Gustave Aimard Freikugel 1 Ein Jägerlager Amerika ist das Land der Wunder! Alles gelangt dort zu einer so gewaltigen Entwicklung, daß die Phantasie davor erschrickt und der Verstand stillsteht. Die Berge, Flüsse, Seen und Ströme sind nach einem erhabenen Muster gebildet. Hier erblicken wir einen Strom des nördlichen Amerika, der nicht mit der Rhône, der Donau oder dem Rhein zu vergleichen ist, deren Ufer mit Städten, Anpflanzungen oder alten, durch die Länge der Zeit verwitterten Schlössern bedeckt, deren Nebenflüsse unbedeutende Gewässer sind und deren in ein zu enges Bett gezwängte Strömung hastig dem weiten Weltmeer entgegenbraust. Sein Wasser ist tief und geräuschlos, seine Breite gleicht einem Meeresarm, sein Anblick ist stolz und streng wie die wahre Größe, und seine Fluten, die unzählige Nebenflüsse geschwellt haben, gleiten majestätisch dahin und benetzen sanft den Rand der tausend Inseln, die sich aus seinem Schlamm gebildet haben. Jene Inseln, die mit hohen Bäumen bedeckt sind, strömen einen würzigen und herrlichen Duft aus, den die Luft weiterträgt. Ihre Einsamkeit wird durch keinen anderen Laut als den sanften und klagenden Ruf der Taube oder das heisere und durchdringende Geheul des Jaguars unterbrochen, der sich unter den Schatten des Waldes lagert. Hier und da sammeln sich die Bäume, die entweder durch die Zeit verwittert oder vom Sturm entwurzelt worden sind, auf dem Wasser; dort verbinden sie sich teils durch die Gewinde der Schlingpflanzen, teils durch den Schlamm, der sich dazwischen festsetzt, und bilden schwimmende Inseln; junge Bäumchen fassen auf ihnen Wurzel, der Peitia und die Wasserlilie öffnen ihre gelben Blüten dort, Schlangen, Vögel und Alligatoren wählen jene grünen Fähren zu ihrem Tummelplatz oder Ruhepunkt und werden mit ihm vom Weltmeer verschlungen. Jener Strom hat keinen Namen! Andere, die unter derselben Breite liegen, heißen Nebraska, Platte, Missouri. Jener Strom trägt einfach den Namen Mécha-Chébé, der alte »Vater der Wässer«, der Strom der Ströme, mit einem Wort: der Mississippi! Sein Lauf ist so ausgedehnt und unbegreiflich wie die Unendlichkeit; seinen Ruf umgibt wie den Ganges und den Irawadi ein geheimnisvolles, unheimliches Dunkel, doch ist er für die zahlreichen indianischen Volksstämme, die seine Ufer bewohnen, das Urbild von Fruchtbarkeit, Unendlichkeit, Ewigkeit! Am 10. Juni des Jahres 1834 saßen zwischen zehn und elf Uhr morgens drei Männer am Ufer des Stromes, ein wenig unterhalb der Stelle, wo er sich mit dem Missouri vereinigt, und verzehrten ihr Frühstück, das aus einem Stück gebratenen Hirschfleisches bestand. Die Stelle, an der sie sich niedergelassen hatten, war eine der malerischsten, die man sich vorstellen kann. Der Strom bildete dort eine anmutig geschwungene Biegung, die von Hügeln eingefaßt war, die im reichsten Blumenschmuck prangten. Die Unbekannten hatten die Spitze des höchsten Hügels zum Ruhepunkt gewählt, von wo aus der Blick ein prachtvolles Panorama umfaßte. Zunächst breiteten sich dichtbewaldete Haine vor ihnen aus, die beim Hauch des Windes auf und ab zu wogen schienen; während sich auf den Inseln des Stromes unzählige Herden rotgeschwingter Flamingos auf ihren langen Beinen wiegten, Regenvögel und Kardinäle von Zweig zu Zweig hüpften und sich ungeheure Alligatoren träge im Schlamm wälzten. Zwischen den Inseln spiegelten sich die Sonnenstrahlen in den silbernen Fluten. Inmitten jenes blendenden Lichtscheins tummelten sich allerhand Fische auf der Oberfläche des Wassers und zogen schimmernde Furchen. Endlich zeigten sich, soweit der Blick reichen konnte, die Gipfel der Bäume, die die Prärie einfaßten und die ihre dunkelgrünen Spitzen nur wenig am fernen Horizont zeigten. Die drei Männer aber, die wir schon erwähnten, waren viel zu sehr damit beschäftigt, ihren heißhungrigen Jägermagen zu befriedigen, um sich im geringsten der Naturschönheiten zu erfreuen, die sie umgaben. Ihre Mahlzeit war übrigens nach wenigen Minuten beendet, und als die letzten Bissen verschlungen waren, zündete der eine seine indianische Pfeife an, während der andere eine Zigarre aus der Tasche zog. Hierauf streckten sie sich auf den Rasen und überließen sich mit jener Behaglichkeit, die den Rauchern eigen ist, dem Genuß einer guten Verdauung, indem sie mit träumerischen Blicken dem bläulichen Rauch folgten, der bei jedem Zug, den sie taten, in langen Säulen emporwirbelte. Der dritte hingegen lehnte sich mit dem Rücken gegen einen Baumstamm, kreuzte die Arme über die Brust und schlief höchst prosaisch ein. Wir wollen die kurze Frist benutzen, die uns die Jäger lassen, um sie dem Leser vorzustellen und ihn näher mit ihnen bekannt zu machen. Der erste war ein Kanadier von gemischter Abkunft, der etwa fünfzig Jahre alt sein mochte; er nannte sich Freikugel. Er hatte sein ganzes Leben in der Prärie und unter den Indianern zugebracht und war mit allen ihren Schlichen genau vertraut. Freikugel war wie die Mehrzahl seiner Landsleute von hoher Gestalt, denn er maß über sechs englische Fuß; seine Glieder waren hager und dürr, seine Arme großknochig, aber mit stahlharten Muskeln versehen. Sein knochiges gelbes, dreieckiges Gesicht trug den Charakter ungewöhnlicher Offenheit und Munterkeit, und seine kleinen grauen, blitzenden Augen leuchteten voll Verstand. Seine vorspringenden Backenknochen, seine Nase, die über den breiten Mund herabhing, aus dem lange und weiße Zähne schimmerten, und sein spitzes Kinn bildeten zugleich das seltsamste und ansprechendste Ganze, das sich denken läßt. In seiner Kleidung wich er in nichts von der Tracht der übrigen Waldläufer ab, d. h. sein Anzug bildete ein seltsames Gemisch indianischer und europäischer Mode, die sämtliche Jäger und weißen Trapper der Prärie angenommen haben. Seine Waffen bestanden aus einem Messer, einem Paar Pistolen und einer amerikanischen Büchse, die gegenwärtig neben ihm im Gras, aber doch im Bereich seiner Hand lag. Sein Gefährte war ein Mann von dreißig, höchstens zweiunddreißig Jahren, der jedoch kaum fünfundzwanzig zu zählen schien und hochgewachsen und Wohlgestalt war. Seine blauen Augen, deren sanfter, träumerischer Blick etwas Weibisches hatte, sowie die dicken Locken blonder Haare, die sich unter den breiten Rändern seines Panamahutes hervorstahlen und nachlässig auf seine Schultern wallten, und die weiße Farbe seiner Haut, die gegen die olivenfarbene, sonnengebräunte Färbung des Jägers grell abstach, deuteten an, daß er nicht unter dem warmen Himmel Amerikas geboren war. Jener junge Mann war ein Franzose, hieß Charles Eduard de Beaulieu und stammte von einem der ältesten Geschlechter der Bretagne ab. Die Grafen de Beaulieu haben zwei Kreuzzügen beigewohnt. Charles de Beaulieu verbarg aber unter der etwas weibischen Außenseite den Mut eines Löwen, der sich durch nichts abschrecken oder einschüchtern ließ. Er war nicht nur in allen Leibesübungen bewandert, sondern besaß überdies eine überraschende Kraft, und unter der feinen Haut seiner weißen, aristokratischen Hände schwellten sich eiserne Muskeln. In einem von jeder Zivilisation so abgeschnittenen Land hätte jedermann, der sich die Zeit genommen hätte, darüber nachzudenken, die Kleidung des Grafen sehr auffallend finden müssen. Er trug einen mit Tressen besetzten grünen Jagdrock nach französischem Schnitt, der über der Brust zugeknöpft war; safrangelbe, hirschlederne Hosen, die mittels eines Gürtels aus Glanzleder um die Hüften befestigt waren, in dem ein Paar prachtvolle Kuchenreutersche Pistolen, eine Patronentasche und ein Jagdmesser in einem Futteral von gebräuntem Stahl mit kunstvoll gearbeitetem Heft steckten; seine Reiterstiefeln reichten ihm bis über die Knie herauf. Seine Büchse mit gezogenem Lauf lag gleich der seines Gefährten auf Armeslänge neben ihm im Gras; jene reichverzierte Waffe war mit dem Namen »Lepage's« bezeichnet und mußte eine unermeßliche Summe gekostet haben. Der Graf de Beaulieu, dessen Vater den Prinzen in die Verbannung gefolgt und ihnen vorerst in der Condéschen Armee und dann in allen royalistischen Umtrieben eifrig gedient hatte, die während der Kaiserzeit unablässig im Gang waren, bekannte sich seiner politischen Gesinnung nach zu den Ultraroyalisten. Frühzeitig verwaist und Herr eines bedeutenden Vermögens, trat er zuerst unter den Musketieren und später unter der Leibgarde in militärischen Dienst. Nach dem Sturz Karls X. empfand der Graf, der seine Karriere vernichtet sah, eine tiefe Mutlosigkeit und einen unüberwindlichen Lebensüberdruß. Europa war ihm verhaßt geworden, und er beschloß, es auf immer zu meiden. Er übertrug einem zuverlässigen Mann die Verwaltung seines Vermögens und schiffte sich dann nach den Vereinigten Staaten Nordamerikas ein. Aber das enge, egoistische, kleinliche Leben in Amerika sagte ihm nicht zu, und der junge Mann konnte ebensowenig die Amerikaner begreifen wie sie ihn. In seinem Durst nach Abenteuern und mit einem Herzen, das sich von den unzähligen Niederträchtigkeiten und Treulosigkeiten, die er die Nachkommen der Pilger von Plymouth täglich begehen sah, tief verletzt fühlte, beschloß er eines Tages, sich dem traurigen Schauspiel, das sich seinen Blicken stündlich bot, dadurch zu entziehen, daß er in das Innere des Landes eindrang und die ungeheuren Steppen und