Heinrich Zschokke. Die Rose von Disentis. Vorwort. Wohl wäre eigentlich jedes Vorwort zu nachfolgender Kleinigkeit überflüssig, wenn ich nicht eine Art Gewissenszwang fühlte, das öffentliche Erscheinen dieser Kleinigkeit zu entschuldigen. Sie lag schon seit vielen Jahren angefangen, aber unvollendet, in meinem Pulte, wie manche andere Abhandlung, Novelle und Dichtung, die ich einst mit Vorliebe begann, und dann im Ueberdruß wieder wegwarf. Ich war von jeher im Umgang mit den neun Musen etwas flatterhaft; dieser Fehler gehörte zu meinen Lieblingssünden. Zur Strafe dafür, oder vielleicht auch, weil mein Haar grauer geworden, haben mich die pierischen Mädchen verlassen, was man in solchem Falle keinem Frauenzimmer verargen kann. Jetzt einsam und müßig, blieb mir nichts Besseres zu thun, als die Bruchstücke der alten Arbeiten zum Zeitvertreibe zu mustern; mich daran, wenn's möglich wäre, mit Auffrischung gewisser schöner Erinnerungen zu ergötzen, und dann, wie der Pfarrer in Don Quixote's Bibliothek, damit ein Auto da fé oder Ketzergericht zu halten. Da jedoch riefen einige liebe Leute, ich solle Barmherzigkeit haben, mit dieser Rose von Disentis, wie mit einigen andern Kleinigkeiten derselben Art. Auch Frauen waren's; und, man weiß wohl, wie schwer es ist, denen etwas zu versagen. Sie meinten sogar, es könne auch Andern noch eine frohe Stunde, und vielleicht selbst einige Belehrung gewähren. Also fügte ich mich; blies den Staub von meinen Torso's und Antiken, und überlasse sie Jedem, der sie will. Einstweilen sei es an dieser Rose, und auch wohl an einer gewissen kleinen Pandora genug. Ich werde nicht nachsehen, ob sie, im wilden Strome unserer Tagesliteratur, obenauf schwimmen oder untersinken. 1. Einleitung. Wer ein Leben voll reicher Ereignisse betrachtet, findet darin zuweilen Vorfälle, die romanhafter sind, als alle unsere Alltagsromane. Man kann die, von denen ich hier erzählen will, auch dazu rechnen. Ich will mir nicht die Mühe geben, den Leser oder Hörer dieser Geschichte von der Wahrheit derselben zu überreden. Mag Jeder davon halten, was er will. Man traut heutigen Tages bekanntlich Niemandem weniger, als sogenannten Novellendichtern und Diplomaten; mögen Beide für ihre Aufrichtigkeit schwören, wie sie wollen. Die hier besprochenen Begebenheiten fallen in die Zeit der französischen Umwälzungskriege, und stehen mit einem Vorgang derselben in Berührung, dessen die meisten Geschichtschreiber kaum erwähnen, oder doch nur beiläufig gedenken, obgleich dieses nur beiläufig besprochene Ereigniß viele Hundert Menschen in Elend und Tod stürzte. Der Schauplatz des Trauerspiels sind wenig bekannte, selten besuchte Thäler zwischen Felsen, von denen unsere Geographen und Reisebeschreiber kaum etwas zu sagen wissen, ob gleich jene im Mittelpunkt Europa's liegen, und zu den sehenswürdigsten der Schweiz gehören. Eben so fremd für die übrige Welt ist das darin wohnende Völkchen, obgleich es sich in seinen Wohnsitzen des ältesten und unvermischtesten Herkommens rühmen könnte, wenn ihm an solchem Ruhme etwas gelegen wäre. Dieses Alles verpflichtet den Erzähler, seine Geschichte, die vielleicht doch wohl zur Unterhaltung dienen wird, mit einigen erläuternden Anmerkungen zu begleiten; und nöthigt ihn, einen allgemeinen Ueberblick der Zeitverhältnisse und des Schauplatzes vorauszusenden, damit sich der geneigte Leser darin desto besser zurechtfinde. 2. Die Zeitverhältnisse. Am Ausgange des achtzehnten Jahrhunderts saßen auf den europäischen Thronen nur wenige, durch Erziehung und Schicksal zu ihrem hohen Berufe vorgebildete Fürsten. Die Meisten, wenn auch gutmüthig und wohlwollend, hätten, als Privatleute, bei ihren Hausnachbarn kaum besondere Aufmerksamkeit erregt. Die Leitung des Staates überließen sie größtentheils ihren Kabinetsherren, Höflingen, Gewissensräthen, oft sogar noch schlimmeren Händen; und sie hießen darum nicht minder die Vielgeliebten oder Väter des Vaterlandes. Einige waren sogar, wie man weiß, geistesschwach, oder vollkommen wahnsinnig. Dabei fühlten sich die Unterthanen so wohl oder übel, als es Zeit und Umstände erlaubten. Die obern Stände lebten im Genusse der wohlererbten Vorrechte ganz behaglich. Ihnen gehörten die ersten Würden und Aemter, ohne andere Mühe, als daß sie sich hatten gefallen lassen, in, mit alten Stammbäumen wohlversehenen Familien, geboren zu werden. Weil sie dem Staate die unwichtigsten Dienste leisteten, belohnte man sie mit den vollwichtigsten Einkünften, wenigstens mit nicht geringeren, als vorzugsweise schöne Tänzerinnen und Sängerinnen, durch das angeborne Verdienst ihrer Kehlen und Füße, sich zu erfreuen hatten. Was man eigentlich das Volk zu nennen pflegt, bewahrte man sorgfältig in altgewohnter frommer Einfalt und Treue. So arbeitete es in herkömmlicher Dienstbarkeit williger für das Wohlsein der Großen; steuerte im Frieden, wie im Kriege, schweigend Gut und Blut und wurde für die Entbehrungen und Leiden dieses Jammerthales, mit den zukünftigen Freuden im Himmel getröstet. Die seefahrenden Mächte trieben, als gute Christen, Seelenverkäuferei und Sklavenhandel; die Landmächte mit ihren getreuen, lieben Unterthanen ungefähr dasselbe Gewerbe auf Werbeplätzen oder beim Feilbieten ihrer Truppen an fremde Staaten. Doch diese alte, gute Zeit drohte plötzlich ein Ende zu nehmen, als die französische Nation deshalb unwirsch wurde, weil der Bauer noch immer nicht, nach der Verheißung Heinrich's IV, an Sonntagen sein Huhn im Topfe fand; sondern kaum den Topf selbst behielt. Zur Verzweiflung getrieben, sprengte sie endlich sehr unerwartet ihre Ketten. Sie wollte frei sein, und wurde nur frech; zertrümmerte sogar den Königsthron, und errichtete auf einem vom Blute schlüpfrigen Boden das Gebäude der Republik. Die Monarchen unsers Welttheils aber, empört über diese Verletzung des göttlichen Rechtes in der Person eines ihrer königlichen Brüder und Standesgenossen, brüteten Rache und begannen den Krieg. Nicht so göttlicher Natur hatte mehreren von ihnen damals das Völkerrecht geschienen. Sie hatten zum Beispiel ohne Bedenken das Leben Polens, des uralten Staates, vernichtet, ihn zerfleischt, und die Stücke desselben unter sich, als gute Beute, brüderlich vertheilt. Man fand dieses sehr staatsklug und billig. Der Krieg gegen Frankreich begann. Für den Fall des leisesten Widerstandes der Nation wurde ihr die Zerstörung von Paris angedroht, und daß man Salz auf die öde Stätte streuen werde. Die zuschauenden Völker sahen aber mit gerechtem Erstaunen, daß auch das Unglaubliche wahr werden, daß ungeübte Heere, die auf Paradeplätzen wohlgeübtesten, und daß unerfahrene Feldherren, die erfahrensten besiegen können; sie sahen mit eigenen Augen, daß Söhne gemeiner Bürger und Bauern eben so glänzende Thaten verrichten können, als Prinzen und Herren vom ältesten Adel, daß in der Masse des Volks offenbar mehr hellsichtige Staatsmänner und geniale Heerführer unbekannt leben, als in der titel- und ämterreichen Region der wenigen Hochgebornen; und daß sich die Natur, ohne Scheu vor den Einrichtungen der Menschen, bei Vertheilung ihrer Gaben, nicht im mindesten durch Stammbäume, Orden und Uniformen, bestechen lasse. Die Könige, nach langem Kampfe endlich erschöpft oder überwältigt, schlossen, nicht ohne bitteren Verlust auf einige Jahre oder Monate, ihren »ewigen Frieden« mit der verhaßten, aber siegreichen Republik. Diese, durch Waffenglück nicht nur übermächtig, sondern auch übermüthig geworden, trat sogleich selbst das Heiligthum des Völkerrechts, dessen Fürsprecherin sie gewesen, mit Füßen. Sie umgürtete sich stolz, sowohl mit Schlachttrophäen, als mit den Ländern der bezwungenen Nationen, und gab ihnen wohl den Namen selbstständiger, batavischer, cispadanischer, transpadanischer, ligurischer Freistaaten , aber dazu keine Freiheit von Innen , und keine Unabhängigkeit nach Außen . Ja, während sie jenseit des Meeres am fernen Nil das Mamelukenreich verwüsten ließ, zerstörte sie mit blutiger Faust auch in der Schweiz die Bundes- und Eidgenossenschaft der ältesten Republiken des Welttheils, und verwandelte sie in die eine und untheilbare helvetische Republik. Nur ein einziges bisher dazu gezähltes Ländchen im Schooße der höchsten Alpen, Graubünden, oder Rhätien, ließen die französischen Machthaber unverletzt bestehen; und wohl nicht aus Großmuth, oder wegen der Armuth und Geringfügigkeit des kleinen Gebietes von anderthalb Hundert Geviertmeilen. Die Engpässe Bündens gegen Deutsch- und Welschland hin, hatten von jeher in den Augen der eifersüchtigen Nachbarmächte hohe Bedeutung gehabt. Für Oesterreich wurden sie aber eben jetzt von besonderer Wichtigkeit. Frankreich wollte den Frieden mit dem Wiener Hofe, welcher vor kaum einem halben Jahre erst zu Campo Formio geschlossen war, nicht schon wieder gewaltsam brechen. Man begnügte sich deshalb staatsklug einstweilen damit, das kleine Bündnervolk zu freiwilliger Vereinigung mit der helvetischen Republik höflich einzuladen. Die Leute im Gebirge, deren Vorstehern wenigstens es nicht ganz an Kenntniß der Welthändel fehlte, sahen wohl ein, daß sie sich früher oder später, entweder mit der Schweiz vereinigen, oder, wie Venedig und Genua, ihrer alten Freiheit auf immer verlustig werden müßten. Doch weil man den Anschluß, als einen freiwilligen forderte, meinten sie, es habe damit keine Eile, er könne einst unter billigen, vielleicht sogar vortheilhaften Bedingungen stattfinden. Ohnehin war es keine leichte Sache, bei einer so wunderlichen Staatseinrichtung, wie hier, zu einer baldigen und besonnenen Entscheidung zu gelangen. 3. Der Schauplatz. Mau denke sich ein Ländchen aus durcheinanderlaufenden Gebirgsketten und beinahe dreihundert Gletschern, wie ein Netz gestrickt, in dessen Maschen die Einwohner ärmlich, aber zufrieden, meistens vom Ertrage ihrer Heerden, oder des sehr wenigen Landbaues leben. Dies ist Graubünden. Die geringe Bevölkerung, nicht nur in allen Richtungen durch himmelhohe Bergzüge, durch dreierlei Sprachen, und zweierlei Religionsbekenntnisse in sich geschieden, war es auch noch durch die vielfache politische Gestaltung. Das Ganze bildete nicht weniger, als eine Masse von fast dreißig kleinen, ziemlich selbstherrlichen Republiken, dort Hochgerichte genannt, mit besonderen Verfassungen, Gesetzen und Rechten. Diese Schaar von Freistaaten hing theilweise durch drei unter sich abgesonderte, und zu verschiedenen Zeiten entstandene Bünde zusammen Der Graue-, der Gotteshaus- und der Zehngerichts-Bund genannt. , deren jeder wieder sein eigenes Bundeshaupt und seine eigene Bundesversammlung hatte. Die drei Bünde aber waren durch Verträge wieder mit einander in einen allgemeinen Bund zusammen geflochten, und stellten gegen das Ausland einen Gesammtstaat dar, dessen gemeinschaftliche Angelegenheiten durch Abgeordnete an einem gemeinsamen Bundestage berathen wurden. Die vollziehende Gewalt stand den drei Bundeshäuptern zu. Doch weder der Bundestag, noch die Regierung erfreute sich großer Machtvollkommenheit; denn ihre Anordnungen waren wieder der Genehmigung sämmtlicher einzelnen Republiken unterworfen. Die Mehrheit von den Stimmen derselben entschied dann; doch auch das Stimmrecht der Republiken war unter sich wieder sehr ungleich. Nichts ist natürlicher, als daß bei solcher verworrenen Staatseinrichtung ewige Verwirrungen, Umtriebe des Eigennutzes und Ehrgeizes, politische und kirchliche Entzweiungen, zuweilen sogar bewaffnete Aufstände und Bürgerkriege, von denen die Weltgeschichte freilich wenig Notiz nahm, zu Hause waren. Der souveraine Landesfürst, das Volk nämlich, hatte aber das gewöhnliche Loos der Landesfürsten. Es wurde von Rathgebern und Günstlingen geschmeichelt; unwissend erhalten; nach deren Privatinteressen geleitet, und nicht selten betrogen. Trieben es die Herren manchmal zu arg, so warf der aufbrausende Selbstherr Alles über den Haufen, das Gute, wie das Schlechte. Weil aber bei solchen Anfällen von böser Laune Niemand größeren Schaden litt, als der Landesherr selbst, so legte sich sein Zorn bald wieder. In einem Staate, so arm und klein, wie dies Gebirgsland, wo, was auch wohl in großen Staaten der Fall sein mag, politische Grundsätze und Meinungen gewöhnlich von den ökonomischen Vortheilen ihrer Bekenner abhängig waren, konnte es nie an Faktionen fehlen. Lange Zeit spielte das, durch viele Thäler verzweigte Geschlecht der Herren von Salis die Hauptrolle unter den Magnaten. An ihrer Spitze stand zuletzt ein Mann von großer Geschäftsgewandtheit und Thätigkeit, Ulysses von Salis-Marschlins . Er fand es lange Zeit mit seinem Patriotismus verträglich, als Geschäftsträger des französischen Hofes, mit dem Ministertitel geschmückt, die Interessen einer fremden Macht im eigenen Vaterlande zu vertreten. Sobald er jedoch, durch den Untergang Ludwig's XVI., seine einflußreiche Stellung, und sobald seine zahlreiche Verwandtschaft, oder Partei, ihre beträchtlichen Einkünfte von Kriegsdiensten und aus Jahrgeldern verloren hatte, verwandelte er und sein Anhang sich in Frankreichs Todfeinde und wendeten sich dem Erzhause Oesterreich zu, in der Hoffnung, durch dienstbeflissene Hingebung an dessen Interessen, neue Stützen ihres wankenden Ansehens zu gewinnen. Ihrer altgewohnten Hoheit und Machtherrlichkeit war in der That schon früher mancherlei Abbruch geschehen. Die Gegenpartei in den Thälern des Hochlandes, reich an talentvollen und scharfsichtigen Männern, unter denen die der Familie Tscharner, Planta, Bavier , selbst einzelne Glieder des Hauses Salis Unter ihnen auch der liebenswürdige Dichter, Gaudenz von Salis-Seewis . , hervorragten, ermüdete nicht, die größten, wie die kleinsten Staatssünden, Verfassungsverletzungen und Bestechungskünste der Oligarchie aufzuspüren und zu enthüllen. Sie setzte dem aristokratischen Stolze derselben, starrsinnigen demokratischen Trotz entgegen, und hatte sogar schon die Pacht der Landeszölle, welche das Haus Salis, seit einem halben Jahrhundert und länger, um 16,000 Gulden unangefochten zu seiner Selbstbereicherung besessen hatte, auf 60,000 emporgetrieben Schon im Jahre 1787. . Dies und vieles Andere schwellte täglich mehr beider Parteien Zorn oder Rachsucht. Beide wetteiferten darin, sich beim vielhäuptigen Landesherrn gegenseitig zu verdächtigen, und ihn zum Verderben der andern aufzureizen. Man sieht, es geht in Republiken ungefähr eben so zu, wie in Monarchien. Als aber der Mißwachs des Jahres 1793, und die beschränkte Einfuhr schwäbischen Getreides dazu kam; als jene völkerrechtswidrige Gefangennehmung der französischen Gesandten, Semonville und Maret , auf Bündner Boden, und deren Auslieferung an Oesterreich, durch Anhänger der Partei Salis geschah Am 25 Juli 1793 bei Navote am See von Chiavenna. Näheres darüber, mit Beweisstücken, findet sich im dritten Heft des »Prometheus für Licht und Recht,« S. 81 (Aarau, bei H. R. Sauerländer, 1833), mitgetheilt. ; erhob sich in den Gemeinden tobender Unwillen. Eine außerordentliche Standesversammlung, ein unparteiisches Gericht, wurde vom Volke zusammenberufen. Ulysses von Salis-Marschlins floh aus dem Lande, sei es aus Furcht vor der Gerechtigkeit, oder aus Besorgniß vor der Ungerechtigkeit seiner Richter. Indessen sowohl er, wie mehrere der thätigsten Männer seiner, oder der sogenannten österreichischen Partei, büßten ihre politischen Sünden mit schweren Geldstrafen. Die siegreichen Gegner, nun französische Partei geheißen, nannten sich selbst Patrioten, sie feierten einen entschiedenen Triumph. Baptista von Tscharner , der Bürgermeister von Chur, stand fortan, als Standespräsident, an deren Spitze. Doch war der Kampf der Faktionen damit noch keineswegs beendigt. Als wenige Jahre später die empörten, Bünden untergebenen Landestheile, Valtelin, Chiavenna und Bormio, gleiche Rechte und Freiheiten mit dem Herrscherlande forderten; als die Mehrheit der landesherrlichen Räthe und Gemeinden wirklich schon entschieden hatte, jene Gebiete als vierten Bund in den Staatsverband aufzunehmen; und als der zum Schiedsrichter in diesem Handel angerufene Eroberer Italiens, Napoleon Bonaparte, den Tag seines Spruches schon anberaumt hatte; gelang es den Gegnern Frankreichs, die Sendung der Abgeordneten an den französischen Oberfeldherrn, bis nach Ablauf der von ihm bestimmten Frist, zu verzögern. Darauf wurden die unterthänigen Lande mit der cisalpinischen Republik vereinigt Der Spruch geschah am 10. Oktober 1797. . Der Verlust eines fruchtbaren und schönen Gebietes von 60 Geviertmeilen und mehr als 80,000 Einwohnern, fast aber mehr noch der Verlust des dort gelegenen Privateigenthums vieler Bündnerfamilien und der Verlust des Gewinnes derselben von der Ausbeute der Aemter und Vogteien, empörte das Gebirgsvolk von Neuem gegen die aristokratische Partei. Umsonst versuchte man durch Gesandtschaften zum Rastatter Kongreß, oder nach Paris, das Geschehene ungeschehen zu machen. Man mußte sich damit begnügen, die Urheber des Unglücks vor Gericht zu ziehen, und sie mit Geldbußen, mit Ausschließung von allen Staatsämtern, vom Stimmrecht u. dgl. m. zu bestrafen. Ein freilich schlechter Ersatz für ein großes, nun verlorenes Gebiet, welches seit beinahe dreihundert Jahren rhätisches Eigenthum gewesen war. 4. Der Faktionen-Kampf. Die Unterjochung und Staatsumwälzung der benachbarten bundesverwandten Schweiz durch Frankreichs Heere; die Umschaffung der alten Eidgenossenschaft zu einer helvetischen Republik, als deren Bestandtheil, in der von Paris erschienenen Staatsverfassung. auch schon Graubünden genannt war, verbreitete gerechte Befürchtungen durch alle Thäler des rhätischen Gebirges. Die aristokratischen Geschlechter, schon tief genug gebeugt, erblickten in der Vereinigung Bündens mit einem helvetischen Freistaat, den Untergang ihrer letzten Hoffnung, jemals wieder den alten Einfluß, Rang und von Fürstenhänden genährten Reichthum zurück zu erhalten. Eine so trostlose Aussicht erfüllte sie mit dem blinden Muthe der Verzweiflung, Alles für Alles, selbst, wenn es sein müsse, die Freiheit ihres Volkes, das Bestehen ihres eigenen Vaterlandes, im gefährlichsten Spiel zu wagen. Sie versuchten, mit dem Wiener Hofe geheime Unterhandlungen anzuknüpfen, darüber, daß er, mit ihrer Hülfe, sich den Besitz Graubündens zusichere, bevor sich Frankreich desselben bemächtigen könne. Man legte dem, im Vorarlberg stehenden kaiserlichen General Auffenberg ausführliche Kriegspläne vor, in das Hochland einzurücken, von wo aus, wie aus einer starken Veste, die Franzosen sowohl in Italien, als in der Schweiz, mit entschiedenem Vortheil anzugreifen, und die Eingänge Tyrols am sichersten zu decken wären Der »Militär-Plan« des Barons von Salis-Marschlins und der Briefwechsel mit General Auffenberg und Baron von Cronthal wurde nachher bei der Gefangennahme Auffenberg's, im März 1799, unter dessen Schriften durch einen französischen Lieutenant beim 7. Husarenregiment, Namens Bacher , entdeckt und der provisorischen Regierung Bündens übergeben, dann im Archiv der helvetischen Regierung zu Bern niedergelegt, wo sich diese Papiere, bezeichnet A. bis R. und No. 1. bis 21. befinden. Der Kriegsplan ist in denselben unter No. 11. enthalten. . Man suchte mit allen Künsten der Ueberredung den Minister-Residenten Oesterreichs, Baron von Cronthal in Chur, zu gewinnen. Doch der Eine, wie der Andere, gab, weil Oesterreichs Rüstungen noch nicht beendet waren, zwar freundliche Hoffnung, doch ausweichende Antwort: man müsse den gelegenen Zeitpunkt erwarten; es fehle zu einem solchen Schritte bisher an einem guten Vorwande oder rechtfertigenden Grunde. Vorwand? Grund? Nichts leichter, als diesen zu finden, erwiederte man ihnen. Wir erregen einen großen Volksaufstand, und verbreiten damit den Aufruhr gegen Frankreich durch die ganze Schweiz. Laut Certifikat des helvetischen Archivars Vinet , fügt ein Schreiben unter Litt. A. an Auffenberg vom 28. Mai 1798 hinzu: »C'est ce que votre cour demande, pour avoir un prétexte plausible pour s'emparer des Grisons.« Gesagt, gethan. Sogleich brachen in den katholischen Gemeinden der wilden Oberlandsthäler Unruhen aus. Doch Cronthal selbst widersetzte sich dem voreiligen Ausbruche einer stürmischen Bauernerhebung Wozu er sich außerdem noch durch ernste Vorstellungen bewogen finden mochte, welche ihm im Namen des Landtags-Ausschusses, der Hauptmann Joh. Baptista Bavier machen mußte. . Unter solchen Bewegungen und Umtrieben verfloß die erste Hälfte des verhängnißvollen Jahres 1798; offener und gewaltsamer traten sie aber in der andern Hälfte desselben hervor. Von Seiten der helvetischen Regierung, und unterstützt von der französischen, erschien die wiederholte Einladung zum Anschluß Bündens an die Schweiz. Eine Lebensfrage, wie diese, konnte nur durch die Gesammtheit des selbstherrlichen Volkes beantwortet werden. Jedem verständigen Manne war es aber zweifellos, daß der kleine Staat nicht länger vereinzelt für sich dastehen könne; daß er früher oder später, entweder zur Schweiz und in den französischen Machtkreis, oder in den österreichischen werde hineingezogen werden. Die demokratische Partei, noch am Ruder des Staates befindlich, und in der Hoffnung, wenn auch nicht die Selbstständigkeit des Staates, doch die Freiheit des Volkes zu retten, mahnte zum treuen Verbleiben bei der alten bundes- und schicksalverwandten Schweiz, doch unter der Bedingung, daß die wirkliche Vereinigung nicht früher, als nach dem allgemeinen Frieden Europa's vollzogen werden; oder wäre dies nicht thunlich, daß wenigstens keine fremden Befehlshaber und Kriegsvölker den Bündnerboden betreten und das Gut des Landes antasten sollten. Ohne Zweifel ein wohlgemeinter Rath; den Begriffen, Sitten und Gewohnheiten des größten Theiles der Bergbewohner klang indessen die Stimme der aristokratischen Rathgeber zusagender. Keine Vereinigung, hieß es da, mit der verwüsteten, unglücklichen Schweiz. Bleiben wir für uns; wir können es. Das erbvereinte Erzhaus Oesterreich ist zum Beistande bereit. Laßt Euch durch nichts verblenden. Wer ist ein Landesverräther? Wer französische Räuberbrigaden in unsere friedlichen Thäler ruft, daß sie die Religion unserer Väter vernichten; unsere alten Freiheiten zertreten; unsere Hütten plündern; das Vieh der Alpen entführen; Weiber und Töchter schänden und die Söhne auf fremde Schlachtfelder schleppen. Wer will solchen Hochverrath? Niemand unter uns, als die französische Partei im Lande. Die große Mehrheit des Volkes verwarf also die Vereinigung mit der helvetischen Republik Es wurde am 8. August 1798 erklärt. , und überließ sich der ungezügelten Wuth gegen Alle, welche für das Gegentheil gesprochen, oder gestimmt hatten. Die demokratische Partei war verloren. Der landtägliche Regierungsausschuß wurde gezwungen, sich aufzulösen, und die öffentliche Verwaltung seinen aristokratischen Widersachern abermals zu überlassen. Feindschaft, Verfolgung und Aechtung Aller, welche die Vereinigung mit der Schweiz empfohlen hatten, war die natürliche Folge hiervon. Privathaß und die Rache der Sieger feierten ihr Fest über die Besiegten. Nicht Eigenthum noch Leben derselben blieben länger gesichert. Hundert um hundert der sogenannten Patrioten retteten sich durch die Flucht vor dem Grimme des aufgewiegelten Volkes, über die Alpen und den Rheinstrom, in's Ausland. 5. St. Moriz. Inmitten dieser Unordnung, welche beim Herandrängen österreichischer Kriegsvölker von Osten, und französischer von Süden und Norden her, gegen die Grenzen, täglich stürmischer wurde, zerrissen die Bande des geselligen Umganges, des häuslichen und Familienlebens. Selbst der berühmte, sonst zahlreich besuchte Sauerbrunnen von St. Moriz, im Hochthal des Engadins, war, während der schönsten Sommermonate, halbverwaist. Und doch ist die Kraft des Heiltrankes, welchen die Gnomen der Unterwelt hier brauen, nicht minder gepriesen, als jene von Spaa und Pyrmont, und noch erhöht durch die reine Luft der Alpen, welche hier erquickend die kranken Glieder badet. Zwar wölben sich nicht, wie dort, Prachthallen über der heiligen Quelle; noch prangen palastähnliche Kur- und Ballsäle, oder öffentliche Unglückshäuser des Glücksspiels neben ihr; doch spricht die Natur in wunderbaren Reizen hier den Wanderer mächtiger an, als in irgend einem anderen Schweizerthale. Fünftausend Fuß erhaben über dem Meeresspiegel, wohnt der Besucher im anmuthigen, malerischen Gebirgsthal, umringt von einer unbekannten Pflanzenwelt. Durch das Grün schlanker Lärchentannen blitzen drei helle Seen, in denen sich der junge Inn badet, von Wiesen umfangen, welche vom großblüthigen Klee wie mit Rosen bestreut sind. Dunkle Zirbelnußkiefern steigen aus der Ebene an den Hügeln und Urgebirgen empor, die hier mit ihren nahen Gletschern und Silberfirnen das majestätische Bild umsäumen, großartiger als Chamouni und der Grindelwald. Zwischen benachbarten hohen Granitfelsen senkt sich, einem im Herabsturz erstarrten, breiten Strome gleich, der Rosatschagletscher herab, an dessen Enden die Lustwandler Alpen-Anemonen, dunkelblaue Gentianen und nordische Linneen pflücken. Im Beginn des Herbstes des Jahres 1798 war es, als die hier noch zurückgebliebenen Brunnengäste, meistens Familien des Bündnerlandes, ihre mäßige Anzahl durch ein Paar Spätlinge vermehrt sahen, die einige Aufmerksamkeit erregten. Man hielt sie für ein junges Ehepaar, welches weniger die Heilquelle, als den Honig der Flitterwochen auf der Hochzeitreise, ungestört kosten zu wollen schien. Der junge Mann, kräftig und wohlgebaut, von blühender Gesichtsfarbe, blauen Augen und schwarzen, lockigen Haaren, trug vollkommen das edle Gepräge des Menschenschlages vom Ober-Engadin. Er mochte kaum dem Ende der zwanziger Jahre nahe sein, seine schöne Begleiterin aber dieselben kaum erst begonnen haben. Der Adel ihrer Gestalt und Haltung, das kindlich Zarte ihres Antlitzes, der schwärmerische Blick ihrer blauen Augen unter den schwarzbraunen Locken, und dabei ein um die Lippen spielendes schelmisches Lächeln, waren wie geschaffen, Jeden zu erobern, der ihr nahte. Doch selten nur erschienen Beide am Gesundbrunnen, der vom Dorfe St. Moriz etwa vierhundert Schritt entfernt, neben einem alten, hölzernen Gebäude gelegen war. Gewöhnlich sah man sie, Arm in Arm, durch Wiesen und Wälder allein umherstreifen. Es erhob sich sogar unter den neugierigen Kurgästen Streit darüber, wer von Beiden den Preis der Schönheit verdiene? Und als die Damen sich zu Gunsten des Herrn, die Herren sich zu Gunsten der Dame erklärt hatten, blieb nur noch zu enträthseln, wer das Pärchen eigentlich sei? Es wurde bald erforscht. Man erfuhr, es seien nichts weniger, als junge Eheleute, sondern Bruder und Schwester, Kinder längst verstorbener, wenig bemittelter Eltern aus dem angrenzenden Thale Bregell, jenseit des wilden Maloggiagebirges; durch eine unerwartete Erbschaft aus England Beide plötzlich reich geworden. Er sei ein Schützenhauptmann, Namens Flavian Prevost ; sie eine Frau von Schauenstein , die ihren siechen Gemahl hieher begleitet habe, welcher aber kaum das Zimmer verlassen könne. Die edle Neugierde oder Wißbegierde war also befriedigt; doch nicht ganz zum Vortheil des vielbesprocheuen Pärchens. Man hatte nämlich zugleich erfahren, der Schützenhauptmann Prevost sei der Vertraute des französischen Residenten Florent Guiot , Freund der Tscharner, Planta, Joste und anderer Patrioten, das ist, Franzosenfreunde, »Revoluzionär und Landesverräther«. Von Stunde an wich man ihnen, wie von Pest Befallenen, mit Scheu aus. Die sonst gar höflichen Herren erwiederten dem jungen Manne, im Begegnen, kaum den Gruß; und auf die liebenswürdige Schwester schielten sie von nun an nur ganz verstohlen. Die Damen aber ließen selbst der unschuldigen jungen Frau keine Gnade mehr widerfahren; die Eine fand sie frech und gefallsüchtig; die Andere linkisch und bäuerisch; die Dritte äußerst geschmacklos und vernachlässigt in der Wahl des Putzes. Sie wendeten das Gesicht ab, wenn sie der Zufall ihr entgegenführte, und erlaubten sich höchstens, einen mitleidigen Blick über die Gestalt des Begleiters hinfliegen zu lassen. 6. Kannegießereien. Nun endlich stehen wir anderen Ehrenleute einmal wieder auf festen Füßen, sagte einer der letzten Kurgäste zum andern, mit dem er an einem heiteren Oktobermorgen noch allein in der hölzernen Trinklaube plauderte. Der Ehrenmann, der dies gesprochen hatte, obgleich nur halb städtisch gekleidet, groß und stark gebaut, schien darum nicht minder eine hochwichtige Staatsperson zu sein. Wenigstens verkündeten es die Mienen seines breiten, sonneverbrannten Gesichtes, mit steifen, lederartigen Falten tapeziert. Ja, ja, auf festen Füßen, wiederholte er, und rieb sich freudig die harten Hände, welche man beinahe rauschen hörte. Nicht wahr, Ihre Weisheit Der Titel »Ihre Weisheit«, nicht schlechter oder wahrer, als Exzellenz oder Hochwürden, ward sonst den höhern Staatsbeamten des Bündnerlandes gegeben. , nicht wahr, die Nachricht ist Tonnen Goldes werth? Man konnte bisher nicht ruhig schlafen, weil die Franzosen im Stande gewesen wären, über Nacht in's Land einzubrechen. Der Prevost muß noch keinen Unrath wittern. Ich wundere mich, daß er sich nicht aus dem Staube macht, wie seine übrigen landesverrätherischen Spießgesellen. Man wird ihm bald den Weg weisen, wenn er ihn nicht finden kann, oder suchen will, erwiederte mit vornehm gleichgültigem Tone der Nebenmann, ein alter, zierlicher Herr mit gepudertem Haare, in pelzverbrämtem, aschfarbenem Ueberrock, mit einem im Knopfloche bescheiden sichtbar werdenden Ordensbändchen. Sein röthliches, übrigens nichtssagendes Gesicht war, seltsam genug, durch eine Nase geziert, die vorn in einen blauröthlichen Ballen endete. Ich wundere mich blos, fuhr er fort, indem er die Tabackspfeife mit dem silberbeschlagenen Meerschaumkopf einen Augenblick absetzte, um eine blaue Rauchwolke in Wirbeln fortzublasen; ich wundere mich blos, daß man aus dem Burschen so viel Wesens gemacht hat. Man weiß ja, Herr Landvogt, er ist von der gemeinsten Herkunft, ein bloßer Bauernkerl. Der Landvogt schien die letzten Worte etwas empfindlich zu nehmen und meinte: Herkunft hin, Herkunft her, Ihre Weisheit. Bei uns zu Lande, denke ich, ist, wer Geld hat, Edelmann, und der Prevost da, wie man hört, besitzt Moses und die Propheten. Darum sage ich, Herkunft hin, Herkunft her! Manch uraltadeliges Bündnergeschlecht ist heutzutage froh, wenn es eine Kuh im Stalle oder einen Pflug im Haberfeld haben kann. Falls uns der Kaiser mit Jahrgeldern und Regimentern nicht wieder auf die Beine hilft, kann noch manches gute Haus, trotz dessen Wappen und Krone, zur Strohhütte werden. Pah! Sie scheinen heute einen kleinen Anstoß von Hypochonder zu haben, Herr Landvogt? Hypochonder, Ihre Weisheit? Meiner Treu! die heutigen Zeiten sind wohl danach, und sind es schon lange. Die schönen einträglichen Aemter in den welschen Vogteien haben wir auf ewig verloren, wenn der Kaiser zur Wiedererlangung nicht die Hand reicht. Wohlfeil konnte man zwar die Aemter des Landes schon längst nicht mehr kaufen. Ich hatte von Glück zu sagen, als ich meine Stelle in Teglio für 5000 Gulden baar erstand, ungerechnet, was ich damals den Bauern an Brod, Käse, Würsten und Wein austheilen mußte, um die Wahl in geläufigeren Gang zu bringen. Seit der Vicari Ott Singer von Katzis den Lugnetzern für die Landeshauptmannschaft von Sondrio 15,000 Gulden zahlte, ja seitdem, Ihre Weisheit, war nicht mehr viel zu profitiren. Sie haben nicht ganz Unrecht, Herr Landvogt, bemerkte die vornehme Weisheit. Jetzt aber muß nicht mehr geklagt, sondern gewagt werden. Der Kaiser steht mit seiner ganzen Kriegsmacht auf unserer Seite. Wir vollziehen, was neulich der Bundestag von Ilanz beschlossen hat; rüsten sechstausend Mann aus; tapferes Volk und gediente Offiziere darunter. Es müßte im Himmel und auf Erden alle Gerechtigkeit ausgestorben sein, wenn die rebellische Canaille in Frankreich und der Schweiz nicht zu Paaren getrieben werden könnte. Die Stunde der Erlösung ist da, sage ich. Jeder von uns muß jetzt den letzten Blutzger Ein Name der kleinsten Scheidemünze in Graubünden. daran setzen. Der Landvogt nahm mit verdrießlicher Miene eine Prise aus seiner hölzernen Dose und meinte: Der letzte Blutzger wird wohl davon fliegen, wir mögen ihn daran setzen wollen, oder nicht. Sechstausend Mann kaiserliche Einquartierung unterhalten, dazu die Kriegskosten, – zuletzt sind wir insgesammt Bettler. Ich habe schon oft im Stillen bei mir gedacht, der Battistin von Salis hatte keinen dummen Einfall, als er uns das Veltlin abkaufen wollte. Wir hätten eine schöne Summe gelöst, unter uns vertheilt und so wenigstens baares Geld im Sacke gehabt Ein religiöser und politischer Schwärmer. der in allem Ernst ein Memorial mit dem Vorschlag eingab, das Valtelin, die Grafschaft Chiavenna und Bormio von den Bündnern zu kaufen. Man wollte argwöhnen, daß mehrere reiche, ihm verwandte Familien dabei im Hintergrunde gestanden hätten, denen nach einem Fürstenthron gelüstet habe. . Possen, Herr Landvogt. Bricht Krieg aus, so erobern wir die Unterthanenlande zurück. Ich stehe dafür, sie sollen ihre Empörung theuer bezahlen. Bünden kommt nie und nimmer an die Schweiz, das heißt, an Frankreich. Wir bleiben die Herren. Und wenn Alles fehl schlägt, dann lieber, mit Vorbehalt unserer Rechte und Freiheiten, zu Oesterreich. Dem Volke mag's gleich sein, von wem es regiert wird; wir Anderen bleiben, die wir sind. Ich spreche, wohl gemerkt! nur vom äußersten Falle. Jetzt heißt's, Hand an's Werk gelegt. Wir sind wieder Meister im Lande. Bürger Guiot Minister-Resident der französischen Republik in Bünden. , alle unsere Revolutionshelden sind landesflüchtig – – – Nicht Alle, Ihre Weisheit, unterbrach ihn kopfschüttelnd der bedächtige Landvogt. Es erwarten noch Tausende, noch ganze Gemeinden mit Sehnsucht die Franzosen. Aufpasser giebt's ringsum. Denken Sie doch an diesen Prevost, der ungestört mit den Feinden korrespondirt. Ich sage, Herr Landvogt, erwiederte der Magnat mit Zuversicht im Tone und Blicke. Er hat auskorrespondirt. Ich habe schon nach Chur geschrieben. Man wird den Burschen festnehmen, und ein Beispiel statuiren. Der Prevost ist nichts Anderes, als ein Spion. Nach Kriegsrecht gehört er an den Galgen, und ich möchte ihm dazu verhelfen. Hier bin ich! Will Ihre Weisheit nicht lieber den Henkerdienst selbst verrichten? donnerte ihn unerwartet eine kräftige Stimme an. Der Schützenhauptmann war durch die offene Thür der Trinklaube eingetreten, hatte die letzten Worte gehört und stand mit drei Schritten plötzlich vor dem Staatsmann. Dieser fuhr so erschrocken im Sessel zurück, daß sein Haarzopf in die Höhe flog, und der ausstäubende Puder mit dem, dem beredten Munde entqualmten Tabacksrauche, eine gemeinschaftliche Wolke bildete. Die gewöhnliche Rothglühhitze seines Gesichtes war, ungewiß, ob aus Furcht oder Zorn, in Weißglühhitze übergegangen. Nur der Knopf an der Nasenspitze blieb standhaft veilchenfarben. Wie – was! stammelte er endlich. Was begehren Sie, Herr? Wer sind Sie? Hauptmann Prevost bin ich, und Ihrer Weisheit einen weisen Rath geben will ich. Herr, – Herr – aber ich verlange keinen, rief der Magnat, sich ermannend. Eben darum haben Sie und Ihres Gleichen das Vaterland in's Verderben gestürzt, entgegnete der Hauptmann. Ihre Faktion ist der blinde Simson, der die Säule des Hauses einreißt, um seine Feinde zu zerschmettern, und sich unter den Trümmern selbst begräbt. Das ist die ganze Weisheit der bündnischen Weisheiten von heute. Doch genug! Verzeihung, wenn ich Sie störte; ich suchte einen Anderen, als Sie. Mit diesen Worten wandte er sich rasch um; verließ die Trinklaube und eilte die Treppe hinunter, wo ihn die schöne Schwester erwartete. 7. Die Rose von Disentis. Ist er also nicht oben? fragte sie, und legte ihren Arm wieder in den seinigen. Statt seiner ein Paar Flachköpfe, die man »Weisheiten« titulirt. Begeben wir uns in's Dorf zurück, antwortete er mißmuthig, und führte die junge Dame davon. Flavian, sei der Flachköpfe willen kein Brausekopf, mahnte die Schwester. Du könntest ja so froh und friedlich bei uns leben, wenn Du Dich nur um die unseligen politischen Händel weniger bekümmern würdest. Eine Partei, wie die andere, wird vom bösen Geiste der Leidenschaften besessen. Lasse beide fahren. Wenn ich mich selbst fahren lassen könnte, seufzte er. Heute reise ich wieder fort. Je eher, desto lieber; es ist hier nicht geheuer. Ja, liebe Sabine , ich fühle es; in dieser Luft darf ich nicht länger athmen. Ich gehe, wohin die übrigen Märtyrer gegangen sind. Warum bin ich in der Welt, wenn nicht für das Wahre und Rechte. Ich will es, denn Gott will es. Dafür leben, dafür sterben, macht Leben und Tod werthvoll. So seid Ihr Männer, schalt Frau von Schauenstein, und that recht böse. Wenn Ihr nicht raufen und streiten könnt, ist Euch unwohl. Dein wildes, heißes Blut abzukühlen, Brüderchen, das sei Dir Lebensaufgabe. Deine Augen werden heller schauen, wenn sie nicht mehr zorntrunken funkeln. Glaube mir's, die Welt ist und wird, was wir in uns sind und werden. Auch in der Stille des häuslichen Kreises, durch Beglücken Anderer, würdest Du ein glücklicher Mann werden. Glücklich, Sabine, kann ich in einem Lande nicht werden, wo mich Niemand versteht, und wo ich Niemanden verstehe. Lieben soll ich, wo Jeder nur sich, und nichts Anderes liebt. Hätte ich nicht Dich noch unterm Himmel, ich stände in einer Wüste. – Glücklich, sagst Du, armes Kind, im häuslichen Kreise? Darfst Du wohl selbst so sprechen? Bist Du glücklich? Und wer verdiente es doch mehr zu sein, als Du, liebe Seele. Ich kenne Deinen wunderlichen Eheherrn. – – – Rede die Wahrheit, bist Du glücklich? Die junge Frau schlug die Augen nieder, und äußerte, mit anfangs unsicherer Stimme: Hörtest Du mich je mein Loos beklagen? Warum solche Frage heute? Ich liebe meinen Mann, wie einen Vater. Vater ist er auch Dir gewesen; der ist er mir. Vergiß nie, daß wir ihm unsere bessere Erziehung verdanken; daß er uns, als verwaiste, arme Kinder, in Schutz nahm; daß er Dich auf seine Kosten nach Wien schickte, und die Rechte studiren ließ; daß wir, was er gethan hat – – Nicht doch, Sabine, unterbrach sie bittend der Bruder. Rede ganz wahr, nicht blos halb. Was er gethan, er hat es sich gethan. Dich, die seine Enkelin sein könnte; Dich, die noch ein unwissendes, rathloses Mädchen war, nahm der alte, reiche Herr zum Weibe, vernarrt in Deine kaum aufgeblühten Reize. Du brachtest ihm, was Du und ich damals nicht recht verstanden, Deine Jugend, Deine Schönheit, die Ansprüche auf das schönste Lebensglück zum Opfer. O, wären wir doch arm geblieben an den lieben Felsenufern des Mairaflusses Ein Fluß, der das vier Stunden lange, von Eisbergen und Felsen eingeengte Bregellerthal durchfließt. ! Mich mußte er Deinetwegen wohl mit in den Kauf nehmen; freilich für seinen Adelsstolz eine widerliche Zugabe. Ja, er gab mich in den Unterricht des weisen Nesemann Joh. Peter Nesemann , aus dem Magdeburgischen, Professor an der höhern, damaligen Lehranstalt zu Reichenau, früher zu Haldenstein. Er starb, 80 Jahre alt, 1802 in Chur. ; schickte mich nach Wien, weil er keinen Bauernburschen Schwager nennen wollte; aber ungroßmüthig, und oft genug, rechnete er, was ich ihm gekostet. Wer uns Wohlthaten vorrechnet, hat die Blume zerquetscht, und uns blos den kahlen Stengel gelassen. Ich gab ihm den Stengel zurück, ich zahlte ihm seine Auslagen baar zurück, und wir sind quitt. Aber Dich beklage ich, Sabine. Dich betrog er um die Bestimmung des Weibes; Dich machte er am Traualtar schon zur Wittwe und Dein Leben zur freudenlosen Einöde. – – – Halt ein, Flavian, Du bist hart, bist ungerecht. Ich bin zufrieden; mein Mann ist gutmüthig, und gerechter, als Du. In unserm stillen Schlosse wohnen stille Herzen. Mir blüht in meiner Abgeschiedenheit eine schönere Welt, als Du im aufgewühlten Staube wilden Menschengetümmels je entdecken kannst. Siehe, Brüderchen, aber lächle nicht ungläubig; einem reinen Gemüth verklären sich, in der Vereinsamung, Himmel und Erde zum Paradiese, durch welches man gleichsam Gott wandeln sieht. Da flüstern mir, wie Engelszungen, die Blätter des Gebüsches, Seelenruhe zu. Da plaudern im Getöse des Wasserfalls wunderbare Stimmen von göttlichen Dingen, oder Dingen, die einmal gewesen sind und wieder kommen wollen. Dann rinnen oft Zeit und Ewigkeit zusammen; und die fernen Geliebten treten zu mir, und die Verstorbenen leben und lächeln mich an. Wie schwärmst Du wieder? Haben Dich etwa Jean Paul's, oder Tieck's Phantasiesprünge begeistert? Nenne das nicht Schwärmerei, Flavian. Glaube mir, gewiß, es waltet zwischen dem Unsichtbaren des geistigen Alls, und dem Sichtbaren um uns, ein geheimnißvoller Verband, ein engerer, als Dir und Deiner Schulgelahrtheit ahnet. Das Irdische ist nur Zeichen und Wort des Ueberirdischen, das zu uns reden will. Du verwunderst Dich über Vieles, was Du Zufall nennst, und läßt Dir's nicht träumen, daß eine verborgene, heilige Hand mit Dir spielt. Ist Dir unsere liebe Mutter denn noch nie sichtbar aus Deiner Rose von Disentis hervorgegangen? Ich glaube, liebes Kind, sagte der Hauptmann, indem er einen Blick voll Befremden auf das Gesicht der Schwester warf, Du bist zuletzt gar Geisterseherin geworden. Was? Rose von Disentis? Nun, ich heiße so die Alpenrose, deren Blüthen, zu einem Kränzchen verbunden, in den beiden Medaillons liegen, die Abt Kathomen von Disentis einst unserer Mutter geschenkt hatte. Siehe, Flavian, wenn ich des Morgens die Kette des Medaillons um meinen Nacken lege, wird mir wirklich jedesmal, als fühle ich der Mutter Geisterkuß; ich sehe ihr Bild auf dem blaßrothen seidenen Grunde des Medaillons und es gewinnt Leben und Bewegung. Hier unterbrach sich die begeisterte Sprecherin, indem sie stehen blieb, das Medaillon aus dem Busen hervorzog und fortfuhr: Sieh doch selbst; schau her! Erblickst Du sie? In Prevost's Mienen spielte anfangs lächelnder Spott; doch bald verriethen sie sein wachsendes Erstaunen. In der That erkannte er innerhalb des weißen Kranzes der Alpenrosenblüthen, wie einen Schattenriß, einen weiblichen Kopf gebildet. Der Umriß, vom Zickzack der Rhododendronblättchen gezeichnet, glich einigermaßen dem Profil seiner verstorbenen Mutter. Seltsam! ziemlich ähnlich, rief er, aber, fügte er, schalkhaft mit den Fingern drohend, hinzu: Sabine! Sabine! Du bist vermählt und trägst dies noch? Hast Du der Mutter Wort vergessen, als sie uns das Andenken gab? Weißt Du, wie sie sagte: ich empfing es am Vorabend meiner Hochzeit von Seiner Hochwürden Gnaden in Disentis. Eines der Medaillons, sprach er, bewahre zu meinem Gedächtniß, das andere gieb dem, dem Du mit Deiner Liebe Dein ganzes Leben giebst. So gab ich's Eurem Vater. So gebe ich's Euch wieder und zu gleicher Bestimmung. – Wie, Sabine, und Du trägst es noch? Gabst es dem Baron nicht? Frau von Schauenstein schlug etwas verlegen die Augen nieder und sagte: Er verlangte nur mein Leben, nur meine Liebe, nicht das Medaillon. Er wußte, es war mir wegen des Mutterbildes, wie Dir das Deine, über Alles theuer. Zeigt es auch Dir in der Blüthenumfassung das Bild? Ich glaube, Du hast noch nicht einmal darauf geachtet. Trägst Du es noch auf der Brust? Zeige mir's. Ich habe es eben nicht bei mir, versetzte er und unwillkürlich verfinsterte sich dabei sein Gesicht. Die Schwester bemerkte es, und fragte, indem sie ihn forschend beobachtete: Hast Du es im Zimmer zurückgelassen? Komme, ich will es sehen und vergleichen. Auch da nicht, Sabine. Auch da nicht? wiederholte sie; blieb stehen, betrachtete ihn mit Verwunderung und Neugierde, sah ihn sich erröthend abwenden, und lachte ihn laut an, indem sie rief: Allerliebst! Also Kränzchen und Herzchen davon geflogen? Gehe, Du Unartiger, mir, die Dich so lieb hat, das zu verheimlichen. Augenblicklich bekenne, oder ich werde Dir zeitlebens gram. Wo hast Du die holde Auserwählte auf Deinen Kreuz- und Querzügen in Europa gefunden? Rede doch, gewiß eine schöne Engländerin, oder gar, – habe ich's errathen? – eine niedliche Wienerin? Ernst, fast unwillig, nahm er die Hand der Schwester und sagte: Komme doch; wir sind schon an den ersten Häusern von St. Moriz. Es geziemt sich nicht, auf freier Landstraße oder am Markt kund zu thun, was man sich selbst gern verheimlichen möchte. Schweigend gingen sie neben einander in's Dorf; doch von Zeit zu Zeit blickte Sabine schelmisch zum Bruder auf, und drückte in stummer Zärtlichkeit seinen Arm an sich. – Aber nicht wahr, Flavian, flüsterte sie, wenn wir unter uns sind, erzählst Du mir das Schicksal Deiner Rose. Ich errathe beinahe. Hm! kaum der Mühe des Errathens werth, erwiederte er mit verächtlich aufgeworfener Lippe. Und Du giebst Dein Wort, mir Alles zu erzählen? fragte sie begierig. Es wäre eine lange Geschichte. Ihrer zu schämen zwar habe ich mich nicht; aber gestatte mir die rechte Zeit und Laune, von Sachen zu reden, an die ich nur mit Widerwillen denken mag. Frage nicht weiter. 8. Der Herr von Schauenstein. Sie standen vor einem hinfälligen, alten Gebäude. Es war ihr Gasthaus; gegenüber stand ein niedriges Kirchlein, in offener Zwietracht mit dem ihm angebauten Glockenthurme. Dieser hatte sich von seinem verwitterten Gotteshause losgerissen und hing in schräger Richtung, gleich dem von Pisa, über den Gräbern eines berasten Kirchhofes, als sehne er sich hinab zu ihrer Ruhe. Der Herr Baron hat schon zehnmal nach Euch verlangt, Herr Hauptmann, schrie die Wirthin durch's Fenster. Ihr sollt sogleich zu ihm kommen. Prevost eilte gehorsam die Treppe hinauf und trat in's Zimmer des Barons; in ein dunkles Stübchen, dessen Wände mit alterschwarzem Holz der Zirbelnußkiefer getäfelt und mit Wäsche und Kleidern des Inhabers behangen waren. Ein Drittel des Raumes war von einem breiten, hohen Bettgestell mit hochgethürmten Kissen, ein zweites Drittel vom riesenhaft gemauerten Ofen angefüllt; den übrigen Platz nahmen ein Tisch, mit Papieren bedeckt, und ein alterthümlicher Lehnstuhl ein. Hier saß, wie ein Bild des Winters, der Herr von Schauenstein , das Haupt in seiner schwarzsammtnen Pelzmütze vergraben, unter welcher sich einzelne schneeweiße Haarbüschel über die hohlen Schläfen und Wangen des erdfahlen Gesichtes legten. Den eingesunkenen Leib verhüllte ein weiter, pelzgefütterter Nachtrock, und die Füße ein Paar filzene Pelzstiefel. Als er Flavian's Eintritt bemerkte, zog er mit seinen dürren Fingern langsam die Brille von der Nase, richtete sich grüßend um ein Weniges in die Höhe, und nahm einen Brief. Mit einer Stimme, die zuweilen an das Knarren eines trockenen Wagenrades erinnerte, sprach er: Wichtige Nachrichten, Herr Schwager. Alea jacta est. (Die Würfel sind geworfen.) Am 19. Oktober, also vorgestern, ist der im Vorarlberg kommandirende General von Auffenberg endlich, an der Spitze von zehn Bataillonen und einer Eskadron kaiserlich-königlicher Truppen, durch den Engpaß des Luziensteiges, in unser Graubünden eingerückt, das Land zu schützen. Zwar hat er, wie üblich, Sicherheit der Personen und des Eigenthums verkündigt, ob aber der Kriegsrath in Chur damit, bezüglich der Französisch-Gesinnten, einverstanden sei, bleibt ein wenig zweifelhaft. Der junge Schützenhauptmann stand mit geballten Fäusten, funkelnden Augen und glühenden Wangen da. Also der Hochverrath ist vollendet, murmelte er zwischen den Zähnen. O, der rachgierigen Rotte. Sie wird ihre Raserei mit Blut und Thränen büßen! Der Ausbruch des Krieges mit Frankreich ist unvermeidlich, fuhr der Baron fort, und es scheint deshalb sehr wohlgethan, daß sich Graubünden zu guter Zeit unter die Flügel des doppelköpfigen Adlers begeben hat. Der, die Freiheit unsers Volkes in den Krallen, davonfliegt, wenn ihm die Beute nicht unvermuthet abgejagt wird, murmelte Flavian. Ich verstehe Sie nicht, Schwager, sagte der alte Herr, der etwas schwerhörig zu sein schien. Nehmen Sie aber besseren Rath an. Sie gehören längst zu den Verdächtigen im Lande und stehen, ich weiß es, auf der Proscriptionsliste. Schade um Ihre Talente. Machen Sie sie Ihrem Vaterlande nützlich. Gehen Sie nach Chur, in's alte Gebäude des Herr von Salis. Ich gebe Ihnen zur größeren Sicherheit einen Empfehlungsbrief. Sie sind Schützenhauptmann. Bieten Sie ohne Verzug dem Kriegsrathe, oder dem General Auffenberg, Ihre Dienste an. – Ist Ihnen Fortuna hold, können Sie bei der Armee wahrhaftig die Zierde, das praesidium et dulce decus unserer Familie werden; und die brillanteste Carriere machen. Im Kriege ist rasches Avancement. Sie meinen es gut, Herr Schwager, ich danke, antwortete der junge Mann. Allein ich gebe mich nicht zum Werkzeug des verruchten Spieles her, das man heutigen Tages mit Ländern und Völkern treibt, und möchte meiner Familie nicht mit Schanden zur Ehre gereichen. Mit Schanden zur Ehre gereichen? Was wollen Sie mit der verwirrten Rede sagen? versetzte der Baron. Sie sind ein Prevost und mit dem Hause Schauenstein verbunden; vergessen Sie das zu keiner Zeit. Ich vergesse es nicht. Vergessen Sie nicht, daß Sie selbst zu den ältesten adeligen Landesgeschlechtern gehören. – Nicht die Geschlechtsfolge der Salis, nicht die der Planta reicht so weit in die Vergangenheit hinauf. Wie oft muß ich Ihnen die schöne, lateinische Urkunde des siebenten Jahrhunderts in's Gedächtniß zurückrufen, die der gelehrte Herr a Porta in seinem Werke aufbewahrt hat? Und ich wiederhole es, ja, der Frankenkönig Dagobert selbst erklärte zu Ysenburg laut, daß die Prevoste, oder Praepositi, wie sie damals hießen, von den römischen Fabiern stammten, daß er dem tapfern Ritter Otto de Praepositis das Schloß Vespran in Praegallia, oder Bregell, sammt allen Rechtsamen, vom Julienberg bis zum Comersee, als Lehen, übertragen habe. Wenn Sie daran denken, Flavian, ein Flavianus de Praepositis zu sein, weckt dieses nicht Ihr edelstes Selbstgefühl? Flavianus de Praepositis lächelte bei dieser Rede heimlich vor sich hin, und sagte zur Begütigung des warmgewordenen Freiherrn: Allerdings, nicht mein edelstes , sondern mein adeliges Selbstgefühl, trotz dem, daß ich doch nur der Sohn eines armen Bauersmannes aus Praegallia bin. Richtig! Nun, das heiße ich einmal vernünftig gesprochen. Ein Edelmann kann nimmermehr, auch nicht im niederen Stande, seinen Adel verlieren, so wenig als ein König, wie Ludwig XVIII , sein angebornes göttliches Recht, seine Legitimität, in der Verbannung, wo er von Almosen lebt, verliert. Geblüt bleibt Geblüt. Adelig ist edel und mehr denn edel. Darum war's keine eigentliche Mesalliance, wie Mancher glauben wollte, als ich mir eine Sabine von Prevost anvermählte. Und Sie, Flavian, erkennen Sie darin einen wahrhaften Fingerzeig des Himmels. Darum mußte ich Sie in Wien studiren lassen; darum mußte Ihr Oheim, der Zuckerbäcker, nach England wandern; darum mußte er die reiche Wittwe Woole in Manchester heirathen; darum kinderloser Wittwer werden, und endlich sein großes Vermögen an Sie und Ihre Schwester vererben. Wozu aber sind Sie nun entschlossen? Meiner Ahnen würdig zu handeln, falls es so rechtschaffene Leute, wie meine Eltern, waren, erwiederte Sabine's Bruder. Schön! stimmte der alte Baron ein. Uebrigens, wenn man von rechtschaffenem Adel ist, kann man andere Rechtschaffenheiten ziemlich voraussetzen. Ich gebe Ihnen also heute noch das Schreiben an den Baron von Salis-Marschlins. Morgen reise ich mit meiner Frau auf meine Güter zurück; denn ich scheue das Soldatengetümmel. In einer Stunde haben Sie meinen Brief. Und ich, sagte der Hauptmann, ich scheue nicht Soldatengetümmel, aber Menschen, welche um Fürstengunst ein freies Land und ein betrogenes Volk verkaufen. Ich will Sie wegen des Briefes gar nicht bemühen. In einer Stunde schon bin ich auf und davon. Wohin? weiß ich selbst noch nicht. Ich verlasse mein unglückseliges Vaterland. Mein Wahlspruch ist: frei leben, oder frei sterben. – Und damit empfehle ich mich Ihnen. Leben Sie wohl! Der Herr von Schauenstein starrte ihn mit offenem Munde an, und streckte die Hand aus, als wolle er ihn zurückhalten. Flavian reichte ihm die seinige, wie zum Abschiede, und war aus dem Stübchen, ehe der Baron zu Worte kommen konnte. 9. Uli Goin. Eben so rasch packte er seinen leichten Tornister; warf ihn über die Schultern; ergriff den knotigen Wanderstock und die grüne Jagdkappe; begab sich zur Schwester und sagte ihr ein Lebewohl, in welchem ihm aber das Herz brach, wie stark er sich auch stellte. Die schöne Frau hing weinend an seiner Brust, als ihr Flehen ihn nicht einmal hatte bewegen können, nur einen Tag noch zu verweilen. Er machte ihr nicht länger Hehl aus der Gefahr, hier, als Freund der geflüchteten Patrioten, verhaftet, oder der blinden Wuth des Pöbels preisgegeben zu werden. Aber Du bist ja unschuldig, schluchzte sie. Nein, Sabine, ich bin des Verbrechens der Vaterlandsliebe schuldig; des Verbrechens, mit tugendhaften Bürgern Umgang gepflogen zu haben; des Verbrechens, als freier Mann, nach eigener Ueberzeugung, meine Stimme erhoben zu haben. Was hatten denn jene friedlichen Männer in Chur verbrochen, die man vor vierzehn Tagen auf den Straßen und in den Häusern mißhandelte? Mit dem Tode bedrohte man sie, als der Kriegsrath eine Rotte seiner besoldeten Bauern, mit Flinten, Morgensternen und Spießen bewaffnet, während des Gottesdienstes, während des heiligen Abendmahles, in die Stadt gezogen hatte. Sabine zuckte schaudernd in sich zusammen, und bat nicht mehr. Geheime Angst um des Lieblings Leben bemächtigte sich ihrer Seele. Sie ließ ihn los, und stand blaß, wie ein Marmorbild, den Blick voll Traurigkeit auf ihn geheftet, da. Er umarmte sie noch einmal, länger als er wollte; flüsterte ihr ein letztes Wort des Trostes, dessen er selbst ermangelte, zu; gelobte ihr, oft zu schreiben und sie auf den Gütern ihres Mannes zu besuchen. Und das Schicksal Deiner Rose von Disentis? fragte sie wehmüthig durch Thränen lächelnd. Warum nimmst Du das Geheimniß mit Dir? Alles, Alles sollst Du erfahren, rief er. Aber ich muß von hinnen; muß morgen über die Grenze sein. Uebermorgen verschließen mir vielleicht schon die Bajonette der Oesterreicher den Ausgang. Gehe, Gott mit Dir, Du theure Seele, seufzte sie. Wage Dich in keine Gefahr, Du Wagehals; Dein Leben ist mein Leben! Nach diesen Worten umklammerte sie ihn noch einmal mit Heftigkeit; drängte ihn von sich; warf sich mit abgewendetem Gesichte, laut weinend, in einen Sessel, und rief: Gehe! Er ging. Der Thränen zwar, die er trocknete, schämte er sich; aber nicht des blutenden Herzens. Er gab sich still und gern dem Schmerze hin; eilte zum Dorfe hinaus in's Freie, ohne die ihm Begegnenden, ohne die Pracht des Herbsttages zu beachten, der ihn sonnig anlachte. Erst als er vor sich die, um ihr Kirchlein gedrängten Hütten des Dörfchens Silvaplana Anf einer Landzunge des Silvaplana-Sees, bei 6000 Fuß hoch über der Meeresfläche gelegen, am Fuß des Julierberges. , erblickte, vom waldigen Vorsprung einer aufsteigenden Berghalde halb verdeckt, und links unter sich, den ruhigen See, durch dessen Spiegel die Ufer hüben und drüben ihre umbüschten Landzungen ausstrecken; im nicht fernen Hintergrunde die gewaltigen Felsenmauern der Alpen und ihre, die Wolken überragenden Eisthürme; erst da genas er zu sich selbst. Der hehre Geist der Natur schien, aus den übereinanderwallenden Gebirgsmassen, ihm stärkend entgegenzutreten; das feierliche Schweigen der Natur weit umher, das Schwinden seines Schmerzes zu gebieten. Er wanderte leichten Fußes den rauhen Bergweg am Julier, zwischen bereiften Arvenwäldern Die Arven, oder sibirischen Cedern, oder auch Zirbelnußkiefern, Pinus Cembra, genannt, sind, mit Ausnahme des Engadiner Hochthals, in den übrigen Schweizerbergen schon sehr selten geworden. Die kleinen, wohlschmeckenden Nüsse der Zapfen werden, als Näscherei, genossen. Ehemals schrieb man ihnen Heilkräfte für Brustkranke zu. und Lärchentannen, empor, bis oben in der Höhe, zwischen Trümmern herabgestürzter Granit- und Schieferblöcke, das Pflanzenleben fast ganz erstarb. Dort, wo sich, links und rechts am Wege, die geheimnißvollen Jul-Säulen Sie ragen fünf Fuß hoch aus der Erde hervor, neben der Straße über dem Bergrücken, roh aus Granit gehauen, oben platt, ohne Anzeichen, ob sie je größer gewesen; wahrscheinlich keltischen Ursprungs, ihren Namen vielleicht dem Sonnengott Jul , oder Jol , dankend. einer unbekannten Vorwelt einsam erheben, und wo jetzt die beschneiten Sennhütten, von den Bergamasker Hirten mit ihren tausend Schafen und langhaarigen Hunden, verlassen standen, fühlte der Jüngling seine eigene Verlassenheit in der Welt; aber er fühlte auch lebendiger seinen Muth. Wie im Tanze, eilte er jenseits, am Waldgebirge hernieder, unbekannten Schicksalen entgegen; Hügel auf, Hügel ab; durch die grausenhafte Schlucht von Alsmolins; den Hütten von Vazerol vorüber, wo vor Jahrhunderten zum ersten Male die drei Bünde Rhätiens ihren ewigen Verein beschworen hatten; dann rastlos, schon war es spät, der Parpaner Haide entgegen. In wechselnder Folge der Gedanken, Gefühle und Entwürfe, ohne sich um die eingebrochene Nacht, um die ringsher niederfallenden Schneeflocken, oder die Mahnungen des nüchternen Magens, zu kümmern, schritt er hastig dahin. Und ists nicht, dachte er, zuletzt doch ein recht lustiges Treiben durch die Stürme und Wetter des Lebens, und ein ergötzliches Spielen mit dem Schicksal, wenn es uns bald kosend in den Schlaf lullen, bald heimtückisch schrecken will? Aus dem Vaterlande verstoßen; ohne ein Verbrechen begangen zu haben, wie ein Verbrecher, geächtet; von Menschen, die mich kaum kennen, gelästert und verflucht. stehe ich wieder so verwaist im Leben, wie jemals. Ja, ich will Ich sein; nicht, was Jene wollen, daß ich sein soll, ihnen zu gefallen. Mögen sie doch knien und anbeten vor den Götzen- und Heiligenbildern ihrer Eitelkeit, Gewinnsucht und Ueppigkeit, ihres Aberglaubens, Hochmuths und Herkommens: ich will Ich bleiben und keine andern Götter haben, neben Gott. Auch Tod ist zuletzt nur der Tausch des Aufenthaltes in einer andern Welt. Während dieses Selbstgespräches tönte ihm, aus der Dunkelheit, fröhlicher Mannesgesang entgegen: Bialla matta eis stada, Aben ussa butta pli; Has schau bitpar ils mets, A quei ei bona by Im Deutschen ungefähr: Schönes Mädchen warst du immer, Kaum sieht man's dir heute an; Ließest dich von Knaben küssen; Hast daran nicht wohlgethan. . Prevost, in seiner halb frommen, halb menschenfeindlichen Stimmung gestört, wunderte sich, in dieser Gegend, wo allein die deutsche Sprache herrschte, Klänge einer andern zu vernehmen, die nicht einmal dem Ladin des heute von ihm verlassenen Engadins, sondern jenen entfernten Bergen angehörten, welche ostwärts den St. Gotthard umgeben Die romanische oder ladinische Sprache des Engadins ist mehr der italienischen des benachbarten Italiens ähnlich; verschieden vom Romanischen des rhätischen Oberlandes in den Thälern, die sich vom Gotthardsberg her erstrecken. Dies »Oberländer-Romanisch« scheint mehr dem Keltischen und der Volkssprache der Einwohner Italiens zur Zeit des alten Roms verwandt. . Indessen schwebte ihm der Sänger, wie ein grauer Schatten, durch die Dunkelheit entgegen, und rief mit lärmender Stimme sein »Guten Abend!