Die letzten Tage von Pompeji Edward Bulwer Übersetzt von Wilhelm Cremer 1. »Willkommen, Diomedes!« sagte ein junger Pompejaner. »Kommst du auch heute abend zu Glaukus?« Er war von kleiner Statur und trug seine Tunika in jener nachlässigen Weise, an der man die Mitglieder der vornehmen Lebewelt erkannte. »Leider, mein lieber Klodius, bin ich nicht eingeladen«, antwortete Diomedes, ein stark gebauter Mann von mittlerem Alter. »Schön ist das nicht von Glaukus, seine Abendessen sollen ja die besten von Pompeji sein.« »Allerdings – obgleich für mich niemals Wein genug da ist. Er behauptet, nach dem Trinken befinde er sich immer unwohl am nächsten Tage.« »Er mag wohl noch einen anderen Grund dafür haben,« sagte Diomedes, indem er die Stirn runzelte. »Ich glaube, daß er trotz seines Übermuts und seiner Verschwendung nicht so reich ist, als er scheinen möchte, und er schont vielleicht mehr seinen Wein als seine Gesundheit.« »Dieses ist ein Grund mehr, bei ihm zu speisen, solange die Gelder vorhalten. Im nächsten Jahr, Diomedes, müssen wir uns einen anderen Glaukus suchen.« »Er liebt, wie ich höre, auch das Spiel.« »Er liebt alle Vergnügungen, und solange er uns Feste gibt, lieben wir ihn auch.« »Da hast du recht, Klodius. Bist du übrigens schon in meinem Weinkeller gewesen?« »Daß ich nicht wüßte, mein guter Diomedes.« »Nun, so mußt du einmal bei mir zu Abend speisen: ich habe gute Muränen in meinem Wasserbehälter, und werde auch Pansa, den Ädilen, einladen.« »Oh, mache nur keine Umstände mit mir, ich bin leicht befriedigt. Doch die Sonne wird bald untergehen; ich bin auf dem Wege nach den Bädern – und du?« »Ich gehe zum Quästor – in Staatsangelegenheiten – und sodann nach dem Tempel der Isis. Vale!« »Das ist ein übermütiger und ungezogener Bursche«, murmelte Klodius, als er langsam weiterging. »Er glaubt durch seine Feste und Weinkeller seine Abstammung zu verbergen, denn er ist ja nur der Sohn eines Freigelassenen. Aber ich will seine Herkunft vergessen und ihm die Ehre erweisen, ihm sein Geld abzugewinnen.« Indem er sich so mit sich selbst unterhielt, kam er in die Via Domitiana, die mit Fußgängern und eleganten Wagen angefüllt war. Klodius begrüßte durch freundliches Kopfnicken viele Bekannte, denn es waren nur wenige junge Männer in Pompeji bekannter als er. »Nun, Klodius, wie hast du nach deinem Glück im Spiel geschlafen?« sagte mit gefälliger und wohltönender Stimme ein junger Mann in einem sehr prachtvollen und eleganten Wagen, der von zwei edlen parthischen Pferden gezogen wurde. Der Besitzer war so schön und regelmäßig gebildet, wie die Athener Bildhauer sich ihre Modelle wählten, seinen griechischen Ursprung verrieten die krausen, dichten Locken und das vollkommene Ebenmaß seiner Gesichtsbildung. Seine Tunika glänzte in dem reichsten Schmuck tyrischer Farben, und die Schnallen, durch welche sie festgehalten wurde, waren mit Edelsteinen besetzt. Um den Hals trug er eine goldene Kette, die mitten auf der Brust in der Form eines Schlangenkopfes, aus dessen Munde ein großer Siegelring von vollendeter Arbeit hing, sich schloß. Ein breiter, mit Arabesken gezierter und goldgestickter Gürtel diente zugleich als Behältnis und Tasche für das Schnupftuch und die Börse, für den Schreibgriffel und die Schreibtafeln. »Mein teurer Glaukus,« sagte Klodius, »es freut mich, zu sehen, daß dein Verlust im Spiel so wenig Eindruck auf dich gemacht hat. Dein Antlitz leuchtet, wie begeistert durch Apollo; wer es nicht wüßte, würde glauben, daß nicht ich gewonnen hätte, sondern du.« »Und wie vermag der Verlust oder Gewinn jener toten Metallstücke unsere Stimmung zu verändern, mein Klodius? Bei der Venus, solange wir noch jung sind und unser Haupt bekränzen dürfen, solange das süße Lächeln der Lydia oder Chloe unser Blut in Wallung setzt, so lange müssen wir des heiteren Lebens genießen und die dahinsterbende Zeit selbst zu dem Schatzmeister unserer Vergnügungen machen. Du speisest doch heut abend bei mir?« »Wer vergißt wohl je die Einladung des Glaukus!« »Doch wohin gehst du jetzt?« »Ich beabsichtige, die Bäder zu besuchen, doch habe ich noch eine Stunde Zeit.« »Nun, so will ich meinen Wagen fahren lassen und mit dir gehen.« Langsam schlenderten die beiden jungen Männer durch die Straßen. Sie befanden sich jetzt in jenem Teil der Stadt, wo die reichsten Kaufläden waren, deren Wände, mit den mannigfaltigsten Freskomalereien geziert, in den lebhaftesten, doch stets harmonischen Farben erglänzten. Die sprudelnden Springbrunnen, welche mit ihrem kühlen Strahl sich in die heiße Sommerluft erhoben, die Menge der meist in tyrischen Purpur gekleideten Spaziergänger, die ab- und zugehenden Sklaven mit bronzenen Gefäßen von geschmackvoller Arbeit, die Landmädchen, die hier und da mit Körben voll reifer Früchte und Blumen standen, die Läden, in denen auf marmornen Tischen Gefäße mit Wein und Öl standen, alles dieses machte einen so sehr zur Lebenslust auffordernden Eindruck, daß die athenische Empfänglichkeit des Glaukus für Frohsinn und Freude dadurch um so mehr aufgeregt werden mußte. »Sprich mir nicht mehr von Rom«, sagte er zu Klodius. »Das Vergnügen ist in dieser gewaltigen Stadt zu ernsthaft und schwerfällig. Hier aber können wir unbefangen und behaglich unser Leben genießen.« »Darum hast du wohl auch Pompeji zu deinem Sommeraufenthalt gewählt?« »Allerdings. Ich gebe ihm den Vorzug vor Bajä, dessen Reize ich keineswegs verkenne, doch ich liebe nicht die Pedanten, welche sich dort aufhalten und ihre Vergnügungen nach der Drachme abzuwiegen scheinen.« »Und doch liebst auch du die Gelehrsamkeit, und was die Dichtkunst betrifft, so sind Äschylus und Homer, die epische Dichtung wie das Drama, in deinem Hause einheimisch.« »Ja, aber diese Römer, welche meine Athener Vorfahren nachäffen, beginnen alles so schwerfällig. Selbst auf der Jagd lassen sie sich durch ihre Sklaven den Plato nachtragen, und wenn das Wild erlegt ist, suchen sie ihre Bücher und den Papyrus hervor, um ja keine Zeit zu verlieren.« Indem sie sich so unterhielten, wurden sie durch das auf einem offenen Platze, wo drei Straßen zusammenstießen, versammelte Volk aufgehalten. In dem Schatten eines kleinen, niedlichen Tempels stand ein junges Mädchen, mit einem Blumenkorb am rechten und einem dreisaitigen musikalischen Instrument im linken Arm, zu dessen sanften Tönen sie eine wilde und halb barbarische Melodie sang. Bei jeder Pause bot sie mit anmutigen Bewegungen ihren Blumenkorb dar, indem sie die umstehenden zum Kaufen einlud, und manche Sesterz wurde in das Körbchen geworfen, teils für die Musik, teils aus Mitleid für die Sängerin – denn sie war blind. »Es ist meine arme Thessalierin,« sagte Glaukus, indem er stehen blieb, »seit meiner Rückkunft nach Pompeji habe ich sie nicht gesehen. Ihre Stimme ist entzückend; wir wollen ihr zuhören.« Als die Blinde ihr Lied beendet hatte, drängte sich Glaukus durch die Menge und warf ihr eine Handvoll kleiner Münzen in ihren Korb. »Ich muß diesen Veilchenstrauß haben, süße Nydia,« sagte er, »deine Stimme ist reizender als je.« Das blinde Mädchen trat überrascht vor, als sie die Stimme des Atheners hörte – doch plötzlich blieb sie stehen und errötete. »Du bist also zurückgekehrt«, sagte sie mit leisem Tone und wiederholte darauf, mit sich selbst redend: »Glaukus ist zurückgekehrt!« »Ja, mein Kind; ich bin kaum seit zwei Tagen in Pompeji. Mein Garten bedarf, wie früher, deiner Pflege, ich rechne darauf, daß du ihn morgen besuchen wirst. Auch sollen in meinem Hause durch keine anderen Hände Kränze geflochten werden, als durch die der schönen Nydia.« Ein freudiges Lächeln überzog Nydias Gesicht, aber sie antwortete nicht, und Glaukus verließ die Menge, indem er die Veilchen, die er gewählt hatte, an die Brust steckte. »Du hast also dieses Kind unter deinen Schutz genommen?« sagte Klodius. »Ja, singt sie nicht sehr hübsch? Sie interessiert mich, die arme Sklavin! – Überdies ist sie aus Thessalien, der Olymp schaute auf ihre Wiege herab.« »Also ist sie aus dem Lande der Zauberinnen.« »Allerdings, aber was mich betrifft, so halte ich jedes weibliche Geschöpf für eine Zauberin, besonders hier in Pompeji, wo selbst die Luft mit einem Liebestrank erfüllt zu sein scheint.« »Und sieh da! Eine der schönsten in Pompeji, die Tochter des alten Diomedes, die reiche Julia«, sagte Klodius, als ein junges Mädchen, das Antlitz mit einem Schleier bedeckt und durch zwei Sklavinnen auf ihrem Wege zum Bade begleitet, sich ihnen näherte. »Schöne Julia, wir begrüßen dich«, redete Klodius sie an. Julia hob ihren Schleier etwas und zeigte mit einiger Koketterie ein kühnes, römisches Profil, ein dunkles, feuriges Auge und Wangen, deren von Natur etwas gelben Teint die Kunst mit einer blühenden Rosenglut gefärbt hatte. »Und auch Glaukus ist zurückgekehrt!« sagte sie, indem sie den Athener mit einem ausdrucksvollen Blick beglückte. »Hat er«, fügte sie halb flüsternd hinzu, »bereits seine Freunde vom vorigen Jahr vergessen?« »Schöne Julia, wie könnte ein Vergessen möglich sein, wenn der Gegenstand der Erinnerung so lieblich ist?« Die Römerin lächelte geschmeichelt, dann wandte sie sich zu Klodius. »Wir werden euch beide bald in meines Vaters Villa sehen«, sagte sie. Dann senkte sie ihren Schleier, aber so langsam, daß ihr letzter Blick mit scheinbarer Schüchternheit zwar, doch in der Tat mit einiger Keckheit auf dem Athener haftete. Dieser Blick war zärtlich und zugleich ein Vorwurf. Die Freunde setzten ihren Weg fort. »Julia ist wirklich schön«, sagte Glaukus. »Und im vorigen Jahre würdest du jenes Bekenntnis in einem wärmeren Tone gemacht haben.« »Allerdings; ich wurde durch den ersten Blick verblendet, und hielt für einen Edelstein, was später sich nur als künstliche Nachahmung erwies.« »Jawohl,« erwiderte Klodius, »alle Mädchen sind sich eigentlich ähnlich. Glücklich, wer ein schönes Gesicht und eine reiche Aussteuer heiratet. Was kann er mehr wünschen?« Glaukus seufzte. Sie befanden sich jetzt in einer weniger mit Menschen angefüllten Straße, welche ihnen die Aussicht auf jenes ruhige Meer eröffnete, das an diesen herrlichen Küsten so selten ein Bild des Schreckens darbietet, denn sanft sind die Lüfte, welche über seine Oberfläche hauchen, glühend und mannigfaltig das Farbenspiel, das der Widerschein rosiger Wolken bildet, köstlich die Düfte, welche durch die Landwinde ihm zugeführt werden. Wohl konnte man glauben, Anadyomene habe aus einer solchen See sich erhoben, um der Herrschaft über die Erde sich zu bemächtigen. »Es ist noch zu früh, um in das Bad zu gehen,« sagte der Grieche, der jedem poetischen Eindruck des Augenblicks folgte, »wir wollen die geräuschvolle Stadt verlassen und uns hier an der Küste ergötzen, solange noch die Sonne auf den Wogen verweilt.« »Sehr gern,« erwiderte Klodius, »auch ist es an der Bai immer am lebhaftesten.« In der spiegelglatten Fläche der Bai ruhten die Handelsschiffe und die vergoldeten Gondeln für die Lustfahrten reicher Bürger. Schnell glitten die Fischerboote hin und her, und in der Ferne erblickte man die schlanken Maste der Flotte unter dem Befehle des Plinius. Am Ufer saß ein Sizilianer, der mit heftigen Gestikulationen und leicht beweglichen Zügen einer Gruppe von Fischern und Landleuten die Geschichte Schiffbruch erleidender Seeleute und rettender Delphine erzählte. Der Grieche zog seinen Begleiter von den Zuhörern fort und wanderte mit ihm nach einem einsamen Teile des Gestades, wo die zwei Freunde, auf eine unter den glatten Kieseln sich erhebende kleine Klippe sich setzend, die wollüstig-kühlenden Seelüfte einatmeten, welche, über den Wellen schwebend, mit ihren unsichtbaren Füßen eine Art von Naturrhythmus hielten. Es lag etwas zum Stillschweigen und zur einsamen Betrachtung Einladendes in der ganzen Szene. Klodius berechnete, indem er seine Augen vor der brennenden Sonne schützte, seine Spielverluste der letzten Woche; und der Grieche, sich auf die Hand stützend, und jene Sonne, die schützende Gottheit seiner Nation, nicht scheuend, schwärmte mit seinen Blicken über der weiten Fläche mit jenem leichten Sinne der Lebenslust, Freude und Liebe, welche sein ganzes Wesen erfüllten, und beneidete vielleicht jedes Lüftchen, das seine Schwingen gegen die Ufer Griechenlands erhob. »Sage mir,« sprach endlich der Grieche, »hast du jemals geliebt?« »Ja, sehr oft.« »Wer oft geliebt hat,« entgegnete Glaukus, »liebte nie. Es gibt bloß einen Eros.« »Liebst du denn wirklich und ernstlich? Empfindest du jenes Gefühl, welches die Dichter beschreiben – ein Gefühl, mit dem wir unsere Mahlzeiten versäumen, das Theater vernachlässigen und Elegien schreiben? Ich hätte es nie gedacht.« Glaukus lächelte. »Soweit bin ich allerdings noch nicht. Aber ich könnte so lieben, wenn ich nur Gelegenheit hätte, den Gegenstand meiner Verehrung wiederzusehen.« »Ist es denn nicht des Diomedes Tochter?« fragte Klodius. »Du wirst von ihr geliebt, und sie verbirgt diese Leidenschaft nicht; und beim Herkules, ich muß es wiederholen: Sie ist schön und reich. Sie wird die Türpfosten ihres Gatten mit goldenen Netzen verbinden.« »Nein, ich beabsichtige keineswegs, mich selbst zu verkaufen. Die Tochter des Diomedes ist schön, das muß ich zugeben, und wäre sie nicht die Enkelin eines Freigelassenen, so hätte ich einst – doch nein – sie trägt ihre Schönheit nur im Antlitz. Ihre Sitten sind nicht jungfräulich, und ihr Gemüt kennt keine anderen Bestrebungen als die des Vergnügens!« »Du bist undankbar. Doch sage mir, welche die glücklichste Jungfrau ist?« »So höre denn, mein Klodius. Vor einigen Monaten hielt ich mich in Neapel auf, einer Stadt, die mir sehr gefällt, denn sie behauptet die Sitten und das Wesen ihres griechischen Ursprungs. Eines Tages trat ich in den Tempel der Minerva, um meine Gebete, mehr für die Stadt, über welcher Pallas nicht mehr freundlich lächelt, als für mich selbst darzubringen. Der Tempel war leer und einsam. Die Erinnerungen an Athen drängten sich in mir. Ich glaubte, in dem Tempel allein zu sein, und war ganz in meine Andacht vertieft, als ich plötzlich einen tiefen Seufzer vernahm und beim Umschauen ein junges Mädchen sah. Auch sie betete und hatte ihren Schleier erhoben, und als unsere Augen sich begegneten, schien ein himmlischer Strahl aus jenen dunklen und leuchtenden Blicken in meine Seele zu dringen. Nie, mein Klodius, sah ich ein sterbliches Antlitz schöner gebildet: eine gewisse Melancholie milderte und erhöhte zugleich dessen Ausdruck; jenes unaussprechbare Etwas, welches aus dem Herzen in das Herz dringt, und das unsere Bildhauer in die Züge der Psyche übertrugen, verbreitete über ihre Schönheit etwas Göttliches und Edles; aus ihren Augen flossen Tränen. Ich vermutete sogleich, daß auch sie athenischen Ursprungs sei. ›Bist du nicht auch aus Athen, schöne Jungfrau?‹ fragte ich. Bei dem Tone meiner Stimme errötete sie und bedeckte mit dem Schleier teilweise ihr Antlitz. – ›Die Asche meiner Vorfahren‹, sagte sie, ›ruht an den Ufern des Ilissus; ich bin gebürtig aus Neapel; doch mein Herz ist athenisch wie mein Ursprung.‹ – ›So wollen wir denn, sagte ich, ,unsere Opfer gemeinschaftlich darbringen‹ und als der Priester erschien, stand ich ihr zur Seite, während wir dessen Zeremonien folgten. Zugleich berührten wir die Knie der Göttin, zugleich legten wir unsere Olivenkränze auf den Altar. Ich fühlte in dieser Gemeinschaft ein eigentümliches Gefühl fast heiliger Zärtlichkeit. Es schien, als sei ich schon seit Jahren mit ihr bekannt, und jener einfache Gottesdienst wirkte wie ein Wunder, indem er die Banden der Sympathie um so fester knüpfte, je schneller er die Schranken der Zeit vernichtete. Schweigend verließen wir den Tempel, und ich stand im Begriff, sie zu fragen, wo sie wohne, und ob es mir gestattet sei, sie zu besuchen, als ein Jüngling, in dessen Zügen eine verwandtschaftliche Ähnlichkeit mit den ihrigen sich aufdrang, und der an dem Eingange des Tempels stand, ihre Hand ergriff. Sie wendete sich zu mir und sagte mir Lebewohl. Sie verschwand im Gedränge; ich sah sie nicht wieder. Zu Hause angelangt, fand ich Briefe, welche mich zwangen, nach Athen abzureisen, denn meine Verwandten drohten mit Prozessen wegen meines Erbteils. Als diese Angelegenheiten glücklich beseitigt waren, kehrte ich nach Neapel zurück. Trotz aller Nachforschungen in der ganzen Stadt konnte ich jedoch die Spuren meiner verlorenen Landsmännin nicht wiederfinden, und indem ich hoffte, die Erinnerung an jene schöne Erscheinung im frohen Lebensgenusse zu übertäuben, beeilte ich mich, den Vergnügungen, welche Pompeji darbietet, mich in die Arme zu stürzen. Dieses ist die ganze Geschichte meiner Leidenschaft.« Als Klodius erwidern wollte, näherte sich ihnen langsamen und stattlichen Schrittes ein Mann, und als sie das Geräusch seines Ganges in den Kieseln hörten, wendeten sich beide um, und jeder erkannte den Ankommenden. Es war ein Mann, der kaum das vierzigste Jahr erreicht hatte, von schlanker, doch kräftiger Gestalt. Seine dunkle, bronzefarbene Haut verriet den morgenländischen Ursprung, und seine Züge hatten etwas Griechisches in ihren Linien. Seine großen Augen, dunkel wie die finstere Nacht, blickten fest und mit ruhigem, wechsellosem Ausdruck. Eine tiefe, nachdenkende und melancholische Einsamkeit schien dort ihren majestätischen und gebietenden Sitz gewählt zu haben. Sein Gang und seine Bewegungen waren leicht und gemessen, und etwas Ausländisches in der Einfachheit und dem Schnitte seines Gewandes erhöhte den ehrwürdigen Ausdruck seiner stillen Würde und stattlichen Gestalt. Ein jeder der beiden jungen Männer machte, als sie den Ankommenden begrüßten, mechanisch, aber verstohlen und wie in der Absicht, es vor ihm zu verbergen, eine kleine bezeichnende Bewegung mit den Fingern; denn man glaubte von Arbaces, dem Ägypter, daß er die unheilbringende Gabe des bösen Blickes besitze. »Diese Landschaft muß wirklich schön sein,« sagte Arbaces mit einem kalten und abstoßenden Lächeln, »da sie den munteren Klodius und den bewunderten Glaukus veranlaßt, die lebensfrohe Stadt zu verlassen.« »Ist denn Natur an sich nicht anziehend?« fragte der Grieche. »Für die Genußsüchtigen – allerdings nicht.« »Das ist eine harte Erwiderung, doch schwerlich eine weise. Das Vergnügen erfreut sich der Gegensätze, durch zerstreuende Genüsse lernen wir die Einsamkeit und durch diese jene schätzen.« »So denken die jungen Philosophen aus dem Garten,« erwiderte der Ägypter, »sie halten Erschöpfung für einsame Betrachtung und bilden sich ein, die Einsamkeit zu kennen, wenn sie durch geräuschvolle Vergnügungen übersättigt wurden. Doch in so leeren Gemütern vermag die Natur jene Begeisterung nicht zu entzünden, welche aus ihrer eigenen keuschen Zurückgezogenheit unbeschreibliche Glückseligkeit schöpft. Sie verlangt von euch nicht die Ermattung der Leidenschaft, sondern jene ganze Glut, von der ihr bloß, indem ihr sie sucht, ausruhen wollt. Bei alledem habt ihr recht, die Zeit zu genießen, solange sie freundlich lächelt; schnell verwelkt die Rose, bald verhaucht ist ihr Duft, und was bleibt uns, o Glaukus, den Fremdlingen im Lande, entfernt von der Asche ihrer Väter, als der Genuß des Vergnügens und das Andenken an die Vergangenheit? Für dich das erstere, für mich vielleicht das letztere.« Er sah die beiden noch einmal mit seinem kalten, durchbohrenden Blick an. Dann schlug er den Zipfel seines Gewandes über die Schulter und schritt langsam von dannen. »Ich atme wieder freier«, sagte Klodius. »Die Ägypter nachahmend, stellen wir bei unseren Gastmahlen bisweilen ein Skelett auf. Der Anblick eines solchen Ägypters, wie jener schleichende Schatten, ist gespenstisch genug, um den köstlichsten Falerner zu versäuern.« »Ein seltsamer Mann,« sagte Glaukus nachdenkend, »wenn er aber auch ertötet scheint für das Vergnügen und kalt für die Reize dieser Welt, so lügt die Verleumdung über ihn, und die Geschichte seines Herkommens und seines Herzens ist sicher eine andere.« »Ach, man spricht von ganz anderen Orgien als denen der Osiris, die in seinem einsamen Hause gefeiert werden sollen. Auch ist er reich, wie man sagt. Können wir ihn nicht zu dem Unsrigen machen und ihn die Reize des Spiels lehren? O dieser herrlichste von allen Genüssen! Wie schön ist das Spiel, dieses heiße Fieber der Hoffnung und Furcht, diese unvergleichliche, unübertroffene Leidenschaft!« »O diese glühende Begeisterung!« rief lächelnd Glaukus. »Ein Orakel der Poesie im Munde des Klodius. Was werden wir da noch für Wunder erleben.« 2. Der Himmel hatte dem Glaukus jedes Glück gewährt, eines ausgenommen; er war schön, kräftig, wohlhabend, geistreich, von berühmter Herkunft, feurigen Temperaments, poetischen Gemütes; aber es fehlte ihm die Erbschaft der Freiheit. Er war als römischer Untertan in Athen geboren. Schon frühzeitig zu einer bedeutenden Erbschaft gelangt, hatte er der Neigung für das Reisen, die in der Jugend so natürlich ist, sich hingegeben, und sich in den glänzenden Vergnügungen des kaiserlichen Hofes berauscht. Er war ein Alcibiades ohne Ehrgeiz. Er war, was ein junger, reicher, talentvoller Mann bald wird, wenn die Begeisterung des Ruhms ihm fremd bleibt. Sein Haus in Rom war Gegenstand der Unterhaltungen aller Genußsüchtigen, aber auch aller Kunstfreunde, seine Wohnung in Pompeji entzückte mit ihren Gemälden und Mosaikarbeiten jeden Kenner. Glaukus war ein leidenschaftlicher Verehrer der Poesie und besonders der dramatischen, welche den Geist und Heldenmut seines Geschlechts vergegenwärtigt, und sein schönes Haus war mit Darstellungen aus dem Äschylus und Homer geziert. Es gehörte übrigens nicht zu den größten, wohl aber zu den vollendetsten und prachtvollsten Privatwohnungen in Pompeji, und sein Besitzer wurde um seinetwillen viel beneidet. Man trat durch einen langen, engen Gang in die Halle, auf deren Fußboden ein Hund in Mosaik abgebildet war, mit dem wohlbekannten »Cave canem« oder: »Nimm dich vor dem Hunde in acht«. Zu jeder Seite befand sich eine ziemlich geräumige Kammer, denn da der innere Teil des Hauses nicht groß genug war, um die beiden Abteilungen der Zimmer zum Privat- und zum öffentlichen Gebrauch zu enthalten, so wurden diese beiden Kammern besonders für den Empfang derjenigen Besuchenden bestimmt, die durch ihren Rang oder durch genauere Bekanntschaft nicht geeignet waren, in das Innere eingelassen zu werden. Von der Halle kam man in das mit wundervollen Gemälden geschmückte Atrium. Die Bilder stellten den Abschied des Achilles von der Briseis dar. An der einen Seite des Atriums führte eine schmale Treppe zu den Kammern für die Sklaven im oberen Stock. Auch befanden sich dort zwei oder drei kleine Schlafzimmer, auf deren Wänden die Entführung der Europa, die Schlacht der Amazonen usw. dargestellt waren. Darauf trat man in das Tablinium, an dessen beiden Enden reiche Teppiche, mit tyrischem Purpur gefärbt, hingen, die halb zurückgezogen waren. An der Wand war ein Dichter dargestellt, wie er einem Freunde Verse vorlas, und in den Fußboden eine kleine, aber herrliche Mosaik eingefügt, welche Beziehung auf den Unterricht hatte, den ein Schauspieldirektor seinem Personal gab. Durch diesen Saal gelangte man in das Peristil, das den Abschluß des Hauses bildete. Von jeder der sieben Säulen, die diesen Hof zierten, hingen Blumengewinde herab. Das Innere, welches die Stelle eines Gartens vertrat, war mit den seltensten blühenden Blumen in weißmarmornen Vasen besetzt, die auf Piedestalen standen. An der linken Seite dieses kleinen Gärtchens befand sich eine kleine Nische. Sie war den Penaten geheiligt; vor ihr stand ein bronzener Dreifuß. An der linken Seite des Säulenganges waren noch zwei kleine Schlafzimmer; an der rechten das Triklinium, in welchem die Gäste jetzt versammelt waren. Um den Tisch von Zitronenholz, der glatt poliert und mit Arabesken in Silber ausgelegt war, standen die drei Ruhebetten, die damals in Pompeji noch gebräuchlicher waren als der halbrunde Sitz, der seit kurzem in Rom Mode geworden; und auf diesen Ruhebetten von Bronze, die noch mit Arbeiten von kostbaren Metallen geziert waren, lagen dicke Matratzen mit feiner Stickerei, die elastisch dem Druck nachgaben. »Ich muß wirklich gestehen,« sagte der Ädil Pansa, »daß dein Haus, wenn es auch klein ist, doch in seiner Art einem kostbaren Edelstein gleicht. Wie schön ist der Abschied des Achilles von der Briseis dargestellt! – Welcher Stil – welche Köpfe – welche, hm!« »Ein Lob des Pansa über solche Gegenstände ist wirklich schätzbar«, sagte mit ernsthafter Miene Klodius. »Auch sind die Gemälde an seinen Wänden – wahrlich, sie sind der Hand eines Zeuxis nicht unwürdig!« »Du schmeichelst mir, mein Klodius; du schmeichelst in der Tat«, erwiderte der Ädil, der in ganz Pompeji bekannt dafür war, daß er die schlechtesten Gemälde hatte, denn er war ein Patriot und beschäftigte nur die pompejanischen Künstler. »Du schmeichelst mir; aber die Gemälde sind recht hübsch in den Farben wie in der Zeichnung – und die in der Küche sind ganz von meiner Erfindung.« »Was stellen sie dar?« fragte Glaukus. »Ich habe deine Küche noch nicht gesehen, wenn ich auch oft Gelegenheit hatte, die Vortrefflichkeit der Speisen zu bewundern.« »Es ist ein Koch, mein Athener, welcher die Beweise seiner Geschicklichkeit auf dem Altar der Vesta darbringt, nämlich eine schöne Muräne (nach dem Leben gemalt), es ist doch wohl genug Erfindung darin!« In diesem Augenblick traten die Sklaven ein und brachten die ersten Einleitungspfeifen zum Mahl. Zwischen köstlichen Feigen, frischen, mit Schnee bestreuten Kräutern und Eiern wurden kleine Becher eines herrlichen, mit etwas Honig vermischten Weines aufgestellt. Darauf überreichten junge Sklaven jedem der fünf Gäste (denn größer war ihre Anzahl nicht) ein silbernes Becken mit wohlriechendem Wasser und Handtücher mit einer purpurnen Einfassung. Doch der Ädil zog sein eigenes Tuch hervor, welches zwar nicht von so feiner Leinwand, aber dessen Rand sehr breit war, und trocknete seine Hände auf eine Weise, welche die Bewunderung in Anspruch zu nehmen berechnet war. »Du hast da ein schönes Tuch,« sagte Klodius, »die Borte ist so breit wie ein Gürtel.« »Oh, es ist nichts Besonderes, mein Klodius! Man sagt mir, daß dieses die neueste Mode zu Rom ist, doch Glaukus versteht mehr von diesen Sachen als ich.« »Sei uns günstig, o Bacchus!« sagte Glaukus, indem er sich ehrerbietig gegen ein schönes Bild des Gottes neigte, das mitten auf dem Tische stand, an dessen Enden die Laren und die Salzfässer aufgestellt waren. Die Gäste stimmten in diese Anrufung mit ein, und indem sie Wein auf den Tisch sprengten, vollbrachten sie die gewöhnliche Libation. Nachdem dies geschehen war, nahmen die Gäste ihre Plätze auf den Ruhebetten ein, und das Mahl begann. »Möge dieser Becher mein letzter sein,« sagte der junge Sallust, als die zu Erregung des Appetits zuerst aufgetragenen Speisen abgenommen waren, die eigentlichen Gerichte folgten und ein Sklave ihm ein bis an den Rand gefülltes Trinkgefäß überreichte, »möge dieser Becher mein letzter sein, wenn dieses nicht der beste Wein ist, den ich je zu Pompeji getrunken habe!« »Bringe die Amphora her«, sagte Glaukus, »und lies den Jahrgang des Weines.« Der Sklave beeilte sich, der Gesellschaft mitzuteilen, daß das Alter von vierzig Jahren und der Geburtsort Chios angegeben sei. »Wie köstlich der Schnee ihn gekühlt hat«, sagte Pansa. »Er ist wie die Erfahrung eines Mannes,« bemerkte Sallust, »der seine Leidenschaften hinlänglich abgekühlt hat, um ihnen desto mehr Genuß gewähren zu können.« »Er ist wie das Nein! eines Weibes,« fügte Glaukus hinzu, »es kühlt ab, um nur noch mehr das Feuer anzufachen.« »Wann findet wieder ein Kampf wilder Tiere statt?« fragte Klodius den Pansa. »Er wurde für den 9. Idus des August festgesetzt«, erwiderte Pansa. »Wir haben einen herrlichen jungen Löwen für dieses Fest.« »Wer soll ihm vorgeworfen werden?« fragte Klodius. »Ach, es ist ein großer Mangel an Verbrechern. Du mußt auf jeden Fall irgendeinen Unschuldigen oder sonst jemand für den Löwen verurteilen, Pansa!« »Allerdings habe ich seit kurzem ernstlich darüber nachgedacht«, erwiderte der Ädil gravitätisch. »Es ist ein schändliches Gesetz, welches uns untersagt, unsere eigenen Sklaven den wilden Tieren vorzuwerfen. Ich kann es nicht anders nennen als eine Verletzung des Besitzes selbst, wenn wir über unser Eigentum nicht mehr nach freiem Willen schalten dürfen.« »In den guten, alten Zeiten der Republik war es anders«, seufzte Sallust. »Überdem entbehrt durch diese vermeintliche Milde gegen die Sklaven das arme Volk so viel. Wie gern sieht es einen tüchtigen Kampf zwischen einem Menschen und einem Löwen. Und dieses unschuldigen Vergnügens darf es nicht mehr genießen, solange dieses verwünschte Gesetz besteht, wenn die Götter uns nicht einen tüchtigen Verbrecher schicken.« »Welche Staatskunst kann schlechter sein«, sagte Klodius, »als jene, die die mannhaften Vergnügungen des Volks untersagt?« Hier wurde die Unterhaltung für einen Augenblick durch einen Tusch von musikalischen Instrumenten unterbrochen, und zwei Sklaven traten mit einem einzelnen Gericht ein. »Ach, welchen Leckerbissen hast du noch für uns aufgehoben?« fragte der junge Sallust mit funkelnden Augen. Sallust war nur vierundzwanzig Jahre alt, doch kein Lebensgenuß ging ihm über das Essen – vielleicht hatte er alle anderen erschöpft; doch war er nicht ohne Talente und hatte ein vortreffliches Herz, soweit es ihm treu blieb. »Ich kenne, beim Pollux, dieses Gericht!« rief Pansa. »Es ist Lammfleisch von Ambracia. Ha! Wir müssen für den neuen Ankömmling noch eine Libation darbringen.« »Ich hatte gehofft,« sagte Glaukus mit einem leisen Bedauern in seiner Stimme, »auch einige Austern aus Britannien vorsetzen zu können, aber die ungünstige Witterung hat die rechtzeitige Ankunft des Schiffes verhindert.« »Sind sie wirklich so köstlich?« fragte Lepidus, indem er den Gürtel seiner Tunika noch weiter löste. »Ich vermute, dass bloß die Entfernung ihren großen Wert bestimmt; sie haben nicht den würzigen Geschmack der brundisischen Auster. Zu Rom jedoch hält man ohne sie kein Abendmahl für vollständig.« »Die armen Briten!« sagte Sallust. »Sie haben doch wenigstens etwas Gutes; sie liefern uns Austern!« »Ich wollte, sie lieferten uns einen Gladiator«, sagte der Ädil, der immer noch mit den Bedürfnissen des Amphitheaters beschäftigt war. »Bei der Pallas!« rief Glaukus, als sein Lieblingssklave einen neuen Kranz um sein Haupt wand. »Mir gefallen diese wilden Schauspiele wohl, solange die Bestie mit der Bestie kämpft, aber wenn ein Mensch, ein Mann mit Fleisch und Blut wie wir, gleichgültig in die Arena getrieben und ihm Glied für Glied abgerissen wird, so ist dieser Anblick mir zu schrecklich; mir fängt an zu schwindeln, der Atem stockt mir und es treibt mich, hinabzueilen und ihn zu verteidigen. Das Freudengeschrei des Volkes erscheint mir fürchterlicher als die Stimmen der Orestes verfolgenden Furien. Ich freue mich, dass in dem nächsten Kampfspiel so wenig Aussicht für jene blutige Darstellung vorhanden ist!« Der Ädil zuckte verständnislos die Schulter, und alle Anwesenden starrten Glaukus verwundert oder befremdet an. Dieser ließ sich aber nicht beirren. »Ihr Italiener seid allerdings an diese Schauspiele gewöhnt, wir Griechen sind milder. Oh, Schatten des Pindar! – Das Entzückende eines wahrhaft griechischen Spiels – das Aufbieten aller Kräfte des Mannes gegen den Mann – der edelmütige Kampf – der halb traurige Triumph – der Stolz, einem würdigen Feinde zu begegnen, der Mißmut, ihn überwunden zu haben! Doch ihr versteht mich nicht!« »Das Lammfleisch ist vortrefflich«, sagte Sallust. Der Sklave, der das Vorschneideramt hatte und sich nicht wenig auf seine Geschicklichkeit zugute tat, hatte bei dem Klange der Musik eben dieses Geschäft beendigt, indem sein Messer den Takt hielt, langsam und bedächtig beginnend und im lebhaften Eifer nach den Tönen eines herrlichen Diapasons sein schwieriges Kunstwerk vollendend. »Dein Koch ist gewiß aus Sizilien?« sagte Pansa. »Ja, von Syrakus.« »Ich will auf ihn wetten,« sagte Klodius, »wir wollen einmal einen Wettkampf mit Gerichten veranstalten.« Ein solches Spiel wäre allerdings einem Tiergefecht vorzuziehen, aber ich kann die Wette auf meinen Sizilianer nicht eingehen – du hast nicht so Kostbares dagegen zu setzen!« »Meine Phillida, meine schöne Tänzerin!« »Ich kaufe niemals Frauen«, sagte der Grieche, indem er sich seinen Kranz zurechtschob. Die Musikanten, welche draußen in dem Säulengang aufgestellt waren, hatten ihr Konzert mit dem Lammfleisch begonnen. Sie gingen jetzt in eine sanftere, fröhlichere, man konnte fast sagen geistreichere Melodie über und sangen ein Lied von Horaz. »Ach, der alte, gute Horaz,« sagte Sallust teilnehmend, »er wußte wohl Feste und Mädchen zu besingen, aber nicht so gut als unsere neueren Dichter.« »Als der unsterbliche Fulvius zum Beispiel«, bemerkte Klodius. »Und Spuräna, und Cajus Mutius, der in einem Jahre drei epische Gedichte schrieb – konnte das Horaz oder Virgil?« sagte Lepidus. »Diese alten Dichter begingen alle den Fehler, die Bildhauerei nachzuahmen, statt die Malerei. Einfachheit und Ruhe – das machten sie sich zur Aufgabe; doch wir Neuern haben Feuer und Kraft und Leidenschaft – wir schlafen niemals ein, wir ahmen die Farben der Malerei nach, ihr Leben und ihre Handlung. Unsterblicher Fulvius!« »Habt ihr,« fragte Sallust, »die neue Ode des Spuräna zu Ehren der ägyptischen Isis schon gehört? – Sie ist herrlich – es herrscht in ihr eine wahrhaft religiöse Begeisterung.« »Isis scheint eine Lieblingsgottheit in Pompeji zu sein«, sagte Glaukus. »Ja,« erwiderte Pansa, »sie steht besonders jetzt sehr in Gunst; ihre Statue hat die merkwürdigsten Orakel ausgesprochen. Ich bin nicht abergläubisch, doch muß ich bekennen, daß sie schon mehr als einmal in meinem städtischen Amte mir nützlich gewesen ist. Auch sind ihre Priester so fromm! Keine jener lustigen Diener des Jupiter oder der Fortuna; sie gehen barfuß, essen kein Fleisch und sind den größten Teil der Nacht mit Andachtsübungen beschäftigt!« »Das ist in der Tat ein Beispiel für unsere anderen Priester! Jupiters Tempel ist der Reform sehr bedürftig«, sagte Lepidus, der gern alles reformiert hätte, außer sich selbst. »Man sagt, Arbaces, der Ägypter, habe den Priestern der Isis einige feierliche Mysterien mitgeteilt«, bemerkte Sallust. »Er rühmt sich der Abstammung von dem Geschlecht des Ramses und behauptet, in seiner Familie seien die Geheimnisse des fernsten Altertums aufbewahrt.« »Auf jeden Fall besitzt er die Gabe des bösen Auges,« sagte Klodius; »jedesmal, wenn mir diese Medusenstirn ohne das entzaubernde Zeichen begegnet, kann ich sicher sein, ein Lieblingspferd zu verlieren, oder neunmal hintereinander den niedrigsten Wurf im Würfelspiel zu werfen.« »Das letztere würde allerdings ein Wunder sein!« sagte Sallust. »Wie meinst du das?« erwiderte der Spieler mit trotzigem Blick. »Ich meine nichts, denn das ist das, was du mir übrig ließest, wenn ich oft mit dir spielte.« Klodius antwortete nur durch ein verächtliches Lächeln. »Wäre Arbaces nicht so reich,« sagte Pansa, indem er sich ein wichtiges Ansehen gab, »so würde ich ihn meine Würde etwas fühlen lassen und die Wahrheit des Gerüchts untersuchen, welches ihn einen Sterndeuter und Zauberer nennt. Als Agrippa Ädil zu Rom war, verbannte er alle diese gefährlichen Bürger. Aber ein reicher Mann – es ist die Pflicht eines Ädils, die Reichen zu beschützen!« »Was denkt ihr von jener neuen Sekte, welche, wie man mir erzählt, selbst in Pompeji einige Anhänger zählt, von jenen Jüngern des hebräischen Gottes – Christus?« »Oh, das sind nur eitle Träumer«, sagte Klodius. »Es ist kein einziger vornehmer Mann unter ihnen. Ihre Proselyten sind arme, unbedeutende, unwissende Menschen!« »Die jedoch für ihre Gotteslästerungen gekreuzigt zu werden verdienten«, sagte Pansa mit heftigem Ton. »Sie verleugnen die Venus und den Jupiter! Ein Nazarener ist gleichbedeutend mit einem Gottesleugner. Wenn ich sie nur fange!« Der zweite Gang war vorbei, die Gäste dehnten sich auf ihren Ruhebetten. Es entstand eine Pause, während welcher sie auf die sanften Töne des Südens und der arkadischen Flöte hörten. Glaukus schien am wenigsten geneigt, das Stillschweigen zu brechen, doch Klodius glaubte, daß man die Zeit besser benutzen könne. »Deine Gesundheit, mein Glaukus«, sagte er, indem er jedem Buchstaben in dem Namen des Griechen einen vollen Becher mit der Gemütlichkeit eines alten Trinkers weihte. »Willst du dein gestriges Unglück nicht wieder gutmachen? Sieh, die Würfel lächeln uns an!« »Wie du willst«, erwiderte Glaukus. »Würfeln im August und in Gegenwart des Ädils!« sagte Pansa, indem er sich in die Brust warf, »das ist gegen alle Gesetze.« »Nicht in deiner Gegenwart, ehrwürdiger Pansa«, erwiderte Klodius, indem er die Würfel in einer langen Büchse schüttelte. »Deine Gegenwart untersagt jede Übertretung des Gesetzes. Doch nicht die Sache selbst verletzt, sondern nur deren Übertreibung.« »Wie weise!« flüsterte einer der Gäste. »Nun, so will ich denn nach einer anderen Seite sehen«, sagte der Ädil. »Jetzt noch nicht, teurer Pansa. Laßt uns bis nach dem Essen warten«, erwiderte Glaukus. Klodius gab halb unwillig nach, indem er sein Mißvergnügen unter einem Gähnen verbarg. »Er kann es nicht erwarten, bis er das Geld verschlingt«, flüsterte Lepidus dem Sallust, auf eine Stelle in der Aulularia des Plautus anspielend, zu. »Oh, wie gut kenne ich diese Polypen, die nicht loslassen, was sie einmal berührten«, antwortete Sallust, nochmals eine Stelle aus demselben Lustspiel zitierend. Der zweite Gang, aus Früchten, Pistaziennüssen, Torten und Konfekt, die zu tausend phantastischen Formen verarbeitet waren, bestehend, wurde nun aufgetragen, und die Aufwärter stellten auch den Wein (der bisher den Gästen einzeln in Bechern gereicht worden war) in großen, gläsernen Gefäßen auf den Tisch, deren jedes auf einem Zettel anzeigte, wie alt und woher der Wein sei. »Koste einmal diesen Lesbier, mein Pansa,« sagte Sallust, »er ist vortrefflich.« »Er ist nicht sehr alt,« sagte Glaukus, »aber er wurde, wie wir selbst, durch das Feuer früh gezeitigt – der Wein durch die Flammen des Vulkans – wir durch die seines Weibes – der ich diesen vollen Becher darbringe.« »Er ist köstlich,« sagte Pansa, »doch ist vielleicht ein klein wenig Rosinenduft in seiner Blüte.« »Welch schöner Becher!« bemerkte Klodius, indem er ein Trinkgefäß von durchsichtigem Kristall emporhob, dessen Handgriff mit Edelsteinen besetzt und in der Form sich durchschlingender Schlangen, einer Lieblingsdarstellung in Pompeji, gearbeitet war. »Dieser Ring«, sagte Glaukus, indem er einen kostbaren Juwel vom Finger zog und an den Griff hing, »gibt ihm ein noch reicheres Aussehen und macht ihn, mein Klodius, dem die Götter Gesundheit und das Glück gewähren mögen, ihn oft bis an den Rand zu füllen und zu leeren, eines Geschenks für dich weniger unwürdig.« »Du bist zu gütig, Glaukus,« sagte der Spieler, indem er den Becher seinem Sklaven übergab, »doch dein Lob macht mir ihn doppelt wert.« »Diesen Becher den Grazien«, sagte Pansa, und er leerte ihn dreimal. Die Gäste folgten seinem Beispiel. Die Musik ging jetzt in eine wilde jonische Tonart über, während von jungen, lieblichen Stimmen in griechischer Sprache und in griechischem Rhythmus ein Lied gesungen wurde. Die Gäste klatschten laut Beifall. »Freunde,« sagte Klodius, »diese jonische Melodie erinnert mich an einen Trinkspruch. Freunde, es lebe die schöne Ione!« »Ione – der Name ist ein griechischer,« sagte Glaukus mit sanfter Stimme, »ich trinke mit Vergnügen diese Gesundheit. Aber wer ist Ione?« »Ach, du bist erst vor kurzem wieder in Pompeji angekommen, sonst verdientest du für deine Unwissenheit verbannt zu werden«, sagte Lepidus scherzend. »Ione nicht zu kennen, heißt mit der ersten Schönheit der Stadt unbekannt sein.« »Es ist eine seltene Schönheit,« bemerkte Pansa, »und welche Stimme sie hat!« »Sie muß sich von Nachtigallenzungen ernähren«, sagte Sallust. »Wisse denn, mein Glaukus,« sagte Klodius, »daß Ione eine Fremde ist, die erst seit kurzem nach Pompeji kam. Sie singt wie Sappho, und dichtet ihre Lieder selbst, und ich weiß nicht, ob sie die Musen mehr in der Tibia oder Zither oder der Leier übertrifft. Ihre Schönheit ist blendend. Ihr Haus ist vollkommen eingerichtet; so viel Geschmack – so viel Edelsteine – so herrliche Arbeiten in Bronze! Sie ist reich, und ebenso freigebig als reich.« »Wahrscheinlich werden ihre Liebhaber«, sagte Glaukus, »dafür sorgen, daß sie nicht verhungert; und leicht gewonnenes Geld wird ebenso leicht wieder ausgegeben.« »Ihre Liebhaber! – Das ist eben das Rätsel! Ione hat nur einen Fehler – sie ist keusch. Ganz Pompeji liegt zu ihren Füßen, und sie hat keinen Geliebten. Sie will sogar nicht heiraten.« »Keinen Geliebten!« wiederholte Glaukus. »Nein, sie hat zwar den Gürtel der Venus, aber auch den jungfräulichen Sinn der Vesta.« »Das ist ja ein Wunder!« rief Glaukus. »Kann man sie nicht sehen?« »Ich will dich diesen Abend dort einführen«, erwiderte Klodius. »Bis dahin«, fügte er hinzu, »dürften die Würfel–« »Ich bin dabei!« sagte der gefällige Glaukus. »Pansa, sieh nach einer anderen Seite!« Lepidus und Sallust spielten gerade und ungerade, während Glaukus und Klodius die Wechselfälle der Würfel versuchten. »Beim Jupiter,« sprach Glaukus; »schon zum zweitenmal werfe ich den niedrigsten Wurf.« »Jetzt sei mir Venus günstig«, sagte Klodius, indem er die Büchse lange schüttelte. »Oh, alma Venus – es ist Venus selbst!« – indem ihm der höchste Wurf, nach dem Namen jener Göttin benannt, gelang, »die allerdings meist denen günstig ist, die Geld gewinnen«. »Venus ist undankbar gegen mich,« sprach Glaukus scherzend, »ich habe immer auf ihrem Altar geopfert.« »Wer mit dem Klodius spielt,« flüsterte Lepidus, »muß bald, wie der Curculio des Plautus, sein Pallium einsetzen.« »Der arme Glaukus!« erwiderte Sallust leise. »Er ist so blind als Fortuna selbst.« »Ich spiele nicht mehr,« sagte Glaukus, »ich habe dreißig Sesterzien verloren.« »Es tut mir leid«, begann Klodius. »Kümmere dich nicht,« sprach Glaukus, »der Schmerz meines Verlustes wird durch das Vergnügen überwogen, dich gewinnen zu sehen.« Die Unterhaltung wurde hierauf allgemeiner und lebhafter. Der Wein floß reichlicher, und Ione wurde nochmals von den Gästen des Glaukus bis in den Himmel erhoben. »Statt mit den Sternen um die Wette zu wachen,« sagte Lepidus, »wollen wir lieber Ione besuchen, bei deren Anblick die Sterne selbst erbleichen müssen.« Klodius, der einsah, daß, man seinen Gastgeber an diesem Abend wohl nicht wieder zum Würfelspiel bewegen würde, trat dem Vorschlag bei. Auch Glaukus konnte nicht verbergen, obgleich er seine Gäste höflich nötigte, länger bei ihm zu bleiben, daß seine Neugierde durch das Lob der Ione erregt worden sei. So beschlossen endlich alle außer Pansa, nach dem Hause der schönen Griechin zu wandern. Es wurde noch auf die Gesundheit des Glaukus und des Titus getrunken – sie brachten ihre letzte Libation dar – stiegen die Treppe hinunter, gingen durch das erleuchtete Atrium – und indem sie ungebissen über den wilden Hund schritten, der an der Schwelle auf dem Boden dargestellt war, befanden sie sich in den noch lebhaften Straßen Pompejis, als der Mond eben aufgegangen war. Sie kamen durch den Teil der Stadt, wo die Juwelierläden sich befanden und in denen die Edelsteine den Glanz der vielen Lichter zurückwarfen, und gelangten endlich zu dem Hause der Ione. Die Halle war glänzend erleuchtet, an jeder Seite des Tabliniums hingen gestickte purpurne Vorhänge, die Wände, sowie der Fußboden von Mosaik, glühten von den lebhaftesten Farben der Künstler; und unter dem Säulengang, der das duftige Viridarium umgab, fanden sie Ione, welche bereits von vielen Anbetern und Verehrern umgeben war. »Sagtest du nicht, sie sei eine Athenerin?« flüsterte Glaukus, bevor er in das Peristil trat. »Nein, sie ist aus Neapel.« »Neapel!« wiederholte Glaukus, und in diesem Augenblick sah er, als jene die Ione umgebende Gruppe auseinandertrat, die schöne Gestalt und die reizenden Züge wieder, welche vor einigen Monaten einen so großen Eindruck auf ihn gemacht hatten. 3. Arbaces, der Ägypter, war, als er Glaukus und seinen Gefährten am Meeresstrand verlassen hatte, nach dem belebteren Teil der Bucht gegangen. Dort blieb er stehen und blickte mit übereinandergeschlagenen Armen und finsterem Blick auf das bewegte Treiben. »Toren, Kurzsichtige, Narren, die ihr seid!« murmelte er bei sich selbst. »Mögt ihr Geschäfte oder Vergnügen, Handel oder Religion betreiben, immer seid ihr Sklaven der Leidenschaften, die ihr beherrschen solltet! Wie könnte ich euch verachten, wenn ich euch nicht haßte – ja, haßte! Griechen oder Römer, gleichviel – von uns, den geheimen Schätzen der Weisheit Ägyptens, habt ihr das Feuer entwendet, welches euch Seelen verleiht – euer Wissen – eure Dichtkunst – eure Gesetze – eure Künste – eure barbarische Überlegenheit im Kriege – ihr habt sie uns gestohlen, wie ein Sklave die Überbleibsel eines Gastmahls! Und jetzt, ihr Räuber, seid ihr unsere Herren, und die Pyramiden schauen nicht mehr herab auf das Geschlecht des Ramses. Aber mein Geist bezwingt euch doch durch die Macht seiner Weisheit, wenn auch die Fesseln unsichtbar sind. Solange List die Gewalt zu besiegen vermag, solange der Religion eine Höhle bleibt, aus der Orakel die Menschen täuschen können, so lange beherrschen Weise die Welt. Selbst eure Laster benutzt Arbaces für seine Genüsse – Genüsse, die uneingeweihten Augen verborgen bleiben – reiche, unerschöpfliche Genüsse, welche euer entnervter Geist in dumpfer Sinnlichkeit weder begreifen kann noch sich träumen läßt! Meine Macht geht so weit, als die Menschen glauben. Ich beherrsche selbst Männer, die sich in Purpur kleiden. Theben möge gefallen, Ägypten nur ein Name sein; in der ganzen Welt findet Arbaces seine Untertanen!« Indem er so sprach, schritt der Ägypter langsam weiter, und als er in die Stadt trat, ragte seine schlanke Figur über der auf dem Forum versammelten Menge hervor, und er wandte sich nach dem kleinen, doch anmutigen, der Isis geweihten Tempel. Dieses Gebäude war erst vor kurzem an Stelle eines andern, durch ein Erdbeben vor sechzehn Jahren zerstörten Tempels errichtet worden und erfreute sich bei den Pompejanern einer großen Beliebtheit. Die Orakel der Isis wurden in einer geheimnisvollen Sprache erteilt, waren aber das Ergebnis tiefer Menschenkenntnis. Sie entsprachen vollkommen den jedesmaligen persönlichen Verhältnissen und bildeten einen entschiedenen Gegensatz zu der leeren Allgemeinheit, die in den Sprüchen anderer Gottheiten obwaltete. Als Arbaces an die Schranken gelangte, welche den profanen Teil des Tempels von dem geheiligten trennten, fand er eine Menge Menschen aus allen Klassen, besonders aber vom Kaufmannsstande, vor den Altären in dem offenen Hofe in stiller Andacht und Ehrfurcht versammelt. In den Wänden der Cella, zu welcher sieben Stufen von parischem Marmor führten, standen mehrere Statuen in Nischen, und diese Wände waren mit dem der Isis geheiligten Granatapfel geziert. Auf einem Piedestal in dem Innern des Gebäudes standen zwei Statuen, nämlich die der Isis und ihres Gefährten, des schweigsamen und geheimnisvollen Orus. Noch viele andere Statuen bildeten den Hofstaat der ägyptischen Gottheit; der ihr verwandte und vielnamige Bacchus und die zyprische Venus, wie sie aus dem Bade stieg, eine griechische Nachahmung ihrer selbst, und Anubis mit dem Hundekopf, der Stier Apis und mehrere ägyptische Götzenbilder von seltsamer Form und unbekannter Benennung. Natürlich wurde in den süditalienischen Städten Isis nicht mit den Zeremonien und Formen verehrt wie in Ägypten. Die eingeborenen wie die vermischten Nationen des Südens verwechselten mit ebensoviel Übermut als Unwissenheit den Kultus aller Zeiten und Länder. Auch die düsteren Geheimnisse des Nils wurden durch vielfache leichtsinnige Beimischungen aus den Glaubensbekenntnissen an dem Cephisus und der Tiber verunstaltet und entwürdigt. Den Tempel der Isis zu Pompeji bedienten römische und griechische Priester, die sowohl der Sprache als der Gebräuche ihrer früheren Verehrer unkundig waren, und der Abkömmling jener ehrwürdigen ägyptischen Könige mußte, trotz des Scheins tiefer Ehrfurcht, den er beobachtete, oft im geheimen über die kleinlichen Spielereien lachen, welche die feierliche und ernste Götterverehrung jenes glühenden Klimas darstellen sollten. In zwei Reihen standen auf den Stufen die Opferpriester, gekleidet in weiße Gewänder, und oben zwei untergeordnete Priester, von denen der eine einen Palmzweig, der andere ein kleines, mit Getreide gefülltes Gefäß in der Hand hielt. Auf dem kleinen Raume im Vordergrunde drängten sich die Verehrer der Isis. »Was führt euch zu den Altären der heiligen Isis?« fragte Arbaces leise einen dieser Verehrer, der offenbar ein Kaufmann war. »Nach den weißen Gewändern der Priester scheint ein Opfer gehalten werden zu sollen, und nach der bedeutenden Versammlung erwartet ihr wohl ein Orakel? Welche Frage wollt ihr beantwortet haben?« »Wir sind Kaufleute,« erwiderte der Gefragte (der niemand anders als Diomedes war) mit leiser Stimme, »welche das Schicksal ihrer Schiffe, die morgen nach Alexandrien absegeln, wissen möchten. Wir wollen der Göttin ein Opfer darbringen und ihre Antwort erflehen. Ich gehöre nicht zu denen, wie du an meiner Kleidung siehst, die das Opfer veranstaltet haben, doch ist auch mir, beim Jupiter!, an der glücklichen Fahrt der Schiffe viel gelegen. Ich habe einen kleinen Handel, wie könnte ich sonst in diesen schlechten Zeiten bestehen?« Der Ägypter erwiderte mit Würde: »Zwar ist Isis eigentlich die Beschützerin des Ackerbaues, doch nicht weniger die des Handels.« Indem Arbaces hierauf sein Haupt gegen Osten wendete, schien er sich in eifriges Gebet zu vertiefen. Jetzt trat ein von Kopf bis zu Fuß weißgekleideter Priester auf die Mitte der Treppe; zwei andere Priester lösten die, welche bisher oben gestanden hatten, ab. Sie waren bis unter die Brust nackt und der übrige Teil des Körpers in weiße, weite Gewänder gehüllt. Zugleich trug ein am Fuße der Treppe sitzender Priester eine feierliche Melodie auf einem langen Blasinstrument vor. Auf der halben Höhe der Treppe stand ein anderer, der in einer Hand einen Votivkranz, in der andern einen weißen Stab trug, während vor jedem Altar geopfert wurde. Die Gesichtszüge des Arbaces schienen, während die Aruspices die Eingeweide untersuchten, von ihrer strengen Ruhe und Kälte nachzulassen und ganz frommer Andacht sich hinzugeben – sie nahmen einen freudigeren Ausdruck an, als die Zeichen für günstig erklärt wurden und das Feuer hell und leuchtend den geheiligten Teil des Opfers unter Wohlgerüchen von Myrten und Weihrauch verzehrte. Grabesstille herrschte in der Versammlung, und als die Priester sich um die Cella versammelten, trat ein anderer Priester, ganz nackt bis auf einen Gürtel um den Leib, vor und erflehte, mit wilden Gebärden umherspringend, eine Antwort von der Göttin. Zuletzt hörte er erschöpft auf und man vernahm im Innern der Statue ein leises Geräusch. Dreimal nickte sie mit dem Kopfe, die Lippen öffneten sich, und eine hohle Stimme sprach in geheimnisvollem Ton die Worte: Wie wilde Rosse schäumen die Wogen, Schon mancher ward in den Abgrund gezogen, Es dräuet das Schicksal mit finsterem Blick, Doch eueren Schiffen wird gnädig Geschick. Die Stimme schwieg – die versammelte Menge atmete freier – die Kaufleute waren beruhigt. – »Nichts kann deutlicher sein,« flüsterte Diomed; »die See wird stürmisch sein, wie es oft beim Anfange des Herbstes der Fall ist, doch unseren Schiffen wird kein Unglück widerfahren. O gnadenreiche Isis!« »Gelobt sei ewig die Göttin!« sagten die Kaufleute. »Was kann unverfänglicher sein als diese Prophezeiung?« Der Oberpriester erhob eine Hand zum Zeichen, daß das Volk schweigen solle, denn der Kultus der Isis gebot eine den lebhaften Pompejanern fast unmögliche Enthaltsamkeit in dem Gebrauche der Sprachorgane, und nach einem kleinen Schlußgebete war die Zeremonie beendet, und die Versammlung wurde entlassen. Der Ägypter blieb jedoch, und als der Tempel schon ziemlich leer war, näherte sich ihm einer der Priester und grüßte ihn mit großer Vertraulichkeit. Das Äußere dieses Priesters war wenig einnehmend, sein kahler Schädel war über der Stirn so platt und schmal, daß er fast dem eines afrikanischen Wilden glich. Um die Stirn bildete die Haut ein Gewebe tiefer und verwickelter Runzeln, die dunklen und kleinen Augen rollten in gelbschmutzigen Höhlen, die kurze, doch dicke Nase war abgestumpft wie die eines Satyrs, und die aufgeworfenen, blassen Lippen, die hervorstehenden Backenknochen, die gelbliche Farbe der lederartigen Gesichtshaut trugen noch mehr dazu bei, den Anblick dieses Kopfes abschreckend und Mißtrauen erweckend zu machen. »Kalenus,« sagte der Ägypter zu diesem Priester, »du hast, indem du meinen Anweisungen folgtest, die Stimme der Statue sehr verbessert, und deine Verse sind vortrefflich. Prophezeie nur immer günstige Erfolge, außer, wenn deren Erfüllung durchaus unmöglich erscheint.« »Wenn auch«, sagte Kalenus, »der Sturm eintrifft und die verdammten Schiffe untergehen, haben wir es dann nicht vorhergesagt? Ist es nicht ein gnädiges Geschick, wenn sie zur Ruhe kommen? – Ruhe erfleht der Schiffer in der Ägäischen See, wenigstens sagt Horaz so – kann der Schiffer auf der See mehr in Ruhe sein, als wenn er auf deren Grunde liegt?« »Richtig, mein Kalenus, ich wünschte nur, daß Apäcides an deiner Weisheit sich ein Beispiel nähme. Doch ich wünsche mit dir über ihn und einige andere Gegenstände mich zu unterhalten. Kannst du mich in eines eurer Sprechzimmer führen?« »Gewiß«, erwiderte der Priester, indem er den Arbaces in eine der kleineren Kammern an dem offenen Tore führte. Hier setzten sie sich an einen mit Früchten, Eiern, kalten Speisen und Gefäßen voll herrlichen Weins besetzten Tisch. Ein Vorhang vor dem nach dem Hofe gehenden Eingang erinnerte sie daran, leise zu sprechen oder sich keine Geheimnisse mitzuteilen; sie wählten das erstere. »Du weißt,« sagte der Ägypter in einem Tone, der kaum hörbar wurde, »daß es immer mein Grundsatz war, die Jugend an mich zu ziehen. Ihr bewegliches und noch bildsames Gemüt macht es mir möglich, mir in ihr die geeignetsten Gehilfen zu erziehen. Ich forme und leite sie nach meinem Willen. Die Männer mache ich zu meinen Anhängern oder Dienern; die Mädchen –« »Zu Geliebten«, fiel Kalenus ein, und ein grinsendes Lächeln entstellte noch mehr seine häßlichen Züge. »Ja, ich leugne es nicht, das weibliche Geschlecht ist der Hauptgegenstand meiner Neigungen und Leidenschaften. Wie ihr das Opfertier erst ernährt, so liebe ich es, den Genuß mir durch eigene Ausbildung vorzubereiten. Ich finde den wahren Reiz der Liebe in dem sanften und unbewußten Fortschritt von der Unschuld zur Sehnsucht nach dem Genusse. Auf diese Weise darf ich auch die Übersättigung nicht fürchten, und ich erhalte mir die Jugendfrische meiner eigenen Gefühle, indem ich sie an anderen beobachte. Doch genug davon. So wisse denn, daß ich vor einiger Zeit in Neapel die Jone und den Apäcides antraf, die Tochter und den Sohn einer Athener Familie, welche sich zu Neapel niedergelassen hatten. Der Tod ihrer Eltern, welche mich kannten und hochschätzten, berief mich zu ihrem Beschützer. Der Jüngling, gelehrig und sanft, fügte sich willig der Richtung, die ich ihm zu geben mich bestrebte. Nach den Weibern liebe ich am meisten die Erinnerungen aus dem Lande meiner Vorfahren, gern befördere und verbreite ich in entfernten Ländern ihren geheimnisvollen Kultus. Indem ich so den Göttern diene, gefällt es mir vielleicht, die Menschen zu täuschen. Den Apäcides habe ich in dem heiligen Gottesdienst der Isis unterrichtet. Ich erklärte ihm einige der erhabenen Geheimnisse, die damit verknüpft sind und entzündete in seinem für religiöse Erhebung besonders empfänglichen Gemüte jene Begeisterung, die der Glaube in der Einbildungskraft aufregt. Ich habe ihn zu euch gesellt; er ist einer der eurigen!« »Er ist es,« sagte Kalenus, »aber diese Aufklärungen haben nicht günstig auf ihn gewirkt. Unsere Täuschungen der großen Menge, unsere redenden Statuen und geheimen Treppen sind ihm widerwärtig. Er bereut, daß er bei uns eingetreten ist, er schleicht umher, spricht mit sich selbst und weigert sich, ferner teil an unseren Zeremonien zu nehmen. Man weiß, daß er häufig die Versammlung von Männern besucht, die im Verdacht stehen, jener neuen atheistischen Sekte anzugehören, welche alle unsere Götter verleugnet und unsere Orakel für die Eingebungen jenes bösen Geistes hält, dessen die morgenländischen Sagen erwähnen.« »Dieses mußte ich«, sagte Arbaces nachdenkend, »schon nach den Vorwürfen besorgen, die er mir machte, als ich ihn das letztemal sah. Schon seit längerer Zeit flieht er mich – ich will ihn aufsuchen. Ich muß meinen Unterricht fortsetzen, ich will ihn in das innere Heiligtum der Weisheit einführen. Ich muß ihn lehren, daß es zwei Stufen der Heiligkeit gibt – die erste: der Glaube – die zweite: die Enttäuschung ; erstere für die Menge, letztere für die Auserwählten.« »Ich habe die erste Stufe überschlagen,« sagte Kalenus, »und ich glaube auch du, mein Arbaces.« »Du irrst,« erwiderte der Ägypter ernsthaft, »ich glaube noch jetzt – wenn auch nicht das, was ich lehre, doch das, was ich nicht lehre –. Die Natur hat eine Heiligkeit, der ich meine Anerkennung weder verweigern kann noch will. Ich glaube an mein eigenes Wissen, und das hat mir entdeckt – doch genug davon. Kehren wir zu unseren irdischen Angelegenheiten zurück. Wenn ich meinen Plan mit Apäcides ausführte, was waren dann meine Absichten mit Jone? Du weißt bereits, daß ich sie zu meiner Königin – meiner Braut – der Isis meines Herzens bestimmte. Erst als ich sie gesehen, empfand ich ganz die Liebe, deren meine Natur fähig ist.« . »Ich höre von allen Seiten, daß sie eine zweite Helena ist«, sagte Kalenus, und er schmatzte dabei mit den Lippen, doch war es schwer zu unterscheiden, ob dieses Schmatzen auf die Rechnung des Weins oder seiner Bemerkung zu setzen war. »Ja, ihre Schönheit wurde selbst in Griechenland nie übertroffen«, sagte Arbaces. »Aber das ist noch nicht alles; auch ihr Geist ist des meinigen würdig. Sie hat einen für ein Weib ungewöhnlichen Genius, sie ist kühn und begeisterungsfähig für Kunst und Poesie. Man braucht nur eine Wahrheit auszusprechen, sie erfaßt sie sofort mit ihrem ungewöhnlichen Verstand. Jone muß die Meinige werden! Zu ihr zieht mich doppelte Leidenschaft; ich wünsche ihre geistige wie ihre körperliche Schönheit zu genießen.« »Also ist sie noch nicht die Deinige?« fragte der Priester. »Nein, sie liebt mich – doch nur wie einen Freund; sie liebt mich bloß mit ihrem Geiste. Sie setzt in mir die geringfügigen Tugenden voraus, welche ich nur zu verachten die höhere Tugend habe. Doch ich muß dir noch mehr über sie mitteilen. Der Bruder und die Schwester waren jung und reich. Jone ist stolz und ehrgeizig – stolz auf ihre geistigen Fähigkeiten – auf ihr poetisches Talent, auf die Reize ihrer Unterhaltung. Als ihr Bruder mich verließ und in euren Tempel trat, ging sie ebenfalls nach Pompeji, um in seiner Nähe zu bleiben. Ihre Talente sind hier bereits bekannt. Sie gibt glänzende Feste; ihre Schönheit, ihre Stimme, ihre Poesie haben eine Schar von Verehrern um sie gesammelt. Es schmeichelt ihrem Ehrgeiz, wenn sie die Nachfolgerin der Erinna genannt wird.« »Oder der Sappho?« »Aber eine Sappho ohne Liebe! Ich ermutige sie, in dieser kühnen Laufbahn zu verharren, dem Vergnügen und der Eitelkeit zu huldigen; ich liebte es, sie durch die Zerstreuungen und den Luxus Pompejis fortgerissen zu sehen. Ich wünschte, sie von eitlen, leeren Gecken, von Anbetern umgeben zu sehen, die sie verachten mußte, damit sie desto mehr den Mangel wahrer Liebe fühlen möge. Dann, in jenem Zustande der Erschöpfung, welcher der Aufregung folgen mußte, konnte ich meine Netze stellen – ihre Teilnahme erregen – ihre Leidenschaften wecken und leiten – um mich ihres Herzens zu bemächtigen.« »Bist du aber nicht besorgt wegen deiner Nebenbuhler? Die Verehrer des weiblichen Geschlechts in Italien sind gewandt in der Kunst, zu gefallen.« »Das fürchte ich nicht! – Ihr griechisches Gemüt verachtet die barbarischen Römer, und würde sich selbst verachten, wenn es Liebe für einen Abkömmling dieses Geschlechts fühlte.« »Aber du bist ein Ägypter und kein Grieche!« »Ägypten«, erwiderte Arbaces, »ist die Mutter Athens. Die Schutzgöttin dieser Stadt, Minerva, ist unsere Gottheit, und der Begründer Athens, Kekrops, war ein Flüchtling aus unserem ägyptischen Sais. Ich habe ihr das alles schon erzählt, und in meinem Blute verehrt sie die älteste Dynastie der Erde. Doch ich muß gestehen, daß seit kurzem einiges Mißtrauen in mir erwacht ist. Sie ist schweigsamer, als sie zu sein pflegte, sie liebt melancholische und traurige Musik, sie seufzt ohne einen äußeren Grund. Dieses kann den Mangel der Liebe – aber auch deren Entstehung andeuten. In beiden Fällen ist es Zeit, meine Pläne auf ihren Geist und ihr Herz auszuführen; in dem einen Fall, um die Quelle der Liebe gegen mich zu leiten, in dem anderen, um sie für mich zu erwecken. Aus diesem Grunde habe ich dich aufgesucht.« »Und wie kann ich dir behilflich sein?« »Ich beabsichtige, sie zu einem Fest in meinem Hause einzuladen; ich wünsche, ihre Sinne zu verblenden, aufzuregen und zu entflammen. Unsere Künste – jene Künste, durch welche in Ägypten die Novizen gebildet wurden, müssen angewendet werden; und ich will ihr unter dem Schleier der Mysterien der Religion die Geheimnisse der Liebe mitteilen.« »Ah, jetzt verstehe ich – eines jener üppigen Feste, an welchen wir – trotz unserer Gelübde der Enthaltsamkeit, wir, die Priester der Isis, in deinem Hause teilgenommen haben.« »Nein, nein! Glaubst du, daß ihre keuschen Augen für solche Szenen schon geeignet sind? – Nein – zuerst müssen wir den Bruder wieder in unsere Netze ziehen – dieses ist eine leichtere Aufgabe. Ich will dir jetzt meinen Plan mitteilen.« 4. Leuchtend schien die Sonne in das üppige Zimmer im Hause des Glaukus, und durch die Fenster drangen die wohlriechenden Düfte aus dem Garten herein. Die Bilder an den Wänden leuchteten in den lebhaftesten Farben. Außer dem Hauptgemälde, die Leda und den Tyndarus darstellend, wurde das Auge noch durch einige andere Gemälde von ausgezeichneter Schönheit entzückt. In dem einen sah man Kupido, wie er sich an die Venus schmiegte, in einem anderen Ariadne, am Ufer schlafend, noch unbekannt mit der Treulosigkeit des Theseus. Die Sonnenstrahlen spielten lustig auf dem mit Mosaik ausgelegten Fußboden und an den glänzenden Wänden – und zugleich durchdrangen die Strahlen der Freude das Herz des jungen Glaukus. »Ich sah sie also,« sagte er, indem er in der kleinen Stube auf und ab ging, »ich hörte sie, ich sprach selbst wieder mit ihr – ich horchte auf die entzückenden Töne ihres Gesanges, und sie sang vom Ruhme und von Griechenland. Ich habe das Ideal meiner Träume endlich entdeckt, das ich so lange suchte, und es wurde mir, dem zyprischen Künstler gleich, gewährt, dem Werk meiner eigenen Einbildungskraft Leben einzuhauchen.« Glaukus hätte sich wohl noch länger seinen Liebesgedanken hingegeben, aber in diesem Augenblick trat ein junges Mädchen, fast noch ein Kind, in das Zimmer. Sie war einfach, in eine weiße Tunika gekleidet, die vom Nacken bis auf die Füße reichte, unter dem Arme trug sie ein Körbchen mit Blumen, und in der anderen Hand hielt sie eine bronzene Wasservase. Ihre Gesichtszüge waren für ihr Alter schon sehr ausgebildet, doch sanft und weiblich, und wenn sie auch nicht für schön gelten konnten, so wurden sie es fast durch die Schönheit ihres Ausdrucks. Es lag in ihrer Erscheinung etwas Mildes, man konnte fast sagen, Geduldiges – ein Zug duldender Trauer, ruhiger Ergebung hatte das Lächeln, aber nicht die Anmut von ihren Lippen verbannt. Etwas Ängstliches und Vorsichtiges in ihrem Gange ließ das Unglück erraten, welches sie seit ihrer Geburt kannte – sie war blind. Aber an den Augen sah man es ihr nicht an, ihr melancholischer und schüchterner Blick war klar und heiter. »Man sagt mir, Glaukus sei hier,« sagte sie, »darf ich eintreten?« »Ach, meine Nydia,« erwiderte der Grieche, »bist du es? Ich wußte wohl, daß du kommen würdest.« »Du bist erst seit kurzem zurückgekehrt?« »Seit sechs Tagen bin ich wieder in Pompeji.« »Und du befindest dich wohl? Ach, ich brauche nicht zu fragen, denn wer, der die Erde sehen kann, die, wie man mir erzählt, so schön sein soll, kann sich schlecht befinden?« »Ich befinde mich wohl – und du, Nydia? – Wie du gewachsen bist! – Im nächsten Jahre wirst du wohl daran denken müssen, welche Antworten du deinem Geliebten zu geben hast.« Nochmals errötete Nydia. »Ich habe dir einige Blumen gebracht«, sagte sie, ohne auf eine Bemerkung etwas zu erwidern, die ihr zu mißfallen schien, und sie tastete im Zimmer umher, bis sie den Tisch fühlte, an dem Glaukus stand. Indem sie ihr Körbchen dorthin setzte, sprach sie: »Die Blumen sind nicht schön, aber sie sind frisch gepflückt.« »Von der Flora selbst würden sie mir nicht lieber sein,« sagte er freundlich; »und ich erneuere nochmals den Grazien mein Gelübde, daß ich keine anderen Kränze tragen will, solange deine Hände mir sie winden.« »Und wie gedeihen die Blumen in deinem Viridarium? Ich kam in deiner Abwesenheit, so oft ich konnte, um sie zu begießen.« »Wie soll ich dir danken, schöne Nydia?« sagte der Grieche. »Glaukus ließ es sich nicht träumen, daß seine Blumen eine so sorgsame Pflegerin gefunden hätten.« Die Hand des Kindes zitterte und ihr Herz klopfte. Verlegen trat sie zurück. »Die Sonne ist heute etwas heiß für die armen Blumen. Ich will hingehen und nach ihnen schauen.« Sie machte eine leichte Verbeugung mit dem Kopfe und begab sich in das Viridarium, wo sie sich mit der Wartung der Blumen beschäftigte. »Arme Nydia,« sprach Glaukus, indem er ihr nachsah, »dein Los ist hart. Du siehst nicht die Erde – noch die Sonne – noch das Meer – noch die Sterne – vor allem aber kannst du Jonen nicht sehen.« Bei diesem Gedanken erinnerte er sich wieder des vorigen Abends, wurde aber nochmals in seinen Träumereien gestört, indem Klodius eintrat. Es war merkwürdig und ein Beweis, wie sehr ein Abend die Liebe des Atheners gesteigert hatte, daß, obgleich er dem Klodius das Geheimnis seines ersten Zusammentreffens mit Jonen mitgeteilt hatte und die Wirkung, die ihr erster Anblick auf ihn machte, er jetzt eine unüberwindliche Abneigung fühlte, selbst ihren Namen zu erwähnen. Er hatte Jonen mitten unter den ausgelassensten und verderbtesten Stutzern Pompejis rein und unschuldig wiedergesehen – die Achtung der Kecksten mehr durch Anmut als zurückstoßendes Wesen gewinnend. Diejenigen, welche ihren Geist nicht verstanden, wurden durch die Magie ihrer Schönheit dem Materiellen entrückt – die für die Reize der Poesie Gefühllosen hatten wenigstens Ohren für den Wohlklang ihrer Stimme. Glaukus fühlte zum erstenmal, als er durch ihre Gegenwart alles zu fleckenloser Reinheit erhoben sah, die Würde seiner eigenen Natur. Er fühlte, daß seine Gefährten und sein Treiben der Göttin seiner Träume nicht entsprächen, er wurde begeistert durch ein Gefühl seines Mutes, indem er es wagte, nach dem Besitze Jonens zu streben. Sie war nicht länger das nur einmal gesehene und in der Erinnerung lebende schöne Mädchen, sie war bereits die Gebieterin, die Gottheit seiner Seele. Als Klodius mit erheucheltem Entzücken von der Schönheit der Jone sprach, fühlte Glaukus Mißmut und Widerwillen, daß solche Lippen sie zu loben wagten. Er antwortete einsilbig und kalt, und der Römer glaubte, die Leidenschaft des Griechen sei bereits wieder verflogen. Dieses mißfiel dem Klodius durchaus nicht, denn er wünschte, Glaukus möchte noch eine reichere Erbin heiraten, nämlich Julia, die Tochter des Diomedes. Der Spieler hoffte, auch dessen Gold leicht für sich zu gewinnen. Die Unterhaltung zwischen den beiden Freunden verlief nicht so lebhaft und unbefangen als gewöhnlich, und kaum hatte Klodius ihn verlassen, als Glaukus sich auf den Weg nach dem Hause der Jone begab. An der Schwelle seiner Wohnung begegnete ihm wieder Nydia, die ihr anmutiges Geschäft vollendet hatte. Sie erkannte ihn gleich an seinem Gange. »Du gehst früh aus«, sagte sie. »Ja, der kampanische Morgen bestraft den Trägen, der ihn versäumt.« »Ach, könnte ich ihn doch auch genießen!« flüsterte das blinde Mädchen, doch nur so laut, daß Glaukus ihre Klage nicht überhören konnte. Die Thessalierin blieb noch etwas stehen; darauf suchte sie ihren Weg mit einem langen Stab, dessen sie sich mit großer Geschicklichkeit bediente. Sie verließ bald die besuchteren Straßen und trat in einen Teil der Stadt, der meist nur durch Trunkenbolde und entartete Menschen besucht wurde. Doch ihr Unglück schützte sie vor der Gemeinheit und dem Laster, welche sie umgaben. Sie klopfte an die Hintertür eines kleinen Wirtshauses; sie ward geöffnet, und eine rauhe Stimme forderte Rechenschaft von ihr über die eingenommenen Sesterzien. Bevor sie noch antworten konnte, sagte eine etwas weniger gemeine Stimme: »Kümmere dich nicht um diese kleinen Vorteile, mein Burbo. Auf den Festen unseres reichen Freundes wird man der Stimme des Mädchens wieder bedürfen, und er bezahlt, wie du weißt, seine Nachtigallenzungen teuer genug.« »Oh, ich hoffe nicht – ich denke nicht«, sagte Nydia zitternd. »Ich will betteln vom Morgen bis zum Abend, aber schickt mich nicht wieder dorthin.« »Und weshalb nicht?« fragte dieselbe Stimme. »Weil – weil ich jung bin und gut erzogen, und die Mädchen, die ich dort finde, keine geeignete Gesellschaft für mich sind, die – die –« »Eine Sklavin im Hause des Burbo ist«, erwiderte die Stimme ironisch und mit heiserem Gelächter. Die Thessalierin setzte ihr Blumenkörbchen nieder und weinte, indem sie sich das Gesicht mit den Händen bedeckte. Während dieses vorfiel, trat Glaukus in das Haus der schönen Neapolitanerin. Er fand Jone bei ihrer weiblichen Dienerschaft sitzend, die mit Arbeiten beschäftigt war. Zur Seite stand ihre Harfe, denn Jone selbst war an diesem Tag ungewöhnlich untätig, vielleicht ungewöhnlich nachdenkend. Sie schien ihm sogar schöner in dem Morgenlicht und in ihrer einfachen Kleidung, als unter den glänzenden Lampen und mit den kostbaren Edelsteinen, wie in der vorigen Nacht, geziert, und um so mehr, da die blasse Farbe ihrer durchsichtigen Haut bei seiner Annäherung sich in ein hohes Rot verwandelte. Glaukus verschmähte es, die Unterhaltung mit ihr in dem schmeichelnden Ton zu führen, der damals Mode war. Er sprach mit ihr über Griechenland, über ihre gemeinsame Heimat, und Jone horchte still und nachdenkend auf seine Worte. Diese Beschreibungen hatten mehr Wert für sie, als die feinsten Schmeicheleien ihrer zahlreichen Anbeter. War es eine Sünde, ihren Landsmann zu lieben? – Sie liebte in ihm Athen – die Götter ihres Stammes, das Land ihrer Träume, redeten zu ihr in seiner Stimme! Von jetzt an sahen sie sich täglich. In der Kühle des Abends machten sie Spaziergänge an die herrliche Küste. Ihre Liebe war ebenso innig, als sie schnell sich entzündet hatte, sie füllte alle Ansprüche ihres Lebens aus. Das Herz, der Verstand, das Gefühl, die Einbildungskraft, jede geistige und moralische Eigenschaft wurden zum Priester und Gehilfen dieser Liebe. Es war ganz natürlich, daß sie sich so lieben mußten, sie glaubten, der Himmel selbst billige ihre Neigung. Da sie beide jung, schön und reich waren, so sahen sie nichts, was ihrer Verbindung im Wege stehen könnte. Sie hielten den Altar ihrer Liebe für ein Asyl vor den Sorgen der Erde und wußten nicht, welche Schlangen unter diesen verborgen lagen. An einem Abend, dem fünften nach ihrem ersten Zusammentreffen in Pompeji, kehrten Glaukus und Jone mit einer Gesellschaft auserlesener Freunde von einer Gondelfahrt längs der Bai zurück. Das Schiffchen flog leicht über die Wellen, deren durchsichtige Fläche nur durch die Ruder in Bewegung gebracht wurde. Während die übrige Gesellschaft sich munter unterhielt, lag Glaukus zu den Füßen Jonens, und er würde in ihr Antlitz geschaut haben, aber er wagte es nicht. Jone brach zuerst das Stillschweigen. »Mein armer Bruder!« sagte sie seufzend. »Wie würde er sich einst dieser Stunde gefreut haben.« »Dein Bruder!« sagte Glaukus. »Ach, ich wollte dich schon einmal fragen, ob es nicht dein Bruder war, in dessen Begleitung du vor dem Tempel der Minerva vor Neapel dich von mir trenntest.« »Ja, er war es«, antwortete Jone etwas traurig. »Und er weilt hier, er ist ein Priester der Isis.« »Noch so jung, und diese Priesterschaft ist, wenigstens nach ihren Gesetzen, so strenge!« sagte der Grieche verwundert und mitleidig. »Was konnte ihn dazu veranlassen?« »Er war immer enthusiastisch in seinen religiösen Ansichten, und die Beredsamkeit eines Ägypters – unseres Freundes und Beschützers – erweckte in ihm das fromme Verlangen, dem geheimnisvollen Dienst der mystischen Göttin sich zu widmen.« »Hoffentlich bereut er nicht diese Wahl?« Jone seufzte und bedeckte das Antlitz mit ihrem Schleier. »Ich wünschte,« sagte sie nach einer Pause, »er hätte nicht so übereilt gehandelt. Vielleicht fühlt er sich, wie alle, die zu viel erwarten, zu bald enttäuscht!« »Er ist also nicht glücklich in seinem neuen Stande – und dieser Ägypter, war er selbst ein Priester? War er dabei interessiert, neue Mitglieder für die Gesellschaft zu werben?« »Nein, es geschah nur aus reiner Teilnahme für unser Schicksal. Wir verloren früh unsere Eltern, und Arbaces bestrebte sich, uns diesen Verlust zu ersetzen.« »Arbaces! Ich kenne ihn. Wenigstens sprechen wir zusammen, wenn wir uns begegnen. Aber deines Lobes ungeachtet verlange ich nicht, ihn näher kennenzulernen. Dieser stolze Ägypter, mit seinem finsteren Blick und dem kalten Lächeln, macht einen unheimlichen Eindruck auf mich.« »Seine Ruhe, seine Kälte«, sagte sie, »sind vielleicht nur die Folgen früherer Leiden, sowie es bei jenem Berge der Fall ist – und sie zeigte auf den Vesuv –, der uns in der Ferne finster und ruhig erscheint und einst das für immer erloschene Feuer nährte.« Sie blickten beide nach dem Berge, als Jone diese Worte aussprach. An dem Himmel glänzte ein rosiges Farbenspiel, doch über jener grauen Spitze, die sich aus den Wäldern und Weingärten erhob, welche damals die halbe Höhe erreichten, hing eine schwarze und verhängnisvolle Wolke als das einzige düstere Bild in der ganzen Landschaft. Eine plötzliche, unwillkürliche Schwermut bemächtigte sich ihrer, als sie dorthin blickten, und in jener Sympathie, welche die Liebe sie bereits gelehrt hatte, und die bei der geringsten Äußerung, dem kleinsten Vorgefühl eines Unglücks, in gegenseitiger Teilnahme sie Schutz suchen ließ, begegneten sich ihre Blicke zugleich voll unaussprechlicher Zärtlichkeit. Bedurfte es wohl der Worte, um sich zu sagen, dass sie sich liebten? 5. Arbaces hatte in der letzten Zeit das Haus der Jone seltener besucht und wußte nichts von der Liebe, die zwischen ihn und seine Absichten getreten war. Er beschäftigte sich jetzt viel mit dem Bruder der Jone, dessen Geistesstimmung ihn beunruhigte. Apäcides suchte seinen Umgang und seinen Rat nicht mehr. Man konnte ihn selten finden, er vermied sogar den Ägypter, wenn er ihm begegnete. Arbaces war einer jener mächtigen und überlegenen Geister, die gewohnt sind, andere zu beherrschen. Er fühlte sich beschämt bei dem Gedanken, daß einer, der früher sein eigen war, sich ihm gänzlich entziehen könne. Er schwor bei sich selbst, Apäcides solle ihm nicht entgehen. Mit diesem Entschluß kam er durch eine dunkle Baumgruppe in der Stadt, die zwischen seinem Hause und dem der Jone lag, und dort begegnete er unvermutet dem jungen Priester der Isis, der sich an einen Baum gelehnt hatte und auf die Erde blickte. »Apäcides«, sagte er, und legte seine Hand vertraulich auf die Schulter des jungen Mannes. Der Priester erschrak und schien fliehen zu wollen. »Mein Sohn,« sagte der Ägypter, »was tat ich dir, daß du mich meiden willst?« Apäcides schwieg, indem er auf den Boden sah, seine Lippen zitterten und sein ganzes Wesen war aufgeregt. »Rede mit mir, mein Freund,« fuhr der Ägypter fort, »rede, dein Geist scheint beunruhigt. Was hast du mir zu entdecken?« »Dir – nichts.« »Und weshalb hast du gerade zu mir so wenig Zutrauen?« »Weil du dich als mein Feind erwiesen hast.« »Wir wollen uns darüber aussprechen«, sagte Arbaces mit leiser Stimme, und indem er den widerstrebenden Arm des Priesters faßte, zog er ihn auf eine der Bänke, die in der Nähe waren. Apäcides war noch ein junger Mann, aber man sah ihm an, daß ihn geistige Kämpfe früh verzehrt hatten. Seine Augen lagen tief und glänzten fieberhaft, und seine ganzen Züge verrieten seine leidenschaftlichen Charakteranlagen. »Du behauptest, ich sei dein Feind gewesen«, sagte Arbaces. »Ich kenne die Ursache jener unbegründeten Beschuldigung. Ich habe dich unter die Priester der Isis eingeführt, du fühlst dich verletzt über ihre Täuschungen und Betrügereien und glaubst, daß auch ich dich hintergangen habe. Die Reinheit deines Gemüts wurde befleckt – du glaubst, auch ich gehöre zu jenen –« »Du hast also die Umtriebe dieser gottlosen Heuchler gekannt?« erwiderte Apäcides. »Warum verbargst du sie vor mir? Du hast in mir den Wunsch erregt, mich dem Dienst der Isis zu weihen. Du hast mir von dem heiligen Leben jener Männer erzählt, die allen irdischen Vergnügungen entsagten, um sich der Ausübung der erhabensten Tugenden zu widmen, und hast mich unter Wüstlinge gebracht, denen die gemeinsten Laster schon zur Gewohnheit wurden. Oh, wie schändlich hast du an mir gehandelt! Du hast mir die edelsten Gefühle der Jugend, den Glauben an die Menschenwürde und den Durst nach höheren Kenntnissen geraubt, und jetzt –« Die Stimme des Jünglings wurde durch krampfhaftes Schluchzen erstickt. Er bedeckte das Gesicht mit seinen Händen, und große Tränen drängten sich durch seine abgezehrten Finger und flossen reichlich auf das Gewand. »Was ich dir versprach, mein Freund, mein Schüler, das will ich dir halten! Jenes waren bloß Versuchungen für deine Jugend – deine fernere Laufbahn wird dafür desto glänzender sein – denke nicht mehr an diese Mummereien. Du bist würdig, in das innerste Heiligtum der Weisheit einzutreten, von nun an will ich dein Führer sein, und du, der jetzt meine Freundschaft verflucht, wirst sie einst segnen.