Prärien durchstreifte, aus denen die Ureinwohner vertrieben worden waren, die den Verrätereien und Bübereien ihrer ränkesüchtigen Eroberer weichen mußten. Der Graf hatte aus Frankreich einen alten Diener mit herübergebracht, dessen Vorfahren bereits seit Jahrhunderten im Dienste der Familie Beaulieu gestanden hatten. Ehe sich der Graf einschiffte, teilte er Ivon Kergollec seine Pläne mit und stellte ihm frei, ob er zurückbleiben oder ihm folgen wolle; der Diener schwankte nicht lange in seiner Wahl, sondern antwortete einfach, daß sein Herr das Recht habe, zu tun, was ihm beliebe, ohne seinen Diener deshalb zu befragen, und da es andererseits unzweifelhaft die Pflicht des letzteren sei, ihm überallhin zu folgen, werde er sich dieser auch nicht entziehen. Als aber der Graf beschloß, die Prärien zu durchstreifen, hielt er es für angemessen, seinen Diener davon in Kenntnis zu setzen; er erhielt aber dieselbe Antwort wie früher. Ivon war ungefähr vierzig Jahre alt, und seine Erscheinung bot einen ziemlich vollendeten Typus des kecken, zugleich arglosen und schlauen Bauern aus der Bretagne. Sein Wuchs war klein und untersetzt, seine Glieder aber waren wohlgebildet, seine Brust breit, und sein Bau verriet überhaupt tüchtige Kraft. Sein ziegelrotes Gesicht wurde durch ein paar schlau blitzende Augen belebt, die wie Funken leuchteten. Ivon Kergollec, dessen Leben bisher in den glänzenden Räumen des Palastes der Familie Beaulieu friedlich verflossen war, hatte die ruhigen, regelmäßigen Sitten des Dieners eines vornehmen Hauses angenommen; und da er nie in die Lage gekommen war, Proben seines Mutes abzulegen, wußte er nicht, ob ihm diese Eigenschaft zu Gebote stehe. Obwohl er seinem Herrn bereits seit mehreren Monaten auf dessen Reisen folgte und sich mitunter in einer gefährlichen Lage befunden hatte, waren seine Zweifel noch keineswegs beseitigt; er zweifelte nämlich an sich selbst und war sogar fest überzeugt, daß er nicht mehr Mut habe als ein Hase. Es war daher merkwürdig genug zu sehen, wie Ivon nach einem Zusammentreffen mit den Indianern, bei dem er mit dem Mut eines Löwen gekämpft und wahre Wunder der Tapferkeit vollbracht hatte, sich demütig bei seinem Herrn entschuldigte, daß er sich so schlecht benommen habe, da er noch nicht daran gewöhnt sei, sich zu schlagen. Es versteht sich von selbst, daß ihm der Graf unter ausgelassenem Gelächter verzieh und ihn damit zu trösten suchte, denn der arme Teufel fühlte sich über seine vermeintliche Feigheit ernstlich unglücklich, hoffend, daß er wahrscheinlich beim nächstenmal besser bestehen und sich mit der Zeit an ein Leben gewöhnen werde, das so verschieden von demjenigen sei, das er bisher geführt hatte. Bei solchen Tröstungen schüttelte der würdige Diener traurig den Kopf und antwortete mit tiefer Überzeugung: »Nein, nein, Herr Graf, ich werde mir nie Mut aneignen können; ich fühle es, der Mangel an Mut ist mir angeboren, und ich bin ein unheilbarer Feigling, das weiß ich nur zu gut.« Ivon Kergollec trug eine vollständige Livree, doch war er in Anbetracht der Umstände ebenso vollständig bewaffnet wie seine Gefährten, und seine Büchse lag ebenfalls zur Hand neben ihm im Gras. Drei prächtige Pferde voll Feuer und Ungeduld standen wenige Schritte von den Reisenden, die wir eben geschildert haben, angepflockt und verzehrten sorglos ihre Mahlzeit, die aus grünen Erbsenblättern und dem jungen Bewuchs der Bäume bestand. Wir haben vergessen, zwei seltsame Gewohnheiten zu erwähnen, die Herrn de Beaulieu eigen waren. Die erste bestand darin, daß er fortwährend ein niedliches Lorgnon, das an einer schwarzen Schnur um seinen Hals hing, im rechten Auge eingeklemmt trug; zweitens trug er ständig Glacéhandschuhe, die, wie wir bekennen müssen, zum großen Bedauern des jungen Herrn anfingen, bedeutend an Glanz und Frische zu verlieren. Wie kam es, und welcher seltsame Zufall hatte es gefügt, daß Menschen, die sich durch Geburt, Gewohnheiten und Erziehung so bedeutend unterschieden, sich in einer Einöde, die über sechshundert Meilen von jedem zivilisierten Wohnort entfernt war, und am Ufer eines – wenn auch nicht völlig unbekannten, doch bisher noch unerforschten – Stromes freundschaftlich nebeneinander auf dem Rasen gelagert hatten und eine mehr als einfache Mahlzeit brüderlich miteinander teilten? Das wollen wir nun dem Leser mit wenigen Worten erklären, indem wir ihm einen Auftritt mitteilen, der sich sechs Monate früher, ehe unsere Erzählung beginnt, zugetragen hatte.   Freikugel war ein entschlossener Mann, der außer der Zeit, in der er im Dienst der Pelzwarengesellschaft stand, immer allein gejagt und getrappt hatte, denn er verachtete die Indianer zu tief, um sie zu fürchten, und es gewährte ihm einen Genuß, den der Tapfere begreifen wird, ihnen allein Trotz zu bieten, und ein unwillkürlicher Reiz trieb ihn immer wieder, sich ohne anderen Schutz als den des Allmächtigen immer neuen, noch unbekannten Gefahren auszusetzen. Die Indianer kannten und fürchteten ihn seit langer Zeit. Häufig hatten sie sich mit ihm gemessen und sich seinen Händen fast immer mit schweren Verwundungen und unter Zurücklassung einer nicht unbedeutenden Anzahl von Toten entrissen. Sie hatten daher dem Jäger einen echt indianischen Haß, den nichts versöhnen kann, geweiht, und nur der qualvolle Tod des Opfers vermochte ihrer Rache zu genügen. Weil sie aber wußten, welch einen Mann sie vor sich hatten, und kein Verlangen trugen, die Zahl der Opfer zu vermehren, die unter seiner Hand bereits gefallen waren, beschlossen sie mit jener Geduld, die ihrem Volk eigen ist, auf einen günstigen Augenblick zu warten, um sich ihres Opfers zu bemächtigen, und sich bis dahin damit zu begnügen, seine Bewegungen zu beobachten, damit er ihnen auf keinen Fall entgehe. Freikugel jagte gegenwärtig längs der Küsten des Missouri. Weil er sich beobachtet wußte und unwillkürlich vor einem Hinterhalt auf der Hut war, traf er alle Vorsichtsmaßnahmen, die ihm sein erfinderischer Geist und seine neue Kenntnis der indianischen Hinterlist eingaben. Eines Tages, als er die Küste des Flusses durchforschte, schien es ihm, als ob in einem in geringer Entfernung stehenden Gebüsch eine unmerkliche Bewegung wahrzunehmen sei. Er blieb stehen, streckte sich auf den Boden und kroch langsam auf das Gebüsch zu. Plötzlich schien der Wald bis in seine innersten, unerforschten Tiefen zu erbeben, ein Schwarm Indianer schien aus dem Boden zu wachsen, sprang von den Gipfeln der Bäume, tauchte hinter den Felsen auf, und der Jäger, buchstäblich unter seinen Feinden begraben, sah sich zu vollständiger Wehrlosigkeit verdammt, ehe er eine Bewegung hatte machen können, um sich zu verteidigen. Freikugel wurde im Nu entwaffnet; hierauf trat ein Häuptling zu ihm, reichte ihm die Hand und sagte kaltblütig: »Mein Bruder kann aufstehen, die roten Krieger erwarten ihn.« »Schon gut«, antwortete der Jäger brummend; »wir sind noch nicht zu Ende, Indianer, und ich werde mich zu rächen wissen.« Der Häuptling lächelte. »Mein Bruder gleicht dem Spottvogel«, antwortete er höhnend; »er redet zuviel.« Freikugel biß sich auf die Lippen, um einen Fluch zu unterdrücken, der ihm auf der Zunge schwebte; er stand auf und folgte seinen Bezwingern. Er war der Gefangene der Piekanns, des kriegerischsten Stammes der Schwarzfüße. Der Häuptling, der sich seiner bemächtigt hatte, war sein persönlicher Feind. Jener Häuptling nannte sich Natah-Otann, d. h. »Grauer Bär«. Es war ein Mann von höchstens fünfundzwanzig Jahren, und sein feines, intelligentes Gesicht trug das Gepräge der Ehrlichkeit. Sein hoher Wuchs, seine wohlgebildeten Glieder und sein kriegerischer Anblick machten ihn zu einem bedeutenden Mann. Sein langes schwarzes, sorgfältig gescheiteltes Haar fiel nachlässig auf seine Schultern herab. Er trug wie alle ausgezeichneten Krieger seines Volkes ein Hermelinfell am Hinterkopf und um den Hals ein Band aus Bärenklauen und Bisonzähnen – dieser sehr kostspielige Schmuck wird bei den Indianern in hohen Ehren gehalten. Sein Hemd bestand aus Bisonfell, hatte kurze Ärmel und war am Halsausschnitt mit einer Art Überschlag von scharlachrotem Tuch versehen, der mit Stacheln des Stachelschweins besetzt war; die Nähte jenes Kleidungsstückes waren mit Menschenhaaren, die den geraubten Skalps entnommen waren, bestickt; das Ganze vervollständigte eine Ausschmückung, die aus kleinen Streifen Hermelinpelz bestand. Seine Mokassins, von denen jeder eine andere Farbe hatte, prangten in der feinsten Stickerei. Sein Mantel aus Bisonfell war innen mit einer Unzahl buntfarbiger, ungestalteter Figuren bedeckt, die die Heldentaten des jungen Kriegers darstellen sollten. In der rechten Hand trug Natah-Otann einen Fächer, der aus dem vollständigen Flügel eines Adlers bestand, und am Handgelenk hing an einer Schlinge die kurze Peitsche mit langen Riemen, die den Indianern in der Prärie eigen ist; über der Schulter hingen sein Bogen und ein Köcher aus Jaguarfell, in dem seine Pfeile steckten; an seinem Gürtel hingen seine Jagdtasche, sein Pulverhorn, sein langes Jagdmesser und seine Streitaxt. Sein Schild hing über die linke Hüfte herab. Sein Flinte lag quer über dem Hals seines Pferdes, das statt des Sattels ein prachtvolles Jaguarfell trug. Das ungebändigte Kind der Wälder bot mit seinem wallenden Mantel und seinen langen, wehenden Federn auf dem ungezähmten Roß, das der Indianer gewandt zu tummeln verstand, einen ebenso ergreifenden wie großartigen Anblick. Natah-Otann war der erste Sachem seines Stammes. Er winkte dem Jäger, ein Pferd zu besteigen, das einer seiner Krieger am Zügel hielt, worauf die ganze Truppe im Galopp nach dem Lager des Stammes davonsprengte. Natah-Otann jagte zu der Zeit den Bison in den Ebenen des Missouri. Er hatte die Dörfer seines Volkes nebst 150 auserlesenen Kriegern bereits vor zwei Monaten verlassen. Der Weg wurde schweigend zurückgelegt. Der Häuptling schien sich keineswegs um seinen Gefangenen zu kümmern. Obgleich sich letzterer scheinbar unbeobachtet sah und ein vortreffliches Pferd ritt, versuchte er kein einziges Mal zu entfliehen. Er hatte seine Lage auf den ersten Blick erkannt und bemerkt, daß ihn die Indianer nicht aus den Augen verloren und ihn, wenn er flüchten wollte, sofort wieder einfangen würden. Die Piekanns hatten ihr Lager auf dem Abhang eines bewaldeten Hügels aufgeschlagen. Während zweier Tage schienen sie ihren Gefangenen vollständig vergessen zu haben, den sie mit keinem Wort anredeten. Am Abend des zweiten Tages wandelte Freikugel gleichmütig auf und ab und rauchte gelassen sein Kalumet. Natah-Otann trat zu ihm. »Ist mein Bruder bereit?