« Der Grüßende machte Halt, als wolle er seinen Mann näher beschauen, oder ansprechen. Prevost, mürrisch, wich aus und huschte vorüber; fühlte sich aber plötzlich von einer starken Faust mit den Worten zurückgehalten: Halt, Herr! seid Ihr blind oder ich? oder treibt eine Haidenhexe ihr Gaukelspiel mit uns Beiden? Flavian riß sich mit einer raschen Wendung und gehobenem Dornstock von dem Verdächtigen los, indem er rief: Kerl, zurück! was wollt Ihr? Der Andere sah ihm ruhig und neugierig in die Augen. Es war eine mächtige Gestalt, um eine halbe Kopflänge über den Hauptmann emporragend. Von beiden Schultern hing ihm ein Mantel aus Schaffellen bis auf die Knie, und um Filzhut und Kinn war ein Tuch geschlungen, welches die Hälfte des Gesichtes bedeckte. Alle Donner! schrie der Fremde mit lärmender Stimme, dachte ich's doch! Aber welcher Teufel plagt und jagt Euch so spät, bei Schnee und Wind, durch die wüste Lenzer Haide, Herr Hauptmann? Wer seid Ihr? fragte der Ueberfallene. Ihr seht's ja, Uli Goin , wie ich leibe und lebe, antwortete die bärenhafte Gestalt. Habt Ihr Hietzing Ein Dorf unweit Wien, beim kaiserlichen Lustgarten von Laxenburg. vergessen und mich armen Teufel dazu, den Ihr mit schwerem Gelde vom Regiment loskauftet und zwanzig Gulden Münze zur Heimreise gabt? Aber es ist recht, Herr Hauptmann, ganz recht! Das Gedächtniß der Barmherzigkeit soll allezeit kurz, das der Dankbarkeit meilenlang sein. Uli? sagte Flavian freundlicher und reichte ihm die Hand. Woher, wohin so spät? und sitzest nicht lieber in Rueras oder Selva Kleine romanische Dorfschaften der höchsten Thalgegenden des Hochgerichts Disentis, im grauen Bunde. am warmen Ofen bei Deinen Leuten? Der Ofen hält die Haut warm, aber nicht den Magen, Herr Hauptmann. Die Oesterreicher sind im Lande, wißt Ihr's? Ich muß jetzt Briefe tragen. Eben komme ich von Chur, und morgen seht Ihr mich früher, als die Sonne selbst, über den Julier laufen. Glück geht doch wahrlich über Witz. Ich wollte Euch in St. Moriz aufsuchen; Euch etwas in's Ohr sagen. Nun treffe ich Euch hier. Also links um mit mir, in's Lenzer Dorf, von wo Ihr kommt. Es mögen bis dahin keine tausend Schritte sein. Im Wirthshause beim Glase Wein plaudert sich's leichter, als hier in der Haide, wo uns der Mund beinahe zuschneit. Woher wußtest Du mich in St. Moriz, Uli? Hast Du Aufträge an mich? Das wohl eben nicht; aber wegen Eurer Person an Andere, Herr Hauptmann. Kommet, sage ich. Parpan, wohin Ihr in der Nacht und bei diesem Schnee rennen möchtet, ist noch stundenweit entfernt, und der Weg durch die Haide leicht zu verfehlen. Die hübsche Wirthin zu Lenz, meine ich, kocht Euch ein besseres Gericht, als der Marchese Malariva in Chur. Ich traue dem Teufel nicht, wenn er auch den Schwanz versteckt. Wer, Malariva sagst Du? Er in Chur? Rede, rief der Hauptmann hastig, woher kennst Du ihn? Nichts hier in diesem mörderlichen Schlackerwetter! Man schmiert die Räder mit Theer, daß sie laufen und die Zungen mit Wein, erwiederte Jener und zog hartnäckig den Wißbegierigen zurück in's Dorf. 10. Entdeckungen. Heda, Frau Kathri! rief Uli Goin mit überlauter Stimme beim Eintritt in die niedrige Gaststube. Zum Wittwenstande seid Ihr noch viel zu jung; drum müßt Ihr junge Männer bei Euch sehen, und freundlich ausschauen. Geschwinde, für den Herrn da, den besten Veltliner herbeigebracht, und mir auch ein Glas dabei. Dann, was die Küche Gutes zu liefern vermag, und mir auch einen Teller dazu. Die muntere, kleine Wirthin bot Beiden freundlich die Hand zum Willkomm, riß sich kichernd aus Uli's Arm, der mehr, als den Handschlag von ihr verlangte; half dem Hauptmanne, sich des feuchten Ueberrockes entledigen, und eilte dann flink davon, die Wünsche ihrer Gäste zu erfüllen. Unterdessen warf auch Uli den triefenden Schafpelz ab, so wie Tuch und Hut vom Kopf, und zeigte seine stattliche Herkulesfigur in herkömmlicher bäuerischer Oberlandstracht Das Bündner Oberland werden die Hochthäler am Gotthard genannt. : Jacke, Kniehose und Strümpfe dunkelblau; Brusttuch feuerroth und um den Hals locker und leicht das schwarze Seidentuch geschlungen. Jung und kräftig, einen Zug von Schlauheit in den Mienen, und ehrliche große Augen dabei, konnte er Weibern wohl Furcht und Gefallen zugleich einflößen. Hafersuppe, Forellen, Polenta und Gemsfleisch dampften bald aus bunten, irdenen Schüsseln, vom weißgedeckten Tische. Die Wanderer machten sich, ohne Säumen, muthig an die Arbeit. Selbst der Schützenhauptmann zügelte seine Wißbegierde und verlor keine Silbe mehr, bis die Hälfte der Mahlzeit verzehrt war. Dann aber wandte er den Blick vom Teller, zu seinem mit Gabel und Messer beschäftigten Tischgenossen und sprach: Nicht zu hastig, Freund Uli; schöpfe einmal wieder Athem, und krame mir, wie Du versprochen, Deine Botschaften aus. Möge mich doch der Himmel vor der schweren Sünde bewahren, antwortete der Oberländer kauend, den Mund mit Worten zu füllen, wo besseres Material vor meinen Augen da liegt! Und, seinen Worten treu, setzte er nicht eher ab, bis der letzte vorhandene Bissen mit dem letzten Glase Veltliners hinabgespült worden war. Flavian ließ die Flaschen noch einmal füllen, und Uli Goin, der sich endlich behaglich streckte, begann: Das müßt Ihr selbst eingestehen, Herr Hauptmann, die ganze Welt sieht christlicher drein, wenn der Magen seinen rechtmäßigen Tribut eingezogen hat. Aber Schwatzen und Essen zugleich verträgt sich mit einander, wie Dreschen und Orgelspielen. Es läßt sich nicht zweierlei Mus in einerlei Topf kochen. Jetzt fragt, so viel Ihr wollt; ich habe mehr Antworten im Sack, als der Landammann Heu auf der Bühne. In der Haide ließest Du Worte von einem Grafen Malariva fallen. Laßt sie da liegen in der Haide, Herr Hauptmann, und den Namen dazu, erwiederte Uli, indem er den Blick sorglich nach allen Seiten warf. Man soll den Gottseibeiuns, glaubt mir, nie beim rechten Namen nennen, sonst meint er, man rufe ihn. Ihr kennt also den Meuterer? Nun geht mir schon ein Licht auf. Welches Licht? Ich sah den Mann vor Jahr und Tag in Wien, äußerte Flavian; wie aber bist Du zu seiner Bekanntschaft gekommen? Ja, das ist ein Geschichtchen, Herr Hauptmann, das ich mir nicht gern wiedererzählen mag. Ich werde, beim Donner, immer roth dabei, bis an die Strumpfsohlen. Selbst der Beichtvater weiß nicht darum. Aber Ihr selbst seid jung; wißt wohl, Jugend hat keine Tugend, und, wo kein Bart, ist kein Verstand. Sehet, als meine Zeit beim kaiserlichen Regiment in Preßburg zu Ende war, nahm ich den Abschied. Die Korporalsfuchtel salzt das Soldatenbrod doch zu stark. Ich nahm den Weg unter die Füße, um in's liebe Bündnerland heim zu ziehen; aber ein leerer Geldsack ist auf der Reise eine größere Bürde, als ein voller. So kam ich nicht weiter, als bis Wien, oder vielmehr bis nach Hietzing, wo mir ein Bauer, dessen Knecht ich wurde, Lohn und Brod gab. Dort habt Ihr mich gefunden, oder vielmehr Gott führte mich zu Euch und Ihr erbarmtet Euch Eures armen Landsmannes. Ihr wißt noch, wie Ihr, mit den schönen Frauen am Arm, mich im Laxenburger Lustgarten um den Gärtner befragtet, und gleich an der Sprache merktet, weß Landes ich sei? Und als ich, keinen gesunden Lappen am Leibe, Euch mein Leid klagte, daß ich nicht heim könne, weil ich ohne Moses und die Propheten den Weg nicht fände . . . . Schon gut, Uli, davon ist jetzt nicht die Rede. Hört nur, jetzt kommt's, – Ihr und Eure schönen Damen, wißt Ihr? beschenkten mich reichlich. Ihr versprachet mir Reisegeld und Ihr brachtet es mir selbst nach Hietzing und bliebet, wegen der Treibhäuser und des botanischen Gartens, ein paar Tage dort und hieltet mich zehrfrei am Tische, im prächtigen Gasthause. Als Ihr nun fort waret, ging ich nach Wien, kaufte mir neue Kleider und machte allerlei Bekanntschaften. Und – – nun aber zürnet nicht. Lohne Euch Gott, was Ihr an mir gethan habt; und wenn ich's nicht werth war, danke ich Euch dennoch lebenslänglich. Ihr seid der bravste Herr, den ich unterm Himmel weiß. Aber Kleider machen Leute, und wer Geld hat, ist Meister; alle Welt ist sein guter Freund. Unter Euren hübschen blanken Thalern war leider kein einziger Heckethaler. Ich wurde unversehens wieder arm, wie eine Kirchenmaus, und mußte von Glück sagen, als mich das nette Nannerl beim Grafen, den Ihr kennt, in Dienst brachte. Du bist ein lockerer Geselle. Und welches Nannerl, – wenn ich fragen darf? Ei, seht Ihr, ein listiges, lustiges Mädel, Herr Hauptmann. Es giebt deren nicht zwei in der Welt. Wahrlich, das Nannerl würde die schönste Monstranz sein, wenn Heiligkeit drin wäre. Damals flatterte die Hexe im Hause des Grafen, als Stubenmädchen, oder Haushälterin, oder Kammerkätzchen, oder so etwas umher, und war wohl noch mehr, als so etwas. Aber, unter uns gesagt, und nicht, daß ich großthun will, sie hatte mich doch lieber, als ihren Herr, mit seinem vertrockneten, gelben Italienergesicht, das alle Tücke und Bosheit des Judas Ischarioth zur Schau trägt. Nannerl hat mir gottlose Streiche erzählt von dem Schleicher, die jeden andern ehrlichen Mann in's Zuchthaus geführt hätten. Aber was ging's uns Beide an? Wir hatten in Küche und Keller die Hülle und Fülle, wie im reichsten Kloster. Er zahlte einen schönen Lohn; den besten jedesmal für schlechte Streiche. Wir lebten also, wie gesagt, in Herrlichkeit und Freuden und machten uns gute Tage in des Teufels Quartier. Das dauerte nicht lange. Der Graf meinte, er habe mich schon am Köder, und machte mir Anträge, – ich darf sie nicht nennen. Ich habe ihm schwören müssen, stumm wie das Grab zu bleiben. Auch dem Teufel muß man Wort halten. Er jagte mich aus dem Dienst, gab mir aber Reisegeld und ich mußte Wien auf der Stelle verlassen. An Nannerl's Zehen war ich eben auch nicht angewachsen, und so nahm ich den Laufpaß nach Bünden. Und Du hast ihn jetzt in Chur wiedergefunden? fragte Flavian ungeduldig. Gesehen, Herr, und gesprochen. Er ist mit den kaiserlichen Truppen in's Land gekommen. Als mir ein Kriegsrathschreiber gestern die Briefe in's Engadin zu tragen gab, mußte ich, auf sein Geheiß, den Grafen, im Wirthshause Zum weißen Kreuz, aufsuchen, und dessen Befehle erwarten. Ich machte große Augen. Holla, dachte ich, der sitzt, wie die Katze, wo man sie nicht sucht. Als er mich sah, that er wieder wunderfreundlich, wedelte um mich her; erkundigte sich um dies und das; auch, ob ich Euch kenne? Dann drückte er mir einen harten Thaler in die Hand, und einen Brief nach Samaden, und endlich gab er mir den Auftrag, zu forschen, und ihm zu melden, wie lange Ihr noch in St. Moriz bleiben würdet. Ich solle Euch aber ja nichts merken lassen; denn er möchte Euch angenehm überraschen, sagte er. Dabei lächelte er so hämisch-süß, wie der Fuchs vor dem Hühnerstalle. Holla, dachte ich, der trägt ein Schelmenstückchen im Sack. Aber, dachte ich, warte Du, es ist noch ein Kind zu taufen. Alle Donner, Herr Hauptmann, macht Euch aus dem Staube. Man geht mit bösen Dingen gegen Euch um. Gut, daß ich Euch schon hier, auf dem Wege, gefunden habe. Ich bin mir keines Vergehens bewußt, entgegnete Flavian. Herr, man geht der Otter aus dem Wege. Ihr seid, das weiß ich, ein so braver Vaterlandsmann, wir irgend einer zwischen Rhein und Welschland. Ich weiß es. Ihr habt aber böse Feinde. Man nennt Euch einen Franzosen, einen Revolutionär, einen Landesverräther. Als mir das vor acht Tagen ein paar Ober-Vazer Halunken, auf dem Kornmarkt zu Chur, in's Gesicht sagten und ich Eure Partei nahm, und die Kerle behaupten wollten, ich müsse wohl auch so ein Franzosenschelm sein: gab ich ihnen Ein's aufs Schelmenmaul, daß die rothe Suppe darüberlief. Uli gerieth bei der Erinnerung an diese Heldenthat dermaßen in Eifer und Zorn, daß er damit lange nicht endigen konnte und zuletzt eine weitläufige Geschichte aller seiner Schlägereien damit verband. Prevost lenkte vergebens wieder zur Hauptsache ein. Als er von dem Schwätzer nichts Wichtigeres erfuhr, rief er die Wirthin und berichtigte die Rechnung für sich und seinen Tischgenossen. Dieser erhob sich dann ebenfalls, und, als wolle er, bescheiden, den Hauptmann hindern, die Zahlung für seine Person zu leisten, zog er seine Geldbörse zögernd hervor und spielte mit ihr zwischen den Fingern. Zufällig fiel Prevost's Blick darauf. Plötzlich, wie von einem Zauber gebannt, blieb dieser unbeweglich und sprachlos, die Augen starr auf die Börse geheftet, stehen. Dann riß er sie aus des Oberländers Hand, wandte und betrachtete sie von allen Seiten und murmelte finster: Das elende, leichtsinnige Geschöpf! Der kostbare, grünseidene Beutel, von Goldringen geschlossen, zeigte die zarteste Stickerei, ein Meisterstück weiblicher Kunst. Die eine Seite schmückte ein Kreis von Rosenknospen und Vergißmeinnicht, in dessen Innern die Buchstaben E. v. M. zu lesen waren. Die andere Seite zeigte, auf blaßrothem Grunde, ein Kränzchen von Blüthenblättern des Alpenröschens, dem bekannten Medaillon der Frau von Schauenstein genau ähnlich. Der junge Mann war sichtbar ergriffen. Bald wollte er die Börse verächtlich auf den Tisch schleudern, und behielt sie doch in der Hand; bald wollte er eine Frage an deren Eigenthümer richten, und doch schwieg er. Der Oberländer weidete sich inzwischen an Prevost's Betroffenheit, die er für Bewunderung nahm, und schielte lächelnd nach ihm hin. Nicht wahr, Herr Hauptmann, rief er, nicht wahr, das ist ein Prachtstück? Aber ich stecke das Ding nur ein, wenn ich Sonntagskleider trage und ein wenig hoffärtig thun will. Woher hast Du die Börse? fragte Flavian mit fast zitternder Stimme. Hoho! antwortete Uli schmunzelnd, indem er schalkhaft nach der Wirthin hinüberschaute, es ist nicht wohlgethan, so etwas in der Nähe eines hübschen Weibes zu erzählen. Man schlägt sich dabei gar oft die Hand in die Hechel. – Nun denn, Ihr wißt ja wohl, das Nannerl. Als ich da Knall und Fall von dannen mußte, weinte es bitterlich, das arme Weibsbild, und reichte mir beim Abschiede den Geldsäckel zum Andenken. Und woher hat ihn wohl das Mädchen? fuhr Flavian fort. Wer mag's wissen? Weiber und Mädchen schreiben sich viele Dinge nicht in den Kalender; fragt zum Beispiel unsere donnersnette Wirthin dort. Was? rief die Wirthin lachend und gab dem Goliath einen derben Stoß in den Rücken. Ihr ungerathener Sohn, hat Euch Eure Mutter so was gelehrt? Der Hauptmann ging schweigend auf und ab, während sich die Beiden neckten und zankten. Es traten ihm Thränen in die Augen. Er zerdrückte sie unwillig mit den Wimpern und murmelte: Die Kokette! Die Schändliche! – Er nahm die Börse, machte Miene, sie zu zerreißen; hielt wieder inne, und sprach in sich hinein: Nicht so! Ein Denkmal meiner Narrheit und ein Warnungszeichen für die Zukunft! – Rasch kehrte er zu dem Tavetscher zurück, und sagte: Höre, Freund Uli, den Beutel lasse mir; das Geld darin lasse ich Dir; und, siehe hier ist eine Dublone dafür. Du schlägst mir die Bitte nicht ab? Er warf ein Goldstück auf den Tisch und schüttelte den Inhalt der schönen Börse dazu. Uli Goin sah ihm verwundert in's Gesicht, schob das Goldstück zurück, und sagte: Was ficht Euch an? Mir das Ding bezahlen? Bin ich nicht mit Haut und Haar Euer Schuldner; und wohl Niemand kommt so wohlfeil dazu, wie ich, Schulden mit leerem Geldbeutel abzutragen. Macht Euch das Säckchen Freude, so macht's mir, in Eurer Hand, noch größere. Nimm, und nun gute Nacht! sagte der Hauptmann, indem er ihm die Hand drückte. Es ist mir lieb, Dich wiedergefunden zu haben. Schlafe wohl! Auf Wiedersehen! Frau Wirthin, zeigt mir die Schlafkammer. Mit diesen Worten begab er sich eilig davon und die Wirthin ihm nach. Uli strich die Münze ein, beäugelte seinen Louisd'or, und murmelte vor sich hin: Vor Geld zieht auch ein König den Hut ab! 11. Ein Brief aus dem Pathmos. Andern Morgens war Flavian aus dem Gasthause verschwunden, ehe noch Jemand erwacht war. Wir wollen hier nicht erzählen, wie der politische Flüchtling glücklich über den Rhein entkam; sich mit andern Flüchtlingen, die er auf Schweizerboden fand, besprach; mit einem Handelshause in Basel seine Geldangelegenheiten ordnete, und darauf nach Luzern reiste, dem damaligen Sitz der höchsten helvetischen Behörden. Wir theilen, statt dessen, lieber einige der Briefe von daher mit, die der junge Mann, während des Winters, seiner Schwester schrieb. »Warum denn Vorwürfe, Sabine, daß ich nicht sein kann, gleich Andern; auch nicht werden mag, wie sie? Ist's meine, oder des Schöpfers Schuld? Wahrhaftig, fast möchte ich schwören, es gäbe, wie von Menschen und Thieren, auch verschiedene Racen von Geistern. Schilt mich immerhin einen unruhigen Taugenichts; Du hast Recht. Ich tauge unter diesen Leuten nichts, und weiß nicht, was ich in einer Welt zu schaffen habe, in der ich entweder entbehrlich bin, oder gehaßt und betrogen werde. Wenn ich nicht bei Dir, und bei Dir allein sein darf, ist mir nirgends wohl, als allein bei mir. Und ich bin in meinem jetzigen Pathmos allein; daher ist's mir auch behaglicher, als seit langer Zeit. Mein Pathmos aber ist ein altes Landhaus auf der Höhe am Ufer des Vierwaldstätter-Sees; etwa eine viertel Wegstunde von Luzern. Unter mir, im Erdgeschoß, wohnt ein ehrlicher Küher, sammt Weib und Kindern, der das Vieh seiner Herrschaft zu überwintern hat; die Bedürfnisse meiner Haushaltung besorgen läßt; mir Bücher, oder Briefe, aus der Stadt bringt, oder dahin trägt. Unter meinen Fenstern breitet sich, in dunkelm Glanz, der See aus: jenseit desselben die stolze Kette der Alpen von Unterwalden, die sich rechts an die verwitterte, gewaltige Pyramide des Pilatus stützt. Links drüben schweben im Halbkreise die Eisfirnen von Uri, in wunderlichen Windungen und Umrissen. Ich sitze am Fenster, voll frommer Gefühle, Dir schreibend. Nahe und ferne ist die ganze Natur in das Gewand des Winters eingekleidet; die ganze Welt schwimmt in blendendem Silberlicht. Mir ist, als begehe die Natur einen heiligen Feiertag; als rufe sie, leise, auch das Menschenherz zur Mitfeier, und mahne in ihrer Einförmigkeit, an Unendliches und Ewiges, was nicht dem Hienieden angehört. Ich liebe den Winter. Da bin ich in mich gekehrter, ruhiger, frommer; im Sommer leichtsinniger, aufgeregter, aufgelöster in die Außendinge. Ich möchte um Alles nicht in südlichen Ländern wohnen, wie laut man sie auch preist. Der nördliche Himmel ist's, der die Völker, durch Mühen und Entbehrungen, zur Kraftentwicklung des Leibes und Geistes zwingt und im häuslichen Leben durch engeres Beisammenwohnen, zum reicheren Gedankentausch. Darum sind die Nationen des Nordens, in Kunst und Wissenschaft die Ersten der heutigen Welt geworden; darum civilisirter; darum erfindungsreicher und kühner. Darum sind die Religionen des Nordens prunkloser, aber geistiger; die der Südländer irdischer und sinnlicher gestaltet. Darum konnte im Norden nur der Protestantismus feste Wurzel fassen; der Süden nie vom Katholizismus lassen. Mein Tagewerk ist ein so gleichförmiges, daß ich nichts davon erzählen mag; ein wahrer Gedankenstrich im Lebenslauf. Ich lese, ich schreibe, ich träume. Ein kleiner, ältlicher Herr, Namens Balthasar , Bibliothekar zu Luzern, versorgt mich, gefällig, mit den besten Werken englischer, französischer und deutscher Literatur. Da lebe ich, nur als Geist unter den Geistern, und lasse mich von ihnen belehren und veredeln. Ich spiele mit den Kindern meines Hausgenossen und werde in ihrem Umgange, was sie sind; was wir sein und werden sollten: unschuldiger, wahrer, natürlicher. Ich fühle es, wenn wir, bei allen unseren Erfahrungen, Kenntnissen und Künsten, nicht werden, wie diese, können wir nimmer in's Himmelreich eingehen. Der tiefe Sinn des Jesuswortes ist mir nie so klar erschienen, als jetzt. Zuweilen besuche ich unsern jungen diplomatischen Agenten in der Stadt, um Neues aus dem unglücklichen Bündnerlande zu vernehmen; zuweilen kommt er auch wohl zu mir. Seit dem Einzug der kaiserlichen Truppen erfährt man aber wenig mehr von dorther. Der Churer Kriegsrath entweiht ohne Scheu das Briefgeheimniß, und nimmt das Vermögen der Ausgewanderten in Beschlag. Unser Agent ist seines Bürgerrechtes verlustig geworden, sogar für vogelfrei erklärt. Man hat sein Bildniß an den Galgen geschlagen, weil er sich mit rastloser Thätigkeit der armen Ausgewanderten bei den Behörden der Schweiz annimmt. Er hat es mir selbst, mit lachendem Munde, erzählt. Weil mir nichts mehr gehört, will ich der Welt angehören; weil mir Niemand hilft, Jedem helfen, sagte er neulich. Ich weiß nicht, woher er den ewigen Frohsinn nimmt. Er ist jung; ungefähr meines Alters; wissenschaftlich gebildet, beliebt und gesucht, lebt aber äußerst eingeschränkt, fast ärmlich; ob wegen Mangels an Mitteln, oder aus Grundsatz, ist schwer zu errathen. Ich glaube, er ist eine Doppelgestalt; in seinem Innern der schreiende Gegensatz des Aeußern. Jenes läßt er selten durchblicken und ich weiß nicht, ob er die Menschen inbrünstiger lieben, oder verachten mag? Er ist ein Diplomat von eigener Natur, der Opfer bringt und keines verlangt; heimlich weinen, öffentlich lachen kann; frommer Schwärmer in seinem Innern, glatter Weltmann von außen ist; wie ein Spiegel, die Farben, nach den Umgebungen, wechselnd; der in sich aber starr, kalt und spröde bleibt, wie das Spiegelglas. Ich beschreibe ihn Dir, weil ich Dir rathe, die Briefe für mich an ihn zu schicken. So erhalte ich sie mit größerer Sicherheit. Er gefällt mir und doch fürchte ich ihn heimlich. Ich möchte mich dem gefälligen Manne ganz hingeben und kann es aus einer absonderlichen Art von Mißtrauen nicht. Er bleibt mir dunkel, oder zweideutig; mich aber hat er durch und durch erkannt, so klar, wie Du mich kennst. Denke Dir, als ich ihm den ersten Höflichkeits-Besuch abstattete, sagte er mir Dinge, als wäre er in meine verborgensten Zustände eingeweiht: Dinge aus meinen Verhältnissen, die selbst Dir noch unbekannt sind. Durch ihn wurde ich auch den bedeutendsten Männern der helvetischen Regierung und den gesetzgebenden Räthen vorgestellt. Die Bekanntschaft derselben kann mir vielleicht in Zukunft nützlich werden. Am besten von Allen gefiel mir der Direktor Laharpe , ein Mann nach meinem Herzen; vom edelsten Korn und Schrot; ganz Gluth für das Große und Gute, wie es sein sollte; vielleicht darum eben nicht für das, was da ist, gemacht. Eben so der gelehrte Senator Usteri , ein umsichtiger, großthätiger, behutsamer Staatsmann; und der bescheidene, stillwirkende Minister Stapfer . Alle haben sie die gleiche Liebe für das Gerechte und Wahre; Alle das gleiche Ziel: Volksglück durch Volksfreiheit, und Volksfreiheit durch Geistesbefreiung der Menge. Alle aber wandeln dem gleichen Ziele auf ungleichen Wegen zu. Genug für heute. Ein Glück für uns Beide, daß Du im heimathlichen Schlosse Deines Mannes, und nicht in Bünden, wohnst. Wir können wenigstens furchtlos Herz gegen Herz aufschließen, bis ich Dich im Frühjahr wiedersehe. 12. Schicksal der Rose von Disentis. Warum machst Du mir denn Vorwürfe, Du Unbarmherzige, auch wenn ich sie verdiene? Wer spricht wohl gern von der Geschichte vergangener Thorheiten? Ich will mich heute aber doch überwinden, Dich befriedigen, und über den Verlust der sogenannten Rose von Disentis, die Dir so wichtig ist, Auskunft geben. Der Verlust ist mir wahrlich schmerzlicher, als Dir. Ich erinnere mich nur zu wohl der Stunde, wo wir sie, weinend an ihrem Bette kniend, aus der Hand der sterbenden Mutter empfingen. Wir waren arme, unwissende Kinder; ich ein Knabe, damals von kaum siebzehn Jahren; Du zähltest deren kaum funfzehn. Mit dem letzten Athemzuge der lieben Mutter, starb uns Alles. Baron Schauenstein, der sich ihrer in den letzten Jahren, auf Empfehlung des Abtes Kathomen, mitleidig angenommen hatte, erfüllte auch das Gelübde, welches er der Hingeschiedenen gethan; nahm uns auf seine Güter; behandelte uns freundlich; hielt uns sogar einen Hauslehrer. Ich vermuthe jedoch, ein guter Theil der Unterstützungsgelder kam ihm durch den würdigen Abt von Disentis zu, dem Freunde unserer Eltern. Ich erwähne dieses Alles nur, um Dich an die sonderbare Verknüpfung der Umstände zu erinnern. Ohne diese Verhältnisse wäre ich wohl nie nach Wien gekommen, wo ich die Rose verlor. Du warst gleich anfangs, Du weißt es wohl, der Liebling des Herrn von Schauenstein. Anderthalb Jahre später, Du standest noch in der ersten jungfräulichen Entfaltung, machte er Dich schon zu seiner Gemahlin; und nun hieß es, ich müsse schlechterdings studiren. Obgleich schon neunzehn Jahre alt, war ich doch noch ein ziemlich unwissender Bursche. Studiren oder nicht, schien mir so gleichgültig, wie Dir damals Dein Heirathen. Aber ich gewann die Wissenschaften lieb, je mehr ich lernte. Drei Jahre später zog ich, reif zur Hochschule, in die Kaiserstadt. Du sandtest mir Deine Harfe nach. So oft ich sie in den Arm nahm, glaubte ich Dich zu umfassen. Ich drückte ihr manchen Kuß auf, der Dir galt. Dir und mir ahnte nicht, in welches Irrsal sie mich noch führen werde. In einem Wiener Dachstübchen, bei meinen Büchern, meiner Harfe und meinem Wasserkruge, lebte ich, wenn auch dürftig, doch zufrieden. Vierteljährliche hundert Gulden, die mir Dein Eheherr zukommen ließ, reichten kaum für die unentbehrlichsten Bedürfnisse hin. Indessen gab's, zum Glück für mich, wenig Unentbehrlichkeiten, weil ich mich nie an sie gewöhnt hatte. Ich stand lange Zeit, als Fremdling, in den neuen Umgebungen, und staunte Paläste, prächtige Gotteshäuser, Bildsäulen, Gemäldegalerien, Naturaliensammlungen an. Jeder Gang über die Gassen und Plätze lehrte mich etwas kennen, wovon ich aus Büchern dunkle Vorstellungen gesammelt, aber in unsern Bergen nichts Aehnliches gesehen hatte. Unser armes Vaterland kam mir daneben, wie eine Wildniß der Indianer vor. Du wirst Dich gewiß noch der Begeisterung erinnern, in welcher ich Dir damals schrieb. Während ich aber in Bewunderung der Kunstwerke, der öffentlichen Einrichtungen und der Erfindungen, wie ein Berauschter, umherwandelte, wurde ich, mit nicht geringem Erstaunen, gewahr, daß die Menschen, trotz dem Allen, nicht edler und auch nicht glücklicher waren, als in unseren rauhen, armen Thälern. Ja, ich entdeckte, ohne alle Mühe, daß sie im Allgemeinen auf den Stufen der menschlichen Gesittung noch tiefer standen, als unsere Landleute. Diese, in ihrer rohen Natur, sind darin wenigstens, wie in ihren bessern Eigenschaften, wahr; jene aber, inmitten ihrer Wissenschaften, Künste und großstädtischen Prunkereien, nur Zerrbilder der Menschennatur. Sie reizen, steigern und sättigen künstlich ihre selbstsüchtigen Begierden und halbthierischen Gelüste; verhüllen künstlich ihr daraus quellendes Elend: künstlich sind sie von außen und innen. Selbst ihre Tugenden sind gewöhnlich nur auf den Vortheil des Augenblicks berechnete Kunstwerke. Das nennen sie Lebensart, Civilisation, Fortschritt. Was sie Großes, Gutes, Schönes besitzen, Kirchen, Schulen, Theater, Akademien, Museen, oder die Wunder der Baukunst, Malerei, Musik u. s. w., sind blos Mittel zu Geldmacherei, Wohlleben, Ehrgeiz. Beim Anblick der vornehmen und gemeinen Liederlichkeit, der verschwenderischen, hartherzigen Ueppigkeit der höhern Stände, neben der trost- und hülflosen Armuth der Geringeren, hätte ich wahrhaftig manchmal in eine Einöde flüchten mögen, hätte ich nicht, besonders in den mittleren Ständen, noch wirkliche Menschen gefunden; Menschen von ungekünsteltem Herzen und Verstande. In Deiner Vereinsamung, Du liebes Kind, ist Dir die unglaubliche Verwahrlosung und Verwilderung des niedern verlumpten, wie des hohen eleganten Pöbels der Residenzen und großen Städte noch immer so fremd, wie sie es ehemals mir gewesen ist. Ich spreche nur davon, um Dir begreiflich zu machen, wie übel mir unter diesen wohlgekleideten Scheinmenschen zu Muthe war. Auch pflog ich in Wien anfangs keinen Umgang, als mit einigen Musikern, die mich, mit meiner Harfe und Stimme, in die Konzerte zogen, welche sie von Zeit zu Zeit gaben. Ich ließ mich gern zu diesen ziehen, weil ich auf solche Weise die Leistungen ausgezeichneter Künstler unentgeltlich mitgenießen konnte. Nun, Sabine, komme ich zur Sache, der ich mich zu nähern sträube, und mich noch länger entgegenstemmen möchte. An einem reizenden Sommernachmittag begab ich mich, jenseit der Vorstädte, in's Freie hinaus, um mich zu zerstreuen. Auf der etwas steil abfallenden Landstraße sprengte mir, im tollsten Galopp, ein zierliches, einspänniges Kabriolet entgegen, aus welchem eine vornehme Dame um Hülfe schrie. Der Kutscher, im Tressenrock, rief die Vorübergehenden an, das Pferd aufzuhalten, welches, weil es einen der Lederstränge zerrissen hatte, nicht mehr zu bändigen war. Jeder sprang scheu auf die Seite. Es gelang mir, der rasenden Bestie in die Zügel zu fallen; darüber zerbrach jedoch eine der Stangen des Wagens. Unter meinem Beistande stellte der erschrockene Kutscher das Fuhrwerk zur Nothdurft her, um es weiter schleppen zu können. Die Dame war halb ohnmächtig. Ich suchte sie zu beruhigen. Verlassen Sie mich um Gottes willen noch nicht, sagte sie zitternd. Ich mußte mich zu ihr in das Fuhrwerk setzen. Sie war reich gekleidet, und, obgleich sie hoch in den Dreißigen zu sein schien, trotz der Fülle ihres Körperbaues, wirklich hübsch, von majestätischer Gestalt, blühender Farbe und großen, junonischen Augen. Sie sagte viel Verbindliches; betrachtete mich unablässig; und äußerte, daß ich ihr nicht unbekannt sei; daß sie mich aus Konzerten kenne, die sie, wie sie mich glauben machen wollte, meines Gesanges mit Harfenbegleitung wegen, gern zu besuchen pflegte. Während in der Vorstadt nach einem Fiaker ausgeschickt wurde, mußte ich über meine Verhältnisse in Wien, über meine Wohnung, über meine Studien u. s. w. Auskunft geben. Ich nahm keinen Anstand, ihr mit Offenheit Genüge zu thun, und erfuhr beiläufig, sie sei eine verwittwete Baronesse von Grienenburg . Sie entließ mich erst, als ich sie zu ihrem Palaste begleitet hatte. Wenige Tage später erschien in meinem Dachstübchen, von ihr beauftragt, ein Herr, der sich Graf Malariva nannte. Er wußte mir ungemein viel Schmeichelhaftes zu sagen, und lud mich ein, jener Dame in einer Spätstunde folgenden Morgens einen Besuch zu machen. Nie ist mir im Leben ein unheimlicheres Gesicht aufgestoßen, als das dieses Menschen. Das ganze Antlitz dieser mageren, langen Figur, die sich mit schlangenhafter Geschmeidigkeit graziös bewegte, war eine lächelnde Mephistopheles-Larve, aus welcher, Zug für Zug, irgend ein geheimes Laster zu predigen schien. Zwar sagte jedes seiner Worte eine Artigkeit; aber die Stimme, als weigere sie sich der Lüge, wurde oft zum ziegenartigen Meckern, so freundlich auch das gallichte Gesicht dazu that. Dabei schlichen die Augen stets scheu auf die Seite, ohne dem Angeredeten einen Blick in ihren Spiegel zu gestatten. Dieser Graf mochte ein Mann von mehr als vierzig Jahren sein. Ich erwiederte seine Höflichkeiten mit den meinigen, und meinte: die Physiognomie dieses Weltmanns könne täuschen, und er besser sein, als sie. Anderen Tages also begab ich mich zu der Baronin, und geberdete mich fast verlegen auf den glänzend polirten Marmorplatten des Vorzimmers, wo mich ein Kammerdiener in schimmernder Livree erwartete und mich seiner Gebieterin ankündigte, Ich hatte den verschwenderischen Aufwand der Großen bisher eigentlich nie in ihren Wohnungen gesehen. Durch einen großen Saal, mit Krystallleuchtern, hohen Spiegeln, Gemälden, Blumenvasen und köstlichem Zimmergeräth geschmackvoll geziert, wurde ich in ein niedliches, kleines Kabinet geführt, wo mir die Freiherrin freundlich entgegen kam. Nach den ersten Höflichkeiten, Entschuldigungen, Fragen und Antworten lenkte sie die Unterhaltung auf Anderes. Ich hätte von dem Retter meines Lebens wohl mehr Theilnahme, wenigstens Nachfrage um mein Befinden, erwartet, sagte sie mit einschmeichelnder Güte, doch ich hoffte drei, vier Tage vergebens. Wenn Sie, allzu bescheiden im Urtheil über sich, das Wagstück, mit welchem Sie mich retteten, leicht vergessen, kann und darf ich's doch nicht. Ich wollte meinen Schutzengel noch einmal sehen und ihm persönlich danken. Zudem muß ich Ihnen, wenn auch nicht eben zu meinem Ruhme, gestehen, fügte sie mit muthwilligem Lächeln über sich selbst hinzu, indem sie mich neben sich auf ein Sopha zog, Sie haben sich in mir eine sehr ungenügsame Person verpflichtet. Ich bin mit dem ersten mir gebrachten Opfer noch nicht zufrieden. Ich möchte Sie um ein zweites und fast noch größeres bitten. Sie sind, haben Sie mir eben erklärt, ohne Bekannte und Freunde in Wien. Wollen Sie einstweilen mich und die Meinigen dazu annehmen? Offen gestanden, mein lieber Herr Prevost, ich bin Wittwe und bedarf oft des Rathes und Beistandes in meinen Angelegenheiten. Mir fehlt es an einem Hausfreunde, der gefällig genug ist, meine Korrespondenz zu führen, die Besorgung von mancherlei Geschäften zu übernehmen; auf Reisen mein schirmender Begleiter zu werden, und in müßigen Stunden mir Unterhaltung und Belehrung zu gewähren. Graf Malariva ist zwar mein Schutzherr und guter Freund, er wohnt aber etwas entfernt, und ist häufig von Wien abwesend. Ich bitte, sagte sie und schloß meine Hand in die ihrige, wollen Sie der Hausfreund werden, der mir nöthig ist? Dies war die Einleitung zu einem langen Gespräche, in welchem ich mit den Familienverhältnissen der Baronin, sowie mit ihren Wünschen, vertraut gemacht wurde, zu denen auch gehörte, daß ich sie und ihre Stieftochter, ein Fräulein von Marmels, in den Nebenstunden in Gesang und Harfenspiel unterrichten möchte. Meine Einwendungen wußte sie mit der anmuthigsten Beredtsamkeit zu beseitigen. Mir schien das ein ganz artiges Abenteuer, dem man nicht ausweichen müsse. Aus dem engen Dachstübchen plötzlich in einen Palast, aus der Armseligkeit in den Mitgenuß verschwenderischen Ueberflusses versetzt zu werden, konnte wenigstens meine beschränkte Weltkenntniß erweitern. Das einnehmende Wesen der Dame siegte; ich ergab mich. Noch in derselben Woche mußte ich den, von der Freiherrin gemietheten Palast beziehen. Ich bekam einige schöne Zimmer eingeräumt; eigene Bedienung; Rechnungsbücher und Kasse der Gebieterin; statt der einfachen Kleidung, die reichste Ausstattung; statt des bisherigen einsiedlerischen Lebens, Zutritt in die glänzendsten Gesellschaften. 13. Fortsetzung. Die vortheilhafte Aenderung meiner Lage ließ ich Dir in meinen Wiener Briefen zwar damals nicht unbekannt, liebe Sabine; doch späterhin warf ich über Manches einen Schleier, wozu mich, ich weiß es selbst nicht, Pflichtgefühl, oder die Scham vor mir selbst, oder die Furcht, Dich zu betrüben, bewogen hat. Genug, die Dinge um mich her gestalteten sich nach und nach sonderbar. Zu den nächsten Umgebungen der Frau von Grienenburg gehörten ihre Stieftochter und der Graf Malariva. Dieser machte dem Fräulein Elfriede von Marmels den Hof, war im Hause als ihr zukünftiger Gemahl angesehen, und von der Baronin schon wie ihr künftiger Eidam behandelt. Doch schien Fräulein Elfriede noch gar zu jung. Sie hatte kaum das sechszehnte Jahr zurückgelegt. Stand das Pärchen beisammen, glaubte ich immer Belial neben einem Engel zu sehen. Das jungfräuliche, stolze Wesen des Mädchens, und die seelenvollen Züge des kindlichen, zarten Gesichtes hätten auch wohl von Greisen bewundert werden müssen, geschweige von einem jungen, erst fünfundzwanzig Jahre alten Menschen, wie ich. Schon in den ersten Tagen nahm ich wahr, daß Elfriede nicht das Schooßkind der Baronin sei, und daß täglich kleine Zwiste unter Beiden vorfielen; daß die Stiefmutter bei jedem Anlaß sich in höflichen Spötteleien und witzig-bitteren Bemerkungen gegen die Tochter gefiel; daß sich diese dagegen nichts weniger, als eine stille Dulderin, benahm, sondern, wenn auch mit dem Tone feinster Lebensart, selbstständig, entschlossen, gleichsam gebieterisch-vornehm, betrug. Die verlangten Unterrichtsstunden auf der Harfe gab ich, abwechselnd, Beiden ganz regelmäßig; bald aber in ganz entgegengesetzter Gemüthsstimmung. Zur Baronin begab ich mich jedesmal mit einer gewissen heimlichen Scheu. Sie wurde in diesen Stunden stets zutraulicher gegen mich, endlich sogar muthwillig, schmeichelnd und neckend, und Alles mit einer Theilnahme und Zärtlichkeit, die zu erwiedern, mir der Anstand verbot, und die mich unangenehm in mich selbst zurückschüchterte. Sollte ich hingegen zum Unterricht in des Fräuleins Zimmer eintreten, so geschah es jedesmal mit einer Art wunderlicher Bangigkeit. Wie harmlos die junge Schülerin mich auch empfing, ihre Freundlichkeit glich stets der Herablassung einer Gebieterin. Ich näherte mich ihr mit der Ehrfurcht, wie ein frommer Katholik seiner Heiligen. Ja, Sabine, sie war schön. Aber sie wurde, zu meinem Unglück, jeden Tag schöner, doch dabei in ihrer Haltung gegen mich immer fremder, kälter, ich möchte beinahe sagen, adelig hochmüthiger; sie war gegen mich kaum so gnädig oder leutselig, wie gegen die männliche und weibliche Dienerschaft des Hauses. Es war ein schlechter Trost, daß sie mich auf gleiche Weise behandelte, wie den Grafen von Malariva, nur trocken; die Formen allgemeiner Höflichkeit bewahrend. Wenn sie einmal zufällig die Gnade hatte, zu äußern, daß sie mich schon früher in Konzerten bemerkt habe; oder, daß ihr mein Name Flavian gefalle, entzückte mich diese seltene Herablassung. Und doch verdroß mich die Stellung des Mädchens mir gegenüber, oder vielmehr, mich ärgerte meine unwillkürliche Selbsterniedrigung, meine demüthige Abhängigkeit. Ich strengte mich an, meinen Mannesstolz, meine Selbstständigkeit zu erringen, wie schwer mir's auch wurde. Ich begann, mich wenigstens unbefangener oder gleichgültiger zu benehmen und zu stellen, als ich's oft war. Nicht minder quälend und peinvoll wurde zuletzt mein Zustand durch das allzu zärtliche Wesen der Baronin Grienenburg. Sie verrieth immer deutlicher eine Zuneigung, die ich nicht erwiedern mochte. Ihr Zuvorkommen in Allem, ihre Tändeleien, ihre Geschenke, das Spiel ihrer Finger, bald mit meinen Händen, bald in meinem Haar, glich anfangs blos einem Scherze aus Uebermuth, in welchem sich die weibliche Würde dann und wann vergessen mochte, obgleich ich ein strenge abgemessenes Betragen beobachtete. Doch zuletzt wurde, was anfangs den Schein fröhlichen Leichtsinns von ihrer Seite gehabt, ernster, inniger, ja der Ausbruch einer Leidenschaft. Als ich eines Abends ein neues Gesangstück zur Harfe vorgetragen hatte, betrachtete sie mich eine Weile stumm, mit feuchten Augen und wehmüthigem Lächeln; dann rief sie: Mensch, wie kann doch Ihre Stimme weicher und gefühlvoller sein, als Ihr Herz? Sie warf sich an meine Brust; schlang ihre Arme um meinen Hals, drückte mir glühende Küsse auf Wangen und Mund, die ich, in bitterster Verlegenheit, um nicht zu kränken, mit banger Höflichkeit erwiederte. Inmitten ihrer Liebkosungen aber faßte ich den Entschluß, das meinen Frieden verderbende Haus zu verlassen. Eine Nothlüge dazu bot sich mir sogleich dar. Ich riß mich mit geheuchelter Zärtlichkeit und Verzweiflung von der Baronin los, und erzählte ihr, Dein Gatte, theure Sabine, habe mich zurückgerufen, weil Du todtkrank danieder lägest. Sie ließ sich täuschen. Sie suchte mich zu beruhigen und ich gelobte, bald nach Wien zurückzukehren. Mitleid schien jetzt ihre Liebe zu veredeln und zu erhöhen. Als sie mich entließ, sagte sie schluchzend: Flavian, sei barmherzig; werde nicht mein Mörder. Ich kann Deine Abwesenheit nicht überleben. Anderen Tages fing ich sogleich damit an, das etwas weitläufige Rechnungswesen der Baronin durchzugehen, um die Verwaltung ihres und des eben so großen Vermögens ihrer Stieftochter in Ordnung zu hinterlassen. Jedermann im Hause erfuhr von meiner bevorstehenden Abreise. Die Freiherrin, Meisterin weiblicher Verstellungskunst, benahm sich, in Gegenwart Anderer, so leicht und gelassen gegen mich, wie immer. Anders fand ich das Fräulein, als ich zur gewohnten Stunde meine Harfe zu ihr in's Zimmer trug. Sie fuhr bei meinem Eintritt erschrocken vom Stuhle auf; erwiederte meinen Gruß kaum; wandte sich von mir ab; erklärte, sie verlange gerade heute keinen Unterricht; und, mit dem Gesicht gegen das Fenster gewendet, trocknete sie sich die Augen. Ich harrte eine Weile schweigend; dann empfahl ich mich ehrerbietig. Sie aber rief mich zurück, trat mir einige Schritte entgegen und fragte: Sie wollen also fort von uns? Ich wiederholte ihr meine Nothlüge. Und noch eine Frage, sagte sie nach einigem Schweigen. Ihre Lippe bebte, als wolle sie gewaltsam ein Gefühl überwinden, dessen sie sich schämte. Dann fuhr sie fort: Sagen Sie mir mit Ihrer natürlichen Offenheit, Herr Prevost, ist's der Gedanke an Ihre Schwester; oder der Mißmuth über uns, was Sie schon seit einiger Zeit verstimmt? Sie sind nicht mehr wie sonst. Sind Sie beleidigt worden? Habe ich Sie vielleicht unwissender Weise gekränkt? Ich sehe es, der Unwillen gegen mich ist es, der Sie forttreibt. Sie thun mir Unrecht! Es überflog mich, bei diesen Worten, eine wahre Gluth. Sie sah meine Verwirrung, mein Erröthen, und während ich nach einer Antwort suchte, blieb ihr Blick, vom Thränenglanz gebrochen, fest auf mich geheftet. Dann warf sie sich in einen Sessel, und gab mir ein Zeichen, mich zu entfernen. Nein, mein Fräulein, nein, rief ich, tiefer bewegt und unbehutsamer, als sie; kniete zu ihren Füßen und ergriff ihre Hand; nein, wie könnten Sie mich kränken? Und wenn Sie mich tödteten, ich würde Sie dennoch – – Es war mir unmöglich, das Wort auszusprechen, was sie dessenungeachtet errieth. Es gab einen Stillstand in unserem Gespräche. Ich lag gedankenlos vor ihr, meine Lippen auf ihre Hand gedrückt. Sie hielt mit der andern die Augen bedeckt; noch lange bedeckt, auch als sie nicht mehr weinte. Sie befahl mir, aufzustehen. Ich blieb mit niedergeschlagenen Augen vor ihr. Endlich nahm sie das Wort und sagte: Nun bin ich beruhigt. Und, – setzte sie stockend hinzu, nun bleiben Sie bei uns; Sie wollen uns nicht mehr verlassen? Sie sprach's; war plötzlich wieder gefaßt, und lächelte mich mit traulicher Herzlichkeit an. Sie hatte mich, ich hatte sie verstanden. Dies schien uns Beiden zu genügen. Der Trennung wurde mit keinem Worte weiter gedacht. Wir sprachen von hundert andern, oft ganz unbedeutenden Dingen; aber kein Wort von Liebe. Es war, als hielt eine edle Scham das Ungestüm der Gefühle im Zügel. Doch aus der Betonung jeder Silbe klang es, wie die Stimme verschwisterter Seelen. Wir plauderten, ganz sonderbar, so viel, wie noch nie; ganz wie frohe, getröstete Kinder, die sich, nach einem kleinen Zwist, versöhnen und viel zu erzählen haben. Sie klagte über die Lieblosigkeit ihrer Mutter; über die Zudringlichkeit des ihr verhaßten Grafen; meinte, ich solle ihr Freund werden, denn sie habe in der weiten Welt keinen, als eine entfernt lebende Freundin, ich glaube, in Mähren; sie wäre eine Waise. Ich hingegen plauderte ihr von der Schweiz; von der Schönheit des Engadins; von Dir, liebe Sabine. Sie erkundigte sich dann nach Allem. Endlich deutete sie mit dem Finger auch nach dem Bändchen, das Du, aus Deinen Haaren, für mich zum Medaillon geflochten. Sie hatte es, da es unterm Halstuch etwas vorgeschoben erschien, schon längst bemerkt, und fragte nun: Tragen Sie das Bild der Frau von Schauenstein? Zeigen Sie mir das liebe Bild. Ich wünschte mir eine Schwester, ich armes Mädchen, eine Schwester, wie Sie zu besitzen so glücklich sind. Als ich ihr die Rose von Disentis zeigte, sah sie mich mit großen Augen an; und als ich ihre stumme Frage beantwortete, ihr die einfache Geschichte des Medaillons erzählte und dann dazu die Worte der sterbenden Mutter sagte: Gieb es dereinst nur, wem Dein ganzes Herz gehören wird! – da bemächtigte sich meiner eine unglaubliche Verwirrung. Ich sah, wie trunken, in Elfriedens trunkene Augen. Das Medaillon zitterte in meinen Fingern. Ich reichte es Elfrieden schweigend und zur Erde gesenkten Blickes hin. Sie nahm es. Ich weiß nicht, was in ihr, was in mir vorging; doch ich konnte nicht zu ihr aufblicken. Sie sprach kein Wort. Nachher legte sie ihre Hand auf meine Schulter; ihre Stirne an mein klopfendes Herz. Es wurde ein stummer und doch ewiger Vertrag geschlossen. Mein Gott, welch ein Augenblick! Und wie ich allmählich von einem Zustande, den ich nicht zu benennen weiß, von einer Entzückung oder Bewußtlosigkeit zu mir selbst kam, fand ich unsere Hände in einander verschlungen, und unsere Lippen an einander hangend, Seele um Seele vom Andern einfangend. Elfriede drängte mich, mit einer Miene, wie über sich und mich und diesen Augenblick erstaunt, sanft zurück; und stand mit hochrothen Wangen, aber wunderbar verklärtem Blicke, vor mir. Wir sagten nichts mehr; reichten einander noch zum Abschiede die Hand, und trennten uns lautlos. Ich taumelte, ein Berauschter, nach meinem Zimmer und glaubte mir selbst nicht. Was soll ich Dir noch sagen, theure Sabine? Du weißt Alles. Daß ich blieb; daß ich mir mit einer neuen Nothlüge half, Deine Gesundheitsumstände hätten sich zu meiner großen Freude gebessert. Aber Sabine, nur um so qualvoller war von da an meine Stellung zwischen Mutter und Tochter. Ich war ein überseliger und doch unseliger Mensch. Niemandem im Hause ahnte, wie ich, zwischen Himmel und Hölle hingebannt, hier athmete. Das konnte kein gutes Ende nehmen! Ich vermochte es nicht länger, ein Leben zu ertragen, in welchem ich den Verstand zu verlieren fürchtete; und wußte doch nicht, wie ich mich loswinden sollte. Durch die Flucht? Aber ich liebte Elfriede bis zum Wahnsinn. Sollte ich das Herz des engelreinen Kindes mit dem meinigen brechen? Dann aber empörte sich das Gewissen in mir gegen das Spiel, welches ich trieb und treiben sollte. Ich fühlte die Allgewalt der ersten und einzigen Liebe; und ich war die erste und einzige Liebe des jungen Mädchens. Sollte ich eine Flamme, wie ich sie unbesonnen entbrennen ließ, unbesonnen fortlodern lassen? Ich wußte ja nur zu gut, daß Elfriede, in ihrem vornehmen Stande, mit ihrem Reichthume, nie die Meinige werden könne, wenn ich nicht etwa den Fluch des Verführers, oder Entführers, auf mich laden wollte? – Und die Baronin und ihre mir widerwärtige Leidenschaft, sollte ich ihr gegenüber ein kaltblütiger Heuchler werden; mir ihre Geschenke, ihre Zärtlichkeiten, ich sollte sagen, ihre Versuchungen gefallen lassen? Sie dauerte mich und ich mochte sie nicht betrügen. Ich bekannte es Elfrieden. Ich sagte ihr Alles, weil ich es ihr schuldig war. Es kostete mir keine Ueberwindung, denn vor ihr wollte ich rein da stehen. Als sie das Unerwartete hörte, saß sie mit krampfhaft in einander gefalteten Händen vor mir. Bald wurde sie blaß, bald roth; ihre Miene bald starr, wie vom Erstaunen, bald vom Ausdruck des Ekels und der Verachtung bewegt; ihr Auge bald matt und todt, bald im geheimen Zorne funkelnd. Ihr erstes Wort war: Das elende Weib! Und ich – ich soll sie Mutter nennen? Nach kurzem Sinnen, richtete sie sich dann zu mir auf, und sagte: Ich bin unglücklicher, als Sie, lieber Flavian; aber beugen soll mich dies Schicksal nicht; höchstens mag es mein ganzes Dasein vernichten. Von Ihnen fordere ich nur noch ein Opfer; ein Opfer von drei, vier, fünf Wochen. Bleiben Sie nur so lange noch in diesem unseligen Hause. Vielleicht kommt mir bis dahin Rath oder Hülfe von einer geliebten, einsichtsvollen Freundin; der einzigen, die ich habe, der ich mich ganz und in Allem anvertraue. Sie lebt auf ihren Gütern bei Brünn, in Mähren, wohin es ja nicht so weit ist. Ich schreibe ihr noch heute. Meine mütterliche Freundin läßt mich nicht ohne Antwort; harren Sie deshalb aus. Ich habe Ihnen bis dahin nicht Muth, sondern nur Vorsicht zu empfehlen. Freilich, meine Hoffnung ist nicht groß. Der entsetzliche Krieg! – Sei es! Mißlingt Alles, dann – dann verlassen Sie uns. In der Nähe der Frau von Grienenburg dürfen Sie nicht länger athmen. Während dieser Worte stand das zarte Geschöpf in stolzer Haltung vor mir, entschlossen, scheinbar ruhig, aber mit dunkelglühenden Wangen und flammendem Blicke. Ich versprach Erfüllung, und versuchte ihr wild empörtes Herz zu besänftigen. Elfriede erwiederte nichts; sie schien mich kaum zu hören. Es folgte eine lange Pause; dann, indem sie mich mit ihren schönen Augen, voller Schwermuth und inniger Liebe, betrachtete, sagte sie: Ja, Flavian, ich bin unglücklicher, als Sie; glauben Sie es mir. Ihre Armuth bringt Ihnen nicht soviel Drangsal, wie mir der Reichthum. Ich bin leider nur ein wehrloses Mädchen; Sie aber sind ein Mann. Sie sind verwaist, wie ich; Sie haben sich aber in der öden Welt noch eines treuen, liebenden Schwesterherzens zu erfreuen. Ich bin ohne Schwester, ohne Bruder, eine Waise überall; ich habe Niemanden unterm Himmel zu meinem Schutze gefunden, als allein Sie. Werden Sie ganz mein Bruder; ganz, bis zum Tode! Sie haben es mir gelobt; mir das heiligste Unterpfand gegeben: Ihre Rose von Disentis. Wissen Sie es noch? Und indem sie es sagte, zog sie lächelnd das Medaillon aus dem Busen. – Ich gebe Ihnen dafür ein Gegenpfand von meiner Arbeit. Wenn uns das Verhängniß jemals trennen sollte, so soll mich nichts von Ihnen scheiden. Ich will immer und ganz Ihre Schwester sein, wie es Ihre Schwester Sabine jemals sein konnte. Und wenn wir auch persönlich getrennt sein sollten, so denken Sie bei diesem Unterpfande, und es ist auch eine Rose von Disentis, – denken Sie an diesen Augenblick, an dies mein Wort! – Ich ehrte von jeher die Festigkeit Ihrer Gesinnung; Ihren Edelmuth; und nun liebe ich in Ihnen einen Bruder, von Gott mir zugeführt. – O welch ein Namen? Bruder! Flavian! o Du, Du mein Flavian, denke an diesen treuen Schwesterkuß! Sie schloß mich in ihre Arme, und unsere Seelen schworen sich Treue. Elfriede wurde ganz hingerissen, ihr Busen wogte ungestüm; ihre Lippen brannten. Plötzlich trat sie zurück und winkte mir, mit abgewendetem Gesichte, mich zu entfernen. Ich ging. Das Unterpfand aber, welches ich in meiner Hand fühlte, war ein seidener Geldbeutel, grün mit goldenen Ringen, auf deren innerer Seite einer derselben die Anfangsbuchstaben ihres, der andere die meines Namens trug. Ein wohlgelungenes Abbild des Medaillons, das ich ihr gegeben hatte, zierte, in feiner Stickerei, das Aeußere der grünen Börse; ein E. v. M. von ihren Haaren geflochten, stand ihm gegenüber. 14. Schluß des Briefes. Die Scheidung. Mehr wie einmal, Sabine, bin ich vom Schreiben aufgesprungen. Ich könnte Dir mit leichterem Herzen ein Verbrechen beichten, als das, was dieser lange Brief erzählt. Ich habe den Glauben an die Menschheit für immer verloren, und kann ihn nie wieder gewinnen. Nur Dir allein, liebe Seele, allein Dir darf ich trauen. Außer Dir, wie Dich, habe ich keinen Sterblichen so herzinnig geliebt, als die, welche sich ebenfalls meine Schwester nannte. Und ich leichtgläubiger Thor, ich Alberner, freute mich des Blendwerks, und ließ mir von den Launen eines eiteln, leidenschaftlichen, reizbaren, wetterwendischen Kindes das Herz brechen! Doch Du weißt noch nicht Alles. Vernimm es in wenigen Andeutungen. Mit Elfriede einverstanden, darum ruhiger in mir, spielte ich die begonnene Rolle zwischen Tochter und Stiefmutter fort; eine Rolle, deren ich mich vor mir selbst schämen mußte. Doch kaum vierzehn Tage später wurde ich ihrer enthoben, und zwar auf eine Weise, die mir noch jetzt das Blut in allen Adern sieden macht. Ich bemerkte eines Tages eine auffallende Veränderung aller Gesichter im Hause. Abends vorher war ein junges Stubenmädchen plötzlich verabschiedet und aus dem Hause entfernt worden. Ich hatte noch spät den Lärmen gehört, worin ich die Stimmen der Baronin und ihrer Tochter deutlich unterscheiden konnte. Nicht nur die männliche und weibliche Dienerschaft sah mich mit geheimnißvollen Mienen an, sondern auch die Gebieterinnen verhielten sich ungewöhnlich ernst, zurückhaltend und einsilbig. Frau von Grienenburg saß, während sie sonst beim Frühstück munter war, jetzt in sich verschlossen, nachdenkend, verdrießlich da. Elfriede würdigte mich keines Blickes; ihre Augen schienen verweint; ihre Wangen glühten, wie von stillem, verborgenem Aerger. Vergebens suchte ich ein Gespräch anzuknüpfen, der Faden wurde sogleich wieder abgerissen. Ich äußerte endlich bescheiden die Frage, was die Heiterkeit der Damen gestört haben möge? Die Baronin antwortete mit Achselzucken; Elfriede verließ ungestüm das Zimmer. In diesem Augenblicke trat der Graf Malariva ein, um den Damen einen Morgenbesuch abzustatten. Die Baronin wurde gegen ihn gesprächig, ohne die Züge ihres Mißmuthes zu verlieren, und auch ich redete ihn höflich an. Er, sonst der gefälligste, liebenswürdigste Mann, drehte nur, mit Unmuth, oder vielmehr mit einer Art von Abscheu, den Rücken und ließ mich stehen. Ich verlor beinahe die Fassung und wollte eine Erklärung fordern. Die Baronin aber zog den Grafen zu einem entfernten Fenster, um leise mit ihm zu sprechen. Unverkennbar hatte Alles im Hause über Nacht eine feindselige Stimmung gegen mich angenommen. Die Veranlassung dazu blieb mir unerklärlich. Ich vermuthete mit Schrecken, daß von der Baronin mein Verhältniß zu ihrer Stieftochter entdeckt worden sei. Eifersucht, Ahnenstolz und die Wuth verschmähter Liebe konnten allein solche Umwandlung bewirkt haben. Ich begab mich auf mein Zimmer und brütete ängstlich über tausend verhaßte Möglichkeiten; hoffte aber von Elfriede, an die ich mich allein wenden konnte, spätestens am Abend den Schlüssel zu dem dunkeln Räthsel zu erhalten. Ich hoffte vergebens. Die Damen blieben den ganzen Tag für mich unsichtbar. Sie erschienen nicht bei Tische und sie ließen die gewohnten Unterrichtsstunden absagen. Ich bewog dessenungeachtet eine Kammerfrau, das Fräulein dringend um einen Augenblick Gehör für mich zu bitten. Es wurde mir abgeschlagen. Denke Dir meine Bestürzung! Am anderen Morgen empfing ich ein Zettelchen von der Baronin, mit eingeschlossenen funfzig Dukaten und ungefähr folgenden Worten: »Herr Prevost sei gebeten, die Wohnung der Baronin von Grienenburg ohne Zögern zu verlassen, nachdem er Rechnungen und Verwaltungsbücher, in welchem Zustande sie immerhin sein mögen, dem Herrn Grafen Malariva übergeben haben werde.« Ich blieb, wie angedonnert, lange ohne Rath und Entschluß. Noch einmal suchte ich das Fräulein auf; dann die Baronin selbst. Ich wollte um jeden Preis Aufklärung über dies Betragen haben; man wies mich jedoch von den Thüren zurück. Eine halbe Stunde später trat der Graf zu mir in's Zimmer, um die Schriften der Baronin zurück zu fordern. Ich gab sie hin und bat ihn dringend um Aufschluß über das, was zu solchem Verfahren gegen mich berechtige. Ich bin ohne jeden Auftrag, mein Herr, erwiederte er kalt, Ihnen über etwas Antwort zu ertheilen, das Sie ohne allen Zweifel besser wissen, als ich. Sie werden verzeihen, wenn ich mich auf keine Weise in fremde Angelegenheiten mische. Damit nahm er die Verwaltungsbücher und ging davon. Ich war in Wuth über eine so schimpfliche Behandlung und über mich selbst; denn, leider! ich fühlte mich nicht ganz rein von aller Schuld. Die gesammte Welt verwünschend, packte ich mein altes Eigenthum in den Koffer; ließ sämmtliche Geschenke der Baronin zurück, ihre funfzig Dukaten dazu, und suchte mein ehemaliges Dachstübchen wieder auf. Hier nun faßte ich hundert wahnsinnige Entschlüsse; und eben darum gelangte keiner zur Ausführung; denn inmitten der schmerzlichen Gefühle, und einer wildlodernden Leidenschaft, blieb ich mir bewußt, daß ich in diesem Zustande meines Verstandes nicht mehr mächtig, keines gesunden Urtheils, keines besonnenen Beschlusses fähig sei. Die Wiederkehr meiner Gemüthsruhe zu beschleunigen, wählte ich das sicherste aller Mittel; ich floh die Einsamkeit, suchte, trotz meines Widerwillens dagegen, Zerstreuungen; durchlief Stadt und Vorstädte, Prater und Au, Theater, Kirchen und Kaffeehäuser. Es währte dreimal vierundzwanzig Stunden, da wurde ich wieder nüchtern. Ich hatte mich besiegt. Mit Gleichmuth schrieb ich nun über das Geschehene an Elfriede; beschwor sie flehentlich um Aufklärung; wiederholte das Gelübde meiner Liebe; betheuerte, daß, wenn ich auch die Verachtung, oder den Zorn, ihrer Stiefmutter verdient hätte, doch gewiß, für Elfriedens Herz kein Grund vorhanden sein könne, mir zu grollen. – Statt der Antwort erhielt ich meinen Brief unerbrochen zurück. Auf der Rückseite waren von Elfriedens eigener Hand die Worte geschrieben: »Wird nicht angenommen und nie mehr dergleichen. E. v. M.« – Ich zerriß in der Aufwallung das Papier; schwor der Leichtfertigen ab, und wurde ruhiger. An demselben Tage brachte mir ein Lohnbedienter spät Abends die in Elfriedens Zimmer zurückgelassene Harfe; ihm auf dem Fuße folgte, zu meinem Erstaunen, der Graf Malariva. Er erschien mir jedoch willkommen, obgleich er sich nur als Ueberbringer, oder Begleiter der Harfe ankündigte. Wenn ich auch dem höfischen Fuchs, und noch weniger seiner scheinbaren Theilnahme traute, die er jetzt wieder mit vieler Unbefangenheit äußerte, hoffte ich doch wenigstens einige Worte aus ihm hervorlocken zu können, die mir das Räthsel einer so schmachvollen Verstoßung lösen würden. Er kam mir zuvor, als ich kaum die ersten einleitenden Fragen hingeworfen hatte. Sie begreifen, Herr Prevost, sagte er, daß ich, ohne mich der Centralpolizei verdächtig zu machen, nicht lange bei Ihnen hier verweilen darf. Sie sind ein junger Mann von Geist und Kenntniß; und gern hätte ich um Ihre Freundschaft geworben; Sie wichen mir aber immer geflissentlich aus. Doch jetzt keine Vorwürfe, sondern ein dringender freundschaftlicher Rath. Nehmen Sie Ihren Paß, falls man ihn Ihnen noch geben will; verlassen Sie Wien und die österreichische Monarchie, so eilig sie können. Diese Bitte soll ich auch im Namen des Fräuleins von Marmels an Sie richten, welches Ihretwegen in großem Kummer ist. Sie werden beiden Damen billig verzeihen, wenn diese, treu dem Kaiser, und ihrer eigenen Ehre und Sicherheit wegen, jede Verbindung mit Ihnen auf immer abbrechen; und werden es besonders der Baronin nicht verargen, daß sie den Skandal nicht erleben will, ihr Haus mit Polizeidienern angefüllt, und wohl gar, wegen der bisherigen Bekanntschaft mit Ihnen, ihre Papiere versiegelt zu sehen. Sie wurde noch zeitig von einer hohen Person gewarnt; und ich darf Ihnen sagen, es kostete der Frau von Grienenburg nicht geringe Ueberwindung, Sie zu entfernen. Denken Sie an Ihre Rettung, und, wie ich Ihnen rathe, ohne Zeitverlust. Ich gaffte dem Grafen lange Zeit verwundert in's Gesicht und traute den eigenen Ohren nicht. Von Allem, was Sie mir sagen verstehe ich kein Wort, rief ich. Hier waltet das tollste Mißverständniß von der Welt. Haben Sie die Gnade, Herr Graf, reißen Sie mich aus der heillosen Verwirrung. Was denn? Bin ich denn ein Verbrecher? Wie, in aller Welt, komme ich zu dem Rufe? Der Graf zuckte die Achseln und sagte: Mir ist das unbekannt, vielleicht durch eine unkluge Aeußerung über Tagesangelegenheiten; vielleicht durch Umgang mit Männern, die wegen revolutionärer Gesinnungen im schwarzen Buche stehen. Sie wissen das ohne Zweifel besser, als ich. Folgen Sie meinem Rathe und der Bitte des bekümmerten Fräulein von Marmels. Mehr habe ich Ihnen nicht zu sagen. Ich bin mir durchaus keines Vergehens bewußt, versetzte ich, und werde, erfolge was da wolle, in Wien bleiben. Ich bin es mir schuldig und noch mehr jener trefflichen Familie, die mich mit Güte überhäuft hat. In meiner Rechtfertigung soll und muß die Freiherrin von Grienenburg selbst gerechtfertigt werden, sie, die mich huldvoll der Ehre ihres Umganges gewürdigt hat. Wie Sie wollen, entgegnete der Graf. Sie hörten meinen wahrhaft wohlgemeinten Rath; Sie kennen des Fräuleins Wunsch und Bitte. Sie verschmähen Beides. Vielleicht besinnen Sie sich noch eines Besseren. Er ging zur Thür, wendete sich aber schnell zurück und sagte: Noch eins; fast hätte ich es vergessen. Ich habe noch eine Bestellung von Seiten des Fräuleins auszurichten, und zwar eine unangenehme; ich gebe sie ohne Umschweife und, um keine Verantwortung zu haben, lieber mit des Fräuleins eigenen Worten. – Erklären Sie ihm ein für allemal, sagte sie, daß er mich nicht mit seinen Briefen belästige, oder vor der Welt kompromittire. Nach einem solchen Betragen hat er meine Achtung verloren. Ich kann ihn nur noch bemitleiden, wenn er sich und Andere in Schande und Unglück stürzen will. Er hat mich und uns Alle getäuscht. Wirklich, hat sie das wörtlich so gesagt? rief ich mit Empörung. Ich darf Ihnen mein Ehrenwort darauf geben, antwortete der Graf ruhig und fest. So bleibt mir nur noch eine Bitte, fuhr ich tieferschüttert fort, indem ich Elfriedens grüne Börse hervornahm, die ich in Papier gehüllt und versiegelt bewahrt hatte, und sie ihm überreichte; stellen Sie, wenn ich bitten darf, dem Fräulein von Marmels diese Kleinigkeit wieder zu, die ihm angehört. Vielleicht ängstigt sich die junge Dame, so etwas noch in meiner Hand zu wissen. Ich will ihr den gerechten Kummer ersparen. Das Papier ist leeres Papier, ohne einen Buchstaben Inhalt. – – Der Graf weigerte sich anfangs unter vielerlei Bedenklichkeiten; erfüllte endlich mein Begehren, und verließ mich. Wie könnte ich Dir, Sabine, meinen damaligen Gemüthszustand schildern? Du magst ihn leichter errathen. Mein Leben war ruinirt für immer. Daß Elfriede so plötzlich anderen Sinnes geworden, weil ich unschuldigerweise den Argwohn der österreichischen Regierung auf mich gezogen hatte; daß sie sich des vorigen Verhältnisses mit mir schämte, um in den höheren Kreisen der Gesellschaft nichts von der bisher genossenen Achtung einzubüßen; daß ich ihr gleichgültig werden konnte, selbst, wenn ich wirklich Staatsverbrecher gewesen wäre, – es blieb mir unbegreiflich. Jeder Gedanke daran wurde zum Fluch über das leichtfertige Geschlecht. Mit schlau betriebener Buhlerei hatte sie sich eines arglosen Herzens bemächtigt, um es zu zerfleischen. Sie hatte mich nie geliebt. Doch ich eile zum Schluß der Geschichte, und will kurz sein. Es kamen folgenden Tages drei oder vier Polizeimänner. Meine Habseligkeiten und Papiere wurden eingepackt, versiegelt und fortgetragen. Mich führte man in Verhaft. Beim Verhör vernahm ich seltsame Fragen über Verbindungen, die ich in Paris, oder mit französischen Generalen und Behörden in Italien habe? Ich sollte auch bei einem im Prater stattgehabten Essen aufwieglerische revolutionäre Reden geführt, sogar die kaiserliche Majestät gelästert haben. Ich erinnerte mich wohl eines fröhlichen Abendessens im Prater, gab auch zu, mich vielleicht beim Glase Champagner etwas freimüthig geäußert zu haben; läugnete aber die Schändlichkeiten, die Toaste auf Bonaparte's Waffenglück ausgebracht zu haben, wie mir zur Last gelegt wurde. Man berief sich auf Zeugen; man nannte den edlen Grafen Malariva. Also er! Er war's, der Bösewicht, der mich dem Verderben weihen wollte. Nun wurde mir Alles klar. Was konnte er, der Verleumder, nicht Alles, auch der Frau von Grienenburg, dem Fräulein von Marmels über mich vorgelogen haben! Ich vertheidigte mich unbefangen und gelassen. Man legte einige von mir geschriebene Aufsätze über die nothwendige sittliche Umgestaltung Europa's, über die unveräußerlichen Rechte der Völker, ferner eine von mir gedichtete Hymne an die Freiheit vor, u. dgl. m., die man unter meinen Papieren gefunden hatte. Ich bekannte mich ohne Weigerung dazu; glaubte aber, diese Gedankenspiele müßiger Stunden hätten keine Aehnlichkeit mit einem Verbrechen gegen die öffentliche Ordnung und die kaiserliche Majestät. Nach einer Gefangenschaft von elf Tagen wurde ich abermals vor die Polizeibehörde geführt. Ich empfing eine scharfe Zurechtweisung; den Befehl, Wien binnen vierundzwanzig Stunden und die k. k. Staaten zu verlassen: Pässe, mit vorgeschriebener Reiseroute; endlich auch, nebst meinen wenigen Habseligkeiten, einen inzwischen an mich eingelaufenen, aber erbrochenen Brief. Es war der Brief Deines Mannes, liebe Sabine, in welchem er mir vom Tode unserer Tante in Manchester, vom dringenden Verlangen unseres Oheims, dahin zu kommen, ihn in seinen Geschäften zu unterstützen, Nachricht gab, und wobei auch ein bedeutender Wechsel zu Reisegeld lag. So wurde ich verabschiedet. Begleitet von einem Polizeidiener, der mich bis zur Abreise nie verließ, eilte ich, wegen der Auszahlung des Wechsels, zum Hause des Banquiers. Hier nun ereignete sich der letzte tolle Vorfall in Wien. Indem ich das Büreau des Geldwechslers verließ, begegnete mir im Zimmer unerwartet der Graf Malariva. Er wollte höflich ausweichen. Ich aber riß ihn an mich, um ihm leise in's Ohr zu raunen: Herr Graf, jetzt kenne ich Sie. Ein vollendeter Schurke sind Sie, vom Scheitel bis zur Sohle! Er wurde vor Wuth grüngelb im Gesichte, und schrie in Gegenwart mehrerer Menschen mir die pöbelhaftesten Schimpfwörter zu. Ich bezahlte sie ihm mit einer Ohrfeige, die ihn taumeln machte, und erwartete das Weitere. Er aber stierte mich sprachlos, nur mit einem Basiliskenblicke, an, indem er, wie ein wildes Thier, die Zähne fletschte. Da wandte ich ihm den Rücken, ging und verließ Wien noch in derselben Nacht. Das Uebrige ist Dir bekannt. Ich verließ Wien, wo ich beinahe drei Jahre gelebt hatte, mit Groll und ohne Glauben an die Wahrheit und Ehrlichkeit des Menschengeschlechtes. Die Reise nach England zerstreute mich. Es war im August 1796. Moreau stand damals mit seinen republikanischen Heeren siegreich in Bayern. Ich mußte, um zum Norden Deutschlands zu gelangen, einen weiten Umweg machen. In Manchester fand ich unsern verwittweten Oheim erkrankt. Ich war anderthalb Jahre lang sein Pfleger und Wärter, bis er in meinen Armen starb. Sobald ich die weitläufigen Erbschaftsgeschäfte beseitigt hatte, flog ich zu Dir. Sabine, ich vergesse den dritten September vorigen Jahres, Deinen Geburtstag, nicht, als ich Dich im Schlosse Deines Mannes am freundlichen Rhein, nach langer Trennung, wieder an meiner Brust hielt. Ich hielt meine Welt, die beste, in Dir umfangen. Konnte mir's ahnen, als wir Deinen Mann in die Schweiz, nach Bünden, zum Brunnen von St. Moriz begleiten mußten, daß die Raserei der politischen Faktionen uns sobald wieder trennen würde? Nun weißt Du Alles, Sabine, nun frage mich nicht mehr. Könnte ich nur die Unheilsgeschichte aus meinem Gedächtnisse verwischen! Ich muß noch hinzufügen: Elfriede hat den ihr zurückgesandten Geldbeutel, wie ich erst unlängst erfuhr, nicht angenommen, sondern ihn irgend einem ihrer Dienstboten geschenkt. Und von Hand zu Hand gewandert, ist er durch einen Bündner Bauer, der ehemals kaiserlicher Soldat gewesen, ganz zufällig wieder in meine Hände gerathen. 