Edward Bulwer Paul Clifford. Drittes Bändchen. Zwölftes Kapitel. Erhebt Euch, 's gilt der Beute Ihr lustigen, munteren Leute. Johanna Baillie. Als der Mond in dieser Nacht aufging, da war, ungefähr zehn Meilen von Warlok eine Stelle, auf die er blasser herunter schien, eine Stelle welche der gewarnte Reisende wol nicht gern hätte passiren mögen, aber die kein unwürdiges Studium für Künstler gewesen wäre, welche von dem kühnen Maler der Apenninnen die Liebe für das Wilde und Abenteuerliche gelernt haben. Dunkle Bäume, weit und breit über einen durchbrochenen aber grünen Nasen zerstreut, bildeten den Hintergrund; der Mond schimmerte durch die Zweige, als er langsam aus seinem Wolkenschloß hervortrat und ergoß einen breiteren Stral auf zwei Gestalten, die eben hinter den Bäumen hervorkamen. Ein Reiter, durch den Mond in ein helleres Licht gesezt als sein Begleiter, in einen kurzen Mantel gehüllt, der kaum das Kreuz des Pferdes bedekte, betrachtete die Pfanne einer grosen Pistole, welche er so eben aus der Halfter gezogen hatte. Ein tief eingedrükter Hut und eine Maske von schwarzem Krepp verstärkten noch den Verdacht gegen die Absichten des Reiters, welchen jene Bewegung natürlich erregte. Sein Pferd, ein schöner Schwarzschimmel, stand ganz regungslos mit gebogenem Halse, seine kurze Ohren rasch hin und her bewegend, ein Zeichen von der scharfen, ahnenden Aufmerksamkeit, welches dieses edelste aller zahmen Thiere auszeichnet; man hätte die Ungeduld des Rosses aus nichts errathen können, als aus dem weißen Schaum, der um das Gebiß sich ansezte und dem gelegentlichen nicht häufigen Schütteln des Kopfes. Hinter diesem Reiter und zum Theil in dem dunkeln Schatten der Bäume war ein zweiter, ähnlich gekleideter Mann beschäftigt, den Gurt eines sehr kräftigen und gewaltigen Pferdes anzuziehen. Unter dieses hinein sumte er mit nicht unmusikalischem Gemurmel die Weise eines beliebten Trinklieds. »Zum Henker, Ned,« sagte sein Kamerade, der einige Zeit in schweigende Träumerei versunken war, »zum Henker, was könnt ihr denn Eure Liebe zu den schönen Künsten nicht einmal in einem Augenblik wie dieser unterdrüken? Dein Gesumse da wird mit jedem Augenblik lauter; ich erwarte noch daß es am Ende in ein volles Gewieher ausbricht; bedenke doch, wir sind jezt nicht beim Gentleman George!« »Um so mehr ist es Schade, Augustus!« antwortete Ned, »Heda, kleiner John! Holla Bursch! eine hübsche lange Nacht wie diese ist ganz fürs Trinken gemacht. – Wollt Ihr, Sir? Haltet still denn! »Der Mensch ist nie glüklich, sondern immer im Begriff es zu werden,« sagte der moralisirende Tomlinson, »so, seht Ihr, sehnt Ihr euch jezt nach einem andern Ort, da wir doch eine so schöne Nacht und die Aussicht auf eine Bescherung vor uns haben.« »Ja die Nacht ist schön genug,« sagte Ned, der ein unzufriedner Krittler war, als er nach Vollendung seiner Reitknechtsgeschäfte sich aufs Pferd geschwungen. »Verflucht, Oliver macht ein so breites Maul, als ob er schwätzen wollte. Ich meines Theils lobe mir eine dunkle Nacht, mit einem Stern hier und dort, der uns zublinzelt, als wollte er uns sagen: »ich seh Euch Kinderchen, aber ich möchte kein Wort davon sagen, und einen kleinen, rieselnden, stäubenden, geschwäzigen Regen, der verhindert, daß man die Hufe von Klein-John nicht hört und Einem gleichsam den Rükzug dekt. Zudem, wenn man ein wenig durchnezt wird, ist es immer nöthig mehr zu trinken um sich die Kälte vom Magen abzuhalten, wenn man heim kommt.« »Oder mit andern Worten,« sagte Augustus, der eine Maxime über Alles liebte, »eine leichte Nezung verlangt eine gründliche Nezung.« »Gut!« sagt« Ned gähnend, »zum Henker damit! ich wollte der Hauptmann käme. Wißt Ihr, welche Stunde es ist? Nicht sehr weit von elf, denk' ich?« »Ungefähr so, bscht! ist das ein Fuhrwerk? nein, es ist nur eine plözliche Regung im Wind.« »Sehr eigenmächtig vom Herrn Wind, daß er wagt, ohne unsre Hilfe sich zu regen!« sagte Ned; »beiläufig, wir gehen natürlich in die rothe Höhle zurük?« »Ja, so sagt der Hauptmann Lovett – sagt wir, Ned, was haltet Ihr von dem neuen Gesellen, den Lovett in die Höhle gebracht hat?« »O, da hab' ich sonderbare Bedenklichkeiten,« antwortete Ned, sein prachtvoll behaartes Haupt schüttelnd, »ich habe nur halbe Freude daran; bedenkt, die Höhle ist unser fester Haltpunkt und sollte nur bekannt werden – – –« »Männern von erprobter Tugend,« unterbrach ihn Tomlinson. »Ich stimme Euch ganz bei. Ich muß Lovett dahin zu bringen suchen, daß er diesen sonderbaren Protégé , wie der Franzose sagt, verabschiedet.« »Bei Gott, Augustus, wie kamt Ihr zu so viel Gelehrsamkeit? Ihr könnt alle Dichter auswendig, um nichts vom Latein und Französischen zu sagen.« »O zum Kukuk, ich ward wie der Hauptmann, zu einem gelehrten Beruf erzogen.« »Das macht, daß Ihr so fett mit ihm seid, denk' ich. Er dichtet (und singt auch) ein erträgliches Lied und ist gewiß ein verhenkert gescheuter Kerl. Wie ist er in der Welt gestiegen! denkt Euch noch, was für ein armer Teufel er war, als er bei Gentleman George eingeführt wurde, und jezt ist der Hauptmann bei der Bande.« »Der Bande! Kompagnie, wollt Ihr sagen. Bande, fürwahr! Man sollte meinen, Ihr sprecht von einer Rotte Taschendieben. Ja, Lovett ist ein gescheuter Kerl, und dank mir, ein sehr anständiger Filosof!« (Wir können unmöglich unsrem Leser die ernste, wichtige Miene beschreiben, womit Tomlinson sich selbst dieses Lob zum Schluß ertheilte.) »Ja,« sagte er nach einer Pause, »er hat eine keke, gerade Weise, die Sachen anzusehen, und wie Voltaire wird er ein Filosof, weil er ein Mann von Sinn und Verstand ist. Bscht! sieh die Ohren meines Pferdes! Jemand kommt, obgleich ich noch nichts höre; paß auf!« Die Räuber verhielten sich still, der Schall fernen Hufschlags ließ sich undeutlich vernehmen, und als er näher kam, hörte man ein Geraschel von Strauchwerk, als ob eine Heke durchritten würde, und im Augenblik beleuchtete der Mond malerisch die Gestalt eines Reiters, der durch das Buschholz im Rüken der Räuber sich näherte. Jezt war er in den Krümmungen des Waldweges halb sichtbar, jezt bot sich seine volle Gestalt dem Auge dar, jezt war er ganz verborgen – dann wieherte sein Pferd ungeduldig; jezt wurde er wieder sichtbar und in einem Augenblik darauf erreichte er das Paar. Der Ankömmling war von grossem, nervigem Wuchse und in der ersten Blüte des Mannesalters. Ein schwarzgrüner Rok, mit schmalen Silberborten verbrämt und vom Hals bis in die Mitte zugeknöpft, stand ganz gut zu einer stolzen Miene, breiter Brust und einem schlanken aber gerundeten Leib, welcher der Zusammenpressung durch den Schneider nicht bedurfte. Ein kurzer Reitmantel, mit einer silbernen Hafte am Hals befestigt, hieng malerisch über die eine Schulter. Seine Beine waren mit militärischen Stiefeln bekleidet, die, obwohl sie über das Knie heraufreichten, doch den kräftigen Schenkeln des Reiters offenbar weder lästig noch beschwerend waren. Der Zeug des Pferdes, Gebiß, Zügel, Sattel, Halftern, war nach der neusten besten Mode gearbeitet, und das Pferd selbst war im besten Stand und von ausgezeichneter Schönheit. Die Haltung des Reiters war aufrecht und trozig; ein kleiner aber kohlschwarzer Schnurrbart erhöhte den entschlossenen Ausdruk seiner kurzen, gekrümmten Lippe, und unter dem breiten Hut, der über seine Stirne hereinragte, wallten seine Haare hervor und wehten schwarz durch die frische Nachtluft. Reiter und Roß zusammen hatten ein stattliches, und sogar rittermäßiges Aussehen, welches die Zeit und der Ort zu einer dramatischen und romantischen Wirkung verstärkte. »Ha, Lovett!« »Was macht Ihr, meine lustigen Leute?« so lautete die wechselseitige Begrüßung. »Was Neues?« fragte Ned. »Wakre Neuigkeiten! paßt auf! der Lord und sein Wagen kommen in höchstens 10 Minuten.« »Habt Ihr aus dem Pfaffen, den ich so superb in Angst jagte, noch etwas Weiteres herausgebracht?« fragte Augustus. »Nein! davon nachher mehr. Jezt an unsre neue Beute!« »Seid Ihr gewiß, daß unser edler Freund so bald erscheinen wird?« sagte Tomlinson, sein Pferd tätschelnd, das jezt in aufgeregter Munterkeit scharrte. »Gewiß! Ich sah ihn die Pferde wechseln; ich war gerade im Hof beim Stall; er stieg für eine halbe Stunde aus, um zu essen, denke ich; glaubt mir, ich habe ihm in der Zwischenzeit einen Streich gespielt!« »Wie stark?« fragte Ned. »Er und sein Bedienter.« »Die Postknechte?« »Ja, die vergaß ich. Das macht nichts; Ihr müßt sie in Schreken jagen.« »Vorwärts!« rief Ned, und sein Pferd bäumte sich unter seiner bewaffneten Ferse. »Einen Augenblik,« sagte Lovett, »ich muß meine Maske anlegen – ruhig, Robin, ruhig! Jezt darauf! Vorwärts!« Rasch verschwanden die Bäume hinter den Reitern und sie gewannen in raschem Galopp eine große Streke wüstes Land, da und dort von Gräben und geflochtenen Zäunen durchschnitten, worüber ihre Pferde mit der Leichtigkeit daran ganz gewohnter Thiere sezten. Gewiß in einem solchen Augenblik, vergegenwärtigt man sich die frische Luft, das abwechselnde Mondlicht, das bald mächtig hervorbricht, bald in einer vorüberziehenden Wolke sich verliert, die ermuthigende Bewegung, und die rasche, lebendige Wallung des Bluts, welche jede That, sei sie ihrem Wesen nach bös oder edel, in unsren Adern erregt, bedenkt man dies Alles, so kann man nicht umhin diesem gesezlosen Leben einen ganz neuen Zauber zuzugestehen: einen Zauber der so weit geht, daß einer der bekanntesten Herren Hochstraßen-Ritter jener Zeit, der noch dazu eine treffliche Erziehung genossen und sich nie mit gemeiner Gesellschaft abgegeben hatte, als er schon den Strik um den Hals hatte und der gute Geistliche ihn zur Reue über sein übelangewendetes Leben ermahnte, gesagt haben soll. – » Uebel angewendet! ihr Hund! Gott, (und dabei schmazte er mit dem Mund) es war ganz köstlich!« »Pfui, pfui, Herr – –, erhebt Eure Gedanken zum Himmel!« »Aber ein kurzer Galopp über einen Gemeindeanger, oh!« murmelte der Verbrecher, und seine Seele galoppirte in die Ewigkeit hinüber. So gewaltig schlug dem Führer unter den Dreien das Herz, daß, als sie der Hauptstraße ansichtig wurden, und das ferne Rollen eines Wagens ihnen ins Ohr rasselte, er die rechte Hand mit einer freudigen Geberde erhob und in einen knabenhaften Ausruf der Lustigkeit und Wonne ausbrach. »Bscht, Hauptmann!« sagte Ned, mit angenommenem Ernst seine eigne Freude dämpfend, »wir müssen uns wie Gentlemen betragen, nur für gemeine Bursche ziemt sich in die Freude so verwünschte Ausgelassenheit; Männer von Welt wie wir, müssen Alles wie mit gebrochnem Herzen verrichten.« »Melancholie ist immer im Bunde mit der Erhabenheit, und der Muth ist etwas Erhabenes,« sagte Augustus mit der Feierlichkeit eines Sentenzenschmieds. Ein Grundsaz, an welchem Frau von Stäel, welche die Filosofie in edle Gefühle sezte, ihre Freude gehabt hätte. Im Leben des Lord Byron, das so eben von Herrn Moore herausgegeben worden, stellt der ausgezeichnete Biograf eine ähnliche Behauptung auf, wie die des weisen Augustus: »Wann entsprang je ein erhabener Gedanke in der Seele, ohne daß nicht die Schwermuth, wenn gleich verborgen, in seiner Nachbarschaft sich befunden hätte?« Nun wahrlich, mit aller schuldigen Ehrerbietung gegen Herrn Moore, das ist eine sehr kränkelnde Ausgeburt des Unsinns, ohne ein Atom von Wahrheit das ihm zur Unterlage dienen könnte. »Gott sprach: es werde Licht! und es ward Licht!« wir wären begierig zu erfahren, wo das Melancholische an diesem erhabenen Spruch zu finden sein soll? »Die Wahrheit,« sagt Plato, »ist der Leib Gottes und das Licht ist sein Schatten.« Im Namen des gesunden Menschenverstandes fragen wir: in welchem Winkel, in welcher Falte lauert, neben diesem erhabenen Bilde, das gelbsüchtige Antliz der ewigen bête noire des Herrn Moore? Ferner, in jener erhabensten Stelle des Erhabensten der lateinischen Dichter des Lucretius, wo er in ehrendes Lob des Epikur ausbricht – ist da etwas, das nach Schwermuth aussieht? Im Gegentheil! in den drei Stellen, auf die wir uns beziehen, besonders in den zwei zuerst angeführten, ist etwas glänzend Strahlendes und Wonnevolles. Die Freude ist oft eine reiche Quelle des Erhabenen; das Ueberraschende ihrer Ausbrüche schon würde sie dazu machen. Was kann erhabener seyn, als die triumfirenden Psalmen Davids, trunken von einer beinah verzükten Begeisterung? Selbst in den düstersten Stellen der Dichter, (Primus Grajus homo mortales tollere contra etc. Zu diesen Beispielen möchten wir besonders noch die Gesänge von Pindar, Horaz und Campbell hinzufügen.) wo wir die Erhabenheit anerkennen, finden wir nicht oft die Melancholie. Wir werden vom Schreken erschüttert, vom Entsezen gebleicht, aber selten schmelzen wir in sanfter Wehmuth hin. Gewiß, die Melancholie gehört eher einer andern Art von Empfindungen an, als denjenigen, welche durch eine erhabne Stelle gewekt werden oder welche eine solche eingeben. Einerseits wollen wir einen Critiker herausfordern, in den erhabensten Geistesflügen Homers, Miltons und Shakspeare's jene gallichte Kränklichkeit aufzufinden, welche Herr Moore zur Verherrlichung jenes Siechthums anwenden könnte. Anderseits: wo ist der Beweis, daß die Melancholie die Seelenstimmung dieser göttlichen Männer gewesen? Von Homer wissen wir nichts; von Shakspeare und Milton haben wir Ursache zu glauben, ihr Gemüth habe in der Regel einer freudigen Gesundheit genossen. Der leztere rühmte sich dessen. Tausend Fälle, alle einer Behauptung widersprechend, gegen welche zu streiten es sich nicht der Mühe lohnte, wäre sie nicht so allgemein verbreitet, durch so hohe Gewährsmänner vertheidigt und von so unabsehlichem Nachtheil für alles Mannhafte und Edle in der Literatur, drängen sich unserm Gedächtniß auf. Aber wir glauben schon genug citirt zu haben, um den Saz zu entkräften, den der berühmte Biograf selbst in mehr als zwanzig Stellen entkräftet hat, die, wenn er selbst sie zu vergessen beliebte, die Nachwelt, dem Himmel sei Dank, nicht vergessen wird. Da wir einmal bei dieser Lebensbeschreibung sind, die in manchen Beziehungen so trefflich ist, so können wir die Bemerkung nicht unterdrüken, daß wir die ganze Richtung der Filosofie darin, für gänzlich eines so hochgebildeten Geistes, wie der Verfasser ist, unwürdig halten; diese Filosofie besteht in einer unverzeihlichen Verzerrung allgemeiner Wahrheiten, den Eigenthümlichkeiten eines Individuums zulieb, eines fürwahr edlen, aber durch sein krankhaftes und excentrisches Wesen zum Sprüchwort gewordnen Mannes. Ein schlagender Beweis hievon begegnet uns in der geschraubten Behauptung: daß Dichter im Familienleben unglükliche Charaktere seien. Wie! weil man Lord Byron nachgesagt, er sei ein schlimmer Gatte gewesen – war (um nicht weit nach Beispielen zu gehen,) war Walter Scott ein schlimmer Gatte? oder Campbell? oder Herr Moore selbst? Wie im Namen der Gerechtigkeit, wollte man geltend machen, Milton sei ein schlimmer Gatte gewesen, wenn, so weit man über die Sache urtheilen kann, Mrs. Milton ein böses Weib war? Und wie, ha! wie kommt Herr Moore, ein Mann dem es, nach Capitän Rock und dem Epikuräer zu urtheilen, weder an Gelehrsamkeit noch an Fleiß fehlt, wie kommt er dazu uns mit besondrer Emfase zu sagen: Lord Bakon habe nie geheirathet, da Lord Bakon nicht nur verheirathet war, sondern da seine Ehe sogar so glüklich war, daß sie einen Wendepunkt in seiner Lebensbahn bildete? Wahrlich, wahrlich man fängt an zu glauben, es gebe in der Welt gar nichts dergleichen wie eine geschehene Thatsache! »Jezt aus dem Gehege vorgebrochen!« rief Lovett, auf das Gespräch seiner Kameraden nicht achtend, und sein Pferd sezte auf die Straße. Die drei Männer hatten sich jezt ganz still und ohne Regung längs dem Gehege in Schlachtordnung gestellt. Die breite Straße lag vor ihnen, und bildete zu beiden Seiten eine Krümmung, wodurch sie sich dem Auge entzog; der Boden erstarrte unter einem frühen Anflug von Frost und der helle Ton sich nahender Hufschläge schallte den Räubern ins Ohr – eine Vorbedeutung vielleicht vom Klang eines Metalls mit stärkerer Anziehungskraft, das, wenn die Hoffnung sie nicht mit Mährchen täuschte, ihre Beute werden sollte. Ebenjezt erschien das lang erwartete Fuhrwerk, um die Wendung der Straße herumbiegend, und rollte mit Eile dahin von vier flüchtigen Post-Pferden gezogen. »Ihr, Ned, mit eurem mächtigen Roß haltet die Pferde an. Ihr, Augustus, sezt die Postknechte in Angst; mir überlaßt das Uebrige,« sagte der Hauptmann. »Sehr wohl!« versezte Ned, lakonisch. »Jezt, seht einmal mich an!« und hiemit sprengte der eitle Hochstraßen-Ritter sein Pferd aus seinem Verstek. So blizähnlich waren die Operationen dieser erfahrenen Taktiker, daß Lovetts Befehle in beinah noch kürzerer Zeit vollzogen waren, als sie ihn zu geben gekostet hatten. Der Wagen wurde angehalten und die Postknechte erbleichten und zitterten bei dem Anblik von zwei drohenden Pistolen, die ihnen Augustus und Pepper vorhielten; Lovett stieg ab, öffnete den Wagenschlag und redete den Insaßen in sehr höflichem Tone und in anmuthiger Weise also an: »Beunruhigen Sie sich nicht, mein Lord! Sie sind vollkommen sicher; wir verlangen nichts als ihre Uhr und Börse.« »In der That,« antwortete eine noch sanftere Stimme als die des Räubers, während ein scharf gezeichnetes und etwas französisches Gesicht, mit einer Pelzmüze gekrönt, sich dem Angreifer offenbarte – »In der That, Sir, Ihre Forderung ist so bescheiden, daß es mehr als grausam wäre, sie Ihnen abzuschlagen. Meine Börse ist nicht sehr voll, und Sie mögen sie so gut hinnehmen als einer meiner schuftigen Gläubiger; aber meine Uhr – ich habe eine besondere Vorliebe – und –« »Ich verstehe Sie, mein Lord,« unterbrach ihn der Hochstraßen-Ritter, »wie hoch schlagen Sie ihren Werth an?« »Hm! für Sie mag sie etliche und zwanzig Guineen werth sein.« »Wollen Sie mich sie sehen lassen?« »Ihre Neugier ist mir ausserordentlich schmeichelhaft,« versezte der Edelmann, indem er mit großem Widerstreben eine goldne Repetiruhr, nach dem Geschmak der damaligen Zeit in kostbare Steine gefaßt, hervorzog. Der Highwayman warf einen leichten Blik auf das Kleinod. »Ihre Lordschaft,« sagte er mit großem Ernst, »war in der Schäzung zu bescheiden – Ihr Geschmak wirft ein glänzenderes Licht auf Sie; erlauben Sie mir zu versichern, daß Ihre Uhr fünfzig Guineen werth ist – wenigstens für uns; zum Beweis, daß dies meine aufrichtige Ansicht ist, will ich sie entweder behalten, und wir sprechen dann nicht weiter von der Sache; oder ich will sie Ihnen zurükgeben auf Ihr Ehrenwort, daß Sie mir einen Wechsel auf 50 Guineen ausstellen wollen zahlbar bei Ihren wirklichen Bankiers auf Sicht. Entscheiden Sie sich, mir gilt es ganz gleich.« »Auf Ehre, Sir,« sagte der Reisende mit einiger Ueberraschung, die auch in seinen Zügen sich kund gab, »Ihre Kälte und Selbstbeherrschung sind ganz bewundernswerth. Ich sehe, Sie kennen die Welt.« »Ihre Lordschaft schmeicheln mir!« erwiderte Lovett mit einer Verbeugung. »Was ist Ihr Entschluß?« »Nun, ist es denn möglich, Wechsel zu schreiben, ohne Tinte, Feder und Papier?« Lovett zog sich zurük und während er in seinen Taschen nach den Erfordernissen zum Schreiben suchte, die er immer bei sich führte, benuzte der Reisende die Gelegenheit, riß plözlich eine Pistole aus der Wagentasche und zielte mitten auf den Kopf des Räubers. Der Reisende war ein treflicher, geübter Schüze, er war beinah nur eine Armlänge von seinem Opfer entfernt, seine Pistolen waren von allen seinen irländischen Freunden beneidet. Er drükte los, das Pulver verloderte auf der Pfanne und der Highwayman, ohne auch nur die Miene zu verziehen, zog eine kleine Tintenflasche hervor, tauchte eine stählerne Feder hinein, händigte sie dem Edelmann ein und sagte mit unvergleichlicher Kaltblütigkeit, »belieben Sie, mein Lord, auch die andre Pistole zu versuchen? wenn dies ist, so ersuche ich Sie rasch zu zielen, da Sie die Nothwendigkeit sehen, die Sache ins Reine zu bringen. Wo nicht – hier ist die Rükseite eines Briefs, worauf Sie den Wechsel schreiben können.« Der Reisende war nicht der Mann, der leicht über etwas in Verlegenheit kam, ausgenommen seine Geldverhältnisse; aber sicherlich fühlte er sich einigermaßen verwirrt und aus der Fassung gebracht, als er das Papier nahm und einige halbe Worte murmelnd, die Anweisung schrieb. Der Freiritter warf einen Blik darauf, sah ob sie in aller Form geschrieben war, gab dann mit einer kalten, achtungsvollen Verbeugung die Uhr zurük, und schloß die Wagenthüre. Mittlerweile war der Bediente, vor Furcht zitternd, in der einsamen Vorderloge gesessen, die nicht eben sehr zierlich Bok genannt wird. Ihn redete jezt der Räuber kurz an: »Was habt Ihr bei Euch, das Eurem Herrn gehört?« »Nichts als seine Pillen, Ihr Ehren, die ich vergaß in die –« »Pillen! gebt sie mir herüber!« der Kammerdiener zog zitternd aus seiner Seitentasche eine kleine Büchse, die er herunterwarf und die Lovett mit der Hand auffing. Er öffnete die Büchse und zählte die Pillen. »Eine, zwei, vier, zwölf, aha!« Er öffnete wieder den Wagenschlag. »Sind das Ihre Pillen, mein Lord?« Der verduzte Peer, der schon wieder in der Eke seines Wagens sich einzurichten begonnen hatte, antwortete bejahend. »Mein Lord, ich sehe, Sie haben starkes Fieber; Sie waren in einem kleinen Dilirium so eben, als Sie die Pistole auf Ihren Freund abdrükten. Erlauben Sie mir Ihnen ein Gegenmittel zu empfehlen; verschluken Sie alle diese Pillen!« »Mein Gott!« rief der Reisende, der ernstlich erschrak; »was meinen Sie? zwölf solche Pillen würden einen Menschen umbringen.« »Hört Ihr's?