Edward Bulwer-Lytton Tomlinsoniana oder nachgelassene Schriften des berühmten Augustus Tomlinson, Prof. der filosofischen Moral an der Universität *** Gewidmet seinen Schülern und enthaltend: 1) Maximen über die populäre Betrügerei, durch zehn Charaktere verdeutlicht; eine Einleitung zu der edlen Wissenschaft, durch welche Jeder an sich selbst zum Spitzbuben wird. 2) Fragmente; oder critische, sentimentale, moralische und Original-Versuche. Einleitung. Auf einer Reise, die ich kürzlich durch Deutschland machte, verweilte ich einige Zeit auf der Universität, bei welcher Augustus Tomlinson als Professor der Moralfilosofie angestellt war. Ich erfuhr, daß der große Mann nach einer langwierigen Krankheit im Anfang des Jahres 1819 gestorben war, mit vollkommner Ergebung in sein Schicksal und noch auf seinem Sterbebett über die göttlichen Geheimnisse der Sittenlehre sich besprechend. Trotz der kleinen Sündchen, deren ich in den letzten Blättern von Paul Clifford Erwähnung that und welche seine Schüler »dem lästigen Geschwätz der strengen Welt« zu entziehen für räthlich erachteten, lebte sein Andenken in zarter Verehrung. Vielleicht machen, wie dieß bei dem berühmten Burns der Fall war, die Fehler eines großen Mannes uns seinen Geist noch theurer. In seinen spätern Zeiten pflegte der Professor einen hellgrünen, seidenen Schlafrock, und weil er ganz kahl war, eine kleine schwarze Sammtmütze zu tragen; die kleinen Kleidungsstücke waren von Pfeffer und Salz . Diese merkwürdigen Thatsachen erfuhr ich von Einem seiner Schüler, der seitdem Herausgeber eines neuen trefflichen Journals, Frasers Magazin genannt, geworden ist. Seine alten Tage verbrachte er mit Lektüre, mit Gesprächen und mit Abfassung der Fragmente von Weisheit, die wir dem Publikum vorlegen. In diesen Versuchen und Maximen, so kurz sie sind, scheint er die Weisheit seines geschäftvollen und ehrenhaften Lebens zusammengedrängt zu haben. Mit großer Schwierigkeit verschaffte ich mir von den Testaments-Vollstreckern das Manuscript, das man schon für die deutsche Presse zum Druck vorbereitete. Eine vollwichtige Ueberlegung vermochte diese Herrn, ein Wert der Menschenliebe zu thun und den unschätzbaren Segen zu bedenken, welchen sie über unser Land verbreiten würden, wenn sie mir gestatteten, die folgenden Versuche der Oeffentlichkeit zu übergeben und zwar in ihrer angebornen englischen Tracht, und an demselben Tage, wo sie in Deutschland in der Armuth einer ausländischen Verkappung erscheinen. In einem Zeitalter, wo, weil die Heuchelei durch das Land stolzirt, lächelt, sich brüstet, strotzt und humpelt, auch die Wahrheit anfängt jede Bewegung ihrer Feindin zu beobachten, und die verschiedenen, von jener angenommnen Geberdungen allmälig auszudeuten, muß ich diese Lehren des Augustus Tomlinson für ganz besonders zeitgemäß halten. Ich gebe sie als eine natürliche Beilage zu einer Erzählung, die man nicht unpassend als eine Abhandlung über die Tücken in der Gesellschaft bezeichnen könnte; und wenn sie die Anschaulichkeit sorgfältiger Beobachtung und den unverrückten Gesichtspunkt der Sittlichkeit beurkunden, vermöge deren allein die Satire gegen das Laster den Keim zur Entlarvung desselben in sich trägt, so werden sie nicht ganz unbeachtet vorübergehen, obgleich erst der zweiten Ausgabe unserer Erzählung angehängt, und auch nicht zu jener hastigen Durchblätterung verdammt werden, bei welcher die Gleichgültigkeit von heute nur die Vorbereitung auf die morgen eintretende Vergessenheit ist. Maximen über die populäre Betrügerei durch zehn Charaktere verdeutlicht. Eine Einleitung zu der edlen Wissenschaft, durch welche Jeder an sich selbst zum Spitzbuben wird. »Brauch den Dieb, den Dieb zu fangen.« Sprüchwort. I. So oft du etwas auffallend Falsches behaupten willst, fange immer mit den Worten an: Es ist eine allgemein anerkannte Thatsache u.s.w. Sir Robert Filmer war Meister in dieser Art zu schreiben. Mit welch feierlicher Miene gieng dieser große Mann an's Betrügen. Es ist eine unläugbare Wahrheit , daß keine Gesellschaft von Menschen, groß oder klein, irgend existiren kann u.s.w., ohne daß in dieser Gesellschaft Einer wäre, der – ein natürliches Recht hat, der König der Andern zu seyn, als der nächste Erbe Adams . II. Aber wenn du deiner Lüge besondere Wichtigkeit verleihen möchtest, – wenn du z.B. eine lange Untersuchung der Wahrheit schreiben willst, aber auf eine Lüge gegründet: so beginne mit fünf oder sechs wahren und einleuchtenden Sätzen – jeder Leser stimmt bei – der Geist ist in seiner Wachsamkeit bethört – und dann plumps! laß deine Lüge unvermerkt hineingleiten. Bemerke, wie geschickt dieß Harrington zu thun weiß: »Jede Regierungsart ist gegründet auf das Uebergewicht des Besitzes.« »Wenn Einer das Uebergewicht des Vermögens gegen ein ganzes Volk hat, so führt dieß Vermögen die unumschränkte Monarchie herbei. Wenn Wenige das Uebergewicht des Vermögens gegen das ganze Volk behaupten, so veranlaßt ihr Besitzthum die Aristokratie oder die gemischte Monarchie. Wenn das ganze Volk weder durch den Besitz Eines noch Weniger überwogen wird, so führt der Besitzstand des Volks oder der großen Masse zur Demokratie oder zur Volksherrschaft.« »Die Herrschaft Eines, gegen das Gleichgewicht ist Tyrannei. Die Herrschaft Weniger, gegen das Gleichgewicht ist Oligarchie. Die Herrschaft der Masse (oder der Versuch des Volks zu herrschen) Was es nur durch Vertreter thun kann und will. Der Herausgeber. ist Rebellion oder Anarchie! « Plumps! III. Wenn du etwas von dem Gemeinwesen bedarfst, so suche das Beschwerliche deiner Bitte auf den heiligsten Grundsatz, den du finden kannst, abzuladen. Ein gewöhnlicher Bettler kann dir über diese wichtigste Maxime in der populären Betrügerei den ausgesuchtesten Unterricht ertheilen. » Um der Liebe Gottes willen , Sir, einen Pfenning!« IV. Wenn du in irgend einer Sache, Moral, Lebensansichten, Politik durchaus unwissend bist, so fange nur gleich an von den Gesetzen der Natur zu reden. Da diese Gesetze nirgends geschrieben stehen Locke , so kennt sie Niemand. Sollte dich Jemand zur Rede setzen, woher du denn weißt, daß diese oder jene Lehre Ausspruch der Natur ist: so lege die Hand aufs Herz und sage: Hier steht's! V. Sey nachgiebig gegen eines Menschen Geschmack, so wird er nachgiebig gegen deine Interessen seyn. VI. Sprichst du mit einem Halbweisen, so plaudre – sprichst du mit einem Unwissenden, so prahle – sprichst du mit einem gescheuten Mann, so gieb dir ein recht demüthiges Aussehen und frag' ihn um seine Meinung. VII. Die Leute beargwöhnen deine Aufrichtigkeit, wenn du dich oft eines gemeinen, abgedroschenen Ausdrucks bedienst, deine Aufrichtigkeit zu versichern. Einer der beständig von Ehrlichkeit spricht, gilt bald für einen Schelmen. Aber stehende Ausdrücke sind demungeachtet von unberechenbarem Nutzen. Necker sagte, er beurtheile immer einen Menschen nach seinen Lieblingsausdrücken. Necker sprach eine, jedoch unbewußt, in der Welt sehr weitverbreitete Ansicht aus. Bediene dich also stehender Redensarten, aber sie seyen neu und scheinheilig. Sprich nicht von »Ehrlichkeit,« sondern von einem »zarten Sinn für Ehre,« oder von »begeistertem Rechtsgefühl,« oder »der Grundlage aller Tugend – dem Christenthum!« VIII. Vergegenwärtigt Euch beständig, meine geliebten Schüler, daß die Mittel des Lebensunterhalts nicht auf den Tugenden, sondern den Fehlern Anderer beruhen. Der Rechtskundige, der Staatsmann, der Henker, der Arzt, machen sich Alle von unsern Sünden bezahlt; ja selbst die gemeinen Gewerbe, der Schneider, Bäcker, Fleischer, Weinhändler ziehen ihr Vermögen, wo nicht ihre Existenz, aus diesen kleinern Lastern – unsern Schwächen. Eitelkeit ist die Figur, welche den Ziffern der Nothwendigkeit vorgesetzt wird. Darum, o meine geliebten Schüler! bekümmert Euch nie darum, worin die Tugenden eines Menschen bestehen; verschwendet keine Zeit damit, sie kennen zu lernen. Geht mit Einemmale auf seine Mängel los! Behandelt den Einzelnen so, wie ihr, als ehrliche Männer, die Masse behandeln würdet. Das ist die Art und Weise ein Schelm zu seyn, vermöge der persönlichen Eigenschaften, wie ein Rechtskundiger es vermöge seines Gewerbes ist. Schurken sind, wie Critiker, Nullum simile est, quod idem. Der Herausgeber. »Fliegen, die sich auf angebrochene Theile setzen und nichts zu leben haben würden, wenn der Körper ganz gesund wäre.« Tatler IX. Jedermann findet es wünschenswerth, zu Zeiten Thränen im Auge zu haben – man empfindet Mitgefühl mit feuchten Wimpern. Die Vorsehung hat für dieß Bedürfniß gesorgt, und in ihrer göttlichen Weisheit Jedem unglückliche Vorfälle zugetheilt, deren Erinnerung schmerzlich ist. Daher, ohne Zweifel, das menschliche Elend, worüber der Atheist spottet. Deßhalb, wenn du eine rührende Aeußerung gegen dein auserkornes Opfer aussprichst, denke an das größte Unglück, das du je in deinem Leben hattest; die Gewohnheit wird bald diese Vergesellschaftung von Thränen mit dieser schwermüthigen Erinnerung beständig gelingen machen; gerade wie jenes alte Weib immer Trost in ihrer Bibel fand, obwohl sie nie etwas Anderes als Ein Kapitel mit Namen gelesen hatte. Ich kannte, o meine theuern Schüler, einen sehr einsichtsvollen Franzosen, der ein charmantes Legat von einem alten Dichter herausschlug, dadurch, daß er die Verse des Sängers mit strömenden Augen hersagte. »Wie vermochten Sie nach Willkür zu weinen?« fragte ich, (ich war damals noch jung, meine Schüler!) und erhielt die Antwort: » Je pensois à mon pauvre père, qui est mort. « Diese Vereinigung von Gefühl, mit der Geschicklichkeit im Prellen, machte diesen Franzosen zu einem bezaubernden Wesen. X. Laß dir nie den Fehler des Ueberklugen zu Schulden kommen, die menschliche Natur für schlimmer zu halten, als sie ist. Die menschliche Natur ist so verwünscht gut, daß, wäre nicht die Nachhülfe der menschlichen Kunst, wir Schelme nicht leben könnten. Die Urgrundlage des menschlichen Gemüthes bietet uns keinen Anhaltspunkt: erst das, was er seiner sorgfältigen Erziehung und den Segnungen einer civilisirten Gesellschaft verdankt . XI. Seyd Ihr im Zweifel, meine Schüler, ob Euer Mann ein Marktschreier ist oder nicht, so entscheidet hierüber darnach, ob er in seinen Behauptungen anmaßend und keck ist. Nichts ist ein so sicheres Zeichen vom Betrug, als freche Zuversicht. Sehr richtig sagt Bolney: »Der berühmteste Lügenprophet und kühnste Tyrann beginnt sein außerordentliches Lügengewebe mit den Worten: dieß Buch ist erhaben über jeden Zweifel!« XII. Die britischen Inseln haben eine eigene Art die Leute zu betrügen, und ich empfehle Euch, meine Schüler, sie hierher zu verpflanzen: das Betrügen durch Subscriptionen. Die Leute lassen sich gerne in Gesellschaft plündern; geprellt werden wird dann Sache des Partheigeistes. So lag ein Marktschreier sehr ernstlich einigen Personen an, ein Schiff für ihn auszurüsten und ihn als Capitän mit demselben zu einer Reise um die Welt auf Entdeckungen auszuschicken; und ein Anderer stellte das patriotische Ansinnen, man solle 10.000 Pf. subscribiren – wozu? – um ihn ins Parlament zu bringen. Keiner von diesen beiden Burschen hätte irgend einen Menschen um einen Schilling überlistet, hätte er in einem Winkel ihn darum gebeten; aber ein gedruckter Bogen, mit dem: Seine königliche Hoheit , an der Spitze, hat ein lustiges Spiel mit englischen Guineen. Eine Subscription zu Gunsten Einzelner kann als eine Verbindung zur glänzenden Aufmunterung des Müssiggangs, der Unverschämtheit, Bettelei, Betrügerei und anderer öffentlicher Tugenden betrachtet werden. XIII. Wenn du das Leben eines großen Mannes liesest, ich meine eines solchen, der ausgezeichnetes Glück hatte, so wirst du finden, daß alle ihm beigelegten Eigenschaften dieselben sind, die jeder mittelmäßige Spitzbube haben muß. »Er besaß,« sagt der Biograph, »die größte Artigkeit des Benehmens (d. h. die Fähigkeit zu schmeicheln); den bewundernswürdigsten Muth (d. h. die Fähigkeit, ein Geschrei zu machen); die heldenmüthigste Seelenstärke (d. h. die Fähigkeit, ein Geschrei über sich ergehen zu lassen); die ausgezeichnetste Gewandtheit im Umgang (d. h. die Fähigkeit, zu Einem dieß, und zu dem Andern das Gegentheil zu sagen), und die wunderbarste Herrschaft über die Gemüther seiner Zeitgenossen (d. h. die Fähigkeit, ihren Beutel aufzuopfern oder ihre Handlungsweise zu mißleiten).« Wenn dich also das Geschick zur Niedrigkeit verdammt, so studire emsig die Biographien der großen Männer, um dich als Schelm zu vervollkommnen; versetzt es dich aber in die Höhen der Gesellschaft, so verschaffe dir genaue Bekanntschaft mit dem Leben von Schelmen, dadurch wirst du dich auf deiner Höhe behaupten lernen! XIV. Die Maske der Tugend, meine geliebten Schüler, ist heut zu Tage ein wenig aus der Mode gekommen; es ist zuweilen besser, die Maske des Lasters vorzustecken. Spiele großherzig den Lüderlichen, und schwöre mit lustiger Miene, du machest keinen Anspruch, besser zu seyn, als die meisten deiner Mitmenschen. Aufrichtigkeit ist nicht minder ein Schleier, als Lüge; ein Flausch-Oberrock hüllt dich so gut ein, als ein spanischer Mantel. XV. Wenn du einen großen Plan ausführen und eine Anzahl Personen betrügen willst: so müssen die paar ersten von der Zahl der Auserkornen die gescheutesten, schlausten Gesellen seyn, die du finden kannst. Du hast dann einen Anhaltspunkt, wodurch du allein schon die Uebrigen zu Narren haben kannst. »Herr Lynx ist vollkommen überzeugt,« dieß wird schon hinreichen, um Herrn Mole von der Redlichkeit deiner Absichten zu überzeugen! Auch sind schlaue Leute nicht eben diejenigen, welche am schwersten anbeißen; sie verlassen sich auf ihre Stärke; unverwundbare Helden sind nothwendig die tapfersten. Rede mit ihnen, wie über ein Geschäft, und trage deinen Plan zugleich ihrem Sachwalter vor. Mein Freund, John Shamberry, war ein Meister in diesem großen Kunstvortheil. Er prellte zwölf Leute im Betrag von einigen tausend Pfund, und es kostete ihn keine weitere Mühe, als die, zuerst zu prellen – Wen meinst du? Den Sekretär der Gesellschaft zu Unterdrückung der Prellereien! Faktisch; hinc illae lacrymae. XVI. Wenn eine Verbindung von Männern auf eine Reihe von Grundsätzen sich berufen, welche deinem Vortheile zuwiderlaufend, aber von einleuchtender Wahrheit sind – wie willst du ihnen antworten? – mit einem Spottnamen! Mach' ihren Namen verachtet, so wird Niemand ihre Grundsätze ehren. XVII. Theile deine Kunstgriffe in zwei Classen, in solche, die dir wenig, und in solche, die dir viele Mühe kosten. In die erste Classe gehören: Schmeichelei, Aufmerksamkeit, Beantwortung von Briefen mit umgehender Post, ein Gang queer über die Straße um höflich gegen den Mann zu seyn, den du zu Grund richten willst; dieß Alles mußt du nie versäumen. Es ist der Mühe werth, auch den Geringsten zu gewinnen, wenn es Wenig kostet. Und zudem, während du für dich arbeitest, erlangst du auch den Ruf der Höflichkeit, des Fleißes und der Gutmüthigkeit. Aber die Kunstgriffe, welche viele Mühe kosten: eine lange fortgesetzte Unterthänigkeit gegen einen Murrkopf, die Erheuchelung einer Tugend, einer Eigenschaft, einer Wissenschaft, die du nicht hast, gegen eine schwer zu täuschende Person – auf dieß Alles laß dich nie ein, ausgenommen um wichtiger Zwecke willen, bei welchen es sich nicht nur des Zeitverlustes, sondern auch der Gefahr einer Entdeckung verlohnt. Mühsamer Dienst um schmalen Gewinnst ist der Grundsatz eines Armseligen. Der Spitzbube muß mehr Seelengröße haben! XVIII. Verzeihe immer. XIX. Wenn dir Jemand eine Summe Geld schuldig ist, (und selbst Einer meiner Schüler könnte ja Einmal im Leben so einfältig seyn, zu borgen,) und es schwer hält, sie wieder zu bekommen: so wende dich nicht an sein Gerechtigkeitsgefühl, sondern an seine Menschenliebe. Die Gerechtigkeit, mit dem was sie in sich schließt, schmeichelt wenigen Menschen. Wer unterzieht sich gern einer Unbequemlichkeit, nur darum weil er soll? ohne Lob, sogar ohne Selbstbefriedigung? Aber Menschenliebe, meine Schüler, die kitzelt die menschliche Eitelkeit ganz köstlich. Die Menschenliebe schließt ein Gefühl der Überlegenheit in sich, und das Gefühl der Überlegenheit ist für die gesellige Natur des Menschen höchst angenehm. Daher das verhältnißmäßig gegen andere Tugenden häufige Vorkommen der Menschenliebe in der ganzen Welt, und daher wird man sich besonders die Erscheinung erklären, daß je hochmüthiger und stolzer ein Volk ist, desto mehr es das Almosengeben anrühmt und menschenfreundliche Anstalten befördert. XX. Die vornehmen Spitzbuben beobachten die Schlauigkeit der gemeinen viel zu wenig. Der gewöhnliche Bettler benutzt jedes körperliche Leiden – aber der feinere Gauner ist unverzeihlich blind gegen das Glück einer natürlichen Gebrechlichkeit. Um eine Gunst zu erlangen – verschmähe kein Mittel, welches Mitleid erwecken kann. Ich kannte einen würdigen Pfarrer, der durch den glücklichen Zufall eines hektischen Hustens zwei reiche Pfründen erlangte und einen jüngeren Bruder, der in Kraft einer langsamen Auszehrung zehn Jahre auf Kosten seiner Familie lebte. XXI. Wenn du dich in den Besitz einer kleinen Summe setzen willst, so denke darauf, wie du die kleine Summe mit einer großen zusammenstellest. Ich drücke mich nicht deutlich aus – nimm ein Beispiel. In London giebt es Gauner, welche 70.000 Pf. ihnen übergebenes Capital zu vier Procent zum Ausleihen ankündigen. Der Gentleman, der eine solche Summe auf Hypotheken sucht, geht zu dem Ankündiger; dieser sagt, er müsse sich an Ort und Stelle begeben und die Besetzungen besehen, auf welche das Geld geliehen werden solle; die Reise sammt Auslagen wird eine bloße Kleinigkeit ausmachen – sagen wir zwanzig Guineen. Er führe nur eine recht zuversichtliche Sprache – dem Gentleman sey es nur recht um das Geld zu den festgesetzten Prozenten zu thun – so ist, drei gegen eins, zu wetten, daß der Gauner die zwanzig Guineen bekommt; freilich eine armselige Summe, verglichen mit 70.000 Pf., aber doch ein ansehnliches Geld, hätte es sich um einen halben Pfennig gehandelt! XXII. Lord Coke hat gesagt: einen Irrthum auf seinen Urquell zurückführen, heißt ihn widerlegen. Nun sehe ich als ausgemacht voraus, daß Ihr meine jungen Schüler für die Aufrechthaltung des Irrthums interessirt seyd und daher nicht wünscht, daß er auf seinen Urquell zurückgeführt werde. Siehst du also einen feinen Kopf im Begriff den Irrthum aufzuspüren, so hast du zwei Wege vor dir, die Sache ins Reine zu bringen. Entweder sagst du mit einem Lächeln: »Aber jetzt, Sir, werden Sie speculativ – ich bewundre Ihren Scharfsinn;« oder du siehst ernst aus, wirst roth und sagst: »Ich fürchte, Sir, es findet sich in der geheiligtsten Autorität kein Beleg für diese Behauptung.« Der Teufel kann auch die Schrift citiren, wie du weißt, und dazu auf eine sehr vernünftige Weise. XXIII. Rochefoucault hat gesagt: der Haß gegen Günstlinge ist nichts Anderes als das Wohlgefallen an Gunst; der Gedanke ist ein wenig eingeschränkt; der Haß, den wir gegen Jemand hegen, ist bloß die Folge unsres Verlangens nach einem Gute, in dessen Besitz wir ihn glauben, oder das er uns, wenn wir es besäßen, streitig machen würde. So entsteht der Neid, die gewöhnlichste Art des Hasses, aus unsrer Werthschätzung des Ruhms, oder des Silbergeschirrs oder der Behaglichkeit, die wir bei Andern sehen, und die Rachsucht geht hervor aus unsrer Besorgtheit für unsern Ruf, der gekränkt, unsre Ländereien, die beeinträchtigt, unsre Rechte, die verletzt wurden. Aber der heftigste Haß ist der Haß gegen den Reichen, aus Liebe zum Reichthum entspringend. Betrachte nur recht den armen Teufel, der immer über Kutschen mit Vieren spottet. Trag' ihn in dein Buch ein als Einen, der zu bestechen wäre. XXIV. Meine geliebten Schüler, nur Wenige haben genügend die Kunst studirt, welche durch Anwendung von Späßen die Wissenschaft der Gaunerei fördert. Das Herz eines Geringern ist durch einen Scherz immer bezaubert. Die Leute wissen das wohl bei der Spitzbüberei der Wahlen. Wendet es jetzt, meine Schüler! auf die Spitzbüberei des Lebens an. Wenn du jenen Schuhflicker freundlich auf den Rücken klopfst, so ist es nur dein Fehler, wenn du ihm nicht zugleich deine Absicht einklopfst. Sieh, wie Shakspeare, (den du Tag und Nacht studiren mußt! Niemand hat besser die Geheimnisse der Spitzbüberei entwickelt!) seinen größten und vollendetsten Schurken, Richard III., seine guten Freunde die Mörder anreden läßt, mit einer scherzhaften Lobpreisung auf die Hartherzigkeit, worauf sich ohne Zweifel die armen Kerle am meisten zu Gute thaten: Ihr weint Mühlsteine, wie die Narren Thränen, Ich hab' Euch gerne, Burschen! Könnt Ihr Euch nicht das schlaue Grinsen denken, womit die Hunde das Kompliment aufnahmen und den kleinen listigen Druck im Magen, womit Richard die anmuthigen Worte fallen ließ: Ich hab' Euch gerne, Burschen! XXV. Wie Gutmüthigkeit die charakteristische Eigenschaft des Gimpels ist, so sollte gute Laune die des Schelmen seyn; beide passen zu einander wie Fugen. Glückliche Gutmüthigkeit ist ein Narcissus, der sich in sein eignes Bild verliebt. Die gute Laune verhält sich zur Gutmüthigkeit wie der Florimel von Schnee zum Florimel von Fleisch, das treueste Abbild aus dem kältesten Material. XXVI Lob der Schelmerei. Ein Schelm ist ein Filosof, obwohl ein Filosof kein Schelm. Was hat ein Schelm mit Leidenschaften zu thun? Jedes unregelmäßige Verlangen muß er unterdrücken; jede Schwäche muß er ausrotten; sein ganzes Leben verwendet er auf Erwerbung von Weisheit; denn was ist Weisheit? Entdeckung menschlicher Irrthümer! Er ist der einzige sich immer consequente Mensch, der doch immer prüft; er weiß nur von Einem Zweck, aber erprobt alle Mittel; Gefahr, übler Ruf – Alles was Andre schreckt, schlägt ihn nicht nieder; Er trotzt Allem, aber ist sicher vor Allem; denn ich halte dafür, daß ein Schelm aufhört ein Schelm zu seyn – er ist schon zum Narren geworden – im Augenblick, wo das Unglück ihn ereilt. Er bekennt sich zu der Kunst des Betrügens; aber die Kunst besteht eben darin, es ohne Gefahr zu thun. Er ist teres et rotundus – entledigt sich durch seine Aalähnliche Glätte und die unaufhörliche Beweglichkeit seiner Kugelgestalt der Fliegen. Derjenige, der unempfindlich ist für den Ruhm seines Gewerbes und nur Sinn für den Gewinn hat, ist nicht mein ächter Jünger. Ich wende auf die Schelmerei an, was Plato von der Tugend sagt: »Könnte man sie verkörpert sehen, sie würden göttlicher Anbetung theilhaftig seyn!« Nur wer vom hochherzigen Enthusiasmus beseelt ist, wird aus obigen Maximen Nutzen ziehen und – (hier warne ich jeden feierlich vor dem heiligen Boden, bevor er nicht sein Haupt enthüllt und die Füße entblößt in ehrerbietiger Scheue!) mit Gewinn die nachstehenden Charakterschilderungen – diesen Tempel mit zehn Statuen – durchlaufen – wo ich die kostbarsten Reliquien meiner Reisegedanken und meiner gesammelten Erfahrung niedergelegt und geweiht habe. Zehn Charaktere. I. Der weiche, unentschloßne, gutherzige, träge Mensch. Diese Eigenschaften sind vergesellschaftet mit guten Gesinnungen, aber ohne Grundsätze. Den Mangel an Festigkeit beweist auch der Mangel eines eigenthümlichen und tiefgewurzelten Gedankensystems. Ein Mann, der irgend einer einzelnen, besondern Lieblingsidee nachhängt, verliebt sich in eine oder die andre Ansicht, womit er sich abgiebt. Ein überhaupt unentschloßner Mensch hat meist ein unzusammenhängendes Leben geführt und seine Aufmerksamkeit nie Einem Gegenstand anhaltend gewidmet; dieß ist ein Mann, meine geliebten Schüler, der sehr leicht zu betrügen ist; Ihr könnt ihn betrügen, sogar wenn er die Augen offen hat. Trägheit ist ihm lieber als Alles, und wenn Ihr ihn allein habt und ihm gerade ins Angesicht eine Frage vorlegt: so kann er nicht Nein! sagen. II. Der furchtsame, argwöhnische, selbstsüchtige, kalte Mensch. Im Allgemeinen ist ein solcher Charakter ein vortrefflicher Praktikus, und scheint auf den ersten Anblick dem abgefeimtesten Gauner Trotz bieten zu können. Aber Eine Hoffnung bleibt dir – sie hat mich nur selten betrogen – ein solcher Mann ist meist prahlerisch. Ein kalter, ängstlicher, aber weltlich gesinnter Mensch hat immer ein Auge auf Andre gerichtet; er bemerkt den Eindruck, den gewisse Dinge auf sie machen; ängstlich bemüht er sich, ihre Ansichten zu erfahren, um diesen nicht entgegen zu handeln; gerne möchte er wissen, was die Welt von ihm sagt; ja seine Furchtsamkeit flößt ihm den lebhaften Wunsch ein, seine Eigenliebe durch einen guten Ruf bei Andern zu stützen. Daher wird er prahlerisch, liebt die Wirkung, wovon man günstig spricht und den Schein, der Ansehen einbringt. Von diesem Punkt aus ihn angegriffen, meine Schüler! III. Der melancholische, zurückgezogene, empfindsame, beschauliche Charakter. – Ein sehr guter Gegenstand das für Eure Schelmereien, meine jungen Freunde, obgleich er viele Rücksichtnahme und Zartgefühl erheischt. Dieser Charakter hat einen ansehnlichen Anteil krankhafter Argwöhnischkeit und damit verwandter Reizbarkeit – dagegen müßt Ihr auf der Hut seyn! – zugleich jedoch ist sein hervorstechender Zug gewaltige, aber nicht eingestandene Eitelkeit. Eine hohe Meinung von sich selbst und das Gefühl, von Andern nicht nach seinem ganzen Werthe gewürdigt zu seyn – dieß macht Einen gewöhnlich zurückhaltend; er meint, er tauge nicht in die Welt, wegen der Zartheit seines Gemüths und des Mangels an entsprechender Empfindsamkeit bei Denjenigen, mit welchen er umgeht! Das ist die Handhabe, wo Ihr zugreifen müßt! Er fühlt sich auch ausnehmend durch Ehrerbietung und Herzlichkeit geschmeichelt; er verlangt in der Liebe, wie von der Welt, zu viel. Er ist ein Lara, dessen Freundinnen Medora's seyn sollen, und auch seine Freunde sollen durchaus Kaled's seyn. Der arme Mann! Ihr seht, wie kinderleicht es ist, ihn zum Besten zu haben. NB. Unter Leuten dieses Charakters findet man gewöhnlich jene Grillen, Launen und Sonderbarkeiten, die eine vortreffliche Handhabe abgeben. Niemand entfernt sich von dem gewöhnlichen Leben, ohne daß die Tüchtigkeit seines Charakters es entgälte. Jede neue Bahn, die sich der Stimmung eröffnet, öffnet einen neuen Zugang zum Herzen. IV. Der kühne, großmüthige, freimüthige, herzliche Mensch. – Meist eine Person von kernfester Gesundheit. Seine Leibesbeschaffenheit erhält ihn bei gutem Muth und der gute Muth bei Entschlossenheit und Wohlwollen. Er ist, wie sich leicht begreift, für Euch, meine guten jungen Freunde, ein nicht so schwer zu hintergehender Charakter; denn er hegt keinen Argwohn und alle seine guten Eigenschaften stellen ihn Euch bloß. Aber hütet Euch vor seinem Zorn, wenn er Euch findet! er ist ein fürchterlicher Othello, wenn einmal seine Natur gereizt ist. NB. Eine taugliche Art von Charakter, zu widergesetzlichen Praktiken sich verführen zu lassen; giebt einen erträglichen Verräther oder einen durchtriebenen Schmuggler; Ihr selbst müßt nie eine widergesetzliche That begehen; es giebt ja Katzenpfötchen für die Kastanien! Da jedes Gesetz eine Unterdrückung ist, (freilich eine nothwendige und oft geheiligte Unterdrückung, – was Ihr ihm aber nicht auseinanderzusetzen nöthig habt,) und sein Charakter besonders jeder Unterdrückung feind ist, so könnt Ihr die geschilderte Person leicht verführen, den Gesetzen des Landes zu trotzen. Ja! der kühne, großmüthige, freimüthigt, herzliche Mensch darf nur in niedrigen Verhältnissen geboren werden, so ist ihm der Galgen sicher. V. Der kecke, selbstsüchtige, verschloßne, um sich greifende Mann – wird aller Wahrscheinlichkeit nach Euch betrügen, meine lieben Freunde. Denn ein solcher Charakter giebt einen Meister in der Spitzbüberei – das ist der Stoff, woraus die Natur einen Richard III. bildet. Ihr thut am besten, einen solchen Mann ganz allein zu lassen. Sogar ihm dienen ist nicht gut. Er zerbricht seine Werkzeuge, wenn er mit ihnen gearbeitet hat. Nein! Ihr könnt Nichts mit ihm anfangen, meine guten Jungen! VI. Der gut-essende, gut-trinkende, sorgenlose, sinnliche Gewohnheitsmensch – das alltägliche thierische Wesen. Ein solches Geschöpf hat Schlauheit und ist entweder feig oder trotzig; selten hält es die Mitte zwischen diesen Eigenschaften. Es ist durchaus nicht leicht zu betrügen. Die Natur schützt ihre geistig verwahrlosten Kinder durch die Dicke der Haut. Gewinnet seine Geliebte, wo möglich; sie weiß ihn am besten zu lenken. Solche Wesen sind die natürliche Beute listiger Weiber; gerade ihre Dummheit deckt Alles zu, nur nicht das Geschlechtliche. Für einen Simson eine Deliah! VII. Der glänzende, hinterlistige, schlaue, abgefeimte, gewandte Mann; der Hofmann, der Mann von Welt. Im öffentlichen und bewegten Leben ist er der passende Gegner, oft der glückliche und bewegte Nebenbuhler von Charakter Nro. V . Ihr begreift wohl: ein solcher Mann ist von sehr verschiedenem Kaliber im Verstande – vom Schmetterlingstalent bis hinan zum seltensten Genie; von dem Wesen an, das ihr am Karren seht, bis zu dem Mann, der im Cabinet sitzt! Vom H – – – bis zu einem Chesterfield; von einem Chesterfield bis zu einem Perikles; deshalb ist es so schwer, Euch einen genauen Begriff von den schwachen Seiten eines so vielfach nuancirten Charakters zu geben. Aber während er Seinesgleichen und Höhere zu Narren macht, glaube ich, meine aufmerksamen Zöglinge, dennoch, daß ein solcher Charakter von einem unter ihm Stehenden leicht zu betrügen ist. Und auf folgende Weise mußt du dabei zu Werk gehen. Versuche keine Heuchelei – die würde er im Augenblick durchschauen. Mache ihn auf Einmal, auf Einen Blick denken: du seyst ein Schelm. Sey über diesen Punkt selbst ganz aufrichtig: aber mache ihn glauben: du seyst ein nützlicher Schelm. Diene ihm gut und eifrig, aber gestehe, du thuest dieß, weil du dein Interesse als mit dem seinigen verflochten ansehest. Dieses Raisonnement sagt ihm zu; und da Leute von diesem Charakter gewöhnlich großmüthig sind, so wird er dessen Gerechtigkeit dadurch anerkennen, daß er dir eine Fülle von Brocken hinwirft und dich mit reichlichen Herzstärkungen erfrischt. Sollte er dir hierin nicht Genüge thun, so stelle dich doch zufrieden und suche deinen Vortheil, (das ist der beste Weg ihn zu überlisten), nicht aus seinen Fehlern, sondern aus der Gelegenheit. Belaure nicht seinen Charakter sondern ersieh dir deine Zeit! VIII. Der eitle, anmaßende, tapfre, verliebte, glänzende Charakter. Diese Art von Charakter schrieben wir früher den Franzosen zu und noch immer ist er auf dem Festland häufiger, als auf der geliebten Insel, die ich nicht mehr sehen soll. Ein Wesen dieser Art ist aus vielen falschen Tugenden zusammengesetzt; vor Allem ist es immer verschwenderisch, wenn seine Eigenliebe sich dazu aufgefordert findet – sonst nie. Ihr müßt also herausfinden, was ihm Vergnügen macht und den Kuppler gegen seine Neigungen spielen. So werdet Ihr ihn betrügen – oder auch dadurch, daß Ihr die falschen Tugenden zur Schau tragt, die er bewundert; tragt auf Euern Gesichtern dicke Schminke auf und laßt sie auf dem tragischen Kothurn einherstolziren; und drittens meine guten Jungen, werdet Ihr ihn betrügen durch verschwenderische Schmeichelei und besonders wenn Ihr ihn anredet: Spiegel der Ritterschaft! IX. Der gerade, verständige, rechtliche Mann. Ein empfehlendes, aber nicht eben hochstehendes Exemplar unsers Geschlechts. Diesen Charakter, meine geliebten Zöglinge, könnt Ihr Einmal daran kriegen, aber nimmermehr zweimal. Auch könnt Ihr ihn nicht als fremd daran kriegen; er muß Euer Freund oder Verwandter seyn, oder ein Glied Eurer Familie genau gekannt haben. Ein Mann von diesem Charakter ist immer, obwohl mit Maß und mit Besonnenheit, für die Pflichten und Rücksichten des Lebens empfänglich. Immer wird er einen Dienst leisten seinem Freund, seinem Bruder, oder demjenigen, dessen Vater seinen Vater aus der Klemme gezogen. Diesem gegenüber strebt nach keinem Firniß; wendet keine Kunststücke bei dem Versuch auf, seinen Beistand zu erlangen. Aufrichtig traget ihm Euren Wunsch nach dieser oder jener Dienstleistung vor; vernünftig traget ihm Eure Forderungen vor – bescheiden weiset auf Eure Dankbarkeit hin. Aber findet Ihr es nothwendig ihn zu betrügen und unmöglich der Entdeckung des Betrugs vorzubauen: so verlieret, wie ich schon gesagt, keinen weiteren Augenblick mit ihm. X. Der alberne, einfältige, leichtgläubige Mensch: lauter Beweglichkeit und keine Besinnung. Wie schwillt mir das Herz, wenn ich diesen trefflichen Charakter betrachte! Welch ein Canaan bietet er Euch dar! Ich beneide Euch, wenn Ihr mit der sanguinischen Hoffnung in die Welt hinaus tretet: alle Menschen so zu finden! Entzückende Schwärmerei der Jugend! wollte Gott, diese Hoffnung gienge in Erfüllung! Dieß ist die wahre Menschwerdung der Leichtgläubigkeit! Ihr dürft nur bewirken, daß er Euch liebt und kein Igel sog je so leicht ein Ei aus, als Ihr ihn aussaugen könnt. Laßt Euch durch seine Entrüstung nie erschrecken; geht wieder und wieder zu ihm; werft Euch nur ihm um den Hals und weint! Ihn einmal bethören heißt ihn immer bethören; erhascht den ersten Schilling von ihm und dann besinnt Euch, was Ihr mit seinem übrigen Vermögen anfangen wollt! Nie verlaßt einen so guten Mann um neuer Freunde willen! das wäre undankbar von Euch! Und beiläufig gesagt, nehmet, meine guten jungen Herren! diese Regel zum Schluß mit: die Menschen sind wie der Boden; Ihr werdet mehr gewinnen, wenn Ihr all Eure Arbeit immer und immer wieder auf ein gutes Land verwendet, als wenn Ihr unfruchtbares Neubruchland umwühlt! Gesetzgeber – weise – gute – fromme Männer, Ihr, die Tom Thumb's der Moral, die Ihr zuerst Riesen macht und sie dann tödtet »Er machte Riesen erst und tödtete sie dann.« Tragödie vom Tom Thumb. : Ihr haltet die obigen Lehren für spitzbübisch; ich ehre Euern Scharfsinn! Es sind Proben, nicht von meiner Spitzbüberei, sondern von Eurer Thorheit. Ueberschaut sie noch Einmal, so werdet ihr erkennen, daß ihre Absicht ist zu zeigen, daß, während Ihr jeden Tag Tausende einkerkert, deportirt und hängt, ein Mann mit mäßiger Schlauheit alle diese Regeln, die Euch so hassenswerth dünken, in Anwendung bringen kann, und keines Eurer Gesetze vermag ihm etwas anzuhaben! Fragmente oder kritische, sentimentale, moralische und Original-Versuche, seinen Schülern gewidmet von Augustus Tomlinson. Man wird oft in den vorliegenden Aufsätzen die Ironie der vorangehenden vermissen. Die Krankheit des großen Mannes, die ihn befiel, als er diese kleinen Edelsteine zusammensetzte, machte ihn vielleicht ernster, als er bei voller Gesundheit war. Anmerk. des Herausgebers. Von der Moralität, welche der Reiche dem Armen beibringt. Sobald der arme kleine Zottelbär aus der Thüre heraustorkeln kann, lehrt man ihn, vor den Vornehmen den Hut herabziehen und Kratzfüße machen. »Ein guter kleiner Junge,« sagt der Squire, »da hast einen Pfennig!« Der gute kleine Junge glüht vor Stolz. Dieser Pfennig prägt ihm tief die Lehre der Erniedrigung ein. Jetzt geht unser kleiner Zottelbär in die Schule. Da kommt natürlich der Katechismus; dieß Handbuch der Moral muß ins Herz gesenkt werden – warum? Weil er besser als alle andere Handbücher auf die dem Reichen schuldige Ehrfurcht dringt. Weil es hauptsächlich die Armen verpflichtet, unterwürfig zu seyn und Jeden zu ehren, der besser gekleidet ist als sie. Ein Pfund Ehre dem Squire, und eine Unze dem Bedel. Dann schießt der Knabe auf und der Inhaber des Herrenhauses unterweist ihn wie folgt: »Sey ein braver Bursche, Tom, dann will ich für dich sorgen; tritt in die Fußtapfen deines Vaters; er war ein vortrefflicher Mann, und sein Tod ein großer Verlust für das Kirchspiel; er war sehr höflich , ein harter Arbeiter , ein wohlgemachtes Wesen, kannte seinen Beruf; denke und handle wie er!« So pflanzen beständige harte Arbeit und Uebermaß von Kriecherei die Tugenden der Ahnen bei den Bauern ins Unendliche fort bis zum Tag des Gerichts. Eine andere heimtückische Art, die Moralität zu erzeugen, hat man angewendet durch ein allgemeines Lob der Armen. Man hört falsche Freunde des Volks, die sich Liberale nennen, und Tory's, die eine halb ritterliche, halb pastoralische Idee von der Moral haben, im Lobe der unglücklichen Geschöpfe zusammenstimmen, welche sie für sich arbeiten lassen. Aber bemerkt, wegen welcher Tugenden die Armen immer gepriesen werden: Fleiß, Ehrlichkeit und Zufriedenheit. Die erste Tugend wird zum Himmel erhoben, weil der Fleiß den Reichen Alles liefert, was sie haben; die zweite, weil die Ehrlichkeit verhütet, daß ihnen von Allem was sie haben Nagelsgroß wieder genommen wird; und die dritte, weil die Zufriedenheit die armen Teufel abhalten soll, etwas gegen ein Schicksal einzuwenden, das für diejenigen, welche dabei gewinnen, so behaglich ist. Dieß, meine Schüler, ist die Sittlichkeit, welche die Reichen den Armen beibringen. Nacheiferung. Der große Irrthum bei der Nacheiferung besteht darin: wir wollen es den Wirkungen gleichthun, ohne die Ursachen zu untersuchen; wenn wir von den großen Thaten eines Mannes lesen, so sind wir gleich im Feuer, ähnliche Unternehmungen auszuführen, ohne uns erst eine genaue Kenntniß der Eigenschaften zu verschaffen, welche unser Vorbild zu den Thaten, welche wir bewundern, befähigten. Könnten wir diese auffinden: wie oft würden wir entdecken, daß sie ihren Entstehungsgrund in einer gewissen körperlichen Stimmung, einer gewissen Eigenthümlichkeit der Leibesbeschaffenheit hatten, und daß wir, wünschen wir dieselben Erfolge hervorzudringen, die Beschaffenheit unsers Körpers untersuchen sollten, statt die Fähigkeiten unsers Geistes zu schärfen, daß wir nach Schwungkugeln greifen sollten, statt nach Büchern; ja auch, auf der andern Seite uns eher einen Schmerz, eine Beschwerde auferlegen, als unsere moralische Gesundheit vervollkommnen. Wer kann sagen, ob Alexander ein Held geworden wäre, hätte er einen geraden Hals gehabt? oder Boileau ein Satiriker, wäre er nie von einem Truthahn gepickt worden? Es müßte ergötzlich seyn, Euch, meine Schüler, zu sehen, wie Ihr nach der Lektüre des Quintus Curtius einander den Hals verdrehtet; oder frisch vom Boileau weg in den Hühnerhof eiltet, in der Hoffnung, zu einem zweiten Lutrin verstümmelt zu werden. Warnung vor den Spöttern der Illusionen. Meine geliebten Schüler! es giebt eine Classe von Personen in der Welt, welche täglich anwächst, gegen die Ihr sehr auf der Hut seyn müßt; sie haben etwas Zauberhaft-gewinnendes an sich. Es sind Leute, welche sich für heftige Feinde der Lüge ausgeben; artige, freisinnige Gesellen, scharfsichtig und unbefangen. Wenn diese Ansichten aus eigenem Nachdenken entspringen, wohl und gut, dann sind es die besten Ansichten von der Welt; aber Viele überkommen sie nur so aus der zweiten Hand; sie sind verwünscht einladend für die Trägheit des vornehmen Pöbels, der nur auf den schwärmerischen Anstrich eines edlen Grundsatzes, und nicht auf seinen Nutzen sieht. Wenn Einer Alles durch die verkleinernde Brille dieser Filosofie sieht, so hat Alles eine ziemliche Beimischung von Lüge und Täuschung. Ihr lacht mit ihm, wenn er die Täuschung in der Religion, in der Politik, in der Liebe, in den Urtheilen der Welt verspottet; aber aufschreien müßt Ihr, meine geliebten Zöglinge, wenn er verhöhnt, was man gewöhnlich am sichersten durch die That verspottet: das täuschende in der gewöhnlichen Ehrlichkeit. Die Menschen sind ehrlich aus Religion, Weisheit, Vorurtheil, Gewohnheit, Furcht und Dummheit; aber nur die Wenigsten sind weise, und die Leute, von welchen wir reden, verspotten die Religion, sind über Vorurtheil hinaus, durch keine Gewohnheit gebannt, zu gleichgültig für die Furcht, und zu erfahren für die Dummheit. Allgemeine Entrüstung über Unklugheit des Einzelnen. Ihr müßt wissen, meine theuern jungen Freunde, daß, wenn gleich der Anschein von Großmuth Euch sehr zu Statten kommt und so weiter, es Euch doch große Mißbilligung zuziehen würde, wenn Ihr versuchen wolltet, sie zu euerm eigenen Nachtheil auszuüben. Eure Nebenmenschen sind so unwandelbar, obwohl vielleicht unbewußt, von Eigensucht beseelt; Eigensucht ist so ganz und gar, obgleich jeder Schwätzer es läugnet, die Axe der moralischen Welt, daß sie vor Wuth außer sich gerathen gegen den, der derselben zu vergessen scheint. Wenn Einer sich selbst ruinirt, so hört nur, welche Schmähungen er einnimmt! seine Mitmenschen nehmen es wie eine persönliche Beleidigung auf! Dum defluat amnis. Ein Hauptgrund, warum Männer, die hohe Stellen bekleidet haben, sich so getäuscht finden, wenn sie ins Privatleben zurücktreten, ist der: die Erinnerung macht eine Hauptquelle des Genusses für denjenigen aus, der lebhaft zu hoffen aufhört; aber das Gedächtniß des angesehenen Mannes führt ihm nur das öffentliche Leben vor, das ihm zuwider geworden ist. Sein Privatleben ist unvermerkt dahingeschwunden und hat nur schwache Spuren der Sorge oder der Freude hinterlassen, welche ihn zu sehr beschäftigt fanden, um die einfachen, ruhigen Eindrücke des häuslichen Lebensverlaufes zu beachten. Selbstverherrlicher. Die Vorsehung scheint es einer gewissen Classe von Menschen angethan zu haben, welche immer das Ihrige durch ein verschönerndes Medium erblicken, ihr Haus für das beste in der Welt halten, ihr Gewehr für das zuverlässigste und ihre Jagdhunde für wahre Wundertiere; wie Oberst Hanger den Oekonomisten einen Rath gab, nemlich ihre Diener Jeden mit einer großen Brille zu versehen, so daß eine Lerche so fett wie ein Hahn erschiene und ein Zweipfennigbrod wie ein mächtiger Laib. Priester dem Caracalla unähnlich. Ihr wißt, meine jungen Freunde, auf welche Weise Caracalla seine Liebe für Alexanders Andenken kund gab: dadurch daß er alle peripatetischen Filosofen verfolgte, weil man Aristoteles im Verdacht hatte, bei Alexanders Tod betheiligt zu seyn; Ihr dürft Euch keineswegs einbilden, die Priester ahmen in ihrer Liebe für das Andenken des Heilands auch nur entfernt dem Caracalla nach! Ein Gedanke über das Glück. Oft ist es die allerleiseste Bewegung, welche einem Spiel den Ausschlag giebt. Das Glück ist wie die Dame, bei der ein Liebhaber alle seine Nebenbuhler dadurch ausstach, daß er eine weitere Litze auf seine Livreen setzte. Witz und Wahrheit. Mag man immerhin sagen: Erdichtung sey die Quelle der Fantasie und Witz sey das Widerspiel der Wahrheit: dennoch sind einige der witzigsten Worte von der Welt witzig allein wegen ihrer Wahrheit. Die Wahrheit ist die Seele eines guten Ausspruchs. – »Ihr behauptet,« bemerkt der Sokrates der neuen Zeit, »wir haben eine tugendhafte Vertretung; sehr wohl, dann müssen wir auch eine tugendhafte Besteurung haben!« Hier liegt der Witz in der Nothwendigkeit des Schlusses. Als Columbus das Ei zerbrach, wo lag der Witz? In der Bündigkeit der Beweisführung durch das zerbrochene Ei. Individuelle Theologie. Nicht nur jede Sekte, sondern jedes Individuum modificirt die allgemeinen Attribute der Gottheit in Gemäßheit seines eignen Charakters; der rechtliche Mensch legt ein besonderes Gewicht auf die Gerechtigkeit, der herbe auf den rächenden Zorn; die Eigenschaften, welche dem Verehrer nicht gefallen, vergißt er unter der Hand. Deßhalb, o meine Schüler, werdet Ihr nicht lächeln, wenn ihr bei Barnes lest, daß die Pygmäen Gott selbst für einen Zwerg hielten. Die fromme Eitelkeit des Menschen treibt ihn, seine eignen Eigenschaften anzubeten, unter dem Vorwand, die der Gottheit zu verehren. Ruhmvolle Verfassung. Ein Satz ist oft so gut wie ein ganzes Buch. Wenn Euch Jemand bittet, ihm einen Begriff von den Gesetzen Englands zu geben, so ist die Antwort kurz und leicht: Unter den Gesetzen Englands finden sich ungefähr hundert und fünfzig, vermöge deren ein armer Teufel gehängt werden kann, aber nicht Eines, vermöge dessen er Gerechtigkeit erlangen kann um Nichts! Antwort auf das gewöhnliche Gewäsche: guter Wille sey besser bei einem Staatsmann als Talente. Da wir in der Welt auf die Handlungen, nicht auf die Triebfedern zu sehen haben, so ist der ein Schuft, der Euch Unrecht thut und Ihr fragt nicht lange, ob das Unrecht Folge der Bosheit oder der Nothwendigkeit war. Vertraut einem Dummkopf Macht an, so wird er ohne es zu wissen zum Schuft. Herr Addington brachte die zwei schlimmsten und heillosesten Steuern auf, welche nur menschliche Bosheit erfinden konnte – eine auf die Arzneien, die andre auf die Gerechtigkeit. Wie hätte die sinnreiche Furcht eines Tyrannen uns tiefer verwunden können, als dadurch, daß man uns Vergütung von Unrecht und Heilung unserer Krankheiten erschwerte? Addington war ein Dummkopf von Haus aus und ein Schuft in seiner Stelle, aber, Gott schütz' Euch! er glaubte das selbst nie. Gesunder Menschenverstand. Gesunder Menschenverstand – gesunder Menschenverstand. Von allen Redensarten, allen Schlagworten ist oft dieß das anmaßendste und gefährlichste. Ein argwöhnisches Auge richtet insbesondere auf den gesunden Menschenverstand, so oft er im Streit liegt mit dem Entdeckungsgeist. Gesunder Menschenverstand ist die Erfahrung jedes Tags. Eine Entdeckung läuft oft der Erfahrung des täglichen Lebens zuwider. Kein Wunder also, daß, als Galileo eine große Wahrheit verkündigte, Alles schrie: »Pah! der gesunde Menschenverstand zeigt ja das Gegentheil!« Rede einem vernünftigen Manne zum erstenmal von einer Theorie des Sehens, und höre, was sein gesunder Menschenverstand dazu sagt. In einem Brief aus Bacons Zeit sagt der Schreiber, ein Mann von nicht geringer Einsicht: »Es ist Schade, daß der Kanzler seine Meinung gegen die Erfahrung so vieler Jahrhunderte und die Aussprüche des gesunden Menschenverstandes setzt!« Gesunder Menschenverstand also, so brauchbar in Haushaltungssachen, ist in der Sfäre der Gesetzgebung und Wissenschaft minder brauchbar, als man gewöhnlich geglaubt hat. Seiner Natur nach der Vertheidiger des Althergebrachten und der Feind alles Speculativen, widersetzt er sich der neuen Filosofie, welche sich auf die Vernunft beruft, und hängt sich an die alte, die durch Autoritäten sanktionirt und gestützt ist. Liebe und Schriftsteller über die Liebe. Meine warmen, heißköpfigen, glühenden jungen Freunde, Ihr seyd in der Blüthe Eures Lebens und schreibt Verse über die Liebe – sprechen wir denn auch ein Wort von der Liebe. Es giebt zwei Arten von Liebe, allen Menschen und den meisten Thieren Den meisten Thieren denn einige scheinen für die Liebe aus Gewöhnung unempfänglich. gemeinschaftlich: die eine entspringt aus den Sinnen, die andre erwächst aus der Gewöhnung. Keine von beiden nun, meine geliebten Schüler, ist diejenige, welche Ihr zu empfinden behauptet: die Liebe der Liebenden . Eure Leidenschaft, welche, ohne daß Ihr es anerkennt, ihren Grund nur in den Sinnen hat, verdankt alles Uebrige der Einbildungskraft. Nun aber ist die Einbildungskraft der meisten Menschen verschieden nach Art und Grad in jedem Lande und in jedem Zeitalter; demgemäß natürlich auch die Liebe aus Einbildungskraft; um Euch davon zu überzeugen, beobachtet nur, wie Ihr mit der schwärmerischen Liebe andrer Zeiten oder Nationen nur in dem Verhältniß harmonirt, als Ihr mit deren Poesie und schöner Literatur sympathisirt. Die Liebe, welche in Arkadia oder in Amadis von Gallien sich brüstet, ist für die große Masse der Leser durch Kälte abgeschmackt oder durch Feierlichkeit lächerlich. Ach! als diese Werke Begeisterung erweckten, da that dieß auch die darin geschilderte Liebe. Die langen Reden, die eiskalten Complimente drückten die Empfindungen jener Zeit aus. Die Liebes-Madrigale aus Shenstone's Zeit, oder die goldstarrenden Galanterieen der französischen Dichter im letzten Jahrhundert würde jedes Weib für hohl oder kindisch, schwächlich oder verkünstelt erklären. Aber Einmal waren die Lieder natürlich und die Liebe verführerisch. Und jetzt, meine jungen Freunde, im Jahre 1818, in dem ich schreibe und wahrscheinlich sterbe – die Liebe, welche in Moore's Poesieen schimmert und mit so ehrgeiziger Zweideutigkeit Byron's Gedichte durchzieht; die Liebe, welche Euch jetzt so tief und wahr erscheint; die Liebe, welche die Herzen der jungen Damen durchbebt und Euch junge Herren nach dem Abendstern stieren macht – diese ganze Liebe wird einem spätern Zeitalter fremd oder lächerlich werden; und die jungen Schmachtenden, und die Mondscheinträume und das haltungslose, überschwängliche Gedudel, das uns jetzt so rührend und erhaben vorkommt, das Alles wird, meine lieben Jungen, dahin gehen, wohin auch schon Cowleys Geliebte und Wallers Sacharissa gegangen sind; wird dahin gehen mit den Saffo's und Chloe's, den anmuthigen, bezaubernden Feen und den ritterlichen Huldinnen und Prinzessinnen. Die einzige Liebes-Poesie, welche zu allen Zeiten besteht und alle Herzen anspricht, ist diejenige, welche sich auf eine oder beide Arten von Liebe gründet, die allen Menschen gemeinschaftlich sind; die Liebe der Sinne oder die Liebe der Gewöhnung. In der letztern ist miteinbegriffen, was Männer von mittlerem Alter vernünftige Neigung nennen; und der Zauber verwandter Seelen so wie auch der freundliche und wärmere Schatz von kleinen Erinnerungen an einfache Güte, oder die ganz dumpfe Gewohnheit ein Gesicht zu sehen, wie man einen Stuhl sehen würde. Dieß nun, bald ehrlich herausgesagt, bald künstlich vermengt, macht das Thema derjenigen aus, die vielleicht am redlichsten und menschlichsten geliebt haben; dieß macht noch jetzt den Tibullus pathetisch und den Ovidius zum Meister in zärtlichen Empfindungen; dieß vor Allem bringt jene unwiderstehliche, herzergreifende Begeisterung hervor, welche den romantisch Schwärmenden, den Berechnenden, den Alten, den Jungen, den Hofmann, den Bauer, den Dichter, den Geschäftsmann ergreift bei den herrlichen Liebesgedichten von Robert Burns. Hier ist der Geschmack der süßen und doch körperhaften irdischen Wirklichkeit, hier Fleisch und Blut! Das große Fideikommiß. Das große Erbe der Menschheit ist ein Gewebe von Mißgriffen; ein Geschlecht bringt sein Leben damit zu, die ihm von einem andern überlieferten Irrthümer zu flicken; und die Hauptursache aller politischen – d. h. der schlimmsten und allgemeinsten Mißgriffe, ist diese: dieselbe Regel, welche bei uns für individuelle Fälle gilt, wenden wir nicht auf das Oeffentliche an. Alle Menschen geben zu, daß beim Pferdehandel prellen eine Prellerei ist; man straft den Angeklagten und verurtheilt das Vergehen. Aber im Staat ist keine solche Einstimmigkeit. Prellen, der Herr helfe uns! benennt man mit manchen zierlichen Namen, und der Betrug betitelt sich großsprecherisch: Politik! In Folge dessen ist ein beständiger Kampf zwischen Denen, welche die Sachen bei ihrem rechten Namen nennen, und welche ihnen hartnäckig einen falschen geben. Daher alle Arten von Verwirrung; diese Verwirrung erstreckt sich sehr bald auf die für einzelne Fälle gemachten Gesetze; und so, obgleich die Welt noch ganz darüber einverstanden ist, daß Privatprellerei – Privatprellerei ist, hat man doch im Staatsleben des Teufels Noth, sie zu bestrafen. Die Kunst zu prellen ist heut zu Tage etwas ganz Anderes, als sie vor hundert Jahren war; aber die Gesetze bleiben dieselben. Anbequemung in Privatfällen ist Neuerung im Oeffentlichen; und so macht man neue Gesetze, ohne die alten zu widerrufen; und jene sind nun bisweilen wirksam, aber weit häufiger nicht. Nun ist, meine geliebten Schüler, das Gesetz ein Gewehr, das, wenn es eine Taube fehlt, immer eine Krähe tödtet; wenn es nicht den Schuldigen ereilt, doch sonst Jemand trifft. Wie jedes Vergehen ein Gesetz erzeugt, so umgekehrt auch jedes Gesetz ein Vergehen, und darum schreiten wir immer vor, Sünden und Uebel, Fehler und Mißgriffe vervielfältigend, bis die Gesellschaft zum organisirten Institut zum Beutelschneiden wird. Die Wiedergeburt eines Schelmen. Einer der in der Welt als Narr anfängt, hört oft damit auf, daß er ein Schelm wird; aber Wer als ein Schelm anfängt, und ein reicher Mann (also nicht gehängt) wird, kann, meine geliebten Schüler! als ein frommes Wesen abschließen. Und der Grund ist dieser: ein Schelm von Jung auf erwirbt sich bald Weltkenntniß. Ein durchgebadeter Fehler macht uns weiser als fünfzig Lehrmeister. Aber die Weisheit macht uns die Ruhe lieben, und in der Ruhe sündigen wir nicht. Wer weise ist und nicht sündigt, kann fast nicht anders als Gutes thun; und nun laßt ihn nur Eine neue Wahrheit aussprechen, so vermag seine Einbildungskraft gar nicht mehr das grenzenlose Heil zu fassen, welches daraus für die Menschen entspringen kann! Der Styl. Begreift Ihr wohl, welch eine wunderbare Sache es um den Styl ist? Ich glaube nicht; denn in den Aufsätzen, welche Ihr eingeschickt habt, verrieth Euer Styl, daß Ihr kein recht ernstes Nachdenken darauf verwendet habt. Wißt denn: Ihr müßt Euch wohl besinnen, eh' Ihr Euch ein Muster für Euern Styl auslest. Von Euerm Styl hängt oft Euer Charakter ab; beinah immer aber der Charakter, den Euch die Welt beilegt. Wenn Ihr den erhabenen Styl annehmt; wenn Ihr edle Ausdrücke und volltönige Worte zusammenkoppelt, so habt Ihr damit eine Geisteseigenthümlichkeit ausgesprochen und an den Tag gelegt, welche auch zu bethätigen, Euch unvermerkt der Wunsch kommen wird; der Wunsch erzeugt allmälig die Fähigkeit. Das Leben des Dr. Parr ist nur der zur That gewordene Styl des Dr. Parr. Und Lord Byron macht sich selbst für sein ganzes Leben unglücklich, weil er zufällig in die schwermüthige Ausdrucksweise hineingerathen ist. Aber gesetzt auch, Ihr entgehet diesem Mißgeschick durch besondere Stärke des Temperaments: so entgeht Ihr doch nicht dem Stempel der öffentlichen Meinung. Addison muß immer bei der Menge als der Freundlichste der Menschen gelten, wegen der schmeichelnden Anmuth seines Ausdrucks; und die Bewunderer der Sprache werden immer Burke für einen edlern Geist als Fox halten, wegen der Pracht seiner Sätze. Wie viele weise Aussprüche nannte man Späße, weil sie auf witzige Art gesagt wurden. Wie manches Nichts brachte seinem Urheber den Ruhm eines Weisen ein, ja! eines Heiligen, weil es aufgestützt war von der alten scheinheiligen Nonne: Ernsthaftigkeit!