« sagte er zu ihm. »Wozu?« antwortete der Jäger, indem er stehenblieb und eine gewaltige Rauchwolke von sich blies. »Zu sterben«, erwiderte der Häuptling lakonisch. »Vollkommen.« »Gut, mein Bruder wird morgen sterben.« »Meint Ihr?« erwiderte der Jäger sehr kaltblütig. Der Indianer blickte ihn einen Augenblick verwundert an, dann wiederholte er: »Mein Bruder wird morgen sterben.« »Ich habe es sehr wohl verstanden, Häuptling«, antwortete seinerseits der Kanadier lächelnd, »und ich wiederhole Euch: Meint Ihr?« »Mein Bruder kann sehen«, fügte der Sachem mit bedeutsamer Gebärde hinzu. Der Jäger schüttelte den Kopf. »Bah!« sagte er gleichgültig. »Ich sehe wohl, daß alle Vorbereitungen getroffen – und zwar gewissenhaft getroffen – sind; was ist aber damit bewiesen? Vorläufig bin ich, wie mir scheint, noch am Leben.« »Ja, aber bald wird mein Bruder tot sein.« »Wir werden ja morgen sehen«, antwortete Freikugel achselzuckend. Hierauf ließ er den Häuptling verblüfft stehen, streckte sich in den Schatten eines Baumes und schlief ein. Der Schlaf des Jägers war so wenig erheuchelt, daß die Indianer am anderen Tag gezwungen waren, ihn zu wecken. Der Kanadier öffnete die Augen, gähnte zwei- bis dreimal aus Herzensgrund und stand auf. Die Rothäute führten ihn zum Marterpfahl und banden ihn dort fest. »Nun«, wandte sich Natah-Otann hohnlachend zu ihm, »was denkt mein Bruder jetzt?« »Wie?« versetzte Freikugel mit jener unerschütterlichen Zuversicht, die sich keinen Augenblick verleugnete. »Glaubt Ihr denn, daß ich schon tot bin?« »Nein, aber in einer Stunde wird mein Bruder tot sein.« »Bah«, erwiderte der Kanadier gleichmütig, »in einer Stunde kann sich manches ereignen.« Natah-Otann entfernte sich, innerlich entzückt über die unerschrockene Haltung seines Gefangenen. Nachdem er sich einige Schritte entfernt hatte, besann er sich anders und kehrte zu Freikugel zurück. »Mein Bruder höre«, sagte er; »ein Freund redet zu ihm.« »Redet, Häuptling«, antwortete der Jäger, »ich bin ganz Ohr!« »Mein Bruder ist ein starker Mann, sein Herz ist groß«, fuhr Natah-Otann fort; »er ist ein furchtbarer Krieger.« »Darüber könnt Ihr einigermaßen urteilen, nicht wahr?« antwortete der Kanadier. Der Sachem unterdrückte eine Äußerung des Mißmuts. »Das Auge meines Bruders ist unfehlbar und seine Hand sicher«, fuhr er fort. »Sagt lieber gleich, was Ihr bezweckt, Häuptling, und ergeht Euch nicht in so vielen indianischen Umschweifen.« Der Häuptling lächelte. »Freikugel ist allein«, sagte er mit sanfter Stimme; »seine Kämpfe sind einsam. Warum hat ein so großer Krieger keine Gefährtin?« Der Jäger blickte sein Gegenüber durchdringend an. »Was kümmert es Euch?« antwortete er. Natah-Otann fuhr fort: »Das Volk der Schwarzfüße ist mächtig; die jungen Frauen des Stammes der Piekanns sind schön.« Der Kanadier fiel ihm lebhaft ins Wort: »Genug, Häuptling!« sagte er. »Trotz der Winkelzüge, deren Ihr Euch bedient habt, um mir Euren seltsamen Antrag zu machen, habe ich Euch doch durchschaut.« Natah-Otann runzelte die Brauen. Der Jäger fuhr fort: »Ich werde niemals eine indianische Frau zu meiner Gefährtin wählen. Ihr könnt Euch daher fernere Anträge ersparen, die doch zu keinem befriedigenden Resultat führen würden.« Der Häuptling stampfte zornig mit dem Fuß und schrie: »Hund von einem Bleichgesicht! Heute abend sollen meine jungen Leute Kriegspfeifen aus deinen Knochen machen, und ich selbst will Feuerwasser aus deinem Schädel trinken!« Nach dieser furchtbaren Drohung verließ der Häuptling den Jäger, der ihm achselzuckend nachblickte und in sich hineinmurmelte: »Das entscheidende Wort ist noch nicht gesprochen! Es ist nicht das erstemal, daß ich mich in einer verzweifelten Lage befinde, und bis jetzt bin ich stets davongekommen; ich wüßte nicht, weshalb ich diesmal weniger glücklich sein sollte! Ich will es mir zur Lehre dienen lassen und ein andermal vorsichtiger sein!« Der Häuptling hatte unterdessen Befehl gegeben, die Vorbereitungen zur Todesmarter zu betreiben, und diese schritten ihrer Vollendung entgegen. Freikugel folgte den Bewegungen der Indianer so neugierig und unbefangen, als handle es sich um jemand ganz anderen als ihn. »Jaja, ihr Burschen«, sagte er, »ich sehe euch wohl; ihr bereitet alle Marterwerkzeuge vor: dort ist das grüne Holz, das bestimmt ist, mich einzuräuchern wie einen Schinken; jetzt schnitzt ihr die kleinen Pflöcke, die ihr unter meine Nägel zwängen wollt. Aha«, fügte er mit vollkommen befriedigter Miene hinzu, »ihr wollt mit dem Flintenschießen anfangen; laßt sehen, ob ihr geschickt seid! Was wird das für ein Fest für euch! Wie werdet ihr euch unterhalten, einen wackeren weißen Jäger zu Tode zu martern! Der Teufel mag wissen, welche verrückten Einfälle euch noch durch den Kopf fahren werden. Beeilt euch aber, sonst könnte es sein, daß ich euch entwischte!« Während dieses Monologs hatten einige der geschicktesten Krieger des Stammes ihre Flinten erfaßt und sich ungefähr zwanzig Schritte vom Gefangenen entfernt aufgestellt. Das Schießen begann. Sämtliche Kugeln schlugen wenige Linien vor dem Gefangenen auf den Boden, und der Jäger schüttelte nach jedem Schuß den Kopf wie ein durchnäßter Pudel, was den Anwesenden zum besonderen Vergnügen gereichte. Diese Unterhaltung währte bereits einige Minuten und versprach sich noch viel länger auszuspinnen, denn die Schwarzfüße fanden zu entschiedenes Vergnügen daran; plötzlich aber sprengte ein Reiter in die Mitte der Waldlichtung und zerstreute die Indianer, die ihm in den Weg traten, mit Peitschenhieben. Hierauf nützte er die durch seine unerwartete Ankunft entstandene Bestürzung, eilte auf den Gefangenen zu, sprang vom Pferd, zerschnitt ruhig seine Fesseln, gab ihm ein Paar Pistolen und stieg wieder auf sein Tier. Das alles hatte sich in wesentlich kürzerer Zeit ereignet, als wir gebraucht haben, um es zu erzählen. »Bei Gott«, rief Freikugel vergnügt aus, »ich wußte wohl, daß ich diesmal noch nicht sterben würde!« Die Indianer lassen sich durch kein Gefühl – welcher Art es auch sein mag – lange beherrschen; nachdem sich der erste Schrecken gelegt hatte, umringten sie die beiden Männer mit Geschrei, geschwungenen Waffen und wütenden Gebärden. »Platz gemacht! Fort mit euch Schurken!« rief der Neuangekommene in befehlendem Ton, indem er diejenigen scharf mit der Peitsche züchtigte, die unvorsichtig genug waren, in seinen Bereich zu kommen. »Kommt jetzt!« fügte er, zum Jäger gewandt, hinzu. »Ich bin zufrieden«, antwortete dieser; »doch scheint mir die Sache nicht eben leicht.« »Bah! Versuchen wir unser Heil«, erwiderte der Unbekannte, indem er gelassen das Lorgnon ins rechte Auge klemmte. »Versuchen wir unser Heil!« antwortete Freikugel. – Jener Unbekannte, der von der Vorsehung bestimmt zu sein schien, den Jäger zu befreien, war kein anderer als der Graf Charles Eduard de Beaulieu, den der Leser ohne Zweifel bereits erkannt hat. »Holla!« rief der Graf mit lauter Stimme aus. »Komm hierher, Ivon!« »Hier bin ich, Herr Graf!« antwortete eine Stimme aus dem Wald. Ein zweiter Reiter kam hierauf in die Waldlichtung gesprengt und stellte sich kaltblütig neben den ersten. Der zuletzt Angekommene war Ivon Kergollec, der Kammerdiener des Grafen. Die drei Männer, die kaltblütig in der Mitte der Indianer standen, die sie heulend umringten, boten einen seltsamen Anblick. Der Graf saß mit dem Lorgnon im Auge stolz aufgerichtet auf seinem Pferd, und indem er einen hochmütigen Blick um sich warf und die Oberlippe verächtlich aufwarf, untersuchte er das Schloß seiner Büchse. Freikugel hielt in jeder Hand eine Pistole und war entschlossen, sein Leben teuer zu verkaufen, während der Diener gelassen auf den Augenblick wartete, wo er Befehl erhalten würde, auf die Wilden einzustürmen. Die Indianer, die die Unerschrockenheit der Weißen zur höchsten Wut reizte, forderten sich gegenseitig durch Gebärden und Geschrei auf, eine schnelle Rache an den Unbesonnenen zu nehmen, die sich so unvorsichtigerweise in ihre Hände geliefert hatten. »Die Indianer sind ausnehmend häßlich«, bemerkte der Graf. »Jetzt sind Sie frei, mein Freund, wir haben folglich nichts mehr hier zu suchen und können gehen.