15. Letzter Brief. – – Entweder, Sabine, will ich mich aus dem Weltgetümmel in irgend einen stillen, freundlichen Winkel des Erdbodens flüchten, fern vom täglichen Schauspiel civilisirter Gemeinheit, heimlichen Lasters, friedensfeindlicher Vorurtheile; – in einen Winkel des Erdbodens, wo ich, umringt von den Werken der Besten und Weisesten aller Zeitalter, und nur im Verkehre mit unverdorbenen, wenn auch unwissenden Menschen, in enger Sphäre, wohlthun, belehren, trösten, beglücken kann, – und dazu mangelt mir ja weder Geld, noch Verstand und Willen; – oder aber, Sabine, ich werfe mich als Würgengel in den heutigen Völkerkampf; helfe die Ketten der Unterdrückten brechen, hundertjährige Götzenbilder zerschmettern, und die Gewalten der Hölle vertreiben, welche auf Erden dem Rechte und der Wahrheit ihren ewigen Krieg machen. Und dazu mangelt mir weder entschlossener Muth noch Begeisterung. Und sollte ich im Kampfe für das Göttliche sterben, dann ist's ein göttlicher Tod, der das arme Leben würdig krönt. Hier, Schwesterchen, hast Du, auf die Frage Deines letzten Briefes, mein »Entweder, Oder!« Beurtheile mich darum nicht, wie der gemeine Menschentroß, der Jeden einen Schwärmer nennt, welcher sich mit ihm nicht gemein macht, und für Edleres lebt und stirbt, als für Geldkiste und Titel. Du weißt ja, wie der menschliche Wahnsinn die Welt ganz verkehrt gemacht hat; wie die Fürsten nicht für das Volk, sondern die Völker nur für die Fürsten da sind; wie anspruchslose Tugend lächerlich, die Vernunft vom Bannfluch der Kirche geschlagen, das ewige Menschenrecht geächtet dasteht. Du weißt ja, wie der Freund der Freiheit den Staatsmännern, Hochverräther, und wer nicht an den Teufel glaubt, den Priestern, Gottesläugner ist. Du weißt ja, wie Wissenschaften und Künste für an sich selbst werthlos gehalten und nur, als Luxusinstrumente, im Knechtsdienst des Reichthums, der Hoffart und der Eitelkeit Geltung haben; wie die meisten Menschen, weil Ehrlichkeit keine Ehre bringt, ihren Brüdern gegenüber, als lebendige Lügen lächeln. Sabine, jetzt zieht ein Orkan durch die Länder, den man Revolution nennt, um den faul gewordenen Luftkreis Europa's von giftigen Dunststoffen zu säubern. Er ist nicht, wie unsere Diplomaten, Priester und gelehrten Maulwürfe faseln, von einigen Freigeistern und Aufklärern hervorgezaubert, sondern, aus dem Schooße der ewigen Weltordnung, zur Strafe der allgemeinen Entmenschung geboren. Unsere bonapartistischen Kriegshelden, nach blutigen Lorbeeren lechzend, sind wieder, wie in alten Zeiten, neueuropäische Attila's geworden, und Frankreich ist in der Schicksalsfaust, die Gottesgeißel über dem Rücken der Barbaren. Hier, Kind, hast Du mein politisches Glaubensbekenntniß. Ich stelle mich auf die Seite der Gottesgeißel, nicht, weil ich sie liebe, sondern, weil ich sie als Gotteswerk ehre. Die Franzosen predigen wenigstens den Völkern gesunden Menschenverstand, wenn sie gleich wie Wahnsinnige wüthen. Kinder und Trunkene reden die Wahrheit, sagt das Sprüchwort. Der Orkan wird einst austoben und eine neue Welt aus dem Schutte des Mittelalters erstehen. Ich beweine zwar, wie Du, das Leiden unseres Vaterlandes; aber es wird auf dem Wege der Schmerzen ein freieres, stärkeres, edleres werden. Liesest Du die Zeitungen? Siehest Du nicht, wie die Nationen erwachen, sich den Schlaf aus den blöden Augen reiben und die stummen Lippen öffnen und reden lernen? Wir sind im Februar. Ehe die Kirschen blühen, bricht der Krieg aus, furchtbarer als je; denn Erzherzog Karl steht gerüstet am Lech. Aus dem Norden wälzen sich die wilden, unbekannten Völkerschwärme Asiens und Rußlands heran. Suwarof führt sie, der auf seinen Schlachtfeldern berühmt gewordene Schlächter. Nun, Sabine, komme ich zur Sache. Ich war gestern in Luzern. Die Franzosen stehen schlagfertig und ihr erster Schritt ist gegen unser armes Bündnerland gerichtet, um die Oesterreicher hinaus zu treiben; die Gebirgspässe links und rechts gegen die Schweiz und Cisalpinien zu sichern und den Eingang Tyrols offen zu halten, ehe der Erzherzog und Suwarof mit vereinter Macht herandringen können. Der Hauptangriff wird ohne Zweifel, von Massena geleitet, am Luziensteig geschehen, während Loison von den Höhen des St. Gotthard, Lecourbe südwärts gegen Engadin und Tyrol, Demont von den Kunkelser Alpen her drohen. Bleibt das Glück, wie bisher, den republikanischen Fahnen getreu, so wird der Kriegsschauplatz weit hinter unsere Thäler zurückgeschoben werden. Dazu sollte in diesem Augenblick Jeder helfen, der sein Vaterland liebt. Ich will dabei sein. Freilich, wenn auch Alles gelingt, sind wir darum noch nicht frei. Frankreich wird die Schweiz, als seine Pförtnerin gegen Italien und Deutschland, noch lange im Dienste behalten wollen; die Pariser nennen ja alle ihre Thürhüter Schweizer. Aber unser Bergvolk wird, wie manches Andere, im Druck der Dienstbarkeit, die Freiheit um so inbrünstiger lieben lernen; und, wie es jetzt die Bande zerrissen hat, in welche es von seiner Junker- und Priesterschaft gehalten war, so wird es früh oder spät auch Frankreichs Herrschaft zurückweisen. Ganz Europa wird es fordern, wird es erzwingen helfen; dessen bin ich sicher. Zufällig traf ich vor einigen Tagen in der Stadt, wo er nur kurze Zeit verweilte, den General Demont. Man hatte mir gesagt, er stamme aus einem Bündnergeschlechte von Pilla, im Lugnetz-Thal. Ich suchte ihn auf und erbot mich, bei Eröffnung des Feldzugs, als Freiwilliger, in seinem Stabe zu dienen. Er empfing mich, als Landsmann, freundlich, glaubte aber, daß ich mit meiner Kenntniß des Landes, zumal in den romanischen Thälern des Oberlandes, dem General Loison nützlicher werden könne. Die Aufgabe Loison's sei eine der gefährlichsten Unternehmungen. Mir gilt's gleich, wem ich zur Seite stehe; wenn nur das Unternehmen gelingt. Der General hat mir also ein Empfehlungsschreiben an seinen Waffengefährten, der mit zahlreichen Truppen in Uri und im Ursern-Thale steht, gegeben. Morgen, oder übermorgen, eile ich dahin. Deine Briefe für mich sende an unsern gefälligen Bündner Agenten. Beunruhige Deinen Mann auf seinem Krankenlager nicht mit Nachricht von meinem Vorhaben. Der Verdruß würde ihm zu seinen übrigen Nöthen das Gallenfieber bringen. Du selbst, ängstige Dich meinetwegen nicht. Du kennst mein Entweder-Oder. Weil ich den Friedens-Aufenthalt nicht zu finden weiß, will ich hinausfliegen in den Sturm. Ich fühle meine Kraft; sie sehnt sich nach der That. Ich freue mich der wilden Zerstreuung, der Abenteuer, die mich erwarten; ich will, ich kann nicht auf dem Faulbette ruhen und träger Zuschauer bleiben, wenn die Kriegsflammen über mein armes Vaterland zusammenschlagen. 16. Wanderung zum Gotthard. Wirklich bestieg Sabinens Bruder, wenige Tage später, ein Schiff des Vierwaldstätter-See's, und ließ sich zu den Ufern von Uri rudern. Die aus den Geschichten der Vorzeit berühmten Stellen des Seegestades, an denen sein Nachen vorüberschwankte, die kleine, felsige Halbinsel des Grütli rechts, die Kapelle und Platte des Tellsprunges links, zogen seine Aufmerksamkeit kaum für Augenblicke auf sich. Sie mochten ihm ungefähr so sehenswerth dünken, als, an dem gemalten Stammbaum eines gesunkenen Adelsgeschlechtes, die Schilder weiland berühmter Ahnherren, deren noch lebende Enkel, im Gefühl eigener Unbedeutsamkeit, sich mit den Tugenden der Todten brüsten. Es war schon dunkler Abend, als er in den engen Gassen des Hauptfleckens Altorf umherirrte und vergebens Herberge und Nachtlager suchte. Gasthäuser und Bürgerwohnungen waren mit lärmendem Militär, das keinen Raum übrig ließ, angefüllt. Ueberall abgewiesen, wendete er sich endlich an einen französischen Offizier, dem er, auf der Straße begegnend, seine Verlegenheit und seine Abordnung zum Hauptquartier des Generals Loison offenbarte. Nach einigen Fragen nahm der junge Kriegsmann, wie ein barmherziger Samariter, den Arm des Bündners freundlich in den seinigen und sagte. Aha, ich weiß. Wir sollen Kollegen werden. General Demont hat Sie angekündigt und Sie werden im Hauptquartier erwartet. Kommen Sie, Bürger Prevost, wir theilen Tisch und Bett mit einander. Ich bin Kapitän Goujeon , Loison's Adjutant. Morgen wandern wir gemeinschaftlich die Gotthardsstraße hinauf. Ich freue mich, angenehme Gesellschaft zu haben. Sie werden mir von dem Lande erzählen, in das Sie uns einführen wollen. Die Gastfreundlichkeit des Offiziers, obgleich er diese Tugend auf fremde Kosten wohlfeil übte, war dem verlassenen Wanderer allerdings willkommen. Er folgte seinem Geleitsmann zu einem fröhlichen Schmause, bei welchem ein Schwarm jugendlicher Krieger der großen Republik, unter Witzen, Flüchen und Gelächter, von Bällen und Waffentänzen, von Schlachten und Liebschaften bis tief in die Nacht hinein plauderte. Mit Tagesanbruch wurde, durch das Großthal von Uri, der Weg zum Gotthardsberge fortgesetzt. Eine Kompagnie Soldaten zog singend voran. Die winterliche Gebirgsgegend, überall einförmig und weiß, mit dazwischen erscheinenden schwarzen Felsenabhängen und Tannenwäldern, glich einem ungeheueren Kupferstich. Wenn der Wind die bereiften Zweige der Bäume schüttelte, sank es zuweilen wie ein Sternenregen herab, der beim Sonnenschein im bunten Licht des Diamanten glänzte. Herrlich, herrlich! rief Kapitän Goujeon, mit trunkenen Augen über die schimmernde Ebene, und empor schauend zum zackigen Rande der beschneiten Berge, die das blaue Gewölbe des Himmels trugen. Wie sie dastehen, die Giganten des Erdballs, stolz und ewig, in schrecklicher, feierlicher Pracht! Mich nimmt's wahrhaftig nicht Wunder, wenn Ihr Schweizer, von einer so schauerlich großen Natur angesprochen, das Lachen verlernt habt, und immer ernst gestimmt seid, ausgenommen, wenn Ihr, statt der Berge, Weinflaschen vor Euch seht. Hier müßte ich zum Dichter werden. Wie kommt's, daß die Schweiz keinen Homer oder Ossian geboren hat? Das Räthsel gab ich mir selbst schon auf, sagte der Bündner. Doch ich meine, Landschaften bilden nur den leblosen Hintergrund poetischer Kunstwerke; große Thaten aber, gewaltige Schicksale, Leidenschaften, der Sieg oder Untergang großer Geister den Vordergrund. In einem seit Jahrhunderten zerstückelten Ländchen, wie die Schweiz, wo Alles für sich lebt, fehlte es zwar nie an großen Ereignissen und großartigen Talenten, aber sie blieben, in winzigen Räumen, bei kleinen Völkern: historisch bedeutungslos, bloße Erdbeben eines Ameisenhaufens. Im engen Horizont der Gemeindegrenzen und Schloßmauern konnte sich kein Gemüth erheben. Man trieb mit Gedanken und Thaten, von Ort zu Ort, nur Kleinhandel. Ohne ein freies, öffentliches Leben verschimmelt die Volkskraft im Spießbürgerthume. Der schöne Dichtergeist beschäftigt sich höchstens noch mit Blumen und Bächen, Liebe und Thränen. Wer auf einer größeren Bühne vielleicht als Feldherr ersten Ranges geglänzt haben würde, verkrüppelt beim Wachtstuben- und Kamaschendienst zum Exerziermeister. Wer, als Staatsmann, fähig gewesen sein würde, die Schicksale von Königreichen zu lenken, wird in der kleinstädtischen Rathsstube zum politischen Kannengießer. Ich glaube, Sie haben Recht, fiel der Adjutant lebhaft ein. Die Schweizer sollten zur großen Nation, zu Frankreich gehören. Da bekämen sie eine Welt zum Spielraum. Die Schweizer aber verlangen ihn nicht, erwiederte Prevost, und mögen Niemandem, als sich angehören. Ist aber einmal das halbe Hundert ihrer Länderchen und Völkerchen zu einem Ganzen und in starke Einheit zusammen geschmolzen, dann stehen sie groß genug da, wenn auch nicht mächtig genug, um gegen andere Nationen, wie die Franzosen, auf Beute Jagd zu machen, doch um das Banner der Freiheit in kräftiger Faust selbst aufrecht zu halten, und um ihren Herd und ihre Heerden gegen fremde Wölfe zu schützen. Inmitten der großen Noth der Völker kann nur Freiheit und Frieden ihr höchstes Bedürfniß sein. Der Kapitän sah den Reisegefährten, der in Stimme und Geberde plötzlich mehr auffahrenden Unwillen, als in seinen Worten verrieth, verwundert an, und fragte ihn: Was wollen Sie eigentlich sagen? Wölfe, Wildniß, europäische Völkernoth? Ich denke, Ihr Patriotismus wird wenigstens Frankreich nicht zur europäischen Wildniß zählen, den Sitz der civilisirtesten Nation des Erdbodens, deren Waffen und Wissenschaften, Sprache, Moden und Sitten den Weltkreis beherrschen. Gelassen und mit ironischem Lächeln, antwortete Flavian: Ich bin mißverstanden worden und will deutlicher sein. Eine Wüste kann Oasen, eine Wildniß menschliche Wohnungen haben, und bleibt dessenungeachtet Wüste und Wildniß. So erscheint mir Europa. Oder ist unser Welttheil mit all seinen Künsten und Kunststücken im Ganzen entwilderter, als es Afrika, Asien, Amerika sind, wo, ganz wie bei uns, in ihren Staaten Völker neben Völkern, wie reißende Thiere in ihren Höhlen, feindselig neben einander wohnen; einander neidisch belauern; Klauen und Zähne zeigen; wedelnd und tückisch an einander vorüber schleichen; den Schwächeren zerreißen und verschlingen, und wo die Stärkeren sich der Beute wegen zerfleischen? Kennen Sie die politische Geschichte des stolzen Europa? Bevor unsere Nationen nicht innerhalb ihrer Grenzen, wie friedsame Familien in ihren Häusern, neben einander wohnen; alle im Schutze des gleichen Völkerrechtes, ihre gegenseitigen Zwiste der Würde des Menschen entsprechend schlichtend, so daß der ganze Welttheil ein großes Gemeinwesen vieler, armer und reicher Haushaltungen wird; so lange möchte ich ihn nicht civilisirt nennen. Ach, Sie sind Philosoph. Vortrefflich! rief Goujeon lachend. Ich weiß, die Deutschen lieben das Grübeln, Spekuliren, Philosophiren und Phantasiren; wir Franzosen den Genuß und die That. Sie wurden in diesen Gesprächen, die sie noch lange auf ähnliche Weise fortsetzten, von einem Offizier unterbrochen, den der General gesandt hatte, den Marsch der Kompagnie zu beschleunigen. Man erfuhr von ihm, daß der Angriff auf Graubünden in wenigen Tagen unternommen werde; daß jetzt vermuthlich Vandamme und Jourdan schon über den Rhein gegangen seien, um den Feldzug zu beginnen. Die Soldaten jauchzten bei dieser Nachricht: die Republik hoch! und verdoppelten ihren Schritt vom Dörfchen Am-Steg bergauf, über das öde Bergdorf Wasen, durch den grausigen Felsenkessel der Schöllenen, bis sie über die Teufelsbrücke und durch den dunklen Engpaß des Urnerlochs, in das stille Thal von Ursern hervortraten, wo ihnen die Hütten von Andermatt gegenüber lagen. Hier kam ihnen Olivier Loison , der Brigadegeneral, wohl kaum dreißig Jahre alt, und wohlbeleibt, doch gelenk, mit rundem, freundlichem Gesichte, entgegen. Nachdem er die Kompagnie gemustert und die Berichte der Offiziere gehört hatte, wendete er sich zu Prevost, hieß ihn willkommen und nahm ihn mit sich in's Hauptquartier. Bürger Prevost, sagte er, ich habe Sie früher erwartet. Was mir General Demont von Ihnen meldet, berechtigt mich, Ihnen volles Vertrauen zu schenken. Sie können der Armee und der Befreiung Ihres Vaterlandes ausgezeichnete Dienste leisten. Heute ist der erste Märztag. Morgen erlaube ich Ihnen, Rasttag zu halten, falls Sie der Ruhe bedürfen. Uebermorgen aber, wünsche ich, daß Sie alle Wege über das Gebirge der Oberalp rekognosziren möchten, damit ich erfahre, welcher derselben im Winterwetter für die Truppen gangbar sei. Ich fürchte, wir versinken droben im Schnee. Sie können zu Ihrer Sicherheit eine Anzahl Soldaten dahin mitnehmen. Am vierten März greift Massena den Luziensteig an, und ich rücke an demselben Tage in Bünden ein. Ich erwarte aber mit Bestimmtheit, den Abend vorher, Ihre Rückkunft und Ihre Berichte. Dann bleiben Sie, als Adjutant, in meinem Gefolge. Jetzt machen Sie sich's bequem. Sie speisen mit mir zu Nacht. Wir Beide müssen nähere Bekanntschaft mit einander machen. 17. Eine Scene im Hauptquartier. An der reichbesetzten Tafel des Hauptquartiers, zu welcher das öde Ursernthal nur Gemsen und Murmelthiere der hohen Alpen und die feinen Käse seiner Sennhütten hatte liefern können, während von Altdorf und Luzern, aus zehn und zwanzig Stunden weiter Ferne, Leckerbissen und Weine aller Art herbeigeschafft waren, machte Flavian die nähere Bekanntschaft des republikanischen Feldherrn und seiner Offiziere; sowie er auch folgenden Tages das wilde Kriegsleben der Soldaten in den ausgeplünderten Hütten der Thalbewohner kennen lernte. Beim zuchtlosen Schalten und Walten dieser Heerbanden, befiel ihn abwechselnd Ingrimm und Entsetzen. So arg hatte ihm seine Phantasie, selbst in den dunkelsten Stunden, die Gräuel des Kriegslebens nicht vorgestellt. Er glaubte sich zu einer mächtigen Räuberhorde verirrt, die von einer gewöhnlichen Bande raublustiger Strolche nur durch ihre Uniformen und den geregelten Waffendienst verschieden war. Fast gereute ihn der Schritt, der ihn hieher gebracht. Aber nun einmal gemacht, konnte er ohne Gefahr und Schmach nicht zurück gethan werden. Auch war es ihm zuletzt vollkommen recht, das Menschengeschlecht einmal in seiner vollen scheu- und schamlosen Nacktheit zu sehen. Es macht um eine ernste Erfahrung reicher, dachte er, das Höllengewebe solcher disziplinirter und privilegirter Länderverwüster in der Nähe zu beobachten, für deren Glück man in den Kirchen Gottes Beistand anruft; die man Helden nennt; denen man Ehrensäulen baut; deren Verkehrtheit oder Käuflichkeit der Geschichtschreiber Lorbeeren und Weihrauch spendet. Schon der erste Abend, im hellerleuchteten Saale des Hauptquartiers, inmitten des glänzenden Kreises der Brigadechefs und Hauptleute, füllte seine ganze Seele mit heiligem Zorn, je greller der Gegensatz war, welchen der feine, gemessene Ton dieser Gesellschaft von sogenannten gebildeten Männern, gegen ihr grausames Handwerk und ihre verwilderten Begriffe von Ehre, Pflicht und Menschenwerth, machte. Flavian begnügte sich dabei mit der stummen Rolle des Zuhörers, und entschuldigte sich mit Ermüdung, wenn der General ihn zur Theilnahme an dem fröhlichen Leben aufforderte. Loison selbst trug diesen Abend, voll heiteren Humors, das Meiste zur Unterhaltung bei; begleitete, auf einer Flöte phantasirend, die schöne Stimme eines jungen Offiziers, der die rührenden Klagen einer Waise am Grabe ihrer Mutter sang, oder er deklamirte gefühlvoll und bewegt, die Ekloge Virgil's in lateinischer Sprache, in welcher Meliboeus trauert, die heimischen Fluren verlassen zu müssen. Wie er, so thaten auch die Andern. Bald blitzten muntere Witze, bald verlor sich das Gelächter im stillen Anhören der Geschichte edelmüthiger Thaten, deren Zeuge dieser oder jener Offizier gewesen sein wollte. Der Frohsinn der Abendgesellschaft wurde in diesem Augenblicke auf eine Weise gestört, die über alle Gesichter Unmuth und Verdruß verbreitete. Vom Wirth des Hauses, der zugleich Unterstatthalter, oder Ammann des Thales, war, begleitet, trat eine alte Bauernfrau in den Saal, in halbzerrissenen Kleidern, zitternd und weinend. Sie hob, stumm flehend, die Hände zum General empor, und sank zu seinen Füßen auf die Knie nieder. Was soll das? Was wollt Ihr? fuhr der General ärgerlich den Wirth an, der jedoch jetzt die demüthige, freundliche Wirthsmiene abgelegt hatte, und, wenn auch bescheiden, doch fest und ernst, als Thalammann, vor dem Feldherrn sprach. Gönnen Sie, sagte der pflichtstrenge Mann (er hieß Meyer und sein Name ist werth, genannt zu werden), gönnen Sie der unglücklichen Wittwe, und den Kindern derselben, einen Augenblick Ihr Mitleid. Seit drei Wochen schon lebt das arme Weib, aus seiner eigenen Hütte verstoßen. Ein Dutzend Ihrer Soldaten haben sich eigenmächtig darin eingenistet, Alles verzehrt, Alles ausgeraubt und verwüstet; haben die einzige Kuh der schutzlosen Frau vor wenigen Tagen geschlachtet. Seit drei Wochen hatte die Unglückliche mit ihren Kindern, in Nacht und Frost, kein Obdach, als einen baufälligen Heustall. Und, Bürger General, in diesem Augenblick werden Mutter und Kinder auch aus dem Heustalle vertrieben. Ihre Soldaten reißen ihn nieder, um sich daraus Ueberfluß an Brennholz zu schaffen. Retten Sie, weil es noch möglich ist, die letzte Habe dieser Frau, damit die Bejammernswürdige nicht gezwungen ist, sich des Nachts unterm kalten Himmel, im Schnee zu betten. Der General erwiederte verdrossen: Es thut mir leid. Soll ich etwa meine Leute im Schnee schlafen lassen? Ist nicht die Schuld Eurer faulen, böswilligen Bauern, daß sie am Tage herumlungern, statt Holz, aus den unten befindlichen Wäldern, den Berg herauf zu tragen? Sind ihre Rücken zu zart dafür? Dieser Vorwurf, General, kann Ihr Ernst nicht sein, entgegnete der Thalammann. Sie selbst sind Zeuge, wie unsere Männer und Weiber alltäglich vom Morgen bis zum Abend, in langen Schaaren, mühsam bergab, bergauf ziehen, das nöthige Holz herbei zu schleppen; Sie selbst – – Es ist genug! unterbrach ihn Loison. Fort mit dem Weibe! Es gehört nicht meiner, sondern Ihrer Sorge an. Ich habe in dem vermaledeiten Thale hier, für meine Truppen, nicht für Eure alten Weiber, Erbarmen zu fühlen. General, rief der unerschrockene Wirth von Andermatt, ich fordere nicht Ihre Gnade und Barmherzigkeit für die Geplünderten, sondern Ihre Pflicht und Schuldigkeit gegen sich selbst. Was Teufel! schrie der General mit lauter Stimme, unterstehet Euch, Mensch, noch einmal dieses Wort, und ich lasse Euch mit Eurer Thalammannswürde auf dreimal vierundzwanzig Stunden in's Gefängniß werfen, bis Ihr zu Verstande kommt. Dann that er einige hastige Schritte; blieb wieder einen Augenblick nachdenkend stehen; winkte einem Offizier und sagte: Begleiten Sie das Weib; erkundigen Sie sich, was vorgeht? Schaffen Sie Ordnung. Als dieser Befehl vollzogen wurde, schlich auch Prevost, ohne Abschied zu nehmen, davon, und begab sich, vom Thalammann begleitet, nach der abgelegenen Hütte des jammernden Weibes. Ein großes Feuer leuchtete ihnen durch die Finsterniß dunkelroth entgegen. Der Heustall war zum Theil schon niedergerissen, und was davon übrig geblieben war, stand in Flammen. Soldaten standen lachend umher und wärmten sich; vor ihnen trippelten einige vor Kälte schlotternde, zerlumpte Kinder, die sich des Flammenspieles und der wohlthätigen Gluth freuten. – Hier war nichts mehr zu retten. Flavian murmelte Flüche, gab dem Thalammann einige Geldstücke, um damit der hülflosen Familie Herberge und Nahrung zu verschaffen; ebenso drückte er der neben ihm weinenden Frau heimlich ein Almosen in die Hand, mit dem Winke, es zu verbergen und zu schweigen. Dann wandte er sich um und verschwand in der Dunkelheit. 18. Der Zug über die Oberalp. Schon anderen Morgens empfing er die Befehle des Generals zur Untersuchung der Wege über das Gebirge der Oberalp. Er versprach, die Aufgabe ungesäumt zu lösen. – Der General erwartete zwei Tage vergebens dessen Rückkunft. Der Morgen des allgemeinen Aufbruchs dämmerte; die Kompagnien versammelten sich, doch Prevost erschien nicht wieder. Olivier Loison verwünschte den Bündner, dem er zu viel Vertrauen geschenkt zu haben glaubte, und gab den Befehl zum Abmarsch. Singend und mit Trommellärmen trabten die rührigen Heerbanden, aus dem Dörfchen Andermatt, welches einem verschneiten Steinhaufen glich, hervor. Der Zug ging über den halbgefrornen Sumpfboden, längs dem Ufer eines Baches, zu den Einöden der Oberalp hinauf. Der Weg wurde allmählich steiler; der Schnee tiefer; der Morgenwind schneidender. Der lange, dunkle, bewegliche Streifen der Soldatenrotten auf den schneehellen Berghalden, über welche die Gewehre im Sonnenstrahl zuweilen flüchtige Blitze warfen, konnte entfernten Zuschauern einer emporkriechenden ungeheuren Riesenschlange gleichen, deren Schuppen bei jeder Wendung des Rumpfes erglänzten. Doch bald verschlang das Schauspiel ein Nebel, der seinen grauen Schleier um den Berg legte. Die Soldaten selbst erschienen sich darin, wie Schattenheere, welche von einer Wolke in die andere übergleiten, während ihnen der Reif Haupt- und Barthaar versilberte. Nach einigen Stunden wanderten sie oben, neben einem kleinen Bergsee, über eine Brücke von Eis, die sich links an Felswände anlehnte. Und erst, als sie die letzte Höhe des Bergjochs erreicht hatten, welches Uri von Graubünden scheidet, sechstausend Fuß hoch über dem Meere, rollte sich der Nebel, wie ein Vorhang, plötzlich vor ihren Augen auf. Da starrten die erstaunten Krieger in die schauerlichste aller Einöden; eine bleiche Wildniß von Schnee- und Eisgebirgen, himmelhoch übereinander gewälzt; schwarze Klippen dazwischen und tiefdunkle Klüfte. Die Nachbarschaft des Nordpols zeigt sie den Grönlandsfahrern nicht ausgestorbener und entsetzlicher. So weit die Blicke schweiften, überall Erstarrung und die Welt im Schlafe. Der Tod schien hier, über den Ländern der Sterblichen, seinen ewigen Thron erbaut zu haben. Das Leichentuch der Natur, von Stürmen zerrissen, deckte nur noch die dürren Gerippe einer ehemaligen Welt; und über dem ungeheuren Leichnam regte sich nichts, als zuweilen eine Wolke, welche still um eine Felsspitze hinschlich. Links schimmerten die Eispyramiden des hohen Krispalt, wie in ihr zerflossen, durch die Luft, rechts die noch höheren Zinken und Hörner des majestätischen Sixmadun. Zwischen den bläulichen, tiefen Gletscherschlünden und den gewaltigen Trümmern eingestürzter Berge glichen sie riesenhaften Grabmälern eines seit Jahrtausenden zerstörten Erdballs. Soldaten und Offiziere machten unwillkürlich Halt. Jeder schien von geheimer Furcht überwältigt, Niemand wollte die Heiligkeit des tiefen Schweigens durch einen Laut stören. Einzeln zogen sie jenseit des See's weiter, bis der Feldherr, während er zur Vorhut eilte, selbst Rast gebot. Diese stand in einiger Entfernung auf dem äußersten Grathe des Bergjochs in eigenthümlicher Bewegung, wie von einem unerwarteten Ereigniß betroffen. Die Umrisse der Krieger zeichneten sich dort scharf auf dem hellen Hintergrunde des Himmels ab. Einige Soldaten streckten die Arme aus; andere schwangen Gewehre, Hüte und Tücher. Loison, neugierig gemacht, verdoppelte seine Schritte. Als er, auf dem überschneiten Bergschnitt, die Anhöhe erklommen hatte, rief er: Was giebt's, Leute? Hieher, General, schrien sie. Zauberei! Teufelei! Blendwerk, wie es kein Menschenkind je gesehen hat! Und in der That, der General blieb ebenfalls, von Erstaunen gefesselt, als er die Augen auf einen Nebel richtete, der, wenig entfernt vor ihm, langsam aus der Tiefe emporquoll und sich wellenförmig ausdehnte. Er gewahrte darin den Schatten seiner Gestalt, und um die Schattengestalt, wie sie sich bewegte, eine in sieben Farben brennende Glorie. Kaum ertrugen die Augen das Leuchten dieses Heiligenscheins, welches vom Purpur und Blau, durch Lichtgelb zum Roth spielte. Jeder sah sich da einzeln, wie er wandelte, verklärt sich selbst gegenüber, im Innern des flammenden Farbenkreises. Diese schönen und überraschenden Erscheinungen von Strahlenbrechung, »Nebelbilder« genannt, werden bei günstiger Stellung der Sonne und des Schattenwurfs gegen eine Nebelwolke, auf vielen Bergen der Schweiz gesehen. Wohlan, eine gute Vorbedeutung, sagte Loison zu einigen Hauptleuten, welche, neben ihm stehend, die wunderbaren Nebelbilder betrachteten. So wird Jeder von uns in diesem Feldzuge seinen eigenen Heiligenschein erobern. Aber nicht ohne Vorausbezahlung der Kanonisationsgebühren, äußerte sich hinter ihm eine fremde Stimme. Heiligenschein ist kostbarer, als Scheinheiligkeit. Der General blickte hinter sich und rief: Was ist das für ein kecker Bandit? Wer hat ihn hergebracht? Dem Aeußern nach schien der Ankömmling einer jener Gemsjäger zu sein, welche, unbekümmert ob Winter oder Sommer, mit leidenschaftlichem Vergnügen die Gebirge durchstreifen, um irgend ein Thier der Felsenwildniß, wenn auch nur einen weißen Hasen, oder gar den eigenen Tod zu finden. Ausgenommen Ledersack, Büchse und Pulverhorn über Schulter und Rücken, in der Faust den Alpenstock mit der langen Eisenstachel, war der übrige Anzug des Mannes der gewöhnliche der Bergbewohner dieser Gegend: eine grobtuchene braune Jacke; kurze blautuchene Spitzhosen, mit Lederriemen um's Knie zusammengeschnallt; die blauen Wollenstrümpfe bis zu den Waden mit grauen Ueberstrümpfen bedeckt; am Fuß dicksohlige, schwerbenagelte Schuhe, mit Eisspornen darunter. Vom Gesicht blieb nichts, als Auge, Nase und Mund zu sehen; das Uebrige war vom herabgezogenen Pelzwerk der Aufschläge einer Lederkappe bedeckt. Oeffnet Euer Visir, Herr Strauchritter. Wer seid Ihr? befahl der General. Der Gemsjäger gehorsam, zog unter dem Kinn die Schnüre der Mütze auf, und ließ sein Antlitz sehen. Es war der Schützenhauptmann Prevost. Siehe da! Willkommen hier oben! rief Loison, jedoch mit einem Ernst in der Miene, der nicht ganz zu dem freundlichen Willkommen paßte. Woher so spät? Was giebt's Neues in der Unterwelt, nach der ich mich, trotz der hiesigen Himmelsfreuden, stark sehne? Er machte bei dieser Frage eine winkende Bewegung mit Kopf und Hand, und ging mit dem Schützenhauptmann einige Schritte seitwärts, um ihn allein zu hören. Wie, zum Teufel, kommen Sie zu dieser verdächtigen Vermummung? fuhr er fort. Ich entlieh sie vom Wirth in Andermatt, um den Landleuten diesseits und jenseits unverdächtig zu bleiben. Und warum so spät? Sie sollten schon gestern Abend zurück sein. Nicht ich war Herr, General, sondern Weg, Wind und Wetter. Wo haben Sie übernachtet? In einer leeren Sennhütte von Tiarms, wo ich froh war, an einem kleinen Feuer mich vor dem Erfrieren zu schützen. Wie steht's mit den Wegen die Berge hinunter? Zum Genickbrechen, oder Lebendigbegrabenwerden, antwortete der Weidmann. Links der kürzere, aber steilere, geht über die Alpenwiesen von Crispansa glatt hinab, bis zu den rauchigen Häusern von Ruäras. Ihre Truppen fahren ihn am gemächlichsten, Gewehr im Arm, sitzend herab. Rechts ist der Pfad etwas weiter, im Sommer für Pferde gangbar, wie man sagt; doch ich sank zwischen den Klippen von Nurschallas und Calmot unerwartet bis über die Schultern in den Schnee, war übrigens zufrieden, daß dies kühle Grab mir, zur Rückkehr in die Welt, offen blieb. Gleichviel, versetzte der General, aus dessen rundem Gesichte die gewohnte Heiterkeit verschwand; von zwei Uebeln ist das kleinste zu wählen. Ich bin froh, aus dieser Wüstenei wieder zu Menschen zu gelangen. Vermuthlich, General, werden Sie deren bald mehr finden, als Sie wünschen. Ich sah Truppen. Wie so? fragte Loison stutzend. Ich fürchte, unser Marsch ist verrathen. Man erwartet uns. Was? Oesterreicher da? Ich sah zwei Kompagnien; doch ziehen unter dem klagenden Geheule der Sturmglocken, längs den beiden Rheinufern, zahlreiche Schwärme bewaffneter Bauern heran. Gut! Das Gesindel ist bald zersprengt. Wie weit ist's noch bis zum Kloster Disentis? Ich zweifle fast, General, daß wir heute den hochwürdigen Vätern zur Last fallen werden. Und von da bis Reichenau fünf Stunden? murmelte der General verdrießlich, indem er den großen Tressenhut von der Stirn zurückschob, als würde er ihm für die Geschäfte seines Kopfes zu enge. Vermuthlich überall kleine Murmelthierlöcher, statt menschlicher Wohnungen, ungefähr wie im Ursernthal. Wie? Aufrichtig gesprochen, entgegnete Prevost, wir würden bei den Murmelthieren so gut schlafen, als in den rußigen Palästen des Tavetscherthals. Ortschaften und Hütten liegen an den Bergen zerstreut umher, wie eine aus einander gelaufene Heerde ohne Hirten. Der General ging unruhig und schweigend auf und ab; dann warf er nachlässig die Frage hin: Sind die Bauern gut bewaffnet? Mit Mistgabeln, Sensen, Prügel? Der Schützenhauptmann antwortete: Der Landsturm mag drei- und viermal stärker sein, als Ihre Bataillone, und wird, wie ich hörte, von einem erfahrenen General oder Obersten angeführt. Die Leute kennen Wege, Stege und Schlupfwinkel ihrer Berge und Wälder besser, als wir. Darf ich mir einen Rath erlauben? Und der wäre? fiel der General ein. Heute umzukehren und Verstärkungen an sich zu ziehen, General. Sie gehen Ihrem Verderben entgegen. Die Landleute des Gebirges sind ein kräftiger Menschenschlag, und werden mit der Tapferkeit der Verzweiflung fechten. Wehe ihnen! rief Loison. Wagen sie's, so verbrenne ich ihre Vieh- und Menschenställe bis zu den Gipfeln der Berge. Ich habe es nicht mit Lumpengesindel, sondern mit Oesterreichern zu thun. Sie treiben Scherz, General, erwiederte der Hauptmann ernst und ehrerbietig. Französische Republikaner sind keine Mordbrenner, denke ich. Wir stehen auf dem Boden eines armen, freien Volkes, welches wir für, nicht wider die Sache Frankreichs und Helvetiens gewinnen wollen; eines entschlossenen, herzhaften Bergvolkes, zu dem wir ungerufen kommen, und welches im Glauben steht, ungebetene Gäste, wie jeder Hausvater, zur Thür hinaus werfen zu dürfen. Junger Mensch! brauste der General auf, hier keine moralische Vorlesungen. Ich will die Nacht bei den Benediktinern schlafen. Halten mich die Tavetscher Bauern auf, ist's ihre Schuld, wenn mir ihre Nester, als Fackeln, auf dem Wege leuchten müssen. Aus Flavian's dunkeln Augen schoß ein Blitz tiefen Unwillens gegen den französischen Feldherrn. In diesem Falle gestatten Sie, sagte er, daß ich nicht Zeuge davon sei. Ich bin Schweizer und biete nicht zur Verwüstung, sondern zur Befreiung meines Landes die Hand. Keine Gräuelthat, kein zweites Unterwalden hier! Schlagen wir uns, wenn es sein soll, wie Männer gegen Männer, aber ohne Mord und Brand. Wo nicht, General, so gewähren Sie mir die Entlassung. Sie bleiben! erwiederte Loison gebieterisch. Sind wir in Chur angekommen, so werden Sie die Entlassung in der Art erhalten, wie Sie sie verdient haben. Erinnern Sie sich, entgegnete der Bündner mit fester Stimme, ich bin als Freiwilliger zu Ihnen gekommen. Keine Worte verloren! rief der General. Sie haben, fürchte ich, der französischen Armee gestern schlecht gedient. General! rief der Hauptmann mit Heftigkeit, und that einen raschen Schritt vorwärts. Schlecht? Vielleicht, weil ich mich unter Lebensgefahren dreißig Stunden in diesen Schneewüsten als Kundschafter gebrauchen ließ, um das Häuflein Ihrer Soldaten vom Untergange zu retten? Retten? Vom Untergange? Wie? Kehren Sie um, Bürger General. Dieser Rath ist die beste Frucht meines Kundschaftens, welches ich schon zu bereuen anfange. Sie haben es mit der Uebermacht und Verzweiflung eines Gebirgsvolkes aufzunehmen, welches keine Furcht kennt. Sie haben – – Still! rief der Befehlshaber, dessen finstere Mienen aufsteigenden Argwohn verriethen. Erlauben Sie, daß ich mich in jedem Fall Ihrer werthen Person versichere. Er rief einige Offiziere herbei, denen der Schützenhauptmann Flinte, Jagdsack, Pulverhorn, sogar den Alpenstock übergeben mußte. Dann gab er einen Wink, und die Trommeln wirbelten zum Abmarsch. 19. Der Landsturm. Das Niedersteigen von der Höhe, auf den schlüpfrigen Schneepfaden, wurde mühseliger, als das Emporklimmen, und noch gefahrvoller durch die Abgründe, in die jeder Fehltritt den Mann hinunter reißen konnte. Links lagen aschgraue Nebel über dem Gebirge; rechts stiegen aus unsichtbaren Tiefen steile Bergmassen auf, die mit phantastisch geformten Kulmen, Zacken und Zinken im höchsten Aether ausliefen, ein unabsehbares Labyrinth kolossaler Krystalle. Hier öffnete sich eine entsetzliche Schlucht; die Hälfte eines Berges war darin niedergesunken und verschlungen worden, während die andere Hälfte noch ihr nacktes Eingeweide zur Schau trug. Dort klafften gebrochene Gletscher auseinander und entblößten ihre blaßgrünen Wunden dem Tageslichte. Von Felswänden hingen Wasserfälle ohne Bewegung herab, wie gläserne Säulen in der Luft. Weit entfernt gelegene Wälder glichen schwarzen Moosstecken auf beschneitem Gestein. Von Zeit zu Zeit zog ein dumpfes Dröhnen, wie rollender Donner, durch die Berge, das Geräusch stürzender Lawinen, die kein Auge entdeckte. – Furchtsam schauten die Soldaten auf und setzten den Marsch mit tiefem Schweigen fort, um durch ihr Getöse nicht die Luft und durch sie die überhangenden Schnee- und Eismassen zu erschüttern. Endlich aber wichen links und rechts die Bergreihen weiter auseinander. Die ersten Spuren eines Pflanzenlebens kündeten sich wieder an; niedrige Alpenerlen, die ihre dürren Aeste aus dem Schnee emporstreckten; Alpenföhren, die ihre, am Boden kriechenden Zweige mit Nadelnbüschel krönten Alpenerlen ( Betula alnus viridis ) und Alpenföhren ( Pinus Pumili ) gewöhnlich, mit Ausnahme niedriger, kaum das Gras überragender Weiden, die letzten Holzarten an den Grenzen des Banmwuchses in den Schweizerbergen. . Weiter abwärts wurden dann an den Gebirgshalden lange Streifen von Tannenwäldern, neben leeren Wasserrunsen, die der schmelzende Schnee, oder Regengüsse, seit Jahrtausenden, eingefurcht hatten, sichtbar; und noch entfernter drunten erschloß sich die Aussicht in ein Thalgelände, oder vielmehr in ein Netz von Thälern, durch die in einander verschränkten Füße entgegenstehender Berge gebildet. Nach einigen Stunden zeigten sich hier und da schon Schöpfungen von menschlicher Hand; Stege von rohbehauenen Baumstämmen, oder Steinplatten über Gießbäche gelegt; verfallene Einhägungen; zerstreute Stallhütten; endlich in noch tieferen Gründen kleine menschliche Wohnungen, bald beisammen, bald weit von einander gelegen, kaum von jenen Steinblöcken zu unterscheiden, welche, durch Wolkenbrüche und Lawinen dem verwitterten Gebirge entrissen, auf den Wiesen da lagen. Loison's Waffengefährten fühlten sich, wie in einem neuen Leben, als sie, nach langer Trennung von der bewohnten Welt, wenn auch noch in ziemlicher Ferne, einzelne Rauchsäulen von wirthlichen Herden aufsteigen sahen. Man muß in winterlichen öden Wüsten, in Eisgefilden zwischen Nebeln und Klippen, selbst schon seine Verlorenheit gefühlt haben, um sich die Freude beim Wiedererblicken der ersten Zeichen einer bewohnten Welt lebhaft vorstellen zu können. Es ist dieselbe Freude, welche den Seefahrer ergreift, wenn er, nach langen Abenteuern zwischen Himmel und Wasser, festes Land am Horizont auftauchen sieht; oder wenn eine Karavane in brennenden Sandebenen Afrika's die Palmengipfel einer fernen Oase entdeckt. Gesang und Scherz, witzige Einfälle und fröhliches Gelächter erwachten wieder in den bisher verstummten Kriegerschaaren. Schon waren diese eine gute Strecke thalwärts gewandert, als der Vortrab, indem er sich um den Vorsprung eines Hügels bog, plötzlich bewaffnete Haufen gewahr wurde, die sich in verschiedenen Richtungen gegen den Berg hin bewegten. Der General ließ Halt machen. Während sich die Truppen schlagfertig aufstellten, erstieg er den Hügel, um Anzahl und Bewegung des Feindes zu erkennen. Von da aus sah er, daß der ihm entgegen rückende Haufen, in ziemlich kriegerischer Ordnung vorwärts schreitend, nicht schwächer an Mannschaft sei, als er selbst. Aber andere Rotten des Landsturms, die er links und rechts wahrgenommen hatte, wurden, vom tückischen Nebel verheimlicht, bald unsichtbar. Wahrhaftig, geheuer ist's hier nicht, sagte der Feldherr zu den nahestehenden Offizieren. Ich glaube, Hauptmann Prevost hat Recht. Die Bauern sind zahlreich; es kommt darauf an, wie sie sich schlagen. General, bemerkte einer der Offiziere, ich habe Schweizerbauern dieser Art im Grauholz bei Bern und am Rothenthurm kennen lernen. Wir waren stärker, als sie, und es ging blutig her. Wenn wir zurück müßten – – Kein Gedanke! – unterbrach ihn Loison. Entweder sprengen wir den Schwarm aus einander, und wir vereinigen uns übermorgen mit General Demont; oder im schlimmsten Falle schaffen wir diesem, bei Reichenau, freieres Spiel, indem wir den Landsturm hier im Schach halten. Siehe da, wir empfangen Besuch, General, rief ein Anderer. Drei unbewaffnete Bauern nähern sich und lassen weiße Tücher wehen. Unterhändler. Gut! entgegnete der Feldherr. Ich wette, die Schufte verlangen unsere Bajonette nicht zwischen ihre Rippen. Hören wir, was sie bringen. Als der General zur Vorhut seiner Truppen gekommen war, standen auch schon die ländlichen Abgesandten da; ziemlich betagte, vierschrötige Gestalten, zwar in bäurischer, doch stattlicher Landestracht. Sie verbeugten sich etwas ungelenk, mit ehrerbietig entblößten Häuptern, als er sie mit dem Tressenhut leicht begrüßte. Eben so schnell jedoch, als er sich wieder bedeckte, drückten auch sie ihren Filz trotzig auf die Stirn hernieder. 20. Die kriegerischen Unterhändler. Ohne Zweifel, meine Herren, redete sie Olivier Loison mit höflichem Wohlwollen an, ohne Zweifel seid Ihr die Vorgesetzten dieser Thalschaften, und wünschet Euch mit mir zu verständigen. Mich freut, die Bekanntschaft so achtbarer Männer zu machen. Ich komme keineswegs als Feind zu Euch; sondern als Freund, im Namen der französischen und helvetischen Republik, das Graubündner Land vom Joch des Kaisers zu befreien. Niemand von Euch soll durch uns belästigt werden. Mein Aufenthalt ist von nicht längerer Dauer, als nöthig, um den morgenden Tag zu erwarten. Der, welcher von den Abgeordneten der Aelteste zu sein schien, lüftete den Hut einen Zoll hoch über sein struppiges, eisgraues Haar, und erhob sodann die rauhe Stimme zur Antwort. »Jester heroic,« rief er, »tgei intruidese ha tei enten nossas pauperas vals? Nuot vein nus auter, che nossa libertat. Engulei à nus quella bucc. Ella gida vos nuot. Untgi da cheu daven! Nos umons, nos culms, nosses lavines vegnien vus mazah. Ils nos duensemmen a multaers vegnien à deventar vosses fosses!« Deutsch lautet es: Fremder Krieger, was führt Dich in unsere armen Thäler? Nichts haben wir, als unsere Freiheit. Raube sie uns nicht! Sie nützt Dir nichts. Weichet zurück! Unsere Männer, unsere Felsen, unsere Lawinen werden Euch erschlagen, unsere Abgründe und Multärs Eure Gräber werden. Der französische Feldherr hörte anfangs den Vortrag des greisen Redners mit lächelnder Verlegenheit an, und sah, wie der Mann, glühend im Gesicht, mit den Händen umherfuhr, zum Himmel und zur Erde zeigte, und durchbohrende Blicke auf ihn heftete. Dann aber unterbrach er ihn und erklärte mit spöttischem, höflichem Geberdenspiel seine Unkunde romanischer, oder rhätischer Sprache. Haltet ein, rief er, seine Offiziere schalkhaft anblinzend, mit komischer Artigkeit, haltet ein, Herr Großbotschafter. Ich zweifle durchaus nicht an der Gründlichkeit Eurer Meinung, oder an der Aufrichtigkeit dieser schmeichelhaften Aeußerungen, mit denen Ihr mich beehrt. Aber verschwendet so glänzende Beredtsamkeit nicht an ein paar unwürdige Ohren, die zwischen dem Rauschen einer Sägemühle und Eurer Stimme, keinen Unterschied bemerken können. – Gehen Sie, fuhr er zu einem Offizier gewendet fort, rufen Sie den Hauptmann Prevost herbei, der kann vielleicht das Knarren und Quaken dieses zahnlosen Demosthenes in menschliche Töne übersetzen. Die Gesandten der Tavetscher hatten zwar von den französischen Worten des Generals so wenig begriffen, wie er von ihren romanischen. Aus seinem gegebenen Zeichen und der eiligen Entfernung des Offiziers, erriethen sie jedoch, um was es zu thun sei. Bald erschien Flavian, von einem vorangehenden Korporal und zwei nachfolgenden Soldaten begleitet. Er blickte nicht unehrerbietig, aber finster, zum General auf, der ihm befahl, die Bauern um ihr Begehren zu fragen. Flavian wandte sich zu diesen und sagte in deutscher Sprache: Spricht Niemand von Euch französisch, italienisch, oder deutsch; so ziehet heim und wechselt mit diesen Franzosen lieber Flintenkugeln, als leere Worte. Ich glaube beinahe selbst, Bursche, es wäre das Gescheiteste, antwortete deutsch ein anderer Abgeordneter, der sich dann zu demjenigen seiner Gefährten wendete, welcher zuerst gesprochen hatte. Er schien mit ihm, in der Mundart des Thales erst gütlich, dann unwillig, zu unterhandeln, bis jener einige Schritte zurücktrat. Darauf sagte der neue Sprecher zu dem Gefangenen: Bursche, hinterbringe Deinem Meister und Herrn den Gruß, welchen ich ihm im Namen unserer Leute auszurichten habe. Doch mahne ich Dich, bestelle ihn redlich; denn wir spielen hier nicht um Haselnüsse, sondern um Köpfe. Er kehrte nach dieser vorläufigen Erinnerung das Antlitz dem General entgegen, den er eine Weile stumm, mit funkelnden Augen, musterte, als wäre es hier jeden Augenblick auf einen Faustkampf, Mann gegen Mann, abgesehen. In einem solchen hätte freilich der Brigadegeneral unfehlbar den Kürzern ziehen müssen. Denn nicht leicht konnte man eine riesigere Gestalt finden, als diesen Tavetscher Herold, der eine Kopflänge über die größeren Männer emporragte, und mit seinen breiten Achseln Zentnermassen, wie Kindertand, tragen zu können schien. Bewundernswerther als die Cyklopenform seines Gliederbaues, war aber eine gewisse Leichtigkeit in seinen Bewegungen, die man weder von einem zur Schwerfälligkeit verurtheilten Körper, noch von einem Alter erwarten konnte, das über sechszig Jahre hinausging. Das Haar des Alten wehte im Winde, schneeweiß, über ein frisches, röthliches Gesicht, welches nur durch eine bläuliche, wulstige Narbe über Nase und Wange, etwas entstellt war. Was suchen Eure kriegerischen Horden in diesem wilden Thal? fragte er den Feldherrn mit einer Stimme, die er sichtbar dämpfte, damit sie nicht in donnerndes Gebrüll ausarte. Die Wehklage der Völker schreit wider Euch über die Wolken des Himmels hinauf. Ihr Franzosen, ja Ihr habt den Thron Eurer alten Könige zerschlagen; Ihr habt die Altäre Eurer Heiligen gebrochen; Ihr habt die Ströme Deutschlands und Welschlands mit Menschenblut gefüllt. Ihr habt das Grab der heiligen Apostel geschändet. Vermisset Ihr, am lauten Jammer der Welt, vielleicht noch den Jammer armer Hirten in unbekannten Gebirgen? Diese Felsen gebären kein Gold; diese Gießbäche keine Perlen; nur vier Monden lang geben sie spärliches Futter für unsere Heerden; die übrige Zeit Reif, Schnee und Eis. Wollt Ihr hartherziger gegen diese Thäler sein, als der Erdboden? Wollt Ihr das Almosen stehlen, welches uns der Himmel so kümmerlich zuwirft? Unsere Väter sind jederzeit treue Bundesgenossen der alten Schweizer gewesen; Ihr aber habt die Schweizer in Euer Joch gethan; sie geschlachtet; Zwietracht in das Herz der Ueberlebenden geworfen und Feuerbrände in ihre Hütten. Ihr habt ihre Freiheit erwürgt; den Schatz ihrer Städte geraubt; ihnen nicht einmal den Namen der Schweizer und Eidgenossen übrig gelassen. Wir kennen keine Helvetier. Wahret Euch, uns ihr Loos zuzubringen. Ihr würdet schlechten Trägerlohn heimbringen. Auch haben wir gehört, Ihr wollet die Oesterreicher aus unserem Lande vertreiben. Sie sind unsere erbvereinten Bundesverwandten, sie sind unsere Gastfreunde. Wer, Ihr Fremdlinge, hat Euch Fug und Macht ertheilt, über unsere Heimath zu schalten, als wäre sie Euer Gut, und uns zu gebieten, wen sie beherbergen dürfe? oder unseren Herzen zu befehlen, wen sie lieben und hassen sollen? Seid Ihr des Kaisers Feind, so suchet ihn in der Burg in Wien. Er wohnet dort; nicht unter uns. Zurück! Setzet Euren Fuß keine Schrittbreite weiter, oder, bei allen Heiligen des Himmels, Ihr fahret vor Sonnenniedergang in die unterste Hölle. Feinden fordern wir keine Gnade ab, auch schenken wir ihnen keine. So Euch aber der Schnee des Gebirges ermattet hat, sprechet. Wir sind Christen, Ihr sollet Erbarmen finden. Unsere Hütten geben Euch Obdach, Milch und Käse; doch zuvor leget die Waffen ab. Morgen sollet Ihr Eure Rüstung und Wehr unversehrt wieder empfangen. Dann möget Ihr wohlbehalten nach Ursern zurücksteigen. Das soll ich Euch anzeigen. Mein Mund ist der Mund des Volkes! Flavian verdolmetschte dem Feldherrn die Worte des rhätischen Boten nicht nur treu, sondern mit wirklicher Begeisterung. Die stolze Einfalt dieser Rede mahnte den Jüngling an die kühne Sprache jener scythischen Gesandten, mit welcher sie dem macedonischen Alexander entgegengetreten waren, als der Eroberungssüchtige in ihre Steppen eindrang. Der französische Befehlshaber rief unter lautem Gelächter: Wer hätte doch in diesem Mammuth einen so gewandten Diplomaten vermuthet! Bürger Prevost, antworten Sie kurz und bündig: Wir zögen vor, die angenehme Unterhaltung im warmen Zimmer, beim Glase Wein, fortzusetzen, statt uns im Schnee hier die Füße erkälten zu lassen. Wir seien gute Freunde der Graubündner; würden Mannszucht halten und verlangten nichts, als ungehinderten Durchzug. Der Franzose aber gebe keine Waffe ab, bis man sie ihm aus der todten Faust reiße. Was sich dem Durchzuge widersetzt, wird niedergemacht. Basta! Durchzug? rief der Tavetscher, als er den Sinn der Antwort vernahm, und seine Stimme ging in dumpfes Brüllen über, wie die des gereizten Stieres. Bei den Gebeinen des heiligen Placidus! Wähle bei Zeiten die Heimkehr, Ketzer, oder es sollen die Knochen Deiner Räuberbande; neben den Deinigen, im Schnee und Sonnenschein dieser Berghalde bleichen, daß Bettler und Gauner genug Knöpfe für ganz Frankreich daraus schneiden können. Die blutfarbenen Hosen des langen Kuoni , der vor alten Zeiten, wie Du, von Ursern kam und Tavetsch überfiel, prangen längst nicht mehr in der Kirche von Disentis Laut Sage, hatte im Jahre 1350 ein Kriegsmann, Namens der lange Konrad mit seiner Rotte, von Uri her, das Thal von Tavetsch überfallen und geplündert, wurde aber mit den Seinigen erschlagen. Als Trophäe wurden die Hosen des Konrad lange Zeit im Kloster Disentis zur Schau gestellt. . Ich gelobe, an ihre Stelle die Deinigen aufzuhängen. Wahre Dich, Fremdling! Er sprach diese Worte mit solch donnernder Kehle, daß der Schall weit umher von den sich gegenüberstehenden Schlachthaufen gehört wurde. Seine Augen blitzten dabei stechend unter den grauen Wimpern hervor. Der General hatte ihn verstanden, ehe Flavian die Drohung übersetzte. Halten wir uns keinen Augenblick länger bei dem Behemoth auf, sagte Loison zum Schützenhauptmann. Wiederholen Sie ihm kurz: hindert man mich, meinen Weg friedlich fortzusetzen, werde ich ihn mir mit Feuer und Schwert bahnen. Damit drehte er der Gesandtschaft den Rücken und kehrte zu den Truppen zurück, die, seinen Anordnungen gemäß, schon angefangen hatten, ihre Reihen seitwärts auszudehnen. Nun denn lustig! Angefangen mit der Wolfsjagd! Schau auf in die Luft; der Waldgeier wittert schon Aas! schrie der Sprecher des Volkes und die Züge seines Gesichtes verriethen Zufriedenheit mit dem Beginn des blutigen Tagewerkes. Aber Du, fuhr er zu dem bisherigen Dolmetscher fort, sage an, wer bist denn Du? Ich sehe, die Wölfe da hüten Dich, wie ein fettes Lamm, das ihnen gern entwischen möchte. Nimm Du einen Ansatz zu uns hin; scheue ein paar blaue Bohnen nicht, die sie Dir nachschicken. Wo bist Du daheim? Was treibst Du bei den Ketzern? Ein Engadiner und Bündner bin ich, wie Ihr. Ihr seid ja selbst Zeuge, wie ich ihnen mit meiner Sprache dienen muß, erwiederte Flavian. Also ein Mauldiener? versetzte Jener. – Dergleichen treibt sonst sein Gewerbe freiwillig. Willst Du nicht lieber Deinem Vaterlande dienen? Ich kann es hier, mit gutem Rath, sagte der Hauptmann. Nichts davon, unterbrach ihn der Tavetscher trocken. Jetzt heißt's, gute That! Mache Dich davon, Bursche, sobald Du kannst und springe hinüber zu den Unsrigen, wenn Du nicht einerlei Loos mit dem welschen Gesindel verlangst. Gelobt sei Jesus Christ! Darauf nahm er rasch seine Amtsgenossen beim Arme, und eilte, neben ihnen, mit langen Schritten bergab. 21. Der Kampf. Indessen hatte Loison schon Befehl zum Aufbruch gegeben. Der Vortrab löste sich zum Plänkeln in eine lange Linie aneinander. Hinten wirbelten die Trommeln. Die Soldaten schritten durch den dichten Nebel, der Alles umhüllte, in geschlossenen Gliedern vor, still und ernst, die Augen bald niederwärts auf den unsicheren Boden gesenkt, welchen zwei Fuß tiefer Schnee bedeckte, bald vor sich hinaus, um die feindliche Mannschaft zu erblicken, welche indessen nirgends zu entdecken war. Loison hatte verboten, einen Schuß zu thun, bevor man von dem Landsturme angegriffen sei. Niemand wußte, wo dieser stand, als plötzlich die durchbrechenden Sonnenstrahlen den dichten Nebel zerrissen. Da sah man eine ziemlich geräumige, sanft abfallende Ebene vor sich; das Dorf Disentis im nahen Hintergrunde derselben; und über dem Dorfe die weitläufigen weißen Gebäude des Klosters von mäßiger Höhe herabschimmern. Links, am Fuße der Berge, breitete sich der Tannenwald von Segnes nach der Ebene aus; rechts, dem Rheine zu, erblickte man ein allein stehendes Kirchlein, zu St. Agathen genannt. Hinter demselben, in einer großen Tiefe, stürzten die Rheine, der Medelser und Tavetscher, zusammen, und schieden die Hochebene vom Eingange des Thales Medels, oder Brigels, über welches die weißen Kulmen des Lukmanier, des Sixwadun und anderer Bergmassen leuchteten. Loison hatte kaum die Zeit, sich in der fremden Gegend zu erkennen; denn vom Dorfe her wälzten sich ihm die starken Banden des Landsturmes bis auf Schußweite, unter Geschrei, Trommelschlag und dem gellenden Ton einiger Querpfeifen, entgegen. Links und rechts fielen einzelne Schüsse, die bald zahlreicher wurden und endlich vom knatternden Rottenfeuer einer Kompagnie Oesterreicher begleitet wurden. Die Franzosen vergalten diesen Angriff mit den tödtlichen Blitzen ihrer Gewehre. Eine Weile dauerte der Donner der Geschosse hinüber und herüber; dann gebot der General Sturmmarsch, und mit gefällten Bajonetten brachen seine Schlachtreihen in die Schwärme der Bauern ein, die verworren, doch hartnäckig fechtend, gegen die Hütten von Disentis zurückwichen. Unaufhaltsam drängten die Franzosen in's Dorf nach, während der dickste Nebel von Neuem Alles verschlang. Das Gefecht nahm einen wilden und blutigen Gang. Wo das rothe Licht eines Flintenschusses im Nebel aufleuchtete, dahin wurde gezielt. Auf dem Kirchhofe standen, hinter der niederen Mauer desselben, die Bündner Scharfschützen, wie in einer Schanze. Von da herab säeten sie Wunden und Tod. Die Franzosen, vereinzelt, von allen Seiten bedrängt, und ungewiß, nach welcher Richtung sich zu wenden, wichen aus dem Dorfe, um sich abermals im Freien aufzustellen. In diesem Augenblick aber hörte man Schlachtgeschrei und Flintendonner auf beiden Flügeln der französischen Stellung. Der Anführer der Bündner, Anton von Castelberg , ein gewandter, erfahrener Offizier, der Gegend kundig, hatte, im Nebel unsichtbar, die Seiten des Feindes umgangen und Abtheilungen des Landsturmes an den Bergen in Hinterhalt gelegt. Nun war für die Tapferen der sechsundsiebenzigsten Halbbrigade kein Zögern mehr. Sie eilten zu dem finsteren Gehölz von Segnes zurück, wo sie in wunderbarer Schnelligkeit ihre zerrüttete Ordnung herstellten. Doch der Heerhaufen der wüthenden Landleute flog ihnen wie eine gespenstische Geisterschaar durch den Nebel nach, um den Kampf mit Ungestüm zu erneuern. Da bemächtigte sich ein panischer Schrecken der sieggewohnten französischen Republikaner. Mit Mühe von den Hauptleuten zusammengehalten, begaben sie sich auf den Rückzug, den Berg hinan, von wo sie kaum erst herabgestiegen waren. Als sie eine ziemliche Strecke Weges aufwärts zurückgelegt hatten, und wieder aus dem Nebelmeer hervortauchten, das unter ihnen, weit und grau, über den Thälern lag, wurde Stillstand gemacht. Keuchend und fluchend, von nur wenigen Offizieren begleitet, gelangte auch Loison zur Höhe. Er schickte sogleich Befehle ab, neue Stellung zu nehmen. Indem er sich wendete, stieß er auf den Schützenhauptmann Prevost, den seine Wächter im Getümmel verloren hatten. Sie noch hier, Prevost? rief er ihm freundlicher zu und klopfte ihn auf die Schulter. Brav! Ich hätte Sie beinahe irgend anderswo vermuthet. Bleiben Sie mir zur Seite. Hier, wo wir Tageslicht haben, will ich die Bauern erwarten. Der verdammte Nebel drunten! Man steckt darin, wie im Sack. Prevost, Sie sind wieder frei. Ich sehe, Ihr Rath war wohlgemeint; aber nicht ganz am Platze. General, entgegnete der junge Mann, ich sprach, wie mir die Pflicht gebot. Welches aber auch der Ausgang des Gefechtes sein möge, erlauben Sie, daß ich meine Doppelflinte wieder erhalte, oder wenigstens einen Degen, um mich der eigenen Haut wehren zu können. Sie bedürfen hier keines müßigen Zuschauers, wo der Feind drei- und vierfach stärker ist, als wir. Und wenn zehnfach, ich will hindurch, sagte Loison. Es ist ein Wespenschwarm, den ich abschütteln muß. Mag er sich einbilden, er verfolge mich, wenn er herumschwirrt; ich werde ihn forträuchern. Prevost, die zwei Kompagnien der Nachhut droben sollen auf der Stelle herunter, sich links ziehen und dort den übrigen Truppen anschließen. Fort, überbringen Sie ihnen sogleich den Befehl. Höre ich recht, bemerkte ihm Prevost, so fallen auch droben, hinter uns, Schüsse. Wir sind umgangen; die Kompagnien der Nachhut haben schon Arbeit erhalten. General, sehen Sie da unten vor uns, wie es im Nebel schwarz und lebendig wimmelt? Der Wespenschwarm fliegt herbei. Fort! schrie der General und begab sich hastig zu den Truppen, während Flavian bergan lief, den Befehl desselben zu vollstrecken. Bald darauf hörte er hinter sich die Trommeln Sturmmarsch schlagen und das Geknatter des Gewehrfeuers. Wirklich rückten die Franzosen, Mann an Mann, Schulter an Schulter gedrängt, mit gefälltem Bajonet gegen die dichten Haufen des kriegerischen Bergvolkes vor. Einen Augenblick schienen die Bündner bestürzt und ungewiß. Doch plötzlich erhob sich ihr gräßliches Geschrei. Sie rannten in wildem Gedränge, mit gesenkten Spießen und Gewehren, den Franzosen entgegen. Als sie wenige Schritte vor diesen lebendigen Mauern und dem eisernen Stachelgürtel standen, drehten sie rasch die Flinten um. Mit den geschwungenen Gewehrkolben, gleich Keulen, schlugen sie die vorgestreckten Bajonette des Feindes auf einander und bohrten sich in die geschlossenen Massen der Franzosen ein. Während dieses mörderischen Handgemenges war Flavian in einen neuen Zug des Nebels gerathen, in welchem er nur wenige Schritte vor sich sah. Bald fielen auch in seiner Nähe einzelne Schüsse; er gewahrte hier und dort, durch die graue Dämmerung, Schatten umherschweben, kommen und verschwinden. Einer derselben kam in seine unmittelbare Nähe. Er erkannte, am langen, blauen Ueberrock und gezogenen Degen, einen französischen Offizier; ergriff ihn am Arme und rief: Halt! ich bringe Befehle des Generals. Kapitän Goujeon, sind Sie's? Was treiben Sie? Wo sind die beiden Kompagnien? Zum Teufel, die feigen Hunde, war die Antwort. Vor Dreschflegeln davonzulaufen. Unerhört! Sammeln Sie Ihre Leute, sagte Prevost, ihn festhaltend; der General ist mit dem Bataillon in der Nähe. Sie sollen sich ihm zur linken Seite anschließen. Sie haben ja Grenadiere bei sich, die doch Stand halten werden. Grenadiere das? schrie der Kapitän voller Wuth. Grenadiere? An den Galgen hängen sollte man die Memmen mit ihren Epauletten! Taub und blind sind sie, und die Schande und Schmach unserer sechsundsiebenzigsten Halbbrigade! Bleiben Sie, Kapitän, mahnte ihn der Bündner. Sie geben durch Ihre Eilfertigkeit ein böses Beispiel. Ich weiche nicht von Ihrer Seite. Wir wollen die Soldaten sammeln, und müssen wir umkommen, so sei es fechtend. Fort! Lassen Sie mich los, oder ich jage Ihnen die Klinge durch den Leib! schrie der Kapitän. Hier ist nichts als Unordnung. Die Bauern sind mitten unter uns. Damit riß sich der Kriegsmann los und rannte davon. In diesem Augenblicke begann von hinten ein stärkeres Musketenfeuer. Der Nebel verzog sich. Eine Rotte in der Nähe stehender Soldaten, gedrängt von den nachrückenden Bauern, hatte sich zu einigem Widerstande zusammengegliedert. Der Scharfschützenhauptmann wollte sich zu ihr gesellen, um so lieber, da er auf dem Boden ein weggeworfenes Gewehr fand. Er bückte sich, um es aufzuheben. Da prasselten eine Menge Schüsse um ihn her. Er fühlte Stoß und Schlag von Vorbeieilenden, und stürzte rücklings in die Tiefe eines steilen Bergabhanges hinunter. 22. Der Sturz. Seine Niederfahrt über die nur mäßig schräge, glänzende Schneefläche geschah zum Glück anfangs ziemlich langsam; doch bei einer bedenklichen Lage des Körpers: auf dem Rücken liegend, den Kopf nach unten, mit der bedrohlichen Aussicht, an der ersten Steinklippe zerschellt zu werden. Mit Geistesgegenwart versuchte Prevost, durch einen mächtigen Seitenschwung, die Füße wenigstens nach abwärts zu bringen; doch das Kunststück gelang nur zur Hälfte; denn sobald er eine wagerechte Lage bekam, rollte er, wie eine Walze, auf der schiefen Schneefläche abwärts. Mit verzweiflungsvoller Kraftanstrengung schlug er, auf die Gefahr hin, sie zu brechen, Arme und Beine auseinander, und hemmte die Schwindel erregende Bewegung. Endlich gelang ihm sogar, durch Einbohren der Hände und der Eisspornen seiner Schuhe, auf der schlüpfrigen Bahn einen Ruhepunkt zu erlangen. Fast athemlos, verharrte er einige Zeit in der gefahrvollsten Unsicherheit. Der Boden unter ihm, das Gebirge vor ihm, drehte sich eine Weile kreiselnd. Aus der Ferne vernahm er, hoch über sich, noch das Knallen der Flintenschüsse, und unter sich ein dumpfes Geräusch, wie von tobenden Wassern. Nachdem sich der Schwindel gemildert hatte, wagte er's, halbaufgerichteten Leibes, um sich zu sehen, von wo Rettung möglich sei. Nach der Höhe, von der er gekommen, hinter sich auszublicken, fehlte ihm der Muth; denn die leiseste Bewegung, im lockeren Schnee, konnte ihn in den Abgrund niederreißen, der ihm unter seinen Füßen entgegengähnte. Die breite Abdachung des Bergabhanges lief zu einer Tiefe, deren Boden sich nicht erkennen ließ. Rings um ihn her war Alles eine glatte, blendendweiße, abwärtsgesenkte Fläche, ohne irgend ein Gestrüpp, ohne ein hervorragendes Gestein, das ihm ein Haltpunkt hätte werden können. Wo er fest geklammert hing, konnte er nicht bleiben; aber auch nicht auf Menschenhülfe hoffen. Er starrte bange gen Himmel und seufzte leise: Gute Nacht, Sabine, und seinen Geist Gott empfehlend, entschied er sich rasch, der eiteln Qual des Lebens ein Ende zu machen. Doch die Liebe zum Leben sträubte sich gegen seinen Untergang, und das Verlangen nach Rettung kehrte mächtiger zurück. Es regte sich in ihm die Hoffnung, vielleicht unversehrt die Tiefe des Thales zu erreichen, wenn er leise, Fuß vor Fuß, mit Vorsicht abwärts rücke. Er begann behutsam den Versuch. Da spürte er, daß sich das ganze Schneelager, abgelöst vom Eisgrunde, unter und mit seinem Körper, fortbewege. Bald glitten größere, losgerissene Massen, neben ihm nieder, und ein dicker Silberstaub umflog ihn. Wilder ging Zug und Flug; endlich schoß Alles pfeilschnell mit ihm davon. Es war kein Halten, seine Sinne verdunkelten sich und das Bewußtsein erstarb. Zuweilen dämmerte eine Vorstellung, wie eine matt aufleuchtende Flamme, in ihm auf, erlosch aber eben so schnell. Es war ein Schweben und Schwanken zwischen Wachen und Schlaf, zwischen Leben und Tod, nicht das Eine und nicht das Andere. Das Bewußtsein blieb nur ein dumpfes Gefühl der Vernichtung und die einzige vorübergehende Empfindung, die der Leichenkälte seines Gesichtes und das Brausen und Summen, welches ihm durch's Gehör drang. Er athmete noch; hatte noch eine Thätigkeit des Geistes, wenn schon keine Erinnerung. Instinktartig bewegte er die Hand in der eisigen Nässe; schlug die Augen auf und schloß sie; öffnete sie abermals mühsam und sah nichts. Er besann sich halb und halb des Sturzes, ohne zu wissen, ob er noch fortdaure, oder ob der zerschmetterte Leichnam in einem Gletscherschrunde liege. Während des verworrenen Träumens und Brütens wurde ihm das Geschehene klarer, von der Gegenwart wußte er nichts. Sein Leib krümmte sich unwillkürlich, als möchte er sich aufraffen; vermochte es aber nicht. Die Gliedmaßen lagen da, wie gelähmt, zermalmt, oder gebunden; es drückte eine schwere Decke auf der Leiche. Da fuhr ihm ein Entsetzen durch die Seele, daß er noch lebe und lebendig begraben sei. In gräßlicher Angst stieß er mit Stirn und Fäusten gegen die über ihm befindliche Masse. Umsonst. Sie brach immer von Neuem zusammen. Es wurde ihm deutlicher, daß er von einer Lawine verschüttet sei. Nun gab ihm das verzweifelnde Leben Riesengewalt. Wie ein bohrender Erdwurm zog er die Glieder zusammen, trieb sie aus einander; wühlte mit Haupt, Brust und Armen aufwärts, zog den Unterleib nach sich, bis endlich eine deutliche Helligkeit die Annäherung des Tageslichtes ankündigte. Alsbald wurden seine Bewegungen eiliger, ungestümer, und doch leichter. Er brach endlich durch; stieg aus dem Grabe und, bis zur Ohnmacht erschöpft, sank er am Rande desselben in sich zusammen. Zwischen zwei schroff aufsteigenden Bergen, deren Füße einander berührten, befand er sich in einer schmalen Schlucht. An der schneebedeckten Seite des einen Berges erkannte er die breit eingerissene Furche der Lawine, die er ohne Zweifel durch seinen Sturz verursacht hatte. Der andere Berg erhob sich steil gegenüber, mit schieferartigen Steinlagern, die treppenförmig über einander hingen, oder tiefe Höhlungen bildeten, wie von den Wasserfluthen der Urwelt ausgewaschen. Darüber lag ein dunkler Tannenwald, dessen größere Hälfte, von Stürmen oder Lawinen niedergebrochen, verwitternd am Boden lag, wie vom Hagelschlag geknickte Halme. Der Schützenhauptmann bewunderte schaudernd die Erhaltung seines Lebens und seiner Glieder, welche er, von Zeit zu Zeit, ungläubig betastete und ausstreckte. Ja, sogar die Korbflasche, die an seiner Seite hing, war unzerschlagen geblieben. Die Hände gefaltet, und von einem Seufzer begleitet, sandte er einen Blick des Dankes zum Himmel. Dann suchte er einen Ausgang aus dem Felsenschlunde, in welchen ihn sein guter Engel unverwundet hinabgetragen hatte. Ein kleiner Waldbach leistete den Dienst des Wegweisers. Dieser Bach, von Absatz zu Absatz seines Bettes Wasserfälle bildend, eilte durch Schnee und Klippen, unbekannten Gegenden zu. Die Wanderung durch den wüsten Schlund machte sich nicht ohne Mühseligkeit. Bald wurde die Felsenspalte so enge, daß dem Wasser des kleinen Baches kaum ein Durchgang blieb; bald verrammten ungeheure Steinblöcke den Weg. – Schon war die Nacht hereingebrochen, ehe Flavian beim Sternenschein und Schneeleuchten gewahr werden konnte, daß er endlich in's offene Land gelangt sei. Ohne zu wissen, wohin? schritt er voran, vielleicht neuem Unglück entgegen. Obwohl ihm, von Jugend her, auf Gemsjagden, ähnliche Abenteuer in seinen heimathlichen Gebirgen keineswegs fremd geblieben waren, so wankte dennoch zuweilen sein Muth, wenn er daran dachte, daß er nun von einem, durch Sieg und Niederlage empörten Volke Obdach und Herberge verlangen solle. Er mochte fast eine Stunde Weges zurückgelegt haben, als er im Schnee eine Menge menschlicher Fußtapfen entdeckte. Entschlossen folgte er der Spur, die ihn zu einer bewohnten Gegend führen mußte. 