« sagte der Räuber, sich zu seinen Kameraden wendend, welche laut auflachten. »Was! mein Lord, Sie wollten sich gegen Ihren Arzt auflehnen? Pfui, pfui, lassen Sie sich bereden!« Und mit einer zusprechenden Geberde stekte er das Pillenschächtelchen der sich sträubenden Nase des Reisenden hin. Aber dieser war, obgleich er so gut als Einer gute Miene zum bösen Spiel zu machen verstand, ganz besonders für seine Gesundheit besorgt, und wo diese verheiligt wurde, so hartnäkig, daß er sich lieber der sichern Wirkung einer blauen Bohne, als der möglichen Wirkung einer Extra-Pille ausgesezt hätte. Mit heftiger Entrüstung riß er deswegen die ihm noch vorgehaltene Büchse dem Räuber aus der Hand, schleuderte sie auf die Straße und sagte mit Würde: »Thut das Aergste, Bösewichter! Aber wenn Ihr mich leben laßt, so sollt ihr die Beleidigung bereuen, die Ihr einem von seiner Majestät Haushalt angethan!« Dann, als ob er das Lächerliche fühlte, in seiner gegenwärtigen Lage sich ein solches Ansehen geben zu wollen, sezte er mit verändertem Tone hinzu: »und jezt um Gotteswillen, schliest die Thüre! und wenn Ihr Jemand tödten müßt – da sizt mein Bedienter auf dem Bok; er ist dafür bezahlt.« Diese Worte brachten die Räuber zu einem unmäßigen Gelächter, und Lovett, der einen Wiz sogar einem Beutel vorzog, schloß unverzüglich die Wagenthüre und sagte: »Adieu, mein Lord! lassen Sie mich Ihnen noch einen Rath geben: wenn Sie in einer Herberge auf dem Lande aussteigen und sich während des Pferdewechsels eine halbe Stunde verweilen, so nehmen Sie Ihre Pistolen mit heraus, oder Sie laufen Gefahr, daß die Ladung herausgezogen wird.« Nach dieser Ermahnung entfernte sich der Räuber, und da er sah, wie der Kammerdiener ihm eine lange grüne Börse entgegenhielt, sagte er, vornehm den Kopf schüttelnd: »Schelme sollen sich nicht unter einander berauben, mein guter Freund. Ihr plündert Euern Herrn – das thun wir auch – jeder behalte was er bekommen hat.« Dann bestiegen der lange Ned und Tomlinson wieder ihre Pferde und der Wagen wurde freigelassen; die Postknechte fuhren mit einer Eile davon, die weniger Schonung für das Leben zu zeigen schien, als selbst die Räuber bewiesen hatten. Indessen bestieg der Hauptmann sein Pferd wieder und die drei Verbündeten sprengten mit anmuthiger Gewandheit über das Gehege, durch welches sie zuvor die Straße gewonnen hatten, galoppirten in derselben Richtung, in der sie gekommen, davon; der Mond sezte hin und wieder ihre verschwindenden Gestalten in ein helles Licht, und der Ton manchen fröhlichen Ausbruchs von Lachen erschallte in der Ferne durch die kalte Luft. Dreizehntes Kapitel.                               Was find ich hier? Gold? Ha! solche Fülle macht den Mohren weiß. Und schön aus garstig. Timon von Athen. Da kam ein Herr daher, nett, schön gepuzt. Frisch wie ein Bräutigam. Heinrich IV. Ich kenne Niemand, den ich eher miede Als diesen hagern Cassius. Er liest Viel, Er ist ein großer Prüfer und durchschaut Das Thun der Menschen ganz; Er lächelt oftmals, doch in solcher Weise Als spott' er sein, verachte seinen Geist, Den irgend was zum Lächeln bringen könne. Julius Cäsar. Als am nächsten Tag, spät Nachmittags, Lucie neben ihrem Vater saß, nicht wie gewöhnlich mit einer Arbeit oder mit Lesen beschäftigt, sondern dem Anschein nach ganz müßig ihren hübschen kleinen Fuß auf den Podagraschemel des Squire's gesezt und die Augen auf den Teppich geheftet, während sie ihre Hände (keine Hand war so sanft und klein wie die Luciens, obwol sie an Weisse vielleicht übertroffen werden konnte,) leicht in einander gefaltet und nachdenklich auf ihren Knieen ruhen hatte, trat plözlich der Chirurgus des Dorfs mit einem Gesicht voll Neuigkeiten und Entsezen ein. Der alte Squire Brandon war einer von den Leuten, die immer die Neuigkeiten, welcher Art sie sein mögen, später hören als ihre Nachbarn und erst nachdem alle Klatschmäuler der Umgegend den Knochen der Sache ganz glatt genagt hatten, wurde er jezt durch die Vermittelung des Herrn Pillum davon in Kenntnis gesezt: daß Lord Mauleverer in der lezt verfloßnen Nacht von drei Heerstraßen-Rittern auf dem Weg nach seinem Landsiz angefallen und ziemlich ansehnlich beraubt worden sei. Da das Gerücht von dem Mißgeschik des würdigen Doktor Slopperton schon lange vorher weit und breit ausgeposaunt worden war, so wurde natürlich die ganze Umgegend in heftige Bestürzung versezt. Gerichtspersonen wurden herbeigeholt, große Hunde entlehnt, Büchsen gereinigt und eine Subscription im Kirchspiel für Aufstellung einer Streifwache eröffnet. Es schien ziemlich unzweifelhaft, daß die Thäter bei beiden Vorfällen Mitglieder derselben Bande seien, und Herr Pillum war in seinem Sinne vollkommen überzeugt, daß sie ihm in sein Gewerbe einzugreifen und alle Besizer in der Umgegend zu ruiniren beabsichtigten, bei welchen es sich der Mühe verlohnte. Die nächste Woche verstrich unter den sorgfältigsten Bemühungen, die Räuber zu entdeken und zu fassen von Seiten der benachbarten Behörden und der Bürgermannschaft; aber ihre Anstrengungen waren ganz fruchtlos, und ein Friedensrichter, der sich besonders thätig erwiesen, wurde selbst ganz und gar ausgezogen von einem alten Gentleman, der unter dem Namen Bagshot – ein ziemlich verdächtiger Name – sich erbot, den arglosen Beamten an den Ort hinzuführen, wo die Bösewichter gefaßt werden könnten. Kaum jedoch hatte er den armen Richter von seiner Begleitung weg auf einen abgelegenen Theil der Straße geführt, so zog er ihn bis aufs Hemd aus. Er ließ seiner Gestrengen nicht einmal die flanellnen Hosen, obgleich das Wetter so schlimm war als in den Hundetagen von 1829. »Es ist nicht mein Brauch,« sagte der ungeschliffne Bösewicht, als der Richter wenigstens das leztgenannte Kleidungsstük ihm zu lassen bat, »'s ist nicht mein Brauch; ich gehe langsam ans Werk, aber dann bin ich gründlich – drum nur 'runter mit euern Lumpen, alter Schelm!« Dieß war jedoch der einzige weitere Fall von Feindseligkeiten in der Nachbarschaft des Herrenhauses von Warlock; und allmälig, als der Herbst sich zu Ende neigte und keine weitere Greuelthaten verübt wurden, begannen die Leute sich nach neuen Gegenständen der Unterhaltung umzusehen. Ein solcher wurde ihnen zu Theil durch einen unerwarteten Glüksfall, dessen sich Lucie Brandon zu erfreuen hatte. Mrs. Warner, eine alte Dame, mit der sie entfernt verwandt war, und bei der sie während ihres einzigen kurzen Besuchs in London gewohnt hatte, starb plözlich und erklärte in ihrem Testament Lucie zu ihrer einzigen Erbin. Das Vermögen, das in der Bank stand, und sich aus 60.000 Pfund belief, sollte von Miß Brandon, unmittelbar nachdem sie ihr ein und zwanzigstes Jahr erreicht, angetreten werden; bis dahin sollten die Testaments-Vollstreker der jungen Erbin jährlich 600 Pfund auszahlen. Die Freude, welche diese Neuigkeit im Herrenhaus Warlok erregte, kann man sich leicht denken. Der Squire machte Pläne hier zu Verschönerungen und dort zu Ausbesserungen, und Lucie, das gute Kind, die für ihre Person nicht wußte, was mit dem Geld anfangen, außer etwa einen andern Zelter anschaffen oder ein Kleid von London, unterstüzte mit zärtlichem Vergnügen alle Vorschläge ihres Vaters und entzükte sich an dem Gedanken, daß diese schönen Pläne, welche die Familie Brandon größer machen sollten, als sie je zuvor gewesen, mit ihrem, ihrem Geld sollten ausgeführt werden. Zu eben dieser Zeit war es, daß der Adel in der Nachbarschaft eine gleichzeitige, große Entdekung machte, die nemlich von den erstaunlichen Verdiensten und von dem gar gesunden Verstand des Herrn Josef Brandon. Es sei Schade, bemerkten sie, daß er von so verschlossener und schüchterner Gemüthsart sei – es schike sich dieß nicht für einen Edelmann von so alter Familie. Aber wie hätten sie sich nicht Mühe geben sollen, ihn aus seiner Abgeschlossenheit mehr in die größern öffentlichen Kreise hereinzuziehen, welchen er ohne Zweifel zur großen Zierde gereichen mußte? Sobald also der erste Trauermonat verstrichen war, langten unterschiedliche Kutschen, Wagen, Chaisen und Pferde, die man früher nie im Herrenhaus Warlock gesehen hatte, nacheinander in der allerfreundschaftlichsten Weise die man sich nur denken kann an. Ihre Besizer bewunderten Alles – das Haus war eine so schöne Reliquie von allen Zeiten! – sie waren ganz besondere Freunde eichener Treppen! und die hübschen alten Fenster! und welch ein prächtiger Pfau! und der herrliche Kastanienbaum, Gott segne ihn! war allein einen ganzen Wald werth! Herr Brandon ward aufgefordert, an den Jagden der Grafschaft Theil zu nehmen, nicht daß er selbst noch gejagt hätte, sondern weil sein Name der Sache gar ein großes Ansehen geben müßte! Miß Lucie sollte auf eine Woche zum Besuch bei ihren lieben Freundinnen, den ehrenwerthen Fräulein Sansterre kommen! Augustus, ihr Bruder, hatte so ein sanftes Damenpferd! Kurz der gewöhnliche Wechsel, der in der Schäzung der Leute eintritt, wenn sie zu einem Vermögen gelangt sind, trat auch bei Herr Brandon und seiner Tochter ein, und wenn die Leute auf Einmal liebenswürdig werden, so ist es kein Wunder wenn sie auch auf Einmal eine große Erwerbung an Freunden machen. Aber Lucie war, obgleich sie noch wenig von der Welt gesehen, doch nicht ganz blind; und der Squire, obwohl ziemlich beschränkt, war doch kein ganzer Dummkopf. Wenn sie gegen ihre neuen Besuche nicht grob waren, so zeigten sie doch auch keine überströmende Erkenntlichkeit für die herablassende Güte derselben. Herr Brandon lehnte es ab, zu der Jagd zu unterschreiben und Miß Lucie lachte dem ehrenwerthen Augustus Sansterre ins Gesicht. Unter ihren neuen Gästen war jedoch Einer, der mit großer Weltkenntniß ausnehmende und sogar glänzende Feinheit des Benehmens verband, welche die Falschheit, wenn auch nicht ganz verhüllte, doch des Unangenehmen beraubte – dieß war der neue Statthalter der Grafschaft, Lord Manteverer. Obgleich im Besitz unermeßlicher Güter in diesem Landestheile hatte sich Lord Manteverer bisher wenig auf seinen Ländereien aufgehalten. Er war einer der fröhlichen Lords, die jezt eine Seltenheit in unsrem Lande geworden sind; welche, nachdem sie zum reifen Mannesalter gekommen, noch ein leichtes und wüstes Leben führen, lieber mit Schmarozern als Ihresgleichen umgehen und doch, vermöge eines gefälligen Benehmens, natürlicher Talente und einer gewissen anmuthigen und leichten Geistesbildung (um so gefälliger, wenn sie gewöhnlich eine Färbung von Weltlichkeit und von mehr belustigender als kränkender Eitelkeit an sich trägt,) nie die ihnen gebührende Stellung in der Gesellschaft verlernen; die in Kleidern, Equipagen, Kochkunst und Schönheit als Orakel gelten, und troz dem daß sie selbst keinen Charakter haben, durch ein einziges Wort über den Charakter Andrer zu entscheiden im Stande sind. Und so war auch Mauleverer, wiewohl er mehr das zügellose Leben eines jungen Edelmanns führte, welcher die Gesellschaft ergözlicher aber zweideutiger Schönen langweiligen Herzoginnen vorzieht, als daß er die anständige Haltung bewahrt hätte, wie sie seinem gesezten Alter und seinem großen Einfluß im Lande zustand, – bei Hof, wo er eine Stelle in der königlichen Haushaltung bekleidete, ebenso beliebt wie im Garderobe Zimmer, wo er jede Schauspielerin diesseits der Vierzigen bezauberte. Ein Wort von ihm reichte in den privilegirten Quartieren der Macht weiter als die Rede eines Andern; und selbst die Prüden – wenigstens alle diejenigen, welche Töchter hatten – gestanden: daß seine Lordschaft ein sehr interessanter Charakter sei. Gleich Brandon, seinem vertrauten Freund, war er in der Welt gestiegen, (vom irländischen Baronet zum englischen Grafen,) ohne je seine Politik, (er war Ultra Tory,) zu ändern; und wir brauchen nicht zu versichern, daß er, wie Brandon, als ein Muster der Unbescholtenheit im öffentlichen Leben galt. Er besaß zwei Stellen von der Regierung, sechs Stimmen im Hause der Gemeinen und acht Pfründen bei der Kirche; und um seinen loyalen und religiösen Grundsäzen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, müssen wir hinzusezen, daß die bestehende Einrichtung in den drei Königreichen keinen wärmeren Freund hatte, als ihn. Wenn ein Edelmann nicht heirathet, so suchen die Leute seinen Charakter anzutasten. Lord Mauleverer hatte nie geheirathet; die Whigs waren darüber sehr bitter gewesen; sie spielten sogar im Unterhaus darauf an, dieser keuschen Versammlung, wo es eine unerschöpfliche Quelle von Vorwürfen gegen Herrn Pitt war, daß er kein zur Liebe geneigtes Gemüth besaß; aber bisher hatten sie gegen die Ehelosigkeit des standhaften Grafen nichts ausgerichtet. Wahr ist's, wenn ihm eine Gemahlin abging, so hatte er für diesen Mangel sich reichlich zu entschädigen gewußt; sein Gewerbe war das eines galanten Mannes; und wenn er den Töchtern aus dem Wege ging, so geschah es nur um seine Liebe den Müttern zuzuwenden. Aber seine Lordschaft hatte jezt ein gewisses Alter erreicht, und unter seinen Freunden hatte sich kürzlich das Gerücht verbreitet, er habe im Sinne sich nach einer Lady Mauleverer umzusehen. »Sparen Sie Ihre Liebkosungen!« sagte sein Leibschmarozer zu einer gewissen Herzogin, welche drei erbtheillose Töchter hatte, »Mauleverer hat geschworen, nicht in Ihrem Stande seine Wahl zu treffen; Sie kennen seine hohe Politik und Sie werden sich über seine Erklärung nicht wundern: daß er in der Ehe eben so wie in der Moral der Gütergemeinschaft abhold sei.« Die Kunde von des Grafen Heirathsplänen und die Verbreitung dieser Anekdote sezte alle Pfarrerstöchter in England in Feuer und Flammen vor Erwartung; und als Mauleverer, nachdem er mit der Statthalterwürde beehrt worden, nach – – shire kam, seine Besezungen zu besuchen und um die Freundschaft seiner Nachbarn sich zu bemühen: da war keine alte junge Dame von Vierzig, welche Filet strikte und höchstens einmal acht Tage lang in London gewesen war, welche sich nicht gerade für die rechte Person gehalten hätte, um seine Lordschaft zu fesseln. Es war spät Nachmittags, als der Reisewagen dieses ausgezeichneten Mannes, zwei Vorreiter in der schlichten dunkelgrünen Livree des Grafen voraus, vor dem Thore von Warlock Haus anfuhr. Der Squire war im eigentlichen und uneigentlichen Sinn zu Haus, denn es kam ihm nie in den Sinn, sich vor irgend Jemand, Edelmann oder Bettelmann, verläugnen zu lassen. Als die Wagenthüre geöffnet war, stieg ein kleiner unscheinbarer, reichgekleideter Mann, (denn Verbrämung und seidene Kleider waren damals, obwohl schon allmählig in Abnahme kommend, noch nicht ganz verbannt,) von einnehmendem und mehr ausgezeichnetem als würdigem Wesen, aus. Seiner Jahre schienen mehr zu sein, als er in der That hatte, denn sein Gesicht, zwar schön, war scharf gezeichnet, und zeigte die Spuren eines leichtsinnigen Lebens; und dem Lord Mauleverer konnte leicht die unwillkommne Bezeichnung: ältlich, zu Theil werden, obwohl er in der That noch nicht über das mittlere Alter hinaus war. Sein Schritt jedoch war fest, sein Gang aufrecht, und seine Gestalt bei weitem jugendlicher als sein Gesicht. Nachdem die ersten gewöhnlichen Begrüßungsreden vorüber waren, und Lord Mauleverer sein Bedauern ausgedrükt hatte, daß seine vielfache, lange Abwesenheit von der Grafschaft ihn bisher des Vergnügens der Bekanntschaft mit Herr Brandon, dem Bruder eines seiner ältesten und geschäztesten Freunde beraubt habe, wurde das Gespräch von beiden Seiten beschwerlich und peinlich. Herr Branden brachte zuerst die Unterhaltung aufs Wetter und auf die Rüben, und erkundigte sich, »ob seine Lordschaft nicht ein großer Freund sei von dem Vergnügen (er seines Theils sei es früher gewesen, aber neurer Zeit seze ihn die Gicht außer Stand; er hoffe seine Lordschaft sei verschont von dieser Plage,) des Schiessens?« Der Graf hatte nur die lezten Worte aufgefaßt; denn zu der gräßlichen Verworrenheit in den Säzen des Squire hin, litt Mauleverer auch noch ein wenig an dem aristokratischen Uebel der Taubheit, und er antwortete mit einem Lächeln: »Plage des Schiessens! sehr gut, in der That Herr Brandon; ich habe selten einen so wizigen Ausdruk gehört; nein ich bin von dieser Seuche nicht im mindesten heimgesucht. Es ist in dieser Grafschaft ein sehr vorherrschender Uebelstand.« »Mein Lord!« sagte der Squire, ein wenig verduzt, und als er dann bemerkte, wie Mauleverer nicht weiter fortfuhr, hielt er für angemessen, einen andern Gegenstand auf die Bahn zu bringen. »Es betrübte mich aufnehmend, zu hören, daß Euer Lordschaft auf der Reise nach Mauleverer-Park – (es ist ein sehr häßlicher Weg durch das wüste Land; die Straßen in dieser Grafschaft sind im Allgemeinen hübsch und gut; wenn Ich ein Beamter wäre, ich würde in diesem Punkt auf strenge Ordnung halten) ausgeplündert wurden. Und Sie sind, glaub' ich, noch nicht auf die Spur gekommen von – (ich meines Orts, obgleich ich mich nicht rühme, ein großer Politiker zu sein, meine, in diesen Räubergeschichten habe man sich großentheils zu beklagen über die Unthätigkeit bei den Ministern) – den Schurken?« »Unser Freund ist vor den Kopf gestoßen worden!« dachte der Lordstatthalter, im Wahne der lezte schmähende Ausdruk gelte den achtbaren in der Klammer genannten Personen. Mauleverer verbeugte sich mit einem feinen Lächeln gegen den Squire, und antwortete laut, es thue ihm ausnehmend leid, daß ihre (der Minister, wollte er sagen) Handlungsweise nicht des Beifalls Herrn Brandon's sich zu erfreuen haben. »Nun!« dachte der Squire, »das heiß' ich einmal ernstlich du Hofman spielen! Meines Beifalls sich zu erfreuen haben!« sagte er mit Wärme: »Wie kann Eure Lordschaft meinen, ich sei – (denn ob ich gleich kein Heiliger bin, bin ich doch hoffentlich ein guter Christ; ein ganz vortrefflicher, nach Ihren Worten zu schließen, ist gewiß auch Euer Lordschaft!) parteiisch für das Verbrechen gesinnt!« »Ich parteiisch für das Verbrechen gesinnt!« erwiederte Mauleverer, vermeinend er sei unvermuthet einem unmäßigen Demokraten in den Weg gelaufen; lächelnd jedoch und sanft wie sonst fuhr er fort: »Sie beurtheilen mich hart, Herr Brandon! Sie müssen mir mehr Gerechtigkeit widerfahren lassen und das wird nur möglich werden durch nähere Bekanntschaft.« Die unglückliche Antwort, welche der Squire vielleicht schon im Munde hatte, wurde durch das Eintreten Luciens abgeschnitten; und der Graf, heimlich erfreut über diese Unterbrechung, stand auf, ihr seine Huldigung darzubringen und sie daran zu erinnern, daß er schon früher einmal so glüklich gewesen sei, ihr bekannt zu werden, mittelst der Freundschaft des Herrn William Brandon, »eine Freundschaft,« sagte der galante Edelmann, »der ich schon vorher oft verpflichtet war, aber die mir nie einen angenehmern Dienst erwies.« Hierauf antwortete Lucie, welche, so peinlich ihre Verlegenheit während ihres Zusammenseins mit Herrn Clifford gewesen, in der Gegenwart einer um so viel höhern Person eben keine außerordentliche Schüchternheit verspürte, mit lachendem Munde und der Graf erwiederte ihr mit einem zweiten Complimente. Jezt war das Gespräch keine Anstrengung mehr, und Mauleverer, der vollendetste Epikuräer, welchen ohne gebührende Voranstalten einzuladen, selbst eine königliche Hoheit gezittert hätte, folgte, von dem treuherzigen Squire aufgefordert, an ihrem Familienmahle Theil zu nehmen, gerne der Einladung. Seit langer Zeit waren die ritterlichen Mauern von Warlock-Haus nicht mehr durch den Besuch eines so hohen Gastes beehrt worden. Der gute Squire überhäufte seinen Teller mit einer ungeheuren Masse gesottenen Rindfleisches und während der arme Graf mit Bangigkeit die aufgethürmten Alpen, die er verschlingen sollte, betrachtete, raffte der graue Schenke ängstlich besorgt ihn rasch zu bedienen, den überladnen Teller weg und lieferte ihn sofort wieder zurük, noch fürchterlicher belastet mit einer weitern Welt – aus einem Gemächte von Steinfarbe und schweißtreibendem Aussehen bestehend, in welchem der Graf, nachdem er es einige Augenblike mit stummer Aufmerksamkeit betrachtet hatte und es dann sorgfältig, so gut er vermochte, auf den äußersten Rand seines Tellers schob, ein Nieren-Pudding erkannte. »Sie essen nichts, mein Lord!« rief der Squire, »lassen Sie mich Ihnen (dieß ist mehr aus der Mitte,«) und hier faßte er zwischen Messer und Gabel ein fürchterliches scharlachrothes Stük, das seine blutigen Loken schüttelte, und hielt es in der Luft, – »ein andres Stük vorlegen!« Schnell wie der Bliz fuhr auf Mauleverers Teller der Harpyen-Finger und der unbarmherzige Daumen des grauen Schenken. »Keinen Bissen mehr!« rief der Graf, mit dem mörderischen Bedienten kämpfend. »Mein theurer Sir, entschuldigen Sie mich; ich versichre Sie, ich habe nie bisher ein solches Diner eingenommen –, nie!« »Nein! das geht nicht an!« sagte der Squire, der sich nicht zufrieden geben wollte, (»die Luft ist so frisch, daß Euer Lordschaft Ihrem Appetit ganz nachgeben sollten, und dem Rath der Aerzte folgen,) nichts zu essen!« Wieder hatte ihn Mauleverer falsch verstanden. »Die Aerzte haben Recht, Herr Brandon,« sagte er, »sehr Recht und ich sehe mich genöthigt, ganz enthaltsam zu leben; in Wahrheit, ich zweifle, ob ich, wenn ich an Ihrer gastlichen Tafel meiner Mäßigkeit vergessen, und Alles was Sie mir zumuthen, bewältigen wollte, es je verwinden würde. Sie müßten sich um einen neuen Statthalter für diese reizende Grafschaft umsehen, und auf den Grabstein des lezten Mauleverer würde der heuchlerische und gleichgültige Erbe die Worte sezen: Gestorben am Genuß des Rindfleisches, John, Graf u. s. w.