« Er schickte sich an, sich Bahn zu brechen. Die Schwarzfüße schritten vor. »Sehen Sie sich vor!« rief Freikugel aus. »Was fällt Ihnen ein?« erwiderte der Graf achselzuckend. »Die Schlingel werden es sich doch nicht etwa einfallen lassen, mir den Weg versperren zu wollen?« Der Jäger blickte ihn auf eine Weise an, die auszudrücken schien, daß er Zweifel habe, ob er einen Verrückten oder ein mit Vernunft begabtes Wesen vor sich habe, so unerhört kam ihm die Äußerung des Grafen vor. Der Graf gab seinem Pferd die Sporen. »Zum Teufel!« brummte Freikugel in sich hinein. »Er wird sich umbringen lassen; aber er ist trotzdem ein unerschrockener Patron, und ich werde ihn gewiß nicht verlassen.« Der Augenblick war allerdings entscheidend, denn die Indianer hatten sich in dichten Massen zusammengeschart und waren im Begriff, einen verzweifelten Angriff auf die drei Männer zu wagen. Ein solcher Angriff wäre auf jeden Fall entscheidend gewesen, denn die Europäer entbehrten jeden Schutzes und mußten sich vollständig den Hieben ihrer Feinde preisgeben, denen zu entkommen sie nicht hoffen konnten. Seit der Ankunft des Grafen schien der indianische Sachem wie vor Schreck gelähmt zu sein, denn er hatte sich nicht gerührt, sondern starrte vor sich hin und schien heftig bewegt zu sein. Plötzlich, als die Schwarzfüße teils ihre Flinten anlegten, teils ihre Bogen mit Pfeilen versahen, schien Natah-Otann einen Entschluß gefaßt zu haben; er stürzte vor, schwang seinen Bisonmantel in der Luft und schrie mit lauter Stimme: »Halt!« Die Indianer leisteten dem Befehl ihres Häuptlings augenblicklich Folge. Hierauf trat der Sachem drei Schritte vor, verneigte sich ehrerbietig vor dem Grafen und sagte in unterwürfigem Ton: »Mein Vater wolle seinen Kindern vergeben, sie kannten ihn aber nicht; mein Vater ist groß, seine Macht ist unermeßlich, seine Güte unendlich, und er wird vergessen, was Beleidigendes in ihrem Benehmen gelegen hat.« Freikugel hörte die Anrede verwundert an und verdolmetschte sie dem Grafen, indem er unumwunden gestand, daß ihm die Sache unbegreiflich wäre. »Es wird nichts weiter sein«, antwortete der Graf lächelnd, »als daß sie Furcht bekommen haben.« »Hm«, brummte der Jäger, »das ist nicht wahrscheinlich, dahinter steckt etwas anderes. Wie dem auch sei – wir müssen eine List gebrauchen.« Er wandte sich hierauf zu Natah-Otann und sagte: »Der große bleiche Häuptling ist mit der Ehrerbietung zufrieden, die seine roten Kinder für ihn hegen, und verzeiht ihnen.« Natah-Otann legte seine Freude an den Tag. Die drei Männer schritten durch die Reihen der Indianer, die bereitwillig zur Seite traten, und begaben sich in den Wald, ohne daß man ihren Rückzug zu hindern suchte. »Gott sei Dank!« rief Freikugel aus, sobald er sich in Sicherheit sah. »Aber«, fügte er kopfschüttelnd hinzu, »darunter steckt etwas, das ich nicht begreifen kann.« »Jetzt, mein Freund«, sagte der Graf, »steht es Ihnen frei, zu gehen, wohin Sie wollen.« Der Jäger bedachte sich einen Augenblick. »Hören Sie«, antwortete er nach einer Weile, »ich verdanke Ihnen das Leben; und obwohl ich Sie nicht kenne, scheinen Sie doch ein guter Kamerad zu sein.« »Sie beschämen mich«, erwiderte der Graf lächelnd. »Wahrlich nicht; ich sage, was ich denke. Wenn es Ihnen recht ist, wollen wir wenigstens so lange beisammen bleiben, bis ich meine Schuld abgetragen und Ihnen gleichfalls das Leben gerettet habe.« Der Graf reichte ihm die Hand und antwortete bewegt: »Ich danke Ihnen, mein Freund, und nehme Ihr Anerbieten an.« »Es gilt!« rief der Jäger vergnügt aus, indem er die dargereichte Hand herzlich drückte. Der Bund war geschlossen. Freikugel, der sich anfangs aus Dankbarkeit dem Grafen angeschlossen hatte, empfand bald eine wahrhaft väterliche Zuneigung für ihn, doch war ihm das Benehmen des jungen Mannes, der stets so handelte, wie er es in Frankreich getan haben würde, auch in der Folge ebenso unbegreiflich wie am ersten Tag, und die kecke Entschlossenheit und kräftige Handlungsweise des jungen Grafen spotteten der alten Erfahrung des Jägers. Ja es ging so weit, daß der Kanadier, der wie alle rohen Naturen abergläubisch war, sich schließlich für überzeugt hielt, daß das Leben des jungen Grafen gefeit sei, weil er wohlbehalten aus Gefahren hervorging, in denen jeder andere untergegangen wäre. Infolgedessen dünkte ihm in Begleitung eines solchen Gefährten kein Ding unmöglich, und die seltsamsten Vorschläge des Grafen erschienen ihm um so einfacher, als unbegreiflicherweise und wider alle Erwartung alle ihre Unternehmungen glückten. Die Indianer schienen sich stillschweigend entschlossen zu haben, nicht nur nicht mehr gegen sie zu kämpfen, sondern sogar jede Begegnung mit ihnen zu vermeiden. Sooft sie einem Wilden begegneten – gleichviel, von welchem Stamm –, erschöpfte er sich in Äußerungen der Ehrerbietung vor dem Grafen, den sie nur mit einer Mischung von Schrecken und Liebe anredeten. Den Grund dafür suchte der Jäger vergebens zu erforschen, weil sich nie eine Rothaut dazu verstanden hätte, ihm Rede zu stehen. – So standen die Dinge bereits sechs Monate vor dem Tag, wo wir die drei Männer am Ufer des Mississippi beim Frühstück getroffen haben. Wir nehmen den Faden unserer Erzählung wieder an der Stelle auf, wo wir ihn verlassen haben, und schließen hiermit die eingeschaltete Erklärung, die zum Verständnis der folgenden Ereignisse unerläßlich war. 2 Die Entdeckung einer Fährte Unsere drei Jäger würden wahrscheinlich ihre beschauliche Ruhe noch lange genossen haben, wenn nicht ein leises Geräusch, das vom Fluß herkam, sie plötzlich und etwas unsanft an die notwendige Wachsamkeit gemahnt hätte, die ihre Lage erforderte. »Was ist das?« fragte der Graf, indem er mit den Fingerspitzen die Asche von seiner Zigarre stieß. Freikugel schlich ins Gebüsch, schaute sich kurze Zeit um und nahm dann gelassen seinen früheren Platz wieder ein. »Nichts«, sagte er, »als zwei Alligatoren, die im Schlamm miteinander schäkern.« »So«, antwortete der Graf. Es folgte eine Pause, während der der Jäger stillschweigend die Länge der Schatten, die die Bäume auf den Boden warfen, berechnete. »Es ist zwölf Uhr vorüber«, sagte er. »Glauben Sie?« erwiderte der Graf. »Ich glaube es nicht, sondern bin dessen gewiß, Herr Graf.« Herr de Beaulieu richtete sich auf. »Lieber Freikugel«, sagte er, »ich habe Sie schon wiederholt gebeten, mich weder ›Herr‹ noch ›Graf‹ zu nennen. Wir stehen hier doch wahrlich nicht in Paris oder in einem Salon des Faubourg Saint-Germain. Wozu sind wir in der Wildnis, umgeben von jener großartigen Natur, wenn mich der aristokratische Titel bis hierher verfolgen soll? Wenn mich Ivon Herr Graf nennt, so finde ich es natürlich, denn einem so alten Diener würde es schwerfallen, eine so langjährige Gewohnheit abzulegen. Mit Ihnen ist es aber etwas anderes, Sie sind mein Freund und Genosse; nennen Sie mich daher Charles oder Eduard, nach eigener Wahl; nur verbitte ich mir künftig zwischen uns den Grafen.« »Gut«, antwortete der Jäger, »ich werde mir Mühe geben, Herr Graf.« »Hol Sie der Teufel! Da fangen Sie schon wieder an!« rief der junge Mann lachend aus. »Sie können, wenn es Ihnen zu schwer fällt, mich bei meinem Taufnamen zu rufen, mich auch so nennen, wie es die Indianer tun.« »Welcher Einfall!« versetzte Freikugel abwehrend. »Wie heißt denn gleich der Ehrentitel, den sie mir beigelegt haben, Freikugel? Ich habe es schon vergessen.« »Ach, Herr, ich werde mir nie erlauben –« »Was?« »Eduard, wollte ich sagen –« »Gut, das klingt schon besser«, erwiderte der junge Mann lächelnd; »ich bestehe aber auf jenem Beinamen.« »Man nennt Sie ›Gläsernes Auge‹.« »Richtig, Gläsernes Auge«, antwortete der junge Mann mit herzlichem Lachen. »Man muß gestehen, daß jene Indianer ganz originelle Einfälle haben.« »Die Indianer«, erwiderte Freikugel, »sind nicht so arglos, wie Sie glauben, sondern besitzen eine wahrhaft teuflische Arglist.« »Ach, schweigen Sie doch, Freikugel; ich habe Sie stets im Verdacht gehabt, eine kleine Schwäche für die Rothäute zu hegen.« »Können Sie das von mir behaupten, der ich ihr unversöhnlichster Feind bin und bereits seit beinahe vierzig Jahren mit ihnen kämpfe?« »Das ist ja, weiß Gott, der einfache Grund, weshalb Sie Ihre vierzigjährigen Feinde in Schutz nehmen.« »Wie meinen Sie das?« fragte der Jäger, den diese Antwort überraschte, die er keineswegs erwartet hatte. »Mein Gott, der Grund ist einfach genug! Will doch niemand mit einem Feind zu tun haben, der seiner unwürdig ist; und es ist daher natürlich, daß Sie die Ehre derjenigen retten wollen, die Sie Ihr Leben lang bekämpft haben.« Der Jäger schüttelte den Kopf. »Mein Herr Eduard«, sagte er bedächtig, »die Rothäute sind Leute, die man erst nach langen Jahren kennenlernt. Sie vereinigen in sich nicht nur die Schlauheit des Opossums ihrer Wälder, sondern auch die Vorsicht der Schlange und den Mut des Jaguars; in einigen Jahren werden Sie sie nicht mehr verachten.