23. Alte Bekanntschaft. Ho! Ho! Di a mi, nu ei la via? Ju hai se eriu! tönte aus der Dunkelheit unerwartet eine Stimme herüber. Erschreckt und doch erfreut, schrie Flavian durch die nächtliche Stille zurück: Wer da? Halt, Kerl! ließ sich die vorige Stimme in deutscher Sprache vernehmen; nimm mich mit Dir, wenn Du auf rechten Wegen gehest. Ich laufe schneeblind in der Irre umher. Warum, Ihr Teufelsnarren, ließet Ihr mich im Stiche, als Ihr mich von den vermaledeiten Franzosen fortgeschleppt sahet? Hätte ich den Steg über den Bach nicht wie ein Mann vertheidigt, säßet Ihr allesammt schon in des Teufels Rachen. Stehe, Kerl, sage ich Dir! Meinest, der Franzose sei Dir noch auf den Fersen? 's hat ja keine Noth mehr mit dem Schelmenpack. Es ist, wie toll, durch einander, über den Berg zurückgesprengt, als liefe es mit Siebenmeilen-Stiefeln. Nur heran, rief der Schützenhauptmann, bei der unerwarteten Botschaft von Loison's Rückzug zusammenfahrend und seinen Schritt verdoppelnd. Strenge lieber die Beine, als die Zunge an! Hole der Henker Dich und Deine Zunge, rief der Andere. Ein lahmer Hund behält noch zum Laufen drei Beine; mir aber hangen nur zwei am Rumpfe, davon eins ermüdet, das andere vom Luftsprung verrenkt ist; ja, von einem Luftsprung, den mir der Teufel selbst nicht nachmacht. Ein Sprung von der Flue, funfzig Fuß tief, ist bei meiner armen Seele kein Spaß. Die Franzosen selbst sperrten Maul und Nase auf, als ich entwischte, und pfiffen mir, ein Abschiedslied, mit ihren Kugeln, um die Ohren. Hier näherte sich hinkend die Gestalt eines stämmigen Bauernmannes. Sie hängte sich sogleich, mit beträchtlichem Gewicht, an Flavian's Arm. Also die Franzosen sind geschlagen, sind zurückgejagt? fragte dieser neugierig. Hei, die haben vor uns hertanzen müssen, wie das Vieh in den Alpen, vor einem Gewitter, antwortete der Bauer lachend. Ich wette, die hungern so wenig mehr nach Tavetschem Milchbrei, als ihre Kameraden, die todt im Schnee umherliegen. Das war mir eine Schlacht und ein Schlachten, und Jeder von uns ein Bonaparte. Während der Tavetscher Held unermüdet von Loison's Niederlage und der Tapferkeit der Sieger erzählte, überdachte Flavian das Gefahrvolle seiner gegenwärtigen Lage. Wehe ihm unter seinen siegtrunkenen, wild aufgeregten Landsleuten, wenn entdeckt worden wäre, daß er mit den Franzosen eingedrungen sei! Er mußte das Loos des Vaterlandsfeindes und Hochverräthers erwarten. Nichts konnte ihn in diesen Stunden gegen Verdacht schützen, als sein bäurischer Anzug; und natürlich war er des glücklichen Zufalls froh, der ihn so eingekleidet hatte. An Flucht war nicht mehr zu denken. Er stimmte daher in die stolze Freude des Bündners über Loison's verunglücktes Unternehmen, und prophezeite neue Triumphe über die Unterjocher der Schweiz und Italiens. Doch inmitten des Gespräches mit dem hinkenden Begleiter, blieb dieser plötzlich stehen, und rief: Alle Donner! das klingt mir absonderlich in's Ohr, oder ich bin verhext. Ich will, meiner Seele, nicht Uli Goin sein, wie ich leibe und lebe, wenn Ihr nicht der Hauptmann Prevost seid. Er beugte sich bei diesen Worten näher nach dem Gesichte des überraschten Hauptmanns, um es im matten Zwielicht des Sternenscheins zu erkennen. Dachte ich's doch, rief Flavian hocherfreut, Du könntest es sein, ehrlicher Uli. Aber ich traute meinem Glücke nicht. Sei willkommen! Tausendmal, Herr Hauptmann, jauchzte Uli und zerquetschte mit gewaltigem Druck fast die Hand seines Gönners. Habe ich doch ein Glückshäubchen mit auf die Welt gebracht. Wir halten's fürwahr, wie die Fledermäuse, und begegnen uns immer zur Nachtstunde. Wißt Ihr noch vorigen Herbst auf der Lenzerhaide? Doch wenn ich Katzenaugen hätte, ich würde Euch diesmal nicht erkannt haben. Ihr kommt da veroberländert an, wie unser Eines. Also waret Ihr mit in der Schlacht? Nicht wahr, wir haben die Bälge dieser Stall- und Kellerratten tüchtig eingepfeffert. Nun sagt doch, seid Ihr gestern oder heute von Chur oder von anders her zu uns gestoßen? Ich war auf dem Wege von Uri hierher, antwortete Flavian, wurde aber von den Franzosen genommen und, als Gefangener, mit fortgeschleppt, bis ich einen Sprung machte, wie Du; eine verschneite Berghalde hinunter fuhr und, wie ich zur Besinnung kam, mich aus einer Lawine hervorgraben mußte. Sage mir nur, wo wir eigentlich sind? Ihr befragt einen blinden Rathsherrn, Herr Hauptmann. Ich weiß, beim Donner! nicht mehr, ob bei Rueras oder Sedun, bei Selva oder Ciamut, bei Camischolas oder Giuf. Aber tröstet Euch. Wo hier zu Lande ein Steinhaufen Rauch giebt, liegt ein Feuerherd darunter. Sehet, als der Teufel einst mit einem Sack voll Häuser hier vorbei flog, riß ihm der Piz Alv ein Loch hinein, daß er die Hütten über Thal und Berg verschüttete. Aber Herr Hauptmann, ich bin Eurer Meinung, und säße lieber mit Euch wieder am vollen Tisch der hübschen Wirthin von Lenz, statt hier im Frost und Schnee herum zu hinken. So einen fetten Schmaus, wie damals, halten wir freilich heute nicht. Der Gäste sind zuviel und wir kommen an, wenn abgetischt sein wird. Haben die Franzosen auf dem Rückzug viel Mannschaft eingebüßt? fragte der Hauptmann, begierig, die nähern Umstände des Treffens zu erfahren. Ich, antwortete Uli, ich allein habe ein halbes Dutzend niedergemacht, das schwöre ich! Wären sie nicht behender, als Geiße, über die Crispausa hinaufgesprungen, beim Donner! alle hätten wir abgeschlachtet, daß Wölfe und Bären des Landes übersatt gehabt haben würden. Und verständen sich nicht viele dieser Ketzer auf schwarze Kunst, müßte jeder von ihnen mehr Löcher im Leibe haben, als ein Sieb. Wir schickten ihnen ein paar Millionen Kugeln in die Rippen; wenn die davon abprallten, war's unsere Schuld nicht. Denn bessere Schützen, als zwischen Lukmanier und Crispalt, findet man in Europa nicht. Aber im Sommer, gebt Acht, wird man in Tobeln und Klüften, an Felsen und Büschen mehr Franzosengerippe hangen sehen, als Zapfen an den Tannen. Todt oder halbtodt, was von den Franzmännern nicht mitlaufen konnte, wurde von den Blauröcken selbst, wie Flößholz, in die Abgründe geschleudert. Still! Hörst Du in der Ferne Trommelschlag, Uli? Das sind unsere Leute, Herr Hauptmann, und wir, heißa juchhe! auf dem rechten Weg. Vorwärts! Die Schneestraße wäre nicht übel, paßte nur mein linkes Bein besser darauf. Halt! beim Donner, nein! Horcht! Das ist österreichisches Kalbfell! Ich wollte, die Schlucker trommelten sich morgen ebenfalls zum Lande hinaus. Wir nehmen's allein mit ganz Frankreich auf. Wie, Uli Goin? bist Du kein Freund der Kaiserlichen? Ich? Warum nicht, Herr Hauptmann? Ich kenne sie ja. Es sind brave Leute, scheuen Hölle und Teufel nicht. Prächtige Husaren, prächtige Grenadiere; Schnurrbärte, wie Fuchsschwänze; Mützen, wie Butterfässer, Alles ohne Tadel. Nur einen Fehler haben sie am Leibe, das ist ihr Maulwerk. Der Himmel erbarme sich unserer Rauchfänge und Speckseiten, Käsegaden und Keller, wenn man dergleichen Gäste zu Tische hat. Der Meister soll noch erschaffen werden, der ihnen das Loch zwischen Zahn und Zahn vermauern kann. Ich versichere Euch, Herr – – – Hier unterbrach ihn sein Begleiter mit dem Ausruf: Ich sehe Licht vor uns. Vermuthlich ist ein Dorf in der Nähe. Richtig! Unfehlbar! betheuerte Uli Goin. Ging mir's doch schon eine Weile um die Nase, wie Duft von gebratenen Käsescheiben. Pest, der linke Fuß! Hätte er halb soviel Verstand, als der Magen, so säßen wir schon vor einem Laibe Brod und warmer Zukost. Er beschleunigte hinkend an Flavian's Arm seine Schritte. Der Weg senkte sich abwärts zu einigen Häusern, die immer deutlicher aus der Finsterniß hervorstiegen. Neben einem der Gebäude war ein Haufen bewaffneter Bauern versammelt, vom röthlichen Licht der hellen Fenster matt beleuchtet. Uli Goin schaute links und rechts umher, die Ortschaft zu erkennen. Gut! rief er, nur noch ein Dutzend Schritte weiter. Ich kenne den Gilg Daniffer . Er soll uns Quartier geben. Vorsorge trägt mehr ein, als Nachsorge. Kommt! Sie wanderten weiter, an mehreren Häusern vorüber, aus denen lautes Leben der Menschenmenge erscholl, die sich nach den Mühen und Gefahren des Kampftages militärisch eingelagert hatte. Endlich wendete Flavian's Führer den Schritt zu einem langen hölzernen Gebäude von geräumigem Umfange. Beide traten durch ein Gedränge herausgehender und ankommender Landleute hinein. Alles schwatzte, lachte und jodelte durch einander. Links und rechts sah man durch die offenen Thüren erleuchtete Stuben, mit Männern und Weibern angefüllt. Eine Geige, eine Klarinette, eine Querpfeife klang fröhlich aus der einen hervor, und auf den bretternen Dielen des Bodens wurde der Takt dazu von Füßen der Tanzenden gestampft. – Dahinein, allen Schmerz schnell vergessend, zog Uli Goin seinen Gefährten und sagte: Hier geht's lustig zu, wie am Jahrmarkt von Ilanz, und Hans ist wieder im oberen Gaden. Das laß ich mir gefallen. Zur Noth kann ich wohl auch noch auf einem Bein mitspringen. Aber, Herr, vor Allem will ich billigermaßen erst für das Wichtigste sorgen, womit man Leib und Seele zusammenflickt. Erwartet mich einen Augenblick hier. Gilg Daniffer muß herhalten, und wär's sein letztes Stück Brod. Er hinkte davon. Flavian, noch zu schwer von den Erlebnissen des Tages ergriffen, fühlte sich in dem lärmenden Getümmel nichts weniger, als behaglich. Die Mehrheit derer, die hier in ausgelassener Lust tobten und jauchzten, hatten noch vor Kurzem im Angesicht des Todes gestanden, und war kaum erst vom Blutwerk zurückgekehrt. Viele taumelten, mehr von Wein oder Branntwein, als von Siegesfreude, berauscht; während bald hier, bald dort eine alte Frau, ein junges Weib still weinend, blaß, zitternd vor Angst, durch das Gewühl suchte und fragend drängte, nach Gatten, Sohn, oder Bruder forschend, der nicht wieder zurückgekehrt sei. Weit schauerlicher, als dieses Schauspiel von toller Lust und banger Sorge, wurde ihm ein anderes. Als er durch den dichten Haufen trat, welcher die Tänzer umringte, sah er auf einem runden Block fünf oder sechs französische Soldaten, mit gebundenen Füßen, in zerrissenen Uniformen, oder halb entkleidet, sitzen; Rücken gegen Rücken gekehrt; sämmtlich von einem Seil mehrfach umschlungen. Um sie her wälzten sich die tanzenden Paare in lustigen Sprüngen, unter rauschendem Gelächter der Zuschauer. Die Gefangenen saßen da, bleich und matt, mit gebeugtem Antlitz vor sich hinstierend, wie wenn sie die Tiefen ihres Elendes ersehen wollten, oder im Geist den verlassenen Eltern und Geliebten ihrer Heimath Ade sagten. Dann und wann blickte Einer, mit wehklagenden Augen, himmelwärts, als suche er Trost von oben; ein Anderer rollte düster die Augen umher nach dem rasenden Getümmel, und seine Geberde war Fluch. Niemand verstand die Sprache der Unglücklichen, in der sie klagten und baten. Aber auch sie verstanden die Worte der romanischen Sprache nicht, in der sie verhöhnt wurden. Der Schützenhauptmann stand lange, betäubt vom Entsetzen. Es war ihm zu Muthe, als sei er aus der Mitte Europa's, durch einen bösen Geist, plötzlich in jene fremden Wildnisse verpflanzt, wo Neger, oder kupferfarbene Indianer, frohlockend ihre fürchterlichen Tänze um die gefangenen Feinde halten, welche den langsamen Qualen des Todes geweiht sind. Er war im Begriff, die verzweifelnden Schlachtopfer anzureden, oder ihr Fürsprecher bei den grausamen Siegern zu werden, als ihn eine Faust von hinten ergriff und zurückzog. Es war Uli Goin, der laut rief: Herr Hauptmann, hier ist unseres Bleibens nicht; denn alle Kübel sind leer. Also laßt uns anderswo Futter betteln, oder stehlen; es ist aber da böse stehlen, wo der Wirth selbst ein Schelm ist. Ein derber Faustschlag auf den Rücken des Sprechenden unterbrach die Rede. Uli sah sich trotzig um; hinter ihm stand, breit und vierschrötig, ein lachender, alter Bauer, dessen weiße Haare verwildert um ein volles, röthliches Gesicht herniederhingen. Flavian erkannte in ihm, und an der Narbenwulst über Nase und Wange, den Mann, dessen und Loison's Dolmetscher er, vor Anfang des Gefechtes, hatte sein müssen.. Du selbst Schelm und Schuft, und lüderlicher Habenichts von Hause aus, lärmte der Benarbte lachend den Uli Goin an. Soviel Fresser, wie heute, machen auch eine Königsküche arm. Höre, Gilg Daniffer, entgegnete Goin freundlich, lasse mit Dir reden. Wir begehren nichts umsonst, und Du weißt, Geld im Sack duz't den Wirth. Aber der Alte hörte nicht weiter auf ihn. Er betrachtete den Schützenhauptmann mit großer Aufmerksamkeit von allen Seiten und rief dann: Siehe da, Bursche, bist Du es wirklich? Also doch den welschen Hunden, die Dich bewachten, glücklich entwischt? Recht so, nicht wahr? Schwarzbrod und Freiheit! Nicht wahr, Du hungerst, wie dieser Wehrwolf da, der vom Halse ab, nichts, als Magen ist? Komme, bei mir soll ein braver Bündner nicht Hungers sterben. Folge mir in's Küchenstübchen, mein Bursche. Und Du, Uli, darfst auch mit kommen, damit Du Dich nicht am Ende selbst auffrissest. Uli Goin ließ sich nicht lange bitten; gab mit zufriedenem Schmunzeln dem Spötter einen dankbaren Hieb auf die breiten Achseln, und Flavian folgte Beiden durch die Küche in ein enges Kämmerchen. Hier, wenn Ihr keine bessere Herberge wisset, könnt Ihr auf den Bänken Nachtlager nehmen, sagte der wirthliche Volksmann, indem er einen Haufen Ueberbleibsel von Broden und Käsestücken, und einige Brocken geräucherten Fleisches, nebst einer halbleeren Branntweinflasche, auftischte. Dann entfernte er sich. Uli schaute ihm mit gerunzelter Stirn grollend nach und murmelte: Beim Donner! Das ist ein Mahl, wie man es wohl lästigen Hunden, aber nicht Männern vor die Füße wirft, die von Heldenarbeit heimkehren. Indessen griff er dennoch zu; die menschliche Natur besiegte bald den nicht ganz ungerechten Zorn seines Herzens. Nicht besser erging's dem Schützenhauptmann, so betäubt, oder empört, er auch von den Geschichten des Tages und den Unmenschlichkeiten sein mochte, deren Zeuge er eben vor wenigen Augenblicken gewesen. Nachdem Beide verzehrt hatten, was auf dem Tische, von einer schmutzigen Lampe beleuchtet, Eßbares zu finden war, streckte sich Einer, wie der Andere, übermüdet auf dem Boden aus, den Schlaf zu erwarten. Vor Flavian's geschlossenen Augen gaukelten im Traume die Bilder der jüngsten Stunden: kämpfende Haufen, Lawinen, Pulverdampf, Nebel und Tänze wilder Völker. Bald schwamm Alles durch einander, und nur die im Hause fortgellende Musik regte zuweilen in ihm noch Traumbilder freundlicherer Art an. Er wandelte, war's ihm, wie im Glanze von hundert leuchtenden Kerzen, durch weite Ballsäle, suchte im Gewühle reichgeschmückter Damen die schöne Elfriede von Marmels, oder schwebte im Walzer mit Sabinen selig dahin. 24. Die schreckliche Nacht. Ein erschütternder Schlag, oder Knall, schreckte die beiden Schläfer nach einigen Stunden unangenehm aus ihrer Ruhe auf. Sie sahen umher; die kleine Kammer lag jedoch in tiefer Finsterniß. Durch die blinden Scheiben eines kleinen Fensters dämmerte das Mondlicht. In einer nahe gelegenen Stube entstand ein dumpfes Geräusch; dann erscholl der durchbohrende Schrei: Au secours! au secours! Je me meurs! Miséricorde! (Hülfe! Hülfe! Ich sterbe! Erbarmen!) Flavian glaubte das Röcheln eines Sterbenden zu hören. Er sprang mit Entsetzen auf und lauschte umher. Plötzlich fiel, wie es schien außer dem Hause, in den Straßen, ein Flintenschuß, welchem verworrener Lärmen durch einander schreiender Stimmen folgte. Uli, Uli, hier ist ein Unglück geschehen, rief Flavian, tappte zur Thür hin; und durch die dunkle Küche in den Hausgang. Hier erblickte er Gilg Daniffer, den Hauswirth, der, eine Lampe in der Hand, bleich, mit starren, hervorgequollenen Augen, wie ein riesiges Gespenst umherschwankte. Seine Lippen bebten; blieben aber, auf Flavian's wiederholte Fragen, stumm. Gebt Antwort! schrie der Hauptmann noch einmal, und trat dem Wirthe, der fortwährend einem empfindungslosen Nachtwandler glich, in den Weg. Was giebt's draußen, oder in Euerm Hause? Sind wir überfallen? Waren das nicht Flintenschüsse? Daniffer erhob langsam den Arm, und deutete mit dem Zeigefinger stumm hinter sich nach dem Zimmer, in welchem man Abends vorher getanzt hatte. Durch die offene Thür desselben fiel ein mattes Licht. Der Jüngling flog dahin. Noch wenige Bauern standen, auf ihre Flinten gelehnt, beisammen: der Eine gähnend; der Andere lachend; ein Dritter lud schweigend sein Gewehr. Sie grinsten dem Ankommenden, ohne sein Fragen zu beachten, in's Gesicht. Einer von ihnen, den er am Arm rüttelte und in's Ohr schrie, lallte endlich mit schwerer Zunge: Abgemacht! Tanz vorbei, und gut bezahlt, siehst Du? Prevost starrte die Menschen verwundert an, die seine Reden nicht zu verstehen schienen. Es ist hier Pulverrauch, rief er, warum wurde geschossen? Krieg, Du Narr, erwiederte der das Gewehr lud, und durch Vor- und Rückwärtsschwanken des Leibes seinen Zustand genugsam verrieth. Hei da! Pulver auf die Pfanne! Schlagt an, Feuer! Alles nieder, mausetodt! Indem der Hauptmann im Halbdunkel des Zimmers unruhig umherblickte, bemerkte er am Boden einen Menschen liegen. Er ergriff die Lampe und leuchtete herab. Es war ein französischer Soldat, mit zur Erde gekehrtem Gesichte, unter dessen Leibe das Blut hervor floß. Mörder! schrie Flavian mit Entsetzen die Bauern an. Was habt Ihr gethan? Einen Kriegsgefangenen umgebracht? Was hat er verbrochen? Ihr Männer, packt diesen Bösewicht und führt ihn auf die Wache. Fort mit ihm! Als sich Niemand bewegte, und ihn Alle gleichgültig anglotzten, streckte er den Arm nach jenem aus, dessen Flinte abgeschossen war. Der Trunkenbold taumelte jedoch zurück, und stürzte rücklings über den blutenden Leichnam zu Boden. Um Beistand herbeizurufen, rannte Prevost zur Thüre, von wo ihm zwei andere eben so trunkene Kerle, vom Hausgang her, entgegentraten und jauchzten. Lustig, Ihr Männer! schrie Einer von ihnen. Ihr seid also fertig. Wir haben's gehört. Der Unsrige in der Kammer drinnen streckt ebenfalls alle Viere von sich. Kommt, kommt! Courage, sagt der Franzos! Schaut her! Bei diesem Worte zeigte der Kerl ein Messer in seiner blutigen Faust. Alle, Alle, sollen d'ran; Keiner lebendig nach Disentis entkommen. Wo sind sie, die Uebrigen? Schon fortgeführt? Auf, ihnen nach! Mir nach! Mir nach! Damit schwankte er zum Hause hinaus. Sein Begleiter that, wie er. Flavian, voller Entsetzen, und empört von den Gräßlichkeiten, die er gesehen und gehört, eilte den Mordlustigen mit klopfendem Herzen nach. Es blieb ihm kein Zweifel, es war um die Niedermetzelung der unglücklichen Kriegsgefangenen zu thun. Er schmeichelte sich kaum, ihnen Rettung bringen zu können, und doch wandte er sich hinaus, ohne zu wissen, wohin? Nach einigen Schritten gewahrte er seitwärts, im blutbespritzten Schnee, die Leiche eines französischen Kriegers ausgestreckt. Plötzlich blitzte wieder ein heller Schein über den Todten und die nahestehenden Hütten, und ein Flintenschuß knallte im gleichen Augenblicke. Nun richtete er seinen Schritt der Gegend zu, von wo der Schuß gefallen war. Dort stand ein dichtgedrängter Haufen Bewaffneter, mit Weibern und Kindern gemischt. In der Mitte des Schwarmes, am Boden, brannte eine Laterne. Er arbeitete sich ungestüm durch die schweigende, gaffende Menge, während ein Einziger, dem Alle zuhörten, mit feierlicher Stimme, in romanischer Sprache redete. Endlich bis zum inneren Kreise vorgedrungen, begegneten dem Blicke des Hauptmanns abermals neue Gräuel. Ein erschossener Soldat lag, noch zuckend, am Boden. Neben demselben kniete, mit auf den Rücken gebundenen Händen, ein Anderer der Kriegsgefangenen. Es war ein schöner Jüngling, bleich, in Todesangst, zitternd im Frost der schaurigen Nacht, seiner Uniform halb entkleidet. In den rohen Zügen der Umherstehenden aber wohnte keine Spur des Mitleids; nur Neugierde, oder hämisch lächelnde Bosheit. Die Blicke der Versammlung waren abwechselnd, bald auf die im Schnee liegenden Schlachtopfer, bald auf zwei neben einander stehende Benediktinermönche gerichtet. Einer von diesen redete in der Sprache des Thales, und wie es schien, sehr bewegt, mit bittender Geberde und Stimme. Als er geendet hatte, brüllte Jemand aus dem Haufen romanische Worte, denen viele der Anwesenden Beifall gaben, wobei sie sich einander zunickten. Still, meine Freunde, sagte der zweite Mönch, ein kleiner, alter Mann, von ehrwürdigem Ansehen, welcher bisher geschwiegen hatte. Laßt auch mich, im Namen Gottes und der gebenedeieten Jungfrau, zu Euch sprechen, ehe Ihr noch einmal Menschenblut vergießet, das um Rache zum Himmel schreit über Euch und Eure Kinder. Höret mich an! Doch er bat umsonst. In der Menge erhob sich, mit unruhiger Bewegung, wildes verworrenes Murren, welches von Augenblick zu Augenblick ärger tobte, bis eine gewaltige Stimme fluchend dazwischen donnerte und Schweigen gebot. Es war die furchtbare Kehle Uli Goin's, die sich hier vernehmen ließ. Stille! Stille! brüllte der Riese, der Alle überschrie, stille, oder der Donner Gottes rollt über Eure verfluchten Schädel herab. Höret die Worte unsers hochwürdigen Herrn Paters Gregorius , die wohl so viel werth sind, als das blutdürstige Kreischen der Prahlhänse da drüben. Die Versammlung richtete ihre Augen auf den gewaltigen Rufer. Als er die Aufmerksamkeit, oder das Befremden, der Menge wahrnahm, fügte er eben so kräftig hinzu: Ihr Schlaraffen, was gafft Ihr? Ich sage, wo ein tapferer Mann gegen Hundert steht, da ist's Muth; wo aber, wie hier, Hundert gegen Einen stehen, da ist's Feigheit. Ihr sollt Achtung haben vor einem Priester des Herrn. Ja, schaut mich nur an, beim Donner! ich bin's, Uli Goin, der es sagt, und kein Anderer! Nun, als Ruhe eingetreten war, hob der greise Mönch die Rede an: Im Namen Gottes, seiner gnadenreichen Mutter und aller Heiligen, hat Euch Euer frommer Seelsorger, der hochwürdige Pater Vigilius Wenzein , schon um Barmherzigkeit für die wehrlosen Kriegsgefangenen angerufen. Ihr hörtet aber seinen Ruf und den Ruf des Himmels nicht; Euer Herz blieb verstockt; Ihr hörtet nur auf den Jubel und das Beifallsgelächter der Hölle! – Wehe über Euch und Eure Kinder, die Hölle wird Eure Gräuelthat belohnen! Ihr habt Gott verlassen, und so wird Gott Euch verlassen und Euch in die Hände Eurer Feinde geben. Ihre Heerschaaren werden mit verdoppelter Macht zurückkehren und Rache nehmen! Ich sehe Eure Häuser in Flammen, Eure Alpen verödet, und über Euren Leichen den Jammer der Wittwen und Waisen! – O, Ihr im Namen Christi Getauften, wo sind Christen unter Euch? Ihr Menschengesichter, wo sind Eure menschlichen Herzen? Als ich einst aus fernen, deutschen Landen zu Euch kam, hoffte ich, in diesen Thälern wohne Einfalt, Unschuld und Treue, welche in der übrigen Welt fast ausgestorben ist. Diese Nacht hat mich enttäuscht und alle meine künftigen Tage in Nächte verwandelt. Ich sehne mich zu sterben. Tödtet mich alten Mann, denn Ihr lechzet noch nach Blut, doch schonet das Leben dieses armen Jünglings! Dies ist meine letzte Bitte. Erhöret sie; tödtet mich, dann will ich droben, vor dem Throne Gottes, um Gnade für Euch bitten; aber gebet Gnade diesem Jünglinge. Haltet ein mit Morden! Uebt Erbarmen, wenn Euch der Himmel Erbarmen gewähren soll. Nein! nein! schrie eine Stimme im Haufen. Unser ist die Rache! die welschen Mörderbanden haben meinen Vater erschossen. Unser ist die Rache! Sie haben mein Haus geplündert. Auf, auf, vertilgt die Teufelsbrut! Gedenkt der früheren Worte unserer Priester, als sie uns aufriefen. Wir sind Streiter und Werkzeuge Gottes zur Vertheidigung der heiligen Religion gegen die Frevler und Ketzer. Nieder mit ihnen! Keine Gnade! Mehr verstand man nicht. Ein rasendes Toben und Waffengeräusch verschlang die Worte des Redenden. Der alte Benediktinermönch kniete neben dem zum Tode Verurtheilten nieder, und hob die Hände zum Himmel. Aber ein Mann, mit hochgeschwungener Axt, sprang in den Kreis, zu dem französischen Jünglinge. Eben so rasch jedoch flog der Schützenhauptmann dem Mordgierigen nach, ergriff ihn, und schleuderte ihn mit so kräftiger Faust zur Seite, daß derselbe ächzend zur Erde stürzte. Wuthheulend und stürmisch fuhr in demselben Augenblicke der Volkshaufen durcheinander. Mit Flintenkolben wurde der Schädel des französischen Gefangenen zerschmettert. Ein Messerstich durchbohrte Prevost's Schulter, ein Bajonetstich seine Hüfte. Er fiel. Zu spät kam Uli Goin, der das Unglück bemerkt hatte, ihm zu Hülfe. Er fand den Blutenden erst wieder, als sich die Menschenmenge verlaufen hatte, weil sie dem, im Jubel fortgeschleppten Leichnam des jungen Franzosen nachrannte. Die menschenfreundlichen Benediktiner ließen den blutenden Hauptmann, durch einige Zurückgebliebene, in ein benachbartes Haus tragen. Sie lösten seine Kleider; wuschen seine Wunden; stillten durch Verbände mühsam das gewaltsam vorquellende Blut und suchten ihn in's Leben zurückzurufen. Uli Goin war bei Allem der Hülfreichste und Trostloseste. Vor Anbruch des Morgens, während im stille gewordenen Dorfe die Bauern ihren Rausch verschliefen, wurde der Schwerverwundete, dessen Bewußtsein noch immer nicht zurückgekehrt war, nach Disentis gebracht. Hier hatte die Herrschaft des Schlosses Castelberg schon vier bis fünf gefangenen französischen Offizieren eine Zufluchtsstätte gewährt. Auch Prevost wurde sie zu Theil, nachdem sich der Pater Gregorius flehend für ihn verwendet hatte. 25. Verwirrungen. Von starken Verblutungen erschöpft, und in Folge der zahlreichen Quetschungen, die Flavian im Gedränge der Bauern, oder von ihren Füßen getreten, empfangen hatte, lag er den ganzen Tag besinnungslos da. Man zweifelte an der Rettung seines jungen Lebens, Uli Goin wich nicht vom Lager seines Wohlthäters, und selbst die allgemeinen Unruhen, welche an diesem Tage das Thal erfüllten, erregten die Theilnahme des treuen Dieners nicht mehr. Es verbreitete sich das Gerücht durch's Land, Massena's Heer sei siegend über den Rhein gedrungen, und bestürme das gemauerte Vorwerk des Felsenpasses am Luziensteig. Der Kanonendonner, welcher von Reichenau, am Fuße des Kunkelserpasses, her gehört wurde. verkündete deutlich, der Feind stehe auch dort auf dem Boden Graubündens. Der Landsturm schaarte sich wieder zusammen und Anton von Castelberg theilte die bewaffneten Volksmassen wieder in Rotten. Der Tag aber verging unter Berathungen. Folgenden Morgens, es war der 6. März 1799, lief die Schreckensbotschaft ein, General Demont stehe mit seiner Brigade wirklich bei Reichenau; habe dort ein Bataillon Oesterreicher gezwungen, das Gewehr zu strecken, und sende nun eine Abtheilung französischer Truppen stromaufwärts, längs dem Hochgebirge, gegen Ilanz und Disentis. Gleichzeitig erscholl die Nachricht von dem Wiedererscheinen der Franzosen bei verstärkter Macht Loison's von Ursern aus über die Oberalp herab, gegen Disentis. Jetzt entstand Zwietracht, Unentschlossenheit und Verzweiflung. Die Einen retteten sich durch die Flucht in die benachbarten Thäler; Andere wollten noch einen ohnmächtigen Widerstand versuchen. General Loison rückte ohne nennenswerthen Kampf vor, und dann in Disentis ein, wo seine Ankunft von den gefangenen Offizieren im Schlosse Castelberg mit Jubel begrüßt wurde. Der General begab sich selbst in das Schloß, um der Gemahlin des Landrichters Castelberg, welche die verwundeten Hauptleute mit wahrhaft mütterlicher Sorgfalt geschirmt hatte Die Offiziere stellten der würdigen Frau ihren Dank in einem schriftlichen Zeugniß, mit Nennung aller ihrer Namen, und vom General Loison selbst unterzeichnet, aus. Dies Papier erwarb nachher dem Schlosse, in schrecklicheren Tagen, Schonung und Schutz von Seiten der französischen Befehlshaber. , seinen Dank zu bezeigen. Er trat auch zum Schmerzenslager Prevost's und beklagte gerührt des Jünglings bitteres Loos. Dieser konnte jedoch nicht antworten. Er drückte stumm die Hand des Generals, und seine Augen blickten, im Gefühl der Erkenntlichkeit, freundlich zum Feldherrn auf. Loison, nachdem er eine kleine Besatzung im Dorfe zurückgelassen, eilte ohne Rast weiter, um sich mit dem Kriegsvolk des Generals Demont zu vereinigen. Daß Massena, der schlachtenkundige Feldherr, binnen zwei Tagen ganz Graubünden eroberte und die Hauptstadt Chur besetzte; daß er einen großen Theil der unter Auffenberg's Befehl stehenden österreichischen Schaaren, und diesen kaiserlichen General selbst, gefangen genommen, soll hier so wenig erzählt werden, als die Genesungsgeschichte Flavian's, der, die Garnison ausgenommen, allein in Disentis zurückgeblieben war, da die übrigen, mit ihm gefangen gewesenen Offiziere, sich einer nach dem andern nach Chur begeben hatten. Mit Hülfe der Kunst eines französischen Militärarztes, und mehr noch durch die eigene jugendkräftige Natur, erfreute sich auch Prevost, nach einigen Wochen, der Wiederkehr seiner Gesundheit. Seine Wunden, die an und für sich nicht lebensgefährlich waren, heilten allmählich; doch langsamer verlor sich die eingetretene Entkräftung. Inzwischen hatte ihn ein Wechsel auf ein Baseler Handelshaus in Stand gesetzt, sich von Kopf zu Fuß anständig zu kleiden und mit mancherlei andern Bequemlichkeiten zu versehen. Pater Gregorius versorgte ihn, zur Beschäftigung in der Einsamkeit, mit Büchern. Am liebsten unterhielt sich der Genesende in einsamen Stunden mit Briefen, die er allwöchentlich seiner Schwester schrieb. Im ersten derselben hatte er ihr von seinen unglücklichen Abenteuern, durch die er nach Disentis verschlagen worden, Nachricht gegeben. Einige Bruchstücke aus den späteren Briefen mögen die zuweilen sonderbaren Erlebnisse oder Verhältnisse des jungen Mannes, mit seinen eigenen Worten, schildern. 26. Briefstellen. – Du also, arme Sabine, in Trauerkleidern? Du, in der vollen Blüthe des Lebens, schon Wittwe? – schrieb er seiner Schwester, als er, mit der ersten Antwort von ihr, zugleich die Nachricht vom Tode ihres Gemahls, des Barons von Schauenstein, erhalten hatte. – Könnte ich doch, statt dieses Papiers, zu Dir fliegen; Dich in meine Arme nehmen und Deine Thränen trocknen! Tröstet es Dich denn nicht auch ein wenig, daß ich noch vorhanden bin, und daß Du nicht doppelte Trauer um Gatten und Bruder zu tragen hast? Mich freut die fromme Ruhe, in welcher Du mir von den letzten Augenblicken Deines Gemahls erzählst. Du läugnest Deine Thränen nicht. Sie sind menschlich, und fließen gewöhnlich weniger dem Mitleid um den Todten, als dem um unsere zerrissenen Gewohnheiten. Diese ändern sich aber mit der Zeit, und darum wird die Zeit, mit Recht, die beste Trösterin genannt. Das Sterben selbst, glaube ich, wird keinem Sterbenden schwer, eben so wenig als das Geborenwerden. Die Natur ist immer eine Allgütige. In ihre schönsten Freuden legt sie stets ein leises Weh; hingegen hüllt sie, wunderbarlich, Leid und Schmerz in ein mildes Gefühl, durch welches uns sogar der Gram lieb werden kann, daß wir ihn nähren und festhalten, obwohl er uns verzehrt. Sobald Du Dein Haus bestellt und Dich wegen der Hinterlassenschaft des Verstorbenen, dessen letzten Willen entsprechend, mit den übrigen Verwandten auseinander gesetzt hast, verlasse Wohnung, Schloß und Gegend, und Alles, was Dich an die letzte Vergangenheit erinnert. Mit religiösen und philosophischen Trostgründen kann man so wenig den Kummer um Verlorenes, als irgend eine Krankheit des Leibes heilen. Gram ist eine Seelenkrankheit, an der auch Thiere leiden, wenn ihnen das zur Gewohnheit Gewordene entrissen wird. Verlasse Dein Haus; zerstreue Dich auf kleinen Reisen. Vergesse das, was war, und erinnere Dich, daß Du mir noch angehörst, Sabine, wie ich Dir! Wegen meiner Genesung sei ohne Kummer. Siehst Du sie nicht schon diesen Zeilen und den festen Zügen meiner Handschrift an, die im ersten Briefe noch, wie Du sagst, zitternd waren? – Zwar darf ich, des unbeständigen, rauhen Aprilwetters wegen, nicht hinaus in's Freie. Dürfte ich es, so wäre ich schon bei Dir. Doch, wenn Du selbst bei mir wärest, könnte ich keine aufmerksamere Pflege genießen, als in dieser alterthümlichen, finsteren und doch so gastfreundlichen Burg mir zu Theil wird. Die Frau von Castelberg, eine fromme, ehrwürdige Dame, nimmt sich meiner mit der Zärtlichkeit einer Mutter an. Seit einigen Tagen ist mir schon gestattet, Mittags an ihrer Tafel zu speisen und den Nachmittag in ihrer Gesellschaft zu verleben. Gewöhnlich finden sich dazu einige geistliche Herren aus dem hiesigen Kloster ein. Es sind gute, in ihrer Art recht kenntnißreiche Männer, von wissenschaftlicher, wenn auch klösterlicher, einseitiger Bildung. Besonders gefällt mir der alte Dekan Basilius Veith , der menschenfreundliche Pfarrer von Sedrun, sowie der Pater Vigilius Wenzein; am meisten aber mein lieber, greiser Philosoph, Pater Gregorius, den ich Dir schon im ersten Brief bezeichnete, mein Lebensretter, der nun aber beständig mit mir zankt, ungefähr wie Du, meine Liebe, zu zanken pflegst. Das Schloß selbst, wiewohl erst dreihundert Jahre alt, ein Fideikommiß des Hauses Castelberg, ist, von außen, eine graue, düstere Steinmasse; von innen aber doch gar lieblich und wohnlich. Es liegt, wie ein verwitterter Steinhaufen, ganz in der Nähe des Dorfes, oder Marktfleckens, auf einer mäßigen Anschwellung des Bodens, und wird, sammt den Wirthschaftsgebäuden, von einer halb zerfallenen, zackigen Ringmauer umgürtet. Diese ist niedrig genug, um mir vom Fenster meines Zimmers, über die Wiesen hin, den Anblick der Hochgebirge und die Aussicht auf die weißen Mauern des großen, hochgelegenen Klostergebäudes zu gestatten. Seltsam dünkt's mich, daß mich die Kriegsabenteuer, als Gefangenen und Verwundeten, in diese abgelegene Gegend verschlagen haben, von welcher unsere Mutter so oft mit wunderbarer Begeisterung zu sprechen pflegte; wo sie die schönsten Tage ihres jungfräulichen Lebens genossen; wo sie aus den Händen des von ihr hochgefeierten Abtes Kathomen die Rose von Disentis, wie Du sie gern nennst, für sich und ihren Bräutigam empfangen hat. Aber, noch seltsamer ist es, daß ich hier, meine, in Wien verlorne Rose, mein Medaillon, wieder erblickt zu haben glaube, und noch dazu in Elfriedens Hand. Mag's ein Fiebertraum sein. Ich kann die Vorstellung davon nicht wieder los werden; stets kehrt sie wieder. Fast möchte ich, Du liebe, herzige Schwärmerin, mit Dir schwärmen; an jene Geisterstimmen, die Du zu hören meinst, und an das Uebergehen und Verweben unserer Seele in die allgemeine Weltseele, glauben, wodurch uns Vergangenes zur Gegenwart, Entferntes nahe, und Unsichtbares sichtbar wird. Höre nur, und obschon Du jetzt wohl nicht zur Heiterkeit gestimmt sein magst, zwingt Dir meine Vision vielleicht dennoch ein kleines Lächeln ab. Daß mein General Loison, bei seinem Zuge durch Disentis, auch in unserer altersgrauen Burg Einkehr gehalten, habe ich Dir, meine ich, schon geschrieben. Hätte man mir es nicht erzählt, wüßte ich's nicht. Und doch sagt man, soll er vor meinem Krankenlager gestanden, mich beklagt, und ich, behauptet man, ihn erkannt und ihm meine Hand entgegengereicht haben. Ich weiß nichts davon; unläugbar war er jedoch hier. Die mir wohlbekannte Unterschrift seines Namens, die er der Dankeserklärung der Offiziere gegen die edle Herrin des Hauses beigefügt hatte, bezeugt es. Wessen ich mich aber, nach dem ersten Erwachen aus dem langen Ohnmachtsschlafe, zu erinnern glaube, ist eben jene sonderbare Vision, jenes fieberische Gespinnst der Phantasie, dessen ich erwähnte. Ohne Zweifel schwankte ich damals noch zwischen Tod und Leben. Und doch, während in meinem Gedächtniß Alles rein erloschen ist, was vor und nach der vermeinten Erscheinung mit mir vorgegangen, ist sie allein lebendig in mir geblieben. Ich schlug eines Tages die schweren Augenlieder auf. Ein paar Sonnenstrahlen fielen durch die weißen Vorhänge des Fensters, und in den Strahlen, nicht weit von meinem Bett entfernt, schwebten ein paar weibliche Gestalten, eine ältliche Dame, blassen Angesichtes, die Hände zusammengefaltet, die Augen mitleidig zu mir hin gewandt, und neben ihr ein schwarz gekleidetes weibliches Wesen, vom Scheitel bis zu den Füßen in einen langen Trauerflor gehüllt. Die Erscheinung dieser Person konnte aber weder Verwunderung, oder Neugierde, noch auch nur die flüchtigste Aufmerksamkeit in mir erregen. In todähnlicher Ruhe lag ich da, erblickte sie, und meine Augen schlossen sich eben so unwillkürlich wieder, als sie sich geöffnet hatten. Ich weiß nicht, wie viel Zeit verging, bis ich abermals aufblickte. Die Verschleierte stand, wie ein schwarzes Luftbild, nur allein noch, stumm und bewegungslos, vor mir. Sie schien sich meinem Lager zu nähern. Darauf fiel der Schleier, wie eine schwarze Wolke, von einer ihrer Schultern zurück. Nun sah ich das Fräulein von Marmels, doch wie von hellem Licht umflossen. Es waren wohl ihre zarten Züge, aber wie von Alabaster geformt. Keine Miene des schönen Gesichtes bewegte sich, doch fielen glänzende Thränen über ihre Wangen. Die Erscheinung hob die Hand, zog etwas aus dem Busen, und hielt mir's entgegen. Es war ein Medaillon; es war die Rose von Disentis. Der Anblick änderte meine Ruhe nicht; in mir war Alles kalt und ausgestorben. Meine Augenlieder sanken wieder nieder und kein Gedanke blieb mir von dem Gesehenen übrig. Alles lag in vollkommener Vergessenheit, selbst als ich nach mehreren Tagen allmählich genas und schon Vorstellung, Sprache und Kräfte wieder gewonnen hatte. Durch Uli Goin erfuhr ich dann, was seit jener Mordnacht mit mir geschehen sei, und wo ich mich gegenwärtig befinde. Es war mein sehnlichster Wunsch, der Gebieterin des Hauses, in welchem ich die reichste Pflege genoß, meinen Dank zu sagen. Uli versicherte zwar, sie habe mich schon mehr als einmal besucht, um sich von meinen Bedürfnissen zu unterrichten und für meine Bequemlichkeit Sorge zu tragen; ich hatte indessen keine Erinnerung mehr von ihrer Person. Der Arzt, sobald er mich hinlänglich hergestellt glaubte, kündigte mir endlich den ersehnten Besuch der Frau von Castelberg an, und wirklich trat sie eines Nachmittags in mein Zimmer und an mein Schmerzenslager. Nach den ersten freundlichen Worten von ihrer, und den Betheurungen der innigsten Erkenntlichkeit von meiner Seite, konnte ich die Augen nicht mehr von ihr wegwenden; denn sie war es, sie selbst war es, die ich schon neben der Verschleierten gesehen hatte, nur wußte ich nicht, wann, nicht wie? ob jemals in der Wirklichkeit, oder nur im Fiebertraume? – Ich sann vergebens nach und wurde mir selbst zum Räthsel. Gnädige Frau, sagte ich halb im Scherz, mir wird's, als fänge ich in Ihrer Gegenwart wieder an, krankhaft zu phantasiren. Ich bitte, fühlen sie meinen Puls. Sie that es lächelnd und meinte, der Puls gehe in erwünschter Ordnung. So habe ich Sie unfehlbar schon früher gesehen, so deutlich, wie in diesem Augenblicke. Ganz dasselbe Gesicht voll Mitleid, dieselbe Gestalt, dieselbe Kleidung, wie damals. Wann war das damals? fragte sie, mit einer Art Verwunderung, die ich für Betroffenheit nahm. Der Himmel mag's wissen, antwortete ich mit lebhafterer Neugierde; mir scheint es, als schon vor langer Zeit. Aber ist's auch hier in dem nämlichen Zimmer gewesen? Bei Ihnen war eine junge Dame, im Trauergewande, schwarz verschleiert. Sie ist mir von Wien her nicht unbekannt, – ein Fräulein von Marmels. Sagen Sie mir, ich beschwöre Sie, ist sie, war sie, was ich kaum glauben darf, in Disentis? Die Frau von Castelberg hörte mich mit bedenklicher Miene, ein wenig kopfschüttelnd an, fühlte mir abermals den Puls und fragte: Ob mir wirklich wohl sei? Sie wollte von dem, was ich gesehen zu haben glaubte, nichts wissen; erkundigte sich nach dem Fräulein; nach allerlei Einzelheiten und behauptete zuletzt, ich habe eine Vision, oder eine Ahnung gehabt, ein Sehen in die Zukunft, wie es manchmal in Nervenfiebern oder bei Sterbenden der Fall sei. Was sagst Du, Sabine? Ich wette, Du bist, ohne Bedenken, ganz der Meinung der Frau von Castelberg. Ich selbst wage nicht zu entscheiden, ob es Blendwerk war, ob Wirklichkeit. – – – 27. Fortsetzung des Tagebuchs. Der Brief liegt noch da. Ich reiße Umschlag und Siegel ab, und setze ihn fort; nicht eigentlich weil ich dringend Wichtiges für Dich habe, sondern um mit Dir noch plaudern zu können. Meinen ehrlichen Freund Uli Goin kann ich nicht entbehren, und einer unbekannten Hand vertraue ich es ungern an, diesen für Dich bestimmten Brief nach Chur zu tragen. Das Botenwesen zwischen Disentis und der Hauptstadt mag in ruhigen Zeiten nicht immer das Zuverlässigste sein, geschweige in diesen Tagen des Krieges. Es ist noch überall äußerst unsicher hier zu Lande, und vielleicht unsicherer, als jemals. Obgleich man, nach Massena's Einzug, in Chur alsbald eine provisorische Regierung aus Männern der helvetischgesinnten Partei einsetzte; dann, im Namen des Bündnervolkes, die Vereinigung mit der Schweiz forderte, welche nun seit einigen Tagen wirklich proklamirt worden ist Die Unionsakte, unterzeichnet von zwei Kommissären der helvetischen Regierung und dem Präsidenten der provisorischen Regierung von Bünden, war am 21. April von Luzern angekommen. , traue ich der trügerischen Ruhe doch nicht. Das trotzige Bergvolk, wenigstens in den Oberlandthälern hier, steht noch so ungebeugt da, wie jemals. Du solltest nur sehen, wie sich jeder Bauer, wenn er einem Soldaten der französischen Besatzung begegnet, trotzig aufstreckt, und ihm herausfordernd in's Auge schaut, als wolle er sich, Mann gegen Mann, auf der Stelle mit ihm messen. Man liest den tödtlichen Groll der Leute in jedem Zuge der wilden Gesichter. Ich sehe für diese einsamen Hochthäler noch schwere Zeiten voraus. Man spricht hier mit heimlichem Frohlocken von einer Schlacht und Niederlage der Franzosen bei Stockach; vom Einzuge des Erzherzogs Karl in Schaffhausen; von seiner Proklamation an die Schweizer; von vielen Unruhen und Aufständen der Kantone gegen die französischen und helvetischen Gewalten. Ich kann kaum daran glauben. Und doch ist's nicht zu läugnen, die Benediktiner der hiesigen Abtei empfangen stets und am schnellsten die zuverlässigsten Nachrichten von allen Vorfällen; und, aus ihrem Kloster strömen diese durch die Dorfschaften umher. Es ist merkwürdig, daß die frommen Mönche, die innerhalb ihrer gottgeweihten Mauern der Welt entsagt haben, die lüsternsten nach Welthändeln sind, und ihre Hände so gern in's politische Spiel mengen. Auch den Heiligen also, schmecken verbotene Früchte am süßesten. Sogar mein ehrwürdiger, theurer Pater Gregorius ist von dieser, aus dem Paradiese stammenden Sünde nicht ganz frei geblieben. Von ihm erfahre ich Vieles, aber gewiß nicht Alles, was er weiß. Es ist eine böse Zeit, äußerte er gestern mit geheimnißvoller Miene zu mir, jede Stunde brütet neues Unheil aus; jeden Augenblick kann eine Mine springen. Ich empfehle Ihnen Vorsicht. Wägen Sie jedes Wort ab, mit wem Sie auch sprechen. Mir ahnet, wohin er zielt. Die Ermordung der französischen Gefangenen, in jener Nacht vom 4. zum 5. März, bleibt nicht ohne Folgen. General Massena hat in Chur gedroht, Disentis in einen Aschenhaufen zu verwandeln, wenn ihm nicht die Urheber der Gräuel ausgeliefert werden Im Protokoll der provisorischen Regierung von Bünden, Datum 21. März 1799, lautete es folgendermaßen: »Bürger V . . . zeigt an die Drohung des Obergenerals Massena, Disentis abzubrennen, wenn nicht inner drei Tagen ihm die Instigateurs der an fränkischen Soldaten verübten grausamen Exzesse genannt werden.« . Das hat nicht Furcht erregt, sondern die stille Wuth des Volkes, oder seine Verzweiflung vergrößert. Seitdem sieht man auf wenig besuchten Bergpfaden, Tag und Nacht, Leute wandern, wie Boten, mit hastigen Schritten, von Dorf zu Dorf; Menschen, die einander begegnen, bleiben beisammen stehen und flüstern sich in's Ohr. Man erzählt von geheimen, nächtlichen Zusammenkünften in abgelegenen Heuställen und Sennhütten Laut dem Regierungsprotokoll in Chur, vom 22., 28. und 29. März, vom 2. und 3. April, ward die oberste Behörde von diesen verdächtigen Versammlungen nicht nur durch Zeugenverhöre unterrichtet, sondern selbst durch Meldungen des helvetischen Regierungsstatthalters Bolt , aus Neu–St. Johann, des französischen Generals Renard und des Residenten Florent Guiot . . Es gährt; es ist etwas im Werke. Sei darum nicht ängstlich, Sabine. Für meine Person ist nichts zu fürchten; und, so lange das Hochland von den Truppen Frankreichs besetzt bleibt, wohl überall keine Gefahr. Außerdem stehe ich im Schutze der Familie Castelberg, einer der ersten dieser Gegenden, und Jedermann weiß, daß ich Bündner, ein Bregäller, bin, den die Franzosen gefangen mit sich geschleppt hatten. Dafür haben Gilg Daniffer und die Abgeordneten, welche, mit ihm, dem General Loison entgegen gekommen waren, öffentlich Zeugniß gegeben. Auch Uli Goin und nicht minder die beiden Benediktiner, die mich von jener Mordnacht her kennen, erklären mich aller Orten für den besten Vaterlandsmann. Das genügt. Aber, Sabine, schon zieht der Frühling frohlockend in's Gebirge ein, beim Gesange der Vögel, unter dem Donner der fallenden Lawinen, unter dem lustigen Getöse der Wasserfälle von den Felswänden und der vollrauschenden Bergströme. Alles wird Musik, während Wiesen und Matten, bis hoch zu den Alpen, das Winterhemd abstreifen; kleine Roggen- und Gerstenfelder längs den Hügeln ihre Saaten zur Schau stellen; Ahorn, Birken und Erlen von aufbrechenden Knospen üppig strotzen, und die niedrigen Gesträuche darunter, wie grüne Flammen, auflodern. Ich komme bald, Sabine, ich komme bald zu Dir. Meine Wunden sind geheilt; meine Kräfte verjüngt und frisch. Auch ich habe den Winter ausgezogen und fühle nichts als Frühling in mir. Ich komme, um bei Dir zu wohnen, um mit Dir leben, lachen, weinen und schwärmen zu können. Der Arzt verlangt nur noch vorsichtige Schonung; aber ich wandre doch schon durch alle Zimmer des alten Schlosses, Treppe auf und ab; ja, schon einigemal bin ich an meinem Krückstock, durch die Wiesen, und durch's Dorf zu dem klösterlichen Palast der Mönche gegangen. Seltsam! Das Mittelalter wählte für Galgen, Klöster und Burgen stets die schönsten Stellen. Vor der hiesigen Abtei entrollt sich dem Auge in wunderbarer Majestät ein Landschaftsbild, wie man es selten sieht. Prächtig ist's, wie die Welt hier oben mit Bergen gleich Wolken, und mit Wolken gleich Bergen, in den Himmel hinein ragt, und drunten, ihren grünen Blumenteppich, allmählich und weich bis zum Ufer des jungen Rheines hinstreckt. Und bin ich nur erst einmal wieder bei Dir, meine Sabine, dann bleibe ich bei Dir, und glaube es mir, fromm will ich sein, wie ein Lamm. Denn noch darf ich keine andere Seele unterm Himmel die meine nennen, als Dich; und keine versteht und liebt Dich, wie die meinige. Wir wollen wieder die harmlosen Kinder werden, wie wir's im Hause unserer Mutter waren. Ich lasse alle bisherigen tollen, wenn auch wohlgemeinten Entwürfe fahren. Ich habe es eingesehen, meine Hand ist zu schwach, die Welt umzugestalten. Schüttle Dein Köpfchen nicht so ungläubig! Meine Bekehrung ist gewiß aufrichtig. Das Schicksal ist Meister, und ich sehe, es bedarf meiner Dienste nicht, wo ich sie ihm weihen möchte. Es weist meinen Kräften einen engeren Spielraum an. Wohlan, ich bin es zufrieden. Ich habe in wenigen Wochen, in wenigen Tagen mehr gelernt und erfahren, als in allen vorangegangenen Jahren; ich habe schwere Zurechtweisung empfangen und vielleicht auch verdient. Doch mein Wollen und Streben war gut; und kein Sterblicher darf sich eines höheren innern Werthes und Verdienstes freuen, als der Güte seines Wollens und Strebens. Die Wirkungen desselben gehören ihm nicht an. Die sogenannten Großthaten unserer Tageshelden sind nicht ihre Thaten, sondern die des göttlichen Verhängnisses. Wie war mir als Knabe die Welt einst so ganz recht und lieb. Ich ließ Lust und Leid über mich kommen und gehen, wie Regen und Sonnenschein; hielt alle Sterblichen für nicht schlimmer und nicht besser, als mich selbst; mir ahnete nichts von ihrer ekelhaften Thorheit, die sie unter Zwillich und Seide, hinter Ordenssternen und Bettelsäcken, Uniformen und Chorhemden verstecken. – Und Gott sprach, wo ich stand und ging, noch überall freundlich zu mir, unter den Kastanienwäldern, Wiesen und Burgen von Soglio und Castasegna, wie in den unwirthbaren Höhen des Septimer und Maloja. O selige Zeit der kindlichen Träume! Wäre ich doch nie aus ihnen erwacht, oder wäre ich früh in ihnen gestorben! Jedoch ich erwachte, als der Baron Dich und mich vom Sarge der Mutter, in sein Haus führte. Es umfaßte mich ein fremdes Leben. Sonst kannte ich nur eine Gegenwart; nun zog mir die Schule den Vorhang von einer großen Vergangenheit und von einer Zukunft voll glänzender Erwartungen hinweg. Nun sah ich unter mir die Trümmer einer, vor unzählbaren Jahrtausenden vernichteten Urwelt; über mir am Nachthimmel, statt leuchtender Funken, leuchtende Erden und Sonnen. Nun sah ich auf der weiten Bühne der Weltgeschichte die Heroen der Menschheit, die Märtyrer, die Weisen und die Heiligen Gottes wandeln. Ich fühlte, ich sei einer der Ihrigen; fühlte mich verklärt. Mit welcher Inbrunst gelobte ich, die Herrschaft des Göttlichen auf Erden, gleich einem der Jesusjünger, zu verbreiten! Nichts schien mir zu schwer. Ein Sokrates, ein Columbus, ein Tell oder Washington, ein Kämpfer für Freiheit und Tugend, für Recht und Wahrheit wollte ich werden. Das war die Frucht der Schule. Ach, Sabine, wie ist das Alles gleich einem Luftgebild zerflossen, sobald ich aus meiner zweiten Traumzeit erwachte und in das Gewirre der Völker und ihrer weltlichen und geistlichen Treiber hinaustrat. Ich sah Wien und Paris, sah London und Prag; sah Republiken und Monarchien; Luxus und Jammer überall. Schon Diogenes suchte die Menschen unter den Sterblichen seiner Zeit. Ich suchte sie auch; doch fand ich nur wildere und zahmere, klügere und dümmere Thiere, in Menschenhaut versteckt; fand Christenkirchen von Holz und Stein, mit Gold und Silber; aber Christen selten; selten ein reines, ohne alle Selbstsucht, für Menschenwohl schlagendes Herz. Ich sehnte mich, das Gute großartig zu stiften, einem weiten Wirkungskreise entgegen, wähnte mich zum Weltreformator geschaffen. Aber mir blieben Stellung und Gunst des Augenblicks, Gelegenheit und Mittel vom Schicksal versagt. Ich hätte wohl König, Fürst, oder Premierminister, mit voller Gewalt, werden mögen; oder mehr und dauerhafter wirkend, als sie alle, ein hochbegabter, die Geisterwelt beherrschender Schriftsteller. Doch Natur und Schicksal wiesen mich zurück. Sabine, ich flüchte mit Dir in irgend einen stillen Erdenwinkel. Dort, im kleineren Kreise, menschliches Glück, durch die Macht der Vernunft und Tugend, zu gründen, oder gegen Anfechtung gottesfeindlicher Leidenschaften, und vergötterter Vorurtheile zu streiten, dazu haben wir Kopf und Herz und Geld genug. Sabine, ich komme! 28. Zweite Fortsetzung des Tagebuches. Es wird mir in diesem Lande immer weniger heimisch. Ich bin nicht feige, und doch fühle ich mich an allen Orten bange und unsicher. Ich wandere, zur Stärkung meiner Kräfte, gern und oft, durch die romantischen Wildnisse; jetzt aber mit argwöhnischer Schüchternheit. In jedem Strauche, an dem ich vorübergehe, scheint ein Laurer versteckt zu sein. In der Dunkelheit jeder Schlucht fürchte ich einer verwegenen Landstürmerbande zu begegnen. Ich könnte des Krückstocks, an welchem ich seit beinahe fünf Wochen hinke, füglich entbehren; allein ich besitze zum Selbstschutze, im Falle der Noth, keine andere Waffe. Alles freilich nur die Wirkung der Einbildungskraft; doch was ich wirklich und täglich sehen und hören muß, erregt böse Ahnungen in mir. Ich möchte von hinnen, und zu Dir fliehen, meine einzige, theure Sabine, ehe ein neues Unglück über dies Land hereinbricht, und kann und darf doch abermals nicht abreisen. Ich bin, wie durch einen Zauber gebunden; durch mein Ehrenwort bin ich ein freiwilliger Gefangener geworden. Deshalb setze ich einstweilen das Tagebuch fort, bis ich die Tage selbst wieder unter Deinen freundlichen Augen verleben darf. Sei übrigens meinetwegen, ich wiederhole es, ohne Besorgniß. Ich bleibe in dem stillen Kriege, der hier geführt wird, durchaus unparteiisch, und lasse es nicht an Klugheit fehlen. Ich höre und schweige. Selbst mein getreuer, wenn auch geschwätziger Uli, soll mich nicht verrathen. Durch ihn erfahre ich meistens, was zur Vernichtung der fremden Kriegsvölker jetzt wieder ausgesonnen, verabredet und gehofft wird. Als er mir diesen Morgen, mit einigen Büchern, ein Briefchen des Paters Gregorius aus dem Kloster überbrachte, das zu einem Spaziergange einlud, und mich zu diesem Zwecke auf dem Wege nach Trons unter den Felsblöcken erwarten wollte, sah ich's meinem gewesenen Kriegsmanne deutlich an, daß ihm irgend ein politisches Geheimniß auf der Zunge brenne. Ich warf nachlässig die gewöhnliche Frage hin, die er zu erwarten schien: Giebt's sonst nichts Neues in der Welt? Ei nun, Herr Hauptmann, antwortete er und rieb sich dabei zufrieden lächelnd die breiten, knochigen Hände: was es noch nicht giebt, kann es ja noch geben. Ich denke, unsere Gäste, die windigen Blauröcke, werden bald abmarschiren; und, beim Donner! sie thäten wohl daran. Besser heute, als morgen, wenn sie nicht zu ihren Blauröcken noch blaue Rücken begehren. Ist doch vor diesen Buschkleppern keine Speckseite im Rauchfange und kein Mädchen am Spinnrade mehr sicher. Das verdammte Weibervolk ist leichte Waare, die sich von jedem Liebhaber bald zusammenlegen und einsacken läßt. Da belfert, da schimpft es auf die Soldaten, und schielt ihnen doch beständig nach. Ich habe gestern der Veronika Grülfs erklärt, wir wären auf immer geschiedene Leute, falls ich sie noch einmal mit dem Sergeanten hinter der Stallthüre sehe; ich könne bei ihr nicht alle Stunden Schildwacht stehen. Schäme Dich, Uli, wer wird so eifersüchtig sein. Bin's auch nicht, Herr; aber Mißtrauen führt immer weiter, als Zutrauen, und hilft besonders bei Frauen zur Entdeckung von manchem versteckten Schaden. Mittlerweile tröste ich mich mit den Anderen, die der Floh beißt. Ich gebe Euch aber mein Wort, denn ich weiß, was ich weiß; haben sich die Franzosen nicht vor dem Auffahrtstag zur Abfahrt angeschickt, so geben wir ihnen einen Schub von hinten. Noth bricht Eisen; länger halten wir's nicht aus. In der Schweiz zeigt man den Schelmen jetzt öffentlich und überall die Hörner. Erzherzog Karl marschirt auf Zürich, und Massena, heißt's, hat sich, für seine Person, schon aus Chur auf und davon gemacht. Folgen nun die Geißen dem Bocke nicht, so treiben wir sie ihm nach. Ich darf's Euch wohl sagen, Herr Hauptmann, und Ihr müßt Euch mit mir freuen; wir haben gute Nachrichten; es ist Alles auf den Beinen. Ein Wink und, hurrah! Vorwärts! Wie so, Uli? Still doch! flüsterte Uli. Man sieht nicht, wo eine Wand das Ohr hat, doch im Schloß hier hat's keine Gefahr. Also, seht Ihr, gestern Nacht tranken unserer Etliche bei Landammanns ihr Schöppchen, und da wurde viel besprochen. Beim Wein pflegt die Zunge auf Stelzen zu gehen, und nicht schüchtern zu trippeln. So kam dies und das vor, was sich sonst gern zu hinterst im Loch versteckt; und wir erfuhren, ein verkleideter österreichischer Offizier sei hier im Lande. Nun sagte der Landammann, es sei der Befehl eingelaufen, wir Leute sollten uns allesammt bereit halten; die Kaiserlichen hätten ihre Fiedelbogen gewichst; der Tanz gehe los; spätestens bis zum ersten Mai. Dann aber, das bleibt unter uns, greift der kaiserliche Oberst St. Julien den St. Luziensteig mit Sturm an; Lecourbe wird von allen Seiten angefallen, aus dem Engadin verjagt; und von Bergen und Thälern bricht der Landsturm hervor. Auch von Euch war die Rede, Herr Hauptmann, daß Ihr's nur wisset; Euch ist ein Kommando zugedacht. Jeder weiß, daß die Franzosen bei Euch noch etwas im Salze zu liegen haben. Ich weiß nicht, wie viel Wahres an Uli Goin's Lieblingsliede sein mag; aber in keinem Falle ist es von ihm, wie er sich auszudrücken pflegt, auf einer hohlen Nuß gepfiffen. Bei den Menschen im Gebirge ist es anders, als bei denen in ebenen Ländern; sie wissen, was in Betreff ihrer vorgehen soll, ehe noch die Umstände geschaffen sind. Sie bedürfen keiner Zeitungen, Couriere und Eilbriefe dazu. Man möchte zuweilen glauben, die Begebenheiten der Zukunft künden sich ihnen im voraus an, wie manchen Thieren die Witterung. Zu der vom Pater Gregorius bestimmten Stunde verließ ich das Schloß, um dem Wunsche des guten Mannes zu genügen. Als ich von dem Hofe auf die Landstraße hinaustrat, traf ich, bei dem in der Wiese gelegenen alten Kirchlein von St. Placid, einen französischen Offizier, der müßig umherging. Es war der Platzkommandant von Disentis, Kapitän Salomon , der hier eine Kompagnie befehligt; ein sonst gefälliger Mann. Nichts Neues, Kapitän? redete ich ihn an. Er lachte verdrossen, und fragte zurück: Woher in diesem rauchigen Bergnest, Neues nehmen? Kein Journal, kein Kasino, kein Billard; nirgend Verkehr mit Reisenden. Man lebt so entfernt von Europa, als säße man bei den Mandarinen in China. Wissen Sie, Kapitän, fuhr ich fort, der Erzherzog Karl benutzt seinen Sieg bei Stockach. Er hat auf Schweizerboden Fuß gefaßt. Pah! noch keinen festen, antwortete er. Massena hat den Oberbefehl über die Donau-Armee bekommen, und das ändert die Sache. Es geht wieder vorwärts. Sacre bleu! Wir sterben hier vor langer Weile. Wäre Massena seinem eigenen Kopfe gefolgt, so lägen diese Disentiser Mörderhöhlen längst in Schutt und Asche, und wir Anderen könnten auch wieder einmal bei ehrlichen Leuten wohnen. Ich erwarte von einem Tage zum anderen den Befehl vom General Rheinwald aus Chur, das Nest wegzubrennen. Doch nicht, den Marktflecken abzubrennen? rief ich, und glaubte, er habe sich versprochen. Er erwiederte trocken: Warum nicht? Sacre bleu! Was haben diese Meuchler, die kein Menschen-, kein Völkerrecht kennen, was haben sie Besseres verdient? Danken Sie Ihrem Glücke, Bürger Prevost, daß Sie mit ein Paar derben Stichwunden davon gekommen sind. Kapitän, sagte ich mit unterdrücktem Unwillen, es ist Ihr Ernst nicht! Eine Strafe, die ohne Unterschied das Haupt des Schuldigen, wie des Unschuldigen treffen würde, nein, die konnte Massena nicht anbefehlen. Nicht? entgegnete der Franzose mit verächtlichem Zucken des Mundes. Es ist aber doch so. Ich weiß aus dem Hauptquartier den Verlauf der Dinge genau. Sacre bleu! Massena fackelt nicht lange. Sobald er von unseren geretteten Offizieren den Hergang der Metzelei bestimmter erfahren hatte, rief er: die Anstifter binnen drei Tagen ausgeliefert, oder das Pfaffennest geht in Feuer und Flammen auf! An demselben Tage schickte er den General zum Präsidenten der Regierung Es war am 21. März 1799, und der damalige Präsident der provisorischen Regierung hieß Jakob Bavier , ein biederer Mann. Massena hatte der Regierung seine mit Drohung begleitete Forderung schriftlich übersandt. . Was geschah? Die armseligen Regenten schlotterten vor Angst im Fieberfrost. Sie begaben sich sammt und sonders zum Hauptquartier; versprachen Nachforschung anzustellen, schleunige Anzeige zu machen und flehten kläglich um Aufschub, um Frist; und – der General war einmal schwach. Ich verbarg meine Empörung beim Anhören dieser Worte. Was hätte aber Widerspruch bei einem Manne nützen können, der nicht Mensch, sondern nur Soldat war; der nichts war, als eine kalte Degenklinge in der Hand seines Herrn? Ich verließ ihn, nach gegenseitig ausgewechselten höflichen Redensarten; aber Du magst es Dir denken, Sabine, mit welchen Gefühlen! In meiner Brust war Alles, was mir das Dasein in der Welt werth machen konnte, ich möchte sagen, zertreten, Glauben, Liebe und Hoffnung. Denn was ich zuerst von meinem Tavetscher, dann von diesem Franzosen vernommen hatte, zeigte die nächste Zukunft in blutigem Gewande. Ich mag Dich nicht von meinen Bekümmernissen um dies arme, schöne Land unterhalten, welches von den höchsten Alpen umfangen, vergebens dem ewigen Frieden geweiht scheint, aber zum Tummelplatz neuer, gräßlicher Ereignisse bestimmt ist; dieses Land, wo, inmitten einer die unendliche Größe der Gottheit predigenden Schöpfung, menschliche Brutalität nach höllischem Verderben lechzt. So ging ich vom Offizier hinweg, abwärts bis zu den ungeheueren Felsstücken, welche ein Erdbeben vor unbekannten Jahrtausenden einmal von den Berggipfeln herabgeschleudert haben mag. Die gewaltigen Trümmer liegen hoch über einander gethürmt, dick bemoost und von Tannen bewachsen, an der Landstraße. Sobald ich unter ihnen vorübergekommen war, erblickte ich den greisen Pater Gregorius, meiner schon harrend. Wir eilten einander entgegen, und wählten einen breiten Steinblock zum Ruhesitze. Ich will Dir von unserem Gespräche erzählen und von dem, was dabei vorfiel. Ich muß es wohl, um mich vor Dir zu entschuldigen, weil eben dadurch mein Aufenthalt in Disentis, um einige Tage, verlängert werden dürfte. 