Berthold Auerbach Spinoza Ein Denkerleben Aus der Vorrede zur zweiten Auflage Achtzehn Jahre sind es, seit ich dies mein erstes Buch der Öffentlichkeit übergab. Ich erkenne es als ein hohes Glück, daß Schicksal und Bildungsgang mich in erster Jugend dahin drängten, mich in das Leben eines so erhabenen Geistes zu vertiefen; und daß mir hierzu jetzt von neuem Veranlassung geboten wurde, daß ich ein andächtiges Jugendstreben mit dem Eifer des Mannes wieder zu erfassen Gelegenheit hatte, das zähle ich zu meinen freudigsten Erlebnissen. In dieser Empfindung habe ich das Buch nach Maßgabe meiner Kraft mit Sorgfalt durchgearbeitet. Der große Genius hat das Recht und die Pflicht, die ersten Arbeiten seines Geistes unberührt stehen zu lassen, da sie als Denkmale seiner Entwicklungsgeschichte eine Bedeutung haben. Wir anderen sind meiner Überzeugung nach verpflichtet, den Leistungen des ersten Schaffenstriebes dadurch Berechtigung der Dauer zu geben, daß wir Gehalt und Gestalt derselben mit reiferer Erkenntnis möglichst zu vollenden und abzuklären suchen. Möge nun der Einblick in die Lebensbedingungen und in das Walten einer solchen Menschennatur dem vorurteilsfreien Leser den Segen der Erhebung bringen und ihn zur freien Erkenntnis seines eigenen Wesens und Geschickes führen. Ich weiß, wie viel mir dazu fehlt, um dem Meister in seinem Gange nachzugehen, aber ich nehme mir die Schlußworte seiner Ethik zum Troste: »Alles hohe ist so schwer als selten.« Dresden , 12. August 1854. Berthold Auerbach Zum dritten Male hatte ich nun dieses Buch unter der Hand und aufs neue erkannte ich wieder die Größe der Aufgabe nicht minder, als die Unmacht, sie in dieser Form zu lösen. Ich habe bei dieser neuen Durchsicht mehreres bestimmter abgeschlossen, da ich nicht voraussehe, wann und ob ich überhaupt noch zur Ausführung eines ehedem lang gehegten Planes komme: das fernere Leben Spinozas, nach seinem Weggange von Amsterdam, in ähnlicher Weise zu behandeln. Einige Berichtigungen verdanke ich freundlicher Mitteilung aus Amsterdam, die ich noch bestimmter werde benützen können, wenn ich, wie ich hoffe, in den nächsten Jahren die Zeit gewinne, mit der Durchsicht meiner Übersetzung von Spinozas sämtlichen Werken auch die Biographie neu zu bearbeiten. Dresden, im Dezember 1857. B. A. Zur siebenten Auflage Seit der dritten Auflage habe ich an diesem Buche nichts geändert. Auch jetzt belasse ich es in der gegebenen Gestalt. Durch die in diesen Tagen erschienene neue Auflage meiner Übersetzung von Spinozas Werken 2 Bände. Stuttgart 1871. Cotta'sche Buchhandlung. ist mir nun auch die oben ausgesprochene Hoffnung erfüllt. Gernsbach im Schwarzwald, 18. August 1871. B. A. 1. Akosta Es war an einem Freitag Nachmittage zu Ende April 1647, als in einem abgelegenen Winkel des jüdischen Friedhofes zu Oudekerk bei Amsterdam emsig geschaufelt wurde, um einen eben eingesenkten Sarg mit Erde zu bedecken. Kein Klagender stand dabei. Die Anwesenden teilten sich in Gruppen, wo man bald von Begebenheiten des Tages, bald vom Leben und Sterben dessen, der hier der Erde übergeben worden, sich unterhielt, und die am Grabe selber beschäftigt waren, sputeten sich schweigend und mit gleichgültigen Mienen; denn schon mahnte die Sonne, die sich gen Westen neigte, daß es bald Zeit sei, »das Antlitz des Sabbats zu begrüßen«. Nur zu Häupten des Grabes stand ein blasser Jüngling, der nachdenklichen Blickes die braunen Schollen in die Grube hinabwälzen sah. Mit seiner Linken zerpflückte er, ohne zu wissen, Knospen, die an dem glattgeschorenen Buchenzaune hervorkeimten. »Junger Freund,« redete in spanischer Sprache ein Fremder den Jüngling an, »Ihr seid wohl der einzige Anverwandte dessen, der da unten ruht? Ich seh's Euch an, Ihr kanntet ihn gut, und könnt mir wohl sagen, wer es denn ist, der hier wie ein Verpesteter eingescharrt wird, ohne Trauerwort, ohne Klage, ohne Seufzer. Ich bin fremd –« »Ich bin nicht mehr mit ihm verwandt als Ihr« – sprach der Jüngling nach einigem Zaudern – »wofern Ihr, wie ich vermute, von Israels Stamm seid. Wohl müßt Ihr fremd und von fernen Landen hergekommen sein, da Ihr das Schicksal dieses Unglücklichen, Gottverlassenen nicht kennt. O! er war groß und herrlich und wie ist er in die Grube gesunken –« »Ich bitt' Euch,« unterbrach der Fremde, »macht es nicht wie die anderen, die ich schon befragte, als ich von der Straße aus hieher einlenkte; erzählt –« »Kennt Ihr das Geschlecht der da Costa aus Oporto?« fragte der Jüngling. »Wer hätte in Spanien gelebt, zu dem der Ruhm dieses Geschlechtes nicht gedrungen wäre? Die angesehensten Ritter trugen diesen Namen. Miguel da Costa, nach dessen Tode die ganze Familie aus Oporto verschwand, war einer der stattlichsten Ritter, die ich auf dem Turniere zu Lisboa gesehen; er war einst ein eifriger Anhänger unserer heimlichen Gemeinde gewesen.« – »Der nun endlich dort seine Ruhe gefunden,« begann der Jüngling, »das war sein Sohn, und wie mein Vater oft sagte, in Gestalt und Haltung das vollkommene Ebenbild seines Vaters. Gabriel, so hieß er, war in allen ritterlichen Künsten geübt, in den Wissenschaften erfahren, besonders in der Rechtsgelehrsamkeit. Obgleich schon frühe von Religionszweifeln gemartert, hatte er dennoch in seinem fünfundzwanzigsten Jahre das Amt eines Schatzmeisters bei der Stiftskirche angenommen; da erwachte endlich in ihm der Eifer für die angestammte Religion, und er verließ mit Mutter und Brüdern das Land, wo die Gebeine so vieler ob unseres Glaubens Erschlagenen ruhen, wo Juden ohne Zahl vor Bildern knien und sie küssen, die sie –.« Hier hielt der Jüngling plötzlich inne, und horchte auf das Gespräch zweier, die am Grabe schaufelten. »Gott verzeih mir meine Sünden,« sprach der eine, »aber ich bleibe doch dabei, der Bösewicht hätt' es nicht verdient, daß er noch am Freitag Abend begraben wird; nun ist er, weil der Sabbat eintritt, von den Qualen der ersten Verwesung erlöst. Jetzt, wenn seine Seele hinüberkommt, kommt er zum gedeckten Tisch, er braucht auch nicht alsbald in das Gehinom (die Hölle) einzuspazieren, denn am Sabbat dürfen ja alle Bösewichte von ihren Qualen ruhen; ich hab's ja gesagt, man solle ihn liegen lassen bis Sonntag Morgen wär' immer noch Zeit genug für die Bescherung, die auf ihn wartet, und am Ende verleitet er uns noch in seinem Tod dazu, ein Loch in den Sabbat hinein zu arbeiten. Drum mach hurtig, daß wir fertig werden.« »Ja, ja,« entgegnete der andere, »der wird sich wundern, wenn er hinüberkommt, und ihn die Würgengel mit feurigen Ruten peitschen; da wird er's doch wohl glauben, daß es noch eine andere Welt gibt, was er sein Lebtag nicht einsehen wollte. Meinst du nicht auch?« »Ich bitt' Euch, erzählt mir weiter,« sprach der Fremde. »Ihr habt's gehört, was die da sagten,« erwiderte der Jüngling, »und der Kleine dort mit dem hohen Rücken, der jetzt so über ihn schimpft, hat viel Gutes von ihm genossen, denn seine Mildtätigkeit war ohne Grenzen. Gabriel kam hieher nach Amsterdam, unterwarf sich allen Vorschriften und trat in unseren Glauben ein. Er führte von nun an den Namen Uriel Akosta. Er befolgte eifrig was geschrieben steht: ›Du sollst darin forschen Tag und Nacht.‹ Man hat mir oft erzählt, es war rührend anzusehen, wie der stattliche Mann es nicht verschmähte, selbst von einem kleinen Jungen sich im Hebräischen und in der Heiligen Schrift unterweisen zu lassen. Aber bald ist ein unheiliger Geist in ihn gefahren, und er begann zu spotten über unsere frommen Rabbinen. Ihr habt's soeben hier gehört, daß er einer von denen war, welche die Grundlehren leugnen; er hat die Sünden seines Herzens in Schriften niedergelegt und sie noch durch das göttliche Wort begründen wollen. Rabbi Salomon de Silva, unser berühmter Arzt, hat seine Lügenlehren widerlegt. Akosta wurde in den Bann getan, er befreite sich davon durch Widerruf. Aber der Widerspruchsgeist in ihm ruhte nicht; er widersetzte sich nicht nur unserer heiligen Religion, indem er, wie sein eigener Neffe von ihm aussagte, den Sabbat entweihte und verbotene Speisen genoß, zwei Christen, die zum Judentum übertreten wollten, solches aufs höchste widerriet, sondern er sprach sich auch noch öffentlich als ein wahrer Gottesleugner gegen alle Religion aus. Sieben Jahre lang weigerte er sich, den Vorschriften unserer Religion nachzuleben, und sich der Buße, die ihm auferlegt würde, zu unterziehen. Er sollte in den großen Bann getan und auf ewig aus unserer Gemeinde ausgestoßen werden. Auf Zureden seines ehemaligen Freundes, des frommen Rabbi Naphthali Pereira, unterwarf er sich dem Ausspruch des Beth-Din (kirchliches Rabbinengericht) und trug alle die harten Strafen, die man über ihn verhängte. Mein Vater hat oft gesagt: hätte Akosta für unsere Religion in die Schlacht ziehen dürfen, er wäre freudigen Mutes für sie in den Tod gegangen; aber für sie leben konnte er nicht. – Häusliche Zerwürfnisse, die Auflösung seiner Verlobung mit einer Tochter des Josua di Leon zerrütteten seinen Geist vollends. Er hat als Testament eine Beschreibung seines Lebens hinterlassen, worin er sich zu verteidigen sucht; wenn Ihr aber in Amsterdam verweilt, könnt Ihr noch manches andere über ihn vernehmen. Schon seit langer Zeit sprach er ganz gegen seine frühere Weise fast mit niemand mehr ein Wort; man hielt es für Reue, aber er brütete auf neue Untat. Den Rabbi Naphthali Pereira mied er jetzt, denn er hielt ihn für den Urheber seiner Leiden und seines Mißgeschicks. Gestern früh, als der Rabbi aus der Synagoge heimkehrt und an Akostas Haus vorübergeht, schießt der Abtrünnige mit einer Pistole nach dem frommen Manne. Er war sonst ein guter Schütze und soll in seiner Vaterstadt deshalb berühmt gewesen sein, aber ein Engel vom Himmel muß seinen Arm erfaßt haben, denn es ist wunderbar, daß er den frommen Mann nicht beschädigte! Er scheint alles vorbedacht zu haben, denn gleich darauf ergriff er eine zweite geladene Pistole und schoß sich in den Mund, daß sein Gehirn bis an die Decke hinauf gespritzt sein soll. Darum wird er nun so ehrlos –« »Baruch!« unterbrach hier den Jüngling eine lange Gestalt, die sich ihm näherte, »Baruch, komm, es ist alles fertig, wir wollen mit unserem Lehrer heimgehen.« »Ich komme, Chisdai,« erwiderte Baruch, verbeugte sich vor dem Fremden und ging dahin, wo die versammelten Anwesenden das in aramäischer Sprache verfaßte Gebet für die Auferstehung der Toten und den Wiederaufbau Jerusalems sprachen. Beim Herausgehen aus dem Friedhofe raufte ein jeder dreimal Gras aus dem Boden, warf es über den Kopf hinweg hinter sich und sprach hiebei in hebräischer Sprache die Worte: »Sie sprossen aus der Stadt wie das Gras des Feldes« (Ps. 72,16.). Vor dem Friedhofe wusch man sich mit bereit gehaltenem Wasser dreimal die Hände, um sich von der Berührung der Dämonen, die auf dem Todesacker hausen, zu reinigen. Dabei mußte man den Vers (Jes. 25, 8.): »Den Tod verschlingt er auf ewig etc.« sprechen. Jetzt erst machte man sich auf den Weg nach Hause: aber auch beim Gehen mußten noch dreimal die Verse von Ps. 90, 15. und Ps. 91 gesprochen werden. Dem Brauche gemäß setzte man sich jedesmal beim Beginn der Verse auf einen Stein oder Rasen; war der erste Vers gesprochen, dann förderte man wieder betend seine Schritte. So gingen Baruch und Chisdai, ihren Lehrer Rabbi Saul Morteira in der Mitte. »So mögen alle deine Feinde zu Grunde gehen, Herr!« (B. d. Richt. 5, 31.), sprach Chisdai endlich. »An diesem Stolzen hat sich das Strafgericht Gottes wieder in all seiner Macht offenbart. Du hast seine Büßung nicht gesehen, Baruch, auch ich wünsche, daß mein Auge nie mehr solches erschaue. Ein sündiges Mitleid regte sich anfangs in mir, bis ich reuevoll einsah, daß die Menschen verpflichtet sind, die Geißel Gottes zu schwingen. Unvergeßlich ist mir alles. Ich sehe den Abtrünnigen vor mir, wie er im weißen Sterbehemde öffentlich in der Synagoge sein Sündenbekenntnis ablas, das war nicht seine gebieterische Stimme von sonst, er trug seine Stirn nicht mehr so übermütig hoch; aber was nützte es, daß er, wie der Prophet Jesaias sagt, sein Haupt wie Schilf beugte? Und wie er dann in die Ecke geführt wurde, wie man seine Simsonsarme an die Säule festband, wie man seinen breiten Rücken entblößte, das alles seh' ich noch so deutlich vor mir, als ob es jetzt vor meinen Augen geschähe. Der Chacham stand neben dem Küster und sprach den Vers (Ps. 78, 38.): »Der Unbarmherzige vergibt Sünden, schonend wendet den Zorn er, dämpft seinen Grimm er.« Dreimal sprach er die dreizehn Worte und bei jedem Worte gab der Küster dem Abtrünnigen einen Schlag auf den entblößten Rücken. Nicht den geringsten Schmerzenslaut ließ er vernehmen, und als er die gebotene Zahl längst erhalten hatte, lag er noch immer regungslos da, sein Mund küßte den Boden, den sein Fuß zu betreten sich geweigert hatte. Endlich wurde er wieder angekleidet und an den Ausgang der Synagoge geführt; dort unter der Tür mußte er hinknieen, der Küster hielt ihm den Kopf, und ein jeder, der aus der Synagoge ging, setzte den Fuß auf seinen mit Schwielen besäten Rücken und schritt über ihn weg; ich machte mich schwerer als ich auf ihm stand, daß er meinen Tritt auch fühle. Ich sage dir, es ist schade, daß dein Vater gerade jenen Tag mit dir verreist; ich sah ihn dann, wie er, da alles fort war, sich aufraffte, nochmals in die Synagoge zurückging, die heilige Lade stürmisch aufriß und lange hinstarrte auf die Gesetzesrollen, bis ihn der Küster ans Weggehen mahnte. ›Sind mir die Himmelstore jetzt wieder offen?‹ fragte er, und mir war's, als ob er ein gellendes Gelächter dabei ausstieße. Er hüllte sich in seinen Mantel und schlich nach Hause. Gottes Wege sind gerecht! Er ist in die Grube gefallen, die er anderen gegraben. So müssen sie alle zu Grunde gehen. Er ist verloren hier und dort.« Chisdai schielte nach seinem Lehrer, um aus seinen Mienen den beifälligen Lohn für seinen heiligen Eifer zu lesen; dieser aber schüttelte nachdenklich den Kopf und sprach noch leise das Gebet vor sich hin. Baruch hatte schon zweimal den Mund geöffnet, um seinem Mitschüler zu antworten; doch in der Furcht, er könnte den Sünder aus Mitleid mit seinem Schicksale zu warm verteidigen, hatte er geschwiegen. Als er aber jetzt das Mißfallen seines Lehrers wahrnahm, sprach er ermutigt: »Du scheinst das Beispiel der Frau des Rabbi Mejir nicht nachahmen zu wollen.« – Er deutete hiemit auf jene Erzählung im Talmud, wo die Frau in dem Verse (Ps. 104, 35.): »O daß die Sünder von der Erde vergingen, auf daß die Gottlosen vernichtet wären,« das Wort »Sünder« in »Sünden« verwandelte – und fuhr dann fort: »Wo gibt es einen Gerechten auf Erden, der nur Gutes tue und nicht sündige? (Pred. 7, 20.) Auch ich verabscheue jene Lehren, die den wirren Uriel verleiteten –« »Du darfst seinen Namen nicht mehr nennen, er ist ausgelöscht,« unterbrach Chisdai und Baruch fuhr fort: »Er hat seine Lehre selbst damit verworfen, da sie ihn zum Selbstmorde führte. Da er noch lebte, haben ihn die Menschen gerichtet; nun er tot ist, darf nur Gott ihn richten.« Der Rabbi nickte Baruch zu, ohne ein Wort zu sagen, da er noch immer mit dem Sprechen des Psalmes beschäftigt war. »Es steht ja aber auch geschrieben,« sprach Chisdai trotzig (Spr. 10, 7.): »Der Name der Gottlosen soll verfaulen.« Lautlos gingen die Drei noch einige Minuten nebeneinander, ein jeder von eigentümlichen Gedanken bewegt. Endlich brach der Lehrer sein Schweigen und erklärte, daß das offenbarte Gesetz keine Abtrünnigkeit dulde; denn darum habe es Gott mit seinem Finger geschrieben und uns überliefert, daß wir alle danach leben. Wer nach den Eingebungen seiner Vernunft leben zu können vermeint, leugnet damit die Notwendigkeit der Offenbarung, leugnet ihre Wahrheit und verhöhnt somit das Gesetz, das ihn treffen muß. »Es gibt wohl Menschen,« schloß der Rabbi, »die da sagen: Laßt jeden denken und glauben, wie er's vor sich verantworten kann – diese sind selbst, ohne daß sie es wissen, abgefallen. Wir dürfen niemand, der in unserm Glauben geboren ist, seinem Verderb überlassen, der auch unser Verderb sein würde. Können wir ihn mit Worten zu Reue und Buße zurückführen, singen wir Hallelujah; bleibt er verstockt und widerspenstig, so zerreißen wir unser Kleid: er ist tot, er muß sterben oder den Satan in seinem Herzen töten. Wir zwingen ihn mit aller Macht, die uns Gott gegeben.« »Man zwingt ihn, bis er sagt: ich will,« schaltete hier Chisdai aus dem Talmud ein und der Rabbi fuhr fort: »Können wir den Lügengeist nicht von ihm trennen, so vertilgen wir ihn selbst mit samt seinem Satan. Wo kein Wort mehr ausreicht, hat uns der Herr den Stein gegeben um zu steinigen. Laßt euch nicht verleiten von denen, die jetzt weichen Herzens sind über das Ende des Abtrünnigen dort und mitleidig sagen: man hätte ihn schonen, ihn nicht so weit treiben sollen. – Es ist ihm wohl geschehen, daß er nicht länger sündigen durfte.« Es mußte sich eine eigentümliche Gedankenfolge in Baruch gebildet haben, denn er fragte nach einer Pause: »Wo ist in der Heiligen Schrift der Selbstmord verboten?« »Was das wieder für eine Frage ist!« antwortete der Rabbi mürrisch und Chisdai setzte hinzu: »Es heißt ja im sechsten Gebote: du sollst nicht morden – Ohne Beisatz, und das heißt weder einen anderen noch dich selbst.« »Du kommst heute wieder auf seltsame Querfragen,« sagte der Rabbi meisternd zu Baruch. Dieser konnte nicht erklären, was ihn bewegte. Der Fremde hatte ihn aus schweren Gedanken herausgerissen, als er am Grabe des Ketzers stand und in die Grube hineinstarrte, darein man den Leib versenkte; es war ihm, als ob man seinen eigenen Körper versenkte und sein Geist irrte fragend und klagend durch die Welt: ist das des Abirrenden Los, daß man ihn in den Abgrund stößt? Wer kann einer fremden Seele gebieten, wer seiner eigenen, daß sie den Weg innehalte, der vorgeschrieben ist? Wie unzerstörbar muß in dem Eingescharrten sein Denken gewesen sein, daß er um seinetwillen anderen den Tod zu geben trachtete und sich selber den Tod gab? Wer darf hier richten und verdammen? Die Ansprache des Fremden hatte solch schweres Sinnen unterbrochen, die Worte des Rabbi auf dem Heimwege hatten aufs neue den scharfen Gegensatz erweckt und jetzt tauchte eine Erinnerung in der Seele des Jünglings auf: Vor Jahren, als er hier zum ersten Male unter den Grabhügeln gestanden, hatte tiefe Wehmut das Herz des Knaben beschlichen. Man begrub damals den Oheim Immanuel, der immer krank und an das Haus gebannt, sich viel mit den Kindern abgab und sie zu Boten seiner Wünsche an die Außenwelt machte. Als nun alle Leute den Friedhof verlassen hatten, der eine in die Schule, der andere nach dem Hafen oder auf die Börse und wieder andere nach ihren Werkstätten und Kaufläden gingen, und drinnen in der Stadt sich das laute Getümmel fortbewegte, als wäre nichts geschehen, da erzitterte das Herz des Knaben, denn die Frage regte sich in ihm: wie kann alles so ununterbrochen fortbestehen, da ja der Oheim nicht mehr zu Hause ist? Stundenlang weinte der Knabe im öden Zimmer des Verstorbenen, dessen Fenster alle weit offen standen wie noch nie, und er schalt über die Leute, die den kranken Mann da draußen liegen ließen und taten, als ob man von gar keinem Oheim wüßte. Die Mutter – denn dem Vater durfte er solches nicht klagen – suchte ihn zu beruhigen und ihm zu erklären, daß der Oheim nicht mehr allein und nicht mehr krank sei, vielmehr gesund und wohlauf droben bei Gott und allen seinen Vorfahren und allen guten Menschen. Der Knabe konnte das nicht fassen und schrie immer: Ja, du hast's nicht gesehen, sie haben ihn in eine tiefe Grube hineingelegt und viel große Erdschollen auf den Schrein geworfen, in dem er geschlafen hat; er ist gewiß aufgewacht und jetzt kann er nicht mehr heraus. Die Mutter suchte dem Knaben zu erklären, daß nur der Körper begraben, die Seele aber bei Gott sei. Der Knabe ward beruhigt, wochenlang mußte er aber bei Sturm und Wetter noch oft plötzlich daran denken: Wie geht es jetzt wohl dem Oheim draußen in der Erde? ... Seitdem hatte er am Grabe der Mutter gestanden und sich ihrer trostreichen Lehre erinnert. Heute aber am Grabe Akostas waren jene Erinnerungen von der Beerdigung des Oheims aufs neue in ihm erwacht. Den Abgefallenen, den man hier einscharrte, hatte sein Leben lang jenes Schmerzgefühl nicht verlassen, das das Herz erzittern macht. Wie kommt es, daß Kindern und Abgefallenen sich dieselben Fragen aufdrängen? Ist es, weil die einen noch nichts wissen von den offenbarten Lehren und die anderen sie freiwillig abwerfen und aus sich selbst die Fragen zu lösen vermeinen? Wer darf strafen wegen solchen Ringens? ... »Sei nicht allzugerecht und klügle nicht allzusehr, warum willst du verderben?« Diesen Vers aus dem Prediger Salomos (7,17.) sprach sich Baruch im Innern vor und war still. Man war am Hause des Rabbi angelangt und dieser erinnerte seine Schüler mit bedeutungsvoller Miene, daß morgen der sechste Jjar sei. Man trennte sich, ein jeder begab sich nach Hause, um noch rasch die Kleider zu wechseln und in die Synagoge zu eilen. – In die offene Erde fällt das Samenkorn, eine Scholle zerbröckelt und deckt es zu, und niemand gedenkt wie es keimt und Wurzel schlägt, dem forschenden Auge verborgen. Wohl mag auch das Menschenleben solch verhülltem Wachstum gleichen, und seine Gesetze sind noch minder offenbar; nur das Gewordene läßt sich fassen, nicht das Werden selbst, die Forschung vermag nur, immer mehr Absatzpunkte in diesem zu erkennen. Und wiederum erwächst keine Frucht als solche aus einer anderen, das Samenkorn muß die Wandlungen des Lebens erneuen, muß keimen und sprossen, Halm, Strauch und Baum werden, um siebenfältig und hundertfältig die Frucht zu erzeugen, die allzeit das Leben neu nährt. 2. Ein Freitagabend In dem Eckzimmer des hohen Hauses mit den großen Bogenfenstern und der reichen Stukkaturarbeit, das auf dem Burgwall unweit der Synagoge stand, herrschte an jenem Abend eine ungewöhnliche Pracht und Lichtfülle. Die silberne in der Mitte des Zimmers hängende Lampe, deren seltsame Arabesken sonst mit Flor umhüllt waren, glitzerte hell im Widerschein der sieben Lichter, die kreisförmig an ihr brannten. Sie hatten der Herrlichkeiten noch gar viele zu beleuchten: die Polster der kunstreich geschnitzten Sessel hatten die werkeltägigen grauen Überzüge abgestreift und boten die Farbenpracht ihrer gold- und seidengestickten Blumen und Vögel dem Auge des Beschauers, so daß man dem bunten Teppiche, der auf dem Boden ausgebreitet lag, kaum einen Blick widmen mochte. Die glänzenden Trinkschalen und Gläser, die in gleichmäßiger Ordnung auf den Schränken standen, spiegelten das Licht in mannigfachen Strahlenbrechungen zurück. Vom Ofen her durchwürzte ein leiser Duft von Sandelholz das ziemlich geräumige Zimmer, in dessen Mitte, gerade unter der Lampe, ein runder Tisch stand. Er war mit rötlich geblümten Linnen bedeckt, die silbernen Becher und Krüge schienen einer kleinen, heitern Gesellschaft zu harren. An der Wand gegen Osten hing ein auf vergilbtem Pergament gezeichnetes Bild, und darüber standen mit goldenen Buchstaben die hebräischen Worte: »Von dieser Seite weht der Hauch des Lebens.« Ein vom Alter gebräunter Rahmen umschloß die halbverwischten Umrisse, aus denen jedoch das Bild einer alten Stadt noch erkenntlich war; darunter stand in hebräischer Sprache: »Und die übrigen Völker um euch her sollen erfahren, daß ich der Herr bin, der da bauet was zerstöret, und pflanzet was verheeret war. Ich der Herr sage es und tue es auch.« (Hes. 36, 36.) Es war die alte Gottesstadt Jerusalem, und wohl manches Auge, das längst vermodert im dunkeln Schoß der Erde, hatte in Tränen der Trauer oder mit dem Freudenblitze der Sehnsucht auf diesem vergilbten Pergamente geruht. – Sonst war kein Bild zu schauen innerhalb der vier Wände, die mit reichen Tapeten geschmückt waren. Auf der Ottomane ruhte eine jugendliche Mädchengestalt: das runde Köpfchen nachlässig auf die Rechte gestützt, deren Finger sich in den kunstlos herabwallenden schwarzen Locken verloren, lag sie unbeweglich da; vor ihr war das Gebetbuch aufgeschlagen, ihr Auge schweifte über dasselbe hinweg und starrte vor sich hin. War's Andacht, war's der Gedanke an Gott, in dem ihre Seele ruhte? war's eine holdschimmernde Erinnerung, die vor ihr auftauchte, oder sind's traumhafte Bilder der Zukunft, die sie umgaukeln und jenes engelhafte Verlangen um die Rosenlippen legen und den Pulsschlag des Herzens verdoppeln? Oder ist es jenes unbewußt selige Traumwachen, welches das Mädchen, das zur Jungfrau reift, so oft überrascht und namen- und gegenstandloses Verlangen in ihm erregt? – Sabbatliche Stille ruhte auf der ganzen märchenhaft gestalteten Umgebung. – »Ich glaub's, daß du müd bist, Miriam, ist gar kein Wunder,« ließ sich eine näselnde Stimme vernehmen, indem sich die Tür öffnete. Miriam sprang hastig auf, strich die Haare aus der Stirn, küßte inbrünstig das Gebetbuch, legte es auf das Fenstersims, und lockerte schnell die Ottomane wieder auf. »Nun? was ist das für ein Schreck? Meint einer es käm' eine Hex. Es ist wahr, man kann an mir erschrecken wie ich ausseh'; hab' noch nicht Zeit gehabt meine Schmutzkleider auszuziehen. Das heißt aber auch einmal geschafft.« So sprach die alte Chaje, und in der Tat, ihr ganzer Aufzug konnte zu der Bezeichnung, die sie sich selber beilegte, auffordern. Eine in Rauch gebräunte Haube bedeckte ihre grauen Haare genugsam; nur einzelne lockere spannen sich vorwitzig wie Herbstfäden über das runzlige Gesicht herab; ein Kohlenstreif auf der linken Wange bis über die Hälfte der Nase war von Miriam bemerkt worden, und Chaje war eben vor dem Spiegel damit beschäftigt, denselben abzuwischen. »Du hast ganz recht getan,« fuhr sie fort, während sie sich mit ihrer Küchenschürze abtrocknete, »du hast ganz recht, daß du dich ein bißchen niedergelegt hast. Wozu steht das Ding das ganze Jahr da und wird nicht gebraucht? Ich wollt', ich könnt' mich jetzt gerad ins Bett legen, ich wollt' gar nichts zu Nacht essen, so müd bin ich; ja, wenn man bald achtzehn Jahr in einem Dienst ist, spürt man die Strapazen, sie setzen sich nicht in die Kleider. Du wirst auch müd sein, zehnmal rauf und runter, alles selbst ausräumen, dem Fremden sein Bett zurecht gemacht, es ist keine Kleinigkeit; jetzt ist aber auch alles proper, er wird sich verwundern. Wie gut ist es, daß du den Fisch noch gekauft hast. Wein, Fisch und Fleisch, das hat der Arme unter den Armen jeden Sabbat; ohne Fisch ist kein rechter Sabbat, es steht ja auch in der Thora. Du bist eine so gute Hauswirtin, daß du bald heiraten darfst; du ladst mich doch auch zur Hochzeit? Mach nur, daß du keinen solchen kleinen Schlemiehl bekommst wie deine Rebekka. – Hast du gesehen, wie der Baruch heut wieder aussieht? Als ob er schon zehn Jahr unter dem Boden gelegen hätt'. Ich fürcht', ich fürcht', das viele Lernen kann ihm, Gott bewahre! an seiner Gesundheit schaden. Tag und Nacht nichts als Lernen und Lernen, wo soll das hinaus? Mein Bruder Abraham hat einen Sohn gehabt, der war so gescheit wie Ristotles, der hat auch zuviel gelernt, bis er sich am Ende ganz hintersinnt hat. Doch still, ich glaub' die Synagog ist schon aus, ich muß gehen, ich darf mich vor keinem ehrenhaften Judenkind sehen lassen wie ich daherkomme, sie kommen schon die Stieg herauf« – und hiemit huschte sie zur Türe hinaus. Miriam war froh, die leidige Schwätzerin los zu sein. Ihr Vater, der Fremde, den wir auf dem Friedhofe mit Baruch im Gespräche gesehen haben, und Baruch selbst traten ein. Miriam ging ihrem Vater entgegen, neigte sich vor ihm, und dieser legte beide Hände auf das Haupt seiner Tochter und segnete sie leise mit den Worten: »Der Herr mache dich gleich den Erzmüttern Sara, Rebekka, Rahel und Lea!« Auch seinen Sohn Baruch segnete er und sprach dabei leise: »Der Herr mache dich gleich Ephraim und Menasse.« (Gen. 18, 20.) Der Vater und Baruch stimmten einen kurzen Gesang an, worin sie die Schar der Engel begrüßten, die jedesmal am Sabbat ins Haus des Juden einziehen. Der Ton des Vaters klang wehmütig, als er hierauf in üblicher Weise mit dem Sohne das Frauenlob (Spr. Sal. Kap. 31, Vers 10) »Wer ein tugendhaftes Weib gefunden« sang. Die Schönheit und der wohlgeordnete Friede des Hauses war noch wie ehedem, die Hausfrau hatte ihm Bestand gegeben, sie selber aber war ihm durch den Tod entrissen. Doppelt schmerzlich war ihr Gedenken in der Freude des Sabbats. Der Fremde betrachtete das an der Wand hängende Bild. »Kennst du es noch, Rodrigo?« sagte der Vater, nachdem er die leisen Gebete beendigt, »es ist ein altes Erbstück und hing einst in unserer Kellersynagoge zu Guadalajara; ich habe es mit vieler Gefahr gerettet.« Während die beiden nun von ihren ehemaligen Zusammenkünften sprachen, standen Baruch und Miriam am anderen Ende des Zimmers. »Du machst ja heute wieder ein entsetzlich finsteres Gesicht,« sagte Miriam und strich dem Bruder mit zarter Hand die Haare aus der Stirn; »da komm an den Spiegel.« Baruch faßte die Hand der Schwester und hielt sie fest, er sprach kein Wort und lauschte mit Miriam auf das Gespräch der Männer. »Das ist eine Fügung Gottes, wofür ich ihm ewig danke, daß ich dich sogleich beim Vorübergehen erkannte,« sagte der Vater zu dem Fremden; »also du kennst meinen Baruch schon? Siehst du, das ist meine jüngste Tochter. Wie alt bist du jetzt, Miriam?« »Nur ein Jahr jünger als Baruch,« antwortete das Mädchen hocherrötend. »Närrische Antwort,« sagte der Vater. »Sie ist, glaub' ich, vierzehn Jahr alt. Ich habe noch eine ältere Tochter, Rebekka, die hier verheiratet ist.« »Nun, meine Lieben, auch ich habe zwei Kinder,« sprach der Fremde, »meine Isabella ist ungefähr so alt als du, Miriam, mein Sohn wird jetzt zwanzig Jahre alt. Ich hoffe, wenn meine Kinder hieher kommen, ihr nehmt euch ihrer an, besonders was unsere heilige Religion betrifft, denn darin sind sie noch unerfahren. Aber hör einmal,« fuhr der Fremde fort, indem er sich mit verschränkten Armen vor Baruch hinstellte. »Wenn ich mir deinen Baruch jetzt betrachte, ist es mir unbegreiflich, daß ich ihn nicht gleich auf dem Friedhof erkannte: diese eigentümliche Bräunlichkeit der Gesichtsfarbe, diese langen, etwas finster hereingezogenen schwarzen Brauen, ganz wie du in deinen jungen Jahren, wenn du auf einen abenteuerlichen Streich sannest, auch diese Falte auf der unebenen Stirne, das bist ganz du; dagegen die gekrausten schwarzen Haare, die feingeschnittenen Lippen mit den sanften Anlagerungen um die Mundwinkel, o! wie himmlisch süß Manuela mit diesen Lippen lächelte. Ein gewisser kühner Trotz, der aus dem Angesichte spricht, alles das gibt ihm ein teilweise moriskisches Ansehen, das hat er von seiner Mutter; ach! wenn die noch lebte, was hätte sie für eine Freude, mich jetzt hier zu sehen.« Baruch hörte die Schilderung seiner selbst unwillig und fast zitternd mit an. Als er nun gar von seiner halb moriskischen Abstammung hörte, erinnerte er sich wieder, daß Chisdai ihn in der Schule damit geneckt; er zürnte seinem Vater, der ihm noch nie etwas davon mitgeteilt hatte. Dieser merkte die Verlegenheit seines Sohnes und sagte zu dem Fremden: »Du kannst es nicht verbergen, Rodrigo, daß du ein Schüler von Silva Velasquez bist und am Hofe Philipps den Damen die Schönheiten und Häßlichkeiten anderer ausdeuten halfst. Baruch, du mußt morgen deine Zeichnungen dem Herrn vorlegen. Sei nur nicht so bang, es ist dir ja nichts geschehen.« »Nein, nein,« sagte der Fremde, indem er dem Jüngling die Wange streichelte, »ich hoffe, wir werden gute Freunde. Hast du meinen Vetter, den gelehrten Jakob Casseres, nicht gekannt?« »Ihn selbst nicht,« sagte Baruch, »aber sein Buch: ›Die sieben Tage der Woche bei der Weltschöpfung› kenne ich.« Man hatte sich zu Tische gesetzt, den Segen über Wein und Brot gesprochen und den Sabbat eingeweiht. »Es ist doch sonderbar,« sagte der Hausvater nach dem Schlußgebete, »sonst, kaum hab ich den letzten Bissen hinunter, kann ich nicht erwarten, bis ich die brennende Zigarre im Munde habe; aber am Sabbat, es ist gerade, als ob unsere Neigungen andere geworden wären, da fällt mir's gar nicht ein zu rauchen und es kostet mir gar keine Mühe, das Verbot nicht zu übertreten.« Der Fremde erwiderte nichts darauf. »Lieber Gott, jetzt bemerk' ich's erst,« fuhr der Vater fort, »du hast noch die vaterländische Sitte, den Wein mit Wasser zu vermischen. Bleib nur bei uns im nebligen Norden, hier auf dem Grunde, den man gewaltsam dem Meere abgerungen und stündlich dagegen wahren muß, wo während der Hälfte des Jahres die Erde erstarrt und des Himmels blau Gezelt stets von Wolken umlagert ist, wo du statt einer von Wohlgerüchen durchwürzten Luft Feuchtigkeit und Dünste einatmest, hier in unserer Stadt, wo kein Brunnen quillt und man das Wasser zum Trinken aus der Ferne holen muß, wo man sich allzeit gleich dem Boden vom Meere gefangen vorkommt; wo das Klima selber den Menschen so ruhig und gelassen macht, und Vorsicht und Geduld, die den Boden des Landes geschaffen haben und erhalten, auch die Haupttugenden der Menschen sind; bleibe nur hier, glaub mir, du gewöhnst dich auch an die Sitte, in dein träges und alterndes Blut lauteres Traubenblut zu gießen und es rascher rollen zu lassen. O! es ist ein liebliches und prächtiges Land unser Spanien, ein Eden, aber von Teufeln bewohnt. Jetzt, da ich bald mein müdes Haupt in den Schoß der Erde legen muß, jetzt erst fühle ich, daß hier nicht der heimische Boden ist, der mich aufnimmt.« »Du wirst ungerecht,« entgegnete der Fremde, »nun du hier sorglos an deinem Tische sitzest und nicht fürchten darfst, dein Freund oder gar dein einen Kind könnte morgen mit reuigem Gemüte beichten, daß du insgeheim den Gott Israels verehrst, und es könnte dann die Glut des Scheiterhaufens statt wie jetzt des köstlich perlenden Weines deine alten Glieder erwärmen, nun denkst du nur noch der Freuden des Vaterlandes und vergissest des jammervollen Greueltodes, der uns überall anstarrte; uns sollten die prächtigen Kastanienwälder mit ihren dunkeln Schatten nicht zur Ruhe und die reichen Forste nicht zur fröhlichen Jagd einladen, morgen konnten jene Bäume unsere Scheiterhaufen, morgen konnten wir das gejagte Wild sein. Wahrlich, wenn ich dich so reden höre, könnte ich jenen Eiferern fast beistimmen, wenn sie die Schuld all der Qualen, die uns erreicht, dem allein beimessen, weil wir unser Vaterland zu sehr geliebt, zu vergnüglich und stolz im dort erlangten Ansehen uns gefielen.« »Ja, ja, du hast recht,« entgegnete der Vater, »aber laß uns die Freude des Wiedersehens nicht durch trübe Betrachtungen stören; komm, trink; doch nein, Miriam hol die venetianischen Gläser dort her, laß dir von Elsje in den Keller leuchten, und bring die zwei Flaschen, die mir de Castro unlängst geschickt hat.« »Herrlich,« sagte der Fremde, als er das Glas des neu aufgetischten Weines an den Mund gebracht hatte, »das ist ja echter Val de Pennas, wo hast du den her?« »Wie ich dir sagte, Ramiro de Castro hat mir ihn von Hamburg aus geschickt; der Wein hat mit uns geblüht, er ist aber mit der Zeit feuriger geworden, und wir –?« »Nun, wir haben auch gelebt; sei zufrieden. Der Wein weckt die alten längst verrauchten Geister wieder in mir; weißt du noch? Solchen Wein tranken wir an jenem Abend in der Posada neben dem Hause der Donna Ines, die dich schon seit zwei Abenden vergebens harren ließ; du schlugst auf den Tisch und schworst, sie nie wieder zu sehen, und den anderen Abend hieß es in der verschwiegenen Laube: lieber Alfonso und liebe Ines, ha! ha! ha!« Der Vater ermahnte seinen Gastfreund leise, doch Rücksicht auf die Kinder zu nehmen; der Fremde aber achtete nicht darauf und ergötzte sich an dem vaterländischen Weine. »Denkst du noch jener himmlischen Sommerabende,« fuhr er dann fort, »als wir auf der Almeda in Guadalajara umherschlenderten? Ich seh' dich noch, wenn um neun Uhr das Glöckchen läutete und alles wie bezaubert still stand, um ein Paternoster zu beten; ich seh' dich noch vor mir stehen, wie du deinen Hut in der Hand zusammenknitterst, deine Augen sprühten Feuer, als wolltest du die ganze Welt in Flammen setzen und nicht nur Donna Ines allein, du warst stets ein gefährlicher Caballero. Gott im Himmel!« fuhr der Fremde fort, nachdem er noch einen guten Zug Weines genommen, »mir steht noch der Angstschweiß auf der Stirne, wenn ich daran denke, wie wir einst in Toledo vor der Kirche Unserer Frau del Transito standen: siehst du, sagtest du zähneknirschend, das prachtvolle Gebäude, das war einst eine Synagoge unserer Vorfahren. Samuel Levi, der sie erbaut hat, ist am Galgen verfault, und jetzt – es ist em wahres Wunder, daß wir bei deinem übermütigen Geiste immer mit heiler Haut davongekommen sind.« So ergingen sich die beiden Freunde in Jugenderinnerungen; in einer Stunde lebten sie noch einmal ein Leben voll Liebeslust und Jugendmut. »Ich kann nicht begreifen,« sagte Baruch einmal, »wie man nur eine Minute glücklich sein kann in einem Lande, wo man stets Verrat und Schmach und Tod um sich her sieht.« »Darum bist du eben noch zu jung,« sagte der Fremde. »Glaub mir, und belauscht man jeden deiner Atemzüge, es gibt Stunden, ja Tage, wo du fröhlich sein und alles vergessen kannst; und stößt man dich in Schmach, und wirft man dich und die Deinigen in den Kot – ein Allerheiligstes gibt's, wohin keine Erdenmacht reicht, es ist das eigene Bewußtsein und der trauliche Kreis der Unsrigen, der Himmel, der sich uns dort erschließt, den kann uns niemand rauben, selbst das ewige Schreckbild des Todes nicht. Alle diese Qualen sind über uns gekommen, und doch waren wir glücklich.« »Aber der unaufhörliche Zwiespalt in der Seele? Christ vor der Welt und Jude im Herzen?« »Das war unser Unglück, das sah ich an deinem Oheim Geronimo.« »Warum verläßt der nicht seine finstere Klause und kommt zu uns herüber?« fragte Baruch. »Er hat seine Klause verlassen und wir kommen zu ihm. Er ist tot. Junge, diese Leidensgeschichte hättest du mit erleben sollen, es käme dir zu gute fürs ganze Leben.« Baruch hatte sich von seinem Sitze erhoben und leise den bei einer Todeskunde vorgeschriebenen Spruch gesagt: »Gelobt seist du Herr unser Gott, König der Welt, wahrhaftiger Richter.« »O erzählt, ich bitt' Euch,« sprach er dann; auch Miriam rückte näher an den Tisch und vereinigte ihre Bitte mit der des Bruders. »Es ist heute Sabbat und ich sollte nicht,« sagte der Fremde; »doch weil ihr so sehr bittet, so sei es; ist es ja sein Tod, der mir die Entschlossenheit gab, mich und die Meinen mit Gottes Hilfe aus der Lüge zu retten.« 3. Der jüdische Dominikaner Rodrigo Casseres nahm noch einen vollen Zug aus seinem langen Glase und erzählte: »Es werden jetzt ungefähr acht Monate sein, als ich durch Philipp Capsoli einen Brief aus Sevilla erhielt; ich erschrak schon als ich die Aufschrift las: ›An Daniel Casseres in Guadalajara.› Das konnte wieder nur ein unvorsichtiger Jude sein, der mich bei meinem jüdischen Namen nannte; wie erzitterte ich aber erst über den Inhalt des Briefes: ›Daniel, Mann des Gefallens,› hieß es darin, ›der Tag der Rache und des Todes ist da; ich will sterben mit den Philistern. Hei! sie sollen spüren wie's tut, wenn man bratet; komm zu mir; ich bin von heiligen Schergen bewacht. Bei dem Namen des allerheiligsten Gottes, bei der Asche unserer gemordeten Brüder und Schwestern beschwöre ich dich, komm zu deinem sterbenden Geronimo de Espinosa.‹ – Es war kein Zweifel, Geronimo selbst hatte den Brief geschrieben; der feine wagrechte Strich, das Zeichen der Verehrung des einzigen Gottes unter seiner Namensunterschrift, zeigte mir das vollkommen, wenn ich gleich die zitternde Handschrift nicht als die seinige erkannte. Ich eröffnete meinen Kindern den Entschluß, nach Sevilla zu reisen; ich war so schwach, mich durch ihre Bitten und Tränen von der Ausführung abhalten zu lassen. Ich hatte den armen Geronimo fast ganz vergessen, als mich einst ein schaudervoller Traum an ihn erinnerte, und des anderen Tages war ich auf der Reise. Ich trennte mich mit beklommenem Herzen von meinen Kindern, denen ich gesagt hatte, ich reiste nach Kordova zu meiner Schwester. Ich zog durch Kordova und schlich mich unbemerkt an dem Hause meiner Schwester vorüber; nirgends konnte ich ruhen noch rasten, es war als ob eine unsichtbare Hand mich unaufhaltsam fortdrängte. Ich kam nach Sevilla. Eben läutete das Glöcklein zur Hora als ich den Trianenberg hinanstieg. Dort weilst du, glühender Geronimo, sprach es in mir, und förderst deine Schritte zur Kapelle; hast Gebet auf den Lippen und Fluch im Herzen. Hieß es nicht Gott versuchen, da du, im Innern ein Jude, dich hineinwagtest mitten in den Rat der Inquisition, um so deinen Brüdern zu helfen? – Ich trat in die Kapelle und kniete nieder, bis die Messe beendigt war. Ich richtete mich auf und betrachtete die fetten und die abgehärmten Klosterbrüder genau; in keinem erkannte ich Geronimo. Ich fragte einen Familiaren nach ihm, er sagte, schon seit Wochen läge Geronimo zwischen Leben und Tod und spräche stets mit Daniel in der Löwengrube. Er führte mich in seine Zelle. Mit abgewandtem Gesichte schlummerte der Kranke, nichts als ein kahler Schädel war zu schauen; ein Kruzifix hing über seinem Bette und neben ihm saß ein betender Klosterbruder, der mir zuwinkte, ich möge leise auftreten. Nur das mühsame Atemholen des Kranken und ein leises Geflüster des Betenden zeigte von Leben in dieser Grabesstille. Endlich richtete sich der Kranke auf, ich erkannte ihn nicht: diese tiefliegenden Augen und hohlen Wangen, diese blassen Lippen vom lang herabwallenden weißen Bart umflossen, so konnte sich das Ansehen Geronimos nicht verändert haben; er erkannte mich aber alsbald, und leise, kaum die Lippen bewegend, sprach er: ›Bist du noch da, Daniel? Das ist schön, daß du mich nicht verlassest; brauchst dich nicht zu fürchten, bist auch in der Löwengrube, aber Gott hilft dir heraus wie unserem Propheten zu Babel; nur mir haben sie Blut und Mark ausgesogen, ich kann nicht hinaus. Nicht wahr, du gehst nicht von mir?‹ Ich hatte gefürchtet, der Augenblick des Wiedersehens würde vielleicht seinen Tod beschleunigen; ich konnte kaum begreifen, wie er tat, als ob wir längst beisammen, ja als ob wir nie getrennt gewesen. Er winkte dem betenden Bruder neben ihm und dieser nahm sein Buch unter den Arm und ging. Beim Hinausgehen sagte er mir aber noch leise ins Ohr, daß ich, wenn es zu arg würde, dort an der Klingel läuten könnte. ›Ist er fort?‹ sagte nun Geronimo, ›komm, gib mir schnell die Pechkränze, die du unter deinem Mantel hast, ich will sie hier verbergen in meinem Bett. Heute nacht, wenn sie alle schlafen, zünden wir ihnen das Nest über dem Kopfe an; das wird eine lustige Opferflamme sein, die Engel im Himmel sollen drob lachen; ich bin gebunden, ich kann nicht hinaus. An allen vier Enden muß man's zugleich anzünden: wir müssen eilen, sonst steigt der Quadalquivir von selbst aus seinem Bette und löscht die Flamme auf der Burg, sie haben ihn im Solde. Hilf mir, das Wasser reicht ans Leben. Herr Gott! ich habe gesündigt, ich habe deinen heiligen Namen verleugnet; du hast ja sonst dich gezeigt in Wundern, sende deinen Blitz, daß er sie vertilge, mich auch, mich zuerst, ich habe gesündigt, vertilge mich.‹ So sprach er schnell, und dabei schlug er sich mit seinen knöchernen Fäusten auf die Brust, daß es dröhnte; ich konnte ihm nicht wehren, er sank fast atemlos zurück; ich fürchtete, daß er jetzt verscheide, und wollte eben an der Klingel läuten, da richtete er sich plötzlich wieder auf und weinend sprach er: ›Komm, gib mir deine Hand, sie ist rein, rein vom Blute deiner Brüder; es war des Satans Eingebung, daß ich Wurm den Riesenbaum zu zernagen trachtete. Ich büße für meinen Stolz, ich habe meinen Gott verleugnet, ich sterbe nutzlos, wie ich nutzlos lebte. Siehst du nicht meinen Vater dort? er kommt auch uns zu helfen; so, du hast Pechkränze genug, Vater. Hörst du die Gefangenen drunten Hallelujah singen? Ah, das ist ein schöner Gesang, Hallelujah Hallelu El. Wir befreien euch, ihr dürft sterben. Seht mich nicht so grinsend an, ich bin nicht schuld!‹ – Er sank wieder zurück und stierte mich mit unheimlich gläsernem Blicke an. Ich bat ihn um Gottes und unserer selbst willen, ruhig zu sein; ich erzählte ihm, wie ich hergekommen sei, seinem Briefe Folge leistend; er solle ruhig sein, er habe viel Menschenleben gerettet, und Gott sei auch gnädig und verlange nur das Herz. Mit vollem Bewußtsein redete er sodann mit mir von seinem nahen Tode, und wie er sich dessen freue; ein gewaltiger Tränenstrom enthob seine Seele der schweren Pein, die auf ihr lastete; doch plötzlich riß wieder alles in furchtbarer Zerrüttung durcheinander; er verlangte nach dem geweihten Wasser, das lindere seine Schmerzen; hier in der Herzgrube, da brenne es wie glühendes Eisen; ›trink auch,‹ sagte er zu mir, ›der heilige Vater hat es geweiht; segne mich, mein Vater, es ist Sabbat. Wo ist die Mutter? noch drunten im Keller in der Synagoge? Mutter, mach auf, ich bin's, dein Moses‹. – So sprach er, und mir schwindelte vor dem entsetzlichen Abgrunde, an dem ich stand. Es wurde Abend und Geronimo glaubte, man schleppe ihn in einen finstern Kerker, man spanne ihn auf die Folter; schmerzvoll ächzend und mit fast ersterbender Stimme rief er stets: ›Ich bin kein Jude, ich weiß nicht, wo verborgene Juden sind. Daniel, verlaß mich nicht, verlaß mich nicht, Daniel!‹ Endlich schlummerte er wieder ein. Es war Nacht geworden, das volle Antlitz des Mondes blickte durch das Fenster und goß sein silbernes Licht über den Kranken. Ich war zum Tode bereit, denn jedes Wort aus unserem Gespräche hätte, wenn es vernommen worden wäre, mir den Martertod gewißlich gebracht; zu gutem Glücke war aber fast der ganze Orden heute bei der Untersuchung gegen die Lutheraner in der Stadt beschäftigt. Ich betete zu Gott, daß er sich Geronimos erbarmen und ihm den Tod senden möge. Kinder! Es ist gräßlich, um den Tod eines Menschen zu beten, und noch dazu um den eines Jugendfreundes. Warum aber sollte diese Seele noch länger gemartert werden? Es war aber anders beschlossen, ich sollte noch Erschütternderes erfahren. Ich saß in trübe Gedanken versunken da, als ein Familiare eintrat und mir befahl, zu dem Inquisitor zu kommen. Mein Herz pochte laut, als ich zu ihm eintrat; ich warf mich vor ihm auf die Knie und bat um seinen Segen. Er erteilte ihn mir und sprach alsdann: ›Du bist ein Freund Geronimos. Wofern du ein guter Christ bist,‹ und hiebei richtete er einen durchbohrenden Blick auf mich, ›sorge dafür, daß Geronimo von seiner Hartnäckigkeit läßt und noch vor seinem Tode das heilige Abendmahl nimmt; versuch's und berichte mir sogleich, so darf er nicht sterben.‹ Ich ging wieder in die Zelle des Kranken, er schlummerte noch; ich neigte mich leise über ihn, er wachte auf. ›Komm,‹ sprach er hastig sich aufrichtend, ›jetzt ist's Zeit. Siehst du? Gideon mit seinen dreihundert Mann kommt auch, sie tragen die feuergefüllten Krüge ins Lager der Midianiten; still – leise – blast noch nicht in die Posaunen, laßt uns das Hochamt halten.‹ Er faltete seine Hände und bekreuzte sich darauf dreimal. Ich bat, ich beschwor ihn, ich weinte vor innerer Angst, und redete ihm zu, ruhig zu sein; ich erzählte ihm von den Tagen unserer Kindheit und wie er mich nun selber morde, wenn er nicht das heilige Abendmahl nehme. ›Warum gibt man mir's nicht?‹ sprach er ruhig, ›ich bin ja Priester; komm, wasche meine Hände, ich bin unrein, dann will ich's empfangen.‹ Ich ging zum Inquisitor und sagte ihm, daß Geronimo zwar noch immer wirr sei, daß er aber selbst nach dem heiligen Abendmahl verlange. Der Inquisitor versammelte den ganzen Orden, und als sie den langen Gang heranzogen mit den Weihegefäßen und dem schauerlichen Totengesang, der in der hohen Halle lange nachtönte, sang Geronimo laut mit, und noch als der Gesang verklungen war, sang er de profundis clamavi mit lang anhaltendem Tone, wobei er die Hände stets gefaltet hielt; dann riß er seine Hände schnell auseinander, bedeckte damit seinen Kopf und sang die hebräischen Worte: Heilig! Heilig! Heilig! Adonaj Zebaot! (Jehovah, Gott der Heerscharen) Ave Maria gratia plena , sprach er in derselben Lage fast mechanisch vor sich hin. Der Inquisitor benutzte diesen Augenblick und reichte ihm die Hostie; er verschlang sie wie mit Heißhunger. ›Den Kelch! den Kelch!‹ rief er, ›ich bin Priester.‹ Der Inquisitor reichte ihm den Kelch, er schlang seine beiden Hände krampfhaft um denselben und begann den jüdischen Sabbatsegen darüber zu sprechen: dann richtete er sich mit Macht im Bette auf, er stand da in seiner ganzen schauererregenden Gestalt und schrie: ›Auf Gideon! Zerschmettert die Krüge! Feuer! Feuer!‹ Er setzte den Kelch an die Lippen, warf ihn an die Wand daß die Scheiben klirrten, sank um und – war tot. – Der Fremde bedeckte seine Augen mit der Hand und stand auf, als er diese Worte gesprochen hatte. Niemand wagte ein Wort laut werden zu lassen, denn welches konnte die namenlosen Erschütterungen der Seele in sich fassen? Jeder fürchtete nur durch einen Laut, durch einen Seufzer, die tiefe Bewegung des anderen zu stören. Es war eine Totenstille. Draußen klopfte es wie mit gespenstischen Fingern an die Scheiben; alle zuckten zusammen, der Fremde öffnete das Fenster, es war nichts zu sehen. Er setzte sich wieder an den Tisch und fuhr fort: »Ich war halb besinnungslos an dem Bette Geronimos niedergesunken, der Kelch mit dem verschütteten Weine lag neben mir am Boden, Ich wagte nicht, mich aufzurichten, aus Furcht, daß mein Blick zuerst meinem Henker begegnen müsse. ›Steh auf,‹ sprach eine rauhe Stimme zu mir. Ich richtete mich auf, der Inquisitor stand vor mir, keiner der Mönche war mehr zugegen. ›Wie heißt du?‹ fragte er mich barsch. Ich war in peinigendem Zweifel: sollte ich meinen wahren Namen angeben, sollte ich nicht? Aber vielleicht hatte er ihn schon erspäht und eine Lüge brachte mir den zwiefach gewissen Tod. Ich sagte die Wahrheit; er frug nach einem Zeugen. ›Hier kennt mich niemand,‹ antwortete ich, ›aber mein Schwager, Don Juan Malveda in Kordova kann mir bezeugen, daß jener Casseres, in dessen Hause zu Segovia die erste Sitzung der Inquisition gehalten wurde, mein Ahnherr ist.‹ Ich muß mich noch jetzt über den Mut wundern, mit dem ich in diesem entscheidenden Augenblicke zu dem Inquisitor redete. ›Schwöre mir,‹ sagte er nach einer peinlich langen Pause, ›nein, schwöre mir nicht, aber wofern du nur eine Silbe von dem, was du hier gesehen, über deine Lippen bringst, so stirbst du mitsamt deinen beiden Kindern des Feuertodes. Du bist in meiner Gewalt, ich halte dich mit unsichtbaren Banden, du kannst mir nicht entrinnen.‹ Er befahl hierauf einem Familiaren, mich aus dem Kastell zu entlassen. – Wenn wir die Geschichte des Propheten Jonah buchstäblich nehmen dürfen, gleich mir muß es ihm zu Mute gewesen sein, als er vom Seeungeheuer ausgespieen wurde. Ich glaubte noch immer den schauerlichen Grabgesang zu hören, und doch war alles um mich her totenstill. Alles war so heimlich, so bedrohlich: jeder Busch, der im Mondlichte schwankte, schien mir Eile zuzuwinken. Ich war vor Ermattung und Angst kaum mehr eines Gedankens mächtig, und nirgends in der weiten Umgebung eine Seele, an der ich mich aufrichten konnte. Da blickte ich hinauf in das zahllose Heer der Sterne, ihr himmlisch Licht glänzte wohltuend in mein Inneres, Gott, der Gott der Heerscharen, wachte über mir; meine ganze Seele war ein Gebet, er vernahm's. – Ich gelangte in meine Herberge, sattelte mein Pferd, und ritt wie auf Sturmesflügeln davon. Der Mond war hinter Wolken verschwunden, und nur der Sterne mattes Licht beschien meinen einsamen Weg. Das Pferd selbst schien wie von unsichtbaren Geißeln getrieben, es stürmte unaufhaltsam fort über Berg und Tal, und schnaubte und schäumte fürchterlich. Vielleicht, dachte ich, ist die Seele eines grimmigen Judenfeindes, vielleicht gar die Seele des verstorbenen Großinquisitors, in dieses Tier gefahren, und ist nun verdammt, mich durch die Nacht dahinzutragen zur Rettung vor meinen Feinden. Oft, wenn es seinen Kopf nach mir zurückwendete und zu mir umschaute mit seinen feurigen Augen, schien mir's als ob es zu mir spräche: Leide ich nicht genug für mein früheres Leben? Ich fürchtete mich fast vor meinem eigenen Schatten, der rastlos über Felsen und Gestrüppe dahinhüpfte, und drückte die scharfen Sporen nur noch mächtiger in die Rippen des Pferdes. – Ihr, die ihr in Freiheit aufgewachsen seid und darin lebt, ihr könnt es nicht wissen, welch eine Verwirrung des Lebens in solchen Stunden eintritt; die Erde ist nicht mehr fest, der Himmel ist verschwunden und was je von Schrecken und Gespenstern die Erinnerung aufgenommen hat, wacht auf. Ein Wunder, wenn es sich zeigte, würde ohne Staunen angesehen, denn alles ist Wunder, alles unfaßlich geworden und das eigene Leben am meisten. Ermattet kam ich in Kordova bei meiner Schwester an; erst an ihrem treuen Herzen verscheuchte ich die Angst, die mich kaum frei atmen ließ. Als ich des anderen Morgens in den Stall kam, um mich nach meinem Pferde umzusehen, lag es tot da; seine großen Augen stierten noch so unheimlich wie am gestrigen Abend. Mit einem frischen andalusischen Renner meines Schwagers setzte ich die Reise fort. Ich nahm von meiner Schwester Abschied; ich durfte ihr nicht sagen, daß ich sie zum letzten Male sah. – Als ich in der Heimat ankam, war mir die alte Ruhe und Sicherheit im Hause verschwunden. In jedem Freunde, der mich herzlich willkommen hieß, in jedem Fremden, der mich auf der Straße ansah, glaubte ich einen Abgesandten jener Mörderbande, die sich ein Gericht nennt, zu erblicken; jeder, meinte ich, müßte den Mantel zurückschlagen, und mir das blutigrote I auf seiner Brust zeigen. Die alte Sorglosigkeit war verschwunden, ich kannte nur noch Furcht und Mißtrauen. Dazu kam noch, daß wachend und schlafend mir das Bild Geronimos vorschwebte; auch du, auch du, sprach es in mir, kannst eines solchen Todes sterben, verlassen vom Glauben, der ein Spielzeug deiner Feigheit war, haltlos herumgezerrt zwischen Wahrheit und Heuchelei. Ich verkaufte all meine Güter, und machte mich nicht ohne große Gefahr – denn ihr wißt, daß niemand ohne besondere Erlaubnis des Königs Spanien verlassen darf – mit Gottes Hilfe davon. Ich schickte meine Kinder auf verschiedenen Umwegen voraus; sie sind aber in Leiden geblieben. Wenn Gott mir das Leben erhält, bringe ich sie nächste Woche hieher, Wollt' ich noch alles erzählen, was ich ausgestanden, bis ich hieher gekommen, es währte bis zum nächsten Morgen, und ich hätte noch nicht den zehnten Teil berichtet; aber es ist schon spät und wir bleiben ja, will's Gott, länger beieinander,« »Ja, die Lichter sind auch schon ganz herabgebrannt, und morgen ist der sechste Jiar, da müssen wir früh heraus, darum wollen wir in Gottes Namen zu Bette gehen.« So sprach der Vater und Alles schied. So behaglich anmutend ein jüdisches Haus am Freitagabend in den Stunden festlichen Beisammenseins ist, ebenso mit wundersamen Schauern erfüllt ist die Zeit der Trennung. Die sieben Lichter brennen still aus in der leergewordenen Wohnstube, und es ist eine seltsame Empfindung, wenn man sich dorthin denkt, wo ein Licht nach dem andern erlischt; denn das Gesetz verbietet, am Sabbat ein Licht auszulöschen oder eines anzuzünden und in die Hand zu nehmen. In dem Eckhause auf dem Burgwall ging ein jedes im Dunkel nach seiner Ruhestätte und jedem folgten die Schreckbilder aus der Erzählung des Gastfreundes. Die alte Chaje schlief schon lange und träumte eben von der Hochzeit Miriams und wie sie selbst eine so wichtige Rolle dabei spielte, als ihre Stubengenossin Miriam eintrat und sie durch Rufen und Rütteln weckte. »Was ist? was ist?« fuhr Chaje auf, sich die Augen reibend. »Du schnarchst so sehr und schwatzest aus dem Schlaf, daß ich entsetzlich Angst bekommen habe,« antwortete Miriam; im Grunde war es aber noch eine andere Furcht, die sie zur Ruhestörerin machte: im undurchdringlichen Dunkel glaubte sie jeden Augenblick das Gespenst ihres Oheims zu sich heranschleichen zu sehen, und sie wollte durch Reden ihre Angst verscheuchen. Chaje erzählte nun ihren Traum, und wie es schade gewesen sei, daß sie geweckt wurde, der Mund wässere ihr noch von den vielen guten Speisen, die sie bei der Hochzeit genossen, sie sei obenan gesessen neben dem Bräutigam, mit ihrer goldenen Kette und ihrem rotseidenen Kleid; »ja lach nur,« sagte sie, »was einem in der Freitagnacht träumt, wird so gewiß bald wahr, so gewiß als jetzt Sabbat über der ganzen Welt ist.« Miriam war froh, Chaje so redselig zu finden, ihre Gespensterfurcht begann zu weichen. »Wie hat denn mein Bräutigam ausgesehen?« fragte sie, als sie sich eben entkleidet hatte und sich in den Kissen zusammenhuschte. Das wußte Chaje leider nicht mehr, aber was für Kleider er anhatte, und was er mit ihr sprach, und was alle Gäste gesprochen hatten, das erzählte sie alles haarklein. Sie sprach noch, als Miriam schon längst schlief. Es konnten nicht Gespenster gewesen sein, von denen sie geträumt, denn als sie am anderen Morgen erwachte, zog sie schnell die Bettdecke über ihren Busen, schloß die Augen nochmals und versuchte es, weiter zu träumen. Nicht so heiter war Baruch erwacht. Auch er war mit laut pochendem Herzen in sein finsteres Schlafzimmer gegangen, nicht das Gespenst seines Oheims war ihm hier in der Dunkelheit erschienen, und doch stand er vor ihm in Gedanken: ein unwandelnder Geist erfüllte ihn mit tiefem Schrecken und beklemmte seine Brust. Mit lauter Stimme und aus der Tiefe seiner Seele sprach Baruch das Nachtgebet, einen besonderen Nachdruck legte er auf die Beschwörungsformel, die er dreimal wiederholte: Im Namen Adonajs (Jehovahs), des Gottes Israels, mir zu Rechten Michael, mir zur Linken Gabriel, vor mir Uriel, hinter mir Raphael und mir zu Häupten Schechinath-El (der heilige Geist Gottes). – Er verbarg sein Angesicht in den Kissen, drückte die Augen fest zu, aber lange wollte kein Schlaf sie fesseln; zu mächtig wogte es noch in seinem Innern. Er war erst wenige Stunden eingeschlafen, als ihn sein Vater aus einem fieberhaften Traume weckte, denn es war Zeit, in die Synagoge zu gehen. 4. Die Synagoge Noch lag ein leichter Nebel über den Straßen Amsterdams, die goldenen Buchstaben der Worte בית יעקב (Jakobshaus) über dem Portale der Synagoge auf dem Burgwall glänzten nur matt, aber schon drängten sich in großer Anzahl Männer und Frauen durch die sieben Säulen, welche die Vorhalle der Synagoge bildeten. Auch Baruch, sein Vater und der Fremde waren dort. Am inneren Eingange trat jeder vor eines der zwei Marmorbecken neben den beiden Türpfosten, drehte den messingenen Hahn des Brunnens und wusch sich die Hände: Baruch beobachtete hiebei die Vorschrift des Talmuds, daß er die rechte Hand zuerst wusch. Darauf stieg man drei Treppen hinab, denn jede Synagoge muß in der Tiefe sein, weil geschrieben steht: Aus der Tiefe ruf' ich zu dir Jehovah (Ps. 130,1.). Jeder der Anwesenden legte dann ein großes wollenes Tuch, dessen Enden drei blaue Streifen durchliefen, und an dessen vier Ecken Schaufäden herabhingen, über die Schultern; die Frömmsten, und unter ihnen auch Baruch, bedeckten noch den Hut damit. »Wie schön sind deine Gezelte, Jakob, deine Wohnungen, Israel!« (3. Buch Mos. 25, 5.) sang ein gut eingeübter Knabenchor; und hier wurden diese Worte nicht zur Ironie, denn das einfach erhabene Innere des Gebäudes war schön geziert. Am oberen Ende auf der Seite gegen Osten, wo einst die heilige Stadt Jerusalem gestanden, und wohin der Jude beim Gebete sein Angesicht kehrt, dort wurden von zwei steinernen Löwen die Tafeln gehalten, auf denen die zehn Gebote eingegraben waren. Sie standen über der heiligen Lade und rings umher im Halbkreise waren blühende Mandel- und Zitronenbäume in buntbemalten Kübeln aufgestellt. Denn alljährlich, seitdem sie vertrieben waren aus ihrem spanischen Vaterlande, sendete man hinüber nach der katholischen Halbinsel, holte Bäume mit dem vaterländischen Erdreich, in dem sie aufgesproßt waren, und schmückte damit die Synagoge; man mochte sich dann auf einige Stunden zurückträumen in die heimischen Gefilde. Das lange Frühgebet, das der Vorsänger laut sprach, bot Muße genug zu allerlei Betrachtungen; doch als er endlich das »Schema Israel« (5. Buch Mos. 6, 5.) begann, sie! die ganze Gemeinde mit lauter Stimme ein; es war kein harmonisch gebundener Gesang, das ganze Gebäude erdröhnte wie von wildem Feldgeschrei; denn das war ja ihr Schlachtenruf, mit dem sie das Leben und den Tod tausendfach besiegten: Höre Israel, Adonaj unser Gott ist ein einiger Gott! Der Geist aller wollte sich mit Macht hineindrängen in den unerforschlichen Urgrund des Gottesdaseins. Auch Baruch drückte seine zitternden Augenlider fest zu, seine Hände ballten sich krampfhaft, alle Nerven durchzuckte ein heiliges Beben, das ganze Bewußtsein mit seinen nach der Außenwelt strebenden und von ihr angezogenen Strahlen wurde zurückgedrängt in den einen Lichtpunkt, wo es sich findet in Gott. Mit himmelwärts gekehrtem Antlitz sprach er den Vers, indem er nach der Vorschrift der alten Weisen sich alle die Todesgefahren und Qualen vor das innere Seelenauge führte, die er für den Glauben an die Einheit Gottes freudig zu ertragen bereit war. Wie mit frischem Himmelstau getränkt fühlte er seine ganze Seele durch diese Erhebung. – Das Frühgebet war zu Ende, die beiden Flügeltüren der heiligen Lade wurden geöffnet, eine schimmernde Reihe von Gesetzesrollen, die in Goldbrokat gehüllt und mit Goldblech und Edelsteinen geschmückt waren, zog die Blicke der Versammlung nach der heiligen Stätte, wo von den drei angesehensten Männern der Gemeinde wechselsweise die Namen der Städte und Länder genannt wurden, in denen glaubensstarke Juden sich dem Opfertode geweiht; die vorzüglichsten unter diesen Märtyrern wurden aufgezählt, und zum Schluß das Totenregister des letzten Jahres verlesen. Rahel Spinoza war mit unter den ersten derselben, ihr Name wurde mit Segen genannt und der milden Stiftung erwähnt, die sie für die Talmudschule »Gesetzeskrone« hinterlassen hatte. Mit wehmutsvollem Blicke sah Baruch seinen Vater an, denn in das heilige Andenken an seine Mutter mischte sich die rätselhafte Erwähnung ihrer moriskischen Abstammung. – Die heilige Lade wurde wiederum geschlossen und Rabbi Isaak Aboab trat an den in der Mitte der Synagoge stehenden Altar. Es war ein schmächtiges, blatternarbiges Männchen mit hoher Stirne und weit herausliegenden grauen Augen, ein roter Bart umgab Wangen und Kinn: »Und wandl' ich auch im Todesschattentale, ich fürchte kein Ungemach, dein Stab und deine Stütze, die halten mich aufrecht« (Ps. 23, 3,), sprach er mit schnarrender Stimme. Ein Doppeltext aus dem Talmud wurde noch hinzugefügt und im Verlaufe der Rede fand der gewählte Ausdruck »dein Stab und deine Stütze« die sinnreiche Erklärung, daß unter »Stab« das geschriebene und unter »Stütze« das mündliche Gesetz verstanden werden müsse. Der Prediger stieg dann mit seinen Zuhörern hinab zu dem, »der lebendig eingesargt im Kerker sein Leben verwimmert; die verwilderten Haare seines Hauptes sind sein einziges Ruhekissen, ob es Tag ist oder Nacht, ob der Frühling erblüht oder der Herbstwind die gelben Blätter von den Bäumen pflückt, er weiß es nicht; Moder und Nacht umgibt ihn, aber innen im Herzen ist lichter, wonniger Tag, denn Gott wohnet drin. In seiner Einsamkeit umschwebt ihn ein zahllos Heer von Engeln, die ihn hinwegtragen aus den starren Kerkermauern, weit weg über alle Welten bis zu dem Throne Gottes, wo er anbetend ruht.« Alle Grade der Folter schilderte der Rabbi seinen Zuhörern bis zu jenem höchsten Grade, wo durch Niedertropfen von Wasser auf den Wirbel der Kern der Seele selber angegriffen wird. »Wehe!« rief er, »unsere Augen haben noch all das unnennbare Leid gesehen, das der Herr über uns verhängt; nein, nicht Wehe laßt uns ausrufen, sondern Preis und Dank Ihm, der sie alle erhoben hat sich zu weiden im Glanze seiner Majestät.« Der Übersetzer von Eriras »Himmelspforte« schilderte hier die Wonnen der ewigen Glückseligkeit in all ihrer Überschwänglichkeit und pries jene Lehre, vor der die Engel sich beugen und das Weltall zittert; er schilderte jenes Sichversenken in die Lehre Gottes und seiner Schöpfung, welche den, der in ihren mystischen Kern gedrungen, hienieden schon mit himmlischer Glückseligkeit begabt und ihm Kraft verleiht, zu schaffen und zu zerstören. Mit dem üblichen Schlusse, daß Gott bald seinen Messias senden und Israel wieder in sein Erbteil einsetzen möge, schloß er seine Rede. Rabbi Saul Morteira, dessen hohe, wohlbeleibte Gestalt uns schon gestern begegnet ist, trat nach ihm an den Altar. »Er verschlingt den Tod auf ewig, und Gott der Herr wischt die Tränen von jeglichem Angesichte und die Schmach seines Volkes wird er abtun von der ganzen Erde« (Jes. 25, 8.), begann er mit leiser Stimme: »Ich sehe mich um in dieser Gemeinde und wieder hat ein Jahr ihre Reihen gelichtet, wieder wird ein Jahr kommen, und mit ihm dieser Tag der Trauer und der Freude, und mancher von uns ist von seiner Stätte gewichen, vielleicht auch ich! Auch ich! Herr, hier bin ich, antworte ich, so du mir rufest.« Bei diesen Worten schlug sich der Rabbi mit beiden Händen auf die Brust, daß die Töne in seinem Munde erzitterten. Er sprach noch lange von der Urplötzlichkeit des Todes und dem Kummer der Überlebenden, schwer verhaltenes Schluchzen ward von der vergitterten Galerie der Frauen vernommen, und auch hie und da aus der Versammlung der Männer; nur wenige, die eine Trauerrede am Sabbat gesetzeswidrig fanden, blieben ungerührt. Auch Baruch standen die hellen Tränen in den Augen, es waren Tränen der Sehnsucht, er fühlte sich seinem Gott so nahe, so innewohnend, daß er zu sterben wünschte, um nie wieder von ihm losgerissen zu werden. »Dränget die Seufzer zurück, die eurer Brust entsteigen wollen, denn Gott der Herr wischt die Tränen von jeglichem Angesicht,« rief der Rabbi. Von der Anwendung seines Textes auf das Schicksal einzelner ging er aus das von ganz Israel über: »denn der Herr wird abtun die Schmach seines Volkes von der ganzen Erde; aber nur die, so das reine göttliche Wort im Herzen wahren, dürfen seiner Verheißungen harren.« Er knüpfte eine geistvolle, aber ziemlich unumwundene und scharfe Polemik gegen das Christentum an diese Worte; mit bitterer Heftigkeit eiferte er aber gegen den klügelnden Menschenverstand, der sich vermesse, selbst das Unerforschliche zu ergründen: »Im Talmudtraktat Chulin wird erzählt: Der Kaiser Hadrian verlangte einst von Rabbi Jehosuah, er solle ihm den Unerschaffenen zeigen, sonst müsse er seine Lehre und seinen Glauben für nichtig halten. Es war ein heißer Sommertag, da führte der Rabbi den Kaiser hinaus ins Freie: Sieh hinauf dort in die Sonne, sprach er zu dem Fürsten. Ich kann nicht, erwiderte dieser, es blendet mein Auge. Sohn des Staubes, sprach der Rabbi, den Strahl eines einzigen Geschöpfes kannst du nicht ertragen, und du willst den Schöpfer schauen?« So erzählte der Redner und schloß Parabeln aus dem Talmud an, wie die (auch aus dem Neuen Testamente bekannten und hier teilweise veränderten) von den Arbeitern im Weinberge und von den Klugen und Törichten, die des Erlösers harren. Mitunter knüpfte er auch höchst ergötzliche Anekdoten daran, die den Zuhörern ein unwillkürliches Lächeln abnötigten. Die Kirche und ihre Diener standen damals noch nicht in jenem frostigen, orakulösen Verhältnisse zu ihren Angehörigen, besonders aber die jüdische Kirche, die alles bieten wollte und mußte, durfte sich auch dem göttlichen Spaß nicht entziehen. Eine heitere Behaglichkeit sprach aus den Mienen aller, als der Rabbi geendet hatte; hier und dort wendete sich einer zu seinem Nachbar, und gab durch Gebärden oder kurze Ausrufe seinen Beifall kund. Es sind Juden, die selten in lenksamer Empfänglichkeit sich ihres Selbst entäußern, vielmehr alles, selbst das Wort ihrer Lehrer mit dem Maßstabe des geoffenbarten Gesetzes und ihrer eigenen Vernunft messen. Darum war es ihnen auch unlieb, nun noch eine Predigt hören zu müssen, denn schon hatte ein Mann mit gedrungener Figur und seiner weltmännischen Gesichtsbildung die von Rabbi Saul Morteira verlassene Stelle eingenommen. Es war der Mann mit der beispiellosen Frühreife und Universalität des Geistes, der schon in seinem achtzehnten Jahre als angesehener Rabbi auftrat, der, Arzt und Staatsmann, mit Hugo Grotius über die Schönheiten der Theokritschen Idyllenpoesie und mit Rabbi Isaak Aboab über die Mischung der Metalle bei der Bildsäule Nebukadnezars kontroversierte. Es war Rabbi Menasse ben Israel, dessen Frau, eine Enkelin des hochberühmten Don Isaak Abrabanels, ihre Abstammung in gerader Linie bis auf David, König in Israel, zurückführte. – Mit der linken Hand drückte Rabbi Menasse sich einige Sekunden lang die Augen zu, dann begann er mit klangvoller Stimme, die mächtig aus allen Ecken der Synagoge widertönte: »Haus Jakobs, kommt und laßt uns wandeln im Lichte des Herrn (Jes. 2, 5.). Es erneuert sich heute der Tag, an dem wir dieses Haus einweihten, das wir dem Herrn erbaut, da er uns hier eine Ruhestätte finden ließ vor der Hand unserer Dränger; aber nicht durch die Kraft unserer Hände haben wir alles dieses erreicht. Wenn Gott das Haus nicht bauet, vergebens ist die Mühe der Bauleute. Wir haben dem Herrn hier ein Haus erbaut; aber, o daß sich diese Wände ausdehnten und hinausrückten, so weit das Himmelszelt über die Erde ausgespannt ist, und daß meine Stimme hindränge in alle Welten, daß ich mit Donnersgewalt den Widerhall wecken und ihm diese Worte in den Mund legen könnte, daß ein Echo es dem andern zuriefe: Haus Jakobs, kommt und laßt uns wandeln im Lichte des Herrn. – Ich selbst, ihr wißt es alle, ich hatte einen erlauchten Vater, er wurde endlos gemartert und rettete nichts als das nackte Leben aus den Händen derer, die sich Christen nennen; aber schauet nicht mehr zurück in die finsteren Kerker, sondern blicket auf zum Lichte, das uns allerorten entgegenstrahlt.« Der Verfasser des Buches »Die Rettung Israels« fuhr in begeisterter Rede, wenngleich oft in schwankenden und gewählten Ausdrücken fort, die Notwendigkeit der Anschließung der Juden an die allgemeine Zeitbildung und deren Bestrebungen darzutun. Unter dem »Lichte des Herrn« begriff er den Klassizismus nicht minder als die Lehre Mosis. Er eiferte gegen die polnischen Juden und Aschkenasim , deren verdüsterte Sitten und niedrige Stellung er hauptsächlich ihrem Mangel an wahrer Wissenschaftlichkeit zuschrieb, und endlich erfreute er die Gemeinde mit dem Amen. Eine Gesetzesrolle wurde nun unter Freudengesängen aus der heiligen Lade genommen; als sie an Baruch vorübergetragen ward, faßte er den Saum des Goldbrokats, in den sie eingehüllt war, und drückte ihn inbrünstig an seine Lippen. Die Thora wurde auf dem Altar auseinander gerollt, und zu jedem Abschnitte, den der Vorbeter las, war je einer der drei Prediger aufgerufen worden, um den Segen darüber zu sprechen. Beim vierten Abschnitte erhob der Vorbeter seine Stimme laut und rief: Es erhebe sich unser Lehrer und Meister (Doktor und Magister) Rabbi Baruch ben Binjamin!« Baruch Spinoza, der mit diesem Ehrentitel zur Thora gerufen wurde, ward feuerrot; er verließ seinen Synagogenstuhl und begab sich an den Altar, wo er mit zitternder Stimme den Segen sprach. Ein jeder in der Synagoge verwunderte sich über die Beispiellosigkeit, daß diese Ehre einem Jüngling von fünfzehn Jahren zu Teil wurde; nur wenige waren, die solches für unerhörten Mißbrauch hielten, denn Baruch war geliebt von allen die ihn kannten. – Mit dem langen sogenannten Mussaph (hinzugefügtes Gebet) und einigen Schlußgebeten schloß der Gottesdienst. 5. Vater und Sohn An der Tür war großes Gedränge. Alles glückwünschte Baruch und seinem Vater zu der Ehre, die ihnen heute widerfahren war. »Es ist gewiß,« sagte der Vater auf dem Heimwege zum Sohne, »die Predigten haben heute zu lange gedauert; die Prediger sollten daran denken, daß sie vor lauter leeren Magen predigen (da man vor dem Frühgebete keine Speise genießen darf). Laß dir das zur Warnung sein, daß du einmal nicht zu lange predigst. Freust du dich darauf?« »Mir schwindelt,« entgegnete Baruch, »auf solche Höhe gehoben – ich bin zu schwach.« »Gott erhalte dir diesen frommen Sinn,« sagte der Vater beifällig nickend. »Rechtschaffene Naturen werden leicht kleinmütig bei einer Ehre, die ihnen geworden. Vertraue auf Gott, der dich auserwählt hat, er wird dir auch Kraft geben, deinen Ruf zu erfüllen; sage dir nur: ja, du bist auserwählt, weil du die Kraft hast.« Auf der Schwelle seines Hauses legte nun der Vater wie am vergangenen Abend wiederum die Hände auf das Haupt des Sohnes und segnete ihn abermals: »Der Herr mache dich gleich Ephraim und Menasse.« Auf der Treppe harrte Miriam und übergab Baruch ein Pergament, das Rabbi Saul Morteira geschickt hatte: es war das rabbinische Diplom. – Der Vater schloß sogleich seinen Silberschrank auf und wählte den schwersten vergoldeten Becher, um ihn des anderen Tages dem Lehrer zu senden. Baruch durfte von nun an seinem Namen den Titel Rabbi vorsetzen. Er empfand einen seltsamen Schreck, so oft er von den Besuchenden mit diesem Titel angeredet wurde, es war ihm, als trüge er eine unsichtbare Krone auf dem Haupte. Bald aber wurde diese Majestät von einem innern Aufruhr angegriffen, der sich jetzt mit verstärkter Macht erhob. Baruch war eingetreten in die Reihe der stimmbefähigten Wächter des Gesetzes und es war nicht Bescheidenheit, wenn er den ihn darob doppelt Lobpreisenden beteuerte, daß er sich für die ihm auferlegte Würde zu schwach fühle. War's die fröstelnde Ermattung, die den überfällt, der am Ziele eines heißen Strebens angelangt ist? Wie neidische Dämonen wurden Zweifel in seinem Innern laut, ehedem flüchtig gekannte und leicht bezwungene, aber auch neue, nie geahnte; sie spotteten seiner Würde und blähten sich stolz auf. Baruch schaute oft wie verloren drein. Das Gespenst Geronimos, des Mannes mit dem zwiespältigen Herzen, das ihm in der Nacht nicht erschienen war, schien ihn jetzt am hellen Tage aus allen Winkeln anzugrinsen. Bei Tische, wo man auf Baruchs Wohl trank und alles sich ihm zuwendete, ward er wiederum heiter und teilte mit den anderen die festliche Stimmung. Als er Nachmittags den heutigen Wochenabschnitt mit den Kommentaren nochmals für sich las, ward er erst nach geraumer Zeit gewahr, wie nur Lippen und Augen lasen, seine Seele war nicht dabei. Er zürnte der widerspenstigen Kraft in ihm und in inbrünstigem Gebete flehte er zu Gott, er möge ihm beistehen, seinen Glauben zu erhalten und zu stärken. Tränen fielen auf das offene Buch, sie lösten die Beklemmung seines Innern. Mit lauter, mächtiger Stimme, als müßte er sie der versammelten Gemeinde künden, sprach er nun die Worte des Gesetzes, und bei dieser Anrufung verschwanden die Dämonen im Herzen und ein glückseliges Hochgefühl durchströmte sein ganzes Wesen. Der Vater kam, setzte sich eine Weile still zu ihm, dann sagte er, das Buch zumachend, Baruch dürfe jetzt wohl minder emsig sein, er habe ja in so früher Jugend die höchste Würde erreicht; er müsse jetzt auch danach trachten, seinen Körper zu kräftigen. Baruch küßte nochmals das Buch und stellte es in die Reihe, dann faßte er freudig die Hand seines Vaters. »O mein Sohn,« begann der Vater wieder, »deine Ehre ist siebenfach die meine, du kannst es nicht wissen – mögest du es einst gleich mir erfahren – nichts kommt der Glückseligkeit eines Vaters gleich, der selber nach Ehre gestrebt und nun seinen Sohn sie erlangen sieht; mein Glück und meine Freude ruht auf deinem Haupte, ist dein und noch mehr als mein, besser als mein. Ich sehe die Zeiten des Messias vor mir, ich weiß jetzt, wie es dem Vater zu Mute sein muß, der den Erlöser seinen Sohn nennen darf. Gott verzeihe mir, daß mein Herz so übervoll ist und ich sollte dir das auch nicht sagen, aber du darfst es wissen, wie glückselig du mich machst. Mein letzter Bruder ist tot, die Wunde ist mit himmlischem Balsam geheilt, du bist mein Sohn und Bruder.« Baruch hatte seinen Vater noch nie so bewegt gesehen; mit demütigem Blicke schaute er in sein flammendes Auge; die Seelen von Vater und Sohn ruhten ineinander. Der Vater hielt die eine Hand vor die Stirn und sagte nach einer Pause in ruhigem Tone: »Hast du keinen Wunsch, Baruch? Sprich ihn aus, ich möchte dich gern belohnen für die Freude, mit der du mein Herz erquicktest.« Das war ein eigentümliches Zurücklenken in die gewohnte Welt und nur weil ihm dieses Verlangen geläufig war, konnte Baruch sagen: »Laßt mich doch endlich die Sprache aller profanen Wissenschaften, die lateinische , erlernen. Warum soll ich es minder als meine Mitschüler, Isaak Pinhero, Ahron de Silva und viele andere?« »Ja, ich will deine Bitte gewähren. Gott der Allgütige, der dich bisher geleitet, wird dich auch ferner davor bewahren, daß du aus solchen Schriften kein Gift einsaugest. Und weiter wünschest du also nichts?« »Ist es wahr?« sagte Baruch, schüchtern zur Erde blickend, »ist es wahr, was Rodrigo Casseres gestern abend von der moriskischen Abstammung meiner Mutter (ihr Andenken sei gesegnet) gesagt hat? Tat ich Chisdai Astruk unrecht, als ich ihm vor einem Jahre ins Gesicht schlug, weil er mich damit neckte?« Des Vaters Antlitz verwandelte sich plötzlich bei diesen Worten, er blickte starr darein und preßte die Lippen; endlich nahm er einen Schlüssel aus der Tasche, schloß einen Schrank auf, nahm die Totenkleider, die jeder fromme Jude immer bereit halten muß, heraus, rollte sie auseinander, bis er ein Papier fand, das er Baruch mit den Worten darreichte: »Da nimm und lies, du hast vom Tode meines Bruders gehört, du bist der Erbe von unser aller Leben. Sei dessen eingedenk. Diese Worte sollten erst zu dir dringen, wenn mein Mund verstummt ist, aber es ist besser so. Du bist stark genug.« Der Vater drängte ihm mit zitternder Hand die Schrift auf und ging mit seinem Gastfreunde zuerst nach dem großen Hafen, dem sogenannten Buitenkant, wo der eintönige Jodelgesang der Matrosen ertönte, und die in sabbatlicher Freude lustwandelnden Glaubensgenossen dem glücklichen Vater wiederholt ihre Teilnahme äußerten. Dann zeigte er dem Gastfreunde die mit üppigem Wachstum erfüllten Polder und heute schien doch ein gewisser Stolz auf die neue Heimat und ihren durch unablässige Kraft eroberten Bestand in ihm zu walten. Während er dem Fremden die wasserschöpfenden Windmühlen, den Bau der Deiche und Dämme erklärte und wie jedes Stück fruchtbaren Landes seine Geschichte hat, sah der staunend Hörende in seltsamer Bewegung darein. In dem Manne, der jetzt öffentlich sich zum Glauben der Väter bekannte, mußte eine eigene Andacht herrschen, denn er sagte: »An diesen Niederlanden hat unser Gott zum zweiten Male das Wunder der Trockenlegung des Meeres zur Rettung des Volkes Israel vollendet. Er hat es nicht durch ein unmittelbares Wunder getan, sondern den Menschen seine Kraft gelehrt.« Unterdessen saß Baruch in der Kammer und las: Manuela Meinem einzigen Sohn Baruch allein Wenn diese Worte zu dir dringen, ist mein Mund verstummt. Meine Seele ist wiederum bei der, der sie allzeit angehörte, und von der ich dir erzählen will ... Meine ganze Jugend steigt vor mir herauf, meine Wangen brennen, ich habe aus Schmach und Lüge ein seliges Leben erobert. So vernimm. Ich war zwanzig Jahre alt, als ich im Frühling nach Sevilla reiste, um meinen Bruder Moses, genannt Geronimo, in seinem Kloster zu besuchen. Ich sage, ich war zwanzig Jahre alt, kannte aber die Menschen und ihre Verstellungskünste. Unglück und Verstellung macht vor der Zeit alt und erfahren. Ich zog also nach Sevilla. Mein Bruder empfing mich mit grausamer Kälte, und reichte mir kaum die Hand durch das Gitter des Sprechzimmers: »Erdensohn, ich habe nichts mit dir gemein, was willst du von mir?« so rief er. Ein solcher Empfang lockte mich nicht ferner zu ihm. Ich hatte ein Geschäft von mehreren Wochen in Stadt und Umgegend zu besorgen. Acht Tage blieb ich darauf in Sevilla, ohne meinen Bruder wieder zu sehen. In der Gesellschaft der so fröhlichen Lindos und Majos verlebte ich manche glückliche Stunde des heitersten Selbstvergessens, aber auch der trübe Ernst der Erinnerung an die Blüte unseres Glaubens in Sevilla blieb nicht aus. Einsam besuchte ich den erst seit fünfundzwanzig Jahren zerstörten Leichenacker vor dem Tore von Minjoar; dort hatten einst die Gebeine der Großen aus Israel geruht, dort stand einst das herrliche Denkmal für unseren Ahnherrn, den großen Rabbi Baruch de Espinosa, dessen Namen du trägst; aber nichts war mehr zu schauen, nicht einmal eine verwitterte Inschrift bezeichnete die Stätte, wo man die Gebeine des Edlen versenkt hatte; im Grabe selber hatten die Spanier ihnen die Ruhe nicht gegönnt, und dort noch nach Gold und Silber und gottlosen Büchern bei ihnen gefahndet. Eines Tages überkam mich ein unbezwinglicher Drang (nach dem, was infolgedessen vorgefallen ist, möchte ich es eine Ahnung nennen), meinen entmenschten und verpfafften Bruder wieder zu besuchen. Als stiege ich den heiligen Berg Zion hinan, wo einst die Herrlichkeit Gottes gethront, mit solcher Freude wandelte ich nach dem Trianenkastell, wo Pfaffen im Namen des Schöpfers regierten. Ich konnte mir von meiner Freude keine Rechenschaft geben, und doch sie auch nicht bezwingen. Als ich ins Sprechzimmer trat, begegnete mir ein schluchzendes Mädchen, das mit verhülltem Angesicht aus demselben kam. »Sennora,« sagte ich, »bedürft Ihr eines Beschützers, und darf ich –« ich konnte nicht ausreden, das Mädchen richtete sein glutvolles, schwarzes Auge zu mir empor, eine Träne perlte von den langen Wimpern, leise den Kopf schüttelnd verneigte es sich und ging. Ich ward von einem Familiaren in die Zelle meines Bruders geleitet. Krampfhaft erfaßte er meine Hand, und als der Familiare die Zelle verlassen, fiel er mir weinend um den Hals: »Benjamin, mein Bruder, da bist du ja, ich bin kein Joseph, ich habe mich selber verkauft. Doch, nein, nein, ich will ruhig sein; siehst du, es ist noch gerade wie zu Hause, du bist der jüngere und hast doch alle Macht über mich, ›o wie schön und lieblich ist's, wenn Brüder beisammen sind›,« so sprach er. Er sah mir's an, wie der schneidende Gegensatz mit seinem ersten Empfange mich befremdete, er bat mich, ihm zu verzeihen, er habe nicht anders gekonnt, weil das Sprechzimmer so gebaut sei, daß auch das leiseste Wort von dem Prior, dessen Zelle gerade über demselben ist, vernommen werden kann. Man mißtraue ihm immer noch halb, und er habe zeigen wollen, daß er nötigenfalls alle Bande der Natur zerreißen, die Priester allein als seine Brüder und die Kirche allein als seine wahre Mutter betrachten könne. Er schilderte mir nun seine ganze Lebensweise, und wie er im Verborgenen den Gott der Väter anbete; die schlauesten Ränke, die gräßlichsten Mordgeschichten, alles erzählte er mir mit unbeweglicher, frommernster Miene, nur selten zuckte ein leises Lächeln um seine Mundwinkel. Ich gab ihm meine Verwunderung über diese stumpfe Ausdruckslosigkeit seiner Mienen zu erkennen. »Das verräterische Angesicht,« sagte er, »das ist unser größter Feind. Darum habe ich mit Gottes Hilfe das alles stumpf und lahm gemacht. Drinnen mag's toben und sich zanken nach Gefallen, aber auf der Oberfläche, da muß Ruhe sein; das ist die gebenedeite ewige Ruhe der Heiligen.« Wir sprachen noch lange miteinander, ich erinnerte an Eleasar, genannt Konstantin Montefiore, der in gleicher Absicht wie Moses in den Dominikanerorden eingetreten war. »An ihm zeigte sich's,« sagte Geronimo, »der ward gefangen in jenen unentdeckbaren Schlingen, die in der Luft des Sprechzimmers schweben. Sein Vater hatte ihn besucht, sie waren unvorsichtig genug, ihr Geheimnis den plauderhaften Wänden anzuvertrauen; eine Stunde darauf wurden sie ins Gefängnis geschleudert. Konstantin (ich will ihn nicht schelten, er ist jetzt tot) konnte das Bewußtsein nicht ertragen, an den Qualen und an dem Tode seines Vaters schuld zu sein; mit einem Scherben zerbrochenen Glases öffnete er sich die Pulsadern und verblutete so sein junges Leben. Der alte Montefiore, der schon halb Leiche war, wurde zwei Tage darauf mit der Leiche seines Sohnes in feierlichem Autodafé, verbrannt.« So erzählte Geronimo, ich bot nun alles auf, um ihn, dem Wunsche unseres Vaters gemäß, zur Flucht zu bewegen, er aber schwur hoch und heilig, nimmer lebendig seine Klause zu verlassen. Ich kehrte nach der Stadt zurück, der unerklärliche Starrsinn meines Bruders mit seiner nach außenhin abgetöteten Lebenskraft erschütterte mein ganzes Wesen; aber alle meine Gedanken verschwanden wie nichtige Schattenbilder, als ich das Mädchen, welches mir in dem Sprechzimmer begegnet war, auf einem Stein am Wege sitzen sah. Sie beachtete mich nicht und ich ging an ihr vorbei; kaum aber war ich drei Schritte von ihr entfernt, als es mich wie mit magischen Banden wieder zu ihr hinzog. »Sennora,« sagte ich, »ich habe kein Recht darauf, in das Geheimnis Eurer Seele einzudringen, aber ich habe ein Recht darauf, wenn Ihr der Hilfe bedürftig seid, Euch solche anzubieten, und Ihr, sie von mir zu fordern.« Sie gestand mir später, daß der bewegte Ton meiner Stimme ihr mehr Vertrauen zu mir eingeflößt habe, als die ritterliche Entschlossenheit, die meine Worte bekunden sollten. »Laßt mich, gütiger Caballero, mein Retter ist nur der Tod,« sagte sie mit einer Stimme, in der der Ausdruck schmerzvollen Entsagens und bescheidenen Hilferufs sich zur schönsten Harmonie versöhnt hatten. O, es lag ein unbeschreiblicher Reiz in dieser ganzen Erscheinung, ich fühlte es, und doch hatte ich in der Abenddämmerung, der sie noch durch sorgfältiges Einhüllen in die Mantilla zu Hilfe kam, fast nichts von ihr gesehen als ihr leuchtendes Augenpaar. Ein unnennbarer Schauer durchrieselte mein ganzes Wesen, als ich so vor ihr stand, ich war festgebannt in ihre Nähe. Das war mehr als bloßes Mitleid, mehr als bloße Teilnahme an fremdem Kummer; was mich hier festhielt, ich wußte es nicht, das war die Liebe, die sich offenbart, wenn wir uns dem Wesen nahen, das der Herr für uns geschaffen. – Ich redete noch lange mit dem Mädchen, oder, wie sie hieß, Manuela: sie bat mich um Verzeihung, weil sie meine Hilfe von sich gewiesen, ich solle nichts Arges von ihr denken, Unglück und Schmerz hätten sie den Menschen mißtrauen gelehrt. Tränen erstickten ihre Stimme. So war also der Schmerz auch der Genosse ihrer Jugend. O! die Unglücklichen verstehen sich bald. Sie erzählte mir, daß dort in dem Schlosse ihr Vater schon seit drei Monaten eingekerkert sei. Sie wolle hier warten, bis der Inquisitor aus der Stadt zurückkehre, sie wisse wohl, ihr eigenes Leben stehe in Gefahr, weil das Gesetz es jedem verbietet, und sei es auch das eigene Kind, für den um Gnade zu bitten, der der Ketzerei angeklagt ist; sie aber wolle sterben mit ihrem Vater und doch fürchte sie die jetzt wieder einbrechende Nacht. »Ich sehe schon,« sagte sie, »es soll so sein, ich soll abermals in Jammer und Tränen dem Tage heranharren.« Sie raffte sich auf und entfernte sich schnell. Ich stand wie eingewurzelt da, und als sie an einer Biegung des Weges meinen Augen entschwand, übermannte mich's wie unendliches Heimweh, ich stürmte ihr nach. Am Abhange des Hügels, wo man die prachtvolle Brücke über den Quadalquivir überschauen kann, bemerkte ich, wie drei in faltige weiße Mäntel gehüllte Gestalten gemessenen Schrittes einherkamen; Manuela warf sich den Voranschreitenden zu Füßen; ein herzdurchbohrender Jammerschrei drang zu mir herüber, Manuela wurde zur Seite geschleudert. Ich sprang aus allen Kräften, die Männer setzten ruhig ihren Gang fort, sie kamen an mir vorüber; ich hielt in meinem raschen Laufe inne, zog meinen Hut ab und verbeugte mich, es war der Inquisitor von zwei Dominikanern begleitet, die von ihrer Seelentreibjagd in das Trianenschloß zurückkehrten. Die Minute, die ich hier in demütig bebender Stellung, tausend Flüche für den Schändlichen und tausend Sorgen für Manuela im Herzen, harren mußte, ward mir zur Höllenpein. Wie ein vom Bogen geschnellter Pfeil eilte ich davon und holte Manuela ein, die mühsamen Schrittes dem Tore zuwankte. Sie erkannte mich und blieb stehen. Ich konnte nicht sprechen vor raschem Atemholen, und ergriff nur ihre Hand. »Laßt mich, ich bitt' Euch,« sagte sie, jedoch ohne meine Hand zurückzuweisen. Ich schwor ihr, o! damals fühlte ich's lebhaft, wie gräßlich es ist, das Heiligste, bei dem man schwören kann, nicht nennen zu dürfen; ich meinte, meine Zunge müßte mir erlahmen, als ich hier, wo ich die höchste Gewißheit geben wollte, bei San Jago schwören mußte. Ich konnte nicht reden, so durchwühlt war mein ganzes Innere. Manuela schloß meine Hand in ihre beiden Hände, ihre feuchten Augen blickten vertrauungsvoll zu mir auf. »Ja,« sagte sie, »ich folge der innern Stimme, unglücklicher als ich bin, kann ich doch nicht werden; kommt mit, Ihr sollt alles hören.« Ich bot ihr meinen Arm, und mit Zögern legte sie ihre zitternde Hand darein. »So haben mich diese Straßen noch nie gesehen,« sagte sie leise, als wir gleich am Tore in eine Seitenstraße einlenkten. Ich suchte sie zu beruhigen, sie schwieg und hüllte sich noch tiefer in ihre Mantilla. Ohne ein Wort zu reden, gingen wir nebeneinander, bis wir in einer engen Straße, unweit der Kirche Unserer Frau vom Pfeiler, in ein unscheinbares Häuschen eintraten. »Kommst du endlich, Manuela?« ertönte ein ziemlich starker Diskant, und eine runde Gestalt mit einem Lichte wälzte sich wie ein Wollsack die Stiege herab. »Ich habe schon dreizehnmal Ave-Maria gebetet, und San Jago eine dreipfündige Wachskerze gelobt, wenn du glücklich nach Hause kommst. Ei, mein süßes Täubchen, wen hast du denn da bei dir? Gelobt sei die heilige Jungfrau, ist das nicht Don Alfonso Sajavreda aus Valencia? Verzeih Usted, meine alten Augen –« »Du hast wirklich falsch gesehen, Laura, es ist nicht der Vetter, sondern ein Fremder, ein Freund wollte ich sagen, der uns helfen will,« sagte Manuela. »Ich habe doch recht,« fuhr die Alte fort, »habe ich dir's nicht schon längst gesagt, wenn du gehst, wird uns geholfen? Ich, wo ich hingekommen bin, haben sie mich weggeworfen wie eine ausgedrückte Orangenschale, ja lacht nur,« fuhr sie kreischend fort, »es ist doch wie das Sprichwort sagt: Ein frisch geprägter Real mit des Königs Bildnis (Gott schütze ihn) ist besser, als ein abgegriffener. Dürft Euch viel darauf einbilden, edler Ritter, daß mein schüchternes Täubchen bei Euch eine Ausnahme gemacht hat.« Die Alte hörte nicht auf, die Tugend Manuelas zu preisen, und sagte, das könne nur durch ein Wunder geschehen sein, daß ich so Großes über sie vermocht hätte. Manuela hatte viel Mühe, sie zum Schweigen zu bringen. Nachdem mich die Alte sattsam gemustert, war sie hinausgegangen. Manuela mußte meinen Blick empfunden haben, sie schlug verschämt die Augen nieder. »Sennor,« sprach sie, und ergriff mit Hast meine Hand, »Sennor, was denkt Ihr von mir?« »Daß wir uns lieben,« antwortete ich, ihre Hand küssend. »Ja, wir lieben uns,« sagte sie, »Gott im Himmel weiß es, wir lieben uns; o Mutter! Mutter! warum mußtest du sterben, ehe du das unendliche Glück deines Kindes gesehen?« Träne auf Träne rann bei diesen Worten über ihre heißen Wangen. »Und darf ich Euch lieben, Sennor?« fragte sie leise und bedeckte mit beiden Händen ihre Augen und Wangen! »kennt Ihr denn mich? kenn' ich denn Euch?« »Wir kennen uns,« erwiderte ich, »in demselben Augenblicke hat Gott den Funken der Liebe in uns angefacht; wir lieben uns, gibt es ein innigeres Kennen?« O! es ist nur ein schwacher Nachhall jener Empfindung, den ich aus der Vergangenheit wieder auferwecken kann; aber noch jetzt, da ich dem Grabe entgegengehe, noch jetzt durchzuckt es mich wie ein Blitz, wenn ich daran denke, wie damals auf einmal der Liebe Allmacht mich erhob. Das war Gottes Fügung – dieses Sichfinden und Erfassen, ohne sich gesucht oder erstrebt zu haben. Damals zwar, ich gestehe es, fühlte ich das noch nicht; versenkt in nie geahnte Seligkeiten, erkannte ich die unsichtbare Hand, die alles so fügte, noch nicht so ganz, wie sie sich jetzt mir gezeigt. Mitten in der Freude erwachte in Manuela wieder das Andenken an die freudlosen Stunden ihres eingekerkerten Vaters. Ich tröstete sie, versprach die Hilfe meines Bruders, sie aber vertraute nur wenig. Die Alte kam mit dem Essen. »Wie heißt denn der edle Caballero?« fragte sie Manuela leise; ich sah die Verwirrung des Mädchens. »Sagt nur meinen Namen laut, Sennora,« fiel ich rasch ein, »er hat ja guten Klang hier im Lande und das gute Mütterchen hat ja ohnedies die eine Hälfte prophetisch erfahren; ich heiße Alfonso de Espinosa.« Wir saßen gemütlich bei Tische; die Alte betrachtete mich immer und forderte Manuela auf, zu gestehen, ob sie nicht recht habe, daß ich diesem oder jenem aufs Haar ähnlich sehe. »Bei Gottes Blut,« sagte sie, »wie froh bin ich, daß auch wieder ein Sombrero (Männerhut) dort am Nagel hängt, so zwei Weibsbilder ganz allein sind doch gar zu verlassene Geschöpfe, und wer weiß, wie es mit dem alten Valor ausgeht.« Dieser Name machte mich stutzig, ich drang in Manuela, mir die Geschichte ihres Vaters zu erzählen; sie schlug die Augen nieder und begann nach kurzem Besinnen: »Ihr wißt, daß mehrere Frauen aus Grenada gerade in Cardia waren, als das Edikt verlesen wurde, daß es den Moriskinnen künftighin nimmer erlaubt sein solle, wie ihre angestammte Sitte mit sich bringt, verschleiert auszugehen. Unter den Frauen, denen die Soldaten auf dem Marktplätze zu Cardia die Schleier zerrissen, war auch die Frau meines Oheims, die strahlende Mirzah genannt. Ihre Schönheit war so groß, daß man glauben mochte, eine Heilige sei aus dem Paradies herabgesendet worden, um den Tapfersten aller Nachkommen der ehemaligen Herren Spaniens zu beglücken. Noch nie hatte eines fremden Mannes Blick diese Reize berührt, und jetzt so dem gaffenden Pöbel preisgegeben zu werden! Die Kunde von dem Schrecklichen, was geschehen war, eilte den jammernd zurückkehrenden Frauen voraus; wie durch einen heftigen Erdstoß ward dadurch der ganze Aljaniz erschüttert, denn die Absicht, die letzte Sitte der ehemaligen Mauren zu vernichten, war unverkennbar. – Ich weiß gar nicht, wie ich eigentlich zu dieser Erzählung hier komme; ich habe Mirzah, die von ihrem Manne grausam verstoßen wurde, nie gekannt, und ihr Schicksal hängt mit dem unsrigen eigentlich gar nicht zusammen. Verzeiht, wenn ich nicht weiß, wo ich anfangen soll, ich habe mir die Sachen nie zurecht gelegt, weil ich nie glauben konnte, einst davon Rechenschaft geben zu dürfen. Mein Vater wohnte damals wie die übrigen maurischen Christen im Aljaniz von Grenada. Ach! ich kann heute nicht erzählen,« so schloß Manuela und erhob sich rasch. »Nun, so bin ich da,« sagte die Duenna, »weiß ich denn nicht alles so gut wie Ihr? War ich nicht dabei, wie es Eure Mutter – Gott hab' sie selig! – erzählte? Mir zittern noch die Glieder bis zum Herzen, wenn ich daran denke, wie's damals hergegangen sein muß.« Unter vielen Zwischenfragen und Einreden erfuhr ich endlich, daß der Vater Manuelas, Don Antonio de Valor, bei den Mauren Aben Hamed genannt, ein Geschwisterkind Aben Humegas sei. Don Antonio, der dem Maurenaufstand abgeneigt, in dem christlichen Glauben beharrt und Grenada nicht verlassen hatte, litt von seinen Stammesgenossen nicht minder als von den eingeborenen Spaniern viele Unbilden. Sogar die beiden Söhne Don Antonios waren heftig gegen ihren Vater ergrimmt, und als der beabsichtigte Sturm auf den Alhambra mißglückt war, flohen sie zu dem sogenannten Alpujarrenkönig Aben Humega in die Sierra Nevada und fielen mit Ruhm bedeckt in dem beispiellos mutig geführten Vertilgungskriege. »Ja, früher hättet Ihr zu uns kommen sollen,« sagte die Duenna unter anderem, »da hättet Ihr Euch umgesehen, da war es anders als jetzt hier: flämische Teppiche auf dem Boden, aus Gold und Seide gewirkte Tapeten an den Wänden, goldene und silberne Becher auf den Tischen, daß man meinte, sie müßten brechen.« – Wir hatten viele Mühe die Alte zum Schweigen zu bringen, und Manuela erzählte: »Der Aufstand war unterdrückt, die Mauren in die Ferne zersprengt, gefallen oder eingekerkert. So lange der menschenfreundliche Marques von Mondejar in Grenada befehligte, lebte mein Vater ungestört in der Selbstbeschränkung, zu der ihn sein Wille und die Zerstörung seiner Güter bestimmte; als aber der edle Marques abberufen wurde, ward mein Vater als heimlicher Anhänger des Islam verhaftet. Der Halbbruder des Königs, Don Juan von Österreich, der hierauf den Oberbefehl erhielt, befreite ihn jedoch aus seiner Gefangenschaft. Mein Vater zog hieher, um fern von den Resten seiner ehemaligen Verbindungen in Ruhe zu leben. Zehn Jahre blieb ihm diese unverkümmert; mein Vater besuchte alltäglich die Kirche, sonst aber verließ er das Haus nie und wandte seine ganze Zeit dem Studium gelehrter Schriften und meinem Unterrichte zu. Da raffte vor anderthalb Jahren ein hitziges Fieber nach wenigen Tagen meine Mutter dahin, fast niemand hatte sich ihrem Bette nahen dürfen als mein Vater, sie verschied in seinen Armen. Von dem Tage, da meine Mutter begraben wurde, kam mein Vater nicht mehr über die Schwelle des Hauses; ich selbst, die ich sonst alles über ihn vermocht hatte, konnte ihn nicht einmal zu einem Gange in die nahe Kirche bewegen. Vorgestern nacht waren es zwölf Wochen, o Gott! ich vergesse die Stunde nie, da verlangten zwei Familiaren im Namen der Inquisition Einlaß in unser Haus; Laura hatte den Mut aufzuschließen, ich konnte mich nicht von der Stelle bewegen. Sie drangen ein und schleppten meinen Vater nach dem Trianenschlosse, wo er sich wegen seines vermeintlichen Ketzertums verteidigen sollte. Eine Stunde darauf wurde alles im ganzen Hause durchsucht und versiegelt; ich mußte es selbst mit ansehen, wie sie jenes Bild meiner Mutter dort herunterrissen, weil sie Schätze dahinter verborgen glaubten, und, wie sie sich ausdrückten, das verführerische Heidengesicht Geld geschluckt haben könne.« Hier hielt Manuela plötzlich inne. »Ich habe Euch alles erzählt,« fuhr sie dann in zuversichtlichem Tone fort; »ich habe weder Mißbrauch zu fürchten, noch leider auch erfolgreichen Gebrauch zu hoffen.« Ich bot alles auf, um Manuela zu beruhigen; gespensterhaft erschien mir aber die Alte, die während der letzten Erzählung mit gefalteten Händen und stieren Blicken dasaß, ihre Lippen bewegten sich mechanisch wie zu einem leisen Gebete. Manuela merkte nicht darauf, denn es war mir gelungen ihren Geist von den traurigen Bildern der Vergangenheit abzuwenden. Mitternacht war vorüber, als ich in meiner Posada ankam. Als ich des anderen Morgens erwachte, schien mir alles ein Traum. Ich besuchte Manuela und glaubte wirklich Grund zu haben, alles für ein Gebilde meiner erhitzten Phantasie zu halten. Reue über das verletzte gewöhnliche Herkommen, Unruhe und Verzweiflung an dem Schicksal ihres Vaters sprach aus ihrem ganzen Wesen. Sie erschien mir so ganz verändert: statt der kühn aufstrebenden Schnellkraft ihres Geistes war es heute ein geknickter Wille mit sklavischer Ergebung, den sie mir kundgab, und der mich von ihr entfernte. Ich Tor, der ich glaubte, jenes engelgleiche Hochgefühl, das uns frei über all die Schranken und Hemmnisse des gewöhnlichen Lebens hinweghebt, könne in gleicher Macht endlos so fortbestehen. Ärgerlich, daß mir nun abermals das Hohe vor der Alltäglichkeit zerrann, verließ ich Manuela, und nur noch aus Mitleid und um der einmal übernommenen Pflicht zu gehorchen, ging ich zu Geronimo und erzählte ihm alles. Sein Scharfblick erkannte die Gestalt der Dinge leicht: »Das Mädchen ist ein Engel oder ein Teufel,« sagte er; »gewöhnlicher Verstellung wie gewöhnlicher Tugend ist so Außerordentliches nicht möglich. Die rein passive Ergebung in den höheren Willen, die dich heute so irre machte, ist nichts als der erste Artikel im Credo des großen Propheten. Doch sei nur ruhig, ich glaube es einleiten zu können, daß der alte Valor bald freigegeben wird, ob er gleich so wenig Christ ist als du und ich. – Man hat nur wenig Geld bei ihm gefunden.« Ich wollte Manuela erst wenn ihr Vater befreit war, wieder besuchen, um ihre Verzweiflung so am besten zu widerlegen. Ich ging des Abends noch in die Gesellschaft meiner Freunde. Mit lautem ola amigo ! wurde ich von den Versammelten begrüßt, jeder wollte den Grund meines Ausbleibens seit zwei Tagen wissen, und jeder erklärte sich denselben nach seiner Sinnes- und Handlungsweise. Ich war lustig und guter Dinge. – Tags darauf nach der Frühmette besuchte ich wieder meinen Bruder. Es war in der Tat wunderbar, wie schnell Don Antonio freigegeben wurde. Denn kaum hatte Geronimo die Sache bei dem Inquisitor berührt, als man ihm schon willfahrte. Ich durfte jetzt Don Antonio nach Hause geleiten. Am Eingange in den unterirdischen Kerker mußte ich warten, bis er heraufkam; denn niemand außer den Beklagten durfte jene finsteren Stätten betreten. Endlich kam der Befreite herauf, da sah man, was Folter und Kerker vermögen. Don Antonio hatte kaum die Kraft, sich aufrecht zu erhalten, seine Augen, dem ungewohnten Lichtstrome ausgesetzt, tränten unaufhörlich: um dies zu verhindern, mußte er sie schließen. Ich geleitete ihn und erzählte, was mir seit den letzten Tagen begegnet war; seine bleichen Lippen verzogen sich zu einem Lächeln, denn er mochte aus meiner Schilderung die Liebe zu Manuela erkennen. »Und weiß mein Kind von meiner Rettung?« fragte er und riß dabei die Augen auf, so daß die wilden Blicke mir bis ins Herz drangen. Ich gestand, daß ich Manuela für ihre Zweifel bestrafen und sie nur erst an seiner Seite hätte wiedersehen wollen. Er antwortete nicht, und indem er den Kopf schüttelte, murmelte er einige unverständliche Worte vor sich hin. Mir ward unheimlich in seiner Nähe. – Wir kamen endlich vor Don Antonios Haus. Niemand aus demselben bemerkte uns. Nur mit Mühe und auf jeder Stufe Atem holend stieg Don Antonio die Treppe hinan. Wir traten in die Stube, ermattet sank er in den Lehnsessel, der schon seit Jahren den Kummervollen zu tragen gewohnt war. Noch immer nahm niemand Kunde von unserer Anwesenheit; ich öffnete die Kammertür: dort sah ich Laura neben einem Bette stehen, auf welchem Manuela schlummerte. Auch Don Antonio schlich mühsam herbei, und als die Duenna uns bemerkte, rief sie in furchtbar gellendem Tone: »O Jesus Maria! der Herr!« Manuela erwachte, starr blickte sie uns eine Weile an, und als träumte sie und wolle die Trugbilder verscheuchen, fuhr sie hastig mit der Hand über die Stirn. »Manuela! mein Kind!« rief Don Antonio. Da schnellte sie plötzlich empor: »Vater!« rief sie und lag schluchzend an seinem Halse. Es war eine Minute des höchsten Entzückens, wo das unvermögende Wort zurücktritt und die Seelen sich unmittelbar berühren. »Laß mich, mein Kind, laß mich,« sagte Don Antonio, und diesmal waren es Tränen, von der Freude erpreßt, die über seine hohlen Wangen rannen: »Ich vermag es nicht, diese unendlichen Liebkosungen zu ertragen, komm zu dir, Manuela, sieh dort unseren Freund, unseren Retter, Don Alfonso, dem danke, er ward auserkoren zum Werkzeuge Gottes in unserer Not.« Manuela ließ ab von ihrem Vater, ihr seelenvolles Auge blickte wieder so bittend und strafend zugleich wie damals, als ich sie zum ersten Male sah, sie warf sich vor mir auf die Kniee, erfaßte meine Hand und bedeckte sie mit Tränen und Küssen. »Verzeiht mir, hoher Herr,« bat sie, »ich habe Eure Macht und Größe nicht gekannt; verzeiht einer armen unvernünftigen Magd.« »Steh auf, Manuela, steh auf, ich befehle es dir, so war's nicht gemeint, so dankt man nicht,« sprach Don Antonio. Manuela gehorchte. Täglich besuchte ich fortan Manuela. Ihr Vater war schwer krank. Die von der Folter halbgelähmte Spannkraft der Muskeln hoffte der Arzt wieder herzustellen, nur die volle Sehkraft glaubte er schwerlich retten zu können. Man hatte Don Antonio schwören müssen, ihm nichts von seinem Zustande zu verhehlen, und eine namenlose Wut kochte in seinem Innern. »Der Mensch,« sagte er einmal, »ist das verworfenste Geschöpf der Erde; wo ist ein Raubtier, das, ich will nicht sagen gegen Tiere seiner eigenen Gattung, nein, gegen solche als deren Herr es geboren ist, so grausam verfährt, wie ein Mensch mit dem anderen? Der hungernde Tiger, der reißende Wolf saugt seiner Beute das Blut aus, aber das ist noch barmherzig gegen die Menschen, die mit tausendfachem Tode töten. Sie haben herrliche Gaben, kühnen Erfindungsgeist, und sie erfinden Gräber, wo sie ihre Mitmenschen lebendig verfaulen lassen. O wenn ich nur vor –-« er unterbrach sich und knirschte mit den Zähnen. Manuela kannte diesen Zustand ihres Vaters, sie wagte es nicht, ihn durch Einreden zu beruhigen, und sie bot alle Rührigkeit ihres Geistes auf, um seine Schwermut zu verscheuchend Die unzähligen kleinen Aufmerksamkeiten, die sie mit so anspruchsloser Miene erzeigte, der Reichtum von kleinen Geschichtchen und Lieblingserinnerungen ihres Vaters, von denen ihr Mund übersprudelte, die hellen Lieder, die sie so jugendlich frisch zur Gitarre sang, dieses alles, und auf solche Weise, konnte nur von einem überreichen Herzen geboten werden. Ich tat Manuela vielleicht unrecht, aber meine Eitelkeit schmeichelte sich doch, daß an diesem freudigen Herauskehren ihres inneren Lebens nicht bloß kindliche Liebe allein, sondern auch meine Anwesenheit einigermaßen Teil hatte. Wir liebten uns nur noch inniger, bewußter. Don Antonio genas von Tag zu Tage; ein leiser Schimmer seines Auges, durch den ihm die Umrisse aller Gegenstände wie mit einem dunklen Flor überworfen erschienen, war gerettet worden. »Manuela,« sagte ich eines Tages zu ihr, als ich mit ihr allein war und Don Antonio noch seine Siesta hielt, »Manuela, darf ich endlich ernste Schritte zu unserer Verbindung tun?« »Ich bitt' Euch,« antwortete sie, »redet mit mir nicht von so ernsten Dingen, ich bin noch zu jung, um darüber nachzudenken.« »Ich aber habe Euch schon einmal gesagt, daß ich meine Liebe nicht einem Kinde, sondern einer Jungfrau mit selbständiger Willenskraft zugewendet habe.« »Und wer ist denn die Glückliche?« lächelte Manuela, »ich habe vergessen danach zu fragen.« Ich schwor ihr, daß ich mich nicht länger durch leichten Scherz gängeln ließe, sie müsse mir gestehen, ob sie den Willen ihres Vaters kenne. »Nein,« war ihre einsilbe Antwort. »Und was seid Ihr zu tun gesonnen, wenn mich Euer Vater, was Gott verhüte, zurückweist?« In entschlossenem Tone antwortete sie: »Kindespflicht geht über alles, aber ich werde –« sie konnte nicht ausreden, denn Don Antonio rief aus der Kammer: »Was ist das für ein Lärm? Warum habt ihr Streit?« »Don Alfonso will mir's nicht zugeben, daß ich vor einem Monat erst fünfzehn Jahre alt geworden bin.« »Schon, mein Kind, sage lieber schon, denn je älter man wird, desto schlimmer geht's einem auf diesem vermaledeiten Boden.« »Manuela hat unrecht,« sagte ich zu Don Antonio, als er zu uns herauskam, »sie hat Euch falsch berichtet, sie wollte mir's nicht glauben, daß ich morgen abreisen will.« »Das tut mir in der Seele leid,« sagte der Alte, »möcht' Euch gerne immer um mich sehen, man gewöhnt sich in meinem Alter schwer an einen neuen Freund, zumal an einen von Euren Jahren; aber bei Euch, ich muß gestehen, ich möchte, was ich sonst nie wünschte, wieder jung werden, bloß um ganz Euer Freund sein zu können.« »Wollt Ihr nicht lieber mein Vater sein!« Ich fühlte, wie alles Blut mir ins Gesicht drang, ich sah, wie heftig Manuela errötete, als ich diese Worte mühsam hervorgepreßt hatte. »Geh Kind,« sagte Don Antonio gleichgültig, »geh zu unserem Nachbar und hole mir das Buch, das er schon so lange von mir hat.« Manuela ging. »Ich bin Euch sehr zu Dank verpflichtet,« redete hierauf Don Antonio mich an, »aber es ist nicht Männerart, den Dienst und den Dank in süße Worte einzukleiden; auch sollte man ja nach den Lehren unserer Religion keinen Dank verlangen und keinen bieten dürfen, da wir in all unserem Tun und Lassen nur Werkzeuge in der Hand Gottes sind. Ich weiß nicht, ob deshalb der Undank in der Welt so groß ist – aber verlangt nur von mir, was ich geben kann, Ihr sollt es haben, nur mein Kind, meine Manuela! die kann ich nicht missen, sie ist meinem Leben so notwendig wie die Luft, die ich atme, und so lange ich atme, soll sie keines Mannes Weib werden. Dringt nicht weiter in mich, erspart Euch und mir die unnötigen Worte.« Ich war wie erstarrt, ich konnte nichts mehr reden, die Tränen standen mir in den Augen, ich nahm meinen Hut und ging. Don Antonio rief mir nach, ich solle bleiben, ich kehrte mich nicht daran. Manuela begegnete mir auf der Treppe; ich sah sie kaum an und eilte davon. Ich ging zu Geronimo und erklärte ihm meinen Entschluß abzureisen und den Grund desselben. »Nicht Manuela,« sagte er, »willst du fliehen, vor dir selbst, vor der eigenen Neigung deines Herzens möchtest du davonlaufen, aber sie wird dir folgen wie dein Schatten, nicht verschwinden wird sie durch die Entfernung, nein, immer reizender, immer lockender dir erscheinen, und in Sehnsucht und widerstrebenden Hoffnungen dich aufreibend wirst du an einem geistigen Siechtum hinkränkeln. Der Herr behüte dich doppelt und dreifach vor dem anderen Wege. Glaub' mir, du weißt, auch ich habe einst geliebt, und da drinnen im Herzen lebt meine tote Isabella, bis es einst zu schlagen aufhört. Drum rette deine erste Liebe, oder sieh zu, daß du die Gewißheit deiner Täuschung mit dir nimmst. Ermanne dich und geh nochmals zu Manuela.« Ich folgte gern seinem Rate. Abends wollte ich noch von dem fröhlichen Kreise der Freunde Abschied nehmen. Alle glückwünschten mir zu der schönen Braut; einer meinte, ich sei doch herablassend, daß ich der Freunde noch gedenke, während ich im Begriff stünde, mich mit einem Nachkömmling der Kalifen von Kordova zu verbinden. »Das Geschlecht ist so edel als das der Ponce di Leon, und wer mir's leugnet, dem will ich die Spitze meines Degens als Stammbaum ins Herz pflanzen,« erwiderte ich und war bereit, meinen Worten schnell die Tat folgen zu lassen. Alle sprangen auf und beschwichtigten den Streit. Meine Heiterkeit war aber durch diesen Vorfall gestört, ich suchte deshalb sobald als tunlich nach Hause zu kommen. Ich reichte diesem und jenem die Hand zum Abschied; aber alle riefen: »Nein, so lassen wir dich nicht, du sollst sehen wie sehr wir dir geneigt sind; wir ziehen mit dir vor Liebchens Haus und schicken auf der Töne Leiter deine Gefühle zu ihr hinauf ins stille Kämmerlein, wo sie von dir träumt.« Von den Wänden der Posada waren schnell die Gitarren und andere Instrumente herabgenommen, ihre Harmonie ward durch einzelne Griffe erprobt, die Kehlen wurden noch durch einen guten Zug mit Wasser vermischten Manchaweines angefrischt. Ich dankte, ich sträubte mich gegen ihr Beginnen, es half nichts. »Und gehst du nicht mit,« riefen alle durcheinander, »so ziehen wir allein hin, und du wirst dann morgen von Wundern hören, welch himmelstürmende Liebesboten wir nach ihr ausgesendet.« Um ihre Ausgelassenheit zu verhindern, zog ich bebenden Herzens mit durch die einsamen Straßen, in denen nur der Tritt und das mutwillige Lachen unserer lustigen Genossenschaft widerhallte. Kaum war das erste Abschiedslied gesungen, als in den benachbarten Häusern neugierige Schönen im leichten Nachtüberwurfe an den Fenstern erschienen; nur im Hause Manuelas blieb alles still und öde. Die Freunde zogen sich zurück, ich blieb allein und sang abermals jenes wehmütige Abschiedslied, aber noch immer erschien niemand; unwillig schlich ich in meine Wohnung zurück. – Mit bewegter Seele und erzwungener Stärke ging ich des anderen Morgens früh in Manuelas Haus. Als ich sie in ihrem leichten Morgenanzuge überraschte, schrie sie laut auf, und ohne meinen Gruß zu erwidern, verschwand sie hinter der Kammertüre, die sie schnell verschloß. »Guten Morgen, flüchtiger Ritter von Obenaus! Hat Euer Trotzkopf den Mißmut in der Nachtmütze stecken lassen?« so rief sie lachend zu mir heraus, »nun, wer hat recht, Vater?« begann sie wieder, »nicht wahr, ich habe auch Menschenkenntnis? Habe ich's nicht gesagt, Don Alfonso kommt wieder, ich weiß es gewiß? Nun, mein Herr Ritter, weil Ihr mir einen Sieg über meinen Vater errungen habt, erlaube ich Euch kraft meiner Macht zu binden und zu lösen, noch drei Tage in Sevilla zu bleiben, wenn Ihr Euch die Buße auferlegt, jeden Tag zur heiligen Manuela zu wallfahrten, eine Stunde lang vor ihr zu knieen und sie anzubeten; oder wollt Ihr eine andere Gnade?« »Ja,« antwortete ich, »die, daß Ihr die uns zugemessenen Minuten nicht unnötigerweise auf Euren Putz verwendet und so bald als möglich herauskommt.« Sie antwortete nicht, sondern sang das Abschiedslied von gestern abend mit zitternder Stimme. Sie hatte kaum die erste Strophe geendet, als sie, die übereinandergeschlagenen Arme unter einem grauen Überwurfe versteckt, heraustrat. »Stürmischer!« sagte sie, »Ihr seid ja unendlich karg mit den Augenblicken, und laßt einem nicht einmal Zeit zum ordentlichen Ankleiden; da bin ich kindisches Ding aus Furcht, Ihr möchtet wieder wie gestern davonrennen, schnell in einen alten Mantel meiner seligen Mutter hineingefahren; es ist aber das ungeschickteste altvaterische Ding, ich halte es nicht lange darin aus, darum machet nur, daß Ihr bald fortkommt oder entlaßt mich auf eine kleine Weile.« »Will Euch nicht lange mehr Unbequemlichkeiten verursachen, Sennora,« antwortete ich, durch den Schlußsatz ihrer Rede gereizt. Sie merkte es, und ging, unwillig den Blick zur Erde geheftet, auf und ab. »Wenn es denn sein soll, daß wir uns trennen,« sagte sie, »so ist mir's am liebsten, es geschieht jetzt; ich sehe schon, durch diese fortdauernden Gereiztheiten werden die Erinnerungen, die uns für eine dunkle Zukunft hell leuchten sollten, farblos und zerfahren. Mein Vater weiß es, ich habe dessen vor ihm kein Hehl, wie sehr ich Euch liebe; der Himmel gebe, daß Eure Liebe gleich sei der meinen, mehr wünsche ich nicht. Ich weiß aber auch zu gehorchen.« Don Antonio saß schweigsam in seinen Schlafmantel gehüllt, die Hände zwischen den Knieen zusammengepreßt und den Oberleib herniederbeugend in seinem Lehnsessel. »Welche Feuerprobe des Ungemachs hat eure beiderseitige Liebe denn schon bestanden?« murmelte er mit unheimlicher Stimme, ohne sich im mindesten aus seiner zusammengekauerten Stellung zu erheben. »Sie ist in Ungemach geboren,« antwortete ich, »aber freilich, das vergißt man gern und schnell.« »Was wollt Ihr?« rief er und erhob sich mit Zittern von seinem Sitze, »was wollt Ihr von mir? Weil Ihr das Schicksal hattet, bei der Rettung meines Lebens behilflich zu sein, sucht Ihr mir nun mein Leben doppelt und dreifach zu rauben, da Ihr meines Kindes Liebe und Gehorsam mir rauben wollt? Ich habe euch alles gegeben, ihr stolzen Spanier, ihr habt meines Stammes Macht und Kraft mir tropfenweise abgezapft, ich bin nur noch ein abgedorrtes Reis; aber so wahr das Blut der alten Valor in meinen Adern rollt, mein Kind, mein Leben sollt ihr mir nicht rauben, solange diese Hand noch Kraft genug hat, den Dolch in eines schwachen Mädchens Brust zu bohren. Geht, ich alter Tor ließ mich wieder hintergehen und hielt Euch für besser als andere, geht, Ihr seid auch so habsüchtig und tückisch wie alle.« Seine Stimme erscholl wie Schlachtenruf, seine schäumenden Lippen zitterten vor Wut, kraftlos sank er wieder in seinen Sessel zurück. Manuela war zu ihm geeilt, sie streckte die nackten Arme nach ihm aus und bat ihn weinend, sich zu beruhigen. »Gott! wo soll ich mich hinwenden?« rief sie. Ich erkannte meinen Fehler, bot Don Antonio meine Hand und bat ihn, seine eben gesprochenen Worte zu vergessen, wie ich sie selbst vergessen wolle, damit wir in Frieden scheiden. Er faßte mit Innigkeit meine Hand. »Ihr habt mich zu hämisch gereizt,« sagte er, »Don Antonio de Valor war leider nie undankbar, und nie hat er sich solche Reden ungeahndet ins Gesicht werfen lassen. Mein Kind ist mein, mein eigen wie meine rechte Hand: soll ich sie zum Dank für Euch abhauen und Euch schenken? Ich bin nicht mehr zornig, gewiß nicht; geduldet Euch, es ist ja nur noch eine kurze Spanne Leben, die ich zu durchlaufen habe, ich mache Euch die Zeit nicht mehr lange.« Er hielt inne und strengte all seine Sehkraft an, um den Eindruck dieser Worte in unseren Mienen zu lesen; er muß Beruhigendes darin gefunden haben, denn mit seltener Weichheit der Stimme fuhr er fort: »Ich hatte es so gut mit Euch vor: wenn der Frühling kommt, wer weiß, ob ich nicht nach Guadalajara gezogen wäre, um mit Hilfe Eures weisen Vaters das Licht meines leiblichen und geistigen Auges mir zu schärfen.« »O, das wäre herrlich!« jauchzte Manuela, »gewiß, ich will Euch pflegen, daß Ihr ganz jung werden sollt. Bis wohin kommt Ihr uns entgegen, Don Alfonso?« Das Gespräch nahm jetzt eine heitere Wendung. »Das hätte ich nie gedacht, daß alles noch schön ausklingen wird; es ist gut, daß meines Vaters langer Degen drinnen an der Wand in die Scheide eingerostet ist, sonst wäre vielleicht noch unsere Stube zum blutigen Kampfplatze geworden;« so sprach Manuela und ihre Munterkeit lebte aus Schmerz und Tränen nur noch verklärter auf. Don Antonio sprach keine Silbe; aber mitten unter Erinnerungen an die Vergangenheit und Plänen für die Zukunft fühlte ich, daß jetzt der Augenblick der Trennung sein müsse, denn aus dieser heiteren Umgebung wollte ich mich losreißen. Ich reichte Don Antonio die Hand zum Abschied. »Ziehet hin in Frieden,« sagte er, »in Frieden mit Euch und mit uns; gedenket meiner bei Eurem würdigen Vater.« »Und sehen wir uns bald wieder?« fragte ich; er drückte mir die Hand und nickte bejahend. Manuela stand regungslos da, unsere Blicke begegneten sich, es war als ob jedes von uns nochmals das getreue Bild des anderen in bewußter Anschauung sich einprägen wolle, in jedem von uns rang der Schmerz über eine prüfungsvolle Trennung mit dem Willen ihn zu besiegen. »Manuela, lebt wohl!« sprach ich, mich der Geliebten nähernd; »lebt wohl!« antwortete sie mit fester Stimme, »ich weiß gewiß, Ihr vergeßt meiner nie, und ist es unsere Bestimmung, daß wir uns einst ganz angehören sollen, so finden wir uns wieder; ist es anders verhängt, was nützt Jammern und Widerstreit? Gehorsam ist unsere Pflicht. Seid dann glücklich mit einer anderen, die Euch gewiß nicht mehr lieben kann als ich; doch daran soll keine Macht der Erde und des Himmels mich hindern, Euch zu lieben bis zum Tode und noch nach ihm. Lebt wohl!« Ich umarmte den Vater nochmals heftig, o! ich glaube, ich hätte den Großinquisitor selbst damals an mein Herz gedrückt. – Ich weiß nicht mehr, wie ich mich losriß, aber an der Haustür hielt mich die Duenna auf und jedes Wort von ihr ist mir seltsamerweise noch in Erinnerung, ja ich höre ihre Stimme. – Es ärgert uns oft, ist aber doch weise so eingerichtet, daß neben der Nachtigall auch immer ein Kuckuck oder sonst ein prosaischer Alltagsvogel sich einnistet, oder ein Frosch im Sumpfe quakt. »So geht's in der Welt,« begann die Alte, indem sie den Saum meines Mantels küßte, »die Laura, die's mit der ganzen Welt am besten meint, die wird überall vergessen. Ihr müßt nicht glauben, daß ich Euch nachgelaufen bin, damit Ihr mir danken sollt, wüßt' eigentlich auch gar nicht für was? Ihr seid ja immer so stolz, daß Ihr kaum guten Tag Laura sagtet, und doch hab' ich schon viel Euretwegen ausgestanden, darum hätt' ich's wenigstens auch verdient, daß Euer Gnaden bei mir Abschied nimmt; es könnte mich kränken, wenn ich Undank nicht schon längst gewohnt wäre bei der ganzen Welt. Ach, heilige Maria, Mutter Gottes, steh mir bei! ich arme Sünderin könnte wünschen, daß man mir jetzt gerade die letzte Ölung brächte und mir ein Häuschen von sechs Brettern mitgäbe; unser guter, lieber Don Alfonso geht fort, jetzt haben wir wieder das ganze Jahr Aschermittwoch. So wahr mir San Jago gnädig sei, Ihr dürft mir glauben, wenn ich Manuela nicht so lieb hätte, bei dem alten Krittler wär' ich keine vierundzwanzig Stunden geblieben, der macht jahraus jahrein ein Gesicht wie ein Judas, und das gute Kind, ach! was steht das bei ihm aus, das weiß niemand als ich. O! es geschieht Euch ganz recht, wenn nur ich nicht darunter leiden müßte; so alles unter sich ausgemacht, unsereinem kein Sterbenswörtchen davon gesagt, da sieht man, was dabei herauskommt, wenn man nicht auch alte erfahrene Leute, die in der Welt auch schon was mitgemacht haben, zu Rate zieht. Bei meiner vorigen Herrschaft da hab' ich ein Pärchen zusammengebracht, der Alte hat noch viel ungerner anbeißen wollen als unser Murrkopf da droben, aber die sind auch nicht so stolz gewesen, daß sie vor lauter Schnäbeln und Herzen ihre besten Freunde vor der Nase übersehen haben; es ist wahr, sie haben mir zuletzt auch mit Undank gelohnt, aber was tut das? Gibst du heute, so bist du morgen vergessen, sagt das Sprichwort, und ein Sprichwort ist ein wahr Wort. Wenn Ihr mir nur einen Wink davon gegeben hättet, ich hatt' das Ding ganz anders eingefädelt; Ihr könnt gut und brav sein, aber (nehmt mir's nicht übel, Usted, es ist, so wahr ich eine Sünderin bin, gut gemeint) aber gescheit seid Ihr nicht. Sechs Wochen lang lauft Ihr darum herum wie die Katze um den heißen Brei, gleich den anderen Tag, gleich die andere Stunde, wo Ihr den Alten heimgebracht, hättet Ihr um mein süß Täubchen freien sollen; gesteht nur selbst, hätt' er's Euch abschlagen können? Drückt die Limone aus, bevor sie verfault, sagt das Sprichwort; nach sechs Wochen, San Jago! Was vergißt der Mensch nicht in sechs Wochen! Da wundert's mich gar nicht, daß er sich das Maul gewischt und Euch mit einem mageren Gratias abgefertigt hat. Den kennt noch gar keiner, der hat einen Stolz wie ein Ritter vom Berge, er ist aber auch, ich glaub's noch immer, ein halber Heide – ich blieb' nicht im Haus, wenn nicht wegen des guten Kindes, das ich so lieb habe, als ob ich's unter meinem Herzen getragen hätte. Ich sag' Euch, ich habe schon viel Verliebte gesehen, ich selbst, seht mich nur an wie Ihr wollt, bin auch einmal jung gewesen und sauber, ich hab' mich dürfen sehen lassen, ich hab' meinen ersten Mann gern, recht gern gehabt, aber daß man so verliebt sein kann wie die Manuela, das hätt' ich mein Lebtag nicht geglaubt. Was liegt dem Alten daran? Seinetwegen kann sie graue Haare bekommen und ihr süßes Fleisch verdorren, der hat ein zähes Leben, der stirbt nicht so bald; er gönnt sie gar keinem anderen, Gott verzeih mir meine Sünden, ich glaub', er möcht' sie selbst heiraten, wenn das nicht gegen die Natur wär'. O! es dreht mir das Herz im Leib herum, wenn ich daran denke, wie sich das alles so schön hätt' einrichten lassen, dann stünd' es jetzt ganz anders und die alte Laura hätt' noch die Freude gehabt, so eine junge rotwangige Manuelita oder einen Alfonsito auf ihren Armen zu wiegen. Nun das sind jetzt lauter Reden in den Wind und ich halt' Euch nur damit auf; nichts für ungut, edler Herr, macht, daß Ihr bald wiederkommt, dann laßt nur die Laura sorgen, Ihr sollt sehen, wie alles so gut geht.« Ich hatte der Alten fast willenlos, als ob ich dazu verpflichtet wäre, zugehört, und reichte ihr nun einige Dublonen zum Abschied; sie wollte sie nicht annehmen, da sie nicht wisse warum, sie hätte sie ja nicht verdient; nach einigem Zureden nahm sie es, und mit schalkhaft dankbarer Miene sagte sie: »Ihr hättet früher einsehen sollen, daß das Sprichwort sagt: ›Geschenke sprengen Felsen‹. Habt Ihr keinen Auftrag mehr an Manuela?« Ich wußte keinen; sie küßte mir die Hand, und unter Schelten und Murren über den heidnischen Kahlkopf ging sie davon. Nach einer Stunde, in der ich noch Geronimo besuchte, hatte ich Sevilla verlassen. Ich fühlte es klar, hier hatte sich ein Wendepunkt in meinem Leben gestaltet, den ich nie aus den Augen zu lassen mir vorsetzte. Aber was sind des Menschen Vorsätze und Entschlüsse? Ein Hauch, ein Schatten berührt sie und sie sind nicht mehr. Ein Jahr und darüber war verflossen; ich hatte zweimal an Manuela und ihren Vater geschrieben, aber keine Antwort erhalten. Da trat allmählich ihr holdes Bild in den Hintergrund der Seele zurück; die Verschlossenheit und Selbstgenügsamkeit, in die ich mich eingepuppt hatte, verschwand nach und nach. – Der Austritt unseres Oheims zu Madrid mit seiner ganzen Familie aus unserer heimlichen Gemeinde, sein reuiges Eingeständnis und seine Bußfertigkeit für die seitherige Halbheit seines Glaubens erfüllte uns mit Trauer und Angst. Die mächtigen Espinosas in dem heutigen Spanien sind die Kinder dieses Oheims. Nicht durch ein einziges Geständnis seiner Mitschuldigen suchte er sich jedoch von den harten Bußen, die ihm auferlegt wurden, zu befreien. Wir erfuhren aber durch unseren Geronimo, daß durch ein neues Edikt der Inquisition nicht, wie man bisher geglaubt hatte, nur die maurischen Christen, sondern auch die Judenchristen nach Afrika deportiert werden sollten. In der Sorge um das eigene Schicksal und das der Angehörigen erwachte in mir auch wieder das Andenken an Manuela mit allem Zauber ihres engelgleichen Wesens. Ich sah es daher als einen Fingerzeig Gottes an, als Rodrigo Casseres, der nach Sevilla reiste, mir die Besorgung jeglichen Auftrags anbot. Ich schilderte Manuela in einem Briefe alle Schrecken, die uns bedrohen, und beschwor sie, mit ihrem Vater schleunigst zu uns zu kommen, damit wir vereint die Zukunft ertragen. Fast ohne Erfolg zu hoffen, und nur um meiner letzten Liebespflicht zu genügen, sendete ich den Brief ab. Die Brust von tausend Sorgen und Ahnungen bewegt, den Vätern grollend, die uns ein alltäglich wiederkehrendes ruhmloses Märtyrertum und das Doppelgesicht des Glaubens als leidiges Erbe hinterlassen, war ich eines Tages die Landstraße entlang gewandert. Da bemerkte ich einen Wagen, der langsamen Schrittes den Weg herkam; ich trat näher, ein Blick, ein Schrei und – Manuela lag in meinen Armen. Wie von innerer magischer Kraft getrieben, hatte sie sich behende über die Brüstung des Wagens herausgeschwungen. Ich setzte mich schnell wieder mit ihr in den Wagen, zog die Gardinen vor und fuhr dem Tore zu. Don Antonio saß in eine große wollene Decke gehüllt neben Manuela; auch er freute sich der glücklichen Schickung, daß wir uns hier so bald getroffen. »Wenn's noch lange so fortgegangen wäre über Berg und Tal,« sagte er, »hätte Manuela mich als Leiche zu Euch gebracht: das Fahren rüttelt mir alle Glieder so auseinander, daß ich meine, ich wäre wieder auf der Folter. Nicht wahr, Manuela, nun hast du dein Höchstes erreicht, da du mich alten Tor zu der weiten Reise überredet hast? Ja, ja, nun ist an meinem Leben nichts mehr gelegen, jetzt wär's am besten, wenn ich bald sterbe, nicht wahr? Seid nur ruhig, es dauert nicht mehr lang.« Mit einem höhnischen Lächeln grinste er uns an und schob Manuelas Arm weg. War mir seine Weigerung ehedem wie dämonische Habgier erschienen, so hatte ich bei dieser Weise, seines eigenen Kindes Freude zu vergiften, mit Haß gegen ihn zu kämpfen; er war bei alledem Manuelas Vater. Manuela verstand es, durch unzählige kleine Fragen und Erinnerungen meinen Ärger zu zerstreuen. Es gelang ihr leicht, denn wie unendlich vieles hatten wir uns zu sagen; aber sonderbar! während hundert gewichtige Fragen sich in unserem Sinne drängen, ist es oft gerade die unbedeutendste, die am ersten zu Worte kommt. »Wie geht's der alten Laura?« fragte ich. »Sie ist tot, die falsche Schlange; hört nur, wie es uns mit ihr erging. Es werden jetzt ungefähr sieben Monate sein, mein Vater lag schwer krank danieder (wie er überhaupt seit Eurer Abwesenheit nicht einen Monat lang ununterbrochen gesund war), da erkrankte auch Laura: sie wurde in das Hospital San Lorenzo gebracht, welches sie zum Erben ihrer ganzen Habe einsetzte. Ihre Krankheit entwickelte sich schnell, sie war unheilbar. Nachdem sie schon die Sterbesakramente empfangen, äußerte sie als letzten Wunsch, man möchte mich zu ihr bringen, sie könne nicht eher ruhig sterben, bis sie mich noch einmal allein gesprochen hätte. Auch mein Vater riet mir hinzugehen, und mit kaum bezwingbarem Widerwillen ließ ich mich nach dem Hospital geleiten. Ich hätte Laura nicht wiedererkannt, so abgemagert war sie in den wenigen Wochen; sie aber erkannte mich alsbald und streckte weinend ihre knöchernen Hände nach mir aus. Ihre ehemalige Beredsamkeit war noch nicht verschwunden; nur mit halber Stimme, und von Stöhnen und Ächzen unterbrochen, gestand sie mir, wie sie es war, die auf Zureden ihres Beichtvaters bekannt habe, daß mein Vater die Kirche nicht besuche und den Heidengott im stillen verehre. Der Beichtvater habe sie zwar schon damals für diese gottgefällige Handlung von allen ihren Sünden freigesprochen, aber jetzt sei es ihr, als ob sie nicht sterben könne, bevor auch ich ihr das viele Ungemach, das dadurch über mich gekommen wäre, verziehen hätte; ich solle bedenken, daß sie damals ihr eigen Seelenheil dafür verbürgt habe, daß ich ein gutes Christenkind sei, darum sei ich auch immer frei ausgegangen; ich sollte bedenken, sagte sie – und der Schalk guckte noch aus ihrem halbgebrochenen Auge hervor – daß ich nur so den guten lieben Don Alfonso kennen gelernt, und sie versprach mir bald im Himmel für unsere Vereinigung zu beten. Ich dankte für ihre gütige Verwendung, mochte ihr aber doch die Todesstunde nicht verbittern und verzieh ihr, wie ich gestehen muß, nicht recht von ganzer Seele.« Ich erzählte nun Manuela von der letzten Standrede Lauras, und unter solchen Gesprächen waren wir am Hause meines Vaters angelangt. Die Ankömmlinge waren meinem Vater hochwillkommen. Der alte Valor wurde die Treppe hinaufgetragen, das geringe Gepäck war bald an Ort und Stelle. Meine Schwester, die einige Jahre älter als Manuela war, wurde bald deren vertrauteste Freundin, so daß sie sich bei uns heimischer als zu Hause fühlte. Wir bereiteten im stillen die Abreise vor, aber der kränkliche Zustand Don Antonios, in welchem er nie etwas von einer Abreise hören wollte, machte uns bange; mein Vater, der als der erfahrenste Arzt in ganz Neukastilien galt, fürchtete für ihn ein langes Hinsiechen. Wie waren wir daher erstaunt, als man ihn eines Morgens mit entsetzlich aufgedunsenem Gesichte im Bette tot fand. Nur dies einzige Mal, als Manuela das schrecklich entstellte Angesicht ihres Vaters zuerst erblickte, sank ihr Körper unter der Wucht des Schmerzes ohnmächtig zusammen, sonst hatte sie alle Wechselfälle des Lebens kräftig ausgedauert. Mein Vater behauptete, das sei nicht das Aussehen eines natürlichen Todes; in der Tat fand man auch, als man die Leiche entkleidete, das Amulett, das Don Antonio seit seiner letzten Verhaftung auf dem Herzen getragen hatte, aufgerissen und leer, nirgends war aber der Überrest eines Giftes zu entdecken. – Nie hat Manuela von diesem Umstande etwas erfahren. Da nun der alte Valor tot war, glaubte mein Vater mit der Abreise nicht länger zögern zu dürfen. Der Verstorbene hatte keine Kunde von seinem letzten Willen hinterlassen: was war natürlicher, als daß Manuela mit uns reiste? Mein Vater trug mir auf, sie an die baldigste Besorgung ihrer etwa unerledigten Angelegenheiten zu gemahnen. Ich ging zu ihr, fand sie allein, weinend und nachdenklich. »Wir alle ehren diese Zeichen kindlich frommen Sinnes,« sagte ich, »aber wozu noch länger düsteren Gedanken Euch hingeben? Mein Vater will auch Euch Vater sein, und ich – nun Ihr wißt, was ich Euch sein möchte.« »Nein, nie!« antwortete sie; »habt Erbarmen mit mir armen Waise und laßt mich hinziehen zu meinem Oheim nach Valencia, er wird den Haß meines Vaters an mir nicht rächen, er wird das Kind seiner Schwester nicht verstoßen. Wie gern bliebe ich bei Euch, aber ich sehe es zu spät, eine eiserne Scheidewand trennt uns auf ewig.« »So wißt Ihr denn schon?« fragte ich mit Ungeduld, »hat meine Schwester es Euch anvertraut? Glaubt mir, schon lange klang es in meiner Seele wie feiger Meineid, daß ich nicht längst Euch alles gestanden, Ihr hättet mich nie verraten. Ja, ich bin ein Jude und will meinem zertretenen Glauben angehören, solange noch ein Lebenshauch in mir wohnt, und könnt Ihr mich jetzt verlassen, nun wohlan, so habt Ihr mich nie geliebt; ziehet hin zu Eurem Oheim, niemand wird Euch hindern.« Manuela blickte mich starr mit verzweifelten Blicken an. »Ihr seid grausam, Sennor,« sagte sie, »das hätte ich nimmer von Euch gedacht; wer hat Euch diese Macht über mich gegeben, so freveln Hohn mit mir zu treiben, und daß ich Euch dennoch lieben muß? Glaubt Ihr, ich sei verzagt und schäme mich meines Glaubens? Sagt's nur frei, ich weiß, du hängst dem Islam an, wie dein toter Vater tat – und ich will Eure Kniee umfassen und Euch um Verzeihung bitten, aber verhöhnt mich nicht; was hab' ich Euch denn getan?« Ein Tränenstrom erstickte ihre Stimme, sie wandte sich schluchzend von mir ab. »O Vater! Vater!« rief sie, »so verfährt man mit deinem Kinde; warum hast du mich nicht mit dir ins Grab genommen?« Ich beschwor alle Flüche des Himmels auf mich herab, wenn ich nicht Wahrheit gesprochen hätte. Sie blickte mich wieder freundlich an, und die stille Träne in ihrem Auge verriet den unendlichen Schmerz über das Unrecht, das sie mir getan, und über den entsetzlichen Abgrund, der sich vor unseren Augen aufschloß. »So nah und doch so unendlich fern!« sagte sie, mir die Hand zur Versöhnung reichend. Ich bestürmte sie mit all ihrer früheren Liebesmacht: »Gott ist der Gott der Liebe, wo Ihr ihn auch verehret, sei es in Kirchen, Moscheen oder Synagogen; und wäre es nicht der Wille Gottes, hätten mir uns so gefunden und wieder gefunden?« In feuriger Rede stellte ich ihr die verschiedenen Glaubensbekenntnisse so dar, wie sie es für Liebende sind; ich kümmerte mich wenig um das, was in den Büchern geschrieben steht und was die Priester lehren, Gott verzeih mir's! Ich möchte heute nicht alles verantworten. Manuela hörte mir nur halb zu, und in herzzerreißendem Tone rief sie: »Herr! Gott! vernichte mich nicht, weil ich noch zweifle. Was hab' ich verbrochen, daß du so Unendliches mir auferlegst? Kann ich der Kindheit Glauben aus der Seele tilgen und doch noch leben? Warum denn gerade mir, gerade mir dem schwachen Mädchen, das grausame Geschick Moslemin zu sein im Herzen und Christin im Angesicht, um zuletzt beides Lügen zu strafen? Gibt's keine Tempel mehr, daß man mich hindurchjage und mein armes Herz zerfleische? Mein Vater hatte doch unrecht, als er vor drei Jahren eine alte Zigeunerin die Treppe hinabwarf, daß ich meinte, sie könne nicht mehr aufstehen, weil sie mir prophezeit hatte, – ich würde nicht in meinem jetzigen Glauben sterben und ich sei zu großen Dingen geboren; ich möchte nur wissen, was das für große Dinge sein werden. Wenn jetzt die alte Hexe wiederkäme, wie würde sie staunen über ihre eigene Weisheit!« – Ein Schrei des Entsetzens unterbrach Manuelas Rede, »das ist die schwarze Kunst, die hier ihr Spiel treibt,« rief sie und schmiegte sich furchtsam an mich. Ich blickte nach der Tür, dort stand ein altes Zigeunermütterchen auf seinen Stab gestützt und bat mit klugem Lächeln um ein Almosen. Ich beruhigte Manuela, die am ganzen Leibe zitterte, sich jetzt aber Zwang antat und beherzt vor die Bettlerin hintretend fragte: »Kennt Ihr mich?« »Ei warum denn nicht?« antwortete die Alte und erhob ihr grinsendes Gesicht, »da seht, hab' ja ein gutes Denkzeichen, die Narbe da über meinem linken Aug', die hab' ich aus Eurem Hause in Sevilla davongetragen; nun wie steht's mit meiner Prophezeiung? Ist sie nicht eingetroffen?« »Ich weiß nicht,« antwortete Manuela. »Ihr wißt nicht? ei, ei, aber ich weiß.« »Danke schönstens für Eure Weisheit,« antwortete Manuela, ihr eine Gabe reichend. »Nur einen Augenblick laßt mir noch dies Samthändchen, ich weiß noch viel mehr Dinge.« Manuela sträubte sich nur halb. Die Alte kicherte so heftig, als sie eine Weile die Handfläche betrachtet hatte, daß der Stock ihrer Hand entfiel. »Das geht über alle Maßen,« rief sie, »nun seht einmal her, diese feingeschliffene Lebenslinie ist mir nur einmal vorgekommen: ein schmucker Ritter kommt und holt Euch übers Meer, dürft Euch darauf verlassen, es ist so gewiß wahr, so gewiß, als ich noch so jung und schön sein möcht' wie Ihr; seht Ihr die kleinen Schnittchen, die da darüber weggehen? Das bedeutet viel Kummer und Herzeleid; aber halt, das müßt Ihr noch hören: da steht ein prächtiger Junge, den Ihr bekommen werdet, braucht nicht so rot zu werden, es gibt einen tüchtigen vielgerühmten Ritter, mit dem keiner in die Schranken treten mag, er führt seine Streiche mit solcher Sicherheit und Ruhe, daß er alle seine Gegner in den Sand streckt; der Ring da abwärts, das bedeutet eine Krone, die er ausschlägt.« Solche und andere Narrenpossen sprach die geschwätzige Wahrsagerin noch viel, und ich wundere mich nur über mich selbst, daß ich die Geschichten noch alle im Kopf behalten habe. Manuela schien, so sehr sie es auch verbergen wollte, doch mehr daran zu glauben als ich; ich habe nie auf derlei Dinge etwas gehalten und wir haben ja jetzt den augenscheinlichsten Beweis, was daraus geworden ist. Auch mir wollte sie noch weissagen, ich hatte aber ganz andere Dinge zu tun und zu denken, gab ihr daher ein Geschenk und hieß sie nun ihres Weges gehen. Durch diesen sonderbaren Zwischenfall war die tiefe Aufgeregtheit Manuelas, die mich schaudern machte, glücklich abgeleitet worden. Ich stellte ihr nun nochmals alles mit Ruhe vor, auch sie war ruhig; ich mußte ihr versprechen, sie vor dem anderen Morgen mit keinem Worte mehr zu bestürmen. »Ich werde alles treu und gewissenhaft überlegen,« sagte sie, »niemand kann, niemand darf mir hier raten.« Des anderen Tages, als ich erwachte, war mein erster Gedanke: heute entscheidet sich deines Lebens künftige Gestalt. Es ist in solchen Stimmungen nicht möglich, irgend einen Gedanken festzuhalten, eine peinliche Ungeduld verzehrt uns. Ich eilte hinaus auf die Almeda, ich jagte mein Roß, als ob ich mit seinen raschen Schritten auch die träge Zeit zwänge, daß sie ihren Lauf beschleunige, damit ich endlich zu Manuela gehen könne. – »Gott allein weiß, wie ich gerungen,« sagte sie, als ich zu ihr kam, »Ihr habt gesiegt; aber ich bitt' Euch, macht daß wir fortkommen, hier halte ich's nicht länger aus.« – Ich erzählte meinem Vater alles. »Du hast nicht wohlgetan, mein Sohn,« sagte er, »so ungleiche Gewichte in die Wagschale zu legen; mir ist alles, was du mir hier sagst, nichts Neues, doch so mit gebrochener Seele darf das Mädchen unserem Glauben und unserer Familie nicht gewonnen werden; ich werde ihr unverhohlen all die schweren Pflichten, die unser Glaube zu üben befiehlt, all die Leiden, die er noch zu tragen verdammt ist, auseinandersetzen –, beharrt sie dann noch auf ihrem Vorsatze, nun denn, so gebe Gott seinen Segen dazu, daß sie die Stammmutter einer frommen Nachkommenschaft werde.« Manuela blieb standhaft. Kein Hindernis stand unserer Abreise mehr im Wege. Nachdem wir mit vieler Mühe unsere Habe in beweglichen Wert umgesetzt hatten, reiste Immanuel mit der Schwester und Manuela voraus, denn wir mußten möglichst dafür sorgen, kein Aufsehen zu erregen. In der Nacht darauf folgte ich mit meinem Vater. Ich konnte mich der Tränen kaum erwehren, als wir uns von den traulichen Straßen wie Diebe, von Nacht und Furcht umgeben, wegschlichen. O! wir liebten unser Stiefvaterland von ganzer Seele, das fühl' ich noch jetzt. Mein Vater sprach keine Silbe. Erst als die Morgenröte aufging, befahl er mir hier die Sonne zum Zeugen zu nehmen und bei Gott dem Allerhöchsten zu schwören, daß ich Manuela so lange nicht als die Meine betrachten wolle, bis sie in unseren Glauben aufgenommen und durch den Bund der Ehe mir zugegeben sei. Wir holten die Vorausgegangenen ein und kamen nach manchen Beschwerden in Oporto an. Dort wohnten wir bei dem Vater Uriel da Costas bis zum Tage der Abfahrt. Auch Mendez Henrico aus Madrid trafen wir hier; er verließ ein hohes Amt am Hofe und eine heißgeliebte Braut, um mit seinen Brüdern in fernem Lande seinen Glauben offen zu bekennen. Es war ein wortkarger Reisegefährte. Einen gräßlichen Fluch, wie ihn noch nie eines Menschen Zunge ausgesprochen, beschwor er über das unglückliche Spanien herab als wir die Anker lichteten; dabei rollten seine Augen wie die eines Rasenden, er knirschte mit den Zähnen und stampfte mit den Füßen, daß mir vor dieser Wut bangte und ich ihn besänftigen wollte. Ohne mir zu antworten oder nur nach mir umzublicken, ging er an das andere Ende des Schiffes, rückte sich in einer einsamen Ecke ein Gewinde vorrätiger Tauseile zurecht, und kauerte sich dort zusammen. Ich hatte genug zu tun mit den eigenen Angehörigen und ließ Henrico nach seiner Weise gewähren. Die Fahrt war anfangs glücklich; das neue Schauspiel erweckte Manuelas Heiterkeit wieder. Aber schon am ersten Abend erkrankte mein Vater. Er suchte wieder, wie sonst, durch starke Arzneimittel entgegenzuwirken, es half nichts, sein Zustand verschlimmerte sich von Stunde zu Stunde. »Es ist sonderbar,« sagte er einmal zu mir, als ich an seinem Bette saß, »da liege ich altes Kind wieder in einer großen Wiege, die mich aus dem Leben hinausschaukeln wird. Werft meinen Leib nur nicht hinaus in die kalte Flut; wie Joseph einst seine Brüder, so beschwöre ich euch, meine Kinder, nehmt meine Gebeine mit und begrabt sie in dem Lande, wohin der Herr euch führen wird; ich fühl's, mein Auge soll's nicht mehr schauen.« Ich suchte ihm solche Gedanken auszureden, er aber sagte: »Ich weiß, meine Stunden sind gezählt, ich habe viel Freud' und Leid genossen auf dieser Welt: Preis und Dank sei Gott dem Herrn für beides. Komm, rufe mir meine Kinder, auch Manuela, auch sie ist mein Kind, du wirst glücklich mit ihr sein.« – »Weinet nicht,« sprach er dann zu den Eintretenden, »ich kann ruhig in die Grube sinken, da ich weiß, ihr werdet fortan ungehindert und in Frieden eurem Gotte leben dürfen; und sollte abermals eines Drängers Hand euch verstoßen, verzaget nicht, denn das Gesetz unseres Gottes, des einzig Einigen, wird einst glorreich erkannt werden von allen Völkern.« Mein Vater sprach noch viel über die Einrichtung unseres künftigen Lebens; es war als ob sein naher Tod ihm das Fernsehen in unbekannte Verhältnisse gestattet hätte. Er segnete noch jeden einzeln, und nach wenigen Stunden verschied er mit gebetähnlicher Lippenbewegung. Ich habe seitdem vieler Menschen Geist sich losringen sehen vom Körper, aber nie sah ich solch himmlisch verklärtes Antlitz wieder. Unsere Tränen flossen reichlich: am heftigsten aber weinte Manuela, sie war zum zweiten Male verwaist. Als keine Rückkehr des Lebens in den Leichnam mehr zu hoffen war, entleerten wir in der Stille eine große Kiste und zogen der Leiche das Sterbegewand, das noch meine Mutter bereitet hatte, an. Ein Säckchen mit Erde aus dem Gelobten Lande, das mein Vater für schweres Geld hatte kommen lassen, lag bei den Sterbegewändern. Wir legten ihm diese heilige Erde unter das Haupt und stellten den Sarg in die unterste Kajüte, wo mein Bruder ihn bewachte. Es war ein neblichter Morgen, als wir weiterfuhren. Gegen Mittag erhob sich ein fürchterlicher Sturm mit all den Schrecken, die ich bisher nur aus den Erzählungen von den vielfachen Reiseabenteuern meines Vaters gekannt hatte; ich dankte Gott, daß er ihn dieser neuen Qual überhoben und suchte durch diesen Gedanken die zitternden Mädchen zu beruhigen. Da trat der Schiffshauptmann zu uns und befahl mir in kurzen Worten, ihm augenblicklich die Kiste anzugeben, worin die Leiche verborgen sei, damit er nicht nötig habe, alles zu durchwühlen und viel Zeit zu verlieren; es sei eine bewährte Regel, daß das Meer sich nicht eher beruhige, als bis ihm die Leiche, die ein Schiff mit sich führe, zum Opfer gebracht worden. Ich suchte ihn zu beruhigen, war aber dabei so unvorsichtig, ihm das Lächerliche seines Aberglaubens begreiflich machen zu wollen. Er hätte mich für diese Belehrung fast niedergestochen, wenn nicht Manuela ihm in den Arm gefallen wäre. Ich wollte nur' mit dem Tode den Willen meines Vaters unerfüllt lassen und setzte mich zur Gegenwehr; die Mädchen jammerten und weinten; die ganze Schiffsmannschaft kam hinzu, ich mußte mich fügen. Nachdem wir noch schnell den Sarg mit Ballast beschwert hatten, damit er sogleich untersinke, trat ich mit hinaus in die Wut der Elemente und mit blutendem Herzen sah ich, wie die hochaufbraufenden Wellen ihren Rachen über der dargebotenen Beute schlossen. Auf lange Zeit war meine Ruhe dort mitversenkt worden. – Alles auf dem Schiffe war in gräßlicher Bewegung, nur einer stand regungslos da inmitten dieses Aufruhrs, es war Mendes Henrico. Den gespannten Hahn einer Pistole in der einen Hand, mit der anderen sich aus aller Kraft an ein Tauseil anklammernd, stand er auf dem Verdeck. »Was wollt Ihr? Seid Ihr wahnsinnig?« rief ich ihm zu; er lächelte mitleidig: »Seht Ihr das Meer da?« sagte er, »seht Ihr das Meer da?« Das ist ein großes Taufbecken, da sollen wir nun auch noch nach griechischem Ritus getauft werden; mich aber sollen sie bei lebendigem Leibe nicht dazu zwingen, sie, denen die Elemente selbst sklavisch heucheln. Bricht der dort (hier deutete er auf den Mast), so brennt diese Kugel in meinem Herzen, ich will nicht« – In diesem Augenblicke krachte der Mast, ein Schuß knallte und Henrico stürzte kopfüber aus dem Schiff. Ich war selbst wie zerschmettert von all dem, was mich umgab; wir waren ein Spielball in den Händen des Sturmes. O mein Sohn! Wer sein eigenes Leben und was er von der Welt gesehen, was wichtig und was nichtig ist, erkennen will, der lernt es am besten, wenn er mit allem was er ist und hat, draußen auf dem endlosen Meere ist. Im Sturm wie in der darauffolgenden Stille habe ich tiefer in alles geblickt als je sonst. Es war mir wie jenes vierzigjährige Wandern unserer Vorväter durch die Wüste: nicht das alte Geschlecht sollte nach dem Gelobten Lande kommen, in mir selbst starb es aus – ein neuer Mensch sah endlich das Land der Freiheit vor sich. Wir landeten in Antwerpen. Erst über tiefe Trauer hinweg sollte ich unsere neue Heimat lieben lernen. Dreißig Tage trauerte ich, wie es das Gesetz vorschreibt, um meinen Vater; noch lange erregte es mir tiefe Gewissensbisse, seinen letzten Willen nicht erfüllt zu haben. Manuela war unterdes in die jüdische Gemeinde aufgenommen worden, und an ihrer Seite fand ich die Ruhe und das Glück, für das ich Gott ewig danke. Wir hatten beide schwere Lebenskämpfe. Wir hatten uns beide das Judentum in der gemeinsamen Ausübung einer freien Genossenschaft ganz anders gedacht; wir wußten nicht, wie viel doch noch von Angewöhnung in uns war, und mir besonders wollte es nicht behagen mit der bloßen Freiheit, ein Leben von tausend religiösen Observanzen eingehegt leben zu dürfen. Gott der Allgütige wird mir meine Schuld verzeihen, ich habe erkennen gelernt, daß sein heiliger Wille überall waltet und die Beobachtung des Gesetzes nur zu ihm führt. Wir haben alles aufgegeben, um euch, unsere Kinder, im Frieden unseres Glaubens erwachsen zu sehen. Seid dessen eingedenk. Du vor allen mein Sohn. Das ist die Geschichte meines Lebens, meiner Liebe, geschrieben für meinen einzigen Sohn Baruch allein. 6. Talmud und Latein Die Hand Baruchs zitterte als er die Blätter weglegte, seine Stirne war heiß als er sie mit der Hand stützte. Welch ein Wirrsal ist das Leben der Menschheit, das sich in Stammes- und Glaubensgenossenschaften abscheidet; Und die eine haßt und verfolgt die andere und dünkt sich allein weise und gottgefällig, und die Tempel werden zu Feldherrenzelten, darin die Parole kundgegeben wird, den Kundigen zum Heile, den anderen zum Verderben... Eine Stimme, noch mächtiger und eindringlicher als die in der Synagoge, rief jetzt Baruch, den Segen zu sprechen über das offenbare ungeschriebene Gesetz, dessen beide Säulen Befreiung von jeglicher Stammes- und Glaubenssonderung und Liebe zur Menschheit deuten. Hat nicht schon Maimonides gelehrt: Die Frommen aller Religionen gelangen zur ewigen Seligkeit? Baruch war nicht mehr der Sohn Israels, er war der Sohn der Menschheit. Nicht nur seine Abstammung trieb ihn darauf hin, sich als solchen zu erkennen – wenngleich dies die erste Veranlassung war – der Geist des Lebens, der Geist Gottes erfaßte ihn und trug ihn hinweg über alle Schranken und hielt ihn fest und frei in wonniger Schwebe. Erst als ihn der Vater rief, erwachte Baruch und mußte sich besinnen wer und wo er war. Er gab dem Vater die Blätter zurück und küßte seine Hand. Der Vater hielt die Hand des Sohnes fest und ging mit ihm nach der Synagoge. Baruch antwortete denen, die ihm am Eingange des Gotteshauses zu der erlangten rabbinischen Würde Glück wünschten, nur zerstreut und halb. Die Leute hielten ihn für stolz. Diese Voraussetzung wurde teilweise zur Wahrheit, als er des Sonntag Morgens nach dem Frühgottesdienste seinen mit Blech beschlagenen Folianten unter den Arm nahm und den Weg nach der Schule »Gesetzeskrone« einschlug. Wie freudig und behend war er sonst diesen Weg gegangen, und jetzt schaute er wie verworren drein und strauchelte fast bei jedem Schritte. Eine aus Mißmut und Stolz gemischte Empfindung beherrschte seine Seele; er sollte nun fort und fort diesen Weg gehen, sollte allzeit dieselben Bücher abermals studieren und was konnten sie ihm Neues bieten? Er hatte die rabbinische Würde, das höchste in diesem Bereiche, errungen, und war und blieb doch wiederum Schüler in den gleichen Lehrgebieten, in denen man nur den Scharfsinn bis zum Aberwitz üben sollte. Er war zu Hause in allem was sich hier kund gab, wozu sollte das ewige Einerlei? Noch schmerzlicher aber war der Gedanke, daß er ein Fremder geworden, denn die Erfahrungen des vergangenen Tages hatten ihn hinausgehoben über jegliche Gewöhnung; war es nicht ein Frevel, daß er wieder in dieselbe eintrat und sich gebärdete als ob nichts geschehen wäre? Die jüdische Volksgenossenschaft und ihre Lehre war nicht mehr der Kern des ganzen Weltlebens und alles andere nur äußere Schale. Da sind Häuser gebaut, Schiffe gezimmert, Straßen gebahnt, unbekümmert um die vereinsamte Gemeinde; da tönen Glocken und rufen zu anderen Heiligtümern. Wo ist die Lebenskraft der Welt? – der zum mutigen Jüngling Gereifte wäre gern eingedrungen in ihre ewigen Hallen – und ihm öffnete sich jetzt nur die Türe zur Schule »Gesetzeskrone«. Er wollte sich nicht drein finden, daß die Welt nicht plötzlich eine andere werden sollte, weil sie ihm jetzt als eine andere erschien. Warum sollte es nicht möglich sein, zum bewußten Dasein erwacht, auch mit ihm ein neues zu beginnen? Die Welt geht in ihren gewohnten Gleisen fort. Die Wunden der ersten Jugend heilen leicht, die Zweifel beschwichtigen sich schnell, sei es im Vergessen oder in gewohnter Unterordnung des Willens. Als Baruch wieder in die Schule eintrat, war er ganz in jugendlicher Weise dem nächsten Interesse hingegeben und alles andere schien verschwunden. Rabbi Saul Morteira wies ihm den Platz zu seiner Linken an, den zur Rechten hielt Chisdai durch das Recht der Verjährung inne. Die übrigen Schüler saßen nach Alter und Kenntnissen geordnet an dem langen Tische »zu den Füßen des Rabbi«. Der Lehrer befahl Baruch, den am Freitag unterbrochenen Abschnitt bis zum Ende laut vorzulesen. Es war die Stelle Talmud Traktat Kiduschin Folio 22, Baruch las: »Geschrieben steht 5. B. M. 21, 10: Wenn du ausziehest zum Kriege wider deinen Feind und der Herr gibt ihn in deine Hand, daß du ihn in Gefangenschaft führest, und du siehst unter den Gefangenen ein Weib von schöner Gestalt und du hast Lust zu ihr und nimmst sie dir zur Frau ... Diese Indulgenz ist deswegen gestattet, weil sich die Israeliten doch nicht hätten davon abhalten lassen und es besser ist, sie tun etwas, das erlaubt ist, als daß sie etwas täten was nicht erlaubt ist.« Kaum hatte Baruch einige Minuten gelesen als sich ein heftiger Streit zwischen ihm und Chisdai entspann. Der große Scholiast Rabbi Samuel Edels hatte zu dieser Ausführung ein Problem aufgestellt und es mit den Worten geschlossen: »hiefür läßt sich eine Auflösung finden«. – Chisdai glaubte solche gefunden zu haben, aber einer der jüngsten Schüler, der unten am Tische saß, gab ihn mit zwei Worten dem allgemeinen Gelächter preis. Nun sprang Chisdai auf und wollte den Frechen mit einem Worte niederdonnern: aber auch Baruch stand auf und schlug sich auf Seite des Kleinen. Chisdai wendete sich zu dem Gegner, den er für ebenbürtig hielt; er zog die Ellenbogen zurück und reckte seine auseinandergespreizten Finger empor, daß sie dastanden wie eine Palisade von Ausrufungszeichen, mitleidig lächelnd und mit ironischer Verwunderung schüttelte er sein gelehrtes Haupt über die schwachen Gründe, die man gegen ihn aufbot; aber Baruch setzte ihm immer heftiger zu, da endlich fuhr Chisdai kollernd auf seinen Gegner los, er packte ihn an seinem Mantel und wollte ihn nicht mehr zu Wort kommen lassen, er schlug auf den Tisch, wendete sich behende nach allen Seiten an diesen und jenen, es nützte nichts. Baruch hatte ihn durch seine Ruhe in ein Dilemma gelockt, aus dem er sich nicht retten konnte. Chisdai setzte sich nieder und kaute an den Nägeln, Baruch löste das Problem ganz einfach. »Ich finde es sonderbar,« sagte er dann, »daß man hier etwas gestattet, weil man es sonst doch tun würde; das könnte man bei jedem anderen Dinge ebensogut anwenden.« »Die Strafe derer, die eine Nichtjüdin heiraten, folgt gleich darauf,« fagte Chisdai mit frohlockender Miene, die niemand zu deuten wußte als Baruch und er, »denn der Talmud sagt: fast unmittelbar auf diese Verse folgen die von dem abtrünnigen Sohne, weil aus solcher Ehe nur Gottlose hervorgehen.« Baruch antwortete nichts. »Bleibt nun als Resultat,« fragte er den Rabbi, »daß eine Ehe mit einer Nichtjüdin keine Sünde ist?« »Du siehst es ja,« antwortete der Rabbi, »aber nur zu Zeiten des Krieges.« »Kann aber Gott ein Gesetz für den Krieg und ein anderes für den Frieden geben?« »Warum nicht? Es gibt ja auch viele Gesetze, die bloß für Palästina gegeben sind. Bleib nur bei dem Worte, hier ist allein vom Krieg und nicht vom Frieden die Rede.« »Verzeiht,« erwiderte Baruch, »ich muß noch etwas fragen. Hier gleich nach diesem Verse steht: Wenn ein Mann zwei Frauen hat, die eine liebt er, die andere aber nicht; die Erlaubnis, mehrere Frauen zu heiraten, galt doch für Krieg und Frieden, für Palästina und die anderen Länder, warum gilt sie jetzt nicht mehr?« »Du weißt ja, daß Rabbi Gerschon, ›das Licht des Exils›, auf alle Zeiten denjenigen mit dem Bann belegt hat, der mehr als eine Frau heiratet.« »Wie durfte er aber das, da es ja in der Heiligen Schrift nirgends verboten ist, und nach dem Talmud König Salomo bloß verboten war, mehr als achtzehn Frauen zu heiraten?« »Ich glaube gar,« antwortete der Rabbi, »du meinst, das hatte das Sanhedrin von Mainz nicht so gut gewußt als du. Ich kann dir jetzt nicht alles auseinandersetzen, du bist nicht allein da; wenn du vorwitzige Fragen stellst, kann ich die anderen damit nicht aufhalten. Chisdai lies weiter.« Chisdai tat wie ihm befohlen. Die ganze Vorlesung geschah in einem Tone, den man seines allgemeinen Gebrauchs wegen für Tradition hält: der halb wehklagend singende, halb litaneimäßig rezitierende Ton ließe sich ebensowenig auf Regeln der Deklamation oder Musik zurückführen, als aus dem babylonischen Sprachgemengsel des Talmuds eine Grammatik abstrahiert werden kann. Ein jeder der Schüler bemühte sich aus den vielen kunstreich gewebten Fragen des Textes und der zahlreichen Kommentatoren neue Fragen zu kombinieren, die dann wieder durch frappante Syllogismen u. s. w. gelöst wurden. Trotz der ungebundenen Geistesrührigkeit, die sich von allen Seiten offenbarte, war doch eine gewisse geregelte Ordnung nicht zu verkennen. Der Rabbi hörte die Fragen eines jeden genau und forderte dann, je nachdem er deren Lösung schwierig oder leicht fand, diesen oder jenen dazu auf. Chisdai, der dem Throne des Rabbi zunächst saß, winkte den jüngeren, die die ersten Ansätze ihrer Dialektik zaghaft machten, freundlich und mit herablassender Aufmunterung zu. Er lächelte wie ein Feldherr, der, im Bewußtsein bald Größeres auszuführen, einem Untergeordneten, der ein kleines Scharmützel glücklich ausgeführt, wohlwollend auf die Schulter klopft. Als eine Pause eintrat, führte er zwei sich offenbar bekämpfende Ansichten des großen Maimonides in die Schlachtlinie, indem er gegen die hier dargelegte Ansicht eine widersprechende aus dem Traktat Chetuboth auf vielen Umwegen und mit vieler List auf den Wahlplatz brachte. Alles schwieg. »Nun, Baruch, was sagst du dazu?« fragte der Rabbi. Baruch fuhr wie aus einem Traume auf, denn er hatte sich in ein ganz anderes Gebiet des Denkens begeben. »Nun Baruch, was sagst du zu dem, was Chisdai hier vorbringt?« fragte der Rabbi wiederholt. »Er hat vollkommen recht,« antwortete er rasch. Ein schallendes Gelächter, das Chisdai zuerst begann, bewegte sich von dem einen Ende des Tisches bis zu dem anderen. »Wo sind deine Gedanken jetzt wieder?« fragte der Rabbi besänftigend, »nicht nur seinen Worten, auch seinen Gedanken muß man einen Zaum anlegen. Nun, wer weiß eine Antwort auf Chisdais Frage?« Niemand antwortete. Da brachte Chisdai mit triumphierender Miene eine feingeknöpfte Kette von Autoritäten, Argumenten und Schlüssen hervor, mit welchen er die unwiderleglich scheinende Frage aufs glänzendste ausglich. Baruch suchte seine abschweifenden Gedanken mit aller Willensmacht zurückzulenken, mit peinigender Emsigkeit sprach er die Textesworte vor sich hin, es fruchtete nichts; sein Geist schwebte über den Worten unaufhaltsam nach anderen Richtungen. Von der Anwendung, die die ganze Erörterung auf das Schicksal seiner Mutter an die Hand gab, war er bald zurückgekommen; der Zweifel über die ewige Gültigkeit und Unabänderlichkeit des Gesetzes richtete sich in ihm auf, er glaubte ihn in seinem Entstehen bewältigt zu haben, indem er sich überredete, daß sein Lehrer entweder nicht die Tiefe der Kenntnisse habe, um auf solche Fragen zu antworten, oder daß er ihn noch für unwürdig halte, ihm vom Baume der Erkenntnis mitzuteilen. Vieles, was in seiner Erinnerung fast erloschen war, tauchte in frischer Lebensgestalt wieder in ihm auf, und er war froh, als er seine Mitschüler die großen Folianten zuschlagen und den Rabbi mit einem schweren Seufzer aufstehen hörte. Zu Hause setzte er sich mißmutig und mit Widerwillen gegen alles schweigend zu Tische. Der Vater ließ ihn unbekümmert gewähren; nur Miriam schaute ihn fragend an. Man sprach von der soeben erfolgten Abreise des Rodrigo Casseres und den Annehmlichkeiten des künftigen Zusammenlebens beider Familien. »Was ist denn heute mit dir, Baruch?« fragte der Vater, nachdem gespeist worden war. »Du hast doch sonst immer daran gedacht, daß ›die Väter‹ sagen: wenn drei an einem Tische essen und nicht vom göttlichen Worte sprechen, ist es als ob sie von einem Totenmahl genössen. Muß ich dich daran gemahnen, vor dem Tischgebete einen Abschnitt aus der Mischnah zu lesen?« Baruch stand auf, holte den sauberen Quartband und sprach einige Paragraphen vor sich hin. Heute zum ersten Male fand er es lästig, daß man, den Bissen noch fast zwischen den Zähnen, abermals die alten Gesetze wiederkäuen müsse. »Ich war auch heute schon für dich bedacht,« sagte der Vater, »ich habe einen Lateinlehrer für dich gefunden; doch, lies nur ruhig weiter, ich will dir's nachher erzählen.« Schneller als sonst las Baruch die vorgeschriebene Zahl der Abschnitte; um jedoch durch deren schnelle Beendigung seinem Vater nicht zu verraten, wie sehr der angeregte Gegenstand ihn erfaßte, las er noch zwei Paragraphen mehr, aber nirgends folgten seine Gedanken den Zeilen, die Auge und Mund ablas. Er maß die Schuld hievon den Reden seines Vaters bei, denn er wollte sich's noch immer nicht gestehen oder wußte in der Tat nicht völlig, welch eine unabsehbare Veränderung in ihm begonnen hatte. Er schlug das Buch zu und blickte erwartungsvoll auf seinen Vater, der ihm befahl, das lange hebräische Tischgebet laut zu sprechen. Glückliche Macht der Gewohnheit! Hätte Baruch nicht seit seiner ersten Kindheit dieses Gebet täglich mehrmals verrichtet, er hätte jetzt oft gestockt; denn, während er Gott für die leibliche Nahrung dankte und um Wiederaufbauung Jerusalems bat, schweifte sein Geist zu den Göttern nach Rom und Athen und freute sich der geistigen Nahrung, die ihm von Aristoteles und den römischen Historikern geboten werden sollte. Nach dem Amen stand der Vater auf, zündete sich eine Zigarre an und sprach: »Wenn ich ausgeraucht habe, Baruch, so gehen wir miteinander zu Salomon de Silva. Ich habe anfangs doch ungern in den sauren Apfel gebissen, aber das machte sich alles so von selbst, daß ich meinen Widerwillen dagegen ganz verloren habe. Ich begleitete heute morgen Rodrigo Casseres hinaus an die Amstel, wo er mit der Trekschuit (Ziehschiff) nach Leiden abfuhr, und wie ich zurückkehrte, begegnete mir unser lieber Doktor; ich weiß nicht, die Leute machen viel zu viel Aufhebens von deiner gestrigen rabbinischen Erhöhung; laß dich nur nicht stolz machen von solchen Reden.« »Gewiß nicht,« antwortete Baruch, ohne aufzublicken. Wie verändert war der Vater heute! Wo war seine sabbatliche Erhebung? »Man muß immer noch weiterkommen, das ist die Hauptsache,« fuhr der Vater fort. »Eben als ich nun mit dem Doktor darüber redete, fiel mir mein Versprechen ein, und Silva sagte, er könne mir einen Lateinlehrer empfehlen, wie kein zweiter mehr in halb Europa zu finden sei.« Baruch und sein Vater gingen miteinander zu dem Arzt. »Ich wartete schon lange auf euch,« sagte dieser, »und Magister Nigritius hat mich gewiß schon heute morgen erwartet.« Das Lob, das Baruch nun persönlich von dem Arzte erhielt, ward ihm doppelt peinlich, weil er durch die Vorgänge in seinem Innern wie durch den in der heutigen Schule sich dessen unwürdig hielt. Wäre es in der Tat eine buchstäbliche Notwendigkeit, daß er ein Abtrünniger werden müsse? – Baruch bebte jetzt vor der Erfüllung eines heiß ersehnten Wunsches. Ist aber das Abtrünnigwerden eine innere Notwendigkeit, wer will sich dann dagegen stemmen? »Ich habe stets einen Widerwillen gehabt,« sprach der Vater, während die drei miteinander gingen, »meinen Sohn Latein und noch dazu bei einem Christen lernen zu lassen. Ich habe einst den Spruch aus dem Talmud gehört: Verflucht sei, wer seinen Sohn die griechische Wissenschaft lernen läßt. Dem Akosta hat nichts anderes den Kopf verrückt; hätt' er sein Lebtag weder Latein noch Griechisch gesehen, ich möchte darauf schwören, er lebte jetzt noch unter uns in Ruhe und Frieden, in Ehre und Glück.« »Euer Wort in Ehren, lieber Binjamin,« sagte der Arzt. »Ihr seid ein geschickter Kaufmann, wißt wie und wann man Rosenholz und Zimt, die Ihr durch die ostindische Kompanie bezieht, am besten absetzt; aber von diesen Angelegenheiten müßt Ihr Euch anders belehren lassen. Ich kann es nicht glauben, daß Ihr auch einer von denen seid, die ihre Jugend ganz vergessen und die polnische Verfinsterung bei uns einführen möchten. Das Ansehen und die Ehre, die wir genießen (hiebei erhob sich der Blick des Doktors bis zum Stolze), verdanken wir dem allein, daß wir in den weltlichen Wissenschaften auch ein Wort mitsprechen können. Ein anderes ist wegen des Lernens bei einem Christen; Euer Baruch ist aber so heimisch in der Bibel und im Talmud, daß er gegen einen Beweis, den man ihm aus der Bibel für das Messiastum Jesu aufgestellt, leicht zehn Gegenbeweise findet; auch sind die frommen Christen gewöhnlich die, die jeden gern in seinem Glauben lassen; weit mehr sind die Freigeister unter den Christen zu fürchten, die könnten unsere Jugend verderben, denn wer die Grundbedingungen jeder Religion leugnet, der ist der eigentliche Verführer. Die wahre Wissenschaft aber führt am Ende wieder zum Glauben.« Der gelehrte Arzt erläuterte dieses Thema noch ausführlich, denn nicht nur zeigte er seine, für einen Arzt in der Tat seltenen theologischen und philosophischen Kenntnisse gern, sondern er wollte auch hiedurch den barschen Anfang seiner Rede vergessen machen. Er hatte noch nicht geendet, als er in das Haus des Magister Nigritius eintrat, und während er mit ziemlichem Geräusch die fünf Treppen vorausstieg, gab er seinen Begleitern Verhaltungsregeln gegen den Mann, den man jetzt besuchte. Man war endlich oben auf einem reichlich mit Spalten versehenen Boden angelangt. Der Doktor öffnete die Tür: ein kleines Männchen mit einem grüngelben Gesichte und einem gleichfarbigen tintenklecksigen Schlafrocke sprang ihm entgegen und stolperte über einige Folianten, die auf dem Boden lagen. » Heureka carissime amice! « rief der Magister, »Marsi« und nicht Mauri darf man lesen. Sehen Sie, hier will Horaz die Abkunft Augusts vom Kriegsgott ableiten und sagt: Quem juvat clamor, galeaeque leves,    Acer et Mauri peditis cruentum       Vultus in hostem. Den Kriegeslärm und das Blinken des Helmes ergötzt, und des maurischen Fußgängers grimmiger Blick auf den blutenden Feind. Nun aber sind die Mauren weder kriegerisch noch tapfer. Hier ist eine Stelle im Hirtius über den afrikanischen Krieg, wo weniger als dreißig Gallier zweitausend maurische Reiter aus ihrer Stellung vertrieben; auch hatten die Mauren gar keine Fußgänger. Sodann waren die Mauren ja stets Feinde, und der erlegte Feind, über den sich Mars freut, wäre ein Römer – wie ungeschickt und unpatriotisch! Darum lese ich Marsi und die Marsischen Fußgänger waren die tapfersten unter den italischen Stämmen, wie mehrere Belegstellen aus Strabo, Appian und Virgil, ja sogar zwei Stellen aus Horaz selber beweisen. Seht, mit dieser einzigen Konjektur will ich dem Prahlhans Kaspar Barläus sein groß Maul stopfen, daß er auf Lebzeiten genug haben soll. Ach, lieber Doktor, wie froh bin ich, daß ich einen Mann habe, dem ich das alles erzählen kann und der einen solchen Fund zu schätzen weiß. Schon seit heute morgen warte ich mit Schmerzen auf Euch. Ich kann's jetzt gar nicht mehr begreifen, wie man dem feinsten Römer so lange zumuten konnte, die dummen Mauren gelobt zu haben. Setzt Euch, lieber Doktor.« Der Magister legte einige offene Bücher, die auf einem hölzernen Stuhl lagen, sanft auf den Boden. Erst jetzt berücksichtigte er die beiden Fremden, die er bisher nicht zu bemerken schien. Baruch stand starr dreinblickend da während der langen Darlegung des Magisters; er kniff nachdenkend die Lippen übereinander, denn es war ihm, als hätte sich heute die ganze Welt verschworen, ihn auf allen Schritten an die maurische Abstammung seiner Mutter zu erinnern. »Was will man von mir?« fragte der Magister ärgerlich. Der Arzt beschwichtigte ihn und sagte, sie hätten eine Bitte. »Setzt Euch hier,« sagte der Magister zu dem Vater, und rückte ihm seinen mit braunem Leder überzogenen Lehnsessel zurecht, »Ihr, junger Mann, setzt Euch zu mir aufs Bett.« »Seid Ihr mit der Medizin zur Neige und wie geht's mit dem Husten?« fragte der Arzt. » Optime . Diese Nacht mußte ich noch lange im Bett husten, und als ich mein Öllämpchen ausgelöscht hatte, schwebten mir die Buchstaben noch immer vor den Augen; da auf einmal fällt mir's ein, daß man Marsi lesen muß, ich schreie vor Freude laut auf; in meiner Angst, ich möchte den herrlichen Fund im Schlaf wieder verlieren, springe ich aus dem Bett, wenn ich mich aber totgesucht hätte, ich hätte mein Feuerzeug nicht gefunden; seht, dort steht's noch auf dem Boden, beim Mondschein habe ich es mit Kreide dort hingeschrieben, bin dann ruhig eingeschlafen und als ich heut früh im Schweiß aufwache, ist der Husten wie weggeblasen.« »Ihr müßt Eure bisherige Lebensart aufgeben,« sagte der Arzt, »und beim herannahenden Frühling fleißig Eure Klause verlassen, sonst stehe ich Euch nicht dafür, daß, wenn der Brusthusten wiederkommt, das Freudenfieber über eine glückliche Konjektur ihn wegschwitzen wird.« Der Magister lächelte mit gutmütigem Unglauben. Nun brachte der Arzt seinen Wunsch vor, und Nigritius willfahrte mit der Klausel, daß Silva es verantworten müsse, wenn er zu ungeschickt dazu sei. »Wie alt ist man?« fragte er Baruch. »Fünfzehn Jahr.« »Und man kann noch nicht deklinieren?« »Nein.« »Hm, hm,« brummte der Magister, » Ars longa vita brevis , sagt Hippokrates; zu fünfzehn Jahren da hatte Hugo Grotius schon die gelehrte Ausgabe des Martianus Capella gemacht, Stevini Seefahrerkunst ins Lateinische übersetzt, die Phänomene des Aratus so ergänzt, daß man nicht wußte, wer schöner Latein schrieb, Cicero oder er: ich selbst, ut ad minora redeam , habe, da ich so alt war, schon ein Carmen gemacht, selbst Virgil hätte mir keinen Germanismus, nicht eine falsche Cäsur nachweisen können. Fünfzehn Jahr! Nun wir wollen sehen; diligentia est mater studiorum , d. h. man muß fleißig sein.« Baruch versprach's und der Magister fuhr fort: »Man kann täglich um diese Zeit zu mir kommen, mich aber nicht wecken, wenn ich schlafe. Man braucht keine Bücher mitzubringen, ich habe sie alle.« Nachdem der Arzt nochmals seine Glückwünsche über die Konjektur wiederholt, verließ er mit Baruch und dessen Vater den Magister. »Ihr wißt, ich lasse meine Kinder alles lernen, daran spare ich nie: aber ich mache mich nicht größer, als ich bin, ich bin kein reicher Mann und möchte doch auch wissen, was der Magister fordert; zu viel kann ich für den Baruch allein nicht ausgeben, ja, wenn ich meinen Prozeß gewinne, kann ich schon etwas mehr darauf verwenden, aber jetzt, ich muß bedenken, ich habe noch zwei Kinder.« So sprach der Vater und der Arzt brach in ein lautes Gelächter aus. »Nun, was ist da zu lachen?« fragte jener ärgerlich. »Nichts, als daß Ihr den Magister als Kaufmann anseht; und wenn er morgen nichts zu essen hätte, er würde eher verhungern, als daß er nur einen Deut Unterrichtslohn ansprechen würde. Wie der Rabbine es als ein heiliges Werk ansieht, in Bibel und Talmud zu unterrichten, so geht es ihm mit Griechisch und Latein. So menschenscheu er auch ist, hat er doch alle Menschen ohne Unterschied von Herzen gern, und so schüchtern er aussieht, wenn Leute bei ihm sind, so mutig, ja übermütig ist er gegen sie, wenn er die Feder in der Hand und seine allzeit schlagfertigen Bundesgenossen, seine Bücher, zur Seite hat. Durch sein außerordentliches Gedächtnis kann er jeden Augenblick ein ganzes Heer von Beweisstellen ausheben. Dieser Nigritius ist ein ganz merkwürdiger Mensch.« »Es ist doch ein trauriges Leben so ganz allein, keine Menschenseele um sich und nichts als Bücher und Bücher; ich möchte nicht so leben,« sagte Baruch. »Das glaube ich dir, Junge,« versetzte der Arzt. »Da siehst du, das ist auch wieder ein verborgener, aber unberechenbarer Vorzug unserer Religion: es ist gar nicht möglich, daß solche Einsiedlersnaturen in ihr aufkommen. Wenn sich nicht einer losgesagt hat von allen ihren heiligen Gebräuchen, was gottlob bis jetzt ungeahndet noch nicht vorgekommen ist, und was auch nicht stattfinden darf, wie will's einer machen, daß er so allein lebt? Dreimal täglich in einer Versammlung von wenigstens zehn Glaubensgenossen zu beten, an jedem Sabbat und Feiertage unfehlbar die Synagoge zu besuchen, das sind lauter Vorschriften, die ein einsiedlerisches Abschließen unmöglich machen. Auch solche eigentlich pedantische Naturen mit ihrer minutiösen Haarspalterei und kleinlichen sogenannten Ordnungsliebe, wie man sie hier zu Lande so häufig findet, triffst du unter den Juden nicht, das kommt vom südlichen raschen Blut.« – Der theologisierende Arzt hätte diese eben erst gefundene Idee noch gern näher ausgeführt, aber die Neugier des Vaters unterbrach ihn mit der Frage: »Woher ist der Magister und wovon lebt er?« »Er ist aus Heidelberg, einer deutschen Stadt am Rhein, er heißt eigentlich Schwarz, hat aber, wie alle jetzigen Gelehrten, seinen Namen latinisiert. Er spricht nicht gern von seinem früheren Leben, nur in einer traulichen Stunde habe ich einst von ihm erfahren, daß in dem jetzt bald dreißig Jahre dauernden Kriege seine Vaterstadt von den Kaiserlichen geplündert und eingeäschert wurde. Er war so glücklich, die ihm gehörigen Manuskripte aus der nach Rom gebrachten Universitätsbibliothek zu retten; er flüchtete damit, stand aber jetzt verlassen da. Nicht zweimal in seinem Leben war er über das Weichbild seiner Vaterstadt hinausgekommen, in Attika und Latium kannte er jedes Haus und jeden Weg, aber hier wußte er nicht wo aus noch ein. Er schloß sich einer Gesellschaft Auswanderer an und kam hieher, wo er nun seit sechsundzwanzig Jahren lebt. Die Heidelberger Bibliothek hat ihm seine Manuskripte, die er mit sehr reichen Glossen versehen hatte, wieder abgekauft. Außerdem besorgte er für seinen Landsmann Gerhard Vossius und für andere die Korrekturen; die besten Emendationen in den alten Klassikern sind von ihm, und niemand weiß es, daran liegt ihm aber nichts. – Es grenzt ans Unglaubliche, wie wenig der Mann braucht, er mag studieren so viel er will, er bleibt einen Tag wie den anderen, immer heiter und vergnügt, aber von der Welt weiß er nichts; er ist doch jetzt schon tief in den Sechzigen, aber er ist noch so unerfahren wie ein Kind von zehn Jahren; er weiß Euch genau anzugeben, wieviel Sestertien Crassus im Vermögen gehabt hat, wenn er aber zwanzig Stüber hat und sie zählen soll, weiß er sich nicht zu helfen und nicht zu raten. Es ist gut, daß er so brave Hausleute hat; der Klaas Ufmsand und seine Frau, die gute Gertrui, die sorgen in allem für ihn. Laß dir das alles auch gesagt sein, Baruch, damit du dich nie über ihn lustig machst, wenn er etwas linkisch ist; Spott kann er nicht ertragen. Wenn er auch manchmal leeres Stroh drischt, ist er doch so grundgelehrt und du kannst so viel bei ihm lernen, daß du ihm stets mit Ehrerbietung begegnen mußt.« »Ja, ja,« sagte der Vater, »wenn du bei dem nicht Latein lernst, ist's aus damit.« Von nun an ging Baruch täglich zu dem Magister. Zwar fühlte er bald, daß dies nicht der Mann dazu sei, um ihn in den gepriesenen Tempel klassischer Weisheit einzuführen, aber eingedenk der Drohung seines Vaters ließ er nichts davon kundwerden, wie er sich in seinen Erwartungen getäuscht hatte. An der dürren Schale der Grammatik des Donat mußte er nagen, während ihn so sehr nach dem nährsamen Kerne gelüstete. Nicht einmal jene Geistesgynmastik des Talmudstudiums ward ihm bei diesen inhaltslosen Formen, die bloß dem Gedächtnisse eingeprägt werden sollten. Ein Schüler wie Baruch hätte einer ganz eigentümlichen Behandlung bedurft. Ein Geist, der sich schon an den höchsten Fragen des Denkens versucht hatte, war über die Stufe der bloßen Empfänglichkeit längst hinaus, und nur was er in sich verarbeiten konnte, faßte er wahrhaft. Der Lehrer suchte Baruchs Ungeduld stets mit der Versicherung zu beschwichtigen, daß »nur dann, wenn man alle Formen im Kopf habe, man inoffenso pede im Gebiet des Klassizismus umherwandeln könne«. Baruch lernte allmählich die fremde Weise, die sich in seinem Lehrer kundgab, achten und ihr nacheifern. Gerade dieser stetige, oft mit peinlicher Ängstlichkeit bemessene Fortgang, der sich keine Beschleunigung, noch viel weniger ein Abspringen erlaubt, gerade diese spröde Disziplin mutete ihn schließlich an gegenüber dem funkensprühenden Absplittern in der Talmudschule. Er zwang sich zu regelrechtem Schritthalten und der Lehrer empfand diese Hingebung und gewann seinen Schüler stets lieber, denn er freute sich täglich mehr, ein teilnehmendes Wesen um sich zu sehen. Er versprach seinem Schüler, er wolle ihm, wenn er einst sterbe, seinen Cicero »Über das höchste Gut und das höchste Übel«, den er mit reichen Randbemerkungen versehen habe, als Erbstück hinterlassen. – Eines Tages, als Baruch zu seinem Lehrer kam, empfing ihn dieser mit ungewöhnlicher Freude und erzählte, daß er heute eine der schwierigsten Stellen in Ciceros Orator gerettet habe; die Scholiasten und die späteren Philologen hätten die leichtere Lesart immer vorgezogen, das sei natürlich bequemer, aber es sei heilige Pflicht jedes echten Philologen, gerade die schwierige Lesart, weil sie schwieriger sei und nicht so leichthin von jedermann begriffen werde, als die richtige und ursprüngliche anzusehen. »Das ist sonderbar,« sagte Baruch, »das kommt mir gerade vor, als ob ich, wenn ich über ein Gerstenfeld gehe und einige Garben dort liegen sehe, sagen müßte: ei, das sind gewiß Hafergarben, die man von einem anderen Felde hergetragen hat, denn Gerstengarben zu vermuten, das ist ja keine Kunst.« Magister Nigritius stutzte; dieses Übertragen talmudistischer Sophistik auf ein entferntes, wenngleich nicht unverwandtes Gebiet befremdete ihn; es gelang ihm jedoch, Baruch darzutun, daß die Abschreiber eine schwierige, nicht leicht verständliche Lesart wohl gern in eine leichtere verwandelten, es sei daher Pflicht, wenn in der schwierigeren Lesart ein Sinn zu finden sei, diese vorzuziehen. Baruch war befriedigt von dieser Deutung, der Scharfsinn, der hiebei in Anwendung kam, mutete ihn an: dennoch fühlte er seinen Drang nach einer neuen Welt voll heiteren Glanzes, die sich ihm erschließen sollte, unbefriedigt. Die gesteigerte Brustkrankheit des Magisters, und die zwischen ihm und Baruch herrschende geheime Unlust machte den Unterricht fortan zu einem unregelmäßigen und wenig fruchtbringenden. Um dieselbe Zeit begann Rabbi Saul mit seinen Schülern den Traktat Erubin, und um die Lösung der dort gegebenen geometrischen Probleme zu erleichtern, trug er einen vollständigen Kursus der Mathematik nach der hebräischen Übersetzung des Euklid vor. Der unruhige Geist Baruchs fand hierin genügsame Beschäftigung; auch gab er sich wieder mit ungeteiltem Eifer dem Studium des Talmuds hin, er hoffte in ihm seine alte Ruhe wieder zu finden. Die unmittelbare Lust an diesem Studium war von ihm gewichen und doch trachtete er jetzt mit wahrem Heißhunger nach vollerer Sättigung seiner Wißbegierde. Er sprach sich gegen niemand aus und teilte niemand etwas davon mit. Denn das liegt ja im Wesen des jugendlich wachsenden Menschen wie jedes Wachstums in der Natur überhaupt, daß vermöge seiner Anziehungskraft das Aneignen das Entäußern weit überragt und so die Lebenselemente steigert und zu festen Formgebilden zeitigt. In schlummerähnlicher Stille erwuchs der Geist des Jünglings, der eigenen Erkenntnis und fremdem Einblick zur Überraschung. 7. Der Friedenstraktat Der rechtschaffene Mynheer Dodimus de Vries trug das Datum vom 24. Oktober 1648 mit gewissenhafter Frakturschrift in sein Hauptbuch ein und schrieb darunter, wie viel Wolle, Safran und Ingwer heute angekommen, und wie viel Käse, Zucker und Tee er heute abgesendet. Der Tee Nachmittags war köstlich und Mynheer de Vries sagte seiner Frau Eheliebsten, daß er von dieser Sorte noch 7 ½ Zentner auf dem Lager habe, die jeden Tag mehr wert werden, denn der berühmte Dr. Beverocius habe eine Schrift geschrieben, worin er deutlich zeige, daß der Tee ein Heilmittel gegen alle Krankheiten sei und die Ostindische Kompanie lasse diese Schrift auf ihre Kosten drucken und verbreiten. Hierauf schlief er sanft ein und lächelte im Traum wie ein Kind, und doch ahnte er nichts von der zarten Überraschung, die ihm Mevrouw de Vries bereitete: aus Tulpenzwiebeln von der herrlichsten Sorte und der verschiedensten Größe und Gattung, die sie aus ihrem Garten eingeheimst hatte, baute sie eine Pyramide auf dem Schreibpulte, dem Schlafenden gerade gegenüber, und als der Glückliche erwachte, traf sein erster Blick das sinnreiche Gebäude. Er drückte seine dicke Ehehälfte an sein hocherfreutes Herz und ging heiter und wohlgemut in das Kontor. Es war ein glücklicher Tag, ein Tag wie alle anderen, nur mit der Extrafreude der Tulpenzwiebelpyramide. Was konnte die Welt noch Ungewöhnliches bringen? Drei prächtig gekleidete Herolde jagten in raschem Trab und mit schmetternden Trompeten durch die Straßen Amsterdams unaufhaltsam dem Rathause zu. Der Hammer ruhte plötzlich in der Schmiede, das Weberschiffchen hing am Webstuhl, der Handelsbeflissene spritzte seine Feder aus, der Wechsler rückte sich die Brille auf der Nase zurecht, verschloß seine schwarze Kiste schnell und zog noch zweimal am Hängschlosse, um gewiß zu sein, daß es auch recht schließe; unser Mynheer de Vries legte bedächtiglich das Löschpapier auf das soeben beschriebene Blatt, schlug das Hauptbuch zu und verschloß es in das Pult; dann brachte ihm Mevrouw Perücke und Stock. »Mein Täubchen, hast du mir's nicht angesehen? Mir hat's den ganzen Tag geahnt, daß etwas Wichtiges in der Welt vorgehen muß,« so sprach Mynheer de Vries und er nahm seinen Sohn Simon an die Hand und ging nach dem Rathause, um zu erfahren, was ihm geahnt hatte. Nicht so ruhig ging es in den Häusern der Ratsmänner her, da mußte alles Hände und Füße in Bewegung setzen, um den Ratsherrnornat herbeizuholen und die stattliche Person des Hausherrn damit zu bekleiden; nichts wollte in der Eile recht passen und der gestrenge Ratsherr schalt über die Unordnung der Hausfrau und suchte noch auf dem Wege alles so gut als möglich seiner Würde gemäß zurecht zu legen. Er bedurfte seines ganzen Ansehens, um durch die Menge, die sich dort versammelt hatte, den Weg nach dem Eingange des Rathauses zu finden. Handwerker, die Schürze noch umgebunden und die nervigen nackten Arme übereinandergeschlagen, Kontoristen, die Feder hinterm Ohr und Tinte an den Fingern, Lastträger, die ihre Last neben sich gelegt und sich darauf gesetzt hatten, Soldaten, Müßiggänger, Weiber und Kinder, alles stand bunt durcheinander und teilte seine Mutmaßungen über die Ankömmlinge mit. Ein vornehmer Pflastertreter lobte den leichten Trab der Pferde und die seine Arbeit an den Wämsern der Herolde: die säßen wie angegossen und seien gewiß in Madrid oder Paris gemacht, hier zu Lande sei die Kultur noch weit zurück, kein Amsterdamer Schneider verstünde einem Wams solch einen genialen Schnitt zu geben. Ein Höckerweib bewunderte mit ihrer Nachbarin an den Herolden die reiche Goldstickerei und die Breite und Farbenpracht der Bänder, und ein Kaufmannslehrling bemerkte seinem Kameraden, das seien solche Utrechter Bänder, wovon sie viel auf dem Lager hätten und die sie mit fünfundzwanzig Prozent Nutzen zu vierundeinhalb Stüber die Elle verkaufen. An der rechten Ecke des Rathauses hatte sich eine lange hagere Gestalt aufgepflanzt, die Beine nachlässig übereinandergeschlagen, ein Liedchen vor sich hinpfeifend. »Gut daß du da bist, Flyns,« riefen mehrere Lastträger, »du kannst uns gewiß Auskunft darüber geben, was die goldenen Vögel, die da hereingeflogen sind, im Schnabel stecken haben; du hast doch heut schon mehr als zehn Ratsherrnköpfen das Kinn geputzt, du mußt wissen, was in den vereinigten Staaten vorgeht. Haben wir wieder eine Silberflotte gerapft, oder gibt's sonst was? Ei der Teufel, du machst ja ein Gesicht wie ein Mynheer draußen am Hafen, wenn er hört, daß ihm ein Schiff versoffen ist.« So riefen alle durcheinander, und der Bartkünstler wollte sich aufmachen, um mit stolzer Miene ihrer Zudringlichkeit zu entgehen. »Holla, halt, so geht's nicht,« riefen alle; »gelt, draußen in der Feuerkugel beim vollen Glas Genever, da weißt du immer alles so gut und noch besser als der Großpensionarius selber, da kannst du uns gut alles vorschwatzen; jetzt, Bruder, jetzt zeig's, wenn du was weißt, und wer dann noch einmal sagt: du lügst, dem wollen wir sein Fell gerben, daß ihm Hören und Sehen vergehen soll.« Ihre geballten Fäuste zeigten, daß sie wirklich gesonnen waren, ihren Worten Kraft zu geben. Flyns aber antwortete noch immer nicht und suchte aus der ihm öffentlich nicht genehmen Umgebung herauszukommen. »Laßt ihn gehen,« sagte einer, »der Bartkratzer hat uns alle immer über den Löffel barbiert; warum war' er denn da, wenn er etwas mehr wüßt' als wir? Er muß eben auch warten, bis uns von da droben herunter was zugeworfen wird.« »Ha, ha!« lachten alle, »gelt, du weißt auch nichts, du mußt auch warten!« »Ich warte nur,« sagte Flyns, »um mich daran zu gaudieren, wie ihr mit Wind in den Ohren abziehen könnt; ihr Heringsseelen meint, man wird euch brühwarm die Neuigkeiten um eure Schandmäuler streichen? Ja, prosit die Mahlzeit, das sind keine Sachen für euch Strohlümmel; geht, wenn ich nicht meinen eigenen Wert kennte, müßt' ich mich selbst verachten, daß ich mich mit euch so gemein gemacht hab'; das kommt dabei raus, wenn man zu gut ist und das Ansehen seines Standes nicht immer vor Augen hat; ihr habt mich gesehen.« »Nein, nein, so war's nicht gemeint, du darfst nicht bös von uns gehen,« riefen alle, »und wenn der kleine Rattenfänger da noch ein Wort gegen dich sagt, so wollen wir ihm seine Schnauze verklopfen, daß sie aufschwillt wie ein Wollsack, dem man den Reif abnimmt. Sei jetzt nicht bös und erzähl uns, du weißt's gewiß.« Der Gefeierte nahm wieder seine frühere vornehm nachlässige Stellung ein und begann: »Wißt ihr noch, was ich gesagt hab', als wir gestern abend beim Nachhausegehen weit gegen Osten feurige Kriegsscharen am Himmel fechten sahen? Nun werdet ihr bald sehen, was darauf erfolgt. Mir ist die Sache nicht aus dem Sinn gekommen. Wie ich heut früh zu dem reichen van Kampen, der bei der Oude Kerke wohnt, komme, um ihn zu bedienen, macht der ein Gesicht wie die Katz wenn's donnert; der ist immer zäh und ist nichts von ihm herauszukriegen, ich leg' aber mein' Sach' fein an und erfahre von ihm, ohne daß er's weiß, daß der Krieg jetzt erst recht angeht. Mit dem Spanier, mit dem sind wir längst fertig, der kann nicht mehr mucksen; aber Brüder! Ihr werdet die Augen aufreißen vor Staunen, man wird mit Menschenköpfen ein ganzes Land pflastern können. Der Türk, hab' ich's nicht schon lang gesagt, der ruht nicht, der möcht' Österreich gern eine Schlappe beibringen? Aber seht einmal an, dort hat sich der pausbackige Seilerobermeister Reuwerz auf ein Faß gestellt und plappert den Maulaffen, die umher stehen, wieder was vor; es ist nicht mehr zum Aushalten mit dem Pack; seitdem der Seilergeselle Michel Ruyter ein tapferer Seeheld geworden, glaubt jeder, der aus Werg ein Tauseil zusammentroddeln kann, in ihm steck' auch so etwas von einem Admiral; jeder Lehrbursch, der am Haspel dreht, meint, die hundert Kriegsschiffe und die hundert Kauffahrteischiffe, die wir täglich können in See gehen lassen, verdanken wir ihm allein, und so ein Kerlchen, das noch nicht trocken hinter den Ohren ist, gackst auch schon von Freiheit und Recht. Aber es müßt' lein Gott im Himmel sein, wenn es nicht wieder einmal auch anders ginge, dann gelten Leute von Stand und Bildung wieder was; mein Vater war erster Kammerdiener –« »Ei, wärmst du wieder die alte Geschichte auf? Die haben wir schon hundertmal gehört und haben dir immer gesagt, wir wollen nichts wissen von einer Herrschaft der Oranien; Statthalter mögen sie sein, da haben mir nichts dagegen, aber bei ihrer Herrschaft könnten wir verhungern, und jetzt haben wir vollauf zu essen, wenn wir nur die Hände nicht in den Schoß legen.« So sprach Maessen Blutzaufer, der das Wort für seine Kameraden führte, und ehe sich's der Bartkünstler versah, war er von seiner Zuhörerschaft verlassen. »Hoch leben die vereinigten Staaten!« rief einer aus der Menge, und wie von einem elektrischen Schlage berührt, riefen alle Versammelten unaufhörlich: »Hoch leben die vereinigten Staaten!« daß von dem mächtigen Rufe die Scheiben an den Häusern klirrten. Als wieder Stille eingetreten war, drängte sich alles um den sprechenden Seilerobermeister. »Brüder!« rief er, »Gehorsam ist die erste Pflicht des braven Bürgers, Gehorsam gegen das Gesetz und Achtung und Vertrauen gegen die Obrigkeit, die wir nicht mehr von fremden Tyrannen erhalten, sondern die wir aus unserer Mitte wählen. Ich habe viele von euch darüber murren hören, daß man freie Bürger der Republik hier unten warten läßt, während sie droben bei verschlossenen Türen die Staatsgeheimnisse, die uns alle, einen so gut wie den anderen angehen, für sich behalten. Ihr alle wißt, Brüder, ich liebe die Freiheit so gut als einer, ich würde meinem eigenen Sohn ohne Bedenken meinen besten Strick um den Hals hängen, wenn ich erführe, daß er ein Verräter an der Freiheit geworden ist oder werden will; ich hasse das Herrengeschmeiß, das besser sein möchte als wir, wie ich den Gottseibeiuns hasse. Drum dürft ihr mir's glauben, daß ich's ehrlich meine, wenn ich euch ermahne, ruhig zu sein. Es kann Fälle geben, wo die Väter der Republik es für besser erachten, die Nachrichten nicht gleich in alle Winde auszuposaunen. Gesteht selbst, können nicht auch Verräter unter uns sein?« »Nieder mit den Verrätern! hoch lebe die Freiheit!« brauste der begeisterte Ruf der ganzen Menge auf. »Drum, Brüder,« fuhr der Redner fort, »mag kommen was da will, Krieg oder Friede, zu Wasser oder zu Land, wir haben das Heft in Händen und wollen's uns nicht entwinden lassen, mir haben uns die Freiheit erkämpft, wir können sie auch schirmen.« Der Ruf: »Hoch lebe Hooft! hoch leben die Generalstaaten!« unterbrach den Redner, denn oben auf dem Balkone des Rathauses erschien der alte Drost Hooft und mit ihm die Ratsherren, so viele der Balkon fassen konnte. Andächtige Stille herrschte, als der Drost gedankt hatte und darauf begann: »Brüder! Ein kleiner Zufall hat es verhindert, euch alsbald die Nachricht mitzuteilen, die eines jeden Herz mit Freude und Dank gegen Gott erfüllen muß. Gestern endlich ist den dreißigjährigen Kriegesschrecken und den siebenjährigen Friedensunterhandlungen ein Ziel gesetzt worden. Ehrenvolle und gedeihliche Punkte für die vereinigten Staaten sind in den Traktat, den alle Mächte Europas beschworen haben, aufgenommen worden. Vor allem hat Spanien mit der Bekräftigung von ganz Europa die vollkommene Unabhängigkeit unserer Republik anerkannt. Es ist das ein Ehrenpunkt und weiter nichts, denn mir haben nicht gewartet, bis man uns die Freiheit geschenkt hat, wir haben sie uns errungen mit Hilfe Gottes und unserer guten Sache. Unsere rechtmäßigen Eroberungen in Brabant, Flandern und dem Limburgischen, das Recht, die Scheide nach unserem Gutdünken zu schließen, und noch andere Vorteile sind uns verblieben. Freuet euch und danket Gott, denn er ist's, der die Menschen bestimmte, endlich das Schwert in der Scheide ruhen zu lassen, daß Friede sei zwischen Christ und Christ; betet zu ihm, daß er den Frieden erhalte. Liebet Gott, schirmet die Freiheit.« »Hoch lebe die Freiheit!« ertönte unaufhörlich der Ruf der sich zerstreuenden Menge durch alle Straßen, bis er endlich durch das Geläute der Glocken, welche die Friedensbotschaft in alle Lüfte verkünden sollten, abgelöst und übertönt wurde. Es war ein herrlicher, herzerhebender Anblick, das Leben eines Volkes zu betrachten, wie es nur aus dem Bewußtsein einer glücklich errungenen und froh empfundenen Freiheit emporsprossen konnte. Zwar vermochte manches Gemüt noch lange nicht sich an den Gedanken zu gewöhnen, daß endlich Friede sei, wie der lange von einer Last Gedrückte noch immer ihre Schwere auf sich ruhen glaubt, auch wenn er längst davon befreit ist. Die Frommgläubigen waren die ersten, die sich dem neuen Stand der Dinge mit Zuversicht Hingaben, denn sie hatten's ja deutlich gefunden in den Weissagungen Daniels und in der Offenbarung Johannis, daß dieses Jahr, dessen Zahlen geteilt und zusammengerechnet die heiligen Zwölf und Sieben ergeben, sein werde ein Jahr des Friedens und der Gottseligkeit, und sie gingen heim und riefen ihre Kinder und ihr Hausgesinde und sprachen: »Betet und tuet Buße, denn das tausendjährige Reich, das Reich des Herrn ist gekommen, und in Erfüllung gehen alle die Verheißungen, und einziehen wird der Herr in seiner Pracht.« Die aber nicht so gläubigen Sinnes waren, vertrauten auf die sieben Siegel und die Unterschriften der europäischen Mächte und waren damit zufrieden. Als Mynheer de Vries nach Hause ging, sagte er zu seinem Sohne Simon: »Hast du recht achtgegeben? So etwas wirst du, will's Gott, in deinem Leben nicht mehr erfahren,« und ein Fernstehender hätte weder aus Miene noch aus Gang erraten, daß Mynheer de Vries seinem Sohne bei dieser Gelegenheit das höchste Gut der Bürgerfreiheit erklärte. Er tat das mit so bedachtsamer Ruhe und so ohne irgend eine äußere Erregung, daß sich darin jene unverwüstliche Ausdauer der Niederländer bekundete, die selbst wo die Leidenschaft waltet, doch auch den Nationalbegriff, das makkelyk (gemächlich), gern festhielt. Zu Hause sank Mynheer Dodimus freudetrunken an die Brust seiner Eheliebsten. »Siehst du, Täubchen,« sagte er, auf die Tulpenzwiebeln deutend, »die können in friedlichem Boden wachsen, und mein Tee ist um ein Drittel im Preis gestiegen, denn die Soldaten, die jetzt heimkehren, haben lange keinen Tee getrunken und werden sich nun gütlich daran tun.« Still und ruhig setzte er sich an den Tisch und suchte die außerordentliche Gemütsbewegung, die ihn heute überrascht hatte, dadurch auszugleichen, daß er am Abend ein halbes Glas über sein regelmäßiges Quantum trank, bei Tische kein Wort sprach und, noch ehe der Tee kam, sanft einschlief. Es ist gut, daß das Haus des de Vries weit weg von der Schenke »zur Feuerkugel« ist. Das Schreien und Jubeln, das von dorther ertönte, hätte den Guten gewiß aus seinem Schlummer geweckt. Dort saß der ganze Troß von Lastträgern und tat sich gütlich beim Genever; Das liebliche » Het daghet uyt den Osten « hatten sie bis zum Ende gesungen, und Maessen Blutzaufer hatte soeben das » Wilhelmus van Nassawe « angestimmt, als er durch ein furchtbares Gebrülle unterbrochen wurde. »Holla! da kömmt Judas der Erzschelm, der falsche Prophet, steiniget ihn, kreuziget ihn, ersäuft ihn!« so riefen alle durcheinander, denn eben trat Flyns ein. »Jetzt gib Antwort, warum hast du uns heute morgen so angelogen?« rief einer. Flyns stand ruhig da und lächelte vornehm. Sein Vater war nicht umsonst erster Kammerdiener des Prinzen Moritz von Nassau gewesen, er hatte diplomatisches Geschick genug auf ihn vererbt. Er ließ die Zechbrüder austoben. »Seid ihr fertig?« fragte er dann ruhig. »Ihr versteht doch gar keinen Spaß, ihr wollt' euch nur auch einmal blau anlaufen lassen.« »Aber das ist niederträchtig und hundsföttisch von dir,« rief der Kleine. »Kusch dich, du Rattenfänger,« erwiderte Flyns: »bellst du noch ein einziges Mal, so zerreib' ich dir deine krummen Knochen zu Mehl und verkaufe sie als Rattengift.« »Still, still, keine Händel, es muß überall Friede sein, reicht euch die Hände!« so riefen alle, und Flyns setzte sich zu seinen Freunden. »So, jetzt da bleiben wir sitzen,« sagte Maessen Blutzaufer; »zehn Pferd' sollen mich nicht vom Platz bringen. Und wenn der Kaiser von Japan käme, angetan wie der drinnen im Ostindienhaus, und tat' sagen: Da trag mir das Goldkistchen zwei Häuser weit, du kriegst tausend Stüber von mir; ich tät' sagen: Kaiser! tu mir Bescheid, aber heut kann ich dir nicht dienen, setz dich her zu uns, wir sind auch Kaiser, grad so gut als du. Und wenn der Großpensionarius selber schickt, so darfst du heut nicht mehr vom Fleck, Flyns, es soll keinem Bart heut mehr was zuleid geschehen, auch die Barte sollen Friede haben.« »Ihr freut euch jetzt alle mit dem Frieden,« sagte Flyns, »und wißt nicht einmal, was das Kind für einen Namen hat.« »Nun, wie heißt es denn?« »Der ewige Friede.« »Vivat! Es lebe der ewige Friede!« so riefen alle und leerten dann ihre Gläser bis auf den Grund. Flyns prophezeite jetzt die Wiederkehr des lustigen Lebens von Jakob von Artevelde aus Gent und erzählte, wie der es in vergangenen Zeiten durch weise Anordnungen und Handelsverbindungen dahin gebracht hatte, daß man nur zwei Tage in der Woche zu arbeiten brauchte und die übrigen müßig in der Schenke sitzen konnte. Das war ein schmackhafter Köder, und jeder hatte seine eigenen Phantasien, wie er sich ihn herrichtete. Nur Maessen Blutzaufer wollte nichts davon wissen und behauptete: es sei weniger gottlos, gar keinen Sonntag zu haben, als fünf in der Woche. Die lustige Gesellschaft zechte bis spät in die Nacht und taumelte dann unter Gesang und Jauchzen nach Haus. Überall war Freude und Jubel, in Kirchen und Tavernen wie im traulichen Kreise der Familien, denn Friede war über der ganzen Christenheit, Friede in den Religionen, Friede im Himmel und auf Erden. Nur auf dem Burgwall trauerte eine Seele um den entschwundenen Frieden, der ihr durch keinen Traktat irdischer Mächte mehr zugesichert werden konnte, denn der himmlische Bund, das Gesetz Mosis, lag vor ihr zerrissen. Dort im Bibliothekzimmer der Schule »Gesetzeskrone« saß Baruch Spinoza einsam, und vor ihm aufgeschlagen war Ebn Esras Kommentar über die fünf Bücher Moses, dessen Studium ihm sein Lehrer der Dunkelheit und Schwierigkeit wegen mißraten hatte. Zwei Stellen waren es, deren Enträtselung ihn lange beschäftigte. Bei der Geschichte vom »Haderwasser« (4. B. M. 20), das aus einem Felsen hervorbeschworen wurde, war angemerkt: »Die mir richtig scheinende Erklärung will ich hier nur andeuten. Wisse, daß wenn der Teil das All kennt, er dasselbe umfaßt und in ihm Wunder tun kann.« Die Schriftstelle 4. B. M. 18: »Ich kann nicht übergehen das Wort des Herrn« hatte er erklärt: »Das Geschöpf kann das Werk des Schöpfers oder sein Gesetz nicht ändern: das Mysterium ist: ein Teil kann den anderen Teil nicht ändern, sondern nur das Gesetz des Alls kann das des Teils ändern. Ich kann dieses Mysterium nicht weiter enthüllen, denn es ist tief: allerdings hat die Eselin gesprochen. Wenn du das Geheimnis von den Engeln Abrahams und Jakobs begriffen hast, wirst du auch hier die Wahrheit einsehen.« Die Stelle, wo es heißt: »wenn du verstehest das Geheimnis der zwölf ec.« verstand Baruch leichter. Ein verwandter Geist zog ihn hier an, er erkannte dessen Behutsamkeit und geflissentliche Verschleierung, und kühn und frei stellte sich ihm das Ergebnis, daß die selbständige Vernunft und der überlieferte Glaube nur durch beiderseitigen Zwang versöhnt werden können. Es war ihm klar dargetan, daß die heilige Schrift nicht nach ihrem ganzen Inhalte von gottbeseelten Männern geschrieben war, die Glorie war verschwunden, das Ganze war Menschenwerk – wie konnten sonst spätere profane Hände in die heiligen Schriftzüge Gottes hineinklecksen? Wer hat die Bibel verfaßt, wer sie überarbeitet? Darf man eine Antwort auf diese Frage heischen, und wer kann sie geben? Wer? – Baruch las die Kommentarstelle zu 1. B. M. 12, 6, die der kluge Spanier mit den Worten schließt: »Und wer hier das Mysterium eingesehen hat, der schweige,« »Ja, ich will schweigen,« sagte Baruch zu sich. Zu tiefem Nachdenken erregte ihn eine andere Darlegung Ebn Esras, daß es nur eine Substanz gebe und diese sei Gott, und Gott sei die erste Kategorie von den zehn Kategorien des Aristoteles, wie die Zahl eins die Wurzel aller Zahlen, und wunderbar war die Erklärung zu dem schwerverständlichen Verse Hiob 23, 13: »Er (Gott) ist im einen, wer kann ihm entgegnen?« Das Wörtchen »im«, erklärt Ebn Esra, scheint hier überflüssig, ist es aber in der Tat nicht; ich kann das nicht erklären, denn hierin liegt ein großes Geheimnis. Was sollen diese rätselhaften Hinweise? Warum aber an einem Worte, an einer Partikel deuten und suchen, wenn diese nicht mehr ist, als oft mangelhafte und unklare Ausdrucksweise eines Menschen? Baruch schlug schnell das Buch zu und blätterte in einem anderen, denn er hörte Tritte sich dem Bibliothekzimmer nahen. Chisdai Astruk und Ephraim Cardoso traten ein. Chisdai reichte Baruch freundlich die stets feuchte, krebsrote Hand und schielte dabei in das Buch, um zu sehen, was er treibe. Chisdai hatte eine ziemlich lange Figur mit etwas gebückter Haltung; seine langen schwarzen Augenbrauen, deren Enden weit in die Stirne hineinliefen, zog er stets zusammen, so daß sich die Haare borstenartig emporsträubten; die nicht unschöne gewölbte Stirne war fast ganz von den unordentlich herabhängenden kohlschwarzen Haaren bedeckt, der Ausdruck der braunen Augen war wegen der zwei großen runden Brillengläser nicht erkennbar. Diese Brille hatte ihre besondere Bedeutung, denn die jüdischen, wie die christlichen Orthodoxen verpönten das Tragen derselben als unstatthafte Neuerungssucht. Welchen Grund die christlichen hiebei hatten, können wir nicht angeben; die jüdischen hatten wahrscheinlich keinen anderen als: weil Josua und Caleb keine Brillen getragen und doch alles genau gesehen hatten. Während sich nun Chisdai bei den Orthodoxen stets mit seiner Kurzsichtigkeit entschuldigte, war es ihm dennoch lieb, durch die Annahme dieser Neuerung von den Aufgeklärteren, deren Zahl in der Amsterdamer Gemeinde nicht gering war, als junger Mann von zeitgemäßer Bildung angesehen zu werden. In der Hitze des Gesprächs war er stets bemüht, dieses bedeutsame Instrument in seiner rechten Stelle zu erhalten, denn seine Nase schien in der Tat nicht für dieses okzidentalische Kunsterzeugnis geschaffen; es rückte immer bis zu dem Höcker herab, von wo sich die Nase bis zur Spitze schnabelförmig abbog. Der ziemlich breite Mund lächelte stets nur halb, denn Chisdai war immer eingedenk, daß die Talmudisten verordnen: kein frommer Jude dürfe aus voller Seele lachen, solange die heilige Stadt Jerusalem verwüstet liegt, damit erfüllt werde, was geschrieben steht (Pf. 126, 1. 2): »– Wenn der Herr die Gefangenen Zions zurückführt, dann erfüllt Lachen unseren Mund.« Einen sonderbaren Kontrast in dem durch beständige Grimassen verzerrten Gesichte Chisdais bildete das schöngeformte runde Kinn, dessen lange Haare sich zu färben begannen, denn Chisdai war vier Jahre älter als Baruch. Er ließ sich den Bart nie scheren. Außer an den gewöhnlichen Fasttagen fastete er noch jeden Montag und Donnerstag und tauchte sich jeden Freitag mittag neunmal in frischem Quellwasser unter, was jedoch die Unsauberkeit seiner Erscheinung nicht beeinträchtigte. Wo er ging oder stand, summte er unaufhörlich einen Abschnitt aus der Mischnah oder eine Synagogenmelodie vor sich hin, und wenn er saß, bewegte er seine übereinandergeschlagenen Beine wie in gichtischem Zucken. – Als Chisdai sich gesetzt hatte, sagte er zu Baruch: »Gerade recht, daß wir dich treffen, du sollst Schiedsrichter sein zwischen mir und Ephraim, aber versprich, daß du nicht wie sonst halbe Antworten geben und verschlossen sein willst; ich weiß auch gar nicht, was du dabei hast. Sind wir nicht Brüder?« »Was verschließe ich denn?« fragte Baruch. »Ich will das jetzt nicht ausmachen, sparen wir's auf ein andermal. Damit du ganz unparteiisch bist, will ich dir nicht sagen, wer von uns dieser oder jener Ansicht ist. Also frei heraus: glaubst du an das Dasein von Engeln?« »Das ist wieder eine sonderbare Frage,« antwortete Baruch. »Nun meinetwegen anders,« fuhr jener fort, »müssen wir an das Dasein von Engeln glauben?« »Das ist dieselbe Frage; aber sind wir nicht Juden? Müssen wir nicht alles glauben, was hier steht in der Bibel und in der schönen Reihe von Büchern dort hinter den Drahtgittern?« »Was steht denn aber in der Bibel von den Engeln?« »Das weißt du so gut als ich,« antwortete Baruch. »Was ist denn aber nach der Bibel das Wesen der Engel? Sind sie körperlich oder unkörperlich?« »Da hast du eine Musterkarte von Ansichten,« antwortete Baruch, »und kannst nach Belieben auswählen: Abraham, Hagar und Loth, Isaak, Abimelech und Jakob sind Engel erschienen: der erste hat ihnen ein frischgeschlachtetes Kalb und frischen Kuchen vorgesetzt, mit Jakob hat einer die ganze Nacht hindurch einen Zweikampf gehabt und ihm zuletzt den rechten Schenkel verrenkt, und deshalb dürfen wir ja noch heutzutage das Hinterteil von einem geschlachteten Tiere nicht essen. Hast du da nicht Engel genug? Verlangst du noch körperlichere, geh weiter: Bileam ist ein Engel erschienen und die Eselin hat ihn zuerst gesehen, Josua erschien ein Engel mit gezücktem Schwerte, Simsons Mutter ist zweimal ein Engel erschienen, worauf sie das gottlose Riesenkind gebar. Samuel, David, überall erschienen Engel. Willst du einen ganzen Hofstaat von Engeln? Gleich im ersten Kapitel des Hesekiel ist große Parade. Ich hörte einmal den verstorbenen Akosta sagen, die Hofengel seien weit glücklicher gewesen als alle jetzigen Hofkavaliere, denn sie hätten in der Tat vier Flügel und vier Hände, und was noch das beste ist, auch vier Gesichter gehabt: ein Menschen-, ein Löwen-, ein Ochsen- und ein Adlergesicht, und wo sie hingingen, gingen sie geradeaus, wenn sie einem beliebigen Gesichte folgten. Willst du unkörperliche Engel? Es steht ja auch geschrieben (Ps. 104, 4): Er macht die Winde zu seinen Engeln.« »Glaubst du auch nicht an böse Engel?« fragte Chisdai. »Glaubst du, und wieder glaubst du! Was steht geschrieben, mußt du fragen, und so viel ich von unserer Bibel weiß, steht von einem Satan oder einem Teufel, wie ihn die Christen haben, nichts darin. Die Geschichte mit Hiob ist auch nach dem Talmud bloß Dichtung. Vor Gott ist alles gut, nur uns Menschen erscheint manches böse; darum heißt es auch bei dem herrlichen Jesaias (45, 6. 7): »Ich der Herr bin, und nichts ist außer mir, ich bilde das Licht und schaffe die Finsternis, mache Frieden und schaffe das Böse.« »Könnte es aber nicht doch böse Engel geben?« »Nein, das unterscheidende Merkmal eines Engels ist ja, daß er bloßes Werkzeug Gottes ohne freien Willen ist: Satan soll nun ein gefallener Engel sein, der sich gegen Gott empört hat, das konnte er aber ja nie, wenn sich nicht Gott gegen sich selber empörte.« »Im Midrasch findet sich die Entstehung der bösen Engel auf schöne Weise erklärt,« sagte Ephraim, der bisher still zugehört hatte: »Jedesmal, wenn ein Engel auf der Erde sichtbar erscheinen will, muß er eine Elementarkraft an sich saugen, und keiner darf länger als sieben Tage auf der Erde bleiben. Einst überschritten mehrere diese Frist, und sie hatten durch ihren längeren Aufenthalt so viel Elementarkraft an sich gesogen, daß sie, hiedurch beschwert, sich nicht mehr zum Himmel aufschwingen konnten, und so entstanden die Teufel, wie auch 1. Buch Mos. 6, 2 angedeutet ist.« »Das mag recht schön sein,« sagte Baruch, »aber wahr? Wie könnte ein Engel sein Gesetz überschreiten?« »Also glaubst du nicht an das Dasein von bösen Engeln?« fiel Chisdai ein. »Kommst du wieder mit deinem: glaubst du,« antwortete Baruch jähzornig, »ich weiß so gut als du, daß das tägliche Kadischgebet in der Synagoge deshalb in chaldäischer Sprache gebetet wird, weil die bösen Engel dieses Idiom nicht verstehen und also bei Gott keine Gegensprache wider dasselbe einlegen können: ich weiß so gut als du, daß durch das Schopharblasen Eine Art Hifthorn, auf dem keine Melodie, sondern nur bald Tremolo, bald ganze und geteilte Noten geblasen werden. Vielleicht überlieferte Feldsignale. am Neujahrstage der Satan wirr gemacht und dadurch ein gutes Jahr für Israel erreicht werden soll.« Ephraim erklärte nun seine dem großen Gelehrten Maimonides entnommene Ansicht, der die Engelerscheinungen für bloße prophetische Gesichte erklärte. »Das grenzt an Ketzerei! Das ist verwerflich!« schrie Chisdai. »Einverstanden,« stimmte Baruch bei mit seltsamem Lächeln. »Es ist lächerliches und eitles Geschwätz, wenn Maimonides seine eigenen Erdichtungen aus der Schrift herausquälen und die übernatürlichen Offenbarungen als Traumgesichte deuten will. Das ist Halbheit. Er hat den Mut nicht zu sagen: so lehrt die Schrift und so lehrt die Vernunft.« Baruch hielt inne, er erkannte noch, wie weit er sich hatte hinreißen lassen. Er las noch in einem Buche und verließ bald das Zimmer. »Da geht er hin,« fagte Chisdai zu Ephraim, »der will ein zweiter Akosta werden.« »Du hast's auch so spitzig darauf angelegt, ihn zu bösen Reden zu verleiten,« entgegnete Ephraim, »laß ihn seines Weges ziehen.« »Nein,« sagte Chisdai, und fuhr mit den Worten des Talmud fort: »In Religionssachen ist jeder Israelit einer Bürge für den anderen. Auf mir, auf dir und auf uns allen liegt die Schuld der Sünden, die der begeht.« Er verließ summend das Zimmer. 8. Der Kabbalist Es war in der Abenddämmerung, Baruch und Miriam saßen nebeneinander, die alte Chaje erzählte eine wundersame Geschichte. »Wißt ihr auch schon, unsere Schabbesmagd, die alte Elsje, hat heute nacht einen greulichen Tod genommen? Mir wird's grün und gelb vor den Augen, wenn ich daran denke, was die uns hätt' antun können, und ich bin stundenlang draußen am Herd bei ihr gesessen. Vor Zeiten, ja, da hat man weit mehr Wunder gehört; meine Mutter hat mir oft erzählt, es hat in Warschau in der Synagoge einmal gebrannt und das Feuer hat schon zu den Fenstern herausgeschlagen, aber der Rabbiner, der war ein großer Baal-Schem , der hat ein Pergament, worauf er verborgene Namen geschrieben hatte, hineingeworfen und die Flamme war aus, wie man ein Licht ausbläst. Nun Gott sei Dank, daß auch in unseren Tagen noch fromme Männer aufstehen, die die Schedim bändigen können.« »Du erzählst wieder so, daß kein Mensch weiß, was du willst,« sagte Miriam, und Chaje erwiderte: »Ich hab' die ganze Geschichte in der Metzge von der schwarzen Gudul gehört, ihre Schwester ist ja bei dem frommen Rabbi Isaak Aboab in Dienst. Des Rabbi Aboabs Sara, was war das ein liebes Kind! Ich hab' immer Angst gehabt, sie möcht' einmal beschrieen werden; jetzt wird's bald ein Jahr, da bekommt sie plötzlich ein Gesicht, kohlschwarz, und statt daß man sonst lauter goldene Reden von ihr gehört, hat sie von da an stets geschrieen und Reden ausgestoßen, wie man sie, so lange die Welt steht, von keinem fünfzehnjährigen Mädchen gehört hat; dabei zuckte sie immer mit den Händen wie eins, das die Gicht hat. Es hat's jeder gesagt, die ist beschrieen worden und es ist ein Sched in sie gefahren. Da hat kein Doktor und kein Apotheker helfen können. Rabbi Isaak hat ganze Nächte hindurch gebetet und geweint, daß sich der Stein in der Wand hätt' erbarmen mögen. Seitdem ihm das Unglück widerfahren ist, hat er von einem Sabbat bis zum anderen gefastet, und nur jede Nacht hat er eine Suppe und ein paar Feigen gegessen. Gestern in der Abenddämmerung ist er in das Mikwe gegangen und hat sich neunmal untergetaucht, und als er heimgekommen ist, hat er sein Sargniß (Sterbehemd) angezogen, hat sich seinen Stuhl aus der Synagoge holen lassen und hat seine Tochter hineingesetzt, vier Mann haben sie herausgetragen und in den Stuhl hineinbinden müssen, so hat sich der Sched dagegen gewehrt. Als alle Leute fort waren, hat er an allen Türen und Fenstern im ganzen Haus den Psalm 130 angeheftet und hat jedem im Hause eingeschärft, daß heut die ganze Nacht kein Mensch ins Haus hereingelassen werden darf; mag einer bitten und betteln wie er will, es soll sich niemand unterstehen, eine Tür oder ein Fenster aufzumachen, wenn er nicht, Gott bewahre! gleich tot sein will. Darauf hat er lauter heilige Bücher rings um den Stuhl angehäuft so hoch als die Sara war, dann hat er ein blankes schattenloses Schlachtmesser genommen und hat die Sara neunmal damit bekreist; der Sara, die ganz laut geröchelt hat, legt er ein mit heiligen Zeichen beschriebenes Pergament auf die Herzgrube, und an die linke Seite des Stuhls hat er das Schlachtmesser gestellt. Als dies alles geschehen war, öffnete er die in der Ecke stehende heilige Lade, nahm die Thora in den linken Arm und öffnete mit der anderen Hand ein Fenster. Dann legte er schnell die Thora auf den Tisch, auf dem sechs schwarze Wachskerzen gebrannt haben, und wie er die Thora auseinanderrollte, beugte er sich darüber hin, warf sich auf die Kniee und rief den Namen Gottes und aller Engel an, daß es alle, die es gehört haben, am ganzen Körper eiskalt überlaufen hat. Dann hat er das Schophar genommen und damit geblasen wie am Neujahrstag, daß man gemeint hat, der Messias kommt. Kaum hat's zwölf Uhr geschlagen, da klopft's an die Tür, als ob hundert Mann Hellebardiere mit Kolben daran schlügen. ›Macht – macht auf, ich bitt' euch, macht auf – seid barmherzig, ich muß sterben – macht auf, ich bin's, die Elsje ist's – macht auf.‹ So ruft es draußen mit kläglicher Stimme und der Sched in der Sara fangt wieder an zu schreien, daß man es zehn Häuser weit hat hören können. Niemand hat's gewagt aufzumachen. Rabbi Aboab hat immerfort gebetet und geschrieen, Gott und alle Engel angerufen, daß ihm schier die Stimme ausgegangen ist. Endlich ist es draußen still geworden, auch die Sara war still, und als man nach ihr sieht, lauft ihr kohlschwarze Brühe wie Tinte aus dem rechten Ohr heraus und auf dem Schlachtmesser, das früher ganz rein war, war ein Blutstropfen mitten darin. Gott sei gelobt! sagt Rabbi Aboab, mein Kind ist gerettet. Man bringt die Sara zu Bett und heute morgen steht sie auf frisch und gesund und so schön wie noch nie: sie weiß gar nichts von allem, sondern meint, sie habe lang, lang geschlafen. Die Elsje ist gestern nacht um zwölf Uhr mit Schaum vor dem Mund nach Haus gekommen und wie sie die Klinke ihrer Stubentüre in die Hand nimmt, fällt sie tot nieder. – Ihr dürft mir alles glauben, die Schwester der schwarzen Gudul hat durch das Schlüsselloch dem Rabbi Aboab alles zugesehen. Gott ist groß, daß er auch noch solche Männer unter uns aufstehen läßt; aber sagt nur, Kinder, wer hätte das je geglaubt, daß die Elsje so eine verfluchte Hexe war? Wer weiß, wie viel Kinder sie umgebracht hat; und der Undank noch dazu: sie hätte ja verhungern müssen, wenn sie nicht ein paar Stüber bei den Juden als Schabbesmagd verdient hätte; wie manchen guten Bissen habe ich ihr zugeschanzt. Ich fürchte mich, wenn ich nur zwei Minuten allein in der Küche bin, ich mein' immer, die Elsje müsse als schwarze Katze das Kamin herunterkriechen, oder gar als Hex' mit feurigen Augen und Schlangen auf dem Kopf und einen Besenstiel in ihrer mageren Hand, brr! ich blieb' tot.« – Plötzlich tat es einen fürchterlichen Plumps oben an der Decke des Zimmers, so daß das ganze Haus erzitterte, Jammern und fernes Wehklagen ward vernommen; die Alte schrie: »Schema Israel!« Miriam faßte bebend die Hand ihres Bruders, alle waren still und horchten auf das ferne Wehklagen. »Kommt, zündet ein Licht an,« sagte Baruch aufstehend, »wir müssen sehen, was das war.« Chaje steckte mit zitternder Hand ein Licht in die Laterne und Baruch mußte auf ihr dringendes Verlangen seine Thephillin in die Hand nehmen, damit kein Böser Gewalt über sie hätte. Miriam ging auch mit, denn sie fürchtete sich, in der Stube allein zu bleiben, und selbst Baruch konnte sich eines leisen Grauens nicht erwehren, als er die Treppe nach dem Speicher mit hinanstieg. Oben angekommen, sah man einen Kasten, der schon lange auf drei Füßen gewackelt, umgestürzt daliegen. »Also das war's?« sagte Baruch lachend, da hinkte eine schwarze Katze hinter dem Kasten hervor und wischte rasch zum Dachfenster hinaus: »O, über unsere Sünden! die Elsje!« schrie die Chaje und ließ vor Schreck die Laterne fallen. Die drei standen im Finstern und machten sich schnell von dem Orte, wo es nicht geheuer war; Chaje und Miriam hielten sich an dem Rockzipfel Baruchs und so stolperten sie die Treppe hinab. Baruch sah den geringfügigen Vorfall in seinem Hause für das an, was er war, aber die rätselhafte Geisterbannung Rabbi Aboabs befestigte in ihm den Vorsatz, alles aufzubieten, um in die Geheimlehre einzudringen. Die Kabbala, von der man immer nur erstaunt und mit leisen Worten sprach, enthielt vielleicht die Lösung aller Fragen und Zweifel; die Eingeweihten bildeten vielleicht eine Gemeinde von Wissenden. Des anderen Mittags, es war am Donnerstag, ging er zu Rabbi Aboab. Es war ein Mann in den sogenannten besten Jahren, von hoher und umfangreicher Gestalt. Das viele Fasten hatte ihm wenig zugesetzt, denn er sah wohlgenährt aus; das runde Gesicht mit den vollen roten Wangen und dem schwarzen bis auf die Brust herabfallenden Barte war schön zu nennen und nur durch eine große Warze über dem linken Auge entstellt, die, wenn er redete, besonders aber, wenn er lachte, lustig hüpfte. Baruch wurde freundlich empfangen, doch als er seinen Wunsch vorbrachte, sagte der Rabbi rundweg: »Nein, das geht nicht; weißt du nicht, daß Rabbi Salomo ben Adereth bei Androhung des Banns verboten hat, jemand vor dem fünfundzwanzigsten Jahre in die Kabbala einzuführen?« Baruch bat dringend. »Weißt du auch,« fuhr jener fort, »daß, wenn du, Gott bewahre! nur die leiseste weltliche Absicht bei dem Studium der Kabbala hast, wenn nur je ein fremder Gedanke sich dabei in dir regt, dein eigenes Leben und das Leben all der Deinigen in namenloser Gefahr schwebt? Kannst du dir's getrauen, dich solchem auszusetzen? Willst du?« »Ich will,« antwortete Baruch mit fester Stimme. Ohne ein Wort zu reden, erfaßte der Rabbi die linke Hand Baruchs und folgte mit geschärften Blicken den feinen Lineamenten derselben, dann rückte er ihm den Hut aus der Stirne und betrachtete eine Weile die Züge seines Gesichts. Nachdenklich durchschritt er hierauf mehrmals das Zimmer; Strenge und Milde, alles wendete er an, um Baruch von seinem Vorhaben abzubringen. Baruch war fast zu Tränen gerührt, aber wenn auch mit zitternder Stimme, wiederholte er doch seinen festen Vorsatz, ohne zu wanken. »Nun, es sei,« sagte der Rabbi endlich, »ich fürchte, du begibst dich allein in die Gefahr und kommst darin um; drum will ich dein Führer sein. Gott wird mich leiten auf dem Wege der Wahrheit. Komm heute nach dem Nachtgebete zu mir.« Der Synagogendiener Elasar Merimon konnte seine Verwunderung nicht unterdrücken, als er den Jüngling mit dem Rabbi nach dem Mikwe kommen sah. » Schalom Alechem , Rabbi Baruch,« sagte er und grinste dabei neugierig. Der Rabbi befahl ihm, niemand etwas von der Anwesenheit Baruchs zu sagen und sich jetzt zu entfernen, da er heute seiner nicht bedürfe. Er nahm ihm Schlüssel und Laterne ab und öffnete das turmähnliche Gebäude. Der matte Schein der Laterne erhellte die schwärzlich kahlen Wände und die hölzernen Bänke rings an denselben nur spärlich; in der Mitte des runden Gemaches war ein brunnenartiges tiefes Loch, das war das Bad. Der Rabbi murmelte leise ein Gebet vor sich hin und entkleidete sich sorgfältig, indem er die Vorschriften, die das »Buch der Schamhaftigkeit« hierüber aufstellt, genau beobachtete. Er hatte sich noch nicht völlig entkleidet, als er die Laterne ergriff und mit schnellen Schritten die dreißig steinernen Stufen des Bades hinabsprang: »Aus der Enge ruf' ich zu Gott, er erhört mich in der Weite, Gott!« so rief er aus voller Kraft und seine Stimme dröhnte geisterhaft aus dem Brunnen. Baruch schauerte zusammen, da er hörte, wie hier in stiller Nacht aus den Tiefen der Erde eine Seele um Erlösung und Erhebung zu Gott flehte. Der Rabbi stellte die Laterne auf die unterste Stufe des Bades und stürzte sich plätschernd in das Wasser. Auf dieses Zeichen legte sich Baruch über die Brüstung des Brunnens, und neunmal, so oft der Rabbi sein Haupt aus dem Wasser emporreckte und sich wieder ganz untertauchte, rief er sein »koscher« (rein) hinab in das erleuchtete Gewölbe. Der Rabbi kam halb angekleidet und mit bedecktem Haupte wieder herauf; sein langer Bart triefte noch, die zusammengeballten Haare gaben dem sonst so freundlichen Gesichte ein wildes Aussehen. Er gab Baruch ein kleines Buch, worin ein Gebet stand; bei Todesgefahr durften die vielen Namen der Engel, die darin vorkamen, nicht mit Mund und Zunge ausgesprochen, sondern nur im Geiste gedacht werden. Baruch zitterte vor Angst, als er in die dunkle Grube hinabstieg, seine Kniee wankten, aber er faßte Mut und stürzte sich behende in das Wasser. Der Rabbi versah nun den gleichen Dienst, den Baruch bei ihm geübt hatte; auch er rief neunmal das Wort der Reinigung hinab in den Brunnen. Ohne ein Wort zu reden verließen sie das Mikwe. Als sie auf die Straße kamen, die von der hellen Scheibe des Mondes erleuchtet war, blieb Rabbi Aboab plötzlich stehen, schüttelte wiederholt den Kopf und blickte stets nach dem langen Schatten, der ihm seine Bewegungen nachahmte. Dann sprach er mit himmelwärts gekehrtem Blicke den sonst nur beim Erwachen üblichen Spruch: »Ich danke dir, lebendiger und ewiger König, daß du durch deine wahrhafte und große Gnade mir meine Seele wiedergegeben.« Baruch wagte es nicht, nach dem Grunde dieser Vorgänge zu fragen, und wahrscheinlich hätte ihm auch Rabbi Aboab noch nicht gesagt, daß die Kabbala lehrt: wer in der » Nacht des Zeichens « seinen vollen Schatten im Mondschein sieht, der stirbt in diesem Jahre nicht. Rabbi Isaak Loria hatte in dieser Nacht seinen kopflosen Schatten gesehen, und er starb den Tag vorher, ehe das Jahr um war. Rabbi Aboab war sehr heiterer Laune als Baruch mit ihm zu Nacht speiste. Der Novize hütete sich, auch nur mit einem Blicke nach der schönen Sara zu sehen, aus welcher der böse Geist ausgetrieben war, und die nun, während sie die Speisen auftrug, mit schüchternen Blicken auf den blassen Jüngling schaute, dessen Ruhm in der ganzen Gemeinde so groß war. Rabbi Aboab tafelte sehr lange, und erst spät in der Nacht ging er mit Baruch in sein Studierzimmer, nahm die Thora aus der heiligen Lade und rollte die Stelle auf, wo die Zehn Gebote standen. Baruch mußte die rechte Hand darauf legen und also sprechen: »Ich rufe dich an, Gott, Allmächtiger, Verborgener, der du die Geheimnisse deines Wesens gegeben hast an Adam, Henoch, Abraham und Moses, die sie überlieferten bis auf heute. Laß über mich kommen deinen heiligen Geist und leite mich, daß ich nicht strauchle auf dem Wege, den ich wandeln will; und wenn ich je frevelte und sündigte gegen deine Geheimnisse, so mögen mich überfallen alle die Schrecken, daß ich erbebe vor meinem eigenen Schatten, meine Zunge möge verdorren, meine Eingeweide vertrocknen, mein Augenlicht erlöschen, mein Atem sei Gift, daß er töte alle meine Lieben, denen ich mich nahe, Gras wachse vor der Tür meines väterlichen Hauses, weil sie niemand mehr betritt, und wie ich verloren bin hier, so mögen über mich kommen alle Qualen des Gehinom dort in der Unendlichkeit. Drum, o Herr! leite mich, daß ich ruhe unter dem Schatten deiner Flügel und mich werde an dem Glanze deiner Herrlichkeit. Amen! Amen!« Ein Schauer durchströmte sein ganzes Wesen, seine Lippen erbleichten, als er diese Worte gesprochen hatte, und noch während er sie sprach, hatte eine Stimme im Innern ihm zugerufen: »Wehe! du hast gefrevelt, da du es wagtest, hier einzudringen; kehr' um.« Es gab hier aber keine Umkehr mehr, das Furchtbarste war geschehen, und der Rabbi war von diesem Tage an zutraulicher gegen seinen Schüler. – Sie setzten sich an den Tisch und nun begann die Lehre; der mystische Grund, warum die heilige Schrift mit dem Buchstaben Beth beginne, ward enthüllt; jeder Buchstabe und jeder Punkt, jede Stellung und jede Versetzung derselben enthielt eine tiefe Bedeutung. Als Beweis, daß eine Geheimlehre in den Worten der Bibel liegen müsse, wurde angeführt, daß die heilige Schrift ja viele unwesentliche Dinge erzähle, wie z. B. 1. B. M. 19, 11, daß Rahel von Jakob geküßt worden sei, wie (4. B. M. 7) die namentliche Aufzählung der gleichen Beisteuer, die die zwölf Stammfürsten zum Bau der Stiftshütte gegeben und dergleichen mehr. Alles dies hatte eine geheime Deutung. Man hatte sich in diese Erörterung vertieft, als der Vielklang des Glockenspiels von der Zuyderkerk die anbrechende Mitternachtsstunde verkündete. Der Rabbi stand auf, zog seine Schuhe aus, streute sich Asche auf das Haupt und setzte sich an dem Türpfosten (dort, wo in einer kleinen Nische ein Pergament mit dem Schema steht) auf den Boden; er verhüllte sein Angesicht und unter Tränen sprach er das alphabetische Sündenbekenntnis, mit wehklagender Stimme sang er den Psalm 137: »An den Bächen Babylons, dort saßen wir und weinten, da wir Zions gedachten. – Wenn ich dich vergesse, Jerusalem, so möge meine rechte Hand mein vergessen. Meine Zunge klebe mir am Gaumen, so ich nicht dein gedenke, so ich nicht Jerusalem auf das Haupt meiner Freude setze.« Die Klagelieder Jeremiä sprach er in derselben Lage; hierauf richtete er sich empor mit den Worten: »Erhebe dich aus dem Staube, auf! Gefangene Jerusalem, schüttle von dir die Fesseln deines Halses, gefangene Tochter Zions (Jes. 52, 2). Auf deine Mauern, o Jerusalem, stell' ich Wächter den ganzen Tag und die ganze Nacht, nie sollen sie rasten, die des Herrn gedenken; ihr sollt nicht still sein. Ihr sollt ihm nicht Stille lassen, bis er gründet und bis er setzet Jerusalem zum Ruhme der Erden« (Jes. 62, 6). Baruch tat dem Rabbi alles nach, nur kannte er noch nicht die geheime Bedeutung, die jedes dieser Worte, jede Betonung und jede Miene hatte. Lehrer und Schüler setzten sich wieder an den Tisch, zogen die Schuhe an und studierten bis zum anderen Morgen, da es Zeit war in die Synagoge zu gehen. So pflegten sie jeden Donnerstag die Nacht zu durchwachen. – Baruch durchforschte das Buch »Geheimnisse Gottes«, dessen Verfasser Adam, und das »Buch der Schöpfung«, dessen Verfasser der Erzvater Abraham sein soll. Nicht nur seine ganze Seele, auch seinen ganzen Körper erregte er bei diesem Studium; unaufhörlich schaukelte und bäumte er sich, denn die Kabbala lehrt: wie es überhaupt nichts in der höhern Welt gibt, dessen Abbild nicht im Mikrokosmos ist, so entspricht den 248 Geboten der jüdischen Religion eine gleiche Anzahl von Gliedern im menschlichen Körper, und alle diese müssen geweiht und tätig sein bei dem heiligen Studium. Baruch kannte die Namen und Tätigkeiten aller Engel und wußte die Formeln, welche sie dem Menschen dienstbar machen; aber alles dies sowie die Lösung der chemischen und magischen Probleme hatte weniger Interesse für ihn. Das »Verborgene alles Verborgenen« war es, über das er unaufhörlich nachsann, und hier lehrt die Kabbala, daß alles physische und geistige Leben nur ein Abbild des Urbildes im Himmel sei und eine Kette von Wesen und Tätigkeiten bis zu Gott hinaufreiche. Das ist die Himmelsleiter, die Gott dem Erzvater Jakob (1, B. M. 28, 12) im Traume zeigte; daran die Kräfte der geschaffenen Welt als Engel, je nach ihrer geistigen Befreiung oder materiellen Beschwerung auf und nieder steigen; die Stufenleiter aller Wesenheiten steht auf der Erde und reicht bis in den Himmel, dort ist das himmlische Jerusalem, dort der Tempel, dem der auf der Erde nachgebildet, dort alles im Geiste, was hier auf Erden an die Materie gebunden ist. Aus dem hebräischen Wort Ruagh (Seele) wird durch Zahlen, die die Buchstaben angeben, bewiesen, daß dieselben ebensoviel wie die verschiedenen hebräischen Worte für Gott bedeuten, die Seele also ein Teil Gottes sei. Das hebräische Wort für Messias hat gleich viel an Zahlengehalt wie das hebräische Wort für Schlange, in deren Gestalt der Satan Eva verleitet hat; der Messias wird demnach der Schlange den Kopf zertreten, Sünde und Tod von der Erde vertilgen. Dem Adam auf Erden entspricht ein dreifacher Adam im Himmel; das wird aus den dreifach veränderten Ausdrücken bei der Schöpfung des Urvaters (1. B. M. 1, 27) abgeleitet, das Urbild des irdischen Adam ist der Adam Cadmon im Himmel, das Ebenbild Gottes und dessen erstgeborener Sohn. Es gibt vier Welten, die je nach ihrer näheren oder entfernteren Emanation aus Gott geistiger oder materieller sind. Zweck der Weltschöpfung ist aber das Gesetz, nur um der Offenbarung willen ist die Welt geschaffen; denn nach eigentümlicher Wortabteilung heißt es (Jerem. 33, 25): »So spricht Gott: wäre mein Bund nicht, Tag und Nacht und die Gesetze des Himmels und der Erde hätte ich nicht festgestellt.« Was ist aller Siegesruhm, was alle Macht der herrschenden Völker gegen solchen unmittelbaren Geistesverkehr? Rabbi Aboab benutzte das von ihm aus dem Spanischen ins Hebräische übersetzte Buch Eriras als Leitfaden zur mündlichen Lehre, die nach Wort und Begriff der Kabbala immerdar ungeschrieben bleiben und sich nur von Geist zu Geist vererben sollte. Hier endlich boten sich Baruch höhere Handhaben, an denen er sich aufschwingen konnte. Er bestrebte sich stets den innern Kern von den possierlichen und abenteuerlich gestalteten Äußerlichkeiten zu trennen; aber mit Schmerz mußte er finden, daß gerade diese den Hauptteil bildeten, ja daß jene allgemeinen Ideen selbst, wo es gilt herabzusteigen in die wirkliche Welt und die Rätsel der Völker- und Menschengeschicke zu lösen, nicht mehr ausreichen, und man zu den abenteuerlichen Annahmen von Seelenwanderung und Dämonenherrschaft greifen muß, wodurch die Natur und ihre Gesetze sich in Unvernunft und Anarchie auflösen. – Der Rabbi hatte seine Freude an dem eifrigen Schüler, nur bemerkte er ihm oft, daß, wenn man in die wahren Tiefen der praktischen Kabbala eindringen wolle, man alle sinnlichen Gelüste, die eine Schöpfung des Satans seien, von sich abtun müsse. »Am sechsten Schöpfungstage,« setzte er hinzu, »ist das Weib und mit ihr alle sinnlich böse Neigung erschaffen worden; darum lehren die Rabbinen, daß man im Alter von dreimal sechs Jahren heiraten soll. Ihr habt jetzt gerade dieses Alter erreicht.« Es unterliegt keinem Zweifel, die Absichten und das Streben des Rabbi waren über alles Irdische erhaben; dies mochte ihn gleichwohl nicht verhindern, an eine Verbindung Baruchs mit seiner Sara zu denken. Der junge Kabbalist merkte aber nichts, selbst da nicht, als ihn der Rabbi einst absichtlich mit der schönen Sara allein ließ. Der Rabbi belehrte einst seinen Schüler, daß auch Jesus von Nazareth in der Sekte der Essäer in die Kabbala eingeweiht worden sei. Der Rabbi ahnte nicht, was er damit veranlaßte. Schon oft war Baruch in der Bibliothek seines Lehrers Nigritius von einem Buche in schwarzem Einband fast unwiderstehlich angezogen worden, aber eine innere Scheu hielt ihn zurück. Und jetzt stieg wieder in ihm die Frage auf: warum soll mitten im freien Felde der Erkenntnis ein Baum voll prangender füßnährender Früchte stehen, den gerade du nicht berühren darfst? Wer hat ein Recht, wenn doch die verbotene Frucht nicht todbringend ist, zu sagen: du darfst sie in dich aufnehmen, und du nicht? Verborgen vor jedem fremden Augeimagte es Baruch das Buch aufzuschlagen. Er las das Neue Testament. Noch zitterten seine Hände, als sie das Buch hielten. Das war die Macht der Gewohnheit, der ein solches Beginnen als Abfall erschien. Und doch ließ er nicht davon ab. Eine stille Macht erhob sich in ihm. Er fand keinen neuen Aufschluß über die Kabbala, aber anderes, Unerwartetes. Eine neue Bibel las er jetzt, und nicht wie ein Kind dem Fingerzeige eines Lehrers folgend, sondern zum ersten Male und sogleich mit freiem Auge und unbefangenen, selbständigen Geistes. Das wirkte zunächst auf die Auffassung der ihm bisher allein Heiligen Schrift zurück. Muß nicht auch diese als Gegenstand freier Betrachtung angesehen werden? Ist es nicht möglich, auch das Gewohnte, mit bestimmten Deutungen Aufgenommene wieder neu und in seinem einfachen Inhalte zu erfassen? Über die Wunder ging er leicht hinweg. Auch die Gleichnisreden mit ihren vielfachen talmudischen Anlehnungen drangen nicht tief ein. Er hatte auf dem rabbinischen Gebiete zu oft erfahren, wie gern innere Halbheit, die nichts als Unfertigkeit des Gedankens, und äußere Halbheit, die nichts als Mutlosigkeit ist, sich solcher Verhüllungen bedient. Und heißt es nicht, daß Christus selbst seinen Jüngern allein die Wahrheit unverhüllt gegeben? Ist es nicht möglich, den Menschen den reinen Gedanken zu lehren? Ist die Kindwerdung als Rückkehr zu dem unmittelbar eingeborenen Naturwalten einziges Heilmittel für eine durch äußere Dogmen verwirrte, pharisäisch verdorbene Zeit? Muß nicht auch die Mannwerdung als Entfaltung und Zeitigung des auf erkannten Naturgesetzen beruhenden Denkens Heilmittel werden? Bietet jene allein einen festen Halt, weil sich in ihr die Anordnung der Natur unvermittelt darstellt? Muß die natürliche Ordnung sich nicht auch durch die Erkenntnis aufbauen lassen? Ist das Kindwerden der Willenskraft nicht oft unmöglich, die männliche Denkentwicklung aber eine notwendig und selbständig zu erreichende Aufgabe? Muß nicht der talmudische Satz seine Geltung haben: Alles wird von Gott gegeben, nur nicht die Gottesfurcht? Ist Gerechtigkeit, die sich durch freies Denken erringen läßt, nicht fester und höher als Liebe? Welches ist der reine, unverhüllte Gedanke, den »Christus ohne Gleichnis seinen Jüngern insonderheit gelehrt« (Markus 4, 34) und der nicht ausdrücklich in den Evangelien dargelegt wird? ... Es läßt sich nicht bestimmen, wie viel von anerzogenem Widerspruchsgeiste sich in diesen Fragen bei dem jungen Denker regte. Er suchte sich davon frei zu machen, und hocherhaben stand ihm als neue Offenbarung, daß nirgends gesagt ist: Gott sei Christo erschienen und habe mit ihm durch eine Stimme, durch Zeichen und dergleichen geredet, wie im Alten Testament; sondern er habe sich unmittelbar in Christo den Aposteln offenbart. Es war keine Offenbarung von Angesicht zu Angesicht, wie bei Moses, nicht von einem außerhalb stehenden Wesen, sondern von innen heraus. Baruch kannte die Dogmen nur dürftig, die man in den Kirchen an die hier gegebenen Lebensereignisse und Weisheitslehren anknüpfte. Als das Höchste, was Christus von sich gesagt hat, steht da: daß er ein Tempel Gottes sei , und Johannes sagt, um dies eindringlicher auszudrücken: das Wort ward Fleisch; denn in Christo unmittelbar hat sich Gott am meisten offenbart. Baruch fühlte sich wundersam, ja gewissermaßen verwandtschaftlich angezogen vom Leben und der Lehre des Gekreuzigten. Gerade weil er aus einem Lebenskreise kam, der nichts davon kennen wollte und fort und fort von den Bekennern Christi gemartert wurde, gerade weil er nicht befangen war von irgend einer Kirchensatzung, strebte er um so freier nach der lautern Gerechtigkeit und er lernte sie üben, einer durch viele Jahrhunderte und weite Länder sich ausbreitenden Erscheinung gegenüber, deren äußere Gestaltung ihm selbst fremd bleiben sollte. Wie viel scheinbar sich ausschließende und einander auflösende Elemente fördern das jugendliche Wachstum! Und wie der Frühlingswind den jungen Baum hin- und herzerrt, senkt er seine Wurzeln tiefer in das nährende Erdreich und erweckt ihn zu frischer Triebkraft. Und wie in der äußern Natur, dringt auch vieles in die Seele ein, was nicht alsbald im Wachstum als äußerlich erkennbare Erscheinung heraustritt; es harrt seiner Zeit, die es entwickelt und reift. Aus der Bibliothek des Magisters hinweg mußte sich Baruch wieder in das Studium der Kabbala vertiefen, und er tat das mit offenbarer Begierde. Die geheimnisvollen Verhüllungen lockten ihn immer wieder, daß er hier eine Lösung der Rätsel finde, die ihn beunruhigten; aber das Unbegriffene wurde hier nur durch neue Unbegreiflichkeiten ersetzt. Manchmal tauchte ein Wegweiser wie ein Irrlicht in der Dunkelheit auf, versank aber auch bald wieder ohne Spur und ohne Zusammenhang. Baruch sehnte sich danach, von dem Joche befreit zu werden, das er sich durch pflichtmäßigen Besuch bei dem Rabbi auferlegt hatte. Es geschah ohne sein Zutun. Als eine jüdische Kolonie nach Nordbrasilien abging, schloß sich Rabbi Isaak Aboab ihr an. Auf dem Meere, so wird berichtet, sammelten sich Delphine und Seeungeheuer um das Schiff, in welchem Rabbi Aboab war. Alles war in Todesangst, nur Rabbi Aboab blieb ruhig. »Seht, in diese sind die Seelen der Gottlosen gefahren. Seid ruhig!« rief er mit mächtiger Stimme hinaus in die Fluten, »geduldet euch, noch müßt ihr harren, denn noch ist die Zeit nicht gekommen, wo ich euch erlösen kann.« Er warf ein Pergament hinab in das Wasser, und alsbald verschwanden die Ungetüme. Die schöne Sara hatte dieses große Wunder ihres Vaters, das die Sage weithin verbreitete, nicht mehr erlebt. Sie hatte viel Tränen vergossen, als sie von Baruch Abschied nahm; sie liebte ihn still und heiß. Sie starb auf der Überfahrt. Als die Auswanderer in Nordbrasilien an das Land stiegen, war ihr erstes, in dem neu gewonnenen Erdreich ein Grab zu graben, in das sie den jungfräulichen Leib der Tochter des Kabbalisten versenkten. Bei ihrem Begräbnisse wurde nach geheimnisvoller kabbalistischer Anordnung das Schophar geblasen, wohl als Vorzeichen der einst bei der Auferstehung der Toten erschallenden Posaunen. In dem Lande, das noch nie der Fuß eines Juden betreten, ertönte alsbald der Posaunenton aus Kanaan, der zurück zu alten Zeiten und hinaus ans Ende alles Erdenlebens rief.... Wenige Tage, nachdem Rabbi Aboab ausgewandert war, ging Baruch um die gewohnte Stunde nach dem Hause des Magisters Nigritius. Frau Gertrui Ufmsand, die Hauswirtin, trat ihm entgegen mit der Kunde, daß der Magister heute morgen in seinem Lehnstuhle tot gefunden worden sei, seine Lampe hatte noch gebrannt. Baruch ging hinauf und schaute noch einmal in das erstarrte Antlitz des Lehrers, eine kindliche Milde war in den Zügen des Verstorbenen festgebannt, sein Lieblingsbuch Cicero de finibus bonorum et malorum lag vor ihm aufgeschlagen. So waren nun dem Jüngling auf einmal die Führer entrissen, die ihn leiten sollten zum Empfange der Schätze, die die Menschen vor ihm errungen hatten. Wie viel Tausende erben ohne Mühe und auf geebnetem Wege die geistigen Erträgnisse der Vorzeit und sind glücklich in deren Besitze, und immer aufs neue mußte Baruch danach trachten und konnte sich des Erworbenen doch nicht vollauf freuen. In jugendlicher Selbstanklage deuchte ihn der Verlust der Führer gerechte Strafe für die Sünde, weil er im stillen widerspenstig gegen ihre gepriesenen Ergebnisse war. Konnte er aber anders? Hatte ihn das Schicksal berufen, gleichsam ein erster Mensch zu sein, unbelastet von den Errungenschaften der Vorfahren, unbeirrt von ihren Fingerzeigen, aus der Tiefe des eigenen Lebens, aus der Erkenntnis der Menschennatur und ihrer Gesetze das Heil zu schöpfen? Muß jeder, dem eine Offenbarung des Ewigen werden soll, sich zurückziehen aus der verwirrenden Menschengemeinschaft in die lebensberaubte Wüste, in die Einsamkeit, wo er allein auf Erden ist, wo nur die Pulsschläge seines Herzens ihm die Zeit messen? 9. Der Luzianist Ein neues Denken, das erfuhr Baruch jetzt an sich selbst, verändert nicht alsbald das gewohnte Leben; man muß von manchem noch Abschied nehmen und die Trennung wird schwer, denn im Scheiden drängt sich nochmals mit lebendiger Kraft das Bewußtsein auf, wie traut und fest die Gewohnheit war. Baruch hatte am letzten Versöhnungstage mit zerknirschter Seele gebetet: »Herr! Gott! laß mich sterben, ehe ich werde der Sünder oder Gottlosen einer.« Er blieb aber am Leben und verlor noch dazu seinen treuesten Freund, der ihm in jeder Fahr und Not beigestanden hatte. – Dreimal des Tages in der Synagoge, und außer derselben, wenn er ein Glas Wasser trank, einen Apfel oder ein Stück Brot genoß, wenn er sein Studium begann oder endete, bei jedem Genuß und jedem Ereignis, stets hatte er das vorgeschriebene entsprechende Gebet verrichtet; und des Nachts, wenn er einsam im Bette lag, sprach er das alphabetisch gesetzte Sündenregister und schlug sich bei jedem Worte reuevoll auf die Brust: drauf schlief er ruhig und heiter bis zum anderen Morgen. Hier aber, in nächtiger Stille, schlich der Zweifel auf leisen Socken zu ihm heran und raunte ihm ins Ohr: was zerhämmerst du deine Brust über Dinge, die du nie begangen? Hast du je geraubt, gestohlen, mutwillig gesündigt, geflissentlich jemand falschen Rat erteilt, wie hier in dem Küchenzettel der Hölle verzeichnet ist? – Er tat Einsprache: dies Gebet ist nicht für mich allein, ich bete für ganz Israel, ja, für die ganze Menschheit um Vergebung ihrer Sünden. – »Was andere durch die Tat verbrochen, willst du durch dein Wort gut machen?« entgegnete es ihm. Er brach mitten im Gebete ab und schlief ruhig ein. »Wenn du betest, so zweifle nicht,« sagte der weise Jesus Sirach; wie aber gebietet man den Zweifeln? Und als Baruch in der Synagoge stand und vor ihm aufgeschlagen war das tägliche Frühgebet, da trat der Versucher abermals zu ihm und sprach: hast du dich wieder mit dem Glockenschlage eingefunden? Wie magst du nur die von David oder anderen Männern in ihrer Bedrängnis ausgestoßenen Worte dir in den Mund legen lassen? Sollen deine eigensten religiösen Gefühle erst durch fremdes Machtwort hervorgerufen werden? – Er faßte den Entschluß, fortan nur in selbstgewählter Form und wenn ein unbezwingbarer Drang ihn dazu nötigte, zu beten. Das geschah lange nicht, und als es geschah, ward er inne, daß er durch die lange Unterbrechung außer Zusammenhang mit seinem Schöpfer gesetzt sei; er fand ihn nicht so bald wie sonst. Was braucht es der Worte, sprach er dann zu sich, der Gedanke muß genügen, wenn Gott allwissend ist ... wenn er ist – Wehe! er konnte nicht mehr beten. Das fühlte er jetzt noch beschwerender, als er an dem Krankenbette seines ächzenden Vaters saß; tiefe Seufzer entstiegen seiner beklommenen Brust, Tränen brannten in seinen Augen, er konnte nicht mehr weinen. »Beruhige dich, mein Sohn,« sagte der Vater, »vertraue auf den Allgütigen, er wird helfen.« Er wußte nicht, daß diese Worte gleich zweischneidigen Dolchen das Herz seines Sohnes durchwühlten. Keines Gedankens mehr fähig, saß dieser kalt und stumm da. Der politische Chirurgus Flyns pfiff im Nebenzimmer die Melodie des Liedes »Wilhelms van Nassawe« und strich Pflaster dabei; der Vater hielt die kalte Hand seines Sohnes und ächzte unaufhörlich. Der Oranier draußen schwieg plötzlich, Miriam öffnete die Türe, und Salomon de Silva, von einem fremden Manne geleitet, trat ein; der Chirurgus folgte ihnen mit Pflaster und Etui. »Ich kann die Sache nicht allein über mich nehmen,« begann Silva, »und habe daher meinen geehrten Kollegen hier, den Doktor van den Ende gebeten, mit mir gemeinsam die Operation vorzunehmen. Fühlt Ihr Euch im Augenblicke stark genug und seid Ihr bereit?« »Ich bin's,« fagte der Kranke, »mein Leben liegt in Gottes Hand.« Ein flüchtiges Zucken bewegte bei diesen Worten die Mundwinkel des neu angekommenen Arztes. Baruch hatte denselben mit aufmerksamen Blicken betrachtet, und glaubte in diesem Lächeln die sichere Kunde von seines Vaters Tode zu lesen. Er täuschte sich. Van den Ende fragte lateinisch, ob er sich vor dem anwesenden Sohne in dieser Sprache unterreden dürfe. Silva bejahte, denn Baruch verstünde nur wenig Latein. Die beiden Ärzte besprachen sich nun geraume Zeit, es lag ein unverkennbarer Spott in den Mienen van den Endes, während er sehr eifrig sprach. Der lange Flyns hörte der ärztlichen Besprechung mit gespannten Mienen zu und nickte bald diesem, bald jenem, als ob er alles verstünde, in der Tat aber verstand er kein Wort davon; auch Baruch erging es fast so, nur hie und da fiel ein Wort wie ein vom Windzüge hergetragener Ton an sein Ohr, aber nichts desto minder heftete auch er seinen aufmerksamen Blick auf den fremden Arzt. Aus Wesen und Haltung dieses kleinen Mannes sprach eine so seltene Heiterkeit und Ruhe, die Baruch in seiner jetzigen Lage besonders anziehen mußte. Die beiden Hände, die bis an die Fingerwurzeln von weißen gekrausten Manschetten bedeckt waren, hatte er auf dem vergoldeten Knauf seines spanischen Rohres übereinander gelegt, der Oberkörper ruhte behaglich auf der gepolsterten Rücklehne seines Stuhles; das runde Bäuchlein schien fast etwas zu weit hervorzuragen für das kurze niedliche Fußgestell, an welchem Schnallen und bunte Bänder zur aufmerksamen Beachtung reizten; aber bald mußte man seinen Blick erheben zu dem Haupte: aus den feingekräuselten Wellen der Perücke, die bis auf die Schultern herabflossen, guckte das runde Antlitz wohlgemut in die Welt hinein, und wohl niemand hätte geahnt, daß es schon mehr als fünfzig Winter gesehen, wenn nicht einige Falten, die sich beim Lächeln um die Augenwinkel nisteten, sowie das dunkle Rot auf der Nase und den ihr zunächstliegenden Teilen ein vorgerücktes Alter gedeutet hätten. Die halb versteckten grauen Augen bewegten sich unaufhörlich; sonst stach die äußere Ruhe des kleinen Mannes vorteilhaft ab gegen die heftigen Gestikulationen Silvas, der seinen Kollegen bald am Mantel faßte und ihn, ohne es zu wissen, bald auf den Arm und bald auf den Schenkel schlug, um seinen Worten die gehörige Aufmerksamkeit zu verschaffen. Baruch hatte den Fremden genau betrachtet, er hätte ihn um den lateinischen Redefluß, der so rasch und frei über seine Lippen strömte, beneiden mögen, wenn er hier am Krankenbette seines Vaters an seine Studien hätte denken dürfen. Die Operation ging über alle Erwartung glücklich vorüber, van den Ende besuchte den Genesenden fast täglich und unterhielt sich dabei am meisten mit Baruch; seinem Scharfblick blieb die innere Unruhe des Jünglings, sowie dessen rühriger Geist nicht lange verborgen. – Der dankbare Vater willfahrte gern seinem Wunsche, Baruch in den klassischen Wissenschaften unterrichten zu dürfen. Baruch ging mit dem Arzte in dessen Wohnung, am Ende der Warmoesgasse, unweit der St. Olaikirche und der Kapelle, die nach dem Modell des Tempels zu Jerusalem gebaut ist. Baruch war einst mit Chisdai hier vorübergegangen, Chisdai hatte dreimal ausgespieen; Baruch hatte nur bemerkt, daß die Baumeister sehr gegen das Original verstoßen hätten, es sei dies aber auch nicht anders möglich, denn selbst wer den Talmud verstehe, könne sich noch keinen vollständigen Begriff von der äußeren und inneren Gestalt des Tempels zu Jerusalem machen, da das wahre Urbild desselben nur im Himmel sei. Jetzt aber kümmerte er sich wenig mehr um die Architektur des Tempels im Himmel oder auf der Erde, als er in das Haus des Arztes eintrat. Es war eine ganz neue Atmosphäre, in der er sich hier bewegte: jubelnde Triller einer Mädchenstimme, von Orgelklang begleitet, drangen ihm schon auf der Hausflur entgegen. Der Arzt führte seinen Schüler in ein großes Zimmer und ließ ihn eine Weile allein. Farbenfrische Bilder schauten von allen Seiten nieder und buhlten und wetteiferten um Augenmerk: hier eine Leda im Bade, ein Ölgemälde mit frischen lockenden Farben; dort eine Venus, wie sie in aller Herrlichkeit und Vollendung aus dem Schaume geboren wird, neben ihr eine Semele, auf die sich eine Wolke niedersenkt; an den anderen Wänden vlämische Stillleben, Blumen und Fruchtstücke, Landschaftsbilder mit unerreichter Farbentreue und Naturwahrheit, kleine Büsten von weißem und rötlichem Marmor auf den feingebohnten Schränken. Kanarienvögel stimmten in vergoldeten Käfigen die wohleinstudierten Lieder an, und zwischendrein schmetterten sie wieder den mächtigen Schwall ihres Naturgesangs. Rosen, Tulpen, Nelken, Lilien und Anemonen blühten in zierlichen Töpfen unter den Fenstern und zogen den Blick dorthin. Der Arzt kam wieder und erklärte Baruch die Schönheiten der Bilder und manche nahm er sogar herab und überging sie zur besseren Beschauung mit einem feuchten Schwamme. Besonders lange hielt er sich bei einer Natureinsamkeit des Zeitgenossen Jakob Ruysdael und bei einer Landschaft mit reicher Staffage des ebenfalls gleichzeitigen Nikolaus Berghem auf. – Sodann führte er Baruch in ein anderes Zimmer, das fast noch mehr Staunen erregte. Die Wände waren über und über mit anatomischen Tafeln behangen; gläserne Kästchen, in denen Käfer und Schmetterlinge in bunter Ordnung angespießt waren, hingen dazwischen; ausgestopfte Vögel saßen auf kleinen geschnitzten Bäumen, die auf den Bücherschränken angebracht waren. An dem einen Ende des Zimmers standen Kolben und Retorten, in einer Ecke lag ein großer Stoß grauen Papiers, aus welchem ein Stiel oder ein Blatt der ausgetrockneten Pflanze hervorragte; auch ein großes Skelett, dem ein goldpapiernes Zepter zwischen die Fingerknochen gesteckt war, stand dort, über dem grünen Schreibpulte stand eine Marmorbüste, ein dürrer Lorbeerkranz war um die Stirne dieses griechischen Schalksgesichtes gewunden. Baruch betrachtete aufmerksam diese ganze Umgebung, in der trotz einer fast überladenen Mannigfaltigkeit eine behagliche Ordnung herrschte: das Leben läßt sich noch mit anderen Dingen als mit Bibelstellen, Kommentaren und Religionsgebräuchen ausfüllen: hier ist eine ganz andere Welt – so sprach es in ihm und der Arzt störte ihn nicht in seinen Gedanken, denn er suchte in den Schränken nach einem Buche. Er nahm endlich Cicero de officiis und ließ Baruch daraus übersetzen. Der Lehrer schüttelte oft bedenklich den Kopf; nicht weil Baruch gar kein Latein verstanden hätte, das konnte man nicht unbedingt sagen, er war dadurch, daß er mit der Schnellkraft seines Geistes die grammatischen Formen sprengen wollte, in ein sonderbares Verhältnis zu dem Autor, den er las, geraten; waren ihm nur einzelne Worte klar, die den ungefähren Gang oder einen Zielpunkt des Gedankens bezeichneten, so setzte er leicht und oft ganz richtig den Sinn desselben zusammen; weit häufiger aber folgte er, den Ideenkreis des Autors überspringend, seinen eigenen oft weiter gehenden Kombinationen. Van den Ende sah, daß hier eine ganz eigentümliche Unterrichtsweise befolgt werden müsse; hier war ein ausgewachsener Baum, der schon manches Jahres Blüte und Frucht fallen gesehen, und nun versetzt werden sollte in ein anderes Erdreich. Die Fortschritte erfolgten indes nicht so schnell als man glauben sollte, denn der Unterricht ward beinahe immer durch Erörterungen über andere Gegenstände unterbrochen. Baruch hatte Vertrauen zu seinem Lehrer gefaßt und erzählte ihm einst in treuherzigem Tone den Verlauf, wie er das Gebet verloren. Der Arzt lachte so heftig, daß er sich den Bauch halten mußte; er sah indes, wie sehr das seinen Schüler verdroß. »Müßt mir verzeihen,« sagte er, »ich lach' nicht über Euch, ha, ha, ha! wir hatten im Narrenhause zu Mailand ein Prachtexemplar von einem theologisch-philosophischen Narcissus. Er hing ein Tuch über sein Angesicht, lag den ganzen Tag auf den Knieen und betete: Heiliger Christoph, steh mir bei und vergib mir meine Sünden – ha, ha, ha! und wenn man ihn fragte: Wo und wer ist denn der heilige Christoph? dann stand er auf, lüftete das Tuch vor seinem Angesichte und mit majestätischem Tone rief er: seht her, seht ihr die Glorie um meine Stirne? Knieet nieder und betet, ich bin der heilige Christoph, ha, ha, ha! Wenn man es aber recht bedenkt, lag viel Methode in diesem Wahnsinn. Was soll am Ende das Gebet? Auf Gott einwirken? Das gestehen auch die Halbvernünftigen, daß es widersinnig wäre, wenn sich Gott etwas von uns einflüstern ließe; sodann sagt auch schon das Sprichwort: ora et labora ; also das Ganze ist, um unsere von Schmerz und Kummer zerknickte und verwirrte sogenannte Seele wieder aufzurichten und zu sammeln; kann ich das durch eine Anekdote, durch ein Kapitel aus der Logik oder Physik, so ist es gerad so gut; darum betrübt Euch nicht, daß Ihr selbständig geworden seid, laßt den Kopf nicht hängen und seid lustig und guter Dinge, ich bin es auch und habe seit mehr als zwanzig Jahren nicht an das Beten gedacht. Wenn man nur der Jugend recht eindringlich beibringen könnte, daß sie nicht die schönste Lebenszeit mit unnützem Krimskrams vergeuden sollte.« So sprach der Arzt und seine kleinen grauen Augen funkelten. Baruch konnte seiner Auffassung nichts entgegenstellen, aber von dieser Stunde an wurde er rückhaltender gegen ihn; fleißig studierte er die naturwissenschaftlichen und mathematischen Werke, die er von ihm erhalten, fragte ihn über einzelne Schwierigkeiten, die Darlegung seiner eigenen Seelenzustände vermied er sorgfältig. Der Arzt verstand es indes durch Zutraulichkeit abermals Vertrauen zu erwecken. »Ich war auch einst so in verworrenen Zweifeln gefangen wie Ihr,« sagte er einmal zu Baruch: »ich weiß auch, wie anerzogene Befangenheit nachwirkt, und noch jetzt, da ich mich frei gemacht zu haben glaube, ertappe ich mich noch oft auf jener Ausschließlichkeit, die der Besitz der alleinigen Wahrheit einflößte. Ich bin nicht wie Ihr aus der Bibel selbst auf den Weg der Freiheit gekommen. Es war ein seltsamer und eigentlich geringer Anstoß, der mich dahin führte. Ich war als frommer Katholik auf die Universität nach Leiden gezogen; einst, es war am Himmelfahrtsabend, ich hatte lange studiert, bis mein Licht abgebrannt war; als ich sodann ruhig im Bette lag, da fuhr mir wie ein Blitz der Gedanke durch die Seele: wo ist sie nun hin, diese Kraft der Erleuchtung? Das Feuer hat die Nahrungsstoffe verzehrt und ist ins All zerflossen. Wie, wenn es mit unserer Seele auch also wäre? Meine Lehrer bestärkten mich in der sonst auch vielverbreiteten Ansicht, daß das Leben ein Verbrennungsprozeß sei. Man kann es so nennen ohne eigentlich damit etwas erklärt zu haben; das, was wir Seele, Denken und Empfinden nennen, ist nichts als eine Verarbeitung der Stoffe, hat seine Nahrung aus Stoffen, greifbaren und ungreifbaren, und wird wieder zu solchen. Der eine Mensch verdaut schwerer, der andere leichter, der mit Lust, jener mit Unlust.« »Und was wäre dann unser Vorzug vor den Tieren?« »Wer sagt Euch, daß wir einen solchen haben müssen? Aber wir haben ihn wirklich, und zwar wieder nur, weil wir reichlicher mit den feineren Stoffen begabt sind, und darum wirken die sogenannten ungreifbaren Stoffe, Farbe, Klang und Wort mächtiger auf uns. Das Gehirn des Menschen übertrifft oft den fünfzigsten Teil vom Gewichte seines ganzen Körpers, und darum hat er auch am meisten von dem, was man Vernunft und Geist heißt. Beim Ochsen zum Beispiel beträgt das Gehirn kaum den achthundertsten Teil seines Gewichts, und darum ist er dumm; der Elefant ist schwerfällig, aber klug, weil er ein verhältnismäßig sehr großes Gehirn hat. Verletzt man Euch Euer Gehirn, so seid Ihr ein Simpel, was faselt Ihr nun immer von Eurem Jenseits und Eurer ewigen Fortdauer?« »Unsere Bestimmung wäre also, möglichst viel Annehmliches zu verarbeiten oder zu verdauen, wie Ihr es nennt?« »Allerdings.« »Ich hätt' Euch nicht für so egoistisch gehalten,« entgegnete Baruch. »Ich bin es nicht,« erwiderte der Arzt, »freudig schlage ich Gut und Blut in die Schanze für das Gemeinbeste, für den Staat; aber für Religion und Glauben ließe ich mir nicht ein Haar auf meiner Perücke krümmen. Das sicherste und höchste Wohlbefinden des Menschen liegt im Staatswohl, und dafür zu sorgen, das ist die Bestimmung des Menschen; in allem übrigen steigt man von einer Nebelwolke in die andere.« »Eure Bestrebungen für Vaterland und Menschheit wären ja am Ende wieder nichts anderes, als daß es diesem und jenem, oder wenn man sagen will, der Gesamtheit möglich werde, besser und bequemer zu essen und zu trinken und seinen Lüsten nachzugehen; in ihrer Ausdehnung werden sie somit nicht Höheres, sondern nur etwas Allgemeineres.« »Ich will offen mit Euch sprechen,« sagte der Arzt, und rückte vertraulich seinem Schüler näher, ein seltener Ernst sprach aus seinen Mienen; »es muß ein jeder diese Krisis durchmachen, in der Ihr jetzt seid. Auch ich schwärmte einst, da ich in Eurem Alter war, für die sogenannten höheren oder geistigen Anliegen der Menschheit und glaubte, sie dürften nie getrennt werden von den Bestrebungen für das Staatswohl; ich war in dieser Beziehung ein eifriger Katholik, aber auch nur in dieser Beziehung. Es war die Zeit, da Gomar und Armin mit Toben und Schnauben Stritten um den rechten Glauben. Ich sah den Advokaten das Schafott besteigen, weil er sich gegen den alten Judenglauben wehrte, mit dem man nun die Christen durch die Gnadenwahl zur auserwählten Leibgarde Gottes machen wollte; da stand, auf seinen Stab gestützt, der zweiundsiebzigjährige Oldenbarnevelt auf dem Blutgerüste. ›O Gott!‹ rief er, ›was wird aus dem Menschen!‹ und um und um stand die kopflose Menge, und doch Kopf an Kopf, das glotzte drein und jauchzte, als das edle Haupt vom Rumpfe getrennt ward. Damals lernte ich das Volk verachten, damals gewann ich die Einsicht, daß es vor allem not tut, sich jeglicher Einwirkung auf das, was dem Volke Religion heißt, zu enthalten. Der Aberglaube ist ein hohler Zahn; oft läßt er lang in Ruh, aber ein harter Bissen, ein Luftzug macht, daß man oft rasend wird. Versucht es, ihn auszureißen, so schlägt Euch der Patient ins Gesicht, und laßt Ihr einen Splitter stecken, so kriegt Ihr den nicht heraus, außer mit Gefahr, das Zahnfleisch mitzureißen, oder einen Kopfnerv zu verletzen. Wer denn aber doch helfen will, der sagt, daß er nur untersuchen wolle, bringt die Zange in den Rachen und dann Ruck! heraus damit; am besten ist's aber, man hilft dem nicht, der den Mut nicht hat, sich helfen zu lassen.« »Ihr erklärt somit das Streben nach Besitz und Vermehrung der idealen Errungenschaft der Menschheit für einen Geistesluxus?« »Ja, wenn es nicht reelle Zwecke hat; euch Juden verarge ich es aber nicht, wenn ihr euch gerne ein Himmelreich aufbaut, euch fehlt das Erdenreich. Warum lacht Ihr? Habe ich nicht recht?« »Im Talmud heißt es: der beste unter den Ärzten kommt in die Hölle, die Heilkünstler hatten gewiß auch schon damals solche Ideen, wie Ihr jetzt.« »Was geht mich Euer Talmud an? Euer Moses war ein großer Politikus; aber der weise Salomo ist mein Mann, der hat das Leben verstanden, darum hat er auch in seinem Prediger gesagt: ich lobe mir die Lustigkeit, es gibt nichts Besseres für den Menschen unter der Sonne, als daß er esse und trinke und fröhlich sei.« »Da erfüllten die Tiere am nächsten ihre Bestimmung, und die Mollusken, die nur aus einem Magen bestehen, wären die vollkommensten Geschöpfe.« »Nein, ich will Euch zugeben, daß das Tier auch fröhlich sein kann, aber der Mensch hat doch einen besonderen Vorzug, nicht den, daß er aufrecht geht, schreiben und lesen kann, damit er weiß, was vor ihm geschah, und berichten, was mit ihm geschah; nein, der Mensch allein kann lachen . Demokrit und Lucian, das waren die zwei gescheitesten Männer Griechenlands, die anderen haben meist nur nach Wind geschnappt. Ich bin ein alter Praktikus, glaubt mir, kein Genuß auf der Welt ist so unvergänglich als das Lachen, und dabei verdaut man ganz normal und bleibt frisch und gesund.« »Merkwürdig ist's, daß Ihr wieder mit dem Talmud übereinstimmt, denn auch dort heißt es: das Lachen ist ein Vorzug des Menschen.« »Wahrhaftig? Da steht doch einmal was Gescheites in den dicken Büchern; aber ich gehe, noch weiter und sage: es ist auch ein Vorzug des Menschen vor den Göttern, denn wen nichts überrascht, der kann auch nicht lachen.« »Bleiben wir bei den Menschen,« fiel Baruch ein, »was sollen nach Eurer Ansicht die Armen, die ihre Brotrinde mit Tränen befeuchten, die Alten, Kranken und Traurigen, die nichts zu genießen und nichts zu lachen haben? Wo ist Trost und Freude für sie?« »Die sollen glauben und fröhlich sein in der Gottseligkeit.« »Wenn sie aber zur Erkenntnis kommen, und alles zu unterst, zu oberst kehren?« »Ist nicht zu fürchten, dahin wird es nie kommen; es wird zu allen Zeiten nur wenig Einsichtige geben, der Pöbel wird stets glauben, und das muß auch sein, weil ihm Bildung und Urteilskraft fehlt, und er anders nicht in Zaum zu halten wäre.« – Das also sind die, welche sich die Freien nennen, auch der Unglaube hat seine auserkorene Schar! – Solches und noch manches andere hegte Baruch in seinem Sinne, als er wegging. Wieder einmal lagen die Bücher vor ihnen aufgeschlagen, und Lehrer und Schüler sprachen über ganz andere Dinge, als da geschrieben standen. »Glaubt mir,« sagte der Arzt, und er blinzelte mit seinen grauen Äuglein wie einer, der in die tiefsten Geheimnisse eingeweiht ist, »glaubt mir, ich lugte schon oft hinter die Gardinen; ich kenne gar wohl die Ehegeschichte von dem, was man Materie und Geist nennt und durch einen Religionsakt eingesegnet und zusammengekuppelt hat.« »Daß doch jeder verlangt, man soll ihm glauben,« antwortete der Schüler: »Hätte ich aber das gewollt, wäre ich dort geblieben bei meinen Rabbinen, vielleicht wäre mir's gelungen, noch ein Stockwerk auf den babylonischen Talmudbau zu zimmern, der mit dem Ende in den Himmel hineinragen soll; ich aber will Erkenntnis, will Gewißheit.« »Die findet Ihr nur im Stoff, von allem anderen kann ich Euch ebensogut beweisen, daß es wirklich existiert, als daß es nicht existiert.« »In der Zusammensetzung meiner selbst aus einer ununterbrochenen Reihe von Eindrücken, Gefühlen und Gedanken, weiß ich mich doch als geistige Einheit, die selbständig und unabhängig vom Körper ist. Der Selbstmord, so verabscheuungswürdig er auch ist, bezeugt er nicht eine Herrschaft des menschlichen Geistes über den Körper, die sich sogar bis zur Vernichtung dieses letzteren erstreckt?« »Der Menschenstolz!« entgegnete der Arzt, »das ist doch die Erbsünde, die allen anklebt. Was Ihr da sagt, kann ebensogut Folge eines physischen Triebes sein, wie man das bei den sogenannten unvernünftigen Tieren als ausgemacht annimmt. Man hat Beispiele, daß ein Marder oder eine Ratte, die mit einem Fuß in der Falle gefangen waren, sich mit den eigenen Zähnen den Fuß abbissen und davonliefen. Mir fällt noch ein deutlicheres Beispiel ein: Auf meinen Reisen in Unteritalien sah ich oft, wie sich die Bauern das grausame Vergnügen machten, daß sie in die Mitte eines ziemlich großen Kreises von glühenden Kohlen einen Skorpion warfen. Das arme Tier wollte fliehen und schoß hastig nach allen Seiten umher, aber überall war es von dem brennenden Ringe gefangen; wie um Gnade flehend richtete es seinen Kopf zu den Umstehenden empor, aber alle lachten und jauchzten, und niemand öffnete ihm einen Ausweg: da schoß es wütend im Kreise umher, von Angst und Verzweiflung gejagt, es wagte mit seinen Scheren die glühenden Kohlen zu berühren, aber schnell zuckte es zurück und schüttelte seinen ganzen Körper. Als es keinen Ausweg mehr sah, kroch es langsam bis in die Mitte des Kreises, weit weg von der Glut. Ohne Bewegung wie tot lag es da, aber plötzlich hob es den Stachel an seinem Schweife empor, es bäumte sich aus aller Macht, durchbohrte sich selber und war tot. Sagt mir nun einmal: fühlte sich der Skorpion auch als unabhängige geistige Einheit?« Baruch wollte dies geradeswegs zugestehen und somit in allen Kreisen der Natur ein freies Walten des Geistes annehmen; aber er fühlte, daß er die bloße Kraft seines eigenen Nachdenkens nicht in die Wagschale legen konnte gegen einen reichen Schatz von Erfahrungen, wo ihm stets Ungewohntes vor die Augen geführt wurde, das er im Augenblick nicht bewältigen konnte. Eine innere Stimme widersprach der ihm hier gebotenen Anschauungsweise, aber er vermochte nicht diese Stimme nach außen zu begründen. Er schwieg. Der Lehrer zweifelte nicht, hier einen Proselyten gewonnen zu haben und bedeutete Baruch des anderen Abends zu ihm zu kommen, er wolle ihm die Geheimnisse einer Lehre offenbaren, die ihm Staunen und Bewunderung abnötigen würden. Baruch fand sich zur bestimmten Stunde ein. Van den Ende führte ihn in sein Studierzimmer, verriegelte die Tür sorgfältig hinter sich, zog die Fenstergardinen herunter und lauschte, ob niemand dem Zimmer nahe. Baruch mußte fast lachen über die komisch ernste Miene des Arztes, der ein brennendes Licht zwischen die Fingerknochen des Skelettes steckte. »Kennt Ihr die Legende von dem Prior bei St. Dominicus zu Tiel?« fragte der Arzt, während er in einem Schranke nach etwas suchte. »Nein!« antwortete Baruch. »Hört,« fuhr jener fort, »der fromme Prior wurde einst vom Teufel heimgesucht, während er gerade mit dem Lesen eines heiligen Buches beschäftigt war. Der Teufel wollte den Frommen von seinem heiligen Geschäfte abbringen, sprang auf den Tisch und machte allerlei Possen vor ihm; aber der Prior zwang den Teufel, ihm die Kerze zu halten, bis sie abgebrannt war, worauf er ihn dann gnädig entließ. Seht, der Domine dort, der soll uns jetzt leuchten, während wir des Teufels Testament lesen. So, da ist der Schlüssel. Betrachtet einmal das Beinhaus da genauer: das ganze Gebälke war einst mit Fett ausgefüllt, da war ein Wanst, der viel Leckerbissen von der Tafel des Prinzen Moritz von Oranien beherbergt hat, jene Backen- und Stirnknochen hatten einen karfunkelroten Überzug, dort in den Höhlen saßen gehorsame Augen, die den menschlichen Vorzug, sich himmelwärts zu kehren, oft in Anwendung brachten, über jenen Zähnen war ein Lippenpaar, das viel gegen die Remonstranten geiferte, und beim Schlürfen köstlichen Rheinweins sich in der Enthaltsamkeit übte. Das war ehedem der dicke Domine, der am meisten gegen den edlen Oldenbarnevelt wütete und ihn aufs Schafott geleitete. Er war prädestiniert, daß er einst als Leiche von mir gestohlen werden sollte; ich habe Todesgefahr bei dem Unternehmen ausgestanden, es ist das eine schöne Geschichte, ich will sie Euch ein anderes Mal erzählen. Heiliger Laurentius! Hier ist wieder ein Jünger, der zu Euch wallfahret, um aus Eurem weisen Haupte Lehre zu empfangen. Freut Euch, denn bald ist die Schar gleich dem Sand am Meer und den Sternen am Himmelszelt.« Bei diesen letzten Worten kreuzte der Arzt seine Arme auf der Brust übereinander, und verbeugte sich dreimal vor dem Skelett; »ha, ha ha!« unterbrach er sich, »es ist zum Totlachen, ich werde ja noch ganz biblisch, aber ich will Euch weiter keinen Hokuspokus vormachen.« Er stieg nun auf einen Stuhl, öffnete mit dem Schlüsselchen die obere Schale des Schädels, nahm eine Schrift heraus, und sagte im Heruntersteigen: »So lang der da gelebt hat, ist nichts so Gescheites dort beherbergt worden, als ich ihm jetzt zum Aufbewahren gebe; schwört mir, daß Ihr niemand verraten wollt, daß Ihr das Buch bei mir gesehen; meine bürgerliche Stellung wäre dadurch gefährdet.« »Wie soll ich schwören?« fragte Baruch, indem er den Vorsatz faßte, lieber nichts zu erfahren, als nochmals einen so gräßlichen Eid zu leisten wie bei dem Kabbalisten. Der Arzt verstand es anders. »Ihr habt recht,« sagte er, »könntet Ihr schwören, so dürftet Ihr das nicht vernehmen. Seht diese runden, gemächlich gezeichneten Schriftzüge, so schön schreibt man in des Teufels Kanzlei; das Buch ist ein Erbstück von einem Frater Dominikaner, der es aus Augsburg mitgebracht hat: ein deutscher Kaiser, Friedrich der Zweite von Hohenstaufen, ist der Verfasser; den Titel werdet Ihr wohl verstehen, er heißt: de tribus impostoribus ; es sind nur neunundzwanzig Paragraphen. Da setzt Euch her, ich will's Euch holländisch vorlesen.« Baruch schauderte vor der verzweifelten Gottverlassenheit und kaltblütigen Sektion alles Glaubens, die hier vor seinem Geistesauge vorging, und als er die Stelle des 21. Paragraphen hörte, wo es heißt: » Quid enim Deus sit, in revelatione qualicunque obscurius longe est quam antea ,« war's ihm, als ob man mit glühenden Zangen den Kern alles religiösen Bewußtseins ausreißen wollte. »Junger Freund, wenn Ihr das Leben näher kennen gelernt haben werdet,« sagte der Arzt als er aufstand, »werdet Ihr einsehen, daß die Moral, die sich auf dem Markt des Lebens umhertummelt, eigentlich nicht aus Tintenfässern geschöpft wird. Euer Judentum und unser Judentum taugt nichts mehr, Euer Judentum ist längst nur eine Mumie, die bei einem Luftzuge in Staub zerfällt: das unserige war bis zum Anfang des vorigen Jahrhunderts eitel Barbarei, es hat den Geist des Klassizismus in sich aufgenommen, und dieser Geist wird es auseinandersprengen. Tretet nur ein in die luftigen lichten Hallen klassischer Weisheit, Ihr werdet genießen, spotten und schweigen lernen....« Gräßliches Labyrinth! sprach Baruch im Herzen, als er wegging; aber ich fühl's, ein Ausweg muß gefunden werden. 10. Benedictus sit So sollt' eine Jungfrau früh aufstehn Und ihren Liebsten suchen gehn; Sie sucht ihn unter den Linden Und könnt' ihren Liebsten nicht finden. So sang Olympia van den Ende, und sie jagte die langatmenden Töne ihrer kleinen Orgel mit mächtigem Gebrause durcheinander, als ihr Vater ins Zimmer trat. »Du hast dich ja heute wieder ganz in deinen Liederhimmel verstiegen,« sagte er, »und weißt gar nichts von dem, was unten auf der unmusikalischen Welt vorgeht; schon vor einer Stunde sind wir an deinem Zimmer vorübergegangen. Hier habe ich endlich den vielbesprochenen Herrn de Spinoza mitgebracht; hiemit stelle ich Euch meine Tochter vor, sie ist beständiger Ministrant bei meinem heiligen Lehramte, Ihr müßt Euch in gutes Vernehmen mit ihr setzen.« »Mein Vater hat mir, so oft er aus Eurem Hause kam, von Euch erzählt,« sagte Olympia, »und ich freue mich, endlich meinen Wunsch erfüllt zu sehen. So viel ich aber von Euch gehört habe, sehe ich doch jetzt, daß ich mir wieder eine falsche Vorstellung von Eurer persönlichen Erscheinung gemacht hatte. Sagt mir nun, Ihr seid ja ein Philosoph, darf ich das nicht als einen Beweis annehmen, daß alle unsere Vorstellungen von Dingen und Personen, die über unserer unmittelbaren Sphäre hinausliegen, unrichtig sind?« Welch eine Begegnung war das, die ihm sogleich ein Problem entgegenwarf und ihn zum ersten Male einen Philosophen nannte? Baruch schlug die Augen nieder, er glaubte das Forschen ihrer Blicke in seinen Gesichtszügen zu verspüren: er machte eine stumme Verbeugung, er wußte nicht, was er antworten sollte. »An meiner Tochter findet Ihr eine halbe Philosophin, mit der Ihr viel disputieren könnt,« sagte der Arzt, um Baruch aus der Verlegenheit zu helfen; er aber wurde dessen nicht gewahr. »Na hat mir Oldenburg heute ein anmutiges Lied geschickt,« sagte Olympia zu ihrem Vater, reichte ihm das Blatt und fuhr zu Baruch gewendet fort: »Sind Sie auch musikalisch, Herr von Spinoza?« »Nein!« »Aber Sie singen doch gewiß die Psalmen? Sie müssen mir einmal einen hebräischen Psalm singen, ich möchte doch auch hören, wie das lautet. Hat man noch die Melodien von König David?« »Wir haben noch viel ältere, denn fast alle unsere Synagogenmelodien stammen nach der Tradition vom Berge Sinai; obgleich die Gebete erst viel später abgefaßt wurden, so gingen die Melodien einstweilen wortlos von Mund zu Munde.« »Das ist ergötzlich, das wäre ja gerade, wie wenn Kleider ohne Leib spazieren gehen, oder ein Arsenal ohne Soldaten eine Schlacht liefern wollte.« »Ich sprach bloß von der herkömmlichen Annahme,« antwortete Baruch. »O, es ist doch eine schöne Tradition. Das muß herrlich gewesen sein,« fuhr Olympia fort, »das Rollen des Donners und das Schmettern der zahllosen Posaunen war ein grandioses Akkompagnement, bedeutend furioso , aber so mußte es sein; o singen Sie mir doch etwas aus dem Sinaioratorium, wenn's meine christlichen Ohren hören dürfen.« Baruch entschuldigte sich, da er nicht singen könne; aber Olympia ward immer dringender, so daß Baruch vor Verlegenheit sich nicht zu helfen und zu raten wußte. »Das ist ein musikalischer Fanatismus,« sagte van den Ende. »So warte doch, bis Herr von Spinoza von selbst dir die Skala seines Glaubens angibt; du bringst ja durch deine sonderbaren Launen jeden, der dich nicht kennt, in die peinlichste Verlegenheit.« Olympia bat Baruch um Entschuldigung wegen ihres Ungestüms, sie sei eben in aufgeregter Stimmung, er solle nicht ungünstig von ihr urteilen. – Baruch ging nach kurzem Verweilen in nie gekannter Beklommenheit weg, er glaubte, Olympia habe ihn verspottet, und nicht sowohl ihn persönlich, als den Juden überhaupt. Diese Wahrnehmung verletzt den aus dem abgeschlossenen Lebenskreise Heraustretenden noch weit mehr und selbst dann noch, wenn er sich in Denken und Tun von der Genossenschaft getrennt weiß. Das war sein erstes Zusammentreffen mit Olympia an jenem Tage, an welchem ihn van den Ende zuerst in sein Haus gebracht hatte. Seitdem war er ihr noch oft begegnet, hatte flüchtige Worte mit ihr gewechselt, sonst aber kümmerte er sich wenig um sie; er konnte mit Hiob sagen: »Ich hatte einen Bund geschlossen mit meinen Augen, auf daß ich nicht achtete auf eine Jungfrau« (Hiob 31, 1.). Nun aber war die Zeit gekommen, da er achten mußte auf eine Jungfrau, und da er mit gespannter Aufmerksamkeit auf jedes ihrer Worte lauschte. Der Arzt war verreist, und hatte die Fortsetzung des Unterrichts seiner Tochter übergeben; auch Baruch ward ihr Schüler. Gleich ihrer Namensschwester Olympia Morata aus Ferrara, die im vergangenen Jahrhundert durch griechische und lateinische Dichtungen die Bewunderung ihrer Zeitgenossen erregt, war Olympia van den Ende in der klassischen Welt heimisch, neigte aber mehr zu gelehrten Forschungen, so daß sie es hätte wohl erreichen können, mit dem philosophischen Doktorhut gekrönt zu werden; aber sie wußte, daß das schwarze Samthäubchen, mit den seinen Brüßler Spitzen eingerändert, zu der Fülle ihrer blonden Locken und der Lilienweiße ihrer Haut weit besser kleide, als der rotsamtene spitze Doktorhut. Tullia, Ciceros eigene Tochter, hätte die Briefe, die ihr schönrednerischer Vater an sie gerichtet, nicht in eleganterem Latein beantwortet, als die Tochter des Amsterdamer Arztes. Darum trug auch ihre zarte weiße Hand sehr häufig Spuren gelehrter Tinte, denn sie übte bei ihren Schülern ein scharfes Zensorenamt gegen jegliche Ausdrucksweise, die sich nicht das römische Bürgerrecht erworben hatte; darum zog sich ihre schneeweiße glatte Stirn in Falten, wenn ihr Barbarismen vorkamen, ihr helles blaues Auge leuchtete freundlich, und ihr Mund, der sonst einen gewissen Ausdruck der Herbheit hatte, lächelte mild und einnehmend, wenn sie bemerkte, daß ihre Schüler in den lateinischen Versen keine Masche hatten fallen lassen. Mißmutig saß Baruch die ersten Stunden vor seiner Lehrerin, die an dem Periodenbau des Curtius in der Geschichte Alexanders die Feinheiten der lateinischen Syntax demonstrierte. Olympia ärgerte sich über den linkischen Juden, der mit der augenscheinlichsten Befangenheit auf jede ihrer Fragen antwortete; sie stand auf und ging nachdenklich das Zimmer auf und ab. Baruch betrachtete die hohe schlanke Gestalt mit dem majestätischen Gange, und statt den Kriegszügen Alexanders zu folgen, forschte er in den Zügen Olympias, deren Syntax von schwärmerischer Gutmütigkeit und herber Schärfe des Verstandes er ebensowenig entziffern konnte, als die verschlungenen Perioden des Curtius. Der Unterricht war hier anfangs fast wieder ebenso unerquicklich, wie bei dem alten Magister Nigritius, denn Baruch hatte sich seit seinem ersten Zusammentreffen nur mit innerem Mißbehagen Olympien genähert. Diese aber verstand es bald, Beziehungen zwischen ihren so verschiedenen Geistesrichtungen aufzufinden, die Baruch ihren Umgang immer angenehmer machten. Er war wieder so glücklich, daß von allem mehr als von lateinischer Grammatik die Rede war. Er sprach mit Olympia über die in der Geschichte waltenden Gesetze, über Menschen- und Staatengeschicke; sie fand die Ideen Baruchs hierüber höchst eigentümlich, ja oft seltsam, denn er war gewohnt, alles gewissermaßen vom Standpunkte der jüdischen Geschichte aus zu betrachten und nach seinen Beziehungen zu dieser zu beurteilen. Hieraus ergab sich für Olympia oft die ergötzlichste Wendung, aber alles, was Baruch mit ihr sprach, war so ungewöhnlich, bezeugte eine so tiefe innerliche Rührigkeit, daß Olympia sich die Pflichtvergessenheit zu Schulden kommen ließ, den Unterricht mehr als billig hintanzusetzen. Bis zu den entferntesten Zonen und Zeiten stieg der Geist beider hinan, und dort fanden sie sich wieder, denn beide beseelte der gleiche Drang zum Ursprung des Weltgeschicks und des Weltdaseins hinanzudringen. – Mit Sehnsucht harrte Baruch von nun an jedesmal der Unterrichtsstunde, und er machte sich schon lange vor dem Glockenschlage auf den Weg; es war nicht selten, daß dann gerade Olympia aus dem Fenster sah und ihn schon von fern freundlich grüßte. Sie hatten eines Tages im achten Kapitel des siebenten Buches jene bekannte Rede der szythischen Gesandten an Alexander gelesen. Olympia bemerkte: »Es ist charakteristisch, daß Valerius Maximus erzählt: Aristarchus habe einst zu dem Könige gesagt, es gebe nach Demokrit zahllose Welten. Wehe! rief der König aus, ich Unglücklicher habe noch nicht einmal eine erobert.« »Im Talmud finden sich auch die abenteuerlichsten Legenden über den ›makedonischen Alexander‹, dem die Welt zu enge war,« entgegnete Baruch. »O erzählen Sie, erzählen Sie,« bat Olympia, »Solche Blumen, die in der heißen Glut des Orients üppig aufgeschossen sind, die liebe ich sehr.« Es klopfte an, Olympia rief: »herein!« Ein großer stattlicher Mann mit einem feingeschnittenen Prosit trat in das Zimmer. Mit ruhigem Anstand näherte er sich Olympien, ergriff ihre Hand und drückte sie an seine Lippen. »Ich freue mich,« sagte er, »diese Hand küssen zu dürfen, die das Plektrum wie den Griffel der Geschichte mit gleicher Kunst führt, und schon so manchem den Weg nach Attikas und Latiums herrlichen Gefilden gezeigt hat.« »Es wäre schade, wenn Sie nicht in die diplomatische Laufbahn geraten wären,« entgegnete Olympia. »Sonst könnte ich auch nicht das Vergnügen haben, Ihnen zu sagen, daß heute die Nachricht einging, Ihr Günstling, der fromme General Oliver Cromwell, sei von der Armee zum Lordprotektor Englands ernannt worden. Er hat das Parlament nicht umsonst mit der hohen rednerischen Formel: ihr Trunkenbolde! auseinandergejagt.« »Lachen Sie immerhin über sein Rednertalent, er ist kein Demosthenes,« sagte Olympia, »aber ein starker Charakter mit tiefdringendem Scharfblick: es freut mich, daß er so hoch gestiegen ist. Doch, wie sieht's bei uns aus? Können Sie mir nicht sagen, ob jetzt bestimmte Nachrichten eingegangen sind, wie viele Menschen bei dem letzten Sturme verunglückt sind?« »Nein! Aber da hat sich der Humor wieder ins Tragische gemischt. Ich habe Ihnen schon oft gesagt, daß meine niedersächsische Heimat in Lebensgewohnheit und Denkweise auffallende Ähnlichkeit mit Ihrem Vaterlande hat; in einem aber sind sie grundverschieden, und das ist ihr Verhältnis zu den Juden. In meiner frommen Vaterstadt hätte man's nie geduldet, daß die Kinder Abrahams ein Schiff ausrüsten, um es mit dem Namen ›Der Jude‹ in See stechen zu lassen: ist die Nordsee nicht ein christliches Meer? Darum hat die See auch den Juden zuerst verschluckt. Ich habe heute morgen von meinem Fenster aus zugehört, wie ein alter Matrose seinem Kameraden das ganze Unglück aus der Gemeinschaft mit den Juden ableitete.« Baruch war, sobald der Fremde eingetreten, aufgestanden, er hatte sein Buch unter den Arm genommen und wollte sich bei Olympia verabschieden; schon zweimal hatte er den Ansatz zu einer Verbeugung gemacht, aber immer war er des Fremden wegen unbemerkt geblieben, er trat jetzt vor, aber der Fremde stellte sich wieder zwischen ihn und Olympia. »Ich muß Ihnen doch auch noch erklären,« fuhr der Fremde fort, »warum ich zu so ungewöhnlicher Stunde zu Ihnen komme. Sie gehen doch gewiß heute abend in die Rederykers Kamer ; ich wollte Sie darauf aufmerksam machen, vorher in den botanischen Garten zu gehen, Sie sehen dort, was Sie vielleicht noch nie gesehen haben: einen blühenden Palmbaum; es sind Blumen daran, so groß, daß zehn ganze Elfenfamilien bequem darin wohnen könnten.« Hier trat wieder eine Pause ein, und endlich gelang es Baruch, eine Verbeugung vor Olympien zu machen und einige Worte herauszustottern. »Sie dürfen noch nicht gehen, Herr von Spinoza,« sagte diese, »Sie müssen mir noch die Legende erzählen, und wenn ich dann die Lilien des Südens in Augenschein nehme, kann ich Ihnen auch etwas von Ihrem Heimatlande erzählen.« »Der Matrosenglaube könnte der richtige sein, ich will mich daher lieber entfernen,« sagte Baruch mit einem Seitenblicke auf den Fremden. »Ah!« sagte dieser aufstehend, »mein alter Freund Kaspar Barläus hatte doch recht, er hatte viel Umgang mit Juden gehabt und war eher vorurteilsvoll für sie eingenommen, weil er sie alle für geistreich hielt; über einen ihrer Fehler hat er sich aber oft beklagt, es ist die Empfindlichkeit; der unschuldigste Blick, der harmloseste Scherz wird von ihnen als Spott mißdeutet. Ich kann Ihnen die Versicherung geben, daß es nicht im entferntesten meine Absicht war, zu beleidigen, und Jufrow Olympia kann mir meine unchristlichen Gesinnungen in Bezug auf die Juden bezeugen.« »Ja,« sagte diese, »und ich bin eigentlich schuld an der ganzen Verwirrung, da ich Sie nicht vorgestellt habe; Herrn de Spinoza kennen Sie nun, und das ist Herr Oldenburg, so ein Stück von der Bremer Gesandtschaft. Ich bitte, erzählen Sie nun die Legende, sonst sehe ich mich als Ursache eines Mißverhältnisses an, das mich sehr betrüben würde.« Baruch sträubte sich. »Ich will Ihnen eine Lehre geben,« sagte Oldenburg, »prägen Sie sich ein, daß Jufrow Olympia täglich betet: Mein Wille geschehe wie im Himmel also auch auf Erden. Darum erzählen Sie nur frischweg, Sie müßten am Ende doch.« Baruch erzählte nun die bekannte Legende, wie Alexander bis zum Eingange des Edens mit seinem Heere vorgedrungen war; Oldenburg erzählte dann aus den alten Gedichten des Pfaffen Lamprecht und Ulrichs von Eschenbach jene bunten Sagen, mit denen der deutsche Dichtergeist die Großtaten Alexanders verklärt hat. Im Meinungsaustausch über den größten Helden des Altertums, der zwar keinen Homer gefunden, dem aber der Dichtergenius aller Völker im Orient und Okzident die farbigsten Blüten geboten, schwand den dreien eine schöne Stunde dahin. Der Fremde und Olympia sahen staunend auf Baruch, als dieser mit der gelassensten Ruhe und Bestimmtheit die Furcht als die einzige Ursache bezeichnete, aus welcher der Aberglaube entsteht und besteht: Alexander stelle sich hiefür als auffälliges Beispiel dar, denn so oft ihn die Ungunst der Verhältnisse in Schrecken versetzt, habe er Opfer und allerlei Aberglauben zu Hilfe gerufen. Wie nun Baruch die betreffenden Stellen bei Curtius aus Buch 4, Kap. 10 und wieder aus Buch 5, Kap. 4 u. s. w. rasch zusammenfügte, erkannten die beiden Hörer, daß hier ein eigentümlicher Geist mit neuer Betrachtungsweise die Vergangenheit durchforschte. Oldenburg kam fortan öfter, wenn er wußte, daß Baruch bei Olympia zu treffen war, und diese freute sich, da sie sah, wie die beiden jungen Männer sich täglich mehr befreundeten. Sie fand einen gerechten Stolz darin, die Mittlerin zwischen so ungleichartigen Persönlichkeiten zu sein, und sie verstand es stets, Beziehungen zwischen der reichen Welterfahrung und Belesenheit Oldenburgs und dem tiefen Forschergeiste Baruchs zu Tage zu fördern. Neben den einnehmenden Eigenschaften eines feinen Weltmannes besaß Oldenburg noch einen Vorzug, der zwar selten beachtet wird, der aber, ohne daß mir es wissen, häufig den bedeutungsvollen Eindruck des ersten Bekanntwerdens bestimmt: es ist dies eine klangvolle, aller Modulationen fähige Stimme. Alles, was Oldenburg sprach, gewann durch diesen Wohllaut eine Fülle und Rundung, die unmittelbar und unwillkürlich für ihn einnehmen mußte. Baruch und Oldenburg waren Freunde, ohne daß sie es einander sagten. »Sie haben nun bald den lateinischen Kursus beendet,« sagte eines Tages Olympia zu Baruch, »wie wär's, wenn Sie zum Ersatz mich in der hebräischen Sprache unterrichteten?« »Ich empfehle Ihnen dann die Polyglotte des Kirchenvaters Origenes,« sagte Oldenburg lachend, »da können Sie herüber und hinüber springen von einer Sprache in die andere, wie's Ihrem unruhigen Geiste beliebt. Wenden Sie sich an mich, ich verschaffe Ihnen dann den Lehrstuhl des Casaubonus oder des Skaliger. Ich sehe schon, wie die Studiosi ins Kolleg strömen, denn die hochgelahrte Olympia van den Ende exegesiert das Hohe Lied in der Ursprache.« »Bedenken Sie,« setzte Baruch hinzu, »es ist die heilige Sprache, die Sie lernen wollen,« »Sind Sie denn ein Heiliger?« entgegnete die Gereizte; »Sie haben ja gewiß einen hebräischen Namen, wie heißt er?« »Baruch.« »Bahruch?« wiederholte Olympia, die sich vor Lachen kaum halten konnte, »Bahruch, hu! es wird mir ganz angst und bange, das klingt ja wie Geisterruf! der Name paßte nur für das lugubre in der Musik, ich würde ihn immer aus F-moll begleiten, hören Sie, so,« Sie ging an ihre Orgel und sang immer Bahruhch! und begleitete ihren Gesang mit den düstersten Tönen, »Ums Himmels willen, den Namen müssen Sie aufgeben, sonst kann's Ihnen schlimm gehen,« fuhr sie fort. »Ich hatte eine gute Freundin, deren Geliebter Balthasar Prompronius hieß, die war sehr unglücklich. Lieber Balthasar! nein, das geht nicht, das kann kein fühlendes Wesen sagen, das will ja gar nicht aus dem Mund heraus und zerreißt ja das Ohr: meine Freundin war sehr unglücklich, sie sagte immer nur: Lieber! und meinte schließlich einen anderen damit. Der abgeschmackte Name war viel an ihrem Unglück schuld, das ist mein fester Glaube.« »Sie sind also doch nicht so ungläubig, wie Sie sich geben,« sagte Baruch. »Bahruhch,« wiederholte Olympia immer, und sammelte den ganzen Umfang ihrer tiefsten Töne, um alles Unheimliche in den Namen zu legen. »Bahruhch! nein, das geht nicht, es ist mir um Ihre künftige Frau, geben Sie acht, daß es ihr nicht geht wie meiner armen Mathilde; darum folgen Sie meinem Rat und nehmen Sie einen anderen Namen an. Hat denn das Uhugekrächz eine Bedeutung?« »O ja, es bedeutet: Gesegneter.« »Bravo! herrlich!« jauchzte Olympia und schlug freudig die Hände zusammen, »also Benediktus? das ist ja ein herrlicher Name. Wenn Sie Papst werden, so sind Sie jetzt gerade der XIV., fünfundsiebenzig Jahre nach Ihrem Tode werden Sie kanonisiert und man wallfahrtet zum wundertätigen Grabe des St. Benediktus; ›lieber Benediktus‹ hören Sie nur, wie weich und innig das klingt, aber Bahruch, brr! geben Sie mir Ihre Hand, und versprechen Sie mir, fortan den Namen Benediktus zu führen. Sie sind ja ein Gelehrter, darum müssen Sie auch einen lateinischen Namen haben; Sie werden einst großen Ruhm erwerben, und dann habe ich doch auch einen Namen auf die Nachwelt gebracht. Man muß auch seinem Gegner nicht alle Gelegenheit zum Witz abschneiden. Ich sehe schon, wie ein Anathema gegen Sie damit beginnt: Benedictus est Spinoza quem rectius maledictum dixeris. Der Gebenedeite wird Spinoza genannt, er sollte richtiger der Vermaledeite heißen. Die Römer haben aus der Stadt Malevent in Unteritalien Benevent gemacht, und der wohlweise Magister, der Sie auf diese Weise so witzig umtauft, hat gewissermaßen nur ein Plagiat begangen; ich sehe ihn aber doch vor mir, wie er sich das Kinn streichelt, das schwarze Käppchen aus der gelahrten Stirn rückt und zufrieden darüber schmunzelt, daß er Sie mit einem Worte gebrandmarkt. Ach! und das große Verdienst wird nicht anerkannt, ich bin die Urheberin solcher sublimen Einfälle, ohne mich hießen Sie ewig Baruch, darüber könnte Aristophanes selber nur lachen, aber keinen Witz machen.« So sprach Olympia, alle Gegengründe und Einsprüche Baruchs blieben fruchtlos. »Wenn Sie nicht gutwillig meinem Rate folgen,« fuhr Olympia fort, »so nenne ich Sie von dieser Stunde an nie mehr anders, als Rabbi Bahruhch, ja, ich kaufe mir einen Papagei, dem will ich die Worte: Rabbi Bahruhch so oft vorsagen, bis er sie ganz geläufig nachspricht, ich hänge ihn unter das Fenster, und wenn Sie gegen das Haus kommen, soll er Ihnen immer zurufen: Rabbi Bahruhch! Rabbi Bahruhch! Ich sehe schon, wie die Leute vor dem Haus stehen bleiben und sehen wollen, wie denn das Individuum aussieht, das einen Namen hat, der wie Rabengekrächze lautet. Ich frage Sie nun zum letzten Male, wollen Sie meinem Rate folgen?« »Sagte ich Ihnen nicht gleich am ersten Tage als wir uns sahen,« sprach Oldenburg, »Jufrow Olympia ist der jungfraugewordene Eigensinn? Gehorchen Sie nur ohne Zögern. Sie werden sich doch nicht ausgesuchten Qualen aussetzen?« Baruch willigte ein und reichte Olympia die Hand; sie drückte sie warm. »Setzen Sie sich,« sagte sie, »und Sie, Herr Oldenburg, treten Sie hieher, Sie sollen Taufzeuge sein.« Sie legte nun ihre beiden Hände auf das Haupt Baruchs und sprach: »Im Namen des Aristoteles, Bacon und Cartesius gebe ich dir den Namen Benediktus; auf daß der Name groß werde und daure für und für, und stets, wenn du deinen Namen schreibest, so gedenke ihrer, von der das Wort ausging. Benedicite! In saecula saeculorum, Amen !« Die Schlußworte sang sie in feierlichem Kirchentone. »Hab' ich's recht gemacht?« fragte sie dann, indem sie ihre Hände aufhob und wie unwillkürlich mit der Rechten über die Wange Benedikts streifte. »So brav,« sagte Oldenburg, »daß, wenn Sie meinen Namen Heinrich – oder Hendrik, wie er hier zu Lande heißt – unmusikalisch finden sollten, ich mir auch noch einen anderen von Ihnen geben lasse, ohne zu fürchten, daß man uns der Blasphemie beschuldigen wird. Ich möchte gar zu gern erfahren, wie es einem zu Mute ist unter Ihrer segnenden Hand.« Olympia errötete, fuhr sich aber mit der Hand über die Stirn, um ihre Betroffenheit zu verbergen. 11. Ein neuer Mensch Aus der lichten freundlichen Sphäre, wo er Benediktus genannt wurde, mußte er wieder hinüber in die düstere und abgeschiedene Umgebung, wo er Baruch hieß und als solcher handeln und denken sollte. Warum ist der Name Benediktus wohllautender als der Name Baruch? Es ist nichts als Vorurteil der Weltkinder, denen die heilige Sprache fremd und mißtönend klingt. Und doch, ist diese Namengebung nicht ein Zeichen, fortan in Wort und Weise der gesamten denkenden Welt zu leben und zu denken? Ist es nicht tiefdeutig, daß die Erzväter Abram und Jakob ihre Namen änderten, nachdem eine neue Sendung an sie ergangen war? Darfst du aus der Bibel eine Begründung für dich schöpfen? Und immer die Bibel? ... In solchen Erwägungen hatte Spinoza das Haus van den Endes verlassen. Der Familienname war geblieben und mit ihm die unlöslichen Beziehungen zu seiner Vergangenheit und Herkunft: innerhalb dieser und ihrer wartend ist es niemand gegeben, rein und frei dem Rufe eines Gedankens zu folgen. Die Krone, die er einst durch den Titel Rabbi empfangen, war von seinem Haupte genommen, eine zarte weihende Hand hatte seine Stirne berührt und ihm einen anderen Namen gegeben. Unmittelbar von Olympia ging er in die Schule »Gesetzeskrone«. Es deuchte ihm wie Ironie, daß man hier in dieser Niedergedrücktheit mit Kronen prunke; alles erschien ihm so freudlos und trübe, noch weit mehr, als es eigentlich war. Noch klangen die munteren Scherze und die zarte Stimme Olympias in seiner Erinnerung wieder, die Litanei der hier zerstreut an den Tischen sitzenden Schüler verletzte wie schrillender Mißlaut sein Ohr. Er hatte sich in einen Winkel gesetzt, um ungestört über einem offenen Buche seinen Gedanken nachzuhängen, als Chisdai zu ihm kam, und ihn über den Sinn einer schwierigen Talmudstelle befragte. Baruch brauchte sich nicht lange darüber zu besinnen. »Ich hab's schon längst gesagt,« begann Chisdai, »du wirst ein zweiter Simson an Geist und Kenntnissen; wenn man dich irgendwo nicht aus- und einlassen will, nimmst du das Tor samt Schloß und Riegel auf den Rücken und trägst es fort – aber ich bitte dich um Gottes und seiner Barmherzigkeit willen, laß dich nicht kirren durch die Delila, zu der du jetzt wandelst: ich selber habe sie nie gesehen, Gott bewahre! aber wie ich von den Leuten höre, ist sie nicht mehr jung und sie soll auch nicht schön sein.« »Ich weiß nicht, was du willst, laß mich,« sagte Baruch unmutig. »Was ich will?« entgegnete jener, »wie du dich doch verstellen kannst! Die Tochter des Arztes mein' ich nun, wie heißt sie doch? Ja, Olympia van den Ende, die soll ja so geschickt sein, daß sie sieben Sprachen spricht. Ich bitte dich, folge mir: wenn die drüben recht meinen, sie haben dich ganz und gar, mach's wie Simson, fang' die Füchse, bind' ihnen die Schwänze zusammen, zünd' sie an und jag' sie unter die reifen Kornfelder der Philister. Du verstehst mich doch, wie ich's mein'? Aber ich fürcht', ich fürcht', sie stechen dir – Gott bewahre – die Augen aus, nehmen dir deine Kraft und machen dich zum Gespötte.« »Es ist schade,« antwortete Baruch, »daß du diese neue Anwendung der Geschichte Simsons auf Religionsstreitigkeiten nicht auf deine morgende Predigt verspart hast. Um es aber zum Schluß zu führen, will ich dir doch sagen, daß, wenn sie das, was du meinst, könnten oder wollten, ich auch den Mut hätte, wie Simson auszurufen: Meine Seele sterbe mit den Philistern! und auch danach zu handeln.« Es war ihm ein peinliches Gefühl, denn es deuchte ihm wie Entweihung, den Namen Olympias hier von Chisdais Mund ausgesprochen und ihre holdselige Gestalt in diese trübe Umgebung hereingezerrt zu sehen. Seine Abneigung gegen Chisdai steigerte sich immer mehr, denn er sah deutlich, wie dieser allen Bewegungen seines Geistes nachzuspüren und ihre Wirkungen zu belauern trachtete; er mußte besondere Absichten dabei haben, da er selbst durch die ausgesuchteste Schroffheit nicht ferne zu halten war. Chisdai hatte am Sabbat darauf die erste öffentliche Probe seines Rednertalents abgelegt. Der Versuch mißlang völlig. »Ich war den Bewerbungen Chisdais um deine Schwester Miriam nicht abgeneigt,« sagte der Vater zu Baruch, als sie aus der Synagoge gingen, »Chisdai hat Vermögen und bekommt noch einst ein schönes dazu, er ist auch nicht so häßlich, und ich begreife nicht, wie die Miriam dazu kommt, daß sie sagt, sie habe einen unüberwindlichen Ekel vor ihm. Wie ich aber jetzt sehe, wird er der bedeutende Mann nicht, den man in ihm erwartet hat, und soll ich nun einmal nicht die Freude erleben, daß meine Tochter einen berühmten Schriftgelehrten zum Manne hat, so gebe ich sie lieber dem Samuel Casseres.« Baruch bejahte. »Ich glaube, es ist nun Zeit,« fuhr der Vater fort, »daß du dich endlich auch hören läßt; unserer ganzen Familie wird es einen Glanz geben. Ich möchte doch auch mit meinen alten Augen noch sehen, wie du da oben stehst, wer weiß, wie lang ich noch die Freude haben kann.« Baruch antwortete nicht, ein gräßlicher Schwindel, glaubte er, müsse ihn packen, wenn er da oben stehe wie die anderen, die mit so entschiedener Zuversicht sprechen, als ob sie dem lieben Herrgott in die Karten geschaut hätten und genau wüßten, warum er diesen oder jenen Trumpf ausgespielt, und was er künftig ausspielen werde oder müsse. »Was bist du so nachdenklich?« begann der Vater wieder, »ich glaube gar, du bist schüchtern; schäme dich, du warst doch sonst so mutig. Denkst du noch daran, wie du es als höchste Glückseligkeit gepriesen hast, da oben zu stehen und im lebendigen Worte den Geist Gottes auszugießen über die ganze Gemeinde?« »Ich bin krank, ich fühle fast immer schweres Herzklopfen, du weißt ja, daß ich unlängst Blut gespieen habe.« »Pah, pah, das sind Ausflüchte; ich habe schon mit unserem Chacham Aboab gesprochen, er will dir's gern erlauben, von heut über vierzehn Tagen zu predigen: ich will auch mit Silva, unserem Arzt, sprechen, wenn er's erlaubt, mußt du mir meinen Wunsch erfüllen, oder ich verzeihe dir's auf meinem Totenbette nicht.« Was war hierauf zu erwidern? – Silva erlaubte es, und Baruch mußte sich auf seine Predigt vorbereiten. – Wer vermag all den widerstreitenden Gefühlen nachzuspüren, die ihn bei Abfassung dieses Sermons beschlichen? Wer möchte all die neckischen Gedanken zählen, die ihm folgten, wenn er zur Olympia ging und mit ihr die Darstellung von dem heiteren Lebensgenusse der Heiden las, wenn er sich an Oldenburgs lebemännischer Laune ergötzte, und dann wieder an Ausarbeitung seiner Predigt ging? Der jugendliche Prediger hatte viele Bücher vor sich aufgeschlagen, um Beweisstellen, Gleichnisse und Fragen aus ihnen zu entnehmen. Seine Hand ruhte auf einem offenen Buche des Maimonides und sein Blick haftete an der Bücherreihe, die längs der Wand aufgestellt war. Da drinnen leben die Worte und Gedanken entschwundener Geister, gewiß haben auch sie gerungen, gezweifelt, getrauert und doch am Ende den Frieden wieder gefunden. Ist es nicht Frevelmut, ihr Leben und Lehren zum Wahn zu machen? Tausende waren weiser vor dir. Beuge deinen stolzen Sinn in Demut und du wirst wieder eingehen in die Gottseligkeit und du bist Erbe der Gottseligkeit, die die längst Dahingegangenen beglückte. Du willst es und du kannst es, du mußt. Wie willst du Kraft finden auf einsamen Wegen, wo niemand dir folgt, als dein eigenes Bewußtsein? Die Geister der Vorfahren steigen herauf und segnen dich und schließen dich in ihren Kreis.... Es gibt einen geschichtlichen Trost, der die wankende Strebekraft wieder wie mit einem wunderbaren Halt ausrüstet; längst entschwundene Kräfte helfen und stützen und richten empor. Eine strahlende Begeisterung leuchtete aus dem Auge des Dreinschauenden und seine linke Hand legte sich auf die Brust, in die neue Ruhe einzog. Wird diese geschichtliche Tröstung und Entsagung, die das stürmende Drängen jetzt beschwichtigt, es immerdar zur Ruhe bringen, oder wird das Verlangen der Seele wieder erwachen, das nur aus sich selbst Befriedigung erheischt? Der anberaumte Sabbat kam. Erwartungsvolle Stille herrschte in der ganzen Synagoge, als Baruch die Stufen des Altares hinanstieg. Welch ein Dämon zauberte ihm gerade jetzt das Bild Olympias vor die Seele, daß er sie mit neckischem Tone: Rabbi Baruch! Rabbi Baruch! spotten hörte? Die äußerste Kraft seines Willens strengte er an, um dieses Bild jetzt, an dieser Stelle, spurlos wegzutilgen. Leichenblaß stand er oben, er trocknete sich den kalten Schweiß von der Stirne, aller Augen waren auf ihn gerichtet, er begann mit bebender Stimme: »Der Herr ist nahe allen, die ihn anrufen, allen, die ihn in Wahrheit anrufen« (Ps. 145, 18). Er schilderte mit grellen Farben die Qualen des Zweiflers, der keinen Gott im Himmel, und keinen im Herzen hat. Er war zum zweiten Teil seiner Predigt übergegangen, wo er die Seligkeiten des allen Menschen eingebornen Glaubens pries; er schilderte jene Gottseligkeit, schon bei Lebzeiten versammelt zu sein zu seinen Vätern, einig mit ihnen im Erhalten und Weiterbauen des von ihnen gegründeten, darinnen die Kraft ihres irdischen Daseins ruht; seine Rede ward feuriger, seine Stimme erscholl mächtig, da fühlte er plötzlich eine heftige Beklemmung, er hielt inne und Blut floß aus seinem Munde in das schweißdurchnäßte Taschentuch. Die Stille eines Friedhofes herrschte in der ganzen Versammlung, die Leute sahen einander an und schauten wieder mitleidsvoll auf den kranken Jüngling. Der Vater hatte schon den Mund geöffnet, um seinen Sohn zu bitten, herabzusteigen, als sich dieser wieder aufrichtete und mit einem kleinen Gebete schloß. Wie aus einem Munde rief die ganze Gemeinde: »Jejascher Coach!« (der Herr stärke deine Kraft), welches das in den Synagogen übliche Bravo ist. Baruch und sein Vater verließen alsbald die Synagoge, als sie vor dem Stuhle Chisdais vorüberkamen, fragte dieser freundlich, ob er sie begleiten dürfe. Baruch dankte. Allerorten war der Unfall Baruchs Gegenstand des Sabbatgesprächs; alte Weiber und Überkluge wollten Gräßliches daraus prophezeien. Nur Chisdai, der sonst nicht lange auf sein Urteil warten ließ, zuckte die Achseln, wenn man ihn darüber fragte. Er hatte Ursache, sich nicht bestimmt auszusprechen. Baruch durfte schon nach drei Tagen wieder das Bett verlassen. Er wollte zu Olympia gehen. »Du darfst mir dieses Haus nicht mehr betreten,« wehrte der Vater in offenbarem Mißmut. »Schöne Geschichten, die ich über den kleinen Doktor gehört habe. Das soll ja der leibhaftige Satan sein. Der Sohn des Indigohändlers Grönhof, der vor acht Tagen gestorben ist, hat noch vor seinem Tode gebeichtet: daß er bis jetzt gar keinen Glauben gehabt, der Doktor habe ihn dazu gebracht, er stifte eine ganze Sekte, ich hab' den Namen gewußt, ei wie heißt es doch? Nun, kurz und gut, du darfst mir seine Schwelle nicht mehr betreten.« Baruch suchte seinen Vater zu anderen Ansichten zu bringen, dieser aber fuhr fort: »Und schlimmer als der Vater soll seine Tochter sein, die soll in sieben Sprachen dem Teufel ein Ohr wegschwatzen. Ich lasse mich von dem Gerede der Menschen nicht so leicht bestimmen, aber diese Dame soll ja von einem ganzen gelehrten Männerschwarm, der ihr huldigt, umgeben sein. Glaube mir, ich kenne die Welt besser als du; da wird gescherzt, gelacht, gesungen, mit Begeisterung disputiert, mit schön geputzten Empfindungen und in zierlichen Redewendungen getändelt. Ein reiner Sinn wie du findet darin nichts als die gepriesene freie Heiterkeit der klassischen Welt, ich hab' es auch so nennen hören; es ist aber genau betrachtet nur vermummte Leichtfertigkeit, die kein Gesetz und keine Schranke mehr kennen will. – Haben deine Eltern darum ihr schönes Heimatland verlassen, allen Glanz und allen Stolz von sich getan, sich begnügend, nur geduldet zu werden – damit nun die Kinder leichtfertiger Tändelei mit dem Heiligsten verfallen? Du kennst die Schriften unserer Religion besser als ich, in der Welt aber bin ich erfahrener; laß mich's nicht umsonst sein. Glaube mir, du wirst öde und verarmt sein, wenn du dich den lockenden Versuchungen der Welt hingibst. Bleibe du im stillen Tempel der heiligen Wissenschaften, freue dich, daß du ungestört darin leben kannst, wie du heute ja selbst laut verkündet hast.« Die Stimme des Vaters war tief bewegt, wer weiß, wieviel Unausgesprochenes noch hinter diesen hastigen Worten lag; er hatte, in fremden Boden versetzt, früh gealtert, es schien, als ob noch ein Kummer in ihm waltete, daß das schöne Heimatland mit seiner stolzen Lust auf ewig entschwunden war, vielleicht klammerte er sich deshalb umso fester an die nun gewonnene Himmelsfreude und suchte den Sohn allein darin zu bergen. Das Wesen des Vaters stellte sich als ein zwiefaches dar. Jene gehobene Empfindung, die ihn damals beseelte, als Baruch die rabbinische Würde erlangt hatte, war von religiöser Begeisterung und weltlichem Stolze gemischt. Es war an jenem Sabbate ein anderer, als an den Werkeltagen, er hatte noch immer mit Erinnerungen aus der Vergangenheit, zu kämpfen, und das umsomehr, seitdem ihm die Gattin entrissen war: er zwang sich allzeit und mehr als erforderlich schien, sich in die jetzige Lebensweise zu finden und äußere Not und Sorge beugte ihn tief. Er war ein Ausgewanderter, sein eigenes Herz war nie frei von dem Schmerze der Erinnerung an die Heimat; er hatte sie gelassen um des Glaubens willen und um den Kindern zu gewähren, daß sie dem Glauben frei dienen sollten. Nun mußte das auch sein. Um so eifriger wollte er darüber wachen, daß sein Sohn nicht gleich ihm durch fremde Erinnerungen in dem Frieden seines Lebens gestört werde. Der Jüngling, dem der Arzt jedes heftige Sprechen verwehrt hatte, suchte in leisem Tone und mit bedachtsam gemäßigten Worten den Vater über Olympia und deren Freunde eines anderen zu belehren: da klopfte es an und Oldenburg trat ein, ein Fremder folgte ihm. Oldenburg ging auf Baruch zu und reichte ihm die Hand. »Das ist brav,« sagte er, »daß Sie sich noch nicht als Kandidat der Unterwelt einschreiben ließen; wir waren sehr besorgt, weil Sie gar nichts von sich hören ließen. Jufrow Olympia läßt Sie herzlich grüßen, sie behauptet schon seit längerer Zeit an Ihnen bemerkt zu haben, daß Sie unwohl seien. Erst auf Ihre Bitten war ich so frei, Sie zu besuchen; und weil wir glaubten, Sie seien schwerkrank, habe ich hier meinen Freund, den Doktor Ludwig Meyer, mitgebracht, der ohnedies schon längst wünschte, Ihre Bekanntschaft zu machen.« »Ja, ich hatte große Angst um meinen Sohn,« sagte der Vater, und Oldenburg verneigte sich gegen, den Sprechenden. »Also Sie sind der Vater unseres jungen Philosophen? Waren Sie nicht vor kurzer Zeit bei mir wegen einer Anforderung an das Haus Trosten?« »Ja.« »Entschuldigen Sie, daß ich damals so einsilbig war, ich hatte gerade eine dringende Arbeit vor. Es tat mir leid, Ihnen das nicht gesagt zu haben. Ihre Sache blieb indes nicht vergessen, ich habe deshalb nach Bremen geschrieben und darauf angetragen, daß, wenn Sie nicht binnen vier Wochen bezahlt werden, Exekution eingelegt werde.« »Ich danke für Ihre gütige Bemühung und für die Ehre, die Sie meinem Hause durch Ihren Besuch schenken.« Oldenburg unterhielt sich nun eifrig mit dem Vater, und dieser sah sich zu seiner Überraschung von dem treuherzigen Wesen Oldenburgs gefangen genommen. Man kann fast sagen, das ganze Behaben Oldenburgs war in Ton und Charakter dem Ausdruck seiner Stimme entsprechend, voll und ruhig und vertrauenerweckend. Er erzählte dem Vater, daß Baruch der erste Jude sei, den er näher kennen gelernt habe, er bewundere nicht nur seine Geisteskraft und liebe seinen edlen Sinn, er sei ihm auch noch außerdem zu Dank verpflichtet, denn er habe ihn von einem Vorurteile bekehrt, das durch Jugenderziehung und Gewohnheit doch noch in ihm gelebt habe. Die ganze Gemütsinnigkeit Oldenburgs und seine bewundernde Liebe zu Baruch, die sich diesem nie in Worten kundgeben konnte, wurde jetzt dem Vater erschlossen und machte dessen Antlitz in Freude erleuchten. Das Herz des alten Spaniers fühlte sich erquickt durch die ritterliche Erscheinung Oldenburgs, die ihn anmutete wie eine Jugenderinnerung. Meyer unterhielt sich während dessen mit Baruch über den Unfall vom letzten Sabbat. »Sie hätten es unserem grobkörnigen und braven Doktor Luther nachtun sollen,«sagte der junge Arzt mit dem dunkelbraunen Gesichte und den feurigen schwarzen Augen. »Wie machte es denn der?« fragte Baruch. »Er sagte einst: wenn ich auf den Predigerstuhl steige, sehe ich keinen Menschen an, sondern denke, es seien eitel Klötze, die da vor mir stehen, und rede Gottes Wort dahin. In gewisser Beziehung, wie er es aber nicht gemeint hat, bin ich vollkommen mit ihm einverstanden. Sie müssen den Mann studieren, er hat eine ziemliche Portion Glauben, die mir fehlt, ist aber eine grundehrliche Natur; ich beschäftige mich viel mit ihm.« »Das freut mich, daß Sie auch Theologika treiben.« »Ich führe eigentlich ein Amphibienleben zwischen der Theologie und der Medizin.« »Ja, Herr de Spinoza,« sagte Oldenburg, sich in das Gespräch mischend, »Meyer hat die Medizin zur Frau und die Theologie zur Geliebten, mit dem können Sie oft streiten, er kennt die Bibel auswendig.« Der Vater begleitete Oldenburg und Meyer beim Weggange bis unter die Haustür, und es schien ihm nicht unlieb, daß Vorübergehende sahen, wer ihn besucht hatte. Noch strahlte die Freude auf seinem Angesicht, als er zu dem Sohn zurückgekehrt sagte: »Dieser Herr Oldenburg hält große Stücke auf dich. Ich weiß wohl zu unterscheiden zwischen vornehm herablassender Gönnerschaft und wahrhafter Treuherzigkeit. Du darfst dich wohl freuen, solch einen wackern biederen Mann zum Freunde zu haben.« »Und doch soll ich ihn und seinen Lebenskreis fortan meiden?« fragte Baruch. »Ich habe dich gewarnt,« schloß der Vater, »vor verdecktem Spiel; du hast klaren Blick genug, um solches nun zu durchschauen. Ich habe nichts dagegen, dich im Umgange mit Oldenburg zu wissen.« Spinoza setzte seine Besuche bei Olympia unbehindert fort. Mit Oldenburg befreundete er sich stets näher, während er mit Meyer in eine geistige Wechselwirkung trat, die durch eifrige Studien jenen vertraulich kameradschaftlichen Charakter annahm, wie ihn in anderer Weise gemeinsame Reisen mit sich bringen, wo man beim Anschauen des Neuen und Fremden doch sich in trautem und liebgewonnenem Geleite weiß. Meyer war, wenn auch teilweise nur flüchtig, bekannt in den neuen Gebieten. Die Völkergeschichte, die eben jetzt mit neuem Eifer betriebenen Studien der Physik, vor allem aber die Cartesianische Philosophie, eröffnete ganz neue Regionen der Erkenntnis, in denen sich Spinoza mit dem Freunde heimisch machte. Die Briefe und die »Abhandlung über den Menschen,« die aus dem Nachlasse des vor wenig Jahren verstorbenen Cartesius erschienen waren, machten seine Lehre gerade im Hinblick auf den kaum erst aus dem Leben Geschiedenen um so eindringlicher: denn es lag noch etwas vom Hauche des unmittelbaren Lebens darin, und selbst die Philosophie, die sich von allem unmittelbaren und zeitlich bedingenden loslösen will, hat eine schwer zu erforschende besondere Kraft in der Gegenwärtigkeit ihres Ursprungs. Besonders aber war es die Schrift »über die Methode« von Cartesius, die dem jungen Denker schnellen Einblick verschaffte, denn Cartesius knüpfte hier an seine eigene Entwicklungsgeschichte die Grundsätze des Denkens überhaupt und seiner Philosophie insbesondere, und eben diese Anlehnung an die Besonderheit erleichterte den Fortschritt zum Allgemeinen. Das Wissen und Forschen unseres jungen Freundes war bisher nur an jene Grenzen gedrängt, die hier das Gewesene abschließen, dort die Marktscheide des Gebiets bezeichnen, das sich dem erloschenen Sinnenleben auftut. Jetzt war sein Geist auf die Regungen der bewegten Welt hingewendet. Die eigene Menschennatur und das weite Reich der vielgestaltigen Natur um uns her muß erkannt und in ihren Gesetzen begriffen werden. Ist es nicht möglich, ja muß es sich nicht finden lassen, die Bewegungen der unwandelbaren Menschennatur unter gleichen stetigen Gesetzen zu erkennen, wie das Naturleben um uns her? Ist unser Wissen nur ein Wissen vom Toten, vom Toten vor uns und hinter uns, ist es nicht allein ein Wissen vom Leben? ... Das waren Fragen, die unseren jungen Freund in seinen neuen Studien geleiteten: eine Ahnung regte sich in ihm, daß er einer der ersten sein sollte, die das Wissen vom Leben feststellen mußten. Die Freunde staunten, da er einst in diesem Sinne darlegte, wie der zum bewußten und wahren Leben Erweckte wiederum alles aus der lebendigen Kraft in sich und um ihn her gewinnen müsse, und dahin den sonst unverständlichen Ausspruch Christi (Matthäi 8, 22) deutete: »Laß die Toten ihre Toten begraben.« In Denk- und Ausspruchsweise hatten die Darlegungen Spinozas etwas Weihevolles, Biblisches, und dieser Charakter wird unmittelbar dem Geiste, der sich wieder zum Urgrunde alles Lebens hindurchdringt, die ewigen Worte sind wiederum die seinen, wenn sie auch in neuer Art und mit teilweise neuem Inhalte wieder in ihm erstehen. Sowohl Oldenburg als Meyer waren dabei oft überrascht von der »philosophischen Naivität« Spinozas, wie es ersterer bezeichnete, während Meyer es eine »geistig unbelegte Zunge« nannte. Es scheint ein Widerspruch darin zu liegen, von philosophischer Naivität zu reden, und doch läßt sich damit das eigentliche Grundwesen des freien Denkens, zumal wie es in Spinoza heraustrat, bestimmen. Er kannte und wollte in nichts eine gewohnte herkömmliche Anschauung, seine innerste Kraft war rein verblieben unter all der Lehre, die man auf ihn übertrug: in ursprünglicher unbefangener Weise erfaßte er die Dinge der Erscheinungswelt, wie die in ihm erzeugten Gedanken, als wäre er der erste, der die gegebene äußere Welt wie das innere Gedankenleben erfaßte. 12. Cartesianer Spinoza und Oldenburg standen lächelnd vor Meyer, der in einem länglichen Glase voll Wassers eine fratzenhafte gläserne Teufelsgestalt auf und niederschweben, sich drehen und verbeugen ließ, indem er auf den elastischen Stöpsel drückte und dabei allerlei Beschwörungsformeln der Magie deklamierte; bald ging er aber von dem Spiel zu der Bemerkung über: »Ist die ganze Philosophie eigentlich mehr als der angefangene hohle Begriff, das gläserne Teufelchen im Glase?« Niemand antwortete darauf und er fuhr, zu Spinoza allein gewendet fort: »Wie gefällt dir das cartesianische Teufelchen? Vor zweitausend Jahren hätte der Schöpfer eines solchen Wunders ein Religionsstifter werden können, und im verborgensten Winkel der Erde würden ihm noch heute Loblieder gesungen und würde seine Hilfe angerufen.« »Das ist sehr zu bezweifeln,« war die Antwort; »ohne eine neue weltbewegende Idee hat kein sogenannter Wundermann sich im Andenken erhalten; das cartesianische Teufelchen ist winzig gegen die Wunder, welche jüdische Kabbalisten verrichtet haben sollen.« »Erzähle doch,« bat Meyer, und Oldenburg machte ein saures Gesicht als Spinoza begann. »In meines Vaters Hause ist eine alte Magd, namens Chaje – sie ist aus Deutschland und voll von Märchen- und Wunderglauben der deutschen Juden – sie hat mir einst erklärt, warum man zu Prag das Lied am Freitag abend, worin Israel eine mystische Ehe mit dem Sabbat schließt, zweimal singt. Es lebte vorzeiten in Prag ein großer Kabbalist, der hohe Rabbi Löw genannt; dieser formte aus Lehm eine menschliche Gestalt, hinten am kleinen Gehirn ließ er eine Öffnung, in welche er ein Pergament legte, darauf der unaussprechliche Name Gottes geschrieben war. Sogleich erhob sich der Kloß und ward ein Mensch; er verrichtete seinem Schöpfer alle Dienste eines Knechtes, er holte Wasser, spaltete Holz und dergleichen mehr; man kannte ihn in der ganzen Judengasse unter dem Namen: der Golem des hohen Rabbi Löw. Jedesmal am Freitag abend nahm ihm sein Herr das Pergament aus dem Kopfe, dann war er wieder Lehm bis Sonntag Morgens. Einst hatte der Rabbi diese Verrichtung vergessen, alles war in der Synagoge, man hatte soeben das sabbatliche Minnelied begonnen; da stürzten Frauen und Kinder in die Versammlung und schrieen: der Golem, der Golem zerstört alles. Sogleich befahl der Rabbi dem Vorsänger, mit dem Schlusse des Gebetes inne zu halten, jetzt sei noch Rettung möglich, später aber könne er nicht mehren, daß die ganze Welt zerstört würde. Er eilte nach Hause und sah wie der Golem eben die Pfosten seines Hauses erfaßt hatte, um das ganze Gebäude einzureißen; er sprang hinzu, nahm ihm das Pergament und toter Lehm lag wieder vor seinen Füßen. Von dieser Zeit an singt man in Prag das sabbatliche Brautlied stets zweimal. Der hohe Rabbi Löw hat gewiß nicht an Cartesius gedacht, und doch hatte sein Golem so viel Leben als alle Menschen, wenn man sich mit der neuen Ansicht vereinigt: der Zusammenhang zwischen Seele und Körper sei so locker, daß er jeden Augenblick aufgehoben und wieder hergestellt werden könne.« Meyer schien die polemische Schlußwendung nicht zu beachten, denn er sagte: »Wenn ich meinen Briefwechsel zwischen Adam und Eva herausgebe, soll dein Golem einen Ehrenplatz darin bekommen.« Mit offenbarem Mißmute wendete sich Oldenburg an Spinoza: »Meyer mag immerhin auf derlei seltsame Geschichten Jagd machen, die er wie seine Schmetterlinge und Käfer aufspießt und systematisch ordnet; für meinen Geschmack liegt in der von dir erzählten Legende etwas jüdisch Vergrämtes. In der Judengasse einen von der Kabbala geschaffenen Weltzerstörer auftreten lassen! Hatte man ihn noch nach der freispielenden Weise der Volkssagen eine Liebschaft mit einem Mädchen anknüpfen lassen, die jedesmal am Sabbat vergebens seiner harrt, oder hätte man ihn zum Großwesir oder zu einem anderen Minister avancieren lassen, den sein Meister buchstäblich jeden Augenblick in Staub verwandeln und wieder zum großen Herrn erheben kann, da wäre doch auch noch Poesie oder Satire bei der Sache; so aber gefällt mir der Golem unseres Herrn und Meisters dort viel besser; sieh nur, seine Verbeugungen sind so graziös, daß ihn keine Dame am Hofe des XIV. Ludwig darin übertrifft.« »Herr und Meister,« wiederholte Spinoza, »das ist zu viel, ich bin weder sein Knecht noch sein Lehrjunge.« »Was muß ich hören?« fragte Meyer verwundert, »wie lange ist es her, daß du mit mir begonnen hast sein System zu erforschen, und du willst schon darüber hinaus, während ich noch froh bin, ihn nur zu verstehen?« »Mir wird's bange um unsere Freundschaft,« setzte Oldenburg hinzu, »du hast ja oft gesagt, zwischen Freunden müsse eine Gleichheit der geistigen Mittel vorhanden sein, und ich konnte es noch nicht einmal dahin bringen, das System ganz zu fassen. Allerdings waren es anfangs hauptsächlich die wunderlichen Äußerlichkeiten, die mich zu der neuen Lehre des Cartesius hinzogen; ich forschte gern mit ihm in den Eingeweiden eines Kalbes, die er seine Bibliothek nannte, es gab da allerlei überraschende Erscheinungen; aber bis zum Lebenspunkt seines philosophischen Systems konnte ich nie hinandringen. Ich verriegelte meine Tür, ich verhing meine Fenster, setzte mich in einen einsamen Winkel und bannte meinen Geist auf das Buch; durch zwei, drei Sätze, eine halbe Stunde, ja auch eine Stunde folgte ich ihm ganz, da hüpfte, ohne daß ich es wußte, ein fremder Gedanke zwischen den Zeilen herum, ein früheres Erlebnis, ein Wunsch, besonders aber die Erinnerung an ein Mädchen, das ich damals heiß und innig liebte, hatte sich zwischen die Propositionen, Axiome und Korolarien hineinverirrt, und ich merkte erst spät, daß ich den letzten Grund der Dinge hatte erforschen wollen, und nicht von den Alltäglichkeiten weg konnte. Ich legte dann das Buch weg, griff nach einem anderen oder ging fort und zerstreute meinen Ärger und meine Grillen.« »Wie kommt es aber, daß du für einen so enthusiastischen Anhänger des Cartesius giltst und mitunter auch ein solcher bist?« »Da muß ich etwas weit ausholen. Eigentlich bin ich dadurch am meisten Cartesianer, daß ich fast denselben Wirrwarr durchgemacht habe, wie der Stifter dieser Schule selbst. Mein Vater war Pastor in meinem Geburtsorte; von meiner Kindheit an saß ich in seiner Bibliothek und las alles durcheinander, Hexengeschichten, wirkliche Historien, anatomische, alchimistische und theologische Werke, es war mir alles gleich, wenn ich nur etwas zu lesen hatte. Als ich älter wurde, geriet das durcheinandergeschüttelte Wissen in eine furchtbare Gärung; Religionszweifel kamen dazu, ich hatte an keinem Dinge und an keiner Beschäftigung mehr ein wahres Behagen. Nach meines Vaters Tode führte ich einige Zeit, zum großen Ärger der ehrsamen Bürger meiner Vaterstadt, ein ziemlich lockeres Leben, aber auch das gefiel mir nicht mehr; ich schnürte mein Bündel und ging als Freiwilliger unter die Fahne Gustav Adolfs. Bei der Kontribution, die das schwedische Heer von meiner Vaterstadt eintreiben wollte, ward ich als Vermittler gebraucht, und erlangte hierdurch ein ziemliches Ansehen bei meinen Mitbürgern. Das Kriegshandwerk – denn weiter war es nichts – ward mir auch bald entleidet. Mitten im Lager wie auf dem Marsche überraschte mich wieder der Zweifel an allem Glauben, für dessen Unterschiede man hier so blutig kämpfte. Das war ein ewiges Morden, man wußte zuletzt gar nicht mehr wofür; der aberwitzigste aller Gemeinbegriffe, die Bravour, machte sich allein und ganz für sich geltend. Man sah, wie Hugo Grotius sagt, Städte und Länder als Leichen, auf daß man sich nicht mehr über den Tod eines einzelnen grämen sollte. – Ich zweifelte lange, ob ich recht täte, ein geringfügiger Umstand entschied endlich; ich nahm meinen Abschied und ging auf die Universität nach Utrecht. Studenten und Professoren waren damals auch in zwei Heereshaufen geteilt; du kannst dir denken, daß ich nicht lange schwankte und mich gegen den frommen Pfaffen Gisbert Vötius für die Partei des Regius entschied. Dieser lehrte die neue Philosophie des Cartesius. Ich war damals erst einundzwanzig Jahre alt, voll Übermut und abenteuerlichen Sinnes, und da ich als ehemaliger Offizier auch eine ziemlich gute Klinge führte, gewann ich bald unter den Studenten eine gewisse Autorität.« »Ja, ich darf wohl sagen,« fiel hier Meyer ein, »ich habe Oldenburg getreulich darin sekundiert, den Vötianern den Glauben beizubringen, daß sie prädestiniert seien, sich von uns Zirkumflexe und allerlei andere Kainszeichen ins Gesicht schreiben zu lassen.« »Wie hattet ihr doch eine weit lebendigere Jugend als ich!« schaltete Spinoza mit einem Seufzer ein. »Das ist die Frage,« erwiderte Meyer und Oldenburg fuhr in seiner Erzählung fort: »Als Regius stets bitterer von Bötius Vater und Sohn ohne Geist verfolgt wurde, zogen wir eines Abends vor das Haus seiner Magnifizenz und führten dort eine Katzenmusik auf. Ich wurde, als einer der Rädelsführer, relegiert, Meyer schlüpfte mit heiler Haut durch, und so war ich nun der Märtyrer einer Lehre, die, wie ich später einsah, Regius selber nicht recht verstanden hatte. Ich trieb mich noch einige Zeit in Holland herum, hielt mich mehrere Monate bei Cartesius selber auf, ich kenne fast alle einzelnen Sätze seiner Lehre, aber die erforderliche innere Beschaulichkeit, um das Keimen dieses an den Gittern der Mathematik sich hinaufrankenden Getriebes zu belauschen, die konnte ich mir nie recht aneignen.« »Mir ging es auch oft so,« sagte Meyer, »daß ich von meiner philosophischen Kreuzfahrt, auf welcher ich das heilige Grab hatte erobern wollen, unverrichteter Sache, oder wie unser Sprichwort sagt, mit dem Strumpf auf dem Kopfe zurückkam.« »Oldenburg hat das Streben besser als ein Streben nach Beschaulichkeit bezeichnet,« entgegnete Spinoza, »Blick' umher, bald hier bald dort erkennst du Täuschung, Wahn und Irrtum; was bürgt dir dafür, daß nicht alles, was sich dir darstellt, was du mit freiem Bewußtsein in dich aufgenommen, und was deine Seele von jeher erfüllt, nichts als Wahn und Täuschung ist? Was ist so fest und tief eingesenkt, das nicht der Zweifel auflockern könnte? Darum schließe die Augen, sage dich los von allem, was um und an dir ist, und jetzt, so zurückversenkt in dein bloßes eigenes Selbst, die ganze Welt der Erscheinungen ins Nichts zurückgeschleudert – bist du vielleicht selber auch ein Nichts? Woher weißt du, daß du wirklich existierst? ... Hier bist du an dem äußersten Endpunkt des Zweifels und hier ruft dir eine innere Stimme zu: ich, ich bin, denn ich denke, ich bezweifle mein Sein, ich, das Denkende, das Bezweifelnde in mir, ich bin – und wenn alles um mich her in Wahn und Schatten zerfließt. Hast du mit dem Zweifel begonnen, so darfst du bei keinem willkürlichen Ruhepunkt innehalten: warum denn nur an den höheren geistigen Dingen zweifeln, gibt dir die Körperwelt eine festere Gewißheit, weil sie sich deinen Sinnen darstellt? Sind denn die Sinnentäuschungen nicht noch zahlreicher als die Täuschungen unseres Herzens und unserer Phantasie? Kannst du dich nicht als rein geistiges körperloses Wesen denken, kannst du nicht alles, was dir vorher Gewißheit war, wie zum Beispiel daß dein Körper wirklich existiere, als Vorurteil ablegen, so wirst du vergebens nach unumstößlicher Wahrheit ringen. Kannst du es aber, und hast du so den Mittelpunkt deines Selbstbewußtseins erfaßt, nun wohlan! so öffne die Augen, laß sie herantreten all die Dinge, die sich ehedem in deinen Gedanken befestigt hatten, nichts laß ungeprüft beharren, du hast einen Maßstab für die Wahrheit und Existenz eines jeden Dinges: was sich dir so unumstößlich herausstellt wie das Bewußtsein deines eigenen Selbst, das allein ist Wahrheit.« »Ich verstehe dich,« sagte Meyer, »du kommst auf den Grundsatz der Alten hinaus: der Mensch ist das Maß der Dinge; der innere Mensch wie der äußere ist Maßstab, wie man ja auch in die Bilder Menschenfiguren setzt, um an ihnen die Größenverhältnisse der Gegenstände zu veranschaulichen. Der Mensch ist das ideale allgemein gültige Ellenmaß der Welt.« »Wenn aber einer in fortgesetztem Zweifel spräche,« fiel hier Oldenburg ein, »noch habe ich keine vollkommene Gewißheit von jener Grundwahrheit, die mir als Norm dienen soll, und ich weiß noch immer nicht, ob mir wirklich ein Erkenntnisvermögen innewohnt?« »Der spräche entweder gegen sein eigenes Bewußtsein, oder wir müssen annehmen, daß es Menschen gäbe, die innerlich von Geburt oder durch Vorurteil, das heißt also durch irgend einen äußern Grund, geistig erblindet sind. Denn diese denken sich selber nicht; bejahen oder bezweifeln sie etwas, so wissen sie nicht, daß sie dies tun; sie sagen, sie wüßten nichts, und selbst das, daß sie nichts wüßten, wüßten sie auch nicht. Sie sagen das nicht so absolut, denn sie fürchten zu bekennen, daß sie als Nichtwissende existieren, so daß sie am Ende schweigen müssen, wenn sie nicht etwas anerkennen wollen, das doch Wahrheit in sich schließt. Kurz, mit solchen kann man von Wissenschaft nicht reden, denn im täglichen Leben und Verkehr zwingt sie die Notwendigkeit anzuerkennen, daß sie sind, daß sie ihren Vorteil suchen, und sogar eidlich das eine bezeugen und das andere ablehnen. Beweist man ihnen aber sonst etwas, so wissen sie nicht, ob der Beweis da ist; verneinen, bejahen oder streiten sie, so wissen sie von alledem nichts, sie sind also seelenlose Automaten. Für den vernünftigen Menschen aber sind die Beweise die Augen des Geistes. Wir können die unsichtbaren Dinge, die nur Gegenstand des Denkens sind, mit keinen anderen Augen sehen als mit den Beweisen.« »Du wirst ja ganz eifrig,« sagte Meyer, »Lucian hat das Ganze mit einem Scherze abgemacht, indem er einen radikalen Zweifler als Sklave verkauft werden läßt und dieser noch unter der Peitsche seine Sklaverei bezweifelt.« »Wozu aber bei Cartesius,« fragte Oldenburg wieder, »dieses unerquickliche Würfeln mit Vierecken, Dreiecken und allen Teufelsecken?« »Die mathematische Beweisführung,« entgegnete Meyer, »ist die einzig richtige. Die Definitionen sind die genauen Darstellungen dessen, was mit dem Namen und den Eigenschaften eines Gegenstandes bezeichnet wird; die Postulate und Axiome, mit denen der Beweis geführt wird, sind solche Gemeinbegriffe, daß, wer nur das Abc weiß, übereinstimmen muß.« »Du mußt es noch näher und bestimmter fassen,« ergänzte Spinoza. »Die Definitionen drücken nur das Wesen einer Sache aus, ihre Eigenschaften können nicht aus den Definitionen, sie können nur aus der Erfahrung erlernt werden. Mit den mathematischen Gesetzen allein können wir alles, alle Vorgänge des Denkens und der Erscheinungswelt erfassen und verfolgen. Alles ist notwendige und ewige Folge seines Urgrundes. Die mathematischen Wahrheiten allein haben dieselbe innere Notwendigkeit und äußere Evidenz wie das Bewußtsein unserer selbst. Auf dieselbe Weise, wie ich bestimmt weiß, daß ich bin, weiß ich auch, daß die drei Winkel eines Dreiecks gleich seien zwei rechten. Das Verwickelte der höheren mathematischen Beweise ändert an der Sache nichts, da sie alle auf denselben einfachen und unumstößlichen Prinzipien beruhen, und jedes Mittelglied ihres notwendigen Fortschritts so unumstößlich ist, als das Prinzip an sich. Die Zahl als solche ist erste und feste Begriffsbildung, sie sieht von den Besonderheiten der Dinge ab und faßt nur ihr Bestehen: Äpfel, Bäume, Menschen, Tiere lassen sich darunter fassen. Dem weiterschreitenden Aufbau reicht die Zahl nicht mehr aus und er macht aus der einen Begriffsabstraktion eine zweite, er setzt Buchstaben statt Zahlen. Wie weit ab liegen nun die Einzelgegenstände, und doch muß man wieder jeden Augenblick zu ihnen zurückgreifen können, in der Aufstellung des Gesamtdenkens aber wären sie hinderlich, hier ist man nur mit dem reinen Gedanken –« »Und wem da oben schwindelt, der bleibe auf dem Boden,« schaltete Meyer scherzend ein, und Oldenburg fragte näher eingehend: »Glaubst du, daß es eine mathematische Psychologie geben kann?« »Nenne es immerhin so,« nahm Spinoza wiederum auf, »die Bedingungen und Bewegungen unseres Denkens und Empfindens haben ebenso feste Normen wie alles Naturdasein; sie sind ebenso berechenbar, sie müssen es sein; nur hindert uns, daß wir selbst es sind –« »Und Gewohnheit und Affekte uns einen Strich durch die Rechnung machen,« ergänzte Meyer. »In dir ist Cartesius zum zweiten Male Renatus. Wiedergeboren. Cartesius hieß mit dem Vornamen Renatus, und dieses Wortspiel findet sich in einem Gedichte vor dem ersten Werke Spinozas, das Ludwig Meyer mit einer Vorrede versah. Hat der Meister die Eingeweide eines Kalbes seine Bibliothek genannt, so hast du eine viel bessere. Ihr habt beide die scharfe Waffenführung in Feindeslager gelernt. Daß den Cartesius die Jesuitenschule und dich die Talmudschule bildete und weckte. Welche wunderbare Wege hat die Geschichte. Aber ich sehe dich noch weiter gehen. Ich sehe noch, wie du gleich unserem Admiral Tromp mit einem Besen auf dem Hauptmast durch das Weltmeer segelst, zum Zeichen, daß du das Lebenselement von herrschsüchtigen Vorurteilen gesäubert hast.« Spinoza ging leicht auf die neckische Art des Freundes ein und suchte, bei dem Gegenstande bleibend, nur noch zu erklären, daß eben jener Strich durch die Rechnung gewissermaßen Gegenstand derselben sein müsse, daß die Affekte nicht verworfen, sondern als Naturgesetze erkannt werden müssen. Meyer versuchte es auf alle Weise, das Geistesgetriebe Spinozas sich zu zerlegen, er kam deshalb auf dessen Studiengang mit ihm zu sprechen. »Ich habe darüber nachgedacht,« sagte er eines Tages zu ihm, »was du mir unlängst über das Studium des Talmuds gesagt hast, und glaube darin den Grund zu finden, warum ihr Juden so leicht jede Begriffsleiter hinauf- und hinabklettern könnt; überspringt ihr auch zwei oder drei Sprossen, ihr tretet doch nie fehl. Das kommt gewiß vom Talmudstudium, das euch schon früh an ungebundene Geistesgymnastik gewöhnt. Wir aber, ich darf nur mich zum Beispiel nehmen, wir werden ganz anders traktiert; soll ein in uns liegender Gedanke zur Welt gebracht werden, da kommen die katechetischen Hebammen, und nach den eingelernten Künsten und Handgriffen wird der Embryo zu Tage gefördert, darauf legt man ihn in Baumwolle und bindet ihn in ein Kissen, damit er ja nicht erfriere, und wenn er größer wird, lernt er am Laufbande gehen.« »Ich kenne eure Unterrichtsweise zu wenig,« entgegnete Spinoza, »und kann auch nicht recht begreifen, wie eine Religion mit dogmatisch-historischer Basis auf sokratische Weise entwickelt werden kann; in dem, was du aber von den Juden sagst, magst du wohl recht haben. Es ist ihnen schon oft gelungen, gleich David mit einem aus freier Hand geworfenen Schleuderstein einen gepanzerten und im regelrechten Fechten geübten Kämpen niederzustrecken; aber dieser Mangel an Disziplin ertötete auch meist alle wahre, streng geordnete Wissenschaftlichkeit unter den Juden. Mein Bestreben ist, mich von jenem vagabundarischen Geistesleben zurückzuziehen und den Bau einer Wissenschaft von Punkt zu Punkt zu verfolgen. Cartesius ist hiebei mein verlässiger Geleitsmann.« Wie wundersam ist es, daß an einem Baume die tausend Blüten allzumal aufbrechen, sie sind nur ein Blütenkelch und die zahllosen Bäume nur ein Blütenbaum, dem Menschenauge aber als Tausende sich darstellend. So auch erschließen sich im Menschengeiste die Blüten allzumal, es ist ein einziger Trieb, der die Erkenntnis, die Tatkraft, die Güte und die Liebe erschließt, wir aber vermögen sie nur vereinzelt wahrzunehmen. Das Reich der Erkenntnis und das Glück der Freundschaft erschloß sich Spinoza zugleich, ja sie waren eins, denn Erkenntnis ist das freudige Erfassen des Gesetzes außer uns, das Bestreben und Bewußtsein der Übereinstimmung mit ihnen, und Freundschaft ist die lebendige Betätigung desselben in fester Erscheinung und mit gleichem Drange uns zustrebend. Noch ein drittes regte sich mächtig in Spinoza, das er nicht zu nennen wagte. 13. Der neue Alliierte Olympia saß am Fenster und schaute in den Fensterspiegel, den sogenannten Spion, der ein ständiges Zeichen holländischer Gemächlichkeit und Schaulust ist. Ein junger Mann stand neben der Jungfrau. Er war von mittlerer Größe, sein längliches Gesicht, das, besonders im Profil betrachtet, schön genannt werden konnte, hatte eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Olympias, nur war in seinem Blick nichts von jener unruhigen Flamme zu entdecken, die aus den Augen Olympias leuchtete. Die linke Hand war auf den vergoldeten Griff seines Galanteriedegens gestützt und mit der Rechten streichelte er seinen blonden Stutzbart; bisweilen drückte er auch seine Augenwimpern zusammen und musterte seinen Anzug nach allen Seiten, es war nichts daran zu tadeln: die weiße Halskrause war in der richtigen Lage, der schwarze Mantel vom feinsten venetianischen Samt warf majestätische Falten und die aus Mattgold gewirkte Troddel spielte bei jeder Bewegung anmutig auf der Brust, die bauschigen atlassenen Beinkleider waren an den Knieen kunstreich geknüpft, die seidenen Strümpfe, die Schuhe mit goldenen Schnallen, alles war untadelhaft. »Sehen Sie,« sagte Olympia und der Schöngekleidete blickte freundlich auf, »sehen Sie den jungen Mann dort, der so nachdenklich die Straße heraufkommt?« Schnell hatte der Angeredete ein rotsaffianes Futteral aus der Tasche, aus dem er ein mit Brillanten eingelegtes Perspektiv nahm. »Meinen Sie den dort?« sagte er dann, »er ist von mittlerer Statur und hat einen bräunlichen Teint: ist das nicht ein Jude?« »Allerdings,« erwiderte Olympia, »er stammt aus einem vornehmen spanischen Geschlechte. Mein Vater hält große Stücke auf ihn, und ich – ich liebe ihn als einen meiner besten Freunde. Gerade weil er als Jude geboren ist, dem sich die ganze Welt feindlich gegenüberstellt, hat er sich zu einer Vorurteilslosigkeit und Gewissenhaftigkeit des Denkens, zu einem unbeugsamen Gerechtigkeitssinn erhoben, die man bewundern muß, und oft zu eigener innerer Beschämung.« »Was sagen Sie aber zu meiner physiognomischen Routine?« fuhr der Fremde fort, indem er seinen Knebelbart um den Zeigefinger wickelte und den Blick wohlgefällig über die Fensterscheibe streifen ließ, die ihm sein Bild zurückstrahlte. »Ich finde die Juden auch recht interessant, sie sind so eine Art historischer Reliquie; und den Sinn für das Historische verdanke ich ja ihnen. Ich betrachte die Juden als Splitter eines asiatischen Stammes, die uns durch ihre seltsamen Formen bisweilen unterhalten können.« »Hatten Sie in Hamburg viel Umgang mit Juden?« fragte Olympia. »Sie scherzen,« war die Antwort, »aber ich kenne die Juden doch gründlich. En detail mag es manchen ehrlichen Mann unter ihnen geben. Ich hatte in meiner Vaterstadt einen alten Schmul, dem ich meine abgelegte Garderobe verkaufte! ich hatte manchen Spaß mit ihm, er ließ sich alles gefallen, wenn er nur einen guten Massematten machte, aber so geldgierig er auch war, so habe ich doch verschiedene Beweise seiner Ehrlichkeit; en gros betrachtet sind aber alle Juden Beutelschneider und eine schmutzige, widerliche Rasse, die leider, mein seliger Vater hat es oft gesagt, auch den Handel unserer Stadt an sich reißen wird. Denken Sie nur, ich hatte zu Hause einen Freund, der die noble Passion hatte, in ein Judenmädchen verliebt zu sein, und das so sehr, daß er an eine wirkliche Verbindung mit seiner schönen Rahel dachte. Es ist mir noch jetzt unbegreiflich, wie ein Mann von guter Familie nur den Gedanken ertragen kann, den Mausche und den Itzig zu Schwägern zu haben, die alle nach Knoblauch riechen. Das Mädchen scheint allerdings über die Bildungsstufe der gänseschmalztriefenden Locken hinaus gewesen zu sein. Eines Morgens war mein Freund draußen in Kuxhaven; man zog einen Leichnam aus dem Wasser, er erkannte ihn, es war Rahel; man mußte ihn gewaltsam zurückhalten, daß er nicht augenblicklich sich selbst ein Leid antat. Ich hatte inniges Mitleid mit dem Schmerze meines Freundes, er schwur hoch und heilig, nie einer anderen anzugehören, aber man kennt ja diese Schwüre: er war schneller geheilt, als man vermutete; nach einem Jahre war er glücklicher Gatte einer Senatorstochter, und wenn man ihn an seine frühere Schwärmerei erinnert, lächelt er nur still. – Gewiß, Jufrow Olympia scherzt oder gefällt sich in der Paradoxie, wenn sie einen Juden mit dem beneidenswerten Titel ihres besten Freundes beehrt.« Olympia hatte sich während dieser Rede an ihre Orgel gestellt und leise darauf präludiert, sie blickte ruhig nach dem Fremden um, der jedes seiner Worte nachdrucksvoll betonte und dabei mit Zeigefinger und Daumen, die er in einen Ring geschlossen hatte, gemessen taktierte. »Sie haben ja große Lebenserfahrung gesammelt,« sagte sie endlich, »aber Sie vergessen, daß Sie in Holland sind, wo man die Religionen nicht in herrschende und beherrschte einteilt. Ich glaube, Amsterdam darf sich's zum Ruhm anrechnen, die einzige Stadt in der Welt zu sein, welche die Religionsfreiheit so weit ausdehnt, daß sie auch den Übertritt vom Christentum zum Judentum gestattet. Sie müssen den Herrn de Spinoza kennen lernen, glauben Sie mir, es ist ein merkwürdiger Mensch. Sie haben doch sonst kein böses Herz, begegnen Sie ihm freundlich, mir zu liebe: doch still! er kommt.« Spinoza trat ein. »Da ist nun endlich Herr Kerkering,« sagte Olympia, »von dem ich Ihnen schon erzählt habe, daß er vor Jahren mein Schüler war und durch den Tod seines Vaters bis jetzt abgehalten wurde, zu uns zurückzukehren.« »Sie werden gewiß meinen Entschluß vollkommen billigen, Herr de Spinoza,« fiel Kerkering ein, »daß ich mich wieder zu Jufrow Olympia gewendet habe, um von ihren Honiglippen die Weisheit des Altertums zu hören.« »Eine mißratene Artigkeit,« entgegnete Olympia, »Sie sagen ich hätte gelbe Lippen und rücken mir mein Alter vor.« Kerkering stutzte, Spinoza half ihm aus der Verlegenheit, indem er sagte: »Sie haben wahrscheinlich vergessen, Herr Kerkering, daß Jufrow Olympia gleich dem höchsten Wesen verlangt, man solle kein Bildnis von ihr machen aus allem was im Himmel und auf der Erde ist.« »O Sie Ketzer!« sagte Olympia und ihr feuriges Auge schien es in der Tat auf ein Autodafé abgesehen zu haben. »Sie werden wohl gestatten,« fuhr sie nach einer Pause fort, »daß Herr Kerkering an unseren lateinischen Unterhaltungen, Unterricht darf ich es nicht mehr nennen, teilnimmt?« Spinoza bejahte, und während er sprach, trat Oldenburg ein. Er musterte Kerkering, den ihm Olympia vorgestellt, mit einem flüchtigen Blicke. »Ich hätte mir's denken sollen,« sagte er, zu Spinoza gewendet, »daß ich dich hier treffe, und hätte mir den Weg nach deinem Hause ersparen können.« »Du?« fragte Olympia, »o das herzige Du!« Wie glücklich sind doch die Männer, daß sie die, denen sie zugetan sind, ohne Umstände mit dem traulichen Worte benennen dürfen. Die Römer wußten gar nicht, was sie daran hatten, daß sie einander nur mit Du anreden konnten. Ich bin stolz darauf, daß Sie beide sich so bald und so nahe befreundet haben, denn ich war ja die Mittlerin.« »Zwei Größen, die einer dritten gleichen, gleichen sich untereinander,« scherzte Spinoza. »Einer vierten nicht auch?« fragte Olympia. »Wir sind hier als die Repräsentanten von den vier großen Mächten, wir wollen eine Quadrupelallianz schließen. Sie Herr von Spinoza müssen den Moses vertreten, Sie Herr Oldenburg Ihren Calvin, Herr Kerkering, muß für seinen Luther einstehen und ich – ich will den Papst repräsentieren –, er kann's nicht zurückweisen, denn ich heiße ja Olympia Maria Honoria. Herr Kerkering, geben Sie den beiden Herren die Hand, wir unter uns haben uns schon längst geeint; wir vier wollen den Kreis bilden, der alle Religionsunterschiede in sich aufnimmt und versöhnt.« »Ich fürchte, das ist das umgekehrte Problem von der Quadratur des Kreises,« sagte Oldenburg und setzte hinzu: »Sie gehen ja noch weiter als Hugo Grotius, der auch von einem ewigen Frieden der Religionen träumte und nur die Juden bei seiner projektierten Union vergessen hatte.« Olympia faßte die Hand Kerkerings und legte sie in die Hände der beiden Freunde, – »Ewige Extravaganzen und Gewaltsamkeiten!« sagte Oldenburg zu Spinoza, als er mit ihm wegging. »Frauen können es nicht lassen, Bündnisse zu knüpfen; sind sie verheiratet, wollen sie anderen schnell auch ein gleiches Glück bereiten, haben sie einen Freund, muß der andere auch mit ihm befreundet sein, und ginge es noch so gewaltsam. Was soll uns dieser Kerkering, den sie doch nur wie einen Automaten behandelt?« »Du solltest nicht so unwillig über solche Verknüpfungen sein,« entgegnete Spinoza, »denn hier hätte ja dein Herr und Meister Cartesius wieder ein Beispiel, daß ohne unaufhörliche äußere Vermittlung eines höheren Dritten keine wirkliche Existenz gedacht werden könne und alles in sich zerfallen müßte.« 14. Die Hantierung Während Spinoza über die wirkliche Existenz der Dinge, über den in ihnen selbst ruhenden Grund ihres Daseins, über ihre notwendigen und zufälligen Bestimmungen sich in tiefes Nachdenken versenkte und die hierauf bezüglichen mathematischen Beweisführungen des Cartesius genau erwog, hatte auch sein Vater über den zureichenden Grund der wirklichen Existenz nachgedacht und seine Beweisführungen waren nicht minder auf Ziffern und Zahlen gebaut als die des Philosophen. »Beharrst du noch immer dabei,« sagte er eines Tages zu seinem Sohne, »nicht Rabbine werden zu wollen? Hast du bedacht, was du mir und dir dadurch tust? Ich sehe leider noch meine höchste Freude vor mir ins Grab dahinsinken.« – »In den Sprüchen der Väter heißt es,« entgegnete Baruch mit gepreßter Stimme, »Rabbi Zadok sagt: mache aus deiner Kenntnis vom heiligen Gesetz keine Krone, um damit groß zu tun, und mache auch keinen Spaten daraus, um damit zu ackern. Es steht schlimm um jede Religion, solange ihre Verkündiger einen klingenden Lohn erhalten.« »Gut, ich bin mit Rabbi Zadok einverstanden; wie aber, wenn man keinen anderen Spaten hat? Sieh, ich rede stets offen mit dir: unsere Miriam ist jetzt Braut mit Samuel Casseres, er will mit dem Manne der Rebekka die Diamantmühle vergrößern, er will neue Geheimnisse besitzen; meine Töchter wären nun mit Gottes Hilfe versorgt, nur du allein bist noch da. Soll ich dir's verhehlen? Mein Rechtsstreit steht schlimm, und was ich dir nach meinem Tode hinterlassen kann, ist so blutwenig, daß du davon nicht leben kannst; Gott soll aber mich und meine Kinder und Kindeskinder davor bewahren, daß sie mit Trauer im täglichen Gebete sagen müßten: Herr laß uns nicht bedürftig werden der Gaben derer, die aus Fleisch und Blut geschaffen sind. Drum sage, was ist zu tun?« »Soll ich ein Handelsmann werden?« »Nein, das würde ich selber nicht zugeben, du hast von Kindheit auf keinen Handelsgeist gehabt. Zwar gibt es jetzt wieder neue Wege für den Handel, und wir brauchen nicht mehr alle so zusammengedrängt zu sein wie hier in Holland, wo einer dem anderen den Vorteil vor der Nase wegschnappt. Nach Batavia zu gehen, das ist nichts, denn die dort sind, denen geht es herzlich schlecht und viele wollen wieder zurückkehren; aber es ist Nachricht eingegangen, daß Rabbi Menasse ben Israel, der mit dem Lordprotektor unterhandelt, es wahrscheinlich dahin bringen wird, daß die Juden wieder nach England ziehen dürfen.« »Ich habe davon gehört,« erwiderte Baruch, »Rabbi Menasse soll dadurch am meisten Stimmen für sich gewonnen haben, daß er sagte, die wahre Erscheinung des Messias könne nicht vor sich gehen, wenn nicht vorher die Verheißung in Erfüllung gegangen wäre, daß Israel in alle Lande zerstreut sein würde. Das war eine unredliche Spitzfindigkeit.« »Laß das gut sein,« sagte der Vater, »ein großer Teil des Volkes tut's nicht anders, als er muß betrogen sein, und da tut man ihm den Gefallen; aber das sind Dinge, die uns jetzt nichts angehen; bedenke du jetzt, womit du künftig deine Existenz sichern willst.« »Rabbi Gamaliel lehrt: schön ist das Studium des Gesetzes verbunden mit einem bürgerlichen Gewerbe, beiden obzuliegen macht des Lasters vergessen; das Studium ohne Arbeit ist am Ende ein müßiges und verleitet zu Sünden.« Baruch führte noch mehrere Beispiele an, daß die größten Väter der Synagoge Handwerker waren, und schloß mit den Worten: »Ich möchte ein Handwerk lernen.« »Du brauchst nicht so viele Stellen aus dem Talmud anzuwenden, ich habe gar nichts dagegen, wenn du ein ehrbares Handwerk lernen willst.« Spinoza war froh, daß sein Vater nicht durch die angeführten Beispiele allein bewogen wurde, in sein Vorhaben einzuwilligen, denn er hatte sich gewissermaßen des vielbekannten »frommen Betrugs« hiebei bedient. Er war fest entschlossen, nie und nimmer in den gewöhnlichen Schlendrian einzutreten, und Wissen und Gewissen für das tägliche Brot zu verkaufen; konnte er mit dem Werke seiner Hände sich seinen Lebensunterhalt verschaffen, so blieb ihm seine Überzeugung frei und er brauchte sie nicht den Erfordernissen und Bedürfnissen der Alltäglichkeit anzupassen. – Oder findet sich auch bei den Geistern ersten Ranges jene Leere, jene unbefriedigte Sehnsucht, die uns so oft überkommt, wenn wir immer und immer nur die Feder führen, das tote Wort zu beleben, neue Gedanken und Gefühle auszugraben und zu meißeln angewiesen sind? Erfaßt auch sie jener unbezwingbare Drang nach einer körperlich anspannenden Beschäftigung, welche das durch einseitige Nerventätigkeit gestörte Gleichmaß wieder herstellen soll? Es war für unseren jungen Freund fruchtreich, darüber zu denken, welchem Gewerbe er sich widmen sollte. Jetzt erinnerte er sich, wie oft er bei den Diamantmühlen stehen geblieben war und die Pferde in der unteren Roßmühle beobachtet hatte, die vermittels des Rades die Werkzeuge in den oberen Stockwerken in Bewegung setzen. Das Schleifen und Schneiden der Diamanten war ein Geheimnis seiner Glaubensgenossen, und sowohl dieses zog den Knaben mächtig an, als auch die vertraulich ihm eröffnete Kunde, daß der Diamant nur durch Diamantensplitter geschliffen und geschnitten werden könne. Wie oft, erinnerte er sich auch, war er beim Gange in die Talmudschule und zu Magister Nigritius selbstvergessen an den offenen Werkstätten und den Fenstern stehen geblieben, innerhalb deren die Menschen in ihrem Gewerbe sich mühten. Wie war der betrachtende Blick des Knaben von diesen Hantierungen gebannt und wie tief hatte sich in sein Herz ein Verlangen nach gleicher Tätigkeit eingesenkt! Jetzt zum ersten Male stieg die Erkenntnis vor ihm auf, wie das, was man freien Willensentschluß nennt, in seinem Grunde nur Ergebnis eines empfangenen Eindruckes ist, der sich selbst seine oft kaum bemerkbare Folgenreihe entwickelt. Er verweilte bei diesem in die Tiefe führenden Gedanken nur flüchtig, denn seiner Phantasie eröffneten sich die zahllosen Werkstätten, darin die Menschenkraft die Erzeugnisse der Natur baut und bildet und aufs neue umschafft. Nur wer die Gebilde des Lebens neu formt und bindet, nur der hat das wirkliche Leben empfangen. Welch tausendfältiger Segen liegt in der Arbeit selbst, wie in ihren Hervorbringungen! Und eine Hand faßt die andere und ein Denken strömt in das andere aus dem geschaffenen Gebilde. Die ganze Menschentätigkeit ist eine unermeßliche brüderschaftliche Werkstätte. Aber auch hier hat einer den anderen gewaltsam von sich geschieden, und wie die Kirchen im Reiche des Denkens und Empfindens, so hatten die Zünfte in der Arbeit der Hände ihre erwählten Genossen. Es bestand zwar kein gesetzliches Hindernis, das den Juden von irgend einem Gewerbe ausschloß, aber Gewohnheit und bequemes Herkommen machte die Zunftmeister widerwillig und ausschließend. Wieder war es Cartesius, von welchem die Entschließungen Spinozas einen Anstoß erhielten, der zu eigenen Zielen führte. Spinoza studierte die Dioptrika des Cartesius und lernte hier zum ersten Male das Gesetz der Refraktion, sowie die erste richtige Erklärung des Regenbogens kennen. Der von Huygens damals erhobene und allgemein geteilte Vorwurf, daß Cartesius jenes Gesetz aus dem in Holland verbreiteten Manuskripte von Snellius entnommen habe und die Erklärung des Regenbogens von Antonio de Dominis und Kepler gekannt haben müsse, ohne weder diesen noch jenen zu nennen; alles das schien für den jungen Forscher jetzt von minderer Bedeutung, und doch bewegte es ihn seltsam, daß es auch im Reiche des Geistes eine Veruntreuung geben solle. Der sonst dunkle Ausspruch des Talmud: »Wer ein Wort, einen Gedanken im Namen seines Urhebers vorbringt, der bringt die Erlösung über die Welt,« ging ihm jetzt als Gesetz der Wahrhaftigkeit auf. Das Verfahren von Cartesius war, wenn auch nicht zu entschuldigen, doch daraus zu erklären, daß er als Hofmann und in leichter Anbequemung gewohnt war, sich in Fremdes und Äußerliches zu finden und es leicht als Eigenes und Inneres anzusehen. Es war eine reine Andacht, als in Spinoza der Entschluß eine feste Gestalt gewann, sein Leben nur durch eigene Tätigkeit und durch nichts Ererbtes zu fristen und gleicherweise im Denken die Wahrheit in sich zu finden. Eines Tages erklärte Spinoza seinem Vater, daß er die Kunst, optische Gläser zu schleifen, erlernen wolle. »Aber das ist ja ein Handwerk, das nur kümmerlich einen Menschen ernährt,« entgegnete der Vater, »wie willst du einst mit einer ganzen Familie davon leben? Oder soll gar mit dir der ruhmvolle Name unserer Ahnen erlöschen?« Spinoza antwortete nicht unmittelbar auf diese Mahnung; er hoffte und ahnte vielleicht, diesem Namen auf andere Weise ewige Dauer zu verschaffen. Er berührte indes bald eine in dem Vater schmerzlich wiederklingende Saite, indem er seinen Trieb nach Unabhängigkeit darlegte und bemerkte, daß ein Rabbi durch den empfangenen Sold wie durch unabweisbare Ehrengeschenke doch nur ein Diener der einzelnen werde. Eine mit Wehmut gemischte Heiterkeit sprach bei dieser Darlegung aus dem Antlitze des Vaters, der oft beifällig nickte. Der alte Spanier sah in seinem Sohne den gleichen stolzen Sinn, der in ihm selber noch nicht erstorben war. Kann man die Welt nicht durch Ansehen und Macht zwingen, so ist es wohlgetan, sich von ihr abzuwenden und in der Abgeschiedenheit ihrer nicht zu achten. So regte sich's in den Gedanken des Vaters und immer wieder erwies sich der aufgelockerte Boden und die eigentümliche Mischung seiner Bestandteile, daraus die Lebenskraft Spinozas zu freier Blüte erwuchs. »Nun meinetwegen, es sei,« ließ sich endlich der Vater vernehmen, »wenn ich alle Gewerbe betrachte, finde ich nirgends etwas Besseres, wenn man kein großes Kapital einzusetzen hat.« Vater und Sohn gingen nun zu dem als tüchtig bekannten Meister Christian Huygens, einem Oheim des gleichnamigen Mathematikers, der aber, wie es schien, weder mit dem dichterischen Genie seines Bruders noch mit dem seines Neffen eine Verwandtschaft hatte. Spinoza erklärte dem Meister im Verlaufe der Rede, daß er die Gesetze der Optik schon kenne, und auch ziemliche mathematische Kenntnisse habe; er fragte nun, ob er vielleicht in einem halben Jahre das Handwerk erlernen könne. Der Meister, der alle Anträge bis jetzt ruhig angehört hatte, sprang bei diesen Worten so entrüstet auf, daß ihm die Brille bis auf die Nasenspitze herabfiel. »Daß dich der – –, da möcht man katholisch werden, was die Jugend jetzt für Knirps im Kopf hat,« rief er, »ich bin siebenundvierzig Jahre bei dem Geschäft, ich darf sagen, daß ich's versteh', und daß ich's auch jemand lehren kann, und doch hab' ich drüben in der Werkstatt Gesellen, die schon fünf und sieben Jahre dabei sind, ich will das Mikroskop da auseinander legen, ich will's, wie es da ist, auffressen, wenn mir's einer wieder zusammenlegen kann wie sich's gehört. Da meinen sie nur, aus den Büchern könnt' man alles lernen, ich geb' keinen Pfifferling für all die Geschichten: das Papier ist geduldig, das läßt darauf drucken, was man will. Ich hab' auch einmal ein Mikroskop gemacht nach der Vorschrift, wie es in einem Buch gestanden hat, aber es war gerad' für nichts. Wer nicht selber bei dem Geschäft ist, der kann sein Lebtag nicht wissen, wie man nur die rechte Blende ins Glas hineinbringt. Bleibt mir vom Leib mit euren gelehrten Geschichten.« Auch die Frau Meisterin trat hinzu, sie hatte den Nasenklemmer in die Hand genommen und agierte nun heftig mit dem Instrumente. »Ja,« rief sie, »wenn man das nur so mir nichts dir nichts lernen könnte, möchte jeder Weißnichtwas herkommen, und will nur auch schnell Optikus werden.« Nur mit Mühe wurden die guten Leute wieder beruhigt. »Ich bin ein Mensch wie ein Lamm,« sagte dann der Meister, »wer mit mir nicht auskommt, kann mit niemand in der Welt auskommen.« »Ja, er ist nur zu gut gegen alle Welt,« fiel die Frau Meisterin ein, »und was er dann bei anderen verschüttet hat, will er mit mir einbringen.« »Laß gut sein,« sagte der Meister, »du läßt dir nichts geschehen; aber ich will ehrlich und offen mit Euch reden, Ihr sollt nicht hinterdrein sagen können, das hätt' ich Euch vorher sagen sollen. Erstens ist es ein ungesundes Geschäft; seht mich an, wie ich da bin, hab' ich schon mehr als drei Zentner Glas geschluckt; ich weiß wohl, ich treib's nicht mehr lang, nun in Gottes Namen.« »Versündige dich nicht, Christian,« fiel die Frau Meisterin ein, »wenn's mit den Sechzigen so stark bergab geht, und man in drei Jahren dem Doktor und dem Apotheker keinen Deut gegeben hat, mein' ich, dürft' man Gott danken. Ihr müßt nicht alles so genau nehmen, was er sagt.« »Jetzt laß mich reden, ich weiß, was ich red',« entgegnete der Meister, und suchte sich ein Ansehen zu geben; er bog nun nächst dem kleinen Finger auch den Ringfinger an der linken Hand und sprach: »zweitens ist es ein schlechtes Geschäft, es kommt nichts dabei heraus.« »Ja, da hat er recht,« kommentierte die Meisterin, »als wir unser Gewerbe eröffneten, da waren wir und der verstorbene Greenwond, der bei dem abgebrannten Rathause gewohnt hat, die zwei einzigen, und jetzt sind dreiundzwanzig in der Stadt; man verdient kaum mehr das Wasser zur Suppe, und Ehr' und Schande halber kann man doch das Geschäft nicht aufgeben. Wir sind zwei alte Leute, wir brauchen wenig, und mit Sparen und Hausen schlagen wir uns so durch, daß, wenn das Jahr um ist, man mit knapper Not sein bißchen Sach' noch beieinander hat; ich weiß nicht, wie's die Leute machen, die einen Haufen Kinder haben und von dem kleinen Verdienst leben.« Der Vater wollte, durch solche Vorstellungen bewogen, seine Einwilligung zurücknehmen, aber Spinoza blieb standhaft, und so kamen sie mit dem Meister überein, daß Spinoza gegen eine mäßige Entschädigung so lange lernen dürfe, als es ihm behage. Es war nun abermals eine neue Atmosphäre, und zwar eine mit Pechgeruch und Glasstaub erfüllte, in welche Spinoza eintrat. Einen großen Teil des Tages brachte er fortan in der Werkstätte zu. Er lernte den scharfen Diamant handhaben, der in den einen Schenkel des Zirkels eingesetzt war, um aus den Scheiben Stücke von beliebiger Große herauszuschneiden, aber noch nahmen diese Stücke beim Bruche willkürlich kristallisierte Formationen an. Spinoza trat nun in den ersten Grad der edlen Schleifkunst ein. Das ausgeschnittene Stück wurde mit Pech auf eine Schraubenmutter aufgesetzt, diese an einen Hebel befestigt und nun mit dem rechten Fuße das Rad gedreht. Um dieses war ein Riemen gespannt, der griff in eine Spindel ein, darauf ein ganz flacher bleierner Teller aufgesetzt war; der Teller drehte sich und mit der linken Hand wurde der Glasscherben darauf gedrückt, der so lange Kreise auf demselben beschrieb, bis das Glas die beabsichtigte Form erhalten hatte. Stets mußte nasser Flugsand aufgeschüttet werden, um die Entzündung der harten sich reibenden Stoffe zu verhüten, um die Rauheit des Bleis zu vermehren. Das erste Stadium war hiemit beendigt. Spinoza mochte sich wohl das Handwerk weniger mühsam und vor allem reinlicher gedacht haben; aber gerade diese Beigaben der Arbeit wurden seiner Denkerweise wieder zu einer notwendigen Durchdringung des Wesens. Die Menschen sind leicht geneigt, rauh und abstoßend erscheinende Tätigkeiten als niedrige herabzusetzen; Spinoza gewöhnte sich immer stetiger daran, die Vorkommnisse des Lebens nicht nach gewohnten Eindrücken zu erfassen, sondern in ihrem Wesen zu ergründen. Auch diese Arbeit ist nur ihrer einseitigen Erscheinung nach unreinlich, nur der Arbeitende wird während seines Tuns von Sand und Staub bedeckt, die Arbeit an sich aber hat die höchste Sauberkeit und Reinheit zum Zweck. – Im zweiten Stadium entschied sich's nun, ob das flache Glas eine hohle oder erhabene Form erhalten sollte, und je nachdem wurde eine hohle oder erhabene Messingplatte auf die Walze gesetzt; mit Pech wurde wechselsweise auf der einen Seite des Glases eine Schraube aufgeklebt, und diese in der Mutter vermittels eines Stiftes auf der Messingplatte herumgedreht, worauf dieselbe Bewegung wie im ersten Stadium begann. Zwischendrein mußte immer der durchgeschliffene Schleifsand, nun zum Glättsand verdünnt, mittels eines Pinsels auf die Platte übertragen und dazwischen aus dem daneben stehenden zinnernen Becher ein Schluck Wasser aus dem Mund und auf die Platte gespritzt werden. Nachdem beide Seiten so zubereitet waren, ging es an das dritte Stadium. Der Messingteller wurde heiß gemacht, ein runder Drillfleck, auf der Kehrseite mit Kitt bestrichen, wurde auf der Vorderseite mit sogenanntem Caput mortuum (Eisenoxyd) bezogen, wiederum immerwährend Wasser aufgetröpfelt und so das Glas poliert. Hatte das Glas die drei Stadien, Schleifen, Glätten und Polieren durchlaufen und konnte man mit der Lupe weder Riß noch Fuge entdecken, so war es vollendet. Spinoza hatte die handwerksmäßigen Schwierigkeiten bald überwunden, und das erste Glas, das er von der rohsten Verarbeitung an ohne fremde Beihilfe zur vollen Zufriedenheit des Meisters vollendet hatte, machte auch sein Auge hell erleuchten. Dieses Anschauen der vollendeten Arbeit war wie wechselseitiger Dank: Dank aus dem toten Stoffe, der zu seiner Bestimmung verklärt war, und Dank aus der Seele des Arbeitenden, daß der rohe Stoff das Gepräge seines Willens trug. Die mathematische Berechnung und Zusammensetzung der Gläser begriff er schneller, als der Meister vermutet hatte. Die Bücher mußten doch nicht lauter Unnützes enthalten haben. Während Spinoza hier ein Glas schliff, um den Kurz- und Schwachsichtigen das Ferne nah und das Nahe näher zu bringen, arbeitete er im Geiste die feinsten Okularien aus, um die Geistespupillen der Mit- und Nachwelt zu unterstützen und zu schärfen. – Er freute sich, daß das immerwährende Geraspel nur kurze Besprechungen unter seinen Nebengesellen zuließ. Er konnte umso ungestörter seinen Gedanken folgen. In der Werkstätte war ein lustiger Geselle, mit einer zarten und edlen Gesichtsbildung und kunstlos herabfallenden braunen Locken; mit Singen und Jubeln stelzte er jedesmal zur Türe herein, denn er ging an Krücken, da er krumme und rückwärts gewachsene Füße hatte. Während er seine Krücken neben sich hinstellte, und die Hemdärmel aufstreifend seine Werkbank in Ordnung brachte, die er in eigener Weise nur mit dem Knie drehte, gab er fast regelmäßig eine Rede zum besten. Einst sagte er: »Bin ich nicht viel besser daran als der König Nebukadnezar? Der hat, glaub' ich, irdene Füße gehabt, und hätte nicht über unser schlechtes Pflaster holpern können. Ich hab' doch noch einem Baum seine Arme ausgerissen, und hab' mir Füße daraus gemacht; der nächste beste Adler, der mir zwischen die Beine kömmt, dem rupf' ich seine Flügel aus, und näh' mir sie an; ich kann's von unserem Herrgott schon verlangen, daß er mir Flügel gibt, warum hat er mir Füße gegeben, die ich nicht brauchen kann? Brüder! dann ist's aus, dann könnt ihr fünf Tage in der Woche blauen Montag halten; man braucht keine Feinröhre mehr. Will so ein gelehrter Herr wissen, wie einer von den Sternen aussieht, da bin ich, der Peter Blyning, da; für ein gutes Trinkgeld flieg' ich hinauf und spionier' alles aus. Vielleicht bleib' ich aber auch droben und komm' gar nicht mehr herunter; wenn mich so ein schönes Mondmädchen heiraten will, ich bin gleich dabei, da unten muß ich doch ledig sterben.« Ein schallendes Gelächter lohnte stets seine Worte, und er ergriff jede Gelegenheit, um seine Redekunst zum besten zu geben. »Eigentlich sind wir alle, wie wir da sind, lauter Krückenfabrikanten; was unser Herrgott verpfuscht hat, müssen wir wieder gut machen; hätt' er der Welt bessere Augen ins Gesicht gesteckt, braucht' man keine Fernröhre und keine Brillen. Gott verzeih' mir's, aber ich bin manchmal martialisch bös auf ihn. Was hab' ich ihm getan, daß er mich halb fertig in die Welt geschickt hat? Wenn er mir drüben keine besseren Füße gibt, so kann er sein ewiges Leben für sich behalten, ich nehm's nicht.« Alle glotzten ihn mit blöden Gesichtern an, wenn er so sprach, nur Spinoza suchte ihn zu überzeugen, daß körperlicher Schmerz und Mangel kein wirklicher, und daß es der höchste Beruf des Menschen sei, den ihm von Gott zugeteilten Bestimmungen gemäß zu leben, und nicht nach einer Kraft zu verlangen, die uns von der Natur verweigert ist, sonst kämen mir nie zur wahren Befriedigung. »Ja, Ihr habt gut reden,« sagte Peter, und seine Stimme hatte einen wehmütig zitternden Klang. »Ihr habt gut reden, verlang' ich denn etwas mehr, als was mir als Mensch gehört? Seht, nur ein einzigmal in meinem Leben möcht' ich tanzen, ich schwör' Euch, ich würde mich gleich darauf gern ins Grab legen. Wenn ich Tanzmusik höre, ja in diesem Augenblicke, wo ich nur daran denke, mein' ich, ich müßt' vor Zorn aus der Haut fahren: ich möcht' mir die Augen auskratzen, so schäm' ich mich oft, ich hab' mir schon mehr als einen Rausch getrunken, bloß weil ich gefürchtet hab', ich könnte vor aller Welt weinen.« Spinoza suchte besänftigend auf Peter einzuwirken, er gewann ihn dadurch besonders für sich, daß er sich bisweilen Handgriffe von ihm zeigen ließ; aber unser Philosoph wurde bei seinen Einreden oft gewahr, wie unendlich schwer es ist, von der steilen Höhe des allgemeinen Idealismus herunterzusteigen bis zu den alltäglichen Bedürfnissen und Fragen der gewöhnlichen Menschen. Auch in die Werkstätte war die Kunde gedrungen, daß Spinoza ein großer Gelehrter sei, und die Gesellen waren stolz auf einen solchen Lehrling und rühmten sich dessen in den Schenken; in ihrem Benehmen gegen ihn selbst aber ließen sie ihn unverhohlen merken, daß er doch nur ein Jude sei und hatten einen gewissen Adelsstolz und eine zutrauliche Herablassung gegen ihn. Mit Bekämpfung jeglicher Empfindlichkeit hielt sich Spinoza nur an die letztere Wahrnehmung, sein mildes und doch gehaltenes Wesen entwaffnete jede Roheit und die Gesellen hatten bald eine gewisse wie verabredete Hochachtung vor Spinoza. Ein kurzes, eindringliches Wort, das er sprach, wirkte oft lange nach im Geiste derer, die es gehört. Auch Meister Huygens und seine Frau liebten den bescheidenen und stillen jungen Mann sehr. Es waren nicht Hirten und Fischer, nicht Menschen in einfachen Lebensverhältnissen und im stetigen Verkehr mit der ewigen Natur, zu denen er wie vordem die alten Weisen treten könnte, seine eigene Erkenntnis bereichernd und neue ausstreuend. Da war eine Welt, deren Tätigkeit der ursprünglichen Einfalt ferne lag, da waren Menschen, die tagüber unter allerlei Geräusch lebten: da dringt nur schwer am Feierabend ein Wort in die Seele. Und doch, ob am rauschenden Bach oder am sausenden Rad, der Menschengeist ist sich ewig gleich wie die Luft, die die verschiedenen Schallwellen trägt, und das Priestertum, das dem ewigen Gesetz dient, muß sich immer wieder erneuen. Wie es in der Natur draußen sproßt, jede Pflanze für sich lebt, und doch vor dem Gedanken des Menschen aufgeht und sich zusammenschließt zur großen Einheit, so auch ist die Menschentätigkeit in allerlei Berufsarten gesondert, die jeder, nur auf das einzelne gerichtet, zu erfüllen trachtet; vor dem denkenden Geiste aber schließt sich alles zusammen zu einem großen einheitlichen Getriebe. Spinoza fühlte sich besonders beglückt, mitten inne in der Reihe derer zu stehen, die mit ihrer Hände Kraft das Leben erneuen. Denn alles, was da besteht, erfüllt still die Bedingungen des ihm aufgelegten Gesetzes. Die Arbeit aber ist des Menschen. Er vollführt das Lebensgesetz, indem er es frei erkennend betätigt; und es ist ein großer majestätischer Chor, der all das Lehren und Federkritzeln, all das Hämmern, Graben, Bohren und Sieden in vereinzelten Werkstätten und was daraus hervorgeht, zusammenschließt. Das stille Naturleben hat das bloße Dasein, die Erkenntnis hat das Denken für sich; in der Arbeit ist Dasein und Denken eins. Spinoza war einig, heiter und zufrieden. Nicht so zufrieden war Olympia, als er ihr seine neue Lebensweise erzählte: »Es freut mich zwar, daß wir auch hierin übereinstimmen,« sagte sie, »den ganzen lieben langen Tag bloß eigenen oder fremden Gedanken nachhängen, ist zu viel oder zu wenig Arbeit; ich komme dann meist so weit, daß mir's peinlich wird und ich froh bin, wieder die Stiche zählen zu müssen. Wenn ich sticke, da hab' ich meine besten Gedanken. Sehen Sie die Rosenguirlande dort? Geschichten, toller, umfangreicher als die Gesta Romanorum sind dort unter den Nähten gefangen – ach! wie froh war ich damals, daß ich eine Handarbeit kannte.« »Ich arbeite aber nicht bloß, damit meine Hände etwas zu tun, sondern auch, damit meine Zähne etwas zu kauen bekommen.« »Ich bemerke seit geraumer Zeit,« erwiderte Olympia, »die Lektüre des Tacitus bewirkt einen ganz besonderen Humor bei Ihnen.« »Daß ich nicht wüßte, es ist mein völliger Ernst, ich will durch mein Handwerk künftig für meine Nahrung sorgen.« »Wozu hätten Sie denn aber so viele Kenntnisse gesammelt? Ich will nicht hoffen, daß es bloßer Egoismus war. Mein Vater will sein Institut erweitern und da sollen Sie ein Hauptlehrer werden; wollen Sie nicht mein Kollega sein?« »Ich muß leider nein sagen. Nennen Sie es immerhin Egoismus, ich habe die nächsten Pflichten gegen mich, und muß erst mit mir im reinen sein: kann ich dann etwas lehren, was den Menschen nützlich ist, werde ich's bedenken, aber nie und nimmer werde ich die kleinste Überzeugung für ein vergängliches Gut verhandeln.« »Sie erscheinen doch stets wie der Deus ex machina ,« sagte Olympia zu dem eintretenden Oldenburg, »wissen Sie schon, Ihr Taufpate bereitet sich vor, erbgesessener Meister eines Handwerks zu werden?« »Ein Apostel aller Lande, wollen Sie sagen,« entgegnete Oldenburg. »Wär's noch eine Beschäftigung,« fuhr Olympia fort, »wie sie die großen Weisen und Staatsmänner des Altertums hatten, der Feldbau, das ließe ich mir noch zur Not gefallen; es liegt etwas Großes darin, so die Extreme zu vereinigen und mit dem gebildetsten Geiste die Arbeit des rohen Naturmenschen zu verrichten, selbst die des Fischers und Zimmermanns hat noch etwas Poetisches; aber in einem Winkelzimmer Gläser zu schleifen, da verdumpft und verkrüppelt Leib und Seele. Mir kritzelt's in der Vorstellung, wenn ich nur an Glasschleifen denke. Die Hand eines Philosophen, die das Rad einer Maschine dreht und sich mit dummem Handwerkszeug abmüht: das ist ein widerwärtiger Gedanke.« »Schelten Sie das Handwerkszeug nicht,« entgegnete Spinoza mit besonderem Ernste, »es ist ein Attribut der Menschennatur. Das Tier hat nur seine natürlich angeborenen Werkzeuge zum Bau seines Nestes, zur Erlangung seiner Nahrung, zu Verteidigung und Angriff; der Mensch hat die außer ihm liegenden Erzeugnisse der Natur zu seinen Gliedmaßen gemacht: fehlt ihm die Flugkraft des Vogels, die Schnellfüßigkeit des Hirsches – Pfeil und Kugel überholen beide; seine Hände können nur mühsam den Boden aufgraben, er schmelzt das Eisen und spitzt es zu Hacke und Pflug und jocht die Kraft der Tiere ein, und Baum und Stein zerschneidet und formt er. Die friedlich bildenden und schaffenden Werkzeuge sind das edelste Erbe der Menschheit, sind heilige Überlieferungen. Wer ein verbessertes Werkzeug den Nachkommen übergibt, reicht ihnen die helfende Hand, und hier gibt es Tausende unsterblicher Geister, die namenlos fortwirken. Könnte ich in Denken und Tun etwas hervorbringen, das den Menschen außer mir zur Erkenntnis und Verschönerung des Lebens dienen kann, ich wäre glücklich: nie aber darf man vergessen, daß alles Überlieferte nur Werkzeug zu eigenem Schaffen ist.« »Das ist alles schön und sinnreich,« sagte Olympia, und nach Frauenart einen einzelnen Gedanken herausreißend, fuhr sie fort, »das können Sie ja aber alles denken, ohne selbst Handwerker zu sein. Warum wollen Sie sich mit heiligen Äxten, heiligen Hacken und heiligen Feilen belasten?« »Weil ich, um in Ihrer Weise zu antworten, mit einem heiligen Körper belastet bin, der sein Futter will; und an dem Handwerke, das ich gewählt habe, will ich Ihnen noch dazu alle Künste der Dialektik vordemonstrieren: zwei hohlgeschliffene Gläser aufeinander gelegt, zeigen einen durch sie betrachteten Gegenstand verkehrt, das Reflexionsglas dazwischen bringt ihn in seiner wahren Gestalt näher.« »Wann bist du geboren?« unterbrach ihn Oldenburg. »Eine sonderbare Frage, Herr Gevatter,« erwiderte Spinoza, »wenn du's noch nicht weißt, im November des Jahres 1632.« »Das paßt vortrefflich,« fuhr Oldenburg fort, »du hast wohl nie etwas von dem Görlitzer Apostel gehört, der ewig in apokalyptischer Ekstase faselte? Im November 24 hat er das Zeitliche gesegnet; er war seines Handwerks ein ehrsamer Schuster, und ich werde nun aus der Apokalypse beweisen, daß sieben Jahre nach seinem Tode ein neuer Philosoph geboren werden mußte, der auch ein Handwerker ist.« »Ihr Beispiel hinkt,« sagte Olympia, »denn Ihr Jakob Böhme war ein Schuster und wurde als solcher ein Philosoph, während unser Malediktus vom Philosophen zum Handwerker wurde.« »Verzeihen Sie,« sagte Spinoza, »der Witz hinkt nicht, sondern hat ein Überbein, denn es sind acht Jahre von 24 bis 32.« »Tut nichts,« versetzte Oldenburg, »so ein Jahr wird doch amputiert werden können. Aber ernstlich, du beleidigst deine Freunde durch den Zweck, den du mit deiner Lebensart erstreben willst; mir ist die Sache so selbstverständlich, daß ich nicht nur vor unserer Freundin, sondern vor jedem darüber sprechen könnte. Hast du mir nicht selbst zugestanden, daß unter Freunden alles gemeinsam sein muß? Sind wir so ätherisch, daß wir bloß klingende Worte und Gefühle und nicht auch unser klingendes Geld einander mitteilen dürfen?« »Ich erkenne dein freies Herz und du weißt, wie ich dir dadurch am besten danke,« entgegnete Spinoza, »aber ich habe dir schon gesagt, daß ich nie ein Geschenk von einem Freunde annehme, so lange ich von meiner Hände Arbeit leben kann.« Spinoza ließ sich durch nichts abhalten, sein Handwerk emsig zu betreiben. 15. Das Unausgesprochene »Wie gefällt Ihnen Kerkering?« fragte eines Tages Olympia, als dieser nicht zu dem Unterrichte gekommen war. »Wie Ihnen,« antwortete Spinoza. »Sie bauen vielleicht doch zu viel darauf, daß wir uns so oft gegenseitig das Wort vom Munde wegnehmen,« antwortete Olympia: »was haben Sie an ihm zu tadeln?« Spinoza ward feuerrot, da er hierauf geradezu Antwort geben sollte; denn teils hatte er im stillen einen ähnlichen Tadel schon auf Olympia ausgedehnt, teils fürchtete er auch, daß Olympia seine Worte als Eifersucht mißdeuten konnte. Im Nu waren diese widersprechenden Gedanken gekommen und gegangen, und nach einer kleinen Pause fuhr Olympia fort: »Kerkering hat ein von Grund aus gutes Herz; seine Redseligkeit ist ein Nationalfehler der deutschen Hansestädter.« »Nun sehe ich doch,« entgegnete Spinoza, »daß die Juden nicht allein das Schicksal haben, daß man vom ersten besten, der einem in den Wurf kommt, auf ihre Gesamtheit urteilt. Aber beachten Sie doch nur die Geschlossenheit und beständige Richtung nach dem Ethischen im Wesen unseres Oldenburg; warum machen Sie diese nicht zum Typus der deutschen Hansestädter?« »Sie haben recht,« entgegnete Olympia, »aber Sie bringen mich noch soweit, daß ich mir gar kein Urteil mehr erlauben werde; ich lasse mich stets zu sehr von den nächsten Gegenständen bestimmen, und Sie fassen überall das Allgemeine so scharf.« »Nennen Sie es nicht Männerstolz,« fiel Spinoza ein, »aber Sie bestätigen mir eine Wahrnehmung, die mir schon bei meinen Schwestern und deren Freundinnen auffiel: die Frauen scheinen selten Freude an der lautern Gerechtigkeit zu haben, sie urteilen nicht über die Tat, sondern über den Täter, und über diesen mit Zuneigung oder Abneigung.« »Immerhin. Wir sind nicht für die Philosophie auf der Welt. Darin sind Sie also doch mit mir einig: Sie lieben auch nicht das prahlerische Klimpern mit allzeit fertigen Gedankenmünzen; läßt man diese Rechenpfennige allstündlich kursieren, so werden sie abgegriffen, verlieren alles frische Gepräge und behalten nur noch den einmal bestimmten Nennwert. So geht's Kerkering; an wahrem innerem Reichtum fehlt es ihm.« »Es ist alles gut ausgeglichen,« sagte Spinoza, »er hat desto mehr von klingender Materie.« Olympia schien nicht auf diese Wendung eingehen zu wollen, denn sie fuhr jetzt seltsam mit den Augen zwinkernd fort: »Unser Freund Oldenburg will immer, ich solle mich auch gleich meiner Namensschwester Olympia Morata in Poesien versuchen; aber ich muß bekennen, daß ich die Dichter nicht minder verehre als bemitleide, weil sie das Tiefinnerlichste ihrer ganzen Persönlichkeit vor den Augen der ganzen Welt darlegen können und müssen. Ich meine, wenn ich mein Eigenstes, das was den Kern meines Wesens bildet, hinausgegeben hätte an die Welt, ich hätte mich selbst nicht mehr: die Welt hat mich, ich bleibe nur ein Schatten dessen, was ich hergegeben, und ich müßte dann urplötzlich vergehen. Da halte ich es lieber mit den Philosophen des Altertums, die machten nie ihr eigenstes Gemüt zum Gegenstand der Darstellung, sie hatten eine esoterische Lehre, die nur in Symbolen, nie in Worten heraustrat.« »Mit der Idee, von der Sie ausgingen,« sagte Spinoza, »bin ich ziemlich einverstanden; wäre ich Theologe, so konnte ich hier eine Allegorie daraus machen, daß der Hohepriester im Tempel zu Jerusalem nur einmal des Jahrs mit Gefahr seines Lebens das Allerheiligste betrat, von dort den unaussprechlichen Namen Jehovahs aussprach, daß alles Volk, das draußen stand, auf das Antlitz niederfiel. Durch einen kleinen »frommen Betrug« könnte man der Sache die Idee unterschieben, die Sie in anderer Weise soeben ausgesprochen; aber ich liebe das Ausdeuteln nicht, es ist meist Selbsttäuschung oder noch Schlimmeres.« »Nehmen Sie doch die Sachen nicht so barbarisch genau, das ist ja herrlich ausgedrückt: nur einmal, wenn die Gottheit sich mit der Menschheit eint, darf das Allerheiligste des Herzenstempels geöffnet werden und das Unaussprechliche im Worte sich verkörpern. Ja, es gilt auch als Symbol für manche gewöhnliche Lebensverhältnisse: im alltäglichen Umgange sollen die uns nahe stehen, an einzelnen Ritzen, die sich öffnen, ahnen, was drin im Herzen verschlossen ruht und nicht ausgesprochen werden mag.« »Ahnung, auch die zuversichtlichste schließt doch Täuschung in sich.« »Nein, hier nicht, hier gewiß nicht. O! es ist ein seliges Bewußtsein, das Wort verschmähen zu können, und dennoch mit untrüglicher Zuversicht zu wissen, daß alle Wurzeln unserer Seele tief, wo kein Auge hindringt, freundlich verschlungen sind mit einer anderen. Was ist höher, als sich bei den tausend Begegnissen des Lebens so still ins Auge sehen zu können, und zu wissen: da drin lebt alles in gleicher Kraft und unzerstörbarer Harmonie wie in dir selber?« Es war ein Blick voll unaussprechlich innigen Verlangens, mit dem Olympia auf Spinoza sah; ein dunkles Rot durchschoß ihre Wangen, ihre Lippen zuckten fieberhaft, ihr ganzes Wesen war Hingebung. – Spinoza schaute sie mit ruhiger Miene an. Sollte der Mann, der ein so feines Gefühl besaß, um den leisesten Regungen des Denkens und Empfindens nachzugehen, sollte er nicht einsehen, wie hier eine Seele nach bewußter Einigung mit ihm rang? Fühlte er nichts für sie, oder kämpfte er mit starkem Willen eine Neigung nieder, die ihm und Olympia nur Kummer und Unglück bringen konnte? – »Das Unausgesprochene, von dem Sie reden,« sagte er nach einer peinlichen Pause, »muß, wie ich täglich mehr einsehe, bei dem, was wir über Gott und Natur denken, am ehesten ein solches bleiben; man wird meist nur halb verstanden oder mißverstanden.« Es ist klar, er hatte Olympia erkannt, und wollte ihre Gedanken nur auf einen anderen Gegenstand lenken. »Ich werde morgen nicht zu ihnen kommen können,« fuhr Spinoza fort, »meine Schwester Miriam verheiratet sich morgen mit dem jungen Casseres; wenn sie nur recht glücklich wird! Sie versteht mich noch am meisten, wir plauderten oft halbe Nächte lang miteinander.« Diese Ablenkung hatte den beabsichtigten Erfolg nicht. »Sie sind doch um vieles glücklicher als ich,« entgegnete Olympia, »ich stehe so ganz allein. Meine Mutter habe ich nie gekannt. Sie können nicht ermessen, was das für ein Mädchen heißt: die Mutter nie gekannt zu haben; ich habe schon oft darüber nachgedacht, gewiß, es wäre was ganz anderes aus mir geworden, wenn ich nicht unter Männern aufgewachsen und nicht bloß von meinem Vater erzogen worden wäre. Der gräßliche Krieg hat mir meinen einzigen Bruder geraubt; meine Cousine Cäcilie, die seit meines Vaters Abreise bei uns im Hause ist, war seine Braut – ach! Sie hätten sich mit meinem Kornelius gewiß innig befreundet, vielleicht mehr als mit mir.« »Das gewiß nicht – aber es ist eigen, daß Sie beide so heidnische Namen haben.« Wollte Olympia auf diese Worte nicht eingehen oder überhörte sie dieselben wirklich? genug, sie fuhr in gleichem Tone fort: »Ich habe schon oft darüber nachgedacht, wenn doch eines von uns sterben mußte, wär's nicht besser gewesen, ich wäre gestorben? Kornelius hätte der Welt nützen und sie genießen können; aber ich, wozu soll ich leben?« »Um selbst an sich die Freude zu empfinden, um zu erleuchten und zu entzücken durch Ihren Geist und Ihre anmutsvolle Gestalt,« antwortete Spinoza, und er schalt sich in seinem Innern, denn er glaubte einen Frevel begangen zu haben mit dieser Rede. »Sie scherzen,« erwiderte Olympia mit Bitterkeit, »einst, ich gestehe es, war ich auch so eitel, das zu glauben, aber ich lernte einsehen, daß mich die Natur mit einem anderen Lärvchen hatte ausstatten und zu einer anderen Zeit hätte in die Welt schicken müssen.« »Ich bitte,« unterbrach sie Spinoza, »sündigen Sie nicht gegen sich selber; ich weiß gewiß, Sie denken besser von der Welt und von sich selbst. Ich darf Sie nicht loben, Sie sagen ja immer, ich hätte keinen Schönheitssinn.« Cäcilie trat hier zu rechtem Zeitpunkte ein und befreite die beiden von einer peinlichen Unterredung, Spinoza verabschiedete sich bald darauf. Mit dem befriedigenden Gefühle der Selbstüberwindung ging er nach Hause, denn er glaubte mit männlicher Kraft die ersten Keime der Neigung Olympiens erstickt zu haben; eines gewissen heimlichen Triumphs, sich ohne Werbung von einem solchen Mädchen geliebt zu sehen, konnte er sich jedoch nicht erwehren. Olympia war den ganzen Abend verstimmt, und als sie sich zu Bett legte, benetzte sie ihr Kissen mit vielen Tränen. »So weit ist es mit dir gekommen,« sprach sie zu sich, »daß du dich einem an den Hals wirfst, und er die Arme schlaff sinken läßt!« Sie seufzte tief, Cäcilie fragte sie oft, was ihr denn fehle; sie gab keine Antwort und tat, als ob sie nicht mehr wach wäre, in der Tat konnte sie aber noch lange keine Ruhe finden. »Er ist ein herzloser, eigensüchtiger Mensch mit frostigem Verstande.« Nein, das konnte sie doch nicht, so konnte sie ihn nicht denken; seine kindliche Bescheidenheit, seine über alles gehende Wahrhaftigkeit und vor allem die unauslöschlichen Zeugnisse des Wohlwollens und der Menschenliebe in seinen Zügen, das sanfte Lächeln seines lieblichen Mundes, die unergründliche Glut seiner schwarzen Augen! – nein, sie konnte ihn nicht zum Zerrbilde machen. Singend und trillernd stand sie des anderen Morgens auf, und als sie an den Spiegel trat, sprach es aus ihren Mienen: »Nein, so weit ist es noch nicht, und wär' er ein Gott, und dünkte er sich erhaben über alle menschlichen Leidenschaften, es gilt meine Ehre und meine Selbstschätzung, er soll vor mir knieen, und hab' ich ihn dann gewonnen, nun denn, so will ich sehen, was ich beginne.« Mit vergnüglicher Selbstgefälligkeit machte sie ihre Toilette. Nicht so heiter legte Miriam von Spinoza ihre Hochzeitgewänder an, denn das religiöse Herkommen hat sich hiebei in gar wunderlichen und scharfen Gegensätzen gefallen. Unter den schimmernden Hochzeitskleidern muß die Braut das Hemd tragen, mit dem sie einst in den Schoß der Erde gelegt wird – das Sterbehemd; die schönen Locken Miriams mußten von diesem Tage an unter Schleier und Haube begraben liegen, das große Gebet des Versöhnungstages mit dem langen Sündenregister mußte sie beten, weder Speise noch Trank durfte über ihre Lippen kommen, bis unter dem Trauungsbaldachin ihr der Gatte den Liebestrank im Hochzeitsglase reichte, sie daraus trinken ließ und dann das Glas an der Wand zerschellte. Das Familienfest, seit ihrer Vertreibung unter alle Völker das einzige was den Juden an Freude verblieben war, erschloß die ganze Fülle seiner innerlich gehegten Lust. Aus der Rührung, die in den Vorbereitungen zur Trauung und in dieser selbst alle Herzen bewegt hatte, erhob man sich jetzt wie entlastet zu freier Heiterkeit. Die Gatten drückten einander die Hände und sagten sich damit, daß man im Anschauen des neuen Bundes den längst geschlossenen innerlich erneue; Jünglinge und Jungfrauen sahen sich erglühend an, und die einen wurden stille, die anderen desto übermütig lauter, um ihre Regung zu verbergen. Ein lärmendes Stimmengewirre herrschte unter den Versammelten und doch klang es jedem wie Harmonie; man drängte sich hin und her und jedes las die Freude aus dem Antlitze des anderen. Man freute sich endlich bei Tische des trauten Zusammenseins und der festen Angehörigkeit, man sprach es aus und trank dabei einander zu, und in diesem Aussprechen der Freude erwuchs dieselbe nur umso höher. Man lobte Braut und Bräutigam, ihre Schönheit, ihre Herzensgüte, ihr künftiges Glück, und empfand einen Abglanz von all diesem in sich selbst wieder. Baruch war mitten in all der Gemeinsamkeit und Freudigkeit nur umso einsamer und trauriger. War es, weil er an Olympia denken mußte und sich dadurch fremd fühlte oder weil er durch sein Denken überhaupt von der gegebenen Gemeinschaft um ihn her abgelöst war? Die Mahlzeit war vorüber, die Zigarren dampften lustig, die Gesellschaft gruppierte sich nach Gutdünken und jetzt war das Stimmengewirr noch belebter, daraus oft ein helljauchzendes Lachen auftönte. Baruch war am Tisch sitzen geblieben, sein Angesicht war glühend rot, denn auch er hatte nicht minder als die anderen wacker von dem »süßen Feuer« getrunken; stillträumend schaute er in den Grund seines Bechers. Chisdai, der, um seine vormalige Werbung zu verbergen, hier beim Hochzeitsmahle Miriams gesessen hatte, rückte jetzt mit Ephraim Cardoso Baruch näher. »Der Wein erfreut des Menschen Herz« (Ps. 104, 15) rezitierte er, mit lustigem Pathos den Becher schwingend. »Darum wollen die Talmudisten wahrscheinlich auch,« erwiderte Baruch, »daß man keinen lebendigen Wein genieße, sondern ihn vorher schlachte durch das Hinzugießen von Wasser.« Baruch sprach diese Worte in seinen Becher hinein, Chisdai mußte sie überhört haben. »Ja,« sagte Ephraim und trank Baruch zu, »unsere Vorfahren haben auch zu leben verstanden. Heißt es nicht im Talmud: der Geist Gottes ruht auf dem Menschen nur in der Freudigkeit? Ich war einmal dabei, als der verstorbene Professor Barläus zu Rabbi Menasse ben Israel sagte: nur die Griechen allein, nicht einmal die Römer, hätten wahrhaft gewußt, wie man angenehm lebt; die Juden hätten sich nur ewig damit beschäftigt, zu ergründen, was Gott sei, wie er sei und wie man ihm dienen müsse; das hätten sie auch in ihrer Art so ziemlich herausgebracht, die wahre volle Lust des irdischen Lebensgenusses sei aber dabei zu Grunde gegangen. Jetzt sollt' er einmal herkommen und sehen, ob wir nicht auch lustig und guter Dinge sein können in aller Gottesfurcht.« »Du meinst es gut, Ephraim,« sagte Baruch und trank ihm freundlich zu. »Und wenn's auch wahr wäre, was der Christ gesagt hat,« rief Chisdai und schlug dabei auf den Tisch, »darf man nicht alle Annehmlichkeiten, ja das Leben selbst hingeben für den Preis, daß wir allein die Offenbarung von dem wahren Wesen Gottes besitzen? Wir allein sind frei von jeglichem Wahn und Trug.« »Ho! ho!« sagte Baruch, »du nimmst den Mund zu voll. Weißt du denn nicht, daß im Traktat Sabbat (und er bemerkte dabei nach Art der Schriftgelehrten die Seitenzahl 32) von dem Talmudisten Rabbi Samuel erzählt wird, er sei nie über eine Brücke gegangen, wenn nicht jemand von einem anderen Glauben mitging, weil gegen zwei Religionen zumal der Satan keine Gewalt haben könne?« Chisdai kraute sich in seinem jungen Barte und fragte dabei: »Du studierst jetzt die Griechen und Römer, sage mir: findet sich im Judentum nicht alles und noch weit mehr, als alle Wissenschaften aller Völker je ergründen konnten?« »Betrachte die Sache recht,« antwortete Baruch, »so steht in der Bibel ebensowenig oder ebensoviel von der lauteren Wahrheit als in anderen Büchern; betrachte es unparteiisch, und nicht vom jüdischen Stolze befangen: wird die menschliche Seele nicht bald im Blute bald im Odem steckend gedacht? Ja noch mehr, ist nach allen Stellen der Bibel Gott ein unkörperliches Wesen? Ich weiß wohl, die Bibel soll den Leuten die Sache mundgerecht gemacht haben, aber bedenke nur: Gott wird im Räume gedacht, denn er läßt sich in Wolken und Feuer gehüllt auf den Sinai nieder; in der Vision, da Moses ihn sah, war sein Fußgestell wie weißer Saphir. Und das ist die höchste Wahrheitsidee von Gott? Es finden sich mitunter erhabene und reine Ideen von Gott in der Bibel, aber wie er in den Dingen und aus ihnen ist, wie er sie schafft und erhält, das finde ich stets nur als vorweg angenommen, nie erwiesen. Und selbst das, worauf wir den meisten Nachdruck legen, der Begriff: der eine, der einzige, ist nicht ausreichend und kann nur uneigentlich gebraucht werden; weil wir von der allgemeinen Wesenheit Gottes uns keinen Begriff und Ausdruck bilden können.« Chisdai ballte die Faust unter dem Tisch. »Und die Propheten,« fragte er, »die haben alle nichts Rechtes gewußt?« »Die Propheten,« antwortete Spinoza, »waren große und rechtschaffene Männer, teilweise mit einem Geiste, der die Unendlichkeit und das All zu umfassen strebte; es waren Männer, denen zwar zunächst das Schicksal Israels, aber auch das der ganzen Welt am Herzen lag, wie Jesajas (16,9) »um Jäser weinte«; dabei waren sie aber Menschen wie wir, ja sogar in manchen Dingen noch unwissender als wir, denn sie kannten oft die ersten Grundsätze der Naturkunde nicht; wenn der Geist Gottes stets unmittelbar aus ihnen gesprochen hätte, wie konnten ihnen so einfache Dinge verborgen bleiben?« Er sprach noch weitläufig über diesen Gegenstand, und in Einzelheiten, die er anführte, wurde er immer schärfer und bestimmter. Chisdai blieb ruhig und kalt, nur bisweilen knirschte er die Zähne; als er endlich genug gehört hatte, entfernte er sich mit Ephraim, ohne ein Wort zu reden. Spinoza blieb allein am Tisch, er mochte nicht aufstehen, so unbehaglich und zuwider war ihm alles. Eben hatte er einen Becher Wein hinuntergestürzt, um seine Gedanken zu verscheuchen, als seine Schwester Miriam zu ihm trat: »Was hast du getan?« sagte sie. »Der widerwärtige Chisdai speit ja Feuer und Flamme gegen dich. Ich stand eben draußen bei der Chaje in der Küche, und erinnerte sie daran, wie sie einst von meiner Hochzeit geträumt hatte, da hörte ich, wie Chisdai rief: Verflucht sei die Luft, die dieser Schändliche einatmet, du hast es gehört Ephraim, wie der Baruch Gott und die Propheten geschmäht hat; o! daß keine Hand vom Himmel herabreichte und ihm seine Lästerzunge aus dem Rachen riß! Aber ich will mein Haupt nicht ruhig niederlegen, bis er vertilgt ist von der Erde. – Ephraim suchte ihn zu beruhigen. Es ist gut, daß du dabei warst, fuhr Chisdai fort: ein Zeuge ist nicht beglaubigt, du mußt mit mir vor das Sanhedrin, wir wollen ihn anklagen, er muß in den großen Bann, ich setze noch meinen Fuß auf seinen Nacken. Ephraim sagte: er trete nicht gegen dich auf, er habe nichts gehört. So? rief Chisdai, und packte ihn beim Arm, du willst nicht? So mußt du schwören, daß du nichts gehört hast, und tust du's, dann kannst du mit ihm zum Satan gehen. – Ich hab' alles gehört, sie haben mich nicht bemerkt. Aber lieber Bruder, du bringst ja das fürchterlichste Unglück über uns, eher möcht' ich heut an meinem Hochzeitstage sterben, als daß ich so etwas erleben sollte.« Spinoza beruhigte seine Schwester, sich selber konnte er aber nicht beruhigen. »Wie groß dünktest du dich gestern,« sprach er zu sich, »als du zu Olympia sagtest: die Ansicht von den höchsten Dingen muß unausgesprochen in der Seele ruhen. Nun hast du dich erprobt.« Er war den ganzen Tag in tiefes Leid versunken. Chisdais Bemühungen hatten den gehofften Erfolg nicht, überall nahm man Rücksicht auf Benjamin Spinoza und seinen einflußreichen Anhang; auch standen nur Worte, keine Tatsachen gegen Baruch da. Chisdai mußte sein Unternehmen auf gelegenere Zeit verschieben; er konnte diese leicht abwarten, denn Baruchs Vater lag bald nach der Hochzeit Miriams wieder schwer krank danieder. Niemand wollte dem kranken Manne das Gerede, das über seinen Sohn herrschte, hinterbringen. 16. Pantheismus Olympia entfaltete von Tag zu Tag den Reichtum ihres Gedanken- und Gemütslebens immer freier vor Spinoza, und dieser fühlte sich aufs erfreulichste angeregt von der Spannkraft und Lebendigkeit ihres geistigen Wesens. Sie hatte nicht nur den bei Frauen besonders seltenen Mut, die rückhaltslose Wahrheit zur Berichtigung ihres Denkens zu verlangen, sondern auch den, die Ausführung dieser Forderung unverletzt und frei entgegenzunehmen. Dabei hatte sie eine Art hausmütterlicher Wirtschaftlichkeit, die alles Eingebrachte, auch das was sie zunächst nicht zu verwenden wußte, mit freundlicher Bereitwilligkeit in Verwahrung nahm. So kam es, daß sie immer zu neuen Darbringungen reizte, und manches, was der Bringer selbst vergessen hatte, holte sie bei gelegener Zeit zur Überraschung wohlverwahrt hervor und erregte dadurch ein doppelt freudiges Gefühl in dem Urheber, die Freude an dem unverschleuderten Besitze und an der treuen Hüterin desselben. So kam es, daß das Denken Spinozas leicht eine Beziehung zu Olympia nahm, daß er gegen sie noch mitteilsamer war als gegen die Freunde. War solche Hingebung nicht Liebe? Spinoza wußte sich frei vom Verlangen nach dem Besitze Olympias, er hatte so manches an ihr zu tadeln, und kann die Liebe an dem Gegenstande ihrer Verehrung einen Tadel finden? Er durfte es aber doch mit Recht mißbilligen, daß Olympia so oft auf Reichtum und Hochgenuß ihrer früheren Erlebnisse mit unverwüstlicher Naivität zurückdeutete; hätte mit seiner Erscheinung ein neues Leben für sie begonnen, wozu dann die Auferweckung des Toten? Mußte nicht alles Vergangene spurlos verschwinden vor der beglückenden Gegenwart? Olympia hatte sonderbarerweise geglaubt, durch ihr historisches Recht das ihr jetzt teilweise abgehende Naturrecht zu verstärken, aber gerade, daß Spinozas Tadel sich hierauf wendete, konnte als Beweis dienen, daß er nicht so ganz frei war von Verlangen nach ihrem Besitze, weil er ja nach Alleinherrschaft über sie strebte. Spinoza und Oldenburg waren eines Tages bei Olympia. »Der Himmel scheint uns heute nicht günstig,« sagte Oldenburg, »denn er schneidet ein so weinerliches Gesicht, daß wir wohl darauf verzichten müssen, heute einen frohen Tag auf Ihrer freundlichen Buiten (Landhaus) zu verleben.« »Der Himmel,« wiederholte Olympia scherzend, »das war eine schöne Erfindung; sehen Sie, der Wetterprophet dort (sie deutete auf den Barometer) der gilt jetzt. Der Himmel kann nicht mehr tun, was er will, Toricelli hat ihm den Meister gezeigt. Ist es nicht zum Verzweifeln, daß wir keinen Himmel und keine Hölle mehr haben? Kopernikus und Galilei haben glücklicher als die Titanen den Himmel gestürmt. Die Sterne sind in der Nähe dunkle Körper wie die Erde, und die Erde ist in der Ferne so leuchtend als die blinkenden Sternlein; der sternbesäte Fußteppich ist weg, wo ist nun der Thron Gottes aufgestellt? Die Hölle haben wir auch nicht mehr. Da meinte man immer, drunten, weit drunten, dort braten und sieden die Gottlosen, bis Kolumbus immer nach Westen steuerte, und jetzt wissen wir, daß da unten auch Leute sind, die gerade so leben wie wir; wo bringen wir nun unsere Frommen und unsere Gottlosen unter?« »Jufrow Olympia,« antwortete Spinoza, »waren Sie nicht am letzten Freitag ganz mit mir einverstanden, als ich Ihnen erklärte, daß die Äußerlichkeiten dieser Dinge mit Recht gefallen sind und man doch den Begriff derselben festhalten kann? Jene Erhebung des Geistes, wo man aus der Harmonie seiner selbst übergeht und eingreift in die allgemeine Harmonie, in das Wesen Gottes, nennen Sie es, wenn Sie den Ausdruck so sehr lieben, meinetwegen den Himmel und seine Seligkeit; jenes Hinausgerissensein aus sich selbst, nirgends in sich einen Halt und nirgends nach außen eine Handhabe, im Widerspruche mit den Gesetzen seiner naturgemäßen Bestimmung, von den kleinsten Schwankungen erschüttert, ohne jenes Bewußtsein der Einheit mit dem All, gibt's eine schreckensvollere Hölle?« »Wohl,« entgegnete Olympia, »aber meine früheren Begriffe waren mir doch lieber.« »Das glaub' ich,« sagte Oldenburg, »man kann sich solchen metaphysischen Begriffen nicht an den Hals werfen; daran ist aber Freund Spinoza nicht schuld.« Oldenburg hatte keinen Doppelsinn in seine Worte legen wollen, und doch machten sie fast einen solchen Eindruck. Olympia errötete; eine Pause trat ein, doch schnell suchte die Betroffene den Faden des Gesprächs wieder aufzunehmen. »Sie glauben kaum,« begann sie, »wie namenlos unglücklich ich war, da ich als Kind von zehn Jahren – ich verbitte mir, daß Sie nachrechnen, wie lange das her ist – zum ersten Male erfuhr, daß es keinen Himmel gebe, und daß sich die Erde stets im endlosen All herumdrehe; es war mir, als ob ich mein Leben auf Händen trüge und es jeden Augenblick könne fallen lassen. Über die Bewegung der Erde beruhigte mich mein Vater bald, aber den Himmel kann ich noch nicht verschmerzen. Es war doch schön, als er noch ein festes Gewölbe war, und jetzt ist das blaue Rund nichts als eine Lichtbrechung, das Blau des Himmels nichts anderes als das Blau ferner Berge, erzeugt durch die Beleuchtung von der einen und den Hintergrund dunkler Körper von der anderen Seite. O unser schöner blauer Himmel!« Spinoza gedachte bei sich jenes Schmerzes nach dem Tode seines Oheims Immanuel; es war ein eigen ansprechendes Gefühl für ihn, daß Olympia in ihrer Weise fast gleiche Kämpfe hatte bestehen müssen wie er. Oldenburg übernahm es, für ihn zu antworten: »Ich bedaure herzlich,« sagte er, »daß Sie der reizenden Hoffnung beraubt sind, einst Ihre metallvolle Stimme im Chore der Engel ertönen zu lassen, und mit Flügelein auf dem Rücken, die in allen Farben des Regenbogens schillern, zur Kurzweil den lieben langen Tag Hosianna und Halleluja zu singen.« »Die Botschafter des Himmels bedienen sich doch keiner solchen verbrauchten Schmeicheleien, wie die Gesandten der Hansestädte,« erwiderte Olympia rasch, und zu Spinoza gewendet fuhr sie fort: »Sehen Sie, ich kann Ihnen aus der Nähe ein Beispiel anführen, welch eine gute Herberge der alte Himmel ist. Meine Cousine Cäcilie – die heute ungewöhnlich lang in der Messe bleibt – war die Braut meines Bruders Kornelius, nun er tot ist, sieht sie mit Freuden ihre Reize wegsterben, denn ihr tägliches Gebet ist, daß es Gott gefallen möge, sie bald im Himmel mit ihrem Bräutigam zu einen. An seinem Geburtstage schreibt sie jedesmal an ihn, erzählt ihm genau ihre Schicksale vom letzten Jahre, und freut sich, daß nun wieder ein Jahr um ist an der langen Frist, bis zu ihrer endlichen Vereinigung. Es ist mir oft unheimlich, mit ihr umzugehen, es ist mir, als ob ich eine Schlafwandlerin vor mir habe, die durch einen unvorsichtigen Ruf von mir plötzlich aus ihrer sichern Höhe herabstürzen könnte.« Cäcilie trat ein, in tiefe Trauer gehüllt, die sie seit dem Tode ihres Bräutigams nicht abgelegt hatte; aus der landesüblichen schwarzen Faille, die auf dem Scheitel befestigt, über den ganzen Körper herabhing, blickte ein blasses, edelgeformtes Gesicht hervor, auf welchem Kummer und Schmerz sich heimisch gemacht; die müden Augenlider senkten sich über die blauen Augen, deren Feuer fast erloschen war. Jener peinliche Schreck; der sich einer Gesellschaft bemächtigt, wenn eine Person, von der gerade gesprochen wurde, plötzlich in dieselbe tritt, steigerte sich hier noch durch die eigentümliche Erscheinung Cäciliens, die mit dem Rosenkranze in der Hand und der frommen Duldersmiene im Angesichte einer verklärten Büßerin ähnlich sah. Olympia ärgerte sich im stillen – was die beiden Freunde bei sich schon getadelt hatten – daß sie die Geheimnisse einer gebrochenen Seele hier so unverhohlen preisgegeben hatte. Niemand konnte das Wort finden, mit dem man das Gespräch schnell wieder auffassen konnte; selbst Oldenburg, sonst der abgesagteste Feind aller Vergrämung, konnte sich eines gewissen Schauers nicht erwehren, während er Cäcilie betrachtete. Diese fühlte indes, daß sie eine Störung veranlaßt und entfernte sich bald mit der Entschuldigung, einen Besuch vergessen zu haben. »Ich beneide Cäcilie oft um die Seligkeit ihres Glaubens,« sagte Olympia. »Die könnten Sie sich auch aneignen,« erwiderte Spinoza. »Nein, ich kann nicht,« entgegnete Olympia heftig, »ich klagte mein Unglück einst meinem Oheim Bonifazius, der hier Priester bei St. Johann war; er riet mir, die Bibel zu lesen, ich tat's, und es half nichts. Er sagte mir stets, ich müßte sie mit gläubigem Sinne lesen, aber den suchte ich ja erst in ihr, und wenn ich ihn schon hätte, brauchte ich die Bibel gar nicht. Es ist mir oft so bang und schwer, wenn ich mir bewußt werde, wie ich Zusammenhang und Gang der Welt so gar nicht begreifen kann.« »Ich glaube, Cartesius könnte Sie von Ihren Zweifeln erlösen.« »Oldenburg, du wirst ja ein eifriger Freiwerber für deinen philosophischen Kriegsmann,« sagte Spinoza, »meinst du, Jufrow Olympia könnte sich mit der Ansicht vereinigen, daß Seele und Körper jedes für sich ein selbständiges Wesen ist, die einander nicht folgen würden, wenn nicht der unaufhörliche Beistand Gottes sie zusammenkoppelte und zum gegenseitigen Gehorsam zwänge?« »Das wäre ja ein zusammengejochtes Paar, wie Frau Gertrui Ufmsand die unfreiwilligen Ehen nennt; die hass' ich für den Tod.« »Sprich es unverhohlen aus, findest du denn Cartesius' Lehre so durchaus ungenügend?« fragte Oldenburg. »Es ist nicht meine Art, die Fehler anderer aufzudecken.« »So sage uns einfach positiv deine Lösung des ewigen Problems.« »Das ist nicht so leicht getan; Regeln, die auf äußere Taten abzwecken, lassen sich leichter in Positionen fassen als die Denkprozesse.« »Ich habe schon bemerkt,« sagte Oldenburg, »du setzest statt wie Cartesius cogito ergo sum (ich denke, darum bin ich) sum cogitans (ich bin denkend). Denken und Sein ist ineinander, nicht auseinander. Da ist Knall und Blitz eins, wenn auch zweierlei Sinne sie erst nacheinander fassen.« Spinoza nickte lächelnd und erst nach langem Widerstreben erklärte er: »Der Zusammenhang, in welchen Cartesius seine beiden Substanzen durch eine verbindende dritte gebracht hat, ist nur ein äußerlicher; es kann aber nicht zwei vollkommen selbständige und unabhängige Wesen nebeneinander geben, denn wo das eine aufhört, fängt das andere an, sie treten in ein Verhältnis, in das bestimmte Verhältnis der Begrenzung und Negation zueinander, eines hebt somit die absolute Selbständigkeit des anderen auf. Es kann aber auch nicht zwei gleich vollkommene Wesen neben einander geben, denn: sind sie total oder teilweise ungleich, so ist keines derselben vollkommen, weil jedem einzelnen gewisse Vollkommenheiten des anderen abgehen; sind sie total gleich, so sind sie eines. Somit sind jene beiden Substanzen nicht von einer dritten zusammengehalten, sondern sie sind nur Äußerungsarten der einen und wir können als vollkommen und absolut selbständige Substanz nur eine denken, und die ist: Gott – Geist und Materie, Denken und Ausdehnung im All sind nur zwei besondere Äußerungsarten des einen und selben Wesens.« »Ist also Gott?« fragte Olympia. »Nur Gott ist, der Begriff Gottes schließt das Sein ebenso notwendig in sich, als der Begriff eines Dreiecks in sich schließt, daß die drei Winkel gleich seien zwei rechten.« »Können wir also von Gott einen ebenso klaren Begriff haben als von einem Dreieck?« »Fragen Sie, ob wir von Gott einen ebenso klaren Begriff haben können als von einem Dreieck, so antworte ich mit ja; fragen Sie, ob wir ein so klares Bild von ihm haben können als von einem Dreieck, so antworte ich mit nein. Denn wir können uns Gott nicht bildlich vorstellen, sondern nur denkend erkennen. Er ist die Unendlichkeit aller Eigenschaften als eines gedacht, wir erkennen ihn aber nur aus einzelnen Manifestationen, die wir auf ihn als den Mittelpunkt zurückführen; diesen Mittelpunkt selber aber als solchen können wir nicht erfassen, und ihn nicht durch eine Vorstellung vollkommen erschöpfend dartun. Die Worte: einer und einzig, mit denen man Gott als die allein bestehende Substanz bezeichnen könnte, sind immer noch aus menschlichen Vorstellungsarten genommen. Gott ist eine inkommensurable Größe, die keine Beziehung zu einer anderen haben kann, weil nichts außer ihr ist; ›einer und einzig‹, wenn auch bloß in ihrer Ausschließlichkeit gefaßt, setzen doch noch immer ein Verhältnis zu einem anderen voraus.« »Steht also Gott auch in keinem Verhältnis zu Natur und Geschichte?« »Nichts ist, was nicht in ihm und aus ihm ist, alles was geschieht, tut er, alles was ist, ist er; es wandelt nur die Form, das Ewige, Unendliche ist stets dasselbe.« »O, das ist herrlich,« rief Olympia. »Die reine kindliche Freude an der Natur mit ihren versteckten lachenden Gottheiten, wie sie die Alten hatten, vermählt sich hierin so schön mit jenem Schauerlichen, Kniebeugenden, das Juden und Christen bei ihrer Naturbetrachtung haben; in uns selbst wohnt Gott, von den Purpurlippen der Rose, aus den bescheidenen Augen des Veilchens, in den schmelzenden Tönen der Nachtigall spricht derselbe Geist, der auch in mir wohnt, sie kennen und sehen und hören mich, wie ich sie sehe, wir sind eins. Ja, ich glaube, daß auch die unbelebten Gegenstände das haben, was wir ein eigenes Leben, eine Seele nennen und nicht fassen können. Ein ungeschickter Stümper kann eine Flöte verblasen, wie man es nennt, sie gibt den Ton nicht mehr rein und man merkt auch nicht die kleinste Veränderung an dem Stoffe, ihre Psyche ist verletzt; nur ein geschickter Meister kann durch bedachtsame gerechte Behandlung ihr wieder den rechten Ton entlocken, und man merkt wiederum keine Veränderung an dem Stoffe. Ach, und eine Menschenseele kann gerade so verstimmt werden, und sie freut sich, wenn ihr wieder der rechte Ton entlockt wird.« Es war schwer, nach dieser Abschweifung, die doch schließlich ein bestimmtes Ziel hatte, auf die gerade Bahn des allgemeinen Denkens zurückzuführen. Oldenburg wollte den heute ungewöhnlich mitteilsamen Freund dabei festhalten, und nach seiner eigentümlichen Weise suchte er sich zuerst des Bundesgenossen zu versichern und ihn zu gleichem Schritthalten zu vermögen. Er wendete sich deshalb an Olympia, indem er sagte: »Frauen wollen nicht gern eine Darstellung, die nicht in Bildern gegeben ist, hierin sind sie oft den Kindern ähnlich. Wenn die Philosophie aber mit einer Kunst zu vergleichen ist, so wäre es wohl nicht die Musik, sondern eher die Plastik. Ja, lächeln Sie nur. Die Begriffe sind kalt und farblos wie der Marmor. Die Gebilde des Meißels wie des abstrakten Denkens sind nicht Porträte dieser und jener besondern Gestaltung, sie heben sich umso höher, je mehr sie typisch werden, dort der schöne Mensch, hier der wahre Mensch. Der Philosoph ist Plastiker, so paradox das klingen mag.« Auch Olympia war bereit, wieder einzulenken, sie wendete sich aber nicht an Oldenburg, sondern an Spinoza und sagte: »Verschiedene Wege führen nach Rom, auch nach dem Rom des allein freimachenden Denkens. Jeder verarbeitet sich das Gegebene nach Gewohnheit und Bedürfnis. Ich will Ihnen beweisen, daß ich Sie verstehe. Wenn Sie sagen: wir hätten von Gott einen ebenso klaren Begriff, aber kein so klares Bild wie von einem Dreieck, so übersetzte ich mir das so: es gibt keinen reinen Ton, in jedem einzelnen Ton sind verschiedene, nicht nur im Anschlag, Anschwellen und Ausklingen. Wir könnten den reinen Ton gar nicht vernehmen, er wäre uns zu fein, und ebenso können wir uns von der reinen Idee Gottes nur einen Begriff, aber kein Bild machen.« Lächelnd sagte endlich Spinoza: »Ich wollte nur noch ausführen, daß, obgleich wir uns eins fühlen mit dem All, die Stufen des Bewußtseins von der innewohnenden göttlichen Kraft doch unendlich verschieden sind. Vor allem müssen wir aber jenen Menschenstolz ablegen, der alles um sich her als Mittel und sich allein als Selbstzweck ansehen will, der allem nur so viel Geltung beimißt, als er Beziehungen zu ihm, dem vermeintlichen Mittelpunkte, daran entdeckt. Alles in der Welt ist Mittel und Selbstzweck zugleich.« »Ich aber bleibe bei der Fahne meines Generalissimus,« unterbrach ihn Oldenburg, »und frage dich: ist das nicht bloß ein verfeinerter Materialismus, auf den du zurückkehrst?« – »Wäre er vernunftgemäß, so wäre er gerechtfertigt; aber ich komme zu ganz anderem. Die allein und ausschließlich bestehende Substanz, die mir als allein vernünftig denkbar bleibt, ist nicht der rohe Klumpen, der allerdings auch nicht aus ihr ausgestoßen ist, ich materialisiere nicht den Geist, ich vergeistige nur die Materie.« »Wie erklärst du aber mit dieser ewig einen Substanz den Uranfang des Weltdaseins?« »Der Begriff von Ursache und Wirkung ist der uns unmittelbar inwohnende und der mit äußerer Evidenz erkannte; geh nun in der Reihe von Wirkungen und Ursachen zurück, so mußt du am Ende bei einer ersten haltmachen, diese erste kann nicht Folge einer anderen sein, sie trägt den Grund ihres Daseins in sich, ist Ursache und Wirkung in der ursprünglichsten Unmittelbarkeit, ist Gott in seiner Offenbarung als Welt. Der Anfang der Welt ist zugleich der Anfang Gottes selbst, das eine ist ohne das andere nicht denkbar, die Welt ist die einzige Äußerung des Gottesdaseins. Hat Gott die Kraft in sich, die Welt zu schaffen, so muß er sie schaffen, denn in ihm wohnt keine Kraft, die nicht unmittelbar heraustritt als Tat; eine in sich verschlossen ruhende Kraft wäre eine Unvollkommenheit, die wir Gott als den Inbegriff aller Vollkommenheiten nicht zusprechen können. Es kann weder ein zufällig oder willkürlich äußerer, noch auch ein derartiger innerer Beweggrund sein, der diese Kraft in die Wirkung übersetzte; ein äußerer nicht, denn Gott, als Inbegriff aller Vollkommenheiten, muß absolut unabhängig und darf einer äußeren Anregung nicht bloßgestellt sein; es kann aber auch kein innerer als Akt der bloßen Willkür sein, denn könnte Gott etwas so oder anders wollen, so könnte er ja auch etwas Unvollkommenes wollen, was seinem Wesen widerspricht; er kann nur das Vollkommene wollen, und sein Wille ist die Tat, somit ist alles in ihm ein Notwendiges. Gott hat die Welt in sich und ist in ihr, Gott und Welt sind gleich ewig. Freilich, die sich Gott als etwas über der Welt, im leeren Raume (den es gar nicht gibt) Schwebendes gedacht haben, denen war Gott vor der Welt, er schuf sie aus dem Nichts und schwebt noch über ihr im Himmel; aber das sah man längst ein, daß aus dem Nichts nicht ein Etwas werden kann, und man mußte sogar seine Zuflucht zu den abenteuerlichsten Emanationstheorien nehmen; da bleibt die Welt stets nur etwas, das Gott von sich losgeschält hat, das er überwacht und in das er von Zeit zu Zeit von oben hereingreift, und so werden nach dieser Vorstellungsweise die Wunder, als Taten, in denen Gott den einmal festgesetzten Gang der Natur aufhob, seine eigentlichen Kundgebungen; Wunder gab es aber nur, solange man daran glaubte, unsere Zeit hat keine mehr, und so wären wir denn von Gott verlassen? Allerdings, wenn diese Ansicht die richtige wäre, sie ist es aber nicht, denn Gott ist nicht die äußerliche, sondern die der Welt selbst inwohnende Ursache des Weltdaseins, in ihm ist alles ein Akt der freien Notwendigkeit, alles.« – »Sehen Sie, ach sehen Sie, da fliegt ein weißer Rabe,« rief Olympia ans Fenster springend, auch Oldenburg stand auf, um zu sehen, was sie zu diesem unzeitigen Scherze veranlaßt hatte; nur Spinoza blieb sitzen, er lächelte ruhig, Olympia aber konnte sich vor Lachen kaum halten. »O Staatsweisheit,« sagte Spinoza, »die nicht merkt, daß ich hier einer Mißheirat zwischen zwei königlichen Begriffsfamilien angeschuldigt werde; aber setz dich nur wieder, ich will dich rächen an der Spötterin. Ich habe jenen Ausdruck mit Bedacht gewählt; sagen Sie mir: was ist notwendig?« »Ich habe die Firmelung schon längst erhalten, und sollte also nicht so geradezu mir meinen Katechismus abfragen lassen; doch – notwendig ist alles, was sein muß.« »Nur halb gefaßt; alles, was ohne inneren Widerspruch mit seiner eigenen Natur nicht anders als sein muß, das ist notwendig; daß in Gott keine schlummernde Kraft gedacht werden kann, habe ich Ihnen soeben gezeigt, und alles, was er tut und ist, tut und ist er aus innerer Notwendigkeit, aber auch frei, denn frei ist: aus sich selbst heraus, von keinem Dinge außer oder neben ihm, bestimmt zu werden; Gott aber, außer dem Nichts ist und der nur stets aus sich selbst heraus will, handelt stets nach vollkommener Freiheit; ja selbst die Menschen sind nicht (wie man gewöhnlich glaubt) dann frei, wenn sie gegen die Gesetze ihrer Natur handeln, denn hier ist es immer nur ein Äußeres und nicht ihre eigenste Natur, der sie gehorchen; nur dann sind sie wahrhaft frei, wenn sie der Notwendigkeit, oder nennen Sie es lieber den Gesetzen ihrer Natur, folgen, denn da sind es wieder nur sie selber, denen sie gehorchen.« »Noch stellt sich mir hier eine Frage auf,« warf Olympia ein. »Gott, der seine Gesetze oder seine Notwendigkeiten aus sich selber hat, der ist in all seinem Handeln frei, aber die Menschen, die den Grund und die Gesetze ihres Handelns von Gott erhalten haben, die handeln nach dem allgemeinen Willen und wären also nicht frei?« »Das einzelne Wollen ist von dem allgemeinen Willen ebenso verschieden, wie der Peter und der Paul von der Menschheit: sie bestehen und handeln für sich im einzelnen frei, obgleich sie im allgemeinen unter den Begriff und die Gesetze der Menschheit fallen, von denen sie sich nicht anmaßen können, daß sie in ihnen vollkommen repräsentiert werden. Wer es so weit gebracht hat, daß sein einzelnes Wollen unmittelbar mit dem allgemeinen Vernunftgesetze eins ist, so daß er sich selber dazu bestimmt, zu was ihn Gott oder die Natur bestimmt hat, der lebt in Gott und ist der höchsten Glückseligkeit teilhaftig; aber auch nur teilhaftig. Im einzelnen, Begrenzten ist nicht das Gesamte eingeschlossen, das ist so unmöglich als die Quadratur des Kreises.« »Dadurch aber,« fragte Oldenburg, »daß alles innerhalb der Grenzen und nach den Gesetzen des allgemeinen oder göttlichen Willens geschieht, wäre ja das Böse ebenso notwendig als das Gute, und die es üben, wären nicht zurechnungsfähig. Alle müßten daher glückselig werden. Es ist also eine Lüge, wenn es in der Schrift heißt, Gott bestrafe die Bösen? Das Böse ist somit ja auch notwendig, und warum schuf es Gott?« »Wenn es in der Schrift also heißt, so ist es, weil sie die Menschen nicht Philosophie, sondern nur Gehorsam und rechtschaffenen Lebenswandel lehren will, und sich daher der gewöhnlichen Ausdrucksweise anbequemt. Gott schuf aber das, was wir nach unseren gewöhnlichen Begriffen Unvollkommenheiten nennen, weil er, mit einem Worte, den Stoff hatte, alles zu schaffen, von der höchsten bis zur niedrigsten Stufe der Vollkommenheit, oder eigentlicher gesprochen, weil die Gesetze seiner Natur so umfassend sind, daß sie zur Schöpfung alles dessen, was nur von einem unendlichen Verstande begriffen werden kann, ausreichten. Die Menschen können wegen ihrer Taten entschuldigt werden, und deshalb doch der Glückseligkeit ermangeln und mit vielem Kreuz und Elend heimgesucht werden. Ich antworte mit Paulus,« fuhr Spinoza mit herbem Tone fort, »Sie handeln ihrer Natur nach wie die Schlangen und müssen dennoch ausgerottet werden wie die Schlangen. Wer durch einen Hundsbiß wütend geworden ist – ist er nicht zu entschuldigen? und doch tut man recht daran, wenn man ihn brennt; wer seine Begierde nicht bezähmen und nicht aus Achtung vor dem Gesetze bezwingen kann, ist wegen seiner Schwäche zu entschuldigen, und doch kann er jener Seelenruhe, jener Erkenntnis und Liebe Gottes – die allein die wahrhaften Güter sind – sich nicht erfreuen, es liegt in der Notwendigkeit, daß er zu Grunde gehe.« »Du sprichst von der Liebe Gottes,« fiel Oldenburg abermals ein, »von der, die wir zu ihm haben, und von der, die er uns angedeihen läßt; wenn, wie du gezeigt hast, Gott alles aus Notwendigkeit tut, so tut er nichts aus Liebe, und weil er alles tun muß, wenn er nicht sein eigenes Sein aufgeben will, kann er unsere Liebe nicht ansprechen und könnten wir sie ihm nicht bieten.« »Das ist ein schöner Einwurf,« entgegnete Spinoza, »muß denn die Liebe etwas der Natur Widersprechendes oder Willkürliches sein, um selbst als solche gelten und Gegenliebe ernten zu können? War das keine Liebe, die dein Vater gegen dich hegte, und liebtest du ihn weniger, weil er dich seiner innersten Natur nach lieben mußte? Was man im gewöhnlichen Leben die Wunder der Liebe nennt, ist hervorgegangen aus jener inneren und somit an sich freien Bestimmung, aus jener höchsten Notwendigkeit, die in unsere Natur gesetzt ist, und das ist die wahre Liebe mit dem unauslöschlichen Stempel der Göttlichkeit. Jede äußere Tat, jede Arbeit, jedes Kunstwerk ist um so vollendeter und freier, je weniger Willkürlichkeit dabei vorwaltet, je durchsichtiger das innewohnende Gesetz geworden ist und sie als freies Naturprodukt erscheinen läßt. Die Erkenntnis dessen, was ein jedes aus sich heraus will oder eigentlich soll, das ist die Erlösung, und darum ist die Liebe zu Gott die höchste Erlösung, oder wie ich es nennen möchte, die höchste Glückseligkeit.« Olympia war den beiden Freunden nur äußerst mühsam und ungern bis zu jenen Eisregionen der metaphysischen Betrachtung gefolgt, wo keine Blume mehr sproßt, kein Vogel mehr singt, und alles drunten in den Nebel der Allgemeinheit gehüllt ist; sie bewunderte und verehrte die Geistesmacht Spinozas, der sie bis hieher trug, und sie einen Blick in die Unendlichkeit tun ließ, aber es war ihr doch unheimlich hier über den Wolken, denn der Weg bis zu ihrer Orgel, ihren schöngereihten Büchern und ihren munteren Kanarienvögeln lag so weit fernab; da trafen sie diese Worte Spinozas wie ein Gruß aus freundlicher seliger Heimat. Jetzt bangte ihr nicht mehr vor diesem himmelstürmenden Heldengeiste, denn wer solche Worte spricht, der kennt die Liebe. Ihre Wangen glühten, ihr leuchtendes Auge blickte starr vor sich hin, ihre ganze Seele war tief erregt. Die beiden Freunde merkten es nicht, denn sie stritten über den ununterbrochenen und unauflöslichen Zusammenhang im ganzen all; endlich sah Spinoza auf Olympia, auch sie sah auf, ihre Blicke begegneten sich. »Wo waren Sie jetzt wieder?« fragte Spinoza mit mildem Vorwurfe. »Ach! überall,« antwortete Olympia wie erwachend. »Aber nur nicht bei uns,« sagte Spinoza; er ahnte nicht, wie sehr diese Worte Olympia verwundeten. »Hier habe ich wieder einen deutlichen Beweis,« triumphierte Oldenburg, »daß Körper und Seele zwei vollkommen selbständige Wesen sind; Ihre Seele schweifte weit weg in entlegene Gebiete und vergaß ganz, daß Sie eigentlich hier bei uns sind.« »Wenn Sie alle Ereignisse des Augenblicks so schnell für Ihr Interesse einfangen, so gratuliere ich den Einwohnern der guten Stadt Bremen zu ihrem Gesandten.« »Beruhigen Sie sich,« sagte Spinoza, »er wollte sich nur für den weißen Raben rächen, es ist ihm nicht ernst.« »Allerdings ist mir's ernst, solche aus nächster Umgebung gegriffene Beispiele wahren am besten gegen vage Spekulation.« »Die sogenannten praktischen Beweise haben leicht etwas Zorniges, ja Fanatisches,« entgegnete Spinoza lächelnd. »Ich habe nur gesagt, daß Geist und Körper insofern unzertrennlich und gegeneinander unselbständig sind, daß sie beide nur als verschiedene Ausdrucksweisen des einen und selben Wesens angesehen werden können; der Geist wird weder durch den Körper, noch dieser durch jenen begrenzt. Noch niemand hat erforscht, was der Körper allein ohne den Geist vermöchte und durch welche Mittel der Geist den Körper in Bewegung setzt, ja es gibt eine große Anzahl von Ideen, von denen wir bestimmt wissen, daß eine gewisse Anlage des Körpers dazu erforderlich ist. Reden und Schweigen selbst, die man als Privilegium des Geistes ansehen und aus denen man dessen unmittelbare Alleinherrschaft dartun will, beweisen nichts, denn im Schlaf und im Rausch redet man ohne freie Willensbestimmung durch den Geist; ein freies Denken, weit über unsere bloße körperliche Sphäre hinaus, findet immer statt, ohne daß dadurch eine selbständige Trennung vom Körper eintrete.« »Eigentlich sollte ich mich nicht gegen deine Ansicht stemmen,« sagte Oldenburg, »diese Gleichberechtigung und sozusagen gleiche Göttlichkeit von Seele und Körper trifft mit einer Lieblingsidee von mir zusammen; es war mir stets zuwider, wenn ich die Phrase hören mußte: das Fleisch gelüstet wider den Geist. Dieser Helotenstand unseres Körpers mit der gottgefälligen Abtötung der Satansnatur unseres Leibes kann, konsequent durchgeführt, wie bei den Hindus, den Selbstmord nicht nur entschuldigen, sondern sogar als höchste Moralpflicht darstellen.« »Paradox, sehr paradox,« sagte Spinoza: »der Selbstmörder bleibt unter allen Umständen ein Geistesschwächling, da er sich von äußerlichen Dingen, die sich mit seiner Natur in Widerspruch gesetzt haben, so ganz und gar niederdrücken läßt. Von der untersten Stufe des natürlichen Daseins bis höher hinauf ist das Grundbestreben eines jeglichen Wesens: sein Dasein zu erhalten; und dies auf vernunftgemäße Weise, das heißt wie uns unser wirkliches Wesen, die Natur angewiesen, zu tun, das ist Tugend . Es ist dies kein egoistisches Prinzip, denn jedes Selbsterhalten ist nicht möglich ohne die entsprechende Erhaltung anderer. Was von außen unserer Natur und dem Selbsterhaltungstriebe entspricht, ist gut, umsomehr was in unserer Natur selbst liegt; man muß natürlich hiebei stets streng im Auge behalten, daß nur die wahre Erkenntnis Gottes und unserer Natur das wahre Gut ist, und daß wir hierauf unseren Lebenszweck richten müssen. Gut und Böse an sich betrachtet ist nichts Positives an den Dingen (was ja auch gewissermaßen die Parole deines Generals ist), es sind nur verschiedene Arten des Denkens oder der Begriffe, die sich daraus bilden, weil wir die Dinge untereinander vergleichen. Ihre Lieblingsbeschäftigung z. B. Jufrow Olympia, die Musik, ist für einen Melancholischen gut, für den Traurigen böse, für den Tauben weder gut noch böse.« Olympia wollte widersprechen, aber Spinoza fuhr eifrig fort: »Wir wollen aber bei dem Ideale des Menschen, das wir uns denken, den Ausdruck Gut dennoch beibehalten für alles das, wovon wir gewiß wissen, daß es uns jenem Urbilde der menschlichen Natur nähere, und Böse, von dem wir gewiß wissen, daß es von demselben entferne. Kein Mensch, der Dieb, der Mörder, der Wollüstling, niemand will das Böse, weil es böse ist, sondern in dem Momente, da er eine Missetat begeht, hält er's als gut für seine Selbsterhaltung, für Mehrung und Verbesserung seines eigenen Wohls, und ist nur in dieser Verirrung, da er seinen Leidenschaften folgt, den Gesetzen seiner Natur untreu geworden. Der freie Mensch, d.h. der, wie er unmittelbar aus der Hand Gottes oder der Natur hervorgegangen ist, kennt die Begriffe von gut und böse noch nicht: er handelt in allem nach der unmittelbarsten Eingebung seines Naturgesetzes; erst dann, wenn der Zwiespalt zwischen Wünschen und Bedürfnissen mit den Forderungen seiner Natur eintritt, und wenn er durch den Hinzutritt anderer über diese hinaus will, tritt die Erkenntnis zwischen gut und böse und das Böse selber ein. Der Zwiespalt ist da, da er durch ein anderes, ihm von außen entgegengestelltes Wesen sich bestimmen läßt, und nicht mehr allwege in der Freiheit seiner eigenen Gesetze handelt; der Zwiespalt liegt auch darin, daß er zur Erfüllung seiner Naturgesetze einer Einigung mit dem äußeren Gegenstande bedarf. Der freie, unabhängige Mensch als der uranfängliche, kennt den Unterschied von gut und böse nicht, er handelt stets nach innerer Einheit und Freiheit; mit der Gesellschaft trat der Zwiespalt, die Sünde und die Geschichte ein. Unser höchstes Ziel muß es bleiben, uns wieder rückwärts dieser Freiheit und Selbständigkeit einzuverleiben, ohne die einmal daseiende Gesellschaft aufzuheben; im Gegenteil, nicht in der Einsamkeit, sondern im Staate, wo man nach gemeinsamer Übereinkunft lebt, sind wir frei. Wir müssen uns wieder auf jenen Standpunkt der inneren Freiheit zurückführen, wo es uns gegeben ist, die Gesetze Gottes, d.h, unserer Natur zu kennen und aus innerer Notwendigkeit ihnen zu folgen; das war auch das reine Streben Jesu Christi, die Menschheit wieder zurückzuführen zu der ursprünglichen Freiheit ihrer Gesetze, in die natürliche Einheit mit denselben. Darum war er, nach seinen Worten, nicht gekommen, um das Gesetz aufzuheben, sondern um es zu erfüllen.« Spinoza hatte absichtlich alle Einzelheiten vermieden, die zu einer Ablenkung Veranlassung geben könnten, aber Olympia, die sich wieder gezwungen hatte, der Erörterung zu folgen, fragte jetzt: »Darf man von Ihren Ideen nicht auch verlangen, daß sie die Schmerzen der Welt heilen, Kranke und Notleidende gesund und froh machen?« »Ich verstehe nicht, was Sie meinen.« »Ich frage Sie: wie erklären Sie nach Ihrer Ansicht das Dasein des physischen Übels? das ist doch etwas Positives? Sie haben von dem lustigen Glasschleifer Peter Blyning erzählt. Was hat der gute Mensch verschuldet, daß er Klumpfüße nachschleppen muß?« »Sie mengen die Fragen so untereinander, daß ich mir erlauben muß, sie zu trennen. Welchen Trost hat denn die gewöhnliche Ansicht für den Blyning? etwa: wen Gott liebt, den züchtigt er, oder, wir sind hier nur Kandidaten einer höheren Laufbahn – die Frage bleibt: warum gerade seine Kandidatur so sehr erschwert wird? Drüben werde ihm alles ersetzt, sagt man; bekäme er aber drüben auch gerade Füße, hier hatte er sie nicht und hier war der Schmerz um ihren Mangel. Die leichteste Art, sich diese Fragen vom Halse zu schaffen, ist zu sagen: Gottes Wege sind unerforschlich. Das heißt, nur mit anderen Worten, die Frage als Frage stehen lassen. Aber die Lösung dieser Fragen liegt auf einem ganz anderen Gebiete: alle die Begriffe von Vollkommenheit und Unvollkommenheit, von Schönheit und Häßlichkeit, sind wie die Zweckbegriffe, die wir der Natur unterschieben, nicht unmittelbar in derselben vorhanden, sondern nur von uns auf sie übertragen, da wir den Dingen Beziehungen geben, die sie an sich nicht haben. Alle diese Begriffe entstehen nur dadurch, daß wir Dinge von derselben Form und Gattung miteinander vergleichen, und dann Mängel und Fehler entdecken, wo nirgends solche sind; alles ist vollkommen, denn jedes Ding darf nur mit sich selber verglichen werden. Irrtum und Verwirrung kommt immer daraus, weil wir die Dinge gern nach Idealen messen, das heißt nach allgemeinen Ideen, die wir überkommen, oder uns gebildet haben. Das Ideal oder die reine Idee einer jeglichen Sache darf aber nur aus ihr selbst, ihrer Wesenheit und ihren Eigenschaften entnommen werden. Dann hört auch die Klage auf, daß die Welt nicht verwirkliche, was wir ihr zumuten. Jede Kraft besteht und wirkt nach ihrem Gesetze, nicht nach einem Ideale. Was nicht unmittelbar aus der notwendigen Natur der wirkenden Ursache folgt, das kommt der Natur eines Dinges nicht zu, und alles, was aus der notwendigen Natur dieser wirkenden Ursache folgt, das muß es notwendig sein. Darüber hinaus kann und darf es nicht verlangen, es hat weiter keine Berechtigung und keine Verpflichtung, und auch wir können keinen höheren Maßstab an dasselbe anlegen. Dieser Peter Blyning ist, an sich betrachtet, ebenso vollkommen als der vollendetste Adonis. Er kann ebensowenig verlangen, andere Füße zu haben, als er Flügel ansprechen kann, denn der zureichende Grund seines Daseins gilt bloß für diese Erscheinung und für keine andere. Finden Sie es unvollkommen, daß der Ochse ein Ochse und kein Adler geworden ist? Auf jeder Stufe menschlichen Daseins ist es gegeben, sich zu fühlen und zu finden in der Einheit mit sich selbst und mit dem All und heiter von ihm getragen und gehoben zu werden. Die Erkenntnis der Übereinstimmung oder des Widerspruchs mit unserer gegebenen Natur, der Glaube, daß diese Erkenntnis uns gegeben ist, die man als bloßes Naturgefühl Gewissen nennt –« »Das Gewissen ist ein Strumpf, der sich nach dem Fuß zieht; der Wilde schlägt seinen Vater tot, wenn er alt und gebrechlich ist und hält das für Gewissenspflicht; den Juden klagt sein Gewissen an, wenn er Schweinefleisch genießt, und der Katholik schlägt sich auf die Brust, wenn er die Messe versäumt hat.« So sprach der alte van den Ende, der hier plötzlich eintrat. Spinoza antwortete mit Ruhe, daß man ein Gewissen nicht wegräsonieren könne; jenes unvermittelte, im bloßen Gefühl ruhende Gewissen, das man mit allerlei Äußerlichkeiten überkleidet habe, müsse oft Täuschung zulassen, aber jene innere, zum Bewußtsein herausgetretene Stimme, die uns deutlich erkennen läßt, wenn wir den Gesetzen unserer Natur und denen des allgemeinen Zusammenhangs entgegengehandelt haben, sei so unleugbar und zuverlässig als das Wissen von unserem Dasein selbst. »Ja, lieber Vater,« sagte Olympia, »ich werde Herrn de Spinoza ewig dankbar sein für die vielen und großen Ideen, die er uns soeben mitgeteilt hat.« Sie erklärte nun ihrem Vater die Grundzüge des eben Besprochenen; Spinoza hatte hin und wieder einiges zu ergänzen, im allgemeinen aber empfand er eine unnennbare Freude, als er erkannte, wie Olympia so ganz in das Grundwesen seiner Anschauungsweise eingegangen war; diese Freude blieb ihm jedoch nicht lange ungetrübt, denn das Lachen des alten van den Ende verdroß ihn sehr. »Erinnert Ihr Euch des heiligen Christoph im Narrentempel zu Mailand, von dem ich Euch einst erzählte?« sagte er, »der paßt ganz gut zu Euch, das war auch so ein Stück Gott, ha, ha, ha! das ist doch auch wieder einmal etwas Prächtiges zum Lachen.« Spinozas ganze Seele empörte sich bei diesen Worten. Spott ist das schärfste Gift, welches die Lebenskeime eines werdenden Charakters oder einer werdenden Idee töten kann; unser Philosoph war aber schon genugsam erstarkt, um mit leichter Mühe alle die spitzen Pfeile, die van den Ende gegen seine Spekulationen losschnellte, unversehrt aufzufangen und hinwegzuschleudern. Spinoza fühlte sich seltsam betroffen, als ihm Olympia beim Abschiede sagte: »Ich bin nun doch dem Regen dankbar, daß er uns in die vier Wände bannte. Ich glaube, daß solche Gedankenverbindungen, wie Sie uns gaben, gar nicht in der freien Natur entstehen oder laut werden könnten; Farbe, Klang und Duft würden dagegen protestieren, dazu muß man allein in sich zu Hause sein. Die griechischen Weisen kamen auch nicht dahin, weil sie im Freien lebten und lehrten. Kommen Sie morgen auf unsere Buiten, Sokrates und Pluto in grünen Büschen warten auf Sie.« Spinoza hatte nicht Zeit zu erklären, welch einen eigentümlichen Widerhall dieser Ausspruch in ihm erweckte, denn er erinnerte sich, wie auch die Rabbinen bestimmen: »Daferne zweie miteinander gehen und über die Offenbarung (der Thora) sprechen und einer sagt: siehe, wie schön ist das Feld, wie schön ist dieser Baum – der hat eine Todesschuld begangen.« Verlangt das höchste Denken ein Abschließen von der Außenwelt? Die beiden Freunde verließen schweigend das Haus; vor demselben begegnete ihnen Cäcilie. »Du mußt auch sagen: wer es fassen mag, der fasse es« (Matth. 19, 12), sagte Oldenburg: Spinoza drückte ihm die Hand und trennte sich von ihm. Er mußte jetzt, nach solchen Erörterungen, in die Synagoge gehen! 17. Proselyten De lagchlust hieß die Inschrift über dem Eingange an dem Landhause van den Endes mit den frisch angestrichenen Türen und Fensterläden vor dem Utrechter Tore; es war bescheiden und anmutig und zeigte im Anbau des Gartens, in Spaliergewächsen, reichen Blumenbeeten und schattigen Büschen den Charakter der Holländer, die, bei der Entbehrung gebirgslandschaftlichen Reizes mittels erhöhter Kultur dem Boden eine sinnige Schönheit verleihen. Wir treffen die bekannte Gesellschaft endlich auch einmal hier im Freien, wo in dunklen Büschen olympische Götter versteckt waren und vor allem die Büste Demokrits auf einer saftig grünen Wiese den Blick auf sich zog. Heute schienen Garten und Haus ihrem Namen nicht zu entsprechen, es zeigte sich nichts von Lachlust, eine eigentümlich befangene Stimmung schien alle zu beherrschen. Kerkering und van den Ende entfernten sich in eifrigem Gespräche in einen abgelegenen Gang, die beiden Freunde gingen neben Olympia und Cäcilie. Olympia bat Spinoza, nun alle Sorgen zu verscheuchen, die Krankheit seines Vaters sei ja gewiß unbedeutend, er solle sich nur dem freudigen Naturgenusse hingeben. »Ihr König Salomo,« fuhr sie fort, »muß doch recht glücklich gewesen sein, der verstand ja der Sage nach die Sprache aller Vögel und aller anderen Tiere, der muß in der Natur gut zu Hause gewesen sein.« »Vielleicht war er darin zu viel zu Hause, und darum sagte er: Alles ist eitel,« fiel Oldenburg ein. »Ich vermisse jenes Talent Salomos beim Naturgenusse nicht,« sagte Spinoza, »mir wäre die Natur zuwider, wenn sie mir ewig all ihr Tun und Lassen vorplauderte und mich nicht auch mir selber überließe.« Er hatte diesen Worten durchaus keine entfernter liegende Beziehung geben wollen, und doch sahen sich Oldenburg und Cäcilie verlegen an, als sie dieselben hörten, denn Olympia hatte oft etwas von dem Kathedermäßigen der meisten Dozierenden, die von der Gewohnheit Lernende in stummer Aufmerksamkeit vor sich zu haben das Erklären und Aufzeigen auch auf die Besprechung übertragen. Olympia dachte aber nicht im entferntesten an eine Nebenbeziehung jenes Ausspruches, sie leitete ihn vielmehr auf ihre gestrigen Abschiedsworte zurück. »Ich kann es nicht ertragen,« sagte sie, »die Natur allein zu genießen; wenn ich oft im höchsten Genusse der reinen Anschauung mich in alle Welt hinausgetragen fühlte, griff ich oft unwillkürlich nach der Seite, um eine befreundete Hand in stummer Vergessenheit warm zu fassen.« Keine Antwort erfolgte, ein jeder heftete den Blick zu Boden. Oldenburg hatte ebenfalls seit einiger Zeit das Verhältnis, das sich zwischen Olympia und Spinoza gestaltete, aus einzelnen Blicken und Gesprächswendungen entziffert; er war Diplomat genug, um zu glauben, er könne diese aufgefangenen geheimen Botschaften noch vor der offenen Erklärung zu einer gütlichen Ausgleichung benützen. »Was sagen Sie dazu,« fragte er, »daß die Königin Christine von Schweden Krone und Zepter ihrem Vetter geschenkt hat, nicht um, wie man anfangs glaubte, bloß mit dem Dichterlorbeer, sondern auch bald mit dem Myrtenkranz ihre Stirne zu zieren?« »Was?« fragte Olympia, »will die Königin Christine heiraten?« »Es sind gestern Handelsbriefe aus Rom eingegangen, in denen aufs bestimmteste versichert wird, die Tochter Gustav Adolfs werde in den Schoß der alleinseligmachenden Kirche zurückkehren, um ihren ersten Kämmerer Monaldeschi heiraten zu können.« »Gewiß, die Königin Christine hat den irdischen Tand nur von sich geworfen, um frei und ungehindert der Seligkeit unseres Glaubens teilhaftig zu werden,« sagte Cäcilie mit sanfter Stimme. Niemand wollte ihr widersprechen. »Hat Gustav Adolfs Tochter diesen Schritt getan,« hob Olympia nach einer Pause an, »um dem Manne ihrer Wahl vollkommen anzugehören, so ist ihre Handlung über jeden Tadel erhaben, die Liebe ist das Band, das alle früheren lösen muß; wie naiv wahr ist das schon in der Bibel ausgedrückt, wenn es heißt: ihrethalben verläßt man Vater und Mutter, Die Frage ist hier nur: geht der Gehorsam des schwach genannten Geschlechtes so weit, auch hierin sich zu opfern? Christine von Schweden hat gewiß genug getan durch ihre Entsagung; war es nun nicht vielmehr Pflicht des Mannes, daß er statt der Geliebten diesen unangenehmen Schritt tat? Wollte er aber das nicht, so war er ihrer Liebe unwürdig und verlustig, und ihr Schritt ist verdammenswert.« »Wenn aber ein solcher Schritt gegen seine innerste Überzeugung war?« Olympia antwortete nicht, sie schlug den Blick zur Erde. Spinoza überlegte, ob er sich in das Gespräch mischen sollte, denn er hatte gewissermaßen die Absichten Oldenburgs durchschaut; als ihn aber jetzt Olympia wie mit forschendem und hilferufendem Blicke ansah, erwiderte er: »War dieser Monaldeschi Ursache der Kronentsagung, und mußte er das, so hatte er dadurch Pflichten gegen die Königin eingegangen, und nichts durfte ihn mehr abhalten, in allem ihrem Wunsche zu willfahren; gab es für ihn unüberwindliche Rücksichten, so hätte er als Mann von Ehre gleich von Anfang ein Verhältnis ablehnen müssen, dessen notwendige Bedingungen er nicht erfüllen wollte oder konnte. Ich möchte aus diesem Vorgänge aber auch wieder eine allgemeine Erkenntnis ableiten. Hier zu Lande nimmt die reformierte Geistlichkeit die cartesianische Lehre als beste Deduktion der Lehre Calvins; Königin Christine, die eifrigste Schülerin desselben Philosophen, der sie selbst lehrte, kann sich hieraus auch Beweise zurechtmachen zur Begründung ihres Übertritts zur katholischen Kirche.« »Die katholische Religion,« unterbrach hier Olympia, »ist die Mutterreligion, und es ist ein natürlicher Zug, zu ihr zurückzukehren.« »Sprich's nur aus,« sagte Oldenburg zu Spinoza, »ich sehe dir's am Zucken deiner Mundwinkel an, du wolltest erwidern: wenn die katholische die Mutter-, wäre die jüdische die Großmutterreligion und könnte ebenso verlangen, daß man sich nach ihrer Tracht kleide. Nehmen wir aber ein anderes Beispiel. Turenne ist eine zu entschiedene Feldherrennatur, er will allein, den Stern des eigenen Glaubens auf der Brust, vor der Front stehen und sich nicht in Reih und Glied des Katholizismus wie ein gewöhnlicher Soldat stellen; tut er nicht recht daran?« Spinoza merkte diese Schwenkung wohl, als van den Ende, der mit Kerkering hinzugetreten war, einfiel: »Turenne ist ein Soldat, und die Soldaten, die stündlich das Leben einsetzen, legen nicht gern die einmal gewohnte Rüstung ab; sie meinen, dieser oder jener Aberglaube habe sie kugelfest gemacht; ist einmal Friede, wird's auch nicht schwer halten, Turenne zum Katholiken zu machen.« »Ist er fähig, ein Mädchen heiß und innig zu lieben,« setzte Kerkering hinzu, »wird er bald nach dem alleinseligmachenden Glauben ihres Besitzes ringen; es wäre Feigheit, da, wo es das Größte gilt, nicht ein altes Vorurteil aus der Kinderstube besiegen zu können. Wer wahrhaft liebt, der darf nur an seine Geliebte glauben; ihr Herz ist seine Kirche, ihre Worte sind seine einzigen Offenbarungen, ihr allein gilt seine Verehrung, und nichts ist außer ihr. Das ist die wahrhafte Wiedergeburt, die wir in der Liebe eines Mädchens erlangen, daß wir unzertrennlich eins sind mit ihr; wer darf da noch der Schranken gedenken, welche die Menschen willkürlich gegeneinander gestellt?« Betroffen starrten die Anwesenden auf Kerkering nach diesen Worten, nur der alte van den Ende nickte ihm beifällig zu und Olympia sagte nach einer peinlichen Pause: »Während wir hier über die Prinzipien sprechen, stirbt vielleicht eine schwerkranke Dichtermatrone eines solchen Prinzipientodes.« »Wer denn?« fragte Oldenburg. »Die Geliebte Ihres ehemaligen Freundes, die Dichterin Maria Tesselschade wird den morgenden Tag wohl schwerlich mehr begrüßen. Haben Sie den Kaspar Barläus auch gekannt, Herr de Spinoza?« »Nein, Jufrow Olympia, aber mein alter Magister Nigritius, der einmal von ihm verhöhnt worden war, hat oft genug über ihn geschimpft.« »Es sind jetzt sieben Jahre,« fuhr Olympia fort, »ich erinnere mich noch wohl, es war nicht lange nach dem Neujahr von 1648, da fand man ihn in dem Brunnen bei der Wage tot; er war noch Abends vorher bei seiner Geliebten gewesen, der Brunnen war auf dem Wege nach seiner Wohnung.« »Hat er sich selbst hineingestürzt?« Olympia nickte bejahend, sie wollte aus Schonung nicht in Worten bejahen. »Er hat sich gewiß entleibt,« setzte Oldenburg hinzu; »aber das ist mir unbegreiflich, wie er jahrelang mit so reiner Liebe an Tesselschade hing, und erst spät, als sie beide schon alt geworden waren, jenen verzweifelten Schritt tat, weil er sie nicht heiraten konnte.« »Warum tat er das nicht?« »Sie war katholisch und er Protestant, ja, er hatte sogar früher als eifriger Remonstrant viel Ungemach erduldet; alle seine Gedanken waren der Griechen- und Römerwelt entlehnt, und doch konnte er sich nicht entschließen, aus Liebe zu seiner Tesselschade seine Glaubensform zu ändern.« »Es ist possierlich,« fuhr van den Ende fort, die Rede seiner Tochter ergänzend, »all die Geschichten des alten und neuen Testaments hat er mit griechischer und römischer Mythologie und arkadischer Schäferpoesie besungen; er konnte nichts sagen, ohne den ganzen Olymp aufmarschieren zu lassen, ja seine eigene Liebe hat er in die Horazische Sprache übersetzt.« »Ich bin der Ansicht, lieber Vater,« sagte Olympia, »daß Barläus zuerst alles in Gedanken in das Latein übersetzen mußte, um es richtig zu verstehen. Herr von Spinoza, lesen Sie seine Gedichte, eine Seele, ganz erfüllt von Menschenliebe, liegt darin; er hat eine eigene Rubrik, Tessalica , worin er seine Geliebte besingt, wie sie zu Pferde saß und wie sie zur Harfe sang: ihre Halskrause, ihre Perlschnur, alles vermochte ihn dichterisch zu begeistern. Er singt einmal: Tessela, quae coelo potes deducere lunam Et tetricos cantu demeruisse Deos – Tessela, du kannst mit deinem Gesange den Mond vom Himmel herabziehen und die finsteren Götter zum Danke verbinden. Verstehen Sie das Wortspiel, warum er den Namen Tesselschade in Tessela verwandelt hat?« »Nein.« »In der zweiten Idylle des Theokrit ist Tessala ein unwiderstehlicher Liebeszauber; man hat die Namen der Pflanzen, aus denen der Zaubertrank bereitet wurde, aber die Pflanzen selber kennen wir nicht.« »Sie werden immer und ewig meine Lehrerin bleiben,« sagte Spinoza dankend. »Wollen Sie, wenn Sie das Mittel gefunden haben, uns nicht auch in der Zauberei unterrichten?« fragte Kerkering. »Sie sind ja schon ein verzauberter Prinz,« entgegnete Olympia. »Herr von Spinoza, glauben Sie auch an Zauberei?« »An die Ihrige,« erwiderte er rasch; Oldenburg schüttelte mißbehaglich den Kopf. »Sie haben einen Hauptpunkt in der Liebesgeschichte des Barläus vergessen,« sagte er, »erinnern Sie sich, daß er in der Dedikationsepistel zu seinen Gedichten der drei L wegen die Ehe für unbequem hält, Libri, Liberi, Libertas, Vielleicht im Deutschen durch drei W wiederzugeben: Wissenschaft, Windeln, Weiberregiment. die vertragen sich nicht wohl miteinander. Der Arme! Er hatte aller Welt Hochzeitsgedichte gemacht und er selbst konnte nie Hochzeit halten.« »Er hat auch ein schönes Carmen auf die Hochzeit meines Oheims Overbeck in Hamburg gedichtet,« schaltete Kerkering ein, und Oldenburg fuhr fort. »Hätte in diesem Barläus eine wahrhaft erhabene durch und durch poetische Seele gewohnt, und hätte nicht aus allen Ecken und Enden der Magister hervorgeschaut, der versagte Besitz seiner Tesselschade und die reine Liebe zu ihr allein hätte für ihn ein Blütengarten der duftigsten, mit himmlischem Schmelz übergossenen Dichtungen werden müssen. Hätte Dante seine Beatrice umarmt, hätte Laura ihrem Petrarca eine Brotsuppe gekocht, nimmer vermochte jener durch seine unsterblichen Kanzonen sich zum Homer der christlichen Weltbildung emporzuschwingen, und der ewige Wohllaut der Sonette Petrarcas wäre vor leidigem Kindergeschrei verstummt. Die Poesie ist nicht der Geier der Fabel, der ewig am Leben zehrt; sie ist die Flamme, aus welcher der Phönix neu verjüngt und mit unversehrten Fittichen sich himmelan schwingt. Für den einzelnen Menschen wie für die strebende Menschheit wäre der höchste Besitz Ekel und Tod oder ein glücklicher Wahnsinn.« »Wie? Sind Sie der Herr Oldenburg?« fragte Olympia verwundert. »Das ist sehr originell; also Mönche und Nonnen sind in ihrer Entsagung die auserwählte Poetenschar?« »Sie wollen mich durch eine geschickte Finte irre machen,« erwiderte Oldenburg, »aber ich bin nicht so ungeübt. Ich behaupte nur: ein Mann mit wahrhaft großer Seele darf sich nicht mit all seiner Lebenskraft an irgend eine willkürlich idealisierte Persönlichkeit anklammern; tut er das, so ist er vom Gott zum Menschen geworden und er stirbt den Tod der Menschen, denn er wird eingesargt zwischen die dürren Bretter der alltäglichen Rücksichten und Bedürfnisse. Ja, könnte er sein frei und aus sich selbst geschaffenes Ideal vor sich verwirklicht finden, er müßte es fliehen.« »Ich bin auch Ihrer Ansicht,« sagte der alte van den Ende, »die Götter haben Pygmalion nicht härter strafen können, als da sie ihm seine Bitte gewährten; diese Ehe mußte unfruchtbar sein.« »Es gibt keine Ideale auf Erden und es kann keine geben,« fuhr Oldenburg in begeistertem Tone fort; »töricht ist, wer sie sucht, und noch törichter, wer sie gefunden zu haben glaubt. In uns leben und über uns schweben mögen sie in verklärter Erinnerung. Wie unendlich groß ist Dante, wenn er von seiner reinen und geläuterten Liebe singt.« »Es gab doch eine Zeit, wo Sie anders dachten,« sagte Olympia. »Ich denke noch so, ich selber habe keinen Anspruch auf die höchste Krone der Menschheit; wie ich bin, so leben noch Tausende in der großen Masse, ich muß mich gefangen geben. Sähe ich aber einen Freund, der, mit hohem, weltbezwingendem Geiste begabt, sich einfangen ließe in den vier Pfählen der Alltäglichkeit, der seinen hohen Geist beugte, um einem selbstgeschaffenen Götzen zu dienen, ich würde ihn von mir stoßen, denn er ist zum Verräter geworden an der Hoheit und Majestät seines Berufes; kann er aber das Ideal, das nie vollkommen in die Erscheinung treten kann, sich hoch und rein erhalten, so preise ich ihn glücklich.« »Das ist ein trauriges Märtyrtum, das Sie den hohen Geistern aufnötigen wollen,« sagte Olympia. Das Dunkel brach herein, man trennte sich. Spinoza begleitete Olympia nach Hause, sie hing an seinem Arme, er wußte nicht, wie er zu dem Mut und zu dem Glücke so naher Berührung gekommen war. Der alte van den Ende führte Cäcilie, Olympia und Spinoza gingen schweigend hinterdrein. Als sie an das Waghaus kamen, sagte Olympia: »Sehen Sie, dort ist der Brunnen, in dem der gutmütigschwache Barläus den Tod getrunken; wär' es nicht vernunftgemäßer und männlicher gewesen, den Glauben aufzugeben als das Leben?« »Weder den Glauben noch das Leben haben wir uns selber gegeben,« antwortete Spinoza, »der Selbstmord an diesem wie an jenem ist Feigheit und Schwäche; die Stärke liegt darin, dieses wie jenen ertragen und in ihnen entsagen oder sie befreien zu lernen.« – Olympia schwieg. »Mich empört dieses sich herzudrängende diplomatische Vermitteln,« sagte sie nach einer Pause, »das Oldenburg heute so kunstreich ins Werk zu setzen glaubte: ein dritter, der ein zartes Verhältnis nur mit einem Worte berührt, erzeugt Zerwürfnisse und Mißverständnisse, die ohne ihn nie entstanden oder doch schneller ausgeglichen wären.« »Es freut mich, daß ich Sie so finde,« sagte Spinoza und preßte im heftigen Seelenkampfe die Lippen übereinander. »Liebe Olympia,« fuhr er fort, »ich habe mit aller Macht gerungen, aber ich bin so stark nicht, wie Sie wohl meinen: ich unterliege, wenn Sie mir nicht Ihre Hand dazu bieten, oder vielmehr nicht sie mir entziehen. Ich mag das Wort nicht nennen, das aus meiner Seele zu Ihnen spricht, aber ich bitte Sie, stoßen Sie mich von sich; nie, nie dürfen wir uns angehören.« Olympia preßte seinen Arm fester an sich, ihr Atem zitterte, beider Hände faßten sich. »Wie?« fragte sie, »und warum denn nicht? Haben wir Christum ans Kreuz geschlagen? Was kümmert uns, was vor tausend Jahren ein fanatischer Pöbel tat? Haben Sie umsonst diese Höhe des Denkens erstiegen, um zurück zu schrecken vor einer Form, in die die Menschen sich gezwängt haben? Haben Sie mir nicht hundertmal gesagt, Sie liebten und verehrten dem Geiste nach Christum als den Welterlöser? Wollte Gott, das Verhältnis wäre umgekehrt, freudig folgte ich Ihnen vor den Altar; wo Liebe ist, kann Meineid nicht herrschen – oder soll ich hineilen in die Synagoge und mich taufen lassen von den Rabbinen?« »Liebe Olympia, kennten Sie die Tiefe des Schmerzes, der mein Herz spaltet, Sie würden gewiß nicht also zu mir sprechen. Es ist Meineid, nichts anderes, den ich schwöre, wenn ich einen anderen Glauben mit Bewußtsein annehme. Dank sei es der fortschreitenden Geschichte, ich darf mich von den Formen des Glaubens, in dem ich geboren bin, lossagen und darf mir eine Ansicht von den höheren Dingen aufbauen, wie sie mir die Natur meiner Denkkraft an die Hand gibt. Ich kann und werde mich durch keine persönlichen Rücksichten abhalten lassen, meine Überzeugungen über Glauben und Denken auszusprechen und ihnen nachzuleben; eine Religionsgenossenschaft, in die mich die Geburt gestellt, kann mich daran nicht hindern. Anders aber ist es, wenn ich selbstwillig in eine solche eintrete: die neuen Genossen können mir mit Recht zurufen: Was trieb dich zu uns, wenn nicht die Wahrheit? Du hast kein Recht mehr, auf das verlassene und auf das neu erfaßte Heiligtum einzuwirken.... Ich kenne die Sophismen wohl, die uns zuraunen: Du fügst dich bloß der Form, dein Denken bleibt dir frei. Aber es ist und bleibt Meineid, und dürfte ich, Meineidiger, je das Wort Wahrheit in den Mund nehmen ohne zu erröten? Mein unglücklicher Stammesgenosse Uriel Akosta, von dem ich Ihnen früher erzählte, hat darum sein Leben mit einem gräßlichen Selbstmorde geendet, weil er diesen Selbstmord durch Widerruf schon an seinem Denken begangen hatte. Er mußte sich vor jeder Wahrheit verworfen und lebensunfähig erscheinen; Ja und Nein galten ihm nichts mehr und waren sinnlos geworden.« Olympia schwieg, sie hielt die eine Hand fest vor die Augen und ließ sich von Spinoza blindlings leiten. Dieser fuhr mit bewegter Stimme fort: »Ich gebe Ihnen die Frage zurück: haben wir deshalb die Höhe des Denkens erklommen, um von einer Neigung, die der Quell unendlichen Kummers für uns werden muß, uns besiegen zu lassen? Ich kämpfte lange, aber ich mußte endlich frei und ehrlich mit Ihnen sprechen: von dieser Stunde an sei vergessen und ausgetilgt, was wir uns waren und werden wollten. Noch ist es Zeit. Trennung und ein starker Wille werden uns wiederum Ruhe finden lassen; wir haben uns geliebt, das ist uns genug, suchen Sie in einem anderen das Glück, das ich Ihnen nicht bieten darf, nicht bieten kann.« Die Zunge versagte ihm den Dienst, er mußte innehalten, Olympias Hand zitterte in der seinigen. »Ich schäme mich nicht, es zu gestehen, ich habe darüber nachgedacht,« sagte sie, »Sie können , ohne irgend einer Überzeugung zu widersprechen, Christ werden, ich habe sogar deshalb die Stelle nachgeschlagen; wissen Sie, die Keimpunkte Ihrer neuen Anschauung liegen ja in den Worten Johannis: ›Daran erkennen wir, daß wir in Gott bleiben, und Gott in uns ist, weil er uns von seinem Geiste gegeben hat.‹ Ja, ohne Inkonsequenz müssen Sie Christ werden.« »Warum scheuen Sie sich,« entgegnete Spinoza, »auch den vorhergehenden Vers anzuführen, der so sehr auf unsere Lage paßt? ›So wir uns untereinander lieben, so bleibet Gott in uns, und seine Liebe ist völlig in uns.‹ Aber bedenken Sie, fallen auch einzelne Ergebnisse meines Denkens mit der Weltanschauung des Christentums zusammen, muß ich deshalb den Kirchenglauben beschwören? Vielleicht wäre das die Konsequenz, die Justus Lipsius beobachtete, der, wie Sie wissen, ein Buch de constantia (über die Beständigkeit) geschrieben und alle paar Jahre seinen Glauben gewechselt hat.« »Ich dachte, Sie wären selbständiger; aber ich sehe, Oldenburg hat auch Sie bekehrt,« sagte Olympia in schneidendem Tone, »Sie streben nach der Glorie Dantes, aber ich bin keine Beatrice, will keine sein. O, es ist groß! Sie werden sich hineinstürzen ins bewegte Leben, ach, vergißt sich da eine Jugendliebe nicht bald? Sie spotten vielleicht gar darüber, und ich? Was ist daran gelegen, wenn ich in Kummer vergehe?« »Liebe Olympia,« hob Spinoza an, »Ihr eigenes Herz muß Sie wegen solcher Reden anklagen; aber bedenken Sie, was könnte ich Ihnen bieten? Nichts als ein ärmliches, entsagungsreiches Leben; wenn ich auch den Glauben der Väter abschwören wollte, wenn ich nur ganz Ihnen leben möchte, ganz der Ihrige sein....« »Schalom Alechem Rabbi Baruch. Brauchst dich nicht zu eilen, Maariph ist schon zu Ende,« unterbrach hier den Redenden eine schnarrende Stimme; Spinoza sah sich um, es war Chisdai, der, ohne einen Gegengruß abzuwarten, kopfschüttelnd weiterging. »Hat der Mensch wohl meine Worte gehört?« fragte Spinoza. »Ich glaube nicht,« antwortete Olympia, »aber es ist gräßlich! Dürfen solche Medusengesichter freundlich grinsend Sie mit dem traulichen Du anreden? Nun ist's entschieden, eine höhere Pflicht kommt dazu, ich lasse Sie nicht. Ich hasse die Entsagung, sie ist nichts als schöntuerische Feigheit, sie wäre Ihrer und meiner unwürdig.« Man war am Hause van den Endes angelangt, Spinoza wollte sich verabschieden. »Sie müssen noch mit hinaufgehen,« sagte Olympia, »Sie glauben kaum, wie unheimlich es mir ist, wenn ich draußen eine mächtige Seelenerschütterung erlebt habe, und nun allein heimkomme, wo mich die alten Wände verwundert und fremd ansehen. Es ist mir dann alles zur Last, ich meine, ich müßte vergehen vor Unruhe und einem unfaßlichen Heimweh: ich spiele dann gewöhnlich so lange Orgel, bis ich mich vollkommen betäubt zur Ruhe begebe. Ich bitte, kommen Sie mit.« 18. Küssen und Sterben Cäcilie betete im offenen Nebenzimmer vor ihrem Kruzifix, Spinoza saß schweigend bei Olympia, ihre Hand ruhte neben der seinen, er wagte es nicht, sie zu fassen; still träumend und nachdenklich sahen die Liebenden einander an. »Wenn ich so bis zu den höchsten himmlischen Seelengenüssen mich erhebe,« sagte Olympia, »so kenne ich nichts mehr als Sehnsucht nach dem Tode, jetzt, so hinweggetragen über alle kleinen Mühseligkeiten, jetzt möchte ich sterben, dem Höchsten nahe und innewohnend möchte ich in ihm aufgelöst werden.« »Ehedem, als ich der religiösen Verzückungen noch fähig war, beschlich mich auch oft solche Sehnsucht nach dem Tode,« erwiderte Spinoza. »Man könnte vielleicht eine Deutung dieser Empfindung in der talmudischen Sage finden, daß Moses durch einen Kuß gestorben sei, indem Gott der Herr durch einen Kuß seine Seele wieder in sich zurückhauchte.« Olympia war betroffen von dieser seltsamen Wendung. War dieser Geist immerdar versenkt in seine Forschungen oder wollte er mit solchem Hinweise einen heißen Wunsch seines Herzens verhüllen und doch wieder darlegen? Sonst war der Austausch ihrer Gedanken leicht von statten gegangen; jetzt saßen sie stumm da und wußten einander nichts zu sagen. Olympia sang noch auf den Wunsch Spinozas jenes Volkslied, bei dem er sie zum ersten Male überrascht hatte; den Schlußreim: Ihr seid meine rechte Frauen Mit keiner andern laß ich mich trauen, sang sie mit so schmelzender Innigkeit, sie ließ die Töne der Orgel, mit denen sie ihren Gesang begleitete, so sanft ausklingend verhauchen, daß Spinoza die Ruhe, die sonst durch ihren Gesang über sein gärendes Innere gekommen war, schmerzlich vermißte; es ward ihm schwer, nicht an ihren Busen zu sinken und den sangesreichen Quell ihrer Lieder nicht mit einem Kusse zu versiegeln. Er mochte sich selbst nicht länger trauen, nahm seinen Hut und ging. Olympia ergriff das Licht und leuchtete ihm voran die Treppe hinab, sie sprachen keine Silbe; drunten reichte ihr Spinoza die Hand, sie legte ihren Lockenkopf sanft an seine Brust, er umschlang sie, ihr Herz pochte heftig an seiner Hand. »Liebe Olympia,« sagte er, »ich beschwöre Sie bei allem, was Ihnen heilig ist, lieben Sie mich nicht, ich bin es nicht wert.« »Ich muß dich lieben,« sagte sie; »gebiete meinem Herzen, daß es zu schlagen aufhört; ich kann dich nicht lassen –« ihre Stimme zitterte, er drückte sie inniger an seine Brust, mit einem innigen Kusse hielten sie sich fest umschlungen. Er riß sich los aus ihrer Umarmung und stürmte fort; Olympia sprang trällernd die Treppe hinan und rief in munterem Tone: »Gute Nacht, Herr von Spinoza.« Da stand er nun vor dem Hause, die Türe war hinter ihm zugeschlossen. In schwer aufatmender Müdigkeit wandelten sorgenvolle Ehepaare, die den Feierabend bei einer »Wandeling« in freier Luft genießen wollten, Liebende lustwandelten in raschem Schritt und unter lebendiger Wechselrede, Matrosen schlenderten heran und johlten und sangen lustig das holländische Volkslied: »Nach Osterland will ich fahren, Da wohnt mein süßes Lieb; Über Berg' und über Tale, Schier über die Heide, Da wohnt mein süßes Lieb. »Die Sonn' ist untergegangen; Die Sterne blinken so klar; Ich weiß, daß ich mit dem Liebchen, Schier über die Heide, In einem Baumgarten war. »Der Garten ist geschlossen, Und es kann niemand hinein, Als nur die Nachtigallen, Schier über die Heide, Die fliegen von oben hinein. »Man soll der Nachtigall binden Den Kopf an die Füße um, Damit sie nicht kann erzählen, Schier über die Heide, Was zwei süße Liebende tun.« »›Und habt ihr mich auch gebunden. Mein Herz ist nicht minder gesund; So kann ich doch noch schwatzen, Schier über die Heide, Von zwei süßen Liebchen, todwund.‹« Es war ein buntes Menschengewühl, Spinoza achtete kaum darauf. »Weiberherzen, ihr seid unergründlich!« sprach er zu sich. »Fühlte sie die unendliche Tiefe des Augenblickes nicht, oder war es ihr nur darum zu tun, mit dieser scheinbaren Gleichgültigkeit alles, was vorgegangen war, so rasch vor Cäcilie zu verbergen? Wie war ihr aber das möglich?« Mit so aufgeregtem Geiste konnte er nicht nach Hause gehen, er ging auf die andere Seite der Straße und setzte sich auf die Treppe am Eingange der St. Olai Kapelle. Er schaute hinauf nach den erleuchteten Fenstern Olympias, oft sah er ihren Schatten vorüberschweben, bis endlich das Licht gelöscht wurde. Er schämte sich fast, hier wie ein verzauberter Ritter träumerisch nach den Fenstern der Geliebten zu schauen, und mußte innerlich lächeln, als ihm die Tessala einfiel. »Ich kann dich nicht lassen, sagtest du, ich will, ich darf dich nicht lassen, erwidere ich dir; habe ich nicht deine keuschen reinen Lippen an meinen Mund gedrückt? Du bist mein, mein auf immer. – War nicht auch meine Mutter eine Moslemin und wendete sich zu unserem Glauben; müßte ich ein Mosleme bleiben, wenn ich in dem anderen Falle als solcher geboren wäre? – Aber dein Vater und deine Mutter liebten sich in unmittelbarer Notwendigkeit gleich vom ersten Anschauen, und du, findest du Olympia tadelfrei? Hast du nicht, durch ihre bizarre Laune geschmeichelt, dich in ein Verhältnis hineingeklügelt, das dir anfänglich so widerspruchsvoll war? – Die Liebe, die den Zweifel überwinden muß, ist größer und dauernder als jene andere, die wie vom Himmel herabgefallen: es ist die intellektuelle Liebe. Du wolltest dir ein Leben voll Entsagungen aufbauen, weg damit! sie liebt dich, und an ihrer Seite findest du Ruhm und Glück, Ehre und Genuß. Was gibt mir jene Genüsse zurück, die ich alle von mir lostrenne um der Wahrheit willen? – Die Wahrheit. – Aber muß ich ihr Sklave sein? Ich allein von so vielen Tausenden mich dazu verdammen, die mir eingeborenen Anrechte auf heiteren Lebensgenuß aufzugeben? Ich will die Wahrheit mit dem Feigenblatte der Legitimität bedecken, will doppelzüngige Worte wählen und den Aberglauben schonen; diene ich so der Wahrheit nicht noch mehr? – Du dienst ihr durch die Lüge. –! Nein, ich werde nie gegen meine Überzeugung sprechen, sondern diese nur in der Brust verschließen.–Und das katholische Glaubensbekenntnis? – Olympia liebt mich, muß ich sie nicht retten? Einst, in glücklicheren Zeiten, ja, da mag es anders sein, aber jetzt, ich muß der Zeit gehorchen. – Und dein Vater? und Geronimo? – Sie waren gläubige Juden, aber du?« Solche Gedanken bewegten sich in dem Gemüte Spinozas, und das viertelstündlich wiederkehrende Glockenspiel in der stillen Nacht bildete eine eigentümliche Begleitung. Ihm maß sich das Leben nicht ab nach dem Ton von den Kirchtürmen. Läßt sich eine andere Weise finden? ... Er mußte lange hier gesessen haben, denn als gegen Mitternacht Maessen Blutzaufer und Flyns Arm in Arm, als zwei Mächte, die sich das Gleichgewicht halten, nach Hause taumelten, spotteten sie über den armen Sünder, der, statt zum Liebchen zu schlüpfen, hier in kühler Nacht auf hartem Steine hocke. Spinoza merkte nichts von allem, was um ihn her vorging; endlich stand er auf, und als er den Ort betrachtete, wo er so lange geweilt hatte, mußte er unwillkürlich lächeln: es war die Kirche, die nach dem Modell des Tempels zu Jerusalem gebaut war. »Schlafe sanft,« sprach es in ihm, als er zu Olympias Fenster hinaufblickte, »ich habe für dich gewacht, du sollst auf ewig an meiner Seite ruhen.« – Die Glocken summten tief, brausender Orgelklang durchwogte das ganze Gebäude, eine zahllose Menschenmenge erfüllte die katholische Hauptkirche. Spinoza stand vor dem Altare zwischen dem Doktor van den Ende und seiner Tochter Olympia in bräutlichem Schmucke. Droben auf dem Empor stand der Vater Spinozas, seine Kleider waren zerrissen, sein Antlitz starr und unbewegt. Das Hochamt begann, Cäcilie und Olympia knieten nieder, Spinoza und van den Ende taten desgleichen. Chisdai und das Skelett des dicken Domine waren als Ministranten eingekleidet, Chisdai schwang den Weihrauchkessel, und so oft er das Zeichen des Kreuzes über seinem Gesichte machte, stolperten seine Finger über dem Höcker seiner Nase, und zweimal, als das Skelett diese Bewegung machte, verfingen sich seine fleischlosen Fingerknochen in der Höhle, wo einst die Nase gesessen hatte, und als es die Klingel läutete, klapperte sein dürres Gerippe wie leere Mohnköpfe, vom Winde zusammengeschlagen. Das Hochamt war zu Ende. Spinoza trat allein vor und kniete auf den Stufen des Presbyteriums vor dem Priester nieder. Er verfluchte die Mutter, aus deren Schoß er hervorgegangen, und den Vater, der ihn erzeugt hatte, weil sie ihn nicht von Geburt an in den Schoß der alleinseligmachenden Kirche geführt hatten; ein Schmerzensschrei ward vom Empor vernommen, man trug einen Entseelten weg. Spinoza sprach das Glaubensbekenntnis mit leiser, nur dem Priester vernehmbarer Stimme, der Priester legte beide Hände auf das Haupt des Täuflings, segnete ihn leise und besprengte darauf seine Stirn dreimal mit Weihwasser: in jubelndem Tone fiel die Orgel ein. – – »Baruch! Baruch! steht auf!« rief es jetzt... Es war nur ein Traum, Spinoza lag in seinem Bette, die alte Chaje stand mit einem Lichte vor ihm. Er griff sich über die Stirn, von welcher kalter Schweiß rann. »Was gibt's?« fragte er. »Euer Vater liegt – dem Stein sei's geklagt – im Verscheiden, die Mannen aus der Nachbarschaft sind alle schon unten.« Baruch sprang hastig aus dem Bett, kleidete sich notdürftig an und rannte die Treppe hinab; es mußte schon schlimm sein mit seinem Vater, denn er hörte die Männer in lautem Chore rufen: »Höre Israel! der Ewige unser Gott ist ein einiger Gott.« Als er in das Zimmer trat, sprach eben sein Vater den Schluß des Gebetes: »Gebieter der Welt! Herr des Vergebens und des Erbarmens, es sei deine Gnade, mein Gott und Gott meiner Väter, daß mein Andenken zu dem Thron deiner Herrlichkeit, zum Guten emporsteige! Siehe mein Elend, denn deines Zornes wegen ist nichts Gesundes mehr an meinem Körper und kein Frieden mehr in meinem Gebein meiner Sünde wegen. Und jetzt, Gott des Vergebens! schenke mir deine Gnade und geh nicht ins Gericht mit deinem Knechte. Ist aber meine Sterbenszeit da, so möge die Anerkennung meiner Einheit nicht aus deinem Munde weichen, wie in deiner Schrift geschrieben steht: Höre Israel, Gott unser Gott, Gott ist ein einiges, ewiges Wesen! ... Ich bekenne vor dir, Ewiger, mein Gott und Gott meiner Väter, Gott alles Geistes und alles Fleisches, daß meine Genesung und mein Tod in deiner Macht sind. Es sei deine Barmherzigkeit, daß du mich vollkommen genesen lassest und daß mein Andenken und mein Gebet zu dir hinaufsteige, wie das Gebet des Hiskiah in seiner Krankheit. Ist aber die Zeit meines Absterbens da, möge dann mein Tod die Versöhnung für alle meine Sünden, Vergehen und Missetaten sein, die ich vor dir gesündigt und begangen habe, von dem Tage meines Bestehens an. Gib mir mein Teil in Edens Garten und beglücke mich in der zukünftigen Welt, die für die Frommen aufbewahrt ist. Zeige mir den Weg des Lebens, sättige mich mit Freude vor deinem Antlitz, denn zu deiner Rechten ist Ewigkeit und Herrlichkeit. Gelobt seist du, Ewiger, Erhörer des Gebets ... In deine Hand, o Herr, empfehle ich meinen Geist, du erlösest mich, Ewiger, Gott der Wahrheit.« Baruch setzte sich an das Bett seines Vaters, der immer mühsamer Atem holte; er faßte die Hand seines Sohnes, deren Fieberglut die kalte Totenhand nicht löschen konnte. »Vater!« rief Baruch, mehr konnte er nicht sprechen. »Bete für mich, mein Sohn,« sagte der Vater leise; immer lauter röchelte er, jetzt und jetzt, meinte man, müsse ihm der Atem ausgehen, alle Versammelten riefen unaufhörlich das: »Höre Israel, der Ewige unser Gott ist ein einiger Gott,« Der Kranke betete mit, er richtete sein Auge gen Himmel und mit dem Worte »einig« hauchte er seinen Atem aus; seine Lippen preßten sich noch zusammen und öffneten sich wie zu einem Kusse – er war tot. Rabbi Saul Morteira öffnete ein Fenster, zum Zeichen, daß die Seele nun gen Himmel fährt, und alle Anwesenden sprachen: »Gelobt sei der wahrhaftige Richter.« Baruch sank am Bette seines Vaters auf den Boden nieder, er preßte die tote Hand an seine heiße Stirn: von drüben aus dem anderen Zimmer tönten die halb unterdrückten Klagen Miriams und Rebekkas herüber: die Anwesenden unterredeten sich mit leisem Geflüster und wollten eben weggehen. Da hörte man jemand mit starkem Gepolter die Treppe heraufspringen, die Tür wurde aufgerissen. »Ist er tot?« fragte eine Stimme. »Ruhig, still, Rabbi Chisdai,« antworteten die Anwesenden. »Wehe, dreimal Wehe über dieses Haus!« rief Chisdai, »er allein hätte seinen Ben sorer umoreh noch retten können; ich hab's mit meinen eigenen Ohren gehört, er will Christ werden und eine Christin heiraten.« »Wenn Ihr nicht augenblicklich geht,« antwortete Samuel Casseres, »und noch solch ein Wort gegen meinen Schwager sagt, werd' ich Euch den Weg weisen, es hat Euch niemand gerufen.« »Ihr werdet mich rufen, und ich werde nicht kommen,« antwortete Chisdai, als er von den anderen mit fortgeschleppt wurde. Benjamin von Spinoza hatte in seinem Testamente verordnet, daß man ihm seinen alten spanischen Degen zerbrochen mit ins Grab lege; die Rabbinen nahmen lange Anstand, dieser Verordnung, deren Bedeutung nur wenige errieten, Folge zu leisten. Spinoza mußte viele talmudische Autoritäten beibringen, um den Willen seines Vaters erfüllt zu sehen. Draußen auf dem Friedhof mußte er, der alten jüdischen Sitte gemäß, zu den Füßen seines Vaters niederknieen, Gott und seinen Vater für alles, was er gegen sie gesündigt, um Verzeihung bitten: darauf mußte er sein Gewand auf der linken Brust zerreißen, und als der Sarg eingesenkt war, mußte der Sohn zuerst hintreten und eine Handvoll Erde auf ihn werfen. Er tat dies mit schwankenden Schritten und zitternder Hand: Chisdai sprang hilfreich hinzu, um ihn zu unterstützen. – Sieben Tage lang mußte Spinoza mit dem zerrissenen Kleide und ohne Schuhe auf dem Boden sitzen, und dreißig Tage durfte er seinen Bart nicht scheren lassen; aber sein Äußeres war dennoch nicht so wild und zerrissen als sein Inneres. Wie oft, wenn er, die Arme auf die Kniee gestemmt, sein Angesicht mit den Händen bedeckte, wie oft gedachte er da Olympias! Was sollte aus ihnen werden? Zur höchsten Pein ward ihm ein Besuch Oldenburgs und Meyers, die gerade kamen, als er mit seinen Schwestern auf dem Boden saß und die Rabbinen nach ihrer Litanei vor den versammelten Gemeindegenossen eine Art von Seelenmesse für den Verstorbenen hielten. Er dachte viel darüber nach, wie er ein freies und unabhängiges Leben sich aufbauen wollte. Sehnsucht nach Ruhe, nach beschaulichem Alleinsein regte sich oft wie ein unergründliches Heimweh des Geistes in ihm; er kam sich wie gefangen vor vom Geräusche der Welt und ihren Gewohnheiten. Und wieder sah er, wie sein ganzes bisheriges Leben von Gegensätzen bewegt war. Er wollte Einheit erringen. Ob er sie in der Vereinigung mit Olympia finden sollte – – es war ein schmerzlicher Trost, daß ihm der unmittelbare Widerspruch seines Vaters nicht mehr entgegenstand. 19. Stillleben Spinoza ging nachdenklich durch die Kalverstraat. »Ei, ei, wie stolz,« sagte jemand: Spinoza kehrte sich um, es war Frau Gertrui Ufmsand, die aus ihrem Fenster im Erdgeschoß heraussah. »Wie geht's?« fragte sie. »Ihr macht ja ein essigsaures Gesicht, Seit der gute Magister Nigritius tot ist, hab' ich Euch nur ein einziges Mal in dieser Straße gesehen, vor ein paar Wochen; Ihr seid mit Olympia van den Ende vorbeigegangen, ich hab' zweimal guten Abend gesagt, aber ihr müßt auch keine Seide miteinander spinnen, keines von euch hat mich gehört oder gesehen. Nicht wahr, es waren doch auch schöne Zeiten, als Ihr alle Tage zu unserem Magister gekommen seid? Aber um mehr als zwanzig Jahre seid Ihr in dieser Zeit älter geworden. Ach! mit unserem Stübchen haben wir unterdessen viel ausgestanden. Zuerst haben wir einen Maler gehabt, der hat sich seinen Abendsegen in der Kirche geholt, wo man mit Gläsern zusammenläutet, dann ist er heimgekommen, toll und voll, und hat uns aus dem besten Schlaf aufgeweckt; nach diesem haben wir eine Witfrau gehabt, die hat das Holz gespart und hat uns den ganzen Tag auf dem Hals gesessen, man hat nicht vor ihr schnaufen können. Mein Mann, der ist gar wunderlich, ich hab' ihr nichts in den Weg gelegt, ich hab's auch meinem Klaas gesagt: es ist eine Witfrau, man kann sich versündigen; er hat ihr doch aufgekündigt. Seit einem halben Jahre steht jetzt das schöne Stübchen leer, und wir haben's erst neu anmalen lassen, es ist alles frisch geputzt und sieht drin aus wie in einem Kirchlein. Ich geh' nicht gern die Treppe hinauf –« »Geert, sei so gut und mach das Fenster zu, die Spän' fliegen einem alle in die Augen; wenn du mit dem Herrn plaudern willst, geh 'naus und laß ihn 'reinkommen,« rief eine dicke Stimme aus dem Zimmer. »Kommt ein wenig herein,« sagte Gertrui, das Fenster schließend. Spinoza ging hinein, er sagte, er wolle das Zimmer mieten, er müsse bei seinem Handwerke entweder an einem freien Platze oder hoch wohnen, um gutes Licht zu haben; die Leute glaubten anfangs, er scherze, und waren hoch erfreut, als sie merkten, daß es ernst war. Gertrui zeigte ihm das Stübchen, auf dessen Boden der feine Sand wie ein Spitzengewebe kunstmäßig durchzirkt war; der nach Schiffsweise in eine Wandspinde eingesetzte Bettraum war leer. »Seht,« sagte die Frau, »das ist noch der Lehnstuhl von unserem Magister, ich hab' alles waschen und ausklopfen lassen, es ist kein Stäubchen mehr darin. Ich kann Euch alles geben, nur kein Bett, die Betten brauch' ich für meine Gesellen; hier, da hat der Magister seine Bücher gehabt, da könnt Ihr auch Eure Bücher hinstellen. Habt Ihr auch die üble Gewohnheit, so auf Tisch, Bank und Stuhl, ja sogar auf dem Boden alle Bücher aufs Gesicht zu legen wie der selige Herr Magister und daß man keines anrühren darf, wenn es nicht ein Donnerwetter geben soll? Ei, habt Ihr nirgends die schöne weiße Amaryllis gesehen, die der selige Magister so gern gehabt hat? Von seinem Todestag an ist sie plötzlich verschwunden und sonst haben diese Geschöpfe doch nur Anhänglichkeit ans Haus und nicht an die Menschen; ich gäb' viel darum, wenn ich sie wieder bekäme, es tät' mir in der Seele weh, wenn sie es nicht gut hätte. Ach, und sie war so klug, sie wußte auf die Minute, wann das rohe Fleisch gebracht wird, und wir wußten nichts von Mäusen.« Spinoza hatte zu seinem Bedauern die Katze nirgends bemerkt. – Wir sind hier leider wiederum unter die Dachtraufe einer alten Frau geraten, wir dürfen uns indes ihre Redseligkeit schon ein wenig gefallen lassen, da sie unseren Philosophen mit wahrhaft mütterlicher Sorgfalt hegt und pflegt. Spinoza hatte seine beiden Schwäger, die sich in ihrer Erwartung getäuscht fanden, gerichtlich zur gleichmäßigen Verteilung der Verlassenschaft seines Vaters anhalten müssen; als ihm nun sein Recht geworden war, verzichtete er freiwillig auf sein Erbteil und nahm nichts als ein einziges Bett mit dem dazu gehörigen Vorhange, das er nebst seiner Werkbank und seinen wenigen Büchern und Kleidern in das Haus des Klaas Ufmsand bringen ließ. Hier endlich war es ihm vergönnt, sein äußeres Leben in vollkommene Übereinstimmung mit den Erfordernissen seines geistigen Naturells zu bringen. – Jener in der Überzeugung gefestete Gleichmut , der den gewaltigen Erregungen auf den Wendepunkten des Lebens wie den Ruhestörungen und Anfechtungen der Alltäglichkeit die gelassene Bedachtsamkeit entgegensetzt; jenes Selbstgenügen , gewonnen durch heitere Verzichtleistung auf den Rausch inhaltloser und abspannender Genüsse; jene Erhebung und Fülle durch den Reichtum des eigenen Innern; ein im heißen Kampfe errungener Seelenfrieden, ein klares Hinausschauen in die Welt, deren Rätsel gelöst und deren ewige Gesetze gefunden sind – das waren die Güter, die er immer bewußter, immer sicherer hier in der Einsamkeit sich aneignete. Vom frühen Morgen an saß er an seiner Werkbank und arbeitete. Wenn er mit dem scharfen Diamant ein Stück aus der Glasscheibe herausschnitt, so brach er sich zugleich auch aus dem großen System, das ganz, aber roh und unausgearbeitet in ihm lag, eine Idee los; wenn er die bleierne Platte aufschraubte und dem Glase eine bestimmte Gestalt gab, so gewann auch die Idee in ihm immer festere Form, und so durch alle Stadien hindurch, immer bestimmter wurde die Form, immer durchsichtiger der Stoff; mancher Splitter mußte abfallen, manche Ritze ausgeschliffen werden, bis endlich beide das Spiegelbild der Wahrheit in sich widerstrahlten. Wenn er sich dann mit der Hände Arbeit sein Brot verdient hatte, nahm er in nächtlicher Stille beim einsamen Lämpchen seine feingeschliffenen Ideen wieder vor, sammelte den Staub, der von ihnen abgefallen war, und streute ihn darauf, damit er sie undurchsichtig machte, dann wischte er ihn mit leichter Hand wieder ab und zeigte, daß er nicht notwendig dazu gehöre, und daß er die Klarheit nur verdeckt, nicht aufgehoben habe. – So arbeitete, so philosophierte Benedikt de Spinoza. Nicht lange nach seinem Zurückziehen aus der bewegten Welt mußte er indes auch am Tage einige Stunden von seiner Handarbeit abbrechen, um einen jungen Geist in das Gebiet der Philosophie einzuführen. Meyer brachte ihm eines Tages den jungen Simon de Vries, welcher, seitdem wir ihn flüchtig gesehen, der glückliche Erbe von den reichen Resultaten der Teespekulationen seines Vaters geworden war und sich nun ganz anderen Spekulationen ergab. Spinoza trug ihm einen Kursus über die Prinzipien der cartesianischen Philosophie vor. Auf demselben Zimmer, wo er einst Mensa deklinieren gelernt hatte, in demselben Stuhl, in dem einst der Magister ihm seine Sprachfehler korrigiert hatte, saß er nun und lehrte die cartesianische Philosophie und baute sich dieselbe aus, wie es die Notwendigkeit des Gedankens erforderte. Der ehrenfeste Dodimus de Vries, der einst die verwickeltsten Rechenexempel so schnell im Kopfe gelöst, hatte nicht nur seine zahlreichen vollwichtigen Dukaten, sondern auch seine Fertigkeit im Rechnen auf seinen Sohn Simon vererbt; Spinoza hatte viel Freude an dem jungen mathematischen Talent. Zwei, drei Tage, und oft noch länger, kam er nicht aus seinem Zimmer; er trennte sich nicht gern von der traulichen Stille, in der er sich so wohlig fühlte, wo Stunden und Tage wie sanfte Wellen, erfrischend und belebend, an ihm vorüberflossen. Die gute Gertrui war sehr unzufrieden mit ihrem neuen Mietsherrn. »Ich weiß nicht,« sagte sie, »entweder wollt Ihr Euch das Essen ganz abgewöhnen, oder die Raben vom Himmel kommen und speisen Euch, wie den Propheten in der Wüste; von dem, was Ihr von mir verlangt, könnt Ihr unmöglich satt werden. Gestern habt Ihr den ganzen Tag nichts gehabt als eine Milchsuppe, etwas Butter und einen kleinen Trunk Bier, was zusammen mit dem gekauften Wasser und dem Torf viereinhalb Stüber ausmacht, und heute habt Ihr wieder den ganzen Tag an der Hafergrütze mit Rosinen und Butter genug gehabt, die wieder gerade so viel kostet. Ich hab's zusammengerechnet, in einem ganzen Monat habt Ihr im höchsten Fall zwei halbe Pinten Wein getrunken: das ist nicht zum Leben und nicht zum Sterben.« Spinoza suchte der guten Frau begreiflich zu machen, daß sein Einkommen keinen größeren Aufwand gestatte, daß er sich bei dieser Lebensweise aber ganz wohl fühle. »Ja,« sagte sie, »man muß sich strecken nach der Decken, das ist ehrlich und rechtschaffen gedacht; aber wenn man die Decke länger machen kann, wär' man nicht gescheit, wenn man da läge wie ein zugeschnapptes Taschenmesser. Die vielen großen und reichen Herren, die täglich bei Euch aus und ein gehen, ich weiß gewiß, sie würden sich ein Vergnügen daraus machen, Euch Geld zu geben; es wär' nicht einmal etwas Geschenktes dabei, sie stören Euch so oft in Eurem Geschäft, daß sie es wohl vergüten dürften. Der Bediente des reichen Simon de Vries ist jetzt schon dreimal da gewesen, und hat Euch zum Essen eingeladen: statt hinzugehen und das Mark von frischen Meerspinnen zu essen, das auf der Zunge wie Butter zerläuft, seid Ihr zu Haus geblieben bei Eurer mageren Milchsuppe. Es ist Euch doch sonst nichts verborgen, und man kann über alles mit Euch sprechen; ich kann nicht begreifen, was Ihr dabei habt, Euch so einzuschränken.« Die gute Frau wollte sich durch keine Gegengründe überzeugen lassen. »Die Gelehrten haben doch alle besondere Mucken im Kopf,« sagte sie, als sie die Treppe hinabging, und erzählte Oldenburg, der ihr auf der Treppe begegnete, nochmals ihren Disput mit allerlei Variationen. Auch Oldenburg mißbilligte dieses freiwillige Abschließen in eine Klause aufs höchste. Er fürchtete, daß solches Abwenden von der bewegten Welt, solches lautlose Vertiefen in die Gründe des Denkens und Empfindens einen Bannkreis bilden könnte, darin jede hereinbrechende Störung eine reizbare Empfindlichkeit erzeugen müsse, die jeden Widerspruch ablehnt, weil sie sich von demselben zurückgezogen. Er wußte nicht, daß solche Krankheiten in sich verschlossener zarter Seelen dem starken und großen Geiste fern sind, der Einseitigkeit nicht kennt, weil er die Welt im Busen trägt, der durch die Widersprüche der Außenwelt nicht überrascht und verletzt wird, weil er sie alle durchdrungen und in sich zur Harmonie aufgelöst hat. Noch andere Gründe machten aber dem besorgten Freunde eine Veränderung in Spinozas Lebensweise wünschenswert; unter diesen stand die Befürchtung obenan, die Liebe Spinozas zu Olympia – die er so richtig erraten hatte – könne in dieser Einsamkeit seiner Seele so tief einwurzeln, daß sie unvertilgbar wäre. Er glaubte noch immer, durch kluge Vermittlung in den Lebensgang eines selbständigen Geistes eingreifen und denselben berichtigen zu können. »Unsere Zeit,« sagte er einmal zu Spinoza, »die Zeit der aus dem Klassizismus wiedergeborenen Humanität und der sich selbst offenbarenden Vernunft, hat ihre Apostel, die in alle Lande reisen und dort ihre neuen Ideen verkünden, so gut wie jede andere. Als das Christentum entstand und sich noch nirgends wohnlich niedergelassen hatte, zogen jene frommen Männer hin und predigten aller Orten, selbst mit Gefahr ihres Lebens; wir sahen in unserer Zeit ebenfalls begeisterte Männer von Stadt zu Stadt, von Land zu Land wandern, und aller Orten das an sie ergangene Wort verkünden. Denke nur an Jordanus Brunus, er hat fast die ganze zivilisirte Welt bereist, um seine Ansichten allenthalben zu verfechten; leider hat er den unbegreiflichen Irrtum begangen, nochmals nach Italien zurückzukehren, um auf dem Scheiterhaufen den philosophischen Märtyrertod zu sterben. Diese Art aber, die Welt, und was sie zusammenhält und bewegt, aus eigener Anschauung kennen zu lernen, und es ihr im lebendigen Worte vor das Bewußtsein zu führen, nicht aber vom einsamen Dachstübchen aus sie ergründen und meistern zu wollen, das ist die einzig richtige Art des wahren Denkers. Unser Meister, oder wenn du ihn nicht so nennen willst, unser Lehrer Cartesius, hat nach einsamem Zurückziehen erkannt, daß die Wahrheit aus der Welt geholt werden muß, wenn sie wieder in die Welt eingehen soll; er lernte die Menschen in Krieg und Frieden kennen, wurde selbst Soldat und ging auf Reisen. Und auch das mußt du als eine Offenbarung unserer Zeit erkennen, daß es in der künstlerischen Erfassung der stummen Natur erst unserem Jahrhundert gelungen ist, in der Landschaft den Geistesblick zu öffnen. Auch du mußt reisen, und willst du die Welt auch nicht lehren, so mußt du sie wenigstens wahrhaft kennen lernen; an Geld soll dir's nie fehlen, de Vries und ich, wir wollen dir alles, was du brauchst, gern geben; du darfst es nicht von dir weisen, es ist kein Geschenk, das wir dem Freunde bieten, der Wissenschaft und der Menschheit zollen wir diesen Tribut, du tust mehr als wir, du widmest ihr dein Leben.« »Ich bitte dich,« antwortete Spinoza mit mildem Tone, »wenn es nicht deine Absicht ist, mich erzürnt zu sehen, laß dies das letzte Mal sein, daß du mir Geldanerbietungen machst; ich habe dir und Vries längst erklärt, daß ich nie darauf eingehe. Überdies kann ich diese neue Art der Wanderphilosophie, welche du so sehr empfiehlst, für meine Person wenigstens durchaus nicht zuträglich finden. Ich bin kein Freund der Disputationen mit dem und jenem und sehe selten eine Förderung daraus, denn meist kommt im Gegensatze nicht der reine Gedanke zur Aussprache, vielmehr so viel persönliche Beimischung, willkürliches Ablenken, daß man mehr mit Peter und Paul, wie sie durch Gewohnheit und Neigung geworden sind, als mit dem reinen menschlichen Denken zu tun hat.« »Eben darum solltest du Peter und Paul noch näher kennen lernen, um ihre Vorurteile, ihre persönlichen Befangenheiten zu besiegen.« »Ich will die Gesetze menschlichen Seins und Denkens ergründen und feststellen, ich habe dir schon oft erklärt, daß ich nicht darauf ausgehe, die Mängel anderer aufzudecken; werden diese durch Aufzeigung des Normgültigen offenbar, um so besser. Du, nach deinem Berufe, mußt auf anderes sinnen; mir genügt es, im Buche der Geschichte und in den Regungen des eigenen Lebens zu forschen.« »Das sollst du,« entgegnete Oldenburg, »und eben darum die Welt im Großen wie im Einzelnen näher erforschen. Laß mich dein Handwerk, diese Gläser da, als Beleg annehmen. Wäre unser Auge mikroskopisch eingerichtet, wir würden nur Einzelteile und nie ein Gesamtes erschauen; hätte unser Auge nur den Fernblick, wir kennten die Besonderheiten der Dinge nicht. Darum ist es ein Vorzug des Kulturmenschen, sich künstlich die mikroskopische und teleskopische Anschauung zu seiner gegebenen mittleren natürlichen anzueignen, und schließlich durch die Vorstellung, durch den Gedanken, sie in ihren Bedingungen zu erkennen; aber der Großblick und der Kleinblick muß vorausgegangen sein. Ebenso ist es auch mit der Erkenntnis des Menschenlebens. Darum reise und lebe dann still für dich.« »Laß mir meine heimlichen vier Wände,« entgegnete der Philosoph, »die Welt der Erscheinungen ist von anderen weit genug erforscht und verzeichnet, daß man nun in stiller Betrachtung dem reinen Gesetze nachgehen kann. In meiner Klause finde ich mich jederzeit und bestrebe mich, um mich her all die Geister der Wahrheit zu sammeln; glaube mir, es ist eine zahlreiche und gute Gesellschaft, und ich bin nie allein oder verlassen; und bin ich's, allein in mir, so kann ich den Mischungen und Verbindungen in der Menschenseele um so stiller und ungestörter nachgehen. Wer von der Höhe der Vogelflucht herab ins Auge fassen könnte, wie ein Strom in den anderen mündet, und endlich alle in das Meer sich ergießen, der sähe nicht mehr, als dem stillen Blick sich bietet, wenn er das Ineinanderströmen unseres Innern verfolgt. Ja, wer wieder mit seiner Seele allein in der Stille leben könnte – mit der Seele, die nichts von Übertragenem, von fremdher Eingeflößtem hat – der lebte wieder im Paradiese, glückselig in sich und im All.« Noch nie hatte das Auge Oldenburgs so geflammt, eine zitternde Andacht und Begeisterung sprach aus dem sonst so festen Ton seiner Worte, aus seinem ganzen Wesen, als er sich jetzt erhob und sagte: »O Freund, was soll man dir sagen, da doch in dir alles gegeben ist! Und doch, vielleicht muß auch dir eine Stimme von außen ein Zuruf werden. Siehe, nicht umsonst berichten die Sagen aller Völker, daß sich Götter zu Menschen verwandelten, sich gefangen nehmen ließen von den Beschränktheiten und Gewalten des Daseins, um sich selbst frei daraus zu erheben und andere mit zu erheben, und sei es durch den Leidenstod. Auch du mußt, dem Rufe der dir gegebenen Wahrheit folgend, dich ihr zum Opfer bringen. Du wirst mich nicht für den Schächer halten, und ich will dir nur die Worte zurufen, die die Welt über dein Leben und Denken aussprechen könnte: hast du die Erkenntnis der Wahrheit, wird es heißen, und bist du ihr offener rückhaltsloser Bekenner, so steige herab von deiner stillen Einsamkeit, zieh hinaus in das bewegte Leben und verkündige und leide.« Die beiden Hände gefaltet auf die Brust drückend, erwiderte Spinoza: »Sterben für die erkannte Wahrheit ist Glückseligkeit, die keinen Schmerz mehr kennt. Was ist ein langes Leben gegen jene Erhabenheit, welche das Dasein selbst und dessen Hingebung zum Zeugnisse der inneren Wahrhaftigkeit macht? Könnte es nur auch andere überzeugen. Aber der Märtyrertod beweist für andere nichts. Für die entgegengesetztesten Überzeugungen sind Menschen freudig in den Tod gegangen. Ich selbst habe einen, wie man's nennt, gläubigen Juden gekannt, der mitten in den Flammen, da man ihn schon entseelt glaubte, den Psalm: ›In deine Hand befehl' ich meinen Geist‹ anstimmte und im Gesange ausatmete. Was könnte mich ein Leben mit seinen alltäglich wiederkehrenden Pflichten, Läuterungen und Genüssen reizen gegen die eine, alles in sich schließende Tat der Hingebung? Bezwingt aber äußere Gewalt den für seine Erkenntnis oder seinen Glauben Feststehenden nicht, so bezwingt sein Tod, der doch immer nur äußere Beweiskraft ist, auch die anderen nicht. Wenn ich, wie ich hoffe, mich einst so weit ausgebildet habe, um auch andere zu lehren, so habe ich ihnen kein Gesetz zu geben, keine runden Sätze einzuprägen; es soll ein jeder nur das Gesetz in sich und in der Welt finden: die Erkenntnis des in der Natur liegenden Gesetzes, das ist Erlösung seiner selbst und der Welt. Der Charakter, die bewußte Entwicklung seiner Naturgesetze, demgemäße Bestimmung seiner Handlungen und freie Hinnahme der daraus notwendig sich ergebenden Schicksale, das ist die Besonderheit des Menschen, die nicht gelehrt, nicht übertragen werden, die er nur aus eigener Arbeit in sich selbst erschaffen kann.« Die beiden Freunde standen nach diesen Worten in stiller Andacht einander gegenüber, und auf der Höhe des Denkens mutete sie wiederum die Freude an, mit gleichem, ja fast mit einem Blicke hineinzuschauen in die weite Welt. Niemand wußte mehr und wollte es wissen, wer der Gebende, wer der Empfangende war, sie waren eine Seele, ein Herz, und doch hatte jeder in dem andern sein eigen Selbst lebendig gegenüber. Als Oldenburg wegging, empfand er im tiefsten die weihevolle Kraft, die der Geist des Freundes über ihn ausgoß. Es erschien ihm vermessen, hier noch irgend eingreifen zu wollen; nur die Hand reichen, nur durch äußerliche Anlehnung die innere selbständige Notwendigkeit stützen wollte er. Er fühlte sich beseligt in der Macht solcher Männerfreundschaft, die auf dem Boden des reinen Denkens erwachsen war und die Hingebung an dieses wieder zu einer persönlichen Freude machte. Was kann die Liebe mehr bieten und warum will der in sich beglückte Denker sich nicht an der Freundschaft allein genügen lassen? Auch Spinoza fühlte sich immer heimischer in der umfriedeten Stille seines Lebens, dessen gleichmäßiges Glück nicht anders als Seligkeit genannt werden kann. Denn die innere Bewegung des Denkens in der Einsamkeit ist die selige Höhe des Lebens, der ewigen Sonne nahe, über dem Weltgeräusche, über den Wolken, die im Dunstkreis der Erde fließen. Im Alleinsein klärt sich das Leben ab, wo kein Anruf von außen möglich ist, nichts den Strom des denkenden Seins zu unterbrechen vermag. Und was zuerst als Wille erschien, festigt sich zu selbständiger Tragkraft, Gedanken schließen sich aneinander wie ein Reigen seliger Geister und nehmen den an die Persönlichkeit gebundenen Geist mit fort. Aufgelöst und vergessen ist das endliche Selbst und das Leben wird zum Denken. Was in der Gegenwart und herben Berührung störte, gewinnt eine milde Verklärung und erweckt eine milde Versöhnung im Geiste, den Liebe zu Wahrheit und Gerechtigkeit emporgetragen, und den kein Vorwurf herabzieht. – Wie ein Erwachen aus dem unbewußten Leben, das doch nur im selbstlosen Gebiete des Denkens sich bewegte, ist dann das Innewerden seiner selbst und das Besinnen auf sich und seine Beziehungen zur Außenwelt. Hatte sich so Spinoza in reiner innerer Denkbewegung losgelöst von allem persönlichen Sein, so überraschte ihn oft die Erinnerung, daß es nun schon wieder mehrere Tage waren, seit er Olympia gesehen, ja sogar seit er ihrer gedacht, und doch liebte er sie von ganzer Seele. Es war nicht jene stürmisch aufbrausende Liebe mit ihren überwallenden Gefühlen, es war die stillkeimende Neigung, deren Wurzeln in der Überzeugung und im klaren Bewußtsein von der Notwendigkeit des gegenseitigen Verhältnisses ruhten. Diese Liebe hatte aber der Wunderlichkeiten und rätselhaften Selbstquälereien so viele, als jede andere, die der Sturm der Leidenschaften fortreißt. Mit lautpochendem, von Liebeswonne geschwelltem Herzen ging er jedesmal nach dem Hause Olympias; und nicht selten verließ er dasselbe mit verstörtem Geiste und es ward ihm erst wieder wohl in seiner trauten Einsamkeit. – Wollte er wirklich die Liebe Olympias unterdrücken, oder wollte er nur eine Probe damit anstellen? Er sprach mehr als gewöhnlich von seinem Judentum, ja er suchte auch noch auf andere Weise sich selber in dem unvorteilhaftesten Lichte zu zeigen; und doch kränkte es ihn wieder, wenn er seinen Zweck erreicht zu haben schien, und Olympia – sei es aus Gefallsucht oder um ein Vergeltungsrecht zu üben – dem blonden Kerkering allerlei kleine Gunstbezeugungen zuwandte, wodurch dieser sich hochbeglückt fühlte und immer mehr in seiner Meinung bestärkt wurde, daß Spinoza nur der Strohmann sei, mit dem man ihn necken wolle. – Seit jenem verhängnisvollen Abende hatten sich die beiden Liebenden nicht mehr allein gesprochen, das hätte Mißverständnisse und Irrungen leicht gelöst; aber auch so, den Augen uneingeweihter Zuschauer bloßgestellt, genossen sie Wonnen unerschöpflichen Liebesglücks. Oft sagte ihr Mund die gleichgültigsten Dinge, aber ihre Augen sprachen sich all die Gefühle, die sie tief verschlossen für einander hegten. 20. Konfessionen »Die Juden wollen Alarm gegen dich schlagen, sie betrachten dich als Ausreißer und wollen, daß du wieder zur Fahne zurückkehrst.« So sagte Oldenburg zu Spinoza, als er mit Meyer in dessen Zimmer trat. »Fürchte nichts,« sagte Meyer, »du hast dich so hoch hinaufgebettet, daß ihnen der Atem ausgeht, bis sie zu dir hinaufkommen.« »Wie wär's,« fragte Oldenburg wieder, »wenn du dich, während sie nach dir fahnden, unter eine andere Fahne begeben und dich in eine andere Uniform gesteckt hättest?« »Du hast doch einst den Turenne so sehr gelobt,« entgegnete Spinoza, »weil er das nicht tat? Ich wüßte nicht, welche Uniform mir paßte.« »Du hast recht,« sagte Meyer, »müßte ich dir eine Uniform zuschneiden, ich würde die ganze Himmelsdecke dazu verbrauchen, und Sonne und Mond dir als Ordenszeichen an die Brust hängen.« Ein Gelächter entstand und Oldenburg begann wieder: »Wozu diese Plänkeleien? wir müssen der Sache auf den Leib rücken; Meyer von seinem hiatromathematischen Standpunkte aus, behauptet immer, das Streben aller Vernünftigen müsse dahin gehen, allen positiven Glauben und vornehmlich alle Autorität der Bibel auszurotten. Luther, sagt er, habe den Traditionsglauben gestürzt, er habe uns aber auf den unfruchtbaren Sand des bloßen Bibelwortes gesetzt, er beruft sich sogar auf dich und sagt, du hieltest nichts von den Propheten und den heiligen Geschichten.« »Wenn er das tut, so hat er unrecht. Ich glaube, die Prophetie kann vermöge ihrer inneren Anschauung oder Phantasie, die wir als unmittelbare göttliche Gabe bezeichnen können, das Wahre oft ebenso richtig erkennen als die sich immer klar bewußte Vernunft; nur weil jene sich noch auf der niederen Stufe der Wahrnehmung hält, ist sie dem Irrtum auch mehr bloßgestellt als die reine Vernunft. Theologie und Philosophie sind sich nicht einander entgegengesetzt, sie beruhen bloß auf ganz anderen Grundlagen. Ich bin von dem ewigen und unerschöpflichen Nutzen vieler der sogenannten heiligen Geschichten für das gemeine Volk überzeugt. Wer an sie glaubt und sein Leben danach einrichtet, hat als Erbe sich eine große Summe von erfahrungsmäßigen Wahrheiten angeeignet, zu denen eine geringe Anzahl Menschen, die nicht daran glauben mag, nur unmittelbar durch ihre Denkkraft und somit aus sich selber heraus gelangen können. Jene wie diese sind selig, diese aber noch seliger, weil sie aus sich selber die Gesamtheit ihrer von der Natur gegebenen Gesetze erforschen; die Bibel kann den Anspruch auf diese für alles ausreichende Gesamtheit nicht machen und hat ihn auch nie gemacht, sie ist ein nach und nach entstandenes Werk mit mancherlei Äußerlichkeiten; ihr Zweck ist nicht Wissenschaft und Denken, sondern Glauben und Handeln, und darum ist es gut, daß wir einsehen, wie wir alles ebensogut und noch bestimmter aus der eingeborenen Denkkraft schöpfen können.« »Siehst du, da hab' ich wieder meine Erbsünde,« fiel Meyer ein; »zuerst sagte man: die menschliche Natur ist von Grund aus und ursprünglich schlecht, sie kann das Höhere gar nicht erfassen, und dann sagte man: deshalb muß eine übernatürliche Offenbarung sie aus diesem Zustande erlösen. Man schlug der Menschheit ein Bein ab und triumphierte: seht ihr's? sie kann nicht allein gehen und stehen, drum muß man ihr einen Stelzfuß anschnallen und alle Sonntage nach dem Riemenwerk sehen, damit die Menschheit wieder sieben Tage laufen kann.« »Meyer! du willst nur immer die Hinterlassenschaft der Erbsünde bereichern,« sagte Oldenburg und fuhr, zu Spinoza gewendet, fort: »Sage mir offen: bist du denn nicht überzeugt von der Abgelebtheit und einengenden Beschränktheit des Judentums?« »Das ist viel gefragt; aber ich muß dir vorerst wiederholen, daß kein Glaube uns jene wahre Seligkeit bietet, die allein aus der Erkenntnis der inneren Notwendigkeit unserer Naturgesetze entspringt. Schon längst ist es so weit gekommen, daß man fast niemand mehr, wer er sei, ob Christ, Türke, Jude oder Heide als solchen erkennt, sondern nur nach den äußeren Sitten und Gebräuchen, oder weil er diese oder jene Kirche besucht, dieser oder jener Meinung anhängt und auf die Worte irgend eines Meisters zu schwören pflegt. Das eigentlich Entscheidende und Maßgebende ist schließlich der individuelle Charakter; darum neigen die Bekenner ein und desselben Glaubens, ja oft die Bekenner ein und desselben philosophischen Systems zu so verschiedenen Gestaltungen ihres eigenen und des gesamten Lebens. Was nun das Judentum betrifft, so erkennt dieses selber einen gottseligen Lebenswandel unabhängig von jener bestimmten Offenbarung als Gesetz an; Noah, Abraham, Isaak und Jakob werden als gottselig gepriesen, obgleich sie lange vor der Offenbarung auf Sinai lebten. Moses, vermöge seiner erhabenen göttlichen Eigenschaften, gab dem Volke das Gesetz als Recht, als Staatsverfassung. Diese ist zertrümmert; das Urrecht, aus eigener Erkenntnis sich die göttlichen Gesetze zu begründen, tritt also auch im Judentume mit allgemeiner Geltendmachung ein.« »Mir waren die Juden stets ein merkwürdiges Phänomen der Geschichte,« sagte Meyer. »Die Juden müssen so lange bestehen, als es eine positive Religion gibt. Diese wunderbare Zähigkeit, mit der sie die fürchterlichsten Schläge des Geschicks überdauert haben, muß den Beweis in sich tragen, daß ihre Mission noch nicht erfüllt ist, und daß sie im Verlaufe der Geschichte noch einmal einen mächtigen Hebel bilden können,« »Dir gefallen solche Abnormitäten –,« sagte Oldenburg und Spinoza erwiderte: »Es gibt keine Abnormitäten, alles hat seinen bestimmten Grund, aus dem es notwendig und folgerecht in solcher Ordnung hervorgehen muß. Wenn nicht die Einrichtungen ihrer Religion sie ihrer Männlichkeit beraubten, so würde ich unbedingt annehmen, daß die Juden, wie das bei dem Wechsel der menschlichen Dinge wohl möglich ist, einst, wenn sich die Gelegenheit gibt, ihr Reich wieder errichten und Gott sie von neuem erwählen könnte. Wir haben hievon ein Beispiel an den Chinesen, die ihr Reich wieder erlangt haben. Aber die Mission der Juden ist wohl erfüllt, es ist bei ihrer Erhaltung durchaus nichts Wunderbares; nur der Haß der Nationen hat sie erhalten, und sie selber haben sich dann durch ihre Gebräuche von allen Völkern abgesondert. Diese Gebräuche können fallen wie alle übrigen Zeremonialgesetze, die nur lokale Geltung hatten, und der Haß der Nationen kann sich in Liebe verwandeln.« »Ich wäre stolz darauf, ein Jude zu sein,« sagte Meyer; »man ist in entschiedener Opposition gegen allen Schlendrian geboren und stellt den Riß, der durch das Herz der jetzigen Menschheit geht, in sich unmittelbar dar. Der von seiner eigenen ohnedies zerrissenen Tradition freigewordene Jude ist der eigentliche unbefangene Fremdling in der Welt, ausgerüstet mit allen Waffen des männlichen Geistes und doch wie mit unbestochenem Kinderauge die ganze historisch gegebene Welt prüfen und umstellen, das ist ein Vorzug und eine Freiheit, die kein anderer sich so leicht erringen kann. Wir anderen haben alle zu viel teil an der Weltherrschaft und zu viel Schonung und Gewöhnung dafür. Und schon in der großen Weltgeschichte zeigt sich's, daß die Erneuerung der ganzen Welt nicht von den herrschenden Völkern ausging; kein Grieche, kein Römer brachte die neue, die ganze Welt umgestaltende Lehre, sie ging aus dem verschmähten, unterdrückten und von der eigentlichen Weltbewegung ausgeschlossenen Volke hervor. Im Altertum lebte der Mensch in vollkommener Einheit: die Religion war Staatsverfassung und die Staatsverfassung Religion. So war es in Rom und Athen, in Ägypten und China, und am vollkommensten in Palästina. Mit der Zerstörung des jüdischen Staates und mit dem Auftreten des Christentums gab es erst eine Religion als solche, denn jetzt erst wurde sie losgeschält vom Staate. Zweierlei Mächte waren es fortan, die den Menschen in Beschlag nahmen und ihm seine Einheit raubten: Staat und Kirche. Das Christentum hat im Papismus bis jetzt gerungen, beide wieder zu vereinigen; die Macht des Papismus ist gebrochen, die alte Zweiheit ist wieder da, und das Christentum gibt keine Staatsverfassung.« »Ich glaube, wir haben die Rollen gewechselt,« erwiderte Spinoza, »das Christentum hat sich nicht an Nationen und Staaten, sondern an die Menschheit, an den allgemeinen Menschen gewendet, um ihn innerlich frei zu machen; nie wollte es äußeres Gesetz sein. Vermöge der Erkenntnis unserer inneren Gesetze können und müssen wir Staat und Kirche einrichten, in beiden aber dem Forschergeiste, der alles in Frage stellen darf, freien Spielraum lassen, sonst legen wir wieder durch äußere Gesetze unsere innere Freiheit in Banden. Die zeitlichen religiösen und politischen Beigaben der Christuslehre sind eben nur zeitliche. Wenn Christus sagt: »Schlägt man dich auf den rechten Backen, so reiche auch den andern dar« (eine Verhaltungsregel, die auch Jeremias in seinen Klagliedern gibt), so kann das nur zu einer Zeit der Unterdrückung und Rechtlosigkeit gelten; sonst aber ist es pflicht- und vernunftgemäßer, dem, der dir einen Schlag gibt, zwei dagegen zu geben, oder ihn, wo das Recht herrscht, vor Gericht zu belangen, damit die Lasterhaften nicht gewonnen Spiel haben mit ihrer Lasterhaftigkeit.« »Mit allen diesen Ansichten,« sagte Oldenburg, »würde ich nicht lange anstehen, mich zur christlichen Religion zu bekennen; du brauchst es nicht aus Überzeugung für das Positive derselben zu tun; ich schlösse mich an deiner Stelle dadurch nur der größeren und bildungsreicheren Menge an, die auch den bedeutendsten Einfluß auf die Geschichte der Zeit zu üben vermag. Es ist nicht Eitelkeit, wenn man einen unschönen Auswuchs im Gesichte ausschneiden läßt; man unterwirft sich dadurch nur der Pflicht gegen sich und andere, alles Störende abzutun.« »Und ich,« sagte Meyer, »ich würde dich von diesem Tage an nicht mehr so schätzen und achten können, du wärest dir selber abtrünnig geworden. Aber wie ich höre, minnest du ja die heilige Olympia. Nun, das ist doch ein universelles Mädchen! Zuerst hat sie einen Katholiken, dann einen Reformierten zum Geliebten gehabt; jetzt hat sie einen Juden und, wie ich glaube, in dem Kerkering einen Lutheraner als Kebsgeliebten daneben, ist sie mit euch beiden fertig, verschreibe ich ihr einen Türken.« »Spotten und Witzeln ist deine Erbsünde,« entgegnete Spinoza streng, »aber ich verlange, daß du mit Ehrerbietung von Olympia sprichst.« »Ach, die hochgelahrte Olympia!« scherzte Meyer, »sie kann amo im Präteritum vollkommen konjugieren; doch, ich muß ja ernsthaft sein. Zuerst war ein Maler, der ein paar Monate hier in diesem Zimmer gewohnt hat, von ihr bezaubert. Es war ein blutjunger Mensch, mit ausgezeichnetem Talente und übersprudelnder Gemütsfülle; ich kam damals selber häufig in das Haus des van den Ende und gestehe, daß ich nicht wenig dazu beitrug, daß van der Spyck das Verhältnis löste. Hätte ich aber vorher gewußt, was daraus erfolgt, ich hätte meine Hand nicht dazu geboten; denn van der Spyck ergab sich von da an dem Trunk, sank von Stufe zu Stufe immer niederer, bis er es endlich hier nicht mehr aushielt und nun unstet und flüchtig in der Welt umherirrt. Sowohl van der Spyck als Olympia wendeten ihren Groll gegen mich; ich kam seitdem nicht mehr in das Haus meines Kollegen. Der zweite Geliebte Olympias war ihr Musiklehrer; der schwamm ewig in lauter Musik, er war nie zu sehen ohne ein Musikheft unter dem Arm, und wo er ging und stand, bewegten sich seine Finger wie zum Orgelspiel. Ich glaube, daß er mit einem Notenblatt unter dem Arm auf die Welt gekommen ist, und daß er schon seinen ersten Schrei aus D dur tat; ach! der schwärmte mit Olympia im Reich der Töne. Den wies nun der Brummbaß des Vaters aus dem Paradiese. Denke dir aber die fürchterliche Prosa: der Mensch hätte doch wenigstens mit einem Pistolenschuß sich das Finale machen sollen, aber grausam! nicht volle acht Tage darauf hat der Musikschlüssel schon ein anderes Schloß aufgemacht, er ist verlobt mit der Tochter des Aufsehers bei dem Huys te Sinnelust; Eine Art Konzertsaal mit verschiedenen seltenen musikalischen Instrumenten. er erhält das Amt seines Schwiegervaters und lebt nun mit seiner musikalischen Ehehälfte ein bürgerliches Andante. Ich will nur sehen, wie es mit Euch schließen wird.« Spinoza ging nachdenklich und ärgerlich im Zimmer auf und ab; es war ihm fast wieder so wie damals, als Chisdai das lichte Bild Olympias mit seinem Zelotismus begeiferte. »Ich begreife dich nicht,« sagte Oldenburg, »du täuschest dich gewiß, wenn du glaubst, du liebst sie; diese Gemütsruhe, dieses Versenken in Gedanken, die zur Liebe in keinem Bezuge stehen, wäre nicht möglich, wenn das wahre Liebesfeuer dir durch die Adern flösse.« »Kennst du denn alle Besonderheiten der Liebe in den verschiedenen Individuen, um das so bestimmt und unbedingt auszusprechen?« fragte Spinoza. »Ich kenne die Liebe, und war ich auch stürmischer als mancher andere, so kenne ich doch ihren ewigen Urquell, der bei allen derselbe sein muß. Meine Bekanntschaft mit Olympia datiert von meiner Liebe her; Maria war die Freundin Olympias. Inniger als ich hat wohl nie ein Mensch geliebt; mit Mitleid und Hohn sah ich auf die Alltagsmenschen herab, die den Tag über an ganz andere Dinge denken und ein beliebiges Geschäft treiben, Physik studieren, Staatsakte ausfertigen, Handelsbriefe schreiben können, und dann, wenn das Tagewerk vollendet ist, oder ein Sonntag im Kalender steht, mit dem Liebchen einen Spaziergang machen. Die trefflich eingeschulten Herzen, wie eng und kalt erschienen sie mir, der ich keinen anderen Gedanken kannte, kein anderes Gefühl wollte, als die Liebe allein. Ich hatte eine neue Seele gewonnen mit einer unzerstörbaren Einheit, denn der eine und ewige Gedanke war nur sie, und sie allein. Wenn ich den süßen Atem Marias einsog, oder wenn ich in der fernen Heimat einsam wanderte, immer war ihre Seele bei mir; überall dachte ich, bald ist sie hier mit dir, du nennst sie dein – ich schauderte oft vor der unendlichen Überschwenglichkeit dieses Glücks, es war zu groß, ich hätte es nicht ertragen können. – Ich wurde schmählich um die Geliebte und um den besten Teil meiner Gefühle betrogen. Eine andere Liebe? ich mag und darf sie nicht wünschen; war mir's versagt, in jenem ersten Feuer der Liebe meine Seele aufgehen zu lassen, so verachte ich jene bürgerlich wohlerzogene Liebe, ich bin froh, daß ich zu alt bin, um noch einmal einer Versuchung ausgesetzt zu sein; ich habe einen Wirkungskreis gefunden und Beruhigung in ihm.« »Die Ehe ist ein heiliges und ewiges Naturgesetz,« erwiderte Spinoza, »sie ist des Menschen schönste Zierde, wenn sie aus reiner vernünftig bewußter Neigung geschlossen wird.« »Ich will die Ehe nicht angreifen,« entgegnete Oldenburg, »aber das ist ein Fluch, der auf der Menschheit lastet, je weiter sie voranschreitet, daß es immer unmöglicher wird, gerade dann ihres Genusses teilhaftig zu werden, wenn die Natur es erheischt. Was sollen Kunst und Wissenschaft und Industrie? Mögen sie alle zu Grunde gehen, wenn nicht der Mensch –« »Der kann,« unterbrach ihn Spinoza, »naturgemäß leben, wenn er früh gelernt hat seiner Leidenschaften Herr zu sein, und den ewigen Vernunftgesetzen gemäß zu handeln. Freilich, dazu ist nötig, daß diese nicht als äußere uns aufgedrungene erscheinen, denn sonst wird die äußere Macht der Leidenschaften sie oft im Kampfe besiegen; haben wir aber, vermöge unserer inneren Vernunftgesetze, die Nichtigkeit aller Macht und alles Genusses der Leidenschaft erkannt, so führen wir ein Leben, wie es unsere wahre Natur erheischt.« »Es ist nicht Allen gegeben,« entgegnete Oldenburg, »gleich dir der Welt den Rücken zu kehren, oder vielmehr in dem Himmel des eigenen Selbstbewußtseins sich über ihr zu wiegen; es gibt stürmische, drangvolle Geister, die nur ein glücklicher Leichtsinn in dieser Welt voll nichtiger Wichtigkeiten, voll notwendiger Willkür lebensfroh erhalten, und vor Wahnsinn und Verzweiflung wahren kann.« Mit mildem Tone lenkte Spinoza das Gespräch wieder zurück, indem er sagte: »Ich kehre der Welt den Rücken nicht, wie du glaubst; und genieße sie in meiner Weise vollauf.« »Und betrügst dich, wenn du glaubst, sie mit Olympia noch mehr zu genießen.« »Oldenburg, du hast zu hoch gespannte Ansichten von der Ehe,« bemerkte Meyer; »glaube mir, ich habe jetzt die zweite Frau, und lebe stets zufrieden; man wird in der Ehe weder so glücklich, als die Schwärmerei hofft, noch so unglücklich, als sie fürchtet. Meine jetzige Frau kannte ich vor der Hochzeit nur wenig, wir lernten uns nach und nach kennen und aneinander gewöhnen. Was man von Seelenharmonie träumt, ist gar nichts Wesentliches, meine Frau zum Beispiel ist echt frommgläubig, und doch leben wir einig, ja es wäre mir sogar nicht lieb, wenn sie nicht so wäre; dieser stille Glaube gibt den Frauen einen besonderen Reiz. Ich habe zwei gesunde muntere Jungen, habe ein geordnetes Hauswesen, und darf sagen: ich lebe glücklich.« »Du weißt, ich achte und verehre Olympia von Herzen,« sagte Oldenburg, »aber eine Verbindung mit ihr muß ich dir widerraten. Ich mische mich nur mit Widerstreben in diese Angelegenheit und würde es auch noch jetzt unterlassen, wenn ich nicht deine beneidenswerte Kraft kennte, trotz alles Widerstreites dir jegliches rein und heilig zu erhalten. Hier aber laß dich bekehren. Es ist die erste Liebe nicht, mit der Olympia dir zugetan ist; der frische Himmelstau ist weg, diese Lippen haben schon einen anderen geküßt, dieses Herz hat schon für einen anderen geschlagen, und – du darfst mir's nicht verargen, daß ich es sage – es ist die wahre Liebe nicht, die du gegen sie hegst, sonst könntest du unmöglich in diesem ruhigen Gleichmut dich bewegen.« »Ich muß dir abermals wiederholen,« entgegnete Spinoza, »daß es nichts wahrhaft Wünschenswertes gibt, das vernünftige Überlegung nicht ebenso tief und noch weit dauernder erfassen könnte, als Schwärmerei und ungestüme Leidenschaft.« »Mir fällt etwas anderes ein,« sagte Meyer, »wäre es, positiv-rechtlich gefaßt, nicht gestattet, daß Juden und Christen einander heiraten?« »Kein Rabbine auf Erden könnte ein positives Hindernis dagegen aufbringen. Die Christen sind, vom jüdischen Standpunkte aus betrachtet, nur eine jüdische Sekte, daß ihre Zahl im Verlauf der Geschichte die größere wurde, verändert an dem Sachverhalt nichts. Wir haben unter den Juden Sekten, ja sogar unter den Talmudisten einzelne, die den Glauben an einen Messias als unwesentlich nicht zu den Grundgesetzen der Religion rechnen. Es kann also eine gegenseitige Verschwägerung zwischen Juden und Christen nicht verboten werden.« »Solange diese Wechselheiraten nicht stattfinden werden,« begann Meyer wieder, »wird das Gehässige, das sich an den Namen ›Jude‹ knüpft, nicht unter allen Verhältnissen ausgerottet werden können. Nun wäre ich fast doch für diese Verbindung, es wäre großartig, wenn du auch hierin der jüdische Erlöser werden könntest. Aber nein, du mußt nicht nur Jude, du mußt auch Junggeselle bleiben. Nur so vollführst du deine Mission. Wer sich an das Familienleben und die Gesellschaft anschließt, dessen geradliniges, streng folgerichtiges Leben und Denken wird durchschnitten und unterbrochen. Ablenken, Umbiegen ist notwendig gegeben, und ich merke es schon an meinem Berufe, was es heißt, von den tausend einzelnen Erscheinungen des Lebens den Blick immer bald da, bald dorthin ablenken zu lassen. Die stetige, ununterbrochene Strömung zwischen der denkenden Seele und einem Gedanken, den sie sich vorgesetzt, wird so vielfach durchkreuzt und unterbrochen; die Brutwärme verflüchtigt sich, erkaltet, und muß immer aufs neue wieder erregt werden. Darum freue dich, daß du Jude von Geburt bist und ein Junggeselle durch Geschick und freien Willen bleiben sollst.« Zum ersten Male war Spinoza froh, als die beiden Freunde sich entfernten. Von allen Neigungen des Menschen scheint die Frauenliebe allein dem Glauben ähnlich: ihr letzter Grund beruht allein in der Persönlichkeit, deren gerechtes Anschauen, keinem anderen erkenntlich, es zum Frevel macht, sie anzutasten. Warum mußte Spinoza von einer Liebe erfüllt sein, die mit solchem Widerstreit gegen die Welt verknüpft war und daher jedem und besonders den Freunden ein Recht gab, sie zu durchforschen? Einer minder streng und unnachsichtlich nach innerer Wahrhaftigkeit strebenden Natur hätte solcher Eingriff den sanften Schmelz stiller Empfindung verwischt und ihn bitter gegen die Freunde oder selbstzweiflerisch in sich gemacht. Spinoza lernte auch hierin aus der klaren Erkenntnis sich jene Weihe erringen, die man sonst nur der unvermittelten Empfindung zuzuschreiben gewohnt ist. 21. Mikrokosmus Ein Herz, das sich gewöhnt, alle stürmischen Wallungen niederzuhalten, gleichmäßige Bewegung und eine Mittelstimmung zu gewinnen, die ebenso fern ist von stumpfer Unbewußtheit, wie von den schneidenden Gegensätzen in Jubel und Trauer, ein solches Leben gerät nicht auf schwindelnde Höhen oder in dunkle Abgründe, die den teilnehmenden Beschauer bald mit bangem Entsetzen über drohenden Untergang, bald mit stiller Befriedigung über gewordene Rettung erfüllen. Unser Held hat sich nicht verloren in der Liebe zu einem Mädchen, und doch ist sein bestes Leben dabei gefährdet. Er hat schließlich mit niemand zu kämpfen als mit sich selbst, mit angeborenen und anerzogenen Beziehungen. Solcher geräuschlose Kampf erheischt aber noch weit mehr das Aufbieten der innersten Kraft, es fehlt der faßbare Gegensatz, der die Tapferkeit steigert. Es wird kein sichtbares Reich verändert mit Erhebung und Fall unseres Helden, aber ein Geistesreich mit weitgebietender Macht steht in Frage. In der stillen schmucklosen Dachstube der Kalverstrat zu Amsterdam soll sich's entscheiden. Arbeit und stilles Sinnen ist es allein, was wir belauschen müssen. Am frühen Morgen treffen wir unseren Philosophen wach an der Werkbank. Er hat heute schon wieder, wie Frau Gertrui sagt, »dem Tag in die Augen gegriffen«: er lächelt still zu dieser Bemerkung, vielleicht deutet er sie anders. Ruht das Rad und der Stift, dann ist's totenstill im Raume, die Welt ist abgeschieden. Was spannt sein Antlitz nur heute und warum starrt er so oft nach der Fensterecke? Er wohnt doch nicht so einsam als wir vermuteten, am unbemerkten Ort hat er eine Stubengenossin in selbstgebauter Zelle, für deren täglich Brot er ebenfalls zu sorgen hat; seht, da hat er eine Fliege erhascht, nun holt er sein Mikroskop, geht nach dem Fenster und wirft das erbeutete Tier in das Spinngewebe. Wir wollen auch durch das Mikroskop schauen, vielleicht gelingt es, den Betrachtungen des Philosophen nachzugehen: »Sieh, wie die einsam lebende Spinne aus ihrem Versteck hervorspringt. Trotz ihrer acht Augen muß ihr Gesichtssinn kümmerlich sein, denn sie weicht nicht aus, wenn man ihr einen Gegenstand nähert; sie muß aber eine feine Empfindung haben, denn sie spürt die leiseste Berührung ihres Netzes. Oder hätte sie vielleicht gar noch einen lebendigen Zusammenhang mit dem aus ihr Abgelösten? Sieh, wie sie sich behende auf die zappelnde Beute wirft, sie mit ihren langen haarigen Beinen umklammert, sie herzt und mit ihrem mächtigen Rüssel abküßt. So recht, wehr dich, das ist brav, aber das Netz, das Netz, husch, durch ist sie; jetzt schlägt sie die Hinterfüße auf dem Rücken übereinander und rüstet sich zur Flucht. Vergebens! der linke Flügel ist zerrissen, sie kann nicht fort und da verfolgt sie schon die Heißhungrige; jetzt packt sie sie auf und schleppt sie zurück in ihre Behausung. Nun ist's aus, sie knickt ihr die Füße ab und umspinnt sie mit ihrem feinen Gewebe, da hat sie den Kopf vom Rumpfe getrennt und saugt nun durstig die Eingeweide aus. Welche behagliche Ruhe im Genusse! wie sie sich labt, bald eine Pause macht, und dann wieder frisch drauf los nagt; ob sie wohl weiß, daß es eigentlich eine höhere vorsorgende Macht war, die ihr die gebratene Taube in den Mund fliegen ließ? Gewiß, die Spinne denkt jetzt, das ganze Fliegengeschlecht sei ihretwegen erschaffen, und alles sei nur insofern gut, als es von der Fliegennatur an sich hat und den Bauch der Spinnen füllen kann. Jetzt sieht sie auf mich, ob sie mich wohl anbetet, oder ob der Wind und der Scheuerbesen ihre Götzen sind, weil sie erfahren hat, daß sie ihr Gehäuse zertrümmern können? So, jetzt ist sie fertig, da liegt nur noch das leere Skelett, und nun kriecht sie tiefer in ihr Versteck zurück, ihre Arbeit ist zu Ende, denn sie hat sich gesättigt.« Der Philosoph legte das Mikroskop weg, griff nach der vor ihm liegenden Bibel, schlug das 30. Kapitel der Sprüche Salomonis auf und las: »Zweierlei verlange ich von dir, die wollest du mir nicht weigern ehe denn ich sterbe: Trug und Lüge laß ferne von mir sein; Armut und Reichtum gib mir nicht, gib mir nur das nötige Brot.« »Vier sind klein auf Erden und sind doch gar klug. Die Ameisen, ein Volk ohne Stärke, bereiten sich im Sommer ihre Speise. Die Kaninchen, ein Volk ohne Macht, setzen in Felsen ihr Haus. König hat der Heuschreck nicht, und allesamt ziehen sie in Haufen aus. Die Spinne webt mit ihren Händen und wohnt in den Palästen der Könige.« Die Bibel erklärt in ihrer Weise die Natur und ihre Triebe, die Menschengeschichte und ihre Vertilgungskriege. Überall ein endlos sich aneinanderreihender Vernichtungskampf, die Gewalt herrscht in der Natur, sie betätigt sich unschuldig und im Reiche der Natur ist Macht und Recht eins, und die Menschen haben Gesetze festgestellt zur Wahrung gegeneinander und das Gesetz hat seine Kraft wiederum nur in der ihm botmäßigen Gewalt, des Menschen Gotteskraft aber ist, selber sich Gesetz zu sein, im Bewußtsein seine Natur zu fassen, die ihm den Frieden mit sich und der Welt gebietet. Im Namen der gegebenen Gesetze, göttlicher und bürgerlicher, verdammen und morden wiederum Taufende einander, und was sie verbinden sollte, scheidet sie. Wird es möglich sein, die Macht des inneren Gesetzes zur Tugend und Liebe festzustellen? ... Freuen wir uns, daß wir gerade heute so glücklich waren, Spinoza ungestört zu treffen, denn gestern hatte er einen gar schweren Kampf zu bestehen. Frau Gertrui kam mit einem Kehrbesen zur Tür herein, als er eben über den Kampf einer fetten Schmeißfliege mit der Spinne hellauf lachte. »Haben die Juden auch den Glauben, daß die Spinnen Glück bringen?« fragte sie. »Ihr seid doch sonst so säuberlich, und daran das gerade Gegenstück von dem seligen Herrn Magister, daß ich meine wahre Freude daran hab'. Ich will die Spinnen ja nicht umbringen, Gott bewahre, nur vertreiben will ich sie. Ich muß mich ja schämen vor den vornehmen Herren, die zu Euch kommen; was werden die denken? Das muß eine schöne Hauswirtin sein, die scheuert ja nicht einmal die Spinngewebe weg.« Es gibt für eine schmucke Holländerin, in ihrem Bedacht auf blanke Sauberkeit des Hauses, nicht leicht etwas, das sie feindlicher verfolgte, als eine Spinne. Nur sehr widerwillig ließ Frau Gertrui ihrem Scheuereifer Grenzen setzen. Es half nichts, daß der Philosoph erklärte, wie die Spinnen für sich sehr auf Reinlichkeit halten, und sie war selbst da noch nicht beruhigt, als Spinoza ihr versicherte, er wolle allen seinen Besuchern erklären, daß er der Erhalter der Spinngewebe sei; sie blieb dabei, er sei kein echter Holländer, weil er in einem Zimmer wohnen könne, in dem ein Spinngewebe sei. – Sehen wir indes, wie er den heutigen Tag beschließt. Bis es Nacht ist, arbeitet er, und dann bannt er seine ausgearbeiteten Gedanken auf das Papier. Kopf und Hände hat er heute sehr angestrengt, er fühlt das Bedürfnis der Ansprache, er nimmt die Lampe in die Hand und geht hinab zu seinen Hausleuten. Wie er in die Stube tritt, sitzen Klaas und Gertrui mit gefalteten Händen hinter dem Tische, ihr Enkel Albert Burgh liest aus der Hauspostille den Abendsegen vor. Spinoza setzte sich in eine Ecke bis das Gebet zu Ende war, dann rückte er auch an den Tisch und sprach mit seinen Hausleuten über dies und das. Klaas klagte, daß die neuen Moden alles verderben, die Knopfmacher verlören auch nach und nach das Brot, weil man immer weniger und immer kleinere Knöpfe trage. Spinoza hatte für alles einen Trost, und die Leute fühlten sich gar behaglich bei seinen Reden. »Sagt mir doch einmal,« fragte Klaas, »wie kommt's, Ihr seid doch noch nicht so bei Jahren und seid auch noch wenig in der Welt herumgekommen, wie kommt's, daß Ihr so bald und so gut wißt, wie's dem gemeinen Mann ums Herz ist? Ich bin gleich in den ersten acht Tagen mit Euch gewesen, als ob wir schon einen Scheffel Salz miteinander gegessen hätten.« Spinoza erklärte, daß das menschliche Herz unter allen Verhältnissen dasselbe sei, und daß, wer nur sich selber wahrhaft kenne, auch die Regungen des Herzens in anderen und unter anderen Verhältnissen richtig auffassen und beurteilen könne. »Wenn Ihr so redet,« sagte dann Frau Gertrui, »ist mir's so sonntäglich zu Mute, wie wenn ich eine Predigt hörte; gerade so wie Ihr hat der selige Domine Plancius in der oude Kerke gepredigt. Nicht wahr Klaas, ich hab's schon oft gesagt: unser lieber Herr von Spinoza hat so ein christliches Gemüt, der hat auch gar nichts von einem Juden an sich, er ist gar nicht wie die anderen Juden und er ist auch kein Jud?« »Geert, wenn dein Maul in Gang kommt, da raspelt's fort, kommt's gescheit oder dumm,« sagte Klaas, »Ihr dürft's ihr nicht übelnehmen, es ist nicht bös gemeint.« »Ihr wißt schon, wie ich's mein', ich sag' nur, Ihr seid nicht wie die Juden sind, so – so – nun, Ihr wißt schon, wie ich's mein'.« »Jawohl, und ich bin auch nicht im entferntesten bös.« »Jeder bleibt bei seinem Glauben,« sagte Klaas, »und wer rechtschaffen und brav ist, kann in jedem Glauben selig werden; alle Menschen sind Gottes Kinder.« »Aber du bist des Teufels Kind,« sagte der kleine Albert, der bis jetzt ruhig zugehört hatte, zu Spinoza, »du hast ja unseren Heiland gekreuzigt und kommst in die Höll'.« Klaas langte über den Tisch herüber und wollte dem Knaben eine Ohrfeige geben, Frau Gertrui und Spinoza hielten ihn davon ab. »Dummes Kind,« sagte die erstere, »das hat dieser Herr nicht getan, das haben andere getan, die ihren Lohn schon lang erhalten haben.« Spinoza nahm den Jungen, der sich anfangs sehr dagegen sträubte, auf den Schoß, und erklärte ihm: daß das kein Verbrechen sein, ein Jude zu sein, da ja Christus selber und die Apostel Juden gewesen wären; allerdings hätten die Juden nicht recht daran getan, Christum ans Kreuz zu schlagen, es sei ihnen auch übel genug ergangen, und man müsse nicht ewig für frühere Fehler büßen. »Mit Verlaub,« sagte Klaas, »Ihr habt nicht ganz die richtige Ansicht; unser Heiland mußte den Kreuzestod sterben, weil es ihm so vorherbestimmt war von Gott dem Vater, und er nur so der Erlöser für uns werden konnte.« »Selbst nach dieser calvinistischen Ansicht,« entgegnete Spinoza, »wären die Juden doppelt unschuldig. Du mußt nie glauben, lieber Albert, daß Gott einen Menschen auf ewig verdammt –« Auch über diese letzte Äußerung hatte er noch eine Kontroverse mit Klaas zu bestehen, und besonders über die Bibelstelle: »Des Menschen Sohn geht zwar dahin, wie von ihm geschrieben stehet; doch wehe dem Menschen, durch welchen des Menschen Sohn verraten wird. Es wäre ihm besser, daß derselbige Mensch nie geboren wäre.« (Matth. 26, 24.) Der Streit glich sich aber wiederum gütlich aus. »Warum hast du denn keinen großen Bart?« fragte Albert, Spinoza furchtsam das Kinn streichelnd, »in deiner Heimat haben ja alle Männer lange Bärte.« »In meiner Heimat? Woher glaubst du denn, daß ich gebürtig bin?« »Aus Jerusalem, oder bist du vielleicht gar aus Nazareth? O erzähle mir doch auch etwas davon, ach! da muß es schön sein.« »Ich bin nicht aus Kanaan, lieber Junge, ich bin hier in Amsterdam geboren wie du.« »Du lügst, du bist ja ein Jud'; nicht wahr, Großvater, die Juden kommen alle aus Kanaan?« »Schon lange nicht mehr; sie sind seit undenklichen Zeiten bei uns, und wenn der Heiland wieder erscheint und das Tausendjährige Reich gründet, führt er sie alle wieder nach Palästina.« »Dann möcht' ich auch ein Jud' sein, ich möcht' auch mit.« »Sei du froh, lieber Junge, daß du keiner bist,« sagte Spinoza; »das Tausendjährige Reich läßt schon lange auf sich warten.« »Wie hat dein Vater geheißen?« »Binjamin.« »Aber doch nicht Jakobs jüngster Sohn? Das war ein schöner Mann der Jakob, ich würde mich schämen, ihn zum Urahn zu haben; der hat ja seinen Bruder Esau und seinen Schwiegervater Laban betrogen, und seine Nachkommen haben den Ägyptern ihr Gold und Silber gestohlen.« »Seid doch so gut und gebt dem Jungen, auf meine Gefahr, ein paar tüchtige Maulschellen,« sagte Klaas. »Mit nichten,« entgegnete Spinoza, »das ist ein kleiner Bibelheld; aber vergiß nicht, mein Kind, weder von dem ägyptischen Golde noch von der Kreuzigung Christi haben die Juden mehr etwas; du mußt immer bedenken, daß die Apostel auch Juden waren –« »Geert, mach, daß der Junge jetzt ins Bett kommt, sonst wird man heute nicht fertig mit ihm.« Das war einmal eine höchst vernünftige Rede von Klaas Ufmsand. Spinoza erhielt nur mit knapper Not eine Hand von dem kleinen Albert, küssen durfte er ihn aber um alles in der Welt nicht. Spinoza pflog noch lange ein trauliches Gespräch mit Meister Klaas, bis dieser immer häufiger und unverhohlener gähnte, und man endlich voneinander schied. – »Du kommst heute gerade zu einer Kapitalexekution,« sagte Spinoza eines Mittags zu dem eintretenden Oldenburg, »siehst du, da in dem Schächtelchen hab' ich die Folioausgabe einer Kreuzspinne schon seit mehreren Tagen ausgehungert, und dort hab' ich eine andere mit leerem Magen; ich habe auch diplomatisches Talent, ich will einen Vertilgungskrieg zwischen ihnen anfachen.« Er füllte eine Schüssel halb mit Wasser, schraubte einen flachen Teller von der Werkbank, stellte ihn in die Schüssel und setzte die beiden Spinnen auf die bleierne Insel. Ein jeder der Zuschauer bewaffnete sich mit einem Mikroskop. »Siehst du,« sagte Spinoza, »wenn es einen von der Welt unabhängigen, über ihr schwebenden oder äußerlichen Weltgeist gäbe, ebenso wie wir hier müßte er den Kämpfen auf der Erde zuschauen.« »Wir müssen den beiden Parteien Namen geben,« sagte Oldenburg, »die Kreuzspinne heiße Alexander und die andere Darius; sieh, Alexander sendet seine Vorposten weithin aus; Darius flieht, aber es geht nicht, das Meer schließt ihn ein. Jetzt ruhen sie beide, aber Alexander erhebt sich, er dringt vor; sieh, wie er seine Arme um den Gegner schlingt, aber er wehrt sich wacker; jetzt heben sie einander empor, wie sie sich fassen und drücken, wie sie die Rüssel aneinander haken: wenn ich nur die Augen recht sehen könnte; brav! Alexander liegt unten, aber seine langen Arme stoßen gewaltig gegen die schuppige Brust des Gegners, nun hat er sich aufgerafft, sieh, wie er den Feind mit frischem Mute würgt; das Unterliegen war wohl nur szythische Kriegslist, nun gilt's; o weh! es ist aus, sie lassen ja einander gehen.« »Sei ruhig,« sagte Spinoza, »das ist nur ein Friedensschluß, und wär' er auch bei allen Göttern beschworen, sie brechen ihn wie die Menschen, sobald sie wieder Kraft zu neuem Kampfe gesammelt haben. Hab' ich nun nicht recht, wenn ich behauptete, alles käme nur auf den Standpunkt und auf die Unterstützung der Pupille an? Wenn die Büffelherde sich den grimmen Tiger so lange auf den Hörnern gegenseitig zuschleudert, bis er zermalmt vor ihr liegt, so ist es nichts Größeres als dieser Kampf hier; nichts ist an sich groß und nichts an sich klein, nur weil es uns so erscheint, wollen wir's dazu machen. Wären die Menschen nicht von einer höheren Vernunft gezügelt, und ließen sie sich von ihren leiblichen Leidenschaften allein beherrschen, sie vertilgten einander ebenso wie diese Tiere hier.« »Wahrlich! diese Kämpfe sind so groß als die der Menschen; wenn im Kriege tausend Feuerschlünde brüllend den Tod aussenden, wenn der Boden dröhnt und die Schwerter blitzend dreinschneiden und sich im Menschenblute berauschen, da fühlt man sich so groß in der Todesverachtung, so allmächtig im Aufgebot der Kräfte, man glaubt die Welt aus ihren Angeln heben zu können; und was ist's? ein kleiner Ameisenhaufen streitet sich zwischen Grashalmen –« »Der ewige Friede hat schon sein menschliches Ende gefunden,« unterbrach ihn Spinoza, »sieh, jetzt wetzen sie die Waffen, nun mutig drauf los!« Die beiden Freunde sahen nun ohne ein Wort zu reden der Katastrophe des Kampfes zu; Oldenburg hatte den Parteien nicht die rechten Namen gegeben, denn die Kreuzspinne wurde nach geringem Widerstände von der anderen mit Haut und Haar aufgefressen. Darius wurde im Triumphe auf der bleiernen Insel in sein Königszelt, das er sich aus dem eigenen Leibe gesponnen, zurückgetragen. »Das gewöhnliche Leben hat doch gar manchen gang und gäben Ausdruck von tiefer Bedeutung,« sagte Oldenburg, »von zweien, die sich mit unerbittlichem Hasse verfolgen, sagt man, sie seien sich spinnefeind.« »Dein Herr und Meister Cartesius,« sagte Spinoza, »hätte von dieser Spinne auch manches lernen können, dann hätte er wahrscheinlich auch keine unrichtigen Beweise für eine an sich wahre Sache beigebracht. Er will die Existenz Gottes auch daraus beweisen: weil wir, die wir eine Idee von ihm haben, doch wirklich existieren. Er nimmt hiezu zwei Axiome. Erstens: was das Größere und Schwierigere bewirken kann, kann auch das minder Große und minder Schwierige bewirken; zweitens: es ist größer die Substanz zu schaffen und zu erhalten, als die Attribute oder die Eigenschaften der Substanz. – Ich weiß nicht, was er damit sagen will; was nennt er denn leicht und was schwierig? Nichts kann absolut an sich, sondern nur in Betracht seiner Ursache leicht oder schwierig genannt werden. Wir brauchen kein anderes Beispiel, nimm nur diese Spinne hier; mit leichter Mühe spinnt sie ein Gewebe, das die Menschen nur mit der größten Mühe weben könnten: die Menschen dagegen können gar vieles auf die leichteste Art machen, was vielleicht den Engeln unmöglich ist. Was läßt sich also unbedingt leicht oder schwierig nennen? Es wäre nach dieser Weise wohl denkbar, daß der Mensch Existenz habe, ohne daß solche Gott notwendig zugesprochen werden müßte. Die Existenz Gottes läßt sich aber, wie wir schon einmal besprochen haben, aus der innersten Notwendigkeit und Folgerichtigkeit seiner Idee beweisen.« Spinoza hatte hierüber noch eine weitläufige Erörterung mit Oldenburg. Wir haben indes schon lange genug in dem Hause des Klaas Ufmsand verweilt, und warten lieber, bis wir unseren Benediktus zu Olympia begleiten können. Da geht's gleich aus einem ganz anderen Tone. 22. Besonderheiten Kerkering hatte die Hand Olympias erfaßt und bat Cäcilien in scherzendem Tone, bei ihm Gevatter zu stehen, wenn er katholisch werde; er ließ die Hand nicht los als Spinoza eintrat, so sehr sich auch Olympia sträubte. Der Eintretende sah ganz verwundert drein. Olympia errötete; sie putzte indes schnell das Licht, faßte sich während der kurzen Dunkelheit wieder ganz und hielt Spinoza eine Strafpredigt über sein langes Ausbleiben. »Es ist mir unbegreiflich,« sagte sie, »wie ein Mann in Ihren Jahren sich so in seine Zelle einmauern mag. Frau Gertrui hat mir erzählt, daß Sie in den letzten zehn Tagen nicht die Treppe herabgekommen seien, und daß sie anderthalb Pfund Öl bei Ihren nächtlichen Studien verbraucht hätten. Sie könnten ohne Entsagung Klosterbruder oder Einsiedler werden; es ist schade, daß Sie nicht katholisch sind.« »Ich bedaure es ebenfalls; den alten Menschen ausziehen, das geht leicht, aber den altneuen anziehen, ist gar schwer.« Olympia schwieg, Kerkering sah verdutzt darein, er strengte alle seine Geisteskräfte an und konnte doch nicht recht begreifen, was hinter den Worten stecke. »Es ist ärgerlich,« begann Olympia wieder, »daß wir Frauenzimmer ewig in den Laufbändern stecken und nie frei hantieren dürfen. Ich kann die Lust gar nicht unterdrücken, einmal das Zimmer zu sehen, das Ihnen die ganze Welt entbehrlich macht; nehmen Sie sich in acht, ich hab's mit der Gertrui schon abgekartet: nächstens, wenn Sie einmal nicht zu Hause sind, komm' ich und durchstöbere alles, ich muß doch das Arkanum finden, das Sie so in sich abschließt. Sie müssen etwas Besonderes haben; Tag für Tag Glas schleifen und studieren, studieren und Glas schleifen, immer allein, und nicht einmal eine Orgel oder eine Laute bei sich, das hält kein Mensch aus. Aber ich komme schon hinter das Geheimnis.« »Diesmal ist die Reihe an mir,« erwiderte Spinoza, »Ihnen einen sechsten Sinn abzusprechen. Wenn Sie auch alles durchsuchen, einen Genossen übersehen Sie gewiß, dessen Inneres für mich erglüht, und dessen warmen Atem ich mit Wollust einsauge. Leider ist dieser treue Genosse eben auch hinfällig und zerbrechlich, wie alles Irdische.« »O Sie emphatischer gottloser Raucher! An Ihrer Stelle würde ich mir aber doch das Rauchen abgewöhnen, es ist ja offenbar ein nur künstlich gemachtes, ein imaginäres Vergnügen.« »Nächst der Musik kann nichts unseren ermüdeten Geist wieder so erfrischen, als ein Pfeifchen echt amerikanischen Krautes; wie in der Musik die Tonwellen, so sind es hier die Rauchwellen, die uns umfluten und all das Zerknitterte in uns wieder ausglätten. Wenn ich so leicht und geräuschlos einen vollen Zug aus der Pfeife tue, das ätherische Getränk eine Weile im Munde wiege, und es dann in einem leisen Strahl ausströmen lasse – das schmeichelt und kost mit Gaumen und Lippen, wie eine sanfte Melodie mit dem Ohre. Sie kennen gewiß auch den leidigen Einfluß jenes naßkalten, grau in grau sich malenden Wetters: jenes, ich möchte sagen, hornhautige Gefühl der Unbehaglichkeit, das sich dann über unser ganzes Wesen lagert, verscheuche ich am besten dadurch, daß ich mich in Tabakswolken hülle. Ich mache mich unabhängig vom Einfluß des Wetters, und wenn ich dem flüchtigen Spiele der Rauchstreifchen zusehe, gewinnt mein Geist an Expansivkraft, ich fühle mich so wonnig ruhig und abgeklärt.« »Herrlich,« rief Olympia, »nun sehe ich Sie doch auch einmal enthusiasmiert.« »Ich muß es werden, um Ihnen den Wert eines Dinges begreiflich zu machen, das Sie doch nicht selber erproben können.« »Es ist jammerschade, daß Sie meinen Oheim Bonifazius nicht gekannt haben.« »Laß doch die Toten in Ruhe,« sagte Cäcilie, die am Fenster sitzend in einem Buche las, »was willst du immer von dem seligen Oheim?« »Es schadet nichts, wenn man ihm im anderen Leben ein bißchen Unruhe macht, er hat in diesem Leben zu viel Ruhe gehabt und war deshalb immer unwohl.« Cäcilie antwortete nichts, aber im weiteren Verlaufe des Gesprächs entfernte sie sich unbemerkt in das Nebenzimmer. »War Ihr Herr Oheim auch ein Priester des vestalischen Tabaksfeuers?« fragte Spinoza. »Ich erinnere mich noch ganz genau einer Predigt, die er vor fünf Jahren in der Kirche zu St. Johann gehalten hat. Er war ein feuriger Eiferer gegen den Tabak in beiderlei Form: sie haben Nasen und riechen nicht – rief er mit dem Psalmisten von der Kanzel herab – sie haben Mäuler und schmecken nicht.« »Reden nicht, sagt David,« berichtigte Spinoza, aber Olympia fuhr ungestört fort: »Sie opfern ihren Leib dem Moloch und dem Baal. Da räuchert ein jeder vom frühen Morgen seine Kalbs- und Ochsen- und Schafszunge, und aus seinem Maulschlot steigt der Dampf empor gleichwie der Duft eines Götzenopfers. Drum ist ihre Zunge lahm, wenn sie ein Ave-Maria beten sollen. Allstündlich kauen sie die Blätter von der Sündenpflanze, als ob es Himmelsmanna wäre, die da schmeckt wie Koriander in Honigseim; und über eine Weile pökeln sie ihre Nasen mit dem verruchten Kraut, das Beelzebub gesäet hat, drum können sie nicht mehr den lieblichen Weihrauchduft der Kirchen kosten. Wehe! Wehe über das Babel, über das Sodom und Gomorrha! Aber einst werden sie ihren gerechten Lohn finden, sie selber werden sein eine Beute der Flamme und werden lustig dampfen in der Hölle, dann wird sein Heulen und Zähneklappern! und die ihre Nasen gepökelt, werden eingesalzen zu dem Leviathan und den anderen Ungetieren in der Tiefe des Abgrunds. Der Herr bewahre euch vor solcher Strafe, Amen!« »Brav!« rief Spinoza, »das Pathos steht Ihnen vortrefflich; Sie sind ja eine lebendige Bibelkonkordanz.« »Danke schönstens,« sagte Olympia schelmisch. »Sind Sie auch mit mir der Ansicht, daß die Priester deshalb so gegen das Tabakschnupfen eifern, weil sie Ankyra fürchten?« »Nicht ganz, denn ich glaube, daß man noch lange dieselben Dinge von den Kanzeln herab predigen wird, während die Domines selber zwischen jeder ihrer salbungsvollen Phrasen eine Prise Tabak aus der goldenen Dose nehmen, die auf der Brustwehr der Kanzel neben ihnen steht. Mein Peter Blyning sagte immer, wenn er Morgens nüchtern eine Prise nahm: das sei sein geistliches Frühstück.« »Mir fällt etwas ein,« sagte Olympia, »kennen Sie die horrible Schrift des weisen Königs Salomo?« »Ich kenne die Schriften Salomos alle, ich will doch aber nicht hoffen, daß Sie den ›Prediger‹ oder gar ›das Hohelied‹ horribel nennen, und es wie die alten Kirchenlehrer gern aus dem Kanon streichen wollten?« »O nein, ich meine etwas ganz anderes; meinen Salomo lassen die Presbyterianer jetzt gewiß zur Strafe für seinen Prophetischen Eifer in der Hölle rauchen und braten; der wird Gesichter schneiden! Ich bin im Augenblicke wieder bei Ihnen, meine Herren.« Sie nahm das Licht vom Tische und ging trällernd fort. »Ein wunderbar rätselhaftes Mädchen!« sagte Kerkering, als er im Finstern bei Spinoza saß, »sie ist so gelehrt, daß sie zehn Professoren in die Tasche steckt. Wenn ich sie so reden höre, komme ich mir – so – ich weiß nicht wie vor; ich schweig' dann lieber ganz still, und möcht' nur, daß sie immerfort spräche. Ich kann ihr die Stränge nicht halten, Sie sind der Mann für sie.« »Sind Sie auch der Ansicht?« entgegnete Spinoza, und hier im Dunkeln ging dem Kerkering ein Licht auf. »Das Volk, das im Finstern wandelt, sah ein großes Licht; wie steht mir das Pathos, Herr von Spinoza?« sagte Olympia mit einem großen Buche unter dem Arm eintretend. – »Ich bitte um Entschuldigung, ich bemerkte nicht, daß Cäcilie weggegangen war, sonst hätte ich Sie nicht im Dunkeln gelassen.« »Mit Ihnen erscheint uns ein doppeltes Licht,« sagte Kerkering, vielleicht wollte er hiemit auch Spinoza seinen eben erhaltenen Aufschluß andeuten. Olympia dankte, und das Buch aufschlagend sagte sie: »Ich bilde mir etwas darauf ein, doch noch Ihre Lehrerin sein zu können. So wissen Sie denn, daß König Jakob I. von England der weise Salomo genannt wurde; hier ist seine horrible kanonische Schrift: De peccato mortali fumandi Nicotianam . Sind Sie zum Tode bereit, Herr von Spinoza?« Sie las nun einige Stellen in dem Buche. »Wenn das der fromme König geahnt hätte,« sagte Olympia, »daß heute ein Mann namens Oliver Cromwell über England herrschen wird, der die Bibel im Degenkorb trägt und doch den ganzen Tag die Todsünde des Zigarrenrauchens begeht! Es ist mir indes angenehm, daß ich doch endlich auch Ihre Liebhaberei erfahren habe.« »Die kennen Sie schon länger,« erwiderte Spinoza, und Kerkering nickte, die Lippen aufeinander pressend, seinen Vermutungen Beifall zu. »Sie tun der Musik schwer unrecht,« sagte Olympia, »wenn Sie sie mit Ihrer Liebhaberei vergleichen. Auch Ihr Cartesius erkannte, daß uns in der Musik ein schwer zu ergründendes Rätselreich gegeben ist; sein Buch compendium musices zog mich sehr an. Aber die Schöpfung der Musik und ihre Wirkung läßt sich nicht mit Zahlen einfangen und belegen. Und doch hat die Musik wieder Ähnlichkeit mit der Mathematik. Daß der Mensch die Zahl schuf, die in der Welt nicht da ist und die er nur bildete, und daß er die Musik schuf, zu der in der gegebenen Welt kein Anhalt da war –« »Die Töne, die wir hören?« »Die liegen weit ab. Daß der Mensch ein ganzes Reich unermeßlicher Empfindungen in Tönen schuf und bildete, das macht die Musik zu einem Wunder des Menschengeistes nicht minder als die Mathematik.« »Die Musik bewegt sich in einem durch feste Begriffe unbestimmbaren Gebiete,« bemerkte Spinoza. »Ach wie frostig klingt das. Wenn ich, die Augen schließend, gute Musik höre, kann ich mich am besten auf mich selbst besinnen, und Menschen und Verhältnisse und was sonst verworren, steht klar vor mir. Fassen Sie in einer Harmonie die Darstellung einer endlosen Reihe verbundener und sich bekämpfender Seelen auf, die eine klagt, seufzt und grollt, die andere jubelt, jauchzt, schmachtet und stürmt; bald vereinigen sie sich, und in unendlicher Mannigfaltigkeit sprechen sie alle denselben Gedanken aus, dann verstummen sie, die eine erwacht wieder, erhebt sich und stirbt leise und selig, eine Rotte macht sich wieder zusammen, tobt und braust, die anderen eilen herbei, die tote wird auferweckt, bis endlich der Friede über alle kömmt.« »So sinnreich auch Ihre Deutung ist,« nahm Spinoza das Wort, »so bestätigt sie mir doch wieder, daß die Musik die Kunst der Affekte ist, und zwar bewegt sie sich in den Affekten als Elementen ohne eigentliches Objekt: Zorn und Schmerz und Freude, Haß und Liebe zeigen sich als elementarische Affekte ohne faßbare Gegenständlichkeit. Ich will solches Versenken nicht verwerfen, aber ich habe genug zu tun, die Affekte, die mir standhalten, zu erkennen und vielleicht dadurch zu bewältigen.« »Und ich sage Ihnen,« erhob sich Olympia, »Ihre ganze Philosophie ist eine Philosophie der Musik. O, könnte ich's nur recht dartun, wie ich's fasse. Sie haben mir einst erklärt, wie die friedliche Menschengemeinschaft darauf beruht, daß jeglicher von seinem Naturrechte, nach dem man alles darf, was man kann, um der Gegenseitigkeit willen etwas abgeben muß, daß dadurch die Selbsterhaltung zur Erhaltung anderer wird. Sehen sie, das ist das Gesetz der musikalischen Harmonie. Ein Ton, für sich allein gestimmt, wäre ein ganz anderer scharf bestimmter; soll er aber übergehen in die Harmonie, muß er etwas von seinem Naturrechte abgeben, dann fließen die Töne zum Wohlklang ineinander, und einer erhält und erhebt sich und den anderen.« Spinoza sah leuchtenden Auges auf Olympia. Wie wahrte sie seine Aussprüche und suchte sie in ihrem Denkkreise einzubürgern. Er hatte nicht Zeit, dem Gedanken nachzugehen, wie diese Darlegung auch auf ihr persönliches Verhältnis sich ausdehnen ließe, denn in seltsamer Abschweifung fuhr Olympia nach einer Pause fort: »Ich kann mich darüber ärgern, man hat in Ihrer Kunst so außerordentliche Fortschritte gemacht, man kann die Sterne dem Gesichtssinn ganz nahe bringen; warum hat man nicht auch Instrumente zur Verstärkung unseres Gehörsinns? Wie herrlich wäre es, wenn wir den himmlischen Sphärenklang, den Dante so göttlich schön beschreibt, vernehmen könnten.« »Wenn man auch annimmt, daß sich die Sterne in rhythmischem Tone bewegen, so könnte es unserer Erkenntnis doch wenig nützen, sie zu hören.« »Erkenntnis, zieht denn alles dahin? ist das Vergnügen an sich nicht auch wünschenswert? Sie müssen mir zugestehen, daß es keine regelmäßige Bewegung gibt ohne rhythmischen Ton; ich bin dadurch zu gar barocken Ansichten gekommen, die ich Ihnen mitteile, wenn Sie mir versprechen, mich nicht auslachen zu wollen.« »Ich verspreche das, denn ich bin gierig, zu hören, was Ihnen gar so barock vorkommt.« »Vor einem halben Jahre hat mir mein Vater erzählt, daß ein englischer Arzt, namens William Harvey, den Kreislauf des Blutes und seine Gesetze bestimmt habe; ich bin nun überzeugt, daß, so wie die Bewegung unseres Herzens einen Ton von sich gibt, den wir vernehmen können, so auch das Blut, das durch unsere Adern rollt, einen Ton von sich gibt, den wir aber nur höchst selten vernehmen. In gesunden Tagen sind wir buchstäblich eine vollkommene Harmonie, in kranken eine gestörte, verletzte. Ich sagte meinem Vater, daß, wenn uns die Ohren gellen, das gewiß ein Ton sei, der sich verstärkt losgerissen habe aus der sich bewegenden Harmonie; mein Vater behauptet: das sei akustische Täuschung, wenn wir so etwas zu hören meinen, aber ich kann mich nicht mit der Ansicht vereinigen. Sehen Sie, es liegt auch eine tiefe Wahrheit darin, wenn man sagt, daß man das Gras wolle wachsen hören; in der ganzen Natur ist eine gesetzmäßige Säftebewegung, und überall wo Bewegung, ist Ton und Klang. In den Sternen, im Innern der Erde und auf der Oberfläche ist ein ewiges Brausen, Tönen und Klingen. Musik ist die Seele des Alls, Musik ist unsere Seele; alles ist eine millionenstimmige Harmonie, und das den Menschen gegebene Wort ist ihre göttlichste Offenbarung.« Das Antlitz Olympias wurde immer sonniger, und Spinoza sagte jetzt: »Sie sehen, ich lache nicht, es freut mich, daß Sie die Ansichten Ihres Vaters, an welche Sie so nahe streiften, glücklich umgangen sind. Ich will mir indes nicht so schnell ein Urteil über Ihre Ansichten erlauben.« »Warum müssen denn der Menschen Neigungen zu den Dingen so verschieden sein, daß mir uns so schwer verständigen können?« fragte Olympia, und Spinoza erwiderte: »Damit wir nur in Sachen der klaren Erkenntnis einander zu überzeugen suchen; wo diese aufhört, beginnt die Verketzerungssucht. Sie haben in sich gewiß recht in Ihrer Auffassung der Musik und in der Liebe zu ihr, aber die Musik ist zugleich auch ein Beispiel, wie im Gebiete des Glaubens, der Phantasie, mit einem Worte, wo keine feste Bestimmung durch Denkbeweise hinreicht, sich leicht ein Fanatismus, eine Verketzerungssucht geltend macht. Man wird da immer leidenschaftlich, wo man eine gewisse Unmacht fühlt, man will zuletzt zu etwas äußerlich gewaltsam zwingen, was doch nur ein inneres Recht und eine innere Pflicht ist. Lassen Sie sich jetzt nicht verleiten, mich für einen musikalischen Ketzer zu halten und mich aus Ihrem Heiligtume zu verbannen.« Kerkering nahm diese letzte Wendung rasch auf und bat Olympia, sich an ihre Orgel zu setzen; auch Spinoza äußerte den gleichen Wunsch, und es war eine Beruhigung und Erfrischung der im Denken bewegten Geister, den Tönen zu lauschen, die jetzt Olympia bald stürmend bald besänftigend aus der Orgel erklingen ließ. Es war spät in der Nacht, als sich Spinoza und Kerkering entfernten. – Es ließen sich wohl die Besonderheiten im Wesen der beiden Liebenden dahin deuten, daß Olympia in musikalisch schwelgerischer Versenkung sich ungebunden den Affekten hingab und darin die Freiheit des unbefangenen Seins empfand, während gerade die Aufgabe des Philosophen darin bestand, und die Natur Spinozas vorherrschend dahin neigte, unbeirrt von der stürmenden Gewalt der Affekte, nicht diese betäubende Kraft gelten zu lassen, sondern das stetige zu Grunde liegende ruhige Gesetz zu erkennen und inmitten aller Bestürmungen den Gleichmut zu bewahren, der ihm allein als Freiheit galt. Eine äußerlich unscheinbare Eigenheit, die sich aber doch auf eine tiefere Naturanlage zurückführen ließe, darf man wohl auch darin erkennen, daß Olympia oft und oft mit den Augen zwinkerte, während Spinoza den Blick lange anhaltend offen hielt wie ein Kind. Noch ist nicht ergründet, in welchem Bezuge solche Erscheinungen zur ganzen Tätigkeit und Bewegung des Denkens stehen. Darf man bei Olympia und Spinoza die Wahrnehmung darin finden, daß jene eine musikalische, in Anklängen momentan belebte, dieser eine stetige spekulative, oder wie es Oldenburg nannte, eine plastische Natur war? Diese Verschiedenheit ihrer Naturen bildete immer wieder eine Anziehungskraft und Ergänzung. Ob im stetigen Gemeinleben diese Gegensätze sich allzeit so friedlich ausgleichen ließen, oder ob es in der Aufgabe des zu allgemeinem und unabhängigem Denken Berufenen liege, abgetrennt von jeder immerhin beengenden Gemeinschaft nur dem reinen Gedanken zu leben; diese Fragen wurden vorerst zurückgedrängt, denn Spinoza hatte in anderer Weise zu zeigen, inwieweit er bereits die Affekte beherrschte. 23. Missionäre Die heilige jüdische Kirche durfte es nicht gleichgültigen Auges mit ansehen, daß einer, der durch Geburt und Zeremonie ihr angehörte, sich willkürlich lostrennte; sie erkannte wohl, daß wenn es dem einzelnen gestattet würde, sich abzusondern und nach dem Verlangen seines Herzens zu leben, das uralte Heiligtum der jüdischen Stiftshütte in kommenden Zeiten verlassen dastehen könnte, und sich niemand finden werde, der sie auf seine Schultern nehme, sie von Land zu trage und ihre Pfosten in alle Erdreiche einramme. Wo es dem Menschen gestattet ist, bloß Mensch zu sein, stürzt der Riesenbau der Kirche in Trümmer. Das erkannten die Herren des christlichen wie des jüdischen Glaubensbekenntnisses, die sich seine Diener nennen, in gleicher Einsicht. Die Juden hatten keinen Staat, was blieb ihnen noch, wenn sie keine Kirche, keine Synagoge hatten? Schon dreimal war der Synagogendiener Elasar Merimon, den wir noch vom Kabbalisten her kennen, bei Spinoza gewesen und hatte ihn im Namen des Beth-Din aufgefordert, zurückzukehren in die Gemeinde und in Speise und Trank wie im Besuche der Synagoge der Vorschriften der jüdischen Religion nachzuleben; er hatte solchem Ansinnen zu gehorchen verweigert, und der kleine Bann war über ihn verhängt worden, der ihn drei Monate von der jüdischen Kirche ausschloß. Obgleich er sich hiezu schon von selbst verdammt hatte, so legte er doch Einsprache gegen dieses Verfahren ein, weil seine Lebensweise den Grundlagen des Judentums nicht widersprach, und er die Ungültigkeit der Zeremonie dartun zu können sich anheischig machte. Seine Einsprache blieb indes fruchtlos, und er dachte gar nicht mehr daran, denn er wußte nur von dem einen Banne, der ihn in der Nähe Olympias festhielt. Jetzt kamen aber seine beiden Schwäger und erinnerten ihn, daß er in den Schoß der Kirche zurückkehren müsse. Er wies sie mit lächelnder Ruhe zurück; sie aber wurden immer heftiger, schimpften und verfluchten ihn und drohten, ihn in Stücke zu zerreißen, wenn er die Schande seiner Lebensweise nicht von ihrer Verwandtschaft abwälze. Das spanische Blut kochte in Spinoza, aber er bewältigte auch jetzt jede Überwallung. Die Drohenden und Polternden erschienen ihm nur wie körperlose gegnerische Einreden, die er sich selber in Gedanken vorstellen konnte. Mit gemessener Rede das Recht verwandtschaftlicher Beziehung wie das der Selbständigkeit abgrenzend, zog er die Schranken; er lehrte die Heftigen, daß äußere Beziehungen nicht binden und äußere Gewalt nicht überzeuge. Es mußte eine siegende Kraft seinen Worten innewohnen, denn die beiden sahen einander stumm an und verließen ihn. Aber wenige Tage darauf, es war am Sabbat, wurde Spinoza abermals von einem Besuche überrascht: eine Frau, die einen kaum einjährigen Knaben auf dem Arm trug, und ein kleines Mädchen an der andern Hand führte, trat ein. Spinoza ging ihr freundlich entgegen: »Das freut mich, liebe Miriam,« sagte er, »daß du zu mir kommst. Aber wie hast du gealtert! Bist du krank oder geht dir's schlimm?« »Ich bin gottlob gesund,« antwortete Miriam seufzend, »und könnte auch sonst nicht klagen. Ja, lieber Bruder, der Ehestand ist ein Wehestand, zwei schwere Geburten, daß man dreizehn Wochen nicht aus dem Bette kann und das ganze Hauswesen dabei zu Grunde geht; bei den Kindern nicht einmal die Nachtruhe, und sonst das ganze Jahr Kummer und Sorgen – du würdest jetzt nicht mehr über mich spotten, daß ich zu viel in den Spiegel sehe, ich komme oft von einem Sabbat bis zum andern nicht dazu.« »Es schmerzt mich tief, daß ich so wenig nach dir umschauen und dir beistehen konnte, aber laß jetzt die Sorgen,« sagte Spinoza, »es wird schon besser kommen. Du glaubst es kaum, wie unendlich wohltuend es für mich ist, dich wieder einmal so bei mir zu haben; Blutsverwandte sind von Natur die besten Freunde. Weißt du das Sprichwort der alten Chaje? Bind' mir Hände und Füße und wirf mich unter die Meinigen – das bleibt ewig wahr.« »Ja, du willst schön unter die Deinigen geworfen werden. Ach lieber Gott, du machst ja, daß man sich nicht mehr sehen lassen kann, ohne rot zu werden. Weißt du was heute geschieht? Heut wirst du zum zweiten Male in der Synagoge ausgerufen, vielleicht gerade in dem Augenblick, wo wir da miteinander sprechen. Heut vor acht Tagen bin ich in der Synagoge, ich weiß nicht, es ist mir so schwer auf dem Herzen, als ob ein Zentnerstein darauf läge. Nachdem man eingehoben hat, steigt Rabbi Isaak Aboab (der, seitdem er aus Brasilien zurückgekehrt ist, sich gar ein großes Ansehen gibt) vor den Altar; alles ist still und lauscht auf das, was geschehen soll, da ruft er deinen Namen aus, und befiehlt dir zurückzukehren, wenn nicht des Himmels Blitz dich zerschmettern und die Erde dich verschlingen soll. Lieber Bruder! ich habe gerade geglaubt, man reißt mir das Herz aus dem Leibe heraus: bald war mir's eiskalt, und dann sind mir wieder die Flammen aus dem Gesicht geschlagen, ich habe gemeint, ich müßt' in den Boden versinken, ich mußte mich am Gitter anhalten, es ist mir einmal über das andere eine Ohnmacht gekommen. Ich weiß noch nicht, woher ich die Kraft genommen habe, heim zu gehen; die Esther di Leon, die neben mir steht, hat mich heimbegleitet. Du weißt, sie ist ein schadenfrohes, spöttisches Ding, und die dürfte doch still sein, sie war ja früher die Braut von dem Akosta, und so weit ist es doch, gottlob! mit dir noch nicht.« »Nein, und wird auch nie so weit kommen.« »Aber es ist schon weit genug,« begann Miriam wieder, »heut wirst du zum zweiten, und über acht Tage zum dritten Male ausgerufen, und dann – ich überlebte die Schande nicht. Mein Mann will, ich soll vergessen, daß du mein Bruder gewesen bist; wie kann ich aber das? Es scheint, du kannst es; wer seine Religion vergißt, warum soll der seine Schwester nicht vergessen können?« Miriam sah nach diesen Worten in das schmerzvoll bewegte Antlitz des Bruders, ein Mitleid schien sich in ihr zu regen, daß sie ihm so wehe getan, und weinend fuhr sie fort: »Tag und Nacht gehst du mir nicht aus dem Sinn, ich vergesse meine Pflicht als Mutter und als Gattin, du bist daran schuld, der Gedanke an deine Pflichtvergessenheit reißt auch mich zu einer solchen hin. Ich kann nicht fassen, was dich so verstockt macht, so viel aber weiß ich: wenn mein Sohn einst seinen Geschwistern solchen Kummer machen sollte, wünschte ich lieber, daß er stirbt, eh' er sprechen lernt.« »Du mußt nicht so reden, liebe Schwester, ich hoffe, daß noch alles gut geht. Weiß dein Mann denn auch nicht, daß du bei mir bist?« »Der dürfte kein Wort davon wissen. Denk nur, heute morgen will er, ich soll in die Synagoge gehen; eh' wäre ich aber, Gott verzeih mir's, unter den Galgen gegangen als dahin, die Weiber hätten mich angesehen und zusammen gezischelt und gepispert. Ich habe gesagt, ich müßte bei meinem Kind bleiben, und bin zu dir hergegangen: die Rebekka ist auch zu Haus geblieben, sie hat's aber nicht gewagt, mitzugehen, ihr Mann ist gar streng. Ich seh' aber gar nicht ein, warum du nicht zurückkehren willst. Du weißt, ich bin selber nicht so auf die Kleinigkeiten erpicht, und verdamme dich nicht wie die anderen; aber dasselbe Leben, das du jetzt hast, kannst du auch haben, wenn du lebst wie alle anderen Juden. Willst du nicht täglich dreimal in die Synagoge gehen, so gehst du nur einmal, das kann doch nicht so beschwerlich sein; siehst du, du hast ja ein Leben, wenn du, Gott bewahre, im Raspelhaus eingesperrt wärest, hättest du es nicht ärger. Keinen Sabbat, keinen Feiertag, für was lebst du denn? Ich bitt' dich, kehr um, laß du andere dafür sorgen, welche Dinge sie für Religion halten wollen. Ich glaub' dir, daß du in vielem recht hast, ich will dir's im stillen abnehmen, wenn du es jemand mitteilen mußt; aber wozu braucht es die ganze Welt zu wissen? Ich weiß wohl, ihr Männer wollt euch nicht fügen, wir Frauen müssen dulden und ertragen, aber du, du bist anders, von Kindheit auf hast du immer willig nachgegeben. Sei wieder, was du gewesen bist, glaub mir, du kannst nichts anderes sein, es bricht dir das Herz, wenn du dich zu anderem zwingst. Zwing dich lieber jetzt und kehr um. Gott! wenn du wieder bei uns wärest, wir stünden wieder da in Glanz und Ruhm, wie irgend je; ich will dir tun, was ich dir nur an den Augen absehen kann, ich will dir die Hände unter die Füße legen, ich bitt' dich mit aufgehobenen Händen, komm zu uns.« Spinoza hatte Mühe, seiner innern Bewegung Herr zu werden, er erklärte seiner Schwester: daß er nun fest entschlossen sei, sich gegen die Rabbinen zu verteidigen, damit es ihnen nicht gelingen solle, weder ihn noch seine Familie zu beschimpfen: er wolle nicht für sich allein, sondern auch für andere die Macht brechen, die es wage, das Denken in Bann zu tun. »Ich glaube dir, ich glaube dir,« rief Miriam in begeistertem Tone, »daß du gewiß nur das Rechtschaffene willst, du bist besser als die ganze Welt; aber glaube du mir auch, ich habe die Menschen kennen gelernt, seitdem das Unglück durch dich über uns gekommen. Du willst dich für andere opfern? Du bist zu gut, du bist die Krone von allen Menschen, die anderen sind es nicht wert, daß um ihretwillen ein Haar auf deinem Haupt gekrümmt wird.« Spinoza sah tief ergriffen auf seine Schwester, die ihn so sehr liebte und um dieser Liebe willen alles von sich stieß. Miriam mochte die Bewegung seines Herzens ahnen, denn mit lautem Jammerschrei warf sie sich an seinen Hals und rief: »Du kannst nicht, du darfst nicht um der Welt willen dich opfern und uns dazu. Oder ist es wahr, daß du eine Christin heiraten willst?« Spinoza war in peinlichster Verlegenheit, Lüge war ihm so fremd wie die Nacht dem Tage, und doch verzweifelte er, der Schwester erklären zu können, wie sein Denken ihn über die Grenzen der Kirchensatzung hinausgeführt und die Liebe nur sein Geleite war. Ein unerwartetes Ereignis befreite ihn von jeder weiteren Darlegung. Die beiden Kinder, die ihre Mutter weinend am Halse des Oheims sahen, fingen nun ebenfalls an zu weinen und zu schreien, so daß Miriam über der Beruhigung ihrer Kinder die Frage ganz vergaß. »Benjamin,« sagte sie zu dem zuerst beruhigten Knaben, »Benjamin, bitte den Oheim, daß er nicht von uns gehe. Ach! das Kind hat den Namen unseres seligen Vaters, der würde auch schreien und weinen, wenn er dich sähe; er kann im Grabe seine Ruhe nicht finden, wenn er hört, was aus dir geworden ist.« Spinoza nahm den Knaben auf seinen Arm und herzte und küßte ihn. »So wenig mich dieses Kind verdammt, so wenig verdammt mich unser Vater in der Ewigkeit,« sagte er. Auch die kleine Sara spielte mit der Hand ihres Oheims und bat ihn, auf Geheiß ihrer Mutter, mit ihnen zu gehen. Spinoza wiederholte die Versicherung, daß er sich verteidigen könne, und Miriam nahm ihre Kinder und entfernte sich mit schwerem Herzen. Noch einmal mußte er heute einen Kampf wegen seines Entschlusses bestehen. Rodrigo Casseres kam gegen Abend zu ihm. »Du hast keinen Vater mehr,« sagte er, »ich darf seine Stelle vertreten. Denkst du noch der Stunde, wo ich dich zum ersten Male sah? So wirst du eingescharrt werden, wie ein räudiger Hund, gleich jenem Abtrünnigen. Denkst du noch jenes Abends, als ich dir den grauenvollen Tod deines Oheims Geronimo erzählte? So wirst du sterben, nur noch gottverlassener und von Teufeln zerrissen; denn du hast mutwillig den Glauben deiner Väter mit Füßen getreten. Dein Vater, ich und wir alle, wozu haben wir Tag für Tag das Leben eingesetzt? Bloß um des heiligen Glaubens unserer Väter willen. Warum haben mir unser schönes Vaterland verlassen, und sind in entlegene Länder gewandert? Bloß um offen unserem Glauben dienen zu können, und du stoßest ihn freiwillig von dir! Ich warne dich, da es noch Zeit ist, du bist noch jung, aber einst, wenn du dem Tode entgegengehst, wird der Verrat dich verfolgen, wenn du wachst, und deinen Schlaf morden.« Spinoza berücksichtigte das Alter des Mannes, und setzte ihm mit Ruhe seinen festen Entschluß und seine Unschuld auseinander. Acht Tage lang blieb er von da an verschont von Bekehrungsversuchen, er hatte in dieser Zeit sich einen festen Plan zur Verteidigung ausgearbeitet und indem er jetzt zu dieser die Autoritäten der heiligen Schriften nochmals zu Rate zog, entschlossen sich ihm neue Ergebnisse und die längst erkannten wurden noch fester und schärfer. Was sich der stillen Entfaltung des einsamen Denkens entzog, sei es durch eine doch noch inwohnende Scheu oder durch Verhüllung der gegebenen Tatsachen, das schoß jetzt im heißen Kampfe der Gegenwehr mit mächtiger Triebkraft auf. Spinoza fühlte doch auch jetzt jenen Schlachtenmut, jene zusammengedrängte Macht, die die gewohnte Kraft steigert und fast über sich hinaushebt. Zu der ersten Anmahnung, die ihm jetzt wieder ward, bedurfte er indes dieser Kraft noch nicht. Es war wieder am Sabbat, er saß bei Tische und genoß sein einfaches Mittagsmahl, als er jemand mühsam die Treppe heransteigen hörte, die Tür ging auf, und die alte Chaje trat ins Zimmer. Spinoza rückte ihr einen Stuhl an den Tisch und fragte: »Haben sie Euch auch ausgeschickt, um das verlorene Schaf zur Herde zurückzubringen?« »Nein, so wahr als ich wünsche, daß mich Gott noch Freude an ihm soll erleben lassen, so gewiß ist es, daß ich von mir selber herkomme; ich hab' gemeint, meine alten Füße wollten mir brechen, ehe ich die Treppen heraufkomme. Ich hab's niemand geglaubt, ich muß mit meinen eigenen Ohren hören, ob es wahr ist, daß er unsere heilige Religion umstoßen will; er war doch sonst so ein braves, frommes Judenkind.« Spinoza bemerkte hier im stillen den Einfluß, den das über ihn verbreitete Gerücht haben mußte, da die alte Chaje in ihrem Eifer fast seine Gegenwart vergaß und nur mit sich selbst von ihm zu reden schien. »Wer weiß denn das?« fragte Spinoza. »Wer's weiß? Ein schönes Geheimnis! Die Kinder auf der Straße erzählen sich's; ach lieber Herre Gott! wie oft hab' ich ihn auf meinen Armen getragen, wer hätt' es damals geglaubt, daß so einer aus ihm werden kann? Was wahr ist, ist wahr, die Schwester der schwarzen Gudul, die bei Rabbi Aboab gedient hat, hat's schon lang gesagt; der Baruch ist ein Duckmäuser, wo der Rabbiner wird, läßt sich die Gemeinde taufen. – Ich hab' mir immer gedacht, wenn ich über hundert Jahr' einst ein Aug' zutue, ich hab' – dem Stein sei's geklagt – kein Kind und kein Rind auf der Welt, ich hätt' ihm, meinem Baruch, mein bißchen Vermögen, das ich mir erspart habe, hinterlassen, und er hätt' ein Schiur für mich gelernt , daß ich auch einen silbernen Stuhl im Gan-Eden bekommen hätte. Ach! wie sind meine Hoffnungen zu Wasser geworden.« Chaje weinte bitterlich, Spinoza suchte sie zu trösten. »Er verleitet mich auch noch zu der Sünde, daß ich am Sabbat weine, ach! das ist ein Nagel zu meinem Sarg,« klagte sie. »Ich möcht' nur wissen, was ihm einfällt. So viel tausend Jahr' ist die jüdische Religion recht gewesen, jetzt auf einmal wirft man sie nur so weg, wie einen zerbrochenen Topf? Ich glaub' immer, es ist ein Sched in ihn gefahren, warum hätt' er sonst gegen die Juden und die jüdische Religion geschimpft? Schind't man sein' Nas' aus, schänd't man sein Angesicht, sagt das Sprichwort. Er tut's mir zulieb und wird wieder fromm und brav wie sonst, nicht wahr? Er wird mir's gewiß auf seinem Totenbett danken, wenn er mir folgt. Es war ein Jugendstreich, und den vergißt man bald; bis übers Jahr ist Gras darüber gewachsen, und dann kann er wählen unter den Töchtern der reichsten Männer in Amsterdam.« Spinoza wird fast unwillig über die Reden der Chaje, denen er durch Erklärungen keinen Einhalt tun konnte, sie wollte nicht eher weggehen, bis er ihr versprochen habe, daß er wieder fromm und brav sein wolle; er mußte ihr endlich deutlich zu verstehen geben, daß sie sich nun entfernen müsse. Olympia hatte recht prophezeit, daß man einst zu Spinoza wallfahrten werde; aber die Wallfahrt ging vorerst noch zu Malediktus. Am Tage darauf, nachdem Spinoza sich die Chaje vom Halse geschafft hatte, kam der Arzt Salomon de Silva zu ihm. Er machte zuerst einige ärztliche Einleitungen und bemerkte Spinoza, daß er durch seine jetzige Lebensweise seine Gesundheit untergrabe; dieser aber erwiderte, daß er zwei Ärzte zu Freunden habe, Diät beobachte und sich immer wohl befinde. Silva legte die Sonde tiefer ein. »Ich gestehe,« sagte er, »das Judentum hat vielerlei Mißbräuche und abnorme Auswüchse, die hinweggeschafft werden müssen; als ich in deinen Jahren stand, war mir das auch sehr lästig. Die ungestüme Jugend möchte nur immer schnell zuschneiden, aber das geht nicht; man muß sich erst Vertrauen zu erwerben suchen und die Leute nicht vor den Kopf stoßen, dann darf man sich später auch etwas erlauben, und kann seine Plane so nach und nach durchführen.« »Schon der Talmud lehrt,« entgegnete Spinoza, »du sollst kein falsches Maß in deinem Hause behalten. Gilt das nicht auch hier?« »Allerdings,« bestätigte der Arzt, »nur sind Zeit und Verhältnisse zu berücksichtigen, diese alltäglichen Bedingungen haben mindestens ebensogut ihr natürliches Recht wie der abstrakte logische Gedanke. Die erste Regel ist: wer auf irgend eine Genossenschaft und ihre zeit- und vernunftgemäße Umbildung einwirken will, der darf sich nun und nimmer außerhalb derselben stellen. Darum rate ich dir, kehre zurück, bedenke: es gibt noch mehr Leute, denen das Licht der Vernunft aufgegangen ist, und die doch die alten Observanzen nicht auf einmal über den Haufen werfen; es ist in der letzten Zeit viel geschehen, wer das vor fünfzig Jahren gesagt hätte, wäre gesteinigt worden, und so wird es immer fortschreiten. Siehe, der ganze Boden unserer niederländischen Heimat ist wie ein Sinnbild unserer Religion: da sind Dämme gebaut, Kanäle geleitet, um die wilde Kraft des Elementes zu bannen und zu lenken, auf den Dämmen wächst wieder Leben, die Kanäle werden Verbindungsstraßen, welche die Menschen zusammenhalten. Die Kraft von Jahrhunderten liegt in diesen weisen Vorkehrungen. Von dem gemeinen Manne selbst wird der Boden heilig gehalten, weil er weiß, daß die Arbeit vergangener Geschlechter ihn dem Meere abgerungen. Wenn nun einer käme und Besseres fände, dürfte er die Dämme sogleich durchstechen, die Arbeit der Vorfahren zerstören und die fruchtbaren Felder und volkreichen Dörfer und Städte, die auf dem trockenen Boden angebaut sind, eine Zeitlang der Vernichtung aussetzen? – So auch geht's mit unserer Religion. Reiß die Dämme nicht ein. Tu's nicht. Wenn du zurückkehrst, kannst du mit den vielen hellen Köpfen, ja, vielleicht an ihrer Spitze das Judentum reformieren helfen.« »Wer sagt Euch denn, daß ich das will? Vielleicht ist mir das Judentum wie das aus ihm hervorgegangene Christentum eine Entwicklungsstufe des Geistes, auf die eine andere folgt. Ich will vorerst nichts, als mir die Unabhängigkeit meines Lebens bewahren, und daran soll mich keine Macht der Rabbinen hindern.« »Hast du denn vergessen,« fragte Silva, »was du zu mir sagtest, als dein seliger Vater und wir beide dieses Zimmer zum ersten Male besucht hatten? Es kann die Zeit wieder kommen, wo du deine Verlassenheit von allen fühlst, die durch die Bande der Religion und des Blutes dir angehören; dann wirst du deine Hand nach ihnen ausstrecken und nichts als leere Luft erfassen. Ich weiß zu gut, wie weit du voran bist im Denken, ich glaube nicht, daß du Christ werden willst. Traue meiner Erfahrung: stellst du dich auf den höchsten Standpunkt des freien Gedankens, hast du alle Vorurteile und religiösen Besonderheiten von dir abgelöst: immer bist und bleibst du ihnen der Jude, sie werden dich ewig als Fremden betrachten. Sie haben den Haß und die Geringschätzung gegen die Juden mit der Muttermilch eingesogen, du vergeudest deine Liebe an ihnen; was sie Gutes an dir entdecken, werden sie stets nur als eine Ausnahme gelten lassen; strebst du nach Geld und Ehre, werden sie sagen: das ist sein jüdischer Geld- und Ehrgeiz; schätzest du beide gering, so werden sie sagen: er hat doch etwas von der christlichen Bescheidenheit und Verachtung der irdischen Güter. Sie finden dich entzückend und unvergleichlich, wenn du der Juden Albernheiten verhöhnst. Willst du aber eines ihrer Vorurteile berühren, und hätten sie selber längst ihren Spott darüber ausgegossen, du darfst es nicht, und tust du es doch, so bist du ihnen der vorwitzige, zudringliche Jude. Es ist hier gerade so wie sonst im Leben: wir gestehen uns unsere Fehler und schelten uns oft darum; tut's aber ein anderer, sind wir ihm gram. Eher wird der Himmel die Erde küssen, Feuer und Wasser sich brüderlich vereinen, als daß ein Jude und ein Christ in wahrer, inniger, allvergessender Liebe und Eintracht sich umschlungen hielten. Ja, und nimmst du auch die Taufe: das erste Mißfällige, das sie an dir entdecken, ist der alte jüdische Adam in dir. Drum kehre zurück zu denen, die dich wahrhaft lieben, deren Nacken das gleiche Joch eingeprägt ist wie dir, sie werden dich brüderlich aufnehmen und deinen Fehltritt vergessen.« »Nein,« sagte Spinoza, »es ist eine schwere Sünde, die Ihr gegen Gott und die heilige Natur des Menschen begangen habt mit Euren Worten; es wäre gräßlich, wenn sie Wahrheit enthielten, aber es ist nicht. Wohl ist es möglich, daß der Mensch dem Menschen angehöre, Liebe und Erkenntnis sind dauernder als Haß und Vorurteil; ist der menschliche Geist ursprünglich Jude oder Christ? Wohlan! ich möcht' es versuchen, ob Ihr Wahrheit geredet.« »Tu es nicht, warum willst du zu Grunde gehen? Wer sich reinigen will, dem kommt man zu Hilfe, wer sich beschmutzen will, den laßt man gewähren, sagte der Talmud. Ich will dir einen Vorschlag zur Güte machen. Die Gemeinde läßt dir eine Stelle beim Beth-Din anbieten; du kannst dabei ungestört deinen Studien obliegen, da du nur wenig zu tun hast.« »Ich werde nie ein Amt annehmen.« »So will dir die Gemeinde einen Ruhegehalt von tausend Gulden zusichern, unter der Bedingung, daß du dich auf dein Ehrenwort verpflichtest, nie ein Wort gegen das Judentum zu schreiben.« »Das Sprichwort sagt: will man das Volk zum Schweigen bringen, so muß man ihm das Maul mit Brei vollstopfen,« entgegnete Spinoza. »Es ist ein brauchbares politisches Mittel, aber bei mir nicht anwendbar. Lieber Herr Doktor, ich möchte nicht, daß Ihr Euch über mich erzürnt, aber was sollen mir solche Anträge?« »Ich habe sie dir auch nur mitgeteilt, um mich meines Auftrages zu entledigen, ich persönlich kann anders mit dir reden. Die Jugend will nicht einsehen, daß es keine absolute Wahrheit in der Wirklichkeit gibt, daß solche in der Welt nicht bestehen könnte, weil sie tyrannisch, absolutistisch wäre. Wer die Schicksale der Menschen und ein eigenes, langes Leben erkannt hat, der weiß, daß die geschichtliche Wahrheit allein gilt. Du bist zu demütig und bescheiden, um ein Gottesleugner zu sein; du siehst, Gott selbst läßt die Mannigfaltigkeit der Wahrheit gewähren –« »Und mein Denken in ihm zwingt mich, der Erkenntnis zu folgen.« »Das halte fest und halte dich zugleich an die Bedingungen der Geschichte. Magst du zu meiner Überzeugung gelangen, daß keine Philosophie die Geheimnisse der Welt weiter erschließen kann als die Offenbarung im Judentum, oder magst du anderen Sinnes sein und die messianische Zeit als eine solche ansehen, in der deine Wahrheit des absoluten Denkens herrscht; sieh zurück: wäre es nichts als das Andenken an die zahllose Schar der für unseren Glauben Gemordeten, dieses allein müßte uns festhalten inmitten seines Heiligtumes. Eine Religion, welche die Freuden des Lebens verachten und den greuelvollsten Tod lieben lehrt um ihretwillen, muß sie nicht den höchsten Quell der Wahrheit in sich schließen? Wer wird ihn mit frecher Hand verstopfen wollen, weil er im Laufe der Zeit trübe fließt? Das Blut deiner in der Vergangenheit gemordeten Brüder und Schwestern schreit um Rache wider dich zum Himmel, denn du schändest ihre heiligen Gräber, da du auf ihren Leichenstein setzen willst: sie hätten sich nur dem Wahn und Irrtum geopfert.« »Ich will das nicht, es ist Verleumdung, wenn man mir solches andichtet; groß und heilig sind mir die jüdischen Gesetze, in ihnen hat sich die Gottheit für die damalige Zeit am lautersten offenbart; selig sind, die sie erkennen und ihnen nachleben: aber hat die Gottheit seitdem aufgehört im Geiste der Menschen zu leben? Sind alle nachgeborenen Geschlechter dazu verdammt, da zu verharren, wo die früheren standen, und sich mit den alten Formen zu schleppen? Die Form verwest, der Geist bleibt ewig und verjüngt sich und wächst fort und fort.« »In dir ist ein gewaltiger Geist,« begann de Silva nochmals sich zusammennehmend, »deine Gelassenheit ist mir Bürge, daß du ein großer Mann wirst. Weichliche Naturen werden heftig und jähzornig im Widerstreite, starke nie. Wirf nicht einen Stein in den Brunnen, aus dem du getrunken. Deinen freien Opfermut für die Wahrheit, den hast du aus dem Judentum geschöpft. Sei dankbar. Zeige deine Kraft in der Selbstbeherrschung, stehe fest in dir und zu den deinigen und laß dich nicht hinreißen zum Abfall.« »Es gibt keinen Abfall als den von uns selbst.« »Wir werden dich verehren und ich vor allen, wenn du dich bezwingst.« »Und ich selber werde vor mir ehrlos sein.« Überraschung und Unmut zeigte sich im Antlitze de Silvas; alles, selbst das aufrichtige Lobpreisen seiner Tugend blieb erfolglos bei Spinoza. Der Arzt stand auf und rief: »Wehe! du bist verloren. Ich kann nur zu Gott beten, daß er es Tag werden lasse in dir, damit das Irrlicht verschwinde, das dich in Sümpfe und Abgründe verlockt.« Tränen standen Silva im Auge, als er so sprach, sich abwendete und wegging. Spinoza war tief erschüttert von seinen Reden, es tat ihm in der Seele weh, dem alten ehrwürdigen Manne solchen Schmerz bereitet zu haben und ihm nicht folgen zu können! aber wie konnte, wie durfte er anders handeln? ... Weit leichter ward es Spinoza, noch den letzten Versucher von sich abzuweisen, Nachmittags kam Chisdai, und sobald er zur Tür eingetreten war, warf er sich auf den Boden und setzte sich dort trauernd nieder. »Was soll das?« fragte Spinoza. »Wehe!« rief Chisdai, ohne sein Haupt zu erheben, dumpf in den Boden hineinmurmelnd, »hat der Geist der Unreinheit in dir dich schon alles vergessen machen? Kennst du die Geschichte von Rabbi Elieser ben Hyrkanos nicht mehr?« »Jawohl, er hat seine Ansicht von dem erlaubten Gebrauche eines Backofens durch verübte Wunder beweisen wollen und wurde deshalb in den Bann getan: niemand wollte ihm das Urteil ankündigen, bis Rabbi Akiba es so tat wie du hier. Nicht wahr, ich bin noch ein guter Talmudist? Aber steh nur auf, ich kann weder dem Baume befehlen, daß er sich an einen anderen Platz stelle, noch dem Wasser, daß es rückwärts laufe, auch nicht der Wand, daß sie sich einbiege: sie gehorchen mir alle nicht.« »So?« rief Chisdai aufspringend, indem er grimmig die Fäuste ballte, »so? du spottest auch noch über den Talmud? Sieh, ich bin friedlich hergekommen: ich wollte dich zur Gottesfurcht ermahnen und dir zeigen, daß ich nicht aus Eifersucht oder sonstiger niedriger Leidenschaft gegen dich auftrete; aber an dir ist jedes Wort verloren. So fahre denn hin! Die Raben am Bache werden dir die Augen aushacken und die jungen Adler sie fressen.« »Du kannst die Bibelworte auf gut talmudisch verdrehen, die Schrift droht das nur solchen, die Vater und Mutter verspotten und verachten.« »Das hast du siebenzigmal sieben getan, du Ruchloser! Aber deine Strafe wird nicht ausbleiben, noch im Tode wirst du gesteinigt werden, und man wird einen Steinhaufen auf dein Aas wälzen zum Schreckbilde für alle nachkommenden Geschlechter. Nimm dich in acht, krieg' ich dich unter meine Hände, solange du mit deinem Atem die Luft verpestest, ich zerreiße dich wie man einen Fisch zerreißt.« »Wieder ein talmudischer Ausdruck,« erwiderte Spinoza lächelnd, »aber bedenke, daß der Talmud auch sagt: es ist gut, daß der Esel keine Hörner hat.« Chisdai schäumte vor Wut, da er aber jemand die Treppe heraufkommen hörte, ging er fort. »Was ist denn das für ein federloser Zweifüßler, der da von dir ging?« sagte Meyer eintretend, »der sieht ja aus wie die ausgebalgte Erbsünde.« Spinoza mußte herzlich lachen über diese Bezeichnung. »Diesmal bist du auf deinem Steckenpferde am rechten Ziel angekommen,« sagte er, »aber diese Erbsünde wollte mich ins jüdische Paradies zurückführen.« Meyer ermahnte ihn nun, mit der gewohnten Kraft und Sündhaftigkeit gegen die jüdischen Päpste aufzutreten, und als er sich bald darauf entfernte, machte sich auch Spinoza auf den Weg. Jetzt zum ersten Male fühlte er sich unheimlich zwischen seinen einsamen vier Wanden; es war ihm nicht möglich, wie sonst seinen Geist in der Erforschung eines bestimmten Gedankens festzuhalten; er bedurfte einer befreundeten heitern Seele, an der er sich aufrichten und die Stürme des heutigen Tages vergessen konnte; wo sollte er solche anders suchen als bei Olympia? Er ging zu ihr und fand sie in traulichem Gespräche mit Kerkering. Er glaubte in beiden eine seltsame Überraschung zu bemerken, als er eintrat; er vermutete richtig, daß er Gegenstand ihrer Unterredung gewesen war. Olympia verstand es indes wie immer, schnell ihre Gemütsbewegungen zu bemeistern. »Sie sind mir in der letzten Nacht im Traum erschienen, Herr von Spinoza,« sagte sie im Laufe des Gespräches. »Sie müssen raten unter welcher Gestalt.« »Sie glauben weder an Teufel noch an Engel, haben Sie mich vielleicht als Klosterbruder gesehen?« »Nein, weiter geraten.« »Als Kaiser?« »Nein.« »Als Rabbi? Als Papst?« »Nein, nun Sie erraten es nicht, wie ich merke. Als Masaniello sah ich Sie, mit dem Fischernetze auf dem Rücken, die rote gewirkte Mütze mit der langen Troddel kleidete gar schmuck zu dem pechschwarzen Haare, die Hemdärmel waren bis über die Ellbogen aufgestreift; so sah ich Sie von einer zahllosen Menge Juden durch die Straßen getragen, bis vor das neuerbaute Stadthaus, dort stiegen Sie hinauf bis zu dem vergoldeten Schiffe auf dem Turme und riefen: »Mitbürger, die ihr, wie Erasmus von Rotterdam sagt, gleich Krähen auf den Gipfeln der Bäume wohnt! Ich sehe eure gabelförmigen Schornsteine und eure vor und rückwärts geneigten Giebel: ich sehe die Kanäle und Dämme, die euer Land durchschneiden, und euer Leben fließt ebenso eingedämmt und ohne kecken Wellenschlag den geweisten Weg dahin. Ich sage euch, das wird anders werden. Ich streiche das ›du sollst‹ aus euren Lebensbüchern, und in meiner Lehre heißt es ›du mußt, denn du kannst‹. Ihr glaubt die Fische seien stumm? Es ist nicht wahr. Da hab' ich eine Legion vom Meeresgrund heraufgefangen, die reden alle gar weise Dinge.« Dann nahmen Sie Ihr Netz vom Rücken, es war leer, Sie kehrten es um, und eine unendliche Zahl von Fischen fiel heraus, sie glitzerten wunderlieblich im Sonnenschein, die Floßfedern wurden zu Flügeln und sie flatterten mit Geschrei davon. Sie aber blieben noch stehen und hielten eine Philippika gegen das Volksmärchen: daß an dem Tage, an welchem die Gesandten der sieben vereinigten Staaten durch die sieben Tore des vollendeten Stadthauses gehen würden, das Glück einer jeden Provinz hinter ihnen herausgehen und nimmer wiederkehren werde. Und nun erklärten Sie, wie Ihre Philosophie der Wasserbaukunst unseres Landes entspreche, wie man Sturm und Flut brechen und beherrschen könne; wie man vom Strome der Affekte übergossenes Land austrockne und fruchtbar mache, und alles ganz deutlich, ich habe es im Traume ganz hell und klar verstanden. – Jetzt bin ich leider wieder unphilosophisch wie das grauw – das Volk – das tobte und schrie: er ist ein Zauberer, er ist des Teufels Sohn! und riß das Stadthaus ein. Ich erwachte. – Wenn Sie nur auch etwas von der Kunst Daniels verstünden.« Spinoza fragte, ob sie in den letzten Tagen Frau Gertrui nicht gesprochen habe; Olympia beteuerte, sie seit mehreren Wochen nicht gesehen zu haben. Es war in der Tat ein fast wunderbares Zusammentreffen, denn Spinoza hatte aus einer sonderbaren Laune seit zwei Tagen begonnen, sein eigenes Bildnis in der Tracht Masaniellos zu zeichnen. Er sagte indes Olympia nichts davon, weil er wußte, wie sie trotz ihrer Freigeisterei sich gern eine sonderbare Ahnungstheorie aufbaute. Es ward ihm heute wiederum nicht freudig zu Mute in ihrer Nähe; war die Anwesenheit Kerkerings daran schuld, oder war es, weil er mit übervollem Herzen hergekommen war und nun zu spät sah, daß er hier keinen Anklang finden konnte für seinen schmerzlichen Kampf? Eine düstere Ungewißheit und Zweifelsucht lagerte sich über sein Verhältnis zu Olympia; er sah, wie Kerkering mit immer zutulicherer Freundlichkeit sich Olympia näherte, und diese hielt ihn nicht mehr wie sonst mit leichtem Scherze fern, er glaubte sogar ein gewisses Einverständnis zwischen ihnen darin zu entdecken. Als er wegging, sagte ihm Olympia: »Ihre Schwester Rebekka war heute bei mir, ich soll Sie bekehren, daß Sie sich den Rabbinen unterwerfen.« Spinoza verneigte sich stumm. Wie war es möglich, daß sie dir ihren Traum erzählte und allerlei Scherz trieb, statt vor allem dieses Begegnis mitzuteilen? Mußte es nicht ihr Herz erfüllen, daß deine Schwester bittend bei ihr erschien? – Du kannst nicht verlangen, daß andere eine Regung anerkennen, die du selber in dir zerstörst.... Miriam, mit der er von Kindheit auf in geschwisterlicher Innigkeit gelebt, war zu ihm gekommen, sie hatte nur schüchtern nach der Geliebten gefragt, und Rebekka, die herrschsüchtige, die ihm allzeit fremd gewesen, drang zu Olympia. Wie muß sie dieser erschienen sein und sie hat vielleicht das Herz der Geliebten zweifelhaft gemacht und ihr einen abstoßenden Widerwillen gegen seine Familienbeziehungen eingeflößt. Spinoza fühlte, wie seine Wangen brannten. Er war im Begriffe, die Familienbande und alle Fesseln der Gewohnheit zu lösen, nimmer aber konnte er's ertragen, daß diese geringschätzig angesehen würden. Liebe und Wahrheit sollten ihm beistehen in dem Kampfe, der sich ihm eröffnete. Blieb ihm nur die Wahrheit allein? 24. Der Bann Eine zahllose Menschenmenge lagerte sich an den Straßen, faltete die Hände und betete zum Herrn, daß er beschützen möge den Zug ihres Befreiers. Voraus zog der kaiserliche Herold mit dem Reichsadler, ihm folgte der Kämpfer für Gottes Wort, geleitet von Reisigen in blinkendem Stahle und schmucker Waffenzier. Und als er hinzog in die Reichsversammlung, da kletterten seine Verehrer auf die Dächer, füllten die Straßen und Fenster, denn glücklich pries sich jeder, dessen Auge ihn geschaut; und als er mutig und mannhaft den Kampf gefochten, wurde er im Triumphe nach Hause getragen, eine Stimme ward vernommen, die da rief: »Selig sind die Hände, die dich tragen.« So zog im Jahre 1521 Martin Luther gen Worms: der tapfere Kämpfer für die Freiheit des göttlichen Worts. Schwer ist's, den Kampf gegen Gewalt und Gewohnheit in sich zu bestehen und schmerzlich, ihn nach außen zu vollführen; aber die Tausende teilnehmender Blicke sammeln sich gleichsam wie eine Glorie um das Haupt des Kämpfers und erheben seine Kraft zur Kraft von Tausenden; und sieht er sich selber untergehen, er hat den Gruß der zahllosen Herzen empfunden, in denen sein Gedanke fortlebt. Wie anders ist es, sich zum sieglosen Kampfe in stummer Verborgenheit rüsten. Im Jahre 1657 wanderte Benedikt Spinoza einsam nach der Synagoge »Jakobshaus« zu Amsterdam, von niemand geleitet, von niemand begrüßt; scheu wich das Volk zurück, das ihn kannte, ihn, den standhaftesten Kämpfer für die Freiheit des göttlichen Gedankens. Er hatte der Welt kein altes geschriebenes Gesetz aufs neue zu erobern, er schien sie berauben zu wollen ihres festen Hortes; denn er wollte nichts als das alte gute Recht des freien Denkens. In der Synagoge saßen die zehn Richter auf ihren Stühlen, den Vorsitz hatte Rabbi Isaak Aboab, neben ihm saß Rabbi Saul Morteira. Spinoza mußte vier Schritte entfernt von ihnen wegstehen. Rabbi Isaak Aboab erhob sich und sprach: »Mit der Hilfe Gottes! Wir sind hier versammelt, um über dich, Baruch ben Binjamin Spinoza, Urteil und recht zu sprechen. Schwöre uns im Namen des allmächtigen Gottes, daß du uns nichts leugnen noch verhehlen, und daß du dich fügen wollest dem Ausspruche, den der Herr durch unseren Mund dir verkünden wird.« »Trug kenne ich nicht und Lüge ist mir fern,« erwiderte Spinoza, »ich werde mich eurem Urteil fügen, wenn ihr über mich erkennet nach dem göttlichen Wort, und nicht nach den Eingebungen eures Herzens und nach den Satzungen der Rabbinen.« Ein Gemurmel entstand unter dem Synedrium, man konnte aber vernehmen, wie es fast allgemein ausgesprochen wurde, daß der Angeklagte durch diese Weigerung, ihre Gerichtsbarkeit unbedingt anzuerkennen, ohne weitere Verhandlung mit dem höchsten Grade des Bannes belegt werden müßte. Rabbi Saul Morteira bat um Stille: »Laßt sehen,« sagte er, »wie weit die Verruchtheit seines Herzens geht. Sag an, Frecher: hast du nicht durch Genuß verbotener Speisen und Getränke gegen Gott gesündigt, und durch Arbeit den Sabbat entweiht? Hast du nicht dich der Genossenschaft des Glaubens entzogen und den heiligen Namen Gottes und sein Gesetz gelästert? Und geschrieben steht: wer heimlich den Namen Gottes entweiht, den wird öffentlich die Strafe treffen.« Eine Pause entstand, Spinoza heftete den Blick zur Erde, jetzt sah er auf und entgegnete mit ruhiger Stimme: »Ich kann nicht Wunder und Zeichen tun und die Natur um mich her zu Beistand und Zeugnis anrufen, in mir allein muß ich die Kraft erweisen, die vom Dasein Gottes in jedem Menschenherzen zeugt. Daß ich hier stehe, euch gegenüber, von euch angeklagt, die ihr auf andere Weise gottgefällig zu leben glaubt; daß ich nicht wanke und nichts in mir mich anklagt, nehmt's als Zeichen meiner Liebe zu Gott, die ich als das höchste Gut erkenne. Ich verteidige mich nur wegen der Anklage auf Sabbatschändung, weil diese als ein Fehl gegen das heilige Gesetz Gottes in der Natur erscheinen kann. Wohl ist's dem gedrückten Menschen förderlich, daß er von sieben einen Tag sich zur Ruhe setze, und weise ist's, denn des Menschen Würde besteht in jeglicher Art in freier Lenkung seiner Kräfte; wer gibt euch aber das Recht, ihn zu strafen wegen der Sünde, die er gegen sich selber begeht?« Die Versammelten erhoben sich alle von ihren Stühlen und riefen durcheinander, man dürfe solche Gotteslästerungen nicht länger mit anhören; aber Rabbi Isaak Aboab sprach: »Laßt ihn reden. Aus jedem Worte, das er spricht, ringelt sich ein Sched empor, die sich alle an seine Seele klammern werden in seiner leiblichen Not, und wenn er den Tod des Sünders stirbt, werden sie sich an ihn hängen und ihn hinabzerren in den Pfuhl der Hölle. Wir sind verpflichtet, seine ganze Schuld zu hören. Tretet vor und redet ihr Zeugen.« Chisdai und Ephraim traten vor, jener stolz den Blick erhebend, dieser scheu ihn niederschlagend. »Er hat vor unseren Ohren Gott und die Propheten gelästert, die Engel geleugnet und die Wunder verspottet; daß er also getan, schwöre ich vor dem Angesichte des ewigen Gottes.« »Auch ich beschwöre, daß Chisdai die Wahrheit gesprochen,« sagte Ephraim mit leiser Stimme. »Was antwortest du darauf?« fragte Morteira, und Spinoza erwiderte: »Ich habe die Propheten nicht gelästert, ja ich verehre sie mehr als die, welche die falsche Glorie der Unfehlbarkeit um ihre Häupter sammeln, sie der göttlichen Majestät ihrer menschlichen Größe berauben und sie zu Götzen erniedrigen. Gehet hinaus und sehet: stand die Sonne still in Gideon? Ich hätte die Engel geleugnet! Hat nicht schon Rabbi Joseph Albo öffentlich ausgesprochen, daß der Glaube an das Dasein der Engel unwesentlich und unnötig sei? Ich hätte die Wunder verspottet! Was klagt ihr mich an? Schlaget die Stelle auf, wo Bileams Eselin spricht, und sehet, was Ebn Esra dort sagt. Ich hätte Gott gelästert – ich habe Mitleid mit dir, der du nicht weißt, daß keines Menschen Denkens der den ihm inwohnenden Gesetzen folgt, aus ihm entweichen kann.« »Hast du nicht gesagt,« fuhr Chisdai auf, »weh mir! daß ich es nachsprechen muß – Hast du nicht gesagt, daß in der heiligen Schrift viele unvollkommene und falsche Ideen von dem Wesen Gottes sich finden?« »Ich glaube Gott mehr damit zu verehren als ihr. Wird Gott in der Bibel nicht ›groß‹ genannt, und gibt's eine Größe ohne begrenzte Ausdehnung im Raume? Wahr ist's, die Bibel kann nur aus sich selber erklärt werden, sie trägt den Grund ihrer Wahrheiten nur in sich, sie will nicht an den Denkgesetzen gemessen sein, diese aber auch nicht meistern; die Vernunft, die uns von Gott gegeben und somit nicht minder eine göttliche ist, kann und muß die Idee Gottes aus sich selber schöpfen, und in sich selbst finden, was zur Erlangung eines gottseligen Lebenswandels gehört. Die Bibel selber erkennt dieses heilige Recht unserer Vernunft an, indem sie einen gottseligen Lebenswandel auch in den Männern, die vor der Offenbarung auf Sinai gelebt, anerkennt, und indem es sogar von der Wahrheit, die in der Gesetzgebung Mosis als zeitliche Erscheinung heraustrat, heißt: »Sie ist nicht im Himmel, daß man sagen könnte, wer will für uns in den Himmel steigen, sie holen und uns verkünden, auf daß wir danach handeln. Denn das Wort liegt dir sehr nahe: in deinem Munde und in deinem Herzen, auf daß du danach handelst.« (5. B. M. 30, 12.) In unserer Vernunft, auf der Höhe des reinen göttlichen Gedankens, hier ist Sinai. Ich will euch offen und getreu meine Ansichten über die höheren Dinge auseinandersetzen, widerleget ihr mich aus der Vernunft, so will ich mich vor euch beugen.« »Du hast dich auf die heilige Schrift berufen,« rief Morteira. »Wehe! daß deine Zunge nicht zu Asche verbrannte, da du es wagtest, ihre heiligen Worte auf sie zu laden; was willst du mit deinem Baal der Vernunft?« »So zerschmettert ihn, wenn ihr könnt,« erwiderte Spinoza. Rabbi Isaak Aboab hatte bis jetzt ruhig der Verhandlung zugehört, jetzt rief er, sich erhebend: »Das Maß ist voll, ihr alle seid mit mir einverstanden, daß dieser Epikuräer die höchsten Strafen des Gehinoms verdient hat.« Alle Anwesenden antworteten mit einem vernehmlichen Amen und Aboab fuhr fort: »Nun so frage ich dich, Baruch ben Binjamin Spinoza: willst du deine gotteslästerlichen Reden widerrufen und dich der Buße unterwerfen, die deshalb über dich verhängt wird, oder willst du, daß der höchste Fluch des Bannes über dich herabbeschworen werde?« »Widerleget mich aus der Vernunft und ich widerrufe. Ihr wollt mich nicht hören, ich werde euch in der Schrift antworten. Hier in der abgeschiedenen Synagoge könnt ihr mich nicht hören, und wollt nicht die Wahrheit an ihrer Folgerichtigkeit prüfen; ich spreche meine Gedanken hinaus in alle Welt, wohin kein Bann reicht. Ich habe mich nur eurem Gerichte gestellt, um euch zu zeigen, daß ich keiner Genossenschaft entgegentrete, die in ihrem Glauben die Wahrheit zu besitzen meint; aber die Freiheit des Denkens hat ihr heiliges, unverletzliches Gebiet. Wollt ihr mich, wie ihr mich hier aufgenommen; nun auch ausstoßen – ein neuer Tag wird anbrechen –« »Lügenprophet, verstumme!« donnerte Rabbi Aboab, »ich frage dich zum zweiten, ich frage dich zum dritten Male: willst du widerrufen?« Eine Sekunde herrschte Totenstille in der Halle; da erhob Spinoza seinen Blick, und mit fester Stimme antwortete er: »Ich kann nicht; aber auch ihr könnt nicht anders, und ich fluche euch nicht.« Rabbi Isaak Aboab zerriß seinen Mantel, und Rabbi Saul Morteira nahm das Schophar, das verhüllt vor ihm lag, stieß dreimal in dasselbe, daß der Schall noch lange von allen Enden des Gewölbes widertönte; die heilige Lade wurde geöffnet, alle Anwesenden erhoben sich und Rabbi Isaak Aboab las aus einem Pergamente: »In des Herrn der Herren Namen, Seist du, Baruch, Sohn Binjamins, In den großen Bann getan. Seist im Bann der beiden Rechte, Himmlischen wie irdischen: Seist im Bann der Heil'gen droben, Seist im Bann der Seraphim, Seist im Bann der Ophanim. Ausgeschlossen von Gemeinden, Von den großen und den kleinen. Auf dich große schwere Plagen, Krankheit schmerz- und greuelvoll; Drachenhöhle sei dein Haus, Und dein Stern erlösche droben. Ärger sei und Greu'l den Menschen, Und dein Aas der Schlangen Futter; Feind' und Hassern sei ein Labsal, Und die Hab', die du besitzest, Fremden werde sie zu teil. Vor den Türen deiner Feinde Müssen deine Kinder winseln, Und ob deines Lebens Martern Späte Enkel sich entsetzen. Sei verflucht von allen Geistern. Michael und Gabriel, Raphael und Mescharthel. Sei verflucht vom großen Gotte Von den siebzig Geisternamen, Untertan dem großen König Mit dem großen Siegel Zartok. Fahr' zur Höll' wie Korahs Rotte, Und mit Zittern und mit Beben Gehe dir die Seele aus. Gottes Grimm ertöte dich, Hingewürgt wie Achitophel In der Schlinge deiner Plane. Gechsis Aussatz sei der deine, Und vom Fall erheb dich nimmer. Wo Israels Gräber liegen Werde dir kein Grab gegraben. Hingegeben an die Fremden Sei dein Weib; in deiner Todesstunde Mögen andre sie entweihn. – Dieser Bann und diese Flüche Über Baruch, Sohn Binjamins. Aber über ganz Israel Und auf mir ruh' Gottes Frieden Und sein Segen ewiglich.« Hierauf nahm der Rabbi die Thora aus der heiligen Lade, rollte sie auf, und las (5. B. M. 30, 19 etc.): »Und wer die Worte dieses Fluches höret und segnet sich in seinem Herzen und spräche: Friede wird mir sein, denn ich wandle nach dem Gutdünken meines Herzens, auf daß der Trunkene mit dem Durstigen dahinfahre. Da wird der Herr dem nicht gnädig sein; sondern dann wird entbrennen der Zorn Gottes und sein Eifer über solchen Mann, und es wird auf ihm ruhen all der Fluch, der in diesem Buche geschrieben ist, und der Herr wird seinen Namen austilgen unter dem Himmel.« Die Thora wurde in die heilige Lade zurückgebracht, abermals wurde das Schophar geblasen, und alle Anwesenden sprachen gegen Spinoza gewendet: Verflucht sei dein Eingang und verflucht sei dein Ausgang.« Alle spieen aus und wichen vier Schritte von ihm zurück, als er sich in ungebeugter Haltung aus der Synagoge begab. Sollte dieser Ausgang aus dem gewohnten Heiligtum der Eingang zu einem neuen werden, oder sollte er nie mehr einen Tempel von Stein betreten und auch äußerlich darstellen, daß der freie Mensch der Tempel Gottes ist? Vor der Synagoge traf er Oldenburg, Meyer und Vries, die seiner harrten; sie hatten von dem Vorgange gehört und warteten hier, um ihn gegen jede Mißhandlung der Rabbinen zu schützen. Noch nie hatten die Freunde das Antlitz Spinozas so flammend gesehen als eben jetzt. Lautlos gingen sie mit ihm und Oldenburg faßte seine Hand und hielt sie fest. Als Spinoza vor seinem elterlichen Hause vorüberging, hörte er das Wehklagen seiner Schwestern; er wußte, daß sie ihn jetzt beweinten, schmerzlicher als einen Gestorbenen. Jetzt, da er sich nicht mehr freiwillig dessen begab, sondern da es ihm entrissen wurde, jetzt fühlte er doppelt, was es heißt: eine Jugend mit all dem Trauten und Heimischen, das sie in sich birgt, die tausend Fäden der Erinnerung abzuschneiden und so das Leben zu zerstücken, das sich nicht mehr im Zusammenhange mit der Vergangenheit erhält. Das traurigste Bewußtsein bei der unwiederbringlichen Lösung einer innigen Lebensbeziehung liegt darin, daß beiderseits ein Stück Leben ausgelöscht und vertilgt ist, dessen unwillkürliche Wiedererweckung oft mit gespenstischem Schreck erfüllt und ins Vergessen flüchten heißt ... »Und die drei Freunde saßen bei ihm und redeten nichts mit ihm, denn sie sahen, daß sein Schmerz sehr groß war.« So heißt es bei Hiob. Auch hier saßen drei Freunde und sie redeten nichts, denn sie sahen, daß der Schmerz sehr groß war. Oldenburg legte still die Hand auf die Schulter Spinozas, als könnte er ihn damit schützen und ihm seine Kraft leihen. Er ahnte, was das Herz des Freundes bewegen mochte, denn wenn auch längst ausgeschieden aus der Genossenschaft der Synagoge, mußte er doch diesen herben Bruch wie einen endlich eintretenden Todesfall empfinden; erwartete, erkannte man ihn auch längst: wenn der starre Tod endlich entschieden hat, ist der Schmerz doch ein neuer, ganz anderer. Kein Laut wurde vernommen. Nur einmal sprach Oldenburg leise und mit abwehrender Bewegung ein paar Worte zu Meyer, als dieser ihm etwas ins Ohr geraunt hatte; denn Meyer war versucht, den ganzen Vorgang als kaum der Rede wert oder gar als lächerlich darzustellen. Spinoza saß in sich versunken da und hatte Stirn und Augen mit der Hand bedeckt. Die Freunde schauten stumm auf ihn, harrend, welches das erste Wort sein wird, das er spricht. Endlich schaute er auf und als antwortete er auf einen Zuruf, sagte er: »Nein, nein, sie sollen mich nicht zwingen, daß ich in Bitterkeit, in Haß und Ungerechtigkeit ihnen gegenüber stehe. Auch dieser Fluch ist noch Liebe. Sie wollen Keinen lassen, sie wollen ihn schrecken und strafen, der sich von ihrer Gemeinschaft lossagt. Und diese entsetzlich ausgeklügelten Verwünschungen! Hat der Lobpreis seine festen Formeln, so muß sie auch der Fluch haben. Sie können meine Gedanken nicht bekehren. Handle ich aus Widerstreit mit ihnen, so bin nicht ich es mehr, der lebt und handelt. Nein, ich will aus mir leben, nicht die Welt soll Herr sein.« »Die Welt?« konnte sich Meyer nicht enthalten zu entgegnen. »Was ist ein Häuflein Rabbinen in einer abgeschiedenen Synagoge inmitten der Welt? Sie schicken dich ins Exil, in eine Welt, die viel schöner und größer ist als die, daraus sie dich verbannen.« »Du magst recht haben, aber bedenke, daß ich dort die tiefsten Erweckungen empfangen in Lust und Leid. Es gab eine Zeit, wo Ehre und Unehre dort, mir Ehre und Unehre der ganzen Welt war. Doch, es ist vorbei.« »Jetzt, Freund!« rief Oldenburg, »gehst du auch in die wirkliche Welt, in die weite, große, und du gehst mit mir. Ich muß in wenigen Tagen Amsterdam verlassen.« »Du? Und gerade jetzt?« »Ich bin im Auftrage meiner Vaterstadt als Gesandter nach London berufen. Komm mit.« »Was sollte ich dort mit dir?« »Es bereitet sich in London die Gründung einer großen Gesellschaft für Wissenschaft, ich bin zum Mitglied ernannt, und du sollst an meiner Seite darin wirken.« Mit lockenden hellen Farben entwarf nun Oldenburg ein Bild des großen Weltlebens: Ehre, Ruhm, Freude und Genuß winkten mit ungekanntem Reize und das Antlitz Spinozas wurde plötzlich heller und größer. Er sah sich mitten hinein versetzt in die großen treibenden Gewalten, und dazwischen spielte ein Bild wonniger Häuslichkeit, darin Olympia waltete. Auch Meyer und de Vries redeten zu. Es bedurfte ihrer Worte kaum, denn solche Reden, wie er jetzt von außen hörte, sprachen sich Spinoza in seinem Innern. Er faßte bebend die Hand Oldenburgs, aber plötzlich hielt er inne, und »Verzeiht! Ich muß jetzt allein sein,« sagte er. Er war allein und in ihm kämpfte es. »Aber warum sprachen die Freunde kein Wort von Olympia? Ist es Täuschung, daß ich eine gewisse Scheu, eine gewisse Fremdheit an den Freunden bemerken wollte? Zu ihr, zu ihr, unter ihrem Auge vor allem muß das neue Dasein erstehen.« 25. Freiwerben Um dieselbe Stunde als Spinoza die Synagoge verließ, entriegelte der Küster eine Seitentür an der katholischen Kirche zu St. Johann: zwei festlich gekleidete Männer traten heraus, der eine blassen, kummervollen Antlitzes, der andere heiter lächelnd: es waren van den Ende und Kerkering. »Mich friert,« sagte der letztere, »mir ist doch, als wäre mir das gewohnte schützende Kleid entrissen und es fröstelt. Als ich dort auf den Knieen lag, den gewohnten und doch fast vergessenen Glauben abschwor, und in euren aufgenommen wurde, preßte sich mir's eiskalt im Herzen zusammen und ich konnte kaum das verlangte Wort mehr hervorbringen. Es ist gut, daß in der letzten Ausführung von Entschlüssen uns keine Entscheidung mehr freisteht.« »Dieser Krimskrams der Empfindung,« entgegnete van den Ende, »ist nichts als Folge der kühlen Kirchenluft und deiner ungewohnten Lage, die dir die Blutbewegung hemmte. Komm, mein Sohn; der Wein, den sie dir dort versagen und für sich allein behalten, ist in anderen Schenken viel besser zu haben. Und sieh dir die ganze Sache, wie du richtig gesagt hast, für eine Kleiderangelegenheit an; du hast dich, wie es die Mode verlangt, zur Hochzeit ausstaffiert, weiter nichts.« Dennoch ging Kerkering scheuen Blickes dahin, er meinte, es müsse ihm jeder ansehen, was mit ihm geschehen sei. Erst als man von der St. Olaikirche nach dem Hause van den Endes abbog, trat wieder Rot auf seine Wangen. In dem Studierzimmer des Arztes, wo dieser dem neuen Täufling, wie er es nannte, »die Muttermilch der alma mater Natur« zutrank, ward Kerkering erheitert von dem feurigen Wein und stimmte mit ein in den Scherz über die kindhafte Empfindlichkeit, die ihn befangen hatte. Van den Ende hatte Olympia einen Besuch ansagen lassen, diese aber ließ erwidern, daß sie krank zu Bette liege; er eilte zu ihr und ließ Kerkering allein. »Mein Kind, sagte der Vater zu seiner Tochter, »ich trete eine beschwerliche, vielleicht auch gefahrvolle Reise an. Es ist mir ein Trost, dich in treuer Obhut zurück zu lassen.« »Darf ich denn durchaus nicht wissen wohin und wozu? Warum habe ich Ihr Vertrauen verloren?« fragte Olympia. »Du sollst dich nicht unnütz ängstigen und abhärmen; ist's vollbracht, wirst du dich dessen vor allen erfreuen. Ich muß auf einer großen Bühne mitspielen. Ich weiß nicht, wird's zum Weinen oder zum Lachen. Jedenfalls ist's der Mühe wert, sich dafür mit Haut und Perücke einzusetzen. Sie sollen erfahren, daß Lucian und Demokrit auch zur Tapferkeit befähigen, so gut wie ihre finsteren Götter. Doch, das sollst du später alles wissen. Jetzt aber laß mich als Vater, als Freund zu dir reden. Sieh, ich komme festlich geschmückt zu dir. Sprich jetzt mit jenem Stoiker zu jedem Körperleiden: ich bin stärker als du. Schmücke dich mit uns. Hier nimm.« Olympia hörte verwundert den in ihrer Stille doppelt lauten und heiteren Ton ihres Vaters und sah erstaunt auf den dargereichten Perlschmuck. »Was soll das?« fragte sie. »Diesen Brautschmuck seiner Mutter sendet dir unser Freund als Morgengruß und sagt dir, daß er mehr Tränen um dich vergossen als Perlen im Meeresgründe ruhen.« »Hat er geweint? Ich hätte nie geglaubt, daß er das täte. Gewiß geschah es, weil er seinen väterlichen Glauben abschwören und den unsrigen annehmen soll.« »Er hat's getan, mein Kind. Es war noch hartköpfiger Protestantismus genug in ihm, der dagegen protestierte; aber es sollte ein Zeugnis seiner Liebe sein. In Kerkering gibst du mir meinen Cornelius wieder.« »Wehe!« rief Olympia und verhüllte ihr Antlitz in den Kissen. Erst nach langem Drängen des Vaters erhob sie sich wieder und sagte schluchzend: »Wir sind alle unglücklich. Meine Liebe gehört – Sie wissen es, Vater, warum muß ich es aussprechen? Spinoza liebe ich und werde von ihm geliebt mit all der göttlichen Hoheit seines Geistes, wie noch nie ein Mädchen geliebt wurde.« Van den Ende schlug sich mit der geballten Faust an die Stirn. Lange ging er nachdenklich im Zimmer auf und ab, dann setzte er sich wieder vor das Bett seiner Tochter. »Liebe Olympia,« sagte er, »sei offenherzig gegen mich. Habt ihr euch eure Liebe schon gestanden?« »Ja.« »Und hofftest du auf meine Zustimmung?« »Zuversichtlich, denn Ihr freies Denken darf kein Vorurteil kennen.« »Ich will es auch nicht. Laß uns die Sache unbefangen überlegen. Womit wolltet ihr euch denn ernähren? Du weißt, was ich besitze, ist nicht eigentlich mein.« »Spinoza würde einen Lehrstuhl der Philosophie und Mathematik an irgend einer Universität annehmen.« »Das geht nicht so bald, er ist von den Juden als Ungläubiger verstoßen, und die Pfaffen aller Konfessionen reichen sich die Hände, wo es gilt, den gemeinsamen Feind zu unterdrücken. Er könnte einstweilen Gläser schleifen und du könntest mit Orgelspiel oder sonstigem Unterricht etwas erwerben, es könnte schon hinreichen, um euch vor dem Hungertod zu wahren, und habt ihr auch bloß das leere Wasser, so brockt ihr eure Philosophie ein, ist auch eine nahrhafte Speise; aber eure Kinder werden sich leider nicht damit zufrieden stellen lassen. Eure Liebe ist nichts als ein falscher Syllogismus –« »Vater, Sie sind sehr hart.« »Ich bin es nicht; freilich, auf eurer Geisterhöhe, wo ihr euch von lauter Genien umflattern laßt, die weder Mark noch Knochen haben, da muß euch jemand, wie ich, als ein Barbar erscheinen. Ihr habt die ewigen Probleme vom Schicksal der Menschheit und vom Weltdasein enträtselt, was kümmert's euch, wenn euer Schicksal und die Fristung eures Daseins euch Tag für Tag ein neues Problem aufzuknacken gibt? Eure Seelen lieben sich, und die lieben Seelen, ach, das sind gar bildsame gute Geschöpfe, denen keine Entbehrung zu hart ist.« »Ist das die Ruhe, mit der Sie zu mir reden wollten? Verdienen die Entsagungen, die ich freudig über mich nehme, solchen Spott?« fragte Olympia. »Du hast recht,« erwiderte der Vater, »du magst ihn heiraten, ich will dir's nicht wehren: des Menschen Wille ist sein Himmelreich, das ist auch mein Wahlspruch. Aber das eine bedenke noch: wie wirst du es ertragen, wenn deine Freundinnen und Bekannten die Nase rümpfen und kichern, wenn sie dich mit ihm über die Straße gehen sehen: seht, da geht sie, werden sie sagen, sie wäre sitzen geblieben, wenn sich nicht der arme Jude, den seine Sippschaft selber verstoßen, ihrer erbarmt hätte. Ich kann ihnen nicht unrecht geben, wenn sie denken: hätte er sie wirklich geliebt, so hätte er freiwillig seinem alten Glauben entsagt und nicht erst gewartet, bis man ihn ausstieß; denn das ist und bleibt in den Augen der Welt ein Schimpf. Und wenn sie dann weiter zischeln werden: Wie war sie sonst so stolz und hat auf uns herabgesehen, die ist nun glücklich, sie braucht nicht einmal einen Kleiderschrank; das abgetragene Kleid, das sie schon vor zehn Jahren hatte, ist nun mit der Zeit ihre ganze Garderobe geworden, wir haben von Herzen Mitleid mit ihr. – Ich weiß wohl, solche Dinge können und dürfen deinen Entschluß nicht wankend machen, ich sage dir es auch nur, damit du dich darauf gefaßt hältst. Ich will Spinoza auch in gar keinen Vergleich setzen mit Kerkering; sein Geist ist groß, und eine Minute, da in seliger Harmonie eure Seelen ineinanderklingen, wiegt jahrelange Entbehrungen, wiegt allen Genuß der irdischen Freuden auf; du liebst und verehrst ihn, du bewunderst die Majestät seines Geistes, ich glaube nicht, daß er diese Herrschaft über dich mißbrauchen wird; solche Fälle mögen nur selten vorkommen. Was ist dagegen Kerkering? Er hat seine Liebe besiegelt, indem er zu deiner Kirche übertrat, er hat eine mächtige und ruhmvolle Genossenschaft verlassen, er hat dich nicht zur Teilnehmerin der peinlichen Vorbereitungen gemacht und dir keinerlei Verantwortung zugeschoben; du solltest mühelos die Frucht seiner Arbeit empfangen. Und so wird er allzeit handeln. Du sollst durch seine Tat nicht zu Dank gebunden sein, er macht keinen Anspruch als den, daß er dich liebt. Er betet dich an, alle deine Worte sind ihm Orakel, ja der leiseste Wunsch deines Herzens ist ihm Befehl, den er mit Freuden erfüllt; aber du hast recht, du willst keinen Mann, den du beherrschen darfst, des Weibes schönste Zierde ist Gehorsam, Gehorsam, und selbst gegen despotische Unterdrückung. Was kann dir Kerkering bieten? Nichts als ein gutes, treues Herz, das nur für dich allein schlägt; er kann dir ein Leben voll Glanz, Ehre und Genuß bereiten, du wirst Gegenstand des Neides bei allen deinen Freundinnen sein. Was ist aber dieses alles gegen den Hochgenuß der überschwenglichen Geistesharmonie? Gewiß, sie ist ewig, und ihre Ewigkeit überdauert ein Jahr, vielleicht auch zwei; ist das nicht genug?« Van den Ende schwieg, Olympia schluchzte und weinte nicht mehr; stillträumend spielte sie mit der Perlschnur, die vor ihr lag. »Darf ich das Bett verlassen?« fragte sie endlich. »Jawohl,« sagte der Vater und schmunzelte zufrieden vor sich hin, als er das Zimmer verließ. – Olympia stand auf und kleidete sich an. »Ich habe dem Vater meine Liebe stärker gezeigt, als sie ist,« sagte sie zu sich. »War es nicht anfangs bloß verletzte Eigenliebe und die Lust, keinen unbesiegt zu wissen, die dich ihm in die Arme führte? – Nein, du liebtest ihn ehedem und liebst ihn noch.« Sie nahm die Perlschnur, hing sie um den Hals und betrachtete sich wohlgefällig im Spiegel. »Ich hätte keinen andern Mann bekommen, werden sie sagen; was kümmert's mich? Sagt mir doch mein Bewußtsein: diese Perlschnur und mit ihr des Lebens schimmernde Genüsse waren in meiner Hand, und ich verschmähte sie. Aber tue ich recht? Er ist eine geborene Einsiedlernatur, die Wissenschaft ist seine Göttin; ich befreie ihn nur, ich gebe ihn sich selbst zurück, wenn ich ihm meine Hand weigere. Nein, dieser Flitter blendet mein Auge. Und doch, kann seine starkgeistige Kraft sich nicht anders gebärden, wenn er in deinem Besitze nicht mehr mit Huldigungen um dich zu werben hat? Er weiß, daß du dich klein fühlst ihm gegenüber; wie oft meistert er dich und wie anders wird er's dann noch tun. Nein, er ist mild und gut, du aber bist zu schwach und die unterwürfige Anbetung Kerkerings lockt dich ...« Sie legte die Perlschnur weg und ging nachdenklich im Zimmer auf und ab. Wieder stand sie vor dem Spiegel und starrte traumhaft verloren hinein; sie sah sich abgehärmt, zerrissen, bespöttelt und verlacht durch die Straßen gehen, sie verscheuchte diese wahnsinnige Verwirrung nur durch einen lauten Triller. Als ihr Vater sie so munter hörte, trat er zu ihr ins Zimmer. »Kerkering,« sagte er, »wartet draußen, er will nicht von der Stelle weichen, bis er das entscheidende Ja oder Nein erhalten hat. Ich glaube deine Gedanken zu kennen, ich will dich zu keinem Entschlusse nötigen, aber zu Hilfe kommen darf ich dir. Komm mit.« Olympia schmiegte sich wie in demutsvollem Kindesgehorsam an den Vater und bedeutete ihn, daß sie ihm willfahre, und dieser Ergebung lag doch, ihr selbst halb verhüllt, ein Eigenwille zu Grunde, der sich nur mit jenem Scheine deckte. Der Vater faßte sie an der Hand und führte sie in das andere Zimmer zu Kerkering mit den Worten: »Hier bringe ich dir deine Braut, mein Sohn.« Kerkering nahm einen Brillantring von seiner Hand und steckte ihn an die Olympias. »Mein auf ewig,« sagte er, und drückte einen herzhaften Kuß auf ihren Mund. Um dieselbe Stunde, da Spinoza mit den Lockungen erweiterten Lebens in Ruhm und Genuß gekämpft, hatte auch Olympia mit den Versuchungen gerungen und war ihnen erlegen. – Kerkering und seine Braut saßen am Abend in traulichem Gespräch nebeneinander, van den Ende rieb sich die Hände und ging heiter lächelnd im Zimmer auf und ab. Olympia fühlte sich immer mehr befriedigt in der Nähe Kerkerings, ja sie fand ihn jetzt so liebenswürdig, daß sie sich darüber schalt, ihm nicht schon längst ihr Herz geschenkt zu haben. Kerkering erzählte ihr, daß er ein wohldressiertes Reitpferd für sie gekauft habe, und daß sie wieder wie vor Jahren majestätisch zu Pferde sitzen und mit ihm durch die Straßen fliegen müsse. Ein glänzendes, genußreiches Leben breitete er mit den lockendsten Farben vor ihr aus, Olympias Wangen durchschoß ein glühendes Rot, ihr Herz pochte laut, Kerkering hielt sie umschlungen. Da trat zur ungewohnten Stunde und mit ungewohntem, feierlichem Ernst Spinoza ein. Olympia riß sich aus der Umarmung Kerkerings los; eine Sekunde lang drückte sie sich mit der Hand die Augen zu, sie stand auf und ging Spinoza entgegen. »Ich weiß, Sie lieben keine aufgeregten Szenen, wie ich selber nicht,« sagte sie mit zitternder Stimme, »ich habe vor meinem Vater und vor Kerkering kein Hehl: wir liebten uns. Erinnern Sie sich jener feierlichen Stunde, da Sie mich beschworen, zu vergessen, was wir uns waren und werden wollten? Jetzt ist die Zeit gekommen. Herr Kerkering ist – mein Bräutigam.« Sie mußte sich an ihrer Orgel halten, Spinoza stand wie festgebannt, sprachlos vor ihr; starr blickte er sie an. »Ich bitte,« begann Olympia wieder, »entziehen Sie mir Ihre Freundschaft nicht.« »Ich wünsche, daß Herr Kerkering Ihnen das Glück bereiten möge, das ich selber einst in glücklichen Stunden Ihnen zu bieten gehofft hatte,« erwiderte Spinoza; seine Stimme klang heiser. Er blieb noch lang, sprach von den gleichgültigsten Dingen und mit einem Humor, den man gar nicht an ihm gekannt hatte. So fern ihm auch sonst die Täuschung war, hier hatte er sich in einer zwiefachen gefangen. Er glaubte Olympia durch diese Heiterkeit ihren Schritt zu erleichtern, und erschwerte ihn nur damit, er glaubte seiner Manneswürde es schuldig zu sein, länger zu bleiben, um in Ruhe zu scheiden; im Grunde war es doch auch, weil er nur schmerzvoll von dieser holden Umgebung, wo das höchste Liebesglück ihm geblüht hatte, sich auf immerdar losreißen konnte. Auch Oldenburg kam, und zum ersten Male küßte er Spinoza, nachdem er das Ereignis vernommen hatte. Kerkering war überaus heiter und scherzte, daß er erst heute geboren sei und bat, daß ihm Olympia ein Wiegenlied singe; Oldenburg bat um das Lied von der Jungfrau unter den Linden, Olympia sträubte sich, aber jetzt drang auch Kerkering gerade auf dieses, er verlangte es als erste und einzige Willfahrung seines erneuten Lebens, und von allen Seiten bestürmt, setzte sich Olympia fast willenlos an die Orgel und sang: Es sollt' eine Jungfrau früh aufstehn. Und ihren Liebsten suchen gehn; Sie sucht' ihn unter den Linden, Und konnt' ihren Liebsten nicht finden. Mit einem Mal' kam ein Herr daher. »Was tut Ihr hier allein?« fragt er, »Zählt Ihr die grünen Bäume, Oder die gelben goldnen Rosen?« »Ich zähle die grünen Bäume nicht Und pflück' auch die goldnen Rosen nicht. Ich hab' meinen Liebsten verloren. Keine Nachricht kommt mir zu Ohren.« »Habt Ihr Euren Liebsten verloren? Keine Nachricht kommt Euch zu Ohren? Er ist auf Zeelands Auen, Und verkehrt mit andern schönen Frauen.« »Ist er auf Zeelands Auen, Verkehrt mit andern schönen Frauen, So möge der Himmel sein Führer sein Mit allen den hübschen Jungfräulein.« Was zog er aus seinem Ärmel hold? Eine Kette von rotem Gold. »Die will ich Euch, schönes Kind, schenken, Wollt nicht an den Liebsten mehr denken.« »Und wäre die Kette noch einmal so lang, Und hinge vom Himmel zur Erde entlang, Viel lieber mag sie mir fehlen, Als daß ich einen andern tät wählen.« Das aber rührte dem Herrn sein Blut. Er sprach: »Schönes Kind, seht Euch vor, was Ihr tut, Ihr seid meine rechte Frauen, Mit keiner andern laß ich mich trauen.« Noch hatten die letzten Töne nicht ausgeklungen, als Spinoza seinen Hut nahm und ging. Olympia stand auf und schlug den Deckel ihrer Orgel zu, daß die Pfeifen wirr ineinander brausten. Mit übervollem und darum fremder Teilnahme bedürftigem Herzen war Spinoza zu Olympia gekommen. Es gibt Stunden, da der, dem die Tempel aus Stein erbaut verschlossen sind, sich im Tempel eines treuen Menschenherzens erheben muß. Das Schicksal hatte Spinoza darauf hingewiesen, nur aus sich selbst Beseligung zu schöpfen. Wohl hatte er sich trösten mögen, daß er nun nicht mehr genötigt war, seinen der Wahrhaftigkeit allein zugewandten Geist vor einer ihm nicht genehmen Form beugen, und in des Tages Last und Mühe Überzeugungen verschweigen, Überzeugungen bemänteln zu lernen; wohl hätte er sich beruhigen mögen, daß eine Liebe vernichtet war, um derenwillen er oft so schmerzlich gerungen; aber das ist der Liebe ewiges Rätsel, daß sie sich sehnt nach dem verlorenen Schmerz, nach der verlorenen Sehnsucht. Schwermut und Bitterkeit drohten ihn zu erfassen, aber in selbstbezwingender Erkenntnis lernte er immer bestimmter jener Seelenruhe teilhaftig werden, die die Freiheit des Geistes ist, indem sie sich der Notwendigkeit alles Geschehenden unterwirft und ihren Gesetzen nachgeht, gleich als wäre nicht das eigene Herz davon betroffen. Jedes Versenken in Trauer, deren schmerzenreiche Folgen mit der Vernunft besiegt werden können, ist teilweiser Selbstmord; wer frei sein, das heißt nach den Gesetzen seiner Vernunft leben will, darf nie aufhören zu sein , und solches läßt er geschehen, sein lebendiges ewiges Dasein wird unterbrochen, wenn er sich von den Affekten bewältigen läßt. Nur ein Leben in der Vernunft ist das wirkliche und ewige Leben. Es galt einen gewaltigen Kampf, ein Losringen von aller Besonderheit und aller schmeichelnden Anmutung, die ihn endlich auf die Spitze des reinen Denkens führen füllte, und ihn zu dem fast unfaßlichen, die Welt scheinbar verschmähenden und doch sie verklärenden Ausspruche befähigte: » Ich erörtere die Handlungen und Bestrebungen des Menschen gleich als ob von Linien, Flächen oder Körpern die Rede wäre. « Die Freunde erkannten mit staunender Bewunderung die Siegeskraft Spinozas, der mit dem freien Gedanken das Leben mit all seinen Begegnissen überwunden hatte und nun in stiller Glückseligkeit es erst wahrhaft sein eigen nennen konnte. Keine Glorie umschwebte sein Haupt, sie durchleuchtete sein ganzes Sein. 26. Wundenmal und Abklärung Die jüdische Kirche wollte ihren Bann gleichfalls mit bürgerlichen Folgen begleiten, sie beantragte bei dem Magistrate, daß der »Gotteslästerer« aus der Stadt verbannt werde. Die Angelegenheit wurde der Oberbehörde der reformierten Geistlichkeit zum Austrag übergeben, und der stille Denker sah sich durch Zuschriften und Vorladungen oft aus seinem innern Forschen herausgerissen. Mit weitgehenden Betrachtungen über die Regelungen des Gemeinwesens und den dazu erforderlichen Menschenverbrauch wanderte er oft durch die langen Gänge der Gerichtsgebäude und saß wartend in den Vorzimmern. Das Martyrium der neuen Welt ist ein langes aus tausend kleineren Plackereien zusammengesetztes, und unser Philosoph sollte zu demselben noch ein anderes erfahren. Die Freunde drangen in ihn, freiwillig seine Vaterstadt zu verlassen, er aber beharrte dabei, daß er um der Gerechtigkeit willen nur dem Urteile des angerufenen Gesetzes sich fügen dürfe. Es war die letzte Freundestat Oldenburgs, der als Gesandter des niedersächsischen Kreises nach England berufen war, daß er den Freund von diesen Störungen befreite. Er bat Spinoza wiederholt, ihm zu folgen, aber dieser wollte im Vaterlande und in stiller Einsamkeit bleiben. Doch rüstete er sich nun, Amsterdam zu verlassen; denn war er auch frei von jedem Groll, so konnte er doch der unmittelbaren Empfindung nicht allzeit wehren, die ihn oft schmerzlich berührte, mitten in seinem Heimatsorte sich von Mißwollen und Abscheu umgeben zu sehen. Es tat ihm weher, diese Empfindungen schuldlos in anderen zu erregen, als ihre Folgen selber zu tragen. Die Eigentümlichkeiten der Freunde zeigten sich bei den Erörterungen hierüber in bezeichnender Weise. Meyer fand ein Ergötzen darin, die Gebrechen und Beschränktheiten, die Denkfaulheit der Menschen mit scharfem Spott zu geißeln; Oldenburg lehnte dies ab, weil ihm jede heftige Gegenwehr, jedes Handgemenge mit der gemeinen Welt als unschön und verunreinigend erschien; und wie so oft traf auch jetzt Spinoza mit Oldenburg zusammen. Was dieser unmittelbar aus einem gewissen Anstandsgefühl vermied, dazu brachte hier Spinoza eine Begründung aus der Erkenntnis. »Die Erforschung der Gegensätze und Mängel der Menschen,« sagte er, »darf nur dazu dienen, daß wir uns vom Widerstreit nicht überraschen lassen, vielmehr in Ruhe uns Verhaltungsregeln ausbilden und die Erregung des Gemüts in möglichst kurzer Zeit überwinden. Es ist ein trügerischer Schein, wenn man dadurch frei und glückselig zu sein glaubt, daß man Fehl und Gebrechen anderer ins Auge faßt und in allerlei Auslassungen darüber sich ergeht; frei und glückselig macht uns nur die Erkenntnis der Tugenden und ihrer Ursachen, dadurch allein wird unsere Seele freudenvoll. Der Ehrsüchtige spricht am liebsten vom falschen Ruhm und den schlechten Mitteln anderer; der habgierige Mittellose vom Mißbrauch des Geldes und den Lastern der Reichen. Wer aber die Wahrheit liebt, hält sich nicht lange bei Lüge und Verstocktheit auf; er bekämpft sie nach Kräften, erfreut sich der eigenen erlangten Erkenntnis und daran, daß auch die Irrenden nach einer Naturnotwendigkeit handeln.« »Die Glückseligkeit liegt noch immer im Jenseits,« ergänzte Oldenburg, »aber im Jenseits des besiegten Hasses, im Paradiesesfrieden der Erkenntnis.« Meyer ließ sich indes nicht so rasch bekehren, und mit dem Selbstgefühl, daß er das Rechte vorhergesagt habe, fragte er: »An Olympia hast du hoffentlich die Charakterlosigkeit und bloße Stimmungsfähigkeit der Frauennatur erkannt, und wirst dieser Abart des Menschentums die entsprechende Stellung in deinem System anweisen?« »Ich weiß,« entgegnete Spinoza, »wer von der Geliebten übel aufgenommen wurde, denkt an nichts als an die Unbeständigkeit, den falschen Sinn und die übrigen abgeleierten Untugenden der Frauen, und alles das läßt er alsbald in Vergessenheit geraten, wenn er von der Geliebten wieder huldreich aufgenommen wird. Wer aber seine Affekte und Begierden allein aus Liebe zur Freiheit zu mäßigen sucht, der wird sich bestreben, so viel als möglich die Tugenden und ihre Ursachen kennen zu lernen, und die Seele mit der Freude zu erfüllen, die aus ihrer wahren Erkenntnis entspringt. Wer dies emsig beobachtet – denn es ist nicht schwer – und dann übt, der wird gewiß bald seine Handlungen meist nach der Herrschaft der Vernunft einrichten können.« So erquickten und erhoben sich die Freunde in Durchdringung der Geisteszustände und im Aufsuchen ihrer Beweggründe, und Spinoza hatte in seinem eigenen Leben Anhalt genug zu der Darlegung, die er mit unumstößlicher Beweiskraft führte, daß nur die Leidenschaften die Menschengemeinschaft und die innere Harmonie des einzelnen trennen, die Vernunft aber sie eint. Der schöne belebende Verkehr erhielt durch Oldenburgs Abreise nach England eine Lücke. Spinoza, Meyer und de Vries begleiteten ihn nach dem Schreyerstoren (Weinensturm), der von den Tränen der Zurückbleibenden bei der Abfahrt ihrer Angehörigen den Namen hat. Mit schwerem Herzen riß sich Spinoza aus den Armen des Freundes, und wehmütig sah er ihm nach, als er von den Wellen dahingetragen wurde. Meyer und de Vries blieben ihm noch; aber dieser war zu jung, um ganz sein Freund sein zu können, Alter und Erfahrung waren zu ungleich; jener war verheiratet. Hundert Beziehungen und Begegnisse machen es dem Gatten und Vater unmöglich, sich dem Freunde stets mit gleicher ungeteilter Hingebung zu widmen; in Oldenburg hatte er seinen treuesten Freund verloren. Als er nun allein über die Amstelbrücke zurückging, begegnete ihm ein Leichenbegängnis: unter den Leidtragenden erkannte er seinen ehemaligen Meister und seine Nebengesellen; einer derselben winkte ihm mitzugehen, er schloß sich dem Zuge an und erfuhr, daß man hier den Peter Blyning zu Grabe trage. Am letzten tollen Kirmessamstage war er mit den Kameraden beim Tanze gewesen: die Kameraden machten sich den Spaß, daß sie alle ihre Mädchen an ihn schickten, und ihn zum Tanze auffordern ließen; er konnte sich kaum halten vor Wut und Arger, stürzte Wein und Genever durcheinander ein Glas nach dem anderen hinunter. Darauf weinte er bitterlich, nahm seine Krücken und ging. Auf einmal hörte man einen fürchterlichen Schrei, alles eilte hinaus: Peter war die Treppe hinabgestürzt, hatte sich die Hirnschale zerschmettert und lag in den letzten Zuckungen da. Spinoza folgte dem Zuge mit tiefbewegter Seele. Unterwegs begegnete er Chisdai. Als er ihm nahe kam, bemerkte er, wie Chisdai dreimal ausspie und dabei die hebräischen Worte sprach: »Du sollst einen Ekel und Abscheu vor ihm haben, denn er ist verbannt.« (5. B. M. 7, 26.) Spinoza kehrte sich nicht daran und geleitete, in sich versunken, die Leiche des Unglücklichen zur Ruhestätte. Am Abend erhielt er noch einen erschütternden Besuch. Tief in den Mantel gehüllt kam de Silva zu ihm und in finsterem Tone begann er ohne Gruß: »Nicht der Jude kommt zu dir, er kennt dich nicht mehr. Der Arzt steht vor dir; sein Beruf ist, jedem zu helfen, zu raten, ohne zu fragen, wer er sei. Ich rate dir, verlaß deine Vaterstadt, dir droht Gefahr. Dein Herz krankt, solange du hier bist. Das kann kein Mensch ertragen, als ein Ausgestoßener wie eine Leiche zu wandeln unter denen, die einst mit ihm lebten. Ich weiß, du willst die nicht höhnen, die dein Verbleiben als Hohn deuten. Und noch eins. Ephraim Cardoso hat sich einer neuen Gesellschaft Auswanderer nach Brasilien angeschlossen, Chisdai wollte mit ihnen ziehen, aber sie verstießen ihn. Niemand will seine Gemeinschaft, er ist gemieden wie ein Verpesteter, niemand verzeiht ihm, daß er so dein Ankläger wurde.« »Aber ich verzeihe ihm.« »Das rettet ihn nicht und rettet dich nicht. Ich fürchte, er brütet auf eine entsetzliche Tat; denn am Tage verläßt er selten sein Haus, und nur des Nachts schleicht er umher. Laß dich warnen, ich tue es aus Dank für dich. Ja, ich ändere mein Wort und sage: ich bin als Jude bei dir. Du hast vor dem Sanhedrin unsere Religion nicht geschmäht, du hast gesprochen, wie es einem Denker gebührt. Ich selber will kein Denken, das nicht in den Armen des Glaubens ruht; aber ein Jude ruft dir zu: Bleibe gerecht gegen uns wie gegen andere. Du bist frommer, als du dir bekennen magst, als deine Vernunft dir gestattet zu bekennen.« »Ist denn Glauben die einzige Form der Frömmigkeit?« »Ich weiß, ich weiß,« fuhr de Silva hastig fort, »ich bin nicht gekommen, mit dir zu streiten. Du kannst es mir als Hochmut deuten, daß ich dir noch Frömmigkeit zuerkenne. Aber als du die Synagoge auf immerdar verließest, muß dir an einem Betstuhle, wo einst dein Vater stand, ein Kind erschienen sein und das Kind betete andächtig, und das Kind warst du. – Vergiß es nicht. Und du sollst es wissen und bleibe dessen eingedenk, daß ein Jude mit Trauer im Herzen dich den einsamen Weg gehen sieht. Leb wohl!« Spinoza streckte de Silva die Hand entgegen, aber nur mit der vom Mantel umhüllten Hand faßte dieser die des Ketzers und entfernte sich rasch. Diese neue Begegnung bewegte das Gemüt Spinozas tief. Es war eine Kunde aus einem Leben, von dem er geschieden war; er konnte sein doch nicht vergessen. – Bald aber erregte eine Todeskunde das Herz Spinozas zu tiefer Trauer. Es war die Nachricht, daß sein Lehrer van den Ende in Paris hingerichtet worden sei. Der allzeit wohlgemute Arzt, der das Lachen als höchstes Gut pries, hatte eine Tat der Hingebung an das Vaterland bewiesen, die man nicht von ihm vermutet hätte. Um die Kriegsunternehmung Ludwigs XIV. gegen die Vereinigten Staaten durch eine Volkserhebung zu kreuzen, hatte er mit dem Herzog von Rohan und anderen einen Aufstand in der Normandie angezettelt; er büßte dafür mit dem Tod am Galgen. Alle Bewohner Amsterdams, ja der gesamten Niederlande, widmeten dem Dahingeschiedenen ein inniges und zum Teil reuevolles Gedenken. Manche wollten zwar behaupten, der Doktor habe einmal seinen höchsten Lebenszweck im großen erreichen wollen; er habe im Chor mit ganz Europa lachen wollen über den auf der Weltbühne hin und her gezerrten Ludwig XIV. Aber das Unternehmen van den Endes und sein Opfertod war doch zu ernst und gewaltig, um solche Betrachtungsweise nicht abzuschneiden. Spinoza suchte sich diese überraschende Wendung im Leben seines Lehrers zu deuten. Daß die leichtlebige Natur auch eine leichtsterbende sein könne, ergab sich bald, und eben dieses waghalsige Einsetzen der sonst verzettelten Lebenssumme für eine einzige Tat ließ sich wohl auf den Charakter und die Anschauungsweise van den Endes zurückführen. Dennoch blieb noch ein unerklärter Rest; Spinoza mußte innerlich dem Lehrer Abbitte tun; er hatte ihm solches doch nicht zugetraut. Er fühlte die Verpflichtung, jetzt Olympia eine Tröstung zu bieten. In der Kundgebung seiner Trauer und in der Erkenntnis der tapfern Tat sollte zugleich die Abbitte liegen. Er prüfte sich streng und konnte sich sagen, daß nur die lautere Teilnahme am Schmerz der einst Geliebten ihn dazu bewog; und am Abend machte er sich auf den so oft betretenen Weg nach dem Hause van den Endes. Das Haus war still und ausgestorben; von einem Nachbar erfuhr er, daß Olympia mit ihrem Gatten nach Hamburg abgereist sei. Als er auf dem Heimwege an der St. Olaikirche vorüberging, dort wo er einst in der Nacht auf den Stufen gesessen und nach dem Fenster Olympias geschaut hatte, stürzte jemand auf ihn los, packte ihn beim Arme, stieß mit dem Rufe: »Der Esel hat Hörner!« ihm den Dolch nach der Brust, und entfloh mit schnellen Schritten. Spinoza war dem Stich glücklich ausgewichen, nur sein Mantel war durchstochen; er glaubte den Täter erkannt zu haben, es war Chisdai. Als der erste unwillkürliche Schreck und seine nächsten Folgen im Gemüte vorüber waren, erwog Spinoza nur noch den Gedanken, wie der Fanatismus nichts ist als eine Umkehr zum rohen Naturrecht, die sich scheinbar auf ein Gedankenrecht, auf die Heiligkeit eines Gesetzes stützt. Der in sich verhetzte unklare Eifer, der das innere Gesetz zu einem äußeren Fahnenspruch gemacht, hat allezeit verdammt, gekreuzigt, Scheiterhaufen entzündet und das Herz des Feindes durchbohrt. Es gilt: der Menschheit die ihr inwohnenden Gesetze zu offenbaren und sie zur Liebe, zur Freude und lebendigen Glückseligkeit zu führen ... Den durchlöcherten Mantel bewahrte er zum Andenken auf. Dürfen wir dies als Sinnbild nehmen, daß Haß und Unverstand nur das Kleid des Weisen durchbohrten, sein inneres Wesen aber nicht trafen? – Spinoza erfuhr es nicht, daß man am Morgen nach der gegen ihn versuchten Untat eine Leiche aus der Amstel zog. Es war die Chisdais. Er wurde als Selbstmörder klaglos in die Erde gescharrt, wie einst Uriel Akosta, dessen Grab er gehöhnt hatte. Keine Kunde aus der jüdischen Gemeinde drang zu Spinoza, und jetzt hatte ihn Krankheit niedergeworfen. Emporgetragen ins Unendliche hat dich dein freies Denken, über der Einzelerscheinung schwebst du in der Erkenntnis des allgemeinen Gesetzes – da plötzlich wirst du niedergeworfen in eine abgelegene Kammer, tot ist die Welt, verschüttet dein Geist, erloschen die Lichtströmung des Gesetzes durch das All. Kein Dolchstoß aus Menschenhand hatte das Herz Spinozas getroffen, und doch fühlte er unsägliche Schmerzen in der Brust, und Blut quoll ihm aus dem Munde. Waren es dennoch die Folgen so vielfacher innerer Bewegungen, die ihn rasch nacheinander heimgesucht und jenes schon in erster Jünglingszeit, damals beim Predigtversuche in der Synagoge, kundgewordene Leiden zum Ausbruch brachten? Spinoza lag schwer krank danieder. Jetzt bewährte sich Ludwig Meyer als der treue, hilfreiche Freund, Tag und Nacht. Und mit einer eigenen Heiterkeit erklärte er dem Freunde in ruhiger Stunde: »Nun bist du doch, was du sein mußt, ja noch mehr, ein verbannter Jude und Junggeselle. Der Junggeselle kann wieder in jene Paradiesesunschuld vor Erschaffung des Weibes zurückkehren, er steht wiederum frei in sich allein: meine Erbsünde – ja lache nur – die hilft mir. Ist es nicht sehr tiefdeutig: sobald ein zweites Wesen dem Adam zuredet, ist er nicht mehr allein, handelt nicht mehr bloß aus sich, er muß sein Tun mit einem andern einigen; ja zuletzt folgt er sogar fremdem Willen; da ist der Sündenfall da, er hat nicht aus sich gehandelt, sondern aus einem andern. Der Junggeselle aber ist wie Adam im Paradiese. Du mußt der Adam des Geistes bleiben.« Spinoza sah lächelnd auf den Freund und erklärte ihm, daß der Mensch nicht in der Einsamkeit, sondern nur in der Gemeinsamkeit wahrhaft frei ist; und Ludwig Meyer stand dann oft wie anbetend am Krankenlager des Philosophen, der in schmerzfreien Augenblicken sein eigenes Siechtum wie eine fremde Tatsache ansah. Nur einmal sprach er über erfahrene Unbill, indem er, eine frühere Betrachtung erweiternd, sagte: »Die schwerste Last, die uns die Menschen auferlegen können, ist nicht, daß sie uns mit Undank, Haß und Verachtung drücken, nein, daß sie Haß und Verachtung uns in die Seele pflanzen. Das läßt nicht frei aufatmen, nicht klar aufschauen: aber es ist Eitelkeit und Selbstzerstörung, einen Menschen zu hassen; wir müssen nur die böse Tat unwirksam zu machen suchen, und damit wieder hindurchdringen zur Liebe Gottes, in der die Welt so friedsam und wonnig ist und uns allezeit mit Lust erfüllt.« Immer mehr erstieg er jene ruhige Höhe seliger Betrachtung, so daß er von sich sagen konnte: »Ich habe mich sorgfältig bestrebt, die menschlichen Handlungen weder zu belachen noch zu beklagen noch zu verabscheuen, sondern zu erkennen : und demnach die menschlichen Affekte wie Liebe, Haß, Neid, Ehrgeiz, Mitleid und die übrigen Seelenbewegungen nicht als Fehler , sondern als Eigenschaften der menschlichen Natur zu betrachten, die ebenso zu ihr gehören, wie zur Natur der Luft: Hitze, Kälte, Wetter, Donner und andere dergleichen, die, wenn sie auch unbequem sein mögen, doch notwendig sind und bestimmte Ursachen haben, durch die wir ihr Wesen zu erkennen suchen und an deren Betrachtung sich der Geist ebenso ergötzt wie an der Wahrnehmung der Dinge, die sinnlich angenehm sind.« Meyer konnte nicht umhin, dem Wahrheitsforscher auf sein dringendes Begehren offen zu bekennen, wie es mit ihm stehe. Nur eine kurze Weile, als fühle er jetzt schon den Todesschlaf, schloß Spinoza die Augen, als ihm Meyer erklärte, daß unverkennbare Schwindsucht hier ausgesprochen sei, und nur sorgfältigste und bemessenste Überwachung des Lebens die Jahre verlängern könne. Eine Weile herrschte Stille, und Meyer schaute auf das unbewegte Antlitz des Freundes, der die Augen geschlossen hielt. Jetzt richtete sich der Kranke auf, sein Auge leuchtete; kein Schmerzenslaut, keine Klage kam über seine Lippen; mit der Ruhe eines vollendeten Weisen bestimmte er genau die Lebensregeln, die er fortan einhalten wollte. Und er richtete sich frei auf, als er erklärte, nun in Besonnenheit und Selbstbestimmung allein sich selber die Lebenstage zu schaffen, in Selbstbeherrschung das Dasein zu bewahren und in Seelenruhe zu erfüllen. Er hielt getreulich Wort. Satt an Tagen dem Tode entgegenzusehen, auszuscheiden aus der Welt des Schauens und Empfindens – es ist schwer, und doch mag man sich getrösten, den allgemein bemessenen Raum durchschritten zu haben. Aber in der Blüte der Jahre, vor der Mittagshöhe des Lebens den Todeskeim in sich fühlen, ihm tagtäglich wehren, jede Lebensäußerung bewachen, der ruhigen Gewohnheit entbehren, daß das Leben sich von selbst fortsetzt, vielmehr mit sorglichem Bedacht die Daseinspflicht allzeit vor Augen halten und dabei sich heiter und harmlos des sonnigen Tages freuen, rüstig arbeiten, durch keinen Zuruf von außen erweckt, nur im eigenen Denken das Heiligtum des Lebens und seiner Freuden finden – das vermag nur ein Mensch, dem Freiheit und Notwendigkeit, Zeitlichkeit und Ewigkeit eins geworden, der in der Weisheit die höchste Spitze des Daseins erstiegen. Denn Weisheit ist die bewußte Einheit mit der Naturbestimmung, die Erfüllung der Pflicht, die zur Erkenntnis und im Gehorsam gegen diese zur Neigung geworden. Ein solcher Weiser war Spinoza. Die Welt mit ihren tausend Widersprüchen und Gegensätzen in den Einzelerscheinungen war von seinem Geiste aufgelöst zur Einheit. Er hatte abgetan alle Selbstsucht, alles Bemessen der Dinge nach ihrer Wirkung auf den Vereinzelten; das eigene Sein mit seinen Bedrängnissen war hingegeben in das All, und im Genusse der Erkenntnis der göttlichen Wahrheit lebte er das ewige Leben. Er war der »freie Mensch«, der bekennen durfte: » Ich unterlasse das Böse oder bestrebe mich, es zu unterlassen, weil es geradezu meiner besondren Natur widerstreitet , und mich von der Liebe und Erkenntnis Gottes – die das höchste Gut ist – abziehen würde.« In stetiger Gleichmäßigkeit, wie die Sage von den Göttern berichtet, und wie die Natur um uns her unwandelbar sich hält, so lebte Benediktus Spinoza. Was die Erkenntnis errungen, ward ihm zur seligen Gewohnheit, und wie er einst das Leben sich zum Denken geschaffen, so gab er durch sein Denken sich jetzt das Leben. Epilog Es war in einer Nacht, da sah er eine große Erscheinung; ein Mann trat vor ihn hin, der war wunderbar und fremd anzuschauen. Sein Haupt war bedeckt mit einem breiten Hute, dessen Farbe war gelb wie die Farbe der Gerste unter der Sichel, und die Haare seines Hauptes waren weiß und bedeckten seine Schultern, auf seiner Stirn war ein Zeichen von Blut, seine Augen lagen verborgen in den Höhlen, umwachsen von struppigen Haaren; zwei Furchen zogen sich von dort bis an die Enden des Mundes – in ihnen strömten vordem seine Tränen, nun aber waren sie leer, denn ihr Quell war versiegt; seine bleichen Lippen waren umwachsen von Haaren, die reichten bis an den Gürtel; ein hären Hemde schlotterte um den mageren Leib, und seine Füße waren nackt und zerfetzt: an der rechten Seite hing eine Tasche, dort war auch das Kleid bedeckt mit einem Fleck von der Farbe seines Hutes; auf dem Herzen trug er in einer eisernen Kapsel eine kleine Rolle, befestigt an einer Schnur, die um seinen Hals hing und einen tiefen Einschnitt in sein Fleisch machte; in der Rechten hielt er einen Stock, der weit über den Kopf hinausreichte. Und der Mann beugte sich nieder über ihn, küßte ihn auf die Stirn und sprach: »Kennst du mich wohl, du mein Sohn, an dem ich Wohlgefallen finde? Schon mehr denn sechzehnhundertmal sah ich die Sonne ihren Kreislauf vollenden, seit dem Tage, da das Wehe über mein Haupt gekommen. Ich stand unter meiner Tür und hatte mein Kind auf dem Arme, da brachten sie den Jesus, Sohn des Joseph und der Maria von Nazareth, der sich unsern Messias nannte; ich haßte ihn, denn wir liebten den Boden und er wies uns an seinen Himmel; wir wollten ein Schwert und er lehrte uns das fremde Joch lieben: er war unser Messias nicht. Als er nun an der Schwelle meines Hauses ausruhen wollte, da trat ich ihn mit dem Fuße und stieß ihn weg; er aber sprach: Komm mit mir, dein Fuß, der mich getreten, soll keine Ruhe finden, bis zu dem Tage, da ich wiederkehren und mein Reich auf Erden gründen werde. Das Kind entfiel meinen Händen, ich folgte ihm, ich sah ihn den Kreuzestod sterben; ich sah mein Haus, sah meine Kinder nicht mehr, sie wurden zerstreut wie Spreu von dem Winde oder wurden vom Schwerte gefressen. Unstet und flüchtig wie Kain wanderte ich durch Wald und Feld, über Ströme und Berge; die Blume verschloß ihren Kelch vor meinem Auge, das Gras seufzte, wenn mein Fuß sich ihm nahte; die Vögel verstummten in den Lüften, und der ausgehungerte Löwe, der brüllend herbeikam, wich scheu zurück, wenn er mich erblickte. Doch die wilden Tiere, sie waren noch barmherzig und liebevoll, so ich die ansah, die meines Geschlechtes sind. Ich wanderte durch Städte und Länder: sie tränkten mich mit Wermut und sättigten mich mit Galle, sie gossen Gift in meine Wunden und betteten mich auf Dornen; und wenn ich mein Haupt ruhig niederlegen wollte, machten sie den Boden unter mir erzittern, und wenn ich meine Klagen erheben wollte, verstopften sie mir den Mund mit feurigen Kohlen. An jedem Orte, dahin ich meine Schritte förderte, faßten sie mich bei den Haaren, sammelten Holz auf einen Haufen und schleuderten mich in die Flamme; aber Jehovah, der Gott Israels, dessen ewiges Gesetz ich auf dem Herzen trage, sendete seinen Engel. Und ob auch die Flammen ihre gierigen Zungen nach mir ausstreckten, Er errettete mich; und ob sie auch in Strömen mein Blut vergossen, Er erhob mich und belebte mich neu; und ob sie auch in dunkle Nacht mich hüllten, sein Licht leuchtete und Helle ward um mich her; und ob sie auch in Grabesduft und Moder mich versenkten, sein Odem wehete und neues Leben haucht' er mir ein. Oft frug ich ihn: wann wird es enden, o Herr! wann wirst du dich mein erbarmen, wann mich wieder freundlich aufnehmen vor deinem Angesichte? Wann wirst du Balsam gießen in meine Wunden, wann lindern meine Qualen, wann mich Ruhe finden lassen? Wann wirst du Haß in Liebe wandeln, daß ich aufhöre zu sein ein Greuel und das Ziel des Spottes allen Nationen? Was soll mir ein ewiges Sterben ohne Tod, ein ewiger Tod ohne Leben? Siehe, Geschlecht auf Geschlecht sah ich aufgehen und verwelken wie das Gras des Feldes, Königreiche sah ich erstehen und in Staub zerfliegen vor dem Hauche deines Mundes. Alles verwest und gebiert sich neu, nur ich allein hänge wie der Tropfen am Eimer, der im Winde zittert und doch nicht fallen mag. Wo des Eises Bande die Erde ewig gefesselt halten, dort stand ich, und Arabiens heißer Sand brannte mir an der Sohle; und nirgends, nirgends ein Land, wo ich säen und ernten, wo ich ein Grab finden kann. Jerusalem, die herrliche, liegt in Trümmern, wann wirst du sie auferbauen? wann uns zurückführen? Siehe, ich spreche zum Morgen: o daß es Abend, und zum Abend: o daß es Morgen würde. Siehe, der Kummer ist mein Genosse, Schmach und Elend sind meine Gespielen, ich habe sie lieb gewonnen; gib mir Tränen, Tränen gib mir, daß ich weinen kann ob meines Drangsals; willst du es nicht, zieh deine Hand ab von mir, laß meine Feinde treffen das Herz meiner Seele, laß mich sterben, sterben laß mich. – Siehe, ich habe mich in Haß gehüllet, laß mich Rache erleben an meinen Feinden, zehnfach wälze auf ihr Haupt, was sie über mich gesendet; sprich zu dem Donner, daß er sie erzittern mache, befiehl dem Blitz, daß er ihr Mark fresse, oder gib mir ein Schwert, ein Schwert gib mir, daß ich mich bade in ihrem Blute – – Oder soll sie kommen die Zeit, da Lieb und Treue sich begegnen, Gerechtigkeit und Friede sich küssen, Wahrheit aus der Erde sproßt, Gerechtigkeit vom Himmel schaut? Siehe, mein Sohn, das war meine Klage, das war mein Verzweifeln, das war mein Hoffen. Du bist gekommen zu werden ein Erlöser der Menschheit, auch mich wirst du erlösen. Die deines Stammes sind, sie haben dich verstoßen, sie haben dir nach dem Leben getrachtet; die nicht deines Stammes sind, sie haben dich betrogen, sie haben dir deine süßesten Gefühle vergällt; du kennest keinen Groll, du lohnest ihnen mit der Wahrheit.« Die Erscheinung beugte sich nochmals über den Schlafenden und küßte ihn; es war ein Kuß des sterbenden Ahasverus, der auf sich trug das Schicksal Israels, welches Jesus Christus an das Kreuz geschlagen. Spinoza zog hin nach Rhynsburg und von da nach Voorburg und dem Haag und schrieb den theologischpolitischen Traktat und die Ethik . Einsam und abgeschieden verbrachte er fortan sein Dasein. Die fünf Bücher der Ethik erschienen erst nach seinem Tode. Am Sonntag den 21. Februar 1677 starb er, im Alter von vierundvierzig Jahren. Es erstand kein Denker wieder wie Spinoza, der so im Ewigen gelebt.