« »So Gott will, Kamerad«, entgegnete der Graf lebhaft, »habe ich die Prärie vor Ablauf des Jahres verlassen. Jaja, ich bin ein Freund der Zivilisation und sehne mich nach den Pariser Boulevards, Bällen, Festen und der großen Oper. Die Wildnis ist keineswegs für mich gemacht.« Der Jäger schüttelte wieder den Kopf und fuhr in einem schwermütigen Ton, der dem Grafen unwillkürlich auffiel, fort, mehr mit sich selbst redend als dem Grafen antwortend. »Jaja, so sind die Europäer; sobald sie in der Wildnis anlangen, sehnen sie sich nach dem Leben der zivilisierten Welt, denn die Vorzüge der Einöde lernt man erst allmählich schätzen; wenn man aber den Wohlgeruch der Steppen eingeatmet, während langer Nächte das Geflüster der hundertjährigen Bäume und das Geheul der wilden Tiere in den Urwäldern gehört, die unerforschten Pfade der Prärie betreten und die großartige Natur bewundert hat, die keiner Kunst ihren Reiz verdankt, sondern allenthalben das Gepräge der Hand Gottes trägt, dessen Walten sich in unauslöschlichen Zügen ausspricht; wenn man endlich den erhabenen Schauspielen beigewohnt hat, die sich dem Auge hin und wieder darbieten, faßt man allmählich eine Zuneigung zu jener geheimnisvollen Welt voll seltsamer Abenteuer, die Augen öffnen sich für die Wahrheit, und man wird unwillkürlich gläubig; und nachdem man die Lügen der Zivilisation abgestreift, durch alle Poren die reine Luft der Berge und Prärien eingesogen hat und völlig umgewandelt ist, lernt man Gefühle kennen, die einen bisher unbekannten Reiz besitzen, erfreut sich berauschender Genüsse und erkennt keinen anderen Herrn an als den Gott, vor dessen Größe man so klein erscheint. Man vergißt alles, um für immer ein Wanderleben zu führen und in der Wildnis bleiben zu können, denn nur dort fühlt man sich frei und glücklich, wird mit einem Wort zum Menschen! Ja, reden Sie, was Sie wollen, Herr Graf; was Sie auch immer tun – Sie sind jetzt der Wildnis verfallen. Sie haben deren Freuden und Leiden empfunden und können ihr nicht mehr entfliehen! Sie werden weder Frankreich noch Paris so bald wiedersehen, denn die Wildnis hält Sie wider Willen gefangen.« Der junge Mann hörte die lange Rede des Jägers mit einer Bewegung an, deren er sich nicht erwehren konnte. Er erkannte innerlich, daß der Waldläufer zwar übertreibe, im Grunde aber doch recht habe, und war fast erschrocken, das so unbeschränkt einräumen zu müssen. Er wußte nicht, was er antworten sollte, und mußte sich stillschweigend für besiegt erklären; er brach daher den Gegenstand der Unterhaltung plötzlich ab. »Sie sagten, mein Freund«, bemerkte er, »daß es zwölf Uhr vorüber sei.« »Ungefähr ein Viertel auf eins«, antwortete der Jäger. Der Graf zog seine Uhr. »Ganz recht«, erwiderte er. »Ja«, fuhr der Jäger fort, indem er mit dem Finger auf die Sonne deutete, »das ist die einzig untrügliche Uhr, die nie vorgeht oder zurückbleibt, denn Gott selbst hat sie geordnet.« Der junge Mann nickte bejahend mit dem Kopf. »Wollen wir wieder aufbrechen?« fragte er. »Warum denn jetzt?« antwortete der Kanadier. »Es drängt uns ja nichts.« »Das ist wahr; sind Sie aber auch gewiß, daß wir uns nicht verirrt haben?« »Verirrt?« rief der Jäger verwundert aus und hatte fast Lust, sich zu ereifern. »Nein, nein, das ist unmöglich, und ich stehe Ihnen dafür, daß wir den Itascasee noch vor acht Tagen erreichen werden.« »Entspringt der Mississippi wirklich aus jenem See?« »Ja, denn trotz aller Gegenbehauptungen ist der Missouri nur der Hauptarm des Stromes, und die Gelehrten würden besser getan haben, sich zuvor selbst davon zu überzeugen, ehe sie aussprengten, daß der Missouri und der Mississippi zwei verschiedene Ströme seien.« »Wir werden es nicht ändern können, Freikugel«, antwortete der Graf lachend, »daß sich die Gelehrten aller Zeiten und Länder stets gleichbleiben werden. Da sie alle von Natur sehr bequem sind, verläßt sich fortwährend einer auf den anderen, und daraus entstehen die unzähligen Albernheiten, die sie mit bewunderungswürdiger Zuversicht verbreiten. Wir müssen uns drein ergeben.« »Die Indianer lassen sich nicht täuschen.« »Ganz recht; die Indianer sind aber keine Gelehrten.« »Nein, sie begnügen sich, selbst nachzusehen, und behaupten nur, was sie wissen.« »Das meine ich eben«, antwortete der Graf. »Wenn Sie meinem Rat folgen, Herr Eduard, so bleiben wir noch einige Stunden hier, um die stärkste Hitze abzuwarten, und brechen erst wieder auf, wenn die Sonne anfängt zu sinken.« »Vollkommen einverstanden; fahren wir also fort zu ruhen. Ivon scheint übrigens unsere Ansicht zu teilen, denn er hat sich noch nicht von der Stelle gerührt.« Der Bretone schlief in der Tat tief und fest. Der Graf war aufgestanden, und ehe er sich wieder hinstreckte, warf er unwillkürlich einen Blick auf die Ebene, die sich still und majestätisch zu seinen Füßen ausbreitete. »Schau«, rief er plötzlich aus, »was geht denn da unten vor sich? Sehen Sie doch, Freikugel!« Der Jäger stand auf und blickte nach der vom Grafen angedeuteten Richtung. »Nun? Sehen Sie nichts?« fuhr der junge Mann fort. Freikugel legte die Hand vor die Augen, um die Sonnenstrahlen abzuwehren, und blickte, ohne zu antworten, aufmerksam in die Ferne. »Nun?« fragte der Graf wieder nach einer Weile. »Wir sind nicht mehr allein«, entgegnete Freikugel; »es sind Menschen da.« »Wieso Menschen? Wir haben ja keine indianische Fährte gefunden.« »Ich habe nicht gesagt, daß es Indianer wären«, antwortete Freikugel. »Nun, auf solche Entfernung dürfte es Ihnen vermutlich schwerfallen, zu sagen, wer es ist.« Freikugel lächelte. »Sie legen fortwährend Ihren Maßstab aus der zivilisierten Welt an, mein Herr Eduard«, antwortete er. »Was soviel heißt...?« fragte der junge Mann, der sich durch die Bemerkung innerlich verletzt fühlte. »Was soviel heißt, als daß Sie sich fast immer irren.« »Bei Gott, lieber Freund, Sie werden mir – abgesehen von meinem Unglauben – wohl zugestehen, daß es auf eine solche Entfernung unmöglich ist, irgendeinen Gegenstand zu unterscheiden; besonders wenn man nichts sieht als etwas weißlichen Rauch!« »Und ist das nicht genug? Glauben Sie denn, daß der Rauch immer das gleiche Ansehen habe?« »Das scheint mir ein subtiler Unterschied zu sein, und ich muß bekennen, daß in meinen Augen jede Rauchwolke der anderen gleicht.« »Darin liegt eben der Irrtum«, antwortete der Kanadier mit großer Kaltblütigkeit. »Und wenn Sie erst einige Jahre in der Prärie verlebt haben werden, lassen Sie sich gewiß nicht mehr auf solche Weise täuschen.« Herr de Beaulieu blickte ihn scharf an, denn er war überzeugt, daß sich der Jäger über ihn lustig mache. Jener fuhr gelassen fort: »Was wir dort unten sehen, ist weder ein Indianer- noch ein Jägerfeuer, sondern rührt von Weißen her, die an das Leben der Prärie noch nicht gewöhnt sind.« »Das werden Sie mir erklären, nicht wahr? Denn es klingt unglaublich.« »Ich bin zufrieden, und Sie werden bald zugeben müssen, daß ich recht habe. Merken Sie wohl auf, Herr Eduard, denn der Gegenstand ist wichtig.« »Ich höre, mein Freund.« »Es wird Ihnen jedenfalls bekannt sein«, fuhr der Jäger mit unerschütterlicher Ruhe fort, »daß das, was man die Wildnis nennt, sehr bevölkert ist.« »Gewiß«, antwortete der junge Mann lächelnd. »Nun wohl, aber die schlimmsten Feinde in den Prärien sind nicht die reißenden Tiere, wohl aber die Menschen. Die Indianer und die Jäger wissen das auch so gut, daß sie eifrig bemüht sind, die Spuren ihrer Gegenwart zu vertilgen und ihre Nähe zu verbergen.« »Das gebe ich zu.« »Wohlan; wenn also die Rothäute oder die Jäger genötigt sind, ein Feuer anzubrennen – entweder um ihre Nahrungsmittel zu bereiten oder sich vor der Kälte zu schützen –, so wählen sie sorgfältig das Holz, dessen sie sich bedienen wollen, und gebrauchen die Vorsicht, nur trockenes Holz zu verbrennen.« »Warum das lieber als jedes andere, das sehe ich nicht ein.« »Sie werden es sogleich begreifen. Das trockene Holz gibt nur einen bläulichen Rauch, der sich leicht mit dem Blau des Himmels verbindet, wodurch er selbst in geringer Entfernung unsichtbar bleibt. Das nasse Holz hingegen entwickelt einen weißlichen, dicken Rauch, der die Nähe derjenigen, die es angezündet haben, schon von weitem verrät; daher konnte ich aus dem bloßen Rauch bestimmen, wie ich es eben getan habe, daß jene Leute dort unten Weiße sind, und zwar solche Weiße, die die Prärie nicht kennen, sonst hätten sie nicht versäumt, sich des trockenen Holzes zu bedienen.« »Das ist wahrlich merkwürdig genug, und ich muß mich selbst davon überzeugen.« »Was denken Sie zu tun?« »Nun, ich will ganz einfach sehen, welche Leute das sind, die jenes Feuer angezündet haben.« »Weshalb sollten Sie sich die Mühe geben, da ich es Ihnen sage?« »Wohl möglich; ich tue es aber zu meiner eigenen Überzeugung, denn seitdem wir beisammen sind, mein Freund, erzählen Sie mir so ungewöhnliche Dinge, daß ich ein für allemal wissen möchte, was ich davon zu halten habe.« Ohne die Einwände des Kanadiers anzuhören, weckte der junge Mann seinen Diener. »Was wünschen Sie, Herr Graf?« fragte dieser, sich die Augen reibend. »Die Pferde! Schnell, Ivon!« Der Bretone stand auf und sattelte die Pferde. Der Graf schwang sich in den Sattel, der Jäger folgte kopfschüttelnd seinem Beispiel, und alle drei sprengten rasch den Abhang hinunter. »Sie werden sehen, Herr Eduard«, sagte Freikugel, »Sie werden sehen, daß ich recht hatte.