Stefan Zweig Kurze Texte über historische Persönlichkeiten Legende und Wahrheit der Beatrice Cenci 1926   Geschichte erscheint immer vorerst als rohe Substanz, erst der Dichter ist es oder jener andere anonyme Dichter, den wir Legende nennen, der ihr gestaltend Form verleiht. Durch Dichtung wird das Vergangene zum dauernd Lebendigen erneuert, Erfindung bindet mit kühner Argumentation das zufällige Nebeneinander der Wirklichkeit, und nach einiger Zeit begibt sich das Sonderbare, daß die Legende die Wirklichkeit verschattet und ihr zu Dank Gestalten in unserem Gedächtnis so fortleben, wie sie nie in Wahrheit gelebt haben und wie erst der Dichter sie ins Leben erweckte. Aber sonderbar: Wenn man einmal oder das andere Mal überprüfend die schon selbstherrlich gewordenen Gestalten wieder mit ihrem historischen Urbild vergleicht, die Legende mit der Geschichte, die Dichtung mit den Dokumenten, so ergibt sich, daß dann oftmals nach Jahrzehnten und Jahrhunderten uns die wahrhafte Gestalt wieder wahrhaftiger erscheint als die übernommene der Dichtung. Die Akten Wallensteins, der Prozeß der Jeanne d'Arc stellen höhere Anforderungen an die mitschaffende Psychologie als die allzu geglätteten und kausal gebundenen Formen der Schillerschen Dramen. Eben durch die Abwesenheit aller Sentimentalität ergreift dann die nackte Naturhaftigkeit der Geschichte mehr als die dramatisch umkleidete Form der Tragödie, und der Stoff, die sachliche Logik der Tatsachen wirkt überzeugender als ihre Durchdichtung. Eines nach dem anderen haben wir jetzt eine Reihe solcher dichterischer verschönter Bilder durch die sichere und sorgliche Arbeit der Geschichtsforscher verblassen sehen. Und wiederum ist jetzt eine Legende am Verblühen, um als Wahrheit aufzuleben: die tragische Geschichte der Beatrice Cenci. In der Galleria Barberini in Rom hängt ein Frauenbildnis, das zwei Jahrhunderte lang Guido Reni zugeschrieben wurde und unentwegt als Porträt der Beatrice Cenci galt. In Tausenden von Kopien, in Farben und Kupferstichen und Photographien ist es verbreitet, kein Geringerer als schon Stendhal hat es beschrieben. Dieses junge Mädchen stelle, so phantasiert der sonst Unromantische, die Unglückliche dar, in dem sonderbar drapierten Kleide, das sie sich zu ihrer Hinrichtung habe anfertigen lassen, und die »sehr sanften Augen« hätten »den erstaunten Ausdruck, als seien sie in dem Augenblick ihrer heißesten Tränen überrascht worden«. In Wirklichkeit zeigt das Bildnis ein etwa sechzehnjähriges Mädchen, das sich über die Schulter dem Betrachter entgegenwendet, vollkommen ohne Angst und Staunen, ein Unschuldsgesicht, nur Neugier und sanfte Lieblichkeit, kein Zug also, der einer entschlossenen Vatermörderin angehören könnte, die in wenigen Stunden vor dem Antlitz des ganzen römischen Volkes hingerichtet werden soll. Und in der Tat hat das Bild niemals Beatrice Cenci dargestellt, und Guido Reni konnte schon deshalb sie nicht nach dem Leben gemalt haben, weil er – die Historiker sind unbarmherzig gegen die Legende – erst drei Jahre nach ihrer Hinrichtung Rom überhaupt zum erstenmal betreten hatte. Hinfällig also das erschütterte Staunen Stendhals, hinfällig auch die romantische Tragödie Shelleys, der sie als rührendes Opfer väterlicher Bestialität zugrunde gehen läßt – die Wirklichkeit, wie nun die Dokumente sie entblößen, zeigt ein wesentlich anderes Bild. Weniger Unschuld, weniger Reinheit, weniger Romantik und Überschwang – aber dafür unendlich mehr an dramatischer Kraft, an Tumult des Gefühls, an heroischer Verwegenheit. Sie zeigt die Renaissance, wie sie in Wahrheit gewesen: brutal und blutgierig, skrupellos und grausam, den Urkampf entfesselter Naturen, eine Tragödie, groß und eindringlich wie die des Hauses der Atriden. Und statt der kalten Novelle Stendhals, statt des rhetorischen, schönen, nur etwas süßlichen Dramas Shelleys haben wir plötzlich einen Roman, aus Dokumenten – knapp und hart wie Quadern – gestaltet, die tatsächliche Geschichte dieses verruchten und wilden Geschlechts (Corrado Ricci, ›Die Geschichte der Beatrice Cenci‹, Stuttgart, R. Hoffmann 1927). Die Geschichte der Cenci beginnt hier mit Francesco Cenci. Und nach den ersten paar Strichen seines Bildnisses krampft sich das Gedächtnis zusammen: woher kennt man diesen Menschen, diesen niedern, gemeinen, zynischen, geldgierigen, brutalen Greis, diese Spinne der Wollust, der alle erdenklichen Schändlichkeiten begeht, der seine Kinder knechtet und um ihr Erbe betrügt, der sich einsperrt auf seinem abgelegenen Gute und dort den niedrigsten Ausschweifungen hingibt, diesen bösen Dämon, der dann endlich von seinen eigenen Kindern im geheimen Einverständnis ermordet wird? Das Gedächtnis spannt sich an – und plötzlich weiß man: ja, das ist er, Zug um Zug, Fedor Pawlowitsch Karamasow, fast drei Jahrhunderte nachher von Dostojewski gestaltet. Zug für Zug stimmt das Bildnis, und man erschrickt vor dieser zufälligen Ähnlichkeit. Auch Francesco Cenci ist reich, und reich nur durch schmutzige Ausbeutung. Auch er entkommt nur durch die Disziplinlosigkeit des Gesetzes der Bestrafung für seine Verfehlungen und abwegigen Begierden, aber immer von neuem gerät er in Konflikte mit der Justiz, ohne daß doch die Angst dauernd seines großartigen Zynismus Herr werden könnte. Er wird in das kapitolinische Gefängnis überführt wegen Mordes und Schändung und kauft sich für hunderttausend Scudi frei. Ein andermal flüchtet er nach ähnlichen Verbrechen in das »Hospital der Unheilbaren«, aus dem er dann mühsam, nach neuer Geldbuße, herauskommt, beschmutzt und mit Krätze bedeckt wie ein Bettler – er, einer der reichsten und mächtigsten Edelherren der Zeit. Er hat einen Prozeß, furchtbar ähnlich jenem von Oscar Wilde, weil er sich im eigenen Hause mit Dienern, schmierigen Gassenjungen vergangen hat; wieder entgeht er durch Bestechung und List dem Scheiterhaufen. Genauso wie bei dem alten Karamasow tobt hier zwischen Francesco und seinen Kindern ein erbitterter Kampf um das Erbe, das er ihnen vorenthält, um das Geld, das er einzig zur Lust verwendet, die anderen zu knechten. Genau wie Karamasow zieht sich schließlich gehetzt und erschreckt der grausame Alte auf ein abgelegenes Gut zurück, in die »Petrella«, und genau wie Fedor seinen Sohn Aljoscha aus dem Kloster reißt und mitschleppt in seine verbitterte Einsamkeit, so führt Francesco Cenci seine zweite Frau Lukrezia und seine sechzehnjährige Tochter Beatrice mit sich als Gefangene in das vermauerte, unheimliche Schloß. Als Gefangene: denn Frau und Tochter dürfen keinen Menschen sehen, dürfen mit niemandem Umgang haben. Die Fensterläden in ihrem Zimmer sind vernagelt, kein Brief kann zu ihnen, keine Botschaft von ihnen in die Außenwelt, und als der Unmensch einmal erfährt, daß Beatrice sich mit der Bitte um Befreiung an den Papst gewandt, überfällt er sie mit dem Ochsenziemer und schlägt die Blutende zu Boden. Er verhindert ihre Heirat, um ihr nicht Geld mitgeben zu müssen, er verhindert ihren Verkehr mit den Brüdern, von denen er mit Recht – das Furchtbarste erwartet. Denn seine Söhne haben sein eigenes Blut geerbt – Mordbuben, Lustjungen, verwegene Kerle ohne Gottesfurcht und Gesetzesangst, brutal, sinnlich vehement und ohne Scheu. Er weiß, daß sie nicht zögern würden, so wie man im Rom von damals sich seiner Feinde mit einem Dolchstoß entledigte, auch ihn zu gelegenster Stunde zu beseitigen. Darum ist der alte Dämon immer auf der Wacht. Er nimmt keinen Bissen Speise, keinen Tropfen Wein, ohne daß Beatrice oder Lukrezia ihn vorgekostet hätten. Er verschließt sein Schlafgemach, um nicht im Schlummer überfallen zu werden – genau wie Fedor Karamasow ist er ständig von düsteren Ahnungen über sein Schicksal erfüllt und bei aller Wildheit voll einer hündischen, feigen Lebensangst. Die Weltgeschichte kennt wenig so furchtbare Szenerien wie diese drei Zimmer in dem steinernen Schlosse der Petrella, erfüllt von Bosheit, Brutalität, Angst und Entsetzen, und es gibt vielleicht keine Darstellung der Renaissance, die gleich entsetzlich den Riesenkampf unüberwindlicher Instinkte im fürchterlichsten Gegeneinander von Vater und Tochter, Frau und Mann, Kindern und Erzeuger zeigte. Nur der atridische Mythos mit seinem kolossalischen Maß und seinem düster barbarischen Licht hat solche grausige Großartigkeit der ins Gefährliche kühn hinübergereckten Gestalten.   Aber der Legende war dies nicht genug. Sie brauchte etwas Helles im Kontrast zu diesem tragischen Hintergrund, eine rührende Gestalt als Gegenspiel zu dem teuflischen Dämon des alten, geldgierigen Lüstlings, einen erhebenden Impuls für die anhebende Tragödie – so erfand sie sehr frühzeitig die Legende der reinen, keuschen Beatrice Cenci. Sie sei jungfräulich von ihrem eigenen Vater überfallen und entehrt worden, und aus dem Zorn und der Empörung erschütterter Tugend habe sie sich an dem väterlichen Verführer gerächt – so formt die Legende die Vorgeschichte des Mordes. Doch die Dokumente, die sonst keine Sympathie für Francesco zeigen, wissen von dieser äußersten Untat nichts. Sie sprechen von entzogenem Geld, von Erniedrigungen, von Brutalitäten – niemals aber von jenem letzten Verbrechen Francesco Cencis. In ihnen erscheint Beatrice nicht so sehr als die schuldlose Märtyrerin, sondern vielmehr – großartig in einem anderen Sinne – ganz als die Tochter des eigenen Vaters, kühn, zu allem entschlossen, auch die letzte Grenze der Natur überschreitend, leidenschaftlich in den Sinnen und leidenschaftlich in der Rache – eine Frau der Renaissance, mutig und verwegen und besinnungslos kühn in ihrem Entschluß. Ihr Vater hat sie erniedrigt, ihr Vater hat sie geschlagen, ihr Vater nimmt ihr durch Einsperrung das ganze eigene Leben – so muß er sterben, und diesem einen Ziel opfert sie nun alles auf – sogar ihren eigenen Leib. Allein kann sie diese äußerste Tat nicht tun und auch nicht zu zweit mit der Stiefmutter, die einverstanden ist, nicht einmal zu dritt mit dem eigenen Bruder, der ausdrücklich von ferne den Mord billigt. Denn mit Gift ist dem Vorsichtigen nicht beizukommen. Und mit dem Beil den riesenhaften, selbst im Alter übermächtigen Mann zu töten, fehlt ihnen die körperliche Kraft. So suchen sie nach Genossen – Beatrice sucht um den Preis ihres Leibes einen Mann, der, wie Ägisth gegen Agamemnon, den tödlichen Streich führen soll. Und er ist bald gefunden. Der Knecht und Hauswart Olympio ist ein stattlicher Mann, kräftigen Leibes und mutigen Sinnes, ehrgeizig und eitel: so hat das junge Mädchen nicht viel Mühe, ihn seiner Frau abspenstig zu machen, und sie zahlt den vollen Preis. Auf einer Leiter klettert er Abend für Abend in ihr Zimmer und ihr Bett: dort wird der Plan ausgeheckt, den alten Dämon zu beseitigen, und auch ein Zweiter wird für die Tat gewonnen. Und wiederum Karamasow: genau wie Fedor nachts auf ein gegebenes Zeichen mit dem Hammer, so wird Francesco von den Verschworenen überfallen, nachdem man ihm zuvor einen Schlaftrunk gegeben. Der eine zerschmettert ihm den Schädel, während der andere den Körper des Riesen niederdrückt. Dann schleppen sie den Leichnam hinaus auf die hölzerne Terrasse, die sie abends zuvor schon durchlöchert haben, um den Anschein zu erwecken, als habe der morsche Balkon zufällig nachgegeben und als sei Francesco Cenci durch einen Zufall in die Tiefe gestürzt. Dort wird am nächsten Morgen der zerschmetterte Leichnam gefunden.   Leidenschaft hat den Plan erdacht, Leidenschaft den Plan ausgeführt – und nicht Besonnenheit. Zu herrisch, zu stolz, um im voraus einem Verdacht zu begegnen, schlafen die beiden Frauen in unsinniger Sorglosigkeit. Unzulänglich verbergen sie die blutigen Tücher, ohne Bedenken lassen sie die halbe Stadt in die Zimmer zur Leiche, die dann noch am selben Abend mit verdächtiger Eile wie ein Tier verscharrt wird. Als rechte Menschen des Cinquecento, als Herrenmenschen und Adelsstolze halten sie es für unnötig, etwas zu verbergen und vorsichtig zu sein: sie verachten das Geschwätz des Pöbels, das Gerede der Mägde, die Frauen der Mittäter (dieses Geschmeiß, das man doch mit einem Dolchstich beseitigt, wenn es wagen sollte, den Mund auf zu tun). So wie innerlich, fühlen sie sich auch äußerlich jenseits von jedem Gesetz, nun da sie den Reichtum, die Macht als Herren in den Händen haben. Triumphierend berichtet Beatrice an den Bruder die gelungene Tat; und ohne das Verdächtige darin zu bedenken, schenkt sie dem Mörder Olympio, ihrem Liebhaber, zum Lohn den Diamantring und ein Kleid des gemordeten Vaters, wie man eben einen Kammerdiener für eine wackere Tat belohnt.   Aber allmählich regt sich und schwillt das Gerede, und das Unglück will, daß gerade ein strenger Papst im Lande ist. Wie bei Gilles de Raitz, wie bei allen großen adeligen Verbrechern des Mittelalters, wie vielleicht auch bei den Reichen der Neuzeit, ist es immer einer für eine ganze Generation, an dem der Staat, an dem die weltliche Macht ein Exempel statuiert. Was sonst schützt, der Reichtum, wird gerade bei den Allerreichsten, hier den Cencis, zum Verderben; denn aus der Bestrafung der Schuldigen erwächst dem Staate, in diesem Falle dem Papst, die Konfiskation der ungeheuren Güter. Der Papst Klemens ist entschlossen, endlich wieder einmal Ernst zu machen mit dem Gesetz. Nichtsdestoweniger wird aber die Untersuchung zunächst nur lau betrieben; Beatrice, ihre Mutter, ihr Bruder werden nur vorsichtig ausgefragt und bloß in ihren Häusern interniert. Schon hat es den Anschein, als sollte, wie fast immer in solchen Fällen, die leidige Affäre durch Hinhalten, Bestechungen und Kompromisse aus der Welt geschafft werden. Die beiden wichtigsten Zeugen, die eigentlichen Mörder, haben sich aus dem Staube gemacht; der eine ist unauffindbar, aber der andere, Olympio, wagt sich im Vertrauen auf die Macht der Cenci sogar wieder offen in Rom heraus. Und abermals ist es nur der unsinnige Hochmut, die leidenschaftliche Kühnheit des Renaissancemenschen, die den adeligen Verbrechern Verderben bringt. Denn da die Zeugen unbequem werden könnten, man sich auch ungern solchem Pöbel verpflichtet fühlt, und weil es außerdem der »Ehre« dieser Mörderfamilie widerstrebt, daß ein Bursche aus niederem Stand, Olympio, sich rühmen könnte, der Beischläfer einer Cenci gewesen zu sein, beschließen sie kurzerhand, ihn zu erledigen. Der damals leicht auftreibbare Bravo wird gemietet, Olympio gewaltsam verschleppt und ermordet. Und mit der gleichen zynischen Achtlosigkeit wie die Herrenleute lassen die Bravi den Leichnam auf der Straße liegen, gleichgültig gegen das Gesetz, das aber endlich, aufgepeitscht von soviel herausfordernder Kühnheit und Anmaßung, zornig wird und zugreift. Und das Gesetz hat damals einen furchtbaren Griff, eine grauenhafte Waffe: die Folter. Beatrice, Lukrezia und der Bruder sowie alle übrigen Beteiligten werden auf Befehl des Papstes in die Gefängnisse der Engelsburg gebracht. Dort, in den nassen, kalten Räumen der Folterkammer beginnen die entsetzlichen Befragungen, die nervenerschütternden Torturen, deren Beschreibung in den Dokumenten enthalten ist; und so grausam reißen die Seile und die teuflische Erfindung der Veglia, der »Winde«, an den Gliedern, daß die Gefolterten in kürzester Zeit alles gestehen. Nun eilt die Tragödie mit unaufhaltsamer Geschwindigkeit ihrem Ende zu. Das Urteil wird gefällt: Tod für die Stiefmutter und die Tochter durch das Schwert, Vierteilung für den vatermörderischen Sohn. Und, knapp vor dem Tode, enthüllt sich – sichtbar für die Sehenden – inmitten all dieser Abgründigkeiten noch ein letztes Geheimnis – höchst unbequem der Legende: Beatrice Cenci, die später als zweite Lukrezia und unbeugsame Jungfrau Gefeierte, macht vor der Hinrichtung ihr Testament, in dem sie als Universalerben die »Seraphischen Schwestern der Wundmale des heiligen Franziskus« einsetzt und etwa dreißig Kirchen, Klöster, Spitäler, Kongregationen und Gefängnisse bedenkt. Aber die sonderbarste Verfügung in diesem Vermächtnis ist ein scheinbar bedeutungsloses Kodizill, in dem sie einer vertrauten Freundin einen großen Betrag vermacht für ein bestimmtes, mit Namen nicht genanntes Kind, das in seinem zwanzigsten Jahre jenes Kapital mit Zinsen erhalten soll. Die mehrmalige Erwähnung eben dieses namenlosen, nur der Freundin bekannten Kindes im Testament und in den Kodizillen läßt fast keinen Zweifel zu, daß jene Verbindung mit Olympio nicht ohne Folgen geblieben und das Drängen Beatrices, ihren eigenen Vater zu beseitigen, schließlich auch in der Furcht vor Entdeckung ihrer Mutterschaft begründet war. Damit stürzt und fällt freilich ein wesentlicher Teil der Legende, aber um so menschlicher, klarer und eindringlicher eröffnet sich die innere Tragödie, die jenes Schloß der Petrella jahrhundertelang verborgen. Am 11. September 1599 wird dann die Hinrichtung vollzogen. Um Mitternacht treten in die Zelle der Verurteilten die unheimlichen Gestalten der Confortatori, der Tröster, vermummt, schwarze Kapuzen übergestülpt und Masken über dem Antlitz, Laternen in der Hand. Die Verurteilten werden zuerst zur Messe geführt und legen die Beichte ab, dann kommunizieren sie: dann erst führt man sie den Todesweg. Voran schreiten die Kongregationen der Wundmale, barfuß, in Säcke von aschgrauer Farbe gehüllt, um die Hüften einen großen Strick mit Rosenkränzen, dann Soldaten und Sbirren, der Gerichtshof und die Brüderschaft der Misericordia – hinter dem Karren der Verurteilten wieder fromme Orden, Litaneien singend, und unendliche Scharen Volks, so daß diese Zeremonie beinahe wie ein spanisches Autodafé anmutet. Von allen Balkonen und Fenstern blicken erschüttert Menschen nieder, aber nicht so sehr in Mitleid für Giacomo Cenci, dem der Henker mit der glühenden Zange die Fetzen Fleisches aus dem gemarterten Leibe reißt, sondern einzig auf das junge Mädchen starren sie, die Zweiundzwanzigjährige, die alle Folterungen in den Türmen erduldet hat und nun, schön wie ein Engel, wunderbar jugendlich anzusehen, zum Schafott geführt wird. Und kaum der Henker sein Amt getan hat und die Bahre am Fuß des Blutgerüstes steht, treten schon junge Mädchen heran, um das abgeschlagene Haupt mit Blumen zu bekränzen, Frauen drängen ihnen nach, und bald strömt das ganze Volk, Edelleute wie Pöbel, zu einer ungeheuren Prozession zusammen, und sie stellen Kerzen neben die Bahre, bringen Blumen und Kränze, als sei hier eine Heilige gestorben und nicht eine Vatermörderin. Denn so stark ist die Gewalt der Jugend und Schönheit, daß, wo immer der Tod sie berührt, sie Geheimnis und Erschütterung schafft und die Welt ihr gegen alle Wirklichkeit den Glauben an die Schuld verweigert. Von diesem Augenblicke an, wo die ersten Blumen des Volkes das erblaßte Antlitz zieren, beginnt die Legende zu blühen von Beatrice Cenci, der Märtyrerin, die ihre jungfräuliche Ehre an ihrem blutfrevlerischen Vater rächte. Sie dringt in das Volk, wird Lied und Überlieferung, rankt sich fest in den Jahrhunderten; die Dichter, die Maler erneuern sie in immer rührender Gestalt. Und selbst die Wirklichkeit, wie sie nunmehr bedeutend wahrhaftiger und großartiger aus den Dokumenten zutage tritt, wird sie nicht mehr ganz zerstören. Irrfahrt und Ende Piere Donchamps' Die Tragödie Philippe Daudets Dieser Pierre Bonchamps hat nur fünf Tage gelebt und niemals so geheißen: Usurpierter Name, hinter dem sich ein verwirrter, flüchtiger Knabe verbarg, Titel tiefer Tragödie, die einer der hitzigsten und leidenschaftlichsten Prozesse unserer Zeit nicht ganz zu enthüllen vermochte. Gerade aber das Unbegreifliche, Sinnlose und Undurchdringliche dieses Falles macht hier eine einzelne leidenschaftliche Pubertätskrise typisch für viele verborgene. Und es mag darum nicht zwecklos sein gegenüber allen politisch überhitzten Darstellungen, den Tatbestand jenes Prozesses leidenschaftslos in seiner erstaunlichen und doch präzisen Folge zu erzählen.   Am 20. November 1923 steht der vierzehneinhalbjährige Philippe Daudet, der Sohn des Deputierten und fanatischen Royalisten Léon Daudet, der Enkel Alphonse Daudets, zur gewohnten Morgenstunde auf, verläßt das Zimmer, in dem er mit seiner Mutter gemeinsam schläft und verabschiedet sich nicht auffälliger als sonst. Aber statt seine Bücher zu nehmen, packt er einen Rucksack, statt in die Schule zu gehen, wo er tags zuvor eine unrichtige Lateinaufgabe dem Lehrer vorgelegt hatte, begibt er sich geradenwegs auf den Bahnhof Saint-Lazare, um nach Le Havre und von dort nach Kanada zu reisen. Seine ganze Habe besteht aus ein wenig Wäsche und aus 1700 Francs, die er dem elterlichen Schrank entwendet hat. In Le Havre steigt der flüchtige Gymnasiast in einem kleinen Hotel ab, schreibt sich unter dem Namen Pierre Bonchamps ein; von diesem Augenblick beginnt sein eigenes Leben, er ist nicht mehr der wohlbehütete, umschmeichelte Familiensohn Philippe Daudet, sondern irgend etwas Neues, Abenteuerliches, Selbständiges, das seinen Weg in die Welt beginnt. Aber bei dem ersten Schritt schon in die Wirklichkeit zerstößt er sich den Kopf. In der Schiffsagentur für Kanada erfährt er zu seinem Schrecken, daß die 1700 Francs bei weitem nicht für die Überfahrt ausreichen. Der frühere Philippe Daudet hat gelernt, griechische Verba zu konjugieren, weiß von Cäsar und Vercingétorix, kann mit Logarithmen rechnen und gute Aufsätze machen, aber wo hätte er's lernen sollen, daß zu einer Reise in die neue Welt Paß, Reiseausweis und Legitimation nötig sind, daß eine Summe, die gestern dem Schuljungen phantastisch erschien, heute dem Pierre Bonchamps nicht über das Meer hilft. Verstört kehrt er zurück in das kleine Hotel, die Welt hat ihn zurückgestoßen, zum erstenmal tut der romantisch umleuchtete Begriff Fremde sich ihm auf als ein Abgrund von Dunkelheit und Öde. In seiner Angst klammert er sich an den ersten besten, beginnt lange Gespräche mit dem Hausdiener, dem Stubenmädchen, die merkwürdige Sympathie mit diesem hochaufgeschossenen Jungen empfinden, aus dessen Fahrigkeit sie sofort ein Tragisches wittern. Abends schließt er sich ein in sein Zimmer, liest und schreibt. Am nächsten Tag, dem 21., dem zweiten seines neuen Lebens, geht er frühmorgens in die Kirche zur Messe (vielleicht ein letzter Versuch, von Gott ein Wunder zu erlangen), irrt dann in den Straßen am Hafen ziellos herum, kommt nachmittags wieder ins Hotel, liest und schreibt aufs neue, darunter einen Brief, den er wieder zerreißt. Am nächsten Morgen, am 22., dem dritten seines neuen Lebens, reist er ab, nachdem er zuvor seinem einzigen Freund, dem Hausknecht, die Hand geschüttelt und ihm gesagt hat, er möge die im Zimmer zurückgelassenen Bücher als Andenken behalten. Etwas flackert in dem Benehmen des verängstigten jungen Burschen, das die braven Leute aufmerksam macht. Beim Aufräumen des verlassenen Zimmers finden sie im Papierkorb die Fetzen jenes zerrissenen Briefes. Aus Neugierde setzen sie die Fragmente wieder zusammen und lesen erschreckt: »Geliebte Eltern, verzeiht mir, o verzeiht mir den ungeheuren Schmerz, den ich Euch getan habe. Ich bin ein Elender, bin ein Dieb, aber ich hoffe, daß meine Reue dies mein Vergehen gutmacht. Ich sende von dem Geld zurück, was ich noch nicht ausgegeben habe, und bitte Euch, mir zu verzeihen. Wenn Ihr den Brief empfangt, bin ich nicht mehr am Leben. Lebt wohl, ich verehre Euch mehr als alles, Euer verzweifeltes Kind Philippe.« Dazu noch ein kleiner Nachtrag: »Umarmt für mich Claire und Franz, aber sagt ihnen niemals, daß ihr Bruder ein Dieb war.« Den braven Leuten zittert die Hand. Ihr erster Gedanke ist, zur Polizei zu laufen, um möglicherweise den Selbstmord zu verhindern oder die Adressaten zu verständigen. Aber die Adresse des Briefes jagt ihnen Schrecken ein. Leon Daudet ist weit über Paris hinaus gefürchtet wegen seiner aggressiven Art, berüchtigt wegen seiner Vehemenz, ein tödlicher Hasser – ihm mitzuteilen, daß sein Sohn ein Dieb sei, kann nur zu peinlichen Weiterungen führen. So verstecken sie den Brief. Und wie tausendmal in unserer Welt geht ein Mensch zugrunde wegen der Feigheit der andern, wegen ihrer Angst vor einer kleinen Unannehmlichkeit –, aus Trägheit des Herzens. Warum ist Philippe entflohen, warum hat er das Vaterhaus verlassen, warum ist er Pierre Bonchamps geworden? War es Haß gegen den Vater, Krise der Nerven, Angst vor dem Lateinlehrer, Abenteuerlust – all dies gewohnte pathologische Motive der Pubertät? Kein Brief, kein Wort seines Tagebuches gibt deutlich Antwort. Aber etwas von den geheimnisvollen Verwirrungen seines Wesens offenbaren einige Aufzeichnungen, die er am Abend vor der Flucht mit ungelenker Kinderhand in ein blaues Schulheft einschrieb, das er dann knapp vor seinem Ende in Paris einem ihm zufällig Begegnenden schenkte. Es sind kleine Gedichte in Prosa, offenbar von Baudelaire inspiriert und ganz im Sinne des alten Satansmeisters ›Les parfums maudits‹ genannt, Gedichte, literarisch kaum zu werten, aber merkwürdig die Verwirrtheit der Pubertät verratend. Drei dieser kleinen Gedichte will ich hierhersetzen. »›Tochter des Nereus.‹ Wir haben zusammen in einer niederträchtigen Bude des Montmartre getanzt, und seitdem habe ich sie oft wiedergesehen. Sie ist nur eine Dirne, aber sie weiß es. Sie ist nicht schön, aber sie weiß es. Sie ist die Tochter eines früheren russischen Ministerpräsidenten, und wenn sie trunken ist von Tanz und Cocktails und Liebe, singt sie schöner als jemals Sirenen gesungen. ›Verlorene Mädchen.‹ Ich habe die Nacht mit verlorenen Mädchen verbracht. Ich habe ihre Gesichter vergessen, ich erinnere mich nur an ihre brutalen, so oft umfangenen Körper, aber doch Frauenkörper, und Villon sagt: »So sanft und rein ...« ›Abreise.‹ Meine Seele zittert vor Lust bei dem Gedanken an alles, was sie nun bald empfinden wird. Vor meinen Augen streift die Sonne der Provence vorbei, die schönen braunen Mädchen, die hellen und kühnen Männer und die dunklen Himmel des Nordens und der Schnee und die ewige Traurigkeit. Alles das werde ich erleben und muß nur die Saite in mir zum Erzittern bringen, die jeder Mensch in sich trägt, und werde glücklich sein, wenn dies möglich ist. Leb wohl, du altes Haus! Lebt wohl, meine Eltern! Niemand wird verstehen, warum ich fortgegangen bin, niemand wird die Empfindungen ahnen, die mich fortgetrieben haben. Zwei Tage noch, und wie der Vogel auf seinem ersten Flug reise ich dahin zu den fernen Ländern, zu neuen Gefühlen und in das Abenteuerliche hinein.« »Niemand wird die Empfindungen ahnen, die mich weggetrieben haben ...« – es ist wahr geworden, dieses kleine Knabengedicht, und alle Prozesse können die Dunkelheit jenes von frühem Föhn aufgewühlten Kinderherzens nicht erhellen. Es ist grausam wahr geworden, dies kleine Gedicht.   Als diese Aufzeichnungen des Vierzehneinhalbjährigen im Verlauf (des???) Prozesses bekannt und veröffentlicht werden, fährt Leon Daudet, der Vater, erbittert empor. »Wie ist es möglich«, schreit er auf, »daß Philippe, mein Sohn, sein Manuskript einem ganz fremden Menschen gegeben hat, ein Manuskript, das er nicht einmal uns je gezeigt hatte?« Dieser Aufschrei ist so typisch für die Eltern, wie das Gedicht für das Kind. Gerade das Allerverständlichste können sie nicht verstehen, daß Kinder lieber jedem Fremden ihr Geheimnis ausliefern als dem Nächsten, und gegen keinen schamhafter sind als gegen das eigene Blut. Eben weil sie immer das eigene Kind in ihrem Kinde sehen, bleiben Eltern naturgemäß länger als die anderen blind für den neuen Menschen, der unter den vertrauten Zügen heimlich aufwächst, für den Doppelgänger in jedem Werdenden, für den Pierre Bonchamps, den Ausbrecher, den Abenteurer, der in jedem Vierzehnjährigen steckt, mag er auch nicht Philippe heißen und nicht Daudet. Dagegen hilft weder Klugheit noch Psychologie: nie ward's deutlicher bewiesen als eben diesmal, denn Léon Daudet ist einerseits gelernter Arzt, Patholog und Schüler Charcots, anderseits Psycholog von Beruf, Bildner und Erforscher von Menschen, wäre also prädestiniert zur Beobachtung wie kein anderer. Aber seine charakterologische Meisterschaft, die mit karikaturistischer Sicherheit jeden Menschen zu zeichnen weiß, an einem einzigen versagt sie, diese magische Wissenschaft: an dem eigenen Kind. Der Knabe schläft im elterlichen Zimmer, atemnah also, sie sprechen mit ihm Tag und Nacht, aber nie haben sie ihm ins innere Auge geblickt. Sie nennen ihn den kleinen Philippe, für sie ist der überlange Junge, dem der Flaum schon um die Lippen sproßt, noch immer das halbwüchsige Wesen, arglos, unverdorben, geschlechtslos, und der Pierre Bonchamps, der in seinen Gedichten von Prostituierten und weichen Umarmungen der Frauen träumt, immer noch das Kind Philippe, das morgens in die Schule geht und seine Lateinaufgaben macht. Und dabei kennt der Vater die epileptischen Anfälle des Knaben, kennt die Belastung durch den Großvater (Alphonse Daudet war Tabetiker), kennt seine Leidenschaft für Ausbruch und Abenteuer, denn schon mit zwölf Jahren war der Junge nach Marseille geflohen und nur durch einen Zufall wieder heimgebracht worden. Aber gerade hier ahnen sie nichts, die sonst Wissenden, nichts von den Wirrsalen dieser Kinderseele, und nehmen die Tragödie für einen dummen Jungenstreich. Sie sind deshalb nicht sonderlich besorgt, wenigstens spricht der Anschein dafür. Während Pierre Bonchamps in Le Havre herumirrt, die Seele verkrümmt vor Angst, den Tod vor Augen, während er dann in Paris in gefährlichste Kreise sich vorwagt, während all dieser fünf tragischen Tage schreibt Vater Daudet tagtäglich seinen braven Leitartikel über Politik und Literatur. Auch die Mutter Philippes bleibt nicht zurück, sie plaudert drei Spalten lang über die »Kunst alt zu werden« mit der Feder so geistreich wie mit der Lippe in einem Salon. Sie versuchen keine Nachforschungen, verständigen nicht die Polizei, einzig am vierten Tage der Flucht ihres Sohnes steht hinter dem unentwegten Leitartikel des Vaters eine kurze Notiz: »An einen unserer Korrespondenten im Süden: Ich rate Ihnen die sofortige Rückkehr, das ist das Einfachste. L. D.« In diesem schrecklichen trockenen, fast drohenden Wort, »es ist das Einfachste«, spürt man die ganze Lässigkeit der väterlichen Überzeugung: »Er wird schon zurückkommen, der dumme Junge.« Kein Schrei der Angst, kein Vorgefühl des Entsetzlichen, keine verzeihende Gebärde auch hier. Immer wieder, auch hier, wie immer in allen Dingen, heißt das letzte Vergehen: Trägheit des Herzens.   Inzwischen ist Pierre Bonchamps dritter Klasse, durchschüttelt von fliegender Fahrt, durchgerüttelt von wirren Gedanken, in Paris angekommen. Er steht wieder auf dem Bahnhof, demselben, den er vor drei Tagen zum letztenmal zu betreten meinte, dem Bahnhof, von dem er hoffte hinauszufliehen in sein eigenes Leben –, nun ein Zurückgeworfener, Gescheiterter. Wohin soll er gehen? Keinesfalls ins Elternhaus oder zu Freunden der Eltern – sie haben ihn schon einmal verraten bei seiner ersten Flucht. Und nun kommt eine so überraschende und doch so folgerichtige Wendung, wie ein Romancier sie nie auszudenken wagte, und wie nur die Wirklichkeit, die allemal höchste Dichterin, sie erfindet. Pierre Bonchamps nimmt auf dem Bahnhof ein Taxi und fährt schnurstracks in die Redaktion des anarchistischen Blattes, also zu den erbittertsten, ja tödlichen Feinden seines Vaters. Der Sohn des Royalistenführers flüchtet, wie Coriolan zu den Volskern, zu den Todfeinden alles Royalismus. Irgendeine geniale Intuition in dem aufgefieberten Kindergehirn läßt ihn den psychologisch kühnen Schluß wagen, daß er bei niemandem von allen Menschen in Paris sicherer sei als bei den mörderischen Feinden seines Vaters. Das Taxi hält, er steigt in die Redaktion hinauf, nennt seinen falschen Namen Bonchamps, bekennt sich als einen leidenschaftlichen Anarchisten, und als Legitimation seiner Anwesenheit entwickelt er den Plan, daß er – man fühle das Ungeheure dieser Kinderkühnheit – einen der führenden Menschen der Bürgerrepublik ermorden wolle, den Präsidenten Poincare oder – Leon Daudet, den eigenen Vater. Ist es ihm ernst mit diesem Entschluß? Daß Philippe seinen Vater haßt, scheint nicht unwahrscheinlich, selbst wenn man von den bekannten psycho-analytischen Axiomen absieht. Vielleicht erklärt auch nur leidenschaftliche Abneigung gegen den Vater diese tolle Flucht. Und noch seltsamer bekräftigt ein Brief, den er in verschlossenem Kuvert dem Redakteur Vidal übergibt, für den Fall, daß ihm »etwas geschehen sollte«, wie sehr der Knabe mit dem Gedanken eines politischen Attentats gespielt. Der Brief, der nach seinem Tode tatsächlich an die richtige Adresse gelangte, lautet: »Geliebte Mutter, verzeihe mir die ungeheure Qual, die ich dir verursache, aber ich bin schon seit langem Anarchist geworden, ohne zu wagen, es zu sagen. Nun ruft mich meine Sache, und ich halte es für meine Pflicht, das zu tun, was ich tue. Ich liebe Dich sehr. Philippe.« Kein Wort von seinem Vater, auf den schon unsichtbar sein Revolver gerichtet ist. Ist es ihm wirklich ernst mit dem Mordplan? Geheimnis ohne Antwort. Und ist es den Anarchisten wirklich ernst, die den unbekannten Pierre Bonchamps (noch ahnen sie nicht, wen sie in ihrer Hand haben) auf dieses tolle Angebot hin sofort freundlich aufnehmen, ihn hätscheln und pflegen, ihm Geld leihen, eine Waffe besorgen, die denselben halbwüchsigen Jungen, der noch gestern in Le Havre fromm in die Kirche ging, zu den anarchistischen Jungendversammlungen führen und ihm gleichsam das Handgelenk stärken? Sind es überhaupt echte, wirkliche Anarchisten, zu denen der entlaufene Gymnasiast hinflüchtet, gutgläubig, das Herz auf den Lippen? Aus dem Prozeß und nicht nur aus den Behauptungen Léon Daudets hat man den peinlichen Eindruck, daß diese staatsgefährlichen Gesellen eine recht seltsame Freundschaft mit der Polizei pflegen, ja der Verdacht drängt sich zwingend auf, daß dieser ganze ›Libertaire‹, dieses gefährliche Drohblatt, gar nicht so gefährlich ist, wie es sich gebärdet. Falsche und echte, fabrizierte und spontane, stillschweigend geduldete Attentate scheinen sich in diesem Kreise so sonderbar zu mischen, daß man wohl zugeben muß, dieser arme ahnungslose Junge sei hier eher auf eine Polizeistube geraten als in ein anarchistisches Aktionslokal. Immerhin, sie behandeln ihn freundlich, geben ihn von Hand zu Hand, er schläft, der verwöhnte Bürgerjunge, bei einem Strolch in der Dachstube seiner Maîtresse, dann in einem Verschlag, treibt sich während dreier Tage herum in niederen Kabaretts, ohne Geld schon, irrt nachts mit leeren Taschen um die Hallen, unsicher, was er tun soll. Diese letzten drei Tage Pierre Bonchamps sind eine grausame Odyssee auf allen Meeren der Verzweiflung. Vergeblich, daß man im Prozeß Zeugen auf Zeugen aufruft, Ladenangestellte, Chauffeure – nichts erhellt das Dunkel dieser dreitägigen tragischen Irrfahrt eines Kindes, zwei, drei Kilometer weit vom Hause seiner Eltern. Manchmal wirft eine Zeugenaussage Blitzlicht auf eine Stunde, auf eine Minute: da sieht man den hageren Jungen an einem eiskalten Novembertag sein Letztes, seinen Mantel als Pfand ausbieten für ein paar Francs, sieht ihn im Bistro der Anarchisten sich ein erbärmliches Mittagessen zahlen lassen, sieht ihn übernächtig aus einer fremden Dachkammer auftauchen, sieht ihn wieder hinaufsteigen in die Redaktion zu seinen neuen Freunden. Aber nur einzelnes sieht man, Szenen und Episoden, und kann nur ahnen, was dieses flüchtige verwöhnte Kind auf dieser Irrfahrt gelitten. Schließlich am 24. November, dem fünften Tage seiner Pierre-Bonchamps-Existenz, schicken sie ihn zu dem Buchhändler Le Flaouter am Boulevard Beaumarchais. Eine phantastischere Figur hätte Balzac für diese Wendung nicht erfinden können als diesen professionellen Helfershelfer jeder dunklen Intrige. Denn dieser kleine Buchhändler am Vorstadtboulevard vereinigt allerhand sonderbare Funktionen in seinem weitmaschigen Charakter. Er ist erstens Besitzer einer kleinen Leihbibliothek (dies öffentlich), zweitens Händler mit pornographischen Büchern und Photographien (dies geheim), drittens Anarchist und Vorstand des Komitees für Amnestie (dies wieder öffentlich) und viertens Agent der Polizei (dies allergeheimst). Zu diesem zynischen Burschen, den sie als Gesinnungsgenossen empfehlen, schicken die Anarchisten oder Pseudoanarchisten den armen Jungen, der zum Schein dort eine Baudelaire-Ausgabe verlangen soll, in Wirklichkeit aber sich ein »jou-jou« beschaffen (einen Revolver), nachdem er seine Attentatsabsichten mitgeteilt hat. Le Flaouter hört ihn höflich an, empfängt ihn auf das beste, verspricht, ihm das Buch für nachmittags zu besorgen, er solle nur zwischen drei und vier Uhr wiederkommen. Wie nun der arme durchgebrannte Junge, zum letztenmal Pierre Bonchamps, nachmittags um vier Uhr eintrifft, ist das Geschäft von allen Seiten von Geheimpolizisten umstellt, als gelte es wirklich, ein staatsgefährliches Individuum, einen Erzverbrecher festzunehmen. Aber seltsamerweise (hier liegt ein dumpfes Zwielicht über dem ganzen Prozeß) behaupten alle von Le Flaouter freundlichst bestellten Polizeiagenten, einen so beschriebenen Jungen weder eintreten noch herauskommen gesehen zu haben, und niemand weiß (denn die Zeugenschaft eines Spitzels wie Le Flaouter gilt keinen Pfifferling ), was in jener Viertelstunde dort vorgegangen ist. In diesem Gewölbe enden die Tatsachen, die beweisbaren. Nur das wird dann wieder sichtbar, daß etwa zwanzig bis fünfundzwanzig Minuten später beim Hospital Lariboisière ein Autotaxi vorfährt, in dem ein junger Mensch mit durchschossener Schläfe liegt, neben sich den Revolver. Der Chauffeur Bajot macht die präzise Aussage, er sei fünfzehn Minuten nach vier Uhr auf der Place de la Bastille von diesem jungen Mann, mit dem Zirkus Medrano als Fahrziel, angerufen worden. Unterwegs habe er auf dem Boulevard Magenta eine Detonation gehört, sei in der Meinung, ein Pneumatik seines Wagens wäre geplatzt, sofort abgestiegen. Aber da sei schon Blut über den Wagentritt heruntergeronnen, und sofort habe er den Sterbenden ins Hospital abgeliefert. Demgegenüber behauptet nun Léon Daudet mit immer steigender Heftigkeit, sein Sohn sei von den Anarchisten, sobald sie ihn als seinen Sohn erkannt hätten, im Einverständnis mit der Polizei oder sogar mit deren Hilfe bei Le Flaouter erschossen und als schon Sterbender in dieses mit der Polizei im Komplott befindliche Taxi geschafft worden. Aber seine Anklage gegen unbekannte Mörder, ebenso die darauf folgende Anklage gegen den Polizeikommissär bleibt vergeblich; schließlich klagt der Chauffeur, aufgereizt durch die immer wilderen Angriffe des Vaters, seinen Anschuldiger an, und Léon Daudet wird wegen Verleumdung verurteilt. Für die Juristen und das politische Publikum ist mit diesem Verdikt der Fall Philippe Daudet bereinigt, der Selbstmord beglaubigt –, nicht so für den Psychologen, der gleichgültig ist gegen die Entscheidungen der Tribunale, und den niemals das notorische Faktum herausfordert, sondern die geheimnisvoll gebundenen Ursächlichkeiten, jenes wirre Spiel, das Wahrscheinlichkeit oft mit der Wahrheit treibt. Ihm scheint dies Ende Philippes durch eigene Hand zu brüsk, zu jäh, zu unwahrscheinlich banal für diesen stürmischen Knaben, der von der ersten Kühnheit, von Flucht und kindischem Diebstahl zu immer Höherem schreitet, in fünf Tagen flughaft aus der Dämmerung einer Schulstube in phantastisch-politische Pläne sich aufreißt und, großartiger als eine geschriebene Novelle es zu erfinden vermöchte, einen heroischen, oder wenn man will, verbrecherisch mutigen Menschen aus einem scheuen, verängstigten Knaben formt. Wird jemals die aufregende Dramatik jener letzten Stunden Philippes sich klären, die Frage Mord oder Selbstmord übergerichtlich, in der letzten Instanz der seelischen Gewißheit, entschieden sein? Wird jemals das Unglaubhafte jener phantastischen Situation sich aufhellen, wie der zum Proleten, zum Straßenläufer gewordene Sohn des Royalisten im Kreis von polizeilich autorisierten Anarchisten gegen seinen Vater komplottiert und dann, gleichsam mit einer Tarnkappe, den Kordon der lauernden Detektive am hellichten Tage ungesehen durchschreitet, um plötzlich den Revolver gegen sich selbst zu heben? Es besteht, fürchte ich, wenig Hoffnung. Pierre Bonchamps kann nicht mehr sprechen, Philippe, das Kind, ist begraben. Und der Tod hat harte Kinnbacken, er gibt kein Geheimnis heraus. Erinnerung an Theodor Herzl 1937   Diese Erinnerungen, ich weiß es wohl, scheinen von einem anderen Theodor Herzl zu erzählen als dem, den die Gegenwart kennt. Sie sprechen zunächst von einem einst berühmten und heute vollkommen vergessenen Schriftsteller, dessen Bildnis die ins Überzeitliche wachsende Gestalt des Zionisten Herzl vollkommen verschattet hat. Aber es gab, aus meiner frühesten Jugend kann ich es bezeugen, einen begeistert geliebten, heimlich und laut in ganz Österreich verehrten Schriftsteller, den aus Ungarn stammenden, in Budapest geborenen Theodor Herzl, und ihn habe ich längst verehrt, als der Zionismus kaum als Nebelstreif dem geistigen Weltbild sich darbot. Theodor Herzl war damals der erste Feuilletonist der ›Neuen Freien Presse‹ und bezauberte die Leser durch die leicht melancholisch überhauchte und dann wieder geistreich glitzernde, durch die profund gefühlsmäßige und dabei doch kristallkluge Tönung seiner Aufsätze. Das Leichte schien ihm gewichtig, das Gewichtige wußte er vorzutragen in der gefälligsten und faßbarsten Art, und nicht nur ein ironischer Skeptizismus, sondern auch die Geschliffenheit seiner Aphorismen zeigte, wieviel er in Paris von seinem über alles verehrten Anatole France gelernt hatte. Niemand gab unbewußt besser, was die Wiener wollten, auch für das Burgtheater schrieb er ihnen mit einem Kollegen zusammen ein geschmackvolles Lustspielchen, aus besten Ingredienzien kunstvoll serviert. Überdies war er ein auffallend schöner Mann, konziliant, gefällig, amüsant; kurzum, kein Schriftsteller war um die Jahrhundertwende beliebter, berühmter, gefeierter als er innerhalb der ganzen Bourgeoisie und wohl auch Aristokratie des alten Österreich. Diese Beliebtheit erhielt nun plötzlich einen heftigen Stoß. Denn gerade knapp vor dem Jahrhundertende begann durchzusickern (kein Mensch dachte wirklich daran, die Broschüre zu lesen), dieser elegante, noble, geistreiche Causeur hätte da plötzlich einen abstrusen Traktat geschrieben, der nichts mehr und nichts minder wollte, als daß die Juden aus ihren Ringstraßenhäusern und Villen und ihren Geschäften und Rechtsanwaltskanzleien, kurz, daß sie mit Sack und Pack nach Palästina übersiedeln und dort eine Nation gründen sollten. Die erste Antwort war bei seinen Freunden verärgertes Bedauern über diesen »Unfug« eines doch sonst kreuzklugen und hochbegabten Schriftstellers. Dann setzte die in Wien auf jedes Geschehnis unfehlbare Wendung ein, die Erledigung durch Heiterkeit. Karl Kraus schoß eine Broschüre gegen ihn ab, und ihre Spitze, das Titelwort ›Eine Krone für Zion‹, blieb Herzl lebenslang in der Haut stecken; wenn er ins Theater trat, schön bebartet, ernst und mit zwingender hoher Haltung, zischelte und wisperte es von allen Seiten: »Der König von Zion«, oder »Seine Majestät ist erschienen«, aus jedem Gespräch, aus jedem Blick funkelte ihm verdeckt dieser ironische Name entgegen; die Zeitungen, insofern sie nicht wie sein Chef glattweg verboten, daß das Wort Zionismus in der ›Neuen Freien Presse‹ gedruckt werden dürfe, überboten sich in Spöttereien. Vielleicht ist niemand zu Anfang des Jahrhunderts so sehr in dieser spottlustigen Stadt gehöhnt worden wie Theodor Herzl und jener andere große Mann, der gleichzeitig eine entscheidende Weltidee allein und unabhängig aufgestellt – wie sein großer Schicksalsgefährte Sigmund Freud, den übrigens noch zu seinem siebzigsten Geburtstage die hohe Fakultät nicht geruhte mit einem Glückwunsch zu begrüßen. Nun will ich offen sein und eingestehen, daß auch all meine Liebe und Bewunderung ebenfalls nur dem heute verschollenen Schriftsteller Theodor Herzl galt. Seit ich richtig lesen konnte, hatte ich jeden seiner Aufsätze gelesen, mich daran gebildet und seine Bildung bewundert: noch heute erinnere ich mich (Kindheitserinnerungen sind unbezwinglich) an fast jedes seiner Feuilletons so deutlich wie an die ersten Gedichte Rilkes und Hofmannsthals, die ich damals auf der Schulbank las. Keine Autorität galt mir höher als die seine, kein Urteil wesentlicher und wirklicher. Und so war es eigentlich ganz natürlich, daß ich, gerade dem Gymnasium entlaufen, an niemand anderen dachte, um ihm eine Novelle, die ich geschrieben hatte, vorzulegen, als ihm, dem für mich entscheidenden und geliebten Richter. Nun kannte ich ihn nicht persönlich und hatte auch keinen rechten Weg zu ihm, so wählte ich mit der glücklichen Naivität und dem nicht mehr wiederkehrenden Mut der Jugend den allereinfachsten Weg, nämlich ihn in der Redaktion aufzusuchen, wo er als Feuilletonredakteur seines Amtes waltete. Ich hatte seine Sprechstunde erkundet, ich glaube, es war nachmittags von zwei bis drei Uhr, so ging ich glatt und einfach eines Tages zu ihm hin. Zu meinem Erstaunen wurde ich sofort vorgelassen in ein sehr enges, einfenstriges, nach Staub und Druckeröl dunstendes Zimmerchen und war plötzlich, ohne daß ich mich innerlich zusammengerichtet hatte, vor ihm, der höflich aufstand und mir einen Sessel neben dem Schreibtisch anbot. Die ihm natürliche und wirklich bezaubernde Art seiner Höflichkeit hat mich in diesem ersten Augenblick und bei jeder Begegnung mit ihm immer von neuem gewonnen. Sie kam aus französischer Schule, bekam aber an seiner majestätischen Gestalt wirklich etwas von der Höflichkeit von Königen oder hohen Diplomaten: nicht nur vom Geist, sondern gleichsam aus seinem körperlichen Wesen mochte ihm der Gedanke einer Führerrolle gekommen sein. Man subordinierte sich ihm unwillkürlich rein aus dem Gestaltmäßigen seiner Natur. Er lud mich sehr freundlich ein, Platz zu nehmen, und fragte mich: »Was bringen Sie mir?« Ich stammelte recht und schlecht, daß ich ihm eine Novelle vorlegen wollte. Er nahm sie, zählte die handgeschriebenen Seiten bis auf die letzte, sah dann gespannt die erste Seite an, lehnte sich zurück. Mit einem gewissen Schreck merkte ich, daß er in meiner Gegenwart sofort zu lesen begann. Die Minuten dauerten mir lange, ich füllte sie bewußt, indem ich von der Seite her vorsichtig sein Gesicht betrachtete. Es war makellos schön. Der weiche, schwarze, wohlgepflegte Vollbart gab ihm ein klares, fast rechteckiges Maß, dem auch die reine, klar in die Mitte gestellte Nase nicht widersprach und nicht die hohe, leicht gerundete Stirn. Aber dieses vielleicht fast zu ebenmäßige, beinahe zu bildhafte Gesicht wurde vertieft durch die weichen, mandelförmigen Augen mit ihren schweren, schwarzen, melancholischen Wimpern, uralte Augen des Orients in diesem sonst französischen, à la Alphonse Daudet arrangierten Gesicht, welches leicht parfümiert gewirkt hätte oder Typus Frauenarzt oder »schöner Mann«, ohne diesen Seelenaufschlag tausendjähriger Melancholie. Er schien es zu merken, daß ich ihn betrachtete, denn einmal beim Blättern sah er mich scharf, aber nicht streng an: er war es gewohnt, betrachtet zu sein, vielleicht liebte er es sogar. Endlich schlug er die letzte Seite um und tat eine merkwürdige Geste, er schüttelte die Blätter zurecht, legte sie zusammen, schrieb etwas mit blauem Bleistift darauf, legte sie links in eine Schublade. Dann erst, nach dieser umständlichen, offenbar auf Spannung berechneten Geste (ein wunderbar Theatralisches verließ ihn nie), wandte er sich mir zu und sagte mit dem Bewußtsein großer Ankündigung: »Die Novelle ist angenommen.« Das war viel, unerhört viel sogar, denn zu jener Zeit galt das Feuilleton noch als ein Heiligtum, einzig Vollwertigen oder Angegrauten zugänglich, und nur der junge Hofmannsthal hatte einmal den geheiligten Bann durchbrochen. Herzl fragte mich dann noch allerhand, was ich studiere, aber zu Gespräch blieb nicht viel Zeit, und er entließ mich mit dem Wunsch, ich möge ihm doch wieder etwas vorlegen. Er hat dann jene Novelle wirklich bald veröffentlicht und mehr noch getan, gleichfalls unvermutet, indem er in einem seiner nächsten Feuilletons plötzlich darauf hinwies, es seien jetzt wieder junge Leute in Wien, von denen allerlei zu erwarten wäre, und dabei sofort meinen Namen nannte. Es war das erstemal, daß ganz spontan, aus einem urtümlichen Vertrauen, jemand mir öffentlich Mut zusprach, und vielleicht kein Augenblick innerhalb einer literarischen Laufbahn ist so entscheidend und so unvergeßlich wie ein solcher erster unvermuteter Impuls. Ich habe es immer seitdem als eine Verpflichtung empfunden, daß es gerade Theodor Herzl gewesen, der als erster zu mir (mehr aus Instinkt als aus dem vorhandenen Werke) Zutrauen hatte, und ich bin ihm immer noch genau so dankbar wie in jener überraschenden ersten Stunde. Ich durfte ihn dann öfter sehen, nicht zu oft freilich, denn ich studierte in Deutschland, und wenn ich nach Wien kam, hielt mich Respekt zurück, ihm seine Zeit zu nehmen, aber es kam selten vor, daß er mich im Theater sah, ohne auf mich zuzutreten und mit ein paar freundlichen Worten nach meiner Arbeit zu fragen. Inzwischen war aus Dankbarkeit für den Menschen mir auch die Idee vertraut geworden, die ihn mehr und mehr beschäftigte. Ich begann die zionistische Bewegung zu verfolgen, ging auch hie und da als Zuhörer zu den kleinen Versammlungen, die meist im Unterkeller von Kaffeehäusern abgehalten wurden, und begegnete auf der Universität öfter und öfter dem edelsten seiner Schüler, Martin Buber. Aber eine rechte Bindung wollte mir nicht gelingen, mich ließen die Studenten fremd, denen die Satisfaktionsfähigkeit noch irgendwie den Kern des Judentums zu bilden schien, und den Diskussionsabenden entfremdete mich die heute wohl nicht mehr vorstellbare Art der Respektlosigkeit, mit der sich gerade die ersten Schüler zu Herzls Person stellten. Die östlichen warfen ihm vor, er verstände nichts vom Judentum, er kenne nicht einmal seine Gebräuche, die Nationalökonomen betrachteten ihn als Feuilletonisten, jeder hatte seinen eigenen Einwand und nicht immer der respektvollsten Art. Dieser Mangel an geistiger Subordinationsfähigkeit hielt mich instinktiv von jenem Kreise fern. Ich wußte, wie gerade damals vollkommen ergebene, selbst gegen ihre eigene Meinung wortlos mithelfende Menschen und besonders junge Leute Herzl wohlgetan hätten, und dieser zänkische, rechthaberische Geist der heimlichen Revolte gegen Herzl entfremdete mich sofort der Bewegung, der ich mich nur um Herzls willen neugierig genähert hatte. Als wir einmal über das Thema sprachen, gestand ich es ihm offen ein. Er lächelte etwas bitter und sagte: »Vergessen Sie nicht, wir sind seit Jahrhunderten an das Spielen mit Problemen, an den Streit mit Ideen gewöhnt. Wir Juden haben ja seit zweitausend Jahren historisch gar keine Praxis, etwas Reales in die Welt zu setzen. Die unbedingte Hingabe muß man erst lernen, und ich selbst habe sie noch heute nicht gelernt, denn ich schreibe noch immer zwischendurch Feuilletons und bin noch immer Feuilletonredakteur der ›Neuen Freien Presse‹, während es meine Pflicht wäre, keinen Gedanken außer dem einen zu haben, keinen Strich für irgend etwas anderes auf ein Blatt Papier zu tun. Aber ich bin schon unterwegs, mich da zu verbessern, ich will die unbedingte Hingabe erst selbst lernen, und vielleicht lernen da die anderen mit.« Ich weiß noch, daß diese Worte auf mich tiefen Eindruck machten, denn das hatte uns alle unbewußt irritiert, daß Herzl sich so lange nicht entschließen konnte, seine Stellung bei der ›Neuen Freien Presse‹ aufzugeben – wir meinten, um seiner Familie willen. Daß dem nicht so war und er sein eigenes Privatvermögen der Sache geopfert hatte, erfuhr die Welt erst viel später, und wie sehr er selbst unter diesem Zwiespalt gelitten hatte, erwies mir nicht nur dieses Gespräch, sondern auch viele Aufzeichnungen in seinen Tagebüchern. Ich sah ihn dann noch mehrmals, aber von allen Begegnungen ist mir nur eine als wichtige erinnerlich und unvergeßlich, vielleicht, weil sie die letzte war. Ich war im Ausland, nicht anders als brieflich mit Wien in Verbindung gewesen, endlich traf ich ihn eines Tages im Stadtpark. Er kam offenbar aus der Redaktion, ging sehr langsam und ein wenig in sich gebeugt; es war nicht mehr der alte schwingende Schritt. Ich grüßte höflich und wollte vorüber, aber er kam rasch emporgestrafft auf mich zu, bot mir die Hand: »Warum verstecken Sie sich? Sie haben das gar nicht nötig.« Daß ich so oft ins Ausland flüchtete, rechnete er mir hoch an. »Es ist unser einziger Weg«, sagte er. »Alles, was ich weiß, habe ich im Ausland gelernt. Nur dort gewöhnt man sich, in Distanzen zu denken. Ich bin überzeugt, ich hätte nie den Mut zu jener ersten Konzeption gehabt, man hätte sie mir zerstört, solange sie noch im Keimen und Wachsen war. Aber Gott sei Dank, als ich sie herbrachte, war schon alles fertig, und sie konnten nicht mehr tun, als das Bein aufheben.« Er sprach dann sehr bitter über Wien; hier hätte er die stärksten Hemmungen gefunden, und kämen nicht von außen, von Osten besonders und nun auch von Amerika, neue Impulse, er wäre schon müde geworden. »Überhaupt«, sagte er, »mein Fehler war, daß ich zu spät begonnen habe. Viktor Adler, der war mit dreißig Jahren Führer der Sozialdemokratie, in seinen besten, ureigentlichsten Kampfjahren, und von den Großen der Geschichte will ich gar nicht reden. Ich brauchte irgendeinen jungen Menschen, einen leidenschaftlichen und klugen, der mit mir denkt und aus mir herausdenkt. Ich habe zuerst auf F. gehofft, aber der ist zu weich, zu unpolitisch. Wenn Sie wüßten, wie ich leide im Gedanken an die verlorenen Jahre, daß ich nicht früher an meine Aufgabe herangekommen bin. Wäre meine Gesundheit so gut wie mein Wille, dann stünde alles gut, aber Jahre kauft man nicht mehr zurück.« Ich begleitete ihn noch lange des Weges, und er sprach viel von den Schwierigkeiten, die man ihm entgegenstellte, nicht so sehr erbittert, sondern eher resigniert: er schien es schon gewohnt, immer wieder Widerstand zu finden gerade an der unerwarteten Seite. Ich versuchte ihm irgend etwas Wohltuendes zu sagen und erzählte ihm von der Auswirkung, die seine Idee im Auslande gefunden habe, von der Anzahl Menschen, die nur den einen Wunsch hätten, ihm die Hand zu drücken, und wies ihn dann darauf hin, ob er nicht selber fühle, wie weit er über sich hinausgewachsen sei aus diesem Wien, aus diesem Österreich, irgendwohin bis in die fernsten Zonen der Welt. Aber er lächelte nur trüb und sagte: »Ja, ihr, ihr jungen Leute, euch scheint Erfolg und Ruhm immer schon alles. Da,« (und er wies plötzlich auf seinen schönen und wirklich schon stark durchsilberten Bart) »da, nehmen Sie mir die weißen Haare aus meinem Bart und meinem Haar, und ich schenke Ihnen meinen ganzen Ruhm.« Ich begleitete ihn noch lange, fast bis zu seinem Hause. Dort blieb er stehen und gab mir die Hand und sagte: »Warum kommen Sie nie zu mir? Sie haben mich nie zu Hause besucht. Telephonieren Sie vorher an, ich mache mich schon frei.« Ich versprach es ihm, fest entschlossen, das Versprechen nicht zu halten, denn je mehr ich einen Menschen liebe, desto mehr ehre ich seine Zeit. Ich war fest entschlossen, nicht zu ihm zu kommen. Aber ich bin dennoch zu ihm gekommen und schon wenige Monate später. Die Krankheit, die damals ihn zu beugen begann, hatte ihn plötzlich gefällt, und nur zum Friedhof mehr konnte ich ihn begleiten. Vor genau fünfundzwanzig Jahren. Ein sonderbarer Tag war es, ein Tag im Juli, unvergeßlich jedem, der ihn miterlebte. Denn plötzlich kamen auf allen Bahnhöfen der Stadt, mit jedem Zug bei Tag und Nacht aus allen Reichen und Ländern Menschen gefahren, westliche, östliche, russische, türkische Juden, aus allen Provinzen und kleinen Städten stürmten sie plötzlich herbei, den Schreck der Nachricht noch im Gesicht; niemals spürte man deutlicher, was früher das Gestreite und Gerede unsichtbar gemacht, daß hier einer großen Bewegung der Führer gefallen war. Es war ein endloser Zug. Mit einmal merkte Wien, daß hier nicht nur ein Feuilletonist gestorben war, ein Schriftsteller oder mittlerer Dichter, sondern einer jener Gestalter von Ideen, wie sie in einem Land, in einem Volk nur in ungeheuren Intervallen sich sieghaft erheben. Am Friedhof entstand ein Tumult, zu viele strömten plötzlich zu seinem Sarge, weinend, heulend, schreiend in einer wild explodierenden Verzweiflung, es wurde ein Toben, ein Wüten fast; alle Ordnung war zerbrochen durch eine Art elementarer und ekstatischer Trauer, wie ich sie niemals vordem und nachher bei einem Begräbnis gesehen: und an diesem ungeheuren, aus der Tiefe eines ganzen Millionenvolkes stoßhaft aufstürmenden Schmerz konnte ich zum erstenmal ermessen, wieviel Leidenschaft und Hoffnung dieser einzelne und einsame Mensch durch die Gewalt eines einzigen Gedankens in die Welt getragen. Unvergeßliches Erlebnis. Ein Tag bei Albert Schweitzer 1933   Ein vollkommener Tag ist selten. So hat, der ihn erlebt und gerade heute erleben darf, die Pflicht, besonders dankbar zu sein und dieser Dankbarkeit das Wort zu lassen. Schon der Morgen gab ein großes Geschenk. Seit Jahr und Tag stand man wieder einmal vor dem Straßburger Münster, dieser vielleicht schwerelosesten Kathedrale der europäischen Erde. Daß frühwinterlicher Nebel den Himmel dunkelte und dem Horizont einen stumpfen Ton gab, vermochte die Wirkung nicht zu mindern; im Gegenteil, wie von innen glühend in seinem einzigartigen Rosagestein stieg mit seinen Hunderten gemeißelten Gestalten dieses quaderne Spitzenwerk empor, selig leicht und doch unverrückbar, jeden aufhebend in sein beschwingtes Empor. Wie außen in die Höhe beglückt emporgeschwungen, spürt man innen, abermals erstaunt, die Weite im klar gestalteten Raum, den Orgel und Gesang sonntäglich durchfluten: auch hier Vollendung, geschaffen von dem verschollenen Genius Erwin von Steinbach, dessen Ruhm der junge Goethe mit ebenso quadernen Worten in die Unvergänglichkeit gehämmert. Und weiter noch vormittag und mittag zur andern deutschen Herrlichkeit der elsässischen Erde, hinüber nach Colmar, um wieder einmal, wissender und doch ebenso empfänglich wie vor zwei Jahrzehnten, den Isenheimer Altar des Matthias Grünewald zu bewundern. Großartiger Gegensatz bei gleicher Vollendung: dort die strenge Linie architektonisch gebunden, zu Stein gefrorene Musik, zu Kristall gewordene, himmelaufdeutende Frömmigkeit, und hier in diesen flammenden Farben die übermächtige Inbrunst der Ekstase, das fanatisch gewordene Kolorit, die apokalyptische Vision von Untergang und Auferstehung. Dort die Ruhe im Glauben, die langsame, beharrliche, demütige Bemühung zur letzten Erfüllung, hier der wilde Ansprung, der rasende Gottesrausch, der heilige Raptus, die bildgewordene Ekstase. Man mag auch hundertmal, tausendmal vor den trefflichsten Nachbildungen sich bemüht haben, dem einzigen Geheimnis dieser leuchtenden dämonischen Tafeln nahezukommen: nur hier, dieser erschütternden Realität gegenüber fühlt man sich völlig gebannt und weiß, man hat leibhaftig eines der bildnerischen Wunder unserer irdischen Welt gesehen. Zwei völlig verschiedene und beide fehllose Vollendungen menschlicher Schöpferkraft hat man erlebt, und noch steht die matte Novembersonne erst im Zenit; noch ist der Tag voll, noch das Gefühl offen und bereit und vielleicht gesteigerter sogar, menschlich magischen Eindruck in sich aufzunehmen. Noch ist Zeit, noch ist der Wille lusthaft gewillt, sich starkem Eindruck aufzuschließen, und so, vom Gefühlten erfüllt und dennoch nicht gesättigt, fährt man hinüber in ein kleines elsässisches Städtchen, nach Günzbach, um dort im Pfarrhaus Albert Schweitzer zu besuchen. Die Gelegenheit darf nicht versäumt werden, diesen merkwürdigen und wunderbaren Mann, der wieder einmal zu kurzer Frist sein Werk in Afrika verlassen hat und in seinem Heimatdorfe gleichzeitig ausruht und sich zu neuer Hingabe rüstet, zu besuchen, denn menschliche Vollendung ist nicht minder selten als die künstlerische. Albert Schweitzer, dieser Name hat für viele Menschen heute schon einen starken Klang, aber fast für jeden unter diesen einen verschiedenen besonderen Sinn. Unzählige lieben und verehren ihn, die meisten aber von völlig verschiedenen Gesichtsfeldern her, denn dieser Mann ist eine einzige und einmalige, eine unwiederholbar gebundene Vielfalt. Manche wissen von ihm nur, daß er vor einigen Jahren den Goethe-Preis erhielt, die protestantische Geistlichkeit bewundert in ihm einen ihrer hervorragendsten Theologen, den Verfasser der ›Mystik des Apostels Paulus‹, die Musiker respektieren in ihm den Schöpfer des größten und gründlichsten Werkes über Johann Sebastian Bach, die Orgelbauer rühmen ihn als den Mann, der wie keiner sämtliche Orgeln Europas kennt und über ihre Technik das Tiefste und Aufschlußreichste geschrieben hat, die Musikalischen ehren ihn als den (mit Günther Ramin) vielleicht größten Orgelvirtuosen der gegenwärtigen Welt, und wo immer er ein Konzert ankündigt, sind Tage vorher alle Plätze verkauft. Aber um seiner höchsten Tat willen, um jenes Spitals, das er aus rein menschlicher Aufopferung, einzig um eine europäische Schuld zu sühnen, im Urwald von Afrika, ganz allein, ohne irgendeine staatliche Hilfe gegründet und geschaffen, um dieser einzigartigen und beispielgebenden Selbstpreisgabe willen liebt und bewundert ihn jeder, der um das Menschliche weiß, alle jene, denen Idealismus nur dann groß erscheint, wenn er über das geredete und geschriebene Wort hinausgeht und durch Selbstaufopferung zur Tat wird. Diesen tief bescheidenen Mann ehren die Besten der Erde heute als ein moralisches Vorbild, und eine immer wachsende Gemeinde schart sich still (und ohne jedes Programm) um seine Gestalt. Wie stark sein Einfluß geworden ist, bezeugt in den letzten Jahren schon rein äußerlich die Verbreitung der Bücher, die sein Leben schildern und deren einfachstes, schlichtestes er selbst geschrieben hat: ›Aus meinem Leben und Denken‹. Dieses Leben nun ist in der Tat wahrhaft würdig, einmal Gegenstand einer heroischen Biographie zu werden; heroisch freilich nicht im alten Sinn des Militärischen, sondern in dem neuen, den wir als einzig gültigen anerkennen, des moralischen Heldentums, der völligen und dabei undogmatischen Aufopferung der Person an die Idee, jenes Heldentums, das in Menschen wie Gandhi und Romain Rolland ebenso wie in Albert Schweitzer die ruhmreichsten Formen unseres Zeitalters angenommen hat. Zwischen zwei Ländern geboren, zwischen Deutschland und Frankreich, beiden so sehr verbunden, daß ein Teil seiner Werke französisch, der andere deutsch geschrieben ist, wächst der Pfarrerssohn in seinem Heimatort Günzbach auf, erhält 1899 ein Predigeramt in St. Nikolai in Straßburg, mit allen den kleintäglichen Tätigkeiten wie Konfirmandenunterricht und Kirchenpredigt, habilitiert sich zwei Jahre später mit einer Vorlesung über die ›Logoslehre im Johannes-Evangelium‹ an der theologischen Universität Straßburg. Aber gleichzeitig studiert er in den Ferienmonaten bei dem greisen Meister Widor, der noch Wagner, Cesar Franck und Bizet freundschaftlich gekannt. Schweitzers unermüdliche Arbeit teilt sich fortab zwischen Musik und Theologie, beiderseits schöpferische Frucht tragend, hier in einer ›Geschichte der Jesus-Forschung‹, dort in jener monumentalen Biographie Johann Sebastian Bachs, die bis heute noch unübertroffen geblieben ist. Meister der Orgel, reist er von Stadt zu Stadt, um alle nur erreichbaren auszuproben und das halb verschollene Geheimnis der alten Orgelbaumeister neu zu entdecken. Auch auf diesem Gebiet werden seine Werke Autorität. Doppelgleisig und klar könnte nun dieses Leben weiter verlaufen, aber in seinem dreißigsten Jahr faßt Albert Schweitzer plötzlich jenen unvermuteten Entschluß, der in der tief religiösen Natur seines Wesens voll begründet ist: Europa zu verlassen, wo er sich nicht genug nutzbringend fühlt, und in Äquatorialafrika ein Spital für die Ärmsten der Armen, für die Verlassensten der Verlassenen, für die unter der Schlafkrankheit und anderen Tropengebresten zu Tausenden hinsiechenden Neger, aus eigener Kraft zu begründen. Wahnsinn, sagen seine Freunde, sagen seine Verwandten. Warum in Afrika? Ist nicht in Europa Elend genug, dem abzuhelfen wäre? Aber die innerliche Antwort Albert Schweitzers ist: weil die Arbeit in Afrika die schwierigste ist. Weil sich dort hinab niemand wagt, außer den Geldverdienern, Abenteurern und Karrieremachern, weil gerade dort im Urwald, in der täglichen Lebensgefahr der aus reinen, ethischen Motiven wirkende Mensch nötiger ist als irgendwo. Und dann – mystischer Gedanke – dieser eine Mensch will für seine Person jenes ungeheure, unsagbare Unrecht sühnen, das wir Europäer, wir, die angeblich so kulturelle weiße Rasse, an dem schwarzen Erdteil seit Hunderten Jahren begangen haben. Würde einmal eine wahrhafte Geschichte geschrieben werden, was die Europäer an Afrika verbrochen, wie sie erst durch Sklavenraub, dann durch Branntwein, Syphilis, Raffgier die ahnungslosen schwarzen Kinder dieses Erdteiles gemartert, ausgeplündert und dezimiert haben (noch heute [1932] ist, wie Andre Gides Kongobuch beweist, vieles nicht besser geworden), dann würde eine solche historische Aufstellung eines der größten Schandbücher unserer Rasse werden und unser frech getragenes Kulturbewußtsein für Jahrzehnte zur Bescheidenheit dämpfen. Einen winzigen Teil dieser ungeheuren Schuld will nun dieser eine religiöse Mensch mit dem Einsatz seiner Person bezahlen durch die Gründung eines Missionsspitals im Urwald – endlich einer, der nicht in die Tropen geht um des Gewinns, um der Neugier willen, sondern aus reinem humanen Hilfsdienst an diesen Unglücklichen der Unglücklichen. Aber wie kann er ein Spital gründen, er, der von Medizin nichts weiß? Eine solche Kleinigkeit kann eine eherne Energie wie jene Albert Schweitzers nicht erschrecken. Mit dreißig Jahren Professor der Theologie, einer der meisterlichsten Orgelspieler Europas, hochgeehrt als Musikologe, setzt er sich ruhig zu den Achtzehnjährigen in Paris noch einmal auf die Schulbank, in den Seziersaal, und beginnt trotz schweren Geldsorgen Medizin zu studieren. 1911, sechsunddreißigjährig, besteht er das medizinische Staatsexamen. Dann noch ein Jahr klinischer Dienst und die Doktorarbeit, und der beinahe Vierzigjährige tritt die Reise in den anderen Erdteil an. Nur das Wichtigste fehlt noch: das Geld für ein so weitreichendes Unternehmen, denn unter keinen Umständen will Albert Schweitzer von der französischen Regierung Unterstützung nehmen. Er weiß: Unterstützung bedeutet Abhängigkeit von Beamten, Kontrolle, kleinliche Einmengerei, Überschaltung eines rein human Gedachten ins Politische. So opfert er das Honorar seiner Bücher, gibt eine Reihe von Konzerten zugunsten seiner Sache, und Gesinnungsfreunde steuern bei. Im Sommer 1913 langt er endlich in Lambarene am Ogovefluß an und beginnt, sein Spital zu bauen. Zwei Jahre beabsichtigt er zunächst dort zu bleiben, aber zwangsweise werden es viereinhalb, denn dazwischen fällt für die ganze europäische Menschheit der Krieg, und dieser warmherzige Samariter, der selbstlos in den französischen Kolonien einer humanen Idee dienen wollte, wird plötzlich gewalttätig daran erinnert, daß er seinem Paß nach immerhin Elsässer, also damals Deutscher, sei, und vom 5. August 1914 an hat er sich auf seiner Mission als Gefangener zu betrachten. Anfangs erlaubt man ihm noch die Ausübung seiner ärztlichen Tätigkeit, schließlich aber wird die Kriegsbürokratie unerbittlich in ihrem heiligen Wahnsinnsrecht: Schweitzer wird aus dem afrikanischen Missionsgebiet, wo er auf wunderbarste Weise tätig ist, mitten aus dem Urwald nach Europa gebracht und für ein ganzes Jahr in den Pyrenäen untätig hinter Stacheldraht gesetzt. Als er heimkehrt, findet er die väterliche Landschaft von Günzbach verheert und zerstört, die Berge entwaldet und das menschliche Elend, zu dessen Bekämpfung er sein Leben eingesetzt hat, vertausendfacht. Sein ganzes Werk scheint also vergebens getan. An einen Wiederaufbau des afrikanischen Spitals ist zunächst nicht zu denken, noch sind Schulden zu bezahlen, noch ist die Welt versperrt, und diese Jahre nützt Schweitzer zu seinen Werken ›Verfall und Wiederaufbau der Kultu‹ und ›Kultur und Ethik‹ sowie zur Vollendung der großen Bach-Ausgabe. Aber die Entschlossenheit dieses Mannes ist unzerstörbar. Er gibt Konzert auf Konzert, schließlich hat er nach fünf Jahren wieder Geld beisammen. 1924 reist er abermals nach Lambarene, wo er alles, was er aufgebaut hat, verfallen findet. Der Dschungel hat die Gebäude gefressen, alles muß neu und in größeren Dimensionen an anderer Stelle errichtet werden. Aber diesmal kommt ihm schon Ruhm und Ruf seines Werkes zustatten. Denn jede starke ethische Energie sendet Emanationen aus, und wie der Magnet totes Eisen magnetisch macht, so wohnt aufopfernden Naturen die Kraft inne, andere sonst gleichgültige Menschen zur Aufopferung zu erziehen. Immer sind in der Menschheit Unzählige bereit, einer Idee zu dienen, ein ungeheurer Idealismus wartet unausgelöst in jeder Jugend, sich einer Aufgabe völlig hinzugeben (und wird von den politischen Parteien meist in eigennütziger Weise mißbraucht). Manchmal aber, in sehr seltenen Glücksfällen, strömt er reich und frei einer humanen Idee zu, so in diesem Falle: eine ganze Schar Helfer bietet sich Schweitzer an, die, von seiner Idee überzeugt, unter ihm, neben ihm wirken will, und gefestigter als je steht der alte Bau. 1927, 1928 ist wieder ein Pausejahr, das Schweitzer in Europa verbringt, um durch Konzerte und ihren Ertrag den materiellen Bestand seines Spitals zu sichern, und so teilt er sein Leben zwischen der einen und der anderen Welt in Arbeit und Arbeit, die aber beide konzentrisch auf die Entwicklung des Werkes und seiner Persönlichkeit zielen. Den Glücksfall, diesem außerordentlichen Mann, der jetzt knapp vor einer neuen Reise nach Afrika bei uns in Europa weilt, wieder zu begegnen, glaubte ich nicht versäumen zu dürfen; die Welt ist so arm an wirklich überzeugenden und beispielgebenden Gestalten, daß da eine kleine Reise wahrhaftig nicht als Preis gelten darf. Ich hatte Schweitzer jahrelang nicht gesehen, und briefliche Bindung ersetzt nur sehr unzulänglich die lebendige Gegenwart. So freute ich mich zutiefst wieder seines warmen, klaren und herzlichen Blickes. Ein wenig Grau hat sich auf sein Haar gestreut, aber prachtvoll imponierend wirkt noch immer das plastisch gehauene alemannische Gesicht, dem nicht nur der buschige Schnurrbart, sondern auch die geistige Struktur der überwölbten Stirn eine starke Ähnlichkeit mit den Bildern Nietzsches gibt. Führertum eines Menschen verleiht immer unwillkürlich von innen her etwas Autoritatives, aber das Selbstbewußtsein Albert Schweitzers hat nichts von Rechthaberei, sondern ist nur die von innen nach außen gewendete Sicherheit eines Menschen, der sich am rechten Wege weiß, und die Kraft, die von ihm ausstrahlt, wirkt niemals aggressiv, denn sein ganzes Denken und Leben beruht ja in der höchsten Lebensbejahung oder, besser gesagt, der Bejahung des Lebens in allen seinen geistigen und irdischen Formen, also in verstehender Konzilianz und Toleranz. Albert Schweitzers Gläubigkeit und sogar Kirchengläubigkeit entbehrt jedes Fanatismus, und das erste, was dieser wunderbare Mensch, dieser einstige protestantische Priester und Theologe uns mitten im Gespräch bewundernd rühmte, waren religiöse Texte chinesischer Philosophen, in denen er eine der höchsten Manifestationen irdischer Ethik bewundert. Es wurde ein reicher Nachmittag; man durchblätterte Photographien von Lambarene, man hörte von den hier sich erholenden Pflegerinnen und Helferinnen der Mission viele erschütternde und gleichzeitig wieder viele erhebende Einzelheiten von der unsäglichen Sisyphusarbeit, die dort geleistet wird, um das immer wieder neu anströmende Menschenelend nur für kurze Frist zu dämmen und zu lindern. Und zwischendurch, in dem mit Briefen und Manuskripten überstreuten Zimmer dieses unermüdlichen Menschen freut man sich immer wieder eines Blickes auf das männlich schöne Antlitz, in dem Sicherheit und Ruhe sich zu einer seltenen Einheit verbinden. Hier wirkt, so spürt man, das Zentrum einer Kraft, die, für uns unsichtbar, sich in einem anderen Erdteil in Wohlfahrt und moralische Schöpfung umsetzt und gleichzeitig in vielen anderen Tausenden ähnliche Kräfte steigert und erregt, und während er ruht und plaudert, ist er zugleich Führer einer unsichtbaren Armee, der Mittelpunkt eines magischen Kreises, der ohne jede äußere Gewalt und ohne Verwendung von Gewalt doch mehr Gewalt und Leistung ausgelöst hat als Dutzende politischer Führer, Professoren und Autoritätsmenschen. Und wieder erkennt man: beispielgebende Kraft hat mehr Macht im Wirklichen als alle Dogmen und Worte. Und dann hinaus in das kleine Tal, durch das sonntäglich stille Dorf. Längst sind die Narben verheilt, die der Krieg geschlagen. Drüben in den Hängen der Vogesen und auf der anderen, der deutschen Seite, wo die Kanonen mit dumpfem Schlag Stunde für Stunde ihre gasgiftigen Geschosse ausgespien, liegt ein stillfriedliches Abendlicht. Sorglos kann man auf der Straße gehen, die vor vierzehn Jahren noch in unterirdische, mit Stroh überdeckte Tunnels verwandelt war. Der Weg führt langsam zur kleinen Kirche, denn obwohl ich nicht wagte, ihn darum zu bitten, der große Musiker hatte unseren heimlichen Wunsch geahnt, ihn auf seiner neuen, nach seinen eigenen Angaben gefertigten Orgel wieder einmal spielen zu hören. Die kleine Kirche von Günzbach, die er jetzt aufschließt, ist eine besondere unter den hunderttausend Kirchen, die auf europäischer Erde stehen. Nicht, daß sie eigentlich schön wäre oder im kunsthistorischen Sinn bedeutsam: ihre Eigenart ist geistig-geistlicher Natur, denn sie gehört zu den im ganzen vierzig oder fünfzig Kirchengebäuden, wie man sie nur im Elsaß und in einigen Orten der Schweiz findet, welche zugleich für katholischen und protestantischen Gottesdienst eingerichtet sind. Der Chor, durch ein kleines Holzgitter abgeschlossen, wird nur für den katholischen Gottesdienst geöffnet, der zu anderer Stunde stattfindet als der protestantische. Ein scheinbar Unmögliches ist also hier vollbracht, auf einer Erde, wo deutsche und französische Sprache locker ineinandergleiten – daß auch die katholische und protestantische Lehre ohne Gehässigkeit in einem gleichsam neutralen Gotteshause miteinander verbunden sein können, und Albert Schweitzer erzählt, daß schon von seiner Jugend her diese Möglichkeit einer friedlichen Bindung einen vorbildlichen Einfluß auf seine Lebensanschauung gewonnen hat. Es ist schon dunkel im völlig leeren Kircheninnern, als wir eintreten, und wir machen kein Licht. Nur über der Klaviatur der Orgel wird eine einzige kleine Birne aufgedreht. Sie leuchtet nur Schweitzers Hände an, die jetzt über die Tasten zu gehen beginnen, und das niedergebeugte sinnende Gesicht erhält von den Reflexen ungewissen magischen Widerschein. Und nun spielt Albert Schweitzer uns allein in der leeren nachtschwarzen Kirche seinen geliebten Johann Sebastian Bach: unvergleichliches Erlebnis! Ich habe ihn, diesen Meister, der alle Virtuosen beschämt, schon früher mit tausend anderen zugleich in München in einem Orgelkonzert spielen gehört; es geschah vielleicht im technischen Sinne nicht minder vollendet. Aber doch, nie habe ich die metaphysische Gewalt Johann Sebastian Bachs so stark empfunden wie hier in einer protestantischen Kirche, erweckt durch einen wahrhaft religiösen Menschen und von ihm mit der äußersten Hingabe gestaltet. Wie träumend und doch zugleich mit wissender Präzision gehen die Finger über die weißen Tasten im Dunkel, und gleichzeitig hebt sich wie eine menschliche, übermenschliche Stimme aus dem bewegten riesigen Brustkorb des Orgelholzes der gestaltete Klang. Großartig ordnungshaft und inmitten äußersten Überschwanges fühlt man die Vollkommenheit der Fuge so unabänderbar beständig wie vormittags das Straßburger Münster in seinem Stein, so ekstatisch und leuchtkräftig wie die Tafel des Matthias Grünewald, deren Farben einem noch warm unter den Lidern brennen. Schweitzer spielt uns die Adventkantate, einen Choral, und dann in freier Phantasie; leise und geheimnisvoll füllt sich das schwarze Gehäuse der Kirche mit großer Musik und zugleich die eigene innere Brust. Eine Stunde solch beschwingter Erhebung und wieder hinaus auf die schon verdunkelten Wege, die jetzt gesteigert hell erscheinen, und wieder langes gutes Gespräch beim Abendbrot, von innen erwärmt durch das Gefühl wahrhaft menschlicher Gegenwart und die andere, die unsichtbare, der Kunst, die uns alles Irdische, politisch Widrige auf die herrischeste und herrlichste Art wegzunehmen weiß. Dann wieder zurück nach Colmar und im Zuge neuerdings hin durch die Nacht, dankbar erregt und gleichsam ausgeweitet. Man hat an einem Tage eines der vollendetsten Wunder deutscher Architektur, das Straßburger Münster, hat das Meisterwerk deutscher Malerei, den Isenheimer Altar, und schließlich noch die unsichtbare Kathedrale der Musik Johann Sebastian Bachs erlebt, aufgebaut von einem der musikalischesten Meister der Gegenwart – an einem solchen vollkommenen Tag fühlt man schon wieder Gläubigkeit für die widrigste Zeit. Aber der Zug rollt und rollt weiter über die elsässische Erde, und plötzlich schreckt man auf, denn die Stationen, die draußen ausgerufen werden, wecken bedrückende Erinnerung: Schlettstadt, Mülhausen, Thann, an alle diese Namen erinnert man sich noch aus den Heeresberichten: da zehntausend Tote, da fünfzehntausend, und dort in den Vogesen, die silbern durch den Nebel geistern, hunderttausend oder hundertfünfzigtausend, gefallen unter Bajonetten, unter Kugeln, vergast, vergiftet im Bruderkrieg, im brudermörderischen Haß. Und man verzagt wieder und versteht nicht, wie ebendieselbe Menschheit, welche die unfaßbarsten und unbegreiflichsten Meisterwerke im Geistigen hervorbringt, seit tausend und tausend Jahren nicht das einfachste Geheimnis zu meistern lernt: zwischen Menschen und Menschen, welche solche unvergängliche Güter gemeinsam haben, den Geist der Verständigung lebendig zu bewahren. Worte am Sarge Sigmund Freuds 1939   Gesprochen am 26. September 1939 im Krematorium London Erlauben Sie mir angesichts dieses ruhmreichen Sarges einige Worte erschütterten Dankes im Namen seiner Wiener, seiner österreichischen, seiner Weltfreunde in jener Sprache zu sagen, die Sigmund Freud durch sein Werk so großartig bereichert und geadelt hat. Lassen Sie sich vor allem ins Bewußtsein rufen, daß wir, die wir hier in gemeinsamer Trauer versammelt sind, einen historischen Augenblick durchleben, wie er keinem von uns wohl ein zweitesmal vom Schicksal verstattet sein wird. Erinnern wir uns – bei andern Sterblichen, bei fast allen, ist innerhalb der knappen Minute, da der Leib erkaltet, ihr Dasein, ihr Mitunssein für immer beendet. Bei diesem einen dagegen, an dessen Bahre wir stehen, bei diesem Einen und Einzigen innerhalb unserer trostlosen Zeit bedeutet Tod nur eine flüchtige und fast wesenlose Erscheinung. Hier ist das Vonunsgehen kein Ende, kein harter Abschluß, sondern bloß linder Übergang von Sterblichkeit in Unsterblichkeit. Für das körperlich Vergängliche, das wir heute schmerzvoll verlieren, ist das Unvergängliche seines Werks, seines Wesens gerettet wir alle in diesem Räume, die noch atmen und leben und sprechen und lauschen, wir alle hier sind im geistigen Sinne nicht ein tausendstel Teil so lebendig wie dieser große Tote hier in seinem engen irdischen Sarg. Erwarten Sie nicht, daß ich Sigmund Freuds Lebenstat vor Ihnen rühme. Sie kennen seine Leistung, und wer kennt sie nicht? Wen unserer Generation hat sie nicht innerlich durchformt und verwandelt? Sie lebt, diese herrliche Entdeckertat der menschlichen Seele, als unvergängliche Legende in allen Sprachen und dies im wörtlichsten Sinne, denn wo ist eine Sprache, welche die Begriffe, die Vokabeln, die er der Dämmerung des Halbbewußten entrungen, nun wieder missen und entbehren könnte? Sitte, Erziehung, Philosophie, Dichtkunst, Psychologie, alle und alle Formen geistigen und künstlerischen Schaffens und seelischer Verständigung sind seit zwei, seit drei Generationen durch ihn wie durch keinen zweiten unserer Zeit bereichert und umgewertet worden – selbst die von seinem Werk nicht wissen oder gegen seine Erkenntnisse sich wehren, selbst jene, die niemals seinen Namen vernommen, sind ihm unbewußt pflichtig und seinem geistigen Willen Untertan. Jeder von uns Menschen des zwanzigsten Jahrhunderts wäre anders ohne ihn in seinem Denken und Verstehen, jeder von uns dächte, urteilte, fühlte enger, unfreier, ungerechter ohne sein uns Vorausdenken, ohne jenen mächtigen Antrieb nach innen, den er uns gegeben. Und wo immer wir versuchen werden, in das Labyrinth des menschlichen Herzens vorzudringen, wird sein geistiges Licht weiterhin auf unserem Wege sein. – Alles, was Sigmund Freud geschaffen und vorausgedeutet als Finder und Führer, wird auch in Hinkunft mit uns sein; nur eines und einer hat uns verlassen – der Mann selbst, der kostbare und unersetzliche Freund. Ich glaube, wir alle haben ohne Unterschied, so verschieden wir sein mögen, in unserer Jugend nichts so sehr ersehnt, als einmal in Fleisch und Blut vor uns gestaltet zu sehen, was Schopenhauer die höchste Form des Daseins nennt – eine moralische Existenz: einen heroischen Lebenslauf. Alle haben wir als Knaben geträumt, einmal einem solchen geistigen Heros zu begegnen, an dem wir uns formen und steigern könnten, einem Mann, gleichgültig gegen die Versuchungen des Ruhms und der Eitelkeit, einem Mann mit voller und verantwortlicher Seele einzig seiner Aufgabe hingegeben, einer Aufgabe, die wiederum nicht sich selbst, sondern der ganzen Menschheit dient. Diesen enthusiastischen Traum unserer Knabenzeit, dieses immer strengere Postulat unserer Mannesjahre hat dieser Tote mit seinem Leben unvergeßbar erfüllt und uns damit ein geistiges Glück ohnegleichen geschenkt. Hier war er endlich inmitten einer eitlen und vergeßlichen Zeit: der Unbeirrbare, der reine Wahrheitssucher, dem nichts in dieser Welt wichtig war als das Absolute, das dauernd Gültige. Hier war er endlich vor unseren Augen, vor unserem ehrfürchtigen Herzen, der edelste, der vollendetste Typus des Forschers mit seinem ewigen Zwiespalt – vorsichtig einerseits, sorgsam prüfend, siebenfach überlegend und sich selber bezweifelnd, solange er einer Erkenntnis nicht sicher war, dann aber, sobald er eine Überzeugung erkämpft, sie verteidigend gegen den Widerstand einer ganzen Welt. An ihm haben wir, hat die Zeit wieder einmal vorbildlich erfahren, daß es keinen herrlicheren Mut auf Erden gibt als den freien, den unabhängigen, des geistigen Menschen; unvergeßlich wird uns dieser sein Mut sein, Erkenntnisse zu finden, die andere nicht entdeckten, weil sie nicht wagten sie zu finden oder gar auszusprechen und zu bekennen. Er aber hat gewagt und gewagt, immer wieder und allein gegen alle, sich vorausgewagt in das Unbetretene bis zum letzten Tage seines Lebens; welch ein Vorbild hat er uns gegeben mit dieser seiner geistigen Tapferkeit im ewigen Erkenntniskriege der Menschheit! Aber wir, die wir ihn kannten, wissen auch, welche rührende persönliche Bescheidenheit diesem Mute zum Absoluten nachbarlich wohnte, und wie er, dieser wundervoll Seelenstarke, gleichzeitig der Verstehendste aller seelischen Schwächen bei anderen war. Dieser tiefe Zweiklang – die Strenge des Geistes, die Güte des Herzens – ergab am Ende seines Lebens die vollendetste Harmonie, welche innerhalb der geistigen Welt errungen werden kann: eine reine, klare, eine herbstliche Weisheit. Wer ihn erlebt in diesen seinen letzten Jahren, war getröstet in einer Stunde vertrauten Gesprächs über den Widersinn und Wahnsinn unserer Welt, und oft habe ich mir in solchen Stunden gewünscht, sie seien auch jungen, werdenden Menschen mitgegönnt, damit sie in einer Zeit, wenn wir für die seelische Größe dieses Mannes nicht mehr werden zeugen können, noch stolz sagen könnten –: ich habe einen wahrhaft Weisen gesehen, ich habe Sigmund Freud gekannt. Dies mag unser Trost sein in dieser Stunde: er hatte sein Werk vollendet und sich innerlich selbst vollendet. Meister selbst über den Urfeind des Lebens, über den physischen Schmerz durch Festigkeit des Geistes, durch Duldsamkeit der Seele, Meister nicht minder im Kampf gegen das eigene Leiden, wie er es zeitlebens im Kampf gegen das fremde gewesen, und somit vorbildlich als Arzt, als Philosoph, als Selbsterkenner bis zum letzten bitteren Augenblick. Dank für ein solches Vorbild, geliebter, verehrter Freund, und Dank für Dein großes schöpferisches Leben, Dank für jede Deiner Taten und Werke, Dank für das, was Du gewesen und was Du von Dir in unsere eigenen Seelen gesenkt – Dank für die Welten, die Du uns erschlossen und die wir jetzt allein ohne Führung durchwandeln, immer Dir treu, immer Deiner in Ehrfurcht gedenkend, Du kostbarster Freund, Du geliebtester Meister, Sigmund Freud. Jaurès 1916   Vor acht oder neun Jahren, in der Rue St. Lazare, sah ich ihn zum erstenmal. Es war sieben Uhr abends, die Stunde, da der stahlschwarze Bahnhof mit dem funkelnden Zifferblatt plötzlich die Masse wie ein Magnet an sich reißt. Die Ateliers, die Häuser, die Geschäfte schütten mit einemmal alle ihre Menschen auf die Gasse, und alle strömen sie, ein schwarz aufgewühlter Strom, den Zügen zu, die sie aus der dampfigen Stadt ins Freie tragen. Ich würgte mich mit einem Freunde langsam durch den stickigen, drückenden Menschenqualm, als er mich plötzlich leicht anstieß: »Tiens! V'la Jaurès!« Ich sah auf, aber schon war es zu spät, die Silhouette des Vorbeischreitenden zu haschen. Nur den breiten Rücken, wie den eines Lastträgers, gewaltige Schultern, den kurzen, gedrungenen Stiernacken sah ich von ihm, und mein erstes Empfinden war das einer bäuerischen, unerschütterlichen Kraft. Die Aktentasche unter dem Arm, den kleinen, runden Hut auf dem mächtigen Haupt, ein wenig gebückt, wie der Bauer hinter dem Pflug, und ebenso zäh wie er, stapfte und stieß er sich langsam und unerschütterlich durch die ungeduldige Menge. Niemand erkannte den großen Tribun, Burschen schoben hastig an ihm vorbei, Eilfertige überholten ihn, rannten ihn im Laufe an, sein Schritt blieb unerschütterlich fest in seinem schweren Takt. Der Widerstand der schwarz fließenden, stark strömenden Masse brach sich wie an einem Felsblock an diesem kleinen, gedrungenen Mann, der hier allein für sich ging und seinen ureigenen Acker pflügte: die dunkle, unbekannte Menge von Paris, das Volk, das zur Arbeit ging und von der Arbeit kam.   Von diesem flüchtigen Begegnen blieb nichts zurück in mir als das Empfinden unbeugsamer, erdfester, zielstrebiger Kraft. Bald sollte ich ihn besser sehen, sollte kennen lernen, daß diese Kraft nur ein Fragment seines komplexen Wesens war. Freunde hatten mich zu Tisch gebeten, wir waren vier oder fünf in dem engen Raum, plötzlich trat auch er herein und von diesem Augenblick gehörte alles ihm, das Zimmer, das seine volle Stimme tönend füllte, und unsere Aufmerksamkeit an Wort und Blick, denn seine Herzlichkeit war so stark, so offenbar seine Gegenwart, so warm von innerer Lebensfülle, daß jeder unbewußt sich in der seinen gereizt und gesteigert fühlte. Er kam gerade vom Lande, sein breites, offenes Gesicht, in dem die Augen tief und klein und doch scharf blitzend saßen, hatte die frischen Farben der Sonne, und sein Handschlag war der eines freien Mannes, nicht höflich, sondern herzlich. Jaurès schien damals ganz besonders frohgestimmt, er hatte draußen, in seinem Gärtchen mit Hacke und Spaten arbeitend, Kraft und Lebensfrische sich neu ins Blut getränkt, und nun teilte er sich und sie mit der ganzen Generosität seines Wesens aus. Für jeden hatte er eine Frage, ein Wort, eine Herzlichkeit, ehe er von sich selber sprach, und es war wunderbar zu spüren, wie er unbewußt erst Wärme und Lebendigkeit um sich schuf, daß er dann in ihr seine eigene Belebtheit frei und schöpferisch entfalten könnte. Ich entsinne mich noch deutlich, wie er sich plötzlich mir zuwandte, denn in dieser Sekunde sah ich zum erstenmal in seine Augen hinein. Sie waren klein, aber trotz ihrer Güte wach und scharf, sie griffen einen an, ohne weh zu tun, sie drangen ein, ohne zudringlich zu sein. Er erkundigte sich nach einigen seiner Wiener Parteifreunde, ich mußte bedauernd sagen, sie nicht persönlich zu kennen. Dann fragte er mich nach der Baronin Suttner, die er sehr zu schätzen schien, und ob sie bei uns im literarischen und politischen Leben einen tatsächlichen, wirklich fühlbaren Einfluß hätte. Ich antwortete ihm – und bin heute mehr als je gewiß, ihm nicht nur mein persönliches Empfinden, sondern eine Wahrheit gesagt zu haben – daß man bei uns für den wundervollen Idealismus dieser edlen und seltenen Frau wenig tätiges Verständnis habe . Man schätze sie, aber mit einem leichten Lächeln der Überlegenheit, man achte ihre Überzeugungen, ohne sich aber innerlich überzeugen zu lassen, im letzten finde man ihr stetes Beharren auf einer und derselben Idee etwas eintönig. Und ich verschwieg ihm nicht mein Bedauern, daß gerade die Besten unserer Literatur und Kunst sie immer als abseitig und gleichgültig betrachteten. Jaurès lächelte und sagte: »Aber gerade so muß man sein wie sie, hartnäckig und zäh im Idealismus. Die großen Wahrheiten gehen nicht auf einmal ins Gehirn der Menschheit hinein, man muß sie immer und immer wieder einhämmern, Nagel für Nagel, Tag für Tag! Es ist eine monotone und undankbare Arbeit, aber wie wichtig ist sie doch!« Man ging über zu anderen Dingen, und das Gespräch blieb unentwegt belebt, solange er mit uns war, denn was immer er sagte, es kam von innen, heiß und warm aus einer vollen Brust, einem stark schlagenden Herzen, aus gestauter, gesammelter Lebensfülle, aus einer wunderbaren Mischung von Bildung und Kraft. Die breite, aufgewölbte Stirn gab seinem Antlitz Ernst und Bedeutung, das freie, heitere Auge diesem Ernst wieder Güte, eine wohltuende Atmosphäre von fast kleinbürgerlicher Jovialität strömte aus diesem machtvollen Menschen, von dem man gleichzeitig aber immer spürte, daß er in Zorn oder Leidenschaft wie ein Vulkan Feuer aus sich schütten könnte. Immer empfand ich, daß er, ohne sich zu verstellen, seine eigentliche Macht in sich zurückbehielt, daß der Anlaß zu eng war für seine Entfaltung (so ganz er sich auch im Gespräch gab), daß wir zu wenig waren, um seine ganze Fülle zu reizen, und der Raum zu eng für seine Stimme. Denn wenn er lachte, schütterte das Zimmer. Es war wie ein Käfig für diesen Löwen. Nun hatte ich ihn von nah gesehen, ich kannte seine Bücher, die in ihrer gedrungenen Breite, ihrer Schwerwuchtigkeit ein wenig seinem Körper glichen, ich hatte viele seiner Artikel gelesen, die mich den Impetus seiner Rede ahnen ließen, und um so stärker war mein Verlangen, ihn nun einmal auch in seiner gemäßen Welt, in seinem Element, ihn als Agitator und Volksredner zu sehen und zu hören. Die Gelegenheit bot sich bald. Es waren wieder schwüle Tage in der Politik, es knisterte neuerdings in den Beziehungen zwischen Frankreich und Deutschland. Irgend etwas war wieder vorgefallen, an irgendeinem flüchtigen Anlaß hatte sich die phosphorne Fläche der französischen Empfindlichkeit wieder angeflammt, ich weiß nicht mehr, war es der »Panther« in Agadir, der Zeppelin in Lothringen, die Episode von Nancy, aber es flackerte und funkelte wieder auf. In Paris, in dieser ewig erregten Atmosphäre, spürte man diese Wetterzeichen damals ungleich stärker als unter dem idealistisch-blauen politischen Himmel Deutschlands. Die Austräger mit ihren gellen Schreien trieben scharfe Keile in die Mengen der Boulevards, die Zeitungen peitschten mit heißen Worten, fanatischen Überschriften, knallten mit Drohungen und Überredungen die Erregung auf. An den Mauern klebten zwar die brüderlichen Manifeste der deutschen und französischen Sozialisten, klebten freilich selten länger als einen Tag, denn nachts rissen die Camelots du roi sie herab oder beschmutzten sie mit Hohnworten. In diesen erregten Tagen sah ich eine Rede Jaurès' angekündigt: in den Augenblicken der Gefahr war er immer zur Stelle. Das Trocadero, der größte Saal von Paris, sollte seine Tribüne sein. Dieses absurde Gebäude, dieser Nonsens orientalisch-europäischen Stiles, ein Rest der alten Weltausstellung, der mit seinen beiden Minaretten über die Seine dem andern historischen Überrest, dem Eiffelturm, zuwinkt, tut innen einen leeren, nüchternen, kalten Raum auf. Er dient meist musikalischen Veranstaltungen und selten dem gesprochenen Wort, denn die hohle Luft schluckt dort die Rede fast restlos ein, nur ein Riese der Stimme, ein Mounet-Sully, vermochte sein Wort von der Tribüne bis hinauf zu den Galerien zu schleudern wie ein Tau über einen Abgrund. Dort sollte diesmal Jaurès sprechen, und früh füllte sich der gigantische Saal. Ich weiß nicht mehr, ob es ein Sonntag war, aber in Festtagsgewändern kamen sie, die sonst in blauen Blusen hinter Kesseln und in Fabriken ihr Tagewerk tun, die Arbeiter von Belleville, von Passy, von Montrouge und Cluchy, ihren Tribunen, ihren Führer zu hören. Schwarzgedrängt war der riesige Raum lang vor der bestimmten Stunde und nicht wie in den modischen Theatern das Scharren der Ungeduld, das fordernde rhythmische, stockbegleitete »Le rideau«! »Le rideau«!-Rufen um den Beginn. Es wogte nur, gewaltig und erregt, erwartungsvoll und doch voll Zucht – ein Anblick selbst schon unvergeßlich und schicksalsträchtig. Dann trat ein Redner vor, eine Schärpe quer über die Brust, Jaurès anzukündigen, man hörte ihn kaum, aber sofort fiel Stille nieder, eine gewaltige atmende Stille. Und dann kam er. Mit dem schweren, festen Schritt, den ich nun schon an ihm kannte, stieg er zur Tribüne, stieg aus einer atemlosen Stille in einen ekstatischen, dröhnenden Donner der Begrüßung empor. Der ganze Saal war aufgestanden, und was da schrie, waren mehr als menschliche Stimmen, es war die gesparte gespannte Dankbarkeit, die Liebe und die Hoffnung einer Welt, die sonst verteilt und zerrissen, in Schweigen und Seufzen vereinzelt ist. Er mußte warten, Jaurès, Minuten und Minuten, ehe er seine Stimme loslösen konnte aus den lausenden Schreien, die ihn umstürmten, er mußte warten und wartete ernst, beharrlich, der Stunde bewußt, ohne das freundliche Lächeln, ohne die falsche Abwehr, die Komödianten in solchen Augenblicken in ihre Gebärde tun. Dann erst, als die Woge verrauschte, hub er an. Es war nicht seine Stimme von damals, die sprach, die im Gespräch Scherz und bedeutendes Wort freundlich vermengte, es war jetzt eine andere Stimme, stark, knapp, vom Atem scharf durchfurcht, eine Stimme, metallen wie Erz. Nichts von Melodie war in ihr, nicht jene vokalische Geschmeidigkeit, die bei Briand, seinem gefährlichen Genossen und Gegner, so verführt, sie war nicht geschliffen und schmeichelte nicht den Sinnen, nur Schärfe fühlte man in ihr, Schärfe und Entschlossenheit. Manchmal riß er ein einzelnes Wort aus der feurigen Esse seiner Rede wie ein Schwert heraus und stieß es in die Menge, die aufschrie, im Herzen getroffen von diesem wuchtigen Stoß. Nichts war moduliert in diesem Pathos, es fehlte dem Kurznackigen vielleicht der biegsame Hals, um die Melodik des Organs zu läutern, bei ihm schien die Kehle schon in der Brust zu sitzen, aber darum empfand man auch so sehr, daß sein Wort von innen kam, stark und erregt, aus einem starken und erregten Herzen, es keuchte oft noch vor Zorn, es bebte immer noch vom Herzschlag seiner breiten, stark gehämmerten Brust. Und diese Vibration griff weiter aus seinem Wort in sein ganzes Wesen, sie stieß ihn fast von der Stelle, er schritt auf und nieder, hob die geballte Faust wider einen unsichtbaren Feind und ließ sie auf den Tisch fallen, als zerschmetterte sie ihn. Das ganze Dampfwerk seines Wesens arbeitete immer mächtiger in diesem Aufundniedergehen eines gereizten Stieres und unwillkürlich ging der gewaltige Rhythmus dieser erbitterten Erregung in die Masse über. Immer stärker antworteten ihre Schreie seinem Ruf, und wenn er seine Faust ballte, so krümmten sich vielleicht viele mit. Der kalte, weite, leere Saal war mit einemmal voll der Erregung, die dieser einzige starke, von seiner eigenen Kraft bebende Mensch mitbrachte, und immer stieß die scharfe Stimme wieder wie eine Trompete über die dunklen Regimenter der Arbeit hin und riß ihre Herzen zur Attacke. Ich hörte kaum, was er sagte, ich horchte nur über den Sinn hinaus in die Gewalt dieses Willens und fühlte mich heiß werden an ihm, so fremd mir, dem Fremden, der Anlaß war und die Stunde. Aber ich spürte einen Menschen, wie ich nie einen stärker gespürt, ich spürte ihn und die unendliche Macht, die von ihm ausging. Denn hinter diesen wenigen Tausenden, die jetzt in seinem Bann waren, untertan seiner Leidenschaft, standen noch die Tausende der Tausende, die seine Macht von ferne spürten, übertragen durch die Elektrizität des fortwirkenden Willens, die Magie des Wortes – die ungezählten Legionen des französischen Proletariats und darüber hinaus ihre Genossen jenseits der Grenzen, die Arbeiter von Whitechapel, von Barcelona und Palermo, von Favoriten und St. Pauli, aus allen Windrichtungen oder Winkeln der Erde, die diesem, ihrem Tribunen, vertrauten und bereit waren, jederzeit ihren Willen in den seinen zu geben.   Breitschultrig, vierschrötig, in sich zusammengeballt, wie er körperlich war, mochte Jaurès denen der Rasse nach nicht als echter Gallier erscheinen, die mit dem Typus des Franzosen einzig die Vorstellung der Zartheit, Feinnervigkeit und Geschmeidigkeit verbinden. Aber nur als Franzose, in seiner Erde, nur im Zusammenhang, nur als Repräsentant, als Letzter einer Ahnenreihe ist er ganz zu erfassen. Frankreich ist das Land der Traditionen, selten ist dort ein großes Phänomen, ein bedeutender Mensch ganz neu, jeder knüpft an ein Vorgeahntes und Vorgelebtes, jedes Ereignis hat seine Analogie (und unschwer wird man in seinem jetzigen Fanatismus, in der blindwütigen Ausblutung um einer einzigen Idee willen Analogien zu 1793 erkennen). Hier ist seine große Wegscheide des Wesens gegen Deutschland. Frankreich reproduziert sich unablässig, und darin liegt das Geheimnis der Erhaltung seiner Tradition, darum ist Paris eine Einheit, seine Literatur eine geschlossene Kette, seine innere Geschichte eine rhythmische Wiederholung von Ebbe und Flut, von Revolution und Reaktion. Deutschland dagegen entwickelt und verwandelt sich unablässig, und das ist das Geheimnis der steten Steigerung seiner Kraft. In Frankreich kann man alles, ohne gewaltsam zu werden, auf Analogien zurückführen, in Deutschland nichts, denn kein seelischer Zustand gleicht dort dem andern, zwischen 1807, 1813, 1848, 1870 und 1914 liegen ungeheure Verwandlungen, die seine Kunst, seine Architektur, seine Schichtung bis in die Fundamente verändert haben. Selbst seine Menschen sind jeder einzigartig und neu, für Bismarck, Moltke, Nietzsche, Wagner gibt es kein Präzedens in der deutschen Geschichte, und die Männer dieses Krieges sind wiederum Anfänge eines neuen organisatorischen Typs, nicht Wiederholungen eines vergangenen. In Frankreich ist der bedeutende Mensch selten einzigartig und auch Jaurès war es nicht. Aber er ist eben darum echtester Franzose, Schößling eines geistigen Geschlechts, das in die Revolution hinabreicht und in allen Künsten seine Vertreter hat. Immer gab es dort inmitten der zarten, debilen geschmackvollen Mehrheit ein Kraftgeschlecht dieser Stiernackigen, Breitschulterigen, Vollblütigen, dieser massigen Bauernenkel. Auch sie sind Nervenmenschen, aber ihre Nerven scheinen mit Muskeln umwickelt, auch sie sind sensibel, aber ihre Vitalität ist stärker als die Sensibilität. Mirabeau und Danton sind die ersten dieser Ungestümen, Balzac und Flaubert ihre Söhne, Jaurès und Rodin die Enkel. In allen ist der breite Körperbau, die Wuchtigkeit des Wesens und des Willens erstaunlich. Wie Danton auf das Schafott tritt, zittert das Gerüst, wie man Flauberts riesenhaften Sarg in die Erde senken will, ist das Grab zu eng, Balzacs Sessel ist gebaut für doppeltes Gewicht und wer Rodins Werkstatt durchschreitet, vermag nicht zu fassen, daß dieser steinerne Wald von zwei irdischen Händen geschaffen. Titanische Arbeiter sind sie alle, ehrlich und redlich, und es ist ihr gemeinsames Schicksal, von den Geschmeidigen, den Listigen, den Geschickten und Geschmackvollen beiseite gestoßen zu werden. Auch die gigantische Lebensarbeit Jaurès' wurde gequert: Poincaré war stärker als er, der Stärkste, durch Geschmeidigkeit. Aber dieser Urfranzose, der Jaurès unverkennbar gewesen, war durchtränkt mit deutscher Philosophie, deutscher Wissenschaft und deutschem Wesen. Nichts ermächtigt Spätere, zu behaupten, daß er Deutschland liebte, aber eines ist gewiß: er kannte Deutschland, und dies ist schon in Frankreich viel . Er kannte deutsche Menschen, deutsche Städte, deutsche Bücher, er kannte das deutsche Volk und kannte, als einer der Wenigen im Ausland, seine Kraft. Darum war allmählich der Gedanke, den Krieg zwischen diesen beiden Mächten zu verhindern, sein Lebensgedanke, seine Lebensangst geworden, und was er in den letzten Jahren tat, war nur zur Verhinderung dieses Augenblicks. Er kümmerte sich nicht um Schmähungen, ließ sich geduldig den »député de Berlin« nennen, den Emissär Kaiser Wilhelms, er ließ sich höhnen von den sogenannten Patrioten und griff schonungslos die Zettler des Krieges, die Hetzer und Schürer an. Er kannte nicht den Ehrgeiz des Advokaten-Sozialisten Millerand, sich Orden an die Brust zu heften, nicht die Ambition seines einstigen Genossen, des Gastwirtssohnes Briand, der aus dem Agitator in den Diktator sich verwandelte, er wollte seine breite freie Brust nie in den Palmenfrack zwängen, sein Ehrgeiz blieb, das Proletariat, das ihm vertraute, und die ganze Welt vor der Katastrophe zu schützen, deren Minen und Gänge er unter seinen eigenen Füßen, in seinem eigenen Lande graben hörte. Während er sich so mit dem ganzen Elan Mirabeaus, mit der Glut Dantons gegen die Anstifter und Aufreizer warf, mußte er gleichzeitig auch in der eigenen Partei dem Übereifer der Antimilitaristen in den Weg treten, Hervé vor allem, der damals so laut und gellend zur Revolte rief, wie er heute täglich nach dem »endgültigen Siege« schreit. Jaurès war über ihnen allen, er wollte keine Revolution, weil auch sie nur mit Blut zu erringen war, und er scheute das Blut. Er glaubte, Schüler Hegels, an die Vernunft, an den sinnvollen Fortschritt durch Beständigkeit und Arbeit, das Blut war ihm heilig und der Völkerfriede sein religiöses Bekenntnis. Kraftvoller, unermüdlicher Arbeiter, der er war, hatte er die schwerste Pflicht auf sich genommen, der Besonnene zu bleiben in einem leidenschaftlichen Land, und kaum daß der Friede bedroht war, stand er wie immer aufrecht als Posten, Alarm zu rufen in der Gefahr. Schon war der Schrei in seiner Kehle, der das Volk Frankreichs aufrufen sollte, da warfen sie ihn hin aus dem Dunkel, die ihn kannten in seiner unerschütterlichen Kraft und die er kannte, in ihren Absichten und Abenteuern. Solange er wachte, war die Grenze gesichert. Das wußten sie. Und erst über seine Leiche stürmte der Krieg, stießen die sieben deutschen Armeen nach Frankreich hinein. Otto Weininger. Vorbeigehen an einem unauffälligen Menschen 1926   Von keiner der bedeutenden Gestalten unserer Generation sind weniger Begegnungen berichtet als von Otto Weininger, der mit 24 Jahren, knapp vor dem Anbruch seines Ruhms, sich mit einer Revolverkugel den Schädel zerschmetterte. Oft hatte ich diesen hageren, unsicheren, häßlichen, gedrückten Studenten im Kolleg gesehen, wußte, daß er Weininger hieß, kannte ebenso vom Namen her die anderen an seinem Kaffeehaustisch, Oskar Ewald, Emil Lucka, Arthur Gerber, Hermann Swoboda, wie sie mich kannten, der ich damals schon mit zwei Büchern ihnen vorausgeschossen war. Aber zur Bindung fehlte eine einzige dumme Kleinigkeit – wir waren einander nicht »vorgestellt«; und obwohl unsere Kreise, der dichterische wie der philosophische, sich heimlich sehr füreinander interessierten, obwohl Botschaft und Gespräch zwischen uns Zwanzigjährigen neugierig spazieren wanderte, kam es doch niemals oder lange nicht zu einer offiziellen »Vorstellung«. Schließlich, ich muß es gestehen, auch meinerseits unternahm ich nie einen ernstlichen Versuch, mit ihm bekannt zu werden. Weininger, der Name sagte damals nichts, und sein Gesicht war weniger als anziehend. Er sah immer aus wie nach einer dreißigstündigen Eisenbahnfahrt, schmutzig, ermüdet, zerknittert, ging schief und verlegen herum, sich gleichsam an eine unsichtbare Wand drückend, und der Mund unter dem dünnen Schnurrbärtchen quälte sich irgendwie schief herab. Seine Augen (erzählten mir später die Freunde) sollen schön gewesen sein: ich habe sie nie gesehen, denn er blickte immer an einem vorbei (auch als ich ihn sprach, fühlte ich sie keine Sekunde lang mir zugewandt): all dies verstand ich erst später aus dem gereizten Minderwertigkeitsempfinden, dem russischen Verbrechergefühl des Selbstgepeinigten. Nochmals: ich wußte nicht, was mich an dem Kollegen Weininger, damals im siebenten Semester, hätte interessieren sollen. Da verbreitete sich plötzlich Ende 1902 in unseren Kreisen das Gerücht, ein Student unserer engeren Wissenschaft habe Professor Jodl eine Dissertation vorgelegt, die dieser erstaunt und erschreckt als genial bezeichnet habe. Sie sei Teil eines grundlegenden, ganz neuartigen Werkes, dem Professor Jodl jetzt einen Verleger suche, der Verfasser Otto Weininger. Weininger? – unwillkürlich betrachtete ich ihn nun mit anderem, eindringlicherem Blick (den er wohl spüren mußte); aber das Gefühl des Unheimlichen wollte nicht weichen vor diesen scheuen, in sich verkrochenen Augen, vor diesem bittern Mund, vor dieser – ich sage es aufrichtig – unangenehmen physischen Struktur. Auf einen solchen verbogenen, in sich geduckten Menschen konnte man auch als Kollege nicht zugehen, ihn kordial ansprechen, das spürte ich sofort. So blieb die Neugier latent. Eines Nachmittags nun kam ich in den kleinen Lesesaal der Universität, bestellte mir ein Buch und setzte mich an den einzig freien Platz. Neben mir rückte jemand höflich zur Seite, ich sah unwillkürlich hin: Weininger! Vor ihm lag ein Stoß Korrekturen – die Fahnen zu »Geschlecht und Charakter«, wie ich später feststellen konnte. Unsere Ärmel streiften sich einander; wenn wir aufschauten, merkte ich, daß wir einander beobachteten und daß dies Nebeneinandersein und Sichkennen und Sichnichtkennen jeden von uns irritierte. Ein selbstverständliches kollegiales Wort hätte diese Spannung sofort gelöst, aber (manche werden das aus eigenem Erleben wissen) es gibt Menschen, denen die Scheu vor der Mißdeutung zu tief im Blute steckt, als daß sie die gerade , die Walt-Whitmansche Brudergeste als Sympathie jemals leibhaft werden lassen könnten. So saßen wir gewaltsam fremd nebeneinander: Ich sah eine zarte, merkwürdig weibische Hand Korrekturen einzeichnen, aber bald stand er auf und – grüßte zu meiner eigenen Überraschung. Der erste Schritt war getan. Und seltsam: drei Tage später stand ich mit einem Kollegen zusammen; Weininger kam vorbei, mein Kollege sprach ihn an. Und plötzlich, unser reserviertes Gegenüberstehen bemerkend, fragte er erstaunt: »Ja, kennt Ihr Euch denn nicht?« Wir sagten nicht Ja und nicht Nein, stellten uns nicht mit Namen vor (es wäre lächerlich gewesen) und reichten einander die Hände. Und nun will ich ganz aufrichtig sein: ich habe selten mit einem Menschen ein kälteres, unpersönlicheres Verlegenheitsgespräch geführt als damals mit Weininger . Ich fragte ihn, der schon promoviert hatte, nach der Art der Prüfung, er riet mir sachlich, sachlich, wie man sich zu verhalten habe: man müsse den geschwätzigen Professor Müllner selbst zum Reden locken und bei Professor Jodl alles Idealistische stark betonen... Daß diese erste, eigentlich negative Begegnung zugleich die letzte blieb, war Weiningers tragische Schuld. In jenem Juni 1903 erschien sein Buch, dann fielen die Sommerferien ein, im September erst kam ich von Italien zurück. Niemand hatte dies großartige, grundlegende Werk bishin bemerkt, einzig in unseren engsten Kreisen begann es eben Erregung zu bewirken. Ich las es noch im September, wir Freunde diskutierten darüber erbittert eine ganze Nacht, und ich freute mich schon, bei der nächsten Begegnung ihn nun wissender, persönlicher ansprechen zu können. Aber es kam anders: Am 5. Oktober stand schon in der Zeitung, ein junger Privatgelehrter Otto Weininger habe sich in seiner Wohnung, in Beethovens Sterbehaus, erschossen . Unser wirkliches Begegnen war versäumt. Doch von wenigen Menschen habe ich so deutlich sinnliche Erinnerung wie von dieser tragischen, nah an mir vorbeigegangenen Gestalt. Ich erzähle absichtlich diese scheinbar unbedeutende Begegnung mit äußerster, kalter Wahrhaftigkeit und ohne jede Ausschmückung, obgleich ich dieser Art eingestehe, einem so bedeutenden Menschen räumlich und zeitlich nahe gewesen zu sein, ohne ihn innerlich geahnt oder erreicht zu haben. Aber mir erscheint es wichtiger, dem unheilbar an das romantische Ideal der pittoresken Erscheinung verschworenen Publikum wieder einmal unbarmherzig zu exemplifizieren, daß fast niemals das wahrhaft Geniale eines Menschen in Antlitz und Wesensart seiner Umgebung kenntlich wird, sondern daß, gleichsam gesetzmäßig, die Natur ihre merkwürdigsten Formen in Geheimnis hüllt. Nur geistig, nicht bildnerisch-plastisch, tritt das Schöpferische in die Welt: nur vom Geiste aus läßt sich's ahnen und ertasten. Immer noch wie in mythischen Zeiten ist Unkenntlichkeit der Göttlichen liebstes Gewand und Verkleidung auf Erden. Walther Rathenau 1922   Die Wasser der Zeit strömen zu rasch in unseren erregten Tagen, um Gestalten plastisch zu spiegeln: Das Heute weiß nichts mehr vom Gestern und wie Schatten gleiten die Figuren vorüber, die ein flüchtiger Zeitwille zu flüchtiger Macht berufen. Wer weiß heute noch die deutschen Kanzler des letzten Jahrzehntes, die Minister des Krieges mit Namen zu nennen, wer sich gar noch ihres geistigen Umrisses, ihres persönlichen Wesens zu entsinnen, obwohl sie – hierin verdächtig ähnlich dem Unglücksminister des Jahres 1870 Emile Olivier – Buch auf Buch türmen und sich geschäftig-geschäftlich mit ihren Erinnerungen konkurrenzieren? Aber nichts erlöst sie von der ephemeren Schattenhaftigkeit ihrer Wirkung, keine Bildkraft hebt sie hinaus über ihr bloß dokumentarisches Gewesen-Sein. Kein einziger von allen den professionellen Diplomaten Deutschlands, selbst der tragische Schwächling Bethmann-Hollweg nicht, ist noch dem Bewußtsein der Welt als sinnlicher Umriß, als Persönlichkeit lebendig gewärtig, indes jener Eine, der von außen kam, in ihre Welt und nur ein paar Wochen in ihr wohnte, so voll den gespannten Raum mit seines Wesens Kraft erfüllte, daß er sich immer sichtbarer als Figur und Erscheinung vor den Horizont der Weltgeschichte hebt. Gerade seit ihn mißleitete Leidenschaft von seiner Stelle stieß, steht Walther Rathenau am stärksten in Unvergeßlichkeit deutscher Geschichte, und sein Fehlen ist heute sinnlich fühlbarer als seiner Nachfolger unpersönliche Gegenwärtigkeit. Er war plötzlich aus einer scheinbar privaten Existenz an sichtbare Stelle gerückt. Aber er war schon immer da, überall hatte man sein Wirken gefühlt, überall in Deutschland diesen erstaunlichen überragenden Geist gekannt, nur war diese Wirkung niemals eine einheitliche, zu einem nennbaren Begriff geschlossene gewesen, denn jeder einzelne kannte ihn aus anderer Sphäre. In Berlin hatte er lange, ja unerlaubt lange bloß als der Sohn seines Vaters Emil Rathenau gegolten, des Elektrizitätsmagnaten: in Berlin, in der Heimat war er immer der Erbe. Die Industrie kannte ihn aber längst als Aufsichtsrat von fast hundert Unternehmungen, die Bankiers als Direktor der Handelsgesellschaft, die Soziologen als Verfasser kühner und neuartiger Bücher, die Höflinge als Vertrauensmann des Kaisers, die Kolonien als Begleiter Dernburgs, das Militär als Leiter der Rohstoffaktion, das Patentamt als Urheber mehrerer chemischer Erfindungen, die Schriftsteller als einen von ihnen, und ein Theaterdirektor fand sogar nach seinem Tode noch ein Drama von ihm im verstaubten Schrank. Seine physische Gestalt – hochgewachsen, schlank – tauchte überall auf, wo geistige Kräfte in Regung waren, man sah ihn bei den Premieren Reinhardts, dessen Theater er begründen half, im Kreise Gerhart Hauptmanns ebenso wie in der Welt der Finanzen. Er fuhr von einer Aufsichtsratssitzung zur Eröffnung der Sezession, von der Matthäuspassion zu einer politischen Besprechung, ohne darin eine Gegensätzlichkeit zu fühlen – in seiner enzyklopädischen Natur war eben alle Betätigung und Bemühung, alle Problematik des Geistes und der Tatsachen zu einer einzigen tätigen Einheit gebunden. Von ferne gesehen mochte solche Vielfalt leicht als universaler Dilettantismus beargwöhnt werden. Aber sein Wissen und Wesen war das Gegenteil aller Leichtfertigkeit. Ich habe nie etwas Stupenderes gekannt als die Bildung Walther Rathenaus: er sprach die drei europäischen Sprachen französisch, englisch und italienisch wie deutsch, wußte ebenso genau unvorbereitet in einer einzigen Sekunde das Nationalvermögen der Spanier abzuschätzen wie eine Melodie aus einem bestimmten Opus Beethovens zu erkennen, er hatte alles gelesen und war überall gewesen, und diese unerhörte Fülle von Wissen und Tätigkeit war nur zu erklären, wenn man die außerordentliche und in unserer Zeit vielleicht unerreichte Kapazität seines Gehirns in Betracht zog. Walther Rathenaus Geist war von einer einzigen Wachheit und Konzentration: es gab für dies erstaunliche Präzisionsgehirn nichts Vages, Verschwommenes, sein ewig wacher Geist kannte keine Dämmerzustände von Träumerei und Ermüdung. Immer war er geladen und gespannt, mit einem einzigen Blinkfeuer überstrahlte er blitzschnell den Horizont eines Problems, und wo jeder andere alle die vielen Zwischenstufen des provisorischen Denkens bis zum definitiven brauchte, da zündete bei ihm die diagnostische Entscheidung mit einem Schlag. Sein Denken war funktionell so vollendet, daß es für ihn eigentlich kein Nachdenken und kein Vordenken gab, so wie er ja auch in Rede und Schreibe ein Konzept nicht kannte: Rathenau war einer von den vier oder fünf Deutschen im 70-Millionen-Reich (ich glaube nicht, daß es mehr gibt), die fähig waren, einen Vortrag, ein Expose, eine Broschüre so klassisch reif vor dem Sekretär oder dem zufälligen Zuhörer zu sprechen, daß man sie mitstenographieren und ohne Änderung dem Druck übergeben konnte. Er war beständige Bereitschaft und unablässige Gespanntheit, und eben weil ihm alles Passive, Träumerische und Genießerische fehlte, beständig in Tätigkeit. Nur wer diesen Menschen aus dem Gespräch kannte, mit seiner beispiellosen Geschwindigkeit des Begreifens mit jener ungeheuerlichen und kaum faßbaren Abbreviatur aller Zusammenhänge, konnte das große Geheimnis seines äußeren Lebens verstehen: daß dieser tätigste Mensch gleichzeitig derjenige war, der immer und für alles Zeit hatte. Nichts hat mich mehr an ihm erstaunt als die geniale Organisation seines äußeren Lebens, während solcher Vielfalt der Interessen, dieses Freisein und Zeit-haben für Alles und Jedes bei unerhörtester Tätigkeit. Es war mein stärkster Eindruck, als ich ihn zum erstenmal sah, mein stärkster, als ich ihn das letztemal sah. Das erstemal – vor mehr als fünfzehn Jahren –, als ich nach längerer brieflicher Bekanntschaft ihn in Berlin anrief, sagte er mir am Telefon, er reise am nächsten Morgen für drei Monate nach Südafrika. Ich wollte natürlich sofort auf den doch gänzlich gelegentlichen Besuch verzichten, aber er hatte inzwischen schon zu Ende kalkuliert, die Stunden gezählt und bat mich, um 1/4 12 Uhr nachts zu ihm kommen, wir könnten dort zwei Stunden angenehm verplaudern. Und wir sprachen zwei und drei Stunden: nichts deutete auf irgendeine Spannung, auf eine Unruhe knapp vor einer Dreimonatsreise in einen andern Erdteil an. Sein Tag war eingeteilt, dem Schlaf sowie dem Gespräch ein gewisses Maß zugewiesen, das er voll erfüllte mit seiner leidenschaftlichen und unendlich anregenden Rede. Und so war es immer: man mochte kommen, wann man wollte, dieser tätigste Mensch hatte für den gelegentlichsten Menschen Zeit bei Tag und bei Nacht, es gab für ihn kein unerfülltes Versprechen, keine unerledigten Briefe, keinen vergessenen Anlaß im Tumult seiner Tätigkeit, und mit genau derselben bewundernden Stärke wie das erstemal habe ich dieses Genie seiner Lebensorganisation bei der letzten Begegnung gespürt. Es war im November vor einem Jahr, ich sollte nach Berlin kommen zu einem Vortrag und freute mich schon wieder bei dieser Gelegenheit des gewohnten Gespräches mit ihm, das mir eigentlich immer das wertvollste Erlebnis eines Berliner Aufenthaltes war; da stand plötzlich in den Zeitungen die Nachricht, daß Rathenau jene politische Mission nach London übernehmen sollte. Mit einemmal war er aus der privaten Sphäre in die Schicksalswelt des deutschen Reiches erhoben. Selbstverständlich dachte ich nicht mehr daran, ihn in solcher Stunde zu sehen, schrieb nur eine Zeile, ich wolle ihn in einem Augenblick, wo eine Weltentscheidung an ihn herantrete, nicht zu bloßem Gespräch behelligen. Aber als ich nach Berlin kam, lag, als einziger von allen erwarteten Briefen anderer, einer von ihm im Hotel. Er schrieb, es sei richtig, er habe wenig Zeit, aber ich solle nur Sonntag abend zu ihm kommen, pünktlich war er zur Stelle, und zwischen zwei Konferenzen im Reichsamt und zahllosen Erledigungen war er ganz Ruhe, Überlegenheit und Unbesorgtheit im rein abstrakten Gespräch. Und wieder zwei Tage später, im Hause eines Berliner Verlegers, wo eine kleine Gesellschaft versammelt war, kam er abends um ½ 10 Uhr herein, erzählte Dinge der Vergangenheit mit dem Gleichmut eines lässigen, sorglosen Menschen, plauderte dann noch weiter am Weg bis zur Königsallee (wo ihn die Kugel drei Monate später getroffen hat). Es war ein Uhr in der Nacht, man ging zu Bett, stand in den neuen Morgen auf, und da stand schon in den Zeitungen, daß Walther Rathenau heute mit dem ersten Frühzug nach London zu den Verhandlungen gereist sei. So geschlossen, so funktionsbereit, so ewig wach war dieses Gehirn Rathenaus, daß er vier Stunden vor Abfahrt zu welthistorischen Entscheidungen, die seinen ganzen Willen anspannten und über das Schicksal von Millionen entschieden, scheinbar lässig mit vollem Pflichtbewußtsein im plaudernden Gespräche ausruhen konnte, ohne Nervosität, ohne Ermüdung oder Abspannung zu verraten. Seine Überlegenheit war so groß, daß er sich nie und zu nichts vorzubereiten brauchte: er war immer bereit.   Diese Organisation, diese Fügsamkeit des Denkens unter den Willen, diese Vollendung des diagnostischen Geistes war sein Genie. Und das Tragische an diesem Menschen war, daß er diese Form seines Genies wie überhaupt die Idee der Organisation nicht liebte, daß er – in seinen Büchern hat er es ja oft gesagt – alle geistige wie materielle Organisation für unfruchtbar und sekundär hielt, solange sie nicht einem höheren, selbstlosen Sinn, irgendeinem Seelischen diente. Und diesen Sinn hat er lange nicht gefunden. Er schrieb viel in seinen Büchern von der Seele und vom Glauben als einem Postulat, aber man glaubte nicht recht diesem Tätigsten den Hymnus an die Kontemplation und noch weniger dem Millionär das Lob des geistigen Lebens. Und doch war eine tiefe Einsamkeit in ihm und eine große Unbefriedigtheit. Das bloß Kumulative, das bloße Zusammenraffen von Aufsichtratsstellungen, der Trustwahn eines Stinnes oder Castiglione als Selbstzweck konnte für diesen überlegenen Geist keinen Reiz haben: unablässig fragte er sich in die Welt hinein nach einem Warum und Wozu, nach einer überpersönlichen Rechtfertigung seines gigantischen Tuns. In dem untersten Wesen dieses Intellektuellsten aller Intellektuellen war ein unlöschbarer Durst nach dem Religiösen, nach irgendeiner Dumpfheit des Fühlens, nach einem Glauben. Aber in jedem Glauben ist ein Korn Wahn, ein Korn Weltbeschränktheit, und es war das Verhängnis Rathenaus, seine tiefste Tragik, absolut wahnlos zu sein. Er war ein König Midas des Geistes: was er anblickte, löste sich auf zu Kristall, wurde durchsichtig und klar, schichtete sich zu geistiger Ordnung: nicht ein Senfkorn Wahn oder Gläubigkeit gab ihm Ruhe und Tröstung. Er konnte sich nicht verlieren, sich nicht vergessen: er hätte vielleicht sein Vermögen hingegeben, irgend etwas zu schaffen in erhabener Dumpfheit des Wesens, ein Gedicht oder einen Glauben, aber es war ihm verhängt, immer klar zu sein, immer wach, sein eigenes herrliches Gehirn in sich rotieren und in tausend Spiegelstellungen funkeln zu fühlen. Darum war auch irgendeine geheimnisvolle Kühle um ihn, eine Atmosphäre reiner Geistigkeit, kristallen klar, aber gewissermaßen luftleerer Raum. Man kam ihm nie ganz nahe, so herzlich, so gefällig, so hingebend er war, und sein hinrollendes Gespräch, wo Horizonte immer weiter und weiter sich wie Kulissen eines kosmischen Schauspiels auftaten, es begeisterte mehr, als es wärmte. Sein geistiges Feuer hatte etwas von einem Diamanten, der die härteste Materie zu zerschneiden vermag und unzerstörbar leuchtet: aber dies Feuer war in sich gefangen, es leuchtete nur zu andern und es wärmte nicht ihn selbst. Eine leichte gläserne Schicht war zwischen ihm und der Welt trotz oder eben wegen dieser geistigen Hochspannung um sein Wesen gegürtet, man spürte diese Undurchdringlichkeit schon, wenn man sein Haus betrat. Da war diese herrliche Villa im Grunewald, 20 Zimmer für Musik und Empfang, aber keines atmete Wärme des Bewohntseins, hatte den Hauch von Erfülltheit und Rast; da war sein Schloß Freienwalde, wo er die Sonntage verbrachte, ein altes märkisches Gut, das er vom Kaiser gekauft, aber man fühlte es wie ein Museum, und im Garten spürte man, daß niemand an den Blumen sich freute, niemand über den Kies ging und niemand ruhend im Schatten saß. Er hatte nicht Frau und nicht Kind, er selbst ruhte nicht und wohnte nicht: irgendwo in diesen Häusern war ein kleines Zimmer, dort diktierte er dem Sekretär oder las seine Bücher, oder schlief seinen kurzen, raschen Schlaf. Sein wirkliches Leben war immer im Geiste, immer in der Tätigkeit, in einer ewigen Wanderschaft, und vielleicht hat sich das merkwürdig Heimlose, großartig Abstrakte des jüdischen Geistes nie vollendeter in einem Gehirn, in einem Wesen ausgeprägt als in diesem Menschen, der sich im tiefsten gegen die Intellektualität seines Geistes wehrte und mit seinem ganzen Willen und seinen Sympathien einem imaginären deutschen, ja preußischen Ideal sich andrängte und doch immer spürte, daß er von einem andern Ufer, von einer anderen Art des Geistes war. Hinter all diesen wechselnden, scheinbar fruchtbaren und immer großartigen Aspekten Rathenaus stand eine furchtbare Einsamkeit: er hat sie niemandem geklagt, und doch hat jeder sie gefühlt, der ihn sah im Wettsturz seiner Tätigkeit und Geselligkeit. Darum war ihm, wie so vielen innerlich Vereinsamten, der Krieg eine Art Befreiung. Zum erstenmal war diesem ungeheuren Tätigkeitsdrang ein Zweck außerhalb seiner selbst gegeben, zum erstenmal diesem Riesengeist eine Aufgabe gestellt, die seiner würdig war, zum erstenmal konnte diese Energie, die sonst sich in allen Windrichtungen des Geistigen auswirkte, gebunden und zielstrebend in eine Richtung sich entladen. Und mit jenem unerhörten Falkenblick, der aus der verwirrtesten Situation sofort den Knotenpunkt wahrnahm, griff Rathenau damals in das grandiose Geflecht des Krieges hinein. Auf den Straßen jubelten die Leute, die Burschen zogen singend ihrem Tod entgegen, die Herren Dichter dichteten mit Volldampf, die Bierhausstrategen bohrten Fähnchen auf die Landkarten und zählten die Kilometer bis Paris und selbst der deutsche Generalstab rechnete den Weltkrieg nur nach Wochen. Rathenau, dem tragischen Klarseher, war es in der ersten Stunde gewiß, daß ein Kampf, in den die klarsichtigste, die englische Nation sich verstrickt hatte, ein Kampf auf Monate und Jahre hinaus sein mußte, und sein diagnostischer Falkenblick erkannte in der ersten Sekunde die schwache Stelle in der Rüstung Deutschlands, den Mangel an Rohstoffen, der bei einer Blockade durch England notwendig in kürzester Zeit eintreten mußte. Eine Stunde später war er im Kriegsministerium und wieder eine Stunde später begann er jene Kontingentierung der gesamten Rohstoffe im 70-Millionen-Reich und baute das System des ökonomischen Widerstands gigantisch aus, ohne das Deutschland wahrscheinlich schon Monate früher zusammengebrochen wäre. Es war wohl der erste Augenblick des Lebens, in dem er seine Tätigkeit als sinnvoll und nicht bloß als zwanghaft empfand, aber selbst jene Jahre wurden ihm bald tragisch überschattet durch die eigene Hellsichtigkeit. Sein überlegener Geist, den keine Hoffnung leichtfertig beschwingte, den kein Wahn auch nur für eine Sekunde übertäuben konnte, der zu stolz war, um sich zu belügen, sah das tragische Schicksal des Krieges nach den ersten Fehlschlägen als unvermeidlich voraus und mußte es erleben, sich immer wieder von den Schwätzern und Schreiern, von den traurigen Helden des Siegfriedens überschrien zu wissen. Sein Buch »Von kommenden Dingen«, 1917 als erste Warnung entsandt, zeigte Europa sein Schicksal für den Fall einer Fortdauer des Wahns. Es war ein Appell, den nur Torheit überhören konnte. Aber Wahn ist immer stärker als die Wahrheit, und so mußte er weiter mit schmerzhaft verbissenen Zähnen seine verschwiegensten Gedanken in sich vergraben, mußte zusehen, wie die Torheit des Unterseeboot-Krieges, der Irrwitz der Annexionisten sich austobte, mußte schweigen, obwohl für ihn so wie für Ballin die Klarheit über den Ausgang eine beinahe selbstmörderische ward.   Und ebenso tragisch, klarsehend, mit dem vollen Bewußtsein der Vergeblichkeit, unbestechlich hoffnungslos und nur pflichtbewußt ist dieser Walther Rathenau dann Monate später nach dem Zusammenbruch an die wenig begehrliche Stelle des Ministers eines zerschmetterten Reiches getreten. Es war nicht Eitelkeit, wie so viele meinten, die ihn verlockte, sondern eine finstere Pflichtentschlossenheit gegen sich selbst, gegen die Pflicht, endlich einmal an der Größe einer Aufgabe, der sonst niemand gewachsen war, die eigene ungeheure und noch niemals ganz ausgenützte Kraft zu erproben. Er wußte, was ihm bevorstand: die Mörder Erzbergers waren von ihren Münchner Gesellen gut geschützt und jeder Nachfolger dadurch stillschweigend ermuntert worden; er wußte, daß ihm, dem Juden, eine politische Leistung, und auch die größte, nicht im gegenwärtigen Deutschland zuerkannt, wohl aber jede scheinbare Nachgiebigkeit zum Verbrechen gestempelt würde; er kannte genau den hysterischen Gegenwillen Frankreichs und die verlogene Verhetztheit der alldeutschen Kreise, die sich gegenseitig Waffen in die Hände spielten, er wußte alles und wußte auch wohl das Ende – nicht als Emphatiker des Gefühls wie die andern, sondern als tragisch Wissender ist er an den Platz getreten, den ihm sein Schicksal wies. In diesen Tagen hat Rathenau zum erstenmal ein Maß für seine Kräfte gefunden, die Weltgeschichte als den wahren Gegenspieler für seinen grandiosen Geist. Zum erstenmal konnte seine Tatkraft, sein Wille, seine Überlegenheit nicht an zufälliger kommerzieller oder literarischer Materie, sondern an zeitlosen Geschehnissen, an Weltsubstanz sich versuchen, und selten hat ein einzelner Mensch sich dermaßen in seinem großen Augenblick bewährt. Genug der Anwesenden bei der Konferenz in Genua haben es mit Bewunderung erzählt, wie heroisch dort seine persönliche Leistung war, wie sehr er, der Vertreter des ungeliebtesten Staates, alle Staatsmänner Europas zur Bewunderung zwang. Seine geistige Spannkraft hatte napoleonisches Maß: er war von Deutschland über Paris gefahren, 58 Stunden im Waggon gereist, kam arbeitend an, nahm die Depeschen entgegen, kleidete sich um, machte zwei Besuche, ging ohne ein Zeichen der Ermüdung in den Sitzungssaal und hielt dort zwei oder drei Stunden seine große Rede. Dann begann eine Diskussion, ein Kreuzfeuer von technischen Fragen, das an seine Konzentration, seine Willenskraft die höchsten Anforderungen stellte. Die englischen, die französischen, die italienischen Delegierten fragten vorbereitet ihn, den Unvorbereiteten, Dutzende von Fragen in ihrer eigenen Sprache. Er antwortete unvorbereitet den Italienern italienisch, den Franzosen französisch, den Engländer englisch, blieb keine Auskunft schuldig und kämpfte so stundenlang als einzelner in einer Art Rösselsprung der Antwort von einem zum andern. Als die Sitzung aufgehoben war, sahen alle im Saale auf, es war jener unwillkürliche Aufblick der Ehrfurcht, den der Gegner für den überlegenen Geist empfindet. Zum erstenmal seit Jahrzehnten hatte das Ausland wieder vor einem deutschen Staatsmann Achtung gefunden, zum erstenmal seit Bismarck ein deutscher Diplomat durch sein persönliches Wesen imponiert. Und so wurde ihm auch das letzte Wort jener Konferenz gegeben, zu jener großartigen Rede am Ostertag, wo er – während zu Hause schon die Gymnasiasten in der Schulpause seine Ermordung berieten – den Ruf zur Besinnung, zur Eintracht Europas mit der ganzen Leidenschaft tragischer Überzeugung formte und sein letztes Wort das »Pace! Pace!« Petrarcas war.   Er hat einen raschen, einen guten Tod gehabt. Die dummen Jungen, die mit ihrer eingepeitschten Hinterhaltsheldentat dem deutschen Geiste zu dienen meinten, waren unbewußt im Einklang mit dem tiefsten Sinn seines Schicksals, denn nur durch das Hingeopfertsein ward das Opfer sichtbar, das Walther Rathenau auf sich genommen hatte. Aber vielleicht ist die Nation mehr um diesen Tod zu bedauern als er selbst. Welthistorische Gestalten soll man nicht sentimentalisch sehen und nicht ihnen langgemächliches Leben und umhüteten Bettod wünschen wie braven bürgerlichen Familienvätern: ihr wahres Schicksal ist nicht das persönliche, sondern das historische, das zeitlos bildsame, und das liegt in wenigen großen Augenblicken beschlossen. Das Höchste, das solchen Naturen verstattet ist, bleibt immer im Sinne Schopenhauers ein heroischer Lebenslauf. Rathenau hat diese letzte, diese höchste Lebensform eben durch seinen Tod erreicht: eine Stunde Weltwirken nur war ihm gegeben, die hat er groß genützt, und ein Beispiel steht nun dauernd an der Stelle, wo flüchtig, allzuflüchtig seine irdische Gestalt gestanden. Nie war er größer als in seinem Tod, nie sichtbarer als heute in seinem Fernesein: Klage um ihn ist zugleich Klage um das deutsche Schicksal, das in entscheidender Stunde seine stärkste und geistigste Tatkraft verstieß und wieder hinabrollte in die alte verhängnisvolle Wirrsäligkeit, in die wütige Ungeschicklichkeit seiner beharrlich unwirklichen und darum ewig unwirksamen Politik.