Graf Leo N Tolstoi Auferstehung – 4. Band Da trat Petrus zu ihm und sprach: Herr wie oft muß ich denn meinem Bruder, der an mir sündiget, vergeben? Ist es genug siebenmal? Jesus sprach zu ihm: Ich sage dir, nicht siebenmal, sondern siebenzig mal siebenmal. (Ev. Matth. 18, 21–22) Was siehest du aber den Splitter in deines Bruders Auge, und wirst nicht gewahr des Balkens in deinem Auge? (Ev. Matth. 7, 5) Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie. (Ev. Johannis 8, 7) Der Jünger ist nicht über seinen Meister; wenn der Jünger ist wie sein Meister, so ist er vollkommen (Ev. Luc. 8, 40) Epilog. Erstes Kapitel Die Abteilung des Transportzuges, der Katuscha angehörte, hatte eine Strecke von ungefähr fünftausend Kilometern zurückzulegen. Bis zur Station Perm war Katuscha auf der Eisenbahn gefahren, und erst an diesem Orte wurde sie, weil Nechludoff dringend darum bat, der Sektion der politischen Verbrecher überwiesen. Die Bogoduschoffska, welche diesem Zuge ebenfalls angehörte, hatte ihm nämlich den Rat erteilt, darum zu ersuchen. Die Fahrt bis zur Station Perm hatte Katuscha mancherlei Leiden und Beschwerden verursacht, sowohl in körperlicher, wie auch in moralischer Hinsicht. In körperlicher Hinsicht fühlte sie sich von der qualvollen Enge, der Unsauberkeit und den ekelhaften Insekten unangenehm berührt, die die Gefangenen keine Sekunde in Ruhe ließen; in moralischer Hinsicht dagegen wurde sie von den ebenso ekelhaften Menschen belästigt, die sich überall ebenso zudringlich zeigten, wie die Insekten, und – trotzdem man bei jedem Tagemarsch einen Wechsel der Gefangenen vornahm – ebensowenig Ruhe gaben und ebensowenig abzuschütteln waren, wie das Gewürm. Es hatte sich zwischen den Weibern, den Deportierten, den Aufsichtsbeamten und den die Trupps begleitenden Soldaten ein so gemeiner Ton entwickelt, daß jedes Mädchen unaufhaltsam vor Zudringlichkeiten auf der Hut sein mußte; dieser Zustand fortwährender Aufregungen und Angst, dieser beständige Kampf war aber im höchsten Grade entnervend und aufregend. Ganz besonders hatte Katuscha wegen ihrer anmutigen Erscheinung und wegen ihrer Vergangenheit, die wohl für keinen ein Geheimnis geblieben war, unter diesem zudringlichen Benehmen zu leiden. Der entschlossene Widerstand, mit dem sie jetzt allen Annäherungsversuchen der Männer entgegentrat, machte auf diese den Eindruck einer persönlichen Beleidigung, und so bildete sich nach und nach eine allgemeine Mißstimmung gegen sie heraus. In dieser Hinsicht wurde ihr nur in der Nähe von Fedossja und Taraß eine gewisse Erleichterung zu teil. Der letztere hatte in Erfahrung gebracht, welchen Belästigungen seine Frau ausgesetzt gewesen war, und um ihr schützend zur Seite stehen zu können, ließ er sich verhaften und wanderte seit Nischni-Nowgorod wie jeder andere regelrecht Verurteilte in den Reihen der Gefangenen mit. Dadurch, daß man Katuscha den politischen Gefangenen überwiesen, bekam ihre ganze Lage doch in jeder Hinsicht eine Wendung zum Bessern. Die politischen Gefangenen erhielten besseres Obdach, sie bekamen bessere Nahrung, und man behandelte sie nicht so furchtbar grob. Eine wesentliche Verbesserung erhielt ihre Lage aber dadurch, daß die Angriffe von seiten der Männer ein Ende nahmen, und man sie nicht fortwährend an ihr vergangenes Leben erinnerte, das zu vergessen ihr sehnlichster Wunsch war. Der größte Vorzug dieser Verbesserung bestand jedoch in dem Umstande, daß sie die Bekanntschaft gewisser Leute machte, die einen ausschlaggebenden Einfluß auf sie ausüben sollten. Bei den Ruhestationen hatte Katuscha die Erlaubnis erhalten, sich bei den politischen Gefangenen aufhalten zu dürfen; doch wenn man auf dem Marsch begriffen war, wurde sie als kräftige Person wieder zu den gemeinen Verbrechern zurückgeschickt, und so wanderte sie denn die ganze Strecke von der Station Tomsk an zu Fuß. Mit ihr wanderten noch zwei andere Personen zu Fuß, die ebenfalls den politischen Gefangenen angehörten: Marie Pawlowna Schtschetinina, das schöne Mädchen mit den sanften Augen, das auf Nechludoff, als er die Bogoduschoffska besucht, einen so tiefen Eindruck gemacht, und ein gewisser Simonson, den man nach dem Gouvernement Jakutsk deportierte. Das war der schwarze Mensch mit den zerlumpten Kleidern, der Nechludoff bei demselben Besuche aufgefallen war. Maria Pawlowna wanderte zu Fuß, denn sie hatte ihren Platz im Wagen einer Frauensperson abgetreten, die sich in anderen Umständen befunden hatte. Simonson aber ging deshalb zu Fuß, weil er es nicht für richtig hielt, aus einem Vorrecht Nutzen zu ziehen, das man ihm einzig und allein auf Grund seiner gesellschaftlichen Stellung eingeräumt hatte. Diese drei Personen brachen am andern Morgen mit den schweren Verbrechern auf und trennten sich von den politischen Gefangenen, die später per Wagen nachfolgten. Das war auf der letzten Etappe, bevor man in einer großen Stadt anlangte, der Fall, in welcher der ganze Gefangenentransport von einem neuen Offizier übernommen werden sollte. Es war sehr frühzeitig, der Septembertag ließ sich recht trübselig an. Bald darauf begann es zu regnen, dann fiel Schnee, und dazu blies ein scharfer, kalter Wind. Sämtliche Gefangenen des Transportzuges, etwa vierhundert Männer und fünfzig Weiber an der Zahl, hatten bereits im Hofe der Station Aufstellung genommen. Die einen umstanden einen alten Unteroffizier, der das Proviantgeld, das immer auf zwei Tage gezahlt wurde, an die Aeltesten verteilte; die andern kauften den Hökerinnen, denen man den Zutritt in den Hof gestattet hatte, Lebensmittel ab. Man hörte ein lautes Stimmengewirr unter den Gefangenen, welche das Geld nachzählten und ihre Einkäufe besorgten, und dazwischen ertönte das Gekreisch und Geschrei der Hökerweiber. Katuscha und Marie Pawlowna, die beide große Stiefel und Halbpelze trugen, welche sie sich mit dicken Tüchern festgebunden hatten, traten aus dem Schlafsaal der Etappe in den Hof hinaus und wandten sich den Marktweibern zu, die an der Nordmauer postiert waren, und hier, vor dem Winde geschützt, ihre Ware ausschrieen, die in frischen Broten, Piroggen (Brotkuchen), Nudeln, Fischen, Backwaren, Graupen, Hasen, Rindfleisch und Milch bestand. Die eine bot sogar ein gebratenes Ferkel feil. Simonson, der einen Regenmantel und Gummischuhe trug, die er über seinen seidenen Strümpfen mit Bindfaden festgebunden hatte, – er war strenger Vegetarier und gebrauchte deshalb nichts, was aus dem Fell getöteter Tiere hergestellt wurde – stand auf dem Hofe, und wartete, daß der Aufbruch der Abteilung befohlen wurde. Er stand im Vordergrunde und schrieb sich eine Betrachtung, die ihm plötzlich, aufgefallen war, in sein Notizbuch. Diese Betrachtung lautete folgendermaßen: »Wenn eine Bazille den Finger eines Menschen untersuchte und beobachtete, so würde sie ihn als ein unorganisches Wesen ansehen. Und ebenso sehen auch wir, wenn wir uns mit der Betrachtung der Erdrinde beschäftigen, diese als ein unorganisches Wesen an. Das entspricht aber nicht der Wahrheit.« Katuscha kaufte Eier, frische Bretzeln, die auf eine Schnur gereiht waren, Fische und frische Brötchen ein, und packte das alles in ihren Reisesack, während Marie Pawlowna die Hökerin bezahlte. Plötzlich machte sich unter den Gefangenen eine heftige Bewegung bemerkbar, alles wurde still, und die Gefangenen fingen an, Aufstellung zu nehmen. Dann erschien der Offizier und erteilte die letzten Anordnungen, bevor der Aufbruch erfolgte. Alles spielte sich genau so wie sonst ab. Man nahm die Abzählung der Gefangenen vor und untersuchte die Fesseln. Plötzlich aber stieß der Offizier einen wütenden Ruf aus, während sich das weinerliche Geschrei eines Kindes vernehmen ließ. Alles wurde auf eine Sekunde ruhig, dann erhob sich ein dumpfes Murren aus der Menge. Katuscha und Marie Pawlowna wandten sich der Stelle zu, wo sie den Lärm vernommen hatten. Als Marie Pawlowna und Katuscha in die Nähe der Stelle kamen, wo sich der Lärm erhoben hatte, erblickten sie den Offizier, einen Mann von untersetzter Gestalt mit langem blonden Schnurrbart, der heftig schimpfte und dazu zornige Grimassen schnitt. Vor ihm stand in einer ganz kurzen Bluse und noch kürzeren Hose ein hochgewachsener Gefangener von magerer Gestalt und glattrasiertem Kopf, der in den Armen ein kleines Mädchen hielt, das in ein dünnes Tüchelchen gewickelt war und heftig weinte. »Ich werde dich lehren, auch noch Redensarten zu machen,« brüllte der Offizier, »bringt mal Handschellen her!« Der Offizier hatte befohlen, man solle dem Gefangenen, der das kleine Mädchen den ganzen Weg über auf den Armen trug, Handfesseln anlegen. (Dieses Kind hatte ihm seine Frau, die in Tomsk am Typhus verstorben war, hinterlassen.) Der Sträfling hatte erklärt, er könne das Kind mit Fesseln an den Händen nicht tragen, und diese Bemerkung hatte den Offizier, der überdies schon übel gelaunt war, in die höchste Wut versetzt. Dem Gefangenen gegenüber standen ein Soldat und ein anderer Gefangener von kräftiger Gestalt mit schwarzem Vollbart, der Fesseln an der Hand trug und den Offizier mit düsterer Miene von unten herauf anstarrte, denn er nahm an, er solle mit dem Vater des kleinen Mädchens zusammengekoppelt werden. Der Offizier erteilte dem Soldaten noch einmal den Befehl, das Mädchen fortzureißen, und das dumpfe Murren unter den Gefangenen wurde jeden Augenblick stärker. »Er hat ja schon seit Tomsk keine Handschellen mehr getragen,« ließ sich eine feine Stimme aus den hinteren Reihen vernehmen. »Wo soll er denn mit dem Mädel hin?« »Das ist gegen das Gesetz,« rief ein Dritter. »Was wollt ihr?« brüllte der Offizier und stürzte in heftiger Wut auf die Menge los. »Ich werde euch gleich beibringen, was gesetzlich ist, und was nicht. Wer hat das gesagt, du oder du?« »Alle haben es gesagt, denn ...« entgegnete ein Gefangener mit vierschrötiger Gestalt und dickem Gesicht. »Was, empören wollt ihr euch?« schrie der Offizier, »reißt das Mädel fort; ich werde euch lehren.« In der Menge wurde es still. Ein Soldat führte das verzweifelt weinende Kind fort, während ein anderer dem Gefangenen, der jetzt ganz still seine Hand hinhielt, die Handfesseln anlegte. »Bringt das Balg zu den Weibern hinüber,« rief der Offizier den Soldaten zu und schob sein Portepee am Säbel wieder zurecht. Das kleine Mädchen bemühte sich indessen, seine Hände aus dem Tuch zu befreien und schrie fortwährend mit blutrotem Gesicht. Marie Pawlowna trat aus der Schar hervor und wandte sich den Soldaten zu. »Wenn Sie nichts dagegen haben, Herr Leutnant, so werde ich das Kind tragen.« Der Soldat, der das Mädchen bei der Hand hielt, blieb stehen, während der Offizier in mürrischem Tone fragte: »Wer bist du denn?« »Eine politische Gefangene, Herr!« Das schöne Gesicht von Marie Pawlowna und ihre großen, stark hervortretenden Augen, die er schon bemerkt hatte, als er das Kommando übernommen, machten auf den Offizier einen tiefen Eindruck. Er sah sie längere Zeit, ohne etwas zu erwidern, an, schien sich die Sache zu überlegen und erklärte dann: »Nehmen Sie sie meinetwegen, wenn Sie wollen. Es ist ja ganz recht, daß sie Ihnen leid thut, aber wer bürgt mir dafür, daß er nicht ausrückt?« »Wie sollte er denn mit dem Kinde ausrücken?« entgegnete Marie Pawlowna. »Ach was, ich habe mich mit Ihnen nicht zu unterhalten; wenn Sie wollen, können Sie sie nehmen.« »Soll ich sie übergeben?« fragte der Soldat seinen Vorgesetzten. »Ja, ja, gieb sie nur!« »Komm' zu mir her,« sagte Maria Pawlowna und versuchte nun, die Kleine zu sich herüberzuziehen. Doch die Kleine brüllte fortwährend weiter, versuchte, als der Soldat sie losgelassen, wieder zu ihrem Vater zurückzulaufen, und wollte nicht zu Marie Pawlowna gehen. »Warten Sie, Marie Pawlowna,« sagte Katuscha, und holte eine Bretzel aus ihrem Reisesack hervor. Das Kind kannte Katuscha, und als es ihr Gesicht und das Gebäck bemerkte, beruhigte es sich zusehends. Alles wurde wieder still. Das große Thor wurde aufgerissen, der Zug der Gefangenen wanderte hinaus, und nahm Aufstellung, während die Soldaten die Trennung der Sträflinge wieder vornahmen, das Gepäck auf die Wagen packten, es dort festbanden und den Schwächlichen und Kranken die Erlaubnis zum Einsteigen erteilten. Katuscha, die das kleine Mädchen auf dem Arm trug, ging zu den Frauen zurück und nahm neben Fedossja Aufstellung. Simonson aber, der die ganze Zeit über den Vorgang, ohne ein Wort zu sagen, angesehen hatte, trat jetzt mit festem, entschiedenem Schritt auf den Offizier zu, der alle seine Befehle erteilt und seine Anordnungen getroffen hatte und sich ebenfalls in seinen Wagen setzen wollte. »Was Sie da gethan haben, war schlecht, Herr Leutnant,« sagte Simonson. »Begeben Sie sich an Ihren Platz, das geht Sie gar nichts an,« versetzte der Offizier. »Doch geht es mich etwas an, und es ist meine Pflicht, Sie darauf aufmerksam zu machen, daß Sie unrecht gehandelt haben,« versetzte Simonson und warf dem Offizier aus seinen dunklen Augen einen durchbohrenden Blick zu. »Fertig, vorwärts marsch!« schrie der Offizier, ohne Simonson weiter die geringste Beachtung zu schenken; dann stützte er sich auf die Schulter des Soldaten, der bei ihm Kutscherdienste versah, und stieg in den Wagen. Wieder setzte sich der Zug der Gefangenen in Bewegung und wanderte hinaus in die ausgetretene, mit Kot bedeckte und durch einen dichten Wald führende Landstraße, neben der sich auf beiden Seiten tiefe Gräben hinzogen. Zweites Kapitel Nach dem schwelgerischen und erschlaffenden Leben, das Katuscha in den letzten sechs Jahren in der Stadt geführt, und den zwei Monaten, die sie unter den Verbrechern im Gefängnisse verlebt, erschien ihr das Leben, das sie jetzt bei den politischen Gefangenen führte, trotz aller Mühseligkeiten und Unannehmlichkeiten, die sie zu erdulden hatte, recht schön. Die Etappen, bei denen sie bei kräftiger Nahrung zwanzig bis dreißig Werst zurücklegte – zwischen je zwei Wandertagen wurde ein Ruhetag eingeschoben – hatten sie körperlich gestärkt, und der Verkehr mit den neuen Leidensgefährten hatte ihr ganz neue Interessen geschaffen, die ihr bis dahin unbekannt geblieben waren. Hocherfreut war sie über alle ihre neuen Gefährten, ganz besonders aber über Marie Pawlowna, der sie mit ehrfurchtsvoller und herzlicher Liebe zugethan war. Sie beobachtete mit der größten Verwunderung, wie dieses schöne Mädchen, das dem reichen Hause eines Generals entstammte und drei Sprachen vollendet beherrschte, sich wie die gewöhnlichste Arbeiterin benahm, wie sie alles, was ihr reicher Bruder ihr schickte, an die andern verschenkte, nicht nur einfache, sondern sogar ärmliche Kleidungsstücke trug und auf ihr äußeres Wesen nicht das geringste gab. Gerade diese Anspruchslosigkeit, der auch nicht der kleinste Schimmer von Koketterie innewohnte, erregte bei Katuscha die meiste Bewunderung. Sie beobachtete, daß Katuscha ganz genau wußte, daß sie schön war, und daß sie auch gern daran dachte; doch der Eindruck, den sie auf die Männer hervorbrachte, erfüllte sie nicht mit Freude, sondern mit Furcht, und sie hegte stets Abscheu und Angst vor etwaigen Zudringlichkeiten. Ihre Gefährten, die diese Gefühle bei ihr genau kannten, empfanden wohl Zuneigung zu ihr, wagten jedoch nicht, sie ihr zu zeigen, und verhielten sich ihr gegenüber genau so, wie gegen andere männliche Leidensgefährten. Nur Leute, die sie nicht kannten, wurden oft zudringlich gegen sie, und wie sie selbst sagte, hatte sie nur ihre große Körperkraft gerettet, auf die sie sich ganz besonders stolz zeigte. »Einmal,« so erzählte sie unter lautem Lachen, »trat auf der Straße ein fremder Herr auf mich zu und wollte mich nicht in Frieden lassen; da habe ich ihn aber gepackt und geschüttelt, daß er Angst bekam und sich schleunigst aus dem Staube machte.« »Das vornehme Leben,« so erklärte sie oft, »wäre ihr von frühester Jugend an widerwärtig erschienen, dagegen habe sie sich für das Leben des gewöhnlichen Volkes interessiert, und man habe sie oft ausgescholten, weil sie sich in der Gesindestube, in der Küche und im Stall aufgehalten habe, aber nicht in den Salon kommen wollte.« »Mit unsern Köchinnen, Mägden und Kutschern konnte ich mich sehr gut verständigen, aber bei unsern vornehmen Herren und Damen war es mir zu langweilig,« meinte sie. »Später, als ich dann mehr zur Vernunft kam, erkannte ich, daß wir ein recht schlechtes Leben führten. Eine Mutter besaß ich nicht, und meinen Vater konnte ich nicht lieben. Im Alter von neunzehn Jahren ging ich mit einer Freundin aus dem Hause und trat als Arbeiterin in eine Fabrik.« Sie hatte sich dann auf dem Lande aufgehalten und war darauf wieder in die Stadt gekommen, wo man sie verhaftet und zur Zwangsarbeit verurteilt hatte. Marie Pawlowna sprach niemals darüber, doch die andern teilten es Katuscha mit, daß man sie zur Zwangsarbeit verurteilt hatte, weil sie sich aus freien Stücken zur Schuld eines andern bekannt. Es fiel Katuscha auch auf, daß sie, seit sie mit ihr bekannt geworden war, nie für sich etwas erbat, sondern stets und ständig nur bemüht war, andern dienlich zu sein und sie in großen wie in kleinen Dingen zu unterstützen. Einer ihrer augenblicklichen Gefährten, ein gewisser Nowodworoff, sagte oft von ihr im Scherz, sie betreibe das Wohlthun wie einen wahren Sport. Und dem war auch wirklich so. Wie ein Jäger darauf erpicht ist, das Wild aufzupürschen, so richteten sich ihre gesamten Lebensinteressen darauf, sich andern nützlich zu erweisen. Diese Art Sport wurde bei ihr zur Gewohnheit und bildete sich zu ihrem einzigen Lebenszweck aus. Doch was sie that, that sie in so einfacher, natürlicher Manier, daß jeder, der sie kannte, ihre Hilfeleistung als etwas ganz Selbstredendes betrachtete. Zuerst hatte Marie Pawlowna, als sie Katuscha kennen gelernt, einen Widerwillen gegen sie empfunden, und Katuscha war das nicht unbekannt geblieben. Später aber machte sie die Entdeckung, daß Marie Pawlowna lebhaft bemüht war, sich ihr gegenüber ganz besonders herzlich und gütig zu zeigen, und die herzbezwingende Liebenswürdigkeit dieses außergewöhnlichen Geschöpfes machte einen so tiefen Eindruck der Rührung auf Katuscha, daß sie sich ihr mit Herz und Seele weihte, sich unwillkürlich alle ihre Lebensanschauungen zu eigen machte, und sie instinktiv in allen Dingen kopierte. Diese hingebende, aufopfernde Zuneigung Katuschas erfüllte Marie Pawlowna mit tiefer Rührung, und deshalb erwiderte sie Katuschas Liebe. Ferner verband diese beiden Frauen die Abneigung, die alle beide der geschlechtlichen Liebe entgegenbrachten. Die eine haßte diese Liebe, weil sie sie von der häßlichsten, empörendsten Seite kennen gelernt, die andere, weil sie sie, ohne daß sie ihr bekannt geworden, als etwas Unfaßbares betrachtete, das ihr gleichsam als eine Widerwärtigkeit und eine Beleidigung der Menschenwürde erschien. Katuscha hatte sich Marie Pawlowna ganz und gar zu eigen gegeben, und dieser Einfluß wirkte deshalb so stark, weil Katuscha sie liebte. Einen andern Einfluß übte Simonson auf sie aus, und dieser Einfluß machte sich dadurch geltend, daß Simonson Katuscha liebte. Alle Menschen leben und schaffen zum Teil nach ihren eigenen Ideen, zum Teil nach denen der andern. Inwiefern die Menschen nun nach ihren eigenen Ideen und nach denen der andern leben, das ist eben einer der bedeutendsten Unterschiede, der die Menschen von einander trennt. Die einen lassen in den meisten Fällen ihre eigene Vernunft wie ein Rad wirken, von dem man die Treibriemen entfernt hat; in ihren Handlungen jedoch folgen sie fremden Ideen, der Sitte, der Tradition und dem Gesetz. Andere wieder lassen sich hauptsächlich bei allen ihren Handlungen von ihren eigenen Ideen leiten; sie hören stets auf das, was ihre Vernunft ihnen predigt und lassen sich von ihr leiten; nur in seltenen Fällen, und wenn sie sorgsam geprüft und erwogen, befolgen sie das, was andere bestimmt haben. Der letzten Kategorie gehörte Simonson an; er überlegte lange und ließ sich nur von der Vernunft bestimmen; hatte er dann aber etwas bestimmt, so that er es auch. Da er sich schon auf dem Gymnasium zu der Erkenntnis durchgerungen hatte, sein Vater, ein Verwaltungsbeamter, hätte sein Vermögen nicht in rechtschaffener Weise erworben, so erklärte er demselben, er müsse sein Geld an das Volk wieder abgeben. Als sein Vater aber nichts davon hören wollte und ihn in zornigen Worten anschrie, ging er aus dem Hause, um nicht weiter von dem Gelde seines Vaters zu leben. Da er zu der Ueberzeugung gekommen war, das herrschende Unglück stamme nur von der Unbildung des Volkes, so verkehrte er, nachdem er die Universität verlassen, hauptsächlich mit dem Volke. Er wurde Dorflehrer, erklärte dort seinen Schülern und den Bauern mit keckem Mute alles, was er für richtig erkannt, und leugnete alles, was er als falsch und ungerecht erkannt hatte. Man verhaftete ihn und stellte ihn unter Anklage. Im Laufe der Gerichtsverhandlung war ihm die Erkenntnis aufgegangen, daß die Gerichte gar nicht das Recht hatten, ihn zu verurteilen, und diesem Gedanken verlieh er auch Ausdruck. Als die Richter seiner Ansicht nicht beitraten und die Verhandlung weiter fortsetzten, faßte er den Entschluß, auf keine Frage mehr Antwort zu geben und von nun an zu schweigen. Daraufhin verurteilte man ihn zur Verschickung in das Gouvernement Archangalsk, wo er sich eine Religionslehre zurechtmachte, nach der er alle seine Handlungen regelte. Diese Religionslehre hatte folgenden Inhalt: alles, was sich auf der Erde befindet, ist lebendig; etwas Totes giebt es nicht; denn alle Gegenstände, die wir für tot und unorganisch ansehen, sind nichts weiter, als einzelne Teile eines unermeßlichen organischen Körpers, den zu erfassen und zu begreifen wir außer stande sind. Deshalb ist dem Menschen auch die Aufgabe gestellt, das Leben dieses organischen Körpers und alle demselben innewohnenden lebendigen Stücke zu erhalten. Aus diesem Grunde betrachtete er es auch als ein Verbrechen, etwas Lebendiges zu zerstören. Auch hinsichtlich der Ehe hatte er sich seine eigene Theorie zurechtgelegt, und diese Theorie lehrte, die allerniedrigste Thätigkeit des Menschen sei die Fortpflanzung des Menschengeschlechts; die höchste Thätigkeit aber sei es, sich dem, was bereits lebt, dienstbar zu erweisen. Er fand diese seine Lehre in dem Vorhandensein der Blutgefäße bekräftigt. Ebensolche Blutgefäße bildeten seiner Ansicht nach die unverheirateten Menschen, denn ihnen war die Aufgabe gestellt, den schwachen, kränklichen Teilen des Organismus hilfreich zur Seite zu stehen, und als solche Blutkörperchen betrachtete er sich und Marie Pawlowna. Seine Theorie wurde auch durch seine Liebe zu Katuscha nicht beeinträchtigt, denn diese liebte er nur platonisch, und eine solche Liebe war seiner Meinung nach nicht allein kein Hindernis, sich den Schwachen gegenüber hilfreich zu zeigen, nein, sie war sogar ein Ermunterungsmittel dazu. In derselben Weise, wie er Fragen der Sittlichkeit und Moral auf seine Weise erledigte, ebenso verfuhr er auch bei der Mehrzahl der praktischen Fragen nach seinem eigenen Ermessen. Er hatte sich für praktische Angelegenheiten seine eigenen Theorien zurechtgelegt, er stellte bestimmte Regeln und Gesetze auf, wieviel Stunden man arbeiten, wieviel Stunden man sich ausruhen solle, wie man sich ernähren und wie man sich kleiden müsse, ja, selbst, wie man den Ofen heizen und Licht anstecken solle. Dabei war Simonson aber im höchsten Grade schüchtern, zurückhaltend und bescheiden, dagegen ließ er sich aber, wenn er einmal einen Entschluß gefaßt, durch nichts davon abbringen. So war dieser Mensch beschaffen, der Katuscha liebte, und gerade dadurch einen gewaltigen Einfluß auf sie ausübte. Mit dem jedem weiblichen Wesen innewohnenden Taktgefühl erkannte Katuscha das sehr bald, und das Selbstbewußtsein, daß sie sich die Liebe eines so außergewöhnlichen Menschen zu erringen gewußt, erhöhte sie in ihren eigenen Augen. Nechludoff hatte ihr aus Großmut und mit Rücksicht auf die Ereignisse der Vergangenheit versprochen, sie zu heiraten; Simonson aber liebte sie so, wie sie eben war; er liebte sie eben, weil er sie liebte. Ferner hatte sie die Empfindung, Simonson betrachte sie als ein außergewöhnliches Wesen, das sich von allen andern Frauen durch besonders hohe moralische Vorzüge unterschied. Sie war sich noch nicht darüber klar geworden, welche Vorzüge er in ihr vermutete, doch war sie jedenfalls, um ihn in seinen Erwartungen nicht zu täuschen, auf das eifrigste bestrebt, die trefflichsten Vorzüge zur Schau zu tragen, die sie sich nur denken konnte. Und deshalb war sie bemüht, so gut zu sein, wie sie es nur irgend im stande war. Damit hatte sie schon im Gefängnis angefangen, als sie den Verkehr der politischen Gefangenen miteinander angesehen und dabei bemerkt hatte, wie Simonson seine unschuldigen, gütigen, dunkelblauen Augen unter der gesenkten Stirn oft längere Zeit auf ihr ruhen ließ. Schon damals war es ihr zum Bewußtsein gekommen, daß er ein ganz hervorragender Mensch war, und daß er sie immer ganz eigentümlich anschaute. Es war ihr auch aufgefallen, daß dieser unbewußt finstere und auffallende Gesichtsausdruck nur durch die wirren Haare und die zusammengezogenen Augenbrauen erzeugt wurde, daß sich aber in diesen düsteren Ausdruck eine kindliche Harmlosigkeit und Unschuld in ganz eigentümlicher Weise mischte. Als sie in Tomsk der Abteilung der politischen Gefangenen zugewiesen wurde, sah sie ihn wieder, und obwohl sie nicht ein einziges Wort miteinander austauschten, sagte doch der Blick, den sie wechselten, klar und deutlich, wie hoch sie sich gegenseitig achteten. Auch später kam es nicht zu richtigen Unterhaltungen zwischen ihnen, doch Katuscha hatte die Empfindung, daß er seine Worte an sie richtete, wenn er ihr nahe war, daß er für sie nur sprach und sich stets bemühte, sich ihr so verständlich wie nur möglich zu machen. Seit der Zeit aber, da er mit den schweren Verbrechern zu Fuß wanderte, begannen sie sich gegenseitig näherzutreten. Drittes Kapitel Auf der Reise von Nischni-Nowgorod war es Nechludoff nur zweimal gelungen, Katuscha zu sprechen. Das erste Mal war es in Nischni-Nowgorod gewesen, als man die Gefangenen auf eine mit einem Drahtnetz überflochtene Barke brachte, das andere Mal in Perm im Bureau des Gefängnisses; doch beide Male hatte sie sich schweigsam und zurückhaltend benommen. Als er sie gefragt, ob sie sich wohl befände und ob sie denn gar nichts brauche, hatte sie ihm ausweichende, mürrische Antworten gegeben und ihm dasselbe vorwurfsvolle und brummige Wesen gezeigt, das er schon früher einmal an ihr wahrgenommen hatte. Nechludoff bereitete diese ihre trübselige Stimmung, die ihren Grund einzig und allein in den zudringlichen Belästigungen von seiten der Männer hatte, unter denen sie gerade damals zu leiden gehabt, große Sorgen. Er hegte die Befürchtung, sie könnte unter der Einwirkung dieser Belästigungen und dieser entsittlichenden Zustände, denen sie während der ganzen Wanderung ausgesetzt war, wieder aufs neue in den vorigen Zustand der Verzweiflung und Vereinsamung zurücksinken, in welchem sie auf ihn im höchsten Grade erbittert gewesen, viel geraucht und im Branntwein Vergessenheit und Betäubung gesucht hatte. Er hatte aber keine Ahnung, wie er ihr hilfreich zur Seite stehen konnte, denn während des ganzen ersten Teiles des Marsches war es ihm nicht möglich gewesen, mit ihr zusammenzukommen, und erst, als man sie der Abteilung der politischen Gefangenen zugewiesen hatte, konnte er sich nicht nur davon überführen, daß seine Befürchtungen vollständig unbegründet waren, nein, er machte auch sogar die Wahrnehmung, daß sich immer mehr und mehr jene Wandlung in ihr vollzog, die er so sehnsüchtig erhofft und erfleht hatte. Schon als er sie das erste Mal in Tomsk wiedersah, war sie genau ebenso wie am Tage der Abreise. Ihr Gesicht ward nicht mürrisch und finster, wenn sie die Blicke auf ihn richtete, sondern sie trat ihm, ganz im Gegenteil, fröhlich und harmlos entgegen und sprach ihm ihren Dank dafür aus, was er für sie gethan, besonders aber war sie ihm dafür dankbar, daß er sie den Leuten zugeführt, unter denen sie sich jetzt aufhielt. Nach ferneren zwei Monaten der Wanderung machte sich die Veränderung, die in ihr vorging, auch in ihrer äußeren Erscheinung bemerkbar. Sie magerte ab, ihr Gesicht wurde sonnenverbrannt, und sie machte den Eindruck, als wäre sie etwas gealtert. An den Schläfen und in den Mundwinkeln traten kleine Falten hervor; sie ließ die Haare nicht mehr in die Stirn hineinfallen, sondern trug ein Tuch um den Kopf; auch war weder in ihrer Kleidung, noch in ihrer Frisur oder in ihren Manieren die früher so stark hervortretende Koketterie zu entdecken. Diese Umwandlung aber, die sich in ihr vollzogen und sich jetzt noch in ihr vollzog, erfüllte Nechludoff mit hoher Freude. Er hegte jetzt ein Gefühl für sie, wie er es ihr gegenüber bisher nie empfunden hatte. Dieses Gefühl hatte keinerlei Gemeinschaft mit seinen ersten poetischen Tändeleien und noch weniger mit der geschlechtlichen Liebe, die er später kennen gelernt; ebensowenig hatte es mit dem Bewußtsein der Pflichterfüllung und dem Wohlgefallen mit sich selbst, als er sich nach der Gerichtsverhandlung zu dem Entschlusse aufgerafft hatte, er müsse sie heiraten, etwas zu thun. Das Gefühl, das er jetzt empfand, war dasselbe einfache Gefühl der Rührung und des Mitleids, das er zuerst kennen gelernt, als er sie im Gefängnis wiedergesehen hatte, das sich, mit erneuter Gewalt nach der Scene im Hospital wiederholt hatte, wo er seinen Abscheu besiegt und ihr das angebliche Verhältnis mit dem Krankenwärter vergeben hatte, das sich später als erlogen herausstellte. Dasselbe Gefühl empfand er auch jetzt, doch mit dem Unterschied: früher war es nur oberflächlich, vorübergehend gewesen, jetzt aber hatte es sich dauernd gefestigt. Was er auch denken, was er auch thun mochte, stets bekam jenes Gefühl der Rührung, des Mitleids und der Zärtlichkeit die Oberhand, das er nicht allein für sie, sondern für alle Menschen empfand. Es war gleichsam, als hätte diese Anschauungsweise in Nechludoffs Seele einem Strom von Liebe Durchgang gewährt, der sich früher nicht hatte ergießen können, der jetzt aber auf alle Menschen herabbrauste, mit denen er in Berührung kam. Auf der ganzen Reise lebte Nechludoff in diesem Zustand der Ekstase, die ihn unbewußt gegen alle Menschen, mit denen er zusammenkam, vom Kutscher und gemeinen Soldaten bis zum Gefängnisinspektor und Gouverneur herauf, teilnahmsvoll und mitfühlend werden ließ. Dadurch, daß man Katuscha der Abteilung der Politischen zugewiesen hatte, machte Nechludoff auch die Bekanntschaft vieler politischer Verbrecher, Ganz zuerst in Jekaterinenburg, wo man alle ganz harmlos zusammen in einer großen Stube eingesperrt hatte; dann machte er die nähere Bekanntschaft der fünf Männer und vier Frauen, denen man Katuscha überwiesen hatte. Als Nechludoff in nähere Beziehungen zu ihnen trat, kam er bald zu der Ueberzeugung, daß das nicht alles durchgehends Schurken waren, wie so viele glaubten, und ebenso wenig Helden, wofür sich einige von ihnen ansahen, nein, es waren ganz gewöhnliche Menschen, und unter diesen gab es, wie auch überall sonst, gute, schlechte und mittelmäßige Menschen. Auch solche waren darunter, die von selbstsüchtigen, ruhmgierigen Motiven sich leiten ließen; die meisten aber waren von dem Verlangen fortgerissen worden, Gefahren zu bestehen, von dem Genusse, ihr eigenes Leben aufs Spiel zu setzen, Gefühlen, die man täglich bei der kraftstrotzenden Jugend findet, und die Nechludoff noch von seiner militärischen Dienstzeit her kannte. Als er näher mit ihnen bekannt wurde, kam Nechludoff zu der Erkenntnis, es wären genau solche Menschen wie alle andern, nur einzig und allein mit dem Unterschiede, daß die von ihnen, die den Durchschnitt überragten, bedeutend höher, die unter ihm standen, bedeutend niedriger zu werten waren, als die andern. Auch viele liederliche, prahlsüchtige, egoistische und hochmütige Menschen waren dabei, und so kam es, daß Nechludoff einzelne seiner neuen Bekannten sehr gleichgültig behandelte, während er andern wieder mit aufrichtiger Hochachtung entgegenkam. In der Sektion, der man Katuscha zugewiesen hatte, wanderte auch ein an der Schwindsucht leidender Jüngling Namens Krülzoff, den man zur Zwangsarbeit verurteilt und den Nechludoff ganz besonders lieb gewonnen hatte. Er hatte ihn bereits in Jekaterinenburg kennen gelernt, war später auf dem weiten Marsche noch mehrmals mit ihm zusammengetroffen und hatte sich mit ihm in ein Gespräch eingelassen. Eines Tages, im Sommer, als die Sektion gerade Rast hielt, hatte sich Nechludoff mehrere Stunden bei ihm aufgehalten, und bei dieser Gelegenheit hatte ihm Krülzoff seine ganze Geschichte erzählt, die bis zu seiner Einkerkerung sehr kurz war und folgendermaßen lautete: Als er noch im zartesten Knabenalter stand, war sein Vater, ein Gutsbesitzer im südlichen Rußland, gestorben. Er war das einzige Kind seiner Eltern, und die Mutter übernahm die Erziehung. Sowohl auf dem Gymnasium wie auch auf der Universität lernte er sehr leicht und absolvierte seine Studien mit dem Zeugnis eines ersten Kandidaten der mathematischen Fakultät. Man machte ihm nun das Anerbieten, bei der Universität zu verbleiben und zu diesem Zwecke seine Studien noch weiter im Auslande fortzusetzen. Er schwankte und zögerte, denn er hatte sich in ein Mädchen verliebt, das er zu heiraten gedachte und mit dem er sich auf dem Lande niederlassen wollte. Er hatte allerlei im Sinne, konnte es aber nicht über sich gewinnen, sich zu irgend etwas zu entschließen. Gerade um diesen Zeitpunkt ersuchten ihn seine Studiengefährten um Geld für das »allgemeine Wohl«. Er wußte wohl, was unter dem »allgemeinen Wohl« zu verstehen war, hatte aber zu jener Zeit nicht das geringste Interesse dafür, und nur aus Rücksicht auf seine Freunde, aus Gründen der Eigenliebe, um nicht den Glauben in ihnen zu erwecken, er fürchte sich , steuerte er das Geld bei. Die Empfänger des Geldes wurden bald darauf verhaftet, man fand bei ihnen ein Schreiben, aus dem hervorging, daß Krülzoff das Geld gespendet hatte. So wurde auch dieser verhaftet und ins Gefängnis geworfen. Er erzählte Nechludoff das alles, während er auf seinem hohen Lager, eine Decke auf den Knieen, dasaß und mit dem starren Blicke seiner großen schwarzen Augen gerade vor sich hin ins Leere starrte. »In dem Gefängnis,« sagte er, »in das man mich geworfen hatte, war die Behandlung verhältnismäßig milde. Wir konnten uns nicht allein miteinander verständigen, sondern uns auch in den Korridoren treffen, uns unterhalten, unsere Eßwaren und unseren Tabak miteinander teilen und abends im Chore singen. Diese abendlichen Gesänge machten mir viel Vergnügen, denn ich hatte eine schöne Stimme. Hätte ich nicht an den Kummer meiner Mutter denken müssen, die meine Verhaftung in Verzweiflung versetzt hatte, so wäre ich vollkommen glücklich gewesen. Ich hatte die Bekanntschaft mehrerer sehr interessanter Personen gemacht, ganz besonders die des berühmten Petroff, der sich später mit einem Glasscherben die Kehle durchschnitt. Doch ich war nicht immer Revolutionär und fühlte auch nicht die geringste Anlage, es zu werden. Eines Tages brachte man zwei junge Leute in das Gefängnis, die man nach Sibirien geschickt, weil sie polnische Proklamationen verteilt und während der Reise einen Fluchtversuch unternommen hatten. Der eine von ihnen war ein Pole, Lozinski, der andere hieß Rosenberg und war jüdischen Ursprungs. Dieser Rosenberg war noch ein Kind. Er behauptete, er wäre siebzehn Jahre, doch man sah, daß er kaum fünfzehn zählte. Klein, mager, mit feurigen, schwarzen Augen, war er beweglich, geschwätzig und wie alle Juden ein sehr guter Musiker. Seine Stimme hatte noch nicht mutiert, und es war ein Vergnügen, ihn singen zu hören. Einige Tage nach ihrer Ankunft im Gefängnis wurde gegen sie verhandelt. Man holte sie morgens ab, und als sie abends zurückkehrten, teilten sie uns mit, man hätte sie zum Tode verurteilt. Das hatte niemand erwartet. Sie hatten wohl Widerstand zu leisten versucht, als man sie wiedergefangen hatte, doch niemanden verwundet, Uns wäre auch nie der Gedanke in den Kopf gekommen, man könne ein Kind, wie diesen Rosenberg, zum Tode verurteilen. Daher waren wir auch alle in dem Gefängnis der Meinung, diese Verurteilung sollte sie nur erschrecken, würde aber nie zur Ausführung gelangen. Die Aufregung, in die uns dieses Ereignis versetzt, beruhigte sich schließlich, und wir setzten unser Leben wie früher fort. Eines Tages aber nähert sich mir der Aufseher und teilt mir ganz geheimnisvoll mit, die Arbeiter wären gekommen, um den Galgen aufzurichten. Zuerst verstand ich gar nicht. Den Galgen? Was für einen Galgen? Selbst der alte Aufseher schien so aufgeregt, daß ich, als er mich ansah, alles begriff. Ich wollte Zeichen geben, meine Kameraden benachrichtigen, doch ich fürchtete, meine beiden Nachbarn könnten mich hören. Uebrigens mußten meine Kameraden wohl auch schon unterrichtet sein, denn in den Gängen und Zellen war plötzlich eine Totenstille eingetreten. Niemand war an diesem Abend zum Singen, ja nicht einmal zum Sprechen aufgelegt. Gegen zehn Uhr trat der alte Wärter wieder auf mich zu und teilte mir mit, der Henker wäre eben von Moskau angekommen. Er teilte mir das mit und entfernte sich. Ich rief ihn zurück, um noch weitere Erkundigungen einzuziehen, als ich hörte, wie Rosenberg mir aus seiner Zelle zurief: »Was giebt's denn, warum rufen Sie ihn denn?« Ich erwiderte ihm, ich wolle nur Tabak haben; doch Rosenberg mußte offenbar etwas ahnen, denn er fragte mich dann in aufgeregtem Tone, warum nicht gesungen würde und warum niemand spräche. Ich erinnere mich nicht mehr, was ich ihm erwiderte, und weiß nur, daß ich mich schlafend stellte, um dieser Unterhaltung ein Ende zu machen. Ich schlief aber die ganze Nacht nicht. Eine entsetzliche Nacht! Nie werde ich diese furchtbaren Stunden vergessen können. Ich blieb unbeweglich auf meinem Bette liegen, lauschte auf das geringste Geräusch und zitterte, als sollte ich selbst gehängt werden. Bei Tagesanbruch hörte ich, wie die Thür des Korridors sich öffnete, und zahlreiche Schritte sich näherten. Ich stand auf und lief an das Guckfenster meiner Zelle. Zuerst sah ich den Gefängnisdirektor vorüberkommen. Er war ein großer, dicker, mit sich selbst sehr zufriedener Herr, der sonst den Kopf sehr hoch trug; doch an diesem Tage war er blaß, düster und ging mit gesenkten Augen. Hinter ihm kam ein Polizeileutnant, dem zwei Gendarmen folgten. Diese vier Personen schritten an meiner Zelle vorüber, um einige Schritte weiter stehen zu bleiben. Dann hörte ich den Offizier mit eigentümlicher Stimme rufen: »Lozinski, stehen Sie auf und ziehen Sie ein weißes Hemd an!« Dann lange Pause, dann höre ich die Schritte Lozinskis, wie er die Zelle verläßt. Durch mein Guckfenster konnte ich nur noch den Direktor sehen. Er stand bleich und entstellt da und drehte an seinem Schnurrbart, ohne den Kopf zu erheben. Plötzlich sehe ich aber, wie er ganz entsetzt zurückweicht. Lozinski ging nämlich an ihm vorüber, um sich der Thür meiner Zelle zu nähern. Ein schöner junger Mann, dieser Lozinski! Sie wissen doch, jener reizende polnische Typus: breite, gerade Stirn, feine blonde Härchen und große blaue Augen, wahre Kinderaugen. Ein junger Mensch voll Gesundheit und Leben, eine wahre menschliche Blüte! Er war an meinem Guckfenster stehen geblieben, so daß ich sein Gesicht vollständig sehen konnte. Dieses Gesicht war schrecklich anzusehen, dieses gleichzeitig düstere und lächelnde Gesicht. »Krülzoff, haben Sie eine Cigarette?« Ich wollte ihm eine geben, als der Direktor mit fieberhafter Eile sein Etui hervorholte und es ihm reichte. Lozinski nahm eine Cigarette, der Offizier gab ihm Feuer, und er fing an, mit nachdenklicher Miene zu rauchen. Plötzlich aber erhob er den Kopf, als wenn er sich an etwas erinnerte und murmelte: »Das ist ungerecht, ich habe nichts Böses gethan, ich ...« Ein Zittern erschütterte seinen jungen weißen Hals, und er schwieg. In demselben Augenblick hörte ich, wie Rosenberg in seiner Zelle mit seiner scharfen jüdischen Stimme zu schreien anfing. Lozinski warf seine Cigarette fort und trat von meiner Thür weg. Jetzt stellte sich Rosenberg davor. Sein Kindergesicht mit seinen, kleinen schwarzen Augen war rot und mit Schweiß bedeckt. Auch er trug ein reines Hemd, seine Hose war zu weit; er hob sie fortwährend mit seinen beiden Händen hoch, und sein ganzer Körper zitterte beständig. Er näherte meinem Guckfenster sein hageres Gesicht und sagte: »Nicht wahr, Anatol Petrowitsch, ich bin krank, der Arzt hat mir Brustthee verordnet? Ich will noch Brustthee trinken.« Niemand antwortete ihm, und er warf flehende Blicke bald auf mich, bald auf den Direktor. Was er mit seinem Brustthee eigentlich sagen wollte, habe ich niemals erfahren. Von neuem erhob der Offizier die Stimme und sagte diesmal in strengem Tone: »Na, machen Sie keine Witze, vorwärts!« Aber Rosenberg war augenscheinlich außer stande, zu begreifen, was man von ihm wollte. Zuerst fing er an, durch, den Korridor zu laufen, dann blieb er stehen, und ich hörte sein Flehen und Schluchzen. Dann entfernten sich die Töne und wurden immer leiser, die Thür des Korridors schloß sich wieder, und ich hörte nur noch zeitweise das verzweifelte Geschrei des kleinen Rosenberg. Sie wurden gehängt. Ein Aufseher, der der Prozedur beigewohnt, erzählte mir, Lozinski hätte alles mit sich ruhig geschehen lassen, doch Rosenberg hätte sich lange gesträubt, so daß man ihn auf das Schaffot tragen und ihm den Kopf mit Gewalt in die Schlinge stecken mußte. Dieser Aufseher war ein kleiner Mensch, den der Trunk heruntergebracht hatte. »Man hatte mir immer gesagt, Herr, es wäre schrecklich anzusehen, aber nein, das war es gar nicht. Sobald sie den Kopf in der Schlinge hatten, haben sie nur noch zweimal mit den Schultern gezuckt. Dann hat der Henker den Knoten aufgelockert, und alles war aus; ich versichere Sie, es war gar nicht schrecklich.« Noch lange Zeit blieb Krülzoff in tiefes Schweigen versunken, nachdem er seine Erzählung beendet hatte, Nechludoff sah, daß seine Hände zitterten und daß er an sich halten mußte, um sein Schluchzen zu unterdrücken. »Seit diesem Tage bin ich Revolutionär geworden,« fuhr er fort, als er sich beruhigt hatte, und erzählte in einigen Worten das Ende seiner Geschichte. Er hatte sich der Partei der »Populisten« angeschlossen und war der Anführer einer Gruppe geworden, die das Ziel verfolgte, die Regierung zu terrorisieren, damit diese auf die Macht verzichte und einzig und allein an das Volk appelliere. Im Namen seiner Gruppe hatte er sich nach Petersburg begeben, war im Auslande gereist, war nach Kiew und Odessa zurückgekehrt und hatte überall wirken können, ohne beunruhigt zu werden. Ein Mann, zu dem er volles Vertrauen hatte, hatte ihn denunciert; man hatte ihn verhaftet, zwei Jahre im Gefängnis behalten und endlich zum Tode verurteilt; doch war seine Strafe in lebenslängliche Zwangsarbeit umgewandelt worden. Im Gefängnis war er schwindsüchtig geworden, und hatte jetzt, in den Verhältnissen, in denen er sich befand, kaum noch wenige Monate zu leben. Er wußte das und war darüber durchaus nicht bekümmert. Er sagte zu Nechludoff, hätte man ihm ein zweites Leben geschenkt, er hätte es genau in derselben Weise angewendet, nämlich, um an der Zerstörung eines Zustandes zu arbeiten, in dem so viel Grausamkeiten und Ungerechtigkeiten erlaubt waren. Die Geschichte des Unglücklichen, sowie seine ganze Person klärten Nechludoff über viele Dinge auf, die er bis dahin nicht verstanden hatte. Viertes Kapitel An dem nämlichen Tage, an welchem sich beim Abmarsch die Scene zwischen dem Offizier und dem Verbrecher wegen des kleinen Mädchens abgespielt hatte, erwachte Nechludoff, der die Nacht in einem Wirtshause zugebracht, ziemlich spät am Morgen, und hatte noch eine Zeit lang mit Briefen zu thun, die er nach der Kreisstadt schicken wollte. Auf diese Weise geschah es, daß er das Wirtshaus später als sonst verließ und den Zug nicht mehr auf der Landstraße antraf; er kam nämlich erst gegen Einbruch der Dämmerung in das Dorf, in welchem die nächste, auf einen halben Tag berechnete Rast abgehalten wurde. Er säuberte sich in dem Gasthause, dessen Wirtin ein altes, beleibtes Weib mit ganz besonders weißem, dickem Hals war, und saß nun in einem saubern Zimmer, dessen Ausstattung in einer großen Anzahl von Heiligenbildern und andern Gemälden bestand. Hier nahm er den Thee zu sich und begab sich dann nach dem Rastgebäude, um den Offizier um die Erlaubnis zu bitten, den Gefangenen einen Besuch machen zu dürfen. An den letzten sechs Rasttagen hatten sämtliche Offiziere, obwohl sie sich ablösten, Nechludoff keinen Eintritt in das Rastgebäude gewährt, so daß er Katuscha schon seit längerer Zeit nicht zu Gesicht bekommen hatte. Diese außergewöhnliche Strenge hatte darin ihre Erklärung, daß man eine Revision von seiten eines durchreisenden hohen Beamten in Sachen des Gefängniswesens erwartete. Jetzt aber war dieser hohe Beamte bereits durchgereist, ohne den Gefangenenzug auch nur eines Blickes zu würdigen, und Nechludoff hegte deshalb die Hoffnung, der Offizier, der das Kommando am Morgen angetreten, werde ihm ebenso wie seine Vorgänger die Erlaubnis erteilen, mit Katuscha sprechen zu dürfen. Die Wirtin des Gasthauses wollte Nechludoff einen Tarantaß zur Verfügung stellen, mit dem er nach dem Rastgebäude fahren konnte, das am äußersten Ende des Dorfes lag, doch Nechludoff zog es vor, in Begleitung eines starkschultrigen Burschen, der ungeheuer große, mit Birkenharz geschmierte Stiefel trug, zu Fuß dorthin zu wandern. Ein dichter, feuchter Nebel fiel hernieder, und die Dunkelheit wurde so stark, daß Nechludoff den Burschen nicht mehr zu sehen vermochte, wenn er sich nur drei Schritte weit entfernte und der Lichtschein aus den Fenstern nicht auf ihn fiel. Er hörte dann nur noch, wie der Bursche mit seinen großen Stiefeln durch den dicken Kot tappte. Zuerst kamen sie über einen Platz, auf dem eine Kirche stand, und durch eine lange Straße, in der viele Fenster hell erleuchtet waren, und endlich gelangte Nechludoff mit seinem Begleiter an das Ende des Dorfes, das in tiefe Finsternis gehüllt war. Bald aber zuckten auch in dieser Dunkelheit rötliche Flämmchen auf, die den Nebel zerrissen. Das war das Licht der Laternen, die an dem Rastgebäude brannten. Diese rötlichen Flämmchen traten immer deutlicher hervor und vergrößerten sich, und bald zeigte sich auch die Umfriedigung und die dunkle Gestalt einer Schildwache, hinter der ein Laternenpfahl und ein Schilderhaus auftauchte. Wie üblich rief die Schildwache die Näherkommenden mit den Worten: »Wer da?« an, und als sich herausstellte, daß es Fremde waren, wurde sie so grob, daß sie Nechludoff nicht einmal gestatten wollte, neben der Umfriedung stehen zu bleiben. Doch sein Begleiter ließ sich durch den groben Ton der Schildwache nicht verblüffen, sondern sagte zu dem Soldaten: »Na, was ist denn los? Warum wirst du denn so wütend? Ruf' mal den Unteroffizier! Wir werden so lange hier warten!« Der Soldat erwiderte kein Wort, brüllte etwas in die Thür hinein und rührte sich nicht vom Flecke, sondern beobachtete mit aufmerksamem Blicke den stämmigen Burschen, der Nechludoffs Stiefel beim Scheine der Laterne mit einem Stückchen Holz von dem daran klebenden Schmutz säuberte. Jetzt ließ sich hinter der Umfriedigung ein dumpfes Gemisch von männlichen und weiblichen Stimmen vernehmen. Etwa drei Minuten später wurde das Rasseln von Ketten hörbar, eine Thür wurde aufgerissen, und in den Lichtschein der Laterne trat aus der tiefen Finsternis ein Unteroffizier, der in einen Mantel gehüllt war. Er fragte, was man wünsche, und Nechludoff übergab ihm seine Karte, die er bereits hervorgezogen, und auf der er die Bitte aussprach, man möchte ihm in persönlichen Angelegenheiten den Eintritt in das Gebäude gewähren. Der Unteroffizier war zwar nicht so grob wie die Schildwache, dafür zeigte er sich aber um so neugieriger, Er wollte um jeden Preis wissen, in welcher Angelegenheit Nechludoff den Offizier sprechen wollte, und wer er war. Nechludoff erklärte, er hätte eine rein persönliche Angelegenheit zu erledigen, fügte hinzu, er werde sich dankbar erweisen und bat, man möchte de Karte übergeben. Der Unteroffizier nahm sie an sich, nickte zustimmend mit dem Kopfe und verschwand. Einige Zeit darauf knarrte die Thür von neuem, und es erschienen einige Weiber, die Körbe, aus Birkenrinde geflochtene Eimer, irdene Töpfe und Leinensäcke trugen. Sie unterhielten sich eifrig in ihrem sibirischen Dialekt, während sie die Schwelle der Thür überschritten. Einzelne waren bäuerisch, andere wieder nach städtischer Mode gekleidet und trugen Mäntel und Pelze; die Röcke hatten sie hochgeschürzt, und um den Kopf hatten sie Tücher gebunden. Als sie Nechludoff und seinen Begleiter beim Scheine der Laterne erblickten, starrten sie sie mit neugierigen Augen an. Eine schien ganz besonders an dem kräftigen, stämmigen Burschen Wohlgefallen zu finden und überhäufte ihn im Spaß sofort mit einer Flut sibirischer Scheltworte. »Was treibst du denn hier, du Schweinekerl?« schrie sie ihm zu. »Ich habe einen Fremden hergeführt,« versetzte der Bursche. »Aber was trägst du denn da?« »Weißen Käse! Wir sollen morgen früh wieder herkommen!« »Na, aber über Nacht bleibt ihr doch nicht?« fragte der Bursche unter lautem Lachen. »Hol' dich der Teufel, du frecher Schreihals!« versetzte sie ebenfalls lachend. »Komm' lieber mit uns ins Dorf mit!« Der Bursche machte noch eine Bemerkung, über die nicht allein die Frauen, sondern auch die Schildwache in lautes Gelächter ausbrachen. Dann wandte er sich zu Nechludoff um und fragte: »Finden Sie denn auch den Weg? Werden Sie sich auch nicht verirren?« »Nein, nein; ich werde mich schon zurechtfinden.« »Na, also, wenn Sie an der Kirche vorbei sind, dann ist es von dem zweistöckigen Hause auf der rechten Seite das zweite. Da haben Sie auch meinen Spazierstock,« meinte er und gab Nechludoff den dicken, etwa mannshohen Knüppel in die Hand, den er mitgebracht hatte, um dann gleichzeitig mit den Weibern zu verschwinden. Mit seinen langen Stiefeln tappte er durch den Kot, und man hörte noch hin und wieder seine Stimme und die der Weiber, als die Thür von neuem knarrte und ein Unteroffizier heraustrat, der Nechludoff aufforderte, sich zum Offizier zu begeben. Fünftes Kapitel Das Rastgebäude lag ebenso wie alle Gebäude, in denen auf halbe und ganze Tage gerastet wurde, an der großen sibirischen Landstraße, in einem Hof, der von spitzen Palisaden umstellt war. Es befanden sich hinter demselben die einstöckigen Häuser. In dem einen, und zwar dem größten, das vergitterte Fenster hatte, brachte man die schweren Verbrecher unter, in dem andern hielt sich das Wachkommando auf, während das dritte den Offizieren als Aufenthaltsort und als Kanzlei diente. Sämtliche drei Häuser waren jetzt mit Lichtern beleuchtet, die wie stets, so auch hier, in den hellglänzenden Räumen den Anschein von Genuß und Behaglichkeit hervorriefen. Laternen brannten an den Eingängen, während der Hof von noch fünf andern erhellt wurde. Nechludoff wurde von dem Unteroffizier, der ihn über ein schmales Brett führte, zu der Treppe des kleinsten der drei Häuser geleitet. Dann ließ er ihn drei Stufen hinaufsteigen und öffnete ein kleines, von einer qualmigen Lampe beleuchtetes Vorzimmer, das mit Rauch angefüllt war, und in das er ihn vorangehen ließ. Am Ofen saß ein Soldat in grobem Hemd und einer Halsbinde und schwarzen Hosen, der einen Stiefel in der Hand hielt und mit dem zusammengedrückten Schaft desselben, den er wie einen Blasebalg handhabte, das Feuer in einem Samowar anblies. Als dieser Soldat Nechludoff bemerkte, wandte er sich von dem Samowar fort, half Nechludoff seinen schweren Mantel abnehmen und ging damit in das Nebenzimmer. »Er ist da, Ew. Gnaden!« »Na, dann bring' ihn doch 'rein,« versetzte eine brummige Stimme. »Treten Sie gefälligst ein,« sagte der Soldat und nahm gleich wieder seine vorige Thätigkeit am Samowar auf. In dem zweiten Zimmer, das sein Licht von einer Hängelampe erhielt, saß ein Offizier mit großem, blondem Schnurrbart und stark aufgedunsenem Gesicht; er trug eine Jacke, die seine breite Brust und seine Schultern stark hervortreten ließ; vor ihm stand ein mit Speiseüberresten und zwei Weinflaschen bedeckter Tisch. Ein scharfer Tabaksrauch durchzog das warme Zimmer, und außerdem verspürte man noch einen andern übeln und durchdringenden Geruch. Als der Offizier Nechludoff bemerkte, erhob er sich und musterte den Nähertretenden mit höhnischen und nichtachtenden Blicken. »Was wollen Sie?« fragte er, und rief dann, ohne auch eine Antwort abzuwarten, zur Thür: »Bernoff, bring' den Samowar! Ist der Thee bald fertig?« »Ja, gleich!« »Warte! Ich werde dir dein »Ja, gleich!« anstreichen, daß du dran denken sollst!« schrie der Offizier mit zornfunkelnden Augen. »Ich bring' ihn ja schon,« rief der Soldat und trat mit dem Samowar herein. Nechludoff wartete, bis der Soldat den Samowar auf den Tisch gestellt hatte, und sah dabei den Offizier an, der den Soldaten mit seinen kleinen, boshaft blinzelnden Augen betrachtete, als wenn er etwas gegen ihn im Schilde führte und nur auf den geeigneten Moment wartete, um einen Streich gegen ihn zu führen. Als der Samowar auf dem Tische stand, bereitete der Offizier Thee, dann holte er aus einem Reiseköfferchen eine viereckige Flasche Cognac und Albert-Cakes hervor, stellte alles auf die Tischdecke und fragte, sich wieder nach Nechludoff umwendend: »Was wünschen Sie also?« »Ich möchte Sie um die Erlaubnis bitten, mit einer Gefangenen sprechen zu dürfen,« sagte Nechludoff, der noch immer stand. »Mit einer Politischen? Das ist gesetzlich verboten,« sagte der Offizier. »Nein, diese Frau ist keine politisch Verurteilte,« versetzte Nechludoff. »Aber setzen Sie sich doch, bitte!« Nechludoff setzte sich. »Sie ist keine politische Gefangene,« fuhr er fort: »doch auf meine Bitte hat ihr die Behörde gestattet, sich bei den Politischen aufzuhalten.« »Ach ja, ich weiß,« versetzte der Offizier, »eine kleine Brünette, nicht wahr? Wirklich eine sehr niedliche Person. Na, meinetwegen sollen Sie sie sprechen. Wollen Sie rauchen?« Er reichte Nechludoff ein Paket mit Cigaretten und schob ihm ein Glas mit Thee hin. »Ich danke, ich möchte ...« »Der Abend ist lang, Sie haben ja noch Zeit, ich werde sie rufen lassen.« »Könnte ich sie nicht, anstatt daß Sie sie rufen lassen, auf ihrem Zimmer sprechen?« fragte Nechludoff. »In der Abteilung der Politischen Gefangenen? Das ist verboten,« »Man hat es mir schon mehrmals gestattet. Wenn man befürchten sollte, ich bringe Contrebande mit, so braucht man mich ja nur zu visitieren, und man wird sehen, daß ich nichts bei mir habe.« »Es ist gut, es ist gut,« sagte der Offizier, »ich verlasse mich auf Sie,« fuhr er fort und goß Cognac in Nechludoffs Glas. – »Sie wollen keinen Cognac? Nun, nach Ihrem Belieben. Wenn man in diesem verdammten Sibirien lebt, so ist es ein wahres Vergnügen, einem Manne der guten Gesellschaft zu begegnen. Sehen Sie, unser Dienst ist sehr hart, und das Schlimmste dabei ist, daß ein Polizeileutnant für die meisten Menschen eine grobe, plumpe, schlecht erzogene und unwissende Person ist. Man hat keine Ahnung, daß es unter uns Leute von ganz anderem Schlage giebt.« Das rote Gesicht des Offiziers, sein nach Branntwein duftender Atem, der ungeheure Stein seines Ringes und vor allem sein bösartiges Lachen verursachten Nechludoff einen tiefen Ekel. Doch an diesem Abend, wie auch während der ganzen Zeit seiner Reise, befand er sich in der ernsthaften Geistesverfassung, in der er sich nicht erlaubte, jemanden leichtfertig zu beurteilen, und wo er mit jedem von dem, was er zu sagen nötig fand, sprechen zu müssen glaubte. Als er die Bemerkungen des Offiziers zu Ende gehört, sagte er zu ihm in ernstem Tone: »Ich glaube, Sie würden in Ihrem Dienste einen Trost finden, wenn Sie sich bemühen wollten, die Leiden der Gefangenen zu lindern.« »Was für Leiden? Ich sehe schon, Sie kennen diese Sorte nicht.« »Ist diese Sorte etwa von den andern Menschen verschieden?« fragte Nechludoff. »Es sind Menschen, genau so wie wir, und einzelne von ihnen sind ungerecht verurteilt worden.« »Gewiß giebt es alle möglichen darunter, und sie thun mir auch leid, glauben Sie das nur. Andere lassen ihnen nichts hingehen, während ich mein Möglichstes thue, ihr Schicksal zu lindern. Oft setze ich mich sogar eigenen Unannehmlichkeiten aus, um ihnen einen Schmerz zu ersparen. Noch ein bißchen Thee?« fragte er, sich ein Glas einschenkend, »Was ist denn das eigentlich für ein Weib, das Sie zu sprechen wünschen?« »Es ist ein unglückliches Geschöpf, man hat sie ungerecht wegen Mordes verurteilt. Eine Person, die wirklich hohe Vorzüge, besitzt.« Der Offizier schüttelte den Kopf. »Ja, ja, es giebt ganz niedliche darunter. In Kasan, lassen Sie sich das mal von mir erzählen, habe ich eine kennen gelernt, eine gewisse Emma. Sie stammte aus Ungarn, hatte aber die Augen einer Persierin,« fuhr er fort, indem er bei dieser Erinnerung vor sich hinlächelte, »und Chic hatte das Weib, wie eine richtige Gräfin!« Nechludoff unterbrach ihn, um auf seinen Gegenstand zurückzukommen. »Ich glaube, Sie haben die Macht, die Lage dieser Unglücklichen bedeutend lindern zu können, und ich hege die Ueberzeugung, Sie würden eine große Quelle der Freude darin finden.« Der Offizier betrachtete Nechludoff mit seinen glänzenden Augen. Mit Ungeduld erwartete er, daß er seinen Sermon beendete, um wieder die Geschichte seiner Ungarin mit den persischen Augen ausnehmen zu können. »Ja, ja, es ist wahr, Sie haben ganz recht,« unterbrach er, »und sie thun mir auch wirklich leid, das kann ich Sie versichern; aber um wieder auf diese Emma zurückzukommen, von der ich Ihnen erzählte, wissen Sie, was sie gemacht hat?« »Ich habe nicht die geringste Lust, es zu erfahren,« erklärte Nechludoff in schneidendem Tone, »und ich will Ihnen auch ganz aufrichtig sagen, daß ich zuerst ein sehr unmoralisches Leben geführt habe und heute so weit gekommen bin, daß ich vor dieser Art von galanten Abenteuern Frauen gegenüber einen wahren Ekel habe.« Der Offizier betrachtete Nechludoff mit unruhigen Blicken. »Sie wollen also wirklich keinen Thee mehr?« »Nein, ich danke!« »Bernoff,« rief der Offizier, »führe den Herrn nach Wakuloff und lasse ihn zu den Politischen hinein. Er mag dort bis zum Thoresschluß bleiben.« Sechstes Kapitel Von dem Soldaten begleitet, befand sich Nechludoff wieder in dem Hofe, in dem nur hier und da die roten Feuer der Laternen leuchteten. »Wo willst du denn hin?« fragte ein Aufseher, der vor der Thür des Mittelgebäudes stand. »Nach dem fünften Saal,« verletzte der Soldat. »Hier ist kein Durchgang, hier ist geschlossen, ihr müßt rund herumgehen.« »Warum ist es denn geschlossen?« »Der Oberaufseher ist fortgegangen und hat den Schlüssel mitgenommen.« »Na gut, gehen wir herum, kommen Sie hier entlang,« Der Soldat führte Nechludoff nach einem andern Thor, durch einen wahren Sumpf von Kot. Man hörte noch immer im Innern des Gebäudes dasselbe fortgesetzte Geräusch von Stimmen und Lachen. Kaum war Nechludoff eingetreten, als sich in dieses Geräusch der Ton der rasselnden Ketten mischte, während gleichzeitig ein dumpfer Gestank sich bemerkbar machte. Diese beiden Sensationen, das Klirren der Ketten und der Gestank waren etwas Bekanntes für Nechludoff geworden, seit er unter den Gefangenen verkehrte; doch an diesem Abend wirkten sie auf ihn, genau wie am ersten Tage, mit unwiderstehlicher Heftigkeit, und er fühlte sich dem Ersticken nahe. Das Erste, was Nechludoff in dem Korridor des Mittelgebäudes erblickte, war ein Weib, das mit hochgeschürzten Röcken auf dem Nachteimer saß. Ohne sich den geringsten Zwang aufzuerlegen, unterhielt sich dieses Geschöpf mit einem vor ihm stehenden Manne, einem Sträfling mit rasiertem Kopfe, der eine Kette am Fuße trug. Als der Sträfling Nechludoff bemerkte, blinzelte er mit den Augen und sagte: »Der Zar muß das auch machen, wenn's ihn packt.« Das Weib richtete sich ruhig wieder auf und strich ihren Rock glatt. Die Thüren der einzelnen Kammern führten auf den Korridor hinaus: zuerst kam die Kammer der von ihren Familien begleiteten Gefangenen, dann die der Junggesellen, und dann die der ledigen Frauenspersonen; während am Ende des Korridors zwei kleine Säle den politischen Gefangenen als Obdach dienten. Das Rastgebäude, das zur Aufnahme von hundertfünfzig Personen bestimmt war, enthielt an diesem Abend mehr als vierhundert. Die Gefangenen waren darin so zusammengepfercht, daß sie den ganzen Korridor einnahmen; die einen saßen oder lagen an der Erde; andere gingen hin und her und hielten Theegläser in der Hand. »Unter dieser Zahl befand sich Taraß, Fedossjas Gatte, Er kam Nechludoff entgegen und begrüßte ihn freundlich. Sein gutmütiges Gesicht war vollständig mit blauen Flecken bedeckt, und er trug eine Binde über den Augen. »Was ist dir denn zugestoßen?« fragte Nechludoff. »Na, ich habe hier so 'ne Sache gehabt!« meinte Taraß lächelnd. »Sie haben sich alle wütend geprügelt!« sagte der Aufseher, der Nechludoff begleitete. »Und alles wegen dieser vermaledeiten Weiber!« fügte ein Gefangener hinzu, der sich ihnen zugesellt hatte. »Er kann noch von Glück sagen, wenn er ein Auge behält, Fedkas Mann!« »Und Fedossja ist nichts Schlimmes widerfahren?« »Ach nein, gar nichts; der geht's ganz gut! Ich bringe ihr gerade den Thee,« sagte Taraß und trat in die Stube. Nechludoff warf durch die halbgeöffnete Thür einen Blick in die Stube. Sie war mit Männern und Frauen angefüllt, die auf den Betten oder auf der Diele zwischen den Betten lagen. Doch das folgende Zimmer, das der Unverheirateten, war noch voller, so daß hier mehrere Gefangene auf demselben Bett lagen. Mitten im Zimmer umstand eine Gruppe einen alten Sträfling, der etwas an seine Umgebung zu verteilen schien. Der Aufseher erklärte Nechludoff, das wäre der Aelteste des Zuges, der die Summen, die sie im Kartenspiel gewonnen, unter sie verteile. Kaum aber hatten die Leute den Aufseher bemerkt, als alle verstummten, alle Hände niedersanken und alle Augen einen halb furchtsamen, halb bösartigen Ausdruck annahmen. Nechludoff erkannte in dieser Gruppe den Sträfling Fedoroff, der ihn früher im Gefängnis ganz besonders interessiert hatte; derselbe hatte seinen Arm um den Hals eines blonden, bartlosen und aufgedunsenen jugendlichen Gefangenen gelegt, eines lasterhaften und abstoßenden kleinen Menschen, mit dem man ihn stets zusammensah. Ein anderer Sträfling, der auch dabei stand, ein Kahlkopf ohne Nase, war Nechludoff als eine Berühmtheit des Zuges vorgestellt worden; man erzählte, er hätte bei seiner Flucht aus dem Zuchthaus seinen Gefährten getötet, um ihn zu verzehren. Dieser Schurke, der am Eingang des Korridors stand, betrachtete Nechludoff mit kecker und spöttischer Miene, ohne ihn zu grüßen, wie es auch die meisten anderen Gefangenen thaten. So vertraut Nechludoff dieses Schauspiel auch seit mehreren Monaten geworden war, so konnte er doch nie dieser Schar von Verurteilten gegenübertreten, ohne wie an diesem Abend ein grausames Gefühl der Scham und fast der Reue, das Gefühl seiner eigenen Schuld diesen Unglücklichen gegenüber zu empfinden. Und diese Scham und diese Gewissensbisse waren ihm um so furchtbarer, als sie bei ihm von einem ebenso unüberwindlichen Gefühl des Grauens und der Abneigung begleitet wurden. Er wußte, diese Unglücklichen mußten in der Lebenslage, in der sie sich seit ihrer Kindheit befunden hatten, notgedrungen das werden, was sie waren; und doch konnte er nicht umhin, sie zu verachten und zu hassen und einen tiefen Ekel vor ihnen zu empfinden. »Dem sollte man mal die Taschen durchsuchen!« sagte eine heisere Stimme hinter Nechludoff gerade in dem Augenblick, als dieser sich bereits der Thür des Nebensaales näherte. Die Schar der Verurteilten brach in Gelächter aus. Siebentes Kapitel Vor der Thür der für die politischen Gefangenen reservierten Stube verließ ihn der Aufseher, der ihn herbegleitet, und versprach ihm, wenn die Thore geschlossen würden, wolle er ihn wieder abholen. Kaum hatte er sich entfernt, als Nechludoff sah, daß ein Sträfling, so schnell es die an seinem Fuß befestigte Kette gestattete, auf ihn zugelaufen kam, sich zu seinem Ohr neigte und ihm mit geheimnisvoller Miene zuflüsterte: »Sie müssen dazwischentreten, Herr. Sie haben den Kleinen ganz behext und ihn betrunken gemacht. Heut' hat er sich schon beim Appell unter dem Namen Karmanoff gemeldet. Sie allein können dazwischentreten. Wenn wir es versuchen wollten, würden sie uns totschlagen,« Nachdem der Sträfling ihm diese Worte unter scheuen Blicken zugeflüstert, entfloh er schnell und verlor sich in der Menge, die den Korridor anfüllte. Es handelte sich um folgendes: Ein Sträfling, Namens Karmanoff, hatte einen Verschickten, der ihm ähnlich sah, veranlaßt, mit ihm den Namen zu tauschen, so daß der Sträfling verschickt wurde und zwar nur auf zwei Jahre, während der junge Bursche sein Leben lang seine Stellung im Zuchthaus einnehmen sollte. Derselbe Gefangene hatte Nechludoff bereits in der vorigen Woche von den Vorbereitungen dieser Unterschiebung unterrichtet und ihn gebeten, dazwischen zu treten, wenn er könnte, um ein so ungeheuerliches Verbrechen zu verhindern. Dieser Gefangene war übrigens für Nechludoff, dem er schon bei der Abreise von Tomsk aufgefallen war, eine der merkwürdigsten Figuren des Zuges. Es war ein großer, kräftiger Bauer von etwa dreißig Jahren mit dicker Nase und kleinen Augen, der wegen Raubmordversuchs zur Zwangsarbeit verurteilt worden war. Er hieß Makar Djewkin und hatte Nechludoff erzählt, das Verbrechen, wegen dessen er verurteilt worden, wäre wirklich verübt worden, aber nicht er, Makar, hätte es begangen. Das Verbrechen wäre von jemand verübt worden, den er nur unter dem Namen »Er« bezeichnete, der aber offenbar der leibhaftige Teufel war. Eines Tages war ein Fremder zu Makars Vater gekommen und hatte für zwei Rubel einen Schlitten gemietet, mit dem er nach einem vierzig Werst entfernt liegenden Dorfe hatte fahren wollen. Makar hatte sein Pferd angeschirrt, sich angekleidet und auf den Weg gemacht. Man hatte auf halbem Wege in einer Schenke Halt gemacht, um Thee zu trinken. Der Fremde hatte Makar mitgeteilt, er wolle sich mit einem jungen Mädchen aus dem Dorfe, nach welchem er fahre, verheiraten, und hätte in einer Brieftasche fünfhundert Rubel, sein ganzes Vermögen, bei sich. Sobald er das erfahren hatte, war Makar in den Hof der Schenke gegangen, hatte eine Axt ergriffen und sie im Schlitten unter dem Stroh versteckt. »So wahr ich an Gott glaube, Barin,« erzählte er; »ich weiß nicht, warum ich diese Axt genommen habe. »Er« hat mir gesagt: »Nimm die Axt!« und da habe ich sie genommen. Man steigt wieder in den Schlitten und fährt los; ich denke nichts Böses. An die Axt dachte ich gar nicht mehr. Wir nähern uns dem Dorfe: noch sechs Werst. Wir müssen einen Hügel hinauffahren und durch einen Wald; ich steige ab, um das Pferd nicht anzustrengen, und nun flüstert er mir von neuem ins Ohr: »Na, woran denkst du denn? Oben auf dem Hügel, wenn du erst aus dem Walde heraus bist, sind doch Leute; da beginnt das Dorf. Dann nimmt er sein Geld mit! Na, verliere keine Zeit; der Augenblick ist gekommen! Ich neige mich zu dem Schlitten, als wollte ich das Stroh in Ordnung bringen, und die Axt fliegt mir von selbst in die Hand. Nun wendet sich der Mann nach mir um und sagt zu mir: »Was machst du denn da?« Da hebe ich die Axt; doch der Mann, ein kräftiger Bursch, wirft sich an die Erde und packt mich bei der Hand. »Hallunke,« ruft er mir zu, »was thust du da?« Dann wirft er mich in den Schnee, und ich, ich leiste keinen Widerstand, sondern lasse alles mit mir geschehen. Er bindet mir die Hände mit seinem Taschentuch, setzt mich in den Schlitten und führt mich geradeswegs zum Starosten. Man wirft mich ins Gefängnis und hält über mich Gericht. Das ganze Dorf giebt mir das Zeugnis, ich wäre ein ehrlicher Mann, und man hätte mir niemals einen Vorwurf machen können. Der Herr, bei dem ich diente, giebt mir auch ein gutes Zeugnis. Doch ich hatte nicht die Mittel, mir einen Advokaten zu leisten, und darum habe ich vier Jahre Zwangsarbeit bekommen.« Und nun verriet dieser selbe Mann, um einen seiner Gefährten zu retten, Nechludoff ein Geheimnis, das ihm auf der Seele brannte; er setzte sich dabei der Gefahr aus, sein Leben einzubüßen, denn er wußte, die Gefangenen würden ihn zweifellos erdrosseln, wenn sie seinen Verrat entdeckten! Achtes Kapitel Die politischen Gefangenen hatten zwei kleine Zimmer inne, denen ein auf den Korridor hinausführendes Vorzimmer voranging. In diesem Vorzimmer fand Nechludoff Simonson, der an einem Ofen, mit einem Scheit Holz in der Hand, an der Erde kauerte und eifrig beschäftigt war, das Feuer anzuzünden. Als er Nechludoff bemerkte, legte er das Holz einen Augenblick fort, um ihm die Hand zu reichen, ohne sich aber aus seiner hockenden Lage zu erheben. »Ich bin glücklich, daß Sie gekommen sind, denn ich habe mit Ihnen zu sprechen,« sagte er mit seiner ernsthaften Miene, indem er Nechludoff gerade in die Augen sah. »Was giebt's denn?« fragte Nechludoff. »Das werde ich Ihnen später sagen. Für den Augenblick bin ich beschäftigt!« Mit diesen Worten nahm Simonson das Scheit wieder auf und begann, auf das Feuer aufzupassen, das er nach einer rationellen Methode eigenster Erfindung angezündet hatte. Nechludoff wollte in die erste der beiden Stuben eintreten, als er die Maslow aus dem andern Zimmer treten sah, die in einer Schürze einen ungeheuren Packen Unrat und Staub trug, das sie in den Ofen werfen wollte. Sie trug ihre weiße Jacke und Holzschuhe an den Füßen. Ihren Kopf bedeckte ein weißes Tuch, das die Hälfte ihres Gesichts verbarg, und, um bequemer ausfegen zu können, hatte sie ihre Röcke sehr hoch aufgeschürzt. Als sie Nechludoff erblickte, wurde sie rot; dann legte sie ihren Packen an die Erde, wischte sich die Hände, indem sie sie an ihrem Rocke rieb, und trat mit sehr lebhaftem Gesicht auf Nechludoff zu. »Sie räumen auf?« fragte Nechludoff, indem er ihr die Hand drückte. »Ja, ich habe meinen alten Beruf wieder aufgenommen,« versetzte sie mit einem Lächeln. »Was hier für ein Schmutz herrscht, davon können Sie sich gar keinen Begriff machen! Seit einer Stunde fegen wir aus!« Sie wandte sich nach Simonson um: »Na, ist das Plaid trocken?« »Fast trocken!« versetzte Simonson, indem er einen Blick auf die Maslow warf, der Nechludoff auffiel. »Ich werde ihn sofort holen und Ihnen noch andere Gegenstände zum Trocknen bringen,« sagte die Maslow und meinte dann, sich zu Nechludoff wendend und ihm das erste Zimmer zeigend: »Sie sind alle da drin!« Nechludoff öffnete die Thür dieses Zimmers und ging hinein. Es war ein rechteckiges Zimmer, das von einer Metalllampe erleuchtet wurde. Es war darin im Vergleich zu den andern Sälen kalt, doch man atmete nicht einen so ,unerträglichen Geruch von Staub, Tabak und Feuchtigkeit. Die Lampe warf ein grelles Licht auf die Mitte des Zimmers und ließ die an den Wänden stehenden Betten im Dunkel; man konnte kaum die Gesichter der Verurteilten erblicken, die auf den Betten saßen. In diesem Zimmer waren alle politischen Gefangenen des Zuges versammelt, mit Ausnahme von Simonson und zwei andern Männern, die für die Lebensmittel sorgten und das Essen einzuholen gegangen waren. Hier befand sich auch Wera Efremowna Bogoduschoffska, die mit ihren großen, erschrockenen Augen und ihrer angeschwollenen Ader auf der Stirn noch magerer und gelber als im Gefängnis aussah. Sie trug eine graue Jacke, saß vor einer ausgebreiteten Zeitung und war damit beschäftigt, Tabak in Cigarettenhülsen zu stecken. Es befand sich da noch eine andere Gefangene, die Nechludoff kannte, und die er sehr lieb hatte, eine gewisse Emilja Rantzeff. Sie hatte es übernommen, die Stuben in Ordnung zu halten, und verstand es ausgezeichnet, denselben selbst unter den schwierigsten Verhältnissen einen ganz eigentümlichen Zauber von Behaglichkeit und Intimität zu verleihen. Mit aufgestreiften Aermeln saß sie bei der Lampe und war damit beschäftigt, mit ihren schönen, feinen und leichten Händen Tassen und Näpfe abzutrocknen. Sie war noch jung, aber nicht hübsch, und trotzdem besaß ihr kluges und gütiges Gesicht die Eigentümlichkeit, sich vollständig zu verwandeln, wenn sie lächelte, und dann einen fröhlichen, kräftigen, ja sogar wahrhaft schönen Ausdruck anzunehmen. Mit einem solchen liebenswürdigen Lächeln empfing sie auch Nechludoff. »Wir glaubten, Sie wären wieder nach Rußland zurückgereist,« sagte sie. In einem Winkel erblickte Nechludoff Maria Pawlowna, die ein blondes kleines Mädchen auf den Knieen hielt, das fortwährend mit seiner sanften Kinderstimme etwas vor sich hinmurmelte. »Wie schön, daß Sie gekommen sind! Haben Sie Katja gesehen?« fragte das junge Mädchen Nechludoff. »Unsere kleine Familie hat sich um ein neues Mitglied vermehrt,« fügte sie hinzu, indem sie auf das kleine Mädchen zeigte. Anatole Krülzoff war auch da. Blaß und mager saß er, die Beine unter sich kreuzend, die Hände in den Aermeln seines Pelzes verborgen, auf seinem Lager, Mit seinen großen hohlen Augen, aus denen die Schwindsucht blickte, betrachtete er Nechludoff. Dieser wollte auf ihn zugehen, als er auf seinem Wege auf einen dicken, rothaarigen jungen Mann stieß, der in seiner Reisetasche wühlte und dabei mit einer hübschen jungen Frau plauderte, die ihm zulächelte und dabei alle ihre Zähne zeigte. Nechludoff schüttelte diesem jungen Manne zuerst die Hand, nicht weil er für ihn eine besondere Zuneigung hatte, sondern im Gegenteil, weil er der einzige von den politischen Gefangenen des Zuges war, der ihm in tiefster Seele und unbesieglich antipathisch war; er hielt daher die Notwendigkeit, ihn begrüßen zu müssen, für eine peinliche Pflicht, der er sich stets schnell entledigte. Der junge Mann, der Nowodworoff hieß, richtete seine kleinen Augen, die unter den Gläsern seines Lorgnons glänzten, auf ihn und reichte ihm seine lange, schmale Hand. »Nun, sind Sie noch immer mit Ihrer Reise zufrieden?« fragte er mit einem sichtlichen Anklang von Ironie. »Allerdings, das interessiert mich sehr,« versetzte Nechludoff und that, als habe er die verletzende Absicht nicht gemerkt, die in Nowodworoffs Frage lag. Deshalb beeilte er sich, zu Krülzoff zu gehen. Er trug eine gleichgültige Miene zur Schau, doch thatsächlich hatten Nowodworoffs Worte und sein augenscheinliches Bemühen, ihm etwas Unangenehmes zu sagen, die optimistische Stimmung zerstört, in der er sich seit einigen Tagen befand. Er empfand jetzt ein Gefühl von Verlegenheit, in das sich eine gewisse Traurigkeit mischte, und es fehlte wenig, so hätte er bedauert, überhaupt gekommen zu sein. »Und wie steht's mit der Gesundheit?« fragte er Krülzoff, indem er seine eisige und im Fieber zitternde Hand drückte. »Danke; ich fühle mich ziemlich wohl. Aber ich bin ganz durchnäßt, und es ist nicht möglich, warm zu werden,« sagte Krülzoff, indem er seine Hand schnell im Aermel seines Pelzes verbarg. – »Ganz abgesehen davon, daß hier in diesem Zimmer eine Hundekälte herrscht! Zwei Fenster sind zerbrochen; man hätte sich wohl die Mühe nehmen können, sie einzusetzen!« Damit zeigte er Nechludoff zwei Fensterscheiben, die in dem Gitterfenster fehlten. »Na, und Sie,« fuhr er fort, »warum sind Sie in den letzten Tagen nicht gekommen?« »Man hat mich nicht hereingelassen. Erst heut' hat sich der neue Offizier zugänglicher gezeigt.« »Zugänglich! Sie können gerade mitreden! – Fragen Sie nur Mascha, was er heut' morgen gethan hat!« Ohne sich von ihrem am andern Ende des Saales belegenen Platze zu erheben, erzählte Maria Pawlowna Nechludoff die Scene, die sich wegen des kleinen Mädchens abgespielt hatte. »Ich bin der Ansicht, wir haben alle die Pflicht, eine allgemeine Beschwerde zu unterzeichnen,« rief Wera Efremowna mit ihrer ruhigen Stimme, indem sie ihren erschrockenen Blick von einem ihrer Gefährten zum andern schweifen ließ. – »Wladimir Simonson hat diesem rohen Patron den Standpunkt klar gemacht; doch ich meine, das genügt nicht!« »Wozu sollen wir uns beschweren?« sagte Krülzoff mit ärgerlicher Grimasse. Man merkte, daß ihn der Mangel an Einfachheit bei Wera Bogoduschoffska schon lange ärgerte und ihm tatsächlich einen nervösen Schmerz verursachte. »Sie suchen Katja?« fuhr er, sich nach Nechludoff umwendend, fort. »Sie arbeitet immer! Sie hat schon unsere Sachen gereinigt und bürstet jetzt die Mäntel der Frauen aus. Nur von den Flöhen wird sie uns wohl nie befreien; die schmutzigen Tiere fressen uns auf; es ist ein wahrer Jammer! Und was macht denn Mascha da drüben in ihrem Winkel?« fragte er und versuchte, sich aufzurichten, um nach Maria Pawlowna hinüberzusehen. »Sie kämmt eben ihr Töchterchen!« erwiderte Emilja Rantzeff. »Wenn sie uns nur nicht die Läuse zukommen läßt, die sie ihr abfängt,« versetzte Krülzoff. »Nein, nein, haben Sie keine Angst, ich mache die Sache gewissenhaft! Uebrigens ist sie jetzt auch ganz sauber,« sagte Maria Pawlowna. »Na, Emilja, nehmen Sie sie zu sich herüber; ich werde jetzt gehen und Katja helfen.« Die Rantzeff nahm das Kind, setzte es mit mütterlicher Sorgsamkeit auf ihren Schoß und gab ihm ein Stück Zucker. Maria Pawlowna ging hinaus; und in demselben Augenblick traten die beiden Verurteilten, die das Abendessen holen gegangen waren, in das Zimmer. Neuntes Kapitel Einer der beiden Gefangenen, die eben eingetreten waren, war ein noch junger, kleiner und trockener Mann mit kurzem Pelz und hohen Stiefeln. Er ging mit leichtem und raschem Schritte, trug in jeder Hand eine große Kanne mit kochendem Wasser und hielt unter jedem Arm ein in eine Serviette gewickeltes Brot. »Ah, da ist ja auch wieder unser Fürst,« sagte er und setzte die Theekannen zu den Tassen, die die Rantzeff sorgfältig ausgewaschen hatte. »Wir haben ganz großartige Sachen gekauft,« fuhr er fort, nachdem er seinen Pelz ausgezogen und über die Köpfe der andern hinweg in einen Winkel des Zimmers geworfen hatte, in welchem sein Bett stand, »Markel bringt euch Milch und Eier mit. Ein wahres Festmahl, was! Und Emilja wird uns das alles servieren und es mit ihrer ästhetischen Sauberkeit noch verschönen,« fügte er mit einem an die Rantzeff gerichteten Lächeln hinzu. Die ganze äußere Erscheinung dieses Mannes, seine Bewegungen, der Ton seiner Stimme, sein Blick, alles drückte bei ihm ein Gemisch von Mut und Fröhlichkeit aus. Dagegen hatte sein Gefährte ein düsteres und trauriges Aussehen. Auch er war ein Mann von kleiner Gestalt, doch knochig, mit einem grauen Gesicht und vorstehenden Kiefern. Er trug einen alten wattierten Mantel und Galoschen über den Stiefeln. Als er den Korb und den Topf abgesetzt, den er in der Hand hielt, begrüßte er Nechludoff sehr kühl mit einem Kopfnicken, indem er seine großen grünen Augen auf ihn richtete. Diese beiden politischen Gefangenen stammten aus dem Volke. Der erste, ein gewisser Nabatoff, war ein Bauer; der andere, der Markel hieß, ein Fabrikarbeiter. Doch während ersterer seit fünf Jahren Revolutionär geworden war, war es Nabatoff schon fast seit seiner Kindheit. In der Schule seines Dorfes hatte er solche Anlagen gezeigt, daß man ihn aufs Gymnasium geschickt hatte; und auch hier hatte er wieder die ersten Plätze eingenommen. Er hatte es mit einer goldenen Medaille verlassen; doch anstatt dann die Universität zu besuchen, hatte er sich entschlossen, zum Volke zurückzukehren, denn er hielt es für seine Pflicht, das, was er gelernt, mit seinen Brüdern zu teilen. Er hatte sich in seinem Dorfe zum Schreiber ernennen lassen, hatte den Bauern allerlei Bücher geliehen oder ihnen vorgelesen, eine Art gegenseitiger Unterstützungskasse unter ihnen gegründet, und war bald verhaftet worden. Man hatte ihn, nachdem er acht Monate im Gefängnis gesessen, wieder freigelassen, doch von nun an hatte die Polizei ein Auge auf ihn. Kaum war er indessen in Freiheit gesetzt, als er in ein anderes Gouvernement gezogen war, wo er sich in einem Dorfe zum Schulmeister ernennen lassen und sein Apostolat von neuem begonnen hatte. Er wurde von neuem verhaftet und zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt; doch diese Strafe hatte ihn in seiner Ueberzeugung nur bestärkt. Als er seine zweite Strafe verbüßt, war er in das Gouvernement Perm verschickt worden. Hier war er sieben Monate geblieben und war dann, weil er sich geweigert, dem neuen Zaren den Eid der Treue zu leisten, von neuem ins Gefängnis geworfen und zur Deportation nach dem Gouvernement Irkutsk, tief nach Sibirien, verurteilt worden. So hatte er die Hälfte seines Lebens in den Gefängnissen oder in der Verbannung zugebracht. Doch alle diese Prüfungen hatten ihm, anstatt ihn zu verbittern, mehr Lebenslust und Energie verliehen. Er war ein Mann von höchster Widerstandskraft, körperlich und moralisch durch und durch gesund. Wo er sich auch befand, stets war er gleich thätig, kraftvoll und heiter. Nie bereute er das Vergangene, nie suchte er die Zukunft vorherzusehen; alle Kräfte seines Verstandes, seiner Geschicklichkeit, seines politischen Sinnes wandte er im augenblicklichen Zeitpunkt an. Wenn er in Freiheit war, bemühte er sich, die Sache zu verfolgen, die er sich zum Ziele gesetzt, das heißt, die Bildung und Aufklärung der Bauern. Wurde ihm die Freiheit geraubt, so bemühte er sich, die Lebensbedingungen in den Grenzen der Möglichkeit, sowohl für sich wie für seine Umgebung zu verbessern. Für andere zu leben war bei ihm übrigens eine natürliche Notwendigkeit. Da er für sich selbst kein Bedürfnis hatte, und das Essen ebenso gut wie den Schlaf entbehren konnte, so verwandte er instinktiv seine kräftige Bauernthätigkeit zum Wohle der andern. In allem war er ein richtiger Bauer geblieben; gewandt mit seinen Händen, leichtlebig, unermüdlich, rechtschaffen ohne Anstrengung, aufmerksam und bedacht auf die Gefühle und Gedanken eines jeden. Seine alte Mutter, eine ungebildete und abergläubische Bäuerin, lebte noch; und jedesmal, wenn Nabatoff in Freiheit gesetzt wurde, besuchte er sie. Er half ihr in allen ihren häuslichen Sorgen, ging mit seinen früheren Mitschülern im Dorfe in die Schenke, begleitete sie auf die Felder, rauchte mit ihnen Cigaretten und schlug sich mit ihnen herum, um ihnen zu beweisen, welchen Schaden ihnen ihre Dummheit und ihre Schwäche verursachte. Während er von ganzer Seele eine Revolution zum Nutzen des Volkes erträumte, wollte er doch nicht, daß diese Revolution das Volk in etwas anderes verwandele, als was es war, noch daß es seine Lebensbedingungen allzu stark verändere; würde sie Bauern zu Herren des Bodens machen und sie von den Gutsbesitzern und Beamten befreien, Die Revolution sollte – nach seiner Ansicht – und darin war er ganz anderer Ansicht als Nowodworoff – nicht vollständig mit der Vergangenheit brechen und die Sitten und Gewohnheiten von Grund auf erneuern, sondern nur den verehrungswürdigen und kostbaren Schatz der nationalen Tradition zur besseren Verteilung bringen. Er war sogar in seinem Verhalten der Religion gegenüber Bauer. Nie kümmerte er sich um das metaphysische Problem, die ersten Grundlagen, das künftige Leben, Er wiederholte gern, Gott wäre für ihn, wie für Laplace, eine Hypothese, deren Notwendigkeit er nicht einsehe. Es kümmerte ihn wenig, wie das Weltall begonnen hatte; und der Darwinismus, den die meisten seiner Gefährten sehr ernsthaft auffaßten, war in seinen Augen nur eine ebenso müßige Spielerei wie die Erschaffung der Welt in sechs Tagen. Was das künftige Leben betraf, so dachte er nie daran; doch im Grunde seines Herzens glaubte er, er trage einen Glauben in sich, den er von seinen Vätern ererbt, einen allen Menschen, die in der Berührung mit der Erde leben, gemeinsamen Glauben. Ebenso glaubte er, daß in der Tier- und Pflanzenwelt nichts umkommt und alles sich umwandelt, ebenso daß der Mensch nicht umkommt; er wechsle nur das Leben. Er glaubte das, und deshalb betrachtete er den Tod ohne Furcht oder Zorn. Doch er dachte nicht gern über diese Glaubensanschauung nach, und noch weniger sprach er gern darüber. Nur die Arbeiter waren ihm lieb, und stets beschäftigte er sich mit praktischen Fragen und bemühte sich, seine Gefährten dazu ebenfalls zu veranlassen. Ganz anders geartet war sein Gefährte, der Arbeiter Markel. Dieser war mit fünfzehn Jahren in eine Fabrik eingetreten, und im Alter von fünfzehn Jahren hatte er zu rauchen und zu trinken angefangen, um das Gefühl der Demütigung, das in ihm lebte, zu ersticken. Dieses Gefühl war an einem Weihnachtsabend in ihm erwacht, als die Frau des Fabrikbesitzers ihn zu einem Feste eingeladen, das sie für die Kinder der Arbeiter veranstaltet hatte. Markel und seine Kameraden hatten als Geschenk, der eine eine Pfeife, der andere einen Apfel, der dritte eine vergoldete Nuß bekommen, während man den Kindern des Fabrikbesitzers wunderbares Spielzeug geschenkt hatte, das für jeden wenigstens fünfzig Rubel gekostet hatte. Trotzdem hatte Markel noch zwanzig Jahre lang das gewöhnliche Leben des Arbeiters weitergeführt. Er zählte fünfunddreißig Jahre, als er mit einer revolutionären Studentin Bekanntschaft angeknüpft, die Arbeiterin geworden war, um Propaganda zu treiben. Diese junge Person hatte ihm Broschüren und Bücher geliehen, mit ihm zu diskutieren angefangen und ihm über seine Lage, die Ursachen dieser Lage und die Mittel, sie zu verbessern, die Augen geöffnet. Als Markel die Möglichkeit gesehen hatte, sich und die andern von der grausamen Bedrückung, unter der er seit seiner Kindheit litt, zu befreien, war ihm die Ungerechtigkeit dieser Bedrückung noch klarer vor Augen getreten, und seinem Wunsch nach Befreiung hatte sich ein tiefer Wunsch nach Rache gegen diejenigen, die ihn ungerechterweise unterdrückt hatten, zugesellt. Die Möglichkeit der Befreiung für sich selbst und die andern käme von der Wissenschaft – so hatte man ihm versichert, und Markel hatte sich mit Leidenschaft darauf geworfen, Wissen zu erwerben. Hatte ihm die Wissenschaft nicht schon die Ungerechtigkeit der Lage, in der er sich befand, vor Augen geführt? Offenbar konnte nur sie dazu beitragen dieser Ungerechtigkeit ein Ende zu bereiten. Und außerdem hatte die Wissenschaft in seinen Augen den Vorteil, ihn über die andern Menschen zu erheben, was stets sein geheimer Ehrgeiz gewesen war. Deshalb hatte er zu trinken und zu rauchen aufgehört, um alle seine freien Augenblicke dem Studium zu widmen. Die Revolutionärin fuhr fort, mit ihm zu korrespondieren, und bewunderte mehr und mehr den erstaunlichen Eifer, mit dem er sich die verschiedenartigsten Kenntnisse zu eigen machte. Thatsächlich hatte Markel in kaum zwei Jahren Geometrie, Algebra, Geschichte gelernt, und alle möglichen kritischen und philosophischen Werke gelesen und vor allem die ganze moderne socialistische Litteratur in sich aufgenommen. Dann war die Revolutionärin verhaftet worden; man hatte Briefe von Markel bei ihr gefunden, und dieser war ebenfalls verhaftet worden. In dem Gouvernement Wologda, wohin man ihn verschickt, hatte er die Bekanntschaft Nowodworoffs gemacht, hatte wieder eine Menge Bücher gelesen, eine Menge Dinge gelernt, die er nach und nach vergessen, und war in seinem Socialismus immer eifriger geworden. Als man ihm nach einigen Monaten erlaubte, in seine Heimat zurückzukehren, hatte er sich einen Streik in den Kopf gesetzt, der zum Brande der Fabrik und zur Ermordung des Direktors geführt hatte. Von neuem hatte man ihn verhaftet, und jetzt zog er, für den Rest seines Lebens zur Verschickung verurteilt, nach Sibirien. In Sachen der Religion zeigte er sich ebenso radikal, wie in Sachen der Wirtschaftspolitik. Da er von der Falschheit der Glaubensanschauungen, in denen er erzogen war, überzeugt war und sich davon freigemacht hatte, zuerst mit Furcht, dann mit Begeisterung, so empfand er gleichsam ein Verlangen, sich an allen denen zu rächen, die ihn im Irrtum erhalten hatten. Er sprach stets mit Haß von den Popen und verspottete die religiösen Dogmen auf das bitterste. Er hatte die Gewohnheiten eines Asketen; und wie alle, die seit ihrer Kindheit zur Arbeit herangezogen werden, war er bei körperlichen Anstrengungen gewandt und unermüdlich. Noch im Gegensatz zu Nabatoff verachtete er die Anstrengungen und die Handarbeit unter allen Formen. Im Rasthause wie im Gefängnisse suchte er sich möglichst viele freie Zeit zu schaffen, um sich weiter zu unterrichten, was ihm stets mehr als die einzige ehrenhafte und nützliche Beschäftigung erschien. Er war im Begriff, in diesem Augenblick den ersten Band des Marxschen »Kapitals« zu studieren; er versteckte das Buch in seiner Reisetasche und bewachte es wie den allerkostbarsten Schatz. Gegen seine Genossen zeigte er sich gleichgültig und zurückhaltend, bis auf Nowodworoff, an den er sich leidenschaftlich angeschlossen hatte und dessen Ansicht über alle Gegenstände er stets für die Quintessenz der Wahrheit selbst hielt. Das Weib erschien ihm als das hauptsächliche Hindernis des sozialen Emancipationswerkes und der freien Entwicklung des Verstandes; daher empfand er für die Frauen eine absolute Verachtung. Nur bei der Maslow machte er eine Ausnahme, denn in ihr sah er ein typisches Beispiel der Ausbeutung der niedrigen Klassen von seiten der Begüterten. Er bezeugte ihr bei jeder Gelegenheit viel Rücksichten; und aus demselben Grunde verabsäumte er nie eine Gelegenheit, Nechludoff die ganze Abneigung, die er gegen ihn hegte, zu erkennen zu geben. Zehntes Kapitel Der Ofen brannte schließlich, das Zimmer war warm geworden, der Thee war in die Gläser und Tassen eingegossen, und man hatte alle Leckerbissen des Abendbrotes neben dem Thee ausgebreitet: Weißbrot und Roggenbrot, harte Eier, Butter, Kalbskopf und Kalbsfüße. Alle hatten sich dem Lager genähert, und man aß und trank und plauderte. Die Rantzeff, die auf einem Koffer saß, verrichtete ihr Amt als Hausfrau; nur Krülzoff hatte sich der Gruppe nicht angeschlossen; er hatte seinen nassen Pelz ausgezogen, um sich in ein Plaid zu wickeln, das man eben für ihn getrocknet. Und nun plauderte er, auf seinem Lager ausgestreckt, freundschaftlich mit Nechludoff. Nach der Kälte und Feuchtigkeit des Weges, nach den Schmutz und der Unordnung, die man zuerst im Rastgebäude vorgefunden, nach der Mühe, die man sich gegeben, um dieses Abendessen zu bereiten, versetzten diese Mahlzeit, der warme Thee und die schöne Wärme des Zimmers alle Verurteilten in eine fröhliche und wohlwollende Stimmung. Das Geschrei, die groben Schimpfworte, der Lärm der gemeinen Kriminalverbrecher, die sie auf der andern Seite der Mauer hörten, bestärkte in ihnen noch infolge des Kontrastes diese angenehme Empfindung des Wohlbehagens und der Behaglichkeit. Sie hatten das Gefühl, als wären sie allein mitten auf dem Ocean auf einer Insel; und dieses Gefühl entzückte sie und versetzte sie in eine Art geistigen Rausch, in welchem sie das Gräßliche ihrer Lage vollständig vergaßen, um sich ungehindert ihren Träumen zu überlassen. Und dann hatten sich auch, wie es immer bei jungen Männern und Frauen der Fall ist, besonders wenn sie gezwungen sind, zusammen zu leben, allerlei sentimentale, bewußte oder unbewußte, offene oder versteckte Liaisons herausgebildet. Alle oder doch wenigstens fast alle waren verliebt. Nowodworoff war in die hübsche und lächelnde Grabetz verliebt. Das war eine junge Studentin von recht sorglosem Charakter, die den revolutionären Problemen vollständig gleichgültig gegenüberstand. Doch sie hatte dem Einflusse ihrer Zeit nachgegeben, sich bei einem Komplott kompromittiert und war daraufhin zur Verschickung verurteilt worden. Ebenso wie es auf der Universität ihre Hauptbeschäftigung gewesen war, sich von den Studenten den Hof machen zu lassen, ebenso hatte sie sich seit ihrer Einkerkerung mit nichts anderm beschäftigt. Jetzt war sie vollständig glücklich, weil Nowodworoff sich in sie verliebt hatte, und sie selbst ihn wieder liebte. Wera Efremowna Bogoduschoffska, die sehr sentimental war, hatte sich ihr ganzes Leben in hoffnungsloser Liebe verzehrt und seufzte jetzt im geheimen bald für Nowodworoff, bald für Nabatoff. Auch Krülzoff empfand etwas wie Liebe Maria Pawlowna gegenüber, oder richtiger gesagt, er liebte sie ganz aufrichtig, wie die Männer die Frauen lieben; da er aber ihre Ansichten über die Liebe kannte, so verbarg er sein Gefühl unter der Außenseite der Freundschaft und Dankbarkeit. Auch Nabatoff war verliebt; eine eigentümliche Liaison hatte sich zwischen ihm und Emilia Ranzeff herausgebildet, eine übrigens recht unschuldige Liaison; denn ebenso wie Maria Pawlowna von ganzer Seele ein echtes junges Mädchen war, ebenso war die Rantzeff der Typus der Frau, der vollkommenen Gattin. Zu sechzehn Jahren, noch in der Pension, hatte sie sich in Rantzeff verliebt, der damals Student an der Universität Petersburg war, und sich drei Jahre später mit ihm verheiratet. Dann war Rantzeff, weil er an Unruhen auf der Universität teilgenommen, verschickt worden; sie hatte ihre medizinischen Studien unterbrochen, um ihm zu folgen, und da er Revolutionär geworden war, so war sie es sofort auch geworden. Wäre ihr Mann nicht in ihren Augen der schönste, intelligenteste und beste aller Männer gewesen, so hätte sie ihn nicht geliebt und sich auch nicht mit ihm verheiratet. Doch da sie ihn geliebt und sich mit ihm verheiratet hatte, so hätte sie es für ungeheuerlich gehalten, das Leben anders aufzufassen, als er. Zuerst hatte sie das Leben so aufgefaßt, daß man alles dem Studium opfern müsse; darum hatte sie das Studium auch als ideale Beschäftigung betrachtet und angefangen, Medizin zu studieren. Dann war ihr Mann Revolutionär geworden, und sie war auch Revolutionärin geworden. Sie hatte es ebenso gut wie jeder ihrer Gefährten verstanden, zu erklären, wie ungerecht das augenblickliche sociale System wäre, und wie jedermann die Pflicht hätte, dagegen anzukämpfen, um es durch ein neues System zu ersetzen, in welchem die menschliche Persönlichkeit sich frei entwickeln könnte, und so weiter und so weiter. Sie glaubte von ganzem Herzen, daß das ihre eigenen Gefühle und Gedanken waren; aber in Wirklichkeit glaubte sie, nur das, was ihr Mann denke, wäre die Wahrheit; und ihr einziger Traum und ihr einziges Vergnügen war es, sich vollständig mit der Seele ihres Mannes zu vereinigen. Infolge neuer Unruhen, an denen sie teilgenommen, hatte man sie von ihrem Manne und ihrem Kinde getrennt; und diese Trennung war ihr sehr schmerzlich gewesen. Doch sie ertrug sie mit Festigkeit, denn sie wußte, daß sie sie für ihren Mann und das Werk ertrug, das gewiß aller ihrer Opfer würdig war, da sich ja auch ihr Mann dafür opferte. Ihre Gedanken weilten stets bei ihrem Manne, und ebenso wie sie niemand vor ihm geliebt, so konnte sie auch von nun an niemand anders als ihn lieben. Doch die reine und aufrichtige Zuneigung Nabatoffs rührte sie und that ihr wohl. Er, ein durch und durch moralischer Mensch, der gewöhnt war, seine Wünsche zu besiegen, bemühte sich, Emilja wie eine Schwester zu behandeln; und doch zeigte sich in seinen Beziehungen zu ihr auf Augenblicke ein Gefühl, das mehr bedeutete, als die Zuneigung eines Bruders zur Schwester. Dieses Etwas beunruhigte sie, bereitete ihnen aber im geheimen Vergnügen. So war ein jeder in der Gruppe verliebt, bis auf Marie Pawlowna und den Arbeiter Markel. Elftes Kapitel Nechludoff wartete auf den Augenblick, wo er nach dem Abendessen sich allein mit Katuscha unterhalten konnte, wie er das immer that, wenn er den Abend im Rastgebäude zubrachte. Jetzt saß er neben Krülzoff und unterhielt sich mit ihm. Er erzählte ihm unter andern, wie ihn der Sträfling Makar angesprochen, und alles, was er von der Geschichte dieses Unglücklichen wußte. Krülzoff hörte ihm aufmerksam zu und sah ihn starr mit seinen großen, glänzenden Augen an. »Ja, so ist's,« sagte er plötzlich, »ich denke oft daran, wie seltsam doch eigentlich unsere Lage ist. Wir reisen mit diesen Leuten nach Sibirien; was sage ich, eben wegen dieser Leute gehen wir dahin, und doch kennen wir sie nicht nur nicht, nein, wir machen auch nicht einmal den Versuch, sie kennen zu lernen. Sie aber verabscheuen uns obendrein und betrachten uns als ihre Feinde. Ist das nicht entsetzlich?« »Daran ist nichts Entsetzliches,« erklärte Nowodworoff, der an Krülzoffs Bett herangetreten war. »Die Massen sind stets grob und ungebildet und haben nur vor der Macht Respekt,« fuhr er mit seiner klangvollen Stimme fort. »Die Macht aber hat heute die Regierung in Händen; darum respektieren diese Leute die Regierung und verabscheuen uns. Wenn wir morgen die Macht ergreifen, so werden sie uns respektieren.« In demselben Augenblicke hörte man in dem Nebensaal, wie gegen die Wand geschlagen wurde, man vernahm Kettengerassel, Geschrei und Geheul. Man schlug jemand, der um Hilfe schrie. »Hören Sie diese wilden Bestien? Welche Beziehung soll wohl zwischen ihnen und uns existieren?« fragte Nowodworoff in ruhigem Tone. »Wilde Bestien, sagst du? – Höre nur, was mir Nechludoff eben von einem dieser Menschen erzählt hat.« Und nun wiederholte Krülzoff in erregtem Tone die Worte Nechludoffs und berichtete, wie der Sträfling Makar sein Leben aufs Spiel gesetzt, um einen seiner Gefährten zu retten. »Ist das das Werk einer wilden Bestie?« fragte er. »Sentimentalität!« entgegnete Nowodworoff mit seinem ironischen Lächeln. – »Als wenn wir die Gedanken dieser Leute und die Motive ihrer Handlungen begreifen könnten! Was du für Heroismus hältst, ist vielleicht ganz einfach Haß gegen einen andern Sträfling.« »Und du, du willst nie etwas Gutes bei andern sehen,« rief Marie Pawlowna, die alle ihre Gefährten duzte. »Warum sollte ich denn etwas sehen, was nicht vorhanden ist?« »Wie kann man einem Menschen die Bewunderung versagen, der sich, freiwillig einem gräßlichen Tode aussetzt?« »Ich bin der Meinung,« erklärte Nowodworoff in trockenem Tone, »wenn wir unser Werk vollbringen wollen, so muß die erste Bedingung die sein, daß wir nicht träumen und die Dinge stets so ansehen, wie sie sind.« Markel schloß das Buch, das er bei der Lampe las, trat ebenfalls näher und hörte eifrig alle Worte des Mannes mit an, den er sich zum Meister und Vorbild genommen hatte. Nowodworoff aber fuhr in feierlichem und entschlossenem Tone, als wenn er einen Vortrag hielte, fort: »Unsere Pflicht besteht darin, alles für das Volk zu thun, aber nichts von ihm zu erwarten. Das Volk muß der Gegenstand unserer Bemühungen sein, doch es darf nicht mit uns mitarbeiten, wenigstens nicht solange es in seinem augenblicklichen Zustande des Stumpfsinnes verharrt. Nichts wäre illusorischer, als vom Volke die geringste Mitwirkung zu erhoffen, bis zu dem Tage, da sich seine geistige Entwicklung vollziehen wird, die Entwicklung, zu der wir es vorbereiten.« »Was für eine Entwicklung?« fragte Krülzoff, sich von seinem Lager erhebend. »Wir behaupten immer, wir kämpfen gegen den Despotismus; doch ist eine solche Handlungsweise nicht ein ebenso empörender Despotismus wie der, den wir vernichten wollen?« »Wo siehst du denn da Despotismus?« versetzte Nowodworoff mit derselben Ruhe. »Ich, sage nur, daß ich den Weg kenne, den das Volk zu seiner Entwicklung verfolgen muß, und daß ich ihm diesen Weg zeigen kann.« »Aber wer erlaubt dir denn zu behaupten, daß dieser Weg, den du ihm zeigst, der gute ist? Hat man nicht im Namen derselben Prinzipien die Inquisition eingeführt? Hat nicht im Namen derselben Prinzipien die französische Revolution ihre Verbrechen begangen? Auch sie glaubte, in der Wissenschaft den einzigen Weg gefunden zu haben, dem man folgen mußte.« »Die Thatsache, daß andere sich getäuscht, beweist noch nicht, daß ich mich auch täuschen muß. Und dann darf man auch keine Analogie aufstellen zwischen den Albernheiten der Ideologen und den positiven Grundlagen der volkswirtschaftlichen Wissenschaft.« Die starke Stimme Nowodworoffs durchdrang den ganzen Saal. Niemand wagte, ihn zu unterbrechen. »Weshalb zankt ihr euch immer?« sagte Marie Pawlowna, als er ausgesprochen hatte. »Und wie ist Ihre Ansicht darüber?« fragte Nechludoff das junge Mädchen. »Ich bin der Ansicht, Anatole hat recht, und wir haben nicht die Berechtigung, unsere Ideen dem Volk aufzudrängen.« »Das ist eine merkwürdige Art und Weise, unsere Rolle aufzufassen,« sagte Nowodworoff, zündete sich eine Cigarette an und entfernte sich mit ärgerlicher Miene. »Es geht über meine Kräfte, ich kann nicht mit ihm sprechen, ohne außer mir zu geraten,« flüsterte Krülzoff Nechludoff ins Ohr, und Nechludoff konnte sich des Gedankens nicht erwehren, daß auch er dasselbe Gefühl empfand. Zwölftes Kapitel Trotz der Hochachtung, die alle seine Gefährten für Nowodworoff hegten, trotz seines Wissens und der hohen Meinung, die er von sich selbst hatte, betrachtete Nechludoff gerade ihn als den Typus jener Revolutionäre, die, weil sie naturgemäß unter dem Durchschnittsniveau stehen, in dem Milieu, in dem sie sich befanden, nur Unheil anrichten konnten. Er erkannte an, daß Nowodworoff vom geistigen Standpunkte aus besser begabt war, als der Durchschnitt der Revolutionäre; doch er fühlte, daß seine Eitelkeit und seine Selbstsucht, die sich unter der Einwirkung seiner Lebensverhältnisse hochgradig entwickelt, seine Intelligenz seit langer Zeit lahm gelegt hatten. Die ganze revolutionäre Thätigkeit Nowodworoffs erschien Nechludoff, obwohl er sie stets mit beredten Worten zu rechtfertigen wußte und ihnen die wunderbarsten Motive verlieh, einzig und allein als der Ausfluß des Ehrgeizes, der nur auf dem Wunsche, zu herrschen und sich eine Machtstellung zu verschaffen, beruhte. Da er eine außerordentliche Fähigkeit besaß, sich die Gedanken anderer anzueignen und sie klar zum Ausdruck zu bringen, so hatte sich Nowodworoff zuerst in den Kreisen, in denen diese Fähigkeit ganz besonders geschätzt wird, mühelos die Bewunderung aller erworben. Auf dem Gymnasium, dann auf der Universität hatten seine Lehrer und seine Mitschüler seiner Ueberlegenheit Achtung gezollt, und er hatte sich vollständig befriedigt gefühlt. Doch als diese Situation nach Beendigung seiner Studien ein Ende genommen hatte, hatte er sich nicht entschließen können, darauf zu verzichten, und um von neuem wieder in einer andern Sphäre zu herrschen, hatte er plötzlich seine Meinung geändert; aus dem liberalen Progressisten, der er bis dahin gewesen, war ein leidenschaftlicher Revolutionär geworden. Der vollkommene Mangel der ästhetischen und moralischen Eigenschaften, die Zweifel und Schwanken hervorbringen, hatte ihm sehr schnell in der revolutionären Partei die Führerrolle verschafft, nach der er sich vor allen Dingen sehnte. Sobald er einen Entschluß gefaßt, zögerte und zweifelte er nie, und wußte infolgedessen stets genau, daß er sich nicht täuschte. Alles erschien ihm einfach, klar und unbestreitbar, und bei seinen engen Anschauungen waren auch alle seine Gedanken einfach und klar, denn, wie er oft erklärte, brauche man nur logisch zu sein, um das Wahre vom Falschen unfehlbar zu trennen. Sein Selbstvertrauen war so groß, daß niemand sich ihm nähern konnte, ohne sich ihm zu unterwerfen oder auf das heftigste zu opponieren. Da er hauptsächlich mit jungen Leuten zu thun hatte, die sein Selbstvertrauen für Gedankentiefe hielten, so hatte sich die Mehrzahl seiner Gefährten ihm unterworfen, so daß er bald in den revolutionären Kreisen eine ungeheure Popularität erlangt hatte. Er predigte, wie dringend notwendig es wäre, mit Aufbietung aller Mittel eine Revolution vorzubereiten, die ihm die Möglichkeit eröffnete, sich der Macht zu bemächtigen und eine konstituierende Versammlung einzuberufen. Das Programm der Reformen, das er dieser Versammlung diktieren wollte, hatte er bereits entworfen, und er war vollkommen überzeugt, dieses Programm würde endgültig alle Fragen lösen, und nichts könne sich ihrer Verwirklichung entgegenstellen. Seine Gefährten fürchteten ihn, schätzten seine Kühnheit und Entschlossenheit, liebten ihn aber nicht. Auch er liebte niemand. Jeder Mensch, der einen persönlichen Vorzug besaß, erschien ihm als ein Nebenbuhler, und gern hätte er, wenn er es vermocht, den andern Menschen alle ihre Vorzüge genommen, einzig und allein, damit sie die öffentliche Aufmerksamkeit nicht von seinem Verdienst ablenken konnten. Gefällig war er nur gegen diejenigen, die sich vor ihm neigten. So hatte er sich auf dem Marsche nur mit dem Arbeiter Market befreundet, der blindlings alle seine Ideen angenommen hatte, und mit zwei Frauen, die er in sich verliebt glaubte, Wera Efremowna und die hübsche Grabetz. Im Prinzip war Nowodworoff Anhänger der Frauenemancipation; doch hauptsächlich betrachtete er alle Frauen als dumme, lächerliche Geschöpfe, mit Ausnahme derjenigen, in die er verliebt war, und die er dann für außergewöhnliche Wesen hielt, deren Vollkommenheit er allein zu schätzen verstanden hatte. Er hatte so nach und nach eine große Anzahl von Frauen geliebt, und zweimal sogar in wilder Ehe gelebt; doch beide Male hatte er seine Maitressen verlassen, nachdem er bemerkt, daß das, was er für sie empfand, nicht die wahre Liebe war. Jetzt hatte er die Absicht, mit der Grabetz eine neue Verbindung einzugehen. Er verachtete Nechludoff, weil dieser, wie er sich ausdrückte, mit der Maslow »Umstände machte«; in Wirklichkeit aber haßte und verachtete er ihn, weil Nechludoff seine Ideen, hinsichtlich der Mittel, den Fehlern der Gesellschaft abzuhelfen, nicht nur nicht teilte, sondern in diesem Punkte eine eigene Anschauung hatte und die sozialen Fragen als »Fürst«, das heißt als Dummkopf, behandelte. Nechludoff war sich über die Gefühle Nowodworoffs ihm gegenüber vollständig klar, und zu seinem großen Kummer fühlte er, daß trotz der wohlwollenden Stimmung, in der er sich im Augenblick befand, nichts auf der Welt ihn hindern konnte, diesem Manne gegenüber ein Gemisch von Verachtung und Widerwillen zu empfinden. Dreizehntes Kapitel Man hatte abgespeist und den Thee getrunken. Nechludoff wollte eben mit der Maslow ein Gespräch beginnen, als er im Nebensaal die Stimme des Oberaufsehers vernahm. Dann trat im Saale und im Korridor ein tiefes Schweigen ein. Die Thür öffnete sich, und der Oberaufseher erschien mit zwei Wärtern, um den Abendappell vorzunehmen. Er zählte alle politischen Verurteilten, einen nach dem andern, und las ihren Namen von einer Liste ab, während einer der Aufseher sie mit dem Finger berührte. Als der Appell beendet war, wandte sich der Oberaufseher zu Nechludoff und sagte zu ihm mit einem Gemisch von Vertraulichkeit und Respekt: »Jetzt, Fürst, müssen Sie gehen. Man hat nicht das Recht, nach Thorschluß hier zu bleiben.« Doch Nechludoff, welcher wußte, was diese Worte bedeuteten, näherte sich dem alten Manne und steckte ihm einen Dreirubelschein in die Hand, den er schon bereit gehalten hatte. »Na, zwingen kann ich Sie ja nicht, bleiben Sie noch einen Augenblick,« Der Oberaufseher wollte hinausgehen, als ein anderer Wärter in Begleitung eines großen, mageren Gefangenen, der einen großen, blauen Fleck am Auge hatte, in den Saal trat. »Ich komme, die Kleine zu holen,« sagte der Gefangene. »Ach, da ist ja Väterchen,« rief eine leise Kinderstimme, und ein kleiner Blondkopf erschien hinter der von der Rantzeff, Marie Pawlowna und Katuscha gebildeten Gruppe, die alle drei aus dem Rocke der Rantzeff ein neues Kleid für das kleine Mädchen nähten. »Komm, Kleine, leg' dich schlafen,« sagte der Sträfling in sanftem Tone. »Sie befindet sich hier sehr wohl,« versetzte Marie Pawlowna und betrachtete mitleidig das zerschlagene Gesicht des armen Mannes. »Lassen Sie sie uns da.« »Die Dame macht mir ein neues Kleid, ein schönes rotes Kleid, Väterchen,« sagte das Kind und zeigte ihrem Vater die Arbeit der Emilia Rantzeff. »Willst du bei uns schlafen?« fragte diese, indem sie sie streichelte. »Ja, ich will wohl, aber Papa soll auch bei mir schlafen.« Die Rantzeff lächelte, über ihr Gesicht huschte jenes Lächeln, das sie so schön machte. »Dein Vater muß in dem andern Saal schlafen. Aber er wird uns doch erlauben, dich bei uns zu behalten, nicht wahr?« sagte sie, sich nach dem Vater umwendend. »Machen Sie das, wie Sie wollen,« erklärte der Oberaufseher und ging mit den drei Wärtern hinaus. Kaum hatten die Aufseher den Saal verlassen, als Nabatoff sich dem Vater des kleinen Mädchens näherte und zu ihm sagte, indem er ihm seine starke Hand auf die Schulter legte: »Sag' mal, Bruder, ist es wahr, daß Karmanoff mit einem Verschickten den Namen wechseln will?« Das ruhige Gesicht des Sträflings nahm plötzlich einen düstern Ausdruck an, und seine Augen senkten sich. »Wir haben nichts davon gehört, Gott weiß, was für Lügen man erfindet,« erwiderte er und fuhr dann, ohne die Augen zu erheben, fort: »Nun, Anjutka, bleibe nur vergnügt weiter bei den schönen Damen,« fügte er hinzu und ging hastig hinaus. »Er weiß alles; was dieser Makar gesagt hat, ist sicherlich wahr,« sagte Nabatoff, sich an Nechludoff wendend. Dann schwiegen alle, denn sie fürchteten, den Zank von neuem losbrechen zu sehen. Simonson, der den ganzen Abend über nichts gesagt, und auf seinem Lager liegen geblieben war, erhob sich plötzlich mit entschlossener Bewegung. Er bahnte sich einen Weg durch die Gruppen und näherte sich Nechludoff. »Können Sie mir jetzt einen Augenblick Gehör schenken?« »Aber gewiß,« versetzte Nechludoff und stand auf, um ihm zu folgen. Als die Maslow sah, daß Nechludoff aufstand, errötete sie und wandte schnell den Kopf ab. »Ich habe über folgendes mit Ihnen zu sprechen,« begann Simonson, nachdem er Nechludoff in das kleine Vorzimmer geführt. Dieses Vorzimmer dröhnte in diesem Augenblick ganz von dem schrecklichen Lärm wieder, den die Kriminalverbrecher im Nebenzimmer und auf dem Korridor vollführten. Nechludoff, der wie betäubt war, zog die Stirn kraus, doch Simonson hörte offenbar nichts. »Da ich Ihre Beziehungen zu Katharina Maslow kenne,« so begann er, indem er seine gutmütigen, runden Augen gerade auf Nechludoffs Augen richtete, »so hielt ich mich verpflichtet ...« Doch als er diese Worte gesprochen, mußte er innehalten, weil in diesem Augenblicke zwei zankende Stimmen zu schreien anfingen: »Man sagt dir doch, ich sei es nicht, du Schwein,« rief die eine. »Gieb es mir zurück, du Dreckkerl!« schrie die andere. Plötzlich zeigte sich Marie Pawlowna in dem Vorzimmer. »Was hat denn das für einen Sinn, sich hier zu unterhalten?« sagte sie. »Kommen Sie lieber in unsere Stube, ich glaube, sie ist leer.« Sie führte Simonson und Nechludoff in die zweite der beiden Stuben, ein kleines, viereckiges Gemach, in welchem die Frauen der Abteilung schliefen. Das Zimmer war aber doch nicht leer; denn die Bogoduschoffska befand sich darin; sie lag in ihrem Bett und wandte das Gesicht nach der Wand zu. »Sie hat Kopfschmerz; sie schläft und wird euch nicht hören; ich gehe!« sagte Marie Pawlowna. »Im Gegenteil, du würdest mir ein Vergnügen bereiten, wenn du bleibst,« sagte Simonson. »Ich habe vor niemandem Geheimnisse, namentlich aber nicht vor dir!« »Gut, wie du willst,« sagte Maria Pawlowna, setzte sich mit ihren kindlich-anmutigen Bewegungen auf eines der Betten und schickte sich an, die Unterhaltung der beiden Männer anzuhören. »Die Sache, von der ich mit Ihnen sprechen will, besteht in folgendem,« wiederholte Simonson. »Da ich Ihre Beziehungen zu Katharina Maslow kenne, so hielt ich mich für verpflichtet, Sie von meinen eigenen Beziehungen zu ihr in Kenntnis zu setzen.« »Was heißt das?« fragte Nechludoff, von heftigem Schrecken ergriffen. »Das heißt, ich möchte mich mit Katharina Michaelowna verheiraten ...« »Wirklich?« rief Maria Pawlowna, indem sie ihre schönen, blauen Augen auf Simonson richtete. »Und ich habe mich entschlossen, sie zu fragen, ob sie mein Weib werden will,« fuhr Simonson fort. »Was kann ich dazu thun? Das hängt nur von ihr ab,« erklärte Nechludoff trocken. »Ja, aber ich weiß, daß sie mir nicht ohne Ihre Erlaubnis antworten wird.« »Und warum?« »Weil Katharina Michaelowna, so lange die Frage ihrer Beziehungen zu Ihnen nicht gelöst ist, keinen Entschluß fassen wird.« »Was mich angeht,« versetzte Nechludoff, »so ist die Frage vollständig gelöst. Ich habe thun wollen, was ich für meine Pflicht hielt, und habe auch versucht, die Lage der Maslow so viel wie möglich zu lindern, doch um keinen Preis möchte ich mich ihr aufdrängen oder sie in ihren Entschlüssen beeinflussen.« »Gewiß, aber sie will Ihr Opfer nicht.« »Es handelt sich um kein Opfer.« »Ich weiß, ihr Entschluß ist in diesem Punkte unerschütterlich!« »Aber wozu unterhalten Sie sich dann mit mir?« fragte Nechludoff. »Sie sollen mir das Zugeständnis machen, daß Sie sich nicht mehr mit ihr beschäftigen werden.« »Wie kann ich Ihnen versprechen, daß ich das nicht mehr thun werde, was ich für meine Pflicht halte? Ich kann ihr nur das eine sagen: obwohl ich ihr gegenüber nicht frei bin, so ist sie doch mir gegenüber vollkommen frei!« Simonson blieb einige Augenblicke nachdenklich sitzen, ohne ein Wort zu erwidern. »Gut,« fuhr er fort, »ich werde ihr das sagen. Aber glauben Sie nicht etwa, daß ich in sie verliebt bin! Ich liebe sie, wie ich eine Schwester lieben würde, eine Freundin, die viel gelitten hat, und die ich trösten möchte. Ich verlange nichts von ihr, nichts; ich will ihr nur hilfreich zur Seite stehen, ihre Lage lindern ...« Trotz der Aufregung, die sich seiner selbst bemächtigt hatte, fühlte Nechludoff, wie Simonsons Stimme heftig zitterte. »Ihre Lage lindern,« fuhr Simonson fort. »Sie will Ihre Hilfe nicht annehmen, aber vielleicht wäre sie geneigt, die meine anzunehmen. Wenn sie einwilligt, so werde ich ein Gesuch einreichen, in die Stadt verschickt zu werden, in der sie ihre Strafe abbüßt. Vier Jahre sind schnell vorüber! Ich werde bei ihr leben, und vielleicht wird es mir gelingen, ihr Leben weniger schwer zu gestalten ...« Von neuem hielt er inne, denn er war dem Weinen nahe. »Was soll ich Ihnen sagen« versetzte Nechludoff, »Ich bin glücklich, daß sie einen Beschützer wie Sie gefunden hat ...« »Ach, das wollte ich nur wissen,« rief Simonson. »Ich wollte wissen, ob Sie, wenn Sie meine Gefühle für Katharina Michaelowna kennen, wenn Sie wissen, wie sehr ich ihr Wohl im Auge habe, eine Heirat mit mir als ein Glück für sie ansehen würden?« »Ja, das würde ich,« versetzte Nechludoff in entschlossenem Tone. »An sie allein denke ich! Ich wünsche nur, diese leidende Seele möge ein wenig Ruhe finden!« sagte Simonson, indem er Nechludoff mit einem so demütigen, so flehentlichen Blicke ansah, wie man ihn bei einem gewöhnlich so zurückhaltenden und düstern Manne nie erwartet hätte. Dann näherte er sich Nechludoff plötzlich, ergriff seine Hand, lächelte ihm schüchtern zu und küßte ihn auf die Wangen. »Ich werde ihr das alles sagen; ich werde ihr das alles sagen,« erklärte er und verließ das Zimmer. Vierzehntes Kapitel »Nun!« sagte Maria Pawlowna, als Simonson hinausgegangen war, »da haben Sie's! Er ist verliebt, wahnsinnig verliebt! Wer hätte das erwartet, daß Wladimir Simonson sich wie der erste beste Gymnasiast verlieben würde? Das ist unglaublich! Und ich muß sogar sagen, daß es mich ein bißchen ärgert,« fügte sie halb ernsthaft hinzu. »Aber sie, Katja? Was meinen Sie, denkt sie von alledem?« fragte Nechludoff. »Sie?« Maria Pawlowna hielt inne, um einen Augenblick zu überlegen, als wenn sie ihre Antwort so klar wie möglich aussprechen wollte. »Sie? Sehen Sie, trotz ihrer Vergangenheit ist sie eine der rechtschaffensten Personen, die ich je kennen gelernt habe ... Sie hat feinere Gefühle, als wir alle ... Sie liebt Sie, sie liebt Sie sehr; und sie wäre glücklich, wenn sie Ihnen wenigstens einen negativen Dienst erweisen könnte, indem sie Sie hindert, sich weiter ihretwegen Umstände zu machen. In ihren Augen wäre ihre Ehe mit Ihnen ein schrecklicher Sturz, der schlimmer als ihre ganze Vergangenheit wäre; und ich bin überzeugt, daß sie infolgedessen nie darauf eingehen würde. Ihre Anwesenheit ist für sie eine fortgesetzte Ursache der Angst.« »Aber was raten Sie mir denn? Soll ich verschwinden?« fragte Nechludoff. Ueber Maria Pawlownas Gesicht huschte ein sanftes Lächeln. »Nun denn, ja, zum Teil!« »Und wie könnte ich zum Teil verschwinden?« »Ich bemerke, daß ich noch nicht auf Ihre erste Frage geantwortet habe,« fuhr sie fort, und suchte augenscheinlich der Unterhaltung eine andere Wendung zu geben; »ich wollte Ihnen sagen, daß Katja diese exaltierte Liebe, die Simonson für sie empfindet, gemerkt haben muß, obwohl er nie mit ihr davon gesprochen hat. Wie Sie wissen, verstehe ich mich nicht besonders auf solche Fragen; doch ich habe die Empfindung, daß dieses Gefühl nichts weiter ist, als die gewöhnlichste Liebe, trotz all der schönen Gefühle, mit der sie umkleidet ist. Wladimir behauptet, seine Liebe wäre rein platonisch und habe nur die Wirkung, seine Energie zu heben, anstatt sie niederzudrücken. Noch ich fühle wohl, daß das im Grunde gar nicht der Fall ist, daß es ganz einfach ein physisches Verlangen ist, wie das, das Nowodworoff zu Lubka Grabetz führt ...« Und Maria Pawlowna wollte sich noch weiter über dieses Thema, das ihr sehr am Herzen lag, aussprechen, als Nechludoff sie unterbrach. »Und was raten Sie mir zu thun?« fragte er. »Ich glaube, Sie sollten von alledem zuerst mit Katja sprechen. Sich gründlich aussprechen, das ist immer die beste Methode. Verständigen Sie sich mit Katja! Soll ich sie Ihnen herschicken?« »Ja, ich bitte Sie darum,« sagte Nechludoff, und Maria Pawlowna verließ das Zimmer. Seltsame Gefühle bewegten Nechludoffs Seele, – während er in dem kleinen Zimmer allein blieb und neben sich den regelmäßigen Atem Wera Efremownas und etwas weiter den unaufhörlichen Lärm der Kriminalverbrecher vernahm. Was ihm Simonson eben gesagt, hatte den Vorzug, daß es ihn von der übernommenen Verpflichtung befreite, die ihm noch in der letzten Zeit sehr oft schrecklich und peinlich erschienen war. Trotzdem war ihm das, was Simonson ihm gesagt, nicht allein unangenehm, sondern verursachte ihm auch Schmerzen, wie er sie nie vorher erduldet hatte. Seine Leiden stammten von tausend verschiedenen Ursachen, deren er sich selbst nicht recht bewußt wurde. Es stammte z. B. daher, daß Simonsons Vorschlag seinem Verhalten Katuscha gegenüber den außergewöhnlichen Charakter genommen hatte, den es bis dahin in seinen eigenen Augen und den Augen der Welt gehabt hatte. Denn, wenn ein anderer Mann und ein Mann, wie dieser, der dem jungen Weibe gegenüber nicht die geringste Verpflichtung hatte, sein Schicksal mit dem ihrigen verknüpfen wollte, so hatte doch sein , Nechludoffs Opfer, nichts so Heroisches an sich! Und das Leiden Nechludoffs hatte auch eine ganz einfache Eifersucht zur Ursache; er hatte sich an den Gedanken, von Katuscha geliebt zu werden, so sehr gewöhnt, daß der Gedanke, sie liebe einen andern Mann, ihn wie eine Enttäuschung quälte. Und Nechludoff litt auch, als er seine Pläne und Projekte so zerstört sah; er hatte es sich genau zurechtgelegt, wie er neben Katuscha leben, wie er ihr Gesellschaft leisten, und bis sie ihre Strafe abgebüßt, über sie wachen wolle; wenn sie sich jetzt aber mit Simonson verheiratete, wurde seine Anwesenheit unnötig, und er mußte seinem Leben ein anderes Ziel geben. So drängten sich in ihm allerlei traurige Gedanken, als die Thür sich öffnete und Katuscha ins Zinnner trat. Der Lärm im Nebensaale wurde fortwährend betäubender; offenbar mußte etwas Ungewöhnliches dort vorgehen. Mit schnellen Schritten, ohne die Augen zu erheben, ging Katuscha auf Nechludoff zu. »Maria Pawlowna hat mir gesagt, Sie hätten mit mir zu sprechen,« murmelte sie mit verlegener Miene. »Ja, Katuscha, ich habe mit dir zu sprechen! Setz' dich! Wladimir Iwanowitsch hatte eben mit mir deinetwegen eine Unterredung.« Sie hatte sich gesetzt, ihre Hände auf die Kniee gelegt, und es war ihr gelungen, sich den Anschein der Ruhe zu geben. Doch sobald Nechludoff Simonsons Namen erwähnt, zitterte sie und wurde blutrot. »Und was hat er Ihnen gesagt?« fragte sie. »Er hat mir gesagt, er wolle sich mit dir verheiraten.« Das Gesicht des jungen Weibes verzerrte sich, wie unter der Einwirkung eines heftigen Schmerzes. Doch sie sagte nichts und begnügte sich, von neuem die Augen niederzuschlagen. »Er bittet mich um meine Einwilligung oder doch wenigstens um meine Ansicht,« fuhr Nechludoff fort. »Ich aber habe ihm gesagt, es hinge alles von dir ab; du allein solltest entscheiden.« »Und weshalb das alles?« rief sie und richtete den durchbohrenden Blick ihrer etwas schielenden Augen, der stets einen so tiefen Eindruck auf ihn gemacht hatte, auf Nechludoff. Beide blieben so eine kurze Minute sitzen und blickten sich in die Augen, und dieser Blick sagte beiden mehr, als viele Worte. »Du allein mußt entscheiden!« wiederholte Nechludoff. »Was habe ich zu entscheiden?« rief sie. »Es ist schon längst alles entschieden.« »Nein, nein, Katuscha, du mußt entscheiden, ob du den Vorschlag Wladimir Iwanowitschs annimmst!« »Kann ich mich verheiraten, ich Zuchthausbrut? Warum sollte ich Wladimir Iwanowitschs Leben vernichten?« sagte das junge Weib mit zitternder Stimme. »Aber wenn du ihn liebst?« fragte Nechludoff. »O, lassen Sie mich; es ist besser, nicht darüber zu sprechen,« versetzte sie, erhob sich und entfloh aus dem Zimmer. Fünfzehntes Kapitel Als Nechludoff nach seiner Unterredung mit Katuscha in den großen Saal zurückkehrte, fand er die ganze Gesellschaft in Aufregung. Nabatoff, der überall hinging, alles beobachtete, sich nach allem erkundigte, hatte eben eine für seine Gefährten im höchsten Grade interessante Entdeckung gemacht. Er hatte an einer Wand eine von dem Revolutionär Petlin stammende Inschrift entdeckt, der vor zwei Jahren zu lebenslänglicher Zwangsarbeit verurteilt worden war. Man glaubte, dieser Petlin wäre schon längst in Sibirien; und nun bewies die von ihm an der Wand zurückgelassene Inschrift, daß er einem ganz kürzlich hier durchpassierenden Zuge angehört hatte. Die Inschrift lautete: »Ich bin am 17. August 18.. mit einem Zuge gemeiner Verbrecher hier durchgekommen. Newjeroff sollte mit mir reisen; doch er hat sich in Kasan in einem Wahnsinnsanfall erhängt. Mir geht's körperlich und geistig gut, und ich bin voller Hoffnung auf die Zukunft unserer Sache. Petlin.« Man tauschte Vermutungen über die Ursache der Verzögerung von Petlins Abreise aus, vor allem aber sprach man über die Gründe von Newjeroffs Selbstmord. Nur Krülzoff schwieg mit ernster Miene und blickte mit seinen silberglänzenden Augen vor sich hin ins Leere. »Mein Mann hat mir gesagt, Newjeroff hätte schon in der Festung Gespenster gesehen,« sagte Rontzeff. »Ja, ein Poet, ein Phantast! Solche Leute ertragen die Einsamkeit nicht,« erklärte Nowodworoff in verächtlichem Tone. »Als man mich in die Zelle gesperrt hat, habe ich es mir streng untersagt, meine Phantasie arbeiten zu lassen. Ich habe mir einen bestimmten Plan für meine Zeit festgesetzt, dem ich mit pünktlicher Genauigkeit gefolgt bin. Daher habe ich die Einzelhaft auch sehr gut ertragen.« »Die Einzelhaft ertragen! Das ist nicht einmal wert, daß man sich dessen rühmt! Ich habe mich sehr oft glücklich gefühlt, wenn man mich in die Zelle gesperrt hat,« rief Nabatoff mit gutmütigem Lächeln, indem er sich offenbar bemühte, das Gespräch abzulenken, und den Hauch der Traurigkeit, der sich ringsumher verbreitet hatte, zu verscheuchen. »In der Freiheit kümmert man sich um alles, fragt sich, ob man nicht den andern schaden und den Erfolg des Werkes in Frage stellen wird; sitzt man dagegen einmal in der Zelle, so fühlt man sich für nichts mehr verantwortlich: man kann frei atmen. Man braucht nur sitzen zu bleiben und Cigaretten zu rauchen.« »Du hast Newjeroff genau gekannt?« fragte Maria Pawlowna Krülzoff, dessen Gesicht sich von neuem verzerrt hatte und dessen Hände seit Nowodworoffs Worten wieder zu zittern angefangen hatten. »Newjeroff ein Phantast?« fragte Krülzoff, indem er seine erloschene Stimme so viel wie möglich erhob. »Siehst du, Nejweroff war einer der Männer, von denen man sagt, die Erde bringe nur wenige ihresgleichen hervor! Er war ein wunderbarer Mensch, ein Mensch, den ich seiner Aufrichtigkeit wegen als durchsichtig bezeichnen möchte! Er war nicht allein unfähig zu lügen, sondern auch außer stande, seine geringsten Gedanken geheim zu halten. Und eine so feine Haut hatte er, daß die geringste Schramme ihn bis auf die Seele verwundete. Alle seine Nerven waren so feinfühlig ... Ja, eine zarte, weiche Natur, eine schöne Natur! Ach, der war nicht wie ... Doch, wozu darüber sprechen!« Er schwieg einen Augenblick, doch man sah, daß der Zorn in ihm grollte. »Leute von Newjeroffs Art,« fuhr er in bitterem und gequältem Tone fort, »fragen sich ängstlich, was besser sei: ob es besser sei, das Volk erst aufzuklären und dann erst die Lebensformen zu ändern, oder ob es vorteilhafter sei, erst die Lebensformen zu ändern; sie fragen sich, mit welchen Mitteln sie kämpfen sollen, ob mit der friedlichen Propaganda oder mit dem Terrorismus. Und darum nennt man sie Phantasten! – Die dagegen, die sie so nennen, fragen sich nichts, sie bestreiten nichts, sie kümmern sich nicht darum, ob ihr Wirken nicht zehn, Hunderten von Männern, und was für Männern, das Leben kosten wird! Im Gegenteil, es ist ihr Wunsch, daß die Besten umkommen mögen! Und die Besten kommen in der That um! Herzen sagte, die Proskription der Dekabristen hätte die Wirkung gehabt, das soziale Niveau Rußlands herunterzudrücken. Und daraufhin hat man Herzen und seine Mitstreiter proskribiert. Jetzt werden die Newjeroffs exkommuniziert!« »Es wird aber doch nicht gelingen, alle Welt zu unterdrücken,« sagte Nabatoff. »Einige werden zur Schlußabrechnung doch noch dasein.« »Nein, nicht ein einziger wird übrig bleiben, wenn wir diese Leute gewähren lassen,« rief Krülzoff, der immer wütender wurde, – »Emilia, gieb mir eine Cigarette.« »Dir ist heute Abend nicht wohl,« sagte Maria Pawlowna, »ich bitte dich, laß das Rauchen.« »Laß mich!« sagte er zornig, und zündete sich eine Cigarette an; doch schon bei dem ersten Zuge begann er wieder zu husten und zu ersticken. Einige Augenblicke blieb er liegen, um Atem zu schöpfen, dann wurde er von neuem lebhafter und sagte: »Nein, so haben wir das Werk nicht aufgefaßt, so haben wir es gewiß nicht aufgefaßt. Wir überlegten, wir suchten nach den besten Methoden, während ...« »Aber sie sind doch auch Menschen,« warf die Rantzeff ein. »Nein, das sind keine Menschen, die so handeln und denken können ... man sollte sie ausrotten, wie die Wanzen, sie in die Luft sprengen; ja, das sollte man, weil ...« Er begann einen neuen Satz, als sein Gesicht plötzlich blutrot wurde und ein heftiger Hustenanfall ihn gleichzeitig auf das Kopfkissen zurückwarf; dann sah man einen Blutstrom aus seinem Munde fließen. Nabatoff stürzte auf den Korridor, um Schnee zu holen. Maria Pawlowna trat auf Krülzoff zu und reichte ihm ein Fläschchen mit Baldriantropfen; er aber stieß mit geschlossenen Augen das Fläschchen mit seiner fleischlosen Hand zurück und blieb lange Zeit unbeweglich, ohne wieder zu Atem kommen zu können. Als der Schnee und kalte Wasserkompressen ihn schließlich so weit hergestellt hatten, daß seine Gefährten ihn entkleiden und zu Bett bringen konnten, nahm Nechludoff Abschied und ging in den Korridor, wo der Oberaufseher seit längerer Zeit auf ihn wartete. Die gemeinen Kriminalverbrecher hatten jetzt ihren Lärm eingestellt, und die meisten schliefen. Sie schliefen nicht allein auf den Betten und unter den Betten, auf der Diele und vor den Thüren, sondern viele von ihnen, die im Innern der Säle keinen Platz hatten finden können, hatten sich nackt, mit ihren Reisetaschen unter den Köpfen, und, an Stelle der Betten mit ihren Kleidern zugedeckt, im Korridor hingelegt. Die Säle und der Korridor hallten vom Schnarchen förmlich wieder, und überall lagen auf dem Erdboden seltsame menschliche Gestalten, die halb unter großen Mänteln verborgen waren. Nur einzelne Sträflinge, die in einer Ecke des Korridors beim Scheine einer Kerze Karten spielten, schliefen nicht. Nechludoff sah noch einen andern, der auch nicht schlief, einen alten Sträfling, der vollständig nackt unter der Lampe saß, und in seinen Kleidungsstücken nach Läusen suchte. Im Vergleich zu dem pestartigen Gestank dieses Korridors hatte Nechludoff die Empfindung, er habe in dem für die politischen Gefangenen reservierten Zimmer die reinste Luft geatmet. Schließlich bahnte er sich doch einen Weg bis zum äußersten Ende des Korridors, indem er vorsichtig weiter ging, um die Schläfer nicht zu treten, die den Weg versperrten. Drei Gefangene, die zweifellos in dem Korridor selbst keinen Platz hatten finden können, hatten sich vor dem Eingang unter dem Unrateimer niedergelegt. Der eine von ihnen war ein Idiot, dem Nechludoff schon oft begegnet war; ein anderer war ein kleiner Junge von zehn Jahren; er schlief, wie die Kinder schlafen, die beiden Hände flach unter die Wange gelegt, während die verpestete Flüssigkeit des mit Exkrementen angefüllten Unrateimers langsam auf ihn herniedersickerte. Im Hofe des Rastgebäudes blieb Nechludoff stehen, holte tief Atem und sog mit Behagen die eisige Nachtluft ein. Sechzehntes Kapitel An dem eben noch so dunklen Himmel waren jetzt die Sterne aufgegangen, die Schmutzlachen waren an vielen Stellen gefroren, und so hatte Nechludoff keine allzu große Mühe, seine Herberge wieder zu erreichen. Er klopfte ans Fenster; der breitschultrige Bursche öffnete ihm und ließ ihn herein. Rechts im Korridor hörte Nechludoff das Schnarchen der Kutscher in einem dunklen Zimmer; vor sich im Hofe hörte er das beständige, regelmäßige Geräusch einer Schar Hafer fressender Pferde. Links sah er die Thür des Gastzimmers geöffnet, in welchem vor dem Heiligenbild eine Lampe brannte, und ein seltsamer Duft entströmte diesem Saale, ein Branntweingeruch, in den sich noch andere Gerüche mischten. Nechludoff ging in sein Zimmer hinauf, zog seinen Mantel aus, und streckte sich auf einem Divan aus. Ganz in seinen Reiseplaid eingewickelt, durchlebte er die verschiedenen Schauspiele noch einmal, denen er eben beigewohnt. Besonders aber sah er mit ganz außergewöhnlicher Deutlichkeit den kleinen Jungen wieder vor sich, der, den Kopf auf die Hände gelegt, neben dem Nachteimer schlief, der auf ihn herabsickerte. Die Unterredung, die er eben mit Simonson und Katuscha gehabt, hatte ihn tief erschüttert! er fühlte, ein Ereignis hätte sich in seinem Leben vollzogen, ein unvorhergesehenes, äußerst wichtiges Ereignis. Doch er fühlte auch, dieses neue Ereignis wäre zu ernst und unvorhergesehen, als daß er noch kalten Blutes daran denken konnte. Mit allen Mitteln bemühte er sich, nicht daran zu denken und verjagte sofort alle Erinnerungen, die sich auf seine eigene Lage und die des jungen Weibes beziehen konnten. Mit ebenso großer Deutlichkeit stellte er sich den Schlummer der Gefangenen in dem stinkenden Korridor vor, vor allem aber dachte er an den unschuldigen kleinen Jungen, der zwischen den beiden Sträflingen ausgestreckt lag. Es ist zweierlei: zu wissen, daß irgendwo in weiter Ferne einzelne Leute andere quälen, ihnen allerlei Leiden und Demütigungen auferlegen; und drei Monate lang den Schauspielen dieser Qualen beizuwohnen und täglich zu sehen, wie andern diese Leiden und Demütigungen auferlegt wurden. Darüber wurde sich Nechludoff jetzt klar. Zwanzigmal hatte er sich im Laufe dieser drei Monate gefragt: »Bin ich toll und sehe ich Dinge, die andere nicht sehen, oder sind die andern, die die Dinge dulden und selbst vollbringen, toll?« Die andern Menschen aber duldeten diese Dinge, die Nechludoff in Erstaunen setzten, nicht nur, sondern hielten sie sogar für so wichtig und notwendig, daß er wirklich nicht annehmen konnte, sie wären alle toll. Andererseits aber konnte er auch nicht annehmen, daß er selbst toll war, denn seine Gedanken erschienen ihm vollständig klar und vernünftig. Deshalb wußte er immer noch nicht, für welche Lösung er sich entschließen sollte. Wenigstens aber stellte er sich die allgemeine Bedeutung dessen, was er in diesen drei Monaten gesehen, deutlicher vor, und zwar unter folgender Form: Er hatte zuerst die Empfindung, daß das Beamtentum und die Verwaltung von allen in Freiheit lebenden Menschen die eifrigsten, die gewecktesten, mit einem Wort, die lebenskräftigsten, aber auch die am wenigsten klugen und am wenigsten verschlagenen aussuchte; diese Menschen wurden nun, ohne schuldiger und gefährlicher als die in Freiheit gebliebenen zu sein, in Gefängnisse, Rastgebäude, Zuchthäuser eingeschlossen, wo man sie Jahre hindurch im Müßiggange, fern von der Natur, der Familie, der Arbeit, das heißt, fern von den Bedingungen des normalen Lebens, erhielt. In zweiter Reihe hatte Nechludoff die Empfindung, daß alle diese Menschen in den Gefängnissen, Rastgebäuden u. s. w. einer ganzen Reihe von Demütigungen – Ketten an den Füßen, Handfesseln, rasierter Kopf, Gefängniskleidung – unterworfen waren, die keinen andern Wert hatten, als daß sie die Hauptbestandteile des moralischen Lebens in ihnen zerstörten, das heißt, das Bestreben nach Achtung der andern, die Scham und das Gefühl der menschlichen Würde. Drittens hatte Nechludoff die Empfindung, daß man diese Leute, indem man sie einer beständigen Krankheits- und Todesgefahr preisgab, in die Geistesverfassung versetzte, in der der beste und moralischste Mensch aus Selbsterhaltungstrieb geneigt ist, die grausamsten und unmoralischsten Handlungen zu begehen und gutzuheißen. Viertens hatte Nechludoff die Empfindung, daß man diese Leute, indem man sie zwang, Tag und Nacht die Gesellschaft von durch und durch verdorbenen Wesen – Mörder, Diebe, Brandstifter – über sich ergehen zu lassen, der Epidemie dieser Verderbnis förmlich in die Arme trieb, Nechludoff sagte sich ferner, daß man durch die Behandlung, die man diesen Menschen zu teil werden ließ, indem man ihnen gegenüber alle möglichen ungeheuerlichen Maßregeln zur Anwendung brachte, indem man die Eltern von den Kindern und die Männer von den Frauen trennte; indem man auf die Denunciationen einen Preis setzte, diesen Menschen zu beweisen suchte, daß alle Formen der Gewaltthat, der Grausamkeit, der Bestialität nicht allein nicht verboten, sondern vom Gesetze sogar empfohlen wurden, wenn sie einen Vorteil einbrachten; daraus ging hervor, daß alle diese Dinge ganz besonders Leuten erlaubt waren, die man ihrer Freiheit beraubt hatte, und die sich in der schlimmsten Not befanden. »Man möchte wahrhaftig glauben,« dachte Nechludoff, alle diese Maßregeln wären absichtlich erfunden worden, um unter den lebenskräftigsten Wesen des Volkes die Verderbnis und das Laster in der sichersten Weise zu verbreiten. Alljährlich werden so Tausende von menschlichen Wesen zu Grunde gerichtet, ihrer menschlichen Gefühle beraubt und zur Ausübung der ungeheuerlichsten Handlungen gezwungen; wenn man sie aber vollständig dem Laster in die Arme geführt, läßt man sie frei, damit sie die bösen Keime, die man in sie gesäet, im ganzen Volke verbreiten können.« Schon in dem Gefängnis, in welchem er Katuscha wiedergefunden, und später auf dem ganzen Zuge des Gefangenentransportes in Perm, in Jekaterinenburg, in Tomsk, auf allen Ruhestationen hatte Nechludoff die Wirkungen dieser allgemeinen nationalen Demoralisation sich vollziehen sehen. Er hatte gesehen, wie einfache, von den traditionellen moralischen Grundlagen des Bauern und Christen durchdrungene Durchschnittsnaturen diese Prinzipien nach und nach abgelegt, um sich dafür andere Prinzipien zu eigen zu machen, die hauptsächlich in der Zulassung jeder Gewaltthat und Unehre gipfelten. Diese Naturen waren angesichts der den Gefangenen zu teil gewordenen Behandlung so weit gekommen, daß sie alle Prinzipien der Gerechtigkeit und Barmherzigkeit, die ihre Religion sie gelehrt hatte, als Lügen ansahen, und daraus hatten sie die Schlußfolgerung gezogen, daß auch sie selbst diesen Prinzipien nicht mehr zu folgen brauchten. Bei einer großen Zahl Gefangener des Zuges hatte Nechludoff Beispiele dieser Sittenverderbnis beobachtet; bei Fedoroff, bei Makar und sogar bei Taraß, der nach zweimonatlichem Zusammenleben mit den Sträflingen viele ihrer Gewohnheiten angenommen und sich fast so fühlte und ausdrückte, wie sie. Nechludoff hatte nämlich gehört, wie er mit Bewunderung von dem alten Sträfling sprach, der sich rühmte, seinen Fluchtgefährten ermordet und aufgegessen zu haben. Und er dachte daran, daß der russische Bauer unter der Einwirkung solcher Behandlung der Gefangenen in einigen Monaten in denselben Zustand der Sittenverderbnis geriet, in welchem sich die »Intellektuellen«, die die Doktrinen Nietzsches priesen und predigten, nach Jahrhunderten moralischer Fäulnis befanden. Nechludoff las in den Büchern, daß alle diese Maßregeln, deren Folgen er sah, ihre Rechtfertigung darin fanden, daß man gewisse gefährliche Glieder der menschlichen Gesellschaft ausrotten oder auf dieselben abschreckend wirken mußte. Auf die Wirklichkeit aber hatte das alles keinerlei Bezug, denn anstatt die gefährlichen Glieder aus der Gesellschaft auszurotten, verbreitete man die Sittenverderbnis nur noch mehr. Anstatt auf diese Glieder abschreckend zu wirken, ermutigte man sie nur, indem man ihnen das Beispiel der Grausamkeit und Unmoral gab und ihnen außerdem ein Leben der Faulheit und Ausschweifung sicherte, das ihnen so weit gefiel, daß eine Menge von Landstreichern es als eine Gunst betrachtete, ins Gefängnis geworfen zu werden. Anstatt diese gefährlichen Mitglieder zu bessern, impfte man ihnen nur systematisch alle Laster ein. »Aber warum thut man denn das alles?« fragte sich Nechludoff und fand noch immer keine Antwort. Am meisten aber wunderte er sich, daß dies alles nicht nur vorübergehend, infolge eines Mißverständnisses, sondern fortgesetzt und wohlüberlegt seit langen Jahrhunderten geschah, nur mit dem einzigen Unterschiede, daß man den Gefangenen früher die Nasenlöcher aufriß und sie auf Flöße setzte, während man ihnen jetzt Handschellen anlegte, ihnen die Augen mit Fäusten ausschlug und sie in Dampfschiffen reisen ließ. Nechludoff fand auch Schriftsteller, die ihm sagten, die Maßregeln, die ihn empörten, kämen nur von den ungenügenden Gefängnissen und einer mangelhaften Organisation, die sicherlich bald verbessert werden würde. Doch auch diese Antwort befriedigte ihn absolut nicht; denn er fühlte nur zu deutlich, der Uebelstand, der ihn empörte, hinge nicht allein von der ungenügenden Zahl der Gefängnisse oder von dem oder jenem Organisationsfehler ab. Die Erfahrung bewies ihm, daß dieses Uebel von Jahr zu Jahr trotz der sogenannten Fortschritte der Zivilisation stärker wurde. Er wußte, daß die Gefangenentransporte vor fünfzig Jahren nicht in demselben Maße das Schauspiel der Verrohung und Sittenverderbnis aufwiesen, trotzdem man sie damals nicht in Dampfschiffen und Eisenbahnen durch Rußland beförderte. Und er konnte nicht ohne ein Gemisch von Ekel und Unruhe eine Beschreibung dieser Mustergefängnisse lesen, die von den Soziologen erträumt wurden, und in denen die Verurteilten durch Elektrizität Nahrung, Licht und Heizung erhielten und auch elektrisch gepeitscht und hingerichtet wurden. Und mit Entrüstung dachte Nechludoff daran, daß Richter und Beamte alljährlich große, dem Volke abgepreßte Summen erhoben, nur um aus Büchern, die eben solche Richter und Beamte wie sie geschrieben, die Mittel herauszulesen, gewisse Menschen nach fernen Orten zu spedieren, um auf einige Zeit von ihnen befreit zu sein, und zwar so, daß diese Menschen sicherlich moralisch, wenn nicht gar körperlich, umkamen. Und in dem Maße, wie Nechludoff die Gefängnisse und Etappen immer genauer studierte, erkannte er, daß alle unter den Gefangenen verbreiteten Laster: die Trunksucht, das Spiel, die Gewaltthätigkeit, die Schamlosigkeit, daß alle diese Laster keineswegs die Kundgebung eines sogenannten »Verbrechertypus«, wie ihn im Dienste der Behörde stehende Gelehrte erfunden, war, sondern daß sie die direkte Folge der ungeheuerlichen Verirrungen waren, auf Grund deren sich gewisse Leute das Recht angeeignet hatten, über andere Menschen zu Gericht zu sitzen und sie zu bestrafen. Nechludoff begriff, daß der Kannibalismus des alten Sträflings seinen Ursprung nicht in der Galeere, auch nicht in der Wüste, wohl aber in den Ministerien, den Kommissionen und den Kanzleien gehabt hatte. Er begriff ferner, daß das, was im Bagno vorging, nur die Schlußfolgerung dessen war, was sich in diesen höheren Sphären abspielte, und daß Leute, wie sein Schwager zum Beispiel, nichts mit der Gerechtigkeit und dem Wohle der Nation zu thun hatten, der zu dienen sie sich rühmten, sondern daß ihr einziges Bestreben darauf gerichtet war, die Rubelstücke sich anzueignen, die man ihnen für die Ausführung dieser niedrigen Arbeiten bezahlte, die soviel Leiden und Sittenverderbnis zur Folge hatten. »Sollte das alles nicht wirklich nur die Folge eines Mißverständnisses sein? Könnte man es nicht so einrichten, daß alle diese Beamten ihr Gehalt weiter bezögen, ja, daß sie sogar eine Extraprämie bekämen, unter der Bedingung, daß sie von nun an auf diese schadenbringenden Arbeiten verzichteten, die auszuführen sie sich verpflichtet glauben, um ihr Gehalt zu bekommen?« Was alles dachte Nechludoff, und unter diesen Gedanken überfiel ihn endlich bei Tagesanbruch der Schlummer, trotz der Wanzen, die, seit er sich niedergelegt hatte, wie Ameisen in einer Grube um ihn herumliefen. Siebzehntes Kapitel Als Nechludoff am nächsten Morgen gegen neun Uhr erwachte, übergab ihm die wohlbeleibte Wirtin ein Couvert, das einer der der Etappe angehörenden Soldaten schon vor zwei Stunden für ihn gebracht hatte. Es war ein Billet von Marie Powlowna. Das junge Mädchen teilte Nechludoff mit, der bei Krülzoff am vorigen Abend eingetretene Anfall wäre viel ernster, als man ursprünglich geglaubt hatte. »Wir hatten die Absicht, ihn ein bis zwei Tage hier zu lassen und bei ihm zu bleiben, doch man hat es uns nicht erlaubt; deshalb nehmen wir ihn mit, haben aber große Furcht. Können Sie es nicht durchsetzen, daß, wenn sein Zustand ihn zwingt, in S... zu bleiben (das war die folgende Etappe des Zuges), einer von uns die Erlaubnis erhält, bei ihm zu bleiben? Sollte diese Erlaubnis etwa von neuem verweigert werden, und ich die Autorisation, bei ihm zu bleiben, nur bekommen, wenn ich Krülzoffs Frau werde, so brauche ich Ihnen wohl nicht erst zu sagen, daß ich auf diese Formalität gern eingehe.« Nechludoff ließ seinen Wagen anspannen und packte eiligst seinen Koffer. Er hatte sein zweites Glas Thee noch nicht ausgetrunken, als er auf dem gefrorenen Boden der Landstraße, der so dumpf wie das Pflaster klang, das Klappern der Räder der Troika vernahm, die ihn abholen wollte. Er bezahlte seine Rechnung, stieg in den Wagen und sagte dem Kutscher, er solle so schnell wie möglich fahren, um den Zug recht bald einholen zu können. Thatsächlich sah er nach einer scharfen, einstündigen Fahrt auf der Landstraße die schwarze Reihe der Wagen vor sich, die mit dem Gepäck des ganzen Zuges die kranken Gefangenen und die politischen Verurteilten fortbrachten. Der Offizier war wie am vorigen Tage vorausgefahren, um den Abmarsch der Kriminalverbrecher zu leiten und zu überwachen. Hinter den Wagen und neben ihnen, auf beiden Seiten der Landstraße marschierten die Soldaten mit fröhlichem und lebhaftem Schritte, wie Männer, die vor ihrem Aufbruch einen guten Schluck getrunken haben. Es waren eine große Anzahl von Wagen, wenigstens zwanzig Stück. In den letzten, denen Nechludoff zuerst begegnete, saßen zu sechs und sechs zusammengedrängt, die Kriminalverbrecher; in den ersten befanden sich zu drei und drei die politischen Gefangenen. Nowodworoff reiste in Gesellschaft Markels und der Grabetz, Emilja Rantzeff und Nabatoff hatten die Frau in anderen Umständen bei sich, der Maria Pawlowna ihren Platz abgetreten hatte. Endlich sah Nechludoff in einem dritten Wagen Krülzoff auf einem Strohlager, mit Kissen unter dem Kopf, ausgestreckt; neben ihm saß auf dem Rücksitz Maria Pawlowna. Nechludoff befahl seinem Kutscher zu halten, stieg aus und näherte sich dem Wagen, in welchem Krülzoff lag. Die Soldaten, welche den Wagen umgaben, machten ihm ein Zeichen, er solle seiner Wege gehen; doch er war schon daran gewöhnt, auf diese Art Warnung nichts zu geben, und thatsächlich ließen ihn die Soldaten nach ihrem ersten Proteste, so lange er nur wollte, neben dem Wagen hergehen. In seinen Pelz eingehüllt und seine Lammfellmütze auf dem Kopfe, ein Taschentuch um den Mund gebunden, lag Krülzoff da und schien noch magerer und blasser als vorher. Nur seine Augen schienen in dem ganzen Gesichte zu leben; sie glänzten so eigentümlich, daß sie ganz ungewöhnlich groß erschienen. Unaufhörlich von dem Rütteln des Wagens hin- und hergeschüttelt, starrte er mit einem Ausdruck lebhaften Schmerzes vor sich hin, und als Nechludoff ihn fragte, wie er sich fühle, beschränkte er sich darauf, einen Moment die Augen zu schließen und wandte dann mit zorniger Miene den Kopf ab. Alle Energie seines Wesens beschränkte sich augenscheinlich darauf, die Erschütterungen des Wagens zu ertragen. Sobald Maria Pawlowna Nechludoff bemerkt hatte, warf sie ihm einen Blick zu, in welchem er ihre ganze Unruhe klar und deutlich las; doch gleich darauf fing sie wieder mit dem ruhigsten und fröhlichsten Ton zu reden an, indem sie möglichst laut, um das Getöse der Räder zu übertönen, ausrief: »Eine gute Neuigkeit! Denken Sie, der Offizier muß sich geschämt haben, er hat dem Vater des kleinen Mädchens heute morgen die Handfesseln abnehmen lassen, und ihm erlaubt, sein Kind zu tragen. Wera hat mir ihren Platz abgetreten, und nun fahre ich im Wagen, während sie vor uns mit Simonson und Katja zu Fuß wandert.« Dann trat einige Minuten Ruhe ein; und plötzlich sprach Krülzoff, indem er das Taschentuch, das seinen Mund bedeckte, abriß, einige Worte, die weder Maria Pawlowna, noch Nechludoff verstehen konnten. Der Kranke sah sie darauf mit ungeduldigem Blicke an und schloß von neuem die Augen, indem er sich bemühte, nicht zu husten. Maria Pawlowna neigte sich über ihn und lauschte, während Krülzoff sich wieder aufrichtete und im Flüstertone sagte: »Jetzt fühle ich mich weit besser! Wenn ich mich nicht erkälte, bin ich gerettet!« Dann wandte er sich mit gequältem Lächeln zu Nechludoff. »Nun, und wie weit sind Sie mit dem Problem der drei Körper? Haben Sie eine Lösung gefunden?« Nechludoff sah ihn ängstlich an und begriff nicht, was er sagen wollte; doch Maria Pawlowna erklärte ihm, die Gelehrten nannten so ein die astronomischen Beziehungen der Sonne, der Erde und des Mondes betreffendes Problem; Krülzoff hätte schon am vorigen Tage aus Scherz mit diesem Prinzip das Problem der Beziehungen Nechludoffs, Simonsons und der Maslow verglichen. Krülzoff machte ein Zeichen mit dem Kopfe, um die Erklärung des jungen Mädchens zu bestätigen. »Die Lösung hängt nicht von mir ab,« sagte Nechludoff. »Sie haben meinen Brief erhalten? Sie werden thun, um was ich Sie gebeten habe?« fragte Maria Pawlowna. »Zählen Sie auf mich!« versetzte Nechludoff. Nechludoff glaubte nun von neuem zu sehen, wie Krülzoffs Gesicht sich verzerrte, als wäre ihm diese Unterhaltung, an der er nicht teilnehmen konnte, lästig; deshalb trat Nechludoff zur Seite und ging wieder zu seinem Wagen zurück. Die Anspielung Krülzoffs hatte ihn wieder an seine eigene Lage erinnert, die er seit dem vorigen Tage zu vergessen bemüht war; und der Wunsch war in ihm aufgestiegen, schnell zu Katuscha zu eilen und eine ausschlaggebende Unterredung mit ihr herbeizuführen. Von neuem befahl er dem Kutscher, seine Pferde laufen zu lassen, und mit heftigem Herzklopfen bemerkte er vor sich nach einer Fahrt von zwei bis drei Werst das blaue Tuch, das den Kopf der Maslow bedeckte. Die junge Frau schritt am Ende des Zuges in Begleitung von Wera Efremowna und Simonson, der im Begriff war, seinen Gefährtinnen mit eifrigen Bewegungen seiner langen, mageren Arme etwas zu erklären. Als Nechludoff sie eingeholt hatte, begrüßten ihn die beiden Frauen lächelnd, während Simonson mit ganz besonderem Eifer seine Mütze abnahm. Noch Nechludoff fühlte nicht den Mut, mit ihnen zu sprechen, als er sie so zusammensah. Im Augenblick, als er seinen Wagen halten lassen wollte, besann er sich eines anderen, und bald fuhr er an dem Zuge vorüber, der sich mit der gewöhnlichen Begleitung von Geschrei, Lachen und Kettenklirren an der Landstraße hinzog. Der Weg, den der Wagen verfolgte, führte ihn in einen finsteren Wald, wo Birken- und Lärchenbäume seinen Augen die tausenderlei Abstufungen ihrer gelben Blätter darboten. Dann verschwand der Wald; auf den beiden Seiten der Landstraße dehnten sich ungeheure Felder aus, und in der Ferne bemerkte Nechludoff die Kuppeln und vergoldeten Kreuze eines Klosters. Indessen hatte sich das Wetter plötzlich aufgeklärt, die Wolken hatten sich zerstreut, die Sonne war über den Feldern aufgegangen, der Hagel, der gefrorene Schmutz der Landstraße, die Kuppeln und Kreuze glänzten in mildem Schimmer; und dieses Licht ließ die Ausdehnung der Felder, die sich bis zur blauen Linie der Berge, die den Horizont begrenzten, hinzogen, noch ungeheurer erscheinen. Endlich fuhr die Troika in ein großes Dorf, einen Vorort der Stadt, nach welcher Nechludoff sich begab. Die Straße dieses Dorfes war voller Menschen, Russen wie Ausländer, die eine außergewöhnliche Mannigfaltigkeit in Kostümen und Frisuren zur Schau trugen. Einzelne Gruppen unterhielten sich, zankten sich und lachten vor den Thüren der Läden, Ausspannungen und Schenken, Leiterwagen fuhren schwerfällig durch die Straße und hielten mitten auf dein Wege. Alles deutete auf die Nähe der Stadt hin. Der Kutscher richtete sich auf seinem Bocke auf, um sich von der vorteilhaftesten Seite zu zeigen, peitschte auf seine Pferde los und ließ sie trotz der Menschenmenge, die sie anfüllte, im Galopp durch die lange Dorfstraße laufen. Die Troika hielt erst am Ufer eines Flusses, der die Stadt vom Dorfe trennte, und über den man aus einer breiten Fähre hinübersetzte. Die Fähre befand sich in der Mitte des Flusses und schwamm auf das Ufer zu, an dem Nechludoff stand. Etwa zwanzig Wagen standen hier, die auf sie warteten; doch die beiden Männer, die die Fähre lenkten, gaben Nechludoffs Kutscher ein Zeichen, er könnte seinen Wagen vor all den anderen hinauffahren. Als die Fähre voll war, schlossen sie die auf dieselbe führende Schranke, ohne sich um die Proteste der zahlreichen Kutscher zu kümmern, deren Wagen keinen Platz hatten finden können. Und langsam begann die Fähre über die Oberfläche des Wassers zu gleiten, und man hörte kein anderes Geräusch, als das der Wogen, die sich an ihrem Rande brachen, und zeitweise das der Pferdehufe, die auf den Bretterboden schlugen. Achtzehntes Kapitel Nechludoff stand am Rande der Fähre und hielt die Augen starr auf das schnellfließende Wasser des Stromes gerichtet. Seine Phantasie führte ihn abwechselnd zwei Bilder vor; das Bild Krülzoffs, der auf dem Stroh des Wagens im Sterben lag, und seinen zornigen Blick, und das Bild Katuschas, die in Begleitung Wladimir Simonsons mit behendem Schritt über die Landstraße wanderte. Eins dieser Bilder, das Krülzoffs, der sich nicht in den Tod fügen wollte, war schrecklich und kläglich; das andere Bild aber, daß Katuschas, die einen Mann in Simonson gefunden, der sie liebte, und auf dem Wege des Guten ebenso flink einherschritt, wie sie über die Landstraße wanderte, dieses Bild wirkte nur fröhlich und stärkend auf ihn. Und doch waren diese beiden Bilder gleich grausam für Nechludoff; es gelang ihm nicht, sie ans seinem Geiste zu verscheuchen, und sie vermischten sich in seinem Gemüt, um schließlich einen Eindruck vollständiger dumpfer Traurigkeit hervorzubringen. Von der Stadt her trug der Wind den silbernen Klang einer Glocke, die einen Gottesdienst verkündete. Nechludoffs Kutscher und alle anderen Passagiere entblößten das Haupt und machten das Zeichen des Kreuzes. Nur ein kleiner Greis in Lumpen nahm nicht die Mütze ab und blieb mit den Händen auf dem Rücken unbeweglich stehen. »Nun, und du, Alter, du betest nicht?« fragte Nechludoffs Kutscher, nachdem er seine Mütze wieder aufgesetzt. »Du bist wohl nicht getauft?« »Beten? Zu wem sollte ich beten?« versetzte der zerlumpte Greis, indem er auf den Kutscher zutrat und ihm fest in die Augen schaute. »Ist das eine Frage! Du glaubst also nicht an Gott?« »Kennst du ihn? Weißt du, wo er ist?« Es lag etwas so Ernstes und Hartes in dem Gesichtsausdruck des alten Mannes, daß der Kutscher sich offenbar etwas eingeschüchtert fühlte. Doch es hatte sich ein Kreis um ihn gebildet, so daß er die Unterhaltung fortsetzte, um das letzte Wort zu behalten. »Wo Gott ist? Du Dummkopf, jeder weiß, daß er im Himmel ist!« »Hast du ihn etwa gesehen? Bist du im Himmel gewesen?« »Wenn ich auch nicht dagewesen bin, so weiß ich es doch! Jeder weiß, daß man zu Gott beten muß!« »Niemand hat Gott je gesehen! Sein einziger Sohn, der beim Vater thront, hat es gesagt!« fuhr der Greis mit seiner strengen Stimme fort, indem er die Stirn kraus zog. »Dann bist du also kein Christ? Du bist ein Götzendiener?« fragte der Kutscher, wandte sich ab und spuckte zum Zeichen der Verachtung aus. »Welcher Religion gehörst du denn an, Väterchen?« fragte ein anderer Kutscher, der neben seinem Pferde stand, den Greis. »Eine Religion habe ich überhaupt nicht,« entgegnete der Greis mit seinem zornigen Blick, »ich glaube nur an mich!« »Und wie kann man an sich selbst glauben?« fragte Nechludoff, den die merkwürdige Persönlichkeit immer mehr interessierte. »Das ist, der einzige Weg, sich nicht zu täuschen!« »Aber woher kommt es denn, daß es so viel verschiedene Religionen giebt?« »Das kommt daher, daß man an die anderen glaubt! Auch ich habe an die anderen geglaubt und bin wie in einem Walde herumgeirrt; ich habe mich so verirrt, daß ich glaubte, ich würde meinen Weg nie wiederfinden. Altgläubige und Neugläubige, Sabbatisten, Nihlisten, Popovisten, Nonpopovisten und Skoptsen; alle habe ich kennen gelernt, alle möglichen Sorten! Und eine jede Religion behauptet, die einzig gute zu sein! Religionen giebt es viele, aber nur einen Geist! Es ist derselbe in mir und in dir, und in allen! Und das heißt, jeder muß an den Geist glauben, der in ihm lebt, dann wird die ganze Welt vereinigt werden!« Der Greis sprach fortwährend mit lauterer Stimme, indem er seinen Blick umherschweifen ließ, als wolle er sich einer möglichst großen Zahl von Personen verständlich machen. »Predigen Sie das schon lange?« fragte ihn Nechludoff. »Ich, o, sehr lange! Seit dreiundzwanzig Jahren verfolgt man mich!« »Wie?« »Nun, wie man Christus verfolgt hat, so verfolgt man mich! Man verhaftet mich, schleppt mich vor die Richter, die Priester, die Schreiber und Pharisäer; man sperrt mich in Irrenhäuser. Doch man kann mir nichts thun, weil ich frei bin! – ›Wie heißest du?‹ fragt man mich. Man bildet sich ein, ich führe einen Namen, aber ich führe keinen; ich habe auf alles verzichtet. Ich habe weder Namen, noch Heimat, noch Vaterland; ich habe nichts, ich habe nur mich! – Wie man mich nennt? Einen Menschen! – ›Und wie alt bist du?‹ – Ich antworte: ich zähle mein Alter nicht, und außerdem habe ich kein Alter, weil der Geist, der in mir lebt, stets existiert hat und stets existieren wird. – ›Und dein Vater,‹ sagt man mir, ›und deine Mutter?‹ – Nein, nein, sage ich ihnen, bei mir giebt es weder Vater noch Mutter, nur Gott und die Erde. Gott ist mein Vater; die Erde ist meine Mutter. – ›Und der Zar,‹ hat man mich gefragt, ›erkennst du den nicht an?‹ – Warum sollte ich ihn nicht anerkennen? Er herrscht auf seiner Seite und ich auf der meinen. – ›Ach,‹ hat man mir gesagt, ›es ist unmöglich, mit dir zu sprechen!‹ Aber, antworte ich ihnen, ich verlange ja gar nicht, daß ihr mit mir sprecht. Dann fangen sie an, mich zu quälen.« »Aber wo gehst du jetzt hin?« fragte Nechludoff. »Ich gehe, wohin Gott mich führt. Ich arbeite; und wenn ich nichts zu arbeiten finde, so bettle ich!« versetzte der Greis und ließ gleichzeitig einen Blick des Triumphes umherschweifen. Schon legte die Fährte am anderen Ufer an. Nechludoff zog sein Portemonnaie und bot dem Greise ein Silberstückchen, doch dieser weigerte sich, es zu nehmen. »So etwas nehme ich nicht! Ich nehme nur Brot!« sagte er. »Entschuldige!« »Du brauchst dich nicht zu entschuldigen. Du hast mich nicht beleidigt,« sagte der Greis und hob den Reisesack auf, den er zu seinen Füßen niedergelegt. In der Menge auf der Fährte wurde es von neuem lebendig. Man zog die Wagen heran und schirrte die Pferde an. »Sie sind übrigens recht gütig, Barin,« sagte der Kutscher zu Nechludoff, als sie die Fähre verließen, »daß Sie sich mit solchen Leuten unterhalten. Wenn man auf alle diese Vagabunden hören wollte!« Neunzehntes Kapitel Als der Wagen am Ufer hielt, wandte sich der Kutscher wieder zu Nechludoff und sagte: »Nach welchem Gasthofe wollen Sie?« »Ich weiß nicht. Welches ist das beste Hotel?« »Das beste ist ›Sibirien‹. Aber bei Dukoff wohnt man auch gut.« »Fahre mich, wohin du willst!« Der Kutscher peitschte auf die Pferde los, und der Wagen fuhr durch die Straßen der Stadt. Diese Stadt war allen Städten gleich; man sah darin dieselben Häuser mit den flachen Dächern, dieselbe große Kirche, dieselben Läden, die in der eleganten Straße zu Magazinen wurden, dieselben Passanten und dieselben Polizisten. Der einzige Unterschied bestand darin, daß die meisten Häuser aus Holz gebaut und die Straßen nicht gepflastert waren. In der belebtesten aller dieser Straßen ließ der Kutscher seine Troika vor der Freitreppe eines Hotels halten. Doch das Hotel war überfüllt, und man mußte sich wieder auf den Weg machen, um ein anderes zu suchen. Endlich fand Nechludoff ein Unterkommen. Zum erstenmal seit zwei Monaten fand er die altgewohnte Sauberkeit und Behaglichkeit wieder. Nicht, daß das Zimmer, das er in Dukoffs Gasthof mietete, besonders luxuriös eingerichtet gewesen wäre, aber es war wenigstens wohnlich; und sein Anblick verursachte ihm eine wahre Erleichterung, als er es mit den Gasthofszimmern verglich, die er in den vorigen Nächten bewohnt hatte. Bevor er an etwas anderes dachte, hatte er Eile, sich von den Läusen zu befreien, die ihn während seiner ganzen Reise von Etappe zu Etappe mit außergewöhnlicher Hartnäckigkeit verfolgt hatten. Daher ließ er sich schnell, nachdem er seine Sachen untergebracht, in eine Badeanstalt fahren, wo er über eine Stunde brauchte, um sich zu reinigen. Als er dann ins Hotel zurückgekehrt war, zog er sein Stadtkostüm wieder an, ein gestärktes Oberhemd, eine graue Hose, einen Gehrock und Ueberzieher, um sich zum Gouverneur zu begeben. Ein mit einem kräftigen, kleinen kirgisischen Pferde bespannter Wagen führte ihn in schnellem Trabe in den Hof eines schönen, großen Hauses, vor dem zwei Schildwachen und Polizisten standen. Das Haus war mit einem Garten umgeben, in welchem das dunkle Grün der Fichten die kahlen Stämme der Birken und Pappeln durchbrach. Der Gouverneur war leidend und empfing nicht. Doch Nechludoff bat den Diener, ihm seine Karte zu bringen, und der Diener kehrte mit einem liebenswürdigen Lächeln zurück, um ihm mitzuteilen, seine Exzellenz bäte ihn, einzutreten. Das Vorzimmer, der Diener, die Treppe, der Salon mit dem gebohnerten Parkettboden, das alles glich den Häusern in St. Petersburg, doch es war größer und nicht so sauber. Nechludoff brauchte übrigens in dem ungeheuren Salon nicht lange zu warten; kaum hatte er sich gesetzt, als man ihn bat, zu dem Gouverneur hineinzukommen. Dieser Beamte, der einen gelben Schlafrock trug und eine Cigarette in der Hand hielt, war eben im Begriff, aus einem silberbeschlagenen Glase Thee zu trinken. Es war ein dicker, kahlköpfiger, vollblütiger Mann mit roter Nase und hervortretenden Adern auf der Stirn. »Entschuldigen Sie, Fürst, daß ich Sie im Schlafrock empfange; aber es ist wohl besser, Sie in diesem Kostüm zu empfangen, als gar nicht,« sagte er lächelnd, während er sich in seinen großen Fauteuil zurücklehnte. »Ich bin leidend und muß das Zimmer hüten. Was verschafft uns das Vergnügen, Sie in unserem fernen Reiche zu sehen?« »Ich begleite einen Zug Gefangener, in dem sich eine mir sehr nahestehende Person befindet,« versetzte Nechludoff; »und gerade auf diese Person bezieht sich eins der beiden Gesuche, die ich Ew. Exzellenz unterbreiten möchte.« Der Gouverneur streckte die Beine aus, trank einen Schluck Thee und strich die Asche seiner Cigarette in einem Malachit-Aschbecher ab; dann richtete er seine kleinen, feuchten und glänzenden Augen auf Nechludoff und begann, ihm mit der größten Aufmerksamkeit zuzuhören. Nur zweimal unterbrach er ihn, um ihm ein Glas Thee anzubieten und ihn zum Rauchen aufzufordern. Dieser Gouverneur gehörte der Art jener intelligenten Beamten an, die von Natur aus geneigt sind, ein bischen Menschlichkeit und Toleranz in ihren Beruf hinüberzunehmen. Doch da die Natur ihm auch einen großen Fonds Güte und Weisheit verliehen, und er bald gemerkt hatte, wie nutzlos seine Bemühungen in diesem Sinne geblieben waren, so hatte er, um dem Bewußtsein des inneren Widerspruches, in dem er sich befand, zu entgehen, immer mehr die Gewohnheit angenommen, Schnaps zu trinken. Dies Gewohnheit war bei ihm so stark geworden, daß er in fünfunddreißigjähriger Dienstzeit im Heere und in der Verwaltung das geworden war, was die Aerzte einen »Alkoholiker« nennen. Er war mit Branntwein vollständig imprägniert, so daß ein kleines Gläschen Alkohol oder Wein hinreichte, ihn in den Zustand des Rausches zu versehen. Uebrigens konnte er das Trinken auch nicht mehr lassen, und so war er jeden Tag seines Lebens, sobald der Abend nahte, vollständig berauscht. Indessen hatte er sich dieser Situation so gut angepaßt, das man ihn nie schwanken sah, und ihn auch nie zusammenhangloses Zeug reden hörte; auch hätte das infolge der hohen Stellung, die er einnahm, niemand bemerken dürfen, selbst wenn er so etwas gesprochen hätte. Nur morgens, zu der Stunde, in der sich Nechludoff ihm vorgestellt, nur zu dieser Stunde glich er einem vernünftigen Menschen und war im Stande, das richtig zu begreifen, was man mit ihm sprach. Die vorgesetzten Behörden, von denen er abhängig war, kannten seine unmäßigen Gewohnheiten ganz genau. Doch sie wußten auch, daß er intelligenter, als die Mehrzahl seiner Kollegen, und gebildeter war, obwohl seine Bildung mit dem Tage aufgehört hatte, an dem die Trunksucht über ihn gekommen war. Man wußte, daß er kühn, gewandt war, und zu repräsentieren verstand; man wußte, daß er selbst im betrunkenen Zustande fähig war, seine Würde zu wahren, und aus Grund alles dessen hatte man ihn von Grad zu Grad bis zum Posten des Gouverneurs, den er jetzt inne hatte, avancieren lassen. Zwanzigstes Kapitel Nechludoff erzählte dem Gouverneur, wie die Gefangene, für die er sich interessierte, ungerecht verurteilt worden wäre, und wie sie vor ihrer Abreise nach Sibirien ein an den Zaren gerichtetes Gnadengesuch eingereicht hätte. »Sehr gut!« sagte der Gouverneur, nachdem er aufmerksam zugehört. – »Und weiter?« »Man hat mir versprochen, das Gnadengesuch sollte so schnell wie möglich geprüft werden, und die kaiserliche Entscheidung würde noch im Laufe dieses Monats hier eintreffen...« Immer die Augen auf Nechludoff heftend, streckte der Gouverneur seine dicke Hand mit den kurzen Fingern nach dem Tische aus, drückte auf eine Klingel und fing wieder an, stillschweigend zuzuhören. »Ich muß also Ew. Excellenz, wenn es möglich ist, bitten, diese Gefangene bis zu dem Moment, da man die Antwort auf ihr Gnadengesuch erhält, hier zu behalten ...« Nechludoff wurde von dem Eintritt eines Dieners in großer Militäruniform unterbrochen. »Frage einmal nach, ob Anna Wassiljewna schon aufgestanden ist,« sagte der Gouverneur zu dem Diener, »und bringe noch Thee!« Dann wandte er sich wieder zu Nechludoff: »Und weiter?« »Mein zweites Gesuch,« fuhr Nechludoff fort, »betrifft einen politischen Gefangenen, der demselben Zuge angehört.« »So, so!« sagte der Gouverneur mit einem liebenswürdig scheltenden Kopfnicken. »Dieser Unglückliche ist schwer krank; er liegt im Sterben. Man wird ihn jedenfalls hier im Lazarett lassen, und eine seiner Gefährtinnen, eine politische Gefangene, bittet um die Erlaubnis, bei ihm bleiben zu dürfen.« »Sie ist nicht mit ihm verwandt?« »Nein, aber sie ist bereit, sich mit ihm zu verheiraten, wenn sie auf diese Weise die Erlaubnis erhalten kann, bei ihm zu bleiben.« Ohne etwas zu erwidern, betrachtete der Gouverneur Nechludoff weiter mit seinen glänzenden Augen, als wenn er ihn mit der Stärke seines Blickes hätte einschüchtern wollen. Als Nechludoff schwieg und auf seine Antwort wartete, erhob er sich aus seinem Sessel, holte ein Buch aus seiner Bibliothek, durchblätterte es schnell und las einige Minuten eine Stelle, die er mit dem Finger verfolgte. »Zu welcher Strafe ist diese Frauensperson verurteilt?« fragte er, endlich die Augen wieder erhebend. »Zur Zwangsarbeit!« »Aber die Lage des Verurteilten würde durch seine Verheiratung keinerlei Veränderung erfahren.« »Aber das ist ...« »Gestatten Sie! Selbst wenn diese Person sich mit einem freien Manne verheiratete, müßte sie ihre Strafe weiter abbüßen. Es handelt sich nur darum, ob er oder sie zu der schwereren Strafe verurteilt worden ist?« »Alle beide sind zu derselben Strafe verurteilt, zur Zwangsarbeit auf Lebenszeit.« »Nun, dann ist die Sache doch erledigt,« sagte der Gouverneur lächelnd, »Die Ehe würde weder für ihn, noch für sie etwas ändern. Wenn er krank ist, wird man ihn hier behalten und natürlich alles mögliche thun, damit sein Zustand sich bessere; doch sie müßte, selbst wenn sie sich mit ihm verheiratete, dem Zuge weiter folgen ...« »Die Generalin ist aufgestanden und eben zum Frühstück hinuntergegangen,« meldete der Diener. Der Gouverneur nickte mit dem Kopfe und fuhr fort: »Uebrigens werde ich mich noch damit beschäftigen. Wie heißen diese Verurteilten? Wollen Sie mir bitte ihre Namen auf diesem Papier ausschreiben?« Nechludoff schrieb die Namen auf. »Auch das darf ich nicht gestatten,« sagte der Gouverneur, als Nechludoff ihn für sich selbst um die Erlaubnis gebeten hatte, den Kranken besuchen zu dürfen. »Glauben Sie nicht etwa, daß ich den geringsten Verdacht gegen Sie hege,« fuhr er fort, »aber ich sehe, wie die Sache zusammenhängt. Sie interessieren sich für diese Leute, Sie wollen ihnen Dienste erweisen, und dann haben Sie auch Geld. Bei uns ist aber alles käuflich. Man sagt mir oft: Sie sollten den Versuch machen, die Käuflichkeit auszurotten! Aber wie soll ich sie ausrotten, wenn ein jeder, von oben bis unten, sich verkauft? Und dann überwachen Sie doch Beamte auf eine Ausdehnung von 5000 Werst! Jeder von ihnen ist ein kleiner Czar, ganz wie ich hier!« fügte der Gouverneur mit derbem Lachen hinzu, »Ja, ich sehe schon, wie es steht! Auf Ihrer ganzen Reise hat man Ihnen gestattet, die politischen Gefangenen zu besuchen, Sie haben Trinkgelder gegeben, und man hat Sie durchgelassen. So ist es doch, nicht wahr?« »Ja, das ist richtig!« »Ich begreife, daß Sie das gethan haben; Sie haben eben gethan, was Sie thun mußten! Sie wollten einen politischen Verurteilten sprechen und gebrauchten die dazu notwendigen Mittel. Und der Polizeileutnant oder Aufseher ließ Sie gegen ein Trinkgeld hinein, weil sein Sold nicht hinreicht, um seiner Familie ohne kleine Zuwendungen dieser Art den Lebensunterhalt zu verschaffen. Er hatte Recht und Sie auch, und an Ihrer oder seiner Stelle hätte ich genau dasselbe gethan. Doch an meiner Stelle kann ich nicht die vorgeschriebene Verletzung der vorgeschriebenen Regel gestatten, und das um so weniger, je mehr ich von Haus aus geneigt bin, Nachsicht walten zu lassen. Ich bin mit einer Mission beauftragt, die man mir unter bestimmten Bedingungen anvertraut hat, und ich muß dieses Vertrauen rechtfertigen. So! Das ist alles, was ich Ihnen über die fragliche Angelegenheit sagen kann! Doch nun erzählen Sie mir auch ein bischen, was bei Ihnen in Europa, in Petersburg, in Moskau vorgeht!« Und nun drang der Gouverneur mit verschiedenen Fragen in Nechludoff, weniger, um sich zu unterrichten, als um gleichzeitig seine Wichtigkeit und seine Freundlichkeit zu zeigen. »Und wo wohnen Sie hier? Bei Dukoff? Man logiert da nicht übel, doch so gut wie das »Sibiria-Hotel« ist es nicht! Aber hören Sie mal,« fügte der Gouverneur hinzu, als Nechludoff sich verabschieden wollte, »sagen Sie mal, Sie kommen doch zu uns zum Diner? Um fünf Uhr! Nicht wahr, Sie sprechen englisch?« »Ja, ich spreche englisch!« »Na, schön, das trifft sich ja wunderbar! – Denken Sie sich, wir haben in diesem Augenblick einen Engländer hier, einen Reisenden. Er hat in Petersburg die Erlaubnis erhalten, unsere Gefängnisse und unsere Rastgebäude zu besuchen. Und er speist heute Abend gerade bei uns! Kommen Sie ganz bestimmt. Sie würden uns sicherlich sehr zu Dank verpflichten! Und bei der Gelegenheit werde ich Ihnen auch die Antwort wegen dieser Frau mitteilen, die auf ihre Begnadigung wartet, und wir sprechen auch noch über Ihren Kranken! Ich werde sehen, ob es nicht möglich ist, etwas für sie zu thun!« Einundzwanzigstes Kapitel Als Nechludoff von dem Gouverneur Abschied genommen, begab er sich nach der Post. Er fühlte sich in besserer Stimmung und mehr zur Thätigkeit aufgelegt, als er es seit langer Zeit gewesen war. Das Postbureau befand sich in einem großen gewölbten, dunklen und feuchten Saale. Hinter den Gittern saßen etwa ein Dutzend Beamte; die meisten plauderten miteinander, während sich in dem für das Publikumbestimmten Raum eine ungeduldige Menge stieß und drängte. An der Thür brachte ein alter Beamter seine ganze Zeit damit zu, unzählige Couverts abzustempeln, die ihm einer seiner Kollegen hinreichte. Nechludoff brauchte nicht lange zu warten. In diesem Bureau, wie überall, verschaffte ihm seine vornehme Kleidung einen Vorzug, und einer der schwatzenden Beamten gab ihm sofort ein Zeichen, er könne nähertreten. Nechludoff reichte seine Karte, und der Beamte übergab ihm ehrfurchtsvoll die umfangreiche Post, die für ihn lagerte. Unter dieser Post waren mehrere Wertbriefe und andere Briefe, einige Bücher, Broschüren und Zeitungen. Um wenigstens auf alles einen Blick werfen zu können, setzte sich Nechludoff auf eine Holzbank neben einen Soldaten, der hier mit einem Register in der Hand wartete. Unter den Briefkouverts fiel ihm ganz besonders eins auf, ein großes Kouvert mit höchst imposantem großem Siegel. Er öffnete das Kouvert, blickte nach der Unterschrift, und sofort fühlte er, wie das Blut ihm ins Gesicht schoß und sein Herz zum Zerspringen klopfte. Der Brief trug die Unterschrift Selenins, des früheren Freundes Nechludoffs, der jetzt Staatsanwalt am Senat war; und dem Briefe war ein amtliches Schreiben beigefügt. Es war die Antwort auf das Gnadengesuch der Maslow. Wie lautete diese Antwort? War es eine Verwerfung? Nechludoff brannte darauf, es zu erfahren, und doch wagte er nicht, den Brief zu lesen, aus dem er es ersehen mußte. Endlich fand er die Kraft, die wenigen Zeilen zu entziffern, die ihm Selenin schrieb, und nun stieß er einen Seufzer der Erleichterung aus. Das Gnadengesuch der Maslow war bewilligt! »Lieber Freund!« – schrieb ihm Selenin – »unsere letzte Unterredung hat einen tiefen Eindruck bei mir hinterlassen, Du hattest hinsichtlich der Maslow Recht. Ich habe ihre Angelegenheit genau studiert, und bemerkt, daß ihre Verurteilung das Ergebnis eines offenbaren Irrtums war. Leider war es unmöglich, das Urteil kassieren zu lassen; deshalb habe ich mich an die Begnadigungskommission gewendet und mit Freuden erfahren, daß das Gesuch deines Schützlings sich schon dort befand. Gott sei Dank, habe ich die Sache durchsetzen können und schicke dir angeschlossen die Kopie des Dekrets; ich schicke es dir unter der Adresse, die mir die Gräfin Katharina Iwanowna eben gegeben. Was das Dekret selbst betrifft, so ist es an die Maslow nach der Stadt geschickt worden, in der das Urteil gefällt wurde; doch ich glaube, man hat es ihr nachgesandt, und es dürfte deinem Schützling wohl bald zugestellt werden. Ich will dir jedenfalls diese gute Nachricht schnell mitteilen und schüttle dir freundschaftlich die Hand. Dein Sclenin.« Was Dekret, dessen Abschrift Selenin Nechludoff schickte, lautete folgendermaßen: »Kanzlei Sr. Kaiserlichen Majestät, Begnadigungskommission. Auf Befehl Seiner Kaiserlichen Majestät wird die p. p. Katharina Maslow benachrichtigt, daß Seine Kaiserliche Majestät von ihrem Gesuche Kenntnis genommen und geruht haben, die ihr zuerkannte Strafe von vier Jahren Zwangsarbeit in vier Jahre Verschickung in irgend ein Gouvernement an der Grenze von Sibirien umzuwandeln.« Glückliche, glückliche Nachricht! Damit ging alles in Erfüllung, was Nechludoff für Katuscha und für sich selbst wünschen konnte. Doch er dachte dann daran, daß diese Veränderung in Katuschas Lage auch die Bedingungen seiner Beziehungen zu ihr umgestalten würde. So lange sie zur Zwangsarbeit verurteilt blieb, so lange war die Ehe, die er mit ihr einzugehen gedachte, eine rein fiktive Verbindung und hatte nur dadurch Bedeutung, daß sie das Schicksal der Verurteilten linderte. Doch jetzt wurde die Ehe etwas Ernsthafteres, jetzt hinderte Nechludoff und Katuscha nichts mehr, das gemeinsame Leben zu führen, wie es Mann und Frau führen sollen. Und Nechludoff fühlte sich bei diesem Gedanken wieder von seiner früheren Angst ergriffen. Er fragte sich ängstlich, ob er auf dieses gemeinsame Leben auch vorbereitet wäre, und er mußte sich selbst die Antwort geben, daß er es durchaus nicht war. Dann kamen ihm Katuschas Beziehungen mit Simonson wieder in den Sinn. Was bedeuteten die Worte, die sie ihm am vorigen Tage gesagt? Und wenn sie wirklich einwilligte, sich mit Simonson zu verheiraten, war diese Heirat ein Glück für sie? Würde sie für ihn, für Nechludoff, ein Glück sein? Alle diese Fragen drängten sich in seinem Hirne, und er wußte nicht, was er darauf antworten sollte. Deshalb nahm er wieder einmal zu seinem gewöhnlichen Verfahren seine Zuflucht. »Ich werde das alles später entscheiden,« sagte er sich; »jetzt muß ich vor allem Katuscha wiederzusehen suchen, ihr die glückliche Nachricht mitteilen und die Formalitäten ihrer Freilassung beschleunigen.« Die Kopie, die ihm Selenin geschickt, genügte dazu zweifellos, bis die öffentliche Bekanntmachung des Dekretes eintraf. Nechludoff verließ das Polizeibureau und fuhr nach dem Gefängnis, in welchem die Mitglieder des Transportes sicherlich untergebracht waren. Zweiundzwanzigstes Kapitel Obwohl ihm der Gouverneur den Eintritt in das Gefängnis ausdrücklich untersagt hatte, wußte Nechludoff aus Erfahrung, daß man das, was man bei den oberen Behörden nicht durchsetzen konnte, bei den unteren Organen dagegen ohne allzu große Mühe erlangte. Deshalb hoffte er auch, der Gefängnisdirektor würde ihm die Erlaubnis erteilen, bis zur Maslow vorzudringen, um sie von der Bewilligung ihres Gnadengesuches zu unterrichten. Er hoffte gleichzeitig, sich nach der Gesundheit Krülzoffs erkundigen und ihm, sowie Maria Pawlowna das Resultat seiner Unterredung mit dem Gouverneur mitteilen zu können. Der Direktor des Gefängnisses war ein großer, vierschrötiger Mann, mit imposantem Gesicht und langem Schnurr- und Vollbart. Er empfing Nechludoff äußerst streng und erklärte ihm sofort, der Zutritt für fremde Personen zu den Gefangenen wäre nur mit Erlaubnis des Gouverneurs möglich; und als Nechludoff ihm sagte, man hätte ihm sogar in den großen Städten, auf der Reise des Zuges bei den Gefangenen eingelassen, entgegnete der Direktor in trockenem Tone: »Das ist schon möglich, aber ich kann Sie nicht hineinlassen.« Dabei bedeutete sein Ton klar und deutlich: »Ihr Herren aus der Hauptstadt bildet euch ein, ihr könntet uns in Erstaunen oder Verlegenheit setzen; aber nein, in Sibirien werden wir euch schon zeigen, daß wir die Vorschriften genügend kennen, um sie euch im Notfall ins Gedächtnis zurückrufen zu können.« Nechludoff überreichte ihm die Ausfertigung des Dekrets, in welchem die Begnadigung der Maslow ausgesprochen war; und auch das machte nicht den geringsten Eindruck auf diesen schrecklichen Menschen. Er weigerte sich nicht nur hartnäckig, Nechludoff die Thore des Gefängnisses überschreiten zu lassen, sondern er wollte ihm auch nicht einmal sagen, ob der Zug schon angelangt wäre. Als Nechludoff ihn naiver Weise fragte, ob die Kopie, die er eben erhalten, zur Freilassung der Maslow genügte, lächelte er bei dieser Frage so verächtlich, daß Nechludoff sich seiner Naivetät schämte. Der Direktor war indessen so gefällig, ihm zu versprechen, er würde der Maslow von der Annahme ihres Gnadengesuches Mitteilung machen; er fügte sogar als Zeichen ganz besonderer Gunst hinzu, er würde sie, sobald seine Vorgesetzten ihm die Freilassungsordre übergeben würden, auch nicht eine Stunde länger zurückhalten. So stieg denn Nechludoff, ohne etwas erreicht zu haben, wieder in seinen Fiaker und fuhr nach dem Hotel zurück. Hier erfuhr er dagegen aus dem Munde des Kutschers, daß der Zug bereits seit einer halben Stunde angelangt war, und er erfuhr auch aus derselben Quelle das Motiv der unbeugsamen Strenge des Gefängnisdirektors. Diese Strenge stammte daher, daß in dem überfüllten Gefängnis eine Typhusepidemie ausgebrochen war. »Das ist gar nicht so wunderbar,« erklärte der Kutscher, indem er sich auf seinem Bock umdrehte; »es sind zweimal mehr Gefangene da, als das Gefängnis zu fassen vermag. Es geht toll genug darin zu, es sterben jeden Tag mehr als zwanzig.« Dreiundzwanzigstes Kapitel Der Mißerfolg von Nechludoffs Bemühungen bei dem Gefängnisdirektor hatte das Thätigkeitsfieber, das er an diesem Tage empfand, nicht beruhigt. Anstatt, wie er zuerst beabsichtigt hatte, in sein Zimmer hinaufzugehen, beschloß er, in den Palast des Gouverneurs zurückzukehren, um in den Bureaus nachzufragen, ob die Nachricht von der Begnadigung der Maslow noch nicht eingetroffen wäre. Er machte den Weg zu Fuß und fühlte sich glücklich, einen neuen Vorwand gefunden zu haben, um den Gedanken, der ihn quälte, zu verscheuchen; und als er in den Bureaus erfuhr, es wäre noch keine Nachricht eingetroffen, da war er glücklich, noch über eine Stunde mit Briefschreiben verbringen zu können. Er schrieb an Selenin, seine Tante, seinen Advokaten, und erzählte ihnen von seiner Unruhe über eine Verzögerung, die doch im Grunde genommen ganz natürlich war. Als er die Briefe beendet hatte, blickte er auf seine Uhr und entdeckte mit Freuden, daß er kaum Zeit hatte, seine Toilette zu beendigen, wenn er nicht zu spät zum Gouverneur kommen wollte. Aber jetzt ergriff die unangenehme Empfindung auf der Straße von neuem Besitz von ihm. Wie würde Katuscha die Umwandlung ihrer Strafe wohl aufnehmen? Wo würde sie sich niederlassen, was würde Simonson thun? Und was dachte sie wohl von ihm, welche Gefühle empfand sie für ihn? Nechludoff erinnerte sich, welche Veränderung sich in ihr vollzogen hatte. Er erinnerte sich an seine Besuche im Gefängnis und an das Lächeln, welches sie ihm hatte zu teil werden lassen, als sie mit dem Zuge abreiste. »Ich muß das alles vergessen und in mir ausrotten,« sagte er sich und nahm sich von neuem vor, nicht mehr an das junge Weib zu denken. »Bald werde ich sie wiedersehen, dann wird sich alles entscheiden.« Nach diesen Worten begann er darüber nachzudenken, wie er es bei dem Gouverneur wohl anzustellen habe, um in das Gefängnis hineinzukommen. Das Diner des Gouverneurs, das mit dem gewöhnlichen Luxus solcher Feste veranstaltet war, machte Nechludoff an jenem Abend nach den langen Monaten, in welchen er sich nicht allein jedes Luxus, sondern auch der allergewöhnlichsten Bequemlichkeit hatte berauben müssen, ein ganz besonderes Vergnügen. Die Gattin des Gouverneurs, eine frühere Ehrendame am Hofe des Zaren Nikolaus, war eine vornehme Petersburger Dame der alten Schule, die vorzüglich französisch und nur sehr mangelhaft russisch sprach. Sie hielt sich sehr gerade und bemühte sich in ihren Bewegungen, die Ellenbogen nie von ihrer Taille zu entfernen. Ihrem Manne gegenüber trug sie ein ruhiges und etwas verächtliches Benehmen zur Schau, doch gegen ihre Gäste war sie ganz besonders liebenswürdig, ohne es jedoch zu verabsäumen, ihre Gunst dem Grade ihrer Bedeutung anzupassen. Sie empfing Nechludoff wie einen Mann ihrer Gesellschaft und ließ ihm jene leichten, kaum merklichen Huldigungen zu teil werden, die ihm wieder einmal das volle Bewußtsein seiner Vollkommenheiten verliehen, und von denen er sich vollauf befriedigt fühlte. Sie gab ihm sehr diskret zu verstehen, sie kenne die etwas eigentümlichen, aber um so ehrenhafteren Gefühle, die ihn nach Sibirien geführt, und er erkannte, daß sie ihn für einen außergewöhnlichen Menschen hielt. Diese leichten Huldigungen, die Atmosphäre des Wohlbehagens und des Luxus, die das Haus des Gouverneurs erfüllte, das alles hatte die Wirkung, daß Nechludoff sich vollständig dem Vergnügen hingab, ein ausgezeichnetes Diner in Gesellschaft vornehmer und liebenswürdiger Personen mitmachen zu können. Er hatte die Empfindung, er befinde sich wieder in einem ihm vertrauten Milieu, in seinem wahren Milieu; es schien ihm, als wäre alles, was er in der letzten Zeit erlebt und gesehen, nur ein Traum gewesen, aus dem er plötzlich erwachte. Außer dem General, seiner Frau, seinem Schwiegersohn und seiner Tochter war bei der Tafel ein reicher Goldminenbesitzer, ein pensionierter Bureauchef und der englische Reisende, von dem der Gouverneur am Morgen mit Nechludoff gesprochen hatte, und Nechludoff war entzückt, mit jedem dieser drei Gäste Bekanntschaft anknüpfen zu können. Der englische Reisende war ein rothaariger, gesunder Mann, der sehr schlecht französisch sprach, aber sehr beredt, wurde, sobald er sich auf englisch ausdrücken konnte. Er wußte sehr viel und hatte auch vielerlei gesehen; er interessierte Nechludoff ganz besonders, als er ihm von seinen Erlebnissen erzählte, die sich an Amerika, Indien, Japan und Sibirien knüpften. Der junge Goldminenbesitzer, ein Bauernsohn, der einen Frack nach der letzten Mode und Brillantknöpfe in seinem Hemdeinsatz trug, war ebenfalls ein reizender Mensch. Er hatte eine Leidenschaft für Bücher, opferte große Summen für wohlthätige Stiftungen und hielt sich sorgfältig über alle Fortschritte der liberalen Stimmung in Europa auf dem Laufenden. Nechludoff war entzückt, ihn kennen zu lernen. Er interessierte ihn gleichzeitig, weil er sehr angenehm plauderte und weil er ein neues und durchaus sympathisches soziales Phänomen verkörperte: das Phänomen eines glücklichen Pfropfreises der europäischen Zivilisation auf dem kräftigen Stamm der russischen Natur. Der pensionierte Bureauchef war ein kleiner, aufgedunsener Mensch mit spärlichen, sorgfältig frisierten Haaren, blauen, stets feuchten Augen, einem Spitzbauch und einem gutmütigen Lächeln. Er sprach wenig, und es fehlte ihm an hervorstechenden Eigenschaften, doch der Gouverneur schätzte ihn, weil er bei seinem Amte eine gewisse Rechtschaffenheit gezeigt hatte; noch mehr aber schätzte ihn die Frau des Gouverneurs, eine vorzügliche Pianistin, weil er ein ausgezeichneter Musiker war, und mit ihr vierhändig spielte, und Nechludoffs Stimmung war eine so wohlwollende, daß er sogar entzückt war, mit diesem kleinen; pensionierten Bureauchef Bekanntschaft zu machen. Keiner dieser drei Gäste brachte aber einen so reizenden Eindruck auf Nechludoff hervor, als das liebenswürdige junge Paar, die Tochter des Gouverneurs und ihr Gatte. Die Tochter des Gouverneurs war nicht hübsch, aber ihr Gesicht drückte eine naive Sanftmut aus. Alle ihre Gedanken auf der Welt galten nur ihren beiden Kindern. Ihr Gatte, den sie aus Liebe und sogar ein wenig gegen den Willen ihrer Eltern geheiratet hatte, war ein früherer Kandidat der Universität Moskau. Bescheiden, schüchtern, aber durchaus nicht unintelligent, erholte er sich von dem eintönigen Dienste, indem er sich mit Statistik beschäftigte, und niemand war über die Bewegung der fremden Bevölkerung in Sibirien so gut unterrichtet, als er. Diese ganze kleine Gesellschaft empfing Nechludoff mit um so größerer Höflichkeit und Liebenswürdigkeit, als sie wirklich aufrichtig entzückt waren, ihn bei sich zu sehen, denn man hatte hier selten Gelegenheit, neuen Gesichtern zu begegnen. Der Gouverneur, der große Militäruniform mit einem weißen Kreuze auf der Brust angelegt, unterhielt sich mit ihm sogleich, wie mit einem alten Freunde. Er fragte ihn, sobald er sich gesetzt, was er seit dem Morgen gethan; doch als Nechludoff die Gelegenheit benutzte und ihm antwortete, daß er auf der Post die Begnadigung der Verurteilten erfahren, für die er sich interessierte, und dann von neuem darauf drang, sie im Gefängnis zu sprechen, zog der Gouverneur die Stirn kraus und that, als habe er nicht gehört. Offenbar sprach er beim Essen nicht gern von ernsten Geschäften. »Noch ein bischen Wein?« fragte er den englischen Reisenden auf französisch. Der Engländer hielt sein Glas hin und erzählte, er habe am Vormittag die Kathedrale und zwei Fabriken besichtigt; dann fügte er hinzu, er würde glücklich sein, auch das große Gefängnis besuchen zu können. »Nun, das trifft sich ja wunderbar,« rief der Gouverneur, sich zu Nechludoff wendend, »gehen Sie zusammen hin; ich werde Ihnen einen Paß ausstellen.« »Möchten Sie das Gefängnis nicht noch heute Abend besuchen?« fragte Nechludoff den Reisenden. »Ja, ich wollte Sie gerade darum bitten, das Gefängnis heute Abend in Augenschein nehmen zu dürfen,« sagte der Engländer zu dem Gouverneur. »Alle Gefangenen sind dann in ihren Zimmern, und ich kann sie in ihrem Leben und Treiben beobachten.« »Haha, Sie Schlauberger, Sie wollen das Fest in seinem vollen Glanze sehen,« rief der Gouverneur, der seinen betrunkenen Zustand bis dahin sehr gut geheim gehalten hatte. »Haha; na gut, Sie sollen's sehen. Ich habe wohl zwanzigmal, um zu reklamieren, nach St. Petersburg geschrieben, doch man hat nicht auf mich gehört. Vielleicht wird man sich zum Handeln entschließen, wenn man dieselben Reklamationen in der fremdländischen Presse gelesen hat.« Dann wandte sich die Unterhaltung einem anderen Stoffe zu. Man sprach von Indien, von der Tonkin-Expedition, mit der sich die russischen Zeitungen damals beschäftigten; man sprach von Sibirien, und der Gouverneur führte einige merkwürdige Fälle von der allgemeinen Korruption der sibirischen Beamten an. Gegen Ende des Diners ließ die Unterhaltung nach, wenigstens fand Nechludoff, daß sie nachließ. Doch nach dem Diner, als man in den Salon gegangen war, um den Kaffee einzunehmen, kam die Hausfrau auf den Gedanken, den englischen Reisenden nach Gladstone auszufragen, und Nechludoff hatte die Empfindung, daß die Antworten des Engländers sehr verständig waren. Als er nach dem guten Diner und den guten Weinen in Gesellschaft guter Leute von vollendeter Erziehung in einem guten Sessel saß, fühlte sich Nechludoff immer behaglicher, und als sich die Hausfrau auf Bitten des Engländers mit dem pensionierten Bureauchef ans Piano setzte und Beethovens Symphonie in C-moll zu spielen begann, empfand Nechludoff ein Gefühl der Selbstzufriedenheit, wie er es seit langer Zeit nicht mehr empfunden hatte. Das Gefühl seines eigenen Wertes war gleichsam plötzlich in ihm aufgegangen. Das Piano war ausgezeichnet, und Nechludoff, der die Symphonie Beethovens auswendig kannte, mußte zugeben, daß er sie selten so gut hatte spielen hören. Bei dem wunderbaren Andante hatte er Mühe, seine Thränen zurückzuhalten. Es ergriff ihn Rührung über sich selbst, über Katuscha, über seine Schwester Natalie, die ihn so sehr geliebt hatte. Nachdem er der Wirtin für den künstlerischen Genuß, den sie ihm bereitet, gedankt, stand er auf, um Abschied zu nehmen, als die Tochter des Gouverneurs sich ihm errötend näherte und zu ihm sagte: »Sie hatten die Güte, sich für meine Kinder zu interessieren, wollen Sie sie sehen?« »Sie bildet sich ein, es wäre für jedermann ein großes Glück, ihre Kinder zu sehen,« sagte die Mutter mit nachsichtigem Lächeln für den mangelnden Takt ihrer Tochter. »Der Fürst hat keine Lust, sie zu sehen.« »Aber Verzeihung, im Gegenteil; ich werde sehr glücklich sein,« versetzte Nechludoff, von diesem Zuge mütterlicher Liebe tief gerührt, »Im Gegenteil, ich bitte Sie, sie mir zu zeigen,« »Sie nimmt den Fürsten mit, um ihn ihre Jöhren bewundern zu lassen,« rief der Gouverneur lachend aus dem Hintergrunde des Salons, wo er mit seinem Schwiegersohn und dem Besitzer der Goldminen Whist spielte, »Na, gut, mein Freund, machen Sie diesen langweiligen Besuch ab.« Indessen verließ die junge Frau, die bei dem Gedanken, man würde ein Urteil über ihre Kinder fällen, sichtlich erregt war, in aller Eile den Salon, indem sie Nechludoff hinter sich herzog, In einem großen, ganz weiß ausgeschlagenen Zimmer, das von einer Lampe erhellt wurde, deren scharfes Licht ein dunkler Schirm milderte, standen zwei kleine Kinderbetten nebeneinander; neben ihnen saß eine Amme in weißer Pelerine, mit gutem, dicken Gesicht. Sie erhob sich, um ihre Herrin zu begrüßen. Sobald sie eingetreten war, beugte sich die junge Mutter über eins der Betten. »Das ist meine Katja,« sagte sie, indem sie den Vorhang bei Seite schob, um den reizenden, mit langen Haaren bedeckten Kopf eines kleinen zweijährigen Mädchens sehen zu lassen, das ruhig mit offenem Munde schlief. »Sie ist hübsch, nicht wahr, und denken Sie, sie ist erst zwei Jahre!« »Entzückend!« »Und das ist Waska, wie ihn sein Großvater nennt. Ein ganz anderer Typus, ein richtiger Sibirier, nicht wahr?« »Ja, ein prächtiger Knabe,« sagte Nechludoff, indem er ein dickes, rotes Baby betrachtete. Die Mutter, die neben ihm stand, lächelte sanft. Plötzlich aber erinnerte sich Nechludoff wieder an die Ketten, an die rasierten Köpfe, die Faustschläge in die Augen, an den sterbenden Krülzoff und an Katuscha. Er empfand einen entsetzlichen Schmerz und bedauerte, daß ihm nicht auch ein so reines und ruhiges Glück beschieden war, wie das, das er vor sich sah. Nachdem er die Schönheit der beiden Kinder nach Möglichkeit gelobt, kehrte er mit der Mutter in den Salon zurück, wo der Engländer auf ihn wartete, um sich, wie es verabredet war, mit ihm nach dem Gefängnis zu begeben. Man sagte sich Lebewohl und tauschte Wünsche und Danksagungen aus; dann verließ Nechludoff in Begleitung des Engländers das gastfreundliche Haus des Gouverneurs. Das Wetter hatte sich geändert, ein dichter Schnee fiel hernieder und hatte bereits das Pflaster des Hofes, die Bäume des Gartens, die Stufen der Freitreppe, das Deck des Wagens und den Rücken der Pferde bedeckt. Nechludoff stieg mit seinen Gefährten in den Wagen und befahl dem Kutscher, nach dem Gefängnis zu fahren. Vierundzwanzigstes Kapitel Der Schnee mochte einen noch so schönen, fröhlichen, weißen Schleier über alle Dinge breiten, er mochte das Dach, die Vortreppe, den Hof des Gefängnisses damit schmücken; dieses behielt mit seinen beiden roten Laternen, seiner Schildwache, trotzdem sein düsteres Aussehen. Der Direktor mit der imposanten Miene empfing die Besucher selbst am Eingang des Thores. Beim Scheine der Laterne las er aufmerksam den Paß, den der Gouverneur Nechludoff, als sie von der Tafel aufgestanden waren, übergeben hatte; dann beschränkte er sich darauf, zum Zeichen der Ergebung in die Laune seines Vorgesetzten die Achseln zu zucken und forderte die Besucher auf, ihm in sein Bureau zu folgen. Als sie hier angelangt waren, fragte er sie, was sie eigentlich sehen wollten. Nechludoff erklärte ihm, vor allem wünsche er eine Unterredung mit der Maslow, dann fügte er hinzu, sein Begleiter wünsche einige Fragen über das Gefängnissystem zu stellen, um die Säle dann mit größerem Nutzen besichtigen zu können. Der Direktor befahl einem Aufseher, die Maslow zu holen und sie in das Bureau zu führen. »Wieviel Personen kann das Gefängnis fassen?« fragte der Engländer, für den Nechludoff den Dolmetsch spielte, »Wieviel Personen enthält es augenblicklich? Wieviel Männer? wieviel Weiber? wieviel Kinder? Wieviel Sträflinge, wieviel Verschickte und wieviel freie Begleiter? und wieviel Kranke?« Nechludoff übersetzte die Fragen des Engländers und die Antworten des Direktors; doch er hätte kaum sagen können, was diese Fragen und Antworten für einen Wert hatten, denn die Aussicht auf seine Unterredung mit Katuscha hatte ihn ganz außer sich gebracht. Und als er mitten in einem Satze, den er übersetzte, ein Geräusch von Schritten auf dem Korridor vernahm, als sich die Thür öffnete und er – wie es schon so oft seit drei Monaten passiert war – diesmal aber zweifellos zum letztenmale – einen Aufseher eintreten sah, der die weißgekleidete Katuscha mit ihrem Tuch auf dem Kopfe hereinführte, und, er Katuscha erblickte, da war es ihm, als stocke ihm plötzlich alles Blut in den Adern. »Ich will leben, ich will eine Familie und Kinder haben; ich will am Glück teilnehmen,« murmelte eine Stimme in seinem Herzen, die er schon lange nicht mehr gehört hatte. Er stand auf und ging Katuscha einige Schritte entgegen. Diese hatte noch nichts gesprochen; doch sie war ganz rot, aufgeregt, und betrachtete ihn mit einer Miene, von der er sich verletzt fühlte. Es war eine Miene, wie er sie an ihr noch nicht bemerkt, ein Gemisch von kühler Entschlossenheit und glühender Leidenschaft. Sie wurde rot und blaß; ihre Finger strichen am Saume ihrer Jacke auf und nieder, und bald sah sie ihm fest ins Gesicht, bald schlug sie schüchtern die Augen nieder. »So weißt du die Neuigkeit schon?« fragte Nechludoff. »Ja, ich habe sie schon erfahren ... doch ich habe mich nun entschlossen; ich werde mich mit Wladimir Iwanowitsch verheiraten.« Sie sprach sehr schnell, ohne innezuhalten. Offenbar hatte sie sich die Worte, die sie sprach, vorher zurechtgelegt. »Wie? mit Wladimir Iwanowitsch?« begann Nechludoff; doch sie unterbrach ihn: »Nun, was? Da er es so will, daß ich bei ihm leben soll ...« Sie hielt, wie entsetzt, inne und fuhr dann fort: »Da er es so will, daß ich bei ihm leben soll! Was könnte ich mir Besseres wünschen? Vielleicht werde ich ihm Freude machen ... Vielleicht werde ich mich nützlich machen können ... Was kann ich ...« Von zwei Dingen war nur eins möglich: entweder hatte sie sich in diesen Simonson verliebt und bedurfte Nechludoffs Opfer wirklich nicht mehr; oder sie liebte Nechludoff noch immer, und vereinigte ihr Leben mit dem Simonsons, um ihn von dieser Last zu befreien. Darüber war sich Nechludoff vollständig im Klaren, Er schämte sich und fühlte, wie er rot wurde. »Wenn du ihn liebst ...« sagte er. »Ich? Nie habe ich derlei Menschen gekannt! – Wie sollte ich ihn nicht lieben? Und dann ist Wladimir Iwanowitsch auch so ganz anders, als die übrigen!« »Gewiß,« versetzte Nechludoff mit zitternder Stimme. »Er ist ein ausgezeichneter Mensch, und ich glaube ...« Doch sie unterbrach ihn von neuem, als fürchte sie, ihn das aussprechen zu hören, was er sagen wollte. Oder vielleicht wollte sie ihm alles sagen. »Nein, nein, Sie müssen uns verzeihen, daß wir nicht thun, was Sie wollen,« murmelte sie, »Denn Sie, Sie müssen leben!« Was er sich gesagt, was er sich bereits im Kinderzimmer beim Gouverneur gesagt, das wiederholte ihm jetzt Katuscha! Doch schon hatte er diesen Gedanken von sich gewiesen. Von alledem blieb nichts mehr in ihm zurück; er hatte wieder ganz andere Gedanken und ganz andere Gefühle. Er schämte sich, er hatte Furcht, und die Angst peinigte ihn. »So ist also alles zwischen uns aus?« fragte er. »Gewiß, gewiß!« versetzte sie mit seltsamem Lächeln. »Ich wäre doch aber glücklich, dir dienlich zu sein.« »Wir brauchen nichts!« (Sie sah Nechludoff fest ins Auge, als sie dieses »wir« aussprach,) »Ich schulde Ihnen so schon genug! ... Ohne Sie ...« Sie wollte noch etwas hinzufügen; doch plötzlich erstarb ihre Stimme; sie senkte den Kopf und sagte nichts weiter.« »Ich weiß nicht, wer von uns beiden dem andern am meisten schuldet, Gott wird zwischen uns abrechnen,« fuhr Nechludoff fort. »Ja, ja, so ist's! Gott sieht uns,« murmelte sie. » Are you ready ?« (Sind Sie bereit?) fragte der Engländer. »Sofort!« versetzte Nechludoff und fragte Katuscha, indem er sich bemühte, seine Angst zu verbergen, nach Krülzoffs Gesundheit. Auch Katuscha hatte sich gefaßt. Mit fast ruhigem Tone sagte sie, was sie wußte: daß Krülzoff auf der Fahrt viel hatte leiden müssen und gleich bei der Ankunft ins Lazareth gebracht worden war. Maria Pawlona hatte um die Erlaubnis gebeten, ihn pflegen zu dürfen, doch man hatte ihr erklärt, das wäre unmöglich. »Und jetzt will ich dorthin zurückkehren,« sagte sie, als sie sah, daß der Engländer ungeduldig wurde. »Sagen wir uns noch nicht Lebewohl; ich werde Sie wiedersehen,« sagte Nechludoff und reichte ihr die Hand. »Nein, nein, adieu, adieu!« antwortete ihm Katuscha in entschlossenem Tone. Nun begegneten sich ihre Augen, und in dem Blick ihrer etwas schielenden Augen, in ihrem traurigen Lächeln, in der Art, wie sie das Wort »Adieu« aussprach, sah Nechludoff klar und deutlich, daß von den beiden für ihr Verhalten maßgebenden Erklärungen die zweite die allein richtige war. Er erkannte, daß sie ihn liebte, daß sie ihn von ganzem holzen liebte, wie an dem Abend, da er sie, als sie aus der Kirche kam, umarmt. Er begriff, daß sie sich gesagt: wenn sie sich mit ihm verheirate, so erlege sie ihm ein Opfer auf und richte ihn zu Grunde; wenn sie sich dagegen mit Simonson verheiratete, so befreie sie ihn. Sie schüttelte die Hand, die er ihm reichte, wandte sich plötzlich um und verließ das Zimmer. Der Engländer wollte die Besichtigung der Säle sofort vornehmen, doch als er sah, daß Nechludoffs Hände vor Erregung zitterten, kam ihn ein Bedenken an und er schickte sich an, sich zunächst verschiedene Einzelheiten in seinem Notizbuch zu notieren, Nechludoff setzte sich in einiger Entfernung auf eine Holzbank. Verzweiflung und Scham erfüllte sein Herz, und hier blieb er einige Minuten wie betäubt sitzen. »Nun, meine Herren, wollen wir jetzt die Stuben besichtigen?« fragte der Direktor. Nechludoff sprang schnell empor, der Engländer klappte sein Notizbuch zu, und man machte sich auf den Weg. Fünfundzwanzigstes Kapitel Nachdem sie einen düstern und stinkenden Korridor durchschritten, traten Nechludoff und der Engländer unter Führung des Direktors in den ersten Saal der zur Zwangsarbeit Verurteilten. Hier erblickten sie ungefähr siebzig Gefangene, von denen die meisten sich schon zur Nachtruhe niedergelegt hatten. Man hatte alle Betten in der Mitte des Saales zusammengeschoben, so daß die Gefangenen nebeneinander lagen. Beim Eintritt der Besucher erhoben sich alle plötzlich, unter lautem Kettengerassel, und Nechludoff war von dem Leuchten ihrer kahlen, neuerdings rasierten Schädel betroffen. Zwei von ihnen standen jedoch nicht auf. Der eine war ein ganz junger Mann mit rotem Gesicht, der vor Fieber zitterte; der andere, der älter war, stöhnte fortwährend. Der Engländer fragte, ob dieser junge Gefangene schon lange krank wäre. Er war es erst seit dem Morgen; doch der andere Gefangene litt schon seit längerer Zeit an einer Magenkrankheit, und man wartete nur darauf, daß ein Platz im Lazaret frei wurde, um ihn dahin zu schicken. Dann bat der Engländer Nechludoff, er möchte den Gefangenen einige Worte übersetzen, die er an sie richten wollte, und sofort teilte er ihnen mit, er reise durch Sibirien, um das Verschickungssystem zu studieren, auch hätte er es übernommen, das gute evangelische Wort unter den Verschickten zu verbreiten. »Ich möchte Ihnen sagen, daß Christus gestorben ist, um Sie zu retten. Sie sollen an ihn glauben, und Sie werden gerettet werden! hier ist das Buch, in dem das geschrieben steht!« Er bat Nechludoff, diese kleine Rede zu übersetzen; dann zog er ein Päckchen in verschiedene Farben gebundener Neuer Testamente aus der Tasche. Sogleich streckten sich eine Reihe grober Hände mit schwarzen Nägeln nach ihm aus, die sich gegenseitig zurückstießen. Er verteilte an sie einige Exemplare des kleinen Buches und ging hinaus, um sich in einen andern Saal zu begeben. In dem zweiten Saal spielte sich dieselbe Scene ab. Derselbe Mangel an frischer Luft, derselbe Gestank. Wie im ersten Saale hing ein Heiligenbild zwischen den Fenstern, gegenüber stand der Nachteimer. Wie im ersten Saal lagen sechzig Männer nebeneinander, die beim Eintritt der Besucher schnell aufsprangen. Doch diesmal konnten sich drei Mann nicht erheben; zwei richteten sich auf ihrem Lager auf; der dritte warf nicht einmal einen Blick auf die Fremden. Der Engländer bat Nechludoff, seine Rede zu wiederholen, und verteilte wieder einige Evangelien. In dem folgenden Saal befanden sich ebenfalls drei Kranke. Der Engländer fragte den Direktor, warum man die Kranken nicht in ein einziges Zimmer bringe. Doch der Direktor erwiderte, das wollten die Kranken selber nicht. Uebrigens wäre ihre Krankheit nicht ansteckend; auch besuchte sie der Lazarethgehilfe und behandelte sie sorgfältig. »Ja, seit zwei Wochen hat man keine Nasenspitze von ihm hier gesehen,« murmelte eine Stimme. Ohne etwas zu erwidern, ging der Direktor in einen andern Saal, und in diesem Saale, wie in dem folgenden und allen andern Sälen bot sich dasselbe Schauspiel den Besuchern, und dieselbe Scene fand statt, «Dasselbe Schauspiel und dieselbe Scene in den Zimmern der Verschickten, und in denen der zur Einschließung Verurteilten. Ueberall sahen Nechludoff und sein Gefährte dieselben hungrigen, unbeschäftigten, kranken, flachen, tückischen Menschen, die mehr Tieren als menschlichen Geschöpfen ähnlich sahen. Nach ungefähr einer halben Stunde verzichtete der Engländer, der übrigens seinen Vorrat an Evangelien erschöpft hatte, auf die weitere Uebersetzung seiner Ansprache von seiten Nechludoffs. Offenbar erstickte der Gräuel dessen, was er sah, und vor allem der entsetzliche Gestank seine ganze Energie. Er ging mechanisch von Zimmer zu Zimmer und begnügte sich, auf alle Auskünfte, die ihm der Direktor über die Zahl der Gefangenen und über die Art ihrer Strafen lieferte, mit: » All right! !« zu antworten. Nechludoff aber ging wie im Traum, ohne etwas zu sehen, ohne etwas zu hören, ohne die Kraft zu finden, fortzugehen oder zu bleiben, und in jeder Minute fühlte er sich verzweifelter und schamerfüllter. In einem der letzten Säle, die man besichtigte, hatte Nechludoff eine Begegnung, die ihn doch aus seinem Stumpfsinn aufrüttelte. Er sah dort unter den Verschickten denselben seltsamen kleinen alten Mann, der am Morgen auf der Fähre sein Nachbar gewesen war. Dieser kleine alte Mann, der ein zerfetztes Hemd und ein altes geflicktes Beinkleid trug, saß mit nackten Füßen in einer Ecke und warf den Besuchern einen strengen Blick zu. Sein runzliges Gesicht erschien noch düsterer und lebhafter als auf der Fähre. Und während alle Gefangenen des Saales sich beim Eintritt des Direktors mit einer einzigen Bewegung aufgerichtet hatten und aufgesprungen waren, blieb der kleine Greis sitzen. Seine Augen leuchteten, und seine Brauen zogen sich zornig zusammen. »Aufstehen!« rief ihm der Direktor zu. Doch der Greis zuckte die Achseln und lächelte verächtlich. »Deine Diener stehen vor dir auf! Ich aber bin nicht dein Diener. Du trägst das Zeichen auf der Stirn!« fuhr der Greis mit lauter Stimme fort. »Was heißt das?« fragte der Direktor in drohendem Tone. »Ich kenne diesen Mann!« sagte Nechludoff. »Es ist ein Original. Warum ist er im Gefängnis?« »Die Polizei hat ihn uns wegen Landstreichern geschickt! Wir bitten sie, sie möchte uns niemand mehr schicken, aber das ist wie in den Wind gesprochen,« erklärte der Direktor. »Du gehörst also auch, wie ich sehe, dem Heere der Antichristen an,« sagte der kleine Greis, sich an Nechludoff wendend. »Nein, ich bin hier nur zum Besuch,« versetzte Nechludoff. »Haha! Du wolltest sehen, wie der Antichrist die Menschen quält? Nun, sich nur hin, sieh dir's an! Er hat sie gepackt und in den Käfig gesperrt, so viel, daß er damit ein ganzes Heer bilden könnte! Die Pflicht der Menschen ist es, sich ihr Brot im Schweiße ihres Angesichts zu verdienen, und er, der Antichrist, hält sie hier eingesperrt, und ernährt sie ohne Arbeit, wie die Schweine, um Schweine aus ihnen zu machen.« »Was sagt er?« fragte der Engländer. Nechludoff erwiderte ihm, der Greis beschuldige den Direktor und seinesgleichen, menschliche Wesen aller Gerechtigkeit zuwider eingeschlossen zu halten. »Fragen Sie ihn doch, wie man sich seiner Ansicht nach, denen gegenüber verhalten soll, die das Gesetz nicht beobachten,« sagte der Engländer lächelnd. Nechludoff übersetzte die Frage. Der Greis begann zu lachen und zeigte dabei einige schwarze und abgebrochene Zähne. »Das Gesetz!« lies er verächtlich; »ach ja, davon rede nur! Er hat sich zuerst der Erde bemächtigt, er hat alle Menschen ihrer Reichtümer beraubt, er hat alle diejenigen unterdrückt, die ihm widerstrebten; und dann hat er das Gesetz geschrieben und erklärt, man dürfe weder stehlen noch töten! Ich erkläre dir, vorher hat er sein Gesetz nicht geschrieben!« Als Nechludoff ihm diese unerwartete Antwort übersetzt hatte, lächelte der Engländer von neuem und sagte: »Ach, fragen Sie doch, wie man heut' den Dieben und Mördern gegenüber verfahren soll!« »Du wirst ihm antworten,« sagte der Greis zu Nechludoff, der ihm diese Frage übermittelt, »du wirst ihm antworten, er solle zuerst selbst das Zeichen des Antichrist von seiner Stirn wegwischen, und wenn er das thut, wird er Arbeit genug haben und keine Zeit mehr finden, nm sich mit den Dieben und Mördern zu beschäftigen! Na, wiederhole ihm das doch in seiner Sprache!« »Er ist sehr amüsant,« sagte der Engländer, als er diese Antwort hörte. Er lächelte wieder und verließ das Zimmer. Nechludoff war zurückgeblieben der Greis wendete sich an ihn und fuhr in seiner Rede fort: »Sorge du für dich und kümmere dich nicht um andere! Gott allein weiß zu strafen und zu belohnen; wir wissen gar nichts davon!« Dann aber rief er Nechludoff zu, als wenn er darauf verzichtete, ihn bekehren zu wollen: »Doch nein; ich habe dir nichts zu sagen! Geh', geh' deines Weges. Du hast jetzt zur Genüge gesehen, wie die Sklaven des Antichristen menschliche Geschöpfe den Läusen zum Fraße überlassen! Geh' jetzt und belustige dich anderswo!« Als Nechludoff seine Gefährten im Korridor eingeholt hatte, war der Engländer vor der halbgeöffneten Thür eines dunklen Zimmers stehen geblieben und fragte den Direktor, wozu dasselbe benutzt würde. Der Direktor erwiderte, das wäre der Ort, wo man die Toten abstelle. »So! Wirklich!« sagte der Engländer, als Nechludoff ihm diese Antwort übersetzt hatte; dann meinte er, es würde ihm angenehm sein, die Stube zu besichtigen. Der Direktor ließ eine Lampe bringen und führte die beiden Besucher in die Totenkammer. Es war ein großes, viereckiges Zimmer, das den andern ganz ähnlich sah. In einer Ecke lagen Säcke zusammengehäuft, in einer andern Ecke hatte man einen Kloben Holz aufgeschichtet; in der Mitte lagen auf einem Bette vier Leichen. Die erste dieser Leichen, die mit einem Hemd und einer Hose bekleidet war, hatte einen kleinen Spitzbart, und die Hälfte des Kopfes war rasiert. Die Starre war bereits eingetreten; die Hände, die augenscheinlich gefaltet auf der Brust gelegen, hatten sich gelöst, und ebenso waren die nackten Füße auseinander gezerrt. Neben ihr lag ein altes Weib in weißer Jacke und ebensolchem Rock, mit einer ganz kleinen Haarflechte, einem gelben, ganz runzligen Gesicht und einer Stumpfnase. Neben dieses alte Weib hatte man den Leichnam eines Mannes gelegt, der ein blaues Tuch um den Hals trug. Dieses blaue Tuch fiel Nechludoff auf, denn er glaubte, es schon irgendwo gesehen zu haben. Er trat näher und betrachtete den Leichnam genauer. Ein schwarzer, etwas krauser Knebelbart, eine gerade und kräftige Nase, eine große, weiße Stirn, gelockte Haare, die oben auf dem Kopfe dünner wurden, Nechludoff erkannte alle diesen vertrauten Züge, doch er wollte noch immer nicht seinen Augen trauen. Noch am vorigen Tage hatte er dasselbe Gesicht von Leidenschaft belebt und von Schmerz verzerrt gesehen, jetzt sah er es unbeweglich und ruhig, von einer Schönheit umstrahlt, die ihm Furcht einflößte. Ja, es war Krülzoff, oder wenigstens die Hülle, die sein körperliches Leben zurückgelassen! »Warum hat er gelitten? Warum hat er gelebt? Hat er jetzt endlich die Wahrheit erfahren?« fragte sich Nechludoff, während er den Leichnam betrachtete. Und er gab sich sofort selbst die Antwort, es gäbe keine Wahrheit, es gäbe nichts, nichts, als den Tod. Von ganzer Seele beneidete er Krülzoff, der ausgelitten hatte. Ohne auch nur daran zu denken, von dem Engländer Abschied zu nehmen, der die Totenkammer mit ganz eigentümlichem Interesse betrachtete, ließ sich, Nechludoff aus dein Gefängnis führen, um in Ruhe, in seinem Zimmer über alles, was sich an diesem Abend ereignet hatte, nachzudenken. Sechsundzwanzigstes Kapitel Als Nechludoff in sein Zimmer getreten war, begann er in fieberhafter Erregung auf- und ab zu gehen. Er hatte die Empfindung, alle seine Beziehungen mit Katuscha wären abgebrochen, für immer abgebrochen. Auf ewig mußte er darauf verzichten, Katuscha nützlich zu sein, und dieser Gedanke erfüllte ihn mit Scham und Traurigkeit. Doch er hatte auch die Empfindung, dieser Gedanke dürfe ihn jetzt nicht mehr beschäftigen, er hätte jetzt eine andere Angelegenheit zu regeln, die nicht nur nicht zu Ende war, sondern sich ihm mit gebieterischer Kraft aufdrängte. Er fühlte sich etwas entsetzlich Schlechtem gegenüber, das zu zerstören er die Pflicht hatte, ohne daß er doch wußte, wie er es zerstören konnte. Es war jenes Schlechte, das ihn einst selbst zu Grunde gerichtet, das Katuscha zu Grunde gerichtet, und jetzt eben den lieben, wunderbaren Krülzoff, der da drüben mit seinem blauen Tuche schlief. Und Nechludoff sah wieder die Hunderte von Menschen vor sich, die in verpesteter Lust, von gleichgültigen Gouverneuren, Staatsanwälten, Gefängnisdirektoren eingepfercht wurden. Er sah wieder die zornigen Blicke des kleinen Greises vor sich, der den »Dienern des Antichrist« trotzte. Er sah in der Totenkammer das schöne Gesicht Krülzoffs vor sich. Das alles, das ganze Leben, das ihn umgab, wirkte auf ihn wie ein böser Traum, und er fragte sich, ob er, Nechludoff, toll wäre oder die, die sich für klug hielten und ein solches Leben duldeten. Nachdem er lange hin- und hergewandert, warf er sich auf den Divan, und mechanisch schlug er eins der kleinen Evangelien des Engländers auf, das ihm dieser gegeben, und das er auf den Tisch gelegt, als er die Taschen seines Pelzes ausgeleert. »Es giebt Leute, die behaupten, man könne darin eine Antwort auf alles finden,« dachte er, als er das kleine Buch aufs Geratewohl aufschlug. Er las und hatte gerade ein Kapitel des Evangelium Matthäi, das achtzehnte Kapitel aufgeschlagen. 1. Zu derselben Stunde traten die Jünger zu Jesu und sprachen: Wer ist doch der Größte im Himmelreich?« 2. Jesus rief ein Kind zu sich und stellte es mitten unter sie. 3. Und sprach: »Wahrlich, ich sage euch: Es sei denn, daß ihr euch umkehret und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen. 4. Wer nun sich selbst erniedrigt, wie dies Kind, der ist der Größte im Himmelreich.« »Ja, so ist's,« sagte sich Nechludoff, indem er sich, erinnerte, wie er selbst Frieden und Lebensfreude nur in dem Maße genossen, als er sich selbst erniedrigt hatte und einem Kinde gleich geworden war. Und er las weiter: 5. Und wer Ein solches Kind aufnimmt in meinem Namen, der nimmt mich auf. 6. Wer aber ärgert dieser Geringsten Einen, die an mich glauben, dem wäre besser, daß ein Mühlstein an seinen Hals gehängt und er ersäuft würde im Meer, da es am tiefsten ist.« Nechludoff hörte auf zu lesen. »Was mag dieses: »Wer mich aufnimmt!« und dieses: »In meinem Namen!« wohl heißen?« fragte er sich, denn er fühlte, daß diese Worte für ihn keine Bedeutung hatten. »Und was haben dieser Mühlstein und das Meer damit zu thun? Nein, das alles ist nichts für mich! – Das ist nicht klar, das hat keinen Sinn!« Er erinnerte sich, daß er schon mehrmals in seinem Leben versucht hatte, die Evangelien zu lesen, und daß ihn die Unklarheit solcher Stellen stets verwirrt hatte. Trotzdem nahm er das Buch wieder zur Hand und las die nun folgenden Verse. Jesus sprach darin von den »Aergernissen«, von »der Verurteilung gewisser Menschen«, von dem »höllischen Feuer«, von »gewissen Engeln, die gewissen Kindern angehören« und »das Angesicht des Vaters im Himmel sehen«. »Wie schade, daß das alles so unklar und so schlecht ausgesprochen ist!« dachte er; »denn man fühlt, daß es im Grunde etwas Schönes ist, das man gern besser gesagt sehen möchte.« Und er begann weiter zu lesen: 11. Denn des Menschen Sohn ist gekommen, selig zu machen, das verloren ist. 12. Was dünket euch? Wenn irgend ein Mensch hundert Schafe hätte, und Eins unter denselben sich verirrte: läßt er nicht die neunundneunzig auf den Bergen, gehet hin, und suchet das verirrte? 13. Und so sich's begiebt, daß er es findet, wahrlich, ich, sage euch: Er freuet sich darüber mehr, denn über die neunundneunzig, die nicht verirrt sind. 14. Also ist es auch von eurem Vater im Himmel nicht der Wille, daß jemand von diesen Kleinen verloren werde. »Ja, gewiß, das war nicht der Wille des Vaters, daß sie verloren gehen! Aber deshalb gehen sie doch zu Hunderten, zu Tausenden zu Grunde. Und es giebt kein Mittel, sie zu retten!« dachte Nechludoff. Er las noch einige Verse. 21. Da trat Petrus zu ihm und sprach: Herr, wie oft muß ich denn meinem Bruder, der an mir sündigt, vergeben? Ist es genug siebenmal? 22. Jesus sprach zu ihm: Nicht siebenmal, sondern siebenzigmal siebenmal. 23. Darum ist das Himmelreich gleich einem Könige, der mit seinen Knechten rechnen wollte. 24. Und als er anfing zu rechnen, kam ihm Einer vor, der war ihn: zehntausend Pfund schuldig. 25. Da er es nun nicht hatte zu bezahlen, hieß der Herr verkaufen ihn und sein Weib und seine Kinder und alles, was er hatte, und bezahlen. 26. Da fiel der Knecht nieder und betete ihn an und sprach: Herr, habe Geduld mit mir, ich will ja alles bezahlen. 27. Da jammerte den Herrn desselben Knechtes, und ließ ihn los, und die Schuld erließ er ihm auch. 28. Da ging derselbe Knecht hinaus und fand einen seiner Mitknechte, der war ihm hundert Groschen schuldig, und er griff ihn an und würgte ihn und sprach: Bezahle mir, was du mir schuldig bist! 29. Da fiel sein Mitknecht nieder und bat ihn und sprach: Habe Geduld mit mir, ich will dir alles bezahlen. 30. Er wollte aber nicht, sondern ging hin und warf ihn ins Gefängnis, bis daß er bezahlte, was er schuldig war. 31. Da aber seine Mitknechte solches sahen, wurden sie sehr betrübt und kamen und brachten vor ihren Herrn alles, was sich begeben hatte. 32. Da forderte ihn sein Herr vor sich und sprach zu ihm: Du Schalksknecht, alle diese Schuld habe ich dir erlassen, dieweil du mich batest; 33. Solltest du denn dich nicht auch erbarmen über deinen Mitknecht, wie ich mich über dich erbarmet habe? »Sollte es das sein?« rief Nechludoff plötzlich, nachdem er diese Worte gelesen. »Sollte die Antwort, die ich suche, darin liegen?« Und die geheime Stimme seines ganzen Wesens antwortete ihm: »Ja, das ist's, nur das ist es!« Und dasselbe Phänomen vollzog sich bei Nechludoff, das sich, bei all den Personen vollzieht, die mit dem geistigen Leben vertraut sind. Ein Gedanke, der ihnen zuerst seltsam, paradox, phantastisch erschienen, klärt sich plötzlich in ihren Augen durch die Resultate einer unbewußten Erfahrung auf und wird für sie sofort zur einfachen, klaren, deutlichen Wahrheit. So ward ihm plötzlich, der Gedanke klar, daß das einzig mögliche Mittel gegen das Leiden, an dem die Menschen krankten, darin bestand, daß sie anerkannten, sie hätten eine Verpflichtung gegen Gott und infolgedessen kein Recht, über andere zu Gericht zu sitzen und sie zu bestrafen. Er begriff plötzlich, daß das schreckliche Leiden, dessen Zeuge er in den Gefängnissen und auf den Transportzügen gewesen, sowie die ruhige Sicherheit derer, die dieses Uebel verursachten oder duldeten, eine sehr einfache Ursache hatte. Das kam alles daher, daß die Menschen etwas Unmögliches unternommen hatten, denn sie waren sehr schlecht und wollten das Böse abschaffen. Lasterhafte Menschen wollten lasterhafte Menschen bessern. Da sie aber lasterhaft waren, so konnten sie nur das Laster verbreiten, anstatt es zu bessern; da sie selbst verdorben waren, so verbreiteten sie ihre eigene Verderbtheit in ihrer Umgebung. Die Antwort, die Nechludoff ängstlich suchte, ohne sie zu finden, war dieselbe, die Jesus dem Petrus gegeben hatte; die Antwort lautete, man müsse immer verzeihen, nicht siebenmal, sondern siebenzigmal siebenmal. »Noch nein! So einfach kann die Sache nicht sein,« sagte sich Nechludoff, und doch wußte er mit absoluter Klarheit, daß es die einzige Antwort war, nicht allein vom theologischen, sondern auch vom praktischen Standpunkt. Die Sache erschien ihm, der er an entgegengesetzte Meinungen gewöhnt war, seltsam und unglaublich, doch er fühlte und wußte, daß sie unbestreitbar war. Der gewöhnliche Einwand, was man mit den Dieben und Mördern anfangen sollte, hatte schon seit langer Zeit keine Bedeutung mehr für ihn. Dieser Einwand hätte in der That nur dann Sinn gehabt, wenn die Strafen die Anzahl der Verbrechen vermindert, wenn sie die Verbrecher gebessert hatten; doch die Erfahrung hatte Nechludoff bewiesen, daß das Gegenteil eintrat. Hatten die Menschen seit den vielen Jahrhunderten, da sie das Verbrechen bestraften, dasselbe unterdrückt oder auch nur abgeschwächt? Weit entfernt, es zu unterdrücken oder auch nur abzuschwächen, hatten sie es nur noch stärker entwickelt, sowohl dadurch, daß sie die Gefangenen durch die Verurteilungen, denen sie sie aussetzten, zu Grunde richteten, wie auch dadurch, daß sie den Verbrechen dieser Gefangenen – den Verbrechen der Diebe und Mörder – ihre eigenen Verbrechen, die Verbrechen der Gerichtsräte, Staatsanwälte, Henker, Untersuchungsrichter, Polizisten und Aufseher zugesellten. Und Nechludoff begriff plötzlich, daß das notgedrungen so sein mußte. Er begriff, wenn die Gesellschaft und die sociale Ordnung weiter existierten, so geschah das nicht dank der Beamten und ihrer Grausamkeit, sondern im Gegenteil trotz ihnen, und weil es neben ihnen noch Menschen gab, die mit den andern Mitleid haben und sich gegenseitig liebten. Das Evangelium hatte endlich zu Nechludoffs Herzen gesprochen und sich ihm enthüllt, wie jedem Menschen, der es zu lesen geneigt ist, Nechludoff beschloß, noch ein paar Seiten zu lesen. Er nahm die Bergpredigt, die ihn jederzeit sehr gerührt hatte. Diesmal entdeckte er aber, als er sie las, daß diese Predigt nicht allein eine Sammlung edler Gedanken und rührender Bilder war, die ein kaum zu verwirklichendes moralisches Ideal begleiteten. Er bemerkte, daß die Bergpredigt nur vollständig klare, einfache, praktische und leicht anzuwendende Vorschriften enthielt, deren Befolgung die sofortige Schöpfung einer vollständig neuen menschlichen Gesellschaft zur Folge haben würde, aus der jede Gewaltthat und jede Ungerechtigkeit verbannt war, und die in dem der menschlichen Schwäche erlaubten Maße das Himmelreich auf Erden schuf. Diese Vorschriften waren fünf an der Zahl: Die erste bestand darin, daß der Mensch einen andern Menschen, seinen Bruder, nicht nur nicht töten, sondern sich auch, nicht gegen ihn erzürnen, ihn nicht anklagen, und nicht verachten durfte; wenn er sich aber mit einem andern Menschen gezankt, so mußte er sich mit ihm versöhnen, bevor er Gott ein Opfer darbrachte, das heißt, bevor er sich mit Gott durch das Gebet des Herzens vereinte. Die zweite Vorschrift bestand darin, daß der Mensch sich nicht nur nicht der Sinnlichkeit überlassen und die Schönheit des Weibes nicht entheiligen darf, indem er ein Werkzeug seines groben Vergnügens aus ihr macht; sondern er muß, wenn er sich mit einein Weibe vermählt, sich mit ihr auf immer als verbunden betrachten. Die dritte Vorschrift bestand darin, daß der Mensch nichts unter seinem Eide versprechen durfte, da er selbst weder Herr seiner selbst, noch irgend einer Sache ist. Die vierte Vorschrift bestand darin, daß der Mensch nicht nur nicht Auge um Auge, Zahn um Zahn fordern darf, sondern daß er, wenn man ihn auf die eine Wange geschlagen, die andere Wange hinhalten muß; daß er die Beleidigungen verzeihen, sie mit Ergebenheit ertragen muß und nichts verweigern darf, was die andern Menschen von ihm fordern. Die fünfte Vorschrift bestand darin, daß der Mensch nicht nur seine Feinde nicht hassen oder gegen sie kämpfen darf, sondern daß er sie lieben, ihnen helfen und dienen muß. Nechludoff streckte sich auf dem Divan aus und begann zu träumen. Er erinnerte sich an das ganze Elend und an die ganze Häßlichkeit des augenblicklichen Lebens der Menschen, und dachte daran, wie sich dieses Leben wohl gestalten würde, wenn die Menschen die Vorschriften befolgten, die er eben gelesen. Und seine ganze Mutlosigkeit schwand, ein Strom von Begeisterung schwellte seine Seele. Er fühlte, daß er nach einem Leben des Leidens in der Finsternis plötzlich das sanfte, kräftigende, wohlthätige Licht erblickt. In dieser Nacht schlief er nicht. Ganz der Freude über die Entdeckung, die er eben gemacht, sich hingebend, las er eifrig die Evangelien von einem Ende bis zum andern. Und wie es allen geschieht, denen sich die allgemeine Bedeutung der Evangelien endlich enthüllt hat, so wunderte er sich beim Lesen, daß er jetzt vollständig den Sinn von Worten begriff, die er so manchesmal als einfache Bilder gelesen, ohne ihnen die geringste Bedeutung beizulegen. Wie ein Schwamm in einem Gefäß all das Wasser aufnehmen möchte, das es enthält, so wollte er alles in sich aufnehmen, was in diesem Buche Nützliches, Bedeutendes, Ernstes und Fröhliches für ihn enthalten war. Und alles, was er las, schien ihm seit langer Zeit vertraut, denn was er las, bestätigte und erklärte ihm Dinge, die er seit langer Zeit ahnte, die er aber nicht als wahr anzuerkennen wagte. Jetzt aber erkannte er sie als wahr und glaubte daran. Und er erkannte nicht nur und glaubte, daß die Menschen, wenn sie den Vorschriften der Evangelien folgten, sich zum höchsten Grade des Glückes erheben könnten, dessen sie fähig sind; nein, er erkannte auch und glaubte, daß es für einen Menschen besser war, lieber gar nichts zu thun, als diesen Vorschriften nicht zu folgen; er erkannte und glaubte, daß diese Vorschriften die einzige Daseinsberechtigung des menschlichen Lebens verkörperten, und daß der Mensch, wenn er sie verletzte, eine Schuld beging, die ihre Strafe sofort nach sich zog. Diese Schlußfolgerung ging für Nechludoff aus dem ganzen Buche hervor; doch mit ganz besonderer Klarheit und Kraft fand er sie in der Parabel von den Arbeitern im Weinberge ausgedrückt. Die Arbeiter hatten sich eingebildet, der Garten, den man ihnen zum Bebauen gegeben, gehöre nicht ihrem Herrn, sondern ihnen selbst; alles, was sich in diesem Garten befände, wäre für sie bestimmt, und ihre einzige Pflicht wäre es, diesen Garten ihrem eigenen Vorteile dienstbar zu machen; so vergaßen sie denn ihren Herrn und töteten die, die sie an ihre Verpflichtungen ihm gegenüber erinnerten. »So handeln wir alle!« dachte Nechludoff. »Wir leben in dem Glauben, wir seien selbst die Herren unseres Lebens, und dieses sei uns nur zu unserem Vergnügen gegeben. Was ist aber eine unsinnige, vollständig unsinnige Annahme. Der Mensch ist nicht zu seinem Vergnügen in die Welt gekommen, es muß ihn jemand aus irgend einem Grunde dorthin geschickt haben. Wir aber haben diese Thatsache vergessen, und bilden uns ein, wir lebten nur zu unserem Vergnügen. Dann wundern wir uns, daß wir leiden und uns unbehaglich fühlen, als wäre das nicht die notwendige Folge unserer Lage als Arbeiter, die dem Willen ihres Herrn nicht nachkommen wollen. Der Wille unseres Herrn aber ist in diesem kleinen Buche ausgesprochen.« »Trachtet nach dem Himmelreich, und das übrige wird euch von selbst zufallen.« Wir aber suchen nur das übrige, und wundern uns dann, wenn wir es nicht finden können.« »Ja, so ist mein Leben gewesen, doch dieses Leben ist jetzt vorüber, und ein anderes beginnt.« Und thatsächlich begann von dieser Nacht an für Nechludoff ein neues Leben; neu nicht nur, weil er vollständig aufhörte, an sich selbst zu denken, und nur noch lebte, um den andern zu dienen, sondern vor allem auch darum neu, weil alles, was ihm seit dieser Nacht zustieß, alles, was er that, alles, was er sah, von nun an in seinen Augen eine andere Bedeutung als früher hatte. Wie diese neue Periode seines Lebens enden wird, wird die Zukunft lehren.