« »Das soll mich freuen; doch bin ich neugierig, mit eigenen Augen zu schauen.« »Tun wir das, da Sie es wünschen. Erlauben Sie mir nur, vorauszureiten; denn da wir nicht wissen, welche Leute wir vor uns haben, ist es geraten, auf der Hut zu sein.« Damit stellte sich der Kanadier an die Spitze des kleinen Zuges. Das Feuer, das der Graf von der Anhöhe aus bemerkt hatte, war keineswegs so nahe, wie er gemeint hatte; der Jäger war fortwährend genötigt, kreuz und quer im hohen Gras zu gehen, um den Büschen und dem Gestrüpp auszuweichen, die ihnen den Weg von allen Seiten versperrten, wodurch der Weg verlängert wurde und sie fast zwei Stunden zubrachten, ehe sie das Ziel ihrer Wanderung erreichten. Als sie endlich in geringer Entfernung des Feuers angekommen waren, das die Neugierde des Herrn de Beaulieu so lebhaft erregt hatte, blieb der Kanadier stehen und winkte seinen Begleitern, ein Gleiches zu tun. Diese gehorchten. Freikugel sprang nun vom Pferd, reichte Ivon den Zügel seines Tieres, ergriff die Büchse mit der Rechten und sagte: »Ich gehe auf Entdeckung aus.« »Gehen Sie«, antwortete der junge Mann kurz. Herr de Beaulieu war ein Mann von bewährtem Mut, doch hatte er, seitdem er sich in der Prärie aufhielt, eingesehen, daß einem Feind gegenüber, der sich nur der Hinterlist und des Verrats bedient, der Mut ohne Vorsicht Torheit wäre. Er entsagte daher allmählich seinen früheren ritterlichen Ansichten und fing an, den Brauch der Wildnis anzunehmen, denn er hatte einsehen gelernt, daß bei einem Hinterhalt derjenige im Vorteil ist, der die Gegner, die ihm der Zufall zuführt, zuerst entdeckt. Der Graf erwartete also geduldig die Rückkehr des Jägers, der sich geräuschlos in das Gebüsch geschlichen hatte und nach der Richtung des Feuers verschwunden war. Er mußte ziemlich lange warten. Endlich entstand nach ungefähr einer Stunde eine Bewegung in den Zweigen, und Freikugel trat von der entgegengesetzten Seite als der, von der er eingedrungen war, aus dem Gebüsch. Jenes Feuer in der Ferne hatte den alten Waldläufer sehr beschäftigt, sobald es ihm der Graf von der Höhe des Hügels aus zeigte. Er war kaum allein, als er – dem alten Sprichwort gemäß, das lautet: »Von einem gegebenen Punkt zu einem anderen ist die krumme Linie die kürzeste«, dessen Wahrheit sich in der Prärie nie verleugnet – einen weiten Bogen machte, um womöglich die Spur der Leute zu entdecken, die er beobachten wollte, um daraus ungefähr schließen zu können, welche Art von Menschen er vor sich habe. In der Wildnis fürchtet man nichts so sehr als das Zusammentreffen mit Menschen. Jeder Unbekannte wird auf den ersten Blick als Feind betrachtet; man redet sich daher in der Regel schon aus der Entfernung an, während man die Flinte anlegt und den Hahn spannt. Freikugel bemerkte mit jenem sicheren Blick, den er sich durch sein Leben in den Steppen erworben hatte, einen Kreis im Rasen, wo das Gras verwelkt und niedergetreten war, und er durfte daraus den gewissen Schluß ziehen, daß es die Stelle sei, wo die unbekannten Reisenden vorübergekommen waren. Bald stand der Jäger, der sich fortwährend gebückt hielt, um nicht aufgespürt zu werden, am Rand einer etwa vier Fuß breiten Furche, deren anderes Ende sich in einem nahen Urwald verlor. Nachdem sich der Kanadier die nötige Zeit gegönnt hatte, um ein wenig zu verschnaufen, stemmte er den Kolben seiner Büchse auf den Boden und fing an, die tief in die Erde gedrückte Spur ernstlich zu betrachten. Die Musterung währte ungefähr zehn Minuten, worauf er lächelnd den Kopf hob, seine Büchse über die Schulter warf und gelassen zu der Stelle zurückkehrte, wo er seine Gefährten verlassen hatte, ohne sich nur die Mühe zu nehmen, bis zu dem Feuer hinzugehen. Die kurze Untersuchung war hinreichend gewesen, ihn vollkommen zu unterrichten; er wußte alles, was er zu wissen verlangte. »Nun, Freikugel, was bringen Sie Neues?« fragte der Graf, als er ihn erblickte. »Die Leute, deren Feuer wir gesehen haben, sind amerikanische Auswanderer, Schanzgräber, die ihr Zelt in der Wildnis aufschlagen. Es ist eine Familie, die aus sechs Personen – vier Männern und zwei Frauen – besteht. Sie haben einen Wagen bei sich, der ihr größeres Gepäck enthält, und eine ziemlich bedeutende Anzahl Vieh.« »Steigen Sie wieder aufs Pferd, Freikugel, wir wollen die wackeren Leute willkommen heißen in der Wildnis!« Der Jäger blieb unbeweglich stehen und stützte sich nachdenklich auf seine Büchse. »Nun, mein Freund, haben Sie mich nicht verstanden?« fuhr der Graf fort. »Gewiß, Herr Eduard, ich habe Sie vollkommen verstanden; doch habe ich neben den Spuren der Auswanderer andere bemerkt, die mir verdächtig vorkommen, und ich würde vorschlagen, erst die Gegend zu durchspähen, ehe wir uns in ihr Lager wagen.« »Was sind das für Spuren, mein Freund?« fragte der junge Mann eifrig. »Nun«, antwortete der Jäger, »Sie wissen doch, daß sich die Rothäute mit Recht oder Unrecht die Könige der Wildnis nennen und die Anwesenheit der Weißen auf keine Weise dulden wollen.« »Ich muß gestehen, daß ich Ihnen darin nicht unrecht geben kann. Seit der Entdeckung Amerikas sind sie durch die Weißen aus allen ihren Ländereien vertrieben und in die Wildnis gedrängt worden. Sie haben daher vollkommen recht, wenn sie diesen letzten Zufluchtsort verteidigen.« »Ich bin vollkommen Ihrer Meinung, Herr Graf, und finde, daß die Wildnis nur von den Indianern und den Jägern betreten werden sollte; die Amerikaner sind unglücklicherweise anderer Ansicht und verlassen fortwährend ihre Städte, um in das Innere einzudringen, sich bald hier, bald dort niederzulassen und die fruchtbarsten und am reichsten mit Wildbret gesegneten Landstriche an sich zu reißen.« »Was können wir dagegen tun, mein Freund?« erwiderte der Graf lächelnd. »Es ist ein unabwendbares Übel und muß eben ertragen werden. Aber bis jetzt sehe ich nicht, was Sie mit jenen gewiß sehr treffenden, aber gegenwärtig etwas fern liegenden Betrachtungen bezwecken, und ich werde mich freuen, wenn Sie sich deutlicher aussprechen wollen.« »Das soll sogleich geschehen: An den Spuren habe ich erkannt, daß ein Indianertrupp der Fährte nachspürt und wahrscheinlich nur auf eine passende Gelegenheit wartet, um die Auswanderer abzuschlachten.« »Teufel! Das klingt ja bedenklich«, entgegnete der junge Mann. »Wahrscheinlich haben Sie die wackeren Leute vor der Gefahr gewarnt, die ihnen droht?« »Ich? Keineswegs; ich habe nicht mit ihnen gesprochen, ja sie nicht einmal gesehen.« »Wie? Sie haben sie nicht gesehen?« »Nein; sobald ich die Fährte der Indianer erkannt hatte, bin ich eiligst umgekehrt, um mich mit Ihnen zu beraten.« »Sehr schön; aber wenn Sie nicht bis zum Lager gegangen sind, wie konnten Sie wissen, daß es amerikanische Auswanderer, daß es sechs Personen – vier Männer und zwei Frauen – wären, kurz, wie haben Sie mir eine so genaue und bestimmte Beschreibung geben können?« »Das war leicht genug, glauben Sie mir«, antwortete der Jäger bescheiden. »Die Wildnis ist ein Buch, das die Hand Gottes geschrieben hat; und für denjenigen, der es zu lesen versteht, enthält es keine Geheimnisse. Ich habe die Spuren nur kurze Zeit prüfen müssen, um alles zu wissen, was ich Ihnen gesagt habe.« Herr de Beaulieu blickte den Jäger verwundert an, denn obwohl er bereits seit sechs Monaten in der Prärie lebte, begriff er doch die Art Sehergabe noch nicht, die den Jäger in die Lage versetzte, alles zu enträtseln, was ihm dunkel blieb. »Aber«, sagte er, »vielleicht sind jene Indianer, deren Spur Sie entdeckt haben, ganz harmlose Jäger?« Freikugel schüttelte den Kopf. »Unter den Indianern gibt es keine harmlosen Jäger«, sagte er. »Besonders dann nicht, wenn sie die Fährte der Weißen verfolgen. Jene Indianer gehören drei Raubstämmen an, und ich bin verwundert, sie beisammen zu finden. Wahrscheinlich haben sie etwas Ungewöhnliches vor, und das Niedermetzeln der Auswanderer wird wahrscheinlich nur Nebensache sein.« »Was sind es für Indianer? Glauben Sie, daß es deren viele sind?« Der Jäger bedachte sich eine Weile. »Der Trupp, den ich entdeckt habe, ist wahrscheinlich nur die Vorhut einer größeren Anzahl«, antwortete er. »Soviel ich glaube, sind es deren höchstens vierzig; aber die Krieger der Rothäute marschieren mit der Geschwindigkeit einer Antilope; es ist unmöglich, sie genau zu zählen. Der gegenwärtige Trupp besteht aus Komantschen, Schwarzfüßen und Sioux oder Dakotas – das sind die drei kriegerischsten Stämme der Prärie.« »Ja«, bemerkte der Graf nach einigem Nachdenken, »wenn es jene Satane wirklich auf die Auswanderer abgesehen haben – wie es allerdings den Anschein hat –, scheinen mir die armen Amerikaner in einer unerfreulichen Lage zu sein.« »Wenn kein Wunder geschieht, sind sie verloren«, versicherte der Jäger. »Was ist zu tun? Wie sollen wir sie warnen?« »Sehen Sie sich vor, Herr Eduard, was Sie beginnen.« »Wir können aber doch nicht zugeben, daß Menschen unserer Farbe beinahe unter unseren Augen abgeschlachtet werden; das wäre niederträchtig!« »Ja, es wäre aber eine unverantwortliche Torheit, wenn wir uns zu ihnen gesellen wollten. Bedenken Sie doch, daß wir nur drei sind.« »Ich weiß es wohl«, erwiderte der junge Mann nachdenklich; »trotzdem werde ich nicht zugeben, daß wir jene armen Menschen verlassen, ohne wenigstens zu versuchen, ihnen beizustehen.