« Der junge Mann erhob sein Haupt und schaute mit irrenden und zweifelhaften Blicken den Ägypter an. »Höre mich«, fuhr Arbaces mit ernster und feierlicher Stimme fort. »Von Ägypten ging alle Weisheit der Welt aus, von Ägypten kam das Wissen Athens und die gewandte Politik Kretas, aus Ägypten entsprangen zahlreiche in dem Dunkel der Vorzeit sich verlierenden Volksstämme, welche alle Vorzüge der Weisheit und der Anmut des geistigen Lebens besaßen. Und wie glaubst du, junger Mann, daß jenes Ägypten, die Mutter zahlloser Nationen, zu seiner Größe und erhabenen Weisheit gelangte? – Es war das Ergebnis tiefer und heiliger Staatskunde. Die jetzigen Nationen verdanken Ägypten ihre Macht, Ägypten verdankte sie seinen Priestern. Sie erfanden geheime Deutungen für die Veränderungen am Sternenhimmel, für das Maß der Zeit auf der Erde, für den sich wiederholenden Kreislauf menschlicher Ereignisse. Sie machten diese Deutungen der Fassungsgabe gewöhnlicher Menschen begreiflich durch die Sinnbilder von Göttern und Göttinnen, und was eigentlich nichts als eine Staatsregierung war, das nannten sie Religion. Isis ist eine Fabel – erschrecke nicht! Dasjenige, wofür die Isis eine sinnliche Darstellung sein soll, ist wirklich vorhanden und ein unsterbliches Wesen. Isis ist nichts, aber die Natur, deren Bild sie ist, war und bleibt die Mutter aller Dinge, geheimnisvoll und unbegreiflich in ihrem innersten Wesen, außer für wenige Auserwählte. »Kein Sterblicher hat jemals meinen Schleier gelüftet«, so spricht die Isis, welche du anbetest. Aber den Weisen wurde jener Schleier gelüftet, und es war uns vergönnt, der feierlichen Erhabenheit der Natur in das Antlitz zu schauen. Die Priester waren die Wohltäter, die Erzieher des Menschengeschlechts; aber sie waren auch, wenn du willst, Betrüger und Heuchler. Aber glaubst du, junger Mann, daß sie ihren Mitmenschen, ohne sie zu täuschen, hätten nützlich sein können? – Die unwissende und rohe Menge muß zu ihrem eigenen Besten gegängelt werden; an eine Wahrheit würde sie nicht glauben – aber ein Orakel verehrt sie. Und diese Orakel, Gebräuche und Zeremonien sind die Mittel unserer Herrschaft. Sie sind die Mittel, um die Ruhe und Wohlfahrt der Menschen zu fördern.« Apäcides schwieg, aber der schnelle Wechsel seiner lebendigen Züge verriet den Eindruck, den die Worte des Ägypters auf ihn machten – Worte, die durch die Stimme und das überlegene Wesen jenes Mannes nur noch eindringlicher wurden. »Auf solche Weise«, fuhr Arbaces fort, »haben unsere Vorfahren die ersten Grundlagen zur Kultur gelegt. Sie gaben ihnen Gesetze, sie lehrten sie Künste und Wissenschaften, die sie vervollkommneten. Sie forderten den Glauben, dagegen verbreiteten sie die Vorteile der Zivilisation. Waren nicht die Täuschungen selbst, welche man ihnen zum Vorwurf machen konnte, eine Tugend? Glaube mir, welches auch der göttliche Geist sein möge, der von jener fernen Sternenwelt auf unsere Erde herabschaut – er wird jener Weisheit seinen Beifall nicht versagen, die solche Zwecke erreicht hat. Erinnere dich zweier Aussprüche von Sextus, dem Pythagoräer, die der Weisheit Ägyptens entlehnt sind. Der erste ist: »Sprich nicht von Gott mit der Menge«; der zweite: »Der Mensch, der Gottes würdig ist, ist ein Gott unter den Menschen.« So wie geistige Überlegenheit die Priester Ägyptens durch die Religion herrschen lehrte, so kann diese Herrschaft, welche in den letzten Zeiten so sehr in Verfall geraten ist, auch nur durch geistige Überlegenheit wiederhergestellt werden. Ich glaube in dir, o Apäcides, einen meiner Lehren würdigen Schüler zu finden, ein der großen Zwecke würdiges Werkzeug, die noch zu erreichen sind. Ich unterstützte daher deine geheimen Wünsche; ich trieb dich zu dem Schritte, den du getan hast. Doch du tadelst mich, daß ich auf die geistige Nichtigkeit deiner Gefährten dich nicht aufmerksam machte. Hätte ich mich dazu entschlossen, mein Apäcides, so würde ich meinen Zweck selbst vereitelt haben, deine edlere Natur hätte widerstrebt, und Isis ihren Priester verloren.« Apäcides seufzte laut. Der Ägypter fuhr fort, ohne auf diese Unterbrechung zu achten. »Ich führte dich daher ohne weitere Vorbereitung in den Tempel ein, ich überließ deiner eigenen Beobachtungsgabe die Entdeckung aller jener Vorspiegelungen, welche die Menge täuschen. Es freut mich, in dir gefunden zu haben, was ich voraussetzte. Du hast deine Gelübde abgelegt, du kannst nicht zurück. Schreite vorwärts – ich will dein Führer sein.« »Und was willst du mich lehren, o sonderbarer und schrecklicher Mann? Neue Täuschungen – neue –« »Nein; ich habe dich in den Abgrund des Unglaubens geworfen, ich will dich jetzt zu der Höhe des Glaubens erheben. Du hast die falschen Zeichen gesehen, jetzt sollst du ihre wahre Deutung kennenlernen. Es gibt keinen Schatten, Apäcides, ohne seinen Körper. Komm diesen Abend zu mir – deine Hand darauf!« Aufgeregt und übertäubt durch die Worte des Ägypters, gab ihm Apäcides seine Hand, und Lehrer und Schüler trennten sich. Arbaces setzte nunmehr seinen Weg nach dem Hause der Jone fort. Als er die Schwelle übertrat, hörte er plötzlich von dem Säulengang des Peristyls her die Stimme des jungen Glaukus, und zum erstenmal durchzuckte die Brust des Ägypters eine unwillkürliche Regung der Eifersucht. In das Peristyl eintretend, sah er Glaukus neben der Jone sitzen. Der Springbrunnen in dem duftigen Garten erhob seinen silbernen Strahl in die Luft und gewährte Kühlung vor der brennenden Sonnenhitze. Die Dienerinnen, welche der Jone fast immer Gesellschaft leisteten, die trotz der Unabhängigkeit ihres Lebens immer den zartesten Anstand beobachtete, saßen in einiger Entfernung; zu den Füßen Glaukus lag die Leier, auf der er der Jone eine lesbische Melodie vorgetragen hatte. Arbaces stand einen Augenblick still und betrachtete das Paar mit einem Blick, den gänzlich der gewohnte ruhige Ausdruck verlassen hatte. Er sammelte sich jedoch bald wieder und näherte sich ihnen langsam, aber mit so leisem Schritt, daß selbst die Dienerinnen ihn nicht hörten, viel weniger Jone und ihr Geliebter. »Und doch,« sagte Glaukus, »bildeten wir uns bloß ein, bevor wir wirklich liebten, daß unsere Dichter diese Leidenschaft richtig und wahr geschildert haben – in dem Augenblick, da sich die Sonne erhebt, erblassen alle jene Sterne, die wir früher gesehen hatten.« »Ein schönes und vortreffliches Gleichnis, edler Glaukus!« Beide erschraken, als sie hinter dem Sitze der Jone das kalte und sarkastische Antlitz des Ägypters bemerkten. »Du bist ein unvermuteter Gast«, sagte Glaukus, indem er aufstand, mit erzwungenem Lächeln. »So müssen alle Gäste erscheinen, die wissen, daß sie willkommen sind«, erwiderte Arbaces, indem er sich setzte und Glaukus einlud, seinem Beispiel zu folgen. »Es freut mich,« sagte Jone, »euch endlich zusammen zu sehen; denn ihr seid füreinander geschaffen und müßt Freunde werden.« »Gib mir fünfzehn Jahre meines Lebens zurück,« erwiderte der Ägypter, »bevor du mich mit Glaukus zu vergleichen gedenkst. Seine Freundschaft würde mich glücklich machen, aber wie kann ich sie erwidern? Kann ich ihn von denselben Lebensgenüssen unterhalten, wie er mich? Von Festen und Blumenkränzen – vor parthischen Rossen und den Wechselfällen des Würfelspiels? – Dieses Treiben sagt seinem Alter, seiner Natur, seinem Stande zu; mir aber müssen sie gleichgültig sein.« Indem er dieses sagte, schaute der listige Ägypter nieder und seufzte. Doch warf er einen verstohlenen Blick auf Jone, um zu sehen, wie diese die Angabe der gewohnten Beschäftigungen des Glaukus aufnehmen würde. Glaukus errötete leicht und suchte möglichst unbefangen zu erwidern. »Du hast recht, weiser Arbaces,« sagte er, »wir können uns gegenseitig achten, doch wir können nicht Freunde sein. Meinen Festen fehlt die geheime Würze, welche dem Gerücht zufolge den deinigen so viel Reiz gewährt. Aber wenn ich einmal dein Alter erreicht haben werde und es dann für weise halte, Vergnügungen deiner Art mich hinzugeben, dann werde auch ich ohne Zweifel das frohe Treiben der Jugend lächerlich zu machen suchen.« Der Ägypter warf einen scharfen und durchdringenden Blick auf Glaukus. »Ich verstehe dich nicht,« sagte er kalt, »aber man ist es schon gewohnt, in dem Unverständlichen einen verborgenen Witz zu suchen.« Bei diesen Worten wandte er sich mit einem kaum merkbaren Lächeln von Glaukus ab und sagte, indem er Jone anredete: »Ich war nicht so glücklich, schöne Jone, die letzten Male, da ich dich besuchen wollte, dich zu Hause zu treffen.« »Die angenehme Seeluft hat mich einigemal an das Gestade gelockt«, erwiderte Jone etwas verlegen. Diese Befangenheit entging Arbaces nicht, doch dieselbe scheinbar nicht beachtend, antwortete er lächelnd: »Der alte Dichter sagt, wie du weißt: Die Frauen sollen zu Hause bleiben und sich dort beschäftigen.« »Dieser Dichter war ein Zyniker«, sagte Glaukus, »und haßte die Frauen. Andere Zeiten, andere Sitten. Hätten unsere Voreltern Jone gekannt, so würden sie andere Gesetze gemacht haben.« »Arbaces,« sagte Jone, indem sie sich bestrebte, eine Unterredung zu unterbrechen, die wenig geeignet war, das gute Vernehmen zwischen Glaukus und ihrem Freunde zu befestigen, »Arbaces muß nicht so strenge gegen seine arme Pflegetochter sein. Als eine Waise ohne mütterliche Aufsicht, mag ich für die unabhängige, fast männliche Freiheit der Lebensart, die ich gewählt habe, wohl Tadel verdienen, aber darf denn nur bei Männern eine Vereinigung von Tugend und Freiheit möglich sein? Weshalb soll die Sklaverei als das einzige Mittel betrachtet werden, um unsere Reinheit zu schützen?« Jone hielt plötzlich inne und warf einen furchtsamen Blick auf Glaukus, denn es war in Griechenland nicht gebräuchlich, den Frauen die in Italien selbstverständliche Freiheit zu gewähren. Aber Glaukus erwiderte ernst: »Mögest du immer so denken, Jone! Möge immer dein reines Herz dir ein sicherer Führer sein! – Ein Glück wäre es für Griechenland gewesen, wenn es würdigen Frauen dieselbe geistige Ausbildung gewährt hätte, durch die einige unwürdige Mitglieder deines Geschlechts so berühmt wurden.« Arbaces schwieg, denn es lag weder in seinem Plan, den Ansichten des Glaukus beizupflichten, noch denen der Jone zu widersprechen, und nach einer kurzen und etwas verlegenen Unterhaltung entfernte sich Glaukus. Arbaces setzte sich jetzt näher zu der schönen Neapolitanerin und sagte mit jenen milden und einschmeichelnden Tönen, in denen er die Verschlagenheit und den Stolz seines Charakters so wohl zu verbergen wußte: »Glaube nicht, meine süße Pflegetochter, wenn ich dich so nennen darf, daß ich deren Unabhängigkeit zu erschüttern beabsichtige. Fahre fort, die glänzende, muntere Jugend, selbst die Weisen um dich zu versammeln, aber hüte dich vor den lästernden Zungen, die so leicht den zarten Ruf eines Mädchens beflecken.« »Was willst du damit sagen?« fragte Jone mit zitternder Stimme. »Ich weiß, du bist mein Freund, darum erkläre dich bitte deutlicher.« »Ja, ich bin dein Freund. Aber darf ich ohne Rückhalt sprechen?« »Ich bitte darum.« »Wie wurdest du mit diesem jungen Wüstling, dem Glaukus, bekannt? Hast du ihn schon oft gesehen?« Und als Arbaces dieses sprach, heftete er fest seinen Blick auf Jone, als wolle er ihre innersten Gedanken erforschen. Mit einer Ängstlichkeit, deren Ursache ihr unbewußt war, vor jenem Blicke zurückschaudernd, erwiderte die Griechin verwirrt und zaudernd: »Er wurde in mein Haus als ein Landsmann meines Vaters und, wie ich sagen darf, als der meinige eingeführt. Ich kenne ihn nur ungefähr seit dieser Woche. Aber weshalb jene Fragen?« »Vergib,« sagte Arbaces, »ich glaubte, du kenntest ihn schon seit längerer Zeit. Der elende Verleumder!« »Wie! Was meinst du? Woher dieser Vorwurf?« »Sprechen wir nicht weiter davon; ich will deinen Unwillen gegen einen Menschen nicht erregen, der keinen Ruf zu untergraben vermag.« »Ich flehe dich an; rede! – Was hat Glaukus geäußert, oder vielmehr, wie sollte er mich beleidigt haben?« Arbaces tat, als unterdrücke er mit Mühe seine Anwallung. »Nun denn, es muß sein«, sagte er endlich. »So wisse, meine Jone, daß Glaukus erst gestern öffentlich – ja, in den öffentlichen Bädern, deiner Liebe zu ihm sich rühmte. Er sagte, dieses Abenteuer wolle er verfolgen, denn es belustige ihn. Doch ich will ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen: er lobte deine Schönheit. Wer wird sie leugnen? Aber er lachte verächtlich, als sein Klodius oder sein Lepidus ihn fragte, ob seine Liebe heftig genug sei, um dich heiraten zu können, und wann er seine Türpfosten mit Blumen zu bekränzen beabsichtige?« »Unmöglich! Wie erfuhrst du diese niedrige Verleumdung?« »Nicht doch – soll ich dir alle spöttischen Bemerkungen der unverschämten Wüstlinge wiederholen, mit denen diese Geschichte in der Stadt erzählt wurde? Sei versichert, daß ich sie selbst zuerst nicht glauben konnte, daß ich jedoch durch mehrere Ohrenzeugen die Wahrheit dessen, was ich dir soeben mitteilte, leider bestätigt gefunden habe.« Jone sank zurück, und ihr Antlitz wurde weißer als der Pfeiler, gegen den sie sich stützte. »Ich gestehe, es verletzte, es empörte mich, deinen Namen so leichtsinnig von Lippe zu Lippe fliegen zu hören, wie den Ruf einer leichtsinnigen Tänzerin. Ich beeilte mich, diesen Morgen dich aufzusuchen und zu warnen. Ich fand Glaukus hier. Meine Selbstbeherrschung verließ mich. Ich konnte meine Gefühle nicht verbergen; ja ich war sogar unhöflich in deiner Gegenwart. Kannst du deinem Freunde vergeben, Jone?« Jone legte ihre Hand in die seinige, aber sie schwieg. Der Ägypter hatte mit großer Schlauheit die Schwächen der Jone aufgeregt – mit großer Gewandtheit traf sein vergifteter Dolch ihre weibliche Eitelkeit. Er glaubte unterdrückt zu haben, was, wie er nach ihrer so kurzen Bekanntschaft mit Glaukus voraussetzte, nur noch eine entstehende Neigung war, und indem er den Gegenstand der Unterhaltung veränderte, leitete er diese auf ihren Bruder. Das Gespräch wurde jedoch bald abgebrochen. Er verließ sie mit dem Vorsatze, sie von jetzt an besser zu beobachten und jeden Tag zu besuchen. Kaum hatte er sich entfernt, als der weibliche Stolz – die Schutzwaffe ihres Geschlechts, das Schlachtopfer, welches Arbaces sich ausersehen hatte, verließ, und die gedemütigte Jone brach in einen Strom von Tränen aus. 6. Der Abend lag über der lebenerfüllten Stadt, als Apäcides seinen Weg nach dem Hause des Ägypters nahm. Er vermied die volkreichen Straßen, und indem er mit verhülltem Haupt und das Gewand um sich geschlagen einherschritt, lag etwas Auffallendes in dem Gegensatz, den sein feierliches Wesen zu der fröhlichen Ausgelassenheit derer bildete, die ihm begegneten. Bald aber berührte ein Mann von gesetzterem und stillerem Äußern, der schon zweimal mit neugierigem, doch zweifelndem Blick bei ihm vorbeigegangen war, seine Schulter. »Apäcides«, sagte er, und dabei machte er ein schnelles Zeichen mit der Hand, es war das des Kreuzes. »Was willst du, Nazarener?« erwiderte der Priester, indem sein Antlitz noch blässer wurde. »Nun,« entgegnete der Fremde, »ich will dich in deinen Betrachtungen nicht stören. Aber als wir uns zuletzt begegneten, schien ich dir willkommener zu sein.« »Auch jetzt bist du mir willkommen, Olinthus, doch ich bin müde und traurig und heute abend unfähig, über deinen Lieblingsgegenstand mich mit dir zu unterhalten.« »Oh, wie töricht ist dein Herz!« sagte Olinthus voller Eifer. »Gerade, weil du müde und traurig bist, solltest du den heilenden Strom nicht verschmähen, der dich allein erquicken kann.« »Der Himmel helfe mir!« rief der junge Priester und schlug sich an die Brust. »Wohin soll ich meine Blicke wenden, um den wahren Olympus zu sehen, wo die Götter wirklich wohnen. Soll ich mit diesem Manne glauben, daß keiner der Götter, die meine Vorfahren so viele Jahrhunderte lang verehrten, ein Wesen oder einen Namen hat? Soll ich dieselben Altäre, die ich so lange für heilig hielt, als Gotteslästerungen umstürzen? Oder soll ich mit Arbaces glauben?« Er schwieg und beschleunigte seine Schritte, gequält von der Unruhe eines Menschen, der sich selbst entfliehen will. Doch der Nazarener war einer jener kühnen, kraftvollen und enthusiastischen Männer, die das Schicksal zu allen Zeiten als Werkzeuge gebraucht hat, um neuen Religionen ihren Weg zu bahnen. Er war einer von jenen, die durch ihre Ausdauer geeignet sind, andere zu bekehren; die durch nichts entmutigt oder zurückgeschreckt werden, und begeistert von der Kraft ihres Glaubens auch andere begeistern. Ihre Vernunft wirkt zuerst auf ihre Einbildungskraft, und diese ist zugleich das Werkzeug, dessen sie sich bedienen. Gewaltsam dringen sie in die Herzen der Menschen ein, während sie bloß ihr Urteil in Anspruch zu nehmen scheinen. Nichts teilt sich so leicht mit, als die Begeisterung; dies ist die wahre Allegorie in der Fabel des Orpheus – sie setzt Steine in Bewegung, sie bezaubert wilde Tiere. Der Geist der Wahrheit offenbart sich durch die Begeisterung, und ohne sie feiert die Wahrheit keine Siege. Olinthus ließ den Apäcides nicht so leicht fort. Er blieb ihm zur Seite und begann von neuem auf ihn einzureden. »Ich wundere mich nicht, Apäcides,« sagte er, »daß meine Gegenwart dir unangenehm ist und daß ich dein Gemüt verwirre. Du wandelst im Zweifel, du treibst auf dem weiten Ozean der Ungewißheit und der Finsternis einher. Dies alles befremdet mich nicht. Doch harre etwas aus mit mir, wache und bete! Die Dunkelheit wird verschwinden, der Sturm sich legen, und Gott selbst wird, wie er einst die See von Samaria beruhigte, wachen über den empörten Wogen, um deine Seele zu retten. Unser Glaube ist streng in seinen Forderungen, aber wie freigebig in seinem Segen! Die Schmerzen einer Stunde werden belohnt durch das ewige Leben.« »Solche Versprechungen,« sagte Apäcides mit heftigem Tone, »sind jene Spiegelfechtereien, durch welche die Menschen von jeher getäuscht wurden. Oh, wie herrlich waren die Zusagen, die mich in den Tempel der Isis führten!« »Befrage deine Vernunft,« entgegnete der Nazarener, »kann jene Religion die wahre sein, die alle Sittlichkeit verletzt? Man gebietet euch, eure Götter zu verehren? Wer sind diese Götter nach eurem eigenen Geständnis? Wie handelten sie, welches sind die Beweise ihrer Gottheit? Werden sie euch nicht alle wie die schwärzesten Verbrecher dargestellt? Und doch verlangt man, daß ihr sie wie die heiligsten Gottheiten anbetet! Selbst Jupiter ist ein Vatermörder und Ehebrecher. Und die geringeren Götter, sind sie nicht bloß Nachahmer seiner Untugenden? Man untersagt euch den Mord, aber ihr betet Mörder an; ihr sollt nicht ehebrechen, aber ihr richtet eure Gebete an einen Ehebrecher. Heißt dieses nicht Spott mit dem Heiligsten des Menschen, mit dem Glauben treiben? Wende dich daher zu dem einen und wahren Gott, vor dessen Altar ich dich führen will. Scheint er dir zu erhaben, zu wesenlos für die menschliche Fassungskraft, die rührende Sehnsucht des Geschöpfes nach seinem Schöpfer, welcher das schwache Herz sich hingibt – so schaue ihn an in seinem Sohne, der ein sterblicher Mensch wurde wie wir. Seine Sterblichkeit zeigte sich aber nicht, wie die eurer fabelhaften Götter, durch die Mängel unserer Natur, sondern durch die Ausübung aller Tugenden. In ihm war die strengste Sittlichkeit mit der duldendsten Sanftmut vereinigt. Wäre er auch nur ein Mensch, so hätte er verdient, ein Gott zu werden. Ihr ehrt den Sokrates – er hat seine Anhänger und seine Schüler. Was sind aber die zweideutigen Tugenden des Atheners gegen die unleugbare, sich selbst hingebende Heiligkeit Christi? – Ich spreche jetzt bloß von seinem Charakter als Mensch mit dir. Er kam zu uns als das Zeugnis für künftige Jahrhunderte, um uns die Mensch gewordene Tugend darzustellen, wie Plato sie zu schauen dürstete. Dieses ist das wahre Opfer, welches er den Menschen brachte. Der Jubel aber, der in seiner Todesstunde erschallte, verklärte nicht allein die Erde, sondern gestattete uns auch einen Blick in den Himmel! – Du bist gerührt, du fühlst dich beseligt! Gott wirkt in deinem Herzen; sein Geist ist mit dir! Darum entziehe dich nicht dem heiligen Feuer, komme mit mir, komme sofort. Gerade jetzt sind einige der Unsrigen versammelt, um das Wort Gottes auszulegen. Laß mich dein Führer sein zu ihnen. Du bist müde, du bist traurig. So höre denn auf die Worte Gottes. Kommt her zu mir, sagte er, alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.« »Nein, ich kann jetzt nicht«, sagte Apäcides. »Vielleicht ein andermal.« »Gerade jetzt mußt du kommen«, rief Olinthus und ergriff ihn am Arm. Aber Apäcides war noch nicht so weit, um jenem Glauben, dem er schon so viel geopfert hatte, zu entsagen. Es klangen ihm auch noch die Versprechungen des Ägypters im Ohre; und um die Unentschlossenheit zu überwinden, die die Beredsamkeit des Christen in seinem erhitzten, fieberhaften Gehirn erregt hatte, riß er sich gewaltsam los. Er schlug sein Kleid zurück und floh so schnell, daß er nicht mehr einzuholen war. Atemlos und erschöpft gelangte er endlich in einen entfernten und einsamen Teil der Stadt, und das düstere Haus des Ägypters stand vor ihm. Als er, um sich zu erholen, stehen blieb, trat der Mond hinter einer silbernen Wolke hervor, und sein Schein fiel auf die Mauern jenes geheimnisvollen Gebäudes. Kein anderes Haus stand in der Nähe. Es wurde durch die Reben eines dicken Weinstocks umrankt, und hinter demselben erhob sich eine Gruppe hoher Waldbäume, die das melancholische Mondlicht beschien. Weiterhin sah man die entfernteren Berge, und unter ihnen den Vesuv, der damals noch nicht so hoch war, als der Wanderer jetzt ihn schaut. Apäcides trat in den breiten und geräumigen Säulengang ein. Vor ihm, zu beiden Seiten der Treppe, ruhte das Steinbild einer ägyptischen Sphinx, und das Mondlicht erhöhte den feierlichen Eindruck jener harmonischen und leidenschaftslosen Züge, in denen die Künstler, welche jenes Sinnbild der Weisheit darstellten, das Symbol der Schönheit und des Geheimnisvollen zu verewigen suchten. Mitten auf den Stufen standen Aloepflanzen mit ihren dunkelgrünen und dicken Blättern, und der Schatten der morgenländischen Palme malte ihre langen und regungslosen Zweige auf den marmornen Boden. Es lag etwas in der Einsamkeit des Ortes und dem eigentümlichen Anblick der Sphinxe, welches das Blut des Priesters in unheimlicher Furcht erstarren ließ, und er sehnte sich selbst nach einem Echo, als er die Stufen hinaufstieg. Er klopfte an die Tür, über welcher eine Inschrift, in Charakteren, die ihm unbekannt waren, sich befand. Sie wurde geöffnet, und eine schlanke, äthiopische Sklavin winkte ihm, ohne Frage oder Gruß, einzutreten. Die geräumige Halle war durch hohe, kunstreich gearbeitete Kandelaber von Bronze erleuchtet, und die Wände waren mit großen Hieroglyphen in dunklen Farben bemalt, welche einen seltsamen Gegensatz zu den anmutigen und glänzenden Gemälden bildeten, die man gewöhnlich in den Häusern der damaligen Italiener fand. An dem Ende der Halle empfing ihn eine Sklavin, deren Gesichtsfarbe, wenn auch nicht afrikanisch, doch um einige Schatten dunkler war als die der Römer. »Ich suche Arbaces«, sagte der Priester mit zitternder Stimme. Die Sklavin nickte schweigend mit dem Kopfe und führte Apäcides durch einen Flügel des Gebäudes eine schmale Treppe hinauf. Darauf gingen sie noch durch mehrere Zimmer, in denen die ehrwürdige und gedankenvolle Schönheit der Sphinxe wieder die Augen des Priesters besonders auf sich zog, und jetzt stand er in einem schwach erleuchteten Zimmer vor dem Ägypter. Arbaces saß vor einem kleinen Tisch, auf dem mehrere Papyrusrollen lagen, mit ähnlichen Buchstaben beschrieben, als die in der Inschrift über der Haustür. Unweit davon stand ein kleiner Dreifuß, aus dem sich der Weihrauch langsam erhob. Daneben war ein großer Globus mit den Himmelszeichen aufgestellt, und auf einem anderen Tische lagen mehrere eigentümlich geformte Instrumente, deren Gebrauch Apäcides unbekannt war. Die andere Seite des Zimmers verbarg ein Vorhang, und durch ein längliches Fenster in der Decke drangen die Strahlen des Mondes, sich mit denen der einzigen Lampe vereinigend, die in der Mitte des Zimmers düster brannte. »Setze dich, Apäcides«, sagte der Ägypter, ohne aufzustehen. Der junge Mann gehorchte. Nach einer kurzen Pause, während der er in tiefe Gedanken versunken schien, wandte sich Arbaces seinem Besucher zu. »Du willst mich,« begann er, »nach den tiefsten Geheimnissen befragen, die der Geist des Menschen zu erfassen vermag. Du wünschest, daß ich das Rätsel des Lebens selbst dir lösen möge. Wir bilden uns, wie die Kinder im Dunkeln, und nur auf kurze Zeit, in diesem beschränkten, ärmlichen Dasein unsere Gespenster in der Finsternis. Bald sinken unsere Gedanken schreckhaft in sich selbst zurück, bald stürzen sie sich in die bodenlose Leere, während wir erforschen wollen, was sie enthalten. Und so stolpern wir, indem wir mit unseren hilflosen Händen um uns tasten, zuletzt über einer verborgenen Gefahr. Wir kennen die Schranken nicht, die unsere irdische Existenz begrenzen, und glauben bald, das Vordringen sei uns nicht weiter gestattet, dann wieder, es sei uns der Fortschritt bis in die Unendlichkeit des Raumes gewährt. In dieser Lage der Dinge besteht notwendigerweise alle Weisheit in der Beantwortung der beiden Fragen: »Was sollen wir glauben, und was sollen wir nicht glauben?« Du wünschest von mir die Auflösung dieser beiden Fragen zu hören?« Apäcides nickte bejahend mit dem Kopfe. »Der Mensch muß glauben«, fuhr der Ägypter mit trauriger Stimme fort. »Er muß seine Hoffnung an etwas fesseln, dieses ist das Erbteil unserer Natur. Wenn du, erschrocken und entsetzt, den Gegenstand deines Glaubens dir entrissen zu sehen, in einem finsteren und uferlosen Ozean der Ungewißheit treibst, rufst du um Hilfe und sehnst dich nach einer Planke, an die du dich halten könntest, um ein, wenn auch entferntes und ödes Land zu erreichen. Nun, so höre denn! – Du erinnerst dich noch unserer heutigen Unterredung?« »Wie sollte ich sie vergessen haben?« »Ich sagte dir, daß alle diese Gottheiten vor deren Altären so viele Opfer rauchen, Erfindungen der Menschen sind. Ich gestand dir, daß unsere gottesdienstlichen Gebräuche und Zeremonien bloße Mummereien seien, erfunden jedoch für das eigene Beste der rohen Menge. Ich zeigte dir, daß diesen Täuschungen die Bande der Gesellschaft, die Ruhe und Ordnung der Welt, die Macht der Weisen zu verdanken seien; jene Macht gründet sich auf den Gehorsam der Menge. Setzen wir daher diese heilsamen Täuschungen fort – wenn der Mensch einen Glauben haben muß, so möge er den seiner Väter behalten, und den, welchen die Gottheit heiligt und kräftigt. Indem wir für uns, deren geistige Bedürfnisse ausgebildeter sind, einen anderen Glauben suchen, wollen wir anderen jene Stütze nicht rauben, die für uns selbst zu schwach ist. Dieses ist weise, dieses ist eine Wohltat.« »Fahre fort.« »Nachdem dieses festgestellt ist,« sprach der Ägypter weiter, »und die alten Grenzsteine für diejenigen, welche wir verlassen wollen, unverletzt geblieben, gürten wir unsere Lenden, um ein neues Gebiet des Glaubens zu suchen. Jetzt vernichte gänzlich in deinem Gedächtnis und in deinem Herzen alles, woran du früher geglaubt hast. Dein Geist werde, wie eine unbeschriebene Papyrusrolle, geeignet, ganz neue Eindrücke aufzunehmen. Schaue dich um in der Welt, betrachte ihre Ordnung, ihre Regelmäßigkeit, ihre Größe. Etwas muß sie erschaffen haben, das Geschöpf setzt einen Schöpfer voraus – mit dieser Wahrheit betreten wir zuerst festen Boden. Doch was ist dieses Etwas? – ›Ein Gott!‹ sagst du; aber das ist zunächst ein verwirrender Name. Von dem, was die Welt erschuf, kennen wir nichts als seine Eigenschaften: eine ewige Macht und eine ewige Regelmäßigkeit. Es ist eine strenge, vernichtende, rastlose Regelmäßigkeit, die keine Rücksicht auf einzelne Fälle nimmt, die über Böses und Gutes wie ein gewaltiges Rad hinwegrollt. Diese Mischung von Gut und Böse, das Vorhandensein von Schmerz und Krankheit hat zu allen Zeiten die Weisen in Verlegenheit gesetzt. Es widersprach der Annahme eines guten und gerechten Gottes. Um dieses zu erklären, dachte sich der Perser noch einen Geist, dessen Natur böse ist, und nimmt einen ewigen Kampf zwischen diesem und dem Gott des Guten an. Wir Ägypter setzen in unserem furchtbaren Typhon einen ähnlichen Dämon voraus. Ein verwirrender Irrtum, der uns nur noch mehr irreführt! Nein, wir wollen dieser Macht einen Namen geben, der keine Verwirrung der Begriffe zuläßt, dieser Name ist: die Notwendigkeit . Die Notwendigkeit, sagen die Griechen, regiert die Götter – wozu denn die Götter? – ihre Hilfe wird zwecklos – gib sie ein für allemal auf. – Die Notwendigkeit regiert alles, was wir sehen, Macht und Regelmäßigkeit, diese beiden Eigenschaften bilden ihr Wesen. Willst du mehr wissen? Weiter kannst du nichts erfahren! Wir wissen nicht, ob jene Notwendigkeit ewig ist, ob sie uns, ihren Geschöpfen, nach jener Finsternis, die wir Tod nennen, eine neue Laufbahn anweist. Wir vermögen nicht weiter einzudringen in das Wesen dieser uralten, unsichtbaren, unergründlichen Macht – und müssen uns zu jener wenden, die, nach unseren Erfahrungen, ihr großes Werkzeug ist. Diese können wir näher beobachten, von ihr können wir mehr lernen – sie umgibt uns: es ist die Natur . Hier befinden wir uns auf festem Boden, denn die Natur ist der große Geist des äußeren Daseins, die uns selbst die Fähigkeit gewährt, durch die wir sie beobachten. Diese Fähigkeiten sind die Neugierde und das Gedächtnis, ihre Vereinigung ist die Vernunft, deren Vervollkommnung die Weisheit. Durch diese Kräfte unterstützt, beobachte ich die unerschöpfliche Natur, die Erde, die Luft, das Meer, den Himmel. Ich überzeuge mich, daß alle in einer geheimnisvollen Verbindung stehen, und lerne so, wenn auch nicht das Wesen der Notwendigkeit, so doch ihre Gesetze kennen. Und hieraus schaffe ich mir auch eine Religion, denn ich glaube an zwei Gottheiten, an die Natur und an die Notwendigkeit. Ich verehre diese durch Ehrfurcht, jene durch eigene Forschung. Aus dieser Religion folgt auch meine moralische Anschauung. Sie ist für die Moralität der unabänderlichen Gesetze, welche die Welt regieren. Diese Moralität bekenne ich auch als die meinige. Ich möchte die Täuschungen der Priester aufrechterhalten – denn sie sind der Menge nützlich; ich möchte den Menschen die Künste mitteilen, die ich entdeckte, die Wissenschaften, die vervollkommnete; ich möchte den Fortschritt der Bildung befördern. Darin diene ich dem Ganzen, ich erfülle das allgemeine Gesetz, ich übe die großen moralischen Gebote aus, welche die Natur selbst predigt. Für mich aber nehme ich die individuelle Ausnahme in Anspruch. Ich fordere sie für den Weisen. Ich gebe der Welt Weisheit, mir selbst Freiheit. Ich erleuchte das Dasein anderer und genieße mein eigenes. Ja, unsere Weisheit ist ewig, aber unser Leben ist kurz. Benutze es, solange es währt. Vergönne deiner Jugend das Vergnügen und deinen Sinnen den Genuß. Bald kommt die Stunde, wo der Becher nicht mehr winkt und die Kränze nicht mehr blühen. Freue dich des Lebens, solange es dir möglich ist! Stille! O Apäcides, mein Pflegekind und mein Schüler! Ich will dich den Mechanismus der Natur in ihren düstersten und wildesten Geheimnissen kennen lehren – das Wissen, welches Toren Magie nennen – und die bedeutungsvollen Mysterien der Sternenwelt. Dadurch wirst du deine Pflichten gegen das Ganze erfüllen und deine Mitmenschen aufklären. Aber ich will dich auch Genüsse kennen lehren, von denen sich die Menge nichts träumen läßt; und wenn du den Tag den Menschen gewidmet hast, so soll die süße Nacht dir selbst vorbehalten bleiben.« Als der Ägypter seine Rede schloß, ertönte von allen Seiten die lieblichste Musik, welche Lydien jemals erfand oder Ionien vervollkommnete. Sie drang ein wie ein Strom der Töne – die Sinne unbewußt einwiegend, übertäubend und mit Entzücken beseligend. Es schien die Melodie unsichtbarer Geister zu sein, so wie der Schäfer sie in der goldenen Zeit gehört haben mochte in den Tälern Thessaliens oder in den kühlen paphischen Hainen. Die Worte, welche Apäcides als Antwort auf die Trugschlüsse Arbaces erwidern wollte, erstarben auf seinen Lippen. Er hielt es für eine Entheiligung, diese bezaubernden Töne zu unterbrechen – die Empfänglichkeit seines aufgeregten Gemüts, die griechische Wärme und Milde seiner angeborenen Natur, wurden durch jene Überraschung entbunden und entfesselt. Er sank mit offenen Lippen und horchendem Ohr auf einen Sitz – während ein Chor von Stimmen, schmelzend und süß wie jene, die einst Psyche in dem Tempel des Amor erweckten, eine Hymne an Eros sangen. Als der Gesang beendet war, faßte der Ägypter den überraschten und etwas widerstrebenden Apäcides bei der Hand und führte ihn dem Vorhang an der anderen Seite des Zimmers zu. Und jetzt schienen tausend funkelnde Sterne hinter demselben hervorzuleuchten, der bis dahin dunkle Vorhang glänzte in dem zartesten Himmelblau. Er stellte den Himmel selbst dar – einen Himmel, wie er in den mildesten Juninächten über den Strömen Kastiliens ausgespannt ist. Hier und da erschienen rosige Wolken, aus denen durch die Kunst des Malers Antlitze von göttlicher Schönheit hervorschauten und auf welchen die Gestalten ruhten, von denen Phidias und Apelles träumten. Und die leuchtenden Sterne in dem glänzenden Azur rollten schnell einher, während die Musik, die in leichteren und lebhafteren Tönen sich hören ließ, mit der Harmonie der Sphären im Einklang zu sein schien. »Oh, welche Wunder sind dieses, Arbaces?« sagte Apäcides mit stammelnder Zunge. »Willst du mir, nachdem du die Götter verleugnet, jetzt –« »Ihre Genüsse zeigen!« unterbrach ihn Arbaces mit einer von seiner gewohnten Kälte und Ruhe so abweichenden Stimme, daß Apäcides staunte und den Ägypter für verwandelt hielt. Und jetzt, als sie dem Vorhang sich näherten, drang eine milde, laute, entzückende Melodie hinter demselben hervor. Er schien darauf in der Luft zu verschweben, und es bot sich den Blicken des jungen Priesters eine Szene dar, wie ein Sybarit selbst sie kaum sich zu denken vermocht haben würde. Vor ihm lag ein großer Festsaal, durch unzählige Lichter erleuchtet. Der Duft von Weihrauch, Jasmin, Veilchen und Rosen erfüllte den Raum. Alles, was die wohlriechendsten Blumen und die kostbarsten Gewürze darbieten konnten, schien in eine Essenz vereinigt. Von den schlanken Säulen, die sich bis zu der hohen Decke erhoben, hingen weiße Draperien, mit goldenen Sternen besät, herab. An dem Ende des Saales erhoben zwei Springbrunnen ihre Strahlen, die in dem glänzenden Licht wie unzählige Diamanten herabfielen. In der Mitte erhob sich langsam, als sie eintraten, unter den Tönen unsichtbarer Musik eine lange Tafel aus dem Boden, die mit den köstlichsten Speisen besetzt war. Aus durchsichtigen, glänzenden Vasen erhoben sich seltsame Blumen des Morgenlandes. Die Ruhebetten, welche diesen Tisch umgaben, waren mit blauen, goldgestickten Kissen belegt, und aus unsichtbaren Röhren in der gewölbten Decke verbreitete sich wohlriechendes Wasser, welches die köstliche Luft abkühlte und das herrlichste Farbenspiel in den Strahlen der Lampen bildete, so daß die Elemente des Wassers und Feuers sich zu überbieten schienen. Plötzlich traten hinter den Draperien himmlische Gestalten hervor, wie sie Adonis erblickte, als er im Schoße der Venus ruhte. Einige trugen Blumenkränze, andere eine Leier in ihren Händen. Sie umringten den Jüngling und führten ihn zu dem Tische, indem sie ihn mit rosigen Ketten umwanden. Die Erde, selbst der Gedanke an sie, verschwand aus seiner Seele. Er glaubte zu träumen und hielt den Atem an, um nicht zu schnell zu erwachen. Die Sinne, welche ihn bis jetzt noch nie überwältigt hatten, regten sich in seinen schlagenden Pulsen und verblendeten seine umherschwärmenden, irren Blicke. Und nochmals erhob sich, während er sich wie bezaubert fühlte, in schnellem und bacchischem Tonmaß der Gesang, und ein anakreontisches Lied ertönte. Als es beendet war, erschien eine Gruppe von drei Mädchen, die durch Blumengewinde verbunden waren und an Schönheit den Grazien ähnlich waren. Sie näherten sich in dem Takte des ionischen Tanzes, so wie die Nereiden an den Gestaden der Ägäischen See, oder wie Cytherea ihre schönen Begleiterinnen auf dem Vermählungsfest der Psyche und ihres Sohnes es lehrte. Die eine derselben setzte Apäcides einen frischen Kranz auf das Haupt, und die jüngste reichte ihm kniend den Becher dar, in dem der feurige Wein von Lesbos glühte und schäumte. Der Jüngling widerstand nicht länger; er trank, und das Blut rollte ihm wild durch die Adern. Er sank an den Busen der Nymphe, die neben ihm saß, und indem seine schwimmenden Augen Arbaces suchten, den er in der Aufregung seiner Gefühle aus dem Gesicht verloren hatte, erblickte er ihn an dem oberen Ende des Tisches auf einem Ruhebette, wie er mit einem aufmunternden Lächeln ihn betrachtete. Er sah ihn dieses Mal anders, als er es sonst gewohnt war, weder im dunklen und einfachen Gewande, noch mit feierlicher und ernster Stirn. Ein schneeweißes Kleid, mit Gold gestickt und mit Edelsteinen besetzt, umgab seine ehrwürdige Gestalt; sein Haupt war mit einer Art von Tiara von Smaragden und Rubinen gekrönt und seine rabenschwarzen Locken mit einem Kranze von weißen Rosen umgeben. Er schien, wie Ulysses, verjüngt worden zu sein – seine Züge hatten mehr den Ausdruck der Schönheit als den der Gedankenfülle angenommen, und er zeichnete sich in der ihn umgebenden anmutigen Szene wie ein olympischer Gott aus. »Trinke – liebe – freue dich, mein Pflegesohn!« sagte er. »Schäme dich deiner Jugend und deiner Neigungen nicht. Was du bist, das fühlst du in deinen Adern – bedenke, was du einst werden wirst!« Bei diesen Worten zeigte er nach einer Nische, und Apäcides erblickte auf einem Piedestal ein Skelett zwischen den Statuen des Bacchus und der Idalia. »Erschrick nicht!« fuhr der Ägypter fort. »Jener düstere Gast soll uns nur an die Kürze des Lebens erinnern. Ich höre eine Stimme aus seinem lippenlosen Munde, die uns zuruft: Genieße! « 7. In jenem Teile von Pompeji, wo die ärmere Bevölkerung hauste, wo sich die Herbergen der Gladiatoren und die Schlupfwinkel des Lasters befanden, standen in einer Straße vor einem kleinen Hause mehrere Männer, deren gedrungene und herkulische Gestalten, deren kräftige und abgehärtete Muskeln sowie ihr kühnes und verwegenes Aussehen sie als Helden der Arena bezeichneten. Auf einem Vorsprung außerhalb des Ladens waren Gefäße, mit Wein und Öl gefüllt, aufgestellt, und an der Mauer sah man trinkende Gladiatoren gemalt. Es war ein Wirtshaus, in dessen Stube an kleinen Tischen Männer saßen, die teils tranken, teils Würfel oder Brett spielten. Es war noch frühmorgens, und nichts konnte besser die gewöhnliche Lebensweise dieser Art Menschen darlegen, als jene Beschäftigungen zu dieser Tageszeit. Trotz der Lage des Hauses und des Charakters derer, die es besuchten, war jedoch dessen Inneres nicht rauchig oder schmutzig, denn der Schönheitssinn der Pompejaner duldete nicht, daß irgendwo das Äußere vernachlässigt wurde, und zeigte sich auch hier in den lebhaftesten Farben an den Wänden, und den zwar phantastischen, aber keineswegs häßlichen Formen, in denen die Lampen, die Trinkgefäße und das gewöhnlichste Hausgerät gearbeitet waren. »Beim Pollux«, sagte einer der Gladiatoren, welcher sich gegen einen Türpfosten lehnte. »Der Wein, den du uns verkaufst, alter Silenus« – und indem er dies sprach, puffte er den dicken Wirt in den Nacken, »ist so schwach, daß er uns das beste Blut in den Adern verdünnt.« Der Wirt, dem diese derbe Liebkosung widerfuhr, war bereits in dem Herbst seiner Jahre, doch sein Äußeres war noch so kräftig und athletisch, daß es selbst die herkulischen Gestalten der Gladiatoren fast beschämen konnte. Nur waren seine Muskeln wie versteckt in dem Fette, seine Backen dick und gerötet, der Bauch stand weit hervor. »Ich verbitte mir deine dummen Späße«, sagte der Wirt, mit der brüllenden Stimme eines aufgereizten Tigers. »Mein Wein ist gut genug für dich, der ohnedem nicht mehr weit vom Friedhof entfernt ist.« »Krächzest du so, alter Rabe!« erwiderte ein Gladiator mit rohem Gelächter. »Du sollst dich noch vor Ärger hängen, wenn du mich die Palme gewinnen siehst. Und fällt mir der Geldgewinn im Amphitheater zu, so wird mein erstes Gelübde zum Herkules sein, daß ich dich und dein schlechtes Getränk für immer verschwöre.« »Hört doch diesen Prahlhans!« schrie der Wirt. »Sporus, Niger, Tetraides! Er sagt, er wolle euch überwinden. Jede eurer Muskeln ist aber, bei den Göttern, kräftig genug, um es mit dem ganzen Kerl aufzunehmen, oder ich verstehe nichts von der Arena!« »Ha!« sagte der Gladiator, vor Zorn errötend. »Unser Canista kann euch ganz andere Dinge von mir erzählen.« »Sprichst du von mir, du prahlerischer Lydon?« entgegnete Tetraides mit grimmiger Stimme. »Oder von mir, der ich in fünfzehn Kämpfen gesiegt habe?« sagte der riesenhafte Niger, indem er dem Gladiator gegenübertrat. »Oder von mir?« rief Sporus mit blitzenden Augen. »Ruhig!« sprach Lydon, indem er die Arme übereinander legte und seine Gegner trotzig ansah. »Die Zeit des Kampfes wird bald kommen; spart bis dahin eure Herausforderungen.« »Ja, tut es!« sagte der Wirt. »Und wenn ich nicht für dich meinen Daumen niederdrücke, so möge die Parze meinen Lebensfaden abschneiden.« »Deinen Strick willst du sagen,« erwiderte Lydon höhnisch – »da hast du eine Sesterze, um dir einen zu kaufen.« Der Wirt ergriff plötzlich die ihm dargereichte Hand und packte und drückte sie so fest, daß das Blut aus den Fingerspitzen hervor auf die Kleider der Umstehenden spritzte. Diese brachen in ein wildes Gelächter aus. »Ich will dich lehren, junger Prahlhans, den Makedonier mit mir zu spielen. Ich bin kein entnervter Perser; das versichere ich dich! Was! Habe ich nicht zwanzig Jahre mit in dem Ringe gekämpft, und ließ ich jemals die Arme sinken? Und erhielt ich nicht den Stab aus des Editors eigener Hand, und als Beweis, daß ich auf meinen Lorbeeren ruhen darf? Und soll mich jetzt ein Knabe in die Schule nehmen?« – Indem er dies sprach, stieß er zornig die Hand zurück. Der Gladiator ertrug, ohne einen Muskel zu verziehen, und mit demselben höhnischen Lächeln, durch das er den Wirt aufgebracht hatte, den wilden Händedruck desselben. Kaum fühlte er jedoch die Hand wieder frei, so hob er sie zum Angriff empor wie eine wilde Katze, das Haar sträubte sich in die Höhe, und mit einem lauten, durchdringenden Schrei sprang er mit einer Gewalt auf seinen Gegner los, die diesen, so herkulisch er auch dastand, zu Boden warf, und mit dem Geräusch stürzender Felsenstücke fielen beide zugleich nieder. Der Wirt würde vielleicht des Strickes haben entbehren können, den Lydon ihm so freundschaftlich empfohlen hatte, wenn er noch drei Minuten länger in dieser Lage geblieben wäre. Doch auf den Lärm, der durch seinen Fall verursacht wurde, sprang aus einem anderen Zimmer ein Weib auf den Kampfplatz. Sie war mit Fäusten und Armen begabt, die andere als sanfte Umarmungen konnten erwarten lassen. Auch hatte in der Tat die liebenswürdige Gehilfin von Burbo, dem Weinschenken, sowie er selbst, in den Schranken ja selbst unter den Augen des Kaisers mitgefochten. Und Burbo selbst, Burbo, der Unbesiegte auf dem Kampfplatz, mußte oft, wie böse Zungen behaupten wollten, die Palme seiner sanften Stratonice überlassen. Dieses süße Geschöpf sah kaum, in welcher dringenden Gefahr ihre schlechtere Hälfte sich befand, als ohne andere Waffen, wie die, welche sie der Natur selbst verdankte, sie auf den Gladiator stürzte und, mit ihren mageren Schlangenarmen ihn umschlingend, durch eine schnelle Bewegung ihn von dem Körper ihres Mannes zog, so daß bloß seine Hände noch die Kehle des Feindes gefaßt hielten. Er war wie ein Hund, der sich mit seinem gefallenen Nebenbuhler verbissen hat. Man mag ihn an den Hinterbeinen in die Höhe heben, ohne daß er mit seinen Zähnen und Krallen den am Boden liegenden Feind losläßt. Die an den Anblick des Blutes gewöhnten und durch denselben begeisterten Gladiatoren standen ruhig umher – mit grinsendem Lächeln, die wilden Blicke auf die blutige Kehle des Wirtes gerichtet. »Er hat genug!« schrien sie und rieben sich frohlockend die Hände. »Ihr Lügner, ich habe noch lange nicht genug«, brüllte der Wirt, als er mit kräftiger Anstrengung sich den unbarmherzigen Fäusten seines Feindes entwunden hatte – atemlos, stöhnend und blutend aufsprang und mit rollenden Augen den blutdürstigen Blicken und knirschenden Zähnen seines Feindes begegnete, der, halb verächtlich, sich gegen die tapfere Amazone wehrte. »Das gilt nicht,« brüllten die Gladiatoren, »einer gegen einen«, und indem sie den Lydon und die Frau umgaben, trennten sie die Wirtin von ihrem liebenswürdigen Gaste. Doch Lydon, der sich beschämt fühlte und vergebens sich dem wilden Weibe zu entziehen suchte, fuhr mit der Hand in den Gürtel und zog ein kurzes Messer hervor. Sein Blick war so drohend und die Klinge glänzte so furchtbar, daß Stratonice, die nur auf die Methode des Faustkampfes eingeübt war, erschrocken zurückwich. »0 Götter!« kreischte sie. »Der Bösewicht! – Er führt verborgene Waffen! – Ist das erlaubt? Heißt das wie ein rechtlicher Mann und wie ein Gladiator handeln? – Nein, wahrhaftig! Ich verachte solche Burschen!« Mit diesen Worten kehrte sie dem Gladiator den Rücken und sah sich nach ihrem Manne um. Aber dieser, der auf jene gymnastischen Übungen so eingelernt war wie eine englische Dogge auf den Kampf mit seinesgleichen, hatte sich bereits erholt. Seine Wangen nahmen wieder ihre gewöhnliche Farbe an, die Adern der Stirn waren zurückgetreten. Er schüttelte sich mit einer gewissen Behaglichkeit, zufrieden, daß er noch am Leben war, und indem er jetzt seinen Feind von Kopf bis zu den Füßen, mit einem Ausdruck größerer Achtung als je zuvor, betrachtete, sagte er: »Beim Kastor, ich hielt dich nicht für einen so starken Burschen! Ich sehe, du bist ein Mann von Verdiensten und Anlagen, gib mir deine Hand, mein junger Held!« »Ehrlicher, alter Burbo!« riefen die Gladiatoren beifällig. »Du hast noch Mark in den Knochen – gib ihm deine Hand, Lydon!« »Oh, recht gern,« sagte der Gladiator, »doch da ich einmal Blut gesehen habe, möchte ich recht gern –« »Beim Herkules!« erwiderte der Wirt ganz ruhig. »Das ist echter Gladiatorsinn! O Pollux! Wenn man bedenkt, was aus einem Mann werden kann; ein Löwe könnte nicht wilder sein!« – »Ein Löwe, o du Tropf! Wir nehmen es selbst mit dem Löwen auf!« sprach Tetraides. »Genug, genug!« sagte Stratonice, indem sie ihre Haare ordnete. »Wenn ihr wieder gute Freunde seid, so betragt euch auch ruhig und ordentlich; denn einige junge Herren, eure Patrone und Gönner, haben sagen lassen, sie würden herkommen. Sie wollen euch hier mit mehr Muße in Augenschein nehmen, als es in den Schulen möglich ist, damit sie danach ihre Wetten in dem großen Kampf im Amphitheater einrichten können. Aus diesem Grunde kommen sie immer in unser Haus; sie wissen, daß die besten Gladiatoren aus Pompeji bei uns zu finden sind. Unsere Gesellschaft ist, den Göttern sei Dank, sehr ausgesucht.« »Ja,« fuhr Burbo fort, indem er aus einem mit Wein gefüllten Eimer trank, »ein Mann, der so viele Lorbeeren gewonnen hat wie ich, kann nur die Tapferen an sich ziehen. Lydon, trink, mein guter Bursche! Möge dein Alter so ehrenwert sein wie das meinige, das heißt, wenn du es erreichst.« »Komm her«, sagte Stratonice, indem sie ihren Mann an den Ohren zärtlich zu sich zog. »Komm her!« »Nicht so hart, du Wölfin, du bist schlimmer als ein Gladiator!« murrte Burbo zwischen den Zähnen. »Pst!« sagte sie ihm zuflüsternd. »Kalenus ist soeben verkleidet in die Hintertür eingetreten. Ich hoffe, er hat das Geld mitgebracht.« »Ho, ho! Ich will zu ihm«, sagte Burbo. »Habe du derweil ein wachsames Auge auf die Becher, und gib auf die Zeche acht. Laß dich nicht betrügen, Weib! Es sind tüchtige Gesellen auf dem Kampfplatz, aber sonst muß man sich vor ihnen hüten.« »Sei ohne Sorgen, du Narr«, erwiderte sie, und Burbo begab sich, beruhigt mit dieser zärtlichen Zusage, aus dem Zimmer nach dem Innern seines Hauses. »Also diese süßen Herren wollen unsere Muskeln in Augenschein nehmen,« sagte Niger, »wer hat dir das erzählt?« »Lepidus«, erwiderte die Wirtin. »Er bringt den Klodius, der am sichersten in ganz Pompeji wettet, und den jungen Griechen Glaukus mit.« »Eine Wette gegen eine Wette!« sagte Tetraides. »Ich wette zwanzig Sesterzen, daß Klodius auf mich wettet! Was meinst du, Lydon?« »Er wettet auf mich !« entgegnete Lydon. »Nein, auf mich «, fiel Sporus ein. »Glaubt ihr Tölpel, er wird dem Niger irgendeinen anderen vorziehen?« sagte der Athlet dieses Namens, indem er sich bescheiden selbst nannte. »Gut, gut,« sagte Stratonice, indem sie ihren Gästen, die sich jetzt alle an einen der Tische gesetzt hatten, aus einer großen Amphora einschenkte, »ihr dünkt euch alle tapfere und heldenmütige Männer, aber wer von euch will es mit dem numidischen Löwen aufnehmen, in dem Falle, daß man keinen Verbrecher findet, der ihm vorgeworfen wird?« »Ich, der ich deinen Armen entgangen bin, kühne Stratonice,« sagte Lydon, »könnte sicher auch den Kampf mit dem Löwen wagen.« »Aber sagt mir,« fragte Tetraides, »wo ist denn die schöne junge Sklavin hier aus dem Hause, das blinde Mädchen? Ich habe sie seit langer Zeit nicht gesehen.« »Oh! Sie ist zu gut für dich, du Sohn des Neptun,« sagte die Wirtin, »und ich glaube, selbst für uns. Wir schicken sie in die Stadt, um Blumen zu verkaufen und den Damen etwas vorzusingen; sie verdient uns dadurch mehr Geld, als wenn sie euch aufwartete. Außerdem hat sie oft andere Beschäftigungen.« »Andere Beschäftigungen!« sagte Niger. »Dazu ist sie wohl noch zu jung.« »Still, du wilder Mensch!« erwiderte Stratonice. »Du glaubst, es gibt kein anders Spiel als das korinthische. Wäre auch Nydia noch einmal so alt als jetzt, so würde das arme Mädchen doch keusch wie Vesta bleiben.« »Doch höre, Stratonice,« sagte Lydon, »wie bist du an eine so zarte und liebliche Sklavin gekommen? Sie würde sich besser zum Kammermädchen für ein reiche, römische Matrone eignen als für dich.« »Das ist wahr,« entgegnete Stratonice, »und ich hoffe, durch ihren Verkauf noch einst mein Glück zu machen. – Wie ich zu der Nydia kam, fragst du?« »Jawohl!« »Ja, siehst du, meine Sklavin Staphyla – du erinnerst dich der Staphyla, Niger?« »Allerdings, es war ein derbes Frauenzimmer, mit einem Gesicht wie eine komische Maske. Wie sollte ich sie vergessen haben, beim Pluto!, dessen Dienerin sie ohne Zweifel jetzt ist.« »Ruhig, du Tölpel! – Nun, Staphyla starb eines Tages. Es war mir ein großer Verlust, und ich ging auf den Markt, um mir eine andere Sklavin zu kaufen. Aber sie waren, bei den Göttern, seitdem ich die arme Staphyla gekauft hatte, so teuer geworden und das Geld war so selten, daß ich schon zurückkehren wollte, als ein Kaufmann mich am Kleide zog. ›Willst du billig eine Sklavin kaufen?‹ fragte er. ›Ich habe eine. Sie ist nur klein und fast noch ein Kind, aber still und gelehrig, sie singt gut und stickt, und ist, wie ich dich versichern kann, von guter Herkunft.‹ – ›Wo stammt sie her?‹ fragte ich. – ›Aus Thessalien.‹ – Nun ist ja bekannt, daß die Thessalierinnen sanft und klug sind. Ich bat ihn, mir das Mädchen zu zeigen, und fand sie gerade, wie sie jetzt noch ist, kaum kleiner und scheinbar nicht jünger. Sie sah geduldig und traurig genug aus, mit niedergeschlagenen Blicken und vor der Brust gekreuzten Händen. Ich fragte nach dem Preise, er war mäßig, und ich kaufte sie sogleich. Der Kaufmann brachte sie in mein Haus und entfernte sich schnell. Denkt euch aber, meine Freunde, wie ich erschrak, als ich bemerkte, daß das Mädchen blind war. Ja, das war ein schöner Lump, dieser Kaufmann! Ich beschwerte mich bei der Obrigkeit, aber der Schurke war schon nicht mehr in Pompeji. Ich mußte daher in übler Laune, das kann ich euch versichern, zurückkehren, und auch das arme Mädchen fühlte deren Folgen. Aber sie konnte nichts dafür, daß sie blind war, auch wurden wir nach und nach immer weniger unzufrieden mit unserem Kaufe. Nydia ist allerdings nicht so stark als Staphyla, und sie konnte im Hause uns nicht viel nützen. Aber bald wußte sie sich in der Stadt zurechtzufinden, als sei sie mit den Augen des Argus begabt, und als sie eines Tages eine Handvoll Sesterzien nach Hause brachte, die sie aus dem Verkauf einiger, in unserem kleinen Garten gepflückter Blumen gelöst hatte, mußten wir glauben, sie sei uns von den Göttern selbst gesandt worden. Seit jener Zeit lassen wir sie ausgehen, wie es ihr beliebt. Sie füllt ihr Körbchen mit Blumen und windet sie in Kränze, so wie es in Thessalien gebräuchlich ist, was den jungen Herren hier sehr gefällt. Auch scheinen ihr die vornehmen Leute besonders gewogen zu sein, denn sie zahlen ihr immer mehr als den anderen Blumenmädchen, und sie bringt gewissenhaft alles Geld, das sie eingenommen hat, nach Hause, was schwerlich eine andere Sklavin tun würde. Aus diesem Grunde verrichte ich alle häuslichen Geschäfte selbst, doch werden mich ihre Einnahmen bald in den Stand setzen, mir eine zweite Staphyla zu kaufen. Ich bin überzeugt, daß der Schurke von Sklavenhändler das blinde Mädchen gestohlen hatte, und vielleicht ist sie von guter Familie. Außer ihrer Geschicklichkeit im Kränzeflechten singt sie und spielt die Zither, was auch Geld einbringt; und vor kurzem – doch das ist ein Geheimnis –« »Wieso ein Geheimnis?« fragte Lydon. »Du willst dich wohl als eine Sphinx aufspielen?« »Nun hört auf mit eurem albernen Geschwätz«, unterbrach sie Sporus ungeduldig. »Ich bin hungrig. Wirtin, bring uns unser Essen.« »Ich habe auch Hunger«, fügte Niger hinzu, indem er sein Messer hervorzog. Die Amazone verfügte sich in die Küche und kehrte bald darauf mit einer großen Schüssel voll halb roher Fleischstücke zurück, denn die Helden des Wettkampfes glaubten damals, so wie noch jetzt, durch solche Nahrung am besten ihren Anstrengungen gewachsen zu sein und ihre Wildheit behaupten zu können. Sie setzten sich mit den gierigen Blicken hungriger Wölfe um den Tisch – die Speisen waren schnell verschwunden, und der Wein floß reichlich. 8. Kalenus, der Priester der Isis, der heimlich und verkleidet durch die Hintertür zu Burbo gekommen war, stammte von der niedrigsten Herkunft ab. Sein Vater war ein befreiter Sklave gewesen, hatte aber dem Sohn eine gute Erziehung gegeben. Doch dieser verpraßte das ererbte kleine Vermögen und wählte dann als letzte Zuflucht vor der Not den Priesterstand. Wenn auch die festen Einkünfte dieses heiligen Amtes damals im allgemeinen nur geringe waren, so konnten doch die Priester eines beliebten Tempels sich nicht beklagen. Keine Beschäftigung bringt so viel ein als die, welche den Aberglauben der Menge in Anspruch nimmt. In Pompeji lebte nur ein Verwandter des Kalenus, und dieser war Burbo. Dunkle und unehrenwerte Bande, stärker als die des Blutes, vereinigten ihre Herzen und ihre Interessen. Oft entzog sich der Isispriester verkleidet und insgeheim der angeblichen Strenge seiner Andachtsübungen und schlich sich durch die Hintertür in das Haus des ehemaligen Gladiators, eines Menschen, den seine Laster und seine Beschäftigungen gleich sehr der Verachtung preisgeben mußten. Dort legte er den letzten Rest jener Scheinheiligkeit ab, die einer, selbst für die Nachäffung der Tugend zu rohen Seele jederzeit drückend sein mußte, und der er sich bloß unterwarf, weil seine Hauptleidenschaft, der Geiz, ihn dazu antrieb. In einen jener großen Mäntel gehüllt, die bei den Römern Mode wurden, je mehr sie die Toga ablegten, und dessen weiter Faltenwurf die Gestalt ganz verhüllte, so wie die hinzugefügte Kapuze auch die Gesichtszüge verbarg – saß jetzt Kalenus in dem kleinen Wohnzimmer des Burbo, von wo aus ein kleiner Gang zu der Hintertür führte, die man fast in allen Häusern Pompejis fand. Ihm gegenüber saß Burbo und zählte wohlgefällig auf einem Tische eine kleine Summe Geldes, welche der Priester eben aus der Börse genommen hatte. »Du siehst,« sagte Kalenus, »wir zahlen gut, und du bist mir Dank schuldig, daß ich dir zu einer solchen guten Kundschaft verholfen habe.« »Allerdings, Vetter, ich bin dir sehr dankbar«, erwiderte Burbo, indem er das Geld in ein ledernes Beutelchen steckte, das er in den Gürtel schob, worauf er den Gurt um seinen hervorstehenden Bauch enger anzog, als er es gewöhnlich in den Stunden häuslicher Beschäftigungen zu tun pflegte. »Und bei der Isis, Pisis, Nisis, oder welche Gottheiten es sonst noch in Ägypten geben mag, meine kleine Nydia ist ein wahres Hesperien, ein goldener Garten für mich.« »Sie singt schön und spielt wie eine Muse. Dieses sind Talente, die der, dem ich diene, stets freigebig bezahlt.« »Er ist ein Gott,« rief Burbo begeistert aus; »jeder reiche Mann, der freigebig ist, verdient angebetet zu werden. Aber komm, alter Freund, trinke ein Glas Wein mit mir und erzähle mir mehr davon. Was tat sie dort? Sie ist ängstlich, spricht von ihrem Eid und offenbart nichts.« »Ich ebensowenig, bei meiner rechten Hand. Auch ich habe den schrecklichen Eid der Verschwiegenheit geleistet.« »Eid! – Was sind Eide für Männer wie wir?« »Allerdings – gewöhnliche Eide! – Aber dieser?«. Und der in Lastern abgehärtete Priester bebte, indem er sprach. »Doch«, fuhr er fort, und leerte dabei einen großen Becher ungemischten Weins, »ich muß dir gestehen, daß ich nicht so sehr den Eid als die Rache dessen, dem ich ihn geleistet, scheue. Bei den Göttern! Er ist ein mächtiger Zauberer und vermöchte mein Geständnis selbst vom Monde herabzuziehen, wenn ich es diesem abgelegt hätte. Sprich nicht mehr davon! Wenn ich aber auch, beim Pollux, herrliche Feste mit ihm feiere, so ist mir doch dort nie recht behaglich. Eine frohe Stunde mit dir und mit einer jener einfachen, kräftigen Mädchen, die ich in diesem Zimmer finde, ist mir lieber, als ganze Nächte in so glänzenden Ausschweifungen zugebracht.« »Ach, das kannst du gerne haben, und wenn es den Göttern gefällt, so wollen wir zu morgen abend wieder ein hübsches Fest veranstalten.« »Das soll mir lieb sein«, sagte der Priester, indem er sich die Hände rieb und sich mehr dem Tische näherte. In diesem Augenblick hörten sie ein leichtes Geräusch an der Tür, als ob jemand die Klinke umfaßte. Der Priester zog schnell seine Kapuze über den Kopf. »Sei ruhig,« lispelte der Wirt, »es ist die Blinde«, als Nydia die Tür öffnete und in das Zimmer trat. »He, Mädchen, was willst du? Du siehst bleich aus; auch bist du so lange ausgeblieben. Nun, nun, jung bleibt immer jung!« sagte Burbo lachend. Das Mädchen erwiderte nichts, ließ sich aber auf einem der Sitze nieder und schien sehr ermüdet zu sein. Ihre Gesichtsfarbe wechselte schnell, sie stieß ungeduldig mit ihrem kleinen Fuß auf den Boden und sagte mit entschlossener Stimme: »Niemals werde ich wieder an jenen schrecklichen Ort gehen; mögt ihr mich auch schlagen, mich hungern lassen, mir selbst mit dem Tode drohen.« »Was! Du törichtes Ding!« rief Burbo, der schnell in Wut geriet. Seine Augenbrauen zogen sich finster über die wilden, rollenden Augen. »Was, du willst nicht gehorchen? Nimm dich in acht!« »Ich kann es nicht«, erwiderte das arme Mädchen, indem es traurig die Hände über die Brust kreuzte. »Was, mein Zierpüppchen, du willst im Ernst nicht mehr hingehen? Na, ich werde dich schon mit Gewalt hinbringen lassen.« »Ich werde schreien, daß man es in der ganzen Stadt hört«, sagte sie heftig, und das Blut stieg ihr in das Gesicht. »Das wollen wir auch schon verhindern; wir werden dir den Mund stopfen.« »Dann mögen die Götter mir beistehen,« sagte Nydia, indem sie aufstand; »ich werde mich bei der Obrigkeit beschweren.« » Erinnere dich deines Eides! « sagte Kalenus jetzt mit dumpfer, tiefer Stimme. Bei diesen Worten ergriff ein Schauder das arme Mädchen, sie faltete, um Hilfe flehend, die Hände. »Ach, ich Unglückliche«, seufzte sie, und fing an zu weinen. Jetzt erschien plötzlich die abschreckende Gestalt der Stratonice, wahrscheinlich durch das Geräusch, welches diese Szene verursachte, herbeigerufen, in dem Zimmer. »Was gibt es hier?« sagte sie wütend zu Burbo. »Was beginnst du wilder Mensch mit meiner Sklavin?« »Sei ruhig, Weib!« erwiderte er in einem halb ängstlichen, halb grimmigen Tone. »Du kannst doch wohl hübsche Kleider und einen neuen Gürtel gebrauchen, nicht wahr? Nun, so gib acht auf deine Sklavin, sonst wirst du noch lange darauf warten müssen. Der Fluch auf dein Haupt, du Ungehorsame!« »Was bedeutet das?« sagte die alte Hexe, indem sie bald den einen, bald die andere ansah. Nydia stand schnell auf, warf sich der Stratonice zu Füßen und schluchzte, indem sie ihre Knie umfaßte: »O meine Gebieterin, du bist ein Weib, du hast Schwestern gehabt, du warst jung wie ich. Erbarme dich meiner, beschütze mich! Ich will jenen schrecklichen Festen nicht mehr beiwohnen.« »Einfältiges Mädchen!« sagte die Hexe, indem sie ungestüm eine jener zarten Hände faßte, die an keine härtere Arbeit als an das Flechten von Blumenkränzen gewöhnt waren. »Dummes Ding! Eine Sklavin darf solche Gewissensbisse nicht haben!« »Hörst du«, sagte Burbo, indem er seinen Geldbeutel hervorzog und dessen Inhalt erklingen ließ. »Hörst du diese Musik, Weib? Wenn du jenes dumme Kalb nicht mit einem tüchtigen Riemen züchtigst, so wirst du diese Musik bald nicht mehr hören.« »Das Mädchen ist müde und erschöpft«, sagte Stratonice, indem sie dem Kalmus zuwinkte. »Das nächste Mal wird sie euch folgsamer sein.« »Euch! Euch! Wer ist hier?« rief Nydia mit so ängstlichem Wesen, daß der Isispriester beunruhigt aufstand, als ihre blinden Augen in ihren Höhlen rollten. »Sie muß mit diesen Augen sehen!« flüsterte er. »Wer ist hier? In des Himmels Namen sprecht! Ach, wäret ihr blind, wie ich, so würdet ihr nicht so grausam sein«, sagte sie und brach wieder in Tränen aus. »Bringe sie fort«, sagte Burbo ungeduldig. »Ich hasse dieses Gejammer!« »Komm«, sagte Stratonice, indem sie das arme Kind an der Schulter faßte. Nydia entzog sich ihr mit einer Miene, der die Entschlossenheit Würde gab. »Höre mich,« sagte sie, »ich habe dir treu gedient, ich, die ich zu einem ganz anderen Leben erzogen wurde. Ach, meine arme, arme Mutter, ließest du dir wohl jemals träumen, daß es noch so weit mit mir kommen würde?« – Sie trocknete sich die Tränen und fuhr fort: »Befehlt mir alles andere, ich will gehorchen, aber ich erkläre euch jetzt, euch, so strenge, hart und unerbittlich ihr auch seid, daß ich dort nicht mehr hingehen, oder daß, wenn ich dazu gezwungen werde, ich den Schutz des Prätors selbst anflehen will. Ich habe es gesagt. Hört mich, ihr Götter, ich schwöre!« Die Augen der alten Hexe fingen jetzt an zu glühen wie Feuer. Sie ergriff das Kind mit der einen Hand bei den Haaren, und erhob die andere in die Luft – jene schreckliche rechte Faust, deren geringster Schlag hingereicht hätte, um das zarte und schwache Mädchen zu töten. Dieses schien sie auch wohl zu bedenken, denn sie änderte ihren Vorsatz, und indem sie Nydia nach der Wand hinzog, nahm sie von einem Haken einen Strick, der schon oft zu diesem Zweck gedient haben mochte, und in dem nächsten Augenblick ertönte das Angstgeschrei und Hilferufen des armen, blinden Mädchens. 9. »Holla, ihr braven Burschen!« sagte Lepidus, indem er sich bückte, als er in die niedrige Haustür des Burbo eintrat. »Wir sind gekommen, um zu sehen, wer von euch eurem Lanista am meisten Ehre macht.« Die Gladiatoren standen ehrerbietig vor den drei jungen Männern auf, die mit als die reichsten und freigebigsten in Pompeji bekannt waren und deren Urteil für den amphitheatralischen Ruf sehr wichtig war. »Was für derbe Kerls«, sagte Klodius zu Glaukus. »Sie sind würdig, Gladiatoren zu sein!« »Es ist schade, daß sie nicht Soldaten sind«, erwiderte Glaukus. Es war merkwürdig, jetzt den üppigen Lepidus zu beobachten, den bei den Festlichkeiten ein Strahl des Tageslichtes zu blenden schien, in den Bädern ein Luftzug ungeduldig machte, in dem die männliche Natur gänzlich entartet war und den Weichlichkeit und übertriebener Luxus zu einem Zwittergeschöpf machten. Es war merkwürdig, diesen Lepidus jetzt voll Leben und Tätigkeit zu sehen, wie er die breiten Schultern der Gladiatoren mit seiner kraftlosen, weibischen Hand betastete, die gedrungenen, gebräunten Muskeln befühlte, ganz verloren in Bewunderung jener Mannhaftigkeit, die er so sorgfältig stets von sich selbst entfernt zu halten sich bemühte. »Ha, Niger, wie willst du kämpfen,« sagte Lepidus, »und mit wem?« »Sporus hat mich herausgefordert«, sagte der wilde Riese. »Ich hoffe, es soll auf Tod und Leben gehen.« »Ah, gewiß«, erwiderte Sporus, indem er mit seinen kleinen Augen blinzelte. »Er nimmt das Schwert und ich das Netz und den Dreizack. Es wird ein herrlicher Kampf werden. Ich hoffe, der Überlebende wird genug bekommen, um die Würde seines Standes zu behaupten.« »Wegen des Geldes mach dir keine Sorgen, mein Hektor, darauf kommt es uns nicht an«, sagte Klodius. »Also du kämpfst gegen Niger? Glaukus, willst du mit mir wetten? Ich halte auf Niger.« »Sagte ich es nicht?« rief Niger freudetrunken. »Der edle Klodius kennt mich. Zähle dich nur schon zu den Toten, mein Sporus!« Klodius zog eine Wachstafel hervor. »Eine Wette um zehn Sesterzien. Was meinst du?« »Es sei«, sagte Glaukus. »Doch wer ist das? Ich sah diesen Helden noch nie«, und er zeigte hierbei auf Lydon, dessen Glieder schlanker waren als die seiner Genossen, und der etwas Angenehmes, selbst Edles in seinen Zügen hatte, das seine Beschäftigung noch nicht hatte verwischen können. »Es ist Lydon, ein Anfänger, der sich bis jetzt bloß mit dem hölzernen Schwert geübt hat«, antwortete Niger. »Doch er hat wahres Gladiatorenblut in sich und forderte schon den Tetraides heraus.« »Er forderte mich heraus«, sagte Lydon. »Ich gehe auf den Kampf ein.« »Und wie wollt ihr fechten?« fragte Lepidus. »Übrigens, solltest du nicht lieber noch etwas warten, ehe du es mit Tetraides aufnimmst?« Lydon lächelte verächtlich. »Strecke deinen Arm aus, mein Lydon«, sagte Lepidus mit Kennermiene. Der Gladiator streckte, mit einem bedeutungsvollen Blick auf seine Genossen, einen Arm aus, der, wenn auch nicht so dick und fleischig wie die ihrigen, doch von so festem Muskelbau und so regelmäßig in seinen Verhältnissen war, daß die drei jungen Männer gleichzeitig einen Ausruf der Bewunderung hören ließen. »Nun gut,« sagte Klodius, »und welche Waffe wählst du?« »Wir werden zuerst mit dem Cestus, und wenn wir darauf beide noch leben, mit Schwertern kämpfen«, erwiderte Tetraides mit einem neidisch-schielenden Blick. »Mit dem Cestus?« sagte Glaukus. »Daran tust du unrecht, Lydon. Der Cestus ist eine griechische Kampfart, ich kenne sie gut – du mußt dafür noch etwas stärker werden. Du bist zu mager dazu – gib den Cestus auf.« »Ich kann nicht«, sagte Lydon. »Und weshalb nicht?« »Ich habe es schon gesagt, weil er mich darauf herausgefordert hat.« »Aber er wird nicht gerade auf dieser Waffe bestehen.« »Meine Ehre besteht aber darauf«, erwiderte Lydon stolz. »Ich wette auf Tetraides, zwei gegen eins, auf den Cestus«, sagte Klodius. »Soll es gelten, Lepidus? – Und mit Schwertern auf gleiche Wette.« »Wenn du auch drei gegen eins setzest, so nehme ich es nicht an«, entgegnete Lepidus. »Lydon wird mit dem Schwert ihm nicht gewachsen sein. – Du meinst es sehr gut mit mir.« »Was meinst du dazu, Glaukus?« fragte Klodius. »Ich will auf die Wette drei gegen eins eingehen.« »Also zehn Sesterzien gegen dreißig?« »Ja.« Klodius schrieb auch diese Wette auf seine Tafel. »Entschuldige, mein edler Beschützer,« sagte Lydon leise zu Glaukus, »wieviel glaubst du, daß der Sieger gewinnen wird?« »Wieviel? – Nun, vielleicht sieben Sesterzien.« »Bist du gewiß, daß es soviel sein wird?« »Sicher wird es soviel sein. Aber schäme dich! Ein Grieche würde an die Ehre, nicht aber an das Geld denken. Die Römer bleiben sich doch immer gleich!« Die braune Wange des Gladiators errötete, und er sprach: »Verkenne mich nicht, edler Glaukus, ich denke an beides. Doch würde ich kein Gladiator geworden sein, wenn es nicht des Geldes wegen wäre.« »Oh, du Unwürdiger, mögest du unterliegen! Noch nie war ein Geldhungriger ein Held.« »Ich bin nicht geldhungrig«, sagte Lydon mit Stolz und entfernte sich nach der anderen Seite. »Aber ich sehe Burbo nicht; wo ist er? Ich muß mit ihm sprechen«, sagte Klodius. »Er ist da drinnen«, sagte Niger, indem er auf die entgegengesetzte Tür zeigte. »Und wo ist die Stratonice, die gute Alte, wo ist sie?« fragte Lepidus. »Sie war soeben noch hier, ehe ihr eintratet, doch sie hörte da drinnen etwas, das ihr mißfiel, und ist hineingegangen. Beim Pollux! Dem alten Burbo ist vielleicht in dem Hinterzimmer ein Mädchen in die Hände gefallen. Ich hörte eine weibliche Stimme kreischen, die Alte ist eifersüchtiger als Juno.« In diesem Augenblick hörte man einen lauten Schrei des Schmerzes und Entsetzens. »Oh, schone mich! Ich bin ja nur ein Kind, ich bin blind – ist das nicht Strafe genug?« »O Pallas! Jene Stimme ist mir bekannt, es ist mein armes Blumenmädchen!« rief Glaukus und stürzte sogleich nach der Stube, aus welcher das Geschrei kam. Er sprengte die Tür und sah Nydia unter den Mißhandlungen der alten Hexe sich winden. Der bereits mit Blut gefärbte Strick schwebte schon wieder in der Luft. »Furie!« sagte Glaukus, indem er ihr mit der einen Hand Nydia, mit der anderen den Strick entriß. »Wie kannst du ein Mädchen, ein Kind so mißhandeln? Meine Nydia, mein armes Mädchen!« »Oh, bist du es? Ja, es ist Glaukus!« rief das Blumenmädchen mit freudiger Stimme. Sie hörte auf zu weinen, sie schmiegte sich lächelnd an seine Brust und küßte sein Gewand. »Und wie kannst du es wagen, voreiliger Fremdling, einer freien Frau zu gebieten, wie sie ihre Sklavin behandeln soll? – Bei den Göttern, trotz deiner feinen Tunika und deinen Parfüms zweifle ich noch sehr, ob du ein römischer Bürger bist, mein Männchen!« »Nicht so ungestüm, meine Alte, nicht so hitzig«, sagte Klodius, der jetzt mit Lepidus eintrat. »Dies ist mein Freund, du darfst nicht so bissig gegen ihn sein! Sonst geht es dir schlecht.« »Gib mir meine Sklavin!« kreischte die Amazone, indem sie mit kräftiger Faust den Griechen an der Brust faßte. »Ich lasse sie nicht, und wenn alle Furien, deine Schwestern, dir beiständen. Fürchte nichts, süße Nydia, ein Athener schützt stets die Unglücklichen!« »Holla!« schrie Burbo, indem er sich erhob. »Was für ein Lärmen ist das um eine Sklavin? Lasse den jungen Herrn gehen, Weib, laß ihn gehen. Aus Rücksicht für ihn soll das einfältige Ding diesmal noch verschont werden.« Indem er dieses sagte, zog er das wilde Weib zurück. »Es schien mir, als wir eintraten,« sagte Glaukus, »daß noch jemand hier gewesen sei.« »Er ist fortgegangen.« Und allerdings hatte der Priester der Isis es für angezeigt gehalten, sich zu entfernen. »Oh,« sagte Burbo unbefangen, »das war ein Freund von mir, ein Bruder Saufaus, ein stiller Kauz, der solche Zänkereien nicht liebt. – Doch geh', Kind, du wirst die Tunika des jungen Herrn zerreißen, wenn du sie so festhältst. Geh'! Es soll dir dieses Mal verziehen sein.« »Oh, verlasse mich nicht – verlasse mich nicht!« sagte Nydia, indem sie sich noch fester an den Athener schmiegte. Der Grieche fühlte sich gerührt durch ihre verlassene Lage und war auch etwas geschmeichelt, weil sie ihn so um Hilfe anflehte. Er setzte sich auf einen der roh gearbeiteten Stühle, hielt sie auf seinen Knien und küßte ihr die Tränen von den Wangen. Er flüsterte ihr wie einem Kinde beruhigende Worte zu, und so schön erschien er in diesem Augenblick selbst der wilden Stratonice, daß auch ihr hartes Herz gerührt wurde. Seine Gegenwart schien jene finstere Herberge zu veredeln. Weich und edelmütig, wie er war, schien er so recht geschaffen zu sein, dieses schöne und unglückliche Wesen zu unterstützen. »Wer hätte sich denken sollen,« sagte die Alte, indem sie sich die Schweißtropfen von der Stirn wischte, »daß unsere blinde Nydia noch so geehrt werden würde.« Glaukus wendete sich zu Burbo und sagte: »Mein guter Mann, dieses ist deine Sklavin. Sie singt gut, sie ist geschickt in der Pflege der Blumen, ich wünsche, solch eine Sklavin einer Dame zum Geschenk zu machen. Willst du sie mir verkaufen?« – Indem er diese Worte sprach, fühlte er, wie ein Schauer des Entzückens durch die Glieder des armen Mädchens zuckte. Sie sprang auf, strich sich die Haare aus dem Gesicht und blickte mit den blinden Augen umher, als ob sie sehen könne! »Unsere Nydia verkaufen? – Nein, das geschieht nicht«, sagte Stratonice trotzig. Nydia sank mit einem tiefen Seufzer zurück und schmiegte sich wieder an ihren Beschützer. »Dummes Zeug!« sagte Klodius gebieterisch. »Ihr müßt mir den Gefallen tun. Was, Burbo – was, Alte? Wenn ihr mich beleidigt, so ist es mit eurem Geschäft zu Ende. Ist nicht Burbo der Klient meines Vetters Pansa? Bin ich nicht das Orakel des Amphitheaters und seiner Helden? Wenn ich ein Wort spreche, so ist eure Schenke geschlossen, und ihr verkauft nichts mehr. Glaukus, die Sklavin ist dein.« Burbo kratzte sich, offenbar in großer Verlegenheit, hinter den Ohren. »Das Mädchen ist mir so viel wert, als sie in Golde wiegt«, sagte er. »Nenne den Preis,« entgegnete Glaukus, »ich bin reich.« Der alte Schankwirt war kein Mann, dem etwas unverkäuflich war. Am wenigsten ein armes, blindes Mädchen. »Sie kostet mich sechs Sesterzien, jetzt ist sie zwölf wert«, sagte Stratonice. »Ihr sollt zwanzig haben. Kommt sogleich zum Richter, und dann nehmt das Geld in meinem Hause in Empfang.« »Ich würde das gute Mädchen nicht für hundert Sesterzien verkaufen,« sagte Burbo weinerlich, »wenn es nicht dem edlen Klodius zu Gefallen geschähe. Du mußt aber auch beim Pansa mir behilflich sein wegen der Stelle eines Designators im Amphitheater, edler Klodius. Sie wäre gerade passend für mich.« »Du sollst sie haben«, entgegnete Klodius, indem er Burbo leise zuflüsterte: »Jener Grieche kann dein Glück machen, das Geld läuft bei ihm wie durch ein Sieb. Bezeichne diesen Tag mit weißer Kreide, mein Priamus!« »Also abgemacht?« fragte Glaukus den früheren Gladiator. »Abgemacht!« erwiderte Burbo. »Ach, welch ein großes Glück!« murmelte Nydia. »Ich werde also zu dir gehen?« »Ja, mein süßes Kind; und künftig soll dein Geschäft nur darin bestehen, der liebenswürdigsten Dame in Pompeji griechische Lieder vorzusingen.« Das Mädchen sprang auf, ihre Züge, die den Augenblick vorher ein so freudiges Entzücken aussprachen, nahmen einen anderen Ausdruck an. Sie seufzte tief und sagte, indem sie seine Hand ergriff: »Ich glaubte, ich würde mit nach deinem Hause gehen.« »Für jetzt soll dieses auch geschehen; komm, wir verlieren die Zeit.« 10. Jone war eine der seltenen Erscheinungen, die in der höchsten Vollkommenheit Schönheit und geistigen Wert miteinander vereinigen. Ein Wort, ein Blick von ihr schien oft wie ein Zauber zu wirken. Wer sie liebte, der trat in eine neue Welt ein und verließ diese armselige und beschränkte Erde. Er befand sich in einem Lande, wo ihm alles wie verklärt durch einen magischen Einfluß erschien. Ihr ganzes Wesen schien besonders darauf berechnet, auf ungewöhnliche und kühnere männliche Naturen zu wirken, sie zu fesseln und zu beherrschen; die Liebe zu ihr vereinigte zwei Leidenschaften, die Liebe selbst und den Ehrgeiz – wer sie anbetete, der mußte auch höherem Streben überhaupt sich weihen. Es war kein Wunder, daß sie den mysteriösen, doch feurigen Geist des Ägypters, eines Mannes, in dem die heftigsten Leidenschaften ihren Sitz hatten, mächtig an sich zog. Ihre Schönheit und ihr Geist wirkten vereinigt auf ihn. Weniger war es zu begreifen, wie sie so schnell und unwiderruflich die Neigung des Atheners gewinnen konnte. Glaukus hatte ein leicht bewegliches Temperament, das sich den fröhlichen Ausschweifungen seines Zeitalters hingab, ohne sich aber ganz darin zu verlieren. Seine Einbildungskraft verblendete ihn, doch die Verderbnis erreichte nie sein Herz. Weit mehr Lebensklugheit besitzend, als seine Gefährten ihm zutrauten, sah er wohl ein, daß sie nur Absichten auf seinen Reichtum hegten. Aber er betrachtete das Geld bloß als ein Mittel für den Genuß, und der lebensfrohe Sinn der Jugend war das Band, welches ihn an sie knüpfte. Er fühlte allerdings in sich das Streben nach einem höheren Ziele, als dem irdischen Genusse und Vergnügen, aber die Welt war damals ein großes Gefängnis, zu dem der Kaiser in Rom die Schlüssel hatte. Und dieselben Tugenden, welche zu den Zeiten des freien Athens in Glaukus die Antriebe des Ehrgeizes in Tätigkeit gesetzt haben würden, machten ihn jetzt untätig und genußsüchtig, denn in jenen sklavischen Verhältnissen war jeder edle Wetteifer und jedes freiere Streben unmöglich geworden. Der Ehrgeiz konnte an einem despotischen und schwelgerischen Hofe nur durch Schmeichelei und List sein Ziel erreichen. Der Geiz und die Geldgier waren die herrschenden Leidenschaften – die Staatsstellungen wurden nur erstrebt, um der Mittel zu Ausplünderungen sich zu bemächtigen, und die Regierung war in ein System des Raubes ausgeartet. Indem sich Glaukus so in sich selbst zurückziehen mußte, konnten seine besten Fähigkeiten und Talente sich nicht anders äußern als vermöge jener verschönernden Einbildungskraft, die den Genuß poetisch verklärt. Der edlere Ehrgeiz fand jenen Spielraum nicht, der den Verfeinerungen des Lebensgenusses sich darbot. Alle schlummernden Kräfte seines Geistes wurden jedoch plötzlich geweckt, als er Jone kennenlernte. In ihrem Besitz zeigte sich ihm ein Ziel, des Strebens der Halbgötter wert. Indem er ihre Gegenliebe zu erringen sich bemühte, leuchtete ihm ein Stern des Ruhms, den die Verderblichkeiten eines dahinsterbenden Staatslebens weder verdüstern noch erbleichen machen konnten. Aus seiner Liebe erstand in ihm eine neue Begeisterung. Wenn er sich in Jonens Nähe befand, hatten seine Geisteskräfte einen höheren Schwung, und er fühlte sich in seinem ganzen Wesen vollkommener und besser. So wie seine Liebe, so mußte auch ihre Gegenliebe durch ihre beiderseitige Natur bedingt und notwendig sein. Er erschien ihr jung, schön, beredsam und ein Athener, wie die schönste Blüte der Poesie aus dem Lande ihrer Väter. Seitdem sie sich kannten, waren sie nicht mehr Geschöpfe auf einer Erde der Sorge und der Plagen, das Dasein war für sie von jetzt an nur ein heiliger Festtag. Sie schienen dem gewöhnlichen und rauhen Alltagsleben entrückt zu sein, die Träume des saturnischen Zeitalters waren für sie in die Wirklichkeit getreten, und in ihre Herzen fielen die letzten Strahlen der Sonne von Delos und von Griechenland. Je unabhängiger Jone aber in der Art ihrer Lebensführung war, um so stärker war auch das Bewußtsein ihrer Würde. Die Verleumdungen des Ägypters mußten daher eine starke Wirkung auf sie ausüben, und die vermeintliche Roheit und Rücksichtslosigkeit des Glaukus verletzten sie aufs tiefste. Seine Äußerungen enthielten einen Tadel über ihren Charakter und ihr Leben, und selbst ihre Liebe wurde zurückgewiesen und verhöhnt. Sie fühlte jetzt zum ersten Mal, wie schnell diese Liebe sie überrascht hatte, sie errötete über eine Schwäche, deren sie erst jetzt sich ganz bewußt wurde. Sie bildete sich ein, diese Schwäche selbst habe die Verachtung des Glaukus erregt, sie empfand sich dadurch aufs tiefste gedemütigt. Aber nicht weniger als ihr Stolz war ihre Liebe selbst verletzt worden. Wenn sie auch in einem Augenblick des empörten Selbstgefühls sich von ihm losgerissen hatte und ihn fast zu hassen anfing, so überwältigte sie doch bald wieder die unbezwingbare Leidenschaft in desto größerem Grade. Sie brach in Tränen aus, das Herz forderte seine Rechte zurück, und halb verzweifelnd sagte sie zu sich selbst: »Er verachtet mich – er liebt mich nicht!« Nachdem der Ägypter sie verlassen, hatte sie sich in ihr einsamstes Zimmer zurückgezogen. Sie entfernte ihre Dienerinnen aus ihrer Nähe und ließ sich vor dem Schwarm ihrer Verehrer verleugnen. Auch Glaukus traf dasselbe Schicksal. Es befremdete ihn, doch er wußte sich den Grund dieser Zurückweisung nicht zu erklären. Er konnte sich nicht denken, dass seine Jone, seine Königin, seine Göttin, jener weiblichen Launenhaftigkeit fröne, über welche die Liebesdichter Italiens so bittere Klage führen. Er glaubte, sie sei über alle jene Künste erhaben, die das Herz des Liebenden auf die Folter spannen. Er fühlte sich beunruhigt, doch die Hoffnung ließ nicht nach, denn er wußte, daß er liebe und geliebt werde, und konnte er sich ein festeres Schutzmittel gegen die Furcht wünschen? In der tiefsten Nacht, als die Straßen bereits öde und einsam waren und nur die Strahlen des Mondes sie beleuchteten, schlich er sich nach ihrer Wohnung, jenem Tempel seines Herzens, und verehrte sie nach der schönen Sitte seines Landes. An ihrer Haustür hängte er die schönsten Kränze auf, in denen jede Blume ein süßer Liebesspruch war, und in der langen Sommernacht sang er zu den Tönen der lycischen Laute Verse, welche die Begeisterung des Augenblicks hervorrief. Doch kein Fenster wurde geöffnet, kein freundlicher Gruß belohnte ihn. Alles blieb stumm und einsam, so daß er nicht einmal wußte, ob seine Verse gehört worden seien. Jone aber schlief weder, noch verschloß sie ihr Ohr den süßen Tönen, sie drangen in ihr Schlafzimmer und überwältigten fast ihr Herz. Während sie zuhörte, vergaß sie alles, was die Verleumdung gegen ihren Geliebten gesagt hatte. Der Zauber entwich aber wieder, als er sich entfernt hatte, und die aufgeregte Stimmung ihres Gemüts ließ sie fast in jener zarten Huldigung eine neue Beleidigung erblicken. Während sie sich aber vor allen verleugnen ließ, so war doch ein einziger ausgenommen, Arbaces, der über ihre Handlungen sich eine Art väterlichen Einflusses anmaßte. Er betrat ihre Wohnung so ungehindert, als sei dieses ein Recht, welches ihm zustehe. Trotz aller Selbständigkeit des Charakters der Jone war es ihm gelungen, eines geheimen und mächtigen Einflusses auf ihren Willen sich zu versichern. Sie vermochte demselben nicht zu widerstehen, bisweilen versuchte sie es, doch es war ihr unmöglich. Sie wurde durch die Macht seines Schlangenblicks wie von einem bösen Zauber gefesselt. Er beherrschte sie durch die Überlegenheit seines männlichen Geistes, der schon seit langem gewohnt war, daß jedes schwächere Gemüt sich ihm beugte. In der Unkenntnis seines wahren Charakters und der Liebe zu ihr, die er bis jetzt geschickt zu verbergen gewußt hatte, fühlte sie vor ihm jene Ehrfurcht, die das Talent vor der Weisheit, die Tugend für die Heiligkeit des Wandels fühlen muss. Sie betrachtete ihn wie einen jener Weisen des Altertums, die durch den Sieg über alle menschlichen Leidenschaften der Geheimnisse des verborgenen Wissens teilhaftig werden. Sie hielt ihn weniger für ein irdisches Wesen, wie sie selbst, als für ein finsteres und heiliges Orakel der Vorzeit. Sie liebte ihn nicht, aber sie fürchtete ihn. Seine Gegenwart war ihr unheimlich. Ihr Geist fühlte sich in seiner Nähe verdüstert und beklommen, er erschien ihr in der Erhabenheit seines Charakters wie ein hoher Berg, der einen ungeheuren Schatten wirft. Doch fiel es ihr niemals ein, seinen Besuchen sich zu entziehen. Sie überließ sich geduldig dem Eindruck, den in ihrem Gemüt zwar nicht die Angst vor dem Schrecklichen, aber etwas von seiner Unheimlichkeit erregte. Arbaces aber beschloß jetzt, alle seine geheimen Künste in Tätigkeit zu setzen, um sich des Schatzes zu bemächtigen, nach dem er sich so sehnte. Eine tiefe Befriedigung erfüllte ihn, weil er mit seinem Einfluß ihren Bruder wieder eingefangen hatte. Seit jenem Augenblick, in welchem Apäcides der wollüstigen Üppigkeit jenes Festes unterlag, welches wir beschrieben haben, fühlte er seine Herrschaft über den jungen Priester gesicherter und fester als je. Er wußte, daß keine Fesseln stärker sind als die der Sinne, wenn sie einen jungen feurigen Mann zum erstenmal überraschen. Apäcides hatte sich am Morgen nach jener durchschwelgten Nacht, die ihn in ihre Wunderkreise gezogen hatte, beschämt und gedemütigt gefühlt. Er erinnerte sich seiner strengen Gelübde der Enthaltsamkeit, seiner Sehnsucht nach einem tugendhaften Leben, und wie dieses alles in einen so unheiligen Strudel gezogen worden war. Arbaces kannte jedoch sehr gut die Mittel, durch welche er seinen Einfluß behaupten und sichern mußte. Von den Genüssen der Sinnlichkeit führte er den jungen Priester sogleich in seine mysteriöse Weisheit ein. Er enthüllte vor seinen erstaunten Blicken die Geheimnisse der düsteren ägyptischen Philosophie, weihte ihn in die astrologischen Deutungen und in jene sonderbare Chemie ein, die in diesen Zeiten, wo die Vernunft selbst noch unter der Herrschaft der Einbildungskraft stand, der Auflösung überirdischer Rätsel sich gewachsen dünkte. Arbaces erschien dem jungen Priester wie ein über die Sterblichkeit erhabenes, mit ungewöhnlichen Kräften begabtes Wesen. Jene tiefe Sehnsucht nach dem Wissen, das nicht von dieser Erde ist, verblendete Apäcides, der darauf von frühester Jugend an sein ganzes Streben gerichtet hatte, so daß sein gesunderes Urteil übertäubt wurde. Er gab sich ganz den blinden Richtungen hin, die zugleich die heftigsten Leidenschaften des Menschen in Anspruch nehmen, dem sinnlichen Genuß und dem Streben nach höheren Kenntnissen. Er konnte sich nicht denken, daß ein so weiser Mann, wie Arbaces, irren, daß ein so stolzer Mann auch jetzt noch ihn täuschen könne. In das Gewebe metaphysischer Spekulationen verstrickt, ging er auf die Schlußfolgen ein, durch die der Ägypter das Laster zur Tugend umzugestalten versuchte. Er fühlte sich auch in seiner Eitelkeit geschmeichelt, weil ihn Arbaces gewürdigt hatte, sein besonderer Schüler zu werden, weil er ihn von den Schranken freimachte, die für die gewöhnliche Menge errichtet waren, und ihn an seinen mystischen Studien teilnehmen ließ. Die reine und strenge Moralität jenes Glaubens, zu dem Olinthus ihn zu bekehren wünschte, wurde durch gewaltige Leidenschaften aus seinem Geiste verdrängt. Der Ägypter, der mit den Lehrsätzen jenes Glaubens nicht ganz unbekannt war und bald den Eindruck bemerkte, den sie bereits auf das Gemüt seines Pfleglings gemacht hatten, suchte jene Wirkung auf geschickte Weise teils durch sophistische Trugschlüsse, teils durch spöttische Bemerkungen zu vernichten. »Dieser Glaube«, sagte er, »ist weiter nichts, als die besondere Ausführung einer der vielen Allegorien, welche unsere alten Priester erfunden haben. In diesen uralten Figuren«, fügte er hinzu, indem er auf eine mit Hieroglyphen beschriebene Rolle zeigte, »siehst du den Ursprung der Lehre von der christlichen Dreieinigkeit. Auch hier sind drei Götter, der Vater, der Sohn und der heilige Geist. Du siehst, daß auch hier der Sohn mit dem Beiwort der ›Erlöser‹ bezeichnet wird – und daß das Zeichen, durch welches seine menschlichen Eigenschaften dargestellt werden, das Kreuz ist. Sieh hier auch die mystische Geschichte des Osiris, wie er getötet wurde, und wie er, um eine feierliche Verheißung zu erfüllen, wieder aufstand von den Toten! Durch diese Gleichnisse beabsichtigen wir bloß eine Allegorie in Beziehung auf das ewige Wiederaufleben der Natur und auf die Bewegungen der Gestirne. Die Unbekanntschaft mit diesen Zeichen hat jedoch bei vielen leichtgläubigen Nationen, denen die Deutung versteckt blieb, zu manchen religiösen Glaubenssätzen Veranlassung gegeben. Man findet die verkehrte Auslegung dieser Hieroglyphen in den weiten Ebenen Indiens; die Griechen selbst haben sie in ihren spekulativen Systemen benutzt. Und indem sich ihre Deutung immer mehr veränderte, je mehr sie selbst von ihrem alten Ursprunge sich entfernten, hat dieselbe in diesem neuen Glauben eine irdischere Form angenommen, und die Jünger des Galiläers beten bloß unbewußt eine der Allegorien des alten Ägyptens an!« Diese Art des Beweises überzeugte vollkommen den jungen Priester. Er fühlte, wie die meisten Menschen, das Bedürfnis, an etwas zu glauben, und ohne Widerstreben fügte er sich jenem Glauben, welchen Arbaces ihn lehrte und der alles vereinigte, was den menschlichen Leidenschaften schmeichelt und die persönliche Eitelkeit in Anspruch nimmt. Nachdem diese Bekehrung so leicht gelungen war, konnte er sich ganz der weiteren Ausführung eines angenehmeren und wichtigeren Planes widmen, und er sah in dem leichten Gelingen seiner Anschläge auf den Bruder ein günstiges Omen seines Sieges über die Schwester. Er hatte Jone an dem Tage nach jenem schwelgerischen Feste besucht, welches zugleich der Tag war, an dem er ihr Gemüt mit Mißtrauen gegen seinen Nebenbuhler erfüllt hatte. Er fuhr jetzt fort, sie täglich zu besuchen, und setzte alle seine Künste in Tätigkeit, nicht nur, um den ungünstigen Eindruck gegen Glaukus zu verstärken, sondern vor allem, um sie für die Eindrücke empfänglich zu machen, die seinen eigentlichen Zwecken dienen sollten. Jone gab sich alle Mühe, ihm ihre inneren Qualen und den Mißmut ihres mit sich selbst in Widerspruch geratenen Herzens zu verbergen, und das gelang ihr auch in hohem Maße. Arbaces war jedoch schlau genug, einen Gegenstand nicht weiter zu berühren, von dem er wohl einsah, daß es am zweckmäßigsten sei, seiner nur oberflächlich zu erwähnen. Er wußte, daß, wenn man lange bei dem Fehler eines Nebenbuhlers verweilt, er in den Augen der Geliebten anfängt wichtig zu werden, und daß es am besten ist, weder offenbaren Haß noch bittere Verachtung zu äußern, sondern durch einen gewissen gleichgültigen Ton ihn zu erniedrigen, als wenn man nicht voraussetze, daß er geliebt werden könne, und die Verwundung des eigenen Selbstgefühls zu verbergen. Er sprach nicht mehr von den Verleumdungen und Prahlereien des Glaukus. Er erwähnte zwar seiner, aber nicht häufiger als des Klodius oder des Lepidus. Er schien sie, als unbedeutende und unwürdige Menschen, in eine Klasse zu stellen, als junge Männer, welche von dem Schmetterling zwar die Veränderlichkeit, aber nicht die Unschuld hätten. Bisweilen erwähnte er einer durch ihn ersonnenen Ausschweifung, in der sie Genossen gewesen seien. Dann stellte er wieder einen Gegensatz zwischen ihnen und jenen geistigeren und erhabeneren Naturen auf, zu denen Jone zählte. Sowohl durch das Selbstgefühl der Jone als auch durch sein eigenes getäuscht, ließ er sich nicht träumen, daß sie Glaukus bereits liebe. Er besorgte bloß, in ihrem Herzen möchten sich jene Vorgefühle geregt haben, die für die Liebe empfänglich machen. Im geheimen knirschte er in die Zähne vor Wut und Eifersucht, wenn er an die Jugend und Liebenswürdigkeit des gefährlichen Nebenbuhlers dachte, den er scheinbar verachtete. Es war am vierten Tage nach seinem Zusammenstoß mit Glaukus, als Arbaces wieder bei Jone war. »Du trägst auch im Hause deinen Schleier,« sagte der Ägypter, »warum entziehst du denen, die du deiner Freundschaft würdigst, dein Antlitz?« »Dem Arbaces,« erwiderte Jone, die in der Tat durch den Schleier ihre verweinten Augen zu verbergen suchte – »dem Arbaces, der bloß das Geistige würdigt, wird der Anblick meiner Züge gleichgültig sein.« »Allerdings sehe ich bloß auf das Geistige,« erwiderte der Ägypter, »eben deshalb zeige mir dein Antlitz, denn dort werde ich es sehen!« »Du wirst ein Schmeichler in Pompeji«, sagte Jone mit erzwungener Heiterkeit. »Jone, willst du mich etwa mit den andern in Pompeji vergleichen?« Die Stimme des Ägypters zitterte. Er hielt einen Augenblick inne, darauf fuhr er fort: »Es gibt noch eine andere Liebe, schöne Griechin, als die der Jugend und des Leichtsinns – eine Liebe, die nicht mit den Augen sieht, nicht mit den Ohren hört, sondern in welcher der Geist durch den Geist gefesselt wird. Von solch einer Liebe träumte einst Plato, aber nur edle Naturen sind ihrer würdig. Sie hat nichts gemein mit den gewöhnlichen irdischen Leidenschaften, Runzeln schrecken sie nicht zurück. Sie wird nicht bedingt durch die Vollkommenheit der äußeren Formen, sie verlangt Jugend, aber bloß in der Empfänglichkeit für höhere Gefühle, sie verlangt Schönheit, aber nur die geistige. Dieses ist die Liebe, o Jone, die selbst ein kalter und verschlossener Mann dir als würdiges Opfer darbringen kann. Du hältst mich für kalt und verschlossen, und eine solche Liebe wage ich dir zu weihen. Du kannst ohne Erröten sie erwidern.« »Und ihr Name ist – Freundschaft«, entgegnete Jone. Die Antwort war unschuldig, aber sie klang wie die Mißbilligung der Absichten des Arbaces. »Freundschaft!« fuhr der Ägypter lebhaft fort. »Nein, das ist ein zu oft entheiligtes Wort, als das man es auf ein so edles Gefühl anwenden dürfte. Freundschaft! Es ist ein Band, welches Toren und Wüstlinge verknüpft. Auch ein Glaukus und ein Klodius werden durch Freundschaft verbunden! Freundschaft! Nein, das ist eine irdische Neigung, ein Wort, entartet in seiner Bedeutung und in seinem Sprachgebrauch. Das Gefühl, von dem ich rede, stammt aus den Sternen, es trägt etwas in sich von der unaussprechlichen Sehnsucht, die uns ergreift, wenn wir den nächtlichen Himmel betrachten. Es ist ein Feuer, das zwar glüht und leuchtet, aber nicht verbrennt. Nein, es ist weder Liebe noch Freundschaft, was Arbaces für Jone fühlt. Gib diesem Gefühl keinen Namen, die Erde hat keinen für dasselbe, denn es ist nicht irdisch. Es darf nicht entheiligt werden durch menschliche Worte und Begriffe.« Noch nie hatte Arbaces sich so weit gewagt, doch er ging Schritt für Schritt. Er wußte, daß er in einer Sprache redete, von der man bei ihren ungewöhnlichen und seltsamen Worten keine bestimmten Vorstellungen knüpfen konnte, so daß er dabei, je nachdem die Hoffnung ihn ermutigte oder die Furcht abmahnte, weitergehen oder zurückschreiten konnte. Jone zitterte, und doch wußte sie nicht weshalb. Der Schleier verbarg ihre Züge, deren Ausdruck den Ägypter, wenn er sie gesehen hätte, zurückgeschreckt und zugleich zur Wut entflammt haben würde. Auch war er ihr noch nie widriger erschienen, der Wohlklang der beredsamsten Stimme, die jemals verderbliche Absichten verbarg, tönte ihr wie ein Mißton in den Ohren. Ihre ganze Seele war noch mit dem Bilde des Glaukus erfüllt, das Geständnis der Zuneigung eines andern konnte ihr nur mißfallen. Immerhin ahnte sie noch nicht, daß die Worte des Arbaces nur eine heftigere Leidenschaft hinter jenen platonischen Gefühlen versteckten. Sie glaubte, daß er wirklich von geistiger Übereinstimmung und Zuneigung spreche. Aber waren nicht auch diese Gefühle die Quelle ihrer Liebe zu Glaukus, und konnte irgendein anderer Weg als dieser zu dem Altar ihres Herzens führen? Sie erwiderte daher in der Absicht, diesen Gegenstand zu vermeiden, in kaltem und gleichgültigem Tone: »Es ist natürlich, daß Arbaces, wen er auch in seiner erhabenen Weisheit mit seiner Achtung beehren möge, dieses Gefühl seinem Geiste gemäß ausbildet. Es ist natürlich, daß seine Freundschaft reiner ist als die anderer, deren Treiben und Irrtümer er nicht teilt. Aber sage mir, Arbaces, hast du kürzlich meinen Bruder gesehen? Er hat seit einigen Tagen mich nicht besucht, und als ich ihn zuletzt sah, beunruhigte mich sein Benehmen sehr. Ich besorge, er ist zu voreilig in der Wahl seines strengen Standes gewesen und bereut jetzt einen unwiderruflichen Schritt.« »Sei deshalb unbekümmert, Jone«, erwiderte der Ägypter. »Eine Zeitlang war er allerdings niedergeschlagen und traurig. Es quälten ihn allerlei Zweifel, wie das bei einem so feurigen Temperament, das immer zwischen Überschwenglichkeit und trüber Stimmung schwebt, vorauszusehen war. Aber dann kam er zu mir, Jone. Er schilderte mir seine Trostlosigkeit, er suchte jemand, der Teilnahme für ihn fühlte und ihn liebte. Ich habe sein Gemüt beruhigt und seine Zweifel beschwichtigt. Ich habe ihn von der Schwelle des Tempels in diesen selbst geführt, und vor der Erhabenheit der Göttin hat er sich gebeugt und gedemütigt. Sei unbesorgt, er wird jetzt seinen Schritt nicht mehr bereuen. Diejenigen, welche Arbaces ihr Zutrauen schenken, bereuen immer nur für einen Augenblick.« »Diese Nachrichten erfreuen mich«, antwortete Jone. – »Mein teurer Bruder! Seine Zufriedenheit macht auch mich glücklich.« Die Unterredung nahm nun eine andere Richtung. Der Ägypter bestrebte sich, zu gefallen, er ließ sich sogar herab, zu unterhalten. Die große Mannigfaltigkeit seiner Kenntnisse gestattete ihm, jeden Gegenstand, den er berührte, interessant zu machen, und indem Jone den widrigen Eindruck seiner früheren Worte vergaß, wurde sie trotz ihrer trüben Stimmung durch den Zauber seines Geistes fortgerissen. Ihr Benehmen wurde wieder unbefangen und ihre Sprache fließend. Arbaces, der diese Stimmung nur deshalb erweckt hatte, beeilte sich, sie für seine Zwecke zu benutzen. »Du hast nie«, sagte er, »das Innere meines Hauses gesehen. Es enthält manches, was dir meine Beschreibungen anschaulich machen kann, es ist ganz nach ägyptischer Art eingerichtet. Zwar wirst du nach dem kleinen Maßstabe der römischen Bauart die großartige Pracht, die massive Anlage und die Größe der Paläste zu Theben und Memphis nicht beurteilen können; doch hier und da wirst du einiges finden, was dir einen deutlicheren Begriff von jener uralten Zivilisation geben kann, welche die Welt gebildet hat. Widme daher dem ernsten Freunde deiner Jugend einen dieser herrlichen Sommerabende, damit ich mich rühmen könne, meine stille Wohnung sei durch die Gegenwart der bewunderten Jone beglückt worden.« Jone nahm arglos und unbefangen den Vorschlag an. Sie war unbekannt mit dem verworfenen Treiben in jenem Hause und ahnte nicht, welche Gefahren sie dort erwarteten. Der nächste Abend wurde für diesen Besuch bestimmt, und der Ägypter nahm Abschied mit heiterem Antlitz und einem vor wilder Freude klopfenden Herzen. Kaum war er fort, so erhielt Jone noch einen anderen Besuch, der ihre Gedanken in eine ganz andere Richtung lenken sollte. 11. Die Morgensonne schien in den kleinen, von Blütenduft erfüllten Garten, der von dem Peristil in dem Hause des Atheners eingeschlossen war. Glaukus saß zurückgebogen und nachdenkend auf dem weichen Grase im Viridarium. Er betrachtete eine zahme Schildkröte, die im Grase herumkroch, aber seine Gedanken weilten bei Jone. »Ach,« sprach er zu sich selbst, »warum will sie mich nicht sehen? Tage sind verflossen, an denen ich ihre Stimme nicht hörte. Zum erstenmal fühle ich Lebensüberdruß. Ich komme mir vor wie einer, der allein auf einem Feste zurückgeblieben ist, die Lichter sind erloschen, die Blumen verwelkt. Ach, Jone, wüßtest du, wie ich dich liebe!« Glaukus wurde in diesen Liebesträumereien durch die Ankunft der Nydia gestört. Sie kam mit ihrem leichten, doch vorsichtigen Gange durch das Tablinium, und nachdem sie den Portikus durchschritten, blieb sie bei den Blumen stehen, die den Garten einfaßten. Sie hatte eine Gießkanne in der Hand und begoß die welken Pflanzen, die bei ihrer Annäherung lebhafter zu blühen schienen. Sie beugte sich, um ihre Düfte einzuatmen, und fühlte an den Zweigen umher, ob ein verwelktes Blatt oder ein kriechendes Insekt ihrer Schönheit Eintrag täten. Man konnte, als sie von Blume zu Blume mit ihrem anmutigen Wesen sich bewegte, sich keine entsprechendere Dienerin für die Göttin der Gärten denken. »Nydia, mein Kind«, sagte Glaukus. Als sie den Ton seiner Stimme hörte, blieb sie stehen – horchend, errötend, tief atmend. Ihre halb geöffneten Lippen schienen die Richtung des Tones zu suchen, sie setzte die Gießkanne nieder, eilte zu ihm, und wunderbar war es zu sehen, wie sie ihren Weg durch die Blumen sicher fand und auf dem kürzesten Pfade sich zu ihrem neuen Herrn begab, der vom Rasen aufgestanden war. »Nydia«, sagte Glaukus zärtlich, indem er ihre schönen, langen, schwarzen Haare zurückstrich. »Du stehst jetzt schon seit drei Tagen unter dem Schutze meiner Hausgötter. Waren sie dir freundlich? Fühlst du dich glücklich?« »Ach, so glücklich!« seufzte die Sklavin. »Und jetzt,« sprach Glaukus, »da du dich etwas von den schmerzhaften Erinnerungen deines bisherigen Lebens erholt hast, jetzt, da du mit Kleidern ausgestattet bist, die sich deiner zarten Erscheinung besser anpassen, jetzt, süßes Kind, da du dich an ein Glück gewöhnt hast, welches die Götter dir immer gewähren mögen, stehe ich im Begriff, auch dir einen Wunsch zu äußern.« »Oh, was kann ich für dich tun?« sagte Nydia, die Hände faltend. »Höre,« entgegnete Glaukus, »so jung du noch bist, sollst du meine Vertraute werden. Hast du jemals den Namen Jone gehört?« Das blinde Mädchen holte tief Atem, und indem ihre Wangen sich so weiß färbten wie eine jener Statuen, die aus dem Peristil auf sie herabschauten, antwortete sie, etwas befangen und nach einer kleinen Pause: »Ja, ich habe gehört, daß sie aus Neapel und schön ist.« »Schön! Ihre Schönheit verblendet die Sonne selbst! Neapel! Nein, sie ist griechischen Ursprungs. Nur Griechenland vermag solche Gestalten zu bilden. Nydia – ich liebe sie!« »Ich dachte es mir«, erwiderte Nydia ruhig. »Ich liebe sie, und du sollst es ihr sagen. Ich beabsichtige, dich zu ihr zu schicken. Glückliche Nydia, du wirst in ihr Zimmer eintreten – du wirst die süße Musik ihrer Stimme hören – du wirst durch den Zauber ihrer Nähe beglückt werden!« »Was! Was! Soll ich dich denn verlassen?« »Du wirst zu Jone gehen«, erwiderte Glaukus mit einem Tone, der sagen wollte: Was kannst du mehr wünschen? Nydia fing an zu weinen. Glaukus zog sie mit den beruhigenden Liebkosungen eines Bruders zu sich. »Mein Kind, meine Nydia, du weinst und weißt noch nicht, welches Glück ich dir bestimme. Sie ist freundlich und milde und sanft, wie ein Frühlingshauch. Sie wird deiner Jugend eine Schwester sein. Sie wird deine Talente zu schätzen wissen und dein einfaches, anmutiges Wesen wie keine andere lieben, weil sie selbst es besitzt. – Weinst du noch? Armes Kind; ich will dich ja nicht zwingen. Willst du mir diesen Gefallen nicht erzeigen?« »Wohlan, wenn ich dir nützlich sein kann, so befiehl. Sieh, ich weine nicht mehr. Ich bin ruhig.« »Das ist wieder meine freundliche Nydia«, sagte Glaukus, indem er ihre Hand küßte. »Gehe denn hin zu ihr – wenn es dir dort nicht gefällt, wenn ich dich getäuscht habe, so kehre zurück, sobald du willst! – Ich schenke dich nicht einer anderen, ich verleihe dich bloß. Mein Haus steht dir als Zuflucht immer offen, süßes Kind! Ach, könnte ich alle Unglücklichen und Betrübten beherbergen. Doch wenn mein Herz mich nicht täuscht, so werde ich dich bald wieder erwerben. Mein Haus wird vielleicht auch das der Jone, und du sollst bei uns beiden wohnen.« Das blinde Mädchen wurde von einem leichten Schauder ergriffen, doch sie weinte nicht mehr; sie hatte sich in ihr Schicksal ergeben. »So gehe denn, meine Nydia, nach dem Hause der Jone, ich werde dir den Weg zeigen lassen. Bringe ihr die schönsten Blumen, die du finden kannst. Ich will ihr eine Vase dazu schenken, du mußt deren geringen Wert entschuldigen. Nimm aber auch die Leier mit, die ich dir gestern gab, du vermagst ihr ja so wundervolle Töne zu entlocken. Übergib dann Jone diesen Brief, in dem ich nach vielen vergeblichen Bemühungen die Gedanken meines Herzens zum Ausdruck gebracht habe. Gib acht auf jedes Wort, was sie spricht, auf jede Veränderung ihrer Stimme, und erzähle mir, wenn ich dich wiedersehe, ob ich hoffen darf oder fürchten muß. Seit einigen Tagen habe ich Jone nicht gesehen, es muß ein finsteres Geheimnis obwalten, welches mich von ihrer Gegenwart ausschließt. Ich werde durch Zweifel und Besorgnisse beunruhigt. Bemühe dich, den Grund zu erfahren, denn du bist klug, und deine Anhänglichkeit zu mir wird deinen Beobachtungsgeist zehnfach erhöhen. Sprich von mir, so oft sich die Gelegenheit darbietet, lasse meinen Namen immer über deine holden Lippen schweben. Lasse aber Jone meine innige Liebe mehr erraten, als daß du sie laut aussprichst. Gib acht, ob sie seufzt, während du sprichst, ob sie dir antwortet, oder wenn sie irgend etwas zu mißbilligen scheint, in welchen Ausdrücken und in welchem Tone dies geschieht. Sei meine Freundin, handle für mein Bestes, das wenige, was ich für dich getan habe, wirst du mir reichlich vergolten haben. Du verstehst mich doch, Nydia, du bist noch ein Kind. Oder habe ich mehr gesagt, als du verstehen kannst?« »Nein.« »Und du willst mir nützlich sein? « »Ja.« »Komm zu mir, wenn du die Blumen gepflückt hast, und ich will dir dann die Vase geben. Suche mich in dem Zimmer der Leda auf. Du bist doch nicht mehr traurig, mein süßes Kind?« »Ich bin eine Sklavin, Glaukus, wie kann mich Freude oder Schmerz berühren?« »Meinst du das? Nein, Nydia, sei frei! Ich gewähre dir die Freiheit, genieße ihrer, wie du willst und verzeihe, daß ich bei dir den Wunsch voraussetzte, du wollest für mein Bestes wirken.« »Habe ich dich verletzt? Ach, um alles, was mir die Freiheit gewähren könnte, möchte ich dich doch nicht betrüben. Vergib einem armen, blinden Mädchen, mein Retter, mein Beschützer! Wenn ich zu deinem Glück beitragen kann, so will ich selbst nicht darum trauern, daß ich dich verlassen muß.« »Mögen die Götter dein dankbares Herz segnen!« sagte Glaukus, den die tiefste Rührung erfaßte, und nicht wissend, welches Feuer er entzünde, küßte er sie wiederholt auf die Stirn. »Du verzeihst mir«, sagte sie. »Und du willst auch nicht mehr von Freiheit mit mir reden? Ich fühle mich glücklich, deine Sklavin zu sein, du hast versprochen, mich nicht von dir zu entfernen –« »Ich versprach es.« »Nun denn, so will ich jetzt die Blumen pflücken.« Nydia nahm schweigend die kostbare, mit Juwelen besetzte Vase, in der die Blumen an Farbenglanz und Wohlgeruch miteinander wetteiferten, aus der Hand des Glaukus. Ohne Tränen hörte sie seine Abschiedsworte an. Als er schwieg, zögerte sie noch etwas. Sie wagte es kaum, ihm zu antworten, sie suchte seine Hand, zog sie an ihre Lippen, warf ihren Schleier über das Gesicht und entfernte sich schnell. Als sie die Schwelle erreichte, blieb sie nochmals stehen, streckte ihre Hände gegen sie aus und flüsterte: »Drei glückliche Tage, Tage unaussprechlichen Entzückens, habe ich verlebt, seit ich dich betrat – gesegnete Schwelle! – Möge der Friede ewig wohnen in diesem Hause! Und jetzt zieht mein Herz selbst mich von dir fort, und der einzige Wunsch, der ihm übrigbleibt, ist – sterben!« 12. Eine Sklavin trat in das Zimmer der Jone ein und berichtete, eine Dienerin des Glaukus wünsche diese zu sprechen. Jone besann sich einen Augenblick. »Sie ist blind«, sagte die Sklavin, »und will ihren Auftrag nur an dich selbst ausrichten.« Jone hatte ein weiches Herz voll tiefem Empfinden für fremdes Unglück. Sobald sie hörte, daß die Dienerin blind sei, fühlte sie, daß sie keine unfreundliche Antwort werde geben können. Glaukus hatte sich in der Tat einen heiligen Herold erwählt, einen Abgesandten, der nicht zurückgewiesen werden konnte. »Was kann Glaukus mir mitzuteilen haben, welche Botschaft habe ich von ihm zu erwarten?« sagte Jone, und ihr Herz klopfte schneller. Der Vorhang vor der Tür wurde zurückgezogen, und Nydia betrat den Marmor mit leisem und sanftem Schritt, durch eine der Dienerinnen geführt. Sie stand einen Augenblick still, als wenn sie auf einen Ton horchte, nach dem sie ihre Richtung nehmen könne. »Will die edle Jone«, sagte sie mit wohlklingender Stimme, »mich einiger Worte würdigen, damit ich meine Gaben ihr zu Füßen legen könne.« »Liebes Kind,« sagte Jone gerührt und erweicht, »bemühe dich nicht, diesen glatten Fußboden zu betreten, meine Dienerin wird mir übergeben, was du darzubringen hast.« Und sie machte ihren Mädchen ein Zeichen, die Vase in Empfang zu nehmen. »Ich darf sie niemand, als dir selbst geben«, erwiderte Nydia. Durch ihr Ohr geleitet, schritt sie langsam auf den Ort zu, wo Jone saß, und überreichte ihr kniend die Blumenvase. Jone nahm sie aus ihrer Hand und setzte sie auf einen ihr zur Seite stehenden Tisch. Darauf hob sie Nydia sanft empor und lud sie ein, sich auf das Ruhebett neben sie zu setzen, doch das Mädchen weigerte sich bescheiden. »Ich habe meinen Auftrag noch nicht ganz erfüllt«, sagte sie, indem sie den Brief des Glaukus hervorzog. »Diese Zeilen werden vielleicht den Grund enthalten, weshalb derjenige, der mich schickt, eine so unwürdige Abgesandte an die Jone gewählt hat.« Die Griechin ergriff den Brief mit einer Hand, deren Zittern Nydia fühlte, worüber sie seufzen mußte. Mit niedergeschlagenen Augen stand sie vor der stolzen und stattlichen Jone. Diese winkte mit der Hand, und ihre Dienerinnen entfernten sich. Sie blickte nochmals verwundert und teilnehmend auf die junge Sklavin, darauf trat sie etwas zurück, öffnete und las folgenden Brief: »Glaukus sendet Jone mehr, als er auszusprechen wagt. Ist Jone krank? Deine Sklavinnen verneinen es, und diese Zusicherung tröstet mich. Hat Glaukus Jone beleidigt? Ach diese Frage wage ich nicht an Deine Sklavinnen zu richten. Seit fünf Tagen bin ich aus Deiner Gegenwart verbannt. Ich weiß nicht mehr, ob die Sonne strahlt, ob der Himmel freundlich lächelt. Meine Sonne und mein Himmel sind nur Jone. Beleidige ich Dich? Bin ich zu kühn, wenn ich Dir schriftlich sage, was sonst meine Zunge nicht auszusprechen wagt? Ach, in Deiner Abwesenheit fühle ich erst ganz den Zauber, durch den Du mich Dir zu eigen gemacht hast. Diese Abwesenheit aber, welche mich meines Glückes beraubt; macht mich zugleich unternehmend. Du willst mich nicht sehen. Du hast auch die gewöhnlichen Schmeichler verbannt, welche Dich umgaben. Kannst Du mich denn mit ihnen in eine Klasse stellen? Es ist nicht möglich! Du weißt es zu gut, daß ich nicht zu ihnen gehöre, daß meine Neigungen nicht die ihrigen sind. Doch wäre ich auch aus dem gewöhnlichsten Stoff geformt, so hat der Duft der Rose mich durchdrungen, und der Geist Deines Wesens hat das meinige erfüllt, um es zu reinigen, zu verklären und zu heiligen. Bin ich bei dir verleumdet worden, Jone? Du wirst es nicht glauben. Spräche das Delphische Orakel selbst zu mir, Du seiest unwürdig, so würde ich es nicht glauben; und bin ich weniger ungläubig als Du? Ich denke an meinen letzten Besuch bei Dir, an das Lied, welches ich sang, an den Blick, mit dem Du mich damals belohntest. Verbirg es, wie du willst, Jone, aber es ist etwas Übereinstimmendes in uns, und unsere Augen gestanden es sich, wenn auch die Lippen schwiegen. Gestatte mir, Dich zu sehen, höre mich an, und dann verbanne mich aus Deiner Gegenwart, wenn Du es noch willst. Es war nicht meine Absicht, Dir so bald meine Liebe zu gestehen. Doch diese Worte beengen mir das Herz, sie müssen sich Luft machen. Nimm daher meine Huldigung und mein Gelübde an. Wir sahen uns zuerst vor dem Altar der Pallas; soll uns nicht ein älterer Altar noch mehr vereinigen? Schöne, angebetete Jone! Wenn meine feurige Jugend und mein athenisches Blut mich mißleitet haben, so lehrten diese Irrwege mich den Hafen, den ich erreichte, desto höher schätzen. Gestatte mir, daß ich Dich wiedersehe. Du bist freundlich gegen Fremdlinge, wirst Du weniger gütig gegen Deine eigenen Landsleute sein? Ich sehe Deiner Antwort entgegen. Nimm die Blumen an, die ich Dir sende – ihr süßer Duft hat eine beredsamere Sprache als Worte. Sie sind das Sinnbild der Liebe, die empfängt und zehnfach wiedergibt, das Sinnbild des Herzens, welches Deine Strahlen einsog und Dir jene Schätze verdankt, die es Dir wieder darbringt. Ich sende diese holden Kinder der Flora durch ein armes Geschöpf, das Du um seinet-, wenn auch nicht um meinetwillen freundlich empfangen wirst. Sie ist, gleich uns, eine Fremde, die Asche ihrer Väter liegt unter einem glühenden Himmel. Aber unglücklicher als wir, ist sie blind und eine Sklavin. Arme Nydia! Ich suche die Grausamkeit der Natur und des Schicksals gegen sie so viel als möglich wieder gutzumachen, indem ich um die Erlaubnis bitte, sie in deine Nähe bringen zu dürfen – sie ist gelehrig, sanft und folgsam. Sie ist geübt in Musik und Gesang, und für die Blumen ist sie eine wahre Flora. Sie hofft, Jone, daß Du sie lieb gewinnen werdest; ist dieses nicht der Fall, so sende sie mir zurück. Noch ein Wort – laß mich aufrichtig sein, Jone. Warum achtest Du so sehr jenen düsteren Ägypter? Er scheint mir kein redlicher Mann zu sein. Wir Griechen lernen die Menschen von frühester Kindheit an kennen, wir durchschauen sie nicht weniger, wenn wir uns auch kein geheimnisvolles Ansehen geben. Unsere Lippen lächeln, aber unsere Augen sind ernst – sie beobachten und bilden unser Urteil. Den Worten des Arbaces darf man nicht immer trauen. Sollte es möglich sein, daß er mir bei Dir geschadet hat? Ich glaube es fast, denn als ich von Dir ging, blieb er bei Dir. Du konntest bemerken, wie unangenehm ihm meine Gegenwart war, seit jener Zeit hast Du mir Deinen Anblick verweigert. Glaube nichts, was er etwa zu meinem Nachteil sagen kann. Geschah es aber schon, so teile es mir mit, denn dieses darf Glaukus von Jone erwarten. Lebewohl! Diese Zeilen berühren Deine Hand, diese Buchstaben begegnen Deinen Augen – sollen sie mehr begünstigt werden und unglücklicher sein, als ihr Verfasser? Noch einmal: Lebewohl!« Als Jone den Brief gelesen hatte, da schien es ihr, wie wenn ein Nebel vor ihren Augen verschwunden sei. Was war denn eigentlich das Verbrechen gewesen, das Glaukus angeblich begangen hatte? Seine Liebe war nicht echt gewesen! Aber in diesen Zeilen beteuerte er sie ja, diese seine Liebe, mit den innigsten Ausdrücken. In einem Augenblick kehrte Jones ganze Neigung zu Glaukus wieder zurück. Bei jedem zärtlichen Worte in dem Schreiben, das so voll wahrer und poetischer Liebe war, machte ihr Herz ihr die bittersten Vorwürfe. Hatte sie nicht an seiner Treue gezweifelt und einem anderen Glauben geschenkt? Hatte sie ihm nicht sogar das Recht des Verbrechers verweigert, seine Anklage zu hören und sich verteidigen zu dürfen? Die Tränen rollten ihr die Wangen herab, sie küßte den Brief, sie steckte ihn in ihren Busen, und indem sie sich zu Nydia wandte, die erwartungsvoll dastand, sagte sie: »Willst du dich nicht setzen, mein Kind, während ich eine Antwort schreibe?« »Du willst also antworten?« entgegnete Nydia gleichgültig. »Die Sklavin, welche mich begleitete, wird die Antwort mit zurücknehmen.« »Bleibe bei mir«, sagte Jone. »Glaube mir, du wirst freundlich behandelt werden.« Nydia nickte mit dem Kopfe. »Wie heißest du, mein schönes Mädchen?« »Sie nennen mich Nydia.« »Und wo bist du geboren?« »In dem Lande des Olymps, in Thessalien.« »Du sollst meine Freundin werden,« sagte Jone freundlich, »wie du schon halb meine Landsmännin bist. Aber ich bitte dich, bleibe nicht länger auf diesem kalten und glatten Marmor stehen. So! Jetzt, da du sitzest, kann ich dich für einen Augenblick verlassen.« Der Brief, den Jone schrieb, hatte folgenden Inhalt: »Jone sendet dem Glaukus ihren Gruß. Komme zu mir, Glaukus, komme schon morgen. Ich war vielleicht ungerecht gegen Dich, aber ich will Dir doch mitteilen, was Dir zur Last gelegt wurde. Fürchte den Ägypter nicht mehr – fürchte keinen. Du glaubst, Du habest zu viel gesagt – Ach! Ich tat es bereits in diesen wenigen Worten – Lebewohl!« Als Jone mit dem Briefe zurückkam, den sie nicht wieder durchzulesen wagte, nachdem sie ihn geschrieben hatte, stand Nydia von ihrem Sitze auf. »Hast du Glaukus geschrieben?« sagte die Blinde. »Ja.« »Und wird er dem Boten danken, der ihm diesen Brief bringt?« Jone vergaß, daß das Mädchen blind war, sie errötete und schwieg. »Ich meine,« fügte Nydia in ruhigerem Tone hinzu, »das geringste unfreundliche Wörtchen von dir wird ihn betrüben, die kleinste Gunst erfreuen. War deine Antwort unfreundlich, so lasse die Sklavin den Brief zu ihm bringen. War sie aber freundlich, so will ich ihn selbst sofort hintragen.« »Und weshalb, Nydia,« fragte Jone ausweichend, »willst du ihm das Schreiben dann bringen?« »Also ist es so!« sagte das Mädchen. »Ach, wie könnte es auch anders sein; wer vermöchte wohl unfreundlich gegen Glaukus zu sein?« »Mein Kind,« sagte Jone in etwas kühlerem Tone als zuvor, »du sprichst mit einer solchen Wärme von Glaukus. Ist er denn in deiner Vorstellung so liebenswert?« »Edle Jone! Glaukus ist für mich gewesen, was weder das Glück noch die Götter mir waren – ein Freund! « Die Traurigkeit und zugleich die Würde, mit der Nydia diese einfachen Worte sprach, rührten die schöne Jone. Sie neigte sich zu ihr und küßte sie. »Du bist dankbar, und mit Recht. Wie müßte ich erröten, wenn ich dir gestände, daß Glaukus deiner Dankbarkeit würdig ist. Geh jetzt, liebe Nydia, bringe ihm selbst diesen Brief, aber dann komme wieder. Sollte ich nicht zu Hause sein, wenn du zurückkehrst – wie es vielleicht diesen Abend der Fall sein möchte –, so wird dein Zimmer neben dem meinigen bereit sein. Nydia, ich habe keine Schwester. Willst du mir eine solche sein?« Die Thessalierin küßte die Hand der Jone und sagte darauf etwas verlegen: »Darf ich dich, schöne Jone, wohl um eine kleine Gunst bitten?« »Du kannst nichts verlangen, was ich nicht bewilligen werde«, erwiderte die schöne Neapolitanerin. »Man erzählt mir,« sagte Nydia, »daß du über alle Beschreibung schön bist. Ach, ich kann das nicht sehen, was die Welt beseligt! Willst du wohl erlauben, daß ich mit der Hand dein Gesicht berühre, auf diese Weise allein kann ich die Schönheit wahrnehmen, und selten irre ich mich.« Sie erwartete nicht die Antwort der Jone, sondern fuhr, während sie sprach, sanft und langsam mit der Hand über die halb abgewendeten Züge der Griechin. Sie tastete über das aufgesteckte Haar und die glatte Stirn, über die weichen und zarten Wangen und über die feingeformten Lippen. »Ich weiß jetzt, daß du schön bist,« sagte sie, »und ich kann dich nun und für immer mir in meinem Gedächtnis malen und vorstellen.« Jone versank, als Nydia sie verließ, in einen Zustand der entzückendsten Träumereien. Glaukus liebte sie also, er hatte es gestanden, ja, er liebte sie. Sie zog den Brief mit seinem teuren Geständnis nochmals hervor. Sie fühlte sich jetzt fest überzeugt, daß er verleumdet war, und wunderte sich, wie sie jemals einer Anklage gegen ihn hatte Glauben schenken können. Sie begriff es nicht, wie es dem Ägypter möglich gewesen, den Glaukus aus ihrem Herzen zu verdrängen, sie fühlte einen Schauder, als sie nochmals die Warnung gegen Arbaces las, und ihre Abneigung gegen jenen geheimnisvollen Mann steigerte sich zum Entsetzen. Sie wurde in diesen Gedanken durch ihre Dienerinnen unterbrochen, die ihr anzeigten, daß die Stunde gekommen sei, welche sie für den dem Arbaces zugesagten Besuch bestimmt hatte. Sie erschrak, denn sie hatte dieses Versprechen gänzlich vergessen. Ihr erster Impuls war, dieses Versprechen nicht zu halten. Aber bald schämte sie sich doch ihres Mißtrauens gegen ihren ältesten Freund. Sie beeilte sich, ihre Kleidung zurechtzumachen, und begab sich auf den Weg nach dem einsamen Hause des Arbaces. Dabei war sie noch zweifelhaft, ob sie schon jetzt den Ägypter genauer in Beziehung auf seine Beschuldigungen gegen Glaukus fragen oder ob sie abwarten solle, bis sie die Anklage selbst, ohne deren Quelle anzugeben, Glaukus mitgeteilt habe. 13. »Oh, teure Nydia«, rief Glaukus aus, als er den Brief der Jone gelesen hatte. »Du gesegneter Liebesbote, wie soll ich dir danken?« »Ich bin schon belohnt«, sagte die arme Thessalierin. »Also morgen, morgen werde ich sie sehen, wie lange werden mir die Stunden bis dahin dünken.« Der entzückte Grieche ließ Nydia, die immer wieder das Zimmer verlassen wollte, nicht fort. Sie mußte wiederholt jede Silbe der kurzen Unterredung, die sie mit Jone gehabt hatte, erzählen, und er fragte sie sogar, indem er ihre Blindheit vergaß, nach den Blicken der Geliebten. Dann entschuldigte er sich wegen der Unterbrechung und bat sie, den Bericht noch einmal von vorn anzufangen. Nydia war diese Unterhaltung sehr peinlich, aber er bemerkte das nicht und suchte sie immer wieder zu verlängern. Schließlich war das Zwielicht schon eingebrochen, bevor er mit einem neuen Briefe und frischen Blumen sie wieder zu Jone schickte. Kaum war sie fort, als Klodius und mehrere seiner fröhlichen Genossen ihn besuchten. Sie spotteten über seine Zurückgezogenheit während des ganzen Tages und luden ihn ein, sie an die verschiedenen Vergnügungsorte in jener lebendigen Stadt zu begleiten, die dort bei Tage und bei Nacht dem Genusse Abwechslung darboten. Damals war es in Italien Sitte, sich des Abends unter den Säulengängen der Tempel oder im Schatten der Bäume zu versammeln und der Musik oder dem Vortrag eines erfinderischen Erzählers zu lauschen, wobei man den aufgehenden Mond mit Wein und Gesängen begrüßte. Glaukus fühlte sich zu glücklich, um ungesellig sein zu können, es drängte ihn, das Übermaß seiner Freude auszutoben. Er ging daher willig auf den Vorschlag seiner Gefährten ein, und lachend und scherzend schritten sie durch die lebhaften und hellen Straßen. Während dieser Zeit hatte Nydia das Haus der Jone wieder erreicht. Jene hatte es bereits lange verlassen, und die Blinde fragte gleichgültig, wohin sie gegangen sei. Die Antwort befremdete und erschreckte sie. »Nach dem Hause des Arbaces – des Ägypters? – Unmöglich!« »Es ist ganz bestimmt, meine Kleine«, sagte die Sklavin, welche auf ihre Antwort erwidert hatte. »Sie kennt schon seit langem den Ägypter.« »Seit langem! Ihr Götter, und doch liebt Glaukus sie!« murmelte Nydia bei sich selbst. »Und hat sie ihn«, fragte sie laut, »schon früher oft besucht?« »Niemals, als heute«, antwortete die Sklavin. »Wenn das Stadtgespräch wahr ist, so hätte sie vielleicht besser getan, nicht hinzugehen. Aber meine arme Gebieterin hört nichts von dem, was uns zu Ohren kommt.« »Niemals als heute!« wiederholte Nydia. »Bist du dessen sicher?« »Gewiß, meine Kleine, doch wie kann dies dich oder uns interessieren?« Nydia besann sich einen Augenblick. Darauf setzte sie schnell die Blumenvase auf den Tisch, rief die Sklavin, welche sie begleitet hatte, und verließ das Haus, ohne ein Wort zu sagen. Nur als sie schon halb auf dem Wege nach der Wohnung des Glaukus war, brach sie das Stillschweigen und murmelte für sich die Worte: »Sie kann die Gefahren nicht kennen, denen sie entgegengeht. Ich Törin – soll ich sie retten? Ja, denn ich liebe Glaukus mehr als mich selbst.« Als sie in dem Hause des Atheners ankam, erfuhr sie, daß er mit einigen Freunden ausgegangen sei. Niemand aber wußte wohin. Man erwartete ihn vor Mitternacht nicht zurück. Die Thessalierin geriet außer sich, sie sank auf einen Sitz in der Halle und bedeckte sich das Gesicht mit beiden Händen, als ob sie ihre Gedanken wieder sammeln wolle. »Es ist keine Zeit zu verlieren«, dachte sie, indem sie aufsprang. Sie wendete sich gegen die Sklavin, welche sie begleitete: »Weißt du nicht,« sagte sie, »ob Jone Verwandte oder Freunde in Pompeji hat?« »Wie kannst du, beim Jupiter, eine solche Frage tun?« erwiderte die Sklavin. »Ganz Pompeji weiß, daß Jone einen Bruder hat, der, obgleich jung und reich, so närrisch gewesen ist, ein Priester der Isis zu werden.« »Ein Priester der Isis? – O Götter! Und wie ist sein Name?« »Apäcides.« »Nun weiß ich alles«, murmelte Nydia. »Bruder und Schwester sollten also beide geopfert werden. Apäcides? War das nicht derselbe Name, den ich in dem Hause des Frevlers hörte? Aber dann kennt er also wenigstens die Gefahr, die seiner Schwester droht. Ich muß zu ihm.« Sie sprang auf, und indem sie den Stab ergriff, der immer ihre Schritte leitete, eilte sie nach dem benachbarten Tempel der Isis. Mit jenem Stabe hatte das arme, blinde Mädchen, bevor der freundliche Grieche sie in seinen Schutz nahm, sich überall in Pompeji zurechtgefunden. Jede Straße, jede Ecke in den lebhafteren Teilen der Stadt war ihr bekannt, und da die Einwohner eine zärtliche und halb abergläubische Rücksicht vor einem Unglück, wie das ihrige, fühlten, so war man ihren schüchternen Schritten überall ausgewichen. Das arme Mädchen ließ es sich vor einigen Tagen noch nicht träumen, daß ihre Blindheit bald ihr ein sicherer Führer sein werde als die schärfsten Augen. Ohne Hindernis war sie an den heiligen Eingang gelangt, und sie trat in den jetzt menschenleeren Tempel. Aber sie wußte, daß Tag und Nacht wenigstens ein Priester am Altare der Isis wachte. »O Priester der Isis!« rief Nydia laut, um sich bemerkbar zu machen. »Diener der ältesten Göttin, höre mich!« »Wer ruft?« erwiderte eine leise, melancholische Stimme. »Eine, die einem Mitgliede deines Ordens wichtige Nachrichten zu offenbaren hat. Ich komme, um Orakel auszusprechen, nicht, um sie zu verlangen.« »Mit wem willst du sprechen? Diese Stunde ist nicht für Zusammenkünfte bestimmt. Störe mich nicht weiter. Die Nacht ist den Göttern geweiht, der Tag den Menschen.« »Deine Stimme kommt mir bekannt vor, gerade dich suche ich. Doch ich habe dich früher einmal nur sprechen hören. Bist du nicht der Priester Apäcides?« »Ich bin es«, erwiderte der Priester, indem er sich vom Altar an das Gitter begab. »Gelobt seien die Götter!« rief das Mädchen. »Aber ich bin blind, ich kann dich nur an der Stimme erkennen. Darum schwöre mir, daß du Apäcides bist.« »Ich schwöre es bei den Göttern, bei meiner rechten Hand und bei dem Monde.« »Still, sprich leiser, tritt näher. Kennst du Arbaces? Hast du ihm den schrecklichen Eid geleistet?« »Wer bist du, woher kommst du, bleiches Mädchen?« sagte Apäcides erschrocken. »Ich kenne dich nicht, ich habe dich noch nie gesehen.« »Aber du hast meine Stimme gehört – doch schweigen wir davon. Diese Erinnerungen müssen uns beide beschämen. Höre – du hast eine Schwester?« »Rede, rede, was ist mit ihr?« »Du kennst die Festgelage bei Arbaces, Fremdling – vielleicht nimmst du gern an ihnen teil. Würde es dir aber gefallen, wenn deine Schwester ihnen beiwohnte, wenn Arbaces ihr Wirt wäre?« »Oh, Götter, er wagt es nicht! Zittere, Mädchen, wenn du mich täuschest, ich reiße dich in Stücke, wenn du mich belügst.« »Ich rede die Wahrheit, und gerade jetzt, während ich dies sage, befindet sich Jone im Hause Arbaces. Sie ist zum erstenmal sein Gast. Du weißt also jetzt, in welcher Gefahr sie schwebt. Lebewohl! Ich habe meine Pflicht erfüllt.« »Verweile noch, verweile!« sagte der Priester, indem er mit seiner mageren Hand sich an die Stirn faßte. »Wenn du die Wahrheit sprichst, was kann dann für ihre Rettung geschehen? Man wird mich dort nicht einlassen. Ich kenne noch nicht alle Schleichwege in jenem fürchterlichen Hause. Oh, Nemesis, gerecht ist meine Strafe!« »Ich will dich an den geheimen Eingang des Hauses begleiten, ich will dir das Wort zuflüstern, auf das man dich hineinläßt. Aber nimm eine Waffe mit, es möchte nötig sein.« »Warte noch einen Augenblick«, sagte Apäcides, indem er sich in eine der Zellen an den Seiten des Tempels zurückzog und bald wieder erschien, in ein weites Gewand gehüllt, welches damals viel von allen Klassen getragen wurde und seinen Priesteranzug verbarg. »Jetzt,« sagte er, indem er mit den Zähnen knirschte, »wenn Arbaces gewagt haben sollte – doch er wagt es nicht! Er wagt es nicht! Weshalb sollte ich es glauben? Ist er ein so gemeiner Bösewicht? – Ich will es noch nicht glauben – aber ein Sophist, ein düsterer Zauberer, ist er auf jeden Fall. Steht mir bei, ihr Götter – doch, gibt es denn Götter? Ja, es gibt wenigstens eine Göttin, die mich hört, und diese ist die – Rache!« Apäcides schritt, indem er diese Worte murmelte, in Begleitung seiner schweigenden und blinden Gefährtin durch die einsamen Straßen nach dem Hause des Ägypters. 14. Am Morgen dieses selben Tages hatte der Ägypter in einsamen Betrachtungen auf der Spitze des hohen, pyramidal gebauten Turmes gesessen, der sich an der Seite seines Hauses erhob. Ein hohes Geländer hielt, in Verbindung mit der Höhe des Gebäudes und den dichten Bäumen, welche es umgaben, die forschenden Blicke der Neugier oder Beobachtung ab. Vor ihm stand ein Tisch, worauf eine mit mystischen Figuren beschriebene Rolle lag. Arbaces hatte darauf die aus dem Gang und der Stellung der Gestirne gezogenen Berechnungen aufgeschrieben, und, indem er sein Haupt mit den Händen stützte, überließ er sich den Gedanken, welche seine Berechnungen veranlaßten. » Schon wieder warnen mich die Sterne! Es droht mir also gewiß eine Gefahr,« sprach er mit gedehnter Stimme, »irgendeine plötzliche, schnelle Gefahr! Ich werde mit einem Tode durch einen plötzlich fallenden Stein bedroht. ›Nimm dich in acht,‹ sagen jene leuchtenden Propheten, die Sterne, ›wenn du unter alten Mauern, oder belagerten Wällen, oder überhängenden Felsen gehst – ein von oben herabgeschleuderter Stein ist durch den Spruch des Schicksals für dich bestimmt!‹ – Und die Gefahr soll nicht entfernt sein, doch kann ich nicht genau den Tag und die Stunde lesen. Wohlan! Wenn mein Sand ausläuft, so soll er wenigstens glänzen bis auf den letzten Augenblick. Wenn ich aber dieser Gefahr entgehe – ja, wenn ich ihr entgehe –, dann wird mein übriges Dasein klar und milde sein, wie der Strahl des Mondes auf den Gewässern. Jenseits des finsteren Abgrundes, in den ich zuletzt sinken muß, sehe ich Glück, Ehre und Ruhm. Wie soll ich denn mit so günstigen Aussichten jenseits der Gefahr, ihr selbst verfallen? Mein Geist flüstert mir Hoffnung zu; er schwebt entzückt hinweg über die drohenden Stunden, er schwärmt in die Zukunft – sein eigener Mut ist sein bester Prophet. Sollte ich so bald und so plötzlich untergehen, so würde der Schatten des Todes mich umdüstern, das eisige Vorgefühl meines Verhängnisses mich erschüttern. Ich bin aber ruhig und heiter, ich darf auf Rettung hoffen.« Als der Ägypter dieses Selbstgespräch beschlossen hatte, stand er unwillkürlich auf. Er schritt schnell in dem engen Raum auf und ab und blickte hinaus auf die morgenfrische Landschaft. Die Stadt war noch in tiefer Ruhe begraben, im Hafen glänzten die Segel der Schiffe, auf der Landseite aber erstreckten sich die Weingärten und Gefilde des fruchtbaren Kampaniens. Über alles aber ragte der von Wolken umgebene Gipfel des Vesuvs, an dessen Abhänge sich malerische Villen und Dörfer anlehnten. Doch es war weder der rauhe, kahle Gipfel des ruhigen Vulkans, noch die Fruchtbarkeit der Gefilde, noch die melancholische Straße der Gräber, noch die glänzenden Villen – welche jetzt die Blicke des Ägypters auf sich zogen. An der einen Seite der Landschaft zog sich vom Vesuv ein schmaler und unbebauter Bergrücken herab, hier und da mit hervorspringenden Klippen und wildem Gebüsch. An dem Fuße desselben lag ein sumpfiger Pfuhl, und den forschenden Blicken des Arbaces bot sich ein lebendes Wesen dar, das sich an diesem Morast bewegte, hin und wieder sich bückend, als wolle es von den Kräutern und Gewächsen pflücken. »Ha«, sagte er laut. »Die Hexe des Vesuvs streicht wieder umher. Beschäftigt sie sich auch, wie die Leichtgläubigen sich einbilden, mit der Betrachtung der Gestirne? Hat sie beim Schein des Mondes magische Künste getrieben, oder sucht sie (wie es mir scheint) giftige Kräuter in dem Morast? Ich muß diese Genossin meiner Nachtwachen und Arbeiten kennenlernen. Wen der Durst nach Kenntnissen treibt, der überzeugt sich, daß kein menschliches Wissen verächtlich ist. Verächtlich sind nur die gedankenlosen Müßiggänger, die stumpf ihrer Sinnlichkeit leben. Nein, nur der Weise versteht zu genießen! Der wahre Genuß beglückt uns, wenn Geist, Herz, Erfahrung, Wissenschaft und Einbildungskraft sich vereinigen, um, wie so viele Ströme, das Meer der Sinne zu füllen! – Jone!« Als Arbaces dieses bezaubernde Wort aussprach, verfiel er in tiefes Nachdenken. Er stand still, wendete seine Augen nicht vom Boden ab, lächelte ein- oder zweimal, wie im Vorgefühl der Freude, und als er darauf den Turm verließ, um in sein Zimmer zu gehen, murmelte er: »Wenn mir wirklich der Tod so nahe droht, dann will ich wenigstens sagen können, daß ich gelebt habe. Heute muß Jone die Meine werden!« Arbaces besaß einen sehr zwiespältigen Charakter. In ihm, dem Abkömmling eines entthronten Regentenstammes, dem Mitgliede eines gesunkenen Volkes, herrschte jener Mißmut des Stolzes, der immer an einem kräftigen Gemüte nagt, das sich selbst unwiderruflich von der Sphäre ausgeschlossen fühlt, in der die Väter glänzten, und für welche sein ganzes Wesen und seine Geburt auch ihm alle Ansprüche gewährten. Er war sehr reich, aber er besaß keine Heimat, und indem er aus einem Lande in das andere reiste und überall nur wieder Rom erblickte, erhielt sein Haß gegen die Gesellschaft und seine Genußsucht stets neue Nahrung. Er befand sich jetzt in einem weiten Gefängnis, in dem er jedoch die Werkzeuge und Mittel zur Schwelgerei und Üppigkeit sich wählen durfte. Da er aus diesem Gefängnis nicht entfliehen konnte, war sein einziges Streben dahin gerichtet, es sich zu einem Palast umzubilden. Die Ägypter waren seit den frühesten Zeiten den sinnlichen Genüssen ergeben. Arbaces erbte sowohl diese Neigung wie jene glühende Einbildungskraft, welche sie veredelt. Doch ebenso ungesellig in seinen Vergnügungen wie in seinem ernsten Streben, duldete er niemand um sich außer den dienstwilligen Sklaven seiner Ausschweifungen. Er war der einsame Besitzer eines Harems, fühlte sich aber dabei immer nur zu einer Übersättigung und ewigen Enttäuschung seiner Sinne verurteilt. Darum flüchtete er sich in wissenschaftliche Studien, vor allem in jene geheimnisvollen Forschungen, welche einem in sich zurückgezogenen Gemüt am meisten zusagen, und zu denen ihn noch mehr seine kühne, stolze Natur und die mysteriösen Überlieferungen seines Geburtslandes hinzogen. Von den Wahrheiten der Astronomie sprang er zu den Täuschungen der Astrologie über. Von den Geheimnissen der Chemie betrat er das gespenstische Labyrinth der Magie, und er, der an der Macht der Götter zweifeln konnte, glaubte abergläubisch an überirdische Kräfte der Menschen. Die Magie, welche damals unter den vermeintlichen Weisen sehr stark betrieben wurde, war eigentlich morgenländischen Ursprungs. Die Verehrung der Isis stand mit ihr in genauer Verbindung, und durch den ägyptischen Gottesdienst wurde auch das ägyptische Zauberwesen eingeführt. Während des ersten Jahrhunderts der christlichen Zeitrechnung waren sowohl die weiße, gutes stiftende Magie wie auch die schwarze oder böse Magie gleich sehr im Schwange, und Arbaces galt für einen gefürchteten Zauberer. Allen, die sich mit der Magie beschäftigten, waren sein Ruf und seine Entdeckungen bekannt, und er trug bei seinen Anhängern den mystischen Namen: »Hermes, der Besitzer des flammenden Gürtels.« Es ist gewöhnlich der Fluch sinnlicher Menschen, daß sie erst wirklich zu lieben anfangen, wenn die Sinne selbst bereits abgestumpft sind – die Glut ihrer Jugend erlischt nach und nach in der Befriedigung unzähliger einzelner Neigungen, und ihr Herz ist bereits erschöpft. Auch der Ägypter hatte, indem er dem Genuß ewig nachgejagt und seine feurige Einbildungskraft dessen Reize vielleicht überschätzt hatten, den besten Teil seiner Jahre verloren, ohne den Gegenstand seiner Wünsche zu erreichen. Als er zuerst Jone sah, glaubte er, daß sie ihm wahre Liebe einflößen könne. Er stand damals in jenem Lebensalter, in welchem der Mann von der einen Seite die entschwundene Jugend, von der anderen das dunkel hereinbrechende Alter sieht, und er sah, durch die Erfahrung belehrt, sich jetzt nach etwas Besserem um, als ihm das Leben bisher geboten hatte. Arbaces hatte, um das Herz der Jone zu gewinnen, eine Ausdauer und Geduld aufgeboten, wie er sie früher noch nie auf seine Vergnügungen verwendete. Er begnügte sich nicht bloß, zu lieben, er wünschte auch, wiedergeliebt zu werden. In dieser Hoffnung hatte er die sich immer mehr entwickelnde Jugend der schönen Neapolitanerin beaufsichtigt, und da er den Einfluß des Geistes auf diejenigen kannte, die selbst einer geistigen Ausbildung genießen, so war er schon aus dieser Rücksicht auf eine sorgfältige Erziehung der Jone bedacht gewesen, in der Überzeugung, sie werde dann am besten seine Ansprüche auf ihre Neigung zu schätzen imstande sein, nämlich einen Charakter, der, wenn auch lasterhaft und verderbt, doch in seiner ursprüngliche Anlage erhaben und edel war. Er ermutigte sie sogar zum Umgange mit jenen geistlosen Menschen, die sich bloß dem leersten Treiben hingeben, weil er voraussetzte, daß ihr Gemüt, für höhere Bedürfnisse geschaffen, bald eine bessere Gesellschaft vermissen, und daß durch die Vergleichung mit anderen er in ihrem Herzen gewinnen würde. Er hatte vergessen, daß, wie die Sonnenblume zur Sonne, so die Jugend sich zur Jugend wendet, bis bald seine Eifersucht gegen Glaukus ihn von seinem Irrtum überzeugte. Von diesem Augenblick an wurde seine Leidenschaft, die er bisher mühsam in ihren Schranken gehalten hatte, stürmischer und wilder als je. Seine Eifersucht wurde zu einer brennenden Flamme, die alle Vorsicht und Zurückhaltung verzehrte. Arbaces beschloß, weiter keine Zeit mehr zu verlieren, und um sich vor allen Nebenbuhlern zu sichern, wollte er sich der Person der Jone bemächtigen. Allerdings konnte bei dieser Liebe, die so lange gepflegt und durch reinere Hoffnungen als bloß die der sinnlichen Leidenschaft genährt war, der Besitz allein ihn nicht befriedigen. Er wünschte nicht nur die Schönheit, sondern auch das Herz und den Geist der Jone zu gewinnen, aber er bildete sich ein, daß, wenn sie erst durch ein kühnes Verbrechen von den übrigen Menschen getrennt und durch ein Band mit ihm verknüpft sei, das selbst die Sklaverei nicht aufzulösen vermochte, sie gezwungen sein werde, ihre Gedanken bloß mit ihm zu beschäftigen, und daß er sie dann auch innerlich erobern werde. Als Jone an diesem Tage in die geräumige Vorhalle des Ägypters eintrat, ergriff sie derselbe Schauder, den ihr Bruder bei seinem Eintritt gefühlt hatte. Ein Gefühl wie von einem bevorstehenden Unglück legte sich warnend auf ihre Brust. Die schlanke, äthiopische Sklavin lächelte schadenfroh, als sie Jone einließ und winkte ihr, weiterzugehen. In der Mitte der Halle empfing sie Arbaces in einem festlichen Gewande, welches von Juwelen glänzte. Obgleich es noch heller Tag war, so hatte man doch das Innere des Hauses, nach der Sitte der Vornehmen, künstlich verfinstert, und die Lampen warfen ihren Strahl in das marmorne Gewölbe und auf den glatten Fußboden. »Schöne Jone,« sagte Arbaces, indem er sich neigte, um ihre Hand zu berühren, »du bist es, die den ganzen Tag verfinstert hat – deine Augen erleuchten diese Hallen – dein Atem erfüllt sie mit Wohlgerüchen.« »So mußt du nicht mit mir sprechen,« erwiderte Jone, »du weißt, daß deine Weisheit mich hinlänglich unterrichtet hat, um mich gleichgültig gegen diese persönlichen Schmeicheleien zu machen. Du selbst hast mich die Schmeicheleien verachten gelehrt, soll deine Pflegetochter wieder verlernen, was sie gelernt hat?« Es lag im Benehmen der Jone etwas so Reizendes und Unbefangenes, indem sie dieses sprach, daß der Ägypter verliebter als je und mehr als je geneigt wurde, den eben gerügten Fehler zu erneuern, doch vermied er es noch. Er führte sie durch mehrere Zimmer eines Hauses, welches ihr, die noch keine andere Pracht kannte als die weniger bedeutende Eleganz campanischer Städte, alle Schätze der Welt zu enthalten schien. An den Wänden prangten Gemälde von unschätzbarem Wert, der Glanz des Lichts bestrahlte Statuen von den besten griechischen Meistern. Das kostbarste Holz war in den Türen und Schwellen eingefügt, Gold und Edelsteine waren überall verschwenderisch angebracht. Bisweilen befanden sie sich allein in diesen Zimmern, dann kamen sie durch eine Reihe kniender Sklaven, die Jone reiche Armbänder, goldene Ketten und andere Kostbarkeiten darboten, welche anzunehmen jedoch der Ägypter sie vergebens ersuchte. »Schon oft hörte ich,« sagte sie, »daß du reich seiest, aber nie ließ ich mir träumen, daß du so viele Schätze besäßest.« »Ich wollte,« erwiderte der Ägypter, »daß ich sie alle in eine Krone verschmelzen könnte, die ich dann auf deine weiße Stirn setzen würde!« »Ach, das Gewicht würde mich aber nur erdrücken«, antwortete Jone lächelnd. »Aber du verachtest doch nicht den Reichtum, Jone? – Der Arme weiß nicht, was das Leben zu gewähren vermag. Gold ist der große Zauberer der Erde, es verwirklicht unsere Träume. Es gibt uns die Macht eines Gottes und ist der mächtigste und doch gehorsamste unserer Sklaven.« Der listige Arbaces suchte die junge Neapolitanerin durch seine Schätze und durch seine Beredsamkeit zu verblenden. Er suchte in ihr das Verlangen nach dem Mitbesitz seines Eigentums zu erregen und hoffte, der Glanz seines Reichtums werde auf ihn selbst zurückstrahlen. Jone aber fühlte in ihrem Innern ein unheimliches Gefühl bei den Galanterien, die über jene Lippen strömten, welche bisher die der Schönheit gewöhnlich dargebrachte Huldigung zu verschmähen schienen. Sie suchte, mit jener feinen Gewandtheit, die nur dem weiblichen Geschlecht ganz eigen ist, seinen Worten einen andern Sinn unterzulegen und begegnete seiner glühenden Sprache durch leichten Scherz und Witz. Der Ägypter wurde durch ihre geistvolle Liebenswürdigkeit noch mehr bezaubert als durch ihre Schönheit, und es war ihm schwer, seine Empfindungen zu verbergen. Plötzlich, als sie vor einem Zimmer standen, das mit weißen Vorhängen geschmückt war, klatschte er in die Hände, und wie durch einen Zauber stieg ein Tisch aus dem Fußboden in die Höhe. Zu den Füßen der Jone erhob sich ein Ruhebett, und in demselben Augenblick ertönte hinter den Vorhängen die sanfteste und lieblichste Musik. Arbaces setzte sich neben die Neapolitanerin, und Kinder, reizend und schön wie Liebesgötter, bedienten das Fest. Das Mahl war vollendet, die Musik erklang in sanften und leisen Tönen, und Arbaces sprach zu Jone: »Hast du nie, meine Pflegetochter, in dieser düsteren und unsicheren Welt den Drang gefühlt, nach jenseits zu blicken? Hast du nie gewünscht, den Schleier der Zukunft zu heben und zu schauen die Dinge, die da kommen werden? Denn nicht bloß die Vergangenheit hat ihre Geister, auch jedes zukünftige Ereignis hat seinen Schatten. Wenn seine Stunde kommt, so beseelt ihn das Leben, der Schatten wird körperlich und tritt ein in die Welt. Das Land jenseits des Grabes birgt zwei verschiedene Arten unkörperlicher Gäste: die Dinge, die kommen sollen, die Dinge, die da waren. Wenn wir durch unsere Weisheit jenes Land zu betreten vermögen, so sehen wir beide und lernen nicht allein die Geheimnisse der Toten, sondern auch die Schicksale der Lebendigen kennen.« »Hast du jenes Land betreten und vermag unsere Weisheit so weit zu dringen?« fragte sie. »Willst du meine Kenntnisse prüfen, Jone, und soll ich dir dein eigenes Schicksal zeigen? Es ist diese Darstellung ein ergreifenderes Drama, als irgendeines von Äschylus. Ich habe es dir vorbereitet, wenn du die Schatten willst ihre Rolle spielen sehen.« Die Neapolitanerin erbebte, sie dachte an Glaukus und seufzte und zitterte zugleich. Sollte die Zukunft ihr beiderseitiges Schicksal vereinigen? Halb gläubig, halb erschreckt, aber zugleich auch neugierig gemacht durch die Worte des seltsamen Ägypters, schwieg sie einige Augenblicke und antwortete schließlich: »Der Blick in die Zukunft kann vielleicht Entsetzen erregen, er kann die Gegenwart erbittern.« »Nein, Jone, ich habe dein Schicksal erschaut, die Geister deiner Zukunft verweilen in den elysäischen Gefilden. Sie winden die Blumenkränze deines süßen Geschicks aus den duftendsten Blumen, und die für andere so hartherzigen Parzen spinnen für dich nur den Faden des Glücks und der Liebe. Willst du mitkommen und dein Los sehen, daß du schon vor der Zeit dich daran erfreuen mögest?« Nochmals flüsterte das Herz der Jone »Glaukus«, sie ließ eine kaum hörbare Einwilligung vernehmen. Der Ägypter stand auf, und indem er sie bei der Hand nahm, führte er sie durch das Zimmer. Die Vorhänge wurden, wie durch unsichtbare Hände, fortgezogen, und die Musik erschallte in lebhafteren Tönen. Sie schritten dann durch einen Säulengang, an dessen Seiten Springbrunnen sich in die Luft erhoben und stiegen auf breiten und bequemen Stufen in den Garten. Der Abend hatte begonnen, der Mond stand schon hoch am Himmel, und jene duftenden Blumen, die bei Tage schlafen und die Nachtluft mit herrlichen Wohlgerüchen erfüllen, blühten an den Gängen, die durch das dichte Gebüsch führten, oder schmiegten sich, als ob sie ihre Huldigung darbrächten, an die Füße der Statuen, die zur Seite standen. »Wohin willst du mich führen, Arbaces?« sagte Jone verwundert. »Wir sind gleich da«, erwiderte er, indem er auf ein kleines Gebäude am Ende der Allee zeigte. »Es ist ein den Parzen geweihter Tempel – unsere Gebräuche erheischen einen so heiligen Ort.« Sie traten in eine kleine Halle, an deren Ende ein schwarzer Vorhang hin. Arbaces hob ihn in die Höhe, Jone trat ein und befand sich in einem ganz dunklen Raume. »Beunruhige dich nicht,« sagte der Ägypter, »es wird gleich hell werden.« Während er so sprach, verbreitete sich nach und nach ein mildes Licht, und Jone schien es, als befinde sie sich in einem Zimmer von mäßiger Größe, welches von allen Seiten schwarz behangen war. Ein Ruhebett von derselben Farbe stand neben ihr. In der Mitte befand sich ein kleiner Altar, und auf diesem ein bronzener Dreifuß. An der einen Seite stand auf einer hohen Granitsäule ein kolossaler Kopf vom schwärzesten Marmor, die Büste der ägyptischen Göttin darstellend. Arbaces trat vor den Altar, er hatte seinen Kranz abgelegt und schien beschäftigt, den Inhalt einer bronzenen Vase in den Dreifuß zu schütten, aus dem plötzlich eine blaue, flatternde Flamme sich erhob. Der Ägypter stellte sich darauf wieder neben Jone, und als er einige Worte in einer ihr unbekannten Sprache murmelte, wehte der Vorhang im Hintergrunde zitternd hin und her, trennte sich langsam in der Mitte, und durch die Öffnung, welche auf diese Weise entstand, erblickte Jone eine undeutliche und farblose Landschaft, die aber, je mehr sie hinsah, immer lebendiger und bunter wurde. Zuletzt konnte sie Bäume, Flüsse und Wiesen unterscheiden, und die reizendste Mannigfaltigkeit der herrlichsten Gegend bot sich ihren Blicken dar. Bald erschien auch ein menschliches Wesen, anfangs ebenfalls undeutlich und nur in schwachen Umrissen. Es blieb Jone gegenüber stehen. Nach und nach schien auch in ihm der Zauber wirksam, die Gestalt wurde deutlicher, und in ihr erkannte Jone ihr eigenes Ebenbild! Jetzt verschwand die Landschaft, indem sie wie durch einen Nebel verhüllt wurde, und es erschien ein prächtiger Palast; in der Mitte seiner Eingangshalle stand ein Thron – ihn umgaben die unbestimmten Formen von Sklaven und Wachen, und eine weiße Hand hielt über dem Throne eine Art von Diadem. Darauf erschien eine andere menschliche Gestalt – sie war von Kopf bis zu den Füßen in ein schwarzes Gewand gekleidet – das Gesicht war nicht zu erkennen. Sie kniete zu den Füßen der Jone, faßte ihre Hand und zeigte auf den Thron, als wolle sie sie einladen, ihn zu besteigen. Das Herz der Neapolitanerin schlug heftig. »Soll die Gestalt erkennbar werden?« flüsterte plötzlich Arbaces neben ihr. »Ach ja!« erwiderte Jone. Der Ägypter erhob seine Hand – die Gestalt hinter dem Vorhang ließ ihren Mantel fallen, und Jone schrie auf. Sie erkannte Arbaces, der neben ihrem Abbild kniete. »Dieses ist wirklich dein Los!« flüsterte ihr wieder der Ägypter in das Ohr. »Du bist bestimmt, die Braut des Arbaces zu sein.« Jone erschrak, der schwarze Vorhang fiel und verbarg die Phantasmagorie, und Arbaces selbst, der wirkliche, lebende Arbaces, lag ihr zu Füßen. »O Jone,« sagte er mit dem Ausdruck der innigsten Leidenschaft, »höre mich an, der ich lange vergeblich mit meiner Liebe gekämpft habe. Ich bete dich an! Die Sterne lügen nicht, du bist bestimmt, die Meinige zu sein. Ich habe umhergesucht in der Welt und keine gefunden, die dir gliche. Seit meiner Jugend sehnte ich mich nach einem weiblichen Wesen wie du. Bis ich dich sah, habe ich nur geträumt, ich wache jetzt und ich sehe dich. Wende dich nicht von mir, Jone! Beurteile mich nicht mehr wie bisher. Ich bin nicht jener kalte, fühllose, in sich selbst zurückgezogene Mann, für den du mich bisher gehalten hast. Nie liebte jemand treuer und inniger, als ich dich lieben werde. Ich, der niemals vor einem menschlichen Wesen kniete, kniee vor dir. Ich, der ich dem Schicksal geboten, erwarte das meinige von dir. Zittere nicht, Jone, du bist meine Königin, meine Göttin – sei auch meine Braut! Alle deine Wünsche sollen erfüllt werden. Alles soll dir dienen – Glanz, Macht, Vergnügen sollen deine Sklaven sein. Arbaces wird von jetzt an keinen Ehrgeiz mehr haben und seinen Stolz nur darin suchen, dir zu gehorchen. Jone, blicke mich an mit diesen himmlischen Augen – entzücke mich durch dein Lächeln. Jone, Jone, weise meine Liebe nicht zurück!« Jone fühlte sich, obgleich sie ganz in der Gewalt dieses seltsamen und fürchterlichen Mannes war, doch nicht beängstigt. Sie wurde beruhigt durch seine sanfte Stimme und durch sein noch rücksichtsvolles Benehmen, und ihre eigene reine Tugend ließ sie noch nicht das Schlimmste befürchten. Doch sie war verwirrt und erstaunt, sie mußte sich einige Augenblicke auf eine Antwort besinnen. »Stehe auf, Arbaces«, sagte sie endlich, und sie überließ ihm wieder ihre Hand, die sie jedoch schnell zurückzog, als sie den warmen Druck seiner Lippen auf ihr fühlte. »Stehe auf und höre mich ruhig an. Du bist mein Beschützer, mein Freund, mein Erzieher gewesen – auf diese neue Rolle war ich nicht vorbereitet. Glaube nicht, daß ich dir zürne, daß ich mich nicht geehrt fühle durch deine Huldigung. Aber sprich, kannst du mich ruhig anhören?« »Ja, und wären deine Worte auch Blitze, die mich vernichten könnten!« » Ich liebe einen anderen! « sagte Jone errötend, aber mit fester Stimme. »Bei allen Göttern und Dämonen!« schrie Arbaces, indem er sich jäh aufrichtete. »Wage nicht, mir das zu sagen! Wage nicht, so mit mir zu scherzen. Nein, das ist unmöglich – wen solltest du denn kennen?« Jone, erschreckt durch seine plötzliche und unerwartete Heftigkeit, wagte nicht zu antworten und fing an zu weinen. Arbaces trat jetzt dicht an sie heran. Sein glühender Atem berührte ihren Nacken, er schloß sie in seine Arme, und vergebens suchte sie sich ihm zu entwinden. Bei diesem Ringen fiel eine kleine Tafel aus ihrem Busen auf die Erde. Arbaces bemerkte sie und riß sie an sich. Es war der Brief, den sie am Morgen von Glaukus erhalten hatte. Jone sank, halb tot vor Schrecken, auf das Ruhebett. Die Blicke des Arbaces durchliefen schnell das Schreiben. Die Neapolitanerin wagte nicht, ihn anzusehen, sie bemerkte nicht die Leichenfarbe, die sein Gesicht überzog – sie sah nicht den drohenden Ausdruck seiner Züge, das wilde Zucken seiner Lippen und das tiefe, schnelle Atmen seiner Brust. Er las den Brief bis zu Ende, ließ ihn dann fallen und fragte in einem Ton verächtlicher Gleichgültigkeit: »Ist der Mann, der diesen Brief geschrieben hat, derselbe, den du liebst?« Jone seufzte, ohne etwas zu erwidern. »Sprich!« schrie er mit wütender Stimme. »Er ist es – er ist es!« »Und sein Name – hier steht er – sein Name ist Glaukus?« Jone faltete die Hände und sah sich um, wie nach Rettung und Hilfe. »Dann höre mich«, sagte Arbaces, indem er seine Stimme zu einem Geflüster herabstimmte. »Dich soll eher das Grab umschlingen, als daß seine Arme dich umschließen! Was, du glaubst, Arbaces würde einen solchen Nebenbuhler dulden, wie diesen elenden Griechen? Was, du denkst, ich habe die Frucht bloß reifen lassen, damit sie ein anderer genieße? Nein, mein Närrchen, du bist mein, ganz mein, und so ergreife ich dich und erkläre dich für mein Eigentum.« – Indem er dieses sprach, schloß er Jone in seine Arme, und in jener wilden Umschlingung lag aller Ungestüm – weniger der Liebe als der Rache. Die Verzweiflung aber gab der Jone übernatürliche Kräfte. Sie entwand sich nochmals seinen Armen, sie lief in jenen Teil des Zimmers, von wo sie eingetreten war. Schon hatte sie halb den Vorhang zurückgezogen, doch er ergriff sie wieder, nochmals entzog sie sich ihm und fiel, erschöpft und mit einem lauten Schrei an dem Fußgestell der Säule nieder, auf welcher das Haupt der ägyptischen Göttin stand. Arbaces suchte wieder zu Atem zu kommen, und darauf stürzte er nochmals auf seine Beute zu. In diesem Augenblick wurde der Vorhang heftig zur Seite gerissen, der Ägypter fühlte sich durch eine kräftige Hand an der Schulter ergriffen. Er sah sich um, und sein Blick begegnete den flammenden Augen des Glaukus und den bleichen, verlebten, doch drohenden Zügen des Apäcides. »Ha«, murmelte er zwischen den Zähnen, indem er sie abwechselnd beide anstarrte. »Welche Furie hat euch hierher gesendet?« Glaukus gab keine Antwort, mit wilder Wut umfaßte er den Ägypter. Zu gleicher Zeit hob Apäcides seine halb leblose Schwester vom Boden auf. Aber seine durch die inneren Kämpfe des Geistes erschöpften Kräfte reichten nicht hin, so leicht und zart gebaut Jone auch war, sie fortzutragen. Er legte sie auf das Ruhebett und stellte sich, einen scharfen Dolch hervorziehend, neben sie, indem er den Kampf zwischen Glaukus und dem Ägypter beobachtete, bereit, dem Arbaces seine Waffe in die Brust zu stoßen, wenn er siegen sollte. Beide Gegner hatten sich umfaßt, die Hand eines jeden suchte die Kehle des andern. Ihre wilden Augen funkelten, ihre Adern waren geschwollen. So drängten sie sich von einem Ende des beschränkten Kampfplatzes zum andern, einzig beseelt von dem Gedanken der Wut und Rache. Jetzt befanden sie sich vor dem Altar, jetzt an dem Fuße der Säule, wo das fürchterliche Ringen begonnen hatte. Sie ließen sich los, um Atem zu schöpfen, Arbaces gegen die Säule gelehnt, Glaukus einige Schritte zurücktretend. »O ehrwürdige Göttin!« sprach Arbaces, indem er die Säule umfaßte und seine Blicke zu dem heiligen Haupte erhob, welches sie trug. »Beschütze deinen Auserwählten, verkünde deine Rache gegen diesen Abtrünnigen von deinem uralten Glauben, der mit lästernder Gewalt dein Heiligtum schändet und deinen Diener angreift.« – Während er dieses sprach, schienen die ruhigen Züge der Göttin plötzlich belebt zu werden. In dem schwarzen Marmor erglühte, wie durch einen Schleier, ein rötliches und lebhaftes Licht, um den Kopf zuckten feurige Ausströmungen, wie flammende Blitze, die Augen schienen in drohender Rache auf den Griechen gerichtet. Die Wangen des Glaukus, der durch diese schnelle und mystische Antwort auf die Anrufung seines Feindes ergriffen und bestürzt wurde und nicht ganz frei von dem angestammten Aberglauben seiner Vorfahren war, erbleichten vor dieser unheimlichen und unerwarteten Belebung des Marmors – seine Knie zitterten. Ein panischer Schrecken schien sich seiner bemächtigt zu haben, und er stand verwirrt und verlegen vor seinem Feinde. Arbaces ließ ihm nicht Zeit, sich von seiner Überraschung zu erholen. »Stirb, Verworfener!« rief er mit donnernder Stimme, indem er auf den Griechen zusprang. »Die erhabene Mutter selbst verlangt dich als Opfer!« Indem Glaukus in der ersten Verwirrung seiner abergläubischen Furcht die Geistesgegenwart verloren hatte, wich er zurück. Der marmorne Fußboden war glatt wie Glas, er glitt aus, er fiel. Arbaces setzte den Fuß auf die Brust des gefallenen Feindes. Apäcides jedoch, der sich durch die Wunder des Ägypters nicht mehr verblenden ließ, hatte sich nicht so überraschen lassen wie sein Gefährte. Er stürzte mit gezücktem Dolche vor. Arbaces faßte jedoch seinen Arm, als er ausholte. Ein Griff seiner starken Faust entriß die Waffe der kraftlosen Hand des Priesters, ein fürchterlicher Schlag streckte ihn zu Boden, und mit frohlockenden und drohenden Gebärden schwang Arbaces den Dolch in der Luft. Mit festem Blick, wie ein fallendes Gladiator, sah Glaukus seinem Schicksal entgegen, als plötzlich die Erde unter ihnen erbebte, und ein mächtigerer Geist als der des Ägypters seine Nähe verkündete – eine zerstörende Riesenmacht, vor der seine Leidenschaften in ihr Nichts versanken. Jener fürchterliche Dämon des Erdbebens erwachte und erhob sich, spottend sowohl der Bosheit menschlicher Wut wie der Täuschungen menschlicher List. Wie ein Titan, über dem Berge aufgetürmt liegen, stand jener Dämon auf aus dem jahrelangen Schlaf – er bewegte die Erde, die ihn begraben hatte – die Höhlen der Tiefe wurden erschüttert, als er seine Glieder ausdehnte. Der sich selbst überschätzende Halbgott wurde in den Staub erniedrigt, in dem Augenblick, da er sich groß und mächtig dünkte, überall hörte man unter der Erde ein dumpfes Getöse, die Vorhänge des Zimmers flogen in die Höhe, als ob ein Sturmwind sie ergriffen hätte, der Altar wankte, der Dreifuß fiel hinab, und hoch über dem Kampfplatz zitterte und schwankte die Säule von einer Seite zur anderen. Plötzlich fiel auch das marmorne Haupt der Göttin, und als der Ägypter sich gerade über das Opfer beugte, dem er den Tod zugedacht hatte, traf ihn die schwere Masse gerade in das Genick. Wie berührt vom Hauch der Vernichtung fiel er ohne einen Schrei, ohne auch nur zu zucken, auf den Fußboden, scheinbar durch dieselbe Gottheit zermalmt, die er lästernd beschworen und angerufen hatte! »Die Erde hat ihre Kinder beschützt!« sagte Glaukus, indem er aufsprang. »Gesegnet sei das schreckliche Erdbeben. Laßt uns der Gnade der Götter danken!« Er half auch Apäcides wieder vom Boden, und darauf wendete er das Haupt des Arbaces zurück. Sein wildes Antlitz deckte die tiefe Ruhe des Grabes, das Blut strömte aus dem Munde über das kostbare Gewand, und der rote Strom ergoß sich über den Marmor. Nochmals erbebte die Erde unter ihren Füßen, sie mußten sich einander halten. Doch die Erschütterung hörte so plötzlich auf, als sie gekommen war, und sie verweilten nicht länger. Glaukus trug Jone in seinen Armen, und schnell verließen sie den unheiligen Ort. Als sie den Garten betraten, begegneten ihnen überall Gruppen fliehender Sklaven, Weiber und Mädchen, deren festliche Gewänder und zierliche Blumenkränze des erhabenen Schreckens dieser Stunde zu spotten schienen. Keiner beachtete die Fremden, alle waren sie nur mit ihrer Rettung beschäftigt. Nach einer ungetrübten Ruhe von sechzehn Jahren drohte jener treulose, unsichere Boden wieder mit Vernichtung. Von allen Seiten hörte man das Geschrei: »Das Erdbeben! Das Erdbeben! « Apäcides und sein Gefährte schritten, ohne aufgehalten zu werden, das Haus nicht betretend, durch eine der Alleen. Sie gingen durch eine kleine geöffnete Tür, und indem sie sich auf einen niedrigen Hügel setzten, auf dem die dunklen Blätter der Aloe glänzten, beleuchtete der Strahl des Mondes auch die daniedergebeugte Gestalt des blinden Mädchens, welches bittere Tränen weinte. 15. »Aber, erzähle mir Glaukus,« sagte Jone, als sie in ihrer Gondel den Sarnus hinabfuhren, »wie kamst du mit Apäcides zu meiner Rettung?« »Frage Nydia«, erwiderte der Athener, indem er auf das blinde Mädchen zeigte, die in einiger Entfernung saß und nachdenkend an ihre Lyra sich lehnte. »Ihr mußt du danken, nicht uns. Sie scheint mich in meinem Hause gesucht zu haben, und als sie mich nicht fand, eilte sie nach dem Tempel zu deinem Bruder. Er begleitete sie nach der Wohnung des Arbaces. Unterwegs trafen sie mich in einer Gesellschaft von Freunden, denen ich mich angeschlossen hatte, weil dein freundlicher Brief mich in eine so beglückende Stimmung versetzte. Das scharfe Gehör der Nydia unterschied bald meine Stimme, einige Worte genügten, mich von allem zu unterrichten. Ich sagte meinen Gefährten nicht, weshalb ich sie verließ – konnte ich ihren geschwätzigen Zungen und ihrem Leichtsinn deinen Namen anvertrauen? Nydia führte uns an die Gartentür, aus der wir dich später hinaustrugen. Wir traten ein und waren im Begriff, in die Geheimnisse jenes schrecklichen Hauses einzudringen, als wir dein Geschrei in einer anderen Richtung hörten. Das übrige ist dir bekannt!« Jone errötete. Darauf erhob sie ihre Blicke zu Glaukus, und er las in ihnen alle jene Dankbarkeit, welche sie auszusprechen fähig waren. »Komm hierher, meine Nydia«, sagte sie zärtlich zu der Thessalierin. »Habe ich dir nicht gesagt, du solltest meine Schwester und Freundin sein? Bist du mir nicht schon mehr gewesen, meine Beschützerin, meine Retterin?« »Es ist eine Kleinigkeit«, erwiderte Nydia gleichgültig, ohne sich von ihrem Platze zu bewegen. »Ach, ich vergaß,« fuhr Jone fort, »ich muß zu dir kommen.« Und sie begab sich zu Nydia, sie fest umschlingend und ihre Wangen mit Küssen bedeckend. Nydia war an diesem Morgen bleicher als gewöhnlich, und noch bleicher färbte sich ihr Antlitz, als die schöne Neapolitanerin sie umarmte. »Aber wie kam es, Nydia,« flüsterte Jone, »daß die Gefahr, der ich entgangen bin, dir so genau bekannt war? Wußtest du etwas von dem Ägypter?« »Ja, ich kannte sein lasterhaftes Treiben!« »Und woher?« »Edle Jone, ich war eine Sklavin der Lasterhaften. Die, denen ich diente, waren seine Gehilfen.« »Und du warst in seinem Hause, da jener geheime Eingang dir so genau bekannt war?« »Ich habe bei Arbaces auf meiner Lyra gespielt«, erwiderte die Thessalierin verlegen. »Und du bist«, fragte die Neapolitanerin mit einer zu leisen Stimme, als daß sie das Ohr des Glaukus hätte erreichen können, »der Gefahr entgangen, aus der du mich gerettet hast?« »Edle Jone, ich bin weder schön noch vornehm. Ich bin ein Kind und eine Sklavin und blind. Sicher sind diejenigen, welche verachtet werden.« Nydia hatte diese demütigen Worte in einem unwilligen und stolzen Ton gesprochen, und Jone fühlte, daß es für das arme Mädchen kränkend sein müßte, wenn sie weiter über diesen Gegenstand sprach. Sie schwieg daher, und die Gondel erreichte jetzt die See. »Erlaube mir,« sagte in diesem Augenblick der Athener, »daß ich mich dir gegenübersetze, sonst möchte unsere leichte Gondel das Gleichgewicht verlieren.« Indem er dieses sprach, setzte er sich Jone gegenüber, und es schien ihm, daß es ihr Atem sei und nicht die Sommerluft, welche so voll Wohlgeruch ihn anwehte. »Du wolltest mir erzählen,« sagte Glaukus, »weshalb dein Haus mir so viele Tage verschlossen blieb?« »Oh, denke nicht mehr daran!« erwiderte Jone schnell. »Ich war so töricht, eine Zeitlang der Verleumdung Glauben zu schenken.« »Und mein Verleumder war der Ägypter?« Jones Stillschweigen bejahte diese Frage. »Seine Beweggründe sind einleuchtend genug.« »Rede nicht mehr von ihm«, fiel Jone ein, indem sie das Gesicht mit den Händen bedeckte, als wolle sie jeden Gedanken an ihn verbannen. »Vielleicht wandert sein Schatten schon an den Ufern des Styx«, sagte Glaukus. Doch in diesem Falle würden wir wahrscheinlich von seinem Tode gehört haben. Auch auf deinen Bruder hat, wie es mir scheint, sein finsteres Gemüt gewirkt. Als wir gestern an deinem Hause ankamen, verließ er mich plötzlich. Könnte er doch mein Freund sein!« »Irgendeine geheime Sorge quält ihn«, erwiderte Jone traurig. »Wir wollen gemeinsam versuchen, ihn wieder aufzuheitern.« »Ich werde ihn wie meinen Bruder behandeln«, erwiderte der Grieche. »Wie ruhig,« sagte Jone, indem sie die düsteren Gedanken zu verbannen schien, welche das Schicksal des Apäcides in ihr erregt hatten, »wie ruhig schweben die Wolken am Himmel. Und doch sagtet ihr mir, denn ich selbst wußte es nicht, daß in der vergangenen Nacht ein Erdbeben gewesen sei.« »Allerdings, und es war heftiger als jenes vor sechzehn Jahren. Das Land, in dem wir leben, verbirgt noch manchen geheimnisvollen Schrecken, und das Reich des Pluto, welches unter unseren verbrannten Feldern sich ausdehnt, scheint in unsichtbarer Aufregung begriffen. Fühltest du nicht das Erdbeben, Nydia, an jener Stelle, wo du in der vorigen Nacht saßest, und war es nicht die Furcht, die dir damals Tränen entlockte?« »Ich fühlte die Erde«, antwortete Nydia, »wie eine ungeheure Schlange sich unter mir beben. Doch da ich nichts sah, so hatte ich auch keine Furcht. Ich glaubte, daß jene Erschütterung ein Zauber des Ägypters sei. Viele behaupten, er könne den Elementen gebieten.« »Du bist eine Thessalierin, meine Nydia«, erwiderte Glaukus. »Du hast daher das Recht, an Zaubereien zu glauben.« »Zaubereien – wer glaubt nicht daran?« fragte Nydia. »Glaubst du nicht an Zaubereien?« »Vor der Nacht, in welcher ein nekromantisches Wunder mich allerdings überraschte, glaubte ich an keine anderen Zauberkräfte als an die der Liebe!« sagte Glaukus mit zitternder Stimme und indem er seine Blicke auf Jone heftete. »Ach!« sagte Nydia, indem eine Art von Schauder sie erfaßte, und unwillkürlich griff sie einige Töne auf ihrer Lyra. »Spiele uns etwas vor, teure Nydia«, sagte Glaukus. »Singe eines deiner alten thessalischen Lieder. Es möge von Zaubereien handeln oder nicht, wie du willst – aber von der Liebe darf es wenigstens nicht schweigen!« »Von der Liebe!« wiederholte Nydia, indem sie ihre großen Augen, die alle, welche in sie blickten, mit einem unheimlichen Gefühl, aber auch mit dem des Mitleidens erfüllten, umherirren ließ. Man konnte sich nie an den Anblick dieser Augen gewöhnen. Es schien so sonderbar, daß sie für das Licht unempfänglich seien, und sie starrten entweder in ihrem tiefen, geheimnisvollen Dunkel so fest, oder sie waren in so unruhiger, umherschwärmender Bewegung, daß man, wenn man ihnen begegnete, denselben fast übernatürlichen Eindruck fühlte, den die Gegenwart der Geistesabwesenden oft veranlaßt – derer, die, indem ihr äußeres Leben dem unsrigen gleicht, noch ein inneres, besonderes Leben haben, dessen Wesen unergründlich und geheimnisvoll ist. »Willst du, daß ich von der Liebe singen soll?« fragte sie, indem sie diese Augen auf Glaukus richtete. »Ja!« erwiderte er und heftete seine Blicke auf den Boden. Sie entfernte sich etwas von Jone, deren Arm sie immer noch umfaßte, und sang, nachdem sie vorher einige Noten auf der Lyra gegriffen hatte, ein von einer eigentümlichen Traurigkeit erfülltes Liebeslied. Die beiden Zuhörer wurden, obgleich sie den Grund zu des Mädchens klagender Stimmung nicht verstanden, eigentümlich ergriffen. »Das ist ein trauriges Lied, mein süßes Mädchen«, sagte Glaukus. »Deine Jugend fühlt bis jetzt nur den dunklen Schatten der Liebe. Sie erregt eine ganz andere Begeisterung, wenn sie selbst in ihrem hellen Glanze uns erscheint.« »Ich singe, wie ich es gelernt habe«, erwiderte Nydia seufzend. »Dann muß dein Lehrer wohl unglücklich geliebt haben, laß uns doch ein lustigeres Liedchen hören. Nein, Mädchen, gib mir lieber das Instrument.« Als Nydia gehorchte, berührte ihre Hand die seinige. Diese leichte Berührung trieb ihr das Blut in die Wangen. Jone und Glaukus, die nur miteinander beschäftigt waren, bemerkten nicht dieses Zeichen innerer Regung, die an einem Herzen nagte, welches durch die Einbildungskraft entflammt, der Hoffnung entsagen mußte. Und nun breitete sich vor ihnen jenes ruhige, blaue, glänzende Meer aus, an dessen Schönheit und herrlichen Ufern sich niemand sattsehen konnte. Die Lust war von einer süßen, geheimnisvollen Stimmung erfüllt, die wie mit einer Zaubermacht die Menschen gefangen nahm, daß sie alle Gedanken an Mühseligkeit und Plage, allen Ehrgeiz und alle Streitlust vergaßen und den Geist in süßen Träumen wiegten. Und in dieser wundervollen Umgebung, auf diesem blauen Meere blickte der Athener in ein Antlitz, welches für den Geist dieser Gegend gebildet zu sein schien, und er weidete seine Augen an den wechselnden Rosenfarben dieser Wangen, er fühlte sein Glück erhaben über dem Glück des gewöhnlichen Lebens. Er liebte, und er wußte, daß er wiedergeliebt wurde. Der Athener drückte seine Gefühle, indem er vergebens die Augen der Jone suchte, welche, halb abgewendet, halb niederblickend, die seinigen vermieden, mit sanfter und gefälliger Stimme in einem schnell ersonnenen Liebeslied aus, und als die letzten Töne des Gesanges über die See schwebten, da erhob Jone ihre Augen, sie begegneten denen ihres Geliebten. Glückliche Nydia! Glücklich in deiner Trauer, daß du jenen bezaubernden Blick nicht sehen konntest, der so viel sagte – der das Auge, die Stimme des Geistes bildete – der die Unmöglichkeit des Wechsels versprach! Wenn aber auch die Thessalierin diesen Blick nicht sehen konnte, so erriet sie dessen Ausdruck durch das Schweigen, durch die Seufzer der Liebenden. Sie drückte die Hände fest an die Brust, als wollte sie ihre Eifersucht zurückdrängen, und darauf beeilte sie sich, zu sprechen, denn das Schweigen war ihr unerträglich. »Aber dein Gesang, o Glaukus,« sagte sie, »war doch auch nicht sehr lustig!« »Und doch beabsichtigte ich ihn so, als ich deine Lyra nahm. Vielleicht gestattet uns das Glück nicht, lustig zu sein.« »Wie seltsam ist es,« sagte Jone, indem sie einer Unterredung eine andere Wendung geben wollte, die ihr drückend zu werden anfing, »daß seit einigen Tagen jene Wolke bewegungslos über dem Vesuv hängt, doch nicht ganz bewegungslos, denn bisweilen verändert sie ihre Gestalt, und erscheint mir jetzt fast wie ein großer Riese, der seine Hand nach der Stadt hin ausstreckt. Siehst du auch die Ähnlichkeit, oder bilde ich es mir bloß ein?« »Auch mir scheint es so, schöne Jone, die Gestalt ist sogar außerordentlich deutlich. Der Riese scheint gerade auf der Spitze des Berges zu sitzen, und die verschiedenen Schatten der Wolke bilden ein weites, wallendes Gewand. Er scheint die Stadt zu betrachten und mit der einen Hand, wie du sagst, drohend auf sie hinzuweisen, während er die andere gegen den Himmel erhebt. Er kommt mir vor wie der Geist eines gewaltigen Titanen, der über die schöne Welt trauert, die er verloren hat. Er ist bekümmert über die Vergangenheit, doch scheint er mir auch etwas Drohendes für die Zukunft anzudeuten.« »Könnte jener Berg wohl in irgendeiner Verbindung mit dem Erdbeben in der vorigen Nacht stehen? Man sagt, daß vor uralten Zeiten er, sowie der Ätna noch jetzt, Lava ausgeworfen habe. Vielleicht brütet und lauert das Feuer in der Tiefe.« »Es ist möglich«, sagte Glaukus nachdenkend. »Du sagst, du glaubst wenig an die Zauberei?« fiel Nydia plötzlich ein. »Ich habe gehört, daß eine mächtige Hexe in den Höhlen jenes Berges wohnt, und die Wolke ist vielleicht der Schatten des bösen Geistes, den sie hervorgerufen hat.« »Du hast noch viel thessalischen Aberglauben«, sagte Glaukus. »Im Finstern sind wir immer abergläubisch«, erwiderte Nydia. »Sage mir,« fügte sie nach einer kleinen Pause hinzu, »sage mir, o Glaukus, sind sich alle, die schön sind, einander ähnlich? Jeder behauptet, du seiest schön und Jone auch. Sind sich eure Gesichter denn ganz ähnlich? Ich kann es mir nicht denken, und doch muß es so sein!« »Denke dir nicht etwas, wodurch du Jone so sehr unrecht tun würdest«, erwiderte Glaukus lächelnd. »Wir gleichen uns auch keineswegs. Jones Haar ist schwarz, das meinige braun. Jones Augen sind – von welcher Farbe, Jone? Laß mich in sie schauen. Ach, sind sie schwarz? – Nein, sie sind zu sanft. – Sind sie blau? – Nein, sie sind zu feurig. Sie wechseln mit jedem Sonnenstrahl – ich kann ihre Farbe nicht unterscheiden. Doch meine Augen, teure Nydia, sind grau, und nur schön, wenn Jone in sie blickt. Jones Wange ist –« »Ich verstehe kein Wort von deiner Beschreibung«, unterbrach ihn Nydia. »Ich begreife bloß, daß ihr euch nicht ähnlich seht, und das freut mich.« »Weshalb, Nydia?« fragte Jone. Nydia errötete. »Weil«, erwiderte sie naiv, »ich mir euch immer verschieden vorgestellt habe, und man freut sich, wenn man weiß, daß man sich nicht irrt.« »Und womit hast du dir Glaukus ähnlich vorgestellt?« fragte Jone. »Mit Musik!« erwiderte das Mädchen und schlug die Augen nieder. »Sie hat recht!« dachte Jone bei sich. »Und womit vergleichst du Jone?« »Ich kann es noch nicht sagen,« antwortete Nydia, »ich kenne sie noch nicht lange genug, um einen Vergleich für sie zu finden.« »So will ich es dir denn sagen«, unterbrach sie Glaukus leidenschaftlich. »Sie gleicht der Sonne, die erwärmt, der Woge, die erfrischt.« »Die Sonne verbrennt auch bisweilen, und in der Woge kann man ertrinken«, erwiderte Nydia. »So nimm denn diese Rosen«, sagte Glaukus. »Durch ihren Duft wirst du dir Jone vorstellen.« »Ach! Die Rosen werden verwelken!« sagte neckend die Neapolitanerin. Indem sie sich so unterhielten, verflossen die Stunden. Die Liebenden waren beglückt und beseligt durch die Liebe, das blinde Mädchen aber fühlte bloß deren Qualen und Leiden; die Eifersucht und ihre Pein. 16. Zu derselben Zeit, in der Glaukus mit Jone und Nydia in der Gondel aufs Meer hinausfuhren, war das Forum von Pompeji von einer lärmenden Menschenmenge angefüllt. Mitten durch das Gewoge schwatzender Müßiggänger schritt ein Mann, der mit Verachtung und Unwille auf das ausgelassene Treiben blickte. »Dort geht Olinthus«, sagte ein Juwelier, der ihn bemerkte, zu seinem Gefährten, einem Kaufmann. »Man hält ihn für einen Nazarener.« Der Kaufmann erschrak. »Eine gefährliche Sekte«, sagte er mit leiser und ängstlicher Stimme. »Man behauptet, daß sie in ihren nächtlichen Versammlungen jedesmal ihre Zeremonien mit der Ermordung eines neugeborenen Kindes beginnen; auch bekennen sie sich zu einer Einheit der Götter – die Elenden! – Eine Einheit der Götter! Was würde aus den Kaufleuten und den Juwelieren werden, wenn solche Glaubensartikel allgemein würden?« »Das ist sehr wahr,« sagte der Juwelier, »überdem tragen sie keine Juwelen – sie murmeln Bezauberungen, wenn sie eine Schlange sehen, und in Pompeji sind alle unsere Verzierungen schlangenartig.« Olinthus, der wohl die finsteren Blicke sah, mit den man ihn anstarrte, hatte unterdessen das Forum verlassen und begegnete plötzlich einem jungen Mann mit ernstem, bleichem Angesicht, den er erkannte. Der junge Apäcides, gehüllt in ein Pallium, das teilweise sein heiliges Priestergewand verbarg, heftete seine Blicke auf den Schüler jenes neuen und geheimnisvollen Glaubens, zu dem er einst selbst schon halb bekehrt worden war. »Ist er auch ein Betrüger? – Verbirgt auch dieser Mann, der so einfach in seinem Leben, in seinem Anzuge, in seiner ganzen Erscheinung ist – verbirgt auch er, wie Arbaces, unter dem Deckmantel strenger Enthaltsamkeit nur seine üppige Sinnlichkeit? Sind auch hier unter dem Schleier der Vesta die Laster der Verworfenheit verborgen?« Olinthus, der gewohnt war, mit Menschen aus allen Klassen umzugehen und mit der Begeisterung seines Glaubens eine tiefe Menschenkenntnis verband, erriet vielleicht aus den Zügen des Priesters einiges von dem, was in seiner Brust vorging. Er begegnete mit heiterer und offener Stirn und mit festem Blick dem des Apäcides. »Friede sei mit dir!« sagte er, indem er ihn grüßte. »Friede!« wiederholte der Priester in einem so hohlen Tone, daß der Nazarener sich gerührt fühlte. »Wenn es dir recht ist,« sagte Olinthus, »dann gehen wir an das Ufer des Flusses. Dort ist es einsam, ich möchte dich etwas fragen.« Apäcides nickte bejahend, und so schritten die beiden, der Priester der Isis und der Bekenner des Christusglaubens nach dem Ufer des Sarnus, wo sie einen kleinen schattigen Hain betraten. Dieser Hain war jetzt, da die Mittagssonne senkrecht auf die trockenen Blätter schien, ganz einsam, und Olinthus und der Priester waren hier ganz ungestört. Sie setzten sich auf eine der Bänke, die in Zwischenräumen unter den Bäumen standen. »Bist du, seitdem du mich so plötzlich verließest«, sagte Olinthus, »glücklich gewesen? Fühlt dein Herz unter diesem priesterlichen Gewande sich zufrieden? Hast du, dich noch sehnend nach der Stimme Gottes, Trost gefunden in den Orakeln der Isis? Jene Seufzer, jenes traurige Dahinstarren geben mir die Antwort, die mein Geist zum voraus weissagte.« »Ach,« erwiderte Apäcides, »ich bin ein unglücklicher, vom Schicksal geschlagener Mensch. Von frühester Jugend an habe ich mich nach einem Leben der Tugend gesehnt. Ich habe die Männer beneidet, die um ihrer Heiligkeit willen in Höhlen und einsamen Tempeln durch die Gemeinschaft mit überirdischen Wesen beglückt wurden. Verführt durch die geheimnisvollen Prophezeiungen eines Betrügers, habe ich dieses Priestergewand gewählt. Mein ganzes Wesen ist aber in Widerspruch mit sich selbst geraten, durch das, was ich gesehen und woran ich teilgenommen habe. Indem ich die Wahrheit suchte, bin ich bloß der Diener der Lüge geworden. An dem Abend, da wir zuletzt zusammen waren, wurde ich durch Hoffnungen gelockt, die derselbe Betrüger in mir angeregt hatte, den ich bereits besser hätte kennen sollen. Der Schleier ist jetzt für immer von meinen Augen gesunken – ich habe einen Niederträchtigen in dem erkannt, den ich früher als einen Halbgott verehrte. Die Erde verdunkelt sich vor meinen Blicken, ich weiß nicht mehr, ob es noch Götter gibt – ob wir dem Zufall unser Dasein verdanken – ob jenseits der begrenzten und traurigen Gegenwart Vernichtung oder ein anders Leben uns erwartet. Sage mir daher, was du glaubst. Löse meine Zweifel, wenn du wirklich dessen fähig bist.« »Ich wundere mich nicht,« erwiderte der Nazarener, »daß du auf Irrwege geraten und daß du jetzt ein Zweifler geworden bist. Vor achtzig Jahren hatte der Mensch noch keine Gewißheit des Daseins Gottes und einer bestimmten Fortdauer jenseits des Grabes. Für den, der Ohren hat, zu hören, wurden aber jetzt neue Wahrheiten verkündigt – ein Himmel, ein wahrer Olympus öffnet sich dem, der Augen hat, zu sehen. So höre denn und schaue!« Der Nazarener schilderte nun mit dem ganzen Ernst eines Mannes, der selbst von einem starken und festen Glauben erfüllt ist, die Wahrheit der Heiligen Schrift. Er sprach zuerst von den Leiden und Wundern Christi, und er weinte, indem er sprach. Darauf ging er zu der Glorie der Himmelfahrt des Erlösers über und erklärte die Weissagungen der Offenbarung. Er beschrieb den der Tugend bestimmten reinen und fleckenlosen Himmel und jene feurigen Qualen, welche die Strafe des Verbrechens und der Sünde sein werden. Ein Anhänger des Heidentums fand nichts Befremdliches in dem Herabsteigen Gottes auf die Erde. Man war schon daran gewohnt, zu glauben, daß die Götter auf der Erde gelebt, menschliche Gestalt und Leidenschaften angenommen, menschliche Arbeiten und menschliches Unglück geteilt hätten. Waren die Arbeiten des Herkules, dessen Altäre noch in unzähligen Städten von Weihrauch dufteten, nicht zum Besten des menschlichen Geschlechts vollbracht worden? Hatte der große dorische Apoll nicht eine mystische Sünde abgebüßt, indem er in die Unterwelt gestiegen war? Es schien daher dem Heiden weder eine seltsame noch neue Lehre zu sein, daß Christus vom Himmel herabgekommen, daß ein Unsterblicher sterblich geworden sei und den Qualen des irdischen Todes sich unterworfen habe. Und wie unendlich erhabener schien Apäcides der Zweck zu sein, für welchen Christus so duldete und litt, als jene Zwecke, um derentwillen die heidnischen Gottheiten die Erde besuchten und durch die Tore des Todes eingingen! War es nicht eines Gottes würdig, in dieses Jammertal hinabzusteigen, um die Wolken zu zerstreuen, welche über dem finsteren Berge jenseits sich gesammelt hatten, um die Zweifel der Weisen zu lösen und das Rätsel des Grabes durch Offenbarung zu einer Wahrheit umzugestalten? Apäcides wußte schon längst, daß die Philosophen, wenn sie auch im geheimen an eine höhere und göttliche Macht glaubten, doch es nicht für weise hielten, diesen Glauben allgemein zu verbreiten. Er hatte bereits erfahren, daß selbst der Priester verspottete, was er dem Volke predigte, daß die Begriffe einiger und aller niemals vereinigt seien. In diesem neuen Glauben schien ihm jedoch alles übereinzustimmen, die Philosophen, die Priester und das Volk, die Ausleger der Schrift und die Gläubigen. Sie stritten und disputierten nicht über die Unsterblichkeit, sie sprachen von ihr als von einer bestimmten Wahrheit. Das Großartige dieser Versprechungen überraschte, der Trost, der in ihnen enthalten war, beruhigte ihn. Die ersten Anhänger des christlichen Glaubens waren oft Sünder gewesen, die alle Pfade des Lasters gewandelt waren. Aber dieser beglückende Glaube nahm die Reuigen und Enttäuschten des Lebens mit besonderer Liebe auf. »Komm«, sagte der Nazarener, als er die Wirkung bemerkte, die er hervorgebracht hatte. »Komm mit an den stillen Ort, wo wir uns versammeln. Nur einige wenige Auserwählte sind dort versammelt, überzeuge dich von der Aufrichtigkeit unserer reuigen Tränen und nimm teil an unserem einfachen Opfer, das wir auf dem Altar unseres Herzens darbringen. Komm und verliere weiter keine Zeit. Bereite dich schon jetzt für den großen, den wichtigen Tag des Überganges von der Finsternis zum Licht, von der Traurigkeit zum Heil, von dem Verderben zur Unsterblichkeit vor. Wir haben heute einen Feiertag, den wir festlich begehen. Obgleich wir gewöhnlich nur zur Nachtzeit zusammenkommen, so sind doch einige von uns schon jetzt versammelt. Welche Freude, welchen Triumph werden wir alle feiern, wenn wir ein verirrtes Lamm zu der heiligen Herde zurückführen können!« Es schien Apäcides, dessen Natur ursprünglich so rein war, etwas ungemein Edelmütiges und Wohlwollendes in dem Benehmen des Olinthus zu liegen. Er schien ihm ein Geist zu sein, der sein eigenes Glück in dem Glücke anderer sucht und der nur Gefährten für die Ewigkeit zu gewinnen strebt. Er fühlte sich gerührt, erweicht und überwältigt. Er besann sich einen Augenblick, betrachtete sein Priestergewand, dachte an Arbaces, schauderte vor Schrecken zusammen, erhob seine Augen zu dem Nazarener, der besorgt und wachsam für sein Wohl, für seine Rettung war. Er zog das Pallium an sich, so daß es gänzlich den Priesteranzug verbarg und sagte: »Führe mich, ich folge dir!« Olinthus drückte ihm freudig die Hand. Sie gingen an das Ufer des Sarnus, stiegen in eines der gewöhnlich dort bereitstehenden Boote, in welchem durch das, gegen die Sonne angebrachte Verdeck sie zugleich der Beobachtung entzogen waren, und fuhren schnell den Fluß hinauf. Aus einem der Boote, die ihnen begegneten, ertönte eine liebliche Musik, und das Vorderteil desselben war mit Blumen geschmückt. Es fuhr nach der See zu. »So treiben«, sagte Olinthus traurig, »die dem Vergnügen Nachjagenden, ihrer Täuschungen unbewußt, dem großen Ozean der Stürme und Schiffbrüche entgegen. Wir fahren schweigend und unbeachtet an ihnen vorbei, um das Land zu gewinnen.« Apäcides erkannte durch eine Öffnung in dem Verdeck in jenem Boote seine Schwester. Die Liebenden waren in der Lustfahrt nach der See begriffen. Der Priester seufzte und sank wieder auf seinen Sitz zurück. Sie erreichten das Ufer, wo in einer der Vorstädte eine Reihe kleiner und unansehnlicher Häuser sich bis zum Flusse hinzog. Hier führte Olinthus den Priester durch ein Labyrinth von Gassen, bis sie an die verschlossene Tür eines etwas größeren Hauses kamen. Der Nazarener klopfte dreimal – die Tür wurde geöffnet und sogleich wieder verschlossen, als beide eingetreten waren. Sie gingen durch ein Atrium in ein Zimmer mittlerer Größe, in welches das Licht nur durch ein kleines Fenster über der Tür drang. Bevor sie eintraten, sagte Olinthus, indem er an die Tür klopfte: »Friede sei mit euch!« Eine Stimme aus dem Zimmer erwiderte: »Friede mit wem?« – »Mit den Gläubigen«, antwortete Olinthus, und darauf wurde die Tür geöffnet. Zwölf bis vierzehn Personen saßen schweigend und in Gedanken vertieft einem hölzernen Kruzifix in einem Halbkreise gegenüber. Als Olinthus eintrat, erhoben die Anwesenden, ohne zu sprechen, ihre Augen. Der Nazarener selbst kniete, bevor er sie anredete, nieder, und Apäcides bemerkte an der Bewegung seiner Lippen und den auf das Kruzifix gehefteten Blicken, daß er für sich bete. Nachdem dieses geschehen, wandte sich Olinthus zu der Versammlung: »Männer und Brüder,« sagte er, »staunt nicht, wenn ihr einen Priester der Isis unter euch seht. Er hat bisher gelebt unter den Blinden, aber der heilige Geist hat ihn beseligt. Er wünscht zu sehen, zu hören und zu lernen.« »Es geschehe!« sagte einer der Anwesenden, und Apäcides erblickte in ihm einen noch jüngeren Mann als er selbst, mit einem ebenso abgelebten und bleichen Antlitz und mit tiefliegenden Augen, welche eine rastlose innere, geistige Tätigkeit verkündeten. »Es geschehe!« erwiderte ein anderer junger Mann; sein braunes Gesicht und seine asiatischen Züge ließen in ihm einen Sohn Syriens erkennen. Er war in seinem Vaterlande ein Räuber gewesen. »Es geschehe!« sagte ein alter Mann mit einem langen, grauen Barte, und der Priester erkannte in ihm einen Sklaven des reichen Diomedes. »Es geschehe!« wiederholten alle übrigen Männer, die mit zwei Ausnahmen alle zu den unteren Ständen gehörten. Apäcides erkannte unter ihnen einen römischen Offizier und einen Kaufmann aus Alexandria. »Wir verpflichten dich nicht zum Schweigen«, begann Olinthus von neuem. »Wir verlangen keine Eide von dir, daß du uns nicht verrätst. Wenn auch eine rohe Menge blutdürstig nach unserem Leben trachtet, wir fürchten uns nicht. Verrate uns an das Volk, verleumde uns, wenn du willst, wir sind erhaben über die Todesfurcht. Freudig würden wir den Klauen des Löwen oder den Qualen der Folter entgegengehen. Wir trotzen den Schrecken des Grabes, und was für einen Verbrecher der Tod, das ist für einen Christen die Ewigkeit.« Ein leises Beifallsgemurmel ließ sich in der Versammlung vernehmen. »Du kommst zu uns als ein Forschender, möchtest du ein Bekehrter werden. Unsere Religion siehst du – jenes Kreuz ist unser einziges Bild, jene Schrift unser Geheimnis. Für unsere Tugend ist unser Leben Zeuge! Wir alle waren Sünder, wer kann uns jetzt eines Verbrechens beschuldigen? Wir haben uns selbst durch die Taufe von der Vergangenheit getrennt. Aber dieses ist nicht unser Verdienst; es ist das Werk Gottes. Du, Medon,« und hierbei zeigte er auf den alten Sklaven des Diomedes, »bist der einzige unter uns, der nicht frei ist. Aber dort oben wird der letzte der erste sein, und so auch hier bei uns. Jetzt lies uns vor aus der Heiligen Schrift.« Nach der Vorlesung des Medon und der Auslegung der Versammlung folgte eine Szene, die für den jungen Neapolitaner sehr ergreifend war. Man hörte ein leises Klopfen an der Tür, das Losungswort wurde gegeben und erwidert, und zwei Kinder, deren ältestes kaum das siebente Jahr vollendet hatte, traten schüchtern ein. Es waren die Kinder des Besitzers dieses Hauses, jenes finsteren und abgehärteten Syrers, der seine Jugend mit Rauben und Blutvergießen zugebracht hatte. Der Älteste der Versammlung, eben der Sklave Medon, schloß sie in seine Arme. Sie schmiegten sich an seine Brust, und während er sie liebkoste, heiterten sich seine harten Züge auf. Und darauf umringten jene kühnen, durch die rauhen Wechselfälle des Lebens abgehärteten Männer – bereit, einer ganzen Welt zu trotzen, gewaffnet gegen den Tod und gegen die Folter – Männer, die den größten Gegensatz zu der unschuldigen Fröhlichkeit und zu der Zartheit des jugendlichen Alters bildeten, diese Kinder, und ihre ernsten Gesichter und bärtigen Lippen umschwebte ein freundliches Lächeln. Der alte Mann rollte die Schrift auf und lehrte die Kinder jenes schöne Gebet, das wir noch jetzt an den Herrn richten, noch jetzt unsere Kinder lehren. Und dann erzählte er ihnen in einfachen Worten von der Liebe Gottes zu den Kindern, und wie kein Sperling vom Dache fällt, ohne daß seine Augen es sehen. Der finstere Syrer schien durch die Unschuld seiner Kinder an seine früheren Jahre erinnert zu werden, an sein Leben, bevor es befleckt war durch Sünden. Er folgte mit einem ernsten Blick der Bewegung ihrer Lippen. Es verbreitete sich Entzücken über sein Antlitz, als sie demütig die heiligen Worte nachsprachen, und als sie darauf freudig zu ihm hüpften, drückte er sie an seine Brust, küßte sie, und die Tränen flossen ihm die Wangen herab – Tränen, deren Quelle zu verfolgen unmöglich gewesen wäre, so sehr war Freude und Sorge, Reue und Hoffnung, Liebe für seine Kinder und das Bewußtsein seiner eigenen früheren Unwürdigkeit in ihnen gemischt! Es lag in diesem ganzen Vorgang etwas, was besonders Apäcides aufs tiefste und die zartesten Saiten seines Wesens berührte. Jetzt wurde leise eine innere Tür geöffnet, und ein sehr alter Mann trat, auf seinen Stab sich stützend, in das Zimmer. Die ganze Versammlung erhob sich, der Ausdruck tiefer Ehrfurcht malte sich in allen Zügen, und Apäcides fühlte sich, indem er das Antlitz jenes Greises betrachtete, durch eine unwiderstehliche Sympathie zu ihm hingezogen. Niemand konnte auch jenem Antlitz begegnen, ohne diesen Mann zu lieben, denn das Lächeln der Gottheit hatte auf ihm geruht, und die Glorie dieses Lächelns war ihm geblieben! »Gott sei mit euch, meine Kinder!« sprach der Greis, und die Kinder näherten sich ihm vertraulich. Er setzte sich, und sie schmiegten sich an seine Brust. Es war ein schöner Anblick, die Gegensätze des Lebens so vereinigt zu sehen, den in seinen ersten Quellen entspringenden Fluß und den majestätischen, dem Ozean der Ewigkeit zufließenden Strom. So wie in der Dämmerung des abnehmenden Tages die Erde und der Himmel ineinander zu verfließen scheinen, daß die Grenzlinien aller Gegenstände kaum sichtbar bleiben, so schien das Lächeln jenes wohlwollenden Alters auch alle Anwesenden zu verklären, den Unterschied der Jahre aufzuheben und über die Kindheit und das Mannesalter jenes himmlische Licht zu verbreiten, durch das jenes Greisenalter selbst bald beglückt zu werden hofft. »Vater«, sagte Olinthus. »Du, in dem das Wunder des Erlösers wirksam war. Du, der Du aus dem Grabe wieder erweckt wurdest, um ein lebender Zeuge seiner Gnade und seiner Macht zu werden, sieh hier einen Fremden in unserer Versammlung – ein neues Lamm, vereinigt mit unserer Herde!« »Ich will ihn segnen«, sagte der Greis. Apäcides näherte sich ihm, wie durch einen Instinkt getrieben. Er fiel vor ihm auf die Knie. Der alte Mann legte seine Hand auf das Haupt des Priesters und segnete ihn, doch nicht laut. Während seine Lippen sich bewegten, waren seine Augen in die Höhe gerichtet, und Tränen – jene Tränen, welche gute Menschen nur in der Hoffnung des Glückes anderer vergießen, flossen ihm die Wangen herab. Die Kinder standen dem Bekehrten zur Seite. Sein Herz war wie die ihrigen – er war geworden wie sie, um einzugehen in das himmlische Reich! 17. Für Jone und Glaukus begann jetzt eine Zeit ungetrübten Glücks. Die Neapolitanerin verbarg Glaukus die Neigung nicht länger, welche sie für ihn fühlte, und sie sprachen jetzt von nichts als von ihrer Liebe. Die Hoffnungen der Zukunft schwebten über dem Entzücken der Gegenwart wie der heitere Himmel über den Frühlingsauen. Ihren Herzen schienen Sorgen und Tod unbekannte Dinge geworden zu sein. Vielleicht liebten sie sich nur um so mehr, weil die damaligen Verhältnisse Glaukus kein anders Ziel seines höheren Strebens gestatteten als die Liebe. In dem despotischen Rom jener Zeit fand der Athener keinen Wirkungskreis, das politische Leben seines Vaterlandes war erloschen. Und weil der Ehrgeiz kein Gegengewicht gegen die Liebe bilden konnte, war es die Liebe allein, welche den Geist und das Herz ganz ausfüllen mußte. Ihnen erschien das eiserne Zeitalter, in dem sie lebten, wie das goldene, und der Zweck ihres Daseins war jetzt einzig und allein ihre Liebe. Die größere Hälfte des August war vorüber. Für den nächsten Monat war ihre Vermählung bestimmt, und die Schwelle des Glaukus war bereits mit Kränzen geschmückt, und jede Nacht brachte er reiche Libationen vor dem Hause der Jone. Man sah ihn nicht mehr in der Gesellschaft seiner munteren Freunde, er lebte nur für Jone. Des Vormittags unterhielten sie sich mit Musik und Gesang, des Abends machten sie Spazierfahrten auf dem Wasser und längs der fruchtbaren, mit Weingärten bedeckten Anhöhen am Vesuv. Man spürte nichts mehr von Erderschütterungen. Die lebensfrohen Pompejaner vergaßen bald, daß ihrem bevorstehenden Schicksal eine so schreckliche Warnung vorhergegangen war. Glaukus hielt in seinem heidnischen Aberglauben jenes Erdbeben für eine besondere Fügung der Götter, weniger um ihn, als um Jone zu retten. Er brachte Opfer der Dankbarkeit in den Tempeln seines Glaubens dar, und selbst die Altäre der Isis wurden durch ihn bekränzt. Was aber das Wunder des erglühenden und belebten Marmors betrifft, so schämte er sich der Wirkung, die es auf ihn hervorgebracht hatte. Er schrieb dieses Wunder der menschlichen Magie zu, denn der Erfolg überzeugte ihn, daß es nicht den Zorn der Göttin selbst angedeutet habe. Von Arbaces hörten sie mit Verwunderung, daß er noch lebe. Auf dem Krankenlager erholte er sich nur langsam von den Folgen jenes schrecklichen Sturzes des marmornen Hauptes der Göttin in seinen Nacken, der ihn vernichtet zu haben schien, dem jedoch seine eiserne Natur noch widerstanden hatte. Er beunruhigte zwar die Liebenden nicht weiter, aber er brütete im stillen über die Art und die Zeit seiner Rache. Nydia war die beständige und oft die einzige Gesellschafterin der Liebenden. Sie bemerkten das geheime Feuer nicht, welches das arme Mädchen verzehrte. Ihre seltsamen Stimmungen und oft eigensinnigen Launen übersahen sie schon infolge des Mitleids, das ihr Schicksal ihnen einflößte. Wenn sie sich auch geweigert hatte, das Geschenk der Freiheit anzunehmen, so konnte sie doch gehen, wohin sie wollte. Ihre Handlungen und ihre Worte wurden weder getadelt noch beschränkt. Sie fühlten für ein so unglückliches und für jede Verletzung so empfindliches Wesen dieselbe duldende und teilnehmende Nachsicht. Nydias Hauptgenuß bestand immer noch darin, den kleinen Garten des Glaukus zu besuchen und seine Blumen zu pflegen, welche wenigstens ihre Liebe belohnten. Oft trat sie in das Zimmer des Atheners und knüpfte eine Unterredung an, die sie aber gewöhnlich bald wieder abbrach, denn jedes Gespräch des Glaukus bezog sich jetzt nur auf einen Gegenstand, auf Jone, und wenn sie diesen Namen von seinen Lippen hörte, so geriet sie außer sich. Oft bereute sie den Dienst, welchen sie Jone geleistet hatte. Oft dachte sie bei sich selbst: »Wäre sie jener Gefahr nicht entronnen, so hätte Glaukus sie nicht länger lieben können!« Und dann bemächtigten sich ihrer finstere und unheimliche Gedanken. Sie hatte, als sie so großmütig handelte, die Qualen noch nicht ganz kennengelernt und sich vorgestellt, welche ihrer warteten. Früher war sie nie anwesend gewesen, wenn Glaukus und Jone zusammen waren. Sie hatte nie jene Stimme, die mit ihr so freundlich sprach, einen noch viel sanfteren, zärtlicheren Ausdruck gegen eine andere annehmen hören. Das schmerzhafte Gefühl, welches ihr Herz ergriff, als sie es zuerst erfuhr, daß Glaukus Jone liebe, hatte sie anfangs betäubt und daniedergebeugt, nach und nach nahm die Eifersucht einen wilderen und stolzeren Charakter an. Es gesellte sich Haß hinzu, und schon fingen die Einflüsterungen der Rache an, Wurzel zu fassen. Der Charakter der Nydia war, weil sie von früher Kindheit ab allein dastand, frühzeitig gereift; vielleicht hatten auch die aufregenden Szenen der Verderbnis, unter denen sie leben mußte, ihre Leidenschaften gesteigert, wenn sie auch nicht ihre Reinheit beflecken konnte. Die Abscheulichkeiten in der Weinschenke des Burbo hatten nur ihren Ekel, die schändlichen Feste des Ägypters ihren Abscheu erregt. Aber irgendwo war wohl doch dadurch in ihrer Brust eine Saat zurückgeblieben, die sich nur für den Augenblick noch nicht entfalten konnte. Auch hatte wohl die Blindheit, die der Phantasie so viel Stoff gewährt, die Liebe des unglücklichen Mädchens mit wilden Träumen erfüllt. Zuerst war die Stimme des Glaukus wie Musik in ihre Ohren gedrungen, seine Freundlichkeit machte einen großen Eindruck auf ihr Gemüt. Als er im vorigen Jahre Pompeji verließ, hatte sie jedes Wort, das er aussprach, wie einen heiligen Schatz in ihrem Herzen bewahrt, und wenn irgend jemand ihr erzählte, daß dieser Freund und Beschützer des armen Blumenmädchens einer der liebenswürdigsten jungen Männer in Pompeji sei, so fühlte sie immer in der Rückerinnerung an ihn einen freudigen Stolz. Selbst das Geschäft, welches sie übernahm, seine Blumen zu pflegen, diente dazu, das Andenken an ihn wieder aufzufrischen. Sie brachte sein Dasein mit allem in Verbindung, was ihr die angenehmsten Eindrücke veranlaßte, und wenn sie sich geweigert hatte, zu sagen, mit welchem Bilde sie Jone vergliche, so geschah dieses vielleicht teilweise aus dem Grunde, weil sie alles, was in der Natur schön und erhaben war, bereits mit dem Gedanken an Glaukus in Verbindung gesetzt hatte. Als Glaukus nach Pompeji zurückkehrte, war Nydia um ein Jahr älter geworden, dieses Jahr mit seinen Sorgen und seiner Einsamkeit hatte ihren Geist und ihr Herz schnell entwickelt. Und wenn der Athener, indem er sie noch für ein Kind hielt, sie unbefangen an seine Brust zog, wenn er ihre zarte Wange küßte und seinen Arm um sie schlang, so fühlte Nydia plötzlich, daß dieses Gefühl, das sie lange in ihrer Unschuld genährt hatte, die Liebe sei. Bisweilen fürchtete sie nun, Glaukus möge ihr Geheimnis entdecken, bisweilen zürnte sie, daß es nicht erraten wurde. So war sie eine Beute ewig wechselnder Erregungen. Auch ihre Gefühle für Jone änderten sich mit jeder Stunde. Bald liebte sie die Griechin, weil er sie liebte, dann haßte sie sie wieder aus demselben Grunde. Es gab Augenblicke, in denen sie sie ermorden, andere, in denen sie ihr Leben für sie hätte opfern können. Diese schwankenden Abwechslungen der Gemütszustände waren zu heftig, als daß sie länger hätten ertragen werden können. Ihre Gesundheit litt, wenn sie es auch nicht fühlte, ihre Wangen erbleichten. Sie weinte oft, und fand sich wenig erleichtert durch ihre Tränen. Eines Morgens, als sie wie gewöhnlich die Blumen in dem Garten des Glaukus pflegen wollte, fand sie ihn unter den Säulen des Peristyls mit einem Kaufmann aus der Stadt. Der Grieche suchte Juwelen für seine Braut aus. Er hatte bereits ihre Wohnung einrichten lassen. Auch die Edelsteine, die er an diesem Tage kaufte, wurden dort aufgestellt. »Komm her, Nydia, komm, und setze deine Blumenvase nieder. Du mußt diese goldene Kette von mir annehmen – so, ich will sie dir anlegen. Steht sie ihr nicht gut, Servilius?« »Wundervoll!« antwortete der Juwelier, denn die Juweliere waren wohlerzogen und wußten zu schmeicheln. »Aber wenn diese Ringe in den Ohren der edlen Jone glänzen, dann wirst du, beim Bacchus, dich überzeugen, daß meine Kunst die Schönheit noch zu erhöhen vermag.« »Jone?« wiederholte Nydia, welche bisher durch Erröten und Lächeln ihre Dankbarkeit für die Gabe des Glaukus zu erkennen gegeben hatte. »Ja«, erwiderte der Athener, indem er nachlässig mit den Edelsteinen spielte. »Ich will ein Geschenk für Jone wählen, doch finde ich keines, das ihrer würdig wäre.« Er wurde, indem er dieses sprach, durch eine schnelle Bewegung der Nydia erschreckt. Sie riß die Kette mit leidenschaftlicher Heftigkeit von ihrem Halse und warf sie mit Ungestüm auf den Boden. »Was ist das? Wie, Nydia, gefällt dir mein Geschenk nicht? Habe ich dich beleidigt?« »Du behandelst mich immer noch wie eine Sklavin und wie ein Kind«, erwiderte die Thessalierin, indem ihre Brust seufzend sich hob, und schnell entfernte sie sich in einen anderen Teil des Gartens. Glaukus versuchte nicht, sie zu besänftigen. Erfühlte sich selbst verletzt. Er fuhr fort, die Juwelen zu betrachten und sein Urteil zu äußern, dieses zu tadeln und jenes zu loben. Zuletzt aber ließ er sich von dem Kaufmann beschwatzen, alles zu kaufen, denn es war ja für Jone bestimmt. Als er den Kauf abgeschlossen und den Juwelier entlassen hatte, ging er in sein Zimmer zurück, zog sich an, stieg in seinen Wagen und fuhr zu Jone. Er dachte nicht mehr an das blinde Mädchen und ihr ungestümes Wesen, er hatte beides vergessen. Den Vormittag brachte er bei der schönen Neapolitanerin zu, besuchte dann die Bäder und nahm um drei Uhr in einem Gasthaus eine Mahlzeit ein. Als er wieder zu Hause anlangte, um seine Kleider zu wechseln, bevor er zu Jone zurückkehrte, ging er durch den Peristyl. Aber in der Zerstreutheit seines verliebten Zustandes bemerkte er gar nicht das blinde Mädchen, das sich wieder an demselben Ort befand, wo er sie verlassen hatte. Nydia erkannte ihn sofort am Gange. Sie konnte die Zeit seiner Rückkehr kaum erwarten. Als er in sein Lieblingszimmer getreten war, welches nach dem Peristyl hinausging, und nachsinnend auf seinem Ruhebett saß, fühlte er sich leise am Gewand gezogen, und als er sich umsah, erblickte er Nydia, die neben ihm kniete und ihm eine Handvoll Blumen darreichte. Aus ihren dunklen, zu ihm emporgerichteten Augen strömten Tränen. »Ich habe dich beleidigt,« sagte sie schluchzend, »und zum erstenmal in meinem Leben. Ich will lieber sterben, als dich nur einen Augenblick unzufrieden wissen. Vergib mir, o Glaukus! Sieh! Ich habe die Kette aufgenommen, ich habe sie angelegt. Ich will mich nie wieder von ihr trennen; es ist dein Geschenk!« »Meine teure Nydia«, erwiderte Glaukus, und er drückte einen Kuß auf ihre Stirn, indem er sie erhob. »Denke nicht mehr daran! Aber weshalb wurdest du so plötzlich böse, mein Kind? Ich konnte die Ursache nicht erraten!« »Frage nicht danach«, sagte sie, indem sie lebhaft errötete. »Ich bin voller Launen und Fehler. Du weißt, ich bin nur ein Kind, du sagst es ja selbst oft. Kannst du von einem Kinde einen Grund für jede Torheit verlangen?« »Aber bald wirst du kein Kind mehr sein, und wenn wir dich nicht als ein solches behandeln sollen, so mußt du lernen, diese seltsamen Ausbrüche der Heftigkeit mehr zu beherrschen. Glaube nicht, daß ich schelte. Nein, ich spreche nur deines eigenen Wohles wegen.« »Es ist wahr«, sagte Nydia. »Ich muß mich selbst mehr beherrschen lernen, ich muß die Gefühle meines Herzens unterdrücken und verbergen. Dieses ist die Aufgabe und die Pflicht des Weibes. Seine Haupttugend scheint mir in der Heuchelei zu bestehen.« »Selbstbeherrschung ist keine Heuchelei, meine Nydia«, erwiderte der Athener. »Und dieser Tugend bedarf sowohl das männliche als auch das weibliche Geschlecht. Es ist die wahre senatorische Toga, das Zeichen der Würde dessen, der sie besitzt.« »Selbstbeherrschung! Selbstbeherrschung! Jawohl, du hast recht! Wenn ich deine Stimme höre, Glaukus, so werden meine wildesten Gedanken beruhigt, und eine entzückende Heiterkeit erfüllt mein ganzes Wesen. Sei immer mein Ratgeber, mein Retter!« »Dein gutes, sanftes Herz wird dein bester Führer sein, Nydia, wenn du gelernt hast, seine Gefühle zu beherrschen.« »Ach, das werde ich niemals lernen«, seufzte Nydia, indem sie sich die Tränen abtrocknete. »Glaube das nicht; nur der erste Versuch ist schwierig.« »Ich habe viele erste Versuche gemacht«, erwiderte Nydia naiv. »Aber findest du selbst es so leicht, dich zu beherrschen? Hast du deine Liebe zu Jone so ganz in der Gewalt? Könntest du sie sogar verbergen?« »Liebe, teure Nydia – das ist etwas ganz anderes«, erwiderte der junge Mentor. »Ich konnte es mir denken«, sagte Nydia mit einem schwermütigen Lächeln. »Glaukus, willst du meine Blumen annehmen? Mache mit ihnen, was du willst. Du kannst sie Jone geben; wenn du willst«, fügte sie zaudernd hinzu. »Nein, Nydia«, erwiderte Glaukus freundlich, indem er einige Eifersucht in ihrem Benehmen erriet, obgleich er diese bloß noch für die Eifersucht eines reizbaren Kindes hielt. »Ich will deine schönen Blumen niemand geben. Setze dich hierher und flechte sie in einen Kranz, ich will ihn heute abend tragen. Es ist nicht der erste, den diese zarten Finger für mich gewunden haben.« Das arme Mädchen setzte sich entzückt neben Glaukus. Sie nahm aus ihrem Gürtel einen Knäuel von bunten, schmalen Bändern, deren man zum Flechten der Kränze sich bediente. Sie trug solche Bänder beständig bei sich, da das Kränzeflechten ihre liebste Beschäftigung war, und begann freudig ihre Arbeit. Die Tränen waren bereits auf ihren Wangen getrocknet; um ihre Lippen spielte ein freudiges Lächeln. Sie war allerdings, wie ein Kind, nur empfänglich für den Genuß der Gegenwart. Sie war mit dem jungen Griechen wieder versöhnt, er hatte ihr verziehen. Glückselig saß sie neben ihm, während er liebkosend mit ihren seidenen Haaren spielte und sein Atem ihre Wangen berührte. Vor allem aber war Jone, die grausame Jone, nicht anwesend, keine andere nahm seine Neigung in Anspruch. Ja, sie war glücklich und hatte alles frühere Leid vergessen. »Du hast schöne Locken«, sagte Glaukus. »Sie waren gewiß einst das Entzücken einer Mutter.« Nydia seufzte, gab aber keine Antwort. Sie war sicherlich nicht als Sklavin geboren worden, vermied aber stets, von ihrer Abkunft zu sprechen. Sie kam, ein Kind des Unglücks, wie ein verirrter Vogel in das Leben des Glaukus. Aber er wußte nicht, woher sie kam und wohin sie eines Tages gehen würde. Nydia seufzte aufs neue und sagte nach einer Pause: »Flechte ich dir auch nicht zu viele Rosen in deinen Kranz, Glaukus? – Man sagt mir, es seien deine Lieblingsblumen.« »Immer, meine Nydia, werden alle, die der Dichtkunst ergeben sind, auch die Rose lieben. Denn sie ist ja die Blume der Liebe, und auch dem Schweigen und dem Tode weihen wir sie. Sie schmückt unsere Stirn, solange das Leben noch Wert hat, sie wird auf unser Grab gestreut, wenn wir nicht mehr sind.« »Oh, könnte ich doch«, sagte Nydia, »statt dieses vergänglichen Kranzes deinen Lebensfaden aus den Händen der Parzen nehmen und in ihn diese Rosen flechten!« »Dein Wunsch, liebes Mädchen, ist einer so wohlklingenden Stimme würdig, und welches auch mein Schicksal sein wird, so danke ich dir.« »Was auch dein Schicksal sein möge! Ist es nicht schon für alles Gute und Edle bestimmt? Mein Wunsch war überflüssig. Die Parzen werden sich dir so günstig erweisen, als ich es würde.« »Ich wäre nicht glücklich, Nydia, wenn ich nicht liebte! Solange ich jung bin, kann ich wohl mein Vaterland eine Zeitlang vergessen. Aber welcher Athener kann im reiferen Mannesalter Athens gedenken, wie es war, und mit seinem Glück sich beruhigen, während Athen gesunken ist – gesunken für immer.« »Und weshalb für immer?« »Wie die Asche nicht wieder zur Glut erweckt werden kann, wie die Liebe, wenn sie einmal starb, für immer tot ist, so wird auch die verlorene Freiheit eines Volkes niemals wiedergewonnen. Aber spreche ich nicht mit dir von Gegenständen, die dir unverständlich sind?« »Mir? Oh, du täuschest dich! Auch ich trauere um Griechenland, denn meine Wiege stand am Fuße des Olymp. Die Götter haben zwar den Berg verlassen, aber sie leben noch in den Herzen ihrer Anbeter, wie überall in jenem herrlichen Lande. Ach, wie schön muß dieses Land sein. Ich habe bloß dessen milde Lüfte geatmet, gegen welche selbst diese rauh sind, die Wärme jenes Klimas, gegen welche das hiesige kalt ist. Oh, sprich nur mit mir von Griechenland! Ich kann dich verstehen, wenn ich auch nur ein armes, einfältiges Mädchen bin, und mir deucht, daß, wäre ich eine Griechin gewesen, die das Glück mit Liebe und mit Gegenliebe begünstigt hätte, so würde ich selbst meinen Geliebten für ein anderes Marathon oder für ein neues Platäa bewaffnet haben. Ja, dieselbe Hand, welche jetzt Rosen flechtet, würde dir den Olivenkranz gewunden haben!« »Wenn ein solcher Tag wiederkäme!« sagte Glaukus, indem die Begeisterung der blinden Thessalierin auch ihn ergriff. »Doch nein, die Sonne ist untergegangen, und in dieser Finsternis müssen wir selbst unseren früheren Ruhm vergessen – wir können uns ja doch dabei des Lebens freuen, flechte nur die Rosen!« Doch der Athener sprach diese letzteren Worte nur mit einem Ton erzwungener Lustigkeit und versank bald in tiefes Nachdenken. 18. Ach, wie glücklich ist doch Jone! Welch ein Entzücken muß es sein, immer bei Glaukus zu weilen und seine Stimme zu hören. Aber auch sehen kann sie ihn!« So sprach das blinde Mädchen mit sich selbst, als sie allein und in der Abenddämmerung nach dem Hause ihrer neuen Gebieterin sich begab, wohin Glaukus bereits vorausgegangen war. Plötzlich wurde sie in ihren Gedanken durch eine weibliche Stimme unterbrochen. »Blindes Blumenmädchen, wohin gehst du? Du hast ja keinen Korb unterm Arm. Hast du alle deine Blumen schon verkauft?« Die Person, welche Nydia so anredete, war eine schöne Dame, doch mit kühnen und unweiblichen Zügen. Es war Julia, die Tochter des Diomedes. Sie hatte ihren Schleier, während sie sprach, halb gehoben und wurde durch ihren Vater und einen Sklaven begleitet, der eine Laterne vor ihnen her trug. Der Kaufmann und seine Tochter kehrten von einem Essen bei einem ihrer Nachbarn zurück. »Erinnerst du dich nicht meiner Stimme?« fuhr Julia fort. »Ich bin die Tochter des Diomedes, des Reichen.« »Ach, entschuldige – ja, ich erinnere mich des Tones deiner Stimme. Nein, edle Julia, ich habe keine Blumen zu verkaufen.« »Ich hörte, daß der schöne Grieche Glaukus dich gekauft hat. Ist es wahr, niedliche Sklavin?« fragte Julia. »Ich diene der Neapolitanerin Jone«, erwiderte Nydia. »Ha! Dann ist es also wahr, daß die beiden –« Ihre Worte wurden durch Diomedes unterbrochen, der sich dicht in sein Gewand gehüllt hatte. »Komm, komm!« sagte er. »Der Abend wird kühl. Ich kann hier nicht warten, während du mit dem blinden Mädchen plauderst. Komm, nimm sie mit nach Hause, wenn du mit ihr schwatzen willst.« »Komm, Kind«, sagte Julia in einem Tone, der keinen Widerspruch zu dulden schien. »Ich habe dich vieles zu fragen, komm!« »Ich kann heute abend nicht, es wird spät«, erwiderte Nydia. »Ich muß nach Hause, ich bin nicht frei, edle Julia!« »Ach, die sanfte Jone wird dich schon nicht ausschelten. Aber meinetwegen, dann komm also morgen. Vergiß nicht, daß ich früher deine Gönnerin gewesen bin.« »Ich werde deinen Wünschen folgen«, sagte Nydia, während Diomedes wieder ungeduldig wurde. Julia war genötigt, ihren Weg fortzusetzen, ohne die Frage, die sie noch auf der Zunge hatte, aussprechen zu können. Jone hatte inzwischen einen seltenen Besuch gehabt, den ihres Bruders. Seit der Nacht, da er sie aus der Gewalt des Ägypters befreien half, hatte sie ihn nicht mehr gesehen. Sie war es an ihm gewöhnt, daß er ihr gegenüber so verschlossen und fremd blieb. Sie schrieb dies den strengen Pflichten seines heiligen Standes zu. »Die Götter mögen dich segnen, mein Bruder!« sagte sie erfreut, indem sie ihn umarmte. »Die Götter! Wie kannst du so sprechen? – Es gibt doch wohl nur einen Gott!« »Mein Bruder!« rief sie erstaunt. »Wenn nun aber der erhabene Glaube der Nazarener wahr wäre? Wenn Gott ein Monarch – unsichtbar, allmächtig, allwissend wäre? Wenn alle die unzählbaren Gottheiten, deren Altäre die Erde erfüllen, nur böse Dämonen wären, die uns von dem wahren Glauben zu entfernen suchen? Dieses ist möglich, Jone!« »Ach, können wir so etwas glauben? Oder wenn wir es glaubten, würde es nicht ein trauriger Glaube sein?« erwiderte die Neapolitanerin. »Was, diese ganze schöne Welt sollte nur durch Menschen bewohnt werden. Die Berge sollten keine Oreaden, die Quellen keine Nymphen mehr besitzen! Ach, möchtest du wirklich den Glauben, der die ganze Natur mit überirdischen Wesen erfüllt, verleugnen? Nein, Apäcides, das kann nicht möglich sein!« Apäcides war noch nicht förmlich zum christlichen Glauben übergegangen, doch stand er im Begriff, es zu tun. Er war bereits auf die Ansichten des Olinthus eingegangen und glaubte, daß jene lieblichen Geschöpfe der Einbildungskraft, mit denen die alten Völker die Natur erfüllten, die Einflüsterungen des Satans, des unversöhnlichen Feindes der Menschen seien. Er entsetzte sich über die natürliche und unschuldige Antwort seiner Schwester. Seine Erwiderung war ungestüm und doch dabei so verwirrt, daß Jone noch mehr für seine Vernunft fürchtete, als sie durch seine Heftigkeit beunruhigt wurde. »Ach, mein Bruder!« sagte sie. »Die strengen Pflichten, denen du dich unterworfen, haben deinen Geist angegriffen. Komm zu mir, Apäcides, mein Bruder, gib mir die Hand, laß mich den Schweiß von deiner Stirn abtrocknen. Zürne mir nicht, ich verstehe dich ja nicht, aber sei überzeugt, daß Jone dich nie hat beleidigen wollen.« »Jone«, sagte Apäcides, indem er sie zu sich zog und sie zärtlich anblickte. »Soll ich mir denken, daß diese schöne Gestalt, dieses sanfte Herz für ewige Qualen bestimmt sein sollen?« »Die Götter mögen es verhüten!« sagte Jone, indem sie sich der Formel bediente, mit der man damals einer bösen Weissagung zu begegnen pflegte. Diese Worte, und noch mehr der Aberglauben, welcher in ihnen verborgen lag, verwundeten das Ohr des Apäcides. Er stand auf, murmelte einige Worte in sich hinein, ging nach der Tür des Zimmers zu, und indem er auf halbem Wege wieder umkehrte, schaute er nochmals Jone an und breitete seine Arme aus. Jone eilte auf ihn zu. Er küßte sie auf die Stirn und sagte: »Lebewohl, meine Schwester. Wenn wir uns wieder begegnen, werde ich vielleicht kein verwandtschaftliches Gefühl mehr für dich haben können. Laß dich noch einmal umarmen, jetzt, da alle Erinnerungen jener Kindheit mich noch umschweben, in der wir noch Glauben und Hoffnungen, Ansichten und Wünsche teilten. Jetzt aber muß dieses Band gelöst werden!« Mit diesen Worten verließ er das Haus. Die härteste Versuchung der ersten Christen und ihr schwerster Kampf war in der Tat die Trennung von allen ihren gewohnten Verbindungen. Sie konnten nicht länger den Umgang mit menschlichen Wesen pflegen, deren gewöhnlichste Handlungen und Worte das Gepräge des Götzendienstes trugen. Sie mußten sich entsetzen vor den Segnungen der Liebe, ihren Ohren mußten sie erklingen wie die Eingebungen böser Geister. Dieses ihr Unglück bildete zugleich ihre Kraft. Was sie von der übrigen Welt trennte, das mußte sie selbst nur desto fester verbinden. Es waren Männer von eisernem Charakter, die das Wort Gottes verkündeten, und die Bande, welche sie vereinigten, waren in der Tat auch von Eisen! Glaukus fand Jone in Tränen. Er durfte bereits auf das schöne Vorrecht, sie zu trösten, Anspruch machen. Mit Mühe vermochte er sie, ihm die Unterredung mit dem Bruder zu schildern. Aber es war ihr unmöglich, ihm den Inhalt seiner Worte begreiflich zu machen, und sie konnten sich beide den eigentlichen Sinn der Ausdrücke des Apäcides nicht enträtseln. »Hast du jemals von dieser neuen Sekte der Nazarener, von der mein Bruder spricht, gehört«, fragte sie. »Ich habe oft genug von den Anhängern dieser Sekte gehört«, erwiderte Glaukus. »Doch von ihren Lehrsätzen weiß ich nichts, außer daß etwas widernatürlich Strenges und Finsteres darin zu liegen scheint. Sie leben getrennt von ihren Mitmenschen, sie scheinen selbst unseren einfachen Gebrauch, uns zu bekränzen, ungern zu sehen und fühlen keine Teilnahme für die unschuldigen Annehmlichkeiten des Lebens. Sie verkünden auch schreckliche Weissagungen über den bevorstehenden Untergang der Erde. Ja,« fuhr Glaukus nach einer kleinen Pause fort, »es gab auch Männer von großem Charakter und vielen Talenten unter ihnen, und sie bekehrten selbst einige von den Areopagiten zu Athen zu ihrer Lehre. Ich erinnere mich, daß mein Vater mir vor vielen Jahren schon von einem seltsamen Gast in Athen erzählte, wenn ich nicht irre, war sein Name Paulus. Mein Vater befand sich unter der großen Volksmenge, die sich um einen jener unvergeßlichen Hügel versammelte, um diesen Weisen aus dem Morgenlande anzuhören. Das Geräusch, womit unsere eingeborenen Redner gewöhnlich empfangen wurden, verstummte – und als er auf der Spitze dieses Hügels, erhaben über der horchenden Volksmenge stand, gewannen schon seine Gesichtszüge und seine kühne Haltung jedes Herz, noch bevor er zu sprechen begann. Er war, wie mein Vater erzählte, ein Mann von gebieterischer und edler, wenn auch nicht von großer Gestalt, welche ein dunkles, weites Gewand umgab. Seine Augen glänzten von fast überirdischem Feuer, und als er den Arm erhob, um zu sprechen, geschah es mit der Majestät eines Mannes, den der Geist Gottes beseelt. ›Männer von Athen,‹ soll er gesagt haben, ›ich finde bei euch einen Altar mit der Inschrift: Dem unbekannten Gott! Ihr verehrt unbewußt denselben Gott, den ich anbete. Ich will euch die Größe und die Gebote dessen verkünden, der euch bisher unbekannt war.‹ Darauf erklärte jener würdige Mann, wie der erhabene Schöpfer aller Dinge, der Herr der Erde und des Himmels, nicht in Tempeln, von Menschenhänden erbaut, wohne. Daß seine Gegenwart, sein Geist in der Luft sei, die wir atmen, daß unser Leben und Dasein nur seiner Allmacht zu verdanken seien. ›Glaubt ihr,‹ sagte er, ›daß der Unsichtbare ist, wie eure Bildsäulen von Gold und Marmor? Glaubt ihr, daß er, der Himmel und Erde schuf, Opfer von euch bedarf?‹ Darauf sprach er von schrecklichen Zeiten, die noch kommen würden, von dem Ende der Welt, von einer Auferstehung der Toten, für welche dem Menschengeschlecht ein Bürge gegeben worden sei durch die Wiederauferstehung des mächtigen Wesens, dessen Religion er lehre. Als er so redete, brach der lange verhaltene Unwillen aus, und die Philosophen, welche sich unter dem Volke befanden, konnten die Zeichen ihrer Verachtung nicht länger verbergen. Man konnte das spöttische Lächeln des Zynikers und die finstere Stirn des Stoikers bemerken, und der Epikureer, der selbst an unser Elysium nicht glaubt, schritt lachend mit einem leichten Scherz durch die Menge. Aber die Herzen des Volkes waren gerührt und erschüttert, und sie zitterten, wenn sie auch nicht wußten, weshalb. Denn der Fremde hatte die Stimme und das majestätische Wesen eines Mannes, dem der ›unbekannte Gott‹ wirklich die Verbreitung seines Glaubens aufgetragen hatte.« Jone hatte mit teilnehmender Aufmerksamkeit zugehört, und der tiefe Ernst des Erzählers verriet den Eindruck, welchen die Mitteilungen eines der Anwesenden in jener Versammlung, der an dem Hügel des heidnischen Mars die ersten Nachrichten von den Lehren Christi verkündet wurde, auch auf ihn gemacht hatten. 19. Das prächtige Haus des Diomedes lag unmittelbar vor dem Stadttor, wo die Straße der Gräber begann. Dem Tore etwas näher befand sich auf der entgegengesetzten Seite ein großes Wirtshaus, wo die, welche ihrer Geschäfte oder des Vergnügens wegen nach Pompeji kamen, häufig einkehrten. Jetzt standen vor diesem Wirtshause Wagen, Karren und anderes Fuhrwerk, von denen einiges erst angekommen, anderes schon wieder im Begriff war, abzugehen. Vor der offenen Haustür des Diomedes saß auf einer der Stufen, die hinaufführten, Medon, der alte Sklave. »Hast du schon die Neuigkeit gehört, alter Medon?« fragte ein junges Mädchen mit einem Krug in der Hand, indem sie einen Augenblick bei ihm stehen blieb, um zu plaudern, bevor sie in dem benachbarten Wirtshaus ihren Krug füllte. »Was für eine Neuigkeit?« fragte der Sklave, indem er flüchtig aufblickte. »Nun, heute morgen, wahrscheinlich als du noch schliefst, ist durch dieses Tor etwas ganz Neues in Pompeji einpassiert!« »Wirklich?« fragte der Sklave gleichgültig. »Ja, es war ein Geschenk von dem edlen Pomponianus.« »Ein Geschenk! Du sagst ja, es sei eine große Neuigkeit gewesen.« »Es ist beides. So wisse denn, daß es ein herrlicher, junger Tiger für unsere bevorstehenden Spiele im Amphitheater ist. Oh, das wird entzückend sein! Ich werde nicht schlafen können, bis ich das Tier gesehen habe. Es soll köstlich brüllen.« »Arme Närrin!« sagte Medon. »Schelte mich nicht, alter Graubart! Ein Tiger ist ein hübsches Tier, wenn wir nur jemanden fänden, der ihm vorgeworfen werden könnte. Wir haben jetzt schon einen Löwen und einen Tiger, bedenke das, Medon! Und bloß, weil wir nicht auch zwei Verbrecher haben, wird es vielleicht nötig sein, die armen Tiere gegeneinander zu hetzen. Aber dein Sohn ist ja ein Gladiator, ein junger, starker Mensch, kannst du ihn nicht überreden, daß er es mit dem Tiger aufnimmt? Versuche es doch, du würdest mir einen großen Gefallen tun. Ja, du würdest selbst ein Wohltäter der ganzen Stadt werden.« »Ei was!« erwiderte der Sklave unwillig. »Denke an deine eigene Gefahr, statt daß du meinem Sohne den Tod wünschest.« »Meine eigene Gefahr?« sagte das erschrockene Mädchen, indem es sich ängstlich umsah. »Möge die böse Weissagung zunichte werden und deine Worte auf dein eigenes Haupt zurückfallen.« Indem sie dieses sprach, berührte sie einen Talisman, der an ihrem Busen hing. »Meine eigene Gefahr – welche Gefahr droht mir denn?« »War das Erdbeben vor einigen Nächten keine Warnung für dich?« sagte Medon. »Sprach es nicht deutlich, und sagte es nicht zu uns allen: Bereitet euch zum Tode vor, das Ende aller Dinge ist nahe?« »Bah, was für Einfälle. Da du solche Redensarten führst wie die Nazarener, so glaube ich, du bist selbst einer von ihnen. Mit dir altem Sünder läßt sich nicht mehr sprechen; du wirst immer schlimmer. O Herkules, schicke uns einen Mann für den Löwen und einen anderen für den Tiger!« Damit hüpfte das junge Mädchen, indem es mit heller und klarer Stimme ein übermütiges Liedchen sang, nach dem lärmerfüllten Wirtshaus hinüber. »Mein armer Sohn«, sprach der Sklave halblaut. »Sollst du solcher Schändlichkeiten wegen deinem Tode entgegengehen? O christlicher Glaube, schon des Abscheus wegen, den du gegen diese blutigen Schlächtereien einflößest, würde ich aufrichtig dir angehören.« Der alte Mann ließ trostlos sein Haupt auf die Brust sinken. Er blieb stumm und schien in tiefes Nachdenken versunken, nur trocknete er sich dann und wann mit dem Zipfel seines Ärmels die Augen. Seine Gedanken waren mit seinem Sohne beschäftigt. Er sah den jungen Mann nicht, der mit schnellen Schritten stolz und ungestüm von dem Tore her sich näherte, und erhob seine Augen nicht, bis jener, der Stelle gegenüber, wo er saß, stehen blieb und mit sanfter Stimme ihn anredete: »Vater!« »Mein Sohn, mein Lydon, bist du es wirklich?« sagte der alte Mann freudig. »Ach, ich dachte soeben an dich!« »Das ist mir lieb, mein Vater!« sagte der Gladiator, indem er ehrerbietig die Knie und den Bart seines Vaters berührte. »Und bald werde ich immer, nicht bloß in deinen Gedanken, bei dir sein.« »Ja, mein Sohn, aber nicht in dieser Welt«, erwiderte der Sklave traurig. »Sprich nicht so, lieber Vater! Sieh nicht so schwarz in die Zukunft. Auch ich tue es nicht, ich hoffe, daß ich in dem Kampfe Sieger bleibe, und dann erkauft das Geld, welches ich gewinne, deine Freiheit.« »Mein armer Sohn!« sagte der alte Sklave, indem, langsam die Stufen hinansteigend, er den Gladiator in seine kleine Kammer führte. »So fromm und vortrefflich auch die Beweggründe deines Unternehmens sind, so wäre doch die Tat selbst eine Sünde. Du stehst im Begriff, dein Blut zu vergießen, um die Freiheit deines Vaters zu erlangen – dieses könnte noch entschuldigt und vergeben werden. Aber der Preis des Sieges ist zugleich das Blut eines anderen. Und das ist eine Todsünde, sie läßt sich auch durch den edelsten Zweck nicht rechtfertigen. Stehe ab von deinem Unternehmen, ich will lieber für immer ein Sklave bleiben, als durch solche Bedingungen die Freiheit erkaufen!« »Liebster Vater«, erwiderte Lydon etwas ungeduldig. »Du bist zu gewissenhaft geworden in deinem neuen Glauben, von dem ich dich bitte, nicht mit mir zu sprechen, denn die Götter, welche mir die Kraft gewährten, verweigerten mir die Weisheit, und ich verstehe kein Wort von dem, was du mir vorpredigst. Du hast in diesem neuen Glauben einige sonderbare Begriffe von Recht und Unrecht aufgegriffen. Verzeihe, wenn ich dich beleidige, aber bedenke! Mit wem soll ich kämpfen? Oh, wenn du diese Elenden kenntest, mit denen ich bloß deinetwegen Umgang habe, so würdest du überzeugt sein, daß ich ein gutes Werk tue, wenn ich die Erde von einem derselben befreie. Es sind blutdürstige Ungeheuer, die außer ihrem Mut kein anderes menschliches Gefühl haben. Sie kennen keine Dankbarkeit, kein Mitleid, keine Liebe. Dürfen deine Götter, sie mögen sein, wie sie wollen, einen Kampf mit Menschen wie diese, und für eine solche Sache, mißbilligen?« Der alte, arme Sklave, der von einfachem Verstand und erst vor kurzer Zeit zum christlichen Glauben bekehrt worden war, wußte nicht, mit welchen Beweisgründen er eine so finstere und doch in ihren Irrtümern so edle Unwissenheit widerlegen sollte. Die Worte versagten ihm, und schließlich brach er in Tränen aus. »Und wenn deine Gottheit«, fuhr Lydon fort, »in der Tat das wohlwollende und menschenfreundliche Wesen ist, wie du behauptest, so wird er auch wissen, daß dein Glaube an ihn mich zuerst in dem Entschlusse, den du tadeln willst, befestigte.« »Wieso – was meinst du?« sagte der Sklave. »Du weißt ja, daß ich in meiner Kindheit als Sklave verkauft, in Rom durch meinen Herrn freigelassen wurde, dessen Wohlwollen ich glücklich genug gewesen war, mir zu erringen. Ich eilte nach Pompeji, um dich zu sehen – ich fand dich alt und hinfällig, unter dem Joch eines launenhaften und eigensinnigen Gebieters – du warst seit kurzem zu diesem neuen Glauben übergetreten, und deine Sklaverei wurde dir durch ihn doppelt empfindlich. Hast du mir nicht erzählt, daß du häufig zu Diensten gezwungen wurdest, die dir als Nazarener sündhaft erscheinen? Mußt du nicht den Göttern Opfer darbringen, obgleich du fürchtest, dadurch in der Ewigkeit schrecklichen Qualen zu begegnen? Ich verstehe von alledem nichts, aber ich bin dein Sohn, und meine Pflicht ist es, dich zu retten und zu befreien. Konnte ich deine Seufzer, deine Angst vor jenen geheimnisvollen Schrecknissen ungerührt anhören und untätig dabei bleiben? Nein, bei den unsterblichen Göttern! Der Gedanke kam mir wie ein Blitzstrahl vom Olympus. Ich war arm, doch ich war jung und kräftig – dadurch konnte ich dir dankbar sein und dich retten. Ich erkundigte mich nach der Summe, die deine Befreiung kosten würde – ich erfuhr, daß der gewöhnliche Gewinn eines siegenden Gladiators doppelt so viel betrage. So wurde ich ein Gladiator und begab mich unter diese verworfenen Menschen. Ich habe ihre Künste eingeübt, und es wird mir dadurch möglich sein, meinen Vater zu befreien!« »Oh, könntest du den Olinthus hören!« seufzte der alte Mann, der immer mehr von dem Edelmut seines Sohnes ergriffen wurde, aber nichtsdestoweniger von dem Sündhaften seines Vorhabens überzeugt blieb. »Ich will anhören, wen du willst,« sagte der Gladiator, »doch nur dann, wenn du kein Sklave mehr bist. Unter deinem eigenen Dach, mein Vater, kannst du den ganzen Tag, und wenn es dir Vergnügen macht, auch die Nacht, deinen Grillen nachhängen. Oh, ich habe dir einen herrlichen Fleck ausgesucht! Ich will das Öl und den Wein für dich kaufen, mein Vater – und dann, wenn es der Venus gefällt, oder wenn es ihr auch nicht gefällt, da du den Namen nicht gern hörst, mir ist es einerlei – dann, sage ich, findet sich vielleicht auch noch eine Tochter für dich, die deine grauen Haare auskämmt, und du wiegst niedliche Kinderchen auf den Knien, die dich ›Lydons Vater‹ nennen. Ach, wir werden so glücklich sein – mit dem Kampfpreise kann ich alles bezahlen. Freue dich, sei lustig, mein Alter! Jetzt muß ich aber fort. Komm, gib mir deinen Segen.« Medon war tiefgerührt. »So segne ich dich denn, mein guter Sohn«, sagte er. »Und möge jener große Geist, der in allen Herzen liest, den Edelmut des deinigen erkennen und dir deine Irrtümer vergeben!« Der Gladiator ging schnell von dannen; die Blicke des Sklaven folgten seinem leichten, aber festen Gang, bis er ihn nicht mehr sehen konnte, und indem er nochmals auf seinen Sitz zurücksank, heftete er wieder die Augen auf den Boden. Er saß stumm und unbeweglich wie ein Steinbild. »Darf ich eintreten?« sagte eine süße Stimme. »Ist deine Gebieterin Julia zu Hause?« Der Sklave gab mechanisch ein bejahendes Zeichen, dann blickte er aus seinen Träumen empor und sah jetzt erst das blinde Blumenmädchen. Das Unglück erregte die Teilnahme des Alten. Er erhob sich und führte sie bis an die nächste Treppe, wo er einer Sklavin rief, die Nydia hinaufbegleitete. Die elegante Julia saß, von ihren Dienerinnen umgeben, in ihrem Zimmer und war mit ihrer Toilette beschäftigt. Nachlässig lehnte sie in ihrem Sessel zurück, während eine Sklavin ihr langsam eine Masse kleiner Locken übereinander türmte, wobei sie in geschickter Weise die falschen unter die echten mischte, bis ein höchst kunstvolles Haargebäude entstanden war. Als dieses fertig war, wurden die Augenlider und Augenbrauen mit einem schwarzen Pulver bestrichen und dadurch den Augen jener sanfte und sehnsüchtige Ausdruck gegeben, den man im Morgenlande noch jetzt durch diese Vorrichtung ihnen zu verleihen pflegt. Ein kleines Schönpflästerchen, in der Form eines halben Mondes geschnitten und auf geschickte Weise neben den rosigen Lippen angeheftet, zog die Aufmerksamkeit auf die Grübchen in den Wangen und auf die Zähne, deren natürlichen Glanz zu erhöhen bereits alle mögliche Sorgfalt aufgewendet worden war. Einer anderen, bisher unbeschäftigten Sklavin wurde jetzt das Amt übertragen, ihrer Gebieterin die Juwelen anzulegen, die Ohrringe mit Perlen, die massiven goldenen Armbänder, die Halskette aus demselben Metall, an der ein in Kristall geschnittener Talisman sich befand. Die schöne Agraffe auf der linken Schulter, der purpurne Gürtel, reich mit Goldfäden gestickt, und endlich die vielen Ringe, welche die weißen und zarten Finger bedeckten. Die Toilette war jetzt nach der neuesten Mode zu Rom vollendet. Die schöne Julia betrachtete sich nochmals mit vieler Selbstgefälligkeit im Spiegel, und indem sie sich wieder auf ihren Sitz zurücklehnte, befahl sie der jüngsten ihrer Sklavinnen, ihr die sanften Elegien des Tibullus vorzulesen. Diese Vorlesung war noch nicht beendet, als eine Sklavin Nydia in das Zimmer einführte. »Heil dir, Julia!« sagte das Blumenmädchen, indem es einige Schritte vortrat und die Arme vor der Brust kreuzte. »Ich habe deinen Befehlen Folge geleistet.« »Das ist recht, Blumenmädchen, komm näher und setze dich!« Eine der Sklavinnen setzte einen Stuhl hin, und Nydia ließ sich nieder. Julia sah die Thessalierin einige Augenblicke etwas verlegen an, darauf winkte sie ihren Sklavinnen, sich zu entfernen und befahl, die Tür zu verschließen. Als sie allein waren, sagte sie, indem sie sich abwendete, da sie, wie es schien, vergessen hatte, daß das Mädchen ihre Züge nicht beobachten könne: »Du dienst der Neapolitanerin Jone?« »Ich bin gegenwärtig bei ihr«, antwortete Nydia. »Ist sie so schön, als man sagt?« »Ich weiß nicht,« erwiderte Nydia, »wie kann ich es beurteilen?« »Ach, ich habe nicht daran gedacht, aber du kannst hören, wenn auch nicht sehen. Sagen dir die anderen Sklavinnen nicht, ob sie schön ist?« »Sie erzählen mir, daß sie schön ist.« »Hm! Sagen sie auch, daß sie schlank sei?« »Ja.« »Nun, das bin ich auch. Hat sie schwarze Haare?« »Man sagte mir es.« »Die habe ich auch – und besucht sie Glaukus häufig?« »Täglich«, erwiderte Nydia, mit einem halb unterdrückten Seufzer. »Also täglich! Gefällt sie ihm?« »Ich denke, weil sie sich bald heiraten werden.« »Heiraten!« rief Julia, indem sie unter der falschen Röte auf ihren Wangen erblaßte und von ihrem Sitz aufsprang. Nydia konnte jedoch die Unruhe, welche sie veranlaßt hatte, nicht bemerken. Julia schwieg eine Zeitlang, aber der Unwille, der sich in ihren Zügen malte und ihre funkelnden Augen würden jedem, der sehen konnte, verraten haben, wie sehr ihre Eitelkeit verletzt worden war. »Man sagt, du seiest eine Thessalierin«, sagte sie nach einer Pause. »Allerdings.« »Thessalien ist das Land der Zaubereien und der Hexen, der Talismane und der Liebestränke«, sagte Julia. »Es war immer wegen seiner Zaubereien berühmt«, erwiderte Nydia schüchtern. »Weißt du, blindes Mädchen, auch etwas von Liebeszauber?« »Ich?« sagte das Blumenmädchen errötend. »Wie sollte ich dergleichen wissen? Nein, gewiß nicht!« »Desto schlimmer für dich. Ich hätte dir Geld genug geben können, um deine Freiheit zu erkaufen, wenn du in diesen Dingen unterrichtet gewesen wärest.« »Aber was kann«, fragte Nydia, »die schöne und reiche Julia zu dieser Frage veranlassen? Ist sie nicht jung, liebenswürdig und reich? Sind dieses nicht hinlängliche Zauber, um der Magie entbehren zu können?« »Für alle, außer für eine Person in der Welt«, erwiderte Julia. »Doch deine Blindheit scheint ansteckend zu sein – und – genug davon –« »Und wer ist jene eine Person«, fragte Nydia neugierig. »Jedenfalls ist sie nicht Glaukus«, erwiderte Julia schnell gefaßt. Nydia holte jetzt ruhiger Atem, und nach einer kleinen Pause fuhr Julia fort: »Aber diese Anhänglichkeit des Glaukus an jene Neapolitanern erinnerte mich an den Einfluß der Liebeszauber, die sie vielleicht, wenn ich es auch nicht bestimmt weiß und es mich überhaupt nicht kümmert, auf ihn angewendet hat. Blindes Mädchen, ich liebe, und – sollte Julia es wohl gestehen? – ich werde nicht wiedergeliebt! – Dieses verletzt meinen Stolz. Ich möchte diesen Undankbaren zu meinen Füßen sehen – nicht, um ihn wieder zu erheben, nein, um ihn meine Verachtung empfinden zu lassen. Als ich vernahm, du seiest eine Thessalierin, glaubte ich, daß du in den finsteren Geheimnissen deines Vaterlandes bewandert seiest.« »Ach nein«, seufzte Nydia. »Ich wollte, es wäre so!« »Aber hast du nie«, fuhr Julia fort, »von einem geheimnisvollen, morgenländischen Zauberer in Pompeji gehört, der seltsamer Künste mächtig sein soll? Er ist kein eitler Chiromant, kein Taschenspieler, wie man sie auf den Marktplätzen findet, sondern ein großer Magier aus Indien oder Ägypten!« »Aus Ägypten, ja«, sagte Nydia, indem sie ein Schauder erfaßte. »Welcher Pompejaner hätte nicht schon von Arbaces gehört!« »Arbaces, richtig!« erwiderte Julia, indem sie sich des Namens erinnerte. »Man sagt, er sei ein Mann, weit erhaben über alle leeren Anmaßungen unwissender Betrüger, der in der Kenntnis der Gestirne bewandert ist. Warum nicht auch in denen der Liebe?« »Wenn es einen Magier in der Welt gibt, dessen Kunst der aller anderen überlegen ist, so muß es jener Mann sein«, antwortete Nydia, und während sie dieses sprach, berührte sie ihren Talisman. »Er ist zu reich, um für Geld zu zaubern«, sagte Julia. »Könnte ich ihn nicht besuchen?« »Es ist ein gefährliches Haus für die Jugend und die Schönheit«, erwiderte Nydia. »Ein gefährliches Haus?« sagte Julia interessiert. »Wieso?« »Es werden dort, wenigstens sagt das Gerücht so, abscheuliche mitternächtliche Orgien gefeiert.« »Bei der Ceres, beim Pan und bei der Cybele! Du erregst mir statt der Furcht nur Neugierde«, erwiderte die kecke und leichtsinnige Pompejanerin. »Ich will ihn aufsuchen und über die Liebe befragen. Wenn auch die Liebe bei jenen Orgien zugelassen wird, so ist es desto wahrscheinlicher, daß er deren Geheimnisse kennt.« Nydia antwortete nicht. »Ich will ihn noch heute besuchen«, fuhr Julia fort. »Nein, warum nicht sogleich?« »Bei Tage, und in seinem jetzigen Zustande hast du gewiß am wenigsten zu befürchten«, antwortete Nydia. Ein plötzliches Verlangen war in ihr aufgestiegen, zu erfahren, ob wohl der finstere Ägypter wirklich jene Zauber kenne, durch welche die Liebe erregt und gebannt werden sollte und von denen die Thessalierin schon so viel gehört hatte. »Und wer würde es überdem wagen, die Tochter des reichen Diomedes zu beleidigen?« sagte Julia hochmütig. »Ich will zu ihm gehen.« »Darf ich dich später wieder besuchen, um den Erfolg zu vernehmen?« fragte Nydia. »Ich muß dich küssen wegen der Teilnahme, die du an meiner Ehre nimmst. Ja, gewiß. Heute abend sind wir ausgebeten. Komm morgen um dieselbe Zeit wieder, und du sollst alles erfahren, ich werde überdem deine Dienste bald genug in Anspruch nehmen müssen. Nimm dieses Armband für den guten Einfall, den ich dir verdanke, und sei überzeugt, daß, wenn du der Julia gefällig bist, sie dafür dankbar sein wird.« »Ich kann dein Geschenk nicht annehmen«, sagte Nydia, indem sie das Armband auf den Tisch legte. »Aber so jung ich noch bin, kann ich, ohne dafür erkauft zu sein, mit denen Teilnahme fühlen, die lieben – ohne wiedergeliebt zu werden.« »Du sprichst wie ein freies Mädchen,« erwiderte Julia, »und du sollst durch mich frei werden. – Lebewohl!« 20. Arbaces saß in einem Zimmer, das nach seinem Garten auf eine Art Balkon oder Säulengang hinausging. Seine Wange war bleich und eingefallen durch die körperlichen Leiden, die er erduldet hatte, seine eiserne Natur hatte sich jedoch von den gefährlichen Folgen jenes Zufalles wieder erholt, der in dem Augenblick des vermeintlichen Sieges seinen schändlichen Absichten entgegengetreten war. Die erfrischende Luft, die seine Stirn kühlte, belebte die erschlafften Nerven, und das Blut strömte wieder ruhiger, als seit einigen Tagen in seinen matten Adern. »So ist also«, dachte er, »der Sturm des Schicksals vorübergegangen! Das Unglück, das mein Leben bedrohen sollte, ist erfolgt, und ich lebe noch! Es geschah, wie die Sterne es vorher verkündet hatten, und jetzt erwartet mich jenseits des Abgrundes die lange, glänzende und glückliche Laufbahn, welche jenem Unfall, wenn ich ihn überlebte, folgen sollte. Vor allen Genüssen, selbst vor dem der Liebe, will ich jetzt zuerst der Rache leben! Dieser griechische Knabe, der meiner Leidenschaft in den Weg getreten ist, der meine Pläne vernichtet, wird mir nicht wieder entrinnen. Aber welche Rache soll ich wählen? Das muß ich reiflich überlegen.« Der Ägypter versank in ein tiefes Nachdenken und überlegte einen Plan nach dem andern, ohne daß ihm aber ein genügend sicherer Anschlag einfallen mochte. Jetzt trat ein junger Sklave schüchtern in das Zimmer. »Eine nach ihrem Anzuge und dem der Sklavin, die sie begleitet, vornehme Frau ist eben eingetreten und wünscht Arbaces zu sprechen.« »Eine Frau!« Seine Pulse gingen schneller. »Ist sie jung?« »Ihr Gesicht wird durch den Schleier verborgen, doch scheint sie nach ihrer schlanken Gestalt jung zu sein.« »Führe sie zu mir«, sagte der Ägypter, und für einen Augenblick glaubte er, die Fremde könne Jone sein. Der erste Blick auf die Eintretende genügte jedoch Arbaces, ihm diesen Irrtum zu benehmen. »Entschuldige, daß ich dir nicht entgegenkomme«, sagte er. »Ich leide an einer Krankheit, die ich durchgemacht habe.« »Entschuldige, großer Ägypter!« erwiderte Julia, indem sie unter einer Schmeichelei die Furcht zu verbergen suchte, welche sie schon erfaßte. »Vergib einer Unglücklichen, die bei deiner Weisheit Trost sucht.« »Komm näher, schöne Fremde,« sagte Arbaces, »und sprich ohne Besorgnis und Rückhalt.« Julia setzte sich auf einen Lehnstuhl neben dem Ägypter und sah sich verwundert in einem Zimmer um, dessen kostbare Ausstattung selbst den Luxus in dem Hause ihres Vaters übertraf. Auch erfüllten sie die hieroglyphischen Inschriften an den Wänden, die mysteriösen Antlitze der Sphinxe, der Dreifuß in einer kleinen Entfernung, und vor allem das ernste und gemessene Benehmen des Arbaces selbst mit einem fast unheimlichen Gefühl. Ein langes, weißes Gewand bedeckte oben wie ein Schleier einen Teil seiner schwarzen Locken und ging bis auf die Füße herab, seine Züge waren durch seine bleiche Gesichtsfarbe nur desto ausdrucksvoller geworden, und seine dunklen, flammenden Blicke schienen den Schleier der Julia zu durchdringen und die Geheimnisse ihres eitlen und leeren Gemüts zu erforschen. »Und was,« sprach er mit leiser, tiefer Stimme, »was führt dich, o Mädchen, in das Haus des morgenländischen Fremden?« »Sein Ruf«, erwiderte Julia. »Und welcher?« sagte er mit einem ironischen Lächeln. »Kannst du noch fragen, o Arbaces? Ist nicht ganz Pompeji von dem Rufe deiner Weisheit erfüllt?« »Ich habe allerdings einige Kenntnisse gesammelt«, antwortete Arbaces. »Aber wie kann das Ohr der Schönheit so ernster Geheimnisse bedürfen?« »Ach«,sagte Julia, indem die gewohnten Töne der Schmeichelei sie aufheiterten. »Sucht nicht das Unglück Trost bei der Weisheit, und ist Liebe ohne Gegenliebe nicht das größte Unglück?« »Ha!« sprach Arbaces. »Kann unerwiderte Liebe das Los einer so schönen Gestalt sein? Würdige mich, o Mädchen, auch des Anblicks deiner Züge, denn gewiß ist, was der Schleier verbirgt, ebenso reizend.« Julia, welche vielleicht glaubte, durch ihre Reize den Magier für ihr Schicksal mehr zu gewinnen, schlug nach einigem Bedenken den Schleier zurück. »Du kommst, um unglücklicher Liebe wegen dir Rats bei mir zu holen«, sagte der Ägypter. »Liebeszauber gehören aber nicht zu den Dingen, mit denen ich mich in mitternächtlichen Studien befasse.« »Oh, das ist schade«, sagte Julia, und machte eine Bewegung, als ob sie aufbrechen wollte. »Bleibe noch«, sagte der Ägypter, welcher, trotz seiner Leidenschaft für Jone, durch die Schönheit der Julia nicht ungerührt geblieben war. »Bleibe noch, denn wenn ich auch die Zauberei der Liebestränke denen überlassen habe, die sich mit solchem Treiben beschäftigen, so war ich doch nicht so unempfindlich gegen die Schönheit, daß auch ich in meiner früheren Jugend dieser Mittel mich nicht bedient haben sollte. Ich kann dir wenigstens Rat geben, wenn du aufrichtig gegen mich sein willst. Willst du vielleicht einen reichen Geliebten gewinnen?« »Ich bin reicher als der, welcher mich verachtet.« »Das ist seltsam, und du liebst ohne Gegenliebe?« »Ich weiß nicht, ob ich ihn liebe«, erwiderte Julia stolz. »Aber ich weiß, daß ich gern über meine Nebenbuhlerin triumphieren möchte – ich wünschte den, welchem ich gleichgültig bin, in Liebe zu mir entbrennen zu sehen.« »Das ist ein ganz natürlicher weiblicher Wunsch«, sagte der Ägypter, anscheinend ganz ernst. »Aber willst du, schönes Mädchen, mir nicht den Namen deines Geliebten anvertrauen? Kann er, wenn er Reichtum verachtet und selbst gegen die Schönheit blind ist, ein Pompejaner sein?« »Er ist aus Athen«, erwiderte Julia, indem sie die Augen niederschlug. »Ha!« rief der Ägypter heftig, indem ihm das Blut in die Wangen stieg. »Ich kenne bloß einen jungen und edlen Athener in Pompeji. Kann es Glaukus sein, von dem du sprichst?« »Ach, verrate mich nicht, dieses ist allerdings sein Name.« Jetzt wurde die Aufmerksamkeit des Arbaces in höherem Grade erregt. Konnte diese Zusammenkunft, die ihm bisher, da er sich nur mit der Leichtgläubigkeit und Eitelkeit des jungen Mädchens unterhalten hatte, unbedeutend erschienen war, für seine Rache nicht vielleicht Mittel darbieten? »Ich sehe, du kannst mir nicht beistehen«, sagte Julia, die durch sein Stillschweigen sich verletzt fühlte. »Verrate wenigstens mein Geheimnis nicht! Lebewohl!« »Ich will«, sprach der Ägypter im ernsten Ton, »deinen Wunsch erfüllen. Höre mich; ich selbst habe mit diesen Künsten mich nicht beschäftigt, aber ich kenne eine Zauberin, die darin bewandert ist. An dem Fuße des Vesuvs, kaum eine Stunde von der Stadt, wohnt eine mächtige Hexe. Bei dem Schein des Neumondes hat sie Kräuter gesammelt, welche die Eigenschaft besitzen, die Liebe für ewig zu fesseln. Ihre Künste vermögen es, das Herz deines Geliebten dir zuzuwenden. Suche sie auf und nenne ihr den Namen des Arbaces, sie fürchtet diesen Namen und wird dir gewähren, was du verlangst.« »Ach,« erwiderte Julia, »wie sollte ich die Hexe, von der du sprichst, in diesen wilden Schluchten auffinden. Die ganze Gegend ist gefährlich durch ihre Abgründe und Höhlen und dicht mit wilden Weinstöcken verwachsen. Ich mag mich auch nicht fremder Führung anvertrauen, denn der Ruf eines jungen Mädchens ist leicht untergraben. Und Glaukus will die Neapolitanerin doch schon in den nächsten Wochen heiraten.« »Heiraten! Weißt du das ganz bestimmt?« »Ihre eigene Sklavin hat es mir erzählt.« »Es wird nicht geschehen,« sagte Arbaces heftig; »fürchte nichts, Glaukus soll der Deinige werden. Aber wie kannst du jenen Liebestrank, wenn du ihn bekommst, ihm beibringen?« »Mein Vater hat Glaukus, und ich glaube, auch die Neapolitanerin, auf übermorgen zu einem Feste eingeladen. Ich werde dann Gelegenheit dazu haben.« »So sei es!« sagte der Ägypter, indem ein wildes Feuer in seinen Augen leuchtete. »Für morgen abend halte deine Sänfte in Bereitschaft; ich werde dich vor der Stadt in einem Gebüsch bei der Statue des Silenus erwarten und dich selbst zur Hexe hinführen. Geh nach Hause und sei unbesorgt. Arbaces, der Zauberer Ägyptens, schwört es beim Hades, daß Jone nimmer die Gattin des Glaukus werden soll!« »Und daß Glaukus der Meinige wird?« fügte Julia hinzu, indem sie glaubte, den unvollendeten Satz ergänzen zu müssen. »Du hast es gesagt!« erwiderte Arbaces, und Julia beschloß, wenn sie dieser unheimlichen Zusammenkunft auch mit Schrecken entgegensah, dennoch, vielleicht mehr durch Eifersucht als durch Liebe veranlaßt, sich dort einzufinden. Als Arbaces wieder allein war, brach er in die Worte aus: »Glänzende Sterne, die ihr nimmer lügt, eure Versprechungen gehen schon in Erfüllung. In dem Augenblick, da ich vergeblich die Mittel meiner Rache suchte, schickt ihr mir diese schöne Närrin als Werkzeug. – Ja,« fuhr er, nachdem er einige Augenblicke in tiefes Sinnen verloren gewesen, mit ruhigerer Stimme fort, »ich selbst konnte ihr das Gift nicht geben, der Verdacht wegen seines Todes wäre auf mich gefallen! – Aber die Hexe! Ja, sie ist das geeignetste und natürlichste Werkzeug meiner Absichten!« Er rief einen seiner Sklaven und befahl ihm, der Fremden schnell nachzugehen und ihren Namen und Stand zu erforschen. Nachdem dies geschehen, ging er mit noch wankenden Schritten in den Säulengang. Der Himmel war klar und heiter, aber Arbaces, tief erfahren in den Zeichen der Witterung, sah aus einer Masse von Wolken, die der Wind am fernen Horizont langsam zu bewegen anfing, daß ein Gewitter bevorstehe. »Dies ist ein Gleichnis meiner Rache,« sagte er, »der Himmel ist heiter, doch die Gewitterwolke nähert sich.« 21. Glaukus und Jone hatten, als die Hitze des Tages nachließ, eine Spazierfahrt unternommen, um den kühlen und angenehmen Abend zu genießen. Sie benutzten dazu einen kleinen zweirädrigen Wagen und waren nur von einer Sklavin der Jone begleitet. Einige Stunden von der Stadt befand sich zu jener Zeit eine alte Ruine, die Überbleibsel eines griechischen Tempels, und da für Glaukus und Jone alles, was Griechenland betraf, von Interesse war, so hatten sie den Entschluß gefaßt, diese Ruinen zu besuchen. Der Weg, der anfangs durch Weingärten und Olivenwäldchen ging, wurde immer rauher, je mehr er sich den Vesuv hinaufwand. Die Abendsonne warf lange Schatten über den Berg, hier und da hörten sie auf dem wilden Buschwerk die ländliche Musik des Schäfers ertönen. Über ihnen schwebten leichte Wolken in dem heiteren Himmel, die sich kaum zu bewegen schienen, während sich ihnen dann und wann zur rechten Seite eine Aussicht auf die See eröffnete, in der das Sonnenlicht jenes wunderbare Farbenspiel bildete, welches hier einen so eigenartigen Reiz hervorbringt. »Wie schön und gütig ist doch die Mutter Erde«, sagte Glaukus in einem halb flüsternden Ton. »Selbst den unfruchtbarsten Gegenden entzieht sie ihre Gaben nicht, und auf dem kahlen und verbrannten Boden jenes erloschenen Vulkans gedeiht noch der Weinstock.« Sie kamen bei den Ruinen an und betrachteten in ihnen die geheiligten Spuren ihrer Vorfahren. Sie verweilten dort, bis der Abendstern am rosigen Himmel erschien, und in schweigsamem Glück traten sie den Rückweg an. Die Gewitterwolken, welche der Ägypter vorhergesehen hatte, sammelten sich jetzt über ihren Häuptern. Zuerst verkündete ein ferner, aber lauter Donner den bevorstehenden Kampf der Elemente, und darauf zogen sich plötzlich die dunklen, schweren Wolken am Himmel zusammen. Das Gewitter entwickelte sich mit riesiger Schnelligkeit. Einige schwere Tropfen drangen durch die Zweige, welche über ihrem Wege hingen, und kurz darauf blendete der helle Blitz, der die ganze Gegend mit magischem Licht erleuchtete und sogleich wieder in das Dunkel zurücksinken ließ, ihre Augen. »Fahre schneller, guter Carricarius,« sagte Glaukus, »das Gewitter droht.« Der Sklave trieb die Maulesel an, sie zogen den Wagen schnell über den rauhen, steinigen Weg. Die Wolken zogen sich immer dichter zusammen, immer lauter tönte der Donner, und in Strömen goß der Regen herab. »Fürchtest du dich?« flüsterte Glaukus, indem er Jone näherrückte. »In deiner Gesellschaft fürchte ich mich nicht«, erwiderte sie sanft. In diesem Augenblick geriet der Wagen in ein tiefes Geleise, über dem ein Baumstamm lag. Der Sklave trieb mit einem Fluch seine Maultiere noch schneller an, das Rad wurde aus seiner Achse gehoben, und der Wagen fiel plötzlich um. Glaukus, der keinen Schaden genommen hatte, sprang schnell auf, um Jone beizustehen. Auch sie war unverletzt geblieben, und mit einiger Anstrengung wurde der Wagen wieder emporgehoben. Sie fanden jedoch, daß er ihnen keinen Schutz mehr gewähren konnte. Das Verdeck war nämlich zertrümmert, und der Regen strömte in das Innere. Was war unter diesen Umständen anzufangen? Während der Sklave eilig zu einer entfernter liegenden Schmiede lief, um das Rad wieder einsetzen zu lassen, führte Glaukus die Neapolitanerin nach einem der dichtbelaubtesten Bäume in der Nähe. Er bedeckte sie mit seinem Mantel, aber auch dadurch konnte der herabströmende Regen nicht abgehalten werden, und plötzlich, als Glaukus seiner schönen Begleiterin noch Mut zusprach, fuhr der Blitz in einen der dicht vor ihnen stehenden Bäume und zersplitterte mit einem ungeheuren Gekrach dessen dicken Stamm. Hierdurch wurde ihnen die Gefahr deutlich, welche ihnen an ihrem Zufluchtsorte drohte, und der Grieche sah sich ängstlich nach einer sicheren Stelle um. »Wir sind jetzt«, sagte er, »auf der halben Höhe des Vesuvs; es muß hier irgendeine Höhle in den Felsen sein, wenn wir sie nur finden könnten, um uns dorthin zu flüchten.« Als er, einige Schritte vortretend, seine Blicke spähend nach dem Berge richtete, sah er, nicht weit von ihnen, den Schein eines rötlichen Lichts. »Dieser Strahl«, sagte er, »muß von dem Herde irgendeines Schäfers oder Winzers kommen, wir werden dort ein Obdach finden.« Jone nickte, und der Grieche führte sie und die zitternde Sklavin dem Lichte zu. Immer schneller und wilder strömte jetzt der Regen herab, die flammenden Blitze folgten sich in kurzen Zwischenräumen. Desungeachtet drangen sie vor, indem sie hofften, doch endlich zu einer Hütte oder Höhle zu gelangen. Plötzlich legte sich der Regen, und vor sich erblickten sie zerrissene und rauhe Massen verwitterter Lava, die der schnell wechselnde Blitz nur noch schrecklicher erscheinen ließ. Bisweilen schwebte der flammende Strahl über den grauen Felsen, die teilweise mit Moos oder Gebüsch und verkrüppelten Bäumen bedeckt waren, als suche er vergeblich einen seiner Wut würdigeren Gegenstand. Die Liebenden stiegen besorgt und ungewiß über das Ziel, den Pfad immer weiter hinauf, als plötzlich durch einen hellen Blitz, der einen lichten Schimmer zurückließ, die Landschaft blendend erhellt wurde. Es war kein Haus in der Nähe zu sehen, doch glaubten sie in der Höhle, aus welcher ein Licht drang, eine menschliche Gestalt zu erblicken. Jetzt umgab sie wieder dichte Finsternis, aber sie konnten jetzt den Weg zu dem Licht nicht mehr verfehlen, und bald standen sie der Öffnung einer Höhle gegenüber, die durch große, übereinandergefallene Felsenstücke gebildet zu sein schien. Indem sie in diesen Raum blickten, fühlten sie sich unwillkürlich von Furcht und Entsetzen ergriffen. Es brannte in der Höhle ein Feuer, über welchem ein kleiner Kessel hing. Auf einer dünnen, eisernen Säule stand eine Lampe, und an jenem Teile der Felsenwand, wo das Feuer brannte, hingen mehrere Reihen von Kräuterbündeln, welche dort trocknen sollten. Ein vor dem Feuer liegender Fuchs starrte mit seinen großen, rötlichen Augen die Fremden an. Sein Haar sträubte sich, und zwischen den grinsenden Zähnen stieß er einen hohlen Ton hervor. In der Mitte der Höhle sah man eine irdene Statue, welche drei Köpfe von seltsamer und phantastischer Bildung trug, und zwar einen Hunde-, einen Pferde- und einen Bärenkopf. Vor dieser Darstellung der Hekate stand ein kleiner Dreifuß. Unheimlicher aber als alle diese Gegenstände war der Anblick eines alten Weibes, das, vor dem Feuer sitzend, von den Flammen beschienen wurde. In dem schrecklichen Antlitz, dessen unbewegliche Augen sie anstarrten mit Blicken, welche die ihrigen festbannen und bezaubern zu wollen schienen, in den blauen Lippen, den eingefallenen, bleichen Wangen, den hervorstehenden Backenknochen, dem langen, dünnen, grauen Haar, der gelben, runzligen Haut, sahen sie eine Erscheinung, wie nur das Grab selbst sie darzubieten vermag. »Es ist eine Leiche«, sagte Glaukus. »Nein, es bewegt sich, es ist ein Geist, ein Gespenst«, stammelte Jone, indem sie sich an die Brust des Atheners schmiegte. »Oh, fort, fort von hier«, flüsterte die Sklavin. »Es ist die Hexe des Vesuvs!« »Wer seid ihr?« sprach jetzt eine hohle und geisterartige Stimme. »Und was wollt ihr hier?« Dieser schreckliche und unheimliche Ton, der ganz mit der furchtbaren Erscheinung im Einklang stand und der die Stimme keines lebenden Sterblichen, sondern mehr die eines von dem Styx zurückgekehrten Schatten zu sein schien, würde Jone in das fürchterlichste Unwetter zurückgetrieben haben, hätte sie nicht Glaukus, trotz ihres Widerstrebens, in die Höhle gezogen. »Wir sind durch das Unwetter überfallen worden«, sagte er, »und suchen Schutz und Hilfe an deinem Herde.« »Kommt an das Feuer, wenn ihr wollt«, sagte die Alte zu Glaukus und seinen Begleiterinnen. »Ich bewillkommne sonst nie ein lebendiges Wesen – nur die Eule, den Fuchs, die Kröte und die Schlange. Aber kommt ohne Willkommen an das Feuer; weshalb sollen wir Komplimente machen?« Während die Hexe sie so in ihrer rohen und sonderbaren Sprache anredete, blieb sie unbeweglich sitzen, indes Glaukus Jone half, den Mantel abzulegen, und ihr einen Sitz auf einem Holzhaufen bereitete. Die Sklavin, durch das Beispiel ihrer Gebieterin ermutigt, legte ebenfalls ihre lange Palla ab und suchte sich ängstlich auf der anderen Seite des Herdes einen Sitz. »Ich befürchte, daß wir dich stören«, sagte Jone mit einschmeichelnder Stimme. Die Hexe erwiderte nichts, sie erschien wie ein Wesen, welches für einen Augenblick von den Toten auferstanden, darauf aber gleich in den ewigen Schlummer zurückverfallen war. »Hast du schon lange hier gewohnt?« fragte Glaukus nach einer Pause, als dieses unheimliche Stillschweigen ihm unerträglich wurde. »Ja, gewiß – schon sehr lange!« »Es ist aber ein trauriger Aufenthalt.« »Ha! Das kannst du wohl behaupten – die Unterwelt befindet sich unter unseren Füßen!« erwiderte die Alte, indem sie mit ihrem knöchernen Finger nach der Erde zeigte. »Und ich will dir ein Geheimnis mitteilen. Die Schrecknisse da unten bereiten Vernichtung für euch hier oben vor, für euch, die ihr jung seid und schön und lebensfroh.« »Aus deinem Munde kommen böse Worte«, sagte Glaukus. »Künftig will ich lieber dem Gewitter als deinem Willkommen entgegengehen.« »Daran wirst du wohl tun. Es sollte mich niemand aufsuchen als der Unglückliche.« »Und weshalb nur der Unglückliche?« fragte Glaukus. »Ich bin die Hexe des Berges«, erwiderte sie mit einem höhnischen Lächeln. »Mein Geschäft ist, den Hoffnungslosen zu helfen. Für die unglückliche Liebe habe ich Zaubertränke, den Geizigen verspreche ich Schätze. Auch der Rachsucht gebe ich Tränke. Für die Glücklichen und Guten habe ich, wie das Leben auch, nur Flüche. – Störe mich jetzt nicht mehr.« Nach diesen Worten beobachtete die schreckliche Bewohnerin dieser Höhle ein so hartnäckiges Stillschweigen, daß die Bemühungen des Glaukus, wieder eine Unterredung mit ihr anzuknüpfen, vergeblich waren. Sie verriet durch keine Bewegung ihrer harten Züge, daß sie ihn auch nur anhöre. Glücklicherweise legte sich aber jetzt der Sturm, der ebenso kurze Zeit gedauert hatte, als er heftig gewesen war. Der Regen ließ immer mehr nach, und als nun auch die Wolken sich verzogen, drang der milde Strahl des Mondes wieder herab und beleuchtete alle Winkel dieses schrecklichen Ortes. Nie hatte der Mond vielleicht eine der Kunst des Malers würdigere Gruppe beschienen. Die junge Jone, in der Blüte ihrer Schönheit, saß an dem Feuer, ihr Geliebter, der die Anwesenheit der Hexe schon zu vergessen anfing, lag ihr zu Füßen, aufwärts schauend in ihr holdes Antlitz und süße Worte der Liebe flüsternd. Die blasse und ängstliche Sklavin saß in einiger Entfernung, und die furchtbare Hexe mit ihren ertötenden Blicken starrte sie abwechselnd an. Der Fuchs beobachtete sie noch immer aus seinem Winkel mit scharfen und glühenden Blicken, und als Glaukus jetzt wieder die Hexe betrachtete, bemerkte er zum erstenmal gerade unter ihrem Sitz die glänzende Haut und den erhobenen Kopf einer großen Schlange. Sei es nun, daß die lebhaften Farben des Mantels, welchen der Athener über die Schultern der Jone gelegt hatte, des Tieres Zorn reizten, oder geschah es aus einem anderen Grunde, die Schlange erhob den Kopf mit ihren funkelnden Augen immer mehr, als mache sie sich zu einem Sprunge gegen die Neapolitanerin bereit. Glaukus ergriff schnell einen der halb verbrannten Feuerbrände von dem Herde, worauf die Schlange, wahrscheinlich dadurch noch wütender gemacht, hervorsprang, und mit lautem Zischen sich zu einer Höhe erhob, die fast der des Griechen gleichkam. »Hexe!« schrie Glaukus. »Rufe deine Bestie zurück, oder ich töte sie.« »Sie ist nicht giftig«, sagte die Alte, welche infolge seiner Drohung aufgestanden war, aber ehe sie noch diese Worte ausgesprochen, war die Schlange auf Glaukus zugesprungen. Dieser bog sich, es bemerkend, schnell und gewandt zur Seite und versetzte dem Tier einen so gewaltigen und richtig angebrachten Schlag auf den Kopf, daß es niederfiel und sich in der Asche wand. Die Hexe trat wütend vor und sah Glaukus mit einem Ausdruck an, wie die wildeste der Furien ihn nicht schrecklicher haben konnte. »Du hast«, schrie sie mit gellender Stimme, »bei mir Schutz und Obdach gefunden und an meinem Feuer dich erwärmt. Du hast Gutes mit Bösem vergolten. Du hast das Tier verwundet, das mir lieb war und das allen Göttern geheiligt ist. Bei dem Mond, dem Beschützer der Zauberin, beim Orkus, wo die Rache wohnt, ich fluche dir und du sollst verflucht sein! – Möge deine Liebe unglücklich, dein Name verachtet sein, mögen die Unterirdischen dich bezeichnen; möge dein Herz verdorren und absterben und deine letzte Stunde noch dich an die Prophezeiungen der Zauberin des Vesuvs erinnern!« Dann wollte sie sich zu Jone wenden, aber Glaukus fiel ihr schnell ins Wort. »Höre auf, Schreckliche«, rief er. »Mich hast du verflucht, und ich unterwerfe mich dem Beschluß der Götter. Ich trotze dir und verachte dich, aber sprich nur ein Wort gegen jenes Mädchen, und ich will den Fluch deiner schändlichen Lippen in deinen Sterbefluch verwandeln. Nimm dich in acht!« »Ich habe nichts mehr hinzuzufügen,« erwiderte die Hexe, indem sie wild auflachte, »denn in deinen Fluch ist deine Geliebte mit eingeschlossen, und um so mehr, da ich aus ihrem Munde deinen Namen hörte, und jetzt weiß, mit welchem Wort ich dich den Dämonen zu übergeben habe. Glaukus – du bist verflucht!« – Nachdem die Hexe diese Worte gesprochen, kniete sie neben der Schlange nieder, die sie vom Herde zog, und sah ihre Gäste mit keinem Blick mehr an. »Oh, Glaukus,« sprach Jone ängstlich, »was haben wir getan? Laß uns forteilen von diesem schrecklichen Orte, der Sturm und Regen hat sich gelegt. Vergib ihm, gute Alte, nimm deinen Fluch zurück, er beabsichtigte bloß, sich zu verteidigen. Nimm dieses Friedensopfer an, um, was du gesagt, zu widerrufen.« Und Jone trat vor und legte ihren Geldbeutel in den Schoß der Zauberin. »Fort, fort!« rief diese grimmig. »Den Fluch, der einmal gesprochen ist, können nur die Parzen widerrufen – fort!« »Komm, Teure!« sagte Glaukus ungeduldig. »Glaubst du, daß die Götter über oder unter uns die ohnmächtigen Rasereien der Verrücktheit hören? – Komm!« Die Hexe gab keine Antwort mehr, sondern schlug ein langes und helles Gelächter auf, dessen Echo in der Höhle widerhallte. Die Liebenden atmeten freier, als sie in die frische Abendluft getreten waren, doch die Szene, deren Zeugen sie gewesen, die Worte und das Gelächter der Hexe erfüllten das Herz der Jone noch mit Schrecken, und selbst Glaukus vermochte sich noch nicht ganz diesen Eindrücken zu entziehen. Das Gewitter war vorüber; nur dann und wann rollte noch ein schwacher Donner in den entfernteren Wolken. Mit vieler Mühe fanden sie den Weg zu ihrem Wagen, der jetzt wieder hinlänglich für die Rückreise instand gesetzt worden war, und sie gelangten bald an die Tore der Stadt. Aber vergeblich waren die Bemühungen des Glaukus, Jone aufzuheitern. »Ach,« sagte sie, indem sie in Tränen ausbrach, »mein Gemüt wird immer mehr durch üble Vorbedeutungen beängstigt. Schützt uns, o Götter, oder wenigstens«, murmelte sie bei sich selbst, »schützt meinen Glaukus!« 22. Arbaces hatte gewartet, bis das Gewitter verzogen war, um im Dunkel der Nacht die Hexe des Vesuvs aufzusuchen. Er lag ausgestreckt in seiner Sänfte, welche durch seine treuesten Sklaven getragen wurde, denen er gewohnt war, sich in seinen geheimsten Unternehmungen anzuvertrauen. Auf dieser kurzen Strecke bewegten sie sich fast ebenso schnell wie die Maulesel in ihrem gewöhnlichen Schritt, und Arbaces kam bald an einen engen Pfad, den die Liebenden verfehlt hatten, der aber durch die wilden Weinreben auf dem kürzesten Wege zu der Wohnung der Hexe führte. Hier ließ er die Sänfte anhalten, und indem er den Sklaven befahl, sich in dem Gebüsch zu verbergen, damit sie nicht etwa durch einen zufällig vorbeigehenden Wanderer bemerkt würden, stieg er allein, seine noch schwachen Glieder durch einen langen Stab unterstützend, den steilen Abhang hinauf. Von dem heiteren Himmel fiel kein Regen mehr, aber an den Rebenblättern hingen noch große Tropfen, und das Wasser hatte sich in dem felsigen Wege hier und da gesammelt. Als er die Öffnung der Höhle erblickte, blieb er einen Augenblick stehen, um sich etwas zu erholen, und trat dann ruhig und gefaßt hinein. Der Fuchs sprang auf und verkündete seiner Gebieterin durch ein widerliches Heulen die Ankunft eines neuen Gastes. Die Hexe saß wieder, ruhig wie eine Leiche, neben dem Feuer, und zu ihren Füßen lag die verwundete Schlange auf trockenem Moose, durch das sie halb bedeckt wurde. »Zurück, Sklave!« sagte die Hexe zum Fuchs, und das Tier kroch stumm, aber wachsam in seinen Winkel zurück. »Erhebe dich, Dienerin der Nacht und des Erebus«, sagte Arbaces in befehlendem Ton. »Ein Mächtiger in deiner Kunst grüßt dich! Erhebe dich und heiße ihn willkommen!« Die Hexe erhob jetzt ihren Blick zu der gewaltigen Gestalt und den finsteren Zügen des Ägypters. Sie betrachtete ihn lange und mit unverwandtem Auge, als er in seinem morgenländischen Gewand, mit übereinandergeschlagenen Armen und stolzer, gebieterischer Stirn vor ihr stand. »Wer bist du,« sagte sie endlich, »der du dich mächtiger nennst als die Zauberin der brennenden Felder und als die Tochter des untergegangenen etruskischen Geschlechts?« »Ich bin der,« erwiderte Arbaces, »den alle Zauberer vom Norden zum Süden, vom Osten zum Westen, vom Ganges zum Nil, von den Tälern Thessaliens bis zu den Ufern der gelben Tiber als ihren Lehrer anerkennen.« »Ich kenne nur einen solchen Mann in dieser Gegend,« sagte die Hexe, »den die gewöhnlichen Menschen, unbekannt mit seinen höheren Eigenschaften, Arbaces, den Ägypter nennen. Uns, die wir in diesem geheimen Wissen erfahrener find, ist er unter dem Namen: Hermes mit dem flammenden Gürtel bekannt.« »So schaue mich an,« sagte Arbaces, »ich bin es.« Indem er dieses sagte, zog er sein Gewand zurück und zeigte einen scheinbar feurigen Gürtel, der um seinen Leib flammte und in dessen Mitte auf einer Platte ein Zeichen eingegraben war, dessen Bedeutung der Hexe bekannt sein mußte, denn sie stand schnell auf und warf sich dem Arbaces zu Füßen. »Ich bin glücklich,« sagte sie mit demütiger Stimme, »den Herrn des mächtigen Gürtels zu sehen. Ich bringe dir meine Huldigung dar!« »Stehe auf,« sagte der Ägypter, »ich bedarf deiner Dienste.« Damit setzte er sich auf einen Holzstamm und winkte der Hexe, wieder Platz zu nehmen. »Du behauptest,« sagte er, »eine Tochter des alten etruskischen Geschlechts zu sein, von dessen Felsenstädten noch jetzt die gewaltigen Mauern verächtlich auf das Räubergeschlecht hinabschauen, welches seiner uralten Herrschaft sich bemächtigt hat. Diese Stämme kamen teils aus Griechenland, teils waren sie Flüchtlinge aus einem noch brennenderen Klima. In jedem Fall bist du ägyptischen Ursprungs, denn die Griechen, welche die eingeborenen Stämme von Hellas unterwarfen, waren unruhige Söhne Ägyptens, die vom Nil verbannt wurden. Auch deine Vorfahren, o Zauberin, schworen daher in jedem Fall den meinigen Unterwürfigkeit. Durch Geburt schon bist du Arbaces untertan, wie auch in deinem geheimen Wissen. Jetzt höre mich an und gehorche!« Die Hexe neigte ihr Haupt. »Welche geheimen Zauberkünste wir auch besitzen mögen,« fuhr Arbaces fort, »so müssen wir doch oft, um unsere Zwecke erreichen zu können, zu natürlichen Mitteln unsere Zuflucht nehmen. Auch die höheren Geheimnisse des Mondes entbinden selbst den Besitzer des flammenden Gürtels nicht immer von der Notwendigkeit, dann und wann für menschliche Zwecks menschliche Mittel anzuwenden. So höre mich denn! Du kennst, wie ich glaube, genau die Eigenschaften aller giftigen Kräuter, du weißt, welche Säfte die Lebenskraft zerstören und das Blut in den jungen Adern erstarren machen können. Morgen abend kommt zu dir ein eitles Mädchen, welches von deiner Kunst einen Liebeszauber erheischen wird, um von einer anderen die Augen abzuwenden, welche nur ihre Liebe gestehen sollen. Statt eines Liebestrankes aber gib dem verliebten Mädchen eines deiner gefährlichsten Gifte. Möge der Liebende seine Gelübde den Schatten vorseufzen.« Die Hexe zitterte am ganzen Leibe. »O vergib, vergib, schrecklicher Meister!« sagte sie stammelnd. »Aber das wage ich nicht. Das Gesetz ist in diesen Städten streng und wachsam. Sie werden mich ergreifen und mit dem Tode bestrafen.« »Für welche Zwecke brauest du denn deine Getränke?« sagte Arbaces spöttisch. »Oh,« sagte sie mit einer ungewöhnlich sanften und klagenden Stimme, »vor Jahren war ich nicht, was ich jetzt bin. Ich liebte; ich glaubte, wiedergeliebt zu werden. Aber eine andere entzog mir meinen Auserwählten. Ich gehörte zu jenem etruskischen Stamme, dessen Mitglieder fast alle in den Geheimnissen der finsteren Magie bewandert waren. Meine Mutter selbst war eine Zauberin – sie teilte das Rachegefühl ihres Kindes. Aus ihren Händen empfing ich den Trank, der mir meinen Geliebten wiedergewinnen, von ihr auch das Gift, welches meine Nebenbuhlerin töten sollte. Oh, zerschmettert mich, ihr Felsenwände! Meine zitternden Hände verwechselten die Gefäße, mein Geliebter fiel mir allerdings zu Füßen, aber tot, tot! Welchen Wert hat seit jener Zeit das Leben für mich gehabt? Ich alterte zusehends, ich ergab mich den Zauberkünsten meines Stammes. Durch einen unwiderstehlichen Antrieb muß ich mich noch stets selbst mit einer schrecklichen Strafe züchtigen. Noch immer suche ich die schädlichsten Kräuter, noch immer bereite ich Gifte zu.« Der Ägypter betrachtete sie mit einem kalten Blick. »Deine Geschichte ist allerdings schrecklich,« sagte er, »aber solche Leidenschaften sind nur für die Jugend geeignet, das Alter muß uns hart und unempfindlich machen. Doch jetzt höre: Der Jüngling, den ich aus meinem Wege räumen will, hat meinen geheimen Künsten selbst getrotzt. Dieser lächelnde Wüstling, ohne Geist und Gefühl, der keinen anderen Vorzug hat als den der Schönheit, dieses Insekt, dieser Glaukus – ich sage dir, beim Orkus und bei der Nemesis, er muß sterben!« Und der Ägypter schritt bei diesen Worten, uneingedenk seiner Schwäche und alles vergessend, außer seiner Rache, wild und ungestüm in der dunklen Höhle auf und ab. »Du nanntest Glaukus, mächtiger Meister?« sagte die Hexe, und ihr dunkles Auge funkelte bei diesem Namen mit aller jener Glut der Rache, die der Einsame und Verachtete auch bei der Erinnerung kleinerer Beleidigungen so heftig zu fühlen pflegt. »Ja, so heißt er, aber was kümmert dich der Name? Laß ihn wenigstens nach drei Tagen nicht mehr als den eines Lebenden genannt werden!« »Höre mich!« sprach jetzt die Hexe, indem sie wie aus einem Traum zu erwachen schien. »Ich bin deine Sklavin und deine Magd, schone mich! Wenn ich dem Mädchen, von welchem du sprichst, gäbe, was du verlangst, so würde es gewiß entdeckt werden, denn die Toten finden immer Rächer. Nein, furchtbarer Mann, wenn dein Besuch bei mir, dein Haß gegen Glaukus bekannt würde, so könnten deine Zauberkünste vielleicht kaum dich selbst schützen!« »Ha!« sagte Arbaces, und plötzlich hielt er inne. Zum erstenmal dachte er daran, welcher Gefahr er sich durch die rücksichtslose Befriedigung seiner Rache aussetzen konnte. »Aber«, fuhr die Hexe fort, »wenn ich ihm nur etwas gebe, was das Gehirn verwirrt und verdüstert, was den, der es verschluckt, unfähig für die gewöhnlichsten Geschäfte des Lebens macht, zu einem verworfenen, rasenden Wesen, wird dann deine Rache nicht auch befriedigt, dein Zweck ebenfalls erreicht sein?« »O Hexe, nicht länger die Dienerin, nein, die Schwester des Arbaces – um wie viel größer ist der Scharfsinn des Weibes selbst in der Rache als der unsrige! Um wieviel schrecklicher als der Tod ist ein solches Los!« »Und«, fuhr die Alte fort, indem sie ihren abscheulichen Plan immer mehr entwickelte, »dieses würde wenig Verdacht erregen können, denn unser Opfer kann aus vielen tausend Gründen, die man weiter nicht untersuchen wird, verrückt geworden sein. Mächtiger Hermes, habe ich dir nicht einen guten Rat gegeben?« »Du sollst zwanzig Jahre länger dafür leben«, sagte Arbaces. »Ich will eine neue Epoche deines Schicksals in die bleichen Sterne schreiben, du sollst nicht umsonst dem Herrn des flammenden Gürtels gedient haben. Und hier, Alte, grabe dir mit diesen goldenen Werkzeugen eine wärmere Zelle in deiner schrecklichen Höhle aus. Ein Dienst, den du mir leistest, soll dir einträglicher sein, als wenn du tausend staunenden Bauern deine Wahrsagungen verkaufst.« Indem er dieses sprach, warf er einen schweren Geldbeutel auf den Boden, der den Ohren der Hexe sehr angenehm klang, denn wenn sie auch viele Bequemlichkeiten entbehren konnte, so besaß sie doch gern die Mittel, durch welche diese zu erlangen sind. »Lebewohl,« sagte Arbaces, »beobachte gut die Sterne, wenn du deinen Trunk bereitest. Morgen abend besuche ich dich wieder.« Er hielt sich nicht länger auf, um die Danksagungen der Hexe anzuhören. Mit eilenden Schritten trat er aus der Höhle und eilte den Berg hinab. Die Zauberin hatte ihn bis zum Ausgang begleitet, und hier stand sie noch lange, ihm nachschauend, und als der bleiche Strahl des Mondes ihr leichenfarbenes Antlitz und ihre dürre Gestalt beschien, die gegen den dunklen Felsenhintergrund noch mehr hervorgehoben wurden, da schien es wirklich, als wenn ein mit übernatürlicher Magie begabtes Wesen aus dem finsteren Orkus hervorgestiegen sei und an dessen schwarzem Tore Wache halte. Die Hexe trat nun langsam wieder in ihre Höhle zurück, hob die schwere Börse auf, nahm die Lampe, und indem sie in den entferntesten Winkel ihrer Höhle sich begab, trat sie in einen schmalen, finsteren Gang, der, durch vorspringende Felsenecken verborgen, nur ganz in der Nähe sichtbar war. Sie stieg einige Schritte hinab und hob einen Stein auf, unter den sie ihren Schatz legte. Auch zeigte der Schein der Lampe mehrere Münzen von verschiedenem Wert, welche die Dankbarkeit und der Aberglaube ihr bereits früher verehrt und die sie hier verborgen hatte. Nachdem sie das glänzende Metall eine Weile mit gierigen Blicken betrachtet hatte, legte sie den Stein wieder zurecht, verfolgte den Gang noch einige Schritte weiter und blieb vor einer tiefen, unregelmäßigen Öffnung in der Erde stehen. Als sie hier lauschte, hörte sie von Zeit zu Zeit seltsame, polternde, donnernde Töne in der Entfernung, mit einem lauten, knirschenden Geräusch, als wenn Metalle sich gegeneinander rieben. Auch drang schwarzer, nach Schwefel riechender Rauch empor und verbreitete sich spiralförmig in der Höhle. »Die Schatten sind unruhiger als gewöhnlich«, sagte die Hexe, indem sie ihre grauen Locken schüttelte. Und als sie in die Höhlung sah, erblickte sie tief unten lange Streifen eines rötlichen Lichtes. »Sonderbar!« sprach sie, indem sie zurückbebte. »Erst seit den letzten zwei Tagen bemerke ich jene feurigen Erscheinungen – was können sie bedeuten?« Der Fuchs, welcher seine Gebieterin begleitet hatte, stieß ein widerliches Geheul aus und kroch nach der oberen Höhle zurück. Ein kalter Schauder erfaßte die Alte selbst, denn auch die Ängstlichkeit des Tieres schien ihr ein böses Omen zu sein. Sie murmelte ihren Gegenzauber, schwankte zitternd zurück und begab sich zu ihren Kräutern, um die Befehle des Ägypters zu erfüllen. In derselben Nacht und zu derselben Stunde, als Arbaces in jener unheimlichen Höhle die Hexe besuchte – wurde Apäcides getauft. 23. »Und du hast den Mut, Julia, heute abend die Hexe des Vesuvs, und noch dazu in der Begleitung jenes schrecklichen Mannes, zu besuchen?« »Glaubst du, Nydia,« erwiderte Julia ängstlich, »daß wirklich etwas zu besorgen sein möchte? – Weshalb sollte ich diese alten Wahrsagerinnen mit ihrem Zauberspiegel und ihren, im Mondschein gepflückten Kräutern fürchten?« »Fürchtest du aber deinen Begleiter nicht?« »Den Arbaces? Ich sah, bei der Diana, niemals einen höflicheren Mann als jenen Zauberer, und er würde sogar schön sein, wenn sein Gesicht nicht so braun wäre.« Wenn Nydia auch blind war, so hatte sie doch Beobachtungsgeist genug, um zu bemerken, daß Julia durch die Galanterien des Arbaces sich gerade nicht werde in Schrecken jagen lassen. Sie riet ihr daher weiter nicht ab, sie nährte vielmehr in ihrem aufgeregten Herzen den Wunsch, zu wissen, ob die Zauberin wirklich imstande sei, die Liebe zu fesseln. »Laß mich mit dir gehen, edle Julia«, sagte sie endlich. »Meine Anwesenheit gewährt zwar keinen Schutz, aber ich möchte gern dieses Abenteuer mit dir bestehen.« »Dein Anerbieten gefällt mir sehr«, erwiderte die Tochter des Diomedes. »Aber wie wird es mir möglich sein? Wir können erst spät zurückkehren – man wird dich vermissen.« »Jone ist nachsichtig«, erwiderte Nydia. »Wenn du mir erlauben willst, unter deinem Dache zu schlafen, so kann ich sagen, daß du, meine frühere Beschützerin und Freundin, mich eingeladen hast, einen Tag bei dir zuzubringen und meine thessalischen Lieder zu singen. Ich will sogleich hingehen, sie wird mir die Bitte gern gewähren.« Die schöne Pompejanerin erklärte sich einverstanden, und Nydia verabschiedete sich. Unterwegs begegnete sie dem Wagen des Glaukus, dessen mutige und stolze Rosse den Gegenstand allgemeiner Bewunderung bildeten. »Du blühst ja wie deine eigenen Rosen, meine liebliche Nydia, und wie befindet sich deine schöne Gebieterin?« »Ich habe sie heute morgen nicht gesehen«, erwiderte Nydia; »aber glaubst du, Jone werde mir erlauben, daß ich den heutigen Tag bei der Julia, der Tochter des Diomedes, zubringe? Sie wünscht es, und war gütig gegen mich, als ich noch wenige Freunde hatte.« »Die Götter mögen dein dankbares Herz segnen! Ich will für Jones Erlaubnis gutsagen!« »Darf ich denn auch die Nacht über dort bleiben?« fragte Nydia, indem sie sich durch das Lob beschämt fühlte, welches sie so wenig verdient zu haben sich bewußt war. »Wie es dir und der schönen Julia gefällt. Grüße sie von mir.« *** Als der Abend herannahte, stieg Julia in ihre Sänfte, in welcher auch noch Platz für ihre blinde Gefährtin war, und die Sklaven nahmen den Weg nach dem von Arbaces bestimmten Versammlungsort. In der Nähe befand sich eine Villa mit öffentlichen Bädern, wo sie ihre Sänfte niederstellen konnten. Dann gingen sie durch den Garten nach dem kleinen runden Glasplatz, auf dem die Statue des Silenus stand. »Ich sehe den Zauberer nicht«, sagte Julia, indem sie sich umsah. Doch kaum hatte sie diese Worte gesprochen, so trat der Ägypter in seinem weiten Gewande langsam aus dem Gebüsch. »Salve, süßes Mädchen! Doch wen hast du bei dir? Wir dürfen keine Begleitung haben.« »Es ist nur das blinde Blumenmädchen, weiser Zauberer«, erwiderte Julia. »Sie ist eine Thessalierin.« »Oh, Nydia,« entgegnete der Ägypter, »ich kenne sie ganz gut. Aber die Hexe sieht nicht gerne mehrere Gäste zugleich bei sich. Lasse Nydia hier, bis wir zurückkommen, sie kann uns nichts nützen. Und, was den Schutz betrifft, so genügt deine Schönheit – deine Schönheit und dein Rang. Ja, Julia, ich kenne deinen Namen und deinen Stand. Komm, vertraue dich mir an, schöne Nebenbuhlerin der jüngsten aller Najaden!« Der eitlen Julia gefielen die Schmeicheleien des Arbaces, und sie willigte bald ein, Nydia bis zu ihrer Rückkehr dort warten zu lassen. Auch drang diese sich keineswegs auf, denn die Stimme des Ägypters hatte wieder schreckliche Erinnerungen in ihr erweckt, die nur Neugierde und Eifersucht für einen Augenblick betäuben konnten. Sie fühlte sich erleichtert, als sie hörte, daß sie nicht mitgehen werde. Sie kehrte nach dem Bade zurück und wartete in einem der Zimmer bange Zeit auf die Rückkehr der Pompejanerin. Endlich aber wurde die Tür des Zimmers leise geöffnet. »Oh, Dank sei den unsterblichen Göttern!« sagte Julia. »Ich bin zurückgekehrt, ich habe jene schreckliche Höhle verlassen. Komm, Nydia, laß uns gleich wieder fort!« Erst als sie in der Sänfte saßen, sprach Julia weiter: »Ach,« sagte sie zitternd, »was für eine Szene habe ich erlebt! Und diese schrecklichen Zaubersprüche und das Leichengesicht der Hexe! Aber still davon! Ich habe den Trunk erhalten, sie verbürgt mir seine Wirkung. Meine Nebenbuhlerin wird ihm bald gleichgültig sein – und mich – mich allein wird Glaukus anbeten!« »Glaukus!« rief Nydia verwundert aus. »Ach, Mädchen, ich sagte dir zuerst, daß ich nicht den Athener liebe, aber ich sehe jetzt, daß ich mich dir vollkommen anvertrauen kann. Ich liebe allerdings den schönen Griechen!« Welche Gefühle bewegten jetzt das Herz der Nydia. Sie hatte dazu beigetragen, Glaukus von Jone zu entfernen, aber nur, um durch die ganze Macht der Zauberei seine Liebe auf eine andere zu übertragen. Nur mit Mühe gelang es ihr, die in ihr wogende Leidenschaft zu bewältigen. In der Finsternis konnte übrigens Julia nichts von der Aufregung ihrer Gefährtin bemerken. Die schöne Pompejanerin schwatzte nur über die versprochene Wirkung ihres Liebestrankes, sie frohlockte schon zum voraus über die Demütigung der Jone. Dann sprach sie wieder von den Schrecknissen der Szene, welche sie verlassen hatte, von dem ruhigen, festen Benehmen des Arbaces und der Ehrfurcht, welche die furchtbare Alte ihm erwiesen habe. Nydia war wieder zu sich gekommen. Es stieg ein Gedanke in ihr auf, sie schlief in dem Zimmer der Julia, konnte sie sich des Trankes nicht bemächtigen? Sie kamen in Diomedes Hause an und begaben sich in Julias Zimmer, wo das Abendessen sie erwartete. »Trinke, Nydia, es war kühl heute abend. Mir ist das Blut noch in den Adern erstarrt.« Und Julia stürzte große Becher des gewürzten Weins hinunter. »Du hast den Trank«, sagte Nydia. »Laß doch sehen, wie klein das Fläschchen ist! Welche Farbe hat die Flüssigkeit?« »Klar wie Kristall«, erwiderte Julia, indem sie das Fläschchen zurücknahm. »Man kann es von reinem Wasser nicht unterscheiden. Die Hexe versichert, es sei auch geschmacklos. Wenn es auch nur wenig ist, so genügt es doch, um die Treue des Geliebten für ewig zu fesseln. Es muß in eine andere Flüssigkeit geschüttet werden, und Glaukus kann bloß durch die Wirkung ahnen, was er verschluckt hat.« »Also unterscheidet es sich durchaus nicht von diesem Wasser?« »Nein, es ist ebenso farblos. Sieh, wie klar, als wenn es aus den Strahlen des Mondes bereitet wäre.« »Und wie ist das Fläschchen verschlossen?« »Nur durch einen kleinen Stöpsel – ziehe ihn fort – es ist ganz geruchlos. Seltsam, daß, was zu keinem Sinne spricht, alle Sinne beherrschen soll.« »Ist die Wirkung augenblicklich?« »Gewöhnlich – bisweilen wirkt es aber erst nach einigen Stunden.« »Oh, welcher herrliche Wohlgeruch!« sagte Nydia plötzlich, indem sie ein kleines Fläschchen vom Tische nahm und daran roch. »Gefällt es dir? Das Fläschchen ist mit Edelsteinen von einigem Wert besetzt. Du wolltest heute morgen das Armband nicht von mir annehmen, wirst du dieses Fläschchen auch ausschlagen?« »Solche Wohlgerüche, wie diese, müssen es sein, welche eine Blinde an die großmütige Julia erinnern könnten. Wenn das Fläschchen nur nicht zu kostbar ist.« »Oh, ich habe noch viel kostbarere. Behalte es, Kind!« Nydia bedankte sich und steckte das Fläschchen in ihren Gürtel. »Und wird der Liebestrank dieselbe Wirkung haben, von wem er auch beigebracht wird?« »Wenn das häßlichste, alte Weib unter der Sonne ihn Glaukus gäbe, so würde er sie und keine andere für schön halten.« Julia wurde jetzt, durch den Wein erhitzt, immer munterer und ausgelassener. Sie lachte laut und sprach über hundert verschiedene Gegenstände, und es war schon nach Mitternacht, als sie ihre Sklavinnen rief und sich auskleiden ließ. Als diese wieder entlassen waren, sagte sie zu Nydia: »Ich will diesen heiligen Trank nicht von mir lassen, bis die Stunde meines Triumphes kommt. Liege hier unter meinem Kopfkissen, glänzender Geist, und gewähre mir glückliche Träume!« Mit diesen Worten legte sie das Fläschchen unter ihr Kissen. Nydias Herz klopfte gewaltig. »Weshalb trinkst du bloß Wasser, Nydia? Mische es doch mit Wein.« »Ich habe etwas Fieber«, antwortete die Blinde. »Das Wasser tut mir wohl. Darum will ich auch diese Wasserflasche neben mein Bett stellen, damit ich mich erfrischen kann, wenn der Schlaf mich fliehen sollte. Schöne Julia, ich muß dich sehr früh verlassen, so will es Jone. Gestatte daher, daß ich mich jetzt schon verabschiede und dir alles Glück wünsche!« »Vielen Dank! – Wenn wir uns wiedersehen, wirst du Glaukus zu meinen Füßen finden.« Sie legten sich nieder, und Julia, durch die Anstrengungen des Tages ermüdet, schlief bald ein. Nicht so aber Nydia. Sorgsam lauschte sie auf das Atmen der Julia, bis ihr feines Ohr sie überzeugte, daß sie im tiefsten Schlafe liege. »Jetzt stehe mir bei, Venus!« sagte sie leise. Vorsichtig erhob sie sich aus dem Bett, nahm das Fläschchen, das Julia ihr verehrt hatte, und goß die darin befindliche wohlriechende Flüssigkeit auf den Marmorboden. Sie spülte es sorgfältig mehrere Male mit dem neben ihr stehenden Wasser aus, schlich sich an das Bett der Julia, griff mit zitternder Hand unter das Kopfkissen, und bemächtigte sich des Hexentrankes. Julia bewegte sich nicht, ihr Atem blieb regelmäßig und ungestört. Nydia eröffnete darauf das Fläschchen, goß dessen Inhalt in das ihrige, welches ihn bequem faßte, und indem sie jenes mit klarem Wasser wieder füllte, legte sie es sachte auf seine frühere Stelle. Darauf schlich sie sich wieder zu ihrem Bette und erwartete mit großer Ungeduld den Anbruch des Tages. Als die Sonne aufging, kleidete sich Nydia, während Julia noch in tiefem Schlummer lag, still an. Sie verbarg ihren Schatz sorgfältig in ihrem Gürtel, nahm ihren Stab und beeilte sich, das Haus zu verlassen. Der Türsteher Medon grüßte sie freundlich, als sie die Treppe hinabstieg, welche nach der Straße führte. Sie hörte ihn nicht. Ihr Gemüt war verwirrt und abwesend, und jeder Gedanke, den sie erfaßte, war eine Leidenschaft. Sie fühlte die frische Morgenluft auf ihren Wangen, ohne daß die schlagenden Pulse Kühlung empfunden hätten. »Glaukus,« sprach sie zu sich selbst, »auch die unwiderstehlichsten Liebeszauber könnten meine Liebe zu dir nicht erhöhen. Aber um deine Liebe, o Glaukus, handelt es sich. Dein Lächeln bestimmt mein Schicksal und dein Los. Oh, diese Hoffnung, diese Freude, dieses Entzücken! Dein Los ist in meinen Händen!« 24. Olinthus, der Bekehrer des Apäcides, war einer von diesen ernsten, kühnen und stolzen Naturen, die vor keinem Wagnis zurückschrecken, um der von ihnen erkannten Wahrheit zum Siege zu verhelfen. Kaum war Apäcides durch die Gebräuche der Taufe in die christliche Gemeinschaft aufgenommen worden, als der Nazarener ihm begreiflich machte, daß er jetzt seinen Priesterstand aufgeben müsse. Es war einleuchtend, daß, wenn er den wahren Gott anbetete, er selbst äußerlich nicht die Altäre des bösen Feindes länger ehren durfte. Doch dieses war noch nicht alles. Olinthus glaubte, gerade dieser Priesterstand des Apäcides könne ein Mittel werden, um das getäuschte Volk über die betrügerischen Orakel der Isis aufzuklären. Sie kamen, wie sie es vorher verabredet hatten, am Abend nach der Taufe des Priesters der Isis in dem Hain der Cybele zusammen. »Bei der nächsten feierlichen Befragung des Orakels«, sagte Olinthus, »tritt selbst an das Geländer vor, verkünde laut dem Volke den Betrug, den man sich erlaubt – fordere es auf, einzutreten und selbst Zeuge der groben, wenn auch listigen Taschenspielerei zu sein, welche du mir beschrieben hast. Fürchte nichts – der Herr, der den Daniel beschützte, wird auch dich in seinen Schutz nehmen; wir – die Christengemeinde, werden unter der Menge sein, und ich selbst werde, bei dem ersten Ausbruch des Unwillens und der Beschämung im Volke den Palmzweig, das Sinnbild der Heiligen Schrift, auf jenen Altar pflanzen – und meine Zunge wird beseelt werden durch den heiligen Geist des lebendigen Gottes!« In seiner frischen Begeisterung war dem Apäcides dieser Vorschlag gar nicht unangenehm. Er freute sich, dieser neuen Sekte durch entschiedenes Handeln dienen zu können, und es trieb ihn auch zugleich das Gefühl der Rache über die Täuschungen, deren Opfer er selbst gewesen war. Bereitwillig nahm er daher den Vorschlag an, und sie trennten sich mit der Verabredung, daß Olinthus über dieses große Unternehmen sich mit den Angesehensten seiner christlichen Brüder besprechen, ihren Rat einholen und ihrer Unterstützung für diesen wichtigen Tag sich versichern solle. Es traf sich gerade, daß am zweiten Tage nach dieser Zusammenkunft ein großes, der Isis geheiligtes Fest gefeiert werden sollte, und dieses bot die beste Gelegenheit für die Ausführung jenes Planes dar. Sie beschlossen, sich an demselben Ort am nächsten Abend wieder zu treffen und noch weiteres zu verabreden. Der letzte Teil der Besprechung hatte neben einer kleinen Kapelle stattgefunden, und kaum waren Olinthus und Apäcides verschwunden, da trat hinter dieser Kapelle die finstere und abschreckende Gestalt des Kalenus hervor. »Schade, daß ich nicht alles gehört habe, mein Herr Kollege«, murmelte er. »Aber jedenfalls werde ich morgen hier zur Stelle sein, und dann möge mir Osiris scharfe Ohren geben, damit ich euren unerhörten Plan ganz belauschen kann. Dann ist es auch Zeit, dem Arbaces Mitteilung zu machen. Für jetzt will ich schweigen.« Er schlug seinen Mantel um sich und schlich nachdenklich weiter. Als Apäcides, der unterdessen fest bei seinem Entschluß geblieben war, sich am nächsten Morgen von seinem Lager erhoben hatte, zog er, wie gewöhnlich, sein priesterliches Gewand an und begab sich nach dem Tempel. Er hatte, durch die Anstrengungen der letzten Tage erschöpft, bis tief in den Morgen geschlafen, und die Sonne beleuchtete das heilige Gebäude bereits mit ihren senkrechten Strahlen. »Heil dir, Apäcides!« sagte eine Stimme, deren natürliche Rauheit durch lange Gewohnheit einen fast widerlich süßen Ton angenommen hatte. »Du hast lange geschlafen. Hat die Göttin dich mit nächtlichen Visionen beglückt?« »Könnte sie ihr wahres Wesen dem Volke offenbaren, Kalenus, wie wenig besucht würden diese Altäre sein?« »Das mag wahr sein«, erwiderte Kalenus. »Doch die Göttin ist weise genug, nur mit den Priestern umzugehen.« »Es möchte eine Zeit kommen, wo sie wider ihren Willen entschleiert wird.« »Es ist nicht wahrscheinlich, sie hat seit vielen Jahrhunderten triumphiert, und was so lange der Zeit widerstanden hat, unterliegt selten der Neuerungssucht. Aber höre, junger Bruder, deine Redensarten sind sehr unvorsichtig.« »Dir gebührt am wenigsten, mir Schweigen zu gebieten«, erwiderte Apäcides stolz. »So hitzig! – Doch ich will nicht mit dir streiten. Hat der Ägypter dich nicht von der Notwendigkeit überzeugt, mein Apäcides, daß wir untereinander einig sein müssen? Hat er dir nicht bewiesen, daß es weise ist, das Volk zu täuschen, damit wir genießen können?« »Du bist also auch sein Schüler?« sagte Apäcides mit einem spöttischen Lächeln. »Ich bedurfte dieser Lehren aber weniger als du. Die Natur hatte mich bereits mit der Liebe zum Vergnügen und mit der Sehnsucht nach Macht und Reichtum begabt. Fürchte die Rache der Göttin, wenn du dieses Geheimnis verraten wolltest.« »Fürchte die Stunde, wenn das Grab geöffnet und die Fäulnis offenbart wird«, erwiderte Apäcides feierlich. Mit diesen Worten überließ er den Priester seinen Gedanken. Als er sich einige Schritte von dem Tempel entfernt hatte, sah er zurück. Kalenus hatte sich bereits nach dem Versammlungszimmer der Priester begeben, der weiße Tempel erhob sich glänzend in der Sonne. Die Altäre dampften von Weihrauch und waren mit Kränzen geschmückt. Der Priester blickte noch einmal gedankenvoll auf diese Szene – es war das letztemal für ihn! Er setzte darauf langsam seinen Weg nach dem Hause der Jone fort, denn er wollte seine einzige Verwandte, seine innigste wie seine erste Freundin noch sehen, bevor möglicherweise auch dieses Verhältnis für immer aufgelöst werde und er dem Verhängnis des nächsten Tages entgegenginge. Er kam an ihrem Hause an und fand sie mit Nydia im Garten. »Das ist herrlich, Apäcides,« sagte Jone freudig, »daß du endlich kommst. Wie sehnsüchtig habe ich dich erwartet! Warum hast du auf keinen meiner Briefe geantwortet? Oh, du hast deine Schwester vor der Schande geschützt. Was kann sie sagen, um dir zu danken, jetzt, da du endlich gekommen bist?« »Du bist mir keinen Dank schuldig, meine süße Jone, denn deine Sache war auch die meinige. Laß uns über jenen verworfenen Menschen nicht weiter sprechen – wie gehässig muß er uns beiden sein! Ich werde vielleicht bald Gelegenheit haben, die Welt von seiner angeblichen Weisheit und von seiner heuchlerischen Strenge zu überzeugen. Aber wir wollen uns setzen. Ich bin ermüdet durch die Hitze des Tages, wir wollen uns in jenen Schatten setzen, meine Schwester.« Unter einer Platane nahmen sie Platz, während Nydia sich nach einem anderen Teil des Gartens begab. »Jone, meine Schwester«, sagte der junge Priester. »Lege deine Hand auf meine Stirn und fühle, wie sie brennt. Auch deine Stimme laß mich hören, denn sie ist erfrischend und erquickend meinem Gemüt. Sprich mit mir, aber segne mich nicht! Sprich keines jener Worte, die wir in unserer Kindheit für heilig zu halten gelehrt wurden.« »Ach, und was soll ich dann sagen? Unsere Sprache ist so mit unserer Religion verwoben, daß ich kalt und gefühllos werden muß, wenn ich jede Beziehung auf unsere Götter aus meinen Worten verbanne.« » Unsere Götter! « murmelte Apäcides mit Schaudern. »Du handelst bereits gegen meinen Wunsch.« »Soll ich denn bloß von der Isis mit dir reden?« »Dem bösen Geiste! Nein, lieber bleibe stumm für immer, wenigstens, wenn es dir möglich ist – doch genug – genug davon. Nicht jetzt will ich mit dir streiten; nicht jetzt wollen wir miteinander rechten. Du betrachtest mich als einen Abtrünnigen, und ich schäme mich deiner als einer Götzendienerin. Nein, meine Schwester, laß uns diese Gedanken verbannen. Bei dir fühle ich mich ruhig. Für eine Zeit wenigstens kann ich die Vergangenheit vergessen. Wenn ich so vertraulich neben dir sitze, so denke ich, daß wir wieder Kinder sind und daß der Himmel uns beiden noch lächelt. Aber die Vergangenheit ist vorbei, und die Zukunft droht mit dunklen Schatten. Jone, wenn du Verleumdungen über mich hören würdest, könntest du ihnen wohl Glauben schenken?« »Nein, mein Bruder, niemals!« »Denkst du dir nicht; selbst nach deinem Glauben, daß das Unrecht dereinst bestraft und die guten Taten belohnt werden?« »Kann ich daran zweifeln?« »Glaubst du also auch, daß der wahrhaft Gute jeden selbstsüchtigen Vorteil der Tugend aufopfern muß?« »Wer so handelt, ist den Göttern ähnlich.« »Und du glaubst, daß der Zustand nach dem Grabe dem Maße des Verdienstes entsprechen wird?« »So müssen wir hoffen.« »Küsse mich, meine Schwester. Noch eine Frage – du wirst Glaukus vermählt. Vielleicht trennt uns diese Verbindung noch mehr, aber davon spreche ich jetzt nicht. Liebst du Glaukus? – Nein, Schwester, antworte aufrichtig.« »Ja«, flüsterte Jone errötend. »Fühlst du, daß du für ihn alles aufopfern, selbst Schande ertragen und dem Tode entgegengehen könntest? Ich habe gehört, daß die wahre weibliche Liebe bis zu diesem Übermaß geht.« »Alles das, mein Bruder, könnte ich für Glaukus tun, und es wäre mir nicht einmal ein Opfer, denn für die, welche wir lieben, gibt es kein Opfer.« »Genug! Wenn das Weib so für den Mann fühlt, wie muß dann der Mann für seinen Gott sich aufopfern?« Er sprach nichts mehr – sein ganzes Wesen schien mit einem höheren Leben erfüllt, seine Augen glühten, auf seiner Stirn war die Tatkraft eines Mannes zu lesen, der es wagen konnte, für seinen Glauben zu handeln. Seine Blicke begegneten denen der Jone, er küßte sie, drückte sie an seine Brust, und einen Augenblick darauf hatte er das Haus verlassen. Jone blieb noch lange nachdenkend und stumm sitzen. Ihre Sklavinnen erinnerten sie, daß der Abend herannahe und sie beim Diomedes eingeladen sei. Endlich erwachte sie aus ihren Träumereien und bereitete sich, nicht mit dem Stolze der Schönheit, sondern schwermütig und gleichgültig, zu dem Feste vor. Ein Gedanke nur versöhnte sie mit jenem Besuch, sie fand dort Glaukus, sie konnte ihm ihre Besorgnisse über ihren Bruder mitteilen. 25. Das Fest des Diomedes sollte ein ungewöhnlich glänzendes werden. Es waren im ganzen achtzehn Personen eingeladen. Außer dem liebenswürdigen Glaukus, der schönen Jone, dem würdigen Pansa, dem stattlichen Klodius, dem unsterblichen Fulvius, dem Stutzer Lepidus, dem Epikureer Sallust und anderen erwartete man einen beim Hofe einflußreichen römischen Senator und einen großen Krieger aus Herkulanum, der unter Titus gegen die Juden gekämpft hatte. Sallust und Glaukus, die auf dem Wege nach dem Hause des Diomedes waren, unterhielten sich über das bevorstehende Fest. »Dieser Diomedes ist ein recht einfältiger Alter«, sagte Sallust. »Aber er hat einige gute Eigenschaften – in seinem Keller.« »Und eine reizende – in seiner Tochter.« »Gewiß, Glaukus, aber diese Reize scheinen dich nicht sehr zu rühren. Ich denke, Klodius hat nicht übel Lust, dein Nachfolger zu werden.« »Er wird willkommen sein. Auf dem Bankett ihrer Schönheit wird gewiß kein Gast zurückgewiesen werden.« »Nun ja, sie ist weitherzig in ihrem Umgang. Aber wir sind es ja auch, sonst würden wir nicht mit diesem Taugenichts von einem Falschspieler verkehren.« »Du machst oft Anspielungen, als ob er im Spiel betrüge – glaubst du es wirklich?« »Mein teurer Glaukus, ein römischer Edler hat seine Würde zu behaupten, das kostet Geld. Klodius muß betrügen wie der gewöhnlichste Gauner, sonst kann er nicht als vornehmer Mann auftreten.« »Meinst du? Übrigens seit einiger Zeit spiele ich gar nicht mehr. Ach, Sallust, ich hoffe, daß ich eine törichte Jugend wieder gutmachen kann, wenn Jone mein Weib ist. Wir beide sind für Besseres geboren, als womit wir jetzt die Zeit vergeuden.« »Ach,« erwiderte Sallust in einem fast schwermütigen Tone, »was können wir mehr tun? Das Leben ist kurz, jenseits des Grabes ist es finster. Es gibt keine bessere Weisheit als die, welche sagt: Genieße!« »Ich zweifle, beim Bacchus!, oft, ob wir wirklich auch alles genießen, was das Leben uns darzubieten vermag.« »Ich bin ein mäßiger Mann«, erwiderte Sallust, »und mache auf das höchste nicht Anspruch. Wir sind alle wie Missetäter und betäuben uns, während wir am Rande des Grabes stehen, mit Wein und Myrrhen. Ich gestehe, daß ich zur Schwermut geneigt war, bevor ich mich so tapfer an das Trinken gab – seitdem bin ich wie neugeboren, mein Glaukus.« »Gut, Sallust, bei allen deinen Fehlern bist du der beste Wüstling, den ich je kennenlernte; und wäre ich in Lebensgefahr, so würdest du gewiß in ganz Italien der einzige Mann sein, der den Finger ausstreckte, um mich zu retten.« »Vielleicht geschähe es doch nicht, wenn ich gerade mitten im Essen wäre. Aber wir Italiener sind allerdings schreckliche Egoisten.« »Alle Menschen, die der Freiheit entbehren, sind es«, sagte Glaukus mit einem Seufzer. »Nur die Freiheit macht die Menschen fähig, sich füreinander aufzuopfern.« »Dann muß die Freiheit für einen Epikureer recht langweilig sein«, antwortete Sallust. »Doch da sind wir am Hause des Diomedes.« Die beiden jungen Leute traten in das Vestibül der großen Villa ein und gelangten durch einen Säulengang in einen großen Saal, in dem das Fest stattfinden sollte. Sie waren kaum angelangt, da trat die schöne Julia in einem prächtigen weißen, mit Perlen und Goldfaden gestickten Kleide in den Saal. Die beiden Gäste begrüßten sie mit den üblichen überschwenglichen Schmeicheleien, wurden aber bald durch neue Ankömmlinge abgelöst. Fast gleichzeitig traten Pansa mit seiner Gemahlin, Lepidus, Klodius und der römische Senator herein. Darauf erschien die Witwe Fulvia, dann der Dichter Fulvius, der außer dem Namen mit jener Witwe weiter keine Ähnlichkeit hatte; der Krieger aus Herkulanum mit seiner Umbra und die wenigen anderen Gäste. Jone blieb noch aus. Nach der Begrüßung brachten die Eingeladenen noch einige Zeit damit zu, den Saal mit seinen Bronzen, Gemälden zu bewundern. »Dies ist eine herrliche Statue des Bacchus!« sagte der römische Senator. »Eine Kleinigkeit«, erwiderte Diomedes. »Welche vortrefflichen Gemälde«, sagte Fulvia. »Kleinigkeiten«, antwortete der Besitzer. »Wie künstlich diese Kandelaber gearbeitet sind!« sagte der Krieger. »Wie künstlich!« wiederholte seine Umbra. »Kleinigkeiten! Kleinigkeiten!« entgegnete der Kaufmann. Glaukus war an eines der Fenster jener Galerie, die mit den Terrassen in Verbindung stand, getreten, und bald stand die schöne Julia neben ihm. »Ist es eine athenische Tugend,« sagte die Tochter des Kaufmanns, »diejenigen zu vermeiden, die wir einst aufsuchten?« »Nein – schöne Julia!« »Mir scheint es aber eine von den Eigenschaften des Glaukus zu sein.« »Glaukus vermeidet niemals einen Freund oder eine Freundin«, erwiderte der Grieche, indem er auf das letzte Wort einigen Nachdruck legte. »Darf sich Julia zu seinen Freundinnen zählen?« »Es wäre für den Kaiser selbst eine Ehre, eine so liebenswürdige Freundin zu besitzen.« »Du weichst meiner Frage aus«, erwiderte die verliebte Julia. »Schon, indem du so sprichst, ist dein Auge unruhig. Deine Gesichtsfarbe wechselt – du bewegst dich unwillkürlich – es zieht dich zu Jone hin.« In diesem Augenblick war Jone wirklich eingetreten, und Glaukus hatten die durch die eifersüchtige Schönheit bemerkten Bewegungen verraten. »Kann die Bewunderung eines weiblichen Wesens mich der Freundschaft eines anderen unwürdig machen? Rechtfertige nicht, o Julia, die Schmähungen der Dichter gegen dein Geschlecht.« »Allerdings, du hast recht, oder ich will es wenigstens glauben. Glaukus, noch einen Augenblick, du wirst dich mit Jone vermählen, nicht wahr? « »Wenn das Schicksal es gestattet, so ist es meine entzückende Hoffnung.« »Nun, so nimm denn von mir als Zeichen unserer neuen Freundschaft ein Geschenk für deine Braut an. Nein, weigere dich nicht. Wie du weißt, ist es unter Freunden gebräuchlich, der Braut und dem Bräutigam einige geringe Beweise der Achtung zu geben.« »Julia, ich kann dir keinen Beweis deiner Freundschaft verweigern. Ich will die Gabe wie ein Omen von der Fortuna selbst annehmen.« »Dann komm, wenn die Gäste fort sind, mit mir in mein Zimmer und empfange es aus meinen Händen. Aber vergiß es nicht.« Damit verließ sie Glaukus, der sich zu Jone begab, so wie Julia zur Gemahlin des Pansa. Die Witwe Fulvia und die Gattin des Ädils waren in einer wichtigen Unterredung begriffen. »Ich versichere dich, o Fulvia, daß nach den letzten Nachrichten aus Rom der Kopfputz mit den kurzen Locken aus der Mode gekommen ist. Man trägt das Haar jetzt, wie das der Julia, turm- oder auch helmförmig.« »Und niemand trägt das Haar, wie jene Neapolitanerin, nach griechischer Art?« »Was, auf der Stirn gescheitelt und hinten in einen Knoten gewunden? Oh, nein, wie lächerlich ist das! Es erinnert an die Statue der Diana. Aber diese Jone ist schön, nicht wahr?« »Sie gefällt den Männern, aber sie ist auch reich. Sie wird den Athener heiraten, ich wünsche ihr viel Glück. Ich denke, er wird ihr nicht lange treu bleiben. Diese Fremden sind sehr unbeständig.« »Ho, Julia,« sagte Fulvia, als die Tochter des Kaufmanns zu ihnen trat, »hast du den Tiger schon gesehen?« »Nein!« »Aber alle Damen sind hingegangen, um ihn zu sehen. Er ist so hübsch!« »Ich hoffe, wir werden irgendeinen Verbrecher oder sonst jemand für ihn und den Löwen finden,« erwiderte Julia; »dein Gemahl« (indem sie sich zu Pansas Gattin wendete) »scheint in dieser Angelegenheit sich nicht Mühe genug zu geben.« »Ja, die Gesetze sind nicht streng genug«, sagte die Angeredete. »Es gibt so wenige Verbrechen, für welche die Strafe der Arena stattfinden kann, und die Gladiatoren werden auch zu weichlich. Selbst die kühnsten von ihnen weigern sich, mit einem Löwen oder Tiger zu kämpfen.« Der Krieger trat in diesem Augenblick zu den Damen. »Es versöhnt mich mit dem Frieden,« sagte er, »wenn ich solche Schönheiten sehe.« »Oh, ihr Helden seid immer Schmeichler«, erwiderte Fulvia, indem sie sich beeilte, das Kompliment besonders auf sich selbst zu beziehen. »Bei dieser Kette, welche ich aus des Kaisers eigener Hand erhielt,« sagte der Krieger, indem er mit einer kurzen Kette spielte, die er um den Hals trug, »bei dieser Kette, ihr tut mir unrecht, ich bin ein aufrichtiger Mann, wie ein Soldat immer sein muß.« »Wie gefallen dir im allgemeinen die Damen in Pompeji?« fragte Julia. »Bei der Venus, sehr gut; es ist wahr, sie begünstigen mich etwas, und das macht meine Augen desto empfänglicher für ihre Reize.« »Wir lieben die Krieger«, sagte die Gattin des Pansa. »Ich sehe, es ist, beim Herkules!, fast unangenehm, in diesen Städten zu sehr ausgezeichnet zu werden. In Herkulanum klettern sie auf das Dach meines Atriums, um mich durch das Compluvium zu betrachten. Die Bewunderung der eigenen Mitbürger ist zuerst erfreulich, sie kann aber leicht lästig werden.« »Jawohl, o Vespius!« sagte der Dichter, welcher der Gruppe sich anschloß. »Ich finde es auch so.« »Du!« sagte der stattliche Krieger, indem er die kleine Gestalt des Dichters mit verächtlichen Blicken maß, »In welcher Legion hast du gedient?« »Ich kämpfe auf einem andern Gebiete als du«, sagte der Dichter. »Wisse, daß ich der Dichter Fulvius bin. Ich bin es, der die Krieger unsterblich macht.« Der Sohn des Mars fand hierauf keine Antwort, doch wurde jetzt zu seiner Freude das Zeichen für den Anfang des Festes gegeben. Diomedes, der die Zeremonie liebte, hatte einen Nomenklator aufgestellt, der jedem Gaste seinen Platz anwies. Der Sitz der Jone stand neben dem Ruhebett des Glaukus. Die Sitze waren mit Schildkrötenschalen ausgelegt, und auf ihnen lagen Federkissen, mit kostbaren babylonischen Stickereien geschmückt. Die Tafelaufsätze bestanden in kleinen Götterstatuen von Bronze, Elfenbein oder Silber. Das geheiligte Salzfaß und die Familienlaren fehlten nicht. Aber der ganzen Tafel und den Sitzen schwebte ein reicher Thronhimmel. An den Ecken eines jeden Tisches standen hohe Kronleuchter, denn der Saal war, obgleich die Sonne noch hell schien, verfinstert. Von Dreifüßen, die im Saale verteilt waren, erhob sich der köstliche Dampf von Myrrhen und Weihrauch, und an der Seitentafel waren herrliche Vasen und Silbergeschirr aufgestellt. Die Stelle unseres Tischgebetes vertrat stets eine den Göttern dargebrachte Libation, und der Vesta, als der Göttin der Häuslichkeit, galt gewöhnlich die erste. Nachdem diesem Gebrauch Genüge getan worden, streuten die Sklaven Blumen auf die Sitze, die Ruhebetten und den Fußboden und schmückten das Haupt eines jeden Gastes mit Rosenkränzen, in welche bunte Bänder und Efeu, letzterer, um den Wirkungen des Weins zu begegnen, eingeflochten waren. Diomedes hielt es jetzt für notwendig, einen Basileus oder König des Festes zu ernennen – ein wichtiges Amt, welches oft durch das Los, bisweilen, wie dieses Mal, durch den Wirt bestimmt wurde. Diomedes war nicht wenig in Verlegenheit, wen er zum König wählen sollte, als plötzlich seine Augen den munteren Blicken des Sallust begegneten, und wie durch eine Eingebung ernannte er den lebensfrohen Epikureer zum Range eines Königs des Trinkens. Sallust nahm mit gebührender Bescheidenheit diese Würde an. »Ich bin«, sagte er, »für die, welche tief trinken, ein gnädiger Fürst. Für die lässigen Trinker aber soll Midas selbst nicht strenger gewesen sein – darum seht euch vor!« Die Sklaven reichten den Gästen silberne Becken mit wohlriechenden Wassern, und nach der Abwaschung begann das Mahl, und die Tische bogen sich fast unter dem ersten Gange. Die anfangs einsilbige Unterhaltung gestattete Glaukus und Zone, jenes süße Geflüster zu wechseln, welches Liebenden mehr wert ist als alle Beredsamkeit. Julia beobachtete sie mit funkelnden Augen. »Wie bald werde ich ihre Stelle einnehmen«, dachte sie. Klodius aber, der an dem mittleren Tische saß, so daß er die Züge der Julia gut beobachten konnte, erriet ihre Stimmung und beschloß, dieselbe zu benutzen. Er sprach mit ihr über den Tisch in gewählten galanten Phrasen, und da er von vornehmer Geburt und von leidlichem Äußeren war, so blieb die eitle Julia nicht unempfindlich gegen seine Aufmerksamkeiten. Die Sklaven wurden fortwährend durch Sallust in Tätigkeit erhalten. Er ließ einen Becher dem anderen mit einer Schnelligkeit folgen, als sei er gesonnen, jene geräumigen Keller, die sich unter dem Hause des Diomedes befanden, ausleeren zu lassen. Der Kaufmann begann bereits seine Wahl zu bereuen, als eine Amphora nach der anderen wieder gefüllt werden mußte. »Entschuldige, o Senator,« sagte Sallust; »ich sehe, du wirst lässig, deine purpurne Borte kann dir hier nicht zugute kommen. Trinke!« »Bei den Göttern,« sagte der Senator hustend, »meine Lungen sind schon ganz erhitzt. Du übertriffst in deiner bewundernswerten Schnelligkeit den Phaethon selbst. Ich bin schwächlich, guter Sallust, du mußt Nachsicht mit mir haben.« »Ich nicht, bei der Vesta! Ich bin ein unparteiischer Monarch. Trinke!« Der arme Senator war gezwungen, den Befehlen des Königs zu gehorchen, obgleich ihm mit jedem Becher übler wurde. »Sachte, sachte, mein König,« sagte Diomedes, »wir fangen schon an zu–« »Verräterei!« unterbrach ihn Sallust. »Hier wird kein Brutus geduldet. Kein Verrat vor der königlichen Würde.« »Aber unsere weiblichen Gäste?« »Sie lieben die Trinker! Liebte die Ariadne nicht den Bacchus?« Das Fest nahm seinen Fortgang, die Gäste wurden immer redseliger und lauter. Das Dessert, oder der letzte Gang, war bereits auf dem Tische, und die Sklaven trugen Wasser mit Myrrhen und Ysop für die letzte Abwaschung umher. Zugleich öffnete ein kleiner, runder Tisch, der den Gästen gegenüber aufgestellt war, sich plötzlich und wie durch Zauberei in der Mitte, und es drang ein kühler Staubregen hervor, der die Tische und die Gäste besprengte. Als dieses vorbei war, wurde der Vorhang über ihnen fortgezogen, man sah ein Seil ausgespannt, und einer jener gewandten Tänzer, derentwegen Pompeji so berühmt war, zeigte jetzt seine lustigen Künste gerade über den Köpfen der Gäste. Endlich hörte der Tänzer, wenigstens zur großen Beruhigung der Jone, die an solche Unterhaltungen noch nicht sehr gewöhnt war, plötzlich auf, als von außerhalb Musik ertönte. Bald aber fing er nur noch wilder zu tanzen an; die Melodie wechselte, und er hielt wieder inne; noch konnte der Zauber nicht gelöst werden, der ihn zu fesseln schien! Er stellte eine Person dar, die unwillkürlich zum Tanzen gezwungen wird, bis eine gewisse Melodie ertönt. Endlich schien die Musik den rechten Ton zu treffen; der Tänzer machte noch einen gewaltigen Sprung, schwang sich vom Seil auf den Fußboden und hüpfte hinaus. Jetzt folgte eine Kunst der anderen; und die Musiker, welche außerhalb der Terrasse aufgestellt waren, spielten eine sanfte und weiche Melodie, zu welcher ein ausgelassenes Lied gesungen wurde. »Es ist ein hübscher Gesang«, sagte Fulvius, indem er sich eine Kennermiene gab. »Ach, wenn du uns beglücken wolltest«, flüsterte die Gattin des Pansa. »Wünscht ihr, daß Fulvius singe?« fragte der König des Festes, der eben die Gesellschaft aufgefordert hatte, die Gesundheit des römischen Senators, und zwar einen Becher für jeden Buchstaben seines Namens, zu trinken. »Kannst du noch fragen?« sagte die Matrone, indem sie den Dichter durch einen zärtlichen Blick auszeichnete. Sallust rief einen Sklaven, flüsterte ihm einige Worte in das Ohr, und dieser brachte kurz darauf in der einen Hand eine Harfe, in der anderen einen Myrtenzweig. »Ach, ich kann nicht spielen«, sagte der Dichter. »Dann mußt du zur Myrte singen. Es ist ein griechischer Gebrauch – Diomedes liebt die Griechen – ich liebe die Griechen – du liebst die Griechen – und das ist nicht das einzige, was wir beide von ihnen haben. Übrigens führe ich diesen Gebrauch ein – ich, der König – singe, Untertan, singe!« Der Dichter nahm mit verschämtem Lächeln den Myrtenzweig in die Hand, und nach einem kurzen Vorspiel sang er eine Hymne auf die Liebesgötter. Reicher Beifall belohnte ihn. Die Harfe und der Gesang machten jetzt die Runde in der Gesellschaft, und fast jeder lieferte seinen Beitrag zur Unterhaltung. Draußen war die Sonne schon im Sinken, als der Senator, der müde und matt war, und der Krieger von Herkulanum, der nach dorthin zurückkehren mußte, das Zeichen zum Aufbruch gaben. »Bleibt noch einen Augenblick, meine Freunde«, sagte Diomedes. »Wenn ihr so bald gehen wollt, so müßt ihr wenigstens an unserem Spiel noch teilnehmen.« Er winkte jetzt einem der Ministri, flüsterte ihm etwas in das Ohr. Der Sklave ging hinaus und erschien bald wieder mit einem kleinen Gefäß, das mehrere sorgfältig zugemachte und scheinbar ganz ähnliche Täfelchen enthielt. Jeder Gast mußte eine derselben für den Wert der niedrigsten Silbermünze erstehen, und das Wesen dieser Lotterie (welche eine Lieblingsbelustigung des Augustus war, der sie einführte) bestand in der Verschiedenheit der Preise, deren Art und Betrag auf den Täfelchen bezeichnet war. Der Dichter zog zum Beispiel mit saurem Gesicht eines seiner eigenen Gedichte, kein Arzt hätte unwilliger sein eigenes Rezept verschlingen können. Der Krieger zog eine Nadelbüchse, was Gelegenheit zu einigen witzigen Äußerungen über den Herkules mit dem Spinnrocken gab. Die Witwe Fulvia erhielt einen großen Trinkbecher, Julia einen männlichen Gürtel und Lepidus eine Schminkbüchse. Der Spieler Klodius zog das sprechendste Los, und er wurde rot vor Ärger, als er einige falsche Würfel erhielt. Die Unterhaltung, welche diese Spiele des Zufalls veranlaßten, wurde durch ein Ereignis gestört, das man für eine böse Vorbedeutung halten mußte. Glaukus zog den schätzbarsten aller Preise, eine kleine, marmorne Statue der Fortuna, von griechischer Arbeit. Als der Sklave sie ihm aber einhändigen wollte, ließ er sie fallen, und sie zerbrach in Stücke. Dieses erregte in der ganzen Gesellschaft ein unheimliches Gefühl, und jeder murmelte unwillkürlich einen Segensspruch. Nur Glaukus schien, obgleich er vielleicht den allgemeinen Aberglauben teilte, ruhig zu bleiben. »Süße Neapolitanerin«, flüsterte er zärtlich der Jone zu, die so weiß geworden war wie der zerbrochene Marmor. »Ich nehme das Omen an. Es bedeutet, daß durch deinen Besitz Fortuna mir schon alles gegeben hat. Sie zerbricht selbst ihr Bild, da sie mich mit dir beglückt hat.« Um den Eindruck wieder zu beseitigen, den dieser Zufall in der Gesellschaft veranlaßt hatte, kränzte Sallust jetzt seinen Becher mit Blumen und brachte die Gesundheit des Wirtes aus. Hierauf folgte die des Kaisers, und nachdem dem Merkur noch ein Becher gebracht worden, damit er ihnen einen angenehmen Schlaf sende, wurde das Mahl durch die letzte Libation beschlossen, und die Gesellschaft brach auf. In Pompeji selbst bediente man sich selten der Wagen, teils der engen Straßen wegen, teils weil die Stadt klein war. Die meisten Gäste zogen ihre Sandalen wieder an, welche sie abgelegt hatten, und gingen, in Mäntel gehüllt, zu Fuß in Begleitung ihrer Sklaven nach Hause. Glaukus hatte Jone bis an die Tür begleitet und, wurde jetzt durch einen Sklaven in das Zimmer der Julia geführt, welche ihn dort bereits erwartete. »Glaukus,« sagte sie, indem sie die Augen niederschlug, »ich habe mich überzeugt, daß du wirklich Jone liebst. Sie ist auch in der Tat schön!« »Julia ist edelmütig«, erwiderte der Grieche. – »Ja, ich liebe Jone. Mögest du unter den jungen Männern, die dich bewundern, einen so aufrichtigen Anbeter haben!« »Ich bitte die Götter, daß sie mir dieses gewähren! Sieh, Glaukus, diese Perlen sind das Geschenk, welches ich deiner Braut bestimme, möge Juno Jone beschützen!« Mit diesen Worten überreichte sie ihm ein Kästchen, welches kostbare Perlenschnüre enthielt. Es war so sehr gebräuchlich, für Personen, die sich vermählen wollten, diese Geschenke anzunehmen, daß auch Glaukus es nicht verweigern konnte, obgleich der stolze und freigebige Athener beschloß, die Gabe durch eine Gabe von dreifachem Werte zu vergelten. Indem Julia seine Danksagungen unterbrach, goß sie etwas Wein in einen kleinen Becher. »Du hast so manchen Trinkspruch mit meinem Vater gewechselt,« sagte sie lächelnd, »jetzt trinke auch einmal mit mir. Glück und Gesundheit deiner Braut!« Sie berührte den Becher mit ihren Lippen und übergab ihn dem Glaukus. Er mußte, um nicht unhöflich zu sein, den ganzen Inhalt leeren. Julia, die nichts von der Verwechslung des Trankes durch die Nydia wußte, beobachtete ihn mit funkelnden Augen. Wenn die Hexe ihr auch gesagt hatte, daß die Wirkung vielleicht nicht unmittelbar sein werde, so traute sie doch ihren Reizen zu, daß sie dieselbe beschleunigen könnten. Sie sah sich getäuscht, als Glaukus ruhig den Becher niedersetzte, in demselben gleichgültigen, aber höflichem Tone wie bisher sich mit ihr unterhielt. Und obgleich sie ihn so lange zurückzuhalten suchte, als der Anstand es irgend gestattete, war doch in seinem Benehmen nicht die geringste Veränderung zu bemerken. »Aber morgen,« dachte sie, »morgen wird der verhängnisvolle Tag sein!« Und allerdings war der nächste Tag ein sehr verhängnisvoller für Glaukus. 26. Als Glaukus wieder in seinem Hause ankam, fand er Nydia unter dem Säulengang seines Gartens sitzen. Sie hatte geglaubt, er werde vielleicht früh zurückkehren, und beschloß in ihrer Unruhe, die erste Gelegenheit, welche sich darbieten möchte, zu ergreifen, um des Liebestrankes Wirkung zu versuchen, während sie auch wieder fast diesen Augenblick fürchtete, denn in ihrem Wesen mischten sich seltsam Kühnheit und Schüchternheit. In solch fieberhafter Erregung wartete Nydia auf Glaukus. Ihre Wangen glühten und ihr Herz klopfte. Als er endlich in den Säulengang trat, war die Sonne eben untergegangen und der Himmel noch ganz rosig gefärbt. »Ach, mein Kind, wartest du auf mich?« fragte Glaukus. »Nein, ich habe die Blumen gepflegt und verweilte nur noch etwas, um mich auszuruhen.« »Es war heute warm«, sagte Glaukus, indem er sich auf einen Sitz niederließ. »Sehr warm.« »Willst du wohl Davus rufen? Der Wein hat mich erhitzt, und ich schmachte nach einem kühlenden Getränk.« Hier bot sich also plötzlich und unerwartet der Nydia die ersehnte Gelegenheit dar, und er selbst gewährte sie aus freier Wahl. »Ich will dir«, sagte sie mit zitternder Stimme, »das Getränk aus Honig und Wein, in Schnee abgekühlt, welches Jone so liebt, bereiten.« »Dank, Nydia«, sagte der arglose Glaukus. »Wenn Jone es liebt, so ist es auch mir angenehm, und wenn es Gift wäre.« Nydia runzelte die Stirn, darauf lächelte sie wieder. Sie entfernte sich und kehrte bald mit einem gefüllten Becher zurück. Während Glaukus ihn aus ihrer Hand nahm, war Nydia eine Beute der wildesten Erregung. Alle ihre Hoffnungen sollten ja jetzt zur Reife kommen, und ihr leichtgläubiges Gemüt erlebte schon im voraus den Ausbruch der Liebe in dem Herzen des Geliebten. Sie setzte sich an die Wand, und ihr vorher so glühendes Gesicht war jetzt weiß wie Schnee, und sie erwartete die nächste Wirkung ihrer Tat mit niedergeschlagenen Augen, geöffneten Lippen und krampfhaft ineinander geschlungenen Händen. Glaukus hatte den Becher an die Lippen gesetzt. Er hatte bereits den vierten Teil seines Inhalts geleert, als er, indem er auf das Antlitz der Nydia blickte, durch dessen plötzliche Veränderung, durch dessen seltsamen und schrecklichen Ausdruck so befremdet wurde, daß er schnell absetzte und, den Becher noch an den Lippen haltend, sagte: »Wie, Nydia, Nydia, bist du krank? Dein Gesicht verrät es. Was fehlt meinem armen Kinde?« Er setzte den Becher nieder und stand auf, um sich ihr zu nähern, als er plötzlich durch einen fieberhaften Frost, dem ein wilder Schwindel im Gehirn folgte, sich erfaßt fühlte. Der Fußboden schien unter ihm zu weichen, es kam ihm vor, als schwebe er in der Luft. Eine überirdische Fröhlichkeit bemächtigte sich seines Geistes. Er fühlte sich zu leicht für die Erde, er sehnte sich nach Flügeln, ja, er glaubte, sie schon zu besitzen. Unwillkürlich brach er in ein lautes jubelndes Gelächter aus. Er klatschte in die Hände, sprang in die Höhe, gebärdete sich wie ein Rasender. So schnell dieser Anfall gekommen war, ebenso schnell ging er auch teilweise wieder vorüber. Er fühlte jetzt das Blut wild und ungestüm in den Adern brausen. Es schien hervordrängen zu wollen, wie ein Strom, der seine Dämme durchrissen hat und dem Ozean zueilt. In den Ohren ertönte ihm ein gewaltiges Getöse, die Adern in den Schläfen schwollen an, als könnten sie nicht länger die wachsende Flut bergen – darauf sank eine Art von Finsternis auf seine Augen. Doch durch den dunklen Schatten erglänzten die Wände, und die darauf gemalten Gestalten schienen zu leben und sich zu bewegen. Am seltsamsten war es, daß er sich keineswegs unwohl fühlte, er sank oder wankte nicht unter der schrecklichen Raserei, die ihn zu beherrschen begann. Er fühlte sein Wesen eine frischere Jugend durchglühen und sich selbst wie zu einem glänzenderen Dasein erhoben. Nydia hatte auf seine erste Frage nicht geantwortet, es war ihr unmöglich. Sein wildes und schreckliches Gelächter hatte sie zuerst stutzig gemacht. Zwar konnte sie seine seltsamen Gebärden nicht sehen. Sie konnte nicht bemerken, mit welchen unsicheren Schritten er hin und her schwankte. Aber sie hörte die abgebrochenen, wirren, sinnlosen Worte, die er jetzt aussprach. Sie geriet in eine plötzliche Angst, eilte zu ihm hin und kniete vor ihm nieder. Weinend umfaßte sie seine Knie. »Oh, sprich mit mir! Du bist mir doch nicht böse!« »Bei der Venus! – Es ist ein schönes Land, dieses Zypern! Ho! Wie sie uns mit Wein statt mit Blut füllen. Jetzt öffnen sie die Adern jenes Fauns, um zu zeigen, wie es sprudelt und schäumt. Komm her, munterer, alter Gott! Du reitest auf einem alten Ziegenbock, eh! Was für langes, seidenes Haar er hat! Er ist mehr wert als alle parthischen Rosse. Aber ein Wort mit dir – dieser Wein ist zu stark für uns Sterbliche. Oh, wie schön! – Die Zweige sind in Ruhe! Die grünen Wellen des Waldes haben den Zephyr gefangen und ihn ertränkt! Nicht ein Lüftchen bewegt die Blätter, und ich sehe die Träume mit zusammengelegten Flügeln auf der stillen Eiche schlafen. Und weiterhin sehe ich einen blauen Strahl in der Luft schimmern, einen sich erhebenden Springbrunnen. Ach, du wirst die Strahlen meiner griechischen Sonne nicht verdunkeln! – Und welche Gestalt schwebt dort im Dickicht? – Sie hat einen Kranz von Eichenzweigen auf dem Haupt. In der Hand trägt sie ein Gefäß, aus dem sie Muscheln umherstreut. Oh, seht jenes Antlitz! Erblickte man es wohl jemals so schön? Sieh! Wir sind allein, bloß sie und ich in dem weiten Walde. Sie bewegt sich langsam und schwermütig. Ha, fliehe! – Es ist eine Nymphe! Wer sie sieht, wird rasend – weh mir! Sie erblickt mich.« »Oh Glaukus, Glaukus, kennst du mich nicht? Beruhige dich; deine Worte töten mich!« Ein neuer Wechsel schien jetzt in dem verwirrten Gemüt des unglücklichen Atheners einzutreten. Er legte seine Hand auf Nydias seidenes Haar, er streichelte ihre Locken. Er schaute ihr ins Antlitz, und als ob in der zerrissenen Kette seiner Gedanken noch einige Glieder ungetrennt seien, schienen ihre Züge ihn an Jone zu erinnern. Jetzt wurde seine Aufregung nur noch gewaltiger, und er brach in die Worte aus: »Ich schwöre es bei der Venus, bei der Diana und bei der Juno, daß, wenn ich auch jetzt die Welt auf der Schulter trage, wie mein Landsmann Herkules – elendes Rom, alles, was wahrhaft groß war, kam stets aus Griechenland; selbst deine Götter verdankst du uns! – wie mein Landsmann Herkules vor mir, sage ich, würde ich für ein Lächeln von der Jone die Erde in das Chaos fallen lassen. Ach, schöne Angebetete,« fügte er mit einer unaussprechlich zärtlichen und klagenden Stimme hinzu, »du liebst mich nicht – du bist unfreundlich gegen mich. Der Ägypter hat mich bei dir verleumdet. Du weißt nicht, wie viele Stunden ich vor deinem Hause zugebracht habe, du weißt nicht, wie ich gewacht habe unter dem Sternenhimmel, hoffend, du, meine Sonne, würdest endlich aufgehen. Und du liebst mich nicht, du verlassest mich! Oh, verlasse mich jetzt nicht, ich fühle, daß ich nicht mehr lange leben werde, laß mich wenigstens bis zu meinem letzten Blick dich betrachten. Du solltest mich nicht verlassen, denn deine Väter waren Brüder der meinigen. Man behauptet, dieses Land sei lieblich und dieses Klima milde, aber ich will dich mit mir nehmen. Ho! Schwarze Gestalt, weshalb erhebst du dich wie eine Wolke zwischen ihr und mir? Auf deiner Stirn thront schrecklich der Tod – auf deiner Lippe ruht das Lächeln, welches vernichtet. Dein Name ist Orkus, aber auf der Erde nennen dich die Menschen Arbaces. Sieh, ich kenne dich! – Fliehe, dunkler Schatten, deine Zauber sind zwecklos!« »Glaukus, Glaukus!« flüsterte Nydia, indem sie unter der Bürde ihrer Angst, Reue und Verzweiflung bewußtlos zu Boden sank. »Wer ruft mich?« schrie er mit lauter Stimme. »Bist du es, Jone? Ach, sie haben sie fortgetragen. Aber ich will sie retten. Wo ist mein Stilus? Ha, ich habe ihn! Ich komme, Jone, zu deiner Rettung! Ich komme, ich komme!« Mit diesen Worten setzte der Athener mit einem Sprunge durch den Portikus, lief durch das Haus und rannte mit schnellen, aber schwankenden Schritten, und hörbar mit sich selbst sprechend, durch die erleuchteten Straßen der Stadt. Der schreckliche Trank brannte wie Feuer in seinen Adern, denn die Wirkung wurde vielleicht durch den Wein noch vermehrt, den er vorher getrunken hatte. Die Bürger, welche an die Exzesse nächtlicher Ausschweifungen gewöhnt waren, machten ihm lächelnd Platz, da sie ihn für betrunken hielten. Aber wenn jemand schärfer in sein Antlitz schaute, dann ergriff ihn Furcht und Entsetzen, und das Lächeln starb auf seinen Lippen. Glaukus kam durch die belebtesten Straßen, da er jedoch mechanisch den Weg nach dem Hause der Jone einschlug, gelangte er bald in einen einsameren Teil der Stadt und trat jetzt in den Hain der Cybele, in welchem Apäcides seine Zusammenkunft mit Olinthus verabredet hatte. 27. Arbaces wurde von Ungeduld verzehrt, zu erfahren, ob der schändliche Trank seinem verhaßten Nebenbuhler schon beigebracht sei und welche Wirkung er gehabt habe. Um seine Neugierde zu befriedigen, beschloß er, nach Julias Hause zu gehen. Mit dem Stilus, der nicht als Schreibgriffel, sondern auch als scharfe Waffe diente, umgürtet, verließ er seine Wohnung und stützte sich, da er noch etwas schwach war, auf einen langen Stab. Hell stand der Mond am Himmel, als er durch den geheiligten Hain der Cybele kam. Die stattlichen Bäume warfen ihre langen Schatten über den Boden, während durch die Öffnungen in den Zweigen die Sterne blickten. Die blendend weiße Farbe des Heiligtums mitten in dem Hain bildete zu dem dunklen Laub einen Gegensatz und erinnerte in seiner Feierlichkeit an den Zweck, dem das Wäldchen geweiht war. Kurz vor Arbaces hatte Kalenus mit schnellen, aber vorsichtigen Schritten die Schatten der Bäume erreicht, die die Kapelle umgaben, und sich, indem er sanft die Zweige zurückbog, in dem Dickicht verborgen. Es war wieder scheinbar alles einsam, nur in der Ferne hörte man undeutlich die Stimmen einiger lärmenden Wüstlinge oder die Musik, mit der einzelne Gesellschaften während der Sommernächte sich in den Straßen unterhielten und in der kühlen Luft und dem herrlichen Mondschein sich einen milderen Tag bereiteten. Der Hain lag auf einer Höhe, von der man durch die Zwischenräume der Bäume in einiger Entfernung das weite Meer übersah sowie an seinem Ufer die weißen Villen von Stabiä und die fernen Zügel, welche sich dem reinen Himmel anschlossen. Jetzt trat Arbaces auf seinem Wege nach dem Hause des Diomedes in das Wäldchen, und hier begegnete ihm Apäcides, der zu der verabredeten Zusammenkunft mit Olinthus von einer anderen Richtung her eben eintreten wollte. »Hm, Apäcides«, sagte Arbaces, der den Priester auf den ersten Blick erkannte. »Als wir uns zuletzt sahen, warst du mein Feind. Ich habe seitdem gewünscht, dir wieder zu begegnen, denn ich hoffe, daß du wieder mein Freund und mein Zögling werdest.« Apäcides blieb, als er die Stimme des Ägypters vernahm, plötzlich stehen und blickte auf ihn mit dem Ausdruck der Verachtung und der Rache. »Elender und Betrüger«, sagte er endlich. »Noch einmal bist du dem Tode entgangen! Glaube aber nicht, daß es dir gelingen werde, mich wieder in deine Netze zu verstricken. Gegen dich bin ich gewaffnet!« »Schweig!« antwortete Arbaces mit mühsam beherrschter Stimme. Doch verrieten seine zitternden Lippen und die finster drohende Stirn die Wunde, die die Worte des Glaukus seinem Stolz geschlagen hatte. »Still – sprich leiser! Man könnte dich hören, und wenn andere Ohren als meine–« »Willst du drohen? Wenn nun auch die ganze Stadt mich hörte?« »Die Geister meiner Vorfahren würden nicht dulden, daß ich dir es vergäbe. Aber bleibe und höre mich. Du bist wütend, weil ich Gewalt gegen deine Schwester brauchen wollte. Nein, ruhig, nur einen Augenblick schenke mir Gehör! Du hast recht, ich ließ mich von der Raserei der Leidenschaft und der Eifersucht übereilen, ich habe es aber bitter bereut. Vergib mir – ich, der ich noch keinen Menschen um Verzeihung bat, flehe dich jetzt an, mir zu vergeben! Ich will meinen Fehler wieder gutmachen, ich bitte um die Hand deiner Schwester. Erschrick nicht – bedenke, was ist die Verbindung mit jenem unwürdigen Griechen im Vergleich zu der mit mir? Unermeßlicher Reichtum – eine Abstammung, welche in ihrem Alter eure griechischen und römischen Namen wie von gestern erscheinen läßt – geheimes Wissen – doch du weißt es. Gib mir deine Schwester, und mein ganzes Leben soll für die Verirrung eines Augenblicks büßen.« »Wollte ich auch einwilligen, Ägypter, so ist selbst die Luft, welche du atmest, meiner Schwester ein Greuel. Aber ich habe ebenfalls meine Beleidigungen zu vergeben. Ich könnte dir es verzeihen, daß du mich zu einem Werkzeuge deiner Täuschungen gebraucht hast, aber nimmer, daß du mich verführtest, ein Genosse deiner Laster zu werden, ein meineidiger und verworfener Mann. Zittere! In dieser Stunde bereite ich die Tat vor, welche deine falschen Götter der Verachtung und dich gerechter Strafe preisgeben soll. Ich will dein üppiges und lasterhaftes Leben entschleiern, deine Gaukeleien öffentlichem Hohne preisgeben. Der Tempel des Götzenbildes Isis soll zum Gespött der Menschen, der königliche Name Arbaces mit Schande gebrandmarkt werden. Zittere!« Dem Zorn auf der Stirn des Ägypters folgte die Leichenfarbe des Todes. Er sah sich nach allen Seiten um, ob niemand in der Nähe sei und heftete seine finsteren Augen mit so wütenden und drohenden Blicken auf den Priester, daß jemand, der weniger durch den Antrieb eines heiligen Eifers beseelt gewesen wäre als Apäcides, ihnen nicht fest hätte begegnen können. Dieser aber wies sie mit dem Ausdruck kühner Verachtung zurück. »Apäcides,« sagte der Ägypter mit leiser, zitternder Stimme, »nimm dich in acht! Was beabsichtigst du? Besinne dich, ehe du antwortest. Ist es die Übereilung des Zorns, die dich antreibt, oder hast du irgendeinen festen, bestimmten Entschluß gefaßt?« »Ich rede durch die Begeisterung des wahren Gottes, dessen Priester ich jetzt bin«, antwortete kühn der Christ. »Ich habe die Überzeugung, daß seine Macht deiner Heuchelei und deinem Götzendienst ein Ziel gesetzt hat. Bevor die Sonne dreimal wieder aufgegangen ist, wirst du alles wissen! Zittere, du finsterer Zauberer, zittere!« In der Brust des Ägypters erwachten jetzt alle die wilden und düsteren Leidenschaften, die er von seinem Stamme und seinem Vaterlands geerbt und immer nur unvollkommen unter der Kälte seiner Philosophie und mit der Gewandtheit seiner List verborgen hatte. Ein Gedanke folgte schnell dem anderen, er sah eine Schranke selbst gegen seine gesetzliche Verbindung mit Jone gezogen. Zwischen ihr und ihm stand der Gehilfe des Glaukus in dem Kampf, welcher seine Absichten vereitelt hatte. Und derselbe Mensch wollte seinen Namen beschimpfen, die Göttin entheiligen, der er diente, und seine eigenen Betrügereien und Laster öffentlich bekanntmachen. Seine Liebe, sein Ruf, sein Leben selbst konnte in Gefahr kommen, der Tag und die Stunde schienen zu irgendeinem Anschlag gegen ihn schon bestimmt zu sein. Er hatte eben aus dem Munde des Apäcides selbst vernommen, daß dieser den christlichen Glauben angenommen, er kannte die ausdauernde Hartnäckigkeit der Anhänger jener Sekte. Dieser war sein Feind – er ergriff seinen Stilus – der Feind war in seiner Gewalt! Sie standen jetzt vor der Kapelle. Noch einmal blickte Arbaces sich hastig um. Niemand war zu sehen, und diese Einsamkeit schien ihm eigens vom Schicksal herbeigeführt zu sein, um seine schwarze Tat auszuführen. »So stirb denn in deiner Wut!« schrie er. »Fort mit dem Hindernis, das meinem glänzenden Geschick noch entgegentritt!« Und gerade, als der Christ sich gewendet hatte, um fortzugehen, erhob Arbaces seine Hand hoch über der linken Schulter des Apäcides und stieß seine scharfe Waffe zweimal in seine Brust. Dem Priester war das Herz durchbohrt, er fiel stumm und lautlos an dem Fußgestell der heiligen Kapelle nieder. Arbaces blickte noch einige Augenblicke auf ihn mit der wilden, tierischen Freude des Sieges über einen Feind. Aber bald erinnerte er sich wieder der Gefahr, die ihm drohte. Erwischte seine Waffe sorgfältig in dem langen Grase ab, und selbst an den Kleidern seines Opfers, zog sein Gewand um sich und stand im Begriffe fortzugehen, als er gerade vor sich einen jungen Mann kommen sah, dessen Schritte seltsam schwankten. Der Mond beschien sein Antlitz, welches weiß wie Marmor war. Der Ägypter erkannte Glaukus. Der unglückliche Grieche sang unzusammenhängende einzelne Stellen aus Hymnen und heiligen Oden, wie sie ihm gerade einfielen. »Ha!« dachte der Ägypter, indem er sogleich seinen Zustand und dessen schreckliche Ursache erriet. »Der Höllentrank wirkt also, und das Schicksal hat dich hierher gesendet, damit ich zwei meiner Feinde zugleich vernichte!« Er zog sich schnell in das Gebüsch zurück und beobachtete hier, wie ein Tiger in seinem Versteck, die Bewegungen seines zweiten Opfers. Er bemerkte das unruhige Feuer in den schönen Augen des Atheners und die Krämpfe, welche seine Züge und seine blauen Lippen durchzuckten. Er sah, daß der Grieche den Verstand schon ganz verloren hatte. Als Glaukus jedoch der Leiche des Apäcides sich näherte, aus der das schwarze Blut sich noch langsam über das Gras ergoß, mußte, so verwirrt seine Sinne auch waren, ein so unerwartetes und schreckliches Schauspiel doch seine Aufmerksamkeit erregen. Er blieb stehen, legte die Hand an die Stirn, als wollte er sich besinnen und sagte darauf: »Ho, Endymion, schläfst du so fest? Was hat Diana dir gesagt? Du machst mich eifersüchtig, es ist Zeit, zu erwachen.« Und er trat hinzu in der Absicht, den Körper aufzuheben. Der Ägypter, der seine eigene Schwäche vergaß und sie nicht mehr fühlte, sprang aus seinem Versteck hervor und warf den Griechen, als er sich niederbeugte, heftig zu Boden auf den Körper des Christen, dann schrie er, so laut er konnte: »Hilfe, Bürger! Hilfe! Hierher! Ein Mörder! Ein Mord vor dem Heiligtum! Helft, oder der Mörder entflieht!« Während er diese Worte rief, setzte er seinen Fuß auf die Brust des Glaukus. Es war dies aber eine überflüssige Vorsicht, denn durch die Wirkung des Trankes und die Erschütterung des Falles lag der Grieche bewegungslos und stumm, außer daß er dann und wann wilde und unverständliche Töne ausstieß. Arbaces schrie immer lauter und nahm plötzlich, einem Einfall folgend, den Stilus des Glaukus aus dessen Gürtel. Er tauchte ihn in das Blut des Ermordeten und legte ihn neben die Leiche. Bald kamen auch, eilend und atemlos, mehrere Bürger, einige mit Fackeln, welche der Mondschein unnötig machte, deren rote, zitternde Flamme aber das dunkle Laub der Bäume nur noch mehr hervorhob. »Hebt jene Leiche auf«, sagte der Ägypter, »und bewacht den Mörder!« Sie hoben den Körper auf, und groß war ihr Entsetzen, als sie in ihm die Leiche eines Priesters der verehrten Isis, aber noch größer vielleicht ihr Erstaunen, als sie in dem Angeklagten den bewunderten Athener entdeckten. »Glaukus!« riefen sie mit einer Stimme. »Es ist kaum glaublich!« »Ich möchte glauben,« flüsterte ein Mann seinem Nachbar zu, »daß der Ägypter selbst der Mörder ist.« Jetzt erschien ein Centurio, dem die Menge Platz machte. »Was? Hier ist Blut vergossen; wer ist der Mörder?« Die Umstehenden zeigten auf Glaukus. »Der – beim Mars, scheint ja das Opfer zu sein. Wer beschuldigt ihn?« «Ich«, sagte Arbaces, indem er sich stolz emporrichtete, und die Juwelen, welche den Augen des Soldaten von seinem Gewand entgegenglänzten, überzeugten den würdigen Krieger sogleich von der Achtbarkeit des Zeugen. »Verzeihe,« sagte er, »dein Name?« »Arbaces, er ist, denke ich, in Pompeji bekannt genug. Als ich durch den Hain gehen wollte, sah ich den Griechen und den Priester in eifrigem Gespräch begriffen. Ich wurde durch die heftigen, aber schwankenden Bewegungen und durch die laute Stimme des ersteren aufmerksam. Er schien mir entweder betrunken oder verrückt zu sein. Plötzlich sah ich ihn seinen Stilus erheben, ich sprang vor, aber zu spät, um die Tat zu verhüten. Er hatte zweimal seine Waffe in den Körper seines Feindes gestoßen und bückte sich über ihn, als ich in meinem Abscheu über ein solches Verbrechen den Mörder zu Boden warf. Er fiel, ohne sich zu widersetzen, welches mich noch mehr in der Meinung bestärkt, daß er nicht ganz bei Sinnen war. Denn da ich erst kürzlich von einer Krankheit hergestellt wurde, so konnte mein Stoß nur schwach sein, und Glaukus ist, wie ihr seht, jung und kräftig.« »Jetzt öffnet er die Augen«, sagte der Soldat. »Seine Lippen bewegen sich. Sprich, Gefangener, was erwiderst du auf die Anklage?« »Die Anklage? – Ha, ha! Es war eine lustige Geschichte, als die alte Hexe ihre Schlange gegen mich wild machte und Hekate dazu lachte – was konnte ich tun? Aber ich bin krank – mir wird übel – die Schlange hat mich gebissen. Führt mich zu Bett und schickt nach dem Arzt. Der alte Äskulap selbst wird kommen, wenn er hört, daß ich ein Grieche bin. O helft mir – helft – ich brenne! – Mark und Gehirn, ich brenne!« Und mit einem lauten Schrei fiel der Athener in die Arme der ihm zunächst Stehenden. »Er ist rasend«, sagte der Offizier mitleidig. »Und in seinem Krankheitsfall hat er den Priester ermordet. Hat jemand von den hier Anwesenden ihn heute gesehen?« »Ich«, sagte einer der Zuschauer, »sah ihn heute morgen. Er kam bei meinem Laden vorbei und sprach mit mir. Er schien aber gesund und vernünftig zu sein.« »Und ich sah ihn vor einer halben Stunde,« sagte ein anderer, »wie er, mit seltsamen Gebärden und mit sich selbst sprechend, durch die Straße schwankte.« »Eine Bestätigung des Zeugnisses! Es scheint leider wahr zu sein! Auf jeden Fall muß er zum Prätor. Es ist schade – so jung und so reich. Aber das Verbrechen ist schrecklich, einen Priester der Isis in seinem geistlichen Gewande und noch dazu dicht an der ältesten unserer heiligen Kapellen zu ermorden!« Bei diesen Worten wurden die Umstehenden mehr, als es in ihrer ersten Aufregung und Neugierde der Fall gewesen, an das Abscheuliche der Tat erinnert. Sie schauderten vor heiligem Schrecken. »Es ist kein Wunder, daß die Erde gebebt hat,« sagte der eine, »da sie ein solches Ungeheuer trug.« »Fort mit ihm ins Gefängnis – fort!« riefen alle. Und einer der Zuschauer schrie laut: »Das kommt gerade zur rechten Zeit für die Spiele im Amphitheater. Jetzt haben wir doch wenigstens einen Gladiator für die wilden Tiere!« Alles Mitleid, das für den Angeklagten sich etwa noch regen wollte, verschwand. Seine Jugend, seine Schönheit machten ihn nur desto geeigneter für den Kampf in der Arena. »Bringt einige Bretter oder eine Sänfte, wenn sie bei der Hand ist, um den Ermordeten zu tragen«, sagte Arbaces. »Ein Priester der Isis darf nicht wie ein abgeschlachteter Gladiator nach seinem Tempel gebracht werden.« Die Umstehenden legten jetzt die Leiche des Apäcides ehrerbietig, mit dem Gesicht nach oben, auf die Erde, und einige bemühten sich, irgendeine Vorrichtung aufzufinden, um den Ermordeten, unberührt durch profane Hände, zu tragen. Gerade als die Menge auseinandergehen wollte, drängte sich eine kräftige Gestalt durch, und Olinthus, der Christ, stand dem Ägypter gerade gegenüber. Seine Blicke verweilten aber zuerst mit unaussprechlichem Schrecken und Schmerz auf jenem Antlitz, welches noch den Ausdruck eines plötzlichen, gewaltsamen Todes trug. »Ermordet!« sagte er. »Hast du dieses deinem Eifer zu verdanken? Haben sie dein edles Vorhaben entdeckt und sind sie ihrer eigenen Schande durch deinen Tod zuvorgekommen?« Er wendete sein Haupt schnell, und seine Blicke fielen auf die feierlichen Züge des Ägypters. Man konnte den Abscheu und den Haß in dem Gesicht des Christen lesen, den er gegen einen Mann fühlte, den er als so gefährlich und lasterhaft kannte. Er sah ihn an, wie der Vogel den Basilisken, unverwandt, aber mit dem Ausdruck des Schreckens. Doch Olinthus bemeisterte bald dieses unheimliche Gefühl. Er streckte seinen rechten Arm gegen Arbaces aus und sprach mit tiefer und lauter Stimme: »Wer ist der Mörder dieses jungen Mannes? So wahr der Herr lebt, ich glaube, du bist es, Ägypter!« Man konnte für den Augenblick in den düsteren Zügen des Arbaces Anruhe und Verlegenheit bemerken, doch diesen folgte bald wieder Trotz und Zorn, als die Zuschauer, durch die Heftigkeit dieser unerwarteten Anklage aufmerksam gemacht, wieder näher und näher sich drängten. »Ich weiß,« sagte Arbaces mit kühnem Stolz, »wer mein Ankläger ist, und ich errate, weshalb er mich anklagt. Männer und Bürger! Wißt, daß der eifrige Nazarener oder Christ, welchen Namen sie führen mögen, vor euch steht! Ist es zu verwundern, wenn er in seiner Bosheit es wagt, einen Ägypter der Ermordung eines ägyptischen Priesters zu beschuldigen?« »Ich kenne ihn! Ich kenne den Hund!« riefen mehrere Stimmen. »Es ist Olinthus, der Christ, einer von diesen Atheisten, die die Götter verleugnen.« »Seid ruhig, meine Brüder, hört mich an!« sagte Olinthus mit Würde. »Dieser ermordete Priester der Isis wurde vor seinem Tode Christ, er entdeckte mir die abscheulichen Laster, die Zaubereien jenes Ägypters, die Betrügereien und Täuschungen in dem Tempel der Isis. Er beabsichtigte, sie öffentlich bekanntzumachen. Er, ein Fremder, der niemand beleidigt und keine Feinde hatte! Wer sollte Ursache gehabt haben, ihn zu fürchten, als einer von denen, die sein Zeugnis scheuen mußten? Wer mußte dieses Zeugnis am meisten fürchten? Arbaces, der Ägypter!« »Ihr hört ihn«, sagte Arbaces. »Ihr hört ihn. Er lästert die Götter! Fragt ihn, ob er an die Isis glaubt?« »Kann ich an einen bösen Geist glauben?« erwiderte Olinthus kühn. Ein Ausdruck des Entsetzens verbreitete sich allgemein unter den Umstehenden. Doch der Christ, der jederzeit auf Gefahren vorbereitet war und in seiner Aufregung alle Vorsicht hintan setzte, fuhr nur desto eifriger fort: »Zurück, ihr Götzendiener! Diese Leiche gehört euren gotteslästerlichen Gebräuchen nicht an. Wir, die wir an Christus glauben, müssen ihm die letzten, einem Christen gebührenden Ehren erweisen. Ich fordere diesen Staub im Namen des großen Schöpfers des Himmels und der Erden!« Der Christ sprach diese Worte in so feierlicher und gebieterischer Stimme, daß die versammelte Menge den Gefühlen des Hasses und des Abscheus, die ihre Herzen erfüllten, kaum Luft zu machen wagte. Ruhig und ernst stand er vor der Menge mit kühnem, offenem Blick auf den verächtlich und trotzig lächelnden Ägypter schauend. Seine linke Hand zeigte auf die Leiche, die rechte hatte er zum Himmel erhoben. Jetzt trat der Centurio wieder vor und fragte: »Hast du, Olinthus, oder welches dein Name sein möge, außer deinem leeren Verdacht einen Beweis deiner Anklage gegen den Arbaces?« Olinthus schwieg, der Ägypter lächelte höhnisch. »Forderst du die Leiche eines Priesters der Isis für die nazarenische oder christliche Sekte?« »Allerdings.« »So schwöre denn, bei jener Kapelle, bei der Statue der Cybele, bei unserem ältesten Heiligtum in Pompeji, daß jener Mann zu eurem Glauben gehörte.« »Wie kann ich bei der Cybele schwören? Ich verabscheue eure Tempel! Ich biete euren Götzenbildern Hohn!« »Fort, fort mit dem Atheisten. Die Erde wird uns verschlingen, wenn wir in einem heiligen Hain diese Gotteslästerungen mit anhören – fort mit ihm zum Tode!« »Zu den wilden Tieren!« fügte eine weibliche Stimme mitten aus der Menge hinzu. » Wir haben jetzt einen Mann für den Löwen und einen für den Tiger! « »Wenn du, o Nazarener, die Cybele verleugnest, an welche unserer Gottheiten glaubst du denn?« fuhr der Soldat fort, ohne sich durch das Geschrei stören zu lassen. »An keine.« »Hört – hört, wie er lästert«, rief die Menge. »O ihr Blinden und Tauben!« sprach jetzt wieder der Christ, indem er seine Stimme gewaltig erhob. »Könnt ihr glauben an Götzenbilder aus Holz und Stein? Bildet ihr euch ein, daß sie Augen, um zu sehen, oder Ohren, um zu hören, oder Hände, um euch zu helfen, haben? Ist jene stumme Gestalt, durch Menschenhände verfertigt, eine Gottheit? Hat sie Menschen geschaffen oder wurde sie nicht selbst erst durch Menschen geschaffen? Seht doch, überzeugt euch selbst von ihrer Ohnmacht und von eurer Torheit!« Und indem er dieses sagte, sprang er zu der Kapelle, und ehe einer der umstehenden seine Absicht erraten hatte, warf er die hölzerne Statue in der Hitze seines Eifers von ihrem Fußgestell. »Seht,« schrie er, »eure Göttin vermag sich nicht zu rächen. Ist dies ein der Anbetung würdiger Gegenstand?« Man ließ ihn nicht weitersprechen. Diese kühne Verhöhnung eines ihrer größten Heiligtümer erfüllte selbst die Gleichgültigsten mit Wut und Schrecken. Wie auf ein gegebenes Zeichen stürzten alle auf ihn zu und würden ihn ohne die Dazwischenkunft des Centurio in Stücke gerissen haben. »Ruhe!« gebot der Soldat gebieterisch. »Entzieht diesen unverschämten Gottesleugner seinen gesetzlichen Richtern nicht. Wir haben schon zu viel Zeit verloren. Laßt uns beide Verbrecher den Behörden übergeben. Legt den Körper des Priesters in eine Sänfte, bringt ihn nach seiner eigenen Wohnung.« In diesem Augenblick trat ein Priester der Isis vor. »Ich fordere diese Leiche nach den Gesetzen unserer Priesterschaft.« »Das Verlangen des Priesters werde erfüllt«, sagte der Centurio. »Wie geht es mit dem Mörder?« »Er ist ohne Bewußtsein und scheint zu schlafen.« »Wäre sein Verbrechen nicht so abscheulich, so könnte ich ihn bedauern – vorwärts!« Arbaces begegnete, als er sich umwendete, den Blicken jenes Priesters der Isis – es war Kalenus. Und es lag in diesen Blicken etwas so Finsteres und Unheimliches, daß der Ägypter dachte: »Könnte er ein Zeuge der Tat gewesen sein?« Ein Mädchen drängte sich aus der Menge hervor und schaute neugierig Olinthus in das Gesicht: »Beim Jupiter! Ein starker Geselle! Jetzt haben wir auch einen Mann für den Tiger – für jedes Tier einen! Hurra!« »Hurra!« wiederholte die Menge. »Einen Mann für den Löwen und einen für den Tiger! – Welches Glück! – Hurra!« 28. Die Nacht war schon ziemlich vorgeschritten, aber überall, wo sich Pompejaner versammelten, herrschte eine große Aufregung. Selbst in den Zügen der Nachtschwärmer war ein ernsterer Ausdruck als sonst zu bemerken. Sie unterhielten sich in Gruppen, als suchten sie die halb unangenehme, halb erfreuliche Aufregung, welche aus dem Gegenstand ihres Gesprächs sich ergab, durch ihre Anzahl zu erdrücken. Es war eine Angelegenheit, in der es sich um Leben und Tod handelte. Ein junger Mann eilte schnell an dem schönen Säulengange des Tempels der Fortuna vorüber, und zwar so schnell, daß er mit einigem Ungestüm gegen die korpulente Gestalt des ehrenfesten Bürgers Diomedes stieß, der nach seiner Villa in der Vorstadt sich zurückzubegeben im Begriff war. »Holla!« rief der Kaufmann, der sich nur mit Mühe im Gleichgewicht hielt. »Kannst du nicht sehen? Oder denkst du, ich kann nicht fühlen? Beim Jupiter! Noch einen solchen Stoß, und mein Geist wird im Hades sein!« »Ah, Diomedes, bist du es? Entschuldige meine Unvorsichtigkeit. Ich war zerstreut, weil ich an das traurige Geschick des menschlichen Lebens dachte. Unser armer Freund Glaukus! Wer hätte sich so etwas denken sollen?« »Allerdings, aber sage mir, Klodius, ist er wirklich öffentlich angeklagt worden?« »Gewiß, wo warst du, daß du es nicht erfahren hast?« »Ich komme eben von Neapel zurück, wohin ich in Geschäften den Tag nach jenem Verbrechen abreiste. Es ist schrecklich, daß es gerade in derselben Nacht begangen werden mußte, da er in meinem Hause gewesen war.« »An seiner Schuld ist nicht zu zweifeln«, sagte Klodius, indem er mit den Achseln zuckte. »Und da diese Verbrechen vor allen den anderen kleinen Sünden untersucht werden, so wird das Urteil wohl noch vor den öffentlichen Spielen im Amphitheater erfolgen.« »Die Spiele, o ihr Götter!« erwiderte Diomedes, indem ein leichter Schauder ihn erfaßte. »Sollte man ihn zu dem Kampf mit den wilden Tieren verurteilen? So jung, so reich!« »Allerdings, aber er ist ein Grieche. Wäre er ein Römer, so hätte man ihn bedauern müssen. Diese Fremden kann man in ihrem Glück dulden, aber in ihrem Unglück müssen wir nicht vergessen, daß sie doch eigentlich Sklaven sind. Wir von den vornehmen Ständen sind aber immer mitleidig, und es würde ihm noch leidlich ergehen, wenn wir ihn zu verurteilen hätten, denn was ist unter uns ein elender Priester der Isis? Aber das gemeine Volk ist abergläubisch. Es schreit nach dem Blut des Schänders ihres Heiligtums. Und in solchen Fällen kann es gefährlich werden, sich der öffentlichen Meinung zu widersetzen.« »Aber der Gottesleugner, der Christ oder Nazarener – was wird mit dem?« »Der wird wohl dem Tiger verfallen, wenn er der Isis nicht opfert. Wenigstens glaube ich es, das Urteil wird ja noch gefällt werden. Doch genug von dieser traurigen Geschichte. Wie befindet sich die schöne Julia?« »Ich danke, gut.« »Empfiehl mich ihr. Aber horch! Jene Tür knarrt in ihren Angeln. Es ist das Haus des Prätors. Wer kommt aus demselben? Beim Bacchus, es ist der Ägypter! Was kann er dort zu tun gehabt haben?« »Wahrscheinlich ist er, um über den Mord Auskunft zu geben, dort gewesen«, erwiderte Diomedes. »Aber welche Ursache mag das Verbrechen veranlaßt haben? Glaukus wollte ja die Schwester des Priesters heiraten.« »Ja, viele behaupten, Apäcides sei dieser Verbindung zuwider gewesen. Glaukus hat offenbar in dem Zustande der Trunkenheit die Tat begangen. Ja, er soll ganz bewußtlos gewesen sein, als man ihn aufhob, und ist, wie ich höre, noch nicht bei Sinnen. Ob der Wein, der Schrecken, die Reue, die Furien oder die Bacchanalien ihn beherrschten, das weiß ich nicht.« »Der arme Mensch – hat er einen guten Verteidiger?« »Den besten – Cajus Pollio, einen Mann von großer Beredsamkeit. Er hat alle ins Elend geratene Menschen und Verschwender von guter Familie für Geld aufgeboten, daß sie sich ärmlich anziehen und umherlaufen, Glaukus Freundschaft zu schwören und um die harten Bürger zum Mitleiden zu bewegen. Aber diese Bemühungen werden jetzt zwecklos sein, der Dienst der Isis ist für den Augenblick zu beliebt.« »Da fällt mir ein: ich habe gerade Waren in Alexandria. Ja, Isis muß beschützt werden.« »Allerdings. Lebewohl, Diomedes, wir werden uns bald wiedersehen. Ist es aber nicht der Fall, so müssen wir im Amphitheater eine Wette machen. Alle meine Berechnungen werden durch dieses fatale Unglück des Glaukus gestört. Er hatte auf Lydon, den Gladiator, gewettet. Ich muß jetzt meinen Plan ändern. Lebewohl!« Klodius verließ den alten Kaufmann, sang ein griechisches Liedchen und erfüllte die Luft mit Wohlgerüchen, die von seinem schneeweißen Gewande und seinen wallenden Haaren strömten. »Wenn Glaukus dem Löwen vorgeworfen wird,« so sprach er zu sich selbst, »dann tritt mir bei der Julia niemand mehr in den Weg, und ich denke, ich werde sie doch wohl heiraten! Bei den Göttern! Mit dem Spiel geht es nicht mehr lange, man sieht mir schon mißtrauisch auf die Finger, wenn ich die Würfelbüchse schüttele. Der böse Sallust bringt mich in Verdacht, und wenn man entdeckt, daß das Elfenbein mit Blei ausgegossen ist, dann wird von lustigen Festen und wohlriechenden Billetten nichts mehr geboten. Mit dem Klodius ist es dann vorbei! Es ist daher besser, ich heirate, gebe das Spiel auf und suche mein Glück am kaiserlichen Hofe.« Während er so mit seinen Plänen beschäftigt war, lief ihm plötzlich Arbaces in den Weg. »Heil, edler Klodius! Kannst du mir nicht sagen, welches das Haus des Sallust ist?« »Es ist ganz hier in der Nähe, weiser Arbaces. Aber gibt Sallust heute abend ein Fest?« »Ich weiß nicht«, erwiderte der Ägypter. »Auch würde er mich schwerlich dazu einladen. Aber du weißt, daß Glaukus, der Mörder, sich in diesem Hause befindet.« »Ah! Der gutmütige Epikureer glaubt an die Unschuld des Griechen! Du erinnerst mich, daß er für ihn Bürge geworden ist und bis zum Urteil für seine Person gutgesagt hat. Gut, Sallusts Haus ist besser als ein Gefängnis, besonders als jene traurige Höhle auf dem Forum. Aber weshalb willst du Glaukus aufsuchen?« »Es wäre wünschenswert, edler Klodius, wenn wir ihn vom Tode retten könnten. Die Verurteilung des Reichen macht immer einen üblen Eindruck. Ich möchte gern mit ihm sprechen, denn ich höre, er ist wieder bei Verstande, und ich wünsche, die Beweggründe zu seinem Verbrechen zu erfahren. Sie sind vielleicht der Art, daß sie seine Schuld mildern können.« »Du bist sehr menschenfreundlich, Arbaces.« »Die Menschenfreundlichkeit ist die Pflicht eines nach Weisheit Strebenden«, erwiderte der Ägypter bescheiden. »Wo ist das Haus des Sallust?« »Ich will es dir zeigen,« sagte Klodius, »wir werden gleich dort sein. Aber, sage mir, was ist aus dem armen Mädchen geworden, daß der Athener heiraten wollte, aus der Schwester des ermordeten Priesters?« »Oh, sie hat fast den Verstand verloren. Bisweilen verflucht sie den Mörder, dann wieder ruft sie plötzlich aus: ›Aber wie kann ich ihn denn verfluchen? Nein, mein Bruder, Glaukus war nicht der Mörder. Niemals werde ich das glauben.‹ Und dann ergreift sie wieder ein Schauder bei dem Gedanken, er könnte doch der Schuldige sein.« »Unglückliche Jone!« »Aber es ist noch ein Glück für sie, daß jene heiligen Pflichten, welche die Religion für den Toten gebietet, bisher ihre Aufmerksamkeit von dem Schicksal des Glaukus und dem ihrigen abziehen. Und sie scheint es noch kaum zu ahnen, daß ihr Geliebter in richterlicher Untersuchung ist und selbst in Todesgefahr schwebt. Wenn die Begräbnisfeierlichkeiten vorüber sind, wird ihr Bewußtsein zurückkehren, und ich fürchte sehr, daß es dann ihren Freunden sehr unangenehm sein möchte, zu sehen, wie sie den Mörder ihres Bruders zu retten suchen wird!« »Einem solchen Skandal sollte man vorzubeugen suchen.« »Ich hoffe, da ich bereits Vorsichtsmaßregeln für diesen Zweck eingeleitet habe. Ich bin ihr Vormund und habe soeben Erlaubnis erhalten, nach dem Begräbnis des Apäcides sie in mein Haus zu führen. Dort wird sie, wenn es den Göttern gefällt, sicher sein.« »Du hast wohlgetan, weiser Arbaces. Jetzt sind wir vor dem Hause des Sallust. Die Götter mögen dich behüten! Aber höre, Arbaces – weshalb lebst du so ungesellig und einsam? Man sagt, du könntest recht munter sein, weshalb erlaubst du nicht, daß ich dich mit den Vergnügungen Pompejis bekannt mache? Ich darf behaupten, daß niemand sie besser kennt als ich.« »Ich danke dir, edler Klodius, deiner Leitung möchte ich mich gerne einmal anvertrauen. Aber ich fürchte, ich bin schon zu alt für solche Dinge.« »Oh, deshalb sei ohne Sorgen, ich habe schon alte Knaben von siebzig Jahren eingeführt. Übrigens sind auch die Reichen niemals alt.« »Du schmeichelst; ich werde dich künftig einmal an dein Versprechen erinnern.« »Markus Klodius steht dir zu allen Zeiten zu Diensten. Lebewohl!« / »Ich bin«, sagte der Ägypter zu sich selbst, als der andere ihn verlassen hatte, »kein blutdürstiger Mensch. Ich will auch diesen Griechen retten, wenn er durch ein freiwilliges Geständnis des Verbrechens Jone für immer aufgibt und so die Entdeckung meiner Tat unmöglich macht, Und ich kann ihn retten, wenn ich Julia überrede, den Liebestrank einzugestehen. Leugnet er aber das Verbrechen, so muß er sterben. Wird er sich entschließen? Könnte man ihn aber nicht überreden, daß er in seiner Geistesverwirrung die Tat wirklich begangen habe? Dieses würde mir größere Sicherheit gewähren als selbst sein Tod.« Arbaces erblickte jetzt, als er an die Tür der Wohnung des Sallust trat, eine in einen Mantel gehüllte Gestalt der Länge nach vor der Schwelle liegen. Sie lag so still und unheimlich da, daß jeden anderen als Arbaces die abergläubische Furcht erfaßt haben möchte, er sehe einen jener Lemuren vor sich, die vor allen anderen Orten an den Schwellen der Häuser spukten, welche sie einst bewohnt hatten. Aber Arbaces glaubte an solche Gespenster nicht. »Stehe auf!« sagte er, indem er die Gestalt mit dem Fuße berührte. »Du liegst mir im Wege.« »Ha, wer bist du?« rief jenes Wesen mit heller Stimme, und als es sich vom Boden erhob, beleuchtete der Mondschein das bleiche Antlitz der Nydia. »Wer bist du? Ich kenne deine schreckliche Stimme.« »Blindes Mädchen, was willst du hier so spät? Pfui, paßt sich das für deine Jahre und dein Geschlecht? Gehe nach Hause, Mädchen!« »Ich kenne dich,« sagte Nydia mit leiser Stimme, »du bist Arbaces, der Ägypter.« Darauf fiel sie, wie durch eine plötzliche Eingebung veranlaßt, vor ihm nieder, umschlang seine Knie und rief in wildem und leidenschaftlichem Tone: »O furchtbarer und mächtiger Mann, rette ihn! Rette ihn, er ist ja unschuldig! Ich bin die Verbrecherin! Er liegt in diesem Hause krank – sterbend – ich bin die Ursache. Und sie wollen mich nicht zu ihm lassen, sie trieben das arme Mädchen aus der Halle. Ach, heile ihn doch! Du kennst gewiß ein Kraut oder einen Gegenzauber, denn es war ein Zaubertrank, der ihm den Verstand geraubt hat.« »Still, mein Kind, ich weiß alles. Erinnerst du dich nicht mehr, daß ich Julia zu der Hexe begleitete? Wahrscheinlich hat sie ihm den Trank beigebracht, aber du bist ihrem Ruf Verschwiegenheit schuldig. Mache dir keine Vorwürfe – was geschehen muß, läßt sich nicht ändern. Aber ich will den Verbrecher besuchen, vielleicht ist er noch zu retten.« Arbaces stieß die verzweifelte Thessalierin von sich und klopfte stark an die Tür. Die schweren Riegel wurden bald darauf zurückgezogen, und der Portier fragte, indem er die Haustür halb öffnete, wer da sei. »Arbaces. Ich habe wichtige Geschäfte mit Sallust wegen des Glaukus. Ich komme vom Prätor.« Der gähnende Türsteher ließ den stattlichen Ägypter ein. Nydia sprang vor. »Wie befindet er sich?« sprach sie. »Oh, sage es mir!« »Wildes Mädchen, bist du noch immer da? Schäme dich! Er soll wieder bei Verstande sein.« »Gelobt seien die Götter! Und du willst mich nicht einlassen? Ach, ich bitte dich!« »Einlassen – nein. Ich würde meinen Schultern einen hübschen Empfang bereiten. Geh nach Hause.« Die Tür wurde verschlossen, und Nydia legte sich wieder mit einem tiefen Seufzer auf die kalten Steine. Arbaces trat inzwischen in das Triklinium, wo Sallust mit einem seiner begünstigten Freigelassenen noch spät zu Abend speiste. »Was, Arbaces! Und in dieser Stunde! Nimm diesen Becher!« »Nein, Sallust, nur wichtige Angelegenheiten veranlassen mich, dich noch oft zu stören. Wie befindet sich Glaukus? In der Stadt sagt man, er sei wieder bei Sinnen.« »Ach gewiß!« erwiderte der gutmütige, wenn auch leichtsinnige Sallust, indem er sich eine Träne aus dem Auge wischte. »Aber seine Nerven sind noch so abgespannt und seine Kräfte so erschöpft, daß ich kaum meinen früheren munteren Genossen wiedererkenne. Aber seltsam ist es, daß er über die Ursache seiner plötzlichen Geistesverwirrung keine Rechenschaft zu geben weiß. Er kann sich nur dunkel dessen erinnern, was vorgefallen ist, behauptet aber, trotz deines Zeugnisses, weiser Ägypter, unschuldig an dem Tode des Apäcides zu sein.« »Sallust«, sagte Arbaces. »Die Lage deines Freundes erfordert besondere Rücksichten. Und könnten wir aus seinem Munde das Bekenntnis und die Beweggründe seines Verbrechens erfahren, so wäre von der Gnade des Senats noch vieles zu hoffen. Deshalb war ich beim Prätor und erhielt die Erlaubnis zu einer geheimen Unterredung mit Glaukus noch in dieser Nacht. Du weißt, daß morgen das Verhör stattfinden wird.« »Gut«, sagte Sallust. »Du wirst dich deines morgenländischen Namens und Rufes würdig erweisen, wenn du etwas von ihm erfahren kannst. Armer Glaukus! Und er hatte einen so vortrefflichen Appetit! Jetzt ißt er nichts!« Dieser Gedanke rührte den gutmütigen Epikureer besonders. Er seufzte und befahl den Sklaven, ihm den Becher wieder zu füllen. »Es wird spät«, sagte der Ägypter. »Erlaube, daß ich jetzt zu Glaukus gehe.« Sallust nickte bejahend und führte Arbaces nach einer kleinen Stube, die durch zwei schlaftrunkene Sklaven von außen bewacht wurde. Die Tür ward geöffnet, Sallust zog sich auf das Begehren des Ägypters zurück, und dieser war jetzt allein mit Glaukus. Auf einem Kandelaber brannte neben dem schmalen Bett eine Lampe. Ihre Strahlen fielen auf das bleiche Antlitz des Atheners, und selbst Arbaces rührte die Veränderung, die er erlitten hatte. Die blühende Farbe war verschwunden, die Wangen eingefallen, die zuckenden Lippen welk und blau. Der Kampf zwischen Vernunft und Raserei, zwischen Leben und Tod war schrecklich gewesen. Die Jugend und Kraft des Glaukus hatte gesiegt, aber die Blüte seines Lebens war für immer verschwunden. Der Ägypter setzte sich still neben das Bett, Glaukus lag stumm und bewegungslos da, er hatte den Eintritt des Fremden gar nicht bemerkt. Endlich, nach einer längeren Pause, begann Arbaces: »Glaukus, mein armer Feind, ich komme allein und in der Stille der Nacht zu dir – als dein Freund, vielleicht als dein Retter!« Wie das Reh vor dem Anblick des Tigers erschrickt, so entsetzte sich Glaukus vor der plötzlichen, unvermuteten Erscheinung seines Feindes. Ihre Blicke begegneten sich, eine fliegende Röte überzog das Gesicht des Atheners, und die braune Wange des Ägypters erblaßte. Endlich wendete sich Glaukus mit einem tiefen Seufzer fort, faßte mit der Hand an die Stirn, sank zurück und sagte: »Träume ich denn noch?« »Nein, Glaukus, du wachst. Bei dieser rechten Hand und bei dem Haupt meines Vaters, du siehst einen Mann vor dir, der dein Leben noch zu retten vermag. Höre! Ich weiß, was du begangen hast, aber ich kenne auch die mildernden Beweggründe deiner Tat, die dir selbst noch unbewußt sind. Du bist ein Mörder – es ist wahr. Leugne nicht – diese Augen sahen es. Aber ich kann dich retten, ich kann beweisen, wie du deiner Sinne beraubt wurdest und aufhören mußtest, ein mit freiem Willen handelnder Mann zu sein. Aber um dich zu retten, mußt du selbst dein Verbrechen eingestehen. Unterzeichne dieses Blatt, und du entgehst dem Tode.« »Was sind das für Behauptungen? Ich der Mörder des Apäcides? Sah ich ihn nicht als blutende Leiche auf dem Boden liegen? Und du willst mich überreden, ich sei der Mörder gewesen? Du lügst, Mensch! Hinweg von mir!« »Werde nicht hitzig, Glaukus, übereile dich nicht. Die Tat ist bewiesen. Allerdings ist es glaublich, daß du dich nicht mehr erinnerst, was du im Zustande des Wahnsinns begingst und woran deine Seele sonst nicht gedacht haben würde. Aber ich will versuchen, dein erschöpftes Gedächtnis zu unterstützen. Du weißt, daß du mit dem Priester in lebhaftem Gespräch über seine Schwester begriffen warst, du weißt, daß er als halber Nazarener dich bekehren wollte. Er tadelte deine Lebensweise und schwor, daß er deine Verbindung mit Jone nicht dulden werde, und darauf begingst du in deiner Wut und Raserei die jähzornige Tat. Erinnerst du dich jetzt? Lies, was auf dem Papyrus steht, es lautet ebenso. Unterzeichne die Schrift, und du bist gerettet.« »Barbar, gib mir die geschriebene Lüge, daß ich sie zerreiße! Ich der Mörder von Jones Bruder? Ich sollte bekennen, daß ich ein Haar auf dem Haupte dessen verletzt habe, den sie liebt? Laßt mich lieber einen tausendfachen Tod erleiden!« »Still!« sagte Arbaces in leisem Tone. »Hier ist bloß eine Wahl. Dein Geständnis und deine Unterschrift – oder das Amphitheater und der Rachen des Löwen!« Als der Ägypter seine Blicke auf den Leidenden heftete, bemerkte er mit Freuden, welchen auffallenden Eindruck seine Worte auf ihn gemacht hatten. Ein Schauder ergriff den Athener, Furcht und Erstaunen malten sich in seinen Zügen und in seinem Blick. »Große Götter!« sagte er. »Welche Verwandlung ist mit mir vorgegangen? Vor einigen Tagen noch war mein Pfad wie mit Rosen bestreut – Jone die meinige. Jugend, Gesundheit, Liebe beglückten mich. Und jetzt werde ich von Krankheit und Schmerz verzehrt. Es droht mir Schande und ein furchtbarer Tod! Aber weshalb das alles? Was habe ich verbrochen?« »Unterzeichne, und du bist gerettet!« sagte der Ägypter mit sanfter Stimme. »Weiche von mir, Versucher – niemals!« rief Glaukus. »Du kennst mich nicht, du kennst nicht den stolzen Sinn eines Atheners! Der plötzliche Anblick des Todes konnte mich für einen Augenblick erschüttern, aber der Anfall ist schon vorüber. Die Schande lebt ewig! Wer wird ihr seinen Namen übergeben, um sein irdisches Dasein zu retten? Wer wird sein reines Bewußtsein verkaufen und sich selbst beflecken in den Augen des Ruhms und der Liebe? Geh und laß mich untergehen. Ich will nicht in Selbstverachtung dahinleben.« »Überlege es dir wohl! Die Klauen des Löwen, das Hohngeschrei der Menge, wenn du von ihm zerrissen wirst, dein Name ewiger Schande preisgegeben!« »Du lügst! Schande besteht nur in dem Verlust unserer eigenen Achtung! Willst du jetzt gehen? Dein Anblick ist mir ein Greuel! Seit jeher haßte ich dich, jetzt aber verachte ich dich auch.« »Ich gehe!« sagte Arbaces, beschämt und rachedürstend zugleich, doch bei alledem eine fast mitleidige Bewunderung für sein Schlachtopfer fühlend. »Ich gehe. Wir sehen uns noch zweimal wieder, einmal vor Gericht, dann vor deinem Tode. Lebewohl!« Der Ägypter erhob sich langsam, schlug das Gewand um sich und verließ das Zimmer. Er begab sich noch zu Sallust, dessen Augen bereits mit dem Schlaf zu ringen begannen. »Glaukus ist noch ohne Bewußtsein, oder vielmehr hartnäckig«, sagte er. »Es ist keine Hoffnung mehr für ihn.« »Sage das nicht«, erwiderte Sallust, der gegen den Ankläger des Atheners keinen Groll hatte, denn seine Tugend war nicht sehr streng, und er war mehr durch das Unglück seines Freundes gerührt, als von dessen Unschuld überzeugt. »Sage das nicht, mein Ägypter, ein so guter Trinker soll, wenn es irgend möglich ist, gerettet werden. Bacchus gegen Isis!« »Wir wollen sehen«, sagte der Ägypter. Mit diesen Worten entfernte er sich. Nydia verweilte noch vor der Haustür. »Willst du ihn retten?« sagte sie, die Hände faltend. »Komm mit mir Kind; ich muß seinetwegen mit dir sprechen.« »Und du willst ihn retten?« Arbaces antwortete nicht, denn er war schon vorangeschritten. Nydia besann sich einen Augenblick, darauf folgte sie ihm schweigend. »Ich muß dieses Mädchen in Sicherheit bringen,« sprach er bei sich selbst, »damit sie von dem Liebestrank nichts erzählt. Was die eitle Julia betrifft, so wird sie sich nicht selbst verraten.« 29. Inzwischen herrschten im Hause der Jone Sorge und Leid. Die Leiche des Apäcides war von dem Tempel der Isis in das Haus seiner nächsten Verwandten gebracht worden, und Jone hatte zugleich den Tod ihres Bruders und die Anklage gegen ihren Geliebten vernommen. Jene erste Überraschung, welche kein anderes Gefühl aufkommen läßt, und das vorsichtige Stillschweigen ihrer Sklavin war eine Ursache, daß sie noch nicht genau von der Lage und dem schrecklichen Schicksal, welches Glaukus bedrohte, unterrichtet war. Seine Krankheit, seine Gemütsverwirrung und das bevorstehende Verhör waren ihr unbekannt. Sie hörte bloß von der Anklage gegen ihn, schenkte jedoch dem Gerücht keinen Glauben. Als sie aber erfuhr, daß Arbaces der Ankläger sei, war sie fest in ihrem Innern überzeugt, daß der Ägypter selbst das Verbrechen begangen habe. Die Wichtigkeit der religiösen Pflichten jedoch, die mit dem Tode ihres Bruders in Verbindung standen, hatten ihre ganze Zeit nur für diesen Zweck in Anspruch genommen. Ach, sie hatte zwar nicht bei dem Tode des geliebten Bruders anwesend sein können, um seinen letzten Atemzug zu bewachen, aber sie hatte die noch offenen Augen geschlossen und bei der Leiche gewacht, als diese, gebadet und gesalbt, in festlichen Kleidern auf dem elfenbeinernen Bettgestell lag, sie hatte das Zimmer mit Blättern und Blumen geschmückt und den Zypressenzweig an der Schwelle der Tür erneuert. Und unter diesen traurigen Pflichten, unter Wehklagen und Gebet vergaß Jone alles übrige. So war der Morgen des Begräbnistages herangekommen, und als die Sterne erblichen waren, stand eine Menge Menschen vor der Tür ihres Hauses. Lange, dünne Fackeln warfen ihr zitterndes Licht auf die Gruppe, welche einen feierlichen Eindruck machte. – Bald erhob sich eine langsame und traurige Musik, und die Töne schwebten weit die einsamen Straßen hinunter, während ein Chor männlicher Stimmen, begleitet durch mysische Flöten, eine Totenhymne sang. Als diese beendet war, ordnete sich langsam der Trauerzug. Die Leiche des Apäcides wurde auf einer mit purpurnen Decken belegten Bahre, die Füße nach vorn, getragen. Der Leichenmarschall, begleitet durch seine schwarz gekleideten Fackelträger, gab das Zeichen, und der Zug bewegte sich langsam vorwärts. Zuerst kamen die Musikanten, welche einen feierlichen Marsch spielten, die sanfteren Instrumente wurden oft durch ein wilderes und lauteres Schmettern der Trompeten unterbrochen. Darauf folgte der gemietete Sängerchor, und die weiblichen Stimmen waren mit denen der Knaben gemischt, deren zartes Alter den Gegensatz zwischen Leben und Tod nur um so mehr hervorhob. Zunächst kamen die Priester der Isis in ihren weißen Gewändern, barfuß und Kornähren in den Händen tragend. Vor der Leiche wurde das Bild des Toten und die seiner athenischen Vorfahren getragen. Hinter der Bahre folgte in Begleitung ihrer Sklavinnen die einzige noch lebende Verwandte. Im bloßen Haupte und mit aufgelösten Locken, im Gesicht weißer als Marmor, aber gefaßt und ruhig, außer daß sie dann und wann, durch die sanften Töne der Musik zu einer Trauer angeregt, die sich nicht mehr zurückdrängen ließ, das Gesicht mit den Händen bedeckte, um ihre Tränen zu verbergen. Denn in ihrem Wesen lag nicht die laute, wilde Äußerung des Schmerzes, der oft ebenso schnell wieder vergißt, wie er lärmend auftritt. Der Zug ging durch das Stadttor in die Straße der Gräber, wo der Scheiterhaufen in Gestalt eines Altars aus unbehauenen Fichtenklötzen errichtet war. Um ihn herum standen die finsteren, melancholischen Zypressen. Als die Bahre auf den Scheiterhaufen gelegt war, stieg Jone hinauf und stand einige Augenblicke still und bewegungslos vor dem entseelten Körper. Die Züge des Toten hatten den ersten schrecklichen Ausdruck eines schnellen und gewaltsamen Todes verloren. Verschwunden waren für immer der Schrecken und der Zweifel, der Kampf der Vergangenheit mit der Gegenwart, die Furcht und die Hoffnung in Beziehung auf die Zukunft! Was war in der feierlichen Heiterkeit und in der geheimnisvollen Ruhe jenes Antlitzes noch sichtbar von allen den Leidenschaften, die einst die Brust dieses nach einem heiligen Leben strebenden jungen Mannes beseelten? Man hörte keinen Laut, als Jone ihren toten Bruder zum letztenmal anblickte. Es war etwas Schreckliches, aber zugleich Beruhigendes in diesem Stillschweigen, und als es unterbrochen wurde, geschah es schnell und plötzlich mit einem heftigen, gellenden Schrei, dem Ausdruck lange überwältigter Verzweiflung. »Mein Bruder, mein Bruder!« rief die arme Waise, indem sie sich auf die Bahre warf. »Du, der keinem Wurm etwas zuleide tat, welchen Feind konntest du reizen? Oh, ist es wirklich dahin gekommen? Erwache, erwache! Wir wuchsen zusammen auf, sollen wir getrennt werden? Du bist nicht tot; du schläfst. Erwache, erwache!« Der Ton ihrer durchdringenden Stimme erregte die Teilnahme der Umstehenden, und sie brachen in ein lautes Wehklagen aus. Dieses erschreckte Jone. Sie sah sich schnell und verstört um, als ob sie jetzt erst die Gegenwart der anderen bemerke. »Ach,« seufzte sie, »wir sind ja nicht allein!« Sie erhob sich, und ihr bleiches, schönes Antlitz war wieder ruhig und ernst. Mit zitternden, sanften Händen öffnete sie die Augenlider des Verstorbenen, aber da sie in das gläserne, leblose Auge blickte, schrie sie laut auf, als sei ihr ein Gespenst erschienen. Doch bald erholte sie sich, küßte zum letztenmal die Lippen und die Stirn des Bruders und nahm mechanisch aus der Hand des Hohenpriesters der Isis die Fackel, die er ihr darreichte, als sie hinabstieg. Die Musik verkündete jetzt, daß die heilige Flamme entzündet sei, und während eine Hymne gesungen wurde, erhob sich das prasselnde Feuer hoch in die Lüfte. Es flammte leuchtend um die dunklen Zypressenzweige. Die Funken flogen über die Mauern des nahen Pompeji, und draußen am Meeresstrand sah der Fischer mit Verwunderung, wie die Glut die Wellen des Meeres rötlich färbte. Der Wind unterstützte die Wirkung der brennbaren Materialien, die in dem Scheiterhaufen verteilt waren. Nach und nach wurden die Flammen schwächer, hier und da sprühten noch Funken hervor, bis sie zuletzt erstarben. Wo kurz vorher noch alles in Tätigkeit und Unruhe war, lag jetzt die tote Asche. Die letzten Funken wurden durch die Sklaven gelöscht und die heiße Asche gesammelt. Die Überbleibsel der verbrannten Leiche wurden mit den seltensten Weinen und den kostbarsten wohlriechenden Flüssigkeiten getränkt und in eine silberne Urne gefüllt, welche feierlich auf eines der benachbarten Monumente an der Straße gestellt wurde, nachdem auch das mit Tränen gefüllte Fläschchen und die kleine Münze hineingelegt worden, die für den mürrischen Charon bestimmt war. Das Grabmal wurde mit Blumen und Kränzen geschmückt, auf dem Altar dampfte der Weihrauch, und viele Lampen hingen umher. Am nächsten Tage aber, als der Priester mit frischen Blumen nach dem Monument zurückkehrte, fand er, daß eine unbekannte Hand den heidnischen Ausstattungen desselben einen grünen Palmzweig hinzugefügt hatte. Er ließ ihn dort, nicht ahnend, daß dies das Begräbniszeichen der Christen war. Als die oben beschriebenen Zeremonien vorüber waren, besprengte einer der Sänger jeden von der Gesellschaft dreimal mit dem reinigenden Zweige des Lorbeers, indem er das Wort aussprach: »Geht!« – und die Feierlichkeit war beschlossen. Während einige von der Gesellschaft noch zurückblieben, um das nun folgende Begräbnismahl mit den Priestern zu teilen, begab sich Jone mit ihren Sklavinnen wieder auf den Weg nach ihrem Hause. Jetzt, da sie die letzten Pflichten gegen ihren Bruder erfüllt hatte, erwachte ihr Geist aus seinen melancholischen Träumereien, und sie dachte an ihren Geliebten und an die furchtbare Anklage gegen ihn. Da sie keinen Augenblick an diese unnatürliche Beschuldigung glaubte, sondern einen entschiedenen Verdacht auf Arbaces selbst fühlte, hielt sie es für ihre Pflicht, sofort zum Prätor zu gehen und ihm mitzuteilen, was sie für gewiß hielt, wenn sie auch keine Beweise führen konnte. Als sie ihre Dienerinnen befragte – welche bisher, aus Besorgnis, ihre Qualen und ihren Schmerz zu vermehren, von dem Zustand des Glaukus ihr nichts gesagt hatten – erfuhr sie, daß er gefährlich krank gewesen, in dem Hause des Sallust bewacht werde und der Tag seines Verhörs schon bestimmt sei. »Oh, ihr Götter!« rief sie aus. »Wie konnte ich so lange seiner vergessen? Aber ich muß für ihn eintreten, ich muß ihm beweisen, daß ich ihn für unschuldig halte. Schnell! Schnell! Und wenn sie mir nicht glauben, wenn sie meiner Überzeugung nicht beistimmen wollen, wenn sie ihn zur Verbannung oder zum Tode verurteilen, so will ich wenigstens sein Schicksal mit ihm teilen!« Sie beschleunigte unwillkürlich ihre Schritte, doch wußte sie kaum, wohin sie zuerst gehen sollte, indem sie bald beschloß, den Prätor aufzusuchen, bald zum Glaukus selbst zu eilen. Sie war schon durch das Tor in die Straßen der Stadt getreten. Die Häuser waren zwar meist schon geöffnet, aber man sah noch wenige Menschen. Doch als sie um eine Ecke bog, erblickte sie plötzlich mehrere Männer, die neben einer bedeckten Sänfte standen. Eine stattliche Gestalt trat mitten unter ihnen heraus, und Jone schrie laut auf, als sie Arbaces erkannte. »Schöne Jone,« sagte er freundlich, »meine Mündel, meine Pflegetochter! Verzeihe, wenn ich deine frommen Pflichten unterbreche. Aber der Prätor, der die seltsame Verwicklung deiner Lage kennt, die dich antreibt, Gerechtigkeit für deinen ermordeten Bruder zu suchen und zugleich die Bestrafung deines Verlobten zu befürchten, er ist um deine Ehre besorgt und möchte nicht, daß du dich übereilt in die bevorstehende Untersuchung mischtest. Deshalb hat er dich weise und väterlich der Aufsicht deines gesetzlichen Vormundes überwiesen, da er es für unpassend hält, daß du ohne männlichen Rat und Beistand handelst. Sieh hier die Schrift, welche dich meinem Schutze anvertraut!« »Weiche von mir, abscheulicher Ägypter«, sagte Jone, indem sie stolz zurücktrat. »Du bist es, der meinen Bruder ermordet hat! Also deinem Schutz, deinen noch von seinem Blut befleckten Händen will man seine Schwester übergeben? Ha, du entfärbst dich! Dein Gewissen verrät dich! Du zitterst vor dem Donnerkeil des rächenden Gottes! Weiche von mir und überlasse mich meiner Trauer!« »Dein Unglück hat deine Vernunft verwirrt, Jone«, sagte Arbaces, indem er vergebens seinen ruhigen Ton zu behaupten suchte. »Aber ich verzeihe dir. Du wirst in mir jetzt, wie immer, deinen sichersten Freund finden. Aber die Straße ist nicht der Ort, uns zu verständigen. Herbei, Sklaven! Komm, meine süße Mündel, steige in die Sänfte!« Die erschrockenen Dienerinnen der Jone sammelten sich um sie. »Arbaces,« sagte die älteste derselben, »dein Benehmen ist nicht gesetzlich. Denn steht es nicht geschrieben, daß die Verwandten eines Verstorbenen bis auf neun Tage nach dem Begräbnis in ihren Wohnungen nicht beunruhigt und in ihrer einsamen Trauer nicht gestört werden sollen?« »Weib!« erwiderte Arbaces, indem er gebieterisch mit der Hand winkte. »Eine Mündel unter den Schutz ihres Vormundes stellen, heißt nicht gegen die Trauergesetze handeln. Ich sage dir, daß ich vom Prätor beauftragt bin. Führt sie in die Sänfte!« Indem er dieses sprach, umfaßte er kräftig die zurückweichende Jone. Sie schaute ihm wild in das Gesicht, brach in ein krampfhaftes Gelächter aus und rief: »Ha, du willst mein Beschützer sein? Das ist ein treffliches Gesetz!« Und wie erschreckt durch ihr eigenes Gelächter, sank sie ohnmächtig nieder. Arbaces hob sie schnell in die Sänfte, welche die Sklaven sogleich forttrugen, und die unglückliche Jone ward auf diese Weise ihren weinenden Dienerinnen entrissen. 30. Nydia war dem Arbaces in seine Wohnung gefolgt, und dort erfuhr er das Geständnis ihrer Verzweiflung und Reue, daß nämlich sie Glaukus den schrecklichen Trunk beigebracht habe und nicht Julia. Zu jeder anderen Zeit würde es dem Ägypter vielleicht ein philosophisches Interesse gewährt haben, den Ursprung und das Wesen jener heftigen Leidenschaft zu verfolgen, welche dieses seltsame Mädchen in ihrer Blindheit und Sklaverei genährt hatte, aber jetzt war er zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Als die arme Nydia nach ihrem Bekenntnis vor ihm auf die Knie sank und ihn anflehte, die Gesundheit des Glaukus wiederherzustellen und sein Lehen zu retten, denn in ihrer Unerfahrenheit hielt sie den finsteren Zauberer für mächtig genug, beides zu bewirken, überlegte Arbaces bei sich selbst, wie er am sichersten das blinde Mädchen in seinem Hause gefangen halten könne, bis das Schicksal des Griechen entschieden sei. Bisher war ihm Nydia schon deshalb gefährlich erschienen, weil sie um die Beschaffung des Liebestrankes wußte und vielleicht als Zeuge verraten konnte, auf welche Weise Glaukus den Gebrauch seiner Vernunft verloren hatte. Jetzt aber, da sie Glaukus liebte und ihm den Trank beigebracht hatte, war es fast sicher, daß sie selbst mit Überwindung ihres Schamgefühls danach streben würde, ihren Fehler wieder gutzumachen und ihren Geliebten auf irgendeine Weise zu retten. Wie unwürdig seines Standes und Rufes wäre es auch für Arbaces gewesen, als ein Kuppler für die Leidenschaft der Julia zu erscheinen und sich mit den Zaubereien der Hexe des Vesuvs in Verbindung gesetzt zu sehen! Kein anderer Grund hätte ihn vermögen können, das Geständnis der Julia zu veranlassen, als der Wunsch, Glaukus möchte sich selbst als den Mörder des Apäcides angeben, weil dieses für die eigene Sicherheit des Ägypters und für den günstigen Erfolg seines Verhältnisses zu Jone der zweckmäßigste Ausweg gewesen sein würde. Nydia, die infolge ihrer Blindheit vieles aus dem wirklichen Leben nicht kannte und als Sklavin und Fremde auch der römischen Gesetze unkundig war, dachte mehr an die Krankheit und die Geistesverwirrung des Atheners als an das Verbrechen, dessen er beschuldigt war, oder an die Gefahren, welche aus der bevorstehenden Untersuchung für ihn sich vielleicht ergeben könnten. Was wußte die arme Unglückliche, mit der niemand sprach, deren sich kein Mensch annahm, von dem Senat und dem Urteil, von der Wildheit des Volkes, der Arena und dem Rachen des Löwen? In Glaukus verkörperte sich für ihre Vorstellung alles Erhabene, Schöne und Große, und sie konnte sich gar nicht denken, daß ihn irgendeine Gefahr, außer der, die sie durch das Übermaß ihrer Liebe selbst herbeigeführt hatte, je bedrohen konnte. Nur, um seine zerstörte Gesundheit wiederherzustellen, an der sie die Schuld trug, hatten sie die Hilfe des großen Ägypters in Anspruch genommen. »Kind,« sagte Arbaces, indem er aus seiner Träumerei erwachte, »du mußt hierbleiben. Es paßt sich nicht für dich, in den Straßen umherzuirren und durch rohe Sklaven von den Schwellen fremder Käufer gestoßen zu werden. Ich fühle Nachsicht mit deinem ohne böse Absicht begangenen Verbrechen, ich will alles tun, um seine Folgen unschädlich zu machen. Bleibe einige Tage ruhig bei mir, und Glaukus soll wiederhergestellt werden.« Ohne ihre Antwort abzuwarten, eilte er, nachdem er dieses gesprochen, aus dem Zimmer, schob den Riegel vor die Tür und überwies seine Gefangene der Aufsicht und Wachsamkeit eines Sklaven. Einsam und nachdenkend erwartete er jetzt den Anbruch des Morgens und traf alle nötigen Anstalten, um, wie wir gesehen haben, sich der Person der Jone zu bemächtigen. Seine erste Absicht in bezug auf die unglückliche Neapolitanerin war jene, die er dem Klodius mitgeteilt hatte, nämlich es zu verhindern, daß sie tätig in die gerichtliche Untersuchung wegen der Anklage des Glaukus eingreife, und auch ihrer Klage gegen ihn, wegen seines früheren gewalttätigen Angriffes gegen sie, seine Mündel, zuvorzukommen. Durch eine solche Klage wären sicherlich die Gründe seiner Rachsucht gegen Glaukus sowie sein eigener hinterlistiger und heuchlerischer Charakter offenbart worden und sein Zeugnis gegen den Athener sehr verdächtig erschienen. Erst nachdem er an jenem Morgen die lauten Anklagen der Jone gehört hatte, überzeugte er sich, daß infolge ihres Verdachts, er selbst sei der Mörder ihres Bruders, ihm auch noch eine andere Gefahr drohe. Er frohlockte jetzt, daß sein Anschlag gelungen, daß ein Wesen, welches der Gegenstand seiner Leidenschaft und seiner Furcht zugleich war, in seiner Gewalt sei. Er glaubte nun mehr als jemals an die günstigen Weissagungen der Sterne, und als er Jone in dem Zimmer seines geheimnisvollen Hauses, welches er ihr angewiesen, aufsuchte, als er sie durch so viele, sich unmittelbar aufeinanderfolgende Schläge des Schicksals überwältigt fand, als sie von einem krampfhaften Anfall in den anderen, von der Heftigkeit der Leidenschaft in den der Erschöpfung geriet, da entzückte ihn doch noch mehr ihre Lieblichkeit, welche kein Wahnsinn entstellen konnte, als ihre Qualen ihn rührten, deren Urheber er war. Mit jener Eitelkeit, die Männern eigen ist, welche in ihrem Leben fortwährend durch das Glück und die Liebe begünstigt wurden, schmeichelte er sich der Hoffnung, daß, wenn Glaukus vernichtet, wenn sein Name durch ein richterliches Urteil feierlich gebrandmarkt, sein Anspruch auf ihre Liebe für immer durch das Todesurteil wegen der Ermordung ihres eigenen Bruders unmöglich geworden sei, ihre Neigung sich in Abscheu verwandeln würde. Und Arbaces hielt es für sicher, daß er dann durch seine Zärtlichkeit und Leidenschaft ihr Herz gewinnen werde. Bei alledem quälte ihn aber jene Ängstlichkeit und Unruhe, die vor der Möglichkeit der Entdeckung zittert, jene Furcht vor den Folgen der Tat, welche oft für die Reue selbst gehalten wird. Er sehnte sich, eine Gegend zu verlassen, wo die Gefahr mit dem Toten vielleicht noch nicht begraben sein konnte, und da er jetzt des Besitzes der Jone versichert war, so beschloß er, sobald er die letzten Todeszuckungen seines Nebenbuhlers gesehen habe, mit seinem Reichtum und mit ihr, dem kostbarsten seiner Schätze, irgendeinen entfernten Aufenthalt zu suchen. Zunächst aber mußte er jetzt dem Verhör des Atheners beiwohnen. Die bleiche und eingefallene Wange seines Schlachtopfers rührte ihn weniger, als dessen Kühnheit und Unerschrockenheit, denn Arbaces fühlte nur wenig Teilnahme für das Unglück, aber desto mehr für den Mut. Hätte er nur von Glaukus die Unterzeichnung seines Bekenntnisses erhalten, das, mehr als irgendein gerichtliches Urteil, den Athener aus dem Herzen der Jone verdrängt und die Möglichkeit einer dereinstigen Entdeckung für Arbaces entfernt haben würde, so hätte er alle seine Kräfte aufgeboten, ihn zu retten. Selbst jetzt war sein Haß schon verraucht, seine Rachsucht abgekühlt, er vernichtete seine Beute nicht aus Feindschaft, sondern als ein ihm im Wege stehendes Hindernis. Er war aber deshalb um nichts weniger listig und ausdauernd in dem Plan, den Untergang eines Mannes zu bewirken, dessen Tod ihm für die Erreichung seiner Zwecke unbedingt notwendig erschien, und während er mit scheinbarem Mitleid ein Zeugnis gegen Glaukus ablegte, das diesen unbedingt verdammen mußte, wiegelte er zugleich und im geheimen mit Hilfe der Priester die Volksleidenschaften auf, damit sich nur ja keine menschlichen Rücksichten beim Senat durchsetzen konnten. Er war auch bei Julia gewesen und hatte ihr das Bekenntnis der Nydia mitgeteilt, wodurch es ihm gelang, die Gewissensbisse einzuschläfern, welche jene vermocht haben könnten, das Verbrechen des Glaukus zu mildern, indem sie die Gründe angab, welche seine Geistesverwirrung veranlaßt hatten; und dieses gelang Arbaces um so leichter, da die eitle Julia nicht Glaukus selbst, sondern nur sein Glück und seinen Ruf geliebt hatte. Veränderlich und leichtsinnig, begann sie bereits, dem dringenden Anliegen des Klodius Gehör zu schenken, und war nicht geneigt, einer Verbindung mit jenem zwar vornehmen, aber nichtswürdigen Menschen durch ein öffentliches Bekenntnis ihrer früheren Schwäche und Leidenschaft für einen anderen selbst Hindernisse in den Weg zu stellen. Alle Umstände waren jetzt ebenso günstig für Arbaces wie verzweifelt für den Athener. 31. Als die Thessalierin sich überzeugte, daß Arbaces nicht zurückkehrte, als sie eine Stunde nach der anderen jene Qualen der Erwartung dulden mußte, die ihre Blindheit doppelt unausstehlich machten, begann sie mit ausgestreckten Armen in ihrem Gefängnis umherzufühlen, ob sie nicht irgendeinen Ausweg finden könne, und da die einzige Tür des Zimmers verschlossen war, schrie sie laut, und mit dem Ungestüm eines von Natur schon heftigen Temperaments, das durch die Verzweiflung über ihren hilflosen Zustand noch erhöht wurde. »Ho, Mädchen!« sagte der Sklave, der sie bewachen sollte, indem er die Tür öffnete. »Hat dich ein Skorpion gebissen, oder denkst du, daß wir die Ruhe hier nicht vertragen können?« »Wo ist dein Herr? Und weshalb bin ich hier eingesperrt? Laß mich gehen!« »Ach, Kleine, kennst du Arbaces so wenig, daß du nicht weißt, wie gebieterisch sein Wille ist? Er hat befohlen, daß du eingesperrt bleibst, und eingesperrt bist du, und ich muß dich bewachen. Frische Luft und Freiheit darf ich dir nicht gestatten, aber du kannst etwas weit Besseres haben – Essen und Trinken!« »Aber weshalb läßt man mich nicht fort?« fragte das Mädchen, indem sie die Hände rang. »Was kann der große Arbaces von einem so armen Geschöpf, wie ich bin, wollen?« »Das weiß ich nicht; es sei denn, daß du deiner Gebieterin aufwarten sollst, die heute hierher gebracht wurde.« »Was, Jone ist in diesem Hause?« »Ja, armes Kind! Es scheint ihr auch hier nicht sonderlich zu gefallen, obgleich Arbaces ein sehr artiger Mann gegen Frauenzimmer ist. Jone ist, wie du weißt, seine Mündel.« »Kann ich nicht zu ihr?« »Sie ist krank und wild vor Wut. Außerdem habe ich keinen Befehl, dich zu ihr zu bringen, und ich handle niemals ohne Befehl. Als Arbaces mich über diese Zimmer setzte, sagte er: ›Ich habe dir bloß eine Lehre zu geben, solange du mir dienst, mußt du weder Ohren noch Augen noch eigene Gedanken haben; ich verlange nur eine Eigenschaft von dir – Gehorsam!‹« »Was kann es denn schaden, wenn du mich zu Jone führst?« »Das weiß ich nicht, aber wenn du dich nach Gesellschaft sehnst, so will ich mit dir plaudern, Kleine, denn ich bin einsam genug in meinem Stübchen. Und du bist ja eine Thessalierin, kannst du nicht wahrsagen, wie die meisten deiner Landsmänninnen, daß wir uns die Zeit damit vertreiben?« »Laß mich zufrieden, Sklave, oder wenn du noch sprechen willst, was hast du von dem Zustand des Glaukus gehört?« »Ei nun, mein Herr ist in das Verhör des Atheners gegangen. Glaukus wird für die Ermordung des Priesters Apäcides sicherlich zu büßen haben.« Nydia schrak auf. »Wie?« fragte sie. »Ich habe allerdings etwas davon gehört, aber ich verstand es nicht. Aber wer wird es wagen, ein Haar auf seinem Haupte zu berühren?« »Ich fürchte, der Löwe wird es tun, oder vielleicht auch der Tiger.« Nydia sprang empor, als wenn ein Pfeil ihr herz durchbohrt hätte. Sie stieß einen durchdringenden Schrei aus, und indem sie vor dem Sklaven niedersank, sagte sie in einem Tone, der selbst sein rohes Herz erschütterte: »Oh, sage mir, daß du scherzest, daß du die Unwahrheit redest. Sprich, sprich!« »Bei meiner Treu', blindes Mädchen, ich kenne nichts von den Gesetzen. Es ist vielleicht nicht so schlimm, als man sagt. Aber Arbaces ist sein Ankläger, und das Volk wünscht ein Opfer für das Amphitheater. Doch was kümmert dich das Schicksal des Atheners?« »Ich bin ihm Dank schuldig. Du weißt also nicht, was geschehen wird? Arbaces sein Ankläger! – Oh, was soll ich tun?« Das arme Mädchen ließ den Kopf auf den Busen sinken, sie versank in tiefes Schweigen. Heiße Tränen flossen ihre Wangen hinunter, und alle freundlichen Bemühungen des Sklaven, sie zu trösten oder aus ihrer Träumerei zu erwecken, waren vergebens. Als ihr Aufseher, um seine häuslichen Pflichten wahrzunehmen, das Zimmer verlassen mußte, sammelte Nydia ihre Gedanken wieder. Arbaces war der Ankläger des Glaukus, Arbaces hatte sie hier eingesperrt. War dieses nicht ein Beweis, daß er glaubte, sie könne Glaukus nützlich sein? Ja, sie war offenbar in eine Falle gelockt; sie sollte mit beitragen zu dem Untergange ihres Geliebten! Aber sie mußte das verhindern, sie mußte einen Weg in die Freiheit finden. Zum Glück besaß sie vieles von der Verstellungsgabe ihres Geschlechts, und diese war durch ihre frühere Dienstbarkeit noch genährt worden. Sie beschloß, zu versuchen, ob sie ihren Wärter nicht täuschen könne, und indem sie sich plötzlich seiner abergläubischen Frage in Beziehung auf ihre thessalischen Künste erinnerte, hoffte sie, durch dieses Mittel zu ihrem Zweck zu gelangen. Diese Gedanken beschäftigten ihr Gemüt während des übrigen Teils des Tages und in den langen Stunden der Nacht, und als Sofia am anderen Morgen zu ihr kam, beeilte sie sich, seiner Geschwätzigkeit jene Richtung zu geben, die sie früher so sehr zu vermeiden gesucht hatte. Sie wußte jedoch, daß die Flucht ihr nur in der Nacht gelingen könne, und sie mußte daher mit bitterem Widerstreben sich bis dahin gedulden. »Die Nacht«, sagte sie zum Sklaven, »ist die einzige Zeit, in welcher wir die Beschlüsse des Geschicks entziffern können. Dann mußt du zu mir kommen. Aber was willst du wissen?« »Beim Pollux, wissen möchte ich manches. Vor allem aber laß mich erfahren, wann ich Geld genug haben werde, um meine Freiheit zu erkaufen, oder ob dieser Ägypter sie mir umsonst schenken wird. Bisweilen ist er großmütig. Sodann möchte ich wissen, ob ich jenen hübschen Laden in der Vorstadt bekommen werde, den ich schon so lange im Auge habe. Mit Wohlgerüchen zu handeln ist meine Sehnsucht!« »Es gibt mehrere Arten von Zauberei, um auf diese Fragen Antwort zu erhalten. Aber ich denke, die einfachste Zauberei, um deinen Wunsch zu befriedigen, wird die Magie der Luft sein.« »Ich hoffe,« sagte Sofia zitternd, »daß keine schrecklichen Erscheinungen dabei stattfinden? Ich sehe nicht gern Gespenster.« »Sei unbesorgt, du wirst nichts sehen. Du hörst bloß an dem Brausen des Wassers, ob deine Frage bejaht wird. Vor allen Dingen mußt du, sobald der Abendstern am Himmel erscheint, die Gartentür etwas offen lassen, damit der Dämon eintreten könne. Dann mußt du auch Früchte und Wasser als ein Zeichen der Gastfreundschaft dorthin stellen und drei Stunden nach dem Zwielicht mit einem Gefäß voll kalten, reinen Wassers hierher kommen, und dann wirst du alles nach dem thessalischen Gebrauch, wie ich ihn von meiner Mutter gelernt habe, erfahren. Aber vergiß nicht, die Gartentür offenzulassen – davon hängt alles ab. Sie muß, von der Zeit an, da du zu mir kommst, drei Stunden lang offenstehen.« »Sei unbesorgt«, erwiderte der nichts Böses ahnende Sofia. »Ich weiß, wie einem ordentlichen Mann zumute ist, wenn eine Tür ihm vor der Nase verschlossen bleibt, so wie es mir lange Zeit mit der Tür der Küche gegangen ist. Auch weiß ich, daß einer angesehenen Person, wie ein Dämon ohne Zweifel ist, ein kleiner Beweis höflicher Gastfreundschaft nur angenehm sein kann, übrigens bringe ich dir auch hier dein Frühstück, Kleine.« »Und wie geht es mit dem Verhör?« »Oh, die Richter sind immer noch da und schwatzen, sprechen. Es wird wohl das Urteil erst morgen erfolgen.« »Morgen, weißt du das gewiß?« »Man sagt es.« »Und Jone?« »Beim Bacchus! Sie muß nicht mehr sonderlich krank sein, denn sie war heute morgen wieder stark genug, um meinen Herrn ganz wütend zu machen. Ich sah ihn wenigstens wild genug aus ihrem Zimmer kommen.« »Befindet sie sich hier in der Nähe? « »Nein, in den oberen Zimmern. Aber ich darf hier nicht länger plaudern. Lebewohl!« 32. Die zweite Nacht des Verhörs war bereits angebrochen, und es war fast um die Zeit, in der Sofia sein Schicksal erfahren sollte, als in dieselbe Tür, welche der Sklave offengelassen hatte, nicht einer jener geheimnisvollen Geister der Luft, sondern der schwerfällige und ganz irdische Isispriester Kalenus eintrat. Er achtete kaum auf die Opfer, welche der fromme Sofia für den unsichtbaren Gast hingestellt hatte. »Irgendein Opfer«, dachte er, »für den Gott der Gärten. Aber jetzt zu Arbaces! Die Sache ist zwar nicht ungefährlich, aber ich habe das Leben des Ägypters doch in der Gewalt. Wie hoch wird er es wohl anschlagen?« Indem er so mit sich selbst sprach, ging er durch den offenen Hof in das Peristyl, wo hier und da noch eine Lampe brannte, und plötzlich trat ihm Arbaces aus einem der Zimmer, die auf den Säulengang gingen, entgegen. »Ha, Kalenus, suchst du mich?« sagte der Ägypter, und es war einige Verlegenheit in seinem Benehmen zu bemerken. »Ja, weiser Arbaces, ich hoffe, mein Besuch kommt nicht ungelegen?« »Nein, durchaus nicht. Aber ich habe infolge meiner Krankheit ein Bedürfnis nach frischer Luft, laß uns in den Garten gehen.« »Sehr gern«, erwiderte der Priester, und die beiden Freunde spazierten langsam auf einer Terrasse umher, die, mit marmornen Blumenvasen besetzt, sich in dem Garten erhob. »Es ist eine herrliche Nacht,« sagte Arbaces, »so schön und heiter wie jene, in der ich vor zwanzig Jahren zum erstenmal die Gestade Italiens erblickte. Mein Kalenus, ich werde älter, aber ich will das Leben noch so gut genießen, als ich kann.« »Du darfst dich dessen wohl rühmen«, sagte Kalenus, der nur eine Gelegenheit suchte, um das Geheimnis mitzuteilen. »Du hast unermeßliche Reichtümer, eine unerschütterliche Gesundheit! Und in diesem Augenblick bist du des Sieges über deinen gefährlichsten Feind sicher.« »Du meinst den Athener? Ja, morgen wild er wohl zum Tode verurteilt werden. Der Senat läßt nicht nach. – Aber du irrst, wenn du ihn für meinen Feind hältst; sein Tod gewährt mir keinen anderen Vorteil, als daß er mich von einem Nebenbuhler befreit. Ich fühle weiter keinen Haß gegen jenen unglücklichen Mörder.« »Mörder!« wiederholte Kalenus mit einem besonderen Nachdruck und heftete dabei seine Blicke fest auf Arbaces. »Es schadet nichts, daß man ihm dieses Verbrechen aufbürdet, aber du weißt von allen Menschen am besten, daß er unschuldig ist.« »Erkläre dich deutlicher«, sagte Arbaces mit kalter Ruhe, denn er war bereits vorbereitet auf das, was er schon geahnt hatte. »Arbaces«, erwiderte Kalenus mit leiser Stimme. »Ich war in dem heiligen Hain, versteckt in dem Gebüsch, welches die Kapelle umgibt. Ich hörte und sah alles, was vorfiel. Ich sah, wie du die Brust des Apäcides durchbohrtest. Ich tadle nicht die Tat, sie vernichtete einen Feind und einen Abtrünnigen.« »Du sahst alles!« erwiderte Arbaces trocken. »Ich dachte es mir. Du warst allein?« »Allein«, erwiderte Kalenus, erstaunt über die Kaltblütigkeit des Ägypters. »Und weshalb hattest du dich in jener Stunde dort versteckt?« »Weil ich gehört hatte, daß Apäcides zum christlichen Glauben übergetreten sei. Weil ich wußte, daß er dort mit dem wilden Olinthus zusammentreffen würde, um Pläne zu verabreden, wie sie die heiligen Geheimnisse unserer Göttin dem Volke verraten wollten, und ich war dort, um ihre Absicht vereiteln zu können.« »Hast du irgend jemand schon mitgeteilt, was du dort sahest?« »Nein, mein Gebieter, das Geheimnis ruht noch verschlossen in der Brust deines Dieners.« »Wie, selbst dein Verwandter Burbo weiß es nicht? Sei aufrichtig!« , »Bei den Göttern! Bei der Furcht vor deiner Rache! Er weiß es nicht!« »Und aus welchem Grunde hast du bisher dieses Geheimnis vor mir verborgen? Weshalb hast du gewartet, bis das Todesurteil des Atheners bevorsteht, ehe du mir sagst, daß Arbaces ein Mörder ist? Und da du so lange gezögert, warum erzählst du mir es jetzt?« »Weil – weil –« stammelte Kalenus verwirrt und erbleichend. »Weil,« erwiderte Arbaces mit einem freundlichen Lächeln und indem er dem Priester vertraulich auf die Schulter klopfte, »weil du – mein Kalenus – mich erst gänzlich wolltest in die Untersuchung mit verwickeln lassen, so daß mir kein Ausweg mehr bliebe – damit dann nicht allein der Mord, sondern auch Meineid und Bosheit mir nachgewiesen werden könne. Und du teilst mir dein Geheimnis jetzt mit, bevor das Verhör geschlossen und der Unschuldige verurteilt ist, um mir zu beweisen, welch ein schändliches Gewebe du morgen mit einem Wort zerstören könntest. Und jetzt in der letzten Stunde willst du mit mir um den Preis deiner Verschwiegenheit feilschen! Ist es nicht so?« »Arbaces,« entgegnete Kalenus, dem alle Kühnheit seines Charakters entwichen war, »du bist ein Zauberer, du liesest in den Herzen der Menschen.« »Es ist mein Beruf!« antwortete der Ägypter freundlich lächelnd. »Nun, so schweige, und wenn alles vorüber ist, will ich dich reich machen.« »Entschuldige«, sagte der Priester, dem der Geiz, seine Hauptleidenschaft, schnell zuflüsterte, er möge von dem Versprechen einer noch zu erwartenden Großmut sich nicht abhängig machen. »Entschuldige, du hast recht, wir beide kennen uns. Wenn du willst, daß ich schweigen soll, so mußt du mir etwas voraus bezahlen. Wenn die Rose, jenes süße Bild der Verschwiegenheit, fest wurzeln soll, so mußt du noch in dieser Nacht sie mit einem goldenen Strom bewässern.« »Wie witzig und poetisch!« erwiderte Arbaces, noch immer in jenem süßen Tone, der seinen gierigen Genossen, statt daß er ihn beruhigte und ermutigte, hätte beängstigen und abschrecken sollen. »Willst du nicht bis morgen warten?« »Wozu dieser Aufschub? Wenn ich mein Zeugnis nicht mehr geben kann, ohne den Vorwurf hören zu müssen, warum es nicht geschehen sei, ehe der unschuldige Mann verurteilt worden, so würdest du vielleicht meine Forderung zurückweisen.« »Nun wohl, Kalenus, was soll ich dir bezahlen?« »Dein Leben ist sehr kostbar, und dein Reichtum ist sehr groß«, erwiderte der Priester grinsend. »Witzig und immer witziger. Sprich, nenne die Summe!« »Arbaces, ich habe gehört, daß du in deiner geheimen Schatzkammer, unter jenen festen Gewölben, auf denen dieses stattliche Gebäude ruht, ganze Haufen Goldes und kostbare Vasen und Edelsteine hast, welche fast mit den glänzenden Schätzen des Nero es aufnehmen können. Du kannst genug davon entbehren, ohne daß es dir fühlbar würde, um Kalenus zu dem reichsten Priester Pompejis zu machen.« »Komm, Kalenus«, sagte Arbaces mit verbindlichem, scheinbar aufrichtigem Wesen. »Du bist ein alter Freund und warst mir immer ein treuer Diener. Du kannst nicht beabsichtigen, mein Leben in Gefahr zu bringen, so wenig, als ich gesonnen sein kann, dir deine Belohnung zu verkürzen. Du sollst mit mir in jene Schatzkammer gehen, du sollst deine Augen weiden an dem Glanz ungezählter Goldstücke und unschätzbarer Edelsteine, und ich will dir als Belohnung gestatten, heute nacht so viel mitzunehmen, als du unter deinem Gewände verbergen kannst. Wenn du nur einmal gesehen hast, wie reich dein Freund ist, so wirst du dich überzeugen, wie töricht es wäre, einen Mann zu beleidigen, den Fortuna so begünstigt hat. Wenn Glaukus nicht mehr lebt, sollst du der Schatzkammer noch einen Besuch machen. Handle ich nicht aufrichtig und als Freund?« »O größter, bester der Menschen«, sprach Kalenus, indem er vor Freude weinte. »Kannst du so meine beleidigenden Zweifel über deine Gerechtigkeit, deine Großmut vergelten?« »Still – wir wollen gleich in die Gewölbe hinabsteigen.« 33. Erwartungsvoll sah Nydia der Ankunft des nicht weniger ungeduldigen Sofia entgegen. Nachdem er seinen Mut durch ein besseres Getränk als das, welches er dem Dämon hingesetzt, gestärkt hatte, begab er sich in das Zimmer des blinden Mädchens. »Gut, Sofia, bist du vorbereitet? Hast du das Gefäß mit reinem Wasser?« »Ja, aber ich zittere etwas. Es ist doch gewiß, daß ich den Dämon nicht sehen werde? Ich habe gehört, daß diese Herren weder schön sind, noch sich durch ein besonders höfliches Benehmen auszeichnen.« »Beruhige dich! Hast du auch die Gartentür offengelassen?« »Ja, auch habe ich dort einen kleinen Tisch mit hübschen Nüssen und Äpfeln hingestellt.« »Das ist gut, und die Tür ist jetzt offen, daß der Dämon hinein kann?« »Gewiß.« »Nun, so öffne denn auch diese Tür und lasse sie weit offenstehen. Und jetzt, Sofia, gib mir deine Lampe.« »Du willst sie doch nicht auslöschen?« »Nein, aber ich muß einen Zauber über ihren Strahl sprechen, denn in dem Feuer ist ein Geist. Setze dich!« Der Sklave gehorchte; und nachdem Nydia sich einige Augenblicke schweigend über die Lampe geneigt hatte, murmelte sie mit halblauter Stimme und in geheimnisvollen Worten eine Beschwörung, die der Sklave nur mit Schaudern anhören konnte. – »Das Gespenst kommt gewiß schon«, sagte Sofia. »Ich fühle etwas an meinen Haaren herabgleiten!« »Setze das Gefäß mit Wasser auf den Boden. Jetzt gib mir ein Tuch, daß ich dir die Augen verbinde.« »Ah, das ist bei solchen Zaubereien immer gebräuchlich. Aber nicht so fest!« »So – du kannst doch nichts mehr sehen?« »Sehen? Nein, beim Jupiter!, nichts als Finsternis.« »Richte jetzt die Frage, die du tun willst, dreimal in leise flüsterndem Tone an den Geist. Wenn die Antwort bejahend ausfällt, so wirst du das Wasser brausen und sprudeln hören, wenn aber das Wasser still bleibt, so bedeutet dies eine verneinende Antwort.« »Aber du wirst doch nicht mit dem Wasser irgendein Kunststück machen?« »Ich will das Gefäß unter deine Füße stellen – so. Jetzt kann ich es ohne dein Wissen nicht berühren.« »Ja, das ist gut. Jetzt, o Bacchus, stehe mir bei! Und du, geheimnisvoller Geist, schenke mir gnädig Gehör. – Werde ich in dem kommenden Jahre meine Freiheit erkaufen können? Du, der du in der Luft lebst, kennst sicher die Geheimnisse dieses Hauses. Du weißt, daß ich seit den drei letzten Jahren alles gestohlen habe, was mir unter die Finger kam, wenn der Diebstahl nicht füglich entdeckt werden konnte, und doch fehlen mir noch 2000 Sesterzen an der vollen Summe. Wird es mir möglich sein, o guter Geist, das Fehlende im Laufe dieses Jahres zu ergänzen? Sprich! Ah, sprudelt das Wasser? Nein, alles ist still wie ein Grab. Gut, wenn nicht in diesem Jahre, dann doch in zwei Jahren? – Ach, ich höre etwas, jetzt kratzt der Dämon schon an der Tür, er wird gleich eintreten. In zwei Jahren, das ist eine gute Zeit. Was, läßt sich noch nichts hören? Nun, drittehalb Jahr, drei, vier? Du bist aber sehr stumm, Freund Dämon, man sieht wohl, daß du kein Mädchen bist, sonst würdest du nicht so lange schweigen. Fünf – sechs – sechzig Jahre? Jetzt frage ich aber, beim Pluto!, nicht mehr.« In seiner Wut stieß Sofia das Gefäß um, daß ihm das Wasser über die Füße floß. Darauf machte er sich mit vieler Mühe aus dem Tuche los, in das sein Kopf ganz eingehüllt war, und als er die Augen jetzt aufschlug, sah er, daß er im Dunkeln war. »Was, ho, Nydia! Die Lampe ist ausgegangen. Ah, Verräterin, und du bist auch gegangen, aber ich will dich schon wiederfinden. Du sollst mir dafür büßen!« Der Sklave tappte der Tür zu, sie war von außen verriegelt. Er war jetzt eingesperrt statt der Nydia. Was sollte er aber anfangen? Er wagte es nicht, laut zu klopfen oder zu rufen, weil er besorgte, Arbaces werde ihn hören und entdecken, wie er überlistet worden sei. Und Nydia hatte wahrscheinlich jetzt schon die Gartentür erreicht und war auf der Flucht. »Aber«, dachte er, »sie wird nach Haufe gehen oder irgendwo in der Stadt aufzufinden sein. Morgen bei Tagesanbruch, wenn die Sklaven im Peristyl an der Arbeit sind, können sie mich hören, und dann kann ich auch das schlaue Mädchen wieder einfangen! Ich werde sie schon finden, bevor Arbaces ein Wort von der Geschichte erfährt. Ja, das ist der beste Plan.« Währenddessen hatte Nydia mit jener merkwürdigen Gewandtheit, die den Blinden eigen ist, sich durch das Peristyl geschlichen, den schmalen Gang gefunden, der in den Garten führte, und war eben, mit klopfendem Herzen, im Begriff, nach der Tür zu gehen, die ins Freie ging, als sie plötzlich Schritte und die gefürchtete Stimme des Arbaces hörte. Sie besann sich einen Augenblick, dann fiel ihr ein, daß noch ein anderer Ausgang vorhanden sei, der jedoch selten benutzt wurde, außer von den schönen Teilnehmerinnen an den geheimen Festen des Ägypters. Vielleicht konnte zufällig jene Tür offen sein. Bei diesem Gedanken zog sie sich schnell wieder zurück, stieg die schmalen Stufen zur rechten Seite hinab und befand sich bald in dem Gange, der nach jener Tür führte. Ach, sie war verschlossen, und während sie sich noch davon überzeugte, hörte sie hinter sich die Stimme des Kalenus und kurz darauf die des Arbaces. Sie konnte nicht bleiben, wo sie stand, denn wahrscheinlich beabsichtigten die beiden, denselben Weg zu nehmen. Sie trat zur Seite und fühlte, daß hier eine Treppe hinabführe. Sie stieg hinab. Die Luft war unten dumpf und kalt, dieses beruhigte sie. Sie glaubte, sie sei in den Keller oder wenigstens an irgendeinen einsamen Ort geraten, den der stolze Besitzer des Hauses schwerlich besuchen werde, als sie schon wieder Schritte und Stimmen hörte. Sie drang weiter vor, indem sie die Hände ausstreckte, mit denen sie oft dicke, massive Pfeiler berührte. Mit einer durch die Furcht verdoppelten Vorsicht setzte sie ihren Weg fort, die Luft wurde immer dumpfiger, aber wenn sie dann und wann anhielt, um Atem zu schöpfen, hörte sie immer noch Schritte und leise Töne in einiger Entfernung hinter sich. Endlich stieß sie an eine Mauer, so daß sie nicht weiterkonnte. War hier nicht irgendein Versteck, wo sie sich verbergen konnte? Keine Vertiefung? Keine Öffnung? – Sie fand keine. Verzweifelnd rang sie die Hände. Als die Stimmen sich ihr aber immer mehr näherten, schlich sie längs der Mauer fort, bis sie plötzlich im letzten Augenblick an einen Strebepfeiler stieß, neben den sie sich dicht in eine Ecke drückte. Arbaces und der Priester nahmen inzwischen ihren Weg nach der Kammer, deren Schätze der Ägypter so glänzend beschrieben hatte. Sie befanden sich in einer geräumigen unterirdischen Halle, und die trübe brennende Lampe, welche Arbaces trug, warf nur einen schwachen Strahl über die kahlen Wände, in denen die unbehauenen Steine unregelmäßig übereinandergelegt waren. Kalenus schauderte, als er sich umsah und die dumpfe, ungesunde Lust einatmete. »Und doch«, sagte Arbaces lächelnd, indem er seine Ängstlichkeit bemerkte, »sind es diese unheimlichen Gewölbe, denen die glänzenden Hallen dort oben alle ihre Kostbarkeiten zu verdanken haben.« »Und wohin führt jener dunkle Gang links?« fragte Kalenus. »Er scheint tief in die Erde zu gehen, als wenn er sich in den Hades wände.« »Im Gegenteil, er führt in die Oberwelt«, erwiderte Arbaces unbefangen. »Wir müssen unsere Schatzkammer rechter Hand suchen.« Diese Halle verzweigte sich, so wie viele in den bewohnteren Teilen Pompejis, in zwei Flügel oder Gänge, und die beiden Genossen wandten sich jetzt nach dem, der zur rechten Seite lag. Endlich blieb der Ägypter stehen, und seine Lampe beschien eine kleine, tief in der Mauer befindliche, mit eisernen Reifen und großen Riegeln stark beschlagene Tür. Arbaces zog jetzt aus seinem Gürtel einen kleinen Ring, an dem drei oder vier kurze, aber starke Schlüssel befestigt waren. Oh, wie schlug das Herz des Kalenus vor Erwartung und Habsucht, als die rostigen Riegel zurückgeschoben wurden. »Tritt ein, mein Freund«, sagte Arbaces. «Ich werde die Lampe in die Höhe halten, daß du deine Augen an dem Glanze weiden kannst, der dir entgegenstrahlen wird.« Der ungeduldige Kalenus ließ sich nicht zweimal einladen und eilte auf die Öffnung zu. Kaum aber hatte er die Schwelle betreten, als die kräftige Faust des Arbaces ihn vorwärts stieß. »Jetzt kannst du alles verraten!« rief der Ägypter mit lautem, frohlockendem Gelächter und verschloß schnell die Tür hinter dem Priester. Kalenus war mehrere Stufen hinabgestürzt, da er jedoch die durch seinen Fall veranlaßten Verletzungen im ersten Augenblick nicht fühlte, so sprang er wieder auf und gegen die Tür zu, schlug mit geballter Faust an dieselbe und brüllte mit einer mehr tierischen als menschlichen Stimme, so fürchterlich war seine Verzweiflung. »Oh, erlöse mich – lasse mich frei«, sagte er. »Ich will ja kein Gold haben.« Die Worte drangen nur unvollkommen durch die feste Tür, und Arbaces schlug wieder ein lautes Gelächter auf. Darauf stampfte er, endlich seinen so lange zurückgedrängten Leidenschaften einen Ausbruch vergönnend, heftig mit dem Fuß. »Alles Gold Dalmatiens«, sagte er, »wird dir jetzt kein Stück trockenen Brotes erkaufen können. Verhungere, Elender! Dein Sterbegewinsel wird durch diese dichten Mauern nicht dringen. Auch wird die Luft es nie verraten, wenn du hier in deinem verzweifelten Hunger dir das eigene Fleisch von den Gebeinen nagst, daß so der Mann umgekommen ist, der Arbaces zu drohen wagte! Lebewohl!« »Oh, Mitleiden! Gnade! Unmenschlicher Bösewicht! Ist das der Dank?« Arbaces gab keine Antwort weiter, da er schon auf dem Rückwege war. Nach einer Weile blieb er stehen und horchte aufmerksam. Das durch die dichte Tür gedämpfte Geschrei des Kalenus tönte schwach und dumpf an seine Ohren. »Du kannst lange rufen«, dachte er. »Meine Sklaven werden dich nicht hören, denn sie kommen nicht in diesen Teil des Kellers. Auch wird deine Stimme bald so schwach sein, daß man sie überhaupt nicht mehr hört. Bei der Isis, es ist kalt! Ich sehne mich nach einem tüchtigen Trunk gewürzten Falerners.« Der gewissenlose Ägypter zog jetzt sein Gewand dichter um sich und eilte fort aus diesen unheimlichen Räumen, er ahnte nicht, daß ein Zeuge bei dem Vorgefallenen zugegen gewesen. Es waren für die in der Nische versteckte Nydia entsetzliche und doch auch hoffnungsreiche Worte gewesen, die sie gehört hatte. Am nächsten Tage sollte Glaukus verurteilt werden, aber es lebte ein Mann, der ihn retten und auf Arbaces sein Los übertragen konnte, und dieser Mann atmete nur einige Schritte von ihr! Sie hörte sein Geschrei und sein Wüten, seine Flüche und seine Bitten, wenn auch nur gedämpft und gebrochen. Er war eingesperrt, doch sie wußte wo. Konnte sie nur entrinnen und den Prätor aufsuchen, so war es möglich, den Athener durch seine Aussagen noch zu retten. Ihre Gefühle überwältigten sie fast, aber sie sammelte alle ihre Kräfte, um ihr Bewußtsein zu behaupten, und nachdem sie einige Minuten aufmerksam gehorcht hatte, bis sie überzeugt war, daß Arbaces fort sei, schlich sie den Tönen, die aus jener schrecklichen Kammer hervordrangen, nach, bis sie die Tür erreicht hatte. Hier hörte sie deutlicher jene Ausbrüche der Wut und Verzweiflung. Dreimal versuchte sie vergeblich, durch die dicke Tür sich verständlich zu machen. Endlich fand sie das Schlüsselloch, drückte ihre Lippen an dasselbe, und der Gefangene hörte durch eine sanfte Stimme deutlich seinen Namen rufen. Sein Blut erstarrte, seine Haare sträubten sich empor. Welches geheimnisvolle und übernatürliche Wesen konnte diese furchtbare Einsamkeit beleben? »Wer ist da?« rief er. »Welches Gespenst, welcher Geist ruft den unglücklichen Kalenus?« »Priester«, erwiderte die Thessalierin. »Ich war durch den Ratschluß der Götter, ohne daß Arbaces es wußte, ein Zeuge seiner Schändlichkeit. Wenn es mir gelingt, von hier zu entrinnen, so kann ich auch dich retten. Aber antworte mir durch die Öffnung auf meine Fragen.« »Ah, gesegnet seist du«, sagte der Priester. »Rette mich, und ich will gern selbst die Gefäße auf dem Altar verkaufen, um diesen Dienst zu belohnen.« »Ich bedarf nicht deines Geldes, sondern nur deines Geheimnisses. Hörte ich recht? Kannst du dem Athener Glaukus das Leben retten?« »Ich kann – ich kann. Deshalb hat ja Arbaces mich eingesperrt und dem Hungertode übergeben. Mögen die Furien den verruchten Ägypter dafür bestrafen!« »Man beschuldigt den Athener eines Mordes. Kannst du diese Anklage widerlegen?« »Erlöse mich nur, und das stolzeste Haupt in Pompeji ist nicht freier als das seinige. Ich sah die Tat vollbringen durch Arbaces. Ich kann den wahren Mörder überführen und den Unschuldigen retten. Wenn ich aber untergehe, so muß auch er sterben.« »Und du willst öffentliches Zeugnis von allem ablegen, was du weißt?« »Ob ich will? Und wenn die Qualen der Unterwelt mir drohten! Rache gegen den falschen Ägypter – Rache! Rache!« Nydia fühlte, als Kalenus diese Worte zwischen den Zähnen knirschte, daß die Gewißheit der Rettung des Atheners durch die heftigsten Leidenschaften des Priesters gesichert sei. Ihr Herz klopfte. Sollte es ihr vergönnt sein oder nicht, ihren Angebeteten zu retten? »Die Mächte, die mich bis hierher leiteten,« sagte sie, »werden mich auch ferner schützen. Ja, ich hoffe, daß ich dich retten werde. Beruhige dich und fasse Mut!« »Aber sei vorsichtig! Versuche es nicht, das menschliche Gefühl des Arbaces in Anspruch zu nehmen, sein Herz ist von Marmor. Suche den Prätor auf, teile ihm mit, was du weißt. Bitte ihn, daß er Soldaten und Schmiede hierher schicke, diese Schlösser sind wunderbar fest. Die Zeit entrinnt, ich kann verhungern, wenn du nicht eilst!« Nydia schlich sich jetzt eiligst fort und tastete mit ausgestreckten Armen an den Pfeilern umher, bis sie das Ende der Halle gefunden hatte und in den Gang gelangt war, der nach oben führte. Hier verweilte sie jedoch, es schien ihr sicherer, so lange zu warten, bis vorauszusehen sei, daß im Hause alles im tiefen Schlafe liege und sie durch niemand mehr beobachtet werden könne. Sie setzte sich daher auf eine Stufe der Treppe. In ihrem Herzen war jetzt Freude das vorherrschende Gefühl. Glaukus war in Lebensgefahr, aber sie konnte ihn retten! 34. Als Arbaces sich durch einen Becher gewürzten Weines wieder erwärmt hatte, fühlte er sich mehr als gewöhnlich heiter und kräftig. Der Sieg, den er durch seine Schlauheit errungen, hatte sein stolzes Selbstgefühl erweckt, über das Schicksal des verworfenen Kalenus empfand er keine Reue. Er verbannte bald die Gedanken an die Qualen und den Todeskampf des Priesters und freute sich bloß, daß eine große Gefahr vorüber und ein Feind mehr beseitigt sei. Er hatte jetzt nur daran zu denken, wie er das Verschwinden des Kalenus bei der Priesterschaft rechtfertigen könne, und dieses schien ihm leicht zu bewerkstelligen. Kalenus war oft durch ihn nach den benachbarten Städten in religiösen Aufträgen gesendet worden. Er konnte jetzt vorgeben, daß er an den Altären der Isis zu Stabiä und Neapel Sühneopfer für die Ermordung des Priesters der Göttin, des Apäcides, darbringe. Wenn Kalenus gestorben war, konnte seine Leiche, vor der Abreise des Ägypters von Pompeji, in den tiefen Sarnus geworfen werden, und hätte man sie entdeckt, so würde der Verdacht wahrscheinlich auf die Nazarener, als sei er aus Rache wegen des Todes des Olinthus in der Arena ermordet worden, gefallen sein. Seine Gedanken wandten sich jetzt der Jone zu, und wenn sie ihn auch in den letzten Tagen immer wieder durch Hohn und Verachtung gekränkt hatte, so sehnte er sich doch nach ihrer Nähe und beschloß, sie zu besuchen. Als er in ihr Zimmer trat, fand er sie vor einem kleinen Tisch sitzen, wie sie nachdenkend den Kopf auf die Arme stützte. Der Ausdruck des Gesichts aber war nicht mehr den süßen und sinnigen Zügen der Psyche so ähnlich wie früher. Ihre Blicke waren irre und matt, und das lange schwarze Haar, das ungeordnet den Rücken hinabrollte, ließ die Wangen um so bleicher erscheinen, da sie von ihrer anmutigen Form schon etwas verloren hatten. Arbaces blickte sie einige Augenblicke an, ehe er auf sie zutrat. Auch sie erhob ihre Augen, und als sie ihn erkannte, wendete sie sich mit einem Ausdruck des Widerwillens von ihm ab. »Ach,« sagte Arbaces in fast ehrerbietigem Ton, »könnte ich doch durch meinen Tod deinen Haß besiegen, ich wollte gerne sterben. Du tust mir sehr unrecht, Jone, aber ich will es dulden, denn ich hoffe, daß deine Gefühle sich ändern werden.« »Gib mir meinen Bruder und meinen Geliebten zurück«, sagte Jone in ruhigem und bittendem Tone, und die Tränen rollten ihr dabei aus den Augen. »Oh, könnte ich den einen wieder zum Leben erwecken und den anderen vom Tode retten«, erwiderte Arbaces mit scheinbarer Rührung. »Ja, um dich glücklich zu machen, würde ich meine unglückliche Liebe überwältigen und deine Hand in die des Atheners legen. Vielleicht kann er der Anklage noch entgehen, und ich werde alles tun, um ihm dabei zu helfen. Kommt er frei, dann will ich dir nicht länger mit meiner Liebe beschwerlich fallen. Doch vergib mir auch meine Übereilung, die ich tief bereue und die ich mir nie wieder werde zuschulden kommen lassen. Laß mich dir wieder bloß sein, was ich dir einst war, ein Freund, ein Vater, ein Beschützer. Oh, Jone, schone mich und verzeihe!« »Ich vergebe dir! Rette Glaukus, und ich will ihm entsagen. O mächtiger Arbaces! Du bist stark im Bösen wie im Guten. Rette den Athener, und die arme Jone will versprechen, ihn niemals wiederzusehen.« – Sie erhob sich jetzt, fiel ihm zu Füßen und umfaßte seine Knie: »Oh, wenn du mich wirklich liebst, wenn du menschlich bist, gedenke der Asche meines Vaters, gedenke meiner Kindheit und rette meinen Glaukus!« Der Ägypter wurde durch heftige Krämpfe ergriffen. Er wendete sein Gesicht ab und sagte mit leiser hohler Stimme: »Wenn ich ihn selbst jetzt noch retten könnte, so würde ich es tun, aber das römische Gesetz ist scharf und streng. Aber wenn es mir gelingen könnte , würdest du die Meinige, meine Braut werden?« »Die Deinige?« erwiderte Jone, indem sie aufstand. – »Deine Braut? Noch ist das Blut meines Bruders ungerächt! Wer erschlug ihn? O Nemesis! Kann ich, selbst für das Leben des Glaukus, deine feierliche Rache erkaufen? Arbaces – die Deinige? Nimmer!« »Jone, Jone!« schrie Arbaces leidenschaftlich. »Wozu diese geheimnisvollen Worte? Weshalb bringst du meinen Namen mit dem Tode deines Bruders in Verbindung?« »Meine Träume sagen es mir, und die Träume kommen von den Göttern!« »Leere Spiegelfechtereien! Willst du eines Traumes wegen die Unschuld verkennen, und das einzige Mittel, das Leben deines Geliebten zu retten, zurückweisen?« »Höre mich an«, sagte Jone mit festem und feierlichem Tone. »Wenn Glaukus durch dich gerettet wird, so will ich nie als seine Braut in sein Haus getragen werden. Aber ich kann die Abneigung gegen jede andere Verbindung nicht überwinden, ich kann mich mit dir nicht vermählen! Aber wenn Glaukus stirbt, so vereitle ich an demselben Tage alle deine Künste und überlasse deiner Liebe bloß meinen Staub! Ja, du kannst den Dolch und das Gift mir entziehen, du kannst mich einsperren und selbst in Ketten legen; aber der mutige Geist, der sich zu befreien entschlossen ist, wird immer Mittel dazu finden. Wenn Glaukus untergeht, so will ich ihm würdig nachfolgen. Bei allen Göttern des Himmels und des Ozeans und der Erde! Ich weihe mich dem Tode! Ich habe es gesagt!« Hoch, stolz und kühn, wie eine Begeisterte, stand Jone da und erfüllte die Brust des Ägypters mit Ehrfurcht und Bewunderung. »Kühnes Mädchen,« sagte er nach einer Pause, »du bist in der Tat würdig, die Meinige zu werden. Oh, wie oft habe ich geträumt von einer solchen Teilnehmerin an meinem erhabenen Lose, und nur in dir habe ich sie gefunden! Jone,« fuhr er lebhaft fort, »siehst du nicht, daß wir füreinander geschaffen sind? Kannst du nicht etwas, deiner eigenen Tatkraft, deinem eigenen Mut Verwandtes, auch in meinem selbständigen Geiste erkennen? Mit einer Entschlossenheit, die der deinigen gleichkommt, trotze ich deinen Drohungen mit einem ruhmlosen Selbstmorde. Ich huldige dir als der Meinigen! In fernen Ländern wollen wir ein Königreich gründen und über weite Jahrhunderte soll das Geschlecht aus dem Stamme des Arbaces und der Jone reichen.« »Du bist von Sinnen! Diese hochtönenden Prahlereien eignen sich mehr für einen verächtlichen Quacksalber, der seine Wundermittel auf dem Marktplatz ausschreit, als für den weisen Arbaces. Du kennst meinen Entschluß; er ist unwiderruflich wie das Fatum. Der Orkus hat mein Gelübde gehört, und es ist eingeschrieben in das Buch des unerbittlichen Hades. Mache daher, Arbaces, mache das Geschehene wieder gut. Verwandle den Haß in Achtung, die Rache in Dankbarkeit. Erhalte einem Manne das Leben, den du als Nebenbuhler nicht mehr zu fürchten hast. Dieses ist deiner angeborenen Natur angemessen, welche das Hohe und Edle nicht verleugnet.« »Genug, Jone. Ich will für Glaukus tun, was in meiner Macht steht, aber tadle mich nicht, wenn ich meinen Zweck nicht erreiche. Befrage selbst meine Feinde, ob ich nicht alle möglichen Bemühungen angewendet habe und noch anwende, ihn vom Tode zu retten, und dann wirst du mich gelinder beurteilen. Schlafe ruhig, Jone. Es ist schon spät in der Nacht. Mögest du günstigere Träume von einem Manne haben als bisher, dessen Dasein nur durch das deinige bedingt ist.« Arbaces entfernte sich schnell, ohne eine Antwort zu erwarten. Vielleicht fürchtete er, durch die innigen Bitten der Jone erweicht zu werden, und er wußte doch, daß es jetzt, da das Volk viel zu erregt, für die Rettung des Atheners zu spät war. Als seine Sklaven ihn auskleideten, erinnerte er sich der Nydia. Er hielt es für notwendig, daß Jone von der Geistesverwirrung ihres Geliebten nicht in Kenntnis gesetzt werde, und vor allem durfte sie nichts von der Anwesenheit der Blinden in seinem Hause wissen. Darum wandte er sich an seinen Freigelassenen. »Kallias,« sagte er, »geh sogleich zum Sosia und sage ihm, daß er unter keinem Vorwande die blinde Sklavin aus ihrem Zimmer lassen solle. Aber höre – zuerst suche die Sklavinnen auf, welche Jone bedienen, und befiel ihnen, ihr nichts davon zu sagen, daß die Blinde unter meinem Dache ist.« Der Sklave eilte hinaus. Nachdem er seinen Auftrag hinsichtlich der Dienerinnen der Jone erfüllt hatte, suchte er den würdigen Sosia auf. Er fand ihn nicht in der kleinen Kammer, wo sein Bett stand. Er rief laut seinen Namen, und aus dem dicht dabei befindlichen Zimmer Nydias hörte er die Stimme Sosias antworten. »Oh, Kallias, bist du es? Die Götter seien gelobt! Öffne die Tür, ich bitte dich!« Der Sklave schob den Riegel zurück, und Sosia stürzte ihm entgegen. »Was, Sosia, du bist mit dem jungen Mädchen in diesem Zimmer eingeschlossen? Hängen nicht genug reife Früchte an den Bäumen, als daß du –« »Sage nichts von der kleinen Hexe!« unterbrach ihn Sosia ungeduldig. »Sie wird mich unglücklich machen!« Und er erzählte Kallias die Geschichte von dem Luftgeist und von der Flucht der Thessalierin. »Nun, so hänge dich nur gleich, unglücklicher Sosia! Ich komme soeben von Arbaces mit dem Auftrage, daß du das Mädchen unter keinem Vorwande auch nur auf einen Augenblick aus diesem Zimmer lassen sollst.« »Ich Armer!« klagte der Sklave. »Was soll ich beginnen? Doch ich will sie morgen schon finden, verrate mich nur nicht!« »Ich will alles tun, was die Freundschaft, mit Vorbehalt meiner eigenen Sicherheit, vermag. Aber bist du auch gewiß, daß sie das Haus verließ? Vielleicht ist sie noch irgendwo versteckt?« »Wie sollte das möglich sein? Sie konnte leicht in den Garten, dessen Tür doch offen stand.« »Nein, das ist nicht der Fall, denn in derselben Stunde, die du angibst, war Arbaces mit dem Priester Kalenus im Garten. Ich suchte dort einige Kräuter für das morgige Bad meines Herrn. Er hat die Tür hinter sich zugezogen, und ich drehte nachher den Schlüssel herum und zog ihn ab. Hier ist er.« »Oh, gütiger Bacchus! Ich rief dich doch nicht vergebens an. Laß uns keinen Augenblick verlieren. Wir wollen sogleich in den Garten, vielleicht finden wir sie noch dort!« Der gutmütige Kallias willigte ein, den Sklaven zu begleiten, und nachdem sie vergeblich die nächsten Zimmer und den Peristyl durchsucht hatten, traten sie in den Garten. Es war ungefähr um dieselbe Zeit, da Nydia beschlossen hatte, ihr Versteck zu verlassen und ihren Weg fortzusetzen. Zitternd und den Atem anhaltend war sie, vorsichtig dahinschleichend, an die Tür gekommen und fand sie verschlossen. Vor Schreck fast ohnmächtig betastete sie immer wieder von neuem die verhängnisvolle Tür. Und einige Schritte von ihr standen ihre Verfolger und lachten über ihre Enttäuschung und ihre Verzweiflung. Endlich sprangen sie auf sie zu. »Na, du böses Mädchen, habe ich dich jetzt?« rief Sosia, indem er die Unglückliche ergriff. Das blinde Mädchen stieß einen gellenden Schrei aus, als sie sich durch ihren Wärter wieder ergriffen fühlte. Es war ihr, als sei dem sinkenden Glaukus das letzte rettende Brett entrissen worden. Sie hatte in einem Kampf zwischen Leben und Tod geschwebt, und der Tod hatte jetzt das Spiel gewonnen. »Oh, ihr Götter, das Geschrei wird das ganze Haus in Unruhe bringen! Arbaces hat einen leisen Schlaf. Stopfe ihr den Mund!« sagte Kallias. »Ah, hier ist dasselbe Tuch, mit dem die junge Hexe mich geblendet hat! Komm her, jetzt bist du nicht allein blind, sondern auch stumm.« Sosia trug die leichte Last in seinen Armen und erreichte bald das Zimmer, aus dem Nydia entflohen war. Indem er den Riegel vorschob, überließ er sie einer Einsamkeit, die ihr so schrecklich sein mußte, als irgendeine der Qualen im Hades es hätte sein können. 35. Es war schon spät am dritten und letzten Tage der Untersuchung, in der Glaukus und Olinthus schwebten. Einige Stunden, nachdem der Gerichtshof geschlossen und das Urteil gesprochen war, hatte eine kleine Gesellschaft vornehmer junger Leute aus Pompeji sich in dem prachtvollen Hause des Lepidus versammelt. »Also Glaukus leugnete sein Verbrechen bis auf den letzten Augenblick«, sagte Klodius. »Ja, aber das Zeugnis des Arbaces gab den Ausschlag. Er sah die Tat selbst mit an«, erwiderte Lepidus. »Was kann wohl die Ursache gewesen sein?« »Oh, der Priester war ein düsterer und wilder Geselle. Er hat wahrscheinlich den Glaukus über sein lustiges Leben und seine Leidenschaft für das Spiel tüchtig heruntergemacht und schließlich geschworen, er wolle nie in die Heirat mit seiner Schwester willigen. Es entstand ein hitziger Streit. Glaukus, der wohl betrunken gewesen, beging dann die übereilte Tat. Durch die Aufregung entstand dann die Geistesverwirrung, an der er einige Tage gelitten hat. Jedenfalls ist es möglich, daß er sich tatsächlich seines Verbrechens nicht mehr besinnen kann. So sucht wenigstens Arbaces die Sache zu erklären, der in seinem Zeugnis sich sehr milde und mit vieler Rücksicht geäußert zu haben scheint.« »Ja, er hat sich dadurch allgemein beliebt gemacht. Aber mit Rücksicht auf diese mildernden Umstände hätte der Senat ein gelindes Urteil fällen sollen.« »Es würde auch geschehen sein, aber man durfte es des Volkes wegen nicht wagen. Die Priester hatten keine Mühe gespart, um es aufzuregen. Der Senat wagte es nicht, zu widerstehen, bei alledem aber hatte Glaukus bloß eine Majorität von drei Stimmen gegen sich.« »Der Grieche sieht sehr verändert aus, aber wie ruhig und unerschrocken dabei!« »Ah, wir werden sehen, ob er sich bis morgen so hält. Aber was für ein Verdienst ist es noch, Mut zu haben, wenn jener Hund Olinthus dieselbe Todesverachtung zeigt?« »Der Gottesleugner! Ja«, sagte Lepidus mit frommer Wut. »Es ist kein Wunder, daß einer der Dekurionen vor zwei Tagen bei heiterem Himmel vom Blitz erschlagen wurde. Die Götter zürnen unserer Stadt, solange ein solcher Verworfener noch in ihr lebt.« »Man gewährt Glaukus wegen der mildernden Umstände noch einen Vorteil; man gestattet ihm, sich gegen den Löwen mit demselben Stilus zu verteidigen, mit dem er den Priester ermordete.« »Hast du den Löwen gesehen? Hast du seine Zähne und seine Klauen beobachtet, und nennst du das noch einen Vorteil. Nein, ich halte es für die wahre Gnade, daß man ihn nicht lange auf sein Urteil hat warten lassen. Wer den Tod lange erwarten muß, der stirbt zweimal.« »Was den Atheisten betrifft,« sagte Klodius, »so soll er es unbewaffnet mit dem grimmigen Tiger aufnehmen. Auf diese Kämpfe läßt sich aber nicht wetten. Oder wer will eine Wette eingehen?« Ein lautes Gelächter erschallte bei dieser Frage in der Gesellschaft. »Armer Klodius«, fügte der Wirt. »Es ist schmerzlich, einen Freund zu verlieren, aber noch ein größeres Unglück ist es für dich, wenn du nicht einmal jemand findest, der auf die Möglichkeit seiner Rettung mit dir eine Wette eingehen will.« »Das Volk«, sagte der würdige Pansa, »ist über das Urteil ganz entzückt. Es war so sehr besorgt, daß man keinen Verbrecher für die Spiele im Amphitheater finden werde, und jetzt zwei solche Missetäter mit einemmal, das ist eine wahre Wonne für die armen Menschen! Das Volk hat schwere Arbeit, es muß auch einige Unterhaltung haben!« »Da hört man den beliebten Pansa, der nie ausgeht, ohne einen Zug Klienten, so lang als ein indischer Triumphzug, hinter sich zu haben. Er spricht immer für das Volk. Er wird zuletzt noch ein Gracchus werden!« »Aber«, fragte einer aus der Gesellschaft, »was ist aus dem armen Mädchen geworden, das Glaukus heiraten wollte? Eine Witwe, ohne Frau gewesen zu sein – das ist hart.« »Oh,« erwiderte Klodius, »sie befindet sich sicher unter dem Schutze ihres Vormundes Arbaces. Es war natürlich, daß sie sich unter seine Obhut begab, da sie ihren Geliebten und ihren Bruder verloren hatte.« »Bei der süßen Venus! Glaukus hatte Glück bei den Weibern! Man sagt, die reiche Julia sei in ihn verliebt gewesen.« »Ein einfältiges Gerücht, mein Freund«, sagte Klodius. »Ich war noch heute bei ihr. Wenn irgendein Gefühl dieser Art sie überwältigte, so schmeichle ich mir, daß ich sie getröstet habe.« »Wißt ihr nicht,« sagte Pansa, »daß Klodius in dem Hause des Diomedes bedeutend auf die Fackel bläst? Sie wird bald brennen und hell leuchten auf dem Altar Hymens.« »Wirklich?« sagte Lepidus. »Was, Klodius will ein Ehemann werden? Pfui!« »Beruhige dich«, antwortete Klodius. »Der alte Diomedes ist zufrieden, daß er seine Tochter an einen Mann von guter Geburt verheiraten kann, und wird schon mit den Sesterzen tüchtig herausrücken. Ihr werdet auch schon sehen, daß ich sie nicht im Atrium verschließe.« Während diese Unterredung in dem prächtigen Triklinium des Lepidus stattfand, war Glaukus in einer ganz anderen Umgebung. Man hatte ihn in eine enge Zelle in dem Forum geführt, dicht neben dem Tempel des Jupiter. In diese enge Öffnung nötigte man den Gefangenen, setzte ihm ein Brot und einen Krug Wasser hin, und ließ ihn in der Finsternis, und, wie er glaubte, in der Einsamkeit. Die Veränderung, welche ihn von der Höhe seiner jugendlichen Träume und seiner glücklichen Liebe so schnell in den tiefsten Abgrund der Schande und in die Schrecknisse eines ihm bevorstehenden qualvollen Todes geworfen, war so plötzlich gewesen, daß er sich kaum überzeugen konnte, er sei nicht von irgendeinem bösen Zauber befangen. Seine eiserne Natur hatte die Wirkungen eines Trankes besiegt, dessen größeren Teil er glücklicherweise nicht ausgetrunken. Sein Bewußtsein war zurückgekehrt, aber seine Nerven waren noch in einem niedergedrückten und dumpfen Zustande, und das verdüsterte auch sein Gemüt. Sein angeborener Mut und das griechische edle Selbstgefühl befähigten ihn, jede unwürdige Äußerung der Furcht zu besiegen und sein schreckliches Urteil in dem Gerichtshofe mit festem Blick und unveränderten Zügen anzuhören. Aber das Bewußtsein seiner Unschuld vermochte kaum, ihn noch aufrechtzuerhalten, als die Blicke der versammelten Menge nicht länger seine stolze Kühnheit unterstützten und er der Einsamkeit und Finsternis übergeben wurde. Die kühle, dumpfe Luft des Kerkers fiel schwer auf seine geschwächten Nerven. Am schlimmsten aber war es für ihn, daß er so gar nichts von Jone gehört hatte. Kein tröstendes Wort, keine Botschaft hatte sie ihm gesandt. Auch sie hatte ihn verlassen, wie alle übrigen Freunde aus den Tagen des Glücks. Sie hielt ihn für schuldig, sie hielt ihn für den Mörder ihres Bruders! Er knirschte mit den Zähnen, er schrie laut auf, und ein beängstigender Gedanke erwachte in seinem Gehirn. Konnte er nicht , in jener wilden Geistesverwirrung, die sich auf so unbegreifliche Weise seiner bemächtigt hatte, das Verbrechen, ohne daß er sich selbst dessen bewußt war, begangen haben, dessen man ihn beschuldigte? Aber sobald dieser Gedanke in ihm aufstieg, wies er denselben gleich wieder zurück, denn er glaubte trotz seiner damaligen Geistesverwirrung sich deutlich des dunklen Hains der Cybele, des bleichen Antlitzes der Leiche und des plötzlichen Stoßes, der ihn auf sie warf, zu erinnern. Er war von seiner eigenen Unschuld überzeugt, aber von wem durfte er jemals hoffen, daß er seine Unschuld beweisen, seinen guten Ruf wiederherstellen würde? Als er sich seiner Unterredung mit Arbaces und der Gründe erinnerte, die das wilde Herz dieses schrecklichen Mannes zur Rache gegen ihn entflammt hatten, konnte er sich nur denken, daß er das Opfer irgendeines geheimnisvollen und tief angelegten Planes sei, dessen Anlage und Fortgang er vergebens zu enträtseln suchte. Und Jone? Würde sie jetzt die Beute seines Nebenbuhlers werden? Dieser Gedanke erschütterte ihn mehr als jeder andere, und sein edles Herz wurde mehr durch die Eifersucht als durch die Todesfurcht erschreckt. Er seufzte wieder laut. Jetzt ließ sich eine Stimme aus einem Winkel jener dunklen Höhle vernehmen. »Wer«, sagte sie, »ist mein Gefährte in dieser schrecklichen Stunde? Athener Glaukus, bist du es? « »So nannten sie mich allerdings, als ich noch glücklich war, jetzt mögen sie mir vielleicht einen anderen Namen geben. Und dein Name, Fremdling?« »Ich bin Olinthus, dein Gefährte im Gefängnis und im Tode!« »Was? Der, den sie den Atheisten nennen? Ist es die Ungerechtigkeit der Menschen, die dich an dem Dasein der Götter zweifeln läßt?« »Ach!« erwiderte Olinthus. »Du bist der wahre Gottesleugner, nicht ich bin es. Denn du verleugnest den einzigen wahren Gott, den Unbekannten, dem deine athenischen Vorfahren einen Altar errichteten. Auch in dieser Stunde erkenne ich meinen Gott, er ist mit mir im Gefängnis. Am Rande des Grabes flüstert mein Geist mir die Gewißheit der Unsterblichkeit zu, und die Erde weicht nur unter meinen Füßen, um mein besseres Ich dem Himmel näherzubringen.« »Sage mir«, unterbrach ihn Glaukus. »Hörte ich deinen Namen nicht im Verhör mit dem des Apäcides? Hältst du mich für schuldig?« »Gott allein liest in den Herzen, aber ich hatte keinen Verdacht auf dich.« »Auf wen denn?« »Auf deinen Ankläger, den Arbaces!« »Ha! Und weshalb?« »Weil ich die Schlechtigkeit des Mannes kenne, und weil er Ursache hatte, den zu fürchten, der jetzt tot ist.« Olinthus unterrichtete jetzt Glaukus von der Bekehrung des Apäcides, dem Plan, den sie entworfen hatten, die Betrügereien der Isispriester und die durch Arbaces angewendeten Mittel, um Apäcides zu verführen, öffentlich dem Volke bekanntzumachen. »Wäre daher«, so schloß Olinthus, »der junge Bekehrte Arbaces begegnet, hätte er ihm sein schändliches Benehmen vorgeworfen und mit der Entdeckung seiner Verruchtheit gedroht, so war der Ort und die Stunde günstig für die Rache des Ägypters, und die Leidenschaft sowohl als auch die Notwendigkeit geboten seine Tat.« »Es muß so gewesen sein«, sagte Glaukus freudig. »Jetzt fühle ich mich glücklich.« »Aber was nutzt dir jetzt diese Entdeckung, o Unglücklicher? Du bist verurteilt und wirst in deiner Unschuld umkommen.« »Aber ich selbst bin mir jetzt meiner Unschuld bewußt, und in meiner schrecklichen Raserei hatte ich fürchterliche, doch schnell vorübergehende Zweifel. Aber sage mir, Mann des fremden Glaubens, glaubst du nach deiner Lehre an die Unsterblichkeit des Geistes, und daß diejenigen, welche sich hier liebten, sich jenseits wieder vereinigen, daß dort unser guter Name gereinigt wird von dem Verdacht, der in dieser Welt ihn ungerechterweise befleckt hat? « »Ob ich das glaube, o Athener? Nein, ich glaube es nicht, ich weiß es, und diese beseligende Gewißheit hält mich jetzt aufrecht. – Oh, Cyllene,« fuhr Olinthus leidenschaftlich fort, »Braut meines Herzens, mir geraubt in dem ersten Monat meiner Ehe, werde ich dich nicht wiedersehen, und zwar in einigen Tagen? Willkommen ist mir der Tod, der mich in den Himmel und zu dir führt!« Es lag etwas in diesem plötzlichen Ausbruch des menschlichen Gefühls, was in dem Herzen des Griechen eine verwandte Saite bewegte. Er fühlte zum erstenmal eine größere Teilnahme für seinen Gefährten als die des Mitleidens. Er kroch zu Olinthus, denn die in vieler Beziehung grausamen Italiener waren es in anderen Punkten weniger, sie sparten die überflüssige Kette und gestatteten den Opfern der Arena die Freiheit und die Gesellschaft, welche die Umstände erlaubten. »Ja,« fuhr der Christ mit heiligem Eifer fort, »die Unsterblichkeit des Geistes – die Wiederauferstehung und Wiedervereinigung der Toten, das sind die Hauptgrundsätze unseres Glaubens, das sind die großen Wahrheiten, für welche ein Gott, um sie zu verkünden und zu bezeugen, den Tod erduldete. Kein fabelhaftes Elysium, kein finsterer Orkus, aber ein glänzendes Erbteil des Himmels selbst ist die Belohnung der Tugend.« »So teile mir denn deine Lehren und deine Hoffnungen mit«, sagte Glaukus. Olinthus zögerte nicht, dieser Bitte zu willfahren, und, wie oft in der früheren Zeit des Christentums, warf es auch hier seinen sanften und heiligenden Strahl in die Dunkelheit des Gefängnisses, und seine tröstenden Lehren milderten die Schrecknisse des herannahenden Todes. 36. Nydia brachte Stunden der Qual und der Angst zu, seitdem sie wieder in ihre Kammer eingeschlossen war, denn Sosia hatte, als befürchte er, nochmals überlistet zu werden, sie erst spät am Morgen des folgenden Tages besucht. Er setzte ihr bloß ihr Frühstück hin und verschloß schnell wieder die Tür. Der Tag verfloß, es war der Tag, an dem das Urteil des Glaukus gesprochen werden sollte; sie hätte ihn retten können, wäre sie frei gewesen! Aber wenn sie dies auch wußte, so wollte sich das junge Mädchen doch nicht der Verzweiflung überlassen. Sie überlegte einen Plan der Flucht nach dem anderen, aber sie mußte einen jeden wieder aufgeben. Sosia blieb jedoch immer ihre einzige Hoffnung, das einzige Werkzeug, auf das sie rechnen konnte. Er war abergläubisch gewesen, um zu erfahren, ob er seine Freiheit erkaufen könne. Gerechte Götter! Sollte er nicht bestochen werden können, wenn ihm die Freiheit wirklich gewährt würde? War sie nicht reich genug, um dieselbe zu erkaufen? Sie trug jene kostbaren Armbänder, das Geschenk der Jone, und dieselbe goldene Kette, welche, wie man sich erinnern wird, ihren eifersüchtigen Zwist mit Glaukus veranlaßt hatte. Sie erwartete mit Sehnsucht die Zeit, wo Sosia wieder erscheinen würde, aber als eine Stunde nach der anderen verging und er immer noch nicht erschien, wurde sie ungeduldig. Es ergriff sie ein fieberhafter Zustand; sie konnte die Einsamkeit nicht länger ertragen, sie schrie laut und klopfte ungestüm an die Tür. Sosia eilte ergrimmt herbei, um seine Gefangene, wenn möglich, zum Schweigen zu bringen. »Ho, ho, was ist das?« sagte er. »Wenn du so sprichst, junge Sklavin, so muß ich dir wieder den Mund stopfen. Meine Schultern müssen es büßen, wenn mein Herr dich hört.« »Guter Sosia, schelte mich nicht. Ich kann es nicht aushalten, so lange allein zu bleiben, die Einsamkeit macht mir bange. Tu mir den Gefallen und setze dich ein wenig zu mir. Nein, fürchte nicht, daß ich wieder versuchen werde, zu entfliehen, setze dich an die Tür. Ich will nicht weichen von dieser Stelle.« Diese Anrede machte auf Sosia, der selbst gern plauderte, einigen Eindruck. Er fühlte Mitleiden mit dem armen Mädchen, die mit niemand schwatzen konnte. Er setzte sich an die Tür, lehnte seinen Rücken gegen dieselbe und erwiderte: »Ich bin nicht unbarmherzig und habe nichts dagegen, daß wir ein bißchen plaudern. Aber keine Beschwörungen, keine Zaubereien mehr!« »Nein, nein. Sage mir, guter Sosia, wie spät ist es?« »Es wird schon Abend, das Vieh kommt von der Weide.« Nydia seufzte tief. »Wie fiel das Urteil aus?« »Beide verurteilt.« Nydia unterdrückte einen Ausbruch des Entsetzens. »Gut – gut. Ich dachte es mir wohl. Wann soll das Urteil vollzogen werden?« »Morgen, im Amphitheater. Müßte ich nicht deinetwegen zu Hause bleiben, kleine Hexe, so könnte ich auch mit den übrigen hingehen.« Mit Gewalt nahm sich Nydia zusammen. »Sosia,« sagte sie, »wieviel hast du noch nötig, um deine Freiheit zu erkaufen?« »Oh, ungefähr 2000 Sesterzien.« »Die Götter seien gelobt! Nicht mehr? Siehst du diese Armbänder und diese Kette? Sie sind wohl doppelt so viel wert. Ich will sie dir geben, wenn –« »Führe mich nicht in Versuchung, ich kann dich nicht befreien. Arbaces ist ein strenger und furchtbarer Gebieter! Er würde mich erbarmungslos umbringen, und es ist besser, ein lebendiger Hund als ein toter Löwe zu sein.« »Sosia! Deine Freiheit! Bedenke es wohl! Lasse mich nur eine kleine Stunde hinaus. Wenn du mich um Mitternacht gehen lässest, so will ich vor Tagesanbruch wieder hier sein. Ja, du kannst sogar mit mir gehen.« »Nein«, sagte Sosia entschlossen. »Es befolgte einmal ein Sklave die Befehle des Arbaces nicht, und man hat nie wieder von ihm gehört.« »Aber das Gesetz gewährt einem Herrn keine Macht über seinen Sklaven.« »Das Gesetz ist sehr bündig, aber ich weiß, daß Arbaces immer das Gesetz auf seiner Seite hat. Kann mich das Gesetz übrigens wieder in das Leben rufen, wenn ich einmal tot bin?« Nydia rang die Hände. »Ist denn keine Hoffnung mehr?« sagte sie verzweifelnd. »Keine Hoffnung zur Flucht, bis Arbaces selbst dich gehen läßt.« »Nun gut«, fuhr Nydia fort. »Du wirst doch wenigstens einen Brief für mich besorgen, dafür kann dein Herr dich nicht töten.« »An wen ist der Brief?« »An den Prätor.« »Nein, das kann ich nicht. Da würde ich als Zeuge erscheinen müssen, und die Art und Weise, wie sie einen Sklaven verhören, ist die Tortur.« »Entschuldige; ich meinte nicht den Prätor, ich habe mich nur versprochen. Ich meinte eine ganz andere Person, den munteren Sallust.« »Oh, was hast du dem zu schreiben?« »Ich war die Sklavin des Glaukus. Er erlöste mich von einem grausamen Herrn, er allein ist gütig gegen mich gewesen, jetzt soll er sterben. Es würde mich glücklich machen, wenn ich in seiner schrecklichen Lage ihm beweisen könnte, daß noch ein dankbares Herz für ihn schlägt. Sallust ist sein Freund, er wird meinen Auftrag erfüllen.« »Ich bin überzeugt, daß er es nicht tun wird. Glaukus wird zwischen heut und morgen an andere Dinge zu denken haben als an ein blindes Mädchen.« »Mensch,« sagte Nydia, indem sie aufstand, »willst du frei werden? Heute biete ich es dir noch an, morgen ist es zu spät. Die Freiheit wurde nie wohlfeiler erkauft. Du kannst leicht, und ohne daß man dich vermißt, das Haus verlassen, du wirst kaum eine halbe Stunde abwesend sein. Und um einer solchen Kleinigkeit willen wolltest du die Freiheit ausschlagen?« Jetzt wurde Sosia wirklich in Versuchung geführt. Das Verlangen des Mädchens war freilich etwas albern, aber was ging das ihn an? Er konnte ja Nydia einschließen, und wenn Arbaces von seiner Abwesenheit erfuhr, so war es kein großes Verbrechen, und die Strafe konnte nur unbedeutend sein. Sollte aber in Nydias Brief mehr enthalten sein, als sie sagte – sollte sie von ihrer Gefangenschaft schreiben, was war es denn auch weiter? Arbaces brauchte ja nicht zu erfahren, daß er der Überbringer des Briefes gewesen sei. In jedem Fall war die Belohnung bedeutend, die Gefahr gering, die Versuchung unwiderstehlich. Er besann sich nicht länger, er willigte in den Vorschlag ein. »Gib mir die Belohnung und ich will den Brief besorgen. Aber halt! Du bist eine Sklavin, du hast kein Recht an diesen Kostbarkeiten, sie gehören deinem Herrn.« »Es sind Geschenke des Glaukus. Er ist mein Herr. Wie kann er sie jetzt zurückverlangen, und wer weiß es, daß ich sie habe?« »Gut – ich will dir Papyrus zum Schreiben bringen.« In einigen Minuten hatte Nydia den Brief vollendet, den sie aus Vorsicht in griechischer Sprache schrieb. Dieses war ihre Muttersprache, und fast jeder gebildete Italiener verstand sie damals. Sie wand vorsichtig um die Rolle eine Schnur, deren Knoten sie mit Wachs versiegelte, und bevor sie dieselbe den Händen des Sosia übergab, sprach sie noch folgendes zu ihm: »Sosia; ich bin blind und eine Gefangene. Du könntest beabsichtigen, mich zu täuschen. Aber ich weihe hiermit feierlich dein Haupt der Rache, deine Seele den unterirdischen Mächten, wenn du mein Zutrauen mißbrauchst; und ich fordere dich auf, deine rechte Hand schwörend in die meinige zu legen und mir die Worte nachzusprechen: ›Bei dem Boden, auf dem wir stehen, bei den Elementen, die das Leben erhalten und das Leben vernichten können! Bei dem Orkus, dem Allrächenden! Ich schwöre, daß ich treu meinen Auftrag erfüllen und diesen Brief in die Hände des Sallust übergeben will.‹ So, jetzt traue ich dir – nimm deine Belohnung. Es ist schon spät, gehe sogleich zum Sallust.« »Du bist ein sonderbares Mädchen und hast mich ordentlich erschreckt, aber es ist alles in Ordnung, und wenn Sallust zu finden ist, so übergebe ich ihm diesen Brief, wie ich es geschworen habe.« Mit diesen Worten entfernte sich Sosia, schob sorgfältig den schweren Riegel vor die Tür, hängte den Schlüssel an seinen Gürtel, trat in seine Kammer, hüllte sich vom Kopf bis zum Fuß in einen weiten Mantel und schlüpfte unbemerkt und ungestört durch eine Hintertür. Die Straßen waren einsam und leer; er erreichte bald das Haus des Sallust. Der Türsteher wollte seinen Brief in Empfang nehmen. »Sallust«, sagte er, »ist über die Verurteilung des Glaukus so traurig, daß man ihn nicht stören darf.« »Ich habe aber geschworen, diesen Brief ihm selbst zu geben, deshalb muß es auch geschehen.« Mit diesen Worten drückte Sosia dem Sklaven ein halbes Dutzend Sesterzen in die Hand und wurde ohne weiteres zu Sallust hineingeführt. Sallust war zu traurig, um Gesellschaft bei sich zu sehen. Er war aber auch zu traurig, um allein zu trinken. Deshalb hatte er, wie es seine Gewohnheit war, seinen Lieblings-Freigelassenen bei sich, und wohl nie wurde ein seltsameres Mahl gehalten. »Es war«, sagte der gutmütige Epikureer, »doch ein zu schreckliches Urteil. Armer, teurer Glaukus! Und was für einen Rachen der Löwe hat!« »Nimm einen Becher Wein«, sagte der Freigelassene. »Es war ein zu frostiger Gedanke. Aber wie muß der arme Glaukus jetzt vor Frost zittern! Verschließe morgen das Haus, keiner von meinen Leuten soll jene verfluchte Arena besuchen – nein – nein!« »Noch einen Becher – der Schmerz überwältigt dich – bei den Göttern!« In diesem Augenblick trat Sosia ein. »Ha, wer bist du?« »Ich habe bloß den Auftrag, Sallust dieses Briefchen von einem jungen Mädchen einzuhändigen. Ich werde wohl keine Antwort bekommen? Kann ich wieder gehen?« So sprach der würdige Sosia, indem er den Mantel über den größten Teil des Gesichts gezogen hatte und seine Stimme verstellte, damit er später nicht wiedererkannt werden könne. »Bei den Göttern! Ein Kuppler! Siehst du Elender nicht, daß ich trauere? Fort mit dir, und nimm meinen Fluch mit dir!« Sosia verlor keinen Augenblick, sich wieder zu entfernen. »Willst du den Brief lesen, Sallust?« sagte der Freigelassene. »Brief – welchen Brief?« fragte der Epikureer, denn er fing schon an, doppelt zu sehen. »Verflucht seien diese Mädchen! Bin ich der Mann, an das Vergnügen zu denken, wenn mein Freund von einem Löwen gefressen werden soll?« »Bringt ihn zu Bett!« sagte der Freigelassene, und die Sklaven brachten den Sallust, der kaum seinen Kopf mehr aufrecht zu erhalten vermochte, in sein Cubiculum, während er immer noch Glaukus bedauerte und die unverschämten Einladungen frecher Mädchen verfluchte. Sosia schlich sich inzwischen befriedigt nach Hause und kam dabei durch ein enges Gäßchen, das nach dem Amphitheater führte. Als er um die Ecke bog, befand er sich plötzlich mitten unter einem großen Volkshaufen. Männer, Weiber und Kinder drängten sich lachend, plaudernd, gestikulierend durcheinander, und der würdige Sosia war, ehe er sich dessen noch bewußt wurde, mit in den tobenden Strom geraten. »Was gibt's?« fragte er seinen nächsten Nachbar, einen jungen Künstler. »Was gibt's? Wohin drängen sich die guten Leute? Teilt irgendein reicher Patron heute abend Almosen oder Speisen aus?« »Nein, guter Freund, es gibt noch etwas Besseres. Der edle Pansa, der Freund des Volkes, hat erlaubt, daß die wilden Tiere in ihren Käfigen besehen werden dürfen. Morgen werden, beim Herkules, gewisse Leute sie nicht so sicher in Augenschein nehmen!« »Es ist eine herrliche Nacht,« dachte der Sklave, indem er der Menge sich anschloß, »und da ich morgen nicht zu den Spielen gehen darf, so will ich wenigstens die wilden Tiere jetzt noch betrachten.« »Du hast recht,« sagte der Künstler, »denn nicht alle Tage ist in Pompeji ein Tiger und ein Löwe zu sehen.« Die Volksmasse hatte nun einen großen, aber unebenen Platz erreicht, auf welchem, da er nur sparsam und aus der Entfernung beleuchtet war, das Gedränge für diejenigen gefährlich wurde, deren Arme und Schultern ihm nicht kräftig widerstehen konnten. Am schlimmsten aber war es vor den schmalen Zellen selbst, in denen sich die Tiere befanden, und zwei Beamte des Amphitheaters ließen immer nur eine kleine Anzahl von Menschen zugleich vortreten. Sosia, der ein stämmiger Bursche war, wußte sich mit unter den ersten Zuschauern heranzudrängen und besah mit einem leisen Schauder die gewaltigen Tiere. »Ich habe selbst im Amphitheater zu Rom noch kein stattlicheres Tier gesehen als jenen Löwen«, sagte ein riesenhafter, kräftiger Bursche, der rechts neben Sosia stand. »Du hast recht, Lydon«, erwiderte sein Gefährte, eine noch kräftigere und größere Erscheinung. Sosia erkannte in beiden Gladiatoren. »Und wenn man sich denkt,« bemerkte Lydon mit dem Ausdruck tiefen Gefühls in seiner Stimme, »wenn man sich denkt, daß der edle Grieche, den wir erst vor einem oder zwei Tagen so kräftig und munter vor uns sahen, jenem Ungeheuer vorgeworfen werden soll.« »Warum nicht?« erwiderte Niger wild lachend. »Mancher ehrliche Gladiator wurde durch den Kaiser zu einem ähnlichen Kampfe gezwungen. Warum soll das Gesetz nicht einen reichen Mörder dazu verurteilen?« »Meinetwegen«, sagte Lydon, indem er sich fortwendete. »Ich danke den Göttern, daß ich mit dem Löwen oder dem Tiger nichts zu tun habe. Selbst mit dir, Niger, nehme ich es lieber auf.« »Aber ich bin vielleicht ein ebenso gefährlicher Gegner«, sagte der Gladiator mit wildem Lachen, Und die Umstehenden, die seine kräftigen Glieder bewunderten, lachten mit. »Das wollen wir auf sich beruhen lassen«, erwiderte Lydon ruhig, indem er sich wieder langsam nach dem Ausgang drängte. Der Sohn des Medon machte sich leicht Bahn, und viele der Umstehenden erkannten ihn. »Das ist der junge Lydon, ein braver Bursche«, sagte der eine. »Er kämpft morgen mit.« »Ach, ich habe auf ihn gewettet«, sagte ein anderer. »Sieh, was er für einen festen Gang hat.« »Glück auf, Lydon!« sagte ein dritter. »Lydon, ich wünsche, daß du Sieger werdest«, flüsterte ein hübsches Weib. »Und wenn du siegst, wirst du mehr von mir hören.« Mochten die edleren Beweggründe des Lydon auch überwiegend sein, und hätte er gewiß niemals einem so blutigen Beruf sich gewidmet, wenn es nicht der Befreiung seines Vaters wegen geschehen wäre, so schmeichelte doch das Aufsehen, welches er erregte, auch seiner Eitelkeit. Er vergaß, daß dieselben Stimmen, die ihn heute lobten, vielleicht morgen schon über seine Todesqualen jubeln könnten. Der Gladiator war weiter geschritten, als er plötzlich in einer benachbarten Straße seinem Vater begegnete. Der graubärtige Medon näherte sich ihm langsam, auf seinen Stab gelehnt, daniedergebeugt durch das Alter, mit wankenden, zitternden Schritten und niedergeschlagenen Augen. Lydon blieb einen Augenblick stehen, er erriet sogleich die Ursache, weshalb der alte Mann noch so spät ausgegangen war. »Jetzt wird er mich gewiß suchen«, dachte er. »Er hat sich entsetzt über die Verurteilung des Olinthus, der Kampf im Amphitheater erscheint ihm jetzt mehr als jemals gehässig. Er wird mir gewiß wieder mein Vorhaben auszureden suchen. Ich muß ihn vermeiden, ich kann seinen Bitten, seinen Tränen nicht widerstehen!« Diese Gedanken drängten sich in dem Kopfe des jungen Mannes. Er entfernte sich schnell nach einer anderen Richtung und blieb nicht eher wieder stehen, als bis er fast atemlos auf einen Hügel gelangt war, von dem man den schönsten und glänzendsten Teil der Stadt übersah. Eine merkwürdige Stimmung hatte ihn erfaßt, eine Vorahnung wie von einem drohenden Unglück. Und als er sich jetzt umsah, erblickte er eine seltsame Erscheinung. Aus der Spitze des Vesuvs, den er in der Ferne schimmern sah, strahlte ein bleiches, gespenstiges Licht empor. Es zitterte einen Augenblick und verschwand dann wieder. Er schaute wieder nach der Stadt. Wie lieblich lag sie im Mondenschein vor ihm. Wie sanft spielten die dunkelgrünen Wogen jenseits an dem Strand! Wie rein und heiter dehnte sich der blaue, kampanische Himmel über ihm aus! Und doch war dieses die letzte Nacht für das schöne Pompeji, für die uralte Kolonie des Chaldäers, für die mythische Stadt des Herkules, für die Wonne des prächtigen Roms! Jahrhunderte waren ruhig über ihrem Haupte dahingezogen, und jetzt zitterte der letzte Strahl auf dem Zifferblatt ihres Geschicks! 37. Die Nacht, welche den wilden Spielen im Amphitheater vorherging, war vorüber, und es trat die Morgendämmerung des letzten Tages von Pompeji ein! Die Luft war ungewöhnlich ruhig und schwül – ein leichter, dunstiger Nebel schwebte über den kampanischen Tälern und Feldern. Mit Erstaunen aber bemerkte der früh an sein Tagewerk gehende Fischer, daß, trotz der außerordentlichen Windstille, die Wogen des Meeres unruhig waren, als versuchten sie, sich von dem Ufer gewaltsam zurückzuziehen, während längs des bläulichen Sarnus ein hohles Gemurmel vernehmbar war. Über den Nebeln erhoben sich die alten Türme der Stadt – die mit roten Ziegeln bedeckten Dächer der größeren Gebäude, die schlanken Säulen so vieler Tempel und die mit Statuen besetzten Portale des Forums und des Triumphbogens. In der Entfernung stiegen die blauen Hügel und Berge aus den Dünsten, und auf ihnen verweilte das Farbenspiel des anbrechenden Morgens. Die Wolke, welche seit einiger Zeit über dem Vesuv schwebte, war plötzlich verschwunden, und der kahle Gipfel des Berges lag ruhig in der blauen, heiteren Luft. Die Tore der Stadt waren, ungeachtet es noch so früh am Tage war, geöffnet. Das Gewühl der Reiter und Wagen war groß, und die Stimmen unzähliger Fußgänger in festlichen Kleidern erhoben sich in munteren und lebendigen Tönen. Die Straßen waren erfüllt mit Bürgern und Fremden aus der bevölkerten Umgegend von Pompeji, lärmend strömten die Menschenmassen nach dem schrecklichen Schauspiel. Trotz der Größe des Amphitheaters, welche darauf berechnet schien, die ganze Einwohnerzahl Pompejis aufzunehmen, war der Andrang des Volkes aus allen Gegenden Kampaniens bei außerordentlichen Gelegenheiten so bedeutend, daß der Raum vor dem Amphitheater gewöhnlich schon mehrere Stunden vor dem Anfang der Kampfspiele durch diejenigen Personen angefüllt war, welche durch ihren Stand auf keine bestimmten Plätze Anspruch machen konnten. An diesem Tage aber war die Neugierde durch die Verurteilung zweier Verbrecher um so mehr gespannt, und es hatten sich mehr Menschen versammelt, als jemals seit undenklichen Zeiten. Während das kampanische Volk lärmend und jauchzend umherwogte, aber dennoch eine bewundernswerte Ordnung und gute Laune behauptete, war eine seltsame Gestalt auf dem Wege nach dem abgelegenen Hause des Arbaces begriffen. Bei dem Anblick ihrer sonderbaren und altertümlichen Tracht und ihres unbeholfenen Ganges und Benehmens stießen sich die Wanderer, welche ihr begegneten, an und lachten. Sobald sie aber in das Gesicht sahen, war die Lustigkeit vorüber, denn das Antlitz war wie das einer Leiche, und dieses sowie die unheimlichen Züge und das zerrissene Gewand der Fremden ließen sie wie eine aus der Schattenwelt in das Leben Zurückgekehrte erscheinen. Jede Gruppe machte ihr schweigend und ängstlich Platz, als sie vorbeikam, und sie erreichte bald die Wohnung des Ägypters. Der schwarze Türsteher, der heute schon zu so ungewöhnlicher Zeit auf dem Posten war, fuhr erschrocken zurück, als er auf ihr Klopfen die Tür öffnete. Der Ägypter hatte in der Nacht sich eines festen Schlafes erfreut, gegen den Morgen jedoch beängstigten ihn seltsame und unruhige Träume, die ihn um so mehr aufregten, als sie mit der Philosophie, zu der er sich bekannte, in Verbindung standen. Es schien ihm, als befinde er sich mitten in der Erde und stehe allein in einer weiten Höhle, die durch ungeheure Pfeiler von rötlichem Felsen getragen wurde, welche in unermeßlicher Höhe sich in einer Finsternis verloren, durch die noch kein Strahl der Sonne gedrungen sein mochte. In dem Räume zwischen diesen Säulen waren große Räder verteilt, die mit gewaltigem Gerausch in unaufhörlicher Bewegung sich wälzten und drehten. Bloß zu der rechten und linken Seite der Höhle war der Raum zwischen den Pfeilern frei, und man sah lange Galerien, die nicht ganz finster, aber nur schwach durch hin- und herziehende, Irrlichtern ähnliche Flammen erhellt waren, die bald längs des feuchten und unebenen Bodens sich wie Schlangen wanden, bald in wilden Sätzen durch das Dunkel hüpften. Und als Arbaces nach der Galerie zur Linken blickte, zogen luftige, nebelhafte Gestalten langsam nach der Halle zu, und wenn sie dieselbe erreicht hatten, schienen sie sich zu erheben und wie Rauch in der unermeßlichen Höhe zu verschwinden. Er sah beängstigt nach der rechten Seite – und sieh, aus dem Dunkel der Höhle stiegen ähnliche Schatten hernieder, die schnell nach der Galerie zur Rechten schwebten, als würden sie unwillkürlich durch die Gewalt eines unsichtbaren Luftstroms getrieben. Sie schwebten so schnell und unausgesetzt vorbei, daß der Ägypter zuletzt von dem Anblick schwindlig wurde. Er wendete sich nach einer anderen Seite, und in einer Vertiefung der Höhle sah er hier eine gewaltige Riesin auf einem großen Haufen von Schädeln sitzen. Ihre Hände waren beschäftigt mit einem Gewebe, welches mit den unzähligen Rädern in Verbindung stand, als ob es dieselben in Gang erhalte. Ein innerer Antrieb zwang ihn, sich der Riesin zu nähern, bis er ihr gegenüberstand. Ihre Züge hatten einen feierlichen, erhabenen und heiteren Ausdruck. Ihr Antlitz war dem einer kolossalen Sphinx seines Stammlandes ähnlich. Keine menschliche Leidenschaft trübte die runzellose, nachdenkende Stirn; man las in ihrem Gesicht weder Freude, noch Traurigkeit, noch Hoffnung. Und Arbaces fragte sie: »Wer bist du, und was ist dein Beruf?« »Ich bin das, was du anerkannt hast«, erwiderte das gewaltige Phantom, ohne in seiner Arbeit nachzulassen. »Ich bin die Natur ! Dieses sind die Räder der Welt, und meine Hände erhalten in ihnen das Leben aller Dinge.« »Und welchen Zweck«, sagte die Stimme Arbaces, »haben jene Galerien, die so seltsam beleuchtet sich hinabziehen in den Abgrund und die Finsternis?« »Die Galerie zur Linken«, antwortete die Riesin, »ist die der Ungeborenen. Die Schatten, welche in die Höhe schweben, sind die Geister, welche aus der Ewigkeit des Daseins ihre bestimmte Wanderschaft auf der Erde antreten. Die Galerie zur Rechten, in welche die Schatten von oben herab niederschweben, ist die des Todes!« »Und weshalb«, sagte die Stimme des Arbaces, »bin ich hier?« »Du wirst hier fühlen, was deinem Geiste bevorsteht – du wirst den Schatten deines Schicksals jenseits der Erde sehen, wie er sich in der Ewigkeit verliert.« Bevor Arbaces antworten konnte, fühlte er einen gewaltigen Wind durch die Höhle rauschen. In die Höhe gezogen, und wie ein Blatt in den Herbststürmen emporgewirbelt, sah er sich plötzlich mitten unter den Schatten der Toten und wurde mit ihnen fortgerissen in die Finsternis. Als er vergeblich ankämpfte gegen die Gewalt, die ihn erfaßt hatte, glaubte er den Wind eine Art von Gestalt annehmen zu sehen, die gespenstische Form der Flügel und Klauen eines Adlers, mit undeutlich und weit in der Luft vorschwebenden Gliedern, nur die glänzenden Augen starrten finster und unbeweglich in die seinigen. »Wer bist du?« fragte wieder die Summe des Ägypters. »Ich bin das, was du anerkannt hast«, und das Gespenst lachte laut. »Mein Name ist die Notwendigkeit!« »Wohin trägst du mich?« »Zum Unbekannten!« »Zur Seligkeit oder zur Verdammnis?« »Wie du gesäet hast, so wirst du ernten!« Plötzlich änderte sich die Szene. Arbaces befand sich unter menschlichen Gebeinen, und in der Mitte derselben stand ein Schädel, und der Schädel verwandelte sich in der Verwirrung des Traumes nach und nach in den Kopf des Apäcides, und aus den grinsenden Kinnladen, die noch nicht mit Fleisch bedeckt waren, kroch ein kleiner Wurm auf die Füße des Arbaces zu. Er bemühte sich, ihn zu zertreten, aber der Wurm wurde immer länger und dicker. Er dehnte sich aus und schwoll an, bis es eine große Schlange war. Diese umwand die Glieder des Arbaces, zerdrückte seine Knochen und erhob ihre funkelnden Augen und ihr giftiges Gebiß zu seinem Antlitz empor. Vergebens war sein Sträuben, er fühlte sich vernichtet unter dem Einfluß des verpesteten Atems. Und das Haupt der Schlange verwandelte sich wieder in das des Apäcides, und es ertönte aus dem Munde eine Stimme: »Dein Opfer ist dein Richter! Der Wurm, den du zertreten wolltest, wird die Schlange, welche dich vernichtet!« Arbaces erwachte mit einem Schrei des Entsetzens und des verzweifelten Widerstandes. Seine Haare sträubten sich noch empor, und auf seiner Stirn standen die kalten Schweißtropfen. Doch sein Bewußtsein kehrte nach und nach zurück, und er dankte den Göttern, an die er nicht glaubte, daß er nur geträumt habe. Er sah die Dämmerung durch sein hohes Fenster dringen, er freute sich, daß er bald wieder das Tageslicht erblicken werde, und als er wieder im Zimmer sich umschaute, sah er sich gegenüber das Leichenantlitz, die leblosen Augen, die welken Lippen –- der Hexe des Vesuvs! »Ha!« rief er, indem er sich das Gesicht mit den Händen bedeckte. »Träume ich noch? Bin ich noch unter den Toten?« »Mächtiger Hermes! Nein! Du siehst eine dem Tode Verwandte, aber keine Tote vor dir. Erkenne deine Freundin und Sklavin.« Es trat ein langes Stillschweigen ein. Nach und nach legten sich die krampfhaften Zuckungen, welche die Glieder des Ägypters noch durchbebten, bis er sich endlich wieder ganz erholt hatte. »Es war also ein Traum«, sagte er. »Weib, wie kamst du hierher, und weshalb?« »Ich kam, um dich zu warnen!« sprach die Hexe mit feierlicher Stimme. »Mich zu warnen! Also hat der Traum nicht gelogen? Vor welcher Gefahr?« »Fliehe von hier, es schwebt irgendein Verhängnis über dieser Stadt. Fliehe, solange es noch Zeit ist! Du weißt, daß ich in einer Höhle jenes Berges wohne, unter dem nach der alten Sage die Feuer des Flusses Phlegethon noch brennen, und seit kurzem bemerkte ich in einem tiefen Abgrunde meiner Höhle einen rötlichen Strom sich langsam hinziehen. Auch hörte ich in der Tiefe ein dumpfes und polterndes Geräusch. Als ich aber in der letzten Nacht hinunterschaute, war der Strom glänzend und feurig, und da ich noch über diese merkwürdige Erscheinung nachdachte, stieß das Tier, welches in meiner Höhle mit mir lebte und sich an mich geschmiegt hatte, einen gellenden Schrei aus, fiel nieder und starb, und der Geifer und Schaum stand ihm vor den Lippen. Ich schlich zurück nach meinem Lager, doch fühlte ich deutlich während der ganzen Nacht den Felsen zittern und sich bewegen, und obgleich die Luft außerhalb ruhig und still war, hörte ich doch unter mir ein Geräusch wie von brausenden Winden und von rollenden Rädern. Als ich heute morgen aufstand, trat ich hinaus und stieg auf die Spitze des Berges. Dort erblickte ich eine tiefe Höhlung, aus der ein dichter, giftiger Dampf emporstieg. Ich kehrte zurück, nahm mein Geld und meine Tränke aus der Höhle und verließ diesen meinen Aufenthalt so vieler Jahre; denn ich erinnerte mich der etruskischen Prophezeiung, welche sagt: ›Wenn der Berg sich eröffnet, so wird die Stadt untergehen – wenn der Rauch über den Hügeln der verbrannten Felder schwebt, dann werden die Kinder der See wehklagen und trauern.‹ Bevor ich mich zu einem entfernten Ufer flüchte, komme ich zu dir, furchtbarer Meister. Ein furchtbares Unheil steht bevor. Höre auf meine Warnung und fliehe!« »Ich danke dir für diese Mitteilung«, sagte Arbaces. »Auf jenem Tische steht ein goldener Becher. Nimm ihn, er ist dein. Ich ließ mir nicht träumen, daß eine, die nicht zu der Priesterschaft der Isis gehört, Arbaces vom Untergang retten könne. Die Zeichen, welche du in dem Krater des erloschenen Vulkans gesehen hast,« fuhr der Ägypter nachdenkend fort, »deuten sicher eine bevorstehende Gefahr für die Stadt an, vielleicht ein noch heftigeres Erdbeben als das letzte. Dem sei wie ihm wolle, so ist ein neuer Grund für mich vorhanden, diese Mauern bald zu verlassen. Morgen will ich alle Anstalten zu meiner Abreise treffen. Tochter Etruriens, wohin wendest du dich?« »Ich werde heute nach Herkulanum gehen und dann längs der Küste wandern, um mir einen neuen Aufenthalt zu suchen. Ich habe keine Freunde mehr. Meine beiden Gesellschafter, der Fuchs und die Schlange, sind tot! Großer Hermes, du hast mir zugesagt, daß ich noch zwanzig Jahre leben werde.« »Ja,« sagte der Ägypter, »ich habe es dir versprochen. Aber sage mir, Weib,« fügte er hinzu, indem er sich auf den Arm stützte und ihr neugierig in das Gesicht sah, »weshalb willst du noch länger leben? Welchen Genuß hat das Dasein für dich?« »Das Leben ist nicht süß, aber der Tod ist schrecklich«, erwiderte die Hexe mit einem scharfen, bedeutungsvollen Tone, der den eitlen Sternseher tief bewegte. Dann verbarg sie das kostbare Geschenk zwischen den weiten Falten ihres Gewandes und verließ das Zimmer. Es war gebräuchlich, den Feierlichkeiten im Amphitheater in festlichen Gewändern beizuwohnen, und Arbaces kleidete sich an diesem Tag mit besonderer Sorgfalt. Unter den Taschenspielerkünsten, die ihm sein priesterlicher Genius eingab, vernachlässigte er bei wichtigen Gelegenheiten niemals den Glanz und die Pracht, welche die Menge verblenden und Ehrfurcht bei ihr erwecken. Und so schien er an diesem Tage, der ihn durch den Tod des Glaukus für immer von einem Nebenbuhler befreien und die Entdeckung seines Verbrechens unmöglich machen sollte, sich für einen Triumphzug oder für ein Hochzeitsfest herausgeputzt zu haben. Es war auch Sitte für Männer von Stande, zu den Spielen des Amphitheaters durch einen langen Zug ihrer Sklaven und Freigelassenen begleitet zu werden, und die große Schar des Arbaces war bereits aufgestellt, um der Sänfte ihres Herrn zu folgen. Zu ihrem Verdruß waren die Sklaven, welche Jone beaufsichtigten und bedienten, und der würdige Sofia, der Gefangenenwärter der Nydia, verurteilt, zu Haufe zu bleiben. »Kallias,« sagte Arbaces heimlich zu seinem Freigelassenen, der ihm den Gürtel befestigte, »es gefällt mir nicht mehr in Pompeji. Ich beabsichtige, wenn der Wind günstig ist, es in drei Tagen zu verlassen. Du kennst das Schiff, welches im Hafen liegt und dem Narses aus Alexandria gehört, ich habe es von ihm gekauft. Übermorgen wollen wir anfangen, meine Sachen dorthin zu bringen.« »So bald? Wie du befiehlst! Und deine Mündel Jone?« »Begleitet mich. Genug davon! Ist das Wetter schön?« »Etwas schwül und drückend; es wird wahrscheinlich sehr heiß werden.« »Die armen Gladiatoren und die noch unglücklicheren Verbrecher! Geh hinaus und bringe den Zug der Sklaven in Ordnung.« Als Arbaces allein war, trat er in sein Studierzimmer und von da in den Säulengang. Er sah die dichten Volksmassen dem Amphitheater zueilen und hörte das Geschrei der Gehilfen und das Knarren des Tauwerks, als die große Zeltdecke ausgespannt wurde, unter der die Bürger, geschützt vor dem brennenden Strahl der Sonne, in behaglicher Ruhe die Todesqualen ihrer Mitgeschöpfe ansehen wollten. Plötzlich ertönte ein wilder, seltsamer Laut, der gleich wieder erstarb, es war das Brüllen des Löwen. Für einen Augenblick schwieg das entfernte Geräusch des versammelten Volkes, aber bald erschallte wieder ein fröhliches Gelächter. Man machte sich lustig über die hungrige Ungeduld des königlichen Tieres. »Ihr Bestien!« sagte Arbaces unwillig. »Seid ihr weniger Mörder als ich? Ich morde bloß der Selbstverteidigung wegen, euch aber ist der Mord ein Spiel.« 38. Der Zug des Ägypters bewegte sich langsam und feierlich bis an den Punkt, wo diejenigen, welche in Sänften oder Wagen gekommen waren, aussteigen mußten. Arbaces begab sich an den Eingang, der für die vornehmsten Zuschauer bestimmt war. Seinen Sklaven wurden durch Beamte, die ihre Billette in Empfang nahmen, Plätze in den für das Volk bestimmten Sitzen angewiesen. Arbaces überblickte jetzt von dem Orte aus, wo er saß, die ungeheure Volksmenge, die das geräumige Theater erfüllte. Die Weiber saßen in den oberen Reihen, getrennt von den Männern, ihre bunten Kleider erschienen wie ein farbiges Blumenbeet. Es ist unnötig, zu bemerken, daß sie der redseligste Teil der Gesellschaft und viele Blicke auf sie gerichtet waren, besonders von den Bänken, wo die jungen und unverheirateten Männer saßen. Auf den niedrigsten Stufen rund um die Arena befanden sich die angesehensten und reichsten Zuschauer: die Behörden, Senatoren und alle Personen von ritterlicher Würde. Die Korridore, welche rechts und links zu diesen Sitzen führten, endigten an den schmalen Seiten der ovalen Arena, und dort waren auch die Eingänge für die Kämpfer. Hohe Palisaden verhinderten hier die wilden Tiere, auszubrechen, und beschränkten sie auf die ihnen angewiesene Beute. Durch das ganze Gebäude wanden sich Röhren, aus denen in der Hitze des Tages die Zuschauer mit kühlem und erquickendem Wasser besprengt wurden. Das Spiel begann damit, daß die Gladiatoren in einem feierlichen Zuge unter dem Schmettern der Trompeten in die Arena rückten. Sie machten langsam und gemessen in dem ovalen Raum die Runde, damit die Zuschauer mit Muße ihre abgehärteten und furchtlosen Gesichter, ihre kräftigen Gestalten und muskulösen Arme betrachten und die Wetten eingehen konnten, welche die Laune und Aufregung des Augenblicks hervorriefen. »Oh!« rief die Witwe Fulvia der Gattin des Pansa zu, als beide sich von ihrem Sitz herabbeugten. »Sahst du jenen riesenhaften Gladiator? Wie drollig er ausgestattet ist.« »Ja«, sagte die Frau des Ädilen, die die Namen aller Kämpfer kannte. »Es ist ein Retiarius, und, wie du siehst, bloß mit einem dreizackigen Speer und mit einem Netz bewaffnet. Er trägt keine Rüstung, bloß die Binde und eine Tunika. Er ist ein starker Mann und wird mit dem Sporus, jenem stämmigen Gladiator mit dem runden Schilde und dem Schwerte, jedoch ebenfalls ohne Rüstung, kämpfen. Er hat den Helm jetzt nicht auf, damit man sein Gesicht sehen kann. Später wird er jedoch mit geschlossenem Visier auftreten.« »Aber ein Netz und ein Speer sind doch gegen ein Schild und Schwert ungleiche Waffen.« »Man sieht, wie unerfahren du noch bist, teure Fulvia; der Retiarius steht im Vorteil.« »Aber wer ist jener schöne Gladiator, der fast nackt ist – es paßt sich doch eigentlich nicht! Bei der Venus, wie vollkommen ist er gebildet!« »Es ist Lydon, ein junger Anfänger. Er ist so übermütig, es mit dem Tetraides aufnehmen zu wollen. Sie kämpfen zuerst nach der griechischen Art, mit Cestus, später in Rüstungen, mit dem Schild und Schwert.« »Dieser Lydon ist ein hübscher Mann, und die Frauen sind ihm gewiß günstig.« »Aber nicht die erfahrenen Wetter. Klodius bietet drei gegen eins auf ihn.« »O Zeus, wie schön!« rief die Witwe, als zwei Gladiatoren, von Kopf bis zu Fuß bewaffnet, auf leichten und mutigen Pferden in die Arena ritten. Sie glichen den Rittern in den Turnieren im Mittelalter, trugen Lanzen und runde, schöne Schilde mit eingelegter Arbeit. Die starke, eiserne Rüstung bedeckte jedoch bloß die Lenden und den rechten Arm, die kurzen, bis auf den Sattel gehenden Röcke gaben ihnen ein malerisches Ansehen. An den Füßen trugen sie bloß Sandalen, die etwas über dem Knöchel befestigt waren. »Oh, wie schön! Wer sind diese?« fragte die Witwe. »Der eine heißt Berbix – er ist zwölfmal Sieger gewesen; der andere führt den übermütigen Namen Nobilior. Es sind beides Gallier.« Jetzt waren die ersten Einleitungen und Förmlichkeiten des Schauspiels vorüber. Darauf folgte ein Scheinkampf mit hölzernen Schwertern zwischen den verschiedenen Gladiatoren, die gegeneinander bestimmt waren. Unter diesen erregte die Geschicklichkeit zweier römischer Gladiatoren, welche für dieses Fest gemietet waren, besonderes Aufsehen, und nach ihnen wurde Lydon am meisten bewundert. Dieses Scheingefecht dauerte kaum eine Stunde. Die Kämpfer wurden jetzt, wie es vorher verabredet worden, in Paare gesondert, ihre Waffen untersucht, und die ernsteren Spiele des Tages begannen unter dem tiefsten Stillschweigen, welches nur durch die kriegerische Musik unterbrochen wurde, die zum Kampfe rief. Es war beschlossen worden, daß die beiden Reiter die Szene eröffnen sollten, und auf ein von Pansa gegebenes Zeichen jagten sie gleichzeitig aufeinander los, jeder seine leichte, aber feste Lanze in der Luft wiegend. Aber als Berbix nur ungefähr drei Schritte von seinem Gegner entfernt war, hielt er plötzlich sein Pferd an, machte eine kleine Wendung, und da Nobilior bei ihm vorbeischoß, stieß er nach ihm. Nobilior fing jedoch mit zurückgehaltenem Schilde gewandt den Stoß auf, der sonst gefährlich gewesen sein würde. »Bravo, Nobilior!« rief der Prätor. »Brav gestoßen, mein Berbix!« sagte Klodius von seinem Sitz. Und die Aufregung des Volkes machte sich jetzt auch durch manches wilde Rufen und Jauchzen Luft. Die Visiere beider Reiter waren (wie später die der Ritter) vollkommen geschlossen, der Kopf war aber dennoch der Hauptangriffspunkt. Und Nobilior, der jetzt sein Roß mit nicht weniger Geschicklichkeit als sein Gegner wendete, richtete seine Lanze gerade auf den Helm seines Feindes. Berbix erhob seinen Schild, um sich zu decken, der scharfblickende Nobilior aber benutzte diesen Augenblick, um ihm seine Waffe plötzlich in die Brust zu stoßen. Berbix wankte und fiel. Das Volk, welches noch zu keiner grausamen Stimmung aufgeregt war, machte das Zeichen der Gnade. Als aber die Beamten der Arena sich näherten, fanden sie, daß die Milde zu spät komme. Das Herz des Galliers war durchbohrt, und seine Augen waren schon gebrochen. Mit dem Blut, das so schwarz über den Sand der Arena strömte, war auch sein Leben entronnen. »Es ist schade, daß es so bald vorbei war«, sagte die Witwe Fulvia. »Ja, ich habe auch kein Mitleid mit dem Berbix. Man konnte leicht sehen, daß Nobilior bloß eine Finte machte.« »Nun, wenn der Kampf so kurz war, so folgt wenigstens schnell wieder ein anderer. Sieh, da tritt mein schöner Lydon auf die Arena, und auch der mit dem Netz und dem Schwert. O vortrefflich!« Es befanden sich jetzt sechs Kämpfer auf dem Platz – Niger mit seinem Netz gegen den Sporus mit dem Schilde und kurzem Schwert – Lydon und Tetraides, ganz nackt, außer daß sie einen Gürtel um den Leib trugen, jeder nur mit einem schweren griechischen Cestus bewaffnet – und zwei Gladiatoren aus Rom, ganz in Stahl gehüllt und mit großen Schilden und spitzen Schwertern. Da der Kampf zwischen Lydon und Tetraides am wenigsten gefährlich war, so blieben, als diese in die Mitte der Arena getreten waren, die übrigen noch stehen, um diesen Kampf erst entscheiden zu lassen, bevor sie selbst ihre Feindseligkeiten begannen. Es konnte wohl kaum zwei verschiedenartigere Gestalten geben als die beiden Kämpfer, die jetzt aufeinander eindrangen. Tetraides war gedrungen und stämmig, ein wahrer Koloß von Fleisch und Muskeln. Lydon aber war schlank und sehr ebenmäßig gebaut, und was vielleicht an Körperkraft fehlte, das ersetzte er durch seine außerordentliche Gewandtheit. »Nimm dich in acht!« schrie Tetraides, indem er seinem Feinde immer näher rückte, der zwar nicht zurückwich, aber sich mehr im Kreise um ihn bewegte. Lydon erwiderte nur durch einen verächtlichen Blick. Tetraides schlug zu, es war ein Schlag wie der des Schmiedes auf den Amboß. Lydon sank plötzlich auf die Knie, und der Schlag ging über seinen Kopf weg. Er sprang schnell wieder auf und versetzte seinem Gegner einen gewaltigen Hieb auf die Brust. Tetraides wankte, das Volk jauchzte. »Du bist heute unglücklich,« sagte Lepidus zu Klodius; »eine Wette hast du schon verloren, gleich wirst du auch die andere verlieren.« »Wenn das geschieht, so muß ich, bei den Göttern!, meine Bronzen auf die Auktion schicken. Ich habe nicht weniger als hundert Sesterzen auf Tetraides gewettet, ha, ha! Sieh, wie er sich wieder aufrafft! Das war ein Meisterstreich, er hat dem Lydon die Schulter aufgehauen. Nur zu, Tetraides, nur zu!« »Aber Lydon ist noch nicht entmutigt. Beim Pollux! Wie gut er aushält. Sieh, wie gewandt er jenen tüchtigen Fäusten entgeht. Bald hier, bald dorthin springend – immer seinen Gegner umkreisend. Ach, armer Lydon, er wurde wieder getroffen. Tetraides lacht laut, er stürzt auf ihn zu!« »Der Narr! Sein Glück verblendet ihn, er sollte vorsichtiger sein. Lydon hat Augen wie ein Luchs!« murmelte Klodius zwischen den Zähnen. »Ha, Klodius; siehst du? Tetraides wankt! Noch ein Schlag – er sinkt – er fällt!« »Er springt wieder auf, aber das Blut strömt ihm das Gesicht hinunter!« »Beim Donnerer! Lydon siegt. – Wie er ihn verfolgt! Der Schlag auf die Schläfe hätte einen Ochsen niederwerfen können, er hat den Tetraides niedergestreckt. Er kann sich nicht mehr rühren.« »Er ist besiegt«, sagte auch Pansa. »Führt sie hinaus und gebt ihnen die Rüstung und die Schwerter.« »Edler Editor,« sagte der Beamte, »ich fürchte, daß Tetraides sich nicht so bald wieder erholen wird, aber wir wollen sehen.« Nach einigen Augenblicken kehrten die Beamten, welche den Gladiator hinausgetragen hatten, mit bedenklichen Gesichtern zurück. Sie fürchteten für sein Leben, auf jeden Fall aber war er gänzlich unfähig, jetzt die Arena wieder zu betreten. »Dann nehmt den Lydon«, sagte Pansa, »als Überzähligen, daß er die Stelle des ersten Gladiators vertrete, der überwunden wird.« Das Volk jauchzte dieser Bestimmung Beifall zu, darauf wurde wieder alles still, bis die Trompeten ertönten. Die vier Kämpfer standen sich drohend gegenüber. »Kennst du die Römer, mein Klodius? Gehören sie zu den berühmteren Gladiatoren?« »Eumolpus führt das Schwert vortrefflich, mein Lepidus. Den kleineren Mann, Nepimus, habe ich früher nie gesehen, aber er hat eine gute Schule gehabt, es wird gewiß ein tüchtiger Kampf werden. Doch das Spiel macht mir kein Vergnügen mehr, ich kann mein Geld nicht wiedergewinnen. Verflucht sei jener Lydon, wer konnte glauben, daß er so gewandt oder so glücklich sein werde!« Als der Kampf in dem Amphitheater begonnen hatte, befand sich ein Zuschauer in den oberen Sitzen, für den er das größte Interesse haben mußte. Der alte Vater des Lydon hatte, trotz seines Widerwillens gegen solche Schauspiele, in seiner innigen Teilnahme für das Schicksal seines Sohnes, dem Drange nicht widerstehen können, sich ebenfalls einzufinden. Mitten unter dem wilden Pöbel sah und hörte der alte Mann nichts, als was auf seinen Sohn Bezug hatte. Kein Laut war seinen Lippen entflohen, als er zweimal seinen Sohn hatte fallen sehen. Er war bloß bleicher geworden, und seine Glieder hatten gezittert. Aber als er ihn siegen sah, konnte er einen leisen Ausbruch der Freude nicht zurückdrängen. Der arme Greis wußte nicht, daß jener Sieg nur das Vorspiel zu einem noch schrecklicheren Kampfe sein würde. Die Teilnahme der Zuschauer wandte sich jetzt dem Niger und Sporus zu, teils weil diese Art des Kampfes gewöhnlich die gefährlichsten Folgen hatte, teils weil sie eine große Gewandtheit voraussetzte. Die Gegner standen ziemlich weit voneinander. Der eigentümliche Helm, den Sporus trug, und dessen Visier hinabgelassen war, verbarg sein Gesicht, aber die Züge des Niger zogen durch ihre Wildheit aller Blicke auf sich. Sie standen einige Augenblicke still, sich gegenseitig beobachtend, bis Sporus langsam und mit großer Vorsicht sich näherte, sein spitzes Schwert gerade vor sich auf die Brust des Feindes gerichtet, während Niger, das Netz in der rechten Hand, sich langsam zurückzog. Plötzlich drang der Retiarius, als Sporus ihm ziemlich nahe war, vor, und suchte ihn mit dem Netze zu fangen. Der Gladiator entwich durch eine schnelle Bewegung seines Körpers, er stieß einen scharfen Ton der Wut und Freude aus und drang auf Niger ein. Dieser hatte jedoch sein Netz wieder zurückgezogen und lief jetzt mit einer Schnelligkeit im Kreise umher, so daß ihm sein Verfolger nur schwer nachkommen konnte. Inzwischen waren aber auch die beiden römischen Gladiatoren näher aneinandergeraten und boten alle Künste auf, um sich gegenseitig einen Vorteil abzugewinnen. Plötzlich brachte Cumolpus, der ältere Gladiator, durch einen gewandten Seitenhieb dem Nepimus eine Wunde bei. Das Volk jubelte, Lepidus wurde bleich. »Ho!« sagte Klodius. »Cumolpus hat so gut wie gewonnen, wenn er jetzt nur ruhig bleibt, denn der andere wird sich dann nach und nach verbluten.« »Aber den Göttern sei Dank! Er bleibt nicht ruhig! – Sieh, wie er auf seinen Gegner eindringt. Beim Mars! Nepimus wehrt sich gut! Das war ein tüchtiger Hieb auf den Helm! Klodius, ich werde gewinnen!« »Weshalb lasse ich mich auf ein anderes Spiel als die Würfel ein!« murmelte Klodius verdrießlich. »Vorwärts, Sporus, vorwärts!« rief jetzt wieder das Volk, als Niger, der plötzlich stehengeblieben war, nochmals sein Netz vergeblich ausgeworfen hatte. Dieses Mal war er nicht schnell genug gewesen, es zurückzuziehen, Sporus hatte ihm eine tiefe Wunde in das rechte Bein beigebracht, und da er jetzt nicht mehr fliehen konnte, so rückte ihm sein wilder Gegner immer näher. Die Länge seines Arms und seine Größe gewährten ihm aber noch bedeutende Vorteile, und er hielt mit vorgestrecktem Dreizack seinen Feind noch einige Augenblicke zurück. Sporus suchte nun durch schnelle Bewegungen dem Niger in den Rücken zu kommen, weil dieser durch die Wunde unbehilflicher geworden war. Er näherte sich aber dem Riesen zu sehr, und als er seinen Arm zu einem gewaltigen Hiebe erhob, trafen ihn die drei Spitzen der gefährlichen Waffe mitten in die Brust! – Er sank auf die Knie. Im nächsten Augenblick war das Netz über ihn geworfen. Vergebens waren seine Bemühungen, es abzustreifen, und nochmals durchbohrte ihn der fürchterliche Trident! Sein Blut strömte durch das Netz und rötete den Sand! Er ließ die Waffen sinken, ein Zeichen, daß er sich für überwunden erklärte. Der siegende Retiarius zog sein Netz zurück und erwartete den Beschluß der Menge, indem er sich auf seinen Speer lehnte. Der besiegte Gladiator ließ seine verzweifelnden Blicke in der Versammlung flehend umherirren, aber überall begegnete ihm nur der Ausdruck der Grausamkeit und Schadenfreude! Keine Hand, selbst keine weibliche, gab das Zeichen der Gnade und des Lebens! Das Volk war blutdürstig geworden; es verlangte ein Opfer! Der Gladiator fühlte, daß seine Stunde gekommen sei, aber man hörte keinen Laut des Schreckens und der Todesangst. Ruhig bot er seinen Nacken dar. Und jetzt trat ein Mann in die Arena; der ein kleines, scharfes Schwert schwang und dessen Gesicht unter einem Visier verborgen war. Mit langsamen, gemessenen Schritten näherte sich dieser schreckliche Scharfrichter dem Gladiator, der noch auf den Knien lag, faßte mit der linken Hand die Spitze seines Helms, legte die scharfe Klinge an seinen Nacken und blickte noch einmal auf die Versammlung, ob sie vielleicht in diesem letzten Augenblick ihren Entschluß noch ändern werde. Aber es geschah nicht, die Klinge glänzte in der Luft und eine Sekunde später sank der Gladiator tot in den Sand. Sein Körper wurde sofort durch die Pforte des Todes aus der Arena geschleift und in die finstere Höhle geworfen, welche man das Spolarium nannte. Noch ehe er diesen Ort erreicht hatte, war der Kampf zwischen den übrigen Gegnern schon entschieden. Eumolpus hatte seinem weniger erfahrenen Feinde die Todeswunde beigebracht, und ein neues Opfer wurde hinausgeschleift. In der Versammlung bemerkte man jetzt eine allgemeine Bewegung. Man atmete wieder freier, und jeder ließ sich auf seinen Sitz nieder. Aus den verborgenen Röhren und Schläuchen wurde jede Bank mit einem erfrischenden Tropfregen besprengt. Man unterhielt sich ruhig und unbefangen über das eben beendete blutige Schauspiel. Der Editor verkündete jetzt laut, daß, da Niger wegen seiner Wunde die Arena noch nicht betreten könne, Lydon den Kampf mit Eumolpus fortsetzen werde. »Wenn du aber«, fuhr er, zu Lydon sich wendend, fort, »mit einem so tapferen und erfahrenen Gegner es nicht versuchen willst, so steht es dir vollkommen frei, zurückzutreten, da Eumolpus nicht ursprünglich für dich bestimmt war. Unterliegst du im Kampfe, so ist ein ehrenvoller Tod dein Los; siegst du aber, so will ich aus meiner eigenen Börse den festgestellten Preis verdoppeln.« Das Volk klatschte Beifall. Lydon stand in den Schranken, er blickte umher in der Versammlung. Doch oben sah er das bleiche Antlitz, die ängstlichen Blicke seines Vaters. Er schien einen Augenblick unentschlossen. Aber nein, der Preis für seinen Sieg mit dem Cestus genügt noch nicht, sein Vater war noch ein Sklave! »Edler Ädil,« erwiderte er mit fester und tiefer Stimme, »ich trete nicht zurück! Für die Ehre Pompejis verlange ich den Kampf mit diesem Römer!« Das Volk jubelte noch lauter als vorher. Gerade in diesem Augenblick wurde dem Prätor durch einen Beamten der Arena ein Brief übergeben. Er löste die Schnur von demselben, las ihn schnell durch, seine Züge verrieten Erstaunen und Verlegenheit. Er las den Brief nochmals, dann murmelte er: »Es ist unmöglich, der Mann muß schon am Vormittag betrunken sein, daß er sich solche Torheiten träumen läßt!« Mit diesen Worten warf er das Schreiben nachlässig beiseite und wendete wieder seine ganze Aufmerksamkeit auf die Spiele. Die Teilnahme des Publikums war jetzt sehr gesteigert. Mit herabgelassenen Visieren und gezückten Schwertern standen sich die beiden Kämpfer gegenüber. Eine Weile wogte der Kampf unentschieden hin und her. Wenn auch der Römer der überlegenere zu sein schien, so verteidigte sich doch Lydon ausgezeichnet. Plötzlich aber erhielt er durch Eumolpus einen gewaltigen Hieb auf den Kopf, daß er tief in die Knie sank. Zwar raffte er sich noch einmal mit gewaltiger Willensanspannung aus, aber man merkte ihm nun doch an, wie er den kräftigen Angriffen des erfahrenen Römers immer mehr nachgeben mußte. Sein Arm erschlaffte, vor den Augen wurde es ihm schwindlig, er holte tief und schwer Atem. Die Kämpfer machten wieder eine kleine Pause, um sich auszuruhen. »Junger Mann«, flüsterte Eumolpus leise seinem Gegner zu. »Ich will dich leicht verwunden, dann senke deine Waffen. Das Volk und der Editor sind dir gewogen, du wirst ehrenvoll aus dem Kampfe scheiden!« »Und mein Vater wird ein Sklave bleiben!« murmelte Lydon. »Nein, den Tod oder seine Freiheit!« Da er sich überzeugt hatte, daß die Ausdauer des Römers seine eigenen Kräfte überbot, so schien ihm alles noch von einem verzweifelten und plötzlichen Angriff abzuhängen. Er drang daher wild auf den Eumolpus ein, der Römer wich zurück. Lydon stieß zu, aber das Schwert glitt von dem Harnisch seines Gegners ab, und diesen Augenblick benutzte der Römer, um seine Waffe in die Gelenke der Rüstung des Lydon zu stoßen, indem er keine tiefe Wunde beabsichtigte. Aber Lydon wankte, schwach und erschöpft – sank vornüber, und das Schwert drang ganz in seinen Körper. Eumolpus zog die Klinge schnell heraus, Lydon suchte sein Gleichgewicht noch zu behaupten, aber das Schwert entsank seiner Hand, und er fiel auf die Arena. Der Editor und die ganze Versammlung gaben einstimmig das Zeichen der Gnade. Die Beamten der Arena näherten sich, sie nahmen dem Besiegten seinen Helm ab. Er atmete noch, seine Augen starrten wütend auf seinen Feind. Die Wildheit, welche er in seinem Berufe angenommen hatte, malte sich noch in den Zügen, auf welche bereits die Schatten des Todes herniedersanken, dann schlossen sich seine Augen, und sein Haupt sank zurück auf die Erde. »Bringt ihn fort«, sagte der Ädil. »Er hat seine Schuldigkeit getan!« Die Beamten trugen ihn fort nach dem Spolarium, während das Theater mit einem wohlriechenden Tropfregen besprengt wurde und die Diener frischen Sand auf die Arena streuten. »Jetzt bringt den Löwen und Glaukus, den Athener«, sagte der Editor. Und es bemächtigte sich der ganzen Versammlung ein Gefühl des Schreckens, das wie ein schwerer Traum alles in Spannung hielt. 39. Dreimal schon war Sallust aus seinem Morgenschlaf erwacht, und dreimal hatte er, da er sich erinnerte, daß heute sein Freund umkommen solle, mit einem tiefen Seufzer wieder einzuschlafen versucht. Sein einziger Lebenszweck war, unangenehme Empfindungen zu vermeiden, und wo er dieses nicht konnte, sie wenigstens zu vergessen. Da es ihm endlich nicht länger gelang, sich in Vergessenheit zu vergraben, so erhob er sich und sah seinen Freigelassenen, wie gewöhnlich des Morgens, neben seinem Bette sitzen. Denn Sallust, der Geschmack für die schönen Wissenschaften hatte, war gewohnt, bevor er aufstand, sich etwas vorlesen zu lassen. »Keine Bücher heute! Hat es schon angefangen – das Amphitheater?« »Schon lange. Hörtest du nicht, o Sallust, die Trompeten und den Lärm?« »Ja, ja, aber den Göttern sei Dank, ich war noch schlaftrunken und brauchte mich nur auf die andere Seite zu wenden, um gleich wieder einzuschlafen.« »Die Gladiatoren müssen schon lange den Kampf begonnen haben.« »Die Unglücklichen! Es ist doch niemand von meinen Leuten zum Schauspiel gegangen?« »Gewiß nicht, deine Befehle waren zu bestimmt.« »Gut – ich wollte, der Tag wäre vorbei! – Was liegt da für ein Brief auf dem Tische?« »Oh, den Brief brachte gestern abend jemand. Soll ich ihn öffnen, Sallust?« »Gut – vielleicht zerstreut er mich. Armer Glaukus!« ^ Der Freigelassene öffnete den Brief. »Was,« sagte er, »griechisch? Vielleicht von einer gelehrten Dame?« – Er las schnell das Schreiben, und seine Züge verrieten Verwunderung und Schrecken. »O ihr Götter! Edler Sallust, was haben wir versäumt? Höre den Inhalt des Briefes: »Nydia, die Sklavin des Glaukus an Sallust, seinen Freund! Ich bin eine Gefangene in dem Hause des Arbaces. Eile zum Prätor, bewirke meine Befreiung, und wir können Glaukus noch von dem Löwen erlösen! In diesen Mauern befindet sich noch ein anderer Gefangener, dessen Zeugnis die Unschuld des Atheners beweisen kann, denn er sah den Mord vollbringen. Er kann den Verbrecher in einem bisher noch unverdächtigen Bösewicht nachweisen. Säume nicht! Eile! Schnell, schnell! Bringe Bewaffnete mit, für den Fall, daß Widerstand geleistet werden sollte, und einen geschickten Schmied, denn der Kerker meines Mitgefangenen ist fest verschlossen. Oh, bei deiner rechten Hand und bei der Asche deines Vaters, verliere keinen Augenblick!« , »O ihr Götter!« rief Sallust verzweifelt. »Und gerade jetzt in dieser Stunde stirbt er vielleicht schon. Ach, was soll ich tun? Ich will sogleich zum Prätor.« »Nein, das ist nicht ratsam. Der Prätor muß Rücksicht auf die rasende Volksmenge nehmen, die natürlich nichts davon wissen will, daß man ihr das Opfer entreißt. Der schlaue Ägypter würde auch gewarnt werden. Es ist offenbar, daß er absichtlich das blinde Mädchen und den anderen Gefangenen eingesperrt hat. Nein, deine Sklaven sind glücklicherweise zu Hause.« »Ich verstehe«, unterbrach ihn Sallust. »Bewaffne sogleich die Sklaven. Die Straßen sind menschenleer. Wir wollen selbst nach dem Hause des Arbaces und die Gefangenen befreien. Schnell, schnell! Holla, Davus! Mein Kleid und die Sandalen, den Papyrus und ein Rohr. Ich will an den Prätor schreiben und ihn ersuchen, er möge das Todesurteil des Glaukus noch nicht vollziehen lassen, denn in einer Stunde würde ich seine Unschuld beweisen können. So, das ist gut. Eile mit diesem Brief, Davus, zum Prätor ins Amphitheater. Sorge dafür, daß er ihm gleich übergeben wird. Jetzt, o ihr Götter, deren Dasein Epikur leugnet, seid mir günstig, und ich will den Epikur einen Lügner nennen!« Während sich so Sallust in verzweifelter Eile daran machte, seinen Freund Glaukus zu befreien, hatte man diesen sowie den Olinthus in jene finstere, enge Zelle gebracht, in welcher die Verbrecher der Arena ihrem letzten, furchtbaren Kampfe entgegensahen. Ihre Augen, die seit kurzem an die Dunkelheit gewöhnt waren, vermieden in dieser schrecklichen Stunde, sich zu begegnen, und die bleiche Farbe, welche ihre Wangen überzog, erschien bei dem dämmernden Licht noch leichenhafter. Aber sie zitterten nicht, ihre Züge trugen den Ausdruck des Mutes und der Entschlossenheit, die Lippen waren fest zusammengekniffen. Die religiösen Überzeugungen des einen, der Stolz des anderen, das Bewußtsein der Unschuld in beiden, und vielleicht auch jener Trost, den Gesellschaft und gemeinschaftliches Unglück ihnen gewährte, erhoben die Opfer zu Helden! »Horch! – Hörst du den Jubel? – Sie frohlocken über das Wehe ihrer Mitmenschen«, sagte Olinthus. »Ich höre, mein Herz empört sich, aber die Götter unterstützen mich!« »Die Götter! In dieser Stunde, o junger Mann, erkenne bloß den einen Gott. Habe ich in dem Kerker dich nicht belehrt, nicht um dich geweint, nicht für dich gebetet? Habe ich in meinem Eifer nicht mehr an deine Rettung gedacht als an meine eigene?« »Mein treuer Freund,« erwiderte Glaukus feierlich, »ich habe dich aufmerksam und mit einer geheimen Neigung, zu deinen Glaubenssätzen mich zu bekehren, angehört. Wären wir am Leben geblieben, so hätte ich vielleicht dem deinigen mich angeschlossen, aber in dieser letzten Stunde wäre es verzagt und meiner unwürdig, wenn ich den Göttern meiner Väter entsagte, nur durch die Versprechungen deines Himmels oder durch die drohenden Qualen deiner Hölle dazu veranlaßt. Nein, Olinthus, wir wollen uns mit gegenseitiger Duldung behandeln. Sprechen wir nicht mehr von dem, was uns trennt. – Still! Hörst du, wie sie jenen schweren Körper durch den Gang schleifen? – So wie jener werden wir auch bald Staub sein.« »O Himmel! O Christus, schon schaue ich dich!« rief Olinthus, indem er die Hände erhob. – »Ich zittere nicht; ich freue mich, daß ich bald erlöst werde aus dem irdischen Gefängnis.« Jetzt drehte sich die schwere Tür in den Angeln, und man sah draußen Bewaffnete. »Glaukus, deine Zeit ist gekommen«, sagte eine klare und helle Stimme. »Der Löwe erwartet dich!« »Ich bin bereit«, sagte der Athener. »Bruder und Unglücksgefährte, laß dich zum letztenmal umarmen. Segne mich, und lebewohl!« Der Christ öffnete seine Arme, er schloß den jungen Heiden an seine Brust. Seine heißen Tränen flossen über das Antlitz seines Freundes. »Oh, wäre es mir gelungen, dich zu bekehren. Dann würde ich jetzt nicht weinen, dann hätte ich zu dir sagen können: wir werden uns heute abend wiederfinden im Paradiese!« »Vielleicht geschieht es«, erwiderte der Grieche mit zitternder Stimme. »Die, welche der Tod trennt, begegnen sich vielleicht jenseits desselben wieder. Für die Erde, für die schöne, geliebte Erde – lebewohl für immer!« Glaukus riß sich los, und als er an die Luft kam, ergriff ihn, obgleich sie heiß und dunstig war, ein kalter Schauder. Doch faßte er sich, nahm den Stilus, den man ihm reichte, und trat in die Arena. Als er hier plötzlich die Augen von vielen Tausenden auf sich gerichtet sah, fühlte er nicht länger diese Furchtempfindung. Eine fliegende Röte überzog sein bleiches Antlitz, seine jugendliche Gestalt hob sich kräftig empor. Die Ausbrüche des Hasses und des Abscheus über sein Verbrechen, welche bei seinem Eintritt zu vernehmen waren, erstarben bald in dem Stillschweigen unwillkürlicher Bewunderung und halb bedauernder Achtung, und mit einer gewissen Angst wendeten sich die Blicke der Zuschauer von dem Athener auf einen dunklen, unförmlichen Gegenstand in der Mitte der Arena. Es war der Käfig des Löwen! Man hatte dem Löwen seit vierundzwanzig Stunden keine Nahrung gereicht, und das Tier hatte schon während des ganzen Morgens ein sonderbares und unruhiges Mißbehagen zu erkennen gegeben, welches der Wärter den Qualen des Hungers zuschrieb. Jetzt gab der Editor ein Zeichen. Langsam wurde das Gitter vor dem Käfig fortgezogen, und der Löwe sprang mit wildem Gebrüll heraus. Glaukus hatte eine feste Stellung gegen den bevorstehenden Angriff des Löwen angenommen und hielt seine kleine glänzende Waffe hoch in der rechten Hand, in der Hoffnung, vielleicht doch mit einem gutgezielten Stoß durch das Auge das Gehirn seines grimmigen Feindes zu treffen. Zum unaussprechlichen Erstaunen aller aber schien der Löwe die Gegenwart des Verbrechers nicht zu beachten. Er blieb, als er aus dem Käfig gesprungen war, plötzlich stehen, hob sein Haupt empor und zog ungeduldig die obere Luft ein, darauf sprang er wieder schnell vor, aber nicht gegen den Athener. Langsam schritt er in dem Raum umher, den großen Kopf mit ängstlichem und verwirrtem Blick nach allen Seiten wendend, als suche er einen Ausweg zur Flucht. Einigemal versuchte er, über die Brustwehr zu springen, die ihn von der Versammlung trennte, und als es ihm mißlang, stieß er ein klagendes Geheul aus. Man konnte kein Zeichen von Wut oder Hunger an ihm bemerken, er schleppte den Schweif im Sande nach, und sein Blick, wenn er sich auch bisweilen gegen Glaukus wendete, kehrte sich immer bald wieder ängstlich ab. Zuletzt kroch er winselnd, als sei er erschöpft von den vergeblichen Versuchen zur Flucht, in seinen Käfig zurück und legte sich still nieder. Das erste Erstaunen der Versammlung über die Apathie des Löwen verwandelte sich bald in Zorn über seine Feigheit, und das Volk vereinigte bereits das Mitleiden mit dem Schicksal des Glaukus mit dem Bedauern über seine eigenen getäuschten Erwartungen. Der Editor sagte zum Wärter: »Was ist das? Nimm einen Spieß, stoße den Löwen heraus, und dann mache den Käfig zu.« Als der Wärter mit einiger Furcht Anstalten machte, zu gehorchen, hörte man an einem der Eingänge in die Arena lautes Geschrei, es schien dort Verwirrung und Getümmel zu sein. Alle Augen blickten, befremdet über diese Unterbrechung, nach dem Punkt, von wo der Lärm kam. Das Volk machte Platz, und plötzlich erschien Sallust auf der Bank der Senatoren, mit verwirrtem Haar, atemlos, erhitzt, halb erschöpft. Er warf seine Blicke schnell im Kreise umher. »Bringt den Athener fort!« rief er. »Schnell! Er ist unschuldig! Aber ergreift Arbaces, den Ägypter. Er ist der Mörder des Apäcides!« »Bist du von Sinnen, Sallust?« sagte der Prätor, indem er von seinem Sitze aufstand. »Bringt den Athener fort! Schnell! Oder sein Blut kommt auf euer Haupt! Prätor, dein eigenes Leben bürgt für das seine vor dem Kaiser! Ich habe einen Mann bei mir, welcher Zeuge der Ermordung des Priesters Apäcides war. Platz hier für den Priester Kalenus!« Kalenus, der bleich und abgezehrt aussah, wurde in dieselbe Reihe geführt, in der Arbaces saß. Seine Befreier hatten ihm etwas Nahrung gereicht, aber was noch mehr seine schwachen Glieder aufrechterhielt, das war die Rache. »Der Priester Kalenus! – Kalenus!« schrie der Pöbel. – »Ist er es? Nein, es ist eine Leiche!« »Es ist der Priester Kalenus«, sagte der Prätor. »Was hast du zu sagen?« »Arbaces aus Ägypten ist der Mörder des Apäcides, des Priesters der Isis. Diese Augen sahen durch ihn die Tat vollbringen. Die Götter haben mich aus dem Kerker, in den er mich warf, vor dem Hungertode, dem er mich übergab, befreit, um sein Verbrechen zu verkünden! Bringt den Athener fort, er ist unschuldig!« »Also deshalb«, sagte Pansa, »hat der Löwe ihn verschont! Ein Wunder! Ein Wunder!« »Ein Wunder! Ein Wunder!« wiederholte das Volk. »Befreit den Athener – werft Arbaces dem Löwen vor!« »Bringt Glaukus fort,« sagte der Prätor, »aber bewacht ihn noch. Die Götter tun heute Wunder.« Der Prätor wandte sich jetzt an Kalenus. »Priester der Isis«, sagte er. »Du beschuldigst den Arbaces der Ermordung des Apäcides? Sahst du selbst die Tat?« »Prätor – mit diesen Augen –« »Genug für jetzt – das übrige muß an einem anderen Ort und zu anderer Zeit untersucht werden. Arbaces von Ägypten, du hörst die Anklage gegen dich – du hast noch nicht gesprochen. Was hast du zu erwidern?« Die Augen des ganzen Volkes hafteten jetzt auf Arbaces, der sich überraschend schnell gefaßt hatte. Seine braune Wange war allerdings etwas bleicher geworden, aber er richtete sich jetzt voller Stolz auf und erwiderte in jenem ruhigen und gebieterischen Tone, der ihm so sehr eigen war: »Diese Anklage, Prätor, ist so unsinnig, daß sie kaum einer Antwort würdig wäre. Mein erster Ankläger ist der edle Sallust, der intimste Freund des Glaukus! Mein zweiter ist ein Priester – ich ehre seinen Beruf und sein Gewand – aber, Volk von Pompeji! – der Charakter des Kalenus ist nicht unbekannt. Er ist geizig und goldgierig, das Zeugnis eines solchen Mannes ist zu erkaufen. Prätor, ich bin unschuldig!« »Sallust«, sagte der Prätor. »Wo fandest du Kalenus?« »In den Kerkern des Arbaces.« »Ägypter«, sagte der Prätor, die Stirn runzelnd. »Du wagtest es, einen Priester einzusperren? Und weshalb?« »Höre mich«, sagte Arbaces, indem er ruhig aufstand, wenn auch in seinen Zügen einige Verlegenheit sichtbar wurde. »Dieser Mann kam zu mir und drohte, jene Anklage gegen mich zu erheben, welche jetzt erfolgt ist, wenn ich sein Stillschweigen nicht mit meinem halben Vermögen erkaufen wolle. Ich machte ihm Vorstellungen – vergebens. Edler Prätor und Volk von Pompeji – ich bin ein Fremdling in diesem Lande – ich war mir keines Verbrechens bewußt, aber die Anklage und das Zeugnis eines Priesters konnten mich verderben. In meiner Verwirrung führte ich ihn nach der Kammer, aus der er befreit worden ist, unter dem Vorwande, meine Schätze seien dort verborgen. Ich beschloß, ihn dort eingesperrt zu halten, bis das Schicksal des wirklichen Verbrechers entschieden sei und ich die Drohungen des Priesters nicht mehr zu fürchten hätte. Weiter hatte ich keine Absicht. Übrigens, warum schwieg der Priester während der Untersuchung? Damals war er doch nicht eingesperrt. Dies erfordert eine Antwort vor Gericht. Denn ich stelle mich unter den Schutz der Gesetze. Hier ist nicht der Ort, darüber zu urteilen.« »Er hat recht«, sagte der Prätor. »He, Wachen, bringt Arbaces fort, bewacht Kalenus! Sallust, wir machen dich verantwortlich für deine Anklage. Laßt die Spiele wieder beginnen!« »Was!« rief Kalenus, indem er sich zum Volke wendete. »Soll unsere Göttin Isis so verachtet werden? Soll das Blut des Apäcides noch ferner schreien um Rache? Soll die Gerechtigkeit jetzt verschoben werden, damit man sie später umgehe? Zum Löwen – zum Löwen mit Arbaces! « Die wilde Bosheit des Priesters wurde nicht länger durch seine erschöpften Kräfte unterstützt. Er sank unter heftigen Krämpfen zu Boden, der Schaum trat ihm vor den Mund, er stellte ganz den Zustand eines Mannes dar, den eine übernatürliche Macht erfaßt hatte. Das Volk sah es und schauderte. »Ein Gott begeistert den heiligen Mann – zum Löwen mit dem Ägypter! « Mit diesem Geschrei sprangen Tausende und aber Tausende auf! Sie drängten sich hinunter, alle nach dem Ägypter zu. Vergebens suchte der Ädil der Unordnung zu wehren, vergebens erhob der Prätor seine Stimme. Das Volk war durch das Blutvergießen bereits wild geworden – es dürstete nach mehr Blut, und sein Aberglaube vereinigte sich mit seiner Grausamkeit. Erhitzt und aufgeregt durch den Anblick seiner Opfer, gehorchte es nicht mehr den Befehlen seiner Vorgesetzten. Die Wachen hatten sich jedoch bereits längs der tiefer liegenden Stufenreihen aufgestellt, wo die höheren Klassen von den niederen getrennt saßen. Sie bildeten nur eine schwache Schranke, die wogende Menschenmasse wurde aber doch für einen Augenblick aufgehalten, so daß Arbaces gerade so viel Zeit hatte, sein Verhängnis über sich schweben zu sehen. Verzweifelt und von einer Angst erfaßt, die selbst seinen Stolz daniederbeugte, überblickte er die wütend auf ihn zustürzende Volksmenge – als er gerade über ihr in einer Öffnung, welche in der Zeltdecke gelassen war, eine seltsame und schreckliche Erscheinung sah, und kaum gewahrte er dieselbe, so fühlte er seinen Mut wieder gestärkt! Er streckte seine Hand hoch empor, ein gebieterischer und feierlicher Ausdruck beseelte sein königliches Antlitz. »Seht!« rief er mit donnernder Stimme, die das Toben des Volkes übertönte. »Seht da, wie die Götter den Unschuldigen beschützen! Das Feuer des rächenden Orkus flammt empor gegen das falsche Zeugnis meiner Ankläger!« Das Volk schaute nach der Richtung, die der Ägypter andeutete, und sah mit Entsetzen aus dem Gipfel des Vesuvs eine feurige Erscheinung in der Gestalt eines riesenhaften Tannenbaumes emporschießen. Der Stamm war finsterer Rauch, die Zweige Feuer –- ein Feuer, das jeden Augenblick sein Farbenspiel änderte, jetzt lebhaft und glänzend war, dann ein trübes Rot, um bald wieder in blendendem Glanz emporzublitzen. Es lag ein tiefes, ängstliches Stillschweigen über der Versammlung, das plötzlich durch das Brüllen des Löwen unterbrochen und innerhalb des Gebäudes durch die schärferen und wilderen Töne des Tigers erwidert wurde. Die Tiere waren Unglückspropheten der in der Natur bevorstehenden Schrecknisse gewesen. Von den oberen Reihen gellte jetzt das klagende Geschrei der Weiber, die Männer starrten sich einander an, blieben aber stumm. In diesem Augenblick fühlte man auch die Erde beben, die Mauern des Theaters zitterten, und in der Entfernung hörte man das Gekrach einstürzender Dächer. Jetzt schien die feurige Wolke, brausend und schnell, wie ein gewaltiger Strom, gegen die Stadt zu schweben, und gleich darauf warf sie einen mit großen, feurigen Steinen gemischten Aschenregen aus! Dieser fürchterliche Regen ergoß sich über die Weinberge, über die öden Straßen, über das Amphitheater selbst und über das Meer, in das manches gewaltige Felsenstück hinabstürzte. Das Volk dachte nicht mehr an die Gerechtigkeit und an Arbaces, die Selbsterhaltung war jetzt jedem das erste. Einer drängte und stieß den anderen. Rücksichtslos trat man auf die Gefallenen, und unter Geschrei, Wehklagen und Fluchen stürzte die ungeheure Menschenmenge durch die zahlreichen Ausgänge. Wohin sollte man aber fliehen? Einige, die glaubten, es stehe ein zweites Erdbeben bevor, eilten in ihre Wohnungen, um ihre Kostbarkeiten fortzuschaffen, solange es noch Zeit sei. Andere, welche den Aschenregen fürchteten, der jetzt wie ein Platzregen fiel, flüchteten sich in die nächsten Häuser und Tempel oder unter irgendein Obdach, um geschützt zu sein. Aber immer finsterer dehnte sich die Wolke über die Stadt aus. Noch nie war wohl eine Nacht so unheimlich und schrecklich als dieser Vormittag! 40. Glaukus, der kaum mehr wußte, ob er wache oder träume, war durch die Beamten der Arena in eine kleine Zelle des Amphitheaters geführt worden. Sie warfen ihm einen weiten Mantel über und drängten sich glückwünschend um ihn. Außerhalb der Zelle hörte man jetzt ein lebhaftes Geräusch, und das blinde Mädchen, durch eine freundliche Hand geführt, warf sich Glaukus zu Füßen. »Ich habe dich gerettet«, sagte sie. »Jetzt will ich ruhig sterben!« »Nydia, mein gutes Mädchen, ja, du hast mir das Leben gerettet.« »Oh, laß mich deinen Atem fühlen. – Ja, du lebst! Wir kamen noch nicht zu spät. Ach, jene schreckliche Kerkertür, sie war so schwer zu öffnen, und Kalenus glich einem Sterbenden. Aber du lebst, du lebst noch – und ich habe dich gerettet!« Diese Szene wurde durch das schreckliche Naturereignis, welches wir vorhin beschrieben haben, bald unterbrochen. »Der Berg! Das Erdbeben!« ertönte es von allen Seiten. Die Beamten flohen mit den übrigen und überließen Glaukus und Nydia ihrem Schicksal. Als der Athener der Gefahren sich bewußt wurde, die ihn umgaben, erinnerte sein edelmütiges Herz sich des Olinthus. Auch dieser war durch die Macht der Götter gerettet worden vor dem Tiger, sollte er einem nicht weniger schrecklichen Tode in der benachbarten Zelle ausgesetzt bleiben? Glaukus nahm Nydia bei der Hand und erreichte bald den Kerker des Christen. Er fand Olinthus betend auf den Knien. »Stehe auf, mein Freund«, sagte der Athener. »Rette dich und fliehe! Sieh, die Natur selbst hat dich befreit!« – Er führte den erstaunten Christen an den Eingang seiner Höhle und zeigte ihm die Wolke, welche immer finsterer heranzog und aus deren Schoße Asche und Bimsstein herabströmte. »Das ist die Hand Gottes! – Gott sei gelobt!« sagte Olinthus demütig. »Fliehe zu deinen Brüdern! Bewerkstellige mit ihnen deine Flucht! Lebewohl!« Olinthus antwortete nicht, erhabene und feierliche Gedanken erfüllten sein Gemüt, und in der Begeisterung seines aufgeregten Herzens frohlockte er über die Gnade Gottes. Als er endlich hinausstürzte, erblickte er auf seinem Wege die offene Tür einer kleinen Zelle und sah darin in dem matten Schein einer Lampe drei nackte Leichen auf dem Boden liegen. Es war das Spolarium der Arena, und Olinthus blieb stehen, denn er hörte im Innern jemand den Namen Christi aussprechen. »Wer«, sagte der Nazarener, »ruft den Namen des Sohnes Gottes an?« Es erfolgte keine Antwort, und als Olinthus hineintrat, sah er beim Schein der Lampe einen alten Mann mit langem, grauen Bart auf der Erde sitzen und das Haupt einer der Leichen in seinem Schoße halten. Die Züge des Toten waren fest und entschlossen in den letzten Schlaf übergegangen, aber auf den Lippen lag ein stolzes Lächeln. Über sein Antlitz beugte sich ein anderes in unaussprechlicher Traurigkeit und Verzweiflung! Die Tränen des alten Mannes strömten heiß seine Wangen hinab, aber er fühlte sie nicht, und wenn er seine Lippen bewegte und mechanisch das Gebet seines beseligenden und hoffnungsreichen Glaubens aussprach, so schien es bloß ein unwillkürlicher Ausbruch der Lethargie seines Geistes zu sein. Sein Sohn war tot, und er war gestorben für ihn, und das Herz des alten Mannes war gebrochen! »Medon!« sagte Olinthus mitleidig. »Stehe auf und fliehe! Der Allmächtige verkündet sich in den Schrecknissen der Elemente! Das neue Gomorrha geht unter! Fliehe, bevor das Feuer dich verzehrt!« »Er war immer so lebenskräftig – er kann nicht tot sein! – Komm her! Lege deine Hand auf sein Herz! – Es schlägt gewiß noch!« »Bruder, sein Geist ist entflohen, wir wollen seiner gedenken in unseren Gebeten! – Du kannst den toten Staub nicht wieder in das Leben zurückrufen! Komm, komm! Vergib, wenn ich dich fortziehe.« »Was? Wer will den Vater trennen von seinem Sohn?« Und Medon schloß den toten Körper fest in seine Arme und bedeckte ihn mit Küssen. »Geh!« sagte er, indem er sein Haupt einen Augenblick erhob. »Geh! Wir müssen allein sein!« »Ach,« sagte der mitleidige Nazarener, »der Tod hat euch bereits getrennt.« Der alte Mann lächelte ruhig. »Nein, nein, nein!« murmelte er, indem seine Stimme mit jedem Wort schwächer wurde. »Der Tod ist freundlicher gewesen!« Er ließ seinen Kopf auf die Brust seines Sohnes sinken, seine Arme fielen erschlafft hinab. Olinthus faßte ihn bei der Hand, der Puls hatte aufgehört zu schlagen! Die letzten Worte des Vaters waren erfüllt worden: der Tod war freundlicher gewesen! Glaukus und Nydia eilten inzwischen schnell durch die gefährlichen Straßen. Der Athener hatte von seiner Retterin erfahren, daß Jone noch in dem Hause des Arbaces sei. Dorthin eilte er, um sie zu befreien. Die wenigen Sklaven, welche der Ägypter in seiner Wohnung zurückgelassen hatte, als er mit jenem langen Zuge sich nach dem Amphitheater begab, waren nicht imstande gewesen, den bewaffneten Begleitern des Sallust Widerstand zu leisten, und als später der Ausbruch des Vulkans erfolgte, hatten sie sich erschrocken in die innersten Gemächer des Gebäudes zurückgezogen. Glaukus, der Nydia vor der Tür zurückließ, ging durch die verlassene Halle, ohne jemand anzutreffen, der ihm hätte sagen können, in welchem Zimmer Jone sich befände. Auch wurde es plötzlich so finster, daß er sich nur mit Mühe zurechtfinden konnte. Die mit Blumen umwundenen Säulen schienen zu zittern und zu wanken, und der Aschenregen fiel prasselnd in das unbedeckte Peristyl. Atemlos tappte er umher, laut den Namen Jone rufend, bis er endlich in einem Gang eine Stimme hörte – es war ihre Stimme. Schnell hatte er jetzt das Zimmer erreicht, in dem sie sich befand, und die Tür gesprengt. Er nahm sie in seine Arme und trug sie hinaus. Kaum aber hatte er Nydia erreicht, da hörte er Schritte und erkannte die Stimme des Arbaces, der zurückgekehrt war, um seine Reichtümer und Jone zu retten und dann aus der unglücklichen Stadt zu entfliehen. Aber die glühende Luft war schon so dicht geworden, daß die beiden Feinde, obgleich sie einander so nahe waren, sich nicht sahen. Er eilte mit Jone und Nydia weiter, obgleich er jetzt kaum noch wußte wohin. Sie konnten jetzt nicht einen Schritt weit mehr vor sich sehen; sie waren umgeben von Zweifel und Schrecken. Und Glaukus schien der Tod, dem er entgangen war, bloß eine andere Gestalt angenommen und seine Opfer vermehrt zu haben. Inzwischen hatte die schreckliche Katastrophe, die plötzlich über die Stadt hereingebrochen war, auch den Kalenus von der ihm durch den Prätor zugeteilten Wache befreit, und der Priester eilte sogleich mit schwankenden Schritten nach dem Tempel seiner Göttin. Als er noch umhertappte, ehe es vollkommen finster war, fühlte er sich plötzlich beim Gewande ergriffen, und eine Stimme flüsterte ihm ins Ohr: »Pst! Kalenus, es ist eine fürchterliche Stunde!« »Ja, bei dem Haupt meines Vaters!– Wer bist du?« »Ei, kennst du deinen Burbo nicht mehr? Weißt du, jetzt können wir unser Glück machen!« »Ha!« »Höre, der Tempel ist mit Gold und Kostbarkeiten gefüllt! Wir wollen, mit diesen Schätzen beladen, nach der Küste eilen und uns einschiffen. Niemand wird jemals Rechenschaft fordern über das, was heute geschah!« »Burbo, du hast recht! Komm, folge mir in den Tempel! Wen kümmert es jetzt, und wer bemerkt es, ob du ein Priester bist oder nicht? Komm, und wir wollen teilen!« In dem Vorhofe des Tempels waren mehrere Priester um die Altäre versammelt, weinend, betend und wehklagend. Waren sie auch Betrüger im Glück gewesen, so trat in der Gefahr der Aberglaube wieder in seine alten Rechte ein! Kalenus ging still an ihnen vorbei, nach der Kammer an der Südseite des Vorhofes. Burbo folgte, der Priester zündete ein Licht an. Auf dem Tische standen Speisen und Wein, die Überreste eines Opfermahls. »Ein Mann, der achtundvierzig Stunden gehungert hat,« murmelte Kalenus, »fühlt selbst in solcher Zeit sich zum Essen aufgelegt.« Gierig stürzte er sich auf die Speisen. Plötzlich aber hielt er erschrocken inne. »Oh, Jupiter, was ist das für ein Geräusch! Es hört sich an wie das Zischen von siedendem Wasser? – Was? Strömt aus der Wolke Wasser und Feuer zugleich? Burbo, wie still ist jetzt alles! Sieh zu, was es war!« Der furchtbare Berg warf jetzt auch kochendes Wasser aus. Mit der heißen Asche vermischt, wurden die Wassersäulen wie rauchender Schmutz von Zeit zu Zeit in die Straßen geschleudert. Und gerade auf den Punkt, wo die Priester der Isis sich um ihre Altäre versammelt hatten, war jetzt ein gewaltiger Strahl, vermischt mit Schlacken und großen Steinen herabgestürzt. Er hatte die knieenden Priester begraben. »Sie sind tot«, sagte Burbo, den jetzt zum erstenmal der Schrecken überwältigte und der schnell in die Kammer zurücktrat. »Ich glaubte nicht, daß die Gefahr so nahe und so schrecklich sei.« Die beiden Elenden starrten sich an, man hätte ihre Herzen schlagen hören können. Kalenus, der nicht so mutig, aber habgieriger als sein Genosse war, erholte sich zuerst. »Wir müssen an unser Geschäft, und dann fort!« sagte er mit leisem Flüstern, indem er über seine eigene Stimme erschrak. Er trat an die Schwelle, blieb einen Augenblick stehen, ging über den heißen Boden und über seine toten Gefährten nach der heiligen Kapelle und rief Burbo zu, ihm zu folgen. Aber der Gladiator zögerte und blieb zurück. »Desto besser,« dachte Kalenus, »um so größer wird meine Beute sein.« – Schnell packte er die tragbarsten Schätze des Tempels auf und eilte fort, an seinen Genossen nicht mehr denkend. Ein plötzlich vom Berge zuckender Blitz zeigte Burbo, der bewegungslos an der Schwelle stand, den fliehenden und beladenen Priester. Er faßte Mut, er trat vor, um ihm zu folgen, als ein schrecklicher Aschenregen gerade vor seinen Füßen niederfiel. Der Gladiator wankte nochmals zurück. Finsternis umgab ihn. Aber die glühende Asche fiel immer schneller und schneller, immer höher bedeckte sie den Boden, und es drangen erstickende Dämpfe aus ihr hervor. Dem Unglücklichen verging der Atem – in seiner Verzweiflung suchte er wieder zu fliehen, aber die Aschenhaufen hatten bereits den Ausgang versperrt. Er schrie laut auf, als seine Füße die Glut fühlten. Wie konnte er jetzt noch entkommen. Er setzte sich hin, bis ihn die giftige Luft zu ersticken drohte. Mit der letzten Kraft seiner Verzweiflung ergriff er ein am Boden liegendes Beil und versuchte, sich einen Ausgang durch die Wand zu hauen. Inzwischen waren die Straßen leer geworden, jeder hatte sich ein Obdach gesucht. Die Asche fing an, die niedrigeren Teile der Stadt auszufüllen, aber hier und da sah man noch Flüchtlinge ermattet durch den heißen Schlamm waten. Aber die Fackeln, die sie trugen, erloschen oft durch das herabströmende heiße Wasser oder durch plötzliche Windstöße. In der Straße, die nach dem herkulanischen Tore führte, suchte jetzt Klodius verirrt und zweifelnd seinen Weg. »Wenn ich bis vor das Tor gelangen kann,« dachte er, »so werde ich gewiß Fuhrwerk finden, und Herkulanum ist nicht weit. Ich habe, dank dem Merkur!, wenig zu verlieren, und das wenige trage ich bei mir!« »Holla! Hilfe – helft mir!« rief eine stöhnende Stimme. »Ich bin gefallen – meine Fackel ist ausgegangen, meine Sklaven haben mich verlassen. Ich bin Diomedes – der reiche Diomedes, ich zahle dem, der mich rettet, zehntausend Sesterzen.« In demselben Augenblick fühlte Klodius sich am Fuße festgehalten. »Daß dich die Pest! – Laß mich gehen, Narr!« sagte der Spieler. »Ist das Klodius? Ich kenne die Stimme! Wohin fliehst du?« »Nach Herkulanum.« »Gesegnet seien die Götter! Dann ist unser Weg wenigstens bis zum Tor derselbe. Weshalb willst du nicht in meiner Villa Schutz suchen? Du kennst die lange Reihe unterirdischer, gewölbter Keller, dort sind wir sicher vor der Verwüstung.« »Du hast recht«, sagte Klodius nachdenkend. »Und wenn wir uns mit Nahrung versorgen, so können wir dort selbst einige Tage verweilen, wenn diese schrecklichen Stürme so lange anhalten sollten.« Die Luft war jetzt einige Minuten still, und sie eilten gemeinsam weiter, bis sie schließlich glücklich an das Haus des Diomedes gelangten. Sie lachten laut, als sie die Schwelle überschritten hatten, denn sie glaubten, die Gefahr sei jetzt vorüber. Diomedes befahl seinen Sklaven, in die unterirdischen Gewölbe eine Menge Nahrungsmittel und Öl für die Lampen zu schaffen. Und dort suchten Julia, Klodius, der größere Teil der Sklaven und einige erschrockene Bekannte und Klienten aus der Nachbarschaft Obdach und Schutz. 41. Die Wolke, die schon so lange die Sonne verdunkelt hatte, war jetzt zu einer ungeheuren und undurchdringlichen Masse angewachsen und hatte alles in die schwärzeste Finsternis eingehüllt. Aber mit dieser Finsternis nahmen auch die Blitze um den Vesuv an blendendem Glanze zu. Ihre schreckliche Schönheit beschränkte sich jedoch nicht bloß auf die gewöhnlichen Erscheinungen des Feuers, kein Regenbogen konnte jemals ihrem mannigfaltigen und reichen Farbenspiel gleichkommen. Bald sah man ein dunkles Blau, wie das schönste Azur des südlichen Himmels, bald ein lebendiges Grün, welches wie die Schuppen einer ungeheuren Schlange sich hin und her bewegte, und dann wieder ein grelles Rot, das aus den Rauchsäulen hervorbrach und die ganze Stadt hell erleuchtete, und plötzlich, wie der Geist seines eigenen Lebens, in einem krankhaften, bleichen Schimmer dahinstarb! In den Pausen zwischen den Aschen- und Regengüssen hörte man ein unterirdisches Getöse in der Erde und die wild brausenden Wogen des aufgeregten Meeres. An einigen Stellen lag die Asche schon knietief, und die heißen Wasserstrahlen drangen in die Häuser, einen erstickenden schwefligen Dampf verbreitend. An mehreren Punkten hatten ungeheure Felsenstücke, welche auf die Dächer gefallen waren, die Straßen mit Schutt und Ruinen erfüllt, wodurch mit jeder Stunde der Weg mehr versperrt wurde. Auch fühlte man immer mehr die Bewegung der Erde, der Fuß wankte und glitt aus, und selbst auf dem ebensten Boden konnte keine Sänfte oder kein Wagen im Gleichgewicht erhalten werden. Trotzdem wurde die Finsternis stellenweise hell erleuchtet durch in Brand geratene Häuser. Auch hatten die Bürger auf öffentlichen Plätzen und in den Säulengängen der Tempel brennende Fackeln angebracht, die aber zum großen Teil durch die Windstöße immer wieder erloschen. Oft begegneten sich Gesellschaften von Flüchtlingen bei dem Licht dieser Fackeln, von denen einige nach der See zu eilten, andere wieder von dort nach dem Lande zurückkehrten, denn das Meer war plötzlich aus seinen Ufern zurückgetreten, und auf die brausenden Wogen fielen Felsenstücke, Steine und der Aschenauswurf des Vulkans, ohne daß man dort den Schutz fand, den die Straßen und Dächer auf dem Lande noch teilweise gewährten. Die Menschen begegneten sich mit verstörten und totenähnlichen Gesichtern, durch einen panischen Schrecken geängstigt, und nahmen sich nicht Zeit, miteinander zu sprechen. Alles lief blind durcheinander. Der verwickelte Mechanismus des menschlichen Lebens war gänzlich zerstört, und man erkannte kein anderes Gesetz mehr an als das der Selbsterhaltung! Durch diese Szene des Schreckens verfolgte der Athener mit Jone und dem blinden Mädchen seinen Weg. Plötzlich kamen Hunderte von Menschen, die nach der See zu eilten, bei ihnen vorüber. Nydia wurde von der Seite des Glaukus gerissen, der mit Jone schnell in dem Strome der Menge mit forttrieb, und erst als diese Menschen vorbei waren, vermißten sie immer noch Nydia. Glaukus rief laut ihren Namen, es erfolgte keine Antwort. Sie gingen zurück – vergebens, sie fanden sie nicht. Sie hatten ihre Freundin, ihre Beschützerin verloren! Und bis jetzt war Nydia auch ihre Führerin gewesen. Ihre Blindheit war ihr in der Dunkelheit am günstigsten. Gewohnt, in ewiger Finsternis in den Straßen der Stadt sich zurechtzufinden, hatte sie Glaukus und Jone sicher nach dem Ufer des Meeres geführt, wo sie beschlossen hatten, wenn es möglich wäre, sich einzuschiffen. Wohin sollten sie sich jetzt wenden? Sie befanden sich wie in einem Labyrinth, aus dem sie keinen Ausweg wußten. Aber sie setzten doch erschöpft und halb verzweifelnd ihre Wanderung fort, während die zerbröckelten Steine vor ihren Füßen niederprasselten und die Funken umhersprühten. »Ach!« flüsterte Jone. »Ich kann nicht weiter, meine Füße erlahmen unter der heißen Asche. Fliehe, Geliebter, fliehe und überlasse mich meinem Schicksal.« »Beruhige dich, meine Geliebte! –- Meine Braut! – Der Tod mit dir ist süßer, als das Leben ohne dich! – Aber wohin, oh, wohin können wir uns wenden durch die Finsternis? Oh, gesegneter Blitz! Sieh, Jone, sieh! Wir sind vor dem Säulengang des Tempels der Fortuna. Wir wollen eintreten, hier sind wir sicherer vor dem Aschenregen.« Er trug seine Geliebte in den Tempel und brachte sie in den entfernteren und gesicherteren Teil des Portikus. Er stellte sich vor sie, damit er mit seinem eigenen Körper sie schützte vor dem hereindringenden Aschenregen. »Wer ist da?« rief die zitternde und tiefe Stimme eines Mannes, der hier schon vor ihnen eine Zuflucht gefunden hatte. Jone wendete sich nach der Richtung, aus der die Stimme kam und schmiegte sich mit leisem Schrei wieder an Glaukus. Durch die Finsternis funkelten zwei feurige Augen – der Blitz erhellte einen Augenblick das Innere des Tempels, und Glaukus sah mit einem Schauer des Entsetzens den Löwen, welchem er vorgeworfen werden sollte, ruhig zwischen den Pfeilern liegen, und dicht dabei, dieser gefährlichen Nachbarschaft unbewußt, saß der riesenhafte Mann, der sie vorhin angeredet hatte, – es war der Gladiator Niger. Durch diesen Blitz hatten das wilde Tier und der Mensch sich gegenseitig erblickt, aber der Instinkt beider hatte seine Kraft verloren. Ja, der Löwe kroch sogar näher zu dem Gladiator, als suche er Gesellschaft, und dieser entfernte sich nicht und zitterte nicht. Indem sie dieses furchtbaren Schutzes genossen, kam eine Gesellschaft, aus Männern und Frauen bestehend, die ihren Weg mit Fackeln beleuchteten, bei dem Tempel vorbei. Sie gehörten zu der Sekte der Nazarener, und eine erhabene und überirdische Begeisterung hatte ihre Furcht und ihren Schrecken besiegt. Sie waren schon lange nach der Ansicht der ersten Christen der Überzeugung gewesen, daß das jüngste Gericht bald bevorstehe. Sie glaubten nun, daß der letzte Tag gekommen sei. »Wehe, wehe!« schrien mit durchdringender, ergreifender Stimme die Ältesten, die an der Spitze gingen. »Seht, der Herr steigt hernieder zum Gericht! Erläßt Feuer vom Himmel regnen vor den Augen der Menschen! – Wehe, wehe, ihr Starken und Mächtigen! Wehe euch, die ihr das Blut der Heiligen vergießet, und frohlockt über die Todesqualen der Söhne Gottes! Wehe! wehe!« Die Nazarener zogen langsam vorbei, ihre Fackeln zitterten im Winde. Ihre Stimmen erhoben sich zu feierlicher Warnung und Drohung, bis sie sich in den Windungen der Straßen verloren und die Finsternis und Stille des Todes wieder eintrat. Die Aschen- und Wolkengüsse hatten jetzt etwas nachgelassen, und Glaukus ermutigte Jone, wieder weiterzugehen. Leise sich fortschleichend, wie Menschen, die einem Gefängnis entfliehen wollen, setzten sie nun ihren unsicheren Weg fort. Jedesmal, wenn vulkanische Blitze die Straßen erleuchteten, konnten sie unterscheiden, wo sie sich befanden. Aber es war kein ermutigender Anblick, der sich ihnen dann darbot. Überall lagen Felsenstücke, sterbende und tote Menschen, man hörte Angst- und Schmerzgeschrei, und wenn die Winde heulend durch die Straßen jagten, führten sie scharfen, glühenden Staub und erstickende Dämpfe mit, so daß der Atem und das Bewußtsein für den Augenblick schwanden. »Oh, Glaukus, mein Geliebter! Umarme mich noch einmal und laß mich sterben in dieser Umarmung. Ich kann nicht weiter!« »Oh, ermutige dich, süße Jone – mit deinem Leben entflieht das meine. Aber sieh, Fackeln kommen auf uns zu! Es sind gewiß Flüchtlinge, die nach der See wollen. Wir können uns ihnen anschließen.« Das wilde Toben in der Luft legte sich einen Augenblick, der Berg schien auszuruhen, vielleicht um für einen weiteren Ausbruch neue Wut zu sammeln. Die Fackelträger bewegten sich schnell vorwärts. »Wir nähern uns der See«, sagte mit ruhiger Stimme ein stattlicher Mann, der an ihrer Spitze ging. »Ich gewähre Freiheit und Reichtum jedem Sklaven, der diesen Tag überlebt! Mut! Ich versichere euch, die Götter selbst haben mir Rettung zugesagt. Vorwärts!« Der rötliche Schein der Fackeln beleuchtete Glaukus, der die zitternde Jone in seine Arme schloß. Mehrere Sklaven trugen schwere Kisten und Koffer, und vor ihnen schritt, ein gezogenes Schwert in der Hand, Arbaces einher. »Bei den Vätern!« sagte der Ägypter. »Das Geschick begünstigt mich selbst in dieser finsteren Stunde und verkündet mir mitten unter der Vernichtung und dem Tode Glück und Liebe. Fort, Grieche! Ich fordere meine Mündel Jone!« »Verräter und Mörder!« schrie Glaukus, indem er wild seinen Feind anstarrte. »Die Nemesis hat dich meiner Rache übergeben, als ein würdiges Opfer für die Schatten des Hades, welche jetzt auf der Erde zu wandeln scheinen. Wage es, dich zu nähern, berühre nur die Hand der Jone, und deine Waffe wird sein wie ein leichtes Schilfrohr. Ich reiße dir die Glieder vom Leibe!« Während er noch sprach, wurde der Platz durch eine rötliche, helle Glut erleuchtet. Der Berg erschien glänzend und gigantisch durch die Finsternis, welche ihn wie eine Mauer der Hölle umschloß, wie ein riesenhafter, brennender Scheiterhaufen. Nur der untere Teil des Berges war noch in Finsternis gehüllt – außer an drei Stellen, an denen in Schlangenwindungen Ströme geschmolzener Lava hinunterflossen. Sie schienen ihren feurigen Weg durch die finstere Umgebung nach der Stadt zu nehmen. Und durch die beruhigte Luft hörte man, wie die gewaltigen Felsenstücke aneinanderstießen, als sie, sich übereinander drängend, die steilen Katarakte hinunterschossen. Die Sklaven schrien laut auf, und der Ägypter selbst stand wie festgebannt, und das blendende Licht beschien seine gebieterischen Züge und das mit Juwelen besetzte Gewand. Hinter ihm erhob sich eine Säule, welche die bronzene Statue des Augustus trug, und das kaiserliche Standbild erglänzte wie im Feuer! Glaukus stand trotzig dem Ägypter gegenüber. Mit dem linken Arm hielt er Jone umfaßt, in der rechten Hand erhob er drohend den Stilus, der in der Arena seine Waffe sein sollte und den er glücklicherweise noch bei sich trug, und alle Wut menschlicher Leidenschaften schien wie durch einen Zauber auf seinen Zügen gefesselt und gebannt zu sein. Arbaces wandte seine Blicke jetzt von dem Berge auf Glaukus. »Weshalb«, murmelte er bei sich selbst, »soll ich noch zaudern? Sagten mir nicht die Sterne die einzige dringende Gefahr voraus, welche mir bevorstehe, und ist diese nicht vorüber? – Tretet vor, Sklaven! Widerstehst du mir, Athener, so komme dein Blut auf dein eigenes Haupt! Und so gewinne ich denn Jone wieder!« Er trat einen Schritt vor – es war sein letzter auf dieser Erde! Der Boden erbebte unter ihm mit einer gewaltigen Erschütterung. Gleichzeitig hörte man in der ganzen Stadt ein furchtbares Geprassel, da überall Häuser und Pfeiler zusammenstürzten. Plötzlich wankte auch die hohe Säule hinter Arbaces und fiel mit einem fürchterlichen Geräusch auf das feste Pflaster. – Die Weissagung der Sterne war erfüllt! Der Fall und das Geräusch raubten dem Athener einige Augenblicke das Bewußtsein. Als er sich wieder erholte, war die Szene noch erleuchtet – die Erde wankte und zitterte noch! Jone lag ohnmächtig auf der Erde, aber er sah sie noch nicht – seine Augen starrten auf ein schreckliches Antlitz, das ohne Rumpf und Glieder aus den Fragmenten der zersplitterten Säule hervorzutauchen schien – ein Antlitz, in dem sich unaussprechliche Verzweiflung und Todesqual aussprach! Die Augen öffneten und schlossen sich schnell, als sei das Bewußtsein noch nicht entflohen, die Lippen zuckten und zitterten. Plötzlich deckte Ruhe und Finsternis diese Züge, die jedoch einen Ausdruck des Schreckens behielten, den Glaukus nie vergessen sollte. Dieses Ende nahm der weise Magier – der große Arbaces – der Hermes mit dem flammenden Gürtel – der letzte Sprößling des königlichen Stammes von Ägypten! Glaukus aber nahm Jone wieder in seine Arme und floh durch Finsternis und Blitzesfunkeln weiter. 42. Inzwischen hatte Nydia, als sie im Gedränge von Glaukus und Jone getrennt war, sich bemüht, sie wieder aufzufinden. Vergebens rief sie nach ihnen, ihre schwache Stimme verlor sich in dem allgemeinen Tosen und Schreien. Mehrere Male kehrte sie zu dem Orte zurück, wo sie getrennt worden waren. Jeden, dem sie begegnete, fragte sie, ob er Glaukus nicht gesehen habe, aber alle eilten in der Ungeduld und Verzweiflung stumm an ihr vorbei. Wer dachte in jener Stunde an etwas anderes, als an sich selbst? Endlich fiel Nydia ein, daß Glaukus beschlossen hatte, die Flucht auf der See zu versuchen, und daß sie ihn in jener Richtung am wahrscheinlichsten wieder auffinden könne. Indem sie mit dem Stabe, den sie immer trug, ihren Weg verfolgte, vermied sie mit unglaublicher Gewandtheit den Schutt und die Ruinen, welche überall in den Straßen umherlagen, und fand, ohne sich zu irren, den nächsten Weg nach dem Ufer des Meeres. Das Schicksal selbst schien dem armen Mädchen wohlgesinnt zu sein. Die heißen Wasserstrahlen trafen sie nicht, außer in dem allgemeinen Regen, der dieselben begleitete. Die niederstürzenden Schlacken und Steine rissen das Pflaster um sie her auf und verschonten ihre zarte Gestalt. Und wenn die leichtere Asche auf sie fiel, schüttelte sie dieselbe schnell ab und verfolgte unerschrocken ihren Weg. Sie begegnete jedoch fortwährend Unglücksgenossen, die bald im Finstern umhertappten, bald bei dem Schein der Blitze vorbeieilten. Und plötzlich wurde sie durch mehrere Fackelträger, die ihr entgegenkamen, mit einiger Heftigkeit niedergeworfen. »Was?« rief eine Stimme aus der Gesellschaft. »Ist dies das brave, blinde Mädchen? Beim Bacchus! Wir dürfen sie hier nicht umkommen lassen! Steh auf, meine Thessalierin, gib mir die Hand! So! Du bist doch nicht verletzt? Komm mit uns, wir eilen nach der Küste!« »Oh, Sallust, ist es deine Stimme? Den Göttern sei Dank! Glaukus! Habt ihr ihn nicht gesehen?« »Ich nicht, er ist wahrscheinlich jetzt schon aus der Stadt. Die Götter, welche ihn von dem Löwen befreiten, werden ihn gewiß auch vor dem feuerspeienden Berge retten.« Der gutmütige Epikureer zog Nydia, indem er sie tröstete, mit sich fort und mußte ihre Bitten, noch etwas zu verweilen, um Glaukus aufzusuchen, unberücksichtigt lassen. Sie fuhr aber fort, jenen geliebten Namen, der ihrem Herzen mitten in dem Aufruhr aller Elemente wie Musik ertönte, laut auszurufen. Als sie die von der Stadt nach dem Hafen führende Straße erreicht hatten, wurden sie durch eine ungeheure Volksmenge, durch mehr als die halbe Bevölkerung der Stadt, aufgehalten. Tausende und aber Tausende irrten unentschlossen, wohin sie fliehen sollten, auf den Feldern außerhalb der Stadt umher. Das Meer hatte sich weit von seinen Ufern entfernt, und diejenigen, welche dort ankamen, wurden durch das gewaltige Toben des Elements, durch die häßlichen Gestalten der unförmigen Seetiere, die die Wellen auf dem Sande zurückgelassen hatten und durch die in die brausenden Wogen hinabstürzenden Felsenstücke so erschreckt, daß sie schnell wieder umkehrten, da sie auf dem Lande doch eine größere Sicherheit zu finden hofften. Unterwegs trafen sie dann mit anderen zusammen, die nach dem Strand hin eilten, und keiner wußte mehr Rat, und alle waren verzweifelt. »Die Welt wird durch Feuer zerstört werden«, sagte ein alter Mann in einem weiten Gewände, ein Philosoph aus der stoischen Schule. »Die stoische und die epikurische Weisheit haben es längst vorausgesagt, und die Stunde ist gekommen!« »Ja, die Stunde ist gekommen!« rief eine Stimme feierlich, aber unerschrocken. Die Umstehenden schauten sich verwundert um. Die Stimme kam von oben. Es war die des Olinthus, der, umgeben von seinen christlichen Brüdern, auf einer steilen Anhöhe stand, auf welcher die früheren griechischen Ansiedler einen dem Apollo geweihten Tempel erbaut hatten, der jetzt halb verfallen und in Ruinen lag. Indem er noch sprach, trat jene blendende plötzliche Erleuchtung ein, welche ein Vorbote des Todes des Arbaces gewesen war, und die jetzt jene erschrockene Menge in einem grellen Licht erscheinen ließ. Niemals auf der Erde hatte man wohl so viele unheimlich-düstere Gesichter vereinigt gesehen, noch nie war wohl eine menschliche Versammlung in dieser Erhabenheit des Furchtbaren zu schauen gewesen! Und über ihnen erhob sich mit ausgestrecktem Arm und prophetischem Antlitz die Gestalt des Olinthus, der in lebendigem Feuer glänzte. Und das Volk erkannte jetzt das Antlitz dessen, der verurteilt worden war, dem Tiger vorgeworfen zu werden. Damals war er ihr Opfer, jetzt ihr warnender Prophet. Und seine verhängnisvolle Stimme sprach wieder: »Die Stunde ist gekommen!« Die Christen wiederholten den Ruf. Wie ein Echo wurde er weitergetragen, von Weibern zu Männern, von Kindern zu Greisen, nicht laut, aber in einem dumpfen Geflüster: » Die Stunde ist gekommen! « In diesem Augenblick drang ein wildes, wehklagendes Geheul durch die Luft, und der fürchterliche Tiger der Wüste sprang mitten unter die Menschen und rannte, nur auf seine Flucht bedacht, durch die auseinandergesprengten Reihen. Und jetzt kam das Erdbeben, und Dunkelheit verhüllte wieder die Erde. Es kamen neue Flüchtlinge an. Die Sklaven des Arbaces trugen noch die Schätze, welche nicht mehr für ihren Herrn bestimmt waren. Von ihren Fackeln brannte nur noch eine. Sie wurde von Sosia getragen, und als ihr flackernder Schein auf das Antlitz der Nydia fiel, erkannte er die Thessalierin. »Was nutzt dir jetzt deine Freiheit, blindes Mädchen?« sagte der Sklave. »Wer bist du? Hast du Glaukus nicht gesehen?« »Ja; ich sah ihn erst vor einigen Minuten.« »Gesegnet sei sein Haupt! Wo?« »Er lag unter dem Bogen auf dem Forum – tot oder sterbend, dem Arbaces folgend, der auch nicht mehr unter den Lebenden ist.« Nydia sprach kein Wort. Sie stahl sich von der Seite des Sallust fort, schlich schweigend durch die Menge und schlug wieder den Weg nach der Stadt ein. Sie erreichte das Forum, den Bogen. Sie beugte sich nieder, sie fühlte umher, sie rief den Namen des Glaukus. Eine schwache Stimme antwortete: »Wer ruft mich? Ist es die Stimme der Schatten? Gut, ich bin bereit!« »Stehe auf, Glaukus! Folge mir, gib mir deine Hand. Du sollst gerettet werden.« Erstaunt und plötzlich wieder Hoffnung und Mut fassend, stand Glaukus auf. »Nydia«, rief er. »Du lebst, du bist gerettet worden?« Die Zärtlichkeit und das freudige Entzücken, mit dem er diese Worte sprach, durchdrangen wohltätig das Herz der armen Thessalierin, und sie segnete ihn, daß er ihrer gedacht habe. Glaukus folgte seiner blinden Führerin, indem er Jone halb trug, halb ihre wankenden Schritte unterstützte. Nydia vermied mit bewundernswürdiger Vorsicht den Weg, der durch so viele Menschen ungangbar gemacht wurde, und suchte das Meeresufer in einer anderen Richtung. Nachdem sie sich oft ausgeruht, erreichten sie mit fast unglaublicher Ausdauer die See und schlossen sich einer Gesellschaft an, die, kühner als die übrigen, beschlossen hatte, lieber jeder neuen Gefahr zu trotzen, als in dieser Szene der Verwüstung noch länger zu verweilen. In der Finsternis schifften sie sich ein, als sie aber vom Lande abstießen, warfen die feurigen Ströme des Berges wieder einen rötlichen Schimmer auf die Wogen. Jone schlummerte, gänzlich erschöpft und ermattet, an der Brust des Glaukus, und Nydia lag zu seinen Füßen. Der Staub- und Aschenregen fiel in die Wellen und bedeckte das Verdeck. Dieser weißliche Regen wurde durch die Winde an die entferntesten Küsten getragen. Verwundert erblickte ihn der schwarze Afrikaner, und selbst an den Küsten Ägyptens und Syriens bemerkte man ihn. So verging eine bange Nacht, und als die Dämmerung den Himmel wieder erhellte, da hatten sich die Winde gelegt, und der rosige Osten verkündete den herannahenden Aufgang der Sonne. Aber dicht und dunkel schwebte noch in der Entfernung die zerstörende Wolke, in welcher rötliche Streifen, die aber immer trüber brannten, Kunde gaben, daß das Feuer des Berges noch nicht erloschen sei. Die weißen Mauern und die schimmernden Säulen, welche die anmutige Küste geschmückt hatten, waren verschwunden. Öde und einsam lagen die Ufer da, auf denen noch gestern die Städte Herkulanum und Pompeji sich erhoben. Die Günstlinge der See waren entrissen ihrer Umarmung, traurig bespülten die Wogen die Grabstätten der Verlorenen. Und die Menschen sahen sich an und lächelten. Sie faßten neuen Mut, sie fühlten, daß das Leben ihnen noch einmal freundlich lächeln würde. Und die am meisten Ermüdeten fielen jetzt, da sie wußten, daß die Gefahr vorüber sei, in einen tiefen Schlaf. Sie genossen nun bei Tage der Ruhe, die sie in dieser fürchterlichen Nacht entbehrt hatten, und die Barke glitt sanft über die stillen Wogen. Man sah in der Entfernung einige andere Schiffe, die wahrscheinlich ebenfalls Flüchtlinge trugen, und der Anblick dieser schlanken Masten und weißen Segel gewährte ein beruhigendes Gefühl der Sicherheit. Wie viele geliebte Freunde, die man schon aufgegeben hatte, konnten dort nicht auch noch sich gerettet haben! Während der Ruhe des allgemeinen Schlafes stand Nydia leise auf. Sie neigte sich über das Antlitz des Glaukus, sie fühlte seine tiefen Atemzüge. Furchtsam und traurig küßte sie seine Stirn, seine Lippen, sie fühlte nach seiner Hand; aber diese lag in der Hand Jonens. Nydia seufzte tief auf, und ein düsterer Geist zog über ihre Züge. Nochmals küßte sie die Stirn des Glaukus. »Mögen die Götter dich segnen, Athener!« flüsterte sie. »Mögest du glücklich sein mit deiner Geliebten! Mögest du dich bisweilen der Nydia erinnern! Ach, ihr Leben hat jetzt keinen Zweck mehr auf der Erde!« Mit diesen Worten wandte sie sich fort. Sie kroch langsam längs des Schiffsrandes bis an das andere Ende der Barke und lehnte sich über die Tiefe. Der kühle Schaum sprühte empor an ihre heiße Stirn! »Es ist der Todeskuß!« sagte sie. »Er ist willkommen!« Die milde Luft spielte in ihren wallenden Locken. Sie strich sie sich aus dem Gesicht und erhob ihre blinden Augen zu dem Himmel, dessen blaues Gewölbe sie nie gesehen hatte. »Nein, nein!« sagte sie halblaut. »Ich kann es nicht länger ertragen. Meine eifersüchtige, leidenschaftliche Liebe würde ihn von neuem beleidigen. Oh, ich Arme. Ich habe ihn gerettet, zweimal gerettet, aber jetzt muß ich sterben. Seine Rettung ist der einzige beglückende Gedanke, der mich begleitet. Ob ich ihm wohl im Jenseits begegne? Nein, ich möchte ihm dort nicht begegnen, denn er würde noch immer bei ihr sein! Ruhe! Ruhe! Ruhe! Weiter gibt es kein Elysium für ein Herz wie das meine!« Ein Schiffer, der auf dem Verdeck eingeschlummert war, hörte ein leises Geräusch im Wasser. Noch schlaftrunken erhob er sich, und es schien ihm, als sehe er etwas Weißes über den Wogen, die das Schiff jetzt schneller durchschnitt, schweben, aber es verschwand sogleich wieder. Er legte sich nochmals zur Ruhe und träumte von seiner Heimat und seinen Kindern. Als die Liebenden erwachten, vermißten sie bald das blinde Mädchen. Sie war nirgends zu finden, niemand hatte sie seit der Nacht gesehen. Jeder Winkel des Schiffes wurde durchsucht, aber man fand keine Spur von ihr. Geheimnisvoll in ihrer ganzen Erscheinung bis zu ihrem Ende, war die Thessalierin für immer verschwunden aus dem Reiche der Lebenden! Sie errieten schweigend ihr Schicksal, und Glaukus und Jone rückten sich näher und weinten wie über eine gestorbene Schwester. 43. Zehn Jahre nach dem Untergang Pompejis schrieb Glaukus aus Athen an seinen Freund Sallust einen Brief. »Du forderst mich auf, Dich in Rom zu besuchen – nein, Sallust, komm lieber zu mir nach Athen! Ich habe die kaiserliche Stadt, ihr geräuschvolles Treiben und ihre eiteln Freuden aufgegeben. Ich will jetzt für immer in meinem Vaterlande bleiben. Der Geist unserer verschwundenen Größe sagt mir mehr zu als Euer glänzendes, prächtiges Leben. – Es liegt für mich ein Zauber, den kein anderer Ort zu gewähren vermag, in den durch jene ehrwürdigen Schatten noch geheiligten Säulengängen. In den Olivenhainen des Ilissus höre ich noch die Stimme der Poesie – auf den Höhen von Phyle scheinen die Wolken des Zwielichts mir noch die Leichentücher der entschwundenen Freiheit zu sein. Du lächelst über meine Begeisterung, Sallust! Du sagst, es scheine Dir unmöglich, daß ich unter diesen melancholischen Ruinen früherer Majestät des Lebens mich erfreuen könne. Du beschreibst mir mit Entzücken den Glanz von Rom und den Luxus des kaiserlichen Hofes. Mein Sallust, ich bin nicht mehr, der ich einst war! Die Schicksale meines Lebens haben das heiße Blut meiner Jugend abgekühlt. Meine Gesundheit hat, seitdem ich die Qualen der Krankheit gefühlt und in der dumpfen Luft eines Kerkers geschmachtet habe, ihre frühere Spannkraft nie wiedergewonnen. Mein Gemüt kann der trüben Erinnerung an den letzten Tag von Pompeji sich noch nicht entschlagen – an jene fürchterlichen Verwüstungen – an unsere geliebte, treue Nydia! Ich habe ihrem Andenken ein Monument erbaut und sehe es täglich aus dem Fenster meines Studierzimmers. Jone sammelt die Blumen, aber ich selbst schmücke täglich ihr Grabmal mit denselben. Sie war eines Monuments in Athen würdig! Du schreibst mir, daß die Sekte der Christen in Rom sehr viele Anhänger gewinne. Sallust, Dir darf ich wohl mein Geheimnis anvertrauen, ich habe viel über diesen Glauben nachgedacht und ihn schließlich angenommen. Nach dem Untergang von Pompeji traf ich nochmals mit Olinthus zusammen; der zwar damals gerettet wurde, aber später als ein Märtyrer seines unbezwinglichen Eifers gefallen ist. Er lehrte mich, an die Allmacht des unbekannten Gottes glauben. Auch meine geliebte Jone bekennt sich ebenfalls zu diesem Glauben, der uns die Gewißheit eines ewigen Lebens gibt. Besuche mich, o Sallust, bringe die Schriften des Epikur, des Pythagoras, des Diogenes mit, aber bereite dich auf deine Niederlage vor, und laß uns in den Hainen der Akademie unter der Leitung eines sichereren Führers, als jemals unseren Vätern gewährt wurde, über das wichtige Problem der wahren Zwecke des Lebens und über das Wesen unseres Geistes disputieren. Jone sitzt neben mir, indem ich schreibe. Ich erhebe meine Augen und begegne ihrem Lächeln. Die milde Sonne bescheint den Hymettus, und in meinem Garten höre ich die Bienen summen. Du fragst, ob ich glücklich bin! Oh, was kann Rom mir Besseres geben, als ich jetzt in Athen besitze! Hier erregt alles die heiligsten Gefühle – die Haine, die Hügel, alles erinnert an das alte, herrliche Athen. Und Jone ist hier. Sallust, wenn irgend etwas mich kann vergessen lassen, daß ich ein Athener und nicht frei bin, so ist es die beglückende, innige Liebe der Jone – eine Liebe, die in unserem neuen Glauben an Kraft und Innigkeit noch gewonnen hat – eine Liebe, welche keiner unserer Dichter, so trefflich sie auch sein mögen, jemals in der Beschreibung erreicht hat. Und wenn diese unsere Liebe mich teilweise aufrecht erhielt in meinem Unwillen über die Entbehrung der Freiheit, so unterstützt mich die Religion noch mehr. Denn wenn ich das Schwert ergreifen und zu einem neuen Marathon eilen möchte, so fühle ich meine Verzweiflung bei dem demütigenden Gedanken an die Ohnmacht meines Vaterlandes wenigstens durch den Gedanken gemildert, daß der Ruhm einiger Jahre von wenig Bedeutung ist in der Ewigkeit, daß es keine vollkommene Freiheit gibt, bis der Geist von allen Banden und Ketten des Staubes erlöst ist. Und doch Sallust, kann mein Glaube noch nicht ganz dem leichten griechischen Sinn entsagen. Ich kann den Eifer derjenigen nicht teilen, welche Verbrechen und ewige Verdammnis in jedem anderen Glauben sehen. Ich wage es nicht, anders Glaubende zu verfluchen ; ich bitte den Allmächtigen, daß er sie bekehren möge. Diese Duldsamkeit macht viele meiner christlichen Brüder mißtrauisch gegen mich, aber ich vergebe ihnen. Und da ich auf diese Weise die Vorurteile der Menge nicht öffentlich verletze, bin ich instand gesetzt, meine Glaubensgenossen vor der Strenge der Gesetze sowie vor den Folgen ihres eigenen Eifers zu schützen. So ist mein Leben, Sallust – so sind jetzt meine Gesinnungen. Sie lehren mich, glücklich leben und ruhig dem Tode entgegensehen. Und Du, gutmütiger und freundlicher Schüler des Epikur, komm zu uns und überzeuge Dich, welches unsere Genüsse, welches unsere Hoffnungen sind, und weder der Glanz der kaiserlichen Feste, noch der wilde Jubel des Volkes im Zirkus, noch das geräuschvolle Forum, noch die herrlichen Gärten und Bäder Roms werden Dir fernerhin ein ungetrübteres Leben voll reiner und beseligender Genüsse darzubieten vermögen als das, welches Du ohne Grund bedauerst als das Leben Glaukus, des Atheners! Lebewohl!« Im Jahre 79 nach Christi Geburt ist Pompeji zerstört worden. Beinahe siebzehn Jahrhunderte waren verflossen, als im Jahre 1750 die Stadt in ihrem stillen Grabe wieder aufgedeckt wurde. Ihre Wände waren noch frisch bemalt, keine Farbe war verblichen auf dem reichen Mosaik der Fußböden. Auf dem Forum standen noch die halb vollendeten Säulen, vor den Bäumen in den Gärten der Opferdreifuß, in den Hallen die Schatzkiste, in den Bädern die Striegel. Man fand in den Theatern die Einlaßkarte, in den Sälen die Möbel und Lampen, in dem Triklinium die Überbleibsel des letzten Mahls, in dem Cubilicum die wohlriechenden Salben und die Schminke der untergegangenen Schönheit, und überall die Gebeine derer, die einst jene prächtige Szene des Luxus belebten. In den gewölbten Kellern unter der Villa des Diomedes wurden nahe an einer Tür zwanzig Skelette gefunden (unter denen das eines Kindes), die durch einen feinen Aschenstaub bedeckt waren, der ohne Zweifel nach und nach durch die Öffnungen gedrungen war, bis er den ganzen Raum erfüllt hatte. Auch fand man Juwelen und Münzen, Kandelaber und Wein, welcher in der Amphora für ein unsterbliches Leben verhärtet zu sein schien. Der durch die Dämpfe getrocknete feuchte Staub hatte wie in einem Abguß die Gestalten der Leichen abgeformt, und der Wanderer kann noch jetzt den Abdruck eines weiblichen Nackens und Busens von jugendlichen und schönen Verhältnissen sehen – ein Andenken an die unglückliche Julia! Es scheint, als sei die Luft nach und nach mit schwefligen Dämpfen erfüllt worden, die Menschen, die sich in dem Keller befanden, waren nach der Tür geeilt, die jedoch durch Schlacken und Steine von außen gesperrt war, und während ihrer Bemühungen, sie zu öffnen, waren sie erstickt. In dem Garten fand man ein Skelett mit einem Schlüssel in der knöchernen Hand, und neben demselben einen Beutel mit Münzen. Man glaubt, daß dieses das Skelett des Besitzers des Hauses, des unglücklichen Diomedes, gewesen sei, der wahrscheinlich durch den Garten entfliehen wollte, und entweder durch die Dämpfe erstickt oder durch ein Felsenstück zu Boden geschlagen wurde. Die Häuser des Sallust und des Pansa, der Tempel der Isis mit dem heimlichen Versteck für den Priester, welcher das Orakel der Göttin darstellte, stehen jetzt der Untersuchung der Neugierde offen. In einer Kammer des Tempels fand man ein Skelett mit einem Beil neben demselben, zwei Wände waren bereits durchhauen, der Unglückliche konnte nicht weiter. In der Mitte der Stadt fand man ein anderes Skelett, neben welchem ein Haufen Gold und einige mystische Zieraten aus dem Tempel der Isis lagen. Der Tod hatte den Geizigen überrascht, und Kalenus kam mit dem Burbo zugleich um! Als die Arbeiter den Schutt um eine gefallene Säule forträumten, fand man das Skelett eines Mannes, welches durch die Säule buchstäblich mittendurch gespalten war. Der Schädel war von auffallender Bildung. Noch nach Jahrhunderten kann der Wanderer jene weite Höhlung betrachten, in deren labyrinthischen Gängen einst der Geist des Arbaces, des Ägypters, dachte und träumte.