Berthold Auerbach Schwarzwälder Dorfgeschichten – Siebenter Band. Joseph im Schnee.     Hier ruht ein Kind, das sich im Wald verirrte, Wir fanden's nicht, doch fand's der treue Hirte Und hat, derweil wir schliefen in der Nacht, Es in des ew'gen Vaters Haus gebracht. So steht auf einem kleinen Kreuz im Kirchhofe des Walddorfes. Fast hätte sich die wehmütige Grabschrift wiederholt, aber ein gütiges Geschick bewahrte den Joseph. Er hat nur den Namen behalten »Joseph im Schnee« und sein Irrweg wurde der Wegweiser aus vielem Elend zu vielem Glück. Erstes Kapitel. Ist noch nicht Tag? »Mutter, ist noch nicht Tag?« fragte das Kind, sich im Bett aufrichtend. »Nein, noch lang nicht. Was hast du? – Sei ruhig und schlaf.« Das Kind war eine Weile still, dann fragte es wieder mit halber Stimme: »Mutter, ist noch nicht Tag?« »Was ist denn das, Joseph? Sei doch ruhig. Laß mich schlafen und schlaf auch. Bet noch einmal, dann wird der Schlaf kommen.« Die Mutter sagte dem Kinde nochmals das Nachtgebet vor und betete leise mit, dann schloß sie: »Gut' Nacht jetzt.« Das Kind war geraume Zeit still. Als aber die Mutter sich in ihrem Bett umwendete, rief es leise: »Mutter!« Keine Antwort. »Mutter! Mutter! Mutter!« »Was gibt's? was willst du denn?« »Mutter, ist jetzt noch nicht Tag?« »Du bist ein böser Bub, ein ganz böser. Kannst du mir denn nicht die Nachtruh' lassen? Ich bin müd genug, bin heut dreimal im Wald gewesen. Wenn du mich jetzt noch einmal weckst, wird dir das Christkindle morgen abend nichts einlegen, als eine Rute. Ich geh' zulieb noch einmal in den Wald und hol' dir eine. Gut' Nacht! Schlaf wohl. Horch, der Wächter ruft erst zwölf Uhr an.« Der Knabe seufzte noch einmal tief, sagte: »Gut' Nacht bis morgen,« und wickelte sich ganz in die Kissen. Es war eine kleine dunkle Kammer, gerade unter dem Strohdach, wo dieses Gespräch geführt wurde. Die Scheiben an dem kleinen Fensterchen waren gefroren, das helle Mondlicht draußen konnte nicht durchdringen. Die Mutter stand auf und beugte sich über das Kind. Es schlief ruhig und fest. Die Mutter aber konnte nicht mehr schlafen, so schnell sie auch wieder ins Bett gehuscht war und die Augen schloß, denn fast laut sprach sie: »Und wenn er mich noch heimholt, und ich glaub's, trotz alledem, daß das noch wird, er kann nicht anders, er muß . . . Und wenn er mich heimholt, was hat er versäumt an mir und an unserm Kind? Die Jahre kommen nicht wieder, man hat sie nur einmal im Leben. O wenn man noch einmal von vorn anfangen dürfte, wenn man noch einmal aufwachen dürfte, und es ist nicht wahr, daß man so schwer . . . Wenn man einmal gefehlt hat, muß man sein Leben lang dran tragen. Es nimmt's einem keins ab. Ist es denn wahr, daß ich einmal so lustig gewesen, wie die Leut' sagen? Was ist denn das, daß das Kind dreimal gerufen hat: ist noch nicht Tag? Was soll aus dem Tag werden? – O, Adam! O, Adam! Du weißt nicht, was ich durchmachen muß; wüßtest du's, du könntest jetzt auch nicht schlafen. . . .« Der Bach, der hinter dem Hause floß, war zugefroren, aber in der Nacht hörte man das Gurgeln des Wassers unter der Eisdecke. Die Gedanken der Schlaflosen folgten dem Laufe des Baches, stromauf weit hinaus, und wie der Bach, nachdem er durch unwegsame Thäler und tiefe Schluchten geflossen, bei der Heidenmühle aufgehalten wird und grollend übers Rad stürzt und schäumt und wirbelt, so schäumten und wirbelten auch die Gedanken der Wachenden in der Nacht. Da in der Mühle da wohnt ja die Entsetzliche, auf die die Eltern Adams ihr Auge gerichtet haben. Des Heidenmüllers Toni hat für ein besonders braves und gutherziges Mädchen gegolten und zeigt sich jetzt so grundschlecht . . . Was willst du von des Heidenmüllers Toni? Die ist dir nichts schuldig. Aber er? aber Adam? Die Hände der Schlaflosen ballten sich, sie fühlte einen Stich durchs Herz, und sie knirschte vor sich hin: »Wenn er untreu werden könnte! Nein, er kann's nicht, aber wenn er's könnte, ich leid's nicht, ich trete in die Kirche mit meinem Joseph; nein, das nicht, ich nehme ihn nicht mit, ich allein, ich schreie: ich leid's nicht, und dann will ich sehen, ob ein Pfarrer sie zusammengibt.« Der Bach fließt wieder still durch ein Wiesenthal; bald da bald dort am Uferrand steht ein Laubholzbaum, aber hüben und drüben an den Bergen dichte hochstämmige Tannenwälder; über Felsen stürzt der Bach wieder in unwegsame Schluchten; jetzt geht's schnell. Da ist ein Markstein. »Jetzt sind wir daheim« – hat da einmal der Adam gesagt, und es ist doch noch eine gute Stunde bis zum Röttmannshof, da ist ja schon der Otterswanger Wald, der dazu gehört, und es ist ein stilles Plätzchen am Bach – die Schlaflose fährt sich mit der kalten Hand über die heißen Wangen, dort bei der breiten Buche, dort hat sie Adam zum erstenmal geküßt. Kein Mensch auf der Welt glaubt's, und sie selber hätte es auch nicht geglaubt, daß er so herzlich und gut und so gesprächsam und so lind und so lustig sein kann. Es war ein schöner Sommertag, gestern hat's fürchterlich gewittert, das war ein Sturm und Blitz und Donner, daß man hätte glauben mögen, es bleibt kein Baum mehr aufrecht stehen im Wald. Ja, so ist's hier oben, so draußen im Wald und so drin im Hause; da ist auch oft ein Gelärm und Schelten und Poltern, daß man glaubt, alles wird einander ermorden, und am andern Tag ist alles nicht dagewesen. Ein schöner Sommertag war's damals, in allen Rinnsen fließen Bäche und thun laut und eilen, wie wenn sie wüßten, daß sie nur einen Tag zu leben hätten, und morgen ist wieder nichts da. Die Vögel singen, und die Wäscherin am Bach kann auch nicht anders, sie muß auch singen, und warum soll sie nicht? Sie ist ja noch jung und ohne Sorgen. Sie kann viel Lieder, sie hat sie von ihrem Vater gelernt, der vorzeiten der Lustigste und Gesangreichste war. Es kommen Männer den Bach herunter, es ist jetzt wieder Wasser genug zum Flößen, und schau, wie geschickt! Da kommt Adam, der Haussohn, auf einem einzigen Stamm, der Stamm dreht sich immer ringsum, aber der Adam ist geschickt, er hält sich fest und aufrecht, und wie er bei der Wäscherin ist, läßt er den Stamm allein schwimmen, stemmt die Ruderstange in den Bach, hebt sich daran in die Höhe und springt mit einem kecken Satz ans Ufer. Die Wäscherin lacht, wie sie den riesigen jungen Mann mit den hohen Wasserstiefeln in der Luft baumeln sieht; und sie erschrickt ins Herz hinein, wie er plötzlich vor ihr steht. »Ich hab' dir's schon lang sagen wollen, ich dank' dir –« sagt Adam. »Warum? Wofür?« »Daß du es bei meiner Mutter aushältst.« »Ich diene, bekomme meinen Lohn und muß auch was dafür aushalten, und deine Mutter hat's hart genug, sie ist bös auf unsern Herrgott, weil dein Bruder beim Holzschlagen umgekommen ist; sie ist mit Gott und der Welt bös und hat's selber am bösesten dabei.« Adam schaut sie mit großen Augen an: »Du bist . . . du warst . . .« stottert er, »ja du!« Es zuckt in seinen Mienen, er hält die Hakenstange hoch, und plötzlich schreit er: »Wollt ihr euch da hinlegen? Fort von da!« Er springt in den Bach, daß das Wasser hoch aufspritzt, und stößt die Stämme, die sich bei einer Biegung des Ufers aufeinander gelegt hatten, mit gewaltiger Kraft in die Strömung. Martina sieht ihm staunend nach. Was geht mit dem Adam vor? Er verschwindet, man hört ihn weiter unten noch mit den andern Flößern schreien, dann ist alles still. Wochenlang redete Adam mit Martina kein Wort, er grüßt sie kaum. Aber im Herbste – die Kühe weiden auf der Wiese und auch der Stier. Martina geht an der Wiese vorüber, den Berg hinab – es ist kein Brunnen am Hause auf der Hochebene, man muß das Trinkwasser halbwegs des Berges holen – da sieht Martina, wie der Stier plötzlich den Kopf hoch hebt und zu rennen beginnt. Es ist schön, wie das schwerfällige Tier so leicht dahertänzelt, aber der Hirtenjunge ruft: »Rette dich, Martina! Der Stier nimmt dich auf.« Martina thut einen gellenden Schrei, rennt mit zurückgewandtem Gesichte davon und stürzt nieder. Schon hört sie das Schnauben des Stiers sich nahe, aber jetzt brüllt er mächtig am Boden. Adam ist herbeigeeilt, er faßt den Stier an den Hörnern und drückt ihm den Kopf nieder, bis die Knechte herbeikommen und ihn bändigen helfen. Martina ist gerettet, und Adam sagt nur: »Ein andermal, wenn du an der Wiese vorbeigehst, setz dein rotes Kopftuch nicht auf.« Adam ist voll Blut, und Martina fragt: »Um Gottes willen! Hat dir der Stier was gethan?« »Mach keinen Lärm, es ist gar nichts; der Stier blutet aus dem Maul, und da hat er mich vollgespritzt. Geh du jetzt und hol Wasser.« Er wandte sich und ging nach dem Weiher, um sich rein zu waschen. Erst drunten am Brunnen wurde Martina ihres Schrecks recht inne; sie erkannte, in welcher Gefahr sie gewesen und wie Adam sie gerettet hatte. Sie weinte, und in diese Thränen floß auch Bewunderung und herzinniger Dank für den starken, guten Menschen. Am Mittag hört sie, wie die Mutter zu Adam sagt: »Du bist der einfältigste, nichtsnutzigste Gesell von der Welt; gehst in Todesgefahr, um eine dumme Magd zu retten.« »Will's nicht mehr thun,« erwiderte Adam. »Glaub's,« sagt der Vater schmunzelnd, »das thust du nicht zum zweitenmal, daß du einen Stier an den Hörnern festhältst und bleibst am Leben. Nur schade, daß das niemand gesehen hat. Das ist ein Stück, von dem die ganze Gegend reden müßte.« Adam grüßte von da an Martina freundlich, redete aber kein übriges Wort mit ihr. Er schien sich daran zu genügen, daß sie ihm zu einem rechten Röttmannsstück verholfen hatte. Wieder wusch Martina am Bach, da stand Adam vor ihr. »Bist wohl auf?« fragt er. »Nein, mir liegt noch der Schreck in den Gliedern, aber dir werde ich mein Leben danken, solang ich –« »Davon will ich nichts hören. Der Stier ist eigentlich nicht bös. Es ist kein Tier bös, kein Roß und kein Stier, wenn man's nicht durch Hetzen und Stupsen und dummes Aufscheuchen von jung auf bös macht. Dann sind sie's freilich. Jetzt aber, ja, ja wohl . . . Nicht wahr, du weißt alles, und du . . . du hast mich auch so grad wie ich dich?« Er konnte nicht viel reden, aber im Blick seines Auges lag eine gebannte, tiefmächtige Zärtlichkeit, wie er Martina anschaute und seine Hand auf ihre Schulter legte. Und damals hat er den ersten Kuß gegeben, und es hätte kein Mensch geglaubt, daß der Adam so sanft und so gut sein kann; aber weh hat's doch gethan, wie er sie um den Hals nimmt, er hat eben nicht gewußt, daß das stark zugefaßt ist, und er lacht, wie ihm Martina das sagt, und er bittet: »Lehr mich's, wie man einen sanfter um den Hals nimmt. Stell dich da auf den Baumstumpf. So!« Und da sie ihn umfaßt, trägt er sie herum wie ein kleines Kind, und sie ist doch auch stark und groß. Sie stehen wieder nebeneinander unter der Buche, und Martina schaut auf durch die Blätter, worauf die schrägen Sonnenstrahlen fallen. »Schau, wie schön der Baum!« sagt sie. »Der ist nichts nutz,« erwidert Adam, »der hat lauter Wald (Gezweige) und fast keinen Stamm.« »Ich mein's ja nicht so. Schau nur, wie grüngoldig er jetzt glitzert und glänzt.« »Hast recht, das ist schön,« sagt Adam, und sein Auge ist so mild, und auf seinem derben hochroten Angesichte spielen zitternde Sonnenstrahlen. Zum erstenmal schien ihm aufzugehen, daß ein Baum noch anders anzusehen ist, als um seinen Holzwert zu schätzen. Und so oft Martina an den Aufblick durch die Buche dachte, da war's, als ob jener Sonnenstrahl ewig leuchtete und nie verlöschen könne. Wie zu einer Beteuerung die Hand Martinas fassend, sagte Adam: »Den Baum lass' ich stehen, der darf nicht geschlagen werden. Baum, komm zur Hochzeit. Oder nein, bleib nur stehen, du sollst lustige Musik hören, wenn's zur Hochzeit geht. Martina, schenk mir was. Hast du nichts, was du mir schenken kannst?« »Ich bin arm und hab' nichts.« »Ich sehe was, das ich haben möchte. Schenkst du mir's!« »Ja – was es ist, was du willst.« »Schau, da auf deiner Brust, da ist dein Name eingesetzt; reiß das Stück aus und gib mir's.« »Das Herz aus dem Leibe reiße ich mir aus und gebe dir's.« Sie wandte sich ab, riß aus dem Hemde das Stück, wo ihr Name eingesetzt war, und gab's ihm. »Ich geb' dir nichts,« sagte er, »sieh dich um, so weit du siehst, alles ist dein.« Bei diesem Anruf, wie reich Adam war und wie arm Martina, wollte Trauer über sie kommen,. aber Adam hielt ihre Hand, und da hatte nichts eine Macht als er allein. Es war eine übermächtige, wilde, alles vergessende Liebe, die die beiden erfaßt hatte, und bald kam Trauer und Elend. Adam war zum erstenmal in seinem Leben mit einem Floß rheinabwärts bis nach Holland geschickt worden, und in der Zeit seiner Abwesenheit wurde Martina mit Schimpf und Schande aus dem Hause verstoßen . . . Das waren die Bilder der Vergangenheit, glückselige und jammervolle, sie zogen jetzt wieder einmal vor Martina in der Dachkammer vorüber . . . Sie deckte sich die Augen mit dem Kissen zu. Die Hähne krähten jetzt im Dorfe, da die Mitternacht sich gewendet hatte. »Das ist des Häspeles Hahn, der so kräht; der Häspele hat sich ja die neumodischen Hühner angeschafft. Wie grob und breit kräht der hochbeinige Hahn; da klingt's bei den einheimischen viel lustiger. Der Häspele ist doch ein guter Mensch, und gegen das Kind ist er so seelensgut; der hat's gut gemeint, wie er einmal gesagt hat: Martina, in meinen Augen bist du eine Witfrau, und eine brave Witfrau. – Ja, aber lieber Gott, mein Mann lebt noch – du dauerst mich, aber ich kann nicht. Nein, nein, kein Gedanke . . .« Ohne Ruhe zu finden, harrte Martina den Tag heran. Oft schien sich der Schlaf ihrer erbarmen zu wollen, aber kaum hatte sie die Augen geschlossen, als sie wieder aufschrak; sie glaubte die Stimme der wilden Röttmännin zu hören, ihr scharfes höhnendes Gesicht zu sehen, und leise sagte Martina vor sich hin: »Ist noch nicht Tag?« Zweites Kapitel. Ein Zwiegesang wird unterbrochen und wieder aufgenommen. Um dieselbe Stunde, als das Kind in der Dachkammer erwachte und so unruhig blieb, brannten neben der Lampe noch zwei Lichter in der Wohnstube des Pfarrhauses, und drei Menschen saßen wohlgemut um den runden Tisch; es war der Pfarrer, die Pfarrerin und deren Bruder, ein junger Landwirt. Es war behaglich warm in der Stube; in den Pausen des Gesprächs hörte man bald einen Bratapfel auf dem Ofensims zischen, bald sprach der Kessel in der Ofenröhre auch ein Wort darein, als wollte er sagen, es ist noch Stoff genug da zu gutem Grog. Der Pfarrer, der sonst nicht rauchte, besaß die Geschicklichkeit, daß er, wenn ein Gast kam, auch zu rauchen verstand; dabei vergaß er aber doch seine Dose nicht, und so oft er eine Prise nahm, bot er auch dem Schwager eine an, der dann regelmäßig dankte. Der Pfarrer betrachtete mit offenbarem Wohlgefallen seinen Schwager, und die Pfarrerin sah auch bisweilen von ihrer Stickerei – es ist ein Geschenk für morgige Weihnachten – mit strahlenden Augen in das Angesicht ihres Bruders. »Das hast du brav gemacht,« wiederholte der Pfarrer, und sein feines längliches Gesicht mit den feinen schmalen Lippen, den wasserblauen Augen und der hohen gewölbten Stirne gewann einen noch stärkeren Ausdruck innigen Wohlwollens, als sonst immer darauf ausgebreitet lag. »Das hast du brav gemacht, daß du die Feiertage für uns Urlaub genommen hast, aber,« setzte er lächelnd hinzu und schaute nach der Flinte, die in der Ecke lehnte, »dein Jagdgewehr wird dir hier nicht viel einbringen, wenn du nicht vielleicht das Glück hast, den Wolf zu treffen, der hier in der Gegend umgehen soll.« »Ich bin nicht bloß zum Besuch und nicht bloß zur Jagd gekommen,« entgegnete der junge Landwirt mit wohltönender, tief ansprechender Stimme, »ich soll Ihnen, lieber Schwager, auch die Bitte ans Herz legen, daß Sie Ihre Bewerbung um die Stelle im Odenwald zurücknehmen und warten mögen, bis eine Stelle in der Nähe der Hauptstadt oder in der Hauptstadt selbst offen wird. Der Onkel Zettler, der jetzt Konsistorialpräsident wird, hat versprochen, Ihnen die erste offene Stelle zu geben.« »Ist nicht möglich. Es wäre mir erwünscht, für Lina und für mich, den Eltern nahe zu sein, und ich habe auch oft einen wahren Durst nach guter Musik; aber ich tauge nicht in die neue Orthodoxie und in das Aufpassen, ob man auch streng kirchlich predige. Und da ist unter meinen Amtsbrüdern ein ewiges Gesorge für das Seelenheil der Pfarrkinder, ein gegenseitiges Rezeptegeben, das viel von Prahlerei hat. Es ist damit, wie mit der Erziehung; je weniger von Erziehung Eltern anwenden, um so mehr wissen sie sehr gescheit davon zu sprechen. Seid brav, und ihr erzieht ohne viel Kunst und ohne beständige Angst und Fürsorge eure eigenen Kinder und eure Pfarrkinder. Ich weiß, ich stehe auf dem Boden der reinen Lehre, soweit meine Kraft reicht, und überhaupt bin ich eigentlich ein Gegner aller Versetzungen. Man muß mit den Menschen alt werden, auf die man wirken soll. In einer guten Staatseinrichtung sollte man auf der Stelle bleibend in Gehaltserhöhung vorrücken. Ich habe mich um die Stelle im Odenwald nur gemeldet, weil ich fühle, daß ich für die Strapazen hier anfange alt zu werden, und auch weil ich einer Roheit nicht wehren kann, die mir das Herz empört. Doch, laß uns jetzt singen.« Er stand auf, setzte sich an das Klavier und begann das Vorspiel seiner Lieblingsmelodie, und die Pfarrerin und der junge Landwirt sangen mit wohlgeübten Stimmen das Duett aus Titus: »Laß Glück, laß Schmerz uns teilen.« Es war wie ein Sich-fassen treuer Hände, ein glückseliges Umschlingen, indem die beiden Stimmen zusammentönten in der warmherzigen Melodie. Schon während des Singens war es mehrmals, als ob man Peitschenknallen vor dem Hause hörte; man achtete nicht darauf und redete sich auch wiederum ein, daß es Täuschung sein müsse. Jetzt, da der Gesang geendet hatte, hörte man rasches und lautes Peitschenknallen; die Pfarrerin öffnete das Fenster und fragte in die Nacht hinaus: »Ist jemand da?« »Ja freilich,« antwortete eine grobe Stimme. Die Pfarrerin schloß schnell das Fenster, denn ein eisiger Luftstrom drang herein, und die Wangen der Sängerin glühten. Der junge Landwirt wollte nachschauen, wer es sei; aber die sorgliche Pfarrerin hielt ihn zurück, weil er auch erhitzt sei. Sie schickte die Magd hinab und beklagte unterdes, daß vielleicht ihr Mann noch heute in solcher Nacht auf den Weg müsse. Die Magd kam bald wieder und berichtete, es sei ein Fuhrwerk da von der wilden Röttmännin, der Herr Pfarrer solle sogleich zu ihr kommen. »Ist der Adam da oder ein Knecht?« fragte der Pfarrer, »Ein Knecht.« »Er soll heraufkommen und einstweilen etwas Warmes zu sich nehmen, bis ich fertig bin.« Die Pfarrerin bat und beschwor ihren Mann, sich doch heute nicht mehr dem bösen Drachen zulieb in Lebensgefahr zu begeben, es sei ja schon bei Tag in solcher Jahreszeit lebensgefährlich, den weiten Weg nach Röttmannshof zu fahren, wie viel mehr bei Nacht. »Muß ein Arzt zu einem Kranken und darf nicht nach Wind und Wetter fragen, wie viel mehr ich,« erwiderte der Pfarrer. Der Knecht kam in die Stube, der Pfarrer gab ihm ein Glas Grog und fragte: »Steht's so schlimm mit der Röttmännin?« »Ho! So schlimm just nicht. Sie kann noch weidlich schimpfen und fluchen.« Nun beschwor die Pfarrerin ihren Mann abermals, doch zu warten, bis es Tag sei; sie wolle es vor Gott verantworten, wenn die wilde Röttmännin ohne geistlichen Beistand aus der Welt gehe. Die Pfarrerin schien aber doch schon zu wissen, daß ihre Einreden nichts helfen, denn während sie so dringend abmahnte, schüttete sie etwas Kirschengeist in ein strohumflochtenes Fläschchen, holte den großen Schafpelz herbei und steckte das Fläschchen in die Tasche. Der junge Landwirt wollte den Schwager begleiten, aber dieser lehnte es ab: »Bleib du zu Hause und geht bald zu Bett,« sagte er unter der Thür. »Geht nicht mit, ihr werdet sonst heiser, und ihr sollt mir während der Feiertage noch viel miteinander vorsingen. Die schöne Mozartsche Melodie wird mich auf dem Weg begleiten.« Bruder und Schwester gingen dennoch miteinander bis vor das Haus, wo der Pfarrer einstieg; die Pfarrerin wickelte ihm noch die Füße in eine große wollene Decke und sagte währenddessen zu dem Knechte: »Warum habt ihr einen Schlitten genommen und nicht einen Wagen?« »Wir haben bei uns oben viel Schnee.« »Ja, so seid ihr da oben: ihr denkt nie, wie es anderswo ist und ob man sich die Glieder zerbricht auf dem gefrorenen Boden. Fahr nur langsam bis ans Harzeneck. Gebt recht acht. Otto, steig auf der Otterswanger Höhe lieber aus. Nein, bleib sitzen, du erkältest dich sonst. Behüt' euch Gott!« »Gut' Nacht!« rief noch der Pfarrer; es klang dumpf aus der Vermummung heraus; die Pferde zogen an; der Schlitten ging davon, und man hörte ihn noch weit hinaus durch das Dorf poltern und kollern. Bruder und Schwester gingen ins Haus zurück. »Ich kann dir nicht sagen, wie wohl mir's thut, wieder deinen Mann zu sehen und zu hören,« sagte der junge Mann zur Pfarrerin in der Stube, »ich meine, je älter er wird, um so deutlicher wird seine reine schöne Natur, oder ist es nur an mir, daß ich ihn immer deutlicher sehe?« Die Pfarrerin nickte und sagte: »Ja, du hast meinen Mann gewiß von Herzen lieb, aber du kannst dir doch nicht denken, was für eine reine Seele, was für ein heiliges Herz er ist. Mögen die Leute sagen, daß er nicht kirchlich genug; er ist selber eine Kirche. Man wird fromm durch ihn; er braucht weiter gar nichts zu thun, als da zu sein, sein gutes Wesen walten zu lassen; seine Sanftmut, seine unverwüstliche Liebe und Gerechtigkeit, das macht, daß alle Menschen, wenn sie ihn nur sehen, gut und fromm werden; und so ist's auch in seinen Predigten, da ist jedes Wort Seele, lauter Kern. Eigentlich hat er's gut, die Gemeinheit und Roheit begegnet ihm nicht. Der Maler Schwarzmann von hier, der einmal acht Tage bei uns gewesen ist und gesehen hat, wie die vierschrötigen Bauern gegen ihn sind, hat ein gutes Wort von ihm gesagt: unser Pfarrer kann jeden zwingen, daß er in seiner Gegenwart hochdeutsch denken muß. Es hat mir früher oft wehe gethan, daß ein solcher Mann auf dieser Höhe unter Bauern sein Leben verbringen soll, aber ich habe einsehen gelernt, gerade die höchste Bildung, die wieder einfach ist wie die Bibel, ist da am rechten Ort.« Es läßt sich nicht sagen, ob das Entzücken, mit dem die Schwester sprach, oder das, mit dem der Bruder zuhörte, größer war, so wenig sich sagen läßt, ob für ein gutes Herz das Anschauen eines vollen Glückes oder der Besitz desselben größer ist. Und es gibt ja ein Glück, das niemand zu eigen gehört, sondern allen, die es zu empfinden verstehen, und das ist die Erkenntnis eines reinen Herzens und die Liebe zu ihm. »Ich weiß jetzt, wo er ist,« fuhr die Pfarrerin fort und starrte drein, als sähe sie es vor sich; »jetzt ist er an der großen Hagebuche, und jetzt fahren sie um Harzeneck, da geht immer ein böser Wind. Wickle dich nur gut ein. Ich glaub', daß du die wilde Röttmännin noch bekehrst, ich glaub's; du kannst alles; und ich glaub', daß du noch den Adam mit der Martina traust, und dann bleiben wir doch wieder gern hier.« Der Bruder wagte es kaum, die verzückt Dreinschauende anzureden. Endlich fragte er: »Wer ist denn die wilde Röttmännin und Adam und Martina?« »Gut, setz dich her, ich will dir erzählen. Ich könnte ohnedies keine Ruhe finden. bis ich weiß, daß Otto unter Dach ist.« Drittes Kapitel. Von den wilden Röttmännern. »Es gibt noch wilde Menschen, wahre Unholde hier oben. Von diesen wilden Röttmännern ließe sich viel berichten.« »Erzähle!« »Es sind große, ungeschlachte Menschen, und sie thun sich was darauf zu gut, daß man auf viele Geschlechter zurück Ungeheuerlichkeiten von ihnen erzählt, und da sie reich sind, können sie noch immer derlei ausführen. Der Vater des jetzigen Röttmann, der, zu dessen Frau Otto eben gerufen wurde, soll eine so mächtige Stimme gehabt haben, daß ein Landjäger, den er anschrie, rücklings auf den Boden fiel. Sein Hauptvergnügen bestand darin, in den Wirtshäusern, wo er gegessen hatte, die zinnernen Teller zu Kugeln zusammen zu rollen. Der jetzige Röttmannsbauer soll beim Tanz immer ein Dutzend der schweren eisernen Keile, mit denen man das Holz spaltet – sie nennen sie hier zu Lande Speidel – in den langen Rockschößen gehabt haben, damit ihm alles ausweichen muß und er Raum genug hat zum Tanzen. Tanzen, das war auch seine größte Lust, vierundzwanzig Stunden ohne Aufhören, das war für ihn ein leichtes Spiel, und in den Pausen wurde unaufhörlich getrunken, ein Schoppen nach dem andern. Um aber zu wissen, wie viel er getrunken und zu bezahlen habe, drehte er sich jedesmal mit großer Geschicklichkeit einen Knopf von seiner roten Weste und zuletzt von seinem Rock ab und löste sie dann am Schlusse beim Wirt wieder ein. Der Alte mit der starken Stimme verbietet ihm einmal, daß er noch am Tage bei einer Hochzeit drüben in Wengern bleibe, er solle vielmehr eine Wiese drunten im Otterswanger Thal abmähen. Strenge Zucht unter sich haben die Röttmänner immer gehalten. Der gehorsame Sohn folgt also, tanzt die ganze Nacht wie toll; am Morgen kommt der Starkstimmige auf die Wiese und hört Musik. Was ist das? Da mäht einer und sieht so seltsam aus? Der Starkstimmige kommt näher. Richtig, der Sohn mäht wie befohlen, hat aber ein Traget auf dem Rücken und in der Traget einen Geiger, der ihm beständig vorgeigen muß, und so mäht er Wiese auf und Wiese ab, bis alles danieder, und dann tanzt er mit seinem Geiger auf dem Rücken wieder hinüber bis Wengern zur Hochzeit. – Man sagt sonst im Sprichwort: Alles kann gestohlen werden, nur kein Mühlstein und kein glühend Eisen; aber der Speidel-Röttmann hat doch einmal einen Mühlstein gestohlen, wenigstens beiseite geschafft. Dem Heidenmüller zum Possen wälzt er auf einmal in einer Nacht einen Mühlstein den halben Berg hinauf. Der Speidel-Röttmann hatte zwei Söhne, Vincenz und Adam; der ältere, Vincenz, war weniger stark, aber tückisch wie ein Luchs, das hatte er von seiner Mutter, denn bösartig sind die Röttmänner nicht, nur ungebärdig wild. Vincenz soll die Holzhauer geplagt haben wie ein wahrer Sklavenhalter. Eines Tages wurde er von einem Baum erschlagen. Man sagt, und der frühere Pfarrer behauptete es fest, die Holzhauer hätten das mit Absicht gethan. Seit jener Zeit ist die Röttmännin, die ohnedies nicht sehr liebevoller Natur war, zu einem völligen Drachen geworden, der gerne die ganze Welt vergiftete. Sie ist die einzige, die meinen Mann grimmig haßt, denn sie will, daß er jeden Sterbenden, zu dem er gerufen wird, frage, ob er nichts zu beichten habe vom Tode ihres Vincenz. Der Baum, von dem Vincenz erschlagen wurde, lag lange unberührt im Walde, da befahl die Röttmännin eines Tages, daß man ihn abzweige. Sie war unversehens bei den Holzhauern, um sie zu beobachten und zu behorchen. Sie muß nichts Sicheres gefunden haben. Der Speidel-Röttmann wollte den Stamm, der einer der schönsten sogenannten Holländerbäume war, mit dem Floß rheinabwärts schicken; er sagte: Baum ist Baum, und Geld ist Geld; warum soll der Baum unnütz verderben, weil er den Vincenz erschlagen? Die Röttmännin war aber anders gesinnt. Sie ließ aus dem Reisig einen großen Hausen machen und verbrannte darin die Kleider des Erschlagenen. So müssen die in der Hölle verbrennen, die meinen Vincenz umgebracht haben, schrie sie immer dabei. Sechs Pferde und zehn Ochsen wurden angespannt, um den Stamm nach dem Hof zu führen. Es ging nur eine kurze Strecke, denn die Wege sind nicht dazu, um einen so großen Stamm bergauf zu bringen. Er wurde dreifach zersägt, und nun liegen die Klötze eben im Hof an der Thüre. Die Röttmännin sagt immer, der Baum wartet, bis man Galgen und Scheiterhaufen daraus macht, um die Mörder meines Vincenz zu hängen und zu verbrennen. Oft sitzt sie am Fenster und spricht auf die Klötze, wie wenn sie ihnen was sagen müßte, und sie lacht jedesmal glückselig, wenn ein Fremder darüber stolpert. Sie ließ auch, wie sonst nur bei den Katholischen in unsrer Nachbarschaft der Brauch ist, dem Erschlagenen einen Bildstock errichten, drunten am Fußwege, der am Abhange des Hohltobel nach der Heidenmühle führt. Dort, tiefer im Walde, ist der Vincenz erschlagen worden. Den einzigen Sohn, der ihr geblieben ist, den Adam, behandelt die Röttmännin härter als ein Stiefkind; man sagt, sie schlage ihn noch wie einen kleinen Jungen, und er lasse sich alles gefallen, und doch hat er sich schon als echter Röttmann bewiesen und sich einen stolzen Beinamen erworben, denn er heißt in der ganzen Gegend ›der Gaul‹. Er läßt einmal eben ein Pferd beschlagen, wie der Schmied von einem Breisgauer Bauern ein Pferd eintauschen will. Das Pferd ist an einen großen zweiräderigen Karren gespannt, der mit Erbsen beladen ist. Der Breisgauer sagt, solch ein Pferd gibt's nicht mehr aus der Welt; das zieht, was drei Pferde ziehen. Hoho! schreit der Adam Röttmann, der daneben steht, und das mit der gröbsten Stimme, daß der Breisgauer schier über den Haufen fällt und sich noch glücklich an seinem Pferde anlehnt. Hoho! Ich wette, daß ich den Wagen mitsamt den Erbsen in drei Trageten bis zu der Krone hinuntertrage. Ist der Handel richtig, wenn ich das fertig bringe? Es gilt, sagt der Breisgauer. Das Pferd war abgespannt. Adam füllt die Erbsen in einen großen Bettüberzug und trägt sie richtig nach der Krone; dann nimmt er das Wagengestell und trägt es ebenso, und zuletzt nimmt er die zwei großen Räder, eines hüben und eines drüben, auf die Schulter und geht damit nach der Krone. Wer ist stärker? Dein Gaul oder ich? fragt er den Breisgauer, und davon hat er den Namen Gaul. Die Art, wie der Speidel-Röttmann die Heldenthat seines Sohnes bekannt machte, zeigt ganz sein ruhmgieriges Wesen, denn eigentlich ist er kein böser Mann, nur ein Großthuer ersten Ranges. Am Tage nach der Gaulsthat Adams war Jahrmarkt in der Stadt, der Schmied von hier trifft den Speidel-Röttmann im Wirtshaus. und erzählt ihm, was vorgegangen. Da sagt der Speidel-Röttmann: Erzähl mir's nicht hier. Ich zahle dir eine Flasche vom Besten, wenn du da auf die Straße hinunter gehst und mir die ganze Geschichte zum Fenster heraufrufst. Und so geschah es auch. Der Speidel-Röttmann lag breit unterm Fenster, und alles hörte staunend zu, wie der Schmied die Geschichte ausrief. Der Speidel-Röttmann hat eigentlich seine besondere Freude an seinem Sohn, dem Gaul, aber er darf das vor seiner Frau nicht merken lassen, besonders seit sieben Jahren nicht. Dort überm Bachsteg, wir sehen das Häuschen von unserm Fenster, dort wohnt ein Schilderdrechsler, der Schilder-David genannt. Er ist ein Ehrenmann, er ist einer der Aermsten im Dorfe, aber er würde eher verhungern, ehe er jemals etwas geschenkt nähme. Dabei ist er ein Schriftgrübler. Bei ihm ist am längsten Licht im Dorfe, und das will für einen armen Mann viel heißen. Er hat eine Bibel, die er schon sechzehnmal vom ersten bis zum letzten Buchstaben, altes und neues Testament, durchgelesen hat; ich habe die Bibel einmal gesehen, die Blätter sehen eigentümlich zerarbeitet aus, denn der David liest immer mit den vier Fingern. Auf dem ersten Blatt der Bibel steht immer der Tag verzeichnet, wann er sie neu begonnen und wann er sie zu Ende gelesen hat. Die längste Zeit ist etwas über zwei Jahre, dreimal hat er sie sogar in weniger als einem Jahre durchgelesen, das war als seine drei Töchter auswanderten, dann, als er eine kranke Hand hatte, daß man glaubte, er würde sie verlieren, und zuletzt das Jahr, in dem ihm sein Enkel, der kleine Joseph, geboren wurde. In seiner Jugend soll er einer der Lustigsten gewesen sein, er kennt alle Lieder und hat sich einmal ein ganzes Klafter Holz ersungen. Er kommt einmal zum Vater des Speidel-Röttmann und will Holz kaufen. Der alte Röttmann ist eben in guter Laune und sagt: David, für jedes Lied, das du mir singst, kriegst du ein Scheit Holz und ich fahre dir's vors Haus, und richtig! der David singt so viel Lieder, daß er sich ein ganzes Klafter Holz ersang. Davon heißt er auch der Klafter-David. Er hört das aber nicht mehr gern. Die Frau des Schilder-David ist eine von jenen Naturen, die ihr Leben lang eigentlich halb schlafen, sie gehen umher, thun ihre Arbeit ordnungsmäßig, aber man hört kein übriges Wort von ihnen, nicht in Freud, nicht in Leid. Wir haben auffallend viele solcher Menschen hier. Dazu ist die Frau des Schilder-David seit einigen Jahren fast stocktaub. Sie hatten fünf Töchter, lauter große, stattliche Gestalten, und schon als sie noch klein waren, aber stramm und kräftig, sagte der Schilder-David immer: die sind für aufs Wasser, das heißt, für die Auswanderung nach Amerika; und in der That, vier von seinen Töchtern sind nach Amerika, zwei mit ihren Männern und zwei ledig, die sich jetzt auch drüben verheiratet haben; eine ist vor kurzem gestorben, aber den andern geht es gut, und doch kann der Schilder-David die Sehnsucht nach seinen Kindern nicht verwinden, und jetzt sagt er oft: das Amerika, das ist ein neuer Drache, der uns die Kinder wegnimmt. – Es wäre doch das natürlichste, daß er auch auswanderte, er hat's hier hart, aber er kann nicht fort, und jetzt will er nun gar nicht mehr. Die jüngste Tochter des Schilder-David, Martina, war immer der besondere Stolz des Vaters, denn sie war die Erste in der Schule. Du glaubst gar nicht, was das einem Kinde aus dem Dorfe für einen Charakter gibt; namentlich ein Mädchen kriegt da einen gewissen Stolz, eine Ehrenhaltung vor sich, und alles ordnet sich unter, noch bis in die älteren Jahre hinein. Sie war ein braves, feines Kind. Wenn sie zum Konfirmandenunterricht kam, hat sie mit äußerster Sorgfalt die Schuhe am besten abgerieben und auch die andern angehalten, sich sauber zu machen, um Treppe und Zimmer rein zu lassen, und sie und ihre Gespielen haben sich's nicht nehmen lassen und haben vor der Konfirmation die ganze Kirche gescheuert. Als sie vor dem Altar stand, sie war über die Jahre entwickelt, ich habe nie was Schöneres gesehen, und eine Frömmigkeit lag wie eine Glorie auf ihrem Gesicht. Sie ist oft zu uns ins Haus gekommen. Mein Mann hatte seine besondere Freude an dem Kinde, und er erzählte mir, wie er am Tage nach der Konfirmation Martina auf dem Felde getroffen und sie sagte: es sei ihr jetzt, als wäre sie aus der Heimat fortgeschickt worden. Sie wurde auch bald fortgeschickt. Sie war sechzehn Jahre alt, als sie zu dem wilden Röttmann in Dienst trat. Der Röttmann gibt guten Lohn, und er muß, denn es hält's niemand ein Jahr lang bei seiner Frau aus. Martina war aber zwei Jahre dort.« Plötzlich wurde die Pfarrerin in ihrer Erzählung unterbrochen, ein seltsames Rollengeklingel ging durch das Dorf. »Was ist das?« fragte Eduard. »Das ist der Eselstrupp aus der Heidenmühle. Der Fahrweg nach der Mühle ist sehr weit, aber die Esel tragen Korn und Mehl bergauf und bergab den schmalen Fußweg. Ich hätte gern der Toni durch den Knecht etwas sagen lassen; aber jetzt ist's zu spät.« Erst nach wiederholter Aufforderung des Bruders fuhr die Pfarrerin in ihrer Erzählung fort: Viertes Kapitel. Martinas Heimkehr. »Am Samstag Mittag vor Johanni saß eine Frauengestalt ganz in sich zusammengekauert hinter einem Felsen, der jäh abspringt in den Bach, dort, wo die Schwellung angelegt ist. Da kommt die Näherin Leegart – so sagt man hier für Luitgart – daher, sie will sich auf dem Heimweg von der Heidenmühle den Ort ansehen, von wo sie einmal irre gegangen. Die Näherin ist voll von Aberglauben, aber niemand spricht mehr dagegen als sie. Wie sie nun an jenem Samstag an den Felsen kommt und die Gestalt sieht, schreit sie laut auf. Da kauert etwas am hellen Tag wie ein Gespenst. Es ist Martina, sie richtet sich auf und schaut die Leegart an und klagt, sie habe sich töten wollen, sie müsse aber leben um ihres Kindes willen; wenn das auf der Welt sei, wolle sie sterben. Leegart verspricht ihr schnell, zu Gevatter zu stehen, denn sie haben hier den Glauben, daß ein Kind, dem man vor der Geburt die Gevatterschaft versprochen, glücklich zur Welt komme und, wenn es auch tot zur Welt komme, gleich selig sei. Die Leegart läßt nicht ab, sie tröstet und redet zu und bringt Martina ins Dorf. Es war am Nachmittag; ich saß mit meinem Mann im Garten, da hören wir drüben überm Bach ein Jammergeschrei, das durch Mark und Bein schüttert, und kaum sind wir aus der Laube, da kommt die Leegart totenblaß herbeigestürzt: ›Herr Pfarrer, gehen Sie um Gottes willen schnell zum Schilder-David, der Schilder-David will die Martina umbringen.‹ Ich will mit; mein Mann heißt mich zurückbleiben; er geht schnell. Die Leegart sinkt fast um, ich kann ihr glücklicherweise noch von unserm Kaffee geben, und sie erzählt, daß die Martina zu Fall gekommen. Als der David, der eben vor seinem Hause Holz spaltete, sie sah, habe er die Axt erhoben und seiner Tochter gerade das Hirn spalten wollen. Herbeigeeilte Nachbarn entwanden ihm die Art, und jetzt stellte er sich vor die Hausthür und schwur, Martina zu erdrosseln, wenn sie über seine Schwelle käme. Martina fiel vor der Schwelle nieder. Frauen brachten sie ins Haus, und als sie in die Stube trat und ihren Konfirmandenschein sah, der an der Wand unter Glas und Rahmen hing, da that sie einen Schrei, so laut, so durchdringend, daß wir ihn bis hier herauf hörten; sie fiel in Ohnmacht nieder. Man erweckte sie, der David aber rief immer: ›Bringt sie nicht wieder zum Leben, denn ich schaffe sie doch hinaus. Herr Gott! Herr Gott! Mach mich blind, verflucht seien meine Augen. Der Drache hat mir meine andern Kinder geraubt, und jetzt, jetzt . . .‹ Er stürzte auf Martina los. Es gelang, ihn zu bändigen, und Leegart eilte, meinen Mann zu rufen. Wir warteten lange, bis mein Mann wieder kam. Er brachte den David mit, er führte ihn am Arme, und David ging stolpernd wie ein Blinder; er hatte den Hut tief in die Stirn gedrückt und sagte immer: ›Herr Pfarrer, ja, ich bitte, sperrt mich ein, ich bin sonst meiner nicht Herr. Mein Kind, mein bestes Kind, mein einziges Kind! Sie ist meine Krone gewesen, wie Sie es ihr in den Konfirmandenspruch gesetzt haben, und so . . . Herr Gott, was willst du mit mir, daß du mich so heimsuchst? Es soll nicht sein, ich soll nicht unbeschwert dahingehen! O, Herr Pfarrer, wenn man einem Kinde zusieht essen, wie's ihm schmeckt, es schmeckt siebenmal besser, als wenn man selber ißt. O, wie lang pflegt man so ein Kind und freut sich, daß es stark wird und wächst und das und jenes sagt, was gescheit und gut ist, und freut sich, wenn es aus der Schule kommt und etwas gelernt hat, und freut sich, wenn es drischt, wenn es Holz sammelt und wenn es singt, und da kommt auf einmal ein Mensch und verwüstet das alles. Meine andern Kinder sind ausgewandert, und sie leben, und ich habe nichts davon; meine Martina ist daheim geblieben, sie lebt vor meinen Augen und ist mehr als tot. Wenn ein Kind rechtschaffen ist, ist man doppelt glückselig, aber doppelt und tausendfach unglückselig kann einen ein schlechtes Kind machen. Ich denke mir das Hirn aus – und kann's nicht finden, wo ich's verfehlt, und es muß doch sein, und mein guter Name . . .‹ Er sah mich jetzt, und laut schluchzend, fast zusammenbrechend rief er: ›Frau Pfarrerin, und Sie haben sie auch immer so lieb gehabt! Sie hat mir den Todesstoß gegeben, ich spür's.‹ Die Füße trugen ihn kaum. Wir brachten ihn in die Stube, und dort saß er gewiß eine Stunde lang wie leblos, er hielt die Hand vor das Gesicht, und die Thränen quollen zwischen den Fingern hervor. Endlich richtete er sich auf, streckte und reckte sich und sagte: ›Gott vergelte Ihnen alles, Herr Pfarrer. Da, meine Hand; ich will kein ehrliches Grab haben, wenn ich meiner Martina – – – –‹ er wurde wieder von einem Thränenstrom unterbrochen, da er den Namen nannte –›wenn ich meiner Martina irgend ein Leid zufüge, sei es mit Wort oder That. – Gott hat mich gestraft durch sie, ich muß ein schwerer Sünder sein. Ich war zu stolz auf meine Kinder und auf sie, ja gerade besonders auf sie, und sie ist jetzt auch armselig genug. Ich will mich nicht weiter versündigen.‹ Mein Mann wollte ihn wieder heimbegleiten, er lehnte es ab. ›Ich muß lernen, mit diesem Schandfleck allein über die Straße gehen. Ich bin zu stolz gewesen. Mein Haupt ist gebeugt, bis ich in die Grube fahre. Nochmals tausend Dank. Gott vergelt's!‹ Der ehemals stolz aufrecht gehende Mann schlich jetzt wie eine Jammergestalt heimwärts. Erst jetzt konnte mir mein Mann erzählen, wie Gräßliches er erlebt. Die Leute haben mir aber später berichtet, daß mein Mann eine Geduld und Sanftmut ohnegleichen gegen den Schilder-David übte. Denn dieser hätte gern alles zerrissen und schrie immer: ›Ich bin Hiob! Strecke deine Hand herunter, Herr Gott, und reiß mir die Zunge aus dem Rachen; ich muß fluchen, fluchen auf die ganze Welt. Es gibt keine Gerechtigkeit; keine im Himmel und keine auf Erden.‹ Es gelang meinem Mann, ihn zu beruhigen; als aber der Schilder-David fort war – so ermattet, so todmüde habe ich meinen Mann nie gesehen, wie damals. Die Leegart hat ihr Wort gehalten und hat Gevatter gestanden bei dem kleinen Joseph, und Vater Adam kam zur Taufe ins Dorf. Er wollte, daß der Schilder-David ihn durchs Dorf begleite, damit die Welt sehe, wie er zu ihm halte. Der Schilder-David ging aber nicht mit ihm. Zu Hause soll es Adam haben schwer büßen müssen, daß er es wagte, ins Dorf zu gehen, und er wird seitdem bewacht und gefangen gehalten wie ein Verbrecher, denn die alte Röttmännin hat willfährige Spione in Lohn und Brot. Dafür ist sie nicht geizig. Der Schilder-David war ein fleißiger Kirchgänger, aber nach der Geburt des unerwünschten Enkelchens ging er gewiß zwei Monate lang nicht in die Kirche; wenn es zur Kirche läutete, klagte er immer aufs neue, daß er vor Schimpf nicht in die Kirche gehen könne. Wenn's aber niemand sah, trug er das Enkelchen gern in der Stube herum. Der Knabe scheint es ihm wahrhaft angethan zu haben. Er trug das Kind umher und wartete es wie eine Mutter. Stundenlang konnte man ihn am Feierabend und des Sonntags drüben am Gartenzaun stehen sehen, und Großvater und Enkel starrten in das Feld und in den Bachsturz, der hinter dem Hause herabfällt, ja der Alte gewöhnte sich dem Kinde zulieb das beständige Rauchen ab, während er sonst die Pfeife nicht aus dem Munde brachte, und als der Knabe laufen konnte, war er sein beständiger Kamerad und führte ihn an der Hand. Wenn das Kind mit andern Kindern spielt und den Großvater sieht, läuft es von allen Spielen fort und geht nicht mehr von der Seite des Großvaters. Ja, wenn ein Kind so leicht zu verderben wäre, der David hätte es mit seiner Eitelkeit verdorben, denn er lebt fast ganz von dem Rufe seines Enkelchens; tagtäglich erzählt er eine der Klugreden, die der kleine Joseph gethan, und wie gescheit er dem Knaben die Zunge lösen könne. So ehrlich der David ist, er weiß nicht mehr, daß er dem Kinde vieles andichtet, was nicht aus ihm selber kommt, und dann setzt er immer gern hinzu: ja, wenn wir nur schon zwanzig Jahre älter wären, da wird man im ganzen Land davon reden, was mein Joseph ist. – Ich habe vor kurzem etwas gehört, das von eigentümlichem Nachdenken des Knaben Zeugnis gibt. Es war am selben Tage in der Nachbarschaft ein Kind gestorben und ein Kind zur Welt gekommen, und der kleine Joseph sagte: Nicht wahr, Großvater, wenn man geboren wird, da schläft man im Himmel ein und wacht auf der Erde auf, und wenn man stirbt, da schläft man auf der Erde ein und wacht im Himmel auf? Der kleine Joseph ist aber auch beständig dabei, wenn sich der Großvater mit seinen Nachbarn bespricht, und da hört er von allerlei Lebensverhältnissen und Zerwürfnissen und kennt die ganze geheime Geschichte des Dorfes.« »Warum erzählst du nicht von Martina?« unterbrach hier der Zuhörer die Pfarrerin. »Da ist nicht viel zu berichten, sie lebt still und emsig, hilfreich, wo irgend in einem Hause Not ist, spricht kein übriges Wort und ist ihrem Vater mit unbeschreiblicher Liebe unterthan, und er vergilt ihr das am besten in der Liebe, die er dem kleinen Joseph widmet.« »Und Vater Adam, der Gaul, was thut denn der?« »Der lebt auch still für sich, und wie gesagt, er wird von seinen Eltern auf dem Hofe fast wie ein Gefangener gehalten. Er läßt sich's gefallen, und glaubt genug gethan zu haben, daß er beständig dabei bleibt: wenn er die Martina nicht bekäme, heirate er gar nicht. Natürlich, daß die Eltern alles aufbieten, ihn von Martina frei zu machen. Es sind ihr schon glänzende Anerbietungen gestellt, sehr annehmbare Freier ins Haus geschickt worden, und der alte Röttmann will sie ausstatten; aber sie hört nicht darauf, und ihre beständige Entgegnung ist: ›Ich könnte einen andern Mann kriegen, jawohl, wenn ich wollte; aber mein Joseph könnte keinen andern Vater kriegen, wenn er auch wollte.‹ Besonders ein Vetter der Martina, ein wohlhabender Schuhmacher, der als Junggeselle lebt, scheint nicht heiraten zu wollen, bis er gewiß ist, daß die Martina ihn nicht nimmt. Man heißt ihn hier im Dorf den Häspele, und ich weiß jetzt in der That seinen wirklichen Namen nicht. An Feierabenden haspelt er den Mädchen das Garn, das sie gesponnen haben, und darum heißt er Häspele. Er ist ein gutmütiger Mensch, der jedes Jahr den Fastnachtshansel spielt, von einer Fastnacht zur andern ununterbrochen fort. Wo man ihn sieht, spielt man das ganze Jahr Fastnacht mit ihm, und er geht gleich darauf ein; seine Mienen und seine Reden haben etwas so Komisches, daß man nicht mehr weiß, macht er Spaß oder Ernst, wie er denn meist eine rote Nase hat, die für geschminkt gelten kann. Er hat die Martina von Herzen lieb, und sie ihn auch, aber eben nicht anders, als alle Mädchen im Dorfe ihn leiden mögen; zum Heiraten wird er nie kommen, es denkt niemand daran, daß man den Häspele auch heiraten könne. . . .« »Gottlob,« unterbrach sich hier die Pfarrerin, »jetzt ist mein Mann bald unter Dach, wenn ihm, was Gott verhüte, nicht ein Unglück passiert ist. Es wäre die schönste Weihnachtsfeier, mir das liebste Geschenk, wenn er die Röttmännin noch bekehren könnte, der Speidel-Röttmann gibt dann von selbst nach. Dann bleiben wir, wenn's nicht anders ist, auch wieder gern hier. Denn die Geschichte mit Martina und Adam hat endlich den Ausschlag gegeben, daß mein Mann sich von hier weggemeldet hat. Die wilden Röttmänner lassen nicht ab, und eben morgen soll alles fertig werden, daß der Adam sich mit des Heidenmüllers Toni verlobt. Das Mädchen ist das einzige aus einer angesehenen Familie, das er kriegen kann. Sie hat eine junge Stiefmutter bekommen, und nun will sie aus dem Haus, und wenn sie in die Hölle müßte. Der Heidenmüller und der Röttmann, diese beiden Familien sind die angesehensten oder, was ebensoviel ist, die reichsten in unserer Pfarrgemeinde. Ich muß selber sagen, ich möchte das nicht mit erleben, den Adam mit des Heidenmüllers Toni zur Kirche gehen zu sehen. Es ist entsetzlich für meinen Mann, da oben stehen zu müssen und sein innerstes Herz vor den Menschen ausschütten, Heiligkeit und Güte und Treue predigen, und zu wissen, da unten sitzen Menschen und sie sitzen in den vordersten Kirchenstühlen, du kannst das Auge nicht von ihnen wenden, und ihnen ist alles, was du sagst, nichts als leere Worte. Horch, jetzt ruft der Wächter zwölf. Jetzt ist Otto gewiß unter Dach, und ich weiß, er bewirkt Gutes. Jetzt wollen wir auch schlafen gehen.« Fünftes Kapitel. Der Tag ist trüb. Martina blieb die ganze Nacht so unruhig, als spürte sie's, daß eben jetzt ein rechtschaffenes Herz ihre ganze Lebensgeschichte auferweckt hätte. Sie war so voll Ungeduld, daß sie immer aufspringen wollte, hinaus in die Welt, um plötzlich ihr Leben zu ändern. Als läge es in ihrer Hand, das zu vollführen. Die Hähne krähten immer lauter, und da und dort hörte man auch eine Kuh schreien, einen Hund bellen. Es muß bald Tag sein. Martina stand auf und heizte die Stube, dann zündete sie noch ein Feuer auf dem Herde an. Man muß heute die Morgensuppe besonders gut kochen, die Näherin Leegart kommt ja heute früh, der Joseph kriegt eine neue grüne Manchesterjacke. Auf dem Tisch lag noch die Schiefertafel, da hat der kleine Joseph gestern abend einen riesig großen Mann hingezeichnet, entsetzlich anzuschauen, und doch hat das Kind gesagt: »Das ist mein Vater.« Es war Martina gar seltsam, da sie jetzt die Figur auf der Tafel wegwischte. Könnte sie's nur auch wegwischen, daß sie dem Kinde vom Vater erzählt, noch gestern abend beim Einschlafen, und ihm versprochen hatte, der Vater komme heute; das ist's ja, darum hat das Kind heute nacht dreimal gerufen: »Ist noch nicht Tag?« Martina starrte lang in das helllodernde Feuer, und ohne daß sie es wußte, sang sie: »Treue Liebe brennt von Herzen, Treue Liebe brennet heiß, O wie muß das Herze lachen, Das von keiner Untreu weiß! Komm' ich morgens auf die Gassen, Sehn mir's alle Leute an, Meine Augen stehn voll Wasser, Weil ich dich nicht lassen kann.« Als Martina mit dem Kübel unter dem Arm die Thür öffnete, kam ihr ein heftiger, eisig kalter Windstrom entgegen, sie heftete das rote Tuch fester, mit dem sie Kopf und Hals umwickelt hatte, und ging nach dem Brunnen. Der Tag ist kalt, die Röhrbrunnen sind zugefroren, nur der Schöpfbrunnen bei der Kirche hat noch fließendes Wasser. Eine große Schar von Mädchen und Frauen umsteht das Brunnengeländer, und wenn eines beim Uebergießen Wasser aus dem Eimer verschüttet, ist großes Geschrei, denn das Wasser gefriert alsbald, und man kann auf dem Glatteis kaum mehr stehen. Die Frühsonne blinzt einen Augenblick ins Thal, es muß ihr aber nicht gefallen, denn sie versteckt sich schnell wieder hinter den Wolken. Die Matten und Aecker stehen hellglitzernd im Morgenreif, – das ist ein trauriger Anblick, es erfriert ja alles ohne die schützende Schneedecke. Nur auf den Bergen liegen dichte Schneebreiten. »Gottlob, werdet sehen, die Wolken bringen heute rechtschaffenen Schnee.« »Es wäre dem Feld zu gönnen, es ist ja ein Jammer, wie alles gelb wird.« »Wir haben Weihnachten noch immer Schnee gehabt und zu Neujahr Schlittenbahn,« so hieß es hin und her am Brunnen. Die Worte der Redenden spielten als leise Wölkchen von ihrem Munde. »Ist's wahr,« fragte eine ältere Frau die herzutretende Martina, »ist's wahr, daß der Pfarrer heute nacht zu deiner Schwiegermutter geholt worden ist?« »Ich glaub', dein Schwiegervater wird den Baum, der den Vincenz erschlagen, gern zu Brettern versägen und einen Sarg für seinen Hausteufel draus machen.« »Und gut wär's, wenn sie einmal abzöge, dann kannst du deinen Gaul kriegen.« »Und wirst zahme Röttmännin.« »Ich ließ die Alte zu Tod beten. Der Schneider von Knuslingen weiß ein Gebet, mit dem man einen zu Tod beten kann.« »Nein, die mußt zu Tod fluchen.« So hieß es wieder in lebendiger Wechselrede. Martina, die den vollen Kübel auf den Kopf gehoben hatte, sagte nur: »Redet nicht so gottlos, es ist ja heut der heilig Abend.« Sie ging langsam heimwärts, als wenn die Worte, die noch hinter ihr fielen, sie noch aufhielten, und es ward ihr heiß, da sie denken mußte, daß der kleine Joseph vielleicht geahnt hat, was in der Ferne vorgeht, und darum so unruhig war. Sie hatte Adam vorgeworfen, daß er nicht auch leide, und er machte vielleicht in derselben Stunde das schwerste Leid durch, das einem Menschenkind auferlegt sein kann: was das Liebste auf Erden sein muß, scheiden zu sehen mit quälender Bitterkeit in der Seele. Die am Brunnen verblieben waren, hatten gar keine Eile mehr, sie standen auf ihre vollen Kübel gelehnt, ja manche mit dem Kübel auf dem Kopf und sprachen von Martina. »Martina möchte jetzt gern ins Pfarrhaus.« »Und sie ist nicht gescheit. Der alte Röttmann hat ihr schon zweitausend Gulden anbieten lassen, wenn sie den Vater von ihrem Kind frei gibt. Aber sie will nicht.« »Und der alte Schilder-David will auch nicht.« »Guten Morgen, Häspele!« hieß es plötzlich, »was machen deine Hühner? Sind sie alle wohl auf?« »Ist es denn wahr, daß dein Hahn spanisch kräht? Verstehst du denn das?« So wurde die einzige Männergestalt begrüßt, die mit einem Kübel zum Brunnen kam. Es war Häspele. Er trug ein weißlichgraues gestricktes Wams und hatte aus dem Kopfe eine bunte Zipfelmütze, unter der ein spaßbereites, allzeit zum Lächeln erbötiges Gesicht in die Welt hineinschaute. »Die Martina ist eben dagewesen, sie wird gleich wieder kommen,« rief eine Frau im Abgehen. Häspele lächelte dankend. Häspele mußte warten, bis alle vor ihm Wasser hatten; er wartete gern und war noch so gutmütig, allen auszuhelfen. Eben als er auch für sich eingeschöpft hatte, kam auch Martina wieder, sie halfen nun einander gegenseitig auf und gingen eine gute Strecke miteinander, denn Häspele mußte vor dem Hause der Martina vorüber nach dem seinigen. Unterwegs berichtete ihm Martina, daß der Pfarrer heute nacht zur Röttmännin geholt worden und noch nicht wieder zurück sei. Sie konnte sich nicht enthalten, ihre Hoffnung auszusprechen, daß der Pfarrer vielleicht das harte Herz erweicht; aber Häspele sagte: »O glaub das nicht! Eher wird der Wolf, der jetzt hier in der Gegend umgeht, in meine Stube kommen und sich von mir anbinden lassen wie meine Geiß, ehe die Röttmännin nachgibt. Ich habe dir ja alles erzählt, wie's gewesen ist, als ich vor acht Tagen deinem Adam die neuen Stiefel gebracht habe, und ich habe dir's ja schon ausgerichtet, er kommt heute ganz gewiß. Ich glaub's aber selbst, wie die Reden gehen, daß du ihn frei gibst.« Martina antwortete nicht, aber vor der Thür ihres Hauses blieb sie plötzlich stehen und sagte: »Schau, da kommt der Pfarrer heim.« Drüben auf dem Fahrweg, denn das Haus der Martina lag jenseits über dem Bachstege, fuhr eben langsam ein offener Schlitten die Straße herauf. Ein Mann, tief in einen Pelzmantel gehüllt, die Pelzmütze weit übers Gesicht gezogen, saß neben dem Fuhrmann, der lustig rauchte und jetzt mit der Peitsche grüßend nach Martina herüberwinkte. Es war ein Knecht vom Röttmannshof, sie kannte ihn. Sie dankte mit der Hand und ging ins Haus, Häspele ebenfalls heimwärts. Als Martina die Thür zumachen wollte, rief eine Frauenstimme: »Laß auf; ich will auch noch hinein.« »Guten Morgen, Leegart! Ist recht, daß du so bald kommst,« sagte Martina, und die Näherin, die trotz des Winters in Pantoffeln mit hohen Absätzen ging, half ihr das Wasser abstellen, wofür sich Martina sehr bedankte. Das thut die Leegart nicht jedem, man darf sich etwas darauf einbilden, wenn sie einem in irgend etwas hilft, was nicht zur Näherei gehört: es ist schon Gunst genug, daß sie noch vor Weihnachten einen Tag ins Haus kommt, denn sie ist viel erwünscht von allen Frauen der ganzen Umgegend, und wo sie auf Arbeit hinkommt, ist sie eine besonders geehrte Person. Das zeigte sich jetzt auch, wie ihr Martina die Stubenthür weit öffnete und sie einließ; hier wurde ihr aber ein schlechter Willkomm, denn der kleine Joseph rief: »O weh, die Leegart!« Sechstes Kapitel. Wie ein Dorfpfarrer zu Hof befohlen wird. Die Pfarrerin stand schon lang am Fenster und schaute durch die Scheiben; nur von dem einen Eckfenster konnte man die Gegend überschauen; die andern Fenster waren durch eine vorgebaute, spitzgieblige Scheune verdeckt, die ein Bauer, dem früheren Pfarrer zum Possen, gerade hierhin gebaut und mit ungewöhnlich hohem Dach versehen hatte, um dem Pfarrer die Aussicht zu rauben. Jetzt, da man einen braven Pfarrer hatte, konnte man die Scheune nicht mehr abtragen. Die Pfarrerin konnte aber auch an dem freien Fenster nicht weit sehen, denn das war heute ein Tag, der eigentlich nur Dämmerung ist zwischen der einen Nacht und der andern: die Sonne schimmerte nur wie ein zerflossener gelber Fleck durch die dichte Wolke, die sich weit über die ganze Gegend gelagert hatte. Als die Pfarrerin den Schlitten schon ganz nahe herankommen sah, nickte sie nur, öffnete aber das Fenster nicht, sie blieb wie festgebannt am Fenster stehen. Sie wäre gern hinabgeeilt, um ihren Mann willkommen zu heißen, aber sie wußte, ihrem Mann waren alle heftigen und öffentlichen Gemütsäußerungen zuwider: er hatte etwas kindlich Verschämtes, und namentlich war ihm jede Empfangs- und Abschiedsfeierlichkeit zuwider. Die Pfarrerin hatte die Magd schnell hinabgeschickt, und durch einen Tritt auf die Schnalle am Stubenboden öffnete sie die Hausthür. Um doch etwas thun zu können, stellte sie die Tasse und das Brot nochmals zurecht, obgleich es ganz in der Ordnung bereit stand; sie hob die gewärmten Pantoffeln auf, die am Ofen standen, und stellte sie verkehrt wieder hin; sie nahm den Kessel mit siedendem Wasser aus der Ofenröhre und goß noch frisch zu. Es war heimelig warm in der Stube; man wohnt nicht umsonst mitten in den Waldbergen. »Guten Morgen, Lina!« sagte der Pfarrer, endlich eintretend. »Gottlob, gottlob, daß ich wieder daheim bin.« Er zog den Pelzmantel ab, es ging schwer, die Pfarrerin half nach. »Schläft Eduard noch?« »Nein, er ist auf die Jagd. Ich habe ihn dir entgegengeschickt. Hast du ihn nicht getroffen?« »Nein.« Die Stubenluft schien dem Pfarrer doch zu eng, er öffnete das Fenster, stand eine Weile vor demselben und sagte: »Es ist gut, daß du nicht daran dachtest, daß man in der ganzen Gegend nach dem Wolf fahndet, der sich untertreibt; du hättest dir gewiß eingeredet, das Ungeheuer verschlingt mich.« »Komm, setz dich und erwärme dich,« entgegnete die Pfarrerin und schenkte den dampfenden Kaffee ein. »Komm, ich will dir die Tasse halten, deine Finger sind ja so steif, daß du sie nicht fassen kannst. Nimm nur ein paar Schluck. Was war's denn, daß du mitten in der Nacht zur wilden Röttmännin geholt wurdest? Nein, nein, trink nur, es hat Zeit, mir zu antworten. Ich kann warten.« »Lina,« sagte der Pfarrer, und ein seltsames Lächeln stand auf seinem feinen Gesichte, »Lina, sei stolz! Ich muß einer der berühmtesten Unterhaltungsmenschen sein. Ah! der Kaffee thut gut. Denke nur, Lina! Es war gerade ein Uhr, es schlug eben drüben in Wengern, als ich auf dem Röttmannshof ankam. Der Empfang war sehr lärmend. Man drängte sich mit lautem Willkommsgruß um mich und wollte mich nicht absteigen lassen. Die guten Leute hatten in der Nacht alle Hofhunde losgelassen, es war ja nicht nötig, sie anzubinden, wenn der Pfarrer kam; die guten Leute sind des schönen Glaubens, daß das Wort Gottes auch bissige Hunde in der Nacht bannen könne. Es dauerte eine geraume Weile, ehe ich absteigen konnte, die Hunde mußten alle vorher an die Ketten gelegt werden. Schenk mir noch einmal ein, der Kaffee ist sehr gut.« »Und wie ging's weiter?« fragte die Pfarrerin. Der Pfarrer sah sie eine Weile lächelnd an, dann fuhr er fort: »Bis an die Kniee tief liegt oben der Schnee, er hat wenigstens das Gute, daß er sauber ist, er macht uns nur so heimtückisch naß. Ich komme glücklich über bescheiden verhüllte Sägklötze ins Haus, und es war sehr freundlich von den Pfützen, daß sie zugefroren waren. Wo ist der Röttmann? frage ich. Er liegt im Bett. – Ist er auch schwer krank? – Nein, er schläft. – So? Man läßt mich zu der sterbenskranken Frau rufen, und der Mann legt sich schlafen? Schöne, gemütliche Welt das! Gut, ich komme zur Kranken ins Zimmer. Gottlob, daß Ihr da seid, Herr Pfarrer. – Wie? Ist das die Stimme einer Sterbenden? Ich frage, warum man mich mitten in der Nacht habe rufen lassen. Ach, guter Herr Pfarrer, sagt die Röttmännin, Sie sind so gut, so seelengut, und können so getreu mit einem reden und berichten, daß einem ganz wohl dabei wird und man ganz vergißt, daß man so schwer krank. Ich liege jetzt schon die siebente Nacht und kann fast kein Auge zuthun, und die Langeweile plagt mich, ich kann's gar nicht sagen. Ich mein', die Stunden wollen gar nicht herumgehen, und da habe ich nach Euch geschickt. Herr Pfarrer, Ihr seid ja so gut, Ihr sollet auch ein bißle mit mir reden. Mein Mann darf gar nichts davon wissen, daß ich nach Euch geschickt habe, er gönnt mir nichts Gutes, er geht fort, so oft er kann, und wenn er daheim ist, redet er kaum ein paar Worte mit mir; es wäre ihm am liebsten, wenn ich vor langer Zeit sterben möcht', und mein Einziger, mein Adam, der thut gar, als ob ich schon nicht mehr da wäre. O, Herr Pfarrer! Wenn man so daliegen muß, Tag und Nacht auf dem einsamen Hof, und kann nichts schaffen, jeder Tag ist eine Ewigkeit lang und jede Nacht noch dreimal mehr. Wenn mein Vincenz noch lebte, der säße Tag und Nacht bei mir, der allein hat mit mir reden können, so kann's kein Mensch mehr. So, guter Herr Pfarrer, jetzt setzt Euch ein bißle her zu mir und redet auch was. Wollt Ihr nicht einen guten Schluck Wacholderbranntwein? Das erwärmt, das müsset Ihr nehmen, nein, das dürft Ihr mir nicht abschlagen. Kätherle, lang die grüne Flasche dort herunter, die hinterste, und schenk dem Herrn Pfarrer ein. – Wie meinst du, Lina, wie mir zu Mute war, als ich die Frau das alles in geläufigem Redefluß vorbringen hörte?« »Ich hätte an mich halten müssen, den frechen Teufel nicht zu verfluchen. Entsetzlich! Zerrt dich in der kalten Dezembernacht aus dem Haus über schneeige Berge.« »Und wo noch dazu ein Wolf umgeht,« schaltete der Pfarrer ein. »Laß mich mit deinem Wolf,« fuhr die Pfarrerin heftig fort, »diese Röttmännin ist der schändlichste Wolf. Du hast ihr doch deine Meinung gesagt?« »Allerdings. Und dir gegenüber darf ich doch eitel sein. Ich kann dir sagen, nie in meinem Leben war ich zufriedener mit mir. Ich mußte fast lachen über diese so überaus kindliche Rücksichtslosigkeit. Kinder sind ja auch so, sie denken nur an sich und durchaus nicht an die Opfer, die sie von andern verlangen. Sage, was du willst, es lag eine gewisse Unschuld in dem Thun der Röttmännin, sie denkt nur an sich und weiß nicht, was sie thut. Ich habe ihr natürlich nicht verhehlt, daß das etwas sehr willkürlich über die Nachtruhe andrer verfügen heißt, und wie ich nicht eben geschmeichelt bin, daß sie meine Unterhaltung so hoch anschlägt und mich zu Hof befiehlt und mir noch einen Hofwagen schickt. Indes, da ich einmal da war und der Schlaf einmal gebrochen, unterhielt ich sie, soweit meine Unterhaltungsgabe reicht, und sie selber that auch das Ihrige; sie erzählte gut oder eigentlich bös, denn das Liebste war ihr, recht schlimme Streiche der Menschen zu erzählen, und wie nichtsnutzig die jetzige Welt sei, und immer wieder sagte sie: wenn ich sterbe, bitte ich Gott um die einzige Gnade, er soll mir ein Zeichen geben lassen, wer meinen Vincenz umgebracht hat, daß man die Mörder, und wenn's das halbe Dorf ist, hängen und verbrennen kann. Du weißt, wenn sie auf dieses Thema kommt, ist sie im höchsten Grade erfinderisch. Ich habe aber die Beweise, daß sie auch den Vincenz nicht liebte, solange er am Leben war. Jetzt redet sie sich eine schwärmerische Liebe ein, als ob er alle ihre Liebe mit ins Grab genommen, denn es ist kein Herz so böse, daß es nicht nach einem Grunde seiner Bitterkeit sucht und etwas zu lieben glaubt, um derentwillen alles andre vernichtet werden soll. Ich redete ihr nun ins Gewissen, daß es wohl anstehe, einen Toten zu lieben, aber für einen Toten könne man nichts mehr thun, sondern nur für die Lebenden; sie solle nur endlich nachgiebig sein gegen Adam und Martina. Ich schilderte ihr die Freude, die sie an dem Enkelchen haben werde. Ich suchte ihr einzureden, daß sie mich nur deswegen habe kommen lassen, sie habe sich nur gescheut, mir das offen zu bekennen. Aber – ich glaube in der That, daß ein Wolf in der Gegend herumschwärmen muß, – dieses Heulen, in das jetzt die Röttmännin ausbrach, muß sie von einem Wolf gelernt haben; es schauderte mir durch Mark und Bein, und ich meinte, sie vergeht jetzt, sie kann keinen Atem mehr finden vor Wut; sie kratzte mit ihren Nägeln die Wand und sank zurück, schnell aber erhob sie sich und rief: Ich dank' dir, Gott, lieber Gott, ich dank' dir, laß mich nur noch leben, nur noch lang, meinetwegen so, daß ich nicht aufstehen kann, aber rufen kann ich, rufen, und bis zu meinem letzten Atem will ich rufen: Ich leid's nicht, ich leid's nicht, daß so eine Bettelmannstochter, die meinen Adam verführt hat, Röttmännin wird. Warum gibt's denn keine Menschen mehr, die so ein nichtsnutziges Wesen mitsamt ihrem Kind aus der Welt schaffen? So sind die Pfarrer, so sind sie jetzt, die Faulenzer, die Schwarzröcke; es ist keine Gottesfurcht mehr, die Pfarrer selber wollen, daß Schlechtigkeit und Verführung noch mit Gutem belohnt werde. Mit dem Strohkranz sollte sie vor der Kirche stehen und Buße thun. Aber da herauf soll sie nie, und wenn unser Herrgott vom Himmel herunterkommt, und wenn er tausend solche, solche . . . scheinheilige Pfarrer schickt, und wenn sie mir den Hals zudrehen, schreie ich noch: ich leid's nicht, und heute, heute noch muß es fertig werden. – Von dem Geschrei der Röttmännin erweckt, war Vater und Sohn herbeigekommen, und der Alte that eigentlich so, als ob ich mich ins Haus gedrängt hätte, und gab mir deutlich zu verstehen, er lasse seiner Frau nichts geschehen, der Schilder-David könne schicken, wen er wolle. Der Adam stand still, faltete die Hände und sah flehend zu mir auf. Ich hätte es dem Gaul nie zugetraut, daß er so barmherzig dreinschauen könne. Ich kam mir vor wie ein Menschenkind, das in Märchenzeiten zu Dämonen geholt wurde, um ihnen Beistand zu leisten. Ist das eine Welt? Sind das die Menschen, denen ich jetzt bald zehn Jahre das Evangelium der Liebe predige? Jedes Wort, das ich reden wollte, erstarrte mir auf der Lippe. Ich befahl nur, daß man sogleich wieder einspanne, ich wolle heim. Man hörte mich nicht. Adam sagte endlich: Ich fahre Euch heim, Herr Pfarrer. Verzeiht allen. Nein! schrie die Alte, er darf nicht mit. Halt ihn fest, Christoph. Er ist im stande und läßt sich gleich mit seiner Schilderdrechslerin trauen. – Der Vater befahl Adam, dazubleiben. Und nun schwur er seiner Frau und legte dabei die Hand auf die Bibel, die ich aufgeschlagen hatte – mir war's entsetzlich, daß dieser Mensch auf dieses Buch schwören durfte – er schwur hoch und heilig, daß er noch heute die Verlobung Adams mit des Heidenmüllers Toni abschließe. Wie ich aus dem Hause gekommen, ich weiß es kaum mehr, ich rief dem Knecht, der mich geholt hatte, ich gehe ein Stück voraus, er solle mit dem Fuhrwerk bald nachkommen. Ich ging im beginnenden Morgendämmern den Bergwald hinab, mir war's, als entflöhe ich einer Höhle, drin Dämonen hausen. Ich glaube nicht, daß ich mich geirrt habe, mir begegnete der Wolf, das Tier blieb eine Weile stehen, schaute nach mir um, wie sich besinnend, und ging dann ruhig waldein. Ich kann nicht leugnen, ich stand zitternd da, und nie in meinem Leben fühlte ich eine solche Kälte als in diesem Augenblick; es war auch entsetzlich kalt, und es war unklug von mir, vorauszugehen. Der Knecht mit dem Fuhrwerk kommt lange nicht. Die Schelme sind es wohl im stande und schicken mir gar keins und lassen mich zu Fuß heimgehen. Ich kehrte nochmals um, und Zorn und Bitterkeit machten mir heiß. Nicht weit von dem Hofe begegnete mir der Knecht, der gemächlich daherfuhr, und glücklicherweise fand ich jetzt den Kirschengeist, den du mir mitgegeben. Die Stunde, die ich in halbwachem Zustande hierherfuhr, ich kann dir nicht sagen, was mir da alles durch die Seele ging. König Salomo und Jesus Sirach haben viel berichtet, was ein böses Weib ist; ich kann ihnen jetzt noch mit einem guten Posten aushelfen. Aber, liebes Herz, was wäre die Güte, die Menschenliebe, die sich nie an bösen Menschen erprobte? Dennoch bin ich froh, daß ich mich von hier abgemeldet habe; die Fünfziger Jahre, in die ich nun bald trete, bedürfen einer ruhigeren Arbeit, ich habe in meiner Jugend hartes Holz genug gebohrt; und wenn ich meine Stelle darüber verliere, dabei bleibe ich fest: ich traue den Adam nur mit der Martina.« Aufatmend und sich eine Thräne aus dem Auge wischend, sagte die Pfarrerin: »Ja, es wird gut sein, wenn wir in eine andre Gegend kommen, zu Menschen milderer Sitten, die auch mehr erkennen, was du bist.« »Vergiß nicht,« entgegnete der Pfarrer, »daß, wenn wir auch hier viel mit Roheit kämpfen müssen, wir auch gute Menschen haben. In unserm neuen Bestimmungsorte wird es auch gute und böse Menschen geben und Arbeit genug. Jetzt aber, ich bin entsetzlich müde. Vor elf Uhr bin ich für niemand da. Ich will jetzt schlafen, halte Ruhe. Gute Nacht oder guten Morgen! Wenn ich wieder aufstehe, ist ein Jahr vorüber seit dieser Röttmännischen Nacht.« Der Pfarrer ging nach der Kammer, die geschickterweise durch denselben Stubenofen geheizt wurde, denn der Ofen stand in der Wand. Bald war's stille wie um Mitternacht im Hause. Die Pfarrerin ging immer auf den Zehen umher, und über das Vogelbauer hing sie ein Tuch, damit der Vogel schweige. Den lärmend zudringlichen Bettlern draußen, den Sperlingen und Goldammern, gab sie heute zum zweitenmal ihr Frühstück. Der Wind nahm schnell die Brotstückchen mit fort, die sie auf das Fenstersims legte; die Hungrigen schienen aber doch ihre Nahrung zu finden, denn sie flogen still davon, als wüßten sie's, daß der Pfarrer nicht geweckt werden dürfe. Die Pfarrerin saß mit ihrer Stickerei am Fenster und ermahnte jeden Daherkommenden mit bedeutsamem Winken zur Ruhe und Stille; sie sah die willkommenste Erscheinung auf dem Lande, den Postboten, gegen das Haus kommen und ging ihm, damit er nicht klingle, rasch vors Haus entgegen, empfing mehrere Pakete aus der Residenz von Eltern und Geschwistern; sie öffnete die Pakete nicht, ihr Mann sollte auch dabei sein und die Freude der Ueberraschung haben. Von den Briefen war keiner an sie selbst gerichtet, einer trug das Siegel des Dekanatamtes. Siebentes Kapitel. Beim Schilder-David. »O weh! die Leegart!« hatte der kleine Joseph gerufen, und der Großvater gab ihm dafür eine tüchtige hinters Ohr. Der Knabe schrie, der Großvater zankte, und die Mutter schrie und zankte zugleich, denn der Großvater duldete es nicht, daß sie den Knaben mit einem guten Wort beschwichtigte, und die Leegart sagte mit weisem, allerdings etwas näselndem Tone: »Das ist ja schrecklich, was ich da für einen Empfang bekomme! Ich sollte nur gleich wieder umkehren: man könnte abergläubisch sein. Aber nur um Gottes willen keinen Aberglauben! Das ist das Schrecklichste auf der Welt: da plagen sich die Menschen mit Sachen herum, die gar nicht da sind, und man hat schon Plage genug mit Sachen, die wirklich da sind. Nein, ich bleib'. Guten Morgen, Joseph! sag schön guten Morgen! So, so, gib mir die Hand.« »Der Bub' hat heute nacht nicht geschlafen und weiß nicht, was er redet,« suchte Martina zu entschuldigen. »Braucht keine Entschuldigung, es wird weiter nichts davon geredet,« sagte Leegart und legte ihre Schere mit dem großen und dem kleinen Griff, daneben eine kleine Schere, Nadelzeug und Wachsstock, alles auf dem Paradekissen, worin ein schwerer Backstein eingehüllt war, auf den Tisch. Hiermit hatte sie Besitz ergriffen vom Hause, und sie regierte es, wie von festem Thron herab, denn sie stand den ganzen Tag nicht mehr auf. Bevor sie sich indes niederließ, ging sie in die Kammer und kam um einen Rock verschmälert wieder zurück, denn sie ließ sich nur sehr sauber gekleidet auf der Straße sehen, wollte aber ihren guten Rock nicht versitzen. Sie rückte sich beim Wiedereintritt den Tisch bequemlich zurecht, setzte sich, und Martina rückte ihr den Schemel unter die Füße, und nun gab Leegart ihre Befehle kurz und klar, und so sagte sie jetzt: »Martina, bring das Essen.« Martina brachte den Haferbrei, stellte ihn auf den Tisch. Joseph betete vor, und aus der Auswahl seiner Gebete heute das kürzeste: »Speis' Gott, tränk' Gott alle armen Kind, Die auf Erden sind. Amen.« Joseph hatte seine Thränen getrocknet, er saß zwischen Großvater und Großmutter, und nach dem Gebete war es nun still und ruhig am Tisch. Jeder schöpfte sich mit seinem Löffel aus der Pfanne, und es gab gar keine Grenzstreitigkeiten. In der Stube war alles sauber, wenn auch ärmlich und eng. An der Ofenwand, gerade über dem großen alten Stuhl, war ein Nagel mit einem messingenen Kopf eingeschlagen, da hatte einst der Konfirmandenspruch der Martina gehangen; jetzt ist der Nagel leer, nie wird etwas daran gehängt. Martina schaute nicht gern dort hinauf, und David hatte strengen Befehl gegeben, daß man den Nagel nicht ausziehe. Das Haupt des Hauses, der Schilder-David, ist ein Mann in vorgerückten Jahren, es läßt sich aber nicht gut erkennen, wie alt er sein mag. Er hat dichte, schneeweiße und kurzgehaltene Haare auf dem Kopfe, und von den Schläfen rings um das Gesicht läuft ein schneeweißer, etwas flockiger Bart. Das Gesicht aber hat noch etwas jugendlich Frisches, zumal die tiefblauen Augen, die mit den schwarzen Brauen fast fremd darin erscheinen. Die Frau des Schilder-David ist ebenfalls eine große schlanke Gestalt, von ihrem Gesicht kann man aber wenig sehen. Sie hat beständig mit dicken Tüchern das ganze Gesicht verbunden, und wenn sie spricht, merkt man an ihren mühsam hervorgebrachten Lauten, daß sie sich selber nicht hört. Die Näherin Leegart ist eine feine, blasse, fast vornehme Erscheinung, schon bei Jahren, aber man sieht ihr noch immer die Spuren ehemaliger besonderer Schönheit an; dabei trägt sie sich immer leicht und fein. Die schwarztuchene Jacke ist nur oben am Hals zugeknöpft, von da an ist sie frei und offen und zeigt einen breiten, schneeweißen Brustlatz. Wer es nicht weiß, merkt es kaum, daß sie bisweilen eine kleine Prise nimmt; man sieht ihre Dose nie, und sie nimmt die Prise so schnell und zierlich, daß sie kaum mit den Fingern die feingeschnitzelte Nase berührt. Der kleine Joseph, man sollte es nicht glauben, daß er vor wenig Wochen erst sechs Jahre alt geworden ist; man schätzt ihn leicht drei Jahre älter. Derb und mächtig in Gliedern, was man hierzulande einen vollmastigen Jungen nennt, ein wilder blonder Krauskopf, zu dem sich aber die dunkeln Augen mit breiten Brauen – es sind die Augen der Mutter – seltsam ausnehmen. Der kleine Joseph ist der eigentliche Mittelpunkt des Hauses, und man merkt's schon daran, daß sein alberner Willkommsgruß fast alles aus der Ordnung brachte. Man schwieg geraume Zeit bei dem Essen. Leegart berichtete indessen, daß der Pfarrer heute nacht zur Röttmännin geholt worden sei. »Wir reden nicht von der Röttmännin,« sagte der Schilder-David und warf dabei einen bedeutsamen Blick auf die Leegart und wieder auf den Joseph. Man stand vom Tisch auf. Joseph wurde das Maß zur Jacke genommen, dann wurden mit Kreide die Linien auf den grünen Manchester gezeichnet, und die große Schere der Leegart schnitt mit jenem eigentümlichen, auf dem Tische nachsurrenden Tone das Zeug zur Jacke zurecht. »Bleib du heute daheim, die Mühle ist zugefroren,« sagte der Schilder-David zu Joseph und ging nach seiner Werkstätte. Diese war auf einem Speicher der untern Sägmühle in einem kleinen Verschlage. Hier stand eine Drehbank mit einem Riemen an einer Walze, die an das Triebrad in der untern Mühle befestigt war, und die Wasserkraft, die das große Werk trieb, drehte auch die Welle, an der David die Uhrenschilder verfertigte. Der kleine Joseph stand wie verstoßen da, als der Großvater ganz gegen seine Gewohnheit so allein fortgegangen war. Sonst hatte er den Joseph immer bei sich, der ihm den Windofen mit Spänen heizte, die unfertigen Bretter zutrug und die fertigen wieder abnahm und schön ordnete. Die Mutter nahm den Knaben mit in die Küche, und hier fragte sie: »Joseph, was ist denn mit dir? Warum hast du denn so bös gerufen: O weh, die Leegart? Sie ist ja so gut, ist deine Gevatterin und macht dir eine so schöne Jacke?« Joseph schwieg. Ein Kind weiß kaum mehr, was es vor wenigen Minuten gethan hat, und nun gar der Fortsetzungen und Folgerungen in seinen Gedanken ist es sich nicht bewußt und kann sie darum nicht darlegen. Seine Aussprüche sind fast wie Vogelsang, ohne Rhythmus, aber doch aus einem verborgenen Leben kommend. Nach einer Weile begann Joseph von selbst: »Mutter, kommt denn der Vater heute nicht? Du hast's ja gesagt.« »Er kommt, er kommt gewiß,« antwortete Martina und seufzte tief. Jetzt ward es ihr erst deutlich, warum Joseph »O weh, die Leegart!« gerufen hatte. Als sie dieser die Thür weit aufgemacht, hatte Joseph gewiß geglaubt, der Vater komme, und darum hatte er den bösen Ausruf gethan, weil es eine andre Person war als der Vater. Immer weiter sprach Joseph, wie ihn der Vater aufs Pferd nehmen und wie er ihm ein eigenes Pferd schenken müsse. Martina hätte gern das Sinnen des Kindes vom Vater abgelenkt, aber es gelang nicht. Sie hatte in ihrer Herzensbedrängnis zu oft von ihm erzählt; was sie sich selber sagen wollte, hatte sie oft an das Kind hingesprochen, und nun war das halbklare Sinnen und Denken des Kindes ganz auf den Vater gerichtet. Es hatte sich die abenteuerlichsten Vorstellungen von ihm gemacht und immer wieder gefragt, warum denn die Großeltern den Vater so plagen und ihn nicht heimkommen ließen. »Welchen Weg kommt der Vater heute?« fragte Joseph. »Ich weiß nicht.« »Ja, du weißt's, sag's, du mußt's sagen,« klagte weinend der kleine Joseph. Und die Mutter erwiderte, ihn an sich ziehend: »Sei still, ganz still, daß niemand davon hört. Wenn du ganz stille bist, sag' ich dir's.« Der Knabe schluckte die Thränen gewaltsam hinab, und die Mutter erzählte ihm nun, was für schöne Sachen er zu Weihnachten bekomme, und fragte ihn aus, was er sich noch wünsche. Der Knabe wünschte sich weiter nichts als ein Pferd. Die Leute hatten ihm gesagt, daß sein Vater vierzehn Pferde im Stalle habe, und alle Ablenkung half nichts, da war er mit seinen Gedanken wieder beim Vater und wiederholte: »Sag, welchen Weg kommt er?« Leise erwiderte die Mutter: »Du darfst keiner Menschenseele ein Wort davon sagen, daß der Vater heut kommt. Gib mir die Hand darauf, keiner Menschenseele!« Der Knabe gab der Mutter die Hand und schaute sie mit den verweinten Augen groß an. Martina schwieg. Sie glaubte, daß der Knabe beruhigt sei, aber dieser fragte wieder mit halsstarriger Festigkeit: »Welchen Weg kommt er denn? Sag's!« »Es gibt verschiedene Wege, ich mein', er kommt den Hohltobel herauf. Jetzt ist's aber genug. Kein Wort mehr. Geh, hol mir Tannzapfen von der Bühne herunter.« Der Knabe ging, das Befohlene zu holen, und die Mutter dachte still lächelnd: »Das wird ein ganzer Mann, wenn der einmal was will, läßt er nicht davon ab.« Sie ging mit dem Knaben in die Stube, aber die Leegart sagte: »Schick den Joseph fort, man kann ja gar nichts reden vor dem Kind.« »Joseph, geh zum Häspele, sieh zu, er macht dir neue Stiefel,« sagte die Mutter. Joseph wollte nicht gehen, aber er wurde mit Gewalt zum Hause hinausgeschoben. Da stand der Knabe trotzig und sagte: »Wenn der Vater kommt, sag' ich ihm alles. Ich soll nirgends sein, nicht beim Großvater und nicht daheim.« Er ging indes doch zum Häspele und war dort munter und guter Dinge; denn der Häspele liebte den Knaben, und wenn dieser an dem Spielzeug, das er ihm gab, keine Freude mehr fand, hatte er ein ergiebiges Gespräch. Seit bald einem Jahre versprach er dem Joseph beständig, daß er ihm einen Hund schenke, und nun war Joseph auch sehr erfinderisch, wie der Hund aussehen und was er für Kunststücke können müsse. Häspele behielt dabei den guten Vorwand, daß er lange zu suchen habe, bis er einen solchen Hund finde, der bald groß und bald klein, bald vier weiße Füße haben, bald ganz braun, bald ein Wolfshund, bald ein Spitz sein sollte. Unterdessen beredete sich Leegart mit Martina und fand es unbegreiflich, daß Martina sich nicht erkundigte, ob ihre Todfeindin nicht endlich aus der Welt sei. Sie solle im Pfarrhaus fragen, wie's mit der Röttmännin stände. »Du weißt ja,« sagte Martina, »daß mich der Pfarrer vordem gern im Hause gesehen hat, aber seitdem nicht mehr. Ich kann ohne Ausrede nicht hingehen, wenn er da ist.« »Gut, so geh heim in mein Haus, auf meiner Kommode am Spiegel in der porzellanenen Suppenschüssel liegen drei Nachthauben, die gehören der Pfarrerin; bring sie ihr von mir, und da wirst du dann schon hören, wie es ist.« Martina that, wie ihr geheißen. Achtes Kapitel. Warm und wohl im Pfarrhause. Kann es für solch eine Frau, wie die Röttmännin, auch ein heiliges Fest geben? Kann es eine Menschenseele geben, und sie muß aus der Welt gehen und hat nie jenen Wonneschauer empfunden, der das eigene Leben und das Leben der Menschheit zur Glückseligkeit macht? Daß es solche Menschen gibt, das wirft einen Schatten auf die Welt und läßt niemand vollkommen froh werden. So überlegte die Pfarrerin hin und her, als sie am Fenster saß. Sie verscheuchte aber bald alle Schatten, und in ihrer Seele war's wie der helle Morgen eines unendlichen Festtages, der ein Strahl aus der Ewigkeit ist. Sie stand auf und ging wie ein glückseliger stiller Geist im Hause umher. Die kommenden Festtage, und dazu der Gedanke, daß sie auch ihren Bruder bei sich habe, warfen einen Glanz und eine Freudigkeit auf ihr ganzes Wesen, daß sie alles anlächelte, und während sie dem Bruder, der hungrig von der Jagd kommen werde, ein gutes Frühstück bereit stellte, lächelte sie dem Schinken, der Butter und den Eiern zu, als müßte sie ihnen danken, daß sie die brave Eigenschaft haben, die Menschen zu nähren und zu kräftigen. Die Speisen können nicht Rede und Antwort geben, aber die Magd spürt es, daß die Pfarrerin gern vom Bruder hört, und sie sagt: »Der Herr Bruder ist ein schöner, feiner Herr. Wie er gestern abend gekommen ist, hab' ich gemeint, es wär' der Prinz, der vorigen Winter hier durch auf die Jagd gefahren ist.« Die Magd wischte sich dabei das Gesicht mit der Schürze ab. um sich auch schön zu machen. »Ich bin nur froh, daß wir die Gans geschlachtet haben,« setzte sie hinzu und liebäugelte mit der vor dem Küchenfenster Hängenden. Bruder Eduard kam schon gegen zehn Uhr wieder heim. Die Pfarrerin bedeutete ihm, daß der Pfarrer schliefe, und er stellte sein Jagdgewehr so leise in die Ecke, als wäre es von Baumwolle. Die Pfarrerin freute sich des Jägerappetits, setzte sich mit ihrer Stickerei zum Bruder und erzählte ihm von den Begebnissen des Pfarrers. Der Bruder dagegen berichtete, daß er nichts geschossen, denn er sei, wie er fest glaube, dem Wolf aus der Fährte gewesen; bei einer Schlucht habe er sie indes verloren, da er es nicht wagen konnte, allein da hinabzusteigen. Er war bis zur Heidenmühle gekommen, und er schilderte mit wahrem Entzücken die großartige und schauerliche Landschaft, wie da die Wasserstürze gefroren seien und ganze Felsen wie feingeschliffene Spiegel glitzerten. Je schauerlicher der Bruder die Landschaft schilderte, um so behaglicher war's jetzt in der Stube, und so still und wohlig, wie sich die Wärme in der Stube ausbreitete, sprachen Bruder und Schwester miteinander; der Pendelschlag der Uhr und das Knistern des Holzes im Ofen war lauter als ihre Rede. Draußen fielen einige Schneeflocken langsam und gemächlich herab, wie erst zum Spiel sich behaglich wiegend, und in der Stube war's zwiefach heimelig. »Ich muß dir doch auch noch ein Abenteuer berichten,« nahm Eduard wieder auf. »Willst du nicht warten, bis mein Mann aufwacht, damit du nicht zweimal erzählen mußt?« »Nein, ich erzähl's nur dir, und du mußt mir Verschwiegenheit geloben. – Ich stehe nicht weit von der Heidenmühle hinter einem Busch auf Anstand, ich denke, der Wolf kommt doch noch wieder; da sehe ich zwei Mädchen des Weges daherkommen, sie bleiben nicht weit von meinem Verstecke stehen, und das eine Mädchen sagt: So will ich dir hier Ade sagen, ich danke dir für deine Gutheit, meine Mutter im Himmel wird dir's vergelten, aber es ist vorbei, ich muß. O lieber Gott, warum ist's denn nicht mehr wahr, daß man von einem bösen Weib in einen Raben verzaubert werden kann? Ich wollt', ich wäre der Rabe, der da fliegt, dann könnte ich fortfliegen und brauchte nicht da hinauf in die rote Hölle. Schau, der Schnee schmilzt von meinen Thränen, die darauf fallen, aber das böse Herz schmilzt nicht, und mein Vater ist ganz verwandelt. – Sie konnte vor Weinen nicht weiter reden, und die andre ging von dannen. Die Weinende kehrte nach der Mühle zurück; ich hielt mich nicht, ich trat ihr in den Weg, ich bereute es fast, es lag ein großer Schmerz auf dem jugendlich schönen, frischen Antlitze, ich hätte ihr gern einen Trost gesagt, aber ich wußte nicht, was ich vorbringen sollte, ich sagte ihr nur einfach guten Tag; sie sah mich groß an, stand einen Augenblick still verwundert, dann ging sie ihres Weges.« »Das ist des Heidenmüllers Toni,« ergänzte die Pfarrerin, »ein herzig gutes Mädchen, sie soll Braut werden mit Adam Röttmann.« »Entsetzlich!« schaltete der junge Landwirt ein. »Jawohl, entsetzlich. Die Toni ist das einzige Kind des Heidenmüllers. Sie hatte eine brave Mutter; solang die lebte, war die Heidenmühle das erste Ehrenhaus unsrer Gemeinde und Schutz und Zuflucht aller Armen. Die kleine Toni ging bis vor vier Jahren täglich den gut anderthalb Stunden weiten Weg in die Schule, und im Winter kam sie auf einem Esel dahergeritten. Solch ein Kind, das jahrelang täglich allein den weiten Weg durch das Felsenthal und den Wald macht, muß sinnig und reich an Beobachtungen werden; natürlich nur, wenn es geweckten Geistes ist, denn es gehen auch viele dumpf dahin und wissen nichts von sich und nichts von der Welt. Die kleine Toni aber war ein aufgewecktes Kind, und man hörte sie oft im Walde ihre Sprüche laut hersagen und ihre Lieder singen. Sie hat eine wunderbar schöne Stimme. Nun starb vor zwei Jahren ihre Mutter, und der Vormund, der für das Kind dem Vater beigegeben wird, ist der Rößleswirt von Wengern, und bald darauf heiratet dessen Schwester den Heidenmüller; bei der hat nun das arme Kind keine gute Stunde mehr, und der Vormund ist der Bruder der Stiefmutter, und so wird es kommen, daß die Toni den Adam Röttmann heiratet.« Plötzlich fuhr die Pfarrerin auf, sich unterbrechend: »Ei, ei! Da muß die Hausthür offen geblieben sein, ich höre jemand die Treppe heraufkommen.« »St! Still! Ruhe!« beschwichtigte sie und öffnete die Thür. »Ei, du bist's, Martina? Komm herein, aber ruhig, der Herr Pfarrer schläft. Was bringst du denn?« »Einen schönen Gruß von der Leegart, und hier schickt sie die Hauben.« »Warum kommt sie nicht selbst?« »Sie ist bei uns und macht meinem Joseph heut eine neue Jacke.« »Du putzest den Joseph zu sehr aus, du verdirbst ihn,« sagte die Pfarrerin. »Die Leegart nimmt keinen Lohn von mir,« sagte Martina, scheu sich wendend, und in diesem Augenblick fiel ihr das rote Tuch, mit dem sie den Kopf verhüllt hatte, in den Nacken. Der junge Mann betrachtete forschenden Blickes das schöne länglich-volle Antlitz mit den großen dunkelbraunen Augen. Martina spürte den Blick und schlug die Augen nieder, wie gebannt. Sie tastete an der Thür hin und her nach der Klinke, als wäre sie im Finstern. Die Pfarrerin folgte ihr indes aus der Stube und sagte: »Du möchtest wohl wissen, wie es der Röttmännin geht? Es geht ihr so, wie sie ist, bös. Sie hat heut in der Nacht den Herrn rufen lassen, sie ist aber gar nicht schwer krank, im Gegenteil.« »Gott ist mein Zeuge, ich wünsche nicht ihren Tod,« beteuerte Martina und legte beide Hände auf die Brust. »Ich glaub' dir's. Der Herr hat auch einen schweren Streit mit ihr gehabt, er bleibt aber dabei, er traut den Adam mit niemand anders, als mit dir. Ich will dir alles ein andermal erzählen,« schloß die Pfarrerin und wollte nach der Stube. Martina aber sagte weinend: »O liebe Frau Pfarrerin, mein Joseph, ich weiß gar nicht, was mit dem Buben seit ein paar Tagen ist; er redet und denkt gar nichts andres, als vom Vater. Ich muß ihm davon erzählen, bis er einschläft, und morgens ist wieder sein erstes Wort der Vater. In die Schule, das hat er geschworen, geht er nicht mehr; sie schimpfen ihn dort das Füllen, weil man seinen Vater den Gaul heißt,« fügte Martina unter Weinen lachend hinzu, und selbst die Pfarrerin konnte nicht anders als lachen; sie schloß aber schnell: »Ich kann mich jetzt nicht bei dir aufhalten, das ist mein jüngster Bruder, der zu Besuch gekommen ist. Sei recht stark gegen deinen Joseph, das ganze Dorf hat das Kind verwöhnt. Komm in den Feiertagen einmal herüber. Mach die Hausthür leise zu.« Martina ging schweren Schrittes heimwärts, und in ihr sang es wieder: »Komm' ich morgens auf die Gassen, Sehn mir's alle Leute an, Meine Augen stehn voll Wasser, Weil ich dich nicht lassen kann.« Die Pfarrerin war indes wieder in die Stube zurückgekehrt, und Bruder Eduard bekundete, daß er nicht nur für Landschaftsbilder, sondern auch für menschliche Wohlgestalt ein scharfes Auge habe. Er sprach sein herzliches Bedauern aus, daß eine solche Erscheinung in Not und Elend verkümmern müsse. »Ja,« setzte die Pfarrerin hinzu, »wie du das Mädchen jetzt siehst, hättest du sie ein Jahr nach ihrem Fall kaum mehr gekannt, sie sah zum Sterben hinfällig aus. Man erzählt, ein Wort der Leegart habe sie aufgerichtet, denn diese sagte: ›Gräm dich nicht so ab, sonst sagen die Leute, er hat recht, daß er so eine Verbuttete sitzen läßt.‹ Und diese Zurede und das Gedeihen des Joseph gaben Martina wieder neues Leben.« Während die Pfarrerin mit dem Bruder sprach und ihm eifrig zuhörte, horchte sie dabei doch immer nach der Kammer. Jetzt vernahm sie, daß der Pfarrer aufgestanden war, er summte die Weise, die sie gestern abend mit Eduard gesungen, und schnell setzte sie sich an das Klavier und sang mit dem Bruder abermals: »Laß Glück, laß Schmerz uns teilen.« Der Pfarrer kam freudig lächelnd in die Stube. Der Pfarrer mußte indes in seinen Schlaf hinein doch manches gehört haben, denn er sagte nach einer Weile: »Lina, die Martina ist vorhin dagewesen. Ich muß bitten, daß es bei meiner Anordnung bleibe, daß sie nicht in unserm Haus aus und ein geht.« »Sie sind doch sonst so mild,« wagte Eduard einzuwerfen. »Mag sein, aber das schließt die Strenge nicht aus, wo sie notwendig ist. Wer sich verfehlt hat, mag sich still bessern, aber die Bevorzugung, im Pfarrhause heimisch zu sein, gehört ihm nicht mehr. Es ist der Verderb aller Humanität, wenn man sie zur weichlichen Straflosigkeit werden läßt.« Die sonst so sanften Mienen des Pfarrers waren bei diesen Worten streng und scharf. Bald setzte er indes hinzu: »Eduard, gib mir noch eine von deinen Cigarren.« Die drei saßen wieder behaglich beisammen. Neuntes Kapitel. Brautfahrt und Flucht. Auf Röttmannshof wußte man nichts von Mozartschen Harmonien; ja, seit bald sieben Jahren, seit Martina hier gedient, hatte man hier kein Lied vernommen. Sonst aber ging's hoch her im Hause; da war ein ewiges Braten und Schmoren, und wenn man gegen das Haus kam, bekam man immer einen Fettgeruch, und wer von Röttmannshof kam, hatte noch immer einen Schmalzduft an sich. Man sagt, es rieche so schmalzig um Röttmannshof herum, weil die alte Röttmännin ganze Töpfe erstickten Schmalzes jedes Jahr auf den Weg gießen lasse. Sie läßt es lieber ersticken und zur Ungenießbarkeit verderben, ehe sie es einem Armen schenkt. Gearbeitet wurde eben nicht viel auf dem Hofe, denn der Holzbauer hat den Vorteil, daß ihm sein Besitztum im Schlafe zuwächst, eigentlich ohne Arbeit. Das Haus nahm sich seltsam aus in der schneeigen Landschaft. Es war um und um gegen die Unbilden des Wetters mit Schindeln verschient, die brandrot angestrichen sind. Es ist da ein Wohnen wie im Feuer. An diesem Morgen ging's wild her auf Röttmannshof, und nichts ist häßlicher, als wenn ein Morgen mit wüstem Lärm beginnt. Was müssen das für Menschen sein, die, aus dem Schlaf sich erhebend, alsbald in heiliger Frühe in lärmendes Schelten und Zanken ausbrechen, die darin fortfahren, als gäbe es gar keinen Schlaf, kein stilles Selbstvergessen des Menschen auf Erden, das ihn das Leben am Morgen wieder neu beginnen läßt? War die alte Röttmännin schon damals, als sie noch schlafen konnte, immer morgens aufgestanden, als ginge es jetzt zum Vernichtungskrieg, so war jetzt, da sie an Schlaflosigkeit litt, ihre Unruhe kaum zu ertragen; sie regierte von ihrem Krankenlager aus mit doppelter Strenge, und unbegreiflich blieb's, wie sie dieses ewige Hetzen, diese ruhelose wilde Jagd aushielt. »Ich bin gesund, ich gehe selber mit, und wenn ich sterbe, meinetwegen, wenn ich nur das noch fertig gebracht habe. Geht hinaus, ihr Männer, ich ziehe mich ordentlich an; jetzt, an diesem Morgen, muß es fertig werden mit des Heidenmüllers Toni. Was stehst du so lahm da, Adam? Sei froh, daß ich dir helfe, heißt das, der Vater und ich, du allein kommst dein Leben lang zu nichts und bliebst in dem Elend. Wenn niemand mehr etwas vermag, ich will den Schilderdrechslern zeigen, wer sie sind.« Die Männer mußten sich sonntäglich ankleiden, und sie sahen stattlich aus in ihren langen kragenlosen Röcken und den hohen, bis übers Knie heraufgezogenen Stiefeln. Diese hohen Stiefel sind das unbestrittene Recht des Großbauern; die Kleinbauern und Taglöhner gehen noch heutigestags in Schuhen mit kurzen, ledernen oder langen zwilchenen Beinkleidern. Die Röttmännin, die schon länger als ein Jahr nicht aus dem Hause gekommen, war auf einmal behend wie ein junges Mädchen. Der Kutschenschlitten wurde herausgebracht, Betten darein gesteckt, und die Eltern fuhren mit ihrem Sohn nach der Heidenmühle. Ein Bote war vorausgegangen, der sie ankündigte. Auf der Heidenmühle war des Staunens kein Ende über die Ankunft der Röttmännin; besonders die junge Heidenmüllerin that überaus zärtlich, und die Tochter konnte nicht anders, sie mußte auch freundlich sein und hatte doch rotverweinte Augen, sonst aber sah sie stramm und wohlgestaltet aus, und ein Mann, der sie mit Liebe erwarb, konnte sich dessen freuen. Adam ließ sich in die Stube führen, wie wenn er keinen eigenen Willen hätte, und eben als auch hier im Thal die ersten Flocken des Schnees spielten, wurde der Handschlag gegeben. Adam war Bräutigam. Es war gar nicht, als ob er eine lebendige Hand darreichte und eine lebendige empfing, da Adam seiner Braut den Handschlag gab, aber er wußte sich zu helfen, er trank von dem guten roten Wein, den der Heidenmüller aufsetzte, in mächtigen Zügen. Man saß schmausend bei einander bis zum Abend. Der Speidel-Röttmann konnte immerfort beharrlich trinken und ebenso beharrlich essen, und er wirft immer rechts und links seinen beiden großen Hunden große Brocken ins Maul, das ist ein Schnappen rechts und links und ein Schmatzen in der Mitte, und kein Knochen bleibt unverzehrt; nur trinken, Wein trinken und viel Wein trinken ist ein Vorzug des Menschen vor dem Tiere. Oft, wenn der Speidel-Röttmann das Glas an den Mund hielt, streichelte er den Kopf des Hundes zur Linken, wie wenn er sagen wollte: das Trinken besorg' ich allein. Man zwang Adam, daß er mit seiner Braut in der Küche blieb, als sie Glühwein bereitete, und die beiden Alten tranken immer lustiger miteinander, während die beiden Mütter allerlei zischelten. Als die Väter darauf zu reden kamen, daß man die Sache mit Martina nun rasch abmachen könne, sagte der Heidenmüller lachend: »Es ist eine nichtsnutzige Jugend heutigestags.« »Sie hat kein rechtes Herz mehr,« bestätigte der Speidel-Röttmann, »jetzt bald sieben Jahr plagt mein Adam sich und uns wegen so einem dummen Streich. Was haben wir uns in unsrer Jugend aus so etwas gemacht?« »Den Kuckuck haben wir uns draus gemacht.« »Hast recht, den Kuckuck; der Kuckuck macht's auch so. Stoß an, Kuckuck!« »Hast recht, Kuckuck!« »Trink aus, Kuckuck!« »Du auch, Kuckuck.« Und die beiden Alten stießen miteinander an, tranken aus und riefen ins Glas hinein einander zu: »Kuckuck!« Der Würzwein kam, sie schenkten ein, riefen wieder: »Kuckuck!« und tranken die hohen Gläser aus bis auf die Neige, füllten wieder frisch ein und lachten und erzählten einander tolle, übermütige, wie sie es nannten, »herzhafte Schwänke, Schwänke überaus,« und der Schluß war immer: die heutige Jugend ist nichts mehr nutz, sie hat keine Courage mehr. In der Küche draußen stand aber Adam bei seiner Braut; er redete lange nichts und endlich fragte er: »Sag, warum hast du mich denn genommen? Du weißt doch, wie's mit mir ist?« Weinend erwiderte die Braut: »Es hat gewiß, so lang die Welt steht, keiner seine Verlobte so gefragt; aber schau, Adam, das gefällt mir, daß du mich fragst, das ist ehrlich und ist ein guter Anfang, wenn es Gottes Wille ist, daß wir doch miteinander leben sollen, und es scheint, es muß sein. Schau, Adam, du kriegst die Martina nicht, und ich bin elend, elender, als du dir denken kannst, und da habe ich gedacht: wir sind beide elend, und vielleicht können wir beide einander helfen, und von der Stiefmutter fort muß ich, ich bin ihr überall im Weg, und du kannst dir nicht denken, wie es einem ist, wenn man eine Fremde über Kisten und Kasten gehen sieht, und sie schimpft auf alles, was da war, und mag's noch so gut und noch so prächtig sein. Mir blutet das Herz, wenn ich sehe, wie sie küchelt, und mein Vater kriegt nichts davon, und dem Knecht hat sie die Tasse gegeben, die meiner Mutter gehört hat und die niemand hat anrühren dürfen, und sie hat's gethan, weil sie weiß, das kränkt mich. Ich werde selber böse und giftig, wenn ich noch länger dabei bin. Mir steht immer die Zunge voll Galle, und Worte sind mir auf den Lippen und Gedanken im Kopf, o schrecklich! Mir wär's am liebsten, wenn ich sechs Schuh unterm Boden läge, und ich läge da schon lange, wenn die gute Pfarrerin nicht wäre.« »Du dauerst mich,« sagte Adam, »aber ich? Ich hab' meine rechte Mutter, und sie ist ärger als eine Stiefmutter. Ich sag's nicht gern, aber ich muß. Meine Martina hat mir geholfen, daß ich das ertrage und nicht davonlaufe in die weite Welt. Und jetzt erst bin ich ein schlechter Kerl; früher bin ich bloß leichtsinnig gewesen. Es wäre mir lieber, du wärest recht herb und hart und giftig, nicht so, daß ich Mitleid mit dir haben muß, ich wollte dir's dann schon anthun, daß du mich wieder aufgeben müßtest; aber jetzt – ich weiß nicht, wie ich's anfange, du dauerst mich, ja du dauerst mich im Grund des Herzens; aber denke nur einmal, wie's mit mir steht.« Es war ein schweres Reden, keinerlei freundliches Kosen, das die beiden miteinander hatten. als die Braut eben den Glühwein über dem Herde kochte. Sie trug die volle Schüssel in die Stube, schenkte aber Adam vorher ein Glas ein. Als sie wieder herauskam, trank er ihr zu, und als er ausgetrunken hatte und sie ihm frisch einschenkte und mit ihm anstieß, sagte er: »Du bist eigentlich . . . du bist hübscher, als ich gewußt habe. Es ist doch nicht so bös, daß sie mich zwingen. Wenn nur das eine nicht wäre, das eine, dann wäre ich lustig. Wenn ich dich doch vor sieben Jahren so gesehen hätte wie jetzt, ich wäre der lustigste Bursch von der Welt. O! ich spüre plötzlich einen Stich, als ob mir ein Messer mitten durchs Herz ginge. Hab Geduld, ich kann jetzt kein Wort mehr reden.« Adam mußte sich auf einen Küchenstuhl niedersetzen, er hielt sich die Hand vor die Augen, dann sagte er endlich dumpf vor sich hin: »Siehst du? So geht mir's. Ich will dir was sagen: sag meinen Eltern und den deinigen nichts davon. Gib mir die Hand, versprich mir, daß du nichts sagst.« Die Braut gab Adam die Hand, die beiden Hände glühten jetzt, und Adam fuhr fort: »Gerade auf den heutigen Tag habe ich meiner Martina sagen lassen, daß ich zu ihnen komme, es ist bald zwei Jahre, daß ich in ein andres Dorf in die Kirche gehen muß, und Spione habe ich immer um mich her, und ich habe meine Martina und . . . meinen Joseph und die andern in einem Jahr nicht gesprochen, und jetzt muß ich mein Wort halten, und schau! Ich möchte dir gern einen Kuß geben, aber . . . ich thu's nicht . . . nein, ich thu's nicht . . . es wäre Sünde, ich geh' dir keinen, bis ich frei bin.« »Du bist brav, und du kannst ja ganz gut reden,« lächelte die Braut, »und sagen die Leute, du seiest nur halb.« »Die Leute kennen mich auch nur halb, es kennt mich niemand als meine Martina, sie hat's gesehen, und ich habe ihr kein Wort gesagt, und ich hab's ihr angesehen, und sie hat mir auch nichts gesagt, und doch haben wir's beide gewußt; sie merkt's, sie ist gescheit, sie merkt's, wie ich der reichste Bursch im ganzen Oberland bin und doch der ärmste; ja, sie soll dir' s erzählen, sie kann's besser wie ich; o, du kannst dir gar nicht denken, wie gescheit die ist, und ein gutes Herz hat sie, und dabei ist sie so lustig und so lieb und . . . und . . .« Plötzlich starrte Adam drein; wem erzählt er denn das? Seiner jetzt verlobten Braut! und sie sah ihn eben an, als müßte sie sich besinnen, wo sie denn seien und wer sie denn seien. Man hörte nichts, als drinnen in der Stube die beiden Alten miteinander lachen und Kuckuck rufen. und die beiden Frauen pisperten miteinander. Endlich sagte Adam: »Also, ich habe dein Wort, du sagst niemand etwas davon. Ich gehe jetzt von dir weg, zu meiner Martina, . . . zur Martina . . . und – und – zu meinem . . . ins Dorf. Bis man den Lichterbaum angezündet, bin ich wieder da, und dann ist's entweder – oder – Behüt dich Gott derweil.« Die Braut sah verwundert auf, wie Adam seinen grauen Mantel überhängte, die Pelzmütze aufsetzte und den starken Knotenstock mit der großen scharfen Spitze ergriff und fröhlich schwang. Adam sah schön und fürchterlich zugleich aus. Er ging rasch von dannen, und die Braut saß still auf dem Herde. Nach einer Weile kam der Speidel-Röttmann und fragte: »Was ist denn hier? Die Hunde winseln drinnen in der Stube, wo ist der Adam?« »Fort.« »Wohin?« »Ich darf's nicht sagen. Er kommt aber bald wieder.« »So? Weiß schon, wohin er ist. Sag meiner Frau nichts, ich meine, sag deinem Vater nichts. Ist er schon lange fort?« »Kaum ein paar Minuten.« »Schleich dich hinein und hol mir meinen Hut, daß sie nichts davon merken, gib acht, daß die Hunde nicht herauskommen, – oder nein – – – ja, hole mir meinen Hut. Er ist ein Narr, du bist ja ein prächtiges Mädle.« Die Braut entfernte sich vor dem zutäppischen Wesen des Speidel-Röttmann, brachte schnell Hut und Stock heraus, und der Alte gab ihr den Auftrag, sie solle nur sagen, er käme gleich wieder; und fort ging er und stellte den Stock immer weit voraus, ehe der Schritt nachkam. Er geht sicher. Zehntes Kapitel. Ein Vater, der seinen Sohn sucht. Als Adam ins Freie kam, war es ihm plötzlich, als wache er auf: was ist geschehen? Wenn ich nicht will, ist nichts geschehen. – Es durchschauerte ihn, die Hand, die er zum Verspruch hergegeben, war plötzlich kalt, und er wärmte sie an seinem heißen Pfeifenkopfe. Der Weg von hier nach dem Dorfe war nicht zu verfehlen, aber aufpassen muß man, denn jäh am Wege geht die Thalschlucht hinab, und in dichten Flocken fiel der Schnee, und kaum zwanzig Schritte war Adam gegangen, als er bereits aussah wie ein wandelnder Schneemann. Er mußte genau aufmerken, denn er sah keinen Weg vor sich, aber hier kannte er jeden Baum, jedes Felsstück am Weg, und er fand sich zurecht. Als er jetzt auf der kleinen Anhöhe, wo es wieder thalwärts geht, noch einmal zurückschaute und die Lichter in der Heidenmühle herüberblinken sah, zog es ihn mächtig dorthin zurück: »Es ist doch ein prächtiges Mädchen, und tausende haben schon das Gleiche gethan wie du und sind glücklich und sind fröhlich, kehr um!« . . . Aber er schritt bei diesen Gedanken doch immer fürbaß den Weg hinab, und die Lichter aus der Heidenmühle verschwanden hinter ihm. Und jetzt wurde es ihm leichter zu Mut, und in den Schnee hinaus erhob er die Faust zum Himmel und schwur: »Ich kehre nicht mehr heim, ich will lieber ein armer Knecht sein und mein Leben lang taglöhnern, ehe ich meine Martina verlasse und mein Kind, meinen Joseph; ich habe seit zwei Jahren seine Stimme nicht gehört, er muß schon recht gewachsen sein, und Vater soll er sagen, Vater!« Plötzlich stand Adam still: Vater! Vater! ruft eine Kindesstimme durch den Wald. Jetzt noch einmal: Vater! Ganz deutlich. – Nein, du mußt dich täuschen; wie kann das sein? Der Glühwein benebelt dich. Adam zündete sich seine Pfeife, die ihm ausgegangen war, wieder an, und bei dem kurzen Lichtschein sah er, daß in dem Schnee bald herüber, bald hinüber am Wege Spuren von Hundstatzen liefen. Was ist das? Gewiß hat hier ein Hund seinen Herrn verloren und sucht ihn; aber ein Menschentritt ist nirgends zu sehen. Was geht's dich an? Mach, daß du fortkommst. Still! Schon wieder! Eine Männerstimme ruft vom Berge: Adam! Adam! – Bist du wieder benebelt oder ist heute nacht die Welt verhext? Adam faßte seinen knotigen Stock mächtig in der Hand: sie soll nur kommen, die ganze Hexenwelt, die ganze Hölle, wenn sie will, ich fürchte mich nicht. Aber so ist es ja, ich stecke in der Hölle, weil ich wie ein lahmer, läppischer Gesell die langen Jahre nachgegeben und, verzeih mir's Gott, geglaubt habe, meine Mutter könnte doch nachgeben, man könne ein Hufeisen weich kochen; und jetzt habe ich noch die Fastnachtsposse mit mir spielen lassen und bin Bräutigam geworden, aber ich thu's nicht, ich will's nicht, und wenn die ganze Welt kommt, meinen Willen muß ich haben: meine Martina und meinen Joseph. Komm nur, du verdammte, verfluchte, verhexte Welt. Was ist das? Da ist der Hund, dessen Fußstapfen du gesehen. Komm her, Hund! – – Da komm her! – Er kommt nicht . . . Herr Gott im Himmel! Das ist der Wolf, auf den wir fahnden. Er bellt heiser, er kommt näher . . . . Eine Minute stellten sich Adam die Haare zu Berge, dann aber: da hast du dein' Sach', und noch einmal, und noch einmal. Der Wolf spürte, was für Schläge ein Mensch geben kann, der zur Brautschaft gezwungen ist, und noch dazu ein Mensch wie Adam Röttmann; der Wolf bekam die Schläge für die ganze böse Welt, auf die Adam gern losgetrommelt hätte, und als das Tier schon niedergesunken war, Adam traute ihm nicht, sie sind schlimm, die Wölfe, er schlug immer fort, unaufhörlich auf ihn los, bis er endlich mit dem Knüttel den Wolf umdrehte, daß er die Läufe gegen den Himmel kehrte. Als der Wolf jetzt noch kein Lebenszeichen von sich gab, sagte Adam mit großer Ruhe: Gut, du hast dein' Sach'! Der Schweiß rann ihm von der Stirn, seine Pfeife hatte er verloren, sie war ihm aus dem Munde gefallen, und eben das Feuer, das er dabei verschüttet, hatte den Wolf erschreckt. Adam wühlte überall herum nach seiner Pfeife, sie war nicht zu finden; endlich ließ er ab, faßte den Wolf am Genick und schleppte ihn so neben sich her den ganzen Weg. Als er endlich Lichter aus dem Dorfe blinken sah, da lachte er vor sich hin: sie werden alle staunen im Dorf, wenn ich ihnen den Wolf bringe, den ich mit dem Knüttel totgeschlagen habe. Und was wird erst mein Joseph sagen! Ja, Bürschle, hab Respekt, du hast einen starken Vater, und ich schneide dem Wolf gleich das Herz aus dem Leib, das mußt du bei dir tragen, daß du auch so stark wirst wie dein Vater, meintwegen noch stärker. Adam hatte recht gehört, da er hinter sich drein hatte »Adam!« rufen hören; sein Vater war ihm gefolgt und hatte ihm gerufen. Wer weiß, ob er in dem blendenden Schneegestöber nicht vom Wege abgekommen! Hatte Adam auch recht gehört, da er im Walde von einer Kindesstimme hatte »Vater« rufen hören? . . . Auf der Heidenmühle blieb es nicht lange verborgen, daß Vater und Sohn sich so rätselhaft entfernt hatten, und die Röttmännin wußte wohl, wo sie hingegangen waren. Sie schimpfte aber weit mehr auf ihren Mann, der, ohne ihr etwas zu sagen, dem einfältigen Gesellen nachgelaufen wäre; solche alberne Streiche mache er immer, wenn er sie nicht zu Rate ziehe; Adam bekam auch seine Titel, und sie waren gar nicht von brautwerberischer Natur. Die Heidenmüllerin war klug genug, hinzuzufügen, die Röttmännin wisse sehr schöne Späße zu machen, sie gäbe Mann und Sohn Schimpfnamen, weil sie wohl wisse, daß sie die besten Ehrennamen verdienten, und beide Frauen schauten groß auf, als die Braut hinzusetzte: »Von Adam habe ich nur Liebes, Gescheites und Gutes gehört, solange er draußen bei mir gesessen hat.« – Wie auf ein Kommando fingen die beiden Frauen laut zu lachen an, und die Röttmännin streichelte die Braut und sagte ihr, sie sei klug; das sei die rechte Manier, wie man die Männer unterkriege, und unterducken müßten sie alle, sie seien alle nichts nutz, und erst die Frau mache den Mann. Sie gestatte nur die einzige Ausnahme des Vetter Heidenmüller. Dieser aber merkte nichts von der Ausnahme, die man mit ihm machte. Er lallte nur zu allem, was man sagte, bis aus dem Lallen ein Husten wurde, daß man meinte, er müsse ersticken. Der Heidenmüller hatte ein schweres Wagstück ausgeführt, er hatte mit dem Speidel-Röttmann um die Wette trinken wollen, und das hat noch keiner ungestraft versucht. Die Heidenmüllerin war sehr sorglich um ihren Mann und brachte ihn nach der Kammer, dann kam sie in die Stube zurück und sagte: »Gottlob, er schläft ruhig; der kann keinem Röttmann die Stange halten, das sollt' er wissen.« Geschmeichelt über dieses Lob, sagte die Röttmännin: »Sorge dafür, daß er bei dem Husten bald sein Testament macht.« »Da sagen die Leute – Gott verzeih mir's, daß ich so was nachsage, und ihr auch – da sagen die Leute,« klagte die Heidenmüllerin, »die Röttmännin sei eine böse Frau! Gibt es denn eine bessere, die sich so einer verlassenen Witfrau annimmt?« Die Heidenmüllerin betrachtete sich jetzt schon als eine solche und schaute gar erbarmungswürdig drein und rieb sich die Augen; da dies aber nichts nützte, faltete sie die Hände und betrachtete die Röttmännin wie anbetend, indem sie fortfuhr: »Und mir will sie Gutes zuwenden und will nicht, daß ihr eigener leiblicher Sohn alles bekommt.« Die Röttmännin dankte lächelnd; sie hatte sich nur vergessen, so war es doch nicht gemeint. Sie gönnte zwar ihrem Sohn nichts Gutes, aber so ein Narr ist sie doch nicht, daß sie einem Fremden Geld und Gut zuhegte, das in ihre Familie kommen kann. Die Röttmännin drang nun wieder darauf, daß man ihrem Mann und ihrem Sohn Boten nachschicke. Der Oberknecht wurde herbeigerufen, der aber erklärte, er selbst gehe nicht, und er wisse, daß auch keiner der Knechte bei diesem Wetter aus dem Hause gehe, und er mute es ihnen auch nicht zu, und es sei überhaupt nicht nötig, wenn die wilden Röttmänner in den Wald hinausliefen, sie wieder einzufangen, sie müßten von selber wieder kommen. Die wilde Röttmännin wollte nun, daß man wenigstens den Schlitten herausthue und sie heimbringe; zu Haus wolle sie dann schon ihrem Mann und dem Adam den Meister zeigen. Aber es war niemand da, der sie führen wollte, und die Heidenmüllerin bat mit den süßesten Worten und die Braut in treuherziger Ehrlichkeit, daß sie doch über Nacht hier bleibe; am Tag sei die Welt wieder ganz anders, und Adam habe versprochen, bis man den Lichterbaum anzünde, wieder da zu sein. Sie setzte hinzu, daß die Kinder der Müllersknechte schon lange darauf warteten, daß man den Baum anzünde und ihnen beschere. Die Heidenmüllerin und die Röttmännin lobten diesen Vorschlag sehr. Die Röttmännin lobte die Braut noch besonders wegen ihrer Gutmütigkeit und gab zu verstehen, sie wisse wohl, die Braut habe gewiß mit Adam eine schöne Ueberraschung abgekartet. Die Rute, die auch mit an den Baum gehängt werden sollte, zog die Röttmännin immer, sie mit der rechten haltend, durch die linke Hand und fuchtelte damit durch die Luft, daß es pfiff. Diese Musik schien sie sehr zu ergötzen. Elftes Kapitel. Laßt die Kirche im Dorf. »Wenn ich einen Besuch habe, ist mir's doppelt wohl, und weißt du, warum? Erstlich schmeckt mir's besser. Man sage, was man wolle, von der Schlechtigkeit des menschlichen Herzens, das Wohlgefühl, einen Gast zu bewirten, das ist ein tiefer Zug allverbreiteter menschlicher Güte.« »Und zweitens?« fragte der junge Mann. »Zweitens,« erwiderte der Pfarrer, »wenn ich einen Gast habe, dann brauche ich diese Tage nicht auszugehen. Die Welt ist zu mir gekommen. Ich mache mit dem Angekommenen den ganzen langen Weg durch, da habe ich das Recht, zu Haus zu bleiben.« Es war ein unbeschreibliches Behagen, mit dem der Pfarrer nach Tische zu seinem Schwager diese Worte sagte. Es war kaum Nachmittag, aber es begann bereits zu dämmern, und war der Schwager voll Ehrerbietung gegen den Pfarrer, so war der Pfarrer voll Glückseligkeit über das schwungvolle, zukunftsfrohe und dabei doch bedächtige Wesen des jungen Mannes. Es gibt noch junge Männer auf der Welt, das Elend der Verlebtheit, der öden Uebersättigung und Reizlosigkeit ist noch nicht in alle Kreise gedrungen. Es ist wieder eine frische Jugend in der Welt, anders als wir waren, aber es steckt eine sichere Zukunft darin, so dachte der Pfarrer vor sich hin, und alles, was der junge Mann sagte, nahm der Pfarrer mit einem tiefen Behagen auf. Diese Freude an der schönen jugendlichen Gestalt, wie überhaupt an Gedanken und Wesen des jungen Mannes, den der Pfarrer einst selber unterrichtet hatte, war etwas wie geistige Vaterfreude im besten Sinne. »Und du hast ein derbes Rückgrat in der Hand,« sagte der Pfarrer, als er die gut ausgearbeitete Hand des Schwagers faßte, »heirate aber keine, die nicht singen kann, es wäre schade, wenn ihr nicht zusammenstimmtet.« Die Wechselrede ging leicht hin und her, indem der junge Mann berichtete, wie so viele junge Männer sich aus dem Leben eines Landwirtes ein falsches Ideal machen und darum geistig und ökonomisch verkommen. Er selber hatte als Sohn eines höheren Justizbeamten ehedem viel an den Folgen falscher Voraussetzungen gelitten, bis er es gelernt hatte, an der unmittelbaren Feldarbeit seine Freude zu finden; er war jetzt Verwalter auf einem adeligen Gute, hatte aber seine Stelle gekündigt, um eine selbständige Pachtung zu übernehmen oder ein hinlängliches Bauerngut käuflich zu erwerben. Mitten unter dem Gespräche hörte man vor dem Hause das Abtrappen des Schnees von den Füßen. Drei Männer standen unten; sie kamen herauf, es waren die Kirchenältesten. »Eduard, komm in die andre Stube,« sagte die Pfarrerin und setzte hinzu, »das ist mein Bruder, und dies ist der Schilder-David, das der Harzbauer und das der Wagner.« »Willkommen,« sagte der Schilder-David und reichte die Hand; »aber, wir bitten, bleiben Sie da, Frau Pfarrerin. Was wir zu sagen haben, ist gerade gut, wenn Sie dabei sind und auch der Herr Bruder.« »Setzt euch,« sagte der Pfarrer. »Dank' schön, ist nicht nötig,« erwiderte der Schilder-David, der der erwählte Sprecher war; »Herr Pfarrer, mit kurzen Worten, man sagt im ganzen Dorf, wer's hereingebracht hat, wir wissen's nicht, und der Herr Pfarrer hat uns hundertmal in das Herz gepredigt, wenn man von einem Menschen etwas hört, was man nicht von ihm glauben mag, soll man geradeswegs zu ihm gehen und ihn fragen. Also nichts für ungut, ist das wahr, Herr Pfarrer, daß Sie von uns fort wollen?« »Ja.« Eine Weile war alles still in der Stube, und der Schilder-David begann endlich wieder: »So, jetzt glaub' ich dran, Herr Pfarrer. Wir haben vor Ihnen einen Pfarrer gehabt, der hat uns nicht leiden mögen, und wir haben ihn nicht leiden mögen. Kann es etwas Schrecklicheres geben? Wie soll Liebe, Güte und Frömmigkeit gedeihen, wo, der das Wort spricht und der das Wort hört, nichts zu einander haben? Schrecklich, wenn's wieder so werden könnte. Wir wissen, daß einige in der Gemeinde sind, die das gute Herz von unserm Herrn Pfarrer kränken, aber Herr Pfarrer, unser Herrgott hat Sodom verschonen wollen, wenn zwei Gerechte drin sind, und Sie, Herr Pfarrer, wollen uns verdammen und verlassen, weil zwei oder drei Schlechte unter uns sind?« Hier hielt der Schilder-David inne, aber der Pfarrer erwiderte nichts, und der Schilder-David fuhr fort: »Herr Pfarrer, wir brauchen Ihnen nicht zu erzählen, wie Sie uns in das Herz gewachsen sind. Wenn's besser für Sie ist anderswo, müssen wir Ihnen dazu Glück wünschen, aber jedes im Dorfe, jeder Mann, jede Frau, jedes Kind, wann und wo eins dem Herrn Pfarrer begegnet ist, da ist's ihm gewesen, als wenn's ihm was Gutes schenken müßte, wie wenn es ihn nicht leer vorübergehen lassen könne, und guten Morgen! oder guten Abend! ist noch gar nicht genug gewesen. Jetzt, Herr Pfarrer, also wir wünschen nur, daß es in dem neuen Orte auch wieder so sei und daß der Herr Pfarrer dafür Sorge trage, daß wir wieder einen Mann kriegen, nicht wie er, das verlangen wir nicht, aber einen guten.« »Danke, danke,« sagte der Pfarrer, »was ich vermag, soll geschehen.« »Nein, nein,« sagte der Harzbauer, »der David sagt eigentlich gar nicht das, war wir haben sagen wollen. Wir meinen, der Herr Pfarrer soll das nicht thun, er soll bei uns bleiben, er soll, wie man im Sprichwort sagt, die Kirche im Dorf lassen.« »Ich kann meine Bewerbung um die andre Stelle nicht zurücknehmen, wenn ich auch wollte.« »Dann bitten wir den Herrn Pfarrer um Entschuldigung, daß wir ihn belästigt haben,« sagte der Wagner mit einem gewissen stolzen Gefühl, daß er doch nun auch etwas gesagt habe und gewiß nicht das Dümmste. Die Männer verließen die Stube; die Pfarrerin aber gab ihnen das Geleite die Treppe hinab und tröstete die Männer, daß noch nicht alles verfehlt und daß sie nicht schuldig sei an dem Entschlusse des Pfarrers, der ihm schwer geworden; morgen werde schon wieder besser mit ihm zu reden sein, er sei heute nicht ganz frisch auf, er sei für nichts und wieder nichts heut nacht auf Röttmannshof geholt worden. »Wie ich höre,« sagte der Schilder-David, »sollen sie jetzt alle beisammen sein auf der Heidenmühle und den Verspruch halten. Ich hab's nicht glauben wollen, aber ich glaube jetzt alles. Der Verspruch soll ihnen aber nichts nützen: wir geben nicht nach.« Die Pfarrerin kehrte wieder in die Stube zurück, wo sie Mann und Bruder still nebeneinander sitzen sah. Keines redete mehr ein Wort. Die Abendglocken läuteten, heute alle drei Glocken, denn es wurde das Fest eingeläutet, und in den Herzen der drei Menschen, die hier beisammen saßen, klang es auch gar seltsam, wenn auch keinem Ohr vernehmbar. Die Pfarrerin sagte endlich: »Es wird mir doch schwer sein, wenn ich diese Glocken nicht mehr höre. Was haben sie alles in uns wachgerufen!« Der Pfarrer saß still am Fenster, und endlich sagte er halb für sich: »Das Schwerste ist der Entschluß, einmal die Gewohnheit zu lassen; nun ich ihn einmal gefaßt, vor mir und vor den andern, wär's nicht gut, wenn's wieder rückgängig würde. Laß Licht in meine Stube bringen. Ich sehe dich bald wieder, Eduard.« Der Pfarrer ging in seine Stube. Zwölftes Kapitel. Wo ist der Joseph? »Wo ist der Joseph?« fragte der Schilder-David, als er heim kam. »Er ist nicht da.« »Ich hab' ihn doch heim geschickt, wie ich zum Pfarrer gegangen bin.« »Er ist nicht heim gekommen.« »Er wird wieder drüben beim Häspele sein. Ich will nach ihm schauen,« sagte Martina und machte sich auf. »Gib ihm gleich eine tüchtige Ohrfeige, weil er so eigenmächtig herumläuft,« rief der Schilder-David der Weggehenden nach. Martina kam bald zurück und sagte: »Joseph sei nicht beim Häspele und auch nicht mehr in der Werkstätte.« »So ist der verdammte Bub wer weiß wohin. Ich will selber nach ihm umschauen.« Der Schilder-David ging fort und fragte von Haus zu Haus nach Joseph. Niemand wußte Bescheid. Der Schilder-David ging wieder heim; der Knabe ist gewiß schon unterdes nach Hause gekommen. »Aber wo ist der Joseph?« fragte ihn Martina, als er in die Hausflur eintrat, die als Küche diente. »Wird gleich kommen,« sagte der Großvater, ging aber doch durchs ganze Haus und durchsuchte alles. Er ruft auf den Speicherboden den Namen Joseph, und er erschrickt fast, wie er so ins Leere hinausruft; er rückt Schränke weg, hinter denen sich gar kein Mensch verstecken kann, selbst hinter dem Hause, am Bachsturze, öffnete er die verdeckte Kalkgrube und dachte nicht daran, daß sie ja zugefroren war und niemand hineinfallen konnte, und eben als er ins Haus zurück kam, begegnete er Häspele, der die neuen Stiefel für Joseph brachte; diesem vertraute er im geheimen, daß er den Joseph suche, er sei in Aengsten, dem Kinde könne irgend etwas zugestoßen sein, er wisse nicht was, aber er sei in Angst. »Habt ihr denn schon beim Waldhörnle nachgesehen? Ich hörte ihn eben blasen und gar schön, und da ist der Joseph gewiß bei ihm. Da sind die Stiefel, ich will ihn suchen.« Der gute Häspele sprang behend das Dorf hinab zu einem Strumpfwirker, der in seiner Stube saß und sich neue schöne Weisen auf dem Waldhorn einübte. Es klang schön durch die stille Nacht, wo man im Schnee seinen eigenen Tritt nicht hört; der Joseph hat recht, daß er lieber beim Waldhörnle sitzt, als daheim, aber er war auch nicht dort, und unterwegs verkündigte Häspele, daß man den Joseph suche, niemand hatte ihn gesehen und er war nirgends zu finden. Häspele kam mit der traurigen Botschaft zu David und dieser sagte. »Sei nur ruhig, sage nichts vor den Weibern, sonst geht gleich das Heulen an. Bleib ein bißchen da, er hat sich wohl versteckt, vielleicht kommt er gar mit den heiligen drei Königen, die jetzt herumgehen, und bildet sich noch was darauf ein; aber ich will ihm schon was einbilden.« Mit scheinbarer Ruhe setzte sich der David nieder, pfiff vor sich hin und fuchtelte mit der Hand in der Luft, in Gedanken an die zukünftigen Schläge. »Ich warte ruhig,« sagte er, wie sich selbst zuredend, stopfte sich seine Pfeife und rauchte dabei und führte dabei immer aus, was für ein durchtriebener Schelm der Joseph sei; man dürfe es ihn aber nicht merken lassen, und daß er einem solche Angst mache, dafür müsse er büßen. David nahm die Bibel und las da weiter, wo er gestern abend vorgelesen hatte; es war die Stelle, 2. Buch Samuel, Kap. 13, wo König David um das kranke Kind trauert. Das gab dem Lesenden keine Ruhe, er stand wieder auf, ging aus und ein, hinaushorchend. Es läutete mit allen Glocken das Fest ein. Jetzt wird er kommen. Es kam niemand. Nun war an Verhehlen nicht mehr zu denken; der David ging rechts ab, Häspele links ab von Haus zu Haus. Nirgends eine Spur von Joseph. Niemand hatte ihn gesehen. Sie trafen beide wieder am Hause zusammen. Die heiligen drei Könige hielten den Umzug, Joseph war nicht dabei. Jetzt war's nicht mehr zu verbergen. »Martina, unser Joseph ist verschwunden,« sagte der Großvater, und Martina that einen entsetzlichen Jammerschrei und rief: »Darum also hat er mich heute nacht dreimal geweckt und gefragt: Mutter, ist noch nicht Tag? Joseph! Joseph! Joseph! Wo bist du?« schrie sie durchs ganze Haus, den Berg hinaus, durchs ganze Dorf, in die Gärten hinein, in die Felder hinaus. »O, wenn er verloren ist, dann sterbe ich, ich höre das Jahr nicht mehr ausläuten im Dorf, und der Baum, den ich zu Schildern gekauft habe, den laßt zu Brettern versägen und legt mich drein,« so klagte der Schilder-David zu Martina; sie hörte ihn aber nicht mehr, denn sie war schon längst fortgerannt. Die Halsbinde wurde David zu eng, er riß sie ab, sein ganzes Gesicht verzog sich schmerzhaft, er wollte das Weinen unterdrücken und konnte doch nicht. »Der Joseph ist gewiß in der Kirche,« besann sich der Schilder-David plötzlich. Er eilte nach der Kirche, die offen stand und wo man eben die Vorbereitungen zum Gottesdienst um Mitternacht machte. Der Schulmeister ging mit einer einzigen Kerze darin umher und steckte viele Lichter auf den Altar. »Joseph! Joseph! Bist du da?« schrie David in die Kirche hinein; es tönte mächtig. Dem Schulmeister fiel das Licht aus der Hand, und er antwortete zitternd: »Es ist niemand da, als ich. Was gibt's denn?« »Ihr habt's zugegeben, daß ihn die Kinder in der Schule Füllen heißen, ihr seid auch mit schuld, daß er davon und verloren ist,« schrie David und eilte weg. Der Schulmeister fand sich mit diesem Vorwurf ebenso im Dunkeln, wie in der Kirche, wo er nach vielem Stolpern endlich die Wachskerze wieder fand. Das ganze Dorf lief zusammen, und selbst der Waldhörnle kam mit seinem Waldhorn auf die Straße, hielt aber das Waldhorn schnell unter seinen alten Soldatenmantel, damit es nicht naß werde. »Ich will durch das ganze Dorf blasen,« sagte er, »dann kommt er.« »Nein,« hieß es, »die alte Röttmännin hat ihn stehlen lassen, sie will dich zwingen, Martina, daß du den Adam frei gibst, heute am Nachmittag ist er Bräutigam geworden mit des Heidenmüllers Toni; es ist ein Knecht von der Mühle hier gewesen, der alles erzählt hat.« »Ich lasse mich nicht närrisch machen,« schrie Martina. »Joseph! Joseph! Komm, deine Mutter ruft!« Während man so bei einander stand, kam ein seltsam aussehendes Männchen das Thal herauf, ganz um und um behangen mit spitziger, weit aufgebauschter Last. Es war der Hutmacher aus der Stadt, der zu den Feiertagen die frisch aufgebügelten, dreieckigen Hüte in das Dorf brachte. »Was geht denn hier vor?« fragte das kleine Männchen. »Wir suchen ein Kind, den Joseph, er ist verschwunden.« »Wie alt ist das Kind?« »Sechs Jahr vorbei.« »Ein starker Bub' mit einem großen Kopf und blond gerollten Haaren ist mir begegnet.« »Ja, ja, er ist's, um Gottes willen, wo ist er?« stürzte Martina auf den Mann zu, daß ihm alle seine Hüte in den Schnee fielen. »Sei ruhig, ich hab' ihn nicht im Sack. Drunten im Wald begegnet mir auf einmal ein Bub'. Ich frag' ihn: Was thust du noch so allein und es will Nacht werden? Wohin willst du? – Meinem Vater entgegen, er kommt den Weg herauf, hast du ihn nicht gesehen? – Wie sieht denn dein Vater aus? – Großmächtig stark. – Ich habe ihn nicht gesehen. Komm mit mir heim, Kind. – Nein, ich komme mit meinem Vater heim. – Ich fasse den Buben an und will ihn mit Gewalt mitnehmen, aber der ist störrisch und wild, er wischt mir aus und springt davon, wie ein Hirsch, und ich hör' ihn noch tief im Walde rufen: Vater! Vater!« »Das ist der Joseph, um Gottes willen, ihm nach!« »Wir alle gehen mit, alle!« »Halt!« trat Schilder-David vor, »halt! Hutmacher, willst du mit uns gehen?« »Ich kann nicht, ich kann keinen Fuß mehr heben, und es nützt auch nichts, es ist schon mehr als eine Stunde, seit ich das Kind gesehen, ich habe mich drüben auf dem Meierhof aufgehalten, wer weiß, wo das Kind jetzt ist; ich kann dir's ganz genau sagen, wo ich ihm begegnet bin, am Otterswanger Wald, bald dort beim Bach, wo die breite Buche steht. Es ist die einzig große, ihr kennt sie ja alle.« »Gut, von dem Baum breche ich ihm einen Zweig ab, und er soll an ihn gedenken,« sagte der Schilder-David sich fassend. »Nein, nicht schlagen,« schrie Martina; sie konnte es nicht sagen, daß dieses die Stelle war, wo Adam sie zum erstenmal geküßt; vielleicht liegt jetzt ihr Kind dort tot – erfroren – »Es ist Nacht, und man sieht nichts, und der Schnee fällt immer mehr, holt Fackeln, laßt Sturm läuten, das muß der Pfarrer erlauben, kommt zum Pfarrhause!« rief Häspele. Martina aber wurde nach Hause gebracht, und als sie dort die neuen Stiefel auf dem Tische stehen sah, klagte sie: »O Gott! Da sind seine Stiefel, wie hat er sich darauf gefreut, und deine lieben Füße sind erfroren – sind kalt – sind tot.« Die Frauen, die Martina umgaben, suchten sie zu trösten, und eine war sogar so klug, ihr zu sagen, erfrieren sei der leichteste Tod, man schlafe ein und wache nimmer auf. »Man schläft auf der Erde ein und wacht im Himmel auf. O Gott! Mein Joseph hat's prophezeit; er war zu gescheit, zu gut, und seinem Vater ist er entgegen gegangen. Nein, ich will nicht sterben. Wenn du mit der andern zur Kirche gehen willst, da wird mein Joseph vom Himmel herunterschreien, nein, und – Vater! Vater! hat er gerufen, und sein Vater hat ihm nicht geantwortet, er kennt seine Stimme nicht. Du wirst sie kennen bei Tag und Nacht. In die Ohren rufen wir es dir dein Leben lang: in deinem eigenen Wald ist dein Kind erfroren, geh hinaus und schlag ihn um, es nutzt nichts mehr! Dein Herz ist Holz, nichts als Holz! O Gott, und da steht das Pferdchen, mit dem mein Joseph gespielt hat! ja, du siehst auch traurig aus, du gutes Tierle, so barmherzig, und bist doch von Holz, und er ist auch von Holz, aber er ist nicht barmherzig, er hat sein Kind getötet. O Gott, wie oft hat er an dein hölzernes Maul Brosamen hingehalten und dir wollen zu fressen geben, o! er war zu gut, o Joseph! Joseph!« »Es wäre noch gut, wenn er erfroren wäre. Der Wolf geht ja um in der Gegend, wer weiß, ob ihn nicht der Wolf zerrissen hat,« sagte eine Frau leise zu der andern; das Ohr der Unglücklichen ist aber wunderbar feinhörig; mitten in ihrem lauten Jammern hörte Martina das Gespräch, und sie schrie plötzlich laut auf: »Der Wolf! der Wolf!« Dann ballte sie die Fäuste und knirschte mit den Zähnen: »Ich kriege dich, und ich erwürge dich mit meinen Händen.« Jetzt sah sie die Leegart, und sie klagte: »O Leegart! Leegart! Was nähst du denn immer fort? Um Gottes willen, da näht sie noch immer an der Jacke, und das Kind ist tot.« »Ich hab' nichts gehört, ich lass' mich nicht berufen; ich habe nichts gehört, du hast nichts gesagt, ich sag' dreimal, du hast nichts gesagt. Du weißt, ich hab' keinen Aberglauben, nichts ist ärger auf der Welt als Aberglauben. Aber das ist wahr und gewiß, das hat seine Richtigkeit: solange man für einen Menschen näht und webt, kann er nicht sterben. Da war einmal ein König –« und mitten in dem Durcheinander erzählte Leegart mit seltsamen Veränderungen die Geschichte von Ulysses und Penelope, und wie diese Frau genäht und gewebt habe, und was sie bei Tag gewoben, habe sie allemal in der Mitternachtsstunde wieder aufgetrennt und dadurch ihren Mann, der in Amerika gewesen, am Leben erhalten. Leegart fürchtete nicht mit Unrecht, daß man sie in dem Durcheinander nicht anhöre. Sie machte es daher gescheit. Sie erzählte ununterbrochen und nähte dabei ununterbrochen, ohne aufzuschauen. Wo sie einmal saß, stand sie nicht auf, bis ihre gesetzte Zeit um war, und wenn sie eine Geschichte begonnen hatte, erzählte sie aus; und wenn' s im Hause gebrannt hätte, wer weiß, ob sie aufgestanden wäre. Das Feuer wird doch so viel Respekt haben, zu warten, bis die Leegart fertig ist. Während Martina mit den Weibern im Hause klagte, war der ganze Trupp Männer vor dem Pfarrhause angekommen, und Häspele warf sich zum Fürsprech auf. Auch die Kinder wollten mitziehen, den Joseph zu suchen, aber die Mütter hielten sie mit Weinen zurück, und die Väter schüttelten die Anklammernden ab und schalten weidlich dazu. Die Großväter, die aus dem warmen Winkel am Ofen hervorgekrochen waren, nahmen die Frauen und Kinder mit heim. Es war, als ginge ein Heereszug einem Feinde entgegen. Wo aber ist der Feind? Es gab jetzt doch wieder einige, die es für unmöglich hielten, daß man bei dem Schneegestöber ein Kind im Walde suche; das wär' gerade, wie wenn man eine Stecknadel im Heuwagen suchen wolle. Häspele rief indes: wer nicht mit will, kann heimgehen, aber zum Abspenstigmachen brauchen wir niemand. Es trennte sich keiner aus der Versammlung. Häspele ging hinauf und bat den Pfarrer, daß man Sturm läuten dürfe. Der Pfarrer war über das, was er von Joseph hörte, tief erschüttert, dennoch sagte er, er könne das Sturmläuten nicht erlauben, es sei unnützer Alarm, der die Nachbargemeinden erschrecke und sie für künftige Fälle unwillfährig mache. »Es ist brav von euch, und es freut mich, daß so viele den Joseph aufsuchen wollen,« schloß er. »Kein einziger junger gesunder Mann im Dorfe bleibt zurück,« schrie Häspele. »Ich muß zurückbleiben,« sagte der Pfarrer lächelnd, »die Röttmännin hat mir die vergangene Nacht geraubt, und um zwölf Uhr muß Kirche gehalten werden. Wir werden aber für euch alle beten, die ihr draußen seid.« »So will ich dein Stellvertreter sein,« sagte der junge Landwirt, »wer ist euer Anführer?« »Wir haben keinen, wollen nicht Sie es sein, Herr Schwager?« Alles lachte, denn der Häspele, der den Namen Eduards nicht kannte, nannte ihn an Stelle des Pfarrers Schwager. »Ich heiße Brand,« erwiderte der Landwirt, »ich kenne den Weg, ich habe ihn erst heute gemacht.« »Der Bruder der Pfarrerin geht auch mit,« wurde bald von einigen Eingedrungenen auf der Straße verkündigt, und man war überaus zufrieden. Häspele hatte recht, es fehlte außer Kranken und Gebrechlichen kein Mann im Dorfe, alle standen sie da mit Fackeln, Steigeisen, Leitern, Aexten und langen Stricken. »Ist einer da, der ein Signal geben kann?« fragte der Landwirt. Der Strumpfwirker zog sein Waldhorn unterm Mantel hervor. Das Instrument glänzte nicht heller im Fackellicht, als das Gesicht des Strumpfwirkers, der zu einer so wichtigen Person geworden war. »Gut, so bleibt bei mir. Meiner Ansicht nach ist dies das beste: der Signalist hier bleibt bei mir auf dem Reitersberg, wo wir ein Feuer anzünden wollen. Und dann gehen immer alle zwei und zwei, nie einer allein. Wer den Joseph gefunden hat, bringt ihn hinaus zu uns auf den Reitersberg oder wenigstens sichere Kunde von ihm. Solange der Joseph noch nicht gefunden ist, geben drei lange Stöße das Zeichen; sobald er aber gefunden ist, drei kurze Stöße, die immer fortgesetzt werden, bis alles wieder versammelt ist. Und noch besser, ich habe meine Flinte bei mir; sind noch einige im Dorf?« »Jawohl.« »So holt noch einige, und wenn der Joseph gefunden ist, geben wir drei Schuß nacheinander. Wenn wir das nicht thun, kann's leicht kommen, daß ihr guten Leute in Schnee und Kälte herumlauft, und der Joseph ist längst gefunden.« »Hat recht, der ist gescheit; das ist der Bruder der Frau Pfarrerin.« Der junge Landwirt lächelte und fuhr fort: »Noch eins, Decken und Betten haben wir. Ist kein Hund im Dorf, der den Joseph kennt?« »Alle kennen ihn, alle haben ihn lieb. Nicht wahr, Blitz, du kennst den Joseph?« sagte Häspele zu einem großen Hunde, der neben ihm stand. Der große gelbe Hund bellte als Antwort. »Gut,« rief der Landwirt, »so laßt die Hunde los.« »Und wir hängen ihnen Laternen an. Und uns selber hängen wir die Kuhschellen um und die Rollgeschirre.« Jeder wurde erfinderisch; es war nur gut, daß die verschiedenen Erfindungen in eins zusammengehalten waren. »Jetzt noch einmal das Signal, damit ihr es alle kennt,« sagte der Landwirt, und der Waldhörnle blies mit aller Macht. Kaum war der Ton verklungen, als Martina herbeikam und rief: »Hier habe ich seine Kleider.« »Laßt die Hunde an den Kleidern riechen,« befahl der Landwirt. Martina wäre fast umgeworfen worden von all den Hunden, die auf sie zugebracht wurden, wenn nicht Häspele so gescheit gewesen wäre, ihr die Kleider abzunehmen. »Ruft den Hunden zu: such Joseph!« befahl der Landwirt, »und jetzt vorwärts marsch! Joseph heißt das Feldgeschrei.« »Halt!« rief eine mächtige Stimme von der entgegengesetzten Seite, »was gibt's hier?« »Adam du?« rief Martina und stürzte auf ihn zu, »was hast du da? Hast du unsern Joseph gefunden?« »Was? Unsern Joseph? Das ist der Wolf, den ich mit meinem Knüttel erschlagen habe.« »Das ist der Wolf, der hat unser Kind zerrissen!« schrie Martina, ballte die Fäuste und starrte auf das tote Tier nieder. Häspele war so klug, den Adam in kurzen Worten in Kenntnis zu setzen von allem, was vorgegangen; Adam hielt den Wolf immer noch an der Genickhaut, und jetzt schüttelte er das tote Tier mächtig, dann schleuderte er es mit übermenschlicher Kraft weit hinüber über den Graben in das Feld. »Ich reiße dir das Herz nicht aus,« rief er, »du hast mir – und hier schwöre ich's vor allen: ob unser Kind gefunden wird oder nicht, meine Martina ist mein, im Leben und im Tod. Verzeih mir's Gott, daß ich so lang ein lahmer, schwacher, nichtsnutziger Gesell gewesen. Ihr Männer alle hört's! Jeder von euch soll mir ins Gesicht schlagen, wenn ich nicht meine Martina heimführe, und wenn Vater und Mutter und die ganze Welt sich dagegen stellte.« »O Gott! rede jetzt nichts davon!« bat Martina und verbarg ihr Antlitz an der Brust Adams; jetzt erst konnte sie weinen, und Adam legte seine Hand auf ihren Kopf, aber seine Brust erbebte immer von einem mächtigen Stoß nach dem andern. Nie hat jemand den Adam weinen sehen, als nur damals. Alle Versammelten waren wie auf ein stilles Kommando mit ihren Glocken, Fackeln und Hunden vorausgegangen, nur Häspele war mit einer Fackel bei den unglücklichen Eltern geblieben, und als Adam aufschaute, kugelten große Tropfen, die im Feuerscheine glitzerten, über seine Wangen. Adam aber schüttelte sich wie zornig und sagte endlich: »Komm, Martina, wir finden ihn gewiß. Ich kann nicht glauben, daß er tot ist; ich habe ihn rufen hören im Wald, ich habe nicht glauben wollen, daß es eine wirkliche Stimme ist, und es war meines Kindes Stimme.« »Und wie viel hundertmal hat er dir in die Nacht hinein gerufen, und du hast ihn nicht gehört.« »Wenn er noch am Leben ist, es soll mir kein Wort mehr von ihm verloren gehen.« »Gott geb's. Amen!« sagte Häspele ganz leise vor sich hin und schritt voran mit der Fackel; die beiden gingen hinter ihm drein. Dreizehntes Kapitel. Das Muotisheer. »Laß mich die Kleider tragen; gib mir seine Kleider,« sagte Adam im Weitergehen. »Nein, ich geb' sie nicht her. Es ist ja das einzige, was ich noch von ihm habe, und da hab' ich die neuen Stiefel, die er noch nicht angezogen hat, und in der Verwirrung hab' ich auch noch sein kleines hölzernes Pferd mitgenommen.« »So? Hat er die Pferde gern? Dann wird er seinen Vater, den Gaul, auch gern haben.« »Mach jetzt so keine Späß', denke, du redest von einem Toten.« »Verirrt ist noch nicht tot; und wer weiß, ob er nicht noch in einem Hause untergekommen ist, oder ihn nicht doch jemand heimgenommen hat.« Als Zeichen des Dankes für den Trost, den Adam ihr gab, legte ihm Martina die Kleider auf den Arm: »Da, trag du sie nur.« Als sie an der Trauerweide am Wege vorüberkamen, die jetzt schneebehangen im Fackellicht gar fremdartig erschien, fuhr Martina fort: »Da ist der Baum! Wie unser Joseph noch nicht drei Jahre alt gewesen ist, gehe ich mit ihm da vorbei, und weil da die Blätter so herunterhängen, sagt er: Mutter, der Baum regnet Blätter! Er hat Reden an sich gehabt, man hat gar nicht mehr gewußt, wo man ist, ob auf der Erde oder im Himmel; man hat sich erst wieder besinnen müssen, daß man da ist, und was man thun will und was man zu thun hat. Und dabei ist er so stark gewesen, mächtig stark; ich hab' alle Kraft anwenden müssen, wenn ich ihn habe bändigen wollen. Und jetzt so sterben! Das ist doch schrecklich. Joseph! Joseph! mein guter Joseph! Komm doch, wo hist du denn? Ich bin da, deine Mutter ist da, und dein Vater auch! Komm doch, Joseph! Joseph! Ruf doch auch, Adam. Kannst du denn nicht auch schreien?« »Joseph! Joseph!« schrie Adam mit machtvoller Stimme. »Mein Kind! Komm zu mir! Joseph! Joseph!« Er, der den Namen nur im geheimen auszusprechen zitterte, rief ihn jetzt laut durch den Wald. Bald aber ließ er ab und sagte: »Das nützt nichts, Martina; beruhige dich, sonst wirst du auch noch krank.« »Wenn mein Joseph tot ist, will ich auch nicht mehr leben; ich hab' nichts mehr auf der Welt.« »So? Das habe ich nicht gewußt. Ich habe gemeint, ich ginge dich auch noch was an.« »Ach Gott, was streitest du jetzt mit mir!« klagte Martina. Die beiden redeten lange kein Wort. Häspele war ein guter Vermittler. er kam auf Martina zu und bat sie, doch einen Schluck von dem Kirschengeist zu trinken, den er vorsorglich für Joseph mitgenommen hatte. »Nein, nein, ich brauche nichts, und ich trinke meinem Joseph nichts weg.« »Trinke nur einen Schluck,« bat Adam so zart, als es seine Stimme hergab, »denke, unser Joseph darf ja nicht alles trinken, wenn wir ihn finden.« »Wenn wir ihn finden? Was hast du da schon wieder? Du weißt etwas und willst mir's nicht sagen, du weißt gewiß, daß er tot ist.« »Ich weiß nichts; ich weiß so wenig als du. Ich bitte dich, trink jetzt einen Schluck.« »O, wenn mein Joseph den hätte, der könnte ihn jetzt zum Leben bringen; ich brauche nichts, laßt mich in Ruhe.« Aber Adam ließ nicht ab, bis Martina trank, und das war eine gute Gelegenheit, daß Adam wieder ihre Hand faßte und dann Hand in Hand mit ihr weiter ging. Sie sprach nun ganz leise und erzählte, wie auch Joseph so eine heimliche Natur habe; er habe ihr oft Dinge ins Ohr gesagt, die er vor aller Welt laut hätte sagen können; aber das sei seine besondere Art, am liebsten etwas heimlich zu sagen, und gewiß habe er auch dem Vater etwas heimlich sagen wollen, dann hätte er auch spüren können, wie es einen durchrieselt, wenn Joseph mit seinem warmen Atem etwas ins Ohr sagte. »Sein warmer Hauch ist jetzt hin,« schloß sie und rang die Hände. Plötzlich faßte sie den Arm Adams wieder heftig und sagte: »O Gott, da ist der Felsen, wo ich damals habe sterben wollen mit ihm, bis mich die Leegart gefunden hat. Wären wir damals miteinander gestorben, bevor du auf die Welt gekommen bist, es wäre besser. Wo bist du jetzt? Vielleicht liegt er da zwei Schritte von uns, und wir sehen ihn nicht, und er hört uns nicht. Ich springe von Berg zu Berg, auf alle Felsenspitzen, in alle Thäler. O, warum kann ich nicht da sein und dir rufen: Joseph! Joseph! Joseph! Ich meine, ich sehe ihn da drüben auf dem Felsen; jetzt steht er noch auf dem Vorsprung, jetzt ist er noch ganz heil. Wie gut und lieb sieht er aus, wie er lacht, das Springen gefällt ihm; aber er stürzt, ich sehe ihn nicht mehr, o wie schnell! Und drunten liegt mein Kind, zerschmettert, tot. Kann's denn sein! Was hast du, armes Kind, denn gethan? Du bist ja unschuldig!« »Laß das Ausdenken, das hilft zu nichts,« beschwichtigte Adam, aber Martina knirschte vor sich hin: »Ihr seid die Schlimmen! Ein Vater kann sein Kind verleugnen, kann an ihm vorübergehen, wie wenn's nicht auf der Welt wäre, aber eine Mutter nicht. Du bist der Schlimme, du!« »Was wirfst du mir das jetzt vor?« »Ich werfe dir nichts vor; warum zankst du mich denn?« »Ich streite nicht mit dir, ich zanke nicht mit dir; sei nur ein bißchen ruhig, es soll von heute an auch alles Schlimme vorbei sein.« »Was kannst du von Schlimmem reden?« »Ich will gar nichts mehr reden, sei jetzt nur ein bißchen still. Halt dich an mich an, so, so.« »Nein, nein, ich kann nicht,« schrie Martina plötzlich auf, nachdem sie sich eine Weile an Adam gehalten, »ich kann nicht. O, lieber Herr Gott! Thu alles mit mir, nur laß es mein Kind nicht entgelten, meinen Joseph; er ist unschuldig, ich allein bin schuldig, ich und der da.« – Sie ging zwei Schritte von Adam, wie wenn sie seine Nähe nicht ertragen könnte; sie weinte nicht mehr, sie schluchzte nur noch trockenen Auges und es stieß ihr fast das Herz ab. Es war wie das wilde Heer, was jetzt durch den Wald zog: die Männer mit den Fackeln, mit den Laternen, mit dem wilden Geschrei, Rufen, Peitschenknallen, Rollengeklingel; und die Hunde, denen man Laternen angehängt hatte, die bellend die Schluchten hinab, bellend die Berge hinauf drangen und wieder angerufen wurden. Es war gut, daß feste Ordnung gehalten wurde. Keiner kannte den andern mehr, jeder war nur eine wandelnde Schneemasse, und im Fackelscheine sahen die Berge, die Felsen wie verwundert auf die Menschen, die daherkamen und riefen und schrieen nach einem Menschenkinde. »Da sieh, wie lieb ihn das ganze Dorf hat,« sagte Martina zu Adam und erzählte ihm, wie in der vergangenen Nacht Joseph sie dreimal geweckt und wie er schon am frühen Morgen gefragt habe, welchen Weg der Vater käme, und sie mache sich schwere Vorwürfe, daß sie der Leegart nachgegeben und ihn allein aus dem Haus geschickt, sie hätte es ja wissen müssen, daß heute etwas Entsetzliches geschehe. Adam war ganz ratlos und wußte nichts zu sagen, und doppelt entsetzlich ward's ihm, wenn er an die Heidenmühle dachte, wie sie dort beisammen sitzen und auf ihn warten, und zu welchem Frevel er sich hatte verleiten lassen. – Plötzlich ertönte ein Jubelgeschrei. Was ist? Was ist? Gottlob! sie haben ihn gefunden? Wo? Wo? Atemlos kam der Schmied zu Adam und Martina: »Da ist seine Mütze, jetzt finden wir ihn gewiß.« Martina faßte die triefendnasse Mütze und weinte heiße Thränen darauf: »O Gott! Jetzt ist er ohne Mütze, und der Schnee liegt auf seinem Kopfe, wenn er noch am Leben ist.« Martina fuhr sich mit der Hand über das Gesicht und starrte den Schmied an, der ungeheuerlich ausschaute. Er hatte sich nicht Zeit genommen, das rußige Gesicht zu waschen, und nun hatte der Schnee wunderliche Figuren in sein Gesicht gezeichnet, und sein roter Bart war voll Schnee. »Bleibt ihr auf dem geraden Weg, daß wir euch gleich finden,« sagte der Schmied, und indem er sich zum Gehen wendete, rief er noch: »Heut nacht verdienen wir bei euch, daß wir an eurer Hochzeit vollauf zu trinken kriegen.« Es war wie das wilde Heer, das durch den Wald wütete, und ein Mann war im Walde, der sah das wilde Heer leibhaftig. Der Speidel-Röttmann, der seinem Sohne gefolgt war, hatte einen Fehltritt gethan und war in die Schlucht hinuntergerollt. Unten wurde er plötzlich nüchtern. Er hatte sich keinen Schaden gethan. Er ging eine große Strecke auf dem zugefrorenen Bach, und wie entsetzliche Ungeheuer schauten die Felsen und Bäume auf ihn nieder. Immer mehr Schnee schüttelte es auf ihn herab, und er wußte nicht, ging er stromauf- oder stromabwärts. Er versuchte mit einem Stein das Eis einzubrechen, um gewiß zu werden, wohin der Bach fließe und wohin er des Weges gehen müsse, aber er konnte keinen Stein lösen. Die ganze Welt ist gebunden und gibt ihm keine Hilfe. Da, hier ist eine Lichtung, hier ist ein Bergweg. – Er steigt aufwärts, oft ausgleitend, vom Schnee fast ganz zugedeckt; aber er läßt nicht ab; der Speidel-Röttmann ist nicht umsonst einer der Stärksten. Er erklimmt die Anhöhe. Richtig! Hier ist ein Weg. Mit dem letzten Griff auf den Boden faßt er etwas: es ist eine Pfeife. Das ist Adams Pfeife, da muß er gegangen sein; jetzt holst du ihn noch ein, aber wohin ist er gegangen? Rechts oder links? Die Fußstapfen sind vom fallenden Schnee schon wieder zugeweht. Der Speidel-Röttmann geht den Weg rechts, da fällt ihm wieder ein: Nein, links ist gewiß der rechte Weg; er kehrt wieder um und so immer hin und her, als ob ihn ein Geist in der Irre führe. Horch, Waldhörnerschall, Peitschengeknall, Hundegebell! Was ist das? Herr Gott! das ist die wilde Jagd. Es ist der Schimmelreiter mit dem wilden Gejaid, das knallt und bellt und bläst, und mitten drunter schreit's wie tausend und aber tausend kleine Kinder, und wer aufschaut, dem nimmt es den Kopf weg, wie man den Deckel von einem Topf thut. Alle Schrecken der Hölle kamen über den Speidel-Röttmann. Er hat zwar oft geprahlt, daß all das Gerede von Hexen, Gespenstern und Zauberei eitel Lug und Trug sei, aber jetzt richtet sich jedes Haar auf seinem Kopf auf und gibt Zeugnis, daß die vergangenen Zeiten so gescheit waren wie unsre, und sie haben alles geglaubt. Da ist's jetzt. Verzeih mir, daß ich nicht daran geglaubt habe. Ich will's . . . Der Speidel-Röttmann springt ab des Weges in den Wald hinein, wirft sich dort mit dem Angesicht auf den Boden, daß das wilde Heer über ihn wegziehe und ihn nicht erwürge. So liegt er, und so hört er's an sich vorübersausen. Er grub die Hand in das schneeige Moos, und das Moos hielt fest. Es ist doch noch gut, daß etwas auf der Welt fest ist. – – Halt fest! halt fest! Jetzt wirst du in die Luft gehoben, auf einem Baum, wer weiß wo, wirst du abgesetzt, und du hast das Gesicht nach hinten gedreht und mußt dein Lebtag so herumlaufen. Und es ist, wie wenn ihn jemand höhnte: nicht wahr, das ist dein eigener Wald? Aber du mitsamt deinen Waldhütern und mitsamt deinen Holzwächtern, ihr könnt alle nicht verbieten, daß das wilde Heer durchzieht; und hörst du eine Kinderstimme? Kennst du sie? . . . Der Speidel-Röttmann weiß nicht, was er soll und was er will. Von seinem Hauch schmilzt der Schnee, in den er das Gesicht gedrückt hat, aber auch in seinem verhärteten Herzen will etwas schmelzen, und im Angesicht des Todes ruft er in das schneeige Moos hinein: »Joseph!« wie wenn ihn das Wort erlösen könnte. »Ich schwör's!« ruft er noch einmal. Es ist ihm doch durch den Sinn gefahren, daß ein Kind auf Erden lebt, dem er großes Unrecht thun will und das um ihn klagt und weint hoch in den Lüften. Er will seinen Sohn zu sich zurückrufen, und der Sohn will seinen Sohn rufen. Das ist ja auf einmal wie eine Kette, die sich aneinander hängt, und immer weiter und . . . »Ich geb' nach, laßt mich los, behalte du dein Kind!« Mit diesen Worten wagte er's endlich, sich ein wenig aufzurichten. Das Lärmen, Schreien und Rufen tönt weiter aus der Ferne: »Wer bist du? Wer bist du?? ruft plötzlich eine Gestalt und faßt ihn an, nicht wie ein Mensch, nein, wie ein Geist; wie ein wildes Tier mit Krallen. »Ich bin ein schwerer Sünder – ich bin der Röttmann, laß mich los, sei barmherzig.« »So? hab' ich dich?« rief die Gestalt und kniete auf ihn nieder, »du mußt sterben, du hast mein Enkelkind getötet, verstoßen, ins Elend gestürzt.« »Wie? Was? Du bist?« »Ja, du sollst wissen, wer dir mit der Axt das Hirn einschlägt. Ich bin's, der Schilder-David. Ja, du verdammter Goliath, ich habe dich am Boden, und sterben mußt du.« Die Kraft kehrte in dem Speidel-Röttmann zurück. Es war nur ein kurzes Besinnen: »Oho! Oho! da ist nichts zu fürchten!« und seine Hand ging schnell seinen Gedanken nach. Er ließ mit der Hand von dem, der auf ihm kniete, und zückte das aufrechtstehende Messer, das er bei sich trug, und jetzt rief er: »Laß los, David, laß los! oder ich stech' dich nieder!« »Deine Gewalttaten haben ein Ende!« schrie David und riß ihm mit aller Macht das Messer aus der Hand. Aber währenddessen hatte sich der Röttmann rasch aufgerichtet, und nun lag David unter ihm am Boden. »Siehst du!« rief er triumphierend, »jetzt kann ich dir den Garaus machen.« »Thu's, rotte die ganze Familie aus, meinen Joseph hast du getötet; erstich mich auch.« »Steh auf, ich will dir nichts thun,« entgegnete der Speidel-Röttmann, »ich weiß nicht, bin ich verrückt, bist du verrückt, oder ist die ganze Welt verrückt. Wie kommst denn du daher? Was ist denn da im Wald?« David erzählte mit raschem Atem, was vorgefallen war, aber mitten drin sagte er: »Es ist nicht recht, daß ich so mit dir rede; du und dein Sohn, ihr verdient beide den Tod. Ich will nicht gut mit dir reden, einer von uns muß auf dem Platz bleiben; stich mich nieder, ich will auch hinaus aus dieser schlechten Welt, ich habe nichts mehr drin zu suchen.« Mit diesen Worten warf sich der Schilder-David auf den Speidel-Röttmann, aber dieser hielt ihn bei den Armen fest, und die Arme standen so fest, als wären sie in einen Schraubstock gesetzt. »Du dauerst mich,« sagte der Röttmann. »Ich will dein Bedauern nicht, du bist nicht wert, daß dich ein redlicher Mensch mit einem Wort anredet. Du dreimal genähter Schuft, trag du nur den Kopf hoch, das Höllenthor ist weit genug, daß du dich nicht zu bücken brauchst.« »Schimpf, was du willst, ich bin stärker als du. Hör aber zu, was ich dir sage. Du siehst, zwingen kann mich niemand, kein Mensch auf der Welt kann mich zwingen, aber ich will dir was sagen: ich brauchte es nicht zu halten, es hat's kein Mensch gehört, und mit dem Teufel und mit dem wilden Heere, das sieht man ja, es ist alles nur Aberglaube, und wenn ich nicht will, kann mir niemand nichts thun. Aber paß auf, was ich dir sage. Es geht niemand was an, und du brauchst nicht zu wissen, warum und was und wo und wem ich's versprochen habe. Das ist mein Wald, und da bin ich Herr, und wenn ich dich in der Nacht hier finde und du hast die Axt bei dir, kann ich dich binden und niederschießen, wenn du davonläufst – wie ich will. Aber das habe ich alles nicht sagen wollen; ja doch, ich will dir nur sagen, es kann mich niemand zwingen, aber ich will, und darum ist's jetzt so, und da hast du meine Hand: wenn das Kind noch lebt, wenn wir's finden, und meinetwegen lebendig oder tot, da hast du meine Hand, ich hab' nichts dagegen.« »Was?!« »Meine Einwilligung hat er. Wenn ich's recht überlege, ich bin eigentlich nie so dagegen gewesen. Ich habe nur meiner Frau folgen müssen. Ich laufe hier im Wald, ich weiß nicht wie lang, und da drunten, wie ich gemeint habe, die Schneefelsen fallen auf mich nieder, da ist mir's gewesen, wie wenn ich eine Kinderstimme rufen hörte: Vater! Vater! Jetzt weiß ich, was es gewesen ist, und ich kann dir nicht sagen, wie mir die Stimme ins Herz gegangen ist, und ich hab' mir gesagt, wenn's noch zu machen ist, meinetwegen; mag mein Adam seine Martina heiraten, ich geb' mein Wort dazu.« »Wenn die Kuh draußen ist, macht man den Stall zu, es ist zu spät. Es gibt jetzt kein Glück und keinen Segen mehr auf der Welt. Wenn du das Kind gekannt hättest! Das war ein Engel vom Himmel. Aber, lieber Gott! jetzt ist's tot, und wer weiß, wo es ist. Es ist eine Zeit gewesen, wo ich geglaubt habe, ich könne keinem Menschen unter die Augen gehen, und jetzt möchte ich aus der Welt gehen, weil das Kind nicht mehr drin ist. Bin ich's nicht wert gewesen, solch ein Enkelchen zu haben, so bist du's noch weniger. Und ich will keinen Frieden, du oder ich, einer muß sterben. Stich mich nieder, es ist mir recht, dann komm' ich mit meinem Joseph aus der Welt.« In Not und Weinen stürzte David nochmals auf den Röttmann los, aber dieser hielt ihm wieder beide Arme steif, daß er sich nicht rühren konnte. Und ja, es mußte ein Wunder im Speidel-Röttmann vorgegangen sein, denn er wußte dem David so einzureden, daß er mit ihm ging und sie gemeinschaftlich den Joseph suchten. »Joseph! dein Großvater ruft!« so schrie David; »Joseph! dein Großvater ruft!« so schrie der Speidel-Röttmann. David schaute sich mehrmals um, ob's denn auch wirklich wahr ist, daß der Speidel-Röttmann so ruft. David war der einzige, der, der Anordnung zuwider, allein gegangen war; jetzt hat er einen Kameraden gefunden, und was für einen! – Das Waldhorn klang vom Berge, die Fackeln und die Laternen gingen hin und her, die Hunde bellten und rannten auf und nieder, die Rollen klingelten, und die beiden Großväter gingen miteinander dahin, wie wenn sie von alten Zeiten her gleichen Schritt gehalten. Endlich sahen sie Licht in der Ferne blinken, das Licht stand fest, das war in einem Hause; sie wanderten dem Lichte zu. Vierzehntes Kapitel. Von einem verirrten Menschenkind. Im Hause des Schilder-David war's unterdes, als ob das nicht mehr ein kleines Haus wäre, das einer kleinen Familie gehört. Alles ging aus und ein, und manche ließen sogar die Thür offen, die die Frau des Schilder-David jedesmal leise zumachte, ohne ein Wort zu sagen; ja, sie sagte nicht einmal ein Wort, daß niemand den Schnee von den Füßen abtrappte, und der Stubenboden war wie ein kleiner See; sie legte nur immer wieder frische Laken auf den Boden und wand sie still aus in einen Kübel, den sie vor der Thür ausschüttete. Die Leegart zog den Schemel, worauf sie ihre Füße gestellt hatte, fester an sich, damit keine von den Frauen, die sich um den Tisch setzten, daran teilnehmen könnte; denn die Leegart ist's nicht gewohnt, in nasser Stube zu sitzen und dazu noch in solch einer Wachtstube, wie heute die des Schilder-David war. Die Schilder-Davidin unterhielt dabei beständig ein mächtiges Feuer im Ofen; es war eine Hitze zum Braten, und die Leegart verstand es, eine große Zuhörerschaft, vor allem sich selber, wach zu halten. Während alles hinausstürmte in Nacht und Schneegestöber, in Felsen und Schluchten, und das ganze Dorf aus der Ordnung gekommen war, blieben nur zwei Dinge fest und hielten gleichen Takt: das war die Uhr auf dem Kirchturm und die Leegart vor ihrem Nähkissen. Martina hatte mit den Männern die Stube verlassen, es waren aber noch mehrere Frauen da; sie jammerten, daß sich ihre Männer der Lebensgefahr aussetzten, um eines einzigen Kindes willen, und vielleicht ihre eigenen Kinder dadurch in Elend und Not setzten. Die Leegart aber, indem sie ihren Faden wichste, sagte: »Ja, im Walde verirren, das ist schrecklich, ich kann auch davon erzählen, es ist mir einmal im Leben passiert, aber ich habe genug an einemmal . Nur um Gottes willen nie, nie sich verleiten lassen, einen nähern Weg durch den Wald zu gehen, wenn man ihn nicht kennt. Der nähere Weg ist des Teufels Weg. Hab' ich recht oder nicht? Zum Teufel hat man immer am nächsten. Ich denk' noch daran, als wenn's heute wär', und wer weiß, ob nicht der arme Joseph denselben Weg geht; ich bin auch da hinunter gegangen, und der Hutmacher hat ihn ja bei der breiten Buche getroffen, dorthin kommt man. Gott verhüte, daß er meinen Weg machen muß, wie ich dorthin gekommen bin. Es war am Sonntag nach Johanni, nein, am Montag, aber es war ein Feiertag, Peter und Paul war's, wir feiern ihn nicht, aber die Katholischen. Ich gehe also bei heiter hellem Wetter von daheim fort, habe nichts bei mir, als in einem Tüchle einen samtnen Mutzen für des Holderbauern Tochter von Wengern, wißt ihr? die jetzt Witfrau ist; man sagt, sie heiratet einen ganz jungen Menschen aus der Gegend von Neustädtle, sie ist schon zwei Sonntag nacheinander im Neustädtle gewesen und soll mit ihm zusammengekommen sein. Sie ist nicht gescheit, daß sie so einen jungen Menschen nimmt. Damals war sie noch Braut von ihrem ersten Mann, der war ein Bruderssohn vom Heidenmüller, vom alten mein' ich. Ich geh' also fort, zuerst dem Thal nach. Es war ein gutes Jahr, wir haben lange kein solches gehabt; Regen und Sonnenschein, wie man's nur braucht. Im Wald treffe ich noch des Straßenknechts Kinder an, den Bub und das Maidli. Der Bub' ist Soldat gewesen und ist hernach bei den Freischärlern erschossen worden. Das Maidli ist im Elsaß, sie soll gut verheiratet sein. Sie hüten da an der Hecke, wo es die vielen Haselnüsse gibt, eine alte und eine junge Geiß. Und da frage ich die Kinder, ich weiß nicht warum, ob's nicht einen nähern Weg gibt nach Wengern. Freilich, sagen die Kinder, ich solle nur oben nicht den breiten Weg, ich solle bei den Wacholdersträuchen links durch den Wald gehen. Ich will nun, es soll mir eins von den Kindern den Weg zeigen, bis ich nicht mehr fehlen kann. Ich weiß nicht, es hat mir schon was geahnt. Aber die Kinder sind so dumm, es hat keins allein gehen wollen und miteinander auch nicht. Ich gehe also fort, und wie ich oben im Wald bin, da, wo jetzt der Rößleswirt seine Aecker hat – damals war's noch Wald weit hinein –, schreie ich nochmals zu den Kindern hinab, ob ich auf dem rechten Weg sei, und sie schreien: ja! So wenigstens, glaub' ich, habe ich gehört. Ich gehe also fort, und es ist recht kühl gewesen im Wald; es ist grad gut, daß ich jetzt im Wald bin, jetzt fängt es draußen an heiß zu werden, es war gegen zehn Uhr, und hier ist noch frischer, kühler Morgen. Wenn man so viel sitzen muß, thut einem so ein Gang gar wohl, und damals bin ich noch jung gewesen und habe springen können wie ein Füllen. An einer Hagenbuche ist alles voller Erdbeeren gestanden; ich esse ein paar, halte mich aber nicht lang auf und mache, daß ich fortkomme. Ich steig' und steig' und weiß nicht, wie lang, und sehe nirgends hinaus, und der Weg geht bald bergauf, bald bergab. Was ist denn das? Bin ich auf einem Holzweg? Man sagt im Sprichwort von einem, der den falschen Weg geht, er ist auf dem Holzweg. Und so ist's auch. Der Holzweg führt nicht zu Menschen. Ich hab's noch nicht gewußt, aber ich hab's erfahren und hab's teuer bezahlt. Ach was, denk' ich, die Zeit wird dir nur lang, und von den vielen Sitzen wird dir jeder Weg zu viel. Ich bin aber doch müde, ich setz' mich nieder. Da huschelt was und raschelt was, es fällt ein dürrer Zweig vom Baum: schau, schau, ein Eichkätzchen. Es hängt am Baumstamm und guckt mich mit seinen wunderfitzigen Augen an und macht ein spitzes Maul. Ich sehe ihm nach, wie es den Baum hinaufkrebselt, und jetzt sind zwei da, sie spielen Fangerles miteinander. Hui, wie schnell! Bald hüben, bald drüben. Ich muß sagen, ich habe viel Freude an den Tierchen, und das habe ich meiner Mutter zu danken; hundertmal hat sie uns gesagt: Kinder, passet auf alles auf, dann habt ihr überall Freude, wo ihr geht und steht, und es kostet nichts, und man weiß nicht, wozu es einem einmal gut ist, wenn man auf alles ordentlich achtet. Aber man soll sich doch auf dem Weg durch nichts so aufhalten lassen, das macht leicht irr. Ich gehe weiter und komme durch einen jungen Tannenwald. Der steht so dick, da ist es ganz finster drin, aber schön kühl. Da liegt was. Was ist denn das? Es ist ein Hirsch, der schläft. Vor Schreck schreie ich, und der Hirsch wacht auf und guckt mich nur so an mit seinen großen Augen, wie wenn er sagen wollte: du dummes Ding, was störst du mir meinen Mittagsschlaf? Ich renne, was ich kann, davon; ich mein', der Hirsch kommt hinter mir drein, und ich meine, ich spüre es schon, wie er mich auf die Hörner nimmt und den Berg hinunterwirft, und wenn ein dürrer Ast vom Baum fällt, erschreck' ich, daß mir alle Glieder zittern. Gottlob! jetzt ist der Wald aus, und so viel tausend und tausend Schmetterlinge hab' ich mein Lebtag nicht gesehen, als da gewesen sind, und die Wiese ist ganz rot. Ich bleib' stehen, ich hab' meine Freude daran. Eine Gabelweihe fliegt oben hoch am Himmel und schreit, und ich schau' dem Vogel zu, wie er fliegt. Schön ist's, das muß man sagen, es ist, wie wenn er nur schwimmen thät in der Luft. Jetzt aber fort! halt dich nicht auf! und jetzt ist's gut, da ist ja ein kleiner Fußweg. So denk' ich, jetzt ist's gewonnen, jetzt bist du wohl daran, da sind wieder Menschen. Es liegt ein beinerner Knopf am Weg, ich heb' ihn auf und steck' ihn in die Tasche, und das war gut, ich hab's ganz vergessen gehabt, daß ich noch ein Stückle Brot in der Tasche habe; das schmeckt jetzt prächtig, besser hat mir noch kein Hochzeitsessen geschmeckt. So im wilden Wald kann man sich's gar nicht mehr vorstellen, daß die Menschen Korn säen und ernten und dreschen und mahlen und backen. Der Weg ist so eng, daß ich immer die Zweige wegthun muß, um durchzukommen. Und tief geht's da neben hinunter, und jäh wie an einem Dach. O, lieber Gott, wenn jetzt ein schlechter Mensch käm' und raubt' dich aus und wirft dich dahinunter; da fände dich niemand wieder. Nein, nein, ich thät' ihm sagen: da, da hast du alles, was ich hab'; da, mein messingener Fingerhut und fünfzehn Kreuzer, da hast du alles, jetzt laß mich gehen, und ich schwöre dir einen Eid, daß ich dich nicht verrate. Muß ich so einen Eid aber halten? Ich mein', wegen andrer Menschen muß ich angeben, was mir geschehen ist, daß nicht noch andre auch so ausgeraubt werden. In der Angst fange ich an zu singen, und ich mag mir den Kopf herunterreißen, es fällt mir kein frommes Lied ein, als nur das einzige: »Das Grab ist tief und stille«, und das ist so traurig. Ich singe lustige Lieder, Schelmenlieder, und doch zittert mir das Herz vor Angst. Gottlob! so, jetzt bin ich oben, es geht eine weite, schöne, ebene Wiese fort. Aber heiß ist mir's gewesen, fürchterlich heiß. Meine Backen brennen, und ich bin wie aus dem Wasser gezogen. Es läßt mir aber keine Ruhe, ich kann nicht ausschnaufen. Und auf der Wiese ist ein Gesumme von tausend und aber tausend Bienen. O, heiliger Gott! Wenn du jetzt in ein Wespennest trätest und sie fliegen auf, und auf dich zu und du bist wie betrunken. Meine Mutter hat mir erzählt, wie das ist: man ist wie betrunken, und da gibt's gar keine Hilfe, wenn man nicht ins Wasser springt. Und hier ist nirgends Wasser. Ja, wenn nur Wasser da wäre, ich hab' so grausamen Durst. Was ist denn aber das? Da hört ja der Weg auf? Und da geht's tief hinab. Und da sind die mächtigen wilden Felsen. Bin ich denn auf den Felsen im Rockenthal, wo seit Erschaffung der Welt noch kein Menschenfuß hinaufgekommen ist? Da liegen die schönsten Baumstämme und verfaulen, und kein Mensch kann sie holen. Nur die Vögel wissen, wie es da oben aussieht. Nein, so weit bin ich noch nicht, aber dahinab kann doch mein Weg nicht gehen. Ich rufe: Lieber Gott! wo bin ich? – Und so schauerlich schön habe ich noch keinen Wiederhall gehört: Wo bin ich? Wo bin ich? Wo bin ich? Gewiß siebenmal klingt's wieder, und so, wie wenn eines den Ton hinaufziehen thät' in den Himmel, weit, lang; das kommt von den Felsenwänden und den Schrunden, das klingt wie lauter Musik, wie wenn eines die Worte singen thät', hat aber einen längeren Atem als ein Mensch. Ich rufe die Namen von allen Menschen, die ich lieb habe und die mich lieb haben. Ich rufe und rufe, ich habe alle Menschen lieb. Wenn man so in Todesgefahr ist, da hören alle Händel auf. Ich rufe und rufe, aber es hört mich niemand, keine Menschenseele. »Es nutzt nichts. Mach dich auf! Ich suche. Richtig! Da geht ein andrer Weg nochmals durch den Wald. Aber wie ich weiter komme, geht der auch wieder links ab. Ich denk' aber: jetzt bleibst du drauf, und gehe fort. Aber da komme ich wieder an eine Bergwand, und da ist kein Weg mehr, ich gehe über die Matte weg, und auf einmal stehe ich vor einem Abgrund; da geht es kerzengrad hinunter. Ich springe, was ich kann, wieder zurück; es schwindelt mir, und ich spüre es noch, wie der Abgrund an mir reißt und mich hinunterzerren will. Da stehe ich und danke Gott, daß ich doch noch auf festem Boden bin. Eine Goldammer sitzt oben auf dem Baum neben mir und singt: 's ist, 's ist, 's ist – so früüüh! Und wie ich zu dem Vogel aufschaue, fliegt er davon nach dem jenseitigen Berg. Die Goldammern machen immer einen Katzenbuckel beim Fliegen, sie fliegen höher, als der Ort ist, wo sie hin wollen, und dann lassen sie sich niederfallen. Ja, so ein Vogel hat's gut, für ihn gibt's kein Berg und Thal. Wenn ich nur auch so fliegen könnte! – Ich wende mich rechts. Gottlob! drüben am Berg sind Felder, und das Thal ist wie eine Mulde, wie ein Kessel. Aber, o mein Gott! bin ich denn auf dem Totenhof? Ich mein', ich seh' drüben einen Holunderbusch, und der ist doch nur, wo Menschen sind oder gewesen sind. Ja, der Holländer am Boden und die Schwalbe in der Luft zeigen an, daß da Menschenwohnungen sind. Aber ich sehe kein Haus, und alles hat so einen unheimlichen Schimmer, wie damals bei der Sonnenfinsternis; es ist nicht Tag und nicht Nacht, und die Bäume und die Berge zittern vor Angst. O weh! Ich bin auf dem Totenhof. Da hat vor hundert und hundert Jahren ein reicher Bauer gewohnt, so reich und so gottlos, und er und seine Frau und seine Kinder haben sich alle Tage in Milch gebadet und keinem Armen ein Tröpfle gegeben; die waren noch schlimmer als die Röttmännin. Damals aber hat unser Herrgott noch drein geschlagen, und an einem Sonntag, wie sie auf der Wiese mit Käslaiben Ball spielen, da hat sich die Erde aufgethan und den ganzen Hof verschlungen, Mensch und Vieh. Es soll eine Zeit geben, wo alles wieder aufwacht und auf eine einzige Stunde sich zeigt. Es ist nicht recht, man soll den Kindern keine solche Geschichten erzählen; das macht abergläubisch. Ich bin nicht abergläubisch, und es ist ja Tag. Aber die Sonne ist nicht am Himmel, nichts als schwarze Wolken, und die Haare sind mir zu Berg gestanden. Und das Schrecklichste ist mir immer gewesen, nicht die Menschen, wenn sie wieder aufwachen, aber wenn da die Hunde aus dem Boden herauskommen und auf einmal zu bellen anfangen, das ist doch schrecklich. Es ist alles nicht wahr! schrei' ich ins Thal hinein, und das hat mir Mut gemacht. Ich denk' aber doch, das gescheiteste wäre, du kehrtest um, du mußt ja heute nicht nach Wengern; ja, aber umkehren ist gerade so weit, und du weißt ebensowenig einen Weg heim, als wenn du jetzt weiter gehst. Ich hätte mich geschämt vor den Leuten, wenn ich hätte sollen zurückgehen und sagen, ich bin verirrt gewesen. Also fort! Kommst du nicht nach Wengern, so kommst du doch zu Menschen. Laß nur keinen Aberglauben mehr über dich kommen, und es ist ja heller Tag, und heute nacht ist Vollmond, da kannst du heim, wenn du ausgeruht bist, oder kannst auch in Wengern bleiben. Es wartet ja niemand auf dich. Ich stehe ja leider ganz allein da. Und das ist mir jetzt schwer aufs Herz gefallen, daß ich so allein auf der Welt bin; niemand fragt nach mir, und niemand weint, wenn ich verloren bin. Ich muß sagen, ich hab' selber fast weinen müssen. Aber nein, das ist unrecht, ich hab' noch Menschen, die nach mir fragen, und wie bang wird es ihnen sein, wie werden sie sich freuen, wenn ich ihnen erzählen kann, wo ich überall gewesen bin. Ja, ist's denn nicht bald aus? Es ist schon genug; ich habe schon genug zu erzählen. Und müd, grausam müd bin ich gewesen. Aber das ist jetzt nichts, du mußt fort. Ich höre einen Bub' jodeln drüben am Berg. Es ist mir gewiß nicht zum Jodeln gewesen in meiner Herzensangst, aber ich jodle auch, und ich kann's gut; in meiner Jugend habe ich alle überschrieen, man hat mich auf eine Stunde Wegs gehört.« Die Leegart legte die Hand an die Wange und ließ jenen gellen Waldruf vernehmen, der wie eine zackige Bergesspitze aufsteigt und in scharfen Absätzen wieder niederfällt zu Thal. Sie konnte für ihre Jahre noch mächtig ihre Stimme erheben. Die Schilder-Davidin, die von der ganzen Erzählung bisher nichts gehört, sprang von der Ofenbank auf und fragte: »Ums Himmels willen, was gibt's?« Die zuhörenden Frauen und Leegart hatten viel Mühe, sie zu beruhigen und ihr zu erklären, warum Leegart so laut geschrieen habe. Die Alte setzte sich wieder still auf ihre Bank und murmelte vor sich hin: »Ich bin ausgeruht. Wenn ich nur meine ausgeruhten Füße meiner Martina leihen könnte!« Die Frauen drängten, daß Leegart fortfahre. Sie wichste einen frischen Faden und übernähte kreuz und quer den Kragen an der Jacke, die eigentlich schon lange fertig war; aber sie wollte nicht ablassen, denn es ist ja sicher und gewiß, ein Menschenkind kann nicht sterben, solang man für dasselbe näht. Dazu hielt das Erzählen der Leegart gut wach, und man wollte nicht schlafen gehen, bis die Männer wieder heimgekehrt waren, und zum Mitternachts-Gottesdienst gleich bereit sein. Nachdem die Leegart ganz heimlich geschnupft hatte, fuhr sie fort: »Ich jodle also, und der Bub' antwortet mir, wie wenn das Jodeln zur Lustbarkeit wär'. Ich rufe: Wo geht der Weg hin? Aber er jodelt mir zur Antwort. Geh zum Teufel mit deinem Jodeln, sag' ich. Ich fürchte mich, wie ich das gesagt habe, aber ich hab's doch gesagt. Richtig, da geht wieder ein Weg in den Wald. Wenn's nur kein Holzweg ist, naß genug ist er dazu, da wird's das ganze Jahr nicht trocken vor den dichten Bäumen. Da sind Quellen. Wenn ich nur trinken könnte! Aber ich kriege nichts davon als nasse Füß'. Ich gehe neben dem Weg in den Wald, da geht sich's weich wie auf einem Bett; das Moos ist so tief, da ist, so lang die Welt steht, keine Handvoll ausgerauft worden. Wer sollte es auch von da oben holen? Jetzt ist der nasse Weg vorbei, da geht's trocken bergab, aber ich sehe keinen Weg mehr. Bei den Tannennadeln sieht man nicht, wo ein Mensch gegangen ist, und meine Schuhe sind so glatt wie geschliffen. Und jetzt reiß' ich mich auch noch an einem Stechapfel, daß ich blute. Schadet nichts! Gottlob! da liegt ein Stück von einem Ziegelstein; ich nehm' ihn auf, ja es ist ein Ziegelstein, das ist gut, da müssen einmal Menschen gewesen sein; der Ziegelstein wächst nicht von selber. Der schönste Diamant wäre mir nicht lieber gewesen als das Stück Ziegelstein. Ich gehe weiter und bin ganz ruhig, und ich erschrecke nicht einmal, wie da eine Otter zusammengeringelt in der Sonne liegt; ich werfe meinen Ziegelstein nach ihr, und sie huschelt davon. O, wie viel Erdbeeren sind da! Die holt aber niemand, es kommt niemand dahin, wer nicht verirrt ist, und ich einfältiges Ding wage es nicht, zu pflücken und meinen Durst zu löschen, weil ich meine, die Otter habe alle Erdbeeren vergiftet. Gut, da ist eine Rinnse, wo sie drüben vom Walde die Baumstämme herunterschleifen. Da muß es hinuntergehen, ich mein', ich höre den Bach rauschen; das ist gewiß unser Bach, es kann aber auch das Rauschen in den Baumgipfeln sein; wenn man in der Irre ist, da hört man auch nicht recht. Sei's, was es will, ins Thal muß ich. Ich nehme meine Röcke auf und halte das Päckchen mit dem Mutzen darin; das Päckchen hat mir viel Mühe gemacht; wenn man bergauf und bergein so was unterm Arm tragen muß, und wenn's auch nicht schwer ist, es ist doch, wie wenn die eine Hand festgebunden wäre. Still! Jetzt höre ich einen Wagen unten im Thal, da muß eine gute Straße sein, das ist ein einspänniges Bernerwägele oder auch ein zweispänniges, das so schnell rollt; jetzt geht's um eine Ecke, und jetzt hört man's nicht mehr. O weh! hast dich wieder anführen lassen; das ist ja der Wald, der so rauscht, und jetzt ist's über dir. Auf nichts mehr horchen jetzt. Ich helf' mir selber. Ich springe zu, aber es wird so steil, daß man keinen Fuß mehr setzen kann. Und da ist auch der Boden vom Baumschleifen so hart, daß man mit den Hacken nicht mehr einsetzen kann, und ich zerreiße ein Paar Schuhe, die zwei Gulden kosten; nicht die Hälfte habe ich an dem Mutzen verdient. Was thut's? Wenn ich nur mit meinen gesunden Gliedern davonkomme! Nur einmal bin ich gefallen. Man soll sich an nichts halten, wenn man's nicht vorher untersucht hat; Ginster hat einen guten Anhalt, das ist fest im Boden; ich hatte mich aber einmal an einer Baumwurzel, die Wurzel bleibt mir in der Hand, ich rutsche ein gut Stück hinunter. Ich drücke die Augen zu: jetzt mußt du sterben, jetzt ist's aus. Ich bleibe aber an einem Felsen liegen, mitten in einem Ameisenhaufen. Ich mache, daß ich davonkomme. Ich gehe in der Nähe der Rinnse, ich halte sie im Aug', in den Wald, und springe von Baum zu Baum; es ist kein Springen mehr, es ist wie geworfen, wie die Sperlinge fliegen und ihre Flügel zusammenklappen und sich in der Luft überstürzen, so ist's. Ich muß fast lachen, wie ich das denke, aber es ist mir nicht zum Lachen gewesen. Ich denk', davon kannst du dein Leben lang erzählen, und da denk' ich wieder: wenn du es nur schon erzählen könntest, dann wär's vorbei. Es wird schon vorbeigehn, du stirbst nicht daran, nur immer fort. Und so hab' ich mich immer von einem Zweig zum andern gegriffen, und nur einmal bin ich noch gerutscht, aber gefallen bin ich nicht mehr. Und die Geröllsteine kugeln vor mir hinunter, hüpfen vor mir in die Höhe und rollen lang, und ich mein', ich höre sie unten im Bach aufklatschen. Und ich denk', wenn du fällst, so fällst du auch hinunter. Ich klammere mich mit den Nägeln in den Boden, und fort und fort und wieder abseits in das Gebüsch, wo man neben der Rinnse den Fuß einsetzen kann. Endlich und endlich bin ich unten, aber halt dich. Keinen Schritt weiter, oder du bist des Todes. Haushoch geht's, wie mit dem Messer abgeschnitten, in den Bach. Da stehe ich, ich kann mit der Hand die Gipfel der Tannen greifen, die im Thal stehen, aber da ist kein Weg. Ich gehe zwei Schritt zurück und halte mich an einem Baum, und jetzt ist mir's doch wohler. Da fließt das Wasser. Gott sei Lob und Dank, da ist das Thal, und im Thal sein, ist daheim sein. Wie gut rauscht das Wasser, so heimelich, so getreu und so zufrieden, und das hat mir meinen Durst halb gelöscht, nur vom Hören und Sehen. Jetzt habe ich noch das schwerste Kunststück durchgemacht, wie ich da auf einem weiten Umweg endlich ins Thal herunterklettere. Und wie ich im Thal bin, da meine ich, jetzt stehe ich erst wieder aufrecht. Der Schweiß rinnt an mir herunter, immer ein Tropfen schlägt den andern; ich setze mich auf einen Stamm, der da liegt, da grad bei der breiten Buche, da wo der Hutmacher den Joseph gefunden hat. O, wie heiß ist mir! Ein Pferd, das sieben Stunden Galopp gelaufen ist, kann nicht stärker dampfen. Ich möchte mir gerade alle Kleider herunterreißen, es ist aber kühl im Thal. Die Sonne geht schon hinter die Berge, und es war noch nicht Mittag gewesen, als ich daheim fort bin. – Ich sehe Schwalben fliegen, o wie hat mich das gefreut! Und jetzt höre ich einen Hahn krähen. Keine Nachtigall singt so schön, wie so ein Hahn, wenn man verirrt gewesen ist. So, jetzt bin ich wieder in der Welt. Ich höre eine Henne gackern – wo ein Ei gelegt wird, freut sich eine Frau. Ich höre einen Hund bellen – wo ein Hund bellt, ist ein Mann um den Weg. Ich bin wieder in der Welt. Und jetzt hör' ich eine Mühle rauschen. Wo bin ich denn? – Ich hab', solange ich in der Irre war, in der Angst nicht geweint; aber jetzt, da ich gerettet war, jetzt ist mir's erst recht deutlich geworden, in welcher Gefahr ich gesteckt habe; und ich habe geweint, daß ich meine, ich muß vergehen, und hab' ihm doch nicht Einhalt thun können. Da kommt glücklicherweise ein Holzhauer. Ich frage: Wo bin ich? Da droben ist Röttmannhof, sagt der Holzhauer und will davongehen. Ich ruf' ihm noch nach: Wieviel Uhr ist? Fünfe vorbei. Also sieben geschlagene Stunden bin ich so herumgelaufen, das hätte ich doch nicht geglaubt. Ja sieben Stunden! Wenn ich abergläubisch wäre, könnte ich meinen, es sei der Kohlergeist gewesen, der mich so umgerührt hat, denn geschlagene sieben Stunden führen sie einen in der Irre herum, besonders die Taggeister. Ich gehe nun den Bach aufwärts, da muß ich ja nach der Heidenmühle kommen. Ich gehe den Weg dort der Mühle zu. Aber kaum bin ich zweihundert Schritte gegangen, da seh' ich, ich hab' mein Päckle liegen lassen auf dem Baumstamm, und es hat mir so viel Mühe gemacht, und ich hab's mit so viel Not bewahrt. Lieber Himmel! Auch das noch. Vielleicht hat's der Holzhauer gestohlen, und ich muß das Zeug bezahlen, statt daß ich Lohn bekomme. Ich renne zurück. Ja, die Menschen sind gut und ehrlich, wenn sie von was nicht wissen, wo's liegt. Mein Päckle war hinter den Baumstamm gerutscht, da liegt's noch. »Die Heidenmüllerin war eine gute Frau, ihre Tochter, die Toni, artet ihr nach. Die Heidenmüllerin hat mir trockene Kleider gegeben und mich gepflegt wie eine Schwester. Aber drei Tage hab' ich's gespürt, wie wenn mir alle Glieder zerschlagen wären. Und wie ich wieder heimgekommen bin – ach Gott, wenn man so verirrt gewesen ist, man glaubt gar nicht mehr, daß es ein Daheim gibt: einen Ort, wo dein Bett steht, dein Spiegel, dein Tisch, deine Kommode, dein Gesangbuch. O, was sind das aber für lauter gute Freunde, und wie lieb hat man sie dann, wenn man heimkommt, und möcht' dem Tisch und dem Stuhl schön Dank sagen, weil er stillgehalten und gewartet hat, bis man wieder kommt. Und wißt ihr, was noch das Aergste ist beim Verirren? Daß man ausgelacht wird, wenn man's hernach erzählt. Aber ich wünsche niemand, nicht einmal der Röttmännin, daß es so drein kommen sollt'. Und es war ein schöner Sommertag, den Sonntag nach Johanni; nein, nicht Sonntag, es war ja Montag, Peter und Paul. O, wie muß es erst sein, wenn man im Schnee und in der Nacht und so jung da draußen ist; da kann man nichts thun, als sich hinlegen und sterben. Ach Gott! Ich sehe das Kind vor mir, da steckt es im Schnee oder in einer Felsenspalte und schlegelt mit den Händen, und die Füße sind fest, und es kann nicht fort, und es schreit: Mutter! und es horcht, und es meint, es käme jemand, und es gibt niemand Antwort als der Rabe auf dem Baum. Und ein Hase läuft an ihm vorbei, husch! über den Schnee weg. Er fürchtet sich vor dem Kinde, und das Kind schaut ihm nach und vergißt sein Elend wieder. Mutter! Mutter! ruft es, und es ist nur noch ein Glück, daß es bald einschläft zum Nimmerwiederaufwachen. Ach Gott! Ich bin doch die unglücklichste Person, daß ich mir alles so ausdenken kann und so ausdenken muß; aber das ist so in unsrer Familie, und meiner Mutter hat man nicht umsonst nachgesagt, daß sie mehr könne, als Brot essen. Und wie ist's dem armen Kind gegangen, das drüben in Wengern begraben liegt? Man hat's im Wald gefunden am dritten Tag, ganz mit Schnee bedeckt, und nur auf dem Herzen war der Schnee geschmolzen. Alle Menschen, die's gesehen haben, haben weinen müssen, daß es ihnen fast das Herz abgestoßen hat, und die Mutter ist närrisch darüber geworden. Der Pfarrer hat dem Kind eine schöne Grabschrift gesetzt; ich hab' sie einmal auswendig gekonnt, aber ich kann sie nicht mehr. Und wie ist's dem Hutmacher gegangen, der am Neujahrstag die frischgefärbten Hüte nach Knuslingen trägt? Er kommt in die Schröckelhalde, da wo ich auch gewesen bin, wie ich verirrt war, und von da aufs Feld, und es ist ein Nebel, und man sieht die Hand vor den Augen nicht. Er lauft gewiß siebenmal ums Dorf herum und kann nicht hineinkommen. Es läutet, aber er hört's immer von einer andern Seite und kommt nicht dazu. Endlich hört er Gänse schreien, er geht auf das Gänsegeschrei zu und kommt richtig ins Dorf; aber wie hat er ausgesehen! wie wenn man ihn gerade aus der Erde herausgenommen hätte. Ja, eins habe ich noch zu sagen vergessen, der Heidenmüller –«. Hier wurde aber Leegart von einem großen Geschrei vor dem Hause unterbrochen. Fünfzehntes Kapitel. Ein Kind, das seinen Vater sucht. Die Leegart beherrschte das Haus des Schilder-David vom Morgen bis in die Nacht, und so war's natürlich, daß sie auch am Mittag den kleinen Joseph verbannt hatte; man konnte ja in seinem Beisein nicht von dem sprechen, was doch notwendig besprochen werden mußte. Die Nachricht, daß der Pfarrer das Dorf verlassen wolle, kam zuerst zur Leegart. Und jetzt zeigte sich's, daß sie nicht umsonst der geheime Gemeinderat genannt wurde. Sie ließ sofort zwei Gemeinderäte holen und schickte sie zum Schilder-David, damit sie den Pfarrer gemeinsam von seinem Vorsatze abbringen. Ein Knecht aus der Heidenmühle hatte Wein beim Rößleswirt und Zucker und allerlei Gewürz beim Krämer geholt; das blieb natürlich ebenfalls nicht verborgen im Dorfe, und die Nachricht fand den schnellsten Weg zum Hause des Schilder-David, das ging's ja am nächsten an und war ja auch dort die Leegart, die immer die frischesten Nachrichten haben mußte. Jedes suchte einen Stolz darin, ihr was Neues mitzuteilen, und es ist nicht mehr als einfache Schuldigkeit, ihr Bericht zu geben; man hat das schon im voraus bezahlt. Nun gab's eine wahre Lust, den Würzwein zu brauen, der zur Verlobung von Adam und des Heidenmüllers Toni bereitet wurde; Leegart that auch Gewürze dran, aber ganz andre, als man beim Kaufmann ausgewogen bekommt. Sie wünschte stets, wenn sie nur Gift hineinsprechen könnte, daß alle, die davon trinken, sterben müßten; besonders aber schwankte sie, wem sie am liebsten den Tod wünschte, der Röttmännin oder dem verdammten Heidenmüller, der sein einziges Kind zu so einem Frevel verkauft, weil er das Heiratsgut spart. Martina hatte es doch leid gethan, daß der Joseph heute so aus dem Hause verbannt war. Er sollte aber das, was hier gesprochen wurde, doch nicht hören, und wenn sie auch nicht in die Verwünschungen der Leegart einstimmte, sie konnte doch klagen und weinen. Sie hatte Joseph wieder zu Häspele geschickt, aber Joseph hatte genug von dem Hunde geredet, den er nicht bekommen sollte; er ging durchs Dorf, und bald sagte ihm eine Frau, die ihm begegnete, mitleidig: O du armes Kind! Heut ist ein böser Tag für dich. – Joseph fand das auch, er war ja aus dem Hause verstoßen. – Bald sagte ein andres, die böse Kunde klug bemäntelnd: Joseph! was macht dein Vater? hast ihn lange nicht gesehen? Der Knabe merkte, daß etwas im Dorfe vorgeht und alles auf ihn gerichtet ist; er hielt aber sein Wort gegen die Mutter und sagte niemand, daß der Vater heute komme. Es schneite unaufhörlich, und Joseph war ganz allein auf dem Eis am Weiher, er schlitterte auf und ab und schaute immer nach dem Wege, wo der Vater herkommen sollte. Es war ihm aber doch zu einsam, er ging zum Großvater. Vor der Thür der Werkstatt blieb er stehen, denn er hörte drin zwei Männer reden; er kannte ihre Stimmen, es waren die Gemeindeältesten, der Wagner und der Harzbauer; sie sprachen davon, daß die Pfarrköchin verraten habe, der Pfarrer wolle aus dem Dorfe, und sie glaube, daß besonders der Röttmann und der Heidenmüller mit daran schuld seien, und dazwischen wurde auf Adam geschimpft, er heiße nicht umsonst der Gaul, er lasse sich aufzäumen und mit sich kutschieren, wohin man wolle. Jetzt kamen die Männer heraus mit dem Großvater, und dieser sagte: »So, du bist da, Joseph? Geh heim, ich komm' auch bald.« Der Großvater nahm ihn nicht an der Hand, wie sonst, sondern ging mit den Männern nach dem Pfarrhause. Joseph stand still, und plötzlich, als ob ihm jemand gepfiffen hätte, wendete er sich und rannte das Dorf hinaus, ins Feld, dem Vater entgegen. »Der wird sich freuen! Und er setzt mich zu sich aufs Pferd.« Fort rannte der Knabe durchs Feld und hinab in den Wald mit fröhlichen Sprüngen. Er strich sich nur bisweilen mit der Hand den Schnee vom Gesicht und von der Brust, machte kleine Schneeballen daraus, warf sie an die Bäume, die er sich auswählte, und traf immer gut. Im Walde ging er aber langsamer und schaute sich oft um. Auf einem Ebereschenbaum am Wege saßen ein paar Gimpel und zwitscherten nur manchmal wie verschlafen und pickten dazwischen die roten Beeren ab, aber noch mehr, als sie aufpickten, fielen auf den Boden in den Schnee. »Ihr seid ja wahre Gimpel, ihr verderbt mehr Futter, als ihr fresset,« sagte Joseph und ging, die einfältigen Tiere verachtend, weiter. Drunten im Thal den Bach entlang sang ein Vogel so wundersam, so innig in sich hinein, fast wie eine Drossel. Wer ist das? Und der Vogel singt und fliegt immer weit voraus, je weiter man geht, immer voraus den Bach entlang, er lockt, wie wenn er sagen wollte: komm nach! komm nach, komm daher, da bin ich, da ist's prächtig, gar prächtig! Und kommt man ihm nach, ist er immer schon voraus, weiter und weiter. Da wo der Weg eine scharfe Biegung macht, lag tiefer Schnee; bis an die Knie sank Joseph ein beim ersten Schritt, er war aber klug, kletterte einen steilen Berghang hinauf und jenseits der Schneewehe wieder hinab auf den Weg. Es ist gut, daß hier am Hang, wo es scharf hinabgeht, Ebereschen angepflanzt sind, da weiß man den Weg. Gehören die Ebereschen auch meinem Vater? fragte Joseph fast laut. Die Bäume wußten nicht zu antworten, und es war kein Mensch da, der Bescheid geben konnte. Ein Fuchs stand nicht weit vom Wege im Dickicht und blinzelte nach dem Knaben; er mochte auch verwundert sein, was das für eine seltsame Erscheinung sei; er blieb lange stehen unverrückt und schaute nach dem Knaben, bis dieser rief: »Gehst fort!« Und fort trollte sich der Fuchs, aber gar nicht eilig, und der kleine Joseph sagte fast laut vor sich hin: »Ja, Großvater, so ist's, wie du gesagt, jetzt hab' ich's auch gesehen: der Fuchs schleift seinen Schwanz auf dem Boden nach und verwischt seine Fußstapfen, daß man nicht sehen kann, wo er gegangen ist, das ist gescheit.« Elstern schnatterten auf den Baumgipfeln, und ein Kreuzschnabel stand unten im Thal am Felsenvorsprung, und der Knabe nickte ihm mehrmals zu, und der Vogel nickte auch, er sprach kein lautes Wort, er that nur seinen Schnabel auf und zu, wie wenn er sagen wollte: ich hab' Hunger. »Da hast,« rief der kleine Joseph und warf das einzige Stückchen Brot, das er noch bei sich hatte, hinab in die Schlucht; der Vogel mochte es für einen Steinwurf halten, denn er flog scheu auf, und das Stückchen Brot war im Schnee vergraben, und niemand hatte etwas davon. Ruhig ging Joseph weiter, wartete bald unter einem Baum, bald unter einem vorspringenden Felsen und sah mit Behagen zu, wie der Schnee in eiligem Gewimmel und doch so still herunterfiel und immer mehr alles zudeckte. »Morgen muß mich mein Vater Schlitten fahren,« sagte er einmal vor sich hin, und in Gedanken an den Vater ging er wieder weiter und immer weiter. Es dämmerte, es begann dem Knaben doch schon etwas bange zu werden, aber er ging doch immer fort, und gut war's, daß ihn der Schilder-David vor allem hierländischen Aberglauben bewahrt hatte, aber der Häspele hat doch gesagt, daß die Seelen der Verstorbenen wie Lichter in der Nacht auf den Kirchhöfen tanzen, und auch manchmal im Wald, und der Schimmelreiter, der durch die Luft reitet, der kann knallen, der hat eine Tanne, so hoch wie der Kirchturm, als Geißelstecken. Das ist das steinerne Kreuz am Wege, wo einstmals ein Knecht mit Roß und Wagen den Berg hinuntergefallen ist, dort sitzt ein Rabe auf dem Kreuz. »Du bist doch nichts als ein Rabe,« sagte der Joseph und wirft einen Schneeballen nach dem Vogel, der davonfliegt. Weiter ging Joseph, da stand ein Bildstock, halbverschneite Menschengesichter, sommerlich gekleidet, sahen aus der Vertiefung heraus, in der das Bild angebracht war. Joseph brach einen Tannenzweig und wischte damit allen Schnee von dem Bilde ab. Die Figuren sahen ihn seltsam starr an. Da stehen fünf Männer in der Tiefe unter grünen Bäumen, sie tragen weiße Hemden, grüne Hosenträger und kurze gelbe Lederhosen. Sie stehen in einer Reihe, und jeder hat eine Axt in der Hand, vorn aber steht einer mit der Art allein, und neben ihm liegt ein Mensch am Boden, wie eine Schnur verdreht und blutend, er liegt neben einem gefällten Baume. Joseph las die Aufschrift. Da steht's: Vincenz Röttmann ist den 17. August unter einen Baum gekommen, hat große Schmerzen ausgestanden, den 23. August gestorben. Gott gebe ihm die ewige Ruhe und treffe alle Schuldigen. Joseph schauderte; die Figuren sehen ihn so an, wie wenn er auch schuldig wäre. Und was ist das für ein Röttmann? Zum Zeichen, daß er unschuldig wäre, legte Joseph den grünen Zweig auf den Bildstock und ging weiter, nicht ohne Furcht, weil ihm die Männer dort auf dem Bildstock so nachschauen. Was kommt denn dort des Weges? Ist's ein Mensch? Er hat hundert Höcker, das ist ein Geist. Er kommt näher, immer näher. Joseph geht herzhaft auf ihn zu und sagt: »Guten Abend!« Der Mann mit den hundert Höckern – es war der Hutmacher mit den vielen dreieckigen Hüten, die er an sich herumhängen hatte – will mit gutem Zureden und mit Gewalt den Joseph zurückführen, aber er entwischt ihm, und im Weitergehen schreit er laut in den Wald hinein: »Vater! Vater!« Und immer weiter ging's: »Er wird bald kommen, er hört dich.« Es wird immer dunklere Nacht, Joseph geht unaufhaltsam seinen Weg, und: »Vater! Vater!« ruft er, und seine Wangen glühen, daß der Schnee, der darauf fällt, alsbald schmilzt. Er sagt sein Nachtgebet wohl dreißigmal vor sich hin und: »Lieber Gott, laß meinen Vater gesund!« Das sagt er immer mit besonderer Andacht, und wieder macht er sich auf, er hört unten in der Thalschlucht etwas knattern und ächzen, nein, es ist wieder still. Aber, wo ist jetzt der Weg? – Da ist ja kein Weg mehr. – Weinend rennt der Knabe fort und stellt sich bald an diesen, bald an jenen Baum. »Vater! Mutter! Vater! Lieber Gott, hilf mir!« So ruft er, und Gott hat ihn gehört. Es kommen drei Engel mit Lichtern daher, sie haben weiße Kleider an und güldene Kronen auf dem Kopfe und singen so wundersam: Wachet auf, wachet auf, Kommet alle zu mir! Die Zeit und die Stunde Ist kommen allhier. Sie kommen immer näher und näher und jetzt sind sie da, und Joseph geht mutig auf sie zu und sagt: »Liebe Engel, nehmt mich mit und bringt mich zu meinem Vater und meiner Mutter.« »Herr Gott, ein Geist! Herr Gott, das Christkindle!« rufen die drei Engel und rennen mit ihren Fackeln davon, und so schnell, ja sie haben Flügel, die können gehen und fliegen, wie sie wollen. Joseph kommt ihnen nicht nach, er stürzt, richtet sich wieder auf. Alles ist verschwunden, er steht wieder verlassen. Aber dort flimmert wieder eine Fackel auf. Nur nach. Joseph hat seine Mütze verloren, aber er merkt es nicht, rennt aus voller Macht und schreit: »Wartet! Wartet! Ich bin ja der Joseph.« Aber die Engel warten nicht und sind nicht mehr zu sehen. Die Fußstapfen sind aber zu sehen auf dem Wege, und Joseph geht ihnen nach, immer nach, weiter und weiter, und endlich auf der Anhöhe – – gottlob! da blinkt ein Licht, viele Lichter, da ist ja alles so hell. Das ganze Wohlgefühl, daß dort Menschen geschützt unter Dach sind, kam über das verirrte Kind, und mit neuer Kraft rennt es nach dem Lichte hin und kommt richtig hinab zur Heidenmühle. Eben gingen die drei Engel die Freitreppe hinauf. Sie sangen: Es singen drei Könige diesen Gesang, Sie singen wohl oben mit himmlischem Klang:               Wachet auf, wachet auf,               Kommet alle zu mir!               Die Zeit und die Stunde               Ist kommen allhier. Joseph ging hinter den Singenden drein und wagte kaum zu atmen, geschweige zu rufen. Nur nicht rufen, sonst fliegen die Engel wieder davon. Er ging mit ihnen in die Stube, und die drei Engel sangen das Lied von den heiligen drei Königen zu Ende. Man hörte ihnen ruhig zu, gab ihnen zu essen und zu trinken und noch Geschenke obendrein, und die Engel aßen und tranken und bedankten sich gar schön. Joseph wurde es nun auch klar, daß das nicht Engel, sondern verkleidete Knaben waren, die die heiligen drei Könige spielten, sie gingen fort, und Joseph blieb allein. Jetzt erst wurde er von den Anwesenden im Hause bemerkt. »Wer bist du? Woher kommst du? Was thust du da?« So wurde er jetzt von der Röttmännin und der Heidenmüllerin und deren Tochter bedrängt. »Iß zuerst was und wärme dich dabei, du bist ja ganz naß und ohne Mütze,« sagte die Braut, »da iß und trink, hernach wollen wir schon weiter reden. Komm, ich zieh' dir deine Jacke aus und will sie an den Ofen hängen, setz dich nicht gleich da an den Ofen, das ist nicht gut.« »Ein schöner Bub',« sagte die Heidenmüllerin, während Joseph einige Schluck Glühwein trank. »Die Engel haben mich doch gut geführt, solche Getränke bekommt man im Himmel,« sagte Joseph. In den Augen der Röttmännin blitzte es gar seltsam, da sie diese Worte und diese Stimme hörte; sie rückte die Flasche weg, die vor ihr stand, und schaute auf den Knaben fast wie der Fuchs dort im Wald. »Woher bist du?« fragte die Braut. »Von Waldhausen.« »Und wer ist dein Vater?« »Er ist nicht da.« »Und wie heißt deine Mutter?« »Martina, und mein Großvater ist der Schilder-David.« »So hab' ich dich!« schrie die wilde Röttmännin, »Herrgott, das ist meines Adams Sohn.« Sie sprang behend auf und faßte den Knaben wie mit Geierkrallen. »Ja, Adam heißt mein Vater. Kennt Ihr ihn?« »Komm, ich bringe dich in die Kammer, ich thue dich ins Bett,« rief die Röttmännin. »Ich geh' aber nicht mit dir,« sagte Joseph; »du willst mich kochen wie die Hexe. Laß los oder ich beiß'.« »Ich will dich beißen, ich will dich kochen,« schrie die Röttmännin lachend. »O, das ist ein Glück vom Himmel, daß uns das Kind in die Hand gelaufen ist. Wir halten's verborgen und geben's nicht her. Jetzt können wir den Adam und alle zwingen, daß er nach unsrer Pfeife tanzen muß.« »Ich geb' Euch aber das Kind nicht,« trat die Braut vor; »fürchte dich nicht, fürchte dich gar nicht, komm, setze dich auf meinen Schoß, so. Wart' ich zieh' dir deine Schuhe aus und zieh' dir meine an. So, jetzt wird's dir warm werden. Jetzt sag': weiß denn deine Mutter, daß du von daheim fort bist? Und warum bist du fort? So allein in der bösen Nacht?« »Ich bin meinem Vater entgegen, und sie schimpfen im ganzen Dorf auf meinen Vater, weil er so stark ist wie ein Gaul, und meine Großmutter, die soll der helle Teufel sein, und ich hab's ihnen allen sagen wollen.« »Wart, ich will dir heller Teufel!« so schrie die wilde Röttmännin und rang mit der Braut um das Kind; diese wehrte sich aber mit aller Macht, und eben als die beiden Frauen noch miteinander rangen, traten die beiden Großväter ein. »Da ist mein Großvater!« jauchzte der kleine Joseph und rannte auf den Schilder-David zu. »Ist das das verlorene Enkelchen?« fragte der Speidel-Röttmann; »komm her, Bursch; da hast du noch einen Großvater. Das ist ja ein prächtiger Bursch. Wär' schade gewesen!« »Und ich sage nein und dreimal nein und siebenmal nein, und eher lasse ich mir die Zunge ausreißen und dem Hund vorwerfen, ehe ich ja sage!« raste die Röttmännin. »Hast recht, sag nein! Aber es gilt nichts mehr. Ist das nicht ein Wunder vom Himmel, daß ein Kind so verloren und wiedergefunden ist? Draußen im Walde rennt das ganze Dorf hin und her, und sie suchen das Kind; das ist ja ein Kind, auf das dürfen wir stolz sein, und das ist ja eine Ehre und ein Ansehen, daß einem so ein Kind gegeben ist, das alle Menschen so lieb haben und ihr Leben dafür einsetzen. Unser Herrgott hat ein Wunder gethan, jetzt soll er auch an dir ein Wunder thun, Frau. Sei gut, gib nach. Nachgeben ist keine Sünde. Bist du's zufrieden, Toni?« »Wenn's weiter nichts ist, mit meinem Willen werde ich diesem Kind seinen Vater nicht nehmen.« »Und ich sage nein und nein, und mit meinem letzten Atem sage ich nein, und ich will sehen, ob man über mein Nein hinüberschreiten kann.« Der Schilder-David hatte während dieser ganzen Hin- und Widerrede geschwiegen, er hielt den Joseph hoch in den Armen, fuhr ihm immer mit der Hand übers Gesicht und über den ganzen Körper herunter, ob's denn auch wahr ist, daß er ihn wieder habe; und jetzt schlich er mit Joseph auf dem Arm zur Thür hinaus. Er wußte nicht, was er wollte; er wollte mit dem Kinde allein wieder heim, aber erst vor dem Hause merkte er, daß ihm die Kniee wie gebrochen waren; er mußte sich dort auf die Treppenstufen setzen, und drinnen im Hause hörte er lärmen, und ein Fenster wurde geöffnet. und ein scharfer Rauch kam heraus, denn man hatte die Lichter am Weihnachtsbaum ausgeblasen. So saß der Schilder-David. Wer kommt da, wer ist das? Es ist Häspele. Er jauchzte hoch auf, als er den Joseph sah, der aber schnatterte, daß auch der Schilder-David nur mit Mühe sich hielt. »Geh schnell zurück in den Wald und sage, daß er da ist; sie sollen nicht mehr umsonst herumlaufen!« rief David zähneklappernd. Häspele eilte mit lautem Gejauchze zurück. »Er ist gefunden! Er ist gefunden!« schrie er den Berg hinauf, bis er nicht mehr schreien konnte. Zum Schilder-David aber kam jetzt eine Frauengestalt und sagte: »Gebt das Kind mir.« »Nein, ich geb's nicht her. Was willst du?« »Ich will es hinauftragen in meine Kammer und in mein Bett legen. Kommt mit.« »Ei, du bist ja die Toni? Deine Mutter war eine brave Frau.« »Und ich möcht' es auch sein. Kommt, schnell, hurtig!« »Ich kann keine Treppe mehr steigen; ich spür's jetzt, was ich durchgemacht habe.« »So kommt in den Stall, da ist's auch warm.« Toni führte den Schilder-David in den Stall, machte auf trockenem Heu ein gutes Lager zurecht, legte das Kind hinein und deckte es zu. Der Schilder-David hielt dem Kinde die Hand auf die Stirn, das Kind schlief, und der Großvater blieb bei ihm sitzen und wagte kaum zu atmen. Erst als sie beide ganz ruhig waren, ging des Heidenmüllers Toni leise aus dem Stall. Sechzehntes Kapitel. Schlafen und Wachen in der Heidenmühle. Häspele war von den Eltern auf der Höhe, wo sie das Licht gesehen hatten, fortgeschickt worden, er solle ausspüren, was dort vorgeht. Martina wollte es nicht glauben, als Adam hinzufügte: »Es kann ja sein, wer weiß, vielleicht haben sie unsern Joseph in der Mühle gefunden,« und doch wollte sie gleich mit hinab; Adam brachte sie dazu, daß sie wartete, bis Häspele zurückkäme. Endlich kam er; er rannte nach der Stelle, wo sie auf ihn warten wollten; sie waren nicht da. »Ist denn heute alles verhext?« sagte Häspele. Adam und Martina aber waren eben daran, die drei Engel zu fangen. Adam hielt sie mit seiner mächtigen Stimme an, als sie des Weges daherkamen, aber die Engel schienen einmal vor dem Geschlechte der Röttmänner solche Angst zu haben, daß sie davonliefen. »Du wirst sehen, unser Joseph ist mit zum Dreikönigsingen gegangen,« lebte Martina wieder neu auf. Adam setzt den Engeln nach und bekommt richtig einen bei seinen Flügeln, aber der Flügel bleibt in seiner Hand; er folgt den Engeln, sie fliehen, aber nicht schnell genug für einen Mann wie Adam. Er hielt einen der Engel in der Hand hoch und fragte ihn nach Joseph; dann brachte er ihn zu Martina, die weiter oben wartete; aber der Knabe war so voll Zittern, daß nichts aus ihm herauszubringen war; er wollte um alles nicht gestehen, wer seine Kameraden seien, und als man ihn fragte, ob ihnen nicht ein starker Knabe von sieben Jahren begegnet sei, da sagte der Engel bald nein, bald ja; es war nicht klug daraus zu werden. Mitten in diesem Verhöre erschien Häspele: »Er ist da! Er ist da!« »Wer ist da?« »Der Joseph!« sagte der Häspele heiser. »Wo? Wo? Wo?!« stürzte Martina auf ihn los. »Wo ist er? Um Gottes willen! Ist er tot oder lebendig?« »Drunten in der Heidenmühle sitzt er und trinkt warmen Wein!« »Mein Joseph! mein Joseph!« schrie Martina, daß es im Thale wiederhallte, und rannte mit aller Macht den Berg hinab; Adam konnte ihr kaum folgen; sie eilte die Treppe hinauf, riß die Thür auf und schrie: »Joseph! Joseph! Wo ist mein Joseph?« »Geh zum Teufel mit deinem Joseph!« antwortete ihr eine Stimme; sie kannte sie, es war die Stimme der Röttmännin. Kein Schreck, keine Angst, keine Todesfurcht, keine Himmelsfreude hatte Martina niederwerfen können; diese Stimme warf sie nieder, daß sie mit einem entsetzlichen Schrei leblos zu Boden sank; selbst der hinter ihr stehende Adam war so erschreckt, daß er sie fallen ließ, ohne sie aufzuhalten. »Mutter! Mutter!« schrie er; er konnte weiter nichts hervorbringen. »Heiße sie nicht Mutter,« rief die Braut; »geh weg, Adam, laß mich; ich will sie schon aufheben. Gib mir den warmen Wein dort her, tropfe ihr den Schnee von deinem Mantel auf die Schläfe. So, so! sie atmet.« »Hahaha!« lachte die alte Röttmännin, »und wenn die ganze Welt zum Narren wird, ich nicht; und wenn sie alle vor mir umfallen wie die Maikäfer, ich sage doch nein.« Der Speidel-Röttmann aber, statt seiner Frau zu antworten, ging auf Martina zu: »Komm, Martina, sei gescheit, erhole dich. So, ich heb' dich auf, so, da setz dich her.« »Mein Joseph! Wo ist mein Joseph?« »Unten im warmen Stall, er schläft; laß ihn ruhig schlafen, dein Vater ist bei ihm und wacht, wir haben ihn ins warme Heu gelegt, aber wart nur, wir tragen ihn jetzt gleich herauf und legen ihn in mein Bett, es ist gleich nebenan in der Kammer. Du darfst hinuntergehen, Adam, brauchst nicht zu fürchten, daß deiner Martina was geschieht, geh du nur, ich bin bei ihr.« »Und ich!« sagte der Speidel-Röttmann. Adam ging die Treppe hinab in den Stall und trug das Kind herauf in das Bett. Der Schilder-David schlief so fest, daß er ihn nicht zu wecken wagte. Auch das Kind schlief fort, da er es auf den Arm nahm und die Treppe hinauftrug; es fuhr dem Vater nur einmal mit der Hand übers Gesicht, dann ließ es die Hand wieder schlaff sinken. Leise wurde nun Martina in die Kammer geführt, sie beugte sich nur still über Joseph und hörte ihn atmen. »Leg dich ein bißchen zu dem Kind auf mein Bett,« sagte des Heidenmüllers Toni zu Martina; diese schaute sie groß an, und Toni sagte: »Sei froh, daß es so gekommen ist. Dein Adam und ich, wir haben uns miteinander verloben müssen; er ist gezwungen gewesen wie ich, und dein Adam ist brav, kein ander Wort hat er zu mir geredet als von dir, und wir sind Brautleute gewesen und haben einander noch keinen Kuß gegeben.« »So geb' ich dir einen,« sagte Martina aufstehend, und umhalste Toni. »Da möcht' ich meine Backen dazwischen haben,« sagte Häspele zu Adam und fuhr gegen die beiden Frauen fort: »Ihr seid alle beide gute Bissen. Jetzt, Toni, jetzt wär's geschickt, nimm mich, willst? Ich sehe schon, du sagst nein, aber deine Hochzeitsschuhe mache ich dir doch.« »Wo ist mein Vater?« unterbrach Martina. »Er schläft im Heu.« »Lieber Gott, wenn er erwacht und das Kind ist ihm von der Seite genommen; der kommt von Sinnen.« »Sei ruhig, ich gehe in den Stall und bleibe bei ihm, bis er aufwacht,« entgegnete Toni, aber Häspele hielt sie auf; er wollte etwas zu trinken, denn er müßte schnell auf den Reitersberg, wo die Wache wartete. Toni brachte ihm schnell ein Glas Würzwein. Der Verlobungswein wurde heute von seltsamen Gästen genossen. Es war nun wieder still auf der Mühle. Hier schlief Joseph, an dessen Bett Adam und Martina wachten, im Heu schlief der Schilder-David, bei dem Toni wachte, und oben in der Kammer schlief der Heidenmüller. Die Röttmännin suchte ihn zu wecken, sie mußte eines Mannes Hilfe haben, aber der Heidenmüller gab keinen Laut von sich und die Röttmännin fluchte auf den regungslosen »Mehlsack«, der sich jetzt dahinlegt, während das ganze Haus auseinander fährt. Eben als die Röttmännin wieder in die Stube kam, schrie sie laut auf: »Was ist denn das? Will denn die Welt untergehen heute?« Denn es krachte von den Bergen, tönte wieder aus den Thälern und von den Felsen, daß der kleine Joseph selber darüber erwacht war und in der Kammer schrie: »Vater!« »Ich bin da,« antwortete Adam. Das Schießen wiederholte sich, und jetzt kam's herbei mit Waldhornklang, mit Schellengeklingel, Peitschenknallen und Hundegebell. »Du hast den Teufel gerufen, daß er kommen soll. Hörst du? Er kommt. Gib nach, solange es noch Zeit ist!« suchte der Speidel-Röttmann seine Frau zu bekehren. »Wenn der Teufel kommen will, ist's mir recht; möcht' schon einmal ein rechtes Wort mit ihm reden,« erwiderte die Röttmännin; »ihr seid alle nichts nutz, ihr könnt alle zu Kreuz kriechen; was eine rechte Frau ist, gibt nie nach, nie, lieber sterb' ich.« Das wilde Heer kam immer näher, und jetzt hält es still vor der Mühle. Es kam aber nicht herauf, denn im Stalle hörte man das Jammergeschrei einer Frau und wildes Klagen und Stöhnen einer Männerstimme. Der Schilder-David war erwacht, er fand das Kind nicht und wühlte jetzt im Heu, das Kind suchend, und schrie und stöhnte, und das Zureden der Toni half nichts, ja der Schilder-David drohte, sie zu erwürgen, wenn sie ihm das Kind nicht gebe. Eduard drang in den Stall, und Toni warf sich ihm entgegen und rief: »Helft, helft!« Im Schein der Laterne sah der Schilder-David entsetzlich aus, wie er im Heu wühlte und sich umwendete und die Halme ihm über das Gesicht und in den Haaren hingen. »David, es ist ja alles gut,« sagte der junge Landwirt mit seiner wohltönenden Stimme; der Schilder-David sank in das Heu zurück. »Wer ist der Fremde?« fragte die Toni den Häspele. »Der Bruder unsrer Pfarrerin.« »Herr . . . Herr Bruder,« begann Toni, »saget doch dem David, daß sein Enkelchen in meiner Kammer ist und der Adam und die Martina bei ihm. Saget Ihr's ihm, mir glaubt er nicht, mich hört er nicht. Um Gottes willen, helfet, Ihr seid ja der Bruder der Pfarrerin, und Ihr müßt auch ein guter Mensch sein, und ich hab' es Euch heute schon angesehen. Um Gottes willen haltet auf.« Der Schilder-David, der sich ins Heu gesetzt hatte, streckte Toni die Hand entgegen. »Du hast recht. Verzeih, hilf mir auf.« Toni an der einen und Eduard an der andern Hand hoben den Schilder-David in die Höhe, und er sagte: »Ihr seid zwei gute Menschen.« Eduard hielt den Schilder-David im linken Arm, die Rechte reichte er Toni, er wußte nicht, warum er's that, und sie gab ihm die Hand, und sie wußte nicht, warum sie es that, aber sie hielten einander fest. »Ich kann schon jetzt allein gehen,« sagte der Schilder-David, und die beiden säuberten ihn von dem Heu und geleiteten ihn die Treppe hinauf. Das Wiedersehen von Martina und Schilder-David war kurz abgebrochen, sie reichte ihm nur das Kind hin, dann gingen sie alle in die Stube, wo man den Häspele laut lachen hörte. Er wollte den Fastnachtshansel spielen und dabei die Röttmännin zum Jawort bekehren, das sollte in dieser Weise das Leichteste sein. Als Joseph an der Hand des Großvaters in die Stube kam, sagte Toni: »Du hast dabei nichts zu hören,« und sie führte ihn wieder zurück in die Kammer jenseits der Hausflur. »Das ist der Bruder der Pfarrerin,« sagte sie noch im Hinausgehen zur Röttmännin, indem sie Eduard vorstellte. Dieser sprach nun auch eindringlich zur Röttmännin, sie gab ihm keine Antwort, keinen Laut ließ sie hören und schaute ihn immer funkelnden Auges an. »Es ist bald Zeit, daß man in die Kirche geht,« hieß es nun, und der ganze Trupp verließ die Stube. Als man sich vor dem Hause sammelte, hörte man oben in der Stube rufen: »Die Röttmännin soll leben, sie hat ihr Jawort gegeben!« Es war die Stimme Häspeles, er kam triumphierend die Treppe herunter, alles schrie hoch! und abermals hoch! das Horn schallte drein, die Rollen klingelten, eine Stimme schrie vom Fenster heraus, man hörte sie nicht. Unter Hörnerklang und Gesang zog man den Wald hinauf, dem Dorf zu. Toni ging neben Martina. Auf der ersten Anhöhe sagte sie: »Jetzt muß ich umkehren, ich möcht' gern mit euch in die Kirche und möcht' gern bei dir bleiben, aber ich weiß nicht, was das ist, jetzt überfällt mich eine Angst, daß mein Vater von all dem Lärm nicht aufgewacht ist. Ich bin kein braves Kind, ich hab' nicht nach ihm gesehen. Gut' Nacht, Joseph,« sagte sie, diesem die Hand reichend, »gut' Nacht, alle miteinander.« Sie ging an Eduard vorbei, ihre Hand zuckte, und auch die Hand Eduards, aber sie gaben doch einander die Hand nicht vor den Menschen. »Gut' Nacht,« sagte Eduard leise, und sie erwiderte ebenso leise: »Gut' Nacht.« Häspele brachte ihr noch ein schallendes Hoch aus, als sie zur Mühle zurückkehrte, und alles stimmte mit ein. Adam trug den Joseph auf dem Arm, er hatte ihm die neuen Kleider angezogen und die neuen Stiefel, und endlich mußte er dem Großvater nachgeben, daß das Kind neben ihm herschritt. Auf der Anhöhe vor dem Dorfe schrie Häspele mit der letzten Kraft seiner Stimmmittel: »Halt! Halt!« Hier lag der Wolf noch im Feld, wie ihn Adam hingeschleudert hatte. Adam führte seinen Sohn zu dem toten Tiere und sagte: »Sieh, den hab' ich totgeschlagen mit meinem Knüttel.« Joseph ließ sich aber durch kein Bitten und kein Schelten dazu bewegen, den Wolf zu berühren, er fürchtete sich. »Es ist gut, daß du in des Vaters Gewalt kommst,« sagte Adam, »wenn's noch länger gedauert hätte, du wärst kein Röttmann geworden.« An der rechten Hand führte er drauf seinen Sohn, an der linken schleppte er den Wolf. So ging's hinein bis vor des Schilder-Davids Haus. Siebzehntes Kapitel. Großes im kleinen Hause. »Ja, das habe ich noch zu sagen vergessen, der Heidenmüller,« hatte Leegart gesagt, als sie plötzlich durch das Geschrei vor dem Hause unterbrochen wurde. »Er ist gefunden! Der Joseph ist da.« Die Weiber rannten vor das Haus und fragten: »Ist niemand verunglückt?« »Alles wohl auf, alles!« hieß es zur Antwort. Leegart blieb unverrückt auf ihrem Platze sitzen, sie stemmte nur ihre Füße um so fester auf den Schemel, der jetzt so seltsam zu zittern begann, nahm schnell eine Prise der Beruhigung und betrachtete die Jacke mit jenem Blicke, der da spricht: dich krieg' ich nicht mehr in die Hand. »Der Joseph ist da!« rief der vorausstürmende Häspele der Leegart zu. »Und meine Jacke ist fertig!« entgegnete Leegart in der bescheidenen Zuversicht, daß sie den Joseph durch ihr unausgesetztes Nähen am Leben erhalten habe. Da indes der einfältige Häspele nichts darüber bemerkte, fragte sie: »Wo hat man ihn gefunden?« »In der Heidenmühle.« »Ich hätt' eigentlich nicht zu fragen brauchen,« beteuerte Leegart, mit stolzer Ruhe um sich blickend, »ich hab's gewußt, wo er ist, ich hab' den Weg angegeben, den er gegangen ist; eben in der Minute, wo das Geschrei gekommen ist, habe ich das Wort gesagt: der Heidenmüller. – Die Weiber müssen mir's alle bezeugen.« Für Leegart war das vor allem das Wichtigste, daß sie so weise war, auch dahin sehen zu können, wo sie nicht ist. Als alle in die Stube kamen und Martina ihr die Hände drückte – sie zerdrückte dabei eine heimliche Prise –, da sagte Leegart wieder: »Ich hab's gewußt, ich hab's vorhin gesagt, in der Heidenmühle ist er. In der Minute, wo der Häspele gekommen ist, habe ich noch das Wort Heidenmüller gesagt, und ich prophezeie dir, Martina, du kriegst deinen Adam.« »Es ist so! Es ist so! Da kommt er!« rief Martina. Leegart schaute demütig zu Boden, sie wollte nicht dafür gelten, daß sie prophezeien könne, wenn nur sie es bei sich weiß. Sie nickte allen zu, die in die Stube eintraten, wie wenn sie sagen wollte: ich hab's gewußt, daß ihr kommen müsset, ich hab' alles vorausgesehen, und genau hab' ich's vorhergesehen, wie der Adam den Joseph an der Hand hält, und das von dem Wolf habe ich auch gesehen, bei mir ist es nur eine Kreuzotter gewesen, aber ein böses, giftiges Tier ist das eine wie das andre. Es hat alles so kommen müssen. Sie war über nichts verwundert. Mir ist nichts verborgen, sagten ihre Mienen, und sie schnupfte dabei ebenso heimlich als behaglich. »Ich hab' drei Vater,« rief der kleine Joseph. »Leegart, da sind meine drei Vater.« »Gut, aber geh jetzt schlafen,« befahl David. »Martina, bring den Joseph ins Bett! Gottlob! daß wieder alle da sind!« schrie er seiner Frau ins Ohr. Die Großmutter nickte fröhlich. »Hat's Heu geschneit?« fragte sie und nahm ihrem Manne noch einige Halme aus dem Haare. Alles lachte, die taube Großmutter lachte vergnüglich mit, um und um schauend, sie sah von jedem Gesichte ab, was sie nicht hören konnte. Sie reichte dem Speidel-Röttmann die Hand und sagte: »Setzet Euch, setzet Euch nur.« Adam reichte ihr von selbst die Hand und rief mit gewaltiger Stimme ihr ins Ohr: »Grüß Gott, Schwiegermutter!« Die Schilder-Davidin wich einen Schritt zurück, wie wenn sie einen Stoß bekommen hätte. »Ich hör' schon. Ich bin nicht so taub,« sagte sie auf der Ofenbank vor sich hin und betrachtete scheu die großen Männer und die großen Hunde. Das kleine Haus des Schilder-David war nicht für die Röttmänner gemacht. Vater und Sohn reichten fast an die Decke, wenn sie aufrecht standen. Der kleine Joseph saß eine Weile auf dem Schoße des Speidel-Röttmann. David war eifersüchtig und fast bös auf das Kind, das so schnell an andre Menschen sich gewöhnt. »Schenk mir deinen großen Wolfshund,« sagte Joseph zu Großvater Röttmann, und dieser erwiderte: »Er ist dein.« »Du bist mein,« sagte Joseph zu dem Hunde, aber einstweilen mußte er ihn noch dem Großvater lassen, denn der Hund ging nicht mit ihm. »Bring eines den Joseph ins Bett,« befahl David jetzt wiederholt. Die Großmutter verstand an den Lippen ihres Mannes, was er sagte, sie nahm den kleinen Joseph und ging mit ihm nach der Dachkammer. Kaum war die Thür hinter Großmutter und Enkelchen ins Schloß gefallen, als Leegart vortrat und mit einer Bestimmtheit und Festigkeit, die alle staunen machte, ausrief: »Und jetzt, Martina, jetzt zieh dich zur Hochzeit an. Ich zieh' dich an, ich habe dir's versprochen. Ihr Männer, wenn ihr rechte Männer seid, so machet, daß heute nacht noch Adam und Martina getraut werden. Ihr könnet, wenn ihr wollet und nicht nachgebet. Ihr Röttmänner, jetzt gibt's ein Röttmannsstück, wo ihr euch zeigen könnt. Jetzt soll der Speidel einen harten Klotz spalten, und du, Gaul, selbst Vorspann sein. Was schaut ihr mich so an? Geht zum Pfarrer, und ich sag's euch, ihr bringet's zuweg. Ich sag's euch und weiß, was ich sag'. Komm, Martina, ich zieh' dich an. Du sollst nicht am Tag gehen und dein Gesicht verhüllen, du hast dich lange genug gegrämt und geschämt. Komm!« Sie zog Martina mit in die Kammer, alle sahen ihr staunend nach, niemand redete ein Wort. Bald kam Martina festlich gekleidet in die Stube zurück. Adam ging auf sie zu und zeigte ihr, ohne daß es die andern sahen, etwas, das eingewickelt und mit einem besonderen Band in seinem Geldbeutel befestigt war. Dann wendete er sich in die Stube und sagte: »Vater, Schwiegervater, es ist am besten so. Kommt mit uns zum Pfarrer. Noch heute muß er uns zusammengeben.« »Es wird nicht gehen.« »Wir wollen's probieren.« »Noch eine Hauptsache,« hielt jetzt der Schilder-David auf. »Wenn man sich zum Aufgebot meldet, muß man den Katechismus und besonders die zehn Gebote kennen. Kannst du mir sie noch hersagen, Adam? Du schweigst? Hier hast du den Katechismus vom Joseph, geh in die Kammer und wiederhol' es schnell.« »Ich helf' dir,« sagte Martina und ging mit Adam in die Kammer. Das war aber ein schwer Stück Arbeit. Adam standen schwere Tropfen auf der Stirne, aber er brachte dafür die zehn Gebote nicht wieder in den Kopf, besonders die Ordnung, wie sie nacheinander folgen, verwirrte er immer wieder, und dabei hatte er offenbar eine tiefe Erschütterung im Herzen, wie er jetzt in dieser Stunde diese ewigen Gesetze wieder sich einprägen sollte. »Kann unser Joseph die zehn Gebote auswendig?« fragte er Martina. »Ja freilich, Wort für Wort.« Die Leegart erlöste den verzweifelnden Adam, sie kam in die Kammer und sagte: »Haltet euch jetzt nicht auf. Bei euch ist's anders wie bei andern Menschen. Der Pfarrer wird nicht danach fragen, und du kannst ja dem Pfarrer versprechen, daß du es nachlernen willst.« »So ist's,« bestätigte Adam glücklich und machte das Buch zu, ihm war eine schwerere Last von den Schultern genommen als damals, da er die beiden Räder trug. Er ging mit Martina in die Stube. Die beiden Väter und das Brautpaar wollten miteinander das Haus verlassen. Adam versuchte der Schwiegermutter zu erklären, was vorgehe, aber sie wich vor ihm zurück und hielt sich die Ohren zu; erst als David zu ihr redete, nickte sie. »Soll ich daheimbleiben und den Joseph hüten?« fragte sie. »Ich will's thun, ihr habt alle mehr gethan, und ich hab' daheimgesessen, aber ich möcht' doch auch dabei sein, wenn meine Martina getraut wird.« »Die Leegart ist so gut und bleibt bei dir.« »Nein, ich bin nicht so gut. Ich hab' gelobt, bei der Trauung der Martina zu sein, und ich könnte nicht davonbleiben, wenn ich auch wollte.« Glücklicherweise kam jetzt der Nothelfer Häspele, und obgleich er sich sehr schön herausgeputzt hatte und sich wohl rühmte, was er gethan, und sich übermäßig freute, daß heute die Hochzeit sein solle, und natürlich damit vorn stehen wollte, ließ er sich endlich bewegen, bei dem Joseph zu bleiben, denn Martina sagte: »Vetter, du bist dein Lebtag gut gegen das Kind gewesen und gegen mich, thu auch noch das Gute und bleib jetzt bei dem Kind.« »Ja, ja, ich thu's schon, rede nichts mehr,« sagte Häspele, schluckte die Thränen hinab und ging hinauf in die Dachkammer und blieb beim Joseph sitzen. Die beiden Väter, die Mutter und das Brautpaar gingen nach dem Pfarrhause, wenige Schritte hinter ihnen drein ging die Leegart allein, sie schaute um und um nach den Häusern, wo überall Licht war, da ahnt niemand, welch ein Unerwartetes diese Nacht noch vollbringen muß. Leegart hörte Musik. Das ist Hochzeitsmusik, die in den Lüften spielt. Freilich hört nur sie allein diese Musik, aber sie weiß und hört eben auch mehr als andre Menschen. Als die Hochzeitsleute im Pfarrhause in die Stube eintraten, blieb Leegart bei der Magd in der Küche, sie schickte sie aber alsbald in die Stube, damit sie das Schiebfensterchen öffne, das nach der Küche führte. Achtzehntes Kapitel. Um des Kindes willen. Die Nacht ward zum Tage, der Tag zur Nacht verwandelt, so gestern wie heute. Es bedurfte der ganzen stillen Gelassenheit des Pfarrers, daß er nicht in fiebrische Hast und Unruhe versetzt wurde. Aber so wenig er es duldete, daß man ohne die äußerste Not mit der Kirchenglocke Sturm läutete, ebenso wußte er sein Inneres vor Sturm zu bewahren. Er schaute lange zum Fenster hinaus, jetzt in der Nacht hörte man den Pendelschlag der Turmuhr, und gleichmäßig wie der Pendelschlag der Turmuhr ging der Herzschlag des Pfarrers. Er hatte die schwere Kunst gelernt, mitten in aller Unruhe und allem Herzeleid, das er in voller Seele mitempfand, die Gelassenheit festzuhalten und jegliche Leidenschaft, auch die edelste der Mitempfindung, niederzuhalten. Während alles, was bei dem Auszuge im Dorfe verblieben war, sich zu einer Arbeit zwang, Unterhaltung und Ansprache suchte, um die Angst zu überwinden, um sich wach zu halten, saß der Pfarrer sinnend und allein in seiner Stube und schaute vor sich hin ohne Regung, ohne irgend etwas vorzunehmen, und doch war's dabei lebendig und bewegt in seiner Seele. Die Dorfbewohner, die von dieser Gewohnheit wußten, behaupteten, der Pfarrer predige im stillen vor sich selber, die Pfarrerin aber hatte ihrem Vater vertraut und sonst noch niemand aus der Welt: der Pfarrer setze in solchen Stunden wundersame Gedichte, so fein, so zart, daß die feste Sprache für sie zu rauh sei, und es genüge ihm, die Worte und Gedanken vor sich zu gewinnen, und er habe weder Lust noch Bedürfnis, sie in geschriebenen Zeichen festzuhalten. So habe er damals, als man im Nachbardorfe Wengern das Kind erfroren gefunden, die Worte, die jetzt auf dem Grabe stehen, wie träumend vor sich hingesprochen, und sie habe viele Mühe gehabt, bis er ihr erlaubte, sie aufzuschreiben und dem Amtsbruder in Wengern zu übergeben. Manchmal aber war es auch ein Gedicht, ein tiefer Gedanke aus fremder Seele oder eine Melodie seines Lieblingsmeisters, die der Pfarrer in solchen stillen Stunden sich selber wiederholte, weiter führte und neu bildete, und wenn er so still mit sich verkehrt hatte – die Pfarrerin nannte es sein überirdisches und er nannte es sein unterirdisches Dasein –, da trat er in die Welt hinaus zu den Menschen mit dem lauten Wort, mit einer Weihe und Verklärung, mit einer gesättigten Kraft, die jeder empfand. So saß er an diesem Abend still, in sich lebend. Langsam tönten die Glockenschläge vom Turm, die Stunde auf Stunde verkündigen; sie tönen gleich, ob es Tag, ob es Nacht, ob sie in Freud oder Leid hineinklingen; sie tönen und sprechen: wieder ein Zeitraum dahin, der zur Ewigkeit geworden. »Wir haben ihn gefunden!« rief es plötzlich auf der Straße, und Waldhornklang schallte drein. Der Pfarrer trat ans Fenster und hieß seinen Schwager willkommen. In der Stube erzählte Eduard mit hastigen Worten, daß Joseph in der Heidenmühle bei der vormaligen Braut Adams gefunden worden sei. Er hielt sich nicht lange dabei auf, das krallige Wesen der wilden Röttmännin zu schildern; er sagte mit Begeisterung, wie rechtschaffen heute sich das Herz des ganzen Dorfes bewährt: »Diese Männer haben nichts als ihr Leben, ihre gesunden Glieder, mit denen sie sich durchschlagen müssen, und mit einer Zuversicht und Bestimmtheit, als müßte das so sein, setzte jeder sein Alles ein, um ein verlorenes Kind zu retten. Da hat sich's gezeigt, daß Ihr Herz, lieber Schwager, in allen diesen Menschen lebt; Sie waren daheim und doch waren Sie bei uns. Ich kann mir's nun denken, daß es Ihnen schwer, fast unmöglich sein muß, diese Menschen zu verlassen.« Der Pfarrer erwiderte nichts darauf, kein Wort der Zustimmung oder des Widerspruchs, und die Pfarrerin fragte: »Und des Heidenmüllers Toni hat den Adam aufgegeben? Gottlob! Sie hat ein feines und reines Herz, der wird es noch gut gehen in der Welt. Warum habt ihr sie aber nicht mitgenommen ins Dorf? Hättest du sie mir nur ins Haus gebracht, Eduard. Sie bedarf jetzt des Schutzes vor ihrem Vater, vor ihrer Stiefmutter und der wilden Röttmännin.« Eduard antwortete nicht, aber er atmete schwer; der Pfarrer setzte indes hinzu: »Sei ruhig wegen der Toni, sie ist stark genug, sie ist von hartem Kernholz, und man kann niemand den Folgen seiner Thaten entziehen, im Guten wie im Bösen. Wer zur That die Kraft hat, hat auch die Kraft, die Folgen zu tragen, und muß sie haben.« Eduard schaute beruhigter auf, aber seine Wangen glühten, und als die Schwester die Hand an die Wange des Bruders legte, sagte sie: »Du bist im Fieber, geh nur schnell zu Bett, geh, ich bring' dir guten Thee ans Bett.« Eduard war nicht willens, dem zu folgen, und doch fühlte er, daß es ihm vor den Augen wirbelte; er hatte noch mehr erlebt, als er jetzt sagen konnte. Da klopfte es an. »Nur herein!« rief die Pfarrerin, aber es zögerte vor der Thür; sie öffnete dieselbe, und herein traten: Speidel-Röttmann, der Schilder-David und seine Frau, und hinter ihnen Adam und Martina. »Herr Pfarrer,« nahm der Schilder-David das Wort, »Gott hat uns wunderbar geholfen, jetzt helfen Sie weiter, und rasch, daß alles in Ordnung kommt.« »Was soll ich?« »Red' du,« zog sich David zurück und deutete dabei auf den Speidel-Röttmann. »Ich habe gemeint,« begann dieser und strich sich mit der flachen Hand nochmals über den glattgeschorenen Kopf, als wollte er nochmals eine Ehrenbezeigung machen und einen unsichtbaren Hut abziehen, »ich hab' nichts dagegen, der Herr Pfarrer soll meinen Adam und die Martina noch heute zusammengeben.« »O, das ist ja prächtig!« rief die Pfarrerin, und Adam trat vor mit Martina an der Hand und sagte: »Ja, Herr Pfarrer, wir bitten darum.« »Wir bitten!« wiederholte leise Martina. »Ruhig, nur ruhig,« befahl der Pfarrer. »Ihr beiden jungen Leute kommt mit mir in mein Zimmer.« Er ging voran, und die beiden folgten ihm. »Setzt euch,« sagte der Pfarrer drin in der Stube; die beiden setzten sich, und er fuhr fort: »Adam, du glaubst, weil du der Reichste in der Gegend bist, weil du an den Geldsack schlagen und ausrufen kannst: was kostet's? da ist's – nun muß dir auch alles zu Gefallen sein; weil du hoffärtig auf deine Kraft bist, weil du ein Pferd umreißen, einen Wolf totschlagen kannst, glaubst du, daß es auch kein Gesetz gebe; keine ewigen Satzungen, die man nicht zwingen kann . . .« Der Pfarrer hielt inne, und Adam begann: »Herr Pfarrer! Es kennt mich kein Mensch auf der Welt, mein Vater nicht, meine Mutter nicht, nur meine Martina kennt mich, und Sie, Herr Pfarrer, kennen mich wohl auch, aber doch wieder nicht recht. Es ist wahr, wie Sie mir das gesagt haben, da eben ist ein wilder Kerl in mir gewesen, der hätte gern dreingeschlagen, alles kurz und klein geschlagen. Es ist wahr, ich habe ihn noch nicht untergekriegt, den wilden Kerl; aber, Herr Pfarrer, von jetzt an ist er drunten, und Ihr und meine Martina . . . Leget mir eine Buße auf, ich will sie still tragen, ich hab's verdient. Lasset mir den Finger abhacken, daß ich so schwach werde wie ein kleines Kind, ich will nicht zucken . . .« Vor Bewegung konnte Adam nicht weiter reden, und der Pfarrer nahm auf: »Es ist Gesetz, daß man drei Sonntage nacheinander aufgeboten wird.« »Ist es denn noch nicht genug, daß mir um mein Kind das Mark im Leib gezittert hat? Sagt mir, was ich thun soll, Herr Pfarrer, ich will's thun.« »O, Herr Pfarrer,« bat Martina, »sind wir denn nicht schon genug gestraft? Haben wir denn nicht lang genug gebüßt?« »Nein. Du hast dich brav benommen in dieser schweren Zeit, aber deine Sünde ist auch schwer. Es soll nicht sein, daß diejenigen, die sich vom Gesetz entbunden haben, nun auch alle Gesetze aufheben dürfen.« »Wenn's nicht anders ist, in Gottes Namen,« sagte Adam. Martina aber konnte vor Weinen nicht reden. Der Pfarrer ließ sie geraume Zeit stillsitzen, dann sagte er: »Kommt mit in die Stube.« »Ist's fertig?« fragte die Pfarrerin. Adam und Martina schüttelten mit dem Kopf; da trat der Speidel-Röttmann vor und sagte: »Herr Pfarrer, ist es wegen dem Aufgebot?« »Ja, ja,« entgegnete Adam. »Wenn's weiter nichts ist,« sagte der Speidel-Röttmann und stellte sich breit hin, »Herr Pfarrer, ich bezahle die Strafe, die es kostet.« »Jawohl, wenn die reichen Bauern mit Geld dreinfahren können, dann glauben sie, wäre alles zu schlichten; aber Meister Röttmann, es gibt etwas, was Eure zehn Pferde nicht vom Fleck bringen. Noch eins: hat Eure Frau ihr Jawort gegeben?« »Der Häspele behauptet es,« fiel Eduard ein, »er soll kommen.« Adam eilte schnell und holte den Häspele herbei; dieser kam zitternd, und als der Pfarrer ihn auf sein Gewissen fragte, ob die Röttmännin ihr Jawort gegeben, sagte er, nachdem er sich die Lippen wund gebissen: »Nein, das hat sie nicht.« »Gut denn,« sagte der Pfarrer, »ich will es auf mein Gewissen nehmen, ohne das Jawort der Röttmännin euch zu trauen. Aber nun will ich euch was sagen: nicht deine Kraft, Adam, und auch nicht deine Demut – ich glaube daran, und ich hoffe, sie wird bleiben –, auch nicht Eure Prahlerei mit Strafe bezahlen, Meister Röttmann, sondern . . .« »Wegen des kleinen Joseph,« konnte sich die Pfarrerin nicht enthalten, einzufallen. »Wegen des kleinen Joseph gibst du nach. Er ist ein kluges Kind. Was soll daraus werden, wenn er hört, seine Eltern seien jetzt erst aufgeboten? Wie wird er sich wehren müssen gegen seine Kameraden; wer weiß, was für ein böser Tropfen da in seine Seele fällt, und was in späteren Jahren daraus entquillt.« »So ist's,« bestätigte der Pfarrer, »jetzt schläft das Kind und weiß nichts von all den Wirrnissen und Irrwegen der Welt; er ist in den Tod und aus dem Tod gegangen, um seinen Vater zu suchen, der ein Schwächling war, trotz seiner Kraft, und seinen Großvater, der bisher nur glaubte, alles ließe sich mit Geld loskaufen. Um des kleinen Joseph willen traue ich euch noch heute nacht.« Martina stürzte vor dem Pfarrer nieder und küßte ihm die Hände; Adam hätte das auch offenbar gern gethan, aber zum Knieen, so weit hatte er es doch noch nicht gebracht, er legte nur die Hand auf das Haupt der Martina, wie wenn sie auch an seiner Statt da hinkniete. Alles war still in der Stube, und der Pfarrer schloß: »In der Kirche sehen wir uns wieder,« und ging in das Nebenzimmer. Im Pfarrhause war es bald wieder still, aber noch bevor die Hochzeitsleute das Haus verließen, hieß es im ganzen Dorf von Haus zu Haus: »Adam und Martina werden noch heute nacht getraut. Die Leegart hat's gesagt.« Neunzehntes Kapitel. Eine Stimme um Mitternacht. Die Glocken klangen in die Nacht hinein; aus der offenen Kirchthür drang ein breiter Lichtstrahl hinaus auf die Gräber, die von Schnee zugedeckt waren. In der Kirche war die ganze Gemeinde versammelt, jeder hatte ein Licht vor sich; die Orgel tönte, die Gemeinde erhob den vollen Gesang. Die Orgel verklang, die Stimmen verstummten, und auf der Kanzel stand der Pfarrer und begann: »Was ihr der Geringsten einem thut, das thut ihr unserm Vater im Himmel! Das ist ein Wort, ausgegangen aus fremdem, fernem Lande, es bewährt sich heut hier in unsern Wäldern, hier, wo damals kaum ein Menschentritt der Fährte des wilden Tieres folgte, hier und überall.« Er schilderte hierauf, daß der Mensch sich selber nichts Besseres thun kann, als was er einem andern thue; »und nie,« rief er, »nie ist ein Menschenantlitz schöner, als in der Minute, da du eine gute That vollbracht: eine Glorie breitet sich über dich und erlöst dich von der Schwere des Daseins.« Dann begann er wieder zu schildern, was es um den Gottesdienst um Mitternacht ist: »Freiwillig seid ihr hier versammelt und habt den Schlaf gebrochen, brechet auch den Schlaf der Seele, da euer Auge wacht. Wie oft weckte dich in der Nacht die Sorge, die Not, und du zucktest zusammen, du kannst den Schlaf nicht mehr finden, und wohl dir, wenn es nur eine Sorge ist, die da im Finstern schleicht und sich nicht fangen läßt. Weh dir, wenn es der Gedanke einer bösen That ist, die dich weckte. Dort weckt ein Kind die Mutter, der Vater ist weit fort, und am Krankenbette stehst du und hoffst den Tag heran und fragst: Ist noch nicht Tag . . .« Als der Pfarrer diese Worte sprach, hielt sich Martina an Adam fest, der neben ihr in der vordersten Reihe saß: »Das ist der Ruf unsres Kindes aus der vergangenen Nacht.« Und der Pfarrer fuhr fort: »O, stöhnest du, wenn es nur Tag wäre, nur das Licht der Sonne am Himmel, und alles wird sich leichter ertragen. Aber es leuchtete auch ein heller Stern in der Nacht.« Der Pfarrer führte aus, wie wohlgethan es sei, einmal aus freien Stücken den Schlaf zu verscheuchen und ins Auge zu fassen das Sternenlicht in der Nacht; er kehrte wieder zurück zu den Textesworten und segnete alle, die heute eine gute That zur Vorhalle gemacht, durch die sie in die Kirche kamen. Kein Atemzug, kein Räuspern, kein Husten – was sonst bei dem nächtlichen Gottesdienste wie Klage der gestörten Lebensordnung die kirchliche Feier unterbricht – war heute vernehmbar; jeder hatte den Atem angehalten, und die Mauern erdröhnten, als der Gesang jetzt wieder einfiel. In kurzen und einfachen Worten vollzog nun der Pfarrer die Trauung von Adam und Martina, und still, unter dem abermaligen Geläute der Glocken, zerstreute sich die Gemeinde. Einige Burschen hatten Flinten bereit gehalten, um nach der Trauung zu schießen, aber sie wurden von den aus der Kirche Kommenden zurückgehalten. Es war einem jeden so feierlich zu Mute, jetzt durfte kein Lärm sein, die stille Andacht, die der Pfarrer erweckt hatte, durfte durch keinerlei Lärm gestört werden. Und als nach ein Uhr der Mond aufging und das Schneegestöber verscheuchte, da leuchtete er auf ein ruhig schlafendes Dorf hernieder, und die schlummernden Herzen waren gesättigt und fühlten sich beseligt. Zwanzigstes Kapitel. Es ist Tag. Das war ein fröhliches Erwachen am andern Morgen, jedes Auge leuchtete hell, und jeder rief mit heiterer Stimme dem andern zu: Guten Tag! Es ist prächtig Wetter! während doch das prächtigste Wetter in der Seele war. Allerdings schien heute auch draußen die Sonne so hell, und die schneebedeckten Berge und Bäume glitzerten im Morgenstrahl; das beste aber ist doch, daß etwas da ist, was nicht so wandelbar ist, wie das Wetter: ein Kind ist gerettet, und Eltern und Großeltern sind glücklich, und da ist eine Hochzeitstafel aufgerichtet, wo nicht gekocht und nicht gebraten wird und keine Teller klappern. Und wie gut und treu hat der Pfarrer alles ausgelegt, nur schade, schade, daß er fort will, den sollten wir ewig behalten. In der Dachkammer im Hause des Schilder-David standen Adam und Martina vor dem Bett des kleinen Joseph; der schlief noch fest, obgleich ein heller Sonnenstrahl, so breit ihn eben das kleine Fensterchen einließ, dem Knaben auf die offene Brust schien. Im Angesicht des Kindes sprach sich ein scharfer Trotz aus, der Kopf war zurückgebeugt, und die Lippen waren aufgeworfen und leise geöffnet, die geballte Faust lag neben der rotglühenden Wange. »Ich will ihn wecken, es ist Zeit,« sagte Martina. »Thu's mir zulieb und laß ihn noch schlafen. Ich bin auch so, wenn ich Schweres durchgemacht habe, da könnte ich drei Tage in einem Trumm fortschlafen. Wie prächtig sieht doch ein Kind aus im Schlaf! Ich hab' ihn noch nie schlafen gesehen.« So sprach Adam, und Martina schaute ihn groß an. Für Adam war nicht Raum in der kleinen Kammer. Er setzte sich auf die Truhe Martinas und bat sie mit einer leisen Stimme, die von einem andern Menschen zu kommen schien, sie möge aus dem Lichte treten, daß er den Joseph auch recht betrachten könne. »Ich will da sitzen bleiben, bis er aufwacht,« schloß er, und Martina wiederholte aber- und abermals, wie Joseph in der vergangenen Nacht immer gerufen habe: Ist noch nicht Tag? Bei diesen Worten drehte sich der Knabe um, schüttelte sich wie abwehrend und schlief weiter. Jetzt beugte sich aber die Mutter über ihn und rief mit heller scherzender Stimme: »Mutter, ist noch nicht Tag? Es ist Tag, Joseph! Wach auf! Dein Vater ist da!« Das war ein Blick voll Staunen und Verwunderung, mit dem Joseph jetzt aufschaute, aber er schrie laut weinend, da die Riesengestalt des Vaters sich aufrichtete in der kleinen Dachkammer; er mochte dem Kinde als ungeheuerliche Traumgestalt erscheinen, und wie eine dunkle Wolke trat die Gestalt vor das einfallende Sonnenlicht, es ward dunkel in der Dachkammer. Martina hatte viel Mühe, den Knaben zu beruhigen, Adam mußte die Kammer verlassen, bis er angekleidet war, und in diesen Minuten, da Adam vor der Kammerthür stand und drin die Mutter den Knaben beschwichtigen hörte, ging ihm nochmals sein schweres Schuldbewußtsein auf, aber nur flüchtig; er war der Adam Röttmann, der alles zwingen konnte; er war schwer zornig auf den Knaben, der ihn nicht liebte, ihm nicht um den Hals fiel; er wollte ihn mit Strenge lehren, daß er ihn lieben und als Vater ehren müsse, und das noch heute. Als Joseph aus der Kammer kam, sprang er schnell an Adam vorbei, die Treppe hinab. »Der Bub' muß anders gezogen werden, das ist keine Art gegen den Vater,« sagte Adam voll Zorn zu Martina. Diese aber erklärte ihm, er solle doch denken, wie lieb ihn das Kind habe, da es ihm in Schnee und Nacht entgegen ging und keine Furcht kannte; jetzt aber sei das Kind noch natürlich scheu und der Vater ihm fremd. Adam solle in Geduld und Güte das Herz des Kindes an sich gewöhnen und nicht glauben, daß sich da etwas zwingen ließe. »Du hast recht, hast ganz recht,« sagte Adam und ging die kleine Treppe hinab, so schwer, daß das ganze Häuschen wankte. In der Stube stand Joseph im Schoße des Schilder-David, und Adam rief dem Knaben zu: »Du kriegst heute was geschenkt von mir, was möchtest du haben? Sag's nur.« Der Knabe antwortete nicht und schaute den Vater scheuen Blickes mit eingezogenen Brauen an. Er verließ den Großvater, ging aber nicht zum Vater; er betrachtete mit verwundertem Blick den Nagel an der Ofenwand, dort hing jetzt eine eingerahmte Schrift. Schon lange vor Tag hatte der Großvater den Konfirmandenspruch der Martina dort wieder aufgehängt. Eben fiel ein breiter Sonnenstrahl auf den Spruch, der da lautete: Halte was du hast, daß niemand deine Krone nehme. Off. Joh. 3, 11. »Jetzt nur noch eins!« rief der Schilder-David, »ich habe was vergessen. Der Pfarrer hat recht, es gibt Satzungen, von denen man nicht abweichen darf, und ich hab' etwas festgestellt, und das wird ausgeführt. Komm einmal her, Joseph, komm her.« Joseph merkte schon, der Ton ist nicht der gute, aber er ging doch zum Großvater, und dieser sagte: »Hast du heute deine neuen Hosen an? Gut, ich will dir was drein geben. Ich hab' fest gesagt, du kriegst deine tüchtige Tracht Schläge, weil du davongelaufen bist, und jetzt will ich sie dir gleich bar auszahlen.« Er langte hinter den Spiegel, holte die Rute herab, und Joseph schrie schon im voraus; Martina wehrte ab und bat, der Großvater solle ihm doch die Strafe schenken; auch Adam bat, aber der Schilder-David sagte: »Diesmal kriegt er sie noch von mir, er hat den Bubenstreich bei mir gemacht, und ich muß ihn bezahlen; was er weiter thut, das ist deine Sach', Adam. Du sollst nicht mehr eigenmächtig davonlaufen, Joseph, du sollst dran denken!« Und erlegte ihn übers Knie und gab ihm eine tüchtige Tracht Schläge, dann sagte er, die Rute Adam übergebend: »Da, da hast du die Rute, von nun an ist's an dir, ihn in Zucht zu halten; ich hab' das Meinige gethan. So, jetzt sind wir fertig.« Leise setzte er zu Martina hinzu: »Wenn sie ihn im Dorfe jetzt verhätscheln wollen, wird er dran denken, und das ist gut.« Joseph weinte laut und wollte sich gar nicht wieder beruhigen, als ihm Martina zusprach. Aber noch in einem andern Hause wurde an diesem heiteren Morgen geweint, und zwar im ersten des Dorfes. Im Pfarrhause saß die Magd in der Küche und weinte bitterlich: »Die schöne fette Gans, die wir heut haben braten wollen; und sie war gerad' so geschickt, weil wir einen so lieben Gast haben; das schöne Tier, das so gut ausgefroren war vor dem Fenster, ist heute nacht in dem Durcheinander gestohlen worden. Die Menschen müssen ja jetzt an dem Bissen, den sie dem Pfarrer stehlen, ersticken, und wie himmlisch gut hat er ihnen zugeredet und gedankt für das, was sie gethan, und jetzt thun sie ihm das. Heute sollt' er das auch in der Predigt mit vorbringen und ihnen den Text lesen, und wer zuerst hustet, der hat die Gans gestohlen. Der schlechte Kerl, der Fuchs, der Wolf, der Hund, der Marder, der Rabe, der Alles, der sie gestohlen hat, und die elende Person, die sie braten wird; ich gehe durchs Dorf und rieche überall herum, ich muß meine Gans wieder haben. Wir haben ja nichts zu essen heut mittag . . .« So und noch viel mehr unter bitterem Weinen und Schelten und Fluchen klagte die Magd in der Küche, so daß der Pfarrer endlich herauskam und fragte: »Was geht: denn vor?« Es wurde ihm getreulich berichtet, und die Magd zeigte ihm als Wahrzeichen den leeren Haken, an dem die Gans vor dem Fenster gehangen. »Der Haken ist noch da, aber die Gans nicht,« klagte sie und probierte immer den Haken, wie wenn er gerade geschickt wäre, um den Dieb daran aufzuhängen. Auch Bruder Eduard kam herbei und mußte der Magd den Gefallen thun, den leeren Haken zu besehen. Zu dem Schwager gewendet, sagte der Pfarrer: »Es ist oft so, gerade der schmackhafte letzte Bissen, den man sich wohl aufbewahrt, fällt oft auf den Boden, wenn man ihn schon an der Gabel hat.« »Und du lachst noch?« klagte die Pfarrerin gegen ihren Mann, »ja, ihr Männer, ihr könnt es nicht wissen, wie schwer es einem auf dem Lande wird, ein ordentliches Essen herzurichten, und wie man sich freut, wenn alles sich macht, und das war wie bestellt, daß mir die Mutter gestern noch Kastanien schickte.« »Ich lache nicht, im Gegenteil, mir ist's auch unangenehm –« »Ihnen ist es gewiß am meisten leid, daß ein Mensch so schlecht ist, zu stehlen. Aus dem Leckerbissen machen Sie sich nichts,« fiel Eduard ein. »Mit nichten. Ich bin so materiell, daß ich sehr gern so ein glitzerndes braunes knusperiges Stück Gänsebraten esse. Und wegen des Diebes? Wenn einem andern die Gans gestohlen worden wäre, der Dieb wäre da wie da, aber es würde mich doch weniger ärgern als jetzt, da es meiner eigenen Gans an den Kragen ging.« »Den Kragen haben wir noch,« beruhigte die Magd. Alles lachte, eben da der Briefbote die Treppe heraufkam. Er brachte die Landeszeitung. Der Pfarrer überflog rasch sein Gebiet, und richtig – die Stelle im Odenwald, um die er sich beworben hatte, war einem andern, viel jüngeren Geistlichen, aber von der neumodischen starren Sorte übergeben worden. »Da ist auch noch ein Haken,« sagte der Pfarrer, reichte seiner Frau das Blatt und deutete auf die betreffende Stelle. Mit der Zeitung war auch ein Brief vom Oheim Konsistorialpräsidenten angekommen, der die Verleihung der Stelle an einen andern dahin erklärte, daß man unsern Pfarrer in die Hauptstadt ziehen wolle. »Ich lehne ab, ich bleibe hier,« sagte der Pfarrer kurz. Die Pfarrköchin, die ins Wirtshaus ging, um dort Fleisch als Ersatz des gestohlenen Gänsebratens zu holen, hatte zwei Nachrichten zu verbreiten, die sich gar nicht miteinander vereinen wollten, und die sie immer seltsam untereinander mengte; die gestohlene Gans und das Bleiben des Pfarrers im Dorf. Die Glocken läuteten in sanften Schwingungen in den hellen Tag hinaus; nicht umsonst nennt man das Geläute am Weihnachtsmorgen »Kindlewiegen«. Als der Pfarrer wieder zur Kirche ging, stand das ganze Dorf vorm Pfarrhause bis zur Kirchthür aufgestellt hüben und drüben, und sie grüßten alle den Pfarrer als Zeichen des Dankes für die Freude, daß er nun für immer bei ihnen bleibe. – Während in der Kirche die Orgel tönte, schlich eine verhüllte Gestalt vor der Pfarrküche vorüber, und unversehens lag eine fette Gans auf dem Fensterbrett. War es nun die gestohlene oder eine andre, war's der Dieb, der die gestohlene wiederbrachte, oder ein gutes Herz, das eine andre dafür hinlegte? Man konnte nie klug daraus werden. Die Pfarrköchin behauptete, sie verstehe auch ein Auge zuzudrücken, sie habe die Gestalt nicht erkannt und nicht erkennen wollen. Sie war aber so voll Freude, daß sie bis vor die Thür der Sakristei eilte, um dem Pfarrer zu sagen, er solle nicht von der gestohlenen Gans predigen, sie sei wieder da; sie wagte es indessen doch nicht, in die Sakristei einzutreten, und ging wieder zurück. »Er ist ja auch gescheit genug,« sagte sie, »und wird nicht über eine Gans predigen,« und darin hatte sie vollkommen recht. Der kleine Joseph war mit seinen Eltern, hüben und drüben von ihnen geführt, in die Kirche gegangen; er schaute seltsam auf zu allen Begegnenden, er sagte nichts, aber er drückte dem Vater still die Hand. An der Kirchthür entließen die Eltern das Kind zu seinen Schulgenossen, und sie selber trennten sich in die Männer- und Frauenabteilung. Aber die zwei gehörten doch jetzt zusammen, wie sie jetzt dasselbe Gebäude einschloß und wie ihre Stimmen zusammenklangen. Der Gesang ging aber heute nicht gut von statten, denn es fehlte der beste Sänger, der dem Schulmeister schon oft mit seiner mächtigen Stimme ausgeholfen hatte, es fehlte heut Häspele, der so heiser war, daß er kein lautes Wort reden konnte. – Als der kleine Joseph bei seinen Kameraden angekommen war, fragten ihn mehrere: »Weißt du, wie du jetzt heißt?« – »Joseph Röttmann, wie immer.« – »Nein, Joseph im Schnee, so heißt du jetzt,« und diesen Namen behielt er bis auf den heutigen Tag. Am Nachmittag wurde im Wirtshause vielfach auf das Wohl des Pfarrers getrunken und auch auf das Wohl des »Joseph im Schnee«, und jeder hatte noch ganz besonders zu erzählen, was er diese Nacht vollbracht. Die Schauer waren hundertfältig, wie man nicht wußte, was ein Fels ist, und wo es jäh hinabgeht. Es war weit mehr Wunder, daß niemand verunglückt war, als daß der Joseph sich so geradeswegs durchgefunden hatte. Zu Hause aber saß der Schilder-David in seinem Sonntagsgewand vor seiner großen Bibel und las mit Fingern den Buchstaben folgend, da weiter, wo er vorgestern abend aufgehört hatte. Der Schilder-David lebte das gewöhnliche Leben und las die Bibel immer wieder durch, und jetzt hatte sich's wundersam zusammengefügt und zum Besten. Am Mittag kam ein Bote in das Dorf und berichtete, daß in der Heidenmühle eine Leiche liege. »Die Röttmännin,« rief alles. »Nein, der Heidenmüller, er ist schon seit gestern abend tot, man hat es aber erst heute früh gemerkt, er hat sich den Tod angethan, weil er mit dem Speidel-Röttmann um die Wette trinken wollte, und schrecklich ist's gewesen, wie die Röttmännin, die ihn in der Nacht zu ihrem Beistand erwecken wollte, auf ihn hineinfluchte. Sie fluchte über einen Toten hinein.« Alles schauderte, und gewiß, der Tod des Heidenmüllers wurde sehr bedauert, aber er hätte auch zu einer andern Zeit sterben können. Man sprach jetzt weit weniger von der Rettung des Joseph, als vom Tod des Heidenmüllers. Niemand erschrak mehr über diesen Todesfall als die Leegart. Es zeigt sich ja, sie kann mehr als andre Menschen; sie kann einen zu Tode wünschen. Sie hatte ja dem Heidenmüller in alle Gewürze, die er beim Krämer, und in den Wein, den man im Rößle geholt, Gift und Opperment hineingewünscht. Ein Schauer der Wonne und der Angst zugleich ging durch ihr ganzes Wesen, daß sie mit solcher Wunderkraft ausgestattet war. Sie wagte es nicht, aus dem Hause zu gehen, jedermann mußte ihr ansehen, was sie gethan, und sie bereute es aufrichtig, sie hat's nicht ernst gemeint. Ich werde mich hüten – gelobte sie sich – künftighin so etwas zu thun; ich wünsche der ganzen Welt nur Gutes, meinetwegen auch der Röttmännin. Endlich wagte sie es, zur Martina zu gehen, und sagte ihr heimlich in der Dachkammer: »Ich bitte dich, sorg mit geschickter Manier dafür, daß keine von den Weibern ausplaudert, was ich gestern dem Heidenmüller gewünscht habe. Die Menschen sind gar abergläubisch und könnten am Ende glauben, ich kann mehr als andre Menschen, aber ich mag den Namen nicht dafür haben.« Leegart war nur halb zufrieden, als ihr Martina beteuerte, daß niemand daran denke und daß die Welt doch nicht so dumm sei, solche Sachen zu glauben. Die Leegart dachte bei sich: »Du bist dumm, aber, gottlob! wenn nur ich weiß, was in der Welt ist.« Sie erschrak vor jedem Gedanken, den sie über einen Menschen gehabt hat oder noch haben wird. Das ist ja entsetzlich schwer, eine solche Gabe zu haben, daß man jedermann anthun kann, was man will. Als die Frauen zu Besuch kamen, beteuerte die Leegart fortwährend: »Ich mein' es mit der ganzen Welt gut, besser als ich meint es kein Mensch. Ich wünsche jedermann, jedem, ich nehme keinen aus, nur Gutes.« Man verstand nicht, was die Leegart wollte, aber man stimmte ihr bei: »Jawohl, du bist immer gut gewesen.« »Und wißt ihr, was ich sage?« rief die Leegart mit glänzenden Augen, »ich sage weiter nichts als: das Pfarrhaus und des Heidenmüllers Toni. Denket daran, daß ich's gesagt habe; ich sage weiter nichts.« Bald nach der Todesnachricht war der Pfarrer und die Pfarrerin unter Begleitung Eduards nach der Heidenmühle gefahren, und das war gut, denn Toni wollte fast vergehen vor Jammer und Wehe, sie hatte seit gestern so Entsetzliches durchgelebt, und sie klagte sich schwer an, daß sie in der Fürsorge für andre den Vater vergessen habe. Toni begrüßte die Pfarrerin wie einen rettenden Engel, und sie ward erst beruhigter, als die Pfarrerin versprach, bei ihr zu bleiben. Eduard bat, man möge ihm doch auch etwas zu thun geben. Toni sah ihn groß an und schmiegte sich an die Pfarrerin. Die nun so schnell zur Witwe gewordene Heidenmüllerin klagte und heulte entsetzlich, und wenn der Pfarrer ihr zuredete, hörte sie ihn kaum an, sie starrte nur immer auf Toni, wie wenn sie diese mit ihrem Blicke vergiften wollte. Die Gemarterte ist jetzt frei, und ihre Peinigerin muß als Bettlerin aus dem Hause ziehen. Man mag sich dagegen sträuben, wie man will, die Leegart hat doch etwas gewußt. Von Neujahr an wohnte des Heidenmüllers Toni im Pfarrhause, und sie blieb dort während des ganzen Trauerjahres. Allmählich lebte sie wieder auf aus ihrem tiefen Kummer und sah so schön aus wie ehedem, nur viel feiner. Im Hochsommer wurde auf der Heidenmühle neu gebaut, Eduard kam mehrmals zu Besuch, und nie war er da, ohne auch nach der Heidenmühle zu schauen und nach allem, was dort gerüstet und geordnet wurde. Die Leegart nähte viel im Pfarrhause und hätte viel erzählen können, wie schön und herrlich es war, wie die Pfarrerin und die Toni miteinander lebten und wie sich diese von der Pfarrerin in allem unterweisen ließ. Aber die Leegart hatte sich vorgenommen, nicht mehr viel zu sprechen; nur bei der jungen Röttmännin auf Röttmannshof, der jetzt grün angestrichen ist, schüttete sie ihr Herz aus. Nirgends war Leegart besser daheim als auf Röttmannshof, und sie sagte oft: »Lustigeres kann man doch gar nicht sehen, als wie der starke breite Adam sein kleines Töchterchen auf dem Arm herumträgt und mit ihm spielt. Man hätte es gar nicht geglaubt, daß er so geschickt und handlich sein kann.« Martina dachte lachend an die Zeit, da Adam das Herumtragen einmal gelernt hatte, dort unter der breiten Buche. Als Leegart dem Töchterchen das erste Jahrkleid gemacht hatte, und zwar ein sehr schönes grellrotes, war Adam ganz glückselig, da er das Kind herumtrug und es lehrte, wenn man es fragte: »Wo ist dein schönes Kleid?« daß es den Zipfel desselben aufhob und sein schönes Kleid zeigte. Nun war Leegart wieder voll Verwunderung und Lob, und Martina konnte sich nicht enthalten, hinzuzufügen: »Er sagt oft: ich hab' an meinem Joseph diese erste Kindheit versäumt; ich bring's jetzt ein. Es gibt ja nichts Glückseligeres.« Die wilde Röttmännin war schon lange nicht mehr da. Sie hatte es nicht bekennen wollen, aber es ging ihr doch nach, daß sie so entsetzlich auf den toten Heidenmüller hineingeflucht hatte. Vor der Welt spielte sie noch die Starke. Sie ließ sich einen Advokaten kommen, er mußte eine Schrift aufsetzen an das Konsistorium, daß die Ehe von Martina und Adam für null und nichtig erklärt werde; sie erlebte das Ende des Prozesses nicht, sie starb, bevor der Schnee völlig geschmolzen war, durch den Joseph seinem Vater entgegengegangen war. – – Wenn jetzt der Pfarrer auf der Kanzel steht, hat er vor sich in der ersten Reihe zwei tapfere Männer, die die besten Freunde geworden sind, es ist Adam Röttmann und der junge Heidenmüller, der Schwager Eduard, der Toni geheiratet hat. Joseph im Schnee ist im Winter im Dorf beim Schilder-David, um der Schule nahe zu sein; er ist ein starker, wohlbegabter Knabe. Häspele behauptete immer: »Aus dem Knaben, der so Außerordentliches erlebt und so Außerordentliches bewirkt, muß auch ein ungewöhnlicher Mensch werden.« Die Leegart aber erwiderte beständig: »Nur nicht prophezeien! Man ladet sich eine schwere Verantwortung auf.« Sie weiß, was aus dem Joseph im Schnee wird, sie sagt es aber nicht. Brosi und Moni. (1852.) Wie Geigen- und Klarinettenton klingt es in der ganzen Umgegend von Haldenbrunn, wenn man diese Namen nennt, und allerorten heißt es: So gibt es keine Menschen mehr, so lustig und so gut und so glücklich. Es ist eine Freude, solche Menschen gekannt zu haben, und eine höhere Freude, sie andern bekannt zu machen und ihnen damit eine reine Erquickung zu schenken. Aber freilich, das geht schwer. Wer nicht ein Auge mitbringt, in dem die Menschenliebe leuchtet, und wer nicht seine Lust hat an unverwüstlichem Lebensmut – der wird am Ende weiter nichts sehen als zwei alte knochendürre Gestalten. Wir gehen ab der Landstraße einen ziemlich schroffen Berg hinan, der Weg ist mehr mit Schlitten als mit Wagen befahren, und hüben und drüben stehen dunkle Tannenwälder, drin der Kuckuck ruft und die Holzaxt schallt. In Klaftern aufgeschichtetes Brennholz verbreitet in der Mittagssonne einen eigentümlichen Harzduft, jetzt haben wir das Dorf erreicht und sehen, daß wir nur einen Vorhügel erstiegen, denn hinter ihm dehnen sich fast unübersehbar weit hinaus hohe Waldberge. O wie erquicklich ist es, wenn man im heißen Mittag über den Berg kommt und aus dem Wald heraustretend ein Dorf in grünen Obstbäumen vor sich sieht; da lernt man verstehen, was es heißt, sich nach dem kühlen Wein sehnen. Es ist niemand auf der Straße, den wir nach dem besten Wirtshaus fragen können, ist aber auch nicht nötig; dort gegenüber dem Röhrbrunnen jenes helle Haus mit dem Ziegeldache hat seinen Wegweiser, der blecherne Auerhahn mit ausgespreiztem Schweif, den es im Schilde trägt, schaut vergnüglich auf euch nieder. Er ist Alleinherrscher und kein andrer neben ihm. Es ist ganz am Platze, daß man dem einzigen Wirtshaus im Walddorfe den Auerhahn zum Schilde gegeben, der hier noch lebendig nistet; und noch dazu gehört jetzt das Wirtshaus dem Revierförster, der es erheiratet hat, seitdem die Beamtung aufgab und sich dem einträglicheren Holzhandel widmet. Wir treten in die geräumige getäfelte Stube, an deren oberem Ende ein Stück Brett in die Decke neu eingesetzt ist. Wir werden schon später erfahren, warum. Es ist niemand daheim als das wohl kaum fünfzehnjährige Wirtstöchterlein, das emsig aus einem Buche abschreibt. Flink eilt es auf unser Geheiß in den Keller. Die Welt ist doch schön eingerichtet für den, der Geld im Sack hat. Hier oben, wo kaum die Holzäpfel reif werden, beherbergen die guten Menschen kräftigen Unterländer Wein, der nur auf den Ruf aus lechzender Kehle wartet. Wollt ihr wissen, was das junge Wirtstöchterlein im heißen Mittag einsam schreibt? Lächelt nur, es sind französische Vokabeln. Der Herr Revierförster (denn ein Titel stirbt nicht aus) lassen jede Woche zweimal den geschickten Lehrer von Endringen kommen, der muß das Töchterlein vorbereiten, bis er es nach dem nahen Straßburg auf ein Jahr in ein Pensionat thut. Die geschminkte Vornehmigkeit und der deutsche Bedientengeist finden ihren Weg in die entlegensten Walddörfer. Es hat aber damit doch noch keine Gefahr. Fragt den Mann, der jetzt mit seinem schindelnbeladenen Gefährte vor dem Wirtshaus hält und, die Peitsche im Schoß, einen Schoppen Most trinkt, fragt ihn nach dem Brosi, und er wird euch sagen: »Das war ein alter Deutscher,« und darunter versteht man doch noch immer einen schlichten, gerechten Mann von Treu und Glauben. Hier in der Wirtsstube hat der Brosi viele schöne Stunden verbracht, die gerippten Gläser, die dort auf dem Brette auf den Kopf gestellt sind, hingen gewiß alle schon an seinen Lippen. Es ist hier gerade der rechte Platz, seine Lebensgeschichte zu erzählen. Erstes Kapitel. Seht dort den weißen Kirchturm mit gestaffeltem Giebel: just so lang, als der im Dorfe steht, ist der Brosi auch da; sie stammen auch beide aus einem Ort, denn die großen Quader sind in Endringen ans Tageslicht gebracht und der Brosi auch; und der Brosi hat geholfen, diese Steine einfugen, und als man zum erstenmal vom Turm läutete, ging der Brosi mit seiner Moni in die Kirche und wurde als Ambrosius Heller mit Monika Kreitter feierlich getraut. Damals war der Brosi noch ein frischer Bursch und hatte Backen fast so rot als wie die Purpurnelken in seinem Hochzeitstrauß; er that einen Schwur, solange er ein Bein heben könne, auf jeder Hochzeit und jeder Kirchweih im Dorfe zu tanzen, und er hat diesen Schwur ein gutes halbes Jahrhundert treulich gehalten. Der Brosi erzählte immer gern, wie er zu seiner Frau gekommen, und sagte dabei immer, er habe sie sich »ermauert«. Endringen liegt eine gute Stunde entfernt an der jenseitigen Abdachung des zweiten Vorberges. Von dorther kam der Brosi jeden Morgen, sobald der Tag graute, und wenn er über den Steg des Forlenbachs ging, der an Haldenbrunn vorbei thalwärts rollt – es ist ungewiß, ob der Bach seinen Namen von den Forellen in seinem Wasser oder von den Forlen an seinen Ufern hat –, da schaute Brosi jedesmal nach einem kleinen ärmlichen Häuschen, das dort neben einem kleinen, dicht mit Zwetschgenbäumen besetzten und mit fuchsig gewordenen Tannenzweigen umzäunten Grasgarten steht. In dem Häuschen war immer schon so früh am Tage jemand wach, die offene Stallthür zeigte, daß das erste Geschäft des Tages, das Reinigen des Stalles, vorgenommen wurde; und sei es, daß die Arbeit bereits so weit gediehen, oder daß das Auftreten des schlanken jungen Maurergesellen auf dem dröhnenden Stege dazu gemahnte: in der Regel erschien eine junge Mädchengestalt mit einem Besen unter der Thür, vom Steg aus wurde ein heller »Guten Morgen« gerufen und von der Thür aus mit einem regelmäßigen »Schön Dank« erwidert. »Auch schon fleißig?« setzte dann der Maurergeselle noch hinzu. »Ein bißle,« lautete die Antwort. Der Maurergeselle ging vorüber und schwenkte das bunte Tuch, das er in der Hand trug und in das er seinen Topf und sein Brot gewickelt hatte, noch schneller hin und her. Noch nach Jahrzehnten konnte Brosi seine Frau damit necken, daß er eben nicht sehr zart sagte: »Ich hab' dich zuerst als Hexe mit dem Besen und auf dem Mist gefunden.« Mit dem Morgengruß in der Seele ging Brosi an die Arbeit und war allzeit wohlgemut, obgleich er sich lange nichts dabei dachte; ja, als dies geschah, redete er sich's aus, denn er war ja ebenso lustig, wenn ihn aus dem Schiebfensterchen zuerst die alte Frau mit kahlem Scheitel begrüßte. Endringen ist nicht so weit von Haldenbrunn entfernt, daß der Brosi nicht die Verhältnisse dieses Hauses genau kannte. Es waren gerade zwölf Jahre, Brosi war damals siebzehn Jahre alt und vom Speisbuben zum Maurer emporgestiegen, als der Maurermichele von Haldenbrunn in Nellingen vom Dach stürzte und auf dem Platze tot blieb. Die Witwe, Rosine mit ihrem Taufnamen, die ehedem in der Apotheke der drei Stunden entfernten Amtsstadt als Magd gedient hatte und darum das Apothekerrösle genannt wurde, nährte sich nun davon, daß sie im Walde und auf den Wiesen allerlei Kräuter und Wurzeln für die Apotheke sammelte. Daneben trieb sie einen Butter- und Eierhandel, und die Bauernfrauen gaben mit innerem Widerstreben, aber äußerlich freundlich, ihr die verkäuflichen Vorräte, weil sie fürchten mußten, daß das Apothekerrösle ihnen die Küh' und Hühner verhexe; die Männer dagegen, die sich auf ihre Aufklärung was zu gute thaten, behaupteten, das Apothekerrösle sei deshalb allzeit so aufgeweckt und habe noch in alten Tagen so flimmerige Augen, weil es bei seinen Stadtgängen tief ins Glas gucke. Ausgemacht war aber jedenfalls, daß das Apothekerrösle eine scharfe aufgeweckte Frau war, die auf jedes Vorkommnis eine Auskunft bereit hatte, so sicher als der Apotheker seine Mittel in Gläsern und Kolben geordnet und leicht zu finden hat. Die beiden älteren Töchter des Apothekerrösle dienten in der Schweiz, wohin schon damals des größeren Lohnes wegen der Zug der Dienstboten sich lenkte; die jüngste Tochter war daheim und konnte jetzt nicht mehr in die Fremde, da die Mutter plötzlich lahm geworden war. Die Rede ging: in Kronweiler habe ein Bauer in der Nacht einer schwarzen Katze, die im Stall einen Rappen ritt, daß er schäumte, den Fuß abgeschlagen, und das sei das Apothekersrösle gewesen. Wenn das Apothekerrösle mit ihrem von jahrelangem Korbtragen ganz kahl gewordenen Vorderkopf jemand zum Fenster heraus grüßte, dankte man schnell mit einem frommen Gruß, damit man kein Leid erfahre. Brosi war nicht frei vom Hexenglauben, so gern er sich das auch ausredete; jetzt aber empfand er gar keinen Schreck, wenn ihn das Apothekerrösle am frühen Morgen grüßte, im Gegenteil, es mutete ihn heiter an, und er war oft versucht, das der Alten zu sagen, die gewiß um die üble Nachrede, die sie verfolgte, bekümmert war; aber es war doch besser, sich hier gar nicht einzulassen, denn Brosi fühlte, daß er nichts von der Mutter zu gefährden habe, vor der er doch noch eine Scheu hatte: die Tochter mit der hellen Stimme und dem arglosen und doch wiederum schelmischen Blicke konnte es ihm weit eher anthun. Brosi aber wollte noch höher hinaus. Zunächst war er noch jung und gedachte über die Berge zu wandern und in der Fremde sein Glück zu suchen; ließ er sich aber von einem Geschick daheimhalten, so mußte es etwas andres sein, als ein armes Mädchen mit der Dreingabe einer Hexenschwieger. Brosi war ein ehrliches Gemüt, und eben darum hatte er eine Höllenangst vor dem Verlieben; er war früh verwaist, und darum früh zum Ernst und darauf hingewiesen, für sich selbst Bedacht zu nehmen. Er lebte in Endringen bei einer Base, die, an einen Holzknecht verheiratet, mit einem Haufen Kinder in Armut lebte und noch besonders zänkisch gegen Brosi war, weil er nicht seinen sämtlichen Erwerb in ihr Hauswesen einbrockte. Brosi war schon lange damit umgegangen, sich in der Gegend eine andre Unterkunft zu suchen, aber es wollte sich nicht schicken, und jetzt stand sein Vorhaben fest, in die weite Welt zu ziehen. So oft er aber am Hause des Apothekerrösle vorüberging, war es ihm, als zöge ihn etwas da hinein, und er hätte gewiß an einen Zauber geglaubt, wenn er nicht gewußt hätte, daß ein andres dabei waltet. Schon drei-, viermal hatte er eine Hinneigung zu dem allzeit rüstigen Mädchen in sich aufkommen lassen und wieder bekämpft, noch bevor er, wie man sagt, ein übriges Wort mit dem Mädchen gesprochen hatte; ja, den nötigen Morgengruß auf dem Stege sprach er oft verdrossen und fast zornig, immer aber wurde ihm mit gleicher Freundlichkeit erwidert. Als der Bauer von der langen Furche, der nachmals ein so schweres Geschick hatte, das wir ein andermal berichten müssen, mit des Schmalzgrafen Tochter von Siebenhöfen Hochzeit hielt, und drei Tage lang das Tanzen und Prassen nicht ausging, da machte sich der Brosi auch einen arbeitsledigen Tag und war voll übermütiger Lustigkeit. Er tanzte mit der Braut den Siebensprung und mit der ersten Brautjungfer, der Schwester des Furchenbauern, den Hoppetvogel (wobei man nach bestimmter Weisung wie ein Vogel hüpft und nach Futter scharrt) so meisterlich, daß selbst die Alten auf ihn zukamen und ihm als höchstes Lob die Versicherung gaben, daß sie zu ihrer Zeit nicht besser hätten tanzen können. Und immer lustiger ward der Brosi, und jeder Bursche, der den Musikanten ein Lied vorsang, das sie als Tanzweise spielen sollten, und der damit nicht vom Flecke kam, fand im Brosi eine allezeit bereite Hilfe; er kannte alle Lieder und alle Weisen und hatte eine helle, alle übertönende, nie heisernde Stimme. Die Monika, die Tochter des Apothekerrösle von Haldenbrunn, war auch auf dem Tanz. Sie durfte sich wohl sehen lassen, sie war nett und sauber gekleidet und trug einen Rosmarinstrauß am Busen: von Gestalt untersetzt, mit einem apfelrunden Gesicht von wenigem Ausdruck, zeigte sich doch um die festgeschlossenen feinen Lippen, zu welcher Lebendigkeit dieses Mädchen gebracht werden könnte, wenn der Rechte sich einfand. Brosi bedachte, daß die Monika gewiß nur seinetwegen gekommen sei, aber er sah sich kaum nach ihr um und hatte noch im stillen die Schadenfreude, ihr einen Plan zu Schanden zu machen; sie hatte ihn gewiß seit Monaten allmorgendlich nur so freundlich gegrüßt, um einen sicheren Tänzer für den heutigen Tag zu haben; jetzt hatte sie das Zusehen. Brosi tanzte immer nur mit den fürnehmsten Bauerntöchtern, besonders mit der Schwester des Furchenbauern, die er sich endlich just im Angesicht der Monika auf den Schoß setzte und dabei sang und trank, als ob die ganze Welt nur ihm gehörte; und im Tanzen hielt er's, als ob jeder Reigen der erste wäre, aufstampfend, singend, mit den Händen schnalzend, that er, als könne er von Müdigkeit und Sättigung der Lust gar nichts wissen. Einmal saß er, die erste Brautjungfer auf dem Schoße, in einer Pause am Tisch, mit dem Gesicht nach dem Tanzraum gekehrt, da rief er: »Heut tanz' ich meinen Kehraus in der hiesigen Gegend. Wenn die Schwalben davonziehen, gehe ich in die weite Welt. Wer mich haben will, muß es heut sagen und heut noch Hochzeit machen.« Ein guter Schwarm Mädchen kam auf ihn zu und umringte ihn neckend und spottend und wiederum bittend, er möge doch ja nicht fortgehen. Als er aber immer darauf bestand, rief die Brautjungfer: »Dann binden wir dich an. Kommet nur alle.« Im Nu hatten sich alle nach dem Beispiele der ersten Brautjungfer ihre doppelten Zöpfe mit den fliegenden langen roten Bändern auf die Brust gelegt und nestelten nun die Bänder an Brosi fest. Er ließ es geschehen, und mit einem schrillen Juchhe sprang er auf, stampfte auf den Boden und sang: Spielleut, spielet auf und auf Und seid nicht so verzagt, I han no ein Vögeles- Groschen im Sack. Die Musikanten ließen die Weisung ertönen, und Brosi sprang an die Decke mit jauchzendem Juchhe und machte allerlei Figuren, während die Mädchen, mit den roten Zopfbändern an ihn geheftet, ihn umtanzten. Plötzlich warf er sich auf den Boden und sang: Weil Scheiden bitter ist Und 's Lieben süß, Jetzt leg' i mei'm alten Schatz D' Händ' unter d' Füß'. Die Bänder mußten losgemacht werden, die Brautjungfer mußte sich auf seine Hände stellen, und er tanzte eine Weile so mit ihr, bis er sie in den Armen auffing und singend mit ihr den Reigen beschloß. Von dieser Zeit her stammt der Bändelestanz; man nennt ihn auch noch den Brositanz, und niemand konnte ihn meisterlicher ausführen als der Urheber. »Mein Mann ischt koaner !« rief der Brosi oft und oft, und von jenem Abend an hatte er diese Redensart und wendete sie bei vielen Gelegenheiten an. Die Monika wäre, ohne einen Fuß zum Tanz gesetzt zu haben, nach Hause gegangen, wenn sich nicht die Schneiderin von Haldenbrunn über sie erbarmt und einmal mit ihr herumgetanzt hätte, wobei sie viel gestoßen und gedrückt wurde, denn die Burschen haben es darauf abgesehen, Mädchen, die allein tanzen, anzurennen. Als Monika über den Bachsteg ihrem Hause zuging, nahm sie den Rosmarinstrauß von dem Busen und warf ihn hinab in den Bach; es hatte kein Bursch danach verlangt, und der, von dem sie es gewünscht hätte, war schlecht und stolz und gab sich doch zum Hansnarren her. Das dachte aber Brosi nicht, er hätte gern immer aufgeschrieen vor Lust, aber seine sonst unangreifbare Kehle schien nicht mehr mitthun zu wollen, so sehr er ihr auch mit kaltem und warmem Wein zusprach; er ballte jetzt oft still die Faust vor innerer Seligkeit. Es war tief in der Nacht, da sagte Brosi, daß er am Morgen wieder an die Arbeit gehe und sich mit dem Hammer einen Hopser und mit der Kelle einen Schleifer spiele; da trat der Hochzeiter auf ihn zu und sagte: »Was hast denn Taglohn?« »Zehn Kreuzer,« erwiderte Brosi, denn so nieder stand zu selbigen Zeiten noch der Taglohn. »Ich geb' dir das Doppelte.« rief der Hochzeiter, »da nimm, du mußt dableiben und die Lustbarkeit erhalten. Da nimm.« Die Mädchen kamen wieder und bestimmten Brosi, doch einzuwilligen, da sprang er auf und rollte die Augen so wild, daß die Mädchen scheu vor ihm zurückwichen; er nahm einen sauer verdienten Kronenthaler aus dem Beutel, warf ihn den Musikanten zu und rief: »Aufgespielt! Die Schmalzbauern meinen, sie könnten die Lustigkeit auch kaufen, sie geben einen guten Taglohn für einen Lustigmacher. Drei Dutzend Juchhe um einen Groschen!« schrie Brosi mit plötzlich wieder hell gewordener Stimme. »Aufgespielt! hellauf! Weg da, Hochzeiter, weg, oder dein' Hochzeit ist dein Tod.« Und wieder begann er zu tanzen und zu singen und zu trinken, aber alles in Ingrimm, und um zu zeigen, daß er sich um die angethane Schmach nichts kümmere. Er zerschlug nacheinander drei Gläser, aus denen er getrunken, und als es dem Morgen immer näher kam, die Musikanten aufhören wollten und die Mädchen sich nacheinander fortschlichen, ließ sich Brosi noch allein aufspielen, und ohne sein Sonntagsgewand auszuziehen, ging er im Morgengrauen nach Haldenbrunn an die Arbeit. Zweites Kapitel. Auf dem Stege schaute Brosi hin und her, aber niemand grüßte ihn, und hadernd mit sich selber und übernächtig von der tollen Lust, that er seine Arbeit, voll Reue, daß er sich dazu hatte verleiten lassen, sein mühsam Erworbenes im Trotze zu verschleudern, worüber ihn die fetten Bauern gewiß noch hinterdrein auslachten. Viele Tage sah Brosi nichts an dem Hause des Apothekerrösle, und nur das war ihm erwünscht, daß er an jenem Abende nichts mit Monika angeheftelt hatte; er konnte nun um so freier in die Welt ziehen, aber sparen mußte er mehr als je, denn die Hochzeit hatte den größten Teil des Reisegeldes aufgezehrt. Wenn Brosi gut aufgeräumt war, freuten sich des besonders die Speisbuben, die den Mörtel auf das hohe Gestell zu tragen hatten, denn war Brosis Kübel leer, so trommelte er immer so lustig in die Höhlung, daß es gar nicht wie eine harte Mahnung klang, und fast tanzend kletterten die Speisbuben die hohen Leitern hinan und verwechselten den leeren Kübel mit einem vollen. Seit mehreren Tagen aber klopfte der Brosi so wild und so melodielos in seinen Kübel und zankte noch mit den lässigen Speisbuben. Das Wetter hatte sich gewendet, und es goß beständig in Strömen herab, so daß die Arbeit noch überdies eine wenig freudige war. Durchnäßt, frierend und hustend (denn seit der Hochzeitnacht fühlte er stets einen stechenden Schmerz auf der Brust) ging Brosi am Morgen und am Abend ungegrüßt über den Steg. Der Forlenbach, der sonst in den hohen Sommermonaten oft so trocken war, daß eine Katze hinüberlaufen konnte, schwoll durch den anhaltenden Regen immer mehr an und wälzte seine braunen Wellen wildrauschend über die Felsen. Brosi stand einst auf dem schon schwankenden Steg still und wünschte sich, daß die Wellen den Steg jetzt fortreißen und ihn selbst mit verschlingen möchten. Es kamen Tage, an denen der Regen nachließ, aber weiter im oberen Gebirge mußte er noch anhaltend sich ergießen, denn der Bach wurde immer höher und brachte ganze Baumstämme mit, die von den Uferbewohnern mit Hakenstangen, sogenannten Geißfüßen, als gute Beute eingezogen wurden. Eines Morgens kam Brosi an den Steg und schaute verwundert um sich; er kannte die Gegend kaum mehr, da war keine Spur des Steges, und weit hinein in die Wiesen floß das Wasser und schwemmte das in Schochen zusammengerechte Grummet mit sich fort. Während Brosi noch umschauend dastand, sah er am jenseitigen Ufer im Grasgarten des Apothekerrösle die Monika. Er öffnete den Mund, aber noch ehe er ein Wort hervorbrachte, rief ihm die Monika so laut zu, daß er es trotz der rauschenden Wellen hören konnte: »Droben an der Bömles-Sägmühle kann man noch 'rüber.« Betroffen von diesem Zurufe und mit höchster Anstrengung rief der Brosi hinüber: »Wir haben in Lustbarkeit nicht zusammenkommen sollen, es scheint, daß es in Traurigkeit sein soll.« »Wir brauchen gar nicht zusammenkommen, gar nicht,« lautete die schnippische Antwort der Monika, und sie verschwand. Den ganzen Tag mußte Brosi bei der Arbeit darüber nachdenken, wie so eigen die Monika ihm doch zugerufen und ihn dann so barsch abgewiesen hatte. In der mittäglichen Feierstunde ging er nach dem Hause des Apothekerrösle, er hustete mehrmals und wagte es nicht, hineinzugehen. Endlich fand sich eine schickliche Ausrede: sich eine Kohle vom Herde holen, um die Pfeife anzuzünden, ist eine unverfängliche Sache. Brosi ging nach der Küche, Monika stand scheuernd in derselben. »Ist's erlaubt, eine Pfeife anzuzünden?« fragte Brosi, und Monika erwiderte: »Das kann man niemand wehren.« Brosi nahm die Kohle und war eben im Begriff, zu gehen, als er mächtig husten mußte; da klopfte es dreimal dumpf an die Küchenwand, und die Mutter rief aus der Stube: wer draußen sei, solle zu ihr hereinkommen. Brosi trat in die Stube, und erschrak heftig, da die Frau ihm aus dem Bett mit gellender Stimme entgegenrief: »Gleich thust die Pfeif' 'raus, gleich. Jeder Zug, den du draus thust, nimmt dir ein Stück Leben.« Nun fing das Apothekerrösle an, ihn vor allem tüchtig auszuzanken, daß er mit der Monika nicht getanzt habe; sie habe gar nicht zum Tanz gehen wollen und habe nur auf ihr Zureden nachgegeben, weil ihre Mütter so gut Freund gewesen seien. Hierauf ging es an ein Klagen, wie schlecht jetzt die Welt sei, vorzeiten hätten verlassene Menschen zusammengehalten und keines einem andern eine Unehre geschehen lassen, jetzt aber hofiere alles den Holzbauern, die groß damit thun, daß sie das Geld von ihren Wäldern, die von selbst wachsen, verprassen können. Die Pfeife in der Hand, mit offenem Munde mußte Brosi zuhören, wie er immer schärfer abgekanzelt wurde; und dazu hörte er oft kaum die Worte, denn er sah jetzt das Apothekerrösle zum erstenmal ganz in der Nähe, sie hatte ein Gesicht, das sie mit nie gesehener Behendigkeit bewegte, als wäre gar kein Knochen darin. Den Unterkiefer bewegte sie mit solcher Gelenkigkeit, daß man meinte, sie könne ihn über die Nase hinausheben; dazu bildete bei besonders höhnischen Reden, und wenn sie lachen wollte, der linke Mundwinkel ein Pfännchen, mit dem sie schlürfte, als ob sie eine Süßigkeit kostete; die Augen waren allerdings noch flimmerig, aber schrecklich anzusehen war der kahle Scheitel. Man konnte den Leuten nicht unrecht geben, daß sie hier eine Hexe zu sehen glaubten. Als das Apothekerrösle sich sattsam ausgelassen hatte, schloß es damit: »Ich kann dir deinen Husten heilen, der dich unter den Boden liefert, wenn du nicht dazuthust. Deine Mutter ist auch schwach auf der Brust gewesen. O, sie war ein' gute Seel' und hätt's besser verdient. Steig einmal hinauf und hol' mir den Sack vom Himmelbett herunter.« Brosi that, wie ihm befohlen, und das Apothekerrösle übergab ihm eine Handvoll Thee von seltsamer Mischung, mit der genauen Anweisung des Gebrauchs, und entwickelte dabei solch eine mütterliche Sorgfalt, untermischt mit liebevollen Erinnerungen an die Verstorbene, daß Brosi ein Brennen in den Augen verspürte. »Ich rauch' nicht mehr. Ich lass' mein' Pfeif' gleich da,« – das war alles, was er hervorbrachte, und mehr stolpernd als gehend verließ er die Stube und das Haus; aber schon am Abend kam er wieder und sagte geradezu, wie er sich's ausgedacht, daß er eigentlich in Endringen keine Heimat habe, er sei dort bei seiner Mutterschwester und könne besser hier sein und erspare noch den Weg hin und her; wenn daher die Base (in der Gegend von Haldenbrunn nennt sich alles, was sich kennt, Vetter und Base) nichts dagegen habe, wolle er, solang der Kirchenbau noch daure, in ihrem Hause bleiben und für das Kochen einer warmen Suppe und die Unterkunft ein billiges Entgelt leisten. »Mein' Moni schlaft bei mir, und wir haben sonst kein Bett,« entgegnete das Apothekerrösle, woraus Brosi, als des Einverständnisses sicher, auseinandersetzte, daß er ein paar Tage auf dem Heu schlafe, und sobald man mit einem Karren von Endringen herüber könne, hole er sein eigen Bett; es sei ihm ohnedies lieb, dies einzige Erbstück von seiner Mutter in guter Hand zu wissen, da er nicht sicher sei, daß ihm seine Hausleute nicht die Federn stehlen, während er auf Arbeit sei. Es war während dieser Verhandlung Nacht geworden, und der Regen strömte wieder mächtig herab. Ohne weitere Erörterung klopfte das Apothekerrösle wieder mit der Faust dreimal an die Wand und rief der Monika, sie solle gleich Wasser auf Feuer stellen und dem Brosi seinen Thee bereiten. »Und ich will nicht,« schrie Monika, daß es im ganzen Hause gellte. »Geh 'naus, sie ist noch bös,« winkte die Mutter dem Brosi und zwinkerte dabei mit den Augen so einverständlich, daß es Brosi graute vor dem, was er begonnen. Er gehorchte zögernd, aber kaum war er in der Küche, als Monika sie verließ, in die Stube eilte und lauten Zank erhob, daß die Mutter den Brosi ins Haus nehme, und beteuerte, daß sie in finsterer Nacht davongehe, wenn es dabei bleibe. Eine Weile überschrieen sich beide Frauen so sehr, daß man kaum die Stimme der einen von der der andern abscheiden konnte; dann trat eine Pause ein, in der man nur noch ein Weinen vernahm, und jetzt sagte die Mutter: »Ich hab' den Brosi so fest wie einen Finger an der Hand. Der geht nicht mehr aus dem Haus, und niemand anders als du kriegt ihn, und du wirst mir's noch danken, wenn ich schon lang verfault bin.« »Und ich geh' davon, so weit mich meine Füß' tragen,« rief Monika. »Und kommst doch wieder,« entgegnete die Mutter ruhig; »sei froh, daß du bös auf ihn gewesen bist, eh' du ihn hast, du ersparst's für nachher.« Das wollte dem unwillkürlich lauschenden Brosi doch nicht zu Sinn, er kam sich doch wieder wie verzaubert vor; und hätte er sich nicht geschämt, er wäre noch in der Nacht davongelaufen. Wer weiß auch, welch ein Trank ihm bereitet wird. Eben hatte es aber die Mutter dahin gebracht, daß ihm Monika die gemischten Kräuter in die Küche trug. Durch solche Hand, dessen war Brosi gewiß, geht kein Trank, der einem Böses anthut, und noch als er die schwankende Treppe hinaufstieg, hörte er Monika klagen: »Mutter, Ihr habt's verschuldet, wenn ich von dieser Nacht an einen bösen Namen hab', daß ich keinem Menschen mehr frei ins Gesicht sehen kann.« Wo solch ein Sinn daheim ist, hat keine Hexerei eine Gewalt – das war der Gedanke, mit dem sich Brosi in das duftende Heu niederlegte. Drittes Kapitel. Der Speicher war von innen nicht verschließbar, nur von außen befand sich ein Holzriegel an der Treppenthür. Was war aber zu gefährden in solch einem Hause? Brosi legte sich behaglich in das Heu. Kaum aber lag er eine Weile, als er sich wieder aufrichtete; die Treppenstufen knarrten, es schlich etwas herauf wie eine Katze so leise, aber nur von einer Menschenlast konnten die Treppen so knarren, es mußte jemand sein, der barfuß heraufkam. »Wer ist da?« rief Brosi halb in Furcht, halb in Zorn. Niemand antwortete, das Heraufkommende stand offenbar still auf seinem Platz, eine Weile horchte Brosi hinaus, man hörte nichts als das Rauschen des Forlenbachs und das Zirpen der Grillen in der warmen, wieder regenlosen Sommernacht. Schon glaubte Brosi, daß er sich getäuscht habe, und wollte sich ruhig wieder ausstrecken, da hörte er es mit den Händen tastend noch einige Treppenstufen heraufkommen, und laut wurde der Holzriegel an der Treppenthür in den Kloben gestoßen. Jetzt war keine Täuschung mehr möglich, und »Ins Teufels Namen, was ist das?« rief Brosi auffahrend. »St! Stille. Ich will dir was sagen,« erwiderte eine leise Stimme. »Wer ist denn da?« »Ich bin's, die Monika. Komm da her an die Thür, aber thu leise, ich will dir was sagen.« »Mach die Thür auf, dann kannst besser reden, und ich kann sehen, wer es ist. Mach die Thür auf, oder ich stampf' sie ein.« »Ich bitt' dich, thu leise,« bat die Stimme draußen wieder, »ich mach' nicht auf. So kann ich besser mit dir reden, und wenn dir dein Leben lieb ist, hör mir ruhig zu und polter nicht und pockel nicht und sei ganz still.« »Was willst denn, wenn du die Monika bist? Wenn du 'rein willst, mach auf. Was willst denn vorher ausmachen?« »Red nicht so schlecht. Eben deswegen komm' ich ja. Was mein' Mutter vorhat, ich weiß nicht und will's nicht wissen. Es ist mein' Mutter, ich darf nicht schlecht von ihr denken und thu du's auch nicht. Guck, ich lieg' da vor der Thür auf den Knieen und heb' meine Hände zu dir auf und bet', wie man zu Gott betet. Brosi, du bist ein braver Mensch gewesen und ich auch . . . und wenn dir deine eigene Ehre lieb ist und die von einem armen Mädchen auch – Brosi, thu mir den einzigen Gefallen und bleib nicht mehr im Haus, kein' Minut, kein' Stund mehr. Ich bitt' dich, nimm deine Stiefel in die Hand und geh leise herunter, die Hausthür kannst von innen aufmachen. Brosi, sei barmherzig und geh.« »Wo soll ich denn hin jetzt in so später Nacht und aus dem ersten Schlaf heraus? Ich bin ohnedem krank.« »Geh noch nach Endringen, oder wenn du nicht willst, drüben beim Jörgtoni schlafen noch drei fremde Maurer, da kannst du auch sein.« »Morgen will ich's thun. Heute geh' ich nimmer fort.« »Wenn du nicht heut gehst, bist du verloren auf ewig und ich auch. Brosi, sei barmherzig. Du wirst es sonst in deiner Todesstunde bereuen, der Angstschweiß auf der Stirne wird dich gemahnen, wie du ein armes Mädchen –« »Hoho! Thu nicht so arg. Ich geh' ja, aber mach nur auf und komm ein bißle 'rein.« »Bist du schlecht, Brosi? Willst du schlecht sein?« »Nein, ich hab' ja schlafen wollen. Ich will ja nichts. Morgen will ich gehen, oder meinetwegen heut, du Heilige. Mach nur auf und gib mir die Hand.« »Schwörst du, gleich zu gehen?« »Ja, ich schwöre. Mach nur auf und gib mir die Hand.« »Schwörst du, ohne Bedingung zu gehen?« »Ja, so wahr mir Gott helfe zu einem rechtschaffenen Leben und zu einem leichten Tod.« – Brosi drückte an die Thür, sie war offen, er hatte sie nicht entriegeln gehört, er vernahm keinen Tritt die Treppe hinab, kein Oeffnen und Schließen der Stubenthüre. Alles war wie in die Luft verschwunden, keine Menschengestalt, keine Stimme, nur der Forlenbach rauschte, die Heimchen zirpten noch, und die einzige Kuh im Stall brummte wie verschlafen. Brosi nahm die Stiefel in die Hand, und von Angst gejagt, als fliehe er aus einem brennenden Hause, stieg er die Treppe herab, öffnete das Haus und stand frei atmend draußen in der stillen Nacht. Er zog seine Stiefel an und eilte nach Endringen. Den ganzen andern Morgen war Brosi bei der Arbeit immer selbstvergessen und träumend, er hielt oft den Hammer unbewegt in der Hand und vergaß, den Stein vor sich zu meißeln, und als er ihn einfugte und mit Mörtel befestigte, schöpfte er mehrmals aus dem leeren Kübel, ohne es zu merken. Der Bauführer, der das lässige Wesen Brosis sah, ließ ihn hart darob an, und Brosi hörte ihn mit offenem Munde an, als gelte das gar nicht ihm. Am Mittag, als Brosi wieder auf dem Boden stand, war es ihm, als ginge die ganze Welt mit ihm im Kreise herum. Er aß ohne Hunger, und als er sich eine Weile niederlegen wollte, konnte er keine Ruhe finden, denn er lag wie in schaukelnder Wiege. Er stand auf und ging zuerst nach dem Hause des Jörgtoni und bestellte sich eine Schlafstelle, und wie unwillkürlich ging er dann nach dem Hause des Apothekerrösle. Mutter und Tochter thaten gleich verwundert über sein nächtliches Entweichen; nur als Brosi bemerkte, daß er sich beim Jägertoni eingemietet habe, glaubte er ein kaum merkliches Nicken der Monika zu beobachten. Da sich Brosi heute nicht arbeitsfähig fühlte, schenkte er sich den noch halben Arbeitstag, holte sein Bett in Endringen und war nun erst ganz in Haldenbrunn daheim. Das Apothekerrösle hatte seinen Namen nicht umsonst, Brosi fühlte sich bald wieder hergestellt von den Folgen jener tollen Tanznacht. Brosi kam oft in das Haus des Apothekerrösle, Monika mußte es merken, daß er etwas auf der Zunge hatte, was er ihr mitteilen wollte, aber Mädchen in Wiflingröcken wie in langen Kleidern verstehen es, einen unkecken Burschen nicht zu Wort kommen zu lassen. Kam Brosi in die Stube, verließ Monika dieselbe mit freundlichem Gruß; vertrat er ihr den Weg im Freien, wußte sie immer jemand anzurufen, der sich zu ihnen gesellte, und dann hatte sie immer so eilige Besorgungen, daß sie sich keine Minute aufhalten konnte. Wenn Brosi meinte, jetzt halte er sie fest, war sie ihm immer unversehens entschlüpft, und so ging er in seltsamen Selbstgesprächen lange einher. Die wilden Wasser im Bache hatten sich rasch wieder verlaufen, und nun zeigten sich die traurigen Folgen der Ueberschwemmung; ganze Wiesen waren zerrissen und mit Sand bedeckt, und nicht nur der Ertrag des gegenwärtigen Jahres war verloren, auch für lange Zeit hinaus war kein Ersatz zu hoffen; das war doppelt betrübend in der Gegend, die keinen andern Feldbau kennt als die Wiesennutzung. Im Hause des Apothekerrösle war auch Wehklagens genug, die wilden Wasser hatten zwar den hochgelegenen Grasgarten nicht zu überschwemmen vermocht, sie hatten aber ein gut Stück davon mit fortgerissen und eine tiefe Höhlung gemacht, daß noch mehr nachstürzen mußte und der Bach immer eigensinniger sich nach dem linken Ufer drängte, um den Garten der Witwe zu verschlingen. Ohne ein Wort von seinem Vorhaben zu sagen, begann Brosi in den abendlichen Feierstunden Steine aus dem Bett des Baches zu wälzen und zu meißeln, und bald zeigte sich, was werden sollte: eine durch vorgeschobene Reisigbündel gesicherte und ins Halbrund gesetzte Schutzmauer zog sich längs des Gartens hin, und ein sogenannter Sporn, ein nur dem Kennerauge sichtbarer Erdaufwurf im Bette des Baches, drängte den Strom nach dem jenseitigen Ufer hin. Brosi ärgerte sich oft, daß ihm Monika noch immer kein besonderes freundliches Wort gab; er wußte ja nicht, daß sie fest darauf hielt, man dürfe einen Menschen, der ein gutes Werk thue, nicht dabei berufen. Einmal jedoch konnte sie sich nicht enthalten, bei ihm stehen zu bleiben, und schnell rief Brosi, sie festhaltend: »Jetzt sag, jetzt sag einmal, hab' ich's nicht brav gemacht?« »Ja, die Mauer ist brav.« »Du weißt wohl, daß ich das nicht mein'. Verdien' ich gar keinen Dank, daß ich so schön gefolgt hab' und bin aus eurem Nonnenklösterle fort, wie du mich geheißen hast?« »Ich weiß nicht, was du meinst, ich versteh' kein Wort,« entgegnete Monika mit so treuherzig unwissender Miene, daß Brosi sie anstarrte, und sie setzte hinzu: »Red deutsch, daß man dich auch verstehen kann. In welchem Kloster bist denn gewesen?« »O ihr Weibsleut!« rief Brosi, »ich hab' mein Lebtag gehört, ihr könnt euch verstellen ärger als der best' Fastnachtshansel, aber so arg hätt' ich's doch nicht glaubt. Weißt denn nichts mehr vom Riegelzu, und ich lieg' auf den Knieen und bet' zu dir wie zu unserm Herrgott? Hab' ich darum den Rechtschaffenen an dir gemacht und allen Respekt vor dir gehabt, daß du jetzt thust wie der Ichbinnichtdabeigewesen?« »Ich versteh' von all deinen Reden vom Simri kein Mäßle,« beharrte Monika, und hohnlachend entgegnete Brosi: »Gut, so will ich der Narr sein und will dir alles nochmals erzählen,« und er berichtete genau von jenem Abend und allen Worten, die er gehört und gesprochen. Monika hatte die Hände in die zusammengerollte Schürze versteckt und schaute den Sprechenden mit großen Augen au, endlich sagte sie: »Ich glaub' dir, aufs Wort hin glaub' ich dir alles, es ist gewiß so. Aber, Brosi, glaub mir auch, du hast alles nur geträumt, und es ist einer von den rechten, von den braven Träumen gewesen. Guck, jeder Mensch hat seinen guten Engel, der ihm alles thut; da ist mein guter Engel zu dir kommen und hat dir alles berichtet, wie ich dir's selber gesagt hätt'; aber ich, glaub mir, ich bin nicht aus der Stub' kommen. Wo hätt' ich auch so schnell hin verschwinden sollen? Da hast das Wahrzeichen, daß ich's nicht gewesen bin und nur meine Schutzheilige, zu der ich dafür beten und der ich danken will. Und mit dem Riegel? Kannst 'nausgehen und kannst selber sehen, an der Thür ist so, wie man's angreift, bald ist sie zu, bald auf, es ist nur ein Vorteil dabei. Ich lass' es aber gelten, wie wenn ich's selber gewesen wär', und rechne dir's grad so an; aber geträumt hast, das ist einmal ausgemacht.« Brosi stand eine Weile wie versteinert, dann faßte er sich schnell und machte allerlei Versuche, Monika zum Lachen zu bringen und ihr das Geständnis abzuzwingen, daß sie ihn nur necke; aber keine Miene in ihrem Gesichte zuckte, sie schaute ernsthaft drein und verließ ihn, indem sie ihm noch mehr solche gute Träume wünschte. Brosi schaute mit verdächtigem Blick auf das Haus des Apothekerrösle, das ganze Haus schien ihm nicht geheuer, da man darin so lebhafte und wunderliche Träume haben könne; und doch wollte er wieder nicht daran glauben, daß all das Erlebte nur ein Traum gewesen, und wiederum dünkte ihn das doch besser; denn wenn Monika jetzt ein falsches Spiel mit ihm triebe, war sie ja falsch wie Galgenholz; drum muß es doch ein Traum gewesen sein. Am andern Tage machte Brosi einen Versuch an der Treppenthür und fand die Aussage der Monika richtig, es bedurfte nur eines geschickten Griffs an die Thüre, um den Riegel auf oder zu zu machen. Bei dieser Gelegenheit entdeckte aber auch Brosi den baufälligen Zustand des Hauses; und als die Gartenmauer vollendet war, machte er sich an Instandsetzung des Innern. Wo er anklopfte, stäubte es ihm entgegen. Die Umfassungsmauern bestanden aus aufgeschichteten Querbalken, die noch ziemlich standhielten, aber die Riegelmauern zerbröckelten fast bei starker Berührung, und besonders die Feuerwand, die nach der Küche ging und so oft von den drei Schlägen erdröhnte, hatte einen wundersamen Bestand, die drei Schläge mußten mit besonderer Kunst geführt werden, da die Wand nicht einstürzte. Das Apothekerrösle wußte es Brosi wenig Dank, daß er mit Aufopferung all seiner freien Zeit und, da diese nur kurz gemessen war, sehr langsam das Häuschen so herstellte, daß es »behäb war wie ein Büchschen«. Das Apothekerrösle hatte nur immer zu klagen, daß es diesen Staub und dieses Gehämmer noch erleben müsse. Desto dankbarer aber war Monika, und als sie ihm einst sagte: »Brosi, du baust zwei Kirchen, dort die große und hier eine kleine, die dir Gott lohnen wird,« da warf Brosi Hammer und Kelle weg, und die lange verhaltene Liebe brach in die Worte aus: »Und ich will dich von Gott zum Lohn und weiter nichts.« »Ich hab' auch sonst nichts, denn das Häusle ist verschuldet, und unsere Kuh haben wir nur im Bestand.« Der Bund war geschlossen, und das Apothekerrösle sagte, es freue sich nur, daß es doch recht behalte; es thue kein Mensch etwas aus Gutheit, der Brosi habe Haus und Garten nur hergerichtet, um alles zu haben. Mit Nachdruck setzte es dann hinzu, wie gerichtlich festgestellt werden müsse, daß die beiden älteren Töchter, die in der Schweiz dienten, ein Heimatsrecht im Hause hätten, das ihnen niemand verkümmern dürfe. Ueberhaupt hob das Apothekerrösle mit schmatzendem Munde alle die Mißlichkeiten hervor, die dem neuen Hausstande drohten, so daß Brosi oft zaghaft werden mußte, wenn er nicht bedacht hätte, daß seine Schwiegermutter ingrimmig sei, weil sie einen Tochtermann bekam, den sie nicht eingestellt und in der Hand hatte. Moni lobte ihn über diese Auslegung als tiefen Menschenkenner und bestärkte ihn mit heiterem Sinn in froher Zuversicht. Als erstes Geschenk des nun geschlossenen Bundes wollte Brosi von seiner Moni wissen, ob er an jenem Abend wirklich geträumt habe; aber Moni wich ihm aus, und als er immer dringlicher ward, sagte sie ihm, am Hochzeitstage werde jemand kommen, der ihm alles erkläre, er dürfe aber nie mehr vorher danach fragen. Viertes Kapitel. Es gibt ein Bekenntnis der Armut, das sich unter allen am schwersten bekennen läßt: es ist die Armut an Freundschaft. Nur ein in ungemessener Selbstherrlichkeit sich erhebendes Wesen vermag dieses Geständnis mit einem gewissen heiteren Gleichmut zu thun, weil sich darin wiederum die große Thatsache offenbart, daß niemand ihm gleichkomme, sei es an wirklichem Gehalt oder auch nur an Verständnis seiner unerfaßlichen Bedeutsamkeit. Untergeordnete, in sich oder von der Welt sich abhängig fühlende Naturen dagegen erkennen in ihrem Mangel an Freundschaft nicht nur eine Härte und schiefe Stellung des Geschickes, die oft dabei mitwirkt, sondern auch in der Aufrichtigkeit vor sich selber einen Fehler in der eigenen Natur, die es nicht vermag, Liebe zu gewinnen und festzuhalten. Mit demutsvoll niedergeschlagenen Augen und zitternder Stimme sagte eines Tages Moni zu ihrem Bräutigam: »Horch, Brosi, ich muß dir etwas sagen. Dann bin ich aber auch ganz fertig und kannst mich aufschneiden und findest keinen verborgenen Gedanken mehr in mir.« »Was hast? Sag's nur frei heraus.« »Guck, mein' Mutter ist gewiß viel daran schuld, du weißt ja selbst am besten, wie sie ist; aber ich bin auch schuld, gewiß, ich auch.« »Was hast denn? 'raus mit.« »Guck, ich hab' auf der ganzen weiten Welt keinen Menschen, den ich zur Hochzeit laden kann, und ich hab' keine Gespiele, die an unserem Ehrentag mit mir in die Kirche geht. Die Näherlise, die in Endringen mit mir getanzt hat, wär' die einzige, aber die kann ja jetzt nicht. Ich hab' niemand auf der Welt, ich bin wie aus dem Stein gesprungen; wenn ich mein' linke Hand in die rechte nehm', hab' ich all' meine gute Freund' bei einander. Gelt, ich seh' dir's an, das thut dir auch weh, aber red' jetzt und sag', wie wir's machen.« Moni hatte recht gesehen. Ein gewisses bräutliches Bangen, das halb verschleierte Bewußtsein, nun mit dem ganzen Leben abgeschlossen zu haben, hatte schon manchmal bei aller Zuversicht das Herz Brosis erzittern gemacht; jetzt bei dieser Kundgebung kam es wieder. Er wollte schon losbrechen in der Darlegung seiner Bekümmernis, als er noch zeitig genug an sich hielt, denn jetzt zum erstenmal kam ihm der Gedanke, daß zwei Menschen, die sich zu einem vollen Gemeinleben verbinden, wohl in Ehrlichkeit und Offenheit zusammenstehen müssen, daß es aber die Pflicht des einen sei, dem andern, das in Leid oder Leidenschaft versunken ist, nicht durch eigene Zuthat solches noch zu vermehren, sondern ihm herauszuhelfen. Ueber das Antlitz Brosis zog eine eigentümliche sonnige Klärung, er faßte die Hand Monis und sagte: »Red' nicht so. Freilich ist's hart. Sag' aber nicht, wenn deine rechte deine linke Hand faßt, habest du alle deine gute Freund'. Da hast meine zwei Händ', und ich hab' viele Freunde, und die sind alle dein, und ich hab' niemand auf der Welt, der was gegen mich hat, auch der Furchenbauer nicht. Ich schaff' dir Gespielen, so viel du magst und die fürnehmsten aus der ganzen Gegend. Wenn nur wir zwei mit Gottes Hilfe gut Freund sind, dann wird's die ganze Welt auch sein.« Moni beugte ihr Haupt nieder und legte ihre brennende Wange auf die Hand Brosis, dann richtete sie sich auf, schüttelte seine beiden Hände mit mächtiger Kraft und sagte: »Brosi, das vergess' ich dir nie, nie, wie du jetzt gegen mich gewesen bist. Du wirst sehen, was du an mir hast.« Die Verlobten hielten ihre beiden Hände fest und sahen einander tief in die Augen, und dieser Blick sprach mehr, als alle Worte auszudrücken vermögen. Ohne Kirche, ohne Priester und Zeugen kam die Segnung der ewigen Weihe über die beiden Verbundenen. Moni war so aufgelöst und hingegeben, daß sie schon heute ihrem Verlobten das Rätsel jener Traumnacht lösen wollte, aber Brosi wollte nichts davon hören. »Du mußt mich dazu anhalten, daß ich bei meinem Wort bleib', und ich will's auch so halten,« erklärte er, worauf Moni diese feste Männlichkeit hochpries. Brosi schmunzelte, dann aber sagte er mit der Zunge schnalzend: »Jetzt ist's genug, sonst kommen wir ja in ein Geflenn, wie die Katzen auf dem Dach. Lustig, und wenn der Sack sieben Löcher hat.« Zum erstenmal mußte Moni mit ihm in den Auerhahn zum Weine gehen, sie sträubte sich lange dagegen und wollte es auf Sonntag verschieben; aber Brosi behauptete, heut sei Sonntag, und gab seiner Braut als Probe auf, das augenblicklich zu glauben. Lachend sagte Moni: »Hast recht, heut ist Sonntag, aber ich will deswegen auch schnell meine Sonntagskleider anziehen. Ich bin gleich wieder da.« Sie erfüllte dieses Versprechen mit überraschender Schnelligkeit, und noch nie schmeckte Brosi ein Schoppen so gut, als den er mit seiner Moni austrank. Durch die Nacht heimwärts gehend, sangen sie in beweglicher Weisung: Es gibt kein' größre Freud Auf dieser Erden, Als wenn zwei junge, junge Leut' Zwei Eheleut' werden. Da gibt es keine Not, Kein Kreuz und kein Leiden, Nichts als der bittre Tod, Der kann sie scheiden. Noch nie ging Brosi so wonneselig von seiner Braut, als an diesem Abend. Als er ihr am andern Morgen begegnete, sagte sie: »Du hast mich ganz narret gemacht, es will mir gar nicht aus dem Sinn, daß gestern Sonntag gewesen ist und die Leut' sagen, heut sei Freitag.« »Diese Woch' hat halt zwei Sonntag',« entgegnete Brosi lachend, und ein jedes ging an seine Arbeit. – Am nächsten wirklichen Sonntag machte sich der Brosi mit seinen beiden Hochzeitlädern auf, um in seiner Heimat die üblichen Einladungen zu machen; er trug einen Rosmarinstrauß mit roten und blauen Bändern auf dem Hut und im Knopfloch, und ebenso die beiden Gesellen, die noch dazu Säbel an der Seite trugen. Moni schaute ihnen noch lange nach von dem wiederaufgerichteten Bachstege, und von fernher ertönten ihr noch die hellen Juchhe, die die Berge widerhallten. Es war für Brosi eine eigentümliche Buße, daß das erste Haus, in das er mit seinen Gesellen eintreten mußte, der Hof zur langen Furche war. Hier kam er gerade in große Festlichkeiten hinein, denn die Schwester des Furchenbauern verlobte sich mit dem Gipsmüller vom unteren Thale; da standen Fuhrwerke von ob und nid der Steige wie eine Wagenburg vor dem Hause, und drinnen in der Stube war alles gesteckt voll von dicken Verwandten beider Seiten. Brosi überkam ein Bangen und ein seltsamer Schreck, als er in die übervolle Stube trat. Wie viele Menschen hatten sich hier zusammengefunden, um den Handschlag mitzufeiern, wie wirkte das Ereignis hinaus über Berg und Thal, und eine ganze Reihe von gewichtigen Menschen trat einander nahe; wie armselig dagegen war seine Verlobung gewesen, und Moni hatte recht, da sie sagte: »Ich bin wie aus dem Stein gesprungen.« Der Furchenbauer, der es wohl bemerkte, wie Brosi so verloren um sich schaute, hielt das für eine Verlegenheit von jenem trotzigen Aufbrausen an seinem Hochzeitabende her; er trat daher auf Brosi zu, versicherte ihn herablassend seiner Gunst, und nun sprachen die beiden Gesellen den üblichen Einladungsspruch. Die neue Braut reichte dann nach gewohnter Sitte den Brotlaib, um eine Schnitte abzuschneiden, brachte aber gleich darauf auch ein groß Stück Kuchen zum Gruß an Moni, äußerte die Freude, daß an ihrem Brautmorgen ein so fröhliches Ereignis bei ihr einkehre, und versprach, sicher zur Hochzeit zu kommen. Brosi brachte seinen Wunsch vor, daß sie die Brautjungfer sein möge, und nachdem sie ihren Bräutigam geholt und diesem das Verlangen vorgetragen hatte, willigte sie gern ein. Trotz dieser Zusage verließ Brosi mit gestörtem Gemüt das Haus; die Verlockungen des Reichtums und das Verlangen, einer großen hochgeltenden Familie anzugehören, waren in seine Seele gedrungen. Er hatte nie danach getrachtet, solch ein Mädchen zu gewinnen, das war ja unmöglich, denn die Standesunterschiede bei den Bauern stehen fast unerschütterlich fest; jetzt aber fühlte er doch etwas wie Neid und Lust nach geborgenem Vermögensstande. Er dachte auf einmal, wie viel Hammerschläge er thun müsse, bis er sich nur ein Geringes erobert haben werde; und nachmals hat er noch oft und oft davon erzählt, daß er damals auf der Schwelle des Furchenbauern erfahren, »wie der Teufel in jedem Menschen wohne und Meister werde, wenn man ihn nicht gleich beim Grips fasse und erwürge«. Jetzt hatte Brosi nichts in der Hand als das große Stück Kuchen; das gab er seinen Gesellen und brachte keinen Bissen davon über die Lippen, für sich zum Zeichen, daß er von den bösen Gewalten nichts annehme. Brosi hatte am vergangenen Donnerstag die volle Wahrheit gesprochen: überall, wohin er kam, hatte er nichts als gute Freunde und niemand, der ihm gram war. Ja, die Freundlichkeit ging sogar so weit, daß man da und dort über seine Schwiegermutter spöttelte und ihn um diese Zuwage bedauerte, andere machten ihm dabei noch freundliche Vorwürfe, daß er so früh heirate und sich einen so harten Anfang aufbürde; alle aber versprachen, sicher zu kommen, zumal da man ja auch zugleich die Einweihung der Kirche mitmache. Es wurde ihm als ein kluger Streich ausgelegt, daß er seine Hochzeit auf diesen Tag festgesetzt, da es ihm so an Zuspruch und reichlichen Hochzeitgeschenken nicht fehlen könne. Von Moni sprach fast niemand, es kannten sie auch nur wenige; desto mehr aber sprach Brosi in sich: »Und ihr wisset alle nicht, daß es mein klügster Streich ist, just die Moni zu heiraten.« Als er am Abend auf dem Heimweg wieder an des Furchenbauern Haus vorüberkam und die Stelle sah, wo so böse Gedanken ihm in der Seele gewaltet hatten, eilte er seinen Gesellen voraus und wollte schnell heim zu Moni; nur auf das Zureden der Gesellen, wie es sich nicht schicke, daß er allein heimkehre, hielt er gleichen Schritt mit ihnen. Moni war hocherfreut, als sie vernahm, welch eine fürnehme Brautjungfer sie haben werde; als aber Brosi in seiner Offenherzigkeit auch erzählte, welche böse Gedanken ihm in der Seele aufgesproßt seien, wie er sie aber mit Stumpf und Stiel ausgerottet habe, da weinte Moni bitterlich und wollte sich nicht beruhigen lassen, so sehr auch Brosi versicherte, daß alles wurzweg in ihm ausgejätet sei. Erst nach und nach gelang es ihm, sie zu beruhigen, aber so heiter wie die vergangenen Tage war sie doch nicht. Auf dem Heimwege nach seiner Schlafstelle fand Brosi mitten in der Nacht eine sehr dienliche Weisheit. »Man muß den Weibern nicht alles berichten,« sagte er sich, »absonderlich aber nicht von Dingen, die aus und vorbei sind; sie glauben das doch nicht und meinen, es sei immer was übrig. Kannst dich darauf verlassen, Moni, du kriegst nichts mehr von dem, was ich einmal 'nunter gedruckt hab'.« Fünftes Kapitel. Man redet so lang von der Kirchweih, bis sie endlich da ist, das ist eines der unbestreitbarsten Sprichwörter, und es bewährte sich auch in Haldenbrunn. Im dichten undurchdringlichen Morgennebel, den man nach dem Ausspruche vieler fast mit Löffeln essen könnte, krachten die Böllerschüsse und ertönten zum erstenmal die Kirchenglocken von Haldenbrunn allesamt und so hell wundersam von unsichtbarer Höhe, daß alles auf die Straße rannte und eins dem andern zurief, doch auch hinzuhorchen, wie schön das klinge: solch ein Geläute habe keine Gemeinde landauf und landab; eines bestärkte das andere in der zuversichtlichen Hoffnung, daß der Nebel fallen und ein heller Tag darüber erscheinen werde. Brosi ging beim ersten Geläute nach dem Hause seiner Monika, er hatte unwillkürlich die Hände gefaltet, und seine Lippen bewegten sich, denn er sprach vor sich: »Guter Gott, gib, daß diese Glocken uns nur Stunden des Glücks und der Freude ankündigen.« Als das Gesamtgeläute vorüber war, tönten noch drei einzelne Glockenschläge nach, als sprächen sie dreimal Amen. Moni war nicht in der Stube, sie war in der Bühnenkammer, die Brosi wohnlich hergerichtet hatte; die Thüre war verschlossen, und Brosi bat nicht um Einlaß, es wäre gegen allen Brauch gewesen, dieses Gemach jetzt zu betreten. »Hast's auch so schön läuten gehört?« fragte Brosi, und von innen antwortete es: »O, freilich! und ich hab' gewußt, daß du kommst, und ich hab' zu Gott gebetet, er soll uns alle Stunden, die uns die Glock' angibt, in Zufriedenheit erleben lassen, und wenn es Leidmut gibt, soll er helfen, daß wir bald wieder darüber 'naus kommen.« Das war ja ganz dasselbe, was in Brosis Herzen aufgestiegen war, nur noch bedachtsamer auf Leid und Ungemach. Moni ließ ihn nicht lange hierüber nachdenken, denn sie rief, indem sie eine Kiste zuschlug: »Wenn sich nur das Wetter auch aufheitert. Geh 'nunter, ich komm' sogleich.« Das Apothekerrösle war auch heute noch voll grämlichen Klagens und sagte immer, die ganze Welt sei darauf zugespitzt, um es zu ärgern: sich zum Possen müsse es den Tag noch erleben, wo alles sich draußen freut, und es müsse daheimliegen wie eine kranke Katz. Brosi schauderte bei dieser unzerstörbaren Giftigkeit und der Erinnerung an die Katze; er bat indes die Schwiegermutter, doch wenigstens heute fröhlich zu sein, er wolle ihr Wein und Braten und Kuchen nach Haus schicken oder selbst bringen, sie solle mindestens heute freundlich zu den ankommenden Gästen sein, sie habe bösen Namen genug. »So?« rief das Apothekerrösle mit gellender Stimme, »ich weiß wohl, die Leut' halten mich für eine Hex', aber wenn ich machen könnt', daß mich die Leute für des Teufels Großmutter hielten, ich thät's. Lieber möcht' ich von einem tollen Hund gebissen sein, als von den Menschen gern gehabt. Wenn sie so recht Furcht vor mir haben, das ist mir recht. Wenn sie nur so stark Furcht hätten, daß sie alle die Gichter kriegten, wenn ich sie anseh'!« Moni unterbrach diese Herzensergießungen, die noch viel weiter gehen zu wollen schienen, sie brachte ihrem Bräutigam das feine flächsene Hemd, das sie selbst gesponnen, gebleicht und genäht und das er heute den ganzen Tag tragen mußte. Das Apothekerrösle wollte die Geschichte vom Rockertsweible erzählen, das ein Hemd aus Brennesseln gesponnen habe; aber Moni befahl ihr in scharfem Tone, davon still zu sein, und klagte über die Brautjungfer, die so lange auf sich warten lasse, und die Mutter äußerte schadenfroh, daß sie gewiß gar nicht kommen werde. Da ertönte das Schellengeläute eines Fuhrwerkes vor dem Hause, die Brautjungfer war angekommen, ihr vorauf lud man einen großen Sack ab, es war ein Malter Weißmehl, das als Hochzeitsgeschenk in den Hausgang gestellt wurde. Ehe die Brautjungfer in die Stube ging, ließ sie den Sack umdrehen, und da war auf demselben deutlich »Ambrosius Heller 1799« in einem Kranze zu lesen. Die Brautjungfer trug einen Rosenkranz um die Hand geschlungen, offenbar zum Schutz gegen die Hexerei des Apothekerrösle; sie schickte sogleich den Brosi fort, da es gegen alles Herkommen war, daß er sich jetzt im Hause befand. Zum zweitenmal knallten die Böllerschüsse, die Glocken läuteten, und alles jauchzte, da die Sonne hell hervorbrach. Moni war besonders glücklich, da sie just in dem Augenblicke so hell erglänzte, als ihr die Brautjungfer die Flitterkrone, die sogenannte Schappel, aufsetzte. Die Sonne hatte aber in Haldenbrunn noch gar viel andere Herrlichkeiten zu bescheinen: vom Turme flatterten Fahnen, und an den Häusern hingen überall Kränze von grünen Tannenreisern und Stechpalmen, aus denen in Ermanglung von Blumen aufgereihte Hagebutten und Zweige von Pfaffenhütchen und Vogelbeerbüschel hervorschauten. Der Auerhahnwirt hatte von seinem Hause nach dem gegenüberstehenden Kirschenbaume am Röhrbrunnen einen mit vielen Bändern verzierten Kranz gezogen, und auf den Straßen lagen überall Tannenreiser, Ginster und sogenanntes Schafterheu; der Wald hatte seinen Gruß gesendet zum Danke dafür, daß ihn nun Glockenschall durchhallte. Die Burschen von Endringen kamen alle insgesamt unter Pistolenknallen und mit bänderverzierten Rosmarinsträußen auf dem Hute, sie holten Brosi ab, um ihm das Geleite nach der Kirche zu geben. Als es zum drittenmal läutete, Böller und Pistolenschüsse knallten, ertönte die Musik, die beiden Hochzeitläder gingen mit gezücktem Säbel vor und hinter der Braut; zum erstenmal ertönte zum feierlichen Gottesdienste die Orgel in der Kirche, und man sah viele Leute vor Freude und Rührung weinen. Der Geistliche, ein Heimatgenosse Brosis aus Endringen gebürtig, verstand es, die rechten Worte für die Weihestimmung zu treffen, und als er die Anrede an Brosi hielt, wünschte er ihm, daß sein Glück so fest und ohne Wanken sein möge wie die Steine des Baues, die er zusammenfügen geholfen. Beim Ausgang war ein großes Gedränge, abermaliges Läuten, Böllerkrachen und Musikschall, und jetzt, nachdem der nötige Ernst abgethan war, brach die Freude mit verdoppelter Macht hervor. Die Brautführer geleiteten die Braut und deren Gespiele bis ins Wirtshaus, stießen dort ihre Säbel in die Stubendecke, genau da, wo Braut und Bräutigam sitzen müssen, und nun begann der Brauttanz. Es war eine Lustbarkeit, wie sie zwischen den dunklen Wäldern noch selten gefunden war, und Brosi nickte zufrieden, als ihm einer der Burschen mitten aus dem Tanze zurief: »Heut sind wir alle lauter Brosis!« Er selbst fühlte sich in seiner neuen Würde zu ernstem Maßhalten gestimmt, er hatte auch dafür zu sorgen, daß er mit jedem der Gäste ein freundliches Wort sprach und daß jeder für sein Geld gehörig bedient werde. Auch hatte Brosi Grund genug zu ernstem Nachdenken. Er hatte seiner Schwiegermutter Wein und Essen nach Haus gebracht, und sie hatte vor seinen Augen den Wein in die Stube geschüttet und dabei so höllisch gelacht, als wäre ihr Wunsch vom Morgen in Erfüllung gegangen und sie wirklich des Teufels Großmutter. Er suchte indes den Gram darüber zu verwinden, und in erster Anwendung seines vor der Hochzeit angelobten Verfahrens unterließ er es, der Moni etwas davon zu sagen. Diese strahlte in harmloser Seligkeit und brachte es eben dadurch auch zuwege, ihn zu erheitern und den Vorsatz in ihm zu befestigen, das Apothekerrösle wie einen Narren zu behandeln, mit Geduld und Gleichgültigkeit. Als es Abend zu werden begann und manche Gäste sich zur Heimfahrt anschickten, schrie alles wie aus einem Munde: »Bändelestanz! Brositanz!« und Brosi mußte den auf der Hochzeit des Furchenbauern erfundenen Reigen abermals ausführen. Heute aber faßte er nur seine Moni und sang dabei: Weil Scheiden bitter ist Und 's Lieben süß, Jetzt leg' i mei'm rechten Schatz D' Händ' unter d' Füß'. Trotzdem schon viele Pferde auf der Straße angespannt waren und hell wieherten, versprachen doch viele Gäste noch zu bleiben, wenn Brosi auch noch den Hoppetvogel und den Siebensprung ausführe. Er ließ sich dazu nicht lange bitten, und man konnte nicht sagen, wer alles zierlicher und auf den Ton hin genauer ausführte, er oder Moni. Die volle Lustigkeit brach wieder in Brosi hervor, er jauchzte und sprang und sang, daß alles auf Tisch und Bänke stieg, um ihm genau zuzusehen, und als er geendet hatte, rief er: »Eingehalten! Es kommt was.« Er trat mit Moni vor die Brüstung, hinter der die Musikanten saßen und sagte: »Moni, das ist auch ein Altar, und jetzt kommt ein neues Versprechen. Ich nehm' euch alle zum Zeugen, da schwör' ich's: solang mir der oberste Musikant da zu allerhöchst oben Leben und Gesundheit schenkt, tanz' ich jede Kirchweih. Schwör' du das auch, Moni, thu's, ich bitt' dich drum.« »Ja, ja, ich schwör's auch!« rief Moni und reichte ihm die Hand; die Musikanten wirbelten einen Tusch und hefteten gleich einen lustigen Hopser dran. Alle Gäste, denen Brosi und Moni das Geleite geben mußten, um von ihnen das übliche Geldgeschenk zu empfangen, beteuerten, noch nie eine so lustige Hochzeit mitgemacht zu haben, und der beste Beweis, daß alles glücklich und zufrieden war, lag darin, daß Moni im geheimen ihrem Mann ins Ohr sagte, sie hätten jetzt neben dem Sack Mehl und anderem schon dreißig Gulden bar über die Hochzeitskosten eingenommen. »Hast's gezählt?« fragte Brosi. »Ja, ich hab' alles ungesehen abgezählt, eh' ich's in Sack than hab'; da rechts hab' ich achtzehn, und da hab' ich siebenundzwanzig Gulden. Wir kaufen dem Beständer unser Kühle ab, es ist gar ein brav Kühle, das wird das Beste sein.« »Ja, ja,« sagte Brosi und rieb sich vergnügt die Hände, er sah schon jetzt wieder deutlich, was für eine »häusliche« Frau er hatte. Nachdem die Braut gestohlen und dann wieder ausgelöst worden war, ging die Lustbarkeit von neuem an. Brosi sprach im geheimen vom Heimgehen, aber Monika hatte noch manche Leute im Auge, die noch kein Geschenk gegeben hatten, deren Weggang mußte abgewartet werden. Endlich nickte Moni still, als ihr Brosi wieder winkte, sie schlich sich fort, und bald war Brosi bei ihr auf der Straße; aber so verborgen sie sich auch glaubten, sie waren doch entdeckt worden, und Musik und Gesang tönte ihnen von den Fenstern heraus nach. Nicht weit von ihrem Hause sprang Moni davon, er ließ sie gewähren, denn es gilt als Zeichen, daß der die Herrschaft bekommt, der zuerst ins Haus tritt, und Brosi sah schon, daß er gut dabei stand, wenn er seine Frau walten ließ. Er sah sie in das Haus treten und die Thüre hinter sich offen lassen, aber so sehr er auch das Haus durchsuchte und sie rief, er fand sie nirgends, auch in der Bühnenkammer war sie nicht und nicht auf dem Heuboden, nicht im Stall und Keller. Endlich rief er: »Soll ich an meinem Hochzeitstag fluchen? Und das muß ich, wenn du nicht kommst.« »Such' das Geheimnis,« rief eine Stimme wie aus der Ferne, und auf die Bitten Brosis rief es endlich deutlicher: »Da bin ich.« Unter der Treppe war ein Laden, der in die Raufe nach dem Stalle ging, und Moni erklärte, daß sie hier hin verschwunden sei in jener Nacht, als sie ihn aus dem Hause bettelte. Sechstes Kapitel. Man hatte sich bisher in Haldenbrunn mit einer zerfallenen Kapelle auf dem Gottesacker begnügen müssen, und man muß es wissen, was es heißt, wenn ein Dorf zum erstenmal eine eigene Kirche hat. Es ist, als ob der heilige Geist sich leibhaftig unter den Bewohnern ansässig gemacht hätte, und wiederum, als ob alle gemeinsam ein schönes unzerstörbares Sonntagsgewand bekommen hätten; der wahre heilige Geist, das Gefühl der Gemeinsamkeit und Allgehörigkeit, erhebt die Herzen, macht sie froh in sich und freundlich eines dem andern. Verstünde es die Kirche, diese Weihestimmung, dieses Gefühl der Brüderlichkeit und Gemeinsamkeit vor allem in den Herzen wach zu halten, sie wäre die Heilsanstalt, deren Beruf sie sich zuschreibt. Fast noch mehr aber, als an der Kirche, freute sich alles an den Kirchenglocken. Wie still und ungezählt waren die Stunden des Lebens vorübergegangen, wie lief man in des Nachbarn Haus oder schaute nach dem Schatten, um die Tageszeit zu erkunden; jetzt tönt es allezeit vom Turme, und die Berge, solchen Klanges ungewohnt, sprechen ihn nach, und im Walde legt der Holzhauer die Axt nieder und spricht: das ist unsere Glocke, die elfe schlägt – und dieses unsere thut so wohl und würzt das karge Mahl. Ein feierlicher Hauch wehte noch tagelang über Haldenbrunn, und die Tannenreiser, die zu festlichen Kränzen und Bogen verwendet waren, dufteten so würzig; aber der festliche Hauch vergeht, und die Tannenreiser werden bald abgenommen, zu Reisigbüscheln für die Heizung zerhackt und gebunden. Nur bei Brosi war die Festtagssonne noch nicht erloschen. Zwar gestattete er sich nur noch tags darauf im Sonntagsgewande einherzugehen, und wenn ihn die Leute grüßten, meinte er, alle müßten es ihm ansehen, wie glücklich er sei, und seine feierliche Stimmung blieb noch lange Zeit. Er begriff oft gar nicht, daß die Leute so thaten, als ob das gar nichts wäre, wenn er auf ihre Frage »Wohin?« zur Antwort gab: »Ich gehe heim.« Wußten denn die Leute nicht, daß er zum erstenmal in seinem Leben eine Heimat gefunden, und daß er jetzt ein doppelter Mensch war, daß er daheim eine wackere nette Frau sein eigen nannte? Ueber seine frohe Stimmung und das volle Erquicken an derselben vergaß er aber nicht, auf das Erste und Notwendigste bedacht zu sein, und das war: eine Winterarbeit, einen Verdienst in der harten Zeit zu finden. Zwar begann man schon damals hier und dort Winterwerkstätten für Steinmetzen herzurichten, und da Brosi Steinmetz und Maurer war, hätte er wohl ein Unterkommen finden können; aber gleich den ersten Winter aus der neugegründeten Heimat fortzugehen, konnte er sich nicht zumuten. Es blieb also nur übrig, Arbeit im Orte zu finden, und da gab es nur eine einzige: Holz fällen in den umgrenzenden Wäldern, und wenn der Boden gefroren ist und sich eine Schneebahn darüber legt, das Gefällte auf Handschlitten thalwärts führen. Der Revierförster war nicht abgeneigt, gegen den damals üblichen Abzug von dem bedungenen Lohne zu seinen eigenen Gunsten Brosi Arbeit zu geben, und er durfte nicht lange zögern, denn ein junger Ehemann in seinen Vermögensverhältnissen mußte der übelsten Nachrede gewärtig sein, wenn er nur einen Tag müßig umherging. Die Waldarbeit wurde Brosi unsäglich schwer, er war von seinem Handwerk an ein stetiges und gleichmäßiges Arbeiten gewöhnt, aber diese oft plötzlichen Kraftanstrengungen ermüdeten ihn mehr, als man bei seinem starkknochigen Körperbau vermuten mochte. Bald aber gelang es ihm, auch diesem Thun die heitere Seite abzugewinnen. Er nannte den gefrorenen Wald seinen überzuckerten Weihnachtsgarten, und wenn er vor Kälte hüpfte und mit den Händen schlegelte, sagte er immer, er führe jetzt den Friertanz auf. Er sprach zu den Bäumen, die er fällte, so entschuldigend freundliche Worte und bat sie unter allerlei Verbeugungen, doch gnädigst nicht so zäh zu sein und sich in ihr Schicksal zu finden, daß alle andern Holzhauer sich herzudrängten, um mit ihm gemeinsame Arbeit zu machen. Wenn der Baum schwankte und krachend niederfiel, stieß Brosi immer einen hellen Juchschrei aus. Am glückseligsten war er aber doch, wenn er in sich hinein dachte, welch ein »kugelig Weible«, wie er es stets nannte, er daheim habe, und manchmal verzehrte er verstohlen, um den Neckereien der andern zu entgehen, einen guten Bissen, den ihm Moni »hehlings« in die Tasche gesteckt hatte. Wenn er dann abends heimkam und die Axt in einen Küchenwinkel stellte, wischte er sich behaglich Reif und Schnee aus dem Bart, stellte sich breitspurig, die Hände auf dem Rücken, vor seine Moni, die am Herde stand, und schaute sie so lange an, bis sie lachte; dann sprach er ganz leise mit ihr, damit es die Mutter in der Stube nicht höre, und dieses Heimlichthun, das doch seine traurige Ursache hatte, erschloß wieder seinen besonderen Reiz. Brosi und seine Frau waren immer wie zwei Liebende, die sich vor einem keifenden Vormunde nur verstohlen und heimlich nähern dürfen, denn das Apothekerrösle fluchte und schimpfte immer, wenn Brosi und Moni miteinander scherzten, und sagte, sie wollten es noch vergiften, um ihre Narreteien ungesehen treiben zu können. Sprachen sie einmal leise miteinander in der Stube, so heulte und wehklagte das Apothekerrösle, daß man es zehn Häuser weit hören konnte und die Eheleute ihr alles versprachen, wenn sie nur still sei. Moni hatte der Mutter einen Teil des Bettes nehmen müssen, und nun klagte diese stets über das hartherzige Kind, das ihr die Kissen unter dem Kopfe wegzöge, und das sie gewiß bald aus der warmen Stube vertreibe; aber sie gehe nicht fort und werde noch einen Menschen finden, der für sie den Vogt hole. Brosi wollte der Mutter die entnommenen Bettstücke wieder zurückgeben, aber Moni duldete das nicht, man dürfe nicht nachgeben, sonst sei man verloren. Moni suchte ihren Mann zu trösten über die schwere Bürde, die er an ihrer Mutter habe, aber dieser sagte gleichmütig: »Wir wären zu glücklich, darum müssen wir unser Kreuz haben, das ist einmal so in der Welt; und so schwer ist es nicht, daß wir nicht noch lustige Sprünge machen können.« Als ihm aber Moni ein beglückendes Geheimnis mitteilte, sagte er doch: »Lieber Gott, mir ist nur arg, daß das unschuldige Kind die Belferei von deiner Mutter mitanhören muß.« Jetzt aber war Moni gescheiter, denn sie entgegnete: »Das schadet nichts. Man wird just nicht giftig davon, das siehst an mir, und in frühen Jahren zu wissen, daß nicht alle Menschen Lämmer Gottes sind, hat auch sein Gutes.« Ganze Abende saß Brosi bei seiner Frau und sang mit ihr, daß die Fenster zitterten. Weil sie in Gegenwart der Mutter nicht viel reden durften, begannen sie in der Regel halb nach dem Nachtessen, das die Hauptmahlzeit war, Liebeslieder und Schelmenlieder, wie sie ihnen in den Sinn kamen, und wie gesagt, das hässige Wesen der Mutter drängte die Eheleute gerade zu um so größerer Lustigkeit, die freilich in ihnen beiden steckte. Schien der Liedervorrat erschöpft oder nicht mehr ergiebig genug, so ging es an die wortlose Musik. Hopser und Walzer und besonders der Siebensprung wurden ohne Ende zweistimmig gesungen, bis der Uribasche, der Nachtwächter, neun Uhr anrief. Dabei waren aber beide Eheleute nie müßig mit den Händen. Moni hatte von dem Geld, das nach Ankauf der Kuh übrig geblieben war, Hanf gekauft und spann nun denselben mit nie gesehener Schnelligkeit; sie war ja überhaupt allezeit lebhaft und fleißig, drehte sich dreimal herum, ehe ein anderes nur aufstand. Brosi hatte auch nie zu den Langsamen und Trägen gehört; er fand aber in den Winterabenden nichts anderes zu thun, als dieselbe Hantierung, die in der ganzen Gegend heimisch war: nämlich Schindeln zu machen. Damals war es noch nicht wie heute, wo die Holzhändler alles Stammholz aufkaufen und den Schindelmachern nichts übrig bleibt, als die astvollen Spitzen, die nur im Kerne zu verarbeiten sind; damals ging man noch hinaus in den Wald und bezeichnete sich eine Schindeltanne, die man als Spaltholz zum Revierpreis und manchmal auch nur für einen Küchengruß erhielt; denn damals wurde noch nicht jeder Baum in sieben Bücher eingeschrieben und verrechnet, da hatte man zartes, das heißt astloses Holz genug, und wenn man den Stamm in kleine schuhlange Blöcke gesägt und in Würfel gespalten hatte, durfte man nur das Messer oben einsetzen, um mit leichtem Handgriff die Schindel nach der Faser zu schlitzen. Freilich waren sie damals auch noch billiger, das heißt: das Geld war teurer; wenn man heutigestages für hundert Stück gern drei Kreuzer bekommt, war man damals froh, sie für einen los zu werden. Brosi machte noch am Abend spielend seine zwei- bis dreihundert fertig, und das gab doch immer etwas für Salz und Oel; denn auch dieses brauchte man, da es die Mutter nicht leiden konnte, daß man Lichtspäne in der Stube brannte. Oft stellte Moni mit ihrem Manne den Wettkampf an, daß sie einen Faden abspinne, bis er zwei Schindeln geschlitzt habe, und sie hielt es richtig inne. So weit die dunkle Tanne die hohen Berge bedeckt, gab es gewiß kein arbeitsameres und fröhlicheres Haus als das von Brosi und Moni, und noch dazu standen sie am Vorabend eines glücklichen Ereignisses; denn das »brave Kühle«, wie es Moni stets nannte, mußte nun bald ein Kalb bringen, aus dessen Verkauf man ein gut Stück Geld in die Hand bekam, und wenn dann die drei Hühner zu legen aufhören, hat man doch wieder Milch im Hause und eine volle, reiche Haushaltung. Bei jedem Begegnenden auf dem Waldwege und in den Gesprächen bei der Arbeit selbst forschte Brosi stets nach einer andern Tagesbeschäftigung; aber er konnte und mochte keinen Tag aussetzen, um nach einer solchen umzuschauen, und das besonders seiner Frau wegen; sie sollte nicht merken, wie mühselig ihm diese ungewohnte Arbeit war, und erst davon erfahren, wenn er eine andere ausfindig gemacht. Diese Rücksicht war aber nicht lauter Zartheit, sondern vornehmlich auch Stolz. Ein Mann wie er, sagte sich Brosi, darf sich von seiner Frau nicht darum ansehen lassen, daß er so wenig Erwerbsquellen hat; wenn die Frau da mitberaten hilft, ist aller Respekt dahin, und diesen zu erhalten, war Brosi allezeit sehr eifrig bedacht. Es begann nun die Zeit, wo das Scheitholz zwei Stunden weit nach dem Thal gebracht werden mußte, von wo es im Frühling verflößt oder auf der Achse befördert wurde. Lange bevor der Tag anbrach, zog die Mannschaft mit Fackeln hinaus in den Wald, ein jeder trug seinen Schlitten mit den rasselnden Anhebketten den Berg hinauf. Es war ein seltsamer Anblick, diese Schar in den Wald ziehen zu sehen: voraus gingen die Knaben, die nur beim Aufladen helfen mußten, sie trugen abwechselnd die Fackeln und drangen vor in die Finsternis, als dränge man stets in eine tiefe Grube; dann kamen die Männer, auf den Schultern die Schlitten. deren Geleise nach vorn hornartig aufgebogen und gespitzt emporstanden, so daß die Männer wie ungeheuerliche Riesen mit seltsamen Umzäunungen erschienen: dazu das Rasseln der Abhebeketten, das Knarren der Tritte im harten Schnee und manchmal ein schlaftrunkenes Taumeln auf dem abschüssigen Wege oder gar ein Hinstürzen bei der Unachtsamkeit auf eine tückische Baumwurzel. Manchmal geschah es auch, daß die Fackeln durch unvorsichtiges Halten oder vergessenes Schwingen ausgingen, wo alsdann alle nacheinander und oft mehrere gemeinsam die glühenden Kohlen zu heller Flamme anzublasen suchten und dabei nichts zuwege brachten als pausbackige glühende Gesichter, die während des Blasens nur bisweilen sich setzten, um grimmig zu fluchen. Nachdem man mühsam ein Schwefelholz entzündet und nacheinander alle, die man bei sich hatte, an die Fackel gehalten, bis es auf die Nägel brannte, mußte man oft eine Stunde lang auf dem Fleck stehen bleiben, wo man eben war; man durfte es nicht wagen, in Finsternis und Schneewehen weiter zu gehen, bis der Morgen anbrach. Ist schon das Warten in jeglicher Lage ein die innerste Verstimmung leicht aufreizendes, so war es hier noch weit mehr der Fall, man zankte und stritt sich über das geschehene Ungemach, und da man sich bei diesem Streite nicht sah, gab es oft die lustigsten Stimmenverwechslungen, und besonders der Brosi machte oft den Spaß, mit sich selber einen Streit anzufangen oder mitten im Gedanke die Stimme eines Unbeteiligten nachzuahmen und in seinem Namen tüchtig zu schimpfen. Man trappelte auf dem Platze hin und her; wo eines einen Knaben unter die Hände kriegte, bekam er einen Knuff als mutmaßlicher Uebelthäter, und in das Zanken und Streiten mischte sich klägliches Weinen des Knaben und noch lauteres Schelten und Fluchen des betreffenden Vaters. Es war fast immer so finster, daß man einander in die Augen greifen konnte, und dabei stieß man sich noch gegenseitig mit den Schlitten auf die Köpfe, teils mutwillig, teils im Hader, wenn einer seinen Schlitten abnehmen und den andern dadurch von seiner sicheren Stelle verdrängen wollte. Brosi verhielt sich in solchen Fährlichkeiten auch oft ganz ruhig, und wenn alles durcheinander lärmte und schrie, schüttelte er sich nur und machte das Rollenhalfter, das er sich umgehängt hatte, laut erklingen. Es bedurfte seines ganzen unverwüstlichen Frohsinns, um in diesen Zänkereien und den darauf folgenden Mühen nicht bis zum Uebermaß verdrossen zu werden. Hatte man dann seinen Schlitten geladen und die Sperre, die nur aus niederhängenden Scheitern in der Kette bestand, gehörig gerichtet, so galt es, weder der erste zu sein, der den andern Bahn machte, noch auch einer der letzten, der schon zu glatte Geleise vorfand. Es gelang Brosi nicht, weder mit Scherz noch mit nachdrücklichem Ernste eine feste Reihenfolge herzustellen, ja er wurde gehänselt und mit seinen Neuerungen barsch abgewiesen, weil er, von Endringen gebürtig, ein Eindringling und einer der jüngst Eingetretenen war. Brosi war nun meist der Bahnmachende, er stellte sich in die Gabel seines Schlittens und leitete ihn den Berg hinab, bald anziehend, bald sperrend, je nachdem es der Weg mit sich brachte. Oft war es ihm, als müßte das Treiben ihm die Arme ausrenken und das Ziehen die Brust herausstoßen, und noch dazu das allezeit vorsichtige Umschauen auf den Weg und das Aufmerken auf die Genossen, die so unverzeihlich hart hinter ihm dreinkamen; aber Brosi war jung und gesund, und er freute sich dessen doppelt. War er im Thal angekommen, wo er sich zum Verschnaufen ein wenig ausspannte und sich den Schweiß von der Stirn wischte, so reckte und bäumte er sich mit Lust und fühlte die Kraft durch alle Glieder strömen; er sagte dann oft scherzend: »Das Ding ist doch gut, das macht einem Gaulsknochen.« Das Ziehen im Thale war dann nur noch ein Kinderspiel, eine halbe Arbeit, und so oft er ausschnaufte, pfiff er einen lustigen Ländler dabei. Die rechte Freude kam aber doch immer erst, wenn er mit sinkender Nacht heimkehrte und mit seiner Moni die gebackenen Schupfnudeln oder gebrägelten Kartoffeln aus der Pfanne aß, und seltsamerweise wurde der Sack Mehl, den der Gipsmüller geschenkt hatte, kaum merklich leer. Moni mußte einen Haussegen haben, der ihr dazu verhalf; wenn sie auch Schwarzmehl oder sogar Kleie unter das geschenkte Mehl schüttete – die Schupfnudeln waren offenbar dunkel –, das Mehl erwies sich doch wunderbar ausgiebig. Moni hatte während des Essens immer sehr viel zu erzählen und ließ ihren Mann fast gar nicht zu Wort kommen. Dieser merkte wohl, daß sie darum so viel sprach, um ihm Gelegenheit zu geben, den größeren Teil des Essens zu verzehren, denn sie hielt oft die Gabel leer oder gefüllt lange unbewegt vor dem Munde; Brosi hörte ihr ruhig zu und that ihr den Willen, sich ihrer Gutherzigkeit freuend, er nickte meist nur mit dem Kopfe, aber wenn er merkte, daß er seinen gebührenden Anteil hatte, legte er die Gabel nieder und sagte: »So, gottlob. Jetzt iß du voll aus,« und da half keine Widerrede mehr; Moni durfte nicht aufstehen, bis sie rein aufgegessen hatte und unter steten Beteuerungen, daß sie nicht mehr weiter könne, und unter vielem Lachen mußte sie ihm doch willfahren. Mit dem Schindelnmachen ging es seit Beginn der Holzfuhren nur lässig, denn Brosi war in der Thal jetzt am Abend »müde wie ein Gaul«, er schlief meist schon auf der Bank hinter dem Tisch ein, nachdem er sich die Würfelscheiter hergerichtet hatte. Wenn ihn dann endlich seine Frau weckte, so verführte sie dabei allerlei Scherze, namentlich kitzelte sie ihn mit einem gedrehten Papierchen auf der Nase und im Gesicht; er wehrte dann stets die vermeintliche Fliege ab, und sie mußte ihn zuletzt noch rütteln und rief oft dabei: »Guten Morgen, Brosi!« Dieser aber erhob sich dann in die Hände klatschend und dankte Gott, daß er ihm für jeden Tag zwei Nächte zum Schlafen gebe und auf der Treppe nach der Bühnenkammer gab es dann meist helles Lachen und Scherzen. Siebentes Kapitel. Wochenlang sah Brosi während der Werktage kein Haus in Haldenbrunn, solange die Sonne schien, denn vor Tag ging es in den Wald und erst mit sinkender Sonne wieder heimwärts. Dafür war aber auch der Sonntag ein wahrer Sonnentag, und wenn's auch schneite, daß man kaum die Augen aufmachen konnte; da hatte jede Stunde, ja jede Minute ihre Ruheseligkeit. Wie behaglich wurde am Morgen getrödelt und gezögert, Moni hatte noch, bevor ihr Mann die Augen aufschlug, das Sonntagsgewand hergerichtet so ordentlich und so pünktlich, daß es eine Lust war, sie mußte aber oft drei-, viermal die Treppe hinaufrufen und sogar selbst hinaufkommen, um ihn zur Morgensuppe zu entbieten, und manchmal hatte Brosi schon die Kleider im Arm, er setzte sich aber wieder auf den Stuhl und rief durch die verschlossene Thür: »Laß mich noch ein bißle dasitzen, es thut gar so wohl. Sag' der Supp' einen schönen Gruß und sie soll warm bleiben, ich versprech' ihr auch dafür eine gute Versorgung.« Erst wenn Moni klagte, daß sie nun schon so lange mit leerem Magen herumgehe, beeilte er sich und sagte dann der Schwiegermutter einen so treuherzigen, sonntagsfreudigen »Guten Morgen«, daß selbst diese verboste Hexe freundlich sein und mit ihrer Unterlippe ein Pfännchen machen mußte. Hemdärmelig wurde die Morgensuppe verzehrt, und so gewiß, als die Glocke tönt, mußte ihm jedesmal während des dritten Geläutes Moni helfen den langen blauen Rock anziehen und ihm den dreispitzigen Hut nebst Gebetbuch darreichen. Brosi ging in der Regel morgens in die Kirche und Moni nachmittags. Nur in seltenen Fällen und bei besonderen Feierlichkeiten gingen sie miteinander. Brosi ging doppelt gern in die Kirche, weil ein Endringer hier Pfarrer war, und wenn eines den Pfarrer lobte, vergaß er gewiß nie hinzuzusetzen: »Ja, er ist eben von Endringen. Wir sind aus einem Ort.« Brosi war ein frommes, gläubiges Gemüt und hatte eben darum wenig damit zu schaffen; er that seine Pflicht, glaubte, was vorgeschrieben ist, und war sicher, einst eine selige Urständ zu finden. Er stand in einem unausgesprochenen Einverständnis mit dem Schullehrer, und so oft dieser die Intonation vollendet hatte, stimmte Brosi mit mächtiger Stimme den Gesang an; er war in den Kirchenliedern nicht minder bewandert, wie in Liebes- und Schelmenliedern, und war imstande, einen ganzen wankenden Chor aufrecht zu erhalten. »Mir nach!« sprach dann seine aufrechte Haltung, wenn er sich erhob, und die Leute ließen es darob nicht an wirklichem und übertriebenem Lob fehlen, worauf er oft seinen Spruch hervorbrachte: »Mein Mann ist koanr.« Mit seligen Hoffnungen und Verheißungen gespeist, ging Brosi nach Hause, blieb unterwegs bald bei diesem, bald bei jenem stehen und sprach über allerlei. Je näher er aber seinem Hause kam und den Rauch von der Luke des Strohdaches aus dem weißen Schnee aufsteigen sah, um so mehr schmunzelte er in der Zuversicht eines besonderen Genusses, der auch nie fehlte. So oft er auch sein gutes Dutzend faustgroße Leberspatzen verzehrte, jedesmal rühmte er, daß gewiß, so weit man kocht, niemand solche Leberspatzen bereiten könne wie seine Moni. Ueberhaupt war es ausgemacht, daß die beiden Ehegatten einander sehr viel lobten; aber Brosi erhielt auch hier den größeren Teil, und wer es noch nicht gemerkt hat, dem sei es jetzt ausdrücklich gesagt, daß Brosi eigentlich von Grund des Herzens eitel und lobsüchtig war, und zwar sehr eitel und sehr lobsüchtig. Während der Mittagskirche saß Brosi vor einem durchschossenen Kalender und schrieb – er war ja von Endringen und hatte Schreiben, Tafelrechnen und Lesen gelernt, und das konnte damals unter zehn kaum einer –, mit harter Hand verzeichnete er den Arbeitslohn der Woche, was er davon erhalten und noch gut hatte und wie viel Klafter er überhaupt zu Thal geliefert; daneben wurde der Schindelnverkauf genau berechnet und jede besondere Ausgabe, wie etwa die Herrichtung einer zerrissenen Sperrkette, verzeichnet. Brosi hätte das alles wohl im Kopf behalten können, aber erstlich erschien er sich in einer besondern hausväterlichen Würde bei solcher Buchführung – und Moni vergaß es nicht, ihn gebührlich darob zu loben –, und dann war es ihm in der That, als ob er sich eine Last abnehme, wenn er diese Sachen aus dem Gedächtnis schaffte; da auf dem Papier stand es sicher und fest, und wenn es eintönig aus der Kirche läutete, hing er den Kalender mit besonderem Behagen an den Nagel. Junge Männer, die zu einer selbständigen Wirtschaftlichkeit gelangen, beginnen leicht eine übermäßig genaue Buchführung, lassen aber ebenso leicht bald ganz davon ab, im stillen Vertrauen, daß sie nichts Unnötiges verausgaben. Wir werden aber im Verfolge unsrer Erzählung sehen, daß Brosi seinem Vorsatze durch länger als ein halbes Jahrhundert getreu blieb, und eben diese wohlgeordnete Sammlung von Kalendern, unter denen die leider nur wenigen Jahrgänge des unübertrefflichen »Rheinländischen Hausfreundes« sehr verlesen sind, diente uns vielfach als Stützpunkt zu den Ereignissen im Leben Brosis und erweckten ihn zu ausführlichen Berichten; denn wenn er nur in diese Blätter hineinsah, stand wieder alles so lebendig vor ihm, als wäre es erst heute geschehen. Oft war auch Brosi rascher fertig mit seinen Aufzeichnungen und fand dann noch Zeit, bei einem Nachbar einzusprechen. Das hatte aber Moni nie gern, sie sprach es nur einmal aus, und als das nicht gut wirkte, so arbeitete sie fortan im geheimen mit allerlei Künsten daran, daß ihr Mann sich nicht daran gewöhne, seine Unterhaltung außer dem Hause zu suchen und, kaum den Löffel aus dem Mund, fortrenne, sondern daß er am liebsten daheimbleibe. Damals war noch allgemein Sitte auf dem Walde, daß allsonntäglich nach dem Nachtessen die Eheleute, wenn sie gut miteinander lebten, gemeinsam ins Wirtshaus gingen. Es war nicht wie heute, wo der Mann sich allein einen frischen Trunk vom Fasse holt und die Frau mit versauertem Gemüte daheim läßt. In der Regel gingen die Frauen aber, besonders solche, die Kinder und ein großes Hauswesen hatten, wenn sie vom Glase genippt hatten, bald wieder fort, und dieser Wirtshausgang war mehr eine Musterung über das Eheleben. So ging auch Brosi das Dorf hinein und seine Frau hinter ihm, sie that das nicht anders, sie ging nie voraus. Im Wirtshaus war strenge Rangordnung, und niemand dachte sie zu durchbrechen. Die Großbauern hatten ihren besondern Tisch und bekamen Flaschen und Gläser dazu, die Halbbauern saßen wieder gesondert und hatten glatte Schoppengläser, die Häusler, zu denen Brosi gehörte, saßen ebenfalls für sich und hatten gerippte Gläser. Dem Eintretenden brachte es indes dieser und jener zu, und er mußte aus jedem Glase trinken mit einem »Gesundheit!« beim Ansetzen und »Groß Dank!« beim Absetzen. Wenn Brosi eintrat, war keiner in der Stube, der es ihm nicht zubrachte, denn er war von allen wohlgelitten, und daran hatte besonders Moni ihre Freude; sie strahlte vor Glückseligkeit, sie, die Vereinsamte, Verstoßene, die nun durch ihren Mann in die Gemeinschaft der Menschen aufgenommen war. Solche, die früher kaum nach ihr umgeschaut und kein gutes Wort für sie hatten, thaten jetzt, als ob sie von jeher die besten Freunde zu ihr gewesen wären, und die Großbauern sprachen mit ihr und sagten, man sehe es erst jetzt, daß sie eigentlich ein »sauber Mädle« gewesen sei. Das alles verdankte sie ihrem Brosi, der sie nicht mit den andern Frauen fortgehen ließ, sondern bei sich behielt, bis sie sich unversehens zu der Wirtin in die Schenke machte, denn sie war oft bald die einzige Frau unter den vielen Männern. Haldenbrunn gehörte zu Vorderösterreich, und der Krieg mit den Franzosen, in dem viele Söhne aus dem Dorfe sich befanden, bildete natürlich das erste Gespräch; der Sieg Erzherzog Karls bei Stockach, der Rückzug der Franzosen über den Rhein, Bonapartes Rückkehr nach Frankreich, die Gefangennehmung des Papstes, nachträgliche Berichte über den Gesandtenmord in Rastatt, das alles lief wirr durcheinander mit Vermutungen über die Zukunft. Bald aber verließ man die hohe Politik, bei der nur die Großbauern das Wort führten, und kam auf Näherliegendes. Es ist allezeit wohlgethan, daß gesunde Menschen die Kraft in sich erwecken, mitten unter Drangsal und Bangen einen Scherz zu erhaschen, daß einem das Wasser in die Augen tritt. Das dachten die Haldenbrunner nicht, aber sie thaten es, und das ist am Ende gleichviel. Der Sohn des Nachtwächters, auch ein jungverheirateter Mann, des Uribasches Kalter genannt, weil er die Eigenschaft hatte, daß er nichts Warmes genießen konnte, war das Stichblatt des eben nicht wählerischen Scherzes; besonders am Tische der Großbauern gab es darob oft ein Lachen, daß der Tisch wackelte und Gläser und Flaschen aneinander klirren. Brosi war dabei der erfindungsreichste Urheber neuer Scherze und Neckereien, und unversehens war er selber der Gegenstand des Hänselns geworden; er merkte das wohl, aber es erheiterte ihn, andre zu erheitern, und er gab sich selber zum besten, so viel man wollte. An dem Abend, an dem dies zum erstenmal geschah, ging Moni still hinter ihrem Manne drein nach Hause, und so behutsam sie auch im stillen Kämmerlein sagte, daß er sich nicht zum Narren hergeben dürfe, sonst könne er künftig allein gehen und sie wolle diese Ehre nicht mehr mitgenießen – hierüber schmollte Brosi zum erstenmal mit seiner Frau, er sagte, daß er nicht ins Ehejoch gegangen sei, um alle Lustbarkeit in sich ertöten und beschimpfen zu lassen, und er gab seiner Frau keine Antwort, als sie ihm gute Nacht sagte. In dieser Woche ward Brosi die Arbeit doppelt schwer, er pfiff keine Ländler beim Ausschnaufen im Thale. Moni war stets gleich freundlich, er wartete indes stets, daß sie ihn um Verzeihung bitte; sie aber that das nicht, und Brosi ging immer zu Bette, ohne zuvor seinen ersten Schlaf auf der Tischbank zu halten. Am Sonntagmorgen, als ihm Moni den Rock anziehen half, ihm Hut und Gesangbuch darreichte, sagte Brosi endlich: »Moni, kannst du mich so in die Kirch' gehen lassen? Hast dich noch nicht besonnen? Bittst mich nicht um Verzeihung, daß du mich einen Narren geheißen hast?« »Das hab' ich dich nicht geheißen, ich sag' bloß, du läßt dich dazu machen.« »Das ist gehupft wie gesprungen, das ist ebensoviel.« »Nein, das ist nicht ebensoviel, aber geh nur jetzt.« »Nein, ich geh' nicht, und wenn alle Leute fragen, warum ich nicht in die Kirch' kommen bin, ich geh nicht!« rief Brosi und versuchte den Rock wieder auszuziehen. »Denk' nach, ich hab' dir nichts Böses than, geh jetzt,« bat Moni. »Denk' du nach,« schalt Brosi, »es ist an dir.« »Wenn du meinst, ich hätt' dich beleidigt, bitt' ich dich um Verzeihung,« beschwichtigte Moni. »Ich mein's nicht, es ist so, da soll man die ganze Welt fragen, ob's nicht so ist.« »Und ich bin auf dem Glauben, daß ich nichts Böses than hab',« beharrte Moni. »Da soll doch ein Millionendonnerwetter!« schrie Brosi und zerrte den Rock vom Leib. »So ist's recht. Kommt's jetzt schon? Ich hab's gewußt, daß es mit dem Gepätschel und Getätschel bald aus sein wird,« kicherte eine Stimme aus dem Hintergrunde, und wie versteinert stand Brosi und hielt den Rock in der Hand. Das Apothekerrösle lachte noch frohlockend. Moni zog ihren Mann aus der Stube, und draußen sagte sie: »Brosi, du bist ja der bravste Mann von der Welt, und deine Ehr' ist's ja nur, worauf ich bedacht bin: wenn ich's ungeschickt gemacht hab', denk', ich bin nicht gescheiter; ich kann nicht lügen, das willst du gewiß auch nicht. Jetzt geh in die Kirch' und bitt' Gott, daß er mich gescheiter macht und dich – und dich läßt, wie du bist.« Sie half ihm nochmals den Rock anziehen; und mit großen Schritten eilte er nach der Kirche, ging aber, um kein Aufsehen zu erregen, zu dem Lehrer auf die Orgel. Heute sang er nicht vor, er betete überhaupt nichts von dem, was im Buche stand, er betete immerdar inbrünstig zu Gott, daß dies der erste und letzte dumme Streit mit seiner Frau gewesen sein möge. Auf dem Heimwege hielt er sich bei niemand auf, sondern eilte zu seiner Frau in die Küche und »du hast recht, du hast recht,« sagte er stets, wenn Moni ihm erklärte, daß sie ja seine Lustigkeit nicht unterdrücken wolle; im Gegenteil, ein Mann, der das ganze Jahr eine Ehrenhaltung bewahre, der dürfe schon einmal das Garn auf dem Boden laufen lassen und seine jungen Jahre genießen: wenn man aber allezeit den Lustigmacher spiele, sei man bald der Garnichts, sie selber sei auch noch gern lustig und hoffe, daß ihr noch lange die Musikanten die liebsten Handwerksleute seien. »Ich brauch' Gott nicht bitten, daß er dich gescheit macht,« sagte Brosi schmunzelnd. Der Friede war geschlossen, und wie das immer geht: ein Friedensschluß zwischen Liebenden erweicht die Gemüter gar sehr, eines will dem andern sein Gutsein darthun und in besonders eindringlicher Weise, wie solches der ungestörte Fortgang nicht hervorgebracht hätte. Moni lehnte indes jede Auswägung des Schuldanteils an der Mißhelligkeit klüglich ab, obgleich Brosi auch hier den größeren Teil auf sich nehmen wollte; sie sagte immer: »Das Wasser ist den Bach 'nab und vorbei.« Beim Essen, wo es wieder munter herging, mußte Moni ihrem Manne viel zureden, aber beim besten Willen brachte er es heute nicht zu seiner gesetzten Zahl Leberspatzen; der Zank am Morgen hatte ihm doch die Eßlust etwas verdorben. Moni versprach, den Ueberrest auf den nachkommenden Hunger aufzubewahren. Als sie am Mittag nach der Kirche ging, erschloß es ihr plötzlich wie eine Offenbarung; sie konnte bei ihrem Manne alles zuwege bringen, wenn sie bei einer Zurechtweisung ein Lob vorspannte. Voll Dank und Freude saß sie in der Kirche und sang laut mit. Brosi war unterdes daheim mit Aufzeichnung seiner Wochenarbeit bald fertig, aber noch lange saß er über das Blatt gebeugt und hielt die Feder fest, er wollte sich's zur Warnung aufzeichnen, daß er eine Woche Fröhlichkeit verloren und heute den ersten unnötigen Zank mit seiner Frau gehabt habe: aber wozu das aufschreiben? und noch dazu da, wo es jedermann lesen kann? Er konnte es aber nicht unterlassen, zur Erinnerung drei eingeringelte Kreuze zu machen, und wie gesagt, so oft er solch ein Blatt wieder sah, stand alles wieder deutlich vor ihm, und bei den drei eingeringelten Kreuzen erzählte er diese Geschichte aufs genaueste. Am Abend, als zur Suppe die rückständigen Leberspatzen eingeheimst waren, ging Brosi wiederum mit seiner Frau nach dem Auerhahn. Er hatte ihr vorausgesagt, daß er nicht mit einemmal absetze, und hielt es auch so, er ließ sich nur maßhaltend zu Scherzen herbei. Es gibt Menschen, die, wenn sie in Gesellschaft mit andern sind, teils aus Langeweile, teils aus Gefälligkeit gerne Lachen erregen und dabei leicht ihre natürliche Laune überschrauben und sich selbst zum besten geben; sie spinnen sich ein Netz von Späßen, aus dem sie gar nicht mehr heraus können, auch wenn sie sehen, daß die Gutmütigkeit mißbraucht wird und man diese Opferung noch dazu für Eitelkeit hält. Und noch eins: in vielen Kreisen der geselligen Lust hat man weit eher und länger seine Freude an lächerlichen und sogar an spottsüchtigen, als an eigentlich lustigen Menschen. Wer über das menschliche Leben nachdenken mag, der wird sich das leicht erklären, und es hat mehr als einen Grund. Man findet Beispiele hierfür an albumbedeckten Tischen wie in tabaksdampferfüllten Dorfschenken. Heute, da sich Brosi ruhiger verhielt, merkte er, in welcher Gefahr er gestanden hatte, denn einmal in die Rolle des Lustigmachers gekommen, ist es unsäglich schwer, sich ihrer wieder zu erledigen. Jetzt war es noch Zeit, die Voraussetzung zu zerstören, daß er sich zu dem gnädigen Spaß der Großbauern hergebe. Als er mit seiner Frau heimging, lobte er wiederholt ihre Klugheit, und es lag ein tiefer Schmerz um die verlorene Harmlosigkeit darin, als er hinzusetzte: »So geht es einem, wenn man in fremdem Ort ist, wo man einen nicht von Jugend auf kennt; da sind die Menschen wie Räuber auf einen hinein. So getreue Menschen, wie in Endringen, die gibt's nicht mehr in der ganzen Welt.« Achtes Kapitel. Das war das erste Mal, daß sich ein seltsames Heimweh in Brosi festsetzte, und dies behielt er, wie wir sehen werden, sein Leben lang. Was ist aber alle Menschengeltung und alles Sinnen und Grübeln, wenn's wieder an die Arbeit geht? Dahin wie der Schatten einer fliegenden Wolke. Das ist der Segen aller Arbeit, zumal der leiblichen Hantierung, daß sie den Menschen wieder auf sich stellt: vergessen und nicht dagewesen ist alle kleinliche Verstimmung, die in der Müßigkeit der Mensch über sich kommen läßt, oder die andere ihm einflößen. Wenn Brosi in seine Werktagskleider schlüpfte und seinen Schlitten auf die Schultern nahm, wußte und wollte er nichts mehr davon, ob man ihn für einen närrischen Spaßmacher hielt oder nicht; er hatte eine brave Frau, verdiente sein Brot und noch eine Ersparnis dazu, und nun mögen andere auch treiben und denken, was sie wollen; er pfiff seine Ländler so lustig wie je und blieb dabei, daß er sich seinen Frohmut von niemand nehmen lasse. Es hatte nach einem Tauwetter tüchtig gefroren, und mit den Steigeisen sich scharf einhakend, marschierte der Trupp nach der Spitze des Kappelberges. Brosi mußte wiederum zuerst auf die Bahn. Er hatte ein halb Klafter auf den Schlitten und die Sperren geladen, aber kaum ist er damit am Bergeshang, da treibt es ihn so gewaltig, daß es ihn vom Boden hebt und er zappelnd sich mit beiden Händen noch an der Gabel festhält, und durch einen glücklichen Schwung treibt er den Schlitten seitwärts und gewinnt wieder den Boden unter den Füßen, er steift sich mächtig zurück, sich fast ganz zurücklegend, und schaut hin und her, um nirgends anzurennen oder eine Stelle zu erkundigen, wo er einen Widerhalt finde, um festzustehen. Die Kameraden oben schreien und pfeifen, aber er versteht nicht, was sie schreien, und was sie mit dem Pfeifen meinen; er sucht aus dem Gurte zu schlüpfen, den er über die Brust gespannt hat, und der ihn an den Schlitten heftet, er will dann eine rasche Wendung versuchen, um sich hinter den Schlitten zu bringen und ihn allein den Berg hinabstürzen zu lassen; aber er kann hüben und drüben keine Hand loslassen; der Gurt reicht ihm vom Rücken schon bis ans Kinn, doch er kann mit dem Kopf nicht durchschlüpfen, und jetzt stößt es ihn plötzlich wieder vorwärts, als ob der ganze Berg hinter ihm dreinschiebe. Er sieht und hört nichts mehr, und fortgeschleudert und mit dem Schlitten über einen Hang hinab durch die Luft fliegend, befiehlt er Gott seine Seele; da kracht und poltert es, er liegt zur Seite geschleudert, er lebt, er hebt den Kopf empor, und dort überstürzt sich der Schlitten zwei, dreimal und liegt endlich an einen mächtigen Felsen angerannt. Brosi erhebt sich auf die Kniee, die zitternden Hände ineinander faltend, betet er ein Vaterunser, und inbrünstiger wurden diese Worte gewiß nie gesprochen, als hier in der erstarrenden Bergschlucht. Wäre Brosi nicht auf fast wunderbare Weise aus dem Gurte geschlüpft, er läge jetzt dort am Felsen zerschmettert. Das Herz im Leibe zitterte ihm, als er jetzt aufstehend an Moni und das traurige Geschick des vor der Geburt Verwaisten gedachte; er begann nochmals ein Vaterunser, als er es jenseits des Felsens krachen und splittern hörte, und dann war alles still. Er konnte nicht weiter und setzte sich wie zerschlagen auf den umgestürzten Schlitten; da vernahm er wieder Schreien und Pfeifen, sie suchten ihn gewiß, und mit angestrengter Kraft rief er laut zwischen die beiderseits vorgehaltenen Hände: Hallo! Von allen Seiten antwortete es ihm, und der Jörgtoni, bei dem Brosi früher als Schlafgänger gewesen war, stand zuerst vor ihm. »Hast du den Uribasche nicht gesehen? Er ist hinter dir drein,« fragte der Jörgtoni, ohne die glückliche Rettung Brosis mit einem Worte zu erwähnen. »Ich weiß von niemand was, ich dank' Gott tausendmal, daß ich noch von mir weiß,« antwortete Brosi, und bald standen die andern mit leeren Schlitten bei ihm; des Uribasches Kalter jammerte kläglich nach seinem Vater. Man umging den Felsen, Brosi schlich mühsam hinterdrein, und der Jörgtoni, der wieder der erste war, rief laut: »Daß Gott erbarm, da liegt er tot!« Alle standen festgebannt, lautlos, nur des Uribasches Kalter wimmerte und jammerte, und die Zähne klapperten ihm. »Das ist rack aus gewesen,« sagte der Jörgtoni, der den Zerschmetterten untersuchte. Man lud ihn auf zwei zusammengebundene leere Schlitten, deckte ihm mit dem Kittel, den man ihm auszog, das Gesicht zu, drei Mann spannten sich vor, und auf mühsamen Umwegen auf dem eingefrorenen Bache führte man die Leiche nach dem Dorfe. Der Sohn des Uribasche ging hinterdrein, in der einen Hand trug er die Mütze des entseelten Vaters und wischte sich damit die Thränen ab, die alsbald gefroren, in der andern Hand trug er ein Stück Brot, das dem Vater aus der Tasche gefallen war; er sah wehmütig darauf, man wußte nicht, ob aus Kummer, oder weil er nicht wußte, ob er dreinbeißen solle. Brosi folgte still und matt, es fror ihn mächtig, als aber die Ziehenden abwechselten, spannte er sich selbst auch vor, und die Anstrengung brachte ihn zu neuer Kraft. Im ganzen Dorfe war Jammer und Wehklage über den so jähen Tod des Uribasche, ein jedes wollte sein bester Freund gewesen sein und hatte schöne Thaten von ihm zu erzählen, besonders die Frauen, die sich auch hier am zahlreichsten einfanden, stimmten darin überein, daß man solch einen braven Nachtwächter nie mehr bekomme. Diese hatte er immer pünktlich geweckt, wenn sie große Wäsche hatte, jener hatte er eine verlaufene Gans heimgebracht und einer andern ein vergessenes Stück Tuch von der Bleiche geholt. Auch der Kalte, der sonst meist nur Spottreden erfuhr, lernte zum erstenmal die guten Worte der Menschen kennen; er stand aber noch immer wie vergessen da, rührte nicht Hand noch Mund und hielt die Mütze in der einen und das Stück Brot in der andern Hand. Von der wunderbaren Rettung Brosis sprach niemand eine Silbe. Als er heimwärts ging und ihm Moni entgegeneilte, ihn auf offener Straße umarmte und weinend rief: »Gott Lob und Dank, daß du gesund bist!« da sagte er: »Ja, ich dank' Gott, daß ich dich hab'; ich hab' doch einen Menschen, der sich freut, daß ich noch da bin, die andern, die thun, wie wenn ich gar kein Mensch wär', weil ich von Endringen bin. Das Nest ist's aber nicht wert, daß einer von Endringen hier Burger ist.« Moni hatte viel zu thun, ihm diesen Aerger auszureden, sie verschluckte den Kummer, daß er immer Endringen wie ein Paradies lobte und ihren Geburtsort so herabsetzte; nach echter Frauenart sagte sie: »Dank' Gott, daß er uns nicht härter gestraft hat, weil wir in Unfriede gelebt haben; er hat uns gezeigt, was wir verdienen. Gott Lob und Dank, daß die Warnung so an uns vorbeigegangen ist!« Dem Uribasche galt das erste Läuten der Totenglocke von Haldenbrunn, und seitdem heißt diese Glocke der Uribasche. Dieses Andenken ist länger geblieben, als das andere, das ihm errichtet ward; das hölzerne Kreuz draußen am Felsen des Kappelberges, wo er den Tod fand, ist längst versunken und verschwunden. Am nächsten Sonntag schrieb indes Brosi in seinen Kalender: »Der Herr über Leben und Tod hat mich vor einem frühzeitigen Ende bewahrt; ihm sei allezeit Preis und Dank. Ulrich Sebastian genannt Uribasche †.« Des Uribasches Kalter übernahm die Bedienstung seines Vaters als ein Erbamt; man überließ es ihm ohne Widerrede, solange das Mitgefühl um den Tod des Vaters noch frisch war; gegen Neujahr aber mehrten sich die Klagen, daß man dem halben Simpel die Bewachung des Dorfes überlasse, zumal in so gefahrvollen Zeiten, und der Bewerber fanden sich viele. Brosi ging seiner Arbeit nach; aber auf allen, die sie vollzogen, lag eine Bangigkeit: der Tod des Uribasche machte sie beklommen, und vor der Abfahrt wurde jetzt oft still gebetet. Moni erzählte ihrem Manne, daß der Kalte nicht mehr lange Nachtwächter bleibe, und Brosi sagte scherzend, das wäre ihm für den Winter ein fröhliches Amt, und er würde die Holzfuhren dann aufgeben. Am andern Tage sah man Moni ungewöhnlich viel im Dorfe umherlaufen, sie ging bei den Großbauern umher, die im Auerhahn so freundlich mit ihr gesprochen hatten. Als es am Neujahrstage zur Wahl kam, erhielt Brosi die gewichtigsten Stimmen; er that aber noch ein übriges, teilte das Amt mit dem Kalten, der auch in den kurzen Sommernächten den Dienst allein versehen konnte und im Winter nur die Stunden vor Mitternacht anzurufen hatte: die nach Mitternacht behielt sich Brosi. Neuntes Kapitel. Der Uribasche hatte den Tod erleiden müssen, der auch Brosi bedrohte, jetzt erbte dieser noch gar das Amt des Verstorbenen, und just mit dem Jahrhunderte trat Brosi sein Amt an. Haldenbrunn hatte die schönsten Glocken in der Umgegend und den gewecktesten, hellgestimmtesten Nachtwächter dazu. Mit einer Andacht und einer Fröhlichkeit, die jedem, der es hörte, das Herz erfreuen mußte, sang Brosi die Stunden an. Es war ihm eine Lust, in den als Gemeindeeigentum ererbten Schafpelz und in die Ohrenkappe versteckt, mit der Hellebarde in der Hand oft zum wandelnden Schneemann geworden, durch das Dorf zu schreiten und mit heller Stimme mahnend und tröstend die Stunden zu verkünden; da ging er hin in stiller Nacht, und niemand hörte ihn als sein eigen Ohr und der Gott über ihm, und er sang so schön und aus voller Seele, er schenkte sich keinen Vorschlagton, so oft er auch die Weisung wiederholte, die Töne kehrten wieder in seine Seele zurück wie eine Botschaft vom Himmel, und sein Geist wurde größer und allezeit fröhlicher in der einsamen Nacht. Es schlafen die Menschen, Leid und Freud ist dahin, draußen stehen die Sterne und schauen glitzernd hernieder und warten, bis der Tag erwacht. Zwölf, das ist das Ziel der Zeit, Mensch, bedenk' die Ewigkeit, sang Brosi und schritt dahin, so wünschelos, so in sich gesättigt, als wäre er allein auf der Welt und wiederum schon in der Ewigkeit. Und in einsam stiller Nacht legte Brosi einen großen Teil seiner Eitelkeit ab, er sang seinen Spruch so voll, so ganz, mochte ihn ein Mensch hören oder nicht. Fröhlich und fromm, in jedem Tone glückselige Zuversicht, klang es, wenn er den Tag anrief: Hört, ihr Herrn, und laßt euch sagen: Unsre Glock hat vier geschlagen. Vierfach ist das Ackerfeld, Mensch, wie ist dein Herz bestellt? Alle Sternlein müssen schwinden, Und der Tag wird sich einfinden; Danket Gott, der uns die Nacht Hat so väterlich bewacht. Einst in stiller Winternacht hatte ein menschenfreundlicher Herr seine Herberge im Dorfe genommen, es war ein Mann von wohlwollendem und fröhlichem Herzen, das die Gedanken der Menschen in sich trug, die nur dürftige Kunde geben können von dem, was sie bewegt. Der Mann erwachte in dunkler Nacht, er hörte den Wächter draußen rufen, ein Heimweh bemächtigte sich seiner nach dem schlichten Reden und Denken der Volksgenossen, unter denen er einst gelebt, und er hieß die Sprache feststehen, die bisher nur die Luft getragen, und faßte das klanglos verborgene Leben in melodisch gebundene Worte. Der Mann, der nachmals Brosi so viel heitere und erquickende Geschichten erzählte, der allemannische Dichter, wurde von ihm in stiller Nacht zum Innewerden seines Heiltums erweckt. Der Wächter und der Dichter haben nie voneinander den Namen erfahren, und doch wurden beide einander zum Heile. Brosi erfuhr nur von minder bedeutenden Zuhörern das Lob über sein Taganrufen, und er konnte sich nicht enthalten, auf solchen Ruhm hinzuzusetzen: »Mein Mann ischt koanr«, aber er sagte diesen Spruch doch nicht mehr so ungemessen selbstzufrieden wie sonst. Ein Nachtwächter hat aber nicht immer gottselige und fromme Gedanken, sein Gemüt ist weit weniger allezeit empfänglich als seine Kehle, und wo nächtige Gesellen beisammen sitzen und sich am kühlen Wein laben, da kann man sich darauf verlassen, daß der Nachtwächter unter sie tritt, nicht als nachgeborener Cherub der Polizei, der die Seligen aus dem Paradiese vertreibt mit rostiger Hellebarde; nein, er setzt sich ruhig an den Seitentisch beim wärmenden Ofen und täuscht sich nicht in der Hoffnung, daß die Seligen gern spenden, und auf die Frage, welche Zeit es sei, hat er die trostreiche Antwort: »Noch früh am Tag. Erst ein Uhr.« Wie manchen guten Trunk hätte Brosi verschlafen, wenn er nicht Nachtwächter geworden wäre, und er hatte oft die Genugtuung, daß ihn lustige Zechbrüder zu sich riefen, wenn er die Stunde ansang. Ein Amt, und sei es auch das geringste, gibt doch alsbald auch eine Würde. Brosi ließ sich durch kein Zureden und Versprechen dazu herbei, selber mitzujubeln und tolle Streiche zu machen; er störte die Lustbarkeit der andern nicht, aber er selber blieb in Amt und Würde. Oft hatte er noch die besondere Sendung, den Kappelbauer heimzugeleiten. Dieser zechte und kartelte oft Nächte hindurch mit dem Auerhahnwirt, und die leichten Karten spielten nach und nach ganze Morgen Hochwald in die Hände des Wirts. Der Kappelbauer war kinderlos, hatte aber dafür eine Frau, die mehr Lärm machen konnte, als zehn Kinder in der Abenddämmerung. Wenn nun der Kappelbauer seinen richtigen »polnischen Rausch« hatte, wie er es nannte, stützte er sich auf die befreundete Macht Brosi und begann in mehr als liebevoller Hingebung zu klagen, welch eine böse Frau er habe und wie sie ihn die wenigen Stunden nicht werde schlafen lassen. Er konnte dabei untereinander fluchen und weinen, bis Brosi einst ein kluges Mittel fand: »Weißt was?« sagte er, »wenn deine Frau zankt, daß schon so spät sei, sagst, es sei ja erst ehne, und ich steh' vor deinem Haus und ruf' zehne an.« Der Kappelbauer weckte sogar seine Frau, und als Brosi den Zank losgehen hörte, rief er mit verstellter Stimme, als wenn des Uribasches Kalter sänge, zehn Uhr an, und nur noch ein lautes Lachen erscholl, dann ward es still im Hause des Kappelbauern. Einen ganzen Winter lang ging dieser Betrug vor sich, und außer den beiden Beteiligten wußte niemand davon als der Auerhahnwirt. Brosi machte sich nicht im geringsten ein Gewissen daraus, die ganze Wahrhaftigkeit seines Berufes zu mißbrauchen, und doch war es derselbe Mann, der zu Zeiten von den heiligsten Gedanken getragen dahin schritt; der Uebermut des Scherzes deckte alles zu, und die Trinkgelder des Kappelbauern waren reichlich. Gemahnte ihn doch bisweilen eine innere Stimme, so beschwichtigte er sie mit dem Einwande, daß der Kappelbauer auch ohne diese Beihilfe sein Leben nicht ließe und nur Zank dadurch verhütet werde, daß der Kappelbauer nicht mehr lange lebe und die Witwe noch immer reich genug bleibe; im nächsten Winter aber, wenn der Kappelbauer doch noch leben sollte, gelobte er sich diesen Betrug nicht mehr mitzumachen. Auf Diebe hatte Brosi wenig zu achten, denn es gab damals in Haldenbrunn nichts zu stehlen als etwas Holz, und dessen konnte man bei Tag genug habhaft werden; aber manchem Burschen, der aus einem Fenster sprang und durch die Schatten an den Häusern dahinhuschte, winkte er mit der Hellebarde und rief ihm auch einige Spottworte nach. Oft klopfte er auch an ein Haus und weckte die Leute, wenn er hörte, daß eine Kuh kalben wollte, ein Pferd sich losgerissen hatte, und das trug immer ein paar Töpfe Milch oder einige Kocheten Kartoffeln ein. Von den Holzfuhren hatte sich Brosi nicht losmachen können, denn der Revierförster, der anfangs Winter gethan hatte, als ob er ihm eine überschwengliche Gnade angedeihen ließe, hielt ihn jetzt aus Mangel an Holzknechten fest. Brosi war damit zufrieden, er ging immer bei Tag in den Wald, sah mit unnennbarer Erquickung, daß sich sein Besitztum täglich vermehrte, und Brosi war der lustigste Schlittengaul, wie er sich oft nannte. Nun kam noch das glückliche längstersehnte Ereignis, daß das »brave Kühle« endlich kalbte. Der Sprößling war so starkknochig, daß nur zu bedauern war, daß man seine fernere Entwicklung nicht miterleben durfte; dafür legte aber auch schon nach acht Tagen der Metzger zwei harte gediegene Kronenthaler auf den Tisch und noch zwölf Kreuzer Trinkgeld für die Moni; diese war schon ohnedies im gelobten Lande, denn eine neumelkige Kuh im Stall ist für eine wirtliche Frau eine Wonnezeit, und noch dazu begannen die Hühner schon wieder zu legen. Fülle und Reichtum war im Haus und bar Geld dazu. Moni sang wie ein junges Mädchen im Haus umher, und Brosi sang mit. »Jetzt sind wir reich. Jetzt haben wir zwei frischmelkige Küh',« sagte er eines Tages, und Moni erwiderte: »Ich dank' Gott für die eine.« »Und wir haben doch zwei.« »Ich hoff' auch, wir kommen mit Gottes Hilfe noch dazu.« »Nein, wir haben's jetzt schon.« »Mach' mich nicht zum Narren,« schalt Moni verdrossen, und schelmisch erwiderte Brosi: »Wir haben doch zwei frischmelkige Küh'. Du mußt noch lang wachsen, bis du da 'rauf reichst,« sagte er, auf die Stirn deutend, »dein brav Tierle im Stall ist die eine und mein Amt ist die zweite Milchkuh. Jetzt sag', bin ich ein Narr?« »Ich wollt', die ganz Welt war so närrisch wie du.« »Und ich wollt's nicht. Ich will was Apartes haben.« Es gibt eine Fröhlichkeit, eine innere Durchleuchtung, die sich in gar nichts Besonderem, ja nicht einmal in Worten ausspricht: eines der Ehegatten oft fern von dem andern hat die vergnügtesten Stunden mit ihm, sei es im Alleinreden oder im inneren Gedenken, und wenn sie sich begegnen, lachen sie einander aus, sie wissen nicht, warum, und wollen es nicht wissen. So lebten Brosi und Moni seelenvergnügt, während draußen die beginnenden Frühlingsstürme rasten, und wenn das Apothekerrösle noch immer keifen wollte, verstand Brosi oft, es lachen zu machen. Wenn Brosi um zwölf Uhr sein Amt antrat, stand Moni mit ihm auf und spann, bis der Tag anbrach, so sehr auch das Apothekerrösle schalt, daß man ihm auch noch die Nachtruhe raube. Moni hängte einen Rock an das Himmelbett und spann hinter demselben, und wenn Brosi in der Zwischenzeit des Anrufens nach Hause kam, sprach sie leise mit ihm oder ließ ihn einschlafen und weckte ihn mit dem Glockenschlag. Es waren für ihn jetzt manchmal böse Zeiten, der Sturm raste, daß Brosi nur mit höchster Gewalt seine Hausthüre öffnen konnte, die ihm alsbald wieder aus der Hand geschlagen wurde, so daß das Apothekerrösle in der Stube immer laut aufschrie; draußen auf der Straße heulte und toste es, als wollte der Wind alle Wälder zusammenbrechen und die Wohnungen der Menschen in die Luft davontragen; und damit keine Stimme ertöne als das Brausen des Sturmes, riß dieser dem Wächter das Wort von den Lippen, daß er es selber kaum hörte; drehte Brosi sich um und sang nach der andern Seite, so kam der Wind auch hier herangesaust und benahm ihm fast den Atem. Sturmentgegen wie durch reißende Wogen mußte sich Brosi fortarbeiten, und nur eines war gut; es fiel kein Ziegel von einem Dache, denn alle Häuser des Dorfes, ausgenommen die Kirche, das Pfarrhaus und der Auerhahn, waren mit Stroh gedeckt. Brosi tröstete seine Frau, die über solches Unwetter klagte und immer behauptete, so sei es noch nie gewesen; er beteuerte stets, er freue sich dieses Sturmes, der bringe den Frühling und mit ihm die lohnreiche Bauzeit. Noch lag tiefer Schnee in den Schluchten, als sich Brosi auf die Wanderschaft begab, er wußte noch nicht, wo er Arbeit finden werde. Moni ließ es sich nicht nehmen, ihm ein gut Stück das Geleite zu geben, sie nahm aber auch gleich ein Beil und einen Strick mit, um auf dem Heimwege dürres Holz zu sammeln. Die Wolken standen noch fest auf dem Berge, über den die beiden Eheleute hinschritten, sie sprachen nichts vom Abschied, und Moni sagte: »Wenn ich ein geschickts Wiesle kaufen kann, thu' ich's. Ich mach' hundert Ellen Tuch, daraus lös' ich ein Ordentliches, und etwas bar haben wir auch noch. Hätt'st dir doch noch einen Gulden mitnehmen sollen.« »Ich komm' schon fort,« beruhigte Brosi, »aber was ich dir noch einmal sag', versprich mir, daß du dir nichts abgehen läßt, das Näherlisle soll dir warten, und neun Tag bleibst im Wochenbett.« »Das versprech' ich nicht, aber drei Tag, da hast mein' Hand drauf.« Brosi hielt die Hand fest und stand still, indem er sagte: »Ich schreib', wo ich bin, und der Lehrer soll mir gleich anzeigen, was es ist, ein Bub oder ein Mädle ist mir gleich, wenn's nur wuselt. Wenn ich dem Terkel nur auch gleich in die Augen sehen könnt' – aber es ist schon so recht, der Gipsmüller und sein' Frau wollen Gevatter sein, und die Namen weißt auch. Ich hab' dir nichts mehr zu sagen. Jetzt, weiter darfst nicht mit. Ich geh' da links 'naus. Was ich vergessen hab', kannst dir selber sagen. Was du thust, ist mir recht, das weißt. Jetzt b'hüt dich Gott, Moni. B'hüt dich Gott, alter Schatz, und grüß mir den Terkel und laß ihn nur recht schreien, daß er auch gut singen lernt. Jetzt heul' nicht, du thust dem Kind schaden. Es ist nichts zu heulen. Geh', sing', ich halt' dir zu, solang ich dich hör'.« Er schüttelte Moni die Hand und schritt davon. Moni setzte sich an den Wegrain, nach einer Weile aber rief Brosi aus dem Walde: »Ich bitt' dich, sing.« Und Moni begann: Es wollt' ein Steinhauer wandern, Auf die Wanderschaft wollt' er gehn. Was begegnet ihm auf der Reise? Ein Mädchen schneeweiß bekleidet: »Wo 'naus, wo wollt Ihr hin?« – »Ich such' ein Schatz auf Erden, Oder willst du mein Schatz werden, So komm' und bleib' bei mir.« Brosi stand still und begleitete den Gesang, dann schrie er Juchhu, daß es vom Berg und Thal widerhallte, und weiter schritt er singend, und Moni ging tiefer in den Wald, sammelte Holz und trug es heim; sie sang aber nicht weiter. Das Haus war so leer, beim Essen war's so einsam, und hätte Brosi nicht gebeten, es dem Kinde zulieb zu unterlassen, sie hätte viel geweint; sie bewältigte sich und trug ihr Garn zum Weber, der aufrichtig beteuerte, kein so schönes noch auf seinem Webstuhl gehabt zu haben. Moni wünschte nur, daß auch ihr Mann dies Lob gehört hätte. Zehntes Kapitel. Das Erdreich wird aufgegraben und Stein an Stein zur Grundmauer gefügt, langsam schreitet der Bau fort, bis sich der Bau über die Erde erhebt, und in einem Tage türmt sich das Gebälke darüber, prangt die Maientanne auf dem Giebel und läßt die hellen Bänder im Winde flattern. Die Menschen, die des Weges kamen, schauten allezeit um nach dem Bau, still ahnend oder hell bewußt, daß wieder ein Fleck Erde der Heimat von Baum und Pflanze entzogen ist, um der Gemeinsamkeit eines Menschenlebens Raum zu gönnen. Wenn der Bauspruch ertönt, stehen sie lauschend versammelt, dann aber zieht ein jedes dahin und hat noch kaum einen Blick dafür, wie sich der Bau ausfüllt und im Innern vollendet. Wir haben die Gemeinsamkeit des Lebens von Brosi und Moni sich erbauen sehen,. wir kennen das Grundwesen desselben und wollen nun auch im Auge behalten, wie das Schicksal es wendet und wie sie seine Fügungen aufnehmen. Moni war so glücklich. noch ihr Heu einzuthun und zwar auch das von der neuerworbenen Wiese im unteren Thale, die sie von der Witwe des wirklich verstorbenen Kappelbauern kaufte, und noch stand ein Handkarren voll unabgeladen im Schuppen, als Moni rasch und gesund eines derben Knaben genas, der seine Befähigung zum Sänger mit tüchtigem Schreien bekundete. Die Tage, die Moni wiederum mit der Mutter allein gewesen, waren voll Hader und Verhetzung; die Mutter hatte eine teuflische Lust daran, der Tochter immer vorzusagen, daß der Brosi gewiß nicht wiederkäme, und wußte viele derartige Beispiele zu erzählen. Endlich kam ein zufriedener Brief von Brosi, worin er erzählte, daß er nach mühseligem Suchen zuletzt im Elsaß Arbeit gefunden. Moni hatte nicht das Glück, den Brief lesen zu können, aber sie trug ihn doch stets bei sich und war nicht mehr allein, und als sie das Kind in den Armen hielt, war sie eine glückselige Mutter und Frau. Unterlieferanten waren in das Dorf gekommen und hatten zur Ausrüstung des Heeres alles Leinenzeug aufgekauft. Moni erhielt für ihren Vorrat ein schön Stück Geld, und in diesem Sommer baute sie selbst etwas Hanf, sie hatte einen Teil der neuerworbenen Wiese versuchsweise dazu verwendet und den Grasgarten am Hause in einen Kartoffel- und Krautacker verwandelt; dabei lebte sie so sparsam, daß sie noch Milch verkaufte. Die schwarze Henne, die immer am spätesten zu legen aufhörte und am frühesten wieder anfing, hatte gebrütet und elf Junge glücklich erzogen, deren Verkauf nun auch eine gute Beisteuer gab. Der kleine Knabe, den die Mutter immer in einem Korbe mit sich aufs Feld nahm, gedieh zusehends. Der Sommer ging rasch vorüber. Brosi hatte einmal geschrieben und nicht wieder, man hatte ihm die Geburt seines Sohnes angezeigt, und dabei blieb es; bei sparsamen Landleuten ist das Postgeld das überflüssigste von allem. Moni hatte ihr Grummet eingethan und damit das ganze Haus vollgestopft, daß es ganz von süßem Duft erfüllt war; sie hatte ihren Hanf gejätet, gedörrt und gebrochen, die Kartoffeln eingethan und das Kraut eingeschnitten, so segenerfüllt, so spickvoll war das Haus noch nie gewesen. So oft Moni nach dem Walde ging, um Holz zu raffen, hielt sie sich möglichst in der Nähe des Waldweges, sie hoffte täglich, daß Brosi daherkommen müsse. Der Nebel stand schon wieder tagelang auf den Bergen, und endlich schneite es sogar; aber Brosi kam noch nicht, und Moni tröstete sich, daß drunten im Lande wohl noch heller Herbst sei und die Bauarbeit noch fortgehe. Eines Abends, als der kleine Nachtwächter, wie ihn die Großmutter stets hieß, mächtig schrie, hörte man es vor der Thüre plötzlich quieken wie von einem jungen Schweine; der kleine Nachtwächter horchte auf diesen Laut und war einen Augenblick still, da öffnete sich die Thüre und – »Wart', ich will dich,« rief eine starke Männerstimme. Der kleine Knabe schrie wieder, aber noch lauter als er rief Moni: »Lieber Gott, lieber Gott! Mein Brosi,« sie faßte seine beiden Hände, er drückte sie rasch und beugte sich dann zu dem Knaben nieder, der den fremden Mann mit dem bereiften Gesichte, der ihn küßte, mit großen Augen anstarrte, dann aber wieder laut schrie. »Der hat einen guten Brustkasten,« sagte Brosi und reichte nun auch der Schwiegermutter die Hand, die ihm aber kaum die ihrige reichte und sich nach der Wand umwendete. »Hast der Mutter nichts mitgebracht?« fragte Moni leise. »Zuerst bin ich da, das ist die Hauptsach'. Mit dem andern hat's Zeit,« sagte Brosi, tiefaufatmend sich auf die Bank setzend. »Gottlob, daß ich wieder da bin. Es sieht wüst aus in der Welt, die Menschen sind auf einander, wie wenn eins das andre auffressen möcht'! Du bist aber schöner geworden, Moni, ich hab's gar nicht mehr gewußt, daß ich so eine nette Frau hab'.« Er strich ihr mit der Hand über die erglühende Wange, dann hob er den Säugling sehr unbeholfen aus der Wiege und nahm ihn noch ungeschickter auf den Arm. Moni that ihm das Häubchen ab und zeigte, wie viel Haare er schon habe, aber das Kind verlangte nach der Mutter, und Brosi ging vor die Thüre und schleppte einen großen Quersack in die Stube, in dem es wieder quiekte. Er öffnete den Sack und sagte: »Ich hab' noch etwas Lebiges mit ins Haus gebracht.« Er zeigte ein schönes junges Schwein mit vielversprechenden langen Ohren; da aber der Säugling die Freude der Mutter nicht teilte, sondern erbärmlich schrie, wurde der neue Mitbewohner wieder in sein vorläufiges Zelt gebracht und aus der andern Seite des Sackes dem jungen Weltbürger ein rotbackiger Apfel gereicht, den er alsbald zum Munde führen wollte, was die Mutter indes abwehrte; aber der kleine Schelm verstand es schon, den Apfel auf den Boden fallen zu lassen, und lachte herzlich, da die Mutter mit liebkosendem Schelten ihm den Apfel stets wieder aufhob. »Wie er so herzlich lacht,« jauchzte Brosi, und die Mutter behauptete, er könne noch viele Kunststücke, aber sie brachte ihn nicht dazu, daß er jetzt eines davon preisgab. Brosi legte der Großmutter ein Täfelchen Schokolade auf das Bett und bemerkte frohlockend. er habe es in Erinnerung behalten, daß sie einst dieses Getränk gelobt; aber das Apothekerrösle kehrte sich nicht um und sagte nur: »Ich mag keinen, trink' du ihn, ich nehm's für genossen an.« Brosi biß auf die Lippen, aber Moni winkte ihm beschwichtigend und staunte nun über das schöne Obst, das er auf dem Tisch ausschüttete, wobei sie nicht vergaß, hinzuzusetzen, daß sie ihm die schönsten Zwetschgen aus dem Garten aufgehoben habe. Zuletzt gab es noch großen Jubel, als Brosi Wollzeug zu einem Sonntagskittel aus einem verschnürten Papiere auspackte. »Es wär' nicht nötig gewesen, aber es freut mich doch und doppelt, und daß du so an mich denkst, freut mich,« äußerte Moni. Da die Mutter sich noch immer teilnahmlos abwendete, zeigte sie die »Mitbring« dem Kinde und sagte: »Guck, das hat dein Vater mitgebracht, dein Vater ist ein braver Mann, werde nur auch so. Streichet' ihm zum Dank,« sie nahm das Händchen des Kleinen und strich damit Brosi über die Wangen. Sie mußte ihm das Kind gehörig auf den Arm geben, und er tanzte und sang damit in der Stube umher, während Moni schnell das Essen bereitete und aus der Küche mitsang. Moni hatte viel zu erzählen, und wie natürlich alles kunterbunt durcheinander, schließlich aber kamen sie doch immer wieder beide darauf zurück, daß sie glückliche Menschen seien, nicht durch die Liebe, davon sprachen sie nicht, sondern durch die Vermehrung ihres Besitztums; sie hatten es in diesem Jahre weit gebracht, hatten eine fast ganz bezahlte Wiese, und Brosi breitete all sein erworbenes Geld ein Stück neben dem andern auf dem Tisch aus; er gab dem kleinen Knaben einen nagelneuen Fünflivresthaler als sein Eigentum, daß er damit zu hausen anfange. War Brosi in Gedanken auch immer daheim gewesen, und sagte er oft, ein verheirateter Mann sollte eigentlich nicht mehr in die Fremde gehen, denn er habe sich fast vor sich selbst geschämt, welch ein Heimweh er anfangs hatte, so war ihm doch wiederum jetzt sein eigenes Leben neu; er empfand das Glück desselben, aber auch das Ungemach. das ihm beschieden war und fast unerträglich erschien. Das Apothekerrösle ließ nicht ab von seiner unbegreiflichen Verbostheit, und jedes gute Wort, das man ihm gab, war ebenso an ihm verschwendet, wie es am Hochzeitstage den Wein ausgeschüttet hatte. Brosi war indes Manns genug, um diesen Kummer in sich zu verwinden, und das schlafende Kind betrachtend, sagte er zu sich: »Du mußt dir's verdienen, daß deine Kinder auch einmal Geduld mit dir haben, wenn du bettlägerig und krittlig bist.« Obgleich er von der Reise, er war heute zwölf Stunden gelaufen, müde war, wollte er doch noch heute sein Nachtwächteramt, das des Uribasches Kalter im Sommer allein versehen hatte, wieder antreten; aber Moni, der ihr kleiner Sohn mehr als die Stunden anrief, ließ ihren Mann ruhig die Zeit verschlafen, und als dieser erwachte, war es ihm nur noch gegeben, des Uribasches Kalten darin abzulösen, daß er für ihn den Tag anrief. Ungesehen von seinen Mitbürgern und ohne daß sie wußten, daß er da war, schritt er durch die Nacht dahin und ließ den Morgensang erschallen, so hell, so von ganzer Seele, daß ihm selber immer froher dadurch zu Mute ward, und mancher, der in stiller Nacht erwachte, dachte vor sich hin oder sprach es laut: »Der Brosi ist wieder da.« Zuletzt sang er noch vor seinem eigenen Hause, und es war ihm, als tönte ihm, als tönte jedes Wort wie ein Segen vom Himmel darauf nieder, und alles ist geweiht und beschirmt . . . . Am Sonntag mußte Brosi im Auerhahn viel erzählen, wie es »draußen in der Welt« aussieht, und er verstand es meisterlich. Der Zug Bonapartes nach Italien bildete das Hauptgespräch, bald aber fand sich eine näherliegende Verhandlung: die Jahresfeier der Kirchweihe fiel in so unruhige Zeit, daß man sie lieber aussetzen wollte. Brosi gewann aber mit seiner Meinung die Oberhand, daß man gar nicht absehen könne, wann die Welt wieder ruhig werde, darum müsse man lustig sein, solange es noch tagt. Zur damaligen Zeit brauchte man noch nicht ein Hin- und Herschreiben vom Amte, um einen Schweinestall bauen zu dürfen. Brosi war damit gerade am Abend vor der Kirchweih fertig und konnte am andern Tage seinen Gästen den Neubau und dessen Bewohner zeigen. Ueberhaupt war es für Brosi ein großes Fest, zum erstenmal in seinem Hause Gäste zu bewirten, und zwar so vornehme, wie den Gipsmüller und seine Frau, die zur Kirchweih gekommen waren. Moni verstand es, ihre geringe »Aufwartung«, den Zwetschgenkuchen und den Kirschengeist so nett auf ein schönes weißes Tischtuch herzurichten, und hatte dabei alles so zur Hand, als ob ein dienender Geist ihr alles darreiche, so daß Brosi das Lob der Gevatterleute mit innerstem Behagen bestätigte. Dabei war der kleine Kilian, der schon aufrecht auf dem Arm der Mutter saß, »angethan wie ein Graf«. Die Gevatterleute lobten ihren Paten gar sehr, und wie die Menschen in der höchsten Freude der Gegenwart immer auch leicht die Zukunft mit hereinziehen und die ganzen beglückenden Folgen des Gegenwärtigen genießen wollen, so sagte Brosi immer: »Und ich freu' mich, wie das erst schön sein wird, wenn ich den Kerl erst mit in die Fremde nehm', ins Geschäft. Wenn's nur schon gleich morgen wär'.« Brosi war. wie wir wissen, ein Mann von starkem Selbstgefühl, aber er hatte doch seine besondere Freude daran, an einem so angesehenen Manne, wie der reiche Gipsmüller war, eine Anlehnung zu haben, das konnte ihm und seinen Kindern zu gute kommen. Er ging zwar auf das Anerbieten des Gipsmüllers nicht ein, ihm bei einem geschickten Häusertausche (da das jetzige doch gar zu eng schien) beizustehen, behielt sich indes die Beihilfe des Gevatters für den Ankauf einer neuen Kuh bevor und erklärte sich schließlich gern bereit, statt der Holzfuhren dem Gevatter dreschen und in der Gipsmühle arbeiten zu helfen. Schön ist's, im eigenen Hause die ganze Fülle seines Glücks zu haben, aber schöner ist's, auch draußen hilfreiche und herzgetreue Menschen zu wissen, bei denen man in Leid und Freud eine Heimat findet. und nicht als einzelner, sondern Familie zu Familie: die eigene Heimat ist erweitert und vergrößert, und von Haus zu Haus weht sichtbar und unsichtbar eine belebende Gemeinschaft. Mit strahlenden Angesichtern geleiteten Brosi und Moni ihre Gevatterleute durch das Dorf nach dem Auerhahn. In allen Häusern hatte man heute Gäste, die man freundlich bewirtete, aber gewiß war man nirgends glückseliger und auch stolzer mit seinem Besuche, als Brosi und Moni mit dem ihrigen. Im Auerhahn waren auch viele Endringer, die Brosi zutranken, er freute sich ihrer und versprach, auch nach Endringen zur Kirchweih zu kommen. Der Kirchweihtag war der einzige, an dem die gewohnte Tischordnung aufgehoben war, Brosi und Moni saßen vergnügt bei ihren Gevattern, die Gipsmüllerin durfte nur einen Schleifer tanzen, um so höher sprang aber Brosi mit seiner Frau, nicht zur Erfüllung seines gethanen Gelübdes, sondern in frischer Erregung des Augenblicks; und doch war seine Lustigkeit eine andre, als da er noch ledig war, er war nicht minder voll innersten Jubels, und doch war es anders, es ließ sich nicht bestimmen, wie und worin. Als die Gevatterleute abgereist waren und wiederum einen Sack Mehl zurückgelassen hatten, ging Brosi nochmals allein in den Auerhahn, er sang lustig mit, machte sich aber doch frühzeitig heim und sang mit seiner Moni die Tanzweisen, die man vom Auerhahn herunter vernahm; der kleine Kilian schlief ruhig dabei. Elftes Kapitel. Mit Dreschen, Gipsmahlen und dem Nachtwächterrufen ging der Winter vorüber, das glückliche Ereignis des vorigen Jahres stellte sich wiederum ein, und niemand war dessen froher, als der grunzende Mitbewohner hinter dem Hause. Fröhlicher als im vergangenen Jahre trat Brosi wieder seine Wanderschaft an, denn er hatte es nun deutlich erfahren, daß alle Sorge um die Heimat unnötig war; als er im Spätherbst wieder heimkam, lief ihm der kleine Kilian schon entgegen, und der Vater lernte dessen unbeholfene Sprache bald verstehen. Moni hatte viel zu erzählen, man hatte Einquartierung gehabt von allerlei Nationen, Bayern, Russen, Hessen und Franzosen, die aber bisher immer gute Mannszucht gehalten hatten. Dazu kamen noch viele Neuigkeiten aus dem Dorfe und der Umgegend. Die Kirchweih in Haldenbrunn und Endringen wurde regelmäßig mitgefeiert, und so verging ein zweiter und ein dritter Winter und die Trennungszeit im Sommer. Brosi und Moni standen fest in Glück und Heiterkeit, aber doch empfanden auch sie das Bangen, das damals alle Menschen überfallen hatte; die Erschütterung, die damals ganz Europa ergriffen hatte, wurde in jedem Hause des entlegensten Dorfes verspürt. Bonaparte war Kaiser Napoleon geworden, und wir müssen es sagen, Brosi, der viel im Elsaß arbeitete, hatte eine große Verehrung für ihn. Die Gewalt des Kaisers änderte vieles, aber die Tischordnung im Auerhahn zu Haldenbrunn, die Brosi oft ein Greuel war, konnte er doch noch nicht umstürzen. Brosi hatte seine Wiese vollständig bezahlt, und acht Tage bevor ihm sein erstes Töchterchen geboren ward, noch eine zweite Kuh bar bezahlt; dazu kam noch ein neues Bett, das aber Moni ganz allein aus der Kunkel herausspann, ein Schwein wurde alljährlich ins Haus geschlachtet, und es war alles heiter, nur das Apothekerrösle blieb sich gleich. Da kam eines Tages, Brosi war gerade in der abgelegenen Gipsmühle, russische Einquartierung, die arg in der engen Wohnung hauste. Das Apothekerrösle saß immer aufrecht im Bette und schimpfte und schalt, je mehr der Russe mit dem Säbel auf den Tisch schlug, und die Kinder heulten dazu. Moni hatte niemand, den sie nach ihrem Mann schicken konnte, sie wußte sich kaum zu helfen mit der Beschwichtigung der Mutter, der Kinder und des Russen. Als sie diesem das Essen brachte, warf er es zum Fenster hinaus, durchstöberte das ganze Haus und entdeckte endlich die wohlversteckten Hühner. Das Apothekerrösle schrie jämmerlich, als es draußen die so gut legenden Hühner krähen hörte, und als der Russe mit den Erwürgten in die Stube kam, hatte sein Schelten kein Ende. Als ihm der Russe mit dem Säbel drohend Schweigen gebot, spie es ihm den Geifer ins Gesicht, der Russe faßte es mit beiden Händen an dem Halse, noch einmal schnappte es auf nach Luft und sank in die Kissen zurück. Der Russe, der jetzt sah, was er gethan hatte, schaute wild umher, raffte alles zusammen, vergaß aber die Hühner nicht und entfloh aus dem Hause, als jagte man mit Peitschen hinter ihm drein. Moni kniete noch am Bett der Mutter, da trat Brosi ein und erfuhr schaudernd alles, was geschehen war. Es war keine Rettung mehr. Brosi eilte sogleich zu dem Befehlshaber, die Lärmtrommel tönte durch das Dorf, vor dem Auerhahn wurde Musterung gehalten, aber der Mörder fand sich nicht, und die Leute sagten, es sei gar kein Russe gewesen, der Teufel habe das Apothekerrösle erwürgt. Noch am selben Abend marschierte die Einquartierung ab. Brosi und Moni konnten sich nicht leugnen, daß der Tod des Apothekerrösle gerade kein Unglück war; aber als hätte wirklich ein böser Geist die Hand dabei im Spiele, mußte noch die Art des Todes den Ueberlebenden schweren Kummer bereiten. Von den sogenannten Totenfrauen wollte keine die Leiche des Apothekerrösle einkleiden helfen, Brosi und Moni mußten dies allein thun. Da fühlte Brosi um den Leib der Entseelten einen Gürtel. Moni hieß ihn hinausgehen, und nach einer Weile kam sie und hielt in zitternder Hand einen Gürtel, in den Geld eingenäht war; schnell trennte Brosi die Naht und enthülste nacheinander zwanzig Dukaten. Brosi fühlte das Gold schwer in der Hand, er legte es auf die Treppe und machte dreimal ein Kreuz darüber, es blinkte hell in der Dunkelheit. »Sie ist bei alledem doch eine gute Frau gewesen,« sagte Moni, ihr Mann antwortete nicht. Wäre nicht der Gipsmüller zum Leichenbegängnisse gekommen, es hätten sich nur wenige demselben angeschlossen, man sah es aber doch allen Menschen an, wie froh sie waren, daß das Apothekerrösle nun unter die Erde kam. Dem Gipsmüller teilte Brosi auch das Geheimnis von dem aufgefundenen Schatze mit und überließ ihm auf Zureden Monis die Entscheidung, ob er solchen mit den Schwägerinnen in der Schweiz teilen solle. Der Gipsmüller entschied vorderhand, bis man später den Schwägerinnen es offen erkläre, für den Alleinbesitz Brosis, da die in der Fremde ja nichts für die Mutter gethan hatten, sondern die Eheleute sie allein erhalten mußten. Er übernahm hierauf ohne Scheu das Gold und versprach Brosi Silbergeld dafür, das gar nichts Unheimliches hatte. Man vermutete, daß der Gürtel, der zweimal kürzer genäht war, etwa bei einem Falle im Walde dem Apothekerrösle die Lähmung gebracht habe. Gewisses ließ sich natürlich darüber nicht herausbringen, aber ein Teil von dem trotzigen, aufbegehrerischen Wesen der Verstorbenen ließ sich allerdings dadurch erklären. daß sie sich im Besitz eines geheimen Schatzes wußte. Das Haus war nun in doppelter Beziehung frei, das Apothekerrösle war nicht mehr da, und die Schuld, die wie ein Gespenst darauf gehaftet hatte, wurde abgetragen; aber ein andres Gespenst zeigte sich. Brosi machte mehrere Versuche zu einem Häusertausch, aber niemand wollte sein Haus übernehmen, in dem das Apothekerrösle nächtens als Geist umgehen sollte. Noch lange nach seinem Tode plagte es die Insassen durch diesen Aberglauben. Brosi und Moni fanden sich aber doch nur wenig davon beunruhigt. Zwar kam Brosi immer früher aus der Gipsmühle nach Hause, um seine Frau nicht allein zu lassen, und wenn er die Stunden anrief, begann er vor seinem Hause den frommen Sang, um es damit zu beschirmen, und bald fanden die beiden Eheleute, daß sie für ihre ganze Lebenszeit Raum genug im Hause hatten; gehörte ihnen ja jetzt erst die Stube zu eigen, und die wohnliche Bühnenkammer war fast überflüssig. Friedlich, aber still war's diesen Winter im Hause. Der Tod des Apothekerrösle brachte doch auch für die ganze Kriegszeit einen Segen über das Haus: es wurde teils aus Aberglaube, teils aus Rücksicht ferner mit Einquartierung übergangen. Zwölftes Kapitel. Napoleons Kontinentalsperre gegen England brachte dem Brosi reichlichen Verdienst, nicht als Fabrikant oder Schmuggler, sondern einfach als Maurer bei den vielen Fabrikgebäuden, die besonders im Elsaß errichtet wurden. Wir dürfen aber auch nicht vergessen, daß Brosi durch ein Weltereignis sehr viel Kummer hatte, denn Brosi wurde plötzlich ein Ausländer. Bei der Teilung Vorderösterreichs durch den Reichsdeputationshauptschluß wurde Endringen badisch und Haldenbrunn württembergisch. Dieser Schnitt ging Brosi ins Herz; er wußte nichts von deutscher Einheit, er war trotz seiner Verehrung für Napoleon doch gut kaiserlich und merkte nichts von diesem Widerspruche; das aber fühlte er doch, was es ist, Länder zu zerschneiden, und jedesmal, wenn er an dem Grenzpfahl im Walde vorüberkam, machte er ihm ein grimmiges Gesicht. Besonders mit seinem Gevatter, dem Gipsmüller, der nun auch ein Badischer geworden war, sprach er viel über die verkehrte Welt, und als es im Laufe der Jahre hart gegen Napoleon herging, war seine erste Hoffnung, daß Endringen und Haldenbrunn wieder zu einem Lande gehören würden. Es ist aber wunderbar, wie bald die aufgepfropften Begriffe selbständig ausschlagen. Es vergingen kaum einige Jahre, als die Endringer und Haldenbrunner als Badische und Württembergische einander vielfach neckten. In dieser Zeit hatte aber Brosi von der Welt doch alljährlich eine besondere Freude. Obgleich der »Rheinländische Hausfreund« ein badischer Kalender war, brachte ihn doch Brosi jeden Herbst mit nach Hause; aber er las keine Silbe darin, bis das Neujahr wirklich da war, und auf manchem Gang in der Nacht schmunzelte er vor sich hin, wenn er an die lustigen Geschichten dachte, die er gelesen hatte. Von der ganzen Sammlung seiner Kalender waren diese die erlesensten und in keinem ist mehr eingetragen. Es geschahen aber auch zu ihrer Zeit die wichtigsten Ereignisse. Der Kilian hatte noch einen Bruder Namens Franz und außer seiner Schwester Rösle noch eine Namens Mariann erhalten, ein zweites Brüderchen lag neben dem Apothekerrösle auf dem Gottesacker. Es gab keine zweite Mutter in Haldenbrunn, die ihre Kinder mehr in Zucht und zur Schule anhielt, als Moni; ja, sie ging selber noch in die Schule und zwar bei ihrem Kilian, denn sie lernte bei diesem Geschriebenes lesen und selbst die Feder führen. Spielend und ohne daß die Kinder die Unwissenheit der Mutter merkten, lernte sie die Schreibkunst; sie hatte erfahren, wie nachteilig ihr deren Mangel gegenüber den Kindern war, und freute sich auch kindisch darauf, an Brosi selber einen Brief schreiben zu können. Es war ein seltsamer Anblick, wenn die Mutter mit den Kindern um den Tisch saß und wettete, wer zuerst mit seiner »Gschrift« fertig werde. Jener erste Brief Brosis aus ihren ersten Ehejahren diente Moni als Vorschrift; sie hat dabei freilich nicht orthographisch schreiben gelernt, aber besser als Brosi brauchte sie es auch nicht zu verstehen, und ihre Fehler waren gerade die, die Brosi auch machte. Dieser war ganz glückselig, als ihm seine Moni so unverhofft einen eigenhändigen Brief in die Fremde schrieb. Die Kinder durften auch oft Briefe an den Vater schreiben, von denen aber natürlich höchstens einer abgeschickt wurde. Der wissenschaftliche Betrieb im Hause war aber doch weit geringer als der praktische in Wald und Feld. Kilian mußte die Kühe in den Wald zur Weide führen, denn die Grasnutzung im Walde war damals noch allgemein, die andern mußten Streu einthun, Erdbeeren, Himbeeren, Heidelbeeren und Wacholder sammeln und teils selbst nach der Stadt zum Verkauf bringen, teils übernahm dies die Mutter. Ein besonderes Handelsgebiet war den Kindern aber auch darin eröffnet, daß sie im Herbste Lichtspäne – lange zugespitzte dünne Scheiben aus dem Kernholz von Kiefern, die man zur Beleuchtung in der Küche benützt – stundenweit in kleinen Körben auf dem Kopf nach dem Getreidelande tragen mußten, um dafür Mehl, Kleie, Schmalz oder auch Aepfel einzutauschen, und manchmal gab es sogar bares Geld, das die Kinder getreulich ablieferten. So kam es, daß Moni mit einem Häuflein Kinder nicht mehr brauchte, als da sie noch allein war, und die Kinder wurden gewitzigt und selbständig und früh auf ein sparliches Umtreiben hingewiesen. Wenn Brosi im Frühling auf die Wanderschaft zog, begleitete ihn die Mutter mit den Kindern, die beiden Eheleute sangen nicht mehr, aber Brosi rief noch laut in der Ferne die Namen seiner Kinder nacheinander, und das war doch noch herzerfrischender als aller Gesang. Jedesmal, wenn Brosi von der Wanderschaft nach Hause kam, kaufte er in der Stadt ein Weißbrot, und je mehr Kinder im Hause waren, je mehr Teile wurden daraus gemacht. Das Heimweh Brosis wurde oft wieder stärker, in den letzten Herbstwochen war er immer ein verdrossener Arbeiter, ohne rechte Eßlust und ohne rechten Schlaf. Um sich zu zwingen, setzte er sich daher jedesmal noch eine Woche weiter zum Aufenthalt in der Fremde fest, aber jedesmal, wenn diese Woche kam, schenkte er sich dieselbe und eilte heim zu seiner Moni und zu seinen Kindern. Brosi hatte noch eine zweite Wiese von anderthalb Morgen, die sogenannte Bömleswiese gekauft, es war dies der Boden eines abgetriebenen Waldes im untern Forlenthale, da wo der Bach eine so starke Biegung macht, daß er die Wiese mehr als im Halbkreise umzieht. Moni hatte auch eine erkleckliche Beisteuer dazu gegeben, denn, trotzdem sie vier Kinder hatte, gewann sie immer noch so viel Zeit zum Spinnen, daß sie neben dem Hausbedarf an Leinen fünfzig Ellen jährlich verkaufen konnte; daneben legte sie noch manches zurück zur künftigen Aussteuer für ihre Töchter, und dazu hatte noch jedes Kind einen baren Fünffrankenthaler, denn Brosi hatte jedem das Gleiche geschenkt wie seinem Erstgeborenen, und ganz allein von ihrer Ersparnis hatte Moni nicht nur eine vermehrte Kopfzahl für die im Kriege verlorenen angestammten Hühner erobert, sie vermehrte auch noch ihre Hausmacht durch fünf stattliche Gänse. So schmerzvoll und niederdrückend es ist, wenn ein Familienvater sich trotz aller Mühen von Jahr zu Jahr verarmen und verkommen sieht und das noch ein glückliches Jahr nennen muß, in dem er sich so durchschlug, daß er nichts einbüßte, ebenso erquickend ist das Gefühl, sich wachsen zu sehen. Es kommt so selten vor, daß jemand von Grund des Herzens und jahrelang sagt: ich bin ein glücklicher Mensch. Brosi sagte dies und er war es auch; dabei pflegte er hinzuzusetzen: »Ich hab', gottlob! in siebzehn Jahren dem Apotheker nicht mehr bezahlt als einen Batzen, und den für– Rattenpulver.« Das innere Wohlgefühl Brosis wurde aber auch zum Wohlwollen für andre Menschen; nie hörte man ihn ein böses Wort über jemand reden, und wenn man im Auerhahn oder sonst wo über einen loszog, duldete er das nicht und nahm sich des Beschimpften in jeglicher Weise an. Es konnte nicht fehlen, daß Brosi bei seiner immerwährenden Heiterkeit für einen halben Narren galt; aber die Rechtschaffenheit und Gutmütigkeit hat doch so viel Bewältigendes, daß er in Ehre und Ansehen stand, und besonders das, daß er niemand Böses nachredete, machte ihn in vielen Dingen zum Ratgeber und Schiedsrichter, und Brosi konnte bei mancher glücklichen Auskunft hinzusetzen: »Ja der Brosi. Mein Mann ischt koanr.« Die Kinder Brosis wurden mit diesem Eitelkeitsspruche ihres Vaters frühzeitig geneckt, und wo sie hinkamen, hieß es oft: »Wie sagt der Brosi? Mein Mann ischt koanr.« Sie klagten das oft der Mutter, aber diese wagte es nicht, gegen eine Grundeigenschaft ihres Mannes und deren Ausdruck anzukämpfen; sie hatte es einmal versucht, und jene Trutzwoche hätte sich fast wiederholt, sie beschwichtigte nun die Kinder, so gut sie konnte, und besonders damit, daß man jedem was nachspotten müsse, und ihr Vater dürfe das schon noch sagen, es gäbe auch keinen solchen Mann mehr auf der Welt, wie er sei. Das merkte sich der kleine Kilian, und als er wieder damit geneckt wurde, sagte er stolz: »Und es ist erst noch wahr, so wie mein Vater gibt's keinen mehr.« Als man Brosi diese Rede seines Erstgeborenen erzählte, hatte er diesen, der ohnedies sein Liebling war, noch einmal so gern; er nahm ihn oft des Sonntags mit in den Auerhahn und am Werktag in die Gipsmühle. Der Kilian war überhaupt ein gescheiter Bub, er hatte einst das einzige Leidwesen Brosis in der Frage ausgedrückt: »Vater, bist du nur im Winter unser Vater?« Brosi versprach, ihn bei der Entlassung aus der Schule mitzunehmen, dann habe er auch einen Sommervater. An der Kirchweih tanzte Brosi allezeit regelmäßig mit seiner Moni, und die Kinder, die auf dem Hausflur waren, tanzten dort ebenfalls. Mit des Kappelbauern Lisle (die Witwe hatte schon lange wieder geheiratet) tanzte der Kilian den Hoppetvogel und den Siebensprung gerade wie der Vater mit der Mutter. In dem Jahre, als die Verbündeten in Paris einzogen, hatte auch Brosi einen Verbündeten. Er nahm seinen Kilian mit auf die Wanderschaft und sagte zu seiner Moni: »Weißt noch, wie ich mir die Zeit herbeigewünscht hab'? Und jetzt ist sie da. Es kommt alles. Drum lustig, solang es tagt.« In dem Jahr, als Württemberg einen neuen König erhielt, wurde Brosi noch ein Sohn geboren. Der Revierförster, der jetzige Auerhahnwirt, der zu Gevatter stand, gab ihm den Namen Wilhelm; Brosi aber rief ihn bei seinem zweiten Taufnamen Severin. Er hatte seine besondere Freude an dem kleinen Severin und sagte oft: »Ich freu' mich nur, daß wir auch wieder ein klein Kind haben, wenn sie nur auch länger so klein und lieb bleiben thäten; wenn sie einmal größer sind, sind's keine Kinder mehr und machen einem nur noch die halbe Freude.« Das erste Lebensjahr Severins war das schwerste für die ganze Familie, es war das Hungerjahr siebzehn. Brosi war vor allem darauf bedacht, daß die Mutter und das Kind die rechte Nahrung hätten; aber der Unsegen, der damals auf allem ruhte, daß man ganze Schüsseln aufessen und doch nicht satt sein konnte, schien sich auch auf die Muttermilch zu erstrecken: der kleine Severin schrie immer, mehr als je ein andres Kind. Brosi wäre in seinem ganzen Hausstande zurückgekommen, wenn sich nicht jetzt der Gevatter Gipsmüller bewährt hätte; er verkaufte kein Korn an Brosi; er lieh es ihm nur unter der Bedingung, daß er ihm solches im andern Jahre wieder als Korn zurückerstatten müsse. Wenn Brosi später den Jahrgang siebzehn seiner Kalender in die Hand nahm, sagte er: »Da steht gar nichts darin, ich vergeß das Jahr aber doch nie.« Dreizehntes Kapitel. Je mehr die Kinder heranwachsen, um so mehr hören die Eltern auf, für sich selber ein Leben zu haben und auch zu wollen; das Schicksal der Kinder wird immer mehr das der Eltern. Nicht nur an dem ersten Tage von des Vaters Ankunft, wie dies immer ist, waren die Kinder brav; sie blieben es auch. Die Kinderzucht im Hause war eine musterhafte, das heißt strenge, es wurde wenig an den Kindern erzogen, aber unbedingter Gehorsam war oberstes Gesetz. Brosi rühmte sich des oft, indem er hinzusetzte: »Es kann eines meiner Kinder auf dem Dach in Lebensgefahr sein, ich pfeif' ihm nur, huit! und bin sicher, daß es feststeht wie eine Mauer und nicht zuckt, bis ich komm' und es herunterhol'. Das hat mein' Moni zuweg bracht. O die, die könnt' General sein.« In der That war diese strenge Zucht das Werk Monis, denn ihr Mann war ja den größten Teil des Jahres in der Fremde; war er aber daheim, so konnte man gewiß sein, daß nie eines der Eltern dem andern in einer Zurechtweisung der Kinder widersprach oder durch eine Miene einen Widerspruch verriet, wenn es auch mit der Anordnung innerlich nicht übereinstimmte. Der Vater stand vor den Kindern wie ein höheres, fast unnahbares Wesen, eine Patschhand von ihm war eine hohe seltene Gunst, und half er gar im Frühling ein Mühlrad im nahen Bach bauen, so war das eine Seligkeit. Nie sahen oder hörten die Kinder einen Zank zwischen den Eltern; gab es eine Zurechtweisung, so wurde ein Alleinsein abgewartet, und Frohsinn und Heiterkeit herrschten allezeit; nur wollte Moni manchmal der Kinder wegen in der Wahl der Lieder wählerisch sein, aber Brosi duldete das nicht und behauptete stets, er habe diese Lieder schon gekannt, ehe er zehn Jahre alt war, und sei doch geworden, der er sei. Monika war gescheit und ließ, ohne ein Wort zu sagen, die »Gesätzle« weg, die ihr nicht gefielen, und Brosi war's auch recht; er nahm's mit dem Inhalt just nicht so genau, wenn's nur gesungen war und recht lustig, die Worte konnten sich legen, wie sie wollten, und wenn Moni fortfuhr und immer wieder anschlug, konnte er eine Strophe zehnmal singen und immer so vollauf, als wär's das erste Mal. Nie ließ eines das andre beim Singen im Stich. Der kleine Severin zeigte sich schon früh als ein eigensinniger hartköpfiger Bursche, und es war oft nahe daran, daß der Ehefriede seinethalb gestört wurde, wenn nicht Moni stets darauf hingewiesen hätte, wie das unschuldige Kind nichts dafür könne, daß sein Vater verstimmt und maßleidig sei. Brosi war dies oft aber in hohem Grade, denn von außen war ihm der Friede und die Ruhe seines Hauses gestört worden. In dem Sommer, als der Severin geboren wurde, hatte der Maurerjochem, dem der Garten an der Fensterseite von Brosis Hause gehörte, sich auf dem jenseitigen versandeten Ufer ein Haus gebaut und, um einen näheren Weg ins Dorf zu haben, ein Stück seines diesseitigen Gartens dazu verwendet; der Fußweg ging hart an den Fenstern Brosis vorbei. Noch in der ersten Nacht seiner Heimkehr zäunte Brosi diesen Weg zu, aber schon am andern Tage mußte er auf schultheißenamtlichen Befehl den Zaun selbst wieder abtragen; Brosi wetterte und fluchte in seinem Hause, so oft jemand an seinen Fenstern vorüberging, und die Leute machten sich den Spaß und gingen des Weges auch ohne Not. Brosi lief zum Amt und verzettelte viel Zeit und Geld mit diesem Rechtshandel, der, mehrmals zu seinen Ungunsten entschieden, immer wieder von ihm aufgenommen wurde, so daß er volle vier Jahre dauerte. Brosi behauptete, daß vier Schuh Platz rings um das Haus ihm gehören, daß er das oft von seiner Schwieger gehört habe und nicht davon ablasse. Er sprach oft davon, daß, wenn er den Prozeß verliere, so wandere er aus nach Endringen, wohin er ohnedies gehöre und wo er eigentlich am liebsten sei. Moni war vollkommen mit ihrem Manne einig, daß man dieses Gäßchen nicht dulden dürfe; aber endlich mußten sie sich doch den Entscheid gefallen lassen, daß es blieb, zumal dieser Weg von Pfarrer und Schullehrer als Kirchen- und Schulweg bezeichnet wurde. Mit dem Auswandern nach Endringen schien es nicht recht Ernst gewesen zu sein und wäre dies nun auch schwierig geworden, da Endringen jetzt Ausland war. Brosi hatte zu dem Schaden noch den Spott, daß er fortan der Gäßles-Brosi hieß; man hatte schon lange nach einem Unnamen für ihn gesucht, jetzt hatte man einen, mit dem man ihn aufziehen konnte. Anfangs that er den Leuten den Gefallen, sich darob zu ärgern, nach und nach aber lachte er dazu, und seine alte Lustigkeit brach aufs neue hervor. Wer aber seine besondere Gunst haben wollte, durfte nicht durch das Gäßchen geben, und vor allem seine Kinder durften nie diesen Weg betreten, wie er und seine Monika ihr Leben lang keinen Fuß darauf setzten. Es wurde Brosi nicht verwehrt, ein Art Verhau am Eingang des Gäßchens anzubringen, um auch seine Hühner und Gänse abzuhalten, daß sie den Weg nicht gingen. Brosi aber rammte scharfgespitzte Pfähle ein, daß sich manche daran verwundeten, und wenn man Kies auf das Gäßchen schüttete, um es trocken zu legen, war er am andern Morgen verschwunden; den größten Teil des Jahres gab es keinen nasseren Weg als eben dieses Gäßchen. Die Gäßlesgeschichte war noch lange der geheime Kummer Brosis; er klagte besonders dem Gevatter Gipsmüller oft, daß dies das einzige Leid sei, das er mit sich herumtrage, und empfing die Tröstung, er solle zufrieden sein, daß er sonst keines habe. Im Jahre achtzehn erließ die Regierung die folgenreiche Verordnung. die den Beamten jegliche Geschenkannahme verbot; dies traf besonders auch die Forstbeamten, und der Revierförster, der seinem Paten den Namen des Königs gegeben, schien es doch geraten zu finden, dem Kuhhirt von Ulm zu folgen und von selbst abzudanken; er widmete sich fortan dem Holzhandel und machte schon damals Brosi den Antrag. als Kürer, der die Stämme im Wald aussuchen hilft und eine Art Aufsicht über die Holzknechte hat, bei ihm einzutreten; Brosi aber lehnte es ab, er wollte bei seinem Handwerke bleiben, zumal er dieses Jahr, wie er sagte, »zweispännig ausfuhr«, denn er nahm nun auch seinen Franz mit in die Fremde. Brosi wäre gern daheim geblieben und sah sich deshalb nach Beschäftigung bei einem nahegelegenen Brückenbau um, aber schon jetzt zeigte sich, daß er ein Württemberger war, die badischen Arbeiter erhielten den Vorzug, und Brosi wanderte wieder ins Elsaß. In dem Jahre, als Kilian Soldat werden mußte und der Gäßleshandel sich entschied, gab Brosi das Nachtwächteramt auf, er hatte es durch zwanzig Winter versehen und sagte, auch im Gefühle seines Besitztums, daß es genug sei, wenn er fortan am Tage tüchtig arbeite. Es war aber, ohne daß er sich's gestand, auch Aerger über die Gäßlesgeschichte dabei; das Dorf, das ihm das angethan hatte, war eines solchen treuen und hellen Wächters nicht wert. Dennoch erwachte er noch wochenlang zu jeder Stunde, und manchmal sang er leise vor sich hin. Der kleine Severin machte viel Aergernis und bekam viel Schläge, er war das einzige Kind, das es nicht lassen wollte, auf dem Gäßchen hin und her zu gehen. Es gehörte in der That eine Selbstüberwindung dazu, das Gäßchen zu vermeiden, man mußte nicht nur immer einen Umweg machen; wenn man aus der Thüre tritt, führt das Gäßchen gerade links an dem Hause vorbei, und es ist eine seltsame Eigenheit, daß man beim Austritt aus einem Hause, ohne zu wissen wohin, links wendet, wie man beim Ankleiden den linken Stiefel zuerst anzieht. Brosi selber mußte sich noch oft hemmen, daß er nicht unwillkürlich den verbotenen Weg ging. Der Severin war das einzige Kind, das von dem Vater viel Schläge und wenig gute Worte erhielt, und gerade der Severin war, wie sich schon früh zeigte, das ehrgeizigste seiner Kinder und hätte sich eher totschlagen lassen, als daß er um Erbarmen schrie oder um Verzeihung bat. Wenn der neue Lehrer, der ein tüchtiger Mann war, den Severin lobte, zuckte Brosi die Achseln und sagte: »Es ist eben ein knützer Bub. Wenn ihm meine Frau einmal ein Käsbrot gibt, frißt er den Käs oben 'runter, und erst wenn ich ihm mit Schlägen droh', bitzelt er am Brot, und ich sollt' ihm Hosen von Eisen machen lassen, er hat eine besondere Kunst, seine ledernen zu zerreißen. Das Best' an ihm ist, daß er singen kann wie ein Kanarienvogel, aber wenn man's ihn heißt, da thut er's nicht, und wenn ich aus der Haut fahr'. Ich will ihn aber schon eingeschirren, wenn ich ihn einmal mit mir nehm' und ihn ferm in meine Finger fass'.« Die erwachsenen Söhne und Töchter Brosis gingen nun auch schon zum Tanz, das Rösle, das neben Kilian der Liebling Brosis war und das er oft »mein schön Mädle« nannte, hatte bereits eine entschiedene Bekanntschaft mit des Jörgtonis Kaspar; aber Brosi und Moni waren noch immer regelmäßig auf dem Kirchweihtanze und so lustig wie je. Und wieder hatte diese Lustigkeit einen andern Charakter. Es war nicht mehr wie in ledigen Tagen, noch wie in der ersten Ehezeit: man war jetzt mitten unter den erwachsenen Kindern, und eine gewisse Scheu vor ihnen begrenzte den Uebermut; aber Brosi und Moni hatten ihre Freude an der Lustbarkeit der Kinder fast noch mehr als an der eigenen, und die Kinder konnten neuaufgekommene Tänze, besonders den Galopp, den die Alten nicht mehr verstanden und, hätten sie das auch, sich nicht mehr dazu geeignet fühlten. Brosi war aber keiner von denen, die über diese Neuerungen schimpften, im Gegenteil, er sagte zu seiner Frau: »Die junge Welt hat eben ihre neuen Sprüng'. Wir bleiben bei unsern alten.« Es war jedesmal eine feierliche Freude, wenn Brosi und Moni ihre Tänze aufführten; ihre eigenen Kinder betrachteten es als eine Art öffentlicher Kundgebung des Hausfriedens, denn glücklicher als Brosi und Moni lebten keine Eheleute, sie standen noch allezeit zu einander wie Braut und Bräutigam in zuvorkommender Freundlichkeit und heiterem Scherz, und man konnte nicht sagen, ob Brosi seine Moni mehr ehrte und lobte, oder sie ihn. Brosi war der erste, der das neue Gesetz mit übertreten half, da vermöge allerhöchster Fürsorge in den Bestimmungen des Dekrets der Oberregierung vom 17. bis 22 Juni 1811 der Tanz mit dem Schlage zwölf Uhr enden sollte. Schon die polizeiliche Ueberwachung des Tanzes war Brosi ein Greuel, aber er setzte sich darüber weg, und Haldenbrunn lag auch so weit an der Grenze, daß die Strenge des Gesetzes dort etwas nachließ. Das Verbot aber, daß die Schulkinder dem Tanze zusehen und ihn auf der Hausflur nachahmen durften, wurde unnachsichtlich aufrecht erhalten. Brosi wollte seinen Severin zwingen, mit ihm zum Tanze zu gehen, aber dieser blieb widerspenstig und flüchtete sich zum Lehrer, der dem, wie er glaubte, mißhandelten Knaben besonders zugethan war. Severin konnte überhaupt schon frühe die Spaße seines Vaters nicht leiden, und dieser sagte oft: »In dem Buben steckt etwas vom Apothekerrösle, aber ich treib's ihm aus, und wenn er mir unter der Hand bleibt.« Wenn man den Severin mit dem Spruche seines Vaters neckte, schlug er um sich, und die Mutter hatte viel zu vertuschen, und wieder schien ihm nichts heilig: keines der Kinder hätte eine der oberen Zwetschgen im Garten angerührt, denn diese ließ die Mutter stets stehen, bis sie runzlig wurden, und bewahrte sie für den heimkehrenden Vater; der Severin aber war unversehens auf einem der Bäume und ging oft nicht herunter, bis man mit Steinen nach ihm warf. Severin brachte immer am wenigsten mit, wenn er mit andern Kindern in den Wald geschickt wurde, um Waldbeeren zu sammeln, denn man hörte, daß er meist in den Himmel schauend unter einem Baume lag; und sollte er im Herbste Lichtspäne ins Getreideland tragen, mußte man ihn jedesmal mit Schlägen dazu zwingen; einmal kam er acht Tage lang nicht nach Hause, und keine Gewalt der Welt hätte aus ihm herausgebracht, wo er gewesen. Die Landesvermessung kam auch nach Haldenbrunn, der Lehrer empfahl den Geometern den Severin, der noch die Schule besuchte, aber schon ein hochaufgeschossener Knabe war. Brosi wollte es nicht gestatten, daß Severin mit den Geometern ging, aber Moni ließ nicht nach, bis er es zugab, und als er das Lob seines Sohnes hörte, der sehr anstellig war, that ihm das wohl, aber freundlicher ward er nicht gegen ihn; er getröstete sich der Zeit, wo er ihn ganz allein in seine Hand bekommen und ihn schon zurechtsetzen werde. Hatte man vom Severin vielen Kummer, so machten die andern Kinder um so mehr Freude. Der Kilian war auf Urlaub gekommen und arbeitete wieder fleißig mit dem Vater und dem Franz. Das Rösle war Braut mit des Jörgtonis Kaspar. Brosi und Moni erfuhren nichts davon, daß diese Brautwerdung der Mutter einen bösen Ruf gemacht hatte. Der Kaspar hatte nämlich eine Zeitlang das Rösle verlassen und war der reicheren Tochter des Kappelbauern nachgegangen, da wurde des Kappelbauern Tochter plötzlich von einem Blutsturz befallen und starb, der Kaspar kam wieder zu dem Rösle und wurde auch wieder angenommen; die Leute aber sagten, die Moni habe das Hexen von ihrer Mutter geerbt und habe des Kappelbauern Tochter verhext. Da Brosi und Moni hiervon nichts erfuhren, war ihre Freude an der glücklichen Versorgung der Tochter eine ungetrübte. Brosi hatte sich, teils um die Heirat zu ermöglichen, teils aber auch aus Stolz, bei der versprochenen Aussteuer über seine Kräfte angestrengt und arbeitete nun doppelt emsig mit seinen beiden Söhnen, um den Ausfall bald wieder einzubringen. Er hatte für zwei Jahre eine glückliche Arbeit gefunden, nur vier Stunden entfernt wurde eine neue Straße mit mehreren Brücken angelegt und diesmal auf württembergischem Grunde, und Brosi war nun mit den Seinigen jeden Sonntag zu Haus. Eine lustigere Hochzeit als die von Rösle und Kaspar war lange nicht in Haldenbrunn gewesen. Brosi konnte sich zwar anfangs nicht damit zufrieden geben, daß die fürsorgliche Regierung den alten Brauch verboten hatte, daß die Hochzeitläder mit gezücktem Säbel die Braut geleiteten und die Säbel in die Decke steckten, darunter Braut und Bräutigam sitzen mußten. Dieses Eingreifen in die alten Gewohnheiten verbitterte ihm fast den glückseligen Tag, er sprach oft davon und ließ es an derben Schimpfworten nicht fehlen; aber er lernte allmählich, sich einen Freudentag weder durch einen Regierungserlaß, noch durch ein sonstiges Ereignis verderben zu lassen, und Moni verstand es, ihm darüber hinweg zu helfen. Die Eltern waren die lustigsten auf dem Tanzboden, und Brosi rief oft: »Moni, jetzt sind wir hier zweimal daheim.« Er hatte sich einst so glücklich geschätzt, beim Gipsmüller eine freundliche Stätte zu haben außer dem Hause, jetzt ging er zu seinem eigenen Kinde und war dort hochgeehrt und geliebt. Vierzehntes Kapitel. Als Severin aus der Schule entlassen wurde, sprach er seinen Wunsch aus, Geometer zu werden, aber Brosi wies ihn barsch ab: es dürfe keines seiner Kinder für sich allein sorgen, es müsse jedes mit beitragen, den Hausstand zu erhöhen. Es war ein fröhlicher Tag, als Brosi dreispännig ausfuhr; der Vorspanngaul war und blieb aber widerspenstig. Brosi suchte seinen Jüngsten durch gute Worte zu zähmen, aber es schien zu spät dazu, und wenn der Vater in Gesellschaft der Genossen allerlei Späße machte, biß Severin auf die Lippen, während die andern lachten. Im Winter, wenn die Söhne Schindeln schlitzten, war Severin verdrossen dabei; seine Hauptfreude war, wenn er die Schindeln im Schuppen zum Trocknen aufbauen durfte. Brosi selber lobte ihn über die schönen Häuser, Brücken und Schlösser, die er aus den Schindelnbüscheln aufbaute, und nannte ihn stets seinen Boßler. Manchmal schien sich ein besseres Verhältnis zwischen Vater und Sohn herzustellen, und beide strebten sichtbar darnach; Severin hatte dem Vater schon oft darum angelegen, er möge doch die Bömleswiese verbessern dadurch, daß man dem Bache eine andre Richtung gebe. Brosi hatte ihn damit abgewiesen, auf immer wiederholtes Drängen aber ihm endlich gestattet, beim Forstamte die Erlaubnis dazu nachzusuchen und die Sache selber auszuführen. Nach vielen vergeblichen Gängen erhielt Severin die Genehmigung, und mit teils selbst gefertigtem, teils entlehntem Handwerkszeug steckte er die Wiese ab und leitete den Bach gerade durch, wobei er noch Vorrichtungen zur bequemen Wässerung anbrachte, daß die Wiese um die Hälfte mehr wert war und das Lob Severins im ganzen Dorfe sich ausbreitete. Dies schien ihm aber nicht zu genügen, er blieb verdrossen und einsilbig. An der Kirchweih ging er wohl zum Tanz, aber er saß still bei seinem Schoppen und schaute nicht auf, wenn Vater und Mutter zur Bewunderung aller ihre Tänze ausführten; ja, er sagte der Mutter, es schicke sich nicht mehr für sie, die Junge zu spielen, und Moni, der das selber schon nicht mehr genehm war, ging das Jahr darauf gerade an dem Tage in die Mühle zum Mahlen. Alt und Jung wollte sich die gewohnte Freude nicht nehmen lassen, und man entbot eine Gesandtschaft mit einem vorausgehenden Klarinettisten als Herold zu Moni in die Mühle, sie wies aber jede Einladung entschieden ab und sagte zuletzt: »Nicht zehn Gäule bringen mich zum Tanz.« Der Jörgtoni wußte hierauf einen gescheiten Ausweg, der mit Hallo ausgeführt wurde: man spannte elf Gäule an einen Schlitten, und Moni mußte wider Willen lächelnd nachgeben und wurde im Triumph mit dem seltenen Gespann in den Auerhahn gebracht. Seitdem ist das Sprichwort in Haldenbrunn. Wenn einer sagt: »Zehn Gäule bringen mich nicht zu dem und dem,« so antwortet man: »Aber elf Gäule wie die Moni aus der Mühle zum Tanz,« und Fremde, die das nicht verstehen, erhalten willfährigen und genauen Bericht über die Entstehung dieser Redeweise. Das Jahr darauf klagte Moni über Unwohlsein, und Brosi blieb bei ihr daheim. Eine Gesandtschaft aus dem Auerhahn erhielt abschlägigen Bescheid. Die Kinder waren alle auf dem Tanz, und selbst Severin war heute mit unter den Jubelnden. Es war eine helle Herbstnacht, der Mond stand glänzend am Himmel und warf sein schräges Licht vielfach gebrochen in die Stube. Brosi hatte die Ampel gelöscht und saß noch lange still und horchte auf die Musik, die vom Auerhahn herübertönte; er schnupfte viel, denn das hatte er sich seit geraumer Zeit angewöhnt, es wollte ihm gar nicht in den Sinn, daß er zum erstenmal nicht zum Kirchweihtanze sollte. Mehrmals sagte er in sich hinein: »Sei nicht so närrisch, du bist kein junger Bursch mehr, die Schlappen sind jetzt deine Tanzstiefel. Du bist Großvater;« aber er konnte sich das in allen möglichen Wendungen wiederholen, es half nichts, er meinte immer, er müsse entfliehen. Endlich legte er sich doch still seufzend in das Bett, aber den Schlaf fand er nicht. Mitternacht war vorüber, da regte sich Moni, und er sagte leise: »Moni, Moni.« »Was? Was willst?« »Ich hab' gemeint, du schlafst.« »Ich hab' nicht geschlafen. Was willst denn?« »Ich kann auch nicht schlafen. Hörst die Musik?« »Freilich, die läßt ja einem kein Aug' zuthun.« »Jetzt spielen sie den Bändelestanz. Ich möcht' nur auch wissen, wer den tanzt?« »Geh' 'nauf und sieh' zu, ich hab' dir schon gesagt, geh' du allein. Es ist mir lieber, wenn du gehst.« »Ich geh' nicht allein. Aber weißt was? Wir haben doch eigentlich geschworen, daß wir, wenn wir gesund sind, jede Kirchweih tanzen wollen.« »Ich bin aber nicht wohl.« »Wird nicht so arg sein. Weißt was? Steh' hurtig auf und zieh' dich an. Oder sag' mir ehrlich, tanzst du nicht auch gern?« »Freilich wohl, rechtschaffen gern, aber was willst?« »Komm', wir tanzen daheim.« Mit einem lustigen Juchhe sprang Brosi aus dem Bett, gab Moni ihre Kleider auf dasselbe und zog sich rasch an. Vom Auerhahn tönte die Musik, der Mond schaute gerade voll in die Stube, und Brosi und Moni tanzten miteinander, und Brosi jauchzte und stampfte auf und schnalzte mit den Händen, er warf seine Moni in die Luft und fing sie wieder auf: da öffnete sich die Stube, und die Kinder standen beifallrufend und jauchzend unter der Thür, sie waren vom Tanze zurückgekehrt, und niemand hatte ihren Eintritt vernommen. »Wo ist der Severin?« fragte Brosi. »Er ist mit uns, er ist grad verschwunden,« berichteten die Kinder. »Wer hat den Bändelestanz ausgeführt?« »Des Rösles Kaspar, und prächtig,« berichtete Mariann', und Franz, der nach Severin ausgeschaut hatte, sagte, daß er schon oben auf der Bühne in seinem Bett liege. Der Severin war also der einzige, der sich über die Fröhlichkeit seiner Eltern nicht gefreut hatte und still davongeschlichen war. Er war und blieb ein seltsamer, nicht zu bewältigender Trotzkopf. Das Ende des vortrefflichen vierunddreißiger Weinjahres brachte unserm Brosi eine große Freude: er hatte das Glück, seine zweite Tochter Mariann' nach Endringen zu verheiraten und zwar an den Petersepp, der jahraus jahrein in der Gipsmühle des Gevatters arbeitete und ein weitläufiger Vetter von des Jörgtonis Kaspar war. Die Wurzeln eines ausgebreiteten Familienanhangs erstreckten sich immer weiter hinaus, aber diese, die seinen Geburtsort berührte, war für Brosi besonders nahrungsfrisch. Am Hochzeittage war es, als ob der Boden seiner Heimat ihn verjünge, und oft rief er: »Jetzt hab' ich wieder einen Ableger in meinem Endringen, und wenn's uns in Haldenbrunn überleidet wird, gehen wir nach Endringen. Nicht wahr, Moni?« »Ja, wo du hingehst, geh' ich mit.« Manchmal aber war es Brosi doch, als ob das nicht mehr das alte Endringen wäre. Die Leute hatten ein andres Wesen, er konnte nicht recht fassen, worin das bestand, und glaubte, daß es darin liegen müsse, daß Endringen badisch geworden sei; aber mit alten Kameraden sang er unaufhörlich Lieder, die nicht badisch und nicht württembergisch waren. Wie die Flüsse und Ströme auf der Erde ihren Weg ziehen, unbekümmert um die Grenzpfähle an ihrem Ufer, so flutet über der Erde ein unsichtbarer Strom des Geistes, der nicht zu fassen und nicht zu bannen ist durch willkürliche Scheidungen. Brosi überschritt jetzt auch oft die Grenzen vieler deutschen Länder. Die Eisenbahnen, deren Vollendung über alle Trennung hinweg eint, hatten schon bei ihrer Erbauung die Arbeitskräfte der verschiedenen Länder vereinigt und den Unterschied der Fremdheit wenig gelten lassen. Brosi zog mit seinem Dreigespann nach dem Niederrhein und brachte reichlichen Verdienst zurück. Im Auerhahn hatte er dann viel zu erzählen von den fremden Landen und besonders von einem Dunkelnel, den er auswölben half und der viele Stunden weit durch einen Berg führte. Severin ließ es sich nicht nehmen, den Vater zu berichtigen, daß es Tunnel und nicht Dunkelnel heiße. Ueberhaupt muß man sagen, daß Severin nicht dem Beispiele Sems, des Sohnes Noah, folgte; wo sich sein Vater eine Blöße gab und etwas falsch erzählte oder unrichtig erklärte, konnte man sicher sein, daß Severin einfiel: das ist ganz anders, das ist so und so. Er hatte in der Regel recht und zeichnete mit Kreide alles zum besseren Verständnis auf den Tisch. Brosi kämpfte immer mit sich, ob er stolz darauf sein solle, einen so gescheiten Malefizbuben zu haben, oder, wie er berechtigt war, sich ärgern sollte, so hingestellt zu werden. Er wurde nicht darüber einig, aber so viel zeigte sich doch, daß er im Grund des Herzens keinen Haß auf den Severin hatte, denn er sagte stets: »Mein Kilian und mein Franz müssen aus heiraten, und mein kleiner kriegt des Vaters Gut.« Seitdem Brosi noch mehr Wiesen und sogar einen Morgen Wald gekauft hatte, nannte er sein Besitztum stets halb spöttisch, halb ruhmredig sein Gut. In dem Jahre, als Franz, der ebenfalls Soldat und zwar Kanonier geworden war, den Abschied erhielt, mußte Severin zur Losung, und in diesem Herbste kam der Vater in voller Entzweiung mit dem jüngsten Sohne nach Hause. Keiner von beiden hatte je genaue Auskunft darüber gegeben, wie weit ihr Streit gediehen war, ja Severin schwieg ganz darüber; nur Brosi erzählte, sein Sohn habe gesagt, daß er lieber vorher desertiere, wenn er wüßte, daß er Soldat werden müsse, und darauf habe Brosi ihm gesagt und bewiesen, daß er ihn eher erwürge, ehe er sich durch ihn die Schande anthun lasse, seinen ehrlichen Namen in die Zeitung und sogar in einen Steckbrief zu bringen. Brosi geleitete seinen Severin selber in die Stadt zur Losung, und als dieser jubelnd berichtete, daß er sich freigelost habe, schüttelte der Vater den Kopf und sagte: »Ist mir nicht recht. Es wäre dir gesund gewesen, wenn sie dich unterm Militär ein bitzle gezwiebelt hätten.« Von nun an hatte Severin keine Ruhe mehr im Hause, er konnte nicht mehr auf einem Stuhle stillsitzen, sondern lief immer aus und ein, und wenn er mit dem Vater und den Brüdern beim Gipsmüller drasch, traf er oft im Selbstvergessen die Dreschflegel seiner Genossen, und in dem Hause, wo nie ein Zank gewesen war, gab es jetzt täglich einen Lärm, daß die Leute auf dem Gäßchen stehen blieben; denn der Brosi schalt seinen Severin, und war doppelt böse, weil dieser ihm meist gar keine Antwort gab. Endlich brachte es Moni mit vieler Mühe dahin, daß Severin sich ein Wanderbuch holen und ein paar Jahre in die Fremde ziehen durfte. Ein neuer Ranzen wurde gekauft und ein dauerhafter Inhalt von Kleidern und Wäsche dafür hergerichtet; der Severin aber gab dem Vater noch immer kein gutes Wort. Am Sonntag Morgen, als die ganze Familie beisammen war, die kaum die Stube fassen konnte, der Kaspar und das Rösle mit drei Kindern, die Mariann' und der Petersepp aus Endringen und Kilian und Franz mit den Eltern, da packte Severin alles Hergerichtete ein, und als er die letzte Schnalle zugezogen hatte und den Stechpalmenstock, den er sich auf dem Kappelberge geschnitten, in die Hand nahm, schnupfte Brosi schnell eine Prise, die er zwischen den Fingern hatte, und sagte, die Hand auf den Ranzen legend: »Schad', schad' um das schöne gute Sach. Wie bald wirst du das verlumpen.« »Ich will gar nichts von Euch, gar nichts!« schrie Severin zornrot und warf dem Vater den Ranzen vor die Füße, »behaltet alles. B'hüt Gott, Mutter, b'hüt Gott, Geschwister.« Und hinaus rannte er aus der Stube und über den Steg und nahm nichts mit, als den Stechpalmenstock in der Hand und das Wanderbuch in der Tasche. Die Mutter und Geschwister schauten ihm nach und riefen ihm, aber er kehrte sich nicht um, und Brosi stand wie festgebannt und schaute immer auf den Ranzen vor seinen Füßen. Die Mutter wollte den Kilian und den Franz und ihre Schwiegersöhne dem Flüchtigen nachschicken, aber Brosi rief mit starker Stimme: »Da bleibet ihr, keiner, kein Mensch, sag' ich, darf ihm nach. Er muß allein wiederkommen, und kommt er nicht, so soll er zum Teufel gehen; aber er kommt, sei ruhig, Moni, heul' nicht, er kommt schon wieder.« Man harrte still, keines sprach ein Wort, es läutete zur Mittagskirche, aber niemand ging dahin, und Brosi that, als ob er nicht merkte, daß der Petersepp mit einem verständigenden Blicke auf die Mutter sich davonschlich und bald über den Steg rannte. Die Mittagskirche war schon zu Ende, aber weder Petersepp noch Severin waren zurückgekommen. Brosi zog seinen Rock an und ging nach dem Auerhahn, er wollte seine Frau walten lassen, und diese schickte den Kilian und bald nach ihm den Franz fort. Es wurde Nacht, als alle Ausgesandten wieder kamen, aber ohne den Severin, ja, sie hatten ihn nicht einmal gesehen; nur der Petersepp brachte die Kunde, die er von einem Endringer erfahren: dieser hatte den Severin bei der Bömleswiese betroffen, er sei ganz heiter gewesen und habe gesagt, er gehe in die Fremde, zuerst in die Schweiz zu seinen Basen. Fünfzehntes Kapitel. Es war nun wieder Ruhe und Stille im Haus, aber der Friede und die Freude wollten lange nicht in dasselbe einkehren. Moni merkte wohl, daß ihr Mann im stillen auch traurig über den so feindseligen Weggang ihres jüngsten Sohnes war, und er mußte es um so mehr sein, da er doch eigentlich schuld daran war; sie suchte daher nach den ersten jammervollen Tagen ihren lauten Schmerz zu bewältigen, aber den zurückgelassenen Ranzen konnte sie nie ohne Thränen ansehen, da war noch alles gepackt, und die neuen nägelbeschlagenen Stiefelsohlen kamen ihr so traurig vor, als läge ihr Sohn zu Boden geworfen und sie stehe vor seinen Füßen. Am dritten Sonntag, während Brosi in der Morgenkirche war, packte sie endlich aus und legte es zu oberst in ihren Kasten; sie weinte viel dabei, war aber, als dies abgethan war, wieder heiterer. Sie hatte nach Basel an ihre Verwandten geschrieben, aber diese antworteten, daß sie nichts vom Severin gesehen hätten. Im Dorfe hieß es nur im allgemeinen, der Severin sei im Zorn von seinem Vater davongegangen; die Geschwister und die Tochtermänner hüteten sich wohl, etwas von der Familienstreitigkeit unter fremde Leute zu bringen. Man hörte lange nichts von Severin. Erst als Brosi selbst wieder in die Fremde zog, sagte ihm der Revierförster, der jetzt schon Auerhahnwirt war: »Ich hab' sechs Wochen, nachdem dein Severin fort gewesen ist, Briefe von ihm gehabt aus Mainz.« »So? und was schreibt er?« »Er bittet mich als seinen Gevatter, ich soll bei dir anhalten, du mögest ihm doch was Geld schicken.« »Hast ihm Antwort geschrieben?« »Ja.« »Ohne mein Wissen? Und was denn?« »Was ich gewollt hab'. Ich hab' ihm geschrieben: wenn ein Mensch wie er sich nicht allein fortbringen kann, so soll er heimkommen und seinem Vater helfen Kartoffeln schälen.« Es nützte nichts, daß Brosi den Gevatter über seine eigenmächtige Handlungsweise hart anließ, und er getröstete sich endlich, daß er seinen Sohn gewiß in Mainz oder beim Bau des »Dunkelnels« finden werde. Er machte sich schon im voraus das Verfahren zurecht, das er gegen ihn beobachten wolle, und war nur zweifelhaft, ob er den Ranzen gleich mitnehmen solle; aber es war besser, dies zu unterlassen, denn man konnte doch einander verfehlen, und Moni war wieder aufs neue aus ihrem eingeschlummerten Leidwesen geweckt. Frohen Mutes zog Brosi mit seinen beiden Söhnen aus, er fand in Mainz richtig die Spur seines Severin, aber von da an war nichts mehr zu erkunden. Der Schmerz um den verlorenen Sohn lebte noch in beiden Eltern fort, in Moni allerdings noch stärker, aber die alles heilende Zeit und noch mehr die lebendige Erfüllung der Tagespflicht, sowie die Sorge um Kinder und Enkel hüllte alles bald in einen sanften Dämmer. Am Namenstage des Severin sagte Moni einmal: »Es ist mir wie vorbedeutend, mein Severin ist das einzige Kind gewesen, das an der Muttermilch nicht genug gehabt hat, ich hab' ihm schon mit zehn Tagen noch was dazu geben müssen, und so, mein' ich, wär' sein Wandern auch; er hat eben an der Muttermilch nicht genug gehabt. Aber hart ist's doch, daß er seine alten Eltern so in Jammer läßt und uns so ganz vergißt. Der Lehrer sagt auch, er begreife das nicht, und der hat ihm immer die Stang' gehalten.« »Das versteh' ich so gut als der Lehrer und als der Pfarrer,« erwiderte Brosi. »Es ist schon so. Gott hat uns eben eine Anfechtung schicken müssen, daß wir zeigen, ob wir brav und lustig bleiben; auf ebenem Weg wär' das keine Kunst gewesen. Drum müssen wir das haben, weil wir, gottlob! sonst nichts zu klagen hätten.« Brosi bewies es, daß er nicht nur brav, sondern auch lustig geblieben war. Bei der Hochzeit seines Erstgeborenen, der die Großmagd des Furchenbauern bei Endringen heiratete, die sich ein Erkleckliches verdient hatte, tanzte Brosi trotz des nicht vergessenen Kummers um seinen Severin wiederum so, daß er mit vollem Nachdruck sagen konnte: »Mein Mann ischt koanr.« Und dies zeigte er nicht nur in der Heiterkeit, sondern auch in der Arbeit; er zog im härtesten Winter beim Dreschen nie eine Jacke noch Handschuhe an, und wenn man ihn darob rühmte, konnte er ausrufen: »Ja, der Brosi, es ist nicht wahr, daß ich schon hinten in den sechzig bin, ich bin erst siebzehn Jahr alt, und sei es, wie es will, ich bleib' dabei, die schönsten Jahre sind die von sechzig bis neunzig. Ich bin Anno siebzig geboren, drüben wie man noch siebzehn geschrieben hat, ich muß es hüben auch schreiben, da wird nichts abgehandelt, ich will wenigstens noch vier Jahr Trinkgeld.« Wenn er so redete, hielt er immer seine Dose fest in der linken Hand, knickte ein wenig in die Kniee und hob sich, als wollte er in die Höhe springen. Die Auswanderung nach Amerika, die sich immer mehr auf dem Schwarzwalde ausbreitete, hatte auch Haldenbrunn ergriffen, und keiner ging fort, der nicht einen besonderen Abschied bei Brosi und Moni nahm, und Brosi trug getreulich alle ihre Namen in seinen Kalender ein. Diese Auswanderungen, so manchen Schmerz sie auch brachten, waren doch für Brosi und Moni trostreich: sie sagten jedem Davonziehenden, er solle sich nach dem Severin umschauen und von ihm berichten. In alle Weltgegenden gingen nun lebendige Botschaften, die doch etwas von dem verlorenen Sohne erkunden mußten, und die beiden Eheleute bestärkten sich dann darin, daß sie sich bedünken lassen mußten, ihr Sohn sei übers Meer gewandert, er lebe noch, und sie wußten nur nicht wo und wie, und dürften hoffen, ihn einst wiederzusehen. »Aber weißt,« setzte dann Brosi hinzu, »ich möcht' ihn doch noch da auf der Bank sitzen sehen; droben auf dem Himmelsstuhl ist mir's doch ein bißle zu spät, und ich möcht' ihm doch auch noch sagen, daß ich ganz gut mit ihm bin und er auch mit mir, und wir könnten beide ruhiger sterben.« Moni seufzte still, sie konnte ihrem Mann nicht sagen, wie ihr zu Mute ward, wenn auf Severin die Rede kam; daß er noch lebte, sagte ihr eine innerste Zuversicht, und sie zweifelte gar nicht an deren Wahrheit. Die Ausgewanderten schrieben in ihren Briefen, daß sie nichts von dem Severin erfahren hätten; aber jedes schrieb einen besonderen Gruß an Brosi und Moni, und die Neuverheirateten setzten oft hinzu, daß sie weiter nichts wünschen, als sie möchten auch eine so gute Ehe haben wie Brosi und Moni. »Siehst,« sagte dann Brosi, »in Amerika reden sie von uns. Moni, wie meinst? Wenn wir's erleben, halten wir goldene Hochzeit und lassen uns noch einmal zusammen geben, oder willst mich nimmer, und soll ich mir eine andre holen? Darfst's nur sagen, du hast das Jawort.« Jedem Begegnenden erzählte Brosi, was die Ausgewanderten an ihn geschrieben hätten, und war allezeit wohlgemut. Wer ihn von fern sah, lächelte im voraus, denn er wußte, daß der Brosi ihm etwas Erheiterndes sagen würde, und er verrechnete sich nie, und Brosi ward dadurch selber immer heiterer; denn wie das Lied den fremden Hörer erfreut, so strömt es auch die Lust wieder auf den Singenden zurück. Im Erheitern andrer, in dieser allzeitigen Gewißheit eines jeglichen, daß der Brosi nicht anders als lustig sein könne, war er es auch und hob sich selber über jeden inneren Verdruß hinweg. Infolge der Auswanderung hätte Brosi jetzt leicht ein andres Haus bekommen können, aber er sagte stets: »Ich bleib' jetzt einmal auf meinem Gut,« und Moni setzte hinzu: »Da haben wir zu leben angefangen, und da wollen wir's auch beschließen.« »Aber noch lang nicht, die ander Welt lauft mir nicht davon,« schloß dann Brosi, »und das sag' ich dir, Moni: wenn du mir das anthust, daß du vor mir davongehst, bin ich dir mein Lebtag bös, und wenn ich 'nüber komm', red' ich nichts mit dir.« Es gab in der That keine glücklicheren Menschen als Brosi und Moni, und dazu waren sie allezeit gesund. Wäre der Kummer um Severin nicht gewesen, sie hätten gar nicht gewußt, was Leid ist. Im Jahre einundvierzig vollführte Brosi seine letzte Maurerarbeit und zwar am Forlenbache. Dieser wurde von der Regierung zur sogenannten Wildflößerei eingerichtet; das Brennholz, das hier auf dem Walde fast ganz wertlos war und wofür man kaum die Aufbereitungskosten erlöste, wurde durch Schwellungen thalabwärts geschwemmt und von dort auf der Achse nach dem holzarmen Unterlande gebracht. Als der Flußbau vollendet war, erhielt Brosi eine ihm genehme Anstellung: er wurde beeidigter Holzmesser. Der gekerbte Maßstab, den er nun immer bei sich führte, war ihm auch als Stock willkommen, denn er hatte sich immer dagegen gewehrt, sich einen andern beizulegen. Die großen Holzbeugen, die wir beim Eingang in das Dorf gesehen haben, sind noch von Brosi aufgerichtet. Dieses Aufschichten des Holzes betrieb er mit wahrer Kunstliebhaberei. Wenn er eine lange Gasse aufgestellt und Thüren und Durchgänge darin gelassen, konnte er sich davor hinstellen und allein für sich oder zu andern sagen: »Ja, der Brosi! Mein Mann ischt koanr.« Beim Ausmessen in Klafter war er äußerst gewissenhaft, und von seinem Handwerk her hatte er ein großes Geschick, die Scheite so zu legen, daß gerade das rechte herauskam; denn man berechnet ein Klafter auf hundertvierundvierzig Kubikfuß, davon werden vierundvierzig als Zwischenraum abgerechnet, so daß für die wirkliche Holzmasse, das was man Derbraum nennt, geradeaus hundert Kubikfuß verbleiben. Diese Arbeit war Brosi um so willkommener, weil er nun auch im Sommer jeden Abend daheim sein konnte, und weil ihm Moni jeden Mittag das Essen in den Wald brachte. Wenn er sie so daherkommen sah, so strack aufrecht und in weißen Hemdärmeln wie ein junges Mädchen, jauchzte er ihr zu wie ein junger Bursche. Moni hatte nie vorher gegessen und wußte im Walde immer einen hübschen Platz auszufinden, wo sie sich mit ihrem Manne niedersetzte, mit ihm gemeinschaftlich aß und dann das Ruhestündchen mit ihm verplauderte, das aber immer sie zuerst abbrach. Oft sagte Brosi: »Weible, wir sollten eigentlich jetzt erst siebzehn Jahre alt sein. Jetzt sollten wir erst anfangen, und wenn ich's recht berechne, hab' ich eigentlich nur das halbe Leben mit dir gehabt.« »Wir können Gott danken für das, was wir gehabt haben,« beschwichtigte Moni. »Freilich, freilich,« stimmte Brosi bei, »aber weißt, ich kann eben gar nicht genug kriegen.« »Jetzt ist's aber genug,« schloß Moni aufstehend und ging heimwärts, aber noch aus der Ferne rief sie: »Ueberschaff' dich nicht!« Das that Brosi nicht, er vollführte seine Arbeit genau, aber auch gemächlich und hielt streng darauf, daß alles gut verscheitert sei, denn das Heben und öftere Hin- und Herwenden der großen Scheite war ihm doch beschwerlich. Sechzehntes Kapitel. Im Winter auf siebenundvierzig, in dem Brosi sechsundsiebenzig Jahre alt wurde, fühlte er sich zum erstenmal in seinem Leben nicht geheuer; er behauptete, es habe ihn »ein Frost gestoßen«, er gönnte sich aber doch keine Ruhe, er war eben, was man einen Schaffmann nennt: solange er fort konnte, entzog er sich keiner Arbeit; aber bald ließ er die Dose stehen und schnupfte nicht mehr, das war für Moni das sicherste Zeichen, daß es etwas Ernstliches war. Er mußte zu Bett, und bald zeigte sich, daß er einen mächtig geschwollenen Fuß bekam, und zum erstenmal kam ihm der Arzt über die Schwelle, aber noch jetzt erlustigte er sich an seiner Krankheit und sagte oft: »Es ist nicht mehr als billig, ich muß auf dem Kubikfuß leben, es geschieht mir recht. Verbind' mir meinen Kubikfuß!« rief er dann seiner Moni. Alles hatte bei ihm ein heiteres Gepräge, und er lachte noch jetzt oft, daß man es die ganze Gasse hinab hörte. Er mußte wochenlang liegen, aber seine Heiterkeit schwand nicht, nur manchmal sagte er: »Der Severin muß doch auch wissen, daß ich jetzt ein guter Siebziger bin; wenn er kommen will, hat er nichts mehr zu versäumen.« Eine große Freude hatte Brosi durch einen Gruß, den ihm die Gipsmüllerin sagen ließ; sie war auch krank und ließ Brosi sagen, in stillen schmerzlosen Stunden müsse sie immer daran denken, wie lustig sie auf der Hochzeit ihres Bruders, des Furchenbauern, den Bändelestanz mit ihm getanzt habe, und sie höre noch immer die Musik aufspielen. Jedem, der ihm einen Krankenbesuch machte, erzählte Brosi diese freudige Botschaft, und als er wieder gesund war, wollte er seinen ersten Gang nach der Gipsmühle zu seiner Tänzerin machen; aber man hielt ihn davon ab, und ins Herz hinein fühlte Brosi die Nachricht, daß sie bereits gestorben und begraben sei. Eine Jugendfreundin und langjährige Genossin war ihm plötzlich entrückt, es waren ihm schon viele langgewohnte Gestalten dahingerafft worden, er hatte es leicht verwunden; aber jetzt mit einer gewissen Feinfühligkeit des Genesenden empfand er den Schmerz doppelt, es gemahnte ihn, daß der Tod doch immer näher rücke und ihm schon unentbehrlich scheinende Stücke aus dem Leben reiße. Er ging tagelang still den Kopf schüttelnd umher, und als er zum erstenmal nach der Gipsmühle kam, weinte er mit dem verlassenen Gevatter. Er hatte die Freude eines andern Hauses mitgenossen, er nahm auch dessen Leid auf sich. Aber wieder und wieder erwachte der helle Frohsinn in Brosi, und als er einmal mit seiner Moni im Walde zu Mittag aß, sagte er: »Du wirst nichts dagegen haben. Wenn ich 'nüber komm', bitt' ich mir's aus, daß mir die Posaunenengel einen Vortanz für mich und die Gipsmüllerin aufspielen.« Die Lustigkeit schien in Brosi gar nicht abzutöten. Der März achtundvierzig brachte dem abgelegenen Haldenbrunn seine Revolution so gut wie Berlin und Wien. Schultheiß und Gemeinderat wurden gestürzt und ein neuer gewählt, Brosi wurde einstimmig zum Gemeinderat erwählt, er wäre Schultheiß geworden, wenn er dies nicht abgelehnt und die Stimmen auf seinen verschwägerten Jörgtoni gelenkt hätte. Die verkümmerte Nutzung des Gemeindewaldes, den der Gemeinderat für sich ausbeutete, war wesentlicher Grund der Revolution, und auf Brosi, der allezeit ein gerechter Mann und niemand zulieb und niemand zuleid redete, setzten besonders die armen Häusler ihre Hoffnung. Er war mit einem Worte der Märzminister von Haldenbrunn und hörte es gern, wenn man ihn »Herr Gemeinderat« anredete. Auch Moni war diese neue Würde nicht ungenehm, sie ging am ersten Sonntag mit ihrem Mann in die Kirche und hatte sich noch dazu vom Näherlisle eine neue Jacke machen lassen, wozu sie das Zeug längst bereit hielt, es aber für die Hochzeit ihres Franz aufbewahren wollte. Vor der Kirche grüßte Moni alle Leute doppelt freundlich, und in derselben schaute sie oft nach den vorderen Bänken. Da, wo der Gemeinderat sitzt, dort saß ja ihr Brosi; die arme verstoßene Tochter des Apothekerrösle hatte einen Mann, der auf der ersten Kirchenbank saß. Als man sich zu Tische setzte, sagte Brosi in sehr verbindlichem Ton, einen Kratzfuß machend: »Frau Gemeinderätin, wollen Sie nicht auch gefälligst Platz nehmen?« und trieb noch allerlei mutwilligen Scherz mit ihr. Moni sagte, ihr Mann müsse sich einen neuen Rock machen lassen, es schicke sich nicht mehr, daß er in dem alten Rock einhergehe, den er sich schon zur Taufe ihres jüngsten Sohnes (sie vermied, wie es schien, mitten in der Freude den Namen Severins) hatte machen lassen. Brosi schüttelte den Kopf und sagte: »Wenn nur meine Knochen so lang halten, als der Rock noch hält; und man hat den Brosi im alten Rock gewählt, nicht den im neuen.« Der noch immer unerklärte blinde Franzosenlärm brachte auch in Haldenbrunn eine Bürgerwehr zustande, die sich vorerst mit gestreckten Sensen bewaffnete. Der Revierförster Auerhahnwirt wurde natürlicherweise Leitmann, und Brosis Kilian wurde zum Obmann und Uebungsmeister gewählt, er hielt seine Uebungen auf der Straße, die nach Endringen führt. Im Auerhahn war jetzt täglich große Zusammenkunft; die Tischordnung galt hier noch mitten in allen Wirrnissen, nur saß Brosi als Gemeinderat bei den Großbauern. Wenn manche erschraken über die wilden Reden, die geführt wurden, beschwichtigte er mit der klugen Einrede, daß man ja einander kenne und noch immer wisse, daß es nicht beim ersten Anbot bleibt, man ließe noch etwas abhandeln. Wenn die jüngeren Leute von deutscher Einheit sprachen, sagte er oft: »Was wisset ihr davon? Da können wir mitreden, uns gedenkt es noch, daß Endringen und Haldenbrunn zusammengehört haben.« Im Gemeinderat war Brosi ein eifriges und bedachtsames Mitglied, und er war es auch, der sich dem Andringen vieler entgegenstemmte, daß man den Gemeindewald verkaufe und den Erlös verteile. Er mußte sich deshalb manche üble Nachrede gefallen lassen, und es hieß, er sei eben auch wie die andern, seitdem er da oben sitze; aber er ließ sich's nicht verdrießen, jedem einzelnen seine Gründe darzulegen, und die sich einer besseren Einsicht nicht verschlossen – und deren waren doch die Mehrzahl –, gaben ihm recht. Brosi vollführte seine Arbeit nach wie vor. Er war kein großer Politiker und rühmte sich auch dessen nicht, aber er sagte doch immer: »Von der Freiheit kann man nicht essen, man muß arbeiten, sei die Regierung, welche sie woll'; das Holz spaltet sich in einer Republik auch nicht allein auf; aber freilich, schaffen und schaffen ist ein Unterschied, und der rechte Lohn gehört einem jeden.« Die Revolution im Badischen brachte Brosi vielen Kummer, denn die Reibereien zwischen den Endringern und Haldenbrunnern gediehen aufs höchste, die Haldenbrunner wurden immer »faule Schwaben« geschimpft. Dazu lebte noch Brosis Schwiegersohn, der Petersepp, bei seinem Schwäher verborgen im Walde. Die Reaktion brachte aber Brosi nicht minderen und noch weit tiefer gehenden Kummer. Es war nicht der Schmerz um die vereitelten Hoffnungen des Vaterlandes, die ihm zu Herzen gingen, er hatte sie nie recht begriffen und nur immer gedacht, Haldenbrunn und Endringen sollten wieder eins werden. Es war ein ganz anderes, was Brosi tief betrübte: die Verordnung, daß am Sonntag nicht mehr auf der Straße gesungen werden durfte, die Einsetzung des Sittengerichts der Pfarrgemeinderäte, wozu man ihn auch wählen wollte, was er aber entschieden ablehnte, vor allem aber jene hochweise fürsorgliche Verordnung, daß fortan alle Kirchweihen im ganzem Lande auf einen Sonntag festgesetzt wurden, so daß aller nachbarliche Besuch abgeschnitten war. Zwar lag Haldenbrunn so an der Grenze, daß man meist badischen Besuch erwartete, und dieser kam auch reichlich, da jenseits im glückseligen Belagerungszustande keine Musik gehalten werden durfte, aber man stand doch auch mit Landesangehörigen in Verbindung; und wenn man auch das Verbot umging, daß man doch noch eine stille Feier veranstaltete und der hohen Fürsorge nun eine doppelte Kirchweih verdankte, es war und blieb doch mißlich. Vom Gemeinderat in Haldenbrunn, in dem Brosi noch saß, ging eine Eingabe an die hohe Regierung um Aufhebung der Kirchweihordnung; aber sie ging nur bis in die Amtsstadt und ist dort selig entschlafen. Siebenzehntes Kapitel. An der nächsten Kirchweih war Brosis fünfzigjähriger Hochzeitstag. Man redete ihm viel zu, daß er seine goldene Hochzeit feiere, aber besonders Moni hatte eine Scheu und einen Aberglauben davor, und ängstliche Freundinnen vermehrten dies noch mit der Erwähnung, daß man nach einem solchen Fest gewöhnlich nicht mehr lange lebe, und Brosi, dem eigentlich doch das Herz daran hing. wollte ihr nicht zureden. So kam der Frühling des vorletzten Jahres heran, die beiden alten Leute hielten immer fester zusammen, und Moni war oft ganze Tage bei ihrem Mann und kochte im Walde. Einst sagte Brosi zu ihr: »Wenn unser Severin käm', sag', thätest du da die goldene Hochzeit feiern?« »Ja, wenn mein Severin käm', ja, da thu' ich's, da hab' ich genug gelebt.« »Ich mein' auch,« sagte Brosi wieder, »ich mein', ich hab's einmal in einem Lied gehört: mit dem Blumenstrauß auf der Brust darf das Herz zu schlagen aufhören. So geht mir's auch. Ich möcht' lustig sterben.« Und als er das sagte, war's ihm, als hörte er die Stimme seines Severin. Moni ging heim, er schaute ihr lange unwillkürlich nach. Da kam ein Landjäger durch den Wald. Oft, wenn der Schultheiß und kein anderer Gemeinderat zu Hause war, kamen die Landjäger, die das Dorf passierten, zum Brosi, um sich die Stunde ihrer Anwesenheit in ihrem Dienstbuche bescheinigen zu lassen. Brosi war an ihren Anblick gewöhnt, und doch erschrak er heute, als er den Landjäger von ferne sah. Als er näher kam, erkannte er den Stationskommandanten, der ihn freundlich grüßte. Brosi schrieb ihm mit Bleistift die gewünschte Bescheinigung ein und sprach noch über allerlei, da sagte der Landjäger: »Habt Ihr nicht einen Sohn gehabt, der Wilhelm Severin heißt?« »Ja, ja, warum? was ist?« »Im Verordnungsblatt, das ich wegen der Steckbriefe halten muß –« »Was? was? Was steht da?« »Nichts Böses, da ist ein Wilhelm Severin Heller von Haldenbrunn zum Oberbaurat ernannt.« »Ihr habt mich zum Narren, das ist nicht recht. Wenn Ihr einen Narren wollt, lasset Euch einen drechseln.« »Thut mir leid, daß ich das Verordnungsblatt nicht hei mir hab', es steht deutlich darin.« »Aber er wird nicht von Haldenbrunn sein, es gibt viele mit Namen Heller, und es kann noch ein anderer Wilhelm Severin heißen.« »Auf mein Wort, es steht deutlich: von Haldenbrunn. Ich bin nicht der Mann, der Spaß macht,« sagte der Stationskommandant etwas bitter. Brosi stand da und hielt die leeren Hände vor sich hingestreckt, als ob er noch ein Scheit holte; er starrte wie verloren drein, und als ihm der Landjäger die Hand auf die Schulter legte, zuckte er zusammen und fuhr sich in die weißen Haare, die sich emporsträubten. Der Landjäger wollte weggehen, aber Brosi bat ihn, bei ihm zu bleiben und ihn nach Haus zu geleiten. Als sie gegen das Dorf kamen, hörten sie ein lautes Schreien, und Brosi sah, wie seine Moni ihm entgegensprang, aber ihr vorauf eilte ein großer Mann und warf sich Brosi an den Hals, küßte ihn und weinte; Brosi küßte ihn wieder und weinte mit ihm – es war sein Severin. Brosi mußte sich auf einen Steinhaufen am Wege setzen, die Kniee wollten ihm brechen, Moni kam langsam des Weges, geführt von einer Dame mit wehendem Schleier. » Agy, that is mny father ,« sagte Severin, und die Dame warf sich Brosi an den Hals, und es war ihm, als ob ein Engel ihn in die Arme nehme, der ihn selig aus der Welt mit fortnehmen wolle. Es kam wirklich eine leichte Ohnmacht über ihn, aber bald erholte er sich wieder, und er faßte seine Moni, und so breit als die Straße war, gingen Moni und Brosi und Severin und seine Agnes Hand in Hand das Dorf hinein. Brosi schaute immer wie verwirrt umher, wenn die schöne Frau ihm und seiner Moni die rauhen Hände küßte. »Gott hat es doch gut gemeint zu mir, daß ich euch noch im Leben finde, wie oft habe ich daran gedacht,« sagte Severin und übersetzte das seiner Frau ins Englische, seine Eltern bedeutend, daß seine Frau fast gar kein Deutsch verstehe. »Wo hast denn du ihn zuerst gesehen?« fragte Brosi seine Frau. »O lieber Gott, denk' nur, wie ich heimkomm', ist die Hausthür offen, ich geh' in die Stub', da sitzt er mit dem goldigen Engel da auf der Bank; ich hab' nicht gewußt, wo ich bin, ob noch auf dem Boden oder im Himmel, da ruft er: Mutter! Und weiter kann ich dir nichts berichten.« »Der Severin hätt' uns doch vorher Nachricht geben sollen,« sagte Brosi halb zu seiner Frau, halb zu seinem Sohne; »so ein Ueberfall kann ja einen auf dem Platz töten.« Severin erklärte, daß er schon vor mehreren Tagen geschrieben habe, sich aber, wie er sehe, im deutschen Postgang verrechnet hätte. Als man am elterlichen Hause angelangt war, sagte die junge Frau auf das Gäßchen deutend: » Gässle not go .« »Hast ihr das schon gesagt?« schmunzelte Brosi und rief mit starker Stimme zu seiner Schwiegertochter: »Ist recht, ist brav,« er meinte, wenn er recht schreie, müsse sie ihn gewiß verstehen. Um das Haus versammelte sich alles, was im Dorfe war, und selbst in die Stube und in die Hausflur drangen sie, und die draußen standen, schauten zu den Fenstern herein und teilten sich ihre Bemerkungen über Severin und seine Frau mit. Das Rösle, das mit seinen Kindern laut schreiend und weinend daherkam, hatte Mühe, sich zu dem Bruder hindurch zu arbeiten, um ihm an den Hals zu fallen. Es schickte sogleich seinen ältesten Sohn zu dem Vater, der draußen auf der Bömleswiese mähte, und Moni bat die Versammelten um einen Boten nach Endringen, um die Mariann' und den Petersepp zu holen. Drei Boten stellten einen Wettlauf an. Die junge Engländerin äußerte gegen ihren Mann ihre Freude, daß das ganze Dorf so umherstehe und alles die Freude des einen Hauses teile. Severin schien aber nicht dieser Meinung, er bat die Leute zuerst in freundlichem Ton, sich zu entfernen, und als dies nicht geschah, drückte er die Thüre zu und schob einige Widerwillige nicht eben sanft hinaus. »Mit welcher Gelegenheit seid ihr ankommen?« fragte Brosi, als ob das das Wichtigste wäre. »Mit einem Hauderer,« antwortete Severin kurz. »Du bist nicht versteckt, sie ist sauber,« sagte Brosi auf die junge Frau winkend, die die Hand der Mutter nicht losließ, »ihre Haare glänzen ja wie Gold, und was sie ein paar Augen im Kopf hat und das helle Gesicht, die ist gewiß gut. Hat sie auch brav Batzen?« »Nicht viel, ich bin überhaupt nicht reich, hab' aber mein gutes Auskommen.« »Wieso hast die Anstellung kriegt? Du bist doch der im Blättle?« »Freilich. Ich hab' einen besonderen Vorteil im Brückenbau erfunden, habe ein Modell in die große Ausstellung in London gegeben; der anwesende Landeskommissär erkundigte sich nach mir, und darauf bin ich angestellt worden.« Im Reden mit seinem Vater im Dialekte sprach Severin ganz geläufig, während er im Hochdeutschen, in dem er seine ersten Worte anbrachte, etwas Anfremdendes hatte und aus dem Englischen übertrug. Moni holte sich ihre Sonntagsjacke und mahnte auch ihren Mann, doch einen ordentlichen Rock anzuziehen; als aber Agy das merkte, bat sie ihren Mann, solches zu verhindern; es mute sie so sehr an, daß die Eltern in Hemdärmeln seien. Severin dolmetschte das lächelnd, und Brosi willfahrte zu bleiben, wie er war. Wir dürfen überhaupt nicht verschweigen, daß er sich seiner vornehmen Schwiegertochter recht freute, aber minder befangen war und weniger Umstände machte, seitdem er erfahren hatte, daß sie nicht reich sei. »Wie lang bleibet ihr bei uns?« fragte Brosi. »Bis nächsten Montag. Ich habe viel zu thun. Ich komme aber zum Herbst wieder.« Die Mutter jammerte über diese kurze Zeit, aber Brosi sagte: »Geschäft geht vor allem.« »Du logierst mit deiner Frau im Auerhahn bei deinem Gevatter.« »Nicht gern. Er hat mir den bösen Brief von Euch geschrieben.« »Von mir? Ich hab' nichts davon gewußt, kein Sterbenswörtle.« Und nun stellte sich heraus, daß der Auerhahnwirt die Antwort so gestellt hatte, als ob der Vater dem Severin die harten Worte sagen ließ, und das Verhältnis zwischen Vater und Sohn, das trotz aller Freude des Wiedersehens ein unausgeglichenes war, ebnete sich jetzt erst, denn Severin erkannte die Unschuld seines Vaters, und trotzdem Severin noch mehr als sonst etwas Gehaltenes und Herbes hatte, ließ er sich doch herbei, seinen Vater förmlich um Verzeihung zu bitten, und reichte ihm zuletzt eine silberne Dose, darauf die Worte eingegraben waren: »Mein Mann ischt koanr.« Anfangs stutzig, freute sich Brosi dann kindisch mit dieser Dose und sagte immer: »In England drüben haben sie mein' Red' in Silber gegraben.« Nun wendete sich der Zorn von Vater und Sohn gegen den hinterhaltigen Auerhahnwirt. Severin wollte ihm gar nicht mehr über die Schwelle gehen; aber Brosi sagte: »Laß aus sein. Ein Mann wie du, was kann dem am Auerhahnwirt liegen? Aber man kann sich nicht mit ihm verfeinden, er hat das einzige Wirtshaus im Ort.« Bald kam auch des Jörgtonis Kaspar, die Mariann' und der Petersepp. Moni wollte einen Boten an Kilian und Franz schicken, die sechs Stunden von Haldenbrunn arbeiteten und erst Sonntags heimkamen, aber Severin verhinderte dies, man könne nun schon warten, da es einmal solange gedauert habe, und der Vater habe es ja auch gesagt, Geschäft geht vor allem. Moni drückte es auf der Brust, ihr Severin hatte sich doch sehr verändert seit den vierzehn Jahren seiner Wanderschaft, er war freundlich und gut, aber er hatte doch etwas Schroffes, und als sie mit ihrem Manne allein war, sagte sie: »Ich mein', der Severin hat sich doch ganz ausgeartet (sich verändert), er ist doch nie Soldat gewesen, und er hat doch so was von einem alten Soldaten, weißt? so kurz angebunden. Er ist so steif wie sein Hemdkragen, der ihm fast das Ohrläpple absägt.« »Das macht sein großer Titel, und du wirst's nicht übel nehmen, das Stück Apothekerrose, was in ihm ist, ich hab's ja immer gesagt,« bedeutete Brosi. »Aber ein gar prächtig Weible hat er, die ist ja wie aus einem Büchsle 'raus. Wenn sie nur auch recht mit einem reden könnt'!« »Ja, das Weible ist nicht unrecht, 's ist ein gattigs (passendes) Weible, sie ist gewiß viel bräver wie er. Die Kinder von seinen Schwestern hat er ja fast gar nicht angesehen. Nun, es ist mir ein Trost, daß ich ihn gut versorgt und in Ehren weiß, und weiter brauchen wir einander nicht.« Eine Verfremdung und Bitterkeit, die viele Jahre lang sich im Gemüt eingewurzelt hat, scheint nicht mit einemmal und plötzlich ausgestockt werden zu können; wenigstens war dies bei Brosi und Severin der Fall. Achtzehntes Kapitel. Severin hatte nie die kleinen gemütlichen Anhänglichkeiten an die Menschen und Umgebungen seiner Heimat in sich empfunden; er zeigte andern Morgens seiner Frau die Bömleswiese und den Busch, woraus er sich den Stechpalmenstock geschnitten, und gab den Begegnenden nur kurze Antworten. Die junge Frau entwarf schnell eine Skizze von dem Waldgrunde bei der Bömleswiese und nahm sich vor, dieselbe in den kommenden Tagen weiter auszuführen. Wenn Severin mit seiner Frau durch das Dorf ging, liefen oft viele Kinder hinter ihm drein, andere stellten sich in Haufen zusammen, und wenn die beiden vorüber waren, riefen sie kecklich: Grüß' Gott! andere bildeten eine Kette, faßten sich an die Hand und rannten ihnen voraus mit jener eigenen barfüßigen Behendigkeit und warteten immer, bis sie in ihrer Nähe waren, um zu wiederholen. Agy wehrte ihrem Mann ab, der diese kindische Freudenbezeigung nicht dulden wollte. Ein Zwischenfall, der selbst den Severin lächeln machte, ereignete sich mit der Tochter des Auerhahnwirts. In langen Kleidern und am Sonntag mit dem aufgespannten Sonnendach ging das Mädchen oft im Dorfe umher mit dem stolzen Selbstgefühle einer für diese Umgebung zu hoch gebildeten Seele. Der Gevatter Auerhahnwirt hatte seinen Paten gefragt, ob seine Frau französisch könne, und mit der bejahenden Antwort eilte er zu seinem Töchterchen und befahl ihm, sich an die Engländerin anzuschließen und dem Dorfe zu zeigen, was sie könne. Das Mädchen mochte endlich weinend gestehen, daß es ja noch gar keine Uebung habe, der Vater ließ nicht ab und sagte immer: »Dann üb' dich, jetzt hast du die beste Gelegenheit dazu. Du mußt, üb' dich jetzt.« Zur Verlegenheit aller zeigte sich aber, daß das Mädchen weder ein Wort französisch verstand noch sprechen konnte; der Revierförster fluchte über den Lehrer von Endringen, dem man noch jedesmal, wenn er Stunde gab, ein Glas Wein einschenkte, aber das half nichts mehr, und Brosi war nicht wenig stolz, als er eines ungeahnten Reichtums inne wurde: er kannte vom Elsaß her einige französische Brocken, und seine Söhnerin klatschte darüber vor Freude in die Hände. Am Nachmittag war große Gasterei bei der Schwester Rösle, es wurde sehr satziger Kaffee aus kleinen Tassen getrunken und dazu »Sträuble« (Spritzkrapfen) gegessen; das Rösle, das von der Hitze und der Bereitung des Schmalzgebäckes glänzte, ließ sich nicht bewegen, mit an den Tisch zu seinen Gästen zu sitzen, es lief mit seiner ältesten Tochter immer ab und zu und bediente mit Kilians Frau die Eltern, den Bruder und die Schwägerin. Severin hatte sich bald entfernt, da er einen Bauriß zu vollenden habe, und bestimmte seine Frau, nur unter den Angehörigen zu verbleiben. Er verrechnete sich nicht. Agnes wagte es, wenn Severin nicht dabei war, ihr weniges Deutsch zum besten zu geben, und lernte noch manches dazu von den Eltern und der Schwägerin, und die Art, wie sie das bereits Gekannte aussprach und das Neuerlernte nachbuchstabierte und dabei so treuherzig vertrauend lächelte und alles nachmachte, erregte große Heiterkeit und oft lautes Lachen. Mit Beihilfe vieler Pantomimen erklärte ihr Brosi, sie sei ihm wie ein kleines liebes Kind, das erst sprechen lerne, und das sei ja die schönste Zeit der Kinder, das sei die Zeit der Apfelblüte. Das letzte verstand die junge Frau nicht, aber das erste begriff sie, und mit einer das tiefste Herz ansprechenden Innigkeit ahmte sie nun die Weise eines kleinen Kindes nach, so daß Brosi oft mit beiden Händen auf die Lederhosen schlug und hoch beteuerte: »Sie ist mir tausendmal lieber als der Severin, das ist ja was Herziges, er ist sie gar nicht wert.« Die Hühner Rösles waren auch zu Gaste in die Stube gekommen, man wollte sie schnell hinausscheuchen, aber Agy verstand ihre Bitte deutlich zu machen, daß man sie da ließe. Ihren Zusatz: daß dieses Gemeinleben der Menschen mit den Tieren sie freue, begriffen die Hörer nicht; aber Brosi hatte eine Ahnung davon, denn er sagte: »Sie hat ein gutes Herz, sie ist auch gegen die Tiere gut. Der Severin muß doch das Herz auf dem rechten Fleck haben, daß er so ein Frauele genommen hat.« Als sie ihm zuletzt noch den Rock auszog und teils mit Worten, teils mit Zeichen ihm sagte: es sei viel schöner, wenn er in Hemdärmeln sei, und er brauche sich vor ihr nicht einen Zwang anthun, da rief Brosi: »Moni, wenn du nicht mit mir goldene Hochzeit machst, da geh' ich nach England und hol' mir auch so eine.« Er sprang in die Höhe, seine Hand, die sich wie Tannenrinde anfühlte, faßte die Hand der jungen Frau, und mit großer Beschwerde erklärte er ihr, daß sie auf seine goldene Hochzeit kommen und mit ihm tanzen müsse. Die junge Frau, die von dieser bevorstehenden Feier schon wußte, ahmte zur Bekundung ihres Verständnisses den Geistlichen und den Bräutigam und die Braut und die Musikanten nach. Brosi schnupfte nochmal so viel vor Freude, aber putzte sich die Hand schnell ab und faßte immer wieder die Hand seiner Söhnerin und sagte zu den Umstehenden: »Das Händle ist wie lauter Seide und Baumwoll', o, wie muß das einen streicheln,« er führte sich die Hand über seine Backen und machte die Gebärden des höchsten Entzückens. Am Abend konnte der Brosi seinem Severin gar nicht genug erzählen, welch eine liebe Frau er habe, und er schaute den Sohn viel freundlicher an. In ihrem Hause sang Brosi für seine Söhnerin, die um einen Sang gebeten hatte, mit seiner Frau, dem Rösle, der Schwiegertochter und dem Kaspar allerlei Lieder. Severin saß still dabei und spaltete den Mund nicht, die junge Frau aber versuchte mitzusingen, und Brosi nickte ihr ermunternd zu. Als man endlich spät endigte, ging Agnes auf Brosi zu, legte die Hand auf dessen Schulter und sagte mit fremdelnder Betonung, aber ganz deutlich: »Mein Mann ischt koanr.« »Es ist ein' Blitzhex,« rief Brosi und jauchzte hellauf: »Juhu,« daß die junge Frau doch zusammenschrak. Am zweiten Tage ging es nach Endringen zur Gasterei, denn Kilians Frau wollte die Heimkunft ihres Mannes abwarten. Brosi und Moni fuhren zum erstenmal in ihrem Leben in einer Kutsche nach Endringen. Moni saß neben ihrer Söhnerin und Brosi ihr gegenüber. Brosi lüpfte gnädig den Hut vor allen Begegnenden, welche die Insassen auf diese Art begrüßten, und manche, die es vor Staunen vergaßen, lehrte er es durch zuvorkommenden Gruß. Als man gegen das Haus des Petersepp kam, sagte Brosi: »Da drüben in den Garten hinein hab' ich immer ein netts Häusle gewünscht, das ist der höchste Wunsch gewesen, den ich in meinem ganzen Leben gehabt hab'.« Das Auge Brosis leuchtete bei diesen Worten, und doch sprach Severin kein Wort und nickte nur still vor sich hin. Nur Agy sagte durch den Mund ihres Mannes, daß ihr Endringen noch besser gefiele als Haldenbrunn, und Brosi war darob überaus glücklich. Beim Petersepp und der Mariann' war's nicht minder gastfreundlich als gestern beim Rösle. Alle Endringer, die kamen, ließ Brosi eine Prise nehmen und seine Spruchdose bewundern. Solange der Severin da war, machte Agy viel weniger Späße und war stiller; aber auch heute ging Severin fort, und als man heimkehren wollte, mußte man ihn vom Bürgermeister, wie man im Badischen den Schultheiß nennt, holen. Am dritten Tage ging Brosi an seine Arbeit, er sagte: er halte diese Gastereien nicht aus; er hatte einst den Ausspruch gethan, man könne nicht von der Freiheit essen, und jetzt sagte er: »Ich kann von der Freud' allein nicht leben.« Agy vollendete ihre Zeichnung vom Bömlesgrund, und Brosi arbeitete unweit davon. Severin war allein nach Endringen gegangen. In den folgenden Tagen vollführte Agy zum Staunen aller Haldenbrunner noch eine weitere Zeichnung; sie saß jenseits des Baches und nahm das elterliche Haus Severins auf. Das Haus mit dem Strohdache und den Pflanzen, die sich darauf festgewurzelt hatten, nahm sich auf dem Papiere sehr gut aus, und als Agy gegen Severin die Einfachheit und Ursprünglichkeit dieser Bauart lobte, war dieser strenger Fachmann genug, um ihr zu beweisen, daß in dieser Bauart gar kein Stil liege und gar keiner anzuwenden sei, es sei eben nichts als die rohe Notdürftigkeit. Agy biß bei dieser Darlegung auf ihren Bleistift; aber sie schaute bald wieder hell auf, sie kannte ihren Mann, bei dem die strenge rücksichtslose Wahrhaftigkeit alles beherrschte und der deshalb keinen liebgewordenen oder anmutenden Schein verschonte. Von der kleinen, vor fünfzig Jahren aufgeführten Ufermauer sah man wenig mehr. Weiden und Erlen bedeckten das Ufer und bildeten einen ansprechenden Vordergrund mit dem Bachstege. An der Stelle des ehemaligen Zaunes von fuchsig gewordenen Tannenzweigen grünte ein lebendiger und kurz gehaltener Buchenhag. Moni hatte trotz der Abwehr doch ihren Söhnen Kunde von der Ankunft des Bruders zukommen lassen, und diese hatten solche zu gleicher Zeit auch von andrer Seite erhalten; sie kamen nun auch schon am Samstag Morgen, und Severin schüttelte ihnen wacker die Hände und gab jedem einen silberbeschlagenen Ulmerkopf, die sie nur nach vieler Einsprache mit lautem Dank annahmen, denn sie hatten Größeres erwartet. Mit Kilian, der ihm immer der Liebste gewesen war, hatte Severin viel zu geheimnissen, und man sah diesen oft zufrieden lächeln, während Kilian sich vor Lachen bog. Einmal indes hörte man Kilian auch rufen: »Du wirst aber sehen, er thut's nicht. Denk' an mich. Es ist nur so geredt. Er kann's nicht, und wenn er auch möcht'.« Severin winkte ihm hierauf mit Heftigkeit Schweigen zu. Mit Franz verkehrte Severin nur sehr wenig. »Hast dir ein' Saubere 'rausgelesen,« sagte Franz einmal zu seinem Bruder, mit seiner neuen Pfeife auf Agy deutend. »Warum bist denn du noch ledig?« »Weiß nicht, ich hab's versäumt, und jetzt ist's fast gar zu spät. Wenn du mir eine geschickte Witfrau wüßtest, ich ließ mich noch überreden. Aber ich denk' wohl, ich bleib' ledig. Wir haben so ein' große Familie, und es soll auch einmal was zu erben geben.« Franz war eine zufriedene stille Natur, die sich mit Denken nicht viel zu plagen hatte. Dabei war er äußerst karg und hatte seine Hauptfreude an barem Gelde. Am Sonntag Morgen saß alles schön geschmückt und zum Kirchgange bereit lange vor Beginn desselben im elterlichen Hause. Brosi schnitt von den Stockscherben, die ein unberührbares Heiligtum waren, die schönsten Nelken ab und schenkte sie seiner englischen Söhnerin. Es läutete zum erstenmal zur Kirche, und man wollte sich auf den Weg machen, um sich noch vorher gehörig bewundern und begaffen zu lassen. Brosi freute sich besonders darauf, seiner Söhnerin auch zu zeigen, daß er in der Gemeinderatsbank sitze; da sagte Severin: »Meine Frau geht nicht mit uns.« »Warum?« »Sie ist evangelisch.« Alles zuckte zusammen, und eine Weile war es so still in der Stube, daß man nichts hörte, als das Picken der Wanduhr und ein schnelles Atmen Brosis. Endlich sagte er aufstehend und sich vor Frost die Hände reibend: »Kommet in Gottes Namen. So gehen wir allein. Oder hast du auch deinen Glauben abthan?« »Nein,« sagte Severin und ging mit dem Vater, der nach der Söhnerin, die er so sehr geliebt hatte, nicht mehr umschaute. In das seligste Glück riß die Spaltung über Glaubensmeinungen, die der ganzen Menschheit schon so viel Unheil bereitet, einen tiefen Riß. Brosi, der allen Menschen triumphierend ins Auge hatte sehen wollen, ging mit niedergeschlagenem Blick nach der Kirche. »Nicht katholisch und nicht einmal reich,« sprach es in ihm, und er zuckte zusammen. In der Kirche sang er wiederum laut mit, als müßte er seinen eigenen Glauben doppelt festhalten und verkünden, dann saß er still niederschauend und drückte manchmal mit der Hand fest die Augen zu. Er mußte aber doch eine Beruhigung gefunden haben, denn als er neben dem nachdenklichen Severin aus der Kirche ging, sagte er: »Das hast nicht recht gemacht, du hättest nicht über den Sonntag bei uns bleiben sollen. Es hätten's nicht alle Leute zu wissen brauchen.« Als er heimkam, sah er Agy aus einem schwarz eingebundenen Buche lesen, er schaute hinein und erblickte schöne heilige Bilder. Agy las nur noch wenige Zeilen, dann stand sie auf und machte eine tiefe Verbeugung. Brosi reichte ihr die Hand und fühlte den warmen Druck von der Hand seiner Söhnerin. Seine Finger waren kalt, und sie erwärmten sich. In dieser stillen Handreichung lag in diesem Augenblicke eine Verständigung und ein Religionsfriede, der der ganzen Welt zu wünschen wäre. Am Mittag nahm Brosi alle seine Kinder mit nach der Gipsmühle. Er stand einmal am Wege und ließ Kinder und Enkel an sich vorbeiziehen, um zu überschauen, wie reich sich sein Leben aufgezweigt hatte. Wie oft war er diesen Weg einsam gewandert. Auf den Wunsch Agys wurden helle Lieder angestimmt, die im Walde widerhallten. Noch fühlte Brosi eine leichte Bedrückung von dem überwundenen Schmerz, den er heute empfunden, und auch laut nun das letzte abschließend, sagte er: »Es ist doch nur ein Gott, der die Sonne scheinen und die Bäume wachsen läßt, und er weiß doch, wie es gemeint ist, ob man so oder so zu ihm betet.« Er sang dann so laut mit, daß seine Stimme alle übertönte. Severin sah allein bis auf den Grund der mächtigen Bewegung, die in seinem Vater vorgegangen war; er freute sich dessen, aber ihm solches kundzugeben, fand er die rechten Worte nicht und hielt es schließlich auch nicht für nötig. Der Gipsmüller, der krank in einem großen Armsessel saß, freute sich hoch über die Ankömmlinge. Severin und Agy mußten sich zu ihm setzen, daß er sie genau sehe, denn er litt auch an schwachen Augen. Beim Gipsmüller traf man zufällig »die geschickte Witwe«, die sich Franz schon längst gewünscht, die ihm aber einen förmlichen Korb gegeben hatte. War es das eifrige Zureden des Gipsmüllers, oder war es die stolze Anwartschaft, einen Oberbaurat zum Schwager zu haben: die Witwe, die zwei Kinder hatte und ein schönes Vermögen besaß, gab ihr Jawort, und Franz wurde unversehens Bräutigam. Brosi war darob glückselig, und er sagte einmal: »Jetzt sind alle meine Kinder versorgt, mein Altbackener auch. Gott gibt mir recht, er zeigt mir's, daß ich die rechten Gedanken hab', sonst hätt' er mich heut das nicht erleben lassen.« Es wurde ausgemacht, daß die Hochzeit des Franz an der Kirchweih sein solle, an welchem auch Brosi seinen goldenen Ehrentag feiern wollte. Dabei blieb er, wenn auch Moni noch schüchtern Einsprache that; er sagte stets, er habe es seiner englischen Söhnerin versprochen, und faßte oft deren Hand. Als man gegen Abend heimkehrte, wartete man nicht erst die Aufforderung der Agy ab, und singend zog man in das elterliche Haus. Im Auerhahn war heute große Versammlung, alles erwartete die Ankunft Severins, aber dieser sagte, daß er nicht hingehe, und wunderbarerweise – Brosi gab ihm recht und sagte, er bleibe auch daheim. Es schien indes nur wunderbar, es hatte alles seinen guten, wenn auch geheimen natürlichen Grund. Brosi wußte, daß die Menschen, immerdar neidisch auf ein unantastbares Glück, fast eine Genugtuung darin empfinden werden, daß der andere Glaube der Söhnerin einen Schatten darauf werfe; er wollte sie das in gemeinsamer Versammlung auskosten lassen und hoffte, daß sie dann damit fertig seien. Mit den Seinen saß er in seiner Stube, schnupfte vergnüglich und plauderte allerlei; Severin erzählte viel von seinem Leben, und wie er so schnell zu der Berufung und der raschen Heirat gekommen sei, daß er nicht vorher schreiben gekonnt. Man holte den sehr steif gewordenen Ranzen, den Severin ehemals so trotzig zurückgelassen hatte, er bestimmte ihn jetzt für den ältesten Sohn seiner Schwester Rösle, der als Schuster in der Lehre stand und bald auf die Wanderschaft ziehen wollte. Der Franz, der später in den Familienrat nachgekommen war, wollte auch ein Wort dazu thun und sagte: »Severin, du bist jetzt Oberbaurat, was kannst denn jetzt auch noch werden? Kannst auch noch höher 'nauf?« »Freilich, ich kann Oberbaudirektor werden.« »Und dann?« »Weiter nichts mehr als – Engel,« antwortete Brosi. Ein schallendes Gelächter erfüllte die Stube, und Brosi lachte nochmals mit, als Severin seiner Frau alles verdolmetscht hatte und diese herzlich lachte. Franz ließ sich aber nicht so bald von seinen Erforschungen abbringen, sie waren nicht bloß Neugier; er bat seinen Bruder, ihm auch eine feste Anstellung zu verschaffen, das Amt eines Weginspektors sei jetzt frei, und das könne er wohl versehen. Severin erklärte ihm, daß er keine Stellen zu vergeben habe, und auch Kilian fragte jetzt: »Sollen wir denn bloß noch die alten Maurer sein, wenn du unser Oberbaurat bist?« Severin erklärte, daß das nichts ändere, und wie das leicht geht: nach großer, anhaltender Freude thut sich plötzlich unversehens eine Verstimmung auf; so geschah es auch hier. Die Brüder fühlten sich zurückgesetzt; aber Brosi verstand es, ihnen die Sache deutlich zu machen, und schloß damit: »Es bleibt ein jedes, was es ist. Im geraden Weg braucht eines das andere nicht, und im ungeraden wird euch der Severin schon beistehen. Haltet nur getreulich zusammen, wenn eure Eltern auch nimmer da sind.« Diese Mahnung verfehlte ihre Wirkung nicht, und wenn auch nicht in heller Freude, so doch in stiller gesättigter Beruhigung ging man auseinander, zumal da Severin noch kurz versprach, stets der Seinigen eingedenk zu bleiben. Am andern Morgen, als Severin und Agy nach der Residenz abgereist waren, sagte Brosi immer: »Ich weiß nicht, wie mir ist, mir fehlen die Kinder in allen Ecken, ich kann mir's gar nimmer denken, wie's einmal gewesen ist, wo wir noch gar nichts von ihnen gewußt haben.« Jetzt, da Severin fort war, hatte Brosi im Gedanken an ihn fast noch mehr Freude von ihm, als während seiner Anwesenheit. Er gab Moni recht, als sie sagte: »Er ist doch ein prächtiger Mensch, er redt nicht viel, aber jedes Wort von ihm ist wie ein Eid, da kann man Häuser drauf bauen.« Neunzehntes Kapitel. Severin kam während des Sommers mehrmals, aber er hielt sich meist in Endringen auf, wo er, wie er sagte, mit dem Bürgermeister Geschäfte habe. Als Severin seinem Vater eine frohe Hoffnung mitteilte, erwiderte dieser kein Wort, er wollte lieber nichts wissen, als daß er durch eine Frage Auskunft darüber erhielt, in welcher Religion die Kinder erzogen werden. Es verging kein Tag, an dem nicht Brosi seine »gesetzte Arbeit«, wie er sie selbst scherzweise nannte, vollführte. Moni schien sich wahrhaft zu verjüngen, seitdem ihr Severin und ihre Agy dagewesen, und sie war es auch, die zu jeder Zeit schöne Geschenke von ihrer Söhnerin, der Oberbaurätin, erhielt; besonders ein handfester Armsessel, der auf Rollen ging, machte großes Aufsehen im Ort, und schon nach zwei Monaten empfing sie einen sauberen, deutsch geschriebenen Brief von der englischen Söhnerin. Wie lohnte sich's ihr jetzt auf ihre alten Tage, daß sie selber noch so spät deutsch schreiben und lesen gelernt hatte. Die beiden alten Leute, die nie viel über Religion nachgedacht hatten, sprachen jetzt im Walde viel über die Unterschiede derselben, die Nähe des Grabes mochte einiges dazu beitragen, aber erweckt zu solchen Erörterungen wurden sie doch nur durch Agy; die Agy war so lieb und gut, die konnte doch nicht auf ewig verdammt sein. Moni hatte großes Zutrauen zu dem Geistlichen; sie wünschte, daß man sich seines Rates erhole, aber Brosi wehrte ab, indem er sagte: »Was kann er für Auskunft geben? Er ist geistlich und darf sei' Sach' nicht verunehren. Und was könnt' am Ende dabei herauskommen? Daß wir Unfriede machen in unseres Severins guter Ehe? Nein, das will unser Herrgott nicht, und seit jenem Sonntag ist mir's so, daß kein Mensch den andern verdammen darf, wenn nur jeder aufrichtig und wahrhaftig bei dem seinigen ist. Wenn die Agy einmal 'rüber in Himmel zu uns kommt, muß sie unser Herrgott zu uns lassen, ich will's schon sagen, und unser Herrgott weiß es ja auch, daß sie nichts dafür kann; sie ist so geboren und erzogen, sie kann nichts dafür.« »Die Vögel im Wald, da pfeift ein jedes anders, und es heißt doch, daß alle Gott lobsingen,« bestätigte Moni. »Das ist ein gescheites Wort, so muß des Brosis Frau reden,« schloß der Eheherr. »Das hat sein Meß,« setzte er hinzu und hob die obere Querstange aus einem geschichteten Klafter. Es war unklar, ob er die letzten Worte buchstäblich auf das Holz oder bildlich auf das Religionsgespräch bezog. Die Tage wurden bald immer kürzer, und es ist eine alte Erfahrung, daß man deren Abnehmen viel mehr merkt als das Zunehmen. Je weiter es dem Herbste zuging, je mehr empfand Moni ein eigentümliches bräutliches Bangen, während Brosi mit Jubel seiner goldenen Hochzeit entgegensah. Mehrmals äußerte Moni ihre Beklommenheit, aber ihr Bräutigam, wie sich Brosi nannte, redete ihr solche aus und suchte sie mit seiner eigenen Freudigkeit zu erfüllen; sie gab sich um Brosis willen Mühe, allem heiter entgegenzusehen, und in dieser Bemühung ward sie von selbst freudig. Endlich waren es nur noch wenige Tage bis zur Kirchweih, da kam Severin, und diesmal ging er nicht allein nach Endringen, Vater und Mutter mußten ihn begleiten. Brosi fuhr sich mehrmals rechts und links über die Augenbrauen, als er unweit des Petersepp Haus in dem Grasgarten, dort, wo er sich's gewünscht hatte, ein Haus stehen sah, zierlicher und feiner, als er sich's je wünschen konnte, und Severin daraufdeutend sagte: »Vater, das ist Euer. Da sollet Ihr mit der Mutter wohnen, solang Euch Gott das Leben erhält, und ich wünsch' nur, daß es recht lang sei. Das schenkt Euch mein Agy als Hochzeitsgeschenk.« Starr mit offenem Munde betrachtete Brosi bald seinen Sohn, bald das Haus, und endlich sagte er mit unvermutetem Lachen: »Das Haus da? Das ist mir viel zu schlecht. Nicht geschenkt nehm' ich's.« »Ich bitt' Euch, Vater, macht keinen Spaß,« entgegnete Severin in seltsamer Gereiztheit. »So? Meinst du, du darfst allein Spaß machen und noch dazu mit deinem Vater?« »Ich mache nie Spaß. Ich meine es im völligen Ernst. Das Haus ist Euer. Mutter, saget Ihr, wie gefällt's Euch?« »Wohl, ganz wohl, aber das ist nichts für uns.« »Ich gebe Euch mein Wort. Es ist für Euch. Es ist auf Euern Namen hier beim Bürgermeisteramt eingetragen.« »Das ist zu vornehm. Das ist für dein Weible, für die paßt's.« »Dafür ist es allerdings auch hergerichtet. Meine Frau wünscht nichts sehnlicher, als die Sommermonate hier oben zu wohnen. Sie will bei Euch sein.« »Wir wollen all' Woch zu ihr auf Besuch kommen, sie soll nur allein hier wohnen und, will's Gott, mit dem Kind.« Der Bürgermeister, zu dem Severin geschickt hatte, kam aus dem Dorfe und übergab Brosi die Schlüssel und einen neuen Bürgerbrief. Brosi nahm beides unwillkürlich in die Hand, schaute nach dem Hause und schüttelte unwillkürlich mit dem Kopf. Das Landhaus war schön, im Stil der englischen Cottages und doch in freier Umbildung nach dem landschaftlichen Charakter und Bedürfnis. Nur mit Mühe brachten es Severin und der Bürgermeister dahin, daß die Eltern in das Haus eintraten. Die Räume waren hell und bequem. Brosi fühlte oft an die Wände und nickte, da er sie trocken gewahrte. »Du bist ein Hexenmeister,« sagte er zu seinem Sohne, als dieser erzählte, wie er den Bau so geheim hatte ausführen lassen, und wie ihm alle darin beigestanden, das Geheimnis zu bewahren. »Aber für uns ist's nicht,« beharrte Brosi. Fast zornig erklärte Severin, daß der Vater ihm seinen liebsten Lebenswunsch ausgesprochen habe, daß er als Sohn ihn nach Kräften erfüllte, daß ein Mann von Ehre nicht spiele und auch ausführe, was er sich im Wunsche vorgesetzt habe. Auch der Bürgermeister redete eifrig zu, dem Sohne seine Freude nicht zu verderben. »Ich erkenn' die Gutheit, ich erkenn' sie rechtschaffen,« stotterte Brosi. »Was meinst, Moni? Red' auch du, dich geht's so viel an wie mich.« »Ich hab' den Wunsch nicht gehabt.« »So? Alles soll auf mir liegen? Und wenn ich nun sag': wir ziehen da her?« »Dann zieh' ich mit dir, das weißt ungefragt.« »Aber diesen Winter nicht mehr, Severin,« wendete sich Brosi an diesen, »den Winter dürfen wir noch in Haldenbrunn in unserem alten Nest bleiben?« »Vater, ich will Euch nicht zwingen.« »Beim Teufel! in so ein Schlößle einzuziehen, braucht man einen nicht zwingen,« polterte der Bürgermeister, »der Herr Oberbaurat haben sich's eben ausgedacht gehabt, daß ihr auf eure goldene Hochzeit einziehen solltet, und die Endringer holen euch ein, wie ein junges Paar. Das ist alles schon ausgemacht.« »So? Nun ja, ja,« schloß Brosi und rieb sich den Mund. Er ließ sich nicht bewegen, in Endringen einzukehren, er eilte gleich heim nach Haldenbrunn, als entfliehe er einer Gefangenschaft, und zum erstenmal in seinem Leben freute er sich, als er den württembergischen Grenzpfahl sah, und schnaufte erst jetzt aus, als er ihn im Rücken hatte. Das Jahresfest der Kirchweih kam und mit ihm die Feier einer Doppelhochzeit, denn auch Franz sollte heute mit seiner geschickten Witwe getraut werden. Von allen Ecken und Enden kamen Gäste und Schaulustige herbei, und manche Landesangehörige ließen ihre eigene Kirchweih, die ja auch durch oberamtliche Bekanntmachung auf denselben Tag festgesetzt war, dem zuliebe im Stich. Als es zum zweitenmal in die Kirche läutete, kam eine große Menschenmenge mit Musik herangezogen und holte das alte Brautpaar ab. Brosi trug wiederum wie vor fünfzig Jahren einen Rosmarinstrauß mit flatternden Bändern auf dem Hute und im Knopfloch und schaute frei umher, während Moni sich unter der Schappel demütig beugte. Brosi lächelte, als er sah, daß die Hochzeitlader, um das Verbot der Regierung zu umgehen, hölzerne mit Kränzen umwundene Säbel trugen. In langer Reihe gingen schön geschmückt die Kinder und Enkel des alten Paares hinterdrein. Hierauf holte man das junge Brautpaar ab, und es war eine erhebende Feier, als der Geistliche das Doppelpaar einsegnete, er konnte nichts Besseres thun, als den Neuvermählten den Segen der Eltern wünschen. Im Auerhahn ging es heute hoch her. Brosi bedauerte nur oft, daß seine englische Söhnerin nicht da sein könne, das sei das einzige, was ihm auf der glückseligen Welt fehle, und er habe ihr versprochen, mit ihr zu tanzen, und sie sollte doch auch sehen, welch ein junger Bursch er sei, und seine Moni sei erst siebzehn Jahr alt. Wirklich konnte man das fast glauben, wenn man nun die beiden alten Leute den Hoppetvogel, den Siebensprung und den Bändelestanz ausführen sah. Ja, Brosi tanzte noch außerdem mit seinen Töchtern und Schwiegertöchtern und zweimal mit der erwachsenen Tochter Rösles, die auch Monika hieß. Er befahl ihr, recht bald zu heiraten, damit er auch noch Urenkel erlebe, und der jüngste Sohn des Gipsmüllers schien diese Mahnung gern zu hören. Es ging wild her auf dem Tanze, und Severin staunte, als sein Vater ihm sagte: »Jetzt ist mir's eigentlich lieb, daß dein Weible nicht hat kommen können, so ein englisch Frauele paßt nicht in das Getrampel und in den Tubak hinein.« Man sprach auf der Hochzeit viel davon, daß Brosi seinem Severin versprochen habe, morgenden Tages nach Endringen zu ziehen; Brosi that meist, als ob er das nicht hörte, und wenn man ihn geradezu darum befragte, sagte er: »Ja, ja,« aber das in einem Tone, der unentschieden ließ, ob er damit sagen wollte, ich denk' nicht daran, oder ob er einfach bejahte. In einem merkte es Brosi doch, daß er seine fünfzigjährige Hochzeit feierte, er schlief mitten unter der Musik auf der Bank hinter dem Tisch ein. Er wurde geweckt, und die halbe Musik, denn viele tanzten noch währenddessen, gab ihm und Moni das Geleite bis an ihr Haus. Brosi und Moni schliefen lange nicht, und noch im Bett sagte Brosi: »Ich fürcht' mich so vor dem neuen Haus, ich kann's gar nicht sagen.« »Aber wir müssen's thun, wenn nur auf eine Weile, du hast's dem Severin versprochen.« »Ich bin ja gezwungen gewesen, mehr als gezwungen, ich hab' ihm sein' Freud' nicht verderben wollen. Und, lieber Gott, das ist ja so ein kalts Haus, das ist nichts für alte Leut'.« »Du hast unrecht. Es ist gut warm und hat prächtige Oefen, da kann man mit einem Schwefelhölzle einheizen.« »Ja, das kann alles sein, aber weißt, es ist mit Ziegel gedeckt, das hält gar nicht warm, so ein Strohdach ist wie ein' gute Pelzkapp, und die Stubendecken sind so hoch, und nach Endringen mag ich auch nicht mehr. Ich sterb', wenn ich da 'nein muß. Lieber Gott! Man wünscht viel, was einem nicht recht wär', wenn's nachher in Erfüllung ging'.« »Ja, was aber machen?« erwiderte Moni dem in die Kissen hinein Schluchzenden. »Sag's ihm frei, er wird das nicht wollen, wenn dich's so hart ankommt. Du hast ihm das nie so gesagt.« »Weil ich nicht kann; wenn er mich ansieht, bleibt mir's immer im Hals stecken. Aber halt! Juchhe! Ich hab' was.« Er sprang aus dem Bett, machte Licht und holte die Nagelschachtel mit dem Hammer vom Himmelbett. »Was willst? Was willst machen?« fragte Moni. »Was ich von dir gelernt hab',« sagte Brosi lachend. »Es hat einmal ein Mädle geben, das hat einem jungen Burschen einen Riegel vorgeschoben und hat ihn zum Haus 'nausgeschwätzt. Jetzt wird einem draußen ein Riegel vorgeschoben, und der darf nicht herein.« Während vom Auerhahn die Musik herabtönte, erschollen laute Hammerschläge im Hause Brosis, denn er nagelte die Hausthüre, die Stallthüre und die Schuppenthüre zu und legte sich dann fröhlich ins Bette, im voraus lange ausmalend, was das morgen für ein Spaß sein werde. Die Kinder und Enkel, die am Morgen nach dem Hause Brosis kamen, fanden dasselbe verschlossen, und auch auf Klopfen wurde nicht geantwortet. Endlich kam Severin, auch er klopfte, aber niemand antwortete. Die Endringer kamen mit Schießen und Musik, um das Brautpaar zu holen. Brosi und Moni hörten, wie draußen viele Leute standen und auf allerlei rieten, und einige sagten sogar, Brosi und Moni seien gewiß an der Freude gestorben, das käme davon, wenn alte Leute solche Feste mitmachten. Drinnen drang Moni in ihren Mann, er solle doch Antwort geben, das sei ja sündlich, die Leute so hinzuhalten; Brosi aber sagte, er möchte gern hören, was die Leute nach seinem Tode ihm nachsagten. Moni wollte auf wiederholtes Klopfen schreien, da hielt ihr Brosi den Mund zu. Jetzt hörte man den Schlosser mit dem Dietrich an den Schlössern arbeiten, sie gingen auf und zu, aber keine Thüre öffnete sich, und Brosi lachte in sich hinein. Da rief Severin: »Wenn wir keine Antwort erhalten, schlagen wir die Thüre mit dem Beil ein. Vater, hört Ihr nicht?« »Ja, ich höre,« antwortete Brosi, der sich an die Thüre gestellt hatte und nun erklärte, daß er nicht aufmache, wenn ihm Severin nicht sein Wort zurückgebe, und daß er in seinem alten Hause bleiben dürfe, lieber bliebe er ewig mit seiner Moni eingeschlossen. Ein Jubel erscholl von der Straße, und Brosi öffnete endlich und reichte seinem Severin die Hand. Zwanzigstes Kapitel. Mancher Aberglaube ist nur eine Erfahrungswahrheit, die zu sicherer Ueberlieferung von Geschlecht zu Geschlecht in feste Form gebunden ist, und die Furcht regiert viele Gemüter leichter als die Einsicht. Man hält es für gefahrbringend vor den allezeit lauernden bösen Schicksalsmächten, solch ein Fest zu feiern, wie Brosi und Moni gethan, das den langen stillen Fortgang des Lebens in mächtigem Zusammenfassen spannt und höher hebt, und in der That erschließt sich leicht hinter solch einem Hochpunkte die Kahlheit des Alltagslebens, und der unterbrochene stille Fortgang verwandelt sich nun in Oedigkeit und Abspannung. Es ist etwas anderes, zur Zeit der anstrebenden Kraft einen Jubeltag sich zu setzen, als da, wo die Ruhe und das stille Walten allein Erquickung bietet. Wo sich Moni unter der Schappel demütig gebeugt hatte, so war sie den ganzen Tag in sich still und ruhig geblieben, Brosi aber hatte im jauchzenden Austoben sich erlustigt, und schon am andern Tage, nachdem Severin abgereist war, schlief Brosi nach dem Essen unwillkürlich auf der Bank ein. Das Gäßchen war heute besonders widerwärtig, denn die Vorübergehenden sprachen da draußen so laut, man hörte jedes Wort, als ob sie in der Stube wären. Moni wollte hinausgehen und die Leute zur Ruhe gemahnen, aber als sie sich erhob, merkte es Brosi und erwachte, sich verwundernd, daß er am Tage schlafe; er fühlte sich neu gestärkt, da er das Versäumte von gestern nacht nachgeholt habe. Brosi war wie immerdar heiter und aufgeräumt; nur als Moni bemerkte, der Franz mit seiner Frau sei da gewesen und habe nachsehen wollen, wie es dem Vater gehe, da sagte dieser: »Jetzt sind alle unsere Kinder fort, jetzt sind wir doch wie ein entlaubter Baum,« als aber während dieser Worte des Rösles Monika eintrat, die nun bei den Großeltern wohnen wollte, sagte er: »Richtig, da kommt ja unsere Wurzelbrut. Weißt, Alte, es gibt Bäum', die wieder an der Wurzel ausschlagen. Recht so, bleib du bei deiner Ahne und gib acht, daß du so wirst wie sie, und leid's nicht, daß sie zu viel schafft.« Brosi hatte nun drei eigene Familien im Orte, die er besuchen konnte, und war nun auch mit dem größten Teile des Dorfes verwandt, und wenn sich hier auf dem Walde alles Vetter nennt, so hatte das bei Brosi noch eine besondere Berechtigung. Er ließ sich's aber auch nicht nehmen, noch diesen Winter regelmäßig zu dreschen, und wenn ihm auch weh dabei geschah, gestand er es weder sich noch seinen Genossen. Wenn ihm die Leute sagten, er solle sich doch zur Ruhe setzen, er sei ja vermöglich, habe seine Kinder alle versorgt, und wenn er etwas Uebriges brauche, werde sich der Oberbaurat eine Freude daraus machen, ihm solches zu geben, da sagte er: »Mein' größte Freud' ist, daß ich's haben könnt' und nicht brauch'!« Um Neujahr zeigte Severin die Geburt eines Töchterchens an, und der Winter ging still und heiter vorüber, nur war es eine traurige Botschaft, daß um Lichtmeß der Gipsmüller starb. Brosi ließ es sich nicht nehmen, seinem Leichenbegängnisse sich anzuschließen, aber er ging, wie er sagte, des schlüpfrigen Weges halber am Stocke über Feld und stand oft still und verschnaufte. Als er von Endringen, wo der Gipsmüller begraben wurde, zurückkam, sagte er: »Das Sterben sollt' nicht sein, aber es ist einmal so Gottes Ordnung. Aber, Moni, unser Haus dadrüben ist doch schön, es müßt' sich doch gut drin wohnen.« Noch oft kam Brosi auf sein Gelüste, in dem schönen Hause zu wohnen, aber es war doch nie weiter, als eine gewisse flüchtige Unbefriedigtheit des Alters, das leicht in allerlei Planen und Wünschen sich ergeht und dem schließlich doch am liebsten ist, wenn es beim Altgewohnten sein Verbleiben hat. Im Frühling ging Brosi wieder in den Wald an seine Arbeit, des Jörgtonis Kaspar half ihm, und Brosi sah es gern, daß dieser sich in seine Stelle setzte, für den Fall, daß er sie nicht mehr versehen könne. Beim Ausgehen und bei der Heimkehr verweilte Brosi da und dort bei Altersgenossen, die in Leibgedingstuben wohnten, und ließ sich von ihnen lang und breit ihre Gebresten erzählen, er selber klagte nicht und sagte nur oft: »Wenn ich's in meiner Jugend besser gehabt hätt' und mich nicht so hätt' schinden und plagen müssen, ich wär' hundert Jahr alt geworden.« Auch daheim kam er oft hierauf zu reden. Das Gehen wurde ihm immer schwerer, aber solange er nur fortkriechen konnte, ging er seiner Arbeit nach, und man sah es, wie er sich gewaltsam aufrecht hielt und für jeden noch immer eine Scherzrede hatte. Es war am Tage nach Jakobi – noch gestern war Brosi im Auerhahn gewesen und hatte viel davon gesprochen, wie leid es ihm thue, daß seine Söhnerin in ein Bad gemußt habe und nicht nach Endringen käme, er wäre ihr zuliebe doch dahin gezogen – heute konnte Brosi nicht mehr gehen, sein Kubikfuß stellte sich wieder ein, er mußte zu Bette bleiben oder in dem großen Armstuhl sitzen, den Agy geschickt hatte. Die beiden älteren Söhne waren weit in der Fremde, aber Severin kam einmal und besuchte seinen Vater, und zum erstenmal hatten seine starren Züge etwas Lindes. Brosi behauptete, daß es gar keine Gefahr habe, und des Rösles Monika mußte ihm oft stundenlang die Geschichten aus den alten zerlesenen Kalendern vorlesen, durfte aber nicht in die Einzeichnungen von seiner Hand sehen. Die Frau saß schon jetzt im Sommer an der Kunkel und spann; Brosi that einmal die seltsame Frage: »Was spinnst?« »Tuch zur Aussteuer für unsere Monika.« »So? Das ist recht,« sagte Brosi und war lange still – er mochte an sein Totenhemd gedacht haben. Die Hühner kamen jeden Mittag vor den Stuhl Brosis, und er brockelte ihnen Brot; aber auch viele befreundete Menschen kamen, ihn aufzuheitern, dessen bedurfte es aber nicht, denn er war noch immer der Lustigste von allen. Schon als Brosi das Bett nicht mehr verlassen konnte, war er noch immer ein säuberlicher Kranker. Der Bader mußte jeden Samstag kommen und ihm den Bart abnehmen, und war es schon an sich schwer, aus den vielen Falten des eingefallenen Gesichtes die Bartstoppeln herauszukriegen, so erschwerte es noch Brosi durch die vielen Späße, die er machte, so daß der Bader oft vor Lachen absetzen mußte. Eines Tages sagte Brosi mitten im Gespräche zu seiner Frau: »Ja, daß ich's nicht vergeß. Ich dank' dir tausend und tausendmal für all die Liebe und Güte, die du mir angethan, und wenn ich jetzt oft krittlich bin, denk' nur, das bin ich nicht, ich kann nicht anders. Es wird schon wieder besser, wenn ich wieder gesund bin. Und wenn ich sterb', laß mich nicht zu lang auf dich warten, aber diesmal nimmt's mich noch nicht. Wart' nur, bis es wieder Winter ist, im Winter bin ich immer besonders wohlauf.« Moni setzte sich an die Kunkel, daß es ihr Mann nicht sehen konnte, und die Thränen fielen ihr auf die Hand, und sie benetzte den Faden damit, den sie spann. Sie sagte es nicht, aber sie bestimmte dieses Tuch zu ihrem eigenen Totengewand. Brosi verlangte selbst nach dem Geistlichen und seiner letzten Wegzehrung; er konnte es doch nicht lassen, wegen Agys zu beichten, aber der Geistliche war mild genug, ihn zu trösten. Auch den Gemeinderat ließ Brosi zu sich kommen und befahl, daß man bei seinem Begräbnisse lustige Tanzmusik aufspielen solle, er sei lustig in der Welt gewesen und wolle auch lustig hinaus. Man versprach nach seinem Willen zu thun. Des Rösles Monika war eine rüstige Pflegerin, denn die Großmutter wußte sich vor Herzbrechen gar nicht zu helfen. Es kamen Tage, in denen Brosi überaus lustig war, seine Enkelin mußte singen, und er sang mit und ermahnte auch Moni dazu. Einmal in der Nacht, als die junge Monika bei ihm wachte, rief er mit starker Stimme: »O lieber, guter Gott! Laß mich doch noch leben. Ich will noch alles Holz messen bis an den Rhein, ich will den Kappelberg ganz allein durch und durch graben, laß mich leben, oder wie du willst, aber nur nicht lang leiden. Mach's kurz.« Als man in der Ferne den Nachtwächterruf hörte, summte er gegen die Wand gekehrt vor sich hin: Alle Sternlein müssen schwinden, Und der Tag wird sich einfinden . . . Der jungen Monika wurde es schwer angst, aber sie wagte es nicht, nach jemand zu rufen und jetzt den Kranken zu verlassen, und einmal wendete er sich wieder um und sang mit geschlossenen Augen: Weil Scheiden bitter ist Und 's Lieben süß . . . Gegen Morgen that er einen mächtigen Schrei, die Frau sank von dem Stuhl, auf dem sie eingeschlafen war, und in den Armen seiner Moni starb Brosi. – Es war am Freitag Morgen, am Tage Himmelfahrt Mariä, als Brosi starb, und als der Uribasche – die Totenglocke – läutete, betete ein jedes still im Dorfe, jedes wußte, wer verschieden war. Erst am Montag Morgen wurde Brosi begraben, man hatte nach den Söhnen geschrieben, und sie kamen und gingen hinter seiner Leiche. Auf dem Sarge lag Hammer und Kelle und der Maßstab, der Brosi als Stütze gedient. Die polizeiliche Ordnung duldete es nicht, daß man den Wunsch des Verstorbenen erfüllte und ihm Tanzmusik zu seinem Leichenbegängnisse aufspielte, aber weil Brosi Gemeinderat gewesen war, wurden eine Stunde lang in dreimaligen Absätzen alle Glocken geläutet. Es war ein heller Sommermorgen voll Lerchensang und Sonnenschein, und so weit man die Glocken in den Bergen vernahm, standen die Waldarbeiter still, legten die Aexte hin und beteten für den, den man begrub, ein Vaterunser; und wer mit Genossen arbeitete, sprach mit ihnen davon, wie gern ein jedes dem Brosi die letzte Ehre erwiesen hätte, daß man aber keines Taglohnes ermangeln könne. Nur noch dreimal war Moni in der Kirche, als man ihrem Manne die Totenmessen las; sie lebte ruhig, aber fast wortlos, dazu war sie noch fast stocktaub geworden. Und als das Tuch von der Bleiche kam, das sie in diesem Sommer gesponnen, entschlummerte auch sie. Als die erste Trauer vorüber war, lebten Brosi und Moni in der Erinnerung aller Menschen wie der Nachhall einer Tanzweise, die sich von selber fortsingt, nachdem man den Ort der Lustbarkeit weit hinter sich hat. Das Jahr darauf heiratete der jüngste Sohn des Gipsmüllers wirklich des Rösles Monika, und als die ganze Familie im Auerhahn beisammen war und zum erstenmal wieder der Bändelestanz aufgespielt wurde, stand alles still, und eines sagte dem andern: »Ach Gott, das war sein Leibstück.« Aber des Jörgtonis Kaspar sprang mit beiden Füßen in die Mitte des Saals und rief: »Jetzt bin ich der Brosi!« und zeigte sich als dessen gelehriger Schüler. Noch lange, wenn der Hoppetvogel, der Siebensprung und der Bändelestanz ausgeführt wird, wird man den Namen Brosis nennen, und »Mein Mann ischt koanr, sagt der Brosi« ist noch immerdar Sprichwort.