« »Hören Sie, wir können nur eins tun, und vielleicht wird uns Gott helfen.« »Heraus damit, und fassen Sie sich kurz, mein Freund, denn die Zeit drängt!« »Aller Wahrscheinlichkeit nach haben uns die Indianer noch nicht ausgewittert, obwohl sie sich nicht weit von uns aufhalten müssen. Wir wollen vor allen Dingen nach der Stelle zurückkehren, wo wir gefrühstückt haben, weil man von dort aus die ganze Prärie überblicken kann. Die Indianer überfallen ihre Feinde nie vor vier Uhr morgens. Wir müssen uns ruhig verhalten und sie, sobald sie die Auswanderer angreifen, im Rücken anfallen. Wahrscheinlich werden sie über die unerwartete Hilfe, die die Amerikaner erhalten, so verwundert sein, daß sie die Flucht ergreifen; denn die Dunkelheit der Nacht wird ihnen nicht gestatten, uns zu zählen, und sie werden niemals glauben, daß drei Männer unsinnig genug sind, sie auf solche Weise anzufallen.« »Das ist bei Gott ein guter Einfall«, antwortete der Graf lachend, »und eines so tapferen Jägers wie Freikugel vollkommen würdig. Kehren wir also auf unseren Posten zurück, und halten wir uns auf alle Fälle bereit.« Der Kanadier schwang sich wieder in den Sattel, worauf die drei Männer den Rückweg antraten. Freikugel nötigte sie aber, seiner Gewohnheit gemäß unzählige Umwege zu machen; wahrscheinlich in der Absicht, ihre Verfolger irrezuführen für den Fall, daß sie ihre Fährte aufspüren sollten. Sie erreichten den Gipfel der Anhöhe in dem Augenblick, wo die Sonne eben am Horizont verschwand. Beim Schein der letzten Strahlen der Abendsonne schimmerten alle Gegenstände in wechselnden Reflexen, die allmählich schwächer wurden. Der Wind hatte sich erhoben und fing an, die schlanken Wipfel der hohen Bäume zu bewegen. Das Geschrei der Hirsche, das Gebrüll der Bisons und das kurze Gebell der gelben Wölfe, deren dunkle Gestalten hier und da am Ufer des Stromes auftauchten, waren bereits mit dem dumpfen Knurren der Jaguare vermischt. Der Himmel verdunkelte sich mehr und mehr und fing bereits an, sich mit funkelnden Sternen zu schmücken. Die drei Jäger setzten sich auf den Gipfel des Hügels und wählten dieselbe Stelle, die sie vor wenigen Stunden verlassen hatten, um nicht wieder dahin zurückzukehren, und trafen die Vorbereitungen zu ihrer Abendmahlzeit. Die Vorbereitungen waren bald beendet, denn die Vorsicht gebot ihnen, kein Feuer anzuzünden, da dieses den unsichtbaren Augen, die sicher in ihrer Nähe lauerten, ihre Nähe sofort verraten haben würde. Während sie einige Bissen Pemmikan (das getrocknete und pulverisierte Fleisch des Bisons) genossen hatten, hefteten sie ihre Blicke auf das Lager der Auswanderer, deren Feuer in der Dunkelheit vollkommen sichtbar war. »Was meinen Sie?« fragte Freikugel. »Sind es nicht Leute, die vom Leben in der Wildnis nicht das geringste verstehen? Sie würden sich sonst wohl hüten, ein Feuer anzuzünden, das den Indianern auf zehn Meilen im Umkreis sichtbar ist.« »Dieses Leuchtfeuer wird dazu dienen, uns zu leiten, wenn wir ihnen zu Hilfe kommen«, bemerkte der Graf. »Gebe Gott, daß es nicht vergeblich sei!« Nach beendeter Mahlzeit forderte der Jäger den Grafen und seinen Diener auf, einige Stunden zu schlafen. »Für den Augenblick haben wir nichts zu fürchten; lassen Sie mich für alle wachen, meine Augen sind daran gewöhnt, die Dunkelheit zu durchdringen.« Der Graf ließ es sich nicht zweimal sagen; er wickelte sich in seinen Mantel und streckte sich auf den Boden. Zwei Minuten später waren beide – sowohl er als Ivon – fest eingeschlafen. Freikugel setzte sich unter einen Baum und zündete seine Pfeife an, um sich die Langeweile der Nachtwache auf seine Weise zu vertreiben. Plötzlich neigte er sich vor, drückte das Ohr an den Erdboden und schien aufmerksam zu lauschen. Sein geübtes Ohr hatte einen fast unmerkbaren Laut vernommen, der aber allmählich näher zu kommen schien. Der Jäger lud geräuschlos seine Büchse und wartete. Nach ungefähr einer Viertelstunde ließ sich ein leises Rauschen im Gebüsch vernehmen, die Zweige teilten sich, und ein Mann trat heraus. Jener Mann war Natah-Otann, der Sachem der Piekanns. 3 Die Auswanderer Als der Jäger auf Entdeckung ausging, hatte ihn seine alte Erfahrung nicht getrogen, und die Spuren, die er entdeckt hatte, rührten wirklich von einer Familie Auswanderer her. Da diese berufen ist, in unserer Erzählung eine gewisse Rolle zu spielen, wollen wir den Leser mit ihr bekannt machen und so kurz wie möglich erklären, durch welche Verkettung von Ereignissen sie gegenwärtig ihr Lager in den Prärien des oberen Mississippi oder, um mit den Gelehrten zu sprechen, an den Ufern des Missouri aufgeschlagen hat. Die Geschichte eines Auswanderers ist die Geschichte aller. Es sind alles Leute, die eine zahlreiche Familie zu erhalten haben und sich in Verlegenheit befinden, wie sie ihren Kindern eine selbständige Existenz gründen sollen; entweder wegen der schlechten Beschaffenheit des Bodens, den sie bebauen, oder weil die Bevölkerung in solchem Grad zunimmt, daß jener Boden nach wenigen Jahren sehr bedeutend im Preis steigt. Seit einigen Jahren ist der Mississippi zur Hauptverkehrsstraße für die Reise nach und von allen Marktplätzen der Alten und der Neuen Welt geworden. Jedes Schiff, das vorüberfährt, bietet den neuen Ansiedlern Gelegenheit, sich entweder durch Tausch oder gegen Geld die unentbehrlichsten Bequemlichkeiten des Lebens verschaffen zu können. Die Ansiedler haben sich daher zu beiden Seiten des Stromes ausgebreitet, der die Wasserstraße der Auswanderer ist, da diese die Aussicht haben, an den Ufern nicht nur gutes Land zu finden, sondern dieses auch eine Reihe von Jahren steuerfrei behalten zu können. Für den Nordamerikaner hat das Wort Heimat in dem Sinne, wie wir es verstehen, keine Bedeutung, denn er ist nicht wie unsere Bauern seit Jahren an dieselbe Scholle gefesselt, die der ganzen Familie als Wohnort gedient hat. Der Boden hat nur in dem Grad Wert für ihn, als er Nutzen daraus zieht; sobald aber dessen Kraft erschöpft ist und sich der Kolonist vergebens bemüht hat, ihm die frühere Fruchtbarkeit wiederzugeben, ist sein Entschluß sofort gefaßt. Er entledigt sich der zu umfangreichen oder zu schwer zu transportierenden Gegenstände, behält an Dienern, Pferden und Hausgeräten nur das Allernötigste, nimmt Abschied von seinen Nachbarn, die ihm die Hand drücken – als ob eine solche Reise das einfachste Ding der Welt wäre -, und bricht an einem schönen Frühlingsmorgen beim Aufgang der Sonne munter auf, nachdem er der Stelle, wo er nebst seiner Familie so lange gelebt hat, einen letzten gleichgültigen Blick zugeworfen hat. Seine Gedanken schweifen bereits in die Ferne; er weiß von keiner Vergangenheit mehr, denn nur die Zukunft lächelt ihm verheißungsvoll entgegen und stärkt seinen Mut. Man kann sich nichts Einfacheres, Malerischeres und Ungekünstelteres denken als die Abreise einer Auswandererfamilie: Die Pferde sind an die Karren gespannt, auf denen die Betten und die kleinsten Kinder aufgeladen sind, während an den Seiten das Spinnrad und der Webstuhl befestigt sind und hinten ein Eimer voll Talg oder Teer hängt. Quer über den Wagen liegen die Beile, und in der Krippe der Pferde klappern Kessel und Kasserolle bunt durcheinander. Unter dem Wagen sind die Zelte und die Mundvorräte an Stricken befestigt. Darin besteht das Mobiliarvermögen des Auswanderers. Der älteste Sohn oder ein Diener setzt sich auf das vorderste Pferd und die Frau des Auswanderers auf das andere. Der Familienvater schreitet mit seinen Söhnen, die Flinte über der Schulter tragend, bald vor, bald hinter dem Wagen und wacht nebst den nachfolgenden Hunden über das Vieh und die Sicherheit der Familie im allgemeinen. So reisen sie langsam durch ein unerforschtes Land, auf abscheulichen Straßen, die sie sich größtenteils selbst bahnen müssen; so trotzen sie der Kälte, der Hitze, dem Regen und dem Sonnenschein, kämpfen mit Indianern und reißenden Tieren, sehen bei jedem Schritt fast unüberwindliche Hindernisse vor sich, lassen sich aber durch keine Gefahr aufhalten, durch keine scheinbare Unmöglichkeit entmutigen. Fast immer müssen sie monatelang wandern, doch hegen sie im Grunde ihres Herzens den unerschütterlichen Glauben an ihren Glücksstern, bis sie endlich einen Ort entdecken, der ihnen die Bedingungen des Gedeihens bietet, die sie so lange suchen. Aber ach! Wie viele Familien haben die amerikanischen Städte voll Hoffnung und Mut verlassen und sind verschwunden, ohne eine andere Spur ihrer Gegenwart zu hinterlassen als ihr gebleichtes Gebein und die Trümmer ihrer Geräte. Die Indianer liegen stets am Eingang der Wildnis auf der Lauer, überfallen die Karawanen, hauen die Auswanderer erbarmungslos nieder und schleppen Frauen und junge Mädchen in die Sklaverei. Auf solche Weise rächen sie sich an den Auswanderern für die Schändlichkeiten, deren Opfer sie seit undenklichen Zeiten gewesen sind, und setzen zu ihren Gunsten den mörderischen Kampf fort, den die Weißen bei ihrer Ankunft in Amerika begonnen haben und der seither ununterbrochen fortgedauert hat. John Bright gehörte zu jener Klasse von Auswanderern, die wir eben geschildert haben. Eines Tages, vor etwa vier Monaten, hatte er sein baufälliges Haus verlassen, seine geringe Habe