29. Letzte Fortsetzung des Tagebuches. Wahrlich, Pater Gregorius ist mehr, als Mönch; mehr, als Schulgelehrter; mehr, als gewandter, erfahrungsreicher Weltmann. Er ist liebenswürdig, wie eine Minerva, in Mentors Gestalt: die lebendig umherwandelnde Weisheit. Seine Unterhaltung ist mir für das Leben schon lehrreicher und nützlicher gewesen, als alle Vorlesungen der Wiener Professoren. Durch ihn habe ich angefangen, mich selbst und die Welt richtiger zu verstehen. Als ich mich zu ihm niedergesetzt hatte, schwieg er, nachdenkend; nahm dann meine Hand in die seine und sagte: Ist's Ihr Ernst, mein junger Freund? Sie denken an Abreise? Warum sollte ich nicht? war meine Antwort. Sie sehen mich vollkommen hergestellt. Ich möchte nicht länger ein überflüssiger Gast der trefflichen Frau von Castelberg bleiben, während mich eine nun Wittwe gewordene Schwester in ihrer Verlassenheit erwartet. Hier bin ich unter allen Müßiggängern der Entbehrlichste. Nicht so entbehrlich, Herr Hauptmann, als Sie in Ihrer Bescheidenheit vielleicht glauben. Ein Mann von Kopf und Herz, wie Sie, steht in der Welt auf jeder Stelle, die er einnimmt, an der rechten Stelle; ist überall nöthig und nicht, ohne Schaden Anderer, entbehrlich. Verweilen Sie noch einige Zeit bei uns. Ich bin beauftragt, Sie dazu zu bereden. Ich kann und darf Ihnen zwar nicht Alles, was Sie wissen sollten, sagen; wohl aber das Eine: Sie können schwerlich durch eine höhere Pflicht von hier weggerufen werden, als die ist, welche Sie mahnt, einstweilen noch im Schlosse Castelberg zu verharren. Sie werden aber zugeben, hochwürdiger Herr, die kleinste Pflicht, die man kennt, ist wichtiger, als die wichtigste, die man noch nicht kennt. Sie haben Recht, mein Freund. Glauben Sie indessen, wenn ich jemals Ihres Vertrauens würdig war, mir dieses Mal. Ich bitte nicht für mich, sondern für andere würdige Personen, die Ihres Schutzes in diesen unruhigen Tagen bedürfen. Es sind Personen, deren Ehre, Gut und Leben durch mich in Gefahr gekommen sind, und deren Retter Sie werden können; Personen, die Sie darum anflehen, und die Sie seiner Zeit kennen lernen sollen. Glauben Sie mir altem Mann auf's Wort. Wollten Sie diese Bitte zurückweisen, Sie würden vielleicht den Frieden Ihrer eigenen Seele auf immer vernichten. Herr Pater, Sie sprechen ein inhaltschweres Wort. Wem, in aller Welt, könnte meine Gegenwart in Disentis Schutz und Rettung bringen? Doch nicht in Ihrem Kloster? Nein, mein Lieber, ich spreche so wenig für das Kloster, als für mich. Aber es sind Andere, in und außer Disentis, die Ihre Großmuth ansprechen. Dürfte, zum Beispiel, Frau von Castelberg, Ihre Retterin, Ihre Krankenpflegerin, nicht einiges Recht darauf haben; sie, die in jetziger Zeit ohne Schutz dasteht; sie, deren Gemahl landesflüchtig geworden; sie, die von allen Blutsfreunden verlassen ist. Man spricht vom nahe bevorstehenden allgemeinen Angriff der kaiserlichen Armee auf Bünden. Ich fürchte, die Bewohner unserer Gebirge werden beim Kampfe nicht stille Zuschauer bleiben wollen; nur dem Allwissenden ist es bekannt, wie die Würfel fallen werden. Behaupten sich die Franzosen in den Bündnerthälern; dann Wehe denen, die wider Sie aufgestanden sind. Siegen die Oesterreicher, dann Wehe – – – Kein Wort mehr, hochwürdiger Herr; Sie haben Recht! Ich schäme mich, meiner Schuld gegen eine unvergeßliche Wohlthäterin nicht besser eingedenk gewesen zu sein. Dieser Dame schulde ich die Erhaltung meines Lebens, eines Lebens, welches freilich wenig Werth für mich hatte, selbst noch jetzt kaum hat; und ihn vielleicht erst gewinnt, wenn es einer heiligen Pflicht zum Opfer gebracht werden kann. Mein Sohn, nicht solche Worte. Sie sind ungerecht gegen sich und die Welt. Ich liebe Sie seit jener entsetzlichen Nacht, wo Sie ohne Bedenken für einen Kriegsgefangenen heldenmüthig das Leben wagten. Ich lernte Sie seitdem näher kennen. Mit meiner Achtung für Ihr reines Gemüth, wuchs mein Verlangen, Sie glücklich zu wissen. Ihre Wunden sind wohl heil; Ihr Gemüth aber ist noch krank, sehr krank. Sie sind nicht glücklich, und sind es vielleicht nur durch einen Ihrer kleinen Irrthümer nicht. Erlauben Sie, daß ich in diesen Augenblicken, wie ein Vater zu seinem Sohn, reden darf. Ich weiß mehr von Ihnen, als Sie vermuthen; mehr, als Sie vielleicht selbst wissen. Sie sind nicht glücklich; waren es nicht im Hause des Barons von Schauenstein; waren es nicht in Ihren Verhältnissen zu Wien, und werden es noch lange nicht sein, wenn – – – Ich muß Sie unterbrechen, Hochwürdiger. Haben Sie mich denn früher gekannt? Oder verrieth ich, in Augenblicken der Fieberhitze, mein vergangenes Leben? Ihre Aeußerungen setzen mich in einige Verwunderung. Von welchem Irrthum aber reden Sie? Was haben Sie von meinem Leben im Hause Schauenstein's, was von meinem Aufenthalt in Wien erfahren können? Ich bin mir wenigstens keines großen Irrthums, noch weniger einer Schuld bewußt. Ich habe selige Stunden genossen! Denken Sie vielleicht dabei, mein junger Freund, an – – Hier lehnte sich der Mönch vertraulich, aber schalkhaft, an mich, und flüsterte leise: an die Rose von Disentis? Stelle Dir meine Bestürzung vor, liebe Sabine, diese Worte von einem Klostergeistlichen zu hören, den ich erst seit wenigen Wochen kenne; dem ich nie von unseren, am wenigsten von meinen früheren Erlebnissen erzählt hatte! Ich sah ihn starr an und that in meiner Verlegenheit einige Fragen. Er aber ließ mich nicht ausreden, sondern, indem er mir mit der Hand, wie beschwichtigend, auf die Achsel klopfte, fuhr er fort: Nein; doch forschen Sie nicht weiter, denn ich bleibe verschwiegen und muß es bleiben. Ich wollte mich bei Ihnen durch jenes bedeutsame Losungswort blos legitimiren, daß mir nicht nur Ihre Denkungsweise, sondern auch Ihre Vergangenheit bekannt sei. Ich liebe Sie, ich möchte Sie glücklich sehen; Sie verdienen es zu sein, und sind es nicht. Wenn ich's nicht bin, erwiederte ich mit etwas stolzem Selbstgefühl, so glauben Sie nur, ich bin es keineswegs durch das, woran Sie mich eben erinnern. Nein, wahrhaftig! Ich würde mich eines solchen Grundes schämen, den Sie vorhin vermuthlich meine Krankheit nannten. Keineswegs, ich meinte eine andere Krankheit, sprach er, die Sie vielleicht für Gesundheit halten, und durch die Sie doch weder Ihres Lebens, noch der Welt froh werden können. Sie wollen das Gute, und begegnen aller Orten dem Bösen. Sie möchten die Menschheit, rings um sich her, nach den göttlichen Urbildern Ihres Geistes gestalten und werden ausgelacht, verspottet, verhaßt. Sie möchten das Höchste leisten und gelangen nicht zum Kleinsten. Und darum sind Sie unglücklich in Ihrem innersten Wesen. Wie, Pater Gregorius, nennen Sie Begeisterung für das Heilige Krankheit? Können Sie, mit Ihrem frommen Herzen inmitten aller Ruchlosigkeit, mit Ihrem hellen Geiste, inmitten der Barbarei und des Aberglaubens, wodurch die Menschheit seit Jahrtausenden starrsinnig ihr Elend schafft, und sich ihr Grab gräbt, glücklich sein? Können Sie es wirklich? Ich kann es nicht! – Sehen Sie doch um sich her die Menge der Geschöpfe, welche den Namen Menschen tragen, die, wie wir, mit Vernunft, mit Ahnungen des Göttlichen und Ewigen ausgestattet sind, und doch so vernunftwidriges Wesen treiben, wie vernunftlose Geschöpfe; das Göttliche in den Staub ziehen, und das im Staube Geborene vergöttern; die Tugend kreuzigen, die Wahrheit einkerkern, aber den Verwüstern des Landes, den Räubern an Staat und Volk, und feilen Dirnen Ehrensäulen bauen. Blicken Sie doch um sich, vom Menschenfresser und afrikanischen Beduinen, bis zu den Deutschen, Engländern, Franzosen; mit höchst wenigen Ausnahmen, finden Sie überall reinthierische Selbstsucht, Gier nach Wollust und Wohlleben, und den dazu erforderlichen Mitteln. Sehen Sie um sich! Frei gehen und fliegen, schwimmen und kriechen, von ihrer Natur sicher geleitet, die Thiere; aber unfrei liegen die Nationen in weiten Gefängnissen, die man Staatsordnung nennt, und in denen alle Kraft, alles Eigenthum, Talent, Recht, Glauben und Leben von Millionen Unterthanen zum Vortheil weltlicher und geistiger Mitgeschöpfe, wohl oder übel, eingezwängt sind. Schauen Sie umher! Nichts als Krieg und Kriegsgeschrei. Völker werden gegen Völker in Noth und Tod gejagt, morden sich nach den Regeln der Kriegskunst. – Nein, Pater Gregorius, nein, ich tauge nicht in diese Welt. Der greise Mönch lächelte mich bei diesen Worten mit der gutmüthigen Ironie eines Vaters an, dessen Kind in aller Unbefangenheit Albernes gesagt hat, während es etwas sehr Kluges vorgebracht zu haben meint. Nicht wahr, lieber Freund, ließ er sich darauf vernehmen, Sie wollen zu verstehen geben, Sie wären zu gut für eine Welt von der Art, wie die unsere? Wenn ich Ihnen gegenüber nun aber behaupte: Sie wären noch nicht gut genug für dieselbe? Sie sind unzufrieden, daß die Menschen sich nicht nach Ihren Ideen richten wollen, sondern daß Sie selbst sich dem Zustande der Menschen anbequemen sollen, wie sie nun einmal sind? Und nebenbei muß sich Gott Ihren Vorwurf gefallen lassen, daß er Sie in ein Leben hinein versetzte, für das Sie nicht taugen oder nicht taugen wollen. Ich möchte von Ihnen nicht falsch verstanden werden, hochwürdiger Herr, fiel ich ihm in die Rede. Vielleicht habe ich – – Nein, nein, unterbrach er mich, ich meinte es nicht so böse, und glaube Sie ganz verstanden zu haben. Sie sprachen Ihre Ansicht von unserem barbarischen Weltzustande, in voller Wahrheit und Klarheit des noch unverdorbenen Jugendgeistes, des heiligen, von Gott selbst den Menschen gegebenen Willensgesetzes, aus. Aber hören Sie mich an. Allerdings, durch die Vernunft sind wir über die Thierseelen erhaben. Sie erwacht und wirkt schon im Kinde, sogar früher, als der Verstand, oder das Verstehen der äußern Verhältnisse. Der Verstand wird erst durch Erfahrung reif. So kommt es, daß junge Leute oft im Urtheil fehlen, wenn sie den Maßstab des in der Vernunft unbedingt Wahren und Gerechten, an das in der Wirklichkeit nur unter Bedingungen Wahre und Rechte anlegen. Doch eben daher ist der Ausspruch der unerfahrenen Jugend oft vernunftgemäßer und weiser, als derjenige vieler alten Leute. Daher ist's nicht selten, daß die tugendhaftesten, weisesten Männer zuweilen offenbar unverständig handeln; und die verständigsten, klügsten Weltleute unvernünftig und gewissenlos. Und wie wenden Sie das auf mich an? fragte ich. Sie sind ein junger Mann, mein Lieber, mit reifer Vernunft; glühend für das ewig Wahre und Heilige; aber von noch unreifer Erfahrung. Daher Ihr ungestümes Streben, wo möglich ein Weltverbesserer zu werden. Sie können sich mit dem nicht versöhnen, was der gesunden Vernunft widerspricht. Ich tadle Sie nicht, bleiben Sie so; bleiben Sie ein unschuldvolles Kind bis in's Greisenalter. Ihr liebenswürdiger Fehler ist der Fehler aller jungen Männer von edler und tüchtiger Gesinnung. Aber hüten Sie sich, gewaltsamer Weise Weltreformator werden zu wollen , wie es heute viele junge Leute sind, bevor sie noch durch die Erfahrung gelernt haben, die Menschen, auf ihren unendlich verschiedenen Bildungsstufen, in rechter Weise und dem stillen Gange der Natur gemäß, nach und nach zum Edlern heranzubilden. Verlangen Sie nicht, daß unwissende Kinder sogleich gelehrte Männer sein sollen. Leuchten Sie in der Finsterniß mit Ihrem Lichte, aber ohne eine Feuersbrunst anzurichten. Ich bekenne, Sabine, daß ich von dieser Antwort ein wenig betroffen war. Es klang aus ihr eine Wahrheit, der ich selbst zuweilen nahe gekommen war, die mir aber der baare Widerspruch gegen die gesunde Vernunft zu sein schien. Ich wußte im ersten Augenblick nicht recht, was ich erwiedern sollte. Endlich half ich mir mit einer Frage, welche eine Widerlegung zu sein scheinen konnte, und sagte: Hat der Anblick menschlicher Bosheit also noch niemals einen heiligen Zorn in Ihnen entflammt? Mein Sohn, versetzte er ruhig, nennen Sie doch ja den Zorn nicht heilig. Nach meinen Begriffen giebt es keine heilige Unheiligkeit; und nach meinen Erfahrungen giebt es wohl verirrte Menschen, aber keine, die, aus Liebe zur Ungerechtigkeit und Bosheit, ungerecht und böse sind. Jeder will trotzdem wenigstens gut scheinen ; will seine ungerechten Thaten rechtfertigen ; oder, kann er dieses nicht, durch den Zwang der Umstände entschuldigen . Der innere Mensch ist bei allen Sterblichen besser , als der äußere . Der innere will das Wahre, Gerechte und Gute; er kann nicht anders. Aber der äußere, der leibliche, der deshalb thierische wird durch tausenderlei Täuschungen, durch den Reiz der Sinne, durch Gewohnheit, oder durch falsche Ansicht der Dinge, oft dem innern Menschen abtrünnig. Doch kehrt er zuletzt gern und reuig, wenn auch manchmal erst spät, wieder zu ihm zurück. Ihre Jahre, hochwürdiger Herr, entgegnete ich, geben Ihrer Menschenkenntniß allerdings den Vorzug vor der meinigen. Wäre es aber nicht auch möglich, daß Sie die Menschheit von ihrer besseren, ich leider! sie von der schlechteren Seite kennen lernte? Liebster Hauptmann, beide Seiten hat ein jeder Mensch in sich selbst; und wer sich und die heimlichen Beweggründe seines äußerlichen Thuns scharf beobachtet, ist auf dem Wege zur Menschenkenntniß im Allgemeinen. Zur vollen Kenntniß und Durchschauung des einzelnen Menschen freilich gelangt kein Sterblicher. Daher soviel Mißverständniß und so häufig die lieblose Beurtheilung Anderer. Auch Ihnen, mein Lieber, gebe ich, Ihres inneren Friedens wegen, den Rath, behandeln Sie Jeden nach seiner , nicht nach Ihrer Denkungs- und Gemüthsweise, sonst werden Sie vom Anderen durchaus nicht verstanden , nicht von ihm begriffen. Sie verlieren sein Zutrauen, und mit diesem Ihre eigene Fähigkeit, kräftig auf ihn einzuwirken. Sie aber wollen doch wirken, wollen doch geliebt und von Anderen verstanden sein? Allein, mein bester Pater Gregorius, Sie werden hoffentlich von mir nicht fordern, daß ich, um Anderen zu gefallen, heuchle, und mein wahres Selbst verläugne? Mit nichten, mein Sohn; nehmen Sie das nicht in dieser Weise, was ich gesagt habe. Ich rieth Ihnen nur, so viel Aufmerksamkeit für Andere zu haben, als Sie für Sich selbst fordern ; ungefähr so viel Liebe zu Anderen zu hegen, als zu Sich selbst; und nicht nach eigenem Sinne zu verlangen, Jeder solle fühlen, denken, glauben, wie Sie. Mit einem Worte, Sie sollen sich nicht, ohne alle Berücksichtigung der Eigenthümlichkeiten Anderer, bequem und selbstzufrieden gehen lassen, wie man sagt; sondern sich ernst beherrschen in Wort und That. Gleichwie des Dichters Geist über den Sturm der Gefühle, die er im Gesange ausspricht, und die er in seinen Hörern anregt, immer ruhig bleibt, sich selbst beherrschend, sie ruhig ordnet, daß sie ihn selbst nicht überwältigen; so soll im gemeinen Leben, wer Andere bessern will, den Blick eben so sehr auf sein Ich, als auf die Anderen richten. Man soll sich nie gehen lassen , beim besten Freunde, auch bei der geliebtesten Person nicht. Ich nur allein lebe in mir, kein Anderer in mir zugleich; sondern der Andere lebt in seinem eigenen Innern; er ist daher ein Anderer ; beurtheilt mich aus seinem Innern allein, und versteht mich, trete ich nicht ganz in sein eigenes Reich der Vorstellungen, in den meisten Fällen, falsch. Liebe Sabine, vielleicht habe ich die letzten Aeußerungen des guten Mönches nicht völlig richtig aufgezeichnet, denn ich hatte die Aufmerksamkeit plötzlich verloren, und Auge und Ohr wo anders hin gewendet. Es kam nämlich ein kleiner hölzerner Bergkarren, wie sie hier gebräuchlich sind, den holprigen Weg heraufgefahren; ein kleiner Leiterwagen mit kaum zwei Fuß hohen Rädern, und ein kleines, mageres Pferd davor gespannt, welches indessen gewandt, wie eine Katze, bergauf kletterte. Im Wagen saß, auf einem Bänkchen, eine Bäuerin; eine andere ging, mit einem betagten Fuhrmann plaudernd, nebenher. Die Fußgängerin war ein junges Mädchen von feinem Wuchs und anmuthiger Haltung, in einem rothen Leibchen, rothen Strümpfen, Linnenärmeln, blauem Brustlatz, blauem Rock und blauer gestreifter Schürze; ein gelbliches Seidentuch nachlässig um den Hals geschlungen. Lache nicht, Sabine, daß ich Dir die Tracht so genau beschreibe; ich male sie eigentlich nicht Dir, sondern noch einmal mir selbst vor. Je näher das Bauernmädchen heran kam, desto mehr bewunderte ich dessen Grazie; das abwärts geneigte Köpfchen von einer schwarzen, mit schmalen Florkanten umsäumten, und über die weiße Stirn in einem zarten Ausschnitt niedergehenden Haube bedeckt, unter welcher das saubergescheitelte Seidenhaar hervorglänzte. Das fromme, sittsame Gesichtchen, mit den zu Boden gesenkten Augen unter hohen, stolzgewölbten Augenbraunen; der kleine, wie eine Granatblüthe geformte Mund, und darunter das noch kleinere Kinn, um welches das schwarze Seidenband des Häubchens gebunden war – Sabine, ich schwöre Dir's, es war ein Gesichtchen, ganz wie das des Fräuleins von Marmels. In meinem Leben erblickte ich nichts Aehnlicheres. Als der Wagen unter uns, in der Tiefe, vorüber kam, grüßte die darauf sitzende Bäuerin; auch der Fuhrmann und die Fußgängerin. Diese jedoch wendete das Gesicht zur Erde hin. Ich war außer mir; wollte hinunterspringen; besann mich indessen meiner Thorheit; schaute dennoch dem Karren nach, der hinter den kolossalen Felsblöcken bald verschwand. Ich drehte mich hastig zu meinem Benediktiner, um ihn zu fragen, wer und von wo die Bauernmädchen wären? Doch die Frage erstarb unter einem anderen Erstaunen. Ich sah das Antlitz meines Mönches geröthet, und in seinen Augen und seinen Bewegungen eine eigenthümliche Verlegenheit. – Wie? Zündet die Schönheit noch beim Greise, und glüht die verbotene Liebe hinter gottgeweihten Mauern? – Ich darf; ich mag nicht vermuthen, daß – – – 30. Gefängniß-Scene. So weit hatte Flavian an die Schwester geschrieben. Er vollendete den Brief nicht; denn zuerst unterbrach ihn beim Schreiben der unerwartete Besuch des Hauptmanns Salomon; dann hinderte ihn später das Zusammentreffen ganz unerwarteter Bedrängnisse. Verzeihung, wenn ich störe, rief Hauptmann Salomon beim Eintritt; aber, sacre bleu! an wen soll ich mich anders wenden? Die Pfaffen in ihrem Neste droben, könnten mir wohl auch den Dienst leisten, um den ich Sie bitten möchte; aber der Teufel selbst traut den schwarzen Vögeln nicht. Die brüten, fürchte ich, ebenfalls am liebsten über Basiliskeneiern. Und worin kann ich dienen? fragte Flavian. Sie wissen vielleicht, fuhr der Platzkommandant fort, von meiner Kompagnie liegt eine Abtheilung zu Sedrun einquartiert. Gestern bekomme ich Wind davon, daß in der Nachbarschaft von Sedrun, in einer Berghütte, eine geheime Bauernversammlung, und zwar nächtlicher Weile, abgehalten werden solle. Ich gebe dem Kommandanten in Sedrun meine Befehle. Er, nicht faul, sammelt seine Leute ohne Geräusch, läßt sie Abends einzeln aus dem Dorfe schleichen, und umzingelt gegen Mitternacht die Hütte. Unvorsichtiges Geräusch, oder ein Wächter der Verschwornen, hatte unsere Mannschaft verrathen. Der Offizier fand das Nest leer; man hörte jedoch noch die Schritte der Entwischten. Unsere Soldaten springen ihnen nach, und erhaschen zwei von den Schelmen, die nun gefangen nach Disentis gebracht worden sind. Ich soll sie in's Verhör nehmen, doch, sacre bleu! wie soll man Leute verhören, die keine menschliche Sprache reden, oder verstehen? Und ich kann sie doch nicht, ohne zu wissen, wer sie sind, und allenfalls, was sie im Schilde führen, in's Hauptquartier nach Chur abführen lassen. Einstweilen sitzen die Kerle, jeder besonders, im Gefängniß. Da ich jedoch einen Bericht erstatten muß, so nehme ich, sehen Sie, meine Zuflucht zu Ihnen, lieber Hauptmann. Ich ersuche Sie, diese Rebellen ein wenig auszuforschen, oder mir wenigstens ihre Namen und Wohnorte zu sagen. Können Sie mehr erfahren, desto besser. – Morgen lasse ich die Bösewichte dann nach Chur führen, wo man sie erschießen wird. Allein es muß doch auch ein Bericht dazu gemacht sein. Nicht wahr, Sie sind so gefällig und werden einmal mein Verhörrichter und Dolmetscher. Es war für Flavian nicht der angenehmste Auftrag. Das Wort» erschießen « klang ihm aus der ganzen Rede am schärfsten in's Ohr. Der Verräther seiner Landsleute zu werden, und sie, die in blinder Vaterlandsliebe vielleicht unbesonnen gehandelt hatten, einem französischen Kriegsgerichte, das heißt, dem Tode, zu überliefern, dazu fühlte er nicht die mindeste Lust. Hingegen schien es auch nicht wohlgethan, durch Ablehnung der Bitte sich selbst etwa zu verdächtigen. Nach kurzem Bedenken, während dessen er ein paar gleichgültige Fragen, auf deren Beantwortung er kaum hörte, dazwischen gethan hatte, willigte er in die Aufforderung und folgte dem Offizier sogleich zu einem der Gefängnisse. Der Kommandant ließ vom diensthabenden Unteroffizier aufschließen, und, weil er von der Unterredung kein Wort verstehen konnte, entfernte er sich, des Berichtes gewärtig, den der Scharfschützenhauptmann abzustatten versprach. Flavian fand in der dumpfen, engen Kammer einen der Gefangenen stark gefesselt, mit untergeschlagenen Armen, im Winkel sitzend. Dieser regte sich nicht; Flavian hingegen erschrak heftig, als er in der breitschultrigen, langen Gestalt den alten Gilg Daniffer erblickte, dessen Bekanntschaft er in der schrecklichen Märznacht gemacht hatte. Wie denn? rief er, Gilg, Ihr? Seid um meinetwillen ohne Furcht. Ich bin ja Euer Freund und Landsmann. Der Gefesselte richtete den Kopf langsam in die Höhe, strich die wirren, weißen Haare von der Stirn zurück, betrachtete den jungen Mann mit ungewissen Blicken und brummte: Aha, Bursche, bist Du's und wieder lebendig? Was suchst Du hier? Möchtest Du mir vielleicht die schlechte Bewirthung bezahlen, oder bist Du auch wieder Gefangener, wie ich? Ich soll Euch in's Verhör nehmen, Gilg. Der Platzkommandant gab mir den Auftrag, weil die Franzosen weder romanisch, noch deutsch verstehen. Sage ihnen, sie sollten in ein paar Tagen deutsch genug lernen. Wir werden es ihnen mit unseren Morgensternen einleuchtend machen. Aber Dir, Bursche, hätte ich auch nicht zugetraut, daß Du Einem um den Anderen, Gott und dem Teufel dienst. Packe Dich von hinnen, Mameluk! Nein, Gilg, Ihr irret Euch! ich hoffe Euch zu retten. Darum eben nahm ich das Geschäft vom Kommandanten an. Nach seiner Meinung sollt Ihr, nebst einem anderen Gefangenen, morgen nach Chur gebracht werden. Das möchte ich gern verhüten; ich möchte Zeit für Euch gewinnen. Verlaßt Euch auf mich. Haltet Euch ruhig und lasset mich sorgen. Lebt wohl! Halt, Bursche, wohin? Es scheint beinahe, Du meinst es ehrlich mit mir. Thust auch wohl daran, bei meiner armen Seele! Denn morgen hoffe ich, ohne Deine Hülfe frei zu sein, und in größerer Gesellschaft nach Chur zu ziehen, als dem Kommandanten lieb ist. Verlasse Dich auf mein Wort. Nicht wahr, heute ist der letzte Apriltag? Er ist's! Nur verstehe ich nicht, was Ihr redet. Gut, mein Bursche. Für einen undankbaren Verräther und Spion trägst Du ein zu ehrliches Gesicht. Du sollst bald den Jüngsten Tag der Franzosen erleben. Sorge, daß ich wenigstens morgen noch in diesem unsauberen Loche verbleibe. Es soll Dein Schaden nicht sein. Nimm die Hand darauf. Mehr sage ich Dir nicht. Vertrauet mir, Gilg. Habt Ihr sonst noch einen Wunsch? Ja wohl. Die französischen Windbeutel glauben, unser Einer lebe vom Winde. Schaffe mir ein Stück Magentrost, denn ich bin nüchtern; und wär's auch keine bessere Kost, als ich Dir vor zwei Monaten aufgetischt habe. – Höre, falls Du ein redlicher Kerl bist, komme diesen Abend noch einmal in dieses Rattennest, und sage mir, was inzwischen draußen vorgegangen ist. Daran will ich Dich erkennen. Verstehst Du? Es soll geschehen, Gilg. Seid guten Muthes und lebt wohl. Ich will auch Euren Unglücksgefährten trösten. Ist er so ein Braver, wie Ihr selbst? Das meine ich und besser, bei meiner armen Seele! als mancher Bündner Schelm. Er ist im Namen des Obersten St. Julien, der . . . Sprich sein höflich mit ihm, mein Bursche. Er ist nicht etwa unseres Gleichen, sondern ein vornehmer Herr; ein hoher österreichischer Herr, der Leib und Leben für's Bündnerland und für seinen Kaiser auf die Karte gesetzt hat. Er dauert mich. Schaffe ihm ein besseres Quartier, als mir angewiesen ist, und gutes Essen. Er ist, unter uns gesagt, ein Graf und daher nicht, wie wir, an faulen Käse gewöhnt. Wie heißt er? Wenn Du Geld hast, Bursche, so spare nichts, ihn gut zu versorgen; er vergilt es Dir zehnfach. Es ist der Graf, – – hier lispelte Gilg, kaum hörbar, Graf Malariva. Verstehst Du? Den hatten die französischen Spürhunde in Chur doch nicht ausgeschnüffelt. Flavian hörte den Namen » Malariva « mit widerwilligem Erstaunen. Der ist hier? rief er, und sein Blut wurde heiß und jede Faser in ihm empörte sich. Er ist in meiner Gewalt, jauchzte die Stimme der Rache in seinem Innern, – in demselben Augenblick jedoch zürnte er sich selbst. Nun ja, Kamerad, sagte Daniffer, ohne die Aufwallung des Jünglings zu bemerken, und wenn der Herr Leib und Seele bis morgen beisammen behält, kann er, will's Gott! noch lange leben. Kennst Du ihn? Ich will ihn sehen, und für ihn Sorge tragen, versetzte Prevost und entfernte sich rasch, als ein Soldat erschien, dem Gefangenen die kärgliche Mittagskost zu bringen. Der Unteroffizier verschloß von außen die, mit doppelter Wache besetzte Thür und führte den neugebackenen Verhörrichter nach einem anderen Hause. Er ließ ihn dort in ein stallähnliches Gemach eintreten, wo im Zwielicht, welches die blinden Scheiben des Fensterchens kaum gestatteten, des Grafen Malariva dürre Gestalt gespenstisch umherwankte. Guten Morgen, Herr Graf, redete ihn der Hauptmann beim Eintritt an. Der Wunsch ist hier wohl am rechten Orte, wo ich Ihnen in der ganzen Welt am wenigsten zu begegnen hoffte. Der Gefangene stand verblüfft, und starrte ihn finster an. Sie, mein Herr? stammelte er in großer Verlegenheit, um Worte zu finden, mit matter Stimme. Doch mit schnell gewonnener Fassung und fast stolzem Tone fügte er hinzu: Was führt Sie denn hierher? Auf wessen Befehl erscheinen Sie? Vielleicht auf Befehl Ihres guten Engels, Herr Graf. Den sollte ich, nach der Wahl seines Boten, kaum vermuthen. Reden Sie, Herr Prevost; ich bin auf jedes Schicksal gefaßt. Ich stehe in der Gewalt des Feindes, dem Sie, scheint es, gegen Ihr eigenes Vaterland dienen. Keine Beleidigungen zu den früheren, Herr Graf. Ich bin keinesweges verpflichtet, einem Manne, wie Ihnen, Rechenschaft von meinem Handeln abzulegen; nur das sei Ihnen gesagt, daß ich weder den Franzosen, noch Ihrem Kaiser, sondern meinem Gewissen diene. Weil man glaubt, Sie verständen nicht französisch, soll ich die Verrichtungen des Dolmetschers übernehmen und fragen, wer Sie seien, und was Sie unter den hiesigen Bauern und in deren nächtlichen Versammlungen treiben? Daß Sie ein österreichischer Emissär, ein Aufwiegler sind, verräth den Franzosen schon Ihr Aeußeres. Uebrigens kenne ich Sie; Sie sind der vorgebliche österreichische Offizier, welchen der Oberst St. Julien geschickt haben soll. Ich weiß und errathe Alles. Errathen, mein Herr, ist nicht erwiesen, murmelte Malariva, dem schon wieder etwas beklommener um's Herz wurde. Doch sprechen Sie weiter. Das Uebrige ist nicht tröstlich für Sie, wie Sie leicht vermuthen können. Sie sollen morgen, mit Gilg Daniffer, in's Hauptquartier nach Chur gebracht werden, wo Sie als Aufwiegler oder Kundschafter, vor ein Kriegsgericht gestellt, ein Urtheil zu erwarten haben, wie Sie sich's vorstellen mögen. Kriegsgericht? Es wäre entsetzlich! rief der Graf und fiel, wie gelähmt, auf eine Bank. Nachdem es eine Zeit lang stille geblieben war, trat Flavian zu ihm, schüttelte und rüttelte ihn aus der Betäubung auf, und sagte: Verlieren Sie nicht allen Muth, Graf. Beurtheilen Sie meine Denkungsweise nicht nach der Ihrigen in Wien. Wenn es irgend möglich ist, rette ich Sie vom gewissen Tode. Sie? – Können Sie? – Glauben Sie? – stammelte der Ohnmächtige halblaut und hob mit jammernder Geberde die Hände zu Flavian empor. Fassen Sie Muth, Graf! Verstellung ist Ihnen ja nicht schwer. Nehmen Sie den Ton und die Miene eines unschuldigen Krämers an, der, bei der kriegerischen Verwirrung, hier zufällig in die Gesellschaft der Bauern gerieth. Ich habe meinen Plan entworfen. Sie und Daniffer, hoffe ich, sollen gerettet werden, wenn die Möglichkeit dazu vorhanden ist. Daniffer? Also der hat mich verrathen, der Schurke? rief Malariva! Verflucht, daß ich auf der Flucht von Chur mich zu diesem treulosen Gesindel verlaufen mußte. Vortrefflicher, edler Mann, vergessen wir Beide das Vergangene, werden wir Freunde. Werden Sie mein Retter, mein Erlöser! Mit Allem, was ich bin, habe und hoffe, will ich Ihnen dankbar werden. Haben Sie nur dies einzige Mal einiges Vertrauen zu meinen Worten. Was in Wien zwischen uns Mißbeliebiges vorfiel, war offenbar eine Folge der ärgsten Mißverständnisse von meiner Seite. Vergeben, vergessen Sie, mein theurer Herr Prevost! Davon ist jetzt keine Rede, fiel ihm Flavian in's Wort; doch eine Frage erwiedern Sie mir mit ehrlicher Antwort. Ich weiß, daß Sie mich bei der Wiener Polizeibehörde verleumdet und fälschlich angeklagt haben. Ich bin überzeugt, daß Sie, Herr, und kein Anderer, durch Ihre Ränke meine Verstoßung aus dem Hause der Baronin Grienenburg bewirkt haben; daß . . . Malariva sprang auf, und Flavian's Hände in die seinigen schließend, rief er: Bei Gott und all seinen Heiligen schwöre ich, Sie irren. Womit habe ich Ihren Verdacht erregt? Ich bin ein Ehrenmann, und will, ich beschwöre es bei meiner Seelen Seligkeit, in Allem aufrichtig Rede stehen. So gestehen Sie: händigten Sie dem Fräulein von Marmels die eingesiegelte Stickerei, die ich Ihnen in Wien gab, wirklich ein, oder . . . Die Stickerei? Allerdings, allerdings habe ich, mein bester Herr Prevost, allerdings! Wenn ich nicht irre, ein Geldbeutel war's. Das Fräulein schien empfindlich; nahm ihn aber endlich, steckte ihn ein und bewahrte ihn. Es war dieser hier, sagte Flavian mit finsterer Miene, indem er die Börse mit Elfriedens Stickerei hervorzog und dem Grafen dicht vor die Augen hielt. Richtig, mein lieber, theurer Freund, ganz richtig; Sie erinnern mich, fuhr Malariva, ohne Verlegenheit, fort; das Fräulein warf ihn mir vor die Füße. Ich hob ihn auf; wollte ihn sogleich Ihnen zurückstellen; doch Sie wissen, als wir nachher . . . Und Sie machten dann einem gemeinen Mädchen, einem gewissen Nannerl, das fremde Eigenthum zum Geschenke. Läugnen Sie, Lügner? Was? Nannerl? – Nimmermehr! Wie denken Sie von mir? Die Person stand ehemals allerdings in meinem Dienste, aber ich bitte Sie, . . . das Mensch hat ihn vermuthlich aus einer Schublade meines Schreibpultes entwendet. Ich verwahrte ihn, auf Ehre, wie ein Heiligthum. Der Elende, er lügt nur und dem Tode noch in's Angesicht, murrte Flavian, indem er sich ärgerlich wegdrehte und zur Thüre ging. Der Graf sprang ihm bleich und zitternd nach, fiel vor ihm nieder und umarmte Flavian's Knie. Um Gottes Barmherzigkeit willen, seufzte er laut, verlassen Sie mich nicht! Retten Sie mich! Was fordern Sie? Ich opfere Ihnen, was Sie begehren mögen. Sie lieben Fräulein Marmels. Ich bin des Mädchens Vormund und Sie, kein Anderer, soll das Fräulein von mir empfangen; auch das ganze Vermögen, und die Hinterlassenschaft der Baronin Grienenburg dazu; Alles, Alles. Hinterlaffenschaft? Ist die Baronin gestorben, fragte Flavian überrascht. In Karlsbad, am Ende vorigen Jahres. Aber die Zeit flieht, es ist kein Augenblick zu versäumen. Verlassen Sie mich Unglücklichen nicht! Nur diesmal nicht! Und das Fräulein von Marmels? forschte Flavian weiter; was ist aus ihr geworden? Stehen Sie auf! Reden Sie die Wahrheit! Der Graf richtete sich zitternd empor und antwortete: Als ich zur Armee des Erzherzogs abgegangen war, wurde mir gemeldet, – es war mehrere Wochen nachher . . . das Fräulein habe sich von Wien entfernt; man wußte nicht, wohin? Man glaubt, sie sei zu einer Freundin nach Mähren gegangen. Wir werden es erfahren, wenn ich nach . . . Retten Sie mich aus der Gewalt der Franzosen; Sie können es! – Sie sind zu edel, allzu barmherzig, als daß Sie, – und meine ewige Dankbarkeit. Ueberlassen Sie mich nicht dem schrecklichsten Schicksal! Mit innerem Ekel wendete sich Prevost von der Armensündergestalt hinweg; versprach zu leisten, was in seiner Macht stehe, und entfernte sich. 31. Der Kommandant. Der Hauptmann Salomon saß Mittags an der wohlbesetzten Tafel, ein Gläschen alten Klosterwein in der Hand, als sein Dolmetscher zu ihm in's Zimmer trat, über das Verhör der Gefangenen Bericht zu erstatten. Setzen Sie sich, Bürger Prevost, rief der Kommandant mit kirschrothem Gesichte, und füllte dem Gaste das Glas aus frischer Flasche; nehmen Sie, Bürger, flüssiges, feuriges Gold. Der Pater Kellermeister in der Abtei versteht sein Geschäft, und nun erzählen Sie; wer sind die Zeisige, die wir im Käfig haben? Ein herrlicher Fang, Kapitän, sagte Flavian. Wir müssen sie nur kirre machen, damit sie die Schüchternheit verlieren, und noch heller pfeifen. Was ich bisher von ihnen herausbrachte, ist Folgendes: Der Jüngere ist ein Deutscher, ein Handelsreisender, der, glaube ich, Schweizerkäse aufkauft, und von den Bauern angehalten wurde, als er nach Ursern ging; der Andere ist ein altersschwacher, fast kindischer Greis von Rueras, hier, im Tavetscher Thal. Beide, halb verhungert, waren zu erschrocken und ermattet, als daß ich viel von ihnen hätte vernehmen können. Der Jüngere ist erbötig, zu entdecken, was er in der Bauernversammlung gehört und gesehen habe, wenn man ihm die Frist gönnt, um sich auf Alles zu besinnen, und dagegen versprechen will, ihn, als Fremden, die Reise fortsetzen zu lassen. Darum werde ich, mit Ihrer Erlaubniß, Beide diesen Abend noch einmal besuchen. Wohlgethan! rief der Kommandant. – Sparen Sie schöne Worte nicht. Versprechen Sie, was die Schurken irgend wünschen. Morgen mag man ihnen in Chur davon halten, was man will. Mir ist's einerlei. Kapitain, nichts übereilt, versetzte der Berichterstatter. Behalten Sie die Leute morgen zurück. Wir müssen ihnen das ganze , kein halbes Geheimniß ablocken, damit der Bericht im Hauptquartier wichtigere Dinge enthält, als leere Namen von Verdächtigen, deren Einer im Stande ist, sich in Chur sogar als unschuldiger Fremdling auszuweisen. Folgen Sie meinem Rathe, Sie werden dabei mehr Ehre ernten. Der Kommandant schüttelte bedenklich den Kopf und erwiederte: Sie mögen einerseits Recht haben. Aber die Kerle sind hier, bei den Rebellen, schlecht aufgehoben; die Gefängnisse unsicher, und wie es scheint, wird es im Lande von Tag zu Tag unruhiger. Eben deswegen, Kapitän, entgegnete Flavian. Einer der Verhafteten hat schon bekannt, daß in der Versammlung der Bauern von dem nahen allgemeinen Angriff der Oesterreicher auf den St. Luziensteig die Rede gewesen wäre. Ist's wahr, so kommt, wenn man sich schlägt, Ihr Bericht in der ungünstigsten Zeit nach Chur, und Sie erfahren möglicherweise noch dazu, daß man die Gefangenen unterweges durch einen Volksauflauf frei macht. Starke Bewachung können Sie so nicht mitgeben. Erwarten wir, ob nicht vielleicht heute oder morgen schon Kanonendonner von Osten her gehört wird. In dem Fall . . . Sacre bleu! schrie Kapitän Salomon. Die Oesterreicher wagen's nicht. Wir sind stark und gut verschanzt. Das Zwiegespräch dauerte noch geraume Zeit, ohne daß Einer den Andern bekehrt hätte. Flavian war jedoch schon zufrieden, als er den Platzkommandanten in dessen erstem Entschluß etwas erschüttert sah. Er entwarf danach seine Pläne, zu deren Gelingen ihm Uli Goin, wie er hoffte, kräftige Hand reichen sollte. In's Schloß zurückgekommen, ließ er den sonst so dienstfertigen Uli überall aufsuchen. Er war jedoch im ganzen Dorfe nirgends zu finden. Flavian gerieth in Verlegenheit; denn ohne dessen Beistand war an das Befreiungsgeschäft gar nicht zu denken. Uli kannte zur sicheren Flucht Wege und Stege des Landes, und wußte, wenn List nichts vermochte, Gehülfen genug zu finden, um die Kerle mit Gewalt zu erbrechen. – Der Tag verstrich, doch Uli Goin erschien nicht. Prevost begab sich noch einmal zu den Verhafteten, um ihnen Hoffnung zu machen, die ihm selbst fehlte. Er entwickelte seine Entwürfe; theilte ihnen die Rollen mit, die sie künftig dem Kommandanten gegenüber, wie auch gegen jeden Anderen zu spielen hätten, der sie in's Verhör nehmen würde. Graf Malariva saß dabei, wie am Morgen, in völliger Vernichtung; hörte kaum Flavian's Worte, und streckte die gefalteten Hände von Zeit zu Zeit flehend zum Sprechenden empor. Gilg Daniffer hingegen hatte den kalten Trotz, mit welchem er eben so gleichgültig seinem Todesurtheil, als seiner Befreiung entgegensah, nicht eingebüßt. Er gab dem jungen Freunde noch mancherlei Rath zur glücklichen Ausführung des gewagten Vorhabens, und schloß mit den Worten: Läßt mich der vermaledeite Kommandant nur noch vierundzwanzig Stunden gewähren, dann, mein braver Bursche, soll er selbst unter das Messer, meiner Seele, und Dir wird alle Mühe erspart. Der Kommandant, zu dem sich Prevost abermals verfügte, war und blieb aber, aller Beredtsamkeit seines Unterhändlers ungeachtet, fest entschlossen, die Gefangenen keinen Tag länger zurückzubehalten. Er hatte zu deren Begleitung, für den nächsten Morgen, schon die Mannschaft ausgesucht und lachte zu den furchtsamen Bedenklichkeiten des Schützenhauptmanns. Meine Soldaten haben gemessenen Befehl, sagte er, Feuer zu geben, sobald sich unterweges Bauerngesindel zur Befreiung der Gefangenen nähert, und diese ebenfalls sogleich niederzuschießen, mögen sie Miene zum Entwischen machen, oder nicht. Lebendig soll man diese Schurken nicht bekommen. Dabei bleibt's! Es war spät Abends, als Flavian in's Schloß zurückkehrte und vergebens nach dem vermißten Uli Goin fragte. Er sah die Unmöglichkeit ein, ohne des Tavetschers Hülfe, in der Nacht etwas Gedeihliches vorzunehmen. In dem festen Vorsatze, sie um jeden Preis in Freiheit zu setzen und dem gewissen Tode zu entreißen, beschloß er, ihnen am anderen Tage, auf dem Wege nach Ilanz und Chur, voranzueilen; um Leute zu werben, kein Geld zu sparen, und unterweges das militärische Geleit zu überfallen. Wohl lag ihm die Gefahr des Grafen Malariva weniger am Herzen; denn er verachtete ihn; die Hoffnung jedoch, dessen tückisches Treiben in Wien mit Großmuth vergelten zu können, schmeichelte dem Stolze seines Herzens. Wichtiger war es ihm, den alten Daniffer nicht in die Mörderhand eines französischen Kriegsgerichtes fallen zu sehen; den Mann, welchem er selbst zum Danke verpflichtet war, und den nur blinde, ungestüme Liebe zum Vaterlande zur Empörung gegen dessen Unterdrücker getrieben hatte. Einige Hoffnung des Gelingens gab ihm die zwölf Stunden weite Entfernung von Chur. Die Franzosen mußten unterweges nothwendig einmal übernachten. Um jeden Augenblick am Morgen zum Aufbruch gerüstet zu sein, legte er Kleidung und Geld bereit; Geschenke für die Diener des Schlosses und ein Briefchen mit Abschiedsworten an den würdigen Pater Gregorius. Er wollte gerade die Herrin des Hauses aufsuchen, um ihr noch einmal seinen Dank für die mütterliche Güte auszusprechen, als eine Magd in's Zimmer trat, die ihn zur Frau von Castelberg einlud. 32. Das neue Gelübde. Die Gemahlin des Bundeshauptes, oder des Landrichters vom grauen Bunde, Frau von Castelberg, eine Tochter des im Volke hochgeachteten Geschlechtes Derer von Capol , empfing ihren Gastfreund mit gewohnter Huld. Doch ließ sich in ihrem Wesen eine gewisse ängstliche Verlegenheit und Trauer, die sie umsonst zu verheimlichen sich befliß, nicht verkennen. Mit einem, wenn auch nicht mehr jugendlichen, doch frischen Aeußeren und einem durch seine Erziehung erworbenen Anstande, verband sie jenen Sinn für Einfachheit und Häuslichkeit, welcher damals, unter den Bündnerinnen von guter Familie, eine Haupttugend zu sein pflegte. Ebenso, wie ihre Kleidung, welche zum Theil nach einer längst veralteten Mode, zum Theil der gewöhnlichen weiblichen Landestracht entsprechend, nur von köstlicherem Stoffe, und nicht ohne Geschmack gewählt war, so sah man auch Verzierungen und Geräthe der sämmtlichen Zimmer des Schlosses aus wohlerhaltenen alterthümlichen Stücken des Familienerbes, wie aus Arbeiten späterer Künstler und Handwerker, dem Auge gefällig zusammengeordnet. Man fühlte sich dort sehr bald einheimisch, wo Zeugen einer ehrenwerthen Vergangenheit, mit den Schöpfungen neuerer Kunst zu jeder Bequemlichkeit, so freundlich beisammenstanden, wie Großeltern, Kinder und Enkel, in einer glücklichen Familie. Sie treffen Anstalten zur Abreise, höre ich, sagte die Gebieterin des Schlosses, und ließ Flavian neben sich auf dem Sopha niedersitzen. Wirklich stand ich im Begriff, antwortete er, Ihnen, gnädige Frau, mein Lebewohl zu sagen. Ich habe nur zu lange schon Unruhe und Mühen in Ihr stilles Hauswesen gebracht; es ist Zeit, daß ich scheide; doch gewiß, es geschieht mit schwerem Herzen. Durch Ihre Theilnahme an meinem Schicksale, durch die vielen Opfer, welche Ihr Mitleiden mit mir Ihnen auferlegte, bin ich Ihr größter Schuldner geworden, und kann einstweilen doch mit nichts Anderem, als armen Worten zahlen. Ohne Ihre menschenfreundliche Pflege, ohne Ihre liebevolle Sorgfalt, wie sie nur eine Mutter bei dem eigenen Sohne üben kann, läge ich wahrscheinlich längst im Schooße des Grabes. Ich weiß nicht, wie ich Ihnen danken und vergelten soll. Lieber Hauptmann, Sie rechnen mein Thun offenbar zu hoch an. Es ist ja kein Verdienst, eine natürliche Pflicht zu erfüllen, und noch weniger, wenn es nicht ganz uneigennützig geschieht. Sehen Sie, das ist leider bei mir der Fall. Sie wissen nicht, sagen Sie, wie mir danken? Ich aber weiß es schon lange, und gerade deshalb ließ ich Sie zu mir bitten. Darf ich für meine geringen Dienste fordern, was ich will? Alles, gnädige Frau, was Sie verlangen, und wenn es sein muß, mein Leben, das ich Ihnen schuldig bin. Ich halte Sie für ritterlich genug, lieber Hauptmann, selbst Ihr Leben für eine Dame auf das Spiel zu setzen. Wenn ich nun aber um ein solches Wagestück, oder um etwas Aehnliches, bitten würde? Betrachten Sie es, ehe Sie, meine Gnädige, darum bitten wollen, als schon zugesagt. Gilt es im Ernst? fragte sie lächelnd und reichte ihm die offene Hand dar. Hier mein Handschlag, erwiederte er, und zog die dargebotene Hand der Herrin an seine Lippen. Wohlan, mein getreuer und tapferer Ritter, jetzt bin ich zufrieden. Hören Sie meine erste Bitte, der aber noch eine lange Reihe anderer folgen wird. Verlassen Sie dies Schloß nicht bis ich es Ihnen erlaube; die Erlaubniß hoffe ich Ihnen in wenigen Tagen geben zu können. Flavian, der dieses am wenigsten erwartet hatte, fühlte sich in einer beengenden Verlegenheit. Er dachte an die Gefangenen, an das gegebene Wort, an das ihnen drohende Schicksal, und zugleich fiel ihm auch die mit Pater Gregorius gepflogene Unterredung ein, nebst gewissen Aeußerungen desselben, welche mit dem jetzigen Wunsche der Frau von Castelberg in Verbindung zu stehen schienen. Er sann einen Augenblick darüber nach, ob er ihr sein Vorhaben für den folgenden Tag entdecken dürfe? Es scheint beinahe, hob die Dame nach kurzem Schweigen an, während dessen sie ihn aufmerksam beobachtete, schon die erste Bitte fällt Ihnen etwas schwer auf's Herz? Vielleicht am schwersten von allen möglichen anderen, antwortete Flavian, sich aus seiner Verwirrung befreiend. Urtheilen Sie selbst. Ich machte mich heute schon, durch ein unwiderrufliches Versprechen, verbindlich, morgen eine kleine Wanderung in die Nachbarschaft zu machen. Gestatten Sie mir diese, so bin ich am Abend, oder zeitig am folgenden Tage, zurück. Warum sollte ich Ihnen nicht eine kurze Abwesenheit gestatten? Wenn ich nur Ihrer Rückkunft vollkommen versichert bin. Ich bin es durch Ihr Ehrenwort, sagte die Gemahlin des Landrichters, und nun die zweite Bitte. Ich nehme mit derselben Ihren ganzen ritterlichen Heldenmuth und Edelsinn in Anspruch. Wir leben leider! in einer wildbewegten, schreckensreichen Zeit. Es gehen düstere Gerüchte von einem nahe bevorstehenden Kampfe der Kaiserlichen und Franzosen in unseren unglücklichen Thälern. Wege und Stege sind durch unser bis zur Wuth aufgeregtes Volk unsicher. Eine hülflose, verlassene, sogar durch Parteiwuth verfolgte Dame, eine mir sehr liebe Freundin, wünscht unter diesen Umständen Bünden, sobald, als möglich, verlassen zu können. Sie wohnt nicht in Disentis. Wollen Sie sie in Ihren Schutz nehmen und über die Grenze nach Deutschland, oder Italien, oder in die Schweiz führen? Hier im Dorfe und in der ganzen Umgegend ist gegenwärtig keiner, dem ich sie anzuvertrauen wage. Unsere Männer, Sie wissen es, sind es leider in dieser Zeit nicht – – Ohne Bedenken, meine Gnädige, unterbrach sie der Hauptmann. Jede Stunde bin ich freudig bereit, Ihre Befehle zu erfüllen. Gebe der Himmel, daß mein Geschäft morgen schnell und glücklich von Statten gehe, und ich Abends wieder hier sein könne! Wer, wenn die Frage erlaubt, ist die Verfolgte? und warum flüchtet sie? Das wird Ihnen die Verfolgte selbst anvertrauen, sobald sie sich in Sicherheit weiß. Sie ist und heißt Fräulein Pauline von Stetten . Doch muß ich Ihnen sagen, junger Herr, die Dame ist weder sehr jung, noch sehr schön; vielleicht ein paar Jahre älter, oder jünger, als ich selbst. Sie wird von einer Dienerin und einer Freundin begleitet. Die Letztere leidet unglücklicherweise an einer häßlichen Krankheit. Aber Fräulein Pauline will sich von der armen Person nicht trennen; und diese will lieber sterben, als von ihrem Schutzengel scheiden und zurückbleiben. Sie hat, wie ich Ihnen sagen muß, einen furchtbaren Krebsschaden im Gesichte und dadurch, denken Sie sich das Elend! schon eines der Augen so gut, als verloren. Wie ist's? Verlieren Sie den Muth noch nicht? Durchaus nicht, gnädige Frau. Sie haben mir des Guten so unendlich viel erwiesen, daß, was Sie von mir fordern, noch Alles viel zu wenig ist. Sie haben Recht; es sind gefährliche, unsichere Zeiten. Gebe nur der Himmel, daß ich morgen . . . Wie aber, wenn ich durch irgend ein böses Verhängniß verhindert werden sollte, morgen oder übermorgen – – – Wie, mein tapferer Ritter, blasen Sie schon zum Rückzuge, nachdem Sie hören, daß die Ihrem Schutz und Schirm empfohlene Dame nicht mehr ganz jung, und deren Freundin krank ist? Ich weiß freilich, für Herren, wie Sie, ist es keine geringe Plage, als dienender Ritter, sich mit mehreren Frauenzimmern zugleich tagelang in der Welt herumzuschleppen. Allein – – Verstehen Sie mich wohl, gnädige Frau. Ich dachte in diesem Augenblicke nur daran, daß ich, wie gesagt, von einem früheren Gelübde gefesselt sei; daß ich in der Gewalt von Zufälligkeiten stehe. Aber nur Gefangenschaft oder Tod sollen mich hindern, Ihnen mein Wort zu erfüllen. Sie fürchten viel zu schreckliche Hindernisse, lieber Hauptmann. Ich vertraue Ihnen mit vollem Herzen. Bis zu Ihrer Rückkunft in's Schloß soll auch für die nöthigen Transportmittel gesorgt werden, was eben jetzt keine leichte Sache sein wird. Die Franzosen haben unsere wenigen Pferde in Beschlag genommen, fast sämmtliche, welche man in diesen Thälern besitzt. Doch, was mir nicht gelingt, wird, hoffe ich, dem Pater Gregorius möglich werden. Also ist er bei der Angelegenheit ebenfalls im Spiele? Er ließ diesen Morgen einige Worte fallen, die darauf hindeuteten; erklärte sich mir jedoch nicht deutlicher. Warum that er's nicht? erwiederte Frau von Castelberg. Er selbst ist sogar der, welcher zuerst den Gedanken auf Sie lenkte, obgleich Fräulein Pauline Bedenken trug, und es sogar ein wenig unschicklich fand, sich den Händen eines jungen Herrn anzuvertrauen. Sie müssen diese Schüchternheit einer Unvermählten verzeihen, setzte Frau von Castelberg lächelnd hinzu; sie lernt nun ebenfalls aus der Noth eine Tugend zu machen. – Worüber denken Sie nach? Nur eine Bitte, gnädige Frau, eine dringende, flehentliche! Habe ich in meiner Krankheit von Ihnen und der jungen Dame in Trauerkleidern blos geträumt? Es ist unmöglich; die Erscheinung war mir gar zu deutlich. Und heute wieder, diesen Morgen, sah ich, doch in anderer Gestalt, beinahe ein ähnliches Gesicht; es gehörte einer jungen Bäuerin an. Ich erkannte es nur unbestimmt, nur aus der Ferne. Ich beschwöre Sie, seien Sie lieb und gut; helfen Sie mir aus dem wirren Traume! Wenn es ein angenehmer war, lieber Hauptmann, wäre es ja recht grausam, ihn zu vernichten; und war er unangenehm, so könnte ich's mit dem besten Willen nicht. Das Gesicht, welches Sie heute sahen, ist mir leider so unbekannt, als Ihre Vision im Fieber. Pater Gregorius sah das Mädchen auch und schien dabei, wie mir's vorkam, verlegen. Wirklich? Mit wem hier hätte die Traumgestalt, oder die Bäuerin, etwa Aehnlichkeit? Hier mit Niemanden, aber mit einer Dame in Wien, mit einem – – – nein, ich fühle selbst, es ist eine Unmöglichkeit! Und doch, so arg kann mich die Phantasie nicht täuschen. Je länger Flavian im Vermuthen, Zweifeln, Betheuern und Widerlegen fortfuhr, desto höher spannte er die Neugierde der Frau Landrichterin. Sie ruhete auch nicht, ihn so lange und mit allem Aufwande weiblicher Schlauheit und Theilnahme auszuhorchen, bis sie über die schöne Elfriede vollkommen unterrichtet war, die er eben so lebhaft zu hassen, als zu lieben schien. Er sprach mit Begeisterung und zugleich mit bitterer Verachtung, während er dabei Miene und Ton der Zuhörerin aufmerksam belauschte. Doch überzeugte er sich, daß Frau von Castelberg der Hauptperson seiner Erzählung durchaus fremd sei. Zuweilen lachte sie über den Widerspruch in seinen Gefühlen laut auf; verrieth aber mehr Theilnahme an ihm, als an dem jungen, stolzen Mädchen, das ihn, oder in dem er sich selbst getäuscht hatte. Das Gespräch dauerte bis spät in die Nacht. Als er in sein Zimmer zurückkehrte, fand er keinen Schlaf. Die wachgerufenen Erinnerungen, der Gedanke an die Befreiung der Gefangenen, die Unruhe wegen Uli Goin's Abwesenheit, die zur Pflicht gewordene Begleitung der ihm empfohlenen Frauen, scheuchten den Schlummer von seinen Augen. Erst gegen Morgen verlor er sich in unerquickliches Träumen. 33. Befürchtungen aller Art. Anhaltendes, immer stärkeres Pochen an der Thüre weckte ihn. Er erschrak, als ihm die Uhr sagte, daß es beinahe Mittag sei. Er gedachte Uli Goin's und der Gefangenen; warf sich hastig in die Kleider und zürnte auf sich selbst, vielleicht schon den günstigsten Augenblick für das Gelingen seines Rettungswerkes versäumt zu haben. Statt Uli Goin's trat, als er das Zimmer öffnete, der Platzkommandant herein, der seine Zudringlichkeit entschuldigte, und sich über Flavian's gesunden, langen Schlaf verwunderte. Alle Welt ist auf den Beinen. Im Flecken draußen wimmelt es von Menschen, wie an einem Jahrmarkte, rief er. Mir fängt der Zusammenlauf an, verdächtig zu werden. Sind die Gefangenen schon abgeführt? fragte Flavian hastig, indem er seinen Anzug eilig vollendete. Sie wissen also nicht, daß man sich schlägt? Sacre bleu! Die Kaiserlichen haben wirklich angegriffen. Seit Tagesanbruch hört man Kanonendonner aus der Ferne, von Chur her, oder vom Luziensteig. Er währt ununterbrochen fort, bald heftiger, bald schwächer. Sacre bleu! daß wir Anderen zwischen den Felsen hier sitzen bleiben müssen und nicht dabei sein dürfen. Aber, Kapitän, die Gefangenen, sind sie schon nach Chur unterweges? Rufen Sie sie zurück. Nicht nöthig, Bürger Prevost, was denken Sie von mir? Ich habe sie in Verwahrung behalten. Ihr Rath von gestern war klug. Als mir des Morgens von den Wachtposten die Meldung gemacht wurde, man vernehme von weitem das Feuer von Batterien, begab ich mich selbst auf die Höhe und überzeugte mich. Sofort ertheilte ich Gegenbefehl; die Gefangenen bleiben, wo sie sind. Flavian athmete tief auf, sich von einem herben Vorwurfe befreit zu wissen. Er freute sich nicht nur, daß des alten Daniffer Verlangen befriedigt worden war, sondern auch, daß er seiner Wirthin die angenehme Nachricht bringen könne, bei ihr zu verweilen, bis sie selbst die Abreise bestimmen würde. Scherzend wendete er sich nun an den Kommandanten, der nachdenklich das Zimmer mit langsamen Schritten maß und Flüche zwischen den Zähnen murmelte: Lustig, mein Kapitän, warum so ernsthaft? Man spielt am Luziensteig zu neuen Siegen auf, kommen Sie, wir tanzen eins dazu. Sehen Sie, Freund, sagte der Kommandant und schüttelte ärgerlich den Kopf, wir sind, wie ich schon oft gesagt habe, von tückischen Verräthern umringt. Das Bauernvolk wußte schon Tage lang vorher vom heutigen Angriffe. Nun streckt draußen Alles die Hälse, spitzt die Ohren, und lauert. Warum läuft das Gesindel aus allen Schlupfwinkeln und Berglöchern jetzt hier im Orte zusammen? Käme die Nachricht, die Unsrigen zögen sich zurück, ich wette, der Teufel wäre sogleich los, und wir hätten eine wüste Arbeit mit ihm. Deswegen komme ich eigentlich zu Ihnen. Meine Mannschaft ist auf den Beinen; ich erwarte die Ankunft des Detachements von Sedrun, welches ich wieder an mich ziehe. Wir können keinen Mann entbehren; am wenigsten einen Mann, wie Sie, Bürger. Sie haben sich dem General Loison, freilich nur als Freiwilliger, angeschlossen. Ich bitte und hoffe, Sie werden mit mir treu und entschlossen zusammenhalten; werden Ihrem Vaterlande und der Republik ferner dienen wollen. Sie verstehen das hiesige Kauderwelsch, und sind allein im Stande, mir zu sagen, was vorgeht, was etwa die Bauern im Schilde führen? Mit Vergnügen, Kapitän, wenn ich's erfahre; denn noch weiß ich von Allem nichts, als was Sie mir eben erzählt haben. Ich werde mich erkundigen; doch mit der nöthigen Behutsamkeit. – Denn – – – Versteht sich! Bürger Prevost. Sie sind ein Mann von Kopf und Herz. Es ist unentbehrlich, daß mir auch die Bauern trauen. Versteht sich! Sie selbst sind Bündner; man traut Ihnen. Deshalb darf ich den Argwohn nicht erregen, ich sei mit Ihnen, oder irgend einem Franzosen im Einverständniß. Also bleiben wir von nun an von einander scheinbar entfernt, und gehen Beide, ohne die Miene zu verziehen, an einander vorüber, wenn wir uns auf der Straße begegnen. Reden Sie mich nirgends an. Falls Gefahr droht, sollen Sie, was ich erfahre, sofort hören. Einverstanden! dabei bleibt's! Machen Sie sich auf; lauschen Sie umher. Die Menschen stehen truppweise, mit geheimnißvollem Geberdenspiel, im Dorfe, oder außerhalb desselben, beisammen. Sie zischeln und blinzeln einander nur mit den Augen zu. Der Eine preßt die Lippen zusammen, als hielt er einen Laut zurück, der ihn verrathen möchte: der Andere ballt die Fäuste; der Dritte sieht scheu um sich; der Vierte stampft mit den Füßen. Was soll das heißen? Es ist etwas im Werke; doch ich bin schlagfertig. Sacre bleu! der Erste, der sich rührt, ich lasse ihn auf der Stelle füsiliren. Keine Uebereilung, Kapitän. – Auch gegen meine Landsleute habe ich Pflichten. Vergießen Sie, unbesonnener Weise, einen Tropfen Blutes meiner Mitbürger, so gehöre ich zu Ihren Gegnern. Laßt uns gehen, rief der Kommandant, mit einem Ton, als wolle er den Eindruck seiner letzten Worte verwischen, oder halte er Flavian's Drohung für einen unzeitigen Scherz. Nein, Kapitän, nehmen Sie die Warnung nicht so leicht auf. Beginnen Sie kein Unheil, es könnte Ihnen verlorenes Spiel machen! Gut, gut! erwiederte der Kommandant, wir verstehen uns. Es bleibt bei der Abrede. Ich gehe zu meinen Leuten, berichten Sie mir bald. Damit entfernte er sich. Flavian stand nach diesem Besuche mit verschränkten Armen lange da und bedachte die seltsame, zweiseitige und zweideutige Lage, in die er durch den frommen Eifer gerathen war, überall pflichtgemäß zu handeln. Um des Vaterlandes bedrohte Unabhängigkeit und Freiheit aus der Gewalt Oesterreichs und aus der rohen Willkür einer rachsüchtigen Partei zu erlösen, hatte er sich den republikanischen Brigaden Frankreichs angeschlossen, und wurde inmitten derselben, als ein Verdächtiger, nach Bünden geführt. Um die Ermordung eines französischen Kriegsgefangenen zu verhüten, hatte er sich der Raserei des blutdürstigen Pöbels furchtlos entgegengeworfen, und er wurde verwundet, zertreten, mißhandelt, dem Tode nahe gebracht. Von Bündnern jetzt, als Landsmann, mit Vertrauen aufgenommen; von Franzosen wie einer der Ihrigen angesehen, stand er zwischen Beiden; von Beiden als Gehülfe oder Werkzeug angesprochen. Indem er die kaltblütige Grausamkeit des Platzkommandanten eben so sehr, wie die Gräuel eines zügellosen Volkes verabscheute, sah er von der einen, wie von der anderen Seite Gefahr, weil er, welcher Partei er sich zuwenden mochte, in den Augen der entgegengesetzten als feiger Achselträger erscheinen mußte. Habe ich denn unredlich gehandelt? Mein Gewissen spricht mich frei, dachte er bei sich. Oder unklug? Ich erkenne es nirgend, es sei denn der erste Schritt, mit dem ich zum General Loison ging. Aber konnte ich von dem, was ich aus Liebe und Pflicht für das unterdrückte Vaterland wagte, die ganze Verkettung der Folgen voraussehen? Ich habe mich nun einmal mit Entschlossenheit in den furchbaren Strom der Schicksale hineingeworfen; jetzt schlagen die Wogen über mir zusammen und wälzen mich Ohnmächtigen mit sich fort. Ich kann für meine besten Zwecke nichts leisten; den Rasereien beider Parteien jedoch zu dienen, mag ich nicht, darf ich nicht. Eines aber, Flavian, ist für Dich hier zu lernen. Lasse, nach dem weisen Rathe des Benediktiners, Deine Weltverbesserungsträume für immer fahren. Der Flügelschlag einer Mücke, oder auch eines Adlers, meistert die stürmischen Bewegungen eines Orkans nicht. Der rechte Reformator ist Gott in feinen Verhängnissen über die Völker. Trotze dem Schicksale Deine Rolle im Leben nicht verwegen ab; sondern begnüge Dich mit der, die es giebt, und diese spiele mannhaft und gut. Mag doch die große Masse der Menschen sich im Schlamm ihrer Gelüste und Vernunftlosigkeiten herumwälzen und abquälen; folge Du fest und still Deinen heiligen Urbildern des Guten. Ueber alles Andere lasse Den walten, der über Alles waltet. Das will ich, rief Flavian mit lauter Stimme. In sich beruhigt verließ er das Schloß und begab sich in den nahegelegenen Flecken von Disentis. Hier fand er allerdings eine ungewöhnliche Menge Menschen, die von allen Seiten durch frische Ankömmlinge vermehrt wurde, müßig und zerstreut umherstehen. Doch schien sie mehr durch Neugierde wegen des fernen Schlachtdonners, als in anderer Absicht versammelt zu sein. Er unterhielt sich mit dem Einen und dem Andern; forschte auch, obwohl vergeblich, dem Uli Goin nach; begab sich, eben so vergeblich, zum Gefängniß Malariva's und Daniffer's, wo von der zahlreichen Bewachung Niemand Einlaß erhielt. Als er endlich, nicht minder fruchtlos, den Pater Gregorius in der Abtei aufgesucht hatte, ging er zur Frau von Castelberg, die sich seines Bleibens im Schlosse freute, weil sie, ebenso wie Kapitän Salomon, vom Erscheinen so vieler Landleute in Disentis Böses argwöhnte. 