Max Barthel Der Mensch am Kreuz Roman Nach dem Tagebuch eines katholischen Pfarrers * Bücherkreis Berlin, 1927   ©: Alexander Barthel   * Endlos dehnen sich die Felder und Wälder in Ostpreußen und verlieren sich nach der Steppenewigkeit Rußlands. Wie eine blitzende Kette sind die vielen Seen in die bäuerliche Erde verstreut. Darüber wölbt sich der gewaltige Himmel. Im freien Raum zwischen den Wolken und den Straßen sausen im Winter die krachenden Stürme. Die Menschen, die hier wohnen, sind ernst und verschlossen. Viel Schwärmerei und Schwermut ist in ihnen. Das nahe russische Blut ist auch in ihre Adern verspritzt. Die Erlers stammten aus dem Rheinland. Über zweihundert Jahre saßen sie schon als Pioniere und Vorposten unter Masuren und Litauern hart an der russischen Grenze. Sie waren meistens Lehrer und Organisten, liebten die deutsche Sprache und ihr schönstes Kind, die Dichtkunst. Sie liebten auch Mozart und Beethoven, und wenn sie heirateten, so nahmen sie Bauerntöchter aus deutschem Blut. Paul Erler heiratete in der Mitte des vorigen Jahrhunderts eine gewisse Klara Scheffler. Sie lebten glücklich zusammen. Vier Kinder wurden ihnen geboren. Zwei Kinder starben im jugendlichen Alter. Die Erlers waren nicht wohlhabend. In dem armseligen Schulhäuschen bewohnten sie zwei kleine Zimmer. An den Gräbern wurde Chopin gespielt und nicht Mozart, aber in der Kirche saß der Organist nach jedem Begräbnis stundenlang an der Orgel und ließ die Pfeifen wie das ewige Gewitter der Schöpfung brausen. Die kahle Kirche war sein Haus, seine weite Welt, sein Riesenschiff. Dort löste er sich aus der Enge des Daseins und vom versteinerten Strand der Armut, dort phantasierte er in die Sterne hinein. An einem Frühlingstag, als das zweite Kind starb, es war ein Mädchen, wurde ihm ein Sohn geboren. Da glaubte der kleine Orgelspieler und Lehrer, die Hand des barmherzigen Gottes zu erkennen, dem auch der Tod nur Saat ist für neue Auferstehung. An diesem Frühlingstag spielte er auf seiner Orgel Bach und Haydn. Ihm war, als die Fugen brausten, als sei kein Kind gestorben, ihm war, als beginne ein kleiner, geliebter Mensch nur ein zweites Dasein. Das Mädchen, das gestorben war, hieß Maria. Den Sohn nannte er Tobias. Trauer und Freude, Licht und Schatten, Tod und Leben waren um den ersten Schrei dieses Kindes versammelt. Der kleine Tobias war ein kräftiges Kind. Seine Stimme konnte der Vater oft hören, wenn er im Nebenzimmer die Dorfkinder unterrichtete. Er war ein strenger Lehrer, aber wenn er durch die dünnen Mauern des Hauses seinen Sohn hörte, da lächelte er. Der kleine Tobias prüfte nicht nur seine Stimme, er prüfte auch seine kleine Welt, versuchte sich an den Schüsseln und Tellern, die er mit großer Begeisterung zerbrechen ließ und fühlte sich, als kleiner Donnergott, wenn seine Peitsche knallte. Er war beinahe so stark und so groß wie ein Mann, als er mit einem Hammer den Teppich in der Stube annagelte. Ja, er war ein leidenschaftliches Kind, aber sein Feuer wurde im vierten Jahr durch eine schwere Krankheit gedämpft. Beinahe zwei Jahre lag der Kleine im Bett, konnte nicht mehr laufen, lachen, springen, hämmern und erduldete heftige Schmerzen. Oft brannten an seinem Bettchen die Sterbekerzen. Die Kerzen verlöschten, das Lebenslicht des kleinen Tobias verlöschte nicht. Endlich konnte er wieder aufstehen, und als er noch ganz schwach die ersten Gehversuche machte, fiel er auf den Boden. Sein linkes Bein war während der Krankheit im Wachstum zurückgeblieben. Er stand als kleiner Hinkepeter in der Welt. Das Herz des kleinen Tobias war nicht verkrüppelt, aber er begann sich, abzusondern, humpelte nach dem nahen Wald, versteckte sich, war mürrisch und verdrossen, und nur ganz langsam gewöhnte er sich daran, wenn er die Straße entlang ging, die Dinge ein wenig verzerrt und schwankend zu sehen. Er war als Kind schon gezeichnet, und vielleicht war das verkürzte Bein nur ein Sinnbild für sein weiteres Leben, für die vielen Wege, die er später beschritten hat und die ihn schwankend in das Verderben führten. Noch lebte er, noch atmete er, noch konnte er sich freuen, aber im sechsten Jahr wurde er wieder krank. Er hatte niemals Masern oder Scharlach gehabt, seine Krankheiten waren absonderlich wie das spätere Leben. Diesmal litt er an Polypen, welche die Luftwege mehr und mehr versperrten und die Atmung erschwerten. So wuchs er auf, belastet und geschlagen, war kein Kind mit fröhlichem Herzen, war ein armes, kleines Tier in der Gefangenschaft. Und dazu kam die Armut des Vaters, die strenge Zucht der Mutter, die sehr fromm war und in dem kleinen Herzen den Gedanken an die Erlösung durch das Leid wecken wollte. Aber das Kind bäumte sich auf, bewahrte sein leidenschaftliches Herz, wollte sich nicht in das Leid ergeben und rebellierte. Oft nahm der Vater den Sohn mit an die Orgel, setzte ihn unten im Schiff ab, stieg dann empor an das Instrument und begann zu spielen. In das Herz des kleinen Tobias fiel die Musik wie Botschaft aus einer anderen Welt, und als ihm der Vater erzählte, daß Beethoven am Ende seines Lebens auch sehr krank gewesen sei und trotzdem große Meisterwerke schuf, da lächelte das Kind und gelobte, auch einmal Musiker zu werden und in seinen Werken allen Schmerz zu besiegen. »Tobias,« sagte der Vater, als er einmal leise und heftig von seinen Plänen erzählte, »Tobias, Musik kann man nicht lernen. Musik ist da, und wenn sie ganz groß ist, sprengt sie die Brust und findet den Weg in die Herzen der Menschen. Du willst Musiker werden, Tobias? Das ist kein Beruf, das kann nur Berufung sein. Jetzt bist du groß genug und gehst auf die Schule. Lerne, mein Kind, du mußt viel lernen, du hast nur ein wildes Herz und deinen Kopf. Die Welt ist nicht schön, mein Sohn. In ihr ist viel Lärm und wenig Musik. Geh auf die Schule und wir werden sehen, was du kannst. Vielleicht ist in dir Musik.« So lange und so ausführlich hatte der Vater noch nicht gesprochen. Tobias hatte sehr aufmerksam zugehört, erhob den Kopf und ließ die Augen leuchten. »Vater,« sagte er, »Vater, ist in dir auch Musik?« »Nur wie in der Orgel«, sagte der Vater, »nur wie in der Orgel, mein Sohn, wenn der große Meister auf mir spielt ...« »Wer ist der große Meister?« »Gott« sagte der Vater. »Spielt Gott auch so schön wie du, Vater?« fragte Tobias weiter. »Viel viel schöner, mein Sohn. Er sitzt in den Sternen. Um ihn sind die Engel. Hast du noch niemals die Engel singen hören?« »Nein,« sagte das Kind, »ich habe die Engel noch nicht gehört. Hast du sie schon singen gehört?« »Ja, ich habe sie singen gehört, wenn ich auf der Orgel spiele.« »Aber, Vater, wenn du eine Orgel bist, auf der Gott spielt, warum bist du dann der Vater? Haben die Orgeln auch Kinder?« wollte Tobias wissen. »Ja, Sternenkinder,« antwortete der Mann, »Sternenkinder, Tobias, und wenn du groß bist, kannst du sie auch singen hören.« »Dann singe ich mit, Vater, dann singe ich auch, wenn die Sternenkinder singen!« Der Vater antwortete nichts. Er blickte nur sein Kind an, sah die großen Leuchtaugen in dem blassen Gesicht, die ersten Grübelfalten auf der Stirn und dann glitt sein Blick zu dem verkürzten Bein. Sein Mund zuckte und wurde schmerzlich. »Ach Kindlein,« dachte der Mann, »du wirst es nicht gut haben auf der Welt, du Lahmer. Sie ist ein großes Wettrennen um den Bissen Brot, ein böser Kampf um das Futter. Die Engel singen in den Sternen, die Menschen aber leben auf der Erde ...« Dann verließ er seinen Sohn, ging an die Orgel und musizierte. Tobias saß in der kahlen Kirche, ein winziger Mensch in der kühlen Halle, in die durch die gemalten Scheiben rotes, blaues und grünes Licht fiel, verzog die Stirn, hörte in die Orgelmusik und wollte die Engel singen hören. Aber er hörte keine Engel singen. Dem Vater gelang es, in der nahen Kleinstadt für Tobias eine Freistelle auf dem Gymnasium zu bekommen. Ein entfernter Verwandter sorgte in der Stadt für den Schüler, und als der erste Schultag kam, klopfte das Kinderherz sehr schnell. Aus alten Kleidern war ihm ein Gehrock mit sehr langen Schößen gemacht worden, der zuerst das Erstaunen und dann das Gelächter der anderen Kinder erregte. Tobias verfärbte sich wie sein Rock, als er das herzlose Lachen seiner Kameraden hörte. Die ersten Stunden gingen fiebernd vorbei, und in der Freistunde, als er benommen in der frischen Luft auf dem Hofe stand, trat ein größerer Knabe auf ihn zu. »Wie heißt du, Kleiner,« fragte er. »Kennst du den alten Julius?« »Ich heiße Tobias Erler, aber den alten Julius kenne ich nicht«, antwortete er. »Du kennst nicht den alten Julius?« rief entsetzt der andere, wandte sich an seine Kameraden und lachte: »Er kennt den alten Julius noch nicht und heißt Tobias! Los, ich will dir den alten Julius zeigen!« Mit diesen Worten zog er den Knaben in die Mitte des Hofes, wo ein hoher, ziemlich runder Stein lag. Viele Kinder zogen lachend mit, und als Tobias verwirrt vor dem Stein stand und nicht wußte wo ein und aus, da nahm ihn der ältere Knabe unter den Arm und zerrte ihn zu jenem Stein. Plötzlich warfen sich noch andere Kinder auf ihn und zwängten ihn über den runden Sitz. Er wollte schreien, er wollte weinen, die Kinder lachten und lärmten. Die ersten Hiebe prasselten auf ihn nieder. »Nehmt die langen Schößkes beiseite,« rief plötzlich ein kleiner, sommersprossiger Knabe, »nehmt die Schößkes beiseite, den Tobias wollen wir aber gründlich einweihen!« Und er wurde eingeweiht und mußte, wie alle Neulinge, durch diese sonderbare Taufe gehen, ehe er von den Kindern als Mitschüler betrachtet wurde. Die Schläge schmerzten nicht, nur der Spott über das ehrwürdige Kleidungsstück schmerzte und dann eine böse, hohe Stimme, die mitten im Spiel fragte: »Hörst du schon die Engel singen?« Zerzaust und feuerrot im Gesicht richtete sich Tobias auf. Wortlos hinkte er davon. Als die Kinder sein Gebrechen jetzt erst bemerkten, wurden sie mit einem Schlage still. Der kleine Sommersprossige, er wurde Ulitsch gerufen, kam langsam auf ihn zu und legte die Hand auf seine Schulter. »Das war ja alles nur Spaß, Erler,« sagte er, »und wir alle haben den alten Julius kennen gelernt, und nun kennst du ihn auch. Bist du noch böse auf mich?« »Nein,« antwortete Tobias, »nein, Ulitsch, ich bin nicht mehr böse.« »Dann können wir ja Freunde sein«, sagte der andere. »Wenn du willst? Ich will schon«, sagte Tobias. An diesem Tage fand Tobias Erler einen Freund. Ulitsch war der Sohn eines Berliner Baumeisters, mordhäßlich und sehr lustig. Sein Witz mußte die fehlende Schönheit ersetzen und ersetze sie auch. An der Taufe der noch Unschuldigen beteiligte sich Tobias mit seinem Freund, und der kleine Hinkepeter entwickelte bei den Schlägen eine solche Schwungkraft, daß auch der letzte Spott in den Gesichtern der anderen Schüler erstarb und einem ehrlichen Staunen Platz machte. »Herrlich haust du zu, Tobbi,« sagte Ulitsch zu ihm, »du hast wohl zu Hause viel Prügel bekommen?« »Ach, es geht, nicht allzuviel. Die Mutter hat geschlagen. Der Vater nicht. Er strafte nur mit seinen Blicken. Da sah er wie der Engel Michael aus bei der Vertreibung aus dem Paradies.« »Mein Vater hat mich furchtbar gehauen,« entgegnete Ulitsch, »die Mutter hat mich verzogen.« »Wir Preußen,« sagte der Vater immer, wenn er mich bestrafte, »wir Preußen sind wie die Spartaner. Der alte Fritz war ein großer Staatsmann, aber er hatte auch immer einen Krückstock bei sich.« Wenn das die Mutter hörte, sagte sie: »Vater, wir sind doch gar keine Preußen. Die Ulitschs sind doch aus Smolensk erst vor fünfzig Jahren nach Deutschland gekommen.« Darauf sagte Vater: »Das verstehst du nicht, Mutter, du verzärtelst meinen Sohn, aber er soll ein Mann werden. Basta.« Und dann haute er zu. Aber feste, Tobias.« Als der kleine Ulitsch das sagte, strahlte er mit dem ganzen Gesicht und tat so, als erzähle er einen Witz. Er ahmte die tiefe Stimme des Vaters und die Rede der Mutter vortrefflich nach, daß auch Tobias, der die Eltern mehr fürchtete als liebte, schallend lachte. Auch der andere lachte und immer noch lachend sagte er: »Vater war ein Spartaner aus Smolensk.« »Ein Spartaner aus Smolensk«, lachte Tobias, aber sein Lachen erstarb, und sein Gesicht verfärbte sich. Er atmete heftig und rang nach Luft, zuckte mit den Händen und wäre hingefallen, wenn ihn Ulitsch nicht gestützt hätte. Der Atem setzte beinahe aus, und als der Knabe sich endlich beruhigt hatte, erkannte er blitzschnell, daß er ja nicht nur ein Krüppel, sondern auch ein Kind mit Atemnot war. Er klammerte sich an Ulitsch und flehte: »Du darfst mich aber nicht verspotten, du mußt mein Freund bleiben, ich bin ja viel häßlicher als du.« »Kleiner Tobbi,« antwortete Ulitsch leise, »kleiner Schmeichler, nein, wir wollen schon zusammenhalten. Und du gehst einfach mal zum Doktor. Ich habe einen Onkel Doktor, und der soll dich einfach untersuchen. Aber wenn du häßlicher sein willst als ich, da kündige ich meine Freundschaft.« Der Schulbetrieb setzte ein. Ulitsch und Tobias blieben Freunde. Zum Doktor getraute sich der kleine Erler nicht. Lieber litt er an Atemnot und an Blutandrang nach dem Kopf, saß oft stundenlang dumpf und verwirrt in der Klasse, konnte nicht denken, gab falsche Antworten, ertrug gelinden Spott der Kinder, um an anderen Tagen, wenn der Kopf klar war, die ganze Klasse und auch die Lehrer durch seine guten Antworten zu überraschen. Die Lehrer liebten ihn nicht besonders. Sie maßen sein Wesen an den klaren Tagen und nur der abstrakte Professor der Mathematik, der in den reinen Bezirken der Theorie lebte, ahnte etwas von dem Kampf des Kindes um die Lunge voll Luft, war nachsichtig und vergrübelt, wenn er das rote, heiße Gesicht sah und sagte einmal: »Mein Jungchen, mein Jungchen!« Diese Worte rührten das Kind beinahe zu Tränen. Er stand auf, streckte die Arme wie zum Gebet aus, stammelte, suchte nach Formulierung seiner Gefühle und sagte endlich: »Herr Professor! Herr Professor!« Der Professor kam auf Tobias zu, legte die Hand auf seinen Kopf, forschte lange in den schönen Augen, zitierte einen griechischen Dichter und ging wieder auf seinen alten Platz. Der Schüler bebte vor Glück und warf sich dann, trotzdem er eigentlich Mathematik haßte, auf die wohlgeschliffenen Lehrsätze, und wenn er sie gefunden und begriffen hatte und dann in der Stunde aufsagte, erschienen sie ihm viel schöner als lyrische Gedichte. Mit Ulitsch saß er oft zusammen. Ulitsch war von einer genialen Faulheit. Die Schularbeiten machte er aus dem Handgelenk und bekam noch die beste Note dafür. Wie Tobias schwärmte er für Musik, und er lehrte den Freund ein kleines russisches Lied, das er von der Mutter hatte, und das vielleicht sein Urgroßvater in der Steppe noch kannte, sang und liebte. »Der preußische Spartaner singt ein Lied!« damit begannen für die Freunde die Wanderungen und Singstunden nach dem kleinen Wald und See, und dann sang Ulitsch das Steppenlied aus Rußland. Im Sommer schwamm er in den See hinaus, schwamm und schrie, triefte von Licht und Wasser, vergaß die Schule und den strengen Vater, den alten Fritz mit dem Krückstock, die Professoren und die griechischen und lateinischen Verben, war nichts als ein braungebrannter Kosaken junge und hitziger Freund, der aufpassen mußte, daß der kleine Hinkepeter Tobias gut durch die Schule kam. Wenn Ulitsch im Wasser schwamm, saß sein Freund am Ufer des Sees, hatte ein Buch vor sich, las Räubergeschichten und Heldensagen und wurde eifersüchtig, wenn ein Räuber oder Held edler und kühner war als Ulitsch. Auch abends, wenn er über seinen Büchern saß, und er liebte Bücher sehr, in ihnen war ja das hundertfüßige, unverkrüppelte Leben geschildert, auch abends verglich er alle Geschichten mit seinem Freunde und er fand keine Abenteuer, die nicht ebensogut und vielleicht noch besser Ulitsch hätte erleben können. Ulitsch, nichts als Ulitsch! Tobias las sehr langsam, um jede Seite auszukosten, und je mehr er sich dem Ende näherte, umso langsamer las er, und wenn die letzte Seite vor ihm lag, und hinter ihm die Abenteuer und herzklopfenden Geschichten, da wurde er traurig. Manchmal weinte er. Nein, er würde kein Held werden, kein Seefahrer, kein Goldsucher. Aber vielleicht Ulitsch? Ulitsch, nichts als Ulitsch! Er war eifersüchtig auf den Freund, ahmte seine Rede nach, seine Lieblingsausdrücke und lernte heimlich das russische Lied, um Ulitsch damit zu überraschen. Tobias sang trotz der Atemnot sehr schön. Seine Stimme war lief und quellend. Und er überraschte Ulitsch auch damit. Dann sangen sie zweistimmig das Lied der russischen Spartaner aus Smolensk. Tobias hatte ein leidenschaftliches Herz, er liebte viele Dinge, er haßte auch viele Dinge, und weil er halb verkrüppelt war, war er vollkommen besessen von der Schönheit und Vollkommenheit feuriger Pferde. Ja, Pferde liebte er neben der Musik am meisten. Die Ferien verbrachte er in seinem Dorf. Dort gab es viele Pferde. Er war ein guter Reiter. Der linke Steigbügel wurde etwas hoher eingeschnallt, und dann ritt er los. Die stolzen, nicht immer gutmütigen Pferde hatten es ihm besonders angetan. Auch der Vater war ein Pferdenarr, trotzdem er niemals ritt. Wenn Tobias zu Hause ankam, ging das Hauptgespräch zwischen Vater und Sohn nach einer kurzen Begrüßung darüber, wer den schönsten Hengst im Dorfe hatte. »Fest in die Kandare nehmen, Tobias,« sagte dann der Vater, »fest in die Kandare. Das kannst du auch symbolisch auffassen, Junge. Aber um Gottes Willen nicht locker lassen, wenn du reitest, das Pferd muß wissen und fühlen, daß ein Bändiger oben sitzt.« »Ich nehme es in die Kandarre, Vater,« antwortete Tobias, »und die Hengste kennen mich, schon. Aber man kann ein Pferd auch mit Zucker regieren.« »Genau so wie die Menschen, Junge,« sagte der alte Organist, »genau so wie die Menschen: mit Zucker und Peitsche.« Die Mutter machte keine großen Worte um die Reiterei. Sie war ja ein Bauernkind und hatte oft auf dem glatten Pferderücken gesessen, als sie noch ein Mädchen war. Sie philosophierte auch nicht darüber, wie die Pferde oder die Menschen zu regieren sind. Sie war eine tüchtige Hausfrau, tat ihre irdische Pflicht und hatte sich vollkommen auf Gott eingestellt. Ihr Tag begann und schloß mit langen, heißen Gebeten. Sie lebte ihrem Mann und ihren Kindern. Auch Tobias liebte sie sehr, und Tobias liebte seine Schwester Carla, die um drei Jahre älter war und die ihn während seiner Krankheit mit gepflegt hatte. Carla war ein schönes Mädchen mit offnem Charakter und fröhlichem Gemüt. Sie lachte gern, wußte viele Geschichten zu erzählen, Geschichten, die niemals endeten und die viel schöner waren als die, welche Tobias in seinen Büchern las. Der kleine Hinkepeter wurde größer. Immer noch war Ulitsch sein Freund. Einmal brachte er ihn mit in sein Dorf und als die Ferien zu Ende waren, kam die Freundschaft beinahe zum Bruch. Es war im Oktober und schon ein wenig kalt. Die Wälder flammten, der Himmel war unendlich hoch und blau. Die letzten schönen Tage vor den Novembernebeln waren da. Ulitsch hatte sich an Carla angeschlossen und spazierte irgendwo draußen zwischen den Wiesen. »Der Bauer Kuhn hat einen prachtvollen Hengst, Junge,« sagte der Vater, »mit Kuhn habe ich schon gesprochen. Er will dir das Pferd bringen. Hast du Lust zu einem Ritt? Carla und Ulitsch sind nach dem Sternsee gegangen.« »Ach ja, ich habe viel Lust, Vater.« Und nun wieherte schon der Hengst vor dem Schulhaus. Der Bauer hatte ihn selbst gebracht. Vater und Mutter gingen auf den Hof. Tobias kam langsam und stolz hinterher. Sattel und Steigbügel wurden gerichtet, der Bauer hob den Hinkepeter auf das Pferd und stolz ritt er; Schritt für Schritt, durch das Dorf, winkte und grüßte, verwuchs mit dem Hengst, die Schulgeschichten von den Centauern wurden Wirklichkeit, schön war die Erde, nicht mehr schwankend und verzerrt: vier junge, starke und feurige Pferdebeine trabten über die Straße. Der Hengst schüttelte die Mähne, sein Fell schimmerte, viele Leute kamen aus den Häusern gelaufen, die Luft war hell und klar. Das Lied aus Rußland fiel Tobias ein. Er summte das Lied vor sich hin. Ulitsch würde ihn sehen und Carla da unten am Sternsee. Das Dorf lag nun hinter ihm, die endlose Landstraße öffnete sich, war keine Straße mehr, war ein Strom, der in die Welt führte, in die Wiesen und Weiden, an den See und in die brennenden Herbstwälder. Dann verließ er die Straße und versuchte auf einem Feldweg einen kleinen Galopp. Herrlich galoppierte der junge Hengst dahin. Tobias sang jetzt das Lied und warf seine mächtige Stimme wie Posaunenstöße in den kühlen Gegenwind, der vom See herüber kam. Plötzlich stieg der Hengst steil in die Luft, stieß ein brüllendes Gewieher aus und setzte mit mächtigem Sprung über den Weggraben. Er hatte in der Ferne weidende Pferde geäugt. Und nun stürmte er dahin, über Stoppelland und Wiesen, langausgestreckt, ein von der Freude am Dasein geschleuderter Pfeil. Tobias sang kein Lied mehr, er fiel zur Seite, klammerte sich um den Hals des Pferdes, kam wieder hoch, erinnerte sich des Gespräches mit dem Vater über Kandarre und Peitsche, vergaß den Zucker, nahm die Peitsche, war Herr und Meister über das Tier, schlug zu, was er schlagen konnte, riß an der Kandare und bändigte den wilden Lauf. Die Landschaft flog nicht mehr wie ein Kreisel vorüber. Sie ordnete sich, war wieder Stoppelland und Wiese, und der Wald in der Ferne tanzte auch nicht mehr messerscharf auf und ab. Der Hengst war gebändigt. Er versuchte noch einmal wilde Sprünge, aber der Mensch auf seinem Rücken ließ nicht nach. Die Kandare riß das Maul blutig. Die Peitsche klatschte. Da warf das Pferd den schönen Kopf zur Seite, riß ihn in die Höhe, schnaufte und ergab sich endlich ganz. Tobias klopfte auf die noch bebenden Flanken, fand zärtliche Worte und zuletzt Trost und Verlockung für die arme Kreatur, ein Stück Zucker. Dann ritt er, stolz über seine Regierungskunst, nach der Straße zurück und von da nach dem Sternsee. Der See lag unweit der Straße in einem kleinen Wald. Ein vielverschlungener Weg führte zu ihm. Diesen Weg ritt Tobias entlang, und als er den blauen Spiegel des Wassers leuchten sah, begann er, um Ulitsch und Carla zu rufen, das Lied der preußischen Spartaner aus Smolensk. Er ritt ganz nahe an das Wasser heran, nichts war zu sehen, kein Ulitsch und keine Carla, aber als er den Blick wendete und das versteckte Ende des Sees überblickte, sah er ein kleines Boot. Und in dem Boot, das führerlos dahintrieb, saß Ulitsch und hatte seinen Arm um Carla gelegt. Tobias war fünfzehn Jahre alt und wußte schon, trotzdem er keine Freundin hatte, wenn man seinen Arm um ein Mädchen legt. Plötzlich haßte er Ulitsch. Der Freund hatte in der kleinen Stadt schon manches Mädchen umarmt und geküßt, die Mädchen mochten ihn gern und liefen ihm nach, trotzdem er häßlich war, aber Carla, aber Carla, die Schwester Carla ließ sich von Ulitsch umarmen! Traurig verließ er den See und ließ die Zügel hängen. Das Pferd trabte langsam den Waldweg nach der Straße zurück. Das Dorf war bald erreicht. Der Bauer saß noch beim Vater. Die Mutter kam aus der Küche. »Schon zurück?« fragte sie, »hast du nicht Carla gesehen?« »Nein,« sagte er leise, »ich habe Carla nicht gesehen. Ich bin gar nicht bis an den See gekommen. Das Pferd ist beinahe durchgegangen.« »Siehst du,« sagte der Vater und lachte, »siehst du, Junge, du hast das Regieren vergessen: Kandarre und Zucker. Hat es dich abgeworfen?« »Auch das nicht, Vater, ich habe schon richtig regiert, aber mir wurde plötzlich übel ...« »Vielleicht weil morgen die Schule wieder anfängt, junger Herr?« fragte der Bauer. »Da muß einem schon übel werden,« fügte er hinzu, »was da alles gelernt werden muß. Die armen jungen Herren!« Tobias lächelte. Der Bauer Kuhn verabschiedete sich. Ulitsch und Carla traten ins Zimmer. Die Mutter war schon wieder in der Küche und richtete ein Eßpaket für die Schule. »Wir haben dich lange erwartet, Tobbi,« sagte Ulitsch. »Wir waren am See und haben ein Boot genommen. Herrlich, sage ich dir. Wir wollen zum Abend noch einmal hinausfahren.« »Da fahre ich mit, Ulitsch,« entgegnete Tobias, »da fahren wir alle zusammen und lernen Carla das Lied von den preußischen Spartanern. »Aber Tobias, das Lied kenne ich doch schon,« antwortete lachend die Schwester. »Dein Freund hat es mich gelehrt... Und ich fahre nicht mehr mit, ich muß doch für dich noch etwas richten, wenn du auf deine Schule fährst. Fahr doch mit Herrn Ulitsch.« »Ja, du stolzer Reiter, wir fahren zusammen. Einverstanden?« fragte Ulitsch. »Ja,« antwortete Tobias. Über den Sternsee fielen die Schatten des Waldes, als die Freunde das Wasser erreichten und einen kleinen Kahn vom Ufer freimachten. Auf dem ganzen Weg hatten sie kein Wort miteinander gesprochen. Ulitsch setzte sich auf die Ruderbank und trieb das Boot in den See hinaus. »Ulitsch,« begann Tobias leise, »ich habe dich und Carla am Nachmittag gesehen. Ich habe Carla sehr lieb und du darfst nicht mit ihr spielen. Ich weiß, dir laufen viele Mädchen nach, aber Carla ist meine Schwester.« Ulitsch ließ das Boot treiben und zog die Ruder ein. Das Abendlicht fiel voll in sein Gesicht. Er schloß die Augen, sah mit geschlossenen Augen den Freund an und sagte endlich: »Tobbi, du bist noch ein kleiner Junge. Ja, die Mädchen laufen mir nach, trotzdem ich häßlich bin, aber Carla ist mir nicht nachgelaufen, Tobias. Weißt du, ich glaube, ich habe deine Schwester lieb.« Er öffnete die Augen und blickte Tobias ins Gesicht. Durch diesen Blick wurde Tobias verwirrt, wußte keine Antwort, sein Herz hämmerte, das Blut stieg ihm in den Kopf und in den roten Wellen schwammen plötzlich die Gestalten vieler Mädchen, die er auf der Schule kennengelernt hatte und für die er schwärmte. Kein Mädchen schwärmte aber für ihn, den Hinkepeter. Er lächelte gequält. Dann verschwand das Lächeln und Stolz war in seinen Augen. Ulitsch liebte Carla! Ulitsch war sein Freund! Er hatte sonst keinen Freund. Die Schüler wichen ihm aus, als sei er gezeichnet. Ja, er war ja auch gezeichnet. Nur manchmal drängten sie sich um ihn. Sie kamen zu ihm, wenn die Sommergewitter zuckten und donnerten. Da hatten sie Angst. Er hatte keine Angst. Sein Blut brauste fröhlich im Aufruhr der Elemente. Heidnisches Weltgefühl füllte ihn aus. Wollust des Daseins. Die Gewitter waren noch herrlicher als die Ritte auf den jungen Pferden, mit deren Leibern er verwuchs. »Ulitsch,« sagte er leise, »hat dich meine Schwester auch lieb? Hast du mit ihr gesprochen?« »Ja, sie hat mich lieb,« antwortete der Freund, ergriff die eingelegten Ruder und jagte das Boot aus den herandrängenden Schatten in das letzte Licht auf der Mitte des Sees, »sie hat mich lieb, Tobias, und ich habe ihr das Lied von den preußischen Spartanern beigebracht.« »Singen wir, Ulitsch«, sagte Tobias und begann über das noch glühende Wasser zu singen. Der Wald rauschte. Kühler Wind kräuselte die Flut. Am anderen Ufer legte das Boot an, die Freunde verließen den See und fuhren am nächsten Tag nach der Schule zurück. Der alte Organist und Carla waren am Bahnhof. Ulitsch stand wortlos bei Carla und drückte heftig ihre Hand, verbeugte sich linkisch vor dem alten Organisten und zog sich dann rasch in das Abteil zurück. Auf der Fahrt blieb er stumm. Tobias besuchte immer noch die Schule. Seine Hauptliebe warf er auf Geschichte und deutsche Literatur. Er schwärmte für Goethe, und als er mit sechszehn Jahren den »Faust« las, glaubte er, alle Türen zu Himmel und Hölle offen zu sehen. Das Schicksal von Gretchen rührte ihn bis zu den Tränen, er mußte dabei an seine Schwester denken. Mit Ulitsch sprach er niemals wieder über den Tag, als er ihn mit Carla umschlungen im Boot gesehen hatte. Noch einige Male war Ulitsch in den Ferien in sein Dorf gereist, immer blieb er mit Carla auf langen Spaziergängen allein. Einmal sprach der Vater mit der Mutter über Ulitsch, und Tobias, der eben in das Zimmer trat, hörte die Mutter sagen: »Sein Vater ist Regierungsbaumeister in Berlin. Er hat viel Geld zu erwarten. Für Carla wäre es ein großes Glück.« Ulitsch blieb der gute Freund, war lustig und voller Spaße, hatte sehr wenig Verständnis für Tobias Schwärmerei über Goethes Faust, lief jetzt keinem anderen Mädchen mehr nach, wurde ein fleißiger Schüler und saß viel über den Büchern. Das Lied von den preußischen Spartanern aus Smolensk wurde sehr wenig gesungen. Er machte sein Abitur und reiste bald darauf nach Berlin zurück. »Lieber Freund,« sagte er zum Abschied, »mein alter Herr ruft mich zurück. Ich soll Architekt werden und dann in sein Geschäft eintreten. Mit Carla habe ich mich heimlich verlobt. Du bist der erste Mensch, der es bis jetzt weiß. Wenn ich ausstudiert habe, will deine Schwester nach Berlin kommen. Was sind deine Pläne? Wirst du Lehrer wie dein Vater?« »Ulitsch,« sagte Tobias, »ich freue mich für meine Schwester. Ich glaube dir, daß du sie liebst. Was aus mir wird, weiß ich noch nicht. Wir sind arm, du kennst ja unsere Verhältnisse. Der Sohn eines kleinen Dorfschullehrers, der Musik liebt! Am liebsten studierte ich Philologie und vielleicht auch Philosophie.« »Kopf hoch, Tobias: Reichtum macht nicht glücklich,« sagte der Freund. »Armut erst recht nicht, Ulitsch.« »Unsinn, darüber zu philosophieren. Wir haben die Welt vor uns. Wir sind jung. Komm mit nach Berlin.« »Ja,« antwortete Tobias und senkte die Stimme, »ich will dich und Carla später in Berlin besuchen.« Tobias Erler war nun ganz allein. Die Armut bedrückte ihn. Er dachte viel über seine Eltern nach. Der Vater war Idealist. Seinen Beruf als Lehrer und Organist erfüllte er auf das Gewissenhafteste. Eine einzige Minute Versäumnis beunruhigte ihn stark, und er wurde jedes Mal ärgerlich, wenn die Dorfturmuhr die Zeit unzuverlässig anzeigte. Er hatte keinen Feind, aber sein stilles Wesen wurde von den Dorfbewohnern oft mißverstanden und als Hochmut ausgelegt. Mancher Großbauer behandelte ihn von oben herab und beleidigte ihn dadurch. Der alte Lehrer wehrte sich nicht, er schwieg, wurde traurig, und nur zu Hause klagte er lange sein Leid. In der Musik fand er Trost. Die Musik riß ihn aus dem Jammer. Wenn er ganz niedergeschlagen war, nahm er gewöhnlich die Geige, ging im Zimmer auf und ab und spielte sich allen Kummer aus dem Herzen. Die Mutter tat ungerührt ihre Arbeit, der alte Lehrer war so über der Erde, daß ihm die starre Gleichgültigkeit der Frau nichts anhaben konnte. Aber er stand auch auf der Erde und im Leben. Er gründete und leitete ein Orchester, einen Männergesangverein und einen gemischten Chor. Er brachte in das schwere, bäuerliche Leben Musik hinein. Jedes Jahr traten die von ihm gegründeten Vereine einige Mal an die Öffentlichkeit. Der alte Organist war Dirigent und Theaterregisseur bei den dörflichen Veranstaltungen. Seine Frau haßte diese Feste, sie waren ihr zu weltlich. Sie kämpfte ständig dagegen und das war die Ursache mancher Konflikte und Auseinandersetzungen. »Musik, Musik,« höhnte die Frau, »Musik und Tanz und Sauferei, das sind die teuflischen Versuchungen auf der Welt. Das ist die Sünde. Wenn schon Musik ist, dann auf der Orgel. Wenn schon Gesang sein soll, dann in der Messe. Theater, Theater, glaubst du, mit diesem Spektakel in den Himmel zu kommen? Das ist Teufelsspiel, was ihr da treibt. Die Welt ist ein Jammertal und wir sollten weinen und unserer Sünden gedenken, um erlöst zu werden. Der Teufel singt mit in eurem Chor, der Teufel spielt mit in eurem Theater.« »Frau,« sagte dann der alte Lehrer zum tausendsten Mal, »Frau, auch unser Herr und Heiland war mit den Traurigen traurig und mit den Fröhlichen fröhlich. Er weckte Gestorbene wieder zum Leben auf und verwandelte auf der Hochzeit zu Kanaan Wasser in Wein. Glaubst du, auf jener Hochzeit hätten die Leute nur gejammert? Gott hat fröhliche Menschen lieb.« »Die Sünde! Die Sünde!« wehklagte dann die Frau, »du wirst es im ewigen Feuer büßen. Versprich mir, daß es das letzte Fest ist, was du leitest!« Der Mann versprach es, um Frieden zu haben und bereitete trotzdem neue Aufführungen vor. Ohne die Musik und ohne das Theater wäre er gestorben. Bach und Beethoven liebte er sehr, aber Mozart und Haydn vergötterte er. Es gab noch viele Zusammenstöße zwischen dem Mann und der Frau, die Frau war hart, der Mann war weich, und das Weiche siegte in diesem Kampf. In den vierzig Jahren, die er in diesem Dorf nahe der russischen Grenze verbrachte, hat er viele hundert Aufführungen geleitet. Fast alle Dorfbewohner sind durch seine Schulklasse gegangen und haben sein Orgelspiel gehört. Die Frau Erler war ein sonderbarer Mensch. Ihr Blut war heiß und wild, ihr Wesen zügellos und leidenschaftlich, aber sie wurde schon in der frühen Jugend durch einen strengen Vater gebändigt. Ihre ganze Leidenschaft wurde zu Gott hingelenkt. Auch als Frau betete sie in Wahrheit ohne Unterlaß. Sie war schön. In dem weißen, von schwarzem Haar umrahmten Gesicht flammten dunkle Augen. Ihr Mund war fanatisch. Trotzdem sie fest auf der Erde stand und mit jedem Groschen haushalten mußte, betete sie oft während des Tages: »Alles Gott zur Ehre.« Und wenn ihr heißes Blut schäumte: »Gelobt und benedeit sei ohne End' das heiligste, göttliche Sakrament!« Bei schwerer Arbeit sang sie Passionslieder. Kein Kind hat sie jemals froh lachen gehört. »Ihr Kinder,« sagte sie häufig, »ihr Kinder seid mir von Gott geschenkt und für Gott muß ich euch erziehen.« Sie hatte kein Verständnis dafür, daß die kleinen Seelen nach dem bunten Jahrmarkt der Welt verlangten. Als Carla einmal tanzen gehen wollte, wurde sie traurig und sprach von Sünde, Tod und Hölle mit furchtbarem Ernst und mit starker Glut. Sie konnte eindringlich und überzeugend sprechen und verstand es meisterhaft, die Herzen zu erschüttern. Tobias war ihr Schmerzenskind, ihr Lieblingskind. Als er krank war, hatte sie ihn mit Aufopferung ihrer ganzen Kraft gepflegt und der Jungfrau Maria durch ein Gelübde geweiht. Als Tobias dann auf der Schule war und gute Fortschritte machte, betete sie lange und versunken um den Beistand der Mutter Jesu, ihm die Gnade zu bewahren und als Diener anzunehmen. Tobias wußte von jenem Gelübde nichts. Vom siebenten Lebensjahre an mußte er jeden Morgen die Messe besuchen. Er tat es nie gern, er ging nur, um die Mutter nicht zu betrüben. Und diese Scheu vor der Mutter war so tief, daß er auch als Gymnasiast fast täglich die Messe hörte. Viele Male ging er aus Furcht vor dem allsehenden Auge Gottes und vor der ewigen Höllenstrafe, die dem Sünder auf Erden droht. Im Hause des alten Lehrers wurde jeden Abend gemeinsam der Rosenkranz gebetet. Die Kinder plapperten mit und die jahrelangen Übungen wurden zur alltäglichen Gewohnheit. Das war kein Gottesdienst mehr, das war Götzendienst. Tobias erzählte der Mutter, das war noch in der Zeit, als Ulitsch mit in das Dorf kam, einmal eine lustige Geschichte von einem jungen Mädchen aus der Stadt. Er erzählte lächelnd, wie sie auf einer Kahnfahrt beinahe in das Wasser gestürzt wäre und sich dabei so ungeschickt benahm, daß auch das Boot taumelte und schwankte und sich auf den Grund festsetzte. Das Wasser an jener Stelle war ganz flach und die Angst des Mädchens konnte nur Gelächter erregen. Auch Ulitsch begann heftig zu lachen. Die Mutter bewahrte ihr strenges Gesicht und richtete dann traurig und ernst die Augen auf ihren Sohn. Das Wort starb in seinem Munde. Alle verstummten. Der Vater nahm die Geige und ging aus dem Zimmer. Nichts war mehr zu hören als das Gelächter von Ulitsch in dem toten, stillen Raum, bis auch Ulitsch verwirrt aufhörte. Tobias wurde, ohne daß er es merkte, von seiner Mutter in den geistlichen Stand gedrängt. Ja, er liebte Gesang und Literatur, er schwärmte für deutsche Geschichte, atmete auf, wenn er mit seinem Freund durch die Wälder streifte, war glücklich, wenn er dem Blitz und dem Donner seine Stirn bieten konnte und war unglücklich, wenn die Armut ihren Schatten auf seinen Weg warf. Er weinte und wütete, als er endlich, wußte, daß er Theologie studieren sollte, weil er der Jungfrau Maria geweiht und das Studium nahezu umsonst war. Da beugte er sich dem Willen der Mutter. Nein, er war nicht frei. Als er das geistliche Studium begann, war die Freude seiner Mutter unsagbar groß. Sie sang den ganzen Tag fromme Lieder, kleidete sich festlich, rührte im Hause keine Hand, lag in der Kirche auf den Knien vor der Jungfrau Maria und betete. Sie schrieb ihrem Sohn leidenschaftliche Briefe, in denen ihre Liebe hemmungslos hervortrat, gab ihm viele zärtliche Worte und beschwor ihn, ein treuer Diener der Kirche zu sein. Diese Briefe der Mutter richteten Tobias auf. »Ja, ja, Mutter,« flüsterte er, »ich will ein treuer Diener unseres Herrn und Heilands sein. Amen. Amen. Amen.« Ein halbes Jahr vor der Priesterweihe starb die Mutter. Ihr Leben bestand in Arbeit, Kirchenbesuch, Fasten und Beten. Sie hatte ihrem Mann vier Kinder geboren, sie hatte oft mit ihm um das Heil seiner Seele und um das der Kinder gerungen. Ihr Ziel war erreicht: Tobias wurde Pfarrer. Und nun lag sie auf dem Totenbett, die weißen Kerzen brannten. Die verarbeiteten Hände waren über der eingefallenen Brust gekreuzt. Ihr Mund stand wie ein Messerschnitt so scharf in dem wachsbleichen Gesicht. Im schwarzen Haar schimmerten die ersten weißen Fäden. Tobias kam erst nach Hause, als sie schon tot war. Der Vater stand neben ihrem Bett, tränenlos und lauschend vorübergebeugt, als ob das Herz der Frau beginnen müsse, neu zu schlagen. Carla weinte und schluchzte. »Jetzt ist sie hin,« flüsterte der Vater, »jetzt ist sie zu ihrem Herrn und Heiland gegangen. Nun ist sie im ewigen Licht. In der Klarheit, mein Sohn. Sie bittet bei der heiligen Jungfrau für uns arme Sünder. Wir haben uns sehr geliebt, Kinder. Die Mutter war eine gerechte und fromme Frau. Sie ist in den Himmel gegangen, um Quartier zu machen für uns alle.« »Vater, Vater,« sagte Tobias, »wir wollen für sie beten.« »Kind,« sagte der Vater, und richtete sich auf, »für uns wollen wir beten, für uns arme Sünder.« Der alte Lehrer kniete am Bett der Gestorbenen, auch Tobias und Carla ließen sich auf die Erde nieder, und das dumpfe Gemurmel der Betenden schwebte wie eine schwarze Wolke durch das Zimmer, wogte durch das geöffnete Zimmer in den schönen Frühlingstag hinaus, der wie eine Lästerung mit hunderttausend Blüten und Wohlgerüchen die Landschaft betörte, nichts vom Tod wußte und Aufbruch war in den goldenen Sommer und fruchtbaren Herbst. Tobias blieb zu Hause, bis die Mutter beerdigt war. Das ganze Dorf ging hinter dem Sarg. Der Gesangverein, den die Mutter so leidenschaftlich bekämpft hatte, stimmte an ihrem Grab einen dunklen Choral an. Tobias stand neben dem Vater und mußte ihn dann mit Carla vom offenen Grab wegführen. In den letzten Tagen hatte der alte Lehrer kein Wort mehr gesprochen. Es war, als sei sein Mund versiegelt, tot und gestorben wie der seiner Frau. Sie gingen die breite Dorfstraße entlang in das Haus zurück. Zu beiden Seiten der Straße standen viele Bauern mit ihren Frauen und Kindern, der Gesangverein und die Turner waren versammelt. Sie bildeten eine schweigende Gasse, durch die der alte Lehrer mit seinen Kindern schritt. Er hatte den Hut vom Kopf genommen, der Wind spielte mit seinem silbernen Haar, Vögel sangen, aber für ihn gab es in diesen Tagen keine Musik mehr. Als sie zu Hause angelangt waren und der Vater am Tisch saß, den Kopf in die Hände gestützt, die Augen starr durch das Fenster gerichtet, ein Bild des Jammers, da legte Carla ihre Hand auf seine Schulter und küßte ihn mitten auf den Mund. Sein Gesicht blieb ungerührt. Carla begann zu weinen. Tobias ging in das andere Zimmer und brachte die Geige mit. Er löste sie aus dem Futteral und legte sie vor den Vater, der immer noch fremd und abwesend durch das Fenster blickte. »Vater, lieber Vater,« sagte Tobias leise, »die Mutter ist im Himmel. Spiele ihr einen Choral vor.« »Ich habe ausgespielt, mein Sohn,« sagte der alte Lehrer und blieb in der gleichen erstarrten Haltung, »ich habe ausgespielt, Tobias. Die Mutter hört jetzt die Engel singen.« Erst nach einer Stunde stand der Lehrer vom Tisch auf und ging dann immer noch steif und starr aus dem Zimmer nach der Straße, wanderte allein und gemessen nach dem Friedhof, stand lange an dem geschlossenen Grab, das mit vielen Frühlingsblumen geschmückt war, bewegte lautlos die Lippen und konnte nicht weinen. Der Abend kam. Immer noch stand er am Grab, endlich raffte er sich auf, ging nach Hause, nahm die Geige und wanderte nach dem Sternsee. Auf dem Wege zum See traf er einige Liebespaare, die schuldbewußt auseinanderfuhren, als sie den alten Lehrer sahen. Er ging immer weiter, und als er den See erreichte, über den letzter Wind und letztes Licht spielten, als er die kleine Bucht am Ende des Wassers entdeckte, wo auch er mit seiner Frau in jungen Jahren manchen Abend gesessen hatte: da endlich kamen ihm die Tränen. Er setzte sich in den Wald, vor sich das leuchtende Wasser, nahm seine Geige und stimmte die ewige Klage der armen Kreatur an, der seine Gefährtin gestorben ist. Er spielte und musizierte, bis die Sterne kamen und der einsame Mond sich im Wasser bespiegelte. Zu der einsamen Totenklage erhob sich plötzlich ein Singen in der Dunkelheit: ein Liebespaar sang ein litauisches Lied, blieb unsichtbar, lag irgendwo im Dunkel des Waldes, hörte die Geige, hörte das eigene Blut musizieren und den Lockruf der ewigen Natur. Dem alten Mann wurde das Herz schwer. Er stand beinahe am Ende seines Lebens, und die da in der Dunkelheit begannen erst das Dasein. Sie lachten noch, liebten, haßten, arbeiteten, aßen und tranken, waren selber noch halbe Kinder und würden bald selbst Kinder bekommen, ein ewiges Auf und Ab in der Welt, eine ungeheuerliche Kette, an deren eisernen Glieder alle Geschlechter im Staub der Erde schleiften, wenn ihre Zeit um und ihre Aufgabe erfüllt ist. Es wurde dunkler. Berauschend stiegen die schweren Düfte aus dem Waldboden und aus den Wiesen. Der Sternsee schimmerte märchenhaft schön. Der einsame alte Mann, der heute seine Frau begraben hatte, erhob sich und ging langsam nach Hause. Tobias und Carla erwarteten ihn schon voller Unruhe. Er sagte kein Wort, als er kam, er blickte die Kinder still und ergeben an, nahm die Geige und legte sie dann sehr behutsam in den Schrankkasten, den er verschloß. Am Sonntag darauf saß er wieder an der Orgel und musizierte. Aber in seiner Musik war kein Schwung mehr, kein Sternengesang. Er zog sich von den Vereinen zurück, wurde alt und Einsiedler, führte Selbstgespräche, hielt seine Geige zwei Jahre lang verschlossen, ging fast jeden Tag auf den Friedhof an das Grab seiner Frau, betete viel und im vierten Jahre nach dem Tode seiner Gefährtin ließ er sich pensionieren. Und da war sein Sohn schon Kaplan. Tobias reiste in die Stadt zurück, verließ das Knabenkonvikt und siedelte in das Internat über. Er war nun Student der Philosophie und Theologie. Sein Professor der Philosophie war kein großes Licht. Kant, Hegel und Schopenhauer wurden mit gleichmütiger Handbewegung beiseite geschoben, der Theologe erledigte mit gelehrtem Eifer die Religionssysteme der Welt und tat so, als seien sie nur verächtliche Irrlehren und nicht wert, sich damit näher zu beschäftigen. Tobias studierte mit großer Gier und ohne Zweifel, was man ihm vortrug. Er wollte sich seines künftigen Berufes würdig erzeigen. Mit seinem Schicksal war er ausgesöhnt. Er dachte viel an die Mutter und ihren brennenden Glauben, wenn sein Herz unbefriedigt war. Er war ein trauriger Student und lernte wie ein Handwerker seinen Beruf. Er war nicht berufen. Dann wieder versenkte er sich in asketische Übungen, und wenn er aus aller Buße auftauchte, stritt in seinem Herzen die Gier nach Sünde mit der Furcht vor ewiger Strafe. Ja, manchmal schrieb Carla, und auch der Vater schrieb viele Briefe. Aber Ulitsch war verschollen. Seine Nachrichten waren kalt und fremd. Er berichtete von Berlin. Er hatte sein Examen gemacht, war in Paris gewesen und wollte nach Amerika, ehe er sich im Hause des Vaters festsetzte. Ulitsch: ja, Ulitsch sah die Welt, Ulitsch war kein Asket, Ulitsch war nicht geweiht, Ulitsch war ein Mensch, liebte und wurde geliebt. Erler war nun schon über zwanzig Jahre alt. Alle Übungen hatten sein Blut nicht verkühlt und sein Fleisch nicht ertöten können. Er war ein Mann und doch kein Mann: groß und aufgeschossen, bleich und asketisch, Hinkepeter und traurige Augen, das war Tobias. Ein Mann mit zwanzig Jahren, der sich nicht an die Welt und ihre Abenteuer verschwenden darf! Ein junger Mann, der nur der heiligen Jungfrau geweiht ist und von den anderen irdischen Jungfrauen nichts oder nur sehr wenig weiß, ein Mann, ein kümmerlicher junger Mann, der die tausendjahre alte Weisheit uralter Professoren, die nur aus Zitaten zu bestehen schien, nicht umwandeln durfte in aktive Tat: in Leben und Handlung, Haß und Liebe, uralte Weisheit, die manchmal nach Moder roch und manchmal von Blut tropfte: Weisheit, die so alt schien, daß sie schon böse war, zänkisch, geifernd und voller Gift. Tobias ist nun zweiundzwanzig Jahre alt und er rebelliert nicht mehr. Er hat viele Gespräche mit seinen Professoren und Mitschülern gehabt, Tobias kann jetzt schon selber mit jungen Füchsen väterlich reden. Er wagt auch schon, in der Gegenwart junger Frauen und Mädchen zu atmen und errötet nicht mehr so tief wie früher. Oh, er ist ein heimlicher Mucker geworden, ein Handwerker für Gott. Er wird seinen Beruf gewissenhaft erfüllen. So humpelt er zu den Vorlesungen viele Jahre, und endlich ist die Zeit um: durch die Gnade der heiligen Jungfrau Maria wird er, Tobias Erler, Sohn des Lehrers und Organisten Heinrich Erler, zum Priester geweiht. Messe. Weihrauch. Viele Glocken läuten. Es ist Herbst. Es ist Herbst. Tobias Erler ist Kaplan und wird nach einer kleinen Grenzstadt geschickt. Vorher aber besuchte er den Vater. Der alte Lehrer sah seinen Sohn mit fieberheißen Augen an. Er verbeugte sich vor ihm. Der Sohn war stolz und gedemütigt. Mit dem Vater besuchte er das Grab der Mutter. Lange sank er auf die Erde nieder und betete, leidenschaftlich betete Tobias am Grabe der Mutter. Von ihr flehte er Beistand und beharrliche Glut, auszuhalten in schwankender Zeit, hart zu sein gegen sich selber, demütig und ergeben zu sein im Willen Gottes. Amen. »Bruder,« sagte am Abend Carla zu ihm, »Bruder, ich fahre nach Berlin zu Ulitsch. Er ist aus Amerika zurückgekommen.« »Weiß es der Vater?« »Ich habe es viele Mal schon gesagt, aber ich rede in taube Ohren hinein. Was soll ich tun, Bruder? Ach, ich weiß, was ich tun soll. Nach Berlin. Zu Ulitsch. Ich liebe ihn, Tobias!