auf einen Karren gepackt und sich nebst seiner Familie – die aus seiner Frau, seiner Tochter, seinem Sohn und zwei Dienern bestand, die das Schicksal ihrer Herrschaft teilen wollten – auf die Wanderschaft begeben. Seitdem hatten sie nicht wieder gerastet. Sie setzten ihre Wanderung entschlossen fort, bahnten sich mit der Axt einen Weg durch die Urwälder und hatten fest beschlossen, so lange weiter durch die Wildnis zu ziehen, bis sie einen günstigen Ort zu einer neuen Niederlassung gefunden hätten. Zu der Zeit unserer Erzählung war die Auswanderung weit seltener als jetzt, wo die kürzliche Entdeckung der Metallager in Kalifornien und am Fraserstrom eine solche Auswanderungssucht unter den Menschen verbreitet hat, daß sich die Alte Welt zugunsten der Neuen mehr und mehr entvölkert. Das Gold ist ein Magnet, der die Eigenschaft hat, ohne Unterschied jung und alt, Männer und Frauen anzuziehen, die sich durch die trügerische Hoffnung blenden lassen, sich mit geringer Anstrengung in kurzer Zeit ein Vermögen zu erwerben. Es war daher von seiten John Brights eine seltene Keckheit, sich ohne Aussicht auf irgendwelche Hilfe in ein bisher noch unerforschtes Land zu wagen, das obendrein in den Händen der Indianer war. John Bright war aus Virginia gebürtig. Er war ein Mann von ungefähr fünfzig Jahren und von mittlerer Größe, dessen kräftiger Bau aber eine ungewöhnliche Kraft verriet; seine Züge erschienen sehr gewöhnlich, zeichneten sich aber durch einen Ausdruck seltener Festigkeit und Entschlossenheit aus. Seine Frau, die zehn Jahre jünger war als er, schien ein frommes, sanftes Geschöpf zu sein, und obwohl die Anstrengungen und Sorgen schon lange tiefe Furchen in ihre Stirn gegraben hatten, konnte ein Beobachter in ihrem Gesicht noch immer die Spuren großer Schönheit entdecken. William Bright, der Sohn des Auswanderers, war eine Art Riese, denn er maß über sechs englische Fuß. Er war zweiundzwanzig Jahre alt, von wahrhaft herkulischer Gestalt, und sein gutmütiges rundes, von dichtem, rötlichblondem Haar umgebenes Gesicht war das Bild von Offenheit und Munterkeit. Diana Bright, seine Schwester, bildete den grellsten Gegensatz zu ihm. Sie war ein zartes, kaum sechzehnjähriges Mädchen, dessen tiefblaue Augen ein Widerschein des Himmels zu sein schienen, dessen zarte, ätherische Erscheinung sowie die sinnende Stirn und der lachende Mund zugleich an das Weib und an den Engel mahnte und dessen wunderbare Schönheit auf den ersten Blick blendete, während die ersten Worte, die von den Rosenlippen des Mädchens fielen, alle Herzen gewannen. Diana war der Abgott der Familie, der von allen angebetete Liebling, und mit einem Blick oder einem Lächeln beherrschte sie die rauhen Naturen, die sie umgaben und die keinen anderen Lebenszweck zu kennen schienen, als ihren geringsten Wünschen zuvorzukommen. Sam und James, die beiden Diener, waren gute, ehrliche Bauern aus Kentucky. Sie besaßen ungewöhnliche Kraft und außerordentliche Gewandtheit, und unter einer harmlosen, beinahe etwas albernen Miene verbargen sie große Schlauheit. Jene wackeren, noch jungen Leute – der eine war erst sechsundzwanzig und der andere kaum dreißig Jahre alt – waren im Hause John Brights aufgewachsen und hatten ihrem Herrn eine unverbrüchliche Treue gewidmet, von der sie schon während der Dauer der Reise häufige Beweise gegeben hatten. Als John sein Haus verließ, um fruchtbareres Land zu suchen, hatte er den beiden Männern vorgeschlagen, ihn zu verlassen, weil er sie den Gefahren des unsicheren Lebens, das er beginnen wollte, nicht aussetzen mochte; beide hatten aber verneinend den Kopf geschüttelt und auf alle Gegenvorstellungen einfach geantwortet, daß es ihre Pflicht sei, ihrer Herrschaft zu folgen, wohin sie auch gehe, und daß sie bereit seien, diese bis ans Ende der Welt zu begleiten. Der Auswanderer sah sich genötigt, sich einem so entschieden ausgesprochenen Entschluß zu fügen, und gab ihnen den Bescheid, daß sie mitgehen sollten, da es ihr Wille wäre. Damit war zwischen dem Herrn und den Dienern alles abgemacht. Seit jener Zeit betrachtete man aber die beiden treuen Menschen nicht mehr wie Diener, sondern wie Freunde, und behandelte sie als solche. Übrigens gleicht nichts die Standesunterschiede besser aus als das Bestehen gemeinschaftlicher Gefahren, und die Familie John Brights hatte seit vier Monaten deren unzählige erlebt. Der Auswanderer führte eine unzählige Menge Vieh bei sich, wodurch sich nicht vermeiden ließ, daß sie trotz aller angewandten Vorsicht sehr sichtbare Spuren zurückließen, und infolgedessen lief die Karawane fortwährend Gefahr, von den Indianern angefallen zu werden. Sie hatten jedoch bis zu dem Augenblick, wo wir ihnen begegnen, noch nichts Besonderes dieser Art überstanden. Zuweilen waren sie zwar heftig erschreckt worden, doch hatten sich die Indianer stets in gemessener Entfernung gehalten, und zwar feindselige Bewegungen gemacht, doch ohne diesen weitere Folgen zu geben. Während der ersten Wochen ihrer Reise hatten die Auswanderer, die die Gewohnheiten der Rothäute nicht kannten, in großer Angst gelebt, als sie die Karawane von diesen fortwährend umschwärmt sahen, da sie jeden Augenblick erwarteten, von jenen grausamen Feinden – von deren Taten sie Beispiele gehört hatten, die den Tapfersten mit Schauder erfüllten – angegriffen zu werden. Allmählich aber gewöhnten sie sich, wie es immer zu geschehen pflegt, an die fortwährenden Drohungen, und obwohl sie mit der größten Vorsicht auf ihre Sicherheit bedacht waren, hatten die Gefahren, die sie anfangs so sehr fürchteten, aufgehört, sie zu schrecken, ja sie waren fast geneigt, diese zu verachten, und überließen sich dem Glauben, daß ihre ruhige und entschlossene Haltung die Rothäute eingeschüchtert habe und letztere nicht wagen würden, handgemein mit ihnen zu werden. An dem Tage aber, wo wir ihnen begegnet sind, empfanden sie fast unwillkürlich eine gewisse Unruhe; es schien, als ob sie eine geheime Ahnung von der großen Gefahr hätten, die ihnen drohte. Die Indianer, die gewöhnlich – wie gesagt – die kleine Truppe in der Entfernung eines Büchsenschusses umschwärmten, waren plötzlich unsichtbar geworden. Sie hatten keinen einzigen von ihnen erblickt, seitdem sie ihr letztes Lager verlassen hatten, doch flüsterte ihnen eine unheilverkündende, innere Stimme zu, daß ihre Feinde – wenn auch unsichtbar - nicht nur in der Nähe, sondern wahrscheinlich zahlreicher seien als je zuvor. Die Auswanderer verlebten daher den Tag in trüber, schweigsamer Stimmung; sie schritten mit spähenden Blicken und aufmerksamen Ohren nebeneinanderher und hielten ihre Flinten schußfertig. Übrigens wagten sie nicht, sich gegenseitig ihre Befürchtungen mitzuteilen, sondern wanderten, wie die Spanier sagen, »mit dem Kinn auf der Achsel« weiter, gleich Menschen, die fortwährend darauf gefaßt sind, angegriffen zu werden. Der Tag verstrich indessen, ohne daß ihre Befürchtungen im geringsten bestätigt wurden. Bei Sonnenuntergang befanden sich die Reisenden am Fuß eines jener zahlreichen Hügel, die wir früher erwähnt haben und die an jener Stelle die Ufer des Stromes in so großer Anzahl einfaßten. John Bright winkte seinem Sohn, der den Karren lenkte, anzuhalten, abzusteigen und zu ihm zu kommen. Während sich die beiden Frauen besorgt umsahen, standen die vier Männer in geringer Entfernung beisammen und redeten eifrig miteinander. »Kinder«, sagte John Bright zu seinen Begleitern, die ihn aufmerksam anhörten, »der Tag ist zu Ende; dort unten geht die Sonne hinter den Bergen unter, es ist daher Zeit, an die Nachtruhe zu denken. Unsere Tiere sind ermüdet, wir selbst müssen frische Kräfte schöpfen, um dem morgigen Tagwerk gewachsen zu sein; ich bin daher unmaßgeblich der Meinung, daß wir wohl tun werden, die wenige Zeit, die uns noch bleibt, zu nützen, um unser Lager aufzuschlagen.« »Ja«, antwortete James, »wir haben eine Anhöhe vor uns, auf deren Gipfel wir uns leicht niederlassen können.« »Und die wir«, fiel ihm William ins Wort,, »binnen wenigen Stunden in eine fast unüberwindliche Festung verwandeln können.« »Es wird ein saures Stück Arbeit sein, den Karren da hinaufzubringen«, entgegnete der Vater kopfschüttelnd. »Es ist nicht so schwer, wie Ihr meint, Master Bright«, bemerkte Sam. »Wir müssen uns nur ein wenig Mühe geben.« »Wieso?« »Wir brauchen ja den Karren nur abzuladen«, erwiderte der Diener. »Das ist wahr; sobald er leer ist, wird es leicht genug sein, ihn hinaufzuschaffen.« »Aber«, wandte William ein, »glaubst du denn, Vater, daß es so sehr nötig ist, uns soviel Mühe zu geben? Eine Nacht ist bald vorüber, und ich glaube, daß wir besser täten, zu bleiben, wo wir sind. Die Stellung ist vortrefflich, und es sind nur wenige Schritte bis zum Strom, wo wir unser Vieh tränken können!« »Nein, hier dürfen wir nicht bleiben! Der Ort ist hier zu frei und bietet uns keinen Schutz, wenn uns die Indianer angreifen sollten.« »Die Indianer?« rief der junge Mann lachend aus. »Wir haben ja den ganzen Tag keinen einzigen zu Gesicht bekommen!« »Ja, du hast recht, William, die Rothäute sind verschwunden. Wenn ich aber sagen soll, was ich denke, so gestehe ich, daß mir gerade das unbegreiflich ist und Sorge macht.« »Warum das, Vater?« »Sie werden sicher einen Hinterhalt aufgestellt haben, weil sