich nur weinen, Euer Gnaden, und jetzt sitze ich schon sieben Stunden auf einer Kiste und hab' immerzu geweint –« »Aber woher denn!« fiel Ludwig ein. »Sie ist drinnen in der Bodenkammer gesessen und hat sich Jan-Petters Bildchen angeschaut und sich sehr gut unterhalten. Als ich kam, lag sie auf dem Boden und schnarchte wie ein Korporal. Und ich wäre ja nie darauf gekommen, sie dort zu suchen, wenn der Vorarbeiter nicht gesagt hätte, daß sie vielleicht auf dem Rauchfang sitzt und uns auslacht. Da sagte ich mir: ›Hundert gegen eins, daß sie oben in der Bodenkammer ist.‹ Und ich habe gewonnen! Aber ich mußte sie mit Gewalt packen und sie die Treppen hinunterschleifen. Sie ist das gemeinste Frauenzimmer, das es gibt, und wenn niemand etwas einzuwenden hat, wollen wir sie an einem Baum aufhängen, damit ihr schöner Vorsatz doch in Erfüllung geht.« »Ludwig! Du gehst hinein!« befahl Frau Olga. Aber Ludwig erwiderte: »Nicht früher, als bis sie eingesteht, daß sie gelogen hat.« »Gelogen!« wiederholte das Mädchen erzürnt. »Was habe ich gelogen?« »Das wirst du selbst am besten wissen!« erwiderte Ludwig. »Du bist ein lügenhaftes, treuloses Rabenvieh und der Pein der Hölle verfallen, aber wenn du jetzt nicht gestehst, kannst du außerdem deine Siebensachen packen.« »So, geht es aus diesem Ton!« sagte das Mädchen und putzte sich kräftig die Nase. »Dann will ich nur sagen, daß ich nicht ein Wort gelogen habe. Ich hab' gesagt, daß unsere gnädige Frau heute nacht draußen war, und das ist wahr. Denn ich bin dadurch aufgewacht, daß die Türe gequietscht hat, und da bin ich in das Zimmer der gnädigen Frau gegangen, und das war leer. Ich könnt' mir nicht erklären, wie die gnädige Frau herausgekommen ist, da ich doch im Zimmer vor ihrem liege. Aber dann bin ich in das Schreibkabinett gegangen und hab' gesehen, daß die Gnädige die Türe aufgemacht hat, die sonst zu und verriegelt war. Und da hab' ich gesehen, daß die gnädige Frau da durchgegangen ist, aber ich kann nicht begreifen, warum sie nicht durch mein Zimmer ist und mir gesagt hat, ich soll mitkommen.« Hier wurde das Mädchen von einem lauten »Haha! Haha!« unterbrochen. Und die Spillebodaer Hexe, auf ihre Rache aus, schrie: »Ja, das ist freilich schwer zu begreifen, daß sie keine Begleitung haben wollte! Ja, nicht wahr, das ist unbegreiflich! Haha! Wenn man bei Nacht ausgeht! Haha! Bei Nacht!« Da prusteten die Burschen heraus, und die Weiber kicherten. Das aufgebrachte Mädchen rief: »Was habt ihr denn, ihr Grinsaffen? Kann unsere Gnädige nicht gezwungen sein, mitten in der Nacht hinauszugehen? Das kann jedem passieren, gerade jetzt in der Obstzeit!« Wer die Männer und die Frauen, die Greise und die Greisinnen, die Burschen und die Mädchen, die sich aufgeregt, ernst, schweren Herzens versammelt hatten, brachten es sich plötzlich ein und gaben sich widerstandslos einer unbändigen Lachlust hin. Sie wanden, sie krümmten sich, sie schlugen sich auf die Schenkel und pufften einander in die Seiten. Wie ernst die Sache auch für die sein mochte, die sie zunächst anging, sie lachten rückhaltslos und fröhlich, so wie immer über diese an und für sich ernsten Dinge gelacht worden ist. Frau Olga, die demütig und reuevoll vor den Folgen einer törichten Handlungsweise gestanden war, stark und mutig vor schamlosen Beschuldigungen, verlor in dem Lachwirbel alle Besinnung, raffte die Röcke an sich und stürzte blind auf das Tor zu, das glücklicherweise von innen geöffnet wurde. Ihr nach folgten Ludwig und Bolla, der Pastor und Brut. Dennoch verstummten weder das Lachen noch die scherzhaften Ausrufe und Anspielungen. Freilich nahm der Wirbelsturm auf dem Hofe bald an Stärke ab, aber er zerfiel in kleine Windstöße und Brisen von Lachen und Kichern, die im Sommernachtsdunkel über das lauschige Larsbo hinwehten, die Vögel im Park weckten, die Mäuse auf dem Feld aufscheuchten und mit den Fledermäusen über das einsame Moor flatterten.   