« Jedem Andern würde der Sinn dieser Rede klar genug gewesen sein, aber der Squire lachte über den schwächlichen Appetit des Redenden, und gab der Meinung Raum, es müße ein trefflicher Geselle sein, da er so launig über seine eigne Kränklichkeit scherze. Aber Lucie hatte den sichern Takt ihres Geschlechtes; die klägliche Lage des Grafen, obgleich sie dieselbe sicherlich nicht ihrem ganzen Umfang nach begriff, jammerte sie, und sie ging mit so viel Anmuth und Leichtigkeit in das Gespräch ein, das er zwischen ihnen in Gang zu bringen bemüht war, daß Mauleverers Kammerdiener, durch den Eifer des grauen Schenken bisher ganz auf die Seite gedrängt, eine Gelegenheit fand, als einmal der Squire lachte und der Schenk vor sich hinstierte, den überladenen Teller unbeargwöhnt und ungesehen wegzustehlen. Troz diesen Unbequemlichkeiten jedoch bei Tische war Mauleverer mit seinem Besuch ausnehmend zufrieden und beschloß ihn nicht eher, als bis die Schatten der Nacht hereinzubrechen begannen und die Entfernung seines Wohnsizes, verbunden mit einer gemachten Erfahrung, ihn an die Möglichkeit erinnerte, daß die Frechheit eines Landstraßen-Ritters sich sogar an den Wagen Lord Mauleverers machen könnte. So stieg er denn mit Widerstreben ein, empfahl dem Postknecht so rasch als möglich zu fahren, wikelte sich in seinen Mantel und theilte seine Gedanken zwischen Lucie Brandon und den homard au gratin, womit er sich unmittelbar nach seiner Rükkunft zu trösten gedachte. Aber das Schiksal, das unsre liebsten Hoffnungen zu nichte macht, fügte es, daß bei der Ankunft in Mauleverer-Park der Besizer plözlich von Mangel an Appetit, Frost in den Gliedern, Schmerzen auf der Brust und allerlei sonstigen Vorzeichen einer drohenden Krankheit befallen wurde. Lord Mauleverer legte sich straks zu Bette, blieb einige Tage liegen und als er sich wieder gebessert, empfahlen ihm die Aerzte nach Bath zu gehen. Die Methodisten unter den Whigs, die ihn haßten, schrieben seine Krankheit der Vorsehung zu; seine Lordschaft selbst blieb steif und fest auf der Meinung: sie rühre von dem Fleisch und Pudding her. Wie dem auch sei – für jezt war es um die Hoffnungen der jungen Damen von Vierzig und um die beabsichtigten Festlichkeiten in Mauleverer-Park geschehen. »Guter Gott!« sagte der Graf, als die Räder seines Wagens von seinem Thore wegrollten, »welcher Verlust kann für die Kaufleute auf dem Land aus einem Stük Rindfleisch, das nicht gar ist, zumal gebraten, erwachsen!« Ungefähr vierzehn Tage waren seit Mauleverers meteorähnlichem Besuch in Warlock-Haus verstrichen, als der Squire von seinem Bruder folgenden Brief erhielt: »Mein lieber Josef! Du kennst meine unzähligen Abhaltungen und bei dem Drang von Geschäften, welche auf mir lasten, wirst Du mir gewiß verzeihen, daß ich ein sehr nachlässiger und saumseliger Briefschreiber bin. Dennoch, ich versichre Dich, kann Niemand aufrichtigern Antheil nehmen an dem Glück, das meiner reizenden Nichte zugefallen und wovon Du mich neulich in Kenntniß gesezt, als ich es thue. Ich bitte, versichre sie meiner zärtlichen Liebe und sag' ihr, mit welch freudiger Ungeduld ich dem glänzenden Eindruk entgegen sehe, welchen sie hervorbringen wird, wenn ihre Schönheit auf den Thron erhöht sein wird, der sie sicherlich über kurz oder lang verherrlichen wird. Du weißt vielleicht nicht, mein lieber Josef, daß ich einige Zeit in sehr schwachen und heruntergebrachten Gesundheitsumständen war. Das alte Nervenübel im Gesicht hat mich neuerlich heftig ergriffen, und die Qual ist manchmal so groß, daß ich sie kaum aushalten kann. Ich glaube, die großen Ansprüche, welche mein Beruf an einen, nie sehr kräftigen Körper, der zudem vor der Zeit die Schwächen des Alters zu fühlen beginnt, macht, sind die Hauptursache meiner Leiden. Am Ende jedoch muß ich nothgedrungen meine Taschen es entgelten lassen und durch eine kurze Erholung vom Geschäft meinen Neigungen nachgeben. Die Aerzte, geschworene Freunde der Advokaten wie Du weißst, weil sie gemeinschaftliche Sache gegen die Menschheit machen, haben mir strenge befohlen, müssig hinzuliegen, und mit frischer Luft, Bewegung, geselligen Vergnügungen und den Wassern von Bath eine kleine Kur durchzumachen. Zum Glük ist jezt Ferienzeit bei den Gerichten, und ich kann schon das Einkommen von einigen Wochen in die Schanze schlagen, um mir vielleicht manches Lebensjahr damit zu erkaufen. Ich habe denn beschlossen, gleich in der nächsten Woche mich an diesen trübseligen Sammelplaz der Freude zu begeben, wo die Leute aus dem Leben hinaustanzen und sich über den Styr geigen lassen. Mit Einem Wort, ich will einen der Abenteurer abgeben, die auf Gesundheit ausziehen, und die Göttin in König Bladud's Badesaal suchen. Willst Du mit der lieben Lucie dort mit mir zusammenkommen? Ich erbitte mir es von Eurer Freundschaft und bin ganz und gar versichert, daß Keines von Euch vor dem Vorschlag, Euren kranken Verwandten zu trösten, erschreken wird. Während ich meine Gesundheit wieder erlange, soll meine hübsche Nichte den Pluto schadlos halten, indem sie seinem Scepter manchen bessern und jüngern Helden an meiner Statt weihet. Und für mich wird es ein doppeltes Vergnügen sein, zu sehen wie alle Herzen u. s. w. Ich breche ab, denn was kann ich hierüber sagen, das die kleine Kokette nicht selbst schon erriethe? Es ist hohe Zeit, daß Lucie die Welt sehe; und wenn auch in Bath, mehr als an andern Orten, Viele sein mögen, für welche die Erbin Gegenstand eigennüziger Bestrebungen sein wird, so gibt es doch auch in dieser von Menschen wimmelnden Stadt, Manchen, der ihrer Aufmerksamkeit durchaus nicht unwerth ist. Was sagst Du lieber Josef? Aber ich weiß schon! Du weigerst Dich nicht, mir während meines kurzen Feiertags Gesellschaft zu leisten, und Luciens Augen glänzen schon beim Gedanken an neue Hüte, Milsom Street tausend Anbeter und den Badesaal. Imer, lieber Josef Voll Zärtlichkeit Dein Bruder, William Brandon.« »Nachschrift. Ich erfahre, mein Freund Lord Mauleverer ist in Bath; Ich gestehe, dieß ist ein weiterer Beweggrund der mich hinzieht; aus einem Briefe, den ich dieser Tage von ihm erhielt, ersehe ich daß er bei Euch einen Besuch abgestattet hat und jezt von seinem Wirth und der Erbin ganz eingenommen ist. Ha, Miß Lucie, Miß Lucie? solltest Du eine Eroberung an dem Manne machen, den ganz London länger als ich anzugeben vermag, (doch nicht sehr lang, denn Mauleverer ist noch jung,) vergebens bestürmte? Antworte mir!« Dieser Brief erregte in Warlock-Haus eine lebhafte Bewegung. Der alte Squire liebte seinen Bruder außerordentlich und es that ihm in der Seele weh, daß er so entmuthigend über seine Gesundheit schrieb. Auch bedachte sich der Squire keinen Augenblik, den Vorschlag einer Zusammenkunft mit seinem ausgezeichneten Blutsverwandten in Bath anzunehmen. Auch Lucie, – welche für ihren Oheim, vielleicht wegen seiner freigebigen und doch nicht unzarten Schmeicheleien, große Achtung und Theilnahme hegte, wenn gleich sie ihn nur wenig gesehen hatte – drang in den Squire, ohne Zeitverlust die Anstalten zur Abreise zu betreiben, damit man dem Advokaten zuvorkomme und Alles für seine Ankunft vorbereiten könne. Da Vater und Tochter so eines Sinnes waren, gab es keinen Anlaß zur Zögerung eine Antwort auf den Brief des Kranken gieng mit der Post zurük und am vierten Tag nach Empfang besagten Schreibens wurden der gute, alte Squire, seine Tochter, ein Landmädchen als eine Abigail, der grauköpfige Schenke und zwei oder drei lebendige Lieblinge, deren Größe und Lebensweise am besten für die Reise paßte, in dem ungeheuren Bauch der Familien-Kutsche auf dem Weg nach jener Stadt fortgeschleppt, die damals wenigstens lustiger, wenn auch weniger glanzvoll war, als die Hauptstadt selbst. Am zweiten Tag nach ihrer Ankunft in Bath traf Brandon, (so wollen wir in Zukunft, um Verwirrung zu vermeiden, den jüngern Bruder nennen und dem ältern den patriarchalischen Titel Squire lassen) bei ihnen ein. Er war ein Mann, der dem Anschein nach viel auf den Prunk hielt, obwohl er innerlich ihn verabscheute und verachtete. Er fuhr vor ihrer Wohnung, die eben nicht im allerbesten Stadttheil gewählt war, in einem Wagen mit sechs Pferden an, aber nur von Einem vertrauten Diener begleitet. Sie fanden ihn besser aussehend und besser gelaunt, als sie vermuthet; wenige Menschen konnten angenehmer sein als William Brandon, wenn er nur wollte; aber zuweilen mischte sich in seine Unterhaltung ein bittrer Hohn, wahrscheinlich eine Gewohnheit die er seinem Berufe verdankte, oder auch gelegentlich ein Anstrich von mürrischem und vornehmem Mißmuth, vielleicht eine Folge seiner Kränklichkeit. Doch schien sein Leiden, das sich einigermaßen jenem qualvollen Uebel, dem Gesichtsschmerz näherte, obgleich die Anfälle seltner, als sie bei diesem Uebel gewöhnlich sind, sich einstellten, nie auch nur einen Augenblik auf seine Stimmung, wie diese sein mochte, Einfluß zu haben. Dieß Uebel wirkte unvermerkt; kein Muskel seines Angesichts schien sich zu verziehen; das Lächeln um seinen Mund verschwand nie, der Wohllaut seiner Stimme wurde nie vom Schmerz gedämpft, und mitten unter den heftigsten Qualen bemeisterte sein entschlossener und troziger Geist jedes äußere Anzeichen, und der aufmerksamste Fremde hätte den Augenblik nicht bemerkt, da ihn sein Uebel befiel oder verließ. Es war an dem Manne etwas Unergründliches. Man fühlte, daß man seinen Charakter auf Treu und Glauben aber nicht aus eigner Kenntniß gelten ließ. Nach einer jahrelangen Bekanntschaft würde man über seine Tugenden und Fehler noch eben so sehr im Dunkel geblieben sein. Er veränderte sich oft, aber bei jeder Veränderung blieb er gleich unerforschlich. Spielte er eine Reihe von Rollen durch, ober war es der natürliche Wechsel in der eignen Gemüthsart, was man an ihm erblikte? Im Ganzen mild, ruhig, aufmerksam, schmeichelhaft in geselligen Verhältnissen, war er im Parlament und bei den Gerichtshöfen wegen seiner kalten Härte und kaustischen Bitterkeit berufen – so daß selbst auf diesen Kampfpläzen es ihm kaum Jemand gleich that. Es war als ob er den herberen Empfindungen, welche er im Privatleben niederhielt, im öffentlichen die Zügel schießen zu lassen sich freute. Aber auch hier überließ er sich keinem augenbliklichen Muthwillen, keiner aufwallenden Leidenschaft; Alles erschien bei ihm als systematischer Hohn oder zur Gewohnheit gewordne Herbigkeit. Er verlezte keine hergebrachte, gesellige Form. Er verwundete, ohne des Stachels in seinen Worten sich bewußt zu scheinen; und sein Gegner krümmte sich eben so sehr unter der zermalmenden Verachtung, die in seiner Selbstbeherrschung lag, als unter der Geissel seiner Satire. Kalt, schlagfertig, bewehrt und vertheidigt auf allen Punkten, gesund in seinem Urtheil, sicher in seiner Beobachtung, ebenso vollendeter Meister in Sofismen, wenn er selbst deren benöthigt war, als geübt, bei Andern sie aufzudeken; keinen Kunstgriff, auch den mühseligsten nicht, verachtend; keine noch so lästige Arbeit scheuend – pünktlich im Kleinen, aber deßhalb nicht minder rasch in Auffassung des richtigen Gesichtspunkts im Großen – in diesen Ruf hatte sich seinem öffentlichen und gerichtlichen Charakter nach William Brandon gesezt, und mit diesem Namen verband er eine gänzliche Unbescholtenheit hinsichtlich seiner Moralität. Aber bei seinen Freunden erschien er nur als der angenehme, geistreiche, lebhafte, und wenn wir den Ausdruk im guten Sinn gebrauchen dürfen, weltliche Mann, der nie eine höhere Reinheit oder übertriebene Aengstlichkeit für äußere Formen, wichtige Fälle ausgenommen, affektirte, und der die Strenge seiner Sitten dadurch nur um so mehr zum Gegenstand der Bewunderung machte, daß er ihnen sogar nicht den Mantel der Scheinheiligkeit umhieng. »Nun,« sagte Brandon, als er nach Tisch allein bei seinen Verwandten saß und die Augen seines Bruders, zum gewohnten Schlummer sich schließen gesehen hatte; »sage mir, liebe Lucie, was denkst Du von Lord Mauleverer? Findest Du ihn angenehm?« »Sehr! nur zu sehr, in der That!« »Zu sehr! das ist ein seltner Fehler, Lucie; oder willst Du damit vielleicht zu verstehen geben, Du findest ihn zu angenehm für die Ruhe Deines Gemüths?« »O nein! da ist wenig zu befürchten; was ich damit sagen wollte ist nur dieß: er scheint es zum einzigen Geschäft seines Lebens zu machen, angenehm zu sein; und man kommt auf den Gedanken er habe dieß Ziel mit Darangabe gewisser Eigenschaften erreicht, die man noch lieber an ihm sehen würde.« »Hm –« und was wären das für Eigenschaften?« »Wahrheit, Aufrichtigkeit, Unabhängigkeit und Rechtlichkeit.« »Meine liebe Lucie! es ist die Aufgabe und der Beruf meines Lebens gewesen, den Charakter der Menschen, besonders soweit die Wahrheit in Betracht kommt, in so kurzer Zeit als möglich zu ergründen; aber Du übertriffst mich in rascher Anschauung, wenn Du bei der ersten Zusammenkunft sagen kannst, ob im Charakter eines Hofmanns Aufrichtigkeit sei.« »Demungeachtet bin ich von meiner Ansicht fest überzeugt,« sagt« Lucie lachend, »und ich will Ihnen einen Beweis anführen, den ich unter hundert mir gemerkt. Lord Mauleverer ist ziemlich taub und er meinte im Verlauf des Gesprächs, mein Vater habe etwas gesagt – es war ein ganz gleichgiltiger Gegenstand – die Rede eines Parlaments-Gliedes, (der Advokat lächelte,) wovon mein Vater gerade das Gegentheil sagen wollte. Lord Mauleverer stimmte ihm aufs Allerwärmste bei, schien ganz und gar seiner Meinung, klatschte seinen Ansichten Beifall und wünschte dem ganzen Land seinen Geist. Auf einmal nahm mein Vater das Wort, Lord Mauleverer horchte hin, und erfuhr daß die Ansichten, welche er so gepriesen, gerade diejenigen waren, welchen mein Vater am wenigsten hold ist. Sobald er diese Entdekung gemacht, drehte er, ich muß sagen, mit Gewandtheit und Anmuth die Sache herum, verdammte Alles was er zuvor erhoben, und erhob Alles, was er zuvor getadelt hatte!« »Und das ist Alles, Lucie?« sagte Branden mit einem lebhaftern spöttischen Lächeln um die Lippe, als der Anlaß zu rechtfertigen schien. »Nun, das ist etwas, das Jedermann thut, nur der Eine ernsthafter als der Andre. Mauleverer in der Gesellschaft, ich vor den Schranken; der Minister vor dem Parlament, der Freund gegen den Freund, der Liebhaber gegen die Geliebte; die Hälfte von uns ist damit beschäftigt zu sagen: Weiß ist Schwarz, und die andre Hälfte, zu beschwören: Schwarz ist Weiß. Nur ist ein Unterschied, meine liebliche Nichte, zwischen dem gescheuten Mann und dem Thoren; der Thor sagt etwas Falsches, weil die Farben ihn blenden und täuschen, aber der gescheute Mann nimmt so zu sagen einen Pinsel und verwandelt im buchstäblichen Sinne Schwarz in Weiß und Weiß in Schwarz ehe er seine Behauptung aufstellt, die dann wahr ist. Der Thor ändert seine Meinung und ist ein Lügner; der kluge Mann läßt die Farben sich ändern und ist ein großer Geist. Aber das ist noch nicht für Deine jungen Jahre, Lucie!« »Aber ich kann doch die Nothwendigkeit nicht einsehen, immer den Leuten beizustimmen,« sagte Lucie unbefangen, »gewiß ließen sie es sich ebenso gern gefallen, wenn man ihnen höflich und achtungsvoll widerspräche?« »Nein, Lucie,« sagte Brandon, immer noch lächelnd, »um sich gefällig zu machen, dazu ist nichts so unumgänglich nothwendig, als den Leuten nach dem Munde zu reden: lügen, betrügen, jedes Wort zu einer Schlinge und jede Handlung zu einer Falschheit machen – das Alles darf man – aber nie widersprechen. Gib den Leuten immer Recht, so bereiten sie Dir eine Stätte in ihrem Herzen. Du kennst die Geschichte von Dante und dem Lustigmacher. Beide wurden an dem Hofe des eitlen Pedanten, der sich selbst Fürst Skaliger nannte, unterhalten; der erste nur dürftig, der zweite ganz stattlich.« »Wie kommt's,« sagte der Spaßmacher zum Dichter, »daß ich so reich bin und Ihr so arm seid?« »Ich werde so reich sein, wie Ihr,« war die beissende und treffende Antwort, »sobald ich einen Gönner finden kann, der mir so ähnlich ist, wie Fürst Skaliger Euch!« »Aber meine Vögel,« sagte Lucie, indem sie den Goldfink liebkoste, der sich an ihrem Busen einschmeichelte, »sind mir nicht ähnlich und doch liebe ich sie. Ja, ich denke oft, ich könne diejenigen nur um so mehr lieben, die am meisten von mir verschieden sind. Ich fühle das auch bei Büchern – wenn ich zum Beispiel einen Roman oder ein Theaterstük lese; und Sie, mein Oheim, liebe ich beinah in dem Verhältniß, als ich in mir selbst nichts finde, was mir mit Ihnen gemein wäre.« »Ja,« sagte Brandon, »Du hast mit mir die Liebe für alte Geschichten von Sir Hugo und Sir Rupert und all die andern Sir's unsers zerfallenen und vergangenen Stammes gemein. Und so sollst Du mir die Ballade von Sir John de Brandon singen und dem Drachen den er im heiligen Land erschlug. Wir wollen uns ins Gesellschaftszimmer begeben, um Deinen Vater nicht zu stören.« Lucie erklärte sich bereit, nahm ihres Oheims Arm, ging mit ihm in das Gesellschaftszimmer, sezte sich an das Klavier und sang nach einer begeisternden, obwohl etwas ungestümen Melodie, die von ihrem Oheim verlangte Familienballade. Es müßte ergözlich gewesen sein, in dem strengen Gesicht des eingefrorenen, gesezten Mannes, der so friedlich unter Pergamenten hinlebte, einen gewissen Enthusiasmus zu beobachten, der hin und wieder, wenn die Verse der Ballade bei einer Anspielung auf das ritterliche Haus Brandon und seinen alten Ruhm verweilten, über seine Wange leuchtete. Es war ein früh eingesogenes Vorurtheil, das gegen seinen Willen hervorbrach; ein Charakterbliz der dem harten ihn umschiessenden Gestein entlokt wurde. Man hätte denken sollen, daß die einfältigste Art von Stolz, (denn der Geldstolz, obgleich gemeiner, ist nicht so sinnlos) der Familienstolz die lezte Schwäche gewesen wäre, welche damals der verhärtete und schlaue Rechtsmann wenn auch nur sich selbst gestanden hätte. »Lucie,« sagte Brandon, als das Lied zu Ende war und sein Auge mit einem gewissen Stolz auf dem Anblik seiner schönen Nichte verweilte – »mich verlangt Zeuge Deines ersten Auftretens in der Welt zu sein. Dieß Logis, meine Liebe, ist nicht passend – aber verzeih mir! was ich sagen wollte, ist nur dieß: Dein Vater und Du seid auf meine Einladung hier und in meinem Hause müßt Ihr wohnen; Ihr seid meine Gäste und nicht ich der Eure. Ich habe deßwegen schon meinen Diener angewiesen, mir eine Wohnung zu schaffen und für die nöthige Einrichtung zu sorgen; und ich zweifle nicht, da er ein flinker Bursch ist, daß binnen drei Tagen Alles bereit sein wird; dann mußt Du der Magnet meines Hauses sein, Lucie, und in der Zwischenzeit mußt Du das meinem Bruder auseinandersezen und machen, daß er sich dabei beruhigt, denn Du kennst ja seine eifersüchtige Gastlichkeit.« »Aber,« fing Lucie an. »Aber mir keine Aber,« sagte Brandon rasch und mit dem heftigen Ton des Eigensinns, »und nun, da ich mich von meiner Reise sehr ermattet fühle, mußt Du mir erlauben, mein eignes Zimmer zu suchen.« »Ich will Sie selbst dahin begleiten,« sagte Lucie, begierig dem Bruder ihres Vaters die Sorgfalt und Umsicht zu zeigen, welche sie in den Anordnungen zu seiner Bequemlichkeit verschwendet. Branden folgte ihr in ein Zimmer, worin sein Auge auf Einen Blik die Spuren der hier thätig gewesenen weiblichen Anordnung erkannte, die das, was die Männer als unbedeutend übersehen, so gut zu benüzen weiß; und er dankte ihr mit aussergewöhnlicher Freundlichkeit für die Güte womit sie ihre Einrichtungen ersonnen und die Anmuth mit der sie dieselben ausgeführt hatte. Sobald er sich allein sah, rollte er seinen Lehnstuhl dem großen, helllodernden Feuer näher und das Gesicht auf die Hand gestüzt, in der Stellung eines Mannes, der sich gleichsam anschikt dem Spiel seiner Gedanken sich hinzugeben, murmelte er vor sich hin: »Ja, diese Weiber sind erstlich, wozu die Natur sie macht, und das ist gut, und dann das wozu wir sie machen, und das ist schlimm! Könnte ich mich jezt davon überzeugen, daß wir so bedenklich sein sollten in der Art wie wir diese armen Puppen behandeln und gebrauchen: so würde ich zurükbeben vor dem Gedanken, das Geschik, das ich diesem Mädchen bestimmt habe, zu beschleunigen. Aber das ist eine jämmerliche Betrachtung, und der ist ein einfältiger Spieler, der sein Geld verliert, um seine Rechenpfennige zu sparen. Und so muß denn die junge Dame als eine neue Staffel auf der Glüksleiter William Brandon's dienen. Und Alles wohlerwogen: Wer leidet darunter? Sie nicht! Sie bekommt Reichthum, Rang, Ehre; ich werde leiden bei dem Bewußtsein, einen so tödtlichen und reinen Edelstein hinzugeben an die Krone von – Koth! Wie verachte ich diesen Hund! und wie müßte ich ihn erst hassen, zerreissen, zermalmen, könnte ich denken, daß Er mich verachtet! Wär' es möglich, daß er das thäte? Ha, wenn! Aber nein! ich hab' es bei mir ausgemacht; es ist unmöglich. Nun, hoffen wir, diese Heirathssache werde ins Reine kommen; und jezt will ich mich bedenken, welche weitere Schritte ich für mich selbst thun soll – mich selbst! ja, nur für mich selbst! Mit mir stirbt der lezte männliche Sprößling der Familie Brandon. Aber das Licht soll nicht unter dem Scheffel erlöschen!« Nach diesem Selbstgespräch versank der Redende in eine noch tiefere, stumme Träumerei, aus welcher er durch den Eintritt seines Dieners aufgestört wurde. Brandon, der nur in der Einsamkeit ein Träumer war, brach auf Einmal seine Gedanken ab. »Du hast meine Befehle vollzogen Barlow?« fragte er. »Ja, Sir!« antwortete der Diener, »ich habe das beste noch unbesezte Haus gemiethet und wenn Mrs. Roberts (Brandons Haushälterin) von London ankommt, wird, so hoffe ich, Alles genau nach Ihren Wünschen sein.