34. Der erste Maitag. Uli Goin trat, als Flavian Nachmittags schreibend im Zimmer saß, unverhofft, doch heiter grüßend, ein. Bist Du da? rief ihm Flavian entgegen. In welchen Kneipen lungerst Du umher? Ich habe Dir seit gestern aller Orten nachgeforscht, und jetzt noch viel mit Dir zu besprechen. Ich mit Euch auch, Herr Hauptmann. Ist Euer Säbel gewetzt, so schnallt ihn nur um; denn Ziel und Bolzen sind jetzt nahe beisammen. Ich bin vorausgelaufen, es Euch zu melden und, denke ich, bin guten Botenlohnes werth. Macht Euch also fertig. Alle Donner, der Wolf sitzt im Garn, und seine Kameraden müssen auch daran. Lasse Dein Geschwätz und höre, Uli. Unser armer, alter Gilg Daniffer ist von den Soldaten gefangen und im Kerker. Ich weiß es, Herr Hauptmann; aber man bringt schon die Schlüssel herbei; die besten vom Meister Büchsenschmied. Dem Gilg soll man kein Haar anrühren; er kann noch heute, wenn er will, in seiner Kühweide spazieren gehen. Ich verstehe Dich durchaus nicht. Was hast Du zu sagen? Nichts, als daß wir, Gott Lob, wieder Meister im eigenen Hause sind. Wir haben in Tavetsch alle Franzosen gefangen genommen; gefangen ohne Schwertstreich, sage ich Euch. Man bringt sie nach Disentis und in einer halben Stunde sind sie hier. Flavian fuhr bei dieser Nachricht erschrocken vom Stuhle auf und rief: Um's Himmels willen, was treibt Ihr, Menschenkinder? He! erwiederte Uli lachend, wißt Ihr denn nicht, heute ist erster Maitag? Die Oesterreicher sind beim Luziensteig tapfer an's Werk gegangen; und wir hier auch nicht faul. Wenn der Stein umläuft, muß man schleifen. Also fort mit den Franzosen; zum Lande hinaus mit dem Diebesvolke, vor dem keine Schwarte im Rauchfang sicher hängt! Was ist geschehen? Setze Dich und erzähle der Reihe nach. Nun, ich kann mit meinen zwei müden Beinen den Sessel so gut ertragen, wie er mich mit seinen vieren, sagte Uli, warf sich breit in einen Stuhl und streckte die Füße behaglich von sich. Also der Reihe nach! Gestern machte ich mich, nach Verabredung, auf, in's Tavetsch. Ich sagte Euch nichts; das Hemd selbst durfte nicht wissen, wohin der Rock ging. Wir hielten uns, wie Ihr wohl denken könnt, dort mausestille; Franzosenohren merken es auf der Stelle, wo ein Maulwurf im Boden wühlt. Endlich rückten die braven Kerle von Camot an; Alle baumstark; gute Schützen; Alle mit geladenen Jagdbüchsen bewaffnet. Herr, es war eine Freude zu sehen! Nun eilten wir Anderen aus unserem Loche hinaus, zu ihnen, und zogen dann, unserer vierzig, in Reihe und Glied, gegen das Wirthshaus. Drinnen saß der Monsieur Lieutenant, oder was er sein mag, ganz seelenvergnügt beim Mittagsessen, und ließ sich nicht einfallen, daß wir ihm Senf zum Braten brächten. Also drei Mann hinein; voran der schwarze Rigis von der Selver Weide, der vor Zeiten in französischen Diensten gestanden und noch ein paar französische Brocken im Munde behalten hat. Der Offizier wurde gefangen. Zwar wollte er sich anfangs sträuben, wie ein Dachs; aber alle Donner! ein paar Kolbenstöße schüttelten ihm den Verstand aus, er machte ein Gesicht, wie die Kuh vor dem Scheunenthor. Und die Soldaten, Uli, die Soldaten ließen ihren Offizier im Stiche? Herr, wer den Bock an den Hörnern hält, dem folgen die Geißen. Der schwarze Rigis machte kurze Sprünge; forderte den Offizier auf, seine Mannschaft zusammen zu trommeln, und zu befehlen, ohne Widerstand das Gewehr zu strecken. Schon war das ganze Dorf auf den Beinen; auch das Dutzend Soldaten unter dem Gewehre. Der Offizier mußte vortreten. Er stand da, ohne Hut und Degen, und predigte seinen Leuten, es sei mit ihnen Matthäi am letzten. Sie machten andächtige Augen dazu, wie arme Sünder vor dem Galgen. Als er jedoch kommandirte: streckt's Gewehr! machten die Kerle einen großen Lärmen und thaten wie die Katzen im Hornung. Indessen hatten wir sie freundschaftlich umringt, und als wir sie in die Mündung unserer Flintenläufe schauen ließen, sahen sie die Sache vollständig ein. Sie gaben also Gewehre, Tornister und Patrontaschen ab, wie ein geduldiges Schaf die Wolle. Jetzt ist der Zug hieher unterwegs, und nun geht der Tanz in Disentis an. Also, Herr Hauptmann, schnallt den Sarras um. Es soll über die Franzosen hergehen, gleich Hagel über die Halme. Flavian, anfangs in ziemlicher Bestürzung, faßte sich bald. Der Aufruhr war ausgebrochen; es ließ sich nicht mehr hindern; wohl aber größeres Unheil, welches dem vermessenen Wagstück noch folgen konnte, abwenden. Er nahm zwei neue Pistolen, die er erst gekauft hatte, aus dem Schrank, und lud sie. Klüger wäre es gewesen, sagte er, Ihr hättet die Nachricht abgewartet, welches der Ausgang des heutigen Gefechtes am Luziensteig sei. Dort, und nicht hier, von Euch, wird die große Sache entschieden. Siegt der Kaiser, wohlan, dann aufgeräumt in allen Winkeln, damit Erzherzog Karl keine Zeit zur Verfolgung seiner Siege verliere. Behauptet aber der Franzose die Schanzen, dann habt Ihr Leute auf schlechtes Trinkgeld zu hoffen. Ganz recht, erwiederte Uli Goin; bei uns im Kriegsrath waren auch Leute, die Haare auf den Zähnen hatten, Eurer Meinung. Alle Donner! mir wär's gleich gewesen, heute oder morgen. Aber habe ich's Euch nicht schon gesagt? Oberst St. Julien, vom Regiment Neugebauer, hatte durch seinen verkleideten Adjutanten Ordre für den ersten Maitag geschickt, und, versteht sich, beim Militär heißt's: Pariren, nicht Räsonniren! Wir machen den Oesterreichern draußen in jedem Falle das Spiel leicht, wenn die Franzmänner vorn zerbissen und hinten zerrissen werden. Also, frisch gewagt ist halb gewonnen! Haar aus, oder Garaus. Hier wurde der Redner durch den Eintritt der Frau von Castelberg unterbrochen. Sie wankte bleich durch die Thüre, wandte sich zu Flavian, ergriff seine Hand und stammelte zitternd: Lieber Hauptmann, verlassen Sie das Schloß nicht; verlassen Sie mich nicht! Ueberall tobt der Aufruhr. Ihr Todfeind steht an der Spitze der bewaffneten Volkshaufen und sucht Sie. Mir ahnet entsetzliches Unglück, wie ich größeres noch nicht erlebte. Flavian bemühte sich, die Halbohnmächtige zu beruhigen, und führte sie zum Sopha. Warum ängstigen Sie sich, gnädige Frau? tröstete er sie. Es sind Bündner; es sind unsere Landsleute, die sich gegen fremde Gewaltthäter erheben. Sie und das Schloß stehen im sicheren Schutze Ihres Volkes. Noch weniger ist in diesem Augenblick von der französischen Besatzung zu fürchten, die keinen Widerstand leisten kann und sich zurückziehen wird. In diesem Augenblicke wohl, erwiederte die furchtsame Frau; aber wenn die feindlichen Würgerbanden später zurückkehren? Meiner Person droht augenblicklich freilich keine Gefahr; Ihnen jedoch die größte. Wagen Sie keinen Schritt über die Schwelle dieses Hauses. Ihr Todfeind lauert auf Sie. Welcher Todfeind? fragte Prevost kopfschüttelnd. Ich habe, meines Wissens, keinen solchen in der ganzen Gotteswelt. Oder wollen Sie mir ihn nennen? – Ich kenne ihn nicht; weiß seinen Namen nicht; aber nehmen Sie dies Blatt; lesen Sie selbst, sagte Frau von Castelberg, und reichte ihm ein erbrochenes Briefchen. Es standen darin, von einer weiblichen Hand, die wenigen Zeilen: Leben Sie wohl, liebe Freundin, denn ich begebe mich, unter sicherem Geleite, welches mir der Herr Abt verleiht, sogleich nach Ilanz, um dem Sturm zu entgehen. Gott weiß, was aus mir werden soll! So eben sagt mir der Herr Dekan Basilius Veith, die Bauern hätten das Gefängniß erbrochen und, unter anderen Gefangenen, den Grafen Malariva befreit, der den Volksaufstand bewirkt hat. Dieser sei des Herrn Prevost Todfeind. Verbergen Sie Ihren unglückseligen Gast. Leben Sie wohl! P. v. St. Flavian hatte sich während des Lesens entfärbt, und ohne ein Wort zu reden, betrachtete er das Papier von allen Seiten. Es war Pauline von Stetten unterzeichnet. Was wußte sie von seinem Verhältniß zum Grafen? Uli Goin, der im Gesichte seines Gönners einen Ausdruck des Schreckens, oder Erstaunens, wahrgenommen hatte, trat zu ihm und rief: Ich wittere Unrath! Was für eine Spinne läuft Euch über die Haut? Redet doch, Herr Hauptmann. Todfeind? Wer ist der Kerl? Der Platzkommandant? Beim Donner! Ich nagle ihn, wie eine Nachteule, an's Schloßthor. Sei ruhig, Uli, erwiederte Prevost, und fing von Neuem an, den Brief Wort für Wort zu durchlesen; es ist nur vom Malariva die Rede. Alle Donner! schrie Uli Goin, ist der Marder schon wieder in unserm Hühnerstall? Dem zermalme ich den Schädel! Man hat mir gesagt, ein österreichischer Offizier, der Adjutant des Obersten St. Julien, säße mit Daniffer im Käfig, aber kein Graf. Laßt mich sorgen. Ist er's, – nun, beim Donner! dann backe ich ihm sein Brod, und fiele mir darüber der Ofen ein; denn wohin der kommt, legt er Schlangeneier. Still, Uli, redete ihm Flavian zu, beleidige den Grafen nicht. Ich weiß, daß er in Disentis ist, und habe ihn gesprochen; wir sind versöhnt. Hm! brummte der Tavetscher, da sind Binz und Benz auf einander getroffen. Aber Herr, Ihr gehört mit ihm nicht in dieselbe Zunft. Nehmt ehrlichen Rath an, und hütet Euch vor dem Judas. Vorn küßt er Euch, und hinten setzt er Euch den Teufel in den Nacken. Ohne auf ihn zu hören, richtete Flavian an Frau von Castelberg, der er das Papier zurückgab, die Frage: Dürfen Sie mir sagen, wer diese Zeilen geschrieben hat? Sie antwortete: Eine gute Freundin, – – – ich darf es Ihnen anvertrauen; Fräulein von Stetten; die arme Pauline, die Sie begleiten werden, und die eben deswegen, wie um sich selbst, um Sie bekümmert ist. Flavian schüttelte verwundert den Kopf, und entgegnete: Gnädige Frau, woher weiß diese Fremde etwas von mir? Weil ich's ihr gesagt habe, daß Sie die Güte haben werden, sie, auf der Reise, in Ihren Schutz zu nehmen. Aber woher kennt sie den Malariva? und warum nennt sie ihn meinen Todfeind? Ohne Zweifel kennt man ihn im Kloster. Dekan Basilius hat, scheint es, mit dem Fräulein von ihm gesprochen; denn er brachte ihr ja die Nachricht von seiner Befreiung aus der Gefangenschaft. Die Herren im Kloster sind von den politischen Ereignissen besser unterrichtet, als man sich einbilden sollte. Darum beschwöre ich Sie: folgen Sie der Warnung; verlassen Sie das Schloß nicht. Flavian blieb nachdenkend und unschlüssig, dann sagte er: Erlauben Sie, daß ich selbst in's Kloster gehe. In wenigen Minuten bin ich zurück. – Und welche Mühe sich die sorgenvolle Frau geben mochte, ihn von diesem Gange zurückzuhalten; er beharrte auf seinem Vorsatz. 35. Der Aufruhr. Das Geschrei von tausend Menschenstimmen und das Geknatter der Flintenschüsse erscholl aus dem Innern des Fleckens Disentis. Die hohen Mauern der Abtei, die benachbarten Felsen, die fernen Berge wiederholten, im Echo, das Getöse. Ein dichtes Gedränge unzählbaren Volkes füllte und versperrte die Straßen in der Nähe von Kapitän Salomon's Wohnung; und aus dem Getümmel erhob sich ein Wald von Spießen, Flinten, Morgensternen und Waffen aller Art. Prevost verdoppelte seine Schritte, Uli Goin lief ihm in weiten Sprüngen nach. Er hatte aus einem zerfallenen Hage den stärksten Zaunpfahl gerissen, den er nun, wie eine leichte Weidenruthe, in der herkulischen Faust, lustig um den Kopf schwang. Ist's nicht Sünde und Schande, rief er, einen ehemaligen kaiserlichen Soldaten, wie mich, mit dergleichen faulem Zahnstocher laufen zu sehen? Ich tausche mir von einem Franzmann vielleicht das schönste Gewehr dafür ein. Hussa! Herzblut muß Trumpf sein. Schweige, Du Kannibale, murrte Flavian unwillig. Bahnen wir uns einen Weg durch's Gewühl, um Unglück zu verhüten, wenn es nicht zu spät ist. Quer über die, mit gaffenden und horchenden Menschenhaufen angefüllte Gasse, war die Kompagnie französischer Soldaten in zwei Doppelreihen aufgestellt, links und rechts den Volkshaufen gegenüber. Zwischen beiden Reihen blieb ein geräumiger Platz, auf welchem einige Landleute bei dem Kapitän Salomon standen. Unter denselben erblickte Flavian auch den hervorragenden Gilg Daniffer; und, mit dem Kapitän unterhandelnd, den verkleideten Grafen Malariva. Scheert Euch zum Teufel, schrie der Platzkommandant, mit vom Zorne funkelnden Augen. Bildet Ihr Euch ein, daß Franzosen vor Pöbel das Gewehr strecken? Ehre ist mehr als Leben. Also, mein Herr, verlieren Sie keine Worte. Sie sagen, ich sei übermannt? Die Prahlerei hat erst Sinn, wenn wir Kugeln und Bajonette verbraucht haben. Vorher nicht. Ich will kein Blut vergießen; darum ist Alles, was ich auf meine Verantwortung geben darf, mein Ehrenwort: ich werde mich von Disentis friedlich zurückziehen, ohne wegen des Aufruhrs Rache zu nehmen. Wollen Sie das nicht, sacre bleu! so wird Sturmmarsch geschlagen, und mit gefälltem Bajonet bahne ich mir meine Straße durch die Bauern da. Herr Kommandant, entgegnete der Graf, in dem Falle wird kein Gebein der Franzosen lebendig von hinnen kommen; das schwöre ich Ihnen. Sie haben hier mit Männern des Gebirges zu schaffen, die sich durch das Knallen Ihrer Flinten nicht auseinander stäuben lassen. Mäßigen Sie daher Ihre Hitze ein wenig, Ihre Großthuereien und Drohungen schrecken nicht mehr. Ein Wink meines Fingers, und in fünf Minuten lebt kein Franzose mehr. Würdigen Sie Ihre Lage mit kaltem Blute. Auch ich möchte Menschenleben schonen und nur mit Mühe halte ich das wüthende Volk zurück. Ich bin Ihr Gefangener gewesen; Sie haben mich unehrenhaft behandelt. Sie hatten mich dem Tode geweiht; läugnen Sie nicht! Heute sind Sie mein Gefangener. Ich möchte Ihnen beweisen, daß der Deutsche edelmüthiger denkt, als der Franzose; ich möchte Ihr Leben retten. Deshalb ergeben Sie sich. Strecken Sie das Gewehr. Ich verspreche Ihnen so anständige Behandlung, wie sie einem Kriegsgefangenen gebührt. Sacre bleu! mir das bieten? schrie der Kapitän. Fort auf der Stelle! Wozu viel Federlesens machen. – He, Tambour, aufgepaßt. Wenn ich winke, Sturmmarsch! Halt! rief Flavian, der sich jetzt zu der Linie der Soldaten drängte, die ihn mit vorgehaltenem Gewehr zurückwiesen. Kommandant, befehlen Sie, daß man mich in den Kreis einlasse. Kapitän Salomon drehte das wilde, finstere Gesicht der Gegend zu, von wo der Ruf erscholl, und sobald er seinen Mann erkannte, sprang er herbei, ergriff ihn bei der Hand, und führte ihn in den Kreis der Unterhändler. Holla, braver Bursche, bist Du es? jauchzte Daniffer, und klopfte, wie mit einer Eisenfaust, freundlich Flavian's Schulter. Juchhei, jetzt wollen wir mit unseren Kerkermeistern den Kehraus machen. Wenn ich auch kein Wort von Allem verstehe, was er wälscht, so glaube ich doch, der Kerl spreizt und sträubt sich noch, wie ein Huhn, das man zur Küche trägt. Sage ihm, er solle mit den Flausen ein Ende machen, und sich auf Gnade und Ungnade ergeben. Flavian wandte sich zuerst an den Grafen Malariva, führte ihn auf die Seite, und sagte: Wollen Sie die Schlächterei beginnen? Wissen Sie, wie die Sachen am Luziensteig stehen? Noch ist dort nichts entschieden. Es ist schon spät am Tage; die Kanonenschüsse zogen noch immer dumpf durch die Luft, und aus gleicher Entfernung herüber. Ich fürchte, den kaiserlichen Truppen ist's nicht ganz gelungen. Behaupten sich die Franzosen, so hätten wir hier ein gefährliches Spiel getrieben, und morgen könnten wir wieder ein paar Bataillone des Feindes in Ilanz und Disentis sehen. Dieses Landvolk, von Verzweiflung und Siegeshoffnung, wie Flugsand zusammengeweht, würde im panischen Schrecken eben so plötzlich wieder aus einander stieben; und, glauben Sie nur! um die eigene Haut zu retten, Sie, als Urheber des ganzen Unglücks, zuerst an die Franzosen verrathen, Sie zuerst ausliefern. Fassen Sie sich kurz, Herr Prevost; was ist Ihr Begehr? Gestern noch, Herr Graf, suchte ich Sie vom Kriegsgericht und dem Tode zu retten. Heute warne ich Sie; rennen Sie nicht zum zweiten Male blindlings in dieselbe Gefahr. Graf Malariva, die eine Hand nachlässig auf den Rücken haltend, mit der andern sich gleichgültig und vornehm um das Kinn spielend, erwiederte: Ich erinnere mich dankbar Ihres Besuches im Gefängniß und werde nie meine Verpflichtungen vergessen. Doch in diesem Moment handelt es sich um andere Interessen. Gestern ist nicht heute. Jetzt sind die Franzosen meine Gefangenen, und ich bin's, der Gericht hält. Es will mich bedünken, Herr Prevost, Sie haben für diese Franzosen, Ihre lieben Freunde, der Sorge viel zu viel. Nein, Herr Graf, nur für Sie und meine Landsleute. Ich warne. Verhüten Sie eine Metzelei. Handeln Sie nicht früher mit Entschiedenheit, bis Sie bestimmte Nachricht vom Ausgange des Gefechtes bei Reichenau und am Luziensteig erhalten haben. Was sprechen Sie von Metzelei, Herr Prevost? Ich will keine, sobald die Soldaten das Gewehr strecken. Aber der Kommandant da, ist ein halsstarriger Tollkopf. Er will nichts hören. Gehen Sie selbst und machen Sie ihn auf sein Loos aufmerksam. Vielleicht hat Ihre Beredtsamkeit bei dem Narren einen besseren Erfolg, als die meinige. Wenn Sie befehlen, Herr Graf, gern. Doch fordere ich Ihr Versprechen, daß die Kompagnie, wenn sie die Waffen abgelegt hat, anständig behandelt wird, und, weil man eine solche Anzahl von Gefangenen in Disentis unmöglich tagelang ernähren und bewachen kann, Ihr Ehrenwort, daß man sie entweder dem nächsten österreichischen oder französischen Posten zuführe und übergebe. Der Graf verbeugte sich, wie zustimmend, mit dem ihm eigenen zweideutigen Lächeln und sagte: Vollkommen recht! Mehr verlange ich ja nicht. Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort. Erklären Sie das dem unsinnigen Menschen dort. Von jedem Anderen, nur nicht von dem Italiener, wäre diese Zusage und das Ehrenwort für Flavian genügend gewesen. Der Graf mußte diese Bedingung noch einmal und mit den näheren Bestimmungen erklären, mußte sein Wort wiederholt betheuern, ehe Flavian ihm Glauben schenkte. Könnten Sie treubrüchig werden, sagte er, dann, Herr Graf, würde ich der Rächer der Blutschuld sein, die Sie vor Gott und den Menschen anklagt. Denn ich weiß und sehe es, Sie sind in diesem Augenblick der Mann, dem das Volk folgt und der daher Alles vermag. Aber, mein Theurer, antwortete Jener, was denken Sie? Ihr Mißtrauen könnte mich fast beleidigen. Wir haben jetzt ein gemeinschaftliches Interesse. Ich bin zufrieden, wenn wir die Franzosen kriegsgefangen machen. Morgen sollen die Leute unversehrt abgeführt und, hören Sie wohl zu, nach Chur gebracht und ausgeliefert werden. Darauf gebe ich Ihnen Ehrenwort und Handschlag. Mit dieser Erklärung ging Flavian zum Kapitän Salomon, der inzwischen die Gefahren seiner Lage etwas ruhiger überdacht hatte. Zwar sträubte er sich, die Waffen zu strecken; doch konnte er nichts gegen Prevost's Vorstellungen einwenden, daß es besser sei, um diesen Preis die Mannschaft für die Armee zu erhalten, als Waffen und Mannschaft zugleich unrettbar einzubüßen. Daneben gab ihm Flavian zu bedenken, der Volksaufstand sei nicht auf ein paar Thäler dieser Gegend beschränkt, sondern erstrecke sich durch das ganze Hochland. Wenn es auch der Kompagnie, fügte er hinzu, wider alle Wahrscheinlichkeit, gelänge, sich hier durchzuschlagen, würden ihn die wüthenden Volkshaufen begleiten; von Dorf zu Dorf, von Thal zu Thal, frische Landsturmschaaren sich ihm in den Weg werfen, so daß der Kommandant zuletzt unfehlbar unterliegen müsse, sei es aus Ermüdung, oder aus Mangel an Munition. Flüche zwischen den Zähnen murmelnd, ging der Kommandant mit raschen Schritten hin und her; blieb dann vor dem Vermittler stehen, und sagte, nach einigem Zaudern: Es sei! So gebe man mir und meinen Leuten sicheres Geleite bis Chur. Ich bin kriegsgefangen. Hier ist nichts anderes zu thun! Der Vertrag wurde zwischen ihm und Malariva wiederholt; dem alten Daniffer in deutscher Sprache erklärt, der sie seinen nächsten Begleitern, und, als diese in die Uebergabe-Bedingungen gewilligt hatten, auch dem gesammten Volke mit lauter Stimme in romanischer Sprache kund that. Tobendes Jauchzen aus tausend Kehlen verkündete den Beifall der Menge. Der Kommandant zeigte seinen Soldaten in kurzer Rede das bittere Loos an, welches ihnen beschieden sei; gab den letzten Befehl: Streckt's Gewehr! und mit düsterem Schweigen wurde ihm Gehorsam geleistet. Als aber der Graf zu ihm trat und ihm den Degen abforderte, schrie er: Sacre bleu! Mein Leben ist in Eurer Gewalt, aber meine Ehre nicht; und an Rebellen übergiebt kein französischer Offizier seinen Degen. Er stieß diesen auf den Boden, zerbrach die Klinge und schleuderte den Degengriff weit von sich. Inmitten aller Unordnung herrschte bei den Landleuten eine Art militärischer Zucht. Die gefangenen Franzosen wurden in's Kloster geführt; eben sowohl der Kommandant und seine wenigen Offiziere. Man bemächtigte sich des Gepäckes der Kompagnie und ihrer Waffen; enthielt sich aber jeder Mißhandlung der Besiegten. Nun erst vernahm Flavian, daß schon vor seiner Ankunft Blut vergossen worden sei, weil Kapitän Salomon sich dem andringenden Landsturm anfangs hartnäckig widersetzt hatte. Es waren von beiden Seiten einige verwundet und getödtet worden, bis das Erscheinen des Grafen, in Begleitung Gilg Daniffer's und anderer Vorsteher, die Ruhe hergestellt hatte. Flavian begab sich mit dem Zuge der Gefangenen in die Abtei, wo er, im Getümmel der Mönche, Soldaten und Bauern, mit den Gefangenen und Verwundeten beschäftigt, seinen anfänglichen Vorsatz vergaß, den Pater Gregorius zu sprechen. Erst spät kehrte er aus dem Kloster in's Schloß zurück, mit seinem Tagewerk nicht unzufrieden, doch bangen Herzens. 36. Landsturm-Wirthschaft. Es war am Morgen des zweiten Maitages. Flavian war früh auf den Beinen, steckte Pistolen in den Säbelgurt und eilte wieder zur Abtei, für die Sicherheit der Gefangenen zu wachen. Dann und wann vernahm er aus der Ferne wieder den dumpfen Ton eines einzelnen Kanonenschusses, welcher ungewiß ließ, von welcher Richtung er komme. Unter den Mauern des Klosters stand die Mannschaft des Landsturms schon versammelt und in Rotten abgetheilt; von Rachlust, Religionswuth und Branntwein berauscht; Muttergottes- und Heiligenbilder an Hüten und Kappen; bunt bewaffnet mit alten Speeren, Morgensternen, Jagdgewehren, eroberten Flinten, Aexten, Mistgabeln, Keulen und Hacken; in ihrer Mitte der trübselige Haufe der Kriegsgefangenen. Graf Malariva befand sich mit einigen Männern im Gespräche, seine Worte mit lebhaftem Spiel der Hände und Arme begleitend. Sobald er den Schützenhauptmann erblickte, wandte er sich ihm zu und rief: Gut, Herr Prevost, ich habe Sie erwartet. Es fehlt an Offizieren. Leider höre ich, daß Sie der romanischen Sprache unkundig sind. Es geht Ihnen, wie mir. Wählen Sie selbst Ihre Stelle unter den Landesvertheidigern. Uebrigens, freuen Sie sich mit mir; Alles geht nach Wunsch. Bleiben Sie mir zur Seite. Nein, mir! rief der riesige Gilg Daniffer. Der Bursche hat mehr aus der Schule mitgenommen, als ich, und Muth, wie der Teufel. Ich kommandire die Avantgarde. Den lasse ich nicht von der Hand, Herr Graf. Sei es! entgegnete Malariva. Nun aber jeder auf seinen Posten, und vorwärts! Nicht lange darauf setzten sich die Haufen, einer nach dem anderen, in Bewegung und zogen unter Freudengeschrei und den Thränen der Weiber und Kinder, die sich, zum Abschiede von den Ihrigen, in das Getümmel drängten, durch den Flecken. Auch einige Mönche der Abtei mengten sich, warnend, belehrend und ermahnend, in das Gewühl. Der Zug, welcher sich kaum in Bewegung gesetzt hatte, wurde, als er am Rathhause vorüberkam, wieder aufgehalten. Hier standen neuangelangte Landsturmsrotten aus den benachbarten Hochthälern des Lukmanier und Crispalt. – Sie erhoben ein gräßliches Schreien und Toben, als sie von den Bedingungen hörten, die man den Franzosen bewilligt hatte. Sie widersetzten sich der Kapitulation und wollten nichts von Gnade hören. Umsonst warf sich Malariva ihnen befehlshaberisch entgegen. Man antwortete ihm mit Flüchen und drohenden Fäusten. Am ungeberdigsten brüllten die wilden Nachbarn des Lukmaniers gegen die wehrlosen Unglücklichen. Haut sie zusammen, die Ketzer, schrie die Rotte. Nieder, nieder mit den Verdammten! – Die Männer von Disentis aber stemmten sich den Mordsüchtigen entgegen. Zufällig anwesende Mönche des Klosters, Pater Virgilius Wenzein, Domenico da Bogolino und Basilius Veith, warfen sich vor dem Pöbel auf die Knie; mahnten zu christlicher Barmherzigkeit, zu Ordnung, und erinnerten an des Himmels Strafen und Zorngerichte. Doch selbst gegen die frommen Fürbitter wurden die Mordgewehre geschwungen; und nur durch den Muth der Ortsvorsteher, denen sich die Menschlicheren im Volke anschlossen, wurde der Tumult gestillt und nach langem Stocken der Marsch endlich wieder fortgesetzt. Flavian war indessen mit dem gesprächigen Daniffer an der Spitze der Vorhut vorangegangen. Am grünen Vorsprunge des Gebirges, neben den hohen, bemoosten Felsblöcken, erwachte in ihm die Erinnerung an jene lieblichen Erscheinungen, welche sich mit den schönsten seines Lebens verbanden. Er glaubte, jene anmuthige Gestalt, welche an dieser Stelle gewandelt habe, müsse ihm noch einmal entgegen treten. Die ewigen Säulen der Alpen, deren Silbergipfel Nebelschleier umflatterten, stiegen zum Himmel empor. Es umfing ihn, mit begeisternder Anmuth und Majestät, ein weites Eden. In den eintönigen Gesang der Wasserfälle mischten sich die Erstlingslieder der Vögel und, von den höheren Auen, die melodischen Klänge der Glocken weidender Heerden. Da blieb er plötzlich, in seinen Träumereien gestört, wie eingewurzelt, stehen. Er sah mit fragenden Augen erschrocken seinem Begleiter in's Gesicht; und dieser ihm. Man vernahm in nicht großer Entfernung hinterwärts einzelne, dann mehrere Flintenschüsse; darauf ein lebhaftes Gewehrfeuer, vermischt mit schauderhaftem Gebrüll und Wehegeschrei. Halt! Hinter uns geschieht ein Unglück! rief Daniffer. Sind wir vom Feinde überfallen? Kommt! schrie Flavian und riß den bestürzten Mann am Arme mit sich fort. Zurück, ehe das Entsetzlichste vollbracht ist. Sie eilten zurück. Doch ehe sie zu den Vordersten des großen Haufens gelangten, war wieder Ruhe eingetreten. Von allen, die man befragte, wußte Keiner, was geschehen sei? Jeder rieth etwas Anderes. Flavian, dem Muthmaßungen nicht genügten, eilte weiter zurück. Da erblickte er seinen Freund Uli. Dieser kam keuchend heran, winkte mit der Hand, nicht weiter zu gehen, und nahte sich mit stierem Blicke des Grausens. Bleibt zurück, Herr Hauptmann! ächzte der Herankommende, während er durch eine klägliche Geberde seinen Jammer und Schrecken zu verstehen gab. Bleibt! Es ist schon Alles zu spät. Die wissen von keinem Kriegsrecht. Nein, sage ich, Soldaten wollen sie sein? Bluthunde sind es, verdammtes Banditenpack! Wer, Uli? fragte Flavian, den bei Uli's Worten ein Schauer überflog; denn so entmuthigt hatte er den Beherzten noch nie gesehen. Sprich es aus, das Unglück, was Dir die Zunge lähmt. Unglück, Herr? Nein, Herr, ein Gräuel, der über die Wolken hinausschreit. Sie haben die Franzosen abgefertigt, bis auf den letzten Mann; Alles niedergeschossen, niedergehauen, niedergestochen, ohne Erbarmen. Herr, das Herz kehrte sich mir im Leibe um, als die armen Menschenkinder am Erdboden dalagen, sich im Blute herumwälzend, zappelnd, sich mit zerschmetterten Köpfen wieder aufrichtend. Und wie sie stöhnten, heulten, röchelten, bis man ihnen mit Flintenkolben und Keulenschlägen den Gnadenstoß gab. So abscheulich geht's nicht am Jüngsten Tage zu, und selbst nicht in der Hölle. Die Unmenschen, schrie Flavian und krallte die Finger krampfhaft im Innern der Faust zusammen. Alle, sagst Du, Alle sind gemeuchelmordet? Auch Kapitän Salomon? Mann und Maus, Herr, funfzig, achtzig, hundert Mann liegen sie da, Leiche an Leiche Laut Schreiben des Generals Menard vom 7. Mai, waren in Disentis und Tavetsch überhaupt 112 französische Soldaten umgebracht worden. , wie gedroschenes Stroh durch einander. Wer fing das Mordwerk an? Warum? Hat es Malariva befohlen? Nein, Herr Hauptmann. Er wollte, ja, er wollte es abwehren. Dem Teufel selbst mußte bei der Blutwirthschaft der Höllenhunde wohl übel werden. Wir waren kaum hundert Schritte aus dem Flecken gegangen, noch nicht weit vom Schlosse, wißt Ihr, wo der Weg am Kirchlein St. Plazid vorbeizieht, – Gott sei mir armem Sünder gnädig! – Jesus, Maria und Joseph! An so heiliger Stätte Menschen abzuschlachten, dafür giebt's im Himmel und auf Erden keinen Ablaß. Ja wohl, ja wohl, die Sünde geht süß ein, aber bitter aus, sagte mein alter Großvater immer, und der hatte Recht. Weiter, weiter! unterbrach ihn der Schützenhauptmann ungeduldig. Nun, wie gesagt, man hatte da die Franzosen etwas freier gehen lassen. Es war ein jammervoller Zug; Allen waren die Hände auf den Rücken gebunden. Ein Bündner schnitt aus Mitleid einigen die Stricke entzwei. Die traten dann erst aus dem Zuge und standen ruhig da; es war zwischen dem Plazidkirchlein und dem kleinen Wassergraben, wißt Ihr? Dann, was hast Du, was giebst Du, sprangen ein paar Blauröcke über's Feld und suchten ihr Heil in der Flucht. Nun eilten ihnen Einige der Unseren nach und schossen. Die Flüchtlinge stürzten. Das gab Lärm unter den Franzosen; Geschrei und Wuth bei den Bauern. Das Feuer war im Dache. Es fiel Schuß auf Schuß, Schlag auf Schlag. Die Disentiser wollten hindern, waren aber zu schwach. Die Medelser, und zu meiner Schande sage ich's, auch die Tavetscher fuhren, wie leibhaftige Satane, über die Gefangenen her. Da half kein Fluchen, kein Beten. Kommt, Herr Hauptmann. Seht Ihr dahinten? Die Mordbande rückt schon heran. Kommt! Sprecht zu dem Allem kein böses Wort. Wir sind unter Wölfen, und müssen mit ihnen heulen. Verflucht sei das Gesindel! rief Flavian. Ich habe nicht länger mit ihm zu schaffen und kehre um, nach Disentis. Bei allen Heiligen, Herr, denkt nicht daran! Die Wütheriche haben geschworen, jedem Deserteur die Kugel durch den Kopf zu jagen. Kommt! Goin zerrte den widerwilligen Hauptmann bergab, wo ihnen Gilg Daniffer fragend entgegen kam, dem Alles von Neuem erzählt werden mußte. Dieser horchte mit weit aufgerissenen Augen und entfärbtem Gesichte. Es hilft Euch nichts, Gilg, daß Ihr aussehet, wie der Tod von Ypern, meinte Goin. Geschehen ist geschehen. Vorwärts, marsch! Nein! schrie Daniffer. Zurück, zurück! Blut will Blut! Sie haben der Hölle den Rachen aufgebrochen, und wir wollen ihretwegen nicht allesammt darin verderben. Nach diesen Worten wendete er sich plötzlich gegen seine Mannschaft, berichtete, in der Sprache ihres Thales, von dem Vorgefallenen, offenbar in der Erwartung, sie zur Rache gegen die Mörderrotten zu entflammen. Doch ehe er vollenden konnte, sah man auf allen Gesichtern eine gräßliche Freudigkeit, die sich in Jubelgeschrei und Bravogebrüll Luft machte. Verblüfft staunte der Redner seine Leute an, die nun, ohne das Kommando abzuwarten, johlend und mit wildem Gelächter ihren Marsch fortsetzten. Inzwischen waren auch die hinteren Haufen herangerückt; stimmten in den Jubel der Vorhut ein und vermengten sich mit ihr, in Verwirrung vorwärts trabend. Inmitten des Schwarmes sah man den Grafen Malariva; das bleichgelbe Gesicht erdwärts geneigt. Flavian, sobald er seiner ansichtig wurde, näherte sich ihm, und fragte: Aber wohin? Wir haben keine Franzosen mehr nach Chur zu eskortiren. Leider! entgegnete der Graf finster und mit leisem Achselzucken. Bei solchen Menschen gilt kein Gesetz, kein Befehl, kein Gehorsam. Ich möchte viel lieber mit Indianern in's Feld ziehen, als mit diesen Bestien. Indessen hoffe ich, die Schurken werden eben so kaltblütig gegen feindliche Bajonette anstürmen, als sie waffenlose Leute niederhauen. Die Schlächterei bei der Kapelle ist äußerst ärgerlich. Indessen ist's vielleicht gut, daß sich die Leute erst an Blut gewöhnen, damit sie nicht scheu werden, wenn sie es zum ersten Male auf einem Schlachtfelde sehen. Mit einem Seitenblick voll Ekel bemerkte Flavian: Wie aber steht's mit Ihrem feierlichen Ehrenwort? Sie verhießen dem Kommandanten Salomon sicheres Geleit. Habe ich's gebrochen, mein Theurer? erwiederte Malariva, und verzog die Mienen zu einem Lächeln. Der Kommandant ist ja nun in größerer Sicherheit, als wir selbst. Es wird ihm heute und morgen wohl noch mehr als Einer das Geleit in die Ewigkeit geben. Mein Bester, das ist der Krieg! Es gilt die Befreiung Ihres Vaterlandes. Halten Sie sich tapfer. Vielleicht in wenigen Stunden schon, stoßen wir auf den Feind. Wie, Graf? Mit diesen ehr- und zuchtvergessenen Horden hoffen Sie, französische Linientruppen – – – Still, Herr Prevost, nicht vorlaut! Es ist wenigstens, könnte ich mit Fallstaff sagen, Futter für's Pulver; und während wir die Franzosen nun bald im Rücken beschäftigen, hat Feldmarschall Hotze freie Hand von Bregenz her und Montafun. Also hätte der gestrige Tag an den Grenzen noch nichts entschieden? Eigentlich so viel, als nichts. Im Vertrauen; damit Sie heller in die Sache sehen, Landammann Schmid und ich haben diesen Morgen Eilboten mit vorläufigen Nachrichten empfangen. Der Angriff am Luziensteig, so vortrefflich er auch kombinirt war, mißlang. Während Hotze den Steig von der Stirnseite angriff, hatte Oberst St. Julien, über den Fläscher Berg, die Verschanzungen umgangen, um sie zwischen zwei Feuer zu nehmen. Schon war er bis an's Städtchen Maienfeld vorgedrungen, als er, vom rechten Ufer der Landquart her, durch General Chabran , mit Uebermacht bedrängt, in die Berge zurückgeworfen wurde. Natürlich, so schlug Alles fehl. St. Julien war zu schwach. Jetzt aber kommen wir zum frischen Tanz. Unserer sind viele Tausende. In dieser Stunde bewegt sich ganz Bünden unter Waffen vorwärts; in dieser Stunde bricht aus allen Thälern des Gebirges der Landsturm hervor. Der Feldmarschall weiß es; er macht einen gleichzeitigen Angriff; morgen sind wir über Chur hinaus; verlassen Sie sich darauf. Hier wurde der Graf durch einen Boten abgerufen. Prevost wanderte im bunten Troß der Aufruhrbanden dahin. An Flucht war für ihn nicht zu denken. Er selbst fühlte sich, einem Gefangenen gleich. 37. Der Zug des Aufstandes. Es war ihm zu Muth, wie einem von Gott Verlassenen, der zum Richtplatz geführt wird. Das Toben der Menschenmenge um ihn her brauste an sein Ohr, wie das eintönige Rauschen unruhiger Seewogen. Als wären alle Uebrigen erstorben, lebte nur ein einziger Gedanke noch in seinem Innern: Wir gehen und bewegen uns, wie die Drathpuppen des Schicksals. Er gewann erst die Klarheit seiner Vorstellungen wieder, als von hundert Stimmen Halt! Halt! geschrien wurde, um den Zuzug anderer bewaffneter Rotten zu erwarten, die von den zerstreuten Hütten auf den Höhen des Kulmattenberges, von Brigels und Ravis herab, gleich einer gesprengten Heerde, nach dem Thale liefen. Man rastete. Er erkannte zu seiner Linken, innerhalb einer niedrigen Mauer, den Ahorn von Trons, in dessen Schatten die ersten Stifter des Bundes vor Jahrhunderten den Eid der Freiheit schworen. Der breite, hohle Baumstamm hatte auf einer Seite nur noch verdorrte Aeste; aber wunderbarer Weise zeigte er, mit frischer Lebenskraft grünend, neue Zweige nach der Kapelle hin, welche dem Gedächtniß der großen Volksthat geweiht ist. Der edle Stamm schien sinnbildlich auszusprechen, daß die alte Welt im Absterben begriffen sei, und daß ein anderes, freies und darum edleres Dasein aus dem Moder des Mittelalters hervorsprieße. Dieser, längst sein Lieblingsgedanke drang wie ein Sonnenstrahl in sein finsteres Gemüth. Glauben, Liebe und Hoffnung einer besseren Zukunft richteten sich wieder in ihm auf. Und was er glaubte, liebte und hoffte, schienen Himmel und Erde ihm zuzusagen, als er tief aufathmend über das erweiterte Thalgelände zwischen den ungeheuren Wölbungen der Gebirgsreihen und den darüber leuchtenden Eisfirnen hinausblickte. In den grünen Thälern unter ihm, und zwischen weich anschwellenden Hügeln, schmiegten sich kleine Dörfer an ihre Kirchen, und von den Höhen schauten friedliche Hütten herab. Selbst die hin und wieder auf dunkeln Felsengruppen stehenden Burgtrümmer, schienen, neben den Schöpfungen des jungen Lenzes, die Zeugen eines anderen, längst verflossenen Zeitalters zu sein. Der Ruf: Vorwärts! erscholl, heiser und schneidend aus vielen Kehlen und die neu angewachsene Fluth des Landsturms strömte weiter. Aus den Gesichtern der Menschen, zwischen denen er wandelte, sprach Blutdurst, Trunkenheit, Angst und Mordsucht. Dazwischen beteten einzelne Häuflein mit eintönigem Geplärre ihren Rosenkranz, während andere daneben Zoten rissen. Flavian hatte sich noch nie in einer Gesellschaft von Menschen befunden, die ihre Brutalität mit so viel Stolz zur Schau trugen. Gern wäre er entwischt; doch Einer bewachte mißtrauisch die Schritte des Anderen. Seiner Entweichung wäre unfehlbar die Ermordung gefolgt. Und wenn auch das Schauspiel, welches sich jeden Augenblick wüster gestaltete, nichts weniger, als komisch war, so konnte er sich doch zuweilen eines innerlichen Lachens über den rohen Scherz nicht erwehren, welchen sein Verhängniß jetzt mit ihm trieb. Hier hilft nichts mehr, als unfreiwillig mit dem Gesindel zu gehen, wohin es geht, und wäre es in den schmählichen Tod, das war seine Ueberzeugung. Während seiner traurigen Gedanken näherte sich der Heerzug den Ufern des brausenden Rheinstromes. Jenseit eines schwankenden hölzernen Brückensteigs dehnte sich, in malerischer Anmuth, das Dörfchen Tavanasa, zwischen Gebüschen und Felsen aus, wie eine Bühne idyllischen Lebens. Einen empörenden Gegensatz dazu bildeten jedoch die, neben der Brücke im Grase liegenden halbnackten Leichname. Viele derselben sah man im Dorfe liegen, wo zerbrochene Fenster und mit frischem Blut besudelte Mauern ein kaum beendigtes Gefecht verkündigten. Wirklich war vor wenigen Stunden erst ein anderer Landsturm von den Bergen herabgestürzt und hatte einen französischen Posten überfallen. Die beschlossene Vernichtung desselben war indessen nicht gelungen; denn eine Kompagnie französischer Grenadiere zu Trons, in der Nacht vor dem nahen Aufstande gewarnt, war zeitig hierher geeilt, hatte sich, nach einem mörderischen Kampfe, über die Brücke und durch das Dorf, durch die wüthenden Haufen der Landleute Bahn gebrochen; und mit den befreiten Kriegsgefährten alsdann ihren Rückzug nach Reichenau genommen. Ohne Aufhören wälzten sich die Rotten der Landleute langsam am Gebirge hin. Der ausgedehnte Menschenstrom, von Stangen und Knütteln und Waffen aller Art überragt, war, aus der Ferne gesehen, einem Schlammstrome nicht unähnlich, der, fortgespülte Baumwurzeln mit sich führend, sich bald auseinander breitet, bald enge und stockend in dicke Massen zusammenballt. Von den Bergdörfern herab und aus den waldigen Schluchten flutheten ununterbrochen, einzeln oder haufenweise, frische Schaaren, zur Verstärkung des regellosen Heeres, hervor, rüstige Männer, Greise von sechszig und siebenzig Jahren und Knaben, kaum den Kinderschuhen entwachsen. Dazu riefen die heulenden Sturmglocken von nahe und ferne mit ihrem traurigen Rufe die Entfernten herbei. Als die Tausende sich der ersten Stadt am Rheine näherten, Glion oder Ilanz, im Kreise der Felsenalpen, theilte sich die Menge. Die Einen wanderten links, die Anderen rechts vom Rheine. Der Schützenhauptmann Prevost hatte in dem Gewirre der Massen seine wenigen Bekannten verloren. Er suchte sie vergebens unter den Vordersten, wo ganz fremde Menschen, in romanischer und deutscher Zunge, den Befehl führten. Er begab sich, suchend, zu den Nachzüglern, denen er sich anschloß, um dem Gedränge zu entgehen. So folgte er dem Zuge stundenlang. Das abendliche Roth beleuchtete schon die Zinnen der Bergruine von Hohentrins . Es verblich an den Felsengipfeln des erhabenen Calanda , als die bisher getrennten Schaaren beim Schlosse Reichenau wieder zusammen traten und Halt machten, um hier und in den benachbarten Dörfern den künftigen Morgen, den entscheidenden Tag zu erwarten. Nur mit Bitten und durch das Anerbieten einer reichen Bezahlung hatte Flavian ein kärgliches Abendbrod und, in einem abgelegenen Stalle, ein Bündel Heu zum Nachtlager erhalten; den Schlaf jedoch fand er nicht. Die Ereignisse der letzten zwölf Stunden bewegten sich gespensterhaft und ununterbrochen vor seinen geschlossenen Augen. Fröhliches Jodeln und wieherndes Gelächter der von Wein und Branntwein berauschten Bauern scholl durch die Stille der Nacht. Man hatte die Haushaltungen der Dörfer geplündert, die Keller des Schlosses, des Zoll- und Wirthshauses erbrochen, und sich nun in wüsten Saufgelagen jeder Ausschweifung hingegeben. Mehr als einmal raffte sich der Schlummerlose verzweifelnd vom Boden auf. Er wollte in der Finsterniß fliehen, um dem sündigen Gräuel zu entkommen; die Ermattung aber warf ihn wieder nieder. Schon leuchtete das Morgenlicht durch die Fugen der übereinander liegenden Balken, aus denen der Stall zusammengezimmert war; als sich endlich tiefer Schlaf auf seine Augenlieder legte. 38. Tod und Wunder. Die Sonne stand hoch am Himmel. Wie Sturmwind brauste es draußen, während Flavian sich mühsam ermannte und ungewiß um sich sah. Das Brausen währte fort, obschon die Luft still war. Er sprang auf, trat aus dem dunklen Behälter in's Freie, und erkannte, daß er sich in einer Wiese neben dem Dörfchen Tamins auf der Höhe befand. Im Thalgrunde unter ihm lag das Schloß Reichenau, ein, in etwas neuerem Geschmacke aufgeführtes großes Wohnhaus, mit Nebengebäuden, unweit zweier bedeckten, hölzernen Brücken über die beiden Ströme des Vorder- und Hinterrheins, welche in der Nähe einer Gartenanlage zusammenfielen. Man hörte in der Ferne das Geprassel lebhaften Flintenfeuers, und dazwischen längs den Lärchenwäldern des Gebirgskessels den Wiederhall von Kanonenschüssen. Einzelne Männer liefen eilig über die Felder, wie Flüchtlinge, oder wie Boten aus einem Treffen. Weiber, mit Gepäck und Kindern, stiegen den steilen Pfad zum Schlund der Kunkelser Alpen hinauf. Flavian konnte nicht länger daran zweifeln, daß man im vollen Kampfe begriffen sei. Er machte sich auf, um Näheres vom Stande der Dinge zu erfahren. Da es im Dorfe still und leer war, ging er den Weg zum Schlosse hinunter. Er fand unterweges die Leichname einiger erschlagenen Soldaten. Auf dem Platze vor dem Schlosse und in dem gegenüber liegenden Garten war es ebenfalls wie ausgestorben. Er sah nur die Ueberbleibsel aus den Verwüstungen der letzten Nacht; gesprengte Thüren, zerschlagene Fenster, Scherben von Flaschen, Tellern und zerbrochenen Geräthschaften. Endlich vernahm er, von der bedeckten Brücke her, über welche die Straße nach Chur führt, Männerstimmen. Er ging den Ankommenden erwartungsvoll entgegen. Es waren Bauern, die mit einer Bahre rüstig daher schritten, von welcher Blut träufelte, welches ein darauf liegender wohlgekleideter Mann verlor. Prevost erkannte, nicht ohne Schrecken, die Kleider des Unglücklichen. Es war der Graf Malariva; er also war der ersten Einer, die man vom Schlachtfelde forttrug. Die Leute brachten den Blutenden in einen geräumigen Saal im Erdgeschosse des Schlosses, wo vor kaum zwölf Monden die jugendlichen Zöglinge einer höheren Lehranstalt noch Spiele und Vergnügungen getrieben hatten. Jetzt war der Boden des Saales mit Betten bedeckt, auf welchen, neben den Leichnamen Anderer, mehrere Verwundete wehklagten und ächzten. Flavian kniete an das Lager des Grafen; öffnete dessen Kleider und fand die Brust neben der linken Achsel von einer Kugel, die darin geblieben zu sein schien, durchbohrt. Unter dem Beistande der wenigen anwesenden Landleute gelang die Stillung des Blutes und die Anlegung eines Verbandes mit Hülfe zerrissener Betttücher nur mühsam. Der Graf Malariva, welcher bisher wie ein Todter dagelegen hatte, schlug endlich die Augen auf, und während er umher sah, schien er nach Erinnerungen zu suchen. Er erblickte die Verwundeten und Sterbenden, und sagte dann zu Flavian: Sind Sie allgegenwärtig? Gut; der Sieg ist unser! Verlassen Sie mich nicht. Ist die Wunde gefährlich? Ich halte, versetzte Flavian, um den Leidenden zu beruhigen, die Schußwunde nicht für gefährlich. Recht so, Theurer! Vollkommen recht! Ich fühle keinen Schmerz. Das Treffen ist vorbei und ich will jetzt nach Chur. Der Marschall und der Kaiser. Ich bin stolz, denn durch mich erlangten wir den Sieg. Bleiben Sie bei mir? Begleiten Sie mich nach Chur? Flavian versprach's mit etwas schwerem Herzen und erkundigte sich, wie weit der Landsturm vorgedrungen sei. Bis Chur; und noch weiter! Hotze, St. Julien und ich! Meine Wunde schmerzt nicht. Ihr Leute, erzählt dem Herrn; ich will ruhen. Ich friere. Einer von den Trägern des Grafen berichtete: Schon ehe wir ausrückten, hörte man das Geschütz vom Luziensteig her. Die Kaiserlichen hatten sich mit Morgensanbruch an ihr Tagewerk gemacht. Herr, das gab uns Muth. Wir zogen frisch nach Ems. Die Franzosen waren im Dorfe, und wir fielen augenblicklich über sie her. Da setzte es blutige Köpfe. Trotz des höllischen Kartätschenfeuers drangen wir ein. Alles stürmte wild durch einander. Schuß folgte auf Schuß, Schlag auf Schlag! Ich habe es mit eigenen Augen gesehen, daß ein schwaches Weibsbild französische Artilleristen bei einer Kanone mit einem tüchtigen Zaunpfahl zu Boden schlug. Die schöne Kanone ist erobert. Als die Blaukittel, nach langem Streite, aus dem Dorfe gejagt waren, stellten sie sich im freien Felde blitzschnell wieder auf. Das war uns recht gelegen. Nun konnten wir, unserer bei vier-, fünftausend Mann, uns ausbreiten und die Arme freier bewegen. Jetzt kam Noth und Tod über die Franzosen. Sie mußten Fersengeld geben; doch wir setzten ihnen nach. Bald standen die Ketzer schon wieder in Reihe und Glied uns gegenüber, als wäre ihnen gar nichts geschehen. Wir gingen abermals drauf. Da wurde dieser vornehme kaiserliche Herr von einer Flintenkugel getroffen und neben mir umgeworfen. Das Blut spritzte weit umher und er schrie gottesjämmerlich. Deshalb erbarmte ich mich seiner. Man ist doch ein Christenmensch. Einfältiger Kerl, nicht ich schrie! ächzte der Graf. Lüge nicht! Nun, so that's ein Anderer für Euch, versetzte der Berichterstatter. Genug, unserer Etliche hoben ihn vom Boden und trugen ihn aus dem Gefechte zurück in ein Haus nach Ems. Ein Paar alte Weiber haben ihm das Loch in der Brust zugestopft und, so gut sie es verstanden, verbunden. Er lag lange ohnmächtig, so daß wir meinten, er habe die Seele schon längst ausgehaucht. Er kam jedoch unversehens zu Verstande. Unterdessen merkten wir wohl, daß sich das Gewehrfeuer immer mehr in die Ferne, nach Chur hinzog. Das war uns lieb. Weil aber die Emser Bauern kein Bett hatten, oder für den Herrn kein's hergeben wollten, mußten wir ihn wohl hierher, nach Reichenau, schleppen. Das that uns sehr leid; denn als wir den Herrn auf die Tragbahre luden, kam der Jeli Alix von Sumvix, Ihr kennt ihn vielleicht, und brachte auch einen Bajonetstich am Arme aus der Schlacht mit. Er sagte, in dem Augenblicke, als er unsere Armee verlassen, habe sie schon hart vor Chur gestanden, und man schlage sich dort in den Gärten noch; doch wären wir der Franzosen fast Meister. Folglich sind wir um's Beste geprellt, und können nicht dabei sein, wenn der Landsturm in die Stadt einrückt und fette Beute macht. Jetzt sind unsere Brüder drinnen, plündern und jagen die letzten Franzosen den Kaiserlichen unter die Kolben. Der Graf war während dieser Erzählung in einen leichten Schlummer gesunken. Flavian gebot Ruhe, und ging hinaus, um draußen nach dem Donner des Geschützes zu horchen. Es schien nicht mehr in voriger Entfernung, sondern näher, aber schwächer geworden zu sein. Juchhei! rief der vorige Erzähler, horcht! Fürwahr, es ist noch nicht Nachmittag, und unsere tapferen Leute haben mit den Blauröcken schon aufgeräumt und Feierabend gemacht. Seht, Herr, das ist eine Viktorie, von der die Welt lange erzählen wird. Flavian kehrte nach einer halben Stunde, nicht ohne Unruhe, zu dem Schlafenden zurück, und fand dessen Gesicht bleicher und entstellt. Er setzte sich stille an's Bette des Schlummernden, sein Erwachen zu erwarten, und überließ sich seinen finstern Betrachtungen über den Ausgang der Ereignisse. Wohl hätte er jetzt seine Person ungehindert und gefahrlos, durch Flucht über ein gangbares Gebirge, in Freiheit setzen können. Doch mochte er nicht so unmenschlich sein, den Grafen in Hülflosigkeit verzweifeln zu lassen. Andererseits rief ihn sein Ehrenwort nach Disentis zurück, wo Frau von Castelberg seiner Rückkunft und seines Beistandes gewärtig war. Er blieb. Er hoffte der Wohlthäterin das ihm erzeigte Gute vergelten zu können, und vergaß die Gefahr. Zur Pflichterfüllung gehöret Muth; dann erst wird sie zur Tugend! dachte er. Malariva schlug während dessen die trüben Augen auf und starrte seinen mitleidigen Wächter unbeweglich, und ohne auf dessen Fragen zu antworten, an. Nach geraumer Zeit, als hätte er sich während dessen selbst sammeln und wiederfinden müssen, begann er mit einem tiefen Seufzer: Guten Morgen! Es ist schon hell am Tage? Ich bin ungewöhnlich matt und müde. Ruhe wird mir wohlthun. – Aber dieses Gesindel plündert Freund und Feind. Kann man sicher schlafen? – Sie sind ein Ehrenmann. Das Vergangene sei vergessen. Ich will schlafen. – Wollen Sie mich hüten? Man könnte mich bestehlen. Als Flavian zur Beruhigung des Kranken, was dieser irgend verlangen würde zu thun verhieß, bat Malariva, ihm aus der Seitentasche des blutdurchnäßten Rockes eine große, mit Papieren gefüllte Brieftasche, aus dem Gürtel aber eine goldgefüllte Börse zu ziehen und in Verwahrung zu nehmen, so lange sein Schlaf dauern würde. Dieses Begehren wurde erfüllt. Doch plötzlich streckte Malariva den gesunden Arm aus, und rief mit Argwohn, oder Schrecken: Was? Nein! – Nimmermehr! – Wieder her damit! – Börse, Brieftasche! – Schweigend legte Prevost beides neben den Verwundeten auf's Lager. Es geht nicht! begann der Graf nach langem Sinnen. Ich erinnere mich der gierigen Augen dieser Räuber. – Sie sind ein Mann von Ehre und öffnen Nichts. – Nehmen Sie. Ihnen vertraue ich. – Verbergen Sie beides, bis ich erwache. Kaum war sein Wille erfüllt, so schloß er ohnmächtig die Augen. Man hielt ihn für eingeschlafen, als er den Arm wieder regte, und, als ob er sein Thun bereue, ohne aufzublicken, mit schwacher Stimme lispelte: Nein, nein! – Her damit! – Her damit! – Obschon wieder eingeschlafen, blieb doch in den Mienen des Unglücklichen etwas Grauenerregendes, sei es verbissener Schmerz, Angst, oder Hader mit dem Schicksal. – Den jungen Mann erschreckte dieses Gesicht. Er wandte sich ab, und trat an die Fenster des Saales, wohin seine Blicke während der Beschäftigung mit dem Verwundeten schon oft gerichtet gewesen waren. 39. Der Rückzug. Es hatten sich ans dem Schloßplatze, wo es bisher leer und ruhig gewesen war, von Zeit zu Zeit Vorübergehende gezeigt, welche aus der Gegend des Schlachtfeldes zu kommen schienen. Sie wurden bald zahlreicher und schritten auch eilfertiger vorüber. Flavian öffnete neugierig einen Flügel des Fensters, doch Niemand achtete auf ihn; Keiner wechselte selbst mit dem Nebenmanne ein Wort. Jeder ging ernst und schweigend weiter, mochte er bewaffnet oder unbewaffnet sein. Verwundert über das Geheimnißvolle dieses Zuges, rief Prevost eine Frage hinaus. Man erwiederte jedoch nichts, und sah kaum nach dem Frager zurück. Er verließ endlich den Saal, trat vor die Schloßthür, dann auf den Platz, hielt den Ersten, der ihm nahe war, fest, und fragte: Wohin des Weges, guter Freund? Dieser aber riß sich schweigend los und schien ihn nicht zu verstehen. Er fragte einen Zweiten, wie die Sachen ständen? Schlimm, war die Antwort. Inzwischen ergoß sich von der Brücke ein großer Menschenschwarm, aus welchem Uli Goin, der nach links und rechts schrie und eiferte, hoch hervorragte. Flavian rief ihn heran, und Uli erblickte nicht sobald seinen Schützenhauptmann, als er auch, die Leute zur Seite werfend, durch den Strom des Zuges brach und zu ihm hinlief. Alle Donner, Herr Hauptmann, was steht Ihr müßig da und gafft? schrie er ihn an. Ich habe Euch gestern und heute in allen Winkeln gesucht, und nun steht Ihr so ruhig da, als wär' es Sonntag Abend vor der Schenke. Fort! fort! das schönste Spiel ist verloren gegangen, weil uns die Kaiserlichen im Stiche ließen. Sünde und Schande; den Trumpf in Händen halten und verlieren! Nun ist's aus, Katz und Maus. Säumet nicht; man ist uns auf den Fersen! Ich weiche nicht von der Stelle, Uli, denn Malariva liegt tödtlich verwundet im Schlosse. Malariva? Laßt den Duckmäuser verenden! Wollt Ihr Euch seinetwegen die Haut von den Büchsen der verdammten Franzosen durchlöchern lassen? Die Teufelshusaren sitzen uns schon im Nacken; fort, ehe sie herankommen! Werde, wie es wolle, Uli. Ich nehme mich des Grafen an; er hat mein Wort. Gehe, wohin Du magst und rette Dich selbst. Mich, ohne Euch? Daraus wird nichts, Herr Hauptmann. Wenn Ihr den Teufel nicht fürchtet, so mag ich's im Nothfall mit seiner Großmutter aufnehmen. Ich bleibe an Eurer Seite, bis Ihr zum Gehen gewillt seid; und der Wille wird mit der Noth schon kommen. So laßt schauen, was der alte Fuchs drinnen treibt? Er hätte besser gethan, daheim im Loche zu bleiben, statt den Hunden seinen Schwanz hinauszustrecken. Uli folgte dem Hauptmanne in's Schloß, zum blutigen Lager des Grafen. Dieser lag, wie vorher, mit geschlossenen Augen da, nur leise athmend. Ließe sich nur ein Arzt finden, seufzte Flavian ängstlich. Den Kranken lange von allen Seiten beschauend, schüttelte Uli den Kopf und meinte: Das soll der Graf sein? Ich erkenne ihn ja nicht mehr. Der Rock ist sich ähnlicher geblieben, als das Gesicht. Er hat, glaubt es mir, auf dem letzten Loche gepfiffen, Herr Hauptmann. Wünschen wir ihm eine gute Nacht, und sorgen wir für uns selbst. Es scheint wirklich, flüsterte Flavian, es neige sich mit ihm zum Ende. Ich bedaure ihn. Ein Mensch in den schönsten Jahren. Ei nun, Herr Hauptmann, die Jahre sind wohl allesammt schön; aber der Tod hält keinen Kalender, und fragt, wenn er anklopft, nach keinem Geburtstage. Rede leise! sagte Flavian, Du weckst ihn auf. Den störet man im Schlafe nicht mehr, und das Hören hat er verlernt. Sehet, er streckt schon die Beine; er ist am Sterben. Beten wir für seine arme Seele ein Ave Maria, und machen wir uns aus dem Staube. Da schlug der Graf die Augen auf. Sie waren gläsern und starr, wie Fischaugen. Er lispelte mit matter Stimme: Wer sterben? – Was? – Nicht sterben? – Er verzog das Gesicht, warf sich auf die Seite; rief: Luft! Luft! richtete sich dann zur Hälfte in die Höhe, und schrie, wie in Todesangst, mit halberstickter Stimme: Nicht sterben! – darf nicht! – kann nicht – will nicht – – – Dann fiel er mit Todesröcheln erbleichend auf's Lager zurück. Er hatte ausgeathmet. Die gebrochenen, stieren Augen blieben offen; das Gesicht wurde bläulich und schien sich zu verlängern, seinem Munde entquoll ein Blutstrom. Flavian wandte sich mit Grausen ab. Gott habe ihn selig, sagt man, wenn's Matthäi am Letzten ist, seufzte Uli Goin. Todten Leuten zürne ich nicht. Alle Sünde sei ihm vergeben. Nun auf, nun in's Weite mit uns! Er krallte den Hauptmann mit seiner knorrigen Faust ungestüm in den Arm, und riß ihn aus dem Schlosse mit sich in das Gedränge der Flüchtigen, deren keuchende Haufen kein Ende nahmen. Mit so weitschallendem Lärmen der Auszug des Landsturms am Tage vorher geschehen war; eben so geräuschlos und schweigsam wurde jetzt der Rückzug bewerkstelligt. Man hätte, wäre die Menge des Volkes nicht zu groß gewesen, die langen Reihen für einen kirchlichen feierlichen Umgang halten können, dergleichen in katholischen Gegenden die Andacht der Ortschaften öfters zu vereinigen pflegt. Anstatt der zeitweise angestimmten Gebete, vernahm man hier nur die Schmerzensäußerungen eines Verwundeten, die Flüche eines Erbosten, oder das Stöhnen eines Ermüdeten. Manche blieben entkräftet zurück; Andere sonderten sich zur Linken und Rechten von den Uebrigen ab, und benutzten, in größter Eile vorrückend, thalabwärts, oder bergauf, die schlechtesten Fußwege, um ihre Heimath, Weiber und Kinder wieder zu finden. Noch hörte man hinter sich, in nicht allzu großer Entfernung, Geknatter des Kleingewehrfeuers, oder einzeln gewechselter Flintenschüsse, oder den erschütternden Luftstoß einer abgeschossenen Kanone. Und jedesmal folgte darauf unwillkürlich eine beschleunigte Fortbewegung der verworren durch einander rennenden Heimzügler. Armes Volk, klagte Flavian. Bist also wieder einmal das Schlachtopfer wahnsinniger Parteien geworden! Nun wühlen Oesterreicher und Franzosen in Deinen Eingeweiden. Ihr habt wohl Recht, stimmte Uli Goin ein, und trocknete den Schweiß von der Stirne. Man hätte weder Hans noch Franz in's Land lassen sollen. Jetzt haben wir's. Es ist leicht, den Teufel in's Haus zu rufen; aber von ihm wieder abkommen, ist schwer. Ich fürchte, Uli, erinnerte Flavian, das Schrecklichste wird noch über uns ergehen, wenn die Franzosen die zweite Ermordung ihrer Kameraden erfahren. Ja, ohne Zweifel wissen sie sie schon aus dem Munde der von Trons und Tavanasa Entronnenen. Ihre Rache bleibt nicht aus. Das haben uns die Medelser, in ihrer Hundewuth, eingebrockt, rief der Tavetscher ärgerlich. Half doch kein Wettern und Fluchen dagegen. Meinethalben! haben sie uns den Teufel geholt, mögen sie auch den Fuhrlohn für ihn zahlen. Es wäre aber, glaubt mir's, nicht so kläglich gegangen, hätten die Kaiserlichen bei Chur ehrlicher Wort gehalten. Sie wischten sich das Maul ab, und ließen uns im Kothe sitzen. Warest Du im Gefechte? Das will ich glauben, Herr Hauptmann. Ich bin, Ihr wißt es, Soldat, und habe Pulver gerochen; darum machten sie mich zum Offizier. Aber es war keine Ordnung zu halten; Niemand gehorchte. Bald hatte ich ein paar hundert Mann, bald kaum ein Dutzend zu kommandiren. Alles flog durcheinander, wie der Schnee in der Alp beim Guchsen Das » Guchsen « nennt man, wenn der Sturm zwischen den Felswänden der Gebirgshöhen den liegenden oder fallenden Schnee erhebt, in heftigen Wirbeln aufnimmt, und mit dem Gestöber Hirten und Heerden zu begraben droht. . Wenn ich mich auch heiser schrie, die Kerle blieben taub. Viele hatten am Morgen zu oft in's Branntweinglas geschaut, und taumelten toll und voll; Anderen sah man den Katzenjammer an, den sie sich die letzte Nacht aus den Wirthskellern geholt hatten. Sehet Ihr, Herr Hauptmann, ein einziges faules Ei kann einen ganzen Kuchen verderben, sagt man; aber da waren der faulen Eier zu viele. Darum haben wir den Geruch davon. Es ging doch, wie ich höre, anfangs glücklich. Was gab Anlaß zur Flucht? Des Feindes Uebermacht? Mit nichten, Herr Hauptmann. Wir waren zehnmal stärker, als die Franzosen. Wir jagten sie, wie eine Schafheerde, wild vor uns her. Wären nur die Oesterreicher, wie es Malariva's Schelmenmaul tausend Mal verheißen hatte, uns zu Hülfe gekommen, so würden alle Franzosen in's Gras gebissen haben. Statt dessen blieben die faulen Bundesgenossen dahinten bei ihren Feldkesseln sitzen, und kochten ihr Mittagsbrod. Unsere Leute hielten sich, ich muß es sagen, wie Helden. Wir waren schon bis an die Stadtgärten von Chur vorgedrungen. Da ging es heiß her. Hinter jedem Hage und Strauche lauerte ein Blaurock und eine Flinte, und die Kartätschen fielen, wie Schloßen. Das hätte indessen nichts gethan. Wir rückten vorwärts. Plötzlich aber sahen wir, mitten unter uns, wie vom Himmel herabgeregnet, ja! ja! denkt Euch, eine Menge Husaren, mit blitzenden Säbeln. Da schlug der Wind um. Alles nahm Reißaus über Stock und Stein, was nicht niedergeritten werden, oder die scharfe Klinge in's Genick haben wollte. Die Kanonen brüllten uns nach, die Kugeln pfiffen umher, wie Vögel. Hundert und aber hundert brave Leute, die wohl ein besseres Begräbniß verdient hätten, stürzten nieder. Und wie kamst Du davon, Uli? Ich? ich dankte zum ersten Male dem Himmel für die langen Beine; und mehr noch dafür, daß ich sie heil davon brachte. Neben den vordersten Häusern von Ems wurde endlich Halt gemacht. Wer noch Gewehr und Pulver trug, trat wieder in Reihe und Glied, oder schoß aus Ställen und Häusern; Andere wurden abgeschickt, die Flüchtlinge zurückzurufen. Ich sollte mit meiner Mannschaft die Brücken von Reichenau besetzen. Ja, ja! man hat gut kommandiren. Heiser habe ich mich geschrien; aber der Teufel war nun einmal in die Gergesener Säue gefahren; und es ist nicht gut Pelz machen, wenn man weder Haar noch Wolle hat. Hexen konnte ich nicht. Da fand ich Euch vor dem Schlosse. Unter solchen Gesprächen, die den Weg verkürzten, brach die Nacht herein. Das Geschütz der verfolgenden Feinde schwieg. Langsamer bewegten sich nun die müden Genossen des verunglückten Landsturms voran, oder sie suchten Herberge und Nachtlager in Dörfern, Weilern und umhergelegenen Hütten und Heuställen. Es verging eine unerquickliche, bange Nacht, in welcher Viele ohne Trank und Speise blieben. Flavian, begleitet vom getreuen Uli, erreichte, folgenden Tages, Disentis und das Schloß Castelberg, wohin die Schreckensbotschaft der großen Niederlage schon gekommen war. 40. Ein Abschiedswort. Des Landrichters Gemahlin empfing den Schützenhauptmann, wie die wohlthätige Erscheinung eines schirmenden Engels. Sie hatte nicht an seinem guten Willen gezweifelt, das ihr gegebene Versprechen zu lösen; aber für Rettung seines Lebens aus dem Kriegssturme gezittert, in welchem er unfrei fortgerissen worden war. Und obwohl sie unter allen Bewohnern von Disentis, kraft ihres Schutzbriefes, vielleicht am wenigsten die Rache der französischen Truppen zu fürchten hatte, war es ihr doch eine Beruhigung, einen Mann von Geist und Muth zur Seite zu haben, der sich selbst noch zum französischen Militär zählen konnte. Das Beste, was Küche und Keller zu gewähren im Stande waren, wurde den beiden Abenteurern sofort freudig aufgetischt. Nichts in der Welt konnte den ehrlichen Uli besser trösten; er wurde wieder der mit seinem Schicksal zufriedenste Mann von der Welt. Denn, die stillen Leiden eines leeren Magens ungerechnet, hatte ihn nicht geringe Sorge gequält, wohin, bei dem Umschwunge der Dinge, seine ehrenwerthe Person in Sicherheit zu bringen sei. Als ein, wenn auch untergeordneter Anführer im Aufruhr, mußte er nun, gleich Anderen, ein landesflüchtiger Bettler werden, oder, wenn er blieb, von den Franzosen einer Kugel vor den Kopf gewärtig sein. Aus dieser bitteren Verlegenheit hatte ihn Herr Prevost schon unterwegs durch die Zusage gerettet, er wolle ihn, als seinen Diener, bei sich halten; und in dieser Eigenschaft empfing er auch von der Herrin des Schlosses sogleich Wohnung in dem alterthümlichen Gebäude. Ihr selbst aber gereichte es dabei zu einigem Troste, die kleine Besatzung ihrer Burg verstärkt zu sehen. Nachdem Flavian ihr die Unglücksgeschichte des dreitägigen Feldzuges ausführlich vorgetragen hatte, sagte sie: Ich sehe es Ihren schlaftrunkenen Augen an, Sie sehnen sich nach Ruhe. Ich gönne sie Ihnen. Morgen, mein gütiger Freund, plaudern wir mehr. Nur noch zwei Worte. Ich habe Ihnen einen Brief des Paters Gregor zu übergeben. Der würdige alte Herr ist gestern oder heute im Gefolge des Abtes abgereist; wohin? ist mir unbekannt. Er bedauerte, Sie nicht mehr gesehen zu haben. Es ist nicht ganz recht, daß in einer so verhängnißschweren Zeit die frommen Hirten am ersten ihre Heerde verlassen, und sie einem schrecklichen Loose preisgeben, das vielleicht, ohne ihre Mitschuld, kaum so gekommen wäre. – Auch das Fräulein von Stetten hat sich geflüchtet. So bin ich, fiel Flavian ein, meiner Verpflichtungen ledig, und kann mich, es komme, wie es wolle, nun Ihren Diensten, gnädige Frau, ausschließlich widmen. Nein, lieber Hauptmann, nicht also; nicht länger, bis, nach Ankunft der französischen Truppen, die wahrscheinliche Gefahr für unser Haus vorüber gegangen sein wird. Länger halte ich Sie nicht zurück. Ich bin darin mit dem Fräulein von Stetten einverstanden. Gestern reiste die unglückliche Dame nach Brigels hinauf, wo sie bei einem meiner Bekannten, dem Ammann, welchem ich sie empfahl, mit ihrer Kranken, einstweilen wohl verwahrt sein wird. Dort, wenige Stunden Weges von hier, werden Sie von ihr erwartet. Flavian unterwarf sich willig allen Wünschen und Anordnungen der Frau von Castelberg. – Nachdem sie ihn entlassen hatte, begab er sich in sein Zimmer, und las den Brief des Paters. Der Inhalt des freundlichen Schreibens, soviel Räthselhaftes es auch enthielt, wurde so anziehend und erregend für ihn, daß er es mehrmals durchlas und darüber fast den Schlaf verlor. »Wer weiß,« hieß es darin, »ob ich Sie, mein lieber, junger Freund, je in diesem Leben wieder erblicke. In Tagen, gleich den gegenwärtigen, ist jede Zuversicht auf die nächste Stunde Verwegenheit. Ungern, doch gehorsam, muß ich, nebst einigen anderen Kapitularen, unseren gnädigen Herrn auf der Flucht in's Zurathal, nach Olivone, begleiten. Vielleicht erlaubt er mir aber, wie ich hoffe, noch unterwegs, die Rückkehr nach Disentis; denn meine Kräfte sind den Anstrengungen einer so angreifenden Reise über die rauhen Berge nicht mehr gewachsen. Auf jeden Fall jedoch nehme ich von Ihnen Abschied; Sie sind mir, durch Ihre tüchtige Gesinnungsweise, von Herzen werth und lieb geworden.« »Das Haus Castelberg darf ich Ihnen nicht erst empfehlen; wohl aber wage ich eine flehentliche Fürsprache für das Fräulein Pauline von Stetten. Ich kenne sie von früheren Jahren her aus Deutschland. Sie war meine Freundin; sie ist es noch; und leider, zum Theil ist sie durch meine Schuld in diese unheilvolle Gegend verschlagen. Sie kam vor wenigen Monaten, einer Frau von Salis in Chur empfohlen, nach Bünden; dann hierher zum Besuch, wo Frau von Castelberg ihr unendlich viele Güte erwies. Da wurde sie durch das Einrücken der französischen Truppen, durch die aufrührerischen Volksbewegungen, durch die allgemeine Unsicherheit im Lande überrascht, und gezwungen, länger, als sie anfänglich wollte, zu verweilen. Ich selbst rieth dazu; sie schien mir hier, als Oesterreicherin, sicherer, als in Chur.« »Bei Allem, was Ihnen, lieber Freund, theuer sein kann, und bei Allem, was für Sie mit einer gewissen heiligen Rose von Disentis irgend in Verbindung stehen mag, beschwöre ich Sie, sich der hülflosen Dame anzunehmen, bis sie in vollkommener Sicherheit sein wird. Ja, ich gestehe es Ihnen, diese Pauline, sie war einst die Liebe meiner Jünglingsjahre; eine Liebe, vor welcher, auch heute noch, ich nicht zu erröthen habe; eine Liebe, um derentwillen auch Pauline unvermählt geblieben ist. Nicht vergebens habe ich Sie daher an jene Rose von Disentis gemahnt. Auch Sie haben geliebt. Ich kenne das Geheimniß Ihres Herzens durch meine Freundin, welche zu Wien auch die Freundin desjenigen edeln Mädchens war, das, durch Bosheit der Menschen irre geführt, Sie, den Schuldlosen, verstieß und verdammte, und nachher, eben so unschuldig, von Ihnen verdammt worden ist.