Alexander Puschkin Der Postmeister und andere Erzählungen Der Postmeister Wer hätte nicht schon die Postmeister verflucht? Wer hätte sich nicht mit ihnen gezankt? Wer hat nicht in zornigen Augenblicken von ihnen das verhängnisvolle Buch gefordert, um eine unnütze Klage über Grobheit, Bedrückung, Fahrlässigkeit und Unzuverlässigkeit einzutragen? Wer hätte sie nicht für Scheusale in Menschengestalt gehalten oder sie doch wenigstens mit den Vizesekretären in Kanzleien oder mit Räubern zusammengestellt? Doch laßt uns gerecht sein. Versetzen wir uns nur in ihre Lage, und unser Urteil wird vielleicht milder ausfallen. Was ist denn ein Postmeister? Ein wahrer Märtyrer vierzehnter Klasse, den nur sein Amt vor Schlägen schützt, und auch das nicht immer (ich frage meine Leser auf Ehr' und Gewissen). Was für ein Amt hat denn ein solcher »Diktator«, wie Fürst Wjäsemski scherzhaft den Postmeister nennt? Lebt er nicht in Wahrheit wie ein Galeerensträfling? Weder Tag noch Nacht hat er Ruhe. Allen Ärger, den ein Passagier auf einer langweiligen Fahrt aufspeichert, läßt er am Postmeister aus. Ist das Wetter miserabel, der Weg schlecht, der Kutscher betrunken, die Pferde störrisch – der Postmeister ist an allem schuld. Sobald der Passagier die Wohnung betritt, betrachtet er ihn wie einen Feind. Gut ist's noch, wenn es ihm gelingt, den ungebetenen Gast wieder los zu werden. Aber wenn es keine Pferde gibt?... Gott, welche Schimpfwörter, welche Drohungen fallen da aufs Haupt des armen Postmeisters. In Schmutz und Regen muß er auf den Höfen herumrennen; in Sturm und Frost geht er in seine Stube, um nur einige Minuten von dem Geschimpfe und den Rippenstößen des Passagiers auszuruhen. Es kommt ein General, der zitternde Postmeister gibt ihm die beiden letzten Dreigespanne mit den Kurierpferden. Ohne zu danken, fährt der General ab. Fünf Minuten später... es klingelt schon wieder – und ein Feldjäger wirft seinen Fahrbefehl auf den Tisch. Über das alles wollen wir gerecht urteilen, und statt mit Zorn wird sich unser Herz mit Mitleid füllen. Zwanzig Jahre lang habe ich Rußland nach allen Richtungen durchzogen. Fast alle Poststraßen sind mir bekannt. Ich kenne einige Generationen von Postkutschern, beinahe alle Postmeister habe ich persönlich gesehen. Und nur wenige mögen es sein, mit denen ich nicht zu tun hatte. Im Mai des Jahres 1816 reiste ich gerade durch das Gouvernement N. auf einer Poststraße, die nicht mehr existiert. Ich bekleidete damals nur ein unbedeutendes Amt, reiste mit der Post und bezahlte für zwei. Darum machten auch die Postmeister nicht viel Umstände mit mir, und oft mußte ich mit Gewalt erkämpfen, was mir von Rechts wegen zustand. Ich war damals noch jung und lustig und nicht wenig erzürnt auf den gemeinen und unverschämten Postmeister, wenn er die Pferde, die eigentlich für mich bestimmt waren, vor den Wagen eines Beamten spannte, der einen höheren Rang hatte. Genauso konnte ich mich lange Zeit nicht damit abfinden, daß bei den Mahlzeiten beim Gouverneur der Bediente dem Range nach vorlegte. Jetzt scheint mir beides in Ordnung zu sein. Wie würde es um uns stehen, wenn statt der vernünftigen Regel: »Der Rang ehre den Rang!« eine andere eingeführt würde, etwa: »Der Verstand ehre den Verstand!« Was für Streitigkeiten würden da entstehen und bei wem sollten die Bediensteten anfangen, das Essen zu servieren? Doch ich will meine Erzählung beginnen. Es war ein heißer Tag. Drei Werst von der Station fielen einzelne Tröpfchen, und alsbald durchnäßte mich ein Platzregen durch und durch. Bei der Ankunft an der Station war es daher meine erste Sorge, mich so rasch als möglich umzukleiden und dann Tee zu verlangen. »He, Dunja!« rief der Postmeister. »Setze den Teekessel auf und hole Rahm!« Auf dieses Wort erschien ein Mädchen von vierzehn Jahren und trat in den Flur. Ich staunte über ihre Schönheit. »Ist das Ihre Tochter?« fragte ich den Postmeister. »Jawohl«, antwortete er selbstgefällig, »und wie sie verständig ist und so rasch, ganz die verstorbene Mutter.« Drauf schrieb er meinen Paß ab. Ich besah mir indes die Bilder, welche die Wand der Behausung schmückten. Sie stellten die Geschichte vom verlorenen Sohn dar. Auf dem ersten entläßt ein ehrwürdiger Greis in Schlafrock und Schlafmütze den ungestümen Jüngling, der eiligst den Segen und einen Sack voll Geld dahinnimmt. Auf dem zweiten ist in grellen Farben das liederliche Leben des Jünglings geschildert. Er sitzt an einem Tische, umgeben von falschen Freunden und schamlosen Weibern. Weiter hütet der Jüngling, nachdem er sein Gut verpraßte, die Schweine. Er ist in Lumpen gehüllt und teilt mit den Tieren das Futter. Auf seinem Gesicht ist tiefe Trauer und Reue ausgeprägt. Endlich wird die Rückkehr zum Vater dargestellt. Der gute Greis eilt ihm in demselben Schlafrock und derselben Schlafmütze entgegen. Der verlorene Sohn liegt vor ihm auf den Knien; in einiger Entfernung schlachtet der Koch das gemästete Kalb, und der ältere Bruder fragt die Diener nach dem Grunde dieser Freude. Unter jedem Bilde las ich passende deutsche Verse. Das alles blieb fest in meinem Gedächtnis, auch die Blumentöpfe mit den Balsaminen und das Bett mit der bunten Gardine und alle übrigen Gegenstände auch. Noch sehe ich den Wirt, als wenn es heute wäre, einen Mann von fünfzig Jahren, frisch und gesund, mit einem langen, grünen Rock bekleidet, auf dem drei Medaillen an verblichenen Bändern prangten. Ich hatte noch keine Zeit gehabt, den Kutscher zu bezahlen, als Dunja schon mit der Teemaschine hereintrat. Beim zweiten Blick bereits merkte die kleine Kokette, welchen Eindruck sie auf mich gemacht hatte. Sie schlug die großen blauen Augen nieder und unterhielt sich mit mir. Sie antwortete ohne jede Schüchternheit wie ein Mädchen, das schon die große Welt gesehen hat. Dem Vater gab ich ein Glas Punsch, ihr reichte ich eine Tasse Tee, und wir sprachen so vertraulich zusammen, als ob wir schon eine Ewigkeit miteinander bekannt wären. Die Pferde standen bereit, obschon ich nicht eben große Lust hatte abzureisen. Endlich aber nahm ich doch Abschied. Der Vater wünschte eine glückliche Reise, die Tochter begleitete mich bis an den Wagen. Im Hausflur blieb ich stehen und bat sie um einen Kuß. Dunja willigte ein. – Ich habe schon manchen Kuß gegeben, aber keiner ließ in mir eine so lange und so angenehme Erinnerung zurück. Mehrere Jahre vergingen. Umstände führten mich auf dieselbe Straße, an denselben Ort. Ich gedachte der Tochter des alten Postmeisters und freute mich schon im voraus, sie wiederzusehen. Doch, dachte ich wieder, der Alte ist vielleicht versetzt setzt worden, die Tochter ist verheiratet. Bisweilen dachte ich auch, einer von ihnen kann ja gestorben sein. Mit banger Ahnung näherte ich mich der Station. Die Pferde hielten am Posthause, ich ging in die Stube, da sah ich wieder die Bilder vom verlorenen Sohne. Tisch und Bett standen noch auf demselben Platz. Aber am Fenster waren keine Blumen mehr, alles umher war veraltet und vernachlässigt. Der Postmeister, in einen Schafpelz gehüllt, lag da und schlief. Meine Ankunft weckte ihn. Er stand auf... Ja, es war wirklich Simeo Wyrich. Aber wie sehr war er gealtert! Während er da saß und meinen Paß abschrieb, schaute ich auf sein graues Haar, sein mit tiefen Furchen durchzogenes Gesicht, das seit langem kein Rasiermesser mehr gesehen hatte, den gebeugten Rücken – und ich konnte mich nicht genug wundern, wie drei, vier Jahre einen rüstigen Mann in einen schwachen Greis umgewandelt hatten. »Kennst du mich nicht?« fragte ich ihn. »Wir sind ja alte Bekannte!« – »Das ist möglich«, entgegnete er düster. »Es geht ja hier eine belebte Poststraße vorüber.« – »Ist denn deine Dunja noch gesund?« fragte ich weiter. Die Züge des Greises veränderten sich. »Ach, Gott weiß«, antwortete er. »Also ist sie verheiratet?« sagte ich. Der Alte tat, als hätte er meine Frage gar nicht gehört, und las murmelnd meinen Paß weiter. Ich fragte nicht mehr und ließ die Teemaschine aufsetzen. Neugier peinigte mich, und ich hoffte, der Punsch werde die Zunge des Alten schon lösen. Ich irrte mich nicht. Der Alte schlug das Glas nicht aus. Merklich heiterte der Rum seine düstere Miene auf. Schon beim zweiten Glase wurde er gesprächiger; er sann nach, stellte sich, als ob er mich kenne, und ich erfuhr von ihm eine Geschichte, die mich damals tief bewegte. »Sie kannten ja alle meine Dunja«, begann er. »Wer sollte sie auch nicht gekannt haben. Ach, Dunja, Dunja! Was war es für ein Mädchen! Wer hier nur immer durchfuhr, jeder lobte sie, niemand tadelte sie. Durchreisende Damen schenkten ihr bald ein Taschentuch, bald Ohrringe. Die Herren hielten absichtlich an, um hier Mittag- oder Abendessen zu nehmen, in Wahrheit aber nur, um sie länger zu sehen. Und wenn ein Herr auch noch so zornig war, in ihrer Nähe wurde er still und sprach freundlich mit ihr. Sie mögen es glauben oder nicht, mein Herr, aber Kuriere und Feldjäger plauderten oft halbe Stunden lang mit ihr. Sie besorgte den Haushalt, räumte alles auf und kam mit allem zurecht. Auch ich alter Narr, ich konnte mich an ihr nicht satt sehen, ich konnte mich nicht genug über sie freuen. Habe ich meine Dunja nicht geliebt? Habe ich mein Kind nicht gut behandelt? Hatte sie es nicht gut bei mir? Aber nein, vor aller Not kann man sich nicht hüten. Dem Schicksal kann niemand entgehen.« Hier fing er nun an, mir sein Leid ausführlicher zu erzählen. Vor drei Jahren, an einem Winterabend war es gewesen, als der Postmeister gerade ein neues Postbuch liniierte und seine Tochter sich ein neues Kleid nähte, da hielt ein Dreigespann, und ein Passagier stieg aus mit einer Tscherkessenmütze und einem Militärmantel. Er trat in die Stube und verlangte Pferde. Alle Pferde waren auswärts. Fast hätte bei dieser Nachricht der Passagier seine Peitsche erhoben. Doch Dunja, solche Szenen gewohnt, trat heran und wendete sich sanft an den Passagier mit der Frage: »Wollen Sie nicht etwas essen?« Dunjas Erscheinung wirkte, wie gewöhnlich. Der Zorn des Passagiers legte sich, er beschloß, auf die Pferde zu warten, und bestellte Abendbrot. Er nahm die durchnäßte wollene Mütze ab, zog den Mantel aus, und ein schlanker junger Husar stand da mit schwarzem Schnurrbärtchen. Er blieb beim Postmeister, sprach fröhlich und lustig mit ihm und seiner Tochter. Das Abendessen wurde aufgetragen. Unterdessen kamen die Pferde an, und der Postmeister befahl, sie nicht erst zu füttern, sondern gleich an den Wagen des Passagiers zu spannen. Als er aber zurückkam, da lag der junge Mann fast besinnungslos auf der Bank. Es war ihm übel geworden, er hatte Kopfschmerzen und konnte in solcher Lage unmöglich die Reise fortsetzen. Was war da zu tun? Der Postmeister gab sein Bett her, und wenn das Befinden des Kranken sich nicht besserte, wollte man am anderen Morgen aus S. den Arzt kommen lassen. Tags darauf wurde es dem Husaren noch schlechter. Sein Diener ritt in die Stadt zum Arzt. Dunja band ihm ein Tuch, mit Essig befeuchtet, um den Kopf und setzte sich mit dem Nähzeug ans Bett. Der Kranke sah zu ihr auf, seufzte und sprach kein Wort. Doch trank er zwei Tassen Kaffee und bestellte seufzend das Mittagessen. Ständig forderte er zu trinken, und Dunja reichte ihm einen Krug mit Limonade, die sie selbst zubereitet hatte. Der Arme netzte seine Lippen, und sooft er den Krug zurückgab, drückte er leise Dunjas Hand. Zur Mittagszeit erschien der Arzt. Er fühlte ihm den Puls, sprach deutsch mit ihm und erklärte auf russisch, nur Ruhe sei nötig, in zwei Tagen könne er getrost seine Reise fortsetzen. Der Husar gab ihm 25 Rubel für den Besuch und lud ihn zum Mittagessen ein. Er war's zufrieden. Beide aßen mit großem Appetit, tranken eine Flasche Wein und trennten sich sehr vergnügt. Noch ein Tag verging, und der Husar wurde völlig gesund. Er war nun sehr aufgeräumt, machte Späße bald mit Dunja, bald mit dem Postmeister, pfiff Lieder, unterhielt sich mit den Durchreisenden, schrieb ihren Paß ins Postbuch, so daß es am dritten Tage dem Postmeister gar schwer ankam, sich von seinem lieben Gaste zu trennen. Es war gerade Sonntag. Dunja war im Begriff, zur Kirche zu gehen. Der Wagen fuhr vor. Er nahm Abschied vom Postmeister, nachdem er ihn reichlich belohnt hatte, nahm auch Abschied von Dunja und wollte sie bis zur Kirche fahren, die am Ende des Dorfes lag. Dunja aber zögerte. »Warum fürchtest du dich?« fragte der Vater. »Der Herr ist ja kein Wolf, der dich auffressen könnte. Fahre immer hin bis zur Kirche.« Dunja setzte sich in den Wagen, neben den Husaren, der Bedienstete sprang hinten auf, der Kutscher pfiff, und die Pferde eilten davon. Der arme Postmeister konnte nicht begreifen, daß er es selbst Dunja erlaubt hatte, mit dem Husaren zu fahren. Keine halbe Stunde verging, und sein Herz wurde unruhig. Die Angst stieg, er ging zur Kirche. Dort sah er, wie die Leute schon wieder auseinandergingen, aber Dunja war weder am Zaune noch am Eingang der Kirche. Er betrat das Gotteshaus. Der Priester kam hinter dem Altar hervor, der Küster löschte die Kerzen, zwei alte Frauen beteten noch in einer Ecke; aber Dunja war nicht zu sehen. Der arme Vater fragte den Küster, ob seine Tochter beim Gottesdienst gewesen sei. Der verneinte. In einer peinlichen Lage begab sich der Postmeister wieder nach Hause. Nur eine Hoffnung blieb ihm noch. Vielleicht, dachte er, hat Dunja im jugendlichen Leichtsinn Lust bekommen, bis zur nächsten Station mitzufahren, wo ihre Pate wohnte. In einem schrecklichen Seelenzustand erwartete er die Rückkehr des Gespannes, mit dem er sie entlassen hatte. Endlich am Abend kam der Kutscher, etwas berauscht, mit der Schreckensnachricht zurück: »Dunja ist mit dem Husaren von der andern Station weitergereist!« Das Unglück des Greises war groß. Er legte sich alsbald ins Bett, in dem am vorigen Tage der junge Betrüger gelegen hatte. Jetzt, als er sich alle Ereignisse aneinanderreihte, sah er nur zu gut ein, daß die Krankheit nur vorgeschützt war. Er verfiel in ein schreckliches Nervenfieber, man brachte ihn nach S., und sein Posten wurde inzwischen von einem andern versehen. Derselbe Arzt, der den Kranken besucht hatte, kurierte ihn, und er versicherte dem Postmeister, der junge Mann sei ganz gesund gewesen und habe ihm schon damals das boshafte Vorhaben verraten; doch habe er aus Furcht vor der Peitsche geschwiegen. Mochte nun auch der Deutsche die Wahrheit sagen oder nur damit prahlen wollen, genug, trösten konnte er den armen Kranken nicht im geringsten. Kaum war er wieder gesund, so bat er um Urlaub auf zwei Monate, und ohne jemandem von seinem Vorhaben etwas zu sagen, machte er sich zu Fuß auf den Weg, um seine Tochter zu suchen. Aus dem Passe wußte er, daß der Rittmeister Minsky von Smolensk nach Petersburg reiste. Der Kutscher, welcher ihn gefahren hatte, sagte, Dunja habe den ganzen Weg geweint, doch sei es ihm vorgekommen, als sei sie mit der Flucht einverstanden gewesen. »Vielleicht«, dachte der Postmeister, »bringe ich mein verirrtes Schäfchen wieder nach Hause.« Mit diesem Gedanken kam er in Petersburg an, bezog das Haus eines verabschiedeten Unteroffiziers, seines alten Kameraden, und begann nachzuforschen. Es dauerte nicht lange, so erfuhr er, daß der Rittmeister sich wirklich in Petersburg aufhalte und im Hotel Demutow wohne. Der Postmeister beschloß, zu ihm zu gehen. Am frühen Morgen stand er im Vorzimmer und bat, der Exzellenz zu melden, ein alter Soldat wünsche sie zu sprechen. Der Diener, der gerade Stiefel putzte, erklärte, sein Herr schlafe noch und werde vor elf Uhr niemanden vorlassen. Der Postmeister ging fort, kam aber zur bestimmten Zeit wieder. Minsky erschien in einem Schlafrock und einer roten Mütze. »Was willst du denn, Bruder?« fragte er. Das Herz des Greises schlug zum Zerspringen. Tränen rollten aus seinen Augen, und mit zitternder Stimme sprach er: »Euer Exzellenz, erweisen Sie mir ein großes Zeichen der Gnade!« Minsky blickte auf, wurde rot, ergriff seine Hand, führte ihn in sein Zimmer und schloß die Tür. »Euer Exzellenz«, fuhr der Greis fort, »was vom Wagen gefallen, ist verloren. Geben Sie mir wenigstens meine arme Dunja wieder, Sie haben sich ja nun an ihr erfreut. Lassen Sie meine Töchter nicht zugrunde gehen.« – »Das Geschehene läßt sich nicht ungeschehen machen«, sagte der junge Mann in großer Verlegenheit. »Wohl bin ich schuldig und muß dich um Verzeihung bitten. Aber glaube mir, ich konnte nicht von Dunja lassen. Sie wird glücklich sein, darauf gebe ich dir mein Ehrenwort. Was willst du mit ihr? Sie liebt mich, ist ganz aus ihrem früheren Leben herausgewachsen, und weder du noch sie wird vergessen, was geschehen ist.« Darauf steckte er dem Postmeister etwas in den Ärmel, öffnete die Tür, und ehe er sich's versah, stand der Postmeister plötzlich wieder auf der Straße. Lange stand er da. Endlich bemerkte er unter seinem Ärmelaufschlag eine Papierrolle. Er nahm sie heraus und entfaltete einige Rubelscheine. Aus seinen Augen rannen wieder Tränen, es waren Tränen der Entrüstung. Er knüllte die Papiere zusammen, warf sie zur Erde, trat sie mit den Stiefeln und ging davon. Nach wenigen Schritten aber besann er sich wieder und kehrte um. Allein die Geldscheine waren schon weg. Nur noch einmal wollte er seine arme Dunja sehen, bevor er wieder zu seiner Station fand. Darum ging er zwei Tage später wieder zu Minsky. Allein der Bedienstete sagte, sein Herr empfange niemanden, stieß ihn zum Hause hinaus und schlug ihm die Tür vor der Nase zu. Am selben Abend ging er zur Kirche und ließ ein Te Deum singen. Plötzlich jagte eine elegante Droschke an ihm vorüber, und er erkannte Minsky. Vor einem großen Hause wurde gehalten. Der Husar eilte die Treppe hinauf. Da kam dem Postmeister ein glücklicher Gedanke. Er kehrte um, stellte sich zum Kutscher und fragte ihn: »Wem gehört das Pferd, Bruder? Dem Minsky, nicht wahr?« – »Ja, freilich«, antwortete der Kutscher, »aber was geht es dich an?« – »Das geht mich wohl an, dein Herr hat mir aufgetragen, seiner Dunja ein Briefchen zu bringen, und ich habe vergessen, wo sie wohnt.« – »Hier in der zweiten Etage. Du hast dich aber verspätet, Bruder, er ist jetzt selbst bei ihr.« – »Das schadet nichts«, antwortete der Postmeister ängstlich. »Ich danke dir, daß du mich auf den rechten Weg gebracht hast, ich werde meinen Auftrag schon besorgen.« Und so stieg er die Treppe hinauf. Die Tür war verschlossen. Er klingelte; einige Sekunden vergingen in peinlicher Erwartung. Da knarrte der Schlüssel, die Tür öffnete sich. »Wohnt denn Awodotja Samsonowa hier?« fragte er. »Ja«, antwortete ein junges Mädchen, »was willst du aber von ihr?« Ohne zu antworten, betrat der Postmeister den Saal. »Du kannst nicht zu ihr, sie hat Gäste«, schrie das Dienstmädchen. Allein der Postmeister beachtete ihre Rede nicht und ging weiter. Die beiden ersten Zimmer waren dunkel und erst das dritte erleuchtet. Er trat der offenen Tür näher und blieb dann stehen. Im reich geschmückten Zimmer saß Minsky, in Gedanken versunken; Dunja aber, angetan mit aller Modepracht, saß auf der Armstütze des Lehnstuhls wie eine Reiterin auf englischem Sattel. Zärtlich blickte sie ihren Minsky an und wickelte seine schwarzen Locken um ihren Finger. O, der arme Postmeister! Noch nie war ihm seine Dunja so schön vorgekommen. Ohne es zu wollen, mußte er sie anstaunen. »Wer ist da?« fragte sie, ohne das Köpfchen zu heben. Der Vater schwieg. Weil sie keine Antwort erhielt, blickte sie auf und fiel mit einem Schrei auf den Teppich. Minsky sprang erschrocken empor, um sie aufzuheben. Doch als er den Postmeister gewahrte, stürzte er vor Wut zitternd auf diesen los. »Was schleichst du hinter mir her wie ein Räuber?« donnerte er ihn zähneknirschend an. »Willst du mich ermorden? Fort mit dir!« – Und mit nerviger Faust ergriff er den Greis und stieß ihn die Treppe hinab. Der Alte kam in sein Quartier. Der Freund riet ihm, zu klagen. Allein das wollte er nicht. Zwei Tage später reiste er von Petersburg ab und versah seinen Posten auf der Station wie vorher. »Es ist jetzt schon das dritte Jahr« – schloß er –, »daß ich ohne Dunja lebe, und man hört und sieht nichts von ihr. Gott mag wissen, ob sie noch lebt oder tot ist. Das ist nichts Neues. Sie ist nicht die erste und nicht die letzte, die ein durchreisender Lump verführte und dann verließ. In Petersburg gibt es ja viele solcher Törinnen; heute in Samt und Seide, und morgen kehren sie die Straßen in tiefster Armut. Wenn ich bisweilen daran denke, daß auch meiner Dunja ein solches Los zugefallen ist, dann wünsche ich mir freilich lieber den Tod, wenn dieser Wunsch auch eine Sünde ist!« Das war die Geschichte meines Freundes, eine Geschichte, die mehr als einmal durch Tränen unterbrochen wurde, die er mit dem Rockzipfel abtrocknete. Wenn auch diese Tränen zum Teil durch den Punsch entstanden waren – denn er hatte fünf Gläser getrunken –, so rührten sie doch stark mein Herz, und nach der Trennung konnte ich den armen Postmeister gar lange nicht vergessen, und lange Zeit dachte ich an Dunja. Erst neulich, als ich wieder durch das Dorf fuhr, erinnerte ich mich seiner. Ich erfuhr, daß jene Station nicht mehr existierte. Auf meine Frage, ob der alte Postmeister noch am Leben sei, konnte mir niemand Antwort geben. So beschloß ich, die bekannte Gegend zu besuchen. Ich nahm die Pferde und fuhr nach dem Dorf. Es war im Herbst. Graue Wolken bedeckten den Himmel, ein kalter Wind wehte über die kahlen Felder und blies rote und gelbe Blätter von den Bäumen. Die Sonne ging gerade unter, als ich ins Dorf kam. Am Posthaus machte ich halt. Eine beleibte Frau erschien im Flur, wo Dunja mich einst küßte, und auf meine Frage nach dem alten Postmeister entgegnete sie, er sei schon ein Jahr tot. In seinem Hause aber habe sich ein Bierbrauer angesiedelt und sie sei dessen Frau. Die vergebliche Fahrt für sieben Rubel reute mich. »Woran ist er gestorben?« fragte ich die Frau. »Er hat sich zu Tode getrunken«, war die Antwort. »Wo liegt er begraben?« – »Hinter dem Zaune neben seiner Hausfrau.« – »Kann mich jemand an sein Grab führen?« – »Warum nicht! He, Johann! Hör' doch auf, dich mit der Katze herumzuschleppen. Führe den Herrn da zum Kirchhof und zeig' ihm das Grab des Postmeisters.« Bei diesen Worten kam ein zerlumpter rothaariger Junge herbei und führte mich zum Friedhof. »Hast du den Verstorbenen gekannt?« fragte ich ihn auf dem Wege. »Warum sollte ich ihn nicht gekannt haben? Er hat mir ja gezeigt, wie man Pfeifen schneidet. Gott gebe ihm Frieden! Wenn er aus der Schenke kam, liefen wir hinter ihm her und schrien: ›Großväterchen, Großväterchen, Nüsse?‹ Und er teilte sie unter uns. Immer spielte er mit uns.« »Denken denn die Reisenden noch an ihn?« »Jetzt kommen nur wenige hier vorbei. Bisweilen fährt ein Gerichtsassessor hierher, aber der kümmert sich nicht um die Toten. Diesen Sommer kam eine Dame vorüber, sie erkundigte sich nach ihm und besuchte sein Grab.« »Wer war die Dame?« fragte ich neugierig. »Eine schöne Dame«, antwortete der Junge, »sie fuhr in einem Wagen mit sechs Pferden, hatte drei kleine Herrchen bei sich, eine Amme und einen schwarzen Hund, und als man ihr sagte, daß der alte Postmeister gestorben sei, weinte sie und sprach zu den Kindern: ›Bleibt ruhig, ich will auf den Kirchhof gehen.‹ Ich bot mich zum Führer an. Aber sie sagte: ›Ich kenne den Weg schon‹, und gab mir fünf Silber-Kopeken. Die gute Dame!« Wir langten auf dem Kirchhofe an; es war ein öder Platz mit hölzernen Kreuzen. In meinem ganzen Leben hatte ich nie einen so traurigen Kirchhof gesehen. »Hier ist sein Grab!« sagte der Junge und sprang auf einen Sandhügel, in dem ein schwarzes Kreuz mit einem eisernen Heiligenbild eingegraben war. »Und die Dame war auch hier?« fragte ich. »Ja«, sagte Johann. »Ich betrachtete sie aus der Ferne. Sie hat sich hier niedergeworfen und blieb eine lange Zeit liegen. Dann ging sie ins Dorf zurück, rief den Priester, gab ihm Geld und mir fünf Silber-Kopeken. Eine nette Dame!« Auch ich gab dem Jungen fünf Kopeken, und die Fahrt reute mich nun nicht mehr, auch nicht die sieben Rubel, die sie gekostet hatte. Dubrowskij Vor Jahren lebte ein Herr vom alten russischen Schlag auf seinen Gütern, Kirila Petrowitsch Trojekurow. Sein Reichtum, seine Abstammung aus einer der ersten Familien und die guten Verbindungen bewirkten, daß er in dem Gouvernement eine wichtige Rolle spielte. Von seiner Umgebung verwöhnt und von Natur temperamentvoll, ließ er sich völlig gehen und gab jedem Einfall seines beschränkten Geistes hemmungslos nach. Seine Nachbarn fügten sich bereitwillig seinen Launen; die Beamten zitterten schon bei seinem Namen. Kirila Petrowitsch nahm alle diese Zeichen der Unterwürfigkeit als den ihm gebührenden Tribut hin. Sein Haus wimmelte von Gästen, die bereit waren, dem adeligen Müßiggänger die Zeit zu vertreiben und an seinen tollen Vergnügungen teilzunehmen. Niemand wagte es, seine Einladungen abzulehnen oder an einem bestimmten Tage nicht mit der gebührenden Ehrfurcht in seinem Dorfe Pokrowskoje zu erscheinen. Kirila Petrowitsch war ein sehr gastfreier Mann. Trotz seiner ungewöhnlichen körperlichen Leistungsfähigkeit litt er mindestens zweimal in der Woche an den Folgen seiner Trunkenheit und war jeden Abend angeheitert. Selten entgingen die Mägde den lüsternen Anschlägen des Fünfzigjährigen. Außerdem lebten in einem Flügel seines Hauses sechzehn Mägde, die mit Handarbeiten beschäftigt waren. Die Fenster dieses Flügels hatten Holzgitter, die Türen Schlösser. Die Schlüssel dazu hatte Kirila Petrowitsch selbst in Verwahrung. Die jungen Gefangenen gingen zu bestimmten Stunden unter der Aufsicht zweier alter Frauen im Garten spazieren. Von Zeit zu Zeit verheiratete Kirila Petrowitsch einige von ihnen, und neue traten an deren Stelle. Mit den Bauern und Dienstboten ging er streng um, aber dennoch waren sie ihm ergeben. Sie prahlten mit Reichtum und Ansehen ihres Herrn und nahmen sich ihrerseits den Nachbarn gegenüber allerhand heraus. Die Hauptbeschäftigung des Herrn von Pokrowskoje bestand im Herumfahren auf seinen weitläufigen Besitzungen, in ausgedehnten Gelagen und Streichen, deren er täglich neue erfand. Ab Opfer suchte er sich in der Regel einen neuen Bekannten. Freilich entgingen ihm auch die alten Freunde nicht immer: nur Andreij Gawrilowitsch Dubrowskij war davon ausgenommen. Dubrowskij, ein ehemaliger Gardeleutnant, war sein nächster Nachbar, der ein Gut mit siebzig Seelen besaß. Trojekurow, der selbst Personen höchsten Standes gegenüber äußerst hochmütig war, schätzte Dubrowskij trotz seines bescheidenen Vermögens sehr hoch. Sie waren einst Regimentskameraden gewesen, und Trojekurow kannte aus Erfahrung das empfindliche und entschlossene Wesen seines Freundes. Das ruhmvolle Jahr 1762 hatte die beiden für lange getrennt. Trojekurow, ein Verwandter der Fürstin Daschkow, stieg im Rang immer höher, während Dubrowskij seiner zerrütteten Vermögensverhältnisse wegen den Abschied nehmen und sich auf das ihm noch verbliebene Dorf zurückziehen mußte. Als Kirila Petrowitsch davon erfuhr, bot er ihm seine Protektion an, aber Dubrowskij lehnte dankend ab. Er blieb arm, aber unabhängig. Einige Jahre später kam Trojekurow als abgedankter General auf sein Gut. Die beiden Kameraden sahen sich wieder und freuten sich. Seit dieser Zeit kamen sie täglich zusammen, und Kirila Petrowitsch, der sein Leben lang niemanden mit seinem Besuch beehrt hatte, fuhr ohne Umstände zu dem Häuschen seines alten Kameraden. Als Altersgenossen, im gleichen Stande geboren und gemeinsam erzogen, waren sie bis zu einem gewissen Grad einander auch im Charakter und in ihren Neigungen ähnlich. In mancher Hinsicht hatten sie auch das gleiche Schicksal: beide hatten aus Liebe geheiratet, beide verloren bald ihre Frauen durch den Tod, und beiden blieb nur ein Kind. Der Sohn Dubrowskijs wurde in Petersburg erzogen, die Tochter des Kirila Petrowitsch wuchs unter den Augen des Vaters auf. Oft sagte Trojekurow zu Dubrowskij: »Höre, Bruder Andreij Gawrilowitsch, wenn aus deinem Wolodijka etwas wird, werde ich ihm meine Mascha geben, wenn er auch arm ist wie eine Kirchenmaus.« Aber Andreij Gawrilowitsch antwortete darauf gewöhnlich kopfschüttelnd: »Nein, Kirila Petrowitsch, mein Wolodijka ist kein Bräutigam für deine Mascha. Ein armer Adeliger wie er heiratet besser ein armes Edelfräulein und bleibt Herr im Hause, als daß er der Verwalter eines verwöhnten Frauenzimmers wird.« Alle sahen mit Neid auf das gute Verhältnis zwischen Trojekurow und seinem Nachbarn und wunderten sich über den Freimut Dubrowskijs, wenn er am Tische von Kirila Petrowitsch oft seine Meinung geradeheraus sagte, ohne Rücksicht darauf, ob sie der des Gastgebers widersprach. Einige hatten zwar den Versuch gemacht, ihn nachzuahmen und aus der pflichtgemäßen Unterwürfigkeit herauszugehen, aber Kirila Petrowitsch hatte sie sofort dermaßen eingeschüchtert, daß ihnen ein für allemal die Lust zu solchen Versuchen vergangen war. Dubrowskij blieb der einzige, der außerhalb des allgemeinen Gesetzes stand. Ein unverhoffter Zufall zerstörte und änderte alles. Eines Tages, zu Beginn des Herbstes, bereitete Kirila Petrowitsch einen Jagdzug in ein weit entferntes Jagdgebiet vor. Tags zuvor hatten die Hundeaufseher und Reitknechte den Befehl erhalten, um fünf Uhr morgens bereitzustehen. Ein Zelt und eine Küche waren an den Ort vorausgeschickt worden, wo Kirila Petrowitsch zu Mittag speisen wollte. Der Jagdherr und seine Gäste gingen in den Hundezwinger, wo mehr als fünfhundert Hetz- und Windhunde behaglich und warm lebten und in ihrer Hundesprache die Großzügigkeit des Kirila Petrowitsch priesen. Hier war auch ein Lazarett für kranke Hunde, das der Aufsicht des Stabsveterinärs Timoschka unterstand. In einer weiteren Abteilung warfen die Hündinnen und säugten ihre Jungen. Kirila Petrowitsch war auf dieses herrliche Hundeheim sehr stolz und versäumte keine Gelegenheit, sich damit vor seinen Gästen zu brüsten, obwohl jeder von diesen es mindestens schon zwanzigmal besichtigt hatte. Inmitten seiner Gäste und in Begleitung von Timoschka und den Hundewärtern schritt er im Zwinger auf und ab, blieb vor einzelnen Abteilungen stehen, erkundigte sich nach dem Befinden der kranken Hunde, machte mehr oder minder strenge und gerechte Bemerkungen, rief vertraute Hunde zu sich und sagte ihnen schmeichelnde Worte. Die Gäste hielten sich für verpflichtet, den Hundezwinger des Kirila Petrowitsch zu bewundern, nur Dubrowskij schwieg mit mürrischer Miene. Er war ein leidenschaftlicher Jäger, aber seine Vermögensverhältnisse erlaubten ihm nicht, mehr als zwei Hetzhunde und eine Windhündin zu halten, so daß ihn beim Anblick dieses herrlichen Hundezwingers unwillkürlich ein Gefühl des Neides überkam. »Warum so verdrossen, Bruder?« fragte Ihn Kirila Petrowitsch. »Oder gefällt dir etwa mein Hundezwinger nicht?« »Doch«, antwortete Dubrowskij barsch, »der Zwinger ist wunderbar; Ihre Leute werden wohl kaum ein so schönes Leben haben wie Ihre Hunde.« Einer von den Hundewärtern fühlte sich durch diese Äußerung gekränkt und sagte: »Wir haben dank Gott und unserem Herrn keinen Grund zu klagen; aber das ist wahr, daß es für manchen Edelmann gar nicht schlecht wäre, seinen Hof mit einer von den hiesigen Hundehütten zu vertauschen: er bekäme mehr zu essen und hätte es wärmer.« Kirila Petrowitsch lachte bei dieser frechen Bemerkung seines Sklaven laut auf, und die Gäste lachten pflichtschuldig mit, obwohl sie die Empfindung hatten, daß der Scherz des Hundewärters auch auf sie gemünzt sein konnte. Dubrowskij war bleich geworden und sagte kein Wort. In diesem Augenblick brachte man Kirila Petrowitsch in einem Körbchen neugeborene Hunde. Er betrachtete sie, wählte zwei davon aus und befahl, die anderen zu ertränken. Inzwischen war Andreij Gawrilowitsch verschwunden, ohne daß jemand etwas davon gemerkt hätte. Als Kirila Petrowitsch mit seinen Gästen vom Hundezwinger zurückkehrte, setzte er sich zum Abendessen nieder und fragte nach Dubrowskij, dessen Abwesenheit er erst jetzt bemerkte. Man antwortete ihm, Dubrowskij sei nach Hause gefahren. Trojekurow befahl, ihm sofort nachzufahren und ihn unbedingt zum Umkehren zu veranlassen. Er war nämlich noch nie ohne Dubrowskij auf die Jagd gefahren, weil er ein erfahrener, ausgezeichneter Hundekenner und ein unfehlbarer Schiedsrichter in allen möglichen Jagdstreitigkeiten war. Der Diener, der ihm nachgaloppierte, kam zurück, als noch alles bei Tisch saß, und meldete seinem Herrn, daß Andreij Gawrilowitsch sozusagen den Gehorsam verweigert habe und nicht zurückkommen wolle. Kirila Petrowitsch, der wie gewöhnlich schon vom Schnaps erhitzt war, wurde böse. Er schickte den gleichen Diener nochmals fort und ließ Andreij Gawrilowitsch sagen, wenn er nicht sofort nach Pokrowskoje zurückkomme und dort übernachte, so sei das Tischtuch zwischen ihnen für immer zerschnitten. Der Diener galoppierte wieder fort. Kirila Petrowitsch erhob sich vom Tisch, entließ die Gäste und ging zu Bett. Am anderen Tage war seine erste Frage: »Ist Andreij Gawrilowitsch da?« Darauf überreichte man ihm einen dreieckig zusammengefalteten Brief. Kirila Petrowitsch befahl seinem Schreiber, ihn laut vorzulesen, und vernahm folgendes: »Mein gnädigster Herr! Ich bin entschlossen, so lange nicht nach Pokrowskoje zu kommen, bis Sie Ihren Hundewärter Paramoschka mit einem Schuldgeständnis zu mir geschickt und es meinem Willen überlassen haben, ihn zu bestrafen oder zu begnadigen. Ich bin nicht gewillt, von Ihren Sklaven Sticheleien einzustecken, und werde mir das auch von Ihnen nicht bieten lassen, denn ich bin kein Hanswurst, sondern ein Edelmann aus altem Geschlecht. Damit verbleibe ich Ihr ergebenster Andreij Dubrowskij.« Nach den heutigen Begriffen von Etikette wäre ein solcher Brief durchaus unziemlich. Aber er erzürnte Kirila Petrowitsch nicht durch das Absonderliche des Stils und der Ausdrucksweise, sondern nur durch seinen Inhalt. »Wie«, schrie Trojekurow, barfuß aus dem Bett springend, »ich soll meine Leute mit einem Schuldbekenntnis zu ihm schicken! Es soll seinem freien Willen überlassen sein, sie zu bestrafen oder zu begnadigen! Ja, was fällt ihm denn da eigentlich ein? Weiß er nicht, mit wem er es zu tun hat? Aber ich werde es ihm zeigen! Er wird sich bei mir noch ausweinen! Er wird erfahren, was das heißt, mit Trojekurow anzubinden!« Sogleich kleidete sich Trojekurow an und fuhr mit gewohntem großen Aufzug auf die Jagd. Aber diese verlief schlecht. Den ganzen Tag sah man nur einen Hasen, und nicht einmal dieser wurde gefangen. Das Mittagessen im Freien unter dem Zelt war ebenfalls mißlungen oder mindestens nicht nach dem Geschmack von Kirila Petrowitsch. Er verprügelte den Koch, beschimpfte seine Gäste und nahm heimwärts mit seinem ganzen Troß absichtlich den Weg über die Felder Dubrowskijs. Es vergingen einige Tage, aber die Feindschaft zwischen den beiden Nachbarn legte sich nicht. Andreij Gawnilowitsch kam nicht mehr nach Pokrowskoje. Kirila Petrowitsch langweilte sich ohne ihn, und er machte seinem Ärger in den beleidigendsten Ausdrücken Luft, die dank dem Eifer der dortigen Adeligen Dubrowskij in noch verstärkter Fassung hinterbracht wurden. Ein neuer Umstand vernichtete auch die letzte Hoffnung auf eine Versöhnung. Dubrowskij fuhr eines Tages auf seiner kleinen Besitzung herum. Als er sich dabei einem Birkenwäldchen näherte, hörte er Axthiebe und eine Minute später das Krachen eines stürzenden Baumes. Er eilte auf den Platz zu und traf auf Bauern aus Pokrowskoje, die in aller Gemütsruhe in seinem Wald Holz stahlen. Als sie ihn kommen sahen, ergriffen sie die Flucht, aber Dubrowskij und sein Kutscher fingen zwei von ihnen ab und brachten sie gefesselt auf seinen Hof. Drei feindliche Pferde fielen ebenfalls dem Sieger als Beute zu. Dubrowskij war aufs äußerste erzürnt, denn bisher hatte keiner der als Räuber berüchtigten Bauern von Pokrowskoje es gewagt, auf seinem Gebiet zu plündern, da ihnen seine guten Beziehungen zu ihrem Herrn bekannt waren. Nun sah Dubrowskij, daß sie aus dem Zerwürfnis Nutzen zogen, und beschloß, entgegen allen Begriffen von Kriegsrecht, seinen Gefangenen mit denselben Ruten eine Lehre zu erteilen, von denen sie sich in seinem Wald einen Vorrat hergerichtet hatten. Ihre Pferde reihte er seiner Herde ein; sie sollten bei der Arbeit Verwendung finden. Die Kunde von diesem Zwischenfall gelangte noch am selben Tag zu den Ohren von Kirila Petrowitsch. Er geriet außer sich uhd beschloß im ersten Augenblick seines Zornes, mit allen seinen Hofleuten einen Überfall auf Kistenjewka (so hieß das Dorf seines Nachbarn) zu unternehmen. Er wollte es dem Erdboden gleichmachen und den Gutsbesitzer selbst auf seinem Wohnsitz einschließen. Solche Heldentaten waren bei ihm nichts Außergewöhnliches, aber seine Gedanken nahmen bald eine andere Richtung. Als er im Saal mit schweren Tritten auf und ab stolzierte, schaute er einmal zufällig zum Fenster hinaus und sah ein am Tor haltendes Dreigespann stehen. Ein kleiner Mann in Ledermütze und Friesmantel stieg aus und begab sich in den Seitenbau zum Verwalter. Trojekurow erkannte in ihm den Assessor Schabaschkin und ließ ihn zu sich rufen. Schon nach einer Minute stand Schabaschkin vor Kirila Petrowitsch, machte eine Verbeugung um die andere und wartete unterwürfig auf seine Befehle. »Guten Tag... wie heißt du eigentlich?« sagte Trojekurow. »Warum kommst du hierher?« »Ich fahre in die Stadt, Exzellenz«, antwortete Schabaschkin, »und bin bei Iwan Demjanow vorgefahren, um zu fragen, ob er irgendeinen Befehl Eurer Exzellenz für mich hat.« »Du kommst gerade im rechten Augenblick... na,wie heißt du denn? Ich brauche dich. Da, trink einen Schnaps und höre zu.« Dieser liebenswürdige Empfang war eine Überraschung für den Assessor. Er verzichtete auf den Schnaps und begann mit gespanntester Aufmerksamkeit den Ausführungen von Kirila Petrowitsch zuzuhören. »Ich habe da einen Nachbarn«, sagte Trojekurow, »einen Grobian, dem ich sein Gut wegnehmen will... wie denkst du darüber?« »Wenn irgendwelche Dokumente vorhanden sind, Eure Exzellenz ...« »Quatsch, mein Lieber, wozu brauchst du Dokumente? Dafür gibt es Gesetze. Darin besteht ja die Macht, daß man jedem ohne jedes Recht sein Gut wegnehmen kann. Aber warte! Dieses Gut hat einst uns gehört. Es ist seinerzeit von einem gewissen Spyzin gekauft und dann an den Vater von Dubrowskij verkauft worden. Könnte man da nicht einhaken?« »Schwerlich, Exzellenz, denn wahrscheinlich ist dieser Verkauf genau nach Gesetz und Recht erfolgt.« »Denk nach, Freund, und überlege dir die Sache genau.« »Wenn Eure Exzellenz beispielsweise von Ihrem Nachbarn auf irgendeine Art eine Urkunde bekommen könnten, kraft deren er rechtmäßiger Besitzer seines Gutes ist, dann natürlich...« »Ich verstehe, aber das ist ja der Jammer, bei einem Brand sind alle Papiere vernichtet worden.« »Wie, Exzellenz, die Papiere sind verbrannt? Was wollen Sie noch mehr! In diesem Fall geruhen Sie nur gemäß den Gesetzen vorzugehen, und es steht außer jedem Zweifel, daß Sie vollauf befriedigt werden.« »Glaubst du? Also gut, sieh zu, ich rechne auf deine Unterstützung, und du kannst von meiner Dankbarkeit überzeugt sein.« Schabaschkin verneigte sich beinahe bis zur Erde und entfernte sich. Noch am gleichen Tag begann er in dieser Sache Schritte zu unternehmen, und dank seiner Gewandtheit bekam Dubrowskij schon nach zwei Wochen aus der Stadt die Aufforderung, unverzüglich die erforderlichen Erklärungen abzugeben, da von dem General Trojekurow eine Klage betreffs seines unrechtmäßigen Besitzes des Dörfchens Kistenjewka eingereicht worden sei. Andreij Gawrilowitsch, den diese unerwartete Aufforderung aufs höchste überraschte, schrieb noch am gleichen Tag eine ziemlich grobe Antwort, in der er erklärte, daß ihm das Dorf Kistenjewka beim Tode seines seligen Vaters als Erbe zugefallen sei. Gemäß Anerbenrecht sei er der rechtmäßige Besitzer und Trojekurow habe damit überhaupt nichts zu schaffen. Jeder fremde Anspruch auf dieses sein Eigentum sei Schikane und Gaunerei. Dubrowskij hatte keinerlei Erfahrung im Prozessieren. Er folgte meistens dem gesunden Menschenverstand, der aber selten zuverlässig und fast immer unzulänglich ist. Dieser Brief machte auf den Assessor Schabaschkin einen sehr angenehmen Eindruck, denn erstens sah er daraus, daß Dubrowskij von Prozessen sehr wenig verstand, und zweitens, daß es nicht schwer sein werde, einen so hitzigen und unüberlegten Mann in die ungünstigste Lage zu versetzen. Die Sache begann sich in die Länge zu ziehen. Von seinem Recht überzeugt, kümmerte sich Andreij Gawrilowitsch nicht viel darum. Er empfand weder Lust, noch hatte er die Möglichkeit, mit Geld herumzuwerfen. Er machte sich sogar über das käufliche Gewissen der Federfuchser lustig, und der Gedanke, er könnte etwa das Opfer einer Verleumdung werden, kam ihm gar nicht in den Sinn. Aber auch Trojekurow beschäftigte sich seinerseits ebensowenig mit dem von ihm begonnenen Prozeß und dachte nicht daran, ihn zu gewinnen. Schabaschkin war sein Vertreter, der in seinem Namen handelte, die Richter bestach und die Gesetze nach allen Richtungen drehte und wendete. Wie dem auch sei, am 9. Februar des Jahres 18.. empfing Dubrowskij durch die städtische Polizei in N. die Vorladung, vor dem Kreisgericht zur Verkündung des Urteils in Sachen des zwischen ihm, dem Leutnant Dubrowskij, und dem General Trojekurow umstrittenen Gutes zu erscheinen und durch seine Unterschrift die Annahme oder Ablehnung des Urteils zu bestätigen. Dubrowskij begab sich noch am gleichen Tage in die Stadt. Unterwegs überholte ihn Trojekurow. Sie sahen einander hochmütig an, und Dubrowskij bemerkte ein boshaftes Lächeln im Gesicht seines Gegners. Nach seiner Ankunft in der Stadt stieg Andreij Gawrilowitsch bei einem ihm bekannten Kaufmann ab, übernachtete dort und begab sich am anderen Morgen in die Sitzung des Kreisgerichts. Kein Mensch kümmerte sich um ihn. Bald nach ihm traf auch Kirila Petrowitsch ein. Da standen die Schreiber auf und steckten die Federn hinter die Ohren, die Beisitzer empfingen ihn mit dem Ausdruck tiefster Ergebenheit und schoben ihm aus Achtung vor seinem Rang und seinem Alter einen Sessel hin. Er ließ sich nieder, während Andreij Gawrilowitsch an die Wand gelehnt stand. Tiefe Stille trat ein. Der Sekretär verlas mit lauter Stimme die gerichtliche Entscheidung. Als der Beamte fertig war, erhob sich der Assessor und wandte sich mit einer tiefen Verbeugung an Trojekurow mit dem Ersuchen, das ihm vorgelegte Schriftstück zu unterzeichnen. Triumphierend nahm er die Feder und bestätigte mit seiner Unterschrift seine vorbehaltlose Zustimmung zu dem Gerichtsbeschluß, der ihm Kistenjewka zusprach. Jetzt kam die Reihe an Dubrowskij. Der Sekretär legte ihm das Protokoll vor, aber er blieb mit gesenktem Haupt unbeweglich stehen. Der Sekretär wiederholte seine Aufforderung, »sein vollkommenes und uneingeschränktes Einverständnis oder seine deutliche Ablehnung unterschriftlich zu bestätigen, falls er wider Erwarten nach bestem Gewissen die Meinung habe, daß seine Sache eine gerechte und er entschlossen sei, innerhalb der gesetzlichen Frist bei dem zuständigen Gericht Berufung einzulegen«. Dubrowskij sagte kein Wort... Auf einmal erhob er den Kopf, seine Augen funkelten, er stampfte mit dem Fuß und versetzte dem Sekretär einen derartigen Stoß, daß er hinfiel. Dann ergriff er das Tintenfaß und schleuderte es auf den Assessor. Mit wuterstickter Stimme schrie er: »Wie, Gottes Kirche schänden! Fort mit euch, ihr gemeines Gesindel!« Dann wandte er sich an Kirila Petrowitsch: »Hat man je so etwas gehört, Eure Exzellenz, daß die Hundepfleger Hunde ins Gotteshaus führen! Daß Hunde in der Kirche herumlaufen! Ich werde es euch schon zeigen!« Alles war entsetzt. Die Wächter kamen auf den Lärm hin gelaufen und konnten ihn nur mit Mühe überwältigen. Man führte ihn hinaus und setzte ihn in seinen Schlitten. Trojekurow ging in Begleitung des ganzen Gerichtspersonals hinter ihm her. Der plötzliche Nervenzusammenbruch Dubrowskijs hatte einen tiefen Eindruck auf sein Gemüt gemacht und ihm die Freude an seinem Sieg vergällt. Die Richter, die auf seine Dankbarkeit gerechnet hatten, bekamen kein freundliches Wort von ihm zu hören. Er begab sich sofort nach Pokrowskoje, im geheimen von seinem Gewissen gequält und ohne die Befriedigung seiner Rache voll genossen zu haben. Dubrowskij lag inzwischen im Bett. Der Kreisarzt (zum Glück kein unwissender Rohling) hatte Zeit gefunden, ihn zur Ader zu lassen, ihm Blutegel und spanische Fliegen anzulegen. Abends besserte sich sein Zustand, und am anderen Tage überführte man ihn nach Kistenjewka, das ihm schon beinahe nicht mehr gehörte.   Es vergingen einige Wochen, aber der Gesundheitszustand des armen Dubrowskij hatte sich nicht gebessert. Er bekam zwar keine Tobsuchtsanfälle mehr, aber seine Kräfte nahmen zusehends ab. Er dachte gar nicht mehr an seine frühere Beschäftigung, verließ nur selten das Zimmer und verbrachte ganze Tage und Nächte in tiefem Nachsinnen. Jegorowna, eine gute Alte, die einst seinen Sohn gepflegt hatte, wurde jetzt seine Kinderfrau. Sie gab auf ihn acht wie auf ein kleines Kind, erinnerte ihn an die Zeiten des Essens und Schlafens, fütterte ihn und brachte ihn zu Bett. Andreij Gawrilowitsch folgte ihr und kam außer mit ihr mit keinem Menschen in Berührung. Er war unfähig, an seine Geschäfte zu denken oder Anordnungen in seinem landwirtschaftlichen Betrieb zu geben, so daß Jegorowna die Notwendigkeit erkannte, den jungen Dubrowskij von allem zu benachrichtigen. Dieser diente in einem Garde-Infanterieregiment und befand sich zu jener Zeit in Petersburg. Und so riß sie aus ihrem Ausgabenbuch ein Blatt heraus und diktierte dem Koch Chariton, der in Kistenjewka als einziger des Lesens und Schreibens kundig war, einen Brief, den sie noch am gleichen Tage in die Stadt zur Post schickte. Aber jetzt ist es Zeit, den Leser mit dem eigentlichen Helden unserer Erzählung bekannt zu machen. Wladimir Dubrowskij war im Kadettenkorps erzogen und als Fähnrich zur Garde entlassen worden. Sein Vater scheute keine Opfer für einen standesgemäßen Unterhalt, und der junge Mann erhielt von zu Hause mehr, als er eigentlich hätte erwarten dürfen. Da er unüberlegt und ehrgeizig war, gestattete er sich kostspielige Liebhabereien, er spielte Karten und machte Schulden, ohne sich um die Zukunft zu kümmern. Nur flüchtig dachte er zuweilen, daß er früher oder später einmal eine reiche Erbin werde heiraten müssen. Eines Abends, als einige Offiziere bei ihm saßen und auf einem Sofa sich räkelnd aus seinen Bernsteinpfeifen rauchten, übergab ihm sein Kammerdiener Grischa einen Brief, dessen Adresse und Siegel dem jungen Mann höchst auffallend vorkamen. Er öffnete den Brief rasch und las: »Du unser Herr, Wladimir Andrejewitsch, ich, Deine alte Kinderfrau, erkühne mich, Dir etwas vom Gesundheitszustand Papachens mitzuteilen. Es geht ihm sehr schlecht; zuweilen redet er irre. Den ganzen Tag sitzt er da wie ein dummes Kind, aber über Leben und Tod herrscht Gottes Wille, – komme Du zu uns, mein lieber, lichter Falk, wir schicken Dir Pferde nach Pessotschnoje. Es heißt, daß das Kreisgericht zu uns kommt und uns dem Kirila Petrowitsch übergeben will – weil wir angeblich die Seinigen seien. Aber wir sind von jeher die Eurigen – und haben von Kindesbeinen auf nie etwas anderes gehört. Da Du in Petersburg bist, könntest Du davon dem Väterchen Zar berichten, er wird uns vor dem Unrecht beschützen. Bei uns regnet es schon seit zwei Wochen, und der Hirte Rodja ist um den Nikolaustag herum gestorben. Grischa schicke ich meinen mütterlichen Segen. Dient er Dir auch gut? Ich verbleibe Deine treue Sklavin und Kinderfrau Arina. Jegorowna Busyrewa. « Wladimir Dubrowskij las diese einfältigen Zeilen mehrmals hintereinander durch und geriet dabei in starke Aufregung. Er hatte schon als kleines Kind seine Mutter verloren und war im achten Lebensjahr, fast ohne seinen Vater zu kennen, nach Petersburg gebracht worden. Trotzdem verband ihn eine romantische Zuneigung mit ihm, und er liebte das Familienleben um so mehr, je weniger er dessen stille Freuden hatte genießen können. Der Gedanke, seinen Vater zu verlieren, legte sich ihm schwer aufs Herz, und die Lage des armen Kranken, die er sich nach dem Brief seiner Kinderfrau unschwer vorstellen konnte, entsetzte ihn. Er stellte sich den Vater vor, wie er in dem einsamen Dörfchen, unter den Händen der einfältigen Alten und des Gesindes geblieben, von irgendeinem Unglück bedroht und ohne Hilfe unter körperlichen und seelischen Qualen dahinsiechte. Wladimir machte sich selbst verbrecherische Nachlässigkeit zum Vorwurf. Obwohl er lange Zeit vom Vater keinerlei Nachrichten erhalten hatte, war es ihm gar nicht eingefallen, sich nach ihm zu erkundigen, in der Annahme, daß er auf Reisen oder von Angelegenheiten seines Betriebes in Anspruch genommen sei. Noch am gleichen Tag kam er um Urlaub ein, und zwei Tage später machte er sich, begleitet von seinem treuen Grischa, mit Postpferden auf die Heimreise. Wladimir Andrejewitsch näherte sich der Station, von der aus er nach Kistenjewka einbiegen mußte. Sein Herz war voll trauriger Vorahnungen: er fürchtete, den Vater nicht mehr lebend anzutreffen, er malte sich schon das düstere Bild von dem Leben aus, das ihn auf dem Dorf erwartete: Öde, Einsamkeit, Armut, mühsame Arbeit mit Dingen, von denen er keine Ahnung hatte. Nach seiner Ankunft auf der Station ging er zum Posthalter und verlangte Mietpferde. Der Posthalter, der ihn fragte, wohin er reisen wolle, teilte ihm mit, daß die Pferde aus Kistenjewka schon den vierten Tag auf ihn warteten. Bald darauf erschien der alte Kutscher Anton, der ihn einst im Stall herumgeführt und sein kleines Pferdchen versorgt hatte. Anton traten Tränen in die Augen, als er ihn sah. Er beugte sich bis zur Erde, sagte ihm, der alte Herr sei noch am Leben, und lief schnell weg, um die Pferde anzuspannen. Wladimir Andrejewitsch lehnte ein ihm angebotenes Frühstück ab und trachtete möglichst schnell weiterzukommen. Anton fuhr ihn auf Feldwegen, und es entspann sich zwischen ihnen folgendes Gespräch: »Sag mir, bitte, Anton, was ist denn zwischen meinem Vater und Trojekurow eigentlich los?« »Ach, weiß der Himmel, Väterchen Wladimir Andrejewitsch, unser Herr hat sich, wie man hört, mit Kirila Petrowitsch verkracht, und dieser hat die Sache dem Gericht übergeben – obwohl er sonst meistens sein eigener Richter ist. Es steht ja uns Knechten nicht zu, über das Tun der Herren zu entscheiden, aber, bei Gott, Ihr Väterchen hat sich Kirila Petrowitsch gegenüber nicht richtig verhalten. Mit der Peitsche kann man keine Axt durchhauen.« »Das heißt also, dieser Kirila Petrowitsch tut bei uns, was er will?« »Ganz gewiß, Herr; vor dem Assessor hat er, wie alle sagen, nicht für einen Groschen Respekt, der Kreishauptmann ist nichts als sein Laufbursche, die Herrschaften kommen angefahren, um ihm zu huldigen, mit einem Wort, wo ein Trog ist, da gibt es auch Säue.« »Ist es wahr, daß er uns das Gut wegnehmen will?« »Ach, Herr, davon haben wir auch schon gehört. Erst dieser Tage hat der Küster von Pokrowskoje beim Taufschmaus von unserem Dorfschulzen gesagt: ‹Jetzt ist Schluß mit eurer Bummelei, jetzt wird euch Kirila Petrowitsch bald richtig in die Hand nehmen.› Aber der Schmied Mikita hat zu ihm gesagt: ›Hör auf, Sawelitsch, mach den Gevatter nicht traurig und bring die Gäste nicht durcheinander. Kirila Petrowitsch ist eine Sache für sich, und Andreij Gawrilowitsch ist wieder eine Sache für sich – wir sind alle Gottes und des Zaren, und was man nicht aufhalten kann, muß man eben laufen lassen.‹« »Ihr wollt also Trojekurow nicht als Herrn bekommen?« »Trojekurow als Herr! Gott schütze und bewahre uns davor! Bei ihm haben es die eigenen Leute schon schlecht, und wenn er jetzt noch fremde dazu bekommt, so wird er ihnen nicht nur die Haut, sondern auch das Fleisch abschinden. Nein, Gott schenke Andreij Gawrilowitsch ein langes Leben, aber wenn Gott ihn zu sich nehmen sollte, so brauchen wir sonst niemanden als dich, unsern Be- schützer. Verlaß nur du uns nicht, wir werden schon zu dir stehen.« Bei diesen Worten schwang Anton die Peitsche und zerrte an den Zügeln, daß die Pferde in schnellen Trab übergingen. Gerührt von der Ergebenheit des alten Kutschers, schwieg Dubrowskij und hing seinen Gedanken nach. Es verging über eine Stunde; auf einmal weckte ihn Grischa mit dem Ausruf: »Da ist Pokrowskoje!« Dubrowskij erhob den Kopf. Er fuhr am Ufer eines großen Sees entlang, aus dem ein Flüßchen abfloß, das sich durch einen Höhenzug durchwand und sich dann in weiter Ferne verlor. Auf einer dieser Höhen ragte über dichtem Waldesgrün das grüne Dach eines riesigen steinernen Hauses empor, auf einer anderen eine Kirche mit fünf Kuppeln und einem altertümlichen Glockenturm. Um sie herum lagen zerstreut die Bauernhäuser mit ihren Gärten und Brunnen. Dubrowskij erkannte diese Örtlichkeit wieder; er erinnerte sich, daß er auf dieser Anhöhe mit der kleinen Mascha Trojekurowa gespielt hatte, die um zwei Jahre jünger war als er und schon damals eine Schönheit zu werden versprach. Er hätte sich gern bei Anton nach ihr erkundigt, aber ein Gefühl, daß dies unter den gegebenen Verhältnissen unpassend sei, hielt ihn davon ab. Als er an dem Herrenhaus vorüberfuhr, sah er zwischen den Bäumen des Gartens ein weißes Kleid aufschimmern. In diesem Augenblick hieb Anton auf die Pferde ein und fuhr mit dem allen Herrschafts- und sonstigen Kutschern eigenen Ehrgeiz im schärfsten Galopp über die Brücke und an dem Garten vorbei. Als sie aus dem Dorf herausgefahren waren, ging es bergauf, und Wladimir sah ein Birkenwäldchen und rechts davon auf einem freien Platz – ein graues Haus mit rotem Dach. Sein Herz fing an höher zu schlagen – vor ihm lag Kistenjewka und das ärmliche Vaterhaus. Zehn Minuten später fuhr er in den herrschaftlichen Hof ein. In unbeschreiblicher Erregung schaute er sich um: zwölf Jahre lang hatte er seine Heimat nicht mehr gesehen. Die kleinen Birken, die noch zu seiner Zeit am Zaune gesetzt worden waren, standen jetzt als große, weitverzweigte Bäume da. Der Hof, der damals mit drei gradlinigen Blumenbeeten geschmückt war, durch die ein breiter, sorgfältig reingehaltener Weg führte, war jetzt in eine ungemähte Wiese verwandelt, auf der ein Pferd weidete. Die Hunde bellten, als sie aber Anton erkannt hatten, verstummten sie und wedelten mit ihren struppigen Schwänzen. Die Hofleute kamen aus ihren Stuben, umringten den jungen Herrn und gaben ihrer Freude über seine Ankunft geräuschvoll Ausdruck. Nur mit Mühe konnte er sich durch die begeisterte Menge hindurchdrängen und schritt eilig die baufällige Freitreppe hinauf. Im Hausflur kam ihm Jegorowna entgegen und umarmte weinend ihren ehemaligen Zögling. »Guten Tag, guten Tag, Amme«, sagte er wiederholt und drückte die Hand der guten Alten an sein Herz. »Wie geht es dem lieben Vater? Wo ist er? Was treibt er?« In diesem Augenblick betrat ein bleicher, magerer, hochgewachsener Greis in Schlafrock und Zipfelmütze das Zimmer. Er konnte nur mühsam die Beine voreinander setzen. »Wo ist Wolodijka?« sagte er mit schwacher Stimme, und Wladimir umarmte in heißer Liebe seinen Vater. Die Freude hatte den Kranken zu sehr erschüttert. Er bekam einen Schwächeanfall, die Beine versagten, und er wäre gefallen, wenn ihn der Sohn nicht aufgefangen hätte. »Warum bist du vom Bett aufgestanden?« sagte Jegorowna zu ihm. »Er kann sich nicht auf den Beinen halten und möchte doch immer bei den Leuten sein.« Sie brachten den Alten in das Schlafzimmer. Er gab sich alle Mühe, mit dem Sohn zu sprechen, aber die Gedanken gingen ganz wirr durch seinen Kopf, so daß seine Worte keinen Sinn hatten. Dann schwieg er und verfiel in Schlummer. Wladimir war von seinem Zustand erschüttert. Er richtete sich im Schlafzimmer ein und bat, man solle ihn mit dem Vater allein lassen. Die Dienstboten gehorchten und wandten sich nun Grischa zu, den sie in die Gesindestube führten, wo sie ihn auf ländliche Art auf das gastlichste bewirteten und ihn mit Fragen und Begrüßungen ganz müde machten.   Wo eine reichgedeckte Tafel war, da steht jetzt ein Sarg. Einige Tage nach seiner Ankunft wollte der junge Dubrowskij sich der geschäftlichen Dinge annehmen, aber sein Vater war außerstande, ihm die notwendigen Erklärungen zu geben; Andreij Gawrilowitsch hatte leider auch keinen Anwalt. Als der Sohn die Papiere des Gutsherrn durchlas, fand er nur das Schreiben des Assessors und den Entwurf einer Antwort darauf. Aber daraus konnte er sich kein klares Bild über den Prozeß machen. Daher beschloß er, in der Hoffnung auf die Gerechtigkeit seiner Sache, das weitere abzuwarten. Inzwischen verschlechterte sich der Zustand Andreij Gawrilowitschs von Stunde zu Stunde. Wladimir erwartete das baldige Ende und verließ den Alten, der in völlige Kindlichkeit verfallen war, keine Minute. Indessen war auch die gesetzliche Frist abgelaufen, und Berufung war nicht eingelegt worden. Kistenjewka war somit in das Eigentum Trojekurows übergegangen. Schabaschkin erschien bei ihm und ersuchte ihn unter kriecherischen Beglückwünschungen, einen Termin zu bestimmen, wann es Seiner Exzellenz belieben würde, den Besitz des neuerworbenen Gutes anzutreten – ob er es selbst tun wolle oder jemanden mit seiner Vertretung zu beauftragen beabsichtige? Kirila Petrowitsch geriet in Verlegenheit. Er war von Natur aus nicht habgierig. Seine Rachgier hatte ihn zu weit geführt, und jetzt empfand er Gewissensbisse. Er wußte, in welchem Zustand sich sein Gegner, der alte Kamerad seiner Jugend, befand, und der Sieg machte ihm keine Freude. Er schaute Schabaschkin drohend an und suchte, wo er einhaken könnte, um ihn tüchtig zu beschimpfen, da er aber keinen genügenden Anlaß dazu finden konnte, sagte er ihm nur böse: »Pack dich fort, ich habe keine Zeit für dich!« Schabaschkin sah, daß Seine Exzellenz schlechter Laune war, und entfernte sich eiligst. Kirila Petrowitsch, der nun allein war, begann im Zimmer auf und ab zu gehen, wobei er die Melodie »Siegesdonner erschalle« vor sich hin pfiff, was bei ihm immer auf eine ungewöhnliche Erregung schließen ließ. Endlich befahl er, eine Renndroschke anzuspannen, zog sich etwas wärmer an (es war schon Ende September) und fuhr, das Pferd selbst lenkend, aus dem Hof. Bald erblickte er das Haus von Andreij Gawrilowitsch. Widerstreitende Empfindungen erfüllten seine Seele. Der Gedanke an befriedigte Rache und die Herrschsucht betäubten bis zu einem gewissen Grade die edleren Gefühle, diese errangen aber schließlich doch die Oberhand. Er war entschlossen, sich mit seinem alten Nachbarn auszusöhnen, die Spuren des Streites zu verwischen und ihm sein Gut zurückzugeben. Nachdem er seine Seele mit diesem guten Vorsatz erleichtert hatte, lenkte Kirila Petrowitsch sein Pferd im Trab auf den Wohnsitz seines Nachbarn zu – und fuhr stracks in den Hof hinein. Zu dieser Zeit saß der Kranke am Fenster seines Schlafzimmers. Er erkannte Kirila Petrowitsch – und eine schreckliche Bestürzung drückte sich auf seinem Gesicht aus: tiefe Röte trat an die Stelle der sonstigen Blässe, seine Augen funkelten, und er stieß unverständliche Laute aus. Sein Sohn, der in dem Zimmer über Wirtschaftsbüchern saß, schaute auf und war über den Zustand des Vaters höchst verwundert. Der Kranke deutete mit dem Finger auf den Hof, in seinem Gesicht malten sich Entsetzen und Zorn. In diesem Augenblick hörte man die Stimme und den schweren Tritt Jegorownas: »Herr, Herr! Kirila Petrowitsch ist gekommen! Kirila Petrowitsch ist an der Freitreppe!« Dann schrie sie auf: »O Gott, o mein Gott! Was ist denn das? Was ist mit ihm geschehen?« Andreij Gawrilowitsch hatte schnell mühsam die Schöße seines Schlafrocks zusammengerafft und wollte aus seinem Sessel aufstehen. Kaum aber hatte er sich erhoben – da fiel er plötzlich um. Der Sohn stürzte auf ihn zu, aber der Alte lag leblos und ohne zu atmen da: der Schlag hatte ihn getroffen. »Schnell, schnell in die Stadt, holt den Arzt!« schrie Wladimir. »Kirila Petrowitsch will Sie sprechen«, sagte im gleichen Moment ein hereintretender Diener. Wladimir warf einen schrecklichen Blick auf ihn. »Sag Kirila Petrowitsch, er soll schauen, daß er so rasch wie möglich weiterkommt, ehe ich befehle, ihn aus dem Hof zu jagen ... Marsch!« Der Diener lief voll Freude weg, diesen Befehl auszuführen. Jegorowna schlug die Hände zusammen. »Liebes Väterchen«, sagte sie mit winselnder Stimme, »du wirst dich zugrunde richten! Kirila Petrowitsch wird uns auffressen.« »Schweig, Amme«, sagte Wladimir erbost. »Schicke sofort Anton in die Stadt nach dem Arzt.« Jegorowna verließ das Zimmer. Der Vorraum war leer. Alles war auf den Hof gelaufen, um Kirila Petrowitsch zu sehen. Jegorowna trat auf die Freitreppe hinaus und hörte die Antwort, die der Diener im Namen des jungen Herrn gab. Kirila Petrowitsch nahm sie auf seiner Droschke sitzend entgegen. Sein Gesicht wurde finsterer als die Nacht. Er lächelte verächtlich, schaute die Hofleute drohend an und fuhr im Schritt um den Hof herum. Er schaute auch in das Fenster, an dem vor einigen Minuten noch Andreij Gawrilowitsch gesessen hatte, wo jetzt aber niemand mehr war. Jegorowna stand auf der Freitreppe; sie hatte den Befehl des Herrn ganz vergessen. Die Hofleute unterhielten sich geräuschvoll über das Ereignis. Plötzlich erschien Wladimir Andrejewitsch in ihrer Mitte und sagte kurz: »Wir brauchen den Arzt nicht mehr – der Vater ist tot.« Alle waren erschüttert und eilten in das Schlafzimmer des alten Herrn. Er lag in dem Lehnstuhl, in den ihn Wladimir gebracht hatte. Sein rechter Arm hing bis zum Boden hinab, der Kopf lag auf der Brust – es war kein Lebenszeichen mehr in diesem Körper, der noch nicht erkaltet, aber vom Tod bereits entstellt war. Jegorowna weinte laut, die Leute umringten die Leiche, die nun ihrer Fürsorge überlassen wurde. Sie wuschen den Toten, zogen ihm die Uniform an, die noch aus dem Jahre 1797 stammte, und bahrten ihn auf demselben Tisch auf, an dem sie so viele Jahre lang ihren Herrn bedient hatten.   Das Begräbnis fand am dritten Tag statt. Die Leiche des armen Alten lag im Sarge, mit dem Totenhemd bedeckt und von Kerzen umgeben. Das Eßzimmer war voll von Dienstboten, die dem Leichenbegängnis beiwohnen wollten. Wladimir und drei Diener hoben den Sarg auf. Der Geistliche ging in Begleitung des Mesners voran, und sie sangen die Totenresponsorien. Zum letzten Male überschritt der Herr von Kistenjewka die Schwelle seines Hauses. Der Sarg wurde durch ein Wäldchen getragen, hinter dem sich die Kirche befand. Es war ein heller, kalter Herbsttag; die Blätter fielen von den Bäumen. Beim Ausgang aus dem Wäldchen wurden das hölzerne Kirchlein von Kistenjewka und der von alten Linden beschattete Friedhof sichtbar. Hier ruhte die Mutter Wladimirs, dort, neben ihrem Grab, war tags vorher ein frisches Grab ausgehoben worden. Die Kirche war voll von Bauern aus Kistenjewka, die gekommen waren, um ihrem Herrn die letzte Ehre zu erweisen. Der junge Dubrowskij stand am Chor. Er weinte nicht und betete nicht, aber sein Gesicht war furchtbar anzusehen. Er trat als erster vor, um von der Leiche Abschied zu nehmen, dann kamen die Hofleute. Schließlich wurde der Sarg zugenagelt. Die Weiber heulten, und nicht wenige der Bauern wischten mit der Faust eine Träne von den Augen. Wladimir und dieselben drei Diener trugen den Toten in Begleitung des ganzen Dorfes auf den Friedhof hinaus. Sie ließen den Sarg in die Grube hinab, und alle Anwesenden warfen ein Häufchen Sand hinein. Dann schaufelten sie die Grube zu, verneigten sich und gingen auseinander. Wladimir entfernte sich schnell, überholte alle und verschwand im Wäldchen von Kistenjewka. Jegorowna, die in seinem Namen den Popen und die übrige Klerisei zum Leichenschmaus eingeladen hatte, erklärte, der junge Herr habe sich nicht entschließen können, daran teilzunehmen. Also begaben sich Vater Anissim, die Popenfrau Fedorowna und der Mesner zu Fuß nach dem Herrenhof. Dabei unterhielten sie sich mit Jegorowna über die Vorzüge des Verstorbenen und über das, was offenbar seinen Erben erwartete. Der Besuch Trojekurows und der ihm bereitete Empfang hatten sich schon in der ganzen Gegend herumgesprochen, und die einheimischen Politiker prophezeiten, daß dieser Zwischenfall bedeutsame Folgen haben werde. »Was kommt, das kommt«, sagte die Popenfrau, »aber es wäre sehr schade, wenn Wladimir Andrejewitsch nicht unser Herr würde. Er ist ein Prachtkerl, da ist nichts zu sagen.« »Aber wer sollte denn sonst unser Herr sein, wenn nicht er?« unterbrach Jegorowna. »Kirila Petrowitsch ereiferte sich umsonst – er hat es mit keinem Schüchternen zu tun. Mein lichter Falke wild schon seinen Mann stellen, und – Gott gebe es – seine Wohltäter werden ihn nicht im Stich lassen. Kirila Petrowitsch bildet sich gar zu viel ein! Aber er ist doch ganz klein geworden, wie ihn mein Grischa angebrüllt hat: ›Hinaus mit dir, alter Hund! Marsch aus dem Hof!‹« »Ach, du, Jegorowna«, sagte der Mesner, »wie hat Grischa das nur über den Mund gebracht? Ich muß schon sagen, ich würde mich eher getrauen, mich über den Bischof zu beschweren, als Kirila Petrowitsch auch nur schief anzusehen. Man braucht ihn nur anzuschauen – Angst und Schrecken steigen in einem auf! Und der Rücken wird von selber krumm, immer krummer ...« »Alles ist eitel!« sagte der Pope, »und auch für Kirila Petrowitsch wird man eines Tages ›Ewiges Gedenken‹ singen, wie es heute über Andreij Gawrilowitsch gesungen wurde. Vielleicht wird das Leichenbegängnis prunkvoller sein, und es werden mehr Trauergäste kommen, aber ist das vor Gott nicht gleich?« »Ach, ehrwürdiger Vater, auch wir beabsichtigten, die ganze Nachbarschaft einzuladen, aber Wladimir Andrejewitsch wollte das nicht. Sie können unbesorgt sein, wir haben genug von allem, um Gäste zu bewirten... aber was soll man machen? Wenn sonst keine Leute da sind, so will ich wenigstens euch, meine lieben Gäste, gut bewirten.« Dieses freundliche Versprechen und die Hoffnung, eine schmackhafte Pastete vorzufinden, beschleunigten die Schritte der kleinen Gesellschaft, und sie gelangten wohlbehalten zum Herrenhaus, wo der Tisch schon gedeckt war und Schnaps angeboten wurde. Indessen war Wladimir immer tiefer in das Dickicht des Waldes eingedrungen, wo er durch Bewegung und Ermüdung seinen Seelenschmerz zu betäuben suchte. Er ging dahin, ohne auf den Weg zu achten, ständig streiften ihn Zweige und zerkratzten ihn, alle Augenblicke versanken seine Füße im Sumpf – er bemerkte gar nichts davon. Endlich gelangte er zu einem kleinen, von dichtem Wald umsäumten Hohlweg. Ein Bächlein schlängelte sich geräuschlos zwischen den vom Herbst schon halb entblätterten Bäumen dahin. Wladimir blieb stehen, setzte sich auf den kalten Rasen, und Gedanken, einer trauriger als der andere, bedrängten seine Seele ... Die Einsamkeit lastete schwer auf ihm, und die Zukunft erschien ihm von finsteren Wolken verhängt. Die Feindschaft mit Trojekurow kündete ihm neues Unglück. Seine armselige Habe konnte von ihm fort und in fremde Hände übergehen, und in diesem Falle erwartete ihn bittere Armut. Lange saß er unbeweglich auf demselben Fleck. Er starrte auf den stillen Lauf des Bächleins, das welkes Laub mit sich führte und ihm lebhaft ein Gleichnis des Lebens darbot – ein wahrheitsgetreues und alltägliches Gleichnis. Endlich merkte er, daß es schon dämmerte. Er stand auf und suchte den Weg nach Hause, irrte aber noch lange in dem ihm unbekannten Wald herum, bis er endlich auf einen Pfad gelangte, der ihn geradewegs vor das Tor seines Hauses führte. Unterwegs begegnete ihm der Pope mit der ganzen Klerisei. Der Gedanke, daß ihm diese Begegnung Unglück bringen könnte, fuhr ihm durch den Kopf. Unwillkürlich trat er beiseite und verbarg sich hinter den Bäumen. Sie bemerkten ihn nicht und unterhielten sich eifrig miteinander. »Meide das Böse und tue Gutes«, sagte der Pope zu seiner Frau. »Wir brauchen nicht hierzubleiben, und du brauchst dich nicht darum zu kümmern, wie die Sache ausgeht!« Die Popenfrau gab darauf eine Antwort, aber Wladimir konnte nicht verstehen, was sie sagte. Als er sich dem Hause näherte, sah er einen Haufen Leute. Die Bauern und das Hofgesinde drängten sich auf dem Gutshof. Schon von weitem hörte Wladimir ungewöhnlichen Lärm und Stimmengewirr. Vor der Scheune standen zwei Dreigespanne. Auf der Freitreppe schienen sich einige unbekannte Leute in Uniform über etwas zu besprechen. »Was hat das zu bedeuten?« fragte Wladimir ärgerlich Anton, der ihm entgegenlief. »Was sind das für Leute und was wollen sie hier?« »Ach, Väterchen Wladimir Andrejewitsch«, erwiderte der Alte keuchend, »die Herren vom Gericht sind gekommen. Sie werden uns Trojekurow übergeben, sie nehmen uns Deiner Gnaden weg!« Wladimir senkte den Kopf; die Leute umringten ihren unglücklichen Herrn. »Du bist unser Vater«, schrien sie und küßten ihm die Hände. »Wir wollen keinen anderen Herrn als dich. Lieber sterben wir, als daß wir dich verraten. Befiehl, Herr, mit den Gerichtsherren werden wir schon fertig werden.« Wladimir schaute sie an, und düstere Gefühle bestürmten ihn. »Bleibt ruhig stehen«, sagte er zu ihnen, »ich will mit den Herren vom Gericht sprechen.« »Rede, Väterchen«, tönte es aus der Menge, »rede den Verdammten ins Gewissen!« Wladimir ging auf die Beamten zu. Schabaschkin, der eine Schirmmütze auf dem Kopf trug, hatte die Hände in die Hüften gestemmt und stand, stolz umherblickend, da. Der Kreishauptmann, ein großer, dicker Mann von etwa fünfzig Jahren, mit rotem Gesicht und Schnurrbart, räusperte sich, als er Dubrowskij herankommen sah, und sagte mit heiserer Stimme: »Also, ich wiederhole euch, was ich schon einmal gesagt habe: Zufolge einer Entscheidung des Kreisgerichts gehört ihr von heute an Kirila Petrowitsch Trojekurow, den der hier anwesende Herr Schabaschkin vertritt. Gehorcht ihm in allem, was er befiehlt, und ihr, Weiber, liebt und achtet ihn, er ist ein großer Verehrer von euch.« Bei diesem derben Scherz lachte der Kreishauptmann. Schabaschkin und die übrigen Beamten taten es ihm nach. Wladimir kochte vor Wut. »Gestatten Sie die Frage, was das zu bedeuten hat?« fragte er den lustigen Kreishauptmann mit gespielter Kaltblütigkeit. »Das bedeutet«, antwortete der geistreiche Beamte, »daß wir hierhergekommen sind, dieses Gut in den Besitz von Kirila Petrowitsch Trojekurow zu überführen und alle anderen zu ersuchen, sich im guten fortzumachen.« »Da hätten Sie sich aber meines Erachtens zuerst an mich und nicht an meine Bauern wenden und mir als dem Gutsbesitzer die Enteignung eröffnen müssen...« »Der ehemalige Gutsbesitzer Andreij Gawrilowitsch von der Familie Dubrowskij ist nach Gottes Ratschluß gestorben, aber wer sind Sie?« sagte Schabaschkin mit frecher Miene. »Wir kennen Sie nicht und wollen Sie auch gar nicht kennen.« »Euer Wohlgeboren, das ist doch unser junger Herr Wladimir Andrejewitsch!« sagte eine Stimme aus der Menge. »Wer erfrecht sich hier, das Maul aufzureißen!« sagte der Kreishauptmann drohend. »Was für ein Herr! Was für ein Wladimir Andrejewitsch! Euer Herr heißt Kirila Petrowitsch Trojekurow... Verstanden, ihr Dummköpfe?« »Warum denn nicht gar?« sagte dieselbe Stimme. »Das ist ja Aufruhr!« brüllte der Kreishauptmann. »He, Schulze, vortreten!« Der Schulze trat vor. »Such mir sofort den Kerl heraus, der sich erfrecht hat, mir dazwischen zu reden, ich werde ihm auf die Sprünge helfen!« Der Schulze wandte sich mit der Frage an die Menge, wer gesprochen habe, aber alles schwieg. Bald erhob sich in den hinteren Reihen ein Gemurmel, das immer lauter wurde und plötzlich in ein fürchterliches Wutgeheul umschlug. Der Kreishauptmann senkte seine Stimme und wollte ihnen gütlich zureden. »Was sollen wir auf ihn aufpassen«, schrien die Hofleute. »He, Burschen, packt sie!« Und die Menge setzte sich in Bewegung. Schabaschkin und die Beamten flüchteten schnell in den Hausflur und sperrten die Tür hinter sich zu. »Drauf, Burschen!« schrie dieselbe Stimme, und die Menge begann nachzudrängen. »Halt!« schrie in diesem Moment der junge Dubrowskij. »Ihr Dummköpfe! Was macht ihr denn da? Ihr richtet euch und mich zugrunde. Geht heim auf eure Höfe und laßt mich in Ruhe. Habt keine Angst, der Zar ist gnädig. Ich werde ihn bitten – er wird uns nicht kränken – wir sind alle seine Kinder. Aber wie soll er sich für euch einsetzen, wenn ihr anfangt, wie Aufwiegler und Räuber aufzutreten?« Die Ansprache des jungen Dubrowskij, seine klingende Stimme und sein imposantes Aussehen riefen die gewollte Wirkung hervor. Die Volksmenge beruhigte sich und ging auseinander, der Hof leerte sich, und die Beamten saßen im Haus. Traurig stieg Wladimir die Freitreppe hinan. Schabaschkin öffnete die Türe und bedankte sich mit unterwürfigen Verneigungen bei Dubrowskij für den gnädigen Beistand. Wladimir hörte ihn verächtlich an und gab keine Antwort. »Wir haben beschlossen, mit Ihrer Erlaubnis hier zu übernachten«, fuhr der Assessor fort. »Es ist schon dunkel, und Ihre Bauern könnten uns am Ende unterwegs überfallen. Wollen Sie die Güte haben und uns wenigstens etwas Heu ins Wohnzimmer legen lassen. Sobald der Morgen graut, wollen wir heimfahren.« »Machen Sie, was Sie wollen«, antwortete ihm Dubrowskij trocken. »Ich bin hier nicht mehr Herr.« Mit diesen Worten zog er sich in das Zimmer seines Vaters zurück und verschloß die Türe.   »Jetzt ist also alles aus!« sagte Wladimir zu sich selbst. »Heute früh besaß ich noch ein Stück Brot und einen Winkel, morgen muß ich das Haus verlassen, in dem ich geboren wurde. Mein Vater und die Erde, in der er ruht, werden dem verhaßten Mann gehören, der an seinem Tod und an meiner Armut schuld ist!« Wladimir biß die Zähne zusammen, und seine Augen waren unbeweglich auf das Bildnis seiner Mutter gerichtet. Der Maler hatte sie, auf ein Geländer gestützt, im weißen Morgenkleid mit einer Rose im Haar dargestellt. »Auch dieses Bild wird in Besitz des Feindes meiner Familie übergehen«, dachte Wladimir. »Es wird zusammen mit den zerbrochenen Stühlen in eine Rumpelkammer geschmissen oder in einem Vorzimmer aufgehängt werden und den Gegenstand des Hohnes und des Spottes seiner Hundewärter bilden. Und in ihrem Schlafzimmer, in dem Zimmer, wo der Vater starb, wird sich der Verwalter breitmachen oder er seinen Harem einrichten. Nein, nein! Dieses traurige Haus, aus dem er mich vertrieben hat, soll auch ihm nicht gehören.« Furchtbare Gedanken gingen ihm durch den Kopf. Die Stimmen der Beamten drangen zu ihm. Sie benahmen sich, als ob sie die Herren im Hause wären, verlangten bald dieses, bald jenes und lenkten ihn in unangenehmer Weise von seinen traurigen Gedanken ab. Endlich wurde alles still. Nun öffnete Wladimir die Kommoden und Fächer und beschäftigte sich mit der Durchsicht der Papiere des Verstorbenen. Sie bestanden größtenteils aus Wirtschaftsrechnungen und geschäftlicher Korrespondenz. Wladimir zerriß sie ungelesen. Unter den Papieren kam ihm auch ein Paket unter die Hände mit der Aufschrift: »Briefe meiner Frau«. Mit tiefer innerer Bewegung begann Wladimir sie durchzulesen. Sie waren während des türkischen Feldzuges geschrieben und aus Kistenjewka an die Armee adressiert. Sie beschrieb ihm ihr ländliches Leben und ihre Wirtschaftsangelegenheiten. In zärtlichen Worten klagte sie über die Trennung und rief ihn nach Hause zurück in die Arme seiner guten Freundin. In einem der Briefe brachte sie ihre Besorgnis über den Gesundheitszustand des kleinen Wladimir zum Ausdruck, in einem anderen die Freude über seine rasche geistige Entwicklung und prophezeite ihm eine glückliche und glänzende Zukunft. Wladimir war so in das Lesen dieser Briefe vertieft, daß er die Umwelt völlig vergaß. Er war mit ganzer Seele in die Welt des Familienglücks untergetaucht, so daß er gar nicht merkte, wie die Zeit verrann; die Wanduhr schlug elf. Er steckte die Briefe in die Tasche, nahm die Kerze und verließ das Zimmer. Im Saal schliefen die Beamten auf dem Fußboden. Auf dem Tisch standen die von ihnen geleerten Gläser, und in dem ganzen Raum war ein starker Geruch nach Rum zu spüren. Von Ekel erfaßt, ging Wladimir an ihnen vorüber in das Vorzimmer. Dort war es finster. Irgend jemand, der das Licht sah, sprang zur Seite. Als sich Wladimir mit seiner Kerze ihm zuwandte, sah er, daß es der Schmied Archip war. »Was machst denn du hier?« fragte er ihn erstaunt. »Ich wollte... ich bin gekommen, um nachzusehen, ob alle zu Hause sind«, antwortete Archip stockend. »Und wozu hast du ein Beil bei dir?« »Das Beil? Ja, wie soll man heutzutage ohne Beil herumgehen? Diese Beamten sind ja so frech, da heißt es aufpassen...« »Du bist betrunken. Tu das Beil weg, geh und schlaf dich aus.« »Ich betrunken? Väterchen Wladimir Andrejewitsch, Gott ist mein Zeuge, daß nicht ein Tropfen über meine Zunge gekommen ist... Kann man denn jetzt überhaupt an Schnaps denken? Hat man so etwas gehört, die Beamten haben sich vorgenommen, über uns zu herrschen, die Beamten vertreiben unsere Herrschaft von Haus und Hof... Ah, wie sie schnarchen, diese Verdammten, man sollte sie alle auf einmal totschlagen, kein Hahn würde danach krähen.« Dubrowskijs Gesicht verfinsterte sich. »Höre, Archip«, sagte er nach kurzem Schweigen, »laß deinen Unsinn, die Beamten können nichts dafür. Zünde eine Laterne an und folge mir.« Archip nahm seinem Herrn die Kerze aus der Hand, suchte hinter dem Ofen eine Laterne, zündete sie an, und beide stiegen leise die Freitreppe hinunter und gingen auf den Hof. Die Nachtwächter begannen auf die gußeiserne Platte zu schlagen, und die Hunde bellten. »Wer hat die Wache?« fragte Dubrowskij. »Wir, Väterchen«, antwortete eine dünne Stimme, »Wassilissa und Luberja.« »Geht heim«, sagte Dubrowskij zu ihnen. »Wir brauchen euch nicht.« »Schluß!« murmelte Archip. »Wir danken dir, Wohltäter«, antworteten die Weiber und gingen sofort heim. Dubrowskij ging weiter. Zwei Männer kamen auf ihn zu und riefen ihn an. Dubrowskij erkannte die Stimmen Antons und Grischas. »Warum schlaft ihr nicht?« fragte er sie. »Wie sollen wir schlafen können«, antwortete Anton, »was müssen wir jetzt erleben, wer hätte das gedacht...« »Leiser!« unterbrach ihn Dubrowskij. »Wo ist Jegorowna?« »Im Herrenhaus, in ihrer Kammer«, antwortete Grischa. »Geh und hole sie hierher und führe auch alle unsere Leute aus dem Haus. Es darf kein Mensch außer den Beamten drinnen bleiben. Und du, Anton, spann einen Wagen an.« Grischa ging weg und kam gleich darauf wieder mit seiner Mutter zurück. Die Alte hatte sich in dieser Nacht nicht ausgezogen. Außer den Beamten hatte kein Mensch im Hause ein Auge zugetan. »Sind alle da?« fragte Dubrowskij. »Ist bestimmt niemand im Haus zurückgeblieben?« »Niemand, außer den Beamten«, antwortete Grischa. »Bringt Stroh oder Heu her«, sagte Dubrowskij. Die Leute liefen in den Stall und kamen mit Haufen Heu in den Armen zurück. »So, legt es unter die Freitreppe. Und nun, Kinder, Feuer!« Archip öffnete die Laterne, und Dubrowskij zündete einen Kienspan an. »Warte«, sagte er zu Archip, »ich habe, wie mir scheint, in der Eile die Tür zum Vorzimmer verschlossen; geh schnell und mache sie auf.« Archip lief ins Vorzimmer, die Tür war offen. Er sperrte sie zu und murmelte dabei: »Ja freilich, aufsperren auch noch.« Dann kehrte er zu seinem Herrn zurück. Dubrowskij hielt den brennenden Span an das Heu, das sofort Feuer fing. Eine Flamme schoß empor und erleuchtete den ganzen Hof. »Ach!« schrie Jegorowna klagend. »Was tust du, Wladimir Andrejewitsch!« »Schweig!« sagte Dubrowskij. »Und nun, Kinder, lebt wohl! Ich gehe, wohin Gott mich führen wird. Werdet glücklich unter eurem neuen Herrn!« »Du unser Vater und Wohltäter«, schrien die Leute. »Wir sterben lieber – wir lassen dich nicht im Stich! Wir wollen mit dir gehen!« Die Pferde fuhren vor. Dubrowskij bestieg mit Grischa den Wagen, Anton hieb auf die Pferde ein, und sie fuhren zum Hof hinaus. In diesem Augenblick hatte das Feuer auf das ganze Haus übergegriffen. Die Böden fielen krachend auseinander, brennende Balken stürzten herab, roter Rauch qualmte über dem Dach, und man vernahm Wehklagen und Schreie: »Zu Hilfe!« »Das wäre gerade recht«, sagte Archip und schaute mit boshaftem Lächeln in das Feuer. »Archipaschka«, sagte Jegorowna zu ihm, »rette sie, die Verdammten. Gott wird dir's lohnen.« »Warum nicht gar?« antwortete der Schmied. In diesem Augenblick erschienen die Beamten am Fenster und versuchten, die Doppelrahmen auszubrechen. Da stürzte krachend das Dach zusammen, und die Hilferufe verstummten. Bald war das ganze Gesinde im Hof versammelt. Die Weiber suchten unter Wehgeschrei ihren Kram zu retten, die Kinder sprangen herum und bewunderten das Feuer. Die Funken flogen in dem Feuernebel überall hin und setzten auch die Bauernhäuser in Brand. »Jetzt ist alles gut!« sagte Archip. »Wie schön es brennt, was? Das muß man auch von Pokrowskoje aus herrlich sehen können.« In diesem Augenblick erregte eine neue Erscheinung seine Aufmerksamkeit. Eine Katze lief auf dem Dach des brennenden Stalles hin und her und konnte keinen Absprung finden. Von allen Seiten umgab sie das Feuer. Das arme Tier schrie kläglich miauend um Hilfe, die Buben schüttelten sich vor Lachen beim Anblick seiner Verzweiflung. »Was lacht ihr da, ihr Teufelsbrut?« sagte der Schmied böse. »Ihr habt keine Gottesfurcht. Da kommt ein Geschöpf Gottes um, und ihr lacht darüber in eurer Dummheit.« Er stellte eine Leiter an das brennende Dach und stieg hinauf, um die Katze herunterzuholen. Sie erkannte seine Absicht und krallte sich in hastiger Dankbarkeit an seinem Ärmel fest. Versengt stieg der Schmied mit seiner Beute herab. »Und nun, meine lieben Kinder«, sagte er zu dem verlegenen Gesinde, »lebt wohl. Ich habe hier nichts mehr zu tun. Bleibt glücklich und behaltet mich in gutem Andenken.« Der Schmied ging fort; der Brand wütete noch eine Zeitlang, endlich legte sich das Feuer. Verkohlte Trümmer schwelten noch ohne Flammen im Dunkel der Nacht, und an der Stätte der Verwüstung irrten die verstörten Bewohner von Kistenjewka umher.   Am anderen Tag verbreitete sich die Nachricht von dem Brand in der ganzen Nachbarschaft. Alles unterhielt sich darüber und erging sich in den verschiedensten Vermutungen und Ansichten. Die einen wollten wissen, daß sich die Leute Dubrowskijs beim Leichenschmaus betrunken und aus Fahrlässigkeit das Haus in Brand gesteckt hätten, die anderen beschuldigten die Beamten mit der Behauptung, diese hätten sich bei der Hausübernahme betrunken. Einige ahnten den wahren Sachverhalt und behaupteten, daß Dubrowskij selbst die Schuld an diesem schrecklichen Unglück trage. Zorn und Verzweiflung hätten ihn dahin gebracht. Viele glaubten berichten zu können, er selber sei mit den Gerichtsbeamten und allen Dienstboten umgekommen. Trojekurow begab sich gleich am nächsten Tage an die Brandstätte und führte die Untersuchung selbst. Es wurde festgestellt, daß der Kreishauptmann, der Assessor des Kreisgerichts, der Fiskal und der Schreiber, ebenso Wladimir Dubrowskij, die Kinderfrau Jegorowna, der Diener Grigorij, der Kutscher Anton und der Schmied Archip verschwunden waren. Niemand konnte über ihren Verbleib Angaben machen. Alle Hofleute bekundeten, daß die Beamten verbrannt seien, als das Dach einstürzte. Ihre verkohlten Knochen wurden zusammengesucht. Die Weiber Wassilissa und Luberja sagten, sie hätten Dubrowskij und den Schmied Archip noch einige Minuten vor dem Ausbruch des Brandes gesehen. Nach übereinstimmenden Aussagen war der Schmied Archip noch am Leben und wahrscheinlich wenn nicht der einzige Brandstifter, so doch der Hauptbeteiligte. Auch auf Dubrowskij fiel ein starker Verdacht. Kirila Petrowitsch sandte einen genauen Bericht über den Vorfall an den Gouverneur, und es begann ein neuer Prozeß. Bald aber gaben andere Nachrichten der Neugier und dem Gerede neue Nahrung. Räuber traten auf und versetzten die ganze Gegend in Schrecken. Die von den Behörden gegen sie angewandten Maßnahmen erwiesen sich als völlig unzureichend. Es erfolgten Ausplünderungen, von denen eine bemerkenswerter war als die andere, es gab keine Sicherheit mehr, weder auf den Straßen noch in den Dörfern. Einige mit Räubern besetzte Dreigespanne fuhren am hellen Tag im ganzen Gouvernement herum, hielten die Reisenden und die Post an, erschienen in den Dörfern, plünderten die Häuser der Gutsbesitzer aus und steckten sie in Brand. Der Anführer dieser Räuberbande war berühmt durch seine Klugheit, Kühnheit und eine Art Großmut. Man erzählte Wunderdinge von ihm. Der Name Dubrowskij war in aller Mund. Man war davon überzeugt, daß er und kein anderer das Haupt der tollkühnen Verbrecher sei. Man wunderte sich nur über eines: die Besitzungen Trojekurows blieben verschont. Die Räuber hatten bei ihm noch nicht einen einzigen Stall geplündert und nicht eine einzige seiner Fuhren angehalten. In seiner gewohnten Aufgeblasenheit schrieb Trojekurow das einerseits der Angst zu, die er dem ganzen Gouvernement einzuflößen verstanden hatte, andererseits der besonders guten Polizei, die er auf seinen Dörfern unterhielt. Anfänglich lachten die Nachbarn über das Großgetue Trojekurows, und jeder wartete darauf, daß die unerwünschten Gäste Pokrowskoje heimsuchten, wo sie reiche Beute hätten machen können, aber schließlich mußten sie doch zugeben, daß sogar die Räuber vor ihm einen unbegreiflichen Respekt hatten. Trojekurow triumphierte, und bei jeder Nachricht von einer neuen Plünderung durch Dubrowskij erging er sich in hämischen Bemerkungen über den Gouverneur, die Kreishauptleute und Polizeioffiziere, denen Dubrowskij immer unversehrt entkam. Indessen nahte der erste Oktober, der Tag der Kirchweih im Pfarrdorf Trojekurows. Aber ehe wir an die Schilderung der weiteren Ereignisse gehen, müssen wir den Leser mit Persönlichkeiten bekannt machen, die entweder für ihn neu sind oder die wir am Anfang unserer Erzählung nur nebenbei erwähnt haben. Der Leser hat wahrscheinlich schon geahnt, daß die Tochter von Kirila Petrowitsch, über die wir bisher nur einige Worte gesagt haben, die Heldin unserer Erzählung ist. In der von uns beschriebenen Zeit war sie siebzehn Jahre alt, und ihre Schönheit stand in voller Blüte. Der Vater vergötterte sie, behandelte sie aber mit dem ihm angeborenen Eigensinn. Einerseits war er bestrebt, ihr auch die geringste Laune zu erfüllen, andererseits erschreckte er sie wieder durch sein grobes, ja manchmal hartes Verhalten. Er war zwar von ihrer Anhänglichkeit überzeugt, konnte aber ihr Zutrauen nie gewinnen. Sie war es gewohnt, ihre Empfindungen und Gedanken vor ihm zu verbergen, da sie nie sicher wußte, wie sie aufgenommen würden. Sie hatte keine Freundin und war ganz einsam aufgewachsen. Die Frauen und Töchter ihrer Nachbarn kamen nur selten zu Kirila Petrowitsch, denn die dort üblichen Gespräche und Belustigungen paßten nur für eine Gesellschaft von Männern, aber nicht für Damen. Unsere Schönheit erschien auch nur selten inmitten der Gäste, die bei Kirila Petrowitsch schmausten. Eine riesige, hauptsächlich aus den Werken französischer Schriftsteller des achtzehnten Jahrhunderts bestehende Bibliothek stand ihr ganz zur Verfügung. Ihr Vater, der außer dem Buch »Die vollkommene Köchin« niemals etwas las, konnte ihr bei der Auswahl der Bücher nie an die Hand gehen, so daß Mascha natürlicherweise, nachdem sie alles mögliche gelesen hatte, bei der Romanliteratur landete. Auf diese Art vervollkommnete sie die Erziehung, die einst unter der Führung von Mamsell Mimi begonnen hatte. Dieser Mamsell Mimi hatte Kirila Petrowitsch großes Vertrauen und Wohlwollen entgegengebracht, war aber schließlich genötigt gewesen, sie in aller Stille auf ein anderes Gut zu schicken, als die Folgen dieser Freundschaft allzu deutlich sichtbar wurden. Mamsell Mimi hatte sehr angenehme Erinnerungen an sich hinterlassen. Sie war eine gutmütige Frau, die den Einfluß, den sie offensichtlich auf Kirila Petrowitsch ausübte, niemals zum Bösen mißbrauchte. Sie unterschied sich dadurch von den anderen Favoritinnen, die sehr häufig wechselten. Kirila Petrowitsch schien sie mehr geliebt zu haben als die anderen, und der schwarzäugige Knabe, ein Lausbub von sechs Jahren, dessen südländische Züge an Mamsell Mimi erinnerten, wurde in seinem Hause erzogen und als sein Sohn anerkannt, obwohl ein ganzes Rudel barfüßiger Kinder, die Kirila Petrowitsch ähnlich sahen wie ein Ei dem anderen, vor seinen Fenstern herumlief und zum Gesinde zählte. Kirila Petrowitsch ließ für seinen kleinen Sascha einen französischen Lehrer aus Moskau kommen, der während der hier geschilderten Ereignisse in Pokrowskoje eintraf. Dieser Lehrer gefiel Kirila Petrowitsch durch sein angenehmes Äußeres und sein bescheidenes Benehmen. Er legte ihm Zeugnisse und einen Brief eines Verwandten der Trojekurows vor, bei dem er vier Jahre lang als Hofmeister gelebt hatte. Kirila Petrowitsch las alles aufmerksam durch und war nur mit der Jugend des Franzosen unzufrieden. Er nahm zwar nicht an, daß dieser liebenswerte Mangel mit der für den unglückseligen Beruf eines Lehrers so notwendigen Geduld und Erfahrung unvereinbar sei, vielmehr gingen seine Bedenken in anderer Richtung, und er entschloß sich, sie ihm auch sofort zu eröffnen. Zu diesem Zweck ließ er Mascha zu sich rufen (Kirila Petrowitsch sprach nicht Französisch, und sie diente ihm als Dolmetscherin). »Komm her, Mascha, sag diesem Musjö, daß ich ihn also aufnehme, aber nur unter der Bedingung, daß er sich nicht untersteht, meinen Mägden nachzulaufen, sonst werde ich ihn, den Hundesohn... Übersetze ihm das, Mascha.« Mascha errötete, wandte sich dem Lehrer zu und sagte ihm auf französisch, daß ihr Vater auf seine Bescheidenheit und anständige Aufführung rechne. Der Franzose verneigte sich und erwiderte, er hoffe, sich die Achtung zu verdienen, selbst wenn ihm die Gewogenheit versagt bleiben sollte. Mascha übersetzte diese Antwort Wort für Wort. »Gut, gut«, sagte Kirila Petrowitsch. »Er braucht weder Gewogenheit noch Achtung. Seine Sache ist nur, sich um Sascha zu kümmern und ihm Arithmetik und Geographie beizubringen... Übersetze ihm das.« Marja Kirilowna milderte in ihrer Obersetzung die groben Ausdrücke des Vaters, und Kirila Petrowitsch entließ den Franzosen in das Seitengebäude, wo ein Zimmer für ihn bereitgehalten war. Mascha schenkte dem jungen Franzosen keinerlei Aufmerksamkeit. Sie war in aristokratischen Vorurteilen aufgewachsen, und daher war ein Lehrer für sie eine Art Diener oder Handwerker, und ein Diener oder Handwerker war für sie kein Mann. Sie bemerkte daher weder den Eindruck, den sie auf Deforge gemacht hatte, noch sein Erbeben, seine Verwirrung und die Veränderung seiner Stimme. Auf unerwartete Weise gewann sie von ihm aber ein ganz anderes Bild. Im Hofe des Kirila Petrowitsch wurden gewöhnlich einige junge Bären aufgezogen, die eine der Hauptunterhaltungen des Gutsbesitzers von Pokrowskoje bildeten. In ihrer ersten Jugend wurden die kleinen Bären täglich in den Salon gebracht, wo Kirila Petrowitsch sich stundenlang mit ihnen unterhielt, indem er Katzen und junge Hunde auf sie hetzte. Wenn sie größer waren, wurden die Bären in Erwartung einer richtigen Hatz angekettet. Zuweilen führte man einen von ihnen vor die Fenster des Herrenhauses, wo man ihm ein leeres Weinfaß zurollte, das mit Nägeln bespickt war. Der Bär beschnupperte es und berührte es dann vorsichtig, zerstach sich die Tatzen, wurde wütend und stieß es noch heftiger von sich, wobei seine Schmerzen noch größer wurden. Er geriet in völlige Raserei und warf sich brüllend auf das Faß, bis man der armen Bestie den Gegenstand ihres fruchtlosen Wütens wegnahm. Es kam auch vor, daß man ein Paar Bären an einen Wagen spannte und dort Gäste hineinsetzte, ob sie wollten oder nicht. Dann ließ man die Bären rennen, wohin sie wollten. Als Hauptspaß galt aber bei Kirila Petrowitsch folgendes: Ein ausgehungerter Bär wurde in ein leeres Zimmer eingesperrt, wo er mit einem Strick an einen in die Wand eingeschraubten Ring festgebunden wurde. Der Strick war fast so lang wie das ganze Zimmer, so daß nur die gegenüberliegende Ecke vor den Angriffen des schrecklichen Tieres Sicherheit bieten konnte. Für gewöhnlich brachte man einen Neuling vor die Tür dieses Zimmers, stieß ihn wie zufällig zu dem Bären hinein, verschloß die Tür und ließ das unglückliche Opfer mit dem haarigen Einsiedler allein. Der arme Gast fand sehr bald mit gerissenen Rockschößen und zerkratzter Hand den sicheren Winkel, wo er zuweilen drei Stunden lang an die Wand gepreßt zusehen mußte, wie das wütende Tier zwei Schritte vor ihm aufsprang, sich auf die Hinterbeine stellte, brüllte, sich würgte und alles aufbot, um an ihn heranzukommen. Das waren die edlen Vergnügungen eines russischen Herrn! Einige Tage nach der Ankunft des Lehrers erinnerte sich Trojekurow seiner und beschloß, ihm mit dem Bärenzimmer aufzuwarten. Zu diesem Zweck ließ er ihn eines Morgens rufen und führte ihn durch dunkle Gänge; plötzlich öffnete sich eine Seitentür – zwei Diener stießen den Franzosen hinein und sperrten die Türe zu. Als der Lehrer wieder zu sich kam, sah er den angebundenen Bären. Die Bestie fing an zu schnauben und beschnüffelte ihren Gast aus der Ferne. Plötzlich erhob sie sich auf die Hinterbeine und ging auf ihn los... Der Franzose ließ sich nicht aus der Fassung bringen; er lief nicht davon, sondern erwartete den Angriff. Der Bär kam näher. Da zog Deforge eine kleine Pistole aus der Tasche, setzte sie an das Ohr der hungrigen Bestie und drückte ab. Der Bär brach zusammen. Alles lief herbei, die Tür öffnete sich wieder – Kirila Petrowitsch trat ein, sehr überrascht von dem Erfolg seines Scherzes. Kirila Petrowitsch verlangte unbedingt eine Klärung der ganzen Angelegenheit. Wer hatte Deforge auf den ihm zugedachten Schabernack vorbereitet oder warum hatte er eine geladene Pistole in der Tasche? Er schickte nach Mascha. Diese kam sofort und übersetzte dem Franzosen die Fragen des Vaters. »Ich hatte von dem Bären nichts gewußt«, antwortete Deforge, »aber ich trage immer Pistolen bei mir, weil ich auf keinen Fall eine Beleidigung einstecken will, für die ich bei meinem Stand keine Genugtuung fordern kann.« Mascha sah ihn erstaunt an und übersetzte Kirila Petrowitsch seine Worte. Dieser sagte kein Wort dazu. Er ließ den Bären herausschleppen und ihm das Fell abziehen. Dann wandte er sich zu seinen Leuten und sagte: »Was für ein Kerl! Er hat gar keine Angst gehabt, bei Gott, er hat keine Angst gehabt!« Von da an empfand er für Deforge eine gewisse Zuneigung und dachte nicht mehr daran, ihn auf die Probe zu stellen. Einen noch größeren Eindruck hatte aber der Vorfall auf Marja Kirilowna gemacht. Ihre Phantasie wurde gereizt: sie sah den toten Bären und Deforge, der ruhig vor ihm stand und ohne jede Aufregung mit ihr sprach. Sie hatte erfahren, daß Tapferkeit und stolzes Selbstbewußtsein nicht ausschließlich ihrem Stande eigen waren. Seitdem begann sie dem jungen Lehrer eine Wertschätzung zu zeigen, die immer deutlicher zum Ausdruck kam. Allmählich kamen sie sich näher. Mascha besaß eine herrliche Stimme und hatte ein großes Talent für Musik. Deforge bot sich an, ihr Stunden zu geben. Nach all dem dürfte der Leser unschwer erraten, daß Mascha sich in ihn verliebte, ohne daß sie sich selber dessen bewußt war. Am Tage vor dem Feste begannen die Gäste anzukommen. Die einen fanden im Herrenhause und in den Flügelgebäuden Unterkunft, andere beim Verwalter, wieder andere beim Popen oder bei wohlhabenden Bauern. Die Ställe waren voller Kutschpferde, in den Höfen und Remisen wimmelte es von Fahrzeugen aller Art. Um neun Uhr morgens Tiefen die Glocken zur Messe, und alle begaben sich in langem Zug zu der neuen steinernen Kirche, die von Kirila Petrowitsch erbaut worden war und zu deren Verschönerung er alljährlich neue Stiftungen machte. Es hatte sich eine derartige Menge vornehmer Kirchenbesucher angesammelt, daß die einfachen Bauern in der Kirche keinen Platz mehr fanden und in der Vorhalle und Umfriedigung stehen mußten. Der Gottesdienst hatte noch nicht begonnen, man wartete auf Kirila Petrowitsch. Er kam in einem Sechsergespann angefahren und schritt wie ein Triumphator in Begleitung Marja Kirilownas auf seinen Platz. Die Blicke der Männer und Frauen waren auf sie gerichtet – jene bewunderten ihre Schönheit, diese musterten aufmerksam ihr prachtvolles Kleid. Die Messe begann. Die Haussänger sangen im Chor. Auch Kirila Petrowitsch sang mit, betete, weder nach rechts noch nach links sehend, und verneigte sich in stolzer Demut bis zur Erde, als der Mesner mit lauter Stimme auch des Stifters dieses Tempels gedachte. Nach Beendigung des Gottesdienstes trat Kirila Petrowitsch als erster zum Kuß des Kreuzes vor. Alle folgten ihm; die Nachbarn begrüßten ihn ehrerbietig, die Damen scharten sich um Mascha. Nachdem Kirila Petrowitsch die Kirche verlassen hatte, lud er alle zum Mittagessen ein, setzte sich in seinen Wagen und fuhr nach Hause. Alle folgten ihm. Die Zimmer waren voll von Gästen, jeden Augenblick kamen neue an und konnten sich nur mühsam zum Gastgeber vordrängen. Die Damen saßen in ihren altmodischen, abgetragenen, aber doch kostbaren Kleidern, mit Perlen und Brillanten geschmückt, steif im Halbkreis herum, die Männer drängten sich bei geräuschvoller, vielstimmiger Unterhaltung um Kaviar und Schnaps. Im Saal wurde eine Tafel mit achtzig Gedecken hergerichtet. Die Diener eilten geschäftig hin und her, stellten Flaschen und Karaffen auf und strichen die Tischtücher glatt. Endlich rief der Haushofmeister: »Es ist angerichtet«, und Kirila Petrowitsch setzte sich als erster auf seinen Platz. Ihm folgten die Damen, die mit würdevoller Miene ihre Plätze einnahmen, wobei sie einen gewissen Altersrang beobachteten. Die jungen Damen drängten sich wie eine Herde scheuer Ziegen zusammen und wählten ihre Plätze nebeneinander. Ihnen gegenüber nahmen die Männer Platz, und am Ende der Tafel saß der Lehrer neben dem kleinen Sascha. Die Diener begannen nach der Rangordnung zu servieren, wobei sie sich in Zweifelsfällen von lavaterschen Vermutungen leiten ließen und sich fast niemals irrten. Das Geklapper der Teller und Bestecke vermischte sich mit der lauten Unterhaltung der Gäste. Kirila Petrowitsch schaute gut gelaunt über seine Tafel hin und genoß vollkommen das Glück des Gastgebers. In diesem Augenblick fuhr eine mit sechs Pferden bespannte Kalesche in den Hof ein. »Wer ist das?« fragte der Hausherr. »Anton Pafelltitsch«, antworteten einige. Die Tür ging auf – und Anton Pafelltitsch Spizyn, ein dicker Fünfziger mit rundem, pockennarbigem Gesicht, das mit einem dreifachen Kinn geziert war, wälzte sich unter Verbeugungen lächelnd ins Gastzimmer und entschuldigte sich wortreich. »Ein Gedeck hierher!« schrie Kirila Petrowitsch. »Willkommen, Anton Pafelltitsch, nimm Platz. Aber sage uns, was soll denn das heißen? Du warst nicht in meiner Messe und kommst auch noch zu spät zum Essen? Das sieht dir nicht gleich, denn du bist sowohl ein Betbruder als auch ein guter Esser.« »Verzeihung«, antwortete Anton Pafelltitsch und steckte die Serviette in das Knopfloch seines erbsenfarbenen Rockes, »Verzeihung, Väterchen Kirila Petrowitsch, ich bin schon früh aufgebrochen, aber kaum war ich zehn Werst gefahren, da bricht mir auf einmal eine Speiche des Vorderrades. Was tun? Zum Glück war ein Dorf in der Nähe. Bis wir den Wagen dorthin schleppten, den Schmied fanden und den Schaden einigermaßen behoben, sind drei Stunden vergangen. Aber es war nichts zu machen. Den nächsten Weg über den Wald von Kistenjewka habe ich mich nicht zu fahren getraut und einen Umweg gemacht.« »Hehe!« unterbrach ihn Kirila Petrowitsch, »du bist, scheint mir, keiner von dem tapferen Dutzend ... Wovor fürchtest du dich denn?« »Wie? Was ich fürchte, Väterchen Kirila Petrowitsch? Und dieser Dubrowskij? Ehe du dich dessen versiehst, fällst du ihm in die Hände. Er ist ein Mordskerl, der keinen durchläßt, und mir würde er die Haut wahrscheinlich zweimal abziehen.« »Wofür diese Bevorzugung, Bruder?« »Wofür, Väterchen Kirila Petrowitsch? Für den Prozeß des verstorbenen Andreij Gawrilowitsch. Habe ich denn nicht, um Ihnen einen Gefallen zu tun, das heißt nach bestem Wissen und Gewissen, bezeugt, – daß Dubrowskij nicht nach Recht und Gesetz, sondern einzig und allein dank Ihrer Nachsicht als Herr auf Kistenjewka sitzt? Und hat nicht der Verstorbene (Gott schenke ihm die ewige Ruhe) gelobt, auf seine Art mit mir abzurechnen? Das Söhnchen wird wahrscheinlich das Wort des Vaters einlösen. Bis jetzt war mir Gott gnädig. Im ganzen haben sie mir nur eine Scheuer geplündert, aber sie können sich, ehe man daran denkt, auch über das Herrenhaus hermachen.« »Ja, im Haus hätten sie alles reichlich«, unterbrach Kirila Petrowitsch, »auch die rote Schatulle wäre gestopft voll.« »Ja woher, Väterchen Kirila Petrowitsch, sie war voll, aber jetzt ist sie vollständig leer!« »Geh, lüg doch nicht so, Anton Pafelltitsch. Wir kennen dich doch. Wo soll denn bei dir das Geld hinkommen? Daheim lebst du wie in einem Saustall, empfängst keinen Menschen, und deine Bauern schindest du – du tust doch nichts als Geld zusammenscharren.« »Sie sind immer zu Scherzen aufgelegt, Väterchen Kirila Petrowitsch«, murmelte Anton Pafelltitsch lächelnd. »Aber wir haben uns, bei Gott, ruiniert.« Und Anton Pafelltitsch ließ sich auf den Scherz des Hausherrn hin ein fettes Stück Pastete gut schmecken. Kirila Petrowitsch ließ von ihm ab und wandte sich dem neuen Kreishauptmann zu, der zum ersten Male als Gast zu ihm gekommen war und am anderen Ende der Tafel neben dem Lehrer saß. »Nun, wie steht's, Herr Kreishauptmann, werden Sie den Dubrowskij bald einfangen?« Der Kreishauptmann machte eine verlegene Verbeugung, lächelte und sagte schließlich stotternd: »Wir bemühen uns, Eure Exzellenz.« »Hm! Wir bemühen uns. Ihr bemüht euch schon lange, sehr lange, aber es kommt trotzdem nichts dabei heraus. Doch es ist wahr, warum sollt ihr ihn auch einfangen? Die Räubereien Dubrowskijs sind ja ein wahrer Segen für die Kreishauptleute: da gibt es Dienstreisen, Untersuchungen, Zweispänner und Geld in der Tasche. Warum einem solchen Wohltäter den Garaus machen? Hab ich nicht recht, Herr Kreishauptmann?« »Absolut, Eure Exzellenz«, antwortete der vollkommen verwirrte Kreishauptmann. Die Gäste brachen in lautes Gelächter aus. »Ich lobe den Kerl für seine Aufrichtigkeit«, sagte Kirila Petrowitsch. »Offenbar muß ich mich selbst der Sache annehmen und nicht erst lange auf die Unterstützung der hiesigen Behörde warten. Ach, wie schade, daß der Kreishauptmann Taras Alexejewitsch nicht mehr lebt. Wenn sie den nicht verbrannt hätten, wäre es in der ganzen Gegend ruhiger. Aber was hört man von Dubrowskij? Wo hat man ihn zuletzt gesehen?« »Bei mir, Kirila Petrowitsch«, ertönte hierauf eine tiefe Frauenstimme. »Am vergangenen Dienstag hat er bei mir zu Mittag gespeist.« Aller Augen waren auf Anna Sawischma Globowa gerichtet, eine ganz einfache Witwe, die sich wegen ihres gutmütigen und fröhlichen Wesens allgemeiner Beliebtheit erfreute. Alle hörten mit gespannter Aufmerksamkeit ihrer Erzählung zu. »Also vor drei Wochen habe ich meinen Verwalter mit einem Brief an meinen Wanjuscha auf die Post geschickt. Ich verwöhne meinen Sohn nicht, ich könnte das auch nicht, selbst wenn ich wollte, aber Sie wissen selbst, daß ein Gardeoffizier standesgemäß leben muß, und ich teile meine Einnahmen mit Wanjuscha, so gut es eben geht. Ich habe ihm also zweitausend Rubel geschickt. Freilich habe ich öfters auch an Dubrowskij gedacht, aber ich meinte, die Stadt ist nicht weit entfernt, es sind im ganzen nur sieben Werst, und Gott wird vielleicht helfen. Da schau, am Abend kommt mein Verwalter bleich und abgerissen zu Fuß zurück. Ich schreie auf: ›Was ist passiert? Was ist mit dir geschehen?‹ Er antwortete mir: ›rsaquo;Mütterchen Anna Sawischna, die Räuber haben mich ausgeplündert und beinahe umgebracht. Dubrowskij selber war dabei und wollte mich aufhängen, dann hat er aber doch Mitleid mit mir gehabt und mich laufen lassen. Dafür hat er mir alles abgenommen, auch das Pferd und den Wagen.‹ Ich war sprachlos. Mein himmlischer Vater, was wird aus meinem Wanjuscha? Aber es war nichts zu machen. Ich schrieb einen neuen Brief, in dem ich ihm alles erzählte und meinen Segen, aber keine Kopeke schickte. Es verging eine Woche und noch eine. Auf einmal fährt ein Wagen in meinen Hof. Ein General wünscht mich zu sprechen; ich lasse ihn bitten. Ein etwa fünfunddreißigjähriger Mann, braun, mit dunklem Haar, Schnurr- und Vollbart, das reinste Bild von Kulnew, trat bei mir ein. Er stellte sich mir als Freund und Kamerad meines verstorbenen Mannes Iwan Andrejewitsch vor und sagte, er sei hier vorgefahren und habe es nicht unterlassen wollen, seine Witwe zu besuchen, da er wisse, daß sie hier lebe. Ich bewirtete ihn, so gut es ging; wir unterhielten uns über dies und jenes und endlich auch über Dubrowskij. Dabei erzählte ich ihm von meinem Verdruß. Der General bekam ein finsteres Gesicht. ›Das ist sonderbar‹, sagte er, ›ich habe gehört, daß Dubrowskij nicht jeden überfällt, sondern nur bekannte reiche Leute, und auch da nimmt er sich nur einen Teil und plündert sie nicht vollständig aus. Einer Mordtat beschuldigt ihn kein Mensch. Ob hier nicht eine Gaunerei vorliegt? Lassen Sie doch Ihren Verwalter herkommen.‹ Er wurde geholt und kam ins Zimmer. Kaum hatte er den General gesehen, da wurde er totenblaß. ›Erzähle mir mal, Brüderchen, wie Dubrowskij dich ausgeraubt hat und wie er dich aufhängen wollte!‹ Mein Verwalter fing an zu zittern und warf sich dem General zu Füßen: ›Verzeih, Väterchen, der Böse hat mich verleitet! Ich habe gelogen!‹ ›Wenn es so ist‹, antwortete der General, ›so erzähle gefälligst der Herrin, wie alles zugegangen ist, und ich will zuhören.‹ Der Verwalter konnte gar nicht zu sich kommen. ›Nun, wird's bald?‹ fuhr der General fort, ›erzähle! Wo bist du mit Dubrowskij zusammengetroffen?‹ ›Bei den zwei Linden, Väterchen, bei den zwei Linden.‹ ›Und was hat er zu dir gesagt?‹ ›Er hat mich gefragt, wem ich gehöre, wohin und warum ich fahre.‹ ›Nun, und dann?‹ ›Dann hat er den Brief und das Geld von mir verlangt. Ich habe ihm dann beides gegeben.‹ ›Und er?‹ ›Er... verzeiht, Väterchen!‹ ›Nun, was hat er getan?‹ ›Er hat mir Brief und Geld zurückgegeben und gesagt: Geh mit Gott und bring das zur Post.‹ ›Nun?‹ ›Verzeiht, Väterchen!‹ ›Ich werde mit dir schon abrechnen, mein Lieber‹, sagte der General drohend. ›Sie aber, gnädige Frau, lassen Sie den Koffer dieses Lumpen durchsuchen und übergeben Sie ihn mir, ich werde ihm eine entsprechende Lektion erteilen. Sie sollen wissen, daß Dubrowskij selbst Gardeoffizier war und keinem Kameraden ein Unrecht zufügen will.‹ Ich erriet, wer diese Exzellenz war, und da gab es nicht mehr viel zu reden. Die Kutscher banden den Verwalter am Bock des Wagens fest, das Geld wurde gefunden, und der General beendete seine Mahlzeit. Dann ist er gleich weitergefahren und hat den Verwalter mitgenommen. Wir haben ihn am anderen Tag im Wald gefunden. Er war an eine Eiche gefesselt und zerschunden wie eine junge Linde.« Alle hatten der Erzählung von Anna Sawischna schweigend zugehört, besonders die jungen Damen. Viele von ihnen empfanden eine heimliche Sympathie für Dubrowskij, den sie wie einen Romanhelden verehrten, besonders Marja Kirilowna, die eine glühende, mit allen geheimnisvollen Schrecken der Romane gesättigte Schwärmerin war. »Du glaubst also, Anna Sawischna, daß Dubrowskij selber bei dir gewesen ist?« fragte Kirila Petrowitsch. »Aber da bist du schwer im Irrtum. Ich weiß zwar nicht, wer dich besucht hat, aber Dubrowskij war es bestimmt nicht.« »Warum, Väterchen, soll es Dubrowskij nicht gewesen sein? Wer streift denn sonst auf den Straßen herum, hält die Reisenden an und durchsucht sie, wenn nicht er?« »Ich weiß das nicht, aber Dubrowskij war es bestimmt nicht. Ich erinnere mich an ihn, wie er noch ein kleiner Bub war. Ob seine Haare inzwischen schwarz geworden sind, kann ich nicht sagen, aber damals war er ein lockiger, hellblonder Knabe. Auch das weiß ich sicher, daß Dubrowskij um fünf Jahre älter ist als meine Mascha und daß er infolgedessen nicht fünfunddreißig, sondern höchstens dreiundzwanzig Jahre alt sein kann.« »Sehr richtig, Eure Exzellenz!« bemerkte der Kreishauptmann. »Ich habe die Personalbeschreibung Dubrowskijs in der Tasche. Dort heißt es tatsächlich, daß er dreiundzwanzig Jahre alt ist.« »Aha!« sagte Kirila Petrowitsch. »Übrigens, lesen Sie uns das mal vor, wir hören zu. Es wird ganz gut sein, wir kennen diese Personalbeschreibung. Wenn er uns dann mal in die Hände fällt, wird er nicht mehr entkommen.« Der Kreishauptmann nahm ein ziemlich fleckiges Blatt Papier aus der Tasche, legte es auseinander und begann mit singender Stimme zu lesen: »Personalbeschreibung des Dubrowskij, aufgestellt nach den Angaben seiner früheren Dienstboten: Dreiundzwanzig Jahre alt, mittelgroß, glattes Gesicht, Augen braun, Haare blond, Nase gerade. Besondere Kennzeichen: keine.« »Ist das alles?« fragte Kirila Petrowitsch. »Jawohl«, antwortete der Kreishauptmann und faltete das Papier wieder zusammen. »Gratuliere, Herr Kreishauptmann! Allen Respekt vor diesem Papier! Auf Grund dieser Personalbeschreibung wird es für euch ja gar kein Kunststück sein, Dubrowskij ausfindig zu machen! Wer ist nicht mittelgroß, wer hat keine blonden Haare, wer hat keine gerade Nase und wer keine braunen Augen? Ich gehe jede Wette ein, auf drei Stunden im Umkreis wirst du mit Dubrowskij sprechen und nicht herausbringen, mit wem dich der liebe Gott zusammengeführt hat. Kluge Köpfchen sind sie allesamt, diese Federfuchser, da ist nichts zu sagen!« Der Kreishauptmann hatte sein Papier ergeben wieder eingesteckt und machte sich schweigend über ein Stück Gans mit Kohl her. Inzwischen hatten die Diener schon mehrmals Zeit gefunden, die Runde zu machen und den Gästen die Gläser zu füllen. Einige Flaschen kaukasischer und Donwein wurden geräuschvoll entkorkt und wohlwollend als Champagner hingenommen. Die Gesichter begannen sich zu erhitzen, die Unterhaltung wurde lauter, unzusammenhängender und lärmender. »Nein«, fuhr Kirila Petrowitsch fort, »einen Kreishauptmann, wie der selige Taras Alexejewitsch einer war, werden wir nicht mehr zu sehen bekommen! Der hat sich nicht so leicht anführen lassen und war keine Schlafmütze. Schade, daß sie diesen Prachtkerl verbrannt haben! Dem wäre nicht einer von der ganzen Bande entkommen! Er hätte jeden einzelnen erwischt, und auch Dubrowskij selbst hätte sich nicht herausgewunden. Taras Alexejewitsch hätte vielleicht von ihm Geld angenommen, ihn selber aber auch nicht mehr losgelassen. Das war so seine Art. Es ist schon so, ich muß mich offenbar selbst der Sache annehmen und mit meinen eigenen Leuten gegen die Räuber vorgehen. Fürs erste will ich mal zwanzig Mann ausrüsten, damit sie das Diebesnest säubern. Die Leute sind nicht feige; jeder von ihnen geht auf einen Bären los und wird also auch vor den Räubern nicht zurückweichen.« »Wie geht es denn Ihren Bären, Väterchen Kirila Petrowitsch?« sagte Anton Pafelltitsch, der sich bei diesen Worten an seine haarigen Bekannten und einige Scherze erinnerte, deren Opfer er geworden war. »Mischa hat das Zeitliche gesegnet«, antwortete Kirila Petrowitsch. »Er ist den Heldentod gestorben. Hier sein Besieger!« Kirila Petrowitsch deutete auf Deforge. »Da, nimm dir ein Beispiel an einem Franzosen. Er hat sich für deine... mit Verlaub zu sagen... weißt du noch?« »Wie soll ich es nicht mehr wissen?« sagte Anton Pafelltitsch und kratzte sich im Nacken. »Ich weiß es noch sehr gut. Also ist Mischa tot – schade um ihn, bei Gott, schade! Was war das für ein nettes, kluges Tier. So einen Bären wird man nicht leicht wieder finden. Aber warum hat ihn der Musjö getötet?« Kirila Petrowitsch erzählte mit schmatzendem Behagen die Heldentat seines Franzosen, denn er besaß die glückliche Gabe, mit allem zu prahlen, was ihn umgab. Die Gäste hörten aufmerksam der Schilderung von Mischas Tod zu und schauten mit Staunen auf Deforge, der gar nicht merkte, daß man sich über seine Tapferkeit unterhielt, und, ruhig auf seinem Platz sitzend, seinem mutwilligen Zögling moralische Ermahnungen erteilte. Das Mittagessen, das sich bis gegen drei Uhr hinzog, war beendet. Der Hausherr legte seine Serviette auf den Tisch, dann erhoben sich alle und begaben sich in den Salon, wo Karten, Kaffee und weitere Getränke sie erwarteten, von denen sie schon im Eßzimmer reichlich genossen hatten.   Gegen sieben Uhr abends wollten einige Gäste wegfahren, aber der vom Punsch angeheiterte Hausherr ließ die Tore schließen und erklärte, er lasse vor dem kommenden Morgen niemanden aus dem Hof. Bald ertönte Musik, die Saaltüren wurden geöffnet, und der Ball begann. Der Hausherr und seine nächste Umgebung setzten sich in eine Ecke, leerten ein Glas nach dem anderen und freuten sich über die Fröhlichkeit der Jugend. Die Alten saßen beim Kartenspiel. Wie überall da, wo keine Ulanenbrigade steht, gab es weniger Kavaliere als Damen. Daher wurden alle tanzfähigen Männer herangezogen. Unter ihnen zeichnete sich Deforge besonders aus. Er tanzte mehr als alle. Alle jungen Damen wählten ihn und fanden, daß mit ihm sehr angenehm zu walzen sei. Einige Runden tanzte er auch mit Marja Kirilowna, worüber die anderen jungen Damen spöttische Bemerkungen machten. Endlich, gegen Mitternacht, erhob sich der ermüdete Hausherr und unterbrach den Tanz mit dem Befehl, das Abendessen zu reichen. Er selbst ging schlafen. Die Abwesenheit von Kirila Petrowitsch verlieh der Gesellschaft mehr Bewegungsfreiheit und Munterkeit. Die Kavaliere durften es jetzt wagen, neben den Damen Platz zu nehmen. Die Mädchen lachten und flüsterten mit ihren Nachbarn, und die älteren Damen unterhielten sich laut über den Tisch hin. Die Männer tranken, stritten und lachten, mit einem Wort, das Abendessen verlief außergewöhnlich lustig und hinterließ viele angenehme Erinnerungen. Nur ein Mann nahm keinen Anteil an der allgemeinen Ausgelassenheit. Anton Pafelltitsch saß finster und schweigsam an seinem Platz, aß zerstreut und machte einen außergewöhnlich beunruhigten Eindruck. Die Gespräche über die Räuber hatten seine Phantasie stark erregt. Wir werden bald sehen, daß er reichlich Grund hatte, sie zu fürchten. Anton Pafelltitsch hatte Gott zum Zeugen angerufen, daß die rote Schatulle tatsächlich leer sei. Er hatte nicht gelogen und gesündigt; die rote Schatulle war wirklich leer. Das sonst in dieser Schatulle aufbewahrte Geld war in einen Lederbeutel übergegangen, den er unter dem Hemd auf der Brust trug. Nur durch diese Vorsichtsmaßnahme konnte er das Mißtrauen und die ewige Angst beruhigen. Da er gezwungen war, in einem fremden Haus zu übernachten, fürchtete er, daß man ihm ein entlegenes Zimmer anweisen würde, in das leicht Diebe eindringen könnten. Er schaute daher nach einem zuverlässigen Schlafgenossen aus und wählte endlich Deforge. Sein Äußeres, das Kraft verriet, noch mehr aber die bewiesene Tapferkeit beim Zusammentreffen mit dem Bären, an den sich der arme Pafelltitsch nicht ohne Schaudern erinnern konnte, waren für seine Wahl entscheidend. Als man sich von der Tafel erhob, schwänzelte Anton Pafelltitsch um den jungen Franzosen herum und wandte sich schließlich mit den Worten an ihn: »Hm! Hm! Musjö, könnte ich nicht in Ihrem Zimmer übernachten, weil ich, weißt du ...« »Que désire monsieur?« fragte Deforge mit höflicher Verneigung. »Ach! Es ist ein Jammer, daß du noch nicht Russisch gelernt hast. Sche me wö sche wu kusche, verstehst du?« »Monsieur, très volontiers«, antwortete Deforge, »veuillez donner des ordres en conséquence.« Anton Pafelltitsch, mit seinen französischen Sprachkenntnissen sehr zufrieden, ging sofort hinaus, um das Notwendige zu veranlassen. Die Gäste verabschiedeten sich voneinander, und jeder begab sich auf sein Zimmer; Anton Pafelltitsch aber ging mit dem Lehrer nach dem Flügelgebäude. Die Nacht war finster. Deforge beleuchtete den Weg mit einer Laterne. Anton Pafelltitsch folgte ihm ziemlich munter und tastete zuweilen nach dem auf seiner Brust ruhenden Beutel, um sich zu überzeugen, daß er sein Geld noch bei sich habe. Als sie im Flügelbau angekommen waren, zündete Deforge eine Kerze an, und beide begannen sich auszukleiden. Dabei ging Anton Pafelltitsch im Zimmer umher und prüfte Tür und Fenster, und er schüttelte den Kopf. Die Tür war nur mit einem Riegel verschließbar, und am Fenster fehlte der Doppelrahmen. Er wollte sich darüber bei Deforge beklagen, aber seine Kenntnisse des Französischen waren für eine so ausführliche Erklärung nicht ausreichend. Der Franzose verstand ihn nicht, und so war Anton Pafelltitsch genötigt, seine Klage zu unterdrücken. Ihre Betten standen einander gegenüber. Beide legten sich nieder, und der Franzose löschte die Kerze aus. »Purkua wu tusche, purkua wu tusche?« schrie Anton Pafelltitsch, indem er mühsam das russische Wort »tuschu« (ich lösche aus) auf französische Art beugte. »Ich kann im Finstern nicht dormir.« Deforge verstand seinen Ausruf nicht und wünschte ihm gute Nacht. »Verfluchter Ausländer!« brummte Spizyn und wickelte sich in seine Decke ein. »Wozu braucht er die Kerze auszulöschen. Um so schlimmer für ihn. Ich kann ohne Licht nicht schlafen. – Musjö, Musjö«, fuhr er fort, »sche wö awek wu parle.« Aber der Franzose gab keine Antwort und fing alsbald an zu schnarchen. »Da schnarcht diese Bestie von einem Franzosen«, dachte Anton Pafelltitsch, »aber ich kann an Schlaf gar nicht denken. Auf einmal kommen Diebe daher, reißen die Türe auf oder klettern durchs Fenster herein, und ihn, diese Bestie, kann man auch mit Kanonen nicht aufwecken. Musjö, he, Musjö! Der Teufel soll dich holen!« Anton Pafelltitsch schwieg. Müdigkeit und der in den Kopf gestiegene Wein siegten allmählich über seine Furchtsamkeit. Er schlummerte ein, und bald bemächtigte sich seiner ein tiefer Schlaf. Es war ihm aber dann ein seltsames Erwachen beschieden. Er fühlte noch im Schlaf, wie jemand behutsam an seinem Hemdkragen zupfte. Anton Pafelltitsch schlug die Augen auf und sah im fahlen Licht des Herbstmorgens Deforge vor sich stehen. Der Franzose hielt in der einen Hand eine Taschenpistole, während er mit der anderen den inhaltsreichen Beutel abknüpfte. Anton Pafelltitsch war starr. »Kess ke se, Musjö, kess ke se«, sagte er mit ersterbender Stimme. »Leise! Still!« antwortete der Lehrer in reinstem Russisch. »Still! Oder Sie sind verloren! Ich bin Dubrowskij.«   Jetzt bitten wir den Leser um die Erlaubnis, ihm die letzten in unserer Erzählung geschilderten Ereignisse dadurch zu erläutern, daß wir ihm über einige vorausgegangene Vorkommnisse berichten, die wir bisher noch nicht darlegen konnten. Auf der schon erwähnten Station X. im Hause des Posthalters saß in einer Ecke ein Reisender mit jener friedlichen und geduldigen Miene, die den Nichtadeligen oder Ausländer kennzeichnet, das heißt einen Mann, der auf der Poststraße nichts zu sagen hat. Sein kleiner Wagen stand im Hof und wartete auf das Schmieren der Räder. Dort lag ein kleiner Reisesack, der keineswegs auf größeren Wohlstand des Reisenden schließen ließ, der sich weder Tee noch Kaffee bestellte, sondern nur zum Fenster hinausschaute und zum großen Ärger der im Verschlag sitzenden Posthalterin ständig pfiff. »Was hat uns der liebe Gott da für einen Pfeifer geschickt«, sagte sie halblaut. »Wie er pfeift! Platzen soll er, der verfluchte Ausländer!« »Was denn?« sagte der Posthalter. »Was schadet denn das? Laß ihn doch ruhig pfeifen.« »Was das schadet?« antwortete giftig die Posthalterin, »kennst du vielleicht die Vorbedeutung nicht?« »Was für eine Vorbedeutung?« »Daß das Pfeifen das Geld verscheucht.« »Ach, Pachomowna, ob bei uns einer pfeift oder nicht pfeift, ist ganz wurscht, wir haben so und so kein Geld.« »So laß ihn doch weiterfahren, Sidorytsch. Hältst du ihn zum Spaß hier? Gib ihm Pferde, er soll sich zum Teufel scheren.« »Er soll warten, Pachomowna. Im Stall sind im ganzen nur drei Dreigespanne, das vierte muß rasten. Ehe man sich umschaut, kommen vornehme Reisende, und ich will mir wegen dieses Franzosen da keine Unannehmlichkeiten auf den Hals laden. Horch! Man ist schon da! Da kommt schon einer angaloppiert! Oho! Und wie schnell! Ob das nicht ein General ist?« Ein Wagen hielt an der Rampe. Ein Diener sprang vom Bock, öffnete die Tür, und eine Minute später trat ein junger Mann in einem Militärmantel und weißer Mütze zum Posthalter. Hinter ihm kam der Diener mit einer Schatulle und stellte diese auf das Fensterbrett. »Pferde!« sagte der Offizier im Befehlston. »Sofort!« antwortete der Posthalter. »Bitte, den Reisepaß!« »Ich habe keinen Reisepaß. Ich reise ohne Papiere – kennst du mich etwa nicht?« Der Posthalter wurde auf diese Bemerkung hin sehr diensteifrig und eilte hinaus, um die Postillione anzutreiben. Der junge Mann ging im Zimmer auf und ab, trat hinter den Verschlag und fragte die Posthalterin leise: »Wer ist denn dieser Reisende da?« »Das weiß der liebe Gott«, antwortete die Posthalterin, »es ist ein Franzose. Er wartet jetzt schon fünf Stunden auf Pferde und pfeift immer. Ich habe ihn satt, den verdammten Kerl.« Der junge Mann sprach den Reisenden auf französisch an: »Wohin belieben Sie zu reisen?« fragte er ihn. »In die nächste Stadt«, antwortete der Franzose. »Von da fahre ich zu einem Gutsbesitzer, der mich als Lehrer angestellt hat, ohne daß ich mich vorgestellt habe. Ich glaubte, schon heute an Ort und Stelle zu kommen, aber der Herr Posthalter hat es anders beschlossen. In diesem Lande ist es schwer, Pferde zu bekommen, Herr Offizier.« »Bei welchem der hiesigen Gutsbesitzer wollen Sie denn eintreten?« fragte der Offizier. »Bei Herrn Trojekurow«, antwortete der Franzose. »Bei Trojekurow? Wer ist denn dieser Trojekurow?« »Ma foi, monsieur, ich habe von ihm wenig Gutes gehört. Man sagt, er sei ein stolzer und eigensinniger Herr, der seine Dienstboten sehr schlecht behandelt. Niemand könne sich mit ihm vertragen, und alle zittern schon bei Nennung seines Namens. Mit den Lehrern mache er ebenfalls keine Umstände und habe schon zwei totgeprügelt.« »Aber ich bitte Sie, und da wagen Sie es, bei einem solchen Ungeheuer in Stellung zu gehen?« »Was soll ich machen, Herr Offizier? Er hat mir ein hohes Gehalt angeboten, dreitausend Rubel jährlich und alles frei. Vielleicht habe ich mehr Glück als meine Vorgänger. Ich habe eine alte Mutter, der ich die Hälfte meines Einkommens zu ihrem Lebensunterhalt schicken will. Von dem übrigen Geld kann ich mir in fünf Jahren ein kleines Kapital ersparen, das genügen wird, um mich künftig unabhängig zu machen. Dann – bon soir – fahre ich nach Paris und fange ein Geschäft an.« »Kennt Sie jemand im Hause Trojekurows?« fragte der Offizier. »Kein Mensch«, antwortete der Lehrer. »Er hat mich aus Moskau über einen seiner Freunde bestellt, dessen Koch ein Landsmann von mir ist. Sie müssen wissen, daß ich eigentlich von Beruf kein Lehrer, sondern Konditor bin, aber man hat mir gesagt, daß in Ihrem Lande der Lehrerberuf bedeutend einträglicher sei.« Der Offizier hatte ihm nachdenklich zugehört. »Hören Sie«, unterbrach er den Franzosen, »wie wäre es, wenn man Ihnen statt dieser Zukunft bare zehntausend Rubel anbieten würde, unter der Bedingung, daß Sie sofort nach Paris zurückreisen?« Der Franzose schaute den Offizier erstaunt an und schüttelte lächelnd den Kopf. »Die Pferde sind fertig!« sagte der eintretende Posthalter. Der Diener bestätigte diese Meldung. »Gleich«, antwortete der Offizier, »geht einen Augenblick hinaus.« Der Posthalter und der Diener verließen das Zimmer. »Ich mache keinen Scherz«, fuhr er auf französisch fort, »ich kann Ihnen zehntausend Rubel geben. Ich brauche nur Ihre Abwesenheit und Ihre Papiere.« Bei diesen Worten öffnete er die Schatulle und entnahm ihr einen Pack Banknoten. Der Franzose riß die Augen auf und wußte nicht, was er denken sollte. »Meine Abwesenheit ..., meine Papiere«, wiederholte er erstaunt. »Hier sind meine Papiere ... Aber Sie scherzen doch nur? Wozu brauchen Sie meine Papiere?« »Das geht Sie nichts an. Ich frage Sie, sind Sie einverstanden oder nicht?« Der Franzose, der seinen Ohren immer noch nicht traute, überreichte dem Offizier seinen Paß, der ihn durchsah. »Ihr Paß ... gut, Ihr Empfehlungsschreiben ... wollen mal sehen, Geburtszeugnis ... ausgezeichnet. Hier haben Sie Ihr Geld, und nun reisen Sie zurück. Leben Sie wohl.« Der Franzose blieb wie angewurzelt stehen. Da kehrte der Offizier um und sagte: »Ich habe die Hauptsache vergessen: geben Sie mir Ihr Ehrenwort, daß die Sache unter uns bleibt ... Ihr Ehrenwort.« »Mein Ehrenwort«, antwortete der Franzose. »Aber meine Papiere? Was mache ich ohne sie?« »Sie erklären in der nächsten Stadt, sie seien von Dubrowskij ausgeplündert worden. Man wird Ihnen glauben und Ihnen die notwendigen Legitimationen ausstellen. Leben Sie wohl; Gott helfe Ihnen, daß Sie möglichst bald nach Paris kommen und Ihr Mütterchen bei guter Gesundheit antreffen.« Dubrowskij verließ das Zimmer, stieg in seinen Wagen und fuhr im Galopp davon. Der Posthalter schaute durch das Fenster, und als der Wagen weggefahren war, wandte er sich an seine Frau und rief: »Pachomowna! Weißt du was? Das war ja Dubrowskij!« Die Posthalterin stürzte hastig ans Fenster, aber es war schon zu spät; Dubrowskij war über alle Berge. Da fing sie an, ihren Mann zu beschimpfen. »Du hast doch gar keine Gottesfurcht, Sidorytsch! Warum hast du das nicht früher gesagt? Ich hätte mir Dubrowsfcij angesehen, aber jetzt heißt es warten, bis er wiederkommt. Du bist ein gewissenloser Mensch, wirklich gewissenlos!« Der Franzose stand immer noch wie angewurzelt da. Die Abmachung mit dem Offizier, das viele Geld – alles kam ihm vor wie ein Traum. Aber er hatte die Bündel Banknoten in der Tasche, und diese gaben ihm ein beredtes Zeugnis für die Wirklichkeit des wunderbaren Erlebnisses. Er entschloß sich, bis zur Stadt Pferde zu mieten. Der Kutscher fuhr ihn im Schritt, und es wurde Nacht, bis er ihn in die Stadt geschleppt hatte. Vor der Ankunft am Schlagbaum, an dem statt eines Wachtpostens ein verfallenes Schilderhaus stand, ließ der Franzose halten, stieg aus dem Wagen und ging zu Fuß weiter. Dem Kutscher hatte er durch Zeichen zu verstehen gegeben, daß er ihm den Wagen und seinen Reisesack als Trinkgeld schenke. Dieser war über eine solche Freigebigkeit nicht weniger erstaunt, als es der Franzose über den Vorschlag Dubrowskijs gewesen war. Da er aber daraus schloß, daß der Fremde verrückt geworden sei, dankte der Kutscher mit einer eifrigen Verbeugung, und weil er meinte, es sei besser, nicht in die Stadt hinein zu fahren, begab er sich in eine Kneipe, deren Wirt ein Freund von ihm war. Dort brachte er die ganze Nacht zu und machte sich am nächsten Morgen ohne Wagen und Reisetasche, aber mit geschwollenem Gesicht und geröteten Augen mit den Pferden allein auf den Heimweg. Nachdem Dubrowskij die Papiere des Franzosen erhalten hatte, begab er sich, wie wir bereits gesehen haben, keck zu Trojekurow und ließ sich in dessen Haus nieder. Wie auch immer seine geheimen Absichten waren – wir werden sie später kennenlernen –, sein Verhalten erregte nicht den geringsten Verdacht. Mit der Ausbildung des kleinen Sascha befaßte er sich nur wenig. Er ließ ihm volle Freiheit für seine mutwilligen Streiche und nahm es auch mit den Aufgaben nicht streng, die er ihm nur der Form halber gab. Dagegen verfolgte er mit um so größerem Eifer die Fortschritte, die seine Schülerin in der Musik machte, und saß stundenlang mit ihr am Klavier. Alle hatten den jungen Lehrer gern: Kirila Petrowitsch wegen seiner kühnen Gewandtheit auf der Jagd, Marja Kirilowna wegen seiner grenzenlosen Hingabe, Sascha wegen der Nachsicht gegenüber seinen Streichen, die Dienerschaft wegen seiner Liebenswürdigkeit und Freigebigkeit, die eigentlich mit seinem Stand nicht zu vereinbaren war. Er selbst schien der ganzen Familie zugetan und zählte sich bereits zu ihren Mitgliedern. Seit seinem Eintritt bis zu dem denkwürdigen Fest war fast ein Monat vergangen, und kein Mensch vermutete, daß sich hinter dem bescheidenen jungen Franzosen der gefürchtete Räuber verbarg, dessen Name alle benachbarten Gutsbesitzer in Schrecken versetzte. Während dieser ganzen Zeit hatte Dubrowskij Pokrowskoje nie verlassen, aber die Gerüchte über seine Räubereien waren dank der erfinderischen Phantasie der Landbewohner trotzdem nicht verstummt. Es ist aber ebenso wahrscheinlich, daß seine Bande ihre Tätigkeit auch während der Abwesenheit ihres Anführers weiter ausübte. Als Dubrowskij mit dem Mann in einem Zimmer übernachtete, den er als seinen persönlichen Feind und als den Hauptschuldigen an seinem Unglück ansehen mußte, vermochte er der Versuchung nicht zu widerstehen. Er wußte von dem Beutel und beschloß, sich seiner zu bemächtigen. Wir haben gesehen, wie er den armen Anton Pafelltitsch durch seine plötzliche Verwandlung vom Lehrer in einen Räuber überraschte.   Um neun Uhr morgens kamen die Gäste, die in Pokrowskoje übernachtet hatten, einer nach dem andern in den Salon, wo schon der Samowar summte, vor dem Marja Kirilowna in einem Morgenkleid saß und Kirila Petrowitsch in Friesrock und Pantoffeln aus einer großen, fast einer Spülschüssel ähnlichen Tasse seinen Tee schlürfte. Als letzter erschien Anton Pafelltitsch. Er war so blaß und machte einen so verstörten Eindruck, daß sich alle über sein Aussehen wunderten und Kirila Petrowitsch sich nach seinem Befinden erkundigte. Spizyn gab ganz sinnlose Antworten und starrte entsetzt den Lehrer an, der ruhig dasaß, als ob nichts geschehen wäre. Nach einigen Minuten kam ein Diener und meldete Spizyn, daß der Wagen bereitstehe. Anton Pafelltitsch verabschiedete sich hastig, ging rasch aus dem Zimmer und fuhr davon. Den Gästen und dem Hausherrn war es unverständlich, was mit ihm los war. Kirila Petrowitsch erklärte sich das Verhalten Spizyns damit, daß dieser sich beim Essen übernommen habe. Nach dem Tee und einem Abschiedsfrühstück fuhren auch die übrigen Gäste nach und nach heim. Bald war Pokrowskoje leer, und alles nahm wieder seinen üblichen Gang. Nun verstrichen einige Tage ohne irgendein bemerkenswertes Ereignis. Das Leben der Bewohner von Pokrowskoje war eintönig. Kirila Petrowitsch fuhr jeden Tag auf die Jagd; Lesen, Spaziergänge und Musikstunden, diese ganz besonders, beschäftigten Marja Kirilowna. Bei einer gewissenhaften Selbstprüfung mußte sie sich, wenn auch widerwillig, gestehen, daß sie den Vorzügen des jungen Franzosen gegenüber nicht gleichgültig geblieben war. Er selbst überschritt niemals die Grenzen der Ehrerbietung und strengen Schicklichkeit, wodurch er ihren Stolz und ihre ängstlichen Zweifel beruhigte. Mit immer größerem Vertrauen gab sie sich der bezaubernden Gewohnheit hin. Sie langweilte sich ohne Deforge; in seiner Gegenwart war sie immer mit ihm beschäftigt. Über alles wollte sie seine Meinung wissen, und sie war immer mit ihm einverstanden. Vielleicht war sie noch nicht verliebt, aber beim ersten zufälligen Widerstand oder einer unerwarteten Schicksalsfügung mußte die Flamme der Leidenschaft in ihrem Herzen hell auflodern. Eines Tages, als Marja Kirilowna in den Saal kam, wo der Lehrer sie erwartete, bemerkte sie an seinem bleichen Gesicht, daß er sehr aufgeregt war. Sie öffnete den Flügel und sang einige Noten, aber Dubrowskij entschuldigte sich mit dem Vorgeben, er habe Kopfschmerzen. Er hörte mit dem Unterricht auf, und während er das Notenbuch zuklappte, drückte er ihr verstohlen einen Zettel in die Hand. Marja Kirilowna kam gar nicht zum Besinnen; sie nahm ihn an, bereute es aber sofort. Inzwischen hatte aber Dubrowskij den Saal schon verlassen. Marja Kirilowna ging auf ihr Zimmer, öffnete den Zettel und las folgendes: »Kommen Sie heute abend um sieben Uhr in die Laube am Bach, ich muß Sie unbedingt sprechen.« Sie war vor Neugierde sehr erregt. Schon längst hatte sie eine Erklärung erwartet, gewünscht, aber auch gefürchtet. Es wäre ihr angenehm gewesen, eine Bestätigung dessen zu vernehmen, was sie ahnte, aber sie fühlte, daß es für sie unschicklich sei, eine Erklärung von einem Mann entgegenzunehmen, der nach seinem Stand niemals damit rechnen konnte, ihre Hand zu erhalten. Sie beschloß, zu diesem Stelldichein zu gehen, war sich aber in dem einen Punkt unschlüssig: wie sollte sie die Erklärung des Lehrers entgegennehmen? Mit aristokratischer Entrüstung, mit freundschaftlicher Verwarnung, mit einigen Scherzworten oder mit wortloser Teilnahme? Inzwischen sah sie alle Augenblicke nach der Uhr. Es wurde dunkel, und man brachte Kerzen. Kirila Petrowitsch hatte sich hingesetzt, um mit Gästen aus der Nachbarschaft Boston zu spielen. Die Uhr im Speisezimmer schlug dreiviertel sieben. Marja Kirilowna ging leise auf die Freitreppe hinaus, sah sich nach allen Seiten um und lief schnell in den Garten. Die Nacht war finster, der Himmel mit Wolken bedeckt, so daß man keine drei Schritte weit sehen konnte. Aber Marja Kirilowna ging auf den ihr wohlbekannten Wegen und war schon nach wenigen Minuten vor der Laube. Hier blieb sie stehen, um zu sich zu kommen und vor Deforge in gleichmütiger und gemessener Haltung zu erscheinen. Aber Deforge stand schon vor ihr. »Ich danke Ihnen«, sagte er mit leiser, trauriger Stimme, »daß Sie mir meine Bitte nicht abgeschlagen haben. Ich wäre verzweifelt gewesen, wenn Sie mir abgesagt hätten.« Marja Kirilowna antwortete mit der vorbereiteten Phrase: »Ich hoffe, daß Sie mich nicht in die Lage versetzen, mein Entgegenkommen zu bereuen.« Er schwieg und schien Mut zu sammeln. »Die Umstände fordern – ich muß Sie verlassen«, sagte er schließlich, »Sie werden vielleicht bald erfahren... aber vor der Trennung muß ich mich mit Ihnen aussprechen.« Marja Kirilowna gab keine Antwort. Sie sah in diesen Worten nur die Einleitung zu der erwarteten Erklärung. »Ich bin nicht derjenige, für den Sie mich halten«, fuhr er fort und ließ den Kopf sinken, »ich bin nicht der Franzose Deforge, ich bin – Dubrowskij.« Marja Kirilowna schrie auf. »Um Gottes willen, fürchten Sie sich nicht! Sie brauchen meinen Namen nicht zu fürchten. Ja, ich bin jener Unglückliche, den Ihr Vater, nachdem er ihm das letzte Brot weggenommen hat, aus dem Vaterhaus vertrieben und gezwungen hat, unter die Räuber zu gehen. Aber Sie brauchen nichts zu fürchten, weder für sich noch für ihn. Es ist alles vorüber... ich habe ihm verziehen. Hören Sie, Sie haben ihn gerettet. Meine erste blutige Heldentat hätte ihm gelten sollen. Ich schlich um das Haus herum, um festzustellen, wo das Feuer aufflammen sollte, wo man in sein Schlafzimmer eindringen und ihm jeden Fluchtweg versperren könnte. Da gingen Sie wie eine himmlische Erscheinung an mir vorüber, und Friede zog in mein Herz. Das Haus, in dem Sie wohnen, wurde mir zum Heiligtum, und kein Wesen, das mit Ihnen durch die Bande des Blutes verbunden war, unterlag mehr meinem Fluch. Ich entsagte meinen Rachegelüsten wie einer wahnsinnigen Idee. Tagelang streifte ich um die Gärten von Pokrowskoje, in der Hoffnung, von weitem Ihr weißes Kleid zu sehen. Bei Ihren unvorsichtigen Spaziergängen folgte ich Ihnen, stahl mich von Strauch zu Strauch, beglückt durch den Gedanken, daß es dort, wo ich heimlich zugegen bin, für Sie keine Gefahr gebe. Endlich bot sich eine Gelegenheit... Ich ließ mich in Ihrem Hause nieder. Diese Wochen waren für mich Wochen des Glückes; die Erinnerung daran wird der Trost meines traurigen Lebens sein... Heute habe ich eine Nachricht erhalten, die mein ferneres Hierbleiben unmöglich macht... Ich scheide von Ihnen heute, noch in dieser Stunde... aber ich mußte mich Ihnen vorher entdecken, damit Sie mich nicht verfluchen und nicht verachten. Denken Sie zuweilen an Dubrowskij. Sie sollen wissen, daß er für eine andere Bestimmung geboren wurde, daß sein Herz Sie hätte lieben können, daß niemals...« Hier ertönte ein lauter Pfiff, und Dubrowskij verstummte. Er ergriff ihre Hand und drückte sie an seine glühenden Lippen. Der Pfiff ertönte zum zweiten Mal. »Leben Sie wohl«, sagte Dubrowskij. »Man ruft mich; jede Minute kann mein Verderben bringen...« Er entfernte sich. Marja Kirilowna stand unbeweglich da. Dubrowskij kam noch- mals zurück und ergriff ihre Hand. »Wenn Sie«, sagte er mit zärtlicher Stimme, »wenn Sie einmal ein Unglück trifft und Sie von keiner Seite Hilfe oder Schutz erwarten können, wollen Sie mir versprechen, in diesem Fall sich an mich zu wenden und von mir alles zu Ihrer Rettung Dienliche zu verlangen? Versprechen Sie mir, meine Ergebenheit nicht zurückzuweisen?« Marja Kirilowna weinte wortlos. Der Pfiff ertönte zum dritten Male. »Sie richten mich zugrunde!« sagte Dubrowskij. »Ich verlasse Sie nicht, ehe Sie mir Antwort gegeben haben —- versprechen Sie es mir oder nicht?« »Ich verspreche es«, flüsterte die arme Schöne. Als Marja Kirilowna, die das Zusammentreffen mit Dubrowskij stark erregt hatte, aus dem Garten zurückkam, sah sie, daß sich im Hof eine Menge Leute angesammelt hatten. An der Freitreppe stand ein Dreigespann. Von den Dienstboten war niemand anwesend, das ganze Haus war in Bewegung. Von weitem hörte sie die Stimme ihres Vaters. Schnell eilte sie in die Wohnräume in Furcht, ihre Abwesenheit könnte bemerkt werden. Im Saal begegnete ihr Kirila Petrowitsch. Die Gäste hatten unseren Bekannten, den Kreishauptmann, umringt und bestürmten ihn mit Fragen. Der Kreishauptmann, im Reiseanzug und bis an die Zähne bewaffnet, antwortete ihnen mit geheimnisvoller und wichtigtuerischer Miene. »Wo warst du, Mascha?« fragte Kirila Petrowitsch. »Ist dir vielleicht Deforge begegnet?« Mascha konnte nur mühsam eine verneinende Antwort geben. »Denk dir nur«, fuhr Kirila Petrowitsch fort, »der Kreishauptmann ist gekommen, um ihn zu verhaften. Er behauptet steif und fest, daß er – Dubrowskij selbst sei.« »Alle Kennzeichen stimmen, Exzellenz«, sagte der Kreishauptmann ehrerbietig. »Ach, Bruder«, unterbrach ihn Kirila Petrowitsch, »scher dich doch – du weißt schon wohin – mit deinen Kennzeichen. Ich liefere dir meinen Franzosen nicht aus, ehe ich die Geschichte nicht selbst untersucht habe. Wie kann man nur auf das Gerede von Anton Pafelltitsch etwas geben. Er ist ein Feigling und ein Bauer. Er hat geträumt, daß ihn der Lehrer berauben wollte. Warum hat er denn nicht gleich am anderen Morgen ein Wort zu mir gesagt?« »Der Franzose hat ihn eingeschüchtert, Exzellenz«, antwortete der Kreishauptmann. »Er hat ihm den Schwur abgenommen, daß er nichts sagen werde.« »Dummes Geschwätz«, entschied Kirila Petrowitsch. »Ich werde die ganze Sache gleich aufklären. Wo ist der Lehrer?« fragte er einen eintretenden Diener. »Er ist nirgends zu finden«, antwortete dieser. »So sucht ihn!« schrie Kirila Petrowitsch, dem jetzt doch Zweifel kamen. »Zeig mir deine gepriesenen Kennzeichen«, sagte er zum Kreishauptmann, der ihm sofort das Papier überreichte. »Hm! Hm! Dreiundzwanzig Jahre und so weiter. Stimmt. Aber das beweist noch gar nichts. Wo ist der Lehrer?« »Nicht zu finden«, lautete die Antwort abermals. Kirila Petrowitsch wurde unruhig. Mascha war mehr tot als lebendig. »Du bist bleich, Mascha«, sagte der Vater. »Hat man dich erschreckt?« »Nein, Väterchen«, antwortete Mascha, »ich habe Kopfschmerzen.« »Geh auf dein Zimmer, Mascha, und rege dich nicht auf.« Mascha küßte ihm die Hand und begab sich schnell auf ihr Zimmer. Dort warf sie sich in ihr Bett und schluchzte in einem heftigen Weinkrampf. Die Mägde liefen herbei, entkleideten sie, und es gelang ihnen unter großen Mühen, sie mit kaltem Wasser, Essig und allerlei Essenzen zu beruhigen. Man brachte sie zu Bett, und sie schlief ein. Indessen hatte man den Franzosen immer noch nicht gefunden. Kirila Petrowitsch ging in seinem Zimmer auf und ab und pfiff laut »Siegesdonner erschalle«. Die Gäste wisperten untereinander. Der Kreishauptmann schien wieder der Dumme zu sein; der Franzose war unauffindbar. Wahrscheinlich war er von irgendeiner Seite gewarnt worden und hatte Zeit gefunden, sich zu verbergen. Aber von wem und wie? Das blieb ein Geheimnis. Es war elf Uhr geworden, und niemand dachte ans Schlafengehen. Endlich sagte Kirila Petrowitsch giftig zum Kreishauptmann: »Nun, was gibt's? Du kannst doch nicht bis morgen früh hier bleiben; mein Haus ist kein Wirtshaus. Mit deiner Gewandtheit fängt man keinen Dubrowskij, wenn er schon Dubrowskij sein soll. Fahre heim und sei in Zukunft geschickter. Und auch für euch ist es Zeit«, fuhr er, zu den Gästen gewandt, fort. »Laßt anspannen, ich will schlafen gehen.« So ungnädig trennte sich Trojekurow von seinen Gästen.   Einige Zeit verstrich ohne bemerkenswerte Ereignisse. Aber am Anfang des darauffolgenden Sommers kam es zu vielen Veränderungen im Familienleben von Kirila Petrowitsch. Etwa dreißig Werst von ihm entfernt befand sich das reiche Besitztum des Fürsten Wereiskij. Der Fürst war lange Zeit in fremden Ländern gewesen. Sein Vermögen verwaltete ein abgedankter Major, und zwischen Pokrowskoje und Arbatowo bestanden keinerlei Beziehungen. Aber Ende Mai war der Fürst aus dem Ausland zurückgekehrt und auf sein Gut gekommen, das er zeit seines Lebens noch nie gesehen hatte. Er war an Zerstreuungen gewöhnt, und die Einsamkeit des Landlebens war ihm unerträglich. Daher begab er sich schon am dritten Tage nach seiner Ankunft zum Mittagessen zu Trojekurow, mit dem er früher einmal bekannt gewesen war. Der Fürst war etwa fünfzig Jahre alt, aber er machte einen bedeutend älteren Eindruck. Ausschweifungen aller Art hatten seine Gesundheit untergraben und ihm ihren unauslöschlichen Stempel aufgedrückt. Er brauchte ständig Zerstreuungen und langweilte sich immer. Trotzdem war sein Äußeres angenehm und bemerkenswert, und die Gewohnheit, stets in Gesellschaft zu sein, verlieh ihm eine gewisse Liebenswürdigkeit namentlich Frauen gegenüber. Kirila Petrowitsch war über seinen Besuch höchst erfreut, da er ihn als Zeichen der Achtung eines Weltmannes wertete. Seiner Gewohnheit gemäß unterhielt er den Gast mit der Besichtigung seiner Einrichtungen und führte ihn auch in den Hundezwinger. Aber der Fürst erstickte schier in dieser Hundeatmosphäre und beeilte sich fortzukommen, wobei er sein mit Parfüm besprengtes Taschentuch vor die Nase hielt. Der altmodische Garten mit den gestutzten Linden, dem viereckigen Teich und den schnurgeraden Alleen gefiel ihm auch nicht. Er schwärmte für englische Gärten und die sogenannte Natur. Aber er stellte sich trotzdem, als ob ihm alles recht gut gefiele, und sparte nicht mit Lob. Ein Diener meldete, daß das Essen serviert sei, und man begab sich ins Haus. Der Fürst, den der Rundgang ermüdet hatte, hinkte ein wenig, und es reute ihn schon, diesen Besuch gemacht zu haben. Aber im Saal traf er auf Marja Kirilowna, – und der alte Schwerenöter war von ihrer Schönheit betroffen. Trojekurow ließ seinen Gast neben ihr Platz nehmen, und der Fürst lebte in ihrer Gegenwart auf. Er war aufgeräumt und fand durch seine interessanten Schilderungen Gelegenheit, mehrmals die Aufmerksamkeit Maschas auf sich zu ziehen. Nach dem Mittagessen schlug Kirila Petrowitsch einen Spazierritt vor, aber der Fürst entschuldigte sich mit dem Hinweis auf seine Samtstiefel und mit einem Scherz über seine Gicht. Er brachte eine Spazierfahrt in einem Jagdwagen in Vorschlag, um von seiner schönen Nachbarin nicht getrennt zu werden. Der Wagen kam, die Alten setzten sich mit der Schönen hinein, und man fuhr fort. Die Unterhaltung riß nicht ab. Marja Kirilowna hörte mit Vergnügen die schmeichelhaften und humorvollen Bemerkungen an, die dieser Weltmann an sie richtete. Plötzlich wandte sich Wereiskij mit der Frage an Kirila Petrowitsch, was dieses abgebrannte Gebäude zu bedeuten habe und ob es ihm gehöre. Kirila Petrowitsch machte ein finsteres Gesicht. Die Erinnerungen, die der abgebrannte Herrensitz in ihm wachrief, waren ihm unangenehm. Er erwiderte, daß das Land jetzt sein Eigentum sei und früher Dubrowskij gehört habe. »Dubrowskij?« wiederholte Wereiskij. »Wie, diesem berühmten Räuber?« »Seinem Vater«, antwortete Trojekurow, »aber auch der Vater war ein richtiger Räuber.« »Wohin wird wohl unser Rinaldo verschwunden sein? Hat man ihn gefaßt und lebt er überhaupt noch?« »Er lebt und ist frei, und solange es bei uns Schufte und Gauner als Kreishauptleute gibt, solange wird er nicht erwischt werden. Übrigens, Fürst! Dubrowskij ist doch auch bei dir in Arbatowo gewesen?« »Ja, im vorigen Jahr hat er meines Wissens etwas verbrannt und ausgeraubt. Nicht wahr, Marja Kirilowna, es müßte doch interessant sein, diesen romantischen Helden näher kennenzulernen?« »Was, interessant!« sagte Trojekurow. »Sie kennt ihn ja. Er hat ihr drei Wochen lang Musikunterricht gegeben, aber, Gott sei Dank, nichts dafür genommen.« Hier begann Kirila Petrowitsch seine Erzählung von dem falschen Lehrer. Marja Kirilowna saß wie auf Nadeln. Wereiskij hörte sehr aufmerksam zu, fand alles sehr seltsam und lenkte das Gespräch in eine andere Richtung. Als sie zurückgekommen waren, verlangte er sofort seinen Wagen und empfahl sich trotz der dringenden Bitten Kirila Petrowitschs, über Nacht zu bleiben, gleich nach dem Tee. Vorher aber hatte er Kirila Petrowitsch gebeten, ihn mit Marja Kirilowna zu besuchen. Der stolze Trojekurow versprach das, denn angesichts des fürstlichen Ranges, der zwei Ordenssterne und der dreitausend Seelen seines Erbgutes hielt er den Fürsten doch bis zu einem gewissen Grad für seinesgleichen.   Zwei Tage nach dem Besuch des Fürsten begab sich Kirila Petrowitsch mit seiner Tochter zum Gegenbesuch dorthin. Als sie auf Arbatowo zufuhren, konnte er nicht umhin, die sauberen und freundlichen Bauernhäuser und das steinerne Herrenhaus zu bewundern, das im Stil der englischen Schlösser erbaut war. Vor dem Haus erstreckte sich eine ovale, tiefgrüne Wiese, auf der Schweizer Kühe mit ihren klingenden Glocken weideten. Ein ausgedehnter Park umgab das Haus von allen Seiten. Der Hausherr empfing die Gäste auf der Freitreppe und reichte der jungen Schönen den Arm. Sie traten in einen prächtigen Saal, wo der Tisch für drei gedeckt war. Der Fürst führte seine Gäste zum Fenster, wo sich ihnen eine entzückende Aussicht bot, im Hintergrund die Wolga; beladene Barken mit geblähten Segeln fuhren auf ihr dahin, und jene Fischerboote flitzten vorbei, die so bezeichnend »Seelenverkäufer« genannt werden. Jenseits des Flusses dehnten sich Hügel und Felder; mehrere Dörfer machten das Bild der Gegend noch lebendiger. Dann ging man an die Besichtigung der Galerie von Gemälden, die der Fürst im Ausland erworben hatte. Er erklärte Marja Kirilowna ihre Vorzüge und Mängel. Er tat dies aber nicht in der üblen Sprache eines lehrhaften Kenners, sondern mit Gefühl und Phantasie, so daß ihm Marja Kirilowna mit Vergnügen zuhörte. Dann ging man zu Tisch. Trojekurow ließ den Weinen seines Amphitrio und der Kunst seines Koches volle Gerechtigkeit widerfahren, und Marja Kirilowna unterhielt sich mit dem Mann, den sie erst zum zweiten Mal in ihrem Leben sah, vollkommen zwanglos und unbefangen. Nach dem Essen schlug der Hausherr den Gästen vor, in den Garten zu gehen. Sie tranken Kaffee in einer Laube am Ufer eines großen Sees, in dem zahlreiche Inseln lagen. Plötzlich ertönte Musik von Blasinstrumenten, und ein Boot mit sechs Ruderern legte unmittelbar vor der Laube an. Dann fuhren sie auf den See um die Inseln herum und besuchten einige davon. Auf der einen fanden sie eine Marmorstatue, auf der anderen eine einsame Grotte, auf der dritten ein Denkmal mit einer geheimnisvollen Inschrift, die die mädchenhafte Neugier Marja Kirilownas erregte, die jedoch nicht befriedigt wurde, da sich der Fürst nur auf höfliche Andeutungen beschränkte. Unmerklich verrann die Zeit, und es fing an zu dunkeln. Unter dem Vorwand, daß es zu kühl und taufeucht werde, beschleunigte der Fürst die Rückkehr ins Haus, wo sie schon der Samowar erwartete. Der Fürst bat Marja Kirilowna, im Hause eines alten Junggesellen die Rolle der Hausfrau zu übernehmen. Sie goß den Tee ein und hörte den unerschöpflichen Erzählungen des liebenswürdigen Schwätzers zu. Auf einmal krachte ein Schuß – eine Rakete erhellte den Himmel... Der Fürst reichte Marja Kirilowna einen Schal und bat sie und Trojekurow auf den Balkon. Vor dem Hause flammten im Dunkel buntfarbige Feuer auf, kreisten, stiegen als Garben in die Höhe, ergossen sich in Fontänen und sprühten herab, erloschen und flammten wieder auf. Marja Kirilowna ergötzte sich an dem Feuerwerk wie ein Kind. Fürst Wereiskij freute sich über ihr Entzücken, und Trojekurow war außerordentlich zufrieden, da er es als Zeichen der Hochachtung und des Wunsches hinnahm, jenem zu gefallen. Das Abendessen stand in seiner Güte dem Mittagessen nicht nach. Die Gäste begaben sich in die für sie bereitgestellten Zimmer und verließen am anderen Morgen den liebenswürdigen Hausherrn, wobei sie sich gegenseitig versprachen, sich bald wieder zu treffen. Marja Kirilowna saß, mit einer Stickerei beschäftigt, am offenen Fenster ihres Zimmers. Plötzlich streckte sich eine Hand behutsam zum Fenster herein. Jemand legte einen Brief auf den Stickrahmen und war verschwunden, ehe Marja Kirilowna sich dessen versah. In demselben Augenblick trat ein Diener ins Zimmer und rief sie zu Kirila Petrowitsch. Zitternd verbarg sie den Brief unter dem Brusttuch und begab sich eilig zu ihrem Vater ins Arbeitszimmer. Kirila Petrowitsch war nicht allein, der Fürst Wereiskij saß bei ihm. Beim Eintritt Marja Kirilownas erhob er sich und verneigte sich schweigend in einer bei ihm ganz ungewöhnlichen Verlegenheit. »Komm her, Mascha«, sagte Kirila Petrowitsch, »ich habe dir eine Neuigkeit mitzuteilen, die dich, wie ich hoffe, freuen wird. Hier ist dein Bräutigam, der Fürst hat um deine Hand angehalten.« Mascha war starr vor Bestürzung, Totenblässe überzog ihr Gesicht. Sie schwieg. Der Fürst ging auf sie zu, nahm sie bei der Hand und fragte sie bewegt, ob sie einwillige, ihn glücklich zu machen. Mascha sagte kein Wort. »Sie willigt ein, natürlich willigt sie ein«, sagte Kirila Petrowitsch. »Aber du mußt wissen, Fürst, einem jungen Mädchen fällt es schwer, dieses Wort auszusprechen. Nun, Kinder, küßt euch und werdet glücklich.« Mascha stand unbeweglich da. Der alte Fürst küßte ihr die Hand. Plötzlich rannen Tränen über ihr blasses Gesicht. Dem Fürsten wurde es unbehaglich. »Geh, geh, geh!« sagte Kirila Petrowitsch. »Trockne deine Tränen und komm vergnügt zu uns zurück. Sie weinen alle bei der Verlobung«, fuhr er, zu Wereiskij gewandt, fort, »das ist schon so Brauch bei ihnen. Jetzt aber wollen wir sachlich miteinander reden, das heißt von der Mitgift.« Marja Kirilowna machte sogleich von der Erlaubnis, sich entfernen zu dürfen, Gebrauch. Sie rannte in ihr Zimmer, wo sie ihren Tränen freien Lauf ließ bei dem Gedanken, die Frau des alten Fürsten werden zu müssen. Er kam ihr jetzt auf einmal widerwärtig vor... Sie schreckte vor einer Ehe mit ihm zu- rück wie vor dem Schafott oder vor dem Grab. »Nein, nein!« wiederholte sie verzweifelt, »lieber ins Kloster, lieber heirate ich Dubrowskij!« Da fiel ihr der Brief ein, und in der Ahnung, daß er von ihm sei, machte sie sich hastig daran, ihn zu lesen. In der Tat hatte er ihn geschrieben. Der Brief enthielt nur folgende Worte: »Heute um neun Uhr abends an dem bekannten Platz.« Der Mond schien, im Dorf herrschte nächtliche Stille, nur zuweilen erhob sich ein Lüftchen, und leise rauschten die Bäume. Wie ein leichter Schatten näherte sich die junge Schöne dem Platz des bestimmten Zusammentreffens. Es war noch niemand zu sehen. Plötzlich trat Dubrowskij hinter der Laube hervor. »Ich weiß alles«, sagte er mit leiser, trauriger Stimme. »Erinnern Sie sich an Ihr Versprechen?« »Sie bieten mir Ihren Schutz an?« antwortete Marja Kirilowna, »aber, seien Sie nicht böse, ich habe Angst davor. Auf welche Weise wollen Sie mir helfen?« »Ich könnte Sie von dem verhaßten Mann befreien.« »Um Gottes willen, rühren Sie ihn nicht an! Wagen Sie es nicht, ihn anzurühren, wenn Sie mich lieben. Ich will nicht die Ursache irgendeiner Schreckenstat sein ...« »Ich werde ihn nicht anrühren. Ihr Wille ist mir heilig. Er verdankt Ihnen sein Le- ben. Niemals wird eine Untat in Ihrem Namen verübt werden. Sie sollen rein bleiben selbst in meinem Verbrechen. Aber wie soll ich Sie vor Ihrem grausamen Vater retten?« »Ich habe noch eine Hoffnung: ihn mit meinen Tränen und meiner Verzweiflung zu rühren. Er ist eigensinnig, aber er hat mich sehr lieb.« »Sie hoffen vergeblich. In diesen Tränen sieht er nur die übliche Ängstlichkeit und Abneigung, die allen Mädchen eigen ist, die nicht aus Neigung heiraten, sondern eine Vernunftehe eingehen. Wenn er es sich aber in den Kopf gesetzt hat, trotz Ihres Weigerns Ihr Glück zu machen? Wenn man Sie mit Gewalt zum Traualtar führt, um für immer Ihr Schicksal der Hand eines hinfälligen Mannes auszuliefern?« »Dann – dann bleibt mir nichts übrig – dann kommen Sie und holen mich – ich werde Ihre Frau.« Dubrowskij erbebte. Sein bleiches Gesicht bedeckte sich mit flammender Röte und wurde gleich wieder blasser als sonst. Mit gesenktem Kopf stand er lange schweigend da. »Nehmen Sie alle Kraft Ihrer Seele zusammen, flehen Sie den Vater an, werfen Sie sich ihm zu Füßen, stellen Sie ihm alle Schrecken Ihrer Zukunft, stellen Sie ihm Ihre Jugend vor, die neben dem hinfälligen und lasterhaften Alten dahinwelken wird! Sagen Sie ihm, daß der Reichtum Ihnen nicht eine Minute Glücks verschaffen wird; Reichtum befriedigt nur die Armut und auch sie nur bis zu dem Augenblick, wo man sich daran gewöhnt hat. Geben Sie ihm keine Ruhe und lassen Sie sich weder durch seinen Zorn noch durch Drohungen einschüchtern, solange noch ein Funke von Hoffnung vorhanden ist; um Gottes willen, lassen Sie nicht nach! Und wenn es kein anderes Mittel mehr gibt – dann entschließen Sie sich zu der grausamen Erklärung: Sagen Sie ihm, wenn er unerbittlich bleibt, daß Sie einen schrecklichen Beschützer finden werden ...« Bei diesen Worten schlug Dubrowskij die Hände vors Gesicht; seine Stimme versagte. Mascha weinte... »Welch grausames Schicksal!« sagte er mit einem bitteren Seufzer. »Ich hätte mein Leben geopfert, Sie nur aus der Ferne zu sehen. Ihre Hand zu berühren war eine Wonne für mich; und da sich mir die Möglichkeit eröffnet, Sie an mein erregtes Herz zu drücken und zu sagen: Engel, wir wollen sterben! – muß ich Ärmster auf dieses Glück verzichten, muß Sie mit aller Kraft von mir stoßen! Ich wage es nicht, Ihnen zu Füßen zu fallen und dem Himmel für die unbegreifliche, unverdiente Belohnung zu danken. Oh! wie müßte ich eigentlich jenen hassen ..., aber ich fühle es, in meinem Herzen ist jetzt für Haßgefühl kein Raum.« Schweigend umfaßte er ihre schlanke Gestalt und zog sie sanft an sein Herz. Sie legte den Kopf an die Schulter des jungen Räubers – beide schwiegen...Die Zeit verrann. »Ich muß gehen«, sagte Mascha schließlich. Dubrowskij schien aus tiefer Versunkenheit zu erwachen. Er nahm ihre Hand und steckte einen Ring an ihren Finger. »Wenn Sie sich entscheiden, Ihre Zuflucht zu mir zu nehmen«, sagte er, »so bringen Sie diesen Ring hierher und versenken Sie ihn in die Höhlung dieser Eiche; ich weiß dann, was ich zu tun habe.« Dubrowskij küßte ihre Hand und verschwand zwischen den Bäumen. Die Verlobung des Fürsten Wereiskij war für die Nachbarschaft kein Geheimnis mehr. Kirila Petrowitsch nahm Glückwünsche entgegen; die Hochzeit wurde vorbereitet. Mascha verschob die entscheidende Aussprache von einem Tag auf den anderen. Ihr Benehmen gegenüber dem alten Bräutigam war kalt und gezwungen. Der Fürst machte sich darüber keine Gedanken: er verlangte keine Liebe, sondern war mit ihrem stummen Einverständnis zufrieden. Aber die Zeit lief weiter. Endlich entschloß sich Mascha zu handeln und schrieb dem Fürsten Wereiskij einen Brief. Sie versuchte, in seinem Herzen das Gefühl der Großmut wachzurufen, indem sie ihm freimütig erklärte, daß sie nicht die geringste Neigung für ihn empfinde. Sie beschwor ihn, auf ihre Hand zu verzichten und sie vor der väterlichen Gewalt zu beschützen. Diesen Brief steckte sie dem Fürsten heimlich zu. Dieser las ihn für sich, war aber durch die Aufrichtigkeit seiner Braut nicht im geringsten gerührt. Im Gegenteil, er erachtete es als unumgänglich, die Hochzeit zu beschleunigen, und hielt es sogar für notwendig, seinem künftigen Schwiegervater den Brief zu zeigen. Kirila Petrowitsch raste. Nur mit Mühe konnte ihn der Fürst dazu bewegen, Mascha nichts davon merken zu lassen, daß er über ihren Brief unterrichtet sei. Kirila Petrowitsch willigte ein, ihr davon nichts zu sagen, beschloß aber, keine Zeit zu verlieren und die Hochzeit schon auf den nächsten Tag festzusetzen. Der Fürst fand das sehr vernünftig; er begab sich zu seiner Braut und erklärte ihr, daß ihr Brief ihn sehr betrübt habe, daß er aber hoffe, mit der Zeit ihre Zuneigung zu gewinnen. Der Gedanke, sie zu verlieren, sei für ihn unerträglich und er besitze nicht die Kraft, seinem Todesurteil zuzustimmen. Dann küßte er ihre Hand und fuhr fort, ohne ihr ein Wort über den Entschluß von Kirila Petrowitsch gesagt zu haben. Kaum war er aus dem Hof hinausgefahren, da kam der Vater und befahl ihr geradeheraus, sich für den morgigen Tag vorzubereiten. Marja Kirilowna, die schon durch die Erklärung des Fürsten Wereiskij sehr aufgeregt war, zerfloß in Tränen und warf sich dem Vater zu Füßen. »Väterchen!« schrie sie mit mitleiderregender Stimme. »Väterchen! Richten Sie mich nicht zugrunde! Ich liebe den Fürsten nicht, ich will nicht seine Frau werden!« »Was soll das heißen?« sagte Kirila Petrowitsch drohend. »Bis jetzt hast du kein Wort gesagt und warst einverstanden. Und jetzt, wo alles beschlossen ist, fällt es dir ein, deinen Launen nachzugeben und dein Wort zurückzunehmen. Sei so gut und mache keine Dummheiten, bei mir erreichst du damit gar nichts.« »Richten Sie mich nicht zugrunde!« wiederholte die arme Mascha. »Warum jagen Sie mich von sich weg und liefern mich einem ungeliebten Manne aus! Sind Sie meiner überdrüssig geworden? Ich will wie bisher bei Ihnen bleiben, Väterchen, Sie werden ohne mich traurig sein und noch trauriger, wenn Sie bedenken müssen, daß ich unglücklich bin. Väterchen, zwingen Sie mich nicht: ich will nicht heiraten.« Kirila Petrowitsch war gerührt. Er verbarg aber seine Gemütsbewegung und unterbrach sie mit den strengen Worten: »Das ist alles Unsinn, hörst du? Ich weiß besser als du, was zu deinem Glück nötig ist. Deine Tränen helfen dir nichts; übermorgen ist die Hochzeit.« »Übermorgen!« schrie Mascha. »O mein Gott. Nein, nein, das ist unmöglich, das kann nicht sein! Väterchen, hören Sie, wenn Sie schon entschlossen sind, mich zugrunde zu richten, so werde ich einen Beschützer finden, an den Sie nicht denken. Sie werden sehen, Sie werden sich entsetzen über das, wozu Sie mich getrieben haben.« »Was? was?« sagte Trojekurow. »Drohungen? Drohungen? Freches Mädchen! Weißt du, daß ich mit dir etwas tun kann, was du dir gar nicht vorstellst? Du wagst es, mir mit einem Beschützer zu drohen? Ich möchte nur wissen, wer dieser Beschützer ist.« »Wladimir Dubrowskij«, erwiderte Mascha voller Verzweiflung. Kirila Petrowitsch dachte, sie sei von Sinnen, und schaute sie erstaunt an. »Gut«, sagte er nach kurzem Schweigen. »Warte, auf welchen Beschützer du willst. Aber vorläufig bleibst du hier in deinem Zimmer – vor der Hochzeit wirst du es nicht mehr verlassen.« Mit diesen Worten verließ Kirila Petrowitsch das Zimmer und sperrte die Türe hinter sich zu. Lange weinte das arme Mädchen bei der Vorstellung dessen, was alles es erwartete. Aber doch hatte die stürmische Aussprache ihre Seele erleichtert, und sie konnte über ihr Los und das, was weiter zu tun war, ruhiger nachdenken. Das wichtigste war für sie, dieser verhaßten Ehe zu entgehen; ihr Los als Frau eines Räubers schien ihr ein Paradies im Vergleich zu dem ihr zugedachten Schicksal. Sie schaute den Ring an, den ihr Dubrowskij zurückgelassen hatte. Sie empfand den glühenden Wunsch, mit ihm noch einmal allein zusammenzukommen und sich mit ihm vor der entscheidenden Minute ausführlich zu besprechen. Ein unbestimmtes Gefühl sagte ihr, daß sie Dubrowskij am Abend im Garten nahe bei der Laube finden würde. Sie war entschlossen, gleich bei Eintritt der Dämmerung dorthin zu gehen und auf ihn zu warten. Die Dämmerung kam, und Mascha machte sich bereit, aber die Türe war verschlossen. Das Stubenmädchen antwortete ihr hinter der Türe, daß Kirila Petrowitsch verboten habe, sie herauszulassen. Sie war also in Haft. Tief gekränkt setzte sie sich ans Fenster und blieb bis in die tiefe Nacht angekleidet dort sitzen, unbeweglich in den finsteren Himmel starrend. Gegen Morgengrauen schlief sie ein, aber ihr leichter Schlummer wurde immer von leidvollen Tränen unterbrochen, bis die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne sie weckten.   Als sie erwachte, kam ihr beim ersten Gedanken der ganze Ernst ihrer Lage zum Bewußtsein. Sie klingelte, und eine Magd trat ein, die auf Befragen antwortete, Kirila Petrowitsch sei am Abend nach X. gefahren und erst spät zurückgekommen. Er habe strengen Befehl erteilt, sie nicht aus dem Zimmer zu lassen und darauf zu achten, daß niemand mit ihr spreche. Das Mädchen erzählte Mascha weiter, daß von besonderen Vorbereitungen zur Hochzeit nichts zu bemerken sei, aber dem Popen sei befohlen worden, sich unter keinen Umständen vom Dorf zu entfernen. Nach diesen Mitteilungen ließ das Mädchen Marja Kirilowna allein und sperrte die Türe wieder zu. Die Worte der Magd erbitterten die junge Gefangene. Ihr Kopf glühte, und ihr Blut pulste; sie war entschlossen, Dubrowskij von allem Kenntnis zu geben, und suchte nach einer Möglichkeit, den Ring in die Höhlung der bekannten Eiche bringen zu lassen. In diesem Augenblick schlug ein Steinchen an ihr Fenster, daß die Scheibe klirrte. Marja Kirilowna schaute in den Hof hinab und sah den kleinen Sascha, der ihr Zeichen gab. Sie kannte seine Anhänglichkeit und freute sich über ihn. Sie öffnete das Fenster. »Guten Tag, Sascha, warum rufst du mich?« »Ich bin gekommen, Schwesterchen, um von Ihnen zu erfahren, ob Sie etwas brauchen? Väterchen ist böse und hat dem ganzen Haus verboten, Ihnen zu gehorchen. Aber befehlen Sie mir, was Sie wünschen, ich werde für Sie alles tun.« »Danke, mein lieber Sascha. Höre, du kennst doch die alte Eiche mit der Höhlung, die bei der Laube steht?« »Ja, Schwesterchen.« »Also, wenn du mich so gern hast, so laufe schnell hin und lege diesen Ring in die Höhlung. Gib aber acht, daß dich niemand sieht.« Mit diesen Worten warf sie ihm den Ring zu und schloß das Fenster. Der Knabe hob den Ring auf, rannte, so schnell er konnte, davon und war nach drei Minuten bei dem bezeichneten Baum. Hier blieb er atemlos stehen, sah sich nach allen Seiten um und legte den Ring in die Höhlung. Nach glücklicher Erledigung seines Auftrages wollte er dies Marja Kirilowna sofort melden, da huschte plötzlich ein rothaariger, abgerissener Bub aus der Laube vor, stürzte auf die Eiche zu und steckte die Hand in die Höhlung. Flinker als ein Eichhörnchen warf sich Sascha auf ihn und krallte sich mit beiden Händen an ihm fest. »Was machst du hier?« sagte er drohend. »Was geht das dich an?« antwortete der Knabe und suchte sich von ihm zu befreien. »Laß diesen Ring liegen, Rothaariger«, schrie Sascha, »oder ich will dir was zeigen.« Statt einer Antwort schlug ihn der Knabe mit der Faust ins Gesicht; aber Sascha ließ nicht locker und schrie, was er herausbrachte: »Diebe, Diebe! Hierher, hierher!« Der Knabe gab sich alle Mühe loszukommen. Er war offenbar zwei Jahre älter als Sascha und bedeutend kräftiger, aber Sascha war flinker. Sie rauften einige Minuten, schließlich kam der Rothaarige obenauf. Er hatte Sascha zu Boden geworfen und an der Gurgel gepackt. In diesem Augenblick aber krallte sich eine starke Hand in sein rotes, borstiges Haar, und der Gärtner Stepan hob ihn eine halbe Elle vom Boden. »Ach, du rothaarige Bestie«, sagte der Gärtner, »wie erfrechst du dich, unseren jungen Herrn zu schlagen?« Sascha konnte aufstehen und sich etwas erholen. »Du hast mich unter den Achseln gepackt«, sagte er, »sonst hättest du mich niemals umgeworfen. Gib sofort den Ring her und mach, daß du weiterkommst!« »Das könnte dir passen!« sagte der Rothaarige, machte unerwartet eine Drehung auf der Stelle und befreite damit seine Borsten aus der Hand Stepans. Er jagte davon, aber Sascha holte ihn ein und gab ihm einen Stoß in den Rücken, so daß er auf alle viere hinstürzte. Der Gärtner packte ihn wieder und fesselte ihn mit einem Riemen. »Gib den Ring her!« schrie Sascha. »Warte, Herr«, sagte Stepan, »wir werden ihn zum Verwalter bringen, der wird mit ihm abrechnen.« Der Gärtner führte den Gefangenen in den Hof, und Sascha begleitete ihn, wobei er unruhig seine zerrissenen und mit Grasflecken bedeckten Pumphöschen betrachtete. Auf einmal standen alle drei vor Kirila Petrowitsch, der gerade in seinem Stall Nachschau halten wollte. »Was ist denn da los?« fragte er Stepan. Dieser schilderte in kurzen Worten den ganzen Vorgang. Kirila Petrowitsch hörte aufmerksam zu. »Du Strick«, sagte er zu Sascha, »warum hast du dich mit ihm eingelassen?« »Er hatte aus der Eiche einen Ring gestohlen, Väterchen. Befehlen Sie ihm, daß er ihn herausgibt.« »Was für einen Ring? Aus welcher Eiche?« »Marja Kirilowna hat mir ja ... diesen Ring da ...« Sascha geriet in Verwirrung. Kirila Petrowitsch runzelte die Stirn und sagte kopfschüttelnd: »Hier ist Marja Kirilowna im Spiel. Gestehe alles, oder ich werde dich dermaßen mit der Rute durchhauen, daß dir Hören und Sehen vergeht.« »Bei Gott, Väterchen ... ich ... Väterchen ... Marja Kirilowna hat mir nichts befohlen, Väterchen.« »Stepan! Geh und schneide mir eine gute, frische Birkenrute ab!« »Warten Sie, Väterchen, ich will Ihnen alles erzählen. Ich bin heute im Hof herumgelaufen, da hat Schwesterchen Mascha das Fenster aufgemacht und ich bin hingelaufen und das Schwesterchen hat aus Versehen den Ring fallen lassen und ich habe ihn in die Eiche versteckt ... und ... und dieser rothaarige Bube wollte den Ring stehlen.« »Aus Versehen hat sie ihn fallen lassen, und du wolltest ihn verstecken... Stepan! Geh und hol die Ruten.« »Väterchen, warten Sie, ich will alles erzählen. Das Schwesterchen Marja Kirilowna hat mir befohlen, ich sollte zu der Eiche laufen und den Ring in die Höhlung legen. Dann bin ich hingelaufen und habe den Ring hineingelegt, aber dieser abscheuliche Bube da...« Kirila Petrowitsch wandte sich an den abscheulichen Buben und fragte ihn streng: »Wem gehörst du?« »Ich gehöre zu den Hofleuten von Dubrowskij«, antwortete er. Das Gesicht von Kirila Petrowitsch wurde finster. »Du erkennst mich scheinbar nicht als Herrn an – gut. Aber was hast du in meinem Garten zu tun gehabt?« »Ich habe Himbeeren gestohlen«, sagte der Knabe ganz kaltblütig. »Aha! Wie der Herr, so der Knecht, wie der Pope, so die Pfarre. Aber wachsen vielleicht bei mir die Himbeeren auf den Eichen? Hast du so etwas schon gehört?« Der Knabe gab keine Antwort. »Väterchen, sagen Sie ihm, er soll den Ring herausgeben«, sagte Sascha. »Halt den Mund, Alexander!« antwortete Kirila Petrowitsch, »und vergiß nicht, daß ich mit dir noch ein Wörtchen zu reden habe. Geh auf dein Zimmer. Und du, schieläugiger Tropf, scheinst mir nicht dumm zu sein. Wenn du mir alles gestehst, werde ich dich nicht durch- prügeln, sondern dir noch einen Fünfer für Nüsse schenken. Gib den Ring her, dann kannst du gehen. (Der Knabe öffnete die Faust und zeigte, daß er nichts in der Hand hatte.) Wenn nicht, dann werde ich mit dir etwas anfangen, woran du gar nicht denkst. Nun!« Der Knabe sagte kein Wort, stand mit gesenktem Kopf da und machte ein blödes Gesicht. »Gut«, sagte Kirila Petrowitsch, »sperrt ihn irgendwo ein und gebt acht, daß er nicht entwischt, sonst ziehe ich euch allen die Haube ab.« Stepan führte den Knaben in das Taubenhaus, sperrte ihn dort ein und befahl der alten Geflügelaufseherin Agafia, auf ihn achtzugeben. »Da ist gar kein Zweifel: sie steht mit dem verdammten Dubrowskij in Verbindung. Ist es tatsächlich möglich, daß sie ihn zu Hilfe gerufen hat?« dachte Kirila Petrowitsch, der im Zimmer auf und ab ging und grimmig »Siegesdonner erschalle« pfiff. »Vielleicht habe ich da eine frische Spur gefunden, und er entwischt uns nicht mehr. Wir werden diese Gelegenheit ausnützen .... Horch! Pferdeglocken! Gottlob, das ist der Kreishauptmann. Man bringe den gefangenen Knaben hierher!« Inzwischen war ein kleiner Wagen vorgefahren, und der uns bekannte Kreishauptmann trat, über und über mit Staub bedeckt, ins Zimmer. »Eine gute Nachricht!« sagte Kirila Petrowitsch. »Ich habe Dubrowskij gefangen.« »Gott sei Dank, Exzellenz!« sagte der Kreishauptmann mit freudiger Miene. »Wo ist er?« »Das heißt, nicht Dubrowskij, aber einen von seiner Bande. Gleich wird man ihn bringen. Er wird uns helfen, seinen Hauptmann zu fangen. Da ist er schon.« Der Kreishauptmann, der erwartet hatte, einen gefährlichen Räuber zu sehen, war erstaunt, als er einen dreizehnjährigen, ziemlich schwächlich ausschauenden Buben vor sich sah. Er wandte sich erstaunt zu Kirila Petrowitsch und wartete auf eine Erklärung. Dieser erzählte ihm alles, was sich am Morgen ereignet hatte, allerdings ohne Marja Kirilowna zu erwähnen. Der Kreishauptmann hörte ihm aufmerksam zu und beobachtete dabei ständig den kleinen Spitzbuben, der sich ganz blöd stellte und sich scheinbar um das, was um ihn vorging, überhaupt nicht kümmerte. »Gestatten Sie, Exzellenz«, unterbrach endlich der Kreishauptmann, »daß ich mit Ihnen allein spreche.« Kirila Petrowitsch führte ihn in ein anderes Zimmer und verschloß die Tür hinter sich. Nach einer halben Stunde kamen sie wieder in den Saal, wo der Gefangene die Entscheidung über sein weiteres Schicksal erwartete. »Der gnädige Herr wollte dich im Stadtgefängnis einsperren, mit der Rute auspeitschen und dann nach Sibirien verschicken lassen«, sagte der Kreishauptmann, »aber ich habe mich für dich verwendet und dir Verzeihung erwirkt. Bindet ihn los.« Man nahm dem Knaben die Fessel ab. »Bedanke dich bei dem gnädigen Herrn«, sagte der Kreishauptmann. Der Knabe ging zu Kirila Petrowitsch hin und küßte ihm die Hand. »Geh heim«, sagte dieser, »und stiehl in Zukunft keine Himbeeren mehr aus Baumhöhlen.« Der Knabe entfernte sich, sprang vergnügt die Freitreppe hinunter und lief, ohne sich umzusehen, querfeldein nach Kistenjewka. Als er das Dorf erreichte, blieb er vor einer der ersten halb verfallenen Hütten stehen und klopfte ans Fenster. Dieses öffnete sich und eine alte Frau kam zum Vorschein. »Großmutter, Brot!« sagte der Knabe. »Ich habe seit heute früh nichts mehr gegessen, ich sterbe vor Hunger!« »Ach, du bist es, Mitja! Wo hast du dich denn herumgetrieben, du Galgenstrick?« antwortete die Alte. »Das erzähle ich dir später, Großmutter, um Gottes willen Brot!« »So komm' in die Hütte.« »Hab keine Zeit, Großmutter! Ich muß noch schnell wohin laufen. Brot, um Christi willen Brot!« »So ein Wildfang«, brummelte die Alte, »da hast du ein Stück«, und reichte ihm ein Stück Schwarzbrot durchs Fenster. Der Knabe biß gierig hinein, und kauend entfernte er sich langsam. Es fing an zu dämmern. Mitja schlich an den Scheunen und Gemüsegärten vorbei zum Wäldchen von Kistenjewka. Als er zu den zwei Tannen gekommen war, die wie Vorposten dastanden, blieb er stehen, schaute sich nach allen Seiten um, ließ einen lauten, kurzen Pfiff ertönen und horchte. Ein leiserer und langgedehnter Pfiff wurde als Antwort hörbar. Ein Mann trat aus dem Wäldchen und ging auf ihn zu.   Kirila Petrowitsch ging im Saal auf und ab und pfiff lauter als gewöhnlich seine Melodie. Das ganze Haus war in Bewegung. Diener liefen hin und her, die Mägde waren geschäftig, im Stall schirrten die Kutscher einen Wagen an. Auf dem Hof drängten sich die Leute. Vor einem Spiegel im Ankleidezimmer schmückte eine von Mädchen umringte Dame die bleiche, steif dastehende Marja Kirilowna, deren Kopf sich fast unter dem Gewicht des Brillantschmuckes neigte. Sie zuckte leicht zusammen, wenn eine unvorsichtige Hand sie stach, schwieg aber und starrte gedankenlos in den Spiegel. »Seid ihr bald fertig?« hörte man hinter der Türe die Stimme von Kirila Petrowitsch. »Sofort!« antwortete die Dame. »Marja Kirilowna, stehen Sie auf und schauen Sie. Ist es recht so?« Marja Kirilowna erhob sich, gab aber keine Antwort. Die Türen wurden geöffnet. »Die Braut ist fertig«, sagte die Dame zu Kirila Petrowitsch, »wollen Sie jetzt den Wagen vorfahren lassen.« »Mit Gott!« antwortete Kirila Petrowitsch und nahm ein Heiligenbild vom Tisch. »Komm her, Mascha«, sagte er mit bewegter Stimme, »ich will dich segnen ...« Das arme Mädchen fiel ihm zu Füßen und weinte bitterlich. »Väterchen ...Väterchen...« sagte sie unter Tränen, und ihre Stimme erstarb. Kirila Petrowitsch erteilte ihr rasch seinen Segen, dann hob man sie auf und trug sie fast in den Wagen. Die Brautmutter und eine der Mägde setzten sich zu ihr, und dann fuhren sie zur Kirche, wo sie der Bräutigam schon erwartete. Er ging der Braut entgegen und war über ihre Blässe und ihr sonderbares Wesen überrascht. Sie gingen zusammen in die kalte, leere Kirche; die Tür wurde hinter ihnen geschlossen. Der Priester trat hinter dem Altar hervor und begann sofort mit der heiligen Handlung. Marja Kirilowna sah und hörte nichts. Seit dem Morgen beherrschte sie nur ein Gedanke: sie erwartete Dubrowskij. Keinen Augenblick hatte sie die Hoffnung auf ihn aufgegeben. Als sich aber der Priester mit der üblichen Frage an sie wandte, fuhr sie zusammen, und es vergingen ihr fast die Sinne. Sie zögerte, wartete immer noch. Aber der Geistliche wartete ihre Antwort gar nicht ab und sprach die ewig bindenden Worte. Die Trauung war zu Ende. Marja Kirilowna fühlte den kalten Kuß des ungeliebten Gatten, sie vernahm die schmeichelnde Beglückwünschung der Anwesenden, sie konnte es aber immer noch nicht glauben, daß sie fürs ganze Leben gefesselt sein sollte und Dubrowskij nicht zu ihrer Befreiung herbeigeeilt war. Der Fürst wandte sich mit zärtlichen Worten an sie – sie verstand sie nicht. Sie gingen aus der Kirche, wo sich vor dem Portal die Bauern von Pokrowskoje drängten. Ihr Blick streifte sie flüchtig, dann verfiel sie sofort wieder in die bisherige Teilnahmslosigkeit. Die Neuvermählten stiegen in den Wagen, um nach Arbatowo zu fahren, wohin sich Kirila Petrowitsch schon vorher begeben hatte, um sie dort zu empfangen. Als der Fürst mit seiner jungen Frau allein war, beunruhigte ihn ihr kaltes Wesen nicht im geringsten. Er langweilte sie nicht mit süßlichen Erklärungen und begeisterten Redensarten, die hier lächerlich gewirkt hätten. Seine Worte waren einfach und forderten keine Antwort. So legten sie etwa zehn Werst zurück. Die Pferde jagten schnell über die holperigen Feldwege, aber der Wagen mit seinen englischen Federn ließ sie kaum eine Erschütterung verspüren. Plötzlich wurden Schreie von Verfolgern laut; der Wagen wurde angehalten und von einer Schar bewaffneter Männer umringt. Ein Mann mit einem Visier öffnete den Wagenschlag an der Seite, wo die junge Fürstin saß, und sagte zu ihr: »Sie sind frei! Steigen Sie aus!« »Was soll das heißen!« schrie der Fürst. »Wer bist du?« »Das ist Dubrowskij«, antwortete die Fürstin. Der Fürst verlor seine Geistesgegenwart nicht. Er zog eine Reisepistole aus der Seitentasche und schoß auf den maskierten Räuber. Die Fürstin schrie auf und bedeckte voll Schrecken ihr Gesicht mit beiden Händen. Dubrowskij war an der Schulter verwundet und blutete. Ohne Zeit zu verlieren, zog der Fürst eine zweite Pistole hervor, aber er kam nicht mehr dazu, sie abzufeuern. Die Wagentüren wurden aufgerissen, einige starke Fäuste zerrten ihn heraus und rangen ihm die Pistole aus der Hand. Messer blitzten über ihm auf. »Rührt ihn nicht an!« schrie Dubrowskij, und seine finsteren Gesellen traten zurück. »Sie sind frei!« fuhr Dubrowskij zu der bleichen Fürstin fort. »Nein!« antwortete sie. »Zu spät! Ich bin getraut, ich – bin die Gattin des Fürsten Wereiskij.« »Was sagen Sie!« schrie Dubrowskij voll Entsetzen. »Nein, Sie sind nicht seine Frau, Sie sind gezwungen worden, Sie konnten niemals einwilligen!« »Ich habe eingewilligt, ich habe gelobt«, sagte sie mit Festigkeit. »Der Fürst ist mein Mann. Befehlen Sie, daß man ihn freiläßt, und lassen Sie mich bei ihm. Ich habe Sie nicht betrogen, ich habe bis zur letzten Minute auf Sie gewartet..., aber jetzt – ich wiederhole es Ihnen – jetzt ist es zu spät. Lassen Sie uns frei.« Aber Dubrowskij hörte sie schon nicht mehr sprechen. Der Wundschmerz und die seelische Erregung beraubten ihn der Kräfte. Er brach neben den Wagenrädern zusammen, wo ihn die Räuber umringten. Er brachte noch die Kraft auf, ihnen einige Worte zu sagen. Sie setzten ihn auf ein Pferd; zwei von ihnen stützten ihn, ein dritter nahm das Pferd am Zügel, und alle entfernten sich auf einem Seitenweg. Den Wagen, die gefesselten Leute des Fürsten, die ausgespannten Pferde hatten sie mitten auf der Straße stehengelassen, aber ohne etwas geplündert oder aus Rache für die Verwundung ihres Hauptmanns einen Tropfen Blut vergossen zu haben.   Auf einer schmalen Lichtung im Walddickicht erhob sich eine kleine Erdfestung mit Wall und Graben, hinter denen sich einige Bretter- und Erdhütten befanden. Innerhalb der Umfriedung lagerte ein Haufen von Leuten ohne Kopfbedeckung um einen Kessel herum beim gemeinsamen Mittagessen. An der Verschiedenheit ihrer Kleidung und an ihren Waffen konnte man sie sofort als Räuber erkennen. Auf dem Wall saß neben einer kleinen Kanone ein Posten mit untergeschlagenen Beinen. Er setzte einen Flicken auf eines seiner Kleidungsstücke und führte dabei die Nadel mit einer Fertigkeit, die den erfahrenen Schneider verriet. Dabei sah er sich immer nach allen Seiten um. Obwohl eine Schnapsflasche mehrmals von Hand zu Hand herumgegangen war, herrschte eine auffallende Ruhe. Die Räuber hatten ihr Mittagessen beendet. Einer nach dem andern erhob sich und betete. Einige zogen sich in ihre Hütten zurück, andere zerstreuten sich im Wald oder legten sich nach russischem Brauch zu einem Mittagsschläfchen nieder. Der Posten war mit seiner Arbeit fertig, schüttelte seine Lumpen aus, betrachtete zufrieden seine Arbeit und steckte die Nadel in den Ärmel. Dann setzte er sich rittlings auf die Kanone und begann aus voller Kehle das melancholische alte Lied zu singen: »Rausche nicht, Vater, du grüner Laubwald, Und stör' mich Braven nicht in meinem Sinnen.« Da ging die Tür einer der Hütten auf und eine alte Frau mit weißer Haube, sauber und sorgfältig gekleidet, erschien auf der Schwelle. »Hör doch auf, Stepka!« sagte sie böse. »Der gnädige Herr ruht, und du fängst an zu brüllen. Ihr habt doch weder Gewissen noch Mitleid.« »Verzeih, Jegorowna«, ant- wortete Stepka, »ich werde es nicht mehr tun. Soll sich nur ausruhen, unser Väterchen, und wieder gesund werden.« Die Alte ging wieder in die Hütte zurück, und Stepka begann auf dem Wall auf und ab zu gehen. In der Hütte, aus der kurz vorher die Alte getreten war, lag hinter dem Verschlag der verwundete Dubrowskij auf einem Feldbett. Vor ihm lagen auf einem Tischchen seine Pistolen, ein Säbel hing zu Häupten des Bettes. Boden und Wände der Hütte waren mit kostbaren Teppichen belegt und behangen, in einer Ecke stand ein Damen-Toilettentisch aus Silber und ein großer Wandspiegel. Dubrowskij hielt ein dickes Buch in der Hand, aber seine Augen waren geschlossen. Die Alte, die hinter dem Verschlag nach ihm sah, konnte nicht feststellen, ob er schlief oder nur seinen Gedanken nachhing. Auf einmal fuhr Dubrowskij in die Höhe. In der Festung war es unruhig geworden, und Stepka steckte den Kopf zum Fenster herein. »Väterchen, Wladimir Andrejewitsch!« schrie er. »Man gibt uns Zeichen – wir werden gesucht.« Dubrowskij sprang von seinem Bett auf, ergriff seine Waffen und verließ die Hütte. Die Räuber sammelten sich geräuschvoll im Hof. Bei seinem Erscheinen wurde es ganz still. »Sind alle da?« fragte Dubrowskij. »Alle, außer den Spähern«, war die Antwort. »Auf eure Plätze!« schrie Dubrowskij, worauf jeder seinen bestimmten Platz einnahm. In diesem Augenblick liefen drei Späher an das Tor. Dub- rowskij ging ihnen entgegen. »Was gibt's?« fragte er. »Soldaten sind im Wald«, antworteten sie, »sie umzingeln uns.« Dubrowskij ließ das Tor schließen und prüfte selbst die Kanone. Im Wald wurden Stimmen laut und kamen näher. Die Räuber erwarteten sie schweigend. Auf einmal traten drei oder vier Soldaten aus dem Wald und machten sofort kehrt, um ihre Kameraden durch Schüsse zu verständigen. »Macht euch zum Kampf fertig!« sagte Dubrowskij. Unter den Räubern entstand Bewegung, dann war wieder alles still. Darauf hörten sie den Lärm des sich nähernden Kommandos, und zwischen den Bäumen blitzten Gewehre auf. Etwa hundertfünfzig Mann schwärmten aus dem Wald und stürmten schreiend auf den Wall zu. Dubrowskij setzte die Lunte an, der Schuß traf – einem Soldaten wurde der Kopf weggerissen, zwei waren verwundet. Unter den Soldaten entstand Verwirrung, aber ihr Offizier stürmte vorwärts, die Soldaten folgten ihm und liefen in den Graben hinunter. Die Räuber feuerten mit Gewehren und Pistolen auf sie und machten Anstalten, den Wall mit Beilen in den Händen zu verteidigen gegen die erbittert anstürmenden Soldaten, die im Graben an die zwanzig verwundete Kameraden zurückgelassen hatten. Es kam zum Handgemenge. Die Soldaten waren schon auf dem Wall, und die Räuber fingen an zu wanken, da ging Dubrowskij auf den Offizier los, setzte ihm die Pistole auf die Brust und drückte ab. Der Offizier stürzte, aber einige Soldaten fingen ihn in ihren Armen auf und trugen ihn eiligst in den Wald, während die übrigen, des Führers beraubt, nicht mehr weiter vordrangen. Die dadurch ermutigten Räuber nutzten diesen Augenblick der Verwirrung, überwältigten ihre Widersacher und drängten sie in den Graben hinunter. Die Belagerer ergriffen die Flucht, und die Räuber verfolgten sie unter großem Geschrei. Der Sieg war entschieden. Der völligen Niederlage des Feindes sicher, ließ Dubrowskij seine Leute anhalten und zog sich in die Festung zurück. Er verdoppelte die Wachen, befahl, daß niemand sich entferne, und ließ die Verwundeten sammeln. Diese letzten Ereignisse lenkten jetzt die volle Aufmerksamkeit der Regierung auf die verwegenen Räubereien Dubrowskijs. Man stellte Nachforschungen über seinen Aufenthalt an und sandte eine Kompanie Soldaten aus, mit dem Befehl, ihn lebend oder tot einzubringen. Einige von seiner Bande wurden dabei eingefangen, aber diese sagten aus, daß Dubrowskij nicht mehr unter ihnen sei. Einige Tage zuvor hatte er alle seine Anhänger versammelt und ihnen erklärt, daß er sich entschlossen habe, sie für immer zu verlassen. Er rate auch ihnen, ein anderes Leben anzufangen. »Ihr seid unter meiner Führung reich geworden«, sagte er, »jeder von euch hat einen Paß, mit dem er sich ohne Gefahr nach irgendeinem entfernten Gouvernement durchschlagen und dort den Rest seines Lebens in ehrlicher Arbeit und im Überfluß zubringen kann. Aber ihr alle seid – Schurken und werdet wahrscheinlich euer Handwerk nicht aufgeben wollen.« Nach dieser Ansprache verließ er sie und nahm nur X. mit sich. Niemand wußte, wohin er sich begeben hatte. Anfangs zweifelte man an der Richtigkeit dieser Behauptungen, denn die Anhänglichkeit der Räuber an ihren Hauptmann war bekannt, und man nahm an, daß sie sich um seine Rettung bemühten. Aber die Folgezeit bestätigte das Gesagte. Die schreckenerregenden Heimsuchungen, Brände und Plünderungen hatten aufgehört, die Wege wurden wieder frei. Aus anderen Berichten erfuhr man, daß Dubrowskij ins Ausland geflohen sei. Die Hauptmannstochter Mein Vater, Andrej Petrowitsch Grinew, diente in seiner Jugend unter dem Grafen Münnich und nahm später im Jahre 17 .. als Major seinen Abschied. Er lebte auf seinem Dorf im Ssimbirskschen und heiratete Fräulein Awdotja Wassiljewna J., die Tochter eines Edelmannes aus der Gegend. Neun Kinder entsprossen der Ehe. Meine Brüder und Schwestern starben alle in früher Kindheit. Durch die Vermittlung eines nahen Verwandten, des Gardemajors Fürst B., wurde ich Sergeant des Ssemjonowschen Regiments. Dort war ich beurlaubt bis zum Abschluß meiner Erziehung. Damals wurden wir nicht auf die heutige Art erzogen. Als ich fünf Jahre alt war, kam ich unter die Obhut des früheren Reitknechts Ssaweljitsch, der wegen seines ordentlichen Betragens zu meinem Wärter ernannt worden war. Unter seiner Aufsicht gelang es mir bereits mit zwölf Jahren, meine Muttersprache zu lesen, und ich wußte die Eigenschaften von Jagdhunden genau zu beurteilen. Damals engagierte mein Vater einen Franzosen für mich, Monsieur Beaupré, der aus Moskau gleichzeitig mit dem Jahresbedarf an Wein und Provenceöl ankam. Sein Erscheinen war Ssaweljitsch ganz und gar nicht recht. »Weiß Gott«, knurrte er, »das Kind ist gewaschen und gekämmt und wohl auch satt. Muß man da noch Geld verschwenden und so einen Musjö anstellen, als hätte man keine eigenen Leute mehr!« Beaupré war in seinem Vaterlande Friseur gewesen, darauf Soldat in Preußen und dann nach Rußland gekommen. Er war ein guter Kerl, gleichzeitig aber leichtsinnig und im höchsten Grade liederlich. Leidenschaft für das schöne Geschlecht war seine Hauptschwäche, jedoch brachten ihm seine Zärtlichkeiten nicht selten Rippenstöße ein, die er dann tagelang beklagte. Er war zudem (wie er selbst sagte) durchaus kein Feind des Fläschchens, das heißt, um es deutlich zu sagen, er liebte es, einen hinter die Binde zu gießen. Da jedoch in unserem Hause Wein nur bei Tisch getrunken wurde, und auch dann nur höchstens ein Glas, wobei der Lehrer sogar meistens übergangen wurde, so blieb Beaupré nichts anderes übrig, als sich mit großer Schnelligkeit an die russischen Liköre zu gewöhnen, ja er zog sie mit der Zeit sogar den Weinen seines Vaterlandes vor und meinte, sie seien viel verträglicher für den Magen. Wir schlossen bald Freundschaft, und war er auch nach seinem Kontrakt verpflichtet, mir Französisch, Deutsch und sämtliche Wissenschaften beizubringen, so zog er doch bei weitem vor, in aller Eile von mir ein wenig Russisch zu lernen, worauf ein jeder von uns beiden seine Wege ging. Und so lebten wir denn wie ein Herz und eine Seele. Einen besseren Lehrer wünschte ich mir gar nicht. Allein schon bald trennte uns das Schicksal voneinander, und das kam so: Palaschka, die Wäscherin, ein dickes, pockennarbiges Mädchen, und die einäugige Akuljka, die Kuhmagd, waren miteinander übereingekommen und warfen sich gleichzeitig meiner Mutter zu Füßen, bekannten ihre sündige Schwäche und klagten weinend den Musjö an, der sie in ihrer Unerfahrenheit betört habe. Die Mutter verstand in solchen Dingen keinen Spaß und gab die Klage meinem Vater weiter. Und der machte kurzen Prozeß. Augenblicks befahl er, die Kanaille von Franzosen zu rufen. Man berichtete ihm, daß der Musjö mir gerade eine Stunde gebe. Und so kam der Vater denn in mein Zimmer. Aber Beaupré schlief um diese Zeit auf meinem Bett den Schlaf des Gerechten. Ich dagegen war sehr beschäftigt. Man hatte aus Moskau für mich eine Geographiekarte bestellt. Sie hing an der Wand, ohne daß jemand sie benutzte, aber schon lange hatte mich ihre Breite und das schöne, starke Papier entzückt. Ich war entschlossen, einen Drachen aus ihr zu machen, und da Beaupré schlief, ging ich ans Werk. Doch in dem Augenblick, als ich gerade einen Bastschwanz an das Vorgebirge der Guten Hoffnung knüpfte, trat mein Vater ein. Er sah meine Bemühungen in der Geographie, und schon hatte er mich am Ohr, dann aber ging er auf Beaupré los, weckte ihn äußerst unsanft und überschüttete ihn mit Vorwürfen. Beaupré wollte sich zwar trotz seiner Bestürzung erheben, aber es ging nicht: der arme Franzose war auf den Tod betrunken. Ihm war nicht mehr zu helfen. Am Kragen zerrte ihn mein Vater hoch und aus dem Bett und warf ihn zur Tür hinaus, und noch am selben Tage wurde er Knall und Fall entlassen, zu Ssaweljitschs unsagbarer Freude. Damit war meine Erziehungsperiode abgeschlossen. Fortan lebte ich das Leben eines Landjunkers, der den Tauben nachstellte und mit den Jungen des Gutsgesindes spielte. So erreichte ich mein sechzehntes Jahr. Aber da änderte sich mein Schicksal. Einst – es war im Herbst – machte die Mutter im Gastzimmer Obst mit Honig ein, ich aber beobachtete, die Lippen leckend, inzwischen den brodelnden Schaum. Der Vater las am Fenster den »Hofkalender«, den er jedes Jahr zugestellt bekam. Die Lektüre dieses Buches machte immer einen starken Eindruck auf ihn: niemals brachte er es fertig, es ohne persönliche Anteilnahme zu lesen, und noch ein jedesmal rief diese Lektüre in ihm eine erstaunliche Erregung der Galle hervor. Die Mutter, die alle seine Gewohnheiten und Launen natürlich aufs beste kannte, war immer darauf aus, das unglückselige Buch so weit wie möglich zu verstecken, und so geschah es, daß manchmal der »Hofkalender« ihm monatelang nicht unter die Augen kam. Fand er ihn aber dann zufällig irgendwo, dann konnte es geschehen, daß er ihn stundenlang nicht mehr aus den Händen ließ. Und so las denn auch dieses Mal mein Vater den »Hofkalender« und zuckte manchmal mit den Achseln und brummte hie und da halblaut: »Generalleutnant! ... Der war doch in meiner Kompanie Sergeant! ... Beider russischen Orden Ritter! ... Und ist's denn so lange her, daß wir ...?« Schließlich flog der Kalender aufs Sofa, mein Vater versank in Nachdenklichkeit, die uns nichts Gutes verhieß. Plötzlich wandte er sich zur Mutter: »Awdotja Wassiljewna, wie alt mag wohl unser Petruscha jetzt sein?« »Je nun, er steht jetzt im siebzehnten Jährchen«, entgegnete die Mutter. »Petruscha wurde im gleichen Jahre geboren, als die Tante Nastasja Gerassimowna ihr eines Auge verlor, und damals war auch ...« »Schon gut«, unterbrach sie der Vater, »dann ist es auch an der Zeit für ihn, Soldat zu werden. Er ist genug zu den Mägdekammern geschlichen und in die Taubenschläge gekrochen.« Die Mutter geriet durch den Gedanken an die baldige Trennung in eine solche Bestürzung, daß sie den Löffel, mit dem sie rührte, in den Topf fallen ließ, während sie weinte. Mein Entzücken war dagegen schwer zu beschreiben. Der Gedanke an den Militärdienst verschmolz in mir mit Gedanken an die kommende Ungebundenheit und an die Vergnügungen des Lebens in Petersburg. Ich sah mich schon als Gardeoffizier, und das war meiner Ansicht nach die Höhe menschlicher Glückseligkeit. Mein Vater war nicht geneigt, seine Entschlüsse zu ändern oder ihre Verwirklichung hinauszuschieben. So wurde denn der Tag meiner Abreise festgesetzt. Am Abend vorher teilte uns der Vater mit, er beabsichtige, an meinen zukünftigen Kommandeur durch mich einen Brief gelangen zu lassen, und forderte Feder und Papier. »Vergiß nicht, Andrej Petrowitsch«, sagte die Mutter, »den Fürsten B. auch von mir zu grüßen, ich hoffe sehr, daß er Petruscha seine Gnade nicht entziehen wird.« »Unsinn!« entgegnete der Vater und runzelte die Stirne. »Wie komme ich dazu, an den Fürsten B. zu schreiben?« »Sagtest du nicht, du wolltest an Petruschas Kommandeur schreiben?« »Und?« »Und Petruschas Kommandeur ist doch der Fürst B. Du weißt ja, daß Petruscha dem Ssemjonowschen Regiment zugezählt worden ist.« »Zugezählt! Was will das schon heißen, daß er dort zugezählt ist? Nach Petersburg kommt mir Petruscha nicht. Was kann er lernen, wenn er in Petersburg dient? Prassen und dummes Zeug treiben? Nein, in der Armee soll er mir dienen und den Gurt enger ziehen, Pulver riechen und ein ordentlicher Soldat werden und kein Gardelaffe! Wo hast du seinen Paß? Gib ihn her.« Und so mußte denn Mütterchen meinen Paß hervorholen, den sie in ihrer Schatulle mit dem Hemdchen, in dem ich getauft worden war, aufbewahrte; mit zitternder Hand übergab sie ihn dem Vater. Dieser las ihn aufmerksam durch, legte ihn sorgfältig vor sich auf den Tisch und begann seinen Brief. Neugier peinigte mich. Wohin, wenn es schon nicht nach Petersburg ging, sollte ich geschickt werden? Ich beobachtete gespannt des Vaters Feder, obwohl sie sich mit großer Langsamkeit be- wegte. Endlich war er fertig, steckte den Brief samt dem Paß in einen Umschlag und versiegelte diesen, legte darauf die Brille ab, rief mich heran und sagte: »Hier hast du einen Brief an Andrej Kirillowitsch R., meinen alten Kameraden und Freund. Deine Reise geht nach Orenburg, wo du unter seinem Kommando dienen wirst.« Meine schönen Hoffnungen, so waren sie denn nun alle dahin! Mich erwartete an Stelle des heiteren Petersburger Lebens die Langeweile einer öden und abgelegenen Gegend. Der Dienst, den ich mir noch vor einem Augenblick mit solchem Entzücken ausgemalt hatte, kam mir jetzt wie ein bitteres Unglück vor. Aber da half kein Widerstreben! Bereits am nächsten Morgen fuhr der Reisewagen vor unserer Freitreppe vor; die Kiste mit meinen Habseligkeiten wurde verstaut, ich erhielt ein Reisebesteck mit dem nötigen Teegeschirr, und ebenso mangelte es nicht an verschiedenen Paketen mit Weißbrot und Kuchen, sozusagen den letzten Beweisen mütterlicher Sorgfalt. Die Eltern gaben mir ihren Segen. Und der Vater sagte noch: »Leb denn wohl, Pjotr. Wem du geschworen hast, dem diene mit aller Treue; den Vorgesetzten gehorche; sei nicht zu sehr hinter ihrer Gunst her; dränge dich im Dienst nie vor, aber scheue auch keinen Dienst; und gedenke des Sprichwortes: Wahre das Kleid, derweil es neu ist, die Ehre aber von Jugend auf.« Die Mutter war ganz in Tränen aufgelöst und hieß mich auf meine Gesundheit achtgeben. Ssaweljitsch aber befahl sie, das Kind nicht aus den Augen zu lassen. Darauf mußte ich einen kleinen Pelz anziehen, über den ein schwerer Fuchspelz geworfen wurde. Ich setzte mich neben Ssaweljitsch in den Reisewagen, und während ich bittere Tränen vergoß, begann unsere Reise. Noch in der gleichen Nacht erreichten wir Ssimbirsk; hier mußte ich einen ganzen Tag zubringen, da Ssaweljitsch den Auftrag hatte, einiges Notwendige einzukaufen. Ich stieg im Gasthaus ab. Schon am frühen Morgen entfernte sich Ssaweljitsch, um seine Besorgungen zu machen. Ich sah aus dem Fenster auf die schmutzige Seitenstraße, bis es mir langweilig wurde, und schlenderte darauf durch die übrigen Zimmer des Gasthauses. Im Raum, in dem das Billard stand, sah ich einen hochgewachsenen Herrn im Schlafrock, er mochte einige fünfunddreißig Jahre alt sein, sein Schnurrbart war lang und schwarz, in der Hand hielt er ein Queue und in den Zähnen die Pfeife. Er spielte mit dem Kellner; wenn dieser gewann, durfte er einen Schnaps trinken, verlor er aber, so mußte er auf allen vieren unter den Billardtisch kriechen. Ich sah ihrem Spiel zu. Je mehr Zeit verging, desto häufiger wurden die Spaziergänge auf allen vieren, und zu guter Letzt blieb der Kellner unter dem Billard liegen. Der Herr sandte ihm einige gesalzene Worte als eine Art Leichenrede nach und wendete sich darauf an mich mit dem Vorschlag, eine Partie zu spielen. Ich lehnte wegen meiner Unkenntnis des Spiels ab. Ihm kam das augenscheinlich sonderbar vor. Er warf mir einen Blick zu, als bemitleide er mich, dennoch aber kamen wir ins Gespräch. Und so erfuhr ich denn, daß er Iwan Iwanowitsch Surin heiße, daß er Rittmeister in einem Husarenregiment sei, daß er sich in Ssimbirsk nur aufhalte, um eine Anzahl von Rekruten in Empfang zu nehmen, und daß er im gleichen Gasthaus wohne. Surin forderte mich auf, mit ihm gemeinsam Mittag zu essen, und zwar nach Soldatenart, was Gott geschickt habe. Ich willigte mit Vergnügen ein. Wir setzten uns zu Tisch. Surin trank viel und veranlaßte auch mich dazu, denn er sagte, ich müsse mich auf diese Weise an den Dienst gewöhnen; er erzählte mir so viel Anekdoten aus dem Armeeleben, daß ich mich vor Lachen kaum mehr halten konnte, – und so waren wir denn nach Tisch natürlich schon die besten Freunde. Er machte mir den Vorschlag, mich zu unterweisen, wie man Billard spielt. »Das ist nämlich«, sagte er, »für jeden von uns unumgänglich notwendig. Wenn man zum Beispiel während des Feldzuges in einen kleinen Ort verschlagen wird, womit soll man sich dort beschäftigen? Man kann doch nicht immer und immer nur Juden hauen. Dann gehst du eben unwillkürlich ins Wirtshaus und spielst Billard; aus diesem Grund muß man es spielen können.« Ich fand das ganz in der Ordnung und machte mich mit großem Eifer daran, es zu lernen. Mit lauter Stimme feuerte Surin mich an, er wunderte sich über meine raschen Fortschritte und schlug mir schon nach einigen Versuchen vor, um Geld zu spielen, um einen Groschen die Partie, nicht etwa des Gewinnes halber, sondern um nicht so für nichts und wieder nichts zu spielen, denn das, sagte er, sei von allen Gewohnheiten die übelste. Auch hiermit erklärte ich mich einverstanden, Surin jedoch ließ Punsch kommen und überredete mich, diesen zu versuchen, wobei er immer wieder sagte, ich müsse mich an den Dienst gewöhnen; und was wäre der Dienst ohne Punsch! Ich tat, was er wollte. Indessen ging unser Spiel weiter. Je häufiger ich aus meinem Glase trank, desto verwegener wurde ich. Meine Bälle flogen jeden Augenblick über den Rand; ich ereiferte mich und schalt den Kellner. Von Stunde zu Stunde erhöhte ich die Einsätze – mit einem Worte, mein Benehmen war das eines Knaben, der zum ersten Male die Freiheit kostet. Die Zeit verstrich inzwischen unmerklich. Surin sah endlich auf die Uhr, warf dann sein Queue hin und kündigte mir an, ich hätte hundert Rubel an ihn verloren. Ich geriet ein wenig in Verlegenheit. Meine Gelder waren bei Ssaweljitsch. Ich begann, mich zu entschuldigen. Aber Surin unterbrach mich: »Ach was! Kein Grund, dich zu beunruhigen. Ich kann warten, inzwischen aber wollen wir zu Arinuschka fahren.« Was soll man sagen? Diesen Tag beschloß ich genauso liederlich, wie ich ihn begonnen hatte. Zu Abend aßen wir bei Arinuschka. Surin schenkte mir ununterbrochen ein und wiederholte unablässig, ich müsse mich unbedingt an den Dienst gewöhnen. Als wir aufstanden, hatte ich kaum mehr die Kraft, mich auf den Beinen zu halten; um Mitternacht brachte mich Surin ins Gasthaus. Ssaweljitsch empfing mich auf der Schwelle. Er stöhnte nur, als er die unzweideutigen Anzeichen meines Eifers im Dienste gewahrte. »Ach, junger Herr, was ist bloß mit dir?« sprach er mit weinerlicher Stimme. »Wo hast du dich so vollgeladen? Ach, mein Gott! die Sünde!« »Schweig, alter Knaster!« entgegnete ich, nicht ohne dabei aufzustoßen, »du bist sicher besoffen; marsch, schlafen ... und bring mich zu Bett.« Als ich am anderen Morgen erwachte, hatte ich Kopfweh und besaß kaum mehr als eine dunkle Erinnerung an die gestrigen Ereignisse. Meine Betrachtungen wurden durch Ssaweljitsch unterbrochen, der mir eine Tasse Tee hereinbrachte. »Früh, Pjotr Andrejewitsch«, hub er an und schüttelte den Kopf, »zu früh fängst du mit dem Leichtsinn an. Und von wem hast du das bloß? Weder dein Väterchen noch dein Großväterchen waren Trinker, wie mir scheint, vom Mütterchen ganz zu schweigen; die hat zeitlebens nichts als höchstens Kwaß zu trinken geruht. Und wer ist an allem schuld? Der verdammte Musjö. Ich weiß noch, wie er immer zu Antipjewna gelaufen kam: ›Madam, sche wu pri, ein Schnäpschen.‹ Da hat man's nun! Man kann wohl sagen: nichts Gescheites hat er dich gelehrt, der Hundesohn. Notwendig, einen Heiden zum Erzieher zu machen! Als wenn unser Herr keine eigenen Leute gehabt hätte!« Ich schämte mich. Ich wendete mich ab und sagte nur: »Laß mich jetzt, Ssaweljitsch; ich will keinen Tee.« Aber es war eine unmögliche Sache, Ssaweljitsch zum Schweigen zu bringen, wenn er es sich in den Kopf gesetzt hatte, zu predigen. »Da siehst du nun, Pjotr Andrejewitsch, wie es ist, wenn man über die Schnur haut. Das Köpfchen wird einem schwer, und essen mag man auch nicht. Ein Mensch, der trinkt, taugt zu nichts ... Ich würde dir raten, eingemachte Gurken mit Honig zu nehmen, noch besser aber wäre es, ein kleines Gläschen Fruchtlikör gegen den Katzenjammer zu trinken. Soll ich dir's bringen?« In diesem Augenblick kam ein Knabe und brachte mir ein Billet von I. I. Surin. Ich entfaltete es und las folgende Zeilen: »Mein bester Pjotr Andrejewitsch, schicke mir bitte durch meinen Burschen die hundert Rubel, die Du gestern an mich verloren hast. Ich benötige das Geld sehr. Bereit zu Diensten Iwan Surin .« Da war nichts mehr zu machen. Ich nahm eine gleichgültige Miene an und wendete mich zu Ssaweljitsch, der meines Geldes, meiner Wäsche und aller meiner Dinge Sachwalter war, und befahl ihm, dem Knaben hundert Rubel zu geben. »Wie! und warum?« fragte der bestürzte Ssaweljitsch. »Ich schulde sie ihm«, antwortete ich mit der größtmöglichen Kaltblütigkeit. »Du schuldest sie ihm!« entgegnete Ssaweljitsch, dessen Bestürzung mit jedem Augenblick wuchs, »ja, wann denn, junger Herr, konntest du solche Schulden machen? Da stimmt was nicht. Doch wie du willst, Herr, aber das Geld gebe ich nicht heraus.« Mir schoß durch den Kopf, daß, wenn es mir in dieser entscheidenden Minute nicht gelang, den eigensinnigen Alten kleinzukriegen, es mir in der Zukunft unmöglich sein würde, mich von seiner Vormundschaft zu befreien, und so sagte ich denn, indem ich ihn hochmütig anblickte, nur: »Ich bin dein Herr, du aber bist mein Diener. Das Geld ist mein. Ich habe es verspielt, weil es mir so gefiel; dir aber rate ich dringend, keine großen Reden zu führen, sondern zu tun, was dir befohlen wird.« Ssaweljitsch war ganz starr, als er solche Worte von mir zu hören bekam, er schlug die Hände zusammen und stand wie ein Stock da. »Was stehst du noch!« schrie ich wütend. Ssaweljitsch brach in Tränen aus. »Pjotr Andrejewitsch, Väterchen«, sprach er mit bebender Stimme, »laß mich nicht vor Kummer sterben. Licht meiner Augen, hör auf mich alten Mann: schreibe diesem Räuber, es sei alles nur ein Spaß gewesen und überhaupt hätten wir gar nicht so viel Geld bei uns. Einhundert Rubel! Gnädiger Gott! Sag ihm, die Eltern hätten dir auf das allerstrengste verboten zu spielen und wenn, dann nur höchstens um Nüsse ...« »Dummes Zeug«, unterbrach ich ihn streng, »her mit dem Geld oder du fliegst hinaus.« Mit tiefem Grame blickte Ssaweljitsch mich an und ging, das Geld zu holen. Der arme Alte tat mir leid, aber ich mußte auf meinem Willen bestehen, schon um ihm zu beweisen, daß ich nicht mehr das Kind sei. Surin kam zu seinem Gelde. Ssaweljitsch hingegen beeilte sich, mich so schnell wie möglich aus dem verwünschten Gasthaus fortzuschaffen. Er meldete, daß unsere Pferde bereitständen. Mit einigen Gewissensbissen und stummer Reue ließ ich Ssimbirsk hinter mir, ohne von meinem gestrigen Lehrmeister Abschied zu nehmen, denn ich hoffte, daß ich ihn nie mehr wiedersehen würde.   Die Betrachtungen unterwegs waren nicht sonderlich angenehm. Mein Verlust war, wenn man die damaligen Zeiten, berücksichtigt, nicht unbedeutend. Zudem mußte ich mir innerlich eingestehen, daß mein Benehmen im Ssimbirskschen Gasthause töricht war, und ich fühlte mich Ssaweljitsch gegenüber schuldbewußt. Das bekümmerte mich. Der Alte saß von mir abgewandt düster in einer Ecke und schwieg, und nur hie und da hustete er. Ich wünschte sehr, mich mit ihm zu versöhnen, und wußte doch nicht, wie anfangen. Endlich redete ich ihn an: »Was soll das, Ssaweljitsch! Laß gut sein, ich bin schuld; ich sehe es ein, daß ich schuld bin. Ich habe gestern dummes Zeug getrieben und dich grundlos gekränkt. Ich verspreche dir, mich in Zukunft zu bessern und dir zu folgen. Aber nun sei auch nicht mehr ärgerlich und laß uns Frieden schließen.« »Ach, Pjotr Andrejewitsch, Väterchen!« entgegnete er mit einem Seufzer. »Ich bin auf mich selber zornig: ich allein bin es, der an allem schuld ist. Wie durfte ich dich im Gasthaus allein lassen, wie konnt' ich es nur! Aber was tun? Der Böse hat mich verführt: es kam mir in den Kopf, die Frau Küsterin aufzusuchen, die Gevatterin wiederzusehen. Jammer über Jammer! Wie soll ich in Zukunft meiner Herrschaft unter die Augen treten? Und was wird sie wohl sagen, wenn sie erfährt, daß das Kind trinkt und spielt?« Um ihn zu trösten, gab ich dem armen Ssaweljitsch mein Wort, weiterhin ohne seine Zustimmung auch nicht über eine Kopeke zu verfügen. Nach und nach beruhigte er sich, obwohl er immer noch zuweilen mit Kopfschütteln vor sich hinknurrte: »Hundert Rubel! Wahrhaftig, keine Kleinigkeit!« Allmählich näherten wir uns dem Orte meiner Bestimmung. Rings um uns dehnte sich eine traurige Öde, nur zuweilen von Schluchten durchschnitten und von Hügeln unterbrochen. Alles war von tiefem Schnee bedeckt. Die Sonne sank. Der Wagen folgte dem schmalen Wege oder, besser, der Spur, die ein Bauernschlitten zurückgelassen hatte. Plötzlich bemerkten wir, daß der Kutscher immer angestrengter nach einer Richtung ausschaute, schließlich zog er die Mütze und drehte sich zu mir um: »Herr, befiehlst du nicht, umzukehren?« »Warum denn?« »Das Wetter gefällt mir nicht: der Wind bläst; schau, wie dort der Pulverschnee fortgeweht wird.« »Was kümmert uns das!« »Und dort, siehst du dort nichts?« Der Kutscher wies mit der Peitsche nach Osten. »Ich sehe nichts außer der weißen Steppe und dem klaren Himmel.« »Aber dort, dort: das Wölkchen da.« Und in der Tat, jetzt bemerkte ich am Himmelsrande ein kleines weißes Wölkchen, das ich anfangs für einen entfernten Hügel gehalten hatte. Der Kutscher erklärte mir, dieses Wölkchen kündige einen Schneesturm an. Von den in jener Gegend herrschenden Wirbelstürmen hatte ich manches gehört und wußte auch, daß zuweilen ganze Wagenzüge von ihnen verweht worden waren. Ssaweljitsch war der gleichen Ansicht wie der Kutscher und riet zur Rückkehr. Mir jedoch kam der Wind nicht bedeutend vor: ich hoffte, noch rechtzeitig die nächste Unterkunft zu erreichen, und befahl nur, schneller zu fahren. Der Kutscher brachte die Pferde in Galopp, starrte aber unentwegt nach Osten. Die Pferde liefen gut. Von Stunde zu Stunde blies der Wind kräftiger. Das Wölkchen wurde zu einer weißen Wolke, die langsam aufstieg, mit jedem Augenblick wuchs und allmählich den ganzen Himmel bedeckte. Ein feiner Schnee fiel, plötzlich aber kam er in dicken Flocken herunter. Der Wind heulte; ein Schneewirbel erhob sich. In einem Augenblick waren der Himmel und das Schneemeer miteinander verschmolzen. Man sah nicht mehr die Hand vor den Augen. »Herr«, schrie der Kutscher, »das Unglück ist da: das ist der Schneesturm!« Ich steckte den Kopf hinaus: alles war Nacht und Wirbelsturm. Der Wind heulte mit wütender Kraft. Ssaweljitsch und ich waren sogleich von Schnee bedeckt; die Pferde fielen in Schritt und blieben bald darauf ganz stehen. »Warum fährst du nicht weiter?« herrschte ich den Kutscher ungeduldig an. »Wohin fahren?« entgegnete er und kletterte vom Bock, »wir haben uns ohnehin verirrt: wir sind vom Weg abgekommen, und dabei ist es ringsum stockdunkel.« Ich schalt ihn aus. Aber Ssaweljitsch verteidigte ihn. »Warum hörtest du nicht auf uns«, murrte er ärgerlich, »wären wir lieber zum Gasthof zurückgefahren, dort hätten wir Tee bekommen und ein Nachtlager bis zum nächsten Morgen, der Sturm hätte sich unterdessen gelegt, und wir wären weitergefahren. Wozu die Eile? Wir fahren ja nicht zur Hochzeit!« Ssaweljitsch hatte freilich recht. Aber jetzt war nichts mehr zu ändern. Ununterbrochen stürzten Schneemassen herunter. Neben unserem Wagen bildete sich eine Schneewehe. Die Pferde standen, den Kopf gesenkt, und bebten nur ab und zu. Der Kutscher ging auf und ab; da er sonst nichts tun konnte, machte er sich am Geschirr zu schaffen. Ssaweljitsch brummte; ich schaute nach allen Seiten aus, denn ich hoffte, irgendwo die Andeutung eines Hauses oder eines Weges zu erblicken, aber es war nichts zu erkennen, nur das Wirbeln des Schneesturmes ... Plötzlich gewahrte ich etwas Dunkles. »He!« schrie ich, »Kutscher! Schau mal: was mag das Schwarze dort sein?« Der Kutscher sah hin. »Weiß Gott, Herr, was es ist«, sagte er und setzte sich wieder auf seinen Bock, »ein Wagen ist es nicht, ein Baum auch nicht, aber mir scheint, es bewegt sich. Wahrscheinlich ist es ein Wolf oder vielleicht ein Mensch.« Ich befahl, auf den unbekannten Gegenstand zuzufahren, und sogleich bewegte sich dieser uns entgegen. Nach zwei Minuten hielten wir vor einem Menschen. »Heda, Freund!« schrie ihm der Kutscher zu, »sag mal, weißt du vielleicht, wo der Weg ist?« »Der Weg ist hier; ich stehe auf festem Boden«, entgegnete der Wanderer, »und was soll es?« »Hör mal, Bäuerchen«, redete ich ihn an, »ist dir diese Gegend bekannt? Würdest du es unternehmen, uns bis zum nächsten Nachtquartier zu bringen?« »Freilich ist mir die Gegend bekannt«, versetzte der Fremde, »ich habe sie kreuz und quer durchwandert, zu Fuß sowohl als auch zu Pferde. Bei diesem Unwetter freilich ist es nicht so einfach: da kommt man im Handumdrehen vom Wege. Besser, wir bleiben, wo wir sind, und warten ab, einmal muß der Sturm ja doch nachlassen, und der Himmel wird sich wieder aufklären: dann zeigen die Sterne uns den Weg.« Seine Kaltblütigkeit flößte mir Zuversicht ein. Und schon hatte ich mich entschlossen, mich in Gottes Ratschluß zu ergeben und die Nacht inmitten der Steppe zu verbringen, als der Wanderer sich plötzlich geschwind auf den Bock schwang und dem Kutscher zurief: »Nun, Gott sei Dank, ein Haus ist nicht mehr weit; bieg nach rechts ab und fahr zu.« »Warum denn nach rechts?« fragte mißvergnügt der Kutscher. »Wo siehst du einen Weg? Du meinst wohl, weil es fremde Pferde sind und fremdes Geschirr, man könnte nur so drauflosfahren?« Die Worte des Kutschers schienen mir verständig zu sein. »In der Tat«, warf ich ein, »woraus schließt du, daß ein Haus nicht mehr fern ist?« »Der Wind blies vorhin von dort«, antwortete der Wanderer, »und mit ihm kam ein Rauchgeruch; also muß ein Dorf in der Nähe sein.« Seine Auffassungskraft und die Feinheit seines Instinkts setzten mich in Erstaunen. Ich befahl dem Kutscher zu fahren. Im tiefen Schnee kamen die Pferde nur schwerfällig vorwärts. Der Wagen bewegte sich nur langsam, bald ging es einen Schneehügel hinan, bald wieder glitten wir in eine Schlucht, wir schwankten beständig von der einen auf die andere Seite. Ssaweljitsch ächzte, denn jede Minute prallten wir aufeinander. Es war wie die Fahrt eines Schiffes auf stürmischem Meere. Ich zog die Schutzdecke herab, wickelte mich fest in den Pelz und schlummerte allmählich ein, vom Heulen des Sturmes und dem Schaukeln unserer langsamen Fahrt eingewiegt. Damals kam mir jener Traum, den ich nie wieder vergessen konnte, da ich in ihm, wenn ich ihn mit den weiteren sonderbaren Ereignissen meines Lebens vergleiche, auch noch heute etwas Prophetisches erblicken muß. Der Leser wird mich entschuldigen, denn vermutlich weiß er aus Erfahrung, wie sehr es Menschenart ist, sich dem Aberglauben hinzugeben, mag man auch noch so spöttisch all solchen Vorurteilen gegenüberstehen. Ich befand mich in jenem Dämmerzustand der Sinne und des Geistes, da die Wirklichkeit, den Traumgesichten nachgebend, mit ihnen in den undeutlichen Erscheinungen des ersten Schlafes verschmilzt. Und so war mir denn, der Schneesturm wütete noch immer und wir irrten noch immer durch die Schneewüste. Plötzlich war da ein Tor, und ich fuhr in den Herrenhof unseres Gutes. Mein erster Gedanke war die Besorgnis, der Vater könnte die unfreiwillige Rückkehr ins Elternhaus übel vermerken und sie gar für absichtlichen Ungehorsam halten. Besorgt springe ich aus dem Wagen, allein da sehe ich auch schon: meine Mutter steht in der Tür und begrüßt mich mit bekümmertem Ausdruck. »Still«, sagt sie zu mir, »Vater ist krank, er liegt im Sterben, er wünscht, von dir Abschied zu nehmen.« In angstvoller Bestürzung folge ich ihr ins Schlafzimmer. Ich gewahre, daß das Zimmer nur schwach erleuchtet ist. Am Bett stehen Menschen, und ihre Gesichter blicken traurig. Leise nähere ich mich dem Bett; Mutter schlägt die Decke zurück und sagt: »Andrej Petrowitsch, unser Petruscha ist da; er kehrte zurück, als er von deiner Krankheit erfuhr; nun segne ihn.« Da kniete ich nieder und sah den Kranken an. Doch war das nicht sonderbar? Es war gar nicht mein Vater, es war ein Bauer, der dort im Bett lag, sein Bart war schwarz, und munter blickte er mich an. Das konnte ich nicht verstehen, wendete mich zur Mutter und fragte: »Was bedeutet das? Dies ist nicht der Vater. Und aus was für einem Grunde soll ich mir den Segen dieses Bauern erbitten?« – »Einerlei, Petruscha«, entgegnete die Mutter, »er ist hier an Vaters Statt; küß ihm die Hand, und mag er dich segnen ...« Allein ich war damit nicht einverstanden. Da sprang der Bauer aus dem Bette, packte ein Beil, das hinter seinem Rücken versteckt war, und fuchtelte damit nach allen Seiten. Ich wollte fliehen – und konnte es nicht; das Zimmer füllte sich mit Leichnamen; ich stolperte über Leiber und glitt in Blutpfützen aus... Der fürchterliche Bauer aber rief mich freundlich an und sprach: »Fürchte dich nicht, komm nur und laß dich segnen...« Ich war von Grauen und Zweifel überwältigt... Und in dem Augenblick muß ich aufgewacht sein; die Pferde standen; Ssaweljitsch hatte meine Hand ergriffen und sagte gerade: »Steig nur aus, Herr, wir sind angekommen.« »Wo angekommen?« fragte ich und rieb mir die Augen. »Vor einem Wirtshaus. Gott hat uns geholfen, wir stießen gerade auf die Umzäunung. Steig schnell aus, Herr, damit du warm wirst.« Ich stieg aus dem Wagen. Der Schneesturm hielt noch an, obwohl seine Wut etwas nachgelassen hatte. Es war so dunkel, daß man die Hand vor den Augen nicht sah. Am Tor stand der Gastwirt, er leuchtete uns mit einer Laterne und führte uns in die Wirtsstube, die eng, aber ziemlich sauber war; ein brennender Kienspan beleuchtete sie. An der Wand hing eine Büchse und die hohe Mütze der Kosaken. Der Wirt, ein Kosak, schien ein Mann von einigen Sechzig zu sein, obwohl er noch einen frischen und rüstigen Eindruck machte. Ssaweljitsch folgte mir auf dem Fuß und fragte nach Feuer, da er einen Tee bereiten wollte, der mir noch nie so notwendig erschienen war wie eben jetzt. Der Wirt ging hinaus, um alles zu besorgen. »Und wo steckt denn unser Führer?« fragte ich Ssaweljitsch. »Hier, Euer Gnaden«, entgegnete eine Stimme, die von oben kam. Ich blickte auf und sah einen schwarzen Bart und zwei funkelnde Augen auf dem Lager über dem breiten Ofen. »Na, Bruder, tüchtig durchgefroren?« »Wie soll man nicht frieren, wenn man nur einen schäbigen Kittel anhat? Ein Schafspelz war zwar einmal da, aber wozu es verhehlen – er blieb gestern abend in der Schenke hängen: die Kälte schien mir nicht arg zu sein.« In diesem Augenblick kam der Wirt mit dem dampfenden Samowar; ich schlug unserem Führer vor, eine Tasse Tee mit uns zu trinken; er kletterte sogleich von seinem Lager herunter. Sein Äußeres kam mir bemerkenswert vor. Er mochte in den Vierzigern stehen und war von mittlerem Wuchse und trotz seiner Magerkeit breitschultrig. In seinem schwarzen Bart zeigten sich einzelne graue Haare; seine lebhaften großen Augen waren in beständiger Bewegung. Sein Gesicht war angenehm, hatte jedoch einen listigen Ausdruck. Sein Haar war rings um den Kopf geschoren; seine Kleidung bestand aus einem zerfetzten Kittel und den breiten Pluderhosen der Tataren. Ich gab ihm eine Tasse Tee; er nahm einen Schluck und schnitt eine Grimasse. »Euer Gnaden, erweisen Sie mir die Freundlichkeit ... lassen Sie mir ein Glas Schnaps geben; Tee ist nichts für Kosaken.« Sein Wunsch wurde von mir sofort erfüllt. Der Wirt hatte Flasche und Glas bei der Hand, näherte sich ihm und sah ihm dabei ins Gesicht. »Oho«, sagte er dann, »da bist du also wieder in unserem Ländchen? Von wo des Weges?« Aber mein Führer zwinkerte ihm nur bedeutungsvoll zu und antwortete mit allerhand Redensarten. »Im Küchengarten hab ich Hanf gepickt; Großmütterchen warf einen Stein nach mir, aber ungeschickt. Und wie geht's bei euch?« »Wie soll's bei uns gehen!« entgegnete der Wirt und setzte das unverständliche Gespräch fort: »Sie wollten läuten zum Abendgebet, die Popenfrau hat's nicht erlaubt: der Pope ist auswärts zu Gast, und im Kirchspiel sind die Teufel los.« »Geduld, Onkelchen«, entgegnete mein Landstreicher, »wenn es regnet, gibt es Pilze; wenn es Pilze gibt, gibt's auch Körbe; jetzt aber« (und hier kam sein Zwinkern aufs neue) »das Beil hintern Rücken: der Förster geht im Walde. Euer Gna- den, zur Gesundheit!« Bei diesen Worten nahm er sein Glas, bekreuzigte sich und trank es in einem Zuge leer, darauf machte er mir eine Verbeugung und kroch wieder auf sein Lager. Ich konnte damals aus dem Rotwelsch, das sie sprachen, nicht klug werden, und erst viel später erriet ich, daß es sich um die Angelegenheiten der Jaïkschen Truppen handelte, welche zu der Zeit eben erst nach ihrem Aufruhr vom Jahre 1772 zur Räson gebracht worden waren. Ssaweljitsch hörte zu, wobei sein Gesicht einen höchst unzufriedenen Ausdruck annahm. Mit lebhaftem Argwohn heftete er seine Augen bald auf den Wirt und bald wieder auf unseren Führer. Die Herberge lag weitab von jeder Ansiedlung in der Steppe und machte eigentlich den Eindruck einer Räuberschenke. Allein das ließ sich jetzt nicht ändern. Es war nicht daran zu denken, die Reise fortzusetzen. Ssaweljitschs Unruhe machte mir großen Spaß. Ich meinerseits traf alle Anstalten für die Nacht und legte mich auf die Bank. Ssaweljitsch entschloß sich, auf den Ofen zu klettern; der Wirt streckte sich auf den Fußboden aus. Und schon bald darauf schnarchte die ganze Hütte, und auch ich schlief ein wie tot. Als ich am anderen Morgen ziemlich spät erwachte, sah ich, daß der Sturm sich gelegt hatte. Die Sonne schien. Auf der unabsehbaren Steppe lag der Schnee wie ein blendendes Leintuch. Die Pferde waren schon angespannt. Ich machte meine Rechnung mit dem Wirte, und dieser forderte eine so geringe Bezahlung von uns, daß selbst Ssaweljitsch, der seiner Gewohnheit nach immer feilschen mußte, keine Einwände erhob und sich den Verdacht von gestern völlig aus dem Kopf schlug. Darauf rief ich den Führer, dankte ihm für den erwiesenen Beistand und befahl Ssaweljitsch, ihm einen halben Rubel für Schnaps zu geben. Ssaweljitsch wurde finster. »Einen halben Rubel Trinkgeld!« murrte er, »und wofür das? Etwa dafür, daß du die Güte hattest, ihn auf deinem Wagen zum Wirtshaus zu bringen? Wie du willst, Herr, aber wir haben leider keine überflüssigen halben Rubel. Jedem ein Trinkgeld geben, bedeutet selber bald Hunger leiden.« Streiten mit Ssaweljitsch wollte ich nicht. Meinem Versprechen gemäß hatte Ssaweljitsch das volle Verfügungsrecht über die Gelder. Aber andererseits war es mir unangenehm, daß ich dem Menschen, der uns wenn nicht gar aus dem Unheil, so doch zum mindesten aus einer äußerst unerquicklichen Lage befreit hatte, nicht meine Dankbarkeit erweisen konnte. »Nun gut«, sagte ich kaltblütig, »du willst ihm keinen halben Rubel geben, dann wirst du ihm eben etwas von meinen Kleidern heraussuchen müssen. Er ist viel zu leicht gekleidet. Gib ihm meinen Hasenpelz.« »Um Gottes willen, Pjotr Andrejewitsch, Väterchen!« erwiderte Ssaweljitsch, »deinen Hasenpelz? Er wird ihn ja doch nur im nächsten Wirtshaus versaufen, der Hund.« »Das, mein Alterchen, ist nicht deine Sache«, entgegnete mein Landstreicher, »ob ich ihn versaufe oder nicht. Seiner Gnaden hat es beliebt, mir den Pelz zu schenken; das ist sein gutes Herrenrecht, du aber hast als Diener die Pflicht, das Maul zu halten und zu gehorchen.« »Oh, du Gottloser, du Räuber!« entgegnete Ssaweljitsch aufgebracht, »du siehst doch, daß das Kind noch zu wenig Verstand hat, aber du freust dich dessen, um es ganz und gar auszuplündern. Was brauchst du einen Herrschaftspelz? Du wirst ihn ja nicht einmal über deine verdammten Schultern bringen.« »Kein so langes Gerede!« sagte ich zu meinem Erzieher, »bring den Pelz her.« »Herr, mein Gott!« Ssaweljitsch stöhnte. »Der Hasenpelz ist fast neu! Und wenn noch jemand Rechtes ihn bekäme, aber so ein abgerissener Trunkenbold!« Dennoch erschien der Hasenpelz. Das Bäuerlein schickte sich sogleich an, ihn anzuprobieren. In Wahrheit, der Pelz, aus dem auch ich bereits herausgewachsen war, erwies sich für ihn als ein wenig eng. Allein er wußte Rat und brachte es dennoch fertig, nachdem er die Nähte etwas gelockert hatte, ihn anzuziehen. Als Ssaweljitsch das Krachen der Nähte vernahm, heulte er fast auf. Der Landstreicher war von meinem Geschenk außerordentlich befriedigt. Er gab mir bis zum Wagen das Geleit und sagte mit einer sehr tiefen Verbeugung: »Vielen Dank, Euer Gnaden! Möge Gott Sie für Ihre Wohltat belohnen. Mein Leben lang werde ich der Freundlichkeit gedenken.« Damit ging er seines Weges, und auch ich gab das Zeichen zur Abfahrt, ohne erst Ssaweljitsch sonderlich zu beachten, und bald darauf hatte ich den gestrigen Schneesturm, den Führer und den Hasenpelz vergessen. In Orenburg angekommen, begab ich mich schnurstracks zum General. Er war ein Mann von hohem Wuchse, wenn auch das Alter ihn schon gebeugt hatte. Sein langes Haar war völlig weiß. Seine alte, verblichene Uniform erinnerte an die Zeit der Kaiserin Anna, seine Aussprache war stark mit deutschem Akzent durchsetzt. Ich überreichte ihm den Brief meines Vaters. Als er den Namen hörte, sah er mich überrascht an. »Du mein Gott!« versetzte er, »ist es denn schon so lange her, daß Andrej Petrowitsch noch in deinem Alter war, und nun hat er schon einen so großen Jungen! Du liebe Zeit!« Er erbrach den Brief und las ihn halblaut, indem er hin und wieder seine Bemerkungen einflocht. »›Sehr geehrter Herr Andrej Kirillowitsch, ich hoffe, daß Eure Exzellenz...‹ Was das wieder für Zeremonien sind! Pfui, und schämt er sich denn nicht? Gewiß, die Disziplin ist die Hauptsache, aber schreibt man etwa so einem alten Kameraden?... ›Eure Exzellenz haben gewiß nicht vergessen ...‹ hm ... › und ... als... vom verstorbenen Feldmarschall Mün... im Feldzuge... gleichfalls auch... Karolinen...‹ I, Bruder! Also gedenkt er noch unserer alten Streiche! ›Doch nun zu meinem Anliegen... zu Ihnen meinen Taugenichts...‹ hm ... ›in Stachelhandschuhen zu halten ...‹ Was ist denn das, Stachelhandschuhe? Das ist sicher eine russische Redewendung... Was heißt das, jemanden in Stachelhandschuhen halten?« wiederholte er, sich zu mir wendend. »Das heißt«, antwortete ich, indem ich mir ein möglichst unschuldiges Aussehen gab, »freundlich mit jemandem umgehen, nicht allzu streng mit ihm sein, ihm möglichst viel Freiheit lassen, kurz, ihn in Stachelhandschuhen halten.« »Hm, verstehe! ›... und ihm keine Freiheit lassen...‹ Nein, die Stachelhandschuhe scheinen doch etwas anderes zu bedeuten... ›Gleichzeitig... seinen Paß...‹ Wo ist denn der? Aha ... ›Aus den Ssemjonowschen Regimentslisten streichen...‹ Schon gut, schon gut, wird alles besorgt... ›Du erlaubst, daß ich Dich ohne alle Titel umarme und... Dein alter Kamerad und Freund...‹ Ah! hat er sich's doch zum Schluß überlegt... und so weiter, und so weiter... Und nun, mein Lieber«, sagte er, als er mit der Lektüre des Briefes zu Ende war und meinen Paß weggelegt hatte, »es wird alles besorgt werden: du wirst als Offizier zum Regiment versetzt werden und reisest, um keine Zeit zu versäumen, schon morgen nach der Bjelogorskschen Festung ab, dort wirst du unter dem Kommando des Hauptmanns Mironow stehen, der ein wackerer und ehrlicher Mann ist. Dort wirst du sehen, was wirklicher Dienst ist, und wirst Disziplin lernen. In Orenburg hast du nichts verloren, Vergnügungen sind jungen Leuten nur schädlich. Für heute aber bitte ich dich, zum Mittagessen mein Gast zu sein.« Das wird ja schlimmer von Stunde zu Stunde! sagte ich mir innerlich, was hat es mir geholfen, daß ich beinahe im Mutterleibe schon Sergeant der Garde war! Wohin hat es mich gebracht? In ein Regiment, in die ödeste Festung und an die Grenze der Kirgisensteppen!... So speiste ich denn bei Andrej Kirillowitsch, zu dritt mit seinem alten Adjutanten, zu Mittag. Bei Tisch herrschte strenge deutsche Sparsamkeit, und ich glaube fast, daß die Angst, zuweilen einen Gast an seiner Junggesellentafel sehen zu müssen, dazu beigetragen hatte, daß ich mit solcher Eile in die Garnison weitergeschickt wurde. Und so verabschiedete ich mich denn am darauffolgenden Tage vom General und begab mich mit Ssaweljitsch an den Ort meiner Bestimmung. Die Festung Bjelogorsk lag vierzig Werst von Orenburg. Die Straße führte am steilen Ufer des Jaïk entlang. Der Fluß war noch nicht zugefroren, und das bleifarbige Wasser dunkelte melancholisch zwischen den verschneiten Ufern. Jenseits von da erstreckten sich die kirgisischen Steppen. Düstere Gedanken überkamen mich. Ich versuchte mir ein Bild meines zukünftigen Kommandanten Hauptmann Mironow zu machen. Er kam mir als ein strenger und grimmiger alter Mann vor, der von nichts außer seinem Dienst etwas wissen wollte und durchaus die Absicht hatte, mich wegen jeder Kleinigkeit bei Wasser und Brot in Arrest zu setzen. Die Dämmerung brach derweilen herein. Wir fuhren ziemlich schnell. »Ist es noch weit bis zur Festung?« fragte ich meinen Kutscher. »Nicht weit«, entgegnete er, »dort sieht man sie schon.« Allein so sehr ich auch in der Erwartung, drohende Bastionen zu gewahren, Türme und einen Wall, nach allen Seiten Umschau hielt, ich sah nichts außer einem Dorf, umgeben von einem Palisadenzaun. Außerdem erblickte ich noch auf der einen Seite drei oder vier vom Schnee fast verwehte Heuschober und auf der anderen eine schiefstehende Windmühle, deren Bastflügel träge ruhten. »Ja, wo ist denn die Festung?« fragte ich verwundert. »Das ist sie doch«, erwiderte der Kutscher und wies auf das Dörfchen, und schon waren wir auch da. Am Tor gewahrte ich eine alte, eiserne Kanone; die Straßen waren eng und krumm, die Häuser niedrig und fast alle mit Stroh gedeckt. Ich befahl, mich zum Kommandanten zu fahren, und nach einer Minute hielten wir vor einem kleinen Holzhaus, das in der Nähe einer Kirche, die gleichfalls aus Holz war, auf einer kleinen Anhöhe stand. Niemand kam heraus, um mich zu empfangen. So trat ich denn in den Hausflur und öffnete die Tür zum Vorzimmer. Dort saß ein alter Invalide auf einem Tisch und nähte einen blauen Flicken auf den Ellbogen einer grünen Uniform. Ich bat ihn, mich anzumelden. »Nur hereinspaziert, Väterchen«, entgegnete der Invalide, »wir sind zu Hause.« Ich trat in ein kleines, aber sauberes Zimmer, das ganz nach alter Sitte eingerichtet war. In der Ecke stand der Schrank mit Tellern und Tassen, das Offiziersdiplom hing eingerahmt und unter Glas an der Wand; daneben hingen einige einfache Bilder, wie man sie auf den Jahrmärkten kauft, die Einnahme von Küstrin und von Otschakow, die Brautwahl und das Begräbnis eines Katers. Am Fenster saß eine alte Frau, die eine warme Wolljacke trug und ein Tuch um den Kopf. Sie wickelte Garn auf, dessen Strähnen um die gespreizten Finger eines alten, ein- äugigen Mannes in Offiziersuniform geschlungen waren. »Was steht in Ihrem Belieben, Väterchen?« fragte sie. Ich entgegnete, daß ich gekommen sei, meinen Dienst hier anzutreten, und daß ich mich pflichtschuldigst dem Herrn Hauptmann vorstellen wolle, und wendete mich dabei zu dem einäugigen Alten, da ich ihn für den Kommandanten hielt; aber die Hausfrau unterbrach meine wohleinstudierte Rede. »Iwan Kusjmitsch ist ausgegangen«, sagte sie, »er ist zu Gast beim Priester Gerassim; allein das hat nichts zu sagen, mein Bester, denn ich bin seine Frau. Fühl dich, bitte, wie zu Hause. Und nimm Platz, Väterchen.« Hierauf rief sie das Mädchen und befahl ihr, den Kosakenunteroffizier zu holen. Der Alte musterte mich derweilen neugierig mit seinem einsamen Auge. »Darf ich mir gestatten, zu fragen«, sagte er endlich, »in welchem Regiment Sie bisher gedient haben?« Ich befriedigte seine Neugierde. »Und darf ich mir ferner gestatten, zu fragen«, fuhr er fort, »aus welchem Grunde Sie sich aus der Garde in die Garnison versetzen ließen?« Ich entgegnete ihm, dies sei auf Veranlassung meiner Vorgesetzten geschehen. »Dann ist wohl die Vermutung erlaubt, daß der Grund hierzu in Handlungen lag, die einem Offizier der Garde nicht wohl anstanden?« fuhr der unermüdliche Ausfrager fort. – »Hör auf mit dem Geschwätz«, fiel ihm die Hauptmannsfrau ins Wort, »du siehst doch, daß der junge Mann von der Reise ermüdet ist; du langweilst ihn... und halt überhaupt die Arme gerader... Du aber, mein Väterchen«, sprach sie darauf weiter, und zwar zu mir, »sollst nicht zu bekümmert darüber sein, daß man dich in unsere Einöde verbannt hat. Du bist nicht der erste und wirst auch nicht der letzte sein. Kommt Zeit, kommt Rat. Da ist Alexej Iwanowitsch Schwabrin, es ist nun bereits fünf Jahre her, daß er wegen eines Totschlags zu uns versetzt wurde. Weiß Gott, was es für eine Versuchung war, die ihm den Verstand geraubt hatte; bedenk nur, er fuhr mit einem Leutnant vor die Stadt, und sie nahmen ihre Degen mit sich und stachen dort aufeinander los, und richtig hat auch Alexej Iwanowitsch den Leutnant erstochen, und dazu vor zwei Zeugen! Was soll man da sagen? Wir sind allzumal Sünder.« In diesem Augenblick trat der Unteroffizier ein, ein junger stattlicher Mensch. »Maximytsch!« redete ihn die Hauptmannsfrau an, »der Herr Offizier braucht eine Wohnung, aber eine ordentliche.« »Zu Befehl, Wassilissa Jegorowna«, antwortete der Unteroffizier. »Wie wäre es, wenn man Seine Gnaden bei Iwan Poleschajew unterbrächte?« »Dummes Zeug, Maximytsch«, sagte die Hauptmannsfrau, »bei Poleschajew ist ohnehin zu wenig Platz; zudem ist er mein Gevatter und weiß, daß wir seine Vorgesetzten sind. Bring den Herrn Offizier... wie redet man Sie übrigens an, mein Lieber?« »Pjotr Andrejewitsch.« »Also bringe Pjotr Andrejewitsch zu Ssemjon Kusow. Er ist ein Gauner, er hat sein Pferd in meinen Gemüsegarten gelassen. Hast du sonst noch was zu berichten, Maximytsch?« »Gottlob, alles in Ordnung«, entgegnete der Kosak, »der Korporal Prochorow hat sich mit Ustinja Negulina in der Badstube wegen eines Kübels heißen Wassers geprügelt.« »Iwan Ignatjewitsch!« – die Hauptmannsfrau wandte sich mit diesen Worten zu dem einäugigen Alten – »verhör den Prochorow und die Ustinja und schau, wer von beiden recht hat und wer schuldig ist. Und bestrafe mir beide. Du kannst jetzt gehen, Maximytsch. Pjotr Andrejewitsch, Maximytsch wird Ihnen Ihr Quartier anweisen.« Ich empfahl mich. Der Unteroffizier führte mich zu einem Bauernhaus, das auf dem abschüssigen Flußufer am äußersten Ende der Festung stand. Die Hälfte des Hauses wurde von Ssemjon Kusow und seiner Familie bewohnt, die andere Hälfte wurde mir eingeräumt. Sie bestand aus einem ziemlich anständigen Zimmer, das durch einen Verschlag in zwei Räume abgeteilt war. Ssaweljitsch machte sich sofort daran, alles einzurichten; ich aber schaute durchs kleine Fenster. Vor mir erstreckte sich unübersehbar die traurige Steppe. Quer gegenüber standen einige arme Hütten; auf der Straße spazierten nur einzelne Hühner. Vor einer Tür stand eine alte Frau mit einem Troge und lockte ihre Schweine, die mit freundschaftlichem Grunzen ihr Kommen ankündigten. Das war also der Ort, in dem ich meine Jugend verbringen sollte! Es wurde mir schwer ums Herz; ich trat vorn Fenster weg und legte mich nieder, ohne zu Abend gegessen zu haben, und achtete nicht auf die Ermahnungen Ssaweljitschs, der in einem fort mit großer Bekümmernis wiederholte: »Herr, mein Gott! Gar nichts essen? Was wird die gnädige Frau dazu sagen, wenn unser Kind krank wird?« Tags darauf, ich war eben im Begriffe, mich anzuziehen, öffnete sich plötzlich meine Tür und ein junger Offizier trat ins Zimmer, er war ziemlich klein, sein Gesicht war dunkel und von einer besonderen Häßlichkeit, obwohl er außerordentlich lebendig war. »Verzeihen Sie«, sagte er auf französisch, »daß ich so formlos hier eindringe, um mit Ihnen bekannt zu werden. Ihre Ankunft wurde mir gestern mitgeteilt; der Wunsch, endlich wieder das Gesicht eines Menschen zu sehen, war so groß, daß ich mich nicht mehr bezähmen konnte. Sie werden das verstehen, wenn Sie erst einige Zeit hier gelebt haben.« Ich erriet natürlich sogleich, daß dies der Offizier war, der eines Duells wegen aus der Garde gestrichen worden war. Wir wurden schnell miteinander bekannt. Schwabrin war sehr gescheit. Was er sprach, war stets witzig und fesselnd. Sehr spaßhaft schilderte er mir das Haus des Kommandanten, aber auch die Leute und überhaupt die Gegend, in die das Schicksal mich verschlagen hatte. Ich lachte hell auf, als jener Invalide, der im Vorzimmer des Kommandanten die Uniform geflickt hatte, eintrat; er lud mich im Auftrage Wassilissa Jegorownas ein, mit ihnen zu Mittag zu speisen. Schwabrin schloß sich mir aus freien Stücken an. Als wir uns dem Hause des Kommandanten näherten, sahen wir auf dem Platze davor einige zwanzig uralte Invaliden, sie trugen lange Zöpfe und eine Art von Dreimaster. Sie waren in einer Front aufgestellt. Vor ihnen stand der Kommandant, ein rüstiger und hochgewachsener alter Mann, in einer Nachtmütze und einem Nankingschlafrock. Er sah uns, trat auf uns zu und richtete einige freundliche Worte an mich, darauf kommandierte er weiter. Wir wollten eigentlich stehen bleiben, um zuzuschauen, aber er ersuchte uns, zu Wassilissa Jegorowna ins Haus zu gehen, wohin er uns bald zu folgen versprach. »Denn hier«, fügte er hinzu, »haben Sie nichts verloren.« Wassilissa Jegorowna begrüßte uns schlicht und freundlich, sie behandelte mich wie einen alten Bekannten. Der Tisch wurde von dem Invaliden und von Palaschka gedeckt. »Warum hat sich denn mein Iwan Kusjmitsch heute so aufs Exerzieren verlegt!« meinte die Kommandantin. »Palaschka, bitte den Herrn zu Tisch. Und wo steckt denn Mascha?« Die Tür ging auf und sie kam herein; sie mochte etwa achtzehn Jahre alt sein, ihr rosiges Gesicht war rundlich, das lichtblonde Haar war glatt zurückgekämmt und ließ die Ohren frei, die nur so glühten. Ich kann nicht sagen; daß sie mir auf den ersten Blick sehr gefiel. Ich war gegen sie ein wenig voreingenommen: nach Schwabrins Schilderung war Mascha, die Tochter des Hauptmanns, ein vollendetes Gänschen. Marja Iwanowna setzte sich in eine Ecke und begann zu nähen. Bald darauf kam die Suppe. Wassilissa Jegorowna, die immer noch nicht die Schritte ihres Mannes hörte, schickte Palaschka zum zweiten Male hinaus, ihn zu holen. »Sage dem Herrn: die Gäste warten, und die Suppe wird kalt; das Exerzieren läuft, gottlob, nicht weg; und anschreien kann er sie auch noch das nächste Mal.« Bald darauf erschien denn auch der Hauptmann, begleitet von dem einäugigen Alten. »Was ist denn das mit dir, mein Väterchen?« sagte die Frau zu ihm, »das Essen steht längst auf dem Tisch, aber du kommst einfach nicht.« »Ja hör mal, Wassilissa Jegorowna«, entgegnete Iwan Kusjmitsch, »das ist eben der Dienst: ich muß doch meinen Soldaten was beibringen.« »Auch was Rechtes«, widersprach ihm seine Frau, »alles Prahlerei, daß du den Soldaten was beibringst: weder kapieren sie den Dienst, noch verstehst du viel davon. Sitz lieber zu Hause und bete, das wäre gescheiter. Werte Gäste, ich bitte, Platz zu nehmen.« Wir setzten uns zu Tisch. Wassilissa Jegorowna schwieg auch nicht für einen Augenblick, sie überschüttete mich mit Fragen: wer meine Eltern seien, ob sie noch am Leben seien, wo sie lebten und welches Vermögen sie besäßen? Als sie vernahm, daß mein Vater an die dreihundert Leibeigene habe, meinte sie: »Du meine Güte! Was für reiche Leute es doch auf der Welt gibt! Wir hingegen, mein Väterchen, haben nur diese eine Dirne Palaschka; trotzdem leben wir, Gott sei's gedankt, schlecht und recht. Das eine nur ist schlimm: die Mascha da, die ist nun herangewachsen, aber was ist ihre Mitgift? Ein dichter Kamm, eine Birkenrute und (Gott verzeih mir's!) ein Groschen, um in die Badstube zu gehen. Es wäre ein Glück, wenn sich ein guter Mensch fände, sonst wird sie als ewige Braut eine alte Jungfer werden.« Ich blickte Marja Iwanowna an: sie war über und über errötet, und Tränen fielen auf ihren Teller nieder. Sie tat mir leid, und so beeilte ich mich denn, dem Gespräch eine andere Wendung zu geben. »Ich hörte«, sagte ich, obwohl es durchaus nicht angebracht war, »die Baschkiren rüsten, um die Festung zu überfallen.« »Wer, Väterchen, hat dir das gesagt?« fragte Iwan Kusjmitsch. »In Orenburg bekam ich das zu hören«, erwiderte ich. »Gerede!« meinte der Kommandant, »wir haben hier schon lange nichts dergleichen gehört. Die Baschkiren sind eingeschüchtert, und auch die Kirgisen haben ihre Lektion erhalten. Keine Angst, die gehen nicht mehr auf uns los; und sollten sie es doch tun, dann werden sie einen Denkzettel von mir bekommen, der sie auf zehn Jahre kusch machen wird.« »Und fürchten Sie sich nicht«, fuhr ich fort, indem ich mich diesmal an die Frau des Hauptmanns wendete, »in einer Festung zu bleiben, die derartigen Gefahren ausgesetzt ist?« »Alles Gewohnheit, mein Väterchen«, antwortete sie. »Das mag nun wohl zwanzig Jahre her sein, daß man uns aus dem Regiment hierher versetzte, damals, mein Gott, wie habe ich mich vor den verruchten Heiden gefürchtet! Damals, wenn ich nur ihre Luchsmützen zu Gesicht bekam oder gar ihr schrilles Heulen hörte, ob du es nun glaubst oder nicht, mein Lieber, das Herz im Leibe blieb mir stehen! Heute jedoch ist es mir bereits so zur Gewohnheit geworden, daß ich mich nicht vom Fleck rühren würde, wenn jemand käme und mir sagte, die Kerle strichen wieder um die Festung herum.« »Wassilissa Jegorowna ist eine überaus tapfere Dame«, warf Schwabrin sehr ernsthaft ein, »Iwan Kusjmitsch kann das bezeugen.« »Ja, hör mal«, bestätigte Iwan Kusjmitsch, »die Frau gehört nicht zu der verzagten Kompanie.« »Aber Marja Iwanowna?« fragte ich weiter, »ist sie ebenfalls so mutig wie Sie?« »Ob Mascha Mut hat?« entgegnete die Mutter. »Nein, Mascha ist ein Hasenfuß. Es ist ihr bis heute schrecklich, einen Flintenschuß zu hören, gleich erbebt sie und zittert. Als damals vor zwei Jahren Iwan Kusjmitsch zur Feier meines Namenstages unsere Kanone abfeuern ließ, da begab sie, unser Täubchen, sich vor Schrecken fast in eine andere Welt. Seither wird die verdammte Kanone nicht mehr benutzt.« Wir erhoben uns. Der Hauptmann und seine Frau begaben sich zur Ruhe; ich aber ging zu Schwabrin und verbrachte mit ihm den ganzen Abend.   So vergingen einige Wochen, und mein Leben in der Festung Bjelogorsk wurde allmählich nicht nur erträglich, sondern sogar angenehm. Im Hause des Kommandanten ging man mit mir wie mit einem Verwandten um. Er sowohl wie auch seine Frau waren durchaus ehrenwerte Menschen. Iwan Kusjmitsch war von geringer Herkunft, Sohn eines Soldaten, hatte sich aber zum Offizier herauf gedient; obwohl er ungebildet war und von simpler Lebensart, mußte man ihn doch als ehrlichen und guten Menschen hoch schätzen. Seine Frau beherrschte ihn, und das paßte wahrlich gut zu seiner allgemeinen Sorglosigkeit. Wassilissa Jegorowna sah auch den Dienst als eines ihrer Hausfrauengeschäfte an und hielt die Festung genauso in Ordnung wie ihr eigenes Haus. Auch Marja Iwanowna hörte bald auf, mir gegenüber scheu zu sein. Wir lernten einander kennen. Und welch ein verständiges und doch gefühlvolles Wesen entdeckte ich in ihr! Fast unmerklich fühlte ich mich dieser guten Familie immer näher verbunden, ja ich schloß sogar mit Iwan Ignatjewitsch, dem einäugigen Leutnant, Freundschaft, von dem Schwabrin gemunkelt hatte, es bestünden zwischen ihm und Wassilissa Jegorowna unerlaubte Beziehungen, aber davon war auch nicht eine Spur wahr; hierum freilich kümmerte sich Schwabrin nicht im mindesten. Meine Ernennung zum Offizier traf ein. Der Dienst belästigte mich keineswegs. In dieser gottseligen Festung gab es weder Besichtigungen noch Exerzieren noch Wachestehen. Der Kommandant machte, wenn ihm der Sinn danach stand, mit seinen Soldaten einige Übungen, aber bisher hatte er es noch nicht einmal dahin gebracht, allen beizubringen, was rechts sei und was links. Schwabrin besaß einige französische Bücher. Ich warf mich aufs Lesen, und so erwachte in mir die Liebe zur Literatur. Die Vormittage beschäftigte ich mich mit Lektüre, ich übte mich im Übersetzen, und hie und da machte ich mich sogar an das Verfassen von Gedichten; zu Tisch war ich fast immer beim Kommandanten, und dort verbrachte ich auch gewöhnlich den weiteren Rest des Tages; abends erschienen bisweilen der Priester Gerassim und sein Weib Akulina Pamphilowna, die im Ruf stand, die erste Neuigkeitskrämerin im ganzen Umkreis zu sein. Alexej Iwanowitsch Schwabrin sah ich, was sich von selber versteht, jeden Tag; aber mit jedem Male kam mir die Unterhaltung mit ihm weniger erfreulich vor. Seine ewigen Späße auf Kosten des Kommandantenhauses mißfielen mir ungemein, insbesondere seine spitzigen Bemerkungen über Marja Iwanowna. Außer diesen gab es keine weitere Gesellschaft in der Festung; allein ich wünschte mir auch keine andere. Trotz aller Voraussagen kam es zu keinem Aufruhr der Baschkiren. Ruhe herrschte um unsere Festung. Aber diese Ruhe wurde plötzlich durch einen unerwarteten Zwist unterbrochen. Ich erwähnte bereits, daß ich mich mit Literatur zu beschäftigen begonnen hatte. Und für die damalige Zeit waren meine Versuche so übel nicht, ja sogar Alexander Petrowitsch Ssumarokow hat sie einige Jahre nachher mit vielem Lobe bedacht. Es gelang mir einst, ein Liedchen zu verfertigen, das mich höchst befriedigte. Es ist allgemein bekannt, daß Autoren oftmals unter dem Vorwand, um Rat zu fragen, geneigte Zuhörer suchen. Und so brachte denn auch ich mein Liedchen, nachdem ich es ins reine geschrieben, zu Schwabrin, der allein in der ganzen Festung befähigt war, das Werk eines Dichters zu beurteilen. Erst ein kleines Vorwort, und darauf zog ich mein Heft aus der Tasche und las ihm folgende Verschen vor: Zu verbannen Liebesweh', Bin ich oftmals jetzt allein, Denn ich meide Maschas Näh', Um aufs neue frei zu sein! Doch die Augen, die mich banden, Gehen nicht aus meinem Sinn; Mein Verstand kam mir abhanden, Ach, und meine Ruh ist hin. So erkenn' denn meine Schmerzen, Mascha, und erbarm' dich mein; Sieh die Pein in meinem Herzen, Rette den Gefangenen dein. »Wie gefällt es dir?« fragte ich Schwabrin und erwartete seinen Beifall, wie einen Tribut, der mir durchaus zustand. Doch zu meinem lebhaften Verdruß erklärte der im allgemeinen sehr nachsichtige Schwabrin mit großer Entschiedenheit, mein Lied sei schlecht. »Warum denn?« fragte ich ihn und verbarg meinen Ärger, so gut ich konnte. »Darum«, entgegnete er, »weil diese Verse in jeder Hinsicht derer meines Lehrers Wassilij Kirillowitsch Tredjakowskij würdig sind und mich ungemein an seine Liebescouplets erinnern.« Hierbei ergriff er mein Heft und begann jede Zeile, ja jedes Wort unbarmherzig zu zergliedern, wobei er sich in der schonungslosesten Weise über mich lustig machte. Ich ertrug es nicht länger, ich riß ihm mein Heftchen aus der Hand und sagte, ich würde ihm nie wieder meine Ausarbeitungen zeigen. Aber Schwabrin fand auch diese Drohung nur komisch. »Wollen wir's abwarten«, meinte er, »ob du dein Wort halten wirst: ein Dichter bedarf ebensosehr des Zuhörers wie Iwan Kusjmitsch der Karaffe mit Schnaps vor dem Mittagessen. Allein wer ist denn die Mascha, der du deine zärtliche Leidenschaft erklärst und deine Liebesschmerzen mitteilst? Am Ende gar Marja Iwanowna?« »Das geht dich nichts an«, entgegnete ich ihm finster, »wer immer diese Mascha auch sei. Ich will weder deine Meinung hören noch deine Vermutungen.« »Oho! Ein eitler Dichter, aber ein bescheidener Liebhaber!« fuhr Schwabrin fort und reizte mich von Minute zu Minute mehr: »Doch nimm den Rat eines Freundes an: wenn du Erfolg haben willst, so rate ich dir, nicht mit Liederchen zu wirken.« »Was, mein Herr, soll das heißen? Erklär dich auf der Stelle.« »Mit Vergnügen. Es soll heißen, daß, wenn es dein Wunsch ist, Mascha Mironowa um die Zeit der Dämmerung bei dir zu sehen, du ihr lieber statt zärtlicher Verschen ein Paar Ohrringe schenken solltest.« Mein Blut wallte. »Warum denkst du so von ihr?« fragte ich und hielt mit Mühe meine Empörung zurück. »Aus dem Grunde«, entgegnete er mit einem teuflischen Lächeln, »weil ich ihre Gewohnheiten und ihre Sitten aus Erfahrung kenne.« »Das lügst du, Schurke!« schrie ich in hellem Zorn, »du lügst auf die schamloseste Art.« Schwabrins Gesicht verzerrte sich. »Das laß ich dir nicht so hingehen«, sagte er und preßte meinen Arm. »Sie werden mir Satisfaktion geben.« »Nach Belieben; jederzeit!« rief ich erfreut. Ich war in dieser Minute tatsächlich bereit, ihn in Stücke zu zerhauen. Ich begab mich sogleich zu Iwan Ignatjewitsch und traf ihn mit einer Nadel in der Hand an: auf Befehl der Kommandantin war er damit beschäftigt, Pilze, die über Winter getrocknet werden sollten, auf einen Faden zu reihen. »Ah, Pjotr Andrejewitsch, Sie sind es!« rief er, als er mich erblickte. »Willkommen! Was führt Sie her? Welche Angelegenheit, wenn ich fragen darf?« Mit wenigen Worten teilte ich ihm mit, daß ich mit Schwabrin Streit gehabt hätte und ihn, Iwan Ignatjewitsch, darum bäte, bei der Auseinandersetzung mein Sekundant zu sein. Iwan Ignatjewitsch hörte mich aufmerksam an, wobei sein einziges Auge beängstigend hervorquoll. »Sie geruhten zu sagen«, sprach er darauf, »daß Sie Alexej Iwanowitsch totstechen wollen und daß Sie hierzu mich als Zeugen benötigen? Habe ich Sie recht verstanden, wenn ich fragen darf?« »Ganz richtig.« »Aber so bedenken Sie doch, Pjotr Andrejewitsch! Was sind das für Geschichten? Sie hatten Streit mit Schwabrin? Na, und wenn auch! Niemand braucht davon was zu erfahren. War er frech gegen Sie, schimpfen Sie ihn zusammen; haut er Ihnen eins ins Gesicht, hauen Sie ihm eins um die Ohren und noch einmal und ein drittes Mal – und geht dann auseinander; wir aber werden euch wieder versöhnen. Halten Sie es denn für anständig, seinen Mitmenschen totzustechen, wenn ich fragen darf? Und wenn man noch sicher wüßte, daß Sie ihn totstechen würden: Gott mit ihm, mit Alexej Iwanowitsch; ich bin selber kein Freund von ihm. Wie aber, wenn er nun Sie durchlöchert? Was dann? Wer wird dann der Genasführte sein, wenn ich fragen darf?« Allein die Ermahnungen des verständigen Leutnants vermochten nicht, mich wankend zu machen. Ich verharrte bei meiner Absicht. »Wie es Ihnen beliebt«, sagte Iwan Ignatjewitsch, »tun Sie, was Sie für richtig halten. Wozu jedoch soll ich als Zeuge dabei sein? Zu welchem Zweck? Daß die Leute sich prügeln, ist das etwas Besonderes, wenn ich fragen darf? Gott weiß, ich bin gegen den Schweden gezogen und gegen den Türken: das ist mir alles längst bekannt.« Ich versuchte, so gut es ging, ihm beizubringen, worin das Amt eines Sekundanten bestehe, aber Iwan Ignatjewitsch konnte mich absolut nicht begreifen. »Wie Sie meinen«, sagte er schließlich, »ich denke aber, daß, wenn ich mich überhaupt mit dieser Sache befassen soll, es wohl am gescheitesten wäre, daß ich zu Iwan Kusjmitsch ginge, um ihm, wie es meine Pflicht vorschreibt, zu rapportieren, daß in der Festung eine den Maßnahmen der Obrigkeit widersprechende Übeltat geplant wird: ob es der Herr Kommandant nicht für nützlich halte, die entsprechenden Gegenmaßnahmen zu ergreifen...« Ich erschrak und bat Iwan Ignatjewitsch, nichts dergleichen dem Kommandanten zu hinterbringen; nur mit großer Mühe konnte ich ihn davon abbringen; allein schließlich versprach er es mir, ich aber entschloß mich, von ihm abzulassen. Den Abend verbrachte ich wie gewöhnlich im Hause des Kommandanten. Um keinen Verdacht aufkommen zu lassen und allen lästigen Fragen auszuweichen, bemühte ich mich, heiter und aufgeräumt auszusehen; allein ich muß gestehen, daß die volle Kaltblütigkeit, mit der alle prahlen, die sich in meiner Lage befunden haben, mir abging. Ich war an diesem Abend zärtlich gestimmt und irgendwie bewegt. Marja Iwanowna gefiel mir noch mehr als sonst. Der Gedanke, daß ich sie vielleicht zum letzten Male sah, verlieh ihr in meinen Augen etwas ungemein Rührendes. Plötzlich erschien Schwabrin. Ich nahm ihn beiseite und teilte ihm mein Gespräch mit Iwan Ignatjewitsch mit. »Wozu Sekundanten?« unterbrach er mich trocken, »wir brauchen keine.« Wir kamen überein, uns hinter den Heuschobern, die sich in der Nähe der Festung befanden, zu schlagen und uns am folgenden Tag dort in der siebenten Morgenstunde einzufinden. Wir plauderten anscheinend so freundschaftlich, daß Iwan Ignatjewitsch sich vor Vergnügen verplapperte. »Höchste Zeit«, sagte er und nahm eine zufriedene Miene an, »ein fauler Friede ist immer noch mehr wert als der beste Kampf, ist er auch nicht besonders ehrenhaft, nun, so ist er doch gesünder.« »Was, Iwan Ignatjewitsch, was sagten Sie da?« fragte die Kommandantin, die in ihrer Ecke Karten legte, »ich hörte nicht, was Sie sagten.« Iwan Ignatjewitsch sah mich an, und da er bemerkte, daß ich unzufrieden war, und er sich andererseits gleichzeitig seines Versprechens entsann, wurde er verlegen und wußte nicht, was antworten. Schwabrin kam ihm jedoch schnell zu Hilfe. »Iwan Ignatjewitsch«, sagte er, »freut sich über unsere Versöhnung.« »Mit wem hast du dich denn gezankt, mein Lieber?« »Pjotr Andrejewitsch und ich hatten uns neulich ziemlich heftig gestritten.« »Wie das?« »Ach, es war nichts, Wassilissa Jegorowna, es handelte sich um ein Lied.« »Auch ein Grund zum Streiten, ein Lied!... Wie kam denn das?« »Sehr einfach: Pjotr Andrejewitsch hat kürzlich ein Lied verfaßt und sang es mir heute vor, ich aber stimmte dagegen mein Lieblingslied an: Hauptmannstochter, gib acht, Geh nicht spazieren um Mitternacht! So kam es zum Streit. Pjotr Andrejewitsch wurde zornig, kam jedoch endlich zur Überzeugung, daß es jedem freistehe, zu singen, was er wolle. Das war alles.« Schwabrins Unverschämtheit hatte mich fast in Wut gebracht; freilich konnte niemand außer mir seine gemeinen Anspielungen verstehen, oder zum mindesten wurden sie von niemandem beachtet. Das Gespräch kam von den Liedern auf die Dichter, der Kommandant äußerte die Ansicht, daß sie alle liederliche und heillose Trunkenbolde seien, und gab mir den freundschaftlich gemeinten Rat, das Dichten zu lassen, da es zu nichts Gutem führe und eigentlich sogar reglementswidrig sei. Schwabrins Anwesenheit war mir unerträglich. So nahm ich denn vom Kommandanten und seiner Familie Abschied; zu Hause untersuchte ich meinen Degen, prüfte seine Spitze und ging, nachdem ich Ssaweljitsch den Auftrag erteilt hatte, mich um sieben Uhr zu wecken, zu Bett. Am Morgen des anderen Tages stand ich zur festgesetzten Zeit hinter den Heuschobern und wartete auf meinen Gegner. Er ließ nicht lange auf sich warten. »Man könnte uns überraschen«, meinte er, »wir müssen uns beeilen.« Wir warfen die Röcke ab und entblößten, im Wams dastehend, unsere Degen. Allein im gleichen Augenblick trat Iwan Ignatjewitsch hinter einem der Heuschober hervor, gefolgt von fünf seiner Invaliden. Er forderte uns auf, ihm zum Kommandanten zu folgen. Wir fügten uns unmutig; die Soldaten umringten uns, und so kehrten wir denn hinter Iwan Ignatjewitsch, der uns feierlich führte und mit erstaunlicher Gravität voranschritt, wieder in die Festung zurück. Wir kamen vors Haus des Kommandanten. Iwan Ignatjewitsch öffnete die Tür und rief mit besonderem Nachdruck: »Da sind sie!« Wassilissa Jegorowna empfing uns: »So, so, meine Lieben! Was soll das sein? Was? Wie? Mord und Totschlag in unserer Festung! Iwan Kusjmitsch, daß du sie mir auf der Stelle in Arrest setzt! Pjotr Andrejewitsch! Alexej Iwanowitsch! Her mit den Degen! Her damit, her damit, Palaschka, du trägst die Degen sogleich in die Rumpelkammer. Pjotr Andrejewitsch! Das hätte ich von dir nicht erwartet, schämst du dich nicht? Von Alexej Iwanowitsch ist man's ja schon gewohnt: er ist Mordes wegen aus der Garde gestrichen worden, und an den Herrgott glaubt er auch nicht; du aber? Du? Willst du auch solche Wege gehen?« Iwan Kusjmitsch stimmte in allem seiner Gattin bei und bemerkte nur: »Ja, hört her, Wassilissa Jegorowna sagt die volle Wahrheit. Im Militärreglement sind alle Zweikämpfe auf das entschiedenste verboten.« Palaschka hatte sich unterdessen unserer Degen bemächtigt und schickte sich an, sie in die Rumpelkammer zu tragen. Ich konnte mich des Lachens nicht erwehren. Schwabrin dagegen blieb sehr ernst. »Bei all meiner Achtung vor Ihnen«, sagte er ihr kalt, »kann ich Ihnen nicht verhehlen, daß Sie, indem Sie über uns zu Gericht sitzen, sich eine unnütze Mühe machen. Überlassen Sie das doch, lieber Iwan Kusjmitsch: es ist seine Sache.« – »Schau mal an, mein Lieber!« entgegnete ihm die Kommandantin, »sind denn Mann und Weib etwas anderes als ein Leib und eine Seele? Iwan Kusjmitsch! Was hältst du Maulaffen feil? Sofort sperrst du die beiden in verschiedene Kammern und läßt sie bei Wasser und Brot sitzen, damit ihnen die Narrheit vergeht; und außerdem soll ihnen der Priester Gerassim eine Kirchenbuße auferlegen, auf daß sie Gott um Verzeihung bitten sollen und damit sie vor den Menschen ihre Reue bekunden.« Iwan Kusjmitsch war unschlüssig, was er tun solle. Marja Iwanowna war auffallend bleich. Aber allmählich legte sich der Sturm; die Kommandantin wurde ruhiger und veranlaßte uns, einander zum Zeichen der Versöhnung einen Kuß zu geben. Darauf brachte uns Palaschka auch unsere Degen wieder zurück. Wir verließen das Haus des Kornmandanten, als wären wir in bester Eintracht. Iwan Ignatjewitsch begleitete uns. »Es war nicht schön von Ihnen« sagte ich ihm aufgebracht, »uns beim Kommandanten anzuzeigen, nachdem Sie mir doch Ihr Ehrenwort gaben, es nicht zu tun.« – »So wahr Gott heilig ist, ich habe Iwan Kusjmitsch nicht eine Silbe gesagt«, entgegnete er, »Wassilissa Jegorowna hat alles aus mir herausgequetscht. Sie war es auch, die alle Maßnahmen traf, ohne daß der Kommandant eine Ahnung davon hatte. Übrigens, gottlob, daß alles so gut abgelaufen ist.« Bei diesen Worten verließ er uns, um nach Hause zu gehen, und so blieb ich denn mit Schwabrin allein. »Unsere Angelegenheit ist hiermit nicht etwa abgeschlossen«, sagte ich. – »Versteht sich«, entgegnete Schwabrin. »Ihre Dreistigkeit muß mit Ihrem Blute gesühnt werden; allein ich fürchte, daß man uns wahrscheinlich beobachten wird. Wir werden uns also während der nächsten Tage verstellen müssen. Auf Wiedersehen.« Wir trennten uns, als wäre alles in schönster Ordnung. Ich kehrte zum Hause des Kommandanten zurück und setzte mich, wie ich es immer tat, zu Marja Iwanowna. Iwan Kusjmitsch war ausgegangen; Wassilissa Jegorowna war mit dem Haushalt beschäftigt. Wir unterhielten uns mit gedämpfter Stimme. Marja Iwanowna warf mir zärtlich die Unruhe vor, die ich allen durch meinen Streit mit Schwabrin bereitet nätte. »Ich bin fast in Ohnmacht gefallen«, sagte sie, »als ich hören mußte, daß Sie die Absicht hätten, ein Duell auf Degen auszufechten. Wie sonderbar doch die Männer sind! Ein Wort, das Sie vielleicht nach einer Woche schon vergessen hätten, – und Sie sind bereit, sich zu schlagen, setzen Ihr Leben aufs Spiel. Ihr Gewissen, und nicht nur das, nein, auch das Glück derer, die... Ich bin übrigens davon überzeugt, daß Sie den Streit nicht angefangen haben. Gewiß ist Alexej Iwanowitsch der Schuldige.« »Weshalb glauben Sie das, Marja Iwanowna?« »Nun, weil... er spottet immer! Ich mag Alexej Iwanowitsch nicht. Er ist mir widerwärtig; doch denken Sie, wie sonderbar: ich möchte um keinen Preis ihm ebenfalls mißfallen. Das würde mich ungemein beunruhigen.« »Und was glauben Sie nun, Marja Iwanowna? Gefallen Sie ihm oder nicht?« Sie wurde sehr rot und konnte vor Verlegenheit nicht gleich sprechen. »Ich glaube«, sagte sie dann, »mir scheint, daß ich ihm gefalle.« »Und warum glauben Sie das?« »Weil er um mich angehalten hat.« »Angehalten! Er hat um Sie angehalten? Ja, wann war denn das?« »Noch im vorigen Jahr, etwa zwei Monate bevor Sie hier eintrafen.« »Und Sie sagten nein?« »Wie Sie sehen. Freilich ist Alexej Iwanowitsch ein kluger Mensch und aus gutem Hause und sogar wohlhabend; aber wenn ich daran denke, daß ich ihn im Brautkranz vor aller Welt würde küssen müssen... um nichts in der Welt! Um keinen Preis!« Die Worte Marja Iwanownas öffneten mir die Augen und gaben mir die Erklärung für vieles. Sogar die hartnäckigsten Verleumdungen, mit denen Schwabrin sie verfolgte, wurden jetzt verständlich. Er hatte augenscheinlich unsere gegenseitige Zuneigung bemerkt und hatte sich bemüht, uns auseinanderzubringen. Jetzt kamen mir seine Worte, die den Anlaß zu unserem Zwist gegeben hatten, noch schändlicher vor, denn statt eines groben und unanständigen Witzes mußte ich eine wohldurchdachte Gemeinheit in ihnen sehen. Mein Verlangen, das dreiste Lästermaul zu züchtigen, wurde nur noch stärker, und voll Ungeduld wartete ich auf eine günstige Gelegenheit. Ich brauchte nicht lange zu warten. Bereits am folgenden Tage, als ich gerade über einer Elegie saß und in Erwartung des fehlenden Reimes an meinem Federkiel kaute, klopfte Schwabrin an mein Fenster. Ich ließ die Feder, ergriff meinen Degen und eilte hinaus. »Wozu es noch länger aufschieben?« redete mich Schwabrin an, »man beobachtet uns nicht. Kommen Sie zum Flußufer. Dort wird uns niemand stören.« Schweigend begaben wir uns dorthin. Wir stiegen den steilen Flußpfad hinab und entblößten unsere Degen erst, als wir unten angelangt dicht am Wasser standen. War auch Schwabrin geschickter als ich, so war ich doch stärker und kühner; mir kamen die wenigen Fechtstunden, die mir Monsieur Beaupré, der früher einmal Soldat gewesen war, erteilt hatte, jetzt trefflich zustatten. Schwabrin hatte sichtlich nicht erwartet, einen so gefährlichen Gegner in mir zu finden. Es ging ziemlich lange hin und her, ohne daß einer dem anderen beikommen konnte, endlich jedoch wurde ich gewahr, daß Schwabrins Kräfte nachließen, und sogleich drang ich mit großer Lebhaftigkeit auf ihn ein und trieb ihn fast bis in den Fluß. Da plötzlich hörte ich meinen Namen rufen. Ich sah mich um, es war Ssaweljitsch, der den steilen Abhang zu mir herunterlief... Und gleichzeitig spürte ich auch schon einen heftigen Stich in der Brust ein wenig unterhalb der rechten Schulter, fiel hin und verlor das Bewußtsein. Als ich wieder zur Besinnung kam, konnte ich eine Zeitlang gar nichts fassen und vermochte nicht zu begreifen, was mit mir geschehen war. Ich lag auf dem Bett in einem fremden Zimmer und fühlte mich sehr schwach. Vor mir stand Ssaweljitsch mit einer Kerze in der Hand. Jemand löste behutsam die Verbände, die mir Brust und Schulter zusammenpreßten. Nach und nach kam ein Zusammenhang in meine Gedanken. Ich erinnerte mich an das Duell und erriet, daß ich verwundet war. Plötzlich knarrte eine Tür. »Wie geht es ihm?« flüsterte eine Stimme, deren Ton mich erbeben machte. – »Immer noch das gleiche«, entgegnete Ssaweljitsch seufzend, »immer noch bewußtlos, und dabei ist es doch schon der fünfte Tag.« Ich wollte mich aufrichten, aber ich vermochte es nicht. »Wo bin ich? Wer ist hier?« brachte ich mit Anstrengung hervor. Marja Iwanowna beugte sich über mich. »Wie geht es Ihnen?« fragte sie. – »Gott sei Dank«, antwortete ich mit schwacher Stimme, »sind Sie da, Marja Iwanowna? Sagen Sie...« Allein ich vermochte nicht weiterzusprechen, und so verstummte ich denn. Ssaweljitsch stöhnte. Sein Gesicht strahlte. »Zu sich gekommen! Er ist zu sich gekommen!« rief er mehrere Male. »Gelobt sei Gott! Väterchen, Pjotr Andrejewitsch! Du hast mir keinen kleinen Schrecken eingejagt! Zu denken! Der fünfte Tag!...« Marja Iwanowna unterbrach ihn: »Du darfst nicht viel mit ihm sprechen, Ssaweljitsch«, sagte sie, »er ist noch zu schwach.« Und damit ging sie hinaus und machte leise die Tür hinter sich zu. Eine Flut von Vermutungen wirbelte in mir. Ich war also im Hause des Kommandanten: Marja Iwanowna konnte bei mir ein- und ausgehen. Ich wollte einige Fragen an Ssaweljitsch richten, aber der Alte schüttelte den Kopf und verstopfte sich die Ohren. Unmutig schloß ich die Augen, und bald darauf kam der Schlaf über mich. Als ich wieder erwachte, rief ich Ssaweljitsch, allein statt seiner stand Marja Iwanowna vor mir; ihr himmlisches Stimmchen begrüßte mich. Das entzückende Gefühl, das mich in diesem Augenblick ergriff, war einfach unbeschreiblich. Ihre Hand lag in der meinen, ich preßte sie an meine Lippen, und Tränen der Rührung benetzten sie. Und Mascha zog ihre Hand nicht fort... ja plötzlich berührten ihre Lippen meine Wange, und mich durchströmte das Gefühl des warmen, des lebendigen Kusses. Feuer durchfuhr mich. »Teure, geliebte Marja Iwanowna«, kam es von meinen Lippen, »werde mein Weib, entschließe dich, mich glücklich zu machen.« Sie kam zu sich. »Um Gottes willen, nur Ruhe«, sagte sie und entzog mir ihr Händchen, »Sie sind noch längst nicht außer Gefahr: Ihre Wunde kann wieder aufbrechen. Schonen Sie sich, und sei es auch nur um meinetwillen.« Mit diesen Worten verließ sie das Zimmer und ließ mich in einem Rausch des Glückes zurück. Das Glück belebte mich neu. Sie wird mein sein! Sie liebt mich! Dieser Gedanke erfüllte mich ganz und gar. Von da an ging es mir stündlich besser. Ich befand mich, da es keinen anderen Arzt in der Festung gab, beim Regimentsfeldscher in Behandlung, und dieser machte Gott sei Dank keine großen Geschichten mit mir. Meine Jugend und meine kräftige Natur beschleunigten den Prozeß meiner Wiederherstellung. An meiner Pflege beteiligte sich die ganze Kommandantenfamilie. Marja Iwanowna wich nicht von meiner Seite. Es versteht sich von selbst, daß ich die erste beste Gelegenheit benutzte, um meine unterbrochene Liebeserklärung zu vollenden, und dieses Mal hörte Marja Iwanowna mir mit größter Geduld zu. Ja sie gestand mir, ohne sich viel zu zieren, ihre herzliche Zuneigung und meinte, daß auch ihre Eltern sich sicherlich sehr über das Glück ihres Kindes freuen würden. »Allein jetzt mußt du bedenken«, fügte sie hinzu, »ob nicht am Ende von seiten deiner Anverwandten Einwendungen erhoben werden könnten?« Ich überlegte. Der zärtlichen Gesinnung meines Mütterchens war ich gewiß; aber wenn ich an meinen Vater dachte, dessen Charakter und Gedanken ich freilich gut kannte, mußte ich mir sagen, daß meine Liebe ihn nicht sehr bewegen würde, ja daß er sie vermutlich eher als die Torheit eines jungen Mannes ansehen dürfte. Freimütig bekannte ich Marja Iwanowna diesen Umstand und entschloß mich, meinem Vater einen Brief zu schreiben, so schön und beredt wie nur möglich, und ihn darin um seinen väterlichen Segen zu bitten. Ich zeigte den Brief Marja Iwanowna, und sie fand ihn so überzeugend, daß sie an seinem Erfolge nicht zweifelte und sich nunmehr den Gefühlen ihres liebenden Herzens mit der schönen Zuversicht der Jugend und der Liebe hingab. Bereits in den ersten Tagen meiner Besserung hatte ich mich mit Schwabrin versöhnt. Iwan Kusjmitsch machte mir Vorwürfe wegen des Zweikampfs und sagte mir: »Ach, Pjotr Andrejewitsch! Eigentlich müßte ich dich nun in Arrest setzen, allein ich meine, du bist auch ohnehin bestraft genug. Alexej Iwanowitsch dagegen sitzt noch immer fest in der Kornkammer und wird scharf bewacht, sein Degen aber befindet sich unter Verschluß bei Wassilissa Jegorowna. Er hat jetzt Zeit, in sich zu gehen und zu bereuen.« Ich war viel zu glücklich, um in meinem Herzen irgendein feindseliges Gefühl zu hegen. So bat ich denn für Schwabrin, und der gutmütige Kommandant entschloß sich, nachdem er allerdings zuvor die Genehmigung seiner Gattin eingeholt hatte, ihn wieder zu befreien. Schwabrin kam bald darauf zu mir; er drückte mir sein tiefes Bedauern über das aus, was zwischen uns vorgefallen war; er gestand mir ein, daß einzig er an allem schuld sei, und bat mich, das Vergangene zu vergessen. Da ich von Natur aus keineswegs nachtragend bin, so verzieh ich ihm sogleich mit aller Aufrichtigkeit sowohl den Streit als auch die Wunde, die ich von ihm empfangen hatte. Und in jener Verleumdung sah ich jetzt nur noch den Ärger seiner verletzten Eitelkeit und der verschmähten Liebe und entschuldigte großmütig den unglücklichen Nebenbuhler. So war ich denn bald wieder völlig hergestellt und konnte meine alte Wohnung wieder beziehen. Voller Ungeduld erwartete ich die Antwort auf meinen Brief, allein es war wenig Hoffnung in mir, und ich mußte häufig meine traurigen Vorahnungen zum Schweigen bringen. Allerdings hatte ich mit Wassilissa Jegorowna und ihrem Gemahl noch nicht gesprochen, aber ich wußte, daß meine Werbung ihnen nicht unerwartet kommen würde. Denn weder gab sich Marja Iwanowna, noch gab ich mir Mühe, unsere Gefühle vor ihnen zu verbergen, da wir schon im voraus gewiß waren, ihre Zustimmung zu erlangen. Endlich trat Ssaweljitsch eines Morgens in mein Zimmer und brachte mir den Brief. Ich ergriff ihn voller Unruhe. Die Adresse war von meines Vaters Hand. Hieraus konnte ich bereits ersehen, daß der Brief wichtig war, denn in der Regel schrieb mein Mütterchen an mich, und er setzte am Schluß nur noch einige Zeilen hinzu. Ich zögerte geraume Zeit, den Brief zu erbrechen, und immer wieder überflog mein Auge die feierliche Aufschrift: »An meinen Sohn Pjotr Andrejewitsch Grinew im Orenburgschen Gouvernement in der Festung Bjelogorsk.« Ich versuchte aus den Schriftzügen die Gesinnung zu erraten, in der dieser Brief verfaßt war; endlich entschloß ich mich, das Schreiben zu entsiegeln, aber schon nach den ersten Zeilen sah ich, daß alles beim Teufel war. Dies war der Inhalt des Briefes: »Mein Sohn Pjotr! Deinen Brief, in welchem Du uns um den elterlichen Segen und um unsere Einwilligung zu Deiner Vermählung mit Marja Iwanowna, der Tochter des Mironow, ersuchst, erhielten wir am 15. dieses Monats, aber weder bin ich gewillt, Dir meinen Segen zu erteilen, noch, meine Einwilligung zu geben, und ich werde Dir schon noch kommen und Dich, ungeachtet Deines Offiziersrangs, Deiner Streiche wegen wie einen dummen Jungen züchtigen. Denn Du hast erwiesen, daß Du noch ganz und gar unwürdig bist, den Degen zu tragen, der Dir zur Verteidigung des Vaterlandes verliehen worden ist, nicht aber zu Zweikämpfen mit genau solchen Taugenichtsen, wie Du einer bist. Ich werde unverzüglich an Andrej Kirillowitsch schreiben und ihn bitten, Dich aus der Festung Bjelogorsk so weit wie möglich zu versetzen, an einen Ort, wo Dir die Albernheiten vergehen sollen. Deine Mutter wurde, als sie von Deinem Zweikampf erfuhr und daß Du verwundet seiest, vor Schrecken krank und muß das Bett hüten. Was soll aus Dir noch werden? Ich flehe zu Gott, daß Du Dich bessern mögest, aber ich wage kaum, auf seine große Barmherzigkeit zu hoffen. Dein Vater A. G.« Die Lektüre dieses Briefes rief in mir die widersprechendsten Gefühle hervor. Die harten Ausdrücke, mit denen mein Vater nicht gekargt hatte, kränkten mich sehr. Die Geringschätzung, mit der er Marja Iwanownas gedachte, erschien mir ebenso ungehörig wie ungerecht. Der Gedanke, daß ich vielleicht aus der Bjelogorskschen Festung versetzt werden könnte, war mir ungeheuerlich; am meisten aber schmerzte mich die Nachricht von der Krankheit meiner Mutter. Ich zürnte Ssaweljitsch, denn es stand für mich außer jedem Zweifel, daß die Nachricht von meinem Zweikampf nur durch ihn zu meinen Eltern gedrungen sein konnte. Ich schritt in meinem engen Zimmer auf und ab und blieb schließlich vor ihm stehen und sagte, während ich ihn drohend anblickte: »Es ist dir wohl zu wenig, daß ich durch dein Verschulden verwundet wurde und mich einen ganzen Monat hindurch am Rande des Grabes befand; nun willst du auch noch meine Mutter umbringen.« Ssaweljitsch war wie vom Donner gerührt. »Erbarmen, Herr«, rief er mit Tränen im Auge, »was sagst du da? Ich die Ursache deiner Verwundung! Weiß Gott, ich lief doch nur, um dich mit meiner eigenen Brust vor dem Degen Alexej Iwanowitschs zu schützen! Das vermaledeite Alter kam mir in die Quere. Und was habe ich denn deinem Mütterchen angetan?« »Was du getan hast?« entgegnete ich. »Wer hat dich veranlaßt, den Angeber zu spielen? Bist du mir etwa als Spion mitgegeben worden?« »Ich dich angegeben?« versetzte Ssaweljitsch weinend. »Himmlischer Vater! Dann sei so gut und lies, was mir der gnädige Herr geschrieben hat: du wirst daraus schon sehen, wie ich dich angegeben habe.« Hiermit zog er einen Brief aus der Tasche und las mir folgendes vor: »Schäme Dich, alter Hundsfott, daß Du, ungeachtet meines strengen Befehls, mir nichts über die Aufführung meines Sohnes Pjotr Andrejewitsch hinterbracht hast und daß fremde Leute gezwungen sind, mich von seinen Streichen zu unterrichten. Erfüllst Du etwa so Deine Pflicht und den Willen Deines Herrn? Für Dein Verschweigen der Wahrheit und Deine Liebedienerei gegen den jungen Mann werde ich Dich alten Hundsfott die Schweine hüten schicken. Ich befehle Dir hiermit, mir sogleich nach Empfang dieses Briefes zu antworten und mir zu berichten, wie es jetzt um die Gesundheit steht, von der man mir mitgeteilt, es stehe besser, an welcher Stelle sich die Wunde befindet und ob er gut geheilt worden ist.« Es war augenscheinlich, daß Ssaweljitsch unschuldig war und daß ich ihn durch meine Vorwürfe und meinen Verdacht grundlos beleidigt hatte. Ich bat ihn um Verzeihung, allein der Alte war untröstlich. »Muß ich das noch erleben«, wiederholte er immer wieder, »hab ich diesen Dank von meiner Herrschaft verdient! Ich ein alter Hundsfott, ich die Schweine hüten und außerdem noch die Ursache deiner Verwundung? Nein, Pjotr Andrejewitsch! Nicht ich, sondern der verdammte Musjö ist schuld an allem: er war's, der dir beibrachte, mit eisernen Bratspießen herumzufuchteln und dabei aufzustampfen, als ob man mit Fuchteln und Stampfen sich vor einem schlechten Menschen bewahren könnte! Es war notwendig, den Musjö anzustellen und an so einen Geld zu verschwenden!« Jedoch wer war es, der sich bemüßigt gefühlt hatte, meinen Vater von meinem Betragen in Kenntnis zu setzen? Etwa der General? Allein er hatte bisher nicht den Eindruck gemacht, als ob er sich allzuviel mit mir beschäftige; außerdem hatte Iwan Kusjmitsch davon abgesehen, ihm einen Rapport über den Zweikampf zuzustellen. Ich verlor mich in Vermutungen. Mein Verdacht blieb auf Schwabrin haften. Er allein konnte aus jener Anzeige Vorteile ziehen, denn die möglichen Folgen konnten meine Versetzung aus der Festung sein und ein Bruch mit dem Hause des Kommandanten. Ich ging schließlich zu Marja Iwanowna, um ihr alles mitzuteilen. Sie stand an der Haustüre. »Was haben Sie?« fragte sie, als sie mich erblickte. »Sie sind so blaß!« – »Alles ist aus!« Nur dies konnte ich ihr antworten und reichte ihr den Brief meines Vaters. Nun erbleichte sie ihrerseits. Sie las den Brief, gab ihn mir mit zitternder Hand zurück und sprach mit bebender Stimme: »Es ist des Schicksals Fügung. Ihre Verwandten wollen mich nicht haben. Des Herrn Wille geschehe! Gott weiß besser als unsereins, was uns not tut. Wir können das nicht ändern, Pjotr Andrejewitsch; hoffentlich werden wenigstens Sie noch einmal glücklich...« – »Nichts dergleichen!« rief ich und ergriff ihre Hand, »du liebst mich; ich bin zu allem bereit. Komm, laß uns vor deinen Eltern niederknien; sie sind schlichte Menschen und nicht hartherzige Hochmütige... sie werden uns den Segen nicht verweigern; wir werden uns trauen lassen... und mit der Zeit werden wir, ich bin davon überzeugt, auch meinen Vater milder stimmen; mein Mütterchen ist gewiß schon jetzt auf unserer Seite; er wird uns verzeihen...« – »Nein, nein, Pjotr Andrejewitsch«, entgegnete Mascha, »ohne den Segen deiner Eltern kann ich nicht die Deine werden. Ohne ihren Segen wirst du nie glücklich sein. Wir müssen uns Gottes Ratschluß fügen. Und wenn du eine andere finden solltest, wenn du eine andere lieb gewinnen solltest – Gott mit dir, Pjotr Andrejewitsch; dann werde ich für euch beide ...« Sie brach in Tränen aus und entfernte sich; ich wollte ihr ins Haus folgen, allein ich vermochte es nicht, ich hätte mich nicht mehr beherrschen können, und so kehrte ich denn nach Hause zurück. Dort saß ich lange, versponnen in tiefes Nachdenken, als plötzlich Ssaweljitschs Erscheinen mich aus meinen Überlegungen riß. »Da, Herr«, sagte er und reichte mir einen vollgeschriebenen Bogen Papier, »nun überzeuge dich, ob ich wirklich ein Angeber bin und ob ich tatsächlich darauf aus bin, den Sohn und den Vater zu verhetzen.« Ich nahm das Papier: es war Ssaweljitschs Antwort auf den Brief, den er erhalten hatte. Sie folgt hier Wort für Wort: »Mein Herr Andrej Petrowitsch, unser gnädiger Herr Vater! Ihr gnädiges Schreiben habe ich erhalten, in welchem Sie mir, Ihrem Diener, zu zürnen geruhen, und daß ich mich schämen soll, die Befehle meiner Herrschaft nicht auszuführen; aber ich bin kein Hundsfott, sondern Ihr treuer Diener und bin den Befehlen meiner Herrschaft immer nachgekommen und habe Ihnen immer mit Eifer gedient und mit Ehren graue Haare bekommen. Und von der Verwundung Pjotr Andrejewitschs habe ich Ihnen nichts geschrieben, um keinen unnötigen Schrecken einzujagen, und ich höre ja ohnedies, daß die gnädige Frau, unsere Mutter Awdotja Wassiljewna, vor Schrecken jetzt das Bett hüten muß, weswegen ich auch um ihre Gesundheit zu Gott beten will. Pjotr Andrejewitsch wurde unterhalb der rechten Schulter in die Brust verwundet, gerade unter dem Schlüsselbein, und die Wunde war anderthalb Zoll tief, und er lag im Hause des Kommandanten, wohin wir ihn vom Ufer getragen hatten, und geheilt wurde er vom hiesigen Feldscher Stepan Paramonow, und Gott sei Dank ist Pjotr Andrejewitsch jetzt wieder wohlauf und ist über ihn nichts als Gutes zu berichten. Die Vorgesetzten sind, wie man hören kann, mit ihm zufrieden; und Wassilissa Jegorowna hält ihn wie ihr eigen Kind. Doch daß dieser Vorfall sich mit ihm zugetragen hat, da kann man dem jungen Blut keinen Vorwurf daraus machen: ein Pferd, das doch vier Beine hat, stolpert auch zuweilen. Und Sie geruhten ferner zu schreiben, Sie würden mich schicken, die Schweine hüten, das ist Ihr gutes herrschaftliches Recht. Und somit empfehle ich mich untertänigst. Ihr getreuer Knecht Archip Ssaweljew. « Ich konnte mich mehrere Male des Lächelns nicht erwehren, als ich das Schreiben des guten Alten las. Mir war es ganz unmöglich, meinem Vater zu antworten; der Brief Ssaweljitschs schien mir völlig ausreichend zu sein, die Unruhe meines Mütterchens zu beschwichtigen. Allein seit jenem Tage trat eine Änderung in meinem Leben ein. Marja Iwanowna vermied es, mit mir zu sprechen, und war auf jede Weise bemüht, mir auszuweichen. Das Haus des Kommandanten war ein trauriger Aufenthalt für mich geworden. Ich gewöhnte mich nach und nach daran, allein zu Hause zu bleiben. Zwar machte mir Wassilissa Jegorowna anfangs deswegen Vorhaltungen, ließ mich jedoch schließlich, da sie meinen Eigensinn sah, in Ruhe. Iwan Kusjmitsch sah ich eigentlich nur, wenn der Dienst es erforderte; selten nur und ungern kam ich mit Schwabrin zusammen, um so mehr, als ich in ihm mit der Zeit eine versteckte Feindschaft entdeckte, was durchaus danach angetan war, mich in meinem Verdacht zu bestärken. Mein Leben wurde allmählich einfach unerträglich. Ich fiel in eine düstere Melancholie, die von meiner Einsamkeit und Untätigkeit nur noch genährt wurde. Meine Liebe entbrannte in der Zurückgezogenheit immer heftiger und wurde mir je länger, je mehr zur Qual. Mir ging auch die Lust am Lesen verloren und die Freude an der Literatur. Mein Lebensmut erschlaffte. Ich fürchtete manchmal, den Verstand zu verlieren oder liederlich zu werden. Allein da traten unerwartete Ereignisse ein, die großen Einfluß auf mein ganzes ferneres Leben gewannen und meiner Seele die nötige starke und wohltätige Erschütterung gaben. Bevor ich nunmehr an die Schilderung der sonderbaren Begebenheiten gehe, deren Augenzeuge ich war, muß ich einige Worte über den Zustand, in dem sich das Orenburgsche Gouvernement gegen Ende des 1773er Jahres befand, vorausschicken. Dieses ausgedehnte und reiche Territorium wurde von einer Menge halbwilder Stämme bewohnt, die erst vor kurzem die Oberhoheit der russischen Herrscher anerkannt hatten. Ihre fast ununterbrochen aufeinanderfolgenden Aufstände, ihre Mißachtung der Gesetze und Unkenntnis des bürgerlichen Lebens, ihre Willkür und Grausamkeit erforderten von seiten der Regierung ständige Wachsamkeit, um sie in Gehorsam zu halten. Darum wurden an den Plätzen, die man für geeignet hielt, Forts errichtet und Kosaken angesiedelt, die ja ohnehin schon seit geraumer Zeit an den Ufern des Jaїk lebten. Allein diese Kosaken vom Jaїk, deren Aufgabe es eigentlich war, die Ruhe und Gefahrlosigkeit in diesen weitläufigen Ländern zu sichern, waren seit einiger Zeit selber zu unruhigen und gefährlichen Untertanen der Regierung geworden. Im Jahre 1772 kam es in ihrer Hauptstadt zur Rebellion. Die Veranlassung hierzu waren die strengen Maßnahmen, die der Generalmajor Traubenberg ergriffen hatte, um die Truppen zum schuldigen Gehorsam zu bringen. Dies hatte die barbarische Ermordung Traubenbergs sowie eigenmächtige Veränderungen in der Verwaltung zur Folge, schließlich aber wurde der Aufruhr durch Kanonen und grausame Strafen niedergeworfen. Dies alles trug sich zu, kurz bevor ich in der Festung Bjelogorsk eintraf. Damals war alles bereits wieder ruhig, oder es schien zum mindesten so; allzu leichtgläubig hatte die Obrigkeit der erheuchelten Reue der schlauen Rebellen Vertrauen geschenkt, diese aber wüteten derweilen im Verborgenen und warteten auf den günstigen Augenblick, um die Unruhen neu aufleben zu lassen. Ich kehre nun zu meiner Erzählung zurück. Eines Abends (es war zu Anfang Oktober 1773) saß ich wie stets allein zu Hause, ich lauschte dem Heulen des Herbstwindes und schaute durchs Fenster den Wolken zu, wie sie vor dem Monde vorüberglitten. Da wurde ich zum Kommandanten gerufen. Ich machte mich sogleich auf den Weg. Schwabrin, Iwan Ignatjewitsch und der Kosakenunteroffizier hatten sich bereits eingefunden. Allein es war weder Wassilissa Jegorowna im Zimmer noch Marja Iwanowna. Der Kommandant begrüßte mich mit einer etwas bedrückten Miene. Er schloß die Türe und bat uns, Platz zu nehmen, wobei der Kosakenunteroffizier ausgenommen war, der an der Türe stehen blieb; dann zog er ein Papier aus der Tasche und redete uns an: »Meine Herren Offiziere, eine wichtige Nachricht! Vernehmen Sie, was mir der General schreibt.« Er setzte die Brille auf und las uns folgendes vor: »An den Herrn Kommandanten der Festung Bjelogorsk Hauptmann Mironow. – Geheim. Ich tue Ihnen hiermit kund und zu wissen, daß der aus dem Gefängnis entsprungene Kosak und Sektierer Jemeljan Pugatschow, nachdem er die unverzeihliche Dreistigkeit verübte, den Namen Seiner Majestät, des verstorbenen Kaisers Peters III., anzunehmen, eine Schar von Bösewichtern um sich gesammelt hat, mit denen er in den Dörfern am Jaïk den Aufruhr vorbereitet, und daß er bereits einige Festungen eingenommen und zerstört hat, überall Plünderungen und Totschlag hervorrufend. Dieserhalb werden Sie, Herr Hauptmann, gehalten, nach Empfang dieses Schreibens unverzüglich alle entsprechenden Maßnahmen zu ergreifen, um den erwähnten Übeltäter und Usurpator, sollte er sich ebenfalls gegen die Festung, die Ihrer Obhut anvertraut ist, wenden, abzuschlagen und womöglich gänzlich aufzureiben.« »Alle entsprechenden Maßnahmen zu ergreifen!« wiederholte der Kommandant, indem er die Brille weglegte und das Schreiben wieder zusammenfaltete. »Hör mal, das ist leicht gesagt. Der Bösewicht scheint stark zu sein, wir aber haben alles in allem hundertdreißig Mann, wenn man die Kosaken nicht mitrechnet, auf die freilich kein Verlaß ist, ohne dir damit nahetreten zu wollen, Maximytsch. (Der Kosakenunteroffizier lächelte nur.) Allein, meine Herren Offiziere, das läßt sich nun nicht mehr ändern! Seien Sie eifrig im Dienst, bilden Sie Streifposten, lassen Sie nachts patrouillieren und sehen Sie zu, daß im Falle einer Überrumplung die Tore verschlossen werden und die Mannschaft bereitsteht. Du aber, Maximytsch, hab ein scharfes Auge auf deine Leute. Die Kanone muß nachgesehen und ordentlich gereinigt werden. Hauptsächlich jedoch bitte ich alle Anwesenden, darauf achtgeben zu wollen, daß die Sache geheim bleibt, damit niemand in der Festung vorzeitig etwas davon erfährt.« Nachdem Iwan Kusjmitsch diese Anordnungen getroffen hatte, ließ er uns wieder gehen. Auf dem Heimwege schloß sich Schwabrin mir an, und wir sprachen über das, was wir soeben vernommen hatten. »Was glaubst du, womit wird das enden?« fragte ich ihn. »Gott weiß«, entgegnete er, »wir müssen es abwarten. Etwas Ernsthaftes kann ich vorläufig noch nicht bemerken. Sollte jedoch...« Hier wurde er nachdenklich und begann zerstreut eine französische Arie zu pfeifen. Und dennoch verbreitete sich trotz all unserer Vorsichtsmaßnahmen die Kunde vom Auftauchen Pugatschows alsbald durch die ganze Festung. Um keinen Preis der Welt hätte Iwan Kusjmitsch seiner Frau, obwohl er sie ungemein hochschätzte, ein Geheimnis anvertraut, das ihm auf dem Dienstwege mitgeteilt worden war. Nachdem er das Schreiben des Generals erhalten hatte, wußte er auf ziemlich gute Manier Wassilissa Jegorowna aus dem Hause zu schaffen: er sagte ihr nämlich, der Priester Gerassim habe aus Orenburg äußerst wunderliche Nachrichten erhalten und halte sie aufs strengste geheim. Wassilissa Jegorowna verspürte auf der Stelle den Wunsch, die Popenfrau zu besuchen, und nahm auf Iwan Kusjmitschs Rat Mascha mit, damit diese sich, wenn sie allein im Hause bleibe, nicht langweile. Kaum war Iwan Kusjmitsch zum unumschränkten Gebieter des ganzen Hauses geworden, da schickte er alsbald nach uns und sperrte Palaschka in die Rumpelkammer, damit sie uns nicht belauschen konnte. Wassilissa Jegorowna kehrte nach Hause zurück, ohne etwas von der Popenfrau herausbekommen zu haben, dagegen erfuhr sie sofort, daß während ihrer Abwesenheit eine Beratung bei Iwan Kusjmitsch stattgefunden hatte und daß Palaschka eingeschlossen worden war. Sie erriet natürlich, daß ihr Gemahl sie hintergangen hatte, und überrumpelte ihn alsbald mit einem Kreuzverhör. Allein Iwan Kusjmitsch hatte sich auf diesen Angriff gefaßt gemacht. Er ließ sich keineswegs aus der Fassung bringen und entgegnete seiner neugierigen Ehehälfte dreist: »Hör mal, mein Mütterchen, die Weiber in der Festung heizen ihre Öfen neuerdings nur mit Stroh, und weil doch hierdurch ein Unglück entstehen könnte, habe ich den strengen Befehl gegeben, die Weiber dürften von nun an nicht mehr mit Stroh heizen, sondern nur noch mit Reisig und Bruchholz.« – »Aber wozu war es denn nötig, Palaschka einzusperren?« fragte die Kommandantin weiter, »warum mußte die arme Dirne, bis wir zurückkamen, in der Rumpelkammer sitzen?« Allein auf diese Frage hatte sich Iwan Kusjmitsch nicht vorbereitet; er verhaspelte sich und stotterte irgend etwas völlig Ungereimtes. Wassilissa Jegorowna durchschaute alsbald die Tücke ihres Mannes, stellte aber, da sie nur zu gut wußte, daß sie auf diese Weise doch nichts erreichen würde, alle weiteren Fragen ein und kam auf die sauren Gurken zu sprechen, die Akulina Pamphilowna, die Popenfrau, auf eine ganz eigene Art zuzubereiten verstand. Nachts aber fand Wassilissa Jegorowna keinen Schlaf, denn sie konnte sich nicht denken, was das sein könnte, das im Kopfe ihres Mannes spukte und ihr nicht mitgeteilt werden durfte. Tags darauf sah sie, als sie von der Messe heimkehrte, Iwan Ignatjewitsch damit beschäftigt, allerhand Läppchen, Steinchen, Holzstückchen und Knöchelchen aus der Kanone zu entfernen, kurz, Schutt jeder Art, den die Kinder hineingestopft hatten. »Was mögen diese militärischen Vorbereitungen nur zu bedeuten haben?« dachte die Kommandantin. »Erwarten sie am Ende wieder einen Überfall von seilen der Kirgisen? Und wäre es möglich, daß Iwan Kusjmitsch solche Lappalien vor mir geheimhalten wollte?« Mit der festen Absicht, das Geheimnis aus ihm herauszulocken, das ihre Weiberneugierde so sehr peinigte, rief sie Iwan Ignatjewitsdi heran. Dem Richter gleich, der zu Beginn der Verhandlung nebensächliche Fragen stellt, um zunächst die Vorsicht des Beschuldigten einzuschläfern, begann Wassilissa Jegorowna das Gespräch mit einigen Bemerkungen hinsichtlich des Haushaltes. Darauf schwieg sie eine kleine Weile, seufzte dann tief auf und sprach kopfschüttelnd: »Mein Gott, mein Gott! Was für Nachrichten! Was soll nur daraus werden?« »I, Mütterchen!« entgegnete Iwan Ignatjewitsch, »Gott hat sich uns bisher noch immer gnädig erwiesen; Soldaten haben wir genügend, Pulver ist in großen Mengen da, und die Kanone habe ich jetzt gereinigt. Wir werden dem Pugatschow schon eins auswischen. Wenn der Herr uns beisteht, frißt uns das Schwein nicht auf!« »Und wer ist denn das, dieser Pugatschow?« fragte die Kommandantin. Jetzt bemerkte Iwan Ignatjewitsch freilich, daß er sich verplappert hatte, und biß sich auf die Zunge. Allein es war zu spät. Wassilissa Jegorowna zwang ihn, alles zu bekennen, freilich gab sie ihm zuvor das Versprechen, es niemandem weiter zu erzählen. Und Wassilissa Jegorowna hielt ihr Versprechen und sagte keinem auch nur das geringste Wörtchen, mit Ausnahme der Popenfrau, und dieser eigentlich auch nur, weil ihre Kuh immer noch auf der Steppe weidete und leicht von den Bösewichtern geraubt werden konnte. Bald danach sprach alles von Pugatschow. Die Meinungen waren geteilt. Der Kommandant entsandte den Kosakenunteroffizier mit dem Auftrage, in den benachbarten Ansiedlungen und Festungen genaue Nachrichten einzuziehen. Der Unteroffizier kehrte nach zwei Tagen zurück und meldete, daß er einige sechzig Werst von der Festung eine Menge von Feuern in der Steppe gesehen habe, auch habe er von den Baschkiren vernommen, es nähere sich eine ungeheure Heeresmacht. Etwas Bestimmtes könne er im übrigen nicht mitteilen, weil er weiter zu reiten sich nicht getraut habe. Unter den in der Festung lebenden Kosaken wurde kurz darauf eine ungewöhnliche Unruhe bemerkbar; an allen Straßenecken sah man sie sich versammeln und leise miteinander sprechen, wenn jedoch unversehens ein Dragoner oder ein Soldat der Garnison dazukam, so zerstreuten sie sich wieder. Sie wurden durch Kundschafter beobachtet. Julai, ein getaufter Kalmücke, überbrachte dem Kommandanten eine Meldung von großer Wichtigkeit. Die Nachrichten, die der Kosakenunteroffizier uns übermittelt hatte, waren nach den Worten Julais alle erlogen; gleich nach seiner Rückkehr hatte der verschmitzte Kosak seinen Kameraden mitgeteilt, daß er selber im Lager der Aufständischen gewesen sei und auch mit deren Anführer, der ihn zum Handkuß zugelassen, ein langes Gespräch geführt habe. Der Kommandant ließ den Unteroffizier auf der Stelle verhaften und setzte Julai auf dessen Posten. Die Kosaken nahmen diese Neuigkeit mit offenkundigem Unwillen auf. Sie murrten laut, und Iwan Ignatjewitsch mußte, als er den Befehl des Kommandanten vollstreckte, mit eigenen Ohren hören, wie sie ihm zuriefen: »Wart nur, Garnisonsratte, du sollst was erleben!« Der Kommandant beabsichtigte eigentlich, noch am selben Tage den Gefangenen zu verhören, aber da war der Kosakenunteroffizier schon auf und davon, vermutlich hatten ihm seine Gesinnungsgenossen zur Flucht verhelfen. Die Unruhe des Kommandanten wurde durch einen neuen Umstand noch erhöht. Es wurde ein Baschkire aufgegriffen, der aufrührerische Flugblätter bei sich trug. Der Kommandant wollte eigentlich abermals seine Offiziere versammeln und suchte nach einem passenden Vorwande, um Wassilissa Jegorowna zu entfernen. Allein da Iwan Kusjmitsch ein durchaus ehrlicher und aufrechter Mann war, so fiel ihm kein anderes Mittel ein außer jenem, das er bereits einmal zur Anwendung gebracht hatte. »Hör mal, Wassilissa Jegorowna«, sprach er zu ihr und hustete dabei, »der Priester Gerassim hat, wie ich höre, aus der Stadt...« »Dummes Zeug, Iwan Kusjmitsch«, unterbrach ihn die Kommandantin, »du willst also eine Versammlung einberufen und in meiner Abwesenheit über Jemeljan Pugatschow beraten; mir machst du nichts weis.« Iwan Kusjmitsch riß die Augen auf. »Nun, Mütterchen«, meinte er dann, »wenn du schon ohnehin alles weißt, dann bleibe meinetwegen, wir können ja auch in deiner Gegenwart beraten.« »Na also, mein Väterchen«, antwortete sie, »du mußt nicht immer zu schlau sein wollen, schick nur nach deinen Offizieren.« Wir fanden uns ein. Im Beisein seiner Gattin las uns Iwan Kusjmitsch einen Aufruf Pugatschows vor, den irgendein kaum schriftkundiger Kosak verfaßt hatte. Der Räuber tat darin seinen Entschluß kund, unverweilt auf unsere Festung zu marschieren; er forderte die Kosaken und Soldaten auf, sich seiner Bande anzuschließen, die Befehlshaber jedoch warnte er, Widerstand zu leisten, da er in diesem Fall gezwungen wäre, sie zu strafen. Der Aufruf war in groben, aber energischen Ausdrücken abgefaßt und mußte auf die Gemüter der einfachen Leute eine gefährliche Wirkung ausüben. »Was sagt ihr zu dem Betrüger!« rief die Kommandantin, »was wird er uns wohl noch vorzuschlagen wagen! Vielleicht sollen wir ihm entgegenziehen und zu seinen Füßen unsere Fahnen strecken! Der Hundesohn! Weiß er gar nicht, daß wir schon vierzig Jahre im Dienst stehen und, gottlob, schon allerlei mitgemacht haben? Und sollte es wirklich Offiziere geben, die diesem Räuber Gehör schenken?« »Man sollte es nicht für möglich halten«, entgegnete Iwan Kusjmitsch, »aber andererseits hört man, der Bösewicht habe schon mehrere Festungen genommen.« »So verfügt er anscheinend tatsächlich über eine Macht«, warf Schwabrin ein. »Das wollen wir sogleich erfahren«, sagte der Kommandant. »Wassilissa Jegorowna, gib mir mal den Speicherschlüssel heraus. Iwan Ignatjewitsch, schaff den Baschkiren herbei und befiehl Juki, mit der Riemenpeitsche zu kommen.« »Noch einen Augenblick, Iwan Kusjmitsch«, sagte die Kommandantin und erhob sich von ihrem Platz. »Ich will erst Mascha aus dem Hause bringen, sonst wird sie zu Tode erschrecken, wenn sie das Geschrei hört. Und, offen gestanden, ich selber bin auch nicht gerne bei einem peinlichen Verhör dabei. Lebt wohl.« Die Folter war in der alten Zeit noch so sehr mit den Gepflogenheiten der Rechtspflege verwurzelt, daß das menschenfreundliche Gesetz, laut welchem sie abgeschafft wurde, noch lange ohne jede Wirkung blieb. Man glaubte, daß zur vollen Überführung des Verbrechers sein Eingeständnis unumgänglich notwendig sei – ein ebenso unbegründeter wie auch jedem gesunden juristischen Empfinden völlig widersprechender Gedanke: denn wenn man das Leugnen des Beschuldigten nicht als Beweis seiner Unschuld gelten läßt, um wieviel weniger darf man dann sein Eingeständnis als Beweis seiner Schuld ansehen? Auch heute noch kann man mitunter ergraute Richter sprechen hören, die die Abschaffung dieses barbarischen Brauches bedauern. Zu jener Zeit jedoch bezweifelte niemand die Notwendigkeit der Folter, weder der Richter noch der Angeklagte. Somit lag für keinen von uns im Befehl des Kommandanten irgend etwas Besonderes oder gar Aufregendes. Iwan Ignatjewitsch ging den Baschkiren holen, den die Kommandantin auf dem Speicher eingeschlossen hatte, und schon nach wenigen Minuten war der Gefangene im Vorzimmer. Der Kommandant befahl, ihn vorzuführen. Nur mit Mühe kam der Baschkire (er war in den Bock gespannt worden) über die Schwelle; er blieb an der Türe stehen und nahm seine hohe Mütze ab. Ich sah ihn an und schauderte. Ich werde diesen Menschen nie und nimmer vergessen. Er machte den Eindruck, als sei er siebzig. Er hatte weder Nase noch Ohren. Sein Haupt war kahl geschoren; einige graue Haare starrten anstelle des Bartes; sein Körper war klein, hager und gebeugt, aber Feuer funkelte noch immer in seinen enggeschlitzten Augen. »So, so!« rief der Kommandant, der an den schrecklichen Merkmalen einen der Rebellen, die 1741 bestraft wurden, in ihm erkannte, »du bist also ein alter Wolf und hast unsere Eisen schon kennengelernt. Das ist scheinbar nicht dein erster Aufstand, da dir der Kopf kahl geschoren ist. Komm nur näher heran: sag, wer hat dich geschickt?« Allein der alte Baschkire schwieg und sah den Kommandanten mit dem Ausdruck völliger Verständnislosigkeit an. »Warum schweigst du?« fuhr Iwan Kusjmitsch fort, »oder verstehst du die russische Sprache nicht? Julai, frage ihn mal in eurer Sprache, wer ihn in unsere Festung geschickt hat!« Julai wiederholte Iwan Kusjmitschs Frage in tatarischer Sprache. Aber der Baschkire sah auch ihn mit dem gleichen Ausdruck an und entgegnete kein Wort. »Schon gut«, sagte der Kommandant, »ich bring dich schon noch zum Sprechen. Kinder! herunter mit dem gestreiften Narrenkittel und gerbt ihm das Fell mal. Und gib acht, Julai: gib's ihm ordentlich!« Zwei der Invaliden schickten sich an, den Baschkiren zu entkleiden. Das Gesicht des Ärmsten zeigte Merkmale der Unruhe. Wie ein Tierchen, das von Kindern erwischt wurde, schaute er sich nach allen Seiten um. Doch als darauf einer der Invaliden seine Arme packte, sich um den Hals schlang und gleichzeitig den Alten mit den Schultern emporhob und Julai nach der Peitsche griff und ausholte – da stöhnte der Baschkire flehend mit kaum vernehmlicher Stimme, schüttelte den Kopf und öffnete den Mund – und wir sahen statt der Zunge nur einen kurzen Stummel sich darin bewegen... Wenn ich bedenke, daß ich das erlebt habe und daß ich heute unter der milden Herrschaft des Kaisers Alexander lebe, so muß ich mich manchmal über den schnellen Fortschritt der Aufklärung und die Verbreitung der Humanität sattsam wundern. Jüngling, dem diese Aufzeichnungen in die Hände fallen sollten, denke immer daran, daß die besten und dauerhaftesten Veränderungen nur die sind, die ohne gewaltsame Erschütterung einzig der Verbesserung der Sitten entspringen! Bestürzt blickten wir einander an. »Na«, meinte der Kommandant, »aus dem werden wir scheinbar nichts Vernünftiges herausbekommen. Julai, der Baschkire kommt wieder auf den Speicher. Mit Ihnen, meine Herren, muß ich dagegen noch einiges besprechen.« Wir beratschlagten darauf, was in unserer Lage zu unternehmen sei, als plötzlich Wassilissa Jegorowna keuchend und mit völlig verstörter Miene ins Zimmer trat. »Was hast du?« fragt erstaunt der Kommandant. »Etwas Schreckliches ist geschehen!« antwortete Wassilissa Jegorowna, »die Festung Nischneosernaja ist heute morgen genommen worden. Der Tagelöhner des Priesters Gerassim traf soeben von dort ein. Er hat selber mit angesehn, wie sie erstürmt wurde. Der Kommandant und sämtliche Offiziere wurden aufgehängt. Alle Soldaten wurden gefangen genommen. Die Schufte werden im Handumdrehen hier sein.« Die unerwartete Nachricht bewegte mich tief. Ich kannte den Kommandanten, es war ein stiller und bescheidener junger Mann: vor etwa zwei Monaten kam er von Orenburg und logierte mit seiner jungen Gemahlin bei Iwan Kusjmitsch. Die Festung Nischneosernaja lag nur fünfundzwanzig Werst von der unsrigen entfernt. Mithin konnten wir den Überfall Pugatschows fast stündlich erwarten. Lebhaft malte ich mir das Los aus, das Marja Iwanowna bevorstand, und das Herz erstarrte mir bei dem Gedanken. »Iwan Kusjmitsch, ein Wort!« sprach ich zum Kommandanten. »Unsere Pflicht ist es, die Festung bis zum letzten Atemzuge zu verteidigen; darüber ist kein Wort zu verlieren. Allein wir müssen auch an die Sicherheit der Frauen denken. Schicken Sie sie, wenn die Straße noch frei sein sollte, nach Orenburg oder noch besser in eine noch weiter entfernte und sichere Festung, zu der die Schurken nie gelangen können.« Iwan Kusjmitsch drehte sich sofort zu seiner Gattin um und sagte: »Hör mal, Mütterchen, in der Tat, wäre es nicht am besten, euch so lange fortzuschaffen, bis wir mit den Rebellen fertig geworden sind?« »Dummes Zeug!« entgegnete die Kommandantin. »Wo wäre denn die Festung, in die keine Kugeln fliegen können? Und wieso ist denn Bjelogorsk unsicher? Wir leben, gottlob, schon das zweiundzwanzigste Jahr hier. Baschkiren gab es und Kirgisen: wir werden auch Pugatschow noch überstehen!« »Gut, Mütterchen«, erwiderte Kusjmitsch, »dann bleib eben, wenn du so ein Vertrauen zu unserer Festung hast. Aber Mascha, was machen wir mit der? Es ist schon recht, wenn wir aushalten oder gar Sukkurs bekommen, dann ist alles in Ordnung; wie aber, wenn die Halunken die Festung erobern?« Wassilissa Jegorowna war verstummt, und nur ihre Miene zeigte uns, wie erregt sie war. »Nein, nein, Wassilissa Jegorowna«, fuhr der Kommandant fort, da er gewahr wurde, daß seine Worte, was ihm vielleicht zum ersten Mal im Leben geschah, Eindruck gemacht hatten, »dies ist kein Ort mehr für Mascha. Wir wollen sie nach Orenburg zu ihrer Taufpatin schicken: dort gibt es Truppen genug und Kanonen vollauf, und zudem ist der Wall von Stein. Auch dir möchte ich raten, dich dorthin zu begeben; bist du auch eine alte Frau, überleg nur mal, es weiß dennoch niemand, was sie mit dir machen werden, wenn sie die Festung im Sturm einnehmen sollten.« »Gut denn«, sagte die Kommandantin, »es soll so sein, wir schicken Mascha fort. Aber laß es dir auch nicht im Traume einfallen, weiter in mich zu dringen: ich gehe nicht fort von hier; soll ich mich vielleicht auf meine alten Tage noch von dir trennen und ein einsames Grab in fremdem Lande suchen? Zusammen gelebt, zusammen gestorben!« »Schon recht!« sagte der Kommandant. »Doch nun ans Werk. Geh und sieh zu, daß Mascha zur Reise fertig wird. Morgen in aller Frühe muß sie fort, und zwar unter Bedeckung, obwohl wir ohnehin zu wenig Leute haben. Übrigens, wo steckt denn Mascha?« »Sie blieb bei Akulina Pamphilowna«, entgegnete die Kommandantin. »Als sie von der Einnahme der Festung Nischneosernaja vernahm, wurde ihr übel; ich fürchte, sie wird uns noch krank. Herr, mein Gott, daß wir das noch erleben mußten!« Wassilissa Jegorowna verließ uns, um alles zur Abreise ihrer Tochter vorzubereiten. Die Beratung beim Kommandanten dauerte fort; ich aber kümmerte mich wenig darum und hörte kaum mehr zu. Marja Iwanowna erschien zum Abendessen, sie war blaß und verweint. Wir aßen schweigend und erhoben uns früher vom Tisch als sonst; wir nahmen Abschied von der Familie und gingen jeder in seine Wohnung. Allein ich vergaß nicht ohne Absicht meinen Degen und kehrte zurück, ihn zu holen: ich hatte eine Vorahnung, daß ich Marja Iwanowna allein antreffen würde. Und in der Tat, sie stand in der Tür und überreichte mir den Degen. »Leben Sie wohl, Pjotr Andrejewitsch«, sagte sie unter Tränen. »Man schickt mich nach Orenburg. Möge es Ihnen gut gehen und mögen Sie am Leben bleiben; will's Gott, wir sehen einander wieder; doch wenn nicht...« Sie schluchzte laut auf. Ich umarmte sie. »Lebe wohl, mein guter Engel«, flüsterte ich. »Lebe wohl, du Geliebte, du Ersehnte! Was immer mir auch zustoßen möge, wisse, mein letzter Gedanke, mein letztes Gebet werden nur dir gehören!« Mascha weinte und schmiegte sich an meine Brust. Ich küßte sie noch einmal mit aller Glut und eilte aus dem Hause.   In dieser Nacht konnte ich nicht schlafen, ich kleidete mich auch gar nicht erst aus. Ich wollte vor Sonnenaufgang am Festungstore sein, das Marja Iwanowna passieren mußte, und ich gedachte dort Abschied von ihr zu nehmen. Ich fühlte eine große Veränderung in mir vorgehen: die gewaltige seelische Erregung war mir viel weniger qualvoll als jene trübe Stumpfheit, die mich noch kürzlich so völlig umsponnen hatte. Mit der Abschiedstrauer verschmolzen in mir ungewisse, aber süße Hoffnungen, die ungeduldige Erwartung der Gefahr und der Eifer eines edlen Ehrgeizes. Unversehens verstrich die Nacht. Ich war gerade im Begriff, das Haus zu verlassen, als meine Tür sich öffnete und ein Korporal bei mir erschien; er meldete, unsere Kosaken seien nachts aus der Festung gerückt, wobei sie Julai gewaltsam mit sich hinweggeführt hätten, unweit der Festung aber seien im Felde unbekannte Reiter zu sehen. Der Gedanke, daß Marja Iwanowna vielleicht nicht mehr wegkönne, erschreckte mich ungemein; ich gab dem Korporal in aller Eile einige Instruktionen und lief zum Kommandanten. Es dämmerte bereits. Ich flog über die Straße, da hörte ich meinen Namen rufen. Ich blieb stehen. »Wohin?« fragte Iwan Ignatjewitsch, als er mich eingeholt hatte. »Iwan Kusjmitsch ist auf dem Walle und schickt mich, Sie zu holen. Pugatschow steht vor der Festung.« »Und Marja Iwanowna, ist sie fort?« fragte ich mit innerem Schaudern. »Es war zu spät«, antwortete Iwan Ignatjewitsch, »die Straße nach Orenburg ist abgeschnitten; die Festung ist umzingelt. Schlimm, Pjotr Andrejewitsch!« Wir erstiegen den Wall, eine Erhöhung, die von der Natur gebildet war und durch einen Palisadenzaun geschützt wurde. Sämtliche Bewohner der Festung befanden sich dort. Die Garnison stand unter Gewehr. Die Kanone war schon gestern hinaufgeschleppt worden. Der Kommandant schritt vor seiner wenig Köpfe zählenden Front auf und ab. Die Nähe der Gefahr beseelte den alten Krieger mit außerordentlichem Mute. Auf der Steppe sah man einige zwanzig Mann in der Nähe der Festung hin und her reiten. Es schienen Kosaken zu sein, doch befanden sich auch Baschkiren unter ihnen, leicht erkennbar an ihren Luchsmützen und an den Köchern. Der Kommandant schritt seine Truppen ab und sprach zu den Soldaten: »Nun, Kinder, heute gilt's, für unser Mütterchen, die Kaiserin, zu kämpfen und der ganzen Welt zu beweisen, daß wir wackere Leute sind und unserem Eide treu!« Laut versicherten ihm die Soldaten ihren Mut; Schwabrin stand derweilen neben mir und beobachtete angestrengt den Feind. Die Männer, die in der Steppe hin und her ritten, bemerkten, daß in der Festung etwas vor sich ging, sammelten sich zu einem Haufen und berieten. Der Kommandant erteilte Iwan Ignatjewitsch den Befehl, die Kanone auf sie zu richten, und legte selber die Lunte an. Die Kugel summte, ohne Unheil anzurichten, über ihre Köpfe hinweg. Die Reiter zerstreuten sich und waren uns im Nu aus den Augen – die Steppe lag verödet da. In diesem Augenblick kam Wassilissa Jegorowna auf den Wall und mit ihr Mascha, die nicht von ihrer Seite weichen wollte. »Nun?« fragte die Kommandantin, »wie steht die Bataille? Wo ist denn der Feind?« »Der Feind ist nah«, antwortete Iwan Kusjmitsch, »allein mit Gottes Hilfe wird es schon gehen. Na, Mascha, hast du nicht Angst?« »Nein, Väterchen«, entgegnete Marja Iwanowna, »zu Hause allein zu bleiben, ist noch schrecklicher.« Sie sah mich an und zwang sich zu lächeln. Unwillkürlich preßte meine Hand den Degengriff, denn ich erinnerte mich daran, daß ich ihn gestern aus ihrer Hand erhalten hatte, gewissermaßen zur Verteidigung meiner Liebsten. Mein Herz flammte auf. Ich sah mich als ihren Ritter an. Ich brannte vor Verlangen zu beweisen, daß ich ihres Vertrauens würdig sei, und erwartete mit Ungeduld die entscheidende Minute. Aber da quollen auch schon hinter einer Anhöhe, die eine halbe Werst vor der Festung lag, neue Reitertrupps hervor, und bald war die Steppe übersät von einer Menschenmenge, bewaffnet mit Lanzen. In ihrer Mitte ritt auf einem weißen Pferd ein Mann in einem roten Kaftan, den blanken Säbel in der Faust: das war Pugatschow. Er machte halt; man umringte ihn, und gleich darauf trennten sich offenbar auf seinen Befehl vier Mann von der Gruppe und fegten bis dicht an die Festung heran. Wir erkannten in ihnen unsere verräterischen Kosaken. Einer von ihnen schwang über seiner Mütze ein Blatt Papier; ein anderer trug aufgespießt auf seiner Lanze das Haupt Julais und schleuderte es über den Zaun zu uns. Der Kopf des armen Kalmücken fiel gerade vor den Füßen des Kommandanten nieder. Die Verräter schrien: »Nicht schießen! Kommt alle zum Zaren heraus! Der Zar ist hier!« »Ich werde euch was!« schrie Iwan Kusjmitsch. »Gebt Feuer!« Eine Salve krachte. Der Kosak, der den Brief geschwungen hatte, schwankte und glitt vom Pferde; die anderen sprengten zurück. Ich blickte Marja Iwanowna an. Das blutige Haupt Julais und das Krachen der Schüsse hatten sie fast bewußtlos gemacht. Der Kommandant rief den Korporal heran und befahl ihm, das Papier, das der gefallene Kosak getragen hatte, zu holen. Der Korporal schritt übers Feld und kehrte zurück, das Pferd des Getöteten am Zügel mit sich führend. Er überreichte dem Kommandanten das Schreiben. Iwan Kusjmitsch las es für sich und zerriß es darauf in kleine Stücke. Unterdessen bereiteten sich die Empörer sichtlich zu neuen Taten vor. Bald darauf pfiffen bereits die Kugeln um unsere Ohren, dicht neben uns bohrten sich einige Pfeile in den Boden und den Palisadenzaun. »Wassilissa Jegorowna!« sagte da der Kommandant, »dies ist kein Aufenthalt für Frauen, führ' Mascha fort; du siehst ja, das Mädel ist mehr tot als lebendig.« Wassilissa Jegorowna, die beim Kugelpfeifen ganz kleinlaut geworden war, blickte noch einmal hinaus auf die Steppe, auf der man bereits eine große Bewegung wahrnehmen konnte; dann aber wendete sie sich zu ihrem Gemahl und sagte: »Iwan Kusjmitsch, über Leben und Tod entscheidet einzig der Herr: du aber segne jetzt Mascha. Mascha, tritt vor den Vater.« Bleich und zitternd kam Mascha heran, sie kniete nieder und beugte sich vor Iwan Kusjmitsch tief zur Erde. Und der alte Kommandant beschrieb dreimal das Zeichen des Kreuzes über ihr; dann hob er sie auf, küßte sie und sprach mit einer Stimme, die anders klang als gewöhnlich: »Mögest du glücklich werden, Mascha. Bete zu Gott: Er wird dich nicht verlassen. Und findest du einmal einen guten Mann, so schenke Gott euch Liebe und Verstand. Lebt miteinander, wie ich mit Wassilissa Jegorowna gelebt habe. Leb wohl, meine Mascha. Wassilissa Jegorowna, führ' sie weg.« Mascha umschlang ihn und schluchzte laut. »Wollen auch wir einander den Abschiedskuß geben«, sagte die Kommandantin und begann zu weinen. »Leb wohl, mein Iwan Kusjmitsch, vergib mir, wenn ich dich irgendwann gekränkt habe!« »Leb wohl, Mütterchen, leb wohl!« sagte der Kommandant und umarmte seine greise Gattin. »Schon gut! Genug! Geht jetzt, geht nach Hause; und solltest du noch Zeit finden, so ziehe Mascha einen Safaran an.« Die Kommandantin und ihre Tochter entfernten sich. Ich schaute Marja Iwanowna nach; sie drehte sich um und nickte mir zu. Gleichzeitig wendete sich Iwan Kusjmitsch zu uns und richtete seine volle Aufmerksamkeit auf den Feind. Die Aufständischen sammelten sich um den Führer und kletterten mit einem Male von ihren Pferden. »Jetzt haltet euch«, rief der Kommandant, »jetzt kommt der Angriff...« Im gleichen Augenblick erscholl von dort ein gräßliches Kreischen und Schreien; die Anführer liefen Sturm auf die Festung. Unsere Kanone war diesmal mit Kartätschen geladen worden. Der Kommandant feuerte erst, als jene schon ganz nahe herangekommen waren. Die Kartätsche platzte gerade in der Mitte des Haufens. Die Empörer wichen nach beiden Seiten aus und fluteten zurück. Nur ihr Anführer blieb immer noch vorne. Er schwang den Säbel und sprach ihnen, wie es schien, Mut zu... Das Kreischen und Schreien, das auf einen Augenblick verstummt war, hob sogleich von neuem an. »Nun, Kinder«, rief der Kommandant, »öffnet das Tor, rührt die Trommel. Kinder! Vorwärts! Zum Ausfall! Mir nach!« In einem Nu waren wir vor dem Festungswall, der Kommandant, Iwan Ignatjewitsch und ich; allein unsere eingeschüchterte Truppe rührte sich nicht vom Fleck. »Kinder, warum steht ihr noch da?« schrie Iwan Kusjmitsch. »Wenn schon sterben, dann für die Pflicht sterben!« Allein da waren auch schon die Rebellen über uns und drangen in die Festung. Die Trommel schwieg; die Garnison streckte das Gewehr; ich wurde umgeworfen, erhob mich jedoch und drang gleichzeitig mit den Aufrührern in die Festung. Der Kommandant war am Kopf verwundet worden, er stand, umringt von einer Schar von Schurken, die ihm die Schlüssel abverlangten. Ich wollte ihm zu Hilfe eilen, aber ich wurde von einigen baumlangen Kosaken gepackt und mit Gürtelriemen gefesselt; sie riefen mir zu: »Wartet nur, ihr habt dem Kaiser den Gehorsam verweigert!« Man zerrte uns durch die Straßen; aus den Häusern traten die Einwohner mit Brot und Salz. Die Glocken läuteten. Plötzlich schrie man ringsum, der Herrscher sei auf dem Marktplatz, um die Huldigung entgegenzunehmen, und erwarte dort die Gefangenen. Das Volk flutete zum Markt; auch wir wurden dorthin getrieben. Pugatschow saß auf einem Lehnstuhl vor dem Eingang zum Hause des Kommandanten. Er trug einen roten Kosakenkaftan, reich mit Tressen verziert. Die mit goldenen Quasten geschmückte Zobelmütze hatte er tief in die Stirn gedrückt, fast bis zu den funkelnden Augen. Sein Gesicht kam mir irgendwie bekannt vor. Die Kosakenältesten umringten ihn. Blaß und zitternd stand der Priester Gerassim an der Treppe und hielt das Kreuz, und es war, als bitte er schweigend, die unvermeidbaren Opfer zu verschonen. In aller Eile wurde auf dem Platz ein Galgen errichtet. Als wir uns näherten, trieben die Baschkiren das Volk auseinander, und so standen wir denn vor Pugatschow. Das Glockengeläute verstummte; eine tiefe Stille trat ein. »Welcher von ihnen ist der Kommandant?« fragte der Usurpator. Da trat unser entflohener Kosakenunteroffizier aus der Menge und zeigte auf Iwan Kusjmitsch. Pugatschow blickte den Greis zornig an und sprach: »Und du wagtest es, dich mir, deinem Herrscher, zu widersetzen?« Allein obwohl der Kommandant furchtbar unter seiner Wunde litt, raffte er die letzte Kraft zusammen und entgegnete fest: »Du bist für mich kein Herrscher: du bist ein Dieb und ein Usurpator, hörst du!« Pugatschow wurde düster und winkte mit einem weißen Tuch. Sogleich packten einige Kosaken den greisen Hauptmann und zerrten ihn zum Galgen. Oben auf dem Querbalken hockte jener verstümmelte Baschkire, den wir am Abend vorher verhören wollten. Er hielt den Strick, und gleich darauf sah ich den armen Iwan Kusjmitsch in der Luft baumeln. Als zweiter wurde Iwan Ignatjewitsch vor Pugatschow geführt. »Leiste den Eid«, sprach Pugatschow zu ihm, »den Eid dem Zaren Pjotr Fjodorowitsch!« »Was bist du für ein Zar«, entgegnete ihm Iwan Ignatjewitsch und wiederholte die Worte seines Hauptmanns, »du, Onkelchen, bist ein Dieb und ein Usurpator!« Und wieder winkte Pugatschow mit dem Tuch, und sogleich hing der brave Leutnant neben seinem alten Kommandeur. Nun war die Reihe an mir. Mit der Absicht, die Worte meiner heldenmütigen Kameraden zu wiederholen, blickte ich Pugatschow dreist ins Gesicht. Allein da gewahrte ich plötzlich zu meinem unbeschreiblichen Erstaunen im Kreise der Ältesten der Aufständischen Schwabrin, er trug die Haare rundgeschoren und einen Kosakenkaftan. Er näherte sich Pugatschow und flüsterte ihm einige Worte ins Ohr. »Aufhängen!« sagte Pugatschow, ohne mich eines Blickes zu würdigen. Augenblicks wurde mir die Schlinge um den Hals gezogen. Ich betete still für mich und brachte Gott meine aufrichtige Reue wegen all meiner Sünden dar, aber ich flehte auch um die Rettung all derer, die ich in meinem Herzen trug. Man zerrte mich unter den Galgen. »Keine Angst, keine Angst«, riefen mir meine Peiniger zu, und es kann sein, daß sie mich in der Tat ermuntern wollten. Plötzlich hörte ich jemanden schreien: »Haltet ein, ihr Verfluchten! So wartet doch ...« Meine Henker blieben stehen. Ich blickte auf: Ssaweljitsch kniete vor Pugatschow. »Herr und Vater!« redete ihn mein armer Alter an. »Was kann dir daran liegen, daß das Herrenkind stirbt? Gib ihn frei; du wirst gewiß ein Lösegeld bekommen; und wenn du wirklich jemanden brauchst, um ein abschreckendes Beispiel zu geben, dann laß lieber mich alten Mann aufhängen!« Pugatschow winkte, und sogleich wurde ich losgebunden und war frei. »Unser Väterchen begnadigt dich«, rief man mir zu. Ich kann wirklich nicht sagen, ob ich mich in dieser Minute über meine Rettung besonders freute, ich will freilich auch nicht sagen, daß ich sie etwa bedauert hätte. Meine Empfindungen waren äußerst unklar. Ich wurde aufs neue vor den Usurpator geführt und mußte vor ihm niederknien. Pugatschow streckte mir seine nervige Hand hin. »Die Hand küssen! Küß die Hand!« rief es rings. Allein ich hätte die grausamste Marter dieser schmachvollen Selbsterniedrigung vorgezogen. »Pjotr Andrejewitsch, Väterchen!« flüsterte mir Ssaweljitsch, der hinter mir kniete, zu und stieß mich zugleich sanft vorwärts. »Sei nicht eigensinnig! Was ist schon dabei? Spuck einmal kräftig aus und küß ihm das Händchen.« Aber ich rührte mich nicht. So ließ denn Pugatschow seine Hand sinken und meinte spöttisch: »Seine Hochwohlgeboren sind vor Freude närrisch geworden. Hebt ihn auf!« Man zerrte mich auf, ich war in Freiheit und wurde Augenzeuge vom weiteren Verlauf dieser grauenhaften Komödie. Die Einwohner der Festung leisteten den Huldigungseid. Einer nach dem anderen traten sie heran, küßten das Kreuz und neigten sich vor dem Usurpator bis zur Erde. Auch die Soldaten der Garnison befanden sich hier. Der Kompanieschneider schnitt mit seiner stumpfen Schere allen die Zöpfe ab. Sie schüttelten sich und traten vor Pugatschow, ihm die Hand zu küssen, und er gewährte ihnen seine Verzeihung und nahm sie in seine Bande auf. Das dauerte gegen drei Stunden. Endlich erhob sich Pugatschow von seinem Lehnstuhl und schritt, umringt von den Ältesten, die Stufen hinab. Sein weißes Roß, dessen Geschirr reich geschmückt war, wurde ihm vorgeführt. Zwei Kosaken stützten ihn, als er es bestieg. Er teilte dem Priester Gerassim mit, daß er bei ihm zu Mittag speisen werde. Da plötzlich ertönte Weibergekreisch. Einige Räuber zerrten die zerzauste Wassilissa Jegorowna, die sie völlig entkleidet hatten, auf den Vorplatz. Einer von ihnen hatte sich in aller Eile bereits ihre warme Wolljacke angezogen. Andere waren mit Daunenbetten beladen und schleppten Kisten, Teegeschirr, Wäsche und Hausgerät. »Gute Leute!« schrie die arme Alte, »laßt meine geplagte Seele in Ruh. Ich bitte euch, bringt mich zu meinem Iwan Kusjmitsch!« Aber plötzlich sah sie auf, erblickte den Galgen und erkannte ihren Gatten. »Ihr Mörder!« schrie sie in Raserei, »was habt ihr ihm angetan? O, du Licht meiner Augen, Iwan Kusjmitsch, mein tapferer Soldat! Die Bajonette der Preußen haben dich verschont, und die Kugeln der Türken sind an dir vorbeigeflogen; aber nicht durftest du dein Leben im ehrlichen Kampf lassen, genommen hat es dir ein entflohener Sträfling!« – »Fort mit der alten Vettel!« rief Pugatschow, und sogleich versetzte ihr ein junger Kosak einen Säbelhieb über den Kopf, worauf sie tot auf den Stufen niedersank. Pugatschow ritt davon; das Volk rannte ihm nach. Der Marktplatz leerte sich. Ich jedoch stand immer noch regunglos auf dem gleichen Fleck und vermochte meine Gedanken, verstört durch all die gräßlichen Eindrücke, nicht zu sammeln. Am meisten bedrückte mich, daß ich nichts über Marja Iwanownas Schicksal wußte. Wo mochte sie stecken? Was war mit ihr geschehen? War es ihr gelungen, sich zu verbergen? Hatte sie einen sicheren Zufluchtsort gefunden?... Voll besorgter Gedanken begab ich mich in das Kommandantenhaus. Alles war darin verwüstet; Stühle, Tische und Kästen – alles zerbrochen; zerschlagen das Geschirr; vieles gestohlen. Ich eilte die kleine Treppe, die zum Schlafzimmer führte, hinan und betrat zum allerersten Male Marja Iwanownas Zimmer. Da war ihr Bett, das die Räuber um und um gewühlt hatten; der Schrank war erbrochen und ausgeplündert; aber noch immer brannte das Lämpchen vor dem Heiligenschrein. Doch wo, wo mochte nur die Herrin sein? Ein schauerlicher Gedanke drängte sich mir unwillkürlich auf: wie, wenn sie den Schurken in die Hände gefallen wäre... Mein Herzschlag stockte. Bittere, bittere Tränen vergoß ich, und laut stöhnte ich den Namen meiner Geliebten... Allein plötzlich wurde ein leichtes Geräusch vernehmbar, und hinter dem Schrank glitt blaß und bebend Palaschka hervor. »Ach, Pjotr Andrejewitsch!« rief sie händeringend, »was für ein Tag! Was haben wir alles erleben müssen!« »Wo ist Marja Iwanowna?« fragte ich sie ungeduldig. »Was macht sie?« »Das gnädige Fräulein ist wohlauf«, entgegnete Palaschka, »wir haben sie bei Akulina Pamphilowna verborgen.« »Bei der Frau des Popen!« Ich schrie es voll Entsetzen. »Um Himmels willen! Und Pugatschow ist gerade dort!...« Sogleich eilte ich aus dem Zimmer und war augenblicklich auf der Straße und flog spornstreichs besinnungslos zum Hause des Priesters. Lachen, Schreien und Lieder drangen mir entgegen... Pugatschow tafelte dort im Kreise seiner Genossen. Palaschka lief hinter mir her. Ich bat sie, so heimlich als nur möglich Akulina Pamphilowna herauszurufen. Nach wenigen Augenblicken erschien diese, eine Schnapsflasche in der Hand. »Um Gottes willen! Wo ist Marja Iwanowna?« fragte ich in unsagbarer Erregung. »Sie liegt, das Täubchen, dort hinter der Scheidewand auf einem Bett«, erwiderte die Popenfrau. »Ach, Pjotr Andrejewitsch, fast hätte es ein Unglück gegeben; Gott sei Dank, es ging noch gut ab. Der Schurke hatte sich gerade an die Tafel gesetzt, da kam das arme Ding zu sich und begann zu stöhnen! Mir wurde ganz kalt dabei. Er hörte es. ›Wer stöhnt da in dei- ner Wohnung, Alte?‹ Ich machte vor dem Diebe eine tiefe Ver- beugung: ›Meine Nichte ist es, großer Herrscher, sie ist krank und liegt schon die zweite Woche.‹ – ›Ist sie jung, deine Nichte?‹ – ›Großer Herrscher, sie ist jung.‹ – ›Na, Alte, dann zeig sie mir mal, deine Nichte.‹ Mein Herz klopfte, als wollte es zerspringen, aber was konnte ich tun? ›Zu Diensten, großer Herrscher; es ist nur das eine: die Dirne kann sich nicht erheben, um vor Deine Majestät zu treten.‹ – ›Macht nichts, Alte, dann geh ich eben selber, sie anzuschauen.‹ Und er ging wirk- lich, der Verfluchte, hinter die Scheidewand, und was meinst du! Er schlug tatsächlich den Vorhang zurück und schaute hinein und sah sie mit seinen Habichtsaugen an – aber nichts weiter ... Gott half uns! Doch willst du's mir glauben, ich und mein Alter machten uns schon bereit, den Märtyrertod zu erleiden. Es ist noch ein wahres Glück, daß mein Täubchen ihn nicht erkannt hat. Herr, mein Gott, schöne Zeiten sind über uns gekommen! Wahrhaftig! Und der arme Iwan Kusjmitsch! Wer hätte das gedacht!... Und Wassilissa Jegorowna? Und Iwan Ignatjewitsch? Wofür mußte denn er leiden? ... Wieso hat man eigentlich Sie laufen lassen? Aber wie gefällt Ihnen Schwabrin? Das Haar rund geschoren, so sitzt er jetzt bei uns und tafelt mit den anderen! Ein gewandter Schuft, das kann man wohl sagen! Als ich von der kranken Nichte erzählte, es ist kaum zu glauben, da sah er mich fest an, so daß es mir durch und durch ging, als hätte man mich mit einem Messer gestochen; doch er hat mich nicht verraten, schon dafür sei ihm Dank.« In diesem Augenblick drangen die trunkenen Rufe der Gäste zu uns heraus und die Stimme des Priesters Gerassim. Die Gäste forderten Schnaps, und der Hausherr rief nach seiner Ehehälfte. Die Popenfrau wurde unruhig. »Machen Sie jetzt, daß Sie nach Hause kommen, Pjotr Andre- jewitsch«, sagte sie, »besser, Sie lassen sich hier nicht sehen; es ist ein tolles Saufgelage. Es könnte ein Unglück geben, wenn Sie den Betrunkenen in die Hände fallen. Leben Sie wohl, Pjotr Andrejewitsch. Was geschehen soll, wird geschehen; Gott wird uns gewiß nicht verlassen!« Mit diesen Worten verließ mich die Popenfrau. Das Gespräch hatte mich ein wenig beruhigt, und so kehrte ich denn in meine Wohnung zurück. Als ich am Marktplatz vorbeikam, sah ich einige Basdikiren sich um den Galgen drängen und von den Leichen der Gehenkten die Stiefel reißen; nur mit Mühe dämpfte ich eine Aufwallung des Zornes in mir, denn ich sagte mir, daß mein Eingreifen doch nur erfolglos verlaufen würde. Durch die Festung streiften Räuber und plünderten die Offizierswohnungen. Von allen Seiten drang das Grölen der betrunkenen Rebellen. Ich kam vor meinem Hause an. Ssaweljitsch erwartete mich auf der Schwelle. »Gottlob!« rief er bei meinem Anblick. »Ich fürchtete schon, die Bösewichter hätten dich aufs neue ergriffen. Väterchen Andrejewitsch, es ist nicht zu glauben, die Betrüger haben uns ratzekahl ausgeplündert: die Kleider sind fort, die Wäsche, unser Gepäck und unser Geschirr – nichts ließen sie stehen. Aber was macht das! Gott sei Dank, daß sie dich wenigstens am Leben gelassen haben! Und sag, Herr, hast du ihn eigentlich erkannt, den Kosaken-Ataman?« »Nein, ich kann mich nicht erinnern; wer ist es denn?« »Väterchen, wie? Hast du ihn vergessen, den Trunkenbold, der dir in jener Herberge dein gutes Pelzchen abgeschwindelt hat? Und dabei war er fast noch neu, der Hasenpelz; alle Nähte krachten, als die Bestie sich hineinzwängte!« Es war erstaunlich. Die Ähnlichkeit zwischen Pugatschow und jenem Führer war in der Tat überaus auffallend. Nach und nach kam ich zur Oberzeugung, daß Pugatschow und jener ein und dieselbe Person seien, und da erst begriff ich die Ursache, warum ich begnadigt worden war. Um so wunderlicher war mir die sonderbare Verkettung der Umstände: ein Kinderpelz, einem Landstreicher geschenkt, bewahrte mich vor dem Galgen, und ein Trunkenbold, der von Wirtshaus zu Wirtshaus taumelte, belagerte nun Festungen und verursachte eine Erschütterung des ganzen Staates! »Willst du nicht etwas essen?« fragte Ssaweljitsch, der in seinen Gewohnheiten stets der gleiche blieb. »Zu Hause haben wir freilich nichts; aber ich will gehen, mich umschauen und dir etwas zurechtmachen.« Nun war ich allein und verfiel sogleich in tiefes Nachdenken. Was sollte ich tun? In der Festung bleiben, die sich den Räubern unterworfen hatte, oder gar seiner Bande folgen – beides war eines Offiziers unwürdig. Gebot der Pflicht war es für mich, dorthin zu eilen, wo meine Dienste dem Vaterlande in den gegenwärtigen schwierigen Zeitläufen nützlich sein konnten ... Die Liebe allerdings riet mir nachdrücklich, bei Marja Iwanowna zu bleiben, um sie zu verteidigen und zu beschützen. Und obwohl ich keineswegs daran zweifelte, daß eine baldige Änderung in den Zuständen eintreten müsse, zitterte ich dennoch, wenn ich mir die Gefahren, denen sie in ihrer jetzigen Lage aus- gesetzt war, vor Augen führte. Meine Überlegungen unterbrach der Eintritt eines Kosaken, der zu mir mit der Meldung gelaufen kam: »Der große Kaiser fordert dich vor sich.« »Wo finde ich ihn?« fragte ich, entschlossen zu gehorchen. »Im Kommandantenhause«, antwortete der Kosak. »Nach dem Mittagessen begab sich unser Väterchen in die Badstube, und jetzt ruht er aus. Euer Gnaden, man kann an allem sehen, daß es eine große Persönlichkeit ist, bei Tisch hat er zwei ganze gebratene Spanferkel zu verspeisen geruht, und das Dampfbad nahm er so heiß, daß nicht einmal Taras Kurotschkin es aushalten konnte und den Birkenbesen Tomjka übergab und erst wieder recht lebendig wurde, nachdem er mit vielem kalten Wasser übergössen worden war. Ja, da kann man nichts sagen, das sind alles so gewichtige und bedeutende Gebräuche ... Und er hat auch, wie man hört, dortselbst in der Badstube seine kaiserlichen Merkmale auf der Brust vorgewiesen: auf der einen Brust ein Doppeladler, groß wie ein Fünfkopekenstück, und auf der anderen Brust seine eigene Person.« Es war zwecklos, die Ansicht des Kosaken zu bestreiten, und so folgte ich ihm denn in das Haus des Kommandanten, indem ich mir meine Begegnung mit Pugatschow ausmalte und zu erraten versuchte, wie das alles enden würde. Der Leser kann sich leicht vorstellen, daß ich dabei nicht ganz kaltblütig war. Es dämmerte bereits, als ich zum Hause des Kommandanten kam. Dunkel und grauenhaft drohte der Galgen mit den zwei Gehenkten. Vor dem Hauseingang lag noch immer der Leichnam der armen Kommandantin, zwei Kosaken hielten vor dem Hause Wache. Der Kosak, der mich hergeführt hatte, begab sich ins Haus, um mich zu melden; er kehrte sogleich zurück und führte mich in dasselbe Zimmer, in dem ich tags zuvor von Marja Iwanowna Abschied genommen hatte. Das Bild, das sich mir beim Eintritt bot, war recht ungewöhnlich. Sie saßen am Tisch, ein Tischtuch lag darauf, und auf diesem standen unzählige Karaffen und Gläser. Pugatschow und einige zehn seiner Kosakenältesten tranken dort, sie trugen ihre Mützen und die geblümten Hemden und waren vom Wein erhitzt, ihre Gesichter glühten, und die Augen funkelten. Aber weder Schwabrin noch unser Kosakenunteroffizier, die beiden neugeworbenen Verräter, befanden sich in ihrer Schar. »Sieh da, Euer Gnaden!« sagte Pugatschow, als ich eintrat, »willkommen; schön, daß du uns die Ehre erweisest, nimm Platz, wenn es dir beliebt.« Sie rückten zusammen. Schweigend ließ ich mich am Tischende nieder. Mein Nachbar, ein junger Kosak, schlank und schön, schenkte mir ein Glas gewöhnlichen Schnapses ein, aber ich berührte es nicht. Neugierig betrachtete ich die eigentümliche Gesellschaft. Pugatschow saß auf dem Ehrenplatz, beide Ellenbogen auf dem Tisch, und stützte den schwarzen Bart auf seine breite Faust. In seinen regelmäßigen und durchaus nicht unangenehmen Zügen war nichts von Grausamkeit zu lesen. Am meisten sprach er mit einem Mann von etwa fünfzig Jahren, den er zuweilen Graf nannte und zuweilen Timofejewitsch und hie und da sogar Onkelchen. Sie verhielten sich alle zueinander wie Kameraden, ich konnte nicht wahrnehmen, daß sie ihrem Führer besondere Wertschätzung gezollt hätten. Sie sprachen vom Angriff am Morgen, von den Fortschritten, die der Aufruhr machte, und auch von dem, was sie noch in Zukunft zu verrichten gedachten. Ein jeder von ihnen prahlte weidlich und wollte nur seine Meinung gelten lassen und widersprach Pugatschow nach Belieben. Und eben in diesem seltsamen Kriegsrate faßten sie den Beschluß, auf Orenburg zu marschieren, ein verwegenes Unternehmen, das, wie man sich erinnern wird, fast von unheilvollem Erfolg gekrönt wurde! Der Feldzug wurde schon für den nächsten Tag angesetzt. »So, ihr Brüderchen«, sagte Pugatschow endlich, »und nun laßt uns, bevor wir schlafen gehen, mein Lieblingslied singen. Tschumakow, fang an!« Mein Nachbar stimmte mit einem hohen Kopflaut das herzzerreißende Räuberlied an, und alle fielen im Chore ein. Sollte ich schildern, welchen Eindruck dieses einfache Volkslied vom Galgen, von Männern gesungen, die dem Galgen verfallen waren, auf mich machte, ich könnte es nicht. Die wilden Gesichter, die wohllautenden Stimmen, der schwermütige Ausdruck, den sie den ohnehin schon ausdrucksvollen Worten gaben – all das erschütterte mich. Jeder von ihnen leerte noch ein Glas, worauf sich alle erhoben und von Pugatschow Abschied nahmen. Ich wollte eigentlich das gleiche tun, aber Pugatschow hielt mich zurück: »Bleib nur; ich will noch mit dir sprechen.« So blieben wir denn allein. Wir schwiegen beide einige Minuten. Pugatschow sah mich fest an, nur ab und zu zwinkerte er mit dem linken Auge, und dann nahm sein Gesicht einen überraschenden Ausdruck von Schalkhaftigkeit und Spott an. Plötzlich lachte er laut auf, wobei sein Lachen von einer so ungekünstelten Lustigkeit war, daß auch ich bei seinem Anblick lachen mußte, wußte ich auch eigentlich nicht, warum. »Nun, Euer Gnaden?« fing er an. »Gesteh´s nur, als meine Burschen dir die Schlinge um den Hals warfen, da war´s dir nicht besonders gut zumut? Was? Ich meine, da dürft´ es dir schwarz vor den Augen geworden sein... Du hättest am Querbalken baumeln müssen, wenn nicht dein Diener gekommen wäre. Den habe ich gleich erkannt. Was, Euer Gnaden, hättest du das für möglich gehalten, daß der Mann, der dir den Weg zu jener Herberge zeigte, selber der große Kaiser war?« (Bei diesen Worten nahm er eine bedeutende und geheimnisvolle Miene an.) »Du hast dich schwer an mir vergangen«, fuhr er fort, »aber ich habe dir verziehen, weil du mir damals, als ich gezwungen war, mich vor meinen Feinden versteckt zu halten, einen Dienst erwiesen hast. Du wirst noch ganz andere Dinge sehen! Wie groß wird erst deine Belohnung sein, wenn ich in den Besitz meines Reiches gekommen sein werde! Willst du versprechen, mir mit Eifer zu dienen?« Die Frage des Betrügers und seine Frechheit erheiterten mich so, daß ich mein Lachen nicht länger verbeißen konnte. »Worüber lachst du?« fragte er, und seine Miene verdüsterte sich, »oder glaubst du vielleicht nicht, daß ich der große Kaiser bin? Sag's offen heraus.« Ich zauderte. Den Landstreicher als Herrscher anerkennen konnte ich nicht, das wäre eine unverzeihliche Schwäche gewesen. Andererseits bedeutete es mein sicheres Verderben, ihn geradedeheraus als Betrüger zu bezeichnen, und außerdem wäre das, wozu ich angesichts des Galgens und vor den Augen des ganzen Volkes im ersten Feuer des Unmutes bereit gewesen war, in diesem Augenblick nichts als eine überflüssige Tollkühnheit gewesen. Ich schwankte. Finster erwartete Pugatschow meine Antwort. Endlich jedoch (und noch heute fühle ich Genugtuung, denke ich an diese Minute) triumphierte in mir das Pflichtgefühl über die menschliche Schwäche. So erwiderte ich denn Pugatschow: »Höre, ich will dir die volle Wahrheit sagen. Überlege mal, ob ich dich als Kaiser anerkennen kann? Denn selbst wenn ich's täte, müßtest du, als gescheiter Mensch, merken, daß ich dich nur täuschen will.« »Wer bin ich denn, deiner Ansicht nach?« »Gott weiß, wer du bist; aber wer immer du auch sein mögest, du spielst ein gefährliches Spiel.« Pugatschow sah mich an. »So, so, du glaubst also nicht«, sprach er, »daß ich der Zar Pjotr Fjodorowitsch bin? Schon recht. Aber wie denkst du, kann der Verwegene nicht auch Erfolg haben? Grischka Otrepjew, ist er vielleicht nicht Zar geworden? Halte mich, für wen du willst, aber bleibe bei mir. Was geht dich schließlich all das andere an? Die einen sagen Pope, die anderen Priester. Diene mir treu und redlich, und ich will dich zum Feldmarschall erheben und zum Fürsten machen. Wie gefällt dir das?« »Das geht nicht«, versetzte ich bestimmt; »du weißt, ich bin Edelmann; ich habe der Herrin und Kaiserin den Eid geleistet; ich kann unmöglich in deinen Dienst treten. Wenn du tatsächlich mir wohlwillst, so laß mich nach Orenburg ziehen.« Pugatschow dachte lange nach. »Und wenn ich dich nun ziehen lasse«, sagte er endlich, »willst du mir zum mindesten versprechen, nicht mehr gegen mich zu kämpfen?« »Wie wäre es möglich, dir das zu versprechen?« entgegnete ich, »du weißt doch selber, daß das nicht von mir abhängt; wenn man mir befiehlt, gegen dich zu ziehen, so muß ich eben gehorchen, da ist nichts zu machen. Du bist jetzt selber Befehlshaber; du verlangst ebenfalls Gehorsam von den Deinen. Wonach würde das aussehen, wenn ich einen Dienst verweigern wollte, den man von mir fordert? Mein Leben ist in deiner Hand, läßt du mich frei, vielen Dank; willst du mich hinrichten lassen – Gott wird dein Richter sein; ich habe dir jetzt die volle Wahrheit gesagt.« Meine Aufrichtigkeit überraschte Pugatschow. »Also gut«, meinte er schließlich und versetzte mir einen freundschaftlichen Schlag auf die Schulter. »Wenn man richtet, soll man schnell richten, und wenn man begnadigt, voll begnadigen. Zieh denn hin nach allen vier Himmelsrichtungen und tu, was du willst. Komm morgen, um mir Lebwohl zu sagen, und geh jetzt schlafen, denn auch ich will nun schlafen.« Ich verließ Pugatschow und trat auf die Straße. Die Nacht war klar und frostig. Die Sterne funkelten, helles Mondlicht beleuchtete den Platz und den Galgen. Auf den Straßen war alles ruhig und dunkel. Nur in der Schenke war noch Licht, es drang von dorther das Schreien der späten Zecher. Ich ging am Hause des Priesters vorüber. Die Läden waren verschlossen, die Türe versperrt. Im Hause schien alles ruhig zu sein. So kam ich denn heim und traf Ssaweljitsch in großem Kummer über meine Abwesenheit an. Die Nachricht von meiner Freilassung erfreute ihn unsagbar. »Gelobt sei der Herr!« rief er und bekreuzigte sich. »Sobald der Tag graut, wollen wir die Festung verlassen und forteilen, wohin uns der Sinn steht. Aber nun mußt du etwas essen, mein Väterchen, ich habe dir etwas zubereitet, und dann geh zur Ruhe und schlaf bis Morgen wie am Herzen Christi.« Das war ein guter Rat, ich aß mit großem Appetit zu Abend und legte mich darauf, seelisch und körperlich gleich ermüdet, auf dem nackten Fußboden schlafen. Frühmorgens weckte mich Trommelschlag. Ich eilte zum Sammelplatz. Vor dem Galgen, an dem immer noch die gestrigen Opfer hingen, ordneten sich bereits Pugatschows Scharen. Die Kosaken waren zu Pferde, die Soldaten standen unter Gewehr. Die Fahnen flatterten. Da waren auch einige Kanonen auf Lafetten, unter ihnen erkannte ich bald die unsrige. In Erwartung Pugatschows waren alle Einwohner der Festung herbeigeströmt. Am Eingang zum Kommandantenhaus hielt ein Kosak ein wundervolles weißes Kirgisenroß am Halfter. Ich schaute mich nach dem Leichnam der Kommandantin um. Er war beiseitegeschafft und mit einer Bastmatte bedeckt worden. Endlich trat Pugatschow aus dem Hause. Das Volk entblößte die Häupter. Pugatschow blieb stehen und grüßte nach allen Seiten. Einer seiner Kosakenältesten reichte ihm einen Beutel mit Kupfergeld, das er alsbald mit vollen Händen auszustreuen begann. Schreiend stürzte sich das Volk darauf, der Vorgang lief nicht ohne einige Unfälle ab. Die Haupträdelsführer umringten Pugatschow. Unter diesen befand sich auch Schwabrin. Unsere Blicke kreuzten sich; aus meinem sprach Verachtung, er jedoch wendete sich mit dem Ausdruck tiefer Bosheit und einem gekünstelten Spott von mir ab. Gleich darauf wurde Pugatschow meiner gewahr, er nickte mir zu und rief mich heran. »Hör mal«, sprach er zu mir, »du gehst auf der Stelle nach Orenburg, dort sollst du dem Gouverneur und den Generälen melden, sie dürften mich binnen einer Woche erwarten. Und rat ihnen gut, mir mit kindlicher Liebe und Unterwürfigkeit zu begegnen; widrigenfalls ich sie grausam bestrafen würde. Glückliche Reise, Euer Gnaden!« Darauf wendete er sich zum Volk und sprach, auf Schwabrin weisend: »Da habt ihr, meine Kinder, euern neuen Kommandanten. Gehorcht ihm in allen Stücken, denn er trägt für euch und für die Festung die Verantwortung.« Entsetzen packte mich, als ich diese Worte hörte: Schwabrin – der Befehlshaber der Festung! Marja Iwanowna in seiner Hand! Mein Gott, was würde wohl aus ihr werden! Pugatschow schritt die Treppe herunter. Sein Pferd wurde herangeführt. Geschickt schwang er sich in den Sattel, ohne auf die Kosaken zu warten, die herbeieilten, um ihm aufsteigen zu helfen. Im gleichen Augenblick aber bemerkte ich, wie sich mein Ssaweljitsch durch die Menge drängte, vor Pugatschow trat und ihm ein Blatt Papier überreichte. Ich konnte mir nicht einmal denken, was das sein sollte. »Was soll das?« fragte Pugatschow und nahm eine wichtige Miene an. »Lies nur, du wirst schon sehen«, entgegnete Ssaweljitsch. Pugatschow nahm das Papier entgegen und schaute es lange und ernsthaft an. »Was hast du für eine unleserliche Schrift?« sagte er schließlich. »Unsere scharfen Augen vermögen sie nicht zu entziffern. Wo steckt mein Obersekretär?« Ein junger Mensch in Korporalsuniform eilte herbei. »Vorlesen!« sagte der Usurpator und gab ihm das Papier. Ich war äußerst begierig zu erfahren, was mein gewesener Mentor Pugatschow mitzuteilen habe. Der Obersekretär las Zeile für Zeile buchstabierend mit lauter Stimme folgendes: »Zwei Schlafröcke, einer aus feiner Baumwolle, der andere aus Seide und gestreift – sechs Rubel.« »Was soll das wieder?« fragte Pugatschow und runzelte die Brauen. »Befiehl, weiter zu lesen«, entgegnete Ssaweljitsch beschwichtigend. Der Obersekretär fuhr fort: »Eine Uniform aus feinem grünen Tuch – sieben Rubel. Weiße Tuchhosen – fünf Rubel. Zwölf Hemden aus holländischem Leinen und mit Manschetten – zehn Rubel. Ein Reisekorb mit Teegeschirr – zwei und einen halben Rubel.« »Was für dummes Zeug!« unterbrach ihn Pugatschow. »Was, zum Teufel, geht mich das Teegeschirr an und die Hemden mit Manschetten?« Ssaweljitsch räusperte sich und ging ans Erklären. »Schau mal, Väterchen, das ist nämlich ein Register der Sachen, die meiner Herrschaft gehören und die von den Gaunern gestohlen worden sind.« »Von welchen Gaunern?« warf Pugatschow drohend ein. »Verzeihung, das ist mir von der Zunge gerutscht«, antwortete Ssaweljitsch. »Es waren keine Gauner, sondern deine Burschen, sie haben uns alles fortgeschleppt. Sei mir nicht bös deswegen; ein Pferd, das doch vier Beine hat, kann auch zuweilen stolpern. Sei so gut, laß ihn zu Ende lesen.« »Also, lies zu Ende«, sagte Pugatschow. »Eine Kattundecke und eine Taftdecke auf Baumwolle – vier Rubel. Ein Fuchspelz – vierzig Rubel. Außerdem ein kurzer Hasenpelz, den Deine Gnaden in der Herberge von uns geschenkt erhielt – fünfzehn Rubel.« »Was soll das heißen!« schrie Pugatschow mit funkelnden Augen. Aufrichtig gestanden, ich war um meinen armen Alten besorgt. Er wollte zwar in seinen Erklärungen fortfahren, aber Pugatschow fuhr ihn an: »Wie unterstehst du dich, mir mit solchen Dummheiten zu kommen!« Er schrie es, riß das Papier aus den Händen des Sekretärs und warf es Ssaweljitsch ins Gesicht. »Törichter Greis! Man hat euch geplündert: eine große Sache! Du solltest eigentlich, du alter Esel, ewig für mich und für meine Kinder beten, weil du samt deinem Herrn da nicht mit den anderen Unbotmäßigen dort hängst ... Hasenpelz! Ich werde dir zeigen, was ein Hasenpelz ist! Ja, du weißt wohl, daß ich dir lebendig die Haut vom Leibe schinden lassen kann, um Pelze daraus zu machen?« »Wie es dir beliebt«, entgegnete Ssaweljitsch, »ich bin ein Leibeigener und bin für das Eigentum meiner Herrschaft verantwortlich.« Offenbar hatte Pugatschow einen Anfall von Großmut. Wortlos wendete er sich ab und ritt von dannen. Schwabrin und die Kosakenältesten folgten ihm. In guter Ordnung zog die Bande aus der Festung. Das Volk eilte nach, Pugatschow das Geleit zu geben. Ssaweljitsch nur und ich blieben auf dem Platz zurück. Mein früherer Mentor hielt sein Register und sah es bekümmert an. Da er nämlich das gute Einvernehmen, das zwischen Pugatschow und mir herrschte, bemerkt hatte, war er auf den Einfall gekommen, es auszunutzen; allein die pfiffige Absicht schlug ihm fehl. Ich wollte ihn eigentlich seines unangebrachten Eifers wegen ausschelten, aber ich konnte es nicht, ich mußte lachen. »Immerhin lach nur, Herr«, sagte Ssaweljitsch, »lach nur; aber wenn wir dann alles werden von neuem anschaffen müssen, dann wollen wir sehen, ob es dir noch lächerlich zumute ist.« Ich beeilte mich, zum Hause des Priesters zu gelangen, um Marja Iwanowna noch einmal zu sehen. Die Hausfrau empfing mich mit einer traurigen Nachricht. Nachts war bei Marja Iwa- nowna ein heftiges Fieber zum Ausbruch gekommen. Sie war ohne Besinnung und phantasierte. Die Popenfrau führte mich in ihr Zimmer. Still trat ich an das Bett. Ihr Aussehen war völlig verändert. Die Kranke erkannte mich nicht. Lange, lange stand ich vor dem Bett und hörte weder, was Priester Gerassim sagte, noch die Worte seiner herzensguten Frau, die mich beide, wie es scheint, zu trösten versuchten. Ich war schmerzlich bewegt. Die Lage der armen und schutzlosen Waise, die ich unter den wilden Rebellen zurücklassen mußte, und meine eigene Ohnmacht, ihr zu helfen, beunruhigten mich tief. Und Schwabrin, Schwabrin – das war das ärgste. Nachdem er nunmehr alle Machtbefugnisse und das Kommando in der Festung erhalten hatte, war er in der Lage, alles anzustellen. Aber was konnte ich dagegen tun? Wie sollte ich ihr beistehen? Auf welche Art vermochte ich sie aus der Hand des Bösewichts zu befreien? Es gab nur ein Mittel: sofort nach Orenburg zu gehen, um dort die Entsetzung der Festung Bjelogorsk zu betreiben und selber so sehr als möglich dabei mitzuwirken. So nahm ich denn vom Priester und von Akulina Pamphilowna Abschied und empfahl Marja, die ich in Wahrheit schon als mein Weib betrachtete, inständig ihrer Obhut. Die Hand des armen Mädchens lag in meiner, ich küßte sie und benetzte sie mit Tränen. »Leben Sie wohl«, sagte die Frau des Priesters, mir das Geleit gebend, »Pjotr Andrejewitsch, leben Sie wohl. Vielleicht sehen wir in besseren Zeiten uns wieder. Vergessen Sie uns nicht ganz und schreiben Sie uns, sooft Sie dazu Gelegenheit finden werden. Die arme Marja Iwanowna hat außer Ihnen keinen Trost mehr, keinen Beschützer auf der Welt.« Als ich wieder auf dem Platz war, blieb ich ein wenig stehen, betrachtete den Galgen und verbeugte mich tief vor ihm, darauf verließ ich die Festung und gewann die Straße nach Orenburg, begleitet von Ssaweljitsch, der nicht von meiner Seite wich. Gedankenverloren zog ich so meines Weges, als ich plötzlich Pferdegetrappel hinter mir vernahm. Ich drehte mich um: es war ein Kosak, der mir aus der Festung nachgaloppierte und am Zügel ein Baschkirenpferd mit sich führte; er winkte mir schon aus der Ferne zu. Ich blieb stehen und erkannte bald darauf unseren gewesenen Kosakenunteroffizier. Er sprengte heran, übergab mir die Zügel des anderen Pferdes und sagte: »Euer Gnaden! Unser Väterchen schenkt Ihnen dies Pferd und von seiner eigenen Schulter den Pelz da.« (Ein Schafpelz war an den Sattel gebunden.) »Und außerdem«, fuhr der Unter- offizier stockend fort, »belohnt er Sie mit ... mit einem halben Rubel ... aber den habe ich unterwegs verloren, verzeihen Sie großmütig.« Ich zog den Schafpelz an und schwang mich aufs Pferd, Ssaweljitsch ließ ich hinter mir aufsitzen. »Nun siehst du selber, Herr«, sagte der Alte, »daß es nicht so völlig nutzlos war, daß ich dem Gauner mit meiner ergebenen Bitte kam: sein Diebesgewissen hat sich geregt. Und sind auch diese langbeinige Baschkirenmäre und der Schafpelz nicht die Hälfte dessen wert, was uns die Räuber gestohlen haben und was du selber ihm zu schenken beliebtest, so können sie uns jetzt doch von Nutzen sein; und was will man mehr von einem bissigen Hunde als ein Büschel Wolle?«   Als wir in die Nähe von Orenburg gelangt waren, begegneten wir einer Schar von Sträflingen, deren Köpfe kahl geschoren und deren Gesichter von den Eisen der Henker gebrandmarkt worden waren. Unter Aufsicht von Garnisonsinvaliden arbeiteten sie unweit der Schanzen. Auf kleinen Wagen schafften die einen den Schutt fort, der mit der Zeit den Festungsgraben angefüllt hatte, während die anderen mit Schaufeln die Erde umgruben; auf dem Festungswall selber sah man Maurer mit Ziegeln hantieren, um die Stadtmauer wieder zu befestigen. Die Schildwache am Tor hielt uns an und verlangte unsere Pässe. Als der Sergeant erfuhr, daß ich aus der Festung Bjelogorsk kam, führte er mich schnurstracks zum Hause des Generals. Ich fand ihn im Garten. Er besichtigte gerade seine Apfelbäume, die der Herbstwind entblättert hatte, und war dabei, sie mit Hilfe eines alten Gärtners sorgfältig in warmes Stroh einzuhüllen. Sein Antlitz atmete Ruhe, Gesundheit und Gutherzigkeit. Er war sichtlich erfreut, mich zu sehen, und fragte mich sogleich nach den grauenhaften Ereignissen, deren Augenzeuge ich gewesen war. Ich erzählte ihm, was ich wußte. Aufmerksam hörte mir der Greis zu und fuhr derweil fort, dürre Zweige abzuschneiden. »Der arme Mironow!« sagte er, als meine traurige Erzählung zu Ende war, »er dauert mich, er war ein braver Offizier, und Madame Mironow war eine treffliche Frau, wie meisterhaft verstand sie, Pilze einzulegen! Und Mascha, die Hauptmannstochter, was ist mit ihr?« Ich antwortete, sie sei in der Festung zurückgeblieben und die Popenfrau pflege sie. »O weh!« bemerkte der General, »schlimm, sehr schlimm. Man kann nicht auf die Disziplin dieser Räuber rechnen. Was soll aus dem armen Kinde werden?« Ich entgegnete, die Strecke bis zur Festung Bjelogorsk sei gering und Seine Exzellenz würde sicher nicht verfehlen, alsbald Truppen zum Entsatz der armen Bevölkerung abzuschicken. Aber der General schüttelte den Kopf. »Abwarten, abwarten«, meinte er. »Darüber müssen wir noch reiflich sprechen. Komm am Nachmittag auf eine Tasse Tee zu mir: es wird heute bei mir ein Kriegsrat stattfinden. Du kannst uns zuverlässige Nachrichten über den Taugenichts Pugatschow und sein Heer geben. Jetzt geh und ruh einstweilen aus.« Ich begab mich zu der mir angewiesenen Wohnung und fand dort Ssaweljitsch bereits in voller Tätigkeit; ungeduldig erwartete ich das Heranrücken der festgesetzten Stunde. Der Leser kann sich leicht vorstellen, daß ich zu jener Beratung zu erscheinen nicht verabsäumte, die so großen Einfluß auf mein zukünftiges Schicksal haben mußte. Mit dem Schlag der Stunde war ich beim General. Ich traf dort einen Stadtbeamten an, er war, wenn ich mich recht erinnere, Direktor der Zollbehörde, ein wohlgenährter und rotbackiger alter Herr in einem goldverschnürten Leibrock. Er fragte mich lebhaft nach dem Schicksal von Iwan Kusjmitsch aus, den er seinen Gevatter nannte, und unterbrach meine Antworten häufig durch Nebenfragen und belehrende Bemerkungen, die, wenn sie auch nicht gerade einen in der Kriegskunst sehr bewanderten Mann in ihm verrieten, doch auf schnelle Auffassungsgabe und auf natürlichen Verstand schließen ließen. Währenddessen trafen nach und nach die übrigen Eingeladenen ein. Nachdem alle Platz genommen und ihren Tee erhalten hatten, setzte uns der General mit großer Klarheit die ganze Sachlage ausführlich auseinander. »Jetzt aber, meine Herren«, fuhr er darauf fort, »müssen wir entscheiden, wie wir gegen die Aufrührer vorzugehen haben: offensiv oder defensiv? Jede dieser Methoden hat ihre Vorteile und ihre Nachteile. Die Offensive gibt mehr Hoffnung, den Feind schnellstens aufzureiben; dagegen ist die Defensive sicherer und gefahrloser ... Und nun lassen Sie uns nach der Vorschrift unsere Stimmen abgeben, wir beginnen mit dem Rangjüngsten. Herr Fähnrich!« – mit diesen Worten wendete er sich an mich – »wollen Sie so gut sein, mir Ihre Ansicht mitzuteilen.« Ich erhob mich und schilderte in kurzen Worten zunächst Pugatschow und seine Bande, darauf aber erklärte ich mit aller Bestimmtheit, es wäre dem Usurpator völlig unmöglich, sich gegen reguläre Truppen zu halten. Allein die Beamten hörten meine Ansicht mit offenkundiger Mißgunst an. Sie sahen darin nur den Übereifer und die Verwegenheit des jungen Mannes. Ein Gemurmel erhob sich, und ganz deutlich konnte ich vernehmen, wie jemand halblaut »Grüner Junge« sagte. Der General sah mich an und meinte lächelnd: »Herr Fähnrich, es ist meistens so, daß die ersten Stimmen in einem Kriegsrat zugunsten der Offensive abgegeben werden, das ist so die Regel. Lassen Sie uns fortfahren, die Stimmen zu sammeln. Herr Kollegienrat, darf ich um Ihre Ansicht bitten?« Der alte Herr im goldverschnürten Leibrock leerte in aller Eile seine dritte Tasse Tee, die er reichlich mit Rum versetzt hatte, und antwortete dem General: »Exzellenz, ich bin der Meinung, wir sollten weder offensiv noch defensiv vorgehen.« »Wie soll ich das verstehen, Herr Kollegienrat?« erwiderte überrascht der General. »Die Taktik der Strategie kennt keine anderen Methoden: es gibt nur die offensive Bewegung und die defensive...« »Exzellenz, und was meinen Sie zu einer bestechenden Bewegung?« »Ah so! Ihre Meinung ist durchaus verständlich. Die bestechende Taktik wird von der Strategie gebilligt, und wir wollen jedenfalls Ihren Rat befolgen. Man könnte vielleicht auf den Kopf dieses Taugenichtses... einige siebzig Rubel oder gar hundert aussetzen ... aus dem Geheimfonds ...« »Nun, und ich will alsdann«, unterbrach ihn der Zolldirektor, »kein Kollegienrat mehr sein, sondern ein Kirgisenhammel, wenn diese Diebe uns nicht ihren Ataman, an Händen und Füßen gefesselt, ausliefern werden.« »Das müssen wir noch reiflich überlegen und erwägen«, entgegnete der General. »Trotzdem müssen wir auf jeden Fall auch gewisse militärische Maßnahmen treffen. Meine Herren, ich bitte um Ihre Stimmen in der vorschriftsmäßigen Reihenfolge!« Es stellte sich heraus, daß alle Ansichten der meinen entgegengesetzt waren. Die Beamten sprachen von der Unzuverlässigkeit der Truppen, von der Unsicherheit des Erfolges, von Vorsicht und von lauter so ähnlichem Zeug. Sie waren alle der Meinung, daß es viel weiser sei, unter dem Schutz der Kanonen hinter der festen Steinmauer zu bleiben, als im offenen Felde das Glück der Waffen zu versuchen. Als schließlich der General alle Stellungnahmen angehört hatte, klopfte er die Asche aus seiner Pfeife und hielt folgende Rede: »Meine Herren! Ich muß Ihnen mitteilen, daß ich meinerseits mich völlig der Ansicht des Herrn Fähnrich anschließe: diese Ansicht stützt sich auf alle Regeln einer gesunden Strategie, die eigentlich in fast sämtlichen Fällen die offensive Taktik der defensiven vorzieht.« Bei diesen Worten hielt er inne und schickte sich an, seine Pfeife aufs neue zu stopfen. Meine Eitelkeit triumphierte. Nicht ohne Selbstgefühl blickte ich die Beamten an, die sichtlich unruhig und unzufrieden miteinander zu flüstern begannen. »Jedoch, meine Herren«, fuhr der General fort, wobei er gleichzeitig mit einem Seufzer eine dichte Wolke Tabakrauch ausstieß, »ich kann nicht wagen, eine so große Verantwortung auf mich allein zu nehmen.« Nun war die Reihe an den Beamten, mich ihrerseits spöttisch anzublicken. Der Kriegsrat löste sich auf. Auf das lebhafteste beklagte ich die Schwäche des ehrenwerten Kriegers, der sich gegen seine Überzeugung der Ansicht jener unwissenden und unerfahrenen Männer angeschlossen hatte. Ich will mich nicht damit befassen, die Belagerung Orenburgs zu beschreiben, sie gehört der Geschichte an und nicht in eine Familienchronik. Einst, als es uns während der Belagerung gelungen war, einen ziemlich starken Kosakenhaufen zu zersprengen und in die Flucht zu schlagen, ritt ich auf einen Kosaken los, der hinter seinen Kameraden zurückgeblieben war; ich schwang bereits meinen türkischen Säbel, da riß er die Mütze ab und rief: »Pjotr Andrejewitsch, guten Tag zu wünschen! Wie geht es immer?« Es war unser vormaliger Kosakenunteroffizier. Ich freute mich unbeschreiblich. »Grüß Gott, Maximytsch«, antwortete ich. »Bist du schon lange aus Bjelogorsk fort?« »Gar nicht lange, Väterchen Pjotr Andrejewitsch, ich bin erst seit gestern wieder hier. Ich habe ein Brieflein für Sie.« »Wo hast du's denn, wo?« rief ich, über und über errötend. »Hier ist es«, sagte Maximytsch und fuhr in die Brusttasche. »Ich habe Palaschka fest versprochen, es Ihnen bestimmt zuzustellen.« Er gab mir das zusammengefaltete Papier und sprengte sogleich von dannen. Ich öffnete es und las bebend folgende Zeilen: »Gott hat es gefallen, mir so plötzlich Vater und Mutter zu nehmen: auf Erden habe ich keine Verwandten mehr und keine Beschützer. Sie allein sind meine Zuflucht, denn ich weiß, Sie wollten mir immer wohl und Sie wären bereit, einem jeden Menschen zu helfen. Ich flehe zu Gott, daß dieser Brief Sie auf irgendeine Weise erreichen möge! Maximytsch versprach, ihn zu bestellen. Palaschka hat von Maximytsch gehört, daß er Sie häufig aus der Ferne bei den Ausfällen gesehen habe und daß Sie sich gar nicht in acht nehmen; Sie denken wohl nicht mehr an jene, die mit Tränen zu Gott für Sie beten. Ich war lange krank; kaum war ich wiederhergestellt, da zwang Alexej Iwanowitsch Schwabrin, der jetzt hier an Stelle meines entschlafenen Vaters das Kommando führt, den Priester Gerassim, mich ihm auszuliefern, indem er ihm drohte, alles Pugatschow zu enthüllen. Ich wohne jetzt als Gefangene in unserem Hause. Alexej Iwanowitsch will mich zwingen, ihn zu heiraten. Er sagt, er habe mir dadurch, daß er den Betrug Akulina Pamphilownas, die mich vor den Bösewichten als ihre Nichte ausgab, nicht aufdeckte, das Leben gerettet. Allein es wird mir viel leichter sein, zu sterben, als die Frau eines solchen Menschen zu werden, wie Alexej Iwanowitsch einer ist. Er behandelt mich mit großer Grausamkeit und droht, wenn ich mich nicht anders bedenke und nicht einwilligen wolle, so werde er mich ins Lager zu den schlechten Menschen bringen und dann werde es mir genauso ergehen wie der Lisaweta Charlowa. Ich bat Alexej Iwanowitsch um Bedenkzeit. Er war damit einverstanden, noch drei Tage zu warten, wenn ich aber nach den drei Tagen nicht meine Einwilligung gebe, dann habe ich auf keine Schonung mehr zu hoffen. Pjotr Andrejewitsch, Liebster! Sie sind der einzige Schutz, den ich habe; helfen Sie mir Armen. Bitten Sie den General, bitten Sie alle Kommandeure, uns möglichst bald Sukkurs zu schicken, und kommen Sie selber, sobald Sie können. Ich verbleibe als Ihre gehorsame arme Waise Marja Mironowa.« Ich verlor fast den Verstand, als ich diesen Brief las. Ich fegte in die Stadt zurück und gab meinem armen Pferd unbarmherzig die Sporen. Unterwegs überlegte ich hin und her, was man zur Erlösung des ärmsten Mädchens unternehmen könnte, aber es fiel mir nichts ein. In der Stadt angekommen, sprengte ich geradenwegs zum General und war in einem Nu in seinem Hause. Der General ging in seinem Zimmer auf und ab und rauchte seine Meerschaumpfeife. Er sah mich und blieb stehen. Mein Anblick überraschte ihn offensichtlich; besorgt erkundigte er sich nach der Ursache meines plötzlichen Erscheinens. »Exzellenz«, begann ich, »ich komme zu Ihnen, wie man zum eigenen Vater kommt; schlagen Sie um Gottes willen meine Bitte nicht ab, es geht um das Glück meines ganzen Lebens.« »Was ist denn geschehen, Väterchen?« fragte aufs höchste er- staunt der Greis. »Was kann ich für dich tun? Sprich!« »Exzellenz, gestatten Sie mir, eine Kompanie Soldaten zu nehmen und ein halbes Hundert Kosaken, um die Festung Bjelogorsk zu säubern.« Der General sah mich prüfend an, er dachte, glaube ich, ich sei von Sinnen (was freilich auch fast zutraf). »Wie das? Bjelogorsk säubern?« fragte er schließlich. »Ich hafte Ihnen für den Erfolg«, entgegnete ich leidenschaft- lich. »Lassen Sie mich ziehen.« »Nein, junger Mann«, sagte er kopfschüttelnd, »bei der ziem- lich großen Entfernung dürfte es dem Feinde leichtfallen, euch von der Kommunikation mit dem strategischen Hauptpunkt ab- zuschneiden und dadurch einen vollen Sieg über euch zu er- zielen. Die ununterbrochene Kommunikation...« Ich erschrak, denn ich sah, daß er sich in militärischen Erör- terungen verlor, und beeilte mich, ihn zu unterbrechen. »Die Tochter des Hauptmannes Mironow«, sagte ich, »hat mir einen Brief geschrieben; sie bittet um Hilfe; Schwabrin will sie zwin- gen, ihn zu hairaten.« »Wahrhaftig? O, dieser Schwabrin ist mir ein Erzschelm, und wenn er mir einmal in die Hände fallen sollte, so will ich ihm binnen vierundzwanzig Stunden das Urteil sprechen, und dann wollen wir ihn auf der Brustwehr des Festungswalles abschie- ßen! Zunächst aber müssen wir uns in Geduld fassen ...« »In Geduld fassen!« schrie ich außer mir, »und derweilen wird er Marja Iwanowna heiraten!...« »O!« entgegnete der General, »das ist noch kein Unglück, es ist sogar für sie jetzt besser, einstweilen Schwabrins Frau zu sein; er kann ihr jetzt sehr nützlich sein; wenn wir ihn dann später erschossen haben werden, nun, dann wollen wir eben in Gottes Namen ihr einen neuen Freier finden. Hübsche Witwen bleiben nie lange Jungfern; das heißt, ich wollte sagen, eine kleine Witwe findet eher einen Mann als eine Jungfrau.« »Lieber sterben«, rief ich, »als sie Schwabrin überlassen!« »Ah!« sagte der General. »Jetzt verstehe ich: du bist also in Marja Iwanowna verliebt. O, das ist freilich eine andere Sache! Mein armer Junge! Allein trotz allem, ich kann dir keine Kompanie Soldaten und kein halbes Hundert Kosaken geben. Diese Unternehmung wäre allzu gewagt; ich könnte sie keineswegs verantworten.« Ich ließ den Kopf hängen; Verzweiflung bemächtigte sich meiner. Plötzlich schoß ein Gedanke durch meinen Kopf: worin er bestand, wird, wie die alten Romanschreiber sagen, der Leser im nächsten Kapitel erfahren.   Ich verließ den General und eilte nach Hause. Ssaweljitsch redete mir, sobald er meiner ansichtig wurde, wie immer ins Gewissen. »Herr, was hast du eigentlich davon, mit diesen besoffenen Räubern zu fechten? Schickt sich das für einen Edelmann? Die Stunden sind ungleich: um nichts und wieder nichts kannst du umkommen. Und wenn's noch der Türke wäre oder der Schwede, so jedoch – es ist eine Sünde, um es zu sagen.« Nach einer halben Stunde saß ich bereits auf meinem guten Pferde, Ssaweljitsch aber schwang sich auf einen mageren und lahmen Gaul, den ihm einer der Stadtbewohner, der ihn nicht länger ernähren konnte, unentgeltlich überlassen hatte. Wir kamen zum Tor; die Wache ließ uns durch, und so lag Orenburg bald hinter uns. Wir kamen durch eine Schlucht und waren kurz darauf in einem Dorf. In allen Hütten brannte Licht. Überall herrschte Lärmen und Schreien. Auf den Straßen sah ich eine Menge Volkes, aber niemand bemerkte uns in der Dunkelheit, und keine Sterbensseele erkannte in mir den Offizier aus Orenburg. Man führte uns vor ein Haus, das an einer Straßenkreuzung stand. Vor dem Tor lagen Schnapsfässer, und zwei Kanonen waren aufgepflanzt. »Da habt ihr den Palast«, sagte der eine der Bauern, »ich werde euch jetzt anmelden.« Er trat ins Haus. Ich blickte Ssaweljitsch an: der Alte bekreuzigte sich und betete leise. Ich mußte lange warten; endlich kam der Bauer zurück und sagte mir: »Komm, unser Väterchen befahl, den Offizier hereinzulassen.« So betrat ich denn das Haus oder, wie die Bauern sagten, den Palast. Zwei Talglichter bildeten die Beleuchtung, die Wände waren mit Goldpapier überzogen; alles übrige jedoch, die Bänke, der Tisch, das hängende Waschbecken, am Nagel das Handtuch, die Ofenschaufel in der Ecke, der breite Herd, auf dem Kochtöpfe standen – all das war genauso wie in jeder ein- fachen Bauernhütte. Unter dem Schrein mit den Heiligenbildern saß Pugatschow in seinem roten Kaftan, er trug eine hohe Mütze und hatte eine stolze Haltung angenommen. Mit gespielter Unterwürfigkeit umringten ihn die vornehmsten seiner Genos- sen. Die Nachricht vom Eintreffen eines Orenburger Offiziers hatte die Neugierde der Anführer auf das höchste gereizt, und sie hatten sich Mühe gegeben, mich möglichst prunkvoll zu empfangen. Pugatschow erkannte mich sofort. Und sogleich war es auch aus mit seiner angenommenen Würde. »Ah, Euer Gna- den«, rief er mir zu, »wie geht es dir? Von woher führt dich der Himmel?« Ich antwortete ihm, ich sei in eigener Sache un- terwegs und seine Leute hätten mich festgehalten. »Und was ist das für eine Sache?« fragte er. Ich wußte nicht, was ich ihm erwidern sollte. In der Annahme, daß ich vor Zeugen nicht spre- chen wolle, wendete sich Pugatschow zu seinen Kameraden und befahl ihnen, den Raum zu verlassen. Mit Ausnahme von zweien, die sich nicht vom Fleck rührten, kamen alle dem Be- fehle nach. »Vor diesen kannst du dreist sprechen«, meinte Pu- gatschow, »vor ihnen verberge ich nichts.« Ich schaute mir die Vertrauten des Usurpators an. Der eine von ihnen, ein schwäch- liches und gebücktes altes Männchen mit grauem Bärtchen, hatte nichts Bemerkenswertes an sich, mit Ausnahme eines blauen Ordensbandes, das er quer über die Brust seines grauen Kittels trug. Seinen Kameraden jedoch werde ich zeitlebens nicht ver- gessen. Er war hoch von Wuchs, voll und breitschultrig und mochte einige fünfundzwanzig Jahre alt sein. Der wilde rote Bart, die grauen blitzenden Augen, die Nase, an der die Nüstern fehlten, sowie die geröteten Flecken auf Stirn und Wangen verliehen seinem breiten und blatternarbigen Gesicht einen un- beschreiblichen Ausdruck. Er trug ein rotes hochgeschlossenes Hemd, über diesem das lange Oberkleid der Kirgisen und darunter die Pluderhosen der Kosaken. Später erfuhr ich, daß jener der flüchtige Korporal Bjeloborodow war, dieser hingegen Afanassij Ssokolow, genannt Chlopuscha, ein deportierter Ver- brecher, der bereits zum dritten Male aus den Bergwerken Sibiriens ausgebrochen war. Ungeachtet der Gefühle, die mich so ausschließlich bewegten, wirkte doch die Gesellschaft, in die ich unversehens hereingeschneit war, stark auf meine Phantasie. Aber Pugatschow ließ mich nicht lange in diesem Zustand, sondern fragte: »Also sprich, aus welchem Grunde hast du Orenburg verlassen?« Ein seltsamer Gedanke schoß mir durch den Kopf, es kam mir fast vor, als wollte mir die Vorsehung, indem sie mich zum zweiten Male mit Pugatschow zusammenstieß, ein Mittel in die Hand geben, meine Absicht wirklich auszuführen. Ich entschloß mich, es zu benutzen, und antwortete Pugatschow, ehe ich meinen Beschluß noch recht überlegt hatte, folgendes auf seine Frage: »Ich bin auf dem Wege nach der Festung Bjelogorsk, um eine Waise, die dort beleidigt wird, zu befreien.« Pugatschows Augen funkelten auf. »Wer von meinen Burschen wagt, eine Waise zu beleidigen?« schrie er, »und sei er sieben Ellen hoch, meiner Strafe wird er nicht entgehen. Wer ist der Schuldige?« »Schwabrin ist es«, antwortete ich. »Er hält jenes Mädchen, das du damals bei der Frau des Priesters krank im Bett liegen sahst, gefangen und will sie mit Gewalt zwingen, ihn zu heiraten.« »Das werde ich Schwabrin versalzen!« sagte Pugatschow drohend. »Ich werde ihm zeigen, was es heißt, seine Macht zu überschreiten und das Volk zu kränken. Ich lasse ihn aufhängen.« »Ein Wort, wenn du erlaubst«, warf Chlopuscha mit heiserer Stimme ein. »Du warst damals zu schnell, als du Schwabrin zum Kommandanten der Festung ernanntest, und willst jetzt wieder zu schnell sein und ihn hängen lassen. Du hast die Kosaken gekränkt, da du einen Edelmann zu ihrem Befehlshaber machtest, schreck jetzt nicht den Adel ab, indem du ihn nach der ersten Bezichtigung hinrichten läßt.« »Weder soll man sie bedauern noch begnadigen!« warf der Alte im blauen Ordensbande ein. »Schwabrin hinrichten wäre nicht so übel; aber ebenso wäre es nicht übel, den Herrn Offizier ordentlich auszufragen, und vor allem, warum er herkam? Wenn er dich nicht als seinen Herrscher anerkennt, warum sucht er dann Unterstützung bei dir; erkennt er dich aber an, warum saß er dann bis zum heutigen Tage in Orenburg bei deinen Gegnern? Meinst du nicht, man sollte ihn in die Kanzlei bringen und ein hübsches Feuerchen anmachen, es schwant mir, die Herren Orenburger Kommandeure haben Seine Gnaden zu uns beordert.« Die Logik des alten Schurken war ziemlich überzeugend. Frost lief mir über den Rücken, als mir die Einsicht kam, in wessen Hände ich geraten war. Pugatschow bemerkte meine Verwir- rung. »Na, Euer Gnaden?« sagte er und zwinkerte mir zu. »Mein Feldmarschall scheint's getroffen zu haben? Was denkst du darüber?« Pugatschows Spott gab mir mein Selbstvertrauen zurück. Mit aller Ruhe entgegnete ich ihm, daß ich in seiner Hand sei und daß es ihm freistehe, mit mir zu schalten, wie er es für recht befinde. »Freilich«, sagte Pugatschow. »Aber nun beichte uns, wie es um eure Stadt steht?« »Gottlob«, entgegnete ich, »dort ist alles in Ordnung.« »In Ordnung?« wiederholte Pugatschow. »Aber das Volk stirbt vor Hunger!« »Ach! da hätte ich bald vergessen, dir für das Pferd und für den Pelz zu danken. Ohne deine Hilfe wäre ich sicher nicht bis zur Stadt gekommen und unterwegs bestimmt erfroren.« Meine List wirkte. Pugatschow wurde zusehends heiterer. »Schulden sind schön, wenn man sie bezahlt«, meinte er, blinzelte und kniff die Augen zu. »Und jetzt erzähl einmal, was du mit jenem Mädel hast, das Schwabrin beleidigt hat? Hat am Ende Liebesglut des tapferen Burschen Herz versehrt, he?« »Sie ist meine Braut«, entgegnete ich Pugatschow, denn nun sah ich, daß das Wetter umgeschlagen war, und hielt es nicht mehr für notwendig, mit der Wahrheit hinterm Berge zu halten. »Deine Braut!« schrie Pugatschow. »Warum hast du das nicht früher gesagt? Ja, dann wollen wir dich doch mit ihr verheiraten und zu deinem Hochzeitsschmaus kommen!« Darauf wandte er sich zu Bjeloborodow: »Feldmarschall, paß mal auf! Seine Gnaden und ich, wir sind alte Freunde! Wir wollen jetzt zusammen zu Abend speisen; der Morgen ist weiser als der Abend. Morgen wollen wir zusehen, was mir mit ihm beginnen.« Am Morgen kam ein Bote, um mich zu Pugatschow zu holen. Ich folgte ihm. Am Tor sah ich einen Reiseschlitten stehen, vor den ein Dreigespann aus tatarischen Pferden gespannt war. Die Straße wimmelte von Menschen. Im Vorraum begegnete mir Pugatschow, er war reisefertig und trug einen Pelz und die Kirgisenmütze. Die gestrigen Zechkumpane umringten ihn und zeigten wieder denselben Ausdruck der Unterwürfigkeit, der so völlig allem, dessen Zeuge ich am Vorabend geworden war, widersprach. Pugatschows Begrüßung war freundschaftlich, er winkte mir, ich solle mich neben ihn in den Reiseschlitten setzen. Wir nahmen Platz. »Nach der Festung Bjelogorsk!« rief Pugatschow dem breitschultrigen Tataren, der stehend das Dreigespann lenkte, zu. Mein Herz pochte stark. Die Pferde fielen in Trab, die Schlittenglöckchen klangen, der Schlitten flog dahin... Und plötzlich erblickte ich das Dörfchen am steilen Ufer des Ja[:i]k, den Palisadenzaun und den Glockenturm – und nach einer Viertelstunde waren wir in der Festung Bjelogorsk. Der Schlitten hielt vor dem Kommandantenhause. Am Geläute der Glöckchen erkannte das Volk Pugatschow und folgte uns in hellen Scharen. Schwabrin trat aus dem Hause, um den Usurpator zu begrüßen. Er trug Kosakentracht und hatte sich den Bart stehen lassen. Der Verräter war Pugatschow beim Aussteigen behilflich und versicherte ihn in geradezu schmählichen Ausdrücken seines Eifers und seiner Ergebenheit. Als er meiner ansichtig wurde, stutzte er, allein er faßte sich bald, streckte mir die Hand hin und sprach: »Auch du bist also jetzt auf unserer Seite? Schon längst hätte es sich so gehört!« Ich drehte ihm den Rücken und gab keine Antwort. Das Herz wurde mir schwer, als wir gleich darauf in das altbekannte Zimmer traten, wo an der Wand, ein trauriges Epitaphium vergangener Zeiten, noch immer das Diplom des verstorbenen Kommandanten hing. Auf den gleichen Diwan, auf dem vormals, eingelullt vom Schelten seiner Gattin, Iwan Kusjmitsch einzunicken pflegte, setzte sich nun Pugatschow. Schwabrin präsentierte ihm eigenhändig den Begrüßungsschnaps. Pugatschow leerte das Glas, befahl jedoch dann, auf mich weisend: »Traktiere auch Seine Wohlgeboren.« Und Schwabrin kam sogleich auch zu mir, allein ich drehte ihm zum zweiten Male den Rücken. Er schien ganz aus dem Häuschen zu sein. Es fiel ihm, bei seinem angeborenen Scharfsinn, nicht schwer, zu erraten, daß Pugatschow mit ihm unzufrieden war. Er war sichtlich verzagt und blickte mich hie und da voll Mißtrauen an. Pugatschow ließ sich berichten, in welchem Zustande sich die Festung befinde und ob man von feindlichen Truppen gehört habe und ähnliches mehr, endlich aber überrumpelte er ihn mit der unerwarteten Frage: »Sag mal, Bruder, was ist das für eine Jungfrau, die du bei dir eingesperrt hältst? Zeig' sie mir doch.« Schwabrin wurde blaß wie der Tod. »Herrscher«, entgegnete er, und seine Stimme zitterte, »großer Herrscher, sie ist nicht eingesperrt... sie ist krank ... sie liegt im Mädchenzimmer.« »Dann führ' mich zu ihr«, sagte der Usurpator und erhob sich. Es gab keine Ausrede mehr, Schwabrin mußte Pugatschow zum Gemach Marja Iwanownas führen. Ich schloß mich an. Auf der Treppe blieb Schwabrin stehen. »Großer Herrscher!« rief er, »Sie haben die Macht, alles von mir zu verlangen; aber verbieten Sie, daß ein Fremder das Schlafzimmer meiner Gattin betritt.« Ich fuhr auf: »Du bist also vermählt!« schrie ich Schwabrin zu, bereit, ihn zu erwürgen. »Ruhig Blut!« unterbrach mich Pugatschow. »Das ist meine Sache. Du jedoch«, fuhr er fort und wendete sich zu Schwabrin, »hör jetzt auf und mach keine Geschichten mehr; ob sie nun deine Frau ist oder nicht, ich führe zu ihr, wen ich will. Euer Gnaden, mir nach!« An der Türe hielt uns Schwabrin abermals auf und sagte keuchend: »Herrscher, ich muß jedoch darauf vorbereiten, daß sie bereits seit drei Tagen an schwerem Fieber darniederliegt und ohne Unterlaß phantasiert.« »Mach auf!« rief Pugatschow. Schwabrin gab sich den Anschein, als suche er in seinen Taschen, und sagte schließlich, er habe vergessen, den Schlüssel mitzunehmen. Pugatschow gab der Tür einen Fußtritt, das Schloß flog herunter, die Tür ging auf und wir traten ein. Ich sah – und erstarrte. Auf dem Fußboden saß bleich, abgemagert und mit zerrauftem Haar Marja Iwanowna in einem abgetragenen Bauernkleidchen. Vor ihr stand ein Krug Wasser, ein Stück Brot lag darüber. Als sie meiner ansichtig wurde, erzitterte sie und schrie auf. Aber was in mir vorging – ich weiß es nicht mehr. Pugatschow heftete seinen Blick auf Schwabrin und sagte mit trockenem Lachen: »Ein schönes Lazarett hast du da!« Darauf näherte er sich Marja Iwanowna: »Täubchen, sag mal, aus welchem Grunde bestraft dein Mann dich so hart? Was hast du angestellt?« »Mein Mann?« wiederholte sie. »Er ist nicht mein Mann! Nie und nimmer werde ich seine Frau sein! Ich bin entschlossen, lieber zu sterben, und werde sterben, wenn keiner mich von ihm erlöst.« Pugatschows Blick wurde drohend. »Und du wagtest, mich zu hintergehen!« fuhr er Schwabrin an. »Weißt du auch, du Taugenichts, was du verdient hast?« Schwabrin lag auf den Knien... So sehr ich ihn auch haßte und gegen ihn erbittert war, in diesem Augenblick wurde alles vom Gefühl der Verachtung erstickt. Voller Ekel blickte ich den Edelmann an, der zu Füßen eines entsprungenen Kosaken lag. Pugatschow freilich stimmte dieser Umstand milder. »Für diesmal will ich dir verzeihen«, sagte er zu Schwabrin, »aber gib acht, bei der nächsten Verfehlung wird auch diese mit angerechnet.« Darauf wandte er sich zu Marja Iwanowna und bedeutete dem armen Mädchen freundlich: »Du kannst das Zimmer verlassen, liebe Jungfrau; ich schenke dir die Freiheit. Ich bin der Herrscher.« Marja Iwanowna blickte auf und erriet, daß vor ihr der Mörder ihrer Eltern stand. Sie schlug die Hände vors Gesicht und fiel bewußtlos nieder. Ich eilte ihr zu Hilfe; im gleichen Augenblick jedoch drang Palaschka, meine alte Bekannte, keck ins Zimmer und nahm sich ihres Fräuleins an. Pugatschow verließ das Gemach, und so gingen wir selbdritt wieder ins Speisezimmer hinunter. »Nun, Euer Gnaden?« lachte Pugatschow, »das schöne Mädchen haben wir also befreit! Was meinst du, sollen wir nicht den Popen holen lassen, damit er seine Nichte gleich trauen kann? Ich würde vielleicht den Brautvater spielen und Schwabrin den Brautführer; und trinken und feiern in guter Ruh und sperren zum Schluß die Türe zu!« Meine Befürchtung traf zu. Schwabrin geriet außer sich, als er Pugatschows Vorschlag vernahm. »Großer Herrscher!« rief er und tat wie verrückt. »Ich weiß, ich habe mich vergangen, weil ich Sie belogen habe; aber auch Grinew hintergeht Sie. Dieses Mädchen ist keineswegs die Nichte des hiesigen Popen: sie ist Iwan Mironows Tochter, der am Tage der Einnahme dieser Festung hingerichtet ward.« Pugatschow heftete seine funkelnden Augen auf mich. »Was soll das wieder?« fragte er überrascht. »Schwabrin spricht die Wahrheit«, entgegnete ich fest. »Das hast du mir nicht gesagt«, warf Pugatschow ein, und seine Miene verdüsterte sich. »Bedenke doch«, erwiderte ich, »was wäre daraus entstanden, wenn ich dir vor deinen Burschen gesagt hätte, daß die Tochter Mironows noch am Leben sei. Sie hätten sie ja zerfleischt. Da hätte nichts mehr sie retten können!« »Richtig«, meinte Pugatschow und mußte lachen. »Meine versoffenen Burschen hätten das arme Mädel nicht verschont. Es war gut, daß die Frau des Popen sie betrogen hat.« »Und nun höre noch dies«, sprach ich weiter, denn ich sah, daß er guter Laune war. »Ich weiß nicht, wie ich dich nennen soll, und ich will es auch nicht wissen .... Allein Gott weiß, daß ich für das, was du an mir getan hast, freudig mit meinem Leben bezahlen würde. Fordere nur nicht von mir, was meiner Ehre und dem Gewissen des Christen widerspricht. Du bist mein Wohltäter. Vollende denn, wie du begonnen hast: laß uns ziehen, mich und die arme Waise, wohin es Gott gefällig ist. Wir aber werden, wo du auch seist und was immer mit dir geschehe, jeden Tag Gott um die Rettung deiner armen Seele anflehen....« Es schien mir, daß meine Worte die rauhe Seele Pugatschows gerührt hatten. »Gut denn!« sagte er schließlich. »Entweder soll man richten oder begnadigen, so habe ich's immer gehalten. Nimm sie denn mit dir, deine schöne Jungfrau, und bring sie, wohin du willst, und schenke Gott euch Liebe und Verstand!« Darauf wendete er sich zu Schwabrin und befahl ihm, mir einen Passierschein, gültig für alle unterworfenen Festungen und Plätze, auszustellen. Schwabrin stand da, als sei er ganz zusammengebrochen und vernichtet. Pugatschow entfernte sich darauf, um die Festung zu besichtigen. Schwabrin begleitete ihn; ich aber blieb unter dem Vorwand, Reisevorbereitungen treffen zu müssen, zurück. Ich eilte sogleich hinauf. Die Tür war versperrt. Ich klopfte. »Wer ist da?« fragte Palaschka. Ich nannte meinen Namen. Marja Iwanownas liebes Stimmchen erklang: »Noch ein wenig Geduld, Pjotr Andrejewitsch. Ich kleide mich gerade um. Gehen Sie derweilen zu Akulina Pamphilowna, ich werde sogleich dort sein.« Ich fügte mich und begab mich zum Hause des Priesters Gerassim. Er sowohl wie auch seine Frau eilten mir entgegen. Ssaweljitsch hatte sie bereits von allem unterrichtet. »Pjotr Andrejewitsch«, rief die Popenfrau, »so hat uns Gott wieder zusammengeführt. Wie geht's denn immer? Jeden lieben Tag haben wir von Ihnen gesprochen. Und Marja Iwanowna, was hat die alles ausstehen müssen, das arme Täubchen, während Sie fort waren! Ja, und sagen Sie doch, mein Väterchen, wie haben Sie nur den Pugatschow herumbekommen? Und wieso hat er Sie nicht um die Ecke gebracht? Na, jedenfalls müssen wir dem Halunken dafür dankbar sein.« »Schon gut, Alte«, unterbrach sie der Priester Gerassim. »Du brauchst nicht deine ganze Wissenschaft auszukramen. Durch Schwatzen ist noch niemand selig geworden. Pjotr Andrejewitsch, Väterchen, immer hereinspaziert, wenn's beliebt. Lange, lange schon hatten wir nicht mehr die Ehre.« Die Popenfrau setzte mir vor, was Küche und Kammer zu bieten hatten, und sprach und sprach ohne Unterlaß. Sie schilderte, auf welche Art Schwabrin sie gezwungen hatte, Marja Iwanowna auszuliefern; und wie Marja Iwanowna geweint hatte und sich nicht von ihnen hatte trennen wollen; und wie sie nachher mit Marja Iwanowna in ständiger Verbindung gestanden hatte, und zwar durch Vermittlung von Palaschka (ein tüchtiges Mädchen, das auch den Kosakenunteroffizier nach seiner Pfeife tanzen läßt); und wie sie Marja Iwanowna geraten hatte, mir jenen Brief zu schreiben, und so weiter. Ich erzählte ihr darauf in der Küche meine Geschichte. Als sie erfuhren, daß Pugatschow von ihrem frommen Betrüge unterrichtet sei, bekreuzigten sich beide, der Pope und seine Frau. »Gott stehe uns jetzt bei!« rief Akulina Pamphilowna. »Gott gebe, daß diese Wolke vorüberziehe. Hat man Worte, dieser Schwabrin, ein schöner Herr!« Im gleichen Augenblick ging die Türe auf und Marja Iwanowna trat ein, ihr Gesicht war noch immer sehr bleich, aber sie lächelte. Die Bauerntracht hatte sie abgelegt und war wie früher einfach, aber gut gekleidet. Ich ergriff ihre Hand und konnte lange kein Wort sprechen. Wir schwiegen beide, unsere Herzen waren übervoll. Unsere Wirte erkannten, daß ihre Anwesenheit überflüssig war, und verließen uns. Wir blieben allein. Und alles war vergessen. Wir sprachen und konnten uns nicht satt sprechen. Marja Iwanowna erzählte mir alles, was ihr seit der Einnahme der Festung zugestoßen war; sie schilderte mir das Grauenvolle ihrer Lage und alle die Qualen, mit denen der abscheuliche Schwabrin sie gemartert hatte. Wir gedachten auch der früheren glückseligen Zeit ... und weinten beide ... Schließlich begann ich ihr meine Absichten zu entdecken. In der Festung bleiben, die Pugatschow untertänig war und unter Schwabrins Befehl stand, war natürlich für sie unmöglich. Ebenso unmöglich, an Orenburg zu denken, denn dort litt alles unter den Greueln der Belagerung. Sie selber hatte auf der ganzen Welt keine verwandte Menschenseele. So schlug ich ihr denn vor, zu meinen Eltern zu fahren. Zwar schwankte sie anfangs, denn ihr war bekannt, daß mein Vater ihr nicht wohlgesinnt war, und das schreckte sie zurück. Allein ich beruhigte sie bald. Ich wußte, daß mein Vater es für ein Glück erachten würde und für eine von selbst verständliche Pflicht der Ehre, die Tochter eines verdienten Offiziers, der für sein Vaterland gefallen war, bei sich aufzunehmen. »Marja Iwanowna, Teure!« sagte ich endlich, »ich sehe dich schon jetzt als mein Weib an. Wunderbare Ereignisse haben uns unauflöslich miteinander verbunden; es ist nichts auf der Welt, das uns je zu trennen vermöchte.« Und Marja Iwanowna hörte mich ruhig an, ohne gemachte Schämigkeit, ohne gezierte Ausreden. Sie wußte, daß ihr Schicksal hinfort mit meinem verknüpft war. Aber sie wiederholte, sie könne nicht anders mein Weib werden als mit der Zustimmung meiner Eltern. Ich dachte auch nicht daran, ihr zu widersprechen. Wir küßten uns aufrichtig und leidenschaftlich – und alles war zwischen uns im reinen. Eine Stunde darauf kam der Passierschein, der Kosakenunteroffizier brachte ihn mir, Pugatschow hatte irgendwie seinen Namen daruntergekritzelt – gleichzeitig wurde ich aufgefordert, zu ihm zu kommen. Ich traf ihn im Begriff, die Rückreise anzutreten. Es ist mir völlig unmöglich, zu schildern, was in mir vorging, als ich von diesem entsetzlichen Menschen Abschied nahm, diesem Ungeheuer, diesem Scheusal für alle anderen und einzig für mich nicht. Und warum die Wahrheit verheimlichen? Ein wirkliches Mitgefühl zog mich in diesem Augenblick zu ihm. Ich wünschte nichts sehnlicher, als ihn aus der Schar der Bösewichter, deren Anführer er war, zu reißen und auf diese Weise, bevor es zu spät war, seinen Kopf zu retten. Jedoch das Volk, das sich um uns drängte, und die Anwesenheit Schwabrins verhinderten mich daran, dem, womit mein Herz erfüllt war, Ausdruck zu verleihen. Wir schieden in Freundschaft. Pugatschow erblickte in der Menschenmenge Akulina Pamphilowna, drohte ihr scherzhaft mit dem Finger und zwinkerte ihr bedeutungsvoll zu, dann aber schwang er sich in den Schlitten und befahl, nach Berda zu fahren, allein er steckte alsbald seinen Kopf noch einmal heraus und schrie mir zu: »Leb wohl, Euer Gnaden! Mag sein, daß wir uns noch einmal wiedersehen.« Und in der Tat, wir sahen uns freilich wieder – aber unter welchen Umständen! ... Pugatschow war fort. Lange schaute ich ihm nach und verfolgte mit den Augen sein Dreigespann, das über die weiße Steppe dahinflog. Das Volk zerstreute sich. Schwabrin war verschwunden. Ich kehrte ins Haus des Priesters zurück. Alles war fertig zu unserer Abreise; ich sah keinen Anlaß, länger zu zaudern. Unser Hab und Gut war gepackt und lag im alten Fuhrwerk des Kommandanten. Die Kutscher spannten die Pferde an. Marja Iwanowna ging, vom Grabe ihrer Eltern Abschied zu nehmen; man hatte sie hinter der Kirche beigesetzt. Ich wollte sie begleiten; allein sie bat mich, sie allein zu lassen. Sie kehrte nach wenigen Minuten zurück und weinte still vor sich hin. Der Wagen fuhr vor. Der Priester Gerassim und seine Frau begleiteten uns bis vors Haus. Selbdritt nahmen wir im Innern des Wagens Platz: Marja Iwanowna mit ihrer Palaschka und ich. Ssaweljitsch kletterte auf den Bock. »Leb wohl, mein Täubchen Marja Iwanowna!« rief die brave Popenfrau. »Glückliche Reise! Gott segne euch alle beide!« So fuhren wir denn ab. Am Fenster des Kommandantenhauses stand Schwabrin. Finstere Wut sprach aus seinem Gesicht. Nicht willens, über den unterlegenen Feind zu triumphieren, bemühte ich mich, nach einer anderen Richtung zu blicken. Endlich kamen wir durchs Tor der Festung und verließen Bjelogorsk auf immerdar. So mit einem Male, und zwar so völlig unerwartet, mit dem geliebten Mädchen verbunden, um das ich mich noch am Morgen qualvoll gesorgt hatte, kam mir alles plötzlich irgendwie unglaublich vor, und ich dachte, das Ganze sei vielleicht nichts als ein leeres Traumgesicht. Marja Iwanowna sah gedankenvoll bald mich an und bald auf den Weg hinaus, sie war offenbar noch durchaus nicht zu sich gekommen, geschweige denn zur vollen Besinnung. Wir schwiegen. Unsere Herzen waren allzu ermattet. Ohne es recht zu merken, befanden wir uns bereits nach zwei Stunden in der nächsten Festung, die ebenfalls von Pugatschow erobert worden war. Hier wechselten wir die Pferde. Die Schnelligkeit, mit der das geschah, und die flinke Dienstfertigkeit, die der bärtige Kosak uns erwies, den Pugatschow hier zum Kommandanten bestellt hatte, bewiesen mir nur zu deutlich, daß man, dank der Schwatzhaftigkeit des Kutschers, der uns hergefahren hatte, mich vermutlich für eine dem Hof nahestehende Größe hielt. Und wieder ging es weiter. Die Dämmerung brach herein. Wir näherten uns einem Städtchen, in welchem wir, wie uns der bärtige Kommandant mitgeteilt hatte, einen größeren Truppenverband antreffen sollten, der gerade im Begriff stand, sich mit dem Heer des Usurpators zu vereinigen. Ein Wachtposten hielt uns an. Auf seine Frage: »Wer da?« entgegnete der Kutscher mit schallender Stimme: »Der Gevatter des Herrschers mit seiner jungen Hausfrau.« Sogleich umringte uns eine Husarenabteilung, und wir hörten furchtbares Fluchen. »Nur heraus, Gevatter des Satans«, brüllte mich ein schnauzbärtiger Wachtmeister an. »Dir und deiner jungen Hausfrau wollen wir jetzt tüchtig einheizen!« Ich stieg aus dem Wagen und verlangte, vor den Befehlshaber geführt zu werden. Als sie den Offizier erblickten, stellten die Soldaten augenblicks ihr Geschrei ein. Der Wachtmeister führte mich zum Major. Ssaweljitsch wich nicht von mir, brummte aber in einem fort vor sich hin: »Da haben wir den Gevatter des Herrschers! So kommt man aus dem Regen in die Traufe ... Gott und Herr! Wie wird das noch enden?« Der Wagen folgte uns im Schritt. Nach fünf Minuten kamen wir vor das hell erleuchtete Haus. Der Wachtmeister übergab mich dem Posten und ging, mich zu melden. Allein er kehrte sogleich zurück und teilte mir mit, daß Seine Hochwohlgeboren nicht in der Lage seien, mich zu empfangen, sondern befohlen hätten, mich ins Gefängnis zu bringen, meine junge Hausfrau hingegen hinaufzuführen. »Was soll das heißen?« schrie ich, rasend vor Wut. »Er ist wohl verrückt geworden?« »Das kann ich nicht entscheiden, Euer Wohlgeboren«, entgegnete der Wachtmeister. »Aber Seine Hochwohlgeboren haben befohlen, Euer Wohlgeboren ins Gefängnis zu bringen, und haben ferner befohlen, Euer Wohlgeboren vor Seine Hochwohlgeborenen zu führen, Euer Wohlgeboren.« Ich eilte ins Haus. Dem Posten fiel es nicht ein, mich aufzuhalten, und so lief ich denn schnurstracks ins Zimmer, wo ich die Husarenoffiziere, sechs Mann hoch, beim Kartenspiel antraf. Der Major hielt die Bank. Aber wer beschreibt mein Erstaunen, als ich in ihm jenen Iwan Iwanowitsch Surin erkannte, der seinerzeit in dem Gasthaus zu Ssimbirsk mir so viel abgenommen hatte! »Ist es möglich«, rief ich, »Iwan Iwanowitsch! Bist du das?« »Ah, das ist ja Pjotr Andrejewitsch! Wie kommst denn du her? Woher des Wegs? Willkommen, Bruder. Was meinst du zu einer Karte?« »Danke vielmals. Laß mir lieber Quartier anweisen.« »Wozu dir Quartier? Bleib doch bei mir.« »Unmöglich, ich bin nicht allein.« »Na, dann reich ihn her, deinen Kameraden.« »Es ist kein Kamerad, ich ... ich bin mit einer Dame hier.« »Mit einer Dame! Und wo hast du denn die aufgegabelt? Du bist mir einer, Brüderchen!« Und dabei pfiff er so ausdrucksvoll, daß alles rings in Lachen ausbrach, ich dagegen wurde völlig verwirrt. »Schön«, fuhr Surin fort, »wie du willst. Dein Quartier sollst du haben. Es tut mir leid ... Wir hätten so gut eins zechen können ... Heda! Kleiner! Wo bleibt denn die Gevatterin von dem Pugatschow? Ist sie vielleicht eigensinnig? Sagt ihr, sie soll sich nicht fürchten; der gnädige Herr sei ausgezeichnet, sie werde zufriedengestellt werden – und gebt ihr einen ordentlichen Rippenstoß.« »Welcher Unsinn!« unterbrach ich Surin, »was da, Gevatterin von Pugatschow! Es ist ja die Tochter des verstorbenen Hauptmanns Mironow. Ich habe sie aus der Gefangenschaft befreit und bringe sie jetzt zum Gut meines Vaters, wo sie einstweilen bleiben soll.« »Wie? Dann warst du das, von dem man mir soeben berichtete? Ja, hör mal! Was sind das für Geschichten?« »Das erzähl ich dir nachher. Jetzt aber beruhige um Gottes willen das arme Mädchen, deine Husaren haben sie zu Tode erschreckt.« Surin traf auf der Stelle seine Anordnungen. Er begab sich sogar auf die Straße, um sich vor Marja Iwanowna wegen des vorgekommenen Mißverständnisses zu entschuldigen; gleichzeitig befahl er dem Wachtmeister, ihr das beste Quartier in der ganzen Stadt anzuweisen. Ich dagegen blieb über Nacht bei ihm. Nachdem wir zu Abend gespeist hatten und allein geblieben waren, erzählte ich ihm mein Abenteuer. Surin hörte mit großer Aufmerksamkeit zu. Als ich zu Ende war, schüttelte er den Kopf und meinte nur: »Ja, Bruder, alles ganz schön und gut; nur das eine ist dumm: welcher Satan reitet dich, heiraten zu wollen? Schau mal, als honetter Offizier muß ich dir die Wahrheit sagen, glaub mir, die ganze Ehe ist nichts als eine Dummheit. Hast du es denn so notwendig, dich mit einer Frau zu plagen und die Kinderfrau zu spielen? Spuck darauf! Hör lieber auf mich, laß sie laufen, die Hauptmannstochter. Die Straße nach Ssimbirsk habe ich gesäubert, dort ist jetzt für den Reisenden keine Gefahr mehr. Laß sie also morgen zu deinen Eltern allein fahren und bleibe selber bei meinem Detachement. Nach Orenburg zurückzukehren ist überflüssig. Wenn du den Rebellen von neuem in die Hände fällst, wirst du nicht so billigen Kaufes davonkommen. Auf diese Weise wirst du am besten die ganze Liebesnarretei los, und alles wird sich schon einrenken.« War ich auch nicht in allem mit ihm eines Sinnes, so konnte ich mich doch nicht des Gefühles erwehren, daß das Gebot der Ehre gebieterisch meine Anwesenheit im Heere der Kaiserin erfordere. Ich entschloß mich, den Rat Surins zu befolgen und Marja Iwanowna zu meinen Eltern zu schicken, selber jedoch beim Detachement zu bleiben. Ssaweljitsch kam, mir beim Auskleiden behilflich zu sein; ich bedeudete ihm, sich am nächsten Tage fertigzuhalten, um die Reise mit Marja Iwanowna anzutreten. Er wollte erst nicht recht. »Was soll das, Herr? Wie könnte ich dich allein lassen? Wer wird auf dich achtgeben? Und was werden deine Eltern dazu sagen?« Da ich den Eigensinn meines guten Alten sehr wohl kannte, versuchte ich ihn durch Zureden und Aufrichtigkeit umzustimmen. »Archip Ssaweljitsch, du warst immer schon mein wahrer Freund!« so sprach ich zu ihm. »Schlag mir die Bitte nicht ab, erweise mir die Wohltat; du weißt selber, an Bedienung wird es mir nicht mangeln, aber wie könnte ich ruhig sein, wenn Marja Iwanowna allein und ohne dich diese Reise antritt? Wenn du ihr dienst, so dienst du hierdurch gleichzeitig auch mir, da es mein fester Entschluß ist, sie, sobald es die Verhältnisse einigermaßen zulassen, zu heiraten.« Ssaweljitsch schlug die Hände zusammen, er war einfach unbeschreiblich verblüfft. »Heiraten!« wiederholte er. »Was nicht gar, das Kind will heiraten! Und was wird denn der Herr Vater dazu sagen, und was soll das Mütterchen davon denken?« »Sie werden einwilligen, sie werden bestimmt einwilligen«, entgegnete ich, »wenn sie erst Marja Iwanowna kennengelernt haben werden. Ich setze meine Hoffnung auf dich. Vater und Mutter haben Vertrauen zu dir; du sollst unser Fürsprecher sein, was meinst du dazu?« »Väterchen, Väterchen, Pjotr Andrejewitsch!« antwortete er. »Ist es auch viel zu früh für dich, ans Heiraten zu denken, so ist doch Marja Iwanowna ein so vortreffliches Fräulein, daß es jammerschade wäre, diese Gelegenheit ungenützt vorübergehen zu lassen. Wie du meinst! Ich will sie begleiten, diesen Engel Gottes, und werde deinen Eltern mit aller Unterwürfigkeit unterbreiten, daß ein Bräutchen dieses Schlages wahrscheinlich keine Mitgift vonnöten hat.« Ich dankte Ssaweljitsch und begab mich im gleichen Zimmer mit Surin zu Bett. Ich war so erhitzt und aufgeregt, daß ich ins Schwatzen kam. Surin war anfangs gerne dabei, nach und nach jedoch wurden seine Worte immer seltener und verloren immer mehr den Zusammenhang; endlich ertönte statt der Antwort auf eine Frage, die ich ihm gestellt hatte, nur ein Schnarchen und ein pfeifendes Atmen. So verstummte denn auch ich und folgte seinem Beispiel. Tags darauf eilte ich schon in der Frühe zu Marja Iwanowna. Ich entdeckte ihr meine Absichten. Sie hielt sie für verständig und gab alsbald ihre Zustimmung. Surins Abteilung sollte noch am gleichen Tage aus der Stadt rücken. Wir mußten mithin eilen. So nahm ich denn selbst Abschied von Marja Iwanowna und überantwortete sie, nachdem ich ihr einen Brief an meine Eltern übergeben hatte, Ssaweljitsch. Marja Iwanowna brach in Tränen aus. »Lebe wohl, Pjotr Andrejewitsch«, sagte sie mit verhaltener Stimme. »Ob wir uns je wiedersehen werden oder nicht – weiß Gott allein; ich werde immerdar an dich denken; du allein wirst in meinem Herzen bleiben bis ans Grab.« Was konnte ich darauf erwidern? Wir waren nicht allein. Vor den Fremden wollte ich mich nicht den Gefühlen, die mich bewegten, hingeben. Sie reiste bald darauf ab. Still und traurig kehrte ich zu Surin zurück. Er versuchte mich aufzumuntern, und auch ich selber wollte mich zerstreuen; in Saus und Braus ging der Tag hin, am Abend rückten wir ins Feld. Es war unterdessen Ende Februar geworden. Der Winter, der die militärischen Unternehmungen gehemmt hatte, war vorüber, und unsere Generäle trafen Vorkehrungen zu einem gemeinsamen Vorrücken. Pugatschow stand immer noch vor Orenburg. Inzwischen hatten sich unweit von ihm die verschiedenen Heeresgruppen vereinigt, und nun drang man von allen Seiten gegen das Räubernest vor. Die aufständischen Dörfer unterwarfen sich, sobald sie unserer Truppen ansichtig wurden; die Räuberbanden flohen vor uns, und so schien einer schnellen und siegreichen Durchführung des Feldzuges nichts mehr im Wege zu stehen. Bald darauf gelang es dem Fürsten Golizyn, bei der Festung Tatischtschewo Pugatschow zu schlagen, er zerstreute dessen Scharen, entsetzte Orenburg und hatte, wie es schien, dem Aufruhr den letzten und entscheidenden Schlag versetzt. Surin erhielt gleichzeitig den Befehl, gegen eine Horde rebellischer Baschkiren vorzugehen, allein noch ehe wir sie zu Gesicht bekamen, waren sie schon in alle Winde. Wir lagerten gerade in einem kleinen Tatarendorf, als der Frühling über uns kam. Die Flüsse traten aus ihren Ufern, und die Wege waren nicht mehr zu passieren. In unserer Tatenlosigkeit war uns der Gedanke ein Trost, daß nunmehr dieser langweilige Kleinkrieg mit Räubern und Wilden seinem Ende entgegengehe. Allein Pugatschow war entwischt. Er tauchte bald darauf in den sibirischen Bergwerken auf, sammelte neue Banden und begann aufs neue sein Unwesen. Und wieder schossen überall die Gerüchte von seinen Erfolgen empor. Wir erfuhren, daß er einige sibirische Festungen zerstört habe. Kurz danach kam die Nachricht von der Einnahme Kasans; der Marsch des Usurpators auf Moskau endlich bewirkte, daß unsere Heerführer aufwachten, die so lange in der Hoffnung auf die Schwäche des verachteten Aufwieglers sorglos geschlummert hatten. Surin erhielt den Befehl, über die Wolga zu setzen. Es hat keinen Sinn, unsern Feldzug und das Ende des Krieges zu schildern. Ich will nur kurz mitteilen, daß die Not bis zum äußersten gestiegen war. Die Behörden hatten ihre Tätigkeit eingestellt; die Gutsbesitzer flüchteten in die Wälder. An allen Enden wüteten Räuberbanden; die Befehlshaber der einzelnen Abteilungen straften und begnadigten, wie es ihnen gut dünkte; der Zustand des ganzen umfangreichen Landstriches, in dem die Feuersbrunst wütete, war wahrscheinlich entsetzlich ... Gott bewahre uns davor, jemals einen russischen Aufruhr zu erleben, weil er immer sinnlos und unbarmherzig ist. Endlich ergriff Pugatschow die Flucht, verfolgt von Iwan Iwanowitsch Michelson. Bald darauf kam die Nachricht, daß er völlig aufgerieben sei. Endlich erhielt Surin die Mitteilung, daß der Usurpator gefangen sei, gleichzeitig wurde uns befohlen haltzumachen. Der Krieg war zu Ende. Es bestand mithin für mich die Möglichkeit, zu meinen Eltern zu fahren. Der Gedanke, daß ich diese nun bald umarmen würde und auch Marja Iwanowna, von der ich überhaupt keine Nachricht hatte, wiedersehen dürfte, begeisterte mich wie ein Rausch. Ich hüpfte wie ein Kind. Surin lachte mich aus und meinte achselzuckend: »Nein! nein! Du wirst kein gutes Ende nehmen! Heiraten bedeutet nutzlos zugrunde gehen!« Allein ein sonderbares Gefühl vergällte meine Freude, es war der Gedanke an den Bösewicht, der die Blutschuld an so viel unschuldigen Opfern auf sich geladen hatte, der Gedanke an die Hinrichtung, die ihm bevorstand – dies beunruhigte mich unwillkürlich. »Warum hast du dich nicht rechtzeitig in ein Bajonett gestürzt oder vor eine Kartätsche gestellt?« dachte ich manchmal verstimmt. »Etwas Besseres hättest du nicht ersinnen können.« Was hätte ich tun sollen! Der Gedanke an ihn war unauflöslich mit dem Gedanken an jene Begnadigung verbunden, die er mir in einer der furchtbarsten Minuten meines Lebens zuteil werden ließ, und ebenso mit dem Gedanken, daß er meine Braut aus den Händen des abscheulichen Schwabrin befreit hatte. Surin gab mir natürlich sofort Urlaub. Nur noch wenige Tage, und ich sollte wieder im Kreise der Meinigen weilen und Marja Iwanowna wiedersehen ... Aber da brach unerwartet ein Wetter über mich herein. Am Tage meiner Abreise, ja fast in der gleichen Minute, als alles so weit war, daß ich endlich abfahren konnte, trat Surin in meine Hütte; er hielt ein Papier in der Hand, seine Miene war außergewöhnlich bekümmert. Es gab mir einen Stich ins Herz. Ich erschrak und wußte nicht, warum. Er schickte meinen Diener hinaus und teilte mir mit, er müsse mit mir sprechen. »Was gibt es?« fragte ich beunruhigt. – »Eine dumme Sache«, entgegnete er und reichte mir das Papier. »Lies, was mir diesen Augenblick zugestellt wurde.« Und ich las: es war ein Geheim- erlaß an alle Abteilungskommandanten, mich zu verhaften, wo immer ich mich auch aufhielt, mich ohne Verzug unter Bedeckung nach Kasan transportieren zu lassen und mich der Untersuchungskommission zuzuführen, die in allen Angelegenheiten, die Pugatschow betrafen, eingesetzt worden war. Das Papier wäre mir fast aus der Hand gefallen. »Nichts zu machen!« sagte Surin. »Es ist meine Pflicht, dem Erlaß zu gehorchen. Vermutlich sind irgendwelche Gerüchte über deine freundschaftlichen Fahrten mit Pugatschow bis zu den Ohren der Regierung gedrungen. Ich hoffe, daß die Sache keine Folgen haben wird und daß es dir gelingen wird, dich vor der Kommission zu rechtfertigen. Verzage nicht und mach dich auf den Weg.« Mein Gewissen war rein, ich scheute das Gericht keineswegs; nur das eine war mir entsetzlich, die Minute des seligen Wiedersehens wieder ferner gerückt zu sehen, vielleicht sogar auf einige Monate. Unterdessen fuhr der Wagen vor. Surin nahm auf das freundschaftlichste von mir Abschied. Ich wurde in den Wagen gehoben. Neben mir saßen zwei Husaren mit gezogenen Säbeln, und so fuhr ich denn ab, die Hauptstraße entlang.   Ich war davon überzeugt, daß an allem nur meine eigenmächtige Entfernung aus Orenburg schuld war. Allein es war mir leicht, mich zu rechtfertigen: nicht nur waren uns zu keiner Zeit Reiterstückchen verboten worden, sondern wir wurden sogar auf jede Weise dazu ermuntert. Man konnte mir zu große Verwegenheit vorwerfen, doch keine Unbotmäßigkeit. Freilich konnten andererseits meine freundschaftlichen Beziehungen zu Pugatschow durch viele Zeugen erwiesen werden, und es lag auf der Hand, daß sie zum mindesten als sehr verdächtig ausgelegt werden konnten. Während des ganzen Weges beschäftigte mich der Gedanke an die Verhöre, die mich sicherlich erwarteten, ich legte mir meine Antworten zurecht und war fest entschlossen, vor Gericht nur die lauterste Wahrheit auszusagen, denn diese Methode der Rechtfertigung hielt ich nicht nur für die einfachste, sondern auch für die allerbeste. So traf ich denn in Kasan ein, es sah verwüstet und abgebrannt aus. Auf den Straßen sah man an Stelle der Häuser verkohlte Trümmerhaufen, hie und da ragten rauchgeschwärzte Wände empor ohne Dächer und Fenster. Das war die Spur, die Pugatschow hinterlassen hatte! Man brachte mich zum Festungswerk, das allein inmitten der niedergebrannten Stadt unversehrt geblieben war. Die Husaren übergaben mich dem wachhabenden Offizier. Dieser ließ den Schmied rufen. Meine Füße wurden in Ketten gelegt, die fest zusammengeschmiedet wurden. Darauf wurde ich in den Kerker geführt und in einem engen dunklen Loch eingesperrt, das aus vier kahlen Wänden bestand mit einem winzigen, dicht vergitterten Fensterchen. Dieser Anfang verhieß wenig Gutes. Dennoch ließ ich meinen Mut nicht sinken und verlor auch die Hoffnung nicht. Ich nahm meine Zuflucht zu dem Troste aller Bekümmerten und schlief beruhigt ein, nachdem ich zum ersten Male die Süßigkeit des Gebetes, das aus reinem, aber gepeinigtem Herzen strömt, gekostet hatte, ohne mich darum zu sorgen, was mit mir geschehen werde. Tags darauf weckte mich der Gefängnisschließer mit der Mitteilung, ich solle der Kommission vorgeführt werden. Ich wurde von zwei Soldaten über den Hof in die Kommandantur gebracht, sie blieben im Vorsaal zurück und ließen mich allein in die inneren Gemächer treten. Ich kam in einen ziemlich geräumigen Saal. An einem ganz mit Papieren überhäuften Tisch saßen zwei Männer: ein bereits bejahrter General, dessen Miene streng und eisig war, und ein junger Hauptmann der Garde, der etwa achtundzwanzig Jahre alt sein mochte und sehr angenehm aussah, er war im Umgang gewandt und sicher. Am Fenster saß über seine Papiere gebeugt der Sekretär an einem besonderen Tisch, die Feder hinterm Ohr; er schickte sich an, meine Aussagen niederzuschreiben. So begann das Verhör. Zuerst wurde ich nach meinem Namen und meinem Stand gefragt. Der General erkundigte sich, ob ich nicht ein Sohn des Andrej Petrowitsch Grinew sei? Und als ich die Frage beantwortet hatte, warf er mit rauhem Tone hin: »Schade, daß ein so ehrenwerter Mann einen so nichtswürdigen Sohn hat!« Mit größter Ruhe entgegnete ich ihm, daß, welcher Art auch die Beschuldigungen seien, die gegen mich schwebten, ich sie dennoch durch die freimütige Schilderung des wahren Sachverhaltes zu zerstreuen hoffte. Meine Zuversicht wollte ihm keineswegs gefallen. »Du bist ein Pfiffikus, Bruder«, sagte er und runzelte die Stirn, »wir haben schon mehr deinesgleichen gesehen!« Darauf fragte mich der jüngere Mann, bei welcher Gelegenheit und zu welcher Zeit ich in Pugatschows Dienst getreten sei und zu welcher Art Aufträgen ich von ihm verwendet worden sei. Mit lebhaftem Unwillen entgegnete ich, daß ich, als Offizier und Edelmann, in keinerlei Dienstverhältnis zu Pugatschow treten konnte und auch keinerlei Aufträge von ihm jemals entgegengenommen hatte. »Wieso konnte es dann geschehen«, entgegnete er, »daß einzig dieser Offizier und Edelmann vom Usurpator verschont wurde, während alle seine Kameraden auf bestialische Weise ermordet wurden? Wieso kam es, daß dieser selbe Offizier und Edelmann auf Freundesart mit den Rebellen zechte und vom Haupthalunken sogar Geschenke annahm, einen Pelz, ein Pferd und einen halben Rubel in barem Gelde? Woher stammte diese eigentümliche Freundschaft und worauf konnte sie wohl beruhen, wenn nicht auf Verrat oder zum mindesten auf niedriger, verbrecherischer Feigheit?« Diese Worte des Gardeoffiziers verletzten mich auf das äußerste, und mit größter Leidenschaft begann ich meine Rechtfertigung. Ich erzählte von jenem Schneesturm in der Steppe und wie damals meine Bekanntschaft mit Pugatschow angefangen hatte und daß er mich bei der Einnahme der Festung Bjelogorsk nur begnadigte, weil er mich erkannt hatte. Ich sagte, daß ich in der Tat keinen Hinderungsgrund, das Pferd und den Pelz vom Usurpator entgegenzunehmen, gesehen hätte; doch daß ich hingegen die Festung Bjelogorsk bis zur äußersten Möglichkeit gegen die Übeltäter verteidigt hätte. Schließlich berief ich mich auch auf meinen General, der meinen Eifer zur Zeit der unglücklichen Belagerung von Orenburg wohl bezeugen dürfte. Da ergriff der strenge alte Herr einen auf dem Tisch liegenden bereits geöffneten Brief und las ihn laut vor: »Zu der Anfrage Eurer Exzellenz hinsichtlich des Fähnrichs Grinew, ob er in die gegenwärtigen Unruhen verwickelt und in dienstwidrige und den Fahneneid verletzende Beziehungen zum Übeltäter getreten sei, habe ich die Ehre, folgendes zu melden: Besagter Fähnrich Grinew stand in Orenburg im Dienst vom Anfang Oktober des vorigen 1773er Jahres bis zum 27. Februar des laufenden Jahres, an welchem Tage er sich aus der Stadt entfernte und seit der Zeit nicht mehr unter meinem Kommando gewesen ist. Den Aussagen von Überläufern jedoch konnte man entnehmen, daß er im Hauptquartier Pugatschows geweilt habe und ferner mit ihm zusammen nach der Festung Bjelogorsk gereist sei, wo Besagter vormals im Dienst stand; bezüglich seiner Aufführung kann ich...« Hier unterbrach er die Lektüre und fragte mich rauh: »Was kannst du hierauf zu deiner Rechtfertigung anführen?« Es war eigentlich meine Absicht gewesen, fortzufahren, wie ich begonnen, und auch meine Beziehungen zu Marja Iwanowna genauso freimütig zu offenbaren wie alles übrige, plötzlich jedoch überkam mich ein unüberwindlicher Abscheu davor. Mir schoß durch den Kopf, daß, wenn ich sie nannte, die Kommission sie zweifellos vorladen würde, allein schon der Gedanke, ihren Namen mit den widerlichen Bezichtigungen von Halunken in Zusammenhang zu bringen, ja womöglich die Ursache zu sein, daß sie mit solchen konfrontiert würde – dieser greuliche Gedanke war so überwältigend, daß ich unwillkürlich stockte und in Verwirrung geriet. Beim Anblick meiner Bestürzung gewann bei meinen Richtern, die anscheinend bereits begonnen hatten, meine Aussagen mit einer gewissen Geneigtheit anzuhören, die alte Voreingenommenheit wieder Oberhand. Der Gardeoffizier verlangte, daß ich mit dem Hauptangeber konfrontiert werden solle. Der General befahl, den gestrigen Schuft zu holen. Gespannt drehte ich mich zur Türe, das Erscheinen meines Anklägers erwartend. Einige Minuten darauf hörte ich das Geklirr von Ketten, die Türe ging auf, und wen mußte ich erblicken? Es war Schwabrin. Es überraschte mich, wie ungemein er sich verändert hatte. Er sah entsetzlich blaß und abgemagert aus. Seine Haare, noch vor kurzem pechschwarz, waren völlig grau geworden; sein Bart war lang und struppig. Er wiederholte seine Anschuldigungen mit leiser, aber sicherer Stimme. Er sagte, ich sei von Pugatschow als Spion nach Orenburg entsendet worden; ich hätte während der täglich stattfindenden Reiterscharmützel dem Feinde schriftliche Nachrichten über alles zukommen lassen, was in der Stadt vorging; endlich sei ich offen zum Usurpator übergegangen und sei mit ihm von Festung zu Festung gereist, und zwar mit der Absicht, meine Kameraden, die ebenfalls Verrat geübt hätten, zu verderben, um ihre Posten einzunehmen und die Belohnungen, die der Usurpator verteilte, einzustecken. Schweigend hörte ich zu, befriedigt nur von dem einen: Marja Iwanownas Name kam nicht über die Lippen des widerwärtigen Schurken; sei es nun, daß seine Eigenliebe zu sehr bei dem Gedanken an jene, die ihn mit Verachtung zurückgewiesen hatte, leiden mußte, oder geschah es vielleicht, weil auch in seinem Herzen verborgen ein Funken jenes Gefühles glomm, das mich schweigen ließ. Wie immer dem auch sei, der Name der Tochter des Kommandanten von Bjelogorsk wurde vor der Untersuchungskommission nicht genannt. Ich überzeugte mich immer mehr davon, daß mein Entschluß richtig war, und als schließlich meine Richter fragten, wodurch ich Schwabrins Angaben widerlegen wolle, antwortete ich nur, daß ich mich an meine erste Aussage hielte und nichts anderes zu meiner Rechtfertigung anzuführen hätte. Darauf befahl der General, uns abzuführen. Wir gingen zusammen hinaus. Mit großer Ruhe betrachtete ich Schwabrin, allein ich sprach kein Wort zu ihm. Er lachte sein boshaftes Lachen und überholte mich, indem er seine Ketten in die Höhe raffte und seinen Schritt beschleunigte. So wurde ich denn wiederum in den Kerker geworfen und seit jenem Tage zu keinem Verhöre mehr vorgeladen. Zum Schluß habe ich dem Leser nur noch einige Vorgänge mitzuteilen, die ich zwar nicht selber miterlebt habe, aber von denen ich so häufig erzählen hörte, daß selbst die geringsten Einzelheiten sich meinem Gedächtnis eingeprägt haben, so daß es mir zuweilen fast vorkommen will, als ob ich selber allem unsichtbar beigewohnt hätte. Marja Iwanowna wurde von meinen Eltern mit jener aufrichtigen Gutherzigkeit aufgenommen, die ein Kennzeichen der Leute des alten Schlages ist. Sie erblickten eine Wohltat Gottes darin, daß es ihnen vergönnt war, einer verlassenen Waise Obdach zu geben und sie nach Kräften aufzurichten. Nicht lange, und sie waren ihr innig zugetan, denn es war ja ein Ding der Unmöglichkeit, sie kennenzulernen und nicht liebzugewinnen. Mein Vater sah nunmehr meine Liebe nicht als eine pure Dummheit an, meine Mutter wünschte nichts ehrlicher, als daß ihr Petruscha die liebliche Hauptmannstochter bald heiraten möge. Das Gerücht von meiner Verhaftung war ein Schlag für meine ganze Familie. Marja Iwanowna hatte meinen Eltern meine wunderliche Bekanntschaft mit Pugatschow so schlicht geschildert, daß diese sich nicht nur deswegen keineswegs beunruhigten, sondern sogar häufig von ganzem Herzen darüber lachten. Darum sträubte sich auch mein Vater, daran zu glauben, daß ich in den scheußlichen Aufruhr verwickelt sein könnte, dessen Ziel ja doch nur Thronsturz und Ausrottung des Adels waren. Trotzdem stellte er ein strenges Verhör mit Ssaweljitsch an. Mein alter Erzieher verhehlte natürlich nicht, daß freilich sein Herr zu Gast bei Jemeljan Pugatschow gewesen sei und daß der Bösewicht ihm Wohlwollen erwiesen habe; aber er schwur gleichzeitig, daß von irgendwelchem Verrat auch nicht die Rede sein könnte. Meine betagten Eltern beruhigten sich hierbei und erwarteten voller Ungeduld das Eintreffen günstiger Nachrichten. Marja Iwanowna hingegen war heftig erschüttert, schwieg jedoch, da ihr die Gabe der Bescheidenheit und der Rücksicht im höchsten Maße zu eigen war. So vergingen einige Wochen ... Plötzlich erhielt mein Vater einen Brief aus Petersburg, und zwar von unserem Verwandten, dem Fürsten B. Der Brief des Fürsten betraf mich. Nach der üblichen Einleitung teilte er ihm mit, daß zu seinem Leidwesen der Verdacht bezüglich meiner Mitwirkung an den Plänen der Rebellen sich als nur zu begründet erwiesen habe und daß mir demzufolge eine exemplarische Strafe habe zuerkannt werden müssen, daß jedoch Ihre Majestät aus Rücksicht auf die Verdienste und das ehrwürdige Alter des Vaters beschlossen habe, den verbrecherischen Sohn zu begnadigen, und, das entehrende Urteil kassierend, lediglich befohlen habe, ihn zu ewiger Verbannung in einen entfernten Strich Sibiriens zu bringen. Dieser unverhoffte Schlag kostete meinen Vater fast das Leben. Dieses Mal war es aus mit seiner gewöhnlichen Standhaftigkeit, und sein Kummer (den er meist verborgen hielt) ergoß sich in bitterem Klagen: »Wie!« rief er außer sich. »Mein eigener Sohn hat an den Absichten Pugatschows teilgenommen! Gerechter Gott, und das mußte ich erleben! Die Kaiserin hat das Urteil kassiert! Wird es dadurch für mich etwa erträglich? Die Strafe schreckt mich nicht, starb mein Ahne doch auf dem Richtplatz, als er dafür einstand, was er für das unantastbare Heiligtum seines Gewissens hielt! Mein eigener Vater hat gemeinsam mit Wolynskij und Chruschtschow leiden müssen. Aber ein Edelmann, der seinen Eid bricht, der sich mit Räubern verbündet, mit Mördern und mit entlaufenen Sklaven! Schmach und Schande unserem Hause!...« Mein Mütterchen war über diesen Ausbruch der Verzweiflung so erschrocken, daß sie es nicht wagte, in seiner Gegenwart zu weinen, und nur das eine im Sinne hatte, ihn zu ermutigen, indem sie beständig von der Unzuverlässigkeit der Gerüdite und vom Wankelmut der Menschen sprach. Allein mein Vater war untröstlich. Marja Iwanowna litt noch mehr als die anderen. Sie war davon überzeugt, daß es mir ein leichtes gewesen wäre, mich zu rechtfertigen, sobald ich es nur gewollt hätte, denn sie erriet den Grund, warum ich schwieg, und hielt sich heimlich für die Urheberin meines Elends. Allein sie verbarg ihre Tränen und ihren Gram vor allen und dachte nur unablässig daran, auf welche Weise sie mich retten könnte. Eines Abends saß mein Vater wie immer auf dem Kanapee und blätterte im »Hofkalender«, aber seine Gedanken waren ganz woanders, und so vermochte diesmal die Lektüre nicht, ihren gewöhnlichen Einfluß auf ihn auszuüben. Er pfiff einen altmodischen Marsch vor sich hin. Mein Mütterchen strickte schweigend an einem wollenen Kamisol, und ab und zu tropften Tränen auf ihre Arbeit. Plötzlich rückt Marja Iwanowna, die dort mit einer Handarbeit beschäftigt saß, mit der Mitteilung heraus, daß eine gebieterische Notwendigkeit es erfordere, daß sie sich unverzüglich nach Petersburg begebe, und daß sie darum bitte, sie hinzuschaffen. Mein Mütterchen war hierüber sehr betrübt. »Wozu mußt du denn nach Petersburg?« fragte sie. »Marja Iwanowna, willst du uns wirklich verlassen?« Aber Marja Iwanowna entgegnete, ihr ganzes ferneres Schicksal hänge von dieser Fahrt ab und sie müsse als die Tochter eines Mannes, der um seiner Treue willen gelitten habe, jetzt unbedingt dorthin fahren, um die Unterstützung und die Hilfe einflußreicher Leute zu gewinnen. Mein Vater beugte sein Haupt, wie ein ätzender Vorwurf berührte ihn jedes Wort, das ihn an das vermeintliche Verbrechen seines Sohnes erinnerte. »Fahr zu, Mütterchen!« gab er ihr seufzend zur Antwort. »Es sei ferne von uns, deinem Glück im Wege zu stehn. Gott gebe dir einen redlichen Menschen zum Mann und nicht einen ehrlosen Verräter.« Hiermit stand er auf und verließ das Gemach. Als Marja Iwanowna mit meiner Mutter allein war, eröffnete sie ihr zum Teile, was sie beabsichtigte. Und mein Mütterchen umarmte sie unter Tränen und flehte zu Gott, Er möge das Vorhaben zu einem glücklichen Ende führen. Marja Iwanowna wurde mit allem versehen und reiste schon nach wenigen Tagen ab, begleitet von ihrer treuen Palaschka und dem treuen Ssaweljitsch, der, so gewaltsam von mir getrennt, den einzigen Trost im Gedanken fand, daß er wenigstens meiner Braut diene. Marja Iwanowna langte wohlbehalten in dem Petersburger Vororte Sophia an und entschloß sich, dort ihren Aufenthalt zu nehmen. Ein Logis war bald gefunden, war es auch nur ein Verschlag hinter einer spanischen Wand. Die Frau des Aufsehers kam sogleich ins Gespräch mit ihr und erzählte ihr unter anderem, sie sei die Nichte eines Hofheizers, und weihte sie unverzüglich in alle Geheimnisse des Hoflebens ein. Sie wußte, um welche Stunde die Kaiserin gewöhnlich aufzuwachen pflegte und wann sie den Kaffee zu sich zu nehmen geruhte und wann sie ihren Spaziergang machte; ihr war bekannt, welche Würdenträger sie umgeben durften; und welche Worte sie geruht hatte gestern bei sich zu sprechen; und wer aller des Abends empfangen worden war. Kurzum, was Anna Wlasjewna zu sagen wußte, war viele Seiten historischer Erinnerung wert und wäre für die Nachwelt unschätzbar. Aufmerksam hörte ihr Marja Iwanowna zu. Darauf gingen sie in den Park. Anna Wlasjewna kannte die Geschichte jeder Allee und jedes Brückchens, und nachdem sie sattsam spazieren gegangen waren, kehrten sie wieder zurück und gingen schließlich tiefbefriedigt voneinander zu Bett. Des anderen Tages erwachte Marja Iwanowna bereits in aller Morgenfrühe, zog sich leise an und ging in den Park. Es war ein wundervoller Morgen, die Sonnenstrahlen spielten auf den Gipfeln der Linden. Der breite See schimmerte reglos. Die Schwäne schwammen majestätisch aus den Büschen hervor. Marja Iwanowna war gerade zu einer prächtigen Wiese gekommen. Da schlug plötzlich ganz in ihrer Nähe ein weißes Hündchen laut an und lief auf sie zu. Marja Iwanowna erschrak und blieb stehen. Im gleichen Augenblick ertönte eine angenehme Frauenstimme: »Keine Furcht, er beißt nicht.« Marja Iwanowna erblickte auf der Bank, die einem Denkmal gegenüberstand, eine Dame. Marja Iwanowna nahm auf dem anderen Ende der Bank Platz. Die Dame musterte sie aufmerksam; aber auch Marja Iwanowna, die sich ihrerseits nur mit einigen schnellen Seitenblicken begnügt hatte, vermochte es, ihre Nachbarin von Kopf bis zu Fuß zu besichtigen. Sie trug ein weißes Morgenkleid, eine Nachthaube und eine Wolljacke. Sie mochte einige vierzig Jahre alt sein. Ihr rundliches und rosiges Gesicht atmete Würde und Ruhe, aber die blauen Augen und das sanfte Lächeln waren von unbeschreiblicher Anmut. Die Dame unterbrach als erste das Schweigen. »Sie sind gewiß nicht von hier?« fragte sie. »In der Tat, ich bin erst gestern aus der Provinz gekommen.« »Sie sind wohl mit Ihren Angehörigen hier?« »Keineswegs, ich kam allein.« »Allein! Sie sind doch noch so jung?« »Ich habe weder Vater mehr noch Mutter.« »Sie reisten zweifellos her, um irgendwelche Angelegenheiten zu regeln?« »Allerdings. Ich will der Kaiserin eine Bittschrift überreichen.« »Sie sind eine Waise; ich nehme daher an, daß Sie sich über Bedrückung und Kränkungen zu beklagen haben.« »Keineswegs. Ich kam, um eine Gnade zu erbitten, nicht etwa eine Gerechtigkeit.« »Darf ich fragen, wen ich vor mir sehe?« »Ich bin die Tochter des Hauptmanns Mironow.« »Mironows Tochter! Desselben, der Kommandant einer der Orenburger Festungen war?« »In der Tat.« Die Dame schien gerührt. »Verzeihen Sie«, sprach sie in womöglich noch freundlicherem Tone, »wenn ich mich in Ihre Angelegenheiten einmische, ich verkehre zuweilen bei Hofe; teilen Sie mir bitte mit, worin das Gesuch besteht; es könnte möglich sein, daß es mir gelänge, Ihnen behilflich zu werden.« Marja Iwanowna erhob sich und dankte ihr respektvoll. Unwillkürlich zog es sie zu der Unbekannten, die ihr ein großes Vertrauen einflößte. Marja Iwanowna holte das bereits gefaltete Papier aus ihrem Beutel und überreichte es der fremden Gönnerin, die es still zu lesen begann. Anfangs las diese das Gesuch mit aufmerksamer und wohlwollender Miene; plötzlich jedoch veränderte sich der Ausdruck ihres Gesichtes - und Marja Iwanowna, deren Augen gespannt jede ihrer Regungen verfolgten, erschrak vor der Strenge dieses Antlitzes, das noch vor wenigen Augenblicken so angenehm und so ruhig ausgesehen hatte. »Sie bitten für Grinew?« sagte die Dame kalt. »Die Kaiserin kann ihm nicht verzeihen. Nicht Dummheit oder Leichtgläubigkeit hat ihn zu dem Usurpator geführt, er schloß sich ihm an, weil er ein liederlicher und gefährlicher Taugenichts ist.« »Ach, das ist nicht wahr!« rief Marja Iwanowna. »Was? Nicht wahr?« brauste die Dame auf, rot vor Zorn. »Nein, es ist nicht wahr, bei Gott, es ist nicht wahr! Ich allein weiß alles und will es Ihnen erzählen. Nur mir zuliebe, einzig meinetwegen hat er sich all dem ausgesetzt, was man ihm jetzt vorwirft. Und daß er sich vor Gericht nicht rechtfertigen konnte, kam sicher nur deswegen, weil er mich nicht mit hinein verwickeln wollte.« Voller Eifer begann sie darauf, das zu schildern, was dem Leser bereits bekannt ist. Aufmerksam hörte die Dame zu. »Wo wohnen Sie?« fragte sie schließlich und sagte dann, als sie Anna Wlasjewnas Namen vernahm, mit einem kleinen Lächeln: »Ach so! Ich weiß schon. Leben Sie wohl und sagen Sie keinem von dieser Begegnung. Ich hoffe, daß die Antwort auf Ihren Brief nicht lange auf sich warten lassen wird.« Damit stand sie auf und ging durch einen Laubengang, Marja Iwanowna dagegen kehrte voll freudiger Hoffnung zu Anna Wlasjewna zurück. Die Hausfrau schalt sie wegen des frühen Herbstspazierganges, das sei schädlich und besonders nachteilig für die Gesundheit junger Mädchen. Sie brachte den Samowar herbei, kaum jedoch hatte sie sich zu einer Tasse Tee niedergelassen und eine ihrer endlosen Erzählungen über den Hof begonnen, da fuhr auch schon eine Hofkutsche vor, und ein Kammerlakai trat mit der Meldung ein, Ihre Majestät geruhe, die Jungfrau Mironowa zu sich zu bitten. Anna Wlasjewna war überrascht, bekundete jedoch ihren Eifer. »Du mein Gott!« rief sie. »Die Herrscherin verlangt, daß Sie bei Hofe erscheinen. Wie kann sie nur Ihre Anwesenheit erfahren haben? Und wie werden Sie sich denn, Mütterchen, der Kaiserin vorstellen? Sie kennen ja, wenn ich recht sehe, nicht einmal den Hofknix. Vielleicht wäre es besser, ich begleite Sie? Ich könnte Sie immerhin aufmerksam machen. Und wie wollen Sie denn hin? Doch nicht in diesem Reisekleid? Sollte ich nicht lieber zur Hebamme schicken und sie um ihren gelben Reifrock bitten?« Allein der Kammerlakai sagte, Ihre Majestät hätten gewünscht, Marja Iwanowna möge allein kommen, und zwar so, wie man sie gerade antreffe. Es war nichts zu machen, Marja Iwanowna nahm in der Kutsche Platz und fuhr zum Schloß, begleitet von den Ratschlägen und den Segenswünschen Anna Wlasjewnas. Marja Iwanowna ahnte, daß sich unser Schicksal jetzt entscheiden müsse; ihr Herz klopfte stark und unregelmäßig. Wenige Minuten darauf hielt die Kutsche vor dem Schloß. Zitternd stieg Marja Iwanowna die Treppe hinan. Die Türe flog vor ihr auf. Der Kammerdiener zeigte ihr den Weg, es war eine Reihe leerer, prächtiger Zimmer. Endlich vor einer verschlossenen Türe ließ er sie allein. Nun mußte sie gleich die Kaiserin von Angesicht zu Angesicht sehen. Dieser Gedanke erschreckte sie so sehr, daß sie sich kaum mehr auf den Beinen halten konnte. Eine Minute darauf öffnete sich die Türe und sie trat in das Ankleidezimmer der Herrscherin. Die Kaiserin war bei der Toilette. Sie war von einigen Hofbeamten umgeben, die voll Ehrerbietung Marja Iwanowna Platz machten. Liebevoll wandte sich die Herrscherin zu ihr, und da erkannte Marja Iwanowna jene Dame, mit der sie vor wenigen Minuten so freimütig gesprochen hatte. Die Herrscherin winkte sie heran und sprach mit einem Lächeln: »Ich freue mich, daß es mir vergönne ist, mein Wort zu halten und Ihre Bitte erfüllen zu können. Ihre Sache ist geregelt. Ich bin von der Schuldlosigkeit Ihres Bräutigams überzeugt. Diesen Brief bitte ich Sie Ihrem zukünftigen Schwiegervater zu überbringen.« Mit zitternder Hand empfing Marja Iwanowna den Brief, sie schluchzte auf und sank zu den Füßen der Kaiserin nieder, wurde jedoch gleich von dieser aufgehoben und geküßt. Die Herrscherin zog sie ins Gespräch. »Ich weiß, daß Sie kein Vermögen haben«, meinte sie schließlich, »aber ich glaube, daß ich die Schuldnerin der Tochter des Hauptmanns Mironow bin. Machen Sie sich um Ihre Zukunft keine Sorgen. Ich nehme es auf mich, Ihr Vermögen zu begründen.« Nachdem die Kaiserin von ihr Abschied genommen hatte, wurde sie entlassen. In der gleichen Hofkutsche, in der sie gekommen war, fuhr Marja Iwanowna wieder zurück. Anna Wlasjewna, die außer sich vor Ungeduld ihre Heimkehr erwartete, überschüttete sie mit Fragen, aber Marja Iwanowna konnte immer nur antworten, wie's gerade kam. Und wenn auch Anna Wlasjewna mit dieser Verwirrung eigentlich recht unzufrieden war, so schrieb sie das doch in der Hauptsache der Verlegenheit des Landfräuleins zu und entschuldigte es großmütig. Am gleichen Tage reiste Marja Iwanowna, die nicht einmal aus Neugierde einen Blick auf Petersburg warf, wieder auf unser Gut zurück ...   Hier brechen die Aufzeichnungen Pjotr Andrejewitsch Grinews ab. Die Familien-Chronik berichtet, daß er gegen Ende des 1774er Jahres durch einen namentlichen Erlaß von seiner Einkerkerung befreit wurde; daß er darauf der Hinrichtung Pugatschows beigewohnt und daß dieser ihn in der Menge erkannt und ihm zugenickt habe, wenige Augenblicke später sei dann sein Haupt tot und blutbesudelt dem Volke gezeigt worden. Bald danach vermählte sich Pjotr Andrejewitsch mit Marja Iwanowna. Ihre Nachkommenschaft blüht im Ssimbirskschen Gouvernement. In einem Herrenhause kann man noch heute hinter Glas und Rahmen einen Brief Katharinas II. sehen. Er ist an Pjotr Andrejewitschs Vater gerichtet und enthält nicht nur die Rechtfertigung seines Sohnes, sondern auch ein Lob des Verstandes und des Herzens der Tochter des Hauptmanns Mironow. Pjotr Andrejewitsch Grinews Handschrift wurde uns durch einen seiner Enkel übermittelt, der in Erfahrung gebracht hatte, daß wir mit einer Untersuchung des Falles beschäftigt seien. Wir entschlossen uns mit der Genehmigung der Familie, ein besonderes Werk daraus zu machen. 19. Oktober 1836