« »Du sollst Vater und Mutter verlassen und i h m nachfolgen, steht in der Schrift, Schwester, aber auch: Vater und Mutter ehren, auf daß es dir wohlgehe und du lange lebest auf Erden. Carla, Carla,« begann der junge Kaplan zu wimmern, »Carla, Carla, fahre nach Berlin. Fahre zu Ulitsch. Fahre in die Welt! Ach, du weißt ja gar nicht, was ich in den letzten Jahren gelitten habe! Ein Hund war ich und bin vor den Peitschen gekuscht. Carla, ach Carla ...« »Tobias, Tobias,« flüsterte die Schwester und streichelte ihn, »Tobias, mein Bruder! Mein Bruder!« Ihre Nähe und Weiblichkeit beruhigte ihn. Er richtete sich auf, wischte sich mit der Hand über die Stirn, als müsse er böse Träume verjagen und sagte dann, die Hand der Schwester ergreifend: »Carla, fahre nach Berlin. Ich werde dich und Ulitsch später einmal besuchen. Lebe wohl.« Am nächsten Tag reiste er in die kleine Stadt und trat seine Stelle an. Carla kämpfte mit dem Vater um ihre Liebe, siegte in diesem Kampf und fuhr nach Berlin. Sie heirateten und waren glücklich. Der Vater kam zur Hochzeit. Tobias Erler aber war nicht so glücklich wie seine Schwester. Er trägt schwer an seiner jungen Würde, und das Kleid erscheint oft ihm wie eine schwarze Rüstung der Trauer und Verantwortung. Er soll Trost spenden? Sein Herz hungert selbst nach Trost! Er soll für die armen Sünder beten? Ach, wer betet für den jungen, verkrüppelten Kaplan? Die Welt rollte durch den Raum inmitten der Milliardenhaufen kreisender Sterne. Wohnen auf den Sternen auch Menschen? Ist Gott auch auf dem Sirius? Und auf dem Orion, auf der Venus, was ist da? Licht, Feuer, Explosionen oder wie hier auf der Erde die Bindung der Menschen in der Religion? Sind die Marsbewohner katholisch oder evangelisch? Nein, er hatte es nicht leicht, der junge Pfarrer, den auch jetzt noch die Schwester verlassen hatte, und der vor sich die Wüste der Welt sah, in der er das heilsame Wasser des reinen Glaubens spenden sollte. * Der junge Kaplan bewohnte ein Dachstübchen und sah durch das einzige Fenster über die Stadt, die ringsum von Wäldern umgeben war. Es war am Abend. Die Sonne war gesunken, die Dämmerung kam, und in seinem Zimmer überdachte Tobias die letzten Wochen. Er hatte eigentlich sehr wenig gearbeitet, sein Pfarrer war noch rüstig und streitbar. Auch Dekanatsgeistliche hatte er kennengelernt. Das waren in der Mehrzahl Männer, die gerne gut aßen und tranken und sich mit den Fragen der Wissenschaft oder Seelenkunde nicht viel quälten. Es waren wohlbeleibte Männer, die ihr Handwerk gut verstanden und sich ganz menschlich gaben, wenn sie nicht Gott dienten. Sie rissen gern Witze, besprachen die Fehler oder Blamagen ihrer Kollegen, und mit noch größerem Eifer, als sie die Messe zelebrierten, huldigten sie dem Kartenspiel. Tobias stand auf und ging aus dem Zimmer. Auf der Straße begegnete er dem Schumacher Wachuweit, einen Menschen in den dreißiger Jahren, der niemals zur Messe kam und doch mit dem Pfarrer und auch mit den jungen Kaplänen leidenschaftlich gern diskutierte. »Hochwürden,« begann Wachuweit, »wir haben von Ihrem Herrn Vater gehört, daß sich Hochwürden auch für Musik interessiert. Wollen Hochwürden bei uns nicht einen Gesellenverein gründen? Fünf Männer hätte ich an der Hand. Wir haben schon mit dem Herrn Pfarrer gesprochen, und er ist dafür.« »Da bin ich auch dafür, Herr Wachuweit, und ich will noch heute mit dem Herrn Pfarrer darüber reden. Wer sind denn die fünf Männer?« »Der Bäckergeselle Öhring, der Schmied Baiding, der Kaufmann Roth und mein Geselle Jacob.« »Ich habe nur den Roth und den Schmied in der Messe gesehen. Was sind denn die anderen für Leute?« »Brave Kerle, Hochwürden. Der Jacob ist ein Freigeist, er hat viele Bücher gelesen, viel mehr als ich. An Gott glaubt er, aber nicht an den Teufel. Gibt es einen Teufel, Hochwürden?« »Wachuweit, es gibt einen Teufel. Das ist der Versucher in uns,« antwortete der junge Kaplan. »Der Herr Pfarrer beschreibt den Teufel anders, als Herr Kaplan,« sagte der Schuhmacher. »Ihren Teufel, Hochwürden, kann ich mir vorstellen, den von Herrn Pfarrer aber nicht.« »Wenn wir den Verein, lieber Wachuweit, gründen wollen, so ist es Vorbedingung, nicht über ein Dogma der heiligen Kirche zu sprechen,« sagte der junge Kaplan und setzte eine strenge Miene auf. »Was ich vorhin über den Teufel äußerte, war nicht amtlich. Ich ersuche, davon keinen Gebrauch zu machen. Und ich glaube nicht, daß aus unserem Verein etwas wird. Wir wollen hören, was der Pfarrer jetzt zu dem Plan meint.« Er ließ den verdutzten Schuhmacher stehen, erwiderte seinen Gruß und schritt zum Pfarrhaus. Im Studierzimmer brannte noch Licht. Er klopfte an die Tür und trat in den Lichtkreis der Lampe zum Tisch, an dem der Pfarrer saß, und erzählte seine Begegnung mit Wachuweit. »Herr Kaplan,« lachte der Pfarrer und schob ein Reisebuch beiseite, »Herr Kaplan, der Wachuweit ist ein großer Philosoph, und er hat Sie mit der Frage über den Teufel über den Haufen gerannt. Auch mich hat er schon einigemale damit überfallen. Der Teufel ist der Versucher in uns? Das ist eine gute Antwort, Herr Kollege, und viel treffender als die Geschichten der alten Weiber, die den Gottseibeiuns mit feurigen Hufen fast jeden Abend aus den Schornsteinen fahren sehen. Der Wachuweit denkt an alles, aber er hat kein Gedächtnis. Er hat schon lange wieder vergessen, was Sie ihm über den Teufel erzählt haben. Er sagte zu Ihnen, ich schildere den Satan anders? Das also hat man ihm doch erzählt. Man muß es ihm viele Male erzählt haben, weil er es jetzt noch weiß. Sehen Sie, lieber Herr Kollege, das bleibt hängen von unserer Arbeit: der gehörnte Teufel mit den glühenden Hufen!« »Und der Gesellenverein?« fragte der junge Kaplan erleichtert, »was denken der Herr Pfarrer über den Gesellenverein? Der Wachuweit machte mich extra auf seinen Gesellen Jacob aufmerksam, der ein besonderer Freidenker sei. Soll man sich für die Sache interessieren?« »Natürlich, Herr Kaplan. Soll man. Es ist viel besser, wir sammeln die Leute um uns, und vielleicht bleibt doch etwas mehr in ihnen haften als das Bild des Satans, das Gespenst für kleine Kinder und alte Weiber. Dann schon lieber die Erklärung, die Sie gegeben haben. Fangen Sie an, Herr Kaplan, und gründen Sie den Verein.« Auf dem Heimweg in seine Dachkammer grübelte Tobias über jenes Gespräch nach. Wie anders war der Pfarrer, wenn er in der Kirche stand und seine Gemeinde andonnerte, das ewige Fegefeuer schaurig und das ewige Paradies prachtvoll ausschmückte! Und was hatte der Pfarrer gelesen? Ein Brevier? Nein, er las in einem Buch über China und in seinem Studierzimmer hing das Bild einer Heiligen, das alles andere war als ein Bild zerknirschter Reue oder tränenvoller Buße. In den nächsten Tagen verständigte sich der junge Kaplan mit Wachuweit, und kurze Zeit darauf kamen sie zusammen, um ihren Verein zu gründen. Wachuweit brachte den Freigeist Jacob mit, einen jungen Menschen in den zwanziger Jahren, der aus Süddeutschland stammte und auf seiner Wanderschaft hier hängen geblieben war. Roth zählte noch keine zwanzig Jahre. Ein langaufgeschossener Jüngling mit rotem Haar, einer billigen Brille und ewig feuchten Händen: das war Johannes Roth, der Kaufmann. Baiding schien nur aus Muskeln zu bestehen. Das Sprechen fiel ihm schwer. Vielleicht war sein Hirn auch nur ein angestrengtes Muskelbündel. Wenn Baiding nämlich dachte, bewegte er den Kopf spielerisch hin und her. »Der Herr Pfarrer hat mich beauftragt, mit Ihnen, meine Herren, über die Gründung eines Gesellen Vereins zu verhandeln. Wir haben schon die Statuten ausgearbeitet, und ich werde sie Ihnen jetzt vorlesen.« Tobias las die Statuten eines katholischen Gesellenvereins vor und fragte dann: »Wollen Sie auf dieser Grundlage zur Gründung eines Vereins schreiten?« »Jawohl, Hochwürden,« antwortete Wachuweit, »aber wir möchten bitten, neben der Geselligkeit besonders die Musik zu pflegen. Und ich glaube, daß Jacob noch ein Wort zu sagen hat.« »Bitte, Herr Jacob«, ermunterte der Kaplan. »Hochwürden,« begann Jacob auf schwäbisch, »die Sache ist die, daß wir in Bahlingen schon mal so einen Verein gehabt haben. Aber da sind wir bös reingefallen. Der war nämlich gar nichts anderes als eine Fortsetzung der Kirche. Und das ist doch ein Verein für sich.« »Jacob,« unterbrach ihn Tobias entsetzt, »Jacob, die heilige Kirche ist doch kein Verein!« »Das weiß ich, Hochwürden,« antwortete Jacob, »aber in die Statuten muß bei der Geselligkeit auch die Pflege der Musik hineingesetzt werden. Sonst mache ich nicht mit.« Roth meldete sich zum Wort. »Hochwürden,« begann er ganz aufgeregt, »der Herr Jacob ist ein schwarzes Schaf in der Herde unseres Herrn und Heilands. Der Herr Jacob will nur singen und die Musik pflegen, sonst glaubt er an nichts. Wenn der Herr Jacob in unserem Verein ist, werden viele andere Leute nicht beitreten.« »Ich habe den Verein gegründet,« begann Wachuweit zu schreien und schlug auf den Tisch, »ich habe den Verein gegründet und wenn der Jacob nicht vornehm genug ist, da pfeife ich auf den ganzen Schwindel, Hochwürden. Ist der Jacob nun endlich aufgenommen?« »Aber Herr Wachuweit,« besänftigte Tobias, der entsetzt feststellte, daß sich seine Sympathie dem jungen Schwaben zuwandte und sein Haß dem widerlichen Roth, »wir haben ja den Verein noch gar nicht gegründet! Der Herr Pfarrer will das nächste Mal kommen. Ich glaube schon, daß wir den Herrn Jacob aufnehmen dürfen, trotzdem er gesagt hat, die heilige Kirche ist ein Verein.« »Und sie ist doch ein Verein zur Verblendung der Menschen,« rief der Schuhmacher Jacob, »und ich pfeife darauf, was der Herr Pfarrer sagt. Da gehe ich lieber auf die Wanderschaft.« Bahling hatte bisher stumm auf seinem Platz gesessen und hin und her wiegend seine Gehirnmuskeln angestrengt, Plötzlich schlug er mit der Faust auf den Tisch und brüllte: »Der Jacob soll ausgeschlossen werden? Das ist vollkommen ausgeschlossen. Da trete ich auch aus.« Er stand auf und wehrte den schmächtigen Roth ab, der ihn darüber aufklären wollte, daß der Verein ja noch gar nicht gegründet war, warf Jacob einen treuen Hundeblick zu und verließ das Zimmer, Auch Wachuweit stand auf, stieß seinen Gesellen an und sagte: »Komm, Jacöble, wir sind nicht vornehm genug. Wir gründen unseren Verein für uns ganz alleine.« Er verließ mit Jacob und Öhring den Raum. Zurück blieb Tobias Erler, der junge Kaplan, der nicht wußte, ob er fröhlich oder traurig sein sollte. Er blieb allein mit dem jungen Roth, der sich über den Tisch beugte und eine Liste vorwies, auf der er die Namen von jungen unbescholtenen Leuten geschrieben hatte, die sich Hochwürden zur Verfügung stellen, um den katholischen Gesellenverein zu gründen. Tobias nahm die Liste und verabschiedete sich schnell. Die Begleitung des Jünglings wies er schroff ab. So endete sein erster Versuch, sich praktisch zu betätigen. Der Herr Pfarrer nahm die Sache nicht tragisch, er lachte nur, als Tobias darüber berichtete, stellte ein Glas Wein vor ihm hin und sagte: »Wir müssen tolerant sein, Herr Kaplan. In unserer Gemeinde sind auch Evangelische, Freidenker und Juden. Ich glaube, Herr Kollege, Sie haben richtig gehandelt. Der Wachuweit ist mir von hinten viel lieber als der Roth im Gesicht. Und Jacöble, der tapfere Schwabe, scheint mir von den sieben Schwaben abzustammen, die durch ihre Heldentaten bekannt sind. Die jungen Leute, die der Roth aufgeschrieben hat, sehen wir immer in der Kirche. Die sind uns sicher. Für die brauchen wir keinen Verein.« Der junge Roth drängte sich noch einige Male an Tobias, um die Vereinsgründung zu beschleunigen. Ihn erfüllte brennender Ehrgeiz, irgend eine Rolle zu spielen. Er kroch und schmeichelte, aber Tobias wies ihn ab. Der Schmied Bahling stellte die Kirchenbesuche ein. Jacob war nicht auf die Wanderschaft gegangen, man sah ihn zum ersten Mal mit seinem Meister Wachuweit in der Messe. Wenn die beiden aber dem Pfarrer oder dem Kaplan begegneten, gingen sie auf die andere Seite der Straße. Nach einem halben Jahr wurde der junge Kaplan nach Marienburg versetzt. Er ging mit leichtem Herzen: zum ersten Mal kam er in eine größere Stadt. Einen gewaltigen Eindruck machte auf ihn das Ordensschloß. Er besuchte es in den folgenden Jahren viele Male. Die Romantik seiner Jugend wurde wach, die Helden und Abenteuer kamen aus den Kinderbüchern hoch und stiegen in die Rüstungen der alten Ritter. Der junge Kaplan wurde selbst wie ein Kind und sah die klirrenden Ritte der Reiter vom Schloßhof über die Zugbrücke, er sah den Kampf gegen die Feinde, das Blut floß, die Sonne flammte, die Sterbenden stöhnten, die Sieger jauchzten. Im Wind flatterten die seidenen Sturmfahnen. Er lernte auch den Verwalter des Schlosses kennen, einen stolzen, nur mit der »Burg Marien« vermählten Geheimrat, mit dem er viele Stunden über die Blütezeit der Ordensritter verplauderte. Aufgereiht standen die glänzenden Panzer versunkener Geschlechter. Nur die Phantasie konnte das tote Eisen mit lebendigem Fleisch füllen. Tobias Erler hatte genug Phantasie, um die Toten aus den Gräbern zu reißen und sie im großen Remter in Glanz und Pracht hoher Festlichkeit herumstolzieren oder im Kapitelsaal als Kriegsrat thronen zu lassen. Manchmal aber überkam ihm Wehmut über die Vergänglichkeit der irdischen Dinge und Schwermut darüber, daß auch die ehernen Tritte vergangener Jahrhunderte nur noch geisterhaft vorüberhuschten. In Marienburg hatte der junge Kaplan viel Arbeit. Vorher mußte er, als er mit dem Volk zusammenkam, in seiner letzten Stadt einiges Lehrgeld zahlen, und jetzt zwangen ihn die Verhältnisse, mit beiden Füßen auf der Erde zu stehen, wenn auch der eine Fuß verkrüppelt war. Der junge Kaplan wurde Präses vom katholischen Vereinshaus und war verantwortlich für die ganze Verwaltung. Da ging es nicht mehr um die erhabene Jungfrau und um die Heiligen, auch nicht um das Paradies oder das Fegefeuer: hier lernte er ausbalancieren zwischen Einkauf und Verkauf, befaßte sich mit Bier und Wein, Zigarren und Likören, mit warmen und kalten Speisen, die in jenem Haus verkauft wurden. Niemals hatte er daran gedacht, als er Theologie studierte, daß auch Brot und Fleisch wichtig zum Leben seien. Und wie wichtig es war, erkannte er aus der ersten Jahresbilanz, die er aufstellte. Der junge Kaplan wurde der Vorsitzende des katholischen Gesellenvereins. Das Blut des Vaters rauschte fröhlich durch seine Adern. Wie der alte Organist in seinem Dorf, hatte er jetzt in der Stadt die Aufgabe, in jedem Jahr einige Feste zu organisieren. Theater mußte sein, Schauspiel. Tobias war Direktor, Regisseur, technischer Leiter und Souffleur in einer Person. Er hatte den Spielplan zu bestimmen, die Rollen zu besorgen und einzuüben, die Spieler auszuwählen. Im Winter und im ungeheizten Saal konnte nur Begeisterung das klappernde Gebein erwärmen. Bei jeder Probe, und es waren bei der Intelligenz der Spieler immer sehr viele Proben notwendig, mußte er anwesend sein. Arbeit in Hülle und Fülle, Bewegung, Anregung, Aufregung, schöner Eifer, durch das Spiel den Sinn der Welt zu deuten oder zu erklären. Viele Feste rauschten vorbei und fanden viel Beifall. Zu einem Weihnachtsfest, auf dem ein Krippenspiel aufgeführt wurde, kam auch der Vater aus seinem Dorf herüber. Er hatte den Schmerz über den Tod der Mutter und über die Flucht Carlas vergessen, wie ein Verwundeter seine Wunden vergessen kann und stolz ist, wenn ihre Narben rot aufglühen. »Bewegte Welt, Tobias,« sagte der Alte. »Botschaft von den Sternen auf die Erde, den Blick zu erheben. In den Weltraum. Ein Schauspiel und ein Beispiel. Carla hat aus Berlin geschrieben. Sie beklagt sich über dich, weil du auf ihre Briefe wenig antwortest. Ulitsch läßt grüßen und ist wütend auf dich. Du solltest wieder einmal das Lied von den preußischen Spartanern aus Smolensk singen, läßt er sagen. Sie haben ihr erstes Kind. Und wie heißt das Kind, Herr Kaplan? Der kleine Mann heißt Tobias Ulitsch!« »Vater, Vater«, sagte der Kaplan und sah plötzlich durch das Mysterium und Dogma von der jungfräulichen Geburt Marias in die schmerzvollen Wehen seiner Schwester Carla. »Vater, ja: ich habe wenig geschrieben. Das Himmelszelt ist beinahe über mir zusammengestürzt. Die Erde schmerzt mich, weil ich viel in den Sternen lebe. Jetzt schmerzt mich der Himmel, weil ich ahne, wie die Welt wirklich ist. Ich führe nicht nur Schauspiele auf, Vater. Ich bin auch oft im Gefängnis. Vorige Woche haben sie einen jungen Menschen geköpft. Ich war mit dabei. Es war grauenvoll, Vater.« »Kurz vor Weihnachten haben sie einen Menschen geköpft? Vor dem Fest der Liebe, Tobias? Was hat er getan?« fragte der Vater. »Er hat einen anderen Menschen umgebracht. Es waren zwei Holzknechte und sie feierten Geburtstag. Es war mitten im Sommer, Vater. Sie tranken natürlich Schnaps, sie erhitzten sich, stritten, rangen miteinander und der eine langte sich die Axt und schlug seinem Kameraden den Schädel ein. Deshalb wurde er zum Tode verurteilt. »Hochwürden,« sagte er in der Nacht vor der Hinrichtung, »es war ein Freund, den ich erschlagen habe. Erschlagen, aber nicht ermordet. Wir haben viel Schnaps getrunken, Hochwürden, alle beide haben wir getrunken, ich habe vielleicht einen Schluck mehr getrunken wie er, Hochwürden, und deshalb habe ich zur Axt gegriffen. Hätte er einen Schluck mehr getrunken, Hochwürden, hätte er die Axt ergriffen und in meinen Schädel gehackt. Und jetzt wird mir der Kopf abgehackt, Hochwürden, und am jüngsten Gericht, Hochwürden, erscheine ich mit dem Kopf unter dem Arm und der Herr Jesu fragt mich: »Was hast du getan, daß man dir den Kopf abhackte?« da sage ich und falle auf die Erde nieder: ›Ich habe zuviel Schnaps getrunken, allergnädigster Herr und Heiland. Amen‹. Siehst du, Vater, das Sternenzelt ist zusammengebrochen.« »Aber du hast dich wieder aufgerichtet, mein Junge. Der Herr sei der Seele des armen Holzknechts gnädig. Ich fahre morgen wieder in das Dorf zurück, ich denke viel an dich, Herr Kaplan, und wünschte, die Mutter sehe dich noch einmal mit ihren irdischen Augen ... Kommst du oft in das Gefängnis, Tobias?« »Ja, Vater, ich bin oft im Gefängnis. Ich habe sehr viel Arbeit in Marienburg. Messe und Predigt. Den Gesellenverein. Das katholische Gesellschaftshaus. Gesellschaftliche Verpflichtungen. Aber am meisten, Vater, fühle ich mich den Gefangenen hinter den Mauern verpflichtet. Ich verwalte auch dort die Bibliothek und habe sonderbare Erfahrungen gemacht. Geistliche Bücher werden sehr wenig verlangt. Auch mit mir als Kaplan wollen die Gefangenen nur weltlich sprechen. Und weißt du, Vater, was hauptsächlich gelesen wird? Philosophie und Reisebeschreibung. Dann kommen Naturwissenschaften und Bücher über Kunst und Geschichte. So ein Gefängnis, Vater, ist ein grausamer Ort.« »Die ganze Welt ist grausam, Tobias. Philosophie und Reisebeschreibung sagst du? Die Kenntnis der menschlichen Seele ist die Vorbedingung zu ihrer Eroberung. Was hast du sonst noch im Gefängnis erlebt?« »Da sitzt seit sechs Monaten ein gewisser Bergmann. Der war Redakteur an einem sozialistischen Blatt und ist wegen Aufreizung zum Klassenhaß verurteilt worden. Als ich ihn zuerst besuchte, wies er mich schroff ab. Ich ließ mich nicht abschrecken und kam wieder. Und da haben wir über drei Stunden diskutiert. Er glaubt nicht an Gott, er glaubt aber an ganz bestimmte Weltgesetze und an die Umwandlung der Materie, wie er es nennt. Er ist Materialist und erklärt den Jammer der Menschheit aus den Verhältnissen, ohne den Willen des einzelnen ganz auszuschalten. Er sagt: »Nehmen wir einen Arbeiter an, Herr Kaplan, der zwölf Stunden in der Fabrik arbeitet. Dieser Mann geht Sonntags einmal spazieren und sieht vielleicht die Villa des Kapitalisten, für den er arbeitet. Er denkt dabei an seine dreckige Wohnung, in der vier Kinder in einem Bett schlafen. Er wird also gereizt. Zwei Klassen gibt es in der Welt, denkt er: die Arbeiterklasse und die Klasse der Kapitalisten. Er spricht darüber mit seinen Kollegen in der Fabrik, erzählt von der Villa und von seiner Wohnung, er reizt seine Kollegen auf, über die Klasseneinteilung in der heutigen Gesellschaft nachzudenken. Dieser Arbeiter wird denunziert, kommt vors Gericht und wird, weil ihn der Reichtum des Fabrikanten reizte, für einige Monate wegen Aufreizung zum Klassenhaß ins Gefängnis geschickt. Was sagen Sie dazu, Herr Kaplan?« »Herr Bergmann,« sagte ich, Vater, »Herr Bergmann, die Kirche beschäftigt sich mit jenseitigen Dingen. Ihr ist es um die Seele des Arbeiters und des Kapitalisten zu tun. Vor Gott sind beide gleich.« »Herr Kaplan,« lachte Bergmann, »Sie vergessen, daß die Kirche über tausend Jahre lang eine weltliche Macht war und sieh wohl in die gesellschaftlichen Verhältnisse eingemischt hat. Ihr Kampf geht also nicht nur um die Seele, von der kein Mensch weiß, was sie ist. Sie ist so vielfältig wie die Bilder, die sich die Menschheit von Gott gemacht hat, in Europa, in Asien, in Amerika, in Afrika und Australien. Der Kampf der Kirche geht auch um die irdischen Dinge. Die Missionare zum Beispiel sind sehr oft nur die Pioniere für die Eroberung fremder Länder. Zuerst sind die Missionare da, dann die Kaufleute und dann die Soldaten und die Kanonen. Vielleicht werden Sie jetzt sagen, Herr Kaplan, die Kanonen, also die Obrigkeit, ist von Gott eingesetzt. Wenn die Kanonen aber nun losgehen, ist es auch Gottes Wille? Und wenn man in der Geschichte nachliest, sieht man, daß eine Regierung, also eine Obrigkeit, die andere ablöst. Alles fließt, das haben schon die alten Griechen gewußt und ausgesprochen.« Dem Bergmann, Vater, war mit dem nicht beizukommen, was ich wußte, glaubte oder gelernt hatte. Er stellte Tatsachen vor mich hin, Ziffern, Zahlen, Statistiken, er brachte Tabellen über die Sterblichkeit der Arbeiterkinder in den Berliner Hinterhäusern: nach den drei Stunden war ich von ihm vollkommen geschlagen. Ein Kollege, mit dem ich darüber sprach, sagte, der Bergmann wäre der Antichrist. Da mußte ich ein Lachen unterdrücken, Vater. Der Bergmann ist fünfundzwanzig Jahre alt, Sohn eines kleinen Handwerkers, Setzerlehrling und Buchdrucker gewesen: das las ich in seinen Akten. Soviel Mühe macht sich der Antichrist nicht, er geht auch nicht für ein Jahr ins Gefängnis, nur um einen gewissen Tobias Erler mit grausamen Tatsachen zu verwirren und zu erschüttern, Was meinst du, Vater?« Der alte Lehrer zuckte hilflos mit den Schultern. Er wußte keine Antwort. Nur das wußte er, daß die Welt nicht schön eingerichtet war, er hatte ja selber viele Jahre gedarbt und gehungert. Nur das wußte er, daß der Mensch kämpfen und arbeiten muß bis zum letzten Atemzug und daß die Seligkeit und das Glück allein neben Gott in der Musik und in der Harmonie der Natur zu finden waren. Er gab seinem Sohn die Hand. »Tobias,« sagte er endlich, »was wissen wir von der Welt! Was wissen wir, was Gott mit uns vorhat? Denke an die Mutter, die sich trotz der Armut ihren Glauben bewahrt hat. Wir alle sind schwach, die heilige Jungfrau wird uns behüten und stützen.« »Ja,« sagte Tobias, »ja, auch ich weiß, daß ich sehr wenig weiß, daß ich gar nichts weiß, Vater. Der Bergmann hat mir einige Bücher aufgeschrieben, die ich lesen soll. Gewöhnlich empfehle ich den Gefangenen Lektüre, aber die Welt steht auf dem Kopf: jetzt empfiehlt mir ein Sträfling dieses und jenes Buch, und, Vater, ich werde sie lesen.« Der alte Lehrer verabschiedete sich und fuhr in sein stilles Dorf zurück. Ja, die Welt hatte sich gedreht. Wo früher ein Schatten war, strömte jetzt das Licht. Er hatte Angst um seinen Sohn. Zu Hause fand er Trost in der Musik. Auch Carla hatte geschrieben. Der junge Kaplan besuchte nicht nur die Gefängnisse und leitete nicht nur die Feste des Gesellenvereins. Er verrichtete auch geistliche Dienste. Er hörte die Beichte und vergab sehr schnell die kleinen Sünden. Er predigte auch. Laut schallte seine Stimme durch den kühlen Raum. Von der Kanzel aus beobachtete er mit staunender Verwunderung den Eindruck seiner Worte. Wenn er vom Fegefeuer und von der Hölle sprach, verzerrten sich angstvoll die Gesichter der Gemeinde, wenn er die Seligkeit des Paradieses ausmalte, glaubte er die Herzen der Gläubigen freudig schlagen zu hören. Oh, er war wie ein Zauberer und konnte Qualen und Jubelrausch erzeugen. Manchmal spielte er auf den Herzen der Kirchenbesucher wie auf einer Orgel. Tobias Erler kam in Marienburg auch in den gesellschaftlichen Betrieb hinein. Er entwickelte trotz seiner seelischen Erschütterung allerhand Talente und wurde ein sehr guter Skatspieler. Er gewann oft. Wein wurde getrunken, Bier, es wurde Billard gespielt und Kegel geschoben. Er befreundete sich innig mit einem Kaplan. Zwei Jahre lebten sie im besten Einvernehmen zusammen und haben sich keine einzige Minute lang entzweit. Sie trugen gleiche Mäntel, gleiche Handschuhe, gleiche Stöcke und gleiche Plüschhüte. Mit jenem Kaplan fuhr er einmal nach Danzig und hörte die erste Oper. Tannhäuser wurde aufgeführt. Erler schwelgte in Musik und war so erschüttert, daß er zitterte und weinte. Als der Sirenenchor begann, brauste das Blut in dem kleinen Kaplan wie eine glühende Flamme der Sinnlichkeit und Leidenschaft. Er wagte kaum zu atmen. Als er einmal um sich sah, um die verzauberten Gesichter der anderen Menschen zu studieren, fiel sein Blick auf einen Major, der während der Aufführung eingeschlafen war. Tobias haßte den Major, in ihm haßte er plötzlich das ganze Militär und mußte merkwürdigerweise an den politischen Gefangenen Hans Bergmann denken. In den folgenden Monaten kam Erler sehr wenig zur Lektüre. Die Bücher, die ihm Bergmann empfahl, las er nicht. Er dachte aber viel über jene erste Unterhaltung nach und fand seine Verwaltungsarbeit als Präses im katholischen Gesellenverein sehr glücklich formuliert als: Umwandlung der Materie. Der befreundete Kaplan riß über jene Formulierung nur billige Witze, und bei jedem Skatabend, an dem Wein oder Bier getrunken wurde, sagte er bei jedem neuen Glas: »Herr Kollege, verwandeln wir die Materie!« Tobias Erler spielte nicht nur Karten oder Billard, er wurde auch zu einigen Gesellschaften eingeladen. Er glaubte schon, weil er Wagner gehört hatte, ein Weltmann zu sein, aber seine Verstöße gegen die sogenannte gute Form waren sehr zahlreich. Bei einem Essen hatte er als Tischnachbarin eine junge, schöne und reiche Witwe. Sie machte viele Versuche, mit dem interessanten Kaplan, von dessen Aufführungen man in der Stadt sprach, eine Unterhaltung in Fluß zu bringen. Aber an diesem Abend konnte Tobias nicht sprechen. Das Blut schoß ihm in den Kopf, die allzu heftige Weiblichkeit der schönen Nachbarin verwirrte ihn. Sie wandte sich schließlich einem älteren Herrn zu und Erler wurde eifersüchtig, als er das betörende Lachen der jungen Frau hörte. Die Tafel wurde aufgehoben. Die Gäste gingen zum Tanz. Außer Erler waren auch einige Pfarrer anwesend, die sich besonders an den Wein hielten und sehr artig über vollkommen weltliche Dinge sprechen konnten. Die geistlichen Herren waren nach der aufgehobenen Tafel auch gute Tänzer. Die bildschöne junge Witwe kam auf Tobias zu. »Mit Ihnen möchte ich gern einmal tanzen,« sagte sie. »Ich habe Ihre letzte Aufführung gesehen, Herr Kaplan, und bin begeistert. Was Sie alles aus den Menschen herausgeholt haben!« »Gnädige Frau,« stotterte der junge Kaplan verlegen, »ich tanze nicht den Tanz um das goldene Kalb!« Er drehte sich um und ließ die Dame stehen. Er hatte etwas ganz anderes antworten wollen, etwas galantes und weltmännisches, aber er fürchtete sich ganz einfach vor der schönen Frau. Ja, er hätte sie in seine Arme reißen wollen, er war ja ein Mann und liebte schöne Frauen. Von der Ecke aus beobachtete er die junge Tänzerin, die sich mit einem beleibten Pfarrer lächelnd und wiegend über das Parkett bewegte. Der Pfarrer tanzte wie ein Faun. Die schöne Dame bewegte sich wie eine Nymphe. Am nächsten Tag besuchte Erler im Gefängnis Hans Bergmann. Als politischer Sträfling konnte sich Bergmann selbst beschäftigen. Auf dem Tisch lag ein großes Buch, daneben viele Zettel mit Auszügen. Bergmann las und schrieb, und manchmal stützte er den Kopf in die Hände und dachte nach. »Herr Bergmann,« sagte der junge Kaplan, »in vierzehn Tagen ist Ihre Zeit um. Was wollen Sie dann machen?« »Wieder an meine Zeitung gehen. Das Jahr war für mich gute Erholung. Ich habe viel gelernt und studiert.« »Was ist das für ein Buch, was Sie lesen?« fragte der Kaplan. »Das ›Kapital‹ von Marx,« sagte Bergmann, »aber das würde ich Ihnen noch nicht empfehlen,« und tat so, als müsse er für das Heil einer Seele sorgen, »dieses Buch dürfte für Sie zu schwer sein.« »Das käme auf die Probe an,« antwortete lächelnd Erler, beugte sich über das Buch, erhaschte einige Ausdrücke wie Akkumulation, Expansion und imperialistische Tendenz, wußte damit nichts anzufangen und sagte weiter: »Herr Bergmann, eigentlich sollte ich Sie nicht besuchen. Ihre Seele hat zuviele Namen und Gestalten, als daß ich sie anrufen und einordnen könnte. Ein Kollege, mit dem ich über Sie sprach, behauptet, Sie seien der Antichrist.« Bergmann lachte. »Was ist das für ein theologischer Unsinn! Wenn Gott die Welt geschaffen hat, warum erschuf er den Antichrist? Vielleicht sind Gott und Teufel, weil sie aus einem Gehirn entsprungen sind, dem Gehirn des Volkes nämlich, mathematisch ausgedrückt zwei parallel laufende Linien, die sich in der Unendlichkeit treffen. Was meinen Sie dazu?« »Garnichts, Herr Bergmann,« sagte Erler, »ich will mich nur von Ihnen verabschieden. Vor fünf Monaten war ich bei Ihnen und Sie haben mir klar gemacht, daß man mit Leuten von Ihrem Schlag anders diskutieren muß, als ich es bis jetzt getan habe. Vor einigen Wochen habe ich bei meinem Bischof beantragt, mir Urlaub zu gewähren, um mein Studium zu vollenden. Heute Morgen ist der Bescheid gekommen. Ich gehe für zwei Jahre nach Freiburg. Dann werden wir sehen, Herr Bergmann, wenn wir wieder einmal zusammentreffen sollten, wer die besseren Gründe für sich hat.« »Die Gründe sind billig wie Brombeeren, ich gebe nur etwas auf Tatsachen. Tatsachen, bringen Sie Tatsachen, Herr Kaplan, auch mit Tatsachen können Sie mich nicht überzeugen, aber vielleicht dazu bringen, noch bessere Tatsachen gegen die Ihren aufzustellen. Im übrigen freue ich mich, daß Sie ein wenig in die Welt hinauskommen. Fahren Sie über Berlin, gehen Sie in irgendeinen Hinterhof, Quergebäude vierter Stock und sehen Sie sich mit eigenen Augen an, wie die Menschen dort leben. Vergleichen Sie dann mit Charlottenburg, mit dem Tiergartenviertel. Tatsachen, Herr, Tatsachen.« »Nach Berlin komme ich schon, Herr Bergmann, meine Schwester ist dort verheiratet, und ich werde nicht vergessen, mir einen Hinterhof, Quergebäude vierter Stock, anzusehen. Leben Sie wohl.« Er gab ihm die Hand. Die schwere Eisentür knallte ins Schloß. Der Sträfling war wieder allein. Er setzte sich an den Tisch, beugte sich über das aufgeschlagene Buch, las und notierte, dachte nach, stützte den Kopf in die Hände und blickte dann mit hungrigen Augen dem schmalen Streifen Sonne nach, der durch das vergitterte Fenster in die Zelle kam und langsam über die kahlen Wände wanderte und Lockruf war in die Freiheit der unvergitterten Welt. Der Gefangene sah die Sonne wandern und endlich aus der Zelle verschwinden. Viele Monate hatte er ihr Lichtspiel an den Wänden verfolgt, die goldene Spur und leuchtende Schrift aus der Welt. Ja, und in zwei Wochen würde auch er wieder im ungebrochenen Licht stehen und selbst ein wenig Licht in die Hinterhöfe und dumpfen Gehirne verbreiten. Der Kaplan Erler? Oh, das war ein junger, gläubiger Mensch, erfüllt und besessen von seiner Mission. Erler ist ein Pfarrer, aber kein Pfaffe, dachte der Sträfling. Wenn nun der Kaplan mit der Welt in Berührung kommt, mit der Wissenschaft, gingen seine Gedanken weiter, da würde sich ein großartiges Schauspiel abrollen: der erbitterte Kampf zwischen Glauben und Wissen, der Himmelssturz auf die Erde. Nun war die Sonne vollkommen aus der Zelle verschwunden. Bergmann riß sich zusammen, dachte nicht mehr an Tobias Erler, er dachte nur an die kommende Entlassung. Und um vollkommen ausgerüstet zu sein, las er, bis die Dunkelheit durch die Gitter kroch, weiter in seinem Buch. Erler erledigte die letzten Besuche in der Stadt. Noch einmal lief er nach der alten Ordensburg, noch einmal belebte seine Phantasie die eisernen Rüstungen, noch einmal dröhnten die Schritte versunkener Jahrhunderte durch sein Hirn. Noch einmal wehten die seidenen und gestickten Sturmfahnen im Wind. Das Bild vom Heiligen Georg erwachte in dem kleinen Kaplan. Ja, jetzt zog auch er in die Welt, jetzt wappnete und rüstete er sich, und er würde schon streiten für die Jungfrau Maria und für den heiligen Glauben. Über zwei Jahre war er Kaplan in der Stadt gewesen. Er hatte viel gelernt und viel erfahren. Er konnte Bilanzen aufstellen, Beichte hören, Theateraufführungen leiten, predigen und musizieren. Die ewige Scham und Schüchternheit vor den Frauen war auch langsam gewichen. Wo waren die quälenden Zweifel der ersten Zeit? Und wenn Zweifel kamen, da wollte er an Bergmann denken, an den Mann in der Zelle, der sich während der Gefangenschaft für neuen Kampf vorbereitete. Audi er würde sich vorbereiten. Freiburg war eine große Stadt. Zwei Jahre Studium war eine lange Zeit. Er ging als kleiner verkrüppelter Kaplan hin, als Doktor der Theologie und Philosophie würde er in das Amt zurückkommen. An der Feier, die ihm zu Ehren gegeben wurde, nahmen ungefähr dreihundert Gäste teil. Auch einige evangelische Herren waren anwesend und, das machte ihn besonders stolz und glücklich, viele Damen, alte und junge. Auch die schöne Witwe, die ihm damals nach dem Essen zum Tanz aufgefordert hatte, war erschienen. Und an diesem Abend konnte er frei und artig auf ihre Reden antworten. Gedämpfter Jubel, ab und zu ein Gelächter, Wein und viele Reden, Trinksprüche und schmeichelhafte Vergleiche: Tobias Erler war hemmungslos glücklich. Ein Prälat hielt eine väterliche Ansprache, sein Freund, der damals mit in Danzig war, setzte sich an das Klavier und spielte einige Takte des Sirenenchors. Zum Schluß wurde getanzt, und der kleine Kaplan führte auch seine Tänzerin behutsam über das spiegelnde Parkett. Am frühen Morgen, als sich der Zug in Bewegung setzte, winkten einige Kapläne lange dem Scheidenden nach. Die weißen Fähnchen der Zurückbleibenden verflatterten wie Schmetterlinge. Tobias Erler setzte sich auf seinen Fensterplatz, die Felder und Wälder wirbelten vorüber, kleine Dörfer und blitzende Gewässer und die Räder hämmerten: »Doktor Tobias, Doktor Tobias«. Am Abend war Berlin erreicht. Brennend gern hätte er seine Schwester und Ulitsch gesehen, aber beide waren mit dem kleinen Sohn ans Meer gefahren. Weiter, weiter, immer weiter ging die Fahrt. Eine sternenvolle Nacht. Ein früher Morgen mit veränderter Landschaft: Weinberge, malerische Städte, blitzende Flüsse, die selig wanderten, große Wälder, fruchtbares Feld und dazwischen immer wieder die gesegneten Hügel mit Wein. Sonne und grenzenloser Himmel. Die blauen Kurven des Schwarzwaldes liefen schwärmerisch nach den weißen Wolken. * Drei junge Ermländer fuhren nach Freiburg, drei jungen Kaplänen schwellte das Herz, drei junge Männer sahen beglückt den Schwarzwald und die gesegnete Rheinebene mit der Aussicht nach den Vogesen. Das Gebirge des Kaiserstuhls erhob sich vor dem Rhein, der gletschergrüne Wasser in seiner Rinne führte. Im goldenen Dunst schimmerte das Elsaß. Wasser, Licht, Wald, Feld, Wein und Berge: die Natur entfaltete sich verschwenderisch, brauste zusammen und tönte wie Musik. Auch in Tobias Erler war Musik, als er durch die Stadt Freiburg wanderte. Er bewunderte das herrliche Münster aus dem zwölften Jahrhundert, das berühmte gotische Kaufhaus mit der Rundbogenhalle, dem Altan und den zwei Erkertürmchen, er besah sich auch die alte Universität und meldete sich schließlich in dem »Collegium Sapientiae«, das von einem Professor des katholischen Kirchenrechtes, einem Prälaten, gegründet und geleitet war. Ungefähr zwanzig junge Kapläne und Pfarrer aus ganz Deutschland waren hier zusammen, um ihre Ausbildung zu vervollkommnen: Geistliche aus Ostpreußen, Schlesien, Bayern, Baden und aus dem Rheinland. Mit großen Plänen war Tobias nach Freiburg gekommen. Er wollte vor allem Theologie studieren, die geistige Grundlage schaffen für die Diskussionen mit Leuten wie Bergmann. In der ganzen Welt war die katholische Kirche und Lehre verbreitet, und bei ihrem Studium, dachte der Kaplan, würde er ja auch auf die Weltzusammenhänge stoßen, auf die Weltwiderstände und auf den Weltsieg. Die Bücher, die ihm der Sträfling Bergmann in Marienburg aufgeschrieben hatte, waren vergessen. »In Theologie wollen Sie promovieren, Herr Kaplan?« fragte bei der Vorstellung der Leiter des Collegiums, »ich rate gut für Nationalökonomie. Wir haben viele Professoren der Theologie, aber wenige der Nationalökonomie. Die Zusammenhänge auf der Welt begreifen, heißt Gott begreifen, Herr Kaplan.« »Herr Professor,« antwortete Tobias mit dem schönen Eifer eines Menschen, der sich ein eigenes Ziel aufgestellt hat, »Herr Professor, ich plädiere dennoch für Theologie, Ich habe in Marienburg einige Menschen getroffen, mit denen ich heiß und hart über theologische Fragen ringen mußte. Ich brauche Rüstzeug für neue Diskussionen, Herr Professor. Gottesgelahrtheit gegen Weltgelahrtheit, wenn der Herr Professor erlauben.« »Erlaube schon,« antwortete der Prälat, »erlaube schon, Herr Kaplan. Aber Sie treten doch in die »Arminia« ein? Nur die »Arminia« kommt für meine Herren in Frage.« »Verzeihung, ich bitte tausendmal um Verzeihung, Herr Professor, aber ich habe mich schon für die »Hercynia« entschieden.« Tobias Erler antwortete zum zweiten Maie falsch. Er hätte Nationalökonomie studieren und in die katholische Verbindung »Arminia« eintreten sollen, aber er hatte einen harten Kopf, Der Kopf des Herrn Prälaten war noch härter und diese Tatsache sollte der kleine Kaplan, der doch so sehr auf das Wohlwollen der Menschen angewiesen war, bald erfahren. Wohl hatte ihm sein Bischof die Wahl der Studiumfächer und auch der Verbindungen freigegeben, aber der Bischof war fern, und der Prälat war nahe, »Nun gut, Herr Kaplan,. dann eben die »Hercynia« und dann eben Theologie,« sagte der Herr Professor. »Mit Ihnen kann man, scheint es mir, nichts anfangen!« und entließ ihn sehr ungnädig. Tobias trat in die »Hercynia« ein, studierte vornehmlich Theologie und hörte beiläufig Nationalökonomie, Weltgeschichte und Kunstgeschichte, Die Professoren waren mit ihm sehr zufrieden, bis auf den Prälaten, der die Ablehnung seiner Vorschläge niemals verschmerzen konnte. Er behandelte ihn kühl und zurückhaltend. Nein, er liebte den hinkenden Kaplan nicht, der es gewagt hatte, seine Anregung in den Wind zu schlagen» Die Zeit verging. Der Sommer flammte über der Stadt. Die nahen Berge des Schwarzwaldes standen blau und glühend im klaren Licht. An den freien Sonntagen wanderte Erler mit einigen Studienfreunden oft das herrliche Dreisamtal hinauf, besuchte das Höllental und den Titisee, erstieg den Feldberg und sah an einem klaren, frühen Silbermorgen auch die gleißende Lichtkette der nahen Alpen. Wie eine gezackte Mauer aus Feuer und Glas standen die Berge am Horizont, der Säntis, der Eiger, der Mönch und die Jungfrau. Einmal fuhr er auch an den Rhein, sah das reißende Gletscherwasser rinnen, riß sich die Kleider vom Leib, badete im kühlen Strom, kämpfte mit der Strömung, glühte und war stolz wie damals als Kind auf den glänzenden Rücken der jungen Pferde. Ein anderer Kaplan, der den Ausflug mitmachte, wagte sich nicht in das Wasser. Er sang unter den hohen, schimmernden Pappeln ein kleines Volkslied und bewachte die Kleider. Als Tobias genug im Wasser getobt hatte, kam er triefend und tiefatmend an das Ufer, legte sich nackt in das Licht und streckte mit so leidenschaftlicher Gebärde die Hände nach der Sonne, als wolle er sie auf die glühende Erde reißen, »Herr Kollege,« scherzte sein Begleiter, »Herr Adam aus dem Paradies, was meinen Sie wohl, was der Herr Professor sagen würde, wenn er Sie jetzt sähe? Glauben Sie, er spräche sein Lob aus?« »Das glaube ich kaum,« antwortete Tobias, »nein, sicherlich nicht. Ein angehender Doktor der Theologie und nackt unter Gottes freier und schöner Sonne! Das ist gar nicht auszudenken!« Der andere lachte. »Sie haben eine gute Logik, Herr Kollege,« sagte er, »aber gegen die Tatsache, daß dort oben Menschen kommen, können Sie weiter nichts vorbringen als ihre Kleider. Haben Sie vom Baum der Erkenntnis gegessen?« »Ja, habe ich, also rasch in den Habitus!« Erler zog sich an. Die Leute kamen näher. Die zwei geistlichen Herren erhoben sich und spazierten am Ufer entlang. »Gelobt sei Jesus Christus!« »In Ewigkeit, Amen.« Von der nächsten Bahnstation fuhren die zwei jungen Geistlichen nach Freiburg zurück. Tobias hörte Theologie und Weltgeschichte, und arbeitete an seiner Dissertation. Der Sommer verging. Es wurde Herbst. Es wurde Herbst, die Bäume verfärbten sich, der Wein wurde geerntet, die ersten weißen Nebel stiegen geisterhaft aus den Tälern. Tobias bekam von seinem Bischof einen Brief, einen sonderbaren Brief. Er lautete: »Da über Sie innerhalb und außerhalb des Hauses Klagen laut geworden sind, sehe ich mich veranlaßt, Sie in die Diözese zurückzurufen.« Schluß. Weiter nichts. Keine Begründung. Nur ein amtlicher Befehl. Nun war es aus mit dem Studium, armer kleiner Kaplan. Nun war es nichts mit dem Doktor. Die Herbstnebel stiegen. Die Räder der Eisenbahn, die ihn nach Freiburg trug, hatten gelogen mit ihrem Hammerschlag: »Doktor Tobias, Doktor Tobias.« Der Vater, was wird der Vater sagen? Und Carla und Ulitsch? War er nicht vom Leben genug gezeichnet? Sollte er auch noch das Brandmal einer verunglückten Promotion auf der Stirn tragen? Das verächtliche Makel eines verächtlichen Menschen, der dem Schicksal nicht gewachsen war? Sein Herz klopfte rasend. Er war sich keiner Schuld bewußt. Die Professoren hatten ihn bis auf den Prälaten gern. In der Studentenverbindung kannte er nur Freunde. Nein, er hatte gearbeitet und gebüffelt, sein Doktormanuskript wuchs immer mehr, die Vorlesungen über Weltgeschichte begeisterten ihn, er kannte sich im Kirchenrecht aus, und nun kam der kalte Schlag völlig unvorbereitet auf sein armes Gesicht. Wer konnte Klage über ihn geführt haben? Einen Augenblick dachte er an jenen Sommertag, als er im Rhein gebadet und dann nackt in der Sonne gelegen hatte. Aber das war ja Unsinn. Der nackte Leib war ja keine Sünde. Auch Michelangelo hatte die Sixtinische Kapelle mit nackten Gestalten ausgemalt. In höchster Erregung eilte er zu dem Leiter des Collegium, zeigte den Brief und bat den Professor, seine bisherige schriftliche Arbeitsleistung durchzusehen. Der Prälat hörte die bewegte Klage des Kaplans mit ungerührtem Gesicht an. Er richtete die klaren Augen starr auf den jungen Menschen, spielte mit einem Bleistift auf der Tischplatte, nahm das Manuskript und blätterte darin. Tobias hing, wie ein Angeklagter am Munde des Richters hängt, der den Spruch verkündet, am Gesicht des lesenden Professors. »Ja,« sagte er dann endlich erstaunt und freundlich, »ich war der Ansicht, Sie hätten bis jetzt nichts gearbeitet. Setzen Sie die Arbeit fort, vielleicht kann ich noch etwas für Sie tun.« »Herr Professor,« stammelte der Kaplan und war glücklich, »Herr Professor, ich will mit verstärktem Eifer an die Arbeit gehen.« »Ist schon gut, ich werde dem Bischof schreiben und berichten.« Der Prälat stand auf. Tobias war entlassen. Wie im Taumel lief er durch die Straßen der Stadt. Zuerst schwankten noch die Häuser, das Münster drehte sich wie ein ersterbender Kreisel, die Erkertürmchen am Kaufhaus schienen sich langsam zu bewegen, aber endlich nahmen die Dinge und die Gebäude ihre ursprüngliche Gestalt an. Die Menschen liefen nicht mehr mit verzerrten Gesichtern und Gliedmaßen durch die Straßen, der Wind von den nahen Bergen blies kalt, aber es war ein tröstlicher Wind und machte Tobias ganz klar. Er ging nach Hause und schrieb seinen Bischof und bat um Aufschub der Rückberufung. Er konnte sich nicht verteidigen. Er war ja nicht angeklagt wegen der oder jener Verstöße, aber er legte doch sein ganzes Leid in den ergebenen Brief, seinen Schmerz, seine Hoffnung und auch seinen Stolz. Der Bischof antwortete nicht. Er hüllte sich in Schweigen, und in dem Schweigen, das tödlicher war als der schroffste Tadel, arbeitete er an seiner Dissertation und setzte es durch, daß er sie schon um Weihnachten einreichen konnte. Der Prälat blieb kühl und freundlich. Was kümmerten ihm die Seelenschmerzen eines kleinen Kaplans? Erler war selbst schuld an seinem Unglück. Zuerst die Sache mit der Promotion, dann die falsche Wahl der Studentenverbindung und dann das unwürdige Bad im Rhein! Nackt in der Sonne liegen! Spott über seinen Professor! Nein, er liebte den langaufgeschossenen Hinkefuß aus Ostpreußen durchaus nicht. Er selbst, der Prälat, hatte an den Bischof Klage über Tobias Erler geführt. Tag und Nacht hatte Tobias gearbeitet, die drohende Wolke der Abberufung über dem Kopf. Carla hatte einige Male geschrieben, aber ihre Briefe blieben unbeantwortet. Auch dem Vater schickte er keine Post. Sollte er vor aller Welt Klage erheben? Es wäre nur Anklage geworden, Klage und Anklage gegen sich selbst. Er versank oft, während er arbeitete, in Schwermut. Gedanken an den Tod quälten ihn. Und als er mit seiner Arbeit fertig war, schien es, als hätte das Unheil nur darauf gewartet, um mit neuen Schmerzen über ihn hereinzubrechen. Er wurde krank. Seine Lunge war angegriffen. Ein heftiges Lungenbluten warf ihn nieder. Tobias ist krank. Die Brust schmerzt, bei starken Anfällen kommt Blut aus dem Mund und schmeckt bitter. Das Fieber überfällt den geschwächten Leib. Die Ärzte sind da. Nachtwachen müssen eingelegt werden, und wenn der Kranke aus wirrem Schlaf erwacht, sieht er die Lichtspiele der flackernden Kerzen an den weißgetünchten Wänden. Der Tod ist nicht mehr grauenvoll. Ach, wie selig muß das sein, denkt der Kranke, langausgestreckt im Grabe zu ruhen. Im Grab ist Frieden, Seligkeit. Weltlärm aus der Ferne wird große Harmonie. Einmal ist die Schwester Carla auf Besuch. Tobias ist immer noch krank und schwach. Carla weint. Ach, wie schön ist es, wenn ein Mensch um den anderen Menschen weint! Carla, liebe Carla! Nein, nein, ich sterbe nicht. Nein, nein, ich werde gesund, vollkommen gesund, Schwester, und besuche dich und Ulitsch und das Kind in Berlin. Wie alt ist der kleine Tobias? Der Vater war in Berlin? Ja, der Vater. Und die Mutter, denkst du noch an die Mutter, Carla? Sie hat es gut und hustet kein Blut. Tobias darf wieder aufstehen und in der Wintersonne sitzen, die durch die Wälder wandert und glüht von der eisigen Pracht der verschneiten Berge. Carla ist schon lange wieder in Berlin. Sie hat Wein geschickt und so schöne Sachen zu essen, daß es beinahe eine Sünde ist, wenn sie taumelleicht auf der Zunge vergehen. Viele Freunde aus der Verbindung kommen und besuchen den Kranken. Sie bringen Lärm der Welt mit, Geschichten aus der Vereinigung und von den Professoren. So, so, der Herr Prälat wird »Der Großinquisitor« genannt? Er ist eitel und selbstgefällig? Ach ja, er ist ein Mensch mit allen Fehlern und Schwächen! Er ist sehr einsam und verschmäht den Umgang mit den anderen Professoren und wen er haßt, den läßt er's spüren? Ach, ich habe es ja selbst gespürt, dachte der Genesende ohne Haß. Er sieht die Welt ohne Schleier. Autorität und Unterwerfung? Wie kann ein Mensch, der schwach und von sich selbst besessen ist, Autorität sein für einen anderen Menschen? Eine große Maschine ist aufgebaut, eine Weltmaschine, und die braust über die Länder. Sie ist sehr kunstvoll eingerichtet und hat verschiedene Teile, wertvolle Kurbelwellen und einfache Schrauben. Ja, aber, denkt der Genesende mit dem klaren Gehirn des wieder zum Dasein Erwachten, ja, aber nimm die geringste Schraube aus der Maschine und sie bricht zusammen. Ist der Herr Prälat eine Kurbelwelle oder nur der Dampf, der eifernd um das Gestänge zischt? Bin ich selbst wichtig? Ach Gott, daß mich wichtig sein in deiner großen Maschine, die in der Welt braust und deinen Ruhm verkündet! Ein winziges Schräubchen nur, das in aller Demut seinen Dienst erfüllt, Gott, laß mich nicht nur Dampf sein, der um die Räder pfeift und zischt... Wie schön leuchtet die Sonne! Sie hat keine Lehrsätze und Dogmen, sie will nichts sein als Licht. Tobias darf nun das Zimmer verlassen. Auf den Bergen liegt noch Schnee. Mit einem Schlitten fährt er in die weißen Wälder hinein, in die tiefen Schweigewälder und denkt an den Frühling. Bald muß der Frühling kommen. Der Föhn wird über die Berge stürzen, ein wilder, heißer Atemzug aus der vollen Brust der Natur. Tobias fährt und fährt, die Glocken am Schlitten klingeln, das Pferd dampft, und schön geht das Spiel seiner Muskeln. Die klare Luft ist berauschend. Der Kopf wird matt und schläfrig. Die Müdigkeit kommt und bringt neue Kräfte und Säfte, neuen Mut, neues Blut. Viel schlafen, nicht träumen, nein, nur schlafen, tief und endlos und dann beim Aufwachen Liebe zur Welt im Herzen verspüren. Endlich, endlich ist der Kaplan Tobias gesund. Er setzt sich hin und schreibt große Briefe nach Berlin an Ulitsch und Carla, große Briefe an den Vater, Briefe, die wie Berichte eines Menschen sind, der ein neues Land entdeckt hat und sich über die geringsten Kleinigkeiten wundert und sie herrlich findet. Die Dissertation liegt beim Prälaten, der Herr Professor von der Weltgeschichte kommt und unterhält sich mit Tobias Erler. »Kopf hoch, Herr Kaplan,« sagt er und blickt freundlich, »Kopf hoch, und das Collegium beauftragt mich, Ihnen die besten Wünsche zur Genesung zu übermitteln. Sie haben in Demut die Krankheit ertragen.« »Herr Professor,« antwortet Tobias, »Herr Professor, ich war nicht immer demütig und ergeben in den Willen des Herrn. Manchmal war ich voller Hochmut und Haß gegen Hochwürden Prälaten.« »Herr Kaplan, wir sind arme Menschen, und Demut gegen Gott ist herrlich, Demut gegen Menschen aber ist verächtlich. Ich glaube an keine Demut in weltlichen Dingen. Demut und Wehmut ist sehr verwandt. Mut, Herr Kaplan, Lebensmut, Glaubensmut! Mut und Entschluß haben neben Gott das Rad der Geschichte in der Welt herumgerissen!« »Wie kann ich in meiner kleinen Dorfgemeinde am Rad der Geschichte stehen?« sagte Tobias und lächelte schmerzlich, »wie kann ich in meinem Gesellenverein das Sausen der Weltgeschichte hören, Herr Professor?« »Lebensmut und Glaubensmut, Herr Kaplan! In jeder menschlichen Seele ist neben der Sehnsucht nach Gott die Sehnsucht nach der Welt«, antwortete der Professor und fuhr fort: »Heute schon darf ich gratulieren, Herr Doktor Erler!« Der Professor der Weltgeschichte ist gegangen und Tobias wundert sich sehr, daß er nicht glücklicher ist, weil seine Doktorarbeit Erfolg hatte. Er muß immer noch an die letzten Monate denken. Ergebung in den Willen Gottes wird gewöhnlich von den glücklichen Menschen den Unglücklichen und Unterdrückten eindringlich empfohlen. Der Widerspruch zwischen dem Amt und der Würde und den Menschen kann nicht gelöst werden. Wie kann einer Barmherzigkeit verkünden, wenn er selber unbarmherzig ist? Wie kann einer von Demut sprechen, wenn Ehrgeiz sein Herz verbrennt? Wie darf ein Mensch die Liebe verkünden, wenn er andere Menschen haßt? Ja, der Prälat ist, als Tobias krank war, bei dem Bischof für ihn eingetreten. Was war das schon für eine Menschenliebe? Am Ende steckte doch nur Berechnung dahinter, die Berechnung nämlich, dem Bischof zu zeigen, daß er, der Herr Prälat, den Kaplan Tobias Erler auf den rechten Weg gebracht hat. In den nächsten Tagen bekam Tobias die amtliche Nachricht, daß seine Dissertation angenommen und er zu den mündlichen sieben Prüfungen zugelassen sei. Er arbeitete Tag und Nacht, um fertig zu werden. Jetzt fühlte er sich in dem schönen Freiburg durchaus nicht mehr glücklich. Der Frühling kam und verging. Der goldene Juli strahlte. In diesen Julitagen wurde Tobias Erler von der theologischen Fakultät mit dem Prädikat: magna cum laude zum Doktor der Theologie ernannt. Bei den mündlichen Prüfungen, besonders in der Kirchengeschichte und im Kirchenrecht, litt er wieder an Blutandrang nach dem Kopf und konnte nur mäßige Antworten geben. Vierzehn Monate hatte der kleine Kaplan zu der Promotion gebraucht. Endlich hatte er sein Ziel erreicht. Aber unter was für Bedingungen, unter was für Schmerzen, unter was für Enttäuschungen! Wieder einmal war das Sternenzelt über ihn zusammengebrochen. Ihm war, als er von seinen Kollegen die Gratulationen entgegennahm, als sei das erreichte Ziel gar nicht der Mühe wert gewesen. Was nutzte alles Wissen um die theologischen Dinge, wenn das Wissen um das wahre Wesen der Menschen die himmlische Glorie verbitterte? Ein letztes Mal wanderte er durch die Stadt, besuchte das Höllental und kam nach dem Titisee. Blau und herrlich waren die Wälder. Schöne Berge am Himmel im gleißenden Licht, ein glühend blauer Himmel mit goldenem Dunst. Schwarze Wolkenwände über dem Feldberg. Rollender Donner eines fernen Gewitters. Langsam erlöschte das Taglicht. Die Wolkenwand schien in den Weltraum zu wachsen und stürzte dann rasselnd über den Bergen zusammen, ließ schwefelgelbe und lichtblaue Blitze aufzucken und Donner in die Täler fallen, wo sie wie Lawinen niedergingen und vielfaches Echo hören ließen. Schon vorher war der Regen gekommen: ein endloser silberner Sommerregen, ein Wolkenbruch mit rauschenden Ergüssen. Der junge Doktor der Theologie trat aus dem Hotel, wohin er vor dem Gewitter geflüchtet war, ins Freie. Es regnete immer noch. Sanft und zärtlich war dieser Regen, nachdem seine erste Wut verrauscht war. Immer noch zuckten und leuchteten die Blitze, immer noch krachten in den triefenden Tälern die Donner. Tobias ging mitten in den Regen hinein, in den Schein der letzten Blitze, in das Echo der entfernten Donner und trank mit durstigen Zügen die frische Luft. Wie in seiner Kindheit hatte auch bei diesem Gewitter sein Herz schwärmerisch geschlagen. Erlösung war in der Natur, Befreiung, Aufatmen, Neubeginn. Auch in der Brust des jungen Menschen war Befreiung, Aufatmen und Neubeginn. Fröhlich fuhr er nach Freiburg zurück. Am nächsten Tag verließ er die Stadt. Zum Abschiede hatten sich auf dem Bahnhof die Kartellbrüder der beiden Verbindungen Hercynia und Ripnaria fast vollzählig eingefunden. Sie übergaben ihm einen herrlichen Rosenstrauß mit der Schleife seiner Verbindung und sangen, als der Zug sich in Bewegung setzte und die Räder wieder den Takt: »Doktor Tobias, Doktor Tobias ...« hämmerten, das alte Studentenlied: »Bemooste Bursche zieh' ich aus, ade!« Ja, der junge Doktor zog aus der Stadt. Als er allein war, lächelte er bitter. Wie hatte er von seinem Auszug in die Welt geträumt! Als Sankt Georg wollte er wiederkommen, um den Drachen des Unglaubens zu bekämpfen. Und jetzt war sein Glaube selbst schon erschüttert! Ein Zitat aus Goethes Faust fiel ihm ein: »Heiße Doktor, Magister gar ...« Die Räder der Eisenbahn hämmerten ihre rhythmische Musik. Die Rheinebene leuchtete im Licht. Immer weiter stürmte der Zug. Über Stuttgart reiste der junge Doktor Erler in die Bayrischen Alpen. Die grenzenlose Einsamkeit der Berge erschütterte ihn. Er sah die steilen Wände und schroffen Gipfel im Abendrot und im Licht der frühen Sonnenaufgänge. Mit einem jungen Kaplan aus einem Gebirgsdorf, mit dem er sich rasch, anfreundete, unternahm er stundenlange Wanderungen durch herrliche Lärchenwälder nach den grünen Matten. Er ließ sich von dem jungen Kaplan über die Kirchengemeinde berichten und hörte entsetzt das Urteil: »Gute Katholiken, Herr Kollege, aber schlechte Christen!« Von den Bergen aus reiste Tobias nach den Königsschlössern und wurde von der überladenen Pracht in den Staub der Bewunderung gedrückt. Er blieb nicht lange in jenem Staub, er riß sich hoch, seine Kinderträume von Glanz und Gold und Edelsteinen, Marmor, Elfenbein und Leuchtkraft waren hier in diesen Schlössern Wirklichkeit geworden. Wie im Rausch bewunderte er alle Kostbarkeiten. Er glaubte, im Orient zu sein, in Damaskus oder in Smyrna. Er vergaß die einsamen Berge, die grünen Alpenseen und die reißenden Gewässer: er war wie ein Kind, das den wilden Glanz und das heftige Leuchten der Dinge mehr liebt als die Dinge selbst. Das Theaterblut in ihm verführte sein Herz. Das Theaterblut führte ihn auch nach Oberammergau. Dort erlebte er die Passionsspiele. Der starre Ernst der bäuerlichen Darsteller nahm ihn gefangen, Maria erschütterte ihn, Judas Ischariot machte ihn weinen. Manchmal hätte er diese oder eine andere Szene besser gewünscht, doch er tröstete sich mit den Gedanken, daß die geistlichen Herren, die unsichtbar hinter dem Spiel standen, alles sorgfältig erwogen hatten. Drei Tage blieb er in Oberammergau und reiste dann über München nach Nürnberg. Auch in Nürnberg blieb er einige Zeit, erlebte das steinerne Wunder der deutschen Gotik, die Kirchen, die Brunnen, die alten Patrizierhäuser, er erlebte Dürer und den Erzgießer Peter Vischer, er studierte in den Museen und reiste dann einen Tag in das zauberhaft schöne Rothenburg ob der Tauber hinüber. Das südliche Deutschland schien ihm eine vollkommen andere Welt mit alter Kultur zu sein. Auch die Menschen waren liebenswerter. Endlich raffte er sich auf, verließ Rothenburg und Nürnberg und kam nach Berlin. Ulitsch bewohnte am Nollendorfplatz eine schöne Wohnung. Er war im Büro, als der junge Doktor, müde von der Reise, ankam. Carla war wohl in Freiburg gewesen, aber er war krank und konnte nicht sprechen. Nun stand er vor der Tür. Sein Atem ging heftig. Er klingelte und Carla erschien. »Tobias! Bruder! Tobias!« rief sie und fiel ihm um den Hals. »Laß dich ansehen, Doktor Tobias!« Dann zog sie ihn rasch in den Flur und half ihm aus den Mantel. Unaufhörlich redete und lachte sie. Endlich kam Tobias zum Wort: »Carla, Schwester! Liebe Schwester! Ja, ich bin jetzt wieder gesund und braungebrannt von der Reise. In den Alpen war ich, habe ja geschrieben aus Oberammergau und zuletzt aus Nürnberg. Nein, nein, ich habe nicht geschrieben, wann der Zug kommt, ich wollte euch überraschen. Wo ist Ulitsch? Wo ist der kleine Tobias?« »Komm, Bruder,« sagte Carla glücklich und führte ihn ins Zimmer. »Du bleibst einige Tage bei uns wohnen. Das Gepäck soll das Mädchen holen. Ulitsch ist im Büro. Er kommt gegen Mittag. Warte, bitte, einen Augenblick. Mache es dir bequem. Ich bin sofort wieder da.« Sie lief aus dem Zimmer. Tobias setzte sich bequem in einen Sessel und lächelte glücklich. Endlich, endlich würde er auch Ulitsch wiedersehen und das Lied von den preußischen Spartanern aus Smolensk singen. Da öffnete sich die Tür und ein kleines Kind wagte sich schüchtern in das Zimmer. Carla blieb unsichtbar. »Wer bist du, kleiner Mann?« fragte Tobias. »Tobias Ulitsch,« antwortete das Kind. »Bist du der Onkel Tobias? Was hast du mir mitgebracht?« »Ja, ich bin der Onkel Tobias, und ich habe dir auch etwas mitgebracht. Ein Pferd, ein Hottehühpferd!« Er griff in die Tasche und zog ein kleines, buntbemaltes Pferd hervor und gab es dem Kind. Der kleine Tobias griff mit gierigen Händchen nach dem Spielzeug, wandte sich sehr schnell um und lief, nach der Mutter schreiend, aus dem Zimmer. Der große Tobias lachte. »Mutti, Mutti, der Onkel hat mir ein Hottehühpferd mitgebracht!« hörte er schreien und jauchzen. Nun erschien Carla mit ihrem Kind, strahlend, glücklich, stolz und jener Glanz war um sie, den der junge Pfarrer von den alten Madonnenbildern her kannte. Das Kind streckte die Arme weit aus – »wie Flügel,« dachte Tobias, »wie Flügel« – das bunte Holzpferd in der linken Faust und besah es mit großen Augen. »Ulitsch ist schon unterwegs, Bruder,« sagte Carla, »ich habe telephoniert. Bist du müde von der Reise?« »Müde, jetzt müde, nein, ich bin nicht müde, Schwester! Wie kann ich müde sein, wenn ich euch besuche ... Schön habt ihr die Wohnung eingerichtet. Carla, und ich bin so froh, daß ich endlich bei euch bin.« »Schmeichler! Komm und besehe dir unsere Räume. Das Mädchen ist nach dem Bahnhof und holt dein Gepäck ... Wie gefällt dir mein Sohn?« »Wunderschön, wunderschön! Wunderschön ist der kleine Tobias!« Die Schwester setzte das Kind liebevoll nieder und zeigte dem Bruder die Wohnung. Als sie in das Schlafzimmer kamen, in dem die zwei Betten ganz nahe beieinander standen, wurde er verlegen. Im Kinderzimmer heiterte er sich auf. Dann reinigte er sich vom Staub der Reise, ging in das Musikzimmer und setzte sich ans Klavier. Von ganz allein begann er die Melodie des russischen Liedes anzustimmen. Als er mitten im Spiel war kam Ulitsch. »Du bist mir ein schöner Freund und Schwager, kein Wort von deiner Ankunft zu schreiben! Laß dich betrachten, Freund, laß dein liebes Gesicht sehen. Gratuliere zum Doktor! Meine Hochachtung: in vierzehn Monaten! Morgen mußt du mit zu mir ins Büro kommen, da sehen wir uns einen Neubau an.« »Ulitsch, mein Freund, fünf Jahre, sechs Jahre haben wir uns nicht mehr gesehen! Du warst in Paris und in Amerika, in der Welt, alter Knabe, und ich danke dir für alle Kartengrüße und Briefe, ... Berlin, Berlin ... wann baust du hier die ersten Wolkenkratzer?« »Jetzt baue ich ein Warenhaus, Du wirst große Augen machen. Was sagst du zu meinem Sohn? Das ist mein schönstes Werk bis jetzt!« »Aber Ulitsch!« lachte verlegen Carla, »aber Ulitsch, Tobias ist Doktor der Theologie!« »Und wenn schon,« lachte der Mann, »nur in der Heiligen Schrift und bei der Jungfrau Maria ...« »Aber jetzt hör' auf mit der Lästerung!« sagte Carla und war böse, »immer spottest du am unrechten Platz.« »Lieber Schwager,« sagte Tobias, »ich bin kein kleines Kind und jede Geburt ist ein heiliges Mysterium, Wenn du willst, können wir als Männer einmal darüber reden. Und deinen Neubau besehe ich mir gern. Wie war Paris? Was hast du in Amerika erlebt?« »Tolle Sachen, lieber Freund«, antwortete der junge Baumeister und erzählte von seiner Reise. Er schwärmte von Paris, aber noch mehr von New York und Chicago und entwarf ein Bild von dem fieberhaften Tempo der Arbeit über dem großen Wasser. Tobias hatte die Augen geschlossen, als Ulitsch erzählte, und vor seinen geistigen Augen nahm Gestalt an, was Ulitsch mit großer Begeisterung berichtete. Amerika! Aus den Grassteppen und an den mächtigen Strömen wuchsen die keuchenden Städte empor. Amerika, andere Hälfte des Erdballs, Weizen und Baumwolle, Kupfer und Stahl, Dollars und Petroleum ... Amerika, neue Welt und doch wieder das alte Spiel aus dem alten Europa: Kampf um die Macht, Kampf um das Geld. »Und jetzt, Herr Doktor,« schloß Ulitsch seinen Bericht, »jetzt wollen wir von der Schule und dem Sternsee sprechen. Herrgott, der Sternsee! Carla, der Sternsee! Weißt du noch, wie uns Tobias mit dem Pferd suchte und nicht fand? Weißt du noch, Carla, wie ich dich das russische Lied lehrte?« »Ich weiß es noch. Wir kamen aus der Bucht und dann sangen wir das Lied. Ganz klar und blau war der Himmel.« »Und vorher?« scherzte Ulitsch. »Sei still, Ulitsch, vorher hast du mich geküßt.« »Ach, liebe Leute, ich habe euch an jenem Tage gesehen! Und darum wollte ich am Abend mit euch über den See fahren. Aber Carla wollte nicht. Weißt du noch, Ulitsch, was wir für ein Gespräch führten?« fragte Tobias. »Das Pfäfflein hat uns gesehen, Carla, und jetzt kommt der Betrug heraus. Was sollen wir mit ihm machen?« »Etwas zu essen geben, Ulitsch«, antwortete lachend die Schwester. Das Mädchen kam und brachte den Koffer des Reisenden. Er zog sich um und bald saß er neben Carla am Tisch, wurde bedient, wurde geliebt und verhätschelt wie der kleine Tobias, war sehr glücklich, scherzte und erzählte von seinen Reisen in den Bergen und von Oberammergau. Am Abend besuchte er mit Ulitsch und Carla die Oper, fuhr durch das leuchtende Berlin, sah zum ersten Mal das Brandenburger Tor und die Linden, den Reichstag und das Schloß, schwelgte in Musik, hörte den »Freischütz« und summte auf der Heimfahrt vergnügt den »Jägerchor«. Berlin, Berlin, der Tiergarten in der Nacht, schweigende Gewässer, einsame Wanderer durch das warme Dunkel. Liebespaare, Schutzleute, Blumenverkäufer, Lichtreklame am Potsdamer Platz, die Bäume an den Straßen wie die Kulissen in einem großen Theater. Um was geht das Spiel in der Millionenstadt? Weiter, immer weiter rollte die Fahrt. Endlich kam der Wagen an den Nollendorfplatz, einen flüchtigen Blick in das Kinderzimmer, in dem der kleine Tobias schön wie ein Engel schlief, ein letztes, kurzes Gespräch mit Ulitsch und Carla und dann selige Müdigkeit, tiefer, traumloser Schlaf bis in den hellen Morgen hinein. * Die Berliner Tage vergingen sehr schnell. Tobias besuchte den Schwager auf dem Baubüro und fuhr mit ihm nach dem neuen Warenhaus, das sich am Alexanderplatz mit vielen eisernen Gerüsten erhob und viel mehr einer Werft mit ihren Helgen ähnlich war als einem der fabelhaften Gebäude, die jetzt in Berlin erstanden, und in denen man scheinbar alle nur erdenklichen Dinge kaufen konnte. Ulitsch ließ Tobias in einem Aufzug bis nach den Mauersimsen des noch ungedeckten Daches bringen, und dann stand er da oben eifervoll neben den Doktor der Theologie und erklärte mit eindrucksvollen Bewegungen die Grundrisse des Hauses. Tobias verstand sehr wenig von den technischen Erklärungen. Sein Blick schweifte in die Tiefe und in den Abgrund der Straßen und Plätze. Wie lächerlich klein und aufgeregt schienen doch die Menschen da unten zu sein! Ihre Hast, ihre Mühe, ihre Arbeit, ihr Glück und ihre Qual: sie schienen ihm wie die Gefangenen in einem ummauerten Hof zu sein und den Rundgang zu trotten wie die Sträflinge in der Hofstunde im Marienburger Gefängnis. Weiter ging sein Blick und schweifte die engen Schluchten der Königstraße und der Landsberger Straße entlang. Auch die schmutzige Münzstraße suchte er ab, sah die schauderhaften und häßlichen Kasernen im Scheunenviertel und mußte plötzlich an Bergmann denken und an die Sterblichkeit der Kinder in den Massenquartieren. Der kleine Ulitsch hatte ein eigenes schönes, lichtes und großes Zimmer: sein Bett war wie ein Gedicht, seine frühen Jahre waren wie ein schönes Lied, aber wie leben die Kinder in dem Hinterhof, Quergebäude vierter Stock links? Ulitsch erklärte und erklärte, bis er endlich sah, daß der junge Doktor mit anderen Dingen beschäftigt war. Er unterbrach seine Rede und ließ ihn wieder in die Tiefe fahren, in das Gewimmel der steinernen Straßen. Tobias nahm sich einen Wagen und fuhr nach Hause. Der kleine Tobias lachte, Carla war schön und freundlich wie immer. Am Abend war ein Besuch im Theater verabredet, aber der Herr Doktor ließ sich entschuldigen, er legte sich früh ins Bett, grübelte viel über das Elend in der Welt nach, suchte Trost in seinem Brevier, fand keinen Trost und schlief traurig ein. Am anderen Tage unternahm er Streifzüge durch das Scheunenviertel. Am Eingang der Münzstraße stand er lange vor dem ersten Bioskoptheater, jener neuen Erfindung, welche die ehrwürdige Laterna magica in die Rumpelkammer geworfen hatte und nun die ersten Filmstreifen einem großen Publikum zeigte: groteske Szenen, Hanswursttheater, rührende Trauerspiele, zu denen ein Erklärer witzige oder sentimentale Erklärungen gab. Dabei spielte und hämmerte ein elektrisches Klavier. Vor jenem Kino wurde der junge Doktor plötzlich angerufen. »Hallo, Herr Kaplan!« hörte er eine Stimme, »hallo, Sie sind jetzt in Berlin?« Erler drehte sich um und sah Hans Bergmann vor sich stehen. »Herr Bergmann,« sagte er und streckte ihm die Hand entgegen, »Herr Bergmann, ich freue mich sehr, Sie zu sehen. Sind Sie jetzt in Berlin?« und erzählte: »Ich komme von Freiburg und fahre in den nächsten Tagen nach Ostpreußen. Ich habe viel an Sie gedacht, aber Ihre Bücher habe ich trotzdem noch nicht gelesen.« »Macht nichts, Herr Kaplan. Ja, ich bin jetzt in Berlin, und wenn es Ihnen angenehm ist, will ich Ihnen die Stadt ein wenig zeigen. Wo wohnen Sie?« »Am Nollendorfplatz, bei meiner Schwester.« »Schöne Gegend. Ich wohne in der Weinstraße. Haben Sie Lust, mitzukommen? Wir gehen durch das Scheunenviertel.« »Ich habe Lust. Für das Scheunenviertel und für die Weinstraße.« Die zwei Männer gingen die Münzstraße entlang und Bergmann führte ihn dann durch die Dragonerstraße und Linienstraße in die Mietskaserne, wo er wohnte. Unterwegs erzählte er viel von Berlin und erklärte dem jungen Doktor die Geschichte jener Straßen, die sie durchwanderten, in denen das ärmste Proletariat Wand an Wand mit dem Verbrechen zusammenwohnte. Tobias war entsetzt. Schon am Vormittag strichen durch jene Gegend die Straßenmädchen. Die Kaschemmen waren voll. Fragwürdige Gestalten standen an den Straßenecken. Die Häuser waren häßlich und schmutzig wie das Leben der Menschen. Endlich war die Weinstraße erreicht. Bergmann führte seinen Gast in einen dunklen Torweg, hinter dem sich ein gepflasterter Hof ausbreitete. Einige Kinder spielten auf den Steinen, andere standen bleich und müde an den Müllkästen. An manchem Fenster blühten Blumen. An anderen Fenstern wurde Wäsche getrocknet. »Kommen Sie, Herr Kaplan,« sagte Bergmann und ging eine ausgetretene Treppe hinauf, ging voran bis zum vierten Stock und öffnete dann eine Tür. Die Luft im Hause war dumpf. Irgendwo glaubte der junge Doktor den Lärm stampfender Maschinen zu hören. Bergmann bewohnte im vierten Stock des Hauses zwei Zimmer. Das eine lag nach der Straße hinaus, das andere grenzte an die Hofseite. Diese zwei Zimmer waren notdürftig möbliert. Erler folgte seinem Gastgeber. Sie gingen in das Vorderzimmer nach der Straße. An der rechten Wand bauten sich einige Bücherregale auf, vorn am Fenster stand ein großer Tisch. Ein Diwan war zu sehen, einige Bilder hingen an den Wänden, Blumen, ein wenig Sonne, ein abgetretener Teppich, zwei, drei Stühle. Plötzlich hörte Tobias Maschinenlärm. Bergmann lächelte. »Diesen Krawall höre ich jeden Tag«, sagte er. »Gerade unter mir im dritten Stock ist eine Mützenfabrik. Eine Bruchbude, sage ich Ihnen. Zehn Mädchen arbeiten Tag für Tag zehn und elf Stunden in einem einzigen Raum. Blasse Dinger, die immer noch blässer werden. Keine Ventilation. Staub und Schwindsucht. Haben Sie die kleinen Kinder auf dem Hof gesehen?« »Ja, ich habe sie gesehen. Sie schienen nicht gesund zu sein, Herr Bergmann. Aber wie können Sie hier in diesem Hause leben und arbeiten? Schreckt Sie der Jammer nicht ab?« »Nein, Herr Erler, er schreckt mich nicht ab. Er reizt mich nur auf. Kommen Sie an das Fenster. Sie sehen eine graue, endlose Straße. Die grünen Wipfel dort am Ende sind die Baumkronen vom Friedrichshain. Das ist heilige Erde. Die Toten von Achtundvierzig liegen da oben begraben. Jetzt ist die Straße leer wie ein Flußbett im Sommer. Aber nachts! Nachts um zwölf oder zwei Uhr, in der Sommernacht, füllt sich manchmal die Straße. Irgendeine Schlägerei, irgendein Zusammenstoß: nachts um zwei Uhr ist diese Straße überschwemmt von vielen hundert Leuten, die nur darauf zu warten scheinen, aus den Torgängen und Kellern und Dachkammern hervorzubrechen, die scheinbar immer auf der Lauer liegen und sich nachts ausbrüllen. Kein Schutzmann ist zu sehen, keine Polizei. An manchem frühen Morgen, wenn ich das Haus verließ, habe ich Blutlachen auf der Erde gesehen. Vor einigen Tagen wurde in einem Lumpenkeller eingebrochen. Stellen Sie sich das, bitte, vor. Der Lumpenhändler ist ein alter Mann und zieht mit seiner Karre durch die Stadt, kauft für ein paar Pfennige Papier, Flaschen und Lumpen zusammen, sitzt dann in diesem Dreckzeug, sortiert die Fetzen, verdient kaum so viel, um zu leben, und ausgerechnet bei diesem Mann wurde eingebrochen! Sie haben sein Lumpenlager geräumt und drei gefüllte Säcke fortgeschleppt. Sie haben ja gar keine Ahnung, Herr Kaplan, wie arm die Leute sind und wie grausam das Leben ist.« »Oh, ich weiß schon, das Leben ist grausam. Es ist viel Schmerz in der Welt. Auch ich habe viel gelitten,« entgegnete Tobias. »Kommen Sie nach der anderen Seite, Herr Kaplan, kommen Sie, kommen Sie«, sagte Bergmann und führte den Besuch in das Zimmer, das nach dem Hof grenzte. »Sie stehen jetzt vor dem Abgrund, Herr Kaplan, das ist wörtlich zu nehmen. Den Hof kennen Sie, und nun sehen Sie sich die Fassaden der Hinterhäuser an. Da in diesem gardinenlosen Fensterloch am Dach wohnt eine Prostituierte mit ihrem Freund zusammen. Das verstößt natürlich gegen die Vorschriften der Sittenpolizei, aber es verstößt doch nicht gegen die guten Sitten: das Mädchen will nämlich wieder ehrlich werden!« Der junge Doktor starrte in das Fensterloch und sah die schwachen Umrisse eines Tisches, an dem zwei Menschen arbeiteten und Tüten klebten. Einmal kam das Mädchen nahe an das Fenster und man konnte ihr Gesicht sehen. Es war nicht schön. »Das ist ja grauenvoll, Herr Bergmann«, flüsterte Tobias. »Kann man den beiden Meischen nicht helfen? Hier muß man doch etwas tun! Bekommt denn der junge Mann keine Arbeit?« »In Deutschland gibt es eine sogenannte industrielle Reservearmee, Herr Kaplan«, sagte Bergmann. »Immer sind einige hunderttausend Männer arbeitslos, werden nicht gebraucht, müssen sich selber helfen. Der junge Mann da drüben ist außerdem krank. Spuckt Blut. Einige Male war schon eine vornehme evangelische Dame da oben, sie hat sich nur darüber entrüstet, daß die beiden unverheiratet zusammenleben, aber nicht darüber, daß ein kranker Mensch in einer verdreckten Dachkammer Tüten klebt. Für die beinahe phantastischen Anstrengungen des Mädchens, aus dem Schlamm zu kommen, hatte sie nur einige Erbauungsschriften. Wenn Sie helfen können!« »Hier muß geholfen werden. Ich will heute noch mit meiner Schwester reden. Selber bin ich arm, aber so viel wird schon zusammengebracht, um für das Mädchen anständige Arbeit und für ihren Verlobten einige Wochen Heilanstalt zu finden. Ich bitte Sie, die ganze Geschichte zu vermitteln. Kommen Sie morgen abend zu uns.« »Ich komme, Herr Erler«, sagte Bergmann und führte den Besuch in das Wohnzimmer. »Neben mir wohnt eine Familie«, begann er neu zu erzählen, »in einem winzigen Zimmer leben und schlafen: die Frau, ihre Schwester, der Mann und fünf Kinder. Stellen Sie sich das, bitte, vor. Die Schwester der Frau ist mannstoll, sie werden wissen, was ich meine. Tragödien über Tragödien in dem einen Zimmer! Sie geht auch auf die Straße und hat einem sogenannten Kavalier, der für minderjährige Mädchen schwärmt, ein vierzehnjähriges Kind aus dem Hinterhause zugeführt. Lasset die Kindlein zu mir kommen? Ach, Herr Kaplan, die Kindlein kommen schon. In jeder Familie und in jeder Ehe sterben einige Kinder im frühen Alter. Was haben Sie darauf zu antworten?« »Es muß anders und besser werden! Das habe ich zu sagen. In Freiburg habe ich Theologie studiert und bin Doktor geworden, Herr Bergmann. Ich hätte meinem Prälaten folgen sollen und Nationalökonomie studieren sollen. Ach, ich werde schon meine Pflicht tun. Gott dienen heißt auch den armen Menschen dienen. Mitleid haben. Helfen.« »Nun gut, Herr Doktor,« sagte Bergmann, »nun gut, wir werden sehen. Zum Schluß will ich Sie noch zur Barnimstraße führen.« »Die Barnimstraße? Was ist dort?« »Das Weibergefängnis! Das Weibergefängnis, Herr Erler!« lachte Bergmann höhnisch auf. »Das Gefängnis für die Frauen heißt offiziell »Weibergefängnis«. Was sagen Sie nun? Die Vorderfront ist mit verlogenen Türmchen ausgeschmückt. Wie im Mittelalter. Ach, unsere ganze Zeit steckt ja noch im Mittelalter! Verlogene Romantik! Alles ist nur Fassade. Dahinter lauert das Elend.« Erler zuckte bei dieser Rede zusammen. Er erinnerte sich seiner Schwärmerei für die Marienburg und die bayerischen Königsschlösser, er erinnerte sich seiner brennenden Sehnsucht nach Schönheit und Vollendung, an das alles erinnerte er sich, als er Bergmann in einer Berliner Mietskaserne im vierten Stock gegenübersaß. Helfen, helfen, dachte er. Was kann man da schon helfen? Dem Mädchen da drüben und dem kranken Mann, aber ist damit die Armut nur in diesem Haus beseitigt? Und wieviel tausend solcher Häuser gibt es nur allein in Berlin! »Herr Bergmann, ich sage nicht, Gott allein kann helfen, wie ich es als Theologe sagen könnte. Sie führen einen großen und gerechten Kampf. Ich denke jetzt anders über Sie und Ihre Freunde. Ich habe genug gesehen, mein kleiner Schmerz ist unwichtig. Wir brauchen nicht mehr nach der Barnimstraße zu gehen. Ich erwarte Sie morgen Abend bestimmt bei mir.« »Schön, ich werde kommen«, antwortete Bergmann und führte den Besuch die Treppe hinunter. Im zweiten Stock hörten sie ein Kind weinen, dazu kreischte die böse Stimme der Mutter. Man hörte auch das klatschende Geräusch von Schlägen. Das Kind wimmerte nur noch. »Da haben Sie zum Abschied noch ein kleines Schauspiel, Herr Erler. Die Frau da drinnen hat acht Kinder. Ihr Mann verdient in der Woche knapp zwanzig Mark. Wie soll sich die Frau gegen die Armut und gegen die acht hungrigen, schreienden, immer noch lebendigen Kinder anders wehren können als durch Prügel? Die Welt muß schöner eingerichtet werden, dann habt ihr auch bessere Menschen!« Tobias Erler antwortete nicht. Zuviele Schläge waren in dieser Stunde auf ihn herabgesaust. Er atmete befreit auf, als er auf der Straße stand, verabschiedete sich von Bergmann und lief nach dem Alexanderplatz. An dem neuen Warenhaus, das sein Schwager baute, nahm er einen Wagen und fuhr über die Königstraße nach den Linden und durch den Tiergarten nach Hause. Ihm war, als führe er aus der Unterwelt in das Licht hinein. »Die Welt muß anders eingerichtet werden, Schwester, ich habe entsetzliche Dinge erlebt«, sagte Tobias zu Carla. »Ich war im Scheunenviertel und dann in der Weinstraße. Diese Straße sollte eigentlich Jammerstraße heißen oder Schnapsstraße oder Bierstraße, beinahe lückenlos sind an jeder Kreuzung Destillen. An den Kreuzungen sind Destillen, aber in den Mietskasernen und Hinterhäusern sind Kreuzigungen. Was hilft es, daß Ulitsch Warenhäuser baut? Neue Wohnhäuser müssen gebaut werden, Kinderheime, Krankenhäuser. Ich habe dir früher einmal von einem gewissen Bergmann erzählt, nun, diesen Mann habe ich getroffen. Höre zu, Schwester. Er erzählte mir die Geschichte von einem Straßenmädchen, das mit ihrem kranken und arbeitslosen Bräutigam zusammenlebt. Die beiden Menschen kleben jetzt Tüten. Der Mann muß in eine Kuranstalt. Auch für das Mädchen muß gesorgt werden.« »Bruder,« antwortete Carla, »warum gehst du in den Schmutz der Großstadt? Dein Herr Bergmann wird dir schöne Lügengeschichten erzählt haben! Arme Leute hat es schon immer auf der Welt gegeben.« »Ja, es hat immer Arme gegeben, aber Christenpflicht ist, wie es unser Herr und Heiland vorgelebt hat, die Kranken zu heilen und die Hungrigen zu sättigen. Wir müssen helfen.« »Wenn Ulitsch nach Hause kommt, werden wir darüber sprechen. Du hast natürlich recht, lieber Bruder. Und weißt du, Menschendienst ist viel schwerer als Gottesdienst ...« Tobias nickte. Ja, es war leicht, den Namen Gottes im Munde zu führen und die Hände zu falten. Gefaltete Hände, dachte er, sind manchmal wie eine doppelte Faust, mit der man auf seine Brüder schlägt. Unruhig wanderte er im Zimmer auf und ab. Die Schwester setzte sich ans Klavier, aber die Musik brachte ihm heute keinen Trost. Am Abend saßen die drei Menschen lange zusammen. Tobias führte das Wort. Er erzählte von seinen Erlebnissen. Carla unterstützte ihn. Ulitsch blickte finster vor sich hin. »Vielleicht hast du recht, wenn du meinst, Wohnhäuser und Kinderheime seien wichtiger als Warenhäuser. Darüber kann ich nicht entscheiden. Ich bekomme meine Aufträge und baue. Ich bin nur ein Baumeister, Tobias. Natürlich müßte man das Scheunenviertel niederreißen, aber wer bezahlt die Geschichte? Und ich kann dir sagen, daß sich die ollen Mietskasernen mit den Hinterhäusern für die Besitzer viel besser rentieren als zum Beispiel die Häuser in unserer Straße. Von dieser Rechnung wird der junge Mann, von dem du erzählt hast, nicht gesund, seine Braut nicht ehrlich. Was können wir tun? Vielleicht macht man die Sache so, wenn der Mann was von Gärtnerei versteht, daß man sich mit Leisewitz in Verbindung setzt. Leisewitz ist ein befreundeter Gutsbesitzer. Er ist philantropisch veranlagt. Ich habe sowieso eine Verabredung heute Abend mit ihm, und da könnte man die Sache besprechen. Kommst du mit?« »Herzlich gern, Ulitsch.« »Aber die beiden müssen heiraten«, sagte Carla, als stünde schon fest, daß Leisewitz einen tüchtigen Gärtner suche. »Natürlich«, sagte Ulitsch. Am Abend brachen die Freunde auf und trafen im Cafe Bauer Unter den Linden den Gutsherrn Leisewitz, einen beleibten und fröhlichen Mann in den fünfziger Jahren. Tobias wurde ihm vorgestellt und brachte das Gespräch auf jenes unglückselige Paar in der Dachkammer im Hinterhaus der Weinstraße. Leisewitz hörte aufmerksam zu, und sein fröhliches Gesicht verfinsterte sich einen Augenblick. Er schlug mit der Hand auf den Tisch, daß sich einige Gäste erstaunt umsahen. »Schweinerei,'' sagte er dann, »Schweinerei, dieses Berlin. Ich will mir die Leute mal ansehen. Einen Gehilfen des Gärtners könnte ich gebrauchen. Los, meine Herren, auf nach der Weinstraße.« »Herr Leisewitz,« antwortete Tobias, »morgen mittag besucht uns ein Herr, der mich auf die beiden Menschen aufmerksam gemacht hat. Ein Herr Bergmann. Ich erlaube mir, den Vorschlag zu machen, erst morgen nachmittag die Leute aufzusuchen.« »Was ist das für ein Herr Bergmann?« »Eine alte Bekanntschaft von damals, als ich Gefängniskaplan war«, sagte Tobias. »Der Mann wird Sie interessieren. Er ist Redakteur an einer Arbeiterzeitung.« »Sie haben ja schöne Bekannte, Herr Doktor«, lachte der Gutsbesitzer. »Wenn es den Herren angenehm ist, komme ich morgen zu Tisch. Berlin, Schweinerei, das Berlin! Da müssen die armen Leute ja Sozis werden!« Das Gespräch glitt in neue Bahnen über. Die drei Männer saßen noch lange im Cafe und wanderten dann gemächlich die lichtfunkelnde Friedrichstraße hinunter. In der Jägerstraße verabschiedete sich Herr Leisewitz, um noch eine dringende Besprechung zu erledigen. Ulitsch lächelte. Er kannte den Ort der Besprechung. Der fand in einem Kabarett mit kleinen Mädchen statt. Leisewitz kam des öfteren nach Berlin, um sich von der Langeweile des Landlebens zu erholen. »Du hast deine Sache gut gemacht, lieber Tobias,« sagte Ulitsch, »der Herr Leisewitz ist ein seltsamer Heiliger. »Schweinerei, das Berlin«, sagt er immer, aber er liebt diese Stadt und hat auf seinem Gut mindestens fünf oder sechs Leute, die er aus dem Schmutz aufgelesen hat. Ich glaube, wir haben Erfolg. Hast du Lust auf ein Glas Wein?« »Ja, ich habe Lust. Ich freue mich, weil ich morgen dem Bergmann einen seiner Lehrsätze aus der Hand reißen kann, den Satz nämlich, daß die reichen Leute nur herzlose Verbrecher sind. Nicht nur der Mammon triumphiert in der Welt!« Bei einer Flasche Wein saßen die beiden noch lange zusammen, erzählten sich Kindheitsgeschichten und tauschten Erinnerungen von der Schule aus. Auch das Lied von den preußischen Spartanern wurde leise gesungen. Erst gegen Mitternacht brachen die Freunde auf und fuhren dann nach dem Nollendorfplatz. Am nächsten Tage zur Tischzeit waren die Gäste da, Herr Leisewitz und Herr Bergmann. Sie verstanden sich gut. Der Gutsbesitzer löste die eisklaren Theorien des Redakteurs in menschliches Gelächter aus, verstand es vorzüglich, ein starres Dogma breitbeinig auf die feste Erde zu stellen und, wenn auch nicht zu widerlegen, ihm Blut und Leben zu geben. Auch Tobias, Carla und Ulitsch beteiligten sich lebhaft an diesen Gesprächen. »Nun wollen wir uns die Herrschaften einmal ansehen, Herr Bergmann«, sagte Leisewitz. »Wenn der Mann so krank ist, wie sie sagen, hat der Doktor zuerst das Wort. Der Menschendoktor. Wenn mir das Mädchen gefällt, kann sie auch mitkommen. Berlin, Schweinerei, dieses Berlin.« Bergmann lächelte. »Herr Leisewitz,« sagte er, »ich schlage vor, wenn Sie gestatten, daß ich die beiden Leute zuerst informiere. Ihr Besuch in diesem Hinterhaus dürfte beträchtliches Aufsehen erregen und könnte der Sache mehr schaden als nützen. Das ganze Haus nämlich, bis auf die kleine Bruchbude, in der zehn blasse Mädchen jeden Tag zehn Stunden arbeiten und immer blässer werden, das ganze Haus nämlich, bis auf die Besitzer dieser Bruchbude, könnte eine Verpflanzung auf das Land und eine Untersuchung durch den Menschendoktor gebrauchen. Vielleicht haben Sie die Güte, mit Herrn Doktor Erler in einem Cafe am Alexanderplatz zu warten.« »Unsinn, Unsinn«, wehrte Leisewitz ab. »Jetzt sind Sie der Reaktionär, Herr Bergmann. Ich wollte mir schon lange ein Hinterhaus in Berlin ansehen. Gehen wir.« Die drei Männer brachen auf, fuhren bis zum Alexanderplatz und gingen dann die Landsberger Straße entlang, bogen in die Gollnowstraße ein und standen bald vor dem Haus, in dem Bergmann wohnte. Sie traten ein. Auf dem Hof spielte ein Leierkastenmann den letzten Schlager. Kleine Kinder standen an den Müllkästen. Halbwüchsige Mädchen tanzten. Der Musikant unterbrach sein Spiel, als Bergmann und die beiden Herren über den Hof gingen. Neugierige Frauen beugten sich weit aus den Fenstern. Bergmann führte Leisewitz und Erler in das schmutzige Hinterhaus und klopfte dann an die Tür, die zur Mansarde führte. Ein junger Mann öffnete. »Was wünschen Sie?« fragte er. »Ah, der Herr Bergmann? Ich dachte schon, die Polizei.« »Können wir einen Augenblick eintreten, Herr Schubert? Diese beiden Herren sind von auswärts und möchten sich gern mal eine Berliner Dachkammer ansehen.« »Bitte,« antwortete Schubert. »Viel ist nicht zu sehen. Dreck, meine Herren.« Durch einen vollkommen dunklen Gang führte der Weg in ein großes, kahles Zimmer. Die Luft war dumpf und roch nach alten Kleidern und nach Kleister. Nahe dem gardinenlosen Fenster stand ein großer Tisch, der mit halbfertigen Tüten überhäuft war. Am Tisch stand ein blasses, ungefähr zwanzig Jahre altes Mädchen, die ihre Arbeit plötzlich unterbrach. In ihren Augen flackerte Angst. »Paula,« sagte Schubert, »die Herren wollen sich einmal ein Berliner Zimmer ansehen.« Leisewitz wechselte mit Tobias einen langen Blick. Bergmann stand prüfend im Flintergrund. Einen Augenblick herrschte Schweigen. Das Mädchen war verlegen und strich sich eine Haarsträhne aus der Stirn. Schubert musterte gleichgültig die fremden Gäste. Auf dem Hof begann der Orgelspieler einen neuen Schlager. »Schubert,« begann plötzlich Bergmann, »Schubert, erzähle mal den Herrschaften, wie lange du schon arbeitslos bist.« »Wollen die Herren auch in der Zeitung schreiben?« höhnte der junge Mensch. »Sie können schreiben, wenn Sie mir das Honorar geben, wie du es gemacht hast, Bergmann, als du über uns schriebst. Die fünf Mark damals waren eine große Hilfe. Sieben Monate bin ich arbeitslos, meine Herren, und jetzt spucke ich Blut. Das gibt einen rührenden Aufsatz.« »Genug mit dem Spiel,« sagte Tobias. »Wir sind nicht von der Zeitung. Wir wollen Ihnen helfen, Herr.« »Helfen?« höhnte Schubert weiter, »uns kann niemand helfen. Die Paula, was meine Braut ist, wir helfen uns schon allein.« »Himmeldonnerwetter!« begann jetzt Leisewitz zu schreien, daß das Mädchen erschrocken zusammenfuhr, »Himmeldonnerwetter, aufhören mit dem Quatsch. Sie sind krank, Mensch, Sie müssen zum Doktor. Und Sie da, junges Fräulein, Sie müssen weg von der verdammten Tütenkleberei. Mein Name ist Leisewitz.« »Schubert,« begann jetzt Bergmann noch einmal, »hör' mal zu: ich habe mit den beiden Herren über euch gesprochen. Es geht nicht mehr so weiter. Ihr krepiert ja. Du steckst Paula mit deiner kranken Lunge an. Der Herr Leisewitz ist Gutsbesitzer. Er sucht einen Gehilfen für die Gärtnerei. Paula muß auch an die frische Luft. Wollt ihr weg von Berlin? Ihr könnt auch endlich heiraten, das ist besprochen worden mit Herrn Leisewitz, und wir haben auch Geld aufgetrieben für drei Wochen Erholung im Harz. Mensch, Schubert, los. nun rede du!« Schubert stand lange und unbeweglich im Zimmer. Es war, als sei er ein morscher Baumstamm. Aber plötzlich bewegte sich der Baumstamm, trieb grüne Äste und blühte. Er ging auf sein Mädchen zu. lachte plötzlich, umfaßte sie und schüttelte sie wie ein Kind hin und her. »Paula! Paula!« sagte er, immer nur: »Paula!« Das Mädchen weinte. Er wischte mit zärtlicher Bewegung die Tränen aus ihrem Gesicht. Sein Blick fiel auf die halbfertigen Tüten. Er ging schnell zum Fenster, riß es auf, wandte sich dem Tisch zu und fegte mit einer heftigen Armbewegung die bekleisterten Papiere auf den Boden. Vom Hof her kamen die letzten Fetzen Drehorgelmusik. »Also abgemacht, Herr Schubert. Heute ist Mittwoch. Morgen gehen Sie zum Doktor. Hier ist die Adresse. Übermorgen fahren Sie mit Paula in den Harz. In drei Wochen sind Sie verheiratet, verstanden? Dann kommen Sie zu mir. Hier ist die Adresse. Hier ist Geld für die erste Zeit. Unsinn, Mädchen, aufhören mit der Heulerei. Berlin, Schweinerei, dieses Berlin.« Er ging auf den schmutzigen Tisch zu, an dem Schubert und Paula standen, klopfte den jungen Mann auf die Schulter, drückte ihm einige Geldscheine in die Hand und einige Notizblätter, auf denen die Adressen des Doktors und des kleinen Bades im Harz vermerkt waren. Dem Mädchen überreichte er seine Visitenkarte. Als das erledigt war, drehte er sich schnell um, sagte: »Alles Gute, Kinder, und auf Wiedersehen in drei Wochen« und verließ das Zimmer. Tobias und Bergmann folgten ihm. Als sie auf den Hof kamen, mußten sie durch eine Gasse neugieriger und ergebener Frauen und Kinder gehen. Die Nachricht von dem ungeheuren Glück, das über die Dachkammer hereingebrochen war, hatte sich auf geheimnisvolle Weise durch das ganze schmutzige Haus verbreitet. Endlich erreichten sie die Straße. Einige Kinder liefen hinter ihnen her bis zum Alexanderplatz, wo die drei Männer einen Wagen nahmen und, ohne miteinander zu sprechen, sehr schnell nach dem Westen der Stadt fuhren. In der Dachkammer waren viele Frauen auf Besuch. Das Fenster stand immer noch offen. Ab und zu kamen Windstöße und ließen die halbfertigen Tüten durch das Zimmer flattern. Paula war glücklich und erzählte allen Frauen die Geschichte von jenem Besuch. Schubert war merkwürdig stumm und verdrossen. Das Geld trug er auf bloßem Leib. Die Visitenkarte und die anderen Adressen von Leisewitz waren gut verwahrt. Er drängte sich durch die schwätzenden Frauen und ging aus dem Zimmer. Nach einer Stunde kam er wieder, vollkommen verändert, gebadet und rasiert. Auch einen billigen Anzug hatte er sich gekauft. In den Armen trug er ein großes Paket. Er vertrieb die Frauen, stellte eine Weinflasche auf den Tisch, ein gebratenes Huhn, Weißbrot und Butter. Für Paula hatte er ein Paar neue Schuhe und Blumen mitgebracht Später kam Bergmann. Tobias hatte sich von Leisewitz verabschiedet. Am Abend reiste er in sein Dorf zurück. Sein Herz war froh. Er war stolz, bei einer guten Tat mit dabei gewesen zu sein. Carla hatte ihn zum Abschied geküßt. Der kleine Tobias hatte ihn umarmt. Ulitsch drückte ihm lange die Hände. Lange Gespräche an jenem Nachmittag, als er aus der Weinstraße zurückkehrte. Das eiserne Lied der Räder klirrte durch die Sommernacht. Traum und Frieden. Ein neuer Morgen, ein neuer Tag begann. Freiburg lag hinter ihm, Berlin lag hinter ihm: das Leben lag vor ihm. Der junge Doktor stellte sich seiner geistlichen Behörde vor. Die Begrüßung fiel sehr kühl aus. Man schien überrascht zu sein, daß er trotz der vorzeitigen Abberufung seinen Doktor gemacht hatte. Nach kurzer Zeit bekam er Anstellung als Kaplan, wurde in ein Dorf verschickt, das mehr polnische als deutsche Einwohner hatte und unglaublich einsam und armselig war. Doktor der Theologie und Kaplan in einem armseligen Dorf! Er hatte ein wenig die Welt gesehen und hungerte jetzt nach der Welt. Im zweiten Monat seiner Tätigkeit bewarb er sich um die Religionslehrstelle am Lehrerseminar einer größeren Stadt. Der Bischof lehnte das Gesuch ab und schickte ihm einen Verweis, besann sich aber und gab ihm im Herbst die Vertretung des nach Rom beurlaubten Religionslehrers in einer Stadt mit einigen tausend Einwohnern. Der junge Kaplan kehrte aus der Verbannung in das Leben zurück. Oft dachte er an Berlin. Er arbeitete viel, klappte zusammen, und ein befreundeter Arzt verbot ihm, in der Freizeit zu studieren oder zu schreiben. Ja, er begann über theologische Fragen zu schreiben. Ab und zu machte er auch Gedichte. Er unterrichtete gern, war ein guter Lehrer und mehr Kamerad als Vorgesetzter. Bei einer persönlichen Prüfung und Revision schnitt er sehr gut ab. Aber sein Autoritätsgefühl war erschüttert. Er achtete nur noch Leistungen und begann, alle Menschen als gleichberechtigt zu betrachten. Freiburg und Berlin: das waren die harten Schulen seines Lebens gewesen. Jede Unterdrückung wühlte sein Blut auf. Manchmal hatte er Zusammenstöße mit anderen Lehrern. Schmeichelei und Unterwürfigkeit haßte er stark. Seine früher mehr gefühlsmäßige Abneigung gegen jedes starre Dogma versuchte er jetzt wissenschaftlich zu begründen. Er fing bei sich selbst und bei seiner Kirche an. Zweifel über die Existenz Gottes plagten ihn. Mit der Zeit lehnte er viele Dogmen ab, die Erzsünde, die Ewigkeit der Hölle, die jungfräuliche Mutterschaft Mariens. Er hatte ja selbst eine Schwester und wußte, wie die Kinder empfangen wurden. Manchmal dachte er auch daran, den schwarzen Rock auszuziehen und sich einem neuen Beruf zuzuwenden. Er überlegte, was zu machen sei. Die Worte des Vaters fielen ihm ein: die Welt ist ein großes Wettrennen nach dem Bissen Brot, und du bist ein Hinkepeter, mein Junge. Außerdem wurde er sehr oft von Krankheiten heimgesucht und dann, soviel er auch nachdachte, fast alle Stellen waren besetzt. Wie eine Mauer standen die neuen Berufe vor ihm. Keine Lücke war sichtbar, um einzubrechen, und wenn eine Lücke zu sehen war, standen viele junge Menschen davor, die technisch und wissenschaftlich viel besser ausgerüstet waren als er, um einen neuen Platz zu erobern. Er blieb also Geistlicher und versuchte sich damit zu beruhigen, daß nicht nur er allein, sondern auch viele andere Kollegen zweifelten, kämpften und sich dennoch in das Schicksal ergaben. So war das Leben: in der Jugend liegt es schimmernd wie das Land in der Morgenröte da. Alle Dinge glühen wie Feuer. Herrlich! Vogelgezwitscher. Blumen wiesen. Goldgrüne Wälder. Strahlende Sonne! Als Lehrer kam der junge Doktor mit einigen Ordensleuten zusammen. Einige Male besuchte er ein Kloster. Der Himmelsfriede schien hier zu wohnen. Grenzenlose Sammlung und Hingabe. Aber als er dann mit einigen Mönchen sprach, hörte er in ihnen das unruhige, friedlose und manchmal auch verzweifelte Herz schlagen. Er lernte eine Ordensschwester kennen, eine noch junge Frau in den dreißiger Jahren, schön, große Augen, ein Gesicht in krankhafter Blässe. Sie war eine Bauerntochter und schon als Kind für das Kloster vorbestimmt. Über theologische Fragen sprechend, kamen sie auf menschliche Fragen, und da brach aus dem Herzen jener Nonne so heftige Glut, daß Tobias meinte, diese Frau müsse vom inwendigen Feuer verbrennen. »Gott, Gott und der heilige Herr Jesus!« flüsterte sie, »ich habe dreißig Jahre um Klarheit und Wahrheit gerungen. Gebetet. Gefastet. Gebeichtet. Gelitten. Gekämpft. Immer wieder gekämpft. Qual von Ewigkeit zu Ewigkeit schon auf Erden! Das Fleisch abgetötet! Ach, Fleisch ist Geist, und Geist ist Fleisch! Hilfe, ich versinke.« Dieses Zusammentreffen erschütterte Tobias. Überall fand er Schmerz. Er litt nicht nur allein. Leid schärft die Sinne, und so schürfte er wieder in den Dogmen seiner Kirche. Die ewige Verbindlichkeit der höheren Weihen und der Ordensgelübde entsetzten ihn, weil er die Stärke und die Schwäche der menschlichen Herzen kannte. Das Dogma von der Unfehlbarkeit der katholischen Lehre wurde für ihn durch die Tatsache erschüttert, daß viele aufrichtig nach Wahrheit strebende Menschen nicht katholisch wurden. Er prüfte seine Bekannten nach ihrer Lektüre und fand, daß hauptsächlich Erbauungsbücher gelesen wurden. Bei seinen Grübeleien stieß er auf den Buddhismus und fand den Quell des Erbarmens viel tiefer in ihm sprudeln als in seiner Kirche. Einmal sprach er mit einem Ordensmann über pädagogische Fragen und äußerte, es sei wertvoll, auch den Schülern über die anderen Religionssysteme objektiv zu berichten. »Nein,« antwortete der Geistliche, »wir würden dann viele Zöglinge nur verwirren oder abschrecken.« »Aber später, aber später, wenn die Schüler Männer sind, wenn sie denken, wenn sie studieren und selbst auf diese Probleme stoßen? Wenn sie sagen: Warum hat man uns nicht früher davon berichtet?« Der Ordensmann zuckte mit den Schultern. Ja, Tobias wurde von schweren Zweifeln heimgesucht. Da er aber ein Mensch war und unter Menschen lebte, gesellschaftliche Verpflichtungen hatte und von einigen Kollegen geliebt wurde, kam er aus der Wüste des Zweifels zur Freundschaft mit einigen Lehrern. Er verkehrte sehr viel im Hause eines Gymnasialdirektors. Das war ein idealistisch veranlagter, begeisterter und tüchtiger Schulmann. Seine Frau war hochgebildet, geistreich, schön und praktisch. In jenem Hause wurde sehr viel über die Antike gesprochen. Der Hausherr schwärmte für Rom und Hellas. Er brachte eine Sammlung römischer Geschichtswerke und zeigte sie den geistlichen Herren, begann von Zeus, Pallas Athene, Apollo und Aphrodite zu schwärmen, von jenen heidnischen Göttern und Göttinnen, daß die Gäste verlegen oder erschrocken abwehrten. »Das alte Rom und die alten Götter herrschten über der Welt,« schwärmte der Gymnasialdirektor. »Sie zivilisierten Europa. Die Römer bauten auch in Deutschland die ersten Straßen. Viele Städte am Rhein haben sie gegründet. Die Weinberge angelegt. Auch am Bodensee. Ja, es waren Heiden, meine Herren, aber herrliche Heiden! Ach, wer einmal in Rom gewesen ist, kann diese Stadt nicht mehr vergessen. Er kommt als ein anderer Mensch zurück.« »Herrliche Heiden?« fragte mißbilligend ein Religionslehrer. »Es kann unmöglich herrliche Heiden geben. Die Römer haben im Blute der ersten Christen gewatet.« »Und die Römer haben das Christentum zur Staatsreligion gemacht und damit zur Weltreligion, Herr Doktor,« entgegnete der Gastgeber. »Und doch war die Schönheit des alten Rom vielfach nur der Abglanz einer noch höheren Kultur: des alten Hellas!« »Zum Hellas aber führt aus Ägypten über Kreta der Weg aller Kulturen. Und Ägypten wurde von dem babylonischen Imperium mitbefruchtet, Herr Direktor. Wir sehen in der Geschichte ein ewiges Auf und Ab«, fiel der Geschichtslehrer in das Gespräch ein. Tobias wollte reden, aber dann besann er sich, wie wenig er doch von all diesen Dingen verstand. Noch kannte er sich besser im Himmel aus als auf der Erde. Rom, dachte er, Rom, wenn ich doch nach Rom kommen könnte, Aus den Trümmern der alten Kulturen steigt neues Leben. Alles fließt, hat nach Bergmann ein griechischer Philosoph gesagt. Was sind tausend Jahre in der Geschichte der Menschheit? Nichts, ein Lächeln oder ein schmerzlicher Schrei! Was sind aber tausend Jahre im Leben der Menschheit? Oh, Entsagung, Sehnsucht, Qual, Schmerz, ein wenig Lachen und viel Tränen. Das Leben eines Menschen ist viel zu kurz, zu eng, zu winzig. Und darum hat sich die Welt den Mythos von der Ewigkeit gedichtet. Den Mythos? Er erschrak. Seine Gedanken stießen an einen stahlharten Lehrsatz seiner Kirche. Immer, wenn sein Herz phantasierte, fühlte er die schmerzhafte Bindung in ein Dogma. Frei sein, frei, ja, vielleicht glückt es, nach Rom zu kommen. Das Jahr näherte sich dem Ende. Der Religionslehrer kam aus Italien zurück. Doktor Erler stellte sich zur Verfügung und bewarb sich um Urlaub für einen einjährigen Studienaufenthalt in Rom und um das Stipendium preucianum in der Höhe von zweitausend Mark. Beides wurde bewilligt. Sein Glück und seine Begeisterung aber waren gedämpft. Im letzten Jahr war er wieder krank gewesen. Leistenbrüche quälten ihn. Er litt unter furchtbaren Schmerzen. Da halfen auch die Bruchbänder nichts. Die Schmerzen hatten andere Ursachen, nämlich: der junge Doktor, nahe an die Dreißig, im Verkehr mit dem weiblichen Geschlecht sehr behutsam und zurückhaltend, war noch vollkommen unberührt und unschuldig. Die Natur rächte sich. Wem konnte er sich anvertrauen? An den üblichen Witzen, wie sie oft auch von den Geistlichen gemacht wurden, hatte er kein Vergnügen. Er schämte sich, wurde rot und verlegen. Die Frauen standen ihm viel zu hoch. Wohl hatte er noch den Schrei jener Nonne im Herzen: Fleisch ist Geist, und Geist ist Fleisch! aber es blieb nur ein Schrei, blieb Aufruhr des Blutes, beinahe unmenschliche Ergebung in das Schicksal, Schmerzen im Unterleib, wüste Träume in der Nacht und Scham und Entsetzen am frühen Morgen. »Herr Doktor,« sagte der Gymnasialdirektor beim Abschied zu ihm, »Herr Doktor, vergessen Sie nicht, den Tempel der Vesta am Tiber zu besuchen. Sehen Sie sich das Colosseum an. Das Capitol. Die sixtinische Kapelle mit den unsterblichen Gemälden von Michel Angelo! Fahren Sie an das Albaner Gebirge. Avanti, nach Napoli! Oh, Sie glücklicher Mensch!« »Venedig sehe ich zuerst, und nach Neapel fahre ich auch. Ich danke Ihnen für Ihre Freundschaft! Natürlich, den Tempel der Vesta! Das Colosseum und die Katakomben. Addio, addio!« Ehe Tobias Erler seine Italienreise antrat, besuchte er den Vater. Der alte Organist hatte sich in der letzten Zeit erholt. Schon vorher, als Tobias aus Freiburg kam, waren sie zusammen gewesen. Der Alte war stolz auf seinen Sohn. Der Bauer Kuhn lebte auch noch, aber mit den jungen Hengsten war es aus. Tobias wanderte mit dem Vater zum Sternsee, nachdem sie das Grab der Mutter besucht hatten, und in jener stillen Bucht erzählte der Vater seinem Sohn von der Zeit, als er die Mutter kennenlernte. »Junge,« sagte der Alte, »wenn das Mutter noch erlebt hätte! Du warst ihr größter Stolz! Bist du glücklich?« »Ja, Vater, ich bin glücklich, ich fahre ja nach Rom,« entgegnete Tobias, »warum sollte ich nicht glücklich sein?« Er nahm Abschied vom Vater, küßte ihn, streichelte sein silbernes Haar und unterdrückte die Tränen, die plötzlich aufstiegen. Wieder ratterte ein Eisenbahnzug heran, hielt und dampfte, begann von neuem zu rollen und zu schütteln, immer wieder das alte Spiel mit den Wiesen, Wäldern und Dörfern, Städten und Feldern, und dann noch einmal Berlin: zwei Tage Aufenthalt in Berlin. Ulitsch ist verreist. Der kleine Tobias liegt krank im Bett. Carla ist selbst krank geworden aus Angst um ihr Kind. Bergmann, was ist mit Bergmann? Ja, sagt Carla, der Herr Bergmann ist in einen neuen Prozeß verwickelt und auf der Flucht im Ausland. Und, Carla, was ist mit Schubert und dem Mädchen geschehen? Sie sind verheiratet und immer noch bei Herrn Leisewitz. Herr Leisewitz kommt manchmal zu uns, Tobias, aber jetzt mußt du gehen, mein Kind fängt an zu weinen. Am nächsten Morgen fuhr Tobias nach Wien. Er hatte gute Gesellschaft. In Dresden stieg eine junge Dame in sein Abteil zweiter Klasse. Sie begann das Gespräch und wußte den Reisenden so in Schwung zu bringen, daß er rettungslos schwärmte und von seinen Plänen in Rom erzählte. Die Dame unterbrach ihn nicht, aber aus der Art ihres Schweigens fühlte er ihre große Anteilnahme. Manchmal lächelte sie, manchmal nickte sie, aber ihre Augen waren immer auf den Erzähler gerichtet. Die Grenze war bald erreicht, die Zollstation, und dann die Reise durch wunderschöne Landschaft das Elbtal hinauf. Berge, sanfte Hügel, der belebte Strom: immer weiter ging es, und dann zeigte Prag die edlen Schattenrisse schöner Kirchen und Türme. Von Prag aus fuhr er allein weiter und kam am späten Abend in Wien an, blieb nur einen Tag in dieser Stadt, besuchte eine Oper und war vom Orchester so hingerissen wie noch niemals zuvor von irgendeiner Musik. Audi in den Prater verirrte er sich einmal, kehrte dem bunten Jahrmarkt bald den Rücken, spazierte an der Donau und ließ sich dann über den Ring fahren. Am nächsten Tage reiste er nach Budapest, erlebte, wie es ihm dünkte, die Pforte vom Abendland zum Morgenland, war glücklich und wunschlos. Immer neue Schönheiten zeigte die Welt. Triest stand am Ende einer langen Fahrt, und zwischen Triest und Venedig lag das blaue adriatische Meer. Das blaue Meer! Ungeheuerlicher Lichtblitz vom Wasser zum Himmel! Goldener Dunst in der Ferne. Das weiße Schiff fährt im blauen Meer nach dem goldenen Dunst, der sich lichtet und die zauberhafte Stadt Venedig preisgibt. Tobias stand auf dem Marktplatz. Die Löwen hatten den Blick starr auf's Meer gerichtet. Unzählige Tauben schwärmten in blitzenden Wolken auf und ab. Der Dogenpalast schimmerte. Der Campanile stand steil im Licht und die Markuskirche verlockte den Schwärmer zur Andacht. Er trat in das mystische Dunkel der Kirche, sah die mit Goldmosaik ausgelegte Kuppelwölbung, den gleißenden Prunk alter Jahrhunderte, war ergriffen, und doch schien es ihm, als sei der Glanz des blauen Meeres noch schöner als dieses kostbare Gewölbe. Viele Male durchkreuzte er mit Gondeln die Stadt, fuhr an alten, ehrwürdigen Marmorpalästen vorüber, kam auch in stille Gegenden und sah flüchtig hinter dem Glanz den Jammer und die Armut, schloß die Augen und öffnete sie erst wieder, als ihn die Gondel in die Pracht zurückführte. Über eine Woche lebte Tobias Erler in Venedig. Endlich mußte er weiter. Letzte Fahrt mit einer Gondel durch den Canal grande. Er hatte sich eine besonders schöne Gondel ausgesucht. Der Gondeliere war ein braungebrannter, schlanker Jüngling mit rabenschwarzem Haar. Die Augen waren groß und glühend. Er war ein Meister im Rudern. Tobias betrachtete ihn wohlgefällig und versuchte eine Unterhaltung, die mit Hilfe lateinischer Brocken stockend gelang. Der junge Doktor, der immer nur geistigen Dingen gelebt hatte, sah hier und erlebte das vollkommene Meisterwerk schöpferischer Natur. Schönheit und Kraft schienen sich in dem Jüngling zu paaren. Als er das Lob des Fremden hörte, steigerte er sich noch über sich selbst hinaus. Sein Körper bog sich wie ein junger Weidenbaum, richtete sich elastisch empor, blieb gelassen und schön auch bei großer Anstrengung. Mit unfehlbarer Sicherheit steuerte er die Gondel durch alle Hindernisse. Mitten in der Arbeit begann er zu erzählen. Tobias verstand von dem Dialekt sehr wenig, nur das verstand er, daß der junge Gondeliere wie ein Kind mit seinen Heldentaten prahlte. Tobias ließ ihn prahlen. Auch das gehörte zu der schönen Gestalt. Und dann fragte der Verkrüppelte den Unverkrüppelten nach seiner Geliebten. Ach, die Frage war schmerzlich! Was wußte Doktor Tobias Erler von der irdischen Liebe? Der ärmste Gondoliere in Venedig wußte mehr davon. Die Liebe? Die Geliebte? »Si si, Signore!« lachte der junge Mensch und begann von seinem Mädchen zu schwärmen, entwarf ein Lichtbild ihrer Gestalt, ein Lichtbild von der Schönheit ihres Leibes, von der Wildheit ihres Herzens und redete sich in heftigen Eifer hinein, als müsse er sie gegen die Schmähungen unbekannter Feinde verteidigen. Dann begann er zu singen. Was sang er auf dem Canal grande? Er sang Liebeslieder. Vielleicht gehörte das alles zu seinem Geschäft, wie die Gondel und die Ruder, die Schwärmerei von seiner Freundin und die Hymnen auf sie. andere und erfahrene Reisende hätten vielleicht gelächelt: Tobias Erler, Doktor der Theologie, lächelte nicht. Die Gestalt des jungen Gondoliere hatte ihn bezaubert. Er sah die Gefühle des Volkes wie einen Regenbogen über sich stehen, in dem Freiheit. Stolz, Offenheit und Jugend leuchtend ineinander verschmolzen. Er dachte an die kümmerlichen Freuden seiner Heimat unter dem grauen Himmel in Deutschland. Und als diese für ihn unvergeßliche Fahrt zu Ende war, erlebte er, daß man ihn nicht betrog. Der Gondoliere schwang seine rote, bewimpelte Mütze zum Abschied, eine glühende Flamme über den Glanz des blauen Meeres, ein rotes Fähnlein gegen den Marmor des Dogenpalastes und gegen das Gold der Markuskirche. »Addio, addio, Signore! Addio!« »Addio! Addio!« Das blaue Meer leuchtete nicht mehr. Der Glanz Venedigs versank. Das feste Land. Bewegte Landschaft. Bologna stieg auf und dann Florenz. Tobias unterbrach die Reise. Sein Herz riß ihn nach Rom vorwärts, in die Stadt der Entscheidung, aber genau so, wie ein Mensch vor der Entscheidung zögert, so zögerte auch der junge Doktor. Über einen Tag lief er durch die schöne Stadt am Arno, stand lange vor dem gewaltigen Rathaus und begeisterte sich an Michel Angelos »David«, jenem kostbaren Marmorstandbild vor der Signorina. in dem die heldische Tat eines Jünglings weiterlebte, und in dem der Geist über die brutale Kraft triumphierte. Tobias besuchte auch die Offizien, lief mehr verwirrt als verklärt durch die endlosen Säle, in denen viele tausend Bilder ausgestellt waren, eine Versammlung erleuchteter Namen und Meister aus der Kunstgeschichte. Auch das Haus, in dem der politische und religiöse Dichter Dante gewohnt hatte, wurde besichtigt. Viele köstliche Kirchen wie in Venedig, edle Türme, die Loggia dei Lanzi mit alten Standbildern, darunter Perseus mit dem Kopf der Medusa, dann Ponte Vecchio über den schönen Fluß, endlich über der bergumkränzten Stadt die Piazza Midie! Angelo, ein berauschender Rundblick in das Land, in das Tal, aus dem Florenz die Türme, Kuppeln und Kirchen hebt. Geschichte, Handel. Kunst. Wissenschaft, Religionskämpfe, Savonarola, Scheiterhaufen, Krieg, Wollust, Reichtum. Verrat, Liebe. Haß: jeder Stein in Florenz schien einmal von Blut umtropft zu sein, jedes Haus und jeden Torbogen hatte Gelächter erfüllt, jede Kammer einmal Jubel oder Tränen. Michel Angelo hatte hier gearbeitet. Tobias sah seine halbfertigen »Sklaven«, jene noch in Stein gebundenen Menschen, die wie mit ungeheurer Anstrengung sich aus dem Marmor lösen wollen, alles vergeblich, sie bleiben versteinert, sie bleiben gefesselt. Tobias seufzte schwer. Er erlebte vor jenen Arbeiten die Qualen künstlerischer Geburt und darüber hinaus sein eigenes Leben, das auch noch unfrei und gefesselt war. Wann würde einmal der große Meister kommen und ihn befreien, klar ins Licht stellen und vollendet machen? Viele Fragen, keine Antwort. Von Florenz nach Rom war nicht mehr weit. Der Zug fuhr durch die süße Hügellandschaft Umbriens. Blaue Berge, romantische Dörfer, weiße, leuchtende Städte, Pinien. Olivenhaine. Lorbeer. All das entfaltete sich wie ein Fächer und verschwand, um neue Entfaltungen und Gestaltungen zu zeigen. Das Abteil, in dem Tobias fuhr, war überfüllt. Die Reisenden sprachen vom Wetter und von Skandalgeschichten. Sie lachten. Sie lärmten. Zwei deutsche Herren sprachen sich mißbilligend über das schlechte Bier in Florenz aus und vermißten die Tannenwälder. Tobias schwieg und war wie ein Instrument, das mit schlafender Musik angefüllt ist und auf seine Zeit wartet. Die Zeit kam. Die ungeheure Zeit, die Ewigkeit, wie es dem jungen Reisenden schien: die Kuppel der Peterskirche wurde sichtbar. Sie schwebte unwahrscheinlich hoch über der Campagna, riesengroß, scheinbar losgelöst von der Erde, ohne Schwere, frei und herrlich geformt, eine steinerne Glocke zwischen' wallenden Nebelschleiern. Rom, endlich Rom! Erwartung. Fieber. Gesteigertes Dasein. Vom Bahnhof fuhr Tobias Erler nach dem Hotel »Quirinal« und eilte dann mit einem Herrn, der sich unterwegs angeschlossen hatte, in die Peterskirche. Schon der riesenhafte Platz mit dem Obelisk, den Säulengängen und den zwei Springbrunnen begeisterte ihn. Dann die Front der Kirche! Michel Angelo hatte ein Pantheon in die Lüfte gehoben, ein Pantheon für die unsterblichen Seelen! Voller Wehmut betrat er das Innere der Kirche, war ein kleiner, winziger Mensch in dem großen Gewölbe, ein Staub, ein Nichts. Sein Begleiter wollte ihm viele Einzelheiten erklären, die Statue des heiligen Petrus, dessen rechter Fuß von den Küssen der Gläubigen abgescheuert ist, die Schmerzensmutter von Michel Angelo, die ihren geliebten Sohn Jesus tot und starr ausgestreckt über den Schoß liegen hat und mit solcher Angst und Verzweiflung den Kopf neigt, wie man es nur heute bei gefangenen Menschen beobachten kann, wenn sie allein sind, dann das goldgeschmückte Grab des Apostels, viele Bilder berühmter Meister, Altäre, schwere Bronzearbeiten: das alles wollte der Begleiter erklären. Tobias brauchte keine Erklärung: zum erstenmal in seinem Leben fand er die von Menschen gemachte Form, die groß und herrlich genug war, um das Göttliche zu erfassen. Viele Stunden wanderte er in den hohen Räumen, glücklich, selig und ohne Wunsch. Er verließ die Kirche, ging nach dem Hotel zurück und suchte sein künftiges Heim auf, das Hospiz Santa Maria Del Anima. Ähnlich wie in Freiburg wohnten auch hier ungefähr zwanzig jüngere Geistliche, um zu studieren. Sie stammten aus den verschiedensten Gegenden Deutschlands und Österreichs. Der Leiter dieses Hospizes war ein Mann von sicherem Takt und überlegenem Geist und der spätere Kardinal und Fürsterzbischof von Wien. Ja, in Rom war die Welt, das erkannte Tobias auch im Hospiz. Er lebte sich rasch ein und befreundete sich mit einigen jungen Leuten. Den Prälaten der Anstalt verehrte er und bewanderte den Gleichmut und das starke Gefühl der Selbständigkeit, das ihn ausfüllte. Als bei Tisch einmal über Bischöfe und Erzbischöfe gesprochen wurde und einige junge Leute schmeichelhaft von einigen geistlichen Würdenträgern sprachen, fiel ihnen der künftige Fürsterzbischof ins Wort und bat, jene Herren mit »monsignore« zu bezeichnen, da ein Bischof in Rom nicht viel zu bedeuten habe. Die jungen Leute wurden rot und verlegen. Tobias freute sich. Er war ja kein Pfaffe. Am selben Tage war ein Dominikanermönch als Tischgast anwesend, ein Mann von ungeheuerlicher Gelehrtheit. Wenn er aus der Tiefe seines Wissens wie ein Zauberer die sonderbarsten Schätze aus fast allen Gebieten der menschlichen Erkenntnis hervorholte, mit ihnen spielte, wie man eben mit Dingen spielt, wenn man sie beherrscht, da rissen die jungen Kapläne die Augen und die Münder auf wie Fische die runden Mäuler aufreißen, wenn sie aus dem sicheren Wasser an das unsichere Land geschleudert werden. Der Gast erzählte und brannte sein Feuerwerk ab, der Prälat schwieg und lächelte, und Erler ahnte, daß in dem lächelnden Schweigen viel mehr Erkenntnis, viel mehr Wissen und viel mehr Gläubigkeit ruhte, als in dem streitbaren Dominikaner, den Sohn seiner streitbaren Kirche. Das Gespräch kam auch auf die Männer von der evangelischen Seite, die der Gast mit den Streitäxten scharfgeschliffener Dialektik erledigte, und wie die Trophäen eines Sieges durch den Staub der Niederlage schleifte. Der Prälat lächelte nicht mehr, das konnte Tobias sehr gut beobachten. In seinem vergeistigten Gesicht war große Müdigkeit zu lesen und vielleicht auch duldsame Langeweile. Dieser Dominikaner war kein Duckmäuser oder Streber. Er kam ungefähr alle vierzehn Tage in die Anima zu Tisch und erzählte gern und viel von sich und seinen Arbeiten. In einer Sitzung mit geistlichen Herren, in der über die neuesten Forschungen über die Heilige Johanna gesprochen wurde, stieß er mit einem Kardinal heftig zusammen. Ein Kardinal, was war schon in Rom ein Kardinal? Der Dominikaner erzählte: »In einer früheren Versammlung brachte jener Herr Kardinal erheblichen Unsinn vor. Er war ein Spanier, das besagt viel. Ich versuchte, ihn aufzuklären. »Eminenz,« sagte ich, »nach den neuesten Forschungen der Geschichtswissenschaft ...« Er sagte: »Wissen ist gut, glauben ist besser« und blieb bei seiner Meinung und nahm das Wort und schmiedete weiter an seinem dünnen Rasselblech. Da lief mir die Galle über, und ich sagte: »Eminenz, da Sie diese Sache nicht genau kennen, haben Sie, bitte, die Güte, das Urteil denjenigen zu überlassen, die sich damit gründlich beschäftigt haben.« Er unterbrach sich sofort, als ich zu reden begann, wanderte mit scharfen Augen die Versammlungsgesichter ab, wurde verlegen und ließ uns in Ruhe.« Am Tisch erhob sich ein Gelächter, Der Dominikaner streifte nun die jungen Kapläne mit scharfen Augen. Ihr Lachen erstarb. Nur der Prälat lachte noch. Er kannte jenen Kardinal ganz gut und gönnte ihm diese Niederlage, Ja, hier in Rom wurde nicht nur über geistliche Dinge gesprochen. Der Mensch als Träger des Geistes, als Träger der Materie kämpfte gegen andere Menschen. Nicht nur das Amt und die Würde machten das Schwert des Sieges scharf, nicht nur der Glaube, manchmal auch das Wissen und die Wissenschaft. Tobias Erler hatte einen guten Anschauungsunterricht. Er lernte Menschen kennen, viele Menschen, Prälaten, Kaplane, Schüler, Kardinäle, Ordensgeistliche, stille Menschen und laute Menschen, kalte und feurige. Der Dominikaner schrieb damals an einem Buch gegen die Reformation und Luther. Er hatte interessantes und unbekanntes Material zusammengetragen, ganze Berge von Tatsachen, aber er war und blieb trotz aller Gelehrtheit ein viel zu gläubiger Katholik und Sohn seiner Kirche. Er war zu heißblütig und ungestüm, um die Gewitterkette jener Ursachen zu erkennen, die der Reformation vorausgegangen waren, das Strahlengewitter der Renaissance und der Erfindungen und Entdeckungen. Tobias fühlte sich zu jenem Manne hingezogen, aber der geistliche Herr ließ sich nicht einfangen, er brauchte einen großen Zuhörerkreis und hatte an der einen Freundschaft mit dem Prälaten genug. Zuerst war der kleine Doktor aus Deutschland traurig darüber, dann besann er sich auf die Stadt Rom. Wieder stand er vor der Peterskirche, herrlich glühte die Kuppelwölbung im Licht, da mußte er wie unter fremdem Willen nachdem Vatikan gehen und die sixtinische Kapelle besuchen. Er war blind für alle Schätze der wundervollen Sammlungen. Die Augen öffneten sich erst, als er in jener Kapelle stand und die kosmischen Deckengemälde Michel Angelos sehen konnte, die Schöpfungsgeschichte, die Vertreibung aus dem Paradies, die Engel und die Apostel. Lange und trunken starrte er empor, und plötzlich war es ihm, als ertöne Musik. Ja, er hörte fern und sausend Beethoven musizieren. Die Eroica! Michel Angelo und Beethoven! Über Jahrhunderte und über die Gräber hinaus waren diese beiden Männer durch das schöpferische Werk so ineinander verschmolzen und so unsterblich, daß für die Nachgeborenen der Stein und das Bild zu Musik wurde und die Musik auch aus der Pantheonwölbung der Peterskirche und aus den Gemälden der Sixtinischen Kapelle tönte und brauste! An einem Dezemberabend kurz vor Weihnachten kam Erler von einem Spaziergang über die paladinischen Hügel nach dem Tiber, und als er aufblickte, sah er vor sich den schönen Rundbau des Vestatempels. Die Sonne versank schon in der Campagna. Viele Glocken läuteten über der Stadt. Heilige Reliquien wurden durch die Straßen getragen. Natale, das Fest der Geburt, war nicht mehr weit. Jeder Tag brachte neue Pilgerzüge über die Alpen. Rom war von Fremden überschwemmt. Spaziergänger gingen am Tempel der Vesta vorbei. Der nahe Tiber verströmte sich nach dem Meer, strömte gelb und rauschend durch das schwarze Land, um in die unendliche Bläue der nahen Küste unterzutauchen. Erler ging weiter. Vor ihm wanderte ein junger Mann. Bergmann? Ja, der Wanderer vor ihm war Bergmann! Tobias verfolgte ihn lächelnd. An der Engelsbrücke holte er ihn ein. Die Engelsburg stand schon dunkel und schwer gegen das letzte Licht. Immer noch läuteten die Glocken. »Guten Abend, Herr Bergmann,« sagte Tobias, »guten Abend! Was treiben Sie in Rom?« »Der Herr Erler!« sagte der Angesprochene und drehte sich schnell um, »Berg und Tal kommen nicht zusammen, aber die Menschen!« Er ergriff die ausgestreckte Hand, schüttelte sie lange und herzlich, und fuhr fort: »Ich habe viel an Sie gedacht, sehr viel. Sind Sie schon lange in Rom?« »Einige Monate. Von Ihnen habe ich in Berlin ja schöne Geschichten gehört, schöne Geschichten, Sie Hetzer!« »Hetzer ist gut, Hetzer muß wörtlich genommen werden. Ich wurde nämlich gehetzt. Aber jetzt hat die Hetz ein Ende. Ich war in der Schweiz und bekam die Nachricht vom Rechtsanwalt, daß der Prozeß liquidiert ist. Beim besten Willen können mich die Leute nicht ins Gefängnis stecken.. Es war blinder Alarm. Ich für meine Person wäre ja nicht von Berlin gegangen, aber die Genossen bestanden darauf. Gut, ich war in Zürich und bin für einige Tage über die Berge gerutscht, um Rom anzusehen. Eine fabelhafte Stadt! Morgen reise ich nach Deutschland zurück. Und Sie? Was machen Sie in Rom?« »Ich studiere in der Anima.« »Der Mensch studiert nie aus, das weiß ich. Ich habe von der Anima gehört... Rom! Auf Schritt und Tritt kann man spüren, daß eine Weltregierung hinter allen Dingen steht. Auch noch hinter den alten Heidentempeln! Sonderbare Stadt, dieses Rom ... Die alten Götter stehen nackt und herrlich in den Museen, und in einem anderen Saale in demselben Hause blenden die märchenhaft schönen Bilder der Madonna mit dem Kind. Natürlich steht eine große Idee hinter ihrer Kirche, eine herzbewegende Idee, die das Sterben leicht macht, dafür aber das Leben vergißt und als unwichtig erklärt. Zuerst ist das Leben und dann erst der Tod ...« Erler war in Gedanken versunken. Er hörte kaum, was Bergmann erzählte. Nur das hörte er, daß sich auch dieser ungläubige Mensch mit den Dingen der Ewigkeit beschäftigte. »Haben Sie etwas von Leisewitz und seinen Schützlingen gehört?« fragte er dann, um dem Gespräch eine neue Richtung zu geben. »Was macht der Schubert und seine Frau?« »Darüber können wir später reden. Darf ich Sie zum Nachtmahl einladen?« »Ja, gern.« Sie gingen schweigend weiter. In einer kleinen Osteria erzählte Bergmann von Leisewitz und von Schubert. Erler hörte aufmerksam zu. Sein Gesicht war gespannt. Müde war nur seine Seele, sterbensmüde. Vor einigen Tagen hatte er mit noch anderen Geistlichen eine Audienz beim Papst gehabt. »Ja, und Herr Leisewitz ist ein sonderbarer Heiliger. Seine Leute wollen ihn entmündigen. Das gibt einen harten Kampf ... Schubert hat sich auf dem Lande eingelebt, ist richtiger Gärtner geworden und schrieb mir nach Zürich, daß er wieder in die Stadt zurück will. Sehen Sie, wir alle sind mehr oder weniger den großen Städten verfallen. In den großen Städten ist unsere Heimat. In den Hinterhöfen. Auf den versteinerten Straßen. Nicht der Hinterhöfe oder der Straße wegen. Nein, weil wir Gladiatoren einer Idee sind ... Sehen Sie Rom und das Colosseum. Da in der Arena haben sich die Männer um der Laune eines Cäsaren willen zerfleischt. Auch wir heben die kurzen Schwerter hoch. Für einen Cäsaren? Nein, für uns, für das ganze Volk, für die Welt. Das ahnt auch Schubert, darum will er fort aus dem Park und Blumengarten des Herrn Leisewitz, darum will er zu seinen Genossen in die Stadt. Jugendsturm, sagen Sie müde lächelnd und sind doch selbst noch jung, Herr Doktor! Nicht wir allein sind jung, unsere Idee ist jung, unsere Bewegung.« Erler antwortete immer noch nicht. Er ließ den anderen weiter reden und erzählen. Schweiß stand auf seiner Stirn. Die Finger trommelten auf der Tischplatte, als wollten sie dem geschwätzigen Menschen aus Berlin eine Botschaft signalisieren. Endlich hielt es Erler nicht mehr aus. »Was halten Sie vom Heiligen Vater?« fragte er flüsternd. Bergmann hielt die Augen klar und still auf den Frager gerichtet wie ein Arzt. Um seinen Mund zuckte Mitleid. Er ergriff die noch immer unruhig trommelnde Hand Erlers und sagte: »Repräsentant einer Idee!« »Ach,« lächelte Erler müde, »ich hatte die große Ehre, vor einigen Tagen den Heiligen Vater zu sehen. Wir waren sechzig bis siebzig junge Leute und wurden durch viele funkelnde Gemächer in den großen schimmernden Audienzsaal geführt. Kaum zu atmen wagten wir, Herr, feierlich war uns zu Mute, herzklopfend. Kinder waren wir. die auf den Weihnachtsbaum warten und auf die Geschenke und auf die Liebe. Auf die Liebe vor allem, Bergmann! Endlich kam der Heilige Vater. Er wurde in einer Sänfte herumgetragen und sprach mit jedem von uns einige Worte. Er war ein sehr alter Mann, auf seinem Gesicht stand ein angelerntes Lächeln. Ja, auch mit mir hat er gesprochen. Ich habe alles vergessen, Bergmann, alles, jedes Wort, nur das Lächeln vergesse ich nicht mehr, das leere, kalte, höfliche, glatte und unnahbare Lächeln in dem alten Männergesicht. Die Audienz war bald vorüber, und mehr taumelnd als gehend kam ich nach der Anima zurück. Das also war der Papst, der Stellvertreter Petri auf Erden, der Schlüsselbewahrer zum Paradies, der irdische Herr über Himmel und Hölle! Ach, wenn er doch wenigstens ein Herr gewesen wäre, ein strenger Herr, ein guter Herr, aber er war nur ein ungnädiger alter Mann, wie mir Leute erzählten, die ihn näher kannten, ein böses Männlein, das sofort heftig schimpfte, wenn ein Bischof selbst einer sehr armen Diözese einen geringen Peterspfennig ablieferte. Ein schimpfendes Männlein mit der Tiara, ein Mensch mit allen Fehlern und Schwächen, ein alter Mensch, in dessen Hand das Wohl und Wehe vieler Millionen gebunden lag ... Ich kenne auch ein wenig Geschichte der Heiligen Väter, Bergmann, aber sie war mir bis heute Historie, jetzt aber ist sie keine Historie. Sie ist Erlebnis geworden, Leid und Schmerz, Enttäuschung. Oh Welt!« Er stand auf, nahm den Hut und ging auf die Straße. Bergmann aber saß noch lange in der kleinen Kneipe, trank sehr viel Wein, wurde nicht betrunken, überdachte sein Leben und beugte sich nicht. Nein, er stand endlich auf, ging mit starken Schritten in die Nacht, über die Tiberbrücke, und reiste dann am frühen Morgen nach Berlin zurück. Stürzte sich in die Arbeit, hetzte und wurde gehetzt und ergab sich niemals. Erler aber, der kleine Doktor aus Deutschland, hatte nach jenem Zusammensein ein neues Erlebnis, das ihn beinahe zerschmetterte. Mit einem Freund besuchte er einmal einen feierlichen Gottesdienst. Ein gemischter Chor, der unsichtbar blieb, sang die alten Hymnen. Der Gesang war herrlich. So hatte Tobias noch niemals singen hören. Die Sopranstimmen waren klar und opernhaft, strahlend und einmalig. Sangen kleine Kinder? Stimmten Mädchen die Himmelmusik an? »Einzig,« stammelte Tobias, »einzige Musik. Wie heißt der Chor?« Der Freund lächelte und führte ihn nach einem Platz, von dem aus man die Sänger sehen konnte. Und Tobias sah die Sänger. Es waren keine Kinder. Es waren auch keine Mädchen. Tobias Erler, Doktor der Theologie, riß die Augen weit auf. Er sah die Sänger: es waren kräftige, feiste Männer! Männer mit Mädchenstimmen! Männer mit Knabenstimmen, Kastraten ... »Was ist das? Männer stimmen das hohe G an?« fragte er atemlos. »Männer?« wiederholte der Freund, »das sind keine Männer mehr. Das waren einmal wohlausgestattete Kinder, die ihre Eltern in früher Jugend haben verschneiden lassen, damit die Kinderstimme bis ins hohe Alter klingt.« »Nein, nein, das kann unmöglich sein.« »Und doch ist es so, Herr Doktor ... Sie wußten das nicht? Oh, diese Chöre sind berühmt in der ganzen Welt. Am berühmtesten ist die Sixtinische Kapelle des Heiligen Vaters. Und die Soprane darin? Nun, Kastraten.« »Aber die Sittenlehre?« flüsterte Tobias immer noch. »Die Eltern lassen die Verschneidung besorgen, dagegen ist doch nichts zu machen.« »Aber die Eltern tun das doch nur, weil die Knaben später hauptsächlich als Soprane in Kirchen beschäftigt werden! Also duldet die heilige Kirche die himmelschreiende Sünde?« »Die Kirche? Nein, die Eltern haben die Schuld!« antwortete zögernd der Freund und verwünschte, daß er dem aufgeregten deutschen Doktor jene Sänger gezeigt hatte. Aber wenn die Kirche keine Kastraten als Sänger angestellt hätte?« fragte Erler weiter. »Ja, was dann? Das ist ein Verbrechen! Jeder Mensch, der die Macht hat, ist verpflichtet, Verbrechen nach Möglichkeit zu verhindern ...« »Ja, wenn nicht andere Rücksichten ... Ich kenne die Morallehre auch, Herr Doktor!« antwortete der Begleiter unwillig und entfernte sich. Tobias blieb allein. Immer noch sangen die Kastraten. Immer noch schwebten die Soprane. Hymnen für Gott? Erler lächelte bitter. Er verließ die Kirche und hatte dann in der Anima eine Unterredung mit seinem Prälaten. »Ja, die Geschichte ist böse,« antwortete er, als kein Ausweichen mehr möglich war, »sehr böse ist die Geschichte, und wir haben dem Papst wiederholt die Beseitigung dringend nahegelegt. Aber er lehnt es rundweg ab.« »Der Heilige Vater duldet die Sünde?« Der Prälat drehte sich rasch um und ließ den kleinen Doktor mit seinen Nöten allein. Was konnte er auch antworten? Nichts. Nichts konnte er antworten, keinen Frieden konnte er geben, keinen Segen, keine Ruhe. Tobias fand keine Ruhe und vertiefte sich in die Bücher, las nach, was die Moralisten über die Kastraten schrieben, fand Gründe dafür und Gründe dagegen, aber alle diese Gründe waren nur Abgründe und konnten nur unglücklicher machen. Gut oder böse – die Frage, die sein Herz quälte, war einfach die rein menschliche Frage: »Was würde ich sagen, wenn mich der Vater in meiner Kindheit hätte entmannen lassen?« Ja, das fragte der kleine Hinkepeter, der noch niemals seine Mannbarkeit bei einer Frau ausprobiert hatte. Die Wochen vergingen. Es wurde Frühling in Rom. Die Rosen und die Narzissen blühten. Die Campagna begrünte sich. Aus Schlaf und Verwesung stieg das neue Leben in millionenfältiger Form und Leuchtkraft. Wurzel, Stamm, Krone, Blüte und Samen, ewige Auferstehung aus dem Staub, grandioses Beispiel für jeden Menschen, auch für den verkrüppelten Menschen Tobias Erler; an dem sich an einem Frühlingsabend in einem kleinen Dorf nahe bei Rom das Schicksal erfüllte, das Blutgezwitscher und die Ewigkeit im Rausch einiger Tage. Der Tag war schön, aber der Abend wurde noch schöner. Erler war durch das Gebirge gestreift und saß dann, als die Sonne sank, in einem kleinen Garten vor einer Weinschenke. Frieden kam über das Dorf. Frieden kam auch in sein Herz. Rom lag sichtbar in der Tiefe, das Rom der Kampfe und der Heiligtümer, das Rom der Leiden und der Leidenschaften. Das Glockengeläut entfernter Dörfer klang und brandete melodisch. Mit den fernen schwebenden Tönen erschien ein junges Mädchen auf der Dorfstraße, die Erler übersehen konnte, und näherte sich der Osteria. Das Mädchen schien eine Fremde zu sein. Sie war schön, wie alle Mädchen im Frühling. Nun war sie ganz nahe an dem kleinen Garten und trat ein. Sie setzte sich an einen freien Tisch, beachtete den anderen Gast kaum, bestellte roten Wein, trank tief, prüfte den Wein im Glase gegen das letzte Licht des Abends und ließ dann ihre Augen über den einsamen Mann am Nachbartisch wandern. Ihr Gesicht war klar und offen, der Mund voll und fest. An den weißen Händen funkelten einige Ringe. Sie hieß Helene. Das Mädchen wohnte, wie Erler, in Rom. Am Morgen hatte sie ein heftiger Streit von ihrer zufälligen Reisegesellschaft getrennt. Sie war allein in die nahen Berge geflüchtet, suchte und fand Trost im Anblick der Natur, lächelte jetzt über sich selbst und ihren Trotz. Unsinn, sich darüber zu streiten, wer der größere Meister sei: Rafael oder Michel Angelo, Unsinn, wie ein Kind in die Wildnis zu laufen, wenn der Eigenwille nicht erfüllt wird. Ob die Gesellschaft nach Neapel weitergereist war, oder ob sie auf sie wartete, ein herzliches Lachen in stiller Bereitschaft? Sie stand auf. Nach Rom waren es noch zwei Stunden. Fuhrwerk, Signorina? Nein, im anderen Dorf. Da verzog sie wieder das Gesicht wie ein Kind, Erler trat nahe, und sprach sie an. Sie antwortete und scherzte. Oh, der kleine Doktor war nicht mehr scheu. Sie nahm seinen Arm, und gemeinsam wanderten sie nach dem nächsten Dorf und fuhren dann nach Rom zurück. Im Hotel lag Nachricht für Helene: »Wir sind nach Neapel gefahren.« Ratlos und allein in einer fremden Stadt, die Freunde sind fort, Herr Doktor, helfen Sie mir, bitte! Ja, gnädiges Fräulein, von Herzen gern. Ich will Sie nach Neapel bringen. Danke schön, tausendmal Dank. Addio. Addio ... Gute Nacht. Auf Wiedersehen morgen früh! Erler hatte vier Tage Urlaub bekommen. Der erste Tag: Ausflug in das Albanergebirge. Mit Glockengeläut erschien am Abend Helene. Er ließ ihren Namen wie Honig im Munde vergehen. Helene, Helene. Wer war Helene? Sie war die etwas eigenwillige Tochter eines Professors, die ihrem Vater nach Italien vorausreiste, einer Laune wegen in das Gebirge entlief und am Abend den Doktor Tobias traf. Helene, Helene! dachte Erler, als er nach der Anima ging, Helene! Am frühen Morgen stellte er sich zur rechten Zeit ein und wurde wie ein langjähriger Freund empfangen. Er brachte Blumen mit, einen Strauß Narzissen, durfte an ihrem Tisch sitzen und die kleinen Sorgen anhören, Geschichten vom Papa, die Mutter war tot, durfte sein salomonisches Urteil über den gestrigen Streitfall abgeben und traf mit unheimlichem Instinkt ihre Wünsche. In letzter Stunde kam ein Telegramm für das Mädchen. Der Vater war unterwegs. Treffpunkt Neapel in zwei Tagen. »Wollen Sie mich begleiten, Herr Doktor?« fragte sie, »wollen Sie mich wirklich nach Neapel bringen?« »Sie machen mich glücklich, Fräulein Helene. Ich bringe Sie sicher nach Neapel, und wenn Sie wollen, reisen wir über Cassino.« »Was ist Cassino?« »Ein weltberühmtes Kloster.« »Nein,« lachte sie, »ich will kein Kloster sehen. Haben Sie keine anderen Vorschläge?« »Doch, viele. Sorrent. Amalfi. Capri.« »Dann nach Sorrent, Amalfi, Capri! Und übermorgen kommt Vater aus Leipzig. Dann sind Sie mich los,« spielte sie, lachte und zeigte ihre schönen Zähne. Erler errötete. Sein Lachen klang eher wie Weinen. Aber es war keine Zeit mehr, das Gelächter zu untersuchen, es war Zeit zur Abfahrt. Der Bahnhof war nicht weit. Der Schnellzug donnerte klirrend an, verschnaufte und wurde wie im Sturm genommen. Tobias eroberte sich Fensterplätze. Fertig, Abfahrt! Räder stampften, Schattenrisse von Rom, Rauchfetzen, Ruinen, freies Land, die Campagna, blaue Berge, Sonne, weiße Dörfer: alles bemerkte Tobias, aber in seinem Blickfeld saß ein junges Mädchen, Helene, Helene, nichts weiter als Helene. Neapel. Der Bahnhof. Das Hotel. Ja, Signore, Bruder und Schwester. Zwei Zimmer nebeneinander. Helene hatte sich diese Geschichte ausgedacht. Nein, morgen reisen wir weiter. Und nun waren sie allein. Bruder und Schwester! Tobias kämpfte leidenschaftlich mit sich. Nein, er hatte ihr nicht gesagt, daß er Kaplan sei, daß er an der Anima studiere, nein, er hatte es verschwiegen. Ach, an dem Abend, als sie erschien als schönster Klang ferner Glocken, ach, an dem Abend gab es keine andere Religion in der Welt als die der Freundschaft und der Liebe, Philosophie? Ja, Doktor der Philosophie, gnädiges Fräulein! Durch die dünnen Wände hörte er die Bewegungen des jungen Mädchens, hörte ihre Kleider fallen, eilige Schritte und ein kleines Lied. Im Badezimmer rauschte das Wasser. Ach, wie schön und gesund war das alles! Kein Hymnen, keine Schwärmerei: ein Mädchen wäscht sich nackt unter der Brause, bewundert sich selbst, ist verliebt in ihre Wohlgestalt und reist mit dem ersten fremden Mann bedingungslos von Rom nach Neapel und schreibt ins Gästebuch: Bruder und Schwester! Arm in Arm gingen sie dann aus dem Hotel und fuhren nach dem Hafen hinunter, ließen sich aufs offene Meer hinausrudern, sangen, lachten, waren glücklich, waren wie Bruder und Schwester, vergaßen Capri, Sorrent und Amalfi, und am Abend, als die Lichter der Stadt flammten, als die Hotels und die vielen Schiffe erleuchtet waren, ja, am Abend saßen sie ganz nahe und befreundet in einem alten Kastell am Meer und hörten die Brandung. Sie hörten Musik über dem Wasser und sahen letzte Fischer fahren. Die Sonne war ertrunken. Nur noch ein fahler, kühler und blauer Streifen am fernen Horizont war sichtbar. Brüderlein und Schwesterlein, ja, und dann nahm er ihre weißen Hände, ja, und dann lehnte sie sich an seine Brust und suchte seinen Mund. Dann küßte er sie. Wer singt so hell und klar durch die Dunkelheit? Singen die jungen Mädchen? Stimmen die Liebespaare ihren Lobgesang an? O Mannsein, o Weibsein, kein Abgrund zwischen den Geschlechtern, ja, ja, ich liebe dich, und ich will dich immer lieben, immer, bis in alle Ewigkeit. Ja, ja, ich habe dich lieb ... Kein Wort mehr, keinen Schwur, weinen vor Glück, endlich, endlich ... Dunkelheit, Fahrt durch die Nacht in das Hotel. Brüderlein, Schwesterlein ... Am frühen Morgen, als Helene noch schlief, verließ Tobias ihr Zimmer. Das erste Licht stürzte in seine Stube und spritzte um die toten Dinge, um die Stühle, Schränke, Tische und Teppiche, flammte in dem großen Spiegel und erfüllte den Raum mit ungeheurer Klarheit. Auch sein Herz war leuchtend. Oh, die schöne Nacht! Nein, nein, er war kein Kastrat. Nein, nein, er war ein Mann mit männlichen Kräften und Wundern begabt, er war der andere Ton in dem Lobgesang aller lebendigen Dinge. Helene, Helene ... Dann, als das viele Licht sich verflüchtete, als hätte es noch andere Kammern strahlend zu machen, dann wanderte Tobias unruhig in seinem Zimmer auf und ab. Das Herz hatte gesprochen, jetzt aber begann das Hirn zu reden. Ein Mann? Nein, er war kein Mann, er war ein Kaplan, ein Diener der Heiligen Kirche, er war der Madonna geweiht. Für immer? Bis in alle Ewigkeit. Was hatte er getan? Lüge, Lüge, Doktor der Philosophie, er war kein Doktor der Philosophie, er war kein Mann wie die anderen Männer. Was sollte er tun? Hingehen zu dem Mädchen, sich in die Knie werfen, alles gestehen, Tränen, Verzweiflung? Nein, nein, der Abend auf den Bergen, die Fahrt nach Neapel, der Abend im alten Kastell und die trunkene Nacht: das konnte niemals mehr ausgelöscht und vergessen werden. Er war ein Mann, ja, er war ein Mann, und sie war ein junges Weib, sein junges Weib für eine dunkle Ewigkeit. Sie liebte ihn. Sie hatte zuerst geküßt. Helene, o Helene ... Ja, und dann? Trennung. Für immer. Kühl und nüchtern wurde der Tag. Kalt. Lieblos. Heute war alles vorbei. In einer Stunde, in zwei Stunden, wenn das Mädchen erwachte. Am Abend kam der Vater. Brüderlein? Schwesterlein? Alles vorbei, alles verklungen und zu Ende. Er warf sich in den Kleidern aufs Bett und schlief rasch ein. Helene weckte ihn auf, »Aufstehen, mein Freund,« sagte sie, »und ich werde dich nicht vergessen. Nein, nein, kein Wort mehr, meine Koffer sind schon gepackt. Ich warte auf dich unten in der Halle.« Sie lief rasch aus dem Zimmer. Erler stand auf, wusch sich den Schlaf aus den Augen, packte seinen Koffer und traf dann Helene. Sie blickte ins Leere, erwiderte seinen Gruß mit leiser Stimme, nur die Augen leuchteten, und dann verließen sie das Hotel, fuhren nach dem Bahnhof und trennten sich. Auf der Fahrt wollte Tobias alles gestehen, seine Liebe und seine Lüge, aber sie wollte nichts hören. Ihre Augen blitzten. Die junge Brust bebte. Nein, nein, keine Worte mehr. Das Spiel ist aus. Das Spiel war aus. Am Bahnhof nahm das Mädchen einen neuen Wagen und ließ sich in ein neues Hotel fahren, um den Vater zu erwarten. Sie blickte sich nicht mehr um. Unbegreiflich waren ihr jetzt die letzten Tage, wundervoll und grauenhaft. Sie war kein Kind mehr und kannte schon die Süßigkeit der Liebe, aber so schnell hatte sie sich noch niemals ergeben. Sie war voll lächelnder Scham. Die Reisegesellschaft hatte Neapel noch nicht verlassen, aber was sollte sie jetzt bei den jungen Herren und den alten Damen, die doch nur ein maskenhaftes Puppentheater aufführten und von den toten und gewesenen Dingen sprechen konnten oder wollten, von den Bildern und Bauwerken berühmter Meister. Von Genua war sie mit den Leuten gereist, eine zufällige Bekanntschaft, die sich aufgelöst hatte, scheinbar aus einem dummen Zufall, aber der kleine Streit damals in Rom schien einem herrlichen Gesetz zu dienen. Tobias Erler nun, der Mann der einen Nacht, nannte sich Schuft, Lügner, Schurke und Betrüger, als das Mädchen fort war, als er ihre Nähe nicht mehr fühlte und ihre schöne Stimme nicht mehr hörte. Ja, er war ihr dankbar gewesen, als sie sich seinen Erklärungen verschloß. Was sollte er tun? Da stand er nun auf dem Bahnhof. Klirrender Lärm dampfender Züge war hörbar, Betrieb, Reise in die Welt. Wie unter fremdem Willen löste er eine Fahrkarte und ratterte nach Rom. Kam nach Rom, war immer noch nicht fertig mit sich selbst, war scheu und still, abwesend und nicht auf der Erde. Die Vorlesungen begannen. Er wollte sich von allen Zweifeln befreien. Sein Prälat sollte ihm helfen. Ja, aber vorher hörte er noch einmal in einer Kirche die Kastraten singen, die armen, verschnittenen Männer. Da kam Trotz in sein Herz, Kraft und Saft des Mannes und der Mannbarkeit. Die Erde war kein Paradies, und kein Mensch auf der Welt war ohne Sünde. Buße und Beichte? Er hatte seine ganze Jugend schon gebüßt! Er hatte schon viele Male gebeichtet, und sein Dasein wurde nicht leichter. Das Studienjahr war beendet. Helene schrieb einmal über Ulitsch an Tobias und teilte ihre Verlobung mit. Bald darauf heiratete sie. Sie hat den jungen Doktor Tobias niemals vergessen. Sie segnete ihre italienische Reise, sie segnete auch jene napolitanische Nacht, sie segnete auch ihn, der zum erstenmal bei einer Frau war und gedachte seiner erst recht, als sie erkannte, daß sich ihr Mann für babylonische Altertümer mehr interessierte als für das törichte Herz eines jungen Weibes, das so alt ist wie die Welt und so neu wie der kommende Tag. Die letzte Nacht in Rom. Tobias hatte gute Zeugnisse bekommen, das Lob des Prälaten ist süß wie Honig, und morgen fährt der kleine Doktor nach Deutschland zurück. Nein, er kann jetzt nicht schlafen. Er ist wach und denkt an viele Dinge, an den Gondeliere in Venedig, an die Kastratensänger in Rom, an den streitbaren Dominikaner, der nach vierhundert Jahren mit einem neuen Buch die deutsche Reformation rückgängig machen will. Der Frühling ist vergangen und hat seinen Glanz, seine Blumen, seinen strahlenden Himmel verschwendet. Der Sommer funkelt und prahlt heiß und fruchtbar über dem Land. Die nahen Berge blitzen in blauem Feuer. Aber auch das Meer rauscht mit singenden Orgeltönen. Ja, er ist noch einmal in Neapel gewesen, ein trunkener Schwärmer in jenem Kastell und nachts vor dem verdunkelten Hotel, in dem Brüderlein – Schwesterlein gespielt wurde. Nein, nein, nein, er war kein Lügner und kein Schuft, er war nichts als ein Mann. Er war kein Phantast mehr. Die Madonna war auf die Erde herabgestiegen und mit ihr die vielen Götter der vielen, vielen Völker, der endlosen Zeiten und Geschlechter. Ja, die Götter waren gestürzt, aber nun lebten sie und wirkten mit magischen Kräften und Gesetzen in der Welt, nun waren sie irdisch und den Herzen nahe und heilig. Die Madonna? Das Sinnbild ewiger Geburt und Schöpferkraft! Der wachsame, einsame Mensch lächelte. Er ist wach, ganz hellhörig, und träumt über Raum und Zeit. Rom, die ewige Stadt auf den sieben Hügeln, von denen aus die Welt zweimal erobert wurde. Die Völker und Länder dröhnten und stöhnten unter den eisernen Schritten der Legionen. Die Fahnen und die Adler flogen rauschend durch Europa, Asien und Afrika. Dann, als die Adler starben und die Fahnen vermorschten, dann wuchs das Kreuz in den blauen, wolkenlosen Himmel. Ein schwarzer Schatten fiel in die Welt. Licht und Frieden, Trost und Verheißung: die Madonna mit dem Kind. Die Mutter mit dem Kind! Strahlenglanz, Lächeln. Nacht über der ewigen Stadt. Die Berge röten sich schon. Silbernes Läuten ferner Glocken. Oh Helene! Tobias lächelte. Frieden kam in sein Blut, trunkenes Weltgefühl, verschwistert dem Wissen von der Unsterblichkeit aller Dinge. Dann kam die Sonne, viel Licht, Leuchtkraft und der Lärm der erwachenden Stadt wie eine gewaltige, heidnische Hymne. Und in dem ersten Licht schrieb er sein erstes Gedicht An Helene Ferne Glocken sangen in die Nacht hinein, Schöne Berge waren schattenvoll verhangen. Letztes Licht wie bernsteingelber Wein, Glocken sangen, Oh Helene, in mein Einsamsein! Hab' die Heilige Jungfrau nur gekannt, Die Madonna mit dem süßen Kinde, Sehnsucht hat mit Feuer mich verbrannt: Leis und linde Kühlte alles Deine weiße Hand. Wer hat selig mich und froh gemacht? Die Madonna mit den goldnen Armen? Selig machte mich zur Nacht Dein Erbarmen, Deiner Liebe Überfluß und Übermacht! Die Madonna steht in goldner Pracht. Doch ihr Antlitz strahlt Verzeihung. Deine Liebe hat mir Mut gebracht Und Befreiung, Oh Helene, aus der Nacht. Tobias war wieder in Deutschland. In Berlin besuchte er seine Schwester, und Ulitsch erzählte eine neue Geschichte von Leisewitz. Er hatte sich mit Schubert verkracht, weil er bei Paula keinen Erfolg für aufgewendete Mühe finden konnte, keinen Lohn, keine zärtliche Dankbarkeit. Schubert war wieder in Berlin und fand Arbeit als Portier. Der Herr Leisewitz trieb sich auch in Berlin herum und suchte gefallene Mädchen, die sich an seiner Wohlgestalt aufrichten konnten. Bergmann? Nein, von Bergmann hatte Ulitsch nichts gehört. Das war doch der schreckliche junge Mensch mit den kalten grauen Augen, die erbarmungslos hinter die Dinge sahen? Bergmann, das war doch der Mann ohne Seele, der Mann, dessen Religion die Partei war? Der Vater war in dem einen Jahr sehr gealtert. Das Dorf aber blieb immer jung, immer alt. Kinder wuchsen in die Höhe, alte Leute wuchsen zur Erde hinab, auf den Feldern gedieh das Brot, Vieh brüllte auf den Weiden, eine neuer Organist musizierte an der Orgel, am Sternsee gingen neue Liebespaare spazieren. Neuer Frühling, neue Vogellieder aber über Wald, Feld und Mensch die ewigen Sterne und immerfort die eine Hälfte des tollen Mondes mit den magischen Zeichen A und Z, wie Anfang und Ende, und einmal im Monat die gläserne Scheibe im Meer der Ewigkeit schwimmend. Die Hunde bellten immer noch in den hellen Nächten, die Pferde wieherten immer noch auf den Wiesen. Der Bauer Kuhn war gestorben, sein Sohn, ein neuer Kuhn, bewirtschaftete den Hof, stand wie ein Baum so stolz in der Sonne, und in seinem Schatten strebte ein kleiner Mensch heran, auch wieder ein Kuhn, der dem Vater einmal die Zügel aus der zitternden Hand nehmen würde. Schön ist die Welt mit dreißig Jahren. Die Sonne steht dem Dreißigjährigen immer noch im Angesicht, alle Schatten liegen hinter ihm, die Welt liegt vor ihm, das Ziel, die Aufgabe, und im glühenden Licht das Vermächtnis der Toten, der Segen oder der Fluch der Vorfahren, manchmal auch geschichtslose Berufung, Erfüllung vergeblicher Sehnsucht von gequälten Geschlechtern, oder der flammende Wald vieler Fahnen, die eine große Idee vor die Lebenden hingestellt hat. Manchmal hat der Dreißigjährige auch schon die Gesetzmäßigkeit der Dinge begriffen, das bittere und herrliche Muß. Ja, und wenn er sich dem heiligen Muß ergibt, freiwillig und stolz, dann erst ist sein Herz frei geworden, maßlos, vermessen und kann an der Ordnung aller Dinge rühren. Tobias Erler näherte sich dem dreißigsten Jahr. Als er von Rom zurückkehrte, ein neuer Mensch mit neuen Zielen, fand er zuerst Anstellung in einer kleinen Stadt als Kaplan. Schön, er hatte ein wenig die Welt gesehen und ihren Lauf begriffen, er wußte, das Christentum ist eine Weltanschauung und die Kirche ist eine Regierung und hat, wie jede Regierung, mit Macht und Herrschaft mehr zu tun als mit Glauben und Ethik. Es mußte auch in der Kirche etwas wie Staatsraison geben. Also schön, er hatte Frieden gefunden und sein Beruf war ebensogut wie jeder andere Beruf. Gottesdienst ist Menschendienst, nun, er versuchte als kleiner Kaplan seiner Gemeinde nach bestem Gewissen zu dienen. Sein Pfarrer war ein Mann der alten Schule, nichts konnte sein Gleichgewicht erschüttern. Er las keine neuen Bücher und blickte verächtlich auf alle Wissenschaft und Forschung herab. Seine Gemeinde hielt er nach alter römischer Regierungskunst mit Zuckerbrot und Peitsche, oder, um in seiner Sprache zu reden, mit Himmel und Hölle in strenger Zucht. Das Paradies für die Guten, die Hölle für die Bösen. Als der kleine Kaplan am Anfang einmal mit theologischen Fragen kam, wehrte er ab und sagte: »Vierzig Jahre bin ich Pfarrer im Ort und kenne meine Gemeinde, Herr Kaplan. Wissenschaft? Was weiß der Mensch? Glauben muß er, wenn er selig werden will. Selig sind ... schloß er und sagte einen Spruch aus der Bergpredigt auf. Tobias ließ ihn zufrieden, arbeitete im Gesellenverein, arbeitete an seinem Tagebuch aus Italien, schrieb neue Gedichte auf Helene, begann einen Briefwechsel mit Bergmann und besuchte oft den alten Vater, der sich wieder, um der Einsamkeit zu entgehen, zur Musik flüchtete. Flucht vor der Wirklichkeit? Wir alle fliehen gern vor der Wirklichkeit, und vielleicht war auch das eine Flucht, als Tobias, der nicht mehr bedingungslos an die Lehrsätze seiner Kirche glaubte, sein Examen machte und kurz darauf nach einer größeren Stadt als Pfarrer versetzt wurde. Das war ganz kurz vor seinem dreißigsten Jahr. Auch ihm leuchtete noch die Sonne vor seinem Weg. Dreißig Jahre! Ulitsch war dreißig Jahre alt, Carla war dreißig Jahre alt, Bergmann war dreißig Jahre alt und Schubert und Paula. Ulitsch, der Baumeister mit jungem Ruhm und neuen großen Plänen. Carla, die Schwester mit dem kleinen Kind, immer wieder die Mutter mit dem Kind, dann Bergmann, der einsame Wolf in der Wüste einer großen Stadt, dessen Geheul wilde Aufsätze in der Arbeiterzeitung waren, der Mann mit der Vergeistigung der leblosen Dinge, der Mann ohne Seele, wie Ulitsch sagte, und der doch so viel Seele hatte, daß er für seine armen Brüder und Schwestern ins Gefängnis ging. Und Schubert, der junge Portier im Hansaviertel, unten in einer Kellerwohnung, über sich die Zimmerfluchten der reichen Leute, der Proletarier mit seinem Haß und mit seiner Liebe, schlagendes Wetter in der Tiefe, das einmal loskrachen wird, wenn der Funke zündet. Noch stand die Sonne vor ihnen, vor dem Pfarrer, dem Baumeister, dem Portier, dem Agitator und vor der Mutter mit dem Kind, noch lebten sie und freuten sich des Daseins, aber bald kam die Zeit, wo alle Herrlichkeit zusammenbrach und wo man nichts hörte als das Wimmern und Wehklagen vieler Opfer, wo die Verzweiflung heranrauschte und auch die Sonne erlosch. Der Pfarrbezirk von Tobias Erler dehnte sich zwei Meilen rings um die kleine Stadt. Auf dem Lande wohnten die Arbeiter der großen Güter und Vorwerke. Sie lebten ein unmenschliches Leben, oft nicht besser als das Vieh, und waren fromm und ergeben. Die Gutsherren waren nicht katholisch, es war alter und neuer Preußenadel mit allen Fehlern und Vorzügen jener Kaste. Der junge Pfarrer war einigemal bei zwei oder drei Herren auf Besuch und wurde freundlich aufgenommen. Das Gespräch war das gebildeter Leute. Tobias, das Kind, wußte nicht, daß alle Freundlichkeit nur dazu da war, um ihn als Verbündeten zu halten, damit er den katholischen Knechten, Mägden und Kutschern vom himmlischen Paradies erzähle, damit sie ihre Augen nicht auf irdische Güter richteten. Aber der Verkehr schlief bald ein. Die Herren waren reich. Der Pfarrer war arm. Die kleine Landstadt bot wenig Abwechslung. Die Menschen waren eng und alt wie ihre Stuben, Häuser und Straßen. Sie waren selbstgerecht wie nur Menschen selbstgerecht sind, die das Bild der Welt durch den Zerrspiegel des Klatsches kennen. Der neue Pfarrer fühlte sich einsam, aber dann richtete er sich häuslich ein, borgte sich von Verwandten das Geld dazu, schrieb und las sehr viel, tat seinen Dienst, predigte, hörte Beichte ab, versah Sterbende mit dem Heiligen Sakrament, segnete junge Ehepaare, taufte Kinder, hielt Grabreden, und alles das erfüllte ihn mit gelinder Heiterkeit. Er lebte ja viel mehr in der Vergangenheit als in der Gegenwart. Er hielt sich tapfer, der arme Hinkepeter, manchmal stimmte er das Lied von den preußischen Spartanern aus Smolensk an, manchmal blätterte er in dem römischen Reisebuch. Das Erlebnis mit Helene war das große Licht, um das seine schönsten Gedanken kreisten. Aus seiner Schwärmerei, aus seiner Arbeit und Einsamkeit wurde er plötzlich durch das Telegramm seiner Schwester gerissen. Das war am Abend. Er kam von seinem täglichen Spaziergang durch die blühenden Wiesen, noch leuchtete die Sonne, auf dem Studiertisch standen Blumen, und unter den Blumen lag das Telegramm. Er lief auf den Tisch zu und riß das Papier auf. Herzklopfend las er: »Komme sofort Berlin. Großes Unglück. Carla.« Er übergab dem Organisten einen Bericht mit dem Telegramm an die geistliche Behörde, packte schnell seine Sachen, erreichte noch den Abendzug und kam am frühen Morgen nach Berlin. Die Schwester öffnete mit verweinten Augen die Tür und fiel ihm schluchzend um den Hals. »Bruder, Bruder,« sagte sie weinend, »Bruder, Bruder, Ulitsch liegt im Sterben und der kleine Tobias ist tot!« »Carla! Carla ...!« Sie wollte antworten, aber da fiel sie selbst wie leblos in seine Arme. Er führte sie in das Musikzimmer, zwei junge Mädchen eilten herbei und bemühten sieh um die Ohnmächtige. Ein junger Mensch, er stellte sich als der jüngste Bruder Ulitschs vor, gestern aus Paris zurückgekommen, nahm Tobias beiseite und erzählte die ganze Geschichte. »Ich bin schuld an dem Unglück, Herr Schwager, ich habe die Schuld. Gestern mittag komme ich aus Paris, habe telegraphiert und mein Bruder ist mit dem Kind an der Bahn. Große Freude, zwei Jahre war ich fort, die Carla wartet, und ich sage zum Chauffeur: »Schnell fahren' und dachte dabei mehr an die Pariser Taxi als an Carla, nun, er fuhr auch schnell und Ulitsch erzählte von einem großen Bauauftrag am Kurfürstendamm. Wir fahren von der Friedrichstraße die Linden entlang, und am Brandenburger Tor saust uns ein anderes Auto in die Fahrtrichtung. Wir schmeißen um, Krach und nochmals Krach, dann Explosion. Ich springe wie ein Büffel aus dem Wagen, bin wild und wahnsinnig, Leute kommen, schreien, Polizei. Im anderen Wagen ein angstschlotternder Herr. Sanitäter, die Wache, was weiß ich, nur das: ich bin unverwundet, der kleine Tobias ist tot und Ulitsch schwer verletzt. Die Ärzte sind bei ihm, aber es ist keine Rettung. Und ich bin schuld daran, weil ich gesagt habe: »Schnell fahren'!«, schloß er mit flüsternder Stimme. Tobias ließ den hilflosen Menschen stehen, er lief geschwind einer Krankenschwester nach, die nach dem Schlafzimmer ging, hatte sie hinkend und ohne Schwere erreicht, öffnete vor ihr das Zimmer und trat lautlos ein. Um das Bett des Verletzten standen zwei Ärzte, die sich mißbilligend dem Eindringling zuwandten. Ulitsch war bei Bewußtsein. Sein Kopf lag in dicken, weißen Binden, nur die Stirn war frei, der Mund und ein schmaler Schlitz für die Augen. Er winkte den Ärzten ab. Sie verließen das Zimmer. Tobias ging behutsam an das Bett. »O Ulitsch, mein Freund!« sagte er beinahe unhörbar. »Tobias,« flüsterte der Sterbende, »Tobias, mit mir ist es aus. Ich bin fertig. Die Ärzte geben mir noch einen halben Tag. Bis zum Abend, wenn alles gut geht. Und es muß gut gehen. Ach, Tobbi, das Kind ist tot, und da will ich auch nicht mehr leben ... Da hat man große Häuser gebaut und ganze Blocks ausschachten lassen, und jetzt wird das Grab ausgeschachtet im Verhältnis zwei zu eins«, versuchte er leise zu scherzen. »Aber nun bist du da. Carla, siehst du, Carla, darüber will ich mit dir reden. Ich habe mich verspekuliert, alter Junge! Einige tausend Mark sind schon noch da, zehntausend, schätze ich, wenn alles liquidiert ist, und das sollst du in die Hände nehmen. Auch Carla. Ich gebe sie dir zurück. Sorge dich um Carla. Durch dich habe ich sie kennen gelernt, alter Junge, damals am Sternsee, weißt du noch, damals im Boot, und am Abend wolltest du als Dritter mitfahren, aber das Schwesterlein sagte: ›Nein‹. Ja, sie hat ›Nein‹ gesagt, lieber Tobbi ...« Er hustete und auf seiner Stirn stand Schweiß. Tobias kühlte die Stirn mit einem nassen Tuch. »So ist's viel besser, alter Junge,« begann Ulitsch wieder zu reden, »mein Vater hat immer von den preußischen Spartanern gesprochen, und weil du jetzt da bist, fühle ich mich auch so sicher und so wohlgeordnet, alter Knabe. Nichts kann mir mehr passieren. Das Schlimmste war nämlich das Kind ...« »Hat es sehr gelitten?« fragte Tobias. »Weiß nicht. Kein Mensch kann wissen, was der andere Mensch leidet, und wenn es auch nur in einer kleinen Minute ist. Man sagte mir, es sei gleich tot gewesen. Gestern? Heute? Ich weiß es nicht. Wann ist der Wagen verunglückt? Vor hundert Jahren? Es ist eine entsetzlich lange Zeit schon her ... Mein Bruder, der dumme Junge, glaubt, er hätte die Schuld. Tröste ihn, Bruderherz. Tröste die Carla und nimm sie zu dir ... Und jetzt bringe die Papiere. Carla soll sie geben. Bleib nicht zu lange fort, ich habe sehr wenig Zeit, mein Freund.« Tobias ging und die Ärzte erschienen wieder. Die Krankenschwester brachte eine bittere Arznei, Ulitsch ertrug alles mit geschlossenen Augen wie ein Tier in der Schlinge, das ausgetobt hat und für das der Tod Befreiung und Rettung ist. Die Ärzte sprachen mit gedämpfter Stimme, und dem Verletzten war es wie das Rasseln einer fernen, dumpfen Trommel. Carla lief ihrem Bruder zitternd entgegen, stürzte sich an seine Brust, klagte wieder, war verzagt, weinte, war wie leblos und dann verzweifelt. Ja, das Licht war erloschen, Schatten des Todes, eines dummen, zufälligen Todes, brachen herein. Ein nicht ausgelebtes Leben zerfiel. Eine Blüte schleifte im Staub. »Schwester,« sagte Tobias leise, »Schwester, fasse Mut. Dein Mann spricht durch midi zu dir. Noch ist nicht alles verloren. Ein Wunder kann ihn retten. Ein großes Wunder. Bete, Carla, bete.« Sie sank auf die Knie. »Nein, nicht beten, später, Liebling; Ulitsch spricht jetzt durch mich. In der Bibliothek das kleine Kästchen, das sollst du mir geben«, flüsterte er weiter. Sie hörte und hörte nichts, sie lag auf den Knien und betete zu Gott. Auf den Knien lag sie und jammerte: »Ein Wunder, himmlischer Vater, ein Wunder! Laß meinen Mann gesund werden. Ein Kind habe ich schon geopfert, und, der du das Opfer Abrahams abgewendet hast, nimm mein Opfer an, laß ihn gesund werden, den Mann, den Liebsten, den Einzigen! Laß ihn gesund werden, nimm mein Leben für seins. Hilf Ulitsch ...« Sie schwieg, unterbrach das Gebet, lauschte eine kleine Weile und stand dann auf. Stand und ging mit starken Schritten auf den Bruder zu. »Ist dein Gott auch gestorben?« fragte sie mit entsetzlicher Stimme, »ich höre, daß er mich nicht hört! Mein Sohn ist tot, mein Mann stirbt, und warum will er denn ewig leben, der hartherzige Gott im Himmel?« Sie taumelte und fiel in einen Stuhl. »Mein Mann spricht durch dich?« sagte sie dann. »Bis gestern hat er durch seinen Sohn zu mir gesprochen, oder er kam selber. Tobbi! Ist alles nur ein entsetzlicher Traum? Ich will zu ihm, laßt mich zu ihm! Eine Frau gehört zu ihrem Mann. Warum seid ihr so grausam? Was habe ich euch getan, daß ihr mich so quält?« Tobias ging auf sie zu, hob ihren Kopf in die Höhe und küßte den heißen Mund. Sie ließ alles mit sich geschehen, wimmerte nur manchmal, stand endlich auf, entfernte sich, kam nach einigen Minuten zurück und schleppte, als trüge sie ungeheure Last, ein kleines Kästchen aus Mahagoni und gab es dem Bruder. Er streichelte ihre Hand, aber sie zuckte vor der Berührung zusammen, floh an das Fenster und streckte die Arme aus. »Mein Kind will ich haben, mein Kind! Laßt mich zu meinem Mann, ihr Leute, ich will zu meinem Mann!« schrie sie auf. Die Mädchen kamen und führten sie aus dem Zimmer. Sie ließ alles mit sich geschehen, wie eine Wahnsinnige. Ihr Bruder weinte. Dann ging er zu Ulitsch. Er trat in das Zimmer. Die Ärzte verließen den Raum. Die Krankenschwester verschwand. Ulitsch winkte mit der Hand. Stille, kein Wort, jedes Wort ist gezählt. Jeder Atemzug ist schon berechnet. Wenn die Sonne sinkt ist alles aus und erloschen. Das Herz schlug schon langsamer. Der Geheimrat, das war der alte Doktor mit der goldenen Brille, hatte neue Kampfereinspritzungen gemacht. »Ich habe sie schreien gehört, und ich will sie sehen. Die Ärzte sind Bestien, sie haben sie aus dem Zimmer geschickt«, flüsterte Ulitsch. »Sie soll und muß bei mir sein in den letzten Stunden, Tobbi. Aber erst wollen wir für morgen sorgen, wenn ich nicht mehr da bin ... Also die Papiere. Zeig her alter Junge, ganz nahe, siehst du. Noch näher.« Er holte aus dem geöffneten Kasteien einige Papiere und ein Buch heraus, hielt alles an die Augen, las und prüfte mit letzten Kräften, seufzte und sagte dann: »Viel ist es nicht mehr, Tobias, zehntausend Mark auf der Bank. Das andere sind Wechsel, die decken meine Verbindlichkeiten. Das Geld nicht anrühren. Für Carla, hörst du ... Da« und er gab ihm ein gestempeltes Dokument, »das ist das Testament. Nimm alles an dich, Tobbi, und hole meine Frau ...« Er schwieg erschöpft und als Tobias gehen wollte, nahm er alle Kraft zusammen und sagte: »Nein, hole sie noch nicht, wir wollen noch zusammen sprechen ...« Er schloß die Augen. Auf der Stirn lag ein weißes Tuch. Jetzt sah der ganze Kopf wie eine unheimliche Maske aus. »Ulitsch,« flüsterte Tobias, »Ulitsch, ich habe alles gehört und verspreche dir, für Carla zu sorgen. Ich nehme sie mit zu mir. In mein Haus. Ich will alle Dinge in Ordnung bringen ... Ach, ich war in den letzten Wochen so froh und nun kommt dieser Schlag!« »Er hat mich getroffen, den kleinen Tobias und Carla, dieser Schlag,« antwortete der maskenhafte Kopf, »wir sind zusammengebrochen und du hast mich ein wenig aufgerichtet, Tobbi, nun richte auch Carla auf, lieber Junge ... Ich will dich nicht fragen, ob du glücklich bist, das hätte ich früher tun müssen, aber da war ich mit mir und anderen Dingen zu sehr beschäftigt. Aber du mußt ja glücklich sein, denn du lebst ...« »Ich bin glücklich, Ulitsch,« antwortete Tobias, »ich tue meine Pflicht. Menschendienst ist Gottesdienst.« »Und nun hole Carla.« Tobias ging. Die zwei Ärzte erschienen wieder bei dem Verletzten. Die Krankenschwester kam wie ein freundlicher Schatten. Sie nahm das kühlende Tuch von der Stirn und stellte Arznei auf den kleinen Tisch. Ulitsch hatte die Augen geöffnet und blickte nach der Tür, durch die Carla eintreten würde. Tobias fand seine Schwester im Kinderzimmer. Dort lag der kleine Tobias aufgebahrt. Wie schlafend sah das tote Kindlein aus, ein friedliches Gesicht, Blumen im Haar, die kleinen Arme über der Brust gekreuzt, die Hände gefaltet, so daß es im ersten Augenblick aussah, als seien diese gefalteten I fände eine unbegreifliche Faust, die auf der Brust liegt, um einen großen Schmerz zu unterdrücken. Carla lag vor dem Totenbett des Kindes auf den Knien. Sie sah nichts außer ihrem toten Kind, sie hörte nichts außer der zwitschernden Stimme des so früh gestorbenen Sohnes. Sie weinte nicht, sie jammerte nicht, sie hatte sich scheinbar in das Schicksal ergeben. Mit toternsten Augen blickte sie ihren Bruder an. »Carla, dein Mann ruft dich«, sagte Tobias. Sie erhob sich, stand eine kleine Weile vor ihrem toten Kind, nahm eine Blume aus seinem Haar, streichelte die kalte Stirn und ging lautlos aus dem Zimmer. Tobias folgte ihr. Als er mit ihr bei Ulitsch eintreten wollte, warf sie ihm einen so kalten und strafenden Blick zu, daß er stockte und sich zurückzog. Die Ärzte erschienen wieder und auch die Krankenschwester. »Herr Geheimrat,« wandte sich Tobias an den alten Doktor mit der goldenen Brille, »Herr Geheimrat, ist keine Hoffnung mehr?« »Das steht bei Gott, Herr Pfarrer«, antwortete der Arzt, Also keine Hoffnung mehr, dachte Tobias, keine Hoffnung und Ulitsch stirbt. Unruhig hinkte er den Korridor hinab, dort fand er den Schwager und sprach ihn an. Der junge Mensch war immer noch verstört. Als er aber den Trost menschlicher Stimme hörte und die Versicherung von Ulitsch, daß er unschuldig sei an dem Unglück, kam neue Kraft in die zusammengebrochene Gestalt. Er richtete sich auf, beugte sich plötzlich nieder und küßte die Hand seines Schwagers. Dann ging er ganz schnell fort. Immer noch wanderte Tobias hin und her. Unter dem Arm trug er das kleine Mahagonikästchen, in dem Ulitsch seine Papiere verwahrt hatte. Hin und her, auf und ab wanderte Tobias, niedergeschlagen, verzweifelt und selbst nach Trost suchend. Manchmal blieb er vor der Tür des Krankenzimmers stehen und lauschte. Nichts war zu hören als ein fernes, unendlich weites und unverständliches Gespräch zwischen dem sterbenden Mann und seiner Frau. Manchmal hörte man auch ein schluchzendes Weinen. Tobias konnte den Jammer nicht mehr ertragen. Er ging in das Musikzimmer, setzte sich in einen weichen Sessel und starrte vor sich hin. Plötzlich erschien Carla. Sie hielt in der rechten Hand jene Blume aus den Haaren ihres toten Kindes. Ihr Gesicht war tränenleer. Sie ging auf den Bruder zu, beinahe schwebend. »Ulitsch ist tot!« sagte sie und fiel um, stürzte wie unter einem furchtbaren Schlag auf den Teppich und riß im Fallen einen kleinen Tisch um, auf dem gelbe Rosen standen. Die Vase zerbrach. Einige Rosen fielen über sie. Carla lag wie tot auf der Erde. Wie ein Opfer. Als sie hinstürzte, sprang ihr Bruder auf, ließ das Kästchen mit den Papieren fallen, die weißen Blätter flatterten auf den Boden, flatterten in das vergossene Wasser, auf die Blumen und auf die ohnmächtige Frau. Er kniete auf die Erde nieder, in das Wasser, auf die Papiere und auf die Rosen und richtete Carla auf. Dann schrie er nach Hilfe. Der alte Doktor mit der goldenen Brille erschien, die Krankenschwester kam gelaufen, die zwei anderen Mädchen waren plötzlich da und trugen mit der Krankenschwester die Ohnmächtige aus dem Zimmer, brachten sie in einen neuen Raum und als dann Tobias erschien, lag sie schon im Bett, um sich die Ärzte und war immer noch ohne Bewußtsein. Sie erwachte erst wieder aus der Ohnmacht und Nervenfieber, als ihr Mann und ihr kleiner Sohn schon begraben war. Tobias Erler hatte zehn Tage Urlaub bekommen. In diesen Tagen kam er keine Stunde zur Ruhe. Er gönnte sich kaum richtigen Schlaf. Viele Dinge mußten erledigt werden, das Begräbnis, die Auseinandersetzung mit der Verwandtschaft, Liquidierung des Geschäftes, Verkauf der Firma, Prüfung und Lösung alter Verträge, Auflösung der Wohnung, Sichtung aller Papiere: nach acht Tagen hatte er alles geschafft und reiste mit seiner Schwester, die der Schmerz versteinert hatte, in die Heimat zurück. Aus dem Zusammenbruch hatte er für Carla zwölftausend Mark gerettet und auf einer Bank in Berlin sichergestellt. Er brachte die erschöpfte und willenlose Frau zu seinem Vater, blieb selbst noch einige Tage dort und ging in die kleine Stadt zurück. Über einen Monat blieb Carla bei dem Vater. Über einen Monat pflegte der alte Mann sein Kind. Quellen verschütteter Zärtlichkeit sprangen in ihm auf. Sein ganzes Wesen war vollkommene Güte. Langsam, ganz langsam erholte sich Carla. Sie besuchte mit dem Vater das Grab der Mutter und als sie den alten Mann mit den weißen Haaren neben sich sah, ahnte sie zum erstenmal, wie einsam und wie elend er sein mußte, wie viel er gelitten hatte, als die Mutter starb. Und mit diesem Gedanken schienen neue Kräfte über sie zu kommen. Jetzt war sie es, die den Vater aufrichtete, jetzt war sie es, die ihn tröstete. Ja, das Schicksal hatte ihr größtes Glück ausgelöscht, ihr Leben beinahe zerstört. Aber noch war Leben in ihr, eine kleine Flammenkette unter der Asche der Trauer. Noch war sie nicht wertlos und zwecklos auf der Welt, noch galt es, den alten Vater zu schützen und ihren Bruder Tobias beizustehen. Einige Tage darauf verließ Carla ihren Vater und übersiedelte zu Tobias. Die alte Wirtschafterin wurde entlassen, sie selbst führte jetzt den Haushalt. Sie klagte nicht mehr, sie verzagte nicht mehr, sie baute ihr Leben neu auf. Ja, sie war noch eine junge und schöne Frau, und wenn sie mit ihrem Bruder durch die kleine Stadt ging, blieben die Leute oft stehen, um das ungleiche Paar zu betrachten und sie zu bewundern. Carla half ihrem Bruder im sozialen Dienst an armen Leuten und eroberte sich viele Herzen. Über ein Jahr lebte Carla schon bei ihrem Bruder. Sie harmonierten gut miteinander und Tobias war glücklich. einen Menschen um sich zu haben, der die graue Langeweile einer kleinen Landstadt erleuchten konnte. Sie musizierten oft zusammen, lasen viele Bücher, sprachen über vergangene Dinge, über Bergmann und Leisewitz und manchmal auch über Ulitsch. Die Schwester war so stark, von ihrem Mann zu sprechen, als hätte sie das alles in einem vergangenen Dasein erlebt, auf einem schöneren Stern. Endlich beichtete auch der Bruder sein römisches Erlebnis mit Helene. »Bruder,« sagte sie, »vielleicht hättest du sagen sollen, wer du bist. Ich glaube, das Mädchen hätte dich auch geliebt. Hast du nie mehr etwas von ihr erfahren?« »Ich sagte ihr, sie könne mich jederzeit über Ulitsch erreichen,« antwortete Tobias, »und sie hat mich erreicht und mir geschrieben, als sie heiratete. Ihr Brief war freundschaftlich und voller Nachsicht. Vielleicht war auch ein wenig Zärtlichkeit dabei.« »Zeige mir den Brief«, bat die Schwester. Tobias brachte ihn und Carla las, lächelte und blickte ihren Bruder strahlend an. Dann nahm sie den Brief und warf ihn ins Feuer. »Aber Carla!« rief Tobias und wollte in die Flammen greifen. »Aber Tobias!« sagte die Schwester und wurde ernst, »wenn du das Mädchen geliebt hast, so ist dieser Brief in dein Herz geschrieben. Wenn du sie geliebt hast, wie du erzählst, dann brauchst du es nicht schriftlich haben. Weißt du überhaupt, was sie geschrieben hat?« »Ja«, antwortete der Bruder beschämt und ging auf seinen Platz zurück, ich kenne Wort für Wort. Sie schreibt: »Lieber Herr Doktor! Vor einiger Zeit bin ich aus Italien zurückgekehrt. Das Schönste, was ich finden konnte, war meine Begegnung mit Ihnen. Der Abend auf den Bergen bei Rom und dann jene Fahrt nach Neapel. Neapel!! Brüderlein und Schwesterlein ... Wir werden uns nicht mehr sehen. Leben Sie wohl. Ich habe mich verlobt. Ich denke sehr viel an Sie. Ihre sehr ergebene Helene.« »Ach Carla ...« »Ulitsch hat mir nie etwas von deiner Bekanntschaft erzählt,« sagte Carla nachdenklich, »wir hatten sonst keine Geheimnisse, aber es scheint, daß die Männer miteinander mehr Geheimnisse haben als die Frauen.« »Ja, so wird es sein,« antwortete lächelnd der Bruder, »die Männerfreundschaft bindet die Menschen ebenso stark zusammen wie die Liebe.« »Was weißt du von der Liebe!« antwortete Carla, »das Erlebnis mit Helene war noch nicht die richtige Liebe, war Schwärmerei und Bereitschaft des Blutes. Liebe ist nicht nur süß, sie ist auch bitter. Sie ist nicht nur Sonnenschein, sie ist auch Unwetter. Und dann vielleicht erst recht. Liebe, Liebe, was weißt du von der Liebe?« Der Bruder schwieg. Audi Carla versank in Schweigen. Es war am Abend. Die Dunkelheit kam. Die zwei Menschen saßen stumm in den ersten Schatten der Nacht. Manchmal seufzten sie, aber ob sie nun schwiegen oder seufzten, immer dachten sie an die Liebe, immer dachten sie über jenes Gesetz nach, dem Mann und Frau gehorchen müssen, wenn es richtige Männer und richtige Frauen sind. Endlich seufzten sie nicht mehr, standen auf, machten Licht, und dann besprachen sie die kleinen Sorgen des Tages. Bergmann wohnte immer noch in der Weinstraße. Schon längst hätte er eine bessere Wohnung haben können, aber ein Gefühl, das stärker war als jede Berechnung, hielt ihn in jenem Hause fest, das allgemein »Der Sarg« genannt wurde. Neben ihm hatte sich ein junger Student namens Eugen Weinmeister einquartiert. Er stammte aus Eßlingen am Neckar und hatte aus einer Laune, wie sie oft verwöhnte Menschen überfällt, ausgerechnet im vierten Stock jener Kaserne ein möbliertes Zimmer genommen. Er studierte an der Technischen Hochschule und hätte sehr gut im Westen der Stadt wohnen können, aber vielleicht gerade dieser höllische Gegensatz riß ihn in das vermorschte Haus, den Sarg, in dem alles zu finden war, außer den blanken Blitzen der Technik: keine Technik des Glücks und keine Technik des Unglücks. Über den Sarg stürzte das Unglück ohne jede Technik in unberechenbaren Jammerkurven. Ja, einmal hatte auch das Glück gelächelt: das war an jenem Tag, als Leisewitz den Schubert aus der Mansarde herausholte. Der Sarg! Grau in Grau stiegen aus schmutzigem Grund die Fassaden der Mauern hoch, über denen das flache Dach wie ein Erdhügel lagerte. Auch Musik war immer noch zu hören, Sterbemusik, und immer noch stellten sich die Hofmusikanten und Drehorgelspieler an den schmutzigen Müllkästen auf. Immer noch, wie damals, kamen wächserne Kinder, die niemals ein freies Tier oder ein grünes Saatfeld gesehen hatten, und tanzten. Immer noch ratterten die Maschinen jener Mützenfabrik. Zehn junge Mädchen verblühten in den dumpfen Räumen. Wenn spät am Abend die Arbeit ruhte und der kleine Unternehmer die Gewinne des Tages berechnete, brach oft der Haß einer dreißigjährigen Ehe brüllend hoch. Auch diese zwei Menschen hatten sich einmal geliebt. Der Mützenmacher schien aus der Anwesenheit der anderen Männer seine Kraft zu holen (am Tage war er meistens still, seine Frau führte das Wort), aber abends stand er mit dunklem Gebrüll gegen das Geschrei seines Weibes. Auch die anderen Männer, die aus den Fabriken heimkehrten, standen wie vom Tode auf und rüttelten heftig an ihren Käfigen. Noch mit Haß im Herzen gingen sie dann schlafen. Aber der Sarg war nun kein Sarg mehr. Das morsche Haus wurde eine mächtig schwankende Wiege, in der die Kinder des Volkes lagen, schliefen und träumten. Bergmann kam mit dem Studenten manchmal zusammen. Einigemal saßen sie bis zum frühen Morgen wach und diskutierten über Technik und Sozialismus. Der Vater des Studenten war ein reicher Kaufmann, und der Monatsscheck, den er seinem Sohne sandte, war wie ein scharfes Beil, mit dem der junge Mensch alle Argumente seines Nachbars niederschlug. »Das Kapital kommt, um mit Ihren Worten zu reden, Herr Bergmann, mit Blut und Tränen zur Welt,« sagte Weinmeister am Ende jenes Gespräches, »nun, ich will Ihnen sagen, wie sich mein Vater das Geld verdient hat. Er war ein kleiner Kaufmann und fing mit einigen hundert Mark an. Er hatte Glück, das gebe ich zu, aber er hat Tag und Nacht gearbeitet und sich hochgebracht. In der ersten Zeit verkaufte er Lebensmittel, und er hat mir oft erzählt, er ging lieber hungrig zu Bett als seine eigenen Sachen aufzuessen. Er aß trockenes Brot und trank Wasser, und in seinem Laden war Butter, Schinken, Eier und Wein. Was sagen Sie nun?« Bergmann sagte gar nichts. In seinem ernsten Gesicht stand ein Lackeln, und das verwirrte den jungen Studenten viel mehr als jede wohlaufgesetzte nationalökonomische Rede. Er verließ das Zimmer und ließ sich nicht mehr sehen. Er war ja noch jung, kaum zwanzigjährig, kühl bis ans Herz hinan, aber doch voll geheimer Romantik. Er verliebte sich nämlich in jenem Sarg in die Tochter des Gemüsehändlers, der tief unten im Keller Kartoffeln, Salat, Eier, Öl und Mohrrüben verkaufte. Sein Betriebskapital erreichte die phantastische Höhe von rund sechzig Mark. Das war kaum ein tausendstel des Geldes, das in dem Geschäft des alten Weinmeister in Eßlingen arbeitete. Wie zum Ausgleich wuchs in dem dunklen Keller die Schönheit heran in Gestalt der achtzehnjährigen Henriette, in die sich der Student verliebt hatte. Vielleicht ist Liebe ein zu hohes Wort, sicherlich war Spieltrieb und Berechnung dabei, auch von Henriette, die das erste Erröten und Schwanken des jungen Mannes gut ausnutzte und mit einem so strahlenden Lächeln nachstieß, daß er sich gern ergab. Henriette hatte sich in ihren achtzehn Jahren schon manchmal ergeben. Im Sarg blieb kein Mensch lange jungfräulich. Sie war von jener angenehmen Kühle, die man oft in Berlin findet und die heftigster Leidenschaft fähig ist. Also schön, der Student verliebte sich in Henriette, brachte kleine Geschenke, ging mit ihr im Friedrichshain spazieren und machte mit ihr kleine Ausflüge. Als er an einem schönen Sonntag mit ihr nach Plötzensee hinausfuhr und beim Tanz jene Bereitschaft zur Liebe fand, die er sonst nur aus seinen Träumen kannte, stürzte er nicht nur bildlich aus dem vierten Stock in den Keller hinab. Natürlich war er auch schon ein Mann und kannte die Harmonie weiblicher Glieder, ohne Anatomie studiert zu haben. Als auf dem Heimweg Henriette »Komm, Eugen!« sagte und einen stillen Weg einbog, der in die Jungfernheide führte, da schlug sein Schwabenherz doch schneller. Nach jenem Sonntag trafen sich die Verliebten noch oft, und einmal kam auch Henriette aus dem Keller hinauf in den vierten Stock. Als sie in das Zimmer trat, lehnte ihr Freund am Fenster, hatte einen Feldstecher vor den Augen und versenkte sich in den Anblick der kahlen Fensterhöhlen der gegenüberliegenden Häuserfront. Er sah, wie damals Tobias Erler, als er Bergmann besuchte, die kahlen Zimmer, in denen sich Nähmaschinen und Hutpressen bewegten, die von einsamen Männern und Frauen bedient wurden. Sie waren so tief in die Arbeit gebeugt, daß man von ihren Gesichtern alle Niederlagen des Lebens ablesen konnte. »Henny,« sagte der Student atemlos und ließ das Glas sinken, »Henny, guten Abend, Henny, das ist ja furchtbar! Hast du schon mal Gesichter gesehen, die wie gestorben sind, wenn sie sich unbeachtet fühlen?« »Nein,« sagte das Mädchen, »aber ich habe an einem Gesicht genug. An deinem, Eugen.« Der Student wandte sich dem Mädchen zu. Ihre Gestalt stand wie ein schwarzes Götzenbild im Raum. Und als sie nun die Arme bewegte, da war es ihm plötzlich, als rührten sich die Flügel einer Mühle. Er hatte Angst. Unvermittelt mußte er an die jungen Arbeiter denken, die auch in dieser Straße abends mit ihren Mädchen bis in die späte Nacht in den dunklen Fluren zusammenstehen wie ineinander verschmolzen. Einsame Doppelposten eines kleinen Glücks, und die nichts sind und bleiben als namenloses Volk, Volk der Fabriken, der großen Städte, der schweren Arbeit, der vielen Kinder. »Mensch,« sagte das Mädchen enttäuscht, »Mensch, hast du Angst vor dem Duster?« als er erregt das elektrische Licht andrehte, um die schwarzen Schatten der Tiefe zu verjagen, die quälend emporstiegen. »Nein, gewiß nicht, Henny,« wehrte er ab, »Angst habe ich nicht. Aber was hast du für sonderbare Ausdrücke! Mensch, Mensch! Natürlich bin ich ein Mensch, aber wie du das sagst, klingt es, als ob ich ein Unmensch wäre.« »Liebenswürdig bist du gerade nicht, mein Freund. Einmal warst du schon anders. In der Jungfernheide nämlich«, antwortete das Mädchen und wollte gehen. Ihr Herz wurde schwer. »Henny, bleiben. Ich war nicht anders, aber du bist anders geworden, Schätzele.« Und als er das liebkosende Wort aussprach, wurde es bitter in seinem Munde. Da war das Herz nicht mehr dabei. Die Lüge saß wie ein kalter Frosch auf seiner Brust. Er schämte sich. »Das ist alles?« wütete das Mädchen und drehte sich um. »Ich komme zu dir, bin das erstemal in deinem Zimmer, und du zeigst mir die Gesichter der Arbeiter von da drüben! Dein Gesicht wollte ich sehen, aber nicht deine Maske. Dein liebes Gesicht, Weinmeisterlein!« »Ich bin in die Weinstraße gezogen, Henny, weil ich Weinmeister heiße, und weil das so lustig zusammenklingt. Ich komme ja aus einer ganz anderen Welt. Ich verstehe euch nicht mehr. Da ist der Bergmann mit dem kalten Gesicht, und jetzt bist du böse. Was habe ich dir getan? Vielleicht war es Unrecht von mir an dem Sonntag in der Jungfernheide. Und ich will ja alles tun ...« »Du dummer Junge,« sagte das Mädchen und verging, »du dummer Junge! Ich habe dich ja lieb, und wenn du fortgehen willst, so gehe fort. Ich werde nichts als weinen ...« »Ach, Henny,« seufzte er und freute sich, weil er frei war, »dieses Haus heißt ›Sarg‹, aber es ist gar kein Sarg. Ich hatte Angst vor dir, aber nun habe ich keine Angst mehr. Ich habe dich lieb, aber ich muß fort. Ich will nicht mit dir spielen.« »Spiele doch, du großes Kind,« schrie das Mädchen und fiel ihm um den Hals, »spiele doch, du Weinmeister vom Neckar!« Das elektrische Licht verlöschte. Ehe es aber verlöschte, hatte der Student die ausgebreiteten Arme seiner Freundin gesehen. Ja, sie waren immer noch wie zwei Flügel einer Mühle, aber jetzt hatte er keine Angst mehr. Er ahnte, daß jede Umarmung heilkräftiges Brot ist. Brot des Lebens, Brot der Liebe. Der kühle Mond machte die gegenüberliegende Häuserfront gläsern. Die verlassenen Maschinen spiegelten sich in seinem Licht. Der Sarg war kein Sarg mehr. Wie eine Wiege schwankte die graue Mietskaserne durch die Nacht hinüber in das Morgenrot. Am frühen Morgen, als das Mädchen mit bloßen Füßen das Zimmer verließ, stand sie plötzlich Bergmann gegenüber, der von seiner Zeitung kam. Er sagte kein Wort, er betrachtete sie nur mit nachdenklichem Gesicht. In seinen grauen Augen war viel Zärtlichkeit. Henriette ging herzklopfend an ihm vorüber und war dankbar, weil er sie nicht angesprochen hatte. Am selben Tage verließ auch Eugen Weinmeister die Weinstraße. Er zog nach dem Westen der Stadt. Dort gab es keine Gemüseläden im Keller und keine Hennys, die ihre Liebe so selbstlos und verschwenderisch verstreuten. Dort fand er die Technik, die er ja auch an der Hochschule studierte, überall: Technik des Glücks und Technik der Liebe. Aber die war auch danach. Auch den Studenten ließ Bergmann schweigend vorübergehen. Was hätte er schon sagen sollen! Ein Dienstmann schleppte einen großen Koffer die steilen Treppen hinab, der junge Herr trug eine kleine Reisetasche und war wie auf einer Flucht. Vielleicht schämte er sich, vielleicht war er nur hochmütig, als er an Bergmann vorüberging, vielleicht witterte er auch den Klassenfeind. Ja, Bergmann sagte kein Wort. Er war müde von der Arbeit, müde von den vielen Besprechungen und Reden. Er wollte nichts als schlafen, sich ausruhen und stärken. In den nächsten Tagen sollten die großen Demonstrationen der Berliner Arbeiter einsetzen, um das Klassenwahlrecht zu stürzen. Was sollte das kleine Schicksal, das sich an dem Mädchen Henriette aus dem Keller erfüllt hatte? Vielleicht war es auch gar kein Schicksal, war Spiel oder Berechnung, Rausch einer Nacht. Ja, und der Student war hochmütig davongelaufen, er kam sich vielleicht auch noch nobel vor wie der Herr Leisewitz, der sonderbare Wohltäter. Berlin demonstrierte. Das werktätige Volk war auf die Straße gegangen und zog in endlosen Kolonnen durch die versteinerte Stadt. Inmitten der Versteinerung war das marschierende Volk das lebendige Leben und tausendmal wichtiger und wertvoller als jede Technik, Ordnung und Disziplin. Die Fabrikarbeiter marschierten, und man sah in ihren Gesichtern die Qual der Arbeit an den Maschinen, sah den schwarzen Ruß vieler Feuer, die gelbe Schminke aus den chemischen Betrieben, hunderttausend Gesichter und in ihnen hunderttausendfaches Brandmal. Die Metallarbeiter marschierten, und es schien, als hätte auch sie die Art ihrer Beschäftigung gekennzeichnet: die Eisendreher sahen anders aus als die Kupferschmiede, die Goldarbeiter waren anders als die Männer, die mit Messing, Nickel oder Bronze zu tun hatten. Dann kamen die Holzarbeiter. Die grünen Wälder waren schon lange geschlagen, sie waren schon zugerichtetes Holz, wenn die Maschinen passiert wurden, die sausenden Kreissägen, die knarrenden Abrichtbänke und die heulenden Hobelmaschinen. Was war der Wald für die Holzarbeiter! Keine Insel grüner Einsamkeit mehr, kein Gipfelrauschen, kein Vogelgesang, kein schwellendes Moos und keine nachtgrünen Verstecke mehr: nein, nichts als zugerichtetes Material in verschiedener Art, Eiche, Buche, Kiefer, Tanne. Jedes Brett und jede Leiste anders gefasert und vorbestimmt. Dann weit über den Ozean her der edle Mahagoni, aufleuchtend später in der letzten Politur. Die Bauarbeiter marschierten und bewegten sich, als stünden sie noch auf hohen Gerüsten. Andere wieder marschierten gebeugt, als trügen ihre Rücken gewaltige Lasten. Jugend marschierte im Zug, und unsichtbar vor ihnen schienen Fahnen zu wehen, brausender Flügelschlag, flammender Schwung entfalteter Banner. Auch Kinder waren im Zug, Frauen und Mädchen. Am Alexanderplatz wurde der Marsch der Arbeit und der Arbeiter durch berittene Polizei auseinandergesprengt. Vierzig Genossen wurden verhaftet. Unter den Verhafteten war auch Bergmann. Schubert, der neben ihm marschierte, wurde von einigen Genossen zugreifenden Polizeifäusten wieder entrissen. Wie ein Meer in der Brandung brüllte die Arbeiterarmee auf, als die Polizei den Zug der Hunderttausend sprengte. Hunderttausend Fäuste flogen empor, Fäuste, die schwere Hammer zu tragen gewohnt waren, Beile, Brechstangen und Feilen. Ja, geschwungene Säbel, brutale Attacken, triumphierende Gewalt, alarmiertes Militär. Die Regierung gegen das Volk, Kein Zuckerbrot. Nur die Peitsche! Die Peitsche. Hinter der Leibwache säbelschwingender Polizisten und alarmbereiter Soldaten saßen die Macher der Regierung, die Beauftragten der herrschenden Klasse, der Polizeipräsident und die Polizeiminister, der hohe Adel und der Monarch. Aufgeblasen wie eine Gummipuppe kam schließlich auch der Polizeipräsident und besah sich das Schlachtfeld. Das Schlachtfeld? Vierzig Genossen verhaftet, zwei Frauen niedergeritten, ein Arbeiter hatte einen Säbelhieb quer über die Stirn, ein junges Mädchen war von einem Pferd an eine Wand gequetscht worden. Der Strom der Arbeiter flüchtete, getrennt in viele Ströme, durch das lauschende und bebende Berlin, durch die Proletarierbezirke, empfangen von der Liebe und dem Haß der Zurückgebliebenen, der Frauen, der Kinder, der alten Leute. Schon in den nächsten Tagen begann der Prozeß gegen die Verhafteten. Bergmann und vier andere Genossen wurden als Rädelsführer angesehen und auf zwei Jahre in die Gefängnisse geschickt. Zehn Genossen wurden freigesprochen, um das aufgewiegelte Volk zu beruhigen. Die anderen Verurteilten hatten Gefängnisstrafen von drei Wochen bis zu drei Monaten zu verbüßen. Der Polizeihauptmann, der die Attacke gegen die Demonstranten führte, wurde zum Major ernannt. Der Polizeipräsident bekam einen neuen Orden und ein allerhöchstes Handschreiben. Unbegreiflicherweise war die kleine Henriette auch mit zur Demonstration gegangen. Sie interessierte sich durchaus nicht für Politik, sie litt noch unter dem Abschied von ihrem Freund, vielleicht war es die Verzweiflung, die sie auf die Straße trieb und neben die Arbeiter stellte. Sie marschierte und stimmte wie alle anderen jene rebellischen Lieder an, die wie die Gesänge und Hymnen einer unterirdischen Kirche herausgebrüllt wurden. Und am Alexanderplatz, als die Attacke begann, war sie eine von den beiden Frauen, die von den Pferden niedergeritten wurden. Hilfsbereite Fäuste rissen sie empor, verbanden ihre Wunden und brachten sie dann in die Weinstraße zurück. Kleine Henriette, achtzehn Jahre alt, eine blutige Wunde auf der Stirn. Nein, sie spielte nicht mehr das Spiel der Spiele: ein neues Spiel hatte begonnen. Entstellte Berichte von jenem Polizeiüberfall gingen in die Provinz und erreichten auch Tobias Erler, der mit der Schwester sein kleines Leben erfüllte und mißmutig die Zeitung auf den Tisch warf, weil sie seinen Freund Bergmann als schwarzen Teufel hinmalte. Lange und aufgeregt hinkte er im Studierzimmer herum und blieb endlich vor Carla stehen. »Carla,« sagte er, »den Bergmann haben sie wieder gefaßt. Wenn ich daran denke, könnte ich weinen. Zwei Jahre Gefängnis! Siehst du, das ist eine Bewegung ganz aus der Tiefe heraus, eine Bewegung voller Schwung und Leidenschaft. Dienst am Volk! Stolz und aufrecht wird er ins Gefängnis gehen, der Bergmann. Ungebrochen nimmt er seinen Platz wieder ein, wenn er freikommt. Bei uns ist träge Ruhe. Wir sind erstarrt und selbstgerecht. Nichts kann unser Gleichmaß erschüttern. Die Zeit der Märtyrer ist für uns schon lange vorbei.« »Lieber Bruder,« antwortete Carla, »ich liebe deinen Bergmann nicht. Er ist zu kalt. Märtyrer müssen heiße Herzen haben.« Tobias antwortete nicht, er ging an den Schreibtisch und bereitete sich für eine Grabrede vor. Der fünfjährige Sohn einer jungen Witfrau, welche die Bahnhofswirtschaft verwaltete, war plötzlich gestorben und sollte morgen begraben werden. Die Mutter war untröstlich wie alle Mütter, die ein Kind verlieren. Sie haderte mit sich und der Welt und beruhigte sich erst, als der junge Pfarrer alle Worte von Gott und Himmel und ewigem Ratschluß fallen ließ und mit ihr menschlich redete. Er erzählte weiter nichts als die Geschichte von Carla, die ihren Mann und ihr Kind in kurzer Zeit verloren hatte. Die Frau beruhigte sich endlich, und als Zeichen ihrer Dankbarkeit küßte sie seine Hand. Dieser Kuß machte ihn aufgeregt. Die Frau war jung und schön. Er rettete sich durch überstürzte Flucht und saß nun, nachdem er mit Carla über Bergmann gesprochen hatte, am Schreibtisch und disponierte seine Rede. Das Begräbnis ging vorüber. Die junge Frau weinte und wehklagte. Tobias tröstete sie, und aus der flüchtigen Bekanntschaft entwickelte sich in der nächsten Zeit so etwas wie Freundschaft. Er betrachtete sie mit Wohlgefallen und hörte gern ihre tiefe, tönende Stimme. Der Bahnhof, in dem sie die Wirtschaft führte, lag ganz einsam im freien Feld. Oft wanderte Tobias nach jenem Bahnhof, war fast immer einziger Gast, saß und trank und unterhielt sich mit der jungen Frau. Sie hieß Elisabeth, war schön gewachsen und bewegte sich weich und elastisch. Ihre Augen waren strahlend. Die Schnellzüge nach der weiten Welt klirrten auf den Schienen vorüber, nur die Personenzüge hielten an und warfen den oder jenen Passagier auf die freie Strecke zum Bahnhof, kleine Handwerker oder Reisende, die in der Stadt zu tun hatten. In den Warteraum zweiter Klasse, in dem der Pfarrer saß, verirrte sich keiner der Reisenden. Wenn sich Elisabeth entfernte, um neue Gäste zu bedienen, wurde er unruhig und trommelte aufgeregt mit den Fingern auf der Tischplatte, verräterische Zeichen eines unruhigen Herzens. Und wenn sie dann wieder erschien und sich in den Hüften wiegte, wenn die strahlenden Augen sein Gesicht trafen und ihre dunkle Stimme wie eine Glocke zu läuten begann, dann wich die Unruhe. Freude und Wohlbehagen erfüllte seine Brust. An einem dunklen Herbstabend, als der Sturm um den Bahnhof heulte und den warmen Raum doppelt teuer machte, ein Jahr nach dem Begräbnis des kleinen Kindes, kam, was kommen mußte: die beiden Menschen fanden sich als Mann und Frau. Beide waren im gleichen Alter, beide waren gesund, beide waren einsam: es braucht keiner großen Worte und Erklärungen mehr. Das Gesetz der Natur rechtfertigt sich von ganz allein. Immer noch heulte der Herbststurm, als er sie endlich verließ. Wie ein Sieger hinkte er durch die Nacht. Aber es gab ja keinen Sieger und keinen Unterlegenen, es gab nur zwei glückliche Menschen mehr auf der Welt, die lachend streng gezogene Grenzlinien übersprungen hatten. Auf dem Heimweg stimmte der junge Pfarrer ein Lied an und sang aus voller Brust in den Sturm hinein, warf seine Musik in die Musik des Wetters, seine Stimme in den Orgelton fern brausender Wälder. Carla war schon schlafen gegangen, als er das Haus erreichte. Er blieb noch lange im Studierzimmer wach, konnte nicht schlafen und war glücklich wie damals in Neapel mit Helene. Vielleicht war er noch glücklicher. Keine Zweifel quälten ihn, keine Angst beschwerte sein Herz. Lächelnd ging er schlafen, und mit einem Lächeln wachte er am frühen Morgen auf. Die Schwester sah mit großer Verwunderung, wie sich sein ganzes Wesen wandelte. Er war vollkommen ausgeglichen, Frieden und Demut erfüllten sein Herz. Er quälte sich nicht mehr mit alten Zweifeln. Es war, als hätte er auf schreckliche Fragen endlich die tröstende Antwort bekommen. Sie kannte ihn ganz gut und wußte, daß er schon zu ihr kommen würde, wenn es an der Zeit war. Er hatte ja keine Geheimnisse vor ihr. Aber auch in der nächsten Zeit blieb er stumm und lächelte nur, wenn sie nach der Ursache seines Glückes forschte. Oft besuchte er Elisabeth. Schon ihre Nähe heiterte ihn auf. Sie besprachen auch die Zukunft, und er trug sich mit dem Gedanken, sein Amt niederzulegen, um einen anderen Beruf zu ergreifen. Mit einem Schlage trat eine plötzliche Veränderung in seiner Stellung zur Kirche ein. Ganz scharf fühlte er den Widerspruch seines Wesens. Wie Verrat an sich selbst erschien es ihm, in dem Beichtstuhl zu sitzen und die Sünden fremder Menschen anzuhören und Bußen vorzuschreiben, an die er selbst nicht glaubte! Mit großem Widerwillen stieg er auf die Kanzel, um zu predigen. Die Dogmen und Lehrsätze der Kirche erschienen ihm manchmal wie ein grausamer Irrtum und dann wieder wie eine furchtbare Bedrohung. Aber er duckte sich, wie sich ein kleines Kind vor einbrechenden Schlägen duckt: so leicht war es doch nicht, sich zu befreien und in der Welt ein neues Dasein aufzubauen. Ja, er war arm und verschuldet, er war ein Hinkepeter, und sein ganzes Wissen war Wissen um Dinge, an die er nicht glaubte, Dinge, an die er selbst mit heißen Händen rührte. Endlich offenbarte er sich seiner Schwester. Carla war zuerst erschrocken, aber die Liebe zum Bruder blendete sie. Und einmal wanderte sie selbst zu Elisabeth, um Tobias zu retten, wie sie annahm. Als sie aber nun der jungen Frau gegenüberstand, lösten sich ihre Vorsätze wie Rauch im Winde auf, sie konnte nicht verurteilen, denn sie war ja selbst eine Frau und hungerte nach Zärtlichkeit. Lange saß sie nun bei Elisabeth, und zum Abschied war eine flüchtige Freundschaft zwischen den beiden begründet. Ja, Carla lud in den nächsten Tagen Elisabeth selbst ein, ihr Haus zu besuchen, und sie überließ dann die beiden Menschen ihrem Schicksal. Tobias war ihr dankbar und umgab sie mit ausgesuchter Zärtlichkeit und überraschte sie oft mit Aufmerksamkeiten, daß sie fraulich errötete. Es gibt Menschen, die plötzlich aus großem Elend emporgehoben und auf den Gipfel eines Glückes gestellt werden, von dem sie dann mit tödlicher Sicherheit abstürzen. Tobias Erler war so ein Mensch. Und was war schon sein Glück! Er hatte nach bitteren Jahren der Entsagung endlich eine Frau gefunden, die ihn liebte, er konnte endlich sich selbst verschwenden und dadurch steigern, er brauchte nicht mehr einsam und verbittert zu sein und die Augen schließen oder abwenden, wenn er Liebesleute sah: klar und vereinfacht war der Sinn der Welt – ein Mann und eine Frau. Elisabeth war bei ihm. Frühling rührte schon mit verzauberten Händen an den Wäldern und Feldern. Der erste schöne Tag im März mit einem Himmel, durch den man beseligt in den Weltraum blickt und dort den Tanz der Gestirne ahnt. Weiße Wolkenfahnen davor wie die flatterhaften Kulissen eines Theaters ... Die zwei Menschen saßen scherzend beisammen. Mit dröhnender Stimme beschrieb er seiner Freundin die wüste Pracht der Berge, und als er mitten im Reden war und im Erzählen, setzte seine Stimme aus. Er sprach weiter und bewegte den Mund. Kein Laut kam aus der Kehle. In den Ohren sauste das Blut. Ach, wie quälte er sich ab, um das Wort »Berg« zu sagen! Kein Wort, kein Berg, ein hilfloser Mund, eine erschreckte Frau! Elisabeth sprang auf und starrte ihn mit großen Augen an. Da saß er nun und quälte sich ab, um das Wort »Berg« zu sagen, noch es war, als sei ein Berg in seinen Mund gestürzt und hätte ihn stumm gemacht. Die Frau lief schreiend aus dem Zimmer. Vorher hatte sie viele Worte gesagt: »Liebster Freund!« Und: »Tobias« und: »Herzgeliebter«, aber auch diese Worte erreichten seine Ohren nicht, in denen das Blut rauschte. Dann kam Carla, und die beiden Frauen fanden ihn, den Kopf in den Händen und schluchzend. Er erhob nicht die Augen, er schob ihnen ein Stück Papier hin und hatte »den Doktor holen« darauf geschrieben. Carla eilte davon. Der Doktor kam. Elisabeth war nach Hause gegangen. Große Untersuchung. Atemübungen. Endlich kam die Stimme wieder und war nur ein heiseres Krächzen. Lange Zeit kämpfte der Kranke um die Gewalt über seine Sprache. An manchen Tagen konnte er ganz klar reden, ging in den Wald und dröhnte die Bäume an, saß bei Elisabeth und sprach so übermäßig laut, daß sie ihm den Mund zuhielt. Dann aber wieder versagte die Stimme vollkommen und erhob sich röchelnd wie ein Vogel mit zerschossenen Flügeln. Er tat trotzdem seinen Dienst, war ein sonderbarer Prediger auf der Kanzel, und endlich, endlich, nach quälenden Wochen konnte er wieder sprechen. Endlich konnte er wieder sprechen und dröhnen, singen und lachen. Er konnte flüstern und Zärtlichkeiten sagen. Ach, wie schön war die Welt! Als er auf der Kanzel stand, sprach er mit einer so hinreißenden Beredsamkeit, daß den Leuten die Tränen in die Augen traten. Diese Predigt war ein einziger Lobgesang auf den Schöpfer aller Dinge, der der armen Kreatur die Stimme verliehen hat, um ihre Schmerzen und Freuden hinauszuposaunen. Diese Predigt war wie eine heidnische Hymne auf die Sprache, die den Menschen gegeben ist, um sich mitzuteilen und zu verbrüdern. Nein, so hatte noch kein Pfarrer gepredigt, und die kleine Gemeinde glaubte ein Wunder zu erleben. Das Wunder! Tobias war nicht mehr allein, Carla sorgte für ihn, Elisabeth liebte ihn. Er war ein Mann in den dreißiger Jahren und wie aus dem Grabe auferstanden. Warum sollte er nicht glücklich sein und sich verschwenden? Warum sollte er nicht lachen und singen und den Traum von der Unsterblichkeit träumen, wie ihn jeder Mann träumt, wenn er eine Geliebte hat? Wie schön ist es, wenn am Abend die Freundin kommt und durch ihre Wohlgestalt und Blutnähe das erleuchtete Zimmer erfüllt. Man braucht kein Wort zu sprechen, man kann ganz still sein, und plötzlich brechen doch die Worte aus der Brust wie die Quellen aus der Erde. Ein Gelächter entfaltet sich und steigt wie eine Rakete empor. Die Seele? Auch im Wort ist Seele, im Gelächter, in jedem Atemzug. Tobias stand wieder auf der Höhe. Er liebte und wurde wieder geliebt. Er freute sich des Lebens. Ein neuer Frühling jubilierte über der Erde. Und mit ihm jubilierte ein menschliches Herz, Viele Herzen jubilierten. Bergmann kam aus dem Gefängnis mit neuem Wissen, mit neuem Mut und mit neuer Tatbereitschaft. Auch die anderen Genossen wurden frei. Die Partei gab eine kleine Feier, und kein Mensch konnte sagen, daß die Haft die Herzen der Befreiten gebrochen hatte. Bergmann hielt eine hinreißende Rede und machte selbst die alten Leute, die mit am Anfang der Bewegung gestanden hatten, wild und aufrührerisch. Dann stürzte er sich in die Arbeit. Schubert war kein Portier mehr. Er hielt es in dem feuchten Kellerloch unter den Zimmerfluchten der reichen Leute einfach nicht mehr aus. Ein kleines Kind war da und versuchte die ersten Tanzschritte. Um des Kindes willen nahm er Arbeit in einer Fabrik, stand in den Giftschwaden eines chemischen Betriebes und lachte nur, wenn er abends den kleinen Sohn schlafend im Bettchen bewunderte. Und Henriette? Henriette war aus dem Keller in der Weinstraße geflohen. Sie blieb verschollen und ging unter im Sumpf der großen Stadt. Einmal traf sie auf Herrn Leisewitz in einer Bar, aber es war der alte Leisewitz schon lange nicht mehr. Er war nichts als ein abgelebter, alter Mann, entmündigt und grau. Er war von seinen Verwandten im Kampfe um das Geld besiegt worden und hatte einige Wertpapiere, die in der Schweiz lagen, gerettet und verwandelte sie in galante Abenteuer im Westen Berlins. An diesen Mann also geriet Henriette und plünderte ihn aus. Ihr früherer Freund Eugen sollte nicht umsonst Technik studiert haben. Er hatte, als diese Geschichte passierte, schon lange ausstudiert, lebte in Stuttgart und leitete das Konstruktionsbüro einer aufstrebenden Maschinenfabrik. An die Weinstraße und an Henriette dachte er nicht gern zurück. * Die Liebe verblendet, sagen die Leute, aber sie verblendet meistens nur den Menschen, der liebt. In der kleinen Stadt, in der Tobias amtierte, gingen über seine Freundschaft mit der jungen Frau dunkle Gerüchte von Mund zu Mund. Zuerst glaubte man an eine Freundschaft zwischen Carla und Elisabeth, aber einmal hatte ein Reisender, der sich in den Wartesaal zweiter Klasse verirrte, Tobias in einer etwas vertrauten Nähe mit der jungen Frau getroffen. Auf den Besuchen bei der Kundschaft machte der gerissene Herr allerlei Andeutungen, und als er dabei gute Geschäfte machte, beschloß er sofort, diese Methode auch in den Nachbarstädten anzuwenden. Und so kam es, daß Tobias ahnungslos unter einer unsichtbaren Wolke gefährlicher Gerüchte wanderte und einmal vor der halb väterlichen Ermahnung eines Vorgesetzten zusammenzuckte wie vor einem fernen Blitz, der vollkommen überraschend aus strahlendem Himmel fällt. Die Schwester aber hatte mit dem feinen Gefühl der Vertrauten doch allerlei geahnt und lief zu Elisabeth. »Bleibe bitte zu Hause,« sagte sie, »Elisabeth, es wird in der Stadt über euch gesprochen. Du weißt ja, was für Tobias auf dem Spiele steht. Er hat dich lieb, aber es könnte auch dein Unglück sein. Warte bis alles vorbei ist, Elisabeth, und ihr braucht euch ja nicht voreinander zu verstecken, aber es ist besser, wenn ihr euch einige Wochen nicht seht.« Das sagte Carla, die Kupplerin, und endlich weinte Elisabeth nicht mehr und war damit einverstanden. Sie verwaltete ihre Wirtschaft und zeigte den Gästen ein gleichgültiges Gesicht, ging mit gelassener Kälte auf alle Scherze ein und besiegte dadurch viel Mißtrauen. Tobias aber verhüllte sich in verächtliches Schweigen, wenn Carla von Vorsicht und Überlegung sprach. Er versah ohne Begeisterung seinen Dienst und stümperte die Predigt zusammen. Als könne er unsichtbare Feinde damit treffen, legte er für kleine, gebeichtete Sünden schwere Bußen auf. Nein, er war durchaus nicht mit sich selbst zufrieden. Dann kamen, um das Maß der Schmerzen zu füllen, neue Krankheiten, ewige Krankheiten an dem verkürzten Bein, eine neue Operation und lange Wochen im Bett. Endlich ging auch das vorüber, aber der Krankenurlaub wurde verweigert, einmal, zweimal, dreimal verweigert. Tobias wurde seiner Behörde mit der Zeit ein sehr kostspieliger Pfarrer, und die Gerüchte mit der Frau waren immer noch nicht verstummt. So vergeßlich war der Herr Bischof nicht. Nein. Als Tobias wieder aufstehen und gehen konnte, hinkte er zu dem einsamen Bahnhof, besuchte Elisabeth und war nicht mehr unglücklich. Immer noch klirrten die Schnellzüge vorüber, immer noch schien der kleine Bahnhof mit fortfliegen zu wollen, mit fort in die Welt. Die Gläser klingelten auf dem kleinen Büfett wie zarte, wohlgestimmte Glocken vieltönig auf und ab. Auch die Personenzüge machten sie klingend, aber dieses Geläute war lustlos. Da lag nun der einsame Bahnhof auf freiem Feld, ein schmuckloses Gebäude wie eine preußische Kaserne, eine geschichtslose Baracke, von der Technik aus der Erde gestampft und dennoch der rührende Schauplatz von zwei Verliebten, die sich nun heimlich trafen und am Tage kaum einen Blick auszutauschen wagten und brennend auf die Nacht warteten. Da waren nun zwei Menschen, ein Mann und eine Frau, die nicht »Ich liebe dich« zueinander sagen durften, wenn sie sich auch liebten. Das Leben von Tobias war nun durchaus nicht nur ein Seufzen um Liebe, nicht nur flehende Bitte um Kuß und Umarmung, obwohl er ein viel zu unglücklicher Mensch war, um Liebe und Kuß als unbegreifliche Selbstverständlichkeit hinzunehmen. Manchmal war er auch ein Schwächling und nicht wert, daß man so viel Atem an ihn verschwendet. Wenn wir nun nach seinem Tagebuch einen Roman schreiben und sein Leben schildern, tun wir das hauptsächlich, um eine vergangene Zeit zu zeigen und jene Probleme mit aufzurühren, die auch heute noch viele Millionen Menschen quälen. Die Geschichten über die allzuenge Freundschaft zwischen dem Pfarrer und der jungen Frau hatten auch den einsamen Bahnhof erreicht und die Beamten und Weichensteller neugierig gemacht. In einer Herbstnacht belauerten sie den Wartesaal zweiter Klasse, in dem Tobias mit seiner Freundin zusammen war. Sturm heulte, als gehöre er mit zu der dunklen Verschwörung. Die beiden hörten keinen Sturm, sie hörten nur die Musik ihres Blutes und lagen glühend in der tiefen Dunkelheit, die den Raum ausfüllte. Plötzlich flammte das elektrische Licht auf. In der Tür standen einige Männer und blinzelten höhnisch und lüstern auf das erschreckte Paar. Tobias sprang auf, taumelte zuerst, geblendet vom grellen Licht, das weiß und kalt das tiefe Dunkel teilte, nach der Tür, aber dann blieb er stehen und blickte schweigend die Männer an. Sie hielten den starren Blick schweigend aus, wie eisgraue Richter den Blick eines Verurteilten aushalten. Tobias seufzte und lief hinkend in die Dunkelheit hinaus. Ihm war, als tappe er einem Abgrund entgegen. An seine Freundin aber, die immer noch im grellen Licht den Blicken der Männer schamlos ausgesetzt war, dachte er nicht. Er dachte nur an sich selbst. »Alles vorbei. Alles erledigt. Aus. Fertig!« spielten seine Gedanken, als er durch die Nacht hinkte. »Jetzt kann ich kein Pfarrer mehr sein. Die Qual ist aus. Ich bin ein Mann. Ein Mann bin ich, jawohl, ein richtiger Mann. Die Welt ist groß. Sie ist groß genug, um sich darin zu verlaufen. Um zu hinken, zu hinken Carla, was wird Carla tun? Und Lisabeth! Heilige Madonna, hilf den Frauen! Oh hilf auch mir ... Nein, nein, nicht mehr bitten, nicht mehr betteln. Es wird allzuviel gebettelt in der Welt ...« Kurz vor dem Pfarrhaus lag der Friedhof. Dahinter dunkelte ein kleiner Wald, in dem jetzt zur Nacht der Sturm orgelte. An der hohen Mauer, die den Todesacker umschloß, stand ein Liebespaar und war so abseits von der Welt und so von sich besessen, daß sie den hinkenden Schatten Tobias, den gestürzten Liebhaber, ungesehen vorüberlaufen ließen. Da war nun ein Todesacker unter hohem Himmel. Da lagen die vermorschten Herzen, die verwesten Leidenschaften. Alles war aus und vorbei, das Leben, der Haß, die Liebe, die Freundschaft und die Habgier. In der kalten, feuchten Erde lagen die nackten Gerippe (nur das Haar wuchs manchmal an den runden, hohlen Schädeln weiter), aber an der Mauer, der die letzte und grausame Wohnung umschloß, lehnten zwei junge Leute, ein Jüngling, ein Mädchen, und hatten sich in diesem Augenblick so lieb, als ob es keinen Tod gäbe, kein Ende und keine Verwesung. Tobias eilte weiter. Endlich kam ihm zum Bewußtsein, daß er Lisabeth schamlos preisgegeben hatte. Schon wollte er umkehren. Da sah er, daß der Wartesaal verdunkelt war. Das tröstete ihn schnell und als er sein Haus erreichte, fand er die Schwester noch wach. »Fertig, ganz fertig, Schwester«, sagte er mit erloschener Stimme. »Ick fahre nach Berlin. Ich bin verraten. Pack meine Sachen. Ich muß fliehen. Sie haben mich bei Lisabeth gefunden.« Die Schwester sagte kein Wort, nur ihre Augen begannen, im Zimmer herumzuirren. Sie sagte nichts, kein Wort des Trostes und kein Wort der Strafe. Sie stand wie angenagelt auf ihrem Platz. Sie seufzte nur. Als der Klageton sein Ohr erreichte, mußte er wieder an Elisabeth denken, an den Sturzbach des elektrischen Lichtes, der wie ein ewiger Blitz den Wartesaal erhellte. Da riß es ihn herum, und er wollte nach dem Bahnhof, doch die Schwester stellte sich ihm in den Weg. »Bleib!« sagte sie mit harter Stimme. »Jetzt ist es zu spät. Du mußt sofort verreisen. Ich werde midi um Elisabeth kümmern. Fahre nach Berlin. Du kannst in Königsberg den Morgenzug noch erreichen.« »Lisabeth!« wimmerte Tobias. »Carla, versprich mir, daß du Elisabeth hilfst. Ja, ich fahre. Ich bin noch jung. Irgendwo in der Welt wird schon ein Platz für mich sein. Jeder Hund hat seinen Platz auf der Welt... Schwester, Schwester, was soll ich tun?« »Ein Mann sein, das Schicksal ertragen, nicht heulen. Du hast nicht nur für dich zu sorgen, Bruder, du mußt auch Elisabeth helfen. Ja, ja, du kannst über mich verfügen, da ist das Reisegeld, aber nun geh, aber nun geh.« Sie lief nach dem Sekretär, schrieb einen Scheck über tausend Mark aus und gab ihn dem Bruder. Der ließ alles über sich ergehen, hinkte dann in sein Zimmer, stand ratlos vor seinem Koffer, bis endlich die Schwester kam und das Notwendigste zusammenpackte. Dann besorgte sie noch von dem Bauer Kuhn einen Wagen und in der dritten Morgenstunde fuhr er zur nächsten Bahnstation, erreichte den Zug nach Königsberg und bekam Anschluß nach Berlin. In derselben Stunde, als Tobias nach Berlin reiste, saßen die beiden Frauen zusammen. Elisabeth weinte und erzählte von der schrecklichen Nacht und den furchtbaren Minuten, als sie im grellen Licht den Blicken der Männer preisgegeben war. Ein Weichensteller hatte endlich das Licht ausgeschaltet und seine murrenden Kameraden entfernt. Die ganze Nacht hatte sie im Wartesaal verbracht und auf Tobias gewartet. Zwei Eisenbahnzüge hämmerten vorbei, Hunde bellten, Schritte tappten vor der Tür, aber kein Tobias kam. Was sollte nun werden? Was sollte sie anfangen? Berlin? »Er ist nach Berlin gefahren, ja, er ist in Berlin und wird dich nicht vergessen. Ein neues Leben soll aufgebaut werden, Elisabeth, er wird dich niemals verlassen. Bitte, weine nicht mehr,« tröstete Carla. »Er ist ja noch ein großes Kind, Carla,« sagte endlich die weinende Frau, »ein Kind ist er, und wir waren ja auch wie Kinder. Wir hatten die Tür zum Wartesaal offengelassen, solche Kinder waren wir, Carla. Und was werden jetzt die Leute sagen? Ich kann unmöglich in dieser Stadt bleiben!« »Ich bleibe auch nicht mehr. Wir werden alles verkaufen und zusammen leben, Elisabeth. Zuerst fahren wir zu meinem Vater und dann gehen wir nach Berlin. Tobias will sofort schreiben.« »Ja, ich kann der Schwester die Wirtschaft übergeben. Mein Pachtvertrag gilt noch auf zwei Jahre. Ein wenig Geld habe ich auch gespart, und wenn Tobias will, gehe ick zu ihm nach Berlin. Ja, wir besuchen deinen Vater, Carla, und warten auf fröhliche Nachricht.« Tobias war in Berlin, und die kleine Stadt hatte ihre Sensation. Nach dem Bahnhof begann ein großer Pilgerzug kleiner Handwerker und Kaufleute. Der Wartesaal zweiter Klasse war überfüllt, aber Elisabeth blieb unsichtbar. An ihrer Stelle erschien die Schwester, die Frau eines kleinen Reisenden, und lächelte kalt in alle fragenden Gesichter hinein. »Bedaure,« sagte sie, »Elisabeth ist verreist, ich bin jetzt an ihrer Stelle. Der Betrieb geht weiter, und wir werden uns freuen, noch oft die werten Gäste begrüßen zu können. Ja, es ist eine furchtbare Geschichte, und ich verstehe es auch nicht. Mein Mann sagt, es gäbe keine Verzeihung.« Die Leute sahen sich grinsend an. Jetzt verleugnete sich das eigene Fleisch und Blut. Ja, es ist eine schlimme Geschichte, und der Herr Pfarrer ist die längste Zeit Pfarrer gewesen. Das Gerücht von der Liebschaft hatte auch den Vater erreicht. Als Carla mit Elisabeth in das kleine Dorf kam, wußte der alte Mann schon alles. In den letzten Tagen gab es noch viel Aufregung. Carla hatte die Möbel verkauft und alles in Ordnung gebracht und ging stolz durch die gaffende Reihe der Spötter. Kein Mensch wagte sie anzusprechen. Nun war alles vorbei. Endlich konnte sie Luft schöpfen. Von Berlin aus hatte Tobias seinem Vater geschrieben. Der alte Mann stand schon am Rande des Grabes und verzieh. Er war nachsichtig und freundlich zu Elisabeth und zärtlich und liebevoll zu Carla. »Bleibt hier, liebe Kinder,« sagte er, »alles geht vorüber, auch die Schmerzen. Tobias ist noch jung und wird ein neues Leben beginnen. Es ist nur gut,« fügte er leise hinzu, »daß die Mutter ihren Frieden hat. Das hätte ihr das Herz gebrochen, Carla.« Von Berlin aus hatte Tobias auch an seinen Bischof geschrieben. In diesem Brief legte er sein Amt nieder, und erklärte er seinen Austritt aus dem Klerus. Er fand stolze und selbstgerechte Worte für sein Verhalten, legte keine Reue an den Tag und klagte an. Erhob Klage vor allem gegen das tödliche Gesetz und Dogma, das einen gesunden Mann von einer gesunden Frau trennt, schilderte in jenem Schreiben auch seine innere Entwicklung und die endliche Abkehr vom Glauben. Er berichtete in dem Brief von seinen Erlebnissen in Freiburg und von den verschnittenen Sängern in Rom. Berlin! Endlich war er frei. Er brauchte sich nicht mehr verstellen, er konnte allen Menschen aufrecht ins Gesicht sehen, und durfte sich an schönen Frauen erfreuen. Er schwelgte in Musik und Theaterbesuchen. Ihm war, als sei er endlich aus einem Gefängnis befreit worden. Er kam auch mit Bergmann zusammen, den einsamen Wolf, und heulte mit ihm das rebellische Lied von der Menschenfreiheit. Auch Bergmann war nicht gebrochen. Nein, das Gefängnis hatte ihn nicht zermalmt. Er erzählte die Geschichte von der kleinen Henriette, von ihrer Liebschaft und von jenem Tag, als sie auf die Straße ging und von einem berittenen Polizisten verwundet wurde. Er erzählte von dem Genossen Schubert und seiner Frau, die ihr kleines Kind über alles in der Welt liebten. Ja, es war ein freundschaftliches und menschliches Gespräch in jener Nacht. Menschen, die der junge Pfarrer kannte, schritten im Geiste vorüber und lachten oder weinten. Der Pfarrer? Nein, er war kein Pfarrer mehr. Er war wie Bergmann auch ein Wolf und heulte nach den Sternen. »Herr Doktor,« sagte Bergmann, »was wollen Sie tun? Berlin ist ein harter Kampfplatz. Mit Rebellion allein ist nichts zu machen. Ich kenne Sie zu gut und weiß, daß Sie nicht nur aus persönlichen Gründen Schluß gemacht haben. Nicht nur wegen der Geschichte mit Elisabeth. Können Sie schreiben? Mensch und Mann Gottes, schreiben Sie Ihre Lebensgeschichte auf, es wird ein Bombenschlager! Die Verleger werden sich darum reißen.« »Die Geschichte meines Lebens? Meine seelischen Kämpfe? Den Irrsinn des Dogmas? Nein, das habe ich nur mit mir selber abzumachen. Ich bin kein Überläufer. Ich will sehen, daß ich als Sprachlehrer und Übersetzer Arbeit bekomme. Was Sie von mir verlangen, bricht meinem Vater das Herz und macht mich nur noch unglücklicher. Lachen Sie nicht, meine Schwester ist ein sehr gläubiger Mensch und auch Elisabeth. Ich darf ihnen das nicht antun.« »Nun schön,« antwortete Bergmann, »nun schön, Doktor, ich wünsche Ihnen alles Gute, und wenn Sie nicht mehr wissen wohin, hier ist meine Adresse.« »Und was machen Sie? Ich verstehe langsam, daß Sie das Land hassen, das Sie immer ins Gefängnis schickt. Wann ist die nächste Strafe fällig?« »Ich hasse Deutschland nicht, ich liebe Deutschland,« sagte Bergmann. »Unser Kampf geht ja darum, daß dieses Land die Heimat für alle wird, nicht nur für die Schmarotzer und Ausbeuter. Meine neuen Pläne? Vielleicht gehe ich nach der Schweiz. In Zürich oder Bern könnte es mir schon gefallen. Aber immer kämpfe ich für das neue Deutschland.« »Sie sind ein glücklicher Mensch. Sie haben noch ein großes Ziel vor sich und glauben an den Sieg,« antwortete seufzend Tobias. Das Gespräch war zu Ende. Der Morgen graute. Ein neuer Tag begann und mit dem neuen Tag kamen die neuen Sorgen. Zum dritten Mal stand Erler auf einer Höhe. Das erste Mal erklomm er den Gipfel, als er Helene kennen lernte. Das zweite Mal stand er oben, als er Elisabeth liebte, lind jetzt in Berlin, als er ganz frei war, erfüllte ihn auch wieder das Hochgefühl. Und wie auch alle Steigerungen seines Daseins, wie nach einem unheimlichen Gesetz, Abstürze folgten, so fielen auch in Berlin wieder die ersten Schatten in sein Leben. Es war für einen davongelaufenen Pfarrer durchaus nicht leicht, als Sprachlehrer unterzukommen oder Übersetzungen zu machen. Einige Wochen arbeitete er an seinem italienischen Reisebuch und ging dann mit dem Manuskript von Verlag zu Verlag und wartete und drängte auf die Entscheidung. Er lernte viele Verleger und Schriftsteller kennen, und bald graute ihm vor jenem maschinenmäßigen Betrieb, der sich deutsche Literatur nannte und sehr oft weiter nichts war als ein erbitterter Kampf um das tägliche Brot, ein Kampf voller Neid, Eifersucht, Haß, Schiebung, Intrige und mit vielleicht einem Sieg auf tausend Niederlagen. Immer noch hoffte er, immer noch versuchte er, neue Verbindungen herzustellen, aber seine Geschichte war aus Ostpreußen auch in Berlin bekannt geworden und brachte mehr Schaden als Nutzen. Elisabeth schrieb verzweifelte Briefe. Ihrer Schwester, die den Bahnhofsbetrieb übernommen hatte, war gekündigt worden, und sie saß jetzt auf der Straße. Elisabeth wollte nach Berlin kommen. Der alte Vater war krank geworden. Carla pflegte ihn. Was soll nun werden? Ja, der alte Organist war schwer krank. Er hatte den Sohn nicht verurteilt, er selbst wußte aus seinem langen Leben, wie schwer es ist, einen Menschen zu verurteilen, aber die Erschütterungen der letzten Zeit überstiegen doch seine Kräfte. Der Vater ist krank? Der Vater stirbt? Den verzweifelten Brief von Elisabeth hatte Tobias vergessen: er dachte nur an den Vater und gab sich selbst die Schuld. Wohl hatte er manchmal mit dem Gedanken gespielt, den ihm Bergmann eingeblasen hatte, den Gedanken nämlich, ein großes Pamphlet gegen die Kirche zu schreiben und schonungslos und schamlos seine eigenen Erlebnisse und Qualen aufzudecken, aber zuerst hinderten ihn die Erfahrungen, die er mit seinem italienischen Reisebuch gemacht hatte, daran, dann kamen die entsetzlichen Nachrichten von Carla: der Vater liegt im Sterben! Bergmann, den er aufsuchen wollte, war nach der Schweiz gefahren, und als er einmal nach Hause kam, fand er zwei geistliche Herren bei sich vor, zwei Domkapitulare, die ihn dringend und väterlich zur Umkehr und Unterwerfung aufforderten. Umkehr? Gab es noch eine Umkehr, um den Vater zu retten? Unterwerfung, gab es eine Unterwerfung, die Carla fröhlich und Elisabeth glücklich machen konnte? Der Vater stirbt, die Schwester ist verzweifelt, die Freundin weint endlose Tränen! Oh Berlin, du wildes Wettrennen um den Bissen Brot, du Jammerhöhle, du grausamer Käfig! Frieden, wo war der Frieden? Gab es überhaupt Glück auf der Welt? War Glück vielleicht nicht nur eine seelische Täuschung? Oh Madonna, hilf dem armen Hinkepeter auf den richtigen Weg. Tobias Erler unterwarf sich. Seine Umkehr kam aus aufrichtigem Herzen. Lieber opferte er sein Leben als das seines Vaters. Lieber weinte und verzweifelte er, als daß Carla und Elisabeth weinten und verzweifelten. Wie in einem gräßlichen Traum durchlebte er die Wochen, ehe vom Bischof die Antwort kam und die Aufnahme in ein Priesterhaus in Westfalen vermittelte. Tobias begann in verzweifelter Einsamkeit mit sich selbst zu sprechen, vernachlässigte sein Äußeres und taumelte halb irrsinnig durch die Straßen Berlins. Manchmal fuhr er erschreckt zusammen, wenn ihm die Leute allzu mitleidig oder lächelnd betrachteten. Er sah am hellen Tage Gespenster und wußte nicht, daß er ja selbst wie ein Gespenst aussah. Im Sommer war er aus seiner kleinen Stadt geflohen. Die Ernte stand auf den Feldern, und nun war es Herbst. Nun war er in Berlin. Berlin, was war die Ernte in Berlin? Unterwerfung, Umkehr, halbe Gefangenschaft in einem alten Kloster, wo verschiedene gescheiterte Pfarrer untergebracht wurden und unter der strengen Aufsicht von drei Franziskanern lebten. Ja, aber der Vater war nicht gestorben. Carla und Elisabeth lebten wie Schwestern zusammen. Tobias Erler reiste nach Westfalen, wurde von den Franziskanern wie ein kranker Mensch empfangen und in eine winzige Zelle gebracht, die ihn wie ein Grabgewölbe bedrückte. Er hatte das Gefühl, als müsse er zwischen den steinernen Wänden ersticken. Durch Gebet und Askese versuchte er, Seelenfrieden zu finden, erlebte auch Augenblicke, in denen er die Engel singen hörte, wie man so schön sagt, aber noch öfters hörte er die Teufel lachen. Mit den anderen Geistlichen kam er fast gar nicht zusammen. Einige von ihnen waren gänzlich verfallen und stumm wie die Gräber. Sie schlichen geduckt durch die hohen, kühlen Gänge und waren nur noch kummervolle Schattenspiele an der getünchten Wand eines abgeschlossenen Daseins. Ein Pfarrer war dabei, der nachts gellend schrie und mit entsetzlicher Stimme seine Zelle beinahe sprengte. Ein anderer Mann betete ununterbrochen Tag und Nacht. Sie durften sich nicht verständigen und aussprechen, nur einige Minuten am Tage konnten sie miteinander reden. Die ganze Korrespondenz wurde kontrolliert. Menschen im Grab, noch leben sie, noch atmen sie, aber die Tür ist hinter ihnen zugeschlagen, und es scheint keine Rettung mehr zu sein. Über drei Monate verbrachte Erler in jenem Kloster, über drei Monate rang er mit Gott um Wahrheit und Klarheit. Drei schwere Monate voller Gebet und Ergebung, drei Monate, die wie ein Ende schienen und doch nur Anfang waren zu neuer Heimsuchung. Wieder überfiel ihn die Krankheit. Über ein halbes Jahr litt er unter den Operationsmessern und Gipsverbänden der Ärzte. Wieder flammte ein Sommer über der Welt. In diesem Sommer konnte er nicht fliehen wie damals nach Berlin. In diesem Sommer machte er wie ein kleines Kind die ersten Gehversuche. Er hatte sich in sein Schicksal ergeben. Sein Brief an Elisabeth war ein einziger Klagegesang. Nein, er hatte sich jetzt entschieden, Gott möge ihm verzeihen, wie sie ihm verzeihen möge. Er schrieb einen Brief an Carla »Liebe Schwester,« schrieb er, »ich bin ein unglücklicher Mensch, tröste Elisabeth.« An den Vater schrieb er einen Brief. »Lieber Vater, ick bin glücklich und habe den Weg zu Gott wiedergefunden.« Was sollte er tun? Krank und elend, wie er war, schien es ausgeschlossen, in den nächsten Jahren überhaupt eine neue Pfarrstelle zu bekommen. Und wer garantierte seinem Bischof, ob nicht eine neue Helene oder eine neue Elisabeth in sein Leben eingreife? Er bat demütig um Pensionierung und wurde abgewiesen. Nein, keine Pensionierung. Wir halten dich fest, kleiner Pfarrer, wir müssen ein Exempel statuieren. Nein, Herr Doktor, Sie werden nicht pensioniert, höhnte die Antwort. Von Westfalen aus übersiedelte Tobias im Herbst in ein altes Kloster nach Köln, in dem kranke und gebrochene Menschen die Jahre verbrachten. Da stand nun der himmelaufstrebende und gewaltige Dom über den Straßenfluchten der römischen Innenstadt und über den vielen Kirchen und Kapellen. Der Rhein verströmte sich nach dem nahen Meer. Die Industrie legte ihren rußenden und eisernen Gürtel um das Land, und neben den Fabriken drohten die grünen Forts der Festung. Truppenübungsplätze waren angelegt, die kalten Schachbretter, auf denen das Spiel von Krieg und Sieg ausprobiert wurde. Unten am Strom klirrten die langgestreckten Hafenanlagen mit der lautlosen Musik des Handels. Auch das war Köln und in den Vorstädten die geschichtslosen Straßen, in denen die Arbeiter wohnten. Was wußte Erler von jener Stadt! Was wußte er überhaupt von der Welt! Ein Narr war er, ein Träumer, ein Rebell und ein Sklave: ein armer Mensch, mit dem das Schicksal spielte. Im nächsten Frühjahr starb sein Vater. Tobias erfuhr erst davon, als alles vorüber war und der alte Mann in der Erde neben der Mutter lag. »Lieber, lieber Bruder,« hatte Carla geschrieben, »der Vater ist tot und wir gehen nach Berlin. Lisabeth bleibt bei mir. In letzter Zeit hat Vater immer nur von dir gesprochen, Tobias, und er weiß, daß du glücklich bist im Frieden des Herrn. Er war eigentlich nicht krank, der Vater, und verlöschte still wie eine Kerze in der Nacht, Tobias. Nein, wir sollten dir erst schreiben, wenn alles vorüber war. Nun haben wir ihn begraben und sind frei. Die Tränen sind getrocknet, Tobias, nur Lisabeth weint noch um dich. Vom ganzen Herzen beten wir für dich, Bruder, und der Herr wird uns verzeihen und alle Sünden vergeben.« Dieser Brief peitschte ihn auf und geißelte sein Herz. Er setzte sich hin und schrieb einen großen Brief an die verlassene Freundin, aber der Brief erreichte sie niemals; Er kam zu den Akten, und der Bischof las ihn mit gerunzeltem Gesicht. Als Tobias keine Antwort bekam, ergab er sich und rüttelte nicht mehr an den Ketten. Er betete viel und legte sich strenge Bußübungen auf. Das Jahr drehte sich vorüber und versprühte. Für Tobias Erler aber sprühte das Jahr nicht, Für ihn war es wie ein großer, grauer Ball, der langsam über die Erde rollt und das Leben erdrückt. Er wurde menschenscheu und vergrub sich in der Einsamkeit. Kurz vor Weihnachten versuchte er noch einmal, seine Pensionierung durchzusetzen, lebte drei Wochen in gesteigerter Hoffnung, aber der Bischof lehnte seinen Antrag ab. Tobias ertrug auch diesen Schlag, wie er schon viele Schläge ertragen hatte. Er beugte sich in den Staub und stand auf, wenn seine Gedanken in der Vergangenheit spielten, nur in der Vergangenheit, in der Erinnerung an Helene und Elisabeth, in der Erinnerung an Ulitsch, Carla und Bergmann. Jetzt war er endlich ein Mensch ohne Hoffnung und Zukunft. Die Jahre vergingen. Carla und Elisabeth lebten in Berlin und hatten sich im Westen der Stadt ein kleines Blumengeschäft eingerichtet. Sie versorgten die Lebenden und die Toten mit ihren Blumen. Ein großer Friedhof lag in der Nähe, und bald verwandelte sich ganz Europa in einen einzigen Friedhof. Der Weltkrieg flammte auf. Mitten im Sommer brach der Krieg los, und die feurige Sonne schien in alle Völker und in alle Hirne Wahnsinn geschickt zu haben. Die ersten Schüsse auf dem Balkan weckten ein millionenfaches, brüllendes Stahlungewitter im Westen, Osten und Süden. Deutschland erklärte an Frankreich den Krieg und stand bald vor einer Mauer englischer, belgischer, russischer Soldaten. Tragödien des Abschieds, weinende Frauen und Mädchen, berauschte Kolonnen, flatternde Fahnen. Dann Blut und Tränen. Die taumelnden und trunkenen Städte, Triumphzüge, dröhnende Glocken, gespenstige Lügen, Blutgier und Begeisterung: Tag und Nacht orgelte in jener Zeit das ungeheuerliche Gefühl der Todbereitschaft in den Herzen der Männer. Aber auch Frauen, Mädchen und Kinder waren von dem Wahnsinn erfaßt, der das Sterben verachtete und an das ewige Leben glaubte. Die jungen Regimenter marschierten auch durch Köln. Sie marschierten singend und mit Blumen geschmückt in das Feld, Sie marschierten auch an Tobias Erler vorbei, einem armen Krüppel, den die neue Operation an einen Krankenwagen gefesselt hatte. Und als Tobias die Regimenter marschieren sah und das harte Schreiten der starken Füße hörte, den stampfenden Takt einer neuen Zeit, wie er glaubte, da verfluchte er sein Krüppeldasein. Das wilde Räuberblut des Mannes schäumte in ihm auf, der brüllende Wunsch nach Sturm und Vernichtung. Viele Glocken läuteten. Ein Fahnenwald rauschte durch die Stadt und spiegelte sich auch im Rhein, der in seinen Wirbeln immer noch das gletschergrüne Leuchten seiner Quelle zeigte. Erler ließ sich traurig durch die Stadt fahren, die heiß und wild und so voller Leben war, daß sie nach der Schlacht aufheulte. Auch in Berlin sahen Carla und Elisabeth die Soldaten marschieren. Blumen blühten aus den blanken Gewehrläufen. Der Kaiser hatte gesprochen: es gibt keine Parteien mehr, nur noch Deutsche. Die Geschütze sprachen schon in Belgien. Lüttich war gefallen. Namur brannte. Löwen brannte. Ostpreußen brannte. In den Vogesen ging eine schwere Schlacht. In Belgien wurden Franktireurs erschossen. Der Vormarsch der Soldaten überschwemmte schöne Landschaft. Die Stuttgarter Regimenter standen schon im Feuer. Reservisten und Rekruten überfüllten die alten Kasernen. Der Leutnant Weinmeister aus Eßlingen ging mit einer Kompanie junger Pioniere nach dem Westen. Aufsässige Redakteure von der Arbeiterzeitung wurden verwarnt. Keine Parteien mehr, nur noch Deutsche. Nur noch Kanonenfutter. Nur noch Schlachtvieh. Entsetzlich krachte die eiserne Maschine des großen Krieges. Bergmann wurde vom Krieg in der Schweiz überrascht und wollte nicht nach Deutschland. Wie eine kühle Gletscherinsel inmitten einer brennenden Welt war die Schweiz. Eine versprengte Schar junger und alter Rebellen sammelte sich in Zürich, Genf und Bern, eine internationale Sturmkompanie der Idee. Franzosen verbrüderten sich mit Deutschen. Russen mit Österreichern. Manifeste wurden über die Grenzen geschmuggelt, pathetische Aufrufe für den Frieden, die ungehört verhallten im Konzert grauenvoller Schlachten. Der Sommer verging. Die Fahnen flatterten nicht mehr so sausend im Wind. Die Lieder klangen gedämpft oder waren gestorben wie die jungen Sturmregimenter in Flandern. Tod und Verderben – Tod und Verderben waren Alltag geworden. Das Einzelschicksal interessierte nicht mehr. An den Fronten wurden wieder Gefangene gemacht und nicht mehr erschossen wie im Rausch der ersten Wochen. Verwundete kamen zurück. In ihren Gesichtern konnte man wie in offenen Spiegeln die Wahrheit über Sieg und Krieg sehen. In den Kirchen und Kapellen wurde um den Sieg gebetet. Für die Toten las man viele Messen. Krieg und Sieg. Der Winter kam, der erste Winter im Feld. Die Fronten hatten sich in die Erde verbissen und sprangen sich krachend mit Masdünengewehren, Haubitzen, Minen und Handgranaten an. Im Osten wechselte Vormarsch mit Rückzug. Und überall strömte das Blut, im Sieg und in der Niederlage. Das Volk sehnte den Frieden herbei. Aber nur die Toten hatten den Frieden. Die Massengräber wuchsen. Fliegergeschwader stießen aus dem Himmel und ließen Bomben regnen. Der Frühling kam und brachte neue Siege, die keine Siege waren, weil sie bis zu den Hüften im Blute wateten. Nur dunkel und verworren donnerte der Krieg an die Pforten des Klosters, in dem Tobias Erler wie ein Gefangener lebte. Manchmal krachten die Geschütze der Festung Köln nach den unsichtbaren französischen Fliegern auf. In einer stillen Nacht hörte auch Tobias das feine, stählerne Surren ferner Äroplane und dazwischen die dumpfen Explosionen suchender Granaten. Krieg und Sieg? Der einsame Mensch verfluchte nicht mehr sein Krüppeldasein. Wohl konnte er wieder gehen und ohne Wagen leben, sein Blut war kein Räuberblut mehr, sein kleines Schicksal unwichtig, und die schweren Kämpfe ... Hatte er jemals gekämpft und sich die Kehle heiser geschrien nach Frieden und Erlösung? Hatte er nicht die Hände gerungen wie ein schlechter Schauspieler, der zum erstenmal auf der grellerleuchteten Bühne steht und vor dem verdunkelten Parkett Angst fühlt und dem Ende zufiebert? Lächerlich und anmaßend kam er sich nun vor und mußte an die anderen gerungenen Hände denken, an die Hände der Soldaten im Feld, die sich um die Gewehre oder Handgranaten klammerten oder tot und verdorrt aus den Gräbern wuchsen. Krieg und Sieg? Der Sommer verging. Es wurde Herbst in der Welt. Viele Verwundete kamen müde und zerschossen in die Heimat zurück:. Als die Kölner Lazarette überfüllt waren, wurden zehn Mann in das Kloster gelegt. Diese verfallenen Männer, aus deren Gesichtern immer noch die verschleierte Furcht vor dem Tode blickte, kamen aus den Argonnen und konnten in der ersten Zeit kaum die Stille des alten Gebäudes ertragen. Manchmal fuhren sie nachts schreiend aus Schlaf und Traum, schlugen mit den Händen um sich und erlebten immer wieder eine Schlacht. Tobias war nicht mehr einsam. Endlich, endlich fand er Ziel und Aufgabe. Er durfte die Verwundeten besuchen und den Pflegern behilflich sein. Menschendienst war Gottesdienst. Er wurde erst jetzt ein Seelensorger. Die Soldaten liebten ihn. Er beschäftigte sich nun durchaus nicht nur mit der Seele. In sein Herz kam Haß gegen den Krieg und auch Haß gegen Gott, der gelassen über den Fronten thronte und nach dem vergeblich der Schrei gequälter Menschheit aufbrüllte. Ja, er haßte Gott, zu dem alle sich zerfleischenden Völker um Sieg flehten und in dessen Namen die Geschütze und Soldaten gesegnet wurden. In jener Zeit, als die Soldaten aus den Argonnen im Kloster lagen, schrieb er ein Herbstgedicht Nun die Blätter fallen von den müden Bäumen Und die Menschen nur vom Frieden träumen, Frieden, Heimkehr, Licht und Segen, Und die Hände zum Gebet zusammenlegen, Schrei ich auf: Warum das große Sterben, Fiebern, Rasen, Blut und Verderben? Antwort! (Ach, die Antwort tröstet Kinder!) »Dieser Krieg ist Strafe für die Sünder!« Sünde? Nein, das will ich nicht mehr hören, Nein, ich laß mich nimmermehr betören, Denn die größten Sünder, Volksvergifter, Lügner, Wölfe, Kriegsanstifter Sammeln Reichtum straflos an und lachen Über die Zerquälten und die Schwachen. Wenn die Wölfe sich vor ihrem Tod bekehren, Mußt du ihnen Himmelreich gewähren, Paradies und alle Engelsgaben, Auch wenn sie das arme Volk gefressen haben. Und es bleiben ungesühnt die großen Schmerzen, Alle Tränen um gebrochne Herzen ... Großer Gott, man nennt dich den Gerechten, Gib ein Zeichen deinen dir ergebenen Knechten! Aber aus den blauen Himmelshallen Hört man keine Antwort schallen! Nur ein Wetter wittert in der Ferne, Wo man lästernd schießt in schöne Sterne! Dann ein Ton, im Blutgebrüll verloren: »öffnet, Menschen, eure Ohren! Durch des Krieges Wahnsinn soll auf Erden Meine Menschheit besser werden! Dieser Weltkampf sei der allerletzte, Hört es, Tränenvolle und Zerfetzte! Doch ihr müßt bis an das Ende gehen, Um in Glorie einst auferstehen, Alle, alle seid ihr meine Kinder, Der gerechte Mensch und auch der Sünder ...« – Herr, ich bin ein Mensch und voller Schwäche, Doch erlaube, daß ich widerspreche: Bei dem Blutkampf bis aufs Messer Wird kein Mensch auf Erden besser! Eine Bombe, die in deinem Namen ist gesegnet, Doch nur Tod und keine Gnade regnet, Deine Glocken, deine Priester, deine heiligen Messen Werden angehört und rasch vergessen, Wenn mit feuerheißem Rachen, Qualm und Blitzen Donnernd sprechen die Haubitzen. Viele Priester, viele Meßgewänder, Viel Gebet und viele Vaterländer! Deutsche, Russen, Engländer, Franzosen, In die Höllenschlacht hineingestoßen, Alle beten flehend auf zu dir mit blutigen Armen, Daß du ihrem Land dich neigest voll Erbarmen! ... Wenn du bist im Lobgesang der Sterne, Steige nieder aus der wüsten Ferne, Stell dich in des Krieges abgrundtiefe Pfütze, Heiße Schweigen allem Mordgeschütze, Jedem Volke sei das Lebensglück beschieden: Frieden! Frieden! Nichts als Frieden! Tobias schrieb auch noch andere Verse, und immer waren sie ihm Erlösung und großer Trost. Ihm war, als sei er kein Knecht mehr, kein verstummter Mund, kein gefangener Mensch. Ihm war es manchmal, als könne er sich durch seine Gedichte von der Mitschuld am Kriege befreien. Er beschäftigte sich auch manchmal damit, die Ursache und Blutquelle des Schlachtenwahnsinns zu suchen. Er las nationalökonomische Bücher und wurde nicht glücklich dadurch. Er dachte auch viel an Hans Bergmann. Einmal bekam er ein Flugblatt gegen den Krieg in die Hand. Er verstand die glühende Sprache dieses Manifestes nicht, aber er fühlte doch eine heftige Glut durch die pathetischen Sätze sausen. Er ahnte dumpf, daß dieser Krieg nicht mit einem Schlag und mit dem letzten Minenschuß aufhören würde, er ahnte, daß das Gleichgewicht der alten Welt für lange Jahre erschüttert sei und eine neue Zeit sich vorbereite. Unter den neuen Verwundeten, mit denen ein Teil des Klosters belegt wurde, die ersten Soldaten waren schon wieder an der Front und in der Knochenmühle, war auch der Landwehrmann Schubert aus Berlin, der bei Verdun seinen Heimatschuß verpaßt hatte. Schubert, ja, Schubert lebte noch, der Mann aus der Weinstraße, für dessen Frau sich der Herr Leisewitz so sehr interessierte, Schubert, der kranke Prolet, der Gärtner, der Portier, der Fabrikarbeiter, der Soldat. Fünfzehn Jahre, eine unwahrscheinlich lange Zeit, waren vergangen, und nun lag er in einem stillen Kloster mit zerschossenem Fuß in einem kühlen Bett. Er sah wie ein Urmensch aus, verwildert, und in seinen Augen waren die zuckenden Schatten eines Höhlenbewohners. Der Schuß war gut verheilt, aber so glücklich empfangen, daß eine weitere Betätigung an der Front nicht mehr in Frage kam. Die Welt brauste und donnerte fern, die Welt des Todes und der Vernichtung. Für ihn war der Frieden gekommen. Jetzt lag er wie in einem Meer atemloser Stille. Er war auch ein wenig stolz auf seine Wunde, konnte sich schon allein im Bett aufrichten und an die Zukunft denken. Als Tobias die neuen Verwundeten besuchte, sie kamen halbgeheilt aus einem Feldlazarett, stieß er auf Schubert und wurde von ihm nicht mehr erkannt. Auch Tobias erinnerte sich nur dunkel, aber der Name machte halbvergessene Dinge lebendig. »Schubert?« sagte Tobias und trat an das Bett, »Schubert? Ist das der Schubert aus Berlin?« Der Verwundete sah auf und er schien aus einem tiefen Abgrund aufzublicken. Dann lächelte er schwach und erkennend. »Der Herr Doktor Erler!« sagte er und streckte seine Hand aus. »Schon lange keine Doktor mehr, schon lange. Verwundet wie Sie, Schubert, auf dem Schlachtfeld des Lebens ... Ach Unsinn, Schlachtfeld des Lebens! Sie kommen aus der Hölle von Verdun?« »Ja, von der Höhe 304. Vom Toten Mann. Und vorher lagen wir in den Argonnen. Am Amselgehölz.« »Entsetzlich, dieser Krieg! Was müssen Sie erlebt haben ... Vor drei Wochen waren junge Soldaten bei uns, Grenadiere. Einer von ihnen, er hieß Gerlach, kam auch aus den Argonnen. Er hat mir grausige Geschichten erzählt. Auch vom Amselgehölz. Was ist das für ein Wald, das Amselgehölz?« fragte Tobias. »Das Amselgehölz kenne ich gut,« antwortete Schubert, »über ein halbes Jahr, den ganzen Winter lagen wir dort in Sturm und Regen. In einer Frühlingsnacht wurden wir von Grenadieren abgelöst. Die Tornister wurden gepackt, die Mäntel gerollt, dann marschierten wir los. Endlich heraus aus dem Dreck, um nach vier Wochen bei Verdun zu bluten.« »Von der Ablösung hat mir auch Gerlach erzählt. Kennen Sie Gerlach? Nun, ein Soldat wie viele Tausend andere junge Soldaten, zwanzig Jahre alt, vielleicht auch fünfundzwanzig Jahre, ich weiß es nicht, er erzählte mir, daß die Franzmänner das Amselgehölz später in die Luft gesprengt haben.« »Ja, in die Luft gesprengt, ich weiß das. Es war eine sehr schöne Himmelfahrt!« antwortete Schubert. »Der Kampf um den kleinen Wald, wie ihn Gerlach schilderte, war eine Tragödie,« fuhr Tobias fort, »da waren nämlich zwei Freunde, der Gerlach und der Sommerschuh, die den Krieg nicht liebten und quer durch Europa nach allen Schlachtfeldern fuhren. Vor dem Tod hatten sie keine Angst. Sie liebten das Leben. In jener Nacht der Ablösung wurde übrigens auf sie geschossen.« »Fast in jede Ablösung wird geschossen,« sagte Schubert und erklärte, »das ist nämlich so, man weiß nicht, was im anderen Graben los ist, vielleicht Vorbereitung zum Angriff, aber vielleicht ist es auch nur die Sehnsucht nach Frieden und Heimkehr, die den Finger krümmt und die Schüsse auslöst. Wir haben auch immer geschossen, wenn die Franzmänner die Stellung wechselten.« »An den folgenden Tagen wurde sehr wenig geschossen, erzählte mir Gerlach,« sagte Tobias, »und ick kenne die Stellung aus seinen Berichten sehr gut. Zuerst kam zerfetzter Wald, dann eine kleine Wiese und hinter der Wiese, vollkommen unversehrt, ein kleines Wäldchen, das Amselgehölz. Nachts prasselte tief im Wald das Feuer großer Gefechte. Es regnete nicht mehr. Schöne Tage kamen. Frühlingstage. Sie lagen vielleicht vier Wochen im Wald, da wurde Gerlach mit Sommerschuh auf eine Nachtpatrouille geschickt. Der Unteroffizier Klemm ging mit. Klemm war ein junger Lehrer aus Berlin. Die Nacht war mondhell, erzählte Gerlach, und als sie auf die freie Wiese kamen, warfen sie sich ins Gras. Große Stille. Kein Laut war zu hören. ›Die große Stille zwischen zwei Feuerüberfällen war da, das gewaltige Nichts, in dem man die Musik der Sterne zu hören glaubt‹ sagte wörtlich Gerlach.« »Die Musik der Sterne!« wiederholte Tobias nachdenklich. »Sonderbar,« fuhr er fort, als müsse er Schubert ein Geheimnis anvertrauen, »sonderbar, drei Soldaten gehen auf Patrouille und glauben die Musik der Sterne zu hören.« Schubert lächelte, als hätte er auf seinen Patrouillen ganz andere Dinge gehört. Er starrte den Erzähler an, der sich aus den Worten eines anderen ein Bild vom Kriege zurechtmachte. »Auf jener Wiese unter Blumen und Gräsern lagen nun die drei, Schubert«, erzählte Tobias weiter. »Da lagen sie, und aus dem Amselgehölz kamen zwei Schatten und schoben sich auf der Wiese langsam vorwärts. Das waren zwei Franzmänner. Einmal hob einer von ihnen fragend und suchend den Kopf, hat mir Gerlach erzählt, und man sah ein schönes, knabenhaftes Gesicht unter dem im Mondlicht schimmernden Stahlhelm. Das Gesicht gehörte Claude Benoit, einem jungen Gymnasiasten aus Paris, der sich freiwillig an die Front gemeldet hatte. Der zweite Mann war ein Fabrikarbeiter aus Lille und hieß Pierre Morriot. Das hat Sommerschuh später erfahren. Als sie auf der Wiese lagen und die fremde Patrouille sahen, erzählte mir Gerlach, waren sie sehr erschrocken. Sommerschuh bewegte sich, Klemm sagte: ›Mensch, so sei doch still, ganz still sein,‹ flüsterte er, ›oder willst du vielleicht eine blaue Bohne im Bauch haben?‹ Dann war alles still, und sie vergaßen den Krieg und ihren Auftrag, der Frieden der Nacht erfüllte sie ganz. Die Franzosen kamen näher. Sie waren ungefähr noch zwanzig Meter von unseren Soldaten entfernt, und wenn es nach dem Hauptmann Neukrantz gegangen wäre, erzählte Gerlach, dann hätten jetzt einige Schüsse gekracht. Aber es ging nicht nach dem Hauptmann Neukrantz. Claude richtete sich hoch, aber er sah unsere Leute nicht, Schubert. Der Mond schüttete sein Licht wie eine Tarnkappe auf sie. Dann wurde Morriot unruhig, erzählte Gerlach, und zog seinen Kameraden ins Gras. Man hörte ein leises, leises Flüstern, die Franzmänner gingen ins Amselgehölz zurück. Sie blieben noch einige Minuten liegen, Schubert, unsere Leute, und bewegten sich dann auch nach dem Gehölz. Die Franzosen waren verschwunden. Klemm fand einen verlassenen Posten und zeichnete ihn auf der Karte ein. Dann der Rückzug über die freie Wiese. Endlich standen sie in dem zerschossenen Wald. »In dem Wald sahen wir durch die zerfetzten Kronen den Mond treiben, fern und kühl und bleich, eine unbegreifliche und vollkommen andere Welt mit riesigen Kratern, schroffen Gebirgen und absonderlichen Schluchten', erzählte mir wörtlich Gerlach, und dabei machte er ein Gesicht, als sähe er in jenem Augenblick noch einmal diesen geisterhaften und sonderbaren Mond über dem Schlachtfeld.« Tobias schwieg. »So ist es, Herr Doktor,« begann nun Schubert, »wir Soldaten aus der Front kennen alle das unheimliche Gefühl zwischen den Gräbern im Niemandsland. Man fühlt sich so elend und so einsam, beinahe wie aussätzig, und wenn der Mond über den toten Wäldern schwimmt, möchte man heulen ... Man ist ausgeschlossen von jeder Gemeinschaft, und wenn diese Gemeinschaft auch nur eine Postenkette in der Nacht ist. Ein verdammtes Gefühl, ich kenne es gut!« »Der Klemm hat sich dann bei dem Hauptmann Neukrantz gemeldet und kein Wort von den zwei Franzosen gesagt. Was sollte er auch davon erzählen! Auch ich hätte geschwiegen, Schubert, auch ich. Er gab dem Hauptmann die Karte, in welcher der verlassene Posten eingezeichnet war und bekam eine Handvoll Zigaretten dafür. In den folgenden Nächten, erzählte Gerlach, gingen noch viele Patrouillen von beiden Seiten vor die Gräben. Es wurde auch geschossen. Von beiden Seiten. Einmal wurde ein Grenadier tot zurückgebracht. Mit dem Frieden war es aus. An einem Tage hatte Gerlachs Kompanie sieben Tote! An einem anderen Tag setzte sich eine französische Mine vor den Unterstand des Hauptmanns. Auf der anderen Seite fiel Pierre Morriot durch Herzschuß, hat Gerlach erzählt, und der Claude Benoit hat zum erstenmal in der Front geweint. ›Er war ja noch ein Kind,‹ sagte Gerlach, der ja auch noch ein Kind war, ›und wir haben es aus einem Brief gesehen, den wir gefunden hatten, als alles vorbei war.‹ Alles vorbei ... Alles war nur ein Anfang! Ja, und in den ersten Junitagen begann der Kampf um das Amselgehölz.« Schubert hatte sich im Bett aufgerichtet. Er stöhnte und ächzte. Tobias unterbrach seine Erzählung. »Anfang Juni begann der Kampf um das Amselgehölz,« sagte Schubert langsam und stöhnte nicht mehr, »am fünften Juni in der dritten Morgenstunde schossen sich die Geschütze ein. Wir lagen nämlich in Sturmreserve, Herr Doktor. Vier Stunden lang trommelte das Feuer zum Franzmann hinüber, und ich habe Sie erzählen lassen, weil ich die Vorgeschichte kennenlernen wollte. O ja, ich habe den Claude Benoit auch gesehen! Und den Klemm und den Sommerschuh ... Vier Stunden lang trommelten die Granaten, verschütteten die Stollen und Unterstände und streiften und knickten auch das Amselgehölz. Als die Kanonade begann, flohen die Vögel in schwarzen und schreienden Schwärmen. Auch der Franzmann eröffnete das Feuer. Seine Granaten heulten und winselten. Dann kamen die Flieger. Wie blitzschnelle Raubvögel stießen sie hernieder und ließen Bomben regnen. Fünf Flugzeuge wurden abgeschossen, deutsche und französische. Und wir lagen und lagen, und warteten und warteten. Worauf haben wir gewartet? Das weiß ich nicht. Auf alles, aber nicht auf den Tod, das weiß ich genau. Die Kompanie mit Klemm, Sommerschuh und Gerlach wurde dann, als das Trommelfeuer aufhörte und das Sperrfeuer einsetzte, als Flankenstoß gegen das Amselgehölz geworfen. Das sollte, um unsere Linien zu verbessern, genommen werden. Klemm stürzte mit seinen Leuten aus dem Wald, wir sahen das aus unserer Stellung, und im selben Augenblick brach in dem kleinen Gehölz die erste Mine auf. Der Wald verwandelte sich in einen Krater. Ganze Bäume flogen in die Luft, Büsche, Sträucher, Wolken von Rauch und Feuer: so kann man sich die Hölle vorstellen. ›Los! Los! Los!‹ brüllte Klemm, das hörten wir nicht, aber der Sommerschuh hat es mir später erzählt, ›lauft was ihr laufen könnt, wenn wir erst über die Wiese sind, dann wird's besser!‹ Die Granaten heulten, die Soldaten stürmten, und als wie mit einem Schlag eine sekundenlange Stille einsetzte, da konnte Klemm nicht mehr schreien. Da war er tot. Im letzten Sprung auf der Wiese hatte ihm eine Granate den Kopf weggerissen.« Schubert schwieg. Tobias schwieg. In der Stadt begannen die Glocken zu läuten. Ein neuer Sieg wurde verkündet. »In der Front läuten keine Glocken«, sagte Schubert voller Hohn. Tobias lächelte schmerzlich. »Der Kampf ging weiter«, begann Schubert von neuem zu erzählen. »Wir hängten das Sturmgepäck um, in drei Minuten sollten wir eingesetzt werden. Die Grenadiere stürmten weiter, Sommerschuh und Gerlack stürmten weiter, sie sahen und wußten nicht, daß Klemm tot war. Sie wußten ja selbst nicht, was sie taten. Sie liefen wie unter fremden Willen. Sie liefen um ihr Leben. Als sie das Amselgehölz erreichten, begann die große Sprengung, die Himmelfahrt, wie wir es nennen. Die Franzosen hatten das Amselgehölz unterminiert und sprengten es in die Luft, als die Grenadiere die Wiese überquerten. Ein schauriger Anblick! Aufkrachte der Wald, die Bäume, die kleinen Hügel, die grünen Büsche und auch die Quellen. Eine ungeheuerliche Wolke voller Qualm und Feuer und Donner, entwurzelte Bäume taumelten und krachten, rieselnde Wolken schwarzer und gelber Erde, Felsblöcke: ein Massengebrüll der Vernichtung begann, ein teuflisches Konzert des Todes ... Dann stürmten wir und wurden zurückgeschlagen, denn im selben Augenblick setzten die Franzosen mit dem Gegenstoß ein. Auch der junge Claude stürmte vor und als er auf der kleinen Wiese stand, die immer noch grünte und blühte, als sei nichts geschehen, wurde er von einem Maschinengewehr zusammengeschossen. Er warf die Arme weit auseinander und stürzte hin. Über eine Stunde krachten noch die Geschütze, dann wurde es ruhiger. Wir suchten das Schlachtfeld ab. Von beiden Seiten kamen Sanitätspatrouillen. Kein Schuß fiel. Auch ich ging mit vor. Auf der Wiese lagen zwei Tote übereinander. Ein Franzose und ein Deutscher. Der Schüler Claude Benoit aus Paris und der Lehrer Klemm aus Berlin.« »Ja, dieses Gefecht hat mir auch Gerlach geschildert«, sagte Tobias. »Er stand mitten in der Sprengung und war von Sommerschuh getrennt, als ihn ein Streifschuß in einen Granattrichter warf. Er fiel in Ohnmacht, und als er wieder zu sich kam, da suchten die Sanitäter die Toten und Verwundeten zusammen. Auch Sommerschuh hatte sich freiwillig gemeldet, Schubert, und er fand den Gerlach und schleppte ihn zurück und ist in den nächsten Tagen selber verwundet worden... Das Amselgehölz,« fragte er und berührte den Arm des Verwundeten, »das Amselgehölz, was wurde aus dem Amselgehölz?« »Nichts. Ein Dreck und ein Schlachtfeld, ein blutiger Dreck wie der ganze Argonnerwald,« antwortete Schubert, »ein Dreck und eine Schlammgrube, wie jetzt die Wälder um Verdun.« Immer noch läuteten die Glocken einen großen Sieg ein. Aber auch in Paris und Moskau begann das schwingende Geläut. Überall läuteten die Glocken große Siege ein, aber die Toten in den Schlachtfeldern wurden auch davon nicht lebendig. Sie verwesten in den Drahtverhauen oder in den Massengräbern und ihre beinernen Schädel grinsten in die Gottesdienste in Paris, Berlin, London, Rom und Moskau. Noch oft saß Tobias bei dem genesenden Schubert, und die beiden Männer besprachen die Zeit. Der Soldat war nicht mehr der verwilderte Höhlenmensch und Waldbewohner, und einmal sagte er: »Wir waren Arbeiter an den Maschinen und liebten den Frieden. Jetzt hat man uns aus der Arbeit gerissen und den Krieg gezeigt. Wir haben schießen gelernt, das sollten die Herren bedenken. Die Welt hat sich gedreht, und wir lassen uns nicht wieder in das Elend zurückschmeißen.« Als Schubert entlassen wurde, gab ihm Tobias für Frau und Kind kleine Geschenke mit. Keine letzten Worte mit gemachter Wehmut, nein, die zwei Männer sprachen hart und sachlich, und erst als der Soldat heimgefahren war, überkam die alte Verzweiflung das Herz des Zurückgebliebenen. Er schrieb neue Verse, konnte viel besser über den Krieg fluchen als beten, wurde am Ende schwermütig und dachte nur an sich und sein kleines Leid. Er vergaß den Krieg, schrieb auch keine Briefe mehr an Carla und Elisabeth und war selbst wie gestorben. In das Kloster kamen auch keine Verwundeten mehr. Der Krieg ging weiter. Er warf nun andere Schatten in das Leben des Tobias Erler, Schatten der Sorge, Schatten der Not. Immer noch wurde er wie ein Gefangener gehalten. Das Pensionsgeld für ihn kam direkt an die Verwaltung, als sei er entmündigt. Nur über ein kleines Taschengeld konnte er verfügen. Das Essen wurde immer schmäler. Manchmal spielte er mit dem Gedanken an Selbstmord. Er konnte sich auch keine neuen Bücher kaufen und hatte, was ihn am meisten quälte, keinen Freund, mit dem er sich aussprechen konnte. Seine Briefe standen unter Zensur und da schwieg er lieber, als kalten Spitzelaugen sein Herz zu zeigen. Er war im Grunde ein geselliger Mensch, ihn graute vor der Einsamkeit. In anderer Umgebung und im anderen Beruf wäre er vielleicht ein problematischer, aber doch ein wertvoller Mann gewesen. In jenen Tagen, als er ganz elend war, erschoß sich im Kloster ein früherer Staatsanwalt, der hier Frieden und Heilung suchte. Er fand keinen Frieden und keine Heilung, er jagte sich eine Kugel durch den Kopf und lebte noch zwei lange, schwere Tage. Tobias besuchte ihn und der Sterbende gab ihm neue Kraft. Ein Ende machen? Ja, vielleicht ein Ende machen, aber ein Ende ohne Qual und ohne Kunstfehler. Er fand einige Verse von Schiller und machte sie auf seine Art zurecht. Er notierte sich: »Wir achten einen freien, mutigen Tod Anständiger als ein erbärmlich Leben.« Aber bis zum freien Tod war noch lange Zeit. Er lebte sein Leben weiter, las oft in dem italienischen Reisebuch wie in einem Brevier, schrieb neue Verse an Helene und niemals ein Gedicht an Elisabeth. Dann beschäftigten ihn plötzlich die vielen Kinder sehr, die in den Anlagen vor dem Kloster spielten. Stundenlang konnte er von einem versteckten Fenster aus ihr Spiel betrachten und entdeckte in den kleinen Menschen die Unterschiede der Temperamente. Auch in den Kindern fand er schon Leidenschaften, Vorurteile und die Himmelsleiter der Gefühle vom Haß bis zur Liebe und Freundschaft. Er sah arme Kinder und reiche Kinder wie Licht und Schatten. Brudergefühl für die Armut erfüllte seine Brust. Reichtum aber verbitterte ihn. Viele Jahre waren schon vergangen. Er hatte viele Menschen kennengelernt, auch im Kloster. Einmal bekam er Lungenbluten. Die Schwindsucht wohnte in den Zellen. Viele Pfleger waren tuberkulös. Als er einmal mit einem Mann, der Blut spuckte, über diese mörderische Seuche sprach, versuchte ihn der arme Mensch mit dem Hinweis auf die ewige Seligkeit zu trösten. Aber jetzt war Krieg. Im Westen zertrümmerten englische und amerikanische Tankgeschwader die deutsche Front. Im Osten war der Zar schon lange gestürzt und erschossen. Eine ungeheure Revolution hatte im Grenzland von Europa und Asien begonnen, die ganze Welt zu erschüttern. Kein Wort von himmlischer Seligkeit war zu hören, hier auf der blutigen Erde sollte schon das Glück blühen, das Brot wachsen und der Hunger nach Liebe gestillt werden. Dieselben Aufrufe, von denen einen Tobias mitten im Krieg gelesen hatte, dieselben Aufrufe wurden jetzt von Moskau aus an alle Völker gefunkt. Die Glocken in Köln, Paris und Berlin, die Glocken in Rom und Wien, in London und Stuttgart läuteten jetzt nicht mehr herrliche Siege. Sie ertranken im Blutmeer und im Ozean der Tränen, der die ganze Erde bedeckte. Viele Glocken in Deutschland waren verstummt und zu Geschützen umgeschmolzen und ihr Gruß war feurig und voller Verderben. Dann kam der Zusammenbruch und der Waffenstillstand. Zwölf Millionen Menschen verwesten, wohlgewachsene Jünglinge, halbe Kinder noch, und das edelste Blut der Männer düngte die Erde. Hungeraufstand schüttelte schon die Länder. Endlich, endlich: Frieden! Der letzte Schuß! Der letzte Schuß? Die Revolution erlebte Tobias Erler an einem grauen Novembertag. Militär hatte einige Straßen abgeriegelt, aber man konnte schon Soldaten sehen, die aufrührerisch über die Plätze zogen und sich mit den Arbeitern aus dem Industriegürtel verbrüderten. Die Stadt fieberte und schleuderte viele tausend Menschen auf die Straßen, einen schweren, gurgelnden Strom, über dem das Feuer roter Fahnen wehte. Einem jungen Offizier wurden die Achselstücke heruntergerissen. Er ertrug die Beleidigung mit kaltem, beherrschten Gesicht. Die Sperrkette des Militärs klirrte auseinander und schleifte hilflos über die Steine. Die Stadt raste. Ein Zug Arbeiter und Soldaten marschierte nach den Kasernen und befreite die Gefangenen. Wie Gespenster wankten die halbverhungerten Sträflinge durch die Jubelgasse des Volkes. Dann wurde geschossen. Die Demonstranten strömten, als seien sie unsterblich, in die Schußrichtung nach der großen Brücke, wo einige Offiziere mit Mauserpistolen in die Luft knallten, um sich mit Anstand zu ergeben. Und überall strömte auch Tobias Erler mit. Er schrie sich die Kehle und auch die Seele heiser mit Hoch und Nieder und immer wieder Hoch und Nieder, redete mit wildfremden Menschen und sagte »Genosse« zu ihnen. Am Abend löste er sich von der trunkenen Masse und kam aufgewiegelt in das Kloster zurück, dessen tausendjahre alte Mauern zu wanken schienen. Die elektrischen Schläge von jenem Herbstgewitter zuckten auch durch die kahlen Zellen, die keine Grabgewölbe mehr waren, sondern Bereitschaftszimmer für den Aufbruch in eine neue Zeit. Schubert hatte sich in Berlin der roten Garde angeschlossen und marschierte mit durch Berlin. In Stuttgart aber organisierte der Hauptmann Weinmeister die ersten Stoßtruppen der weißen Garde. Tobias erlebte vertausendfältigt jene Monate. Er war viel in der Stadt und einmal trat er selbst als Redner auf. Nein, er war kein Gefangener mehr. Er konnte sich frei bewegen und auf brüllen, wenn er brüllen mußte. Und Carla? Und Elisabeth? Gute Nacht, Carla und Elisabeth! Alle Menschen waren seine Schwestern und Brüder, vor allem die Elenden und die Schwachen. Und wie arm und schwach Carla und Elisabeth in diesen Tagen waren, als er für die Menschheit schwärmte, wußte er nicht. * Inmitten der Verschwörer auf der gletscherkühlen Insel des Friedens, in der Schweiz, lebte Hans Bergmann und wartete auf die Revolution. Mit den Russen war er gut befreundet, und als sie abreisten, um in Petrograd und Moskau die Macht zu erobern, wäre er am liebsten mitgefahren. Aber auch die Schweiz wurde durch Streiks erschüttert. Bei einem Streik führte auch Bergmann das Wort. Bald hingen die Spitzel an seinen Fersen. Er mußte fliehen, kam auf Schmuggelwegen nach Genua und reiste als blinder Passagier auf einem Segelschiff nach Barcelona. Plans Bergmann, der von spanischen Freunden »Don Juan« genannt wurde, bekam bald Arbeit als Buchdrucker, ohne der Sprache vollkommen mächtig zu sein. Dann versuchte er sein Glück vierzehn Tage als Straßenbahnschaffner, bis ein Aufstand allen Verkehr lahmlegte. In Barcelona herrschten die Arbeiter und diktierten den Unternehmern die Gesetze. Diese Herren ließen diktieren und schrieben alle Forderungen und Streiks auf das Unkostenkonto und verdienten noch dabei. Es war ja immer noch Krieg in der Welt, und Frankreich und England hungerten nach spanischen Granaten und Orangen. Auch als Konstruktionszeichner versuchte sich Bergmann, und da er eine leichte Hand hatte und sein Chef noch weniger von der Arbeit verstand als Don Juan, gingen einige Monate geschwind herum und machten übermütig. Alte Leidenschaften rührten sein Herz auf und führten ihn in die Versammlungen der syndikalistischen Genossen. Von dort war es zur aktiven Teilnahme an revolutionären Spielen nicht mehr weit. Er lernte die Führer der katalanischen Arbeiter kennen, deren Abgott Bakunin und der Anarchismus war. Der Krieg ging zu Ende. Die Konjunktur ging zu Ende, Europa brauchte keine Granaten und Geschütze und auch kein Erz und Öl mehr. Die Palmen des Friedens, lieblich in grüne Kübel eingefaßt, standen starr in den Konferenzsälen der Sieger und der Besiegten, raschelten im Wind der schönen Reden und verdorrten bald. In Spanien und vor allem in Barcelona wehte ein anderer Wind. Die Regierung rüstete sich, die entglittene Macht mit eisernen Fäusten zurückzuerobern. Bei einer Razzia wurde auch Hans Bergmann verhaftet und für alle Fälle zuerst einmal vierzehn Tage eingesperrt. In Barcelona bestand die schöne Einrichtung, daß der Gouverneur kraft eigener Befugnisse und ohne Haftbefehl Vagabunden, Bettler, Straßenjungen und lästige Ausländer verhaften und einsperren konnte, um ihnen in vierzehn Tagen in einem üblen Gefängnis die Schrecken der Unterwelt vorzudemonstrieren. Die Einsperrung hatte den Sinn eines erzieherisch gedachten Arrestes, um das unglückliche Opfer auf den rechten Weg zu bringen. Don Juan aus Berlin kam in einen dunklen Keller, der von zwanzig Eingesperrten überfüllt war und durchaus nicht schön duftete. Es war ein vollkommen dunkler und scheußlicher Raum, in dem nicht die Spur von Möbeln zu entdecken war. Auf dem nackten Boden lagen halbverfaulte Strohsäcke. Es gab kein Waschwasser und außer drei Tassen Trinkwasser am Tag keine anderen Nahrungsmittel. Wer Geld hatte, konnte sich Essen kommen lassen, wer kein Geld hatte, hungerte und lebte von den dicken Bohnen, dem harten Brot und den frommen Wünschen, den Liebesgaben einer Nonne, die alltäglich aus ihrem Kloster kam und die Mittellosen versorgte. Viele der Eingesperrten waren krank und spuckten Blut. Es gab keinen Arzt und keine Freistunden, es gab nichts als drei Tassen Wasser am Tag, die verfaulten Strohsäcke, die schwarzgekleidete Nonne und die Tuberkelbazillen. Die Gefangenen ertrugen die Haft mit gelinder Heiterkeit. In vierzehn Tagen kamen sie ja frei. Auch Hans Bergmann kam frei, und sein erster Weg war der Weg auf die Gewerkschaft. Er fand das Haus von Polizisten umstellt, und als er nach dem Hafen schlenderte, hatte er einen Spitzel hinter sich. Mitten in der Nacht wurde er zum zweiten Male verhaftet. Gleichgültig streckte er seine Arme aus, als die Polizisten kamen, und ließ sich fesseln. Jedes Land hat seine besonderen Methoden, dachte er, in Berlin kommen sie in der Morgenfrühe und in Spanien um Mitternacht. Sie führten ihn nach einer Polizeiwache. Dort wurde er mit einem anderen Gefangenen durch eine eiserne Kette verbunden. Der Mann, mit dem man ihn so unlösbar verbunden hatte, war in derselben Nacht verhaftet worden und ein Führer der Straßenbahner. Er war kaum dreißig Jahre alt und von lebhaftem Temperament. Wenn er sich bewegte, und er bewegte sich sehr viel, klirrten die Ketten in der dunklen Zelle, in der man sie vierundzwanzig Stunden ohne Nahrung und Aufklärung sitzen ließ. In der kommenden Nacht öffnete sich die schwere Tür der Zelle. Eine kleine Lampe, ihr Licht war greller als Sonnenlicht, blendete die Gefangenen. Zwei Soldaten mit geschultertem Gewehr erschienen und nahmen schweigend die beiden Männer in Empfang und führten sie hinaus in das schlafende Barcelona. Die Soldaten blieben auf alle Fragen stumm wie der ferne Mond, der seine verrückte Laufbahn auf einem blauen Berg scheinbar beschließen wollte und nur noch ein wenig verweilte, als wolle er Zeuge der kleinen Tragödie sein, die sich da unten in der Stadt abspielen würde: zwei Soldaten mit geschultertem Gewehr, auf dem das Bajonett schimmerte, zwei gefesselte Männer, die schweigend marschierten. Der nächtliche Marsch führte nach dem Hafen. Vom Hafen aus erstreckt sich eine wunderschöne Mole weit ins Meer hinaus. Bergmann war nicht in der Stimmung, über jene Schönheit ästhetische Betrachtungen anzustellen. Er hatte ganz einfach Angst. Schlimme Gerüchte über die Erschießung politischer Gefangener waren ihm zu Ohren gekommen, und der Gedanke an einen schnellen Tod stimmte sein Herz durchaus nicht versöhnlich. Als die Gefangenen die Mole erreichten, versank der Mond hinter den blauen Bergen, als hätte er schon genug gesehen. Die Ketten klirrten bei jedem Schritt. Die Soldaten trieben die beiden auf die Mole hinaus, die sich über sechs Kilometer ins Meer wölbt. Der Hafen schlief und schwieg. Die geisterhaften Figuren der großen Schiffe ertranken im grauenden Morgen, die Schattenrisse der Fischerboote wurden sichtbar. Auch sie blieben zurück, und das Meer schimmerte der noch unsichtbaren Morgenröte entgegen. Am Ende der endlosen Mole flackerte ein kleines Licht wie ein Stern zehnter Größe. Mit jedem Schritt, mit dem er sich vom festen Land entfernte, wuchs die Todesangst in Bergmann, aber er blieb stumm, weil sein Genosse, der Führer der Straßenbahner, stumm blieb. Jetzt, nahe vor dem Ende, schien der junge Mensch zu erstarren und durch seine Gleichgültigkeit das Schicksal herauszufordern, um es zu besiegen. Als der Stern zehnter Größe, das kleine Licht, erreicht war, sahen die Gefangenen ein Motorboot liegen. Ein goldbetreßter Leutnant winkte mit der Hand und sagte das erste Wort nach langen, dunklen und schweren Stunden. »Einsteigen, meine Herren!« sagte der Leutnant mit vollendeter Höflichkeit. Bergmann sprang in das Boot und riß seinen Gefährten mit. Die Ketten klirrten. Ihre brutale Musik ging unter im Explosionslärm des kleinen Bootes, das sausend nach dem freien Meer hinausfegte. Bergmann starrte den Leutnant an. Was sollte mit ihnen geschehen? Sollten sie wie junge Katzen im Wasser ertränkt werden? Der Leutnant lächelte. Kann ein Mörder kurz vor der Tat lächeln? Plötzlich fielen Bergmann Erzählungen von der ausgesuchten, kalten und höflichen Grausamkeit der Spanier ein. Er fröstelte im frühen Morgen. Das Motorboot sauste weiter. Der Tag blühte auf. Ein Kriegsschiff mit blassen, blinzelnden Lichtern wurde sichtbar. Das Boot hielt auf das Kriegsschiff Kurs und legte mit einer eleganten Schleife an der grauen Stahlmauer an. Ein Fallreep führte bis zum Wasserspiegel. Zum zweitenmal nahm der Leutnant das Wort. »Springen,« sagte er, »springen Sie, bitte, meine Herren!« Und da sprang Don Juan und der Straßenbahner gleichzeitig auf die Falltreppe. Dort wurden sie mit eisernen Griffen empfangen. Das Motorboot hämmerte nach dem jetzt sichtbaren Land. Bewaffnete Matrosen führten die Gefangenen über das Deck nach einer schweren Falltür und von da hinunter in den tiefsten Bauch der schwimmenden Festung. Gerettet, endlich gerettet, dachte Bergmann, als er in einer stockdunklen Zelle lag, in der man nicht gehen und stehen konnte, aber die doch ein geschlossener Raum war mit allem Frieden, den ein solcher Raum nach einem aufregenden Marsch geben kann. Nun lagen sie in der Dunkelheit tief unter dem Wasserspiegel und hörten von oben herab das Geräusch klatschender Wellen. Aber sie hatten keine Angst mehr. Der Spanier am Ende der Kette erzählte seine Lebensgeschichte, und als er damit fertig war, die Geschichte von der Gewerkschaft seiner Straßenbahner. Bergmann hörte durch die klatschenden Wasser über sich die Botschaft von Kampf und Solidarität seiner Klasse und begann sein Abenteuer zu lieben. Dann kam Licht in die Finsternis. Eine Tür wurde aufgerissen, die Kette wurde gelöst, und der Leutnant von jenem Motorboot stand vor ihnen. »Meine Herren,« sagte er und spielte seine Rolle glänzend, »meine Herren, kommen Sie, bitte. Der Herr Kapitän erwartet Sie schon.« Sie stiegen aus dem Bauch des Schiffes, konnten endlich aufrechtgehen, wurden vom sonnenhellen Tag geblendet, kamen an Riesengeschützen und Panzertürmen vorüber und standen plötzlich vor dem Kapitän des Kriegsschiffes. Der Leutnant verbeugte sich und verschwand. Der Kapitän war ein schöner Mann. Er lächelte, als die Gefangenen vor ihm standen. Das helle Tageslicht umgab seine Uniform wie ein Strahlenglanz. Die goldenen Schnüre und Tressen blitzten. »Meine Herren, ich weiß, daß Sie keine Verbrecher sind,« sagte er mit verbindlichem Lächeln, »das weiß ich, und Ihre politischen Ideen gehen mich gar nichts an. Ich bin nicht dafür, ich bin nicht dagegen. Die Regierung hat mich beauftragt, Sie für einige Zeit zu bewachen. Ich bin für Ihre Sicherheit und für Ihr Wohlbefinden haftbar und auch darüber, daß Sie in keine Verbindung mit dem Festland treten. Bei dem geringsten Versuch, den Sie dazu machen, wäre ich zu meinem tiefsten Bedauern gezwungen, Sie wieder unterm Wasser aufzubewahren. Ersparen Sie mir, bitte, den Schmerz ...« Er schwieg eine kleine Minute, um den Eindruck seiner Rede zu prüfen und fuhr dann fort: »Also wir sind uns einig, meine Herren. Durch die Regierung und Beihilfe Ihrer Gewerkschaften stehen für jeden Mann täglich drei Peseten Kredit in der Kantine zur Verfügung. Sie können sich besorgen lassen, was Sie wollen. Haben Sie irgendwelche Beschwerden, bitte, schreiben Sie mir. Dann bitte ich noch, sich im Rahmen des Gesagten als meine Gäste zu betrachten. Keine verbotenen Verbindungen! Das dürften Sie tiefer bereuen als ich. Ich wünsche Ihnen alles Gute, meine Herren. Auf Wiedersehen!« Der Kapitän drückte ihnen die Hände, auf denen noch die Spuren der Ketten zu sehen waren. Er übersah taktvoll die roten Striemen, legte dann die Hand an die Mütze und entließ die zwei Männer. Bergmann war maßlos überrascht. Er kannte schon viele Arten der Gefangenschaft, aber so freundlich war er noch niemals begrüßt worden. Er folgte gern den Matrosen, die in die Kajüte traten, um den Weg nach dem Gemeinschaftsraum zu zeigen. In jener Nacht nämlich, aber das wußte Bergmann nicht, waren viele Leute in Barcelona verhaftet worden, und zwanzig davon befanden sich im Geschützraum des Schlachtschiffes »Gran Pelayo« in politischem Arrest. Er traf einige Bekannte von den Syndikalisten und wurde mit dem Straßenbahner brüderlich empfangen. In dem kühlen Geschützraum donnerte der heitere Lärm menschlicher Rede und männlichen Gelächters. Gefangenschaft und Niederlage? »Oh, morgen sind wir frei, Genosse Don Juan aus Berlin, unsere Brüder werden uns befreien. Die Regierung hat nur Angst«, sagte ein alter Metallarbeiter schon in der ersten Stunde zu ihm. Die strenge Disziplin des Schlachtschiffes wurde durch die Gefangenen gebrochen, die inmitten der Geschütze eine kleine, herrliche Kommune auf dem Meer errichtet hatten. Die Tage vergingen rasch. Es wurde gespielt, geturnt, gesungen und viel erzählt. Die Elite der katalanischen Arbeiter war auf der eisernen Festung versammelt. Jeder Abend brachte große Referate mit leidenschaftlichen Diskussionen. Die Themen der Vorträge waren sonderbar. Einmal wurde darüber referiert, ob das menschliche Leben von der Vernunft oder vom Gefühl bestimmt wird, und ein andermal darüber, ob die vollkommene Freiheit des Menschen das Endziel der sozialen Revolution ist. Die Hauptwörter in allen Reden waren: Freiheit, Menschheit und Liebe. Manchmal versuchte Hans Bergmann, der gründliche Deutsche, wirtschaftliche Fragen anzuschneiden und die sozialen Verhältnisse von Barcelona und Spanien zu besprechen. Er entwickelte vor den gefangenen Anarchisten und Syndikalisten die These von der Diktatur des Proletariats und wurde niedergeschrien. Diktatur? Nein, sie wollten keine Diktatur. Sie wollten auch keinen Staat. Sie wollten nichts als die heilige, jungfräuliche Freiheit. Der Führer jener Männer hieß Segui. Er war ein Mensch mit löwenhaftem Herzen. Auch er verneinte den Staat, auch er lebte in der berauschenden Höhenluft seiner Theorie. Aber der Staat war eine brutale Tatsache, er ließ sich nicht wegdiskutieren. Er hatte tausend und abertausend Machtmittel, stützte sich gelassen auf andalusische Regimenter, und die feuerten schweigend in alle Theorien, als die Zeit kam. Und die Zeit kam. Der Krieg war beendet. Man brauchte die Arbeiter nicht mehr. Die weiße Garde wurde organisiert, als die Proleten noch von der Freiheit und Menschheit diskutierten, und ihre Diskussionen durch Bomben und Streiks feurig und heroisch verklärten. Über drei Wochen war Bergmann auf dem Schlachtschiff gefangen. Dann wurde er und die anderen Genossen entlassen. Aber man entließ sie nur, um sie am anderen Tage, in der anderen Nacht, zu verhaften. Der Terror von der anderen Seite setzte ein und unterdrückte die Gewerkschaften. Die Arbeiterführer wurden systematisch in den Straßen abgeschossen. Auch Segui, der Mann mit dem Löwenherz, wurde ermordet. Dann kam der Generalstreik. Er kam zu spät, viel zu spät. Der Belagerungszustand setzte ein und war Streik gegen die eigene Klasse und brachte nichts als Hunger und Niederlage. Ganz Barcelona lag wie erstorben am Meer. Keine einzige Zeitung wurde gedruckt, keine Straßenbahn und kein Auto fuhr, auch keine Demonstrationen erschütterten die Straßen. Die Regierung wartete ab. Sie hatte viel Zeit und viel Militär. Der Hunger war ihr bester Verbündeter. Und als nach acht langen und quälenden Wochen die Proleten in die Fabriken zurückgingen, da war die letzte Gewerkschaft aufgelöst. Die Löhne waren gekürzt, die Arbeitszeit verlängert. Sie gingen einzeln in die Betriebe, als schämten sie sich voreinander. Das Blut der besten Genossen war über das Pflaster gespritzt. Es schien, als sei die ganze Klasse zerschmettert worden, um nie wieder aufzustehen. Bergmann war kein Don Juan mehr, er mußte fliehen, und auf dem Wege nach Deutschland wurde er an der holländischen Grenze als Bolschewist verhaftet. Neun lange Monate saß er in einem Camp. Für ihn schien die Welt überhaupt nur aus Gefängnissen zu bestehen. Neun Monate Gefangenschaft hinter dem Drahtverhau. Die Mynheers hatten Angst. Auf Java und Sumatra bewegten sich die gelben Menschen und rüttelten an ihren Ketten. Auf Borneo flackerten die ersten Aufstände hoch. Auch in Holland lauschten die Proleten auf das Dröhnen der Revolution. Und alles das mußte der vollkommen unbeteiligte Hans Bergmann neun Monate lang büßen, als sei er der Urheber aller schlaflosen Nächte von den reichen Pfeffersäcken, Gummihändlern, Petroleumleuten und Reismaklern. Neun Monate ist eine lange Zeit, aber auch das ging vorüber. Dann kam er endlich nach Deutschland und stürzte sich dort in die Bewegung. Später ging er nach Rußland und wurde nach China abkommandiert. In den Tagen aber, als er mit Tobias Erler in Berlin zusammentraf, lebte er unterirdisch und war vollkommen glücklich. Auf seinen Kopf hatte man einen hohen Blutpreis gesetzt. Man nannte ihn einen zweiten Max Hölz, trotzdem seine Stärke auf rein intellektuellem Gebiete lag und seine Kraft darin, die schon geschlagenen Arbeiter organisatorisch wieder zu sammeln. Als er mit Erler zusammenkam, war er auf dem Sprung nach dem Osten. Ja, Tobias Erler hatte sich endlich aufgerafft und seine Gefangenschaft zerschlagen. Über acht Jahre saß er in jenem Kloster, über acht Jahre der Entsagung und Demütigung, der Ohnmacht und der Erniedrigung. Verschiedene Male versuchte er, seine Pensionierung zu erreichen, aber alle seine Anträge wurden abgelehnt. Es gab in jener Zeit viele Geistliche, die an den starren Dogmen der Kirche rüttelten und rebellisch wurden, viele junge Kapläne und Doktoren beschäftigten sich mehr mit dem Leib als mit der Seele, viel mehr mit der irdischen Welt als mit der himmlischen, aus der noch kein Botschafter zurückgekommen ist. Und für diese jungen Schwärmer büßte Tobias Erler mit, für diese Rebellen war sein Schicksal gut genug als schrecklicher Anschauungsunterricht. Durch die Klostermauern kam nicht mehr das Dröhnen der Revolution. Es wurden keine Lieder mehr gesungen, keine Fahnen sausten trunken vor berauschten Demonstrationen. Englische Truppen hatten die Stadt besetzt und hielten auf strenge Ordnung. Am Rhein kampierten neben den Engländern die Amerikaner, Franzosen und Belgier. Die Nationalisten prägten in Berlin das Schlagwort von der schwarzen Schmach, um die andere Schmach, die Ausbeutung des Menschen durch den anderen Menschen, zu überdecken. In jenem Kloster war auch Schmach genug. Eines Tages erhängte sich in seiner Krankenstube ein wahnsinnig gewordener Feldgeistlicher, dem Nacht für Nacht die zerschossenen Soldaten von den Regimentern im Traume erschienen, deren Auszug an die Front er gesegnet hatte. Erler floh nach Berlin. Nein, er wollte nicht im Kloster sterben. Sein Leben war verpfuscht, das wußte er ganz genau. Er war am Ende der Kraft. Was war er? Ein Mensch am Kreuz eines jämmerlichen Lebens! Jetzt riß er sich vom Kreuz, jetzt endlich fand er sich heim. Jetzt endlich erinnerte er sich an die Schwester und Elisabeth. Carla und Elisabeth? Ja, sie lebten immer noch zusammen. Die Inflation fraß das kleine Vermögen auf. Sie verkauften immer noch Blumen an die Toten und an die Lebendigen. Carla war oft verzweifelt, Elisabeth war tapferer als sie. Jede Nacht ging sie mit ihren Blumen durch die Bars und Dielen, die wie giftige Pilze aus dem Asphalt wuchsen, und eroberte das tägliche Brot. Sie war ein verblühtes und im Grunde ein lächerliches Blumenmädchen, aber die bemalten Frauen waren mitleidig zu ihr, als könne das Mitleid ihren eigenen Verfall aufhalten. Die Kavaliere lächelten nachsichtig. Tobias war spät am Abend in Berlin angekommen. Am nächsten Morgen wollte er Carla und Elisabeth aufsuchen. Jahrelang waren keine Briefe mehr gewechselt worden. Das kleine Hotelzimmer, in dem er abgestiegen war, bedrückte ihn sehr und schien auch nur eine dumpfe Zelle zu sein, ein enger Kerker. Als die Einsamkeit immer schwerer wurde, verließ er das Zimmer und fuhr nach dem Westen der Stadt. In der Nähe des Nollendorfplatzes verlockte ihn eine Bar. Eine kleine Jazzbandkapelle lärmte Musik, als er eintrat. Das Saxophon heulte melodisch auf. Eine irrsinnig gewordene Geige schrie verwundet um Hilfe. Am Büffet standen hohe Stühle. Halbnackte Frauen beugten sich trinkenden Männern zu. Die Tischlampen glühten unter grüner und roter Seide. Es wurde auch getanzt. Tobias setzte sich auf einen hohen Stuhl am Büffet. Bald neigte sich auch ihm eine entblößte Frau zu. Bald leuchteten auch ihm weiße Schultern, nackte Brüste und bemalte Lippen. Kühle und flache Gläser standen vor ihm, in denen die Getränke in allen Farben schimmerten. Man sah rotes Blut, bernsteingelbe Tränen, weißen Schaum, Spritzer vom süßen und salzigen Wasser. Die Liköre hatten verführerische Namen und hießen Ohio, Manhattan, Sherry, Prunelle, Allasch, Benediktiner, Kognak, Martini und Whisky. Er trank und trank und vergaß die Welt. Ein kleines Mädchen mit angemaltem Herzkirschenmund setzte sich zu ihm. Sie trug ein gelbes Seidenkleid. Um ihren Hals schlang sich eine doppelte Kette unwahrscheinlich großer und falscher Perlen. Ihre Beine schienen nackt zu sein, so hauchzart schimmerten die spinnwebdünnen Strümpfe. Sie trug goldene Schuhe mit silbernen Schnallen. Lächelnd legte sie ihre Hand auf seine Schulter. Tobias erwachte aus seiner Versunkenheit. Das Mädchen war über zwanzig Jahre alt, aber sie hatte sich zurechtgemacht, als sei sie sechzehnjährig. Ihre Nähe und Weiblichkeit verwirrte den an Einsamkeit und Enthaltsamkeit gewöhnten Mann. Und als sie ihren nackten Arm um seine Schultern legte und ihre Brüste die wie abwehrend erhobene Hand streiften, da war es um ihn geschehen. Das Mädchen kannte die Männer, darin bestand ja ihr Geschäft. Der schweigsame Fremdling interessierte sie. »Trinken wir zusammen eine Flasche Wein, Doktor,« sagte sie, »wir haben einen guten Jahrgang Rüdesheimer auf Lager.« Das »wir« sprach sie mit so gelassener Stimme, als sei sie Mitbesitzerin dieser Bar, Teilhaberin an den Likören, Musikanten und Weinen. »Ja, Goldkind, mit Ihnen ginge ich durch's Feuer«, antwortete Erler und umfaßte ihre Hüfte. Das Mädchen lachte. »Goldkind ist gut, du Süßer«, sagte sie. »Ins Feuer brauchen wir ja gerade nicht zu gehen, wo anders ist es noch schöner. Sei lieb, Doktor, und nimm, bitte, den Arm weg. Wir haben noch die ganze Nacht vor uns.« Erler war mit einem Schlage nüchtern. Die kühle Sachlichkeit des Mädchens erschütterte ihn. Da hatte er nun sich herumgequält und sich aufs Kreuz schlagen lassen, da hatte er gezweifelt und gelitten, gejammert und gejauchzt. Er dachte an Helene, an den Abend in Rom und an die Nacht in Neapel, er dachte an Elisabeth. Heftige Zärtlichkeit für das unbekannte Mädchen an seiner Seite erfüllte ihn. Eine neue Zeit schien heranzubrechen, eine neue Jugend mit heidnischer Bereitschaft der Sinne, die sich nicht mehr sehnsüchtig nach einem Kuß verzehrte, eine Jugend, die mit heiterer Gelassenheit, und manchmal auch spöttisch überlegen, die Liebe gab und nahm und mit ihr spielte. Die Liebe? Vielleicht war das auch so ein mystischer Begriff wie Gott oder Seele, ein Sternnebel am Himmel der Illusion. Das Saxophon heulte. Die Paare tanzten. Ein bettelnder Kriegskrüppel wurde durch einen schwarzgekleideten Herrn, der sich wie der Gesandte einer ausländischen Macht benahm, auf die Straße geführt. »Nun komm schon, Kleiner«, sagte das Mädchen, kippte mit einem Zuge den lichtroten Likör herunter, nahm den Arm des Mannes und führte ihn durch die Tanzenden nach einem freien Tisch. Der schwarzgekleidete Herr, der den Kriegskrüppel hinausgeworfen hatte und wie ein Gesandter aussah, erkundigte sich lächelnd nach den Wünschen des Herrn Doktors und gab seine Befehle mit gedämpfter Stimme an seinen Gesandtschaftssekretär weiter. Nach einigen Minuten kam der Kellner, dem das Mädchen zulächelte, und brachte den Wein. Der Wein glänzte in den beschlagenen Gläsern. Sie tranken. Der Tanz hatte aufgehört. Die Paare lösten sich lächelnd auf. Die kleine Kapelle schwieg erschöpft. Der Saxophonbläser wischte sich mit einem seidenen Tuch den Schweiß von der Stirn. »Ich heiße Aphro,« sagte das Mädchen, »wie gefällt dir der Name?« Sie hieß niemals Aphrodite, sie war keine Schaumgeborene, »Aphro heiße ich«, sagte das Mädchen mit dem angemalten Herzkirschenmund. »Und wie heißt du, lieber Freund? Bist du schon lange in Berlin? Ich habe dich in dieser Bar noch niemals gesehen. Gefällt es dir bei uns?« »Es gefällt mir,« lächelte Tobias, »und Sie haben mich noch niemals gesehen. Ich komme von Köln ... Ich war in meinem langen Leben noch niemals in einer Bar. Ist das nicht furchtbar?« »Also bist du ein Barbar,« versuchte sie zu scherzen, »ja, das ist furchtbar schlimm. In Köln war ich auch mal einige Wochen. Es hat mir sehr gefallen! Wo wohnst du? Bist du Kaufmann?« »Ich wohnte in Köln,« antwortete Tobias, »aber das ist jetzt vorbei. Ist erledigt. Schlußpunkt darunter. Und was bin ich?«, er näherte sich dem bemalten Puppengesicht und blickte sie starr an, »ich bin nämlich garnichts. Ich bin nichts als Mensch.« »Das sind wir alle«, lachte sie. »Ich bin ein Mensch, du bist ein Mensch, aber was warst du, als du noch kein Mensch warst?« Sie setzte das Glas an den roten Mund, trank in durstigen Zügen den gelben Wein und beobachtete mit halbgeschlossenen Augen den merkwürdigen Freier, der vorgab, ein Mensch zu sein und beharrlich »Sie« sagte. Erler starrte vor sich hin. Dem Mädchen wurde ein wenig unheimlich zu Mute, aber sie faßte sich rasch. Mochte er seine Laune haben. Ihr Beruf brachte sie mit den sonderbarsten und komischsten Leuten zusammen, mit schwermütigen Trinkern und eleganten Gents, mit abseitigen Existenzen und blasierten Lebemännern. Sie taxierte ihn auf einen Beamten oder mittleren Kaufmann und war durchaus nicht erstaunt, als er sagte, wer er nun eigentlich sei. »Als ich noch kein Mensch war, Goldkind, wie Sie in kindlicher Unschuld gefragt haben,« antwortete Tobias, »da hatte ich einen schrecklichen Beruf. Ich war katholischer Pfarrer. Doktor der Theologie.« »Also ein Pfäfflein,« lachte sie hell auf, »ein Pfäfflein! Und nicht so wichtig tun, Kleiner, du bist nicht der einzige, mit dem ich schon zusammengewesen bin, nicht der einzige!« Tobias wurde verwirrt. Das Pfäfflein hatte ihn beleidigt, ihre weitere Rede beruhigt. Er trank den Wein aus, ließ sich ein neues Glas einschenken, betrachtete ihre hellen Augen und bemerkte erst jetzt ihre goldene Schönheit. Dann sagte er langsam und ergriff dabei ihre weiße, zarte Hand: »Nein, Aphro, kein Pfäfflein und auch kein Pfaffe. Der Mensch am Kreuz, ein Mensch am Kreuz, wenn Sie das verstehen wollen.« »Lieber Freund,« sagte sie und nahm ruhig ihre Hand aus der seinen, »lieber Freund, ich will dir mal was sagen: keine Seelenschmerzen, bitte. Nicht tragisch werden. Bestell für die Musik eine Runde. Die braven Burschen spielen auch für dich. Der Mensch am Kreuz ist durchaus ein Film, aber mir ist heute absolut nicht heulerig zu Mute. Komm, sei lieb und brav. Schenk mir ein paar Rosen. Die alte Blumenfrau muß jeden Augenblick kommen.« Tobias war lieb und brav, er bestellte für die Musik Ohio. Die Musikanten verneigten sich trinkend vor ihm. Das Mädchen lächelte. Die Bar wurde von einigen Mädchen gestürmt, die mit neuen Kavalieren die hohen Stühle besetzten. Durch den lichterhellen Raum kam eine schwarze Gestalt, ein verwehter Schatten mit blühenden Blumen, und ging ängstlich von Tisch zu Tisch. Diese Frau war ungefähr fünfzig Jahre alt und paßte durchaus nicht in die lachende, strahlende Umgebung. Es war Elisabeth. Sie näherte sich dem Tisch, an dem Tobias mit seinem Mädchen saß. Das Saxophon begann melodisch aufzubrausen, die Geige tanzte auf den scharfgeschliffenen Spitzen gleißender Dolche. Das Schlagzeug lärmte. Aphro bemalte die Herzkirschen ihrer Lippen und zeigte dabei die schönen Zähne. Die Tanzpaare ordneten sich zu neuem Tanz. Die Mädchen an der Bar stimmten in den neuen Schlager lachend ein. Wie von sich selbst besessen schwebten zwei Mädchen als erste durch den Tanzraum, zwei glühende Flatterwölken, die sich innig vereinigen. Der dunkle Schatten mit den Blumen stand jetzt vor Tobias' Tisch. »Rosen, einen Strauß Rosen«, sagte Tobias. Plötzlich fiel der Schatten zusammen. Die Blumen stürzten auf den Teppich. Ein Stuhl wurde umgerissen und die Musik endete mit schrillem Geschrei. Die Tanzpaare stockten, und die zwei trunkenen Mädchen kamen als erste zu der Ohnmächtigen. Der schwarzgekleidete Herr, der wie ein Gesandter aussah, erschien und gab seine Befehle an die Kellner weiter. Sie richteten die Zusammengebrochene auf. Das Mädchen Aphro kam mit einem Glase Wein. Auch Tobias war aufgesprungen. Der Wein machte sie lebendig. Sie öffnete die Augen, und als ihr Blick auf Tobias fiel, da erst erkannte er sie, da erst wußte er, daß sie seinetwegen zusammengebrochen war. Elisabeth! Der Saxophonbläser prüfte schon wieder sein Instrument. Durch die Masken der bemalten Mädchengesichter schimmerte Mitleid. »Elisabeth! Elisabeth!« flüsterte Tobias, und ihm war, als richteten sich alle Augen auf ihn, ihm war, als hätte er seine Schande in alle Welt hinausgeschrien, »Elisabeth!« »Tobias«, kam es beinahe unhörbar von ihren Lippen, und dann kippte sie noch einmal um und fiel schwer auf die Tischkante. Ihre Stirn blutete, Aphro schrie auf. Ihre schönen Augen schleuderten Blitze auf den erschreckten Mann. Ihr Mund war nicht mehr herzkirschenförmig, verächtlich war ihr Mund, haßerfüllt, tragisch. Tobias warf einige Geldscheine auf den Tisch, lief nach seiner Garderobe und führte dann mit den Kellnern Elisabeth durch die schimmernde Reihe der Mädchen und Frauen, die ängstlich schauerten, auf die dunkle Straße. Elisabeth war zu sich gekommen. Tobias hielt sie in den Armen. Das Blut auf der Stirn war gestillt. Ein Wagen federte durch die Nacht. Sie blieb ganz still und lehnte sich an seine Brust und hörte sein Herz schlagen. Ihre Hände umklammerten die seinen. »Tobias!« flüsterte sie endlich. »Tobias, du bist in Berlin? Warum bist du nicht zu uns gekommen?« Sie sagte kein Wort von der Bar, kein Wort von dem Mädchen, kein Wort der Klage. »Ich kam am späten Abend,« sagte er stockend, »ganz spät kam ich und bin auf der Flucht. Ich habe Schluß gemacht. Ich habe mich endlich befreit. Ich konnte nicht mehr, Elisabeth. Ich werde dir alles erzählen. Und Carla, was macht Carla? Ich war wie in einem Grab und habe nicht mehr geschrieben ... Bist du mir böse? Ist Carla mir böse?« »Wir lieben dich«, antwortete die alte Freundin. »Ihr liebt mich immer noch?«, fragte Tobias leise, »immer noch habt ihr mich lieb? Und niemals habe ich in den letzten Jahren geschrieben. Niemals habe ich an euch gedacht. Immer nur habe ich an mich gedacht!« »Du hast auch an uns gedacht, Tobias,« antwortete sie mutig, »aber du hast so viel und so Schweres erlebt ... Und nun bist du doch gekommen. Wie wird sich Carla freuen! Immer haben wir nur von dir gesprochen. Bleibst du jetzt bei uns? Du mußt bei uns bleiben und darfst niemals mehr fortgehen!« Sie klammerte sich an ihn und begann zu weinen. »Ja, ja,« tröstete er und streichelte den alten Kopf, »ja, ja, Lisabeth, ich bleibe bei euch. Ich bleibe bei euch bis zu meiner letzten Reise ...« »So gehst du doch wieder auf die Reise?«, klagte sie, »findet dein Herz niemals Ruhe und Frieden?« »Doch, Lisabeth,« sagte er leise und lächelte, »mein Herz findet schon Frieden. Nun bin ich heimgekehrt, und alles ist wieder gut. Habt ihr mich wirklich noch lieb?« »Wir haben dich lieb,« antwortete Elisabeth und errötete wie ein junges Mädchen, »wir haben dich lieb.« Nur drei Tage blieb Tobias bei seiner Schwester. Er litt unter ihren Augen mehr als in der Klostergefangenschaft. Carla konnte stundenlang und wie zerfallen dasitzen, die Hände im Schoß gefaltet, und ihn mit so glanzlosen Augen anstarren, daß es war, als säße eine Gestorbene im Stuhl und blicke aus dem Jenseits herüber. Kein Wort des Vorwurfs oder der Klage, kein Wort der Freundschaft oder der Liebe kam von ihren Lippen. Als er in jener Nacht mit Elisabeth heimgekommen war, lag die Schwester schon im Bett. Sie ließen sie schlafen, aber am Morgen, als er aufwachte, stand sie vor ihm und starrte ihn schweigend an. Er hatte seine Arme ausgebreitet, er riß sie an sich, aber es war, als hätte er einen Leichnam umarmt. Elisabeth wagte an jenen Tagen kaum zu atmen und mit ihm ein Wort zu wechseln. Sie fürchtete sich plötzlich vor Carla. Mit jeder Stunde entfernte sie sich immer mehr von ihm. Ja, er war endlich heimgekommen und mußte erfahren, daß er keine Heimat mehr hatte. Da floh er in das wüste Berlin hinaus, in die lärmende Welt, die sich betäubte und das Hungergeschrei der Inflationsopfer mit gellender Jazzbandmusik überbrüllte. Von seinen früheren Reisen besaß er noch zwanzig englische Pfund. Schon oft war die Versuchung an ihn herangetreten, im Krieg, als er hungerte und krank war, und später in der Revolution, als die Tore zur Freiheit offen standen, das Geld anzubrechen, um eine neue Existenz zu gründen, aber er hatte alle Versuchungen abgeschlagen. Auf der Brust trug er die Banknoten, und als er endlich die ersten fünf Pfund im Hotel wechselte, stieg in sein Herz das betörende Rauschgift von der Macht des Geldes. Am ersten Tag war er ein kleiner sonderbarer Gast gewesen, wohnte in einem dunklen Zimmer unterm Dach und nach dem Hof hinaus, aber als er das Geld wechselte, kam der Geschäftsführer selbst, erkundigte sich nach besonderen Wünschen und wies ihm ein neues, schönes Zimmer an. Diese Macht richtete ihn auf und trieb ihn oft in die kleine Bar am Nollendorfplatz, wo er noch einmal das Mädchen mit dem angemalten Herzkirschenmund traf. Sie betrachtete ihn spöttisch und erinnerte sich des fatalen Zwischenfalls mit der alten Blumenfrau, doch er besiegte ihren Spott durch fünf Dollar, die er gelassen auf ihre entblößten Brüste legte. Das Mädchen betrachtete ihn verwundert mit den goldgesprenkelten Augen, nahm die Scheine und prüfte sie an der umlagerten Bar. Viele Augen richteten sich auf das Geld, glanzlose Augen, strahlende Augen, trunkene Augen, gierige Augen, alle Tragödien der Welt spielten sich in den geschminkten und verlebten Gesichtern im sekundenlangen Aufleuchten ab. Ein neues Mädchen drängte sich an ihn heran. Sie hieß Nastja und war eine russische Fürstin, die vor der russischen Revolution geflüchtet war und in Berlin auf die Straße ging. Aphro stellte sich vor Tobias, als die Russin kam, nahm ihn unter den Arm und führte ihn aus der Bar. »Komm, Doktor,« sagte sie, »wir fahren weiter nach dem Westen. Hast du die Russin gesehen? Sie ist ein Raubtier, mein Freund.« Tobias ließ alles mit sich geschehen und war doch nicht schutzlos. Das Geld schützte ihn und stand wie eine Mauer elektrischer Schläge um seine Brust. Der Wagen fuhr und fuhr. Lichtreklamen glühten und spritzten an den Häuserfronten. Auf der Tauentzienstraße brandete der Verkehr, und der Kurfürstendamm war eine strahlende Schlucht voll Feuer, Musik und Reichtum. Das Mädchen neben ihm kam enger an ihn heran, aber Tobias blieb ungerührt. Er mußte plötzlich an die Straßen im hohen Norden denken, die auch steinerne Schluchten sind, aber grau und trostlos, an jene Schluchten, die in den mexikanischen Räubergeschichten beschrieben werden. Dort hießen sie »Tal des Todes« und hier Weinstraße, dort »Schlucht der Geier« und in Berlin Münzstraße. Vielleicht war auch der Kurfürstendamm eine Schlucht der Geier. Ja, aber diese Geier hatten goldene Flügel. Vielleicht war auch der Kurfürstendamm nur ein Tal des Todes, aber das Eingangstor hieß Wollust, die breite Lichtrinne hieß Wollust, und die Tür zum Schatten hieß Wollust. Nun war die Nacht da mit ihrer Verzauberung und jener geheimnisvollen Unruhe, die das Blut aufwühlt. Das zweite Dasein entfaltete sich: die Steigerung und Vervielfältigung aller Sinne, die Bereitschaft zum Leben und die Schwärmerei nach der Ewigkeit hin, die sich in den Spielen zwischen Mann und Frau magisch auswirkt. Es war Herbst, und der weiße Septembermond stand klar und kühl am Himmel. Auch Tobias schwärmte nach der Ewigkeit hin, er umarmte das Mädchen, er küßte sie und dachte nicht mehr an sein Geld. Der Wagen hielt vor einer neuen Bar, die mit rubinroten Lichtern den fernen und kühlen Mond beschämte. Sie setzten sich in die Nähe der Musik und bestellten Wein. Aphro erzählte und erzählte, aber Tobias blieb stumm und lächelte nur. Er hatte sich in der Gewalt und damit auch Gewalt über das Mädchen. Sie spielte ihm ein kleines entzückendes Spiel der Verführung vor, er ließ sich auch verführen und brach um Mitternacht mit ihr auf und nahm alles, was sie ihm geben konnte. Dann fuhr er allein nach seinem Hotel, badete und schlief bis in den hellen Tag hinein. Der helle Tag! In ihm war keine Reue. Die Welt hatte ihn ausgespien, die Schwester wollte ihn nicht kennen, und die ehemalige Freundin flüchtete vor ihm wie vor einem Aussätzigen. Mit unheimlicher Schärfe sah er seinen Weg. Ein Weg zum Abgrund? Nein, ein Weg zum Gipfel mit der berauschenden Höhenluft der Todesverachtung, ein Weg in das Paradies der Sinne. Noch war Kraft in ihm, noch glühte sein Herz in Leidenschaft, noch konnte er sich verschwenden. Auch das wußte er ganz genau, daß sein Geld die goldene Tür zu jenem Paradies aufschloß. Er liebte darum das Geld um so inniger und war in den nächsten Tagen ein Geizhals, bis er im Osten Berlins auf Hans Bergmann stieß. Tobias stand vor einem Kino und betrachtete die ausgehängten Lichtbilder amerikanischer Frauen, die mit ihren Puppengesichtern begonnen hatten, die Welt zu unterjochen und mit ihren Masken das neue Schönheitsideal aufzustellen. Amerika, dachte Tobias, Amerika mit der Vergötterung der Frau und mit der Vergötterung des Kindes: immer wieder die Frau und das Kind! Und zwischen der Frau und dem Kind steht der Mann, der Held und der Schurke, aber dahinter nicht mehr das Paradies in den Sternen, sondern das glückliche Ende schon hier auf Erden. Als er die Bilder betrachtete, bemerkte er ein rotes Plakat, das zu einer Versammlung der katholischen Sozialisten aufrief. Amerika lockte, aber Tobias entschied sich doch zu jener Versammlung. Er ging sehr skeptisch und überlegen in den zur Erde gelegenen Saal, über dem das Kino beinahe so prunkvoll wie eine erleuchtete Kirche prahlte. Langsam strömten einige hundert Leute in den halb unterirdischen Raum, kleine Quellströme in der Tiefe, verloren in dem großen Strom, der in die amerikanische Vergnügungskathedrale mündete. Die Musik aus dem Kino kam verweht und manchmal brausend in die Katakombe, in der sich in einer entgötterten Welt einige hundert neue Gottsucher versammelten. Der Redner begann mit einem schweigenden Gebet und füllte dann mit glühender Beredsamkeit den kahlen Raum vollkommen aus, daß kein Platz mehr war für die lärmende Musik von oben. Er berief sich auf nichts als die heilige Schrift und sagte der mammonisierten Welt Kampf bis zum letzten Atemzuge an. Wie ein Prediger, der aus der Wüste gekommen ist, verkündete er das Evangelium der Bruderliebe. Aber er schwärmte nicht nur idealistisch, er stand fest auf der Erde und prüfte die realen Machtverhältnisse wie ein Generalstäbler, der einen Angriff vorbereitet. Tobias blieb kalt. Er konnte nicht mehr glühend sein. Er war schon ausgebrannt. Er war ein alter Mann und wußte nicht, daß im Ruhrgebiet, als er noch im Kloster gefangen saß, sich schon kleine Haufen rebellischer Christen sammelten, die rote Fahnen entfalteten, auf denen Jesus gemalt war. Er war viel zu sehr in sein eigenes kleines Schicksal verstrickt. Als der Redner einen Augenblick schwieg und sich erschöpft den Schweiß von der Stirne wischte, war die Musik aus dem Kino hörbar. Tobias stand auf und entschied sich für Amerika. Da legte sich eine Hand auf seine Schulter. Er blickte um sich. Bergmann stand vor ihm. »Herr Erler!«, sagte Bergmann mit gedämpfter Stimme, denn der Redner begann wieder zu sprechen, »Herr Erler, wollen Sie nicht bis zum Ende hören? Mensch, es ist seltsam, daß ich immer auf Sie stoße. Ich fahre bald nach Moskau hinüber.« »Bis zum Ende? Oh, Bergmann, ich kenne die Welt schon! Ich weiß: Ergebung in den Willen Gottes! Nein, nein, nein, ich glaube nicht mehr daran! Bergmann, Bergmann, lassen Sie uns gehen!« Die Versammlung wurde unruhig, der Redner schwieg einen Augenblick:, und in dem aufmerksamen Schweigen, in das wieder die ferne Musik hämmerte, entfernten sich die beiden Männer. Bergmann begann zuerst zu reden und erzählte von seinen spanischen Erlebnissen, von seiner Gefangenschaft auf dem Kriegsschiff und dann in Holland und zuletzt von der Arbeit in Berlin. Erler war wie ausgedörrter Boden, in den kühler Regen fällt, und trank die Berichte aus der Welt gierig in sich hinein. Manchmal seufzte er, manchmal lachte er, aber ob er nun seufzte oder lachte, immer verglich er sein Leben mit dem jenes Mannes, der neben ihm durch das verdunkelte Berlin wanderte und erzählte. Als Bergmann schwieg, gab Erler Bericht und Rechenschaft von den letzten Jahren. »Wir sind in einem Alter, Bergmann,« sagte er, »aber wir leben doch jeder auf einem anderen Stern. Mein Stern leuchtet nicht mehr. Ihr Stern ist schön und steigt noch auf. Bergmann, ich bin ein einsamer und verzweifelter Mensch. Wenn ich jünger wäre, hätte mich diese Versammlung erschüttert. Was können sie schon machen, diese glühenden Schwärmer, gegen die kalte Gewalt der Kirche! Das ist wie Urchristentum, Bergmann, und wenn es dann Staatsreligion wird wie das Christentum, geht es vor die Hunde. Ich glaube an nichts mehr und am wenigsten an mich selbst. Mein ganzes Leben war ein entsetzlicher Irrtum. Sehen Sie dieses Berlin an, vergleichen Sie den Osten mit dem Westen: überall die gleichen Menschen mit den gleichen Leidenschaften, aber zwischen ihnen ist eine Front aufgerichtet und ein Schlachtfeld, viel grausiger als wie im letzten Krieg. Und wer krepiert, Bergmann? Genau wie im Krieg, die armen Leute krepieren! Und da soll man noch mitmachen und sich begeistert hineinstürzen? Nein, Bergmann, ich kann nicht mehr, ich will nicht mehr ... Wo ist Gerechtigkeit?« Die letzten Worte schrie er hinaus. Bergmann war erschüttert. Er hatte das Leben von Erler verfolgen können wie den Lauf eines Baches, der wild dahinstürmt und am Ende doch versiegen muß, ohne zu münden. Er erinnerte sich an die erste Begegnung in der Marienburger Gefängniszelle, an die entscheidende Begegnung in Berlin, als sie Schubert aus der Mansarde holten, er entsann sich auch der Begegnung in Rom, und überall hatte dieser Mensch vor einer Entscheidung gestanden und war ihr ausgewichen. Was konnte er da helfen! Bergmann gehörte sich ja nicht selbst, er gehörte der Partei und seinen Genossen. Er wußte genau, daß Erler kein Genosse geworden wäre, auch wenn er sich der Bewegung angeschlossen hätte. »Erler,« sagte er endlich stockend, »ja, Sie sind ein unglücklicher Mensch, und es gibt noch keine Gerechtigkeit auf der Erde. Vielleicht lebe ich auf einem anderen Stern und sehe die Zeit der Gerechtigkeit voraus, und vielleicht ist mein Leben erfüllter als das Ihre, ist reicher, trotz der Armut. Die Fronten zwischen den Klassen kenne ich gut, weil ich dort gekämpft habe und weiterkämpfen werde. Und wenn wir fallen, opfern wir uns, Erler, und die große Idee des Opfers hat alle Bewegungen bis heute und für immer unsterblich gemacht. Ja, Sie sind zerrissen und blutig, aber jeder Mensch muß seinen eigenen Weg gehen. Bis zum Ende, und wenn es bitter sein sollte, Erler. Kein Mensch darf sich um die Entscheidung herumdrücken, wenn die Zeit gekommen ist. Ich habe midi schon lange entschieden, und es war nicht immer süß. Bitter war es oft, Erler, quälend. Aber herrlich am letzten Ende ... Was wollen Sie tun?« Tobias schwieg und schämte sich. Aber dann stieg in seinem Herzen neue Kraft auf, das berauschende Gefühl kurz vor der Entscheidung. Alles lag hinter ihm. Alles lag vor ihm. Er hatte sich entschieden. »Bergmann, ich habe mich entschieden,« flüsterte er und war glücklich, »ich gehe meinen Weg, Bergmann. Bis zum Ende ... Es freut mich, daß ich Sie noch einmal gesehen habe, lieber Freund. Leben Sie wohl.« Er gab ihm beide Hände und blickte ihn lange an. Dann sagte er nachdenklich: »Und ehe Sie reisen, besuchen Sie, bitte, meine Schwester. Hier ist die Adresse. Ich muß nun vorwärtsschreiten. Gruß an Lisabeth!« Dann riß er sich los und verschwand in der Dunkelheit. Bergmann blickte ihm lange nach. Dann ging er langsam weiter. Plötzlich beschleunigte er seine Schritte. Zwei Männer folgten ihm, zwei Polizeispitzel. Er begann zu laufen und hetzte in eine dunkle Querstraße, fand eine offene Haustür, überquerte drei Höfe und kam keuchend und herzklopfend auf einen Lagerplatz, wo er sich bis zum frühen Morgen verbarg. Am nächsten Tage fuhr sein Zug, aber vorher besuchte er noch Carla und Elisabeth und überbrachte die Grüße. Jetzt konnte Carla reden, jetzt konnte sie klagen und weinen, jetzt strömten die Tränen. Sie liebte den Bruder immer noch und wußte, daß sie ihn durch ihr furchtbares Schweigen mit in die tödliche Welt hinausgestoßen hatte. »Was wird er tun, was wird er tun, Herr Bergmann,« wimmerte sie und faßte nach seiner Hand, »er war immer ein besonderer Mensch, schon als kleines Kind, und ick habe die Schuld, wenn ihm etwas zustößt. Jetzt rede ich und wehklage, aber Elisabeth schweigt! Das ist die Hölle, Herr Bergmann, sie kann nicht grausamer sein! Will er niemals zurückkommen? Hat er uns ganz vergessen? Hat er kein Wort für Lisabeth gesagt?« »Doch,« tröstete er, »doch, Frau Carla, er hat viele Worte gesagt, zärtliche Worte. Er bittet um Verzeihung.« »Verzeihung, Verzeihung! Er hat uns zu verzeihen. Wir haben an ihm gesündigt, und er nicht an uns. Rede doch, rede doch,« wandte sie sich, an Elisabeth, »rede doch, und wenn es nur ein Wort ist! Hörst du, er hat gesagt, wir sollen ihm verzeihen!« Elisabeth aber verharrte in Schweigen und ging aus dem Zimmer. Carla blickte ihr verzweifelt nach. Bergmann war ratlos. Dann trat er auf die alte Frau zu und streichelte ihr Haar. »Jedem Menschen auf der Welt ist ein Weg vorgezeichnet,« sagte er leise, »und wenn der Weg von Tobias ein Schmerzensweg ist, dürfen wir nicht wehklagen. Frau Carla. Vielleicht muß Tobias diesen Weg bis zum bitteren Ende gehen, vielleicht opfert er sich auch, aber dadurch nimmt er viele Schmerzen anderer Menschen auf sich. Die Zeit der Märtyrer ist noch lange nicht vorbei.« Er glaubte selbst nicht, was er sagte, aber für die alte Frau war es doch ein Trost. Sie weinte nicht mehr. Sie lächelte unter Tränen. Bergmann gab seine russische Adresse und verabschiedete sich. Elisabeth war nicht mehr gekommen. Sie saß in der einsamen Stube und weinte. Bergmann weinte nicht. Tobias war in die Nacht hinausgelaufen, und an dem Tag, als Carla und Elisabeth weinten, fuhr er nach dem Westen der Stadt, in den Lunapark. Sein Geld war zusammengeschmolzen und mit dem Geld sein Mut zum Leben. Aber an diesem Abend war er mutig. Nur die Feiglinge leben weiter, wenn der Tod die einzige Lösung und Rettung ist. Mit Musik und Flammen erhob sich der Park am Rande der Stadt. Seine leuchtende Heiterkeit wurde durch aufdringliche Reklame gestört, aber das waren Aufrufe an die Lebendigen und priesen Kaugummi, Seife, Schokolade und Würstchen an. Der einsame Mann Tobias war schon jenseits aller Seifen und Würstchen. Er sah den weißen, kühlen Septembermond und blasse, unwahrscheinlich ferne Sterne am Himmel. Von den Sternen bis zur Erde ist nicht weit. In einer Sekunde durchmißt der Blick den Raum vieler Lichtjahre, und als Tobias auf die Erde zurückkehrte, sah er das Mädchen Aphro am Arm eines eleganten Jünglings. In sein Herz kam irdische Leidenschaft, und als Aphro ihren alten Bekannten sah, flüsterte sie ihrem Begleiter einige Worte zu, löste sich aus seinem Arm und schwebte auf Tobias hin, wie sich am Himmel manchmal eine kleine lichte Wolke aus schwarzen Wolkengebirgen löst und eigene Bahnen zieht. »Der Doktor,« sagte sie, »der Doktor lebt immer noch! Mein Vetter läßt sich entschuldigen, aber er hatte eine dringende Verabredung in Halensee. Liebesgeschichten, Doktor, der arme Junge meint es bitter ernst.« »Die Aphro!« antwortete Tobias und fiel in ihren leichten Tonfall ein, »die Aphro lebt immer noch, und der Vetter, der arme Junge, hat Liebesgeschichten im Kopf und nimmt es bitter ernst! Da sind wir schon andere Leute, Goldkind, wir nehmen auf dieser Welt nichts mehr ernst. Bist du frei?« »Ich bin frei,« sagte sie, »und ich freue mich, Doktor, daß du ›Du‹ zu mir sagst. Vielleicht komme ich später einmal zu dir, um zu beichten. Vergibst du auch alle Sünden?« »Es gibt keine Sünden,« antwortete er, »die Sünden, Goldkind, sind nur böse und eingebildete Träume, Hirngespinste, Aphro mit den goldgesprenkelten Augen. Aber wenn du willst, kann ich dir deine Sünden vergeben.« Sie lachte. »So gefällst du mir besser, Doktor. Viel besser als das erste Mal, als du wie das heulende Elend in der Bar saßest. Denkst du noch daran? Und wer war die Frau, die mit ihren Blumen vor dir zusammenklappte?« »Das alles hast du nur geträumt, Süße,« sagte er traurig, »vielleicht war es meine Tochter oder meine Schwester, Träume weiter, Aphro, und gib mir einen Kuß. Ich liebe deinen Herzkirschenmund!« Und ehe sie antworten konnte, hatte er sie geküßt. Sie riß sich los und war beleidigt. »Barbar,« sagte sie, »die Zeit zum Küssen kommt erst.« »Die Zeit zum Küssen ist vorbei!« antwortete er. Sie wollte sich nicht mit ihm streiten, nahm seinen Arm und führte ihn in den bunten Trubel. Er schritt leicht an ihrer Seite, schwebte schon wie auf den Wolken und hatte kein Schwergewicht mehr. Er gab sich mit ihr dem Schwung rasender Tal- und Bergbahnen hin und dem kurzen, beglückten Absturz einer Rutsche in den kühlen See. Auf einem hochgebauten Karussel erlebte er die Illusion eines Fluges durch den Weltraum und in dem Irrgarten grotesk geschliffener Spiegel die Entlarvung des hochgezüchteten Raubtiers Mensch. Wie aus einer Honigwabe der Honig quillt, so quollen aus den lichterblühten Terrassen und Dielen die Lieder und Rhythmen vieler Jahrhunderte, sammelten sich scheinbar nahe am See in jener kleinen Kapelle, die in einer gewölbten Halle stand und musizierte. Von der Kapelle ging ein Rauschen aus wie von einer bizarren Muschel der Südsee, in der man auch alle Meere, Stürme, Windstillen, Götter, Teufel und Liebenden singen und musizieren hört. Vor dem dunklen See standen viele Lampen in bunter Reihe. Ein Hausboot baute ihre leuchtende Terrasse in das stille, dunkle Wasser. Auf jenem Boot war auch nur eine Illusion, es schwamm niemals nach der Mitte des Sees als singendes Herz, nur die hymnischen Schläge der Jazzband lösten sich vom Ufer, auf jenem Boot also saßen Aphro und Tobias, um sich in das leichte, beschwingte und festliche Leben einzufügen. Als die Jazz am wütendsten hämmerte und der Tumult der Instrumente sich ekstatisch steigerte, da begannen sie von der Liebe zu sprechen. Um den Beginn des Gespräches wehten keine Seufzer. Um den Beginn des Gespräches standen die geschliffenen Klingen prüfender Augen, das Wessen vom Anfang und Ende jeder Liebe und auch das trunkene Wissen von jener Zeit, die ewig ist, von jener Zeit nämlich, in der sich die Tage verdunkeln und die Nächte strahlend werden, wenn die Liebste kommt. »Es war nicht mein Vetter,« begann Aphro leise, »es war mein Freund, Doktor, mit dem du mich zusammentrafest. Er ist Artist, weißt du, und hat heute frei. Wir haben uns für später verabredet.« »Es war nicht meine Tochter und auch nicht meine Schwester, Mädchen mit den goldenen Augen,« sagte Tobias, »nicht meine Tochter und nicht meine Schwester, die vor mir zusammenbrach, Liebste, es war meine alte Freundin, die ich verraten habe, als ich noch ein Jammerkerl war. Aber nun bin ich vollkommen frei und habe keine Verabredungen mehr.« »Armer Kerl«, sagte sie und streichelte seine Hand. »Dann steht es sehr schlimm mit dir ... Warum hast du deine alte Freundin verlassen?« »Sie hat mich ja verlassen, Aphro!« antwortete er leise, »sie haben mich alle verlassen, die Schwester und auch der Bergmann, und nur du bist bei mir, nur du... Aber wenn du eine Verabredung hast, kannst du gehen. Ich halte dich nicht, Goldäugige.« »Sonderbar,« sagte sie, »als ich dich heute abend sah, lockten mich nur deine Dollar, Doktor. Aber jetzt lockt mich etwas ganz anderes ... Du willst eine große Reise tun? Hast du keine Angst?« »Als ich noch lebte, hatte ich Angst, jetzt habe ich keine Angst mehr, Mädchen«, sagte er. »Jetzt ist ein Mensch bei mir, ein goldgesprenkeltes Augenpaar. Du bist bei mir.« »Du bist ein Schwärmer,« lachte sie leise auf, »ein Schwärmer bist du!« Sie beugte sich zu ihm und küßte ihm die Antwort vom Munde. »Sei still, kein Wort mehr. Das Feuerwerk muß jeden Augenblick losbrennen.« Tobias ergriff ihre Hand und wollte antworten trotz des beglückenden Kusses, da verstummte die Musik, und die ersten Raketen zischten traurig und schön auf, stiegen nach den Sternen und nach dem kühlen, fernen Mond, blühten, strahlten und zerfielen. Dann knallte und musizierte das grenzenlose Leuchtspiel auf und bezauberte den Himmel. Aphro hatte ihr kühles Gesicht dem Feuerwerk zugewandt, und die Spritzer jener Funkengarben zuckten um die schmale Stirn und ertranken in dem Brunnen der blanken Augen. Der rotgeschminkte Mund verfärbte sich. Ihre weißen Hände schienen aus Marmor zu sein und lagen unbeweglich auf dem Tisch. Neue Raketen eroberten sich den Himmel und funkelten schöner als die Sternbilder. Nur der ferne Mond behielt sein blatternarbiges Silbergesicht und war unerreichbar. Tobias seufzte. Die Sterne, dachte er, die Sterne! Der Mensch kann die Sterne mit seinem irdischen Feuer überstrahlen. Aber was ist der Mensch? Eine wimmernde Rakete vor dem schweigsamen Mond. Über das samtschwarze Wasser sausten feurige Stachelschweine und fauchten wie gehetztes Wild, wenn sie verzischten oder ertranken. Auf einer hohen Schaukel bewegten sich zwei leuchtende Figuren und bliesen im rüpelhaften Spiel goldenen Wind ab. Sie wollten nicht nach den Sternen wie die steilen und sausenden Raketen. Aphro seufzte. Aber ihr Seufzer erreichte Tobias nicht mehr. Die Nacht, die vorher sein Blut betäubt hatte, die Nacht und ihr gleißendes Feuer machten sein Blut wieder klar. In die Sterne flog sein Herz. Bis an den kühlen Mond spritzte sein Blut. Wer wird seufzen und traurig sein, wenn das Feuerwerk abbrennt wie eine phantastische und leidenschaftliche Liebe? Und in dieser Sekunde, als das Mädchen seufzte, stand sein Herz in Glut und Sehnsucht nach jenseitigen Dingen, war feuriger Fisch über schwarzem Wasser, goldener Schnee mitten im Winter, bunter Vogel aus dem Käfig eines grauen Lebens. Feuerwerk nach den Sternen! Raketen nach dem gläsernen Mond! Plötzlich setzte die Musik, die lange geschwiegen, mit einem verrückten Gebrüll ein, als solle die feurige Klarheit der unvergleichlichen Minuten ausgelöscht werden, als sei kein Tanz der Gestirne, sondern nur Tanz auf der Terrasse eines Hausbootes am dunklen See, Liebestanz zwischen Mann und Frau, Tanz und Sprung vor der endlosen Ruhe des Todes. Auf der schwankenden Diele dudelte und trampelte Amerikas gemachte und lärmende Lebensfreude. Der Jazzbandführer sah wie ein verkrachter Student der Theologie aus, dessen schwarze Hornbrille nur noch an einstiges Studium erinnerte. Jetzt schmiß er die Beine und tanzte und sang: »Ich schwör' auf Susi.« Tobias schwor nicht auf Susi. »Aphro,« sagte er leise, »Liebste, ich danke dir für die letzte Stunde. Jetzt muß ich gehen. Ich habe doch eine Verabredung!« »Bleib!« sagte sie und beugte sich ihm zu, »bleib, mein Freund und verlaß mich nicht. Jetzt nicht in diesem Augenblick. Ohne dich wäre ich sehr einsam. In einigen Minuten kommen die letzten Raketen.« Sie blickte ihn verzückt an, als sei er nicht mehr auf dieser Welt. Er ertrug gelassen und mit innerer Heiterkeit ihre schönen Augen, streichelte die weißen, kühlen Hände und atmete berauscht die leichten Wölkchen der guten Parfüme ein, die ihrem Körper entschwebten. Das Boot schwankte im Rhythmus der vielen Tänzer. Dann kamen drei junge Mädchen in seegrüner Seide, schönes, gebändigtes Fleisch, und tanzten und sangen amerikanische Schlager. Taktmäßig dröhnten die sehnigen, nackten Beine auf dem spiegelnden Parkett. Die wohlgeformten Leiber bogen sich den vielen Männern wie Gastgeschenke zu. Aber bald verschwanden die Mädchen. Ein Charleston begann. Der junge Mensch mit der Hornbrille sang laut und herrlich. Mitten in diesem Tanz erschien auf der Terrasse ein Arbeiter mit weißer, beschmutzter Matrosenbluse und schloß die Fenster, die nach dem See führten. Er hatte ein schmales, ebenmäßiges Gesicht, wie es sonst nur die Helden in den amerikanischen Filmen haben, die aus dem Dunkel aufsteigen, heldenhaft gegen das Verbrechen kämpfen und am Ende leuchtend siegen. Der Mann blieb stumm und verrichtete in stiller Sachlichkeit seine Arbeit. Die wohlgeformten Leiber der Tanzmädchen waren für ihn keine Gastgeschenke. Wie ein Schatten tauchte er auf und stand, ehe er wieder in sein Dunkel zurücktrat, einen Trommelschlag lang wie aus schwarzer Bronze gegen die strahlenden Musikhallen und gegen das goldene Muschelhaus am See. Stockten die Tänzer, als er tonlos und drohend gegen jede Musik auf der Terrasse stand? Nein, alles ging weiter, der Tanz, die Musik, das Würfelspiel des Lebens und der Liebe. Die Nacht verstreute mit beiden Händen ihr Gift. Das Mädchen mit dem angemalten Herzkirschenmund, das Mädchen Aphro, weinte. Tobias aber hatte keine Tränen mehr für diese Erde. Er nahm die Hand, ihre liebe Hand, zum letztenmal und verschenkte seine irdischen Güter, die paar Dollar und Pfunde. An der Stelle, wo er sich verabredet hatte, wurde nicht mehr auf Geld gesehen. An Carla und Elisabeth dachte er nicht mehr, aber Bergmann kam ihm in den Sinn, Ulitsch und auch das Mädchen Henriette aus dem Keller der Weinstraße. Vom See wehte kühler Wind. Langsam stand Tobias auf, küßte die Stirn der Weinenden und verließ das singende Boot. Er verließ das Boot. In seinem Herzen war nichts als Frieden. Das Mädchen weinte immer noch. Wie schwebend schritt er dahin, befreit von allen Schmerzen. Mitten auf dem See schoß eine Lichtfontäne hoch und spiegelte sich rauschend mit silbernen und goldenen Quellen im schwarzen Wasser, sprang nach den Sternen, verlöschte und ertrank. Dann kamen Raketen und zischten nach dem gläsernen Mond. Da blieb der einsame Mensch stehen und betrachtete heiter das schöne Schauspiel. Als die letzte Rakete aufzischte, um den Mond zu erreichen, trat Tobias in das tiefe Dunkel eines Gebüsches, und in dem Feuer, das aus seiner Pistole brach, fuhr auch seine arme Seele nach dem Glanz der Sterne. Ja, er seufzte ein wenig, als die Kugel das Hirn zerschmetterte, aber der Seufzer blieb ungehört wie der befreiende Schuß. In derselben Zeit, als er in jenem Gebüsch zusammenbrach, trocknete das Mädchen Aphro ihre Tränen. Die Musik spielte und raste hymnisch weiter. Ungerührt rollte der Septembermond seine vorbestimmte Bahn über dem funkelnden Jahrmarkt menschlichen Jubels. Aphro weinte nicht mehr. Sie nahm das Geld zu sich, die Dollar und die Pfunde, und bemalte ihr Gesicht. Dann stand sie langsam auf und verließ das Boot. Am verdunkelten See, über dem noch der Rauch des Feuerwerks in weißen Wolken wogte, wurde sie von ihrem Freund schon erwartet. »Wo ist der Doktor?« fragte der Artist. »Er ist fortgegangen«, sagte das Mädchen. * Der Sibirische Expreß durchquerte den Ural. Schwarze Berge, tiefe Wälder, wilde Flüsse, Erzlager, Bären, Platingruben und erster Schnee. Perm war schon lange versunken, und nun mußte auch bald Europa versinken und Asien das weiße Schild Sibirien vor sein gelbes Mongolenantlitz heben. Es war am Abend. Die Funkenschwärme der auf dieser Strecke mit Holz geheizten Lokomotive tanzten vor den kalten, glühenden Sternen am Rande des Nichts. Bergmann lag langausgestreckt in einem bequemen Abteil und sah durch das breite Fenster die Funken stieben. Er war wieder unterwegs. Er reiste nach China. Kanton oder Berlin, Barcelona oder Moskau: überall gab es Arbeit für sein unruhiges Herz. Jetzt, an diesem späten Abend, kam er dazu, die letzte Moskauer Post durchzusehen. Unter den Briefen, die ihn aus Deutschland erreichten, war auch ein verschnürtes Paket von Carla Ulitsch. »Sehr geehrter Herr Bergmann,« schrieb sie in hilfloser und krauser Schrift, »sehr geehrter Herr Bergmann, mein lieber Bruder Tobias ist tot. Er hat sich das Leben genommen. Der Herr sei seiner Seele gnädig, wie er auch meiner Seele gnädig sei, die so viel an dem Bruder verschuldet hat. Er ist bei Gott und hat seinen Frieden, aber ich habe keinen Frieden mehr. Lisabeth, die Schweigsame, ist vor einigen Tagen verschwunden. An dem Tage, als wir erfuhren, daß Tobias tot ist, ging sie fort und kommt wohl niemals wieder. Nun bin ich ganz allein in dieser hartherzigen Welt. Aber ich bleibe nicht lange allein, Ulitsch ruft mich, mein Kind, mein Bruder, Vater und Mutter und auch Lisabeth. Ich habe Sie nicht lieben können, Herr Bergmann, aber nun weiß ich, daß meine Gefühle irrten. Als Sie mich vor der Abreise besuchten, erkannte ich, warum Tobias ein guter Freund von Ihnen war. Verzeihen Sie mir! Sie müssen mir verzeihen. Viel habe ich nicht mehr zu tun auf dieser Erde, viele Stimmen rufen nach mir, und ich komme, ich komme! Bei meinem Bruder fand man einige Briefe, darunter war auch ein Brief für Sie, Herr Bergmann, den ich nach Rußland schicke in der Hoffnung, daß er Sie gesund und glücklich erreicht Ihre unglückliche Carla Ulitsch.« Bergmann starrte durch das Fenster in die heranrauschende Nacht. Es begann zu schneien. Zwischen den Schneesternen tanzten die Funkensterne der Feuerung leuchtend und in rasender Flucht. Sturm heulte in den tiefen Wäldern und warf sie hin und her wie eine wütende Brandung. Bergmann riß den zweiten Brief auf, den Brief von Erler, und las: »Bergmann, lieber Freund! Die letzte Begegnung in Berlin hat mir Seelenfrieden und den Mut zur Entscheidung gegeben. Ich schreibe Ihnen am Abend vor meinem Ende, das kein Ende ist, sondern Aufbruch in eine neue und vielleicht auch höhere Ordnung der Dinge, vielleicht auch Sprung aus der Zeit in die Ewigkeit. Keine Stimme aus dem Grabe, lieber, lieber Freund, ist es, was Sie jetzt hören. In Berlin habe ich Ihnen einige Verse gezeigt, und Sie waren so freundlich, Interesse dafür zu haben. Zum Abschied lege ich noch einige Gedichte bei. Sie spiegeln meine Stimmungen wieder, sind schwermütig, wie mein Leben, und zielen nach dem Tode und nach der Freiheit. Vielleicht sind sie auch Schlüssel zur Kenntnis meines verpfuschten Lebens. Viele Verse habe ich vernichtet, viele blieben ungeschrieben, und das waren vielleicht die schönsten. Nun ein Wort zu den fünf Gedichten! ›Der gefangene Rabe‹ ist in Köln entstanden, als ich selbst gefangen war, ›Der verstummte Mund‹ schrieb ich damals, als meine Stimme aussetzte, das Gedicht: ›Es schläft der General‹ ist aus einer Zeitungsnotiz entstanden und liest sich wohl lustig, aber sein Kern ist voller Tragik. ›Das Lied von der Schlacht‹ habe ich auch in Köln geschrieben, und das Gedicht ›An den Tod‹ ist heute abend, wo ich ein Ende mache, entstanden. Ich sterbe als Opfer des katholischen Systems und als Opfer der alten Gesellschaftsordnung. Zum Schluß will ich noch einige Punkte beleuchten, warum ich ende. Sie, lieber Freund, kennen ja mein Leben, und ich möchte, daß Ihnen alles klar wird. Verfolgen Sie mein Dasein Schritt für Schritt: Erstens war ich ein robustes und gesundes Kind, bis im vierten Jahr plötzlich die Krankheil kam und mich lähmte. Zweitens klage ich nicht meine Mutter an, aber dir allzu fromme Erziehung hat viele Quellen des Lebens in mir verschüttet. Meine Mutter habe ich niemals lachen gehört, und ich war im Grunde ein fröhlicher Mensch. Zum dritten wurde ich nicht aus freiem Willen Geistlicher, man hat mich dazu gepreßt, und das will sehr beachtet sein, da beginnt schon der tragische Bruch meines Lebens. Zum vierten erschütterte mich das eine Jahr in Freiburg, als ich meinen Doktor machte und auf die Unzulänglichkeit der menschlichen Natur stieß, an den Menschen und auch schon an Gott zweifelte. Zum fünften kam ich nach Rom, und was ich da erlebt habe, wissen Sie ja, Bergmann, wir haben viel darüber gesprochen. Zum sechsten verhinderten mich Krankheit und Armut, ein neues Leben zu beginnen, einen neuen Beruf zu ergreifen, trotzdem mein Glauben immer heftiger erschüttert war. Zum siebenten hatte ich ein heißes Herz und liebte die irdischen Madonnen mehr als die himmlische Madonna. Zum achten kam die Geschichte mit Lisabeth, mein vollkommener Bruch mit Glaube, Stand und geistlicher Behörde und die Flucht nach Berlin. Zum neunten, Bergmann, war das auch schon ein Selbstmord, meine Umkehr und meine Unterwerfung. Wie sehr bin ich gequält worden, wie tief habe ich gelitten! Zum zehnten dann das lebendige Grab, die Klostergefangenschaft in Köln, das Martyrium als Mensch am Kreuz. Was bleibt noch zum letzten, Bergmann, lieber Freund, nach meiner Befreiung und nach der verunglückten Rückkehr zu Carla und Lisabeth? Nichts bleibt, gar nichts, Bergmann, als Selbstvernichtung! Ich war ein weicher Mensch und neigte sehr leicht zu Tränen, darum war ich oft hart und schroff, auch Carla und Lisabeth gegenüber, aber ich war viel zu wenig mir selbst gegenüber hart und schroff. Sie, Bergmann, haben mir viele Dinge gesagt und gezeigt, die ich nicht kannte, und ich habe Sie oft beneidet um Ihr Schicksal, auch wenn Sie im Gefängnis saßen. Jetzt aber bin ich ohne Neid und Herzeleid! Die letzten Tage waren schön und die Nächte ein einziger Rausch. Das war Leben mit tausend Herzen und Händen, Leben am äußersten Rande des Glücks. Und in einer Stunde kommt die Steigerung, die Krönung, die Versöhnung: der Tod! In einer Stunde oder in einigen Stunden: was ist mir jetzt die Zeit! Rauch im Wind, Bergmann. Liebster Mensch, Sie leben und kämpfen! Vielleicht denken Sie manchmal auch an die Leute, die, wie ich, in einer zerrissenen Zeit leben und Hinkepeter sind, auch im Herzen Hinkepeter, und den Sprung in die Zukunft nicht wagen, die so gerne leben würden, wenn sie nicht sterben müßten. Bis zum letzten Atemzug Ihr Tobias Erler, Doktor der Theologie, Mensch außer Dienst.« Bergmann ließ den Brief sinken, diese kleine weiße Fahne eines Menschen, der sich einer Übermacht ergeben hat. Dann las er die Gedichte, die wie die Kugel Spuren eines unglücklichen Lebens waren. Er las zuerst das Gedicht Der gefangene Rabe Ein Rabe krächzt, Der Sturmwind ächzt, Die Wolken jagen wild vorbei. Aus harter Haft Gefangenschaft Klagt durch die Nacht ein Rabenschrei. So schrei auch ich Und suche dich, Die alle kalten Kerker bricht, Erlöserin Vom Anbeginn, Du Glanz, du bluten volles Licht! Ein Rabe schreit, Kalt ist die Zeit! Ein Mensch am Kreuze brüllt! Wann kommt der Tag, Der junge Tag, Wo Liebe sich erfüllt? Das Gedicht machte ihn melancholisch. Auch die anderen Verse heiterten ihn durchaus nicht auf. Der Expreß hämmerte durch die Dunkelheit. Immer noch fiel der Schnee. Immer noch brausten die Wälder. Bergmann riß sich zusammen und las die anderen Verse, das traurige Vermächtnis des kleinen Handwerkers Gottes. Er las Es schläft der General Ein Mann steht Posten, und der Sturmwind pfeift, Im Park ein Baum nach dem andern greift, Es schläft der General. Der Posten schläft nicht, er hält das Gewehr. Ein Schatten? Ein Mensch? Halt! Wer da? Wer? Es schläft der General. Der Posten stiert in die heulende Nacht. Da schimmert... Da wimmert... Ein Schuß erkracht! Es schläft der General. Der Schatten stürzt. Nun ist alles stumm, Der Sturm geht mit Trommeln und Pfeifen um, Und es schläft der General. Der Morgen kam, die Ablösung kam, Im Herzen des Posten war Wut und Scham, Es schläft der General. Der Posten meldet: Ein Feind schlich an, Und ich schoß gut, und er stürzte dann. Es schläft der General. – Befehl ist Befehl. Du tatest gut! Wir Schützen verspritzen für den Kaiser das Blut. (Es schläft der General.) Wo liegt er? ... Da hinten am schwarzen Teich, Da stand er lange und schimmerte bleich, Als schlief der General ... – So komm! ... Sie gehen. Eine weiße Gestalt Liegt tief und in die Erde gekrallt, Es schläft der General. Der Posten steht versteinert und stiert, Der andre nach dem Opfer giert, Und immer noch schläft der General. Da aber bricht die Stille entzwei! Ein Lachen, ein Fluchen, ein gröhlender Schrei: Es kommt der General! »... Wer hat sich so grausam die Zeit verkürzt Und die Venus in den Dreck gestürzt?« Brüllte der General. Der Posten schweigt mit zitterndem Leib. Am Boden liegt ein marmornes Weib! Es flucht der General. Der Morgen kommt leise mit flutendem Licht, Der Posten ermannt sich endlich und spricht Im Licht zum General: ... Herr General! Befehl ist Befehl! Wenn keiner antwortet, wenn bis drei ich zähl', In der Nacht, Herr General, Dann schieß' ich auf alles, was bleich und stumm! »Befehl ist Befehl, und dumm ist dumm!« Sagte der General. Mit diesem Gedicht wußte Bergmann nicht viel anzufangen, aber die Verse schienen doch mit einer dunklen Gewalt angefüllt zu sein, denn er las sie noch einigemal, ehe er sich den anderen Blättern zuwandte. Dann las er Das Lied von der Schlacht Durch gleißenden Sommer hämmern die Räder Auf blankem Geleise heißem Geäder Hin in die Schlacht. Und zu der Schienen klirrendem Klingen Die jungen Soldaten dröhnen und singen Das Lied von der Schlacht. Sie lachen und scherzen und singen so laut, Als wären es Lieder für Mutter und Braut Und nicht für die Schlacht. Sie brüllen vor Leben und singen so hell Von Liebe und Freundschaft und Wald und Quell Auf der Fahrt in die Schlacht. Dazu das Schienengedonner vom Erz, Das bricht wie Gewitter in Brust und ins Herz, Gewitter der Schlacht. Verstummt sind die Lieder mit dumpfem Schlag, Immer noch funkelt der Sommertag ... Und noch nicht die Schlacht. Warum sind die jungen Soldaten verstört? Sie haben die Toten singen gehört, Die Toten der Schlacht. Es sangen die Toten, sie hörten's genau, Aus dem Massengrab, aus dem Drahtverhau, Das Lied von der Schlacht. Und ihm war, als hörte auch er die Toten des Weltkriegs. Ein neues Blatt, ein neues Gedicht! An den Tod Ich habe das Leben geliebt und doch nicht gelebt, Ich habe immer nach Freiheit gestrebt, Nach Schönheit gestrebt, nach Liebe und Glück, Nun bin ich am Ende und blicke zurück. Die Freiheit ist noch verborgen und grau, Das Glück ist eine verschleierte Frau, Und Liebe und Schönheit, der doppelte Stern, Ist völlig erloschen wie die Gnade des Herrn. Es gibt eine Gnade noch auf dieser Welt, Die Gnade der Ernte: dort schimmert das Feld, Auf dem für die Menschheit emporwächst das Brot: Die andere Gnade, die heißt der Tod. Tod: niemals Verwesung! Tod: Aufstand zum Licht! Tod: ewige Wandlung zu neuem Gesicht! Tod: großes Erbarmen, strahlender Fluß, Tod: vielmehr als Schicksal, du herrisches Muß! O Mensch, du mußt enden, um ewig zu sein, Du mußt dich verschwenden, um selig zu sein, Du mußt dich versenken im Wasser der Zeit, Um rauschend zu münden zur Ewigkeit! So lös ich die Kette, die mich noch hält, Leb wohl, schöne Erde, leb wohl, liebe Welt, Schon grüßen die Sterne vom anderen Strand Lebt wohl, liebe Freunde! Tod, gib mir die Hand… Noch ein Blatt hielt Bergmann vor sich, eng beschrieben wie die anderen, zusammengefaltet und ein wenig verblichen. Und der Zug fuhr und fuhr, der Schnee fiel und fiel, der Sturm heulte und heulte. Das letzte Gedicht, das der Reisende las, nannte sich Der verstummte Mund Mir hat ein Gott das Wort aus meinem Mund genommen, Wenn ich nun rede, tönt's nur innerlich, Verworren Echo, dunkel und beklommen, Wie Gräbersprache fürchterlich. Einst schrie ich auf und hob die seidenen Fahnen Verliebter Wörter in die schöne Welt, Bis an die Sterne schleiften ihre Bahnen, Bis in die Ewigkeit, das Flammenzelt. Jetzt bin ich Krüppel mit verbrannten Krücken, Ein Bettler an der Straße unsrer Zeit. Kein Wort, kein Flüstern will mir glücken: Was hilft es nun, wenn meine Seele schreit?! Noch höre ich die Welt in brausenden Gesängen, Gelächter schmerzt mich, und ein Wort bringt Not. Unausgesprochnes wird einmal mein Herz zersprengen, Dann seufze ich vielleicht und ... bin schon tot. Und nun seufzte Bergmann auch. Armer, kleiner Tobias, dachte er, was hilft es dir, wenn deine Seele schreit? Vielleicht war dein Leben und Streben im Zuge der Menschheit auch so ein Lied von der Schlacht. Die Welt ist verworren, und wir suchen sie wie die Kinder durch Zeichen und Bilder zu erklären. Ein Mensch hängt am Kreuze und singt. Das Blut tropft aus seinen Wunden und aus seinen Liedern. Und nun ist alles vorbei. Der Expreß glitt beinahe lautlos durch den Ural, der wie eine Barrikade zwischen Europa und Asien steht. Bergmann lauschte dem leisen Rhythmus der schleifenden Fahrt. Wie eine schwarze Wolke kam die Müdigkeit aus den tiefen Wäldern, in denen nun auch der Sturm schlafen gegangen war. Auch Bergmann schlief langsam ein. Über die Berge und über die Wälder fiel der Schnee. Endlos und unerschöpflich fiel der Schnee zur Erde. Es war, als sei der Himmel geborsten, es war, als lösten sich auch die Sterne auf und kämen als guter, weicher und reiner Schnee auf unsere arme, beschmutzte und blutige Erde.