Im großen Saal von Larsbo neigten sich die Festlichkeiten des Saratages ihrem Ende zu. Versammelt waren die Frau des Hauses, ihre Verwandten und Freunde, Dr. Karolina und Lotte, Betty und Lizzy, Ludwig und Brita, der Generalagent und Fräulein Alexander, Tante Sara und der Pastor, sowie der Verwalter Casimir Brut. Der Sohn des Pastors hatte sich schon in sein und des Vaters Schlafzimmer zurückgezogen. Die Versammelten schwiegen, und die Frage war, wer dieses drückende Schweigen brechen sollte. Dr. Karolina gedachte zu sagen: »Wir sind ja alle vernünftige Menschen; ich glaube, wir sollten unsere klugen Köpfe zusammenstecken und Ollo einen guten Rat geben. Denn die Situation ist unhaltbar geworden.« Lizzy erwog den Satz: » Tant de bruit pour une omelette !« Betty: »Eros fiel siegend!« Lotte: »Zu Großvaters Zeiten wären diese Menschen höflicher gewesen; aber sie hätten sich darum nicht mehr vergnügt. Und wir auch nicht.« Der Pastor schließlich: »Kann ein armer geistlicher Herr, der sich den ganzen Tag abgerackert hat, ein Nachthemd geliehen bekommen?« Die übrigen gedachten nichts zu sagen, denn der Generalagent hatte alle Hoffnung fahren lassen, Fräulein Alexander fühlte eine tiefe Enttäuschung und eine große Verachtung, Tante Sara war nicht gewohnt, etwas zu sagen, und Ludwig und Brita saßen schon in einer Ecke und tuschelten miteinander! Frau Olga selbst brach das Schweigen. Sie sagte: »Wenn meine Gäste mich entschuldigen, so gehe ich und lege mich schlafen. Ich bin heute morgen so früh aufgestanden.« Sie wünschte dem Pastor, dem Generalagenten und Fräulein Alexander artig gute Nacht; sie sagte zu Ludwig und Brita: »Wollt ihr euch nicht niederlegen, Kinder?« Sie nickte freundlich, wenn auch mit einem gewissen Ernst, Lotte Brenner und den Willmanmädchen zu. Sie sagte zu Tante Sara: »Komm mit!« Schließlich ging sie auf Casimir Brut zu, der etwas abseits stand; sie legte die Hände auf seine Schultern und sagte: »Gute Nacht, Casimir.« Und sie beugte sich vor und gab ihm einen leichten Kuß. Dann grüßte sie mit einer kleinen Verbeugung alle Versammelten und verschwand.   In ihr Zimmer hinaufgekommen, verabschiedete sie sofort die noch immer schluchzende Bolla, placierte Tante Sara in einen geeigneten Fauteuil und brach in Tränen aus. Aber sie weinte nicht viel und keineswegs im Verhältnis zu den Ereignissen des Tages. Unterdessen kleidete sie sich splitternackt aus und begann wie gewöhnlich mit Fleiß und Eifer ihren Körper zu hegen und zu pflegen. Und sie sagte zu Tante Sara: »Im ganzen genommen bin ich zufrieden. Casimir hat sich nie damit abfinden können, daß ich ihn heirate und Larsbo verliere. Und es ist ja ein Verlust, namentlich da ich mich hier wohlfühle. Wer jetzt habe ich einen Mittelweg gefunden. Casimir bleibt als Verwalter, und ich bin eben Verwaltersfrau statt Gutsherrin. Natürlich ist das eine schreckliche Degradation. Aber heutzutage! Mir macht es nichts, und die Willmanmädchen müssen sich eben hineinfinden!