« »Gut; und du hast mein Billet an Lord Mauleverer abgegeben?« »Eigenhändig, Sir! Seine Lordschaft wird Sie morgen den ganzen Tag zu Hause erwarten.« »Ganz recht; und nun Barlow, sorge daß dein Zimmer so ist daß dich mein Ruf erreichen kann – (Gloken waren, obwohl nicht unbekannt, doch damals noch nicht üblich,) und gib vor, ich sei zu Bette gegangen und wolle nicht gestört werden. Welche Zeit ist es?« »Gerade auf den Punkt zehn Uhr. Sir!« »Stelle auf diesen Tisch meinen Briefkasten und das Tintengefäß. Um halb zwei sieh bei mir nach, um mich auszukleiden; um diese Zeit werde ich zu Bette gehen. Und – halt – sorge ja gewiß dafür, daß mein Bruder glaubt, ich sei für diese Nacht zur Ruhe! Er kennt meine Lebensweise nicht und könnte sich beunruhigen, wenn er denkt, ich sei in meinem dermaligen Gesundheitszustand so lange auf.« Der Diener rükte den Tisch mit dem Schreibbedarf seinem Herrn näher und überließ sich wieder seinen Gedanken oder seinen Beschäftigungen. Vierzehntes Kapitel. Diener. Geht mir doch weg mit der lumpigen Gloke! Punsch. Eine Gloke nennt Ihr dieß? (Er schlägt sie an.) Es ist eine Orgel. Diener. Ich sag' es ist eine Gloke – eine lumpige Gloke. Punsch. Ich sage es ist eine Orgel. (Schlägt ihn damit.) Was sagt Ihr jezt daß es ist? Diener. Eine Orgel, Herr Punsch. Tragische Comödie von Punsch und Judy. Um nächsten Morgen hatte Brandon, ein großer Frühaufsteher, noch ehe Lucie und ihr Vater ihre Zimmer verlassen hatten, schon den üppigen Mauleverer aus seinem ersten Schlummer aufgestört. Obgleich der Hofmann ein Landhaus einige Meilen von Bath befaß, zog er doch eine Wohnung in der Stadt vor, theils weil sie wärmer war, als ein selten bewohntes Gebäude auf dem Lande, theils weil sie für einen trägen Mann bequemer gelegen war für die Lustbarkeiten und die Wasser der heilkräftigen Stadt. Sobald der Graf sich die Augen gerieben, sich gedehnt und zu der unzeitigen Besprechung angeschikt hatte, brachte Brandon seine Entschuldigungen wegen der Stunde, die er für seinen Besuch gewählt hatte, vor. »Erwähnen Sie dessen nicht, mein lieber Brandon,« sagte der gutmüthige Edelmann mit einem Seufzer, »ich freue mich zu jeder Stunde, Sie zu sehen und bin dessen ganz gewiß, daß, was Sie mir mitzutheilen haben, in alle Wege der aufmerksamen Beachtung werth sein muß.« »Nur wegen einer Staatsangelegenheit, obwohl wichtigerer Art als gewöhnlich, wagte ich Sie zu stören,« antwortete Brandon, indem er sich neben das Bett sezte. »Diesen Morgen, vor einer Stunde erhielt ich durch eine besondere Stafette einen Brief von London mit der Nachricht, daß zuverläßig im Cabinet eine Veränderung vorgehen solle, ja sogar mit Angabe der einzelnen Namen und Beförderungen; ich gestehe daß ich, da sowohl mein Name als der Ihrige unter den Ernennungen vorkommt, begierig war, theils Ihre Kenntnis von der Sache, die ohne Zweifel sehr genau ist, theils Ihren Rath in Anspruch zu nehmen.« »In Wahrheit, Brandon,« sagte Mauleverer mit einem halb mürrischen Lächeln, »jede andre Stunde des Tags wäre gut genug gewesen für die Angelegenheiten der Nation , wie die Zeitungen das mühselige Possenspiel benennen, das wir durchmachen; und ich hatte mir eingebildet, Sie würden meine Nachtruhe nur einem Gegenstand von wirklicher Wichtigkeit zu lieb unterbrochen haben – etwa wegen der Entdekung einer neuen Schönheit oder der Erfindung einer neuen Schüssel.« »Weder das Eine noch das Andre konnten Sie von mir erwarten, mein theurer Lord,« versezte Brandon, »Sie kennen die troknen Armseligkeiten, über welchen sich das Leben eines Advokaten verzehrt, und Schönheiten und neuerfundne Schüsseln haben für uns keine Anziehungskraft, es wäre denn daß jene verlaßne Damen wären, und bei leztern Eingriffe in Patente stattfänden. Aber bei Alle dem sind meine Neuigkeiten wohl des Anhörens werth, wenn Sie anders nicht sie schon vorher wissen.« »Ich? nein! aber ich denke, ich werde im Lauf des Tags davon hören. Verhüte der Himmel, daß man mich nicht holen lasse, um irgend einer lästigen Berathung anzuwohnen. Fangen Sie an!« »Fürs erste: Lord Duberly ist entschlossen abzutreten, wenn nicht die Friedensunterhandlung zur Cabinetsfrage gemacht wird.« »Pah! laßt Den abdanken! Ich habe mich dem Frieden so lang widersezt, daß davon nicht mehr die Rede sein kann. Natürlich wird Lord Wanstrad nicht daran denken – und er kann auf meine Fleken rechnen. Frieden! welcher schmähliche, nichtswürdige, feigherzige Vorschlag!« »Aber, mein lieber Lord, mein Brief sagt, diese unerwartete Festigkeit von Seiten Lord Duberly's Duberly's habe so tiefen Eindruk gemacht, daß der König im Gefühl der Unmöglichkeit ohne ihn ein Cabinet, das Bestand hätte, zu bilden, in die Unterhandlung gewilligt hat und Duberly bleibt!« »Der Teufel! Was weiter?« »Raffden und Sternhold machen für Baldwin und Charlton Plaz, und in der Hoffnung, daß Sie Ihnen Beistand leihen werden –« »Ich!« sagte Lord Mauleverer sehr erbittert. »Ich meinen Beistand leihen dem Baldwin dem Jakobiten und Charlton, dem Sohn eines Bierbrauers?« »Sehr wahr!« fuhr Brandon fort, »aber in der Hoffnung, Sie würden sich überreden lassen, die neuen Einrichtungen mit nachsichtigem Auge zu betrachten, sind Sie an die Stelle des Herzogs von – – bezeichnet für den vakanten Hosenband-Orden und das Amt des Oberkammerherrn.« »Es ist nicht Ihr Ernst!« rief Mauleverer, und sprang aus seinem Bett auf. »Einige wenige andre Beförderungen, (aber wie ich höre vornemlich nur bei der Justiz) sollen noch Vorgenommen werden. Unter andern soll mein gelehrter Amtsbruder, der Demokrat Sarsden, den seidnen Rok bekommen; Cromwell soll Kron-Anwalt werden und – unter uns – mir hat man eine Richterstelle angeboten.« »Aber das Hosenband!« sagte Mauleverer, die übrigen Neuigkeiten des Advokaten beinah überhörend, »der Hauptzwek, Streben und Ehrgeiz meines Lebens. Wie gütig von dem König! Alles wohlbedacht« fuhr der Graf lachend und sich rüklings aufs Bett werfend fort, »die Ansichten sind wandelbar – die Wahrheit hat mehr als Eine Gestalt – die Zeiten ändern sich, nicht wir – und wir müssen den Frieden statt des Kriegs uns gefallen lassen.« »Ihre Grundsäze sind unbestreitbar und der Schluß auf den sie führen, ist vortrefflich,« sagte Brandon. »Ei nun, Sie und ich, mein guter Freund,« sagte der Graf, »die wir die Menschen kennen und unsre ganze Lebenszeit in der Welt verlebt haben, müssen hinter der Scene über das Gesindel lachen, das wir in Goldstoff hüllen und hervorschiken um über die Bühne zu stolziren. Wir wissen wohl, daß unser Corfolanus, das Muster von Unbescholtenheit der Tory's, ein Corporal ist, den ein Freudenmädchen eingezogen hat, und der liberale Brutus der Whigs ein Kammerdiener, der wegen Löffeldiebstähle aus dem Dienst gejagt worden – aber das brauchen wir der Welt nicht zu sagen. So müssen Sie, Brandon, mir eine Rede für die nächste Sizung ausarbeiten – und daß ja gewiß eine Fülle von allgemeinen Grundsäzen darin vorkommt und sie mit den Worten schließt: mein blutendes Vaterland!« Der Advokat lächelte. »So willigen Sie also in die Ausstoßung von Sternhold und Raffden? denn das ist eigentlich die Frage. Unser brittisches Schiff, wie die verdammten Metafern-Schmide den Staat nennen, führt das Staatsgut wohlverwahrt wie Branntwein im Kielraum, und nur wenn Furcht, Sturm oder der Teufel die Schelme selbst hintereinander hezt und die Fässer aufbricht, bekommt man einmal einen tüchtigen Humpen voll. Wir würden ewig uns mit der übrigen Welt haben herumschlagen müssen, wenn die Minister sich nicht selbst in die Haare gekommen wären.« »Was Sternhold betrifft,« sagte der Graf, »das ist ein gemeiner Hund und hat zudem für Finanzreformen gestimmt. Ich kenn' ihn nicht – er mag zum Teufel gehen, mich ficht es nicht von ferne an; aber mit dem Raffden muß glimpflich verfahren werden, oder, dem Hosenband zum Troz, fall' ich ab und gehe zu den Whigs über, die doch immerhin erträgliche Diner's geben.« »Aber warum, mein Lord! soll Raffden besser behandelt werden als sein mitaustretender Amtsgenosse?« »Weil er mir, auf die artigste Weise, die man sich denken kann, ein Fuder von dem köstlichen Madera geschikt hat, den ich, wie Sie wissen, als die Perle meiner Keller betrachte, und einen Antrag zu einer Canal-Schiffahrt aufgab, wodurch seine ganze Grafschaft bereichert worden wäre, weil er erfahren hatte, daß meine Besizungen dadurch beeinträchtigt würden. Nein, Brandon, zum Kukuk mit dem Gewäsche von Staatswohl, wir wissen, was das ist. Aber wir sind Gentlemen, und unsre Freunde im Privatleben dürfen nicht so zum Teufel geworfen werden, oder es muß wenigstens auf die möglichst höfliche Weise geschehen.« »Fürchten Sie nichts,« sagte der Anwalt, »Sie dürfen nur ein Wort sprechen, so wärmt das Cabinet eine Gesandtschaft in Owhyen wieder auf, und schikt Raffden dahin mit einer Besoldung von fünf tausend Pfund jährlich.« »Ha? das ist ein guter Gedanke! oder man könnte ihm auch ein Gnadengeschenk machen mit ein hunderttausend Hufen in einer der Colonieen, oder Kronländereien um achtzig Procent unter dem Preise ihm zu kaufen geben. So wäre das im Reinen.« »Und nun, mein theurer Freund,« sagte Brandon, »will ich Ihnen frei heraus sagen, warum ich so früh komme; man hat von mir eine schleunige Antwort wegen des mir gethanen Antrags einer Richterstelle verlangt. Ihre Meinung?« »Eine Richterstelle! Sie ein Richter? Was! Ihre glänzende Laufbahn aufgeben einer so geringen Würde zu lieb! Sie scherzen!« »Durchaus nicht! Hören Sie mich an. Sie wissen, wie lebhaft ich mich diesem Frieden entgegengesezt und welche erbitterte Feinde ich unter den neuen Freunden der Verwaltung habe; einerseits dringen diese Feinde darauf, mich aufzuopfern; und andrerseits, wenn ich im Unterhause blieb und für das spräche, was ich früher bekämpfte, so würde ich die Unterstützung eines großen Theils meiner eignen Partei verwirken; von der einen Hälfte gehaßt und von der andern beargwöhnt habe ich kein Interesse mehr, einen Siz im Unterhaus einzunehmen. Man hat vorgeschlagen, ich solle das Amt eines Richters übernehmen, mit dem ausdrüklichen und verbürgten, obwohl noch geheimen Versprechen seiner Majestät und des ersten Ministers, mir die erste erledigte Stelle unter den Oberrichtern zu geben. Die Stelle eines Oberrichters, oder Oberbaron ist in der That die einzige passende Entschädigung dafür, daß ich den Gewinn meines Berufs aufgebe und meine parlamentarische und gerichtliche Laufbahn verlasse; der Titel kann (wenigstens durch Geltendmachung des Einflusses) auf den ältesten Sohn meiner Nichte übergehen, im Fall daß sie einen Gemeinen heirathet: oder« sezte er nach einer Pause hinzu, »auf ihren zweiten Sohn, wenn sie sich mit einem Peer vermählen sollte.« »Ha! das ist wahr!« sagte Mauleverer rasch und wie von einem plözlichen Gedanken ergriffen, »und Ihre reizende Nichte, Brandon, ist gewiß für sich selbst oder ihre Kinder jeder Ehre werth. Sie wissen nicht, wie sehr sie mich eingenommen hat; es ist etwas so Anmuthiges in ihrer Natürlichkeit, und in ihrer Art, die kleinen Unebenheiten von Warlock-Haus auszugleichen, lag eine so unbefangne und edle Würde, daß ich erkläre, ich fühlte mich beinah wieder jung und der Selbsttäuschung fähig, mich für verliebt zu halten. Aber, o Brandon! Stellen Sie sich mich vor an Ihres Bruders Tisch! Mich, für den Ortolane eine noch zu materielle Speise sind, und der ich beim Auftreten die leichteste Erhöhung auf den Teppichen von Tournay empfinde! Denken Sie sich, mein lieber Brandon, mich in einem schwarzen, getäfelten Zimmer, worin auf allen Seiten die Bilder Ihrer Ahnen in braunen Perüken und Blumensträußen in den Knopflöchern, hängen – ein ungeheures Feuer auf der einen und ein Luftzug auf der andern Seite – eine unermeßliche Masse Rindfleisch vor mir rauchend wie der Vesuv und zweimal so groß – ein Tellervoll (der Teller war von Zinn; oder gibt es nicht ein Metall das so heißt!) von diesem Gemenge ans Flammen und Lava mir unter die Nase hingerükt und ich, bei Strafe, ungezogen zu erscheinen, dazu verdammt, es mit eignem Munde zu verschlingen; ein alter Kammerdiener in Barchenthosen und gewobenen Strümpfen der den Mundschenk vorstellt und mir eine Kanne Ale einschenkt – und Ihr würdiger Bruder fragt mich, ob ich nicht Porter vorziehe – ein schmuziger Lakei in einer Liveree (das eine Liveree, ihr Götter!) von Scharlach, Blau, Gelb und Grün, wie ein übelgerathener Regenbogen, steht auf der andern Seite des Tisches und stiert den Herrn an, Augen und Maul gleich weit aufgerissen und groß genug um mich zu verschlingen; und Ihr trefflicher Bruder selbst oben an der Tafel glänzend durch den Dampf des Rindfleisches, wie die aufgehende Sonne auf einem Wirthshausschild – und dann Brandon, von diesem Bilde weggewandt, sehen Sie neben mir die anmuthige, zarte, aristokratische und doch einfache Liebenswürdigkeit Ihrer Nichte und – aber Sie sehen unwillig aus – ich habe Sie beleidigt!« Es war hohe Zeit, daß Mauleverer diese Frage that; denn während der ganzen Schilderung des Grafen, hatte das dunkle Angesicht seines Gesellschafters im buchstäblichen Sinne gebrannt vor Wuth; und wir können hier bemerken, wie überhaupt die Selbstsucht, die den Mann von Welt macht, denn doch ihren Eigner, vermöge eines seltsamen Widerspruchs hindert, es darin zur höchsten Vollkommenheit zu bringen. Denn Mauleverer, ganz beschäftigt mit dem Vergnügen, das er über seinen Wiz empfand und nie mit jenem magischen Vermögen begabt, in die Gefühle Andrer sich zu versezen, was den unabläßigen lebhaften Beobachter macht, hatte keinen Augenblik daran gedacht, daß er den geheimen Stolz des Advokaten aufs Empfindlichste beleidige. Ja, so wenig vermuthete er von Brandon's wirklicher Schwäche, daß er ihn für einen Filosofen hielt, welcher ebenso über Leute wie über Grundsäze lache, wie nahe ihn auch jene angehen und wie wichtig leztere sein mochten. Mit einer einzigen Willensanstrengung, welche seiner Wange wieder ihre gewöhnliche, ruhige Farbe gab, bemeisterte Brandon die äußern Zeichen seines Unmuths und erwiederte: »Mich beleidigt! keineswegs, mein lieber Lord. Ich wundre mich nicht darüber, daß Ihr Zustand in einem alten Landedelmanns-Hause peinlich und unangenehm sein mag, das seit Jahrhunderten nicht mehr der Schauplaz von auffallenden, der Gegenwart eines so ausgezeichneten Gastes werthen Begebnissen ist. Nie mehr, darf ich sagen, seit der Zeit, da Sir Charles de Brandon Elisabeth in Warlock bewirthete; und ihr Vorfahr, John Mauleverer, (Sie kennen ja meine alten, muffigen Forschungen über diese Punkte der dunkeln Vorzeit,) ein bekannter Goldschmied in London, lieferte das Service bei jener Gelegenheit.« »Gut heimgegeben« sagte Mauleverer lächelnd: denn der Graf hegte zwar große Verachtung gegen niedrige Herkunft bei Andern, aber in Beziehung auf seine Familie war er von allem Stolz frei. »Gut heimgegeben; aber ich wollte ja gar nichts als über Ihres Bruders Haushaltung meine Freude haben, ein Spaß, der wahrhaftig einem Mann gestattet sein sollte, dessen ekle, übertriebne Weichlichkeit in diesen Dingen längst ein stehender Gegenstand des Scherzes ist. Aber, beim Himmel, Brandon, um diese Dinge jezt zu verlassen, Ihre Nichte ist das hübscheste Mädchen das ich seit zwanzig Jahren gesehen, und wenn sie vergessen könnte daß ich der Abkömmling von John Mauleverer, dem bekannten Londoner Goldschmid bin, so könnte sie Lady Mauleverer werden, sobald es ihr gefällt.« »Nun ja, lassen Sie uns jezt ernsthaft reden und von der Richterstelle sprechen, « sagte Brandon, der sich die Miene gab, als behandle er den Antrag wie einen Scherz. »Bei der Seele des Sir Charles de Brandon, es ist mein Ernst!« rief der Graf, »und zum Beweis hievon: ich hoffe Sie erlauben mir, Ihrer Nichte heute meine Achtung zu bezeugen, – noch nicht mit meinem Antrag in der Hand, – denn es muß eine Neigungspartie sein von beiden Seiten,« und in den Spiegel gegenüber schauend, der seine etwas abgelebten aber einnehmenden Züge unter einer sammtnen, mit Spizen besezten Nachtmüze, zurükwarf, lachte er halb triumfirend zu diesen Worten. Ein höhnisches Lächeln flog über Brandons Lippen und verschwand augenblicklich wieder; indeß fuhr Mauleverer fort: »Und was die Richterstelle betrifft, lieber Brandon – so rathe ich Ihnen, sie anzunehmen, obgleich Sie selbst das am besten verstehen müssen; und ich denke Niemand hat eine schönere Aussicht auf die Oberrichterstelle, oder gar – wenn es auch einigermaßen ungewöhnlich ist bei Advokaten aus den Gemeinen – auf den Wollsak selbst? Wie Sie sagen, der zweite Sohn Ihrer Nichte kann dann die Peerswürde erben.« »Gut, ich will mich beifällig darüber erklären,« sagte Brandon und bald darauf ließ er den Edelmann allein, damit er wieder zu seiner unterbrochenen Ruhe komme. »Ich kann über den Mann nicht lachen,« sagte Mauleverer bei sich selbst, wie er sich im Bette umkehrte, »obgleich er so Vieles an sich hat, worüber ich bei einem Andern lachen würde; und wahrlich es ist da eine Kleinigkeit um deren willen ich ihn verachten könnte, wenn ich kein Filosof wäre. Seine Nichte ist ein bildhübsches Mädchen, und bei geeigneter Anleitung könnte man mit ihr Ehre aufheben; zudem besizt sie sechszigtausend Pfund baar Geld, und wahrhaftig! ich habe keinen Schilling zu meinem Vergnügen, obgleich ich fünfzigtausend Pfund jährlich zum Behuf meiner Einrichtung habe, oder, ach leider! hatte. Aller Wahrscheinlichkeit nach erbt sie auch den Advokaten und der muß wenigstens eben so viel sich gemacht haben, als sie Vermögen hat; auch stekt er, der arme Teufel, in keiner besonders guten Haut. Und wenn er sich gar zur Peerswürde emporschwingt! und der zweite Sohn – – nun gut! es wird keine so schlimme Partie für den Abkömmling des Goldschmids werden.« Unter diesen Gedanken entschlummerte Lord Mauleverer wieder. Nachmittags stand er auf, kleidete sich mit ungewöhnlicher Sorgfalt und wollte eben der Miß Brandon seinen Besuch machen, als er sich plözlich besann, daß der Oheim ihm weder ihre noch auch seine Wohnung genannt habe. Er wollte sich aus dem Brief des Advokaten vom vorigen Abend Raths erholen – aber keine Adresse war angegeben und so sah sich Mauleverer zu seinem großen Verdruß genöthigt, für diesen Tag dem Vergnügen zu entsagen, das er sich versprochen hatte. Der schlaue Advokat, der, wie schon gesagt wurde, Prunk und äußern Pomp so sehr als irgend Einer verachtete, war troz dem gegen ihre Wirkung, selbst bei einem Liebhaber, nicht blind; und zudem war Lord Mauleverer ein Mann, dessen Lebensweise auch einen Menschen von wenig Beobachtungsgeist veranlassen mußte, dem Punkt eines glänzenden Haushalts eine gewisse Aufmerksamkeit zu widmen. Deßwegen stand es bei Brandon fest, daß Lucie von ihrem Bewunderer nicht eher besucht werden sollte, als bis der Umzug in ihre neue Wohnung bewerkstelligt wäre; auch empfing erst am dritten Tag nach der erzählten Unterredung zwischen Mauleverer und Brandon der Graf von dem Advokaten einen Brief, der dem Anschein nach nur politische Gegenstände betraf, der aber Angabe der Straße und des Hauses in bester Form enthielt. Mauleverer antwortete in Person. Er fand Lucie zu Hause und schöner als je; und von diesem Tage an war sein Herz, wie die Mütter sagen, gefangen und seine Besuche kehrten regelmäßig wieder. Fünfzehntes Kapitel. Das Glük eines Erbadels – der ehrenvolle Beruf eines Anwalts. Gemeinpläze. Da ist ein Fest, bei welchem Ritter, Damen und wem Geschlecht und Reichthum einen Namen Verlieh, erscheint. Er ist's! wie kam er her? was macht er da? Lara. Es gibt zwei gar anmuthige Lagen im weiblichen Leben; die eine: die erste Blüthe und Frische der Schönheit verbunden mit einem großen Erbe, die zweite: jugendlicher Wittwenstand mit einem ansehnlichen Witthum. Luciens guter Stern ließ sie wenigstens das erstgenannte Glük genießen. Sobald sie nur erst recht in das Gewühl der fröhlichen Welt eingeführt war, wurde sie der allgemeiner Huldigung. Ein gedrängter Haufe umgab sie überall wohin sie ging; man sprach, träumte von Nichts, trank und wettete auf Nichts als Lucie Brandon. Selbst ihre Natürlichkeit und gänzliche Unbekanntschaft mit den Künsten des feinen Lebens erhoben noch den Glanz ihres Rufs. Wie es nun auch zu erklären sein mag – junge Leute vom zarten Geschlecht sind selten unmanierlich, selbst in ihren Sonderbarkeiten, und die Unerfahrenheit hat oft eine ganz eigene Anmuth. Ihr Oheim, ihr beständiger Begleiter, der selbst keine geringe Anziehungskraft besaß, beobachtete ihre Erfolge mit einer triumfierenden Zufriedenheit, die er jedoch vor Niemand als seinem Bruder und vor Lucie selbst sich anmerken ließ. Mit der gelassenen Kälte seines Wesens würde alles eher vereinbar geschienen haben, als Stolz auf die Berühmtheit, die durch eine weibliche Schönheit gewonnen ward, oder Freude über irgend eine Gunstbezeugung, die in der Laune des Tons und der Mode ihre Quelle hatte. Was den guten alten Squire betrifft, so hätte man weit eher ihn als seinen Bruder für den breßhaften Curgast nehmen können. Er wurde kaum irgendwo gesehen: denn obgleich er überall hin ging, gehörte er einmal zu den Leuten, die, wenn sie in ein Zimmer treten, sich augenbliklich in einer Eke niederlassen. Wer ihn nun in seinem Winkel ausfindig machte, hob die Hände empor und rief: »Guter Gott! Sie hier! Wir haben Sie seit einem Menschenalter nicht gesehen!« Dann und wann, wenn in einer dunkeln Zimmervertiefung ein Spieltisch aufgestellt war, arbeitete sich der würdige Gentleman mit einer unansehnlichen Partie Whist ab; häufiger jedoch saß er mit ineinandergelegten Händen und offnem Munde da, berechnete die Zahl der Kerzen im Saal oder dachte sich aus: »Wann doch die verdammte Musik zu Ende sein würde.