Asmodeus aller Orten. Eine Erzählung von E. L. Bulwer.     Aus dem Englischen von Dr. Georg Nikolaus Bärmann.     Stuttgart, Verlag der J. B. Metzler'schen Buchhandlung. 1840.     Erstes Kapitel. Ich setzte meinen Hut auf und schritt ohne Weiteres der Wohnung des Doctors zu. »Ja,« sagte ich sinnend zu mir selbst, »ich habe zuverlässig die Zehrung. Gleichwie Oberst Jones thue ich wohl am besten, meinen armen Leichnam sofort der Anatomie zu überlassen, und schon vor meinem Sterben mich wegen meiner Großmuth in der Zeitung ausposaunen zu lassen. Die Cholera, die andern ein Schrecken ist, wird für mich zur Tröstung. Denn stürbe ich nicht an der Zehrung, so würde ich zuverlässig an der Cholera sterben, indem es etwas sagen will, trotz Dampfbädern und Cajeput-Oel, der schwarzen Dame zu entrinnen. Nichts destoweniger,« fuhr ich nach einer Pause fort, und knöpfte dabei meinen Rock zu – »nichts destoweniger ist die Zehrung ein Uebel, das langsam und schwerfällig zur Welt hinausfördert. Kurze Reisen sind die anmuthigsten, und nichts auf Erden ist langweiliger, als acht Monate lang sich einen interessanten Patienten nennen zu hören. Ich will also den großen Mediker, den Galen seines Jahrhunderts, mit heiterem Vertrauen 6 aufsuchen. Kann er mich nicht aus der Krankheit herauswaschen, so spült er mich um ein Weniges früher in's Grab. Nächst einem langen Leben gibt es keine größere Segnung, als einen hurtigen Tod.« Als ich dieses Aphorism vor mich hinsprach, klopfte ich an des Quacksalbers Thür. Ein Diener öffnete mir. Ein Besuch bei einem Quacksalber ist eine höchst erquickliche Aufregung. Es liegt etwas Pikantes in der Geringschätzung aller Vorsicht, womit wir uns solchem gesetzwidrigen Jagdmacher auf Menschenleben, der uns ohne Ansehen der Person umbringt, in die Arme werfen. Es steckt ein köstlicher Kitzel in einer ungeheuren Aufforderung unserer Leichtgläubigkeit; wir erwarten mit Behagen Wunderwerke an unserer eigenen Person verübt, und begeben uns zu einem Quacksalber genau aus eben dem Antriebe, aus welchem unsere Vorfahren zu einem Wahrsager oder Hexenmeister gingen. In welchem Jahrhundert hätte die Menschheit nicht ihren Lieblings-Aberglauben? Es traf sich so, daß ich an jenem Morgen der Letzte von denen war, die bei dem »Großen Wiederhersteller der Natur« einsprachen. Einer nach dem andern von meinen Vorgängern schlüpfte in das Studirzimmer des Wunderdoctors und dann zu dessen Hause hinaus. Endlich befand ich mich allein im Vorzimmer. Während ich mich einem weichen Armstuhl und einer Träumerei hingab, ward ich plötzlich durch eine seine hellklingende Stimme aufgeschreckt, die mich die Worte »So sehen wir 7 einander wieder« vernehmen ließ. Ich fuhr zusammen. Die Stimme schien eine weibliche zu seyn. Ich blickte umher; kein Frauenzimmer war zugegen – nicht einmal ein Stückchen von einem Weiberanzuge verrieth, daß ein Weib dagewesen wäre. »Es muß auf der Straße gewesen seyn,« sagte ich zu mir selbst, und machte mir's wieder bequem im Lehnsessel. »Was?« erklang die Stimme von neuem: »willst Du nicht mit mir reden?« »Wer da?« rief ich, denn ein Schauer überlief mich; ich glaubte, es spräche das Gespenst irgend eines hingequacksalberten Frauenzimmers. Ich ging durch das Zimmer; ich lugte unter das Kanapee – nichts Lebendes konnte entdeckt werden; es war in der That » vox praeterea nihil. « »Er hat alles weggequacksalbert, nur nicht der Dame Stimme,« dacht' ich, » die hat ihm widerstanden.« »Du scheinst betroffen zu seyn,« erscholl's fernklingend wie zuvor. »Sie sagen die Wahrheit, Madam, obwohl ich Bedenken trage es zu seyn,« versetzte ich. »Eine Stimme ohne Frauenzimmer mag etwas seltsam seyn; wirkliches Wunder aber würde es seyn, wenn Frauenzimmer sich ohne Stimme zeigten.« »Dieser Witz auf die Redseligkeit des Geschlechts,« entgegnete mein unsichtbarer Sprecher, »hat zuverlässig 8 den Vorzug der Neuheit. Man muß gestehen, daß Dein Witz höchst originell ist.« »Sie haben Anlage zur Ironie,« sagte ich, »kein Wunder, daß eine Dame, die so wenig Körperlichkeit besitzt, sich dem Muntern zuneigt.« »Du irrst Dich in dem Geschlechte der Person, zu welcher Du redest,« ließ die lustige Zunge sich vernehmen. »Ich kann Dir versichern, daß ich kein Frauenzimmer bin, obschon meine Stimme ein wenig weibisch klingt.« »Was bist Du denn?« »Ein Teufel.« » C'est à-peu-près la même chose, « versetzt' ich, und ging höchst verdrießlich zu meinem Lehnstuhle zurück. »Puh!« sagte die Stimme mit einem Ausdrucke von Unwillen. »Hier ist keine Zeit zu verlieren. Die Kabinetsthür wird sich gleich öffnen, der Doctor wird Dich vor sich rufen, und vielleicht sehen wir Beide einander niemals wieder.« »Das würde wohl ein großes Mißgeschick seyn,« versetzte ich, »wenn Du wirklich das bist, was Du sagtest?« »Puh!« schrie nochmals die Stimme, »aus Dir spricht der verdammenswertheste aller menschlichen Irrthümer. So glaubt Ihr elenden Erdenwürmer in der That, daß wir Herren Teufel Verlangen tragen, Euch in unsere Zirkel einzuführen, nachdem Ihr Euren Pöbelgesellschaften auf Erden Valet gesagt habt? Nein, nein, wir besuchen Euch in dieser Welt, aber niemals in jener; geradeso wie Eure Vornehmen die Leute auf 9 dem Lande besuchen, die sie niemals zu sich in ihre Stadtwohnungen einladen.« »Sie sind unhöflich, Monsieur Satan › de bon ton ‹. Doch denke ich, wir Leute auf Erden können ganz behaglich ohne Euch leben.« »Bah!« versetzte der Teufel. »Du willst dadurch zu verstehen geben, daß Ihr ohne uns nicht gequält werden könnt. Abgeschmackt, das! Eure eigenen Leidenschaften quälen Euch; sie sind unsere Abgeordneten, und während Ihr in Euren Regionen unten glaubt, daß wir Euch peinigen, sitzen wir ruhig in unseren Gesellschaftsälen und spielen › rouge et noir ‹, ohne weiter an Euch zu denken. Neid, Eifersucht, Haß und Reue treiben ohne unsere Mitwirkung Teufelei genug mit Euch. Doch genug dieser Verhandlung. Die Zeit drängt. Wisse, ich bin der Teufel Asmodeus, dessen Abenteuer mit Don Cleofas Dir gewiß bekannt sind. Damals hatte ich das Vergnügen Deine Bekanntschaft zu machen.« »Señor Don Asmodeus,« sagte ich, indem ich den Teufel etwas hitzig unterbrach – »Sie erzeigen mir zu viele Ehre. Ich habe der Sorgen und Widerwärtigkeiten im Leben genug gehabt, um alt an Ueberdrusse zu seyn, doch was schlechtweg die Jahre, die zu zählende oder zu messende Zeit betrifft, so bin ich nicht völlig so alt, als Sie andeuten mögten › Sacre diantre ‹!^ Ihrem Ermessen nach, müßte ich ja etwa hundert und neunundfünfzig Jahre alt seyn.« 10 »Mißverstehe mich nicht,« entgegnete der Teufel; »zu jener Zeit existirtest Du in anderer Gestalt.« »Aha, Du bist ein Pythagoräer, wie ich merke. Ich will hoffen, daß ich in meiner damaligen Gestalt mich einer besseren Gesundheit als jetzt erfreuete.« »Das ist ein Geheimniß,« sagte der Teufel, der hinter dem Berge hielt. »Ich darf Dir nicht sagen, wer oder was Du warst. Seelenwanderung ist kein Ding, das ausgeplappert werden darf. Diejenigen Gesellen, die in früherer Zeit vorgaben sich ihres ehemaligen Selbst zu erinnern, waren scheußliche Betrüger, das versichere ich Dir.« »Ich glaube es gern. Doch wenn ich nun unsere ehemalige Bekanntschaft zugebe, denn mein Gedächtniß kann Dir natürlich nicht widersprechen, so möcht' ich fragen, was Señor Don Asmodeus denn eigentlich von mir wünscht?« »Steige auf jenen Stuhl, und blicke auf den Bret rechts vom Kamine. Dort wirst Du eine Phiole mit Tinktur sehen.« »Aha, ich sehe – und Du steckst jetzt in jener Phiole?« »Allerdings. Der ver— Quacksalber hier nebenan bewog, als er Krieg gegen die Menschheit führte, mich leicht, mit ihm in Compagnie zu treten; allein an einem schönen hellen Morgen schnurrpfiff der Halunke mich in diese Phiole, in der ich seit der Zeit eingesperrt stecke.« 11 »So gibt vermuthlich Dein Darinstecken der Tinktur eine besondere Kraft?« »Zuverlässig! Du glaubst nicht, wie das Wasser, in welchem ein Teufel badete, höllische Blasen zieht. Aus dieser Phiole füllt der Doctor seine kleineren Tinkturgläser im Nebenzimmer.« »So bist Du also,« rief ich mit nicht geringem Grausen, »der abscheuliche Rückenkitzler, der Lochmacher und Frauenverderber! und zum Doctor rennen ist nur eine andere Redensart für zum Teufel gehen.« »Mache mir jetzt keine Vorwürfe,« sagte Asmodeus in klagendem Tone. »Ich versichere Dir, daß in diesem höllischen Meere von Canthariden ich eben so viel leide, als die Creaturen, die ich um's Leben bringe. Gern wäre ich aus meiner jetzigen Gefangenschaft erlös't, und so Du Mitleid mit Teufel oder Menschen hast, wirst Du mich aus der Haft des Doctors befreien. Wirklich gereicht es mir zum Glücke, daß ich in Dir einen alten Bekannten wiedersah; denn ich darf mich nicht so weit erniedrigen, daß ich mich neuen Debutanten in dieser Welt selbst zu erkennen gebe – dergleichen bleibt Dämonen niedereren Standes überlassen. Ein Glück auch war es für Dich, denn sonst hätte ich Dir alles Fell vom Rücken geschunden, ehe Du noch hättest ahnen können, was für ein Wetterding eigentlich Hand an Dich legte.« »Wenn ich Dich erlöse,« sagte ich sinnend, »gereicht es sicherlich zum Heile der Menschheit; dann aber weißt 12 Du, Du durch und durch philosophischer Teufel, daß nichts in der Welt dem Eigennutze in höchster Potenz gleichkommt. So denke ich denn mit Dir den für mich möglich vortheilhaftesten Vertrag abzuschließen. Willst Du mir derselbe Cicerone und Gefährte seyn, der Du dem Don Cleofas warest? Ich leide an Anfällen von Niedergeschlagenheit – bedarf eines unterhaltenden Gesellschafters – bin den Weibern zu zerstreut, den Männern zu grämlich; doch könnte ich, mein' ich, ganz angenehmen Umgang mit einem höflichen Teufel pflegen.« »Alles, was ich dem Don Cleofas war, will ich Dir auch seyn; ja, ich kann Dir mehr seyn, als was ich dem Don Cleofas war; denn Don Cleofas war ein müssiger junger Mensch, ein lumpiger Student, der sich eben klug genug zu Liebeleien gab. Er würde unvermögend gewesen seyn, nur die Hälfte der Gesichte zu verstehen, die ich ihm gern gezeigt hätte; und was meine Gespräche mit ihm betrifft, so verdanken sie alles ihnen inwohnende Verdienst einzig und allein jenem witzigsten aller Horcher hinter den Wänden, der sich Le Sage nannte; Du aber, Freund, bist just Einer – nun, nun Du brauchst über Dein vornehmes Talent nicht zu erröthen – bist just Einer, den zu belehren mir Vergnügen gewähren würde. Die Vergangenheit, die Gegenwart, die Zukunft, diese Welt, einen großen Theil der anderen, Alles was jetzt lebt, Alles was je gelebt hat, kann ich auf dein Gebot Dir zeigen. Ja, wenn Du Muth dazu hast, können wir gelegentlich einen 13 Abstecher in den Mond oder eine lange Durchfahrtreise durch die Milchstraße machen. Wie angenehm wird es seyn, auf solche Weise diesen langweiligen Winter zu verleben. Auch bin ich genau mit den Feen bekannt, und kann Dich tiefer in ihre Geheimnisse einweihen, als jemals ein Mährchendichter es sich hat einfallen lassen. Was die Sterblichen betrifft, so kann ich Dich mit den vornehmsten, den trefflichsten, den weisesten derselben bekannt machen. Du sollst in Holyrood mit Karl dem Zehnten auf die Jagd gehen, mit dem Herzoge von Reichstadt sollst Du zu Mittag essen und ihn fragen, ob es ihm zu Zeiten einfällt, daß er der Sohn Napoleons ist. Du sollst mit Brougham auf dem Wollsack sitzen, und zusehen, wie ich den Unsinn Londonderry's entkorke. Du sollst Fischgerichte im › Rocher de Cancale ‹ verschmausen, wenn Du der Gutschmeckerei ergeben bist, und sollst unter den zertrümmerten Arcaden des Colosseums in den Mond gucken, wenn Du über Romantisches spintisirst.« »Deine Anerbietungen befriedigen mich,« sagte ich mit geringerem Enthusiasmus, als der Teufel es erwartet hatte; »ich nehme sie sammt und sonders an. Freilich ist die Zeit mir dahin geschwunden, in welcher ich Wohlleben und Romantik liebte, doch kann ich, wenn gleich nicht mehr entzückt, immer noch belustigt werden. So komm, ich werde Dich mit sammt Deinem Kerker in die Tasche stecken und Dich forttragen.« »Nein,« entgegnete der Teufel, »Du mußt ein 14 Fenster öffnen und mich auf das Gassenpflaster werfen, damit die Phiole zertrümmert.« »Und Du –?« »Ich werde die Ehre haben, Dir, sobald Du nach Hause gekommen seyn wirst, meine Aufwartung zu machen.« »Aber Señor Don Asmodeus, ich bitte zu bedenken, daß es keinen Compact zwischen uns gibt. Ich habe nicht Lust, Wechsel, die Sie mir, zahlbar in der nächsten Welt, vorlegen möchten, zu acceptiren. Es soll mich freuen auf simplem Wege der Ehre Ihrer näheren Bekanntschaft theilhaftig zu werden; jedoch kann ich mich nicht dazu verstehen, Ihnen meine Seele zu verschreiben.« »Pah!« sagte Asmodeus, »solche Verbriefungen sind längst veraltet. Die Hölle muß, als sie abgeschlossen wurden, erbärmlich bevölkert gewesen seyn. Jetzt haben wir so viele Seelen, daß wir nicht mit ihnen zu bleiben wissen.« Beruhigt durch diese Aeußerung öffnete ich das Fenster und warf die Phiole mit der Tinktur auf das Straßenpflaster. Kaum hatte ich dies gethan, so klingelte der Doctor; – ein Zeichen, daß die Reihe jetzt an mir war, von ihm unter's Messer genommen zu werden. Mein Verlangen nach diesem Experimente war wundersam genug gänzlich verschwunden; denn ich zweifelte nicht, daß der Doctor noch mehrere Phiolen hätte, in denen Teufelstinkturen steckten. So also nahm ich Hut und Stock, rannte mit einem unverständlichen 15 Gemurmel an dem Diener vorbei, und ging nach Hause, um zu sehen, ob mein neuer Bekannter sich als Mann von Wort ausweisen würde. Zweites Kapitel. »Ein Fremder, Sir, ist im Vorzimmer,« sagte mein Diener, als er mir die Hausthür öffnete. »Wahrhaftig? Gewiß ein kleiner, lahmer Herr –« »Nein, Sir; mittler Größe – sieht aus wie 'n Advokat oder so dergleichen.« Ich trat in das Zimmer, und sah anstatt des Zwergs, welchen Le Sage beschrieb, einen hübschen Mann mit hoher Stirn, markirten Gesichtszügen und einer Brille auf der Nase. Er hatte sich an den Tisch gesetzt und den darauf liegenden Roman, betitelt: »Des Wucherers Tochter« zur Hand genommen. »Dieser kann unmöglich der Teufel seyn!« sagte ich zu mir selbst, verbeugte mich und fragte, was dem Herrn zu Diensten – »Still!« unterbrach er mich. »Wie verließest Du den Doctor?« »So bist Du's?« versetzt' ich, »Du bist verwettert aufgeschossen, seitdem Du Don Cleofas verließest.« »Durch Kriege kommt unser Einer in die Höhe,« antwortete der Teufel. »Ueberdies steht Gestalt in meiner Wahl, und in England hängt man mehr denn 16 irgendwo am Scheine. Man ist hier gezwungen, respectabel auszusehen, denn mit einem schabbigen Aeußeren würde der Teufel selbst Deinen Landsleuten kein X für ein U machen können. Sonder Zweifel wirst Du bemerkt haben, daß alle Schwindler, von denen Eure Journale wimmeln, nach der neuesten Mode gekleidet sind, und sich eines sanften und einnehmenden Wesens erfreuen. Einem solchen Gentleman kann selbst die Cholera nichts anhaben, und ein Leichnam, der in einem anständigen Anzug steckt, wird nimmermehr geburkt. Reichthum, und oft der bloße Schein desselben, ist in allen Ländern der möglich höchste Grad von Moralität; in England aber treibt Ihr diese Doctrin so weit, daß Ihr dem Armen kaum gestattet überhaupt zu existiren. Spaziert dieser über Feld, so wird er als Landstreicher eingefangen, und fehlt's ihm an einem Pfennig sich in einen Keller in der Stadt einzumiethen, so schnappt ein Burker ihn auf, und er wird in einem Sack an die Anatomiker geliefert. Man muß gestehen, in keinem Lande wird so sehr als in England vor Verschwendung gewarnt. Ihr seyd gegen Geldverschleudern ein einziges großes Ermahnungprincip.« Hierauf hatten Asmodeus und ich ein langes Gespräch mit einander, welches damit endete, daß wir mitsammen zu Mittag aßen und frohen Muthes alsdann das Schauspielhaus besuchten; denn ich fand, daß er ein socialer Bursch war, der durchaus keinen Spaß verdarb. »Wahrhaftig,« sagte der Teufel, indem er eine 17 Prise Taback nahm, – »wahrhaftig, Euer Drama ist wundervoll schön; es ist einer civilisirten Nation würdig. Ehedem begnügtet Ihr Euch damit, Eure Schauspieler von dem Menschengeschlechte her zu entlehnen; jedoch welche Veredlung ist's, das Vieh zu solchen Dingen zu verwenden! Wie großartig ist's, Dramen vorzuführen, in denen der Löwe mit gebrochenem Rückgrat erscheint, und ein lendenlahmer Esel die Hauptrolle spielt!« Ich bat den Teufel, sich Betreffs des Theaters aller bildlichen Anspielungen zu enthalten, indem ich überzeugt wäre, daß unseren Schauspielern nichts über die Kunst ginge, ohne daß sie dabei der Natur im mindesten untreu würden. »Von etwas Anderem denn,« fuhr Asmodeus fort. »Wie kommt es, daß die Engländer bei ihren Sünden so aufrichtig sind? Der Himmel weiß, daß es unter allen Nationen des Unmoralischen genug gibt, daß Ihr aber dabei zum Entzücken schaamlos seyd. Wird bei Euch ein Verbrechen begangen, könnt' Ihr's nicht still verbluten lassen; flugs muß die ganze Relation davon in Eure Tageblätter, Ihr klebt's in Placatform an Eure Mauern, Ihr macht ein grausiges Theaterstück daraus, in welchem der Missethäter als wahrer Held erscheint; Ihr schwatzt darüber wie über einen angenehmen Gesprächsgegenstand und schrei't dann, daß die Gottlosigkeit so arg auf den Beinen ist. Kann aus Oeffentlichkeit denn etwas Anderes als Oeffentlichkeit kommen? Wahrhaftig! dies ist eine von den liebenswürdigen Widersprüchen in der 18 menschlichen Natur, an denen ich mich weide und erquicke. In Euren Schauspielhäusern nehmen die Töchter der Freude die hervorragendsten Plätze ein – Eure Tageblätter wimmeln von scandalosen Geschichtchen – ein begangener Diebstahl ist Euch ein wahrer Festschmaus, und ein in der Stadt verübter pfiffiger Betrug macht Euch für eine ganze Woche lang glücklich. Bei dem Allen aber ruft Ihr aus: › Wir sind die Leute, die das Laster in's Loch stecken, und die der Welt lehren, wie man die Immoralität verachten muß.‹ – Liegt denn Verachtung in der Oeffentlichkeit? Ja, Ihr geht noch weiter. Hat Einer einen Mord begangen, so sind Eure von Gelehrsamkeit wimmelnden Tageblätter freundlich genug, den Genossen des Mörders eine ungleich sicherere Methode des Mordens hervorzuheben. Ein Elender burkt einen armen Jungen, indem er ihm den Kopf unter Wasser hält. ›Wie dumm und grausam!‹ ruft der gelehrte und humane Herausgeber der ›Schildwache,‹ oder des ›Zuschauers,‹ oder des ›Beobachters,‹ oder wie sonst die Tageblätter heißen– ›wie dumm und grausam. Ein in Blausäure getunkter Schwamm, an den Mund des Jungen gedrückt, würde – u. s. w.‹« Hier wurden wir durch ein leises Geräusch in der Nebenloge gestört. Es trat in dieselbe ein langer Mann mit hübschem Gesichte, und von höchst einnehmendem Wesen. »Das ist ein Schriftsteller von bedeutenden Rufe,« erzählte mir Asmodeus, »ein stiller, aber geistvoller Mann, der, obschon er ein Mann von Welt ist, dennoch ein Herz 19 im Leibe hat. Da wir doch vom Drama sprachen – er schrieb eine Posse, die das Glück oder Unglück hatte ausgepfiffen zu werden. Da man große Erwartungen davon gehegt hatte, auch des Autors Name kundworden war, stand der beklagenswerthe Verfasser am folgenden Morgen nicht blos mit einem Zischen vor den Ohren, sondern auch in jener misanthropischen Stimmung auf, in welche gern diejenigen Männer zu verfallen pflegen, deren Verdienste nicht anzuerkennen die Welt abgeschmackt genug gewesen ist. – ›Dank dem Himmel bei alldem,‹ sagte der Autor zu sich selbst, ›daß das Ding total gepfiffen ward – so kann's nicht wieder aufgeführt, kann also nicht noch Einmal gepfiffen werden. Nach wenigen Tagen hat man's vergessen, und ich thue am besten, mittlerweile einen zerstreuenden Spaziergang durch den Park zu machen.‹ Kaum aber biegt unser Mann um eine Straßenecke, als – siehe! ihm der Theaterzettel entgegen stiert – ›heute zum Zweitenmale **** Posse in drei Akten von ****.‹ Der Autor rennt sporenstreichs zum Bühnen-Impressar. ›Um Gott, Herr Direktor, Sie wollen heute zum zweitenmale meine Posse geben lassen? Ward sie denn nicht gestern Abend ausgepfiffen?‹ ›Total ausgepfiffen!‹ sagte der Impressar trocken. ›Wir geben sie demnach heute wieder – geben sie wieder,‹ wiederholte er mit pfiffigen Zuckungen seines linken Auges, ›damit das Publikum, rasend über unsere Frechheit, hereinströmt und das Ding nochmals auspfeift.‹ So gesagt, so gethan,« fuhr der Teufel fort – »da siehst Du's, wie 20 Geldsucht die wahrhaftige Niederträchtigkeit im Menschen ist. Ein Aphorism, das Du beiläufig in Deinen Gedächtnißkasten schicken magst. Doch wenden wir uns, so materiell ich es kann, zur Bühne zurück. Was für eine galante Nation Ihr Engländer doch seyd! Ihr drängt Euch um Parkett- und Logenplätze, um eine hübsche Schauspielerin zu sehen, deren Spiel die Unnatur selbst ist. Der geneigte Leser wolle ja nicht von vorn herein wähnen, als theile der Uebersetzer hier Thatsachen und Reflexionen mit, die nur auf die engländische Volksbühne Bezug hätten. Ich bin fest überzeugt, daß zu dem Allen, was im Texte hier oben und im ferneren Verlaufe desselben gesagt wird, die vollständigsten Belege auch in Deutschland ohne alle Mühe aufzufinden sind. Namen zu nennen, ist allweg nicht nöthig, wo vom Allgemeinen Rede ist, obgleich ich versichern kann, daß sich unwillkürlich mir Namen als Belege in die Feder drängen möchten. Oder hätten die deutschen Volksbühnen keine tragische und naive Schauspielerinnen, deren ganzes Erscheinen durch und durch Unnatur ist? Oheu! Der Uebersetzer. Wie keusch und fromm trat z. B. gestern die Novize im ›Mädchen von Orleans‹ auf! Wie schüchtern und bescheiden schien sie! ›Ha!‹ rief die Zuschauerschaft, ›welch frommes, schüchternes Wesen, die Kleine! wir müssen sie aufmuntern!‹ und man klatschte und schrie: › Brava – bravissima! ‹ ehe sie noch den Mund aufgethan hatte, und willst Du glauben, Freund, daß der Regisseur in seinem Leben nichts Mühevolleres zu thun gehabt hatte, als der Novize diese Schüchternheit und Bescheidenheit einzulernen? Wäre es nach ihrem Willen gegangen, so würde sie mit Dragonerschritten auf der Bühne umhergeraset seyn, denn sie 21 hatte ja eine Heldin darzustellen! Fünfzehn Probestunden waren erforderlich, um die Creatur dahin zu bringen, sich vor sich selber zu schämen; dennoch fand geliebtes Publikum, daß die Schöne ›auf dem sichersten Wege zur Kunst‹ war, und daß jede Bühne ›sich glücklich schätzen könnte, eine solche Künstlerin für sich zu gewinnen .‹ Doch in diesen Dingen,« setzte mein satyrischer Teufel hinzu, »äfft die Bühne nur der großen Welt sowohl hinter als vor den Coulissen nach. So erinnere ich mich,« fuhr Asmodeus nach einer kleinen Pause fort, »wie eine berühmte Schauspielerin als Griechenheldin, gleichviel als welche, auf höchst majestätische Weise beim Abgehen die Arme vor sich hinstreckte. ›Welche Plastik! welche Würde! welche Hoheit!‹ schrie das Auditorium, und applaudirte, als hätte es nicht Fäuste genug dazu gehabt. Wirklich war der Arm der Dame ungeduldig vorgestreckt; allein wonach langte er? Antwort: Nach einer Prise aus der Schnupftabacksdose, die beständig hinter der Scene für die große Mimikerin bereit gehalten werden mußte!« Der Leser muß wissen, daß ich an dem Mißgeschick kränkele, nur allzu leicht gelangweilt zu werden. Ich kann unmöglich eine Predigt, weniger aber noch eine Komödie bis zu Ende anhören. Belustigung ist das langweiligste Treiben der Menschen! »Dich langweilt der Kram hier gewiß,« sagte ich zum Teufel. »Lass' uns fortgehn!« »Wohin?« fragte Asmodeus. »Ei nun,« versetzte ich, »es ist sternhell; laß uns hinüber nach Paris schwärmen, und wie Du mir's versprachst, im › Rocher de Cancale ‹ zu Abend essen.« » Volontiers ! « sagte Freund Asmodeus. Drittes Kapitel. Dahin – dahin – dahin ging's, immer weiter in den weiten stillen Lufthimmel hinein. Ueber uns tanzten lustig die Gestirne, und das gewaltige Herz der Hauptstadt Englands klopfte drunten unter dem braunen Gewande der Nacht. »Laß uns hinabblicken,« sagte Asmodeus – »was für eine Wildniß von Häusern! Soll ich Dir die Dächer aufrollen, wie ich es dem Don Cleofas that? oder soll ich, was bequemer ist, Dir die Augen mit meiner Penetrationsalbe bestreichen, um Dich in den Stand zu setzen, durch das Gemäuer hindurchzulugen?« »Das könntest Du wohl. Es muß anmuthig seyn, die Macht solchen Blickes zu besitzen, doch halte ich es in diesem Augenblicke für überflüssig, denn wohin ich sehe, gewahre ich Haufen von Spitzbuben und Narren, unter denen sich hie und da ein ehrlicher Mann und ein gescheidter Kerl befindet, der vermuthlich im Gefängnisse liegt, oder in Ketten einhergeht.« Asmodeus bestrich meine Augen mit einer grünen Salbe, die er aus einem elfenbeinernen Büchschen hervornahm, und plötzlich blickte ich in einen Palast und sah – 23 doch ich darf nicht vergessen, daß diese meine kurzgefaßte Selbstbiographie in Urschrift oder Uebersetzung nach **** gelangt, und daß ich nicht wünschen kann mit der alldortigen Censurbehörde ein Hühnchen zu pflücken. Wir saus'ten weiter und immer weiter, indem wir bald Dieses bald Jenes, bald den Kaiser von Rußland, bald eine länderdurchstreichende, berliner naive Schauspielerin, bald den jüngsten Roman Marryatt's beschwatzten. Letzterer Gegenstand war besonders passend, als unser Flug quer über die See ging. Bald auch wendete unser Gespräch sich dem Kriege, bald der Tiefe der Liebe oder auch der Meerestiefe unter uns zu, von der ein deutscher Dichter bekanntlich sang – ›Wie's drunten wimmelt von Molchen und Drachen‹ – und ich wunderte mich im Stillen, wie bei den Menschen die Liebestiefe und die Meerestiefe so viele Aehnlichkeit mit einander haben. Einmal auch lenkte ich die Rede auf die Sterne uns zu Häupten, und bemerkte, wie die Augen derselben so lichtvoll und herzstillend funkelten – doch wollte hier der Teufel nicht recht anbeißen. Ueber der Stadt Boulogne hielten wir einen Augenblick an, um Pferde zu wechseln, denn der Leser muß wissen, daß Asmodeus und ich auf zwei Exemplaren von ***'s ›Politik Frankreich's‹ ritten, die bekanntlich niemals weiter als bis Boulogne kommen konnte. Als der Teufel auf dies kleine Nest engländischer Unvollkommenheiten hinunterglupte, schien das Herz im Busen ihm zu schwellen. »O, Sentina Gentium! « rief er 24 mit lauter Stimme aus, »Du Abschaum allen Unflathes! Du Stinkbecken, in welches durch des Oceans Abzugsröhren England die ekelhaftesten seiner Grillen hineinquillen läßt! Wer kann auf Dich, Dich kleine wühlende, spielende, schwarzbeinige, schwankende, Duelle verarbeitende Welt sonder Staunen und Rührung hinabblicken? Du Botanybay der menschlichen Gesellschaft – Du lebendige Zeitung der Bankrotte so an Charakter, an Hoffnung und an Gesundheit, wie an Geld, – Wie anmuthig ist's, auf Deine buntscheckigen Manchfaltigkeiten zu schauen, und dabei die Ueberzeugung einzufangen, daß wir zwar weiter darin gehen, aber doch nimmer es ärger machen können. Paris ist die Circe der Welt – Boulogne ist der Welt Saustall!« Ich lächelte über des Teufels Panegyrikus; als ich jedoch ebenfalls hinunterblickte, erschaute ich Dinge, die mir zur Genüge meines Führers Unparteilichkeit bewiesen. In der oberen Stadt sah ich, wie ein betrügerischer Händler von dem Ertrage seines Bankrotts einen glänzenden Ball gab, während in einem Hause nebenan zwei Capitäne auf Halbsold über einen Tisch weg Kugeln aus Pistolen mit einander wechselten. In einem elenden Dachstübchen am Ende des unteren Theils der Stadt erblickte ich eine Familie, die durch den Bankrottirer im Ballsaale zu Grunde gerichtet worden war; die Kinder schrieen nach Brod, und der Vater fluchte, daß seine Branntweinflasche leer war, während die Mutter sich den Tod wünschte. Fern am stillen Uferstege lag ein Schmugglerschiff, dessen 25 Ankerzahn sich in den Strand festgebissen hatte. Grimmig ausschauende Gesellen bündelten Kisten und Ballen und Fässer an Band – ächte Spitzen für eine Herzogin– eine Kiste Leichen für Anatomiker – Branntwein für einen filzigen Krämer – unkeusche Kupferstiche für dessen lüderlichen Sohn – »Jenes Schiff,« ließ sich der Teufel vernehmen, »ist ein Typus der Stadt.« »Und der Welt!« fiel ich ihm ein – »Laß uns weiter traben.« Wir hatten uns auf ein Paar Exemplare der Flugschrift: ›Plan, die Stadt Paris zu saintsimonisiren‹ gesetzt, die der Teufel aus der Seele eines französischen Marqueurs herausgezogen hatte, und befanden uns augenblicklich wieder in den höheren Wolken. »Donnerwetter!« schrie Asmodeus höchst profan; »sausen wir so fort, so gerathen wir mir nichts dir nichts in den Mond. Fängt ein Franzos erst an zu speculiren, so ist kein Haltens mehr in ihm. Er verliert die Erde aus dem Gesicht, ehe Einer ›Hudder-Schwudder‹ sagen kann.« »Sag' mir doch, liebster Don,« fragte ich den Teufel, »was hältst Du von all der Planmacherei, von der Frankreich überkocht? von dieser träumerischen Sucht nach Veränderung? von diesem Mißvergnügen? von dieser ewig schwankenden Tendenz nach Aufregung? wird aus dem Allen Heil für uns arme Sterbliche entspringen können?« »Hm!« knurrte Asmodeus, »von der Zukunft weiß 26 ich nichts, denn ich bin kein Prophet, wohl aber bin ich ein Teufel mit gesundem Verstande, und so denk' ich, für Frankreich ist dergleichen nicht so gefährlich, als für England. Wahrt Ihr Euch nicht vor solchen Dingen, so werdet Ihr bald von der Höhe einer Welthandel treibenden Nation zu der nichts sagenden Plattheit der Dütenkrämer hinabsinken. Ein handeltreibend Volk wie Ihr, das nur im höchsten Grade künstlich ist und blos durch Credit Bestand hat, kann nicht lange Zeit Aufregungen ertragen, wodurch der Handel zunicht, das Geld rar, Verlangen nach Umwälzung unbändig, und endlich eine ungeheure Umwälzung so nothwendig gemacht wird, daß eine mäßige Umgestaltung nichts als ein Fingerhut voll Wasser in eine Höllenglut gespritzt seyn würde. Der Boden Eurer Größe mit dem von Frankreichs Größe verglichen, ist gleich dem Boden Eures Landes und dem französischen Boden. Ein Krieg verheert Frankreich, verwüstet des Landes Saaten, zerstört dessen Weingärten; jedoch nach zweien Jahren ist Alles wieder ergiebig wie zuvor – Dank sey's der Natur! Allein Euer leichtes, dünnes, sandiges Stratum – ein einziges ungeheures Treibhaus künstlichen Erzwingens – schritt ein Kriegsheer über dasselbe hin, so würden ein Dutzend Jahre erfordert, um den alten Zustand wieder herzustellen – Dank sey's der Kunst. Eben so ist's mit Eurer moralischen Beschaffenheit; sie ist eben so künstlich, wie Euer Boden es ist. Wovon Frankreich heut bewegt wird, kann dem Lande morgen nicht mehr schaden. Wird aber England heute von Etwas 27 bewegt, und schafft man solch Etwas nicht hurtig fort, so wirkt das Elend noch ein Jahrhundert lang nach.« »Allerliebster Teufel, man verläumdet Dich und Deine Genossen, wenn man sagt, daß Ihr nicht Wahrheit reden könnt,« bemerkte ich. »So ist's,« antwortete Asmodeus. »Wir sprechen Wahrheit, eben weil das der sicherste Weg ist die Menschheit in den Irrthum hineinzuhetzen. Wahrheit ist die ächte Cassandra, über der das Schicksal waltet, niemals eher Glauben zu finden, als bis es zu spät dazu ist.« Dahin – dahin – dahin – während der spleen'sche engländische Lord in seiner Kalesche mit Vieren hinter uns her kriecht, und das Schnauben der keuchenden Postgäule über unserem Kielwasser erstirbt. – Dahin durch die lieblichen leichten Lüfte, die über den Thälern von Frankreich tanzen und gleich glorreichem Weine in's Hirn steigen. Hinweg über lampenerhellte Städte, in denen die Ehemänner bereits schlafen, und der Weiber Liebhaber, wie immer, auf der Lauer stehen – hinweg unter dem Schimmer der silbernen Luna, die eben hinter Wolkenschleiern hervortrat, um als des Lufthimmels schöne Stoikerin auf Freud' und Leid, auf Unschuld und Missethat schweigend und vorüberwallend hinabzublicken. Wir sind in Paris! »Eine Veränderung,« sagte Asmodeus, als wir auf der Kuppel des Hotels der Invaliden hockten – »eine Veränderung ist über Paris kommen, seitdem Du nicht hier warest. Schau' hin und sieh, wie ernsthaft es hier in den 28 › salons ‹ hergeht. Die Gefilde der vornehmen Welt haben ihre Feuerfliegen einbüßen müssen.« Ich blickte in die mir wohl erinnerlichen Häuser – Asmodeus hatte Recht! Die Leute darin spielten und schwatzten und liebelten wie zuvor, doch thaten sie's nicht mehr mit der früheren Heiterkeit; der finstere Geist der Umwandlung regte sich mächtig unter der glatten Oberfläche der feinen Manieren; die Gesellschaftcirkel waren gemischter und bunter als ehedem; Männer ohne das » De « vor ihren Namen mengten sich wie auf Du und Du unter Solche, die sich rühmten aus königlichem Geblüte zu stammen, und an die Stelle des » ton d'intrigue « schien ein » ton d' insolence « getreten zu seyn. Der Teufel zündete sein Cigarro an und sagte. »Treffliche Unterthanen, die da, für einen König, der mir nichts Dir nichts in einem Omnibus sein Land durchkutschirt!« Von diesem Anblicke wendete ich mit hohem Interesse mich einem anderen zu, der einen schreienden Gegensatz zu jenem abgab. Allein, abgesondert, in einem stillen Zimmer, saß ein Mann, den das hohe Alter bereits angehaucht hatte. Sein Gesicht war hübsch, aber voll von Runzeln, von denen jede Linie jedoch Zeugniß von Genie ablegte. Er hatte den Kopf auf seine Hand gestützt; den Tisch, an welchem er saß, bedeckten Bücher und Papiere, worunter ich besonders eine Flugschrift auffaßte, die den Titel führte: » De la Nouvelle Proposition relative au Bannissement de Charles X. et de sa Famille . « 29 »Wundersame Gewalt der Schreibfeder und der Dinte!« sagte Asmodeus. »Große Beherrscherinnen der Menschenherzen! Man schwatze immerhin von der Machthaberei eines Despoten – der Gänsekiel ist doch das wahrhaftige Scepter! Du siehst dort einen Mann, der blos durch die Zaubergewalt seiner Schreibfeder sich selbst zu einem vierten Volksstande gemacht hat. Obschon er in seinen Jugendjahren ein Visionär war und im Alter ein Marktschreier ist, bleibt er dennoch das merkwürdigste Wesen, dessen Frankreich sich heut zu Tage rühmen kann. Allein was wißt Ihr in Euch selbst vergafften Engländer von einem Chateaubriand? von dessen gegenwärtigen Einflusse in Frankreich? Höchstens wißt Ihr, daß er ein Pamphlet schrieb, welches jedoch nimmer in's Englische übersetzt ward, und das im Originale von kaum sechs Londonern gelesen worden ist. Dennoch ward durch dieses Pamphlet der Autor wie im Fluge auf den Thron der öffentlichen Meinung gesetzt; so daß seine Schrift größeres Aufsehen in Frankreich erregte, als jemals das schönste Gedicht Eures Byron Aufsehen in England hat erregen können; denn Du sollst wissen, daß, wenn man Talleyrand den Voltaire der Politik nannte, man Chateaubriand den Rousseau derselben wird nennen müssen. Viel schwatzt Ihr Engländer von Frankreich, nehmt das Maul voll von Frankreichs Nationalgröße und von Frankreichs Nationalschuld, und doch weiß man von Euch, daß Ihr um ausländische Literatur und ausländische Politik Euch um keines Dreiers Werth bekümmert. Wohl würdet Ihr thun, wenn Ihr 30 aufhorchtet, was die übrige Welt von Euch sagt, wenn Ihr erwäget, welche großartige, welche richtige Ansicht aus der Ferne, aus wohl abgemessener Ferne, besonders die Franzosen von Euch und Eurer dermaligen Lage hegen. Aber England gleicht einem Menschen, der nur von sich selbst und mit sich selbst sprechen kann. England ist ein großer Nationalsoliloquist. der sich in einen Monolog hüllt!« Nach diesen Worten warf Asmodeus seinen Cigarrostummel weg, und wir saßen ab vor der Thür des » Rocher «. – »Kleines, heiteres Zimmer, seh' ich Dich wieder und in Dir die braune, große, fette Katze auf der Lehne des Armstuhls? – Schürt's Feuer und schafft den Chambertin und das › sauté ‹ herbei. Où est l'affiche de théâtre! Où est le Figaro? – O Asmodeus!« rief ich in meiner Verzückung: »Hier in Paris find' ich die Freuden meiner jüngeren Jahre wieder! Kannst Du mir auch die Gesundheit und das Gemüth, dieser Freuden theilhaftig zu werden, wiederverschaffen?« Viertes Kapitel. Bei alldem gibt es wenige angenehmere Arten seine Zeit zu vertreiben als die, mit einem unterhaltenden Teufel eine Flasche guten Chambertin auszuschlürfen. Sobald wir die ersten fünfundzwanzig Jahre hinter uns haben, fangen wir an, Behagen an Wein und Geplauder 31 zu finden. Mädchen und Mondschein haben allerdings noch Reize für uns, aber sie sind aus dem Drama des Lebens in das Vorspiel desselben hineingewandert. »Und was,« fragte ich meinen Geleitsmann – »was denkst Du während des übrigen Theils der Nacht anzufangen? Wollen wir Bérenger besuchen, und uns eines seiner Lieder von ihm vorsingen lassen? oder wollen wir eine Guitarre miethen, und auf unsere eigene Hand eine Nachtmusik in Gesellschaft der Kater auf den Hofplanken erschallen lassen? Vielleicht entdeckt Dein derzeitiger Don Cleofas eine neue Seraphine.« »Was das betrifft,« versetzte Asmodeus, indem er das erste Glas aus einer zweiten Flasche schlürfte, – denn diese › Messieurs les Diables ‹ sind treffliche Weinkenner, und ihr constitutioneller Durst gereicht ihnen an einem Orte wie der › Rocher ‹ zu großem Vortheile – »was das betrifft, so steh' ich Dir zu Diensten, wann und wo Du eine Liebelei auf dem Rohre hast. Dergleichen ist mein Beruf. Ich bin der Dämon der › billets doux ‹, und eine Intrigue ist der Odem meiner Nüstern. Doch warn' ich Dich. In meiner Natur steckt ein wenig von der des Mephistopheles. Treibst Du's bis zu ernster Liebesbewerbung, so dürfte mein Beistand Dir nicht so glücklich ausgehen, als Du es vielleicht wähnst. Sieh da! wie offenherzig Einen der Wein macht.« Der Teufel sagte dies mit absonderlicher Ernsthaftigkeit; ich aber, der ich darauf versessen war, mich bei erster günstiger Gelegenheit bis über beide Ohren zu 32 verlieben, und der ich, je mehr ich vom Leben sehe, mich um so fester überzeuge, daß Verliebtsein besser, weit besser denn Geschäftstreiben, Ehrgeiz, Prozessiren und Duelliren ist, indem es unendlich weniger Langeweile als alles Andere verursacht – füllte fröhlich mein Glas, trank auf das Andenken Le Sage's, und schrie dem Teufel zu: »Was schiert mich Deine Warnung, Asmodeus! Ich entsage aller Freundschaft unter den Menschen, denn die weiß nichts als Rathschläge zu ertheilen und Unheil zu prophezeien. Versenke mich in Verlegenheiten – ich will Dich d'rob nicht schelten, will Dich sogar d'rum loben. Eine Klemme behagt mir ganz absonderlich, denn es erweckt gar zu großes Vergnügen, aus derselben wieder herauszukommen. Ich habe bisher weder Verzweiflung noch Reue gekannt, und will den Teufel selbst herausfordern, ob er mir mein festes Vertrauen auf meine Selbsthülfe unterdrücken kann. Aber trink, Asmodeus! trink auf das Andenken des unvergleichlichen Witzkopfes, der uns in dem Baccalaureus von Santillana das Epos des Alltagslebens hinterlassen hat. Wie beneide ich Dich, daß Du die Ehre hattest, seine Bekanntschaft zu machen. Beiläufig – hem! – was wird aus den Romanschreibern nach dem Tode ihres Leibes? Bei Euch sieht man sie doch nicht, will ich hoffen?« »Sie werden im Verhältniß zu ihrem literarischen Unverdienst gestraft,« antwortete der Teufel; »denn ein schlechter Roman ist eine schmähliche Schandschrift auf die Menschheit. Von guten Novellisten wissen wir nichts; denn es ist für ausgemacht angenommen, daß ein Mensch 33 durch ein Buch mehr Gutes, als durch sein Leben Böses stiften kann; und in jener Welt wird nicht einmal danach gefragt, ob Shakspeare überhaupt › le beau sexe et le nom vin ‹ liebte, geschweige ob er sich im Uebermaße mit ihnen zu schaffen machte.« Jammerschade, daß Asmodeus zur Zeit nicht hat gefragt werden können, ob die lieben Schriften des lieben jungen Deutschlands nicht mindestens als gleichen Ranges mit den Werken Shakespeares erachtet würden. Daß das junge Deutschland die »Gedankenübungen eines Goethe« längst unter seinen Füßen zu haben glaubt, ist ja wohl ausgemacht. – Comment? Anm. d. Uebers. » Monsieur le Diable, à votre snaté! « versetzt' ich. »Diese Deine Aeußerungen machen Deinem Kopfe und Deinem Herzen die größte Ehre, und fortan will ich die Grundsätze der Kritik statt der Moralgesetze studiren.« »Die sind beide Eins und Dasselbe, gehörig verstanden,« sagte der Teufel kaltblütig, und stürzte sein letztes Glas voll hinunter; denn sobald er angefangen hatte zu moralisiren, hatte er auch geeilt, den Boden der Flasche zu erreichen. Er stand auf und schlug einen Ausflug à la Harun-al-Raschid vor. »Recht gern,« sagte ich, und griff nach meinem Hute. Wir zahlten unsere Zeche, und schlenderten in die Straße. Der Teufel fing an zu pfeifen. Als er die erste Arie Kaspars aus Webers »Freischütz« hatte zwischen seine Lippen durchgehen lassen, sagte er: »Ich habe ein Paar Exemplare Reisenotizen aus der Seele eines deutschen Fürsten herbeigepfiffen. – Hier sind sie, und sie 34 sollen uns als Gäule auf unserem Ritte durch die Stadt dienen. Seine Durchlaucht besuchte Euch jüngst, betrat unter fingirtem Namen der Leute Häuser, und lebte als Spion da, wo er als Prinz aufgenommen und bewirthet ward. Seine Reisenotizen werden uns auf unserer Streiferei ganz besonderen Nutzen gewähren, denn sie sind über alle Maßen hurtig, und sind es um so mehr, da sie aller Genauigkeit ein Schnippchen schlagen. Doch das kümmert uns nicht, denn wir wollen ja keine Reisenotizen herausgeben.« Wir sprangen auf unsere Gäule, und kaum saß ich im Sattel, so fühlte ich mich von einer entsetzlichen Sucht zu beschreiben ergriffen, und je mehr Häuser ich sah, desto grimmer ward mein Verlangen, die Bewohner derselben zu beschmitzen. Unser Weg führte uns durch die Gärten der Tuilerieen – theuerwerthe Gärten der Erinnerung an Assignaten und Hoffnungen – an Zusammenkünfte, an Zwistigkeiten und an Versöhnungen! Nimmer werd' ich Eurer vergessen! Seufzend wendete ich mich ab, um das Innere der Tuilerieen zu betrachten. Ich sah das schöne Zimmer, in welchem Marie Antoinette, Josephine, Marie Louise, und die Herzogin von Angouleme gewohnt hatten, und dessen jetzige Besitzerin die Königin von Frankreich ist. In dem Wohnsaale, der auf die Gärten hinaussieht, befand sich die Königin mit ihren Töchtern und ihren beiden jüngeren Söhnen. Sie las ein gottseliges italienisches 35 Buch » La Manna dell' anima – Seelen-Manna;« Prinzessin Marie, die ausersehen ist, die Gemahlin aller neugebackenen Könige zu werden, schrieb einen Brief, von welchem Asmodeus mir sagte, daß er an General Beilliard gerichtet wäre, und die projectirte Vermählung mit König Leopold zum Thema hätte; Prinzessin Clementine arbeitete an einer Stickerei, und Prinzessin Louise stickte Wäsche für die Armen aus. Die Herzöge De Montpensier und D'Aumale spielten im Damenbrett, und trugen Beide die Uniform der Nationalgarde. Hierauf zeigte Asmodeus mir die ehemalige Wohnung der Madame de Barry, jetzt die Residenz der Schwester Louis Philippe's. Diese Dame war ämsig beschäftigt, Rechnungen durchzusehen und Randglossen zu machen, durch welche die Emolumente der Hofdiener herabgesetzt würden. Mon Dieu! könnte ich die Dame doch zu meiner Haushälterin machen! »Jetzt,« sagte Asmodeus, »wirst Du Louis Philippe sehen.« Ich blickte hin und sah einen Mann mit einer respectabeln Familienvatermiene, der mit einem kahlköpfigen Herrn an einem Tische saß, und sich viel mit einer architektonischen Zeichnung zu schaffen machte. »Der Kahlköpfige,« erklärte Asmodeus, »ist Mr. Fontaine, der Architekt. Sie besprechen den Riß zu einem königlichen Bazar. Seine Majestät lebt und webt in dergleichen Projecten, und – entre nous – man mißversteht seinen Charakter. Er betrachtet die Krone nur als einen Gegenstand großer Handelsspeculation. Er besitzt 36 zu gleicher Zeit die Seele und die Höflichkeit eines Steuereinnehmers, und verliert er den Thron, so gebe man ihm ein Patent, Kramläden nach einem neuen Plane zu bauen, doch so, daß er etwas dabei verdienen kann, und er wird im Hui der glücklichste und zu gleicher Zeit der populärste Mann im ganzen Königreiche seyn.« Leicht ließ sich aus diesen Bemerkungen abnehmen, daß Asmodeus nicht eben große Stücke auf den Bürgerkönig hielt; allein wer weiß, ob des Teufels Satire nicht das beste Compliment war, das dem Monarchen zu machen ist! Ich urtheile nicht über dergleichen; ich hüte mich wohl, es mit einer Regierung zu verderben, die die Macht hat, mich aus dem » Rocher de Cancale « zu verbannen. Der Teufel fuhr fort, ein Langes und Breites über den königlichen Haushalt zu schwatzen, bis er endlich bemerkte, daß ich ganz unzweideutig gähnte. Er hatte zu lange mit der Aristokratie gelebt, als daß feine Manieren ihm hätten fremd seyn können. Er bot mir sogleich einen Wechsel der Scene an; mich aber hatte der Wein schläfrig gemacht, und ich schlug vor, nach London zurückzukehren, um den Zeitungen zu stecken, was eigentlich in der Hauptstadt Europa's vorginge. Der Teufel willigte ein, wir spornten unsere Gäule, daß es »in sausendem Galopp« ging. – – – Am andern Morgen erwachte ich zu London in der ***straße in meinem Bette. 37 Fünftes Kapitel. Neuheit! Mutter all' unserer Wonnen! Helläugige, frischathmende, seraphbeschwingte Neuheit! Wünsche sind die Vögel, die Dir, Du Frühroth der Seele, zwitschern – Hoffnungen sind die Thautropfen, die unter deinen Fußtritten funkeln. Wo Du wandelst, sind alle Dinge hochberedt von Freudigkeit, und des Lebens Luft wird wie ein Elixir eingeathmet. Was ist Liebe ohne Dich? was ist der Ehrgeiz, was geselliger Umgang, was selbst vereinsamtes Streben und Ringen ohne Dich? Das erste Erscheinen jeglichen Dinges – wie köstlich! Die Wiederholung eines jeglichen Dinges – wie langweilig, schaal und abgeschmackt. Dir, o Neuheit, jage ich eifrig durch ein Daseyn nach, dem, wie ich fühle, keine lange Dauer hienieden zuerkannt ist. Komme denn mein jüngster Tag wann er wolle – er soll mich bereit finden! kühnen Schrittes will ich über die Todesbrücke gehen, die mich mindestens in eine mir alsdann so wie jetzt noch unbekannte Welt führt! Wahrhaftig, man muß ein Verehrer der Neuheit werden, wenn man in Januarnächten spatzieren reitet, und dabei den Teufel zum Gesellschafter hat! Während ich so sann und meinen Kaffee schlürfte, trat Asmodeus zu mir ein. Ich begrüßte ihn freudig. »Was giebt's Neues?« fragte ich, indem ich die 38 Zeitungen hinwarf, die ich so eben verzweiflungsvoll zur Hand genommen hatte. »Was sollt's geben?« entgegnete der Teufel, der sich unterbrach, und bemerkte – »Aha! Du hast ja Cigaros hier, die sind jetzt überall, und nicht etwa blos oben in der »Regentenstraße,« sondern auch unten im Pandämonium Mode, seitdem König Jacob der Erste unserem Nationalstolze dadurch schmeichelte, daß er uns die Erfindung des Tabackrauchens zuschrieb. – Was es Neues giebt?« fuhr er fort, nachdem er einen Glimmstengel angezündet hatte – »Nichts, als daß Ihr Engländer verwettert fromm werdet; denn wenige Bücher kommen bei Euch heraus, die ein Teufel lesen mag. Wohl gedenk' ich der Zeit, in welcher jeder Roman nach dem Bordell roch, wo ein Bühnenstück das Laster verglorreichte, und wo jede doctrinelle Controverse bis an die Kehle voll Neid und Haß und Bosheit steckte. Jetzt ist alles mild und höflich und ölig. Eure Romanschreiber moralisiren, und Eure Komödien schmausen magern Doppeltsinn. Mit den Controversen hat's vollends ein Ende, ausgenommen in der Politik. Diese immer mehr zunehmende Decenz ist nicht blos dem Lande England eigen – sie verbreitet sich über ganz Europa. Bei alldem seyd Ihr nicht um ein Haar besser als ehedem – Ihr bevölkert die Hölle noch immer wie von jeher, obschon Eure Sitten im Unterröckchen einhergehen und jungfernhaft trippeln. Wie geht das zu? Ich fass' es nicht. Auch spiegelt Eure Conversation keineswegs die keusche Färbung Eurer Literatur zurück. 39 Männer reißen nach dem Mittagessen noch dieselben Zoten wie sonst – Pfaffen und Weiber schimpfen noch eben so lästerlich auf einander wie ehedem; die plumpsten Scherze sind Euch fortwährend die liebsten, und dennoch könnt Ihr's nicht leiden, wenn Ihr in einem Buche Euer Gewäsch und Gelächter und Gemunkel und Gekicher wiederfindet, und legt dem Autor solchen Buches die herabwürdigendsten Namen bei. Traun! alle Welt hat zwei Anzüge des Charakters – einen Alltags- und einen Sonntags-Anzug, und die Besten unter Euch sind ärgere Heuchler, als die Welt sich's vorstellen mag.« Der Morgen ließ sich so heiter an, und so schlug ich eine Streiferei vor. Asmodeus, der mitunter arg von der Langenweile geplagt zu werden scheint, erklärte sich mit Freuden bereitwillig dazu. Wir hatten kaum die Straße betreten, so begegneten wir dem Bischofe von London. Ich bin obenhin mit Seiner Hochwürden bekannt, so gesellte sich der Bischof zu uns, und der Teufel bot ihm mit vieler Höflichkeit den Arm. Ich übergehe unser Gespräch, damit der gute Bischof nicht Anstoß an seiner Vertraulichkeit mit meinem Gefährten nehmen möge. Als Asmodeus und ich uns bei Seiner Hochwürden beurlaubt und den grünen Park betreten hatten, sagte Ersterer zu mir: »Ich weiß nichts, das mir auffallender an Euch Engländern wäre als Eure Halbheit; Ihr seyd keck und feig, seyd verschwenderisch und knickerig zu gleicher Zeit. Ihr baut einen prächtigen Palast blos, um 40 ihn in Ruinen zerfallen zu lassen. Inzwischen habt Ihr in Bezug auf dies prächtige Gebäude hier durchaus keinen Grund zu solcher Knauserei,« fügte Asmodeus hinzu, indem er seine Brille aufsetzte und den sich majestätisch vor uns erhebenden Buckinghampalast beäugelte. »Wie großartig! welch edle Einfachheit! Nichts von Ueberladung – Alles so schlicht und doch so überraschend. Ja, ja! Eure Architekten studiren das Erhabene! Und was für eine schöne Idee dem Dinge das runde Ding – gleichsam als die Krone oder die Nachtmütze aufzusetzen; es sieht just so aus, als hättet Ihr das Gebäude nur aufgerichtet, um es wie ein brennendes Licht mit einem Dämpfer wieder auszulöschen. Sicherlich steckt eine geistreiche moralische Lehre dahinter, etwa die, daß die Zeit auch die edelsten Gebäude zerstört. – Eine hübsche Idee bleibt's doch, Ephemeren aus Ziegeln und Mörtel hervorzurufen – eine poetische Idee!« »Hoho!« versetzte ich patriotisch, denn der Leser wird wissen, daß der Buckinghampalast eine unserer schwachen Seiten ist – »Hoho! dieser Palast ist ein schöner Palast, und Mr. Nash sagt, er wird sich noch viel schöner machen, wenn er erst seine goldenen – mosaikgoldenen Gitterpforten bekommt. Doch mit diesen wird's wohl hapern, denn die Nation kann kein Geld mehr für Schaugepräng aufbringen.« »Da liegt's!« entgegnete der Teufel mit feiner Sentenzenkrämerei – »Eure Halbheit ist's, die der Thorheit Monumente errichtet.« 41 Während wir so plauderten, sahen wir den Herzog von Wellington vorüberfahren. »Mögt' ich doch wissen,« sagte der Teufel, »was jener Mann von der menschlichen Natur denkt. Unter uns, ich glaube, daß er sie von Herzen verachtet. Eines muß er verachten, und das ist die Volksmeinung. Heut angebetet, morgen ausgezischt – heut vergöttert, morgen mit Rübenkraut geworfen – heut von der Volksgunst mit einem prächtigem Hause beschenkt, dessen Fenster ihm morgen vom Volksunwillen eingeworfen werden; kann ein solcher Mann die wohl achten, die in der einen Stunde eitel Götzendiener, in der andern eitel Verflucher sind? Unmöglich! denn er muß wissen, wie er selber stets derselbe war, derselbe wenn er ausgezischt, derselbe wenn er angejubelt ward. So bleibt ihm nur die Wahl, ob er seiner Landsleute Mangel an Beständigkeit oder an Erkennungsvermögen verachten soll.« »Señor Don Asmodeo,« versetzt' ich, »Ihr sprecht als ein spanischer Teufel sehr gelehrt, habt jedoch für einen Engländer nicht Tiefe genug. Das Volk hat allweg Recht. Sobald der Mann der Sache des Volks diente, oder sobald das Volk sich einbildete er habe es gethan, so gab es sich dankbar. – Hemmte oder störte er die Sache des Volkes, so ward es unwillig. Voilà die einfache Ansicht des Falles.« »Es heißt eben nicht der Menschheit das Wort reden, wenn sich für sie keine bessere Entschuldigung als ihre Eigensucht beibringen läßt,« entgegnete mir der Teufel. 42 Ich wußte nicht recht, was ich zu dieser seiner philosophischen Floskel sagen sollte, und erinnerte ihn an sein Versprechen, mich mit den Hexen bekannt zu machen. »Topp!« versetzte Asmodeus, »ich kenne einige überaus angenehme Hexen. Morgen Abend ist Gala bei ihnen, und ich will Dich hinführen.« »Gewiß? Giebt's also noch solche Creaturen?« »In Fülle!« »Hand darauf!« sagt' ich. »Du bist ein Demant unter den Teufeln, denn Du gibst mich dem Leben zurück. Ists möglich, daß mir noch eine Neuheit bevorsteht, die noch dazu weiblicher Natur ist? O Asmodeus! ein Liebeshandel mit einer Hexe muß der köstlichen Genüsse köstlichster seyn.« »Sind nicht gewöhnliche Erdenweiber Hexen genug?« fragte Asmodeus. Ich legte den Finger an den Mund. Sechstes Kapitel. Hurrah! Hussah! Der Mond ging auf und die Sterne flimmern; dünnes graues Gewölk zieht über uns hin, als wollten sie, wie fade Recensenten ein edles Geistesproduct, das ewige Licht des Himmels durch eine Hand voll Dunst zum Erlischen bringen. 43 »Asmodeus, wir begeben uns also wirklich zu den Hexen?« fragt' ich. »Zuverlässig. Aber wie kommt's, Freund, daß Dir immer noch Romantisches anklebt? Die Welt schimpft Dich ehrsüchtig, dennoch anstatt Dir Strickleitern zu knoten, um auf ihnen zur Machtgewalt emporzuklimmen, reitest Du mit mir und deiner Imagination durch die Lüfte, um mit den Hexen zu Abend zu essen.« »Alles hat seine Zeit, Gevatter Asmodeus. Noch rollt Jugendgluth in meinen Adern, besonders wenn ich zu Gaule sitze, etwas Neues auffand oder der Liebe huldige. Zeit genug zum Emporklimmen ist's für den Mann, wenn er über den Rubikon der Dreißiger ging, und bis dahin nicht ganz und gar Müßiggänger war. Bis dahin aber ergötz' ihn der Scherz, so lange der Mai lacht. Der böse Tag muß endlich doch kommen. Hussah! Hurrah! wie die Hecken an uns hinrennen und der verschwenderische Mond über die gierigen Wasser seine Juwelen wie ein engländischer Lord über die Bajadere des Ballets seine Guineen herabschauert! Heisa! vor etlichen – ach! vor wie vielen? Jahren, Asmodeus, schiffte ich über einen Fluß, wie der, der jetzt unter uns wogt, zu der Grotte hinüber in der die heitersten Augen und die schönsten Rosenlippen weilten, die jemals einen Liebenden bewillkommneten! – Mais, revenons à nos moutons ! Was hast Du Neues? Besuchtest Du die Theater Freund, seitdem ich Dich das letztemal sah? Legtest Du Deine Schlingen und begrüßtest Du Deinen Verwandten ›Robert‹?« 44 »Nein,« versetzte der Teufel; »zwar näherte ich gestern mich einem großen Hause, aus welchem ein lärmendes Gequiek oder ein quiekender Lärm hervordrang, und in das ich mehrere aufgedonnert aussehende Damen und Herren hineinströmen sah. Ich fragte was es gäbe. Man antwortete mir, was ich hörte wäre Musik, was ich sähe eine hochmodische Zuhörerschaft, und das Gebäude vor mir wäre das Opernhaus.« »Und Du gingst hinein, Asmodeus?« »Ich? Plagt mich die Langeweile nicht so schon genug?« gegenfragte der Teufel, und setzte mit einem Fluche hinzu – »wie kann man da noch von mir verlangen, daß ich in die Oper gehe?« Unter diesem Geplauder gelangte mein Gefährte mit mir über eine weite, dürre Haide. Fern am Rande derselben dehnte sich düster ein Gürtel von Fichten und Tannen, und als wir nun dahinsaus'ten, brüllte das Wogen der See majestätisch zu uns herüber. Am anderen Ende des breiten Waldgürtels schoß ein bleicher Lichtschimmer auf, der einen schaurigen Gegensatz zu dem Dunkel abgab, das unter uns ausgebreitet lag. Der Teufel rieb sich die Hände. »Lustige Dirnen!« rief er, »wären wir nur erst bei ihnen!« »Dort drüben also, wo der Lichtschein aufquillt, ist der Ort des Zusammentreffens?« »Allerdings,« versetzte der Teufel in einem seltsamen Tone; »denn Du sollst wissen, daß das Feuer nicht das dumme und stumme Element ist, für welches Ihr 45 Erdbewohner es haltet. Es ist ein Leben, es ist ein Geist! und wenn wir es sehen, wie es sich erhebt und flackert und aufwallt in neckischer Bosheit, so ist's nicht stumm und empfindungslos, sondern singt seinem glühenden Herzen zur Lust und lacht und plappert zu der Verwüstung, die es anrichtet; denn der Thron und der Fürst der Gluthen befinden sich im Mittelpunkte der Erde, von wo aus der lichte König nach und nach verheert und verzehrt und den Raum um sich herum erweitert. Bisweilen, wenn sein Entzücken überwallt, denn er ist der lustigste der Teufel, klatscht er in die Hände und giebt sich rastlos und läßt seinen glühen Päan in Lauten ertönen, die als lebendige Flammen sich von den Bergen hernieder schlängeln. Sind doch die Vulkane die großen Zugänge zu seiner Wohnstätte! Feuer ist der Erzverzehrer der Welt – durch die Feuer soll die Erde untergehen, und der Geist, der da weiß, daß dieser Sieg ihm bevorsteht, wird ungeduldig in der Erwartung seines krönenden Festschmauses. Ihr ruft ihn als einen Freund herbei, und lachend folgt er Eurem Rufe; er sitzt an Eurem Herd und befriedigt Eure Haushaltsbedürfnisse; doch gleich andern Teufeln kommt er nur um seines Vortheils willen zu Euch. – Ihr müßt durch unablässiges Opfern ihn für Euch gewinnen; hört Ihr auf ihn zu atzen, so entwischt er Euch. Seht nur hin, wenn der Brennstoff ausgeht, wie der ärgerliche Kobold schwächlich und unansehnlich wird – wie er sich langsam über die Trümmer, die er erzeugt hat, hinwegschleppt, bis er den letzten Punkt erreicht, auf 46 welchem er noch vertilgen kann, und wie er, wenn er auch dies bewirkte, mit plötzlichem Sprunge und schaurigem Lächeln entschwindet – und wohin? Kein Mensch,« fuhr Asmodeus nach einer Pause fort, »weiß das! denn es wohnt eine Weisheit in den Dingen um Euch her, durch die zu Schanden gemacht wird all Euer nichtig Wissen, all Eure Physik und Metaphysik und Euer Gesalbader über Geist und Stoff und Grundprincipien und – St!« »Wahrhaftig, Señor Teufel, Ihr habt Euch während der jüngstverflossenen Minuten so köstlich gezeigt, daß ich mir einbildete, Ihr würdet mich in einige der tieferen Geheimnisse des Hades einweihen; und diese zu erkennen, mögte wohl der Mühe des Erlernens werth seyn, zumal da ich niemals beabsichtige von ihrer Genauigkeit einen Augenzeugen abzugeben. Weißt Du, Asmodeus, daß mir nichts so sehr behagt, als jene alten Geschichtchen, in denen Satanas oder Beelzebub, Dein hoher Meister, mit einem Gentleman oder einer Lady einen Pact schließt und hinterdrein angeführt wird; so wie z. B. in der Geschichte vom hinkenden Schmied. Ist Wahrheit in diesen Legenden? He?« »Bei'm Pferdefuß, ja. Der Teufel wird oft angeführt, sobald die Menschen sich's nur ein wenig angelegen seyn lassen. Nur den Faulen packt er mit Sicherheit.« Asmodeus hielt inne, und brach dann, als dächte 47 er an ganz etwas Anderes, in sein gewöhnliches leises und kurzes Lachen aus. »Was ist Dir, Asmodeus?« fragte ich. »Machst Du Epigramme für den Berliner ›Figaro‹?« »Nein. Ich dachte an meinen Herrn und an die Cholera.« »Wie so?« »Ich meine, Ihr Christen glaubt an zwei Principien, an das des Guten, welches ist Gott, und an das des Bösen, welches ist der Teufel. Für Licht und Luft, für Liebe und Frieden, und Alles was hienieden beglückt und nach dem Tode beseligt, dankt Ihr Gott, während ihr den Krieg und das Verbrechen und das Elend, die Sünde auf Erden und die Strafe in der Hölle als des Teufels Thun und Wirken anseht. Nun denn! Eine furchtbar böse Seuche durchzieht Euer Land und Ihr schreit, Gott sey es, der diese Geißel über Euch brachte. Der Geber alles Guten soll Euch eine wildfressende Krankheit zugeschickt haben, und Ihr werdet wüthend über die Gottlosigkeit derer, die anzudeuten wagen, wie der allgütige Eine nicht einer so grausamen Gabe angeklagt werden dürfe. Ihr setzt einen Bet- oder Fasttag fest, an welchem Ihr feierlich versichert, der Greuel der Seuche rühre von der erbarmenden Gottheit her und schreibt also dieser ein Unheil zu, das Eurem Lehrglauben nach von dem Teufel ausging! Der Teufel ist Euch unendlich verbunden.« »Wohl fühlen oft wir uns aufgefordert,« fiel ich 48 ein, »zu fragen: Sind wir wirklich im neunzehnten Jahrhundert? Mögt' ich doch wetten, daß mancher Flachkopf unsere Abenteuer, wenn er von ihnen hört, für unglaublich halten wird. Als ob ein Spazierritt mit Dir und eine Abendlustpartie mit den Hexen eine halb so arge Verläugnung des gesunden Menschenverstandes wären, als es das Ansetzen eines Bußtages wegen einer Pestseuche ist, gegen die frommer und mäßiger Lebenswandel das beste Verwahrungsmittel abgiebt. Indessen weiset, Dank dem Himmel, ein so elender Wahnglaube sich nicht allgemein. Es gab eine Zeit, in welcher das Volk gehänselt ward, und die Regierung die Hänseler abgab; jedoch die Zeit ist vorüber. Das Volk begehrt jetzt eine billige Brodtaxe, und seine Beherrscher setzen einen allgemeinen Fasttag an – auf wessen Seite ist da die Weisheit? Doch genug von dergleichen Dingen, – wir nähern uns ja dem Ort unserer Bestimmung!« Siebentes Kapitel. Unfern der Meeresklippen im Westen von England erheben sich die Ruinen einer alten Abtei, die wissentlich von keinem Freunde des Malerischen unbesucht gelassen werden; und stolz in ihrer melancholischen Großartigkeit wiesen sich jetzt diese Ruinen, als auf den Schwingen des Windes, die Asmodeus zu unserer Hülfe 49 herbeibeschworen hatte, wir über die Waldstrecke zu ihnen hinsegelten. Ein Theil des trümmerhaften Gebäudes verbarg sich hinter Schlingkraut und Moos, das an dem grauen Gestein herabhing, und hinter manchem Baum, der mit trauervoll hangendem Wipfel sich über gestürzte Säulen und zerfallene Schwibbögen beugte. Allein durch ein einziges hohes Bogenfenster ließ der Mond scharfen Strahl fallen, und tief unten brach der mitternächtige Ocean sich in zahllose Funken lebendigen Lichtes. Fernhin sah man den gelben Ufersand sich um die Klippen herumdehnen, jedoch außer diesen Ruinen war kein Haus, keine Hütte am weiten Horizont wahrzunehmen. Links von der Abtei lagert ein alter Kirchhof, in dessen Grüften die Gebeine eines Dutzend Mönche modern, die ihrer Zeit lustige Gesellen gewesen seyn mogten. So schienen nur die Todten uns zu bewillkommnen. Dem war jedoch nicht so, denn als ich einem anderen Theile der Abtei, da wo der Hauptthurm sich noch befand, mich zuwendete, gewahrte ich durch ein langes schmales Fenster, das zur Hälfte von Schlingkraut überhangen war, jenes bleiche, mystische Licht hervorströmen, das wir in der Ferne hatten schimmern sehen. In demselben Augenblick ward ein lautes Chorgelächter hörbar, und sobald dasselbe aufhörte, ließ sich auf den von einer sanften, lieblichen Stimme ertheilten Befehl ein Gesang in einer mir etwas fremdartig klingenden Sprache vernehmen, von der der Teufel mir jedoch, indem er sich die Augen wischte, nicht 50 nur versicherte, daß er rührend, sondern auch das reinste Schottisch wäre und aus seinem Mutterlande käme. Als der Gesang zu Ende war, erscholl Musik wie aus tausend Instrumenten. »Ich kann's nicht länger aushalten.« schrie Asmodeus und fuhr sausend zum Fenster hinein – ich hinter ihm drein. »Halloh! He! was beunruhigt Euch? Bleibt doch! Kosem Kesamim, sey gegrüßt! Bleiben Sie doch, meine Damen! Was für ein Tolldurcheinander! Erschreckt Sie ein alter Freund? Es ist ja nur Asmodeus! Und sehen Sie nur, Señoras und Señoritas, er hat Ihnen einen Mann, einen jungen Mann als Gast mitgebracht, der zu gleicher Zeit unternehmend und verschwiegen ist.« Während Asmodeus so sprach, hatte ich die Hand eines überaus schmuckaussehenden Hexchens ergriffen, das etwa fünfunddreißig Jahre zählen mochte, schlank gewachsen, jedoch in ein Gewand nach dem Schnitte zur Zeit der Königin Anna gekleidet war. Indem ich mich bemühete, sie von ihrer Furcht zurückzubringen, überblickte ich das Gemach und den in demselben auseinander gesprengten Gesellschaftkreis. Es war ein großes, niedriges, langviereckiges Gemach; das Licht, welches ich bereits beschrieb, entquoll etlichen großen Scheiten Tannenholz im Kamin, und lieferte den Versammelten Erleuchtung und Wärme. In der Mitte des Gemaches stand ein Tisch, der mit gut aussehenden Speisen reichlich besetzt war, und es fehlte sogar 51 nicht an Wein, denn die Hexen pflegen nicht minder ihres Leibes als alle anderen respectablen Damen. Um diese Tafel herum saßen an achtzehn Weiber jeglichen Alters – von zwanzig Jahren bis zu grauer Ewigkeit, in sofern ich nach ihrem Aeußern sie beurtheilen konnte. Denn einige von ihnen sahen, um uns des Ausdrucks Wordsworth's zu bedienen – »unermeßlich alt« aus. Jahrhunderte schienen in ihren Wangenrunzeln und in ihren verglaseten aber stechend blickenden Augen begraben zu liegen. Ihre Gewänder entsprachen keiner Mode, von welcher irgend eine mir bekannte Geschichte oder Legende eine deutliche Beschreibung lieferte. Falte an Falte in denselben erinnerte an eine Todtenbekleidung, deren Farbe entweder schwarz oder vom kältesten Weiß war, und die so herabfiel daß sie keinen Umriß des Körpers erblicken, ja nur ahnen ließ, sondern so sich zeigte, als verhülle sie irgend eine Traumgestalt. Von den älteren Weibern trug jede auf ihrer Brust einen brennendrothen Halbmond, dessen Gestein aus unverzehrbarem Feuer zu seyn schien. Kein anderer Schmuck war an ihnen zu erblicken. Diese Weiber wurden, wie ich recht wohl bemerkte, durch unser Kommen nicht im mindesten gestört. Sie behielten ihre Stellung bei, hefteten blos ihren leidenschaftlosen und unzubeschreibenden Blick auf uns und winkten meinem Gefährten ein ernstes, wortloses »Willkommen« zu. Die jüngeren Hexen aber, die vielleicht so unerfahren waren, daß sie noch nie zuvor einen Teufel gesehen 52 hatten, erhoben mitsammen das lieblichste Geschrei, das man sich nur denken kann, fuhren von ihren Sitzen auf, und wurden durch meines Begleiters Anrede halb in die Flucht gejagt, halb an die Stelle, auf der sie standen, gebannt, so daß sie ein » tableau « zeigten, wie nimmer ein Opernballet es hat zur Veranschaulichung bringen können. Da ich jedoch wußte und weiß, daß in allen Damengesellschaften die Herren gewöhnlich so selten zu seyn pflegen, wie die Erdbeeren es um Weihnacht sind, so war mein Hauptzweck bei'm Umherblicken im Gemache der, ob ich einige junge Hexenmeister wahrnehmen möchte. Anfänglich gewahrte ich außer uns beiden Ankömmlingen nichts Männliches, bis mein Blick plötzlich auf eine Gestalt fiel, die zu Häupten der Tafel in einer Schattenmasse saß, vor welcher sogar das stätighelle Licht des Kamins wie mit Ekel oder Entsetzen zurückzubeben schien. Ob Mann, ob Weib, ob menschliches, ob übermenschliches Wesen ich vor mir sah, wußte ich in diesem Augenblick nicht, bis ich, als das Geschöpf aufstand, durch die verdichtete Luft, von der es umgeben war, Umriß und Gestalt eines Mannes wahrnahm. Indem Asmodeus, als er die allgemeine Ordnung wieder hergestellt sah, sich höchst ehrerbietig zu dieser Mannsgestalt wendete, sprach er: »Heil Dir, Kosem Kesamim! Ein junger Strebling nach dem Unklaren, dem Schattigen, dem Fernen kommt mit mir, Dich und Deine Dienerinnen bei dieser festgesetzten Zusammenkunft zu besuchen. Beurtheile ihn, o Kosem, nicht unbedingt nach 53 seinem Begleiter, denn ich bin um Vieles zu gut für ihn.« Die Hexen, die jungen nämlich, lachten; und da ich nicht vermochte den Teufel ganz und gar zu verläugnen, so that als hörte ich ihn nicht, und fuhr fort mit dem schmuckaussehenden Hexchen schön zu thun, das mir eine Wittwe zu seyn schien. »Alle sind mir willkommen, denn in Allen steckt Wissenserkenntniß!« antwortete eine dumpfe, trauervolle, aber melodische Stimme, die all' mein Gebein wie die Stimme irgend eines geschiedenen Propheten durchdrang, die von einem Hebräer beschworen worden war, künftiges Unheil zu weissagen. Die Gestalt setzte sich wieder, und dies war das Zeichen zur Fortsetzung des Banketts. »Meine liebe Mekassephahs, oder richtiger, Mekassephim,« sagte Asmodeus, indem er die Damen anredete – denn dies Wort, wie ich späterhin lernte, drückt die eigentliche Benennung der Hexen aus – »meine liebe Mekassephim, ich bin entzückt, Sie endlich einmal wieder zu sehen. Azna, mein Herzblättchen, kredenze mir ein Glas Wein. Bosniah, soll ich Dir aus dieser Schüssel vorlegen? Die Trüffeln darin scheinen köstlich zu seyn. Jesdah, ich bitte Dich, sorge für meinen jungen Freund.« Wir Alle langten jetzt zu, und ich kann versichern, daß ich nimmer einem trefflicheren Abendschmause beiwohnte, denn traun! dies Hexengelichter hat seinen Leckerzahn. Was für ein Tollwahn ist's zu glauben, die Mekassephim verspeiseten Kröten und Finger Erwürgter! 54 Eitel Pöbelvorurtheil! just so, wie wenn man glaubt, unsere Philosophen lebten von Brunnenkresse! Als ob das Wissen, so in der Hexe, wie im Philosophen, nicht dahin strebte, die besten Genussesquellen ausfindig zu machen! Und was gab's, ein Geschnatter und Geplauder und Gelächter, und Gläsergeklingel und Tellergeklapper – lauter ächtes Porzellan, ich kann's beschwören, denn ich sah nach dem Fabrikstempel – und wie vertraut wurden wir mit einander, als gehörten wir zur Weisheitclique im Gesellschaftsaal einer Madame Du Devand! – versteht sich immer mit Ausnahme Kosem Kesamims, zu Häupten der Tafel, und der ältlichen Damen, auf welche ich früher ehrerbietig hingedeutet habe. Diese aßen nicht, tranken nicht, sprachen nicht, sondern glichen den gespenstischen Mumien, die von den Aegyptern an deren Festmahlstafeln aufgestellt wurden, obschon deshalb das Mahl nicht um ein Härchen minder jovial ausfiel, denn man betrachtete sie nur als Figürchen auf einer Confectschüssel. Ich machte die besten Fortschritte in der Gunst der schönen Jesdah, die mir zum Heil eine Engländerin war, während die übrigen Anwesenden andere Länder zur Heimath hatten, und deswegen nur mittelst ihrer Augen sich mit mir unterhalten konnten. »Kommen Sie aus London?« fragte Jesdah mich mit huldvollem Lächeln. »Zu dienen,« antwortete ich. »Ist es lange her, daß Sie dort waren, Mylady?« »Ah, Sie haben also meinen Rang ermittelt?« 55 »Um Verzeihung, ich muthmaßte ihn nur.« »Hm! Nun ja, es mag ein Paar Schock Jährchen her seyn, daß ich London besuchte. Geht's dort noch so lustig her? Alle Nacht Trommelgewirbel? Und die Damen? Zerfallen sie noch in Cliquen? Und das liebe Schauspielhaus? Wer macht dort jetzt Furore? Wer ist der hübscheste Schauspieler? Wie heißt der jüngste dramatische Autor? Noch immer, sollt' ich meinen, ward kein Stück geschrieben, das Addison's Cato gleichkommt, so daß dieser Cato noch immer allwöchentlich zweimal gespielt wird. Doch – verzeihen Sie mir die Frage, gehören Sie – nochmals, verzeihen Sie – gehören Sie der – der vornehmen Welt, den Männern › à la mode ‹ an? Sie tragen keine Perücke, und an Ihrem Kleide sehe ich keine Spur von Goldtressen.« »Madam,« antwortete ich, »mein Stammbaum hat der Aeste genug, und mein Vermögen ist ziemlich ausreichend, um mich zu dem zu machen, was man gemeinhin einen Gentleman nennt. Anderer Qualitäten zu Führung dieses Titels bedarf man in unserer Zeit nicht mehr. Nur die Schreiber bei den Parlamentsitzungen tragen noch Degen, und das Gold ist viel zu knapp bei uns, daß wir es an unsere Kleider verschleudern sollten. So waren Sie also wirklich seit der Zeit der Königin Anna nicht in London? Wohnen Sie beständig in dieser Abtei? Sie scheint mir keine anmuthige Winterresidenz zu seyn.« » Oh ciel! nicht doch!« rief die Dame, indem sie kokettirend sich fächelte. »Der Qualm hier würde mich 56 tödten. Ich – – doch still! Sie sind noch nicht bevorrechtet meine Wohnung kennen zu lernen. Späterhin vielleicht, wenn Sie sich fein artig benehmen, soll Ihnen Erlaubniß werden mich zu besuchen.« »Ich lebe in Hoffnung. Ein Glas Champagner gefällig? Und nun um Verzeihung, wenn ich frage, ob Sie wirklich eine Hexe sind. Ich leugne nicht, daß Sie hohe Zauberkraft besitzen, allein Sie sehen so wenig den Hexen gleich, die man uns auf der Schaubühne vorführt.« »Nichts desto weniger,« versetzte Jesdah lachend, indem sie sich einige Löffel voll Hummersalat vorlegte – »nichts desto weniger bin ich eine ganz regelrechte Hexe, und kann in einer Nußschale über das Meer eben so gut segeln, als irgend ein altes Weib, das jemals verbrannt worden ist.« Nachdem ich über diesen Selbstruhm meine Verwunderung geäußert hatte, fragte ich: »Mit Verlaub, Madam? Befinden sich hier alle jetzt existirenden Hexen? Ist dies der Fall, so sagen Sie mir, welche von ihnen die drei Damen sind, die im ›Macbeth‹ figuriren.« »Ach, die sind todt – mausetodt!« rief Jesdah mit emporgehobenen Händen; »sie starben vor Aerger, als sie lasen, was für Scheugebilde William Shakspeare aus ihnen gemacht. Unter uns,« setzte die Dame flüsternd hinzu, »sie waren unbändig eitle, alte Creaturen, und es geht noch das Gerede, daß sie sich nicht genugsam von Macbeth den Hof gemacht sahen.« Das Jubeln um Asmodeus herum ward jetzt ein 57 wahrer Lärm, und ich benutzte das Getöse, um » sotto voce « die schöne Jesdah zu fragen, ob die dunkle Gestalt zu Häupten der Tafel – der Fürst des Bösen wäre? »Nicht doch! nein!« antwortete sie in gleichem Flüstertone, »er ist ein menschliches Wesen gleich Ihnen, jedoch der mächtigste Zauberer, der jemals existirte; auch weiß Niemand das Land, in welchem, noch die Stunde, in welcher er geboren ward.« Forschend blickte ich auf die Gestalt; die Dunkelheit jedoch, von der dieselbe, wenn sie sich ruhig hielt, umgeben war, machte meinen schärfsten Hinblick zunicht. Das Mahl war jetzt zu Ende – die Gläser wurden rascher noch denn zuvor geleert – der Lärm verbrudelte sich immer ärger – und ich und meine Hexe trieben allen Ernstes ein süßes Liebesspiel, als nochmals die überirdisch klingende Stimme Kosem Kesamims erscholl, und plötzlich, gleich wie Schnee auf einer märzgrünen Wiese, sich kältend über uns ausbreitete. »Fremdling,« ließ Kosem Kesamim sich vernehmen, »es weisen sich Zeichen und Spuren von Umwandlung in der Welt – werden sie von der Menge als solche wahrgenommen und gedeutet? Sprich! Ich weiß Alles, was im Werk' ist, allein hören möcht' ich, um zu erkennen, was in der Menschen Busen vorgeht, wie das Erdenvolk dergleichen anschauet, auffasset, beherzigt, und welche Folgerungen für die Zukunft es daraus hergeleitet. Also rede!« »O Kosem Kesamim – vergib mir, wenn ich Deinen 58 Namen nicht mit gebührendem Hexenaccent ausspreche! – ich bin so eben jenem Bienenkorbe Londons entflogen, in welchem ich einen fleißigen Mitarbeiter abgab, und so weit mir Muße zum Beobachten blieb, nahm ich wahr, daß des ganzen Schwarmes großes Geschäft ein Hader zwischen den Arbeitsthieren und den Drohnen ist. Gewiß aber, o Kosem, ist, um von metaphorischer Redeweise abzulassen, und schlichtweg zu sprechen, gewiß aber ist in dem Aussehen der gegenwärtigen Dinge Vieles, was den menschlichen, nichthexenmeisterlichen Beschauer belustigt, überrascht und entsetzt. Zuvörderst sehe ich eine bedeutende Anzahl hübsch aussehender, hochnasiger und prunkend gekleideter Leute. die zu Clubbs und Soireen gehen, als ob sie in der friedvollsten Zeit der Welt lebten; dennoch ist an ihnen eine Wandlung oder doch ein Anflug von Wandlung wahrzunehmen. Es entsetzt sie, daß Andere, die nicht zu ihrer Caste gehören, sondern tief unter dieser zu stehen pflegten, angefangen haben, zu denken, und so nach Selbstständigkeit zu ringen. Dadurch ermangeln die Belustigungen der Vornehmen des Systems, von welchem dieselben ehemals durchdrungen waren, so daß sie gestört, zersplittert erscheinen, ohne daß sie unausgesetzt gehegt oder verfolgt würden. Die Oper kränkelt, die Bälle sind fade und langweilig, tonangebende Damen sehen sich mehr der Menge gleichgestellt, die Dynastie der Modegecken und Pflastertreter ist ihrem Erlöschen nahe; mit einem Worte, die Schlenderer und Schlecker aus den seiderauschenden Zirkeln fangen an zu wittern, daß eine 59 Zeit reift, die nicht mehr zum Lebenszwecke hat, daß etliche Wenige sich atzen und mästen, und herrlich und in Freuden leben, während die Vielen mit dem Hungertode ringen. Wird aber das Wogen und Wallen der Elemente in socialen Anordnungen schon in den höheren Graden sichtbar, so ist es doch nichts gegen den Feuergeist, der langsam durch die Gemüther der Menge zieht. Wird der menschliche Scharfsinn in dem einen Punkte angeregt, so schleift er sich um so mehr für andere Punkte spitz; es ist jetzt zwischen dem Mechanismus einer Dampfmaschine und dem einer Regierungverwaltung kein so großer Unterschied, als Mancher vielleicht glauben möchte; Vereinfachung ist wahrer Fortschritt in der Weisheit – man arbeitet jetzt an Vereinfachung, und so werden unter den Gewerbsleuten unserer großen Städte Dinge von hoher und gewaltiger Wichtigkeit, die ehemals nur den Verhandlungen der Philosophen überwiesen waren, ernst und feierlich besprochen. Die wahren Grundlagen der menschlichen Gesellschaft – der eigentliche Ursprung der Volksstände – die Vertheilung der Güter und die beiden großen Fragen: ›was ist Menschenwerth?‹ und ›was ist Regierung?‹ sind die Hauptthemata, über die der Mann hinter seinem Arbeitgeräth nachdenkt; und während die oberen Grade dergleichen Themata als langweilig von der Hand weisen, das Theoretische in ihnen verachten, und es als gefährlich verdammen, bricht die Stunde herein, in welcher Antwort auf solche Fragen begehrt wird; und – vergebens würd' ich trachten, es zu verhehlen – sociale 60 Reform will den Frechfernblick legislativer Reformen den Sehkreis beengen. O Kosem Kesamim! würde mir nur noch ein Viertheil der Lebensjahre, welche diese schöne Dame neben mir zählt – ihrer sind zehn Dutzend, wie sie sagt, so dürft' ich Dinge schauen, wodurch Herr Winzig auf dem Machthabersitze zu Stein, und jeder steifnackige Sinecurist butterweich werden mögte. Aus diesen Winken, o Kosem Kesamim, magst Du entnehmen, daß, während Weisheit sich in den Tiefen der socialen Welt regt, die Thorheit noch immer oben schwebt, und ihre Narrenschellen klappern läßt.« Achtes Kapitel. Als ich meine Schilderung von dem Treiben in meinem Vaterlande vollendet hatte, sagte Kosem Kesamim in schwermüthigem Tone – »Du sprichst, o Mensch! von den gemeineren Angelegenheiten des Lebens, die von Deinem Geschlechte so irriger Weise für des Lebens höchste Wichtigkeit angesehen werden. Du sprichst zu uns von der nichtigen Politik der Staaten, von den äußeren Zeichen einer Wandlung, doch von dem tiefen Strome der Begebenheiten, der dunkel und verborgen dahin wogt, schweigst Du, oder deutest höchstens nur zufällig, oder ohne es selbst zu wissen, darauf hin. Ja wohl denkt nur mit der Welt der, der nur 61 mit der Welt lebt. Du wirst weiser seyn, sobald Du eine Zeitlang bei uns geweilt haben wirst.« »Eine Zeitlang?« fragte ich, von einem plötzlichen Bangen ergriffen, »Ihre Hoheit sind überaus artig; doch bin ich kaum mit Wäsche bis übermorgen versehen, und Geschäfte von dringender Wichtigkeit fordern mich nach der Hauptstadt zurück, so daß ich fürchte, auf der Stelle abreisen zu müssen.« »Nicht also!« rief der geheimnißvolle Amphitryon; »hat Asmodeus Dich nicht über unsere Gebräuche belehrt? Wer an unseren Hof kommt, darf denselben nicht eher als nach Ablauf eines Kalendermonates verlassen. Heda! Musik!« Und flugs, als sollte mir jede Erwiederung in der Kehle stecken bleiben, erschollen über, neben und unter mir die lieblichsten Klänge, so daß ich mir hätte einbilden können, ich wäre in der Oper zu jener guten Zeit, in welchen nur Tondichtungen von Mozart, Clementi, Gretry, Gluck und Cherubini, nicht aber melodieloses Gelärm von Meyerbeer oder Meyer Beer und Consorten aufgeführt wurden. Doch bildete ich mir dergleichen »Widersinn,« wie die heutige Modewelt es genannt haben würde, nicht ein, denn mein Unwille und meine Verwunderungen ließen mich zu keiner ästhetischen Betrachtung kommen. Ich trank ein Glas Champagner mit meinem Freunde Asmodeus, und gab ihm quer über den Tisch weg zu verstehen, wie ich der Meinung wäre, er habe mich hinter das Licht geführt. 62 »Schweige doch!« sagte Jesdah im Tone des Vorwurfs zu mir: »bin ich Dir denn so zuwider, daß Du nicht einmal einen kleinen Monat mit mir verleben magst?« Furchtbare Visionen zogen vor den Augen meiner Seele vorüber. Ich dachte an Bürgers »Lenore,« hörte den grausigen Peitschenschlag am »eisernen Gitterthor,« und sah nichts als »sechs Breter und zwei Bretchen.« Forschend blickte ich in Jesdah's Antlitz, konnte aber in dessen hübschen, lächelnden Mienen und vollen Wangen nichts Gespenstisches wahrnehmen, weshalb ich mit einem tiefen Seufzer antwortete: »Ach, Mylady, ein Monat in London würde in Ihrer Gesellschaft ein Moment seyn, doch – soll ich es bekennen? der Gedanke, in dieser Abtei bleiben zu wollen, kühlt meine Liebesgluth mächtig ab, denn ich bin stark zu Erkältungen geneigt, und –« »Sie sind im Irrthum,« fiel Jesdah ein; »Sie haben nicht in dieser Abtei zu bleiben; wir werden Sie an den anmuthigsten Wohnort von der Welt führen.« »Ach!« dacht' ich, »da bin ich in eine schöne Klemme gerathen. Ich weiß, was es mit dergleichen Verheißungen auf sich hat; nicht umsonst hab' ich deutsche Romane und Hexenmährchen gelesen; sicherlich bin ich ein verlorener Mann. – Und jener Wohnort,« fragte ich meine schöne Nachbarin – »Hem! zweifelsohne ist er auch meinem Freunde, dem Teufel bekannt?« »Nein, ihm ist der Zutritt versagt, sobald er nicht specielle Erlaubniß dazu hat.« 63 »Madam!« rief ich enthusiastisch – »so bin ich ganz und gar zu Ihren Diensten.« Jetzt hörte allgemach die Musik auf, und eine sanfte Mattigkeit senkte sich auf meine Wimpern; mich ergriff eine Schläfrigkeit, als hätte ich den gewaltigen Kanzelredner in der freien Stadt *** predigen hören, der nachmals Superintendent in einem Duodezstaate ward, und dessen Wandel im stricten Gegensatze zu seinen erbaulichen Homilien stand. Ich versank in festen Schlaf. Als ich erwachte, befand ich mich allein in einer Art von Zelle, die von den glänzendsten Säulenwänden funkelte. Ein fortwährendes Getös, wie das Rollen einer gewaltigen See, drang in mein Ohr – ich ward durchschauert, jedoch nicht erschreckt. Ich erhob mich allgemach von dem Steinbett, auf welchem ich lag, und blickte umher. Durch eine Oeffnung in meiner Zelle blickte ich in eine Perspective gigantischer Schwibbögen und Säulen einer rauhen und düstern Substanz, in der ich nichts mir Bekanntes wahrnahm. Eine seltsame Unruhe, die keine Worte finden konnte, erfaßte mich; ich stand auf, verließ vorsichtig meine Höhle, und schaute weiter in den Schauplatz hinaus. Wundervoll! so weit meine Blicke reichen konnten, sah ich unermeßliche Hallen, deren Wölbbogen hoch hinauf in undurchdringlichen Schatten ragten; ein Hofraum führte in den andern – solcher Räume waren Tausende und Zehntausende, und in jedem derselben hätten ganze Städte Platz finden mögen – mich dünkte, ich erblickte mich in dem Gruftgewölbe irgend einer 64 Gigantenwelt. Und als nun unwillkürlich meine Schritte mich vorwärts bewegten, rauschten Millionen Wasserbäche und Wasserfälle an den Seiten der dunklen Wände hernieder, die mich umgaben – diese schienen das Getös zu verursachen, das so mächtig auf mich gewirkt hatte. Ueber diesem weiten Reiche befand sich kein Lufthimmel. Mein Auge blickte weit, weithin, so weit ein Adler fliegen mag, aber immer erhob sich das Gestein um mich her, und sein alleiniges Dach war Schatten. Diese neue Welt, denn das schien sie mir zu seyn, ward durch seltsame, unstäte Feuerflammen erhellt, welche in schnell auf einander folgenden Zwischenzeiten um die Pfeiler und Kragsteine herum zuckten, tanzten und krochen und gegen die an dem Gestein herabrollenden oder gleitenden Wasser spielten und blitzten, daß es einen wechselvollen, jedoch immer rubinartigen, rings sich verbreitenden Schein abgab. »Ist dies Zauberei?« sagte ich zu mir selber, »oder bin ich in der schauerlichen Welt des Todes?« Der Boden unter mir war rauh und uneben, und als ich niederblickte, gewahrte ich große Gold- und Silbererzstufen. War es möglich, daß ich mich in einem, von menschlicher Habgier noch nicht entdeckten Bergwerke befand? Während ich mir diese Frage vorlegte, schoß aus einer dunkeln, wie mit Schwefeldampf gefüllten Schlucht eine Strecke weit vor mir, über welcher ein dumpfer Rauch wallte, eine blendende Feuersäule hervor, schwang sich hurtig aufwärts wie der Strahl einer wundersamen Gluthenfontäne – immer höher und höher stieg 65 sie, indem sie den ganzen gigantischweiten Raum umher erhellte, und leckte in eine finstre Oeffnung der entgegengesetzten Steinwand hinein. Die Schlucht aber sendete fortwährend der oben verschwindenden Flamme frische Nahrung zu. »So wird der Aetna versorgt,« erscholl eine Stimme neben mir. Ich wendete mich hastig und sah Kosem Kesamims Gestalt, die dunkel und unklar blieb, obschon alle andere Gegenstände rings umher blendend hell beleuchtet erschienen. »Fürchte nichts!« sagte seine trauervoll und feierlich klingende Stimme. »Weißt Du, an welcher Stätte wir uns befinden?« »Großer Zauberer – nein!« »Es ist eine Stätte, an welcher Furcht nicht gekannt, wohl aber Schauer reg seyn sollte; denn hieher sind seit ewigen Tagen das Verbrechen und der Krieg und der Menschen Sünden alle nimmer gekommen. Du stehst im Mittelpunkte der Erde. Beschaue die Bärmutter der Erdkugel. Beut sie nicht einen stattlichen Palast dar? Schrumpfen nicht die winzigen Felsspitzen und Thürme, womit ihre Oberfläche sie krönt, zu Maulwurfshügeln und Stielschwämmen zusammen gegen diese stattlichen Mauern und unzuermessenden Schwibbögen? In dieser gigantischen Werkstatt bewirkt Natur ihre ewigen Operationen. Hier um das Urgeheimniß unseres Erdballs herum, hier um den Magnet herum, der uns mit den Gestirnen verschwistert und die körperfeste Erde an ihrer 66 luftigen Achse hält – hier befinden sich Samen und Keime aller Dinge – der Elemente Elemente. Dies ist der Hades der Erde – das dunkle Reich des Schattens – das Mysterium der Mysterien – das Triebrad der Riesenmaschine – die Mutter, die da Alles gebärt, das Grab, das da Alles verschlingt! Ich grüße Dich, Fremdling! Ich, gleich Dir ein Mensch, allein mit Dir in diesen ehrfurchtweckenden Tiefen – ich grüße Dich!« Bei dieser Anrede drang Eiseskälte durch das Mark aller meiner Gebeine, obwohl mein Herz von wildjauchzender Freude darüber schlug, daß ich mich vor allen übrigen Sterblichen so ausgezeichnet fand. Ich beugte mein Haupt, und nach einer Pause, in welcher ich versuchte, mich zu sammeln, versetzte ich: »Dunkler und geheimnißvoller Schatten! nicht weiß ich die Rede meiner Antwort zu finden, denn ich vermag nicht mich zu überreden, daß ich nicht träume. Von jenem heitern, leichten, wilden Bankett gestern sich auf so feierliche, so schauerliche Weise versetzt zu sehen! In meinen bisherigen Abenteuern bot sich mir Menschliches und Vertrauliches. Ich konnte in Asmodeus Einen meines Geschlechtes, in den Hexen Wesen von Fleisch und Bein erkennen; sie erregten mir der Belustigung Ueberraschung, nicht aber der Ehrfurcht Verwunderung. Ich bin hinaus über den Wachsthum des Geistes, während welchen Neugier und Furcht den Menschen bewältigen, und lernte der Sterblichen Freundschaftbündnisse genügend kennen, um mich nicht sonderlich darüber zu beunruhigen, ein Wandergenoß des Teufels 67 zu seyn; jetzt aber ist meine Seele erschüttert und bewegt. Sage mir, o Zauberer! wer waren die, welche ich gestern Abend sah? Bewohnen sie ebenfalls diese Reiche, oder waren sie nur durch Deine Zaubermacht hervorgebrachte Geschöpfe – heitere aber groteske Täuschungen, wesenlose aber nicht erschreckende Gebilde eines Traums? Du aber, der mystische und mächtige Gott jenes Traumes, regtest Dich nicht, gabst Dich nicht hin der phantastischen Lust, welcher die von Dir erschaffenen Truggebilde sich hingaben –« »Die, von denen Du da sprichst,« fiel Kosem Kesamim mir in's Wort, »sind lebend und körperlich wie sie Dir es zu seyn schienen, allein ihre Wohnungen befinden nimmer sich in diesen Höhlen. Sie wohnen in den Vorwerken des Tempels, allein nimmer übertreten sie des Heiligthumes Schwelle.« »Warum durfte ich es denn, ausgezeichnet vor Allen, o mächtiger Zauberer?« »Weil Du mehr wagtest als sie. Du würdest über einen Ocean von Gluthen schiffen, um eine Neuheit am jenseitigen Ufer zu schauen, und in solcher Gemüthsneigung erkenne ich mein ehemaliges Selbst wieder. Der Drang zu entdecken ist Schlüssel zu allen Mysterien; das Aufsuchen der Neuheit ist die Erfindung der Wahrheit.« »Wie aber geschah's, o Kosem Kesamim, daß jene Frauenbilder jemals zu der Würde der Hexerei gelangten? Etliche von ihnen, ich geb' es zu, gaben sich schweigsam und schauerlich und sahen wohl danach aus, so feierlicher 68 Gaben des Geistes würdig zu seyn; allein meine schmuckausschauende Kokette, meine muntere Jesdah scheint doch eine etwas allzu irdische Lampe für ein so übernatürliches Licht zu seyn.« »Frage jetzt nicht nach dergleichen Gleichgültigkeiten,« versetzte die wehvolle Stimme, durch die, indem sie erklang, sofort meine wiederkehrende Lebhaftigkeit gedämpft ward, »sondern sammle, dieweil du in diesen Räumen dich befindest, Deine höheren Geisteskräfte, um Nutzen aus dem Dir gebotenen Anblicke zu gewinnen.« »Ich bin bereit,« sagte ich in unterwerfungvollem Tone, »alles anzuschauen, was Du mir zeigen mögtest.« Schweigend bewegten wir uns weiter; durch den Luftzug aber, der gegen mein Gesicht drängte, und durch die Hurtigkeit, mit welcher Säule und Schwibbogen vorüberglitten, nahm ich wahr, daß irgend eine ungesehene Macht, ohne daß ich es wußte, meine Schritte beflügelte, und daß unser Vordringen mit den ungeheuren Räumen, welche wir durchzogen, im Verhältnisse war. Unter einer Kluft im Felsen, die sich spiralförmig aufwärts wand und sich immer mehr und mehr oben hinaus verengte, standen wir still. Ich hörte ein wildes, lautes Getös, konnte jedoch keinen deutlichen Laut unterscheiden. »Ist dies etwa die Höhle der Winde?« fragte ich schier betäubt von dem Donnergetos. »Es ist das Ohr der Erde,« sprach der Zauberer, »durch welches herab alle Kunde der Millionen von 69 Erdbewohnern dringt. Seit der Zeit des ersten menschlichen Athemholens im Paradiese, seit dem ersten Flüstern der jungfräulichen Liebe Hevas, seit dem ersten Murmeln der bereuenden Seele Adams bis zu dem allgemeinen Gebrüll einander widerstreitender Interessen, Verbrechen und Leidenschaften, die jetzt die von Menschen wimmelnde Erde bewegen, drang Alles, wenn auch für Dein Ohr verworren, zu dem des Wesens, zu welchem diese Klänge gelangen sollen, gesänftigt und gesondert, deutlich und vernehmlich herab.« »Und wer ist solches Wesen?« fragte ich verwunderungvoll. »Blicke dort hin!« antwortete Kesamim, indem sein schattenartiger Arm sich ausstreckte. Ich sah hin, wohin der Zauberer wies, und erblickte auf einem Thron aus grauem Gestein gigantisch und regunglos einen Mann oder vielmehr eine einem Mann ähnliche Gestalt. Sein riesiges Gesicht wies sich unaussprechbar fürchterlich ruhig; seine Stirn, ähnlich der des olympischen Jupiters, thronte über seinen majestätischen Mienen, allein die Augen unter derselben sahen matt und leblos aus, denn kein Strahl entleuchtete ihnen. »Ist das der Tod?« fragte ich. »Schau' hin!« erscholl des Magiers dumpfe Stimme – ich gehorchte, und sah nun, wie um ihn her, so daß er gleichsam inmitten saß, sich ein Gewebe von unzähligen feinen, subtilen Fäden zeigte, deren Enden durch Millionen Oeffnungen verschwanden, die, den Schweißlöchern 70 am Menschenkörper gleich, sich in den Wänden und Wölbungen des Felsgesteins befanden. Als nun mein allmälig immer dreister blickendes Auge noch genauer beobachtete, sah ich, daß bei jedem aus der Oberwelt herniederwallenden hohlen Geheul des Gebildes Hände, die jedoch kaum sich regten, so ruhig und gelassen war die Bewegung – einen oder anderen der Fäden oder Maschen berührte, die dann ab- oder ausrissen, so daß das Gewebe, jedoch nur leicht und nur in einzelnen Theilen verändert ward. Jetzt erkannte ich auch, daß die Mattheit in den Augen der Riesengestalt nicht die des Todes, sondern die der leiblichen Blindheit war. »Und wer,« stammelte ich kaum hörbar, »wer ist jener schauerliche Greis?« »Er ist der,« antwortete Kesamim, »der zwar in Blindheit, aber mit Methode die Lebensfäden der äußeren Welt bewegt, der der Menschen Lebensmaschen knüpft oder zersprengt, der die Puppen, vom Könige bis zum Bettler, Menschen genannt, in Bewegung setzt, der durch eben diese Fäden den unteren Abgeordneten des Universums – dem königlichen Ungethüm, das Ihr Ocean nennt, und dem Geiste der hüpfenden Feuerflamme die allewigen elektrischen Befehle ertheilt. Wie stumm und alterbeladen er sich auch zeigt, ist er dennoch das Leben und Getrieb der ruhelosen Erdenmaschine. Worin seine Weisheit besteht, weiß Keiner – sich selbst ein Mysterium, enthüllt er keins; und sein ist das dunkle, unerbittliche, undurchdringliche Amt, von welchem die vor der 71 unsichtbaren Gewalt desselben zurückbebenden Menschen ihren Traum von einem Schicksal herleiteten, oder durch welches, von solchen Menschen, die die Blindheit in der Gewalt wahrnahmen, der Begriff ›Zufall‹ aufgestellt ward. – Er selbst aber ist – namenlos! « Während ich hinstarrte, fühlte ich mich von dannen gehoben. Der Greis entschwand nach und nach meinem Blicke, und die heulende Windsbraut, die durch die Schneckenhöhle von der Oberwelt herab fuhr, verhallte in meinem Ohre wie das Rauschen eines fernen Wasserfalles. Unsere Wanderung ging jetzt aufwärts, so daß, indem wir durch eine der vielen Klüfte schossen, die sich in den unabsehbar hohen Felswänden befanden, wir einem Lichte entgegenglitten, das freundlicher als jenes war, in welchem ich mich vorhin befunden hatte. Inmitten dieses Lichtscheins versenkt, gewahrte ich mich plötzlich in einer wunderschönen Stadt, die keineswegs den düstern, unmittelbar aus den Händen der Natur hervorgegangenen Felspalästen glich, welche ich so eben durchwandert hatte, sondern ich sah mich in einer von Menschenhänden zu Menschenwohnungen erbaueten Stadt. Märkte, Schauspielhäuser, Bäder gewahrte mein Blick. Immer aber bemerkte ich, daß über mir kein Lufthimmel war, sondern daß das Licht, durch welches der Ort erleuchtet wurde, irgend einem unsichtbaren Quell entströmte; allein es war ein heiteres, ein rosiges Licht, wie es dem Begegnen der Liebenden oder einem Lustgelag in paradiesischen Gärten leuchten soll. Und Alles umher, die Form 72 der Gebäude, die Inschriften an den Mauern, die Anlage der Straßen – Alles war mir fremdartig, doch ersichtlich menschlichen Ursprunges. – »Und welch neues Wunder, o Zauberer. ist dies?« fragte ich; allein der Zauberer war fort, und mir zur Seite stand Asmodeus, der seiner Nase zu einer Prise Taback verhalf. »Gehorsamer Diener, Sir,« sagte der Teufel kaltblütig; »nachdem Sie so lange die Figuren der Zeiger beobachtet haben, sagen Sie mir gefälligst, was Sie jetzt von dem Uhrwerke halten.« »Asmodeus!« rief ich, »bist Du's wirklich? Welche Gesichte hab' ich gesehen? und wo ist der mächtige Zauberer?« »Fort. Ihm behagt dieser lichtvolle Aufenthalt nicht. Die Menschheit aber in Deiner untergeordneten Gestalt vermag nicht für längere Zeit die feierlichen Wunder zu ertragen, die anzustaunen Dir verstattet worden ist. Kosem Kesamim hat deshalb Dich freundwillig hieher geführt, daß Du ein wenig ausruhen und vielleicht tüchtig werden mögest, mehr von den düstern Mysterien seiner Weisheit zu erfahren. Mittlerweile befindest Du Dich in einer Stadt, die besuchen zu dürfen, ein Alterthumsforscher sich beide Ohren abschneiden lassen würde. Wisse, daß über Dir eine östliche Sonne leuchtet, und daß diese stattlichen Gebäude sich um ein Weniges unterhalb der Oberfläche der Erde befinden.« »Und ist diese Stadt das Werk Kesamims?« 73 »Kikelkakel!« versetzte Asmodeus beißend, »das Werk etlicher Maurer und Zimmerer, die vor etwa viertausend Jahren auf der Erde lebten, ist sie, und weiter nichts. In geringer Entfernung von dem Orte, an welchem sie droben stand, erhebt sich ein hoher Berg, der ehemals ein Vulkan war, dessen Flammen zwar seit dreißig und einigen Jahrhunderten auftrockneten, der jedoch zuvor noch in einer Stunde der Lust und des Schwelgens sich diese Stadt zur Beute nahm. Ueber sie hin zieht jetzt der Kameeltreiber, und Niemand, nicht einmal die Sage, weiß von ihrem Vorhandenseyn. Sie ist kein gemeines Pompeji, kein abgedroschenes Herkulanum, sondern ein Schatz, der nur uns und unseren angenehmen Freundinnen, den Hexen, bekannt ist.« »Ha! so wohnen sie hier?« sagte ich erfreut – »Bei meinem Leben! sie verrathen einen trefflichen Geschmack.« »Und hier,« fuhr der Teufel fort, indem er in eine allerliebste Junggesellenwohnung trat, wohin ich ihm auf dem Fuße folgte – »hier ist Dein Quartier. Ich habe Dir Deinen Ankleidetisch aufgeputzt, und auf der breitschulterigen Seele des Herzogs von ***, denen keine Last jemals zu schwer war, Deine Garderobe Dir nachkommen lassen.« »Excellenter Teufel, der Du bist!« rief ich mit freudevollem Dank aus. Und ein allerliebstes Ankleidezimmer war es, in welchem ich mich befand. Gewaltige Stutzer muß es in 74 jenen Tagen gegeben haben! Da fanden sich eine Badewanne aus weißem Marmor, ein Spiegel aus polirtem Stahl, Simse mit bronzenen Vasen, Tische mit Lockenbrennzangen, Zahnbürsten und Schminktöpfchen und Wachstäfelchen für die Augenbrauen, wenn gleich diese Täfelchen etwas altershart waren. Man hätte glauben sollen, sich im Boudoir der Herzogin von *** zu befinden. »Du warst im Irrthum, Asmodeus,« sagt' ich, »dies ist sicherlich einer Dame Zimmer gewesen.« »Nicht doch! ich erinnere mich sehr wohl des damaligen Eigners – er war einer meiner vertrautesten Freunde, und – ich kann d'rauf schwören – ein › beau garçon! ‹ Er färbte just sein Haar, wie die damalige Mode es erheischte, seegrün, als die Lavafluth über ihn hereinbrach. Jetzt jedoch bediene dich – hier steht ein Frühstück für Dich. Die Hexen schicken immer eine aus ihrer Sippschaft nach Leckereien aus dem Palais Royal zu Markte – Du kennst den Eckladen. Während Du Dein Frühmahl verzehrst – Du siehst, es steht anlockend in der Fensternische – erzähl' ich Dir etwas von dem was es aus der Oberwelt Neues gibt.« »Ganz recht, zumal von London,« fiel ich ein. »Zuvor aber kläre mir auf, wie Du hieher kamst. Jesdah äußerte, Du bedürftest dazu einer besonderen Erlaubniß. Erhieltst Du diese? und von wem?« »Jesdah sagte Dir die Wahrheit,« antwortete Asmodeus, Kosem Kesamim beschied mich zu sich, als ich 75 mich zu Cincinnati in einem Hause befand, in welchem Mrs. Trollope's Buch über Amerika eintraf.« »Ah! ein drolliges Buch, das aber voll von Abgeschmacktheiten steckt,« fiel ich ein. »Ein Werk aus der Feder dieser Dame gleicht dem Spiel eines Pantalon; man lacht über die Possen, mögte sie aber um aller Welt Schätze willen nicht selber reißen.« »Die Amerikaner,« bemerkte der Teufel, »haben zu verstehen gegeben, sie würden die reisende Dame nicht angenehm empfangen, im Fall sie sich wieder bei ihnen blicken ließ.« »Die Amerikaner haben Recht,« versetzte ich, »wenn Du Dich hinsetztest Asmodeus, und beschriebst die Sitten und Gebräuche zu Wapping und Shoreditch und nenntest alsdann Dein Buch ›England wie es ist,‹ so würdest Du nur in die Fußstapfen der Dame Trollope treten. Ueberhaupt,« setzt' ich hinzu, »kann eine Nation über ihre eigenen conventionellen Sitten nur selber aburtheilen, nicht aber kann Eine Nation die andere tadeln. Der muntere Franzos scheint dem gravitätischen Türken die gemeinste Bestie von der Welt zu seyn. Bestialität des Geistes , nicht aber der Sitten , ist die einzige Gemeinheit, derer eine Nation von einem Nachbarnvolke angeklagt werden kann. Der Gemeinheit der Sitten klagt Mrs. Trollope die Amerikaner an – wie abgeschmackt! Die Ständegleichheit der Amerikaner straft von vorn herein solche Anklage Lügen, denn geistige Pöbelhaftigkeit hält auf Ahnen, auf Rang und Reichthum. 76 Die Reinheit der politischen Götzen Amerikas deutet aber geradezu auf eine gewisse Geistesgröße. Nicht gemeine Seelen können die seyn, die einen Franklin zu würdigen verstanden und einen Washington verehren! Die Amerikaner zeigen auf ihre Städte, auf ihren Senat, auf ihre öffentlichen Institute, auf ihre Volkserziehung, auf ihr wohlfeiles Brod, und Mrs. Trollope spottet sie aus und sagt, die Männer Amerikas essen in Einem, die Frauen in einem anderen Zimmer zu Abend – wie albern! Die Amerikaner zeigen auf einen Koloß, und Mrs. Trollope spöttelt über den Ring, den dieser an seinem kleinen Finger trägt. Während auf solche Weise Mrs. Trollope über die Amerikaner herfällt, läßt ein feinerer und geschickterer Kopf als sie, der Fürst Pückler-Muskau, ein eben so streng aburthelndes Werk über Erziehung und Sitten der Engländer erscheinen; dennoch ist es keinem Reisenden möglich einen › arbiter elegantiarum ‹ irgend eines Landes außer seinem eigenen Lande abzugeben. Der Franzose, der in ein Schnupftuch spuckt, das er auf Armes Länge von sich hält, ist uns Engländern das › nec plus ultra ‹ der Pöbelhaftigkeit; der Engländer, der, einen Rockschooß unter jedem Arm, seinen ›hinteren Menschen,‹ den er doch sonst, wenn er den Damen den Hof macht, sorgfältig ungezeigt läßt, vor dem Kaminfeuer sich erquicken läßt, ist dem Franzosen ein Greuel. Wir Engländer nannten König Georg den Vierten den feinsten › gentleman ‹ in Europa, und die verbündeten Monarchen, als sie ihn in London sahen, hielten ihn 77 für die Quintessenz des › mauvais ton. ‹ Ich erinnere mich eines trefflichen Beispiels von dem Unterschiede zwischen conventioneller und geistiger Gemeinheit. Es findet sich in den unlängst erschienenen Memoiren von James Campbell. Sir James besucht Voltaire, doch – wie selbst zu versichern er die wunderliche Dreistigkeit hat – nicht um den Mann zu bewundern, sondern in dessen Wildbahn zu jagen. Sir James erzählt nun weiter: ›Eines Tags bei Tische zerlegt Voltaire ein Rebhuhn, nachdem er zuvor seine Gabel in das Huhn und dann in den Mund gesteckt hatte, vielleicht um zu erproben, ob die › fumette ‹ nach seinem Wunsche war. Es versteht sich, daß ich nichts von dem Rebhuhn aß, und als Voltaire mich nach der Ursache deshalb fragte, sagte ich ihm rund heraus, ›daß ich nicht von einem Gericht essen mögte, das er mit einer Gabel vorlegte, die so eben in seinem Munde gewesen war.‹ Hier haben wir in Voltaire die conventionelle Pöbelhaftigkeit, die zwar höchst unangenehm ist, jedoch von keiner Herzenshärtigkeit zeigt, und in dem engländischen Reisenden, dessen stolzester Lebenstag der hätte gewesen seyn sollen, an welchem er den Philosophen von Ferney besuchte, sehen wir die geistige Gemeinheit, die vorsätzlicherweise beleidigend wird. Doch bin ich mit unserem Beispiele noch nicht zu Ende. Voltaire, weit entfernt, daß üble Erziehung seinerseits zu suchen wäre, versetzt mit sardonischem Lachen, daß die Engländer doch wunderliche Leute wären und sonderbare Gewohnheiten hätten. – Dies in Betreff des Urtheils, daß das eine Land 78 über die Sitten eines anderen Landes fällt. Dann weiter in der Parallele: ›Diese kleine Scene,‹ fährt Sir Campbell in allem schuldlosen Ergötzen an sich selber fort – ›diese kleine Scene hinderte mich jedoch nicht gelegentlich bei Voltaire zu Mittag zu essen und in seiner Wildbahn zu jagen.‹ Ich glaub's ihm wohl, und in diesem seinem Thun und in seinem Bemerken desselben liegt die wahrhaftige Seele der geistigen Pöbelhaftigkeit, die über den Witz ihrer eigenen Erbärmlichkeit selbstbehaglich lacht!« »Lassen wir dieses Spintisiren,« sagte der Teufel gähnend. »Ich habe eine Neuigkeit für Dich – Goethe ist gestorben.« »Goethe todt?« rief ich. »So ist der große Geist dahingeschieden?« »Ja wohl, und engländische Zeitungen und das junge Deutschland meinen, er sei doch bei alldem nur ein erbärmlicher Kerl gewesen.« »Meinen sie's? O der selber Erbärmlichen! Welche wundersamen Schätze hat Goethe hinterlassen. Jedes seiner Werke klärt einen besonderen Gedankengang auf! Sein Werther – sein Wilhelm Meister – sein Faust – wie trefflich jeder – wie verschieden Einer von dem Andern!« »Nichts destoweniger,« sagte Asmodeus, »ist der Wilhelm Meister doch ein auffallend dummer Roman –« »Eines Teufels Urtheil!« rief ich. »Jedes der Werke des unsterblichen Goethe ist gleich einem ruhigen Strome, der Gold mit sich führt; der Strom fließt 79 vorüber, aber das Gold bleibt zurück und zeigt an, wo das Gewässer floß; denn nachdem man ein Werk Goethes gelesen hat, fühlt man sich durch dasselbe wahrhaft bereichert. Wilhelm Meister ist für die Wissenschaft des Denkens, was Gil Blas für die Wissenschaft der Weltkenntniß ist. Friede mit der Asche eines Mannes, der nicht seines Gleichen hatte, und der eben deswegen von der Unwissenheit, von der Halbwisserei und dem Dünkel angefeindet wird.« Der Teufel konnte oder wollte mir hierauf nichts erwidern, und unser Gespräch hatte für diesmal ein Ende. Ich hatte meine Toilette beendigt, und wir gingen Arm in Arm, um den Hexen unsere Aufwartung zu machen. Neuntes Kapitel. Es ist keineswegs Tendenz dieser meiner Blätter, sich anders als skizzenhaft zu geben. So mag der Leser immerhin Lücken in meiner Erzählung zu gewahren glauben; denn nicht Alles, was ich sah und hörte und erfuhr und besprach und beplauderte, kann für ihn Interesse haben, so übergehe ich natürlich Manches dergleichen – Manches? Ich sollte sagen Vieles, denn welche mir köstliche Scenen erlebte und verlebte ich mit den Hexen! welche herrliche Stunden verstrichen mir bei meiner Jesdah! – Ja, ja, lieber Leser, ich befinde mich noch 80 immer in jener alten versunkenen Stadt mit ihren prächtig hohen Arkaden, ihren Tempeln aus Porphyr, ihren schweigsamen Springbrunnen, ihren echolosen Ebenen. Jeder Abend vergeht mir bei dem angenehmsten Geschnatter mit den Hexen über den Roman, das Anekdotenhafte und Lästervolle der Vergangenheit; Geschichten werden aufgewärmt, die von der Zeit so weit weggestauet worden sind, als sollten sie nimmermehr wieder an das Tageslicht des Gesprächsstoffs gezogen werden. Die Liebschaften aller Höfe von den ägyptischen Ptolemäern bis herunter zur engländischen Königin Anna (denn seit dieser letzteren Periode ist keine Hexe mehr in die Freiliste zu Kyprolis – so heißt die Stadt, in der ich mich aufhalte – eingetragen worden) – werden mir mit der aufregendsten Munterkeit erzählt! Ich höre zu, zucke die Achseln, schwöre, daß die Welt bereits in jenen Tagen im Argen lag, und bitte Jesdah um Erlaubniß, sie von der neuesten Mode im Küssen praktisch in Kenntniß zu setzen. Glückliche Stunden! Ein Mann unter so vielen Frauenzimmern, wenn diese auch Hexen sind, braucht eben kein Zauberer zu seyn, um ein wenig nachgesucht zu werden. Glückliche Stunden – wie auf einen Traum werde ich später auf Euch zurückblicken! Dennoch seyd Ihr Wirklichkeiten, und ich werde Eurer völlig so gedenken, wie jemals ein Mensch der Vergangenheit gedachte, in der er ehemals lebte. Ich gedenke Eurer, so wie ein Rector des Griechischen, ein Politiker des Publikums, so wie die Welt der Tugend, und die Tugend der Welt 81 gedenkt. Allein wie viel Hohlköpfe wird es geben, die da sprechen, ich belüge sie; die da behaupten, ich sah nimmer meine Jesdah, sprach nimmer mit Kosem Kesamim; die da schwören mögten, Asmodeus existire nicht, und meine Lebensgeschichte, mein eignes, gedankenvolles, buntes, abenteuerreiches Leben sey nichts als ein Halbquent Dinte, die aus einem Gänsekiel in gewisser Regelmäßigkeit über etliche Bogen Papier hinlief. Ach! was ist denn Wirkliches, wenn es der Geist nicht ist? Ist das, was in den dunkelhellen oder helldunkeln Kammern unseres verfallenden Gedächtnisses modernd und unbeachtet liegt, denn wirklicher, erfaßbarer, lebendiger, als die lichten Geschöpfe unserer Phantasie es sind? Nein! Phantasie ist ein Leben an sich selbst, und die Welt, die wir durch sie uns verschaffen, enthält mehr Wahres als diejenige Welt, die für uns erschaffen worden ist; und der Allerbarmer verlieh uns die Segnung unserer Imagination als ein Gegengewicht zu den Trübsalen der Erfahrung. Und tagtäglich wanderte ich zwischen jenen Ruinen umher, und entzifferte mit Hülfe der Hexengelehrsamkeit die viertausend Jahre alte Sprache der Schriften an manchem Gemäuer und auf manchem Archivpergament. Hier erkannte ich, wie das Wissen von Menschenalter zu Menschenalter gleich einem Strome drang, der durch unsere Sterblichkeit – sichtbar in seinem Laufe, aber unerforscht in seinen Quellen – rinnt; denn in jenen Schriftrollen gewahrte ich die Lehrsätze, deren die Griechen sich rühmten, gewahrte darin deren schöne Gedanken, 82 deren hohe und fesselnde Träume in aller üppigen Bildnerei des Morgenlandes. Und an jedem Morgen bei'm Frühstücke, ehe ich mich an meine Streifereien begab, kam mein aufmerksamer Teufel, und brachte mir Kunde in Fülle von der Oberwelt, so daß ich mit ihm über das Getreibe derselben schwatzte, als wäre ich noch immer ihr Mitbewohner. Halb kritisirend, halb achtlos, durchblätterte ich dann mit Asmodeus die neuen Bücher und Zeitschriften, die er mir aus den circulirenden Bibliotheken der Oberwelt mitbrachte; bisweilen auch belustigte ich mich mit meinem gesprächigen Genossen, diejenigen Weltzirkel zu beschwatzen, die zu meinem größten Erstaunen in ihrem blühenden Zustande blieben, ohne daß ich mich noch in ihnen befand. Ich lachte über den Aerger, womit Asmodeus auf die abscheuliche Carricatur blickte, die man aus seinem Bruder Teufel im Opernhause macht, wo, wie Asmodeus mir versicherte, eine Vorstellung unter dem Titel »Robert der Teufel« eine halbe Nacht hindurch eine Musik ohne Tiefbedeutung, und eine Begebenheit ohne alles Interesse hinschleppt. Wahrlich! die Bühnenprinzipale unserer Zeit müssen ganze Helden seyn, denn sie verstehen es, die Zuschauer durch den Teufel ärger zu langweilen, als sie durch den Teufel gequält werden können, und wissen's noch obendrein so einzurichten, daß eben diese Zuschauer es gar nicht wissen wollen, daß sie sich langweilen. – Robert le Diable ist einmal Mode, und die grande société kann und will platterdings an und in 83 der Mode nichts Langweiliges finden – glückliche grande société – geistvolle Theaterprinzipale! Eines Morgens brachte Asmodeus, nebst anderen Novitäten, mir auch eine ganze Ladung sogenannter »Pfennigmagazine« zur Durchsicht mit. – Welche Fülle der Unterhaltung kann man jetzt für einen Groschen kaufen – ein Laubthaler reicht hin, eine ganze Bibliothek voll Weisheit einzutauschen, und noch sieben Groschen baar wieder herauszubekommen. Ein Spint- oder Zehn-Pfund-Brod kostet sechs bis acht Groschen, und hält drei Tage vor – die Nummer eines Magazins kostet einen Pfennig, und versorgt mit Gedankenspeise für ein Halbjahr. – O Segen der Pfennigsmagazine und der – Conversations-Lexica! Selten vergeht in Kyprolis ein Tag, an welchem Kosem Kesamim nicht zum Besuche käme. Bisweilen, wenn ich meinen Blick erhebe, und es am wenigsten erwarte, sehe ich seine dunkle, unklare, ehrfurchterregende Gestalt im entlegensten Winkel meines unterirdischen Gemaches. Dann und wann spricht er zu mir über hohe und mystische Gegenstände, so daß ich nur stoßweise und in krampfhafter Geistesanstrengung seinen schattenartigen Worten folgen kann, bis er allmälig, und manchmal, ohne ein einziges Wort geredet zu haben, vor meinem Blicke zurückweicht, und wie ein Dunst meinen Augen entschwindet. Die Hexen alle sprechen von ihm mit Bewunderung und Ehrfurcht; sie legen einstimmig ihm menschliche und lebende Gestalt bei, betrachten ihn jedoch 84 als mit übermenschlichen Kräften begabt, durch die er der Gewalt des Todes Herr ward. Dazu kommt, daß dieser gefürchtete und seltsame Magier die Macht besaß und besitzt, in jedem Lande und in jeglichem Jahrhundert ein menschliches Wesen, so männlichen wie weiblichen Geschlechts, auszuwählen, um es, falls der oder die Gewählte es will, als Zauberer oder als Hexe – obwohl für immer dem gewöhnlichen Treiben der Erdbewohner entzogen – in dies übernatürliche Leben und an diesen von keinem sterblichen Auge zu erblickenden Aufenthaltsort zu versetzen. So umringt Kosem Kesamim von Säculum zu Säculum sich mit einem grotesken, buntscheckigen Hofstaat, der zum Beweise von der Dauer seines vereinsamten und wunderbaren Lebens dient. Diese seine Höflinge oder Unterthanen walten und weben vertheilt in verschiedenen Höhlen und Schluchten der Erde, und treffen nur Einmal im Jahre bei feierlicher Gelegenheit stattlich zusammen. Hierin besteht das große Ereigniß des Hexenlebens, obwohl dieses mancherlei geringere Galatage zählt, und sonach ganz angenehm hingebracht wird, sobald man dabei in Erwägung zieht, daß die Damen und Herren eben so von einander gesondert leben, als Mrs. Trollope's Amerikaner. Ich, für meine Person, halte mich hier zum Theil nur noch auf, um, wenn möglich, noch hinter andere Mysterien zu kommen, indem die, hinter welche ich bereits kam, mir allgemach zu ganz einfachen Thatsachen zusammenschrumpfen, und meinen Mitbewohnern in Kyprolis alltägliche Dinge sind. – 85 Mysterium. Hochklingendes Wort – Apologie unserer Unwissenheit; nichts weiter. Unser unvollkommenes Sehvermögen läßt uns Ungeheuer erblicken und spiegelt uns Gespenster vor. Ist in der dunkeln Existenz des Magiers Kosem Kesamim, in der Lebensweise an seinem Hofe, in diesen stillen Räumen zwischen vergessenen Marmorwänden, von denen ich mich umgeben sehe, denn mehr Mysterium als in dem lebendigen Gewühl, das ein Wassertropfen enthält? mehr als in dem Wachsthum eines Baumes vor unserem Fenster? mehr als in der ewigen Wiederkehr der Jahreszeiten, unter der hinweg wir unmerklich vom Leben zum Tode gleiten? Was ist denn nun Mysterium? Alltägliches! – »Alltägliches!« welche Magie liegt in diesem einzigen Worte. Ich lebe noch immer der Hoffnung, Kosem Kesamims Lebensgeschichte von dessen eigenen Lippen erzählen zu hören – – – Während ich diese Worte in mein Tagebuch schrieb, blickte ich zufällig auf, und sah den Magier vor mir stehen. »Willst Du wirklich lernen?« fragte er mich mit jener wehklagenden Stimme, die die Nichtigkeit alles Wissens auszuhauchen schien – »willst Du wirklich das Geheimniß des Lebens dessen erkunden, der die gewöhnlichen Gesetze bewältigte, durch die das Menschengeschlecht in seine Schranken zurückgehalten wird? Willst Du wirklich lernen den Tod besiegen, so – –« Der Magier war bis zu diesem »so« in seiner Rede 86 gekommen, als eine seltsame Erscheinung, vor der er zu erschrecken schien, vor ihm und mir aufschwebte – es war eine wirkliche Gestalt oder doch eine einem Weibe ähnliche Gestalt, aber von riesenhafter Größe. Ihr Antlitz wies sich schön, jedoch ernst und schauerlich, denn eine tiefe, leichenähnliche Ruhe schien auf demselben zu lagern. Sie trug auf ihrem Haupt ein mattleuchtendes Diadem, unter welchem ihre dunkeln, sorgfältig gescheitelten und geringelten Locken majestätisch herabwallten. Das Diadem schien aus Licht gewoben oder geflochten zu seyn, denn es war unerfaßbar und zitternd, und als das dem Stein ähnliche, regunglose und ruhevolle Gesicht uns anblickte, erinnerte es mich an die Bilder jener gigantischen Sphynxe, deren Abbildungen die göttliche Verehrung überlebten, die ihnen dargebracht worden ist; mehr aber noch ward ich dadurch an schwankende und unzuerklärende Träume erinnert, die mir vor vielen Jahren, jedoch nicht in meiner gegenwärtigen Existenz gekommen waren – ein schwaches, unklares, verworrenes Rückerinnern, das die Seele aus den Trümmern eines vormaligen Daseins sich gewann. Die Gestalt dieser weiblichen Erscheinung aber war nicht von Fleisch und Bein, sondern durchsichtig und ätherisch, so daß durch ihr nebelartiges Gewand das Mondlicht wie durch einen Schatten drang. Und eine Stimme entwallte des Weibes Lippen, wiewohl diese sich nicht regten, und die Stimme sprach: »Mächtigster der Magier der Erde, willst Du Dich erkühnen, ohne meine ausdrückliche Zustimmung meine 87 Geheimnisse zu enthüllen? Bin ich nicht aller Mysterien Hütherin? Ist nicht mein Busen das Vorrathhaus alles Dunkeln? Warum willst Du die Trümmer, die Jahrhunderte lang im Oceane der Zeit modern, an's Licht des Tages ziehen, ohne mir, der sie angehören, zu huldigen?« »Erhabener Geist der Vergangenheit, den ich verkörpert vor mir sehe,« sagte Kosem Kesamim, »vergib mir, wenn ich irrte. Du aber, unirdisch und leidenschaftlos wie Du bist, kennst nicht die Segnung, die sich in eine Menschenbrust senkt, wenn sie einer anderen ihre Rückerinnerungen mittheilt.« »Armselig und unwürdig ist solche Mittheilung,« versetzte Dame Vergangenheit – »und zeugt von einer Empfindsamkeit, die dem Menschentrosse, der seine Alltagssorgen und schwindenden Freudengenüsse mit einander theilt, nicht aber dem vereinsamten und genossenlosen Herrn der Natur, dem Magier der Magier geziemt. Du aber, junger Sterblicher,« fuhr die Gespenstische zu mir gewendet fort – »weißt Du, daß Enthüllung solcher Mysterien den Tod des Leibes für Dich mit sich führt? Keiner, außer ihm, der neben Dir steht und den Tod überwunden hat, kann solche Mysterien vernehmen und leben. Sieh Dich also vor, ehe Du aufhorchst und mit Deinen Ohren das Gift Deines Erdendaseyns einschlürfest?« Ich blickte starr auf den Zauberer, und sah wie des Geistes Wort ihn betroffen machte. Nach kurzer Pause, während ich wie erstarrt dastand, sagte Kosem Kesamim – 88 »Die Vergangenheit spricht Wahrheit. O Sterblicher! willst Du weise seyn und sterben, oder willst Du gleich Deiner Brüderschaft blind bleiben und leben?« Ich kann Dir versichern, mein gefälliger Leser, daß diese Worte mir höchst mißfällig waren; denn für wundersam ungerecht hielt ich es, daß Geschichten aus der Vorzeit, durch die andre Leute nur in Schlaf gelullt werden, mich in die Arme des minder angenehmen Bruders des Schlafes überantworten sollten. – War ich und bin ich denn schlechter als der Verfasser des Buches **** oder als der Redacteur des ***sblatts oder gar als der Herausgeber der Neuen Zeitung in ***? Dergleichen Gedanken wurmten mich nicht wenig, so daß ich rund heraus sprach – »Kosem Kesamim,« sagt' ich, »es freut mich außerordentlich, daß Du mir die Wahl ließest, ehe es zu spät zum Wählen ward; und höchlich bin ich dieser schönen ›Lady‹ verbunden, daß sie mir noch zeitig genug die Folgen des Forschens nach Weisheit kundmachte. Mit Dero beiderseitiger Erlaubniß will ich demnach vor der Hand mich für Unwissenheit und ein vernünftiglanges Leben bestimmen. Wenn meine Jugend dahin seyn wird und der goldene Kelch des Genusses mir nur noch seine Hefe beut, wird es mich glücklich machen das Entgegengesetzte oder die Kehrseite dieser Schaumünze zu wählen, und des hohen Alters sonnenlose Tage für das Wissen hinzugeben, welches Du, o Kosem Kesamim, mir verleihen kannst. 89 Für jetzt genügen Liebe, Abenteuer und Belustigungen Deinem durchaus unehrgeizigen Knechte.« »Du hast geurtheilt und beschlossen, wie Alltagsmenschen urtheilen und beschließen,« antwortete Kesamim mit Kälte, während jedoch durch seine schattigen und unzuunterscheidenden Mienen ein Strahl lebendigen Feuers zuckte. »Du selber bist es auch, der sich die Pforten meines Reiches verschleußt;« und indem er seine Arme aufhob, fuhr er in leisem und überaus mildem Tone fort – »Mystischer, einlullender Aether Du, der Du die Welt der Nacht durchdringest, der Du mit geheimer und holder Macht die Erde umkreiset hältst, dessen Einfluß sich von der Kelchestiefe der Blüthe bis zu dem ruhelosen Herzen des Menschen erstreckt, und der Du das Leben nur stocken lässest, um es zu erneuen – feierlicher, heiliger Schlaf komm heran, und schließe in Deine thauigen und zarten Arme die Seele dieses Deines Vasallen! Für mich, weißest Du, bist Du nicht da. – Gleichwie der Strom Tag und Nacht dahin wogt, gleich dem Feuer, das im Busen des Vulkans der Mond mit seinem feuchtkalten Scheine nicht zu löschen vermag – vermagst auch über mich Du nichts; Dein Geist hat keine Herrschaft über den meinigen.« Als Kosem dies sprach, und während seine letzten Worte wie ferner Sang in meinen Ohren schrillten, bemächtigte sich meiner der Schlummer. Magier und Dame entschwanden meinem Blick – ich war allein mit dem Schlafe. 90 Zehntes Kapitel. Ich erwachte mit einem seltsamen Gefühle von Schwäche und Mattigkeit, und als ich meine mich trübe bedünkenden Augen aufschlug, erblickte ich die Wände und das Geräth meines Schlafzimmers in London. Neben mir aber saß Asmodeus und beschäftigte sich mit seiner Lieblingslectüre – der Sonntagszeitung. »Ah!« sagt' ich, und streckte mich so weidlich aus, daß ich anfänglich glaubte, meines Leibes Länge sey durch des Magiers Bosheit um ein so Ansehnliches vergrößert worden, daß ich mich von einem Ende bis zum anderen des Gemaches würde dehnen können. – »Ah, lieber Asmodeus,« sagte ich, »wie gemüthlich ist mir's doch, mich wieder auf der Erde zu gewahren! Bei alldem taugen dergleichen romantische Wunder nur für eine kurze Zeit. Nichts geht über London, wenn man auf eine Zeitlang abwesend war, um einem Aufsuchen des Pittoresken nachzujagen!« »Allerdings ist London ein entzückender Ort,« sagte der Teufel; »meine gesammte Brüderschaft hat ihn über die Maßen gern, obschon die Pariser ihn langweilig schelten. Welch ein Beweis von der Eitelkeit der Vaterlandsliebe! In London giebt es Laster genug, um London jedem vernünftigen Menschen höchst angenehm zu machen.« »Auch ist London,« rief ich, »ungleich lebendiger, ungleich reicher, ungleich heiterer als Paris, und scheint 91 es so, nachdem man Paris gesehen hat, wie viel mehr muß es so scheinen, nachdem man einen Besuch im Mittelpunkte der Erde abgestattet hat. – Mit Deiner Erlaubniß, Asmodeus, vollende ich jetzt meine Toilette, frühstücke hurtig, und mache dann mit Dir unseren Morgenschlendergang.« »O liebes, liebes, selbst im Oktober liebes London! Regentenstraße, ich grüße Dich! Bandstraße, gute Alte, wie geht sich's in Dir, Und Du, vieltheure Oxfordstraße, die der ›Opiumschlucker‹ – ›steinherzig‹ nennt, und die ich, der ich kein Opium schlucke, sondern so spreche wie's mir um's Herz ist, jederzeit als die freundlichste und mütterlichste aller Straßen, als die Straße des Mittelstandes betrachten werde, die geschäftig sonder Getös, die wohlhabend ohne zu prunken ist. O, der hübschen Knöchel, die über Dein Pflaster trippeln! O, der wunderlichen Provinzialhauben, die zu Deinen Fenstern herausgucken, deren Vorhänge aus gelbem Shirting zu dritthalb Pence die Elle gemacht sind! Du edle Bürgerstraße weißt nichts von Oligarchieen, nichts vom Unterschiede der Stände; freigebig auch bist Du wie die Luft, und höflich gegen Jeden, der irgend noch einen Schilling in seiner Tasche hat, und wer gar nichts in seiner Tasche hat, warum lebt der denn überhaupt?« »Darüber wundere ich mich eben nicht,« sagte Asmodeus; »nicht ist's zum Verwundern, daß der Arme lebt, wohl aber wo er lebt, denn in jedem Kirchspiele der Stadt sehe ich Anschlagezettel, welche proclamiren, 92 daß einem ›Vagranten‹, das ist Einem, der seine Wohnung nicht bezahlen kann, nicht gestattet ist im Stadtviertel zu bleiben. Wo also bleibt er nun? Ist solch ein ›Vagrant‹ nicht gleichsam ein Fuchs, der gehetzt, und zwar von einem Rudel respectabler Leute gehetzt wird, die in schmucken Häusern wohnen und wie sie's nennen, ›was vor sich gebracht haben.‹ Solche Hetzjagd würde bald alle ›Vagranten‹ zum Lande hinausschaffen, vollends wenn der König auf den Pelz oder Kopf eines jeden Vagranten eine Prämie setzte, etwa wie sie vor etlichen Jahren auf die Pelze und Klauen der Wölfe gesetzt ward; denn frißt ein Wolf wohl so viel als ein Bettler? Kann ein Wolf beschwerlicher, hungriger und nutzloser seyn als ein Bettler? Mitnichten! Die Respectabeln haben vollkommen Recht, wenn sie den Werth des Menschen nach dessen Reichthum bestimmen; denn ein Mensch, der keinen Schilling im Vermögen hat, muß ja zum Halunken werden – ist ja schon einer. Er muß von seinem Witze, seinem Scharfsinn, seiner Schlauheit leben, und eines Menschen Witz und Scharfsinn und Schlauheit haben kein Gewissen, sobald der Magen solches Menschen bellt. Wir in der Hölle sind allesammt arm, blutarm; denn ›wenn wir reich wären,‹ spricht Satan höchst verständig, so würden wir allesammt Müssiggänger werden, und alsdann unser Reich nicht bestehen, das heißt, wir würden kein Unheil stiften können. Aus diesem Grunde, sagt Hume, wie Du weißt, ist eine Landesgeistlichkeit in der Regel müssig, denn sie wird vom Volke bis an die Gurgel 93 vollgestopft, damit sie sich schlafen legen und so kein Unheil stiften mag.« Mich verdroß des Teufels satirische Laune, die ihn heute früh abermals angewandelt hatte; ärgerlich sagte ich zu ihm: »Hebe Dich weg mit Deinen Spitzreden gegen die Geistlichkeit, Dir kommen sonst die Londoner ›Pfennigmagazine,‹ die ›**sche Kirchenzeitung‹ und ›der ***dorfer Bote‹ über den Hals.« »Meint Ihr, Señor?« entgegnete Asmodeus. »Wohlan, so wollen wir von allgemeinen Bemerkungen ablassen und persönlich werden. Siehst Du dort den ältlichen Herrn, der grübelnd niederblickend sich um jene Hausecke wendet? Schau, wie er in sich hinein murmelnd die Lippen bewegt. Was meynst Du, worüber er brütet? Nimmermehr erräthst Du das! Er ist ein wanderndes Exempel von der auf den Gipfel ihrer Höhe gebrachten Lehrweise in öffentlichen Schulen; mit Einem Worte, der Mann macht lateinische Verse und Reden. Diese Macherei ist das Studium, die Beschäftigung, die Wonne seiner Existenz. Seine Seele atzt sich an Längen und Kürzen, und an rhetorischen Floskeln. Seitdem er die Schule verließ, hat er nichts Anderes gethan; er ist Professor an der Schule und dennoch selber noch ein Schuljunge, denn er thut nichts Anderes, als was er von seinen Schuljungen gethan haben will. Er besitzt ein hübsches Gütchen – ist von guter alter Herkunft; allein was ist ihm Eines wie das Andere? Er weiß nichts von 94 › grata arva ‹ außer in einer Elegie, nichts von › venerabile nomen ‹ außer in einer steifen Prunkrede, die in einer Zottelperrücke und engen Kniebändern einhergeht. Neue, praktische, tief in's Welt- und Menschen-Leben eingreifende Bücher verhöhnt er durch ein sarkastisches Citat aus seinen verschimmelten Lateinern; von Walter Scott hat er gehört, und hat dessen Namen im Casus Vocativus von › Scotus ‹ in einem Gedicht angebracht. Byron gilt ihm für unklassisch, und alle übrige Autoren der Welt sind ihm böhmische Dörfer. – Dennoch ist's nicht seine Schuld, denn ihm ist nichts Besseres gelehrt worden, als dies Exponiren alter, durchräucherter Autoren. Seine Lehrmeister käueten ihm vor, was ihnen von Commentatoren vor hundert Jahren vorgekäuet ward, und er käu't 's nun wiederum seinen Schulbuben vor – Unter dem gelehrten Vieh sind er und seines Gleichen die wiederkäuenden Bestien. Er ist einer von denen, die die klassischen Zwecke unserer gelehrten Erziehung ›bis auf den Buchstaben‹ erfüllen. Lateinische Antoren exponiren, ist ihm Ende und Ziel aller menschlichen Bildung – er glaubt als Mann, was man ihm lehrte, als er ein dummer Junge war; ist das nicht eben das, was durch Erziehung bewirkt werden soll? Heißt das nicht die Schulstudien durch das ganze Leben fortführen? Wahrhaftig! wenn die öffentlichen Schulen nicht einen Mann lebenslang zum Exponiren klassischer Autoren anhalten, so belügen sie sich selbst und thun eigentlich nichts, denn ich wüßte nicht, wozu sie sonst anhalten sollten! Trefflicher 95 alter Herr, der da um die Ecke bog! Mit seinem Ohr für falschen Rhythmus muß er nothwendiger Weise gesunde Ansichten von Welt und Leben haben. Aus dem ›Takte‹ kann er zuverlässig niemals kommen. Wie schade, daß es seiner nicht Viele giebt, und daß unsere heranreifende Studirende nicht allesammt aus ihrem Schulleben weiter nichts mitbringen, als das Studium der nützlichen Kunst, lateinische Daktylen und Spondeen an einander zu haken – » Ergo hominum genus incassum frustraque laboret – Semper, et in curis consumit inanibus aevum. « »Alle Wetter!« rief ich, »was ist das? Ein Teufel spottet über lateinische Versmacherei, und citirt dennoch den Lucretius.« »Lucretius! Hoho! der ist unser rechtmäßiges Eigenthum – die Mönche haben längst ihn uns überantwortet, weil er als ein Heide, der etwa sechszig Jahre vor Christus schrieb, nicht wie ein Christ schrieb. Da seh' mir Einer die Logik der Pfaffen! Doch von etwas Anderem! Betrachte Dir jene hübsche Dame in einem ›gewissen‹ Alter; die dort im grauseidenen Oberrock! Sieh, wie sie risch und sorglos einherschreitet – dafür ist sie sich aber, ihrer Meinung nach, einer Großthat einzig in ihrer Art bewußt. So wie es Menschen giebt, die nur Eine Idee haben, so ist sie eine Dame mit einer einzigen That. Sie ist eine talentvolle Schauspielerin. Vor einigen Jahren verliebte sich ein eben mündig gewordener junger Herr in sie. Der junge Herr behauptete 96 rechts und links hin, sie wäre das tugendhafteste Mädchen von der Welt, und ich brauche also nicht hinzuzufügen, daß sie eben deshalb ein von der Welt im höchsten Grade verlästertes Frauenzimmer war. Da die junge Dame jedoch vielleicht an der Jugend und der Unerfahrenheit ihres Anbeters Gefallen fand, beschloß sie zu beweisen, daß sie die gute Meinung verdiente, die er so arglos von ihr gefaßt hatte. Sie versagte ihm daher jede Vertraulichkeit außer der reinsten Freundschaft, nichtsdestoweniger aber machte sie sich kein Gewissen daraus, die köstlichsten Juwelen, Banknoten, eine prächtig eingerichtete Wohnung, Wagen und Pferde und dergleichen von ihm anzunehmen. Beunruhigt über diese verschwenderische Connexion des jungen Mannes, der sein Vermögen von einem Oheim geerbt hatte, eilen die Verwandten desselben nach der Stadt, um ihm die Augen zu öffnen; – vergebens. Endlich thut dies die Dame selbst. Außer seinem tollen Treiben mit seiner Liebschaft hatte der junge Mann sich auch dem Spiel ergeben, so daß Ruin ihm in's Antlitz starrt – verzweiflungsvoll überläßt er seine Habseligkeiten, und das Ordnen seiner Geldangelegenheiten seinem Vater, und empfängt dann von der Schauspielerin ein Schreiben des Inhalts: – ›Mein junger Freund. Ihre Unerfahrenheit hat mich entzückt, und zum Danke dafür will ich Ihnen Weisheit schenken. Wissen Sie, daß ich alles das bin, was die Welt sagt, daß 97 ich sey, und daß von dem, was Sie sagen, daß ich sey, nicht das Geringste bin; aber ich bin gefällig, gutherzig, edelsinnig, wodurch ich meine Fehler wieder gut mache, unter denen der größte der ist, daß ich mich meinem fünfunddreißigsten Jahre nähere. Ihre Verwandten sind erboßt gegen mich – Ihr Vermögen ist dahin – Ihre Geldnoth ist groß, und Ihr Herr Papa vermaledeit die listige Dirne, an die Sie so viel Geld verschwendeten. Ich mache Ihrem Herrn Papa dafür meinen besten Theaterknix. Beifolgend erhalten Sie alle Juwelen, die Schenkungsacte über das Haus und alle Banknoten, kurz Alles, was ich jemals von Ihnen erhielt, bis auf den Wagen zurück, den Sie als Cavalier nicht wohl zurücknehmen können. Alles Uebrige steckt in einem blauseidenen Beutel, welchen ich Ihnen zum Geschenk mache. Schämen Sie sich nicht der Zurücknahme. Ich nahm Alles nur als ein Darlehn an, und lachte Sie dabei von Herzen aus; ich sage, ich nahm Alles an, weil ich wußte, daß wenn Ihr Jugendwahn sich nicht an mir erschöpfte, er sich an einer Anderen und minder Uneigennützigen erschöpfen würde. Die Zeit, in welcher Sie die mir gegebenen Schnurrpfeifereien brauchen, ist jetzt gekommen, und – da sind sie! Behielt' ich sie, so würde ich Sie beschwindeln, denn Sie gaben sie mir in dem Glauben, ich wäre das Gegentheil von dem, was ich bin. Leben Sie wohl. Ich wollte Sie bitten, mich in meiner neuen Rolle zu sehen, doch denk' ich, wird's gerathener 98 seyn, uns für einige Jahre zu trennen. Reisen Sie in's Ausland – der Himmel segne Sie! Die Ihrige,‹ u. s. w.«         »Nahm der junge Mann die Effecten zurück?« »Er theilte den Brief seinem Vater mit, um diesem zu zeigen, wie arg man die Schauspielerin verlästert hatte – und der Vater, der des Jünglings Eitelkeit schmeichelte, zeigte diesem, was für ein Thor er gewesen war. Nein, der Sohn nahm die Geschenke nicht zurück, aber der Vater that es, und fertigte an die Schauspielerin ein ergebenstes Dankschreiben ab. Der junge Mann reisete in's Ausland, und ist um diese Zeit vermuthlich eben so altklug und eben so geizig als seine Verwandten. Du siehst, wie in seltenen Fällen auch schlechte Menschen trefflich handeln können. Aus Eitelkeit gab diese Dame sich den › éclat ‹, uneigennützig zu scheinen, und eben, weil ein Mensch sie hochschätzte, machte sie sich dieser Hochschätzung werth. – Doch, wir sind in zu entlegene Straßen gerathen; hier dürfte sich nichts Auffallendes unseren Blicken zeigen.« »Doch, doch,« fiel ich dem Teufel ein. »Sieh da den magern, ziemlich schmuck aussehenden Herrn – den da im blauen Rocke; er scheint überaus nachdenkend zu seyn. Wer und was ist er?« »Ein Mensch, der unlängst entdeckte, daß alle Gedanken, Hoffnungen und Träume seiner Jugend zunicht worden sind. In seinem dreiundzwanzigsten Jahre, dem 99 rechten Alter für diese Leidenschaft bei einem männlichen Wesen, verliebte er sich in ein schönes Mädchen, das, wie er für sie, ihr Leben für ihn hätte hingeben mögen. Beide waren arm – sie konnten einander nicht heirathen. Er ging nach Indien – mühete sich fünfzehn Jahre lang ab – trotzte dem Klima – schlug Geld zusammen – entsagte dabei jedem Vergnügen, – mied jegliche irgend überflüssige Ausgabe – blieb seiner Geliebten unverbrüchlich treu – kehrte endlich, mit Schätzen beladen, nach England zurück – eilt zu seiner geliebten Isabella, und findet sie –« »Todt?« »Nicht doch!« »Verheirathet!« »Eben so wenig, und doch fand er Schlimmeres. Er fand sie lebend und unvermählt, auch durch die Zeit nicht so sehr verwandelt, als er es vernünftiger Weise wohl hätte vermuthen können. Er ist bezaubert, er trägt sich nochmals an, er heirathet, und findet in dem Ideale seiner Träume, in der Göttin seiner Jugend eine zanksüchtige Widerbellerin, bei der er jetzt ein Hundeleben führt. Da hast Du ein Exempel von frühzeitiger Liebeswahl und von der Weisheit unverbrüchlicher Treue. Dennoch gebt Ihr poetische Sterbliche Euch ruhmredend über den schönen Gedanken von einem Pärchen, das nichts weiter von einander weiß, als daß Beide jung, hübsch und in einander verliebt sind, die die Tage ihrer Jugend verschleppen, um endlich diejenige bittere 100 Täuschung zu erfahren, die unter zehn solchen Heirathfällen neunmal eintritt.« »Ach, Asmodeus,« sagt' ich, »spotte nicht über die Mysterien der göttlichen Leidenschaft. Die Liebestreue hat hohe Reize, besonders wenn unsere Geliebte sie gegen uns übt. Vice versa hat sie allerdings etwas Langweiliges in sich. Uebrigens bin ich, die Wahrheit zu sagen, Asmodeus, sehr geneigt, zu glauben, daß eine wirklich redliche und leidenschaftliche Liebe, ungeachtet ihrer Täuschungen und Betrügereien, wenn es anders solche Liebe geben kann, mehr angenehmen Zeitvertreib mit sich führt, als mindestens jede andere unschuldige Belustigung .« »Ganz nach dieser Idee,« versetzte der Teufel, »verfuhr einer meiner Freunde, ein französischer Marquis, als er die Einladung eines Edelmannes aus der Provinz, denselben auf seinem Gute zu besuchen, annahm. Der Landedelmann hatte mehrere erwachsene Töchter. Der Marquis galt für einen höchst wählerischen und schwer zu befriedigenden pariser Stutzer. Als nun sein Wirth mir ihm dem Landgute zu fuhr, begann er bei sich zu erwägen, wie er seinen Gast wohl genügend würde unterhalten können.« ›Das Gut hat treffliche Fischerei, und an einem warmen Tage wollen wir eine Kahnfahrt vornehmen,‹ sagte er. ›Zelte sollen in grünem Walde für uns aufgeschlagen werden. –‹ ›Entschuldigen Sie mich,‹ versetzte der Herr Marquis mit einem Schauder. ›Ich fische niemals. 101 Kahnfahrt und Waldzelte! Du mein Himmel, wie könnte meine zarte Körperbeschaffenheit dergleichen ertragen!‹ ›Nun, so jagen Sie doch. –‹ › Jamais, mon cher. ‹ ›Spielen Billiard?‹ ›Kein queue nehm' ich in die Hand.‹ ›Oder Karten?‹ ›Die rühr' ich niemals an.‹ ›Hm, hm!‹ sagte der Wirth höchst beunruhigt. ›So haben wir, Gott sey Dank, eine auserlesene Bibliothek. –‹ ›Bibliothek? Seh' ich aus, wie ein Mensch, der Bücher lies't?‹ fragte der Herr Marquis. ›Aber womit in aller Welt wollen Sie sich denn die Zeit bei uns vertreiben?‹ ›Ich, mon ami ? Seyn Sie deshalb außer Sorgen. Für mich giebt es keinen süßern Zeitvertreib, als junge Mädchen zu verführen .‹« »Eine angenehme Eröffnung für einen Familienvater!« fiel ich ein; »indessen, allen Ernstes, Asmodeus, sey es Dir gesagt, daß ich große Lust habe, mich zu verlieben. Wärst Du nur halbweg ein Teufel wie Mephistopheles, so würdest Du mir irgend ein süßes Gretchen oder sonst eine Holde, Liebenswürdige verschaffen, die ich heirathen könnte.« »Heirathen? Was sticht Dich an? Wie kann Dir nur dergleichen einfallen?« »Warum nicht?« 102 »Ha! dann scheiden wir für immer von einander. Heirath trennt Euch von Euren Teufeln entweder durch die Engel, die Ihr – hm! – zu Euren Weibern macht; oder ersetzt Euch diese Teufel alle durch einen einzigen weiblichen Satan.« »Pah! Unsinn! Lass' mir Dein altmodisches Geträtsch über den Ehestand weg. Vielmehr erkläre ich Dir jetzt steif und fest, daß ich mich verlieben will , und daß ich von Deinem Beistande ein dahin führendes, wildes und pikantes Abenteuer erwarte. Du weißt, daß Du mir dienstbar bist.« Asmodeus verbeugte sich, antwortete aber nicht, sondern trat in einen Conditorladen, um ein Glas Eis zu sich zu nehmen. Ich folgte seinem Beispiele; allein mehr als jemals plagte mich die Langweile. Daher auch die Idee, mich verlieben zu wollen. Welche Unterhaltung hätte auch Einer, der mit den Feen zu Abend aß, und Kosem Kesamims Bekanntschaft gemacht hatte, in einem Conditorladen finden können. Der Leser wird sagen, ich zog mir diese Langweile selber zu, weil ich einen respectableren Genossen als einen Teufel hätte wählen sollen. Gehorsamer Diener! als ob nicht jeder vornehme Herr mir noch mehr Langweile gemacht haben und noch machen würde? – Bis Asmodeus mir ein Liebchen anschafft, werde ich mit meiner Zeit nun und nimmer zu bleiben wissen, da Kosem Kesamim's Reich mir verschlossen ist. – 103 Eilftes Kapitel. »O Asmodeus!« rief ich, als ich mit dem Teufel den Conditorladen verließ – »Asmodeus, welch ein köstlicher Abend! Wer sagt, daß eine große Stadt nicht eben so viel Poetisches in sich hat, als ein einsames Gefild, oder ein stilles Stromufer, oder ein schattiger Hain, oder eine schauerliche Waldschlucht? Die Stille aus diesen gewaltigen Märkten der Industrie und des Vergnügens – das Geheimniß, das sich über all die verschlossenen Häuser breitet – die verhüllten Gestalten, die dann und wann durch die Gassen schweben! Und wandern wir nun aus diesen vornehmen Stadtvierteln in das Düster der Nebengänge und der Vorstädte – welche Mischung von Armuth, Laster, Verbrechen und Verzweiflung erblicken wir! Dann und wann sieht man ein Licht in einer Dachkammer schimmern – ein einsames, mattbrennendes Licht! Wie oft bin ich stehen geblieben, und habe solches Licht betrachtet, und die seltsamsten Muthmaßungen darüber in mir aufsteigen lassen! Leuchtet es dem tiefen Studium irgend eines armen Gelehrten, der durch seine Schriften die Welt entzückt, und seinen Verlegern die Louisd'ore zuwirft, damit sie und ihre Geschäftsgenossen eine prunkende Buchhändlerbörse aufbauen, während die entzückte Welt und der geldreiche Verleger ihn darben lassen? Leuchtet das stille Flämmchen einer bangwachenden Mutter am Bettchen ihres sterbenden Säuglings? oder einer liebebethörten 104 und verrathenen Gattin, die der späten Heimkunft ihres Mannes harrt, der allnächtlich trunken aus der Spielhölle zurückkehrt? Ist in dergleichen nicht mehr Poesie, als in Waldlaub, Berggrotten und fließendem Gewässer? Was haben Wald und Flur und Berg und Wasserfall mit der Poesie des Menschenherzens zu schaffen? Und dann, o Asmodeus! welchen Tummelplatz für den Unternehmungsgeist bietet dies Menschengewühl, dieses Leben des Lebens dar. Welche Manchfaltigkeit, welche Fülle der Ereignisse! Wahrhaftig. die irrenden Ritter der Vorzeit erlebten nicht die Hälfte von den Abenteuern, in denen in einer großen Stadt ein junger, kecker und galanter Mann sich herumtummeln kann. Ist dem nicht so, Asmodeus? Ich frage Dich, Asmodeus! Antworte mir, Du, der Du der Dämon der Intrigue bist!« »Nun, nun,« versetzte der Teufel, »ich muß gestehen, daß Du wahr sprichst. Indessen, wenn Du so große Vorliebe für Abenteuer hast, warum suchst Du sie nicht auf? Bemerkst Du jene halb offen stehende Thür? dort, in der Straße, zur Rechten von uns! Siehst Du nicht auch in der Oeffnung etwas Weißes, wie ein Weibergewand? Dort giebt's ein Abenteuer für Dich!« »Ich danke Dir, und werde Deinen Wink benutzen. Warte hier, bis ich wieder komme.« Aufgeregt durch meine Gedanken, durch den warmen Hauch der milden Nachtluft, und durch einige Gläser Portweines, die ich dem Becher mit Ananas-Eis nachgeschickt hatte, war ich allerdings zu jeglichem Abenteuer 105 tüchtig. Ich schlüpfte daher in die mir vom Teufel angedeutete Gasse, und langte vor der halbgeöffneten Thür an. Das Haus, in welches sie führte, war eines von jenen Mittelhäusern, durch die die minder angesehenen Straßen einer Hauptstadt sich zu charakterisiren pflegen. Demselben gegenüber, brannte hell eine Gassenlaterne – die Erscheinung des weißen Gewandes war verschwunden. Indem ich mich meinem guten Gestirn empfahl, schlich ich leise treppan, und betrat den Corridor. Oben war Alles schattig und dunkel. »Sind Sie's?« flüsterte ein Stimmchen durch die Finsterniß. »Ich bin's selbst,« sagte ich fast ohne Athem. »So folgen Sie mir!« entgegnete die Stimme, und schloß die Thür, die den Corridor von der Treppe sonderte. »Drinnen wär' ich!« dachte ich – »um so besser.« Meine Hand ward von so weichen, zarten Fingern gefaßt, daß ein seltsamer Kitzel mir bis in den Schulterknochen zuckte, wo er vielleicht noch nicht einmal innehielt, sondern seinen Weg weiter suchte. Ich folgte meiner Führerin, die leichten Schrittes dahinglitt. Bald ging es eine zweite Treppe hinan, so daß wir den ersten Landungsplatz hinter uns ließen. »Ich will nicht hoffen, daß die Schöne, die mich fand, eine Zofe ist. Entsetzlichen Abscheu hege ich gegen die Servilen. Doch ihre Hand – nein, nein! die ist nicht für den Kehrbesen geschaffen.« 106 Auf der zweiten Vorflur standen wir still. Meine Führerin öffnete eine Thür, und – – und – Soll ich hier abbrechen? Ich habe große Lust dazu, hier mein Buch als zu Ende gebracht anzusehen; allein die Leser – die Recensenten? Nein, nein! ich muß und will weiter erzählen. Wohlan denn, lieber Leser. Ich befand mich in einem Zimmer – nicht allein, ach! nicht allein mit meiner Führerin, sondern mit noch drei anderen Frauenzimmern, die Alle um einen Tisch herumsaßen, und von denen keine über zwanzig Jahre zählte. Ein Paar Wachslichter erleuchteten das Gemach, das mit reichem, aber nicht prunkendem Geräth ausgeschmückt war. Ich blickte umher, und verbeugte mich mit höfischer Ernsthaftigkeit. Die Frauenzimmer ließen einen kleinen Schrei hören. »Anna, Anna!« erscholl es, »wen hast Du uns da gebracht?« Anna stand, wie vom Donner gerührt, und starrte mich an, als ob ich der rothe Mann aus dem Kind-Weberschen »Freischütz« gewesen wäre. Ich meinerseits starrte Annchen an. Annchen zählte offenbar Fünfundzwanzig, war schlicht, aber sauber gekleidet, von kleinem, feinem Wuchse, und hatte im Gesicht einige Blatternarben, allein ein Paar Augen – hu! wie Leuchtkugeln! und wie ließ sie sie gegen mich spielen! »Wer sind Sie, Sir?« fragte die Eine der drei Schönen, und im selben Moment riefen die beiden Anderen. »Wie wagen Sie's. –« 107 »Wie unterstehen Sie sich. –« »Nicht so, nicht so. Keine Vorwürfe. Ist's meine Schuld, schönes Annchen, daß ich mich hier befinde? Sie sehen, meine Schönen, daß ich Ihnen kein Leid zufügen kann. Ihrer sind Vier – was kann ein einziger Rupfvogel gegen so Viele. –« »Sir!« »Pfui!« »Abscheulich!« »Ich rufe das Haus zusammen!« schloß Annchen den Chorus, blieb aber stehen, wo sie stand. »Hinaus, Sir!« »Weg mit Ihnen!« »Packen Sie sich fort, Sir!« »Wofür halten Sie uns?« verdeutlichte Annchen die Exclamationen der drei Grazien. »Verzeihe mir, schönes Annchen,« sagte ich, »eben diese Frage mögte ich hier thun. Wofür halten Sie mich?« »Sagte Ihnen denn Herr Gabriel –« begann meine Führerin in sehr herabgestimmtem Tone, denn sie hatte mich nochmals darauf angeschaut, und mochte nun wahrgenommen haben, daß ich noch nicht Dreißig zählte, und für einen Hauseinbrecher und Schwindler nicht geckenhaft genug gekleidet war. »Gabriel? Gabriel? Ha! mein Schutzengel!« dacht' ich, denn wie durch höhere Eingebung errieth ich plötzlich die Ursache des ganzen Herganges. –»Ja, ja,« versetzt' 108 ich laut, »Herr Gabriel sagte mir allerdings, daß sie sich wollten wahrsagen lassen, und da er nicht selber kommen kann, schickte er mich, als den erfahrensten seiner Zöglinge, um seine Stelle zu vertreten. Oho! Herr Gabriel ist ein großer, ein vielbejahrter Mann. Ich bitte Sie, bleiben Sie sitzen, meine Damen. Reichen Sie mir Papier und Feder und Dinte. Um welche Stunde wurden Sie geboren, meine Schöne,« fragte ich die, welche mir die Aeltere von den Dreien zu seyn schien – »Erlauben Sie, daß ich mich ebenfalls setze.« Vermuthlich weiß der Leser bereits, daß Herr Gabriel ein berühmter Wahrsager ist, der im westlichen Ende der Stadt weitläufige Geschäfte macht und zu allen Zeiten und von allerlei Leuten in Anspruch genommen wird. Ich selber habe mir von ihm prophezeien lassen, und er weissagte mir sieben Kinder, für die ich ihm, wie es sich von selbst versteht, siebenmal dankte. Wirklich ist er einer meiner Freunde, wie er denn auch der Deinige ist, lieber Leser, sobald Du ihm seine Weissagereien gehörig bezahlst. Die Frauenzimmer sahen einander an; auf Annchens Mienen schwebte ein Lächeln, das sich wie eine ansteckende Krankheit verbreitete, ja, daß es in ein förmliches Gekicher ausbrach, und nach wenigen Minuten waren wir mit einander die besten Freunde von der Welt. Zum Glücke verstehe ich mich ein wenig auf die Mysterien und Gaukeleien der Wahrsagerkunst; die Chiromantie ist keine meiner schwächsten Seiten, und was das Nativitätstellen 109 anbetrifft, so muß mir in diesem Punkte der Leser schon Etwas zutrauen, sobald er bedenkt, daß Herr Gabriel mir sieben – sage sieben Kinder prophezeiete. Wir wurden also die besten Freunde; die Mädchen waren jung, fröhlich, unschuldig und – da sie sich ihrer Vier stark wußten, furchtlos. Ich zählte die Linien in ihren Händen, malte allerlei wunderliche Figuren aus dem Euklid auf das Papier, und prophezeiete mit Hülfe der Eselsbrücke dem gluthäugigen Annchen den ältesten Sohn eines Lords. Es ward Canariensekt mit Mandelkuchen aufgetragen, und, o! wie glücklich, wie geschwätzig waren wir! Ich segnete mein Gestirn und meinen Freund Asmodeus und blieb bis eine Stunde nach Mitternacht. Ich fand, daß drei von den jungen Damen die Töchter des Oikodespotes oder des Hausherrn waren, dessen Namen ich im Verlaufe des Gespräches erfuhr. Ich erkannte – denn man kann in London nicht leben ohne ein wenig Näheres von Diesem und Dem und Jedem zu wissen – ich erkannte, daß der Mann von guter Herkunft gewesen war, in seinen Jünglingsjahren sich mit einer Opernsängerin verheirathet hatte und in Geldverlegenheiten gerathen war. Arbeiten konnte er nicht, und zu betteln schämte er sich, doch wußte er mit dem ihm verliehenen Pfunde zu wuchern; er spielte nämlich, gewann und trat als stiller Compagnon in ein Spielhaus, so daß er ohne öffentliche Schande davonzutragen ein anständiges Vermögen hinterließ. Seine Frau, die viel 110 früher starb als er, hatte ihm drei Töchter hinterlassen, von denen Annchen die älteste war. Oft hatte ich von den Körperreizen dieser Töchter gehört, die jedoch vom Vater ziemlich eingezogen und so jeder Versuchung fern gehalten worden waren. Jetzt sah ich sie, und fand sie, wie schon gesagt, aufgeweckten Gemüthes, aber dennoch schuldlos. Die unvollkommene Erziehung, die sie erhalten hatten, dabei der Mangel mütterlicher Fürsorge, und das Unhäusliche in der Lebensweise ihres Vaters hatte ihnen Hang zu Frohsinn, Belustigung und Abenteuerlichkeit eingeflößt. Sie waren so ganz eigentlich Mädchen danach, um einen alten Gabriel zu sich kommen zu lassen; und den Irrthum zu verzeihen, der an dessen Statt ihnen einen jungen Astrologen unterschob. Aber das vierte Mädchen? Nun, nun, ich beginne schon von ihr. Denke Dir also, lieber Leser, ein holdes siebenzehnjähriges Kind mit einem Gesichte das jünger, und einer Gestalt die reifer als ihre Jahre war! Welch ein schönes Köpfchen mit schwarzem weichem, seidenem Haar! und wie lieblich geordnet war dies Haar! nicht in jenen unzurechtfertigenden Baumellocken, die zottig über Schläfen und Wangen herabhangen, sondern zu beiden Seiten gescheitelt und geringelt, daß die weiße, durchsichtige Stirn frei hervortrat und in die hellen, klarblauen, langbewimperten Augen schauen ließ! und welch ein Mund, so frisch und jugendlich wie der einer Elfe im Zaubermärchen, dem Blumen in der zartesten Blüthe entsprießen. und Zähne, 111 so klein, und so fein, und so weiß, und so scharf von einander gesondert – eine Eigenthümlichkeit, die ganz und gar nicht gegen meinen Geschmack ist, obschon Physiognomiker sie trügerisch nennen! und Händchen, so klein und zierlich! und eine atlaßweiche Haut! und Grübchen in den Wangen! und ein silberntönendes Lachen. Da, lieber Leser, hast Du ein schwach gezeichnetes Bild der reizenden Julie L***s***; und ich bin bis über beide Ohren verliebt in sie. Julie sprach wenig, und wenn sie sprach blickte sie scheu hinweg, lachte aber dabei allerliebst und erröthete auf eine liebenswürdige Weise. Dies Alles war allzu herzbethörend – ich segnete den Teufel für das Herrliche, das er mir nachgewiesen hatte, und als Annchen mich wieder treppab geleitete, und man mir gute Aufnahme zugesichert hatte, wenn ich morgen wieder vorsprechen würde, wähnte ich, meine erste Jugend wäre mir wiedergekehrt und ich zählte von neuem achtzehn Jahre! O glückseliges Alter! Welche Hoffnungen waren damals mein? Welche Gluth des Herzens fühlte ich in mir. Und werde ich jemals ein anderes Mädchen als Julie lieben können? Gewiß nicht, o, gewiß nicht! Am folgenden Tage war Asmodeus wie gewöhnlich um die Frühstückszeit bei mir. Ich schüttelte ihm herzlich die Hand – ich hätte ihn umarmen mögen, wenn ich nicht gewußt hätte, daß er der Teufel war. Ach! wie Mancher hat übrigens schon Manchen umarmt, in welchem er späterhin Aergeren als den Teufel kennen lernen 112 mußte! Bei alldem sind die Muthigsten unter uns oft die feigsten Creaturen; sie beben vor einer Scheußlichkeit, die sich ihnen nicht verleugnete, zurück, aber das geschminkte, das vermummte, das verlarvte Laster finden sie schön, sie tändeln, sie buhlen mit ihm und fahren um so sicherer zu – allen Teufeln. Asmodeus grinsete bei meinem Entzücken, daß mir hätte die Seele aus dem Leibe fahren mögen. »Mäßige Dich, theurer Freund,« sagte der Dämon. »Was denkst Du eigentlich zu thun? Bist Du gesonnen Dich in diese Liebschaft zu versenken oder nicht?« »Versenken? Liebschaft?« entgegnete ich – »Pah! ich will Julie besuchen.« »Was die Folgen davon betrifft, so wasche ich meine Hände,« sagte Asmodeus. »Siehst Du denn diese Folgen vorher?« fragte ich. »Es verlautet in unserem Vertrage nichts davon, daß ich verpflichtet bin, solche Frage zu beantworten,« antwortete der Teufel; »allein sieht nicht jede Creatur, die nicht Grütze statt Gehirns im Schädel hat, solcher Thorheiten unabwendbares Ende vorher? Denke doch an die alte Fabel vom thönernen und goldenen Kruge, die stromabwärts trieben. Der thönerne Krug war so stolz auf seinen Reisegefährten, allein die erste Welle, durch die er mit diesem in wirkliche Berührung gebracht ward, zersplitterte ihn in tausend Scherben!« »Was für Rhodomontaden, Asmodeus! Was haben thönerne und goldene Krüge mit mir und Julien zu thun?« » 113 Alle Weiber gleichen in der Liebe thönernen Krügen – voilà tout ,« entgegnete der Dämon; dessen Warnung zwar einen Eindruck, doch nur einen bald vorübergehenden auf mich machte. Ich begab mich wieder in das Haus in der ***straße, und sah Julie, die bei Tage mir noch liebenswürdiger als zur Abendzeit erschien. Ihre Hautfarbe war so frisch und so rein! Jugendreiz umwallte das Mädchen wie ein Lichtgewand, das noch von den Thautropfen der Kindheit funkelt. – – – Ich wollte Julie wäre gesprächiger; ihre Schweigsamkeit macht mir die Last meiner eigenen Empfindungen um so drückender. Ihre Augen sind indeß minder behutsam, als ihre Lippen, und mittelst jener unterhalten wir uns ganz angenehm. – – So bin ich also verliebt, allen Ernstes verliebt! Schon seit längerer Zeit hatte ich mich mit der Ahnung herumgetragen, daß dieses glückliche Ereigniß stattfinden würde; ja, ich sagte dies sogar dem Teufel, allein dieser wollte mir nicht glauben. – – Mich dünkt, daß im Ganzen ich dies Ergebniß mit geziemender Standhaftigkeit ertrage, denn am Ende führt es doch sein Uebles mit sich, indem jeder andere Genuß mir dadurch als schal und abgestanden vorkommt. Das Spiel berauscht mich nicht mehr, der Wein hat seinen Reiz für mich verloren, Genossenschaft langweilt mich mehr denn jemals, Clubs sind mir ein Greuel, das Studiren hab' ich längst aufgegeben, und die schöne Literatur und die Oper sind so schon fade genug, ohne daß 114 man um Eckel vor ihnen zu haben sich erst zu verlieben braucht. Wohl muß die Liebe ihre Reize haben, daß sie uns Ersatz für alle die Vergnügungen gibt, für die sie uns absterben läßt, und doch bin ich noch nicht bis zu dem köstlichsten Theile der Geschichte – bin noch nicht zum Briefwechsel mit der Geliebten vorgerückt! Fängt man erst an Briefchen zu erhalten, so wird man wie von einem neuen Daseyn durchglüht – ein Aether strömt durch unsere Adern. Welch ein süßer Triumph ist's, der Feder der Geliebten Ausdrücke zu entlocken, die nachher durch die Lippen, geschehe es auch so verschämt es immer wolle, bestätigt werden müssen. Mit welchen neuen Zwecken füllt sich da jeder Lebenstag aus! Welche neue Aufregung verknüpft sich da mit unserer Zeit! – »Nach zweien Stunden werd' ich von ihr hören!« mit welcher Erwartung, welcher Hoffnung, welchem Bangen, welchen zuckenden Nerven leben wir da! Aber, ach! all diese Schwärmereien – wie enden sie? Mit Weh, wenn die Bewerbung nicht obsiegt; mit Uebersättigung, wenn sie sich ihr Maaß gefüllt hat. Zuverlässig ist diese ungestüme Liebe eine grundfalsche Berechnung. Ich werde einerlei Meinung mit jenem berühmten Pädagogen, der da gesagt hat, jeder Mensch sollte nach einer eigenen Methode erzogen werden. Da ich jedoch, leider! nach der herkömmlichen Allerweltmethode erzogen worden bin, so fürchte ich, daß ich mich nicht werde bessern können, und muß also um so sorgfältiger und behutsamer mit meinen Kindern verfahren. Sie sollen zu Oekonomen der 115 Leidenschaften erzogen werden, und sich nicht eher verlieben, als bis sie genau vorher wissen, was ihre Verliebtheit ihnen kosten kann. Mittlerweile will ich meiner Julie dies Geranium schicken. Gott befohlen, Leser, denn ich weiß wahrlich in diesem Augenblicke nicht, ob ich meinem eilften Kapitel jemals ein zwölftes hinzuzufügen Lust in mir verspüren werde. Zwölftes Kapitel. Meine Abenteuer nehmen jetzt einen ernsteren und düstreren Charakter an, als sie je zuvor haben zeigen können. Der Leser muß sich anschicken, seine Theilnahme blos auf sublunarische Ergebnisse zu beschränken, denn das Uebernatürliche ist aus meinem Leben verschwunden, es wäre denn wahr, was mir zu Zeiten in den Sinn kommt, daß nichts so wundersam oder unserer irdischen und gemeinen Natur so fremdartig ist, als der Geist, der uns beseelt und uns umwandelt wenn wir lieben. Es war ein frostheller Abend. Ich stand in einem der menschenöden Gäßchen, die auf den großen ***markt auslaufen und harrte Juliens. Ja, unsere Herzensangelegenheit ist jetzt bis zu diesem Punkte gediehen. Wir sprechen einander – allein und in Geheim. Von der Stunde an, in welcher Julie zuerst in diese 116 Zusammenkünfte willigte, verließ mich Asmodeus, und ich habe ihn seitdem nicht wiedergesehen. »Hier endet die Pflicht meiner Dankesäußerung,« sprach der Teufel. »Mir ward die Aufgabe gestellt, Dich zu belustigen, Dich zu interessiren, allein weiter nichts. Mit Leidenschaften bemeng' ich mich nicht, und kann also in dieser Angelegenheit nichts für Dich thun. Du bist verliebt und also in den Händen eines mächtigeren Dämons, als ich einer bin. Gehab' Dich wohl! wenn der Rauch verschwand, sehen wir einander wohl wieder.« Mit diesen Worten verschwand er, und ich weiß nicht, ob er sich in's Londoner Parlament oder zu sonst einer Deputirtenversammlung begab. Ich harrte also Juliens in jenem einsamen Gäßchen. Ich hörte die Thurmuhr Acht schlagen – es war um die verabredete Stunde; nicht aber sah ich Juliens dunkeln Mantel und anmuthige Gestalt aus der Querstraße zu dem Ort' unseres Stelldichein hervorkommen. Und wer, und was war Julie L***s***? Sie war eine Verwandte jenes Spielbankhalters, in dessen Hause und bei dessen drei Töchtern ich sie zuerst gesehen hatte. Sie wohnte in einem ziemlich entlegenen Theile der Stadt mit einer Schwester, die Wittwe und um mehrere Jahre älter, als sie selbst war. Mit dem Abschlusse der verwickelten Geschäfte ihres verstorbenen Mannes, und mit der Sorge für ihre eigenen Kinder, sechs an der Zahl, anhaltend beschäftigt, überließ diese Schwester Julien der Leitung ihrer empfänglichen Phantasie und 117 jugendlichen Unerfahrenheit – überließ es ihr nach Gefallen zu denken, zu schwärmen und zu thun, und die Folge davon war, daß Julie sich höchst unbesonnen verliebte. Julie war durchaus arglos, und fast gänzlich unwissend. Sie las, aber meistentheils nur Romane und zwar eben nicht die ernstesten; sie schrieb, aber keineswegs mühelos, und wenn ihr Herz jenes Gefühl in sich aufkommen ließ, durch welches Mangel an Geistesfähigkeiten ersetzt wird, so ward sie doch durch ihre Schüchternheit gehindert dasselbe auszusprechen. Sie war ruhigen, ja schwermüthigen Charakters, obwohl bald zur Fröhlichkeit gestimmt, war empfindsam aber herzensrein. Späterhin entdeckte ich, daß Stolz einen ihrer Hauptcharakterzüge ausmachte; anfänglich jedoch hatte mir dieser verborgen gelegen. Ich liebte Julie schon um ihrer Mangelhaftigkeiten willen, denn diese entsprangen nicht aus ihrer Natur, sondern aus ihrer Erziehung. Und wer, und was ist Juliens Geliebter? Wie viele meiner Abenteuer ich auch bereits erzählte, habe ich doch dem Leser dies Geheimniß noch nicht mitgetheilt. Obschon ich über mich selber schrieb, habe ich mich selber doch noch nicht enthüllt – und will es jetzt thun. Ich bin also, lieber Leser, ein müßiger, umherschlendernder, unverheiratheter Mann – reich, von gutem Hause und immer noch jung, habe viel gelesen, ein Weniges geschrieben, und dem Vergnügen, auch wohl der Thätigkeit, immer aber der Stunde gelebt. Ich hatte Sinn für das Studium, wendete dasselbe aber niemals 118 auf das Leben an, und überließ mich jeglichem Plane, jeglichem Treiben, sobald sich mir damit die Aufregung der Neuheit verknüpfte. Solch ein Wandel erzeugt mehr Rückerinnerung als Hoffnung; er lenkt unsere Träume zurück auf Vergangenes, anstatt uns durch dieselben der Zukunft entgegenzuflügeln – er gibt uns Aufregung durch Rückblick, aber Uebersättigung wenn wir auf noch kommende Tage schauen. Das Vergnügen der Jugend ist ein köstlicher Trank, in welchem die Perle aufgelöset ward, an welcher unser männliches Alter sich erfreuen sollte. So viel von Juliens Geliebten, an welchem das Beste das war und ist, daß Julie ihn liebte! – – »Die halbe Stunde ist vorüber – wird Julie kommen? Wie mein Herz klopft! Der Abend ist hell und heiter – wodurch kann sie verhindert worden seyn? – Ich höre Fußtritte – – Ha! bist Du es, Julie?« Julie nahm meinen Arm und drückte ihn schweigend. Ich schob den Schleier ihres Hutes zurück; und blickte bei'm Scheine einer Gassenlaterne ihr in's Gesicht – sie weinte. »Was ist mit Dir, Theuerste?« fragt' ich. »Meine Schwester hat Deinen jüngsten Brief an mich entdeckt – ich hatte ihn fallen lassen und –« »Himmel! wie konntest Du so unvorsichtig seyn. Doch hoffe ich, es wird nichts auf sich haben. Was sagte Deine Schwester?« »Ich – ich sollte Dich nicht wieder sehen.« 119 »Sie ist freundlich, doch wirst Du ihr nicht gehorchen, liebste Julie.« »Doch, doch!« »Wie? Du wirst doch ausgehen können, wann es Dir beliebt?« »Nein, denn ich habe versprochen es nicht zu thun. Sie ist eine liebreiche Schwester gegen mich gewesen, und – und sie sprach so freundlich über diesen Gegenstand, daß ich nicht umhin konnte ihr zu versprechen – und mein gegebenes Wort kann ich doch nicht brechen, sollt' auch mein Herz darüber brechen.« »Gibt's keinen Mittelweg einzuschlagen?« fragte ich nach einer Pause. »Kann ich Dich nicht anderswo sehen? oder willst Du mich ganz verlassen?« »Was kann ich thun?« stammelte Julie. »Aber, Liebste, das Versprechen war gewiß kein freiwillig gegebenes – es ward Dir abgepreßt.« »Nein, nein, ich gab es von ganzem Herzen.« »Schönen Dank!« »O, sprich nicht so kalt. Du mußt eingestehen, daß es sehr unrecht von mir war, Dich jemals heimlich zu sehen, denn wie würde es haben enden können? Gewiß weder mir zum Guten, noch meiner Familie zur Ehre. Früher habe ich nie darüber nachgedacht und ging weiter und immer weiter, bis ich kaum mehr zurück konnte und weder rückwärts noch vorwärts zu sehen wagte. Jetzt aber, nachdem meine Schwester mich hat einsehen lassen, welche Thorheit ich beging – jetzt zittere ich, und – 120 und – kurz was hilft alles Reden darüber – ich kann Dich so nicht wiedersehen.« »Auch nicht bei Deinen Verwandtinnen, den Miß ***?« »Auch nicht. Ich habe meiner Schwester versprochen auch dort nicht, oder doch nur in ihrer Begleitung hinzugehen.« »Donner und Wetter über diese Schwester!« brummte ich nicht wenig ärgerlich in den Bart. »So gibst Du mich also auf,« sagte ich, »und thust es sonder Kampf, sonder Seufzen.« Julie weinte fort ohne zu antworten; mein Herz begann sanfter für sie zu fühlen, und mein Gewissen machte mir Vorwürfe. Hatte die Schwester denn nicht Recht? War ich nicht eigensüchtig achtlos gegen die Folgen gewesen? Lag mir jetzt nicht die Pflicht ob, großmüthig zu seyn? »Und selbst, wenn Du großmüthig bist,« fragte die Leidenschaft, »wird Julie dadurch glücklich werden? Ist die Sache nicht schon so weit gediehen, daß ihr Herz darüber verbluten muß? Julie verlassen, heißt Julie verderben!« Wir gingen miteinander ohne zu reden. Nie zuvor hatte ich so lebhaft gefühlt, wie innig ich das theure, bezaubernde Mädchen liebte, und dies Gefühl begann den Verdruß zu überbieten, den ich anfänglich über ihre veränderten Entschlüsse gehegt hatte. Ich war verwirrt – ich wußte nicht, welchen Weg ich einschlagen sollte. Mehrere Minuten lang waren wir so fortgeschritten, und gelangten jetzt an die Ecke einer Straße, die zu Juliens 121 Wohnung leitete. Julie wendete sich und sagte stammelnd: »Lebe wohl – Gott segne Dich. Wir wollen hier scheiden, denn ich muß jetzt nach Hause.« Die Straße war durchaus menschenleer, und nur schwach erleuchtet, indem die fern von einander stehenden Laternen lange Schatten warfen. Ich sah Juliens Gesicht nur unvollkommen unter dem Hute, der gleichsam keusch ihre thränenvolle Lieblichkeit verdeckte. Ich nahm sie in meinen Arm, küßte sie auf den Mund und sagte: »Sey's denn so, wie Du es für gut findest – geh und lebe glücklich. Denke nicht mehr an mich.« Julie zögerte – es war, als ob sie reden wollte; dann aber schüttelte sie leise den Kopf, senkte schweigend, oder als ob ihr die Stimme versagte, ihren Schleier und ging langsam fort. Nachdem sie wenige Schritte gegangen war, wendete sie sich um, und als sie sah, daß ich noch immer auf derselben Stelle stand und ihr nachblickte, schien ihr Muth sie zu verlassen; sie kam wieder zu mir, faßte meine Hand und sagte flüsternd: »Du zürnst mir nicht? Du wirst mich nicht hassen?« »Julie,« rief ich – »bis zur letzten Stunde meines Lebens werde ich Dich verehren. Daß ich Dir keinen Vorwurf mache, daß ich nicht suche, Dich von Deinem Entschluß abzubringen, ist der größte Beweis der innigen Liebe, die ich für Dich fühle; jetzt aber geh – geh – nicht lange vermag ich diese Pein zu ertragen.« Julie war mehr noch Kind am Geist als an Jahren, und kindisch oft kamen ihre Herzensregungen heraus; so 122 auch jetzt. Nach einem Weilchen zog sie, mit ersichtlicher Verlegenheit, einen hübschen, wenn gleich schlichten Ring, den ich oft gelobt hatte, von ihrem Finger und sagte schüchtern: »Wenn Du Dich herablassen willst, diese Kleinigkeit von mir anzunehmen. –« Ich hörte nichts weiter. Ich gestehe, daß mir das Herz im Busen schmolz, und daß meine Thränen fast eben so reichlich als Juliens flossen. Das Ergebniß war freilich höchst einfach, aber das Gefühl, durch welches es herbeigeführt worden war, war so rührend und so jugendlich. Ich nahm den Ring und küßte ihn – Julie blieb zögernd stehen. Ich sah, was ihr auf dem Herzen lag, und was sie nicht auszusprechen wagte. Sie wünschte von mir ein Gegenandenken an das Band, das uns umschlang, doch wollte sie die Kette, die ich ihr aufdrang, nicht nehmen, weil sie ihr, wie sie sagte, zu kostbar war. Endlich nahm sie einen Ring von mir an, der an Werthe dem ihrigen bei weitem nachstand. Dieser kleine Austausch, und die zarten und minder leidenschaftlichen Gefühle, die dadurch erweckt wurden, schienen dem Mädchen Trost zu gewähren; und als sie mich verließ, geschah es mit festerem Tritte und minder trostlosem Wesen als zuvor. Arme Julie! Ich stand an der dunkeln Stätte, bis die letzte Spur Deiner Huldgestalt meinem Blick entschwunden war. – In dem ganzen Verlauf eines Menschenlebens gibt es keinen unzusagenderen, bittereren Moment als den, 123 welcher einem plötzlich abgebrochenen Liebesumgange folgt! Immer noch liebend, jedoch von dem Gegenstand unserer Liebe zurückgewiesen, sinkt unser Herz unter der Last seiner eigenen Sehnsuchtregung; eine erschöpfende, widerwärtige Apathie füllt die entsetzliche Leere der Stunden aus – die Zeit kriecht sichtbar vor uns hin, und das Leben hat keinen Reiz mehr für uns. Dreizehntes Kapitel. Ich beschloß zu reisen – ich setzte den Tag meiner Abreise fest. O, daß es mir gestattet worden wäre, mindestens diesen Vorsatz auszuführen! Etwa drei Tage früher, als ich anberaumt hatte London zu verlassen, begegnete ich plötzlich auf der Straße meiner Freundin Anna, der ältesten jener drei Schwestern, bei denen ich den Hexenmeister gespielt hatte. Es versteht sich, daß Anna um meine Liebe zu Julien wußte, denn sie eben hatte meine Zusammenkünfte mit der Geliebten befördert. Ich fand, daß sie jetzt auch um meine Trennung von Julien wußte. Sie hatte diese besucht, und ihr war von deren Schwester, der Wittwe, nicht nur Alles erzählt worden, sondern diese hatte ihr über ihre Mitwissenschaft um unsere Liebe bittere Vorwürfe gemacht. Das Mädchen beschrieb Juliens jetzigen Gemüthszustand in den kläglichsten Ausdrücken. Sie sagte, Julie brächte ganze Tage allein, und – wie die Wittwe selbst geäußert hatte, in Thränen 124 zu – alle Farbe wäre von ihren Wangen gewichen, ihre Gestalt hagerte ab, ihre Gesundheit drohete einer Anstrengung zu erliegen, deren sie wegen ihrer lebhaften Phantasie und ihrer mangelhaften Erziehung unfähig wäre, und bei ihrer Schwester, wie gut diese es auch meinte, fände sie keinen Trost, ja nicht einmal geselligen Umgang. Diese Mittheilung verursachte bei mir eine gänzliche Umwandlung. Bisher hatte ich mich mindestens mit dem Glauben getröstet, gegen Julien im wahren Sinne der Zärtlichkeit gehandelt zu haben, und dieser Glaube hatte mich selber erträglich aufrecht erhalten; jetzt aber schwand mir alles Nachdenken, alle Klugheit, alle Tugend bei dem Gedanken an Juliens Leiden. Ich ging nach Hause und schrieb in der Aufwallung des Augenblicks einen leidenschaftlichen, flehenden Brief an die Geliebte. Ich beschwor sie mit mir zu fliehen. Ich ließ meinen Diener, einen Ausländer, der in solchen Aufträgen wohl bewandert war, das Schreiben bestellen. In Fieberangst harrte ich einer Antwort. Diese kam – die Aufschrift war von Juliens Hand – ich öffnete das Schreiben in einer Art von Verzückung, als o! mein eigener unerbrochener Brief mir entgegenfiel; in dem Umschlage aber standen folgende wenigen Worte von Juliens Hand geschrieben. – »Ich habe mein Wort gegeben, Deine Briefe, im Fall Du an mich schreiben würdest, ohne sie zu lesen zurückzuschicken. Ich darf daher Deine Zuschrift nicht öffnen, wiewohl ich nicht beschreiben kann, mit welcher 125 Pein ich diese meine Zusage halte. Nicht habe ich jemals gedacht, daß es mir unmöglich seyn würde Dich zu vergessen, und daß ich so unglücklich werden würde, als ich es jetzt bin. Allein, wenn ich mir auch nicht gestatte das zu lesen was Du an mich schreibst, so weiß ich doch, daß jedes der Worte in Deinem Briefe voll Freundlichkeit ist. So fühl' ich mich, als hätte ich Deinen Brief wirklich gelesen, und sündig glücklich macht es mich zu denken, daß Du mich noch nicht vergessen hast, welches Du jedoch bald wirst müssen. Ich bitte Dich, schreibe mir nicht wieder, so Dir der geringe Frieden theuer ist, der mir noch blieb. Und somit nichts mehr von Julien, die täglich und nächtlich für Dich betet und Deiner gedenken wird, so lange sie lebt.« Was sollt' ich nach dem Empfange dieses Schreibens thun? So arglos war Julie, daß jedes ihrer Worte, das mich hätte bewegen sollen sie nie mehr zu bestürmen, mich nur noch mehr antrieb, dies zu thun! Welche Uebereinstimmung aber boten ihre Zeilen auch mit dem was Annchen mir gesagt hatte! Ich wartete bis es dunkelte, dann begab ich mich mit meinem Diener in die Straße, in welcher Julie mit ihrer Schwester wohnte. Ich umschlich das Haus. – »Wie stelltest Du's denn an, meinen Brief in ihre Hände zu befördern, Louis?« fragte ich jetzt erst meinen Diener. »Ei nun, Sir,« versetzte der Gefragte; »zuerst 126 ging ich zu Miß Juliens Muhme in der **straße, und fragte, ob sie nicht ein Päckchen an ihre Cousine zu bestellen hätte. Miß Anna verstand mich, und gab mir eine Schachtel. In diese schob ich Ihren Brief, erspähete die Magd im Hause der Wittwe, und beförderte so durch Jenny's Wohlwollen, das ich mit einer halben Guinee erkaufte, Ihr Schreiben. Auch brachte Jenny mir die Antwort herunter.« In dieser Berichterstattung war nichts enthalten, woraus ich auf dasjenige Zimmer hätte schließen können, welches von Julien bewohnt ward, dies Zimmer aber zu erkunden, war jetzt mein Hauptzweck. Inzwischen vertraut' ich dem Scharfsinn und der Verschlagenheit meines Dieners und meinem eigenen guten Glücke. Das Haus war ein Eckhaus, dessen eine Seite lang und altmodisch in eine wenig besuchte Straße hineinzog, mit der anderen Seite aber an einen breiten, gewühlvollen Platz stieß. In ersterer ging ich, ohne Verdacht zu erregen, auf und ab, und gewahrte endlich im oberen Stock plötzlich ein Licht schimmern, und dann erschien Julia selbst, wiewohl nur einen Augenblick am Fenster. Deutlich erkannte ich ihr liebliches Profil, ihr gescheiteltes Haar – sie zog die Vorhänge zu, und nun war Alles wieder dunkel und öde. Das also war ihr Zimmer, wenigstens hatte ich Ursache, dies zu muthmaßen. Wie aber in jenes Zimmer gelangen? Das war jetzt die Frage. Strickleitern finden sich nur in Romanen und Komödien, der Polizeidiener und der Vorübergehenden gar nicht zu gedenken! 127 Da schlüpfte die Hausmagd durch die Gasse her. Hatte der Diener sie erkaufen können, warum sollte der Herr es nicht ebenfalls vermögen. Es gelang. Jenny ward mehr durch Mitleiden als durch ein Geldgeschenk gewonnen, denn sie glaubte, Miß Julie würde von ihrer Schwester gezwungen , sich so zurückhaltend zu geben. Sie versprach mir, mich nach zwei Stunden in das Haus zu lassen, wo ich dann unerspäht mit Julien würde sprechen können, indem die Wittwe sich dann in ihre Kammer begeben haben, und Alles im Hause ruhig seyn würde. O Ewigkeit voll brennender Regungen, voll erstickter Reue, ja sogar voll Furcht – diese zwei Stunden. Endlich ließ Jenny, die selber noch ein junges Geschöpf war, mich ein – Alles war dunkel – sie führte mich eine schmale Nebentreppe hinan – vor Juliens Thür. Durch die Klinke und über der Schwelle her drang feiner Lichtschimmer – ich zitterte – ich wankte – das Blut wich aus meinen Wangen – meine Knieen schlotterten. Durch heftige Anstrengung bewältigte ich meine Regung. Was sollte geschehen? Trat ich ein, ohne daß Julie darauf vorbereitet war, so hätte sie in ihrer ersten Bestürzung das Haus in Bewegung bringen können; schickte ich Jenny, um mich zu melden, so mögte Julie sich weigern, mich zu sehen – dennoch mußte diese Zusammenkunft stattfinden. Ich beschloß, den letzteren Weg einzuschlagen – ich bat Jenny, ihre Herrin auf meinen Besuch vorzubereiten. Sie trat ein, und zog die Thür hinter sich zu. In der Fieberhitze lehnte ich vor derselben mich an die 128 kalte Wand – ich hörte durch die Stille der Nacht das laute Klopfen meines Herzens. Jenny kam nicht wieder – Minute nach Minute verging – ich hörte Juliens Stimme – sie dünkte mich, angstbewegt zu seyn. Ich konnte nicht länger warten. Ich öffnete leise die Thür, und stand vor der Geliebten. Es brannte noch ein mäßig helles Feuer im Kamin – das Licht auf dem Tische half der Flamme das saubere Gemach zu erleuchten, in welchem Reinlichkeit und Keuschheit die beständigen Dienerinnen zu seyn schienen, so daß Ehrfurcht mein Herz durchzuckte. An der Wand standen auf einem sauberen Sims mehrere Bücher; neben dem Lichte lag eine Stickerei; jenseit des Kamins an der Wand stand Juliens Bett mit seinen einfachen, schneeweißen Behängseln – Alles zeugte von der Seelenreinheit der Bewohnerin. Meine Augen faßten den ganzen Schauplatz mit einem einzigen Blick auf. Und Julie selbst! Auf einen Stuhl hingesunken, ihr Gesicht in ihre Hände begraben, schluchzte sie heftig. Vor ihr stand die erschreckte, bleiche Hausmagd, die alle Gegenwart des Geistes verloren, und jeden Versuch, ihre Herrin zu beschwichtigen, wie viel mehr noch zu überreden, aufgegeben zu haben schien! Ich warf mich zu den Füßen Juliens, und versuchte, ihre Hand zu fassen. Mit einem leisen Schrei des Schreckens fuhr sie auf. »Du!« sagte sie, im Tone brennenden Vorwurfes. »Nimmer hätte ich das von Dir gedacht. Geh, geh! Was willst Du? Was dachtest Du von mir? Um diese 129 Stunde – in diesem Zimmer?« und bei den letzteren Worten verbarg sie abermals ihr Gesicht, doch that sie es nur für einen Augenblick. In fürchterlich ernstem Tone rief sie – »Gehen Sie, Sir. Gehen Sie augenblicklich, oder –« »Oder was, Julie? Wollen Sie das Haus wecken? Thun Sie's, und Angesichts Aller – Freunde wie Feinde – will ich das Recht geltend machen, Sie zu sehen und zu sprechen, und das noch heut Abend – und allein. Im Namen der unbezwinglichen Liebe, beschwöre ich Sie, mich anzuhören.« Julie winkte mir abermals zu gehen, und schien noch heftiger bewegt zu seyn, als vorhin. »Was fürchtest Du, Julie?« sagte ich in sanftem Flüstertone. »Bin ich's denn nicht? Bin ich es nicht, der um Deinetwillen bis jetzt sogar den Versuch aufgab, Dich zu sehen? Und was ist's, das jetzt mich hieher bringt? Ist's ein eigensüchtiger Zweck? Mit nichten. Um Deines Friedens willen komm' ich. Julie, ich wähnte, Dir wäre wohl – gemüthlich – Du hättest mich vergessen, und so ertrug ich mein eigenes Leid sonder Murren. Da hörte ich, Du wärest krank – schwändest hin – lebtest nur in der Vergangenheit, und sofort vergaß ich aller Klugheit, und bin hier. Jetzt sprich, ob du mich tadeln, oder wähnen kannst, meine Liebe sey von einer Art, daß sie Dir Furcht einzuflößen vermag? Antworte mir, Julie!« 130 »Ich kann nicht – nicht jetzt – nicht hier. Fort, ich beschwöre Dich! so will ich Dich morgen sprechen.« »Heute oder niemals,« sagte ich, und stand mit verschränkten Armen vor ihr. Julie wendete sich, und blickte mich so ängstlich bittend und so beunruhigend an, daß es meinen wachsenden Muth erschreckte. Dann faßte sie Jenny's Arm, und rief: »Verlaß mich nicht, Mädchen, hörst Du!« »Julie,« sprach ich gelassen, »habe ich das um Dich verdient. Erkenne Dich selbst, und sey gerecht gegen mich.« »Nicht hier, sag' ich, nicht hier!« wiederholte Julie in so heftigem Tone, daß ich fürchtete, die Hausbewohner mögten wach werden. »Still, still nur!« versetzte ich. »So komm denn hinunter. Im Wohnzimmer wird ja wohl Raumes genug seyn. Laß mich dort einige Minuten mit Dir reden, damit ich Dich, wenn möglich, beruhigt verlasse, und Segnung über Dich vom Himmel herabflehe.« »Ich will,« sagte Julie lallend. – »Gehen Sie, ich will Ihnen folgen.« »Versprich's!« »Ja, ja, ich versprech' es!« »Genug; ich bin zufrieden.« Ich stieg die Treppe hinab, und setzte mich ruhig auf deren unterste Stufe. Nicht lange hatte ich zu warten. Indem Julie das Licht mit ihrer Hand beschattete, schlich sie treppab, und öffnete die Thür eines kleinen 131 Besuchszimmers. Die gaffende Magd wollte mit uns eintreten, ich aber flüsterte ihr zu, draußen zu bleiben. Julie schien dies nicht zu bemerken, oder doch nicht zu beachten. Vielleicht fühlte sie sich in diesem Zimmer sicher, mindestens blickte sie wie befriedigt umher, und von ihrem Gesichte, obwohl es sich sehr blaß wies, war jeder Zug von Furcht verschwunden. Das Zimmer war kalt, und sah, Gott weiß es, trostlos genug aus, denn alles Geräth darin war über und durch einander gestellt. Julie gestattete, daß ich ihre Hand faßte – ja, Julie lehnte ihre Wange an meinen Busen, und gestand mir, daß sie sich sehr, sehr unglücklich gefühlt hatte. Ich küßte ihr die Thränen weg, und mit all der Gewalt, die die Liebe uns über den geliebten Gegenstand gibt, mit jenem sanften Despotismus, der den Selbstwillen hinwegschmilzt, bewarb ich mich ferner um Julie, und flehete sie an, uns gegenseitig wieder Alles und Alles zu seyn. Aber Julie besaß Tugendstärke genug, sich deß zu weigern, und ihre offene Einfachheit hatte mich beinahe zu meinem besseren Engel wieder zurückgewendet, als ich Jenny leise kreischen, und dann eine zürnende Stimme laut werden hörte. Die Thür öffnete sich, und herein trat ein Frauenzimmer, die, wie ich wohl einsah, keine Andere, als Juliens Schwester seyn konnte. Welch einen Anblick gab sie ab, die gute Dame in ihrer weißen Nachthaube und ihrer – – Doch ach! die Geschichte ist zu ernsthaft, als daß sie solchen Scherz vertragen könnte. Aber man bemerke nur, wie 132 mit den größten Lebensereignissen sich die unbedeutendsten Dinge verknüpfen. Die Wittwe war heruntergekommen, um ihre vergessenen Schlüssel zu holen. Alles Pathetische, alles Leidenschaftliche schwand hin vor – einem Bunde Schlüssel. Die Dame blickte mich scharf an, ehe sie noch ihre Schwester so viel würdigte, sie anzusehen, dann faßte sie rauh genug Juliens Arm, und sagte: »Geh hinauf! Wie schändlich hast Du mich hintergangen. Und Sie, Sir – wer sind Sie? was wollen Sie hier?« »Werthe Frau,« sagte ich, »setzen Sie sich, und lassen Sie uns vernünftig mit einander reden.« »Sir, denken Sie mich zu beleidigen?« »Wie könnte mir das jemals einfallen?« »Verlassen Sie sogleich mein Haus, oder ich rufe die Polizei zu Hülfe.« »Das werden Sie nicht thun,« sagte ich in festem Tone. »Doch, doch, Sir.« Julie war froh, entschlüpfen zu können, und sie that's. »Madam,« fuhr ich fort, »hören Sie mich an. Ich werde dies Zimmer nicht eher verlassen, als bis ich Ihnen erklärt habe, wie Ihre Schwester durchaus unschuldig an dieser Zusammenkunft ist. Ohne daß sie etwas davon wußte, kam ich in's Haus, und ging sofort hinauf in ihr Zimmer. – Sie wundern sich? Doch war dem so; ich sage die reine Wahrheit. Ich bestand darauf, mit Julien reden zu wollen, so wie ich jetzt darauf bestehe, 133 mit Ihnen reden zu wollen; und wenn Sie sich weigern, mich anzuhören, so vernehmen Sie das Resultat davon; es ist dies: Ich werde in dies Haus kommen, Sie mögen es zu verhindern suchen, so sehr Sie es können; ich werde bei Nacht und bei Tage kommen, bis Julie nicht mehr in demselben wohnt, bis Julie mein ist! Ist dies die Sprache eines Mannes, den Sie hindern können, seinen Willen durchzusetzen? Also nehmen Sie diesen Stuhl, und hören Sie mich an.« Mechanisch ließ die Frau vom Hause sich auf den Stuhl nieder, den ich während meiner Rede ihr hingeschoben hatte. Wir sprachen eine Stunde lang mit einander, und im Verlaufe der Unterredung vernahm ich, daß vor Jahresfrist Julie einen Heirathsantrag von einem angesehenen Manne, der ungefähr gleichen Alters mit ihr war, erhalten hatte, daß sie geneigt gewesen war, denselben in Ueberlegung zu ziehen, daß sie denselben aber, nachdem sie mit mir bekannt worden war, gänzlich zurückgewiesen hatte. Die Schwester war hierüber nicht wenig aufgebracht, und redete auf mich ein, wie ich bei einer Liebesbewerbung beharren könnte, die durchaus nicht ehrenvoll für Julie auszufallen vermögte, und das noch dazu auf Kosten eines ihr von einem angesehenen, wohlhabenden und bereits trefflich häuslich eingerichteten jungen Manne gemachten ehrenvollen Antrags. Diese Darlegung der Dame machte mich betroffen. Gleich den Meisten ihres Standes war die Krämerwittwe listig und welterfahren genug. Sie verfolgte den Vortheil, den sie 134 über mich davongetragen hatte, und äußerte, durch mein Schweigen immer dreister gemacht, und im Vertrauen auf meine Leidenschaft für Julie, geradezu, daß es hier für mich keinen andern Ausweg gebe, als – Heirath. In einem empfindsamen Weltmanne wird nichts leichter reg gemacht, als der Argwohn. Mir schoß es auf, als ob man mich hier einfangen wollte. Konnte Julie hier die Hand mit im Spiele haben? Hatte sie sich darum zu gleicher Zeit so zurückhaltend als liebend gezeigt, um mich in's Garn zu locken? Ich gab mich zwar diesem Verdachte nicht hin, doch blieb er, ich weiß selbst nicht wie, mir halb und halb im Gemüthe. Meine Liebe zu Julien war so heftig, daß, wenn sie nicht plötzlich entstanden wäre, ich Alles geopfert, und Julie auf der Stelle geheirathet haben würde. Allein mit plötzlich aufgewallter Leidenschaft verknüpft sich keine Hochachtung. Man schämt sich ihrer, man scheut sich, ihr gänzlich sich hinzugeben, man fühlt, daß, wenn man auch nicht der Betrogene Anderer, doch der seiner eigenen Sinne ist, und eben das Bewußtseyn des Uebertriebenen in unserer Leidenschaft lehrt uns auf der Huth seyn, nicht durch dieselbe verrathen zu werden. Ich antwortete nichts auf den Antrag der Wittwe, ließ sie aber aus meinem Wesen vermuthen, daß derselbe seinen Zweck wohl nicht verfehlen würde, und verließ nach einem freundlichen Vertrage das Haus, denn ich versprach meinerseits, Julie niemals mehr heimlich zu 135 sprechen, wogegen die Wittwe mir zusagte, daß in ihrem Hause ich Julie jederzeit würde besuchen dürfen. Während der beiden nächstfolgenden Tage lag ich in anhaltendem Kampfe mit mir selbst. Vermogte ich mit der Liebe, die mir noch immer im Busen brannte, darein zu willigen, auf Julien zu verzichten? Und andrerseits! vermogte ich es, durfte ich es, Julie von einer ehrsamen, dem Anschein nach Glück verheißenden Verbindung abzulocken, um sie in einem Liebeshandel verflochten zu halten, der zuletzt doch schimpflich für sie würde ausgehen müssen? Mir blieb ein Mittelweg – sollte ich ihn einschlagen? sollte ich dem Winke der Schwester Folge leisten, und– heirathen? Heirath mit einem zwar schönen, einfachen und liebenswürdigen Mädchen, dem es jedoch an vornehmer Abkunft und an Erziehung gebrach, und die in Gedanken und Lebensweise schwerlich mit mir harmonirte? Sollte ich der Narr meiner eigenen Begierde werden, und um bloßer Verehrung äußerer Vorzüge willen das erkaufen, was, wie ich deutlich voraussehen konnte, eine übelzusagende Ehe würde genannt werden müssen? Dennoch, dennoch – mit einem Worte, ich konnte mit mir selber zu keinem Entschlusse gelangen. Ich erinnerte mich eines alten Freundes und Rathgebers 136 meiner Jugend – zu ihm wollte ich mich begeben, um seine Ansichten von der Sache zu vernehmen. John Mannering zählt etwa sechszig Jahre, ist von sanfter Gemüthsart, freundlichem Wesen, vielerfahren, und einer Moral zugethan, die eher ausführbar als streng genannt werden muß. Er hatte mich früher vor manchem Fehltritte bewahrt, meiner Seele jedoch keinen klaren Grundsatz eingeprägt, der mir hätte zum Führer dienen können. Seine eigne Tugend war ohne alles System, sie war das Resultat eines guten, aber keineswegs eines feurigen Gemüthes. Nicht über eine gewisse Höhe strebte John Mannering hinaus, und zwar war dies sein Fall nicht aus Mangel an hellem Verstande, sondern aus Mangel an dem leisesten Hange zur Schwärmerei. So wie er war, dünkte er mich der beste Rathgeber, den ich kannte, denn er gehörte zu den Wenigen, die sowohl mit unsern Gefühlen, als mit unseren weltlichen Vortheilen zu sympathisiren verstehen. Mit ihm besprach ich mich ausführlich und frei. Sein Rath lag auf der Hand – ich sollte Julien entsagen. Ich kehrte in meine Wohnung zurück, und vernünftelte mit mir selber. Ich begann zwanzig Briefe, und zerriß sie voll Ingrimms einen nach dem andern. Ich konnte nicht umhin, mir Julien als sehnsuchtvoll und verzweifelnd zu denken; und indem ich mir einredete, nur für sie zu fühlen, bemitleidete ich meine eigene Lage. Endlich siegte die Liebe über jede andere Betrachtung. Ich beschloß, die Wittwe zu besuchen, sie zu bitten, mir zu erlauben, mich ehrerbietig um Julie 137 zu bewerben, damit wir erprobten, ob wir als Eheleute zusammen passen würden – ich hielt diesen Mittelweg für ganz besonders verständig und klug. Ich verschloß meine Augen gegen die Folgen solches fortgesetzten, unentschiedenen Umgangs. Mir fiel ein, wie lernfähig die Jugend ist, und ich schmeichelte mir daher mit der trügerischen Vorspiegelung, ich würde im Stande seyn, Juliens Erziehung in so weit zu vollenden, daß, nach einigen Jahren des Reisens mit meiner jungen Gattin, ich sie würde in den vornehmen Kreisen vorstellen können, in denen ich gewohnt war, mich zu bewegen. Mittlerweile war ich entzückt über den Vertrag, den ich auf diese Weise zwischen meinem Herzen und meinem Kopfe geschlossen hatte. Ich konnte Julie sehen – sprechen – mit ihr umgehen – so oft ich wollte in ihrer Nähe weilen. Wie glücklich machte mich schon der bloße Gedanke daran! Tags darauf sprach ich bei der Schwester ein, deren dunkle Augen bei meinem vorläufigen Antrage funkelten; und Alles ward angeordnet. Ich sah Julie – wie beseligt blickte sie. Mit welchem Lächeln und welchen Thränen sank sie in meine Arme – und wie zufrieden und glücklich war ich. Ich besuchte die Geliebte jetzt täglich; allein schon nach dem ersten Besuche begann der Zauber zu schwinden. Ich sah mit andern Augen. Die Schwester, durch und durch eine Krämerseele, weidete sich allerdings an der Hoffnung auf die glänzende Heirath, die Julie mit mir 138 würde schließen können, und mit Juliens Liebe vermischte sich offenbar eine Theilnahme an der Freude über deren Aussichten Betreffs ihrer. Was hätte auch natürlicher seyn können? Vielleicht herrschte die Liebe vor, aber war es möglich, daß in einem jugendlichen, phantasiereichen Gemüthe alle weltliche Rücksichten gänzlich schlummerten? Eben so natürlich aber war es auch, wenn mein Verdacht rege ward – wenn ich fürchtete, daß man mich täuschte – daß man mich absichtlich zu diesem Schritte geleitet hatte – daß das, was in Julien Natur zu seyn schien, dennoch Kunst wäre! Ich blickte dem Mädchen in's Antlitz, und die sonnige und schöne Aufrichtigkeit in demselben scheuchte meinen Argwohn – allein gleich darauf drängte sich dieser mir von neuem in die Seele. Mir fielen Beispiele von ungleichen Verehelichungen ein, und mich dünkte, ich sähe Unglück in allen – immer schien es mir als wäre in ihnen derjenige Theil betrogen worden, der dem anderen Theile an Geistesfähigkeiten überlegen war. So lagerte sich allmälig eine Kälte auf mein sonst so glühendes Wesen, und statt jener gesegneten Gedankenlosigkeit, jener elysäischen Leichtgläubigkeit, womit Liebende sich dem Entzücken der Stunde billig hingeben und in dem geliebten Gegenstande den Inbegriff aller Vollkommenheiten wahrnehmen sollten, beschlichen mich Unruhe und Besorgniß. Nicht unbeachtet ließ ich an Julien tausend Dinge, die mich erschreckten, wenn ich dachte, daß ich sie an meiner Gattin würde wahrnehmen müssen. So lange 139 mir noch kein Gedanke an Heirath erweckt worden war, hatten jene Fehler mich nicht weiter berührt – waren von mir gar nicht wahrgenommen worden; jetzt sah ich anders – schärfer – peinlicher. Als ich bei Julien nichts als ihre Liebe und ihre Schönheit nachsuchte, begnügte ich mich damit, nichts mehr als das zu fordern; jetzt suchte ich mehr, denn Julie sollte die Gefährtin meines Lebens werden, und ich ward beunruhigt, ja sogar verdrießlich über die kleinlichen Ursachen meines Mißfallens; eine Unziemlichkeit im Redeausdruck, eine Vernachlässigung conventioneller Förmlichkeiten ärgerten mich an Julien ungleich mehr, als sie es an irgend einem Mädchen meines Standes gethan haben würden. Fängt die Liebe erst an zu klügeln, so wird sie nur allzubald ungerecht. Ich trug kein Bedenken, Julien alles das vorzuwerfen, was den Tag hindurch mich an ihr und ihrem Wesen oder Benehmen verdrossen hatte, und fand nun, daß sie meine Anmahnungen, so mild und gemäßigt ich diese auch laut werden ließ, keineswegs so anhörte, als es zu erwarten ich berechtigt zu seyn glaubte. Julie war daran gewöhnt worden, mich in jedes ihrer Worte, in jede ihrer Geberden verliebt zu sehen – so war ihr mein Kritteln und Splitterrichten eben so auffallend als unangenehm – sie konnte ihren Unwillen darüber in ihren Mienen nicht verbergen, und glaubte beständig, ich hätte Unrecht und fand mich grämlich, ungerecht und gebieterisch. Anfänglich äußerte sie diesen Unwillen nicht in Worten, sondern warf blos die Lippe auf, 140 und schmollte und schwieg die nächste Halbstunde hindurch. Allmälig aber begann meine Julie Spuren von Laune zu verrathen – von einer zwar niemals lautwerdenden und niemals unweiblichen Laune, aus der freilich mehr Bekümmerniß als Verdruß hervorsah. Ich wäre ungroßmüthig, sagte sie, ich hätte früher all solche Fehler nicht an ihr wahrgenommen, hätte nimmer all die ihr fehlenden Vollkommenheiten von ihr und an ihr gefordert. Und dann weinte sie – und das ging mir zu Herzen, und ich konnte mich nicht eher beruhigt fühlen, als bis ich sie wieder lächeln sah. Dennoch war leicht zu bemerken, daß anstatt Vergnügen an unserem Mitsammenleben zu finden, wir allmälig immer verlegener gegeneinander wurden. Furcht vor Zank und Mißbehagen, und eine gewisse Peinlichkeit traten an die Stelle des früheren Entzückens der Verliebtheit, und so oft ich auf die Zukunft hinblickte, zitterte ich. Mit Einem Worte – ich wiederhol' es – der Zauber war geschwunden . O dieser entsetzlichen Epoche in der Geschichte menschlicher Leidenschaften! Ist jener Spruch einmal gesprochen, so führt er ganze Bücher mit sich. » Der Zauber ist geschwunden! « Welche bittere, unzuvertilgende Täuschung liegt hierin! Welche fürchterliche Ueberzeugung von der Trüglichkeit der Hoffnung und von der Bethörung der Einbildungskraft führt jener Schreckensspruch mit sich! Wie kalt, wie schaurig ist die Versetzung aus dem Leben das wir uns vorspiegelten in das Leben so wie es ist. Ein arabisches Märchen erzählt, daß wenn das Auge eines 141 Menschen mit einer mystischen Salbe bestrichen ward, so sah es alle Schätze der Erde – der dürre, kahle Fels zeigte dann seine Gruben voll unerschöpflicher Reichthümer; sobald aber mit eben derselben Salbe desselben Menschen beide Augen bestrichen wurden, verschwand sofort die Täuschung – die Erde wies ihre vormalige Oede wieder, und die Goldgruben wurden dürre Wüsten, wie sie es zuvor gewesen waren. So auch steht es um die Erfahrungen der Leidenschaften! So lange wir nur theilweise die Geschöpfe der Bezauberung sind, ist uns die Segensmacht verliehen, Alles im Glanz und in der Glorie zu erblicken – wir dünken uns Götter zu seyn! Kaum aber salbt Gewohnheit uns beide Augen – siehe! so ist das Traumgebild verschwunden, und wir stehen wieder allein in der Wildniß. Fünfzehntes Kapitel. Als eines Abends wieder eine von unseren Zänkereien und die darauf erfolgte Versöhnung stattgefunden hatte, schien Juliens Laune unter einer mehr als gewöhnlichen Reaction zu ringen. Es waren etliche ihrer Bekannten – auch ihre drei Basen, die den Wahrsager hatten zu sich rufen lassen – eine Art von Gesellschaft anwesend, und Julie machte sich zum Mittelpunkte des ganzen Kreises. Je aufgeräumter sie sich aber gab, desto größer ward mein Mißbehagen. Ich bildete mir ein, sie spielte 142 mit der Wittwe unter einer Decke; es kam mir vor, als wollte Erstere mich gleichsam wie den Zukünftigen ihrer Schwester »zur Schau stellen,« wie es in der vermaledeiten Redeweise gewisser Weiber heißt. Dergleichen aber ist keine Lage, in die ein nur irgend krittlicher Mann sich gern versetzt sieht. Hiezu füge der Leser die anerkannte Wahrheit, daß manche Leute, die in ruhigem Gemüthszustande keine Unarten an sich blicken lassen, sich oft plump geben, wenn sie allzu munter werden. Dies war der Fall mit Julien; wenigstens schien es mir so. Leichtfertigkeit verlangt in eben dem Maße Verfeinerung, in welchem die Person, an der wir sie wahrnehmen, uns werth und theuer ist; und Leichtfertigkeit an der Geliebten ist einem leidenschaftlich Liebenden fast immer unausstehlich. Die Liebe ist eine, ach! so ernste, so verfeinerte Gottheit. Kurz, mit jedem Augenblicke steigerte sich mein Verdruß über Juliens Ausgelassenheit. Ich ward brennend roth vor Aerger über jeden Scherz, den sie lautwerden ließ – ich mögte darauf schwören, daß ich sie sonder Gewissensvorwurf hätte schlagen können. Die Besuchenden entfernten sich, und jetzt kam die Reihe an mich. Ich machte Vorstellungen – Julie ereiferte sich – ich deßgleichen – wir verloren Beide unsere Besonnenheit. Ich bildete mir damals ein, durchaus Recht zu haben; doch jetzt – ach! Jetzt will ich gern glauben, daß ich Unrecht hatte – dies eingestehen ist eine Art von Sühnopfer, das ich einer schauerlichen Rückerinnerung bringe. »Du ärgerst Dich immer über meine Munterkeit,« 143 sagte Julie. – »Fröhlich seyn ist in Deinen Augen allzeit ein Verbrechen. Ich kann diese Tyrannei nicht ertragen. Noch bin ich nicht Deine Frau, und wär' ich's, würd' ich sie dennoch nicht ertragen. Mißfalle ich Dir jetzt schon – was werd' ich nachher erst!« »Aber liebste Julie, Du kannst ja so leicht von diesen kleinen, mir so widerwärtigen Eigenheiten ablassen. Halte mich immerhin für unbillig – vielleicht bin ich es wirklich; indessen ist es für ein edles Herz eine Art von Vergnügen, der Unbilligkeit des geliebten Gegenstandes ein Opfer zu bringen, und – rund heraus gesagt, wenn Du allen meinen Wünschen diesen Starrsinn entgegensetzest, so können wir niemals glücklich miteinander seyn und – und –« »Ich verstehe,« unterbrach mich Julie, mit ungewohnter Heftigkeit – »ich sehe wo hinaus Du willst; Du bist meiner überdrüssig, Du fühlst, daß ich Deinen idealischen Begriffen nicht entspreche. Als Du mich zu Deinem Opfer ausersahst, hieltest Du mich für durchaus vollkommen, jetzt jedoch, da Du glaubst, Deinerseits etwas aufopfern zu müssen, denkst Du an nichts, als an solche klägliche Aufopferung, und verlangst dagegen von mir eine unmögliche Vollkommenheit!« In diesem Vorwurfe war so viel Wahres enthalten, daß er mir durch das Innerste drang, dennoch that Julie unzart, oder doch gewiß unverständig, daß sie mir ihn machte. Ich erblaßte vor Aerger. 144 »Mademoiselle –« begann ich mit jener Höflichkeit, in der der bitterste aller Vorwürfe liegt. »Mademoiselle?« wiederholte Julie und wendete sich rasch zu mir. – Ihre Lippen waren halb geöffnet – ihre Augen blitzten durch ihre Thränen – Unruhe, Bekümmerniß, aber auch Unwille zuckten in jeder ihrer Gesichtsmuskeln. »Ist es dahin gekommen?« sagte sie. »Geh! Laß uns scheiden. Meine Liebe hört auf, da ich sehe, daß die Deinige ein Ende nahm. Wärst Du zwiefach so reich, zwiefach so vornehm; als Du es bist, mögte ich doch nimmer mich so sehr demüthigen, daß ich nur von Deiner Gerechtigkeit, nicht aber von Deiner Liebe abhinge! Lieber – lieber, o Herr des Himmels! Lieber mögte ich Dir mich ganz hingegeben haben, als daß ich irgend einen Vortheil von einem Manne annehmen sollte, der da wähnt, er erzeige mir eine besondere Ehre durch seine Liebe. Laß uns scheiden!« Offenbar hatte Julie das Wort, dessen ich mich aus Kälte und Bitterkeit bediente, sowohl als einen Spott gegen ihren niederen bürgerlichen Stand, wie als einen Beweis von Kaltsinn aufgefaßt; ich aber ließ mir nicht Zeit zu erwägen, ob sie mit Recht oder Unrecht aufgebracht war. Ihr Verschmähen des Opfers, das ich für so groß ansah, erbitterte mich – durch die Heftigkeit ihres Zornes ward ich empört, so daß ich nur an den Ausweg dachte, den sie selbst mir gezeigt hatte. »Laß uns scheiden!« diese Worte klangen mir im Ohr, wie 145 einen Verurtheilten dessen Lossprechung. Ist stand ohne Weiteres auf, nahm gelassen meinen Hut, ging zur Thür, und sprach dann erst: »Genug, Julie, wir scheiden für immer. Morgen wirst Du zum Letztenmale von mir hören.« Ich verließ das Haus und schritt dahin, als ob ich auf Wolken träte. Meine Liebe zu Julien, die längst im Abnehmen gewesen war, schien jetzt gänzlich aus meinem Herzen vertilgt zu seyn. Ich bildete mir ein, Juliens frühere Zartheit sey eitel Heuchelei gewesen, und dachte nur an die Zänkerin, der ich entronnen war. Ich wünschte mir Glück dazu, daß sie selber die Kette zerbrochen hatte, und daß ich jetzt frei, und mit Ehre frei war. Nicht dachte ich damals – o nein! erst als es zu spät war, dachte ich an die Verzweiflung, die sich auf ihrem blassen Antlitz gewiesen hatte, als der ruhige Ton meiner Entschlossenheit in ihr Ohr drang und sie erkannte, daß ich wirklich für immer ihr verloren war. Jetzt steigt jenes Bild vor mir auf, und wird mich bis in mein Grab verfolgen! Ach! ihr bleiches, starrblickendes Antlitz, von dem jede Miene des Stolzes und Zornes gewichen war, und das nur den wilden, ungläubigen, versteinerten Ausdruck verlassener Liebe zeigte – o! wie entsetzlich schwebt es vor meinen Blicken im Wachen wie im Traume! – Es ist das Gespenst meines Daseyns, das nimmer, nimmer abläßt mich zu ängstigen. O! hätte ich doch, als es noch Zeit dazu war, glauben können, glauben wollen, daß 146 Julie so tief zu empfinden vermogte, welch namenloses Elend würde alsdann nicht über mich gekommen seyn! Am anderen Morgen schrieb ich ihr gemäßigt und freundlich, doch solcher Ton ließ den Stachel nur noch tiefer in die Wunde dringen! Ich sagte ihr für immer Lebewohl. Ihrer Schwester schrieb ich ausführlicher. Ich sagte, daß Juliens Gemüthsart und die meinige durchaus nicht zusammenstimmten, daß vernünftiger Weise keines von uns Heil von einer Verbindung zwischen uns erwarten könnte. Ich bat sie, die Schwester nicht zu überreden oder zu vermögen ihren früheren Bewerber zu ehelichen, sobald Julie nicht selbst Neigung dazu äußerte. Wen immer sie heirathen mögte, setzte ich hinzu, so sollte ihre reiche Ausstattung meine Sorge seyn. Sonder Zweifel, ließ ich einfließen, würde nach kurzer Frist ein Anderer ihr eben so theuer seyn, als ich mir eingebildet hätte, daß ich es wäre. »Lassen Sie also, Madam,« schloß ich, »Ungleichheit des Vermögens kein Hinderniß einer neuen Wahl für Ihre Schwester seyn, denn mit Freuden will ich mein halbes Vermögen zur Buße für jegliche Bekümmerniß geben, die ich etwa verursacht oder veranlaßt habe.« Durch diesen Brief glaubte ich mein Gewissen völlig beruhigt; und doch war dieser Brief mir von einem Teufel dictirt worden, der tausendmal mehr Satan war, als Asmodeus es jemals hat seyn können. Geburtsstolz – Geldstolz – Wissenshoffart waren die Quellen, aus der mein jüngstes Verfahren gegen Julie hervorging – 147 fluchenswerthe böse Geister, durch die eine Engelsseele – meine theure, schmählich von mir verkannte Julie in die Wildnisse der Verzweiflung gejagt ward. Fast unglaublich ist der Gedanke, in wie so kurzer Zeit all diese Erlebnisse auf mich eingedrungen waren. Binnen wenigen Wochen hatte ich der Liebe gesammte Geschichte durchlebt – der Liebe erstes mystisches Gefühl – ihre Gluth der Leidenschaft – ihren Hader – ihren Kaltsinn – ihren Bruch – ihr Lebewohl für immer – Alles, Alles hatt' ich erlebt. Vier Tage später erhielt ich – nicht von Julien – von Juliens Schwester einen Brief, der im Tone einer ärmlichen, mit sich selber nicht einigen Impertinenz abgefaßt war, und mich vollends mit der Wendung aussöhnte, die die Geschichte genommen hatte. Inzwischen enthielt das Schreiben eine Mittheilung, die ich nicht mit Gleichgültigkeit hinnehmen konnte – nämlich die, daß Julie der wiederholten Bewerbung ihres früheren Anbeters Gehör gegeben hätte und sich ehestens mit ihm verehelichen würde. »Sie trägt mir auf,« schloß die Wittwe ihren Brief, »Ihnen zu sagen, daß sie recht wohl die Absicht durchschaut, die Sie hegen, indem Sie erheuchelte Wünsche für ihr Glück äußern, und daß Sie nichts wollen als sie von dem ihr früher gewordenen Heirathsantrag ablenken; sie sieht ein, daß Sie noch immer den Herrn über sie spielen mögten, und daß Ihr Großmuthsanerbieten nichts ist als Herablassung einer eingebildeten Geistes- und Herzens-Ueberlegenheit. Dennoch 148 gibt sie Ihnen die Versicherung, daß Ihre Wünsche für ihr Wohlergehen sich bereits erfüllen.« Diese unverdiente und beleidigende Zuschrift vollendete meinen Sieg über jedes etwa noch im Herzen mir kauernde Gefühl von Reue oder Sehnsucht, und in meinem Aerger über Juliens Ungerechtigkeit gewahrte ich nicht, wie sehr diese die Folge verletzter Eitelkeit und eines verzweifelnden Herzens war. Sechzehntes und letztes Kapitel. Ungeachtet der mir vorgesetzten Reise verweilte ich noch immer in London, und begab mich einige Tage nach dem Empfange des Briefes der Wittwe zum Mittagsessen bei einem meiner Bekannten, der einer der lustigsten Gesellen von der Welt war. Während meines Umganges mit Julien hatte ich das Gesellschaftsleben mehr oder weniger aufgegeben; um so neuer und anziehender war dies jetzt für mich. Die Stunden entflohen mir wie Minuten – ich ward immer heiterer Laune, und genoß der Gegenwart mit einer Hingebung, zu der ich mich seit langer Zeit nicht hatte stimmen können. Ich ging nach eingenommener Mahlzeit wohlgemuth fort; die klarkalte, sternenhelle Nacht verlockte mich, noch ein wenig umherzuschlendern, und so geschah es, daß ich mechanisch einem Lieblingsorte, der besonders zur Abendzeit von jeher großen Reiz für mich gehabt hat, nämlich 149 der Brücke zuschlenderte, durch welche die Vorstadt von dem Brennpunkte Londons mit seiner stolzen Abtei gesondert wird. Ich wanderte hin und her auf der Brücke, und blickte dann und wann auf die dunklen Wasser, welche die Sterne des Himmels und die Lichter zurückspiegelten, die in den halbwahrzunehmenden Häusern schimmerten. Allgemach aber füllte meine Seele sich mit schattigen und schwankenden Ahnungen – ich fühlte, ohne mir eine Ursache davon angeben zu können, daß ich immer wehmüthiger gestimmt ward; meiner Aufregung von vorhin folgte eine unerklärbare Schwermuth. Ich sann über die verschiedenen Täuschungen nach, die ich während meines Lebens erfahren hatte. Meine Geschichte mit Julien machte den Hauptinhalt dieser Betrachtungen aus – unwiderstehlich und mit erneuerten Reizen geschmückt, drängte ihr Bild sich wieder vor die Augen meines Geistes. Vergebens suchte ich zu der Selbstlossprechung und Selbstbeglückwünschung Zuflucht zu nehmen, denen ich noch vor wenigen Stunden mich überlassen hatte; mein Herz war ungewöhnlich gesänftigt, und mein Erinnerungsvermögen weigerte sich, irgend harsche Rückblicke zu thun. Nur Juliens Liebe und Schuldlosigkeit drängten sich vor meine Seele, und ich seufzte, als ich daran dachte, wie die Geliebte vielleicht um diese Zeit einem Anderen angehörte. Mittlerweile hatte ich die Brücke nicht verlassen, und befand mich jetzt am Ende derselben, wo ich, nahe der Treppe, mehrere Menschen und ein unklares Getös wahrnahm. Ein geheimer Drang trieb mich näher hin. Ich 150 hörte einen Polizeiwächter mit jenem Eifer sprechen, durch den die Aufregung einer Erzählung sich zu charakterisiren pflegt. »Mein Argwohn ward geweckt,« sagte er, »als ich vorüber ging, und das Frauenzimmerchen am Geländer des Steges stehen sah. So schlenderte ich denn ein Weilchen hin und her, und als sie nicht fortging, trat ich zu ihr, und da hörte ich sie stöhnen. Sie aber wendete sich zu mir her, denn ich mußte sie erschreckt haben; und nimmer werd' ich ihr Gesicht vergessen, so wehbeladen sah's aus, und doch war das Frauenzimmer noch so jung und so hübsch. Nu, ich red' sie an, und sag', ›lieb' Kind, was will Sie hier um diese Stund' am Stege?‹ Antwortet sie: ›Ich wart' auf 'nen Kahn, mit dem meine Mutter von Richmond kommen soll.‹ Na, albern genug war ich, daß ich dem unglücklichen Kinde glaubte, aber sie sah so ruhig und so reputirlich aus. So ging ich denn weg, und nach einer Minute oder so, denn weit hatt' ich mich mit Fleiß nicht entfernt, hör' ich einen schweren Plump in's Wasser. Da wußt' ich freilich, was an der Sache war. Ich lief zurück, und sah die Unglückliche noch Einmal wieder kommen. Da ich nicht schwimmen kann, rief ich nach Hülfe. Nun, wir halfen auch, aber es war zu spät.« »Armes Mädchen!« ließ sich ein altes Höckerweib vernehmen. »Mag wohl 'ne unglückliche Liebschaft gehabt haben!« 151 »Was giebt's hier?« fragt' ich, und drängte mich in das Gewühl. »Ein junges Mädchen hat sich ertränkt, Sir.« »Wo? wo? Ich sehe ja nicht – –« »Wir trugen sie in's Wachthaus,« fiel mir der Polizeiwächter ein – »und Aerzte sind um sie herum, ob sie sie wieder zum Leben bringen können.« Mir schoß ein fürchterlicher Gedanke durch den Kopf, und so ungegründet, so unwahrscheinlich er mich auch bedünkte, fühlte ich dennoch, daß ich ihn entweder bestätigt wissen, oder ihn für immer aufgeben müßte. Ich ließ mich von dem Polizeiwächter in das Wachthaus führen – ich drängte mich mit ihm durch die Menge der Gaffer – ich stand vor dem Leichnam. O Herr des Lebens! dies Leichengesicht – das schwere, tröpfelnde Haar – die aufgedunsene Gestalt – und all die keusche, jungfräuliche Schönheit nackt mit einer groben Decke halb verdeckt – und um sie her die theilnahmlosen Aerzte und deren Gehülfen – und die gaffenden Weiber – O welch eine Scene! welch ein Todtenbett! Julie! Julie! Dir ist Rache worden! Sie also war es, die ich erblickte – sie, das Opfer, die Selbstzerstörerin. Ich eile hinweg über die schauerliche Mittheilung. – Ich schreibe meine eigene Verdammniß nieder – ich belege mich selber mit dem Fluche! In den Kleidern der Leiche hatte sich ein Brief gefunden; durchnäßt wie er war, konnte ich dessen 152 Schriftzüge doch noch entziffern. Er war an mich gerichtet – er lautete folgendermaßen: »Ich glaube jetzt, bei ruhiger Betrachtung und bei dem festen Entschlusse nicht mehr zu leben, daß ich sehr strafbar bin und war, denn ich sehe ein, wie arg ich die Liebe verwarf, die Du einst mir schenktest. Dennoch habe ich Dich immer geliebt, und wie ich Dich liebte, hab' ich Dir nimmer gesagt und nimmer sagen können. Als Du aber schienst, auf Deine – wie soll ich's nennen? – Deine Herablassung, mich zu heirathen, oder wohl gar Herablassung, mich zu lieben, so übergroßen Werth zu legen, da brannt' es mir im Gehirn, und hätt' ich auch eine Welt darum gegeben, Dir zu gefallen, konnt' ich's doch nicht ertragen, Dein verändertes Wesen zu sehen, seitdem Du täglich zu mir kamst, und hattest lernen müssen, von mir zu denken, wie man von einem rechtschaffenen Mädchen denken soll; und diese Deine Hoffart ward Ursache, daß ich verdrüßlich und ärgerlich und unliebenswerth erschien, – aber ich konnt's nicht helfen – und so hörtest Du auf, mich zu lieben. Ich fühlte dies, und rang in verblendetem Sinne danach, Dich von einem Bande zu erlösen, das Dich zu drücken schien. Der Augenblick dazu trat ein, und – wir schieden. Nun schriebst Du an mich und an meine Schwester, und diese ließ mich, was Du vielleicht nicht beabsichtigt hattest, Deinen Brief an sie lesen. Ich aber hatte nur Raum für den Gedanken, Dich für 153 immer verloren zu haben, und mich von Dir verhöhnt zu sehen. Da ward meine Eitelkeit gestachelt – und ich wußte, daß Du noch immer mich liebtest – und ich bildete mir ein, ich könnte mich an Dir rächen, wenn ich einen Anderen ehelichte; als ich nun aber diesen Anderen sehen und anblicken und anlächeln mußte – als ich den Tag der Verehelichung nun heranrücken sah – und als ich dabei erwog, wie Du mir Alles in Allem gewesen warest – und nun fühlte, daß ich nimmer und nimmer mit einem Anderen würde vereint leben können, nachdem ich Dich so innig und treu geliebt hatte – da fühlte ich auch, daß ich allzusehr auf meine Stärke gerechnet hatte, und daß ich meinen Muth zu leben nicht länger aufrecht halten konnte. Das Leben hat nichts mehr für mich übrig gelassen; die Angst, die ich ausstehe, ist unerträglich, – so hab' ich endlich den Entschluß gefaßt, zu sterben. Doch denke ja nicht, daß ich blos ein liebesieches Mädchen bin. O nein! ich bin mehr – ich bin ein Rache heischendes Mädchen. Du hast mich verlassen, und ich kenne den Fehler, den ich beging, recht wohl; aber ich kann's nicht ertragen, daß Du mich verachten und vergessen solltest, wie Du es thun würdest, wenn ich einen Anderen ehelichte. So will ich denn Dich zwingen, meiner ewig zu gedenken – um mich Dich zu betrüben – mir zu vergeben – und mich besser zu lieben, als Du es thatest, selbst dann thatest, als Du mich am meisten liebtest. Diese Rache soll und wird mir werden!« 154 – – Und in diesem Schreckenskampfe widerstreitender Gefühle – im Kampfe jungfräulichen Stolzes mit Mädchenzartsinn, im Kampfe des Verzeihens mit der Rache, im Kampfe hochherziger Regungen mit irrwahntollen Grundsätzen – in dieser Angst, durch die Eine Schauerhoffnung, bewehklagt, und in folternder Erinnerung behalten zu werden – in diesem Schreckenskampf, o unglückselige Julie, stürztest Du Dich in Dein Fluthengrab! Was muß während der wenigen Momente, die Du auf dem Brückenstege zubrachtest, Fürchterliches in Deiner Seele vorgegangen seyn – als Du hinunterblicktest auf die dunkeln Wasser – als Du zaudertest – zagtest – bebtest– fürchtetest – und dennoch entschlossen warst! Und ich war Dir nahe in jenen Momenten, und wußte nicht, daß ich es war. Ich hätte Dich retten können, und rettete Dich nicht. Ich hätte Dich vor der Schauerthat bewahren können, und bewahrte Dich nicht! O Julie, Julie! fürchterlich ist die Rache, die Du an mir nahmst – schauerlich ist die Erinnerung, in die Du mich bis über Tod und Grab hinaus versenktest. Fortan frag' ich nicht mehr nach Welt und Menschen und menschlicher Theilnahme und Liebesregung. – Allein stehe ich hienieden, und der Teufel selbst scheut sich, mich hier auf Erden zum Genossen zu haben.