« »Das müssen sie eben«, sagte Tante Sara. Sie saß in einer beschatteten Ecke, aber das vereinigte Licht der grünen Gardinen, die schon von einem beginnenden Sommermorgen schimmerten, und der roten Kerzenflammen auf dem Toilettetisch spielte auf ihrer großen warzigen Nasenspitze. Frau Olga hingegen stand mitten in der Lichtflut vor dem Spiegel und führte ihren Schwamm, indem sie anmutsvoll bald einen Arm, bald ein Bein hob, bald sich herumdrehte, um den Rücken zu erreichen. »Heute früh«, sagte sie und atmete schwer und stoßweise infolge der Anstrengung, »als ich hier saß und die Bolla mich frisierte, entdeckte ich plötzlich im Spiegel, daß ich vergessen hatte, dort drinnen die Türe zu schließen und die Draperie vorzuziehen und die Vase zurückzustellen. Ich bekam einen ganz heißen Kopf. Denn natürlich würde diese neugierige Elster Fragen stellen und Bemerkungen machen. So schickte ich sie weg, um insgeheim alles in Ordnung zu bringen. Aber als ich dann sah, wie dieses Frauenzimmer herumstand und mit ihrem widerwärtigen Bräutigam schäkerte, versank ich in Gedanken und vergaß die ganze Geschichte. Bis ich dann die Vase umstieß. Das war eine nette Bescherung, das kannst du mir glauben!« »Kann ich dir glauben!« echote Tante Sara. »Nicht der Vase wegen. Die habe ich immer gehaßt. Aber weil die Bolla die Nase in die Luft stecken würde. Dann kam Ludwig, und dann kam Casimir. Da wurde ich noch nervöser. Casimir kann es nicht vertragen, daß ich Ludwig bei mir habe, wenn ich mich ankleide. Ist das nicht lächerlich?« »Gewiß ist das lächerlich«, sagte Tante Sara. »Glücklicherweise stand ja die Türe offen, so daß ich Ludwig hinausbrachte. Aber dann kam der Donnerschlag. Casimir erzählte, daß er die Bolla erwischt habe, und daß sie das gesagt habe, du weißt schon, was.« »Und da hast du den Kopf verloren!« seufzte Tante Sara. »Ich?« fauchte Frau Olga. »Woher denn! Aber Casimir hat den Kopf verloren. Er behauptete, entweder müßten wir sofort die Verlobung bekanntgeben, oder er müsse stante pede weg, um dem Gerede ein Ende zu machen. Kann man sich etwas Dümmeres denken?« »Nein«, sagte Tante Sara. »Als ob man sich nicht noch ein bißchen so weiter fortwurschteln könnte! Aber ich wurde böse und sagte, er könne ja gehen. Bitte, von mir aus! Und da war er dabei! ›Mit Vergnügen!‹ sagte er. Kannst du dir so was denken?« »Ja«, murmelte Tante Sara schläfrig, aber erwachte und verbesserte sich. »Nun ja«, fuhr Frau Olga fort, »ich habe es ja nicht ernst genommen, bis ich ihn dann im Lusthaus traf und erfuhr, daß er schon zu packen begonnen hatte. Da begriff ich, daß er ganz toll sein müsse. Und das war er auch, nur wußte ich den Grund nicht. Er glaubte nämlich im vollsten Ernst, das Mädchen sei hingegangen und habe sich aus lauter Reue und Angst das Leben genommen. Kannst du begreifen, warum die besten Männer, und gerade die, an denen einem zufällig etwas liegt, immer solche Idioten sein müssen?« »Nein«, sagte Tante Sara. »Ich wurde grenzenlos böse, aber es fiel mir natürlich nicht ein, ihn zu bitten, zu bleiben. Ich mußte aber doch in aller Eile einen Vorwand für die Entlassung finden, und da kam ich darauf, Larsbo zu einem Mustergut zu machen und eine Bewegung zu inaugurieren. Das war gar keine so üble Idee. Und die Willmanmädchen brauchen mich deshalb gar nicht auszulachen. Oft werden gerade auf diese Weise, durch einen Zufall, große Gedanken und Ideen geboren. Ich wäre sicherlich in einer solchen Bewegung viel mehr an meinem Platze, wie als Schloßfrau auf einem Gut. Das kann ich ihnen versichern! Oder was glaubst du?« »Das glaube ich unbedingt«, beteuerte Tante Sara. »Aber das Schicksal hat es anders gewollt«, sagte Frau Olga, stellte den rechten Fuß auf den Tisch und behandelte mit Sorgfalt dessen Zehen. Dann wechselte sie den Fuß und fragte: »Hast du nie irgendein Liebesabenteuer gehabt? Erzähle!« »Nein«, antwortete Tante Sara nach einigem Nachdenken. »Nur einmal in meiner Jugend, als ich mit meinen Eltern einen Sommer in Wiesbaden war. Ich saß eines Abends auf einer Bank im Park, und ein Herr kam und setzte sich neben mich und begann zu plaudern. Er war sehr gebildet und weitgereist, so daß ich wirklich mit Vergnügen zuhörte. Er sagte mir viele schöne Dinge, ja wirklich, aber schließlich bat er mich, ihm einen Taler zu leihen, da er sich in augenblicklicher Verlegenheit befinde. Ich versicherte, daß ich keinen Taler habe, und da sagte er: ›Nicht nur häßlich, sondern auch noch arm!‹ Und dann ging er.« »So ein Tölpel«, murmelte Frau Olga zerstreut. Sie stellte sich vor Tante Sara hin, streckte sich, stemmte die Hand in die Seite. Sie sagte: »Mein Charakter ist furchtbar ernst. Findest du nicht? Manchmal komme ich mir wie eine alte Schachtel vor. Aber was mich am meisten ärgert, ist Jan-Petter, und was mich am meisten freut, ist, daß ich ihn zur Wand gedreht habe.« »Zur Wand gedreht?« fragte Tante Sara verwirrt. »Ja, dort unten im Kabinett. Er saß da und grinste mich an. Und ich weiß schon, warum er grinst. Als wir eine Woche verheiratet waren, ließ ich die Türe zwischen unseren Zimmern vernageln und stellte die Vase davor. Ich ließ die Kammerjungfer im äußeren Zimmer schlafen. Dagegen hätte er nichts, sagte er. Aber seiner Gewohnheit getreu, konnte er es nicht lassen, alle möglichen zynischen Anspielungen zu machen. Er sagte: ›Du kannst ruhig sein, liebes Kind! Ich werde die Nägel nicht ausziehen, die Vase nicht wegstellen und die Türe nicht öffnen! Aber du wirst es noch einmal tun!‹ Sagte er. Verstehst du, was er gemeint hat?« »Nein«, gestand Tante Sara. »Nun ja, das ist ja gleich. Du hast ihn nicht so gut gekannt wie ich. Er meinte jedoch, daß er nicht an meine Charakterstärke glaube. Und auch an die keines anderen. Aber was mich ärgert, ist, daß er in gewisser Weise, rein äußerlich gesehen, recht behalten hat.« Sie riß das Nachthemd an sich und fuhr mit solcher Heftigkeit hinein, daß die Nähte krachten. Sie rief nach Bolla, gab Tante Sara einen Gutenachtkuß und sprang ins Bett. »Da liegt ein Papier auf dem Boden«, sagte die Kammerjungfer, die im Zimmer herumwirtschaftete. Sie reichte Frau Olga das Papier. Es war Jan-Petters Visitkarte, vergilbt und von den schmutzigen Fingern des Spillebodaers befleckt. Frau Olga drehte verwundert die Karte in der Hand. Plötzlich fragte sie die Kammerjungfer, ob sie eine Bibel habe. Das Mädchen ging in ihr Zimmer und kehrte mit dem heiligen Buche zurück. Frau Olga sagte: »Geh jetzt schlafen!« Sobald das Mädchen verschwunden war, sah sie noch einmal die Rückseite der Karte an. Da stand mit ungleichmäßigen Buchstaben geschrieben: »Meiner lieben Frau einen Gruß und ein Wort zum Nachdenken! Salomos Hohes Lied, 3, 5, 4; 12, 16.« Sie begann mit zitternden Fingern in der Bibel zu blättern. Das Blut stieg ihr zu Kopf, die Augen füllten sich mit Tränen, in den Ohren sauste es, und durch das Sausen hörte sie Jan-Petters Lachen. Sie dachte: Es ist sicher etwas Entsetzliches, was er mir sagen will. Etwas, was ich nicht ertragen und worüber ich nicht hinwegkommen kann. Ihr Finger glitt mit einem gewissen Beben von Vers zu Vers und blieb bei diesen stehen: Ich beschwöre euch, ihr Töchter Jerusalems, bei den Rehen oder Hinden aus dem Felde, daß ihr meine Freundin nicht aufweckt, noch erregt, bis es ihr selbst gefällt. Meine Schwester, liebe Braut! Du bist ein verschlossener Garten, eine verschlossene Quelle, ein versiegelter Born. Steh auf, Nordwind, und komm, Südwind, und wehe durch meinen Garten, daß seine Würzen triefen! Mein Freund, komme in meinen Garten und esse seiner edlen Früchte. Als sie dies gelesen hatte, seufzte sie erleichtert auf; und sie sagte zu sich selbst: Na ja! Für einen Gruß von Jan-Petter! – Im tiefsten Grunde war er nicht böse, und ich verzeihe ihm aus ganzem Herzen. Morgen werde ich ihn wieder richtig drehen. Sie löschte das Licht und legte sich nieder. Aber im nächsten Augenblick saß sie wieder kerzengerade im Bett und lauschte: Aus dem Hof oder Park hörte man Stimmen, gedämpft, aber deutlich genug, um die dazugehörigen Personen zu erkennen: Ludwig und Brita! Sie sah auf die Uhr. Die stand allerdings, aber gab ihr in irgendeiner geheimnisvollen Weise zu verstehen, daß die Stunde unpassend war. Was sollte sie tun? Ihnen eine Rüge erteilen, sie hereinrufen. Das war ihre offenkundige Pflicht. Aber unangenehm. Denn – Wie war es eigentlich um ihre moralische Autorität bestellt? Nach den Ereignissen des Tages? Was riskierte sie? Welche Antwort konnte sie sich von dem rücksichtslos aufrichtigen Ludwig und der impertinenten Brita erwarten? Sie errötete wieder, die Wangen brannten, die Augen füllten sich mit Tränen, in den Ohren sauste es. Und durch das Sausen hörte sie Jan-Petters Lachen. Das bestimmte sie. Lach du nur! dachte sie. Das sind zwei Kindsköpfe, und ich gedenke meine Pflicht zu tun, ob ich nun ein verschlossener Garten bin oder nicht. Sie sprang rasch, wenn auch zähneklappernd, aus dem Bett, richtete sich zu einer resoluten Haltung auf, um sich selbst Mut zu machen. Sie schritt zum Fenster und schob die Gardinen zurück. Sofort erblickte sie die beiden Gestalten, die auf einer Bank unter einem Jasminstrauch saßen. Sie räusperte sich und rief: »Ludwig! Brita!« Die beiden Gestalten hockten sich nieder und duckten sich zusammen, aber antworteten nicht. Da griff sie zu ihren tiefsten Brusttönen: »Gebt euch keine Mühe! Ich sehe und höre euch. Was soll das heißen? Warum liegt ihr nicht? Das ganze Haus schläft, aber ihr müßt euch herumtreiben! Findet ihr das passend? Und was macht ihr eigentlich?« Nach einigem hastigen Geflüster vernahm man endlich Ludwigs Stimme. Frau Olga, die in großer Spannung dagestanden war, atmete auf und gestattete ihrem müden Körper, ein wenig in behaglicher Schlaffheit zusammenzusinken. Denn die Stimme hatte einen zwar aufrichtigen, aber alles eher als impertinenten Klang. Sie sagte: »Nicht bös sein, Ollo! Wir haben nur den Eros begraben!« Und Brita rief: »Wir haben ihn feierlich und unter großer Beteiligung von Leidtragenden begraben!« »Was schwätzt ihr da für Dummheiten?« rief Frau Olga und richtete sich auf. Aber Ludwig gab sofort die Erklärung. »Ich habe die Scherben der Vase eingegraben. Du hast mich doch heute früh selbst gebeten, es zu tun.« »Gut«, antwortete Frau Olga, »aber jetzt geht ihr sofort hinein und legt euch nieder.« Gehorsam und sittig lief Brita über den Hof, und ihr nach schlenderte Ludwig mit langen Schritten. Frau Olga zog ihre Gardinen wieder zu. »Die närrischen Gören!« murmelte sie. »Ja, es braucht so wenig, um Kinder zu amüsieren.« Die kleine Episode wirkte seltsam beruhigend. Sie fühlte sich geborgen und behaglich schläfrig; sie hoffte auf einen tiefen, traumlosen Schlummer. Aber was den zerbrochenen Eros betrifft, so lagen seine Scherben noch immer unberührt in der Lade, wo Frau Olga sie aufgehoben hatte. Ludwig, der Wahrheitsliebende, hatte gelogen!