« Lord Mauleverer, ein so feiner und höflicher Mann er war und so sehr sein Hauptzwek der sein mußte, sich bei dem Vater seiner gewünschten Braut in Gunst zu sezen, hatte doch einen Abscheu gegen die Langeweile, der alle andern Gefühle seiner Seele überwog. Er konnte es also nicht über sich gewinnen, sich der trübseligen Pflicht zu unterziehen, einen Zuhörer von des Squires verschlungnen, lang ausgezognen Reden abzugeben. Er schlüpfte immer an dem Size des guten Mannes, anscheinend in ausnehmender Eile, vorbei mit einem: »Ah, mein lieber Sir, wie geht es Ihnen? Wie freut es mich, Sie zu sehen! und Ihre unvergleichliche Tochter? O, da ist sie! Entschuldigen Sie mich, werther Sir – Sie sehen welcher Magnet mich zieht! au plaisir !« Lucie zwar, die Niemand, (als gelegentlich sich selbst) vergaß, suchte ihren Vater, so oft es ihr möglich war, in seiner Zurükgezogenheit auf, aber man bewarb sich so unabläßig um sie, daß sobald sie einen Tänzer verloren hatte, sie sogleich von einem zweiten angegangen und aufgezogen wurde. Der Squire ertrug jedoch seine Verlassenheit mit erträglicher Harmlosigkeit, und erklärte immer: »er unterhalte sich ganz gut; obgleich Bälle und Concerte nothwendigerweise einigermaßen langweilig für einen Mann sein müssen, der von einem hübschen, alten Orte wie das Herrenhaus von Warlock, herkomme und natürlich haben die jungen Damen nicht an denselben Dingen Geschmak, (denn für sie möge das Geigen und Kichern bis zwei Uhr Morgens ein ganz gutes Mittel sein, die Zeit umzubringen) wie ihre Väter .« Was Luciens Namen noch um ein Beträchtliches gefeierter machte, war die sichtbare Aufmerksamkeit und Bewunderung eines in Rang und Ton so hoch stehenden Mannes wie Lord Mauleverer. Dieser Mann, der noch viel Jugendliches in seinem Geist und in seiner Laune hatte, und seinem Wesen nach eher gleichgültig als vornehm war, beobachtete in seinem Verkehr mit der schwärmenden Gesellschaft in Bath wenige oder gar keine Standesrüksichten. Es war ihm gleichgültig, wohin er ging, wenn er nur im Gefolge der jungen Schönheit war; und der ekelste Edelmann am englischen Hofe war an dem Badeort in Cirkeln zweiten und dritten Rangs zu sehen, als Begleiter, als schmachtender Ritter und oft als Gegenstand des Spottes der Tochter eines unbekannten und beinah bedeutungslosen Landedelmanns. Troz der Ehre eines so ausgezeichneten Liebhabers und troz all der Neuheit ihrer Lage, war doch der gesunde Kopf Luciens bis jezt nicht im Mindesten verrükt worden; und was ihr Herz anlangt – so rührte der einzige Eindruk den es je in sich aufgenommen, von jenem wandernden Gast beim Dorfgeistlichen her, den sie seitdem nicht wieder gesehen hatte, aber der noch ihrer Einbildungskraft vorschwebte, nicht allein mit den Reizen ausgestatet, die er als ein ausgezeichnet schöner Mann wirklich besaß, sondern auch mit solchen, auf die er nie ein Recht konnte geltend machen, die aber für ihre Gemüthsruhe nur um so gefährlicher waren, als sie nur in der Fantasie des Mädchens und nicht in seinen Verdiensten gegründet waren. Sie hatten jezt einige Zeit in Bath zugebracht und Brandons kurze Erholungsfrist war beinah abgelaufen, als ein öffentlicher Ball von ungewöhnlicher und mannigfaltiger Pracht angekündigt wurde. Er sollte nicht nur durch die Anwesenheit aller Familien in der Umgegend, sondern auch durch Personen aus der königlichen Familie verherrlicht werden; und es ist ja eine anerkannte Thatsache, daß die Leute weit besser tanzen und sich ihr Essen weit besser schmeken lassen, wenn ein Verwandter des Königs zugegen ist. »Ueber diesen Ball muß ich noch bleiben, Lucie,« sagte Brandon, der, nachdem er den Tag mit Lord Mauleverer zugebracht, in ungewöhnlich fröhlicher Stimmung nach Hause kam. »Ich muß noch über diesen Einen Ball bleiben und Zeuge von Deinem vollständigen Triumf sein, obgleich es dringend nothwendig ist, daß ich Euch dann gleich am folgenden Morgen verlasse.« »So bald!« rief Lucie aus. »So bald!« wiederholte der Oheim mit einem Lächeln, »wie gut bist Du, so mit einem alten siechen Mann zu sprechen, dessen Gesellschaft Dich zum Sterben muß gelangweilt haben; nein! keine artige Betheurungen des Gegentheils! Aber der Hauptzwek meines Besuchs an diesem Ort ist erreicht; ich habe Dich gesehen, ich war Zeuge Deines Auftritts in der großen Welt mit, ich darf es wohl sagen, mehr als väterlichem Jubel, und ich kehre zu meinen troknen Geschäften mit dem befriedigenden Gedanken zurük, unser alter und verwelkter Stammbaum habe wieder eine Blüthe getrieben, die seiner frischesten Tage nicht unwerth ist.« »Oheim!« sagte Lucie im Tone des Vorwurfs und erhob den Zeigefinger mit einem schalkhaften Lächeln, wozu sich ein Erröthen gesellte, in dem die weibliche Eitelkeit, ihr selbst unbewußt, sich aussprach. »Und was soll dieß heißen, Lucie?« fragte Brandon. »Weil – weil – ach, nichts mehr davon! Sie sind für den Beruf erzogen worden, in dem, wie sie selbst sagen, die Leute Unwahrheit reden für Andre, bis sie für sich selbst alle Wahrheit verlieren. Aber lassen Sie uns von Ihnen sprechen, nicht von mir; ist Ihnen wirklich so wohl, daß Sie uns verlassen dürfen?« So einfach und sogar kalt die Worte in Luciens Frage auf dem Papier erscheinen mögen: in ihrem Munde nahmen sie einen so zärtlichen, freundlich besorgten Ton an, daß Brandon, der keinen Freund, kein Weib, keine Kinder, kurz Niemand in seinem Hause hatte, bei dem Theilnahme für seine Gesundheit und sein Wohlsein etwas Natürliches gewesen wäre, und der daher an die Sprache der Zärtlichkeit durchaus nicht gewöhnt war, sich plözlich gerührt und ergriffen fühlte. »Nun wahrlich, Lucie,« sagte er mit minder erkünsteltem Ton als worin er gewöhnlich sprach, »ich würde gerne noch Deiner Sorgfalt genießen und in Deiner Gesellschaft meine Schwächen und Leiden vergessen, aber ich kann nicht; die Fluth der Ereignisse, wie die der Natur, richtet sich nicht nach unsrem Vergnügen.« »Aber wir können doch selbst unsre Zeit uns ersehen, um unter Segel zu gehen,« sagte Lucie. »Ja, das kommt dabei heraus, wenn man in Bildern spricht,« sagte Brandon hierauf lächelnd, »wer damit anfängt, kommt immer am schlechtesten weg. Mit klaren Worten, liebe Lucie, ich kann nicht mehr Zeit auf meine Unpäßlichkeit verwenden. Ein Advokat kann während der Gerichtssizung nicht den Müssiggänger spielen ohne – –« »Ein paar Guineen zu verlieren,« unterbrach ihn Lucie. »Mehr als das – seine Praxis und seinen Namen!« »Lieber noch dieß als die Gesundheit und Gemüthsruhe.« »Ha! nicht doch – Nein!« sagte Brandon rasch und beinah zornig. »Wir lassen es uns die Frische und das Mark unsers Lebens kosten, um eine recht glänzende Knechtschaft zu gewinnen, und wenn sie errungen ist, dürfen wir nicht meinen, eine dunkle Unabhängigkeit wäre doch besser gewesen. Wenn wir je diesen Gedanken in uns aufkommen lassen: welche Thoren, welche verschwenderische Thoren sind wir dann gewesen! Nein,« fuhr Brandon nach einer augenbliklichen Pause in milderem und heitrerem Ton fort, der jedoch für die eiserne Hartnäkigkeit des Mannes nicht minder charakteristisch war, »nachdem ich die Genüsse der Jugend und die behagliche Muße des Mannesalters hingegeben habe, damit der Geist, der alles überwältigende Geist im Alter endlich sich eine Bahn breche zum Lob und Beifall der Menschen, wäre ich wahrlich ein elender Weichling, wenn ich, so lange noch diese streitenden Elemente meines Körpers zusammenhalten, oder so lang ich noch die Macht besize, über diese Glieder zu gebieten, zugäbe, daß dieser schwächliche Körper die Mühe und Arbeit der bessern und edlern Hälfte meines Wesens vereitle und was zum Dienen und Gehorchen bestimmt ist, herrsche.« Lucie wußte nicht, als sie ihrem sonderbaren Verwandten halb mit Furcht, halb mit Verwunderung zuhörte, daß gerade während er sprach, sein Uebel aufs Fürchterlichste an ihm nagte, ohne ihm doch nur das geringste äußere Zeichen des Schmerzens auspressen zu können. Aber es bedurfte auch ihre Theilnahme und Zärtlichkeit für diesen Mann keines weitern Zuwachses, der vielleicht eben in Folge davon, daß für gewöhnlich das Gepräge des Weltmanns und ein kaltes Gemüth sich in ihm aussprachen, immer einen unauslöschlichen Eindruk auf alle diejenigen machte, welche je unter dieser Gemüthsruhe tiefere, obwohl vielleicht schlimmere Gefühle, hatten hervorbrechen sehen. »Wirst Du zu dem Rout der Lady – – gehen?« fragte Brandon, der mit Leichtigkeit auf gewöhnliche Gegenstände überzugehen wußte, »Lord Mauleverer trug mir auf, Dich zu fragen. »Das hängt von Ihnen und meinem Vater ab,« sagte Lucie. »Wenn von mir, dann antworte ich ja!« sagte Brandon. »Ich höre Mauleverer gerne zu, besonders bei Leuten, die ihn nicht verstehen; durch die Gemeinpläze seines Gesprächs zieht sich ein seiner, künstlicher Spott durch, der die armen Narren verwundet, wie das unsichtbare Schwert in der Fabel, das Köpfe abschnitt, ohne deren Eigenthümern eine andre Empfindung, als ein angenehmes, schmeichelndes Kizeln zu verursachen. Wie unendlich ist er in Benehmen und Anstand Allen überlegen, die man hier trifft; macht er keinen angenehmen Eindruk auf Dich?« »Ja – nein – ich kann das eigentlich nicht sagen,« versezte Lucie. »Ist dieß die Verwirrung der Zärtlichkeit?« dachte Brandon. »Mit Einem Wort,« fuhr Lucie fort. »Lord Mauleverer ist ein Mann, den ich für angenehm halte ohne zu fesseln, und für unterhaltend ohne hinzureißen. Offenbar hat er einen gebildeten Geist und ein anmuthiges Benehmen, und bei alledem ist er die uninteressanteste Person, die ich je sah.« »Die Frauen haben selten so von ihm geurtheilt,« sagte Brandon. – »Ich kann mir nicht vorstellen, wie sie anders urtheilen sollten.« Ein gewisser mit Verachtung verwandter Ausdruk spielte über Brandons harte Züge. Es war ein bemerkenswerther Zug an ihm, daß er, während doch sein eifriges Bestreben dahin ging, Lucien eine vortheilhafte Meinung von Lord Mauleverer einzuflößen, doch nie ganz eine gewisse Zufriedenheit bei irgend einem Scherz auf Kosten des Grafen, ober bei einem Urtheil, das seine Liebenswürdigkeit gegenüber von dem andern Geschlecht in Zweifel zog, zu verbergen im Stande war; aber sobald diese Zufriedenheit in ihm zum Bewußtsein kam, wurde sie auch augenbliklich wieder durch den Verdruß bekämpft, welchen er darüber empfand, daß Lucie seinen Wunsch, sie mit dem Hofmann zu vermählen, gar nicht zu theilen schien. Es schien in dieser Beziehung in seiner Seele ein Kampf obzuwalten, zwischen dem Interesse einerseits, und persönlicher Abneigung oder Verachtung andrerseits. »Du beurtheilst die Weiber falsch!« sagte Brandon. »Frauen kennen sich einander nie. Von allen Menschen ist Mauleverer am meisten gemacht sie zu gewinnen und die Erfahrung rechtfertigt meine Behauptung. Der stolzeste Ruhm, den ich mir für ein Weib denken kann, wäre: die gänzliche Eroberung Lord Mauleverers; aber es ist unmöglich. Er kann galant sein, aber nie wird er sich zu Füßen legen. Er verachtet die ganze weibliche Welt und das mit Recht und ungestraft. Genug von ihm. Sing' mir liebe Lucie.« Die Zeit des Balls rükte heran und Lucie, ein reizendes Mädchen, das aber nichts vom Engel an sich hatte, war wohl in so weit Freundin von der Fröhlichkeit, vom Tanz und von der Bewunderung, daß sie ihr Herz vor Erwartung der Dinge, die kommen sollten, pochen fühlte. Endlich erschien der Tag. Brandon speiste allein mit Mauleverer und hatte die Verabredung getroffen, daß er mit dem Grafen seinen Bruder und seine Nichte auf dem Ball finden wolle. Mauleverer, ein Feind des Prunks, ausgenommen bei großen Gelegenheiten, wo aber dann Niemand es ihm an Geschmak zuvorthat, ließ seine Diener nie bei Tisch aufwarten, wenn er allein oder mit einem vertrauteren Freunde speiste. Die Dienerschaft war außerhalb des Zimmers und wurde mittelst einer Gloke, die neben dem Wirth lag, wenn man ihrer bedurfte, berufen. So war die Unterhaltung ganz ungezwungen. »Ich bin ganz überzeugt, Brandon,« sagte Lord Mauleverer, »daß, wenn Sie nur auch etwas besser leben wollten, es mit Ihrem Nervenleiden bald besser werden würde. Es ist nichts als Mangel an Blut, glauben Sie mir! Noch ein Wenig, von den Finnen? nicht? oh zum Kukuk mit Ihrer Enthaltsamkeit; es ist verdammt unfreundschaftlich, so wenig zu essen. Da wir von Finnen und Freunden sprechen – der Himmel verhüte, daß ich je wieder mit einem pedantischen Epikuräer mich einlasse, zumal wenn er Wortspiele macht.« »Nun was hat denn ein Pedant mit Finnen zu schaffen?« »Ich will es Ihnen sagen (ah, dieser Madera!) ich brachte den Lord Dareville, der den Feinschmeker spielen will, auf den Gedanken, welch herrliches Ding es um ein Gericht von lauter Finnen (Steinbutten-Finnen) sein müßte. »Herrlich!« rief er entzükt aus, »Speisen Sie morgen bei mir.« Gerne! sagte ich. Am folgenden Tag, nachdem ich den ganzen Morgen einer anmuthigen Träumerei über die Art und Weise nachgehängt war, wie Dareville's Koch, der nicht ohne Geist ist, die große Aufgabe lösen werde, kam ich pünktlich meinem Versprechen nach. Werden Sie es glauben? Als der Dekel abgenommen war, hatte der frevelhafte Hund von einem Amfitryen Cicero de Finibus in die Schüssel gelegt. »Hier ist ein Werk von lauter Fines! « sagte er. »Gräßlicher Scherz!« rief Brandon feierlich. »Nicht wahr? Wenn je die Gastronomen ein Inquisitionsgericht niedersezen, so werden sie hoffentlich all die gottlosen Bösewichte braten, welche das göttliche Geheimnis leichtfertig behandeln. Ein Wortspiel machen mit der Kochkunst! es ist zu arg: Apropos bei Dareville – er soll auch in die Verwaltung kommen!« »Sie sezen mich in Erstaunen!« sagte Brandon, »davon hab' ich nie etwas gehört; ich kenne ihn nicht. Er hat sehr wenig Einfluß, hat er Talente?« »Ja, ein sehr großes, obwohl nur erworbenes!« »Worin besteht es?« »Eine schöne Frau!« »Mein Lord!« rief Brandon überrascht und halb von seinem Siz sich erhebend, aus. Mauleverer sah rasch auf und erröthete heftig als er den Ausdruk auf dem Angesicht seines Tischgenossen sah; es herrschte einige Augenblike Stillschweigen. »Sagen Sie mir,« sagte Brandon gleichgültig, indem er sich etwas Gemüße vorlegte, denn er rührte selten Fleischspeisen an und man konnte sich keinen ergözlicheren Contrast denken, als den zwischen dem ernstlichen Epikuräismus Mauleverers und der sorglosen Verachtung gegen die erhabne Kunst, welche sein Gast an den Tag legte, »Sagen Sie mir, der Sie nothwendig Alles wissen müssen, ob das Cabinet jezt in der That ganz besezt ist, ob Sie das Hosenband bekommen, und ich – (man merke den Unterschied) – die Richterstelle?« »Nun so wird es, glaub' ich, eingerichtet werden, das heißt, wenn Sie darein willigen, die Schurken aufzuhängen, statt mit den Narren zu leben.« »Man kann beides verbinden!« erwiederte Brandon, »aber ich glaube überhaupt, es verhält sich umgekehrt. Denn wir leben mit den Schurken und nur die Narren sind wir im Stande zu hängen. Sie fragen mich ob ich die Richterstelle annehme? Ich würde es nicht thun – nein, ich würde mir lieber die Hand abhauen – (der Advokat sprach mit großer Bitterkeit,) als meine gegenwärtige Laufbahn, troz allen Hindernissen, die sich mir in den Weg stellen, aufgeben: wenn ich dächte, dieser hinfällige Körper werde mir auch nur noch zwei Jahre lang erlauben, sie zu verfolgen.« »Sie erschreken mich!« sagte Mauleverer, ein wenig ergriffen, aber demungeachtet mit gewohntem unfehlbarem, seinem Takt den Cayenne-Pfeffer auf die Gurken streuend, »sie erschreken mich; aber Sie, sind doch beträchtlich, besser als früher?« »Nicht daß ich,« fuhr Brandon, mehr mit sich selbst als mit seinem Freunde sprechend, fort: »Nicht daß ich außer Stand wäre die Qualen zu überwältigen und die verzagten Nerven zu bemeistern; aber ich fühle, wie ich durch die beständige Anstrengung meiner noch übrigen Kräfte schwächer und schwächer werde, und ich werde sterben, eh' ich meine Pläne zur Hälfte erreicht habe, wenn ich nicht die Arbeiten verlasse, die mich im wahren Sinne des Worts in Stüke reißen.« »Aber,« sagte Lord Mauleverer, der trägste Mensch unter der Sonne, »die Richterstelle ist keine so bequeme Sinekure!« »Nein!« aber in diesem Amt ist doch der Geist weniger in Anspruch genommen, als in meiner jezigen Stellung;« und hier hielt Brandon inne, eh' er fortfuhr: »Aufrichtig gesprochen, Mauleverer, glauben Sie nicht, man wollte mich hintergehen? meinen Sie nicht die Absicht sei, mich zu diesem politischen Tode zu verdammen, ohne auf den Schild am Sarge zu schreiben: resurgam ?« »Sie dürfen nicht!« sagte Mauleverer, sein viertes Glas Madera hinunterstürzend. »Gut ich bin über den Wechsel in meinem Lebensplan entschieden,« sagte der Advokat mit einem leichten Seufzer. »Und ich über den Wechsel in meinen Ansichten,« stimmte der Graf mit ein. »Ich will Ihnen sagen, womit die Ansichten zu vergleichen sind.« »Womit?« fragte Brandon zerstreut. »Mit Bäumen,« antwortete Mauleverer wizig, »wenn sie, so lange sie stehen, nuzbar sind, so bricht man kein Reis davon ab, aber wenn sie die Höhe erreicht haben, die gut bezahlt wird, oder wenn sie eine schöne Aussicht verdeken, so haut man sie um und schaft sie auf jede mögliche Weise fort. Und jezt zum zweiten Gang!« »Ich wäre begierig,« sagte der Graf, als unsre ehrenhaften Staatsmänner wieder allein waren, »zu wissen, ob es je einen Minister gab, der sich nur drei Steknadeln um das Volk bekümmerte – um seine Partei bekümmert sich Mancher, aber um das Land!« »Es sind lauter Possen!« sezte der Advokat mit mehr Nachdruk als Anmuth hinzu. »Recht! es sind lauter Possen, wie Sie es treffend ausdrüken. König, Verfassung und Kirche für immer! das heißt verdolmetschet: erstens König, oder Einfluß der Krone, Richterstellen und Hosenbandorden; fürs zweite die Verfassung – oder Advokatengebühren, Stellen für den Staatsmann, Geseze für die Reichen und Jagdgeseze gegen die Armen; drittens die Kirche, oder Pfründen für die jüngern Söhne und den Hungertod für ihre Pfarrverweser!« »Ha, ha!« sagte Brandon mit sardonischem Lächeln, »wir kennen die menschliche Natur!« »Und wie man mit ihr umspringen muß,« sezte der Höfling hinzu. »Auf die Gesundheit Ihrer Nichte, und möge es nicht lang anstehen, bis Sie sie als die Braut Ihres Freundes begrüßen!« »Braut et cetera,« sagte Brandon mit einem höhnischen Lächeln worin sich sein geheimer Triumf aussprach. »Aber, hören Sie mich an, lieber Lord, feien Sie Ihrer Sache nicht zu gewiß! es ist ein eignes Mädchen und besizt mehr Unabhängigkeit als sonst die Weiber. Sie wird bei ihrem Urtheil über Sie Rang und Stand in keinen Anschlag bringen; sie wird nur den Mann ins Auge fassen, und verzeihen Sie mir, wenn ich Ihnen, der Sie das Geschlecht so gut kennen, einen Plan an die Hand zu geben wage, nach welchem zu verfahren nicht unräthlich sein dürfte: beugen Sie der Einbildung von ihrer Seite vor. Sie seien ganz und gar der ihrige; erweken Sie ihre Eifersucht, reizen Sie ihren Stolz, bringen Sie ihr die Meinung bei, Sie seien unüberwindlich und wenn sie nicht allen Weibern unähnlich ist, so muß sie wünschen, Sie zu erobern.« Der Graf lächelte. »Ich muß Mein Heil versuchen,« sagte er mit zuversichtlichem Tone. »Der verwitterte Get!« brummte Branden zwischen den Zähnen: »jezt wird seine Thorheit Alles vereiteln.« »Und dieß erinnert mich,« fuhr Mauleverer fort, »daß die Zeit schwindet und das Diner noch nicht vorüber ist; lassen Sie uns nichts übereilen, aber verhalten wir uns stille, um dessen besser zu genießen – diese Trüffeln in Champagner – kosten Sie sie, einen Todten müßten sie wieder ins Leben rufen!« Der Advokat lächelte und ließ den guten Willen gelten, obwohl er die Lekerei unberührt ließ; und Mauleverer, dessen Seele auf seinem Teller war, bemerkte die herzlose Zurükweisung nicht. Inzwischen hatte die junge Schönheit bereits den Schauplaz der Lust betreten und saß neben dem Squire am obern Ende des halbgefüllten Ballsaals. Eine muntere Dame nach der Mode der damaligen Zeit und von dem Halbrang, dem die Aristokratie von Bath angehörte, eine der sonderbaren Personen, wie sie uns in den trefflichen Novellen der Miß Burney unter der Classe der feinen Damen begegnen, gesellte sich als dritte Person zu unsrer Erbin und ihrem Vater und bezeichnete ihnen die verschiednen Leute, welche in die Zimmer traten, mit Namen. Sie war noch im besten Strom der Klatscherei, als ein ungewöhnliches Aufsehen in der Nähe der Thür sich kund gab; drei Fremde von ausgezeichneter Gesichtsbildung, in bunter Kleidung und mit einem Wesen, das, obgleich bei Jedem wieder verschieden, bei allen durch eine Art prunkender Zuversicht hervorstach, traten ein. Einer war ungewöhnlich groß und hatte einen außerordentlich stattlichen Haarwuchs; der zweite hatte ein harmloseres und anspruchloseres Aussehen; demungeachtet hatte sein Antliz einen hochmüthigen obwohl nicht widerwärtigen Ausdruk; der dritte war ziemlich viel jünger als seine Begleiter, auffallend schön von Wuchs und Gesicht, war auch in einem bessern Geschmak gekleidet und besaß ein Benehmen, das obwohl nicht minder kek, doch nicht ebenso durch Unverschämtheit und derbes Auftreten sich bemerklich machte. »Wer mag das sein?« sagte Luciens Freundin in verwunderndem Tone, »ich habe sie noch nie gesehen – es müssen angesehene Leute sein – sie haben alle das Wesen von Männern von Stand! Gott! wie ungeschikt, daß ich sie nicht kennen soll!« Während die gute Dame, die wie alle gute Damen dieses Schlags, meinte, Leute von Stand haben ein besondres Wesen an sich, sich also beklagte, daß sie die neuen Ankömmlinge nicht kenne, ging bereits ein allgemeines Geflüster, denselben Gegenstand betreffend, durch den ganzen Saal: »Wer sind sie?« und die Antwort war immer: »Kann es nicht sagen – sah sie noch nie.« Unsre Fremden schienen mit dem sichtbaren und raschen Eindruk den sie gemacht, keineswegs unzufrieden. Sie standen in dem am meisten in die Augen fallenden Theile des Saals und unterhielten mit einander ein leises Gespräch häufig von Gelächter unterbrochen, lauter Zeichen, wie wir kaum zu bemerken brauchen, von außerordentlich feiner Lebensart. Die schöne Gestalt des jüngsten Fremden und die einfache, wie es schien, ungesuchte Anmuth seiner Haltung waren indeß der Bewunderung, die sie erregten, nicht unwerth, und selbst sein Lachen, so unfein es in der That war, enthüllte eine so glänzende Reihe Zähne und war von so strahlenden Augen begleitet, daß, ehe zehn Minuten vergingen, kaum eine junge Dame unter neununddreissig im Saale sich befanden, die nicht geneigt gewesen wäre, sich in ihn zu verlieben. Anscheinend gleichgültig gegen die verschiednen ihr Ohr erreichenden Bemerkungen, schlenderten unsre Fremden, nachdem sie von ihrer Stellung aus zur Genüge die Schönheiten des Balls gemustert, Arm in Arm durch die Gemächer. Nachdem sie den Tanzsaal und die Spielzimmer durchwandert, gingen sie durch die Thüre, welche zum Eingang führte und betrachteten mit andern Herumlungerern, die neuen Ankömmlinge wie sie die Treppe herauf kamen. Hier erneuerten die zwei jungen Fremden wieder ihre flüsternde Unterhaltung, während der größte, unbekümmert an die Wand gelehnt, einige Augenblike damit beschäftigt war, die Hand durchs Haar zu streichen. Mit diesem Geschäfte fertig, sah unser Ehrenmann seine Aufmerksamkeit von dem eigenthümlichen Zustand seiner Manschetten in Anspruch genommen; nachdem er ein paar Augenblike einen ärgerlichen Riß an der rechten Manschette beobachtet, murmelte er einige unverständliche Worte, welche lauteten wie: der Hahn der verwünschten Pistole! und schob dann den verunstalteten Putz mit einer ausnehmend flinken Bewegung der Finger seiner linken Hand hinauf; in der nächsten Minute brauchte der Fremde, von einer neuen Sorge belästigt, seine Fingerspizen dazu, eine außerordentlich glänzende Brustnadel an seinem Hemde zu befestigen und zurechtzurüken, dessen grobes Gewebe sonderbar gegen die Pracht des Zierrathes und die Feinheit der einen Krause abstach, die unser neuer Hyperion unter seinem zimmtfarbigen Rokärmel hervorhängen ließ. Nachdem diese kleinen Verrichtungen an seiner eignen Person beendigt waren, und er eine glänzende Tabaksdose aus seiner Seitentasche hervorgeholt, dreimal darauf gepocht und sie um zwei Prisen ihres kizelnden Schazes erleichtert hatte, wandte jezt der Fremde mit dem wachsamen Auge der Freundschaft, einen forschenden Blik auf den Anzug seiner Freunde. Hier schien alles der strengsten Prüfung Troz bieten zu können, nur freilich, daß, wie der vornehm-aussehende Fremde eben seine Handschuhe herausgezogen hatte, das Futter seiner Roktasche, das zum Ueberfluß noch ziemlich schmuzig war, nicht wieder, wie sich gebührte, nach innen zurükgekehrt war. Der große Fremde sah diesen kleinen Uebelstand, fuhr dienstfertig mit drei Fingern rasch und leicht in die Tasche seines Freundes und bewältigte glüklich die Schamlosigkeit des vorwizigen Futters. Sobald der hochmüthige Fremde die Berührung fühlte, drehte er sich rasch um und flüsterte gegen seinen gefälligen Gefährten: »Was, Ned, unter Freunden! Pfui doch! bezwinge, die Natur in Dir nur wenigstens Eine Nacht!« Ehe der mit den wallenden Haaren Zeit zur Antwort fand, trat der Zeremonienmeister, der in den lezten drei Minuten die Fremden durch sein Augenglas beobachtet, mit einer gewandten Verbeugung vor und der schöne Gentleman, der das höhere Ansehen und den Vortritt vor seinen Begleitern behauptete, war der Erste, der die Höflichkeit erwiederte. Er that dieß mit so viel Anstand, und einem so gefälligen Gesichtsausdruk, daß der Richter der Büklinge auf einmal ganz eingenommen ward und mit einer zweiten noch ehrerbietigern Begrüßung, ihn mit sich und seinem Amte bekannt machte. »Sie würden vielleicht gerne tanzen, meine Herrn,« fragte er mit einem Blik auf Alle, aber seine Worte waren an den gerichtet, der den günstigen Eindruk auf ihn gemacht hatte. »Sie sind sehr gütig,« versezte der einnehmende Fremde, »ich für meinen Theil werde Ihnen für die Ausübung Ihrer Macht zu meinen Gunsten sehr verpflichtet sein; erlauben Sie mir, mit Ihnen in den Tanzsaal zurükzukehren, wo ich ihnen dann die Gegenstände meiner besondern Bewunderung auszeichnen werde.« »Der Zeremonien-Meister verbeugte sich wie zuvor und schlenderte mit seinem neuen Bekannten, gefolgt von dessen zwei Begleitern, in den Ballsaal. »Sind Sie schon lange in Bath, Sir?« fragte der Ball-Monarch. »Nein, in der That, wir kamen erst diesen Abend an.« »Von London?« »Nein! wir machten einen kleinen Streifzug durch das Land.« »Ah, sehr angenehm bei diesem heitern Wetter!« »Ja, besonders an den Abenden.« »Oh – ein romantischer Schwärmer!« dachte der Ball-Mann und versezte laut: »O ja die Nächte sind angenehm und der Mond ist uns besonders günstig.« »Nicht immer,« sagte der Fremde. »Wahr, wahr – die vorlezte Nacht war finster; aber sonst schien der Mond sehr hell.« Der Fremde war schon im Begriff zu antworten, aber er unterdrükte die Antwort und neigte nur zustimmend das Haupt. »Ich bin neugierig, wer sie sein mögen,« dachte der Ceremonien-Meister. »Bitte, Sir,« sagte er leise, »ist dieser Herr, der große Herr, irgendwie mit Lord – – verwandt? Ich kann nicht umhin zu glauben, ich entdeke eine Familienähnlichkeit an ihm.« »Nicht entfernt mit seiner Lordschaft verwandt,« antwortete der Fremde, »aber es ist aus einer Familie, die in der Welt Lärmen gemacht hat, obgleich er, wie mein andrer Freund nur ein Gemeiner ist,« und auf dieß Wort legte er besondern Nachdruk. »Nichts kann achtungswerther sein, Sir, als ein Gemeiner von guter Familie,« versezte der höfliche Herr *** mit einer Verbeugung. »Ich stimme Ihnen bei, Sir,« erwiederte der Fremde auch mit einem Bükling. »Aber, o Himmel!« der Fremde fuhr auf. Denn in diesem Augenblik entdekte er zum erstenmal im fernen Ende des Saals das jugendlich leuchtende Antliz von Lucie Brandon. »Seh' ich recht, oder ist dieß nicht Miß Lucie Brandon?« »Es ist wirklich diese liebenswürdige junge Dame,« sagte Herr – –. »Ich wünsche Ihnen Glük dazu, daß Sie diese bewunderte Schönheit kennen. Ich denke, da Sie sich dieser Bekanntschaft zu erfreuen haben, ist die Förmlichkeit des Vorstellens überflüssig?« »Mag sein!« sagte der Fremde ziemlich kurz und unhöflich. »Doch nein! vielleicht ist es doch besser, Sie stellen mich vor.« »Mit welchem Namen werde ich die Ehre haben, Sir?« fragte der Namenkenner bescheiden. »Clifford!« antwortete der Fremde, »Kapitän Clifford!« Auf dieß lenkte der Ober-Ceremonien-Meister seine Schritte durch den jezt dichtgedrängten Saal und näherte sich Lucien, um Herrn Cliffords Verlangen zu erfüllen. Dieser Gentleman jedoch blieb, eh' er dem Schuzgeist des Ortes auf dem Fuß nachfolgte, stehen und sagte zu seinen Freunden in gleichgültigem Ton, doch nicht ohne gebietenden Nachdruk: »Hört Ihr Herrn, thut mir den Gefallen und seid so still und artig, als Euch möglich ist, und drängt Euch nicht zu mir, wie Ihr zu thun pflegt, so oft Ihr keine Gelegenheit erseht, mir diese Ehre nur mit dem geringsten Anstrich von Schiklichkeit anzuthun.« Mit diesen Worten, ohne eine Antwort abzuwarten, eilte Clifford dem Ceremonien Meister nach. »Unser Freund wird gewaltig befehlshaberisch!« sagte der lange Ned, den unsre Leser bereits in dem großen Fremden erkannt haben. »So ist es immer mit den hochstrebenden Geistern,« sagte der moralisirende Augustus Tomlinson, »ich denke wir gehen in das Spielzimmer und machen einen Robber ?« »Ein guter Gedanke,« sagte Ned gähnend – was er in Gesellschaft zu thun sehr geneigt war, »und ich wünsche denen, welche unsre Robber Im Englischen Wortspiel von Rubber die Spielpartie, mit Robber Räuber. versuchen, nichts Schlimmeres, als daß sie von ihnen fein säuberlich ausgezogen werden möchten.« Nach diesem Wiz marschirte der Colossus der Landstraßen, mit einem Blik in den Spiegel, sich brüstend und Arm in Arm mit seinem Begleiter, in das Spielzimmer. Während dieser kurzen Besprechung hatte die Erneuerung der Bekanntschaft zwischen Clifford (dem Fremden vom Pfarrhaus und Befreier Herrn Sloppertons) und Lucie Brandon Statt gehabt und die Hand der Erbin war schon gemäß der Sitte jener Zeit, für die zwei folgenden Tänze ihm zugesagt. Ungefähr zwanzig Minuten nachdem diese Vorstellung Statt gehabt, traten Lord Mauleverer und William Brandon in den Saal und das Geflüster, das beim Eintritt des bekannten Pairs und des ausgezeichneten Anwalts entstanden war, hatte sich kaum gelegt, als die königliche Person, deren Gegenwart die festliche Scene (wie die Zeitungen einen großen, mit übel aussehenden Leuten angefüllten Saal nennen,) verherrlichen sollte, ankam. Die widerwärtigsten wie die einnehmendsten Personen in Europa sind in der königlichen Familie Englands zu finden. Seine jezt regierende Majestät, zum Beispiel, repräsentirt die eine Classe und die andre – was sagt man wohl zu seiner königlichen Hoheit, dem Herzog von – –; einem Mann, von dem man ohne Schmeichelei sagen darf: er verbinde das Aeußere eines Hunnen mit der Seele eines Vandalen. Die hohe, in Bath anwesende Person gehörte mehr der angenehmen Classe der königlichen Familie an, und in Folge gewisser politischer Verwicklungen wünschte sie vornehmlich zu jener Zeit, sich so populär als möglich zu machen. Nachdem die Hoheit bei den alten Lady's herumgegangen und sie, wie das Hofjournal bei alten Damen noch bis auf diesen Tag thut, versichert hatte: sie seien Morgensterne und schwanengleiche Schönheiten, spürte sie Brandon auf und winkte ihm sogleich mit einer vertraulichen Geberde. Der ruhige, aber finster aussehende Advokat näherte sich der königlichen Hoheit mit dem ihn auszeichnenden Wesen, das in nicht ungefälliger Mischung, eine Art Steifheit, die bei der Menge für natürliche Unabhängigkeit galt, mit demüthiger Schmiegsamkeit verband, die man insgemein als das Zeichen eines im Grunde wohlwollenden Gemüths ansah. Wirklich war in Brandons Benehmen etwas, das den Großen nie misfiel, und sie fanden nur um so mehr Geschmak an ihm, weil er, obgleich er nicht für müssige politische Streitfragen war, wo bloße um ein Haarbreit abweichende Verschiedenheit in der Betrachtungsweise Statt findet, wie z. B. die Korngeseze, die katholische Frage, Aenderungen in der Kirche oder Parlamentsreform, doch stets, ausgenommen mit Lord Mauleverer, so wie ein Mann von Ehre sprach; daß seine Höflichkeit wie Neigung für die Personen, und seine Nachgiebigkeit gegen die Machthaber wie ein Opfer seiner persönlichen Ansichten erschien, wodurch er seinen Freunden sich gefällig erzeigen wollte. »Ich bin wirklich sehr erfreut,« sagte die fürstliche Person, »Herrn Brandon in so viel besserem Aussehen zu finden. Nie war die Krone seiner Dienste mehr benöthigt und wenn das Gerücht wahr spricht, so sollen sie bald für einen andern Geschäftskreis als der bisherige Beruf in Anspruch genommen werden?« Brandon verbeugte sich und erwiederte: »Euer königlichen Hoheit zu dienen, sie werden immer dem Willen eines Königs zu Gebote stehen, von dem ich so viel Huld erfahren, für welchen Posten auch seine Majestät sie passend finden möge.« »Es ist also wahr!« sagte die königliche Hoheit mit Bedeutung; »Ich wünsche Ihnen Glük! das ruhige Ehrenamt der Gerichtsbank muß Ihnen nach einer so geschäftvollen, unruhigen Laufbahn als ein großer Wechsel erscheinen?« »Ich fürchte, es Anfangs so zu empfinden, Euer königliche Hoheit!« antwortete Brandon, »denn ich liebe auch die Beschwerden meines Berufs und in diesem Augenblik, wo ich in lebhafter Praxis stehe, mehr als je – aber (indem er sich auf einmal bezwang,) die Wünsche seiner Majestät und meine Genugthuung, mit ihnen übereinzustimmen, sind mehr als hinreichend um ein augenblikliches Bedauern zu beseitigen, das ich sonst wohl dürfte empfunden haben beim Abschied von Beschäftigungen, die mir zur andern Natur geworden sind.« »Es ist möglich,« versezte die königliche Hoheit, »daß seine Majestät den bedenklichen Gesundheitszustand in Betracht zog, den zu meinem und des ganzen Publikums Bedauern, die öffentlichen Blätter einer der ausgezeichnetsten Zierden der Gerichtsschranken beigelegt haben.« »Euer königlichen Hoheit zu dienen,« antwortete Brandon kalt und mit einem Lächeln, in welchem das durchdringendste Auge wohl nicht die Maske des eben an seinen Nerven nagenden Höllenschmerzes erkannt hätte, »es liegt im Interesse meiner Nebenbuhler die kleine Unpäßlichkeit einer schwachen Constitution zu übertreiben. Ich danke dem Himmel, daß ich jezt ganz hergestellt bin, und zu keiner Zeit meines Lebens fühlte ich mich tüchtiger – soweit weine natürlichen und geistigen Mängel überhaupt mir erlauben – die Pflichten eines auch mühevollen Berufs zu erfüllen. Ja, wie das Thier sich an die Mühle gewöhnt, so habe ich mich ganz in mein Geschäft hineingelebt – und selbst die kurze Erholung, die ich mir jezt gegönnt habe, scheint mir eher verdrüßlich als erfreulich.« »Es freut mich, Sie so reden zu hören;« antwortete die königliche Hoheit mit Wärme – »und ich hoffe, wir werden noch viele Jahre und« fügte er in leiserem Tone hinzu, »in höheren, mit dem Mittelpunkt des Staates unmittelbarer zusammenhängenden Aemtern, von Ihren Talenten Nuzen ziehen. Die Zeiten sind von der Art daß manche Gelegenheiten vorkommen, welche jeden treuen Anhänger der Verfassung verpflichten, geringere Geschäfte dem Einen großen, dem Landeswohl geltenden zu lieb, aufzugeben, das uns Alle, den Höchsten wie den Niedrigsten angeht; und –« hier wurde die fürstliche Stimme noch gedämpfter, »ich finde eine Genugthuung darin, daß ich Sie versichern darf: die Stelle eines Oberrichters wird von seiner Majestät noch nicht als eine zureichende Entschädigung für Ihre Großmuth angesehen, womit Sie Ihre dermaligen glänzenden Aussichten der schwierigen Lage der Regierung zum Opfer bringen.« Brandons stolzes Herz schwoll, und in diesem Augenblik hätte er wohl selbst die Qualen der Hölle kaum gefühlt. Während so der hochstrebende Planmacher auf's Angenehmste unterhalten war, schlüpfte Mauleverer mit der Alle, Alte und Junge bezaubernden Anmuth durch das Getümmel, richtete an alle seine Bekannte ein munteres oder zärtliches Wort und drängte sich durch die Tänzer, in deren Mitte er Luciens ansichtig geworden war. »Ich möchte wissen,« sagte er, »mit Wem sie tanzt. Ich hoffe es ist der lächerliche Kerl, Mossop, der lustige Geschichten über sich selbst erzählt; oder der hübsche Schaafskopf, Belmont, der seine eignen Beine beschaut, statt sich die Miene zu geben, als habe er nur für seine Tänzerin Augen. Ha! hätte Tarquinius die Weiber so gut gekannt, wie ich: er würde keine Ursache gehabt haben, mit Lukrezia so plump zu verfahren. Es ist tausendmal Schade, daß die Erfahrung bei den Weibern, wie in der Welt, Einem erst kommt, wenn sie Einem nicht mehr viel Nuzen gewähren kann!« Unter diesen moralischen Betrachtungen erreichte Mauleverer die Tänzer und sah Lucie mit niedergesenktem Auge und offenbar erglühenden Wangen einem jungen Mann zuhören, in dem Mauleverer auf den ersten Blik einen der hübschesten Bursche erkannte, die er je gesehen. Das Gesicht des Fremden war, troz seiner ausnehmend dunkeln Färbung, vermöge der großen Regelmäßigkeit der Züge, einigermaßen weichlich; aber auf der andern Seite verrieth sein obwohl schlanker und anmuthiger Wuchs einem geübten Auge leicht eine außerordentliche Muskel- und Sehnenkraft; und selbst der Anschein von Weichlichkeit in seinem Gesicht war von einem so männlichen und freien Wesen begleitet und so ganz ohne alle Gekerei oder Einbildung, daß der günstige Eindruk seiner Erscheinung dadurch nicht im mindesten geschwächt wurde. Ein bittrer, giftiger Stich drang Mauleverer in den Theil seines Leibes, den der Graf, in Ermanglung eines andern Namens, sein Herz zu nennen beliebte. »Wie verflucht vergnügt sie aussieht,« murmelte er. Beim Himmel! dieser verstohlene Blik unter dem linken Augenlied, ebenso schnell wieder gesenkt als er sich gehoben! und Er – ha! wie fest er die kleine Hand hält. Ich meine ich sehe ihn sie tätscheln! und dann des Hunds ernsten, eifrigen Blik – und sie lauter Blut und Glut, obgleich sie nicht wagt aufzusehen und seinem Blik zu begegnen, den sie durch innre Anschauung empfindet! O die spröde, bescheidne, verschämte Heuchlerin! Wie stumm sie ist! Mit mir kann sie genug plaudern! Ich gäbe mein versprochnes Hosenband drum, wenn sie nur mit ihm spräche! Sprechen, sprechen, – lachen, – plaudern – nur lächeln in Gottes Namen, so will ich glüklich sein! Aber dieses verschämte, erröthende Schweigen – es ist unerträglich! Dank dem Himmel! der Tanz ist zu Ende; noch einmal dem Himmel sei Dank! Ich habe keine solche Qualen mehr ausgestanden, seit ich das leztemal das Alpdrüken hatte nach dem Essen bei ihrem Vater!« Mit einem Angesicht voll Lächeln, aber mit einer Haltung in der weit mehr Würde lag, als er gewöhnlich annahm, schritt jezt Mauleverer auf Lucie zu, die sich auf ihres Tänzers Arm lehnte. Der Graf, ein Mann von großem Takt, wo seine unermeßliche Eigenliebe ihm keinen Streich spielte, wußte wohl wie er den Liebhaber zu spielen hatte, ohne sich der lächerlichen Thorheit schuldig zu machen, als ein abgeschmakter Frauenknecht zu erscheinen. Er suchte mehr lebendig als empfindsam sich zu geben und den Bewerber unter der Maske des Wizes zu versteken.« Nachdem er also mit leichter Galanterie seine ersten Complimente angebracht, ging er in ein so lebhaftes Gespräch ein, durchflochten mit so vielen naiven, aber handgreiflich treffenden Bemerkungen über die Charaktere der Anwesenden, daß er sich vielleicht nie in einem glänzenderen Lichte gezeigt hatte. Endlich, als die Musik eben wieder anheben wollte, sagte Mauleverer mit einem gleichgültigen Blik auf Luciens Tänzer: »Will mir Miß Brandon jezt die angenehme Dienstleistung erlauben, sie zu ihrem Vater zu begleiten?« »Ich glaube,« antwortete Lucie, und ihre Stimme wurde auf Einmal schüchtern, »daß ich nach den hiesigen Ballgesezen an diesen Herrn für noch einen Tanz versagt bin.« Clifford antwortete mit zuversichtlichem und unbefangenem Tone bejahend. Als er sprach, beehrte ihn Mauleverer mit einer genaueren Betrachtung als er ihm bisher gewidmet hatte; und mochte nun wirklich in seinem Blik ein Ausdruk von Verachtung oder herabsehendem Hochmuth liegen, oder nicht – er reichte hin die Nöthe des Zorns auf Cliffords Wangen zu jagen. Er erwiederte den Blik mit Nachdruk und sagte zu Lucie: »Ich glaube, Miß Brandon, der Tanz beginnt jezt,« und Lucie, dem Winke folgend überließ den aristokratischen Mauleverer seinen eignen Gedanken. In diesem Augenblik kam unter Verbeugungen der Ceremonienmeister herbei, halb bange, eine so große Person wie Mauleverer anzureden, aber mit der Absicht, durch die Tiefe seiner Büklinge die Größe seiner Ehrfurcht an den Tag zu legen. »Ah, mein lieber Herr – –!« sagte der Graf, beide Hände dem Lykurg des Ballsaals entgegenstrekend, »Wie geht es Ihnen? Bitte, können Sie mir Aufschluß geben, wer dieser junge – Mann ist, der eben jezt mit Lucie Brandon tanzt?« »Das ist – warten Sie – Oh das ist Capitän Clifford, mein Lord, ein sehr artiger Mann, mein Lord. Hat ihn Eure Lordschaft noch nie gesehen?« »Nie! wer ist er? Etwa ein Ihrer Obhut besonders Empfohlener?« sagte der Graf lächelnd. »Nein, fürwahr!« sagte der Ceremonienmeister mit einem einfältigen Lächeln geschmeichelter Eitelkeit. »Ich weiß kaum wer er ist; der Capitän zeigte sich diese Nacht zum erstenmal hier. Er kam mit zwei andern Herren; ah, da sind sie;« und hiermit wies er des Grafen forschende Aufmerksamkeit auf die zierlichen Gestalten der Herren Augustus Tomlinson und Ned Pepper, die eben aus den Spielzimmern hervortauchten. Der strazende Gang des leztern Ehrenmanns hatte eine so eigenthümliche Wichtigkeit, daß Mauleverer, so verdrüßlich er war, kaum das Lachen halten konnte. Der Ceremonienmeister bemerkte des Grafen Miene und äußerte: »Dieser vornehm aussehende Gentleman scheine geneigt zu sein, sich etwas breit zu machen.« »Nach des Herrn Aussehen zu urtheilen,« sagte der Graf troken, (die Wahrheit zu sagen, so trug Neds Antliz wirklich die Spuren seiner Neigung zur Flasche,) sollte ich meinen, er sei mehr gewohnt sich voll zu machen.« »Ha,« erwiederte der arbiter elegantiarum , der Mauleverers Bemerkung überhört hatte, weil sie sehr leise gesprochen worden war, »ha, sie sind recht gut herausstaffirt!« »Herausstaffirt,« – wiederholte Mauleverer, »ja wie Hutstaffiere!« Jezt meinte der lange Ned, der vermöge seines Gewerbes am Spieltisch erträgliche Geschäfte gemacht hatte, er habe sich das Recht erworben mit sich selbst in den Sälen Staat zu machen und den Damm zu zeigen, welche stattliche Person sich aus einem Pepper machen lasse. Der lange Abenteurer lehnte sich mit der linken Hand auf Tomlinsons Arm, bediente sich seines Rechts sich selbst mit seinem mächtigen Chapeaubras gewaltig zu fächeln und marschirte so gemächlich herum, warf jezt das eine Bein nachlässig von sich und jezt das andre, und beäugelte die Damen mit einer Art von irländischem Blik, nemlich mit einem Mittelding von Zwinkeln und Anglozen. Von Cliffords Gegenwart befreit, der seinen Genossen einigermaßen Zügel anlegte, erregte Ned durch sein Betragen ein so auffallendes Aufsehen, daß, wo er vorüberging, ein allgemeines Flüstern ihm folgte. »Wer mag es sein?« sagte die Wittwe Matemore; es ist ein närrischer Bursch, aber welch ein Haarwuchs!« »Ich für meinen Theil,« antwortete Fräulein Sneerall, »ich halte ihn für einen verkappten Leineweber, denn ich hörte ihn mit seinem Begleiter von Schnaps und Flachs reden.« »Gut, gut,« dachte Mauleverer, »die Freundschaft erfordert es, daß ich Brandon aufsuche und ihm einen Wink gebe, in welche Gesellschaft seine Nichte gerathen zu sein scheint.« Und mit diesem Gedanken schlüpfte er in die Eke, wo der Rechtsanwalt mit einem grauköpfigen alten Politiker die Angelegenheiten Europa's überlegte. Inzwischen war der zweite Tanz zu Ende gegangen und Clifford führte Lucie an ihren Siz, Beide bezaubert von einander. Plözlich fühlte er sich von hinten berührt, und als er sich unmuthig umdrehte, denn solche Berührungen waren ihm nicht unbekannt, sah er das kalte Gesicht des langen Ned, einen Finger pfiffig an die Nase gelegt. »Was gibt's?« sagte Clifford mit übereinander gebissnen Zähnen, »hab' ich Dir nicht gesagt, Du sollest Dich mit Deiner plumpen Masse so fern als möglich von mir halten?« »Oho,« grunzte Ned, »ist das mein Dank, so kann ich meine Freundschaft für mich behalten; aber wißt, mein Junge, daß der Advokat Brandon hier ist und eben in diesem Augenblik durch das Gewimmel seine Blike laufen läßt, um dieses Weibes, mit dem Du verkehrst, ansichtig zu werden.« »Ha!« antwortete Clifford in raschem, heftigem Tone, »fort, denn! ich will sogleich außerhalb des Saals zu Euch stoßen.« Jezt wandte sich Clifford zu seiner Tänzerin, verbeugte sich sehr tief, in der That um sein Angesicht dem scharfen Auge zu entziehen, das er schon einmal im Gerichtssaal des Richters Burnflat gesehen, und sagte: »Ich hoffe, Fräulein, ich werde die Ehre haben, Sie wieder zu sehen – Sind Sie, wenn ich mir die Frage erlauben darf, in Gesellschaft Ihres gefeierten Oheims hier? oder –« »Mit meinem Vater,« antwortete Lucie, den Saz ergänzend, welchen Clifford nicht geendigt hatte, »aber mein Oheim ist bei uns gewesen; doch fürchte ich, er verläßt uns morgen.« Cliffords Augen funkelten. Er antwortete nicht, aber mit einer neuen Verbeugung trat er in das Gedränge zurük und verschwand. Manchmal schauten in dieser Nacht die glanzvollsten Augen in Sommersetshire mit verlangender Neugier in den Sälen nach unserm Helden umher, aber er war nicht mehr zu sehen. Auf den Treppen traf Clifford seine Cameraden, nahm beide beim Arm und erreichte ohne ein bemerkenswerthes Abenteuer die Thüre; nur daß der moralisirende Augustus Tomlinson, der den gemäßigten Whigs die Ehre anthat, ihrer Fahne zu folgen, einige Augenblike durch das Gedränge aufgehalten, einen großen Stok mit goldnem Knopf aufnahm, und ihn zwischen den Fingern wägend sagte: »Ach bei unsern Beiständen treffen wir oft auch so schwere Knöpfe, nur von einem ganz andern Metall!« Sobald das Gedränge es gestattete, entfernte sich Augustus mit seinen Gefährten und in der Abwesenheit des Geistes welche Filosofen eigenthümlich ist, nahm er unwillkürlich den goldgekrönten Gegenstand seiner Gedanken mit fort, als ein derber Lakai auf ihn zutrat und sagte: »Sir, meinen Stok!« »Stok Bursche!« sagte Tomlinson. »Ach, ich bin so abwesend! da ist Dein Stok; denkt nur Ned, ich nahm dem Mann da seinen Stok mit, ha! ha!« »Abwesend wahrhaftig!« brummte ein schlauer Sänftenträger, indem er die sich entfernenden Gestalten der drei Männer beobachtete, »Meiner Seele, der Stok war es, der abwesend zu werden Gefahr lief.« Sechszehntes Kapitel. Whackum. »Meine lieben Schelme, liebe Jungen, Bluster und Dingboy! Ihr seid die bravsten Bursche die je in der Welt herumfegten.« Shadwell's Herumfeger. Cato der Thessalier pflegte zu sagen: Manches könne so gethan werden, daß es für unrecht, und Vieles so, daß es für recht gelte. Lord Bacon (als Rechtfertigung für jede Schurkerei.) Obgleich unsre drei Helden eine glänzende Wohnung in Milsom-Street gemietet hatten, und zwar, Ned zu Gefallen, über einem Haarkräuslers-Laden, kehrten sie doch nicht dahin zurük oder begaben sie sich in solche Gasthöfe, wie sie für ihre Tracht und modischen Aufzug schiklich scheinen mochten, sondern sie verschwanden auf Einmal aus den belebten Stadttheilen und rasteten nicht, bis sie ein gemeinaussehendes Bierhaus in einer gelegenen Vorstadt erreicht hatten. Die Thüre ward ihnen von einer ältlichen Frau geöffnet und Clifford, seinen Gefährten in ein Gemach im Hintertheile des Hauses voranschreitend, erkundigte sich, ob die andern Herrn schon gekommen seien. »Nein!« antwortete das Weib. »Der alte Herr Sack kam vor etwa zehn Minuten; aber auf die Nachricht, daß es noch etwas zu thun gebe, ging er wieder aus.« »Bring' den Trunk und die Pfeifen, alte Hexe!« rief Ned sich auf die Bank werfend, »wir sind nie wegen Gesellschaft in Verlegenheit.« »In der That, das könnt Ihr nie sein, da ihr mit dem Gegenstand Eurer Bewunderung immer unzertrennlich verbunden seid,« sagte Tomlinson troken und nahm eine alte Zeitung auf. Ned, der obschon reizbar doch ein tüchtiger Kerl war und einen Scherz auf seine Kosten ertragen konnte, lächelte, zog eine kleine Scheere heraus und fing an sich die Nägel zu beschneiden. »Straf mich Gott!« sagte er nach einem kurzen Schweigen, »wenn dieß nicht ein Millionenmal beßrer Zeitvertreib ist, als den feinen Gentleman in dem großen Saal spielen mit einer Rose im Knopfloch. Was sagt Ihr Meister Lovett?« Clifford, (so wollen wir von nun an unsern Helden, troz seinen manchen andern Namen, benennen,) der sich der Länge nach auf eine Bank am entgegengesezten Ende des Zimmers gestrekt hatte, und in trübe Träumerei versunken schien, sah jetzt einen Augenblik auf, drehte sich herum, wandte Ned die Rückseite seines Körpers zu und murmelte: »Bscht.« »Hört, Meister Lovett!« sagte der lange Ned die Farbe wechselnd, »ich weiß nicht, was Euch neuerlich angekommen ist; aber ich wollte Ihr hättet gelernt, daß Gentlemen auf Höflichkeit und feines Betragen Anspruch haben; und so seht Ihr, wenn Ihr gegen mich auf den höchsten Gaul sizt, so muß ich Genugthuung haben, oder ich will mich massakriren lassen.« »Bsch, Mann, seid ruhig,« sagte Tomlinson und filosofischem Gleichmuth die Kerzen puzend, »Wenns unter Freunden Händel sezt, Ist gänzlich die Moral verlezt.« »Seht Ihr nicht, daß der Capitän in Träumereien begriffen ist? welcher ehrliche Mann läßt sich je gern in seinen Gedanken unterbrechen? selbst Alfred der Große konnte das nicht ertragen. Vielleicht sinnt der Hauptmann mit der treuen Vorsorge eines würdigen Chefs in diesem Augenblik Etwas zu unserm Besten aus!« »Hauptmann, freilich,« murmelte der lange Ned und schoß einen wüthenden Blik auf Clifford, welcher Herrn Peppers Drohung keine Aufmerksamkeit zu schenken würdigte, »ich meines Theils kann nicht begreifen, was damals an uns war, als wir diesen grünen Sezling von Galgenbaum zum Hauptmann bei Distrikts wählten. Zwar Anfangs that er gute Dienste und die Plünderung des alten Lords war nicht übel angelegt, aber in neuerer Zeit –« »Ja, ja,« sagte Augustus den riesigen Griesgram unterbrechend, »die menschliche Natur ist zum Mißvergnügen geneigt. Gesteht, daß unser dermaliger Anschlag, den muntern Lothario aufzupflanzen und unser Heil in Bath mit einer Erbin zu versuchen, Lovetts Gewandtheit eben so viel als unserer Erfindung verdankt.« »Und was wird dabei Gutes herauskommen?« versezte Ned, indem er die Pfeife anzündete, »antwortet mir darauf! War ich nicht so stattlich gepuzt wie ein Lord und marschirte ich nicht dreimal den großen Saal auf und ab, ohne daß es mir Nagelsgroß genüzt hätte?« »Ha – Ihr wißt aber nicht, wie manche geheime Eroberung Ihr gemacht habt; Ihr könnt eine Beute dadurch noch nicht gewinnen, daß Ihr sie nur anseht?« »Hm –« brummte Ned, mißvergnügt mit seiner Pfeife sich beschäftigend, die nicht brennen wollte. »Was des Capitäns Tänzerin betrifft,« hob Tomlinson wieder an, der eine boshafte Freude empfand, die Eifersucht des stattlichen Steuereintreibers zu erregen (denn diesen Namen fand Augustus geeignet, sich und seinen Genossen beizulegen,) so will ich ein Tory werden, wenn sie nicht schon halb in ihn verliebt ist; und hörtet Ihr den alten Gentleman, der bei unserm Robber die Karten zog, sagen, welch treffliches Glük er habe? Wahrlich, Ned, es ist ein Glük für uns beide, daß wir verabredeten, bei unsern Heiraths-Spekulationen uns in den Gewinn zu theilen; ich bilde mir ein, der ehrenwerthe Hauptmann denkt, er habe da einen schlechten Handel geschlossen.« »Dessen bin ich nicht so gewiß, Herr Tomlinson,« sagte der lange Ned, seinen Cameraden sauer ansehend. »Manche Weiber lassen sich wohl durch eine feine Haut und zierliches Benehmen bestechen; aber wahrhaft männliche Schönheit – Augen, Farbe und Haar, Herr Tomlinson, müssen doch am Ende das Feld behaupten – gebt mir nur jezt den Branntwein und haltet Euer Maul.« »Gut, gut,« sagte Tomlinson, »Ich will Euch einen Trinkspruch geben: das hübscheste Mädchen in England – und das ist Miß Brandon!« »Ihr sollt keinen solchen Trinkspruch geben, Sir!« sagte Clifford, von seiner Bank auffahrend – »Was zum Teufel geht Euch Miß Brandon an? Und nun, Ned,« er sah wie der lange Held ihn mit unfreundlichen Bliken maß, »hier ist meine Hand, verzeiht mir, wenn ich unhöflich war, Tomlinson wird Euch in einem Grundsaz beweisen, daß die Menschen veränderlich sind. Trinkt auf Eure Gesundheit und es soll nicht mein Fehler sein, wenn wir keinen lustigen Abend bekommen.« Diese Rede, so kurz sie war, erhielt den vollen Beifall der zwei Freunde, und Clifford das Präsidium führend, nahm einen mächtigen Stuhl oben am Tisch ein. Kaum hatte er diesen Ehrenplaz inne, als die Thüre sich aufthat und ein halb Duzend der Verbündeten etwas lärmend ins Zimmer stampfte. »Gemach, gemach, meine Herrn,« sagte der Präsident, der wieder ganz seine natürliche Lustigkeit gefunden hatte, sie jedoch mit einem leichten Herrscherton verband, »Achtung für den Präsidentenstuhl, wenn es Ihnen gefällig ist! das ist der Brauch so bei allen Versammlungen, wo die Gelder des Gemeinenwesens der Gegenstand des innigsten Interesse's sind.« »Hört ihn!« rief Tomlinson. »Nun, mein alter Freund Sack!« redete diesen der Vorsizende an, »Ihr kommt gewiß nicht mit leerer Hand, darauf schwör' ich; Euer redliches Angesicht ist wie ein Aushängeschild mit Angabe der Schäze in Euren Taschen!« »Ha! Capitän Clifford!« sagte der Veteran, seufzend und sein ehrwürdiges Haupt schüttelnd: »Ich habe den Tag gesehen, da kein Junge in England so lange und so umfassende Finger hatte, als ich. Aber wie König Lear in Common Garden sagt: »Bin halt jezt alt!« »Aber Euer Eifer ist so jugendlich wie immer, mein trefflicher Gesell!« sagte der Capitän tröstend, »und wenn Ihr das Publikum nicht mehr so säuberlich und gründlich auszieht wie ehmals, so liegt der Fehler nicht an Eurem guten Willen.« »Nein, wahrlich nicht!« riefen die Steuereintreiber einmüthig. »Und wenn irgend eine Tasche hübsch ruhig und nachdrüklich gefegt werden soll,« sezte der höfliche Clifford hinzu, »so kenne ich bis auf den heutigen Tag in allen drei Königreichen keine hübschere, ruhigere und tüchtigere Finger als die des alten Sacks?« Der Veteran verbeugte sich ablehnend und nahm unter den herzlichen Glükwünschen der Gesellschaft seinen Siz ein. »Und nun, Ihr Herrn,« sagte Clifford, sobald die schwärmenden Gäste sich mit ihren gewöhnlichen Luxusartikeln zum Trinken und Rauchen versorgt hatten, »wollen wir unsre Abenteuer preis geben und unsere Augen an ihrem Ertrage weiden. Der galante Attie soll den Anfang machen – aber vorher einen Trinkspruch: Mögen diejenigen, welche über die Heken sprengen, nie von einem Baume springen!« Als dieser Toast mit begeistertem Beifall getrunken war, begann Haudegen Attie die Erzählung seiner Geschichte. »Ihr wißt schon, Cap'tän,« sagte er, eine martialische Stellung annehmend und sah Clifford voll ins Gesicht, »daß ich kein Freund von vielem Geschwäz bin. Wenig Geschrei und viel Wolle, das ist mein Motto. Um zehn Uhr Vormittags wurde ich des Feinds ansichtig – in Gestalt eines geistlichen Doktor's. »Schlag mich dieser und jener,« sagt' ich zum alten Sack, »ich will mich an seine Ehrwürden machen!« »Schlag mich dieser und jener,« sagte der alte Sack, »Ihr dürft nicht, Ihr liefert uns Alle an den Galgen, wenn Ihr die Kirche anrührt.« »Geist meiner Großmutter!« sagt' ich. Der Sack erzählts den andern Gesellen, Alle schlagen einen Lärm darüber auf – was kümmerts mich? Ich lege eine hübsche Kleidung an und gehe zu dem Doktor als ein heruntergekommener Soldat, der die Läden mit Drechslerarbeit versehe. Seine Ehrwürden, ein so lustiger, fetter Hund als man nur einen sehen kann, saß zu Tisch an einem hübschen, gebratnen Ferkel. Ich sag' ihm, ich habe zu Haus Waaren für ihn zum Kauf. Hol mich der Henker, wenn der Doktor nicht meinte er habe eine gute Beute gemacht! er fuhr in seine Stiefel und ging mit mir nach Haus. Aber als ich ihn in einem Seitengäßchen hatte, zog ich meine Zusprecher heraus. »Gib heraus, Doktor,« sagte ich, »Andre Leute müssen jezt auch am Kirchengut Theil haben.« Ihr habt keinen Begriff davon was er für einen Spektakel machte; aber ich that es einmal und damit war's aus.« »Bravo Attie!« rief Clifford und das Wort hallte von allen Seiten des Tisches wieder. Attie legte einen Beutel auf den Tisch und der folgende Gentleman ward zur Beichte aufgerufen. Es flekt und frommt nicht, freundlicher Leser, alle die einzelnen Erzählungen die jezt auf einander folgten, zu berichten. Der alte Sack besonders behauptete seinen wohlerworbnen Ruf, indem er sechs Taschen ausgeleert hatte, die mit allen möglichen Sorten und Arten von Kostbarkeiten angefüllt gewesen. Bauern und Fürsten schienen durch einander ihm zu Händen gekommen zu seyn; und vielleicht hatte der gute alte Mann in Einer Stadt für die Herstellung der Vermögensgleichheit unter den verschiedenen Ständen mehr gewirkt als alle Reformer von Cromwell bis Carlisle. Aber so heftig war seine Begierde nach diesem Zeitvertreib, daß der alte Eigenthumsjäger in helle Thränen ausbrach, daß er nicht mehr erfingert hatte. »Ich liebe einen so warmen Enthusiasmus,« rief Clifford, die beweglichen Güter einstreichend, und sah mit einem zärtlichen Blik den alten Beutelschneider an. »Mögen uns nie neue Fälle des alten Sacks vergessen machen!« Sobald dieser gefühlvolle Trinkspruch gebührend getrunken war und Herr Bagshot seine Thränen getroknet und sich seinem Lieblingsgetränke – blauer Tod, beiläufig gesagt, zugewandt hatte, schritt man zum Werke der Theilung. Die Bescheidenheit und Unparteilichkeit des Hauptmanns bei diesem schwierigen Zweige seines Amtes erwarb ihm allgemeine Bewunderung, und nachdem jeder der Herren seinen Antheil sorgfältig eingepakt, räusperte sich der jugendliche Präsident dreimal und die Gesellschaft bekam folgende Rede anzuhören. »Gentlemen!« begann Clifford und sein Hauptbeistand, der weise Augustus ließ ein Hört! erschallen, »Gentlemen, Ihr Alle wißt, daß als Ihr beliebtet, vor einigen Monaten theils auf Anrathen von Gentleman George, Gott segne ihn! – theils in Folge einer allzugünstigen Meinung von mir, welche meine Freunde aussprachen, mich zu der hohen Ehre des Befehlshabers in diesem Distrikt zu berufen: ich selbst keineswegs einen Ehrgeiz hatte, diese Würde, welche weit über mein Verdienst, wie ich wohl weiß, hinaus ist, und eine Verantwortlichkeit zu übernehmen, die wie ich eben so gut weiß meine Kräfte weit übersteigt. Eure Stimmen jedoch trugen den Sieg über die meine davon und wie Herr Muddlepud, der große Metafysiker, in der trefflichen Zeitschrift, Assnäum genannt, zu bemerken pflegte, die angebornen, unberechenbaren und ewigen Bildungskeime der Eitelkeit in meiner Brust, waren unendlich mächtiger als die schnöden Einflüsterungen der Vernunft, dieses lächerlichen Dings, das alle weisen Männer und einsichtsvolle Asinäumsfreunde eifrig zu erstiken bemüht sind.« »Die Pest über den Mann, von was schwazt er denn!« sagte der lange Ned, dessen heftige Gemüthsart wir schon kennen gelernt haben, flüsternd zu dem alten Sack. Dieser schüttelte den Kopf. »Mit Einem Wort, Gentlemen,« fuhr Clifford weiter fort: »Eure Güte überwältigte mich, und troz dem daß die kältere Ueberlegung abrieth, nahm ich Euern schmeichelhaften Antrag an. Seither habe ich, so viel in meinen Kräften stand, gestrebt, Euer Interesse zu befördern; ich habe ein wachsames Auge auf alle meine Nachbarn gehabt; ich habe von Grafschaft zu Grafschaft Verbindungen mit zahlreichen Correspondenten angeknüpft, und unsre Unternehmungen wurden mit einer Gewandheit ausgeführt, welche einen glüklichen Erfolg sicherte. »Gentlemen, ich möchte mich nicht gern brüsten, aber in diesen Nächten der regelmäßigen Zusammenkünfte, wenn jedes Vierteljahr uns zusammenbringt um den Bund zu erneuern, wenn wir Privatzusammenkünfte halten um die öffentlichen Angelegenheiten zu erörtern, unsern Gewinn gleichsam in geheimer Berathung aufweisen, und ihn freundschaftlich gleichsam im Cabinet theilen (Tomlinson: Hört, hört!) ist es Sitte daß der jeweilige Hauptmann Euch an seine Amtsführung erinnert, wegen seiner Fehler eure Verzeihung erbittet so wie eure guten Wünsche für seine künftigen Unternehmungen. Gentlemen! konnte man je Paul Lovett nachsagen, daß er von einer Beute gehört, und vergessen habe, Euch die Kunde mitzutheilen? (Nein, nein! lauter Beifall.) Ließ er sich je nachsagen, er habe Andre geschikt, um den Raub zu holen und er sei zu Hause geblieben um nachzudenken, wie man ihn verwenden solle? (Nein, nein! wiederholter Beifall.) Ließ er sich je nachsagen, er habe an Eurer Gefahr weniger und an Euern Guineen mehr Antheil genommen als ihm zustand? (Verneinendes Rufen, verbunden mit heftigem Beifall.) Gentlemen, ich danke Euch für diese schmeichelnden, lauten Beweise Eurer Zufriedenheit mit mir; aber die von mir berührten Punkte, so nothwendig sie für meine Ehre sein mögen, beweisen für meine Verdienste wenig; es mögen an einem Cameraden achtungswerthe Eigenschaften sein; von Eurem Anführer verlangt Ihr gewichtigere Dienstleistungen. Gentlemen! hat sich je Paul Lovett nachsagen lassen, er habe wakre Männer auf verlorene Posten gesandt? Er habe Eure Köpfe auf's Spiel gesezt, bei vorschnellen Versuchen Bildnisse von König George zu erwerben? kurz, daß sein Eifer größer gewesen, als seine Vorsicht? oder daß seine Liebe zu einem Quid ihn je gleichgültig gegen euren gerechten Abscheu vor einem Qued machte? (Einstimmiger Beifall.) »Gentlemen, seit ich die Ehre habe, über Eurer Wohlfahrt zu wachen, ist das Schiksal, das dem Kühnen hold ist, gegen Euch nicht ungültig gewesen. Aber drei unsrer Gefährten vermissen wir bei unsern friedlichen Festen. Einen, Gentlemen, stieß ich selbst aus unsrem Corps, wegen ungentlemanmäßiger Kunstgriffe; er stahl Taschentücher aus den Taschen – es war ein gemeines Treiben. Manche von Euch, Gentlemen, haben dasselbe zum Spaß gethan; Jack Littlefork machte ein Gewerbe daraus. Ich verwies es ihm öffentlich und privatim; Herr Pepper gab den Umgang mit ihm auf, Herr Tomlinson las ihm eine Abhandlung über wahre Seelengröße vor; Alles umsonst. Er wurde vom Pöbel wegen des Diebstahls eines Taschentuchs mit Schlüsselblumen beschimpft; mit dem Fehler hätte ich Nachsicht gehabt, die Entdekung war unverzeihlich – ich stieß ihn aus. Wer ist hier so niederträchtig daß er ein Taschentücherjäger sein möchte? Ist Einer hier, der rede, denn ihn habe ich beleidigt! Wer ist hier so gemein, daß er nicht ein Gentleman sein wollte? Ist Einer da – Er rede, denn ihn habe ich beleidigt! Ich schweige – ich erwarte eine Antwort! Wie, keine? Nun dann hab' ich Niemand beleidigt! (Lauter Beifall!) Gentlemen, ich darf kühnlich hinzusezen: ich habe Jack Littlefork nicht mehr gethan, als Ihr Paul Lovett dürftet. Die nächste Lüke in unsern Reihen wurde durch den Verlust von Patrick Blunderbull veranlaßt. Ihr kennt, Gentlemen, die kräftigen Bemühungen, die ich zur Rettung dieses irrgeleiteten Geschöpfs machte, dessen Belehrung ich mir nicht minder ernstlich angelegen sein ließ. Aber er ließ sich beigehen, unter dem Namen des ehrenwerthen Capitän Smico Geschäfte zu treiben; die Peerschaft strafte ihn auf Einmal Lügen, sein Vergehen war von erschwerenden Umständen begleitet und er war so auffallend häßlich, daß er keine Theilnahme einflößte. Er verließ uns und wanderte in ferne Verbannung, und wenn ich ihn als Mensch beklage, so gestehe ich Euch, Gentlemen, daß ich als Steuereintreiber, Euch sehr leicht zu trösten weiß. »Unser dritter Verlust muß Euch in frischem Andenken sein. Peter Popwell, ein so keker Bursch, als je geathmet hat, ist nicht mehr. (Bewegung in der Versammlung.) – Friede sei mit ihm! Er starb auf dem Schlachtfeld, todt geschossen von einem schottischen Oberst, den der arme Popwell mit einer ungeladnen Pistole ausplündern wollte, der aber nichts hatte. Sein Andenken, Gentlemen, – in schweigender Feier! »Dieß ist die Uebersicht unsers Verlustes,« begann der jugendliche Präsident wieder, sobald Peter Popwells Andenken mit dem rothen Pokal gekrönt war , »ich bin stolz, troz meiner Betrübniß, bei dem Gedanken, daß der Vorwurf dieser Verluste nicht auf mir lastet. Und nun, Freunde und Genossen, Gentlemen von der Landstraße, der Gasse, dem Theater und der Hütte! Ihr Helden, Ritter und Knappen vom Kreuz – gemäß den Gesezen unsers Ordens lege ich in Eure Hände die Gewalt nieder, die ihr mir für zwei Vierteljahre anvertraut, bereit in Eure Reihen als Camerade zurükzutreten und nicht abgeneigt auf die mühevolle Ehre zu verzichten, die ich getragen, – getragen zwar mit vieler Schwachheit, aber wenigstens mit dem aufrichtigen Wunsch der Sache zu dienen, mit der mich Euer Vertrauen beauftragt hat.« Mit diesen Worten verließ der Präsident den Lehnstuhl unter dem lärmendsten Beifall, und sobald der erste Ausbruch sich theilweise gelegt hatte, stand Augustus Tomlinson, die eine Hand in der Hosentasche und die andre ausgestrekt haltend auf und sprach: »Gentlemen, ich trage darauf an, daß Paul Lovett für die nächsten drei Monate wieder zu unserm Hauptmann gewählt werde.« (Betäubender Beifall.) »Viel könnte ich sagen von seinen außerordentlichen Verdiensten, aber warum bei dem verweilen, was offenkundig zu Tage liegt? das Leben ist kurz, warum sollten die Reden lang sein? Unser Leben ist vielleicht kürzer, als das Leben andrer Menschen; warum sollten wir nicht in unsern Vorträgen einer angemeßnen Gedrängtheit uns befleißigen? Gentlemen, ich will nur Ein Wort zu Gunsten meines trefflichen Freundes sagen – meines Freundes, sage ich? ja des meinigen wie des Eurigen. Er ist der Freund von uns Allen. Ein erster Minister ist seinen Anhängern nicht nüzlicher, und dem Publikum nicht beschwerlicher und aufsässiger als, ich sage es mit Stolz, Paul Lovett. (Laute Zustimmung.) Was ich zu seinen Gunsten geltend machen will, ist einfach dieß. Der Mann, in dessen Lob die entgegengesezten Parteien sich vereinigen, muß wahrlich hervorragende Verdienste besizen. Von allen unsern Genossen, Gentlemen, ist Paul Lovett der einzige, der auf dieses Verdienst Anspruch zu machen hat. (Beistimmung.) Ihr wißt Alle, Gentlemen, daß unsre Verbrüderung lange Zeit in zwei Parteien getrennt war, jede auf die andre eifersüchtig, jede begierig, sich emporzuschwingen und jede wetteifernd, welche am meisten Finger in den Beutel des Publikums hineinzubringen wisse. In der Sprache des gemeinen Volks würde die eine Partei Gauner, die andre Landstraßenritter geheißen haben. Ich, Gentlemen, ein Freund der Auffindung von neuen Namen für die Gegenstände und Personen und ein Stük von einem Politiker, ich nenne die Einen Whigs und die Andern Tory's. (Geschrei und Beifall.) Ich gelte für ein einflußreiches Mitglied der erstern Classe! Herr Sack wird mit Recht als die glänzendste Zierde der zweiten Fraktion betrachtet. Herr Attie und Herr Eduard Pepper können kaum ganz zu Einer von beiden gerechnet werden; sie vereinigen in sich die guten Eigenschaften beider: brittische Mischlinge werden sie von Einigen genannt; ich nenne sie liberale Aristokraten! (Beifall.) Und nun ruf' ich Jeden auf, er sei Whig oder Gauner, Tory oder Landstraßenritter, brittischer Mischling oder liberaler Aristokrate: ich fordre Jeden auf, mir Einen Mann zu nennen, in dessen Wahl Alle zusammenstimmen?« Alle: »Lovett für immer.« »Gentlemen,« fuhr der listige Augustus fort: »dieser Ausbruch ist hinreichend; ohne ein weiteres Wort: ich schlage als Euern Capitän Herrn Paul Lovett vor.« »Und ich unterstüze den Vorschlag!« sagte der alte Herr Sack. Unser Held, auf diese Weise wieder durch die einmüthige Zustimmung seiner Verbündeten auf den Amtstuhl erhoben, stattete in einer wohlgesezten Rede seinen Dank ab, und Scharlach Jem erklärte mit großer Feierlichkeit, sie mache seinem Kopf und Herz gleich viel Ehre. Nachdem die Donner der Beredsamkeit verhallt waren, kreisten lustig die flammenden Leuchtkugeln, oder, wie der gemeine Mann sich ausdrükt, die Gläser mit Genever; der gute alte Herr Sack aber blieb bei seinem blauen Tod, und Attie bei der Schnapsflasche; einige, worunter Clifford und der weise Augustus, verlangten Wein, und Clifford, der sich die äußerste Mühe gab, in seiner Stellung aufs pflichtschuldigste die Fröhlichkeit zu befördern, war dafür besorgt, daß der Gesang dem Vergnügen der Becher Abwechslung gebe. Von den vorgetragnen Liedern sind wir nur zwei mitzutheilen im Stand. Das erste ist von dem langen Ned, und obgleich wir bekennen, Wenig daran zu finden, machte es doch (vielleicht wegen einer besondern Anspielung, die uns natürlich unbekannt ist,) einen wunderbaren Eindruk. Es lautete also: Das Schelmenrecept. Willst Du den größten Schelmen ziehn Aus einem ehrlichen Thoren: Stell' zwischen zwei tüchtige Schelmen ihn hinein, – er ist verloren! Die Tugend einem Haushahn gleicht. Der unter Kampfhähnen sich schämet; Der wildste Elephant wird leicht Von zweien zahmen gezähmt. Die zweite Poesie, womit wir unsern Lesern aufzuwarten das Vergnügen haben, ist ein sehr belustigendes Duett, das von Haudegen Attie und einem großen dürren Räuber aufgeführt wurde, der ein gefährlicher Bursche unter einem Pöbelhaufen war, und deßwegen Pöbel Francis genannt war, der Leztere begann: Pöbelfrancis. Der trefflichste aller b'rittenen Herrn Ist Haudegen Attie, der Landstraße Stern; O Arthur, mein Held, Du entlehnt'st, wie ich sah Einen strozenden Beutel heut Morgen; Und weil meine Quell' dem Versiegen ist nah, Möcht' ich gern einen Goldsvogel borgen. O Arthur, Du rüst'ger. Du Keker, Du List'ger     Wir Alle rufen es aus: Die Meister und Jünger im Handwerker der Finger     Sticht bei weitem der Kriegsmann doch aus! Haudegen Attie. Halt deinen Stand Du list'ger Preller! Ich leihe ohne Pfand Einen Fuchs? Keinen Heller! Pöbelfrancis. O welch ein Scheusal die neidische Kaze, Die für sich selbst nur krazt und scharrt! Möcht' alter Sünder! dir bläuen die Fraze, Weil Du mir gönnst am Gold keinen Part. Hast kein Herz für den allgemeinen Jammer. Dich kümmert der Sturz nicht unsrer Partei, Und führte nicht Scharlach Jem Hammer und Klammer So war es bald mit uns Allen vorbei. O! Scharlach Jem, das ist ein Kerl zum Entzüken! Den sticht sein Gewissen wie den Schädel Perüken! Doch ich Muß verachten die Bursche die trachten Nur immer sich selber zu füllen den Ranzen, Den Soldaten, der ohne Rüksicht für die Krone Und sich selbst sticht, soll man als Verräther kuranzen. Diese derbe Antwort des Pöbelfrancis störte nicht im Mindesten die ursprüngliche Ruhe und Kälte Haudegen Attie's; aber der umsichtige Clifford sah, daß Francis seine gute Laune verloren hatte, und aufmerksam auf das kleinste Zeichen von Störung in der Gesellschaft, verlangte er sogleich ein neues Lied und Pöbelfrancis rief brummend den alten Sack auf. Die Nacht war schon weit vorgeschritten und so auch der Wiz der ehrlichen Steuereintreiber, als der Präsident Stille gebot und die Zecher in Kenntniß sezte, daß ihr Chef ihnen für das nächste Ziel Verhaftungsbefehle ertheilen wolle. Nichts konnte besser am Platz sein, als solche Anweisungen, während die Lustigkeit noch herrschte und ehe die Vergeßlichkeit sich der Köpfe bemeisterte. »Gentlemen,« sagte der Hauptmann, »ich will jezt mit Einer Genehmigung Euch allen die Plane mittheilen, die ich für Jeden entworfen habe. Ihr Attie, sollt nach London gehen; laßt die Windsorstraße und die Umgegenden von Pimlico Eurer besondern Sorge empfohlen sein. Seht diese Briefe an, mein Held! sie werden Euch viel Arbeit anweisen, ans Schweigen brauche ich Euch nicht erst zu erinnern. Wie die Auster thut Ihr den Mund nie auf, als zu einem gewissen Behufe. Ehrlicher alter Sack, ein reicher Viehmäster wird am Donnerstag in Smiethfield sein; sein Name ist Hodges, und er wird etwa 1000 Pfund in seiner Tasche haben. Er ist grün, frisch und habgierig; erbietet Euch, ihm seine Nachbarn in einem Handel betrügen zu helfen, und ruhet nicht, bis Ihr ihm das angethan habt, was er Andern anthun wollte. Seid, trefflicher alter Mann, wie der Froschfisch, der mit zwei Hörnern, die wie Köder aussehen, nach andern Fischen angelt; die Beute fährt auf die Hörner los und im nächsten Augenblik ist sie in seinem Rachen! Für Dich, theuerster Jem, enthalten diese Briefe die Ankündigung einer Beute; fett ist der Pfaffe Pliant, voll seine Börse und er reist am Freitag von Henley nach Oxford; ich brauche nicht mehr zu sagen. Was Euch andern Herrn betrifft, auf diesem Papier seht Ihr Eure Bestimmung verzeichnet. Ich verbürge mich dafür, Ihr findet zu thun genug bis wir uns von heute über drei Monate wieder treffen. Ich, Augustus Tomlinson und Ned Pepper, wir bleiben in Bath; wir haben ein Geschäft eingefädelt, ihr Herrn, von ausnehmender Wichtigkeit; solltet Ihr uns zufällig begegnen, so begrüßt uns nicht als Bekannte; wir sind hier Incognito; wir sind auf einer hohen Jagd begriffen und steken Falkenfedern auf um der Rolle treu zu bleiben – Ihr versteht mich; aber der Fall kann schwerlich eintreten, denn keiner von Euch bleibt in Bath; bis morgen Nacht wird Euch schon die Landstraße aufnehmen. Und nun Gentlemen! rasch die Gläser gefüllt und ich will Euch einen Denkspruch geben um Euren Eifer anzuspornen: »Gelber Honig ist süß und hold. Aber süßer ist gelbes Gold!« Der Spruch unsres Helden wurde mit all dem Enthusiasmus aufgenommen, welche angenehme Wahrheiten gewöhnlich erzeugen. Der alte Herr Sack stand auf, um eine Rede gegen den Präsidentenstuhl zu halten; zum Unglük für die Erbauung der Zuhörer glitt der Fuß des Veteranen eh er über die Worte: Herr Präsident, hinausgekommen war; er stürzte gewissermaßen taumelnd zu Boden – Gleich einem schießenden Stern um nimmer aufzusteh'n! Sein Körper gab einen trefflichen Schemel für den bequemen Pepper ab. Jezt gaben sich Augustus Tomlinson und Clifford, nachdem sie einige Blike gewechselt, alle ersinnliche Mühe, die Fröhlichkeit des Abends zu steigern und ehe die dritte Stunde des Morgens geschlagen hatte, ward ihnen schon die Genugthuung von der Wirkung ihrer wohlwollenden Bemühungen an den ausgestrekten Gestalten ihrer Zechbrüder sich zu überzeugen. Der lange Ned, der natürlich mehr vertragen und fassen konnte als die Uebrigen, unterlag zulezt. »Des Baumes Blätter« begann der Vorsizende, die Hand schüttelnd. »Des Baumes Blätter sind ein Bild vom Menschenkind Jezt frisch beschaut, jezt welk, ein Spiel dem Wind.« »Gut gesagt, mein Hektor der Landstraßen!« rief Tomlinson, langte nach dem Wein, indeß seine Beine beschäftigt waren, die ausgestrekten Scheinleichname von Scharlach Jem, und lang Neb zu entfernen, und sezte das homerische Citat mit bombastischem und selbstgefälligem Ton fort: »So blühen diese noch, wenn jene schon verdorrt!« »Wir haben uns unsrer Freunde zu entledigen gewußt,« begann Clifford. »Wie Whigs die in Aemter kommen,« unterbrach ihn der Politiker. »Recht, Tomlinson, vermöge der gelindern Eigenschaften unsers Getränks und vielleicht auch der kräftigeren Beschaffenheit unsrer Köpfe. Und nun sagt mir, mein Freund, was denkt Ihr von der Wahrscheinlichkeit des Gelingens? Werden wir eine Erbin haschen oder nicht?« »Je nun, freilich,« sagte Tomlinson, »die Weiber sind wie die Berechnungen in der Arithmetik, wo man nie auf ein ganz reines Resultat ohne Rest kommt. Ich für meinen Theil will meine Waden polstern und mich nach einer Wittwe umsehen. Ihr, mein guter Geselle, scheint ganz gut zu stehen mit Miß – –« »O, nennt den Namen nicht!« rief Clifford, erröthend, daß man es selbst durch die Glut, welche der Wein über sein Angesicht verbreitet, hindurch bemerkte. »Wie es sich immer verhalte, von unsrem Munde soll ihr Name nicht gehaucht werden; und wahrhaftig, wenn ich an sie denke, so thu' ich es ohne einen Namen.« »Wie, habt Ihr auch schon vor diesem Abend an sie gedacht?« »Ja, seit Monaten,« antwortete Clifford, »Ihr erinnert Euch, wie Ihr vor einiger Zeit, als wir den Plan zur Plünderung Mauleverers entwarfen, mehr zum Spaß als um des Gewinns willen den Doktor Slopperton von Warlock ausplündertet, worauf ich mitleidig den alten Herrn nach Hause begleitete. Nun, im Hause des Geistlichen traf ich Miß Brandon; bemerkt, wenn ich sie beim Namen nenne, müßt Ihr es doch nicht thun – und beim Himmel, doch ich will nicht schwören – und begleitete sie nach Haus. Ihr wißt die Plünderung Mauleverers machte Lärm eh noch der Tag anbrach und ich fürchtete Euch Alle in Gefahr zu bringen, wenn ich in der Nähe des Orts wo die That geschehen war, mich bliken ließe. Seither zerstreuten Geschäfte meine Gedanken; wir entwarfen den Plan, eine Heirathsspekulation in Bath zu versuchen. Ich kam hieher; denkt Euch meine Ueberraschung als ich sie sah! –« »Und Euer Entzüken,« sezte Tomlinson hinzu, »bei der Kunde, daß sie eben so reich als schön ist.« »Nein!« antwortete Clifford rasch, »dieser Gedanke macht mir kein Vergnügen – Ihr stuzt. Ich will versuchen mich zu erklären. Ihr wißt, lieber Tomlinson, ich bin eben kein Empfindler, und doch bebt mir das Herz, wenn ich das unschuldige Gesicht ansehe, und die sanfte, angenehme Stimme höre und denke, daß meine Liebe zu ihr nur Verderben und Kummer über sie bringen kann; ja, daß meine Anrede schon eine Beflekung und mein Blik gegen sie eine Beleidigung ist.« »Ei der Tausend!« sagte Tomlinson, »seid Ihr bei mir in die Schule gegangen und habt die wahre Geltung der Worte erlernt und könnt noch irgend Scrupel über einen so leichten Gewissensfall haben? Wahr ist's, Ihr könnt es Betrug nennen, wenn Ihr Euch ihr vorstellt als einen unabhängig lebenden Gentleman und so ihre Neigung gewinnt; aber warum dieß Betrug nennen, da Geist zur Intrigue ein weit passenderer Ausdruk ist; eben so, falls Ihr die junge Dame heirathet, wenn Ihr sagt, Ihr habet sie zu Grund gerichtet, so verdient Ihr mit Recht, vernichtet zu werden, aber warum nicht sagen: Ihr habet Euch gerettet; und dann, mein guter Freund, ist Eure That die allerrechtmäßigste von der Welt.« »Bscht, Mensch!« sagte Clifford verdrießlich, »keine Sofismen und Spöttereien.« »Bei der Seele Sir Eduard Coke's, es ist mein Ernst – aber seht Ihr, mein Freund, dieß ist keine Sache, wo es passend ist, ein allzuzartes und delikates Gewissen zu haben. Ihr seht die Bursche, die da auf dem Boden liegen! Alles kluge Gesellen und so fort, aber Ihr und Ich, wir sind von einer andern Art. Ich habe eine klassische Erziehung gehabt, die Welt gesehen und bin in anständige Gesellschaft gekommen; und Ihr wart nicht lang ein Mitglied unsers Clubs, so zeichnetet Ihr Euch vor Allen ans. Das Glük lächelte Eurer jugendlichen Kühnheit. Ihr schafftet Euch schöne Pferde und Kleider an, besuchtet öffentliche Gesellschaften, und da Ihr ein verdammt hübscher Bursche mit einem angebornen vornehmen Wesen und von einiger Bildung seid, wurdet Ihr so wohl aufgenommen, daß Ihr Euch in kurzer Zeit Betragen und Ton eines – was soll ich sagen – eines Gentleman und Geschmak an angemeßner Gesellschaft erwarbet. Das ist auch mein Fall. Troz unsern Bemühungen für das Gemeinwohl, merken die undankbaren Hunde, daß wir mehr sind, als sie; ein einziges neidisches Herz ist genug uns dem Henker zu überliefern; wir sind darüber einverstanden, daß wir in Gefahr sind, und eben so darin, daß wir einen ehrenvollen Rükzug bewerkstelligen müssen; das können wir nicht thun ohne Geld; Ihr kennt den unter Unsersgleichen bekannten Vers; Nichts kann wahrer sein: Es ist am Galgen lungern Noch besser als verhungern. »Ihr wollt nichts von dem Gemeingut entwenden, obgleich ich denke, Ihr könntet es mit vollem Recht, in Betracht, daß Ihr so Viel eingebracht habt; was sollen wir nun anfangen? Arbeiten können wir nicht; betteln mögen wir nicht! und unter uns gesagt, wir führen ein sehr verschwenderisches Leben. Was bleibt uns übrig als eine Heirath?« »Wahr ist's,« sagte Clifford mit einem halben Seufzer. »Ihr dürft wohl seufzen, mein guter Gesell; die Ehe ist im besten Fall ein Jammerleben; aber hier ist kein andrer Ausweg, und nun da Ihr eine Neigung gefaßt habt zu einer jungen Dame, die so reich ist, wie ein weiblicher Crösus und eine so glänzend vergoldete Pille, wie die Kutsche des Lordmajors, was Teufels habt Ihr da noch mit Scrupeln zu schaffen?« Clifford antwortete nicht und es entstand eine lange Pause, vielleicht hätte er sich nicht so freimüthig herausgelassen, als er that, wenn nicht der Wein ihm das Herz aufgeschlossen hätte. »Wie stolz,« fing Tomlinson wieder an, »die gute alte Matrone in Thames Court sein wird, wenn Ihr ein Fräulein heirathet! Ihr habt sie in neuster Zeit nicht gesehen?« »Seit Jahren nicht,« antwortete unser Held, »arme alte Seele! ich denke sie befindet sich wohl, und ich trage Sorge, daß sie nicht ohne Baarschaft ist.« »Aber warum besucht Ihr sie nicht? Vielleicht schämt Ihr euch, wie alle große Männer, besonders von liberaler Geistesrichtung, der alten Freunde, he?« »Mein guter Freund, sieht das mir gleich? Ihr wißt ja doch, wie die Stuzer unter unserm Orden mich scheel ansehen, weil ich auf meine Würde nicht genug halte, nicht immer in Gesellschaft von wohlgekleideten Gentlemen raube und unter dem Namen des Neffen eines Lords betrüge; nein, meine Gründe sind diese: fürs Erste müßt Ihr wissen, die alte Dame hatte sichs zur Herzensangelegenheit gemacht, daß ein ehrlicher Mann aus mir werden sollte.« »Und das seid Ihr geworden!« unterbrach ihn Augustus. »Ehrlich gegen Eure Partei; was wollt Ihr mehr von irgend einem Gauner oder Politiker?« »Ich glaube,« fuhr Clifford, die Unterbrechung nicht beachtend, fort, »meine arme Mutter verlangte vor ihrem Tod, ich möchte doch ehrlich auferzogen werden; und so seltsam es euch vorkommen mag, aber – Frau Lobkins ist eine gewissenhafte Frau auf ihre eigne Weise, – ihr Fehler ist es nicht, wie ich das geworden bin, was ich wurde. Nun weiß ich wohl, es würde sie schmerzlich betrüben, wenn sie mich in meiner jezigen Gestalt sähe. Fürs Zweite, mein Freund, könnt Ihr Euch wohl denken, daß bei meinen angenommenen Namen – Jackson und Howard, Russel und Pigwiggin, Villiers und Gotobed, Cavendish und Salomons, die guten Leute in der Nachbarschaft von Thames-Court nicht entfernt einen Verdacht hegen, der abenteuerliche und vollendete Schelm, dermalen Hauptmann dieses Bezirks mit dem neuen Namen Lovett, sei in der That kein Andrer als der unbekannte, namenlose Paul vom Krug. Nun hatten wir, Ihr und Ich, Augustus! in der menschlichen Natur, obwohl im schwarzen Buch, gelesen, und ich weiß wohl, daß, wollte ich in Thames-Court erscheinen, und würde die alte Dame das Geheimniß meiner Ankunft ausschwazen, (was sie gewiß thäte, nicht aus Unzärtlichkeit sondern aus Unmäßigkeit – nicht daß sie mich weniger, sondern weil sie den Magentrost mehr liebt.) –« »Ihr könnt Euch leicht denken,« unterbrach ihn der lebhafte Tomlinson, »daß die Identität Eurer frühern Niedrigkeit mit Eurer jezigen Größe bald würde ausgespürt werden, Neid und Eifersucht Eurer frühern Freunde erwachen würden; ein Wink von Eurem Aufenthalt und Euern falschen Namen könnte, der Polizei gegeben, Ihr selbst beigesannt werden mit der naheliegenden Aussicht auf eine hänfene Beförderung.« »Ihr errathet ganz meine Gesinnung!« antwortete Clifford. »Die Wahrheit ist, daß ich beobachtet habe, wie unter zehn Fällen immer neunmal unsre bravsten Gesellen durch die Verrätherei eines frühern Busenfreundes oder den Neid eines Kameraden von der Knabenzeit her aufgehoben wurden. Meine Bestimmung ist noch nicht entschieden; ich verdiene ein besseres Schiksal, als im Karren zu fahren mit einem Blumenstrauß in der Hand; und ob ich gleich nach dem Tod an und für sich nicht viel frage, bin ich doch entschlossen, wo möglich nicht als Landstraßenritter zu sterben; daher meine Vorsicht und die kluge Sorgfalt für Geheimhaltung und sichre Freistätten, worin Menschen, die nicht so weise sind wie Ihr, so oft einen unnatürlichen Widerspruch mit meiner Handlungsweise auf der Landstraße gefunden haben.« »Narren!« sagte der filosofische Tomlinson. »Was hat die Tapferkeit eines Kriegers damit zu schaffen, daß er sein Haus vor Feuergefahr sicher stellt?« »Indeß,« sagte Clifford, »schicke ich meiner guten Pflegemutter dann und wann ein hübsches Geschenk, um sie von meinem Wohlbefinden zu überzeugen, und erhalte mich obwohl abwesend doch ihrem Gedächtniß durch Präsente gegenwärtig – verzeiht das Wortspiel.« »Und seid Ihr nie von Einem Eurer weiland Kameraden aufgefunden worden?« »Nie! bedenkt, in welch höhere Sfäre des Lebens ich mich geworfen habe; und wer würde auch den Springinsfeld Paul mit der Barchentjake in Gentleman Paul mit verbrämter Weste erkennen? Zudem habe ich sorgfältig alle Orte vermieden, wo ich möglicherweise solchen begegnen konnte, die mich in meiner Kindheit sahen. Ihr wißt, wie wenig ich die Gaunerherbergen besuche, und wie bedenklich ich bei der Aufnahme neuer Verbündeter in unsre Gesellschaft bin; Ihr und Pepper seid die einzigen zwei von meinen Genossen (meinen Schüzling ausgenommen, wie Ihr ihn nennt, der die Höhle nie verläßt,) die um eine Identität mit dem verlornen Paul wissen; und da Ihr beide den furchtbaren Eid des Schweigens abgelegt habt, den zu brechen, eh' ich in Kerker oder am Galgen bin, beinah so viel ist, als sich dem sichern Tod aussezen, halte ich dafür, daß mein Geheimnis schwerlich, außer mit meiner eignen Zustimmung an den Tag kommen kann.« »Wahr!« sagte Augustus winkend, »noch ein Glas und dann zu Bett, Herr Präsident.« »Ich thu' Euch Bescheid, mein Freund; unser leztes Glas soll in menschenfreundlichem Sinne geschlürft werden: Alle Narren, und möge Ihr Geld ihnen bald abgenommen werden!« »Alle Narren!« rief Tomlinson und füllte einen Tummler, »aber ich fechte die Weisheit Eures Trinkspruchs an; mögen die Narren reich sein, so werden die Schelme nie arm sein. Ich wollte mir aus einem reichen Narren eine bessere Rente verschaffen als aus einem Landgut.« Mit diesen Worten stürzte der beschauliche und immerscharfsinnige Tomlinson seinen Tummler hinab und beide stiegen, nachdem sie mittelst ihrer Füße, den Körper des langen Ned säuberlich in eine ruhige, sichre Eke des Zimmers befördert hatten, Arm in Arm die Treppe hinunter, um nach ihrer Bequemlichkeit die Ruhe zur Nacht zu genießen.