Marcel Prévost Lea Roman Einzig berechtigte Übersetzung aus dem Französischen von F. Gräfin zu Reventlow   A L   Albert Langen Verlag für Litteratur und Kunst München 1901 Erster Teil I Wie jede große Hauptstadt, besteht auch Paris eigentlich aus mehreren Städten. Besonders, wenn man von Westen kommt, stößt man auf Vororte, die streng genommen noch zu Paris gehören, dabei aber den Eindruck von kleinen Provinzhauptstädten machen – so z. B. Neuilly und Levallois. Wenn ein Fremder sich etwa einen Tag im Faubourg St. Charles, – der unmittelbar an das Stadtquartier Javel anstößt, – aufhielte und dann direkt in seine Heimat zurückkehrte, so würde er sich wahrscheinlich einen seltsamen Begriff von Paris machen. Und doch hat er einen Teil der Hauptstadt kennen gelernt, der in etwa zehn Jahren, wenn die alten Festungswälle einmal gefallen sind, ganz mit ihr verschmolzen sein wird. St. Charles nimmt den viereckigen Raum zwischen dem linken Seineufer und der Ringbahn ein. Die Hauptverkehrsader ist die rue St. Charles, die Javel der ganzen Länge nach durchschneidet. In dieser Straße machen die Bewohner ihre täglichen Einkäufe. Wenn die bescheidenen Vorräte des Kaufladens das Gewünschte nicht enthalten, so heißt es: »O, das können wir uns aus Paris kommen lassen.« Ebenso pflegt der Bewohner von St. Charles am Morgen seiner Frau zu sagen: »Ich komme heute nicht zum Frühstück. Ich muß nach Paris.« Man muß hier, wie in den Städten Nordamerikas, zwischen den angestammten Ureinwohnern und den Eingewanderten unterscheiden. St. Charles war ursprünglich ein Dorf, das noch unter Ludwig XVI. ganz unbekannt war. Die Bewohner waren einfache Landleute, von denen mancher den Louvre niemals zu sehen bekommen hat. Von diesen Ureinwohnern existieren noch einige Familien, unter denen die Namen Froment, Martin und Bahuchet häufig wiederkehren. Es sind fast alles kleine Kaufleute: Kurzwarenhändler, Krämer, Bäcker u.s.w. Keine einzige von diesen Familien gilt für reich, die Groß-Industriellen, die St. Charles kolonisiert haben, waren im allgemeinen Pariser aus dem Centrum von Paris und sind es auch geblieben. Die Roussins, deren Petroleumraffinerie in der rue de Loruel liegt, haben ihr Hotel am Park Monceau; der Verleger Verdier wohnt am Trocadéro. Jude Duramberty, der große Tapetenfabrikant, hat seine Fabrik in der rue de Bergers, aber gleichzeitig besitzt er eine luxuriös ausgestattete Wohnung in der rue François-Premier. Und all diese Fabrikanten gehen Tag für Tag nach St. Charles, wie der englische Kaufmann zur City geht. Es kommt keinem von ihnen in den Sinn, dort zu wohnen. Übrigens sind all diese Etablissements nicht ohne bedeutenden Einfluß auf die Bevölkerung geblieben; sie haben die Zahl derselben vermehrt und ihr zwei neue Elemente zugeführt: den Beamten und den Arbeiter. Das einstige Dorf St. Charles zählt heute mehr als 20 000 Seelen, also ebensoviel wie Chartres. Die Beamten der großen Fabriken wohnen fast alle im Ort. Einige logieren im Fabrikgebäude, die andern mieten sich in seiner Nähe ein. Die Arbeiter dagegen, für die das Centrum von St. Charles bald zu kostspielig geworden ist, wohnen in den äußeren Straßen der Vorstadt. Das Gesamtbild von St. Charles könnte man also ungefähr so charakterisieren: ein Stamm von eingeborenen Kleinkaufleuten und Subalternbeamten; eine Arbeiterbevölkerung, die jenem Stamm an Zahl überlegen ist, und schließlich einige Großkapitalisten, denen fast der ganze Ort gehört, die aber sämtlich in Paris wohnen. Man kann sich leicht vorstellen, was die Folgen dieser Zusammensetzung sind: Arbeiter und Bourgeoisie liegen einander beständig wegen aller möglichen rein lokalen Fragen in den Haaren; der ausschlaggebende Einfluß in politischen Angelegenheiten geht jedoch, wie überall, von den Kapitalisten aus, das heißt also, von Leuten, die nicht einmal ihren Wohnsitz im Orte haben. Dieser Einfluß macht sich übrigens nur dann und wann einmal geltend, wenn z.B. einer von den Großindustriellen das Bedürfnis fühlt, sich in St. Charles eine politische Stellung zu schaffen. Aber für gewöhnlich wird die Politik des Ortes von den wirklichen Einwohnern, – den Angestammten oder Zugewanderten – gemacht. Und so findet man hier, wie in jeder französischen Provinz, die Spaltung in eine Regierungs- und eine liberale Partei. Da nun keine eigentliche Aristokratie vorhanden ist, repräsentieren die eingeborenen Kaufleute im Verein mit einigen Rentiers die Regierungs- oder, wenn man so sagen will, die reaktionäre Partei, zu der selbstverständlich auch die pensionierten Bureaubeamten gehören. Wer zwanzig oder dreißig Jahre lang in einer Provinzialstadt lebt, hat gewöhnlich weder die Lust noch die Mittel, seinen Wohnort zu verlassen und nach Paris zu ziehen. So geht es auch den Bewohnern von St. Charles, wenn sie in den Ruhestand treten. Sie pflegen sich dann ein Häuschen mit einem kleinen Garten zu mieten, am liebsten an den Festungswällen, wo sie sich dann mit ihrer Familie einrichten. Ihre einzigen Zerstreuungen bestehen darin, an den Ufern der Seine spazieren zu gehen, den Militärübungen zuzuschauen, dann und wann das Theater von Grenelle oder irgend einem Jahrmarkt und alle zehn Jahre vielleicht einmal die Ausstellung zu besuchen. Natürlich sind sie reaktionär, wie alle französischen Rentiers, weil sie für die Sicherheit ihres Besitzes fürchten. Denn Tag für Tag sehen sie das Gespenst der Revolution vor sich vorüberziehen. Wenn die Fabrikglocken ertönen, stehen die alten Rentiers am Fenster ihrer Gartenhäuschen, um mit geheimen Schrecken diese unheimliche Armee des Elends, des Hungers und der harten Arbeit vorbeidefilieren zu sehen. Und dann rufen sie ihre Frauen und sagen: »Da – die Anarchisten!« Aber ihre Furcht ist überflüssig. Die Arbeiterpartei würde in St. Charles, wie in allen Industriestädten, die stärkere sein, wenn sie nicht zu ungebildet, zu gutmütig und zu beschränkt wäre. – Es gab eine Zeit, etwa von 1880 bis 1886, wo sie unter der Leitung eines ehrgeizigen Führers eine feste Organisation bildete, aber nach seinem Tode spaltete sich die Partei, die Reaktionären wußten diese Spaltung zu befördern und auszunutzen: die Arbeiterpartei verbündete sich mit den Reaktionären, um den damaligen Gemeinderat zu stürzen und ihn durch ein bunt zusammengewürfeltes Gemisch von regierungsfreundlichen und extremsocialistischen Elementen zu ersetzen. Diese seltsame Zusammenstellung hielt sich drei Jahre lang, wurde dann wieder durch eine diesmal socialistisch-radikale verdrängt, aber bei den Gemeindewahlen von 1896 errang sie von neuem einen vollständigen und diesmal auch andauernden Sieg. Es wurde diesmal ein Programm aufgestellt, dessen Hauptartikel wir hier erwähnen müssen. Er bezog sich auf die gleiche Verteilung der Bezirksschulgelder unter die freien und konfessionellen Schulen Dieses Übereinkommen zwischen den Socialisten und den Klerikalen nannte man den »Vertrag von St. Charles.« So kam es, daß im Jahre 1898, am Vorabend der großen Ausstellung, die das Jahrhundert beschließen sollte, der kleine Industrieort St. Charles von einem quasi socialistischen Gemeinderat regiert wurde. Die Spitzen der Behörden waren: Bürgermeister Anquetin, einstiger Werkmeister in der Fabrik Roussin, und seine Beigeordneten, ein Geschäftsagent, Namens Quignonnet, der hauptsächlich mit den zahlreichen, religiösen Stiftungen – Schulen oder Krankenhäusern der Stadt – zu thun hatte, und Duvert, der Direktor einer ziemlich schlecht gehenden Tapetenfabrik, die er sehr gerne an Duramberty verkauft hätte. Quignonnet, der Agent, war die Mittelsperson zwischen dem Gemeinderat und dem Klerus. Seine politischen Ansichten hätte wohl niemand recht zu definieren gewußt: er vermied es geschickt, sich darüber auszusprechen. Anquetin, ein finsterer, ehrgeiziger Mann, träumte davon, Nachfolger des Deputierten Ranblart zu werden, der zu Schlaganfallen neigte. Was Duvert anbetraf, so behaupteten seine Gegner, er sei bloßer Strohmann für die politischen Pläne Durambertys. Anquetin, Duvert und ihre ganze Partei gingen Hand in Hand mit den streng Klerikalen: Aiglon, der aus einer alten Juristenfamilie stammte, Monsieur de Lesparre, Kavallerieoberst a. D., dem Abbé Minot, erstem Pfarrer an der Kirche von St. Charles, und dem gesamten Kleinbürgertum. Duramberty wurde zur Partei Anquetins gerechnet, aber seine einflußreiche Stellung und sein großes Vermögen trugen ihm gleichzeitig die Sympathien der Kirche ein. Er hatte verschiedentlich bedeutende Summen für die freien Schulen gestiftet. In solchen Fällen pflegte er sich übrigens gewissermaßen dadurch zu decken, daß er die konfessionellen Schulen noch reichlicher bedachte. In Anbetracht seiner Freigebigkeit sah man es ihm gerne nach, daß er nie einen Fuß in die Kirche setzte. Die Kirche wird in St. Charles außer der Pfarrei durch eine bedeutende Anzahl von Kapellen, Klöstern und religiösen Stiftungen repräsentiert, so das Kloster der Dames du Calvaire – die Redemptoristenkapelle, das Kinderhospital – die Dames du Saint-Sang. All diese katholischen Anstalten blieben jedoch unabhängig von einander und standen in politischer Hinsicht ziemlich isoliert da, bis der Abbé Minot erster Pfarrer von St. Charles wurde. – Die Person dieses Priesters müssen wir etwas näher ins Auge fassen. Er war 1862 geboren. Seine Eltern waren einfache Landleute, die ihn schon früh für den geistlichen Stand bestimmt hatten. Seine schwarzen, struppigen Haare, seine großen, plumpen Hände und Füße verrieten die bäuerische Herkunft, deren er sich übrigens mit Vorliebe zu rühmen pflegte. Aber trotz diesem Mangel an äußeren Vorzügen und zugleich an hervorragender Begabung übte er auf seine Beichtkinder, auf seine Kollegen, und sogar auf manche seiner Vorgesetzten eine gewisse Autorität aus, da er ein Mann von ungewöhnlich festem Willen und strengen Sitten war. Man fühlte eben, daß er nie in seinem eigenen Interesse handelte und keinen persönlichen Ehrgeiz kannte, aber stets bereit war, alles zu dulden und alles zu wagen, was der Kirche zum Vorteil gereichen konnte. Im Laufe des Jahres 189? wurde ein ziemlich großer Bauplatz, der Duramberty gehörte und direkt an seine Fabrik anstieß, von einer gewissen Mlle. de Sainte-Parade angekauft, um eine weibliche Gewerbeschule zu gründen. Das Unternehmen erregte allgemeines Aufsehen Es war einer der ersten praktischen Versuche, die von der Frauenbewegung ausgingen, und stellte sich schon dadurch von vornherein in Gegensatz zu den zahlreichen anderen Schulen von St. Charles. Mlle, de Sainte-Parade umgab sich mit einer Art von weiblichem »Generalstab«, der ohne jeden männlichen Beistand den Ankauf des Terrains in Scene setzte, den Bau überwachte und die Schule organisierte. Dieser sogenannte Generalstab bestand übrigens nicht etwa aus lauter alten, häßlichen, komischen Persönlichkeiten, wie man es sonst den Anfängerinnen der Emanzipation häufig nachzusagen pflegt. Unter den Damen, die der Gründerin hilfreich zur Seite standen, waren manche sogar von sehr angenehmem Äußeren: so z.B. Mlle. Heurteau, die früher staatlich angestellte Lehrerin gewesen war; die beiden »kleinen Sûriers« Lea und Friederike, zwei Schwestern im Alter von 19 und 26 Jahren, die sogar auffallend schön waren. Friederike, die ältere, eine hochgewachsene Brünette mit dunklen Augen und edel geschnittenen Zügen, und Lea, eine zarte, liebreizende Erscheinung mit ihren blauen Augensternen und den licht kastanienbraunen Locken. – Zu den »Hübschen« gehörten ferner noch Duyvecke Hespel, eine üppige Holländerin mit flachsblondem Haar, und Geneviève Soubize, – approbierte Hebamme – deren pikante Häßlichkeit und lebhafte Bewegungen die Blicke der Männer auf sich zogen. Die anderen wurden kurzweg die Scheusäler genannt. Zu diesen gehörten in erster Linie Mlle. de Sainte-Parade selbst, mit ihrem gelähmten, verkrüppelten Körper und dem unförmlich großen Kopf, und Daisy Craggs, eine etwa vierzigjährige Irländerin. Schließlich war da noch eine Persönlichkeit, die das meiste Interesse erregte und weder zu den »Hübschen« noch zu den »Scheusälern« gezählt wurde. Es war eine kleine, schmächtige, kränklich aussehende Gestalt mit dünnem schwarzem Haar und dunkelblauen Augen, deren Blick eine seltsame magnetische Kraft inne zu wohnen schien. Sie trug einen fremdklingenden Namen: Romaine Pirnitz und galt für diejenige, deren geistiger Einfluß die Triebfeder des ganzen Unternehmens war, obgleich sie niemals offiziell in den Vordergrund trat. Nur bei der Einweihung der Schule hatte sie das Programm ihrer neuen Erziehungsmethode in einer längeren Rede dargelegt. In klaren, schlichten Worten, aber mit hinreißender Beredsamkeit setzte sie dem versammelten Publikum, das zum großen Teil aus Journalisten, Politikern und Mitgliedern der ersten Gesellschaft bestand, auseinander: es handle sich nicht nur darum, den jungen Mädchen aus dem Volk Orthographie, Rechnen, Nähen und kunstgewerbliches Zeichnen zu lehren, sondern darum, die moralische Erziehung der Frau durch die Frau zu begründen; eine Schule für junge Mädchen zu schaffen, wo diese zu wahrhaft moralischen Persönlichkeiten herangebildet werden sollten, eine Schule, wo sie gelehrt würden, sich ihr Brot selbst, ohne Hilfe der Männer, zu verdienen. – Alle diese Ideen wurden mit einer solchen Klarheit und überzeugenden Wärme vorgetragen, daß sie den Zuhörern durchaus nicht sonderbar oder widersinnig, sondern im Gegenteil ganz selbstverständlich und einleuchtend vorkamen. Und trotz ihres bescheidenen Auftretens galt Romaine Pirnitz von diesem Tage an für die geistige Urheberin und die Seele des ganzen Unternehmens. Die offizielle Leitung lag in den Händen von Mlle. Heurteau, der Friederike Sûrier als Beistand zur Seite gegeben war. Was Mlle. de Sainte-Parade betraf, so behauptete Duramberty, mit dem sie wegen des Bauplatzes persönlich unterhandelt hatte, sie sei eine halbverrückte alte Jungfer, die sich abwechselnd durch die Geistlichkeit, durch ihre Geschäftsagenten und durch die überspannten Anhängerinnen der Emanzipation beeinflußen ließe. Der Ankauf des Grundstücks war unter ziemlich ungewöhnlichen Bedingungen abgeschlossen worden. Duramberty hatte – wie er sagte, um das hochherzige Werk zu unterstützen, – keine direkte Zahlung verlangt. Die Schule hatte innerhalb der nächsten zwanzig Jahre keinen Mietzins zu entrichten. Wenn sie nach Ablauf dieser Zeit noch existierte, sollte sie dann eine den Ortsverhältnissen entsprechende Summe für das Terrain erlegen, ohne den Besitzer desselben für die zwanzigjährige Nutznießung zu entschädigen. Wenn das Unternehmen jedoch aus irgend einem Grunde scheitern sollte, so würde Duramberty die volle Verfügung über sein Grundstück und alle darauf errichteten Gebäude wieder erhalten. Um ihm eine gewisse Garantie zu bieten, mußte die Administration der Schule bei der französischen Bank eine Kaution von 300 000 Franken hinterlegen, deren Zinsen ihr jedoch unverkürzt ausgezahlt wurden. Die weibliche Kunstgewerbeschule wurde übrigens nicht nur von St. Charles, sondern von ganz Paris mit einem gewissen Wohlwollen aufgenommen. Die illustrierte Presse brachte Photographien von den Schulgebäuden, die Porträts von Mlle. de Sainte-Parade und Mlle. Heurteau und einige ziemlich triviale Artikel über die Frauenfrage. Aber dann fing Paris wieder an sich mit anderen Sachen zu beschäftigen, und von der neuen Schule war einstweilen nicht mehr die Rede. Nur in St. Charles verfolgte man ihre Entwicklung mit gespanntem Interesse, Das Unternehmen schien übrigens einen günstigen Anfang zu nehmen. Die Kaufleute des Viertels waren ganz zufrieden mit der neuen Kundschaft. Der Abbé Minort schien sich ganz gut mit den Leiterinnen der Schule zu stehen. Jeden Sonntag erschienen etwa dreißig Schülerinnen, von einer der Lehrerinnen begleitet, in der Kirche, um der Messe beizuwohnen. In der Stadt erzählte man sich, daß Duramberty, sein Grundstück umsonst hergegeben und außerdem eine Freistelle gegründet habe. Es ging das Gerücht, er interessiere sich für Friederike Sûrier, die er schon lange mit zweifelhaften Anträgen verfolge. Ob diese bei ihr Erhörung gefunden oder nicht, darüber war man sich nicht einig. Von der offiziellen Schulpartei wurde das neue Unternehmen als gefährliche Konkurrenz natürlich nicht gerade mit wohlwollenden Blicken betrachtet, da es aber vom Staate autorisiert war – bei der öffentlichen Einweihung erschien sogar ein Vertreter des Ministers – konnte man ihm doch nicht mit offener Feindseligkeit entgegentreten. Die Leiterinnen des neuen Instituts bestrebten sich auch allem Anschein nach, möglichst wenig von sich und ihrem Werk reden zu machen. Man sah nur hier und da die kleinen Schülerinnen fast immer ohne Aufsicht in ihren netten schwarzen Schuluniformen mit dem roten Gürtel durch die Straßen gehen und amüsierte sich über ihr intelligentes, äußerst selbständiges Benehmen. Jeden Morgen wurden drei von ihnen auf den Markt geschickt, um die nötigen Einkäufe zu machen. Sonntags und Donnerstags wurden sie in Abteilungen von je zwanzig ins Theater Grenelle geschickt. Als der Frühling kam, sah man sie scharenweis unter der Führung einer Lehrerin die Schule verlassen, um Ausflüge in die Umgebung zu machen. Am Schluß jedes Semesters fand in dem großen Saal des Schulhauses eine dramatische und musikalische Produktion statt, zu der man die Honoratioren des Ortes einlud. Das Programm bot nichts außergewöhnliches, aber jeder, der die Schule betrat, fühlte, daß hier entschieden ein anderes, als das gewöhnliche System herrschte. Die kleinen Mädchen machten einen ungewöhnlich freien und selbständigen Eindruck. Sie blickten ihren Lehrerinnen und dem Publikum offen und ehrlich ins Gesicht, während sie ohne alle Schüchternheit ihre Deklamationen vorbrachten. Man fand sie allgemein sehr niedlich und amüsant, aber doch etwas reichlich emanzipiert. Dieses friedliche Verhältnis zwischen der neuen Schule und den socialen Mächten der Gemeinde blieb bis zum Schluß des ersten Jahres ungetrübt. Ein klar denkender Philosoph hätte sich vielleicht darüber gewundert, daß das möglich war. Die Quintessenz des ganzen Unternehmens stand im direkten Gegensatz zu dem herrschenden Zeitgeist der Pariser Vorstadt. Die Pariser Bevölkerung wird sich von vornherein niemals überzeugen lassen, daß eine Vereinigung von Frauen ohne jeden männlichen Beistand ein ernstes, dauerndes Werk unternehmen und zu Ende führen kann. Für den Pariser ist die Frau entweder ein Gegenstand des Luxus und der Ausschweifung, oder ein nützliches Haustier. Jedes Bestreben, sich einen anderen Wirkungskreis zu schaffen, gilt einfach für revolutionär oder lächerlich. Und die breite Menge steht in der Frauenbewegung gleichsam eine Art von Maskerade. Was nun die socialen Machthaber im engeren Sinne betrifft – die Kirche, die Gemeindevertretung und die offiziellen Schulen – so hatten wenigstens die beiden ersteren im Grunde ganz gut ein friedliches Verhältnis mit dem Werke Pirnitz aufrecht erhalten können, aber nur unter der Bedingung, daß dessen Leiterinnen sich bis zu einem gewissen Grade ihnen unterordneten. Eine freie Schule, die den Vertrag von St. Charles nicht mit unterschrieben hatte, mußte sowohl das Mißtrauen der Kirche, wie das der Obrigkeit erregen, denn solange sie unabhängig war, konnte sie sich ja gegebenen Falls zur Opposition schlagen. Schließlich kam noch dazu, daß die offizielle Schulpartei sich immer mehr über ein solches Konkurrenzunternehmen ärgerte, das sogar die Protektion der socialen Machthaber verschmähte. So kam es, daß allmählich der feindliche Masseninstinkt und die politischen Interessen sich immer fester gegen das Aufblühen des »Werkes« verbündeten. Um einer solchen Koalition siegreich zu widerstehen, muß man eine mächtige Partei im Rücken haben und vor allem über unerschöpfliche Geldmittel verfügen. Die finanzielle Lage war also für die neuerbaute Kunstgewerbeschule einfach die Lebensfrage. II Es war ein Nachmittag im Juni gegen Ende des Jahres 1898. Quignonnet, der erste Beigeordnete von St. Charles, saß in seinem Arbeitszimmer am Schreibtisch und sah die Rechnungen für eine Reparatur am städtischen Spritzenhaus durch, als der Bureaudiener eintrat. Quignonnet, der gerade einige Posten addierte, bedeutete ihn durch eine Handbewegung, zu warten. Nachdem er die Summe hingeschrieben hatte, erhob er den kurz geschorenen Kopf und fragte: »Was ist denn, Bonnault?« – »Der Abbé Minot möchte Sie sprechen.« »Gut, laß ihn nur eintreten.« Der Diener entfernte sich, und gleich darauf erschien Minot. Er trug seinen abgeschabten Hut unter dem Arm, die kurze Soutane reichte kaum bis an die groben Schnallenschuhe. Er reichte Quignonnet die Hand. »Guten Tag, Aktenmensch!« »Guten Tag, Totengräber!« Minot war ein Mann, der Spaß verstand. Er und Quignonnet pflegten sich im Scherz alle möglichen Schimpfworte an den Kopf zu werfen, die sich meist auf ihren beiderseitigen Beruf bezogen. »Ist das eine Hitze!« seufzte der Priester und setzte sich, ohne die Aufforderung abzuwarten. Dabei trocknete er sich die breite Stirn mit seinem groben, weißen Taschentuch. – Die Luft im Zimmer war aber auch wirklich erdrückend, obgleich die Gartenthür weit offen stand. Der »Garten« war ein kleines, schattenloses Stück Land mit einer einzigen, mageren Laube im Hintergrund. Der Abbé steckte den Finger in den Halskragen, um sich etwas Luft zuzuführen. »Sie spüren wohl nicht so viel davon, so ein dürres Knochengestell wie Sie? Aber ich bin eben dicker. Sie machen sich keine Begriffe, wie ich schwitzen muß, –« »Sie essen eben zu viel,« antwortete Quignonnet und legte seine Feder auf den Tisch. »Wenn Sie mit meinem Gehalt auskommen müßten, würden Sie nicht so fett werden. – Was wünschen Sie von mir?« Minot blickte ihn an, ohne etwas zu erwidern. Dabei bemühte er sich, gewinnend zu lächeln. »Ich möchte – –« sagte er. »Was denn?« »Nun das können Sie sich wohl denken – –« »Wenn Sie schon wieder Geld brauchen für Ihre schmierigen Ordensbaracken,« fiel der andere ihm in die Rede, »so machen Sie nur gleich, daß Sie weiter kommen. Man sieht nichts wie Ihren Namen im Budget. Gott im Himmel, sind Sie ein Vielfraß! – Sie werden uns noch zu Grunde richten.« Der Abbé zog eine Pastille aus der Tasche und steckte sie in den Mund. Quignonnet sah ihm lächelnd zu. Dann fragte Minot: »Aber ich bitte Sie, wovon sollen wir denn unsere Preisverteilung bestreiten? Zwei Mädchen- und eine Knabenschule – und dann haben wir noch eine Krippe und das Kinderhospital – – –« Er lächelte nicht mehr. Sein rundes Bauerngesicht hatte einen beinah ängstlichen Ausdruck angenommen. Der Agent antwortete: »Sie haben angeblich für ihre Preisverteilung schon über zweitausend Francs Extrazuschuß bekommen. Sind die schon wieder aufgefressen? Dann wundere ich mich nicht mehr darüber, daß Sie immer dicker werden.« »Nun ja zweitausend Francs,« brummte der Abbé, »die sind längst verbraucht – und meine neue Krippe in der rue de Lavelle? – da sind hundert kleine Mäuler, die viel Geld verschlucken, obgleich sie noch keine Zähne haben. – Aber wenn Sie nichts für mich thun wollen, so ist es Ihre Sache. Ich werde die Angelegenheit dem Patronatskomitee vorlegen. Das mag dann beurteilen, ob Sie die Vertragsbedingungen einhalten. Mich persönlich geht es ja nichts weiter an. Ich lege meine Rechnungen vor und wasche meine Hände in Unschuld.« Damit stand er auf und nahm seinen Hut. »Also ich gehe –« Quignonnet wurde plötzlich ernst. »So bleiben Sie doch noch! Machen Sie nicht gleich solche Geschichten. Im Grunde sind wir ja völlig einer Meinung, nicht wahr? Aber was wollen Sie, ich habe doch nicht über Millionen zu verfügen. Offen gesagt, Sie sollten Ihre frommen Damen etwas mehr bearbeiten.« Minot ließ ihn schweigend ausreden – dann stand Quignonnet auf. »Lassen Sie uns in die Laube gehen und eine Cigarette rauchen. Wir können dort ungenierter miteinander reden.« Sie traten in den Garten hinaus und ließen sich in der Laube nieder. Quignonnet bot dem Abbé eine Cigarette au; dann begann er: »Sie wissen doch, daß ich Ihnen jederzeit gern zu Diensten sein möchte – und ich weiß sehr wohl, daß Sie das Geld nicht in Ihre eigene Tasche stecken – aber mir sind die Hände gebunden – Anquetin kann keine Soutanen leiden. Er ist eifersüchtig auf Sie, – bei der letzten Versammlung hat er behauptet, Ihre Schulen kosteten viel zu viel – – « »Anquetin?« »Nun freilich. Er stellte im Gegensatz zu Ihren Stiftungen die Privatschule als Beispiel auf, die all ihre Bedürfnisse selbst bestreitet und weder vom Bezirk noch vom Staat etwas verlangt.« »Thut sie das wirklich nicht? Nun ja, die Damen müssen sich ganz gut stehen – sie haben es vorzüglich verstanden, die Sainte-Parade herumzukriegen.« »Aber die Damen sind doch Ihre speciellen Freundinnen,« sagte Quignonnet. Der Abbé blies wütend den Rauch von sich und knurrte: »Meine Freundinnen? Alberne Frauenzimmer sind es. Sie haben nur einen Gedanken im Kopf: selbständig zu sein – ohne Gängelband herumzulaufen. Dabei ahnen sie aber so wenig vom praktischen Leben, wie eine Novize im Kloster. Sie halten mich für dümmer wie ich bin. Man macht mir den Hof, man ist äußerst liebenswürdig, aber man schlägt mir die Thür vor der Nase zu – mir kann es ja gleich sein. Aber ich bin mir ganz klar darüber. Wer nicht für uns ist, ist wider uns. Wissen Sie, wer das gesagt hat? Sie Kontraktfälscher?« Bei diesen Worten gab er dem Agenten einen Schlag aufs Knie. Quignonnet fuhr in die Höhe und schnitt eine Grimasse. »Sie wissen nicht, wer das gesagt hat? – Unser Herr Jesus Christus.« Es entstand eine kurze Pause. Dann fragte Minot in mürrischem Ton: »Sie stehen sich wohl ganz gut mit den Damen? Duramberty scheint sie zu protegieren. Sie wissen wohl, was man sagt?– –« »Man sagt – man sagt – in Wirklichkeit liegt es nur daran, daß Duramberty sich ebenso zum Narren halten läßt, wie ich. Man sperrt ihm eben gerade so wie mir die Thür vor der Nase zu, obgleich er den hübschen Mädeln die Cour macht.« »Hm,« antwortete Quignonnet, »er hat sein Grundstück umsonst hergegeben, einen Freiplatz gestiftet – – er wird wohl seine Gründe dazu haben. Aber trotzdem habe ich seit einiger Zeit das Gefühl, als ob die Sache zwischen ihm und den Damen nicht so ganz – – « Er hielt plötzlich inne und schien darauf zu warten, daß der Abbé weiter fragen würde. Aber Minot that, als ob ihn die Sache nicht besonders interessierte. Er warf den Rest seiner Cigarette weg und stand auf: »Auf Wiedersehen!« warf er nachlässig hin. »Haben Sie Eile?« »Ich habe noch bei den Schwestern von Saint-Sang zu thun. Sie wollen ihren Komplex vergrößern, neue Grundstücke hinzukaufen oder ein Abkommen mit ihren Nachbarn treffen – große Projekte sage ich ihnen – also, auf Wiedersehen!« »So warten Sie doch, – bleiben Sie noch einen Augenblick – was faseln Sie da? – die Schwestern wollen ihren Komplex vergrößern? Davon haben Sie ja gar nichts gesagt. Sie werden die Sache doch aber nicht auf eigene Hand – – – « »Nein, das glaube ich nicht,« sagte Minot, Damit ging er langsam auf das Haus zu. »Haben sie schon einen Agenten?« »Nein, aber sie haben mich um Rat gefragt. Auf Wiedersehen!« Quigonnet nötigte den Abbé, stehen zu bleiben, indem er ihn am Arm faßte. »Ich hoffe, Sie werden doch niemand anders vorschlagen, wie mich.« »Ich werde ihnen überhaupt niemand vorschlagen; denn das sind Sachen, die mich nichts angehen. Merken Sie sich, mein Freund, es giebt nichts Gefährlicheres, wie sich in die Angelegenheiten der Schwestern einmischen.« »Aber das ist doch nicht Ihr Ernst,« sagte Quignonnet. »Nein, ich rechne auf Sie. Und Sie wissen, was Ihre Schulen angeht, können Sie jederzeit auf mich zählen.« Der Abbé machte ein verschmitztes Gesicht wie ein Bauer, der um eine Kuh feilscht. »O« sagte er, »vielleicht brauchen die Schwestern überhaupt keine Vermittler – alles, was ich weiß, ist, daß es sich um ein bedeutendes Geschäft handelt – Hundertfünfzigtausend Francs, unter uns gesagt.« »Hundertfünfzigtausend«, wiederholte Quignonnet in höchster Erregung, »das muß gemacht werden, Abbé. Ich garantiere dafür, daß Ihre Nonnen mit mir zufrieden sein sollen, und ich werde mich revanchieren, was Ihre alten Schulbaracken betrifft. Sie wissen ganz gut, daß ich vorhin gescherzt habe – ich stehe Ihnen jederzeit zu Diensten. Sind Sie einverstanden?« Er hatte in seiner Erregung immer lauter gesprochen. Aber Minot gab keine Antwort, sondern deutete auf die Thür, die zu Quignonnets Arbeitszimmer führte. Quignonnet blickte jetzt ebenfalls auf und blieb einen Augenblick bestürzt stehen, als er an seinem Arbeitstisch einen Herrn stehen sah, der in seinen Papieren blätterte. Es war Jude Duramberty. Als er die beiden kommen hörte, drehte er sich um, blickte sie scharf an und trat auf sie zu. »Guten Tag, Quignonnet, – Guten Tag, Herr Abbé.« Dann nahm er seinen Hut ab und legte ihn auf den Schreibtisch. Der Geistliche und der Agent begrüßten ihn mit größter Liebenswürdigkeit. »Sie entschuldigen, Quignonnet, daß ich hier eingedrungen bin. Der Diener behauptete, Sie wären in Ihrem Zimmer.« »Aber ich bitte, Monsieur Duramberty – der Abbé und ich waren nur in den Garten gegangen, um etwas frische Luft zu schöpfen. Was verschafft mir die Ehre?« »Sie sollen es gleich erfahren, haben Sie einen Augenblick Zeit?« »Aber gewiß, so viel Sie wollen, bitte nehmen Sie doch Platz.« »Ich verabschiede mich, meine Herren,« sagte der Priester und ging auf die Thür zu. »Sie stören uns durchaus nicht, Abbé,« sagte Duramberty, »im Gegenteil, Sie können uns vielleicht einige nützliche Winke geben.« Duramberty nahm auf dem Sofa Platz, während Quignonnet sich vor dem Schreibtisch niederließ. Es entstand eine Pause. Duramberty schien über das nachzudenken, was er sagen wollte, und die beiden andren warteten in ehrfurchtsvollem Schweigen. »Heute morgen waren Frédal und Mad. Ribaut bei mir. Sie schienen beide unzufrieden und besorgt zu sein.« »Weswegen?« fragte Quignonnet. »Weil für das nächste Quartal nicht genug Anmeldungen kommen, Frédal verliert nur drei Schüler, aber bei Mad. Ribaut ist noch keine einzige »Neue« in Aussicht, und elf gehen ab. Und wissen Sie, weshalb?« »Um in eine von den katholischen Schulen zu gehen wahrscheinlich,« sagte Quignonnet mit einem Seitenblick auf den Abbé. »Ach Gott,« seufzte dieser, »das glaube ich kaum –« »Nein, alles, was Madame Ribauts Schule verläßt, geht zu Pirnitz und Heurteau. Die Schule scheint sehr zu gefallen, obgleich die Direktion bei der Aufnahme alle möglichen Schwierigkeiten macht und viele zurückweist. »Das begreif ich nicht,« sagte der Abbé, »die Schule hat überhaupt kein vernünftiges Programm – keine Rede von geregeltem Unterricht. Es werden nicht einmal Zeugnisse ausgeteilt oder Prüfungen gemacht.« »Ja, das ist richtig,« stimmte Quignonnet bei – »daß die Schülerinnen damit einverstanden sind, kann ich mir ganz gut denken – aber die Eltern?–« »Das Neue an der Sache lockt sie. Es macht ihnen Spaß, daß ihre Kleinen auf den Markt geschickt werden, daß man sie aufs Land führt, um Schmetterlinge zu fangen und – was weiß ich –« brummte der Abbé vor sich hin. Der Agent wandte sich an Duramberty: »Sind Frédal und Madame Ribaut zu Ihnen gekommen, weil sie Mitglieder der Unterrichtskommission sind?« »Frédal, ja« antwortete Duramberty, »und was Madame Ribaut betrifft, so hat sie die Absicht, einen Bericht über ihre schwierige Lage an die Verwaltungsbehörde zu machen. Sie glaubte, daß ich die neue Schule protegiere und wollte sich gewissermaßen entschuldigen und mich fragen, ob ich ihr irgendwelche Schwierigkeiten in den Weg legen würde.« Quignonnet schwieg. Nach einer Pause fragte der Abbé: »Aber Sie interessieren sich doch auch für die Damen?« – Dabei machte er ein möglichst einfältiges Gesicht, wie immer, wenn er ein heikles Thema berührte. »Ich?« sagte Duramberty »Nicht mehr wie für alle Schulen hier am Ort. Im Gegenteil, diese Art von Frauen ist mir nicht sehr sympathisch. Sie haben für meinen Geschmack etwas zu viel Selbstvertrauen.« »Der Inspektor beklagt sich auch darüber,« sagte Quignonnet, den der Ton des Fabrikbesitzers ermutigte. »Ich hab es ja immer gesagt,« fuhr der Abbé fort, während er sich mit dem Taschentuch Kühlung zuwehte. »Es sind alberne Frauenzimmer. – Wenn sie nicht die Millionen der alten Saint-Parade im Rücken hätten, würde die Schule bald genug verkrachen.« Duramberty lächelte. »Die Millionen? Wissen Sie so bestimmt, daß diese Millionen wirklich existieren?« »O, was das angeht – Die Sainte-Parade ist reich, Monsieur Duramberty. – Das weiß ich. – Ich bin sogar einmal ihr Beichtvater gewesen. Damals war sie wenigstens noch fromm – es war, ehe sie der Pirnitzbande in die Hände gefallen ist. Aber daß sie Vermögen hat, steht wohl fest.« »Sie spekuliert,« sagte Duramberty. »Ja, ich weiß. Sie hat auf Michels Rat Kupferaktien gekauft und enorm dabei gewonnen.« »Ja, Michel hat sie ganz gut beraten,« fuhr Duramberty fort, »aber jetzt kann sie das Spekulieren nicht mehr lassen. – Die Schule kostet ein Heidengeld. – Für das neue Schuljahr haben sich schon sechzig Kinder angemeldet. – Ich habe das alles von einer der Damen erfahren, die etwas zugänglicher ist, wie die anderen.« »Madame Pirnitz?« »Nein, die Heurteau, die früher staatlich angestellte Lehrerin war. – Sie rechnet fünfhundert Francs Unkosten pro Jahr und Kopf. – Das Geld der alten Dame wird reichen, solange das Unternehmen sich in den bisherigen Grenzen hält, aber sie träumt davon, es noch mehr auszudehnen. Und wenn Michel einmal Fiasko macht – – – « Er hielt mitten im Satz inne und kaute an seiner Cigarre. Minot und Quignonnet sagten kein Wort. Es interessierte sie lebhaft den einflußreichsten Mann des Orts so offen über diese Sachen reden zu hören, was sonst ganz gegen seine Gewohnheit war. »Mir ist diese Art von Frauen unsympathisch,« fuhr er fort, »ich habe ihnen geholfen, so weit es in meinen Kräften stand. Ohne mich wäre ihre Schule niemals zustande gekommen. Ich habe einen Freiplatz bei ihnen gegründet, ich habe ihnen mein Personal für einen unentgeltlichen Kursus zur Verfügung gestellt. Aber sie lehnten mein Anerbieten ab unter dem Vorwand, daß männliche Lehrkräfte nach ihrem Programm ausgeschlossen wären. – Es ist die reine Manie, diese Frauenbewegung. – Frauenbewegung? – was soll das überhaupt heißen? – Ich sehe vollkommen ein, daß die Frauen sich auf anständige Weise ihr Brot verdienen möchten. Sie brauchen sich aber deshalb doch nicht gleich mit der ganzen Gesellschaft auf Kriegsfuß zu stellen.« »Es sind alberne Frauenzimmer,« sagte der Abbé, den dieser Ausdruck sehr zu befriedigen schien. »Sie haben es in dieser kurzen Zeit schon fertig gebracht, alle Sympathien zu verscherzen,« meinte Quignonnet. »Der Abbé z. B. scheint ihnen nicht besonders gewogen zu sein.« »Alberne Frauenzimmer, Monsieur Jude,« wiederholte Minot – »finden Sie es in der Ordnung, daß eine Privatschule keinen Kaplan hat? – Bei den Staatsschulen mag es ja etwas anderes sein – die Regierung – wenn auch – – – aber diese Damen wollen Christinnen sein, und doch verschließen sie dem Diener des Herrn ihre Thüre. Man sagt, sie wollen jetzt sogar Protestanten- und Judenkinder aufnehmen. Wenn ich Ihnen meine Meinung über die Frauenbewegung sagen soll – – –« »Ja, sie sind halb verrückt,« fiel Quignonnet ein, »wenn ich denke, daß die Sainte-Parade ihre Geldangelegenheiten in Michels Hand gelegt hat.« – »Anarchisten sind sie,« fuhr Minot fort, »Anarchisten schlimmster Sorte, sie wollen Ehe und Familie abschaffen, die ganze heutige Gesellschaft umwälzen. Und ihr Anarchismus ist um so gefährlicher, weil sie ihn ihren Schülerinnen von früh an einimpfen – Sie werden schon sehen, was dabei herauskommt. Bei Ihrer einflußreichen Stellung ist es einfach Ihre Pflicht, die Schule zu schließen oder Ihre Leitung selbst in die Hand zu nehmen.« »Brav, Abbé,« sagte Quignonnet. Aber Jude Duramberty schüttelte den Kopf. »Eine Schule schließen oder die Leitung selbst in die Hand nehmen. – Das ist leichter gesagt wie gethan. Erstens, haben wir einfach nicht das Recht dazu. Und selbst, wenn sich das umgehen ließe, so würden wir die Anhänger der Schule, d. h. die Eltern gegen uns haben.« »Es sind doch fast lauter Waisen?« »Nicht alle. Anfangs ja, aber die Neuangemeldeten haben zum größten Teil Vater und Mutter.« »Ja, was dann?« fragte Quignonnet, »man kann es doch nicht zulassen, daß sämtliche Bezirksschulen leer stehen und alles diesen verrückten Weibern zuläuft.« »Ich habe meine Gründe, anzunehmen, daß die finanziellen Schwierigkeiten bald über sie hereinbrechen werden. Man könnte darüber Erkundigungen einziehen. Sie, Quignonnet, sollten einmal versuchen, herauszubekommen, wie Michels Angelegenheiten stehen. Ich habe gehört, daß er momentan in amerikanischem Korn spekuliert. Und das scheint mir ein wahnsinniges Risiko zu sein.« »O, das werde ich leicht erfahren können.« »Ferner müssen wir anfangen, Propaganda zu machen, um unsere Schulen zu verteidigen – haben Sie irgend ein Blatt zur Verfügung Abbé?« »Ja, die Semaine de St. Charles. Es ist ein harmloses, kleines Kreisblatt. Aber man könnte immer ein Paar Artikel darin loslassen, die die große Presse dann abdrucken wird.« »Über unsere Schulen?« »Nein über ihre. Ich hätte es schon längst gethan, aber ich fürchtete, es möchte Ihnen nicht recht sein, Monsieur Jude. – Sie können sich auf mich verlassen. – Und außerdem könnte man die Sache auch noch mündlich zur Sprache bringen.« »Mündlich?« »Nun ja in kleinerem Kreise natürlich – sich darüber aussprechen, wie man über diese Schule und ihre Tendenz denkt, – – – Ich kenne hier genug kleine Rentiers, denen diese Brutanstalt des Anarchismus ein Dorn im Auge ist.« »Noch dazu des kosmopolitischen Anarchismus,« kam Quignonnet ihm zu Hilfe, »Die Gesellschaft ist ja aus aller Herren Länder zusammengekommen – eine Ungarin, eine Irländerin u. s. w.« »Sehr richtig,« fuhr der Abbé fort, »die Schule ist antipatriotisch und antisocial – jetzt habe ich meinen Artikel in der Semaine ›Die Schule, losgelöst von Staat und Gesellschaft, die Ideen der Frauenbewegung ins Praktische umgesetzt‹ – – Ja, ja, die Frauenbewegung – ich werde in der Katechismuslehre darüber reden, wenn die Eltern zugegen sind. Da soll ihnen angst und bange werden.« Duramberty und Quignonnet lachten. »Nun, wie dem auch sei,« schloß der Abbé, während er sich erhob und den Hut mit dem Ärmel abbürstete, »sie haben doch manche ganz vernünftige Sachen in ihrem Programm. Wenn das ganze vom Geist der Kirche durchdrungen wäre, könnte es eine famose Schule geben. Das habe ich schon oft zu unseren guten Schwestern gesagt. – Aber ich muß jetzt gehen. Man erwartet mich schon seit dreiviertel Stunden im Kloster.« Er verabschiedete sich. »Auf Wiedersehen, Abbé,« sagte Duramberty. Quignonnet ging mit dem Abbé bis an die Thür und flüsterte ihm zu: »Also, abgemacht, nicht wahr – ich rechne auf Sie.« Duramberty und Quignonnet unterhielten sich eine Zeit lang über geschäftliche Angelegenheiten. Dann legte Quignonnet seine Papiere zusammen und begleitete Monsieur Jude bis zur Fabrik. »Kennen Sie diesen Michel?« fragte Duramberty. »Wir haben ein paarmal geschäftlich miteinander zu thun gehabt. Er ist ein gescheiter Kerl, aber er muß irgend ein kostspieliges Laster haben; denn er verdient viel Geld und wird doch nicht reicher – er hat als – als Teilhaber einen Notar aus Levallois, der einen ziemlich schlechten Ruf hat – Es hieß voriges Jahr schon einmal, er sei durchgebrannt. Das Gerücht erwies sich schließlich doch als unwahr.« »Ich habe ihn nur einmal gesprochen,« sagte Duramberty, »als wir bei Mlle. de Sainte-Parade den Kontrakt aufsetzten – er machte mir einen geriebnen aber zugleich etwas ängstlichen Eindruck.« »Wie all diese Leute, die nicht gern andre in ihre Geschäfte hineinsehen lassen.« »Nun, und damals habe ich unter der Hand Erkundigungen über die Art und Weise einziehen lassen, wie er die Angelegenheiten der alten Dame handhabt. Man hat ihm keine Unkorrektheiten nachweisen können. Er macht die wahnsinnigsten Spekulationen, aber bisher ist alles gut gegangen. Und jetzt thut sie alles, was er will. Ich glaube, sie würde ihr Geld sogar in die Seine werfen, wenn er es für zweckmäßig hielte.« »Ganz dasselbe hat man mir auch gesagt. Beschwindelt scheint er sie nicht zu haben – aber so recht klar ist die Sache doch nicht –« Als sie um die Ecke der rue des Bergers bogen, begegneten ihnen zwei kleine Mädchen aus der Pirnitzschule. »Niedlich sind sie, das muß man ihnen lassen,« murmelte Quignonnet. »Ja, das wird einmal eine schlimme Konkurrenz für die Männer, wenn sie fertig ausgebildet sind,« antwortete Duramberty und fügte nachdenklich hinzu: »Die Männer verdienen schon jetzt kaum soviel wie sie brauchen – – – die Frauenbewegung ist grausam. Sie verdoppelt die Zahl der Bewerber, während die Zahl der leeren Stellen sich gleich bleibt. Auf diese Weise wird das Elend immer größer. –« »Bah,« sagte Quignonnet, »ich glaube nicht daran, daß die Frauen jemals ernstlich mit uns rivalisieren werden. Sie pfuschen uns höchstens ins Handwerk, Sie werden gewiß schon in Ihrer eigenen Fabrik beobachtet haben, Monsieur Jude – eine Frau bringt in derselben Zeit doch immer höchstens dreiviertel von dem fertig, was ein Mann leistet.« »Unsere jetzigen Frauen, ja – aber das Weib der Zukunft, das anders erzogen, von vornherein auf den Kampf vorbereitet wird, wie diese Kleinen – die beiden Sûriers z. B. leisteten bei mir genau so viel, wie die tüchtigsten männlichen Angestellten.« »Nun, um so schlimmer für die Frauen selbst,« erwiderte Quignonnet, »denn von dem Moment an, wo die Männer ihre Konkurrenz fürchten, werden sie dagegen Front machen. – Das ist gewiß.« »Sie haben recht,« sagte Duramberty, »solange sie nicht die gleiche Muskelkraft wie die Männer besitzen, können sie sich in einen ernsten Kampf mit ihnen nicht einlassen! Sie hatten jetzt die Fabrik erreicht. »Auf Wiedersehen, Quignonnet,« sagte Duramberty. »Es war mir ein großes Vergnügen, Monsieur Jude.« – Duramberty trat durch eine kleine Seitenthür, zu der nur er den Schlüssel hatte, auf den Hof der Fabrik. Der große fünfeckige Platz war nur durch eine Mauer vom Schulhof getrennt, der in diesem Augenblick still und verlassen dalag. Als er dann in seinem Arbeitszimmer war, trat er ans Fenster und blickte auf den Schulhof hinaus. Die Uhr schlug gerade Fünf. Ein kleines schwarz gekleidetes Mädchen mit rotem Gürtel zog jetzt die Glocke, um zur Erholungspause zu läuten. Gleich darauf strömte die ganze Kinderschar lachend und jauchzend in den Hof. Das Vesperbrot wurde verteilt, und dann wurden unter Aufsicht einer Lehrerin allerhand Bewegungsspiele arrangiert. Der Fabrikbesitzer verfolgte das lustige Treiben mit sichtlichem Interesse. Jetzt, wo er allein war und sich keinen Zwang aufzulegen brauchte, nahmen seine Züge einen nervösen, gequälten Ausdruck an. Dann setzte er sich an den Schreibtisch – es war derselbe Platz, wo vor etwa zwei Jahren jene seltsame Unterredung mit Friederike Sûrier stattgefunden. Kurz nachher hatten dann die beiden jungen Mädchen die Fabrik für immer verlassen. Und jetzt wohnte sie dort drüben, ganz in seiner Nähe. Nur eine Mauer trennte die beiden Höfe voneinander. Aber trotzdem er mehr als einmal – meist unter irgend einem geschäftlichen Vorwand – versucht hatte, die Beziehungen zu ihr wieder anzuknüpfen, wußte sie jede Begegnung mit ihm zu vermeiden, indem sie entweder die Pirnitz oder die Heurteau vorschob. – Es war ihm nicht gelungen, sie auch nur ein einziges Mal persönlich zu sprechen. Dieser hartnäckige Widerstand reizte sein Verlangen nur noch mehr und erbitterte seinen Stolz. Er war gewohnt, keinen anderen Willen neben sich zu dulden. Nun, wir werden schon sehen,« murmelte er, »ich bin bis jetzt noch viel zu nachsichtig gewesen.« Dann zwang er sich gewaltsam, an andere Sachen zu denken. III Ein paar Tage nach der Zusammenkunft Durambertys mit Quignonnet und dem Abbé hielt gegen elf Uhr vormittags eine Droschke vor dem Schulgebäude. Das Thor wurde rasch geöffnet, und Romaine Pirnitz eilte auf den Wagen zu, um die Ankommende zu begrüßen. Es war eine blonde, ziemlich korpulente Dame, deren volles, regelmäßiges Gesicht die Spuren einstiger Schönheit zeigte. »Hermine!« »Meine kleine Romaine!« Sie umarmten sich mit schwesterlicher Zärtlichkeit. Während der Portier den Kutscher bezahlte und dann mit dem Koffer voranging, nahm die Pirnitz die volle Hand der Freundin zwischen ihre schmalen, weißen Finger und sagte: »Ich hätte dich so gerne vom Nordbahnhof abgeholt, aber bis ein Viertel zehn hatte ich Vortrag bei den Größeren. Und ich hatte das Gefühl, daß ich meine Pflicht nicht einem rein persönlichen Vergnügen opfern durfte. Bist du mir böse?« Hermine Sanz drückte ihr innig die Hand. »Nein, ich hatte es genau ebenso gemacht.« Dann gingen sie über den kiesbestreuten Hof, zu beiden Seiten lagen die Schulgebäude im hellen Sonnenschein da. »Du gehst zu schnell für mich,« sagte Madame Sanz und blieb schwer atmend stehen. Dann ließ sie sich auf eine Bank nieder und legte ihre Hand auf die kindlich schmale Schulter der Freundin. »Du bist immer noch so leichtfüßig wie mit fünfzehn Jahren, aber ich fange an, entsetzlich alt zu werden.« »Dafür sah ich aber auch mit fünfzehn Jahren schon eben so alt aus wie jetzt. Madame Ganz blickte sich prüfend um: »Sehr schön alles,« sagte sie, »sehr hübsch und praktisch erdacht.« »So luxuriös wie im Free-College ist es nicht bei uns,« antwortete die Pirnitz. »Free-College ist eben eine aristokratische Schule. Nach den in Londen herrschenden Begriffen wäre das hier selbst für eine gewöhnliche Kunstgewerbeschule zu einfach – man will dort nur in Tempeln lehren. –« Sie standen wieder auf und betraten den linken Flügel des Gebäudes. »Dein Zimmer liegt neben meinem,« sagte Pirnitz, während sie die Treppe hinaufstiegen. »Lea Sûrier, jenes reizende, junge Mädchen, das du ja in London kennen gelernt hast, tritt es dir ab. Sie wird, solange du hier bist, das Zimmer ihrer Schwester teilen.« »Wie geht es denn den beiden Schwestern?« fragte Madame Sanz und blieb wieder stehen, um aufzuatmen. »Sind sie immer noch so hübsch und so rastlos thätig?« »Friederike, ja, Lea geht es weniger gut –« Der Portier, der den Koffer ins Zimmer getragen hatte, begegnete ihnen auf der Schwelle. Die Pirnitz fügte auf englisch hinzu: » Lea is poorly. I'm afraid of consumption .« Dabei legte sie die Finger auf den Mund und deutete auf die Thür des Nebenzimmers. »Dort ist ihr Zimmer,« murmelte sie. »Ah,« rief Madame Sanz und sank in einen Lehnstuhl, »diese entsetzlichen Treppen. Ihr solltet wirklich einen Lift haben – aber reizend ist es hier doch – alles so klar und luftig, man atmet förmlich auf, wenn man von London kommt!« – Pirnitz stand an den Tisch gelehnt und blickte die geliebte Freundin voll inniger Freude an. »Ist es denn möglich, Minnie, daß du wirklich da bist – alles, was ich hier geschaffen habe, kam mir so unnütz und unvollkommen vor, bis ich es dir zeigen konnte. Wie würde es mir meine Arbeit erleichtern, wenn ich dich immer in meiner Nähe wüßte.« »Das habe ich auch schon oft gedacht,« antwortete Madame Sanz, »aber die Zahl unserer Arbeiterinnen ist noch zu bescheiden, als daß jede sich ihre Gefährtin wählen könnte. Und doch sind meine Gedanken immer bei dir, Romaine, auch wenn wir weit von einander entfernt sind. Wenn ich irgend eine schwierige Entscheidung zu treffen habe, so frage ich mich jedesmal: Was würde Romaine wohl an meiner Stelle thun?« Ihre Augen füllten sich bei diesen Worten mit Thränen. Pirnitz küßte sie auf die Stirn. »Du hast recht,« sagte sie. »Aber ich würde unendlich glücklich sein, wenn die Vorsehung es so fügte, daß wir den Rest unsres Lebens in gemeinsamer Arbeit verbringen könnten. –« Beide blieben eine Zeit lang stumm und nachdenklich. Dann schüttelte Pirnitz den Kopf, als ob sie die trüben Gedanken verscheuchen wollte, und fragte: »Wie lange wirst du bei uns bleiben?« »Kaum eine Woche. Du weißt ja, ich habe hier zu thun. Einige von meinen Schülerinnen im Free-College haben sich in den Kopf gesetzt, hier in Paris eine Filiale unserer Pension zu gründen, um sich in der französischen Sprache zu vervollkommnen. – Die Familien wollen das nötige Geld hergeben. Es handelt sich also nur darum, eine geeignete Wohnung zu finden. Ich schicke dann eine von unseren Gehilfinnen her, um sie einzurichten. Ich denke, in fünf bis sechs Tagen werde ich die Sache erledigt haben. Was meinst du dazu?« »Ich habe mich schon umgesehen, Liebste. Wir wollen gleich heute Nachmittag einige Wohnungen ansehen. Wie herrlich, dich hier zu haben – mit dir ausgehen zu dürfen –, ich kann dir nicht sagen, wie ich mich darüber freue. Und du kannst mir glauben, es war wirklich notwendig, daß du herkamst. Ich habe ernste Sorgen, die ich durchaus mit dir besprechen muß.« »Du meinst Lea?« »Ja, sie in erster Linie – und dann noch manches andere, wovon ich dir noch nicht geschrieben habe.« »In Bezug auf die Schule?« »Ja.« »Es scheint doch alles ausgezeichnet zu stehen?« »Ja, für den Moment – aber – nun, ich werde dir das später erklären –« In diesem Augenblick ging die Thür des Nebenzimmers auf: ein schlankes, hochgewachsenes junges Mädchen mit bleichem Gesicht, aus dem zwei wundervolle, blaue Augen hervorleuchteten, erschien in der Thür. Sie trug ein dunkles, eng anschließendes Kleid. Als sie Madame Sanz und Pirnitz erblickte, blieb sie etwas verlegen stehen. »Kommen Sie nur ruhig herein,« sagte Pirnitz. »Entschuldigen Sie – ich glaubte – ich hätte ein Buch hier liegen lassen.« Eine brennende Röte bedeckte ihre sonst so durchsichtig bleichen Wangen. Madame Sanz stand auf. »Kennen Sie mich denn gar nicht mehr?« »O doch, Madame – verzeihen Sie. Ich war so überrascht, plötzlich jemanden in meinem Zimmer zu finden. Es war zu dumm von mir, ich wußte ja, daß Sie heute kommen sollten – wie geht es Ihnen denn? Friederike wird sich so freuen, Sie wiederzusehen.« »Ich auch,« sagte Madame Sanz – »ich erinnere mich noch so gut an die Zeit, wo sie meine Gehilfin im Free-College war. Ich habe nie wieder eine so tüchtige Mitarbeiterin gefunden. Friederike ist ein selten intelligentes, gewissenhaftes Mädchen.« Lea sah sie an – die Farbe war wieder aus ihren Wangen gewichen. Dann sagte sie leise, als ob sie zu sich selber spräche: »Free-College – London – das liegt jetzt schon alles so weit zurück, und doch kommt es mir vor, als ob es erst gestern gewesen wäre. Die Fahrt aus der Themse – unsere Ankunft – wie Edith Craggs uns an der Schiffsbrücke abholte und uns nach Apple-tree Yard brachte – unser erster Besuch im Free-College – an demselben Abend – erinnern Sie sich noch daran, Madame?« »O, gewiß,« erwiderte Madame Sanz, »ich weiß, es wurde an dem Abend ein Vortrag über die gemischte Erziehung gehalten, von einer Amerikanerin, Miß – wie hieß sie doch gleich?« »Miß Smith,« sagte Lea – »Ada Smith.« »Ja, richtig – und nach dem Vortrag stellte Edith Sie mir vor, ich sehe Sie noch vor mir in Ihren eleganten Pariser Trauerkleidern.« »Die gute Edith,« murmelte Lea, »sie war eine meiner liebsten Freundinnen in London. Voriges Jahr hat sie uns hier besucht. Seitdem habe ich nichts mehr von ihr gehört –.« »Ich habe sie auch lange nicht mehr gesehen,« antwortete Madame Sanz, »als ich sie das letzte Mal traf, teilte sie mir mit, daß sie Lust hätte, Krankenpflegerin zu werden –« sie hielt inne. Lea hatte schon lange nicht mehr zugehört. Es legte sich wie ein Schleier über ihr Gesicht. Pirnitz zog das junge Mädchen mütterlich an die Brust: »Mein kleiner Liebling,« murmelte sie. –« Lea machte sich plötzlich los. Ihre Brust wogte stürmisch auf und nieder, und sie war nicht im stande, ein Wort zu sagen. Dann ging sie rasch hinaus. »Das arme Kind,« sagte Madame Sanz, »sie sieht wirklich leidend aus. Das Wiedersehen mit dir hat sie plötzlich wieder an jene Zeit erinnert, und sie kann den Gedanken daran nicht ertragen – du weißt doch alles, was damals geschehen ist, nicht wahr?« »Ja, Tinka hat es mir erzählt, nachdem Lea und Friederike London verlassen hatten –« »Lea kam ganz gebrochen zu mir zurück,« sagte Pirnitz, »sie empfand die Liebkosungen, die sie mit ihrem Verlobten ausgetauscht hatte, wie eine nie wieder gutzumachende Schuld. Ich habe sie in ihrem Entschluß, mit Georg zu brechen, bestärkt. Sie hat sich entschlossen, ihre ganze Kraft einem höheren Beruf zu weihen. Als Georg aus Italien zurückkam, versuchte er, sie uns zu entreißen, aber ich habe sie bewogen, ihm nicht zu folgen.« »Das hast du thun können? Romaine?« »Findest du das unrichtig von mir?« »Nein, die freiwillige Ehelosigkeit bedeutet für die Frau eine so hohe Stellung, setzt einen solchen Seelenadel voraus, es sind wirklich Auserwählte, die sich dazu entschließen können. Aber meine Erfahrungen haben mich gelehrt, daß nicht alle die Kraft dazu besitzen. Die neue Eva, » the new Woman ,« von der Tennyson spricht, ist eine Ausnahme. Unser Ideal, die auserwählte Jungfrau, ist noch seltner. Wenn Lea wirklich solch eine Auserwählte ist, so hast du recht gethan. Wenn nicht, so wäre es vielleicht besser gewesen, sie hätte geheiratet.« »Ich habe seit jenem Tage, wo Georg und Lea sich für immer trennten, viel darüber nachgedacht. Und wenn ich mitansehen mußte, wie das arme Kind leidet, wie sie an ihrem Opfer zu Grunde geht, so habe ich mich oft gefragt: hatte ich denn wirklich das Recht dazu, so zu handeln? – Ich sah Georg wieder vor mir, wie er damals vor acht Monaten hier erschien und seine Braut von mir forderte, wie er ihr das Glück der Gattin und Mutter verhieß – und dennoch habe ich mir gesagt, ich konnte und durfte nicht anders handeln. –« »Und jetzt?« »Ich würde jetzt genau so handeln. Ich würde Lea dasselbe sagen wie damals – und das hat sie zurückgehalten, ihm zu folgen: andere Frauen haben ihn die Geheimnisse der Wollust gelehrt, die er jetzt von Ihnen verlangt. Es ist der uralte Handelsvertrag zwischen Mann und Frau, die ewige Sklaverei – Hermine, du warst von jeher meine Gefährtin auf dem dornenvollen Wege des Aposteltums. Wir haben uns gleichzeitig zu denselben Ideen durchgerungen. Du kannst nicht mißbilligen, was ich gethan habe – Ich habe Leas Seele befreit, sollte ich sie wieder in die Sklaverei zurückstoßen?« Madame Sanz dachte eine Zeit lang nach. »Ich bin überzeugt, daß du vollkommen recht hast. Wie kannst du glauben, daß ich dein Thun mißbilligte? – Ich glaube nur, ich hätte in demselben Fall nicht den Mut dazu gehabt. Ich war ja immer die schwächere von uns beiden. Und dann – Lea ist ein so liebreizendes Geschöpf – Georg ein so selten sympathischer Mensch. – Ihre Vereinigung wäre vielleicht das Ideal einer Ehe geworden. –« Das fröhliche Jauchzen der kleinen Schülerinnen, die auf dem Hofe spielten, unterbrach das Gespräch. »Das ist jetzt Leas Familie,« sagte Pirnitz. »Glaubst du, daß ihr Opfer umsonst gewesen ist?« Sie führte ihre Freundin an das Fenster und ließ sie auf den sonnenbeschienenen Hof hinausblicken. Madame Sanz beobachtete das Treiben der Kinder mit lebhafter Aufmerksamkeit: »Sie sind wirklich entzückend mit ihren klaren Stimmen und der echt französischen Lebhaftigkeit. Man kann sich kaum vorstellen, daß das wirklich Kinder aus dem Volke sind.« »Und doch haben wir die meisten aus Volksschulen oder Waisenhäusern übernommen. Du hättest nur sehen sollen, wie sie zu uns kamen, verbildet durch die Heuchelei der traditionellen Erziehung, ohne moralischen Mut, ohne wirkliche Arbeitslust und ohne jede Individualität. – Aber in diesem Alter ist die Kindesseele noch wie weiches Wachs. In kaum einem Jahre haben wir sie zu ganz anderen Wesen gemacht, und nur, indem wir ihnen die Wahrheit gezeigt und das Beispiel gegeben haben. Denke dir, daß wir bis jetzt nur vier Schülerinnen wieder fortschicken mußten, und das war in den ersten Monaten. Man hat jetzt Zutrauen zu uns, sogar die Bourgeoisie schickt uns ihre Kinder. Wenn wir im nächsten Schuljahr alle aufnähmen, die sich gemeldet haben, so würde die Schule bis auf den letzten Platz voll.« »Und wie steht es mit den Finanzen?« fragte Madame Sanz. »Bis jetzt hat es uns noch nicht an Geld gefehlt. Die Gründerin der Schule, Mademoiselle de Sainte-Parade, unterstützt uns reichlich –.« »Sie ist sehr vermögend, nicht wahr?« Pirnitz zuckte zweifelnd die Achseln: »Das ist schwer zu sagen. Denk dir nur diese alte Dame – die im übrigen eine wahre Heilige ist – spekuliert. Natürlich nur im Interesse der guten Sache. Sie möchte Millionen für das Werk herbeischaffen. Dabei läßt sie sich vollständig von ihrem Geschäftsagenten, einem gewissen Michel, leiten. Bis jetzt sind all seine Unternehmungen gut ausgeschlagen und haben kolossale Summen eingebracht – aber wird es auf die Dauer gehen? – Ist es nicht ein entsetzlicher Gedanke, daß alles, was wir hier geschaffen haben, von einem Börsencoup abhängt?« »Ihr müßt es mit der Zeit so einzurichten versuchen, daß Ihr sie entbehren könnt –« »Aber, Liebste, wir sind nicht in England oder Amerika, wo das Geld von allen Seiten herbeiströmt, sobald es sich um Institute oder Schulen handelt. Wenn Mademoiselle de Sainte-Parade uns einmal im Stich läßt, so bleibt nichts andres übrig, als die ewige Vorsehung der Franzosen anzurufen. –« »Du meinst den Staat?« »Nun ja; aber du wirst begreifen, wie dieser Gedanke mir widerstrebt. Unsere Direktrice, Mademoiselle Heurteau –, übrigens eine sehr intelligente Dame, die an der Universität studiert hat –, würde gar nichts dagegen haben. Ich glaube, unter uns gesagt, sie hat überhaupt ein Faible für offizielle Geschichten. – Aber, wenn ich daran denke, unsere Schule sollte in ein staatliches Unternehmen umgewandelt werden, so ist mir zu Mute, als ob alles verloren wäre. – – – Wir wollen vor allem die Seelen unserer Kleinen bilden. Wenn wir's nicht mehr in der Hand haben, ihr inneres Leben zu unsren Ideen heranzureifen, so wird unsre Schule auf das Niveau eines ganz gewöhnlichen Pensionats herabsinken, werden unsre Schülerinnen zu sinnlichen, egoistischen Tagediebinnen erzogen werden. – Und dann bleibt uns nichts mehr, als den Staub von unsren Füßen schütteln und anderswo von neuem zu beginnen.« Ein Schimmer von Schmerz und Resignation feuchtete die großen, dunklen Augen der Sprecherin, aber trotzdem hörte man ihrer Stimme an, daß sie fest entschlossen war, sich durch nichts entmutigen zulassen. Sie hatten jetzt das Fenster verlassen. Madame Sanz trat vor den Spiegel, um ihren Hut abzunehmen. Dann öffnete sie ihren Koffer und fing an, verschiedene Gegenstände herauszunehmen. »Und was ist denn inzwischen aus Georg und Tinka Ortsen geworden?« fragte Pirnitz. »Georg ist damals nach seiner Rückkehr aus Frankreich kaum eine Woche in London geblieben. Er reiste dann nach Larensoe in Finnland, wo Tinkas Mann immer noch mit seinen beiden kleinen Mädchen lebte. Er bewog den Professor Ebner dazu, seine älteste, uneheliche Tochter anzuerkennen. Sie wurde kurz darauf mit einem braven, jungen Kaufmann verheiratet. Als diese Angelegenheit zur allgemeinen Zufriedenheit geordnet war, gingen Ebner und die Kinder mit nach England zurück. Georg wußte es dahin zu bringen, daß Tinka und der Professor sich aussöhnten, – Ich habe sie alle zusammen in London gesehen. Und sie machten einen äußerst glücklichen Eindruck.« »Georg auch?« »Georg ist trotz der Umwandlung, die mit ihm vorgegangen ist, ein viel zu energischer Mensch, um sich anmerken zu lassen, daß er leidet. Ich habe ihn niemals von Friederike und Lea sprechen hören.« – »Glaubst du, daß die Frauen in seinem jetzigen Leben eine Rolle spielen?« »Ich habe einmal mit Tinka darüber gesprochen, und sie versicherte mich, daß ihr Bruder seit dem Bruch mit Lea ein ebenso sittenreines Leben führe, wie vor seiner italienischen Reise. – Übrigens spricht Georg trotz der mehr wie geschwisterlichen Intimität, die zwischen ihnen herrscht, in Tinkas Gegenwart weder von Lea, noch von irgend einer anderen Frau.« »Sind sie noch in London?« fragte Pirnitz nach einer Pause. »Nein, die ganze Familie ist schon im Februar nach Cornwallis abgereist, um dort den Frühling zu erwarten. Tinka und Georg haben einen förmlichen Abscheu vor dem nebligen, endlosen Winter in London. Und du weißt, in Cornwallis ist der Winter fast so milde wie in südlichen Ländern.« »Nun und seitdem?« »Ich habe nur selten von ihnen gehört. Tinka hat mir zweimal, seit sie dort sind, geschrieben. – Das letzte Mal vor vier Monaten. – Dann habe ich kürzlich in einer schwedischen Zeitung ›Aftonbladet‹ gelesen, daß Tinka demnächst einen Roman ›William Panwells Schwestern‹ veröffentlichen wird. – Das ist alles, was ich von ihnen weiß.« Madame Sanz hatte, während sie sprach, ihren kleinen Koffer ausgepackt. »Wo ist denn das Badezimmer?« fragte sie jetzt. »Oh, verzeih',« antwortete Romaine, »ich rede da in einem fort auf dich ein und vergesse darüber, daß du dich danach sehnst, etwas auszuruhen und Toilette zu machen. – Komm jetzt, ich will es dir zeigen!« Die drei nebeneinander liegenden Badezimmer waren helle, luftige Räume mit weiß getünchten Wänden und je einer Zinkbadewanne sowie einem Doucheapparat. »Nicht so üppig wie in Free-College , nicht wahr?« sagte Pirnitz lächelnd, »aber du magst mir glauben, daß es für eine Pariser Schule schon ein ungewohnter Luxus ist. Die Eltern unsrer Schülerinnen fallen beinah um vor Erstaunen, wenn sie hören, daß die Kinder hier jeden Tag baden. – So, ich laß dich jetzt allein. – Die Wäsche ist dort im Schranke. Es ist bei uns Sitte, daß jeder sich selbst bedient.« »Ganz wie im Free-College ,« antwortete Madame Sanz, »also auf Wiedersehen!« Als Pirnitz am Zimmer der beiden Schwestern vorüberging, vernahm sie ein heftiges Schluchzen. – Einen Augenblick blieb sie zögernd vor der Thür stehen, dann faßte sie einen raschen Entschluß und trat ein. Lea saß auf dem Feldbett, das man neben dem Lager ihrer Schwester für sie aufgeschlagen hatte. Als sie Pirnitz sah, fuhr sie in die Höhe, als ob sie sich flüchten wollte, aber dann sank sie mutlos wieder zusammen und versuchte nicht einmal, ihr thränenüberströmtes Gesicht zu verbergen. Pirnitz setzte sich neben sie und faßte ihre Hand. »Lea, mein geliebtes Kind.« Das junge Mädchen blickte ihr in die Augen, und die magnetische Anziehungskraft dieser dunklen Sterne verfehlte ihre beruhigende Wirkung nicht, sie hörte auf zu schluchzen. »Ist es ein großer Kummer, irgend ein neuer Schmerz?« fragte die Heilige. Lea schüttelte verneinend den Kopf. »Nun, und –« »Ich bin wütend auf mich selbst,« antwortete das junge Mädchen leise, »ich habe keine Kraft, ich bin schlecht.« »Weil das Wiedersehen mit Madame Sanz Sie erregt hat?« sagte Pirnitz lächelnd. »Wollen Sie sich deshalb für schwach halten – dann will ich Ihnen sagen, daß wir beide, Madame Sanz und ich, vorhin Ihre Tapferkeit bewundert haben.« Lea schlang beide Arme um Pirnitz' Hals. »Ach, Romaine, ich bin schwach, ich bin schlecht. All meine Kraft wird mich verlassen. Und ich – ich weiß nicht mehr – nein – ich weiß nicht mehr, ob ich Sie alle nicht belüge, wenn ich noch länger hier bleibe. – Unter all den andren – mein ganzes Leben hier ist eine abscheuliche Lüge.« »Das versteh' ich nicht,« sagte Pirnitz, »Ihr Leben eine Lüge? Nein, wirklich, Lea, das verstehe ich nicht.« Ganz leise, aber jedes Wort scharf betonend, als ob es sie eine schwere Anstrengung kostete, es auszusprechen, antwortete Lea jetzt: »Ja, ich lüge. Ich schäme mich vor mir selbst, ich lebe hier zwischen euch allen, ich thue dieselbe Arbeit wie ihr, ich rede mit Begeisterung von unsrem Werk – ihr alle betrachtet mich als eine der Euren. Ich predige unsren Schülerinnen dieselben Lehren wie ihr: die Befreiung der Frauen – die Selbstständigkeit der jungen Mädchen, die neue Eva, die auserwählte Jungfrau. – – Mein Mund redet in einem fort von all diesen Sachen, aber gerade das bringt mich zur Verzweiflung.« – »Warum?« »Weil meine Gedanken nicht dabei sind,« rief das junge Mädchen, »ich sage Ihnen, ich lüge, und ich kann diese Lüge nicht mehr ertragen –.« Sie machte sich los und fing an, auf- und abzugehen. »Wenn Sie wüßten, was für eine entsetzliche Leere ich in mir fühle, ich hoffe nichts mehr und ich glaube an nichts mehr – die Schule könnte zu Grunde gehen oder abbrennen – ich glaube, ich würde mit größter Gleichgültigkeit zusehen. Was mich früher begeisterte, läßt mich jetzt völlig kalt. – Meine kleinen Lieblingsschülerinnen, die ich fast allein erzogen habe, Alice Ambry, Georgette Vincent und Lydia Ronacker, die ich wirklich wie eine Mutter geliebt, und die mir meine Mühe reichlich vergolten haben, – sie sind mir jetzt völlig gleichgültig, mag aus ihnen werden, was da will, mögen sie fortgehen, mich hassen, mir ist alles einerlei – ach, Pirnitz, ich bin entsetzlich unglücklich.« Sie stand hochaufgerichtet da, und ihre Augen glühten wie im Fieber. Pirnitz rührte sich nicht. Ihr Blick suchte Leas Augen, aber diesmal ließ das junge Mädchen sich nicht beschwichtigen. Sie wollte ihr Herz ausschütten, ihre ganze Verzweiflung hinausschreien. So fuhr sie jetzt leidenschaftlich fort: »Wozu soll ich also noch mit euch zusammenleben? Ihr seid alle so ehrlich und so vollkommen, meine bloße Gegenwart muß euch verletzen. Sie müssen mich verstehen, Pirnitz – ich habe den Glauben verloren. – Ich bin jetzt fest überzeugt, hören Sie – fest überzeugt – daß ich nicht dazu geschaffen war, denselben Weg zu gehen, wie Sie und Friederike.« Pirnitz antwortete nicht, und Lea fuhr fort: »Es ist schrecklich – mir ist, als ob ich ein Doppelleben führte – ich sehe mich selbst vor mir, wie ich geworden wäre, wenn Friederike mir nicht von Kindheit auf ihre eigene Denkweise und ihren eigenen Willen aufgezwungen hätte – und wenn Sie nicht gekommen wären – Sie, die allein durch ihren Blick selbst Steine zum Leben zu erwecken vermag –«. Krampfhaft umschlossen ihre Finger die eiserne Stange am Kopfende des Bettes, und sie atmete mühsam. »Ich weiß, ich wäre so geworden – wie alle die anderen Pariser Mädchen, ein elendes, verworfenes Geschöpf. – Was mein Vater und meine Mutter mir vermacht haben – davon können weder Sie, noch Friederike mich erlösen. – Mein Vater war ein gewissenloser Mensch, der eine Gefallene heiratete, weil man ihm Geld dafür bot – und meine Mutter war imstande, auf diesen Handel einzugehen und ihn trotzdem zu lieben – einen Mann zu lieben, der sich dazu hergab. – Mein Gott, was spreche ich da, Pirnitz! Pirnitz! – haben Sie Mitleid mit mir – helfen Sie mir, halten Sie mich, haben Sie Mitleid.« Die furchtbare Spannung löste sich in einem Strom von Thränen. Sie warf sich vor Pirnitz nieder und verbarg den Kopf in ihrem Schoß. Pirnitz sagte kein Wort, ihre langen, krankhaft blassen Hände strichen langsam über Leas Haar. – Nach einiger Zeit fing das junge Mädchen an, sich etwas zu beruhigen, sie erhob furchtsam den Kopf und bat mit ganz veränderter Stimme: »Ich habe eben entsetzliche Sachen gesagt, ich fühle es, Romaine, Sie werden es mir nie verzeihen. Aber, wenn Sie sich von mir abwenden, bin ich verloren.« Pirnitz blickte ihr tief in die Augen. Sie fühlte jetzt, daß sie ihre Gewalt über die Seele des jungen Mädchens wiedergewonnen hatte. »Nein, das war nicht die wirkliche Lea, die so sprechen konnte. – Sie fühlen es ja selbst – es war jene andere Lea. – Aber glauben Sie mir, Sie sind nicht die einzige, die gleichsam eine zweite, feindliche Seele in sich fühlt, die sich nicht unter das Joch der Wahrheit beugen will –.« »Sie nicht, Pirnitz – nein, Sie nicht – Sie sind nie eine andre gewesen als die, die wir alle so bewundern. Sie sind unsre Heilige.« »Muß ich Ihnen denn immer wieder sagen,« antwortete Pirnitz, »ich bin keine wirkliche Frau wie die andren – sehen Sie mich nur an.« »Sprechen Sie nicht so,« sagte Lea, »ich weiß, was Sie sagen wollen, aber ich will es nicht hören. Für mich sind Sie die Schönste und Herrlichste – wen hätten Sie nicht allein durch Ihren Blick erobert, wenn Sie nur gewollt hätten – aber Sie sind stark, und ich bin schwach – Sie sind gut, und ich bin schlecht. Sie ahnen ja gar nicht, was für Gedanken mich manchmal beherrschen.« »Der Gedanke, uns zu verlassen?« »Ja, auch das – und doch glaube ich, daß ich Sie nie verlassen werde – wohin sollte ich auch gehen, es ist ja alles vorbei – die, die ich geliebt habe, denken vielleicht nicht mehr einmal an mich –.« Ihr Gesicht verzerrte sich vor Angst, dann fuhr sie fort: »Nein, ich will nicht fort von Ihnen, aber in Gedanken lebe ich schon nicht mehr mit Ihnen zusammen. Ich lebe nur noch in der Vergangenheit, sie hält mich gefangen, ich kann nicht davon loskommen. Sie selbst haben es ja oft gesehen, daß meine Gedanken nicht bei der Sache sind. Wie so manches Mal haben Sie mir mit Ihrer lieben sanften Stimme gesagt: »Lea – wo sind Sie?« – Nun ja – ich bin in London, in Tinkas Wohnzimmer – oder in dem großen Atelier bei Clariffs – oder ich gehe durch die Parks von Surrey – mit ihm! – Ich sehe ihn wieder vor mir in unsrer Wohnung in der rue de la Sourdière , wie er plötzlich vor mir stand – oder an jenem Abend nach der Einweihung, als er mich mit sich nehmen wollte und als Ihr Einfluß, Romaine, mich dazu zwang, ihm nicht zu folgen. Ich kann Tag und Nacht nichts andres denken, und alles übrige kommt mir vor wie ein sinnloser Traum. Aber es sind nicht nur diese Bilder, die mich quälen und verfolgen. Ich muß fortwährend nachdenken über alles, was geschehen ist, über das, was den Handlungen der andren zu Grunde lag, und darüber nachgrübeln, was ich selbst hätte thun können. Und das ist furchtbar – es ist so weit mit mir gekommen, daß ich manchmal Sie und Friederike hassen könnte. – Ich habe sogar gedacht – nein – ich habe nicht den Mut, es Ihnen zu sagen, was ich von meiner eigenen Schwester gedacht habe –.« »Aber vielleicht würde es Ihnen etwas Erleichterung gewähren,« sagte Pirnitz zärtlich, »wenn Sie es mir sagten.« Lea lag immer noch vor dem Apostel auf den Knieen, während sie jetzt fortfuhr: »Nun also, ich habe unser ganzes Leben in London immer wieder an mir vorüberziehen lassen. Ich sehe Georg und Friederike wieder vor mir – ihren ganzen Verkehr miteinander – ich erinnere mich an Friederikes seltsames Benehmen an jenem Abend, als Tinka ihr mitteilte, daß Georg und ich uns verlobt hatten – und dann während unserer ganzen Verlobungszeit – an dem Tage, wo ich so verzweifelt aus Richmond zurückkehrte – und dann schließlich hier, als sie Georg so harte, unbarmherzige Worte sagte –.« »Nun und dann?« fragte Pirnitz, als sie sah, daß Lea sich nicht getraute, weiter zu reden. »Ja, da – da ist mir ein abscheulicher Gedanke gekommen, der sich mir gegen meinen Willen immer mehr aufgedrängt hat – und den ich nicht los werden kann. O, Romaine, zwingen Sie mich nicht, es Ihnen zu sagen – ich kann es nicht, es ist zu schmachvoll –.« »Sie haben gedacht, daß Friederike auf Sie oder Georg eifersüchtig war?« Lea nickte bejahend und verbarg ihr Gesicht wieder an der Brust der Heiligen. »Ahnt Friederike etwas davon?« fragte Pirnitz. »Oh nein, – ich möchte um keinen Preis der Welt – ich würde vor Scham umkommen – aber jetzt sehen Sie, wie schlecht ich bin – ich bin es nicht wert, daß Sie –« Sie hatte sich bei diesen Worten erhoben und stand nun mit niedergeschlagenen Augen da, wie um ihr Urteil zu erwarten. »Lea,« sagte Pirnitz, »kein Mensch ist Herr über seine Gedanken, aber doch darf man sich nicht von ihnen tyrannisieren lassen, man muß sie bekämpfen, niederzwingen – Friederike eifersüchtig? von kleinlicher, gewöhnlicher Eifersucht erfüllt? – das glaube ich kaum, ich kenne ihre große Seele, aber selbst wenn es so wäre? nehmen wir einmal das Unwahrscheinlichste an: daß sie Georg geliebt hätte, und er liebte sie nicht wieder; denn er liebte ja Sie, Lea. Hat sie sich dann nicht im Gegenteil so edel, wie nur möglich, benommen? Sie hat sich nichts von ihren Gefühlen anmerken lassen. Ihnen selbst ist dieser Gedanke viel später – erst jetzt gekommen, und Sie können es nicht einmal mit Gewißheit sagen. – Wenn ich Ihnen aufrichtig meine Meinung sagen soll – nun ja, ich glaube auch, daß sie eifersüchtig war, aber vor allein auf Sie, auf ihre kleine Lea. Das war sie schon damals, als Sie und ich uns zuerst kennen lernten. Sie litt damals unter dem Gefühl, daß ich ihr etwas von Ihnen nehmen könnte. Das hat sie mir selbst eingestanden. Bedenken Sie nur, was dieses große Herz gelitten haben muß, als jener Mann anfing, alle Ihre Gedanken und Gefühle zu beherrschen.« Lea senkte den Kopf. Und Pirnitz fuhr in eindringlichem Tone fort: »Die Vergangenheit ist tot, Lea, Sie dürfen nicht mehr daran denken, nein, Sie dürfen nicht. Lassen Sie die Toten ihre Toten begraben. Die irdische Liebe hat Sie in Versuchung geführt: ich selbst habe Ihnen damals die Wahl gestellt zwischen dem entsagungsreichen und doch so herrlichen Leben der Apostel und dem niedrigen Los der Geliebten. Sie haben sich freiwillig entschlossen, zu den auserwählten Jungfrauen zu gehören, heroisch mitzuarbeiten an der Befreiung des Weibes. – Sie sind frei, Lea, Sie sind heute noch frei, unsre Schule ist kein Gefängnis, sie öffnet ihre Thüre jedem, der nicht mehr hier bleiben will. Sie können uns jeden Augenblick verlassen –.« »Oh Gott,« murmelte Lea und rang flehend die Hände. »Sie können gehen, wann Sie wollen. Bedenken Sie nur das eine, einen solchen Entschluß, wie Sie ihn damals gefaßt haben, stößt man nicht ungestraft wieder um. Sie hatten die Wahl, und Sie wählten: bei uns zu bleiben. – Was sollte nun aus Ihnen werden, wenn Sie jetzt fortgingen? Was mag seit jener Zeit in dem Herzen und in dem Leben des Mannes, den Sie liebten, vorgegangen sein? –« »Er sagte damals,« flüsterte Lea, »damals, als wir uns trennten – er würde mich, so lange er lebte, als seine Frau betrachten.« »Glauben Sie denn, daß er damit sagen wollte, er würde Ihnen sein ganzes Leben lang treu bleiben, ebenso treu, wie Sie es ihm geblieben sind? – Daß er niemals einer andren Frau einen Gedanken oder eine Stunde der Liebe schenken würde. – Sie erröten, Lea, Sie zittern, und doch ist es so, wie ich Ihnen sage. Es ist das uralte Mißverständnis zwischen dem männlichen Herrscher und seiner Sklavin, der Frau. – Während Sie sich hier vor Sehnsucht verzehren, liegt der Mann, den Sie lieben, vielleicht in den Armen irgend einer andren und ist sich nicht einmal klar darüber, daß er Ihnen untreu ist.« Lea stieß ein leises, schmerzliches Stöhnen aus. »Und wie wäre es dann, wenn Sie ihn jetzt wiedersähen? Denken Sie an den Schmerz, an die Enttäuschung, die er Ihnen vielleicht bereiten würde. Alles, was Sie jetzt leiden, wäre nichts dagegen. – Lea, Sie haben den Mut gehabt, das Opfer zu bringen. Sie müssen sich darüber klar werden, daß es kein Zurück mehr giebt. Jener Georg Ortsen, den Sie geliebt haben, existiert nicht mehr. Und Sie selbst vermöchten ihm jetzt nicht mehr zu sein, was Sie ihm einst gewesen sind.« – Schwere Thränen rannen über die Wangen des jungen Mädchens. Pirnitz stand auf, nahm Leas Arm und führte sie ans offene Fenster. Die Erholungspause war zu Ende. Die Kinder hörten auf zu spielen und begaben sich einzeln oder truppweise ins Refektorium. Fast alle wuschen sich vorher noch die Hände, denn man legte sehr viel Wert darauf, daß sie sauber und ordentlich zu Tisch kamen. Lea blickte auf die kleine Schar hinaus, ohne daß der düstere Ausdruck aus ihren Zügen schwand. »Das ist Ihre Familie,« sagte Romaine, »es ist zu spät, sie jetzt im Stich zu lassen. Sie gehören diesen Kleinen, die den Glauben an Sie nicht verlieren dürfen. Sein Sie stark, mein Kind, trocknen Sie Ihre Thränen, Ich möchte nicht, daß Madame Sanz etwas ahnt.« »Ach, mein Gott,« sagte Lea, »wenn ich mich nur verbergen könnte – sie nicht sehen müßte. – Ach, Romaine, ich mache Ihnen wenig Ehre. Warum haben Sie es versucht, mich zu sich emporzuheben?« »Sie machen sich selbst keine Ehre, wenn Sie nur in der Erinnerung an diesen Mann leben, der Sie vielleicht schon längst vergessen hat.« »Oh, Romaine.« »Der jedenfalls nicht so an Sie denkt, wie Sie an ihn. Ich will, daß Sie sich völlig frei fühlen sollen – losgelöst von allem, was Sie an ihn erinnert.« »Ich will es versuchen.« »Es wird Ihnen gelingen. Es ist nur eine Krisis – zwingen Sie sich dazu, Tag für Tag nur an Ihre Pflichten zu denken, dann werden alle schlimmen Gedanken endlich von selbst vergehen.« Jetzt ging die Thür auf. Eine hohe Frauengestalt mit dunklem Haar und klaren, edlen Zügen trat in das Zimmer. Sie that, als ob sie Leas verstörtes Gesicht nicht bemerkte und lächelte Pirnitz zu: »Ich habe gehört, daß Madame Sanz schon angekommen ist. Ist sie in Ihrem Zimmer?« »Nein, Fédi, sie ist im Bade.« »So – hast du sie schon begrüßt, Lea?« »Ja.« Friederike faßte Leas Hand und sah ihr klar und ruhig in die Augen. »Es ist gut, daß sie gekommen ist und daß du sie gesehen hast. Man muß sich seiner eigenen Kraft bewußt werden – du wirst stärker sein als deine Erinnerungen, wenn du auch im Moment darunter leidest. Seit ich weiß, daß Madame Sanz kommen sollte, habe auch ich mehr als sonst an London zurückgedacht. – Wir müssen uns gegenseitig helfen, stark zu werden.« Pirnitz beobachtete die Schwestern aufmerksam, und es entging ihr nicht, daß Lea sich unwillkürlich loszumachen suchte. Es flog wie ein Schatten über die Züge der Heiligen. Dann hörte man Schritte im Nebenzimmer, und gleich darauf erschien Madame Sanz. »Ah, Friederike, mein liebes Kind,« sie streckte ihr beide Hände entgegen und blickte sie an. »Sie sind noch schöner geworden, Fédi. Es ist gleichsam der Abglanz Ihres Berufes, der sich in Ihren Zügen wiederspiegelt. Wie freue ich mich, Sie wiederzusehen.« Damit küßte sie das junge Mädchen auf beide Wangen. Lea blickte die drei an: Pirnitz, Friederike und Madame Sanz – diese drei Apostel, deren heitere, klare Seele sich in jedem Wort, in jeder Bewegung kundgab, und plötzlich überkam sie eine Anwandlung tiefer Scham. Wortlos faßte sie die Hand ihrer Schwester und küßte sie. Dann erscholl die Mittagsglocke. »Wir wollen jetzt zum Frühstück gehen,« sagte Pirnitz. »Du hast gewiß Hunger, Hermine? Ich bin neugierig, was du zu unsrer einfachen Kost sagen wirst, aber ich glaube trotzdem, daß sie es mit eurer englischen Küche in Free-College aufnehmen kann.« Der Speisesaal lag im Parterre, ein großer, lichter Raum, der trotz seiner einfachen Einrichtung einen freundlichen Eindruck machte. Die Lehrerinnen pflegten sich bei Tisch zwanglos unter die Schülerinnen zu verteilen, so daß jeder Anschein von Beaufsichtigung vermieden wurde. Drei von ihnen, Daisy Craggs, Duyvecke und Geneviève Soubize, standen plaudernd in der Thür. »Mlle. Soubize,« sagte Pirnitz vorstellend, »sie ist unser Hausarzt und unterrichtet außerdem in Naturgeschichte, praktischer Chemie und Hygieine.« Dann fuhr sie fort: »Mlle. Duyvecke-Hespel, Miß Daisy Craggs, Ediths Schwester.« Madame Sanz drückte allen die Hand. Dann fragte Pirnitz: »Ist Mlle. Heurteau noch nicht da?« »Da kommt sie,« sagte Geneviève. Eine schlanke, etwa vierzigjährige Dame mit hübschem, ernstem Gesicht kam lesend den Korridor entlang. Als sie die Thür erreicht hatte, blickte sie auf und begrüßte Madame Sanz mit einem liebenswürdigen Lächeln. »Es ist mir eine große Freude, Madame,« sagte sie, »die berühmte Vorsteherin des Free-College , von dem ich schon so viel gehört habe, kennen zu lernen. – Ich bin gespannt, was Sie zu unsrer bescheidenen Schule sagen werden.« »Ich fühle schon jetzt,« erwiderte Madame Sanz, »daß hier derselbe Hauch von Wahrheit und Freiheit weht wie bei uns. – Unsre herrliche Pirnitz weiß all ihren Schöpfungen den Stempel ihres Geistes aufzudrücken.« Mlle. Heurteau geleitete den Gast zu dem Ehrenplatz am oberen Ende des Tisches und setzte sich dann neben sie. Friederike ließ sich zur Linken von Madame Sanz nieder. Duyvecke hatte Pirnitz beiseite gezogen und sagte leise: »Sie müssen mich heute nachmittag vertreten, liebste Pirnitz. Ich habe eben ein Telegramm von dem armen Rémineau bekommen. Sein kleiner Junge ist krank geworden – man fürchtet ein Nervenfieber. Der arme Mensch ist ganz außer sich und hat mich gebeten, ihm etwas bei der Pflege zu helfen: – Mlle. Heurteau findet nichts Unpassendes dabei.« »Schon gut, Duyvecke,« antwortete Pirnitz. Aber dabei blickte sie die große Blondine so durchdringend an, daß sie dunkelrot wurde. IV Nicht wahr, Sie kommen heute noch einmal wieder, Herr Doktor?« »Ja, ich will einmal sehen – vielleicht nach dem Essen. Sind Sie dann noch da, Mademoiselle?« »Oh, gewiß, ich bleibe so lange wie möglich.« »Also, Sie dürfen auf mich rechnen.« Der Bezirksarzt wandte sich auf der Treppe noch einmal um und lächelte dem hübschen, jungen Mädchen, das sich über das Geländer hinabbeugte, zu. – Aber Duyvecke achtete nicht weiter darauf, sondern rief ihm noch einmal nach: »Also sicher, Herr Doktor!« Dann trat sie wieder in die Wohnung und schloß die Thür hinter sich. Einen Augenblick stand sie nachdenklich da, und ihre klare Stirn legte sich in Falten. Dann ging sie in das Schlafzimmer, wo der Kleine mit fieberglühenden Wangen sich unruhig hin- und herwarf. Rémineau saß neben dem kleinen Bett. Duyvecke winkte ihm und er folgte ihr in das Eßzimmer. »Nun, was hat der Doktor gesagt?« »Er wird heute Abend wiederkommen,« antwortete Duyvecke. »Er meint, es wäre nichts Bedenkliches.« »Ist das wirklich wahr, Mlle. Duyvecke?« »Gewiß, Rémi, ich würde Ihnen doch nichts vorlügen. Der Doktor glaubt, daß es vielleicht Masern oder am Ende nur Windblattern sind.« »Gott sei Dank, ich habe eine elende Angst gehabt. – Aber es ist wirklich sonderbar, seit Sie da sind, geht es ihm besser.« Mit niedergeschlagenen Augen fügte der arme Teufel hinzu: »Aber es hilft ja alles nichts – Sie müssen ja doch wieder fortgehen, Mlle. Duyvecke, in Ihre Schule zurück, und was soll dann aus uns werden?« »Aber ich bleibe doch so lange ich kann, Rémi!« Damit ging sie wieder ins Nebenzimmer. Als sie an ihm vorbeiging, bückte Rémineau sich und küßte rasch den Saum ihres Kleides, ohne daß sie etwas davon merkte. Das Zimmer war nur durch eine kleine Nachtlampe erhellt. Sie setzten sich nebeneinander ans Fenster und lauschten schweigend den Atemzügen des kleinen Kranken, die allmählich ruhiger und regelmäßiger wurden, bis er schließlich in einen tiefen, festen Schlummer versank. »Sehen Sie, Rémi,« sagte Duyvecke ganz leise. »Ja, der Arzt hat doch recht gehabt.« Duyvecke stand auf und ging auf den Zehenspitzen ans Bett. Sie faßte vorsichtig Gastons Hand und fühlte ihm den Puls. »Er hat gar kein Fieber mehr,« flüsterte sie, »wir müssen ihn jetzt schlafen lassen.« »Und seine Medizin?« »Oh, die bekommt er, wenn er aufwacht. Die Hauptsache ist, daß er jetzt tüchtig ausschläft. Aber, wir wollen lieber hinausgehen, sonst könnten wir ihn am Ende noch wecken.« Als sie wieder im Eßzimmer waren, fragte Rémineau: »Haben Sie nicht Hunger, Mlle. Duyvecke?« »Mein Gott, ja,« antwortete sie – sie war jetzt wieder ganz lustig geworden – »ich möchte ganz gerne etwas essen. Ich habe einen entsetzlichen Appetit, Rémi, und eigentlich sollte ich etwas dafür thun, magerer zu werden.« Rémi war an das Büffet gegangen und fing an, Teller und Eßwaren herauszunehmen. Dann erwiderte er lebhaft: »Was für eine Idee! Es ist doch grade schön, so gesund und frisch zu sein wie Sie. Ich finde nichts abscheulicher als diese knochigen Frauen, die wie Engländerinnen aussehen. – Sehen Sie, da habe ich eine Pastete für Sie gekauft – und Edamer Käse – ich weiß, daß Sie ihn gerne essen – und da sind Erdbeeren.« »Aber, Rémi, daß Sie so an mich gedacht haben bei all Ihren Sorgen, Sie sind so gut.« Sie half ihm den Tisch decken und blickte ihn gerührt an. Er wurde so verwirrt, daß er eine Gabel auf den Teppich fallen ließ. »Verfluchte Ungeschicklichkeit,« murmelte er, – »o, verzeihen Sie, Mademoiselle.« Wie manchesmal hatten sie und Rémineau in früheren Zeiten so zusammen soupiert, und der kleine Gaston pflegte dann zwischen ihnen zu sitzen und sie mit seinem muntren Geplauder zu belustigen! – Seit Duyvecke im Schulhause wohnte, waren diese harmlosen, kleinen Feste immer seltner geworden, was ihnen einen um so höheren Reiz verlieh. – Duyvecke machte sich im stillen Vorwürfe darüber, daß es ihr so viel Vergnügen machte, daß sie sich im Beisammensein mit Rémineau glücklicher und heimischer fühlte als bei ihren Kolleginnen. Ja, es war schlimm genug, aber sie konnte nicht anders. Was Rémineau ihr von seiner Arbeit und von dem Kleinen erzählte, interessierte sie weit mehr als die Gespräche, die Pirnitz, Friederike und Mlle. Heurteau miteinander führten. »Nein, gewiß,« dachte sie, »ich bin einfach eine dumme Gans und gar nicht wert, mit diesen Damen zusammenzuleben.« Rémineau war ganz glückselig, er fühlte sich von einer schweren Sorge befreit, und dazu die Freude, Duyvecke bewirten zu dürfen! Aber dann plötzlich fragte er ganz ängstlich: »Aber Sie gehen doch nicht früher weg, weil der Kleine jetzt besser ist, Mlle. Duyvecke?« »Nein, Rémi, ich habe Geneviève Soubize gebeten, mich nach ihrem Abendessen abzuholen. Sie hat Medizin studiert und versteht sich sehr gut auf Kinderkrankheiten. Ich habe vielmehr Vertrauen zu ihr, wie zu Eurem Doktor hier.« »Nun, und dann müssen Sie doch wieder heimgehen?« »Natürlich, Rémi, ich kann doch nicht auf der Straße schlafen.« – Rémis ehrliches Gesicht wurde dunkelrot. Er schwieg eine Zeit lang, dann begann er zögernd, als ob er nicht recht wüßte, wie er seine Gedanken richtig formulieren sollte: »Ihre Schule ist sehr schön gebaut und praktisch eingerichtet, fast wie ein Kloster. Wenigstens kommt es mir so vor. Es ist alles so reich – ganz wie im Kloster.« Duyvecke lächelte, wobei ihre kleinen, gesunden Zähne sichtbar wurden: »Aber nicht doch, Rémi, es hat gar nichts mit einem Kloster zu thun, wir haben keine Ordensregeln und brauchen keine Gelübde abzulegen. Sie sehen doch selbst, wir können gehen, wohin wir wollen. Wenn ich in einem Kloster wäre, hätte ich auf Ihr Telegramm hin heute gar nicht kommen können.« »Ja, das ist wahr – wenn ich denke, daß ich überhaupt den Mut gehabt habe, Sie herzurufen. Aber sehen Sie, Mlle. Duyvecke, ich wußte gar nicht, was ich thun sollte. Wenn der Kleine nicht wohl ist, so verliere ich völlig den Kopf, und Sie sind für mich wie der liebe Gott.« »Armer Rémi!« Er faßte die Hand, die sie ihm reichte und führte sie mit einer rührend unbeholfenen Bewegung an seine Lippen. Duyvecke errötete und entzog sie ihm wieder. Dann schwiegen sie beide eine Zeit lang. Duyvecke aß langsam ihre Erdbeeren, die sie vorher sorgfältig im Zucker umdrehte. Rémineau hatte sich in den Lehnstuhl zurückgelegt und schien tief nachzudenken. »Aber eigentlich ist es doch wie ein richtiges Kloster,« sagte er dann, »weil Sie sich nicht verheiraten dürfen.« »Wie kommen Sie eigentlich darauf, Rémi? Sie irren sich nämlich. Keine von uns hat sich verpflichtet, nicht zu heiraten.« »O,« sagte Rémi mit einer Kühnheit, die sie an ihm gar nicht gewohnt war, »Sie müssen sich nicht schriftlich dazu verpflichten, das weiß ich ganz gut. Aber die Damen sind alle unverheiratet, und wenn eine von ihnen sich verheiratete, so könnte sie nicht mehr in der Schule bleiben.« »Nun ja, das glaube ich auch. Oder nur unter der Bedingung, daß sie nicht mit ihrem Manne zusammenlebte!« »Nun, das ist doch kein Verheiratetsein –.« Duyvecke wußte selbst nicht warum, aber es machte ihr immer großes Vergnügen, Rémineau die Pirnitzschen Theorien auseinander zu setzen. Es war beinahe, als ob sie ihn dazu bekehren wollte. »Aber, Rémi, Sie müssen doch begreifen, daß wir so viel freier sind und mehr Zeit haben, uns mit den Kleinen zu beschäftigen.« »Bah, wenn Sie alle verheiratet wären, so würden Sie sich eben mit Ihren eigenen Kindern beschäftigen.« »Und all die armen Kleinen, die keine Eltern haben? wie können Sie so reden, Rémi? Sie haben doch selbst einen mutterlosen, kleinen Buben.« »Man brauchte deshalb doch nicht schlecht gegen die elternlosen, kleinen Kinder zu sein – man könnte sie mit seinen eigenen zusammen erziehen. Jede Familie müßte ein paar zu sich nehmen, jede nach ihren Mitteln. Die Reicheren müßten eben den Ärmeren zu Hilfe kommen –.« Er schwieg. Ihm fehlten die rechten Worte, um ihr die verschwommenen, kommunistischen Ideale zu entwickeln, die im Grunde jeder ehrlichen Arbeiterseele schlummern. »Nein,« erwiderte Duyvecke. »Das sind alles Luftschlösser, Rémi; in der Praxis finden alle Eltern, daß sie kaum für ihre eigenen Kinder genug haben. Sie werden sich hüten, noch fremde bei sich aufzunehmen. Nein, für die Kinder, die keine Mütter haben, brauchen wir Mütter ohne Kinder.« »Ihre Schülerinnen sind doch nicht lauter Waisen,« fiel Rémineau ihr ins Wort. »Aber die Kinder, die schlechte Eltern haben, sind noch viel schlimmer dran. Glauben Sie mir, daß unsere Kleinen, die von Pirnitz, Mlle. Heurteau, Friederike und den andren erzogen werden –« »Vor allem von Ihnen, Mlle. Duyvecke –.« »Glauben Sie mir, daß diese Kleinen zu ganz andren Frauen erzogen werden, als die übrigen Pariser Mädchen, die von gewissenlosen Eltern erzogen sind.« »Ja, das mag wahr sein,« gab Rémineau zu. »Es kann ja auch gar nicht anders sein. Man lehrt sie keine andre Moral, als daß sie ihren Körper verkaufen sollen, und daß es ein Unglück ist, Kinder zu bekommen. Dabei haben sie die abscheulichsten Beispiele vor Augen. Sehen Sie, Rémi, für viele von diesen Kindern bedeutet das Elternhaus den sittlichen Ruin. Und die muß man davor retten.« Rémineau antwortete nicht. Er rückte seinen Stuhl etwas vom Tische ab und blickte stumm auf seinen Teller. »Nun, was meinen Sie dazu?« fragte Duyvecke triumphierend. »Sie verstehen es besser, sich auszudrücken,« antwortete Rémineau, »Sie haben studiert, und Sie wissen auf alles zu antworten. Aber ich finde trotzdem: die jungen Mädchen sind in erster Linie dazu da, sich zu verheiraten, und dann, um Kinder zu bekommen. Sie können dann immerhin noch Gutes genug thun, wenn sie in der Lage dazu sind und es wollen.« – Er hielt inne und fuhr dann, durch ihren Blick ermutigt, fort: »Nehmen wir z. B. an, daß Sie, anstatt in diese Art von Kloster einzutreten – oder auch nicht Kloster, wenn Sie so wollen, Sie haben ja auch recht, es ist nicht so viel Mumpitz dabei, wie bei einem Kloster – kurz, – daß Sie nicht mit diesen Damen zusammen wären – nehmen wir an, daß Sie einen braven Mann kennen gelernt hätten –, der Sie von ganzem Herzen liebte – der eine Art von Gottheit in Ihnen sieht, die Sie ja auch wirklich sind – ich kenne ja die andren Damen nicht näher, aber ich bezweifle, daß es überhaupt noch eine einzige, wie Sie – – –« Er hatte sich so in seinen Satz verwickelt, daß er nicht mehr weiter konnte. Und als Duyvecke ihm jetzt lächelnd und errötend in die Augen sah, verlor er völlig den Faden. »Was red' ich denn da,« stammelte er mit einem so unglücklichen Gesicht, daß sie hell auflachte. – »Ich weiß gar nicht mehr, was ich eigentlich sagen wollte. Oh, Mlle. Duyvecke, Sie machen sich über mich lustig.« Seine Stimme klang vorwurfsvoll. Duyvecke stand auf und faßte seine Hand. »Nein, Rémineau, ich mache mich über Sie nicht lustig. Sie wissen, daß ich Ihre Freundin bin, und wie gerne ich immer zu Ihnen und Gaston komme.« »Ist das wirklich wahr?« sagte Rémineau, und seine dunklen Augen leuchteten. »Aber gewiß,« antwortete Duyvecke, die plötzlich nachdenklich geworden war. – »Man kann sich das Leben nicht immer so einrichten, wie man möchte,« fügte sie dann mit etwas verschleierter Stimme hinzu. – »Aber jetzt sehen Sie nach, was Gaston macht, ich werde dann hier alles wieder in Ordnung bringen.« »Oh, Mlle. Duyvecke, das kann ich doch ebenso gut –.« »Nein, gehen Sie –.« Er gehorchte, Duyvecke begann langsam den Tisch abzuräumen und alles wieder an seinen Platz zu stellen. Von Zeit zu Zeit hielt sie inne und strich sich nachdenklich über die Stirn. Als sie beinah fertig war, wurde geläutet. Sie hörte, daß Rémineau an die Thüre ging, um aufzumachen. »Ob der Doktor schon kommt?« dachte sie. Dann nahm sie die Lampe und ging in das Krankenzimmer. Der Kleine wachte auf, als sie eintrat: »Mama Vecke!« – Sie lief rasch auf das Bett zu, beugte sich auf das Kind nieder und küßte es. Gaston vergaß bei ihrem Anblick all seine Schmerzen und lachte sie fröhlich an. Duyvecke preßte den zarten, kleinen Körper fest an sich und murmelte: »Mein armer Liebling!« »Ich möchte doch wissen,« dachte sie, »weshalb ich den kleinen Kerl so viel lieber habe als all meine Schülerinnen. – Ah, Geneviève!« Geneviève Soubize trat, von Rémineau gefolgt, in das Zimmer. Duyvecke drückte ihr die Hand: »Da ist der kleine Patient,« sagte sie und zeigte auf Gaston, der plötzlich wieder ernst geworden war und sich etwas vor der Fremden zu fürchten schien, – »ich glaube, ich hätte dich gar nicht zu bemühen brauchen.« Geneviève näherte sich dem Bett, ohne zu antworten, faßte die Hand des Kleinen und fing an, die Pulsschläge zu zählen. Duyvecke und Rémineau beobachteten sie schweigend.– Ihre zarte Gestalt hatte etwas knabenhaft Schlankes – das unregelmäßige Gesicht mit dem beweglichen, nervösen Mund, den schönen ins Grünliche spielenden Augen und der wundervollen rotblonden Haarkrone war entschieden anziehend. – »Der Puls ist völlig normal,« sagte sie dann. – – »Hast du Hunger, Kleiner?« »Nicht viel,« sagte das Kind mit schwacher Stimme. »Geben Sie ihm ein paar Apfelsinenschnitten,« sagte Geneviève zu Rémineau. – »Sonst wüßte ich nicht, was man ihm verordnen sollte. Krank ist er nicht, aber sehr nervös, scheint mir.« »Ja, das ist er,« antwortete Duyvecke. »Heute morgen, wie ich Mademoiselle telegraphierte, war er ganz elend,« sagte Rémineau, »aber seit sie hier ist, hat das Fieber nachgelassen. Es ist immer dieselbe Geschichte.« »Ja, ich glaube, das Kind besteht überhaupt nur aus Nerven,« murmelte Geneviève, »aber wir wollen lieber hinausgehen, er hört alles, was wir sprechen.« Sie gingen in den Eßsaal, Rémineau zündete die große Lampe an. Dann setzten alle drei sich an den Tisch, und Rémineau erzählte von den verschiedenen Krankheiten der Kleinen. »Sehen Sie,« fügte er dann zu, »der Bub' verzehrt sich einfach vor Sehnsucht nach Mlle. Duyvecke. Er hat sie von jeher so lieb gehabt und es nicht verwinden können, daß sie von uns fortging. – Und was soll ich thun, um ihm zu helfen? – Ich tröste ihn, so gut ich kann, er bekommt alles, was er will. – Aber Mlle. Duyvecke kann ich ihm doch nicht ersetzen.« – Duyvecke hatte beide Ellbogen auf den Tisch gestützt. Ihre Augen schwammen in Thränen. »Zu schade, daß er kein Mädchen ist,« meinte Geneviève. »Dann könnten wir ihn einfach mit in die Schule nehmen.« – »Geht es nicht auch so,« sagte Rémineau schüchtern, »er ist doch noch so klein.« – »Unmöglich,« antwortete Duyvecke, »Pirnitz ist prinzipiell gegen die gemischte Erziehung.« – »Ja, aber was soll dann aus Gaston und mir werden?« – »Ich komme so oft wie möglich zu Ihnen, Rémineau, verlassen Sie sich darauf.« Er schüttelte den Kopf, ohne zu antworten. Genevièves Gegenwart machte ihn befangen. Er getraute sich nicht, so zu Duyvecke zu reden, wie er es wohl sonst gethan hätte. Duyvecke erriet seine Gedanken und war ganz froh, daß er sich nicht aussprechen konnte. Geneviève war die erste, die das Stillschweigen brach. »Wir haben heute in der Schule einen stürmischen Tag gehabt.« – »Wieso?« fragte Duyvecke. »Der Schulinspektor war da.« – »Nun und? – Das ist doch schon öfters vorgekommen.«– – – »Gewiß – aber diesmal war es ein gewisser Monsieur Lecointe-Dupré, der bei weitem nicht so höflich und liebenswürdig ist, wie seine Kollegen. Er markierte die Autorität, – hat die Kinder geprüft, unser Programm und die Schulordnung kritisiert – – kurz, es war eine förmliche kleine Revolution.« »Aber was macht das? – Unsre Schule ist doch unabhängig?« – »Heurteau behauptet, es wäre trotzdem bedenklich. Sie schließt daraus, daß die Autoritäten uns nicht mehr günstig gesinnt sind – und den Inspektor geschickt haben, um uns gewissermaßen eine offizielle Rüge zu erteilen.« – »Aber ich bitte Sie,« unterbrach Rémineau, »was kann man Ihrer Schule denn vorwerfen? Ich glaube, es giebt nicht viele Anstalten, die von so achtbaren Damen geleitet werden.« Der gute Mann war ganz erregt. Es kam ihm vor, als ob man Duyvecke persönlich beleidigt hätte. »Mlle. Heurteau hat nachher mit dem Inspektor gesprochen, sie behauptet, er hätte unsre Schule für ein unmoralisches Institut erklärt.« »Unmoralisch?« rief Duyvecke. »Ja – Mangel an Aufsicht – den Kindern würde viel zu viel Freiheit gelassen – z. B. daß sie allein ausgehen dürfen. – Wir suggerieren ihnen gefährliche Ansichten – stellen ihnen Ehe und Mutterschaft als etwas Verwerfliches dar.«– – – »Da sieht man, wie die Ideen der Pirnitz von den Leuten verdreht werden. – Besonders an meinem Kursus hat man Anstoß genommen. Es geht in St.-Charles das Gerücht, ich erzählte den Kindern die unpassendsten Details über die Pflege der Wöchnerinnen. Du weißt doch selbst, mit welcher Vorsicht ich derartige heikle Themata zu berühren pflege.« – »Aber von wem können denn all diese Verläumdungen herrühren?« »Das weiß ich nicht. – Mlle. Heurteau will aus den Reden des Inspektors erraten haben, daß der Gemeindevorstand gegen uns agitiert. – Ich meinesteils möchte eher glauben, daß die Geistlichkeit – –« »Aber Geneviève, hältst du es für möglich, daß ein Priester sich mit solchen Sachen befaßt?« sagte Duyvecke. »Vielleicht glaubt er, der Kirche einen Dienst damit zu erweisen.« »Hat der Inspektor auch mit Pirnitz gesprochen?« »Nein, aber mit Friederike. – Er kam grade während der französischen Stunde in ihre Klasse und fing an, die Schülerinnen in ziemlich unliebenswürdiger Weise zu examinieren. Schließlich hat er dann nach ihren Zeugnissen gefragt. Die Kleinen sahen ihn ganz verwundert an und begriffen nicht recht, worum es sich handelte, bis Friederike dann antwortete: »Nein, mein Herr, die Kinder brauchen bei uns keine Prüfungen zu bestehen und bekommen keine Zeugnisse, Ich dachte, dieser Umstand wäre Ihnen bekannt.« – »Aber warum denn nicht?« hat er gefragt, worauf Friederike erwiderte: »Der Gesellschaft ist nicht mit Zeugnissen und Auszeichnungen gedient, sondern mit tüchtigen, gewissenhaften Menschen.« »Daraufhin ist er feuerrot geworden und hinausgegangen. – MIle. Heurteau ist fest überzeugt, daß er einen ungünstigen Bericht einschicken wird.« – »Der kann uns doch gleichgültig sein. Was kann man uns denn thun, wir stehen doch auf eigenen Füßen.« – »Heurteau meint, man könnte uns die Autorisation wieder entziehen. – Und du wirst sehen – es kommt noch so weit,« fuhr sie in höchster Erregung fort. Ihre Augen verdunkelten sich, und sie wurde ganz bleich, – »Man wird uns verfolgen, weil wir für Freiheit und Unabhängigkeit kämpfen. Die ganze innerlich verrottete Bourgeoisie von St.-Charles und das ganze offizielle Paris wird sich gegen unsre Schule erheben. Aber glaube mir nur, es ist wenigstens Eine unter uns, die sich nicht hinauswerfen läßt. – Eher ließe ich mich umbringen.« – Sie schwieg. Ihre Lippen bebten vor verhaltenem Zorn, und ihre Züge waren förmlich entstellt. Rémineau blickte sie ganz erstaunt an. Duyvecke lächelte, sie kannte Genevièves stürmisches Temperament, ihre revolutionären Neigungen, ihre plötzlichen Wutausbrüche. Seit sie ganz in der Schule lebte, waren all diese Charakterzüge immer schärfer hervorgetreten. Sie sprach fast nur noch von Rebellion, von Auflehnung gegen die wurmstichige, tyrannische Gesellschaft, an der man sich für die Unterdrückung rächen müsse. – Plötzlich erscholl eine schwache Kinderstimme aus dem Nebenzimmer: »Mama Vecke!« Duyvecke eilte rasch an das Lager des Kleinen, Rémineau und Geneviève folgten ihr. Gaston schlang die Arme um ihren Hals, zog sie zu sich nieder und flüsterte ihr etwas ins Ohr. »Aber ich komme doch wieder,« antwortete das junge Mädchen. »Nein,« sagte der Kleine laut, »du darfst nicht weggehen, du mußt dableiben – immer dableiben.« – Duyvecke gab ihm einen Kuß. »Nun ja, ich bleibe hier.« Gaston legte sich wieder in die Kissen zurück, aber seine großen schwarzen Augen blickten sie unruhig forschend an. Er war fest entschlossen, sich nicht hinters Licht führen zu lassen. – »Was hat er Ihnen ins Ohr gesagt?« fragte Rémineau, als sie wieder im Zimmer waren. »Er sagte, ich müßte dableiben. Natürlich habe ich es ihm versprochen. – Aber es ist schon spät. Wir müssen jetzt gehen, Geneviève ... Ich brauche nicht mehr auf den Doktor zu warten, da es ihm soviel besser geht. Außerdem bezweifle ich, daß er überhaupt noch kommt.« – »Es ist nach zehn,« sagte Geneviève. »Ich will rasch meinen Hut aufsetzen, und dann schleichen wir uns leise hinaus.« »Wenn er es nur nicht merkt,« seufzte Rémineau, »dann ist wieder der Teufel los.« »Bah, – Sie müssen ihm einfach sagen, ich hatte mich etwas niedergelegt, um auszuruhen, und er dürfte mich nicht stören. – Ich denke, er wird auch bald einschlafen.« Während sie sprach, hatte sie ihren schwarzen Strohhut aufgesetzt. – Als sie schon im Korridor waren und sich leise Adieu sagten, ging plötzlich die Korridorthüre auf und Gaston erschien im Hemd, mit bloßen Füßen auf der Schwelle. »Gott im Himmel,« rief Duyvecke. Sie nahm ihn rasch auf den Arm und trug ihn in sein Bett zurück. Dabei bedeckte sie ihn mit Küssen und schalt in zärtlichem Ton. »Du böses Kind – ohne Erlaubnis aufzustehen. – Wenn du so unartig bist, komme ich überhaupt nicht wieder.« Der Kleine umklammerte ihren Hals mit seinen mageren, durchsichtigen Fingern, und seine Augen glänzten fieberhaft, während er immer wieder sagte: »Mama Vecke soll nicht fortgehen – ich will es nicht haben – ich will es nicht haben.« Dabei zitterte er am ganzen Körper, und seine Zähne schlugen krampfhaft aufeinander. »Er wird wieder Fieber bekommen, wenn du nicht dableibst,« sagte Geneviève leise. Duyvecke kniete neben dem Bette nieder und versuchte, ihn zu beruhigen. Er griff mit seinen nervösen kleinen Händen nach ihrem Hute und versuchte, ihn ihr abzunehmen. Duyvecke lachte: »Aber du thust mir weh, du reißt mir ja die Haare aus.« – Schließlich gab sie nach und nahm selbst den Hut ab... Und nun wurde er ruhiger, aber als Duyvecke Miene machte, ins Nebenzimmer zu gehen, wäre er beinah wieder aus dem Bett gestiegen. »Was soll ich thun?« fragte Duyvecke. »Da ist nichts zu machen, du mußt dableiben,« antwortete Geneviève, und Rémineau stammelte ganz verwirrt: »O ja, Mlle. Duyvecke, ich bitte Sie, bleiben Sie. Wenn Sie gehen, ist er nicht mehr im Bett zu halten. Wenn Sie es wünschen, gehe ich fort. – Ich werde draußen auf der Treppe sitzen bleiben, – Oder ich bitte eine von den Nachbarinnen, Ihnen Gesellschaft zu leisten. – Dann hat kein Mensch das Recht, schlecht von Ihnen zu sprechen.« Duyvecke zuckte die Achseln: »Was die Leute hier im Hause sagen, ist mir ganz gleichgültig – aber in der Schule?« – »Ich erzähle ihnen, wie die Sache liegt,« sagte Geneviève. »Glaubst du nicht, daß Daisy oder Pirnitz an deiner Stelle ebenso handeln würden?« »Daisy gewiß – aber Pirnitz – – das weiß ich nicht recht. – Aber in Gottes Namen, ich bleibe da. – Du mußt versuchen, ihnen klar zu machen, daß ich nicht anders konnte.« Als Geneviève fort war, faßte Rémineau Duyveckes Hand und wollte sie küssen. Aber sie wurde plötzlich verlegen und unsicher: »Lassen Sie mich mit dem Kleinen allein, Rémi, ich bitte Sie.« Er flüchtete sich in die Küche, Duyvecke blieb neben dem Bett sitzen. Sie legte ihren Kopf auf das Kissen neben den des Kleinen. Gaston streichelte und liebkoste sie noch eine Zeit lang, dann schlief er ein. Und es dauerte nicht lange, so versank auch sie in tiefen, gesunden Schlummer. Rémineau saß währenddem auf einem Küchenstuhl und blickte durch das offene Fenster auf die Dächer und Schornsteine der Nachbarhäuser, über denen ein Stück tiefblauer Nachthimmel sichtbar war. – Regungslos saß er da und dachte nicht daran, zu schlafen. – Er war unsagbar glücklich.« V Der große rechteckige Zeichensaal, wo Lea im Kolorieren unterrichtete, lag im warmen Junisonnenschein da. Zwanzig Mädchen saßen oder standen über ihre Arbeit gebeugt. Der Schweiß perlte ihnen von der Stirn. Denn obgleich die Fenster weit geöffnet waren, drang kein erfrischender Luftzug von draußen herein. Lea ging von einer zur andren, manchmal nahm sie selbst den Pinsel zur Hand, um die richtige Farbe anzugeben oder irgend ein kleines Versehen wieder auszugleichen. Sie gönnte sich keinen Augenblick Ruhe, obgleich der Unterricht zwei volle Stunden dauerte. Es war sogar ihren Schülerinnen aufgefallen, daß sie in letzter Zeit immer rastloser ihren Pflichten oblag, ohne, wie sie es früher gethan hatte, hier und da eine kleine Pause zu machen und auf der für die Lehrerin bestimmten Estrade Zeitungen durchzusehen oder Briefe zu schreiben. Grade eben hatten sie wieder einmal Gelegenheit gehabt, die strenge Gewissenhaftigkeit ihrer Lehrerin zu beobachten. Während des Unterrichts war einer von den Zöglingen, der grade »die Woche« hatte, eingetreten, um ihr ein kleines Paket zu bringen, das eben mit der Post gekommen war. Es schien ein Buch zu sein. – Aber Lea sagte nur: »Danke schön, Alexandrina, leg es auf meinen Tisch.« Und während zwanzig neugierige Augenpaare jede Bewegung der kleinen Alexandrina folgten, bis sie das Paket glücklich auf dem Tische deponiert hatte, fuhr Lea ruhig in ihren Anweisungen fort: »Siehst du, Alice Aubry, wenn du die Farbe vorher nicht ordentlich aufgelöst hast, giebt es immer Flecken. So, – jetzt versuche einmal, sie rasch und gleichmäßig aufzutragen.« – Damit räumte sie der Kleinen, die mit großem Eifer fortfuhr, ihre Zeichnung zu kolorieren, wieder ihren Platz ein. »Adele, du mußt deine Pinsel bester ausspülen – sonst vermischen die Farben sich – sieh mal her – das Braun und Rot läuft ineinander.« – – Gewiß, – selbst Pirnitz hätte die gleichmäßige Heiterkeit und rastlose Thätigkeit bewundert, mit der Lea ihre täglichen Pflichten erfüllte, aber Pirnitz, die es doch so gut verstand, in den Herzen ihrer Mitmenschen zu lesen, täuschte sich. Sie pflegte sich voll froher Hoffnung zu sagen: Lea ist uns zurückgewonnen! – Sie wußte nicht, daß Lea sich über sich selbst getäuscht hatte. »O Vanderbrouck – das hast du schlecht gemacht, – gieb mir mal deinen Pinsel.« – Sie ließ sich ein Glas reines Wasser geben, tauchte den Pinsel hinein und fing an, die mißglückten Farben zu korrigieren. Aber während sie der Schülerin, einem großen, blonden Mädchen mit lichtblauen Augen, die begangenen Fehler erklärte, mußte sie unaufhörlich an das Buch denken, das dort drüben auf dem Tische lag. Sie hatte, als Alexandrina es brachte, nur einen flüchtigen Blick darauf geworfen, aber an der blauvioletten Marke mit dem Bild der Königin hatte sie sofort gesehen, daß es aus England kam. »Wer kann mir denn aus England ein Buch schicken?« – – Sie hatte zuerst auf Madame Sanz geraten, wenn diese nicht grade in Paris gewesen wäre. Aber wer konnte es sein, da diese Möglichkeit ausgeschlossen war? – Vielleicht Edith Craggs – die in London Leas ständige Gefährtin gewesen war? Aber das Paket hatte das bei englischen Romanen übliche Format und Edith – von der sie übrigens schon seit langer Zeit nichts gehört – hätte ihr gewiß nie im Leben etwas andres geschickt als fromme Traktate. Trotzdem versuchte Lea krampfhaft, sich einzureden, daß die Sendung nur von Edith herrühren könne. Sie wollte nicht auf die geheimnisvolle Stimme ihres Herzens hören, die ihr zuraunte: »Nein, es ist nicht von Edith – du weißt es sehr wohl – du weißt – von wem – –« Sie hielt stand, bis der Unterricht zu Ende war und die Kinder den Saal verlassen hatten, um im Hofe ihr Vesperbrot einzunehmen. Und nun war sie allein. – Sie stand vor dem Tische und blickte das kleine Paket an, ohne es aufzumachen. Als sie die Adresse gelesen hatte, fühlte sie sich etwas beruhigt. – Es war doch nicht das, was sie gefürchtet hatte. Beim Anblick dieser kindlichen, seltsam unregelmäßigen Handschrift glaubte sie einen kleinen Schreibtisch von Mahagoniholz vor sich zu sehen, auf dem unzählige mit derselben Schrift bedeckte Bogen, verstreut lagen – und dann ein kindlich aussehendes Wesen mit kurzem, blondem Haar, das nachdenklich an seinem Federhalter kaute – Tinka Ortsen. – Das Wohnzimmer der Apple-Tree-Yard wo sie immer arbeitete. – – Und die Romane, die Tinka, während sie entstanden – mit ihrer klanglosen, gleichmäßigen Stimme den andren zu erzählen pflegte. – – – »Wie kommt Tinka dazu, mir ein Buch zu schicken?« – Wenn es auch keine so direkte Annäherung war wie ein Brief, so bedeutete es doch immerhin den Wunsch oder das Anstreben, die vor anderthalb Jahren abgebrochenen Beziehungen wieder anzuknüpfen. Und Lea fühlte mit wonnigem Schauer, daß sie nicht mehr wie früher vor dem Gedanken an jene Zeit zurückschrak, sondern, daß er sie mit Seligkeit erfüllte. Sie hatte immer noch nicht den Mut, die Umhüllung zu zerreißen. Sie fühlte sich unfähig, irgend einen Entschluß zu fassen. – Das fröhliche Stimmengewirr der Kleinen drang aus dem Hofe zu ihr herüber. Und nun raffte sie sich auf, brachte mit mechanischen Bewegungen alles in Ordnung, steckte das Paket in ihre lederne Büchertasche und verließ die Klasse. Als sie die Thür hinter sich abgeschlossen hatte, ging sie zuerst in das Vorzimmer, um sich Gesicht und Hände zu waschen ... Dann dachte sie nach – – – Pirnitz und Madame mußten fort sein, sie hatten mit der Einrichtung der Filiale für Free-College zu thun. – Friederike war jedenfalls im Hofe, sie hatte heute die Aufsicht während der Freistunde. – Lea fühlte sich nicht im stande, den prüfenden Blick ihrer Schwester zu ertragen. Wie sollte sie ihre Erregung vor Friederike verbergen? Und ihr den Grund derselben anzuvertrauen – dazu hatte sie nicht den Mut. Plötzlich fiel ihr die Bibliothek ein. – Sie nahm ihre Ledertasche und eilte rasch den Korridor entlang, wie eine Braut zum Rendezvous mit dem Geliebten. Auf der Treppe begegnete sie Geneviève Soubize. »Haben Sie es schon gehört,« sagte das junge Mädchen, »Duyvecke hat mir geschrieben – –« »Ah – was denn?« – »Der kleine Rémineau hat einen Rückfall bekommen – diesmal scheint es ein wirkliches Nervenfieber zu sein. – Sie kann sich nicht entschließen, von ihm fortzugehen. – Sie schreibt mir, wenn er dann stürbe, würde ihr zu Mute sein, als ob sie ihn getötet hätte.« »Nun und –« »Und so bleibt sie eben dort.« – Dann gingen beide ihres Weges, ohne sich weiter über die Angelegenheit auszusprechen. Lea dachte an die unterdrückte Erregung, die Duyveckes Fortbleiben vorgestern abend unter dem »Generalstab« hervorgerufen hatte. Man hatte sich nicht weiter darüber ausgesprochen, es war, als ob niemand den rechten Mut dazu finden konnte. Im Gegenteil, es hatte nur geheißen: »Duyvecke hat vollständig recht. Sie konnte den Kleinen doch nicht seinem Schicksal überlassen. – Wir alle hätten an ihrer Stelle ebenso gehandelt.« – Aber im stillen hatte jede sich gesagt: Wird Duyvecke überhaupt wiederkommen? Zu den finanziellen Sorgen, zu der Aufregung, die der Besuch des Schulinspektors hervorgerufen hatte, kam jetzt auch noch die Angst, daß eine von den Mitarbeiterinnen des Werks – fahnenflüchtig werden könne – die erste, seit dem Bestehen der Schule – – »Duyvecke läßt sich eben durch den Gang der Dinge leiten« – dachte Lea. »Sie wird nicht anders können – als bei Rémineau bleiben und ihn heiraten.« – Dann versuchte sie, nicht mehr daran zu denken. Sie fürchtete sich beinah davor, sich mit Duyvecke zu vergleichen. Vielleicht hoffte sie am Ende gar selbst auf eine ähnliche Fügung des Schicksals, die ihr die Freiheit wiedergeben sollte? – – Die Bibliothek lag im zweiten Stock und bestand aus drei mittelgroßen Räumen. In den erkerförmigen Vertiefungen, die durch die hohen Bogenfenster gebildet wurden, waren bankartige Sitzplätze angebracht. Die zwei ersten Zimmer waren leer, als Lea eintrat. In dem dritten saß eine Schülerin und kopierte einen Abschnitt aus der » Géographie universelle « von Réclus. Lea setzte sich auf das Fensterbrett. – – – Der Tag neigte sich allmählich dem Ende zu, ein rötlicher Schein umgoldete die Gipfel der Kastanienbäume, die Dächer der Nachbarhäuser und den spitzen Kirchturm von St. Charles. Unwillkürlich mußte Lea an jenen Frühsommerabend zurückdenken, wo sie und Georg bei Sonnenuntergang in dem altmodischen Wirtshäuschen von Surrey gerastet hatten, um ihren Afternoontea einzunehmen. Es war dieselbe rötlichgoldne Abendbeleuchtung gewesen wie heute – und jetzt stieg eine Erinnerung nach der andren wieder vor ihr auf – aus jener glücklichen, gesegneten Zeit ihres Lebens. Ja, die Vergangenheit trug den Sieg davon über die schale, inhaltlose Gegenwart. War nicht alles, was dazwischen lag, nur ein wirrer Traum gewesen? – – Die Rückkehr nach Frankreich – Georgs wiederholte Versuche, seine Braut zurückzugewinnen – die langen arbeitsvollen Monate mit all ihrer forcierten Begeisterung für das Werk? – Ihr war zu Mute, als ob sie während all dieser Zeit nicht sie selbst gewesen sei, als ob jemand andres an ihrer Stelle gelebt und gehandelt habe – und jetzt in diesem Augenblick war sie mit einemmale wieder die alte Lea – – jene frohe, glückliche Lea, die nach einer langen Fußwanderung mit Georg Ortsen in dem altmodischen Gastzimmer saß und ihm den Thee einschenkte. Sie seufzte auf, wie von einem schweren Drucke befreit. Dann löste sie langsam das Buch aus seiner Umhüllung und begann zu lesen. Es war eine jener billigen englischen Romanausgaben à 1 Shilling 6 Pence. »William Pawells two Sisters von Tinka Ortsen, aus dem Finnischen übersetzt von Missis Clarke Irving. Das Titelbild war geschmacklos und schlecht gezeichnet: eine Frauengestalt auf einer steinernen Bank und davor ein knieender Mann. Lea betrachtete prüfend das erste Blatt, in der Erwartung, daß es eine Widmung oder einen freundschaftlichen Gruß enthalten würde. Aber sie fand nichts. – »Derbyshire ist zweifellos eine der schönsten Gegenden von England. Die Umgegend von Buxton, dem uralten Badeort, wo schon die Königin Anna – – –« Ganz mechanisch las sie diesen Satz drei- bis viermal wieder durch. Er kam ihr absolut sinnlos vor. Sie war nie in Derbyshire gewesen, hatte nie von einem Orte gehört, der Buxton hieß. Ein leises Gefühl von Enttäuschung stieg in ihr auf. Und als sie darüber nachdachte, wurde sie sich klar, daß sie mit Bestimmtheit erwartet hatte, ihre eigne und Georgs Geschichte in dem Buche wiederzufinden. – – Dann las sie weiter. – Die Erzählung begann mit einer endlosen Beschreibung des kleinen Badeortes und seiner landschaftlichen Umgebung. Aber so war es immer in Tinkas Romanen, man hatte das Gefühl, als ob die Verfasserin sich erst allmählich auf sich selbst besinnen müßte, aber nach und nach gewann alles Farbe und Form, wurde so greifbar, so warm und lebendig, daß man ganz hingerissen war. – Lea hatte das erste Viertel des Romanes mit fieberhafter Ungeduld durchflogen, aber jetzt war sie mitten drin – und in den Hauptpersonen von Tinkas Buch fand sie sich und Georg Ortsen wieder, nur hatte die Verfasserin das Geschlecht der beiden vertauscht: William stellte Lea dar und Nora Georg. Man mußte bei William unwillkürlich an einen roten Rosenstrauch denken, dem ein geschickter Gärtner die bleicheren Rosen nordischer Länder aufgepfropft hat. – Wenn er es aber einmal versäumte, die wilden Triebe zu beschneiden, so wären statt der farblosen nordischen doch wieder die vollduftenden roten Rosen erblüht.«– – – Und von Nora hieß es: »Das Merkwürdige an ihr war, daß ihre Seele fast immer schlief – wie ein kleines Kind. Und es war ein friedlicher, glücklicher Schlummer, glücklicher vielleicht als das Erwachen. – Denn wenn sie einmal erwachte, empfand sie ein gewaltsames Bedürfnis, sich in übermächtigen Sensationen auszuleben. Und weil sie nicht wußte, wie sie diese hervorrufen sollte, pflegte sie sich dann ans Klavier zu setzen und stundenlang zu spielen, bis sie erschöpft zusammenbrach. Und dann schlief ihre Seele wieder ein.« – Nora hatte eine Schwester, die Julie hieß und bei deren Schilderung Tinka entschieden an Friederike gedacht hatte. »Julie und Nora,« so hieß es da, »stammten aus Finnland, aus jenen nordischen Gegenden, wo die Natur fast sechs Monate des Jahres wie erstorben ist. Und daher mochte es wohl kommen, daß sie ebenso wie die Bäume und Pflanzen ihr Leben nur halb lebten. Und doch glaubten sie, wirklich zu leben. Nur dann und wann überkam sie ein unklares Vorgefühl, daß sie eines Tages zu vollerem, intensiverem Leben erwachen würden.«– – – – Dann geschah etwas, was die Geschwister aus ihrer Heimat vertrieb. – Hier hatte Tinka ihre eigenen Erlebnisse mit der Geschichte des Hauses Legay-Sûrier geschickt zu verflechten gewußt. – Nora und Julie entdeckten, daß ihre Eltern nicht miteinander verheiratet waren. – Die Mutter hatte ihren legitimen Gatten nach kurzer Ehe verlassen, um mit ihrem Liebhaber zusammen zu leben. Diesem ehebrecherischen Bunde verdankten die beiden Schwestern ihr Dasein. Sie hatten jetzt alle Achtung vor ihrer Mutter verloren, und gleichzeitig fehlte ihnen der Mut, sie auf ihre Pflicht hinzuweisen. So verließen sie heimlich das Elternhaus und flohen nach Deutschland. Dort lernten sie William Powells kennen, dessen trauriges Schicksal ihre Sympathie wachrief – er war von seiner Frau auf schmähliche Weise verlassen worden. Nora und Julie entschlossen sich, in geschwisterlicher Freundschaft mit ihm zusammenzuleben. Sie glaubten auf diese Weise die Schuld ihrer Eltern sühnen zu können. So suchten sie durch ihre Liebe ihm das Dasein zu verschönern. Aber mit der Zeit wurde die reine Freundschaft, die sie an ihn fesselte, durch stürmische Empfindungen verdrängt. Die beiden Schwestern verliebten sich in William – aber er liebte nur Nora. Eines Abends nach einem weiten Spaziergang ließen William und Nora sich zu einem langen, glühenden Kuß hinreißen. – Und von diesem Moment an bestand das junge Mädchen darauf, daß sie sich trennen müßten. Sie hatte das Vertrauen zu sich selbst verloren. Vergebens suchte William ihr klar zu machen, daß er die Scheidung von seiner Frau leicht erreichen könne. Nora war nicht von ihrem Entschluß abzubringen: »Ich bin nicht zu Ihnen gekommen, um mir das Vergehen Ihrer Frau zu Nutze zu machen, sondern um Ihnen in schwesterlicher Freundschaft zur Seite zu stehen. Was die Gesetze der Menschen erlauben oder verbieten, ist mir gleichgültig. Aber Sie haben eine Frau, und diese Frau ist am Leben.«– – Julie war eifersüchtig auf Williams Liebe und wußte die Schwester in ihrem Vorhaben zu bestärken. Sie sollte sich von William trennen, um nicht in noch schwerere Anfechtungen zu fallen.– – Sie trennten sich, und nun begann für alle drei ein trübseliges Dasein. William kehrte nach England zurück, während die beiden Schwestern nach Italien gingen. Dort – unter dem Einfluß einer Natur und einer Kunst, von der sie bisher nichts geahnt hatten – vollzog sich allmählich in Noras Seele eine vollständige Umwandlung. Julie, die weniger künstlerisch veranlagt war, verschloß sich hartnäckig gegen alle derartigen Einwirkungen, sie blieb sie selbst und lebte ausschließlich in der Vergangenheit. Nora dagegen ging bald so weit, alles umzustoßen, was sie früher als das heiligste Gebot ihres moralischen Gewissens betrachtet hatte. Sie zürnte sich selbst, daß sie ihre eigne Mutter verurteilt, daß sie Williams Liebe zurückgewiesen hatte. Endlich beschloß sie, ihm nachzureisen, ihm zu sagen: Nimm mich hin. Ich bin dein. Julie, der sie ihren Plan mitteilte, überhäufte sie mit Vorwürfen. Nora versuchte anfangs, sich dagegen zu verteidigen, ihre neuerrungenen Ansichten zu rechtfertigen. Aber allmählich wurde sie sich klar darüber, daß es nur Eifersucht war, die aus ihrer Schwester redete. In einer ergreifend schön geschilderten Scene fand Nora den Mut, diesen Vorwurf zu machen ... Julie hatte ihr zugerufen: »So geh doch zu ihm, um seine Konkubine zu werden.« Und Nora antwortete: »Ich fühle das tiefste Mitleid mit dir, denn ich sehe, daß dir das gesunde moralische Empfinden fehlt. Lebewohl, ich gehe zu ihm, weil es meine Pflicht ist.« Nach monatelangem Suchen gelang es ihr, Williams Aufenthaltsort ausfindig zu machen. Sie fand ihn in Derbyshire, in dem kleinen Badeort, der zu Anfang des Romans so ausführlich geschildert war. Aber es war zu spät – William hatte seit der Trennung von der Geliebten ein elendes Leben geführt. Er siechte an einem unheilbaren Herzleiden dahin – Noras Erscheinen vermochte ihn nur noch auf kurze Zeit dem Leben wiederzugeben. Er starb in ihren Armen. »Kannst du mir vergeben,« sagte sie, »ich habe dich getötet.« – »Nein –« antwortete William, »nicht du – Nora. – Mich hat jene andre Nora getötet, deren Seele sich noch nicht zur Freiheit durchgerungen hatte.« – – – – – – – – – – – Lea blieb noch lange nachdenklich in ihrer Fensterecke sitzen, nachdem sie das Buch zu Ende gelesen hatte. Die Freistunde war längst vorüber, und die Abendkurse hatten begonnen. Das kleine Mädchen, das vorhin im Nebenzimmer gearbeitet hatte, war fort – sie war ganz allein. – Draußen war es dunkel geworden; wie aus schwarzem Papier geschnitten hob der Kirchturm von Saint-Charles sich gegen den bläulich schimmernden Nachthimmel ab. Es war Lea zu Mute, als ob auch ihre Gedanken in schattenhaft verdämmernden Umrissen durcheinander wogten, sie war wie berauscht, wie halb betäubt durch das, was sie gelesen hatte. Mechanisch steckte sie das Buch wieder in ihre Ledertasche und verließ die Bibliothek. Als sie auf den Korridor hinaustrat, war sie durch das elektrische Licht einen Augenblick so geblendet, daß ihr schwindelte. Sie mußte stehen bleiben, sich an die Mauer lehnen, um nicht zu fallen. Plötzlich fühlte sie, daß eine Hand ihre Schultern berührte. »Was ist Ihnen, Lea? Sind Sie krank?« Sie schlug die Augen auf und sah Daisy Craggs neben sich stehen. Dann atmete sie tief auf: »Nein, Daisy, es ist nichts. Ich habe bis jetzt in der Bibliothek gesessen und gelesen. Als ich auf den Korridor kam, hat das Licht mich geblendet. – Es ist wirklich nichts weiter –«. Sie stützte sich auf Daisys Arm und ging ein paar Schritte weiter, dann machte sie sich los. Daisy blickte sie zärtlich besorgt an: »Sie fühlen sich nicht wohl, Lea, ich werde Pirnitz und Friederike sagen, daß Sie einige Zeit aufs Land müssen.« »O nein,« antwortete Lea, »ich brauche nicht mehr Erholung als Sie alle. – Es ist ja nicht mehr lange hin bis zu den Schulferien.« Mlle. de Sainte-Parade hatte die Absicht, für die Monate August und September auf dem Lande oder an der See ein Häuschen zu mieten, wo die Lehrerinnen und ein Teil der Schülerinnen die Ferien zubringen sollten. Daisy Craggs bewegte die Lippen, als ob sie etwas sagen wollte. Aber sie hielt es für besser, zu schweigen. Sie hatte durch ihre Schwester erfahren, was zwischen Lea und Georg Ortsen vorgefallen war. Sie selbst war eine ausgesprochene Männerfeindin und fühlte sich ganz glücklich dabei, besonders seit das Zusammenleben mit Geneviève sie ausfüllte. Am liebsten hätte sie Lea in aller Freundschaft tüchtig ausgescholten und ihr gesagt: »Was? denken Sie wirklich immer noch an diesen Don Juan, der sich in Italien amüsierte, während Sie Tag und Nacht weinten?« – Aber sie fürchtete, Lea weh zu thun. Und dann dachte sie auch: Ich verstehe ja doch nichts von solchen Liebesgeschichten. So sagte sie schließlich, um das Gespräch auf etwas andres zu bringen: »Haben Sie die große Neuigkeit schon gehört?« »Was für eine Neuigkeit?« »Die Semaine de Saint-Charles – Sie wissen doch, das kleine Blatt, das der Abbé Minot ganz in der Hand haben soll – hat einen Artikel gegen unsre Schule gebracht.« »Gegen uns?« »Ja – Mlle. Heurteau hat ihn mir vorhin gebracht. – Übrigens enthält der Artikel keine persönlichen Angriffe – er ist hauptsächlich gegen unser System gerichtet.« »Was macht er uns denn zum Vorwurf?« fragte Lea, aber nur, um irgend etwas zu sagen. Mein Gott, alles was die Schule betraf, war ihr im Grunde so gleichgültig. Sie wunderte sich selbst über den warmen Ton ihrer Stimme, sie kam sich vor wie eine abscheuliche Heuchlerin, während Daisy ihr ausführlich erzählte, was der Abbé Minot an der Art des Unterrichts auszusetzen hatte. – Mangel an Religiosität – anarchistische Tendenzen – Verletzung des Schamgefühls und schädliche Erregung der jugendlichen Phantasie durch den hygienischen Kursus – u.s.w.« Als Lea dann in ihr Zimmer trat, fand sie Friederike, die zum Abendessen Toilette machte. Sie stand vor dem großen Spiegelschrank und steckte ihre schweren dunklen Flechten auf. Lea blieb einen Augenblick an der Thür stehen und betrachtete ihre Schwester: »Wie ist sie schön!« Ohne sich umzuwenden sagte Friederike: »Du bist es, Liebling? Wo warst du denn heute Nachmittag? Ich habe lange nach dir gesucht.« »Ich hatte in der Bibliothek zu thun.« Es wurde Lea nicht schwer, diese halbe Lüge auszusprechen. Das einstige vertrauliche Verhältnis zwischen den beiden Schwestern hatte schon seit langer Zeit einer gewissen Zurückhaltung Platz gemacht. Dann erzählte Friederike von der Aufregung, die der Artikel der Semaine in der Schule hervorgerufen hatte. Sie beobachtete dabei im Stillen, was für einen Eindruck ihre Worte auf die Schwester machten. Lea hatte inzwischen die Taille ausgezogen und tauchte Gesicht und Hände in das Waschbecken, dann löste sie ebenfalls ihre Haare auf, um sie zu bürsten und wieder aufzuwinden. Es waren zwei Gedanken, die sie momentan ganz beherrschten, die beinah wie ein physischer Schmerz in ihrem Gehirn wühlten, während Friederike sprach. Sie fing jetzt an zu begreifen, weshalb Tinkas Erzählung sie so tief erschüttert hatte. Eine Art von leidenschaftlichem Zorn gegen Friederike regte sich in ihr, sie glaubte die Empfindungen jener imaginären Julie im Herzen der Schwester zu erraten. – Und gleichzeitig fühlte sie eine furchtbare Angst in sich aufsteigen – war Georg wirklich krank – vielleicht gar sterbend, wie William Powells. – »Ich habe dich getötet,« sagte Nora zu William. Dieser Verzweiflungsschrei ließ ihr keine Ruhe. – Sie war ihm gegenüber stark gewesen, als er im Vollbesitz seiner Kraft vor ihr gestanden und seine Rechte geltend zu machen versucht hatte. Aber jetzt, wo sie ihn krank und schwach wähnte, verwandelte ihr Widerstand sich in Unruhe und Sehnsucht. »Bist du fertig, Liebling?« Lea war so in Gedanken vertieft, daß es ihr nicht einmal in den Sinn kam, sich zu verstellen. Als sie die Stimme ihrer Schwester hörte, fuhr sie auf: »Ja, ja, ich komme« schon.« »Dann laß uns hinuntergehen,« sagte Friederike, »es hat schon zum zweiten Male geläutet.« Die andren waren schon alle im Eßsaale versammelt, Lea saß bei Tische wie gewöhnlich zwischen ihren Lieblingsschülerinnen: Alice Aubry, Lydia Ranacho, Georgette Vincent und der kleinen Alexandrina, die ihr das Buch gebracht hatte. Aber während sie sich sonst an ihren Gesprächen zu beteiligen pflegte, klang das Geräusch der jugendlichen Stimmen heute nur wie aus weiter Ferne zu ihr herüber, sie gab sich nicht einmal Mühe, ihre Stimmung zu verbergen. Als Alexandrina sie mit Fragen bestürmte, sagte sie nur: »Ja, mein Kind, es sind allerhand trübe Gedanken, die mich quälen.« Sie fühlte sich erleichtert, als die Mahlzeit zu Ende war und Lehrerinnen wie Schülerinnen in den Hof hinuntergingen. Die Luft war immer noch drückend schwül. Die hohen Mauern, die den Platz umgaben, schienen all die Hitze auszuströmen, die sie während des Tages aufgesogen hatten... Selbst die Kinder schienen heute nicht wie sonst zu lärmenden Spielen aufgelegt. Sie gingen Arm in Arm spazieren oder saßen in Gruppen umher und plauderten halblaut miteinander. Während Lea sich neben Pirnitz niederließ, sagte Mlle. Heurteau: »Nach allem, was ich gehört habe, scheint man einen regelrechten Feldzug gegen uns zu eröffnen. Die Semaine de Saint-Charles steht sich zu gut mit den Behörden, um auf eigne Hand vorzugehen.– »Aber wir haben bisher doch keine Differenzen mit den Behörden gehabt,« warf Friederike ein. »Nein, das nicht. Aber man ärgert sich darüber, daß wir unabhängig dastehen. Wir haben die Subvention ausgeschlagen, die uns für die Preisverteilung angeboten wurde – Sie werden sich erinnern, daß es gegen meinen Rat geschah« –« »Wir konnten es nicht annehmen,« sagte Pirnitz, – »da bei uns überhaupt keine Preise verteilt werden.« »Doch, wir hätten es trotzdem thun müssen, – – Die Sache liegt bei uns ganz anders, als in London. Wir können uns nur halten, wenn die Behörde uns duldet, und sie duldet uns nur, so lange wir sie wenigstens scheinbar ernst nehmen und so thun, als ob wir sie nötig hätten.« – Während sie so sprach, zuckte plötzlich ein flüchtiger Lichtschein am Himmel auf. »Es blitzt,« sagte Geneviève mit etwas unruhiger Stimme. »Ja, es wird ein Gewitter geben,« meinte Madame Sanz, »es war heute auch unnatürlich schwül. Man konnte ja kaum atmen.« Die Luft wurde immer beklommener. Obgleich der Himmel wolkenlos war, konnte man die Sterne nicht sehen. Der Blitz hatte die Kinder aufgeschreckt. Sie waren aufgestanden und drängten sich zusammen. Geneviève faßte Leas Hand, Lea fühlte, daß die Finger des jungen Mädchens nervös bebten. »Ich kann keine Gewitter leiden,« flüsterte Geneviève. »O, ich glaube nicht, daß es hier eins giebt,« antwortete Lea, »es ist noch sehr weit weg.« »Glauben Sie wirklich?« fragte Geneviève ängstlich. Währenddessen fuhr Mlle. Heurteau fort, ihre Ansichten über die Ereignisse des Tages auszusprechen. »Wir haben den einflußreichsten Mann des ganzen Ortes gegen uns – unser allgewaltiger Nachbar – –« »Duramberty?« fragte Daisy. »Aber er hat doch einen Freiplatz bei uns gestiftet. Er ist uns noch nie feindselig entgegengetreten.« »Trotzdem ist er unser Feind. – Und Friederike weiß das ganz gut. Es ist allgemein bekannt.« Friederike war froh, daß die andern in der Dunkelheit nicht sehen konnten, wie sie errötete. Sie wußten also alle um jenes peinliche Geheimnis – um das schmachvolle Anerbieten, das Duramberty ihr gemacht hatte. Hatten sie es nur erraten, oder sollte er wirklich so schamlos gewesen sein, darüber zu sprechen? »Es ist eine elende Bande,« erklärte Geneviève. »Socialisten wollen sie sein, und doch nimmt keiner von ihnen Partei für uns. Wenn wir nicht unglücklicherweise schwache Frauen wären, würde man sich das nicht herausnehmen. – – Aber wenn wir auch hundertmal Frauen sind, wir wollen uns schon wehren. Der Inspektor hat wohl daran gethan, daß er nicht in meine Klasse gekommen ist. Ich und meine Schülerinnen hatten ihn schön hinausgeworfen.« Alle lachten. Dann sagte Daisy: »Aber Geneviève, ich bitte dich! Nicht so aufgeregt!« »Nicht so aufgeregt!« wiederholte Geneviève. »Wenn unsre Feinde uns aus unsrer eignen Schule vertreiben wollen? Was ihr andern thun werdet, weiß ich nicht. Aber soviel steht fest, mich soll niemand ungestraft anrühren.« Niemand antwortete. Es war allen schon aufgefallen, daß Geneviève in den letzten Wochen, besonders seit die Schule angegriffen wurde, über jede Kleinigkeit in Zorn geriet. Und man hielt es für besser, sie nicht noch mehr aufzuregen. Jetzt zuckte wieder ein Blitz am Himmel auf. – Alle waren verstummt. Ein fernes dumpfes Grollen, das von Westen herzukommen schien, machte die Luft erbeben. Dann fegte plötzlich ein Wirbelwind über den Hof und jagte dichte Staubwolken auf. »Laßt uns doch hineingehen,« bat Geneviéve mit veränderter Stimme. Eben ertönte auch die Glocke, die zum Schlafengehen läutete. Schweigend drängten die Kinder sich dem Schulhause zu. Die Lehrerinnen blieben an der Thür stehen, bis alle drin waren. Geneviève verbarg das Gesicht an Leas Schultern, um die Blitze nicht sehen zu müssen. Aber Lea blickte zum sternenlosen Himmel empor, sie fühlte, wie die magnetische Spannung, die in der Luft lag, auch ihre Nerven erbeben machte. Aber sie war heute Abend in jenem Zustand von innerer Erregung und Unruhe, wo man selbst das entfesselte Toben der Elemente als Wohlthat empfindet. Die Kinder waren jetzt alle im Schulhause verschwunden, man hörte das vielfache Geräusch von Schritten und Stimmen allmählich auf den Treppen verhallen. Als nun auch die Lehrerinnen den Hof verließen, fielen die ersten schweren Regentropfen. Auf dem Korridor teilte Alexandrina die Abendpost aus. Daisy bekam einen Brief, auf dessen Adresse Lea Ediths Handschrift erkannte. »Von Duyvecke,« sagte Pirnitz leise zu Friederike, während sie ein kleines Kouvert in die Tasche gleiten ließ. Daisy las ihren Brief, während sie gemeinsam die Treppe hinaufstiegen. Im ersten Stock angelangt, trennte man sich. »Edith läßt Sie grüßen,« sagte Daisy zu Friederike und Lea, als sie vor dem Zimmer der Schwestern standen. Während sie noch sprach, ertönte ein lautes Krachen durch das Haus. Der Wind hatte gewaltsam alle Thüren, die eben geöffnet wurden, wieder zugeschlagen. »O komm doch, Daisy,« bat Geneviève, »ich bleibe heute nacht bei dir.« Der Regen peitschte gegen die Fenster, während Lea und Friederike sich auskleideten. Dann und wann blitzte es, und in langen Zwischenräumen hörte man in der Ferne den Donner rollen. Die beiden Schwestern wechselten ein paar Worte miteinander, dann verstummten sie gänzlich. Als die Lampe ausgelöscht war und beide im Bette lagen, suchte Friederike Leas Hand, die anfangs kalt und leblos in der ihren lag, aber dann allmählich zärtlich ihren Druck erwiderte. Dabei dachten sie beide an jenen ersten Abend in London, wo sie sich vor dem Einschlafen so innig geschwisterlich umarmt hatten. Und auch heute fanden sich noch einmal ihre Lippen in einem langen, stummen Kuß. – Keine von ihnen sprach ein Wort. Was hätten sie sich auch sagen sollen? Nachdem sie ihre ganze Kindheit und erste Jugend hindurch einander alles gewesen waren, hatte ihre einstige Vertraulichkeit allmählich immer mehr einer gewissen Entfremdung Platz gemacht. Und doch war nie ein bittres oder vorwurfsvolles Wort zwischen ihnen gefallen. Sie lagen noch lange wach; während der Regen klatschend gegen die Fenster schlug und der Donner aus weiter Ferne grollte, dachten sie beide mit bittrem Schmerz an jene ferne, glückliche Zeit, die niemals wiederkehren würde. VI »Meine hochverehrte Mlle. Romaine, es wird mir unendlich schwer, Ihnen diesen Brief zu schreiben. Ich habe solche Angst, daß Sie schlecht von Ihrer armen Duyvecke denken könnten – – und gleichzeitig habe ich Angst, Ihnen wehe zu thun. Aber was soll ich thun? Mein Gott, was soll ich thun? Der Augenblick ist gekommen, wo ich mich entscheiden muß. Sie waren von jeher so gut gegen mich – verdammen Sie mich auch jetzt nicht! Nein, ich war nicht würdig, zu den Auserwählten zu gehören, die Sie um sich versammelt haben. Ich bin ein ganz gewöhnliches kleines Frauenzimmer, das nur für ein bescheidenes alltägliches Schicksal bestimmt war. Die Chancen, die das Leben mir durch Sie geboten hat, waren zu glänzend für mich. Aber ich will Ihnen gegenüber ganz offen sein, Mlle. Romaine: ich bin in Wahrheit nicht unglücklich über meinen Entschluß. Im Gegenteil, ich fühle mich ruhiger, seit ich ihn gefaßt habe. Der Gedanke, daß Gaston durch meine Schuld kränker werden oder gar sterben könnte, hätte mir keine Ruhe gelassen. Und auch sein Vater hätte mir zu leid gethan. Er hat nicht versucht, mich zu überreden, o nein, er sagte mir: der Kleine wird daran zu Grunde gehen. Aber ich sehe nun, daß Sie nicht anders können. – Aber während ich so mit ihm zusammen am Bett des Kleinen saß, den das Fieber immer heftiger schüttelte – – da wurde mir klar, daß ich dableiben mußte, daß es so für alle Teile am besten wäre. Selbst für die Schule – denn Sie verlieren nicht viel an mir. Ich kann doch nicht so wie Sie, Mlle. Romaine, oder wie Heurteau und Friederike zu den jungen Mädchen sprechen und auf sie einwirken. – Das habe ich schon lange gefühlt. Und ich suchte mir darüber klar zu werden, woran das lag. Ich glaube, ich weiß es jetzt: es kam daher, daß ich Ihre Ideen im Grunde doch nie ganz verstanden habe. Ich wollte mich so gerne für sie begeistern, wie alle die andren, – weil ich Sie so lieb hatte – aber ich hatte immer das Gefühl, daß etwas in meinem Innern ihnen widersprach. Eine innere Stimme sagte mir: Das Beste auf der Welt ist schließlich doch, eine Familie zu haben, einen Mann, mit dem man alles teilt, und möglichst viele Kinder, für die man sorgen darf. Als Rémineau mir seine Ideen über diesen Punkt entwickelte – da fühlte ich, daß er recht hatte, obgleich ich anfangs versuchte, ihn von Ihren Ansichten zu überzeugen. Und gestern hat er endlich den Mut gefaßt, mir zu sagen: ›Mlle. Duyvecke, ich bitte Sie, werden Sie meine Frau. – Ich bitte Sie nicht um meinetwillen – denn ich bin nur ein schlichter Arbeiter, und Sie stehen weit über mir – aber um des Kleinen willen. Denn er stirbt, wenn Sie uns verlassen. – Sie dürfen nicht wieder von uns fort, Mlle. Duyvecke, und Sie können auch nicht bei uns bleiben, wenn Sie nicht meine Frau werden.‹ Als er so zu mir sprach, in seiner bescheidenen und festen Weise, da kam es plötzlich wie eine große Erleuchtung über mich. Ich schwöre Ihnen, Mlle. Romaine, ich habe früher nie daran gedacht, Rémineau zu heiraten – und – Sie werden mich gewiß für sehr dumm halten – ich habe auch nie gemerkt, daß er es gern wollte. Der Gedanke daran lag mir so völlig fern. Aber als Rémineau so mit mir sprach, fühlte ich plötzlich, daß er mich schon lange liebte, und daß ich ihn auch liebte – daß es mein wahrer Beruf sei, dem armen kleinen Gaston eine zweite Mutter zu werden und dann auch selbst Kinder zu bekommen. Sie dürfen mich nicht verachten, meine teure Meisterin, denn das würde mich ganz unglücklich machen. Und ich habe jetzt wirklich das Bewußtsein, daß es das einzige Rechte für mich ist. Ich kann mir nicht denken, daß Sie Ihre arme Duyvecke jetzt nicht mehr sehen wollen, die Sie von ganzem Herzen liebt und verehrt. Ich wünsche nichts mehr, als Ihnen und Ihrer Schule auch fernerhin nützlich sein zu können. Und Rémineau denkt ebenso. Ich bitte Sie, schreiben Sie mir, daß Sie mir nicht böse sind, weder Sie, noch Mlle. Heurteau und all die andren Damen. Wenn Sie mir nicht antworten, werde ich es nie wieder wagen, Ihnen vor die Augen zu treten. – Aber ich bitte Sie, thun Sie es. Erst dann kann ich mich vollkommen glücklich fühlen. Sie werden für Ihre Schule gewiß eine andre Lehrerin finden, die gescheiter ist als ich und Ihren Ideen besser dienen kann. – Aber Rémi und Gaston werden keine andre Frau und Mutter finden. Sie haben niemand als mich, Mlle. Pirnitz, und wenn ich nicht bei ihnen bliebe, würden sie beide ganz verzweifelt sein. O, sagen Sie mir nur ein Wort, daß Sie mir verzeihen, und daß ich nicht schlecht gehandelt habe. Ihre Sie liebende und verehrende Duyvecke.« Zweiter Teil I Romaine Pirnitz und Lea standen vor dem Hotel Sainte-Parade. Es war kurz nach Mittag. Ein heftiger Wind fegte durch die Straßen, die um diese Zeit fast menschenleer waren. Pirnitz hatte eben zum zweiten Male geläutet. »Ich weiß, woran Sie denken«, sagte sie dann zu ihrer Gefährtin. »Ja,« antwortete Lea – »es sind noch keine drei Jahre her. – Aber es kommt mir vor, als ob ich seit seiner Zeit unendlich viel älter geworden wäre.« Endlich ging die Thür auf, die beiden Frauen nickten dem Hausmeister zu und stiegen die Treppe hinauf. Oben angelangt, wurden sie von der alten Dienerin Maria in eine Art Vorzimmer geführt, dessen breite Flügelthür nach dem Flur hin weit offen stand. Maria war heute ungewöhnlich schweigsam. Sie sagte nur: »Wollen die Damen sich nicht setzen, bis Mademoiselle mit Monsieur Michel fertig ist?« Dann blieb sie stehen und wartete augenscheinlich darauf, daß man sie ausfragen würde. »Ach so, Michel ist da?« fragte Pirnitz, während sie und Lea sich auf das Kanapee niederließen. »Und ob er da ist, Mademoiselle,« rief die alte Gaskognerin, die jetzt plötzlich ihre Redseligkeit wiederfand: »Sie werden wohl schon wissen, daß er den ganzen Tag nicht mehr hinauszubringen ist. – Erst kommt er am Morgen in aller Frühe, wenn Mademoiselle noch nicht aufgestanden ist, und dann nach der Börse. – Und am Abend läßt Mademoiselle ihn noch einmal wieder herrufen, um ihm ihre Anweisungen zu erteilen, wie sie sagt. – Ach, zum Teufel – den ganzen Tag geht er aus und ein.« – »Und wie geht es Mademoiselle?« fragte Lea. »O Mademoiselle geht es soweit ganz gut,« sagte Maria und stützte sich ungeniert auf den runden Sophatisch – »sie ißt und trinkt und kann sich so einigermaßen bewegen – das heißt, so viel sie sich überhaupt bewegen kann. – Die Beine sind ja schon seit zwanzig Jahren gelähmt. – Aber was mir Sorge macht, ist, daß sie lange nicht mehr so vergnügt und zufrieden ist wie früher. Sie kennen sie ja, Mlle. Romaine, den ganzen Tag hetzte sie uns hin und her, Schwester Ottilie und mich. Jeden Augenblick wollte sie etwas andres. – Aber jetzt ist ihr alles recht, sie verlangt gar nichts, sie schilt überhaupt nicht mehr. Wenn ich den Braten verbrenne oder die Suppe versalze, alles ist ihr gleich. Nur wenn sie von Ihrer Schule spricht, wird sie ein bischen lebhafter. – Oder wenn sie mit Michel zusammen ist. Ja, da ist sie wieder ganz wie sonst. Wie ein paar alte Juden reden sie miteinander. – Es ist ja wahr, Mademoiselle hat sehr viel Geld verdient bei ihren Unternehmungen mit Michel,« fügte sie dann nachdenklich hinzu. Lea und Pirnitz lächelten über diesen Wortschwall, den Maria vorbrachte, ohne inzwischen auch nur einmal Luft zu schöpfen. »Aber die Geldangelegenheiten stehen gut, nicht wahr, Maria?« fragte Pirnitz. »Ich weiß nicht recht,« antwortete sie – »es ist vielleicht doch nicht alles so, wie es sein sollte. – Ah, da hat sie geläutet.« Damit stürzte sie ohne weiteres hinaus. Lea und Pirnitz mußten noch eine Zeit lang warten. Sie sahen Michel aus der gegenüberliegenden Thür treten. Er war ein kleiner, hagerer Mann mit krummem Rücken und sah fast aus wie ein Sakristan. Als er die beiden Damen bemerkte, zögerte er einen Augenblick, es machte den Eindruck, als ob er gerne mit ihnen gesprochen hätte. Aber dann entschloß er sich, nur zu grüßen, und eilte rasch die Treppe hinunter. Lea blickte schweigend auf die große Standuhr, deren Zeiger langsam vorrückten. Sie erschrak beinah darüber, wie fremd und überflüssig sie sich hier fühlte. Wenn sie sich auch noch so viel Mühe gab, sie war nicht imstande, die finanziellen Schwierigkeiten oder den Gesundheitszustand der alten Dame tragisch zu nehmen. Sie wagte kein Wort zu sprechen und vermied es, Pirnitz anzusehen – sie hatte sie ja immer noch lieb, aber es gab Momente, wo sie sich danach sehnte, sich von ihr loszumachen, um ganz frei zu sein, wie die Nora in Tinkas Buch – oder wie Duyvecke Hespel. Dann wandte sie sich plötzlich mit einer halb unwillkürlichen Bewegung zu Pirnitz und drückte einen Kuß auf ihre Schulter. Pirnitz blickte sie mit ihren schönen, magnetischen Augen an und sagte: »Armes Kind.« Leas Augen füllten sich mit Thränen, aber jetzt öffnete sich die Thür auf der andren Seite des Korridors, Maria und Schwester Ottilie trugen Mlle. de Sainte-Parade auf ihrem Lehnstuhl in den Empire-Salon. Lea und Pirnitz waren aufgestanden und traten auf die alte Dame zu, deren verkümmerte Gestalt fast in den schwarzen Spitzen verschwand. Aber die kleinen, grauen Augen leuchteten lebhaft aus dem unförmlich großen Gesicht hervor. »So,« sagte sie, als der Lehnstuhl an seinem Platz stand. – »Bitte, ein Kissen unter die Füße, Schwester Ottilie. – So ist's recht. – Es geht mir nicht besonders, liebe Pirnitz. – Geh, Maria, mach, daß du fortkommst, du schwätzest zu viel. – Setzen Sie sich dort hinten aufs Sopha, Schwester, was wir zu besprechen haben, hat kein Interesse für Sie. – So, Pirnitz, jetzt kommen Sie her zu mir, ganz nahe und sprechen Sie recht deutlich. Es summt mir so vor den Ohren, ich hab' heute Morgen Salicyl genommen.« – Pirnitz rückte ihren Sessel dicht an den Lehnstuhl heran. »Sie müssen auch herkommen, kleine Lea. – Geben Sie mir Ihre Hände und lassen Sie sich einmal anschauen. – Schön wie der Tag – weiß Gott, aber warum so traurig? Ich kann keine traurigen Leute leiden, aber ich weiß nicht weshalb, – seit einiger Zeit setzt ihr alle solche Leichenbittermienen auf.« Damit gab sie Leas Hände wieder frei. Das junge Mädchen setzte sich und drängte gewaltsam die Thränen zurück. – »Also, was haben Sie mir mitzuteilen, Pirnitz?« »Aber Sie haben uns doch herbestellt, Mademoiselle,« entgegnete Pirnitz. »Ach ja – natürlich – ich mußte Sie sehen. – Wissen Sie, diese Heurteau demoralisiert mich. – Sie wirft immer gleich die Flinte ins Korn. Wenn es nach ihr ginge, könnten wir nur gleich unsre Bündel schnüren und Duramberty, Quignonnet, dem Abbé Minot u. s. w. das Feld räumen. – – Sie hat mich da mit einem Artikel geelendet.« – »Mit dem Artikel aus der Semaine de Saint-Charles? – Haben Sie ihn gelesen?« »Nein! Ich will ihn überhaupt nicht lesen. – Was wird denn dadurch bewiesen, daß irgend ein Kursblatt uns verläumdet? Und außerdem weissagen all diese Herren uns ja nur Gutes, sie behaupten, daß wir nächstes Jahr noch viel mehr Schülerinnen bekommen. – – Aber warum seid ihr denn alle beide so stumm – Sie sitzen ja da wie Ölgötzen. Bekommen wir mehr Schülerinnen – ja oder nein? Heurteau hat mir die Listen gezeigt – über zwanzig Zahlende.« – »Ja,« sagte Lea mechanisch, »es laufen immer Anmeldungen ein.« »Sehen Sie,« rief die alte Dame. »Hab' ich es nicht gesagt? Aber dann lassen Sie die Leute doch schreien, soviel sie wollen. Wenn wir eines Tages Lust haben, darauf zu antworten, so wenden wir uns einfach an irgend eine andre Zeitung. Heurteau wird schon einen Artikel zusammenbringen, wenn es darauf ankommt. – Was meinen Sie dazu, Pirnitz?« »Mein Gott ja,« erwiderte diese, »ich bin ganz Ihrer Ansicht, liebe Freundin – daß für den Moment die Gefahr nicht groß ist. – Aber trotzdem wäre es vielleicht ganz praktisch, durch irgend einen officiösen Schritt vorzubeugen. Die Kinder haben in der Stadt erzählen hören, daß der Abbé Minot die Sache nicht ruhen lassen wird. – In seinem nächsten Artikel will er den Fall Duyvecke besprechen. Und Sie können sich denken, was für einen Eindruck das hervorrufen kann, wenn die Sache in einem verkehrten Licht dargestellt wird.« »Aber dieser Abbé ist ja einfach ein Scheusal. – Wenn ich denke, daß er einmal mein Beichtvater gewesen ist – daß ich ihm jeden Augenblick etwas für seine Stiftungen gegeben habe.– Aber ich will ihm den Kopf schon zurechtsetzen. Ich werde ihm sagen – –« Sie wußte selbst nicht, was sie ihm sagen wollte, gestikulierte aber umso eifriger mit den Armen. »Das ist es ja grade, Mademoiselle,« fuhr Romaine Pirnitz mit sanfter Stimme fort – »ich glaube, es wäre sehr zweckmäßig, wenn Sie mit dem Abbé sprächen. Es würde Ihnen gewiß nicht schwer fallen, ihn für unsre Sache zu gewinnen.« »Glauben Sie wirklich?« fragte Mlle. de Sainte-Parade. – »Wenn ich das sicher wüßte. – Aber dann muß ich diese Canaille zu mir kommen lassen. – Immerhin könnte man es sich einmal überlegen. – – Ja, ja, ich werde ihm schreiben – gleich heute. – Wir standen früher sehr gut miteinander. Er machte mir damals durchaus keinen bösartigen Eindruck. Und was sein Privatleben anbetrifft – er ist einfach ein Heiliger. Das unterliegt keinem Zweifel – ja, ja, der Abbé Minot ist ein Heiliger.« – Sie merkte plötzlich, daß sie sich in einem fort widersprach und hielt inne. Dann fragte sie, um das Gespräch auf etwas andres zu bringen: »Nun und Duyvecke? Wer hätte das für möglich gehalten, Pirnitz? – Nachdem sie vier Jahre lang mit uns zusammengelebt hat. – Und ich hatte solches Zutrauen zu ihr. – Nein, weiß Gott, das hat mir wirklich einen Stoß gegeben. Ich kann mich immer noch nicht davon erholen. Es ist – es ist beinah so, als ob diese kleine Lea hier uns auch einmal durchginge, um mit irgend einem Manne davonzulaufen. – Aber was haben Sie denn, mein Kind? – Ich wollte Sie nicht verletzen. – Warum weinen Sie denn? – Ich bitte Sie, wir wissen alle, daß Sie eine kleine Heilige sind, ein ganz wunderbares Mädchen. Nein, nein, Sie dürfen nicht weinen.« – »Verzeihen Sie, Mademoiselle, ich bin nur etwas nervös,« stammelte Lea. – Die Worte der alten Dame hatten sie aufs tiefste erregt. »Sie hat Duyvecke von jeher besonders lieb gehabt,« kam Pirnitz ihr zu Hilfe. »Was ist es denn eigentlich für ein Individuum, das Duyvecke heiraten will?« fragte Mlle. de Sainte-Parade – »ach, ich weiß schon, es ist dieser Rémineau, der ein paar mal hier war, um die Kostenanschläge der Unternehmer durchzusehen. – Ein ganz gewöhnlicher Arbeiter. – Duyvecke hat sich da wirklich einen netten Schatz ausgesucht. Und dabei that sie immer so unschuldig.« – »O Mademoiselle,« sagte Lea bittend. »Wollen Sie sie am Ende noch verteidigen?« »Ich bin fest überzeugt, Mademoiselle,« fuhr Lea warm fort, »daß es Duyvecke schwer genug geworden ist, uns zu verlassen. – Aber sie vergöttert Rémineaus kleinen Sohn – und er konnte sie nicht entbehren, weil er krank war. – Es war nicht Egoismus, sondern ein rein mütterliches Gefühl, das sie dazu getrieben hat.« – »Glauben Sie?« fragte die alte Dame. Es entstand eine Pause. Der Gedanke an das ernste, geheimnisvolle Problem der Mutterschaft berührt jedes weibliche Wesen in den innersten Fibern seines Seins, wenn auch die exaltiertesten Frauenstimmen es beinah mit Entrüstung von sich weisen möchten. So vermochte auch in diesem Augenblick keine der vier Frauen, die hier beisammen waren, sich einer gewissen Beklemmung zu erwehren. Und nachdem Lea gesprochen, hatte niemand mehr den Mut, zu sagen: »Duyvecke hat unrecht gethan.« Inmitten des beklommenen Stillschweigens, das auf ihre Worte folgte, erschien plötzlich Marias Riesengestalt in der Thür. In ihren weichen Filzschuhen war sie so leise hereingekommen, daß niemand sie gehört hatte. Sie trat auf die Damen zu und sagte mit sichtlich erregter Stimme: »Mademoiselle – –« »Was willst du, Kind?« »Monsieur Michel – – –« Mlle. de Sainte-Parade unterbrach sie ungeduldig: »Ist Michel wieder da? Will er mich sprechen?« – »Nein, Mademoiselle, er ist noch gar nicht fortgegangen.« – Marias Stimme versagte, und nun wurde die alte Dame plötzlich wütend: »Was soll das heißen? So sprich doch endlich, Schafskopf.« »Monsieur Michel will nicht heraufkommen. Er ist unten auf dem Flur. – Er will mit Mlle. Romaine sprechen.« – Dabei deutete sie mit dem Finger auf Pirnitz. »Mit mir?« fragte Pirnitz erstaunt. – »Aber ich kenne ihn so gut wie gar nicht.« »Er hat Mademoiselle vorhin hier gesehen – er will mit Ihnen sprechen.« Pirnitz wandte sich an Mlle. de Sainte-Parade: »Was bedeutet das?« Die alte Dame schien völlig in sich zusammenzusinken. Ihr sonst so bleiches Gesicht war heftig gerötet – Schwester Ottilie zog ein Flacon mit Riechsalz aus der Tasche und hielt es ihr rasch vor die Nase, während sie ihr leise mit ihrem schwerfälligen Accent zusprach: »Aber Mademoiselle – es ist nichts weiter – ganz gewiß nichts. – Sie dürfen sich nicht so aufregen – –« »Gehen Sie, Pirnitz,« murmelte die Alte und begleitete ihre Worte mit raschen, automatischen Handbewegungen. »Sehen Sie nach, was los ist. – Sagen Sie ihm, er solle heraufkommen. – Ich muß – ich muß ihn sprechen. – Genug – Schwester Ottilie.« Die Schwester schloß das Flaçon und steckte es wieder zu sich. »Wir wollen in Ihr Zimmer gehen, nicht wahr, Mademoiselle? Es ist besser für Sie – Sie legen sich etwas hin und Mlle. Pirnitz kommt dann herauf, um uns Bescheid zu sagen?« – Die alte Dame nickte bejahend. »Helfen Sie mir, Maria,« sagte die Schwester. Dann trug sie mit Maria den Lehnstuhl hinaus. Maria wandte sich an der Schwelle noch einmal um und wiederholte: »Monsieur Michel ist unten im Flur.« »Bleiben Sie hier, Lea,« sagte Pirnitz. »Ich muß wissen, um was es sich handelt. – Ich begreife die ganze Geschichte nicht. – Mein armes Kind,« fügte sie dann leiser hinzu: »ich glaube, uns stehen schwere Prüfungen bevor.« Schwere Prüfungen! Schwere Prüfungen! Wie ein immer wiederkehrendes Echo hallten diese zwei Worte in Leas Herzen nach, während sie rastlos in dem kleinen Salon auf- und abging. »Schwere Prüfungen!« Lea weinte nicht. Ihre Traurigkeit war mit einemmal verflogen. Ihr war zu Mute, wie einem Gefangenen bei der Nachricht, daß die Mauern seines Kerkers in Brand geraten sind. Ein Gefühl von froher, wilder Hoffnung flutete in ihr auf. »Aber das ist ja entsetzlich,« dachte sie, »ich bin ein unwürdiges Geschöpf.« – Sie gab sich förmlich Mühe, die Angst und Aufregung der andren zu teilen: »Was mag nur geschehen sein?« Es ging ihr wie Pirnitz und Maria, und sie fühlte, daß irgend ein Unglück in der Luft lag. Schließlich setzte sie sich wieder, und wie immer, wenn sie allein war, stieg die Vergangenheit wieder vor ihr auf – Erinnerungen an die glückseligste Zeit ihres Lebens, die frohen Stunden ihren jungen Liebe. – Und jetzt vermischen sie sich in ihrer Phantasie mit den Bildern aus Tinkas Roman, den sie mit fieberndem Blut immer und immer wieder gelesen hatte. Sie sah einen hochgewachsenen jungen Mann vor sich mit blondem Schnurrbart und meergrünen Augen – aber er saß abgemagert und zusammengesunken in einem Lehnstuhl – er sah aus wie ein Sterbender. »Georg!« seufzte sie.«– »Ich muß an Tinka schreiben.« Sie dachte Tag und Nacht daran – sie mußte es wissen, ob Georg wirklich krank war wie der William in Tinkas Roman – ob er aus Schmerz um die Geliebte dahinsiechte. Lea war so in ihre Gedanken vertieft, daß sie erschrocken zusammenfuhr, als Pirnitz eintrat. Aber in demselben Moment machte ihr egoistischer Schmerz einem andern Gefühle Platz. Sie sah etwas, was sie noch nie gesehen hatte: die Augen der Heiligen schwammen in Thränen, – ihre schmalen, bleichen Hände hingen regungslos herab. Lea stürzte auf sie zu und umarmte sie. »Romaine, liebste Romaine, – was ist Ihnen – sagen Sie es mir.« – Pirnitz machte sich sanft los und trocknete ihre Thränen. »Ja, Lea, die Stunde der Prüfung ist gekommen. – Die Schule ist ruiniert. Mlle. de Sainte-Parade hat spekuliert und verloren –« »Alles?« »Das weiß man noch nicht. – Aber im besten Fall bleibt ihr soviel, daß sie selbst davon leben kann. – – Meine armen Kleinen.« Pirnitz weinte nicht mehr, aber ihre Stimme klang so tonlos, ihr ganzes Wesen war so verändert, daß es Lea tief erschütterte. Sie konnte es nicht ertragen, dieses angebetete Wesen, das sie immer als den sichersten Halt ihres Lebens betrachtet hatte, so völlig niedergeschmettert zu sehen. »Romaine,« flüsterte sie, »ich beschwöre Sie, weinen Sie nicht – seien Sie nicht so verzweifelt. – Was soll denn aus mir werden, wenn Sie den Mut verlieren?« Die Heilige lächelte unwillkürlich über diesen rührend egoistischen Aufschrei. »Sie haben recht, Lea, ich bin ja nicht allein. Wir werden gemeinsam weiterkämpfen.« – Während sie das sagte, kam Maria plötzlich hereingestürzt: »Es steht schlimm mit Mademoiselle. Kommen Sie rasch, sie verlangt nach Ihnen.« Lea und Pirnitz folgten ihr hastig, ohne weiter zu fragen. Als sie in das Schlafzimmer traten, sahen Sie Mlle. de Sainte-Parade ausgestreckt auf dem Bette liegen. Ihr Gesicht war blaurot, und sie atmete schwer. Schwester Ottilie fühlte ihr den Puls und versuchte sie zu beruhigen, indem sie immer wieder murmelte: »Ich bitte Sie, Mademoiselle, nur nicht aufregen.« Als die alte Dame Pirnitz sah, fragte sie rasch: »Nun – was ist's mit Michel – haben Sie – mit ihm gesprochen?« Pirnitz nickte bejahend. Dann, als sie sah, daß die Kranke nach einer Antwort verlangte, fügte sie ausweichend hinzu: »Wir sprechen später darüber. Es ist nichts Dringendes.« – Die Augen der alten Dame nahmen einen erschreckenden Ausdruck an. Man sah wohl, daß sie alles erraten hatte. – Sie versuchte sich aufzurichten, ihre Hände fuhren irr durch die Luft, und ihr Mund verzerrte sich. Es war ein so tragischer Anblick, daß alle, die dabei standen, vor Schrecken bebten. Dann stieß sie einen unartikulierten Laut aus und sank wie leblos mit starr geöffneten Augen auf das Bett zurück. – Maria warf sich mit einem lauten Aufschrei vor dem Bett ihrer Herrin nieder: »O mein Gott, was ist das? Meine arme Mademoiselle – sie ist krank, – sie wird sterben. – Im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes – –« »Still, Maria,« gebot Schwester Ottilie, »rasch zum Arzt. Eilen Sie.« »Ich gehe schon, gute Schwester,« sagte Maria, der die unerschütterliche Ruhe der Nonne immer aufs höchste imponierte – »ich gehe schon – ach du lieber Gott, meine arme Mademoiselle.« Als Maria auf ihren weichen Schuhen geräuschlos das Zimmer verlassen hatte, fragte Pirnitz: »Können wir Ihnen in irgend etwas helfen, Schwester?« Schwester Ottilie goß in aller Ruhe ein paar Tropfen Ammoniak in ein Glas Wasser und befeuchtete die Stirn der Kranken damit. Dann sagte sie leise: »Nein, ich danke Ihnen. Der Arzt hatte es mir schon vorher gesagt. Mademoiselle war in letzter Zeit recht leidend – die Geldangelegenheiten haben sie zu sehr aufgeregt.« – – »Sie waren also schon darauf gefaßt?« fragte Pirnitz. »Ja – es ist ein Schlaganfall. – O, Mademoiselle wird vielleicht noch nicht gleich sterben. Sie kann noch jahrelang leben.« – Lea, deren zartorganisierte Natur vor allem zurückschauderte, was mit Krankheit und Tod zusammenhing, konnte nicht umhin, das Phlegma dieser stillen Nonne in ihrer weiten violetten Klostertracht zu bewundern. Sie beneidete Schwester Ottilie förmlich. »Die Glückliche ahnt wohl nichts von alledem, was das Herz einer Frau in Versuchung führen kann. – Und wenn doch einmal Anfechtungen kommen, so vermag das Gebet ihr Trost und Halt zu gewähren. – Ich selbst habe meine Kraft überschätzt, – Wo ist die Zeit geblieben, wo ich noch beten konnte?« – Pirnitz hatte sie beobachtet und erriet ihre Gedanken. Während Schwester Ottilie sich weiter um die Kranke bemühte, faßte sie Leas Hand und sagte leise: »Ja, Lea, auch das ist eine schöne Aufgabe, aber die unsre ist noch schöner, die Tugend einer Klosterfrau beruht doch im letzten Grunde auf Sklaverei. – Freuen wir uns, daß wir uns ebenso wie sie im Dienste der Menschheit aufopfern dürfen, in Keuschheit wie sie – aber dabei in voller Freiheit, die sie nicht kennt.« – Schwester Ottilie, die wohl einsah, daß alle weiteren Bemühungen überflüssig waren, ließ sich neben dem Bett auf einen Stuhl nieder und fing an, ihren Rosenkranz zu beten. Lea und Pirnitz zogen sich in die Fensternische zurück, um sie nicht zu stören. Das Fenster ging auf den Hof hinaus – unter dem Thorweg sahen sie Maria mit der Portiersfrau stehen. Sie sprachen leise miteinander und schienen auf die Ankunft des Arztes zu warten. »Was hat Michel Ihnen denn noch weiter gesagt?« fragte Lea leise. »Er ist ein sonderbarer Mensch,« antwortete Pirnitz. »Ich glaube, er war wirklich ganz unglücklich, denn er schlug sich an die Brust und sagte: ich bin an allem schuld – ich habe zu viel gewagt – – aber die arme alte Dame brauchte ja immer Geld. – Ich habe einen Koup gewagt, der sie zur dreifachen Millionärin hätte machen können. – Ich bin irregeführt worden – ich weiß, durch wen, und er soll es mir entgelten. – Ich warne Sie vor einem gewissen Quignonnet, Mademoiselle, – ich warne Sie in Bezug auf Ihre Schule.« »Quignonnet, der Beigeordnete?« »Ja. – Er scheint Michel mit Absicht in ein unsicheres Geschäft hineingelockt zu haben!« »Aber was haben all diese Leute eigentlich gegen uns?« »Es sind Männer, und sie ärgern sich über unsre Unabhängigkeit. – Was mich bei diesem Michel rührt, ist, daß er nicht den Mut hatte, Mlle. de Sainte-Parade die Unglücksbotschaft mitzuteilen Er hat es schon seit vorgestern gemußt.« – »Ist sie denn völlig ruiniert?« » Pater noster «, betete Schwester Ottilie, und die Perlen ihres Rosenkranzes klapperten leise weiter. »Michel meint, es wird ihr ungefähr so viel bleiben, daß sie davon leben kann, wenn sie ihr Haus verkauft. – Aber unser Werk ist zu Grunde gerichtet.« »Nun, und?« – Pirnitz zuckte traurig die Achseln. Der Arzt kam, ein großer, breitschultriger Mann mit kastanienbraunem Bart. Er unterzog die Kranke einer eingehenden Untersuchung, dann trat er mit Schwester Ottilie an das Fenster, wo Lea und Pirnitz standen. »Es ist eingetreten, was wir seit einem Monat befürchteten,« sagte er – »die ganze rechte Seite ist gelähmt.« »Für immer?« fragte Pirnitz. »O, es kann vielleicht wieder etwas besser werden. Was das Gehirn betrifft, fürchte ich – daß es vorbei ist. Aber das Leben, die rein animalische Gesundheit, kann vielleicht noch ziemlich lange erhalten bleiben.« – Schwester Ottilie wandte sich an Pirnitz und sagte mit ihrer ruhigen Stimme: »Sehen Sie, es ist so, wie ich gedacht habe.« – II »Sie wollen also nicht abdanken? Sie haben einen neuen Plan?« – Jude Duramberty lehnte sich in seinen Sessel zurück und lächelte ironisch. Mlle. Heurteau dachte einen Augenblick nach: »Eigentlich ist es nicht mein Plan. Friederike Sûrier hat den Vorschlag gemacht.« »Ah wirklich? Also Mlle. Sûrier hat Sie zu mir geschickt?« – »Vielleicht hätte ich das lieber nicht sagen sollen,« meinte Heurteau mit einem diskreten Lächeln. Aber ich hielt es für besser, Ihnen gegenüber völlig offen zu sein.« »Sehr richtig. Sie sollen es nicht bereuen.« »Also: die Sache ist so zugegangen: die Nachricht von dem finanziellen Ruin und dem Schlaganfall der alten Dame rief anfangs allgemeine Bestürzung hervor –« »Nun, natürlich.« »Einige von meinen Kolleginnen, wie z. B. Lea Sûrier, Daisy Craggs und die kleine Soubize – « »Geneviève Soubize? Die Schlanke mit dem rotblonden Haar, nicht wahr?« unterbrach der Fabrikant. »Ja, eigentlich ist sie ein hübsches Mädchen mit ihren schönen Augen und den graziösen Bewegungen, aber nervös und sensibel bis zum Exzeß – erbliche Belastung im höchsten Grade. – Ich fürchte sogar, daß Daisy an ernsten Nervenanfällen leidet, die sie vor uns verheimlicht.« – »Aber sie ist entschieden anziehend,« erklärte Duramberty, »nun, und weiter.« – »Alle diese nervösen Geister verloren also anfangs völlig den Kopf. Aber schließlich gelang es uns andren, Pirnitz, Friederike und mir, doch, die Truppen wieder zu sammeln. Dann wurde beraten, was zu thun sei.« – »Ich bin sehr gespannt –« »Friederike hat uns also zuerst die finanzielle Lage der Schule dargelegt. – Unsre Lage war, ehe die Katastrophe eintrat, die denkbar günstigste. Die Ausgaben sind weit geringer, als man allgemein annimmt. Ihnen verdanken wir es, daß wir keine Miete zahlen müssen. – Wir müssen zwar ziemlich hohe Steuern zahlen, aber dafür kommt uns die Beleuchtung billiger, da Sie so liebenswürdig waren, uns Ihre Dynamos zur Verfügung zu stellen. Wir brauchen dafür also nur etwa 2600 Francs zu rechnen. Die Kosten für Bedienung sind auf ein Minimum reduziert, denn unsre Schülerinnen machen fast alles selbst, ausgenommen die schwere Hausarbeit. So zahlen wir an Lohn kaum 8000 Francs pro Jahr. Für die Ernährung und Bekleidung der unbemittelten Schülerinnen rechnen wir 25–26 000 Francs – das ist unsre größte Ausgabe. – Wir hatten im vorigen Jahr nur drei Schülerinnen, die Schulgeld zahlten, – 500 Francs pro Kopf. Die Differenz hat Mlle. de Sainte-Parade bestritten, ebenso den Gehalt der Lehrerinnen, der, wie Sie wissen, ziemlich niedrig ist, 1200 Francs jährlich. Rechnet man noch die Kosten für das Lehrmaterial hinzu, so kommen wir auf 50 000 Francs, die Mlle. de Sainte-Parade jährlich auszugeben hatte.« – »Das ist sehr wenig,« fiel Duramberty ihr ins Wort, »ich hätte gedacht, mindestens 80 000. – Das muß ich sagen, die Administration verstehen Sie ausgezeichnet. – Nur weiter.« – Die Sache interessierte ihn sichtlich. »Auf diese Summe von 50 000 Francs können wir von jetzt an also nicht mehr rechnen,« – fuhr die Heurteau fort. »Da bleibt Ihnen eben weiter nichts andres übrig, als Ihre Bilanz vorzulegen und auf die Leitung der Schule zu verzichten.« – »Friederike ist andrer Ansicht. Sie hat vorgeschlagen, daß wir uns eben nur sparsamer einrichten. In erster Linie müssen mir Lehrerinnen für dieses Jahr auf unser Gehalt verzichten, womit wir uns einverstanden erklärt haben. Macht 8400 Francs. Ferner hat sie uns bewiesen, daß wir durch verschiedene kleine Einschränkungen des ganzen Betriebs noch 1100 Francs erübrigen können. Für das neue Schuljahr sind 30 Kinder aus vermögenden Familien angemeldet, wenn wir das Schulgeld nun auf 800 Francs erhöhen und auch nur die Hälfte der Neueintretenden darauf eingeht, so macht das wieder 5000 Francs, Das Defizit beträgt jetzt nur noch 25 000, Schließlich haben wir noch einen kleinen Fonds von 1300 Francs, den Mlle, de Sainte-Parade für Extraausgaben gestiftet hat.« – »Es fehlen aber immer noch 12 000 Francs.« »Aus unsren persönlichen Ersparnissen können wir immerhin noch 5000 zusammenbringen. Damit sind unsre Hilfsquellen allerdings erschöpft. Aber Sie werden zugeben müssen, wenn das Deficit nicht mehr als 6-7000 Francs beträgt, können wir dem nächsten Schuljahr doch mit einiger Zuversicht entgegensehen. Wenigstens ist Friederike Sûrier dieser Ansicht.« Duramberty lächelte. »Nun ja, darin hat sie schon recht. Für den Moment können Sie sich aus der Affaire ziehen, vorausgesetzt, daß Ihre Berechnungen wirklich stimmen. – Aber was dann? Im nächsten Jahre stehen Sie wieder vor demselben Problem, und Ihre Hilfsquellen werden sich um cirka 20 000 Francs vermindert haben.« – »Friederike rechnet eben darauf, daß dieses Jahr uns neue erschließen soll. Wir erlassen einen Appell in allen Blättern der Frauenbewegung. – Außerdem haben wir im Notfall noch eine andre Hilfe in Aussicht.« »Und das wäre?« – »Pirnitz hat eine Freundin, Madame Sanz, die in London ein sehr gutgehendes Mädcheninstitut leitet. An die würden wir uns wenden, wenn es nicht mehr anders ginge, und sie würde uns ihre Hilfe sicher nicht versagen.« – Beide schwiegen eine Zeit lang. Duramberty spielte nachdenklich mit seinem Federhalter, und Mlle. Heurteau betrachtete ihn mit ihrem eigentümlich scharfen Blick. – »Sind Sie mit Mlle. Sûriers Plan einverstanden?« fragte er nach einer Weile. »Er zeugt entschieden von Mut und zugleich von praktischem Sinn. Ich für meine Person hatte einen andren Vorschlag gemacht, der entschieden einfacher und sicherer gewesen wäre.« »Darf ich fragen, worin derselbe besteht?« »O gewiß. – Ich bitte Sie nur, meinen Kolleginnen gegenüber nicht davon zu sprechen. – Nach meiner Ansicht thäte man am besten, den Staat oder die städtische Verwaltung für unsre Schule zu interessieren, – selbstverständlich nur mit Ihrer Einwilligung – und einfach eine staatliche Gewerbeschule daraus zu machen, wie z. B. die von Boule. Die Unterrichtsmethode könnte ja trotzdem bis auf einige unbedeutende Kleinigkeiten beibehalten werden.« – »Aber natürlich,« fiel der Fabrikant ein, »das ist eine brillante Idee – das einzig Richtige.« »Aber außer mir sind alle dagegen,« sagte Mlle. Heurteau. »Warum denn?« »Weil die Schule dadurch ihren »feministischen« Charakter verlieren würde. Ja, das Eingreifen des Staates fürchtet man bei uns wie die Sünde. – Unser Unternehmen würde dann eben unter männlicher Leitung stehen, und davon wollen die andren Damen nichts wissen.« »Ja, ja, ich weiß schon,« erwiderte Duramberty. »Ihre Kolleginnen, vor allem Mlle. Pirnitz, übertreiben das Streben nach Unabhängigkeit aus einfach lächerliche Weise. Aber dadurch stoßen sie alle vor den Kopf, so z. B. neulich den Schulinspektor. Der Abbé Minot beklagt sich übrigens auch darüber, daß man so wenig Rücksicht auf ihn nimmt. – Wie denken Sie denn darüber, Mademoiselle?« – »Ich glaube, man thut uns vielfach sehr unrecht. Aber trotzdem bedaure ich alle diese zwecklosen Übertreibungen. Die absolute Unabhängigkeit wäre selbstverständlich das Ideal. Aber meine Erfahrungen auf diesem Gebiet haben mich gelehrt, daß das, wenigstens in Frankreich, ein Ding der Unmöglichkeit ist.« – »Darf ich Sie übrigens fragen, Mademoiselle, was Sie eigentlich heute hergeführt hat – da Sie den Status quo Ihrer Schule doch im Großen und Ganzen aufrecht zu erhalten gedenken?« »Ja, das ist eben der brennende Punkt. – Ich glaube, Sie kennen die Schwierigkeiten unsrer Lage noch nicht in ihrem vollen Umfange – oder sollten Sie doch etwa? – « »Sprechen Sie nur weiter.« »Nun also: Sie haben uns das Terrain, auf dem jetzt die Schule steht, umsonst abgetreten und nur eine Kaution von 300 000 Francs dafür verlangt, die bei der Bank deponiert wurde. Unglücklicherweise hat nun die alte Dame, trotz Friederikens Bitten, die nötigen Schritte versäumt, um dieses Kapital sicher zu stellen. Es kann also möglicherweise zu einem Prozeß zwischen Ihnen und den Gläubigern kommen, da diese Anspruch auf das Depot erheben. – Wenn Sie nun auf diese Weise die von uns gestellte Kaution verlieren sollten – würden Sie dann nicht vielleicht doch gegen uns Partei nehmen?« Jude Duramberty gab keine Antwort. Er schob seinen Stuhl zurück und ging ans Fenster. Mlle. Heurteau blieb ruhig sitzen und wartete. Nach einiger Zeit wandte er sich und trat wieder an den Schreibtisch: »Ich muß mir die Sache erst einmal überlegen. Ich danke Ihnen für das Vertrauen, das Sie mir entgegengebracht haben – Sie sollen es nicht bereuen. Wenn Ihre Kolleginnen ebenso vernünftig wären wie Sie!« – Mlle. Heurteau erhob sich. Er hielt sie noch einen Augenblick zurück. »Noch eins,« sagte er etwas zögernd – »ich glaube, es wäre ganz gut, wenn ich einmal mit Mlle. Sûrier selbst spräche. – O – es braucht ja nicht grade – hier zu sein. Aber ich könnte sie ja in der Schule aufsuchen. Glauben Sie, daß sie irgend etwas dagegen hat? – Es ist doch eigentlich ganz natürlich – « »Aber gewiß,« sagte die Heurteau, ohne die geringste Überraschung zu zeigen. »Es ist nur« – fuhr der Fabrikant, der seine Verlegenheit vergebens zu beherrschen suchte, fort – »ich möchte Mlle. Friederike gern unter vier Augen sprechen. Es wäre mir peinlich, wenn jemand bei unsrer Unterredung zugegen wäre.« – »Ich kann es Friederike immerhin vorschlagen.« »Darf ich also auf Sie rechnen, Mademoiselle? – Wollen Sie ihr begreiflich machen, daß es in ihrem eignen Interesse – im Interesse der Schule ist. – Ich bitte Sie darum.« – »Ich werde mein Bestes thun!« antwortete Mlle. Heurteau mit unentwegter Ruhe. »Welche Zeit würde denn am günstigsten sein?« »Morgen nachmittag um halb drei ist Friederike mit ihren Stunden fertig.« »Wenn Sie dann so freundlich sein wollen, ihr mitzuteilen, daß ich mich gegen vier Uhr einstellen werde, wenn ich keinen entgegengesetzten Bescheid erhalte.« »Ich werde es ihr ausrichten. Auf Wiedersehen, Monsieur Duramberty.« »Auf Wiedersehen.« Während sie die Treppe hinabstieg, stand Duramberty am Fenster, die Stirn gegen die Scheiben gepreßt, und suchte das Verlangen niederzuzwingen, das sich stürmisch in seinem Innern regte. Friederike wunderte sich nicht weiter darüber, daß ihr einstiger Chef eine Unterredung mit ihr wünschte. Sie hatte schon seit einiger Zeit, seit die verschiedenen Katastrophen eingetreten waren, die Notwendigkeit dieser Begegnung vorausgesehen. Von all den Männern, die der Schule schaden konnten, war Duramberty immerhin der mächtigste und der intelligenteste. Und sie hielt es nicht für wahrscheinlich, daß er ihre einstige Weigerung, seine Geliebte zu werden, vergessen hatte, obgleich drei Jahre seitdem verflossen waren. Sie selbst hatte inzwischen mehr vom Leben kennen gelernt und beurteilte seine Handlungsweise nicht mehr so schroff wie damals. »Pirnitz hatte recht,« dachte sie, »er ist in denselben Vorurteilen aufgewachsen wie alle andern Männer. Sein Anerbieten war brutal und egoistisch, aber immerhin aufrichtig. Vielleicht hat er mich auf seine Weise wirklich geliebt.« Sie war fest überzeugt, daß er keine neue Annäherung wagen würde. Man würde sich einmal in aller Ruhe darüber aussprechen und sich freundschaftlich die Hand reichen. Und wenn er sah, daß sie ihm nichts nachtrug, konnte sie ihn vielleicht dazu bewegen, seinen Einfluß zu Gunsten der Schule zu gebrauchen. So entschloß sie sich also, ihn zu empfangen – die Unterredung fand in demselben Zimmer statt, wo Georg einst vor Pirnitz und den beiden Schwestern erschienen war, um seine Rechte auf Lea geltend zu machen. Als Duramberty eintrat, reichte sie ihm unbefangen die Hand. Seine aufrichtige Verlegenheit berührte sie sympathisch. Sie sah, daß er sich alle Mühe gab, die unangenehme Erinnerung an früher zu verwischen. »Ich danke Ihnen von Herzen, Mademoiselle, daß Sie eingewilligt haben, mich zu empfangen,« – stammelte er. Sie bat ihn, Platz zu nehmen, und sagte: »Er ist mir sehr lieb, daß Sie in freundschaftlicher Absicht hergekommen sind. Mlle. Heurteau hat mir gesagt, daß Sie unsrer Sache mit Interesse und Wohlwollen gegenüberstehen.« – Dann schilderte sie ihm die Lage der Schule, die durchaus nicht so verzweifelt war, wie man annahm. »Ich bin fest überzeugt, daß wir im Laufe des Jahres die nötigen Kapitalien auftreiben werden. Es handelt sich also nur um die Kaution. Wir verlangen nichts weiter von Ihnen, als daß Sie uns unsre Lage nicht erschweren, daß Sie uns nicht zwingen, das Kapital zu ersetzen, wenn die Gläubiger es wirklich angreifen sollten, daß Sie keinen Prozeß mit uns anfangen. Was riskieren Sie denn dabei? Das Grundstück mit allen Gebäuden, die darauf stehen, bleibt doch immer Ihr Eigentum.« Duramberty war mit respektvoller Aufmerksamkeit ihren Worten gefolgt. »Sie werden sich vielleicht entsinnen,« sagte er dann, »daß unsrem Kontrakte gemäß alle Verbindlichkeiten meinerseits aufhören, sobald keine Kaution mehr vorhanden ist.« »Ja, das weiß ich,« entgegnete Friederike, »aber ich kann mir nicht denken, daß Ihnen daran liegt, unser Unternehmen zu ruinieren.« »Ich verspreche Ihnen, daß ich Sie in keinem Falle expropriieren werde.« – »So habe ich also recht gehabt, wenn ich auf Ihre Großmut rechnete.« – Sie reichte ihm die Hand und blickte ihn an. Er war in den letzten zwei Jahren sichtlich gealtert. Ein sorgenvoller Zug lag um seinen Mund. »Sie wissen, daß ich jederzeit zu Ihren Diensten stehe,« sagte er etwas unsicher. Friederike fühlte wohl, daß er von der Vergangenheit sprechen wollte. Und sie sah keine Gefahr darin, sie wünschte es sogar, damit die Situation einmal klargestellt würde. So sagte sie denn: »Ich hege keinen Groll gegen Sie.« »Ist das wahr?« »Ja. – Ich bin fest überzeugt, daß Sie es bedauern, mich damals so gekränkt zu haben, und daß Sie es nicht wieder thun würden. Ich will es von jetzt an vergessen. Nehmen Sie an, daß Sie mir von damals eine Genugthuung schuldig sind und tragen Sie diese Schuld ab, indem Sie mein Lebenswerk unterstützen.« Er sprach das »Ja« nicht aus, das sie erwartet hatte. Er war so von seinen Gedanken in Anspruch genommen, daß er kaum hörte, was sie sagte. »Wollen Sie mir erlauben, eine Frage an Sie zu richten?« fragte er dann plötzlich. Friederike nickte bejahend. »Ich habe oft und viel über jenen Vorfall nachgedacht, auf den Sie eben anspielten, und ich bin streng mit mir selbst ins Gericht gegangen. Soviel ist gewiß, ich habe mich damals dumm und brutal benommen. Meine einzige Entschuldigung, – wenn überhaupt von einer solchen die Rede sein kann, – ist, daß ich zu jener Zeit glaubte, die freie Liebe gehöre zu den Grundprinzipien der Frauenbewegung. Ihre Entrüstung hat mich eines andren belehrt. Ich habe mich von da an für die Sache interessiert, ich habe darüber gelesen und sie im praktischen Leben studiert. Natürlich habe ich meinen Irrtum bald eingesehen.« Er sprach langsam, und es kostete ihn sichtlich eine gewisse Überwindung. Friederike folgte seinen Worten mit Interesse. »Ich gebe zu,« fuhr er fort, »daß ich meiner Bewunderung für Sie in einer Weise Ausdruck gab, die Sie verletzen konnte. Aber meine Bewunderung an sich war doch nichts Beleidigendes. Sie können mir doch nicht darüber zürnen, daß ich mein Leben gern mit Ihnen geteilt hätte.« – »Das ist wahr,« sagte Friederike, »ich bin damals vielleicht etwas reichlich schroff gegen Sie gewesen. Aber Sie dürfen nicht vergessen, daß ich noch sehr jung war.« »O, Sie sind seitdem nicht viel älter geworden,« meinte Duramberty lächelnd. »Aber ich habe das Leben besser kennen gelernt.« Duramberty blickte sie einen Augenblick erstaunt an. Dann fuhr er fort: »Sie geben also zu, es lag keine Kränkung für Sie darin, daß ich Sie bewunderte, daß ich gern mit Ihnen zusammengelebt hätte? – Ich habe es Ihnen in einer ungeschickten Form gesagt – gewiß, – Aber wissen Sie, was mich am meisten quält: der Gedanke, wenn ich mein Anerbieten weniger brutal vorgebracht, wenn ich ihm eine korrektere Form gegeben hätte, so wäre ich vielleicht nicht zurückgewiesen worden. – – Verstehen Sie, was ich meine?« fügte er leise hinzu. Friederike fing an zu verstehen. Und ihr wurde etwas beklommen zu Mute. Wenn auch bis jetzt nur von der Vergangenheit die Rede war, wie sollte sie ihm antworten, ohne ihn zu verletzen? Er begegnete ihr mit solcher Aufrichtigkeit und zugleich mit solchem Respekt, und außerdem war er derjenige, von dem das Schicksal abhing. »Sowohl meine Schwester wie ich waren von jeher fest entschlossen, überhaupt nicht zu heiraten,« antwortete sie langsam, »und damals, als – als Sie mir jenes Anerbieten machten, stand unser Entschluß fester als je. Wir hatten uns zu jener Zeit schon mit Romaine Pirnitz und Mlle. de Sainte-Parade zusammengethan und waren uns klar darüber, daß Romaines Unternehmen unsre ganze ungeteilte Kraft verlangte.« – »Wenn ich nun aber um Ihre Hand angehalten hätte?« »So hätte ich nein gesagt.« »Und meinen Antrag als Beleidigung aufgefaßt?« »Nein, das gewiß nicht. – Aber das Resultat wäre dasselbe gewesen. Lea und ich hätten unsre Stellung bei Ihnen aufgeben müssen. – – Lassen Sie uns jetzt also einen Strich darunter machen. Wir wollen einander nicht nachtragen, was einer dem andern, ohne es zu wollen, zu Leide gethan hat.« Durambertys Gesicht verdüsterte sich immer mehr, während sie sprach. »Noch eine Frage,« sagte er dann. »Sie sagten eben: Romaine Pirnitz' Unternehmen erforderte unsre ganze Kraft, und dieser Umstand bestärkte uns in dem Entschluß, nicht zu heiraten. – Soll ich daraus schließen, daß das Schicksal Ihrer Schule Sie auch jetzt noch in dieser Absicht beeinflußt?« – Friederike schwieg. Sie ahnte, daß es wieder einen ernsten Kampf zwischen diesem Manne und ihr geben würde. Und diesmal stand das Schicksal ihres Lebenswerkes auf dem Spiel. – Durch ihr Schweigen ermutigt, fuhr er fort: »Ich weiß, daß es eine indiskrete Frage ist, aber glauben Sie mir, daß nur das aufrichtige Interesse an Ihnen und Ihrem Leben mich dazu getrieben hat, sie zu stellen. Ich teile Ihre Begeisterung für Romaine Pirnitz' Unternehmen nicht, und ich finde es einfach ungeheuerlich, daß Sie Ihre ganze Jugend dafür hinopfern. Denn Sie dürfen sich nicht darüber täuschen: Ihre Schule hat keine Zukunft, Es giebt nur einen Ausweg, sie zu retten, ich werde Ihnen gleich sagen, worin er besteht. – Sie ahnen ja nicht, mit welcher Feindseligkeit man Ihr Unternehmen betrachtet, und was man Ihnen alles vorwirft. Von niemand abhängig sein zu wollen, ist ein sehr schöner Standpunkt, das ist aber nur dann möglich, wenn man bedeutende Mittel zur Verfügung hat. Und das ist bei Ihnen nicht der Fall. Man weiß, daß die Schule finanziell ruiniert ist, und jetzt läßt man seiner Gehässigkeit freien Lauf. Der Klerus verkündigt in den Blättern, daß Ihr System unmoralisch ist und auf Anarchismus beruht. Die Schulbehörde schreit über die Unwissenheit Ihrer Schülerinnen, die der Inspektor neulich konstatiert haben will. Über Ihren sittlichen Standpunkt gehen die schlimmsten Gerüchte. Es heißt, Sie hätten eine Hebamme angestellt, um die Kinder in Dingen zu unterrichten, die man ihnen lieber fernhalten sollte, und um – die Lehrerinnen vor den Folgen ihrer Ausschweifungen zu schützen. – Verzeihen Sie, daß ich Ihnen diese niederträchtigen Verläumdungen wiederhole, aber ich halte es für besser, Ihnen gegenüber völlig offen zu sein.« – »Mein Gott, wie erbärmlich,« sagte Friederike. »Gewiß, es ist erbärmlich. – Aber man führt alle möglichen Thatsachen an. – Eine von Ihren Kolleginnen soll die Anstalt verlassen haben, um mit einem Kunstschreiner zusammen zu leben.« »Das ist nicht wahr,« protestierte Friederike. »Duyvecke Hespel ist das anständigste Mädchen von der Welt – sie hat das Kind jenes Mannes mit größter Aufopferung gepflegt. Sie wird ihn heiraten, aber ich bin fest überzeugt, daß bis dahin – « »Das glaube ich Ihnen ja gern. Aber jeder andre wird einfach darüber lachen, wenn Sie es ihm erzählen. »Nun, Sie werden von allen Seiten beschuldigt. Wenn Ihr Unternehmen unbekannt geblieben wäre, hätte man Sie in Ruhe gelassen. Da Sie aber mit Ihren Bestrebungen Erfolg gehabt haben, verbündet sich alles gegen Sie, Die Frauenbewegung hat bei uns zu Lande noch keinen Anklang gefunden. Kein Mensch wird Ihre Partei ergreifen. Alles ist gegen Sie, und Sie werden in diesem Kampfe den Kürzeren ziehen. – Das liegt auf der Hand. – Warten Sie nur das nächste Schuljahr ab.« – »Aber es haben sich schon über dreißig neue Schülerinnen angemeldet, die alle den bemittelten Kreisen angehören,« wandte Friederike ein. »Bis jetzt, ja. Aber bedenken Sie, daß man immer weiter gegen Sie agitieren wird. Warten Sie nur ab, wie viele von diesen Anmeldungen noch zurückgezogen werden. – Sie sind in einem Irrtum befangen, dessen Tragweite Sie gar nicht ahnen. Es ist absolut ausgeschlossen, daß ein Unternehmen wie das Ihre ohne den Beistand eines intelligenten und energischen Mannes sich gegen den Ansturm all dieser feindlichen Mächte halten kann.« – Er hielt einen Augenblick inne und fuhr dann fort: »Es liegt mir völlig fern, mich dessen rühmen zu wollen – aber wenn ich nicht gewesen wäre, hätten die Feindseligkeiten gegen Sie schon längst begonnen. – Aber es ging das Gerücht – und ich gestehe, daß ich es nicht dementiert habe – ich interessierte mich für Sie und Ihre Schwester, – ich sei Ihr ›Protektor‹, um die Sache beim richtigen Wort zu nennen. – Nun, und das genügte, um Sie vor Angriffen zu schützen, – – Sie ersehen daraus, was der Einfluß eines Mannes in unsrer heutigen Gesellschaft bedeutet.« »Darin mögen Sie recht haben,« antwortete Friederike. »Ja, der Mann ist allmächtig, ihm stehen ganz andre Waffen zu Gebote als uns. Aber wie dem auch sei, wir werden weiter kämpfen. Und außerdem wüßte ich auch nicht, an wen wir uns wenden sollten. Welcher Mann würde unsre Partei ergreifen und doch gleichzeitig unsre Ideen respektieren?« »Ich weiß einen, der das thun würde,« antwortete Duramberty – »und dieser Mann wäre ich selbst. Ich wäre bereit gewesen, Ihnen nicht nur durch diese Neutralität – die allein schon genügt hat, Sie bis jetzt vor Anfeindungen zu schützen – sondern mit Rat und That zu helfen. Ich habe verschiedentlich versucht, Ihnen das nahezulegen, aber Sie gaben mir zu verstehen, daß Sie meiner Hilfe nicht bedurften. – Wie oft habe ich am Fenster gestanden und auf den Hof hinabgeblickt, habe ich jede Bewegung Ihrer hohen, schlanken Gestalt verfolgt, wenn Sie mit Ihren Kolleginnen sprachen oder die Kinder beaufsichtigten. Aber Sie sahen nicht ein einziges Mal herauf – nach diesem Hause, wo Sie doch Jahrelang nur Freundschaft und Wohlwollen erfahren haben – das Sie um jenes leidigen Vorfalls verließen – den unter hundert Frauen kaum eine so streng beurteilt haben würde wie Sie.« Friederike fühlte, daß er tief bewegt war, und doch gab er sich sichtlich Mühe, kein Wort zu sagen, das sie hätte verletzen können. Sie wunderte sich über ihre eigene Ruhe und dachte: »Wie hat meine Anschauungsweise sich verändert. Ich kann ihn jetzt vollkommen verstehen in allem, was er sagt. – Er thut mir sogar leid – ich habe inzwischen ja selbst erfahren, was leiden heißt. – Ich weiß, wie schwer es ist, seine Gefühle zu bekämpfen.« Dann fuhr er fort: »Stellen Sie sich vor, was für ein Leben ich während dieser zwei Jahre geführt habe. Das ist keine Redensart, o nein, ganz gewiß nicht. Wie oft habe ich mich selbst ausgelacht, daß ich so wenig Herr meiner selbst bin. Aber wenn eine innere Stimme einem sagt: diese Frau steht weit über allen andren Frauen, und dein Lebensglück hängt davon ab, wie sich deine Beziehungen zu ihr gestalten – so hilft alles nichts. Ich habe mich dagegen gewehrt, ich wollte es nicht glauben, und doch fühlte ich, daß es so war. Meine Sehnsucht nach Ihnen ist weder sentimental noch krankhaft – aber ich weiß, ich fühle es mit Bestimmtheit, daß ich nur bei Ihnen Ruhe finden kann. – Sie brauchen nicht zu fürchten, daß ich dasselbe thörichte Ansinnen wie damals an Sie stellen werde. Ich denke jetzt selbst anders über diese Dinge, ich bin zu dem Schluß gekommen, daß ich meinem Leben einen festen Halt geben muß. Nein, sagen Sie nichts, sagen Sie nicht nein – hören Sie mich an. – Ich stelle dem Unternehmen, für das Sie leben, dem Sie Ihre ganze Jugend geopfert haben, meinen Einfluß zur Verfügung, der, wie Sie wissen, hier in Saint-Charles ausschlaggebend ist – ohne irgendwie in die Angelegenheiten der Schule eingreifen zu wollen. Ich biete Ihnen meine thatkräftige Unterstützung an – und gleichzeitig meinen Namen. – – Nein, unterbrechen Sie mich nicht. – Sie haben mir vorhin gesagt, daß ein derartiges Anerbieten in Ihren Augen nichts Beleidigendes hätte. Ich flehe Sie an, mich nicht zurückzuweisen. Ich kann so nicht weiter leben, in Ihrer nächsten Nähe, und doch ohne Sie. Wenn Sie nicht die Meine sein wollen, so ist es mir lieber, daß Ihre Schule vom Erdboden verschwindet. Warum wollen Sie nicht ›ja‹ sagen? Sie sind niemand Verantwortung schuldig, als sich selbst. Warum wollen Sie nicht für sich selbst das gleiche Recht in Anspruch nehmen, das Sie doch jener Duyvecke Hespel zugestehen. Machen Sie sich frei – Sie dürfen diesen Schritt mit umso besserem Gewissen thun, als er für Ihre Schule die Rettung bedeutet. – Ich werde in keinem Falle irgendetwas gegen Sie unternehmen, aber wenn Ihre Antwort meine Hoffnungen für immer zerstört, so werde ich ruhig zusehen, wie Ihre Schule dem unvermeidlichen Untergange entgegengeht. – Ich mache keinen Anspruch auf Heroismus. – Sagen Sie mir nur, daß Ihnen mein Vorschlag nicht von vornherein unannehmbar erscheint. – Sie lieben mich nicht – nun gut – aber ich weiß, daß meine Thätigkeit Ihnen Achtung abnötigt. Wir verstehen uns in unsren beiderseitigen Interessen, und ist das nicht im Grunde viel wichtiger? Überlassen Sie es mir, Sie zu gewinnen. – Und wenn Sie Mutter werden, wird die Liebe zu Ihren Kindern Ihnen auch Liebe zu Ihrem Gatten einflößen. Glauben Sie mir, ich zeige Ihnen den Weg, der für Sie der beste ist. – Ich hege eine so aufrichtige Bewunderung für Sie, ich achte Sie so unendlich hoch. Sie würden sich an meiner Seite gewiß nicht unglücklich fühlen.« Es sprach eine solche Wärme aus allem, was er sagte, daß Friederike fast gerührt wurde. – Unwillkürlich mußte sie an Georg Ortsen denken, an ihr geschwisterliches Zusammenleben in London. – Sie hatte an sich selbst erfahren, wie qualvoll es ist, in der Nähe eines Menschen zu leben, den man sein eigen nennen möchte und der einem doch nicht angehören kann, nicht angehören will. Der Ton Durambertys rief einen Widerhall in ihrem eignen Herzen wach. Und das stimmte sie milder gegen ihn. Sie schwieg, weil sie nicht die rechten Worte finden konnte, um ihm zu antworten. Der Gedanke, seine Stimmung im Interesse der Schule auszunützen, kam ihr keinen Augenblick in den Sinn. Aber trotzdem fühlte sie mit Schrecken, daß in diesem Moment alles von ihr abhing, denn sie sah wohl ein, das; er recht hatte: nur sein Einfluß war imstande, die drohenden Angriffe der feindlichen Parteien zum Stehen zu bringen. – Er glaubte, ihr Schweigen zu seinen Gunsten deuten zu dürfen, und fuhr fort: »Ich verlange nicht, daß Sie jetzt gleich irgend einen Entschluß fassen sollen. Sagen Sie mir nur, daß Sie es sich überlegen wollen. Sein Sie gut – nehmen Sie mir nicht von vornherein alle Hoffnung – erlauben Sie mir, Sie manchmal aufzusuchen, unsre einstigen Beziehungen wieder zu erneuern. – Denken Sie daran, wie traurig und einsam mein Leben ist – allein, immer allein.« – Seine Stimme zitterte bei diesen Worten. Der starke, selbstbewußte Mann vermochte seine Bewegung kaum zu beherrschen. Seine Augen wurden feucht. Ihr Gefühl empörte sich dagegen, ihm wehe zu thun. So sagte sie rasch entschlossen: »Mich aufsuchen? Warum nicht. Es wird mir immer Freude machen, mit Ihnen zusammen zu kommen, das wissen Sie. – Wir haben uns ja immer gut verstanden.« »So darf ich denn hoffen –,« sagte Duramberty mit tiefer Erregung. – »Nein. – Ich will Ihnen keine peinliche Enttäuschung bereiten – ich werde niemals heiraten. Aber ich sage Ihnen noch einmal, dieser Entschluß beruht nicht auf persönlichen Gründen. – Sie wissen, daß ich mich vor mir selbst dazu verpflichtet fühle. – Warum zwingen Sie mich dazu, Ihnen eine Antwort zu geben, die Sie hätten voraussetzen können?« – Duramberty saß regungslos und schien darauf zu warten, daß sie weitersprechen würde. Dann sagte er in völlig verändertem Ton: »Ist es – ist es eine Art Gelübde, das Sie abgelegt haben?« – »Nein, es ist ein freiwilliger Entschluß – ich gebe Ihnen mein Wort darauf.« Wieder entstand eine Pause. Dann fragte er, und seine Stimme klang wieder beinah gebieterisch: »Wenn Sie nun aber durch Ihre Heirat eben dieser Sache nützen könnten, die Ihnen so sehr am Herzen liegt? Und das ist der Fall. Sie können ihr momentan keinen größeren Schaden zufügen, als wenn Sie auf Ihrem Entschluß beharren.« – »Das ist möglich,« antwortete Friederike, »aber wer weiß denn heute, wie sich die Zukunft gestalten wird? Meine Freiheit ist das einzige positive Gut, das ich in den Dienst unseres Werkes stellen kann. Es wäre Verrat an demselben, wenn ich mich verheiratete. – Aber ich hoffe, Sie werden so großmütig sein, andre, Unschuldige, nicht dafür büßen zu lassen.« »Ich habe Ihnen schon gesagt, daß ich nichts thun werde, um den Ruin der Schule zu beschleunigen. – Ich werde mich einfach nicht mehr dafür interessieren – nicht etwa aus persönlichem Groll, sondern weil es mir dann peinlich sein würde, noch fernerhin mit diesem Hause in Verbindung zu stehen. – Aber ich verspreche Ihnen, daß ich nie Ihr Feind sein werde.« – »Ich danke Ihnen,« sagte Friederike. Sie fühlte instinktiv, wie der dumpfe Zorn über seine Niederlage allmählich in ihm aufstieg. »Gestatten Sie mir noch eine Frage – es soll die letzte sein.« Friederike neigte bejahend den Kopf. »Sie sprechen von einem Gelübde, von einer Art innerer Verpflichtung, die es Ihnen unmöglich macht, zu heiraten. Sie sagen, Ihr Entschluß hätte nichts mit persönlichen Empfindungen zu thun. Ich glaube, daraus schließen zu dürfen, daß Sie noch keinem Manne gegenüber den Wunsch empfunden haben, Ihr Leben mit ihm zu teilen.« Friederike dachte einen Augenblick nach. »Nein, ich habe noch nie daran gedacht, zu heiraten, und werde auch nie daran denken.« – »Ich bitte Sie,« sagte Duramberty mit gedämpfter Stimme – »ich weiß, daß meine Frage sinnlos ist, aber ich bitte Sie, antworten Sie mir – ich werde deshalb keinen Groll gegen Sie empfinden – sondern mich stillschweigend in mein Schicksal ergeben. – Haben Sie noch nie einen Mann geliebt?« – Friederike gab keine Antwort. Dann, als das Stillschweigen anfing, unerträglich zu werden, sagte sie nur: »Ich werde mich nie in meinem Leben verheiraten.« Duramberty sagte kein Wort mehr. Er verbeugte sich nur und ging. Sie begleitete ihn bis an die Thür. Dann blieb sie eine Zeit lang nachdenklich mitten im Zimmer stehen. Warum hatte sie es nicht über sich gebracht, ihm die Antwort zu geben, nach der ihn verlangte, zu sagen: Nein, ich habe noch keinen Mann geliebt? – Ihr Schweigen mußte für ihn ebenso viel bedeuten wie ein Geständnis. Als Feind war er von ihr geschieden. Dann erschienen Pirnitz und Lea. Sie hatten Duramberty fortgehen sehen. »Endlich ist er fort,« rief Lea, »ich habe solche Angst um dich gehabt.« »Wie ist Ihre Unterredung denn abgelaufen?« fragte Pirnitz. »Es ist geradezu sinnlos – er hat mir einen Heiratsantrag gemacht.« »Nun, und?« – »Selbstverständlich habe ich nein gesagt – und ich glaube, er ist ziemlich erbittert darüber fortgegangen.«– »Er wird uns von jetzt an nur noch schaden,« sagte Lea. Dann schwiegen sie alle drei eine Zeit lang, von trüben Ahnungen erfüllt. »Ach,« sagte Pirnitz plötzlich mit einer Schärfe, die man sonst nicht an ihr gewohnt war? »die Männer sind alle gleich, es ist immer dasselbe uralte Gesetz, das sie uns aufzwingen wollen: er soll dein Herr sein – oder dein Feind.« – III Seit die bedrängte Lage der Schule für das ganze Stadtviertel zum Tagesgespräch geworden war, konnte man sich auch den Schülerinnen nicht mehr verheimlichen. Die ganze Kinderschar war in großer Erregung. Keines von ihnen dachte daran, gegen die Schule Partei zu nehmen. Im Gegenteil, sie überboten einander in den phantastischsten Plänen, wie sie dieselbe retten wollten. Von den Lehrerinnen waren es hauptsächlich Geneviève Soubize und Daisy Craggs, die sich gegen die Unterdrückungsgelüste der Männer empörten. Sie wären jeden Augenblick bereit gewesen, mit der Gesellschaft zu brechen, um sich nicht von ihr tyrannisieren zu lassen. In Daisy regte sich manchmal wieder der Revolutionsgeist, der sie in ihrer Jugend beseelt hatte, und Geneviève machte kein Hehl ans ihren anarchistischen Neigungen. Schon als kleines Mädchen hatte sie begeistert Daisys Erzählungen von den irischen Aufständen gelauscht. Dann war es hauptsächlich die Lektüre von Grave und Kropotkin, die sie immer tiefer in den Geist des Anarchismus eindringen ließ. Später hatte sie dann, um etwas mehr zu verdienen, eine Stelle als Gesellschafterin angenommen bei einer gewissen Lady Jackson, in deren Hause sie gezwungen war, jede freie Meinungsäußerung zu unterdrücken. Der Freund dieser Dame, Sir James Bartlett, der Geneviève fast täglich dort traf, war der Typus des feudalen Großgrundbesitzers, der in seinem bodenlosen Egoismus nur sich selbst und seinesgleichen die Existenzberechtigung zuerkannte. Das häufige Zusammensein mit diesen beiden Menschen hatte sie noch mehr in ihrem Freiheitsdrange, in ihrem Verlangen nach einem sozialen Ausgleich bestärkt. Friederike und Pirnitz pflegten sie gewöhnlich zur Mäßigung zu ermahnen, aber jetzt, inmitten der allgemeinen Erregung, that sie ihren Gefühlen keinen Zwang mehr an und ereiferte sich immer heftiger gegen die konventionelle Heuchelei, gegen die Herrschaft der Kapitalisten, gegen die Unterdrückung aller Freiheitsbestrebungen. Daisy und Geneviève hatten sich fast noch mehr an einander geschlossen, seit sie in der Schule wohnten. Beiden war es schwer geworden, ihre alte Wohnung zu verlassen und sich dem streng geregelten Leben, das die Disziplin ihnen auferlegte, zu bequemen. Man hatte ihnen zwei schöne geräumige Zimmer angewiesen, die durch eine Thür mit einander verbunden waren, und doch sehnten sie sich oft nach der alten, lustigen Bohêmewirtschaft in der Avenue de Sigur zurück. Geneviéve konnte sich nicht recht an die Beschränkung ihrer persönlichen Freiheit gewöhnen, sie haßte alles, was einem System ähnlich sah. Besonders in letzter Zeit, seit die Lage der Schule immer bedenklicher wurde, hatte ihre Erregbarkeit sich in einer Weise gesteigert, daß Daisy sich manchmal ernste Sorgen machte. Die Situation wurde indessen immer schwieriger. Mlle. de Sainte-Parade lag hoffnungslos darnieder, und die Gläubiger der alten Dame hatten den Agenten Quignonnet damit beauftragt, ihre Forderungen einzutreiben. Ein paar Tage nach der Unterredung mit Friederike traf ein Schreiben von Duramberty ein, in dem er der Administration mitteilte, die Kaution sei im Namen der Gläubiger beschlagnahmt worden. Er selbst, Duramberty, halte es für überflüssig, diesen völlig berechtigten Forderungen entgegenzutreten. Dagegen wollte er der Administration drei Monate Frist geben, um die vollständige Summe zu ersetzen, die Hälfte sei binnen eines Monats zu deponieren. Am selben Tage noch brachte die Semaine de Saint-Charles einen Artikel über die gegenwärtige finanzielle Lage der Schule, der dazu angethan war, den Kredit derselben aufs schwerste zu schädigen. Friederike, Pirnitz und Mlle. Heurteau versuchten alles mögliche, um Geld herbeizuschaffen. Sie gingen zu den Eltern einiger Schülerinnen, zu verschiedenen andern Persönlichkeiten, die sich anscheinend lebhaft für das Unternehmen interessierten. Aber alles war umsonst. Geneviéve hatte sich sogar entschlossen, ihren einstigen Lehrer, Professor Bonchardon, aufzusuchen, der leitender Arzt an der Frauenklinik war. Aber sie kam ganz empört zurück: »Dieser verwünschte, alte Kerl hat sich nicht einmal geschämt, schlechte Witze über uns zu machen.« »Also Sie sind jetzt auch zur Frauenbewegung übergegangen, kleine Soubize? – Und eine Schule haben Sie gegründet? – Natürlich, ich habe es ja im Matin gelesen. – Die Frauenschule von Saint-Charles.– Aber mir scheint, Sie machen schlechte Geschäfte damit. – Das wundert mich übrigens nicht weiter – von solchen Sachen versteht ihr Frauen nun einmal nichts. – Nein, es ist wirklich schade um Sie, Sie waren eine von meinen besten Schülerinnen.« – »So hätte er noch endlos weitergeredet, wenn ich ihm nicht einfach ins Wort gefallen wäre. Aber ich hab' mich vor ihn hingestellt und ihm gesagt: ›Bitte, hören Sie auf, wäre ich nicht Ihre Schülerin gewesen, so würde ich Ihnen einmal gehörig die Wahrheit sagen.‹ – Damit bin ich hinausgegangen, und er ist ganz verdutzt stehen geblieben.« – Daisy war die einzige, die in dieser Richtung keine Schritte unternahm. Einmal wußte sie thatsächlich nicht, an wen sie sich hätte wenden sollen, und dann nahm die Sorge um Geneviéves Gesundheit sie momentan auch völlig in Anspruch, Den andern fiel es nur auf, daß Geneviéve nervös und leicht erregbar war, aber Daisy sah sie manchmal, wenn sie allein miteinander waren, in einem Zustand, der an Wahnsinn grenzte und gewöhnlich mit einem furchtbaren Nervenanfall endigte. Sie hatte schon als Kind und besonders während der Entwicklungszeit an solchen Anfällen gelitten, später waren sie fast gänzlich verschwunden, um dann, seitdem sie gezwungen war, im Schulgebäude zu wohnen, mit erneuter Heftigkeit wieder aufzutreten. Zum Glück kam es fast immer des Nachts, denn Daisy war stets bemüht, den Zustand ihres armen Pflegekindes vor den andern zu verbergen. Als die Krämpfe immer häufiger und schlimmer wurden, konsultierte Daisy heimlich einen Specialisten. »Es wäre entschieden das beste, wenn sie heiratete,« sagte der Arzt. – »Sie geben an, daß die Krisen nach Eintritt der Pubertät aufhörten. – Wenn sie jetzt wiederkommen, so ist das der beste Beweis, daß die Patientin eines regelmäßigen, geschlechtlichen Verkehrs bedarf.« Daisy erzählte Geneviève weder von dieser Konsultation, noch von dem Rat, den der Arzt ihr gegeben hatte. Aber in der nächsten Nacht kam wieder ein so heftiger Anfall, daß sie jeden Augenblick fürchtete, die andren Lehrerinnen möchten auf das laute Aufschreien des jungen Mädchens herbeieilen. Gegen Mitternacht wurde es etwas besser, und Geneviève versank in tiefen Schlummer. Daisy saß neben ihrem Bett und dachte über ihr heutiges Gespräch mit dem Arzte nach. »Heiraten! – heiraten!« brummte sie ärgerlich vor sich hin – »das ist das einzige Mittel, mit dem die Männer immer gleich bei der Hand sind. – Wenn ein junges Mädchen sich nicht ganz wohl fühlt, nur rasch einen Mann zu ihr ins Bett. Als ob zum Beispiel ich jemals einen Mann nötig gehabt hätte, und doch bin ich mein Leben lang ganz gesund gewesen.« – – Sie beugte sich zu dem jungen Mädchen herab, faßte ihre schmale, weiße Hand und küßte sie. »Nein, weiß Gott, es wäre gewiß nicht schwer, einen Mann für sie zu finden – sie ist so hübsch mit ihren weißen Schultern und ihren kindlichen Formen. Aber es wäre schade um sie, wenn sie irgend so einem Tölpel in die Hände fallen sollte. – Und was sollte aus mir werden, wenn ich mich von meiner geliebten Kleinen trennen müßte?« Dann glaubte sie wieder die Worte des Arztes zu hören: »Wenn Sie die Kleine nicht bald verheiraten, wird sie über kurz oder lang irgend einen dummen Streich begehen, der nicht wieder gut zu machen ist. Und was dann?« – Daisy hatte ihn nicht gefragt, was er damit meinte. Sie konnte sich nicht recht vorstellen, was Geneviève denn imstande sein sollte, zu thun. – Ach, wenn sie doch auch so ihr Leiden überwinden könnte, wieder gesund werden, ohne zu heiraten, ohne sich von ihrer Pflegemutter zu trennen. – – Daisy ließ sie am nächsten Morgen bis sieben schlafen. Um halb acht hatte Geneviève eine Chemiestunde zu geben. Den Rest des Vormittags brachte sie mit medizinischen Studien zu. Es war ihr höchster Wunsch, das ärztliche Examen zu bestehen, damit die Schule einen eigenen Doktor zur Verfügung hätte. Am Nachmittag wurde eine Sitzung abgehalten, um zu beraten, wie die Angelegenheit mit Duramberty geordnet werden sollte. Morgen war der Tag, wo die erste Hälfte der Kaution eingezahlt sein mußte. Alle waren in tief deprimierter Stimmung, niemand wagte, die Hoffnung auf eine günstige Wendung zu äußern. Friederike und Pirnitz meinten, das einzige, was man thun könne, sei, abzuwarten, ob Duramberty irgend welche Maßregeln ergreifen würde. Bis dahin würde man vielleicht wenigstens einen Teil der erforderlichen Summe herbeischaffen können. »Auf jeden Fall kann er uns nicht ohne weiteres zwingen, die Schule zu verlassen,« bemerkte Friederike. »Wenn er uns den Gerichtsvollzieher schickt, so klagen wir. Ein derartiger Prozeß dauert Monate lang. Und bis dahin treiben wir das Geld irgendwie auf.« »Ich wüßte noch eine andre Lösung,« erwiderte Mlle. Heurteau, »aber auf die wird wahrscheinlich keine von Ihnen eingehen wollen.« »Die Schule an den Staat oder die Gemeinde verkaufen?« rief Friederike – »Niemals!« »Man sieht aus Ihren Worten, daß Sie von diesen Dingen keine Ahnung haben,« entgegnete Heurteau. – »Wenn die Schule verstaatlicht würde, wären wir viel besser dran. – Man muß es nur verstehen, die Vorschriften geschickt zu umgehen.« Aber Friederike unterbrach sie in so strengem Tone, daß sie tief errötete: »Glauben Sie, daß wir damit unsern Schülerinnen ein gutes Beispiel geben würden? – Wir dürfen uns keinem Gesetz unterordnen, das nicht mit unsren Überzeugungen übereinstimmt.« – Die Sitzung wurde aufgehoben, ohne daß man irgend einen Beschluß gefaßt hätte. Duramberty war der einzige Gläubiger, der gefährlich werden konnte. Aber wenn er den Gerichtsvollzieher schickte, würde man ihm einstweilen 80 000 Francs anbieten. Der Anwalt, den sie wegen dieser Angelegenheit befragt hatten, hielt es für wahrscheinlich, daß er darauf eingehen würde. Geneviève war den Verhandlungen mit gespannter Aufmerksamkeit gefolgt, ohne an der Diskussion teilzunehmen. Daisy beunruhigte sich über ihr Stillschweigen und fragte sie wiederholt, was sie dazu meine. Aber Geneviève gab nur ausweichende Antworten. Der Tag verging wie alle andern Tage. Die Lehrerinnen hatten beschlossen, sich durch die drohende Gefahr nicht von der Erfüllung ihrer gewohnten Pflichten abhalten zu lassen. Als Daisy gegen sieben Uhr in ihr Zimmer trat, um wie gewöhnlich Geneviève zum Abendessen abzuholen, war diese nicht da. So ging Daisy denn allein hinunter, ohne sich jedoch weitere Gedanken darüber zu machen. Aber im Eßsaal fand sie zuerst nur Mlle. Heurteau und Lea – dann kamen Friederike und Pirnitz. – Die Schülerinnen waren schon vollzählig versammelt. Daisy Craggs fragte alle, ob sie Geneviève nicht gesehen hätten, und erfuhr, daß sie ungefähr um halb sechs ausgegangen sei. Die Mahlzeit begann. Als Geneviève immer noch nicht erschien, fing Daisy an, unruhig zu werden. Sie war nicht imstande, etwas zu essen. Schließlich stand sie auf und sagte leise zu Pirnitz: »Ich will mich anziehen und nachsehen, wo Geneviève geblieben ist. – Gewiß ist ihr irgend etwas passiert. – Aber Pirnitz faßte sie am Arme und hielt sie fest. »Nein, Daisy, Sie müssen hier bleiben.« »Aber warum denn?« – »Es geht nicht, Daisy – alles, was wir thun und lassen, wird beobachtet. Bedenken Sie, was für einen Eindruck es machen würde, wenn Sie jetzt auf der Straße herumlaufen, um eine von den Lehrerinnen zu suchen. – Außerdem brauchen Sie wirklich noch keine Angst zu haben, Sie wissen, wie impulsiv Geneviève ist. Vielleicht ist sie auf den Einfall gekommen, noch einmal zu Professor Bonchardon zu gehen.« – »Glauben Sie?« fragte Daisy, wieder etwas beruhigt. Es war ja schließlich nicht so unwahrscheinlich. »Ja, sie hat davon gesprochen. – Sie würden sie übrigens auch schwerlich treffen, wenn Sie ihr jetzt nachgingen. Wahrscheinlich wird sie bei Bonchardon warten müssen und erst ziemlich spät zurückkommen.« Daisy erwiderte nichts. Sie verließ den Eßsaal und ging die Treppe hinauf. Im Grunde ihres Herzens war sie empört, daß man ihr verbieten wollte, Geneviève zu suchen. »Es ist grausam von Pirnitz – es ist einfach abscheulich. – Nein, ich habe genug von dieser Schule. Meinetwegen soll sie zum Teufel gehn.« In ihrem Zimmer angelangt, schob sie den Riegel vor und trat ans Fenster. »Aber warum bleibt sie so lange weg, wenn sie nur zu Bonchardon gegangen ist?« – Es fiel ihr wieder ein, daß Geneviève den ganzen Tag über so seltsam ruhig gewesen war. Sie mußte irgend etwas vorhaben. – Vielleicht hatte Pirnitz recht, daß sie doch noch einmal zu dem Professor gegangen war. »Aber warum hat sie mir nichts davon gesagt?« Es schlug – halb neun – neun – halb zehn. – Und nun war es Nacht, die Kinder waren längst schlafen gegangen. In tiefem Schweigen lag das große Schulhaus da. Daisy ging noch einmal zum Portier hinunter – aber niemand hatte etwas von Geneviève gesehen. Einen Augenblick fühlte sie sich versucht, auf die dunkle Straße hinauszustürzen, – zu suchen – – »Pirnitz hat es verboten.« – So stieg sie langsam wieder die Treppe hinauf. Dann warf sie sich vor Genevièves Bett nieder und weinte. Um dieselbe Zeit irrte Geneviève Soubize durch die breiten, stillen Straßen, die von der Place de l'Alma zu den Champs-Elysées führen. Es war so, wie man Daisy gesagt hatte, sie war um halb sechs Uhr nachmittags fortgegangen, ohne irgend welchen Bescheid zu hinterlassen. Aber auf die Frage, wohin sie ginge, hätte sie wohl kaum gewußt, was sie antworten sollte. Sie war sich selbst nicht klar darüber, was sie thun wollte, sie fühlte sich wie von einem dunklen Instinkt vorwärts getrieben. So lenkte sie ihre Schritte zuerst zur Fabrik Duramberty und fragte, ob der Chef zu sprechen sei. Nein, er war vor ungefähr fünf Minuten fortgegangen. »Können Sie mir nicht sagen, wo er ist?« fragte sie, »ich habe ihm eine dringende Mitteilung zu machen.« »Wahrscheinlich in seiner Privatwohnung, rue François Remier 6.« Geneviève machte sich auf den Weg. Es war ein herrlicher Sonnabend, ein leichter Nordwestwind kräuselte die Wellen der Seine. Ihr war so seltsam leicht und freudig zu Mute, sie fühlte ein lebhaftes Bedürfnis, sich zu bewegen, zu sprechen, irgend etwas zu vollbringen. Nur von Zeit zu Zeit empfand sie einen heftigen, zuckenden Schmerz im Nacken. Aber sie kannte dieses Gefühl schon und kümmerte sich nicht weiter darum. Es pflegte gewöhnlich einzutreten, wenn sie nachts einen Anfall gehabt hatte. »Er muß zu Hause sein,« murmelte sie vor sich hin, als sie die Place de l'Alma erreicht hatte. Eben hatte die Uhr sieben geschlagen. Geneviève durchquerte den Platz, ging die Avenue Montaigne entlang, bis sie die rue François Remier erreicht hatte. Nummer 6 war ein zweistöckiges, elegant aussehendes Haus, die schweren, eisernen Gitterthüren verschlossen. Sie läutete. Als die Thür aufging, trat sie in den Vorplatz. Der Portier fragte, was sie wollte. »Ich möchte Monsieur Duramberty sprechen.« »Er ist nicht zu Hause. – Monsieur pflegt erst gegen elf, halb zwölf aus dem Klub zu kommen. Wenn Sie vielleicht etwas hinterlassen wollen?« »Nein, danke schön, es ist nicht nötig.« Geneviève trat wieder auf die Straße hinaus. Wie eine Somnambule ging sie weiter, durch die Avenue de Montaigne zurück, über die Place d'Alma. Es war nur ein Gedanke, den sie klar zu fassen vermochte: sie mußte Duramberty treffen, die Stunde abwarten, wo er aus seinem Klub kam. Langsam irrte sie immer wieder durch dieselben Straßen, unbekümmert um die Blicke der Vorübergehenden. Dann wurde sie plötzlich müde und setzte sich auf eine Bank in der Avenue de l'Alma. Ihr Kopf begann zu schmerzen, sie konnte nicht mehr klar sehen – seltsame Gestalten schienen sich aus dem Dunkel hervorzuheben und dann wieder zu verschwinden. Dicht neben ihr wurde eine Laterne angezündet. Der helle Lichtschein brachte sie plötzlich wieder zum Bewußtsein. Sie rieb sich die Augen, und ihre Gedanken konzentrierten sich wieder auf ihr Vorhaben. Dann kam ein Herr vorüber. Er blieb einen Augenblick stehen und setzte sich dann neben sie auf die Bank. Als sie sich immer noch nicht rührte, wollte er näher rücken. Geneviève stand rasch auf und ging weiter. – Bald darauf stand sie wieder vor dem Hause, rue François Renner. Sie war mit einem Male wieder völlig bei klarer Besinnung. Die Fenster des Hotels Duramberty waren geschlossen. Kein Lichtschein drang durch die Ritzen. »Sollte er schon zu Hause sein?« dachte sie. Aber der Portier hatte gesagt: »Zwischen elf und halb zwölf!« Und es hatte eben erst halb elf geschlagen. Sie suchte sich einen Beobachtungsposten, wo sie seine Rückkehr erwarten wollte. Zwei Häuser weiter fand sie eine Art Thorweg, der zu dem Anwesen eines Lohnkutschers führte. – – – Während sie so im Halbdunkel dastand und wartete, wurde sie sich erst völlig klar darüber, was sie thun wollte. Die Kopfschmerzen hatten aufgehört, ihr wurde so seltsam hell und leicht zu Mute. – Ja, Duramberty war der Feind, Duramberty wollte das große Werk zu Grunde richten – er verlangte 150 000 Francs, die sie ihm nicht geben konnten. Aber sie, Geneviève Soubize, wollte ihm Auge in Auge gegenübertreten. Und wenn er nicht nachgab, so mochte er demselben Schicksal anheimfallen wie alle Feinde und Unterdrücker des Volks, wie Burke und Cavendish, von denen Daisy ihr so oft erzählt hatte. Ein eigentümliches Wollustgefühl durchrieselte ihren Körper bei diesem Gedanken. – Langsam zog sie einen blinkenden Gegenstand aus dem Busen, dessen Stahlklinge im Laternenschein blitzte. Es war ein Operationsmesser, das sie vorhin im Laboratorium zu sich gesteckt hatte, ehe sie das Haus verließ. Jetzt rollte langsam ein Coupé die Straße entlang. Die beiden schimmernden Acetylenlaternen kamen immer näher. Rasch ließ sie das Messer wieder in ihre Taille gleiten. Der Wagen hielt vor dem Hause Nummer 6. Duramberty stieg aus und rief dem Kutscher zu: »Also morgen früh um acht.« In diesem Augenblick trat Geneviève auf ihn zu: »Monsieur –« Der Fabrikant blickte sie erstaunt an. Er konnte ihre Züge durch den dichten Schleier nicht erkennen und hielt sie augenscheinlich für eine umherstreifende Dirne. »Komische Manier, einen so um Mitternacht zu überfallen,« sagte er lachend. »Wo, zum Teufel, kommst du denn mit einem Male her?« »Ich habe mit Ihnen zu sprechen, Monsieur Duramberty.« Sie schlug den Schleier zurück. Als er ihr hübsches Gesicht mit den rotblonden Locken sah, erkannte er sie sofort. »O, entschuldigen Sie, Mademoiselle. Jetzt weiß ich, wer Sie sind. – Natürlich, Sie sind ja eine von den Lehrerinnen – – Sie verzeihen doch? Mit dem dichten Schleier – und um diese Zeit. – – Darauf war ich wirklich nicht gefaßt.« »Gewiß, Monsieur, ich begreife vollkommen, daß Sie sich wundern. Ich war gegen sieben Uhr hier und hörte, daß Sie erst spät heimkämen. – Und da ich Sie absolut heute noch sprechen mußte, habe ich auf Sie gewartet.« »Aber das war ganz richtig von Ihnen, es freut mich sehr,« entgegnete er. Dabei ließ er einen prüfenden Blick über ihren schlanken Körper und ihr zartes Gesicht gleiten. »Sie haben mir also etwas zu sagen. Aber sehen Sie – hier in meiner Wohnung geht es nicht gut. Mein Diener ist noch auf und ich pflege niemals – – Damen mit nach Hause zu bringen. Ich würde Sie kompromittieren. Haben Sie etwas Zeit?« »Soviel Sie wollen, Monsieur.« »Dann will ich Ihnen einen Vorschlag machen. Ich habe ganz in der Nähe – in der rue la Trémoille – ein Absteigequartier, wo wir ungestört mit einander reden können.« – Er hatte sie leicht am Arme gefaßt. Ihr Stolz empörte sich gegen die Art und Weise, wie er mit ihr sprach. Aber sie nahm sich gewaltsam zusammen, um ruhig zu bleiben. »Ich muß ganz allein mit ihm sein.« – »Gut, lassen Sie uns nur gehen,« sagte sie mit fester Stimme. Dann machte sie sich los und ging neben ihm her durch die stillen Straßen. Ein Gefühl von tiefer Ruhe zog in ihr Herz ein. »Es muß sein,« sagte sie sich, »es ist ein Akt der Gerechtigkeit.« Er musterte sie währenddem verstohlen von der Seite und dachte: »Das hätte ich doch nicht erwartet. – Die auserwählten Jungfrauen von Saint-Charles fangen an, liederlich zu werden. – Leider nicht alle. Aber was macht das? Die Kleine ist wirklich reizend.« Als echter Pariser Lebemann wunderte er sich übrigens nicht weiter darüber. Ihm waren schon seltsamere Abenteuer passiert. »Aber es ist kaum anzunehmen, daß sie mir hier um Mitternacht auflauert, blos weil sie Lust hat, eine Nacht mit mir beisammen zu sein – da muß noch etwas andres dahinter stecken. Ich möchte nur wissen, was die Damen sich da ausgedacht haben, um mich zu fangen.« In der rue la Trémoille angelangt, blieb er vor einem Hause stehen und läutete. Sie traten zusammen ein. Duramberty rief einen Namen in die Portierloge hinein: »Monsieur Legrand.« Dann führte er sie in ein Zimmer, das gleich links im Parterre gelegen war, und drehte das elektrische Licht auf. Geneviève sah sich um, die Wände warm mit lichtblauer Seite drapiert und mit teilweise ziemlich lasciven Bildern geschmückt. In der Ecke stand ein niedriges Bett. Das Ganze machte den Eindruck eines Boudoirs. Duramberty stand dicht vor ihr und sah sie lächelnd an. Sie hatte ihn noch nie so in der Nähe gesehen. Er kam ihr größer, männlicher, sympathischer vor, als sie gedacht hatte. Besonders fiel ihr der schön geschnittene Mund mit dem leichten, dunklen Schnurrbart auf. »Aber setzen Sie sich doch. Legen Sie Ihren Umhang ab – Sie wollen nicht. Gut, so lassen Sie es. Aber darf ich Ihnen nicht eine kleine Erfrischung anbieten? Wir sind so rasch gegangen.« – Er trat an einen Schrank, bückte sich und nahm eine Flasche Champagner heraus. Geneviève saß auf einem niedrigen Stuhl und sah ihm zu. Heimlich tastete sie nach ihrem Messer. »Jetzt wär' es leicht zu machen, wenn ich wollte.« – Und wieder durchrieselte sie jenes eigentümliche Wohlgefühl. Duramberty richtete sich wieder auf. Er stellte zwei Gläser auf den Tisch und öffnete die Flasche. »Trinken Sie, Mademoiselle.« »Nein, danke, noch nicht. – Erst muß ich mit Ihnen sprechen.« Er setzte das volle Glas hin und ließ sich resigniert nieder. »So; jetzt wird sie mir die Geschichte ihrer Tugend erzählen. Und dann die Bedingungen. – Also sprechen Sie, Mademoiselle.« Geneviève wurde plötzlich verwirrt. Sie war in diesem Augenblick mit einem Male wieder das wohlerzogene junge Mädchen. Die Umgebung, in der sie sich befand, dieser Mann, der ihr da gegenüber saß – die vollen Sektgläser – alles das erfüllte sie mit Abscheu. Sie schwieg. »Nun,« sagte Duramberty, »ist es so schwer, darüber zu sprechen? Sie brauchen sich nicht zu fürchten, Sie sehen doch, daß ich kein Menschenfresser bin, wie Ihre Freundinnen behaupten.« »Monsieur Duramberty,« begann sie zögernd. »Sie dürfen unsre Schule nicht zu Grunde richten.« Duramberty vermochte sein Erstaunen nicht zu verbergen, daß sie so ungeschickt damit herausplatzte. Etwas mehr Diplomatie hatte er denn doch erwartet. »Ihre Schule? Also das ist es. Aber ich will Ihrer Schule doch nichts zuleide thun.« »Wir können die 150 000 Francs momentan nicht einzahlen – es ist unmöglich. – Aber wenn Sie Geduld haben wollen, – etwas warten – Sie wissen, daß Ihr Geld nicht verloren ist – – –« Sie sprach leise, fast in bittendem Ton, und dabei fühlte sie, daß sie ganz anders hätte sprechen müssen. Sie fühlte, daß er sie nicht ernst nahm, denn er lächelte immer noch. Diese feierliche, geschäftliche Unterhaltung kontrastierte so komisch mit der ganzen Umgebung – mit den frivolen Bildern an der Wand, dem Bett im Hintergrunde – daß er sich Mühe geben mußte, um nicht laut aufzulachen. Geneviève merkte es plötzlich und hielt inne. »Sie wollen uns also keine Frist geben?« »Das hab' ich nicht gesagt.« »Aber?« Er gab sich jetzt keine Mühe mehr, ernst zu bleiben, sondern lachte hell heraus. »Mein liebes Kind. Sie gabeln mich da um Mitternacht auf – in dem Moment, wo ich nach Hause komme und schlafen gehen will, auf offener Straße – einzig und allein, um mich mit Geschäftsangelegenheiten zu elenden. – Ich muß mir die Sache doch erst einmal überlegen. – Es hängt davon ab –« »Wovon?« »Von allem möglichen. Jedenfalls habe ich gar nichts dagegen, mit einem so hübschen Mädchen wie mit Ihnen zu unterhandeln. Das nimmt mich entschieden zu Ihren Gunsten ein. – Hat etwa Mlle. Sûrier Sie hergeschickt?« Er rückte seinen Sessel etwas näher. »Niemand hat mich hergeschickt. Kein Mensch weiß, daß ich hier bin.« »Aha.« Es war ihm nicht entgangen, daß bei den letzten Worten ein eigentümlicher Glanz in ihren Augen aufzuckte. Er fing an, mißtrauisch zu werden. »Hysterisches Frauenzimmer,« dachte er. »Man muß sich etwas in acht nehmen.« Er beobachtete von jetzt an jede Bewegung, die sie machte. Aber dieses seltsame junge Mädchen erregte seine Sinnlichkeit, und er war entschlossen, das tête-à-tête nicht ungenutzt vorübergehen zu lassen. Die Gefahr, die er instinktiv ahnte, reizte sein Verlangen nur noch mehr. Er faßte ihre linke Hand. Sie ließ es geschehen. Mit der rechten tastete sie nervös nach der Stelle, wo das Messer sich befand. Dabei merkte sie nicht, daß Duramberty sich auch nicht die geringste Bewegung entgehen ließ. Dann beugte er sich über ihre Hand und liebkoste sie mit den Lippen. Geneviève seufzte tief auf. »Lassen Sie mich – ich bitte Sie, lassen Sie mich.« Er gehorchte. Es dauerte einen Augenblick, bis sie ihre Selbstbeherrschung wiedergefunden hatte. So sehr hatte diese Liebkosung, – die erste, die ein Mann ihr hatte zu teil werden lassen – ihren armen, neuropathischen Organismus in Aufruhr versetzt. Als sie wieder sprechen konnte, sagte sie: »Wollen Sie also den Termin hinausschieben? Uns etwas Schriftliches geben?« »Entweder habe ich eine Wahnsinnige vor mir, oder die ganze Geschichte ist irgend ein Coup, den diese raffinierten Weiber gegen mich ausgeheckt haben,« dachte er. »Ich verpflichte mich zu nichts,« sagte er dann, diesmal in trocknem Geschäftston. »Ihre Freundinnen sollen nur Vertrauen zu mir haben. Aber selbstverständlich werde ich die nötigen Maßregeln treffen, um mein Eigentum zu sichern.« – Duramberty blickte sie scharf an und sah, wie sie rot und wieder blaß wurde – wie ihre rechte Hand unter dem leichten Umhang irgend einen Gegenstand zu umklammern schien. Er entschloß sich, sie bis zum Äußersten zu treiben, um endlich einmal zu erfahren, was sie bei ihm wollte. So stand er denn auf und fügte kühl hinzu: »Ich will jetzt nichts mehr davon hören Mademoiselle, ich werde handeln, wie es mir gefällt.« Er stand dicht vor ihr. Sie hatte das unklare Gefühl, daß sie in dieser Stellung gegen den kräftig gebauten Mann im Nachteil sei. Aber die Verzweiflung verdunkelte ihr Bewußtsein, ein sinnloses Verlangen überkam sie, irgend einen gewaltsamen Schritt zu wagen und dann fortzustürzen aus diesem Zimmer. – – Wie eine wilde Katze warf sie sich plötzlich auf ihn, mit der linken Hand krallte sie sich in dem Ausschnitt seiner Weste fest, während sie mit der rechten das Messer hielt und wie rasend auf ihn losstach. Duramberty taumelte zurück, trotz seiner Wachsamkeit hatte dieser plötzliche Angriff ihn überrascht. Während er versuchte, ihren Arm zu fassen und ihr das Messer zu entwinden, brachte sie ihm eine leichte Hautwunde am Halse und eine an der Hüfte bei. Aber dann ließ ihre Kraft nach, die kräftige Faust Durambertys umspannte ihre Rechte, – er faßte sie mit eisernem Griff bei der Schulter und schob sie vor sich her auf das Bett zu. Das Messer fiel lautlos auf den Pelz, der vor dem Bett ausgebreitet lag. Willenlos ließ sie die Arme sinken, ihr Widerstand war gebrochen, sie empfand nur noch eine seltsame, wohlige Abspannung. – Dann wußte sie überhaupt nicht mehr, was mit ihr geschah. Wie im Traum ließ sie alles mit sich geschehen. – – Eine halbe Stunde später stand Geneviève dicht bei der Tür und suchte, so gut es eben ging, ihre derangierte Kleidung und ihre Frisur wieder in Ordnung zu bringen. Sie weinte still vor sich hin und wandte das Gesicht hartnäckig der Wand zu. Duramberty ging nervös im Zimmer auf und ab und blickte sie von Zeit zu Zeit von der Seite an. »Aber ich bitte Sie, mein Kind, seien Sie nicht so verzweifelt. Ich versichere, daß kein Mensch etwas davon erfahren wird. Sagen Sie mir nur, ob ich irgend etwas für Sie tun kann.« – Sie antwortete auf keine seiner Fragen. »Es ist nichts mit ihr anzufangen,« dachte er, »um so schlimmer für sie.« Aus dem gelben Pelze zu Füßen des Bettes sah er den Griff des Messers hervorschimmern. Er hob es auf und überreichte es ihr lächelnd: »Sie haben etwas vergessen.« Geneviève fühlte nicht einmal die Ironie, die in seinen Worten lag. Mechanisch ließ sie das Instrument in die Tasche gleiten. »Danke. Bitte, lassen Sie mich hinaus,« war alles, was sie sagte. Er geleitete sie bis an die Haustür und ließ sich selbst den Schlüssel geben, um zu öffnen. Als Geneviève draußen war, fing sie an zu laufen, bis ihr der Atem ausging. Dann lehnte sie sich an eine Mauer und brach in Tränen aus. – Es war gegen zwei Uhr morgens. Dann hörte sie Schritte, irgend jemand kam die Straße entlang und pfiff vor sich hin. Sie ging weiter, bis ans Seineufer, dann wieder zurück. Schließlich kam sie wieder bei der Bank an, wo sie vor ein paar Stunden gesessen hatte. Wie ein verwundetes Tier sank sie auf die Bank nieder. Ein Gefühl von unerträglicher Scham überwältigte sie. Ihr graute vor ihrem eigenen Körper. In Gedanken durchlebte sie noch einmal die Scene der vergangenen Nacht. Die ganze Tragikomik ihres Attentats kam ihr erst jetzt zum Bewußtsein. Es hatte damit geendet, daß die Rächerin dem Schuldigen in die Arme sank. »Der Elende, er hat einfach seine Muskelkraft geltend gemacht« – versuchte sie sich einzureden. Aber ihr Gewissen protestierte dagegen: »Nein, du kannst nicht behaupten, daß er seine Kraft mißbraucht hat. – Du hast dich ihm hingegeben.« Und plötzlich fiel ihr mit Entsetzen ein, daß sie einen Augenblick lang sogar seine Liebkosungen erwidert hatte. »Ich bin ein elendes, verworfenes Weib. Ich kann Daisy nie wieder unter die Augen treten – sie küssen – mit diesem Mund – niemals –« Sie mußte diesen Makel wieder von sich abwaschen. Aber wie? – Sterben? Es war nicht weit bis zur Seine. Aber würde sie sich durch den Tod von ihrer Schmach reinigen? Nein, es gab nur einen Weg, um zu sühnen – wenn sie sich für eine große und gerechte Sache opferte. Und wieder erfaßte sie das heiße Verlangen, einen Akt der Rache zu vollbringen. Sie dachte keinen Moment daran, zu Duramberty zurückzukehren, aber sie erwog mit kaltem Blick, wen sie jetzt töten, an wem sie ihre Schmach rächen könne. Sie wußte kein andres Mittel, um den Sturm, der in ihr tobte, zu beschwichtigen. Ihr erschöpftes, übermüdetes Hirn beschwor eine Halluzination nach der andern herauf. Sie sah sich wieder als kleines Mädchen im Zimmer ihrer Eltern – sie sah, wie Vater und Mutter sich berauschten, sich schlugen. Oder wenn der Vater fort war und die Mutter irgend einen fremden Mann mitbrachte. – Dann war sie wieder im Asyl für verwahrloste Kinder und Daisy kam und nahm sie mit sich in die Avenue de Ségur. – Thränen liefen über ihre Wangen, als sie an die Liebe und die Fürsorge dachte, die ihr dort zu teil geworden war. Und dann kam die Zeit, wo sie bei Lady Jackson Gesellschafterin war. Sie sah Sir James Burtlett wieder vor sich, den Freund – und wahrscheinlich auch den Geliebten – ihrer Herrin mit seinem roten, glattrasierten Gesicht und dem kahlen Schädel. Wie oft hatte sie damals halb im Scherz gedacht wenn sie das würdige Paar seine niederträchtig despotischen Ansichten aussprechen hörte: Man sollte die beiden zusammenkoppeln und sie in der Seine ertränken wie ein paar Katzen. Das müßte ein Genuß sein und ein gutes Werk obendrein. Und jetzt, wo sie verzweifelt und entehrt, wie eine heruntergekommene Landstreicherin hier auf dieser Bank saß – ah, wenn sie die beiden jetzt unter der Hand gehabt hätte. Es war geradezu ein empörender Gedanke, daß sie immer noch am Leben und frei waren und wahrscheinlich ebenso wie damals über die Unglücklichen und Enterbten dieser Erde loszogen. »Die Alte wohnt gewiß noch immer in ihrem Entresol in der rue du Colisée – ihm bin ich neulich noch in den Champs-Elysées begegnet. – Ah, wenn ich sie jetzt erwischen könnte.« Die Begier, zu morden, glühte wie ein hitziges Fieber in ihren Adern. Sie vergaß ihre Schande und ihre Einsamkeit. Ohne einen bestimmten Plan zu fassen, aber gleichsam von neuer Hoffnung belebt, erhob die Unglückliche sich wieder und ging langsam in der Richtung auf die Champs-Elysées zu. IV Mit Ausnahme von Geneviève waren die sämtlichen Lehrerinnen am nächsten Morgen zur gewohnten Zeit auf ihrem Posten, selbst Daisy, die eine qualvolle, schlaflose Nacht hinter sich hatte. Pirnitz war schon in aller Frühe zu ihr gekommen, um sie zu trösten und ihr neuen Mut einzuflößen. Pirnitz, ebenso wie Lea und Friederike, war der Ansicht, daß es sich bei Genevièves Flucht wahrscheinlich um irgend ein Liebesabenteuer handle. »Ah,« rief Daisy, als man ihr gegenüber diese Überzeugung aussprach – »ob Geneviève jetzt mit einem Mann zusammen ist, ist mir ganz einerlei, wenn sie nur überhaupt noch lebt.« Pirnitz erteilte ihr jetzt endlich die Erlaubnis, auszugehen, um eine diskrete Nachforschung in der Umgegend vorzunehmen. Als Daisy durch den Hausflur ging, rief der Portier sie an: »Mlle. Craggs!« »Was giebt's denn, Laurent?« Laurent reichte ihr eine Nummer des Matin. »Haben Sie es schon gelesen, Mademoiselle? Ein Landsmann von Ihnen ist ermordet worden.« Dabei zeigte er auf eine großgedruckte Notiz auf der dritten Seite des Blattes. Daisy warf einen flüchtigen Blick darauf, dann schrie sie plötzlich laut auf und stürzte davon. Atemlos kam sie in Friederikens Zimmer an und warf sich auf einen Sessel. »Friederike.« »Ist der Gerichtsvollzieher da?« »Nein – da – lesen Sie.« Sie warf ihr das Blatt hin und Friederike las: »Nach Schluß der Redaktion. Das Verbrechen in der rue du Colisée. Ein irischer Lord ermordet. Man meldet uns soeben ein mysteriöses Verbrechen, das heute morgen um drei Uhr in der rue du Colisée begangen worden ist. Eine hochgestellte Persönlichkeit, Lord Barclay aus Irland, ist auf offener Straße durch eine Frauensperson mittelst eines chirurgischen Instruments ermordet worden. Es scheint sich um einen politischen Mord zu handeln. – Lord Barclay soll in Irland mehrere große Güter besitzen. Näherer Bericht folgt.« – »Aber was geht uns das an?« fragte Friederike und legte das Blatt auf den Tisch. »Aber es ist Geneviève, es muß Geneviève sein,« schluchzte Daisy. »Lord Barclay ist natürlich Sir James Bartlett – der Freund von Lady Jackson, bei der Geneviève vor zwei Jahren Gesellschafterin war. – Lady Jackson wohnte in der rue du Colisée – das chirurgische Instrument – es muß Geneviève sein. Ich weiß es so sicher, als ob ich es mit eigenen Augen gesehen hätte. Mein Gott! Mein Gott!« »Aber Daisy, verlieren Sie doch nicht gleich den Kopf. Wie sollte Geneviève dazu kommen, diesen Engländer umzubringen, den sie seit zwei Jahren nicht gesehen hat?« »Wie kann ich das wissen? Vielleicht ist zwischen den beiden damals irgend etwas vorgefallen. – Mein Gott, ich weiß es ja nicht. Gesagt hat sie mir nie etwas darüber – niemals. – Und gestern noch, wenn jemand mir gesagt hätte, daß meine kleine Geneviève nicht mehr rein sei – ich hätte ihn für einen elenden Lügner und Verleumder gehalten. Aber – –« sie zögerte. »Sprechen Sie sich ruhig aus, Daisy.« »In Gottes Namen denn. Friederike, wenn Geneviève wirklich dieses entsetzliche Verbrechen begangen hat, so – – so kann man sie nicht dafür verantwortlich machen.« »Ich verstehe nicht ganz.« Daisy faßte bittend ihre Hand. »Friederike, Sie kennen keine Schwäche – aber haben Sie Mitleid mit uns andern. Geneviève ist ein armes Kind aus einer degenerierten Familie. Ist es ihre Schuld, wenn der Alkoholismus ihrer Eltern ihr Gehirn zerrüttet hat? – Sie wissen, wie nervös sie immer war.« – »Das ist keine Entschuldigung.« »Sie ist mehr wie nervös, Fédi – – sie ist – – eine Kranke, eine unglückliche Kranke. Sie litt an Krämpfen – noch in der letzten Nacht, wo sie hier war, hatte sie einen Anfall, – Das arme Kind, – nein, sie hat wirklich keine Schuld.«– – »O Daisy,« sagte Friederike vorwurfsvoll. »Ein so ernstes Geheimnis hätten Sie nicht für sich behalten sollen. – Schon der Kinder wegen, – die man uns anvertraut hat. Sie haben nicht nur den Ruf, sondern auch das Schicksal der Schule dadurch aufs Spiel gesetzt« Daisy ließ Friederikens Hand los und stand auf. »Die Schule? – Die Kinder? – Wie können Sie nur jetzt von diesen Dingen sprechen? In diesem Augenblick, wo Geneviève im Gefängnis, vielleicht in Todesgefahr ist. – Ah – ich wollte nur, ich hätte mich selbst und Geneviève niemals in diese sinnlosen Unternehmungen hineingestürzt. – Wir waren so glücklich miteinander in unserem alten Heim, wo niemand uns etwas zu sagen hatte, wo wir uns keinem Zwang zu fügen brauchten. Sie hat darunter gelitten, seit wir hier sind, sie konnte keine Fesseln ertragen, sie war so zur Freiheit geschaffen.« – Sie hielt inne und fuhr dann etwas ruhiger fort: »Der Doktor hat mir gesagt, sie müßte heiraten – es wäre notwendig für sie. Sie würde sonst noch irgend etwas anrichten. Gott im Himmel, wenn ich das geahnt hätte, ich wäre selbst herumgelaufen, um einen Mann für sie zu suchen.« – Friederike ließ sie ausreden. Sie fühlte tiefes Mitleid mit ihr, das im Grunde mit etwas Verachtung gemischt war. War das wirklich dieselbe Daisy, die sie für jedes Opfers fähig gehalten hatte, wenn es galt, der Idee zu dienen? »Wenn Lea mir genommen würde, wie Geneviève ihr jetzt genommen ist,« – dachte sie – – »nein, ich würde selbst Lea opfern.« Dann versuchte sie Daisy zu trösten, die immer noch weinte. »Nur Mut, Daisy. Ich will versuchen, Ihnen zu helfen. Ich kenne einen einflußreichen Justizbeamten. Vielleicht gelingt es mir, Geneviève zu retten.« »Wirklich?« sagte Daisy, und blickte sie mit kindlicher Dankbarkeit an. »Wollen Sie das wirklich? O, Sie sind so gut und so stark. – –Aber wenn es am Ende doch nicht Geneviève gewesen wäre?« – fügte sie dann hinzu. – – »Lassen Sie uns doch ins Laboratorium gehen und nachsehn, ob eins von ihren Instrumenten fehlt. Ich kenne sie ganz genau.« Diese Idee leuchtete Friederike ein. Wenn eins von den Instrumenten fehlte, so müßte es wohl Geneviève gewesen sein. Als sie eben das Zimmer verlassen wollten, blieb Friederike plötzlich stehen und sagte: »Was ist das? Es ist ja ganz still auf dem Hofe. Und die Freistunde kann noch nicht vorüber sein.« Sie trat ans Fenster und blickte hinaus. Die Kinder standen dicht zusammengedrängt vor der Haustür und schienen mit gespannter Aufmerksamkeit irgend etwas zu beobachten, was auf dem Korridor vorging. »Mein Gott,« murmelte Friederike, »es wird der Gerichtsvollzieher sein.« Jetzt ertönten Schritte auf dem Korridor. Sie öffneten die Tür und sahen mehrere schwarzgekleidete Herren, die mit Mlle. Heurteau sprachen. Letztere eilte mit bestürztem Gesicht auf Daisy zu. »Daisy, – es ist etwas Entsetzliches geschehen. Erschrecken Sie nicht.« »Wo ist Geneviève?« stammelte Daisy. Sie fing an zu erraten, worum es sich handelte. »Sie wissen also schon? – Ja, es ist wegen Geneviève. Die Herren wollen Haussuchung in ihrem Zimmer halten und Sie vernehmen.« – – »Mich können sie gerne verhaften,« sagte Daisy ruhig, »wenn ich nur mit Geneviève zusammen eingesperrt werde.« Jetzt trat einer von den Herren auf sie zu. »Sind Sie Mlle. Craggs?« wandte er sich an Friederike. »Nein, ich bin es,« sagte Daisy. »Erschrecken Sie nicht, Madame. Unsre Mission ist allerdings etwas delikater Natur. Ehe wir das Zimmer der Angeklagten in Augenschein nehmen, möchte ich ein paar Worte mit Ihnen reden. Aber nicht hier auf dem Korridor, selbstverständlich.« »Wir können ja in mein Zimmer gehen,« antwortete Daisy. Sie war jetzt, wo es sich um sie selbst handelte, wieder völlig ruhig. »Haben Sie etwas dagegen, wenn die andren Damen dabei zugegen sind?« »O nein, durchaus nicht. – Übrigens, mein Name ist Courbarand. Ich bin beauftragt worden, Sie zu vernehmen. Mlle. Soubize ist heute morgen in der rue du Colisée verhaftet und des Mordes an einem englischen Großgrundbesitzer beschuldigt worden. Wir haben sofort ein Verhör mit ihr angestellt, aber es ist nichts aus ihr herauszubringen. Sie ist in einem so hochgradigen Zustand der Erregung, daß man Grund hat, an ihrem Verstande zu zweifeln.« »O mein Gott,« rief Daisy, »wo ist sie denn? Wird sie wenigstens nicht schlecht behandelt?« »Beruhigen Sie sich, Madame, sie ist im Gefängnislazarett untergebracht. – Sie hat in einem fort nach Ihnen verlangt und schien zu glauben, daß Sie alles wüßten. Es ist daher unsre Pflicht, Sie um einige nähere Aufklärungen zu bitten.« Sie waren inzwischen in das Zimmer getreten. – Friederike und Mlle. Heurteau setzten sich auf das Feldbett; die Herren vom Gericht und der Polizeikommissar nahmen am Tische Platz. »Können Sie uns irgend welche Fingerzeige darüber geben, was Mlle. Soubize zu dem Verbrechen bewogen haben kann?« fragte der Untersuchungsrichter. »Nein,« antwortete Daisy. »Sie hat Ihnen von ihrem Vorhaben keine Mitteilung gemacht?« »Mit keinem Wort.« »Haben Sie an ihrem Benehmen während der letzten Tage irgend etwas Auffälliges bemerkt?« »Sie hatte die Nacht vorher einen heftigen Nervenanfall. Dagegen war sie gestern den ganzen Tag vollkommen ruhig.« – »Aha,« sagte Monsieur Courbarand. – »Litt sie überhaupt an derartigen Zuständen?« »Mein Gott, ja, – in den Entwicklungsjahren waren sie sogar sehr häufig. – Später wurde es etwas besser, besonders in den letzten drei Jahren. – Aber seit wir hier in der Schule wohnten, trat das alte Leiden wieder auf. Ich glaube, daß die ungewohnte Disziplin daran schuld war. Während der letzten Monate, wo unser Unternehmen mit allen möglichen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte, wurden die Anfälle immer schlimmer. Da sie sich fast nur des Nachts einstellten und ich neben ihr schlief, hat außer mir niemand darum gewußt. Und ich habe mich von jeher bemüht, es den andren zu verheimlichen.« »Gut. Sagen Sie mir jetzt, bitte, ob Ihres Wissens zwischen Geneviève Soubize und Sir James Bartlett intime Beziehungen bestanden haben.« Als Daisy zögerte, fügte er in eindringlichem Ton hinzu: »Ich bitte Sie, mir nichts zu verschweigen, in Ihrem eigenen und im Interesse der Angeklagten. Lady Jackson hat ihre Aussage bereits deponiert. Sir James kam von einem Besuch bei ihr, als der tödliche Stoß ihn ereilte. Sie hat ferner ausgesagt, daß Geneviève Soubize einige Monate als Vorleserin bei ihr beschäftigt war. Sie wird den Baron also öfters dort getroffen haben. – Madame Jackson hält sie für eine gefährliche Anarchistin.« »Daß Geneviève bei Lady Jackson Vorleserin war, ist richtig,« sagte Daisy, – »ebenfalls, daß sie den Baron dort oft gesehen hat. Aber daß während dieser Zeit ein intimer Verkehr zwischen beiden stattgefunden hat, halte ich für völlig ausgeschlossen.« »Das ist eben der unaufgeklärte Punkt bei der Affaire. – Es ist Ihnen jedenfalls bekannt, daß die Angeklagte das Opfer von Gewalttätigkeiten zu sein scheint.« »Ist das wirklich wahr?« rief Daisy, entsetzt. »Mein Gott – wer kann eine derartige Abscheulichkeit begangen haben?« »Geneviève Soubize verweigert jede Auskunft darüber. Und es ist in solchen Fällen selbst für den Arzt manchmal schwierig, die Wahrheit zu konstatieren. Wir haben gehofft, von Ihnen nähere Aufklärungen darüber zu erhalten, und ich bitte Sie, offen zu sein.« »Auf mein Ehrenwort – ich weiß nichts darüber. Ich habe Geneviève immer für ein durchaus unbescholtenes Mädchen gehalten. – Ich glaubte genau über ihr Leben orientiert zu sein. Und ich weiß, daß alle hier im Hause derselben Ansicht waren, ebenso in der Frauenklinik, wo sie bei Professor Bouchardon studiert hat.« – »Madame Jackson hat uns gesagt, daß die Angeklagte als Hebamme ausgebildet war. – Übte sie diesen Beruf praktisch aus?« »Nein – dazu hatte sie außer ihrer Schultätigkeit keine Zeit gehabt.« »Aber immerhin muß sie doch von ihrer Ausbildungszeit her chirurgische Instrumente zur Verfügung gehabt haben?« – »Ich glaube, ja.« »Wo sind dieselben?« Daisy gab keine Antwort. Aber Friederike, die wohl einsah, daß man dem Richter nichts verheimlichen dürfe, um Geneviève nicht noch schwerer zu belasten, sagte: »Monsieur, das chirurgische Besteck von Geneviève Soubize ist unten im Laboratorium.« »Ah! – Ich danke Ihnen, Mademoiselle. – Wir müssen jetzt noch das Zimmer der Angeklagten in Augenschein nehmen. – Sie sagten vorhin, Miß Craggs, daß es neben dem Ihren läge. – Ich bitte die Damen, uns zu folgen.« Die Durchsuchung dauerte nicht lange. Genevièves Schrank enthielt nur Kleidungsstücke und Wäsche, die einer eingehenden Prüfung unterzogen, dann aber an ihrem Platze belassen wurden. Dagegen konfiscierte man einen Teil der Bibliothek, der aus revolutionären Broschüren und alten irländischen Zeitungen bestand, in denen Daisys Name wiederholt genannt war; schließlich noch Genevièves Korrespondenzen und ihr Tagebuch, sowie eine Anzahl von Manuskripten. Es waren meist Konzepte zu Vorträgen, die Daisy in ihrer Jugend ausgearbeitet hatte. Daisy gab ohne weiteres zu, daß dieselben von ihr herrührten, protestierte aber dagegen, daß sie dieselben an Geneviève gegeben hätte, um sie zum Anarchismus zu bekehren. »Ich selbst habe all diesen Chimären schon längst Lebewohl gesagt. – Was Geneviève betrifft, – so kann ihr Interesse für all diese Dinge doch eigentlich nur ein abstraktes, rein historisches gewesen sein. Sie selbst ist nie in Irland gewesen.« – Der Richter gab keine Antwort. Dann zog er sich mit seinen Begleitern in das Nebenzimmer zurück, wo sie sich eine Zeitlang miteinander besprachen. »Miß Craggs,« sagte er, als er wieder eintrat, »wir sehen uns leider genötigt, auch bei Ihnen eine Haussuchung vorzunehmen. Machen Sie sich darauf gefaßt, daß wir Sie eventuell verhaften müssen.« »Verhaften?« rief Friederike. »Aber was hat sie denn getan? Sie hat doch mit der ganzen Sache nichts zu tun.« »Es tut mir sehr leid, Miß Craggs Unannehmlichkeiten bereiten zu müssen,« entgegnete Courbarand, »aber aus den Papieren, die wir eben gefunden haben, liegt es nahe, auf einen politischen Mord zu schließen. Und ein Teil derselben stammt von Miß Craggs.« Unter Daisys Papieren fand sich nichts, das irgendwie von Bedeutung gewesen wäre, nur einige Konzepte zu Übersetzungen oder litterarischen Feuilletons. Dann begab man sich ins Laboratorium, um die chirurgischen Instrumente, die Geneviève gehört hatten, zu beschlagnahmen. Als das geschehen war, wandte Courbarand sich wieder an Daisy. »Miß Craggs, ich fordere Sie auf, sich anzukleiden und uns zu folgen.« »Gut,« sagte Daisy einfach, – »ich möchte nur gern wissen, ob Sie mich auf längere Zeit festzunehmen gedenken?« »Darüber kann ich Ihnen noch nichts Bestimmtes sagen. Nehmen Sie einstweilen die nötigen Effekten für zwei oder drei Tage mit.« Man ließ die Damen in Daisys Zimmer allein. Friederike und Heurteau wollten sie trösten, aber sie sagte ganz ruhig: »O, um mich brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen. Vor dem Gefängnis fürchte ich mich nicht, – es ist nicht das erste, das ich in meinem Leben gesehen habe. Und mir ist, als ob meine kleine Geneviève mehr Mut haben müßte, wenn sie weiß, daß ich auch verhaftet bin.«– – Dann umarmte sie ihre Gefährtinnen. »Auf Wiedersehen, Heurteau – auf Wiedersehen, Friederike. Tragen Sie uns nichts nach, Geneviève und mir. – Sie ist unzurechnungsfähig, und wenn es auch von mir vielleicht unrecht war, Ihnen ihren Zustand zu verheimlichen, so habe ich es doch nur aus Liebe getan.« Friederike war tief bewegt, als sie Daisy umarmte: »Vertrauen Sie mir, Liebste. Ich glaube, daß ich etwas für Sie tun kann und werde alles aufbieten.« »Ist das wahr? Aber wenn Sie wirklich etwas tun können, so denken Sie zuerst an Geneviève. Retten Sie das arme Kind.« »Ich verspreche Ihnen, alles zu versuchen.« Courbarand trat jetzt wieder ein: »Es ist Zeit, Mademoiselle,« sagte er barsch. Friederike bat ihn, Daisy durch den Hof des Laboratoriums zu führen, der auf die rue Delormel hinausging. So verließ sie in Begleitung des Polizisten unbemerkt das Schulhaus. Es war mitten im Juni, die Sitzungen der Deputiertenkammer gingen ihrem Ende entgegen. Die politischen Interessen ruhten, und man hatte um so mehr Zeit, sich mit Lokalfragen zu beschäftigen. Der Mord in der rue du Colisée bot der sensationslüsternen Menge willkommenen Stoff. Zahllose Reporter erschienen in der rue des Bergers, um Einzelheiten über Geneviève, über Daisy Craggs, über die Organisation der Schule und das Privatleben der Lehrerinnen zu erfragen. Sie wurden ohne weiteres abgewiesen. Am Abend brachte der »Temps« folgende Notiz: »Obgleich die näheren Umstände noch nicht völlig aufgeklärt sind, so kann man doch mit ziemlicher Sicherheit annehmen, daß es sich um ein anarchistisches Attentat handelt. Bei der Haussuchung, die durch Monsieur Courbarand vorgenommen wurde, ist eine große Anzahl von revolutionären Broschüren konfisciert worden. Ferner hat man noch eine der Lehrerinnen, namens Craggs, verhaftet – dieselbe soll sich seinerzeit an den irischen Aufständen beteiligt haben. – Was Geneviéve Soubize betrifft, so zeigt sie Symptome von Geistesgestörtheit. Es ist indessen nicht ausgeschlossen, daß man es hier mit einer geschickten Simulantin zu thun hat.« – Im Laufe des nächsten Tages erschienen die Eltern von einigen der Schulkinder, um sich zu erkundigen. Mlle. Heurteau setzte ihnen den Sachverhalt so klar und offen auseinander, daß sie beruhigt wieder fortgingen. Für jeden vernünftig denkenden Menschen stand Genevièves Verbrechen in absolut keinem Zusammenhang mit den in der Schule herrschenden Sitten und Anschauungen. Außerdem war ja auch die Mehrzahl der Kinder elternlos. Nach dem Essen versammelte man sie in dem großen Saale, wo Pirnitz folgende Ansprache an sie hielt: »Meine lieben Kinder, ihr bildet gewissermaßen eine Familie mit uns, die wir euch unterrichten und erziehen. Ihr habt daher ein Recht darauf, an allem, was die Schule angeht, teilzunehmen. Unsre Schule hat momentan eine schwere Krisis durchzumachen, und ich halte es für notwendig, euch auf alles, was da kommen kann, vorzubereiten. Der Erfolg unsrer Bestrebungen hat, wie das immer der Fall ist, Haß und Neid gegen uns hervorgerufen. Die Feinde der Schule lauerten schon lange auf eine Gelegenheit, uns zu schaden. Der erste Schicksalsschlag war der Ruin unsrer alten Wohlthäterin. – Mlle. de Sainte-Parade hat ihr Vermögen verloren, und gleichzeitig hat ein Schlaganfall sie für immer gelähmt. Wir dürfen also nicht mehr auf ihre Unterstützung rechnen. Aber ich versichre euch, und ich rechne fest darauf, daß ihr meinen Worten Glauben schenkt: aus Mangel an Geld wird unsre Schule nicht zu Grunde gehn. Wir werden vielfach unsre Ausgaben reducieren, im schlimmsten Falle werden wir alle miteinander arbeiten, um das Nötige zu verdienen, nicht wahr? (›Ja, ja, das wollen wir‹, riefen die Kleinen einstimmig.) In diesen Tagen nun ist noch etwas weit Schlimmeres über uns hereingebrochen: – eine der Gründerinnen dieses Hauses – eine von denen, die ihr ganz besonders lieb hattet und die eure Liebe ebensosehr verdiente, ist eines schweren Verbrechens beschuldigt worden. – (›Das ist nicht wahr,‹ riefen die Kinder.) Ob die Thatsache an sich wahr ist, weiß ich nicht,« fuhr Pirnitz fort. »Aber gleichzeitig mit dieser entsetzlichen Nachricht habe ich etwas erfahren, wovon wir alle, mit Ausnahme von Miß Daisy Craggs, nichts ahnten: nämlich daß Geneviève Soubize eine arme Kranke war. Sie litt an Nervenanfällen, die sie zeitweise unzurechnungsfähig machten. Ich erkläre hiermit offen vor euch allen: es war unrecht von Miß Craggs, uns diesen Umstand zu verheimlichen, selbst wenn sie es in der besten Absicht that. Sie selbst ist die erste, die dafür büßen muß. Man hält sie für Geneviéves Mitschuldige. – Ich kann euch bezeugen, daß es nicht wahr ist. Und das wird sich auch höchstwahrscheinlich in Bälde herausstellen. Wenn Geneviéve jenes Verbrechen wirklich begangen hat, so hat sie wenigstens niemand ihren Plan anvertraut. Sie hat ihn ausgeführt wie eine Monomane, wie ein unglückliches, zerrüttetes Wesen, das nicht weiß, was es thut. Daisy war ebenso überrascht und entsetzt, als sie es erfuhr, wie wir andren. – So, meine lieben Kinder, jetzt wißt ihr alles. Wahrscheinlich werdet ihr diese Thatsachen auch von andrer Seite, aber in entstellter Form zu hören bekommen. Alle diejenigen, die uns hassen, weil wir freie, zielbewußte Frauen sind, werden natürlich versuchen, Nutzen daraus zu ziehen. Aber wir sind fest entschlossen, uns dagegen zu wehren – stark im Bewußtsein unsrer Unschuld. Und wir rechnen dabei auf eure Hilfe. (Ja, ja) Ich bin fest überzeugt, daß wir mit vereinten Kräften den Sieg davontragen werden. Und sollten wir auch unterliegen, sollte, unsre Schule den Anfeindungen zum Opfer fallen, so wird doch der Same, den wir in eure jungen Herzen gestreut haben, nicht verloren sein. Solange nur noch eine von euren Lehrerinnen am Leben ist, dürft ihr euch jederzeit getrost um sie scharen. Und solltet ihr von uns getrennt werden, so habe ich doch das feste Zutrauen, daß ihr alle bleiben werdet, was wir aus euch gemacht haben: freie, starke und tapfere Frauen.« – Pirnitz schwieg, und in demselben Augenblick stürmte die ganze kleine Gesellschaft die Estrade, um ihre geliebte Lehrerin zu umarmen. Es war ein förmlicher Sturm von Begeisterung, der die jugendliche Schar mit sich fortriß. Die kleinen Mädchen waren stolz darauf, daß man sie wie Erwachsene, wie Kolleginnen, behandelte. Pirnitz hätte in diesem Augenblick alles von ihnen verlangen können, sie wären für sie sogar mit Freuden in den Tod gegangen. Auch die Lehrerinnen warfen sich einander in der Arme, von dem Gefühl der Zusammengehörigkeit durchdrungen. Friederike konnte kaum die Thränen zurückhalten, während die Kinder sich um sie drängten, und selbst Lea, die bleich und mit trockenen Augen dastand, vermochte nicht zu widerstehen. »Nein,« dachte sie, »ich will nicht die einzige Schwache sein unter all diesen tapfren Frauen.« Es war das letzte Mal, daß die heilige Flamme des Aposteltums in ihr aufloderte und sie noch einmal mit dem freudigen Opfermute durchglühte, den Pirnitz und Friederike ihr suggeriert hatten. – Aber als sie am nächsten Morgen erwachte, fühlte sie, daß es vorbei war; die Scenen des gestrigen Abends kamen ihr in der Erinnerung übertrieben, fast sinnlos vor. Sie erschrak förmlich darüber, wie kühl sie die Sache jetzt ansah: »Der Fall Bartlett wird der Schule den Todesstoß geben. Unsre Feinde werden den Skandal benutzen, um uns zu vertreiben. Außerdem bin ich fest überzeugt, daß Mlle. Heurteau uns verrät. Man brauchte nur ihr Gesicht anzusehn, während Pirnitz sprach. Ich sollte Friederike vor ihr warnen. – Aber wozu? Nein, ich werde schweigen. Es hilft ja doch alles nichts mehr. Die Schule ist so wie so dem Untergang geweiht.« Der Selbsterhaltungstrieb, das Verlangen nach Glück und Freiheit war wieder in ihr erwacht. »Und ich, – was soll aus mir werden, wenn alles um uns her zusammenbricht? – mit den andern weiterkämpfen, noch einmal wieder von vorn anfangen? – O nein, ich habe den Glauben an alles das längst verloren. – Ich habe hier nichts mehr zu thun, wenn die Schule aufhört zu existieren. Ich will fortgehn, mich befreien.« – Sie schwor sich selbst, diesen Entschluß auszuführen, und ein Gefühl von Ruhe und Heiterkeit, wie sie es lange nicht empfunden hatte, kam über sie. Zwei Tage später erschien Quignonnet und verlangte Pirnitz zu sprechen. Er legte ihr ein von Duramberty unterzeichnetes Papier vor, das ihn ermächtigte, die Interessen des Fabrikanten zu vertreten. »Madame,« sagte er dann, »ich versichre Sie, daß Monsieur Jude durchaus keine feindseligen Absichten gegen Sie hegt. Er nimmt aufrichtigen Anteil an Ihrer schwierigen Lage. Trotzdem müssen die Geschäftssachen irgendwie erledigt werden. Sie hätten vorgestern 150 000 Francs Kaution einzahlen sollen, aber Sie haben uns nicht benachrichtigt, ob das geschehen ist.« »Nein, es ist nicht geschehen,« antwortete Pirnitz. – »Wir sind nicht in der Lage, 150 000 Francs deponieren zu können, da wir dieselben nicht besitzen. Wir verfügen nur über die immerhin beträchtliche Summe von 90 000 Francs, die gleich heute eingezahlt werden kann. Und wir hoffen, daß Monsieur Duramberty daraufhin einen neuen Kontrakt mit uns eingehen wird, dessen nähere Bedingungen eben noch festgesetzt werden müssen.« Quignonnet erklärte, daß er darüber noch mit Duramberty Rücksprache nehmen müsse. Am Nachmittag erschien er dann wieder und machte folgenden Vorschlag: »Der Kontrakt von 1877 sollte für ungültig erklärt, und die Kaution auf 90 000 Francs reduciert werden. Bestehen blieb dagegen die frühere Ausmachung, daß sowohl das Grundstück, wie die Gebäude an Duramberty zurückfallen sollten, wenn die Schule einmal aufhörte zu existieren, außerdem hätte er in diesem Falle Anspruch auf eine Entschädigungssumme von 50 000 Francs.« Obgleich dieser Vorschlag für den mächtigen Nachbar bedeutende Vorteile bot, wurde er mit Freuden angenommen. Immerhin ermöglichte er doch das Fortbestehen der Schule ohne weitere finanzielle Komplikationen. Der neue Kontrakt wurde noch an demselben Abend aufgesetzt und unterzeichnet. Pirnitz konnte den Verhandlungen nicht bis zu Ende beiwohnen. Nach vielen Schwierigkeiten hatte sie es glücklich erreicht, Daisy Craggs in Saint-Lazare besuchen zu dürfen. Die Besuchsstunde war auf drei Uhr angesetzt worden. Man ließ sie im Sprechzimmer ziemlich ungestört miteinander reden. Pirnitz erzählte der Freundin alles, was sie über Geneviève in Erfahrung gebracht hatte. Geneviève machte nicht grade den Eindruck einer Kranken im eigentlichen Sinne des Wortes. Sie aß und trank wie gewöhnlich und sprach ganz vernünftig, außer wenn man sie über ihr Verbrechen befragte. Dann fing sie jedesmal an, irre Reden über Revolution und Anarchie zu halten. »Sie mögen sie nur in Gottes Namen für verrückt erklären,« rief Daisy. – »Wenigstens wird man sie dann nicht zum Tode verurteilen. Und ich nehme es auf mich, sie wieder gesund zu machen.« »Ja, gewiß, es ist nur zu wünschen, daß sie für unzurechnungsfähig gehalten wird. Aber es kam mir so vor, als ob man sie für eine Simulantin hielte.« »Geneviève Simulantin? Da sieht man, daß kein Mensch sie wirklich kennt. Sie hat nie in ihrem Leben gelogen, die arme Kleine. – Wird sie denn wenigstens einigermaßen gut verpflegt?« »Man hat mir versichert, daß sie mit äußerster Rücksicht behandelt würde. – Aber wie ist denn Ihnen hier zu Mute, liebe Daisy?« »O, ich fühle mich ganz wohl,« sagte Daisy einfach. »Man hat mich heute morgen vernommen. Der Untersuchungsrichter ist ein sehr intelligenter junger Mensch. Er wollte mir absolut beweisen, daß ich mit allen möglichen Anarchistengesellschaften in Beziehung stände, und war ganz enttäuscht, als ich ihm erklärte, daß ich schon längst von diesem Mumpitz nichts mehr wissen wollte. – ›Aber, Miß Craggs, Sie haben sich doch an der nationalen Bewegung in Irland beteiligt?‹ Natürlich habe ich das nicht abgeleugnet. Ich erzählte ihm von meiner Jugend, und es schien ihn lebhaft zu interessieren. Er that hunderte von Fragen, ich glaube, sowie von Irland die Rede war, wurde er selbst Anarchist. Als er fortging, sagte er: ›Daß Sie in der Affaire Bartlett eine Rolle gespielt haben sollen, scheint wirklich ein Irrtum zu sein. Fassen Sie nur Mut.‹ – ›Werden Sie mich also bald aus der Haft entlassen?‹ fragte ich. Und er antwortete: ›Ja, ich hoffe, Sie werden nicht mehr lange hierbleiben müssen.‹« »Wenn Sie wüßten, Daisy, wie wir alle darunter leiden, Sie hier in dieser zweifelhaften Umgebung zu wissen.« »O, das macht mir nichts. Wenn ich nicht in meiner Zelle eingeschlossen wäre, würde ich sogar ganz gerne mit all diesen unglücklichen Wesen zusammensein. – Gott ja, sie sind wirklich unglücklich. Sie machen sich gar keinen Begriff davon, Pirnitz, wie sie unter ihrem Schicksal leiden. Es sind manche darunter, die weder Vater noch Mutter gekannt haben, andre sind von ihren eignen Eltern zur Ausschweifung angeleitet worden. Noch andre haben sich aus Liebe irgend einem Burschen hingegeben, der sie dann in Not und Schande zurückließ. Die Armen. – Ich habe mich gleich mit ihnen angefreundet. Sie verstehen mich, und ich verstehe sie so gut. Es ist trotz allem so viel Naives und Unverdorbenes in ihnen, und das hab' ich bald herausgefunden.« – Dann erzählte Pirnitz ihr von den neuesten Ereignissen, von Quignonnets Besuch, von dem Kontrakt mit Duramberty. Daisy gab sich alle Mühe, Interesse dafür zu zeigen, aber Pirnitz sah wohl, daß ihre Gedanken ausschließlich mit Geneviève beschäftigt waren. Als sie sich dann verabschiedete, sagte Daisy: »Wenn ich hier bleiben sollte, so vergessen Sie mich, aber denken Sie an meinen armen Liebling. Friederike hat mir gesagt, daß sie vielleicht etwas für mich thun kann. Aber sie soll ihren Einfluß nicht für mich, sondern ausschließlich für Geneviève verwenden.« Daisy wurde schon am nächsten Tage wieder aus der Haft entlassen. Ihre Rückkehr erregte einen Sturm von Begeisterung unter den Schülerinnen, Man trug sie im Triumph ins Haus hinein. Es schien jetzt alles wieder seinen gewohnten friedlichen Lauf zu gehen. Keine von den Schülerinnen war abgemeldet worden. Die finanziellen Schwierigkeiten waren durch den neuen Kontrakt bis auf weiteres geordnet. Man erwartete allgemein, daß die Mordaffaire durch Verbringung der Angeklagten in irgend ein Irrenhaus ihren Abschluß finden würde. Selbst die Zeitungen erwähnten dieselbe kaum mehr. Alle faßten wieder neuen Mut. Nur Lea war fest überzeugt, daß der endgültige Zusammenbruch der Schule demnächst erfolgen mußte. Sie lebte fast ausschließlich in dem Gedanken, daß dann für sie die Stunde der Freiheit geschlagen haben würde. Dabei war sie nach außen hin völlig ruhig, weder Pirnitz noch Friederike errieten etwas von dem, was in ihr vorging. Nachdem so etwa vierzehn Tage verflossen waren, brachte der »Matin« eines schönen Tages folgende, etwas geheimnisvoll klingende Notiz: »Die Mordaffaire in der rue du Colisée. – Wir erfahren aus guter Quelle, daß die Untersuchung in der bekannten Mordaffaire nunmehr so gut wie abgeschlossen ist. Man ist zu dem Resultat gekommen: jene Geneviève Soubize, die auf offener Straße eine hochgestellte, der englischen Aristokratie ungehörige Persönlichkeit ermordete – sei einfach eine unzurechnungsfähige Person, sie habe in einem Anfall von Geistesstörung gehandelt und gehöre ins Irrenhaus. Wir haben jedoch unsre Gründe, anzunehmen, daß diese Schlüsse nicht mit den Thatsachen übereinstimmen. Wir haben, während die Untersuchung im Gange war, auch unsrerseits Erkundigungen eingezogen. Und was wir da in Erfahrung brachten, war so bedenklicher Natur, daß wir mit der Veröffentlichung bis jetzt gezögert haben. Es war unsre feste Überzeugung, daß all diese Dinge dem Untersuchungsrichter nicht entgehen würden. – Da nun aber die Untersuchung nichts zu Tage gefördert hat, allem Anschein nach auch nichts zu Tage hat fördern wollen, so werden wir in unsrer nächsten Nummer damit beginnen, das Resultat unsrer Privatrecherchen zu veröffentlichen.« – Die Notiz wurde von sämtlichen Tagesblättern abgedruckt und rief allgemeine Neugier wach. Als der »Matin« nun wirklich am nächsten Tage mit seinen angeblichen Enthüllungen herauszurücken begann, beschäftigte sich bald die ganze Presse mit der Angelegenheit. Es fiel den Leiterinnen der Schule nicht schwer, zu erraten, wer diesen Feldzug gegen sie in Scene gesetzt hatte. Obgleich die verschiedenen Artikel nicht aus ein und derselben Feder herstammen konnten, so war es doch unverkennbar der Geist der Semaine de Saint-Charles, der aus ihnen sprach. Es waren im Großen und Ganzen dieselben Anschuldigungen wie in jenem ersten Artikel. Man sprach von einer kosmopolitischen, ausschließlich aus Frauen bestehenden Gesellschaft, die sich zusammengethan hatte, um eine Schule zu gründen, wo ihre anarchistischen Ideen gelehrt und praktisch ausgeübt würden. Um die nötigen Mittel herbeizuschaffen, hatten sie eine geistesschwache alte Dame so zu umgarnen gewußt, daß sie ihnen ihr ganzes Vermögen zur Verfügung stellte. Ihr Unterrichtssystem beruht auf dem krassesten Atheismus und entbehrt jeglicher Methode, obgleich man zugeben müßte, daß die Kinder manches Nützliche lernten. Aber abgesehen von dieser völligen Prinzipienlosigkeit, abgesehen von anarchistischen Tendenzen, in denen man die Kinder erzog, würde der Unterricht überhaupt mit einem geradezu empörenden Cynismus betrieben. So war thatsächlich ein zur Hebamme ausgebildetes Mädchen angestellt worden, um einen förmlichen Entbindungskursus abzuhalten, und die Kinder von zehn, zwölf oder vierzehn Jahren über die Geheimnisse der Liebe und der Mutterschaft aufzuklären. Und diese Hebamme war eben jene Geneviève Soubize, die Sir James Bartlett ermordet hatte. Der Cynismus beschränkt sich jedoch nicht nur auf die Theorie. Unter den Lehrerinnen einerseits, unter Lehrerinnen und Schülerinnen andrerseits würde ein gewisses Genre von Zärtlichkeiten gepflegt, auf das man hier lieber nicht näher eingehen wolle. Aber trotzdem würde es mit den antimaskulinen Prinzipien nicht allzu streng genommen. Eine gewisse Mlle. D. H. – wurde fahnenflüchtig, um mit einem einfachen Möbelschreiner davonzugehen. Und die schon erwähnte junge Hebamme trug am Tage ihrer Verhaftung untrügliche Spuren ihres lasterhaften Lebenswandels. – – Worauf wartet denn der Minister des öffentlichen Unterrichts noch, um dieses Wespennest auszuheben? Wie ist es möglich, daß man trotz des offenkundigen Skandals diesen kosmopolitischen Abenteurerinnen immer noch nicht das Handwerk gelegt hat?« – – Die Folgen dieser fortgesetzten Angriffe ließen nicht auf sich warten. Der Minister beauftragte einen seiner Beamten, – denselben, durch den er vor kaum einem Jahr sich bei der Einweihungsfeier hatte vertreten lassen – die internen Verhältnisse der Schule einer eingehenden Prüfung zu unterziehen. Monsieur Roudier wohnte den Unterrichtsstunden bei, sah die Rechnungsbücher durch und stellte alle möglichen Fragen. Der »Matin« und die übrigen Pariser Blatter fuhren währenddessen fort, Tag für Tag neue Sensationsartikel zu bringen. Sie beschuldigten jetzt das Ministerium, daß es mit der internationalen Sozialdemokratie unter einer Decke stecke. Roudier selbst wurde persönlich angegriffen und als geheimer Helfershelfer der anarchistischen Frauenbewegung bezeichnet. Das schüchterte ihn ein, die Angst, seine Stellung zu verlieren, brachte ihn dazu, gegen seine bessere Überzeugung einen ungünstigen Bericht über die Schule zu erstatten, der dem Minister vorgelegt wurde, während Pirnitz und Friederike fest darauf rechneten, daß er den falschen Gerüchten entgegentreten und den Verleumdungen ein Ende machen Würde. Auch das Gericht ließ sich durch diese ungünstige Wendung der Dinge beeinflussen. Die Untersuchung wurde noch einmal wieder aufgenommen. Man ließ die Hypothese von Genevièves Unzurechnungsfähigkeit fallen, die arme Daisy wurde als rabiate Anarchistin hingestellt, die dem jungen Mädchen ihre Ideen suggeriert hatte. Auf diese Weise war das Verbrechen völlig aufgeklärt, sie hatte eben durch ihre That Propaganda machen wollen. Daß sie ihren Plan mit Überlegung ausführte, ging daraus hervor, daß sie ein Messer aus dem Laboratorium mitgenommen hatte. Außerdem war festgestellt worden, daß sie Duramberty aufgesucht hatte, jedenfalls in der Absicht, auch ihn umzubringen. Der Fabrikant erklärte auf Befragen, das junge Mädchen nicht gesehen zu haben. Er wußte, daß sie jede Aussage darüber verweigerte, wie sie jene Nacht zugebracht hatte, und hielt es deshalb für besser, nichts von jenem tragischen Vaudeville in der rue la Trémoille zu erzählen. Wozu sollte er die Unglückliche noch mehr belasten? Verschiedene Bewohner des Viertels gaben an, Geneviève an jenem Abend gesehen zu haben, wie sie ziellos in den Straßen umherirrte. Ein Polizeiagent behauptete, sie hätte die vorübergehenden Männer herausfordernd angesehen. Dann trat noch ein andrer Zeuge, ein gewisser Galopier, auf und erzählte, die Angeklagte habe sich neben ihn auf eine Bank in der Avenue de l'Alma gesetzt und ihn mit Anträgen belästigt, die er jedoch abgewiesen habe. Geneviève weigerte sich hartnäckig, auf alle dahin bezüglichen Fragen zu antworten, was natürlich als Beweis ihrer Schuld aufgefaßt wurde. Dazu kam noch, daß die Ärzte sie trotz ihrer Neurasthenie für vollkommen zurechnungsfähig erklärten. Als man diese Wendung der Dinge in der Schule erfuhr, herrschte allgemeine Bestürzung. Fast gleichzeitig damit trat dann auch die endgültige Katastrophe ein. In der Kammersitzung vom vierten Juli brachte ein Centrumsabgeordneter Interpellation über den »Skandal in Saint-Charles« ein. Der Minister verlas einige Stellen aus Roudiers Bericht, die allgemeine Entrüstung erregten, und erklärte dann, es sei beschlossen worden, die Schule von staatswegen zu reorganisieren, die Leiterinnen des Unternehmens, mit Ausnahme von Mlle. Heurteau, die von jeher den extremen Bestrebungen der andren entgegengetreten sei, sollten entlassen und die Schule unter Aufsicht der Behörde gestellt werden. Seine Auseinandersetzungen kamen dem Parlament nicht ganz klar vor, aber der kleine Zwischenfall war so geschickt insceniert, daß der Minister von vornherein sicher war, auf keinen Widerspruch zu stoßen. – Man fand es nicht einmal der Mühe wert, Pirnitz, Daisy und den beiden Schwestern direkt mitzuteilen, daß sie gestürzt waren. In den Augen der Regierungsvertreter waren sie für die Gesellschaft abgethan. Das ministerielle Schreiben war nur an Mlle. Heurteau gerichtet. Gleich nach Empfang desselben versammelte sie ihre Kolleginnen zu einer außerordentlichen Sitzung. Als sie ihnen den Brief des Ministers vorgelesen hatte, sagte Daisy: »Heurteau, das ist Ihr Werk. Sie haben gegen uns intriguiert.« Mlle. Heurteau verteidigte sich: »Aber ich bitte Sie, was soll ich mit diesem Beschluß zu thun haben? – Ich habe den Minister nicht gesehen, seit ich damals die Autorisation für die Schule einholte. Ich habe nicht einmal direkt mit ihm korrespondiert. Und was Roudier betrifft, so war ich ebenso wie Sie alle der Meinung, daß er uns günstig gesinnt sei.« »Sie haben uns verraten, Heurteau,« wiederholte Daisy. »Ich habe von jeher das Gefühl gehabt, und jetzt weiß ich es ganz bestimmt. – Wir alle haben es gefühlt, nicht wahr, Friederike?« Friederike nickte bejahend. Aber Mlle. Heurteau fuhr fort, ohne die Fassung zu verlieren: »Ich verzeihe Ihnen, Daisy – ich verzeihe euch allen. Das Unglück macht Sie ungerecht. Wenn Sie meinen Rat befolgt hätten, wäre diese Katastrophe Ihnen erspart geblieben. Es wäre also eigentlich an mir, Ihnen Vorwürfe zu machen. Aber ich wiederhole es noch einmal: ich begreife Ihre Erregung und ich verzeihe Ihnen. Ich werde hier bleiben und unsre Traditionen aufrecht erhalten. Ich weiß, wie man sich mit den Behörden arrangiert. Und ich hoffe, wenn der erste Sturm sich gelegt hat, Sie alle wieder hierher zurückrufen zu können.« Aber Pirnitz machte eine abwehrende Bewegung: »Nein, Heurteau, wir werden nie wieder zurückkehren.« »Was, Romaine, auch Sie verkennen mich? Aber was habe ich denn gethan, ich bitte Sie, was habe ich Ihnen denn gethan? Ich schwöre Ihnen, ich habe keine Ahnung, wessen Protektion ich es verdanke. – Jedenfalls habe ich selbst nichts dazu gethan.« »Das mag sein, gewiß. – Aber Sie wußten sich die Sympathien unsrer Feinde zu sichern. – Aber wozu sollen wir das alles noch einmal wieder aufwühlen? Das haben Sie mit Ihrem Gewissen auszumachen. – Sie hatten eben bestimmte Ideen über diesen Punkt, und Ihre Ideen haben den Sieg davongetragen. Wir sind die Besiegten und wir räumen das Feld.« Dabei blickte sie Mlle. Heurteau an. Es lag so viel Würde und zugleich etwas so schmerzlich Vorwurfsvolles in ihrem Blick, daß Heurteau nichts zu erwidern wußte. Sie wurde dunkelrot und ihre Augen füllten sich mit Thränen. »Kommen Sie,« sagte Pirnitz dann zu den andren. Daisy, Lea und Friederike folgten ihr, während Mlle. Heurteau allein zurückblieb. In Pirnitz' Zimmer beratschlagten sie, was nun zu thun sei. Daisy konnte sich nicht langer beherrschen und brach in heftiges Schluchzen aus. »Ich bin an allem schuld, ich ganz allein. Ich bringe allen, die ich lieb habe, nur Unglück. Warum habt ihr mich mit hierher genommen? Ich hatte nichts auf der Welt, wie die Schule und meine kleine Geneviève. Und jetzt ist es soweit, daß man uns einfach von hier fortjagt, und daß Geneviève vor das Schwurgericht kommt.« Friederike und Pirnitz suchten sie zu trösten. Sie waren die einzigen, die ihren ruhigen, klaren Wut keinen Augenblick verloren, während Lea sich erschöpft auf einen Sessel warf und in düstrem Schweigen den weiteren Verlauf all dieser Ereignisse abwartete, an denen sie kein Anteil mehr nehmen wollte. So hörte sie zerstreut zu, während Pirnitz und Friederike miteinander beratschlagten. Friederike erklärte sich für den Widerstand, für einen Prozeß gegen den Staat und die Gemeinde. Aber Pirnitz war andrer Meinung: »Wir würden alle Prozesse verlieren, Friederike, denn wir haben keinen Menschen auf unsrer Seite, – – Übrigens habe ich in Österreich-Ungarn ähnliche Krisen miterlebt. – Man muß abwarten, bis sie vorüber sind.« – Nach einer kurzen Pause fügte sie hinzu: »Wir müssen im Interesse unsrer Selbstachtung noch heute dieses Haus verlassen, wo wir nichts mehr zu sagen haben.« Daisy stimmte ihr bei: »Ja, laßt uns gehen, so rasch wie möglich. Aber wohin?« »Mein altes Zimmer in der rue de la Sourdière kann uns wenigstens für heute nacht als Obdach dienen. Ihr wißt ja, daß Mlle. de Sainte-Parade es gewissermaßen aus Pietät weitergemietet hatte. – Morgen können wir uns dann gleich nach einem andren Quartier umsehn. – Ferner möchte ich euch noch einen Vorschlag machen: wir wollen jetzt ein paar von den Kindern herrufen. Jede kann sich dasjenige auswählen, zu dem sie am meisten Vertrauen hat. Wir wollen ihnen Lebewohl sagen und ihnen gleichsam unser Testament hinterlassen. Vielleicht bleibt von dem, was wir gewollt und erstrebt haben, doch etwas in ihren jungen Herzen haften.« Alle waren damit einverstanden, und Lea ging, um die Kinder zu holen. Sie selbst hatte Georgette Vincent genannt, die schon lange ihre Lieblingsschülerin gewesen war, Pirnitz die kleine Alexandrine, und Daisy sprach den Wunsch aus, Alice Aubry, die Geneviève besonders geliebt hatte, noch einmal zu sehen. Als Lea mit den kleinen Mädchen wieder erschien, versammelte Pirnitz sie um sich und sagte: »Meine lieben Kinder, das, wovon ich euch neulich schon sprach, ist jetzt wirklich eingetreten. Wir müssen euch verlassen. Mlle. Heurteau ist die einzige von uns, die als Vorsteherin der Schule hier bleiben wird. Ihr könnt euch denken, wie tief diese Trennung uns schmerzt, und ich sehe, daß ihr ebenso empfindet. Aber wir alle dürfen uns unsrem Schmerz nicht willenlos hingeben. Seid stark, meine Kinder – wir sind euch deshalb nicht verloren. Für den Moment ist es eure Pflicht, hierzubleiben, euren Lehrerinnen und Lehrern zu gehorchen, weiter zu arbeiten, mit einem Wort, euch zu benehmen, als ob wir noch da wären. Es werden hier jetzt vielleicht manche Veränderungen eintreten – denen ihr euch fügen müßt. Aber das eine dürft ihr nie vergessen: kein Mensch kann euch zwingen, gegen euer eignes Gewissen zu handeln. Was auch kommen mag, ihr sollt immer freie, selbständig denkende Wesen bleiben. Wir haben euch unter euren Gefährtinnen ausgewählt, damit ihr uns bei ihnen vertreten sollt, weil wir glauben, daß grade ihr unsre Ideen am besten verstanden habt. Wenn ihr wollt, könnt ihr jederzeit mit uns in Verbindung bleiben. Und wir hoffen, daß das auch euer Wunsch ist. Unsre Adresse ist fürs erste rue de la Sourdière 83. Selbstverständlich könnt ihr uns dort auch besuchen. Aber vor allem: thut es offen, ohne Heimlichkeit. Und jetzt, meine Kinder, laßt uns Abschied nehmen. Ihr müßt wieder an eure Arbeit gehen.« Tiefbewegt umarmten die jungen Mädchen ihre Lehrerinnen. Sie vermochten kein Wort zu sprechen, aber der Einfluß, den Pirnitz auf sie ausübte, war so groß, daß sie ihre Thränen tapfer bezwangen. Dann kehrten sie tiefbetrübt, und doch voller Stolz über ihre Mission wieder in ihre Klassen zurück. Pirnitz, Daisy und die beiden Schwestern trafen jetzt so rasch wie möglich ihre Vorbereitungen. Sie nahmen nur das Notwendigste mit, den Rest wollten sie abholen lassen, wenn erst eine passende Unterkunft gefunden war. Ehe sie das Zimmer verließen, machten sie noch einen Überschlag über die Geldmittel, die ihnen zu Gebote standen. An barem Geld besaßen alle drei zusammen etwa 300 Francs. Lea und Friederike hatten außerdem noch ihre früheren Ersparnisse, eine Summe von 2500 Francs, die bei der Bank deponiert waren. Pirnitz verfügte über 1000 Francs, die aus der Zeit stammten, wo sie sich durch Privatunterricht ihr Brot verdiente. Dann ließen sie einen Fiaker holen. Es war gegen halb acht Uhr abends, als sie das Haus verließen, dem sie so lange Zeit hindurch ihre beste Kraft gewidmet hatten. Auf dem ganzen Wege von Saint-Charles bis zum Faubourg Saint-Honoré wurde kaum ein Wort gewechselt. Leas Gedanken drehten sich ausschließlich um den einen Punkt: »Ich kann dieses Haus in der rue de la Sourdière nicht wieder betreten – ich kann Pirnitz' einstiges Zimmer nicht wiedersehn. – Nein, ich kann es nicht – aber was soll ich thun?« Dann nahm sie alle Kraft zusammen: »Ich muß es ihnen sagen, sowie wir ankommen. Ich werde Friederike alles sagen – ich will frei, und selbständig sein, wie Pirnitz sagt. – Und ich will die Freiheit, nach der meine Natur verlangt, die ich brauche, um leben zu können.« – Als sie über den Pont des Invalides fuhren, zog Friederike die 300 Francs aus der Tasche, die sie zusammengelegt hatten, und sagte: »Lea, du mußt die Kasse übernehmen. Bezahle den Fiaker und kaufe dann ein, was wir zum Abendessen brauchen. Wir gehen voran hinauf.« »Ja,« sagte Lea. Friederikes ernstes Wesen schüchterte sie immer noch ein. Sie hatte selbst in diesem Augenblick nicht den Mut, von ihrem Plan zu sprechen. Und sie war froh, daß sich ein Vorwand fand, ihre einstige Wohnung nicht betreten zu müssen. Als die andern mit ihren Handkoffern in dem schmalen Hausflur verschwunden waren, stieg sie rasch wieder in den Wagen. »Fahren Sie zum nächsten Tabaksgeschäft.« Der Kutscher hielt an irgend einer Straßenecke. Lea trat in den Laden, ließ sich einen Kartenbrief geben, schrieb ein paar Zeilen, steckte einen Fünfzig-Francsschein hinein und adressierte ihn an ihre Schwester. »Mit den fünfzig Francs werden sie bis morgen reichen,« dachte sie, »dafür überlasse ich ihnen meinen Anteil an den 2000, die wir auf der Bank haben.« – Sie hatte sich entschlossen, noch heute abend über Dieppe und Newhaven nach London zu fahren. Bei der Kirche Saint-Augustin ließ sie halten und gab dem Kutscher den Brief: »Geben Sie ihn beim Hausmeister, rue de la Sourdière 83, ab – aber so rasch wie möglich.« Sie gab ihm ein reichliches Trinkgeld. »Danke schön, Madame,« sagte der Mann, »ich werde es gleich besorgen.« Dann stieg sie die breiten Stufen hinauf, die zum Portal der Kirche führten. Sie fühlte das Bedürfnis, ihre Gedanken noch einmal im Gebet zu sammeln, ehe sie ihre Reise antrat. Dritter Teil I Der Zug hatte eben Châtellerault verlassen und eilte jetzt weiter durch die Ebene auf Tours zu. Friederike saß, ganz in Schwarz gekleidet, am Coupéfenster und ließ ihre Blicke hinausschweifen über die herbstliche Landschaft, die in rasch wechselnden Bildern an ihr vorüberglitt. Außer ihr und Schwester Ottilie war niemand im Coupé. Die Nonne saß ihr gegenüber und schlief, ohne sich anzulehnen, wie die frommen Leute manchmal in der Kirche einschlafen. Vorgestern abend hatten sie Paris verlassen, um Mlle. de Sainte-Parade zur letzten Ruhe zu geleiten. Am 17. September, kaum drei Monate, nachdem der Schlaganfall sie getroffen, war die alte Dame sanft entschlafen. Auf Marias Rat hatte man an ihren Neffen, das einzige noch lebende Mitglied der Familie, telegraphiert. Er antwortete, daß er selbst leidend sei und deshalb bäte, die Leiche nach Pondenats zu überführen, wo sie begraben werden sollte. Maria kehrte nach dem Tode ihrer Herrin in ihre Heimat zurück. Pirnitz und Daisy waren aus Sparsamkeitsrücksichten in Paris geblieben. Daisy hätte sich auch sonst schwerlich zur Reise entschlossen, da Geneviève im Gefängnis schwer erkrankt war. Schwester Ottilie war in ihr Kloster zurückberufen worden, sie wollte gleich von Paris aus weiterfahren. Friederike dachte mit tiefem Schmerz daran, wie sie jetzt alle auseinander gestoben waren, die sich einst voll heiliger Begeisterung um das Werk geschart hatten. Was für stolze Hoffnungen hatten sie damals erfüllt, und was war das Ende gewesen? Die Feindseligkeit der Männer hatte alles wieder zerstört, was sie mit soviel Mühe aufgebaut hatten. Sie dachte an ihre ernste, arbeitsvolle Kindheit, an den Einfluß, den sie schon als kleines Mädchen auf ihre Mutter, ihren Großvater und ihre Schwester ausgeübt hatte – wie sie dann Pirnitz begegnet war, die sie in ihre Freiheitsideen einweihte – an den Aufenthalt in London – Free-College – das geschwisterliche Zusammenleben in Apple-Tree-Yard. Alles, was das Leben ihr während ihrer Kinder- und Jugendjahre gebracht, hatte dazu gedient, sie für ihren Apostelberuf heranzubilden. Selbst das bitterste Leid war ihr nicht erspart geblieben: sie hatte einen Mann geliebt und heroisch auf seinen Besitz verzichtet. Und doch, wie hatte sie an diesem entsagungsvollen Leben gehangen, dessen einzige Freude darin bestand, sich für eine große Idee aufzuopfern. Und jetzt, wo ihre Jugend zu Ende ging – war alles um sie her zusammengebrochen. Ihre Träume waren nur für einen kurzen Augenblick zur Wirklichkeit geworden. Und das Schmerzlichste bei dieser Niederlage war, daß die Schar der Getreuen sich aufgelöst und in alle Himmelsrichtungen zerstreut hatte. Duyvecke war die erste gewesen, die Liebe eines Mannes hatte ihr näher gestanden, als die Befreiung ihrer Mitschwestern – dann Geneviève, die unter dem entsetzlichen Einfluß ihrer erblichen Belastung zur Verbrecherin geworden war. – Und nun war Mlle. de Sainte-Parade gestorben, Schwester Ottilie kehrte in ihr Kloster zurück, Mlle. Heurteau hatte die gemeinsame Sache verraten, um ihrem persönlichen Ehrgeiz zu fröhnen – Daisy Craggs würde wahrscheinlich den Rest ihrer Kraft der unglücklichen Geneviève opfern. – – So waren nur Pirnitz und Friederike zurückgeblieben. Und noch eine war fahnenflüchtig geworden – eine, deren Namen Friederike selbst in Gedanken nicht mehr aussprechen wollte. Dieser letzte Schlag hatte sie zu tief getroffen – sie hatte Lea für immer aus ihrem Herzen gestrichen, wie ein Vater, der seine gefallene und entehrte Tochter von jetzt an verleugnet. O dieser lakonische letzte Brief, der nichts weiter enthielt, als ein paar kühle Abschiedsworte: »Meine liebe Fedi! Unser Werk ist zerstört, und ich fühle, daß Ihr mich jetzt entbehren könnt. So halte ich es für meine Pflicht, zurückzukehren zu dem, der mich liebt, der um mich leidet. Ich wollte Euch und mir selbst den Abschied und alle etwaigen peinlichen Erörterungen ersparen. Deshalb habe ich niemand etwas von meiner Absicht gesagt, die übrigens schon seit lange feststand. Vergieb mir, Fédi, wenn Du auch die Stimme Deines eignen Herzens hörst, so wirst Du mich verstehen. Leb wohl, ich danke Dir und Romaine für alles, was Ihr an mir gethan habt – und umarme Euch alle drei von Herzen Deine Lea.« – Sie hatte Daisy und Pirnitz, die in angstvoller Erwartung lauschten, diesen Brief vorlesen müssen. Und dabei hatte sie sich ihrer Schwester geschämt; so in tiefster Seele geschämt, daß sie den Schmerz über die Trennung kaum mehr empfand. Ja, die kleine Schar der Auserwählten war jetzt bis auf Friederike und Pirnitz zusammengeschmolzen. Und grade das war so tief demütigend, daß alle, mit Ausnahme von Daisy, sich schließlich doch unter das Joch der Männer gebeugt hatten. Friederike war zu klug und zu klardenkend, um die deprimierende, aber unabänderliche Wahrheit nicht einzusehen, die daraus hervorging: die freiwillige Unterordnung der Frau, die in ihrer tiefsten Natur begründet ist. Die Geschichte der Schule war der beste Beweis dafür: Mlle. Heurteau beugte sich, um aus den Händen der Männer Ehren und Auszeichnungen entgegenzunehmen; Duyvecke aus dem instinktiven Bewußtsein, daß das Weib zur Gattin und Mutter geschaffen sei. Geneviève war zur Verbrecherin geworden, weil ihr perverser Geschlechtstrieb sie bezwang – und Lea – die selbst Pirnitz und Friederike um ihre Reinheit beneidet hatten – verließ jetzt alles, um einem Manne nachzufolgen. – Während sie so in Gedanken verloren dasaß, fiel ihr Blick auf Schwester Ottilie, die immer noch schlief, während ihre gefalteten Hände den Rosenkranz fest umklammert hielten. Was für ein seltsames Wesen, diese Schwester – auch sie hatte einst an den Sitzungen des »Generalstabs« teilgenommen, und obgleich sie Pirnitz' Ansichten nie geteilt hatte, – sie war doch immer sich selbst und ihrem Berufe treu geblieben, während all die andern abfielen. Ihr ruhiges, ausdrucksloses Gesicht hatte keine Spur von Trauer gezeigt, als der Sarg der alten Dame in die Erde versenkt wurde. Und doch hatte sie dieselbe vier Jahre lang mit größter Aufopferung gepflegt. Auch nach den Angelegenheiten der Schule hatte sie sich nie erkundigt, obgleich Mlle. de Saint-Parade alles mit ihr zu besprechen pflegte. »Was mag überhaupt in ihrer Seele vorgehen?« dachte Friederike. »Was mag sie hoffen oder wünschen? Ist sie wirklich so völlig frei von allen menschlichen Leidenschaften, daß nichts sie interessiert oder bewegt?« – Der Zug fuhr jetzt langsamer. Schwester Ottilie wachte allmählich auf. Ihre Blicke begegneten sich. Lächelnd fragte sie: »Sind wir schon in Paris?« »O nein, erst in Tours,« antwortete Friederike. »Wo können wir wohl etwas zu uns nehmen?« »Ich denke in Aubrais – um vier Uhr werden wir dort sein.« Es war Friederike während der Reise aufgefallen, daß Schwester Ottilie einen ausgezeichneten Appetit entfaltete und großes Gewicht auf dessen Befriedigung legte. Bei dem Neffen der alten Dame hatte sie sogar schwarzen Kaffee verlangt und sich darüber beklagt, daß er nicht gut zubereitet war. Und das junge Mädchen fühlte sich unangenehm berührt durch dieses Gemisch von Egoismus und Selbstverleugnung, von religiösem Stoizismus und kleinlichen materiellen Bedürfnissen. Als die Schwester über diesen Punkt beruhigt war, nahm sie ihren Rosenkranz und fing an zu beten. In Aubrais angelangt stiegen sie aus, um am Büffet einige Erfrischungen zu sich zu nehmen. Als sie dann wieder im Zug saßen, jammerte die Nonne darüber, daß man kaum Zeit gehabt habe, um ordentlich zu essen. Sie schien aber trotzdem sehr gut aufgelegt und fing beinah an, redselig zu werden. Überhaupt pflegte sie nach den Mahlzeiten eine kleine Erholungspause zu machen, wahrscheinlich, weil es im Kloster so Brauch war. Sie sprach von der langen Reise, die sie noch vor sich hatte, und von dem Kloster im Elsaß, das für sie die Heimat bedeutete. »Sind Sie noch nie im Tham gewesen?« fragte sie. »Nein, gute Schwester.« »O, aber es ist so schön dort, viel schöner als hier. Unser Kloster ist so groß wie ein Palast, die Kapelle allein vermag 1500 Menschen zu fassen – beinah wie eine Stadtkirche.« – »Freuen Sie sich darauf, es wiederzusehen?« »O sehr. – Es sind bald vier Jahre – denken Sie nur, vier Jahre, daß ich in Paris bin. Unsre frühere Oberin ist während dieser Zeit gestorben – die jetzige kenne ich noch gar nicht.« »Werden Sie denn jetzt im Kloster bleiben?« »Das weiß ich noch nicht. Es ist Sitte bei uns, daß wir auf eine Zeit ins Kloster zurückgehen, wenn die Kranken uns nicht mehr brauchen. Die Frau Oberin bestimmt dann darüber, was weiter mit uns geschieht.« – »Aber es muß doch sehr traurig sein,« sagte das junge Mädchen, »wenn solch ein Wesen, das man lange gepflegt hat, plötzlich stirbt. – Ihr Leben ist schön, aber doch gewiß oft recht schwer.« – »O,« antwortete die Schwester einfach, »ich habe von jeher gern Kranke gepflegt. – Es ist nicht so schwer, man muß nur den inneren Beruf dazu haben.« – »Ja, aber wenn nun eine Kranke stirbt, die Ihnen mit der Zeit sehr lieb geworden ist – ist das nicht doch ein großer Schmerz für Sie?« »Es ist Gottes Wille,« entgegnete die Nonne sehr ernst. Und dann, nach einer kleinen Pause, fuhr sie fort: »Wenn ich jetzt heimkomme, werde ich wohl kaum jemand von den Schwestern mehr kennen. Lauter neue Gesichter. – Und ich gehöre jetzt zu den Alten.« – »Wie alt sind Sie, Schwester?« fragte Friederike. »Dreißig.« »Aber dann gehören Sie doch gewiß noch zu den Jüngeren.« »Sie wollen sich wohl über mich lustig machen, Mlle. Friederike. Die Jungen sind achtzehn bis zwanzig Jahre alt. – Wir Schwestern erreichen überhaupt für gewöhnlich kein hohes Alter. Der liebe Gott pflegt uns zeitig heimzurufen.« Nachdem sie das gesagt hatte, hustete sie leise, um anzudeuten, daß sie das Gespräch für beendet halte. Dann fing sie wieder an zu beten. Draußen war es jetzt völlig dunkel geworden. Aber Friederike wollte nicht schlafen. Sie wollte noch einmal in aller Ruhe überlegen, was ihr jetzt nach ihrer Rückkehr zu thun blieb. Sie freute sich darauf, Pirnitz und Daisy wiederzusehn, die einzigen, die ihr noch geblieben waren. Pirnitz hatte recht, ihre Pflicht und ihr Heil lag darin, noch einmal von vorne zu beginnen, wieder aufzubauen, was zerstört war. Noch waren sie ja nicht aller Mittel beraubt. Wenn die Sache mit der Kaution geordnet war, blieben ihnen noch 40 000 Francs. Und diese Summe genügte immerhin, eine bescheidene Schule zu errichten. »Wir wollen von jetzt an nur noch im Stillen wirken,« hatte die Heilige gesagt. »Auf diese Weise sind wir den Angriffen unsrer Feinde nicht so ausgesetzt. – Wir mieten uns eine kleine Wohnung, Sie, Daisy, und ich, und versammeln einige Kinder aus dem Viertel um uns, die wir so gut wie möglich unterrichten. Mit den Mitteln, die uns noch zu Gebote stehen, können wir uns etwa fünf Jahre lang halten. Bis dahin liegen die Verhältnisse vielleicht wieder günstiger für uns.« – Nachdem der erste Schmerz um Leas Flucht verwunden war, hatte Friederike sich mit dieser Idee abgefunden. Am liebsten hatte sie gleich morgen wieder mit der Arbeit begonnen, um alles andre zu vergessen. – Aber vorher hatte sie noch einen andern Schritt zu thun, der nicht länger hinausgeschoben werden durfte und der sie eine schwere Überwindung kostete. Es handelte sich um Geneviève Soubize und um das, was sie Daisy versprochen hatte. Friederike hatte ihren wirklichen Vater nie persönlich kennen gelernt. Wie sie jetzt Leas Namen einfach aus ihrem Leben gestrichen, so hatte sie schon in frühster Jugend vor jenem Manne, der ihre Mutter verführt, und dem sie selbst das Dasein verdankte, nichts mehr wissen wollen, jede Erinnerung an ihn in ihrem Herzen ausgelöscht. Trotzdem hatte sie es nicht vermeiden können, über das Schicksal der Familie d'Ulzac auf dem Laufenden zu bleiben. Der alte Bankier lebte immer noch, obgleich er längst in den Ruhestand getreten war. Sein Sohn, der einstige Liebhaber der armen Christine, hatte glänzende Karriere gemacht. Im Jahre 1894 war er Justizminister geworden, und als fünfzehn Monate später das Ministerium stürzte, wurde er zum ersten Präsidenten des Kassationshofes ernannt. Er galt für einen ernsten, strengen Mann von tadellosen Sitten und schroffem Charakter – und man schrieb ihm großen Einfluß zu. Friederike wußte alles das, sie kannte sogar sein Porträt aus illustrierten Zeitungen. Mehr wie einmal hatte ihr Stolz sich dagegen empört, wenn sie in diesem strengen, scharfgeschnittenen Gesicht ihre eigenen Züge wiedererkannte. – Sie wußte noch mehr als das, sie hatte erfahren, daß der Präsident sich verschiedentlich auf Umwegen nach dem Schicksal seiner Tochter erkundigte. Selbstverständlich hatte er aus den Zeitungen erfahren, daß sie mit zu den Gründerinnen der Schule gehörte. Solange es sich mir um ihre eignen Interessen oder um eine materielle Frage handelte, hätte Friederike sich trotzdem niemals entschlossen, ihren Vater aufzusuchen. Aber seit nach den letzten Zeitungsnachrichten Genevièves Sache eine schlimme Wendung zu nehmen schien, konnte sie den Gedanken nicht loswerden: »Vielleicht könnte ich auf diese Weise etwas für die Unglückliche thun?« Sie hatte auch mit Pirnitz darüber gesprochen. »O Romaine, ich flehe Sie an, zeigen Sie mir, was meine Pflicht ist – ob ich meinen Vater aufsuchen muß?« – Und die Heilige antwortete ohne Zögern: »Sie sind selbstverständlich nicht gezwungen, es zu thun. Aber ich kenne Sie, Friederike, und ich zweifle nicht daran, was Ihre Pflicht ist. Erstens vergeben Sie Ihrer Würde nicht das Geringste, wenn Sie den Präsidenten aufsuchen, und dann handelt es sich hier nicht um materielle Interessen, sondern um eine Frage der Menschlichkeit, der Gerechtigkeit. – Schließlich bin ich fest überzeugt, Sie würden sich die schwersten Vorwürfe machen, diesen Schritt unterlassen zu haben – wenn Geneviève wirklich verurteilt wird.« So hatte Friederike sich denn schweren Herzens dazu entschlossen. Sowie sie wieder in Paris war, wollte sie Monsieur d'Ulzac aufsuchen. – Es war dreiviertel auf acht, als sie auf dem Bahnhofe anlangten. Inmitten des Menschengewühls, das auf dem Perron herrschte, nahmen Friederike und Schwester Ottilie Abschied voneinander. »Müssen Sie gleich weiter nach dem Ostbahnhof, Schwester?« fragte Friederike. »Ja, ich glaube, um halb zehn geht mein Zug.« »Also, ich wünsche Ihnen glückliche Reise und eine angenehme Ruhezeit in Ihrem Kloster.« »Ich freue mich sehr darauf, es wiederzusehen,« antwortete die Schwester einfach. Dann blätterte sie eine Zeitlang in ihrem alten abgenutzten Gebetbuch und nahm schließlich ein kleines Heiligenbild heraus. »Wollen Sie dies Bildchen als Andenken behalten? Der Heilige Vater hat es selbst geweiht.« »Ich danke Ihnen, gute Schwester,« sagte Friederike gerührt. »Ich besitze kein Symbol meines Glaubens, das ich ihr zum Andenken geben könnte,« dachte sie. – »Und wozu auch? Unsre Auffassung ist ja so himmelweit voneinander verschieden. Und doch besteht eine gewisse Verwandtschaft zwischen meinem Lebenstraum und dem ihren.« Der Packträger, den sie fortgeschickt hatten, um zwei Fiaker zu suchen, kam jetzt mit einem zurück und ging gleich wieder fort, um den zweiten zu holen. Schwester Ottilie drückte ihrer Gefährtin noch einmal die Hand, dann stieg sie ein und rief dem Kutscher zu: »Ostbahnhof.« Friederike mußte noch einen Augenblick warten, bis der zweite Wagen kam. Plötzlich hörte sie hinter sich eine Stimme: »Mlle. Friederike.« Als sie sich rasch umwandte, erkannte sie Duyvecke. »Duyvecke? Sie hier?« Die junge Frau stammelte sichtlich verlegen: »Ja, ich bin hergekommen, um – – ich war bei Mlle. Pirnitz, und sie sagte mir, daß Sie heute abend um diese Zeit zurückkämen. – Und da dachte ich, ich könnte Ihnen vielleicht etwas helfen.« – Friederike umarmte sie und küßte sie auf beide Wangen: »Gute, liebe Duyvecke!« Sie hatte sich heute so einsam und verlassen gefühlt, daß sie sich wirklich von ganzem Herzen über dieses unerwartete Wiedersehn freute. »Ich sah Sie eben, wie Sie mit Schwester Ottilie sprachen,« sagte Duyvecke, »ich hätte ihr auch so gern guten Tag gesagt, aber ich wagte es nicht. Sie wissen ja, ich war nie besonders mutig.« Dann bat sie Friederike um Erlaubnis, sie nach Hause begleiten zu dürfen. Friederike willigte mit Freuden ein, und sie stiegen zusammen in den Wagen. Das Geplauder der jungen Frau tat ihrem bedrückten Herzen förmlich wohl. Duyvecke erzählte ihr, daß sie das traurige Schicksal der Schule aus den Zeitungen erfahren hatte. – »Glauben Sie mir, Rémi und ich waren ganz unglücklich darüber. Er sagte immer wieder: So gehe doch einmal hin zu den Damen und frage sie, ob sie nichts brauchen. – Denn, wissen Sie, Rémi hängt so sehr an Ihnen. Aber ich traute mich wirklich nicht.« Dann sprach sie von ihrem jetzigen Leben. Sie war überglücklich mit ihrem Mann und dem kleinen Gaston. Dazu fühlte sie sich jetzt selbst Mutter. Trotzdem schien sie ein wenig bedrückt durch das Gefühl, auf jene hohe Stufe von Vollkommenheit verzichtet zu haben, die Pirnitz und Friederike in ihren Augen einnahmen. »Schließlich mußte Rémi mitkommen, und wir erkundigten uns bei dem Hausmeister in der rue des Vergers. Der sagte uns, wo Sie, Mlle. Pirnitz und Miß Craggs wohnten. Der arme Rémi mußte auch dahin mitgehen, ich hatte gar soviel Angst. – Aber Mlle. Pirnitz war so freundlich gegen mich. O, sie ist wirklich eine Heilige. Sie fragte nach meinem Manne und nach Gaston, und als ich ihr erzählte, daß er unten auf mich warte, ließ sie ihn gleich holen. – Dann sagte sie mir, ich sollte Sie doch heute abend abholen. Ich hätte sonst gewiß nicht den Mut gehabt.« Als sie in der rue de la Sourdière ankamen, bestand Duyvecke darauf, Friederikens Reisetasche hinaufzutragen. Dann nahm sie Abschied. »Ich will Sie heute nicht stören. Sie haben gewiß alles mögliche miteinander zu besprechen. Aber ich hätte noch eine Bitte an Sie –« »Was denn, Duyvecke?« »Ich würde ganz unglücklich sein, wenn Sie nein sagen. – Sehen Sie, Rémi und ich möchten Sie – und Mlle. Pirnitz und Daisy – so gern einmal bei uns sehn – die andern Damen haben nichts dagegen.« – – »Ich auch nicht,« sagte Friederike ganz gerührt. »Im Gegenteil, es würde mir große Freude machen. – Wir alle haben Sie immer noch lieb, Duyvecke.« »O, ich danke Ihnen,« sagte die junge Frau. Und dann ganz schüchtern: »Welchen Tag würde es Ihnen am besten passen?« Friederike dachte einen Augenblick nach. Sie wollte gleich morgen zu Monsieur d'Ulzac gehen und es war ihr ein wohlthuender Gedanke, nach diesem schweren Gang mit all ihren Freundinnen zusammen zu sein. »Morgen abend, wenn es Ihnen recht ist, Duyvecke.« – Duyvecke dankte ihr noch einmal mit aufrichtiger Freude. Dann umarmte sie Friederike und ging. II Nach reiflicher Überlegung beschloß Friederike, den Präsidenten im Palais aufzusuchen, ohne sich vorher anzumelden. Am Morgen nach ihrer Rückkehr von Pondenats begleitete Pirnitz sie bis an die breite Marmortreppe, die zur Galerie Harlay hinaufführt. Friederike bebte vor innerer Erregung. »O Romaine, muß es denn wirklich sein? – Noch nie in meinem Leben ist mir etwas so schwer geworden wie dieser Schritt.« »Ja, ich weiß, daß es ein schwerer Gang für Sie ist,« erwiderte die Heilige. – »Jede andre wie Sie hätte den Gedanken daran von vornherein abgewiesen. Aber Sie dürfen jetzt nicht mehr zurück. – Seien Sie stark, Friederike – denken Sie daran, daß Geneviève sonst wahrscheinlich verurteilt wird – und daß Sie es verhindern können.« »Ich danke Ihnen – ich werde thun, was meine Pflicht ist.« »Wo und wann sollen wir uns wieder treffen?« fragte Pirnitz, »ich muß Daisy beim Anwalt abholen. Wir haben dort noch etwas wegen der Kaution zu besprechen.« »Kommen Sie mit Daisy in die Galerie Harlay. Wahrscheinlich werden Sie früher fertig sein als ich. Im günstigen Fall können wir dann alle zusammen zu Geneviève gehen und ihr die frohe Nachricht bringen.« Friederike drückte ihrer Freundin noch einmal die Hand, dann stieg sie die Marmortreppe hinauf. Im Palais fragte sie einen Diener, ob der Präsident d'Ulzac zu sprechen wäre. »Der Herr Präsident wird erst gegen elf Uhr kommen.« »Dann muß ich so lange warten.« Sie wurde in ein kleines Wartezimmer mit roten Plüschmöbeln geführt. Ein paar Minuten später erschien der Diener wieder und überreichte ihr eine Liste, in die sie ihren Namen eintragen mußte. Dann saß sie da und wartete. Es schlug halb elf – dann elf. Das Wartezimmer füllte sich allmählich. Dann ging plötzlich die Thür auf, und der Diener rief herein: »Mlle. Legay-Sûrier!« Friederike hatte schon erwartet, daß der Präsident sie gleich empfangen würde, wenn er ihren Namen las. Sie stand auf und folgte dem Diener durch einen halbdunklen Gang, der zum Privatzimmer des Präsidenten führte. Dann öffnete er wieder eine Thür und wiederholte noch einmal ihren Namen: »Mlle. Legay-Sûrier!« Und nun stand sie mitten in dem großen, hellen Zimmer, dessen Wände mit den Porträts verschiedener hochgestellter Persönlichkeiten geschmückt waren. Monsieur d'Ulzac saß am Schreibtisch, den ganze Stöße von Akten bedeckten. Bei ihrem Eintritt erhob er sich. Sie sah den hochgewachsenen, elegant gekleideten Mann mit den edelgeschnittenen Zügen und dem leichtergrauten Bart vor sich stehen, – sie sah, wie er seine Bewegung niederzukämpfen suchte, wie seine Lippen verräterisch zuckten – und in diesem Augenblick sagte sie sich: »Nein, ich muß fest bleiben, ich will nicht, daß er gerührt wird.« – Sie warf ihm einen so strengen Blick zu, daß er sich rasch wieder faßte; er schien zu fühlen, daß ihr Wille der stärkere war. Es entstand eine kurze Pause. Dann entschloß Friederike sich, zu sprechen: »Herr Präsident, ich bin gekommen, um zu Gunsten einer unschuldig Verurteilten an Ihr Gerechtigkeitsgefühl zu appellieren.« »Setzen Sie sich, Mademoiselle,« sagte er mit fester Stimme. Er hatte seine Selbstbeherrschung wiedergefunden. Friederike nahm Platz. In kurzen, klaren Worten setzte sie ihm auseinander, daß es sich um Geneviève Soubize handle. Sie bat nicht um Schonung für eine Verbrecherin, sie wollte ihn nur darüber aufklären, inwieweit hier von einer wirklichen Schuld die Rede sein konnte. Sie erzählte ihm von Geneviève und Daisy, – sie sprach davon, wie das Unternehmen zu stande gekommen und wie es sich weiter entwickelt habe, und berichtigte die falschen Ansichten, welche die feindlichen Zeitungen verbreitet hatten. Der Präsident hörte anscheinend mit gespannter Aufmerksamkeit zu. Dann und wann nickte er mit dem Kopfe. Während sie sprach, blickte sie ihm ruhig und fest in die Augen, sie glaubte den Aufruhr zu fühlen, der in seinem Innern tobte. Und er hörte in Wirklichkeit kaum auf das, was sie sprach. Ein Gemisch von Freude und Schmerz bewegte das Herz dieses Mannes, der sich trotz seines Reichtums und seiner hohen Stellung einsam und verlassen fühlte. Und gleichzeitig erfüllte ihn der Gedanke, daß dieses schöne, junge Mädchen, dessen edle Seele aus jedem Worte hervorleuchtete – seine Tochter war, mit nie geahntem Stolz. Und er fühlte wohl, daß sie von seinen weichen Empfindungen nichts wissen wollte. Wie eine gewöhnliche Bittstellerin war sie zu ihm gekommen, einzig und allein, um für jemand anders Gerechtigkeit zu suchen. Und er litt unsagbar unter dem Bewußtsein, daß er ihrer unnahbaren Strenge ohnmächtig gegenüberstand, daß er sie durch nichts in ihrem Entschluß wankend zu machen vermochte. Um sie wenigstens so lange wie möglich festzuhalten, um sie nicht noch weiter von sich zu entfernen, heuchelte er das lebhafteste Interesse für den Fall Soubize. Er schob die Akten beiseite und machte sich verschiedene Notizen. Dann erkundigte er sich nach der Schule, nach den übrigen Lehrerinnen. Er wußte sämtliche Namen, da er sich lebhaft für das Unternehmen interessiert hatte, wie er sagte. Friederike gab ihm bereitwillig Auskunft. »Und Ihre Schwester?« »Lea ist in England. Sie wird sich wahrscheinlich demnächst verheiraten.« »Und Sie, selbst?« »Ich wohne mit Romaine Pirnitz und Daisy Craggs zusammen in der rue de la Sourdière.« Ihre Stimme verriet nicht die geringste Bewegung, während sie die verhängnisvolle Adresse nannte. Aber sie sah, daß der Präsident tief bewegt war. Und sie wollte ihn nicht ansehn, um nicht selbst in diesem tragischen Moment die Fassung zu verlieren. So heftete sie ihre Blicke starr auf eines der Bilder, das ihr gegenüber an der Wand hing. Schließlich nahm sie sich gewaltsam zusammen und fragte: »Darf ich darauf rechnen, Herr Präsident, daß Sie sich dieser Sache annehmen?« Leise, mit unsichrer Stimme antwortete er: »Ich verspreche Ihnen, daß ich mein Möglichstes thun werde. Und ich hoffe, es wird mir gelingen. – Jedenfalls ist es ein sehr interessanter Fall.« »Gestatten Sie mir die Frage, auf welche Weise Sie Ihren Einfluß geltend machen wollen?« »Eine direkte Einwirkung von meiner Seite ist in diesem Fall ausgeschlossen, da ein solcher Schritt mich stark kompromittieren würde. – Sie verstehen mich, nicht wahr? Aber ich werde mich an den Staatsanwalt wenden und ich denke erreichen zu können, daß die Untersuchung, wenigstens zum Teil, noch einmal wieder aufgenommen und auf Unzurechnungsfähigkeit der Angeklagten erkannt wird. Nur muß ich Sie um strengste Diskretion bitten. Mein Name darf in dieser Angelegenheit nicht genannt werden.« »Immer diese Diplomatie,« dachte das junge Mädchen – »dieser Mangel an moralischem Mut. – Aber immerhin – wenn nur der Gerechtigkeit Genüge gethan wird.« – »Ich möchte nur gern Geneviève so rasch wie möglich die gute Nachricht selbst überbringen,« sagte sie dann. »Können Sie mir nicht die Erlaubnis verschaffen, sie sprechen zu dürfen? – Ich werde absolut diskret sein,« fügte sie hinzu, »ich verspreche Ihnen, daß Ihr Name nicht genannt werden soll.« Monsieur d'Ulzac gab nach, obgleich es ihm sichtlich nicht ganz recht war. Er schrieb ein paar Zeilen, steckte das Papier in ein Kouvert und reichte es ihr. »Sie brauchen das nur bei dem Untersuchungsrichter, der mit dieser Angelegenheit betraut ist abzugeben. Er wird Ihnen dann die gewünschte Erlaubnis erwirken. – Aber ich bitte Sie noch einmal, nichts von mir zu erwähnen. Ich rechne auf Ihre Diskretion,« – Seine Ängstlichkeit verstimmte Friederike. So antwortete sie nur: »Ich danke Ihnen, Herr Präsident.« Dann stand sie auf, Monsieur d'Ulzac erhob sich ebenfalls. »Werde ich Sie nicht wiedersehn?« fragte er, ohne es selbst zu wollen. »Nein, ich glaube nicht.« Er blickte sie so traurig an, daß sie selbst tiefes Mitleid mit ihm fühlte. Und plötzlich stieg ein warmes, zärtliches Gefühl in ihr auf, ein instinktives, gleichsam physisches Bedürfnis, sich in seine Arme zu werfen. Aber er schien diese plötzliche Anwandlung von Schwäche nicht zu bemerken. Wenigstens bemühte er sich in diesem Augenblick, den kühlen Ton, den sie ihm gegenüber angeschlagen hatte, festzuhalten. »Wenn Sie jemals wieder ein Anliegen an mich haben sollten – –« »Für mich selbst werde ich nie etwas von Ihnen verlangen,« erwiderte sie entschlossen. »Aber ich werde Ihnen immer dankbar sein, wenn Sie um meinetwillen andern helfen.« Damit reichte sie ihm die Hand, die er einen Augenblick festhielt. Sie sah, daß seine Augen feucht wurden, trotz seiner äußeren Ruhe. »Leben Sie wohl,« murmelte sie, »ich muß jetzt gleich zu Geneviève gehen, um sie zu beruhigen.« »Wenn Sie jemals an mich denken sollten,« sagte er etwas zögernd, »so bitte ich Sie – –« »Ich verspreche Ihnen, immer nur mit größtem Respekt an Sie zu denken.« Als sie die Thür hinter sich geschlossen hatte, überwältigte die Gemütsbewegung sie derart, daß sie sich an der Mauer festhalten mußte, um nicht umzusinken. Ein dumpfes Schluchzen rang sich aus ihrer Brust. Ihr ganzes Leben kam ihr mit einem Male so einsam, die Zukunft so leer und freudlos vor. Willenlos überließ sie sich ihrem Schmerz. »Mein Gott, wenn er jetzt herauskäme und mich sähe.« Sie erschrak so über diesen Gedanken, daß sie zusammenfuhr. Mit einem plötzlichen Entschluß raffte sie sich auf und verließ das Palais. Sie wandte sich zuerst zum Untersuchungsrichter. Es dauerte etwa eine halbe Stunde, bis die Formalitäten erfüllt waren. Als sie, mit den nötigen Papieren ausgerüstet, in die Galerie de Harlay zurückkehrte, sah sie Pirnitz und Daisy auf einer Bank sitzen. In einer plötzlichen Aufwallung von Freude stürzte Friederike ihnen entgegen. »Geneviève ist gerettet.« Daisy wurde bleich vor Bewegung. Sie faßte Friederikens Hand und küßte sie. Dann riefen sie einen Fiaker an. Es war etwa zwei Uhr, als sie in Saint-Lazare ankamen. Nachdem sie den von Monsieur Fournier ausgestellten Schein abgegeben hatten, führte eine barmherzige Schwester sie in das Sprechzimmer. »Können wir Geneviève Soubize allein sprechen?« fragte Friederike. »O gewiß, wenn es Ihnen lieber ist. Die Wärterin kann draußen auf dem Gange bleiben, für den Fall, daß sie einen Anfall bekommen sollte. Aber Geneviève ist im ganzen sehr ruhig und leicht zu behandeln. Seit sie so schwer krank war, ist es mit den Nerven bedeutend besser.« Kurze Zeit darauf trat Geneviève ein, von einer Krankenwärterin begleitet, die sich gleich wieder zurückzog. Wie ein artiges, kleines Schulmädchen ging sie auf die drei zu und umarmte sie: »Guten Tag, Romaine – guten Tag, Daisy – guten Tag, Friederike.« Daisy drückte sie lange und zärtlich ans Herz. Pirnitz und Friederike, waren so erschüttert, daß sie kein Wort zu sprechen vermochten. Geneviève war kaum wiederzuerkennen in ihrer Gefängnistracht; eine grobe, weiße Mütze verbarg ihre roten Locken, sie war blaß und mager geworden, und ihre einstige Lebhaftigkeit war völlig geschwunden. Sie war ruhig, unheimlich ruhig. Daisy erkundigte sich teilnehmend nach ihrer Gesundheit. »O, mir ist jetzt wieder ganz wohl. Und sie haben mich hier sehr gut gepflegt. Ihr könnt euch gar nicht denken, was ich für Kopfweh gehabt habe.« »Ist es denn jetzt besser damit, Geneviève?« fragte Pirnitz. »Haben Sie gar kein Kopfweh mehr?« »Nein – aber mein Gehirn ist ganz wie zusammengefroren. Könnt ihr euch vorstellen, wie ich es meine? Es ist so, als ob man eine kalte, schwere Masse hinter der Stirn hätte. Es ist recht dumm. Ich glaube, ich kann noch lange nicht arbeiten.« – Sie saß regungslos auf ihrem Stuhl und sagte alles halb resigniert, halb geistesabwesend vor sich hin. Die arme Daisy mußte sich krampfhaft zusammennehmen, um nicht zu weinen. Pirnitz fragte sie leise: »Glauben Sie, daß ich es ihr sagen kann?« »Versuchen Sie es. – Wenn ich mit ihr über das, was sie gethan hat, sprechen wollte, hat sie nur unzusammenhängende Sachen geredet.« »Wir bringen Ihnen heute eine frohe Nachricht, Geneviève,« sagte die Heilige. »Ah – was für eine denn?« »Es ist so gut wie sicher, daß Sie nicht vor die Geschworenen kommen, daß Sie demnächst auf freien Fuß gesetzt werden.« Geneviève blickte Pirnitz gespannt an, sie schien nicht recht zu verstehen, was sie meinte. »Geneviève,« wiederholte Pirnitz, »freuen Sie sich denn nicht darüber?« – Sie schien angestrengt nachzudenken und blickte alle der Reihe nach an. Dann fragte sie ganz schüchtern: »Muß ich jetzt Stunde geben?« Daisy brach in Thränen aus. Als Geneviève das sah, stürzte sie auf sie zu und umarmte sie: »Nein, weine nicht, Daisy – wir wollen zusammen heimgehn. – Wir haben ja unsre schönen, hellen Zimmer in der Schule.« – »Ja, ja, mein Kind,« stammelte Daisy. »O ja,« fuhr Geneviève fort, »wir werden so glücklich miteinander sein. Es ist sogar viel besser, wenn wir in der Schule wohnen. Es ist ein großes, edles Werk, das wir zu erfüllen haben. Wir wollen die Kinder zu freien, selbständigen Frauen heranbilden, die ohne Männer existieren können.« Sie reckte sich empor und fuhr fort, wie wenn sie zu einer Versammlung spräche: »Die Frau muß in erster Linie Mensch sein, mit freiem Willen und unter eigner Verantwortung. Und deshalb muß sie vor allem unabhängig dastehn, sich selbst ihr Brot verdienen können. Wir wollen unsre Schülerinnen durch guten Unterricht befähigen, sich von der Tyrannei des andern Geschlechts zu befreien. Nur auf diesem Wege kann die Gleichberechtigung der Geschlechter erreicht werden. – Sie haben dieselben Rechte wie die Männer – sie müssen sich dessen nur bewußt werden.« Geneviève hielt einen Augenblick inne und fuhr sich mit der Hand über die Stirn, als ob sie ihre Gedanken sammeln wollte. »Ja, die Männer – die Männer haben uns Jahrhunderte lang tyrannisiert. Die Frau, die des Mannes nicht entbehren kann, ist ein verächtliches Geschöpf. Das Weib der Zukunft, die neue Frau, muß eine Auserwählte sein, die jungfräuliche Priesterin der Moral.– – Sie wird – – sie wird – –« Wieder hielt sie inne und blickte ihre Freundinnen verstört an. Daisy faßte sie am Arm. Pirnitz und Friederike traten aus die beiden zu: »Ich hab' immer noch etwas – Kopfweh,« sagte Geneviève stockend und griff sich an die Schläfen. »O, laß uns heimgehn, Daisy, ich bin so müde.« – Daisy zog sie sanft auf ihren Schoß und suchte sie zu beschwichtigen wie ein kleines Kind. Friederike konnte diesen Anblick nicht mehr ertragen, ihr war zu Mute, wie einem Gläubigen, der seine Heiligtümer geschändet sieht, während sie diese unbewußte Parodie ihrer höchsten Ideale aus dem, Munde einer Irrsinnigen mit anhören mußte. »Romaine, lassen Sie uns gehen.« In diesem Augenblick trat die Schwester wieder ein, um Geneviève abzuholen. Geneviève ließ sich ohne ein Wort zu sagen hinausführen. Als sie verschwunden war, blieben die andern noch eine Zeitlang in trübem Stillschweigen sitzen. Dann brachen sie ebenfalls auf. III Pirnitz und Friederike begaben sich direkt in die rue de la Sourdière zurück, während Daisy noch den Professor Bonchardon aufsuchte, um mit ihm über Genevièves Verbringung in eine Heilanstalt zu beratschlagen. Gegen sieben Uhr trafen sie sich dann bei Duyvecke. »Sie müssen entschuldigen, daß Rémi noch nicht da ist,« sagte die junge Frau lachend, »er macht sich schön für Sie.« Während Friederike und Romaine die geschmackvolle Einrichtung des kleinen Salons bewunderten, kam der kleine Gaston auf sie zugelaufen. Etwas schüchtern wandte er sich an Friederike und fragte: »Wo ist denn die andre hübsche Dame?« Die »andre hübsche Dame« war Lea. Friederikes Herz krampfte sich zusammen. Sie nahm den Kleinen in die Arme und sagte: »Sie ist fort, mein Junge. Und sie wird wohl nie wiederkommen.« Der Kleine sah sie ganz erschrocken und nachdenklich an. Ein peinliches Stillschweigen folgte seinen Worten. Aber zum Glück trat grade in diesem Augenblick Rémineau in das Zimmer. Er hatte sich, seit er verheiratet war, entschieden zum Vorteil verändert und sah fast elegant aus in seinem gutsitzenden blauen Tuchanzug. Friederike fing den dankbaren und zugleich verliebten Blick auf, den Duyvecke ihm zusandte. Rémineau begrüßte sie etwas verlegen. Er empfand für Friederike eine ganz besondre Verehrung und bemühte sich, ihr auszusprechen, wie sehr er und Duyvecke sich über ihren Besuch freuten. Aber er konnte mit seiner kleinen Rede nicht recht fertig werden und Duyvecke kam ihm zu Hilfe: »Geh, sei doch nicht so schüchtern, Rémi. – Aber glauben Sie mir, Mlle. Friederike, es kommt ihm wirklich von Herzen, wenn er sich auch ungeschickt ausdrückt. Wenn Sie wüßten, wie oft wir von Ihnen sprechen. Sie und Mlle. Pirnitz sind beinah wie ein paar Schutzheilige für uns. Es fehlt nicht viel, daß wir Sie überhaupt anbeten.« Dann erschien die Magd, eine rundliche, blonde Flamländerin aus Duyveckes Heimat. Das Eßzimmer war klein, behaglich und, wie die ganze Wohnung, sehr hübsch eingerichtet. Duyvecke machte mit großem Eifer die Honneurs. Dabei erzählte sie in ihrer naiven Weise von den Leiden und Freuden ihres jetzigen Lebens – wie sie damals bei Gaston geblieben war, um ihn zu pflegen, wie sie Pirnitz ihren Entschluß, Rémineau zu heiraten, mitgeteilt hatte. Dann war sie ein paar Tage wirklich ganz unglücklich gewesen. Und weil sie Gaston doch nicht unter ihrer schlechten Laune leiden lassen wollte, hatte der arme Rémineau dafür büßen müssen. – Rémineau blickte von seinem Teller auf und lachte maliziös: »Ja, ich glaube wirklich, sie wollte mich vom Heiraten abschrecken. Aber ich kannte sie doch zu gut und sagte mir: Nur Geduld, Rémi, und halt' die Ohren steif. Das wird schon wieder vorübergehen. Früher oder später muß Duyvecke doch wieder Duyvecke werden.« Dabei sah er zärtlich zu ihr hinüber und sie lächelte. »Ich weiß ganz genau, wann Papa und Mama Vecke sich zum erstenmal geküßt haben,« sagte jetzt der kleine Gaston mit seiner hellen Kinderstimme. – »Das war, als ich wieder aufstehen konnte.« Alle lachten, selbst Pirnitz und Friederike, während Duyvecke errötete. »Gott, wir waren so glücklich, wie der kleine Lump wieder gesund wurde. – Wir fielen uns in die Arme wie zwei Leute, die zusammen Schiffbruch gelitten haben und wieder festen Boden unter den Füßen fühlen.« So redeten sie noch eine Zeitlang weiter über sich selbst und ihr Glück, mit dem rührenden Egoismus zweier Menschen, die sich wirklich lieb haben und überzeugt sind, daß alle andern ihre Seligkeit teilen. Das Souper war ausgezeichnet. – Aber Pirnitz und Friederike aßen sehr wenig, und Daisy behandelte die auserlesensten Gerichte mit derselben Gleichgültigkeit, als ob sie einen Teller Kartoffeln vor sich gehabt hätte. »Aber Sie essen ja gar nichts,« sagte Duyvecke ganz traurig. »Sie wissen doch, wir waren von jeher schlechte Gäste,« antwortete Friederike lächelnd. »Aber Sie dürfen uns deshalb nicht böse sein.« Duyvecke schob jetzt auch ihren Teller zurück. »Eigentlich haben Sie recht. Ich sollte auch nicht so viel essen. Ich werde immer dicker. Aber ich habe immer solchen Appetit. Es ist zum Verzagen.« »Aber ich finde, es steht dir grade gut, daß du so stark bist,« meinte Rémineau, »und dann – – mußt du jetzt doch auch für zwei essen,« fügte er mit verschmitztem Augenzwinkern hinzu. Duyvecke warf ihm einen wütenden Blick zu. Er schwieg und lachte still in seinen schwarzen Bart hinein. Friederike fing an, sich unbehaglich zu fühlen. Diese ewigen Geschichten von ehelicher Liebe und Schwangerschaft widerten sie förmlich an. Duyvecke schien ihre Gefühle zu erraten und wurde plötzlich ernst: »Trotz alledem giebt es doch Momente, wo ich mich nach der alten Zeit zurücksehne. Sehen Sie, Mlle. Pirnitz, ich werde doch nie vollkommen glücklich sein, weil ich etwas Besseres gekannt habe.« »Bah,« sagte Daisy, »Sie haben gethan, was Sie konnten. Kein Mensch ist verpflichtet, eine Last zu tragen, die zu schwer für ihn ist.« »Sehr gut gesagt,« stimmte Rémineau ihr bei. Aber jetzt ergriff Pirnitz mit ihrer klaren, durchdringenden Stimme das Wort. »Ja, Sie haben recht, Daisy. Nur sind meistens unsre Schultern stärker als unser Herz, ich meine damit, daß oft die Kräfte ausreichen würden, wenn nur der Wille nicht zu schwach wäre. – Übrigens sage ich das nicht etwa in Bezug auf Sie, Duyvecke. Sie haben redlich versucht, Ihre ganze Kraft dranzugeben. – Das Schicksal hat Sie auf die Ehe und die Mutterschaft hingewiesen. Aber ich bin fest überzeugt, daß Sie Ihr Kind, wenn es ein Mädchen ist, zu einem freien, selbständigen Wesen erziehen werden.« Duyvecke war so bewegt, daß ihre Augen sich mit Thränen füllten. »Ich danke Ihnen,« sagte sie leise. »Sie sind so gut.« – »Wir werden thun, was wir können, Mlle. Pirnitz,« fiel Rémineau ein. »Wenn es ein Mädchen ist, so wollen wir es in Ihren Ideen aufziehen – so daß es Duyvecke später einmal ersetzen kann. – Ich habe es ihr versprechen müssen und war ganz damit einverstanden.« Nach Tisch bat Duyvecke um Erlaubnis, erst den kleinen Gaston zu Bett bringen zu dürfen. Rémineau servierte währenddem den Kaffee. Dann erschien Duyvecke wieder. Da alle etwas schweigsam geworden waren, setzte sie sich ans Klavier. Sie spielte eine Sonate von Mozart. Friederike mußte unwillkürlich an die Abende in Apple-Tree-Yard denken – sie sah Tinka vor sich in ihrem weißen Piquékleid, mit ihren kurzen, blonden Haaren – und Georgs hohe Gestalt, wie er am Klavier saß und spielte. – Der Gedanke an jene längstvergangene Zeit nahm sie völlig gefangen, sie war froh, daß die Musik jedes Gespräch unmöglich machte. »Wo mögen sie jetzt sein – – Lea ist jedenfalls längst bei ihnen – in England oder in Italien.« – Und dann wieder kam ihr eignes Leben ihr so traurig, so inhaltslos vor. Aber nur auf einen Augenblick. »Nein, ich beneide sie nicht, wenn sie auch noch so glücklich sind. Sie sind nicht mehr die Elitemenschen, die ich früher in ihnen sah und die ich so sehr geliebt habe. Georg ist ein Mann wie alle andern Männer geworden. Und Lea hat sich unter das Joch gebeugt – wie Duyvecke.« Sie blickte Pirnitz an und drückte ihre schmale, bleiche Hand. »Nein, ich bin nicht allein auf der Welt. Und wenn ich von allen Menschen verlassen werde, solange sie mir nur bleibt, ist alles gut. Ich könnte alles verlieren, nur sie nicht.« Duyvecke hatte aufgehört zu spielen und setzte sich neben Pirnitz und Friederike, während ihr Mann mit Daisy über Geneviève sprach. Sie erkundigte sich voller Interesse nach ihren Zukunftsplänen. Pirnitz erzählte ihr, daß sie in einem der volkreichsten Viertel von Paris wieder eine Schule aufthun wolle. »Wenn es uns diesmal gelingt, so hoffe ich, daß manche von unsren einstigen Schülerinnen wieder zu uns kommen.« »Das ist es grade, was Mlle. Heurteau fürchtet,« sagte Duyvecke. »Ich sah sie neulich, als ich mich in der rue des Vergers nach Ihnen erkundigte. Sie weiß zwar nicht, was Sie vorhaben, aber sie scheint es zu ahnen. Übrigens sprach sie die Hoffnung aus, daß es ihr mit der Zeit gelingen würde, Sie wieder zurückzurufen. Mein Gott, und wäre es nicht schließlich doch am besten so?« fügte sie etwas schüchtern hinzu. Pirnitz schüttelte den Kopf. »Nein, Duyvecke, das würden wir nie thun.« »Aber Mlle. Heurteau meint es im Grunde nicht böse.« »Das ist richtig,« sagte Pirnitz, »aber man kann nicht zweien Herren dienen. Louise Heurteau hätte der Frauensache große Dienste leisten können, aber sie will vor allem ihren persönlichen Ehrgeiz befriedigen und ihre Zukunft sichern.« – Die Magd kam mit dem Thee herein. Dann brachen die Gäste trotz Duyueckes und Rémineaus Bitten auf. Als sie schon im Vorzimmer waren, sagte Duyvecke: »O, Sie müssen Gaston noch einmal sehen, wie er schläft. – – Er ist so niedlich.« Rémineau ging mit der Lampe voran, die andern folgten ihm auf den Zehenspitzen. Die Thür zum Nebenzimmer, wo das Ehepaar schlief, stand weit offen. Der Anblick des breiten, aufgedeckten Bettes schokierte Friederike. Dort würden sie also nachher nebeneinander ruhen, dieser plumpe, halbgebildete Mann engumschlungen mit seiner hübschen, blonden Frau, die in nächster Zeit Mutter werden sollte – – Eben beugte Duyvecke sich über den schlummernden Knaben und Rémineau, der neben ihr stand, küßte sie zärtlich auf den Hals. »Kommt, laßt uns gehen,« murmelte Friederike. Ihr war zu Mute, als ob sie in dieser Atmosphäre ersticken müßte. Duyvecke war ihr beinah unsympathisch geworden. »Mein Gott, wenn ich Lea einmal so wiedersehen sollte. – Nein, lieber will ich sie überhaupt nicht wiedersehen.« IV Von dem Augenblick an, wo sie den Fiaker mit ihrem Abschiedsbriefe an Friederike fortschickte, bis zu ihrer Ankunft in London, hatte Lea wie in einem Traum gelebt. Aber als sie dann am Morgen nach ihrer Flucht bei strömendem Regen am Bahnhof von Sharing Croß ausstieg, erwachte sie plötzlich wieder zum Bewußtsein der Wirklichkeit. Sie fühlte sich wie verwandelt, der Druck, der ihre ganze Kindheit und Jugend hindurch auf ihr gelastet hatte, war von ihr gewichen. Ihr war so leicht und frei zu Mute. Wie hatte sie es nur überhaupt so lange aushalten können? Wie im Fieber hatte sie die ganze Reise zurückgelegt, in einem Fieber von Glückseligkeit, das sie alles andre vergessen ließ. Da stand sie nun auf dem Platz vor der Station. Bis hierher hatte sie sich nur führen lassen, sich um alles weitere nicht gekümmert. Aber setzt galt es zu handeln, irgend einen Entschluß zu fassen. Sie brauchte ja nur einen Hansom herbeizurufen und dem Kutscher irgend eine Adresse zu geben. – Aber welche Adresse? – Ja, das war der Zwang der Notwendigkeit, die jetzt wieder an sie herantrat, das Erwachen aus dem Traum. Wo sollte sie Georg finden, wenn er überhaupt noch in London war? Und wie seine Spur finden, wenn er die Riesenstadt verlassen hatte? Als sie Paris verließ, hatte sie sich alles das so leicht und selbstverständlich gedacht, aber jetzt kam es ihr mit einem mal unendlich schwierig und peinlich vor. Der Kutscher fing an ungeduldig zu werden. »I lose my best time, Ma'ame,« sagte er mit brummiger Würde. Sie faßte einen Entschluß: »Apple-Tree-Yard No. 3.« Fünf Minuten später stieg sie vor ihrer alten Wohnung aus. »Ist Mrs. Synders zu sprechen?« fragte sie das Dienstmädchen, das ihr aufmachte. »O, Mrs. Synders ist schon vor einem halben Jahre ausgezogen. – Das Haus gehört jetzt Miß Pinkflower, bei der ich im Dienst bin. Sie vermietet übrigens auch Zimmer. – Wenn Sie vielleicht eins ansehn wollen? Es würde Ihnen gewiß bei uns gefallen, die Wohnung ist jetzt viel schöner eingerichtet als früher.« – »Nein, danke,« sagte Lea, »ich möchte nur die Adresse eines Herrn wissen, der vor zwei Jahren mit seiner Schwester hier gewohnt hat – Mister Georg Ortsen.« – Das Mädchen schien tief nachzudenken. »Ich kann mich nicht an den Namen erinnern.« »Aber es existierte hier früher ein Heft mit den Adressen der Mieter.« »Ja, das ist immer noch da.« Lea durchblätterte das kleine Heft und hatte bald gefunden, was sie suchte: Georg Ortsen, Professor Ebner und Frau, Adresse per Free-College , Allen Street, Kensington. – Jedenfalls waren die Ortsens auf Reisen gegangen und fanden es am bequemsten, sich ihre Post durch Madame Sanz nachschicken zu lassen. »Danke schön,« sagte Lea und gab das Buch zurück. »Wollen Sie sich nicht ein Zimmer ansehn? Wir haben ein sehr hübsches nach John Street hinaus.« Dann fügte sie etwas leiser, mit einem diskreten Lächeln hinzu: »Miß Pinkflower ist sehr liebenswürdig, und die Damen sind bei uns ganz ungeniert.« »Nein, ich danke,« erwiderte Lea. »Das Haus scheint sich sehr verändert zu haben,« dachte sie im stillen. »Was würde die brave, alte Mrs. Synders dazu sagen?« Sie stieg wieder in den Wagen. Bei einem kleinen Theesalon, wo sie manchmal mit Tinka oder Friederike gefrühstückt hatte, ließ sie halten und bezahlte den Kutscher. Dann trat sie mit ihrer Reisetasche in das Lokal, ließ sich Thee und ein paar Eier bringen und aß mit einem Appetit, wie sie ihn schon seit langer Zeit nicht mehr kannte. Inzwischen überlegte sie, was jetzt zu thun sei. »Eigentlich brauchte ich ja nur in den Omnibus zu steigen und nach Free-College zu fahren. Dort würde ich jedenfalls gleich erfahren, wo sie sind.« Aber der Gedanke, mit Madame Sanz sprechen zu müssen, widerstrebte ihr. Im Grunde ihres Herzens fürchtete sie sich davor. »Madame Sanz weiß noch nichts. Aber sie wird mich nach Pirnitz und Friederike fragen. Und ich müßte ihr etwas vorlügen. – Wer weiß, ob sie nicht schon von Paris aus telegraphiert haben. – – Nein, nein, ich werde nicht hingehen, wenn es nicht absolut notwendig ist.« Plötzlich kam ihr ein erlösender Gedanke: »Edith.« Das war der einfachste und zugleich der praktischste Weg. Edith hatte ihre Verbindung mit Georg von jeher begünstigt. Und wenn sie selbst nicht die Adresse der Ortsens wußte, so würde sie es gewiß gern übernehmen, sich bei Madame Sanz nach ihnen zu erkundigen. Es galt also, Edith aufzufinden. Lea wußte ihre jetzige Adresse nicht. Sie hatte zuletzt durch Daisy von ihr gehört, aber das war schon ziemlich lange her. Edith schrieb damals ihrer Schwester, daß sie ihre Stellung bei Clariß \& Sons aufgeben und Krankenpflegerin werden wolle. Lea entschloß sich, nach Walworth Road zu fahren und in der Fabrik nachzufragen. Vielleicht wußte man dort etwas von ihr. So zahlte sie denn und ließ ihre Reisetasche am Büffet aufbewahren. Dann stieg sie in den grünen Omnibus, mit dem sie schon damals immer nach Walworth Road hinausgefahren war. Es war jetzt gegen halb zehn. Das Wetter, hatte sich aufgeklärt, und die naßgeregneten Straßen trockneten in der stechenden Julisonne. Lea sog die Luft mit vollen Zügen ein. An der Ecke von Hampton Street stieg sie wieder aus und ging mit raschen, leichten Schritten auf die Fabrik zu. Der alte Portier erkannte sie erst, wie sie ihm ihren Namen nannte. »O Miß Legay-Syrier,« rief er dann – »das ist schön, daß Sie wieder da sind. Wollen Sie wieder bei uns in der Fabrik arbeiten?« »Nein,« antwortete Lea, »ich bin nur vorübergehend in London. Ich möchte nur gern die Adresse einer Dame wissen, mit der ich damals hier zusammen gearbeitet habe. Erinnern Sie sich noch an Miß Craggs?« »O ja – aber Miß Craggs ist seit dem Winter nicht mehr hier. Sie ist später noch einmal hergekommen. Ich habe sie damals nicht gesehn. Aber sie hat meiner Frau erzählt, daß sie als Krankenpflegerin mit einer jungen Dame nach dem Kontinent reisen wollte.« Lea erschrak so, daß sie beinah ohnmächtig geworden wäre. Aber sie faßte sich rasch wieder. »Wissen Sie denn nicht wohin?« »Nein – aber ich glaube, sie sind an die Riviera gegangen.« »Hat sie denn bis zu ihrer Abreise noch in Kensington gewohnt?« »Das kann ich Ihnen nicht sagen. Aber ich glaube schon. Wenigstens hat sie uns nie eine andre Adresse angegeben.« »Vielleicht kann ich es im Wesleyan-Club erfahren,« meinte Lea. »Das glaube ich auch. Miß Craggs war ja sehr häufig dort.« Lea drückte ihm ein Six-Pencestück in die Hand. Er bedankte sich und fragte dann: »Sind Sie krank gewesen, Mademoiselle?« »Nein – warum meinen Sie?« »Sie sind so mager geworden. Aber vielleicht haben Sie sich nur überarbeitet. Aber wenn Sie sich nur wohlfühlen, das ist die Hauptsache. Sie sollten nur in London bleiben, Sie haben damals immer so gesund ausgesehen.« Im Wesleyan-Club wußte man nur Ediths alte Adresse, in Kensington Road. So stieg sie denn wieder in den Omnibus und fuhr an das entgegengesetzte Ende von London. Es war schon beinah Mittag, als sie dort anlangte. Aber sie spürte keine Müdigkeit. Die Hoffnung, Edith doch schließlich ausfindig zu machen, hielt sie aufrecht. Als sie an dem kleinen Hause läutete, wo ihre Freundin damals gewohnt hatte, machte die Hauswirtin, Mrs. Pizett, ihr selbst auf. Auch sie schien Lea nicht zu erkennen. »Miß Edith ist mit einer kranken Dame nach dem Kontinent gereist,« antwortete sie auf Leas Frage. »Aber ich kann Ihnen ihre Adresse geben. Wollen Sie nicht einen Augenblick eintreten?« Sie führte Lea in das kleine Wohnzimmer der Pension. Dann setzte sie ihre Brille auf und suchte die Adresse unter einem Haufen von Visitenkarten. »Da ist sie – Miß Craggs, Hotel Metropole, Nizza.« »Von welchem Datum ist diese Adresse?« »Ende April.« »Haben Sie seitdem nichts von Miß Craggs gehört?« »Nein, sie hat ihr Zimmer damals gekündigt. – Übrigens hat bisher auch noch niemand nach ihr gefragt.« Sie blickte Lea jetzt prüfend an »Sind Sie nicht früher schon manchmal hier gewesen?« fragte sie dann. »Ja, vor zwei Jahren.« »O, aber damals sahen Sie viel besser aus. – Nehmen Sie sich in acht, Mademoiselle, das Klima in London ist gerade jetzt um diese Zeit gefährlich.« Schon wieder jemand, der sie schlecht aussehend fand! Lea ärgerte sich so darüber, daß sie ganz verstimmt wieder aufbrach. Übrigens beunruhigte es sie nicht weiter. Sie dachte nur: »Wenn Georg jetzt auch findet, daß ich schlecht aussehe! Nein, ich muß wieder schön und frisch sein, wenn er mich wiederfindet.« – Sie hatte ihre Toilette während der letzten Jahre sehr vernachlässigt, aber jetzt erwachte plötzlich wieder der Wunsch zu gefallen in ihr. »Ich werde mir ein neues Kostüm kaufen,« nahm sie sich vor, während sie ihr abgetragenes, schwarzes Kleid betrachtete. Inzwischen war sie wieder bei den Kensington Gardens angelangt. Es war drückend heiß. Lea suchte sich eine schattige Bank und ließ sich erschöpft nieder. Jetzt hatte sie doch wenigstens Ediths Adresse. Sie beschloß, gleich nach Nizza zu telegraphieren. Aber für die Rückantwort mußte sie doch irgend eine Adresse angeben, und sie wußte noch nicht einmal, wo sie wohnen sollte. Es war also jedenfalls am besten, sich zuerst nach einem Zimmer umzusehn und dann zu telegraphieren. Auf alle Falle wollte sie gleichzeitig an Georg und Tinka schreiben, um ihnen mitzuteilen, daß sie in London war. Sie konnte ja an Free-College adressieren. Immerhin würde es aber ein paar Tage dauern, bis eine Antwort eintraf, und wo sollte sie so lange bleiben? Durch ihre vielen Spaziergänge mit Georg hatte sie London so ziemlich kennen gelernt. Sie entschloß sich für die Gegend beim British-Museum, wo es zahlreiche und billige Zimmer gab. Als sie diesen Entschluß gefaßt hatte, stand sie wieder auf und machte sich auf den Weg. Nach längerem Suchen fand sie denn auch ein Zimmer, das ihr zusagte. Nachdem sie sich mit der Hauswirtin, Miß Cockington, über den Preis geeinigt hatte, setzte sie sich gleich hin, um ihre Briefe und das Telegramm zu schreiben. Dann brachte sie alles selbst auf die Post und bat Miß Cockington, ihre Reisetasche holen zu lassen. Als das geschehen war, warf sie sich in voller Kleidung auf das Bett und schlief sofort ein. Als sie wieder erwachte, fing es schon an, dunkel zu werden. Sie zündete das Gas an und trat vor den Spiegel. Und nun erschrak sie selbst darüber, wie sie aussah, in ihrer vernachlässigten Kleidung, mit dem fahlen Gesicht und dem glanzlosen, schlecht frisierten Haar. »Mein Gott, wie hab' ich mich verändert.« Sie war beinah froh, daß sie Georg nicht gleich aufgefunden hatte. »Er würde mich kaum wiedererkennen. Ich bin so viel häßlicher und älter geworden seit dem letzten Mal, wo wir uns sahen.« Sie nahm ein Bad und machte dann sorgfältige Toilette. Noch nie in ihrem Leben hatte sie ihr Äußeres einer so eingehenden Prüfung unterzogen, noch nie sich soviel Mühe mit ihrer Frisur und ihrer Kleidung gegeben. Ihre Reisetasche war inzwischen angekommen und Lea packte die wenigen Habseligkeiten aus, die sie an jenem letzten Abend in der Schule mitgenommen hatte. Zum Glück war eine Bluse aus melonenfarbenem Foulard dabei, die ihr gut stand. Aber weder Stiefel noch Unterkleider zum Wechseln! Und dieser abscheuliche Lehrerinnenhut, den sie in Paris immer getragen hatte! Nein, in diesem Aufzug konnte sie Georg nicht unter die Augen treten. Sie mußte sich äußerlich verwandeln, wie sie sich innerlich verwandelt hatte. Denn sie war jetzt nicht mehr jene Lea, die sich von Pirnitz und Friederike beherrschen und leiten ließ. Als sie dann zum Souper hinabging, machten Mrs. Cockingtons Töchter, Rosa und Mary, ihr zahllose Komplimente über ihre Schönheit und ihre Toilette. Die Mutter stimmte ihnen bei und erklärte, die Französinnen wären doch die einzigen, die sich so zu kleiden verstünden. Lea fing an, sich wieder schöner und gleichsam verjüngt zu finden und freute sich selbst über die etwas aufdringlichen Huldigungen der Familie Cockington. Sie erzählte ihnen, ihr Koffer sei ihr während einer Reise auf den Kontinent abhanden gekommen, sie wolle sich nur ein paar Tage in London aufhalten, um auf eine Adresse zu warten und diese Zeit benützen, um ihre Toilette etwas zu vervollständigen. Die kleinen Cockingtons erboten sich, ihr zu helfen, sie sagten, daß sie sich aufs Nähen verständen und waren auch wirklich ganz nett angezogen. Man kam überein, gleich morgen an die Arbeit zu gehen. Übrigens fragten sie Lea nicht weiter aus. Die Engländer sind im allgemeinen sehr diskret und pflegen sich nicht um die Angelegenheiten andrer zu kümmern. Das Gefühl der Freiheit berauschte Lea so, daß sie sich ohne allzu große Ungeduld in ihre jetzige Lage fand und ruhig abwartete. So verflossen mehrere Tage, ohne daß auf ihr Telegramm und ihre Briefe Antwort kam. Aber es war ja eigentlich nicht zu verwundern, da sie keine direkten Adressen gehabt hatte. Außerdem verging ihr die Zeit wie im Fluge, während sie sich mit Rosas und Marys Hilfe eine förmliche Aussteuer beschaffte. Übrigens glaubten die kleinen Cockingtons schon längst nicht mehr an Leas Geschichte mit dem verloren gegangenen Koffer. Sie neckten Lea damit und sagten ihr, sie wären fest überzeugt, daß sie sich verheiraten wolle und auf ihren Bräutigam warte. Sie hatten sich einen ganzen Roman zurechtgemacht: die junge Französin war gewiß ihren Eltern weggelaufen, um hier in England den Mann, den sie liebte, zu heiraten. Sie fanden das entzückend und ganz selbstverständlich und versicherten Lea, daß sie es ebenso machen würden, wenn »Mama« sie von ihrem »Sweet-Heart« trennen wollte. Die beiden Schwestern hatten nämlich jede einen »Schatz,« mit dem sie Sonntags und in ihren Mußestunden spazieren gingen. Was Mrs. Cockington selbst betraf, so pflegte sie manchmal einen bis zwei Tage einfach von der Bildfläche zu verschwinden, ohne daß ihre Töchter sich darüber zu wundern schienen. Als die ganze Woche verging, und immer noch keine Antwort kam, fing Lea an, unruhig zu werden. Sie schlief schlecht und sah leidend aus: Mrs. Cockington machte sie darauf aufmerksam. Sie dachte daran, daß sie für Georg schön sein müßte, wenn er nun endlich kam, und bezwang ihre Erregung. Sie war jetzt beinah fertig mit ihrer Ausstattung, der Anblick der zierlichen, mit Spitzen geschmückten Wäsche und der eleganten Kostüme, die sie mit Hilfe der kleinen Cockingtons zusammengeschneidert hatte, machte ihr mehr Freude, als sie es jemals für möglich gehalten hätte. Manchesmal, wenn sie so beim Lampenschein mit den jungen Mädchen zusammensaß und fleißig nähte, mußte sie an ihre verstorbene Mutter denken: die arme Christine hätte es gewiß so gut verstanden, daß Lea sich für den Mann, den sie liebte, schmücken wollte. Aber trotz alledem steigerte ihre Unruhe sich von Tag zu Tag. Noch einmal erwog sie die Möglichkeit, sich an Madame Sanz zu wenden. Sie versuchte, sich mit diesem Gedanken zu befreunden: Mein Gott, ich bin ja doch frei. – Und Madame Ganz ist vernünftig. – Wie aber, wenn sie auf diese Weise vielleicht gezwungen würde, Pirnitz und Friederike wieder gegenüberzutreten? Sie fühlte, daß das über ihre Kräfte ginge. Sie hatte es über sich gewonnen, ihnen zu entfliehen, aber sie würde nicht im stande sein, ihnen ins Gesicht zu sagen: »Nein, ich will frei sein, ich will nicht mehr bei euch bleiben.« Aber sie hatte ja an Madame Sanz schreiben können, sie unter dem Siegel der Verschwiegenheit um Hilfe bitten? Schon war sie halb und halb entschlossen, als ein unerwarteter Zwischenfall die Ausführung ihres Planes wieder verzögerte. Etwa elf Tage nach ihrer Ankunft in London ließ sie sich verleiten, mit Mrs. Cockington und ihren Töchtern einen Ausflug nach Wimbledon zu machen. Man fuhr im Boot zurück. Der Tag war heiß und sonnig gewesen, aber gegen Abend senkte sich plötzlich ein feuchter, eisiger Nebel über die Themse herab. Sie legten an und mußten eine halbe Stunde zu Fuß gehen, um die nächste Eisenbahnstation zu erreichen. Alle waren durchgefroren und in unbehaglicher Stimmung. Lea hatte heftige Rückenschmerzen. Zu Hause angelangt, legte sie sich sofort ins Bett und bekam einen heftigen Fieberanfall. Mrs. Cockington ließ am nächsten Morgen sofort einen Arzt holen, der eine leichte Bronchitis konstatierte. Sie mußte ein paar Tage im Bett bleiben. Wieder verging eine Woche, und Lea hatte noch keine Antwort. Als sie wieder völlig hergestellt war, fand sie eines Morgens ein Kouvert auf dem Tische. Es war die Rechnung des Arztes. Lea erschrak. Sie war Mrs. Cockington auch noch den Pensionspreis für eine Woche und die Auslagen für Apotheke u.s.w. schuldig. Sie hatte fast all ihr Geld für Toilettenanschaffungen ausgegeben, in dem festen Glauben, daß es nicht lange dauern könne, bis sie Georg wiederfand. Nachdem sie alles bezahlt hatte, blieben ihr nur noch sechs Shilling. Sie faßte einen raschen Entschluß, kleidete sich an und fuhr direkt nach Walworth Road. Da man sie in der Fabrik von Clarris \& Sons von jeher als tüchtige Kraft geschätzt hatte, wurde sie sofort wieder angestellt mit einem Gehalt von 3 £ pro Woche. Nur mußte sie sich auf drei Monate verpflichten. Sie unterschrieb alles, was vorgelegt wurde. »Es ist schließlich am besten so,« dachte sie, »wenn Georg mich wieder wie früher an der Arbeit findet.« – Die rastlos angestrengte Thätigkeit, die von jetzt an wieder ihr Leben ausfüllte, half ihr wenigstens die innere Unruhe besser zu ertragen. Sie mußte von neun Uhr morgens bis sechs Uhr abends in der Fabrik sein. Dann eilte sie heim, um an ihrer Aussteuer zu nähen, die immer mehr anwuchs. Der Gedanke, daß all diese feinen, weichen Stoffe und zarten Spitzen für Georgs Augen bestimmt waren, erfüllte sie mit lebhafter Seligkeit. Sie kam allmählich dahin, zu finden, daß für seine Braut nichts zu kostbar und nichts zu luxuriös sei. So gab sie alles, was sie verdiente, für ihre Toilette aus. Seit sie soviel Aufmerksamkeit an ihr Äußeres verwandte, kam auch ihre Schönheit wieder zur Geltung. Das schlanke junge Mädchen mit der geschmeidigen Gestalt, dem lichten Kraushaar und den fast allzu leuchtenden Augen erregte allgemeine Bewunderung. Aber Lea achtete nicht darauf, all ihre Gedanken konzentrierten sich in fieberhafter Erwartung auf den Augenblick, wo Georg sie in seine Arme schließen würde. »Und dann werde ich sein Weib sein,« dachte sie. Manchmal, wenn sie allein war, sagte sie es ganz laut vor sich hin, wiederholte es sich immer wieder wie eine erlösende Zauberformel. Und dann beschwor sie die seligen Stunden der Vergangenheit wieder vor sich herauf. Sie ging jetzt ganz auf in diesen Erinnerungen, vor denen sie sich lange Zeit förmlich gefürchtet hatte, und hütete sie wie einen kostbaren Schatz, von dem niemand etwas ahnte. Während sie so in seligen Träumen befangen einherging, war es schon Mitte August geworden und noch immer war keine Nachricht eingetroffen. Lea hatte stillschweigend darauf verzichtet, sich an Madame Sanz zu wenden, obgleich es der einzige sichere Weg gewesen wäre. Es war wie eine Art Aberglaube in ihr, daß das Schicksal sie auch so wieder mit dem Geliebten vereinigen müsse. Inzwischen hatte Mrs. Cockington zu ihrer großen Freude einige Miether bekommen. Es war eine Familie aus Chicago: Mr. und Mrs. Smith, mit zwei erwachsenen Töchtern und einem etwa zwölfjährigen Knaben. Die ganze Gesellschaft interessierte sich lebhaft für den geheimnisvollen Roman der jungen Pariserin und kam ihr mit großer Sympathie entgegen. Nur erregte ihr Gesundheitszustand die Besorgnis der amerikanischen Familie. Mr. Smith hielt sie für schwindsüchtig und fürchtete die Ansteckung für seine Kinder. Mrs. Cockington suchte ihn darüber zu beruhigen, sie zitterte davor, diese einträglichen Pensionäre wieder zu verlieren, die den ganzen Winter in London zu bleiben beabsichtigten. Lea selbst ängstigte sich nicht weiter über ihre Gesundheit, obgleich sie jetzt manchmal heftige Schmerzen zwischen den Schulterblättern spürte. Sie hielt es für eine Folge des vielen Sitzens. Auch die häufigen Nachtschweiße, die in letzter Zeit eintraten, erschreckten sie nicht. Sie wußte nicht, was dies Symptom bedeute und sprach mit niemand darüber. Die andern versuchten, sie darauf aufmerksam zu machen, daß sie sich schonen müsse, daß die Schwindsucht in London grassiere. Aber Lea tröstete sich damit: »Ich huste ja nicht – ich habe noch nie Husten gehabt.« Sie war sogar eigentlich nie erkältet, nur hatte sie manchmal das Gefühl von einem Hindernis in der Kehle, das sie jedoch nicht besonders belästigte. Eines Morgens im Atelier bekam sie einen leichten Blutsturz. Man brachte sie nach Hause, und sie fühlte sich so schwach, daß sie sich gleich zu Bett legte. Während sie so dalag und sich bemühte, den Atem nicht anzuhalten, um nicht zu husten, dachte sie nur: »Gott sei Dank, daß ich mit meiner Aussteuer fertig bin, denn jetzt bin ich krank und kann fürs erste nicht arbeiten.« Aber sie ängstigte sich immer noch nicht. Der Glaube an die Zukunft war zu stark in ihr. »Ich muß ja leben, um Georg wiederzusehen und ihm anzugehören.« – Die andern konnten ihre ruhige Heiterkeit nicht begreifen. Sie waren sich völlig klar darüber, wie es um sie stand. Mrs. Cockington war außer sich, denn die Familie Smith erklärte rücksichtslos, wenn sie Lea nicht fortschickte, würden sie sich eine andre Wohnung suchen. »Aber wo soll das arme Kind denn bleiben?« sagte sie, »sie hat keinen Menschen hier in London.« »Mein Gott, so soll sie einfach zu ihrer Familie zurückkehren, oder ins Krankenhaus, wo sie jedenfalls die beste Pflege haben würde. – Sie sollten einmal zu ihrem Chef gehen und mit ihm darüber sprechen, Mrs. Cockington.« – Mrs. Cockington wußte sich schließlich nicht mehr zu helfen und begab sich zu Clarris \& Sons. Man gab ihr zur Antwort, daß die Fabrikleitung bei Erkrankung ihrer Angestellten für einen Monat die Kosten übernehme. Nur waren sie in diesem Falle verpflichtet, in das Working-Royal-Hospital zu gehen. – – – – – – – – – – – Die gute Dame hatte erwartet, daß Lea sich heftig gegen diese Idee sträuben würde. Aber sie nahm es mit absoluter Gleichgültigkeit hin. Sie hing nicht besonders an diesem Hause, wo sie so lange vergeblich auf Georg gewartet hatte. Und wenn sie doch einmal im Bett liegen mußte, war es ja schließlich einerlei, wo. Aber als sie dann wirklich im Hospital lag und ganz sich selbst überlassen, nur noch eine Nummer unter so und so viel andern Nummern war, da kam das Gefühl ihrer traurigen Lage ihr mit einemmal überwältigend zum Bewußtsein. Sie lag in dem Saal für Schwindsüchtige: rings um sich her konnte sie an so manchen andern die schrecklichen Verheerungen dieser Krankheit wahrnehmen, von der sie sich selbst befallen wußte. Schwindsucht – unaufhörlich klang das verhängnisvolle Wort an ihr Ohr, aus den Gesprächen der Krankenpflegerinnen, der Ärzte, ja selbst der Patienten. Und zum erstenmal trat der Gedanke an die Möglichkeit ihres eigenen Todes an Lea heran, wenn sie all diese abgezehrten Gestalten um sich her sah, die bleich und still in ihren Betten lagen. Es standen etwa zwanzig Betten in ihrem Saal – fast lauter junge Frauen, wie sie, die husteten und über dieselben Schmerzen klagten wie sie. »Nein, ich kann nicht sterben.« Sie blickte sich um in dem großen, öden Raum mit den hellgrün getünchten Wänden – die warmen Strahlen der Augustsonne drangen durch die Fenster. Draußen sah man nur die dürftigen Platanenwipfel des Hospitalgartens und darüber ein Stückchen blauen Himmel. Dann und wann bewegte ein leichter Luftzug die Kattunvorhänge. »Nein, ich will nicht sterben. Es ist unmöglich, daß ich jetzt sterben muß.« Sie schloß die Augen, um all die Jammergestalten nicht mehr zu sehen, sie wollte das ohrenzerreißende Stöhnen der Kranken nicht mehr hören – sie verschanzte sich förmlich hinter dem Gedanken an die Zukunft – sie sprach mit Georg, als ob er selbst da wäre, und baute ein Luftschloß nach dem andern. Sie sah sich mit Georg vereinigt in irgend einem wunderbaren Lande, wo die Sonne schien und alles grünte und blühte. Mit verzweifelter Hartnäckigkeit suchte sie diese Vision immer wieder und wieder hervorzuzaubern, wenn das Fieber in ihren Adern glühte, wenn die Schmerzen sie quälten, und in den langen, schlaflosen Nächten. Wenn dann der erste dämmernde Morgenschein durch die Fenster drang, versank Lea in tiefen, erquickenden Schlummer. Aber wenn sie wieder erwachte, war sie so in Schweiß gebadet, daß sie wie in einem warmen Bad dalag. Sie mußte die Wäsche wechseln, die üble Laune oder die Unachtsamkeit der Wärterinnen ertragen, die Schmerzen bei der geringsten Berührung, – denn sie war entsetzlich abgemagert und konnte es kaum ertragen, daß man sie anfaßte. Wenn das vorüber war, fühlte sie sich an allen Gliedern wie zerschlagen. Und dann kam das Frühstück. Lea nahm fast gar nichts zu sich, ihr ekelte beim bloßen Anblick der Speisen. Der Arzt ihrer Abteilung, Dr. Ainsworth, war sehr unzufrieden mit ihr. Nach seiner Ansicht war Überernährung das einzige Mittel, um Schwindsucht zu heilen. Er hielt ihre Weigerung für bloßen Eigensinn und behandelte sie mit großer Strenge. »Wenn Sie nicht essen wollen, werden Sie auch nicht wieder gesund. Sie büßen infolge Ihres Leidens täglich ein Quantum von Lebenskraft ein, das durch kräftige Nahrung wieder ersetzt werden muß. Aber Sie wollen nichts zu sich nehmen, und so verringert sich Ihre Lebenskraft von Tag zu Tag.« Die angehenden jungen Ärzte, die mit ihm um das Lager standen, stimmten ihm überzeugt bei. Lea schloß die Augen, sie wollte nur in Ruhe gelassen werden. Sonst war es ihr jetzt völlig gleichgültig geworden, die Blicke all dieser Männer auf sich gerichtet zu sehen. Sie litt jetzt nicht mehr viel, und die Traumbilder, die immer wieder vor ihrem inneren Auge aufstiegen, halfen ihr über die langen Stunden des Tages hinweg. Mit ihren Leidensgefährtinnen hatte sie bald Freundschaft geschlossen. Es waren zum größten Teil einfache Fabrikarbeiterinnen, aber Pirnitz und Friederike hatten sie nicht umsonst in ihren apostolischen Ideen und Sitten unterwiesen. Es machte ihr sogar Freude, sich mit ihnen zu unterhalten und ihre Herzen zu gewinnen. Eine von ihnen, namens May Bodson, war ihr mit der Zeit besonders lieb geworden. Sie war ihrer Familie fortgelaufen, um mit ihrem Schatz zusammenzuleben. Aber dann hatte er sie verlassen und es war immer tiefer herabgegangen mit ihr. Was Lea am meisten bewegte, war die heitre Sorglosigkeit, mit der May Bodson von ihrer Krankheit und ihrem nahen Tode sprach. Sie machte sich nicht die geringsten Illusionen darüber. »Ja, mit mir ist's aus,« sagte sie. »Aber was thut das? Ich bin ganz mit meinem Schicksal zufrieden. Fünf Jahre lang bin ich mit meinem Schatz glücklich gewesen, und er war so gut gegen mich, – Wenn seine Mutter ihn nicht gezwungen hätte, eine andre zu heiraten, wäre ich jetzt vielleicht seine Frau. Aber so ist es mir lieber, zu sterben, als ohne ihn zu leben. – Nein, ich möchte nicht einmal wieder gesund werden. – Und little Tom (so nannten die Kranken den Dr. Ainsworth) hat neulich zu den andern gesagt: ›Die macht es keine vierzehn Tage mehr‹ « – – Lea beneidete sie beinah. »May hat Recht,« dachte sie. »Sie kann ruhig sterben, es ist sogar besser für sie, wenn sie stirbt. Aber ich – ich bin nicht fünf Jahre lang mit meinem Geliebten glücklich gewesen – ich kann noch nicht sterben.« Gegen Ende August änderte das Wetter sich, es wurde kalt und regnerisch. Dieser Umschlag machte sich auch bei den Patienten fühlbar. Sie wurden unruhig, husteten mehr, zwei von denen in Leas Saal erlagen ihrer Krankheit, für die der Herbst der gefährlichste Feind ist. Mit May ging es rasch abwärts, aber sie lächelte immer noch. Sie schien sich zu freuen, daß die Erlösung immer näher heranrückte. Auch Lea fühlte sich von Tag zu Tag schwächer. Sie nahm jetzt gar nichts mehr zu sich. Der Doktor gab es auf, sie zu überreden, und kümmerte sich kaum mehr um sie. Ein Gefühl von dumpfer Verzweiflung bemächtigte sich ihrer. Sie fühlte einen bittren Groll in sich aufsteigen, gegen diejenigen, die sie soweit gebracht hatten. Denn in ihrem Herzen klagte sie Pirnitz und Friederike an, daß sie sie von Georg getrennt, ihr Lebensglück zerstört hatten. Sie fühlte, wie ihre Kräfte schwanden, wie der Husten immer qualvoller wurde, und gab allmählich alle Hoffnung auf. Um diese Zeit fing sie wieder an, Blut auszuwerfen. Dann trat heftiges Fieber ein. Mehrere Tage hindurch lag sie halb bewußtlos da. Als sie allmählich wieder zur Besinnung kam, fühlte sie sich unsagbar schwach. Langsam schlug sie die Augen auf – es war früh am Morgen. Draußen schien wieder die Sonne. Lea mußte sich erst besinnen, wo sie war. Allmählich erkannte sie den Saal wieder mit seinen hellgrünen Wänden, mit all den weißen Lagerstätten. Sie warf einen Blick auf das Bett, das neben ihrem stand. – Es war leer. »May,« murmelte sie. Dann versuchte sie sich aufzurichten und rief noch einmal etwas lauter: »May Bodson.« »May ist nicht mehr da,« antwortete eine Stimme von der andren Seite des Bettes. »Christus hat sie zu sich gerufen.« Lea hatte nicht die Kraft, sich umzuwenden, um zu sehen, wer da gesprochen hatte. Aber jetzt kamen leichte Schritte auf sie zu. Eine Krankenpflegerin mit weißer Haube und Schürze beugte sich über sie. »Wie fühlen Sie sich jetzt?« fragte sie. Erst jetzt erkannte Lea sie. »Edith.« »Regen Sie sich nicht auf,« sagte Edith und bettete Leas Kopf wieder in die Kissen. »Sie müssen noch etwas schlafen. – Ich bin seit zwei Tagen bei Ihnen, Ihr Brief hat große Umwege gemacht, bis ich ihn bekam.« Lea blickte sie an, als ob sie sich nicht satt sehen könnte. Ein Gefühl von unsagbar frohem Hoffen zog wieder in ihr Herz ein. »Edith, gehen Sie nicht wieder fort.« »Nein, ich bleibe bei Ihnen. Wir sprechen später miteinander. Sie müssen jetzt noch etwas schlafen. Es wird alles wieder gut werden.« »Wissen Sie –?« fragte Lea. Sie hatte nicht die Kraft, mehr zu sagen. Aber Edith hatte sie verstanden. »Ja, ich weiß, wo sie sind. – Sowie Sie besser sind, fahren wir zusammen hin.« Lea atmete tief auf. »Jetzt will ich wieder leben.« Dann schloß sie folgsam die Augen und schlief wieder ein, während Edith neben ihr saß und in ihrem Gebetbuch las. V »Ist es nicht bald Zeit, Edith?« »Nein, liebste Lea, wir haben noch volle zwei Stunden, bis der Zug abgeht. – Ruhen Sie sich noch etwas aus. – Es ist ja schön hier.« – Sie saßen unter einer der hundertjährigen Ulmen, die den Platz vor der Kathedrale von Salisbury beschatten – Edith in ihrem schmucklosen Pflegerinnenkostüm, Lea in einem lichtbraunen Reisemantel.– Mit mütterlicher Zärtlichkeit blickte Edith auf das junge Mädchen. Sie hatte Lea schon immer sehr gern gehabt, aber seit sie sie gewissermaßen dem Tode entrissen, hatte ihre Liebe einen geradezu leidenschaftlichen Charakter angenommen. Der Tod hatte seine Beute wirklich wieder fahren lassen. Lea sah noch sehr blaß und durchsichtig aus, aber ihre Augen leuchteten, ihre Wangen röteten sich wieder, aus ihrem ganzen Wesen sprach der Wunsch, das Verlangen, wieder zu leben. Jene wenigen Worte: »Ich weiß, wo sie sind. Ich bringe Sie hin« – hatten Lea wieder ins Leben zurückgerufen. Sie befolgte von diesem Augenblick an die Vorschriften des Arztes, sie aß die zwölf harten Eier und trank die vier Liter Milch, die er verordnete, um nur bald wieder zu Kräften zu kommen. Übrigens hatte sie gebeten, nicht an Georg zu schreiben. Er sollte nicht wissen, daß sie in London war. Sie wollte ihn erst wiedersehen, wenn sie wieder gesund, wieder so schön geworden war, wie früher. Und jetzt waren sie auf der Reise nach Torquay, wo Georg sich mit der Familie Ebner aufhielt. Von dem nahen Kirchturm schlug es ein Uhr. »Noch drei und eine halbe Stunde, bis wir dort sind,« sagte Lea. »Ist es denn wirklich kein Traum, Edith?« »Nein, mein Liebling, es ist kein Traum. Unser Herr Jesus Christus hat Sie im Feuer der Trübsal geprüft – aber jetzt will er Sie Ihrem Bräutigam zuführen.« »Liebe, gute Edith,« murmelte Lea. Sie schlang ihre Arme um die Freundin und küßte sie. Dann fragte sie nach einer kleinen Pause: »Sehe ich auch nicht müde aus?« »Sie sehen aus wie eine Rekonvalescentin, aber Sie dürfen mir glauben, Sie sind reizend anzuschaun,« antwortete Edith. Edith blickte das junge Mädchen liebevoll an. Sie betrachtete Leas Genesung als ihr Werk und war stolz darauf, sie ihrem Verlobten bringen zu können. Es war von jeher ihr Wunsch gewesen, sie mit Georg zu vereinigen. Und doch konnte sie sich einer leisen Besorgnis nicht erwehren. Dr. Ainsworth hatte sich vor der Abreise von London nicht sehr günstig ausgesprochen: Sie hat erstaunlich zugenommen. – – Es ist nicht ausgeschlossen, daß sie wieder gesund wird, obgleich beide Lungen und auch die Stimmbänder angegriffen sind.« »Nein,« dachte Edith, »sie ist zu schön und zu lebenskräftig – sie kann und darf nicht sterben. Christus wird es nicht zulassen.« Um drei Uhr setzten sie ihre Reise mit dem Expreßzuge von London fort. Lea gab sich ganz der glückseligen Erwartung hin, während Edith in ihrer Bibel las. »Edith – sind Sie auch sicher, daß er am Bahnhof sein wird? – Ich glaube, ich könnte es nicht ertragen, wenn ich ihn nicht gleich sähe.« Edith blickte von ihrer Bibel auf: »Aber warum sollte er nicht da sein? – Er hat Ihnen doch selbst geschrieben, wie er sich nach Ihnen sehnt.« Es war so, wie Edith gesagt hatte. Auf Leas Wunsch hatte sie Tinka erst benachrichtigt, als Lea reisen durfte. Georg wußte erst seit vorgestern, daß Lea in England war. In überströmenden Worten hatte er seiner Freude Ausdruck gegeben. »Ist es denn wahr – ist es denn wirklich möglich – du kehrst zu mir zurück – meine Braut, mein geliebtes Weib –« – Exeter – Sherborne – Ottay. – Als sie Warton-Abbat passiert hatten, schloß Edith ihr Buch und beugte sich zu Lea hinüber. Leise, um nicht von den Mitreisenden gehört zu werden, sagte sie: »Lea, Sie vergessen nicht, was Sie mir versprochen haben?« »Nein, liebste Edith, gewiß nicht.« Edith hatte ihr noch vor der Abreise das Versprechen abgenommen, daß sie und Georg sich womöglich gleich nach der Ankunft kirchlich trauen lassen sollten. Nur unter dieser Bedingung konnte sie es mit gutem Gewissen auf sich nehmen, die beiden Liebenden zu vereinigen. »Sie dürfen nicht warten, bis Sie wieder ganz gesund sind. Sobald es sich machen läßt, müssen Sie den Priester aufsuchen. – Oder vielmehr, ich werde es Ihnen abnehmen.« Lea hatte es ihr lächelnd versprochen. Es war ihr sogar ein sympathischer Gedanke, an Georgs Seite vor dem Altar zu knieen und den Segen des Priesters zu empfangen. Und Georg würde gewiß nichts dagegen haben, wenn es auch nur war, um der guten Edith keinen Kummer zu bereiten. »Noch zehn Minuten bis Torquay, wir haben etwas Verspätung,« sagte einer der Mitreisenden und blickte auf die Uhr. Lea bebte vor nervöser Erregung. Gewiß stand er jetzt schon am Bahnhof und wartete. Sie fühlte, wie all ihre Gedanken, ihr ganzes Sein, ihm entgegenzitterte. Dann schloß sie die Augen und versuchte, sich den Geliebten vorzustellen. – Wie würde sie ihn wiederfinden? – So wie sie ihn damals gekannt und geliebt hatte, oder wie er in Paris vor ihr gestanden, als Pirnitz und Friederike sie ihm streitig machten. Als der Zug dann wirklich in Torquay hielt, fuhr sie wie elektrisiert in die Höhe. – Und dann war ihr wie im Traum, sie wußte kaum, was um sie her vorging – sie sah nur eine hohe, dunkle Männergestalt, die auf die Coupéthüre zustürzte. Und dann lagen sie sich in den Armen, und in einem doppelten Aufschrei hörte jedes von ihnen zum erstenmal wieder seinen Namen von den Lippen des andern. – – – – – – – – – – – Dann rollten alle drei in einem offenen Landauer die Chaussee entlang, die vom Bahnhof zum Städtchen führt. Georg und Lea waren so bewegt, daß sie kaum ein Wort sprachen. Lea saß neben Edith, deren gutmütiges rotes Gesicht vor Freude strahlte – Georg ihr gegenüber auf dem Rücksitz. Er hielt ihre beiden Hände gefaßt und sah ihr tief in die Augen. Im ersten Moment hatte ihr Anblick ihm fast das Herz zerrissen, – so entsetzlich verändert fand er sie. Und während er sie in die Arme schloß, fühlte er mit brutaler Gewißheit: sie ist verloren. Aber wie sie so dahinfuhren, Hand in Hand und ihre Blicke sich tiefer ineinandersenkten, milderte jener erste Eindruck sich allmählich, in ihren bleichen, eingefallenen Zügen fand er die einstige jugendfrische Lea wieder, und die Hoffnung rang sich wieder in ihm durch. Auch Lea konnte nicht aufhören, Georg zu betrachten. Ihre Blicke glitten liebkosend über seine Gestalt, sein schönes, männliches Gesicht. Noch vor wenigen Minuten hatte sie sich beinah ängstlich gefragt, wie werde ich ihn wiedersehen? Aber jetzt waren alle Zweifel und alle Angst vergessen, sie dachte nur noch daran, daß er ihr jetzt wirklich gegenübersaß, daß ihre Hand in der seinen ruhte. Der Wagen bog jetzt um eine Ecke. Lea erhob den Kopf und ließ ihren Blick über die Landschaft schweifen. »O – das hab' ich schon einmal gesehen –« rief sie plötzlich. Zur Rechten der Chaussee erhoben sich schroffe Felswände, zwischen deren rötlichem Gestein eine üppige Vegetation wucherte. Zur Linken dehnten sich weite, grüne Wiesen bis an das Meer – das weite, unendliche Meer, dessen türkisblaue Fluten im Sonnenschein leise auf- und niederwogten. »O, das hab' ich schon im Traum gesehen,« murmelte Lea, – »diesen Himmel, dieses schimmernde Meer und die roten Felsen. – Aber ich glaubte, es sei Italien, von dem ich träumte. – Ich weiß nicht, wie mir ist. – Georg, Georg, wenn es nur kein Traum ist.« »Aber Lea,« sagte Edith lächelnd – »warum sollte es ein Traum sein? Sie haben nur noch nicht gewußt, daß England das schönste Land auf der Welt ist.« Und Georg küßte ihr zärtlich die Hand: »Ja, Lea, hier an der Südküste vergißt man den Londoner Nebel. – Am Golf von Neapel ist es kaum so schön wie hier.« Die Felsen traten immer mehr zurück und ließen eine breite, geschützte Promenade frei. Auf den Sitzbänken sah Lea verschiedene abgemagerte Gestalten, die trotz der Wärme in dicke Plaids gehüllt waren. Das Herz krampfte sich ihr zusammen. Sie erkannte auf diesen bleichen Gesichtern die Spuren der furchtbaren Krankheit, die an ihrem eigenen Leben zehrte. Georg erriet ihre Gedanken und auch ihm schnürte die Angst die Kehle zusammen, so daß er kaum im stande war, zu sprechen. Sie fuhren jetzt durch die Stadt. Dann hielt der Wagen vor einem kleinen Sommerhäuschen am Quai. Über der Thür stand in schwarzen Buchstaben: Dartmors House. Ein kleines, etwa siebenjähriges Mädchen mit blondem Kraushaar und lebhaften, hellblauen Augen kam aus dem Hause gestürzt, riß die Wagenthüre auf, flog Edith um den Hals und bedeckte sie mit Küssen. »O Tante Edith, wie schön, daß du zu uns kommst. Edith wehrte lächelnd die stürmischen Liebkosungen der Kleinen ab. »Aber Ida, Ida, sei doch vernünftig.« Lea sah lächelnd zu, dann fragte Georg: »Wo ist Tinka?« »Mama erwartet euch im Wohnzimmer. Sie sagte, sie wäre zu nervös, um herunterzukommen. Karola ist bei ihr. – Karola ist nämlich meine Schwester,« fügte sie hinzu, während sie Lea mit großer Aufmerksamkeit betrachtete. Dann stiegen sie aus und folgten der kleinen Ida die hölzerne Treppe hinauf. Die Thür zum Wohnzimmer war offen – mitten in dem großen, lichten Raum, dessen Fenster auf das Meer hinausgingen – stand Tinka, – in ihrem weißen Piquékleid – regungslos wie eine Statue. Sie schien Georg und Edith gar nicht zu bemerken, sie sah nur Lea an, und ihre seltsamen, meergrünen Augen füllten sich mit Thränen. Und jetzt erst, in diesem Augenblick, fühlte Lea, daß es alles Wirklichkeit, daß es kein flüchtiger Traum war und der langgehemmte Strom ihrer Empfindungen brach jetzt gewaltsam hervor. Mit einem markerschütternden Schrei: »Tinka, Tinka – endlich,« warf sie sich in die Arme der jungen Frau. Dann brach sie ohnmächtig zusammen. Georg stürzte auf sie zu, nahm sie in die Arme und trug sie auf das Bett im Nebenzimmer. Erst gegen Abend erwachte Lea wieder, ihre Ohnmacht war bald in tiefen, gesunden Schlaf übergegangen. Sie lag eine Zeit lang im Halbschlafe da, der schrille Laut einer Schiffspfeife drang von draußen herein an ihr Ohr. Ihr Herz begann rascher zu schlagen, ein unklares Gefühl von Freude erfüllte sie: »Das Meer – das Meer!« Dann schlummerte sie wieder ein und im Traum sah sie wieder die weite, blauschimmernde Fläche vor sich mit ihren zahllosen Booten und weißen Segeln. Endlich schlug sie die Augen auf. Die Thür nach dem Salon stand offen. Die kleine Ida saß in einer Ecke, sie hatte ein Buch auf dem Schoß und that, als ob sie läse, aber Lea sah, wie die hellen Kinderaugen neugierig zu ihr herüberblickten. In diesem halb wachen, halb noch schlummernden Zustande glaubte sie noch andre Gestalten zu sehen, die sich im Nebenzimmer hin- und herbewegten – ein unbekanntes Gesicht mit kahler Stirn und mächtigem, blonden Bart – dann wieder Edith und schließlich irgend eine undefinierbare weibliche Gestalt mit rosa Schürze. Nur Georg und Tinka waren unsichtbar. Und nun wurde sie plötzlich unruhig und richtete sich etwas empor. In demselben Augenblick sagte das kleine Mädchen, das keinen Blick von ihr verwandte: »Mama, sie bewegt sich.« Gleich darauf stand Tinka neben ihr und beugte sich über sie: »Wie ist dir jetzt zu Mute, Liebling?« »O, viel besser, ich habe so schön geschlafen.« »Ja, wir haben uns gleich gedacht, daß du vor allem Ruhe brauchtest und sind möglichst leise gewesen, um dich nicht zu stören.« »Ich möchte jetzt aufstehen.« »Soll ich dir helfen?« »Nein, danke, Tinka, Edith kann mir helfen, sie ist es schon gewöhnt.« Lea empfand ein eigentümliches Gefühl von Scham bei dem Gedanken, daß Georgs Schwester sehen könnte, wie die schlimme Krankheit die Schönheit ihres Körpers verheert hatte. »Geh, Ida, und ruf Tante Edith.« Edith kam und half Lea, sich ankleiden. Sie vergaß ihrem geliebten Pflegling gegenüber ihre sonstigen, strengen Grundsätze in Bezug auf die Eitelkeit der Welt und schmückte das junge Mädchen, wie eine Mutter ihre Tochter zur Hochzeit schmückt. Es war Ediths sehnlichster Wunsch, daß Lea Georg gefalle und die Heirat möglichst bald zustande käme. Lea zog eines von den Kleidern an, die sie sich mit den kleinen Cockingtons selbst genäht hatte – ein leichtes, dunkelrotes Samtkostüm mit kleinen, gelben Tupfen, das ihrem blassen Gesicht einen wärmeren Schimmer verlieh. Als sie dann mit Edith, die höchst befriedigt über ihr Werk war, in den Salon trat, fühlte sie, daß alle sie bewunderten. »O Lea, liebste Lea, wie bist du schön. Du siehst jetzt wieder ganz gesund aus,« sagte Tinka, während Georg ihr schweigend die Hand küßte. Karola und Ida waren auch da, und schließlich noch ein älterer Herr mit echt germanischem Vollbart und goldener Brille. »Mein Mann, der Professor Ebner,« stellte Tinka ihn vor. In der Mitte des Salons war der runde Tisch gedeckt mit all dem schimmernden Krystall und Silber, das bei der englischen Tafel unentbehrlich zu sein scheint. Durch die hohen Bogenfenster drang die Dämmerung in das Zimmer, das mit all seinen Bildern, Waffen und überseeischen Nippsachen in dieser Beleuchtung einen märchenhaften Eindruck machte. Lea trat an das Fenster. Die südlich warmen Farben waren aus der Landschaft geschwunden, und ein leichter Nebel stieg vom Meere herauf. Georg war ihr gefolgt, er sah, daß sie melancholisch und enttäuscht war. »Der Nebel vergeht gleich wieder,« sagte er, »sobald es ganz dunkel wird. – Die Nächte sind dann wieder schön und warm.« Dankbar lächelnd sah sie ihn an. Dann trat ein blondes, junges Mädchen ein und zündete das Gas an. Lea wandte sich um, sie sah das hellerleuchtete Zimmer, den weißgedeckten Tisch mit all dem blinkenden Silberzeug, sie sah all die lieben Gesichter, die ihr freundlich zulächelten. »Ja, hier ist meine Heimat, hier bin ich zu Hause,« dachte sie. – Alles, was ihr vergangenes Leben ausgefüllt hatte, schien ihr in unendliche Ferne gerückt – Paris – die Schule – Pirnitz – Friederike. – Sie fühlte, daß erst jetzt, erst in diesem Augenblick das letzte Band zerriß, das sie noch an alles das gefesselt hatte. Georg und Tinka, die sie unverwandt anblickten, begriffen, daß Lea ihnen jetzt für immer angehörte, und ein tiefes Glücksgefühl durchzitterte ihr Herz. Der Professor hatte Lea ebenfalls beobachtet und glaubte aus ihrem Schweigen zu erraten, daß sie Hunger habe. »Tinka,« rief er mit seiner kräftigen Baßstimme, »so ruf doch Lizzie Morley, daß sie das Essen bringt. Mlle. Lea hat noch gar nichts zu sich genommen, seit sie hier ist. Man sieht ihr ja an, daß sie halb tot vor Hunger ist.« »Ja, du hast recht, Papa,« sagte Tinka, als ob sie aus einem Traum erwachte. – »Aber da kommt Lizzie ja schon. – Also zu Tisch.« Lizzie Morley – das schlanke, junge Mädchen mit der rosa Schürze, stellte die Mars d'omeres auf den Tisch und verschwand wieder. Dann setzte man sich. Während die andern ihr Souper mit Kaviar und kaltem Aufschnitt begannen, wurde Lea ein Teller heißer Bouillon mit Ei vorgesetzt. Ida vertraute ihrer Schwester an, daß sie auch davon kosten möchte, die dicke Karola konnte das Geheimnis nicht bei sich behalten und teilte es der ganzen Gesellschaft mit. Lea rief Ida lächelnd zu sich und ließ sie von der dampfenden Suppe kosten. Alle amüsierten sich über die ernste Miene, mit der die Kleine sich füttern ließ. »Sind die beiden nicht niedlich, Mlle. Lea?« fragte der Professor strahlend. »Entzückend,« erwiderte Lea. Der Professor legte Gabel und Messer hin und wurde ganz sentimental. »Ach, Mademoiselle, wenn Sie wüßten, was diese beiden kleinen Dinger mir gewesen sind. Wirklich, nur Ihnen verdanke ich es, daß ich damals den Lebensmut nicht verloren habe.« Lizzie trat wieder ein und stellte zwei gebratene Schneehühner auf den Tisch. »Lizzie,« sagte Ida mit ihrer klaren Kinderstimme, »ich habe die Bouillon von Mlle. Lea probiert. Aber ich finde, sie war zu salzig. Ich mag nicht so viel Salz,« » Far shame, Ida,« sagte Lizzie leise. Dann ging sie geräuschlos mit den Tellern hinaus. »Was ist das für ein junges Mädchen,« fragte Lea, »doch kein Dienstmädchen?« »Nein,« erwiderte Georg – »es ist die Tochter des Kapitäns Morley, dem das Haus gehört. Die Familie wohnt oben im zweiten Stock und vermietet während der Saison an Sommergäste.« Während sie so sprachen, hatte Tinka völlig geistesabwesend dagesessen und nachdenklich vor sich hingestarrt. Sie vergaß sogar, die Schneehühner zu tranchieren, Lea sah sie an, sie kannte diesen seltsamen Ausdruck in Tinkas Gesicht schon aus früheren Zeiten. »Aber du vergißt die Schneehühner, liebes Kind,« bemerkte der Professor. »O, Papa, bitte, tranchiere du sie.« »Jetzt schwebt sie wieder in den Wolken,« sagte er lachend und nahm das Tranchiermesser zur Hand. Tinka rührte sich immer noch nicht. »Unser Haus in Larmsoe,« murmelte sie vor sich hin. – »Ich glaube, ich hätte es doch nicht ertragen, es wiederzusehen, als Georg nach seiner italienischen Reise mich wieder mit meinem Mann aussöhnen wollte.« »Tinka,« unterbrach der Professor mit einem warnenden Blick auf die kleinen Mädchen, die aufmerksam zuhörten. »Was thut das, Papa?« erwiderte die junge Frau. – »Warum hast du immer solche Angst vor der Wahrheit? Ist es nicht besser, wenn man seine Kinder von früh auf an Wahrheit gewöhnt?« »Gewiß, gewiß,« sagte er schon im voraus überzeugt, »sei nicht böse. Ich weiß ja, daß du immer recht hast.« Tinka streichelte liebkosend seine Hand, dann fuhr sie fort: »Ich weiß nicht einmal, ob ich es jetzt ertragen würde, nach Finnland zurückzukehren und unser früheres Leben dort wieder aufzunehmen. Mir ist, als ob mein früheres Selbst dort in unserm alten Hause auf mich wartete – und ich fürchte mich vor ihm. – Siehst du, Georg – jene andre Tinka, die dort zurückgeblieben ist, ist unsern damaligen Anschauungen treu geblieben. Und wer weiß, ob sie mit der jetzigen einverstanden wäre. Damals hatte sie recht – aber kann das, was ich dann später that, deshalb Unrecht gewesen sein?« – Ich fürchte, ich würde dann zu der Überzeugung kommen, daß die Wahrheit überhaupt etwas relatives ist, was von den verschiedenen Lebenslagen abhängt, – Sag' mir, Georg, ist es dir nicht ebenso gegangen, als du nach Larmsoe kamst, um meinen Mann und die Kleinen zu mir zu bringen?« Georg hatte sich, während seine Schwester sprach, nachdenklich in seinem Stuhl zurückgelehnt. »Nein,« sagte er dann, »ich hätte dieses Phantom, von dem du sprichst, einfach bei Seite gestoßen. Ich war fest überzeugt, daß das, was ich that, das einzig richtige war. – Ich fühlte mich so stark, daß ich jedes Hindernis aus dem Wege geräumt hätte.« – »Und jetzt, Georg?« fragte Lea unwillkürlich. »Jetzt? – – Mein Gott, im Laufe der Zeit bin ich natürlich wieder etwas zum Barbaren geworden, besonders weil der Einfluß des lichten Südens mir fehlte. Die Erkenntnis der Wahrheit überwältigt mich nicht mehr so wie damals. – Wenn es damals nicht geschehen wäre, wer weiß, ob ich jetzt noch die Kraft haben würde, Tinka und Ebner wieder zu vereinigen. Es geht mir ähnlich wie Tinka, ich fühle eine gewisse Sympathie für unsre einstige Anschauungsweise, die uns damals zu jener sinnlosen Flucht trieb.« Der Professor Ebner ließ seine Gabel auf den Teller fallen und rief ganz entsetzt: »Wollt ihr jetzt am Ende noch einmal wieder von vorne anfangen? Und mich wieder mit den Kleinen allein lassen?« Das kam so naiv heraus, daß alle laut auflachten. Selbst die Kinder stimmten mit ein. Tinka sah ihn freundlich an und sagte: »Nein, Justus, – wir gehen nicht wieder von dir fort. – Ich sagte dir doch vorhin, daß mein Leben mit meiner jetzigen Überzeugung übereinstimmt.«– »Nun ja,« entgegnete er etwas kläglich. »Aber wenn du nun in Larmsoe dein andres Ich wiederfindest, wie du sagst – Gott weiß, was uns dann bevorsteht. Lieber will ich überhaupt nicht wieder nach Finnland zurück.« »Nein, Justus,« nahm jetzt Georg das Wort. »Grade weil unsre Überzeugungen sich gemildert haben, sind wir jetzt nicht mehr im stande, solche jähe Entschlüsse zu fassen wie damals. Wir sind jetzt beide zu der Überzeugung gekommen, daß es keine absolute Wahrheit giebt, die man auf alle Lebenslagen anwenden könnte.« Ebner schenkte sich etwas beruhigt ein Glas Bier ein und sagte: »Du willst damit sagen, daß es eben eine subjektive und eine objektive Wahrheit giebt – das ist nicht zu bestreiten.« Georg schwieg, aber Edith, die bis dahin nur zugehört hatte, protestierte jetzt mit großer Lebhaftigkeit: »Wie können Sie so etwas sagen?« rief sie in strengem Ton. »Es giebt nur eine Wahrheit, denn unser Herr Christus hat gesagt: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.« – – Ida und Karola sahen sich an und gaben sich alle Mühe, nicht herauszuplatzen. Tante Ediths Bibelsprüche bildeten eine unerschöpfliche Quelle der Heiterkeit für sie. Lea hatte die ganze Zeit über kein Wort gesagt. Das Gespräch zwischen Tinka und Georg klang wie eine süße, heimatliche Melodie an ihr Ohr, die sie seit langer Zeit nicht mehr vernommen hatte. Aber auch der Sinn dessen, was sie sagten, erfüllte sie mit tiefer Freude. Es that ihr wohl, daß sie ihre Vergangenheit, ihre einstige Anschauungsweise, nicht verleugneten, daß sie denselben Georg und dieselbe Tinka in ihnen wiederfand, die sie dereinst als so unendlich weit über allen andern stehend empfunden hatte. Ein Gefühl von heißer Zärtlichkeit gegen all diese Menschen, die sie jetzt umgaben, wallte in ihr aus. Inzwischen hatte Ebner Champagner eingeschenkt. Die kleinen Mädchen, die auch davon zu kosten bekamen, fingen an, durch ihr kindliches Geplauder das Gespräch der andern zu übertönen. Ida war auf Georgs Schoß geklettert. »Onkel Georg,« rief sie übermütig, »jetzt wirst du wohl etwas mehr zu Hause bleiben, wenn Mlle. Lea da ist.« »Willst du uns jetzt nicht einmal mit aufs Meer nehmen?« fragte Karola etwas schüchterner. Tinka erzählte Lea währenddem, was für ein seltsames Einsiedlerleben Georg seit seiner Rückkehr aus Paris geführt hatte. »Solange wir noch in London waren, hat er außer mit uns und Edith mit keinem Menschen verkehrt. Und was für Mühe hat es uns gekostet, ihn von London fortzubringen. Wir gingen dann zuerst nach Cornwallis. Dort fing er mit einem Mal an, für das Meer zu schwärmen. Manchmal war er wochenlang mit den Fischern draußen. Wie hab' ich mich damals um ihn geängstigt. Auf einer von diesen Fahrten entdeckte er Torquay – die herrliche Gegend hier erinnerte ihn lebhaft an Italien. Er ließ uns keine Ruhe, bis wir hierher übersiedelten.«– »Und als ihr hier waret?« fragte Lea. Georg spielte immer noch mit den beiden Kindern. Dann und wann sah er auf und begegnete Leas Blick. Er lebte auch hier eigentlich ganz für sich. – Aber die weiten Meerfahrten schienen ihm keine Freude zu machen. Es ist hier in der Nähe von Torquay, etwa zwei Meilen von der Küste entfernt, eine kleine Felseninsel – Gilder Rock – mit einer halbzerstörten Kapelle. Dort hat er sich eine Art von Atelier eingerichtet, in dem er sich fast den ganzen Tag aufhielt. – In warmen Sommernächten hat er sogar manchmal dort geschlafen. – Ich kenne Gilder Rock nur von ferne. Georg hat mich nie dorthin mitnehmen wollen, ebensowenig wie die Kinder, die ihn schon lange darum bitten.« »Mich wird er mitnehmen,« dachte Lea. Sie sehnte sich danach, diesen Ort kennen zu lernen, wo er seine einsamen Stunden zugebracht hatte. Als sie vom Tisch aufstanden, führte Lizzie einen schlanken, jungen Mann mit energischen Zügen und schwarzem Bart herein. »Aha, der Doktor,« rief Georg. Dann stellte er ihn Lea vor. »Doktor Bryce, unser guter Freund.« Lea verneigte sich leicht. Der scharfe Blick, den der junge Arzt auf sie richtete, machte sie verwirrt. Lizzie wollte die Kinder mit hinausnehmen, aber Ida wehrte sich und rief: »Lieber Doktor, sagen Sie, daß ich noch nicht zu Bett muß.« »Sie liebt den Doktor so,« sagte Tinka, »weil er ihr das Leben gerettet hat. Sie war im letzten Juni schwer krank an Diphtheritis.« »Ja,« erklärte Ida ernsthaft, »er hat mir das Leben gerettet und deshalb will ich ihn heiraten.« Bryce setzte sich. Er sprach wenig und schien Lea mit großer Aufmerksamkeit zu beobachten. Sie erriet, daß er ihretwegen gekommen sei. Nach einiger Zeit verabschiedete er sich wieder. »Also auf morgen?« Dann fügte er auf Georgs fragenden Blick hinzu: »Nein, ich will Mademoiselle heute noch in Ruhe lassen. – – Wenn Sie gestatten, so komme ich morgen vormittag wieder. Dann können wir die Sache etwas näher besprechen.« – Dann sagten Karola und Ida gute Nacht und verschwanden mit Lizzie. Georg öffnete die Fenster. Der Nebel war verschwunden, die Luft ruhig und warm. »Laßt uns etwas auf den Balkon gehen,« sagte Edith. »Wo ist denn dein Mann, Tinka?« fragte Lea, die plötzlich entdeckte, daß der Professor verschwunden war. »O, er pflegt nach den Mahlzeiten ein Schläfchen zu halten und ist jedenfalls in sein Zimmer gegangen, weil er sich vor euch geniert.« Sie traten auf den Balkon hinaus, wahrend Lizzie Morley den Tisch abräumte. Lea stand zwischen Georg und Tinka, an die eiserne Balustrade gelehnt, und blickte auf die nächtliche Landschaft hinaus. Wie in tiefem Schlummer lag das Meer da, nur dann und wann glitt ein phosphoreszierendes Leuchten darüber hin. »O, Tinka,« murmelte sie, »wie ist es hier schön. Ich will immer bei euch bleiben – ich will leben und glücklich sein.« »Ja,« erwiderte die junge Frau – »wir wollen diese Stunde voll genießen – es ist ein Haltepunkt in unsrem Leben, nach einem schweren Leidensweg. – Ich fühle wie du, daß jetzt das Glück zu uns kommt.« Dann schwiegen sie wieder. Georg und Lea dachten an jenen Abend in Richmond – wo sie ebenso wie heute nebeneinander auf der Terrasse gestanden und in die Nacht hinausgeblickt hatten. Es war dasselbe Sehnen, dasselbe Verlangen nacheinander, was sie damals bewegt hatte. Nur daß sie glaubten, es bekämpfen zu müssen und nicht wagten, es sich einzugestehen. – Aber jetzt hatten sie sich zur inneren Freiheit durchgerungen, nach schweren Prüfungen hatten sie sich wiedergefunden, um einander für immer anzugehören. Und doch kam dasselbe quälende Schamgefühl aufs neue über sie, das sie damals voneinander getrennt hatte. Beide fühlten sich beinah erleichtert, daß sie nicht allein waren. – Aber jetzt sagte Tinka plötzlich: »Ich muß noch einmal nach den Kleinen sehen.« Georg und Lea wandten sich nach ihr um und sahen nun, daß auch Edith verschwunden war. Sie waren allein. Lea blieb einen Augenblick unentschlossen stehen, dann wollte sie Tinka folgen. Aber Georg faßte sie sanft am Arm: »Bleib', Lea.« Dann zog er sie mit sich fort an das äußerste Ende des Balkons. In dem schwachen Lichtschein, der vom Zimmer her ins Freie fiel, blickten sie sich an. Lea ließ kraftlos die Arme sinken, während er sie mit nervös bebenden Fingern liebkoste. Er schlang die Hände hinter ihrem Nacken zusammen und bog ihren Kopf leicht hintenüber. Ihr schwindelte vor Glückseligkeit, sie ergab sich ihrem geliebten Sieger, sie wollte nichts mehr von dem unüberwindlichen Schamgefühl wissen, das gegen diese Niederlage protestierte. Sie wollte nur noch ein Weib sein, wie alle andern. Aber irgend etwas in ihr sträubte sich immer noch dagegen. Sie seufzte tief auf, als sie seinen heißen Atem über ihr Gesicht hinstreichen fühlte und stammelte verwirrt: »O Georg – ich bitte dich – – noch nicht.« Aber schon hatten seine Lippen sie berührtem einem langen, endlosen Kuß schmolz ihr Widerstand hin. Sie war nicht mehr im stande zu denken. Jetzt war er der Sieger und sie die Sklavin. Und doch regte sich wieder ein leises Gefühl von Bitterkeit in ihrem Herzen, sie fühlte, daß ihr Verlangen nicht mehr so rein war wie damals, als sie sich zum erstenmal geküßt hatten. Wie erschöpft von dem Übermaß ihrer Empfindungen barg sie den Kopf an seiner Brust. Er beugte sich zu ihr herab und murmelte leise mit unsicherer Stimme: »Lea, ich möchte bei dir bleiben – heute nacht – dich nie wieder von mir lassen.« – »Nein, ich flehe dich an, du Einziger –« antwortete sie und es lag etwas so rührend Bittendes in ihrem Ton – »laß es jetzt noch nicht sein. Laß mich erst wieder schön werden – wie früher – für dich – damit du mich lieben kannst.« VI Wie oft hatten sie beide während der langen Trennungszeit von dem Augenblick ihrer Wiedervereinigung geträumt, sich ausgemalt, wie ihr gemeinsames Leben sich dann gestalten würde: eine Fortsetzung jener glücklichen Londoner Zeit, nur diesmal in voller Freiheit und losgelöst von allen Hindernissen. Und jetzt war die Prüfungszeit vorüber, sie hatten sich wiedergefunden. Sie waren frei, sie liebten sich, und nichts stand ihrer Liebe entgegen. Die kirchliche Trauung war auf Ediths Bitten bald nach Leas Ankunft vollzogen worden. Wenn auch Georg auf den Wunsch des Doktors sein Zimmer im zweiten Stock beibehielt, wahrend Lea mit Edith zusammen neben dem Salon schlief – wenn auch Lea ihn bat, den Zeitpunkt ihrer völligen Vereinigung noch hinauszuschieben, bis sie wieder schön und gesund geworden war – so schien doch wenigstens äußerlich nichts die Glückseligkeit des bräutlichen jungen Paares zu trüben. Und doch empfanden sie beide, daß es anders war als damals, daß jene ungetrübte Zeit ihrer ersten Liebe niemals zurückkehren würde. Damals fühlten sie sich so ruhig, so sicher in dem, was sie für das Rechte hielten. Jetzt hatten sie eingesehen, daß jene schönen Theorien, an die sie so fest geglaubt hatten, nicht unumstößlich waren. Und beide fühlten, daß sie nicht ungestraft auf jenen lichten Höhen gewandelt waren. Es war ein leises Heimweh danach in ihnen zurückgeblieben, obgleich sie doch aus freiem Entschluß ins volle Leben hinabgestiegen waren. Sie wollten sich lieben, wie jedes andre Ehepaar, sich mit Leib und Seele dem Naturgebot unterwerfen – und es gab Augenblicke, wo der natürliche Instinkt triumphierte, aber gleich darauf überkam sie wieder ein seltsames Unbehagen, die traditionelle Scham der ersten Menschen im Paradiese. Zu lange hatten sie die Ehe, das Verhältnis zwischen Mann und Weib überhaupt, als einen unwürdigen Zustand empfunden – als egoistische Tyrannei auf der einen, als sklavische Unterwerfung auf der andern Seite. Sie hätten einander angehören wollen, ohne dieses Gesetz anzuerkennen, und doch fühlten beide, wenn das Verlangen sich regte, daß es auch an ihnen sich vollziehen würde. Georg sah es an Leas flehendem Blick, der sich gleichsam gegen ihn zu verteidigen schien, und Lea las in seinen Augen etwas von der brutalen Rücksichtslosigkeit der männlichen Begierde, vor der sie unwillkürlich zurückschrak. Niemals hatte einer von ihnen dem andern auch nur den leisesten Vorwurf gemacht, aber jeder zürnte sich selbst, er wegen seiner Gewaltsamkeit und sie wegen ihres Widerstandes. Und so endigten ihre Umarmungen fast immer mit einer eigentümlichen Dissonanz. Es kam noch etwas andres hinzu, wie ein Gespenst, das nie von ihrer Seite wich, das sich fremd zwischen sie stellte: Leas Krankheit. Der Gedanke, daß der Tod sie, kaum vereinigt, wieder voneinanderreißen sollte, das Leben ihnen nicht halten, was es ihnen so hoffnungsreich versprochen – erfüllte sie mit solchem Entsetzen, daß sie es sich nicht einmal einzugestehen wagten. Vergebens suchte Georg sich einzureden, daß Lea gerettet sei, es gab Stunden, ja Tage, wo er selbst davon überzeugt war, aber dann mit einem Schlage drängte die furchtbare Gewißheit sich ihm wieder auf – bei jedem Wort, das sie sagte – bei jedem Schritt, jeder Bewegung. Manchmal schien für einen Moment alles Leben aus ihrem Gesicht zu weichen, die Wangen furchten sich, die Mundwinkel sanken schlaff herab, die Augen blickten starr und glanzlos in die Ferne. Sie schien es selbst nicht zu fühlen, aber wenn sie Georg ansah, erriet sie, was er dachte. Und dann nahm sie sich krampfhaft zusammen. Ihre Augen leuchteten wieder auf, sie lächelte ihn an, – sie wollte ja schön sein, wollte leben – für ihn – mit ihm. Sie suchten sich gegenseitig darüber hinwegzutäuschen, aber vergebens. Sie konnten sich nicht auf eine Stunde voneinander trennen, und doch wurde diese Einsamkeit zu Zweien ihnen zur Qual. Die bange Scham des Verlangens, und die nagende Angst vor dem Tode – es ging über ihre Kräfte, das zu ertragen. Sie schlossen sich stumm in die Arme, ohne von dem zu sprechen, was auf ihnen lastete, und dann kamen sie stillschweigend überein, sich wieder unter die andern zu mischen. Denn sie alle kannten ja die romantische Geschichte der beiden jungen Leute, sie alle bestürmten den Arzt nach seinem täglichen Besuch mit Fragen und beunruhigten sich über seine ausweichenden Antworten. Georg und Lea fühlten sich wohler inmitten der stillen Geschäftigkeit von Dartmoor-House, wo alle ihnen freundlich zulächelten, ihre Liebe feierten und an ihrem tragischen Schicksal teilnahmen. Tinka pflegte sich gewöhnlich im Salon aufzuhalten. Dort saß sie stundenlang an ihrem kleinen Schreibtisch neben dem offnen Fenster und kritzelte mit ihrer unregelmäßigen Kinderhandschrift einen Bogen nach dem andern voll. Sie war schon seit einigen Wochen mit einem neuen Roman beschäftigt, der sich um das Schicksal der Pariser Frauenschule und jene Auserwählten drehte, die das ganze Geschlecht regenerieren wollten und die »neue Eva« verkündigten. Lea mußte ihr immer wieder davon erzählen, ihr alles bis in die kleinste Einzelheit hinein schildern. Die kleine Ida war der ausgesprochene Liebling ihrer Mutter und saß immer um sie, während Carola sich nur ungern von ihrem Vater trennte und ihn auf allen seinen Spaziergängen begleitete. Edith war den ganzen Tag über verschwunden, sie hatte eine etwas methodistisch angehauchte Gesellschaft von Frauenrechtlerinnen in Torquay entdeckt, mit der sie fast ausschließlich verkehrte. Wenn sie nach Hause kam, erzählte sie begeistert von ihren neuesten Plänen: sie sollte im Auftrag eben jener Frauen nach Queensland reisen, die dort eine blühende, auf dem Prinzip der absoluten Gleichberechtigung beruhende Kolonie gegründet hatten. Allabendlich aber nahm sie wieder ihren Platz in Leas Zimmer ein, wo man ein Feldbett für sie aufgeschlagen hatte. Denn obgleich Leas Gesundheit sich entschieden kräftigte, waren die Nächte immer noch unruhig und qualvoll. Und Edith hatte es sich zur Aufgabe gemacht, sie zu pflegen, bis sie wieder ganz hergestellt war. Dann erst wollte sie die Reise nach Queensland antreten. Nach dem Abendessen versammelten alle sich im Salon, Georg setzte sich an das altmodische Klavier und spielte, oder Tinka sang wie in alten Zeiten finnische Lieder, während Edith ab und zu ging, nachsah, ob die Kleinen ruhig schliefen, oder Lizzie bei ihrer Arbeit half. Manchmal vertieften die Geschwister sich in eines der einfachen, ernsten Gespräche, in denen sie sich über die leitenden Motive ihrer Handlungen klar zu werden suchten. Ebner warf hier und da eine metaphysische Bemerkung ein, und Edith einen ihrer ewigen Bibelsprüche. – Und diese friedlichen Abende waren Lea lieber als die von unruhigem Verlangen durchlebten Stunden der Einsamkeit. Ihre Wangen röteten sich und ihre Augen leuchteten. Sie wußte, daß sie wieder schön war und sie fühlte, daß Georg ihre Schönheit bewunderte. Und dann faßte sie seine Hand und sagte: »Ich bin so glücklich, Georg.« Gegen Mitte September fing Leas Gesundheit tatsächlich an, sich zu bessern. Draußen herrschte eine geradezu südliche Temperatur. Es war noch einmal Sommer geworden, voller, blühender Sommer mit langen, warmen Tagen, wolkenlosem Himmel und tausendfachem Blumenduft. Und diese belebende Wärme schien Leas Kräfte thatsächlich wieder zu heben. Dr. Bryce, der sie jeden Tag auskultierte, wagte es endlich, eine etwas günstigere Prognose zu stellen. Und neue Hoffnung zog in das Herz der beiden Liebenden ein. Sie fanden den Glauben an das Leben wieder, und je mehr der Gedanke an den Tod in den Hintergrund trat, wurde auch ihre Liebe ruhiger und harmonischer. Die krankhafte, nervöse Sehnsucht wich mehr und mehr dem gesunden Verlangen nach dem Augenblick, wo sie einander ganz angehören dürften, in voller Freiheit und ohne moralische Bedenken. Lea sehnte sich jetzt nach Luft und Bewegung; so fingen sie wieder an, Touren zu machen, anfangs im Wagen und dann zu Fuß, wie in den Londoner Tagen. Die Stadt und der Badestrand waren ihnen unsympathisch, denn oft, allzu oft, begegneten sie dort dem obligaten Rollstuhl, in dem irgend ein abgezehrtes Wesen mit hohlen Wangen und tiefliegenden, fieberhaft glänzenden Augen spazieren gefahren wurde. In dem Maße, wie Leas Kräfte zunahmen, machten sie immer weitere Streifzüge in die Umgegend, am Strande entlang. Manchmal fuhren sie mit der Eisenbahn bis zu irgend einer ländlichen kleinen Station und machten von dort aus aufs Gradewohl Entdeckungsreisen durch die üppigen Kornfelder und grünen Wiesen von Devonshire. Wenn sie müde waren, kehrten sie in einem der zahlreichen Landwirtshäuser ein, um zu frühstücken. Nachher ruhte Lea sich auf dem Kanapee oder in einem der bequemen, altmodischen Lehnstühle aus. Georg saß neben ihr und hielt ihre Hand in der seinen. Gegen Nachmittag pflegten sie dann zeitig heimzukehren, denn Dr. Bryce hatte dringend geraten, die Abendluft zu vermeiden. Bei diesem stundenlangen Aufenthalt in freier Luft bekamen Leas Wangen wieder Farbe. Georg blickte sie an und dachte: »Nein, es ist unmöglich, daß sie wirklich ernstlich bedroht ist, das Leben ist zu intensiv in ihr. Der Schmerz, alles, was sie ausgestanden, hat ihre Gesundheit untergraben, – das ist alles.« Das Meer übte großen Zauber auf sie aus, stundenlang konnten sie am Strande sitzen und auf die blaue, unendliche Fläche hinausblicken. Und dann sprachen sie von vergangenen Zeiten, von den bitteren Stunden der Trennung. Sie lebten alles in Gedanken noch einmal durch und wunderten sich darüber, daß sie früher einmal so ganz anders gedacht und gehandelt hatten. Und doch fühlten beide, daß ihr innerstes Wesen sich nicht verändert hatte, nur hatte das Leben sie an Erfahrungen reicher gemacht. Sie freuten sich über das, was jeder in dem andern wiederfand, und doch hätten sie selbst die Wunden nicht vermissen mögen, die Schmerz und Trennung ihnen geschlagen hatten. Es war schon lange Leas Wunsch gewesen, mit Georg nach jenem Gilder Rock hinüberzufahren, von dem Tinka ihr erzählt, – wo Georg sich vor aller Welt verborgen hatte, um seinem Schmerz nachzuhängen. Aber Bryce hatte es bis jetzt nicht erlauben wollen, er fürchtete, daß die Erschütterung einer Meerfahrt Lea schaden könne. An einem Sonntag Morgen fühlte sie sich beim Erwachen so wohl und heiter, wie seit lange nicht. Sie warf rasch ihren Schlafrock über und eilte ans Fenster. Das Meer lag schimmernd im Sonnenschein da, keine Welle rührte sich. Gilder Rock ragte von bläulichem Morgennebel verschleiert aus der Flut empor. Sie hatte die größte Lust, heute eine Bootfahrt zu versuchen. Edith war schon zur Kirche gegangen, wo sie den ganzen Sonntag verbrachte. So kleidete Lea sich allein an. Sie fühlte sich heute vollkommen gesund, weder Husten, noch Atembeschwerden. Beim ersten Frühstück fiel es allen auf, wie schön und froh sie aussah. Heimlich vertraute sie Georg ihren Wunsch an. Er war heute so zufrieden mit ihrem Aussehen, daß er ohne weiteres ja sagte. So machten sie sich denn gleich nach dem Frühstück auf den Weg, ohne den täglichen Besuch des Doktors abzuwarten, und ohne den andern etwas von ihrem Plan zu verraten. Der Strand und die Promenaden waren fast menschenleer. Überall Sonntagsstille. Es kam ihnen vor, als ob die ganze Gegend, die Felsen, der Sand, das Meer, ihnen heute ganz, allein gehörte. Sie gingen außen um die Stadt herum und dann den Weg nach Baccacombe und St. Marys Church, zwei kleinen Stranddörfern, entlang. Dann schlug Georg einen schmalen Pfad ein, der direkt an das Ufer hinabführte. Am Rande des Weges stand ein kleines Haus mitten in einem etwas verwilderten Garten. Als Georg an die Thür klopfte, trat ein alter Fischer mit weißem Haar heraus. »Guten Tag, Sir.« »Guten Tag, Bissie, wie geht es denn bei Ihnen?« »O, ganz gut – meine Frau ist nicht da. Sie hat schon Angst um Sie gehabt, weil Sie so lange nicht da waren. Sind Sie krank gewesen?« »Nein, Bissie – – ist das Boot drunten?« »Ja, wollen Sie den Schlüssel?« Er suchte in seiner Tasche und reichte Georg einen halbverrosteten Schlüssel. »Wie wird das Wetter heute, Bissie?« »O, es wird wahrscheinlich noch regnen, es ist zu warm. Aber wenn Sie nur bis zum Rock fahren – sehen Sie das Wetter ja kommen und können leicht zurück sein, ehe es anfängt.« »Komm, wir wollen uns eilen,« sagte Lea. Wie zwei fröhliche Kinder liefen sie an den Strand hinab. Georg machte das Boot los, schob es ins Wasser und half Lea hinein. Sie setzte sich ans Steuer, während er kräftig drauflos ruderte. In einer halben Stunde hatten sie den Felsen erreicht. Das Meer war so ruhig, daß Lea nicht das geringste Unbehagen spürte. Eine in den Fels gehauene Treppe führte zu der Plattform, auf der die ehemalige Kapelle erbaut war. Sie war im Laufe der Zeit völlig verwittert, die zum Teil zerstörten Mauern mit Moos und üppig wuchernden, weißblühenden Schlingpflanzen bedeckt. Georg zog die Segeltuchvorhänge auf, die Bissie vor der Thür und dem großen Bogenfenster angebracht hatte, um das Eindringen des Regens zu verhindern. Dann führte er Lea in das Innere der Kapelle. »Sehr gemütlich ist es hier nicht,« fügte er lächelnd, während sie ihm neugierig und zugleich tiefbewegt folgte. Das ganze Mobilar bestand aus Georgs Malgerät, das in einer Ecke aufgestapelt war, aus einem Divan, einem Sessel und einem Tisch. Auf dem ehemaligen Altar im Hintergrunde stand eine mächtige Schiffslaterne. »Und doch habe ich manchmal Tage und Nächte hier zugebracht,« sagte Georg. »Georg, was haben wir beide gelitten, ehe wir uns wiederfanden,« murmelte sie leise. Dabei lehnte sie sich an seine Brust und blickte sich um in diesem romantisch dürftigen Raum, wo ihr Freund nur seinem Schmerz, nur seiner Erinnerung an sie gelebt hatte. Das Gewölbe hatte grade über dem Chor einen Spalt, durch den der blaue Himmel und die Baumzweige hereinblickten. Georg schob den Divan an das halbverfallene Fenster, damit Lea auf das Meer hinaussehen konnte. Die Sonne stand schon fast im Mittag und sandte ihre glühenden Strahlen senkrecht auf die Wasserfläche hinab, die wie flüssiges Kupfer schimmerte. »Ich bin froh, daß keine andre Frau wie ich mit hierher gekommen ist,« sagte Lea. Georg erriet, daß sie an die Frauen Italiens dachte, die ihn in die Geheimnisse der Wollust eingeweiht hatten. Und jene flüchtigen Freuden erschienen ihm in der Erinnerung so schal und nichtig, daß er nicht einmal mehr bereute, sie genossen zu haben. Er gab keine Antwort, sondern blickte ihr tief in die Augen. So saßen sie lange schweigend nebeneinander, und tiefer Friede zog in ihr Herz ein. Endlich brach Lea das Stillschweigen: »Wenn ich daran denke, wie Pirnitz und Friederike jetzt in Paris um die Befreiung der Frauen kämpfen. – Sie halten es für ihre Pflicht, sie vor der Tyrannei und vor der Liebe der Männer zu schützen. – Und lange Zeit hab' ich auch daran geglaubt. – Aber jetzt weiß ich, daß es meine Pflicht war, zu dir zu kommen, bei dir zu bleiben und dich zu lieben. – Siehst du, ich muß so oft an das denken, wovon du und Tinka damals am ersten Abend spracht. – Damals in Paris glaubte ich das rechte zu thun, und jetzt bin ich ebenso fest überzeugt, daß es meine Pflicht ist, bei dir zu bleiben. – Georg, du bist dir so wunderbar klar über die innersten Vorgänge des Seelenlebens – sag' mir, wie kommt es, daß ich mich jetzt so tief ruhig fühle?« Er blickte nachdenklich auf das Meer hinaus. Dann sagte er: »Ja, Lea, darüber habe auch ich oft nachgegrübelt, als du noch ferne von mir warst. Ich bin ebenso wie du der Meinung, daß Pirnitz, – Friederike, – Edith recht thun, – und daß Tinka und ich damals recht thaten, als wir Larmsoe verließen. – – Die Notwendigkeit, das Weib zu befreien, ist keine Utopie – denn das Weib von heute ist wirklich eine Sklavin. Der Mann von heute ist ihr Feind und ihr Tyrann. Aber das wird nicht immer so bleiben. Pirnitz' Theorien taugen nur für eine Zeit des Kampfes, sie werden in sich selbst zusammenfallen an dem Tage, wo die Frau ihr Ziel, – die Gleichberechtigung mit dem Manne, erreicht hat. Und es hängt nur von uns ab, dieses Ziel schon jetzt, in unsrer Ehe, zu verwirklichen.« »Das ist wahr,« murmelte Lea, – »warum sollte ich in dir, den ich von ganzen Herzen liebe, meinen Feind sehen? Ich weiß ja, daß du nur mein Bestes willst.« »Ja, Lea, nur dein Bestes. Ich will dich nicht als Sklavin. Ich habe mich, Gott sei Dank, von dieser sinnlosen Tradition freigemacht. – Und wenn nun wirklich jene zukünftige Stadt ersteht, die uns als höchstes Ziel vorschwebt, so wird es überhaupt keine Sklaverei und keine Unterwerfung zwischen Mann und Weib mehr geben. Und ich bin fest überzeugt, daß beide im Bewußtsein ihrer Liebe doppelt stark sein werden, ohne daß einer sich für den andern opfern muß. »Georg, Georg,« rief Lea, und ihre Augen strahlten in verklärtem Glanz, »wenn das wahr ist, was du da sagst, wenn ich wirklich das Recht haben soll, auf die Mitarbeit an Pirnitz' und Friederikens Werk zu verzichten, dann muß ich selbst jene neue Eva werden, die sie verkündigen, das Weib jener zukünftigen Stadt. Ja, Georg, nur dann werde ich wirklich deiner würdig sein.« Schweigend zog er sie an sich. In diesem Augenblick bedauerte keines von ihnen, was sie gelitten hatten, sie wußten jetzt, wozu all diese schweren Prüfungen notwendig gewesen waren. Was die ganze Menschheit beiderlei Geschlechts Jahrhunderte hindurch hatte leiden müssen, um sich die gleichen Rechte zu erkämpfen, das hatten sie während der kurzen Zeit ihrer Jugend an sich selbst erduldet. Und eben das hatte sie schon jetzt zu jener Höhe herangereift, zu der die andern nur sehnsüchtig emporblickten. Einen schweren Leidensweg waren sie gegangen, ehe sie sich selbst gefunden hatten. Und auch dann hatte es noch eine Zeit gedauert, bis sie einander ganz und voll erkannten. Aber jetzt, heute – in diesem Augenblick, standen sie sich frei gegenüber. Es war ihr eigener, freier Wille, einander anzugehören – ohne Tyrannei und ohne Unterwerfung. Ihre Lippen fanden sich wie an jenem Abend in Richmond, aber statt der schmerzlichen Verwirrung, die sie damals wieder voneinander getrennt hatte, empfanden sie jetzt nur seligen Frieden. Dann ließen sie sich wieder los und blickten sich an. »Sieh dort, « sagte Georg, und zeigte auf das Meer hinaus. Der Himmel hatte sich bezogen. Schwere Wolken türmten sich im Westen auf wie eine phantastische Stadt mit Thoren und Säulenhallen. Und darüber goß die Mittagssonne ihren blendenden Schein aus. Wie ein kupferner Spiegel lag das Meer da, aus dem diese märchenhafte Riesenstadt emporgestiegen zu sein schien. Lea und Georg schlossen geblendet die Augen. Ihnen war, als ob der monumentale Wolkenbau näher und näher heranrückte, um sie in sich aufzunehmen. Und angesichts dieser zukünftigen Stadt, zu deren Bewohnern sie auserwählt waren – feierten sie endlich das Fest ihrer Liebe. – – Als sie wie aus tiefem, wollüstigem Traum wieder erwachten, war die Sonne verschwunden, der ganze Himmel mit dunklen Wolken bedeckt. Dazwischen zuckten hier und da fahle, schwefelgelbe Lichter auf. Rasch eilten sie zum Boot hinunter. Georg ruderte mit Anspannung aller Kräfte, um das Land zu erreichen, ehe der Sturm losbrach. Leas Blässe beunruhigte ihn, aber sie lächelte ihn an und zeigte keine Angst. »Du fühlst dich doch nicht krank?« fragte er. Sie schüttelte den Kopf. Weder der trübe Himmel, noch das drohende Gewitter, das sie sonst so sehr fürchtete, vermochten ihre tiefe Glückseligkeit zu trüben. Sie hatten bald die Küste erreicht. Während Georg das Boot festmachte, stand Lea und blickte auf das Meer hinaus, das immer unruhiger wurde. »Komm rasch,« rief Georg und zog sie mit sich fort. »Aber wir werden Torquay kaum mehr erreichen, ehe das Gewitter kommt,« sagte sie immer noch strahlend. »Nein, wir wollen auch jetzt nicht nach Torquay zurück. Wir flüchten uns zu Bissie und warten es dort ab. Hand in Hand liefen sie den schmalen Fußweg hinauf. Ein brausender Wirbelwind fegte jetzt über das Strandplateau hin und die ersten kalten Regentropfen schlugen ihnen ins Gesicht. Bei der Hütte angelangt klopfte Georg an die Thür. Sie schien verschlossen zu sein. Inzwischen begann ein heftiger Platzregen niederzurauschen, Georg schützte Lea, so gut er konnte. »He, Bissie!« dabei schlug er mit der geballten Faust gegen die Thüre. Endlich hörte man drinnen schwerfällige, schleppende Schritte, und eine alte Frau mit runzligem, verwittertem Gesicht machte ihnen auf. »O, Sie sind es, Sir! Aber daß Sie bei dem Wetter draußen sind!« »Mutter Kate,« sagte Georg, – haben Sie ein warmes Zimmer und etwas heißen Thee? Meine Frau ist ganz durchnäßt.« »Ich werde gleich Feuer anzünden, Sir, wir haben heute keins, weil Sonntag ist.« »Gut, aber machen Sie rasch.« Georg bestand darauf, daß Lea ihr Kleid und ihre Stiefel auszog und sich ins Bett legte. Sie gehorchte lächelnd, um ihn zu beruhigen. »Wo ist Bissie?« fragte Georg. »Er ist fortgegangen, aber er wird gewiß bald wiederkommen.« Dann ging sie in die Küche, um Feuer zu machen. Zwischendurch schleppte sie die verschiedenen Requisiten für den Thee herbei und ordnete alles auf dem runden Tisch, der mit einer groben weißen Serviette bedeckt war. Georg saß neben Lea und hielt ihre Hand. Er sah, daß ihre Augen fieberhaft glänzten. Aber der Puls war ruhig und regelmäßig, und ihre Haut fühlte sich kühl und frisch an. »Ich möchte dich der Obhut der Alten anvertrauen,« sagte er dann, »und rasch nach Torquay laufen, um einen Wagen zu holen.« »Nein, nein, geh nicht fort von mir,« bat sie flehend, »wir sind hier zu gut geborgen. Wenn Bissie zurückkommt, kannst du ihn schicken.« Er blieb. Draußen tobte jetzt das Gewitter. Der Regen schlug gegen die Fenster. Es dauerte lange, bis der Thee fertig war. Plötzlich flog ein Zucken über Leas Gesicht. Ihre Finger umklammerten krampfhaft die Hand ihres Mannes. Dann schlugen ihre Zähne aufeinander und sie begann am ganzen Körper zu zittern. Georg beugte sich erschrocken über sie. »Kate, Kate, eilen Sie sich. – Rasch den Thee.« Es vergingen noch ein paar Minuten, dann brachte sie ihn. Der Schüttelfrost hatte sich inzwischen gelegt. Aber Lea bebte noch am ganzen Körper, während sie das heiße Getränk hinunterschluckte, und dicke Schweißtropfen perlten auf ihrer Stirn. »Mir ist schon besser,« sagte sie – »bitte, bitte, ängstige dich nicht.« Sie versuchte sogar, über den schlechten Thee zu scherzen, um ihn zu beruhigen. Dann erschien Bissie. Als er Georg und Lea sah, blieb er einen Augenblick stehen, aber ohne ein Wort zu sagen. »Bissie,« sagte die Alte, »Sir Georg und seine Frau sind vom Regen überrascht worden. Du mußt einen Wagen für sie holen.« »Gut,« sagte der Alte. »Aber rasch, Bissie,« sagte Georg, »da ist Geld.« Er machte sich sofort auf den Weg. Lea fühlte sich jetzt wirklich besser. Allmählich schlief sie ein. Von namenloser Angst erfüllt, saß Georg an ihrem Bett, ohne ihre Hand loszulassen. Die Alte kam herein, um den Tisch abzuräumen, aber Georg schickte sie wieder hinaus. Das Unwetter hatte nachgelassen und war in ruhigen, gleichmäßigen Regen übergegangen. Nach einiger Zeit schlug Lea lächelnd die Augen auf. »Mir ist wieder ganz wohl,« sagte sie noch einmal, um Georg zu beruhigen. Dann plauderten sie miteinander. Im Laufe des Gesprächs fragte Lea: »Sag' mal, was betreibt Bissie eigentlich? Die Alte sagte vorhin, er hätte jetzt wieder Arbeit.« Georg zögerte einen Augenblick: »Bissie ist Totengräber.« Lea schien seine Antwort ganz ruhig aufzunehmen und sprach von andren Dingen. Dann bat sie Georg, einmal aus dem Fenster zu schauen, wie es mit dem Wetter stände. Die Alte erschien auf der Schwelle und sagte: »Der Wagen kommt.« Und nun beugte Lea sich zu Georg hinüber und flüsterte ihm ins Ohr: »Georg, wenn ich hier sterben sollte, so möchte ich auf unserm Felsen begraben werden, angesichts des Meeres.« VII Während der ganzen nächsten Zeit regnete es unaufhörlich. Lea hielt sich meistens in Tinkas Salon auf. Sie saß im Lehnstuhl am Fenster und blickte auf das Meer hinaus, das jetzt eine trübe, grünliche Farbe zeigte. Ihr war zu Mute, als ob die Sonne nie wieder durch diese düstre Wolkenwand hervorbrechen würde. Wo war der Sommer geblieben mit seiner südlichen Wärme, seinem ewig blauen Himmel und seinem üppigen, lachenden Blumenflor? – Sie war nicht kränker als damals im Hospital, obgleich die Erstickungsanfälle und die nächtlichen Schweiße jetzt wieder regelmäßig eintraten. Sie litt auch nicht mehr so viel, ihr war nur, als ob sie alles, was um sie her vorging, durch einen dichten Schleier sähe. Die sämtlichen Bewohner des Hauses umgaben sie mit Liebe und Fürsorge. Sie that alles, was der Arzt verlangte, legte sich frühzeitig schlafen, aß und trank, was ihr verordnet wurde, und nahm ihre Medizin ohne Widerstreben. Aber nur, um den andern nicht wehe zu thun. Seit jenem Sonntag auf Gilder Rock hatte sie den Glauben an ihre Genesung verloren, ohne sich darüber klar zu sein, weshalb. Es kostete sie eine fast übermenschliche Anstrengung, diese Empfindungen vor Edith, vor Tinka und vor allem vor Georg zu verbergen. Und so bat sie oft, man möchte sie allein lassen, sie sei müde. Sie sehnte sich danach, sich etwas mehr gehen zu lassen, nicht jede Bewegung, jedes Wort formieren zu müssen. Nur allein sein! An sich selbst denken zu dürfen mit dem ganzen Egoismus der unheilbar Erkrankten, sich im Spiegel betrachten, um die fortschreitenden Verheerungen des tötlichen Übels zu konstatieren – sich von Herzen auszuweinen wie alle jungen, lebensfrohen Geschöpfe, die wissen, daß sie rettungslos dem Untergang geweiht sind. Ja, sie wußte, daß das Ende nahe war. Sie war sich vollständig klar darüber. Nicht nur, weil es mit ihrer Gesundheit von Tag zu Tag abwärts ging, nein, es lag in der Ordnung der Dinge überhaupt, es mußte so kommen. Jene überirdische Stunde auf Gilder Rock konnte sie nicht wiederholen. Und zwei Menschen, die sich in solcher Ekstase vermählt hatten, konnten hinfort nicht mehr wie ein alltägliches Ehepaar miteinander weiterleben.– – Sie ergab sich in diese Notwendigkeit, und zugleich gewährte es ihr einen schmerzlichen Genuß, sich in den Gedanken an ihr trauriges Schicksal zu versenken. Anfang Oktober wurde das Wetter allmählich wieder besser. Die Sonne siegte über die Wolken und zerstreute den Nebel. Dr. Bryce wünschte, daß Lea an warmen Nachmittagen wieder etwas frische Luft schöpfen sollte. Sie war so schwach geworden, daß sie nicht mehr die geringste Anstrengung machen konnte, ohne zu husten und Blut auszuwerfen. So mußte Georg sie auf den Armen hinuntertragen. Er fühlte, wie sie mit jedem Tage leichter wurde. Er pflegte seine kranke Frau mit leidenschaftlicher Hingebung und wich nicht von ihrer Seite, außer wenn sie es selbst wünschte. Aber er litt namenlos unter diesem langsamen Todeskampf. Ihm war zu Mute, als ob seine eigene Seele in den letzten Zügen läge, und er hatte selbst sterben mögen, nm das allmähliche Hinschwinden ihrer Kräfte nicht länger mit ansehen zu müssen. An einem Oktobermorgen, als Edith das Zimmer in Ordnung gebracht hatte und eben hinausgehen wollte, um wie gewöhnlich Georg zu rufen, zog Lea sie dicht an das Bett heran und sagte: »Edith, ich wollte Sie bitten, an Friederike und Pirnitz zu schreiben.« »Gewiß, Lea,« antwortete Edith, »ich hätte es schon längst gethan, aber ich fürchtete, es möchte Ihnen nicht recht sein. Und aus eigene Hand wagte ich es nicht. Was soll ich ihnen sagen?« »Schreiben Sie – wenn sie mich noch lieb haben, so müßten sie alles andre verlassen, um zu mir zu kommen. – Sonst –«, sie konnte einen Augenblick nicht weiter sprechen – »sonst treffen sie mich nicht mehr am Leben.« Edith schrieb an Pirnitz, während Tinka es übernahm, Friederike zu benachrichtigen. »Ihr Zustand zerreißt uns allen das Herz,« schrieb Tinka. – »Es handelt sich nur noch um Tage, Ihr müßt euch beeilen, wenn ihr sie noch sehen wollt.« – An einem dunklen Herbstabend kamen sie an. Georg und Tinka empfingen sie im Salon und führten sie dann zu Lea. Lea lag im Bett, ihr Gesicht glühte vor Fieber, ihre Hände lagen bleich und abgezehrt auf der Decke. Sie zeigte nicht die geringste Erregung, als Friederike und Pirnitz eintraten. Man wechselte nur einige allgemeine Redensarten, denen niemand die tiefe Bewegung, die alle durchbebte, angemerkt hätte. Lea erklärte, sie fühle sich heute ganz wohl und würde gewiß gut schlafen, denn sie sei recht müde. Dann fragte sie, ob Pirnitz und Friederike eine angenehme Reise gehabt hätten. Schließlich verstummte das Gespräch, Pirnitz und Friederike küßten die Kranke auf die Stirn und wünschten ihr gute Nacht. Dann gingen sie auf ihr Zimmer. Tinka begleitete sie. Als sie allein waren, bestürmte Friederike sie mit Fragen. Tinkas Augen füllten sich mit Thränen, während sie von Leas Krankheit erzählte: »Wir sahen sie förmlich wieder aufblühen, als sie zu uns kam – sie war noch schöner geworden, als damals in London. Seit sie und Georg verheiratet waren, wurde sie immer ruhiger und heitrer – so daß wir anfingen, wieder zu hoffen. Aber dann, nach einer Bootfahrt mit Georg, bekam sie diesen Rückfall. – – Es ist kaum zu ertragen, wir gehen alle daran zu Grunde. – Ich kann schon lange nicht mehr arbeiten – ich sehe immer nur dieses bleiche Gesicht vor mir, aus dem das Leben von Tag zu Tag mehr zu entfliehen scheint.« – Dann verließ Tinka das Zimmer, um die Kleinen zu Bett zu bringen. »Also auf Wiedersehen morgen,« sagte sie. Als sie verschwunden war, sank Friederike wie gebrochen in einen Lehnstuhl. »Romaine – Romaine,« stammelte sie – »ich bin an allem schuld, ich habe Lea getötet. Ohne mich wäre sie längst Georgs Frau und all dies Schreckliche nicht geschehen.« – So vergingen mehrere Tage in banger Erwartung dessen, was unumgänglich kommen mußte. Lea schien weder Friederike noch Pirnitz gegenüber etwas von ihrer alten Liebe zu empfinden. Nachdem sie selbst nach ihnen verlangt hatte, that sie jetzt, als ob es ihr völlig gleichgültig sei, ob sie da waren oder nicht. Wenn sie an ihrem Bett saßen, schwieg sie oder antwortete nur ganz flüchtig auf ihre Fragen. Sie blickte sie nur mit ihren fieberhaft glühenden Augen an, als ob sie ihnen auch ohne Worte zu verstehen geben wollte, wie schwer sie an ihr gesündigt hatten. Sie konnte das Zimmer jetzt nicht mehr verlassen. Ihre zunehmende Schwäche machte selbst die Nachmittagsausfahrten unmöglich. Georg mußte Tag und Nacht um sie sein. Er schlief auf dem Divan im Salon und eilte auf den geringsten Laut, der aus Leas Zimmer drang, herbei. Sie gaben sich jetzt keine Mühe mehr, einander ihre Angst zu verbergen, sie schwelgten förmlich in ihrer Verzweiflung. Unaufhörlich sprachen sie von allem, was sie aus ihrem Leben gemacht hätten, wenn sie zusammengeblieben wären. Und keiner bemühte sich, mehr zu sagen »wir wollen das und das thun« – sondern »wir hätten es gethan, wenn –«. – Während sie sich so isolierten, schlossen die andern, die ihre Einsamkeit respektierten, sich immer enger aneinander an, Friederike war viel mit Edith zusammen, die damals in London hauptsächlich Leas Gefährtin gewesen war. Edith erzählte von ihrem Plan, nach Queensland zu gehen. Und Friederike hätte am liebsten gesagt: »Nehmen Sie mich mit. – Wenn das Unvermeidliche eingetreten ist – folge ich Ihnen.« Sie war so müde von all den Mißerfolgen und sehnte sich nach einem neuen Wirkungskreise, wo ihre Anstrengungen nicht wie in Europa durch die Macht veralteter Anschauungen vereitelt wurden. Nur der Gedanke an Pirnitz, die trotz aller Schicksalsschläge ihr Befreiungswerk in Paris wieder aufnehmen wollte, hielt sie zurück. Der eigenartige, magnetisch anziehende Zauber, der von Pirnitz ausging, nahm bald aller Herzen gefangen. Karola und Ida vergötterten sie und wurden nicht müde, zu lauschen, wenn Pirnitz ihnen Geschichten erzählte, was sie oft und gerne that. Aber vor allem war Tinka völlig hingerissen von der schönen Seele dieser seltenen Frau, deren Erscheinung geradezu inspirierend auf ihr künstlerisches Empfinden wirkte. Sie ließ ihren angefangenen Roman liegen, um den ganzen Tag mit Pirnitz zusammen zu sein, mit ihr zu sprechen, sie förmlich zu studieren. Lea verließ das Bett nicht mehr. Am Tage schob man es dicht an die Thür des Salons heran, so daß sie durch eins der hohen Fenster auf das Meer hinausblicken konnte. Am sechsten Oktober morgens früh trat nach einer qualvoll verbrachten Nacht eine Art Lähmungszustand ein, der das ganze Haus in Aufregung versetzte. Dr. Bryce erklärte es für ein Zeichen, daß das Ende demnächst zu erwarten sei. Gegen Mittag erholte sie sich wieder etwas und erklärte, sie fühle sich wieder besser. Der Rest des Tages verlief ganz ruhig, ebenso die Nacht. Während der nächsten Tage schwanden ihre Kräfte zusehends. Sie nahm nichts mehr zu sich, höchstens dann und wann einen Löffel Gelee. Im übrigen sprach sie wenig und schlief viel. Georg mußte immer bei ihr sein. Am vierzehnten klopfte Lizzie in aller Frühe an Pirnitz' und Friederikes Thür. »Mein Gott, was ist geschehen?« rief Friederike erschrocken. »Miß Craggs läßt die Damen bitten, so bald wie möglich hinunterzukommen. Aber Sie brauchen nicht zu erschrecken. Madame Lea fühlt sich besser, sie hat selbst nach Ihnen verlangt.« Sie kleideten sich rasch an. Als sie in das Zimmer traten, saß Lea, durch zwei Kissen gestützt, aufrecht im Bett und begrüßte sie mit einem seltsamen Lächeln. Georg stand bleich und übernächtig neben ihr. Er sprach kein Wort, während die beiden sich über Lea beugten und sie auf die Stirn küßten. »Guten Morgen, Fédi, – guten Morgen, Romaine. – Ihr braucht euch nicht zu ängstigen, ich fühle mich ganz wohl. Ich habe euch nur rufen lassen, weil ich heute etwas besser sprechen kann. Nicht wahr, meine Stimme ist wieder ganz wie früher?« Georg wandte sich ab, um seine Bewegung zu verbergen. Und Friederike sagte: »Ja, liebste Lea, deine Stimme ist heute sehr klar.« Es wurde anfangs nur über gleichgültige Dinge gesprochen, wie gewöhnlich. Dann sagte die Kranke plötzlich: »Ich möchte endlich einmal wieder etwas von der Schule hören. Warum erzählt ihr mir nie etwas davon? Wie ist denn die Sache damals eigentlich geworden? Ich habe grade heute morgen an Daisy gedacht. – Wo sind Daisy und die arme Geneviève denn geblieben?« Es war das erste Mal, daß Lea dieses Thema berührte. Trotz dem etwas gereizten Ton, der in ihren Worten lag, fühlte man wohl, daß es sie wirklich interessierte. »Wir haben bisher nicht von unserm traurigen Schicksal gesprochen, Lea,« sagte Pirnitz, »um Sie nicht anzugreifen oder aufzuregen. Außerdem ist nicht viel Neues passiert, seit wir damals die Schule verließen. Sie wird jetzt von Mlle. Heurteau geleitet. Die Administration ist in Durambertys Hände übergegangen.« – Lea dachte eine Zeitlang nach. Dann blickte sie Pirnitz fest an: »Und Sie haben alles das ruhig geschehen lassen?« »Es war nicht anders möglich, Lea,« antwortete Friederike – »was hätten wir thun sollen?« Wieder spielte ein seltsames Lächeln um Leas Lippen. Sie blickte abwechselnd Pirnitz und Friederike an. Dann faßte sie Georgs Hand und preßte sie gegen ihre Wangen. »Und Geneviève?« »Geneviève ist seit vier Tagen aus dem Gefängnis entlassen, Daisy hat es mir geschrieben.« »Wirklich? – Und das habt ihr mir nicht einmal erzählt. – Wo ist sie denn jetzt?« »Daisy ist mit ihr in einer Heilanstalt und pflegt sie.« »Und wer trägt die Kosten?« »Uns sind noch 40 000 Francs von der Kautionssumme geblieben.« – Lea schmiegte sich dicht an Georg, als ob sie immer noch fürchtete, daß Pirnitz und Friederike sie wieder von ihm trennen könnten. »Also Daisy ist auch nicht mehr bei Ihnen?« fragte sie weiter. Friederike schnürte sich bei diesen Worten das Herz zusammen, sie glaubte zu fühlen, wie schmerzlich sie Pirnitz trafen. »Wer von uns weiß, wie die Zukunft sich gestalten wird,« sagte der Apostel. – »Aber ich glaube allerdings, daß Daisy sich nicht wieder von Geneviève trennen wird.« »So bleibt also nur noch Friederike bei Ihnen, und sind Sie wirklich sicher, daß sie auch bleiben wird?« »Lea,« sagte Pirnitz ernst, »wir alle haben schwere Prüfungen erdulden müssen. Ist es nicht besser, wenn wir in Liebe und Mitleid zusammenhalten, als daß wir uns gegenseitig zu kränken versuchen?« Ihre Stimme klang so traurig, daß Lea gerührt wurde. »Sie haben recht,« sagte sie – »verzeihen Sie, wenn ich Ihnen weh gethan habe. – Denken Sie daran, daß mein Schicksal doch noch trauriger ist als alles andre – ihr andern dürft doch noch weiterleben. – Und ich möchte so gerne leben, jetzt, wo ich die Wahrheit erkannt habe.« »Sprich nicht mehr, Lea, sprich nicht mehr,« bat Georg flehend. – »Du wirst sonst noch Dinge sagen, die uns entsetzlich weh thun.« Die andern weinten – eine Zeitlang schwieg alles. Dann begann Lea wieder: »Ja, ich habe jetzt die Wahrheit erkannt. – Wir haben etwas Unmögliches gewollt. Romaine – Friederike – das, was wir erstrebten, war unmöglich. Wie konntet ihr glauben, daß wir mit unsern schwachen Kräften über die Männer triumphieren würden. – Und wie konnte ich glauben, daß ich ohne Georg weiterleben sollte? – Es ist mir jetzt so klar wie die Sonne, die da durchs Fenster hereinscheint, daß das, was wir damals versuchten, sinnlos und umsonst war.« – »Bereuen Sie, daß Sie es versucht haben?« fragte Romaine. Lea schwieg eine Zeitlang, dann schloß sie die Augen und sagte: »Nein.« »Und wenn dieser erste Versuch auch umsonst war?« fuhr Pirnitz fort. »Der zweite wird vielleicht gelingen. Andre, die nach uns kommen, werden erreichen, was wir nicht erreicht haben. – Wir konnten nicht anders, weil wir den Beruf dazu in uns fühlten – wir mußten – ja, wir mußten thun, was wir gethan haben. – Und die wenigen, die von uns noch zurückgeblieben sind, müssen fortfahren, unserm Werk zu dienen.« – Alle waren still geworden, während sie sprach. Der ironische Zug war aus Leas Gesicht gewichen. »Romaine!« rief sie. Pirnitz beugte sich über sie. Und so leise, daß niemand von den andern es verstand, murmelte die Sterbende: »Verzeihen Sie mir, Romaine – ich habe Ihnen weh gethan. – Und es war mit Absicht – ich wollte Ihnen weh thun. Aber Sie dürfen mich nicht zu streng beurteilen. – Es ist ja alles so entsetzlich traurig. Ich wäre so glücklich gewesen. Nicht wahr, Sie verstehen mich und sind mir nicht mehr böse? Sie haben mich doch noch lieb?« »Ja, Lea, von ganzem Herzen.« »Jetzt möchte ich auch noch mit Friederike sprechen.« Friederike trat auf das Bett zu. Georg ging ans Fenster, während Pirnitz und Edith das Zimmer verließen. Lea faßte ihre Schwester an beiden Händen. »Hör' mich ruhig an, Fédi, – unterbrich mich nicht, denn ich bin sehr schwach. – Ich habe heute die ganze Nacht an unsre Kinderzeit gedacht. – Ich sah dich wieder vor meinem Bettchen stehen, wie ich ganz klein war. – Und dann sahst du mich an. Hab' ich das nur geträumt oder ist es wahr?« »Es ist wahr, Lea, wie oft habe ich dich so beobachtet, als du ein kleines Kind warst. – Mir war, als ob mir auf diese Weise dein ganzes Denken gehörte.« »Ja, Fédi, ich sah alles nur durch deine Augen. Du hattest mich ganz in der Gewalt. – Und ich liebte dich wie keinen andern Menschen auf der Welt.« – »O Lea,« antwortete Friederike – »habe ich deine Liebe denn jetzt ganz verloren?« »Nein, ich hab' dich wieder lieb – – seit ich dich heute nacht im Traum gesehen habe – wie du vor meinem Bett standest, – Du bist immer gut gegen mich gewesen und hast nur mein Bestes gewollt. Es ist nicht deine Schuld, wenn –« Sie sprach es nicht aus, was nicht Friederikens Schuld gewesen war. Friederike vermochte die Thränen nicht mehr zurückzuhalten. »Ja, ich hab' dich lieb, Fédi, ich bin froh, daß du jetzt bei mir bist. Gieb mir etwas von deinem Mut. Ich bin so unglücklich.« Sie umarmten sich zärtlich so wie in früheren Zeiten. »Ich bin so unglücklich,« fuhr Lea fort, »ich möchte so gerne bei Georg bleiben, mit ihm zusammenleben. Wenn es auch nur ein paar Jahre wären. – Ich bin noch so jung, Fédi. – Ist es nicht entsetzlich, jetzt sterben zu müssen, wo das Glück endlich gekommen ist? Fédi, rette mich, hilf mir – damals, als ich klein war, hättest du mich nicht sterben lassen.« Sie brach in heftiges Schluchzen aus, Georg stürzte rasch herbei. Allmählich beruhigte Lea sich wieder. Sie legte sich in die Kissen zurück und sagte: »Wenn ich jetzt in Paris wäre, könnte man mich vielleicht doch noch retten. Glaubst du nicht, Fédi, daß ein großer Arzt wie Bonchardon mich retten könnte? Aber man kann mich wohl jetzt nicht nach Paris transportieren?« »Jetzt nicht,« sagte Friederike – »aber wenn du dich etwas erholt hast.« Lea blickte ihre Schwester an, und wieder trat jener seltsame, feindliche Ausdruck in ihre Augen. »Geh jetzt, Fédi,« sagte sie, »ich will mit Georg allein sein, bis der Arzt kommt.« Der Doktor kam bald. Nur Edith und Georg waren bei seinem Besuch zugegen. Als Bryce das Zimmer verließ, traf er Tinka und Friederike auf der Treppe. »Nun?« fragten sie. »Sie ist sehr schwach. – Nehmen Sie Ihren Mut zusammen. Es geht zu Ende.« Damit ging er rasch die Treppe hinunter. Tinka faßte Friederike am Arm: »Es geht zu Ende – sagt er – Friederike, ist es denn möglich, daß Lea einmal nicht mehr sein wird?« Jetzt ging die Thür zum Krankenzimmer auf. Edith trat heraus und sagte: »Lea möchte die Kleinen sehen.« »Ida und Carola?« »Ja, sie klagt darüber, daß sie nicht mehr zu ihr kommen. Sind sie da?« »Ja, ich habe sie oben lachen hören,« sagte Leas schwache Stimme vom Bett her. »Ich werde sie gleich holen,« sagte Tinka. Friederike trat wieder in das Zimmer ihrer Schwester. Obgleich sie es vor kaum einer Stunde verlassen hatte, erschrak sie über die Veränderung, die in Leas Gesicht vorgegangen war. »Der Doktor hat euch wohl gesagt, daß es aus mit mir ist?« fragte Lea in beinah hartem Ton. Friederike versuchte eine ausweichende Antwort zu geben. »Siehst du – du kannst nicht nein sagen. – Ja, es ist aus. Aus und vorbei.« Es lag etwas so herzzerreißendes in dem Ton, mit dem sie das sagte, daß Friederike sich nicht länger beherrschen konnte. Sie warf sich auf einen Lehnstuhl und brach in Thränen aus. Dabei verbarg sie das Gesicht in beide Hände, um nichts mehr zu hören und zu sehen. Und doch hörte sie immer noch den röchelnden Atem der Kranken und Georgs dumpfes Schluchzen. Dann kam Tinka mit den beiden Kindern. Lea richtete sich etwas empor und umarmte zuerst die kleine Ida, die sie blaß und erschrocken anstarrte. Dann kam Carola an die Reihe, sie hielt Lea ruhig beide Wangen zum Kuß hin. »Ihr süßen Kleinen,« sagte Lea dann. – »Sind sie nicht entzückend, Georg? – Tinka, wie bist du glücklich.« – Ein schmerzlicher Seufzer rang sich aus ihrer Brust. Und nun schrie Ida plötzlich laut auf: »Mama, Mama, ich will hinaus.« Das Kind bebte am ganzen Körper. Als Carola ihre Schwester in diesem Zustande sah, fing sie ebenfalls an zu weinen. Man mußte beide so rasch wie möglich hinausbringen. »Sie fürchten sich vor mir,« murmelte Lea. Dann sank sie in die Kissen zurück und schloß die Augen. Als sie wieder mit Georg und Edith allein war sprach sie kein Wort mehr. Georg saß schweigend neben ihrem Bett, während Edith in einer Ecke des Zimmers kniete und leise betete. Es war so still im Zimmer, daß man jeden Atemzug der Kranken hörte. Friederike und Tinka hatten sich draußen auf der Treppe niedergelassen, sie konnten sich nicht entschließen, von der Thür des Krankenzimmers fortzugehen. Pirnitz stand vor ihnen, mit dem Rücken gegen die Wand gelehnt. – Sie erwarteten jeden Augenblick, daß die Thür aufgehen und man sie rufen würde. Friederike weinte still vor sich hin. Es schlug zwölf Uhr mittags. Bald darauf kam der Arzt wieder. Er sah finster und zugleich etwas verlegen aus. »Wie steht's?« fragte er. »Noch ebenso wie vorhin,« antwortete Tinka. »sie ruht sich aus.« Nach einer Viertelstunde trat er wieder heraus, von Edith gefolgt, deren Augen vom Weinen gerötet waren. Auf Tinkas Frage antwortete er achselzuckend: »Sie will mir ihrem Mann allein sein. – Lassen Sie sie in Ruhe. Ihr kann doch niemand mehr helfen.« Damit ging er. – – – – – – – – – – – Lea hatte wirklich gebeten, sie mit Georg allein zu lassen, und Bryce bedeutete Edith daraufhin, das Zimmer zu verlassen. Sie hatte hohes Fieber. Ihre Augen glänzten unnatürlich und zwei scharf abgegrenzte rote Flecken brannten aus ihren eingefallenen Wangen. Als Edith und Bryce fort waren, seufzte sie tief auf: »Georg.« Er setzte sich zu ihr auf den Bettrand. Sie richtete sich etwas empor und strich ihm über das Haar. »Laß mich dich anschauen. – O, mir scheint jetzt, ich habe dich lange nicht genug angesehen, wie ich dich noch hatte – und jetzt, jetzt –« Schluchzend sank sie in die Kissen zurück. Mit ihren schwachen, zitternden Händen versuchte sie ihn zu sich hinabzuziehen: »Komm, Georg, komm.« Er kniete neben dem Bett nieder. Sie klammerte sich krampfhaft an ihn an und stammelte: »Laß mich bei dir bleiben – laß mich nicht sterben. Nein, ich werde nicht sterben, wenn du es nicht willst.« – Eine sinnlose Hoffnung stieg in ihm auf, als er ihre fieberglühenden Augen auf sich gerichtet sah, ein wahnsinniges Verlangen, ihre entfliehende Seele festzuhalten. »Ja, ich will, daß du bei mir bleibst. Du sollst leben. Ich halte dich fest mit meinem ganzen Willen, meiner ganzen Kraft. Lea, Lea, du mußt bei mir bleiben. – Ich trage dich mit mir fort, weit von hier, in ein wärmeres Land, wo du wieder gesund wirst – nach Italien, von dem wir so oft zusammen geträumt haben. Du sollst leben, Lea.« – »Italien,« murmelte sie in seliger Verzückung – »ja, nimm mich mit dir fort. Siehst du, ich muß ja noch leben, damit unser Schicksal sich erfüllt. – Georg – du Geliebter – wir haben uns gegenseitig befreit. Denkst du noch daran, wie wir damals geküßt haben – droben auf deinem Felsen – am Meer? – Ich weiß, daß ich unter deinen Küssen ein Kind von dir empfangen habe. – Und deshalb muß ich doch weiterleben – ich kann jetzt nicht sterben.« – Sie blickte ihn immer noch mit leuchtenden, verklärten Blicken an. Dann sank sie plötzlich halb ohnmächtig zurück: »Mein Gott, wie bin ich schwach,« seufzte sie. Das Fieber schüttelte sie von neuem und sie fing an, vor sich hin zu phantasieren: »Später – später – wenn es erst geboren ist – die Wahrheit, ja – ich sehe – das Meer – und die wunderbare Stadt – Georg.« – Sie röchelte leise und ihre Hände strichen unruhig tastend über die Bettdecke. Dann und wann stieß sie seinen Namen hervor wie einen letzten Hilferuf: »Georg!« Er wußte nicht, wie lange es dauerte. Er hatte jedes Bewußtsein der Zeit verloren. Dann fühlte er plötzlich, daß sie ihn ansah. Eine dumpfe, verzweifelte Resignation lag in ihrem Blick. Sie schien jetzt wieder völlig bei Besinnung zu sein: »Georg, wenn ich tot bin, sollst du wieder dorthin gehen, wo es so hell und licht ist.« »Ja,« sagte er, ohne zu verstehen, was sie meinte. »Verstehst du mich – du sollst wieder nach Italien gehen. Damals hätte ich dir dorthin folgen sollen – jetzt ist es zu spät für mich. Aber du sollst wieder hingehen und bei allem, was du siehst, an mich denken. – Und niemals – niemals sollst du ein andres Weib berühren. –Schwörst du mir das?« »Ja, ich schwöre es dir.« »Du bist so gut, und ich hab' dich so lieb.« Sie küßten sich. »Georg, jetzt hilf mir, nimm mich in deine Arme.« – Sie richtete sich halb empor, ihr Gesicht verzerrte sich vor Anstrengung. »Siehst du meinen weißen Schlafrock dort an der Thür? Komm, bring' ihn mir.« – Er gehorchte. Sie blickte ihn an und sagte: »Ich will aufstehen.« Er glaubte, daß sie im Fieber redete. Aber sie wiederholte: »Ja, ja, ich will aufstehen. – O, sag' nicht nein – ich bitte dich, du würdest es nachher bereuen. Hilf mir, aber ruf niemand von den andern ich will mit dir allein sein. – Es geht schon.« Sie warf die Decke zurück und nun half er ihr den Schlafrock überwerfen. Mit fast übermenschlicher Anstrengung richtete sie sich empor. Er nahm sie in die Arme, ihre Haare hingen aufgelöst über die Schultern herab. »Dorthin,« sagte sie und zeigte auf das Fenster, »ich muß das Meer sehen – die Stadt – –« Er wußte nicht, ob sie phantasierte, aber wie hypnotisiert that er alles, was sie wollte. Sie preßte ihre Stirn gegen die Fensterscheiben. Dann wandte sie sich um und sah ihn mit einem eigentümlich vagen Blick an. »Die Stadt – wo ist die Stadt?« Er verstand nicht, was sie wollte. »Die Stadt,« wiederholte sie ungeduldig wie ein eigensinniges Kind – »die wunderbare Stadt, wo wir uns fanden – wo ich dich geliebt habe – wo ist sie?« Dann, als ob sie plötzlich eingesehen hätte, daß ihr Wunsch unerfüllbar war – warf sie den Kopf zurück und sah ihn verzweifelt an, – Sie seufzte tief auf und führte die Hand an die Lippen, als ob sie ersticken müßte. »Lea!« sagte er. Dann fühlte er mit einem Male, daß er nur noch einen leblosen Körper im Arme hielt, – das Blut rieselte von ihren Lippen. Und nun schrie er laut auf: »Lea! Lea!« Die Thür ging auf, er hörte eilige Schritte und blickte in die entsetzten Gesichter von Tinka, – Friederike – Edith – – – VIII Seit acht Tagen ruhte Lea dort oben auf jenem Felsen, den sie sich selbst zur letzten Ruhestätte auserwählt hatte – angesichts des Meeres. Ein roter Granitstein bedeckte ihr Grab mit der einfachen Inschrift: Hier schläft Lea Ortsen, In Erwartung der zukünftigen Stadt. Tinka hatte alles geordnet, alles besorgt. Georg fühlte sich nicht im stande, ihr dabei zu helfen. Seit dem Tage, wo Leas Sarg hinausgetragen wurde, hatte niemand von den andern ihn gesehen. Er schloß sich in seinem Zimmer ein, um allein mit seinen Erinnerungen zu sein. Sonst ging das Leben im Hause wieder seinen gewohnten Gang. Aber heute war der Tag gekommen, wo Edith und Friederike ihre Reise nach Australien antreten sollten. Pirnitz wollte dann morgen wieder nach Paris zurückkehren. Es war fünf Uhr nachmittags. Tinka stand auf dem Balkon und sah dem Wagen nach, der das Gepäck zur Bahn bringen sollte. Sie war so in Gedanken versunken, daß sie nicht einmal hörte, wie Lizzie nebenan den Tisch deckte. Schließlich zupfte die kleine Ida, die neben ihr stand, sie leise am Kleid und sagte: »Mama, der Thee ist da.« Die junge Frau trat in den Salon. Pirnitz war schon da, sie hielt Carola an der Hand und unterhielt sich mit dem Professor Ebner. Der schmerzvolle Ausdruck, der heute in den Augen des Apostels lag, fiel Tinka auf. Sie war vielleicht die einzige, die ganz begriff, wie Pirnitz unter dem Gedanken an Friederikens Abreise litt. Und doch hatte sie selbst ihr zugeraten, sie hielt es für notwendig, daß Friederike sich dort inmitten einer neu aufblühenden Kultur von den herben Schicksalsschlägen der letzten Zeit erholen sollte. Sie sollte die Triumphe der Frauenbewegung kennen lernen, um ihren Glauben an das Werk wieder zu stärken. Dann kam Edith in ihrem blauen Pflegerinnenkostüm, mit einem sonderbaren flachen Strohhut, und hinter ihr Friederike in schwarzer Trauerkleidung. »Genau so sahen Sie damals aus,« sagte Edith, »als Sie vor drei Jahren in London ankamen. Aber damals – –« Sie hielt mitten im Satz inne. – Alle waren sehr ernst geworden, während sie an die Tote dachten. Tinka gab jedem von den Kindern ein Glas Milch, das sie rasch austranken, dann bekamen sie ihr Butterbrot und gingen wieder in die Kinderstube, um zu spielen. »Soll ich den Thee einschenken?« fragte die junge Frau dann. Friederike zögerte einen Augenblick. »Wollte Georg heute nicht auch zum Thee herunterkommen?« »Ja, er hat es mir versprochen,« erwiderte Tinka. »Aber wir sollten nicht auf ihn warten.« Alle nahmen stillschweigend Platz. Tinka goß den Thee ein. Georgs Stuhl zwischen Friederike und seiner Schwester blieb leer. Es lag eine tiefmelancholische Stimmung über diesem einfachen Abschiedsmahl. – Wie bald würden sie, die daran teilnahmen, wieder in alle Himmelsgegenden zerstreut sein. Dazu der trübe Oktoberabend, der sich langsam über das Meer herabsenkte. Und doch kämpften sie alle stumm ihren Schmerz nieder, dem Beispiel Pirnitz' folgend. Nur der brave Ebner mußte dann und wann seine Brillengläser trocknen. – Tinka blickte nachdenklich auf die dämmernde Abendlandschaft hinaus und sagte: »Ob wir wohl je wieder alle so beisammen sein werden wie heute abend?« »Mlle. Pirnitz hat mir versprochen, uns in Finnland zu besuchen,« meinte Ebner. »Ja, aber Sie werden dort nichts weiter als einen bescheidenen, echt finnländischen Haushalt finden, an dem Sie den Unterschied zwischen Ihren hochfliegenden Ideen und unsern kleinlichen Sorgen messen können,« seufzte Tinka. »Nein, glauben Sie das nicht, Tinka,« erwiderte Pirnitz ernst. – »Sie werden nie aufhören, für die gute Sache zu wirken. Ich bin fest überzeugt, daß Sie weiter schreiben und durch Ihre Bücher beitragen werden, die Wahrheit zu verbreiten.« Tinkas Wangen röteten sich, während sie gedankenvoll vor sich hinstarrte. »Ja, aber ob ich wirklich immer Worte der Wahrheit finden werde?« – – »Hören Sie nur auf Ihr Genie,« sagte Pirnitz, »sagen Sie das, was der Geist Ihnen eingiebt. Gewiß wird das Buch, was Sie jetzt schreiben, ein Buch des Zweifels werden, in dem die verschiedensten Doktrinen aufeinanderstoßen, – es soll ja die Geschichte unsrer Niederlage in Paris darstellen, außerdem Leas trauriges Schicksal und Ihre eignen Erlebnisse. Aber vielleicht wird es grade deshalb um so einschneidender auf unsre überlebte Gesellschaft einwirken.« Friederike hatte bis jetzt schweigend zugehört. »Unsre überlebte Gesellschaft – glauben Sie wirklich, daß sie sich überhaupt noch bekehren läßt?« »Ja,« antwortete Pirnitz mit Nachdruck. »Unsre Arbeit wird nicht umsonst gewesen sein. Zweifeln Sie nicht daran, Friederike. Sie sind jetzt traurig und gebrochen durch das, was Sie erlebt haben. Aber wenn Sie von Ihrer Wanderschaft zurückkommen, wenn Sie jene neugegründeten Frauengesellschaften kennen gelernt haben – dann wollen wir wieder darüber sprechen. Nein, die Arbeit der Apostel ist nicht verloren, sie wird im stillen weiter wirken.« – »Lea ist ihrem Glauben zum Opfer gefallen, was thut es, wenn ihr Leben darum schön war? Wer von uns würde nicht mit Freuden dasselbe Schicksal auf sich nehmen. Lea hat beides in sich vereinigt, die auserwählte Jungfrau und die neue Eva. Sie ist ihrer Zeit vorausgeschritten. Sie ist eine von unsern Heiligen. Jede neue Religion braucht Märtyrer, die für sie in den Tod gehen.« – »Edith, Friederike – es ist Zeit.« Alle blickten auf und sahen Georgs hohe Gestalt in der Thür stehen. Er war ganz in Schwarz gekleidet, was seinen bleichen Teint und seine lichtblonden Haare noch mehr hervorhob. Seine Augen leuchteten in ruhigem Glanze. Er sah gefaßt, beinah heiter aus. Die Frauen umarmten sich. Es war beschlossen worden, daß Friederike und Edith allein zur Bahn gehen sollten, um allen den peinlichen Abschied inmitten des Gedränges zu ersparen. Georg küßte Edith flüchtig auf beide Wangen. Dann trat Friederike auf ihn zu. Alle schwiegen, ihnen war zu Mute, als ob das ganze Leid, das auf ihnen lastete, sich in dem Abschied dieser beiden konzentrierte. Friederike und Georg blickten sich in die Augen. Sie fühlte, daß er alles wußte, was sie ihm niemals gesagt hatte. Und sie sehnte sich danach, daß erst das weite Meer zwischen ihnen läge. Dann umarmten sie sich. »Leb' wohl,« sagte Georg – »werden wir uns jemals wiedersehen?« Und sie antworte so leise, daß niemand von den andern es verstand: »Nein, ich glaube nicht.« Dann fragte sie: »Und du, Georg, was wirst du thun? – Willst du nicht mit Tinka nach Larmsoe zurückkehren?« Er schüttelte den Kopf. »Nein, – ich will Leas letzten Wunsch erfüllen – ihre irdische Hülle hier in diesem Lande zurücklassen und ihre Seele mit mir, fortnehmen – in die lichteren Gegenden des Südens.« –