« »Leben Sie wohl! Ich empfehle Sie dem Schutze Gottes. Lassen Sie Ihren jugendlichen, wenn auch gerechten Menschenhaß fahren; es leben der Guten und Heiligen noch Viele unter unseren, von Ihnen so genannten Halbthieren. Geben Sie Ihre, wenn auch edelgemeinten, Weltverbesserungspläne auf; nicht Sie, auch nicht der weiseste, und nicht der mächtigste Mensch, sondern die Hand einer allweisen Vorsehung allein, führt unser Geschlecht zur vollendeten Heiligung. Wir einzelne Sterbliche tragen jeder nur Sandkörner zum Bau des ewigen Gottestempels bei. Begnügen Sie sich, wo Sie es finden, auch mit dem Sandkorn; und Sie werden mit sich und der Welt zufriedener, das heißt, glücklicher werden. Dies wünscht aus ganzer Seele Ihr Freund P. Gregorius. « »Abtei Disentis, den 4. Mai 1799.« Flavian hatte in der jüngsten Zeit viel zu ernste Erfahrungen gemacht, als daß die letzten Worte des lebensweisen Benediktiners für sein Gemüth nicht hätten Bedeutung haben sollen. Ihre Wahrheit wurde seine Ueberzeugung. Bei diesem Lebewohl des frommen Mannes war es ihm, als scheide ein höheres Wesen von ihm, welches ihm in den schwersten Stunden zum Troste, zur Belehrung, zur Geisteserhebung erschienen wäre. Und jene Pauline, jene treue Jugendliebe des Greises – sie, die bisher für Flavian eine so bedeutungslose Person gewesen war, stand jetzt, wie ein unter des Schicksals Fügungen herbeigeführter Genius, da, der ihm vielleicht den Weg in sein verlorenes Paradies öffnen konnte. Manches, was bisher in räthselhafter Dunkelheit geblieben, und nur sein neugieriges Erstaunen gereizt hatte, klärte sich jetzt durch die zufällige Anwesenheit dieser Pauline, und durch ihr Verhältniß zu Elfriede auf. Elfriede von Marmels war also nur »irre geführt«; beweinte in Wien vielleicht noch die ehemalige Härte; war vielleicht noch dem gegebenen Gelübde treu. Wie viele berauschende Hoffnungen entspannen sich aus diesem Gedanken! – Das Werk der Trennung konnte vielleicht, wie manches Andere, nur Werk des boshaften Malariva gewesen sein. Er hatte es abgebüßt und schwer gebüßt. Die Erinnerung an des Grafen Tod mahnte ihn, die ihm vom Verstorbenen anvertraute Brieftasche zu öffnen. Vielleicht konnte er dadurch schon jetzt Aufklärung über die heimlichen Ränke des Mannes erhalten. Er nahm das eingeschlagene Bündel Papiere hervor; riß es auf und durchmusterte flüchtig den Inhalt. Doch was er zu finden wünschte, suchte er umsonst. Außer einem Paar fast unleserlicher Briefe ohne Unterschrift, aus dem österreichischen Hauptquartier, nur Fragen und Weisungen in Militärsachen enthaltend, und mehrerer Briefe von einem Wiener Bankhause, welches vermuthlich die Geldgeschäfte des Grafen besorgte, bestand das Uebrige in Kapital- und Zinsverzeichnissen vom Vermögen des Grafen selbst, wie auch von dem der Baronin von Grienenburg und ihrer Stieftochter Elfriede von Marmels. Gleichgültig, fast unzufrieden, band Flavian die Papiere zusammen, die für Malariva's Erben, so wie für beide Damen etwa, einige Wichtigkeit haben konnten, deren Beistand oder Vormund der Graf gewesen war. In des Jünglings Brust ertönten nun alle Gefühle sehnsüchtiger Liebe in erhöhtem Maße; Gefühle, die einst die reinste Seligkeit waren; und dann auch noch, in aller Bitterkeit, ein süßes Wehe brachten. Er berechnete die Stunden, die zwischen diesem Abend und dem Augenblicke lagen, wo er das Fräulein von Stetten kennen lernen sollte. Sie schien für ihn der Ring, welcher in der zerrissenen Kette zwischen Elfriede und ihm gefehlt hatte. 41. Neue Gefahr. Erschrocken sprang Uli Goin am Morgen in das Zimmer seines Herrn, und rief: Aus, aus! Wer schaut der Zukunft in die Karte? Vielleicht ist für uns sammt und sonders der Jüngste Tag erschienen. Man schlägt sich wieder mit den Franzosen. Ein Rest des Landsturms muß sich zusammengethan haben; denn nur einzelnes Plänklerfeuer läßt sich hören. Wer flüchten kann, flüchtet über Berg und Wald. Die Franzosen sind nahe, sehr nahe! Prevost sprang hastig vom Bette auf, und warf sich in einen langen blauen Ueberrock, wie ihn damals die Offiziere der französischen Armee auf den Märschen zu tragen pflegten; darüber schnallte er den Schleppsäbel. Er hatte das Nöthigste zu seinem kriegerischen Schmucke kaum vollendet, als man ein leises Pochen an der Thüre vernahm. Frau von Castelberg wankte, mit Angst in Augen und Mienen, zitternd herein. Was wird aus uns Unglücklichen, seufzte sie. Man hört nicht weit entfernt die Trommeln des heranrückenden Feindes, dessen Wuth der letzte, schwache Widerstand der Bauern nur gesteigert haben wird. Hier, lieber Hauptmann, nehmen Sie das Zeugniß der Offiziere und des Generals Loison. Vielleicht befehligt er selbst die Truppen. Erflehen Sie von ihm eine Schutzwache für das Schloß und Gnade für Disentis. Oder, was meinen Sie, was soll ich thun? Verzagen Sie nicht, Frau Landrichterin, entgegnete Flavian. Unser Gott ist ebenfalls nahe. Ich werde den General aufsuchen, wer er immerhin sein möge. Bereiten Sie indessen für die zahlreichen Ankömmlinge ein reichliches Frühstück, so gut es Eile und Umstände gestatten. Wie ruhig er auch, um sie zu beruhigen, sprach, war ihm selbst, bei den nahenden Ereignissen, doch nichts weniger, als wohl zu Muthe. Nur mühsam flößte er, durch seinen Zuspruch, der sonst entschlossenen Frau einige Zuversicht ein. Dann verließ sie ihn, Zurüstungen zum Empfange der feindlichen Gäste zu treffen. Während er frühstückte, entfernte sich Uli von Zeit zu Zeit, um Nachrichten zu sammeln. Von einem der flüchtigen Landleute hatte der treue Diener vernommen, daß die Niederlage, welche der Landsturm auf den Feldern von Chur und Ems erlitten, blutiger gewesen, als man geglaubt hatte; daß mehrere hundert Bauern aus den verschiedensten Landesgegenden umgekommen seien; daß die Franzosen, ein paar tausend Mann stark, unterhalb des Schlosses Castelberg Halt gemacht hätten, und bald einrücken würden. In der That vernahm man bald näher und lauter das Geräusch der Trommeln. Flavian nahm seinen Militärhut; trat in den Schloßhof hinaus, und stellte sich gelassen vor die Pforte desselben. Schon war der Vortrab der Bataillone, auf der rauhen Bergstraße, neben der Plaziduskapelle vorbeigezogen. Aus der Tiefe rechts kamen blitzend Bajonette, Gewehre und Fahnen zum Vorschein, als wüchse ein Heer aus dem Boden. Flavian näherte sich den Truppen um einige Schritte. Einen ihm nahe stehenden Offizier fragte er um den Namen des kommandirenden Generals. General Chabran! lautete die Antwort. Nun war die Reihe des Antwortens an Flavian: wer er sei, der, als französischer Offizier, wofür er doch gelten wolle, nicht einmal den Namen seines Oberbefehlshabers kenne, und damit gegründeten Verdacht errege? Der Schützenhauptmann gab umständliche Auskunft. Allein der Franzose schien ihm wenig zu trauen. Mögen Sie sein, wer Sie wollen, sagte dieser, ich muß Sie bitten, mir einstweilen nicht von der Seite zu gehen. Ich werde Sie dem General vorstellen; Sie mögen sich bei ihm ausweisen. Ich bin Ihnen dankbar, erwiederte der Verhaftete, Besseres verlange ich nicht; ich war selbst im Begriff, ihn aufzusuchen. General Chabran, mit seinen Adjutanten, ritt indessen vorüber, befehligte aber Halt, sobald sich die Truppen auf der Wiesenfläche zwischen Dorf und Kapelle befanden. Es näherten sich dem Feldherrn die Oberoffiziere und er gab die letzten Weisungen. Sobald sie zu ihren Posten zurückgeeilt waren, wurde Flavian von seinem argwöhnischen Geleitsmann zum Befehlshaber geführt. Dieser, nachdem er einige Worte des Diensteifrigen angehört, wandte sich verdrießlich zu Prevost und fragte: Wer sind Sie? Was treiben Sie hier? Wohin gehören Sie? Eben so kurz und bestimmt berichtete dieser über sich und seine Unfälle im Dienste der Armee. Zur Beglaubigung seines Wortes überreichte er, neben dem Schreiben des Generals Demont, das Zeugniß Loison's. Chabran durchflog die Blätter, gab sie zurück und sagte: Bürger Prevost, ich habe Sie auf meiner Liste. Gut, daß Sie sich selbst stellen. Sie kommen mir gelegen. Jetzt fehlt mir indessen Zeit. Ist jener graue Steinhaufen wirklich das Schloß Castelberg? Ja, mein General, das Asyl der gefangen gewesenen Offiziere, wo Ihre Ankunft von der gastfreundlichen Bürgerin Castelberg erwartet wird. Wahrhaftig kein Feenschloß, doch im Aeußeren dieser Einöde des Gebirges vollkommen angemessen, sagte lächelnd der General. Erwarten Sie mich dort. Giebt's hier umher noch zusammengelaufene Bauern? Denkt man noch an Gegenwehr? Nein, General; sie haben ihre böse Lust gebüßt. Die Trommeln wirbelten; der Feldherr sprengte davon. Die Truppen rückten in's Dorf ein. Links bewegte sich eine kleine Abtheilung von zwanzig Mann nach dem Schlosse; rechts zog eine Kompagnie bergauf, den Weg zur Abtei. Bald sah man auch hinter Disentis Truppenzüge in den Feldern, die ihre Richtung nach den letzten und höchstgelegenen Ortschaften des Oberlandes, nach Tavetsch, Rueras und weiter umher nahmen. Flavian fand bei seiner Rückkunft in's Schloß die Frau von Castelberg weniger bekümmert; aber mit ihrem gesammten Hausgesinde viel beschäftigt, die in den Hof eingerückte Mannschaft mit Erquickungen zu versorgen. Der höflichen Erklärung des Lieutenants, der die Soldaten geführt hatte, zufolge, waren diese vom General befehligt, den Dienst einer Schutzwache zu verrichten, als Zeichen der Dankbarkeit für die im früheren Volksaufstande geretteten Franzosen. Später erschien der Oberbefehlshaber mit zahlreicher Begleitung selbst, um das ihn längst erwartende Mittagsmahl einzunehmen. Er war ein angenehmer Mann von ungefähr fünfunddreißig Jahren; unter den französischen Feldherren eben so sehr durch persönliche Tapferkeit und Klugheit, als durch Milde und Mäßigung ausgezeichnet. Er war heiter und ernst im rechten Augenblicke, wußte, bei Tafel, der Dame des Hauses so viel Verbindliches über ihren, nach Loison's Rückzug, bewiesenen Edelmuth zu sagen, und sie über die Sicherheit ihrer Person und ihres Eigenthums so vollkommen zu beruhigen, daß sie einen freudigen Blick auf Prevost warf, und es sogar wagte, für die Schonung der armen Bewohner von Disentis und der Umgegend zu bitten. Sie bitten um Schonung, sagte Chabran, ich bin nichts weniger, als hartherzig, geschweige grausam; aber gerecht muß ich sein, und, auf die Sicherheit und Ehre der Truppen bedacht, auch wenn es meinem Herzen wehe thut, verblendete, fanatisirte Menschen, nach Kriegsrecht bestrafen. In der Nacht vom 4. zum 5. Mai wurden in diesen Dörfern unsere einquartierten Soldaten gefangen und auf die gräuelhafteste Weise ermordet. Bürger Prevost und die Wunden, mit denen er entkam, können am besten davon sprechen. Dennoch wurde die Unmenschlichkeit von uns mit Menschlichkeit vergolten. Der Ober-General Massena begnügte sich, nur die Auslieferung der Aufwiegler zu fordern. Statt der Erkenntlichkeit für unsere Großmuth, und während wir für die Bündner kämpften, begann der zweite Aufruhr, und die zweite Mordthat wurde vollbracht. Hier, hier in Disentis wurden, trotz der geschlossenen Kapitulation, mehr als hundert Franzosen meuchelmörderisch niedergemetzelt. Kann Ihnen, Madame, das Schicksal der Wittwen und Waisen der Erschlagenen gleichgültig sein? Darf es uns das sein? Frau von Castelberg antwortete, gesenkten Blickes, mit einem Seufzer. Ich verlange einstweilen, fuhr der General fort, für jene beklagenswerthen Wittwen und Waisen eine Contribution von wenigstens 10,000 Francs; die Auslieferung der ersten Anhetzer zum Landsturm und der Bösewichter, welche den Mord begingen; oder aber – Die Einwohner von Disentis sind, so wahr ein Gott lebt! an der gräßlichen That durchaus schuldlos, General, und es kann bewiesen werden, daß sie, so wie auch einige Mönche des Klosters, mit eigener Lebensgefahr, sie abzuwehren strebten, rief Frau von Castelberg, und Flavian bestätigte ihr Wort. Ich kann persönlich in keine Untersuchung eintreten, erwiederte der General, die Ortsvorgesetzten sind schon von meinem Willen unterrichtet. Mir ist nur eine kurze Zeit zugemessen, und ich vollstrecke meine Pflicht. Alle müssen mir für das Verbrechen haften, und beim geringsten Zaudern bin ich gezwungen, ein furchtbares Gericht zu halten. Man kann sich wohl denken, eine Unterhaltung, wie diese, gehörte nicht zu den erfreulichsten an der reich und wohlbesetzten Tafel. Auch erhob sich der General bald; ließ die Pferde wieder satteln, und begab sich inzwischen in ein anderes Zimmer, wohin, auf seinen Wink, Prevost ihm folgen mußte. Nach einer langen Unterredung kehrten Beide, wie es schien, mit zufriedenem Gesichte zurück. General Chabran beurlaubte sich bei der Gebieterin des Hauses auf die artigste Weise; versicherte sie wiederholt seines vollen Schutzes, so lange er in dieser Gegend den Befehl führe; schwang sich, nebst seinen Begleitern, auf's Pferd und eilte davon. Der Tag verstrich unter Befürchtungen und Ahnungen, die Einer dem Andern mittheilte, und welche die Angst des Andern vermehrte, ohne die eigene vermindern zu können. Gerüchte schrecklicher Art liefen von Mund zu Mund, von Ohr zu Ohr, die Jeder zwar laut verwarf, im Stillen jedoch glaubte: man würde die Ortschaften zerstören, wo französisches Blut vergossen worden; die junge Mannschaft werde ausgehoben und unter das französische Militär vertheilt werden; in den Zimmern des Abtes Kathomen sei, unter den Papieren desselben, die Liste Aller gefunden worden, welche in Graubünden an der Verschwörung gegen die französische Armee Theil genommen und die Aufstände angezettelt hätten; Keinem von diesen werde das Leben geschenkt werden; und man habe in allen Ortschaften die begütertsten Männer und Hausväter verhaftet, um sie, als Geiseln, nach Frankreich zu schleppen. Die Schutzwache des Schlosses wurde noch in später Abendstunde fast um's Doppelte verstärkt. Der Kapitän, welcher den Befehl über sie empfangen hatte, meldete der Frau von Castelberg den Willen des Generals, daß sie die Mannschaft verpflegen, übrigens, für die Sicherheit ihres Eigenthums, unbesorgt sein möge. Ich bin es und darf's wohl sein, seufzte sie weinend, als sie sich endlich mit Prevost im Wohnzimmer allein sah. Aber meine in der Irre umherflüchtenden Verwandten und Freunde? Werde ich sie je wieder erblicken und wie? Liegt nicht schon jetzt vielleicht mancher von ihnen unter den Todten bei Chur und sonst in Feldern und Wäldern unbegraben, ungekannt und unbeklagt? Wehe der blödsinnigen Raserei unserer politischen Parteien, welche fremde Mörderschaaren in diese Thäler riefen, Jammer auf Jammer häuften; und im Namen der Freiheit und des Vaterlandes, Freiheit und Vaterland tödteten, um einander nur gegenseitig selbst verderben zu können! Möge ihnen die Barmherzigkeit Gottes Verbrechen verzeihen, die sie für Tugenden halten. – Doch, es ist nicht mehr Zeit zur Klage. Das Elend ist da. Wir müssen retten, und Trost und Hülfe bringen, wo sie noch möglich ist. Dank Ihnen, lieber Hauptmann; ich, für meine Person, bedarf Ihres Beistandes nicht mehr. Aber gedenken Sie des verlassenen Fräuleins von Stetten! Morgen in aller Frühe brechen Sie auf, ich beschwöre Sie, und gewähren Sie dort Trost, Rath und Schutz, wie Sie mir gewährt haben. Oder hat Ihnen General Chabran untersagt, sich zu entfernen? Keineswegs. Vielmehr empfing ich die mündliche und schriftliche Weisung, mich ohne Verzug zur Brigade Loison zu begeben. Zur Brigade Loison? Um des Himmels willen, Herr Prevost, was soll aber aus den Frauen werden, die jetzt rathlos und verloren in Brigels sitzen; keinen Menschen weit umher kennen und vielleicht den Mißhandlungen und den Gewaltthätigkeiten der Soldaten preisgegeben sind? Hätte ich doch die unglückseligen Geschöpfe überreden können, hier im Schlosse Zuflucht zu nehmen! Hier wären sie geborgen gewesen. Chabran ist ein menschenfreundlicher Mann. Aber die ängstlichen Seelen waren zu unruhig, zu furchtsam, als daß sie mich gehört hätten. Flavian unterbrach die Klagen der edeln Frau mit der Versicherung, er werde sich durch General Chabran so wenig, als durch Loison, binden lassen. Er sei zu dem Letzteren nur als Freiwilliger getreten, ohne damit irgend welche Verpflichtungen auf längere Zeit eingegangen zu sein. Er wolle, mit Tagesanbruch, den Weg nach Brigels wählen und das Fräulein von Stetten aufsuchen. Nehmen wir keinen Abschied von einander, sagte die Getröstete endlich nach vielfachen Verabredungen. Unsere Herzen sind des Kummers und Harmes vollgefüllt genug. Warum uns mit neuen Schmerzen quälen? Gott mit Ihnen, braver junger Mann; lassen Sie bald wieder von sich hören. Gute Nacht! – Sie reichte ihm die Hand, die er mit Küssen und Thränen bedeckte. Auch sie ging weinend zur Thüre hinaus. 42. Endliche Abreise. Die Alpenfirnen leuchteten vom Morgenhimmel in's Thal; die Bewohner des Schlosses aber lagen noch im Arme des Traumgottes, aller Leiden und Schrecken der Tage vergessen. Da verließ Flavian, von Uli Goin begleitet, die ihm liebgewordene alterthümliche Burg, schritt grüßend durch die französischen Wachen, um den Weg zu seinen neuen Schutzbefohlenen anzutreten. – Was Liebe oder Dankbarkeit, im Schmerz der Trennung und kaum zu hoffenden Wiedersehens, aussprechen können, hatte er in zurückgelassenen Briefen, der Frau von Castelberg, so wie dem ehrwürdigen Pater Gregorius, gesagt. Indem er, den rauhen Bergweg niedersteigend, das bescheidene Disentis, die stolz darüber thronende Abtei, mit ihren, im Frühlicht schimmernden Gebäuden, dann die felsengrauen, verwitterten Mauern des Schlosses hinter sich verschwinden sah, wurde ihm leichter und weiter um's Herz, wie wenn er aus einem beklemmenden, ängstlichen Traume erwache. Bald lagen die wohlbekannten, wild über einander gewürfelten Berge, sammt den armseligen Hütten von Disla, hinter ihm. Durch die Dörfer Compadiels, Sumvix und Trons zum heiligen Ahorn und seiner Kapelle gelangt, verließ er das Thal, welches fortan für sein Leben die Quelle der fürchterlichsten Erinnerungen bleiben sollte. Von hier schlug sich der Pfad, links, bergauf, nach dem Tumpio-Gebirge, von wo die Höhen des Kistenberges und Selbsanfts silbern herab strahlten. An allen Orten durch die Verbindungsposten der französischen Soldaten angehalten, ausgefragt und verzögert, war den beiden Wanderern ein guter Theil des Morgens auf dem Wege verstrichen, der sonst wohl in drei kleinen Stunden zurückgelegt wird. Um so ruhiger eilten sie dann zur Hochebene des Kulmattenberges hinauf, wo zwischen grünenden Triften und kleinen Ackerfeldern das Dorf Brigels mit seinen Kapellen, viertausend Fuß über dem Meere erhaben, liegt. Die Gegend wurde öder; kein Obstbaum gewährte ihnen Schatten oder streute ihnen Blüthen entgegen; aber eine reinere Luft umfloß und badete ihre Glieder, und ein frischer Windstrom, aus den Schluchten des umgletscherten Thales von Frisäl, kühlte die heißen Strahlen der Maisonne. Uli Goin, der seit dem kläglichen Untergange des Landsturmes nicht mehr viel vom alten Heldenmuthe, noch weniger aber, in der unmittelbaren Nähe der fremden Sieger, das ruhigste Gewissen behalten haben mochte, schien heimlich froh, den mißtrauischen Augen der französischen Posten auf anständige Weise entrückt zu sein. Bei einem Brodherrn, wie er sich keinen besseren wünschen konnte, war er glücklich, die Gelegenheit gefunden zu haben, sorglos in der lieben Welt umherzustreichen. Er würde in seiner Herzenslust ein Liedchen angestimmt haben, hätte er nicht besorgen müssen, die Aufmerksamkeit der Franzosen im Thale drunten auf sich zu ziehen und die unwillkommenen Musikliebhaber unversehens im Nacken zu haben. So begnügte er sich, ununterbrochen plaudernd, neben seinem jungen Gebieter hinzuschreiten, gleichviel, ob dieser ihm antwortete, oder nicht. Nie war er geschwätziger und, nach seiner Art, sinn- und spruchreicher, als wenn Andere schwiegen. Sein Reisegefährte schritt unterdessen, in seinen Gedanken durch Vergangenheit und Zukunft schwärmend, stille vorwärts; bald bekümmert um das Loos seiner Wohlthäterin im Schlosse; bald selig in der Hoffnung, am Rheine seine Schwester Sabine umarmen zu können; bald in Verlegenheit, auf welchen Wegen und wohin er am sichersten die österreichische Schöne entführen könne, deren Ritter und Schirmherr zu werden er gelobt hatte. Dies Fräulein mit dem hübschen Namen, diese unbekannte Mitwisserin um das theuerste und schmerzlichste Geheimniß seiner Seele, beschäftigte ihn zuletzt am meisten; und um so lebhafter, je näher er dem Orte ihres gegenwärtigen Aufenthaltes kam. Wie, dachte er, wenn Pater Gregor und die Gemahlin des Landrichters vielleicht absichtlich das Wichtigste verschwiegen hätten? Wie, wenn jene unbekannte Pauline selbst die schöne Elfriede von Marmels wäre? Es fuhr mit dieser Vorstellung ein wunderbarer Schauer durch sein Innerstes. Und immer und unwiderstehlich, wie eine Ahnung, kehrte dieser Gedanken zurück, wenn er sich seiner, als allzu romanhafter Träumerei, entschlagen wollte. Welches abenteuerliche Verhängniß, dachte er bei sich, hätte auch das kindlich-schüchterne Mädchen aus den Bequemlichkeiten des Wiener Palastes in die schmutzigen Hütten und unwirthlichen Einöden dieser Gebirgswelt verlocken, oder es nöthigen können, die Ruhe und Sicherheit der großen Kaiserstadt mit dem Schauplatze blutiger Schlachtfelder zu vertauschen? Aber Frau von Grienenburg, die Stiefmutter, war gestorben; Elfriede, in Wien, verwaist. Noch mehr, Graf Malariva war nach Bünden gekommen; er, ihr Vormund, der einst um ihre Hand geworben; der sie vielleicht, um sich ihrer Person zu versichern, in diese Gegenden geführt hatte. Sollte die Verschleierte, welche einst in Disentis an seinem Krankenlager erschienen war, und ihm schweigend und bedeutungsvoll das Medaillon mit der Rose von Disentis entgegen gehalten hatte, wirklich nur ein fieberhaftes Gespinnst der Phantasie, nur ein Trugbild seiner überreizten Augennerven gewesen sein? Und wenn er dazu des jungen Landmädchens gedachte, dessen Gestalt, Gang und Haltung so lebhaft an Elfriede erinnert hatten, als er unter den Bergtrümmern über Disla vorübergegangen war; und wenn er an des greisen Kapitulars sonderbare Verwirrung bei dem Anblicke derselben dachte, dann – – Er stand, sich mit solchen behaglichen Vermuthungen tragend, vor der Hausthüre des Ammanns von Brigels. Da drängte sich ihm alles Blut zu Haupt und Herzen. Er konnte kaum athmen; fürchtete und sehnte sich zugleich, die hier zu erblicken, welche er bisher bald lieben, bald verachten mußte. Aber Uli stürmte lärmend voran in das Haus, und fröhlich in ein offenes Zimmer, wo der Ammann mit seiner Familie beim Mittagsmahle saß. Dieser begrüßte die Eintretenden und erkannte sie sogleich, als die durch Frau von Castelberg Angemeldeten. Seinem Berichte zufolge waren die ängstlichen Frauenzimmer, schon am Tage vorher, weiter geflohen, sobald die Nachricht vom wirklichen Anzuge der französischen Truppen bekannt geworden und die Sage umgelaufen war, eine Abtheilung der Krieger werde ohne Zweifel nach Brigels heraufkommen. Ich selbst, erzählte der ehrliche Gemeindevorsteher, ich selbst, Herr, konnte unter solchen Umständen den armen Flüchtlingen nicht wohl rathen, länger bei mir zu verweilen. Man kennt das Franzosenvolk, und nach Allem, was leider! vorangegangen ist, haben wir schlimme Gäste zu erwarten. Nun, Gott wird's zum Besten wenden. Deshalb haben sich die zitternden Frauen eilfertig auf den Weg gemacht, nachdem ich sie, so gut ich's vermochte, versorgt hatte. Mein Rath war, sie sollten sich nach Panix begeben, dem letzten bewohnten Orte droben am Berge. Der Herr Pfarrer daselbst, zu dem ich sie geschickt habe, ist ein guter, ein menschenfreundlicher Herr. Er pflegt Reisenden, wenn sie zur Sommerszeit aus dem Sernftthal, über den Quolm Glaruna steigen, Herberge zu geben. Ich ließ zwei sicher gehende Bergpferde kommen; denn solche Frauenzimmer haben keine Füße für unsere rauhen Pfade, sie tragen nicht einmal Nagelschuhe. Ihrer zwei konnten wohl aufsitzen; die ältere Frau, welche noch ganz hübsch ist, wie auch das junge Mädchen, eine frische, volle, rothbäckige, lustige Dirne, vermuthlich die Kammerjungfer der Alten. Aber mich dauern Beide, daß sie sich mit einem elenden Krüppel, einer Kranken, umherschleppen. Für diese mußte ich einen Tragsessel einrichten und mit Kopfkissen polstern lassen. So hat man das arme Geschöpf, durch einige starke Männer, nach Panix hinauf transportirt. Das gebrechliche Ding dauert mich. Es leidet, glaube ich, an Aussatz oder Eiterbeulen. Das ganze Gesicht ist mit Geschwüren bedeckt. Während der Wirth die umständliche Meldung fortsetzte, leistete Uli der geschäftigen Hausfrau, mit welcher er sich eifrig unterhalten hatte, in der Küche und beim Decken des Tisches, die nöthigen Dienste. Flavian, durch die Mittheilungen des Ammanns beruhigt, weil jetzt überzeugt, daß Fräulein Pauline keineswegs Fräulein Elfriede sein könne, ließ sich die einfache, jedoch reichlich aufgetragene Mahlzeit gut schmecken; und sobald die irdenen Schüsseln geleert waren, rief er, nach dankbar geleisteter Zahlung, seinen erquickten Reisegefährten zum Aufbruch nach Panix. Beide, besser gelaunt, mochten, bei launigen Gesprächen, fast eine Stunde Weges zurückgelegt haben, als ihre Unterhaltung von einem ungewöhnlichen Ereigniß plötzlich gestört wurde. Ein furchtbar erschütternder, dumpfer Knall oder Schlag, der längs den Felswänden der Gebirge hindröhnte, und wenn er verhallt schien, wieder zurückdonnerte, durchfuhr die Luft. Es war, als sei ein ganzer Berg zusammengebrochen, und mit schmetterndem Geprassel in den Abgrund niedergestürzt. Was ist das? rief Flavian stillstehend und nach allen Seiten in das dunkle Blau des Himmels schauend, welches durch kein Wölkchen unterbrochen wurde. Es war, als schlüge ein schweres Gewitter ein, sagte Uli, der verblüfft die Firsten der Alpenkette übersah. Frühem Donner, Herr Hauptmann, folgt Hungerszeit. Donner war es jedoch nicht, aber ein stärkerer Knall als Kartätschenfeuer, was mir von Ems her noch immer in den Ohren nachklingt. Es muß irgendwo eine große Lawine von den Gletschern gestürzt sein, wie die von 49, welche von der Malamusa am Crispalt herunterschoß, und das ganze Dorf Rueras sowie gegen hundert Menschen begraben hat. Gebt Acht, die Hiobspost wird hier auch nicht ausbleiben. Dem Unglück läuft das Gerücht zwar nicht immer voran, aber gewiß folgt ihm schließlich ein hinkender Bote. Schaue hinüber, Uli, schaue nach dem hohen Piz Cavaradi und dem breiten Six-Madun, – dort, es ist die Gegend von Tavetsch, oder Disentis! Siehe, wie es zwischen den Bergen, gleich einem starken Nebel, wolkig aufsteigt. Mit Erlaubniß, Herr Hauptmann, solchen Nebel findet man eher zwischen Kochtöpfen, als Schneebergen. Das qualmt, wie aufsteigender Rauch. Hundert zu gleicher Zeit abgefeuerte Kanonen geben nicht solchen Knall, wie den vorhin, von dem die Berge erbebten. Man sollte schwören, die Erde sei auseinander geborsten, speie Flammen und Rauch, und schlinge die verdammten Franzosen, was eben nicht das Schlimmste bei der Sache wäre, mit Haut und Haaren in den feurigen Rachen hinunter. In jedem Falle hat sich dort etwas Außerordentliches und Schreckliches zugetragen, meinte Flavian. Siehe nur, die Berge verschwinden hinter dicken Wolken, die, braun und grau gemischt, aufsteigen. Herr Hauptmann, ich will nichts gesagt haben; aber denkt an mich. Unser heiliger Placidus, das weiß man, läßt wahrlich keinen Spaß mit sich treiben; und auf ein Wunder mehr oder weniger kommt's ihm wahrhaftig auch nicht an. Er hat, wollet Ihr wetten? den stinkenden Ketzern, den Franzosen, eins aufgespielt, daß ihnen Hören und Sehen vergeht. Diese Heiden haben ihr Wesen zu arg getrieben, und können doch unserem Herrgott am Ende nicht aus dem Garn laufen. Ich möchte glauben, nahm Flavian wieder das Wort, ein paar Dutzend Pulverwagen wären in die Lust geflogen. Auch schwillt das graue Nebel- oder Rauchmeer fortwährend an, statt sich zu verziehen. Nachdem sich Beide in fruchtlosen Muthmaßungen gänzlich erschöpft hatten, schickten sie sich zur Fortsetzung der Wanderschaft an, das Gesicht jedoch fortwährend zurückgewendet. 43. Die Gesellschaft im Pfarrhause. Das Alpendörfchen Panix, mit den wenigen Hütten, am wiesengrünen Bergabhange, der von da zu den Felsen, Wasserfällen und schwarzen Zacken des Gebirgsgrathes ziemlich steil hinansteigt, lag endlich vor ihnen. Auf diesen Höhen sah man weit umher keinen Baum und Strauch mehr. Einzelne Personen standen müßig beisammen, berathend, was der Donnerschlag zu bedeuten gehabt habe. den man auch hier, aus der Tiefe des Landes, vernommen hatte. Fragend wandten sie sich an die vorübergehenden Fremdlinge. Uli Goin trug kein Bedenken, ihnen, mit weitschallendem Zuruf, die Rache des heiligen Placidus zu verkünden, welcher die Feinde der römisch-katholischen Religion, die welschen Gotteslästerer, Knall und Fall, ausgerottet habe. Indem der Erdboden unter ihren Füßen gespalten sei, wären sie insgesammt und bei lebendigem Leibe in den Dampf und Rauch des höllischen Abgrundes hinuntergefahren. Mit sichtbarem Entsetzen schlugen die erschrockenen Bäuerinnen ein Kreuz vor Stirn und Brust; einige alte Männer nickten bedenklich mit dem Kopfe, doch die jungen Burschen lächelten dazu mit beinahe ungläubiger Miene. Indessen zeigte man den Wanderern, auf ihre Anfrage, das Pfarrhaus, welches, gleich anderen Gebäuden, mit dicken Bretterschindeln gedeckt und, um von keinem Windstoße entführt zu werden, mit schweren Steinen belastet war. Durch einen engen Eingang trat man in das reinliche, getäfelte Wohnzimmer des Geistlichen, wo eine schwarzwälder Uhr, ein Barometer, ein Schrank mit Zinngeschirr und wenigen Büchern darauf, so wie ein wurmstichiges Kruzifix und ein paar schlechte Heiligenbilder, den Schmuck der Wände ausmachten. Der von Stein aufgemauerte Ofen, mit daran befestigten Sitzbänken, oberhalb mit einem Gestell zum Wäschetrocknen umgeben, nahm den größten Theil des Raumes ein. Ein lebhafter, ältlicher Mann, fast zu nachlässig gekleidet, als daß er für einen Priester gehalten werden konnte, kündigte sich dennoch als Pfarrer an. Auf Prevost's Erkundigung nach dem Fräulein von Stetten, eilte er dienstgefällig, die Dame herbeizurufen, die, nach seiner Versicherung, ihn mit Ungeduld erwartet habe. Sie kam, gefolgt von einem jungen, kräftigen Mädchen, das, durch ehrerbietige Aufmerksamkeit, das Verhältniß der Dienerin zur Herrin gewahren ließ. Nach den ersten üblichen Höflichkeiten, Fragen, Entschuldigungen, verbindlichen Versicherungen und dergleichen, mit denen der Weg zur näheren Bekanntschaft angebahnt zu werden pflegt, ließ man sich auf die hölzernen Bänke nieder. Das Zwiegespräch wurde fortgesetzt, aber so allgemein gehalten, daß selbst Uli Goin Langeweile verspürte, und mit dem geistlichen Herrn Berathungen über ein sicheres Mittel, den Durst zu löschen, anknüpfte. Flavian und das Fräulein aber schienen blos zu sprechen, um sich gegenseitig bequemer mustern, und ihre Neugierde nach dem inneren Gehalt der Personen verbergen und befriedigen zu können. Bald indessen verlor sich das anfängliche Fremde zwischen Beiden. Man schien einander mit einigem Wohlgefallen zu sehen; das Fräulein mit Zufriedenheit, in dem hübschen jungen Manne Elfriede's gewesenen Auserwählten kennen zu lernen; der Schützenhauptmann hingegen, in der neuen Schutzempfohlenen die Freundin seiner ersten Liebe zu finden. Das Fräulein von Stetten gab sich als eine Dame von Bildung, und zartem, zuweilen sogar überzartem Gefühle zu erkennen. Sie war freilich eine fast verblühte Schönheit, aber noch immer voll Anmuth in ihrem Aeußeren; den schlanken Gliederbau in ein äußerst sauberes, doch locker anliegendes Reisegewand gehüllt. Jedes ihrer Worte wurde durch ein mildes, einschmeichelndes Lächeln des edeln Antlitzes verschönt, während die großen, blauen Augen von einer unüberwindlichen Schwermuth des Gemüthes redeten. Ihr junges Kammermädchen, – sie nannte es Theresel , – konnte einigermaßen als Gegenbild gelten, ein lachlustiges, in üppiger Fülle der Gesundheit aufgeblühtes Geschöpf, mit apfelrundem Gesichte und geläufiger Zunge. Es machte sich mit dem mannhaften Uli lieber zu schaffen, als mit dem Herrn Pfarrer. Gnädiges Fräulein, sagte Flavian endlich, wollen Sie erlauben, vorläufig die Hauptsache zu berühren? Sie denken ohne Zweifel Ihre Reise heute oder morgen fortzusetzen? Möglichst bald, Herr Prevost. Doch Ihretwegen thut mir's leid, daß ich, Sie wissen es also schon, von einer lieben Kranken, von meiner Gesellschafterin, abhängig geworden bin. Das Befinden derselben und die Fortdauer des guten Wetters werden über uns entscheiden. Auf der Reise von Wien nach Chur schien ihr Zustand durchaus nicht bedenklich. Wer konnte glauben, daß er sich in ein Paar Monaten so arg verschlimmern würde? Fräulein Clara hat mir noch vor einer Minute gesagt, bemerkte Jungfer Theresel rasch einfallend, sie fühle sich in der Luft dieser abscheulichen Berge himmlisch wohl; und so gestärkt, daß sie eine Reise um die ganze Welt machen könnte. Mir hingegen springt, in dem entsetzlichen Klima, die Haut an Lippen und Backen auf. Wir wollen erwarten, fuhr Fräulein Pauline fort, wie sich meine Freundin morgen befindet, und ob die Witterung gut bleibt. In jedem Falle müssen wir den Weg über die Berge wählen. Lieber nähme ich's mit allen Schrecknissen der Natur auf, als mit der Brutalität unserer Feinde. Das Wetter bleibt gut, bemerkte der Pfarrer, an das Barometer klopfend. Das Quecksilber steht beharrlich auf 21 Zoll 8 Linien. So niedrig? rief Flavian etwas erstaunt. Weil wir hoch stehen, beschwichtigte ihn der Witterungskundige , volle 4066 Fuß über dem Spiegel des Mittelmeeres. Auf der Höhe des Panixerpasses aber werden Sie noch um 2830 Fuß höher sein. Jesus, Maria! schrie Theresel ängstlich lachend, nur nicht in den Himmel mit mir! Nehmen Sie mir's doch nicht übel, hochwürdiger Herr, die Regimentsmusik im Augarten möchte ich vor der Hand noch immer lieber hören, als so jung schon droben den Gesang der lieben heiligen Engel. Ich bekomme immer Schwindel, wenn ich nur das Bild einer Himmelfahrt ansehe. Sie wollen also den kürzesten Weg nach Uri oder Glarus nehmen? sagte Prevost, zu Pauline gewendet. Er ist mir zwar unbekannt, aber jeder Weg in Ihrer Gesellschaft gleich angenehm. Er soll nicht gefährlich sein, behauptet der Herr Pfarrer, entgegnete das Fräulein. Ich wünschte auch deshalb nach Glarus, weil ich Bekannte der Frau von Castelberg dort zu treffen hoffe, bei denen, – – – bei denen die, wollte ich sagen – –; mir ist der Name ganz entfallen, setzte sie erröthend hinzu. Aber nicht wahr, Herr Pfarrer, der Weg ist ohne Gefahr? Vollkommen, vollkommen, stimmte der geistliche Herr ein. Freilich nur Fußwege, doch während des Sommers auch gut für Vieh. Im Jäger-Schlunde könnten Sie allerdings noch Schnee finden. Indessen gebe ich Ihnen solide Männer mit, stämmig genug, die Frauen sämmtlich auf den Armen hinunter zu tragen. Sind Sie dann einmal an der Gurgel vorbei, so haben Sie's überstanden. Denn – – – Schlund, Gurgel, abscheuliche Namen! fiel ihm Theresel mit komischer Angst in's Wort. Um Gottes willen, liebes, gnädiges Fräulein, ich bitte, bitte, wenn's halt doch einmal verzweifelt sein muß, stürzen wir uns lieber den Herren Franzosen in die Arme, als in den gräßlichen Rachen der Felsengurgeln. Der Pfarrer, ohne sich durch diese Randglosse, noch durch das Gelächter Uli Goin's beirren zu lassen, fuhr ernsthaft fort: Sie werden ohne Zweifel in Elm oder Matt übernachten wollen? Es ist für Damen eine ganz angenehme Reise. Fürchten Sie sich nicht. In drei Stunden haben Sie die Narasca-Alb und die Höhe des Graths erreicht; von da in eben so vieler Zeit ungefähr den Rinkenkopf; und durch die Wichleralp, bis Elm, gelangen Sie ebenfalls in drei Stunden. Nach weitläufigen Berathungen, Einwürfen und Widerlegungen, entschied sich Fräulein Pauline muthig für das Wagniß durch Schlund und Gurgel, insofern die kranke Reisegefährtin sich anderen Tages stark genug fühlen würde. Diese, zu der sich abwechselnd, bald die junge Dienerin, bald deren Gebieterin begab, ließ es nicht an Hoffnung dazu fehlen. 44. Der Brand von Disentis. Der blendende Goldglanz, der sich am folgenden Morgen um die Eisfirnen der Berge legte, das dunkle Blau des Himmels und die stille Luft, weissagten den lieblichsten Maitag. Die Saumpferde des Dorfes wurden angeschirrt; Vorräthe von Speisen und Wein für die gesammte Karavane, damit sie nicht in den unwirthlichen Einöden verschmachte, in Fülle aufgepackt. Auch eine Tragbahre wurde mit des Pfarrers Sorgenstuhl für die Kranke künstlich mit starken Seilen verbunden; und Eisspornen suchte man zusammen, um sie, zur Wanderung über die schlüpfrigen Schneelager, den Männern unter die Sohlen zu schnallen. Flavian und das Fräulein saßen indessen plaudernd beim Frühstück. Sie schienen immer größeres Gefallen an einander zu gewinnen, und Einer vom Anderen mehr Vertraulichkeit zu wünschen; denn Beide fühlten, indem sie sich näher treten wollten, durch etwas Fremdes, sich gehemmt. Pauline's Blicke hafteten, mit einem sonderbaren Ausdrucke von Freundlichkeit und Argwohn, forschend auf Flavian; und dieser richtete hingegen seine Augen mit einer stumm wiederholten Frage auf das Fräulein; einer Frage, welche auszusprechen er den Lippen nicht gestatten wollte, sei es aus männlichem Stolze, oder um nicht das theure Geheimniß gleichgültigen Personen, die da ab- und zugingen, verlauten zu lassen. Bisher hatte er die Freundin seiner ehemaligen Harfenschülerin noch immer nicht unter vier Augen sprechen können. Da haben wir's, schrie Uli Goin, indem er bleich und ernst in's Zimmer trat. Unglück über Unglück! – Nur herein, Jeeli Cajacos , nur herein, und erzähle Du selbst. Ja, ja, Herr Hauptmann, je größer das Fest, desto ärger der Teufel. Mir ist, o Herr Jerum! das Lachen auf lebenslänglich vergangen. Tavetsch und Disentis sind in die Luft gesprengt. Ein Herr von Castelberg ist erschossen, als er über die Wiesen floh. Alle Donner! liehe mir der Satan nur auf ein Viertelstündchen seine Klaue, ich stürzte den Coulm de Vi und Cuolmao, Piz Pales und Cagli, und alle Berge in der Runde, auf die französische Höllenbrut zusammen, daß sie selbst am Jüngsten Tage nicht mehr zur Auferstehung hervorkriechen sollte. Bist Du rasend, Uli? rief Flavian, und sprang erschrocken vom Tische auf, in die Luft gesprengt? Rede Er doch, lieber Freund! Was ist vorgefallen? sagte Fräulein Pauline zitternd. Der Jeeli ist in der Nacht von Disentis entflohen, und erzählt draußen, antwortete Uli. Komm herein, Jeeli Cajacos, daß es die Herrschaften hören. Nein, jämmerlicher ging's bei der Zerstörung Jerusalems gewiß nicht zu! Flavian begab sich mit Pauline hinaus, wo auf der Bank vor dem Pfarrhause, von einer Menge horchender Menschen umringt, ein junger Bauer, mit abgematteten, traurigen Mienen, saß. Der geistliche Herr sprach ihm, in verschiedenen Bibelsprüchen, Trost und Muth ein, während er, eine Flasche Enzianwasser in der Hand, das Branntweinglas füllte, um ihn auch leiblich zu stärken. Trinke, trinke ein Schlückchen, Du armer Bursche, redete ihm Uli zu. Glaub's Dir gern, daß solch ein Jammerspektakel Muth und Blut austrocknen könne. Wurde doch Loths Weib zur Salzsäule, als sie nach der brennenden Stadt zurückschaute. Herr Pfarrer, noch ein Glas voll! Und wenn Ihr's übrig habt, mir auch ein's. Trinken ist nicht Saufen; ein Schlückchen Schnaps löst die Zunge. Und nun, Jeeli, berichte Alles haarklein; aber fange beim Anfang an; nimm die Kuh nicht am Schwanz, sondern gieb uns das Ende zuletzt. Verstehst Du, Kamerad? Der junge Bauer, nachdem er sein Glas geleert hatte, seufzte noch einigemal tief auf, und begann: Es war gestern, nein, sage ich, vorgestern, da zog die Heeresmacht der Feinde mit Trommelspiel und Mordgeschrei bei uns ein; die Einen gingen weiter, die Andern blieben. Wir wußten nicht, was daraus werden sollte? Ihr hättet aber die fürchterlichen Grenadiergesichter mit den Schnauzbärten sehen sollen; jedes war, als wollte es einen Menschen lebendig verschlingen. Nun das war gut. Da holte man den Vorsteher und den Ausschuß der Gemeinde auf's Rathhaus, und der General grüßte sie erst höflich mit dem Tressenhut; dann aber verlangte er zehn- oder zwölftausend Gulden Strafgeld, wegen des Landsturms, welche auf der Stelle gezahlt sein sollten. Aber, Gott erbarme sich! woher soviel Geld nehmen? Die reichen Herren bei uns waren ja auf und davon. Sie hatten den Krieg angefangen; als es aber zum Raufen kam, retteten sie ihre Perrücken, und wir mußten unsere eigenen Haare hergeben. Auch die Klosterherren waren über alle Berge, und hatten doch Zeichen und Wunder versprochen. Nun, das war gut, und wir armen Leute – – – Alle Donner, Cajacos! das war schlimmer, als schlimm, ließ sich Uli vernehmen. Man sagt wohl, wo viel Geld ist, wohnt der Teufel gern; ich aber sage immer, wo keins ist, hausen ihrer zwei. Wir armen Leute, fuhr der Erzähler fort, lagen uns die Knie wund und flehten um Barmherzigkeit; es verstand uns aber Niemand. In Disentis und den anderen Dörfern war Alles schwarz von Soldaten; jedes Haus bis unter das Dach davon vollgestopft. Sie fraßen, wie hungrige Wölfe, was in Küche und Keller noch vorräthig war; stahlen, was sie fanden; sprengten Kisten und Kasten; rissen das liebe Vieh aus den Ställen, und trieben es aus den Wiesen mit sich fort. Ja, mochte unser Eins seine paar Bluzger noch so tief und heimlich verscharrt haben, ihre französische Diebsnase roch es schon aus der Ferne. Ade, ihr schönen Bluzger und Thaler! Hier brach der Schmerz des armen Cajacos in bittere Thränen aus. Die Zuhörer wetteiferten, ihm Trost zuzusprechen, und der Pfarrer füllte noch einmal das auf der Bank stehende Glas. Flavian zog den Geldbeutel hervor, und reichte ihm ein paar Gulden. Diesem Beispiele wollte auch Fräulein Pauline folgen, aber sie vergaß den edeln Vorsatz beim Anblick der schöngestickten Börse des Schützenhauptmanns beinahe. Sie wandte kein Auge davon, bis er den Beutel wieder einsteckte. Cajacos empfing die mitleidigen Gaben mit stummem, doch herzlichem Danke, und berichtete weiter: So ging eine schlaflose, jammervolle Nacht vorbei, und nun brach ein noch viel schlimmerer Tag an. Von Haus zu Haus wurde der grausame Befehl bekannt gemacht, Alles, was in Disentis wohne, alt und jung, krank und gesund, müsse den Ort verlassen, und mit Sack und Pack auf's Feld hinaus gehen. Disentis, und das schöne Gotteshaus dazu, müsse mit Feuer und Flammen vertilgt werden. Die Soldaten hatten, nach ihrer Gewohnheit, im Kloster Thore und Thüren eingeschlagen, alle Zellen und Löcher durchschnüffelt, und, wie die Rede ging, im Kloster, rechter Hand in dem großen Gebäude, Pulverfässer und noch viel Aergeres gefunden. Sprich nicht so lästerlich, Jeele, von dem heiligen Hause, erinnerte Uli Goin. Ein Mönch hat zwar, sagt man, das tödtliche Pulver erfunden; aber Aergeres, wahrlich, kann doch nur der Teufel erfinden. So rede, was war's? Ei nun, was war's? erwiederte der Berichtgeber, die zerfetzten, durchschossenen und blutigen Uniformen von der Kompagnie des Kapitän Salomon waren es, die man in dem Gemache, neben der Eingangspforte, verwahrt gehalten. – Nun hättet Ihr das Gebrüll der rasenden Soldaten hören sollen, wie sie wegen ihrer erschlagenen Kameraden um Rache schrien und die Kleider derselben an den Bajonetten hoch in die Luft hielten und den Offizieren vorzeigten. Die Erde bebte und die Luft zitterte vom Toben und Fluchen der umherwüthenden Todtschläger. Dazwischen ließen die Trommeln ihre Wirbel hören, und scholl das Wimmern, Heulen und Wehklagen von unschuldigen Kindern, Weibern und Männern, die, mit der wenigen Habe aus ihren Wohnungen, in das offene Feld flüchten mußten. Die Einen lagen ohnmächtig im Grase und Thau auf den Wiesen; die Andern beteten auf den Knien; die Dritten geberdeten sich, wie Wahnsinnige. Es war ein Schauspiel – am Tage des Weltgerichtes kann es nicht furchtbarer sein. Mitten in das Getümmel und Zetermordiorufen fuhr ein Donnerschlag, der die Ohren betäubte, und schwarzer Qualm, worin dunkelrothe Flammen zuckten, wälzte sich hoch auf. Feuer loderte darunter, als spie es die Erde aus; und über dem schwarzen Rauchschwall regnete es Feuer vom Himmel herab. Das Kloster war fast zur Hälfte in die Luft geflogen und brannte lichterlohe, und die Flammen schlugen zu den Thürmen auf, daß die Glocken zerschmolzen. Funken sprüheten aus den Fenstern und rothe Gluthen quollen durch die Dächer der Häuser und Ställe. Das Jammergeschrei und Winseln der Menschen und Thiere hallte, zwischen Gerassel und Geprassel zusammenstürzender Gebäude, mit dem Knallen von Flintenschüssen vermengt, weit umher von Bergen zurück. Auch landauswärts sah man breite Rauchsäulen emporsteigen. Nun, das war gut. Da dachte ich denn in meinem Sinn – – – Alle Donner! schrie Uli. Ich sage Dir mit Deinem verdammten »das war gut« noch einmal, lobe mir nicht die Erzteufel der Hölle und ihre Werke! Oder hat die Feuersbrunst auch Deinen Hirnkasten ergriffen? Da dachte ich, fuhr Cajacos in seinem ächzenden Klagetone fort, das schöne Gotteshaus und die unschuldigen Hütten haben ja nicht gesündigt, und müssen doch Schutt und Asche werden; so kommt die Reihe gewißlich nun an uns unglückselige Menschenkinder. Sie sparen uns für die Nacht auf, damit die Sonne nicht Zeuge unserer Todesqualen sei. Und als die Nacht kam, stahl ich mich durch die Wachtposten und floh in die Berge. Wohl mögen jetzt auf den rauchenden Brandstätten viele hundert Leichen liegen. Später wurde bekannt, daß an diesem Tage (den 6. Mai) beim Mordbrand neun Menschen umkamen, 107 Häuser, 115 Scheuern und Ställe eingeäschert wurden, ungerechnet einen großen Theil der Abtei. Der Schaden durch Raub und Plünderung ist nicht zu berechnen; wohl aber, daß dabei 208 Stück Ochsen und Kühe, 329 Stück Schmalvieh u. s. w. verloren gingen. Und das Schloß Castelberg? fragte Flavian und Pauline zugleich, mit zitternder Stimme. Es war von Soldaten bewacht und der Würgengel ging vorüber, antwortete der Gerettete. Manches arme Weib mit seinen Kindern fand dort Zuflucht und Trost. Auch der General kehrte darin ein, und ritt, mit düsteren Geberden, hin und her. Ich sah es ihm an, als er, auf seinem großen pechschwarzen Gaul, einmal an mir vorübertrabte, daß ihm selbst beim Anblick des Gräuels das Herz wehe thun mochte, und daß er die Augen zum Himmel wendete, als wolle er für sich Gnade erflehen. Auch sah ich in den Reihen der Kriegsknechte Manche, die wohl Mitleid trugen, und ein weinendes Kind über die Ringmauer in den Schloßhof hoben. Steine hätten bei dem Elend und Jammer Erbarmen haben müssen. Und wer weiß denn, wann Alles ein Ende nehmen wird? Ihr guten Leute von Panix, bringt Euer Bestes in Sicherheit und betet zu Gott und allen Heiligen, daß Ihr verschont bleibt, und daß die Franzosen nicht bei Euch einkehren. Hast Recht, Jeele, und abermals Recht! stimmte Uli bei. Doch, Ihr Panixer, laßt nicht alle Hoffnung sinken. Feldmarschall Hotze ist auch noch da, und der Tanz am Luziensteig noch lange nicht zu Ende. Man wird den Mordbrennern wohl einmal den Pelz in ihrem eigenen Blute waschen; denn der Herrgott, der uns in die Grube fallen ließ, zieht uns sicherlich wieder heraus. Nicht wahr, Herr Pfarrer, das wißt Ihr besser? Der geistliche Herr stand bleich, mit unbeweglichen Augen da, und hatte weder eigenen Glaubenstrost, noch Ohren für die salbungsreichen Reden des Tavetschers. Die Weiber weinten, die Männer lispelten mit den Lippen Gebete, oder bissen im Grimme die Zähne zusammen, und ballten die Fäuste. Nach und nach sonderten sich Einige ab, und eilten heim, um ihre Habe zu retten. Bald folgten Mehrere dem Beispiele, bis der ganze Haufen aus einander lief. Unsere Pferde heraus, Ihr Männer! erscholl Uli's kraftvolle Stimme. Was säumet Ihr und gafft in's Blaue hinaus, wie das Bild in der Kapelle. Vorwärts, vorwärts, denn die Zeit läßt sich an keinen Pfahl binden! 45. In den Alpen. Die Pferde standen bereit; auch die Tragbahre für des Fräuleins kranke Begleiterin. Diese trat, vom Pfarrer und Kammermädchen unterstützt, in Pelzwerk und Mantel gehüllt, langsam und zitternd aus dem Hause. Ihr erdwärts geneigter Kopf war, unter einem flatternden grünen Schleier, mit weißen Tüchern umschlungen, Kinn und Nase damit verdeckt und kaum ein halbgeschlossenes Auge sichtbar. Man hob sie behutsam in den Stuhl, der zwischen den Stangen ruhte. Sie sprach, mit heiserer Stimme, wenige Worte zu ihren Gefährtinnen, die dann, Flavian's Beistand nicht verschmähend, Jede eines der Pferde bestiegen. Den Reisezug begleiteten vier kernhafte, handfeste Bauern, welche abwechselnd Gepäck und Bahre trugen, oder die Pferde führten. So ging's, gemessenen Schrittes, an den mit kurzem Grase bewachsenen Wiesen der Berghalde hinauf. Anfänglich wurde selten ein Wort gewechselt; Jeder lebte mit seinen Gedanken noch in den entsetzlichen Begebenheiten, die man eben erfahren hatte. Aber, je höher man stieg, und das Bewußtsein eigener Sicherheit wuchs, desto mehr schienen sich auch die Gemüther über das meist selbst verschuldete Unglück der Menschen zu erheben und mit dem Wechsel der Dinge in dieser Welt zu trösten. Flavian's Beruhigung war es, doch wenigstens den ehrwürdigen Freund Gregorius, bei seiner Gönnerin in den Mauern von Castelberg, vor größeren Gefahren gesichert zu wissen. Nach und nach gewann er Fassung genug, umher zu schauen, sich wieder des sonnigen Tages in den Alpen zu freuen, und zu sehen, wie die breiten Felsmauern und Gebirgszacken bei jedem Schritte näher kamen und riesiger wurden. Lieber noch hätte er freilich, um eine kleine Neugierde zu stillen, mit Fräulein von Stetten sich unterhalten. Allein sie erwiederte die Fragen, die er höflicher Weise zuweilen an sie richtete, jedesmal nur mit kurzen, verbindlichen Antworten. Ihr Schweigen wies ihn auf Beobachtung des seinigen zurück. Noch weniger wagte er ein Wort an die Kranke zu richten, welche zuweilen einen vom Schmerz erpreßten Seufzer auszustoßen schien. Das hinderte ihn aber nicht, die Vermummte mit Seitenblicken zu mustern, um unter Mantel, Pelz und Tüchern ihre Gestalt und ihr Alter zu errathen; oder welche Grazie vielleicht ein, eben so viel Schauder, als Mitleid erregendes Uebel zerstört haben mochte. Das eine unverbundene gesundere Auge blickte nur höchst selten, und dann nur trübe durch den Schleier. Doch die kleinen, schmalen Hände, mit denen sich die Leidende an den Lehnen ihres Stuhls festhielt, konnten keinem sehr betagten Frauenzimmer angehören, und schienen, obgleich sie mit weißseidenen Handschuhen von durchbrochener Arbeit bekleidet waren, zart und fein gebaut. Zuweilen schlug wohl ein Luftzug den Saum des langen Mantels von schwarzem Atlas zurück, und zeigte in den zierlichen Schuhen und weißen Strümpfen ein Paar so niedliche Füßchen, daß kaum ein Zweifel übrig blieb, die Eigenthümerin habe das jungfräuliche Alter vielleicht nur eben erst erreicht. Mehr ließ sich nicht errathen, das Mitleid des jungen Mannes wurde aber dennoch größer. So gelangte die Gesellschaft zum grausenhaften Multär, dem acht Fuß breiten Spalt des Erdbodens, dessen Wände sich senkrecht in eine Tiefe verlieren, aus welcher ein eingezwängter, wilder Bergstrom eintönig heraufbrüllt. Vorsichtig, und Einer hinter dem Anderen, schritt man über die schmale Steinplatte, welche dem Abgrunde zur Brücke dient. Durch die Narasca-Alp gelangte man bald darauf zu den verwitterten Klippen und Felsen des Kannenberges, in deren Schatten eine verfallene Hütte zum Schirm der Heerden und Hirten lag, welche durch Sturmwetter von den Triften verscheucht wurden. Es herrschte eine Todtenstille, und kein Hirt, keine Heerde war da. Weiterhin verlor sich, am immer steiler ansteigenden Berghange, alles Wiesengrün in Steingeröll und kahlen Erdschutt, von den Rinnen des geschmolzenen Schnees vielfach durchfurcht und ausgehöhlt; das graue, leere Gebiet der äußersten Höhen. Nach einer halben Stunde war des Gebirges letzte Stufe erklommen, und die Führer machten Halt, ihren Pferden Ruhe und Futter zu gönnen; oder die nothwendigen Vorbereitungen für das Niedersteigen an der nördlichen Abdachung des Gebirges zu treffen. Uli Goin und das muntere Theresel, die sich unter einander besser zu verstehen schienen, als ihre Herrschaften, waren indessen geschäftig, aus den mitgebrachten Vorräthen das Frühstück von kalter Küche zu bereiten. Ein breiter Steinblock mußte bei Fräulein Pauline und Flavian die Stelle des Tisches vertreten; ein anderer, in beträchtlicher Entfernung befindlicher, mußte dem unglücklichen Frauenzimmer, welches ein Gegenstand des Mitleids für die gesammte Reisegesellschaft war, den nämlichen Dienst leisten. Auf diesem Steine speiste es allein; ausschließlich durch Fräulein von Stetten bedient, welches der Kranken, während des Essens, einige Tücher vom wunden Antlitz abnehmen mußte, weil sich sogar des Fräuleins Zofe mit Ekel abwendete. Flavian unterhielt sich während dessen mit den Panixer Trägern, die sich und den Pferden ebenfalls das Mahl bereiteten, wozu eine Rast von wenigstens zwei Stunden Zeit genug gab. Sei es die reine Luft dieser Höhen, oder die ihnen neue Erscheinung der näheren und entfernteren Umgebungen, oder auch die von Uli und Theresel aufgetischten Speisen und Leckereien, nach denen der Magen der Reisenden starke Sehnsucht empfinden mochte; Alles drängte die Erinnerung an die Schrecken der jüngsten Zeit in den Hintergrund und bewirkte die Wiederkehr des Frohsinns. Man befand sich hier auf dem beschränkten Raume eines kahlen, wellenförmigen Erdbodens, den tausendjährige Stürme und Regengüsse durchwühlt und eingekerbt hatten. Hin und wieder zwischen Steinschutt, oder nacktem Felsen, grünten kleine Plätze mit kurzem Alpengrase; anderswo blitzten krystallhelle Tümpel mit Schneewasser, oder an schattigen Stellen Eisschollen mit bleifarbenem Glanze. Wenige Schritte links eröffnete der graue, runzelige Felsen, gleich einem dunkeln Rachen, mehrere neben einander liegende Höhlen. Vom reinen Himmel, zwischen Eismeeren, herab, schauten die Häupter der Alpenfirsten nieder, durch tiefer gelegene Bergmassen, wie von breiten Riesenschultern, getragen. Weithin niederwärts, verschwammen in dunstigen, falben Lüften die von Menschen bewohnten Länder. Uli Goin sogar schien sich an dem großartigen Schauspiele zu weiden. Aus seinen Betrachtungen, in denen er mit verschränkten Armen dastand, störte ihn jedoch der unsanfte Stoß, mit dem ihn die muthwillige Kammerzofe beehrte. Jüngferchen, nicht übel, rief er und erhaschte sie. Gesteht nur, es gefällt Euch in meinem Lande hier doch besser, als in Eurer Heimath zu Wien. Ich dächte, Ihr solltet – – – Was mag Er wohl wissen und denken? erwiederte sie. Wer sagt Ihm, ich sei eine Wienerin? Nichts weniger, ich bin von Brünn, und war kaum ein Jahr lang in Wien. Ich dächte aber, fuhr Uli fort und zog sie näher an sich, Ihr würdet in unseren schönen Bergen Brünn und Wien bald vergessen, wenn Ihr – – – Das fehlte mir noch zu all meinem Unglücke! – Schöne Berge! Ja wohl, häßlich sind sie, wie – Er, Herr Uli. Wohl sahen sie von weitem ganz artig aus, wie Bisquit-Aufsätze mit weißem Zucker-Ueberguß. Allein so nahe, tröste mich Gott! man möchte darüber selbst zu Stein und Eis werden. Ach, wäre ich nur erst wieder im lieben Wien zurück! Und beim Schätzel daheim, fügte Uli mit nachgespottetem Seufzer hinzu. Ja, ja, Jungfer Theresel, so lange man's hat, mag man's nicht; und wenn's davon ist, sucht man's. Ich wette, Ihr habt mich erst lieb, wenn Ihr weit von mir seid. Ja wohl! versetzte sie, schnippisch lächelnd, je weiter von mir, desto lieber soll Er mir werden. Weil Er aber doch in Wien gewesen ist, wird Er bekennen, daß die Stephanskirche wohl etwas hübscher ist, als der ungehobelte Bergklotz dort, und der Prater, oder der Paradeplatz amüsanter, als der wüste Schutthaufen hier. Ich hingegen behaupte, widersprach ihr der gut gelaunte Tavetscher, der schönste Paradeplatz ist für mich, wo das hübsche Theresel mit den Schelmenaugen paradirt. Ach, gehe Er doch, Er einfältiger Mensch, und lerne Er anderwärts Komplimente schneiden, entgegnete Therese mit einem Gesicht, das nicht halb so böse war, wie ihr Wort. Nun ja, bin noch nicht auf der Pariser Löffelschleife gewesen, meinte Uli, drum ging ich gern noch bei Jüngferchen Theresel Liebhold in die Schule. Das könnte endlich aus mir machen, was ich längst hätte sein sollen, und sogar einen artigen Ehemann. Und ich finge die Lektion je eher, desto lieber an; und wenn's sein müßte, hier auf der Stelle, wo wir näher beim Himmel sind, als bei der Kirche. Man hat Zeit und Gelegenheit nicht immer so beim Aermel. Drum muß es einmal heraus; Herz um Herz, Ring um Ring! Pfui doch, Monsieur Uli, lasse Er mich gehen! rief sie halblaut und halbböse und machte sich los von ihm. Wenn Er mit unser einem redet, schreie Er nicht, wie ein Dachmarder, Er böser, ungeschickter Mensch; sieht Er nicht, wie die Bauern drüben herschaun. Packe Er sich mit seinen Liebeserklärungen. Das sind aufgewärmte Gerichte, die Er schon einem Dutzend anderen Mädchen vorgesetzt hat. – Zur Strafe versetzte sie ihm einen tüchtigen Schlag, den er, zufrieden schmunzelnd, wie die zärtlichste Liebkosung hinnahm. Inzwischen hatten auch Flavian und Pauline ihr ländliches Mahl, welches mit einer Flasche Bordeaux aus dem Keller der Abtei gewürzt worden war, beendet. – Beide, gleich begierig, einmal, fern von lauschenden Ohren, unter vier Augen sprechen zu können, was Jedem auf dem Herzen lag, vereinigten sich zu einem Spaziergange. Sie waren, unter gleichgültigem Geplauder, schon bis in die Nähe der Höhlen gekommen, wendeten sich dann rechts, einem hohen, gewaltigen Wasserfalle zu, der vom Hausstockgletscher in einem weiten Bogen herabschoß. Endlich faßte das Fräulein Muth und sagte: Frauen, Sie wissen es wohl, sind zuweilen ein wenig neugierig. Ich sah zufällig im Panixer Pfarrhause einen zierlichen Geldbeutel in Ihrer Hand. Erlauben Sie mir wohl, die schöne Stickerei noch einmal zu bewundern? Der Schützenhauptmann zog ihn langsam, nicht ohne Herzklopfen, hervor. Er wußte, nun müsse die Rede geradesweges zu dem von ihm längst ersehnten Ziele führen. Und doch, wenn er nur an die wankelmüthige treulose Geberin der Börse dachte, empörte sich sein ganzer beleidigter Mannesstolz. Doch mochte er gern wissen, ob man die Leichtsinnige, nach solchen schmählichen Vorgängen, etwa wie eine völlig Schuldlose darstellen könne. Nachdem die Dame Gewebe und Stickerei von allen Seiten schweigend betrachtet, oder wohl nur überlegt hatte, wie ihre Blödigkeit zu besiegen und dieses Gespräch fortzusetzen sei, gab sie die Börse zurück und sagte: Ich kenne diese Arbeit, – – – diese sogenannte Rose von Disentis. Darf ich noch ein wenig unbescheiden sein, und fragen, wie – – – Hier stockte ihre Stimme. Dann, indem sie ihre Schritte unterbrach, und mit beiden Händen seine Hand ergriff, als sollte er ihr nicht entweichen, sprach sie mit bittendem Blicke und furchtsamem Tone: Fräulein Marmels in Wien ist meine Freundin, meine vertrauteste. – Könnten Sie mir nicht für einen Augenblick Ihr Vertrauen gönnen? – Ich scheine Ihnen etwas zudringlich, da wir uns kaum seit vierundzwanzig Stunden gesehen haben, aber – – –. Seien Sie offen gegen mich. Ich möchte auch gern recht offenherzig mit Ihnen plaudern. Sagen Sie mir das Eine nur, – ich weiß, Sie erhielten dies Andenken von Elfriede. Sie verloren es, oder verschenkten es wieder. Wann und wie gelangten Sie von Neuem dazu? Flavian sah die schmeichelnde Fragestellerin mit ernsten Augen an, in denen eben so sehr der Ausdruck neu erregten Verdrusses, als des Verlangens lag, mehr zu erfahren. Vor einem halben Jahre kaufte ich die Börse, in einem Wirthshause, meinem gegenwärtigen Bedienten Uli Goin ab. Ihre Freundin hat vermuthlich damit irgend Jemand, vielleicht nur einen Domestiken, erfreut. So lief das zärtliche Andenken von Hand zu Hand; spielte überall die Rolle eines Liebespfandes, bis ich's unverhofft wieder erblickte. Sie sind im Irrthum, mein Herr. Niemanden, als Ihnen, und nur Ihnen allein, gab Elfriede dieses Andenken. Ich beschwöre Sie, reden Sie die Wahrheit. Mir liegt in diesem Augenblicke mehr daran, als Sie glauben können. Oder – – dürfen Sie vielleicht nicht? Wenn Sie sich scheuen, dann will ich nichts wissen. Mich scheuen! wiederholte er fast beleidigt das Wort, und richtete sich stolz auf: Warum scheuen? Sie hatten – – – Herr Prevost, Sie kannten in Wien vielleicht eine Person, eine gewisse – – – Nein, ich bitte, wen in Wien beglückten Sie mit dieser Börse, als Sie das Haus der Frau von Grienenburg verlassen hatten? Fräulein, mich dünkt, Ihre Freundin hat Ihnen nicht Alles vertraut, sondern, um ihre Leichtfertigkeit zu bemänteln, Sie mit einem Mährchen getäuscht. Oder, was wollen Sie mit Ihrer Frage nach einer » gewissen « andeuten, die Sie nicht nennen? Ich darf Ihnen offen Rede stehen und will es. Ihre Freundin war einst auch die meinige; nein, – ich bekenne es, sie war meine erste Liebe. Sie betrug sich unwürdig; trieb ein schnödes Spiel mit einem ehrlichen Herzen, das sie mit ihrer Unschuldsmiene gewonnen hatte. Sie brach eben so leichtsinnig ein Gelübde, als sie es gethan hatte. Ich war ein leichtgläubiger Gimpel und sie eine – – – Still, lieber Hauptmann, zürnen Sie jetzt nicht mehr. Vergeben Sie, Fräulein. Sie berührten eine Wunde, die noch lange nachblutet. Was kann ich dafür? O wüßten Sie Alles; wie engelgut sie sich zu stellen wußte. Nein, verstellt hat sie sich wohl nicht, aber ich Gutmüthiger glaubte an ein launenhaftes, wetterwendisches, leichtsinniges Kind. Gleichgültig brach sie mit mir – und das war der Bruch meines Lebens! Ich mochte nichts mehr von ihr hören; ich sandte ihr das Letzte, was ich von ihr besaß, die Börse, durch den Grafen Malariva zurück. Ein solcher Bruch heilt nicht wieder. Durch Malariva also! schrie Pauline laut auf, und ließ Flavian's Hand los. In ihrem Auffahren, ihren Mienen lag aber mehr Ueberraschung und Zufriedenheit, als Schrecken. Durch ihn also? Unmittelbar durch ihn? Ganz richtig! So sagte sie auch in der That – – gewiß, sie hat nicht gelogen – – –. Vergönnen Sie mir die einzige Frage noch: Sie kannten in Wien vielleicht – vermuthlich ein gewisses Nannerl , oder Nannette Schröter . Es soll vor einigen Jahren ein ganz hübsches Geschöpf gewesen sein. Sie kannten das Mädchen vielleicht nur, wie man wohl Leute kennt, die man zufällig einmal – – Nein, Fräulein. Ich hörte den mir fremden Namen zum ersten Male aus dem Munde meines Dieners. Und was soll diese Person? Nicht Malariva, sondern eben diese Nannette Schröter brachte dem unglücklichen Fräulein Marmels die Börse zurück. Sei es; das ist zuletzt Nebensache. Warum nennen Sie jetzt Ihre Freundin eine Unglückliche? Weil sie es ist, und durch das, was Sie, Herr Prevost, Nebensache nennen, geworden ist. Ja, diese Nebensache, – jetzt, was mir früh ahnte und Elfriede nicht glauben konnte, was nachher und zu spät an den Tag kam, jetzt ist's außer allem Zweifel – diese Nebensache, dies verruchte, unerhörte Ränkespiel, brachte die arme Elfriede um alle Seligkeit einer jugendlichen Blüthezeit und beschleunigte den Tod der Baronin Grienenburg. Ich erfuhr diesen Tod vor wenigen Tagen durch Malariva. Was ist aber aus dem verwaisten Fräulein Elfriede geworden? Kommen Sie, Herr Prevost. Unsere Leute werden uns, denke ich, rufen, wenn es Zeit zum Aufbruch ist. Suchen wir einen Ruheplatz. Ich erzähle Ihnen in wenigen Worten die unselige Geschichte. Sie ist ja zum Theil auch die Geschichte Ihres eigenen Schicksals. 46. Die Erzählung am Wasserfall. Sie führte ihren Begleiter zu einem Steinblock, der Beiden als Bank dienen konnte. Vor ihnen ergoß sich, über eine schroffe erhabene Felsenwand, in weitem Sprunge und mit eintönigem Brausen, der breite Wasserfall nieder. Vom ausgelösten Thonschiefergebirge silbergrau gefärbt, glich er einem ungeheuren glänzenden Bande aus flüssiggewordener Platina. Der Hauptmann setzte sich, in höchster Spannung, neben Paulinen. Seine Augen hingen an dem seelenvollen Gesichte der Jungfrau, als wollte er ihre Gedanken heraushorchen, ehe dieselben noch Worte werden konnten. Sie müssen vorläufig noch wissen, Herr Prevost, hob das Fräulein von Stetten an, daß ich Elfriede seit ihrer Kindheit kenne. Sie verlor früh ihren Vater; wenige Jahre später auch ihre Mutter, die sich in zweiter Ehe mit dem Baron von Grienenburg vermählt hatte. So war sie ganz Waise geworden. Sie hing mit kindlicher Zärtlichkeit an mir. Dies Verhältniß blieb zwischen ihr und mir bestehen, oder wurde vielmehr noch enger, als sich der Baron wieder verheirathete. Sie haben die Frau von Grienenburg gekannt. Mehr habe ich von ihr nicht zu sagen. Wir waren damals Nachbarn; Elfriede wohnte meistens bei mir, auf meinem kleinen Landsitz, unweit der Stadt Brünn. Das Gut ihrer Stiefeltern grenzte an das meinige. Nach dem Tode des Barons wurde sie von ihrer Stiefmutter mit nach Wien genommen; doch durfte sie mich zuweilen besuchen. Die übrige Zeit unterhielten wir einen fleißigen Briefwechsel. Sie hatte kein Geheimniß für mich; ich keines für sie. So erfuhr ich Malariva's Bewerbungen um ihre Hand; dann auch die erwachende Neigung des Kindes zu Ihnen, Herr Prevost. Ich hielt es für meine Pflicht, sie zu warnen. Das gute Mädchen begriff noch nicht, warum ich es that; die Unerfahrne kannte keine Gefahr. Allein das harmlose Wohlgefallen an dem jungen Hausfreunde flammte bis zur Leidenschaft auf. Ja, Sie wurden geliebt mit der schwärmerischen Gluth einer ersten und letzten Liebe; mit Trotz gegen das widerwärtigste Verhängniß; mit einer Entschlossenheit und Stärke, die nur der Tod überwältigen kann. Sie kennen ja Elfriede's entschiedenes Wesen. Ein bitteres Lächeln überflog Flavian's Gesichtszüge, und leise murmelte er: O, ganz gut. Einmal so, ein anderes Mal so; immer entschieden! Hören Sie weiter, und verdammen Sie nicht zu früh. Sie kannten auch Malariva, der mit der Baronin weitläufig verwandt war. Mit einer unglaublichen Verschmitztheit, die dem geschmeidigen, arglistigen Italiener zu Gebote stand, trat er überall, als Ihr Lobredner auf, während er anfing, Sie um das übergroße Vertrauen der Baronin zu beneiden, und Elfriede's Neigung zu beargwöhnen. Als er Sie am tödtlichsten haßte, und erfuhr, Sie wären durch Ihre Schwester mit dem Hause Schauenstein verbunden, wären von altem Adel; versprach er, nicht Zeit, nicht Mühe, nicht Geld zu schonen, Ihnen, Ihren Talenten angemessen, eine ehrenvolle Anstellung im kaiserlichen Dienste zu verschaffen. Es fehlte ihm nicht an Umgang mit einflußreichen, hochgestellten Personen. Elfriede und die Baronin waren ganz Dankbarkeit. Man wollte Sie eines Tages mit einer, ich weiß nicht, welcher Ernennung angenehm überraschen. Elfriede und die Baronin schwammen in den süßen Freuden der Hoffnung und erboten sich, jedes Geldopfer dafür zu bringen. Sie sehen, Herr Prevost, wie genau ich von Allem, was Sie betraf, unterrichtet bin, und es schon war, ehe ich die Ehre hatte, Sie persönlich zu kennen. In der That, gnädiges Fräulein, erwiederte Flavian, in dessen Gesicht sich, bei diesem Rückblick auf das Vergangene, Hohn und Aerger abspiegelten, in der That, ich vernehme von Ihnen mehr, als mir selbst bekannt war. Aber das Blatt wendete sich bald, fuhr Pauline fort. Eines Abends erschien der Graf bei den Damen, finster, verdrießlich und zerstreut; murmelte Verwünschungen gegen die Verleumdungssucht der Wiener und reizte die Neugierde der Frauen, die nicht aufhörten zu bitten, ihnen zu sagen, was ihn quäle, auf's Höchste. Endlich und wie halb gezwungen, gab er nach, und sprach er von den niederträchtigen Verleumdungen, die man gegen Sie, Herr Prevost, ausgesprengt habe. Prevost zuckte die Achseln und setzte hinzu: die der Unhold selbst ausgebrütet hatte. Ich weiß! Und die beiden Damen glaubten dem Schelmen sogleich auf's Wort. O nein, es war ja zu arg, zu unglaublich! Denken Sie nur, er erzählte, wie er von einer vornehmen Person am Hofe, bei der er sich für Sie, Herr Prevost, verwendet hatte, höchst übel empfangen worden sei. Diese habe ihn mit allen ferneren Gesuchen kurz abgewiesen, weil sich aus den eingezogenen Erkundigungen ergäbe, der in Wien studirende junge Bündner sei der Polizei längst verdächtig; mit den Franzosen in geheimer Verbindung; in demagogische Umtriebe verwickelt, fabrizire und verbreite Revolutionslieder; führe sogar einen sittenlosen Wandel; habe eine junge Bürgerstochter verführt, mit der er in verbotenem Umgange lebe u. s. w. Die hohe Person habe sich endlich mißfällig über Frau von Grienenburg geäußert, daß sie mit einem Abenteurer solcher Art ihr eigenes Haus verdächtig mache; und noch ungehaltener über den Grafen Malariva, daß er gewagt habe, einen Menschen zur Anstellung in kaiserliche Dienste zu empfehlen, der nächstens in der Burgvogtei, oder über die Grenzen wandern müsse. Ich weiß, ich weiß, mein Fräulein, grollte Flavian bei diesen Worten. Warum schwieg man aber gegen mich? Warum hörte man mich nicht an? Man wollte Sie nicht kränken, Sie nicht zu übereilten Schritten reizen. Sie können sich vorstellen, Herr Prevost, mit welchem empörten Gemüthe Elfriede und ihre Stiefmutter dieses anhörten. Doch empörter, als sie Beide, war ja der Graf selbst. Die Ruchlosigkeit, die Lüge, sagte er, sei zu offenbar. Er halte es für Pflicht, die Ehre und den guten Namen eines unschuldigen Mannes zu retten. Hier sei es um seine eigene Ehre und Rechtfertigung zu thun. Hier sei die Büberei eines Dritten, ein Irrthum, oder eine Namensverwechselung vorhanden. Er wolle selbst Aufklärung bei der Polizei suchen; wolle selbst die Wohnung der erwähnten Weibsperson erfragen. Bis dahin beschloß man, nichts gegen Sie, mein Lieber, zu äußern. Gar kluge Unklugheit, fiel Flavian ein. Hätte man mich angehört – – – Und weiter? Folgenden Tages kam der Graf wieder, aber mit unglückweissagendem Gesichte. Er war außer sich, konnte lange nicht Worte finden, das Schrecklichste zu berichten. Im Polizeibüreau hatte man ihm Aufruhrlieder von Herrn Prevost's eigener Hand, und mehrere Zeugenverhöre vorgelegt, welche die erhobenen Anschuldigungen bestätigten. Er hatte auch den Namen des Mädchens erfahren; diese Person sogleich in der Leopolds-Vorstadt aufgesucht. Es war eine gewisse Jungfer Nannette Schröter, Tochter einer Schneiderswittwe. Nach vielen vergeblichen Vorstellungen, Bitten und endlich Drohungen, hatte sie dem Grafen ihre Schuld eingestanden, aber auch, daß sie von Herrn Prevost die Zusicherung habe, er werde sie heirathen. Die Baronin hörte Malariva's Bericht mit stummem Entsetzen. Elfriede hingegen trat mit zornglühendem Gesichte zum Grafen und – – – Elfriede? Wirklich? Konnte sie doch? murrte der Schützenhauptmann mit ungläubigem Lächeln. Sie schalt ihn einen ehrlosen Lügner, dessen schlechtverhehlten Haß gegen den Freund ihres Hauses sie schon lange errathen habe. Der Graf zuckte mitleidig die Schultern, verzichtete großmüthig auf jede Selbstvertheidigung; er habe sich am Ende nur noch zu Gunsten der Frau von Grienenburg verwenden können, daß man wenigstens ihres unbescholtenen Rufes schone. Er übergab dann der in Schmerz und Furcht verlornen Baronin ein Billet. Es waren wenige Zeilen, von einem ihr sehr wohlbekannten Staatsbeamten geschrieben, des Inhaltes: die Frau Baronin möge, um sich Unannehmlichkeiten zu ersparen, den Studiosus aus Graubünden, Flavian Prevost, ohne Zeitverlust aus ihrem Hause entfernen. Aha! – bemerkte Flavian mit gerunzelter Stirn, nun wird's deutlicher, wie die Sache zusammenhing. Lieber Herr Prevost, das Billet, dann Ihre bald darauf erfolgte Verhaftung bekräftigten natürlich die Befürchtungen. Die Baronin stand durch Rang und Verwandtschaft in so achtenswerthen Verhältnissen, daß ihr die Ungnade des Ministeriums, oder des Hofes, unmöglich gleichgültig sein durfte. Versteht sich, gnädiges Fräulein. In den sogenannten höheren Ständen hat man nothwendig auf Dinge Rücksicht zu nehmen, die an sich keinen Papierschnitzel werth sind, und denen man doch Lebensglück, Tugend und die edelsten Gefühle des Herzens aufopfern muß. Der gute Ton erfordert das zuweilen. Nicht so? und das Histörchen mit dem Mädchen nahm man auch ohne Bedenken als baare Münze an? Nicht so blindlings, wie Sie meinen. Hören Sie nur. Zwar hatte man im Anfange offenbar den Kopf ziemlich verloren; Elfriede jedoch ermannte sich am ersten zu einiger Besonnenheit; hielt es zwar nicht für unmöglich, daß der Argwohn der Polizei durch unbedachtsame Aeußerungen über politische Angelegenheiten erregt sein könne; aber, Herr Prevost, an eine sittliche Verworfenheit Ihres Charakters, mit welcher man Sie hingestellt hatte, wollte und konnte sie durchaus nicht glauben. Auch die Baronin fing an, ihr darin beizustimmen. Malariva gerieth in Verlegenheit. Man wollte die berüchtigte Nannette selbst sehen und verhören. Der Graf wurde genöthigt, eine Zusammenkunft zu veranstalten. Das Mädchen sträubte sich, wie er sagte, einige Tage heftig dagegen; endlich jedoch gelang es ihm, die Tochter des Schneiders zu überreden und eines Abends herbeizuführen. Da erkannte sie weinend ihre Schuld, ihren Leichtsinn; doch mehr, als um das, jammerte sie über die Verweisung des Herrn Prevost aus den österreichischen Staaten; denn sie fühle die Folgen des verbotenen Umganges. Die Baronin war bei diesem Geständnisse einer Ohnmacht nahe. Elfriede, in Zorn aufflammend, schalt die schluchzende Dirne eine schamlose, freche Betrügerin, die einen abwesenden Ehrenmann als Urheberin ihrer Schande anklagen zu dürfen glaube. Soviel galt ich also ihrem Herzen doch noch, äußerte Flavian mit einer gewissen Zufriedenheit. Warf man die Metze nicht zum Hause hinaus? Ach, nein! Das Mädchen gerieth vielmehr über die Vorwürfe in eine wahre Wuth; vertheidigte die Wahrheit ihrer Worte; sprach von Briefen, schriftlichen Versprechungen, Geschenken des landesverbannten Liebhabers, hatte aber nichts vorzuweisen; zuletzt jedoch zog sie die Geldbörse mit Elfriede's eigenhändiger Stickerei hervor, und hielt sie dem Fräulein von Marmels unter die Augen. Elfriede nahm, untersuchte eine Zeit lang stumm und still, erkannte das Ihnen, Herr Prevost, gegebene Andenken, und schleuderte es, wie eine giftige Natter, dem Mädchen voll Entsetzen in's Gesicht. Sie that einen lauten Schrei und fiel besinnungslos zu Boden. Hier sprang Prevost mit dem Rufe: Höllisches Geschmeiß! vom Steinsitze auf. Das war Malariva's eigene Zuhälterin. Der Bösewicht hatte das feile Geschöpf abgerichtet! Beruhigen Sie sich, sagte Pauline, und zog ihn wieder zu sich nieder, vernehmen Sie nur noch den Ausgang der unheilvollen Geschichte; doch erlassen Sie mir die Schilderung der Tage, die jenem Abend folgten. Elfriede lag mehrere Wochen im Fieber. Die arme Baronin erkrankte noch gefährlicher, erholte sich nie ganz wieder; sie zehrte langsam ab und ging freudenlos ihrem Grabe entgegen. Ich eilte von Brünn nach Wien. Elfriede genas bei sorgfältiger Pflege; allein die ehemalige Heiterkeit ihres Gemüthes kehrte nicht wieder. Letzten Sommer begleiteten wir die Baronin in die böhmischen Bäder. Dort fand die Unglückliche ihre Erlösung durch einen sanften Tod. Noch auf dem Sterbebette wünschte sie die Verbindung ihrer Stieftochter mit dem Grafen, dieser Wunsch blieb jedoch unerfüllt. Elfriede gedachte ihrer ersten Liebe mit empörtem Herzen und mit Gram, und bewahrte sie dennoch stets treu in ihrer Brust. Sie beschloß, ihre übrigen Tage in einem Kloster zu vollenden. Wie? rief Prevost erschrocken, in's Kloster ging sie? Noch nicht, denn ich verhinderte sie daran; wir Beide lebten jedoch zu Wien fast klösterlicher, als in einem Kloster. Der Graf hatte sich nach Tyrol zur Armee begeben. Selten besuchten wir das Konzert, Schauspiel oder eine Freundin; desto öfter Armen- und Krankenanstalten. Eines Morgens, es war wenige Tage nach dem letzten Neujahrsfest, als wir im Spital weiblicher Kranken längs den Betten derselben hingingen, um Trost zu spenden, wurde Fräulein von Marmels mit schwacher Stimme angeredet. Stellen Sie sich Elfriede's Schrecken vor. Da lag jene Nannette Schröter, ein Opfer ihrer Ausschweifungen und Laster, im Gesichte bis zur Unkenntlichkeit entstellt, und erwartete das Ende ihrer Leiden. Sie bat das Fräulein, welches sie erst erkannte, nachdem sie selbst ihren Namen genannt hatte, um Gnade und Verzeihung, sich so schwer an ihr versündigt zu haben. Sie wäre, sagte sie, schon damals der leichtsinnigen That, zu der sie vom Grafen Malariva überredet worden, reuig geworden, als sie den unerwarteten Eindruck des boshaften Spieles auf die beiden Damen wahrgenommen. Sie hätte niemals einen Herrn von Prevost gekannt. Die Börse wäre Eigenthum des Grafen gewesen. Die arme Elfriede fiel beim Anhören dieser unerwarteten Beichte auf einen Stuhl krampfhaft zusammen. Ein Arzt kam ihr zu Hülfe, und ich führte sie zurück. Sie zerfloß in Thränen, und klagte nun verzweiflungsvoll sich selbst der sinnlosesten Unbarmherzigkeit gegen einen Unschuldigen an. Nein, nein! rief Flavian bewegt, sie that sich Unrecht. Durch die Gaukelspielerei des Satans hätte, wie sie, auch der Scharfsichtigste geblendet werden müssen. Und doch, fuhr das Fräulein von Stetten fort, und doch, als der erste Sturm verbraust war, erhoben sich wieder neue Zweifel, ob das verworfene Geschöpf die volle Wahrheit gesprochen habe? – Wie hätte sie, entstand die Frage, ohne Bekanntschaft mit Herrn Prevost, in den Besitz von dessen Börse gelangen können? Vielleicht hatte sie nachher von seinem Verhältniß zu Fräulein von Marmels gehört; vielleicht – – Genug, ich begab mich noch einmal in's Spital, um ganz befriedigende Aufklärung von der Kranken zu fordern. Ich erblickte die Elende aber nur noch als Leiche. Hätten wir damals gewußt, mein lieber Herr Hauptmann, wo Ihr Aufenthalt sei; ich würde damals eben diese Frage schriftlich an Sie gerichtet haben, die ich vor einer halben Stunde erst an Sie gerichtet habe. Uns war inzwischen die Adresse Ihrer Schwester bekannt geworden. Ich schrieb ihr, um zu erfahren, ob Sie noch und wo Sie lebten? Mein Brief blieb jedoch ohne Antwort. Meine Schwester erwähnte nie eine Sylbe davon, rief Flavian unruhig. Wir vermutheten Sie aber in Graubünden, wo ich noch einen theuren Freund meiner Jugend kannte, setzte das Fräulein die Erzählung fort, und senkte bei den letzten Worten die Augen. Sie kennen ihn wohl. Pater Gregorius stand noch in Briefwechsel mit mir; und hatte gegen mich den Wunsch geäußert, uns noch einmal auf Erden wieder zu sehen. Und ich – – Die arme Elfriede siechte im ewigen Grame dahin. Mein Trost und die Arzneien, welche ihr gereicht wurden, halfen nicht mehr. Sie bereitete mich auf ihren Tod vor. Nein, um Gottes willen! Sie ist doch nicht gestorben? schrie der junge Mann erblassend, und ergriff mit Angst die Hände Paulinens. Sie schüttelte den Kopf und sagte: Beruhigen Sie sich; die Unglückliche ist noch am Leben. Ich kannte jedoch ihr Leiden und langsames Hinwelken, ich mochte es nicht länger sehen. Ich entschloß mich zu einem Wagestück; zu einer Reise nach Graubünden. Die kaiserlichen Truppen hielten damals noch das Land besetzt, und mit Frankreich war noch Frieden. Und sollte ich den letzten Wunsch eines Jugendfreundes nicht erfüllen? – – Genug, Elfriede blieb in Wien zurück, aber ihre und meine liebe, treue Freundin Clara begleitete mich. Sie hoffte durch die Luftänderung, Bewegung, und die Zerstreuungen einer Reise, einige Hülfe bei ihrem Uebel. Ich wagte nicht zu widersprechen. Wir kamen, einer Frau von Salis empfohlen, glücklich nach Chur, aber ohne dort verweilen zu können. Zwei Tage nachher überfielen die Franzosen das Land. Wir flüchteten auf Gerathewohl nach Disentis, und trafen es da noch schlimmer. Nun, Herr Prevost, wissen Sie das Uebrige. Pater Gregorius führte mich bei der gütigen Frau von Castelberg ein, und nur wegen der verschlimmerten Zustände meiner lieben Clara mußten wir in Trons wohnen; wie hätte ich der Frau von Castelberg, bei welcher schon – – –. Hier wurde die Erzählerin durch Uli Goin's weither, bis zum Wasserfall tönenden Ruf: Holla, He, Hollaho! unterbrochen. Er und die Führer, ungeduldig mit Tüchern winkend, gaben das Zeichen, man sei zur Abreise bereit. Ein Mehreres nachher, sagte Fräulein von Stetten, indem sie vom Sitze aufstand, und den Arm des Schützenhauptmanns nahm, um den Rufenden zu gehorchen. Aber Sie haben doch neuere Nachrichten von Elfriede? fragte Flavian, der eine Thräne von seinen Augen trocknete. Sie befindet sich besser. Sie lebt von den schönen Hoffnungen, die ich ihr einflößte, antwortete Elfriedens Freundin, und auch ihre Augen wurden feucht, als sie die Thränen des jungen Mannes sah. 47. Die Wanderung im Sernftthal. Sobald Beide die Reisegesellschaft erreicht hatten, setzte sich der Zug in Bewegung. Pauline wandelte die kurze Strecke des rauhen Weges, bis zur letzten Höhe, in Unterhaltung mit der kranken Dulderin, zu Fuß. Flavian nahm inzwischen den redseligen Tavetscher über das Wiener Nannerl in strenges Verhör. Doch des Neuen vernahm er wenig. Nannerl, meinte ihr gewesener Anbeter, mag auch wohl die Nannette Schröter gewesen sein. Weibspersonen ändern Rock, Gesicht und Namen, und bleiben, was sie sind, Erzkomödiantinnen. Die kleine Hexe hat, wie den Grafen, wohl auch mich und ein Dutzend Andere hinter's Licht geführt. Schnürleib und Gewissen konnte sie jede Stunde an den Nagel henken, wenn's ihr zu enge wurde. Sie schluchzte zwar, wie eine bußfertige Magdalena, als sie mir, beim Abschiede, den leeren Geldbeutel zum Andenken gab und sagte: Nimm nur, er mahnt mich doch nur an nichts Gutes! – allein ich wette, sie hat gelacht und geliebäugelt, sobald sie sich auf dem Absatze umgedreht hatte. Es wurde von Neuem Halt gemacht. Ein weiter Abgrund, von gewaltigen schwarzen Felsen eingefaßt und verschattet, der Boden mit körnigem Schnee hoch bedeckt, senkte sich, bei ziemlich schräger Abdachung des Berges, vor der kleinen Karavane nieder. Die Mannschaft versah die Füße mit Eisspornen; die hölzerne Tragbahre Clara's wurde in einen Schlitten verwandelt. Man stand vor dem Jäger-Schlunde. Goin, Goin, Goin! schrie Therese, um ihr junges Leben zitternd, von ihrem Pferde herab. Komme Er mir zu Hülfe! Ich will nicht weiter, und lasse mir schlechterdings das Genick hier nicht brechen. In der That war der Weg durch die schauerliche Kluft in dieser Jahreszeit nicht ohne Gefahr. Die beiden Damen bebten nicht minder, als ihre Zofe. Die Führer hielten die Pferde und den Schlitten zurück, schritten mit Vorsicht einher, und sprachen den Reisenden Muth ein. Langsam ging es über den Schnee hinunter in die Tiefe, wo sich die Felsengurgel, von hohen Kalk- und Thonschieferwänden ummauert, zum weiteren Schlunde ausdehnt. Links aus der Schlucht strömte ein Gießbach hervor, der das Schnee- und Eisgewölbe, über welches im tiefsten Schweigen die Reisenden den schlüpfrigen Weg niederstiegen, unterwühlte. Wie der galante Uli dem zaghaften Kammermädchen stets tröstend zur Seite ging: so begleitete Flavian abwechselnd bald das Fräulein von Stetten, bald die stumme Freundin derselben. Er wagte sogar, die Letztere anzureden. Ich beklage Sie, gnädiges Fräulein, sagte er, ich bewundere aber den seltenen Muth, bei Ihrem Unwohlsein, das Wagniß einer so mühseligen Reise zu bestehen. Sie legte, einen Seufzer hauchend, die Hand auf die Brust, und flüsterte mit heiserer Stimme einige für ihn unverständliche Worte. Fassen Sie Muth, fuhr er mitleidig fort; bald sind wir am Ende des gefährlichen Weges. Wenn Sie es mir gestatten wollen, bleibe ich Ihnen, als treuer Wächter, bis dahin zur Seite. Sie nickte dankend mit dem Haupte, und zeigte mit der Hand auf einen immergrünen, niedrigen Strauch, der an einem Felsenvorsprung, am Fuße des Rinkenberges, aus dem Schnee hervor sah. Es waren Rhododendron mit rostfarbenen Blättern. Flavian brach einen Zweig, und überreichte ihn mit den Worten: Sie blühen noch nicht. Aber bald, bald! Die Blätter leben; die Blätter grünen noch immer, flüsterte sie ihm leise zu, indem sie den Zweig nahm und dabei mit ihren kleinen, zarten Fingern seine Hand einen Augenblick festhielt und sanft drückte. Jeder Anderen würde er diese Herzlichkeit gern mit einem Handkusse vergolten haben; doch Ekel und Grauen befiel ihn bei dem Gedanken an ihr unheilbares Uebel. Der freundliche, unerwartete Fingerdruck aber durchschauerte ihn wunderbar. Er redete sie nun öfter an; statt der Antwort jedoch, zeigte sie auf ihren Hals, und ließ das verhüllte Köpfchen traurig hängen. Die Grenze des Schneegefildes, wo an allen Seiten der Gebirge Wasserfälle, wie silbergewebte Tücher, im Winde flatterten, war jetzt erreicht. Bald gelangte man zu einem mit kurzem Rasen bewachsenen Berghange, dicht neben welchem, in Schwindel erregender Tiefe, drunten eine weit ausgedehnte Alpenlandschaft lag. In einem mit Lust gemischten Entsetzen verlor sich der Blick in dem sonnenhellen Abgrunde, über welchem Raben, klein wie Fliegen, in den Lüften schwebten, und in dessen Wiesengrün einzelne Sennhütten, wie Maulwurfshügel aussehend, lagen. Als man aber drunten endlich die schöne Wichleralp erreicht hatte, da erhob sich wieder fröhliches Jauchzen und muntere Gesprächigkeit. Uli Goin jodelte mit hohen Kehllauten das Echo wach; Flavian sammelte in den Matten Frühlingsblumen, die Damen damit zu schmücken, und das Fräulein von Stetten verließ das Pferd, um sich ihm zuzugesellen. Sie hatte noch viele Fragen an ihn, wie er an sie zu richten. Unbefangen plaudernd, erzählte sie ihm jetzt, wie sie ihn im Schlosse Castelberg, in Begleitung der Dame des Hauses, um ein kleine, sehr verzeihliche Neugierde zu stillen, schon einmal besucht und gesehen habe. Er habe jedoch empfindungslos da gelegen, und als sie, nachdem Frau von Castelberg abgerufen worden, allein vor seinem Bett geblieben, den schwarzen Schleier zurückgeworfen hätte, um ihm von ihrem Busen eine blühende Hyacinthe anzubieten, wäre er, ohne sie seiner Aufmerksamkeit zu würdigen, eingeschlummert. – Wie, Sie, mein Fräulein? rief er bestürzt. Muß ich die Erscheinung im Fieber nun als ein Gebilde der irren Phantasie anerkennen? Ich glaubte Elfriede zu sehen, die Rose von Disentis in ihrer Hand. Also immer und überall Elfriede? lächelte Pauline etwas muthwillig. Gut, daß Elfriede nicht davon weiß, wie Sie jedes Frauenzimmer mit ihr verwechseln; des Mädchens alter Argwohn bekäme eine böse Bestätigung. Argwohn? fragte er ernst, habe ich ihn je verdient? Ja, mein schöner Herr, erwiederte sie, und blickte schalkhaft zu ihm auf. Solch ein Dorn, einmal im Herzen, läßt sich schwer wieder herausziehen. Wir Weiber dulden nicht gern andere Götter neben uns, geschweige Göttinnen. Flavian schüttelte, düster ausschauend, den Kopf und murmelte: Argwohn. Mir. Sie kannte mich nicht. Sie war ein Kind, und ich kein Graf, kein Baron, kein großer Herr. Nein, nein, lieber Freund, fiel Pauline ein, so arg beurtheilen Sie meine Freundin nicht. Von stärkerem Muthe und freier von allen Vorurtheilen sah ich noch kein Mädchen. Wissen Sie, was dieses Mädchen stolz und fest ihrer Stiefmutter erwiederte, als diese von ihrer standesgemäßen Vermählung sprach? Sie sagte: wäre ich eine Königin, ich würde einen geliebten Bettler festhalten; wäre ich eine Bettlerin, ich würde im Reiche meines Innern wenigstens selbstherrliche Königin bleiben. Ich lasse mich von Niemanden an Niemanden verhandeln, und wäre er der Herr der Welt. Im Kloster ist's schöner und im Grabe besser, als mit gebrochenem Willen und Herzen in einem Kaiserpalast. Ich weiß es, bestes Fräulein, ich weiß, in diesem Geiste sprach sie einst; und dann – – Doch ich war damals ein Wahnsinniger; übersah, wie sie, den Unterschied des Ranges, Reichthums und der Religion. Ich bin geheilt; meine tollen Kinderträume sind dahin. Ich kenne das arme Leben, und bin genügsam. Ich war ein phantastischer Weltstürmer, bin aber auch das nicht mehr. Das waren Sie nie, lieber Hauptmann. Seien Sie nicht ungerecht gegen sich selbst. Wie Elfriede Sie gekannt hat, so fand ich Sie; vielleicht zu begeistert und gut für das Gute, ein wenig zu böse gegen das Böse. Sie bezeichnen das schonend, mein Fräulein, was man gewöhnlich sonst herber zu betiteln pflegt. Ein unbesonnener, unerfahrener Knabe war ich, der die Welt nach seinen Idealen und Begriffen schulmeistern wollte. Aber ich war, was ich war, von Herzensgrunde, ohne Arg und Falsch; kein modischer Phrasenmacher und Faseler, den Mund von allem Heiligen und Edeln angefüllt, das Herz, wie bei der Masse unserer großen Geschäfts- und Staatsmänner, bis auf den Boden von Allem leer. Ich war Keiner von den politischen Schwindlern, wie man sie heutigen Tages in den Kaffeehäusern und Zeitungen lärmen hört; die mit ihrer grünen Weisheit alles Bestehende aburtheilen; die wirklichen Zustände nach ihrem Kopfe, nicht ihren Kopf nach der Wirklichkeit richten möchten, und schlechterdings mit ihrer fixen Idee eine Rolle spielen, eine Berühmtheit werden wollen, bis sie sich die Hörner an den festen Mauern der bürgerlichen Ordnung, die sie für Scheinwerk halten, abgerannt haben, und dann später wieder ihr Gegentheil werden, politische Windfahnen, Fürstenknechte, ehrsame Philister, eifrige Kirchengänger, so widerlich, wie abgelebte und abgeliebte Koketten, wenn sie Betschwestern werden. Pauline sah ihrem Nachbar mit Verwunderung in die Augen, lächelte gutmüthig dazu und sagte: Ganz schön, was Sie da sagen; allerliebst! Aber es klingt beinahe, wie eine Vertheidigung gegen Vorwürfe, die Ihnen Niemand machte. Wozu das? Damit Sie, Fräulein, Ihrer Freundin schreiben, Sie hätten mich nicht mehr als denselben gefunden, der ich in Wien war; sondern als Jemand, der sich bescheidet, die Kluft zwischen sich und Elfriede anzuerkennen. Gut, Herr Prevost, ich werde ihr schreiben, Sie wären kein hochherziger Weltstürmer mehr, aber doch noch ein wenig Schwärmer. Sie irren, Liebe. Das Eine oder das Andere zu sein, dazu fühle ich mich zu nüchtern. Seit ich vor zwei Jahren Wien verließ, bin ich zwanzig Jahre älter geworden. Glauben Sie mir's! Und ich komme eben aus einer Schule, in der ich innerhalb acht Wochen mehr gelernt habe, als seit acht Jahren aus meinen Büchern. Ich will nun, in irgend einem Erdwinkel, wieder Bauersmann werden. Das stehet bei mir fest. Um nicht von Bestien zerrissen zu werden, muß man sich in ihr Fell kleiden, oder flüchten, oder – – – Hier wurde die Unterredung durch den Ruf der Führer gestört. Der Weg begann steil bergab zu gehen, und deshalb mußte das Fräulein das Pferd besteigen. Pauline gehorchte. Zwischen Bergen, die von allen Seiten immer höher zu wachsen schienen, zog man dem Bergdörfchen Elm, dem höchsten des Sernftthales, zu. Zum Erstaunen unserer Reisenden, wurde am östlichen Saume des Himmels ein ungeheures Felsenbild sichtbar, wie es ihnen der Traumgott selbst im Schlafe nicht wunderbarer ausmalen konnte. Sie sahen zwischen den Riesensäulen und Pyramiden der hohen Kuppen des Fallzübers und Tschingels, eine weite, schneeweiße Wüste, und über dem blendenden Gletschermeere eine langgezogene mächtige Felsenwand, mehr, als das Werk von Cyklopen oder Titanen, und inmitten der riesigen Mauer, wie von menschlicher Kunst, eine kreisförmige Oeffnung gebrochen, durch welche der lichtblaue Himmel im vollen Glanze strahlte. Es war jenes berühmte Martinsloch der Alpen, in welchem sich, zur Frühlings- und Herbstzeit, die Scheibe der Morgensonne, wie in einem Felsen eingerahmt, den Bewohnern des Hochthals, einige Minuten lang zeigt. Und über und hinter dem dunkeln Felsen steigen, in seltsamen Gestaltungen, die Zinken, Kulmen und Firsten der Alpengipfel auf, acht- und neuntausend Fuß hoch, wie Thürme hinter dem Walle einer Riesenstadt. Umsonst baten die Frauen, ihnen einen längeren Genuß des großen Schauspieles zu gönnen. Die dagegen gleichgültigen Männer von Panix erinnerten unbarmherzig an die schlechte Beschaffenheit des langen Weges durch's Sernftthal hinab, und rasteten nicht, bis sie nach einigen Stunden das Ende desselben erreicht hatten. Da erschloß sich vor den Augen der Ermüdeten das offene Thal des Glarnerlandes in eigenthümlicher Anmuth und Majestät. Die abendliche Dämmerung hatte schon begonnen; nur die goldrothen Firnen der Höhen lächelten der untergegangenen Sonne noch einen freundlichen Abschied zu. 48. Die Stimme vom Himmel. Sobald sie die schmale Ebene, welche der Linthfluß schäumend durchfließt, betreten hatten, und in nicht weiter Ferne den zierlichen Flecken Enneda, und dahinter den alten Kirchthurm des Hauptortes Glarus, zwischen den grünen Halden und Abhängen des Schilds und Frohnalpstocks und des hohen Glärnisch, erblickten, verließ das Fräulein von Stetten den unbequemen Sitz auf dem Pferde. Sie eilte, besorgt um das Befinden der leidenden Freundin, zur Bahre der stillen Clara. Als sie diese, in der Umhüllung ihrer Kissen, über alle Erwartung wohl gefunden hatte, wandte sie sich zum Schützenhauptmann. Sie nahm seinen Arm, und sagte: Ich ziehe vor, diese kurze Strecke, in der Abendkühle, zu Fuß zu gehen. Clara ist ein liebes Kind, und so heiter, als wäre sie die Gesundeste von uns Allen. Kommen Sie, mir ist himmlisch wohl und leicht um's Herz, nun ich wieder stattliche Wohnungen, Blumengärten, angebaute Felder und blühende Obstbäume sehe, und das erquickende Leben und Walten einer civilisirten Welt um mich her fühle. Es ist mir fast zu Muthe, als erwachte ich von einem Traume gespenstischer Geschichten. Nun ja, der Seltenheit wegen ist's wohl der Mühe werth, das Leben da oben zu schauen. Man glaubt sich dort, unter der grauenhaften Pracht kahler Felsenspitzen und bleicher Gletscherdecken, auf denen der ewige Tod liegt, und bei den finstern Tannenwäldern, in die sich die Berge, wie in ein schwarzes Trauergewand, hüllen, ganz und gar zum Nichts geworden. Ein seltsames Land, Ihre Schweiz. Schrecken und Lust, Kraft und Milde, Zerstörung und Frieden, Alles neben einander, und verworren durch einander; ein phantastisches Quodlibet unserer Mutter Natur, und ohne Gleichen in der Welt. Sie sind in liebenswürdiger Laune, mein Fräulein; recht poetisch und doch wahr. Rechnen Sie auch noch die hiesigen Menschen und ihre Vertheilung in allerlei kleine Gemeinwesen und Staaten, mit alterthümlichen, wunderlichen Formen dazu, die nun freilich insgesammt zerrissen und durcheinander gemengt worden sind. O du heiliges, schönes Friedensland, seufzte Pauline, daß der Weltsturm auch dich ergreifen, und die Glückseligkeit deiner Thäler unerrettbar vernichten mußte! Unerrettbar! Das klingt ja, mein frommes Fräulein, beinahe, als hätten Sie den Glauben an den Himmel verloren. Sogar der Blutregen ist Gottes Segen. Verzagen wir nicht. Wollten Sie sich mit der Geschichte der Schweiz ein wenig bekannter machen, dann würden Sie nicht ohne Erstaunen wahrnehmen, daß man, wie in anderen Ländern, seit Jahrhunderten, auch in diesem »heiligen Friedenslande« unaufhörlich zankt und rauft; bald um Dörfer, bald um Religionen, bald um Geldgeschäfte, bald um Gerechtsame; Sie würden anfangen, die Glückseligkeit dieser Thäler zu bezweifeln, wo ein zopfsteifer Stadtbürger-Adel, oder ein betitelter Gamaschendienst- und Lohnkrieger-Adel mit Priestern, Bischöfen und Mönchen um die Wette eifert, das arme, knechtische, zum Theil leibeigene Volk in seiner Dummheit niederzuhalten, um auf dessen Kosten zu lachen, von dessen Arbeit Wohlleben zu gewinnen, oder es in ausländische Kriegsdienste zu verhandeln. Aber nein, Herr Hauptmann, wie sprechen Sie? Ihre Schweiz war ja von jeher eine Republik! Ganz gewiß, meine Gnädige, ungefähr wie die polnische Republik, wo Adel und Priesterschaft Alles, und das Volk Null war; ja, noch polnischer, als Polen, wo doch wenigstens nur ein Staat und mit einem königlichen Haupte bestand. Hier aber hatten wir, der Himmel weiß, fast so viel Republiken, als Thäler; so viel Häuptlinge, als Aebte, Priester, Stadt- und Dorfmagnaten; so viel politische Parteien, als Rathsherrnfamilien. Hilf, Himmel, lachte Pauline laut. Dann lobe ich mir mein Oesterreich und meinen Kaiser. Wäre ich nur mit der armen Clara erst wieder heil und glücklich nach Wien zurück. Ich sollte eigentlich nicht so leichtsinnig-fröhlich sein; denn ich bin noch nicht aller Gefahr entronnen. Ringsum nichts als Kriegsgetümmel, ringsum der Weg von Armeen versperrt; und meine Clara bedarf so sehr der Ruhe und Pflege. Da stehen wir schutzlos in fremden Ländern, und hätte ich Sie nicht, mein Freund, gefunden, – ja, erlauben Sie, daß ich Sie so nenne, denn Sie sind es – – – Er drückte sanft, wie zum Danke, ihren Arm an sich, und sagte: Wenn ich mich wirklich dieses Glückes freuen darf, so, hoffe ich, werden Sie mich meiner Dienste noch nicht entlassen wollen. Sie von mir entlassen? wiederholte sie seine Worte mit flehentlichem Blick und Ton. Nein, haben Sie mit uns beiden Verlassenen noch einige Zeit Erbarmen. Zwar bin ich schon Ihre große Schuldnerin, aber Ihre Güte macht mich unersättlich, Schulden bei Ihnen anzuhäufen, wenn ich gleich nicht weiß, wie ich sie jemals abzahlen soll. Und, Fräulein, wohin darf ich Sie von hier begleiten? Wohin? fragen Sie mich. Ich antworte seufzend: wohin mich das Herz zieht; wohin auch vielleicht, – nein, gewiß Ihr eigenes Herz Sie zieht. Ihre ahnungsvolle Erscheinung in Disentis sagt mir's, Sie werden, Sie sollen das Fräulein von Marmels noch einmal wiedersehen. Das Trauerkleid, der schwarze Flor jener Erscheinung bedeutet Elfriedens Seelenschmerz, Sie verkannt, Sie betrübt, doch nicht vergessen zu haben. Sie zeigte Ihnen wohl die Rose von Disentis, behielt sie aber und gab sie nicht zurück. Ja, lieber Freund, Sie wurden von ihr verkannt; aber, gestehen Sie nur, haben Sie selbst nicht auch Elfriede bis vor wenigen Tagen schwer verkannt? Und doch, war es nicht Ihrer Beider Schuld? Und wagte ich mich nicht selbst in die gefährlichen Reise-Abenteuer, die ich freilich von solcher Art nicht erwarten konnte, nur um Ihre Verzeihung für Elfriede mit heimzunehmen? Als sie so sprach, wurde Flavian unruhig. Er sah, eine Antwort suchend, mit irrem Blicke umher, athmete schneller, und rief mit bewegter Stimme: Nur Verzeihung? Ich habe nichts mehr zu verzeihen. Elfriede, ja, sie ist und bleibt mir ewig – – – aber, warum wenden Sie wieder das Gespräch auf sie? Warum erwecken Sie sogar Hoffnungen? Nein! es ist unfreundlich von Ihnen. Unfreundlich, und nenne ich Sie doch meinen Freund? – Unfreundlich? und bin doch Ihre Schuldnerin, die gern vergelten möchte. Wohlan, ich will die Vergeltung versuchen. Hören Sie mich. Sie lieben meine junge Freundin; jede Kluft zwischen ihr und Ihnen ist verschwunden. Sie sind geliebt; Sie waren es selbst da noch, als des Grafen Malariva schwarze Kunst den Heiligenglanz ziemlich verwischt hatte, der Sie in den Augen des Mädchens umgab und jetzt wieder umgiebt. Und fordern Sie den Beweis von mir, so sollen Sie ihn, wenn Ihnen daran gelegen ist, nach unserer Ankunft in Glarus, zu jeder Stunde erhalten. Ist Ihnen daran gelegen? Alles! rief Flavian, und blieb vor ihr stehen, ergriff mit Inbrunst ihre beiden Hände, blickte sie träumerisch an, und seufzte leise, wie mit wehmüthigem Vorwurf: O, was wollen Sie wieder aus mir machen? Nicht still gestanden! Kommen Sie, mein Freund; unsere Gesellschaft ist uns zu nahe. Ich habe Ihnen noch viel zu sagen. Darf ich hoffen, daß Sie mich zu der verlassenen Elfriede begleiten werden? Wie gern! – Doch, Fräulein, dürfen wir's wagen in dieser Zeit? Wie sollen wir nach Wien kommen durch die Menge der Heeresmassen von Holland bis Italien? Und Ihre kranke Reisegefährtin! Harren wir geduldig auf einen günstigeren Augenblick. Folgen Sie mir einstweilen in ein schönes Asyl am Fuß der Vogesen, wo meine – – – Habe ich, fiel Pauline lebhaft ein, habe ich Ihnen nicht schon gesagt, daß unsere herrliche Frau von Castelberg, während Sie, Herr Prevost, krank waren, mit Ihrer Frau Schwester in Briefwechsel trat? daß Ihre Frau Schwester von Ihrer Güte unterrichtet ist, mich und meine kranke Gefährtin nach Glarus und durch die Schweiz zu begleiten? daß sie so gütig war, mich einzuladen, bei – – – O ich verwirrtes, vergeßliches Geschöpf! Verzeihen Sie meine Gedankenlosigkeit; aber wir sprachen uns auch bisher so selten, und kannten uns einander noch zu wenig. Fräulein, Fräulein, Sie führen mich von einer schönen Ueberraschung zu der anderen, rief der Schützenhauptmann mit frohem Erstaunen. Nun erst gab's rasch Frage auf Frage, Antwort auf Antwort, während die kleine Karavane langsam ihren Einzug in dem niedlichen Marktflecken Enneda hielt. Haus für Haus zeugte hier von Wohlstand, Reichthum und Gewerbthätigkeit. Mit Wohlgefallen betrachtete das Fräulein von Stetten, so viel es die Abenddämmerung gestattete, die sauberen Gebäude, hier und da von kleinen Gärten umgeben. Doch plötzlich ließ Prevost ihren Arm, und stand wie festgewurzelt auf der Erde. Er hatte irgend woher, von oben herab, seinen Namen rufen hören, und die Stimme schien ihm wohlbekannt. Er starrte Pauline erschrocken an. Bin ich wahnsinnig? bin ich bezaubert? lallte er. Flavian, bist Du es? o Flavian! klang abermals ein weiblicher Ton, wie eine Stimme vom Himmel, in seine Ohren. Er schaute aufwärts und sah zwischen Blumen, die in Geschirren ein Fenster halb verdeckten, ein Gesicht. Verzeihung, Fräulein, sagte er hastig, fast athemlos; gehen Sie, gehen Sie – – – Glarus – – – Goldener Adler also – – – Ich folge bald, im Augenblick – – – Er vollendete nicht; sprang eilig davon, über die Brücke des Baches, in die offene Thür einer nahestehenden Wohnung und verschwand. Pauline blickte ihm betroffen nach; zögerte unentschlossen eine Weile; schüttelte etwas befremdet das Köpfchen, und ging, beinahe ein wenig unzufrieden, der übrigen Reisegesellschaft entgegen. 49. Wiedersehen. Flavian, Flavian, scholl die süße, zitternde Stimme ihm wieder entgegen, als er die Treppe des Hauses hinaufflog. Sabine, jauchzte er, meine liebe Sabine! und fing in seinen Armen die hinsinkende Schwester auf, welche im Uebermaß ihrer Freude die Sprache verlor. Lange hielt er sie fest an seine Brust geschlossen; lange hing sie an ihm, die Arme um seinen Hals geschlungen, das Antlitz auf seiner Schulter. Dann führte oder trug er sie in ihr Zimmer, wohin ein Kammermädchen mit brennenden Kerzen erschrocken voranleuchtete. Er ließ sie auf ein Sopha nieder; sich selbst mit ihr, ohne die Umarmung aufzulösen. Dem anhaltenden Schweigen folgte das laute, heftige Weinen der liebenden Geschwister. Erschöpft richteten sie sich zwar endlich auf; betrachteten einander in stummer Zärtlichkeit, sanken aber einander von Neuem an's Herz. Welche Erscheinung! rief er, Du hier, meine Sabine? Ach, Flavian, nun scheide nicht mehr von mir, seufzte sie mit thränenschweren Augen, doch voller Seligkeit. Nein, nun lasse ich Dich nicht wieder. Ich habe Dich, Dank dem Allgütigen! Ich habe Dich; ich stehe nicht mehr allein. Ich habe Vater, Mutter und Gatten verloren; nur Dich allein noch behalten. Ich weiß, Du möchtest eine Welt beglücken; beglücke doch nur eine Seele, und Du hast genug gethan! Erst nachdem das Uebermaß der Freude, mit der ein solches Wiederfinden sie überstürzt hatte, verrauscht war, besprachen und betrachteten sie einander ruhiger. Die schöne Schwester stand von Haupt zu Füßen in Trauerkleidern vor dem Bruder, und schöner fast, als jemals. Aber, Sabine, fragte Flavian, durch welches verhängnißvolle Wunder bist Du hierher geführt und zu dieser Stunde? Seit wann und bei wem lebst Du im Thale von Glarus? Warum hast Du Dein stilles Schloß verlassen, und Dich in die sturmvolle Schweiz gewagt? Magst Du mich denn so noch fragen? antwortete sie. Deinetwegen flog ich hierher, Dich zu empfangen, Du meine Seele. Und es war Dein guter Engel selbst, die edle Frau von Castelberg, der ich's danke, daß ich Dir entgegeneilen konnte. Sie war's, die mir Deinen ersten Brief, eingeschlagen in den ihrigen, sandte, und mich durch ihre Mittheilungen mehr beruhigte, als Du selbst es konntest. Ich antwortete schnell Dir und ihr. Sie ist die Güte selbst. Fast jeden Posttag beglückte sie mich mit einigen, wenigen Zeilen über Dein Befinden, Thun und Treiben; und jeden Tag bestürmte ich sie mit meinen Wünschen, Fragen und Bitten. Als ich aber vor vier Tagen dieses letzte Briefchen empfing, flüchtig, mit zitternder Hand geschrieben – – – Flavian, hier nimm, lies es selbst. Er nahm das Blatt, welches folgende Worte enthielt: »Ich wiederhole, gnädige Frau, Ihr Herr Bruder ist beim besten Wohlbefinden. Nun eine Bitte. Zwei Damen, Fremdlinge in diesem Lande des Kriegsjammers und Aufruhrs, und noch dazu Oesterreicherinnen, wollen nach Frankreich flüchten, und dort Gelegenheit erwarten, mit Sicherheit in ihre Heimath zu gelangen. Verzeihen Sie meine Zudringlichkeit; ich wage es, für meine Freundinnen Ihre Gastfreundschaft anzurufen. Ich denke, der Herr Hauptmann wird die Gefälligkeit haben, schützender Begleiter der Frauen und zugleich bei Ihnen mein Fürsprecher zu werden. Entschuldigen Sie meine Kühnheit u. s. w.« »Postscript. Es bleibt, höre ich, kein anderer Weg mehr offen, als über das Gebirge nach Glarus. In Kurzem müssen sie fort; in diesen letzten Tagen des April, oder in den ersten des Mai.« Mit Wohlgefallen ruhten die Augen der Frau von Schauenstein auf dem lesenden Bruder. Sie umarmte und küßte ihn noch einmal, und erzählte ihm dann weiter: Nun urtheile selbst, Flavian. Meine ganze Seele war lauter Jubel beim Lesen dieser Nachricht. Es war die erste Freude seit dem Tode meines Mannes. Auf der Stelle wurde angespannt, eingepackt; Kutscher, Bedienter, Kammermädchen behielten kaum Zeit, ihr Nöthigstes mit sich zu nehmen. So ging's im rastlosen Zuge, über Basel und Zürich, hierher, Dich zu erwarten. Seit gestern schon bin ich hier. Dies Haus aber, Sabine, scheint mir kein Gasthof zu sein. Ach nein, es gehört einer achtbaren Kaufmannsfrau, deren Mann, in Rußland wohnhaft, vom Baron Schauenstein einige Dienstleistungen genossen hat. Ungeduld und Langeweile plagten mich; ich besuchte sie, und nun ließ sie mich nicht von sich; ich mußte bleiben. Sie wohnt mit ihren Töchtern hier. Auch für Dich und Deine Damen sind Zimmer bereit. Reisewagen und Dienerschaft ließ ich im Goldenen Adler zu Glarus, dort wird Dir aufgepaßt; Du solltest mir nicht entwischen. Jetzt erst erinnerte sich Prevost wieder seiner Reisegefährten, und der Pflicht, sie aufzusuchen, damit sie seinetwegen nicht in Unruhe blieben. Doch Sabine gestattete ihm nicht, sie zu verlassen; verhieß, sie sogleich einzuladen, und, wären sie nicht zu ermüdet, sie noch diesen Abend, in ihrem Reisewagen, nach Enneda bringen zu lassen. Sie flog davon, ohne des Bruders Einwendungen anzuhören, und kehrte nach einiger Zeit, in Wonne lebend, zurück. Alles besorgt und abgethan, rief sie. Nun Friede mit Dir! Jetzt ist das Fragen an mir, das Erzählen an Dir. Und alsbald begann sie damit, während das Kammermädchen für Beide den Tisch deckte und das Abendessen auftrug. Ein paar Stunden verschwanden beim Plaudern der Geschwister, wie Minuten. Flavian konnte nicht umständlich genug erzählen. Sie fragte, bei seiner abeuteuerlichen Geschichte, um jede Kleinigkeit, schalt ihn, küßte ihn; sprach von des Baron von Schauenstein letzten Stunden, seinem Testamente dazwischen; forschte sorgfältig nach Charakter und Aeußerem des Fräulein von Stetten, nach deren eigentlichem Verhältnisse zum Fräulein von Marmels, nach der kranken Reisegefährtin, nach Haushaltung, Physiognomie und gewöhnlicher Toilette der Frau von Castelberg und anderen Wichtigkeiten dieser Art. Da meldete das Kammermädchen einen Boten aus Glarus an, der aber sogleich hinter der Anmeldung eintrat und sie nicht fortreden ließ. Wozu doch der Kram? rief er; ich bin's ja nur, ich! Ha, Uli, Du? sagte Flavian, und stellte ihn seiner Schwester vor, indem er ihr den treuen Gefährten pries, der ihn in den Stunden der größten Gefahr nie verlassen habe. Du kennst ja den Braven schon aus meinen Briefen, fügte er hinzu. Wenn er will, soll er sein Lebelang bei uns bleiben. Ich bin sein Schuldner; er ist mein Freund und die ehrlichste Haut von der Welt. Goin stand bei dieser Lobrede verwirrt, das Gesicht verschämt zum Lachen verzogen, da; noch mehr noch, als Frau von Schauenstein seine knorrige Hand mit ihren zarten Fingern berührte und ihn in den zärtlichsten Ausdrücken begrüßte. – Ach, nein doch! ließ er sich endlich vernehmen; glaubt kaum die Hälfte von dem, was der Hauptmann sagt. Es ist nicht halb so arg, gnädiges Fräulein, oder auch, mit allem Respekt zu melden, gnädige Frau, oder was Ihr seid. Der Herr Hauptmann will mich am Ende gar zu seines Gleichen machen. Das schickt sich aber zusammen, wie Karrenschmiere und Rossoli. Ich weiß am besten, wer in meiner Haut steckt, und daß ich etwas nach der Kaserne und dem Kuhstall schmecke. Also fort damit, und nehmt's, wie ich's geben kann. Was bringst Du mir, Uli? unterbrach ihn Flavian. Einen Brief? Zwei für Einen, lautete die Antwort. Ich lief im Zwielicht mit den Andern blindlings nach dem Orte und vermisse Euch erst, als wir vor dem Wirthshause Zum goldenen Adler still hielten. Das Plappermaul, das Theresel, ließ mich nicht umschauen. Dann mußte ich zu Nacht speisen; dann hielt mich Fräulein von Stetten fest, weil sie, für einen Zettel der gnädigen Frau hier, einen andern zu schicken habe. Dann, als ich meines Weges ging, kam wieder das Theresel vor die Thüre hinaus, und gab mir diesen Brief für Euch, Herr Hauptmann. Ich möchte nur wissen, was in aller Welt das Ding mit Euch zu korrespondiren habe? Sabine nahm das Billet, las es und sagte: Deine Reisegefährtin, Flavian, lehnt für heute unsere Einladung ab; will uns aber morgen Vormittag besuchen. Wir aber, denke ich, werden ihr zuvorkommen und sie mit uns nehmen. Und ich, was habe ich da? rief Flavian, indem er die Adresse des empfangenen Briefes las: »Al illustrissimo, onoratissimo, Signore Flaviano.« – Wer kennt mich denn hier zu Lande? Wer, sagst Du, Uli, gab Dir den Brief? Therese? Nun. Herr, wenn der Wisch nicht von ihr kommt, denn eine Italienerin ist sie doch nicht, so ist's, beim Donner! von dem Kerl, der im Dunkeln bei ihr vor der Thüre stand, und in seinem Rock mit dem Tressenkragen, so viel ich merken konnte, einem Bedienten auf's Haar glich. Das vorwitzige Ding macht es, wie alle Mädchen, und hat Kameradschaft in aller Herren Ländern. Prevost riß den versiegelten Zettel auf, und las einige italienische Zeilen, folgenden Inhalts: »Mein Herr, es wird Ihnen meine Handschrift sagen, wer ich bin. Wenn wir auch feindselig aus einander gingen, habe ich Sie doch immer, als ein Mann von Ehre geachtet. Ich erwarte Sie morgen, um mich mit Ihnen zu verständigen, oder ich suche Sie, doch ungern, in Enneda auf. Mein Logis Goldener Adler in Glarus; Zimmer Nr. 12. M.« – Sabine blickte fragend ihren Bruder an und sprach: Von wem geht Dir der Brief zu? Der scheint Händel zu suchen. Es klingt halb und halb, wie eine Herausforderung. Das geht über meinen Horizont, äußerte der Schützenhauptmann. Ich kenne weder Handschrift noch Mann. Sahst Du andere Fremde im Gasthause, Uli? Niemand, erwiederte Goin, als den schäbigen Bedienten, und dann, auf der Treppe, zwei französische Offiziere, denen ich nicht Lust hatte, lange in die Augen zu schauen. Ich habe, meines Erinnerns, mit keinem Italiener etwas zu schaffen gehabt, sagte Flavian, oder Malariva müßte denn von den Todten auferstanden sein und hier umherspuken. Nein, nein, fürchtet nichts, Herr Hauptmann, fiel Uli laut lachend ein. Wer einmal auf dem Rücken zum Hause hinausgetragen worden ist, kehrt auf eigenen Beinen nicht wieder um. Und was, Herausforderung? Ja, das klingt, wenn man endlich Ruhe zu haben denkt, wohl häßlich genug, wie des Pfauen Lied vor dem Regenwetter. Aber, beim Donner! Herr Hauptmann, wir wollen's erwarten; wir Beide sind auch noch da! Man rieth hin und her; las die räthselhafte Aufforderung wiederholt; errieth nichts und ließ es dabei bewenden. 50. Ende gut, Alles gut. Am anderen Tage goß der schönste Maimorgen aus vollen Schalen Licht, Lust und Leben über die Landschaft. Das Thal von Glarus glich einem ungeheuren Blumenkorbe, zwischen grünen Laubzweigen, mit Blüthen aller Farben gefüllt, und von dem Kranze der Gebirge wunderbar umfangen. – Flavian und Sabine saßen schon früh beisammen, um einander früh zu haben und sich davon zu überzeugen, der vergangene Abend sei kein berauschender Traum gewesen. Unersättlich in neuen Fragen, Erklärungen und Entwürfen für die nächste Zukunft, verflog die Zeit zu schnell, und schon mahnte die Stunde zum Aufbruch nach dem nahen Hauptorte des Landes. Sabine sprang auf, ihr leichtes Morgengewand mit zierlichen Trauerkleidern zu vertauschen. Dann hing sie sich an Flavian's Arm, und wandelte, vom kühlen Anhauch des Morgens geküßt, mit ihm durch die Wiesen, den schattigen Baumgang entlang, der von Enneda nach Glarus führt. Doch umsonst entfaltete sich dem plaudernden Pärchen das landschaftliche Prachtbild in allem Zauber der Beleuchtung; dort einsame Hütten unter blühenden Gebüschen halb versteckt; hier, in den Wiesen am Linthfluß, unter Glockenklang weidende Heerden; ringsum, wie im Dunst zerflossen, die nahen Hochalpen, von der Felsenwand des Schild, und den lichtgrünen Hängen des Frohnalpstocks, und dem von tausendjährigen Wettern zerrissenen Glärnisch an, bis zum dämmernden Hintergrunde, wo aus falbem Duft die Eisfirnen des Tödi majestätisch emporwuchsen. Die Lustwandler achteten des Paradieses draußen nicht; sie trugen es in sich. Sie bemerkten selbst eine Dame nicht, welche, von einem Lohndiener begleitet, ihnen grüßend entgegentrat. Es war Pauline von Stetten. Die jungen Damen hatten sich, während des Austausches der ersten Höflichkeiten, mit dem Späherblick weiblicher Neugierde schnell überschaut und einander Gefallen abgewonnen. Das Fremdsein zwischen ihnen ging bald in trauliche Geselligkeit und in freundlichen Wettstreit über, ob die Eine die Andere nach Enneda oder Glarus zurückzubegleiten habe. Doch die Gründe Sabinens überwogen, weil sie auch mit Paulinens kranker Landsmännin Bekanntschaft anzuknüpfen wünschte, und Flavian noch dazu ein Geschäft mit einem namenlosen Jemand abzuthun habe, um ihnen nachher frei angehören zu können. Aber, bestes Fräulein, fragte die Frau von Schauenstein nebenher, mit einer fast ängstlichen, oder zürnenden Miene, was für ein sonderbarer Fremdling wohnt in Ihrem Gasthofe? Ein Italiener, der noch gestern, spät Abends, meinem Bruder eine Art Cartel zuschickte? Wie konnte er so geschwinde die Ankunft desselben erfahren? Vermuthlich sah er Sie an der Table d'Hôte; vielleicht erwähnten Sie zufällig meines Bruders? Nicht ohne Befremden antwortete Fräulein von Stetten: Wohl befand ich mich beim Abendessen in Gesellschaft einiger Herren, unter denen zwei französische Offiziere waren. Das Gespräch berührte auch die Wege über das Gebirge von Disentis, und bei dieser Gelegenheit mag ich auch dankbar des Herrn Prevost erwähnt haben. Allein ich erinnere mich nicht, daß Jemand bei der Erwähnung seines Namens besondere Aufmerksamkeit an den Tag gelegt hätte. Wirklich, ein Fehdebrief, sagen Sie? Ganz so gestaltet, entgegnete Sabine. Vielleicht lesen Sie italienisch? Gieb ihn, Flavian, gieb ihn! Pauline nahm den Zettel, überflog mit raschem Blicke, lächelnd und kopfschüttelnd, dessen Inhalt, gab dann aber den Zettel ohne den leisesten Zug von Besorglichkeit in Flavian's Hand zurück und sagte: Allerdings, ein närrisches Schreiben. Ich weiß selbst nicht, was ich dazu sagen soll? Aller – – – Hier stockte sie ein paar Augenblicke; dann fuhr sie fort: Aber, lieber Hauptmann, machen Sie die Sache möglichst schnell ab, damit Sie uns nachher ungestört angehören. Gehen Sie voran; ich bitte. Wir folgen Ihnen gemächlich nach, und bis zu unserer Ankunft sind Sie der Geschichte los. Hier winkte sie der Frau von Schauenstein heimlich mit den Augen, beinahe schelmisch lächelnd, zu, als fordere sie diese zur Unterstützung ihrer Bitte auf. Das Fräulein hat vollkommen Recht, stimmte Sabine, durch diesen Wink in's Einverständniß mit der neuen Bekannten gesetzt, ein. Eile voran, lieber Flavian. Fertige den Menschen kurz ab. Und vergessen Sie nicht, meiner Clara einen Besuch zu machen, fügte Pauline hinzu. Bereiten Sie sie auf die Ankunft Ihrer Frau Schwester vor; sie wird sich Ihres Eintreffens freuen. Wird sie für mich sichtbar sein? fragte Flavian. Haben die Anstrengungen der Reise keine Nachwehen hinterlassen? Seit vielen Wochen sah ich das gute Kind nicht so heiter, wie diesen Morgen, erwiederte das Fräulein. Gurgel, Schlund und Multärs und wie die entsetzlichen Namen und Stellen des Berges alle heißen mögen, haben an ihr eine wahre Wunderkur gethan. So gehorche ich mit Vergnügen, rief Flavian und entfernte sich mit hurtigen Schritten, während beide Frauen anfangs langsam nachgingen, dann in lebhafter Unterhaltung stillstanden und das Gehen ganz vergaßen. Fräulein Paulinens bewegliches Spiel der Arme verrieth Jedem, der sie von weitem sah, die Wichtigkeit ihrer Mittheilungen, sowie Sabinens Stellung ihr gegenüber den Ausdruck großer Verwunderung andeutete. Der Schützenhauptmann, welcher, in ziemlicher Entfernung, noch einmal nach ihnen zurückblickte, blieb stehen und sah mit Erstaunen, wie seine Schwester das Fräulein von Stetten an ihre Brust zog und Beide lange Zeit in der Umarmung verharrten. Das schien ihm doch ein zu rascher Freundschaftsbund zwischen Personen, die einander kaum seit einer halben Stunde kannten. Er eilte indessen, ohne weiteres Zögern, und unter mancherlei Gedanken, dem stattlichen Hauptorte der kleinen Alpenrepublik und dem Gasthofe Zum goldenen Adler zu. Hier traf er an der Pforte des Hauses die Kammerjungfrau Paulinens, in fröhlichem Gespräch mit Bedienten und Aufwärtern. Er richtete an einen derselben seine Frage nach dem Herr im Zimmer Nr. 12.; dann an das plauderlustige Mädchen die, nach dem Befinden des Fräuleins Clara. Therese aber lächelte ihn schalkhaft an, empfahl sich mit behendem Knix und den Worten: Ich weiß, ich weiß, wen Sie suchen. Nur ein Augenblickchen Geduld, Herr Hauptmann, ich werde Sie melden. Folgen Sie mir gefälligst. Die Zofe tanzte mit leichten Füßen die Treppe hinauf und verschwand. Flavian, der ihr erwartungsvoll nachgefolgt war, sah sie wenige Minuten später aus einem anderen Zimmer zurückkehren. Sie ließ es offen, und mit den Fingern dorthin deutend, sagte sie: Hier wohnt gewiß der Herr, den Sie suchen. Treten Sie ein. Er trat in ein geräumiges, niedliches Zimmer, dessen Thüre sich hinter ihm schloß. Am Fenster aber stand eine Dame in Trauer gekleidet, wie in tiefen Gedanken, mit gesenktem Haupte und vor sich hingefalteten, niederhangenden Händen, anscheinend ohne ihn zu bemerken. Ein schwarzer Kreppflor umhüllte vom Scheitel bis zu den Fersen ihre Gestalt. Verlegen und nichts weniger, als mit dem naseweisen Mädchen zufrieden, welches sich's herausnahm, ein Späßchen zu treiben, blieb der Hauptmann stehen; bat um Verzeihung, durch Irrthum hieher gerathen zu sein und wandte sich wieder der Thür zu, als er hinter sich eine leise, zitternde Stimme hörte: Sie sind bei der genesenden Clara. Clara? wiederholte Flavian, der seinen Sinnen nicht traute, mit Erstaunen. Er wagte keinen Schritt näher zu treten, ungewiß, ob nicht etwa ein fade begonnener Scherz des Kammermädchens von einer Gehülfin weiter gesponnen werden sollte. Indessen stand auf einem Tischchen unter dem Spiegel, in einem Glase Wasser, ein grüner Rhododendronzweig, dem ähnlich, welchen er am Tage zuvor auf dem Grath des Panixer-Passes für die Kranke gepflückt hatte. Die Trauernde schien seinen Blick auf das Glas zu bemerken und sagte mit halblauter, weicher Stimme: Die Blätter leben, sie grünen noch immer. Flavian, beim Klange dieser Stimme wie versteinert, starrte erblassend und mit verlorenen Sinnen die Erscheinung an. Sie erwarteten eine Andere, begann diese mit etwas festerem Tone wieder. Meine Handschrift ist Ihnen, scheint es, fremd geworden; – – – vielleicht auch die Person selbst. Sei es! sei es, wenn mich Pauline täuschen konnte. Ich habe Ihnen gegenüber schwer gefehlt, lieber Prevost; nun denn, verachten Sie mich! Ich will gern büßen. In Wien war ich allein die Schuldige, und jetzt bin ich abermals Ihre Schuldnerin, der Sie mich und meine Freundin aus den Gräueln Ihres Vaterlandes gerettet haben. – Sie kennen jetzt das Blendwerk, mit dem ich hintergangen wurde, Sie wissen, wie ich hieher gerathen bin und warum. Die Verhüllte schritt mit edler Haltung durch das Zimmer auf ihn zu, schlug den schwarzen Kreppflor zurück, reichte ihm ein Medaillon an einer schweren goldenen Kette, und sprach: Hier ist die Rose von Disentis zurück, wenn Sie mich noch verdammen können. Sprechen Sie das Urtheil! Das Fräulein von Marmels stand in vollendeter Jungfräulichkeit und schöner, als jemals, vor ihm; ihr Gesicht trug noch dieselben kindlichzarten, seelenreichen Züge, nur war es etwas blässer und die Augenlieder, wie von eben geweinten Thränen, geröthet. Einen Augenblick nur hatte sie den stolzen Muth gehabt, ihn anzusehen; dann ließ sie die ausgestreckte Hand sinken und neigte das Haupt, wie verzagt, auf die Brust. Wie eine Sünderin stand sie verstummt da, des Richterspruchs gewärtig. Aber auch er, wie von einem Zauber umfangen, blieb unbeweglich und sprachlos. Bei dieser beglückenden Aufregung schlug ihm das Herz in der Brust, als wolle es zerspringen; er war außer Stande, einen Gedanken zu fassen, denn zahllose durchkreuzten zu gleicher Zeit sein Gehirn. Es flirrte vor seinen Augen; er sah und hörte nicht. Dieselbe Gestalt, die ihm während seines Wundfiebers einst im Traume erschienen war, ja, der Traum war noch einmal da. Elfriede! – Er lispelte den Namen fast bewußtlos, ohne daß sich einer der starren Züge des Gesichtes änderte. Sie antwortete nicht. Elfriede! wiederholte er. Seine Stimme war ein Seufzer; doch in diesem Seufzer wurde es heller um ihn und in ihm. Er nahte sich langsam der Furchtsamen, die, ein Bild der Demuth, wie in sich zusammengesunken, schweigend und unbeweglich vor ihm blieb. Er ergriff ihre Hand und drückte sie bebend an seine Lippen. Tiefere und schnellere Athemzüge verkündeten das ihn zu gleicher Zeit beherrschende höchste Weh und höchste Entzücken. Er zog die kalte, zarte Hand an sich. Elfriede blickte bange und wehmüthig zu ihm auf und sank ihm laut weinend entgegen. Als das Bewußtsein Beider zurückkehrte, fanden sie sich Hand in Hand, Stirn an Stirn gelehnt, auf einem Sopha des Zimmers beisammen sitzend. In stummer Zärtlichkeit waren Auge in Auge, Seele in Seele verloren. Sie wollten Worte aussprechen, und konnten sich nur leise ihre Namen zuhauchen. In diesen Namen jedoch lag der ganze Himmel der Gegenwart und aller Gram der Vergangenheit. Großer Gott, verzeihe dem Seelenmörder Malariva, lispelte sie schmerzlich. Elfriede, entweihe niemals Deine Lippen mit diesem Namen, flüsterte er zurück, und berührte mit seinen Lippen die ihrigen, als wolle er sie wieder heiligen. Flavian, lallte sie, und legte ihren Arm schüchtern um ihn. Du hast vergeben? Du also, Du, Elfriede, warest dennoch der Engel, der mir am Krankenlager erschien? Flavian, ich war's, um Dich noch einmal zu sehen; ich selbst schwebte damals zwischen Leben und Tod. O Du Unbarmherzige, schalt er leise und zog sie fester an seine Brust. Warum verbargst Du Dich, Du meine ewige Liebe, bis zu dieser Stunde vor mir? Zürne nicht mehr, Flavian, zürne nicht, sagte sie schmeichelnd. Wenn auch Zweifel mich einschüchterten – mein Herz glaubte ja an Dich. Die schlaue, die böse Pauline, sprach er nach einer kurzen Pause, über sich selbst lächelnd. Ein so frommes Gesicht konnte mich so arg und so lange täuschen! Segne, Flavian, segne mit mir die Himmlischgute, die Starke, die Kluge, die Treue. Beide flüsterten in solchen Wechselreden lange mit einander. Liebkosungen unterbrachen die Fragen; Fragen die Liebkosungen. Draußen wurde leise an die Thür gepocht; die Glücklichen hörten es nicht. Leise wurde die Thüre geöffnet; sie sahen es nicht. Die Eingetretenen näherten sich dem Paare. Frau von Schauenstein heftete ihre Blicke neugierig und verlegen auf die schöne Fremde, und wagte kaum zu athmen. Doch das Fräulein von Stetten schaute mit fröhlichen Blicken auf die Seligen; dann neigte sie sich, mit dem Lächeln des Muthwillens, und flüsterte halblaut in Elfriedens Ohr: Ich sehe, ich sehe! – Vollendete Versöhnung! Elfriede, bestürzt und verschämt, sprang auf, umschlang die Freundin und verbarg am Busen derselben ihr glühendes Antlitz. Flavian umarmte die Schwester küssend und rief: Sabine, nun ist mir mein Leben wieder gegeben! Aber, fuhr er, auf Pauline zeigend, schalkhaft fort, hüte Dich vor dieser bösen Fee. Sie konnte es mir so lange vorenthalten! – Er nahm dann Elfriede aus den Armen der schelmisch-triumphirenden Pauline, führte sie der Frau von Schauenstein zu und sprach: Hier, Schwester, Deine einzige Nebenbuhlerin in meinem Herzen, – – Deine Schwester. Das Fräulein verneigte sich erröthend zu der jungen Wittwe. Beide beobachteten sich einen Augenblick mit Wohlgefallen, jede überrascht von der Anmuth der Andern; dann umschlossen sie einander, schweigend; trennten sich mit feuchten Augen, und betrachteten sich abermals mit gegenseitiger Bewunderung. Die feierliche Stille unterbrach zuerst das Fräulein von Stetten und fragte: Soll ich hier allein die stumme Rolle spielen? Das sei ferne! Ich will bei diesen zwei lieben und liebenden Verwaisten die Stelle der Mutter vertreten. Sie ergriff Flavian's und Elfriede's Hand und legte sie in einander. Flavian zog die Liebeselige beseligt zu sich hin und senkte, mit einem Blicke, der etwas zu fragen schien, seine Stirn an die ihrige. Da nahm Pauline das Medaillon vom Sopha; warf die schwere Goldkette um Beider Nacken; küßte Beide und sprach oder stammelte in tiefer Rührung: So bleibt durch die Rose von Disentis aus ewig verbunden! – Amen! lispelte Sabine, still weinend. Hier können wir ohne Gefahr die Geschichte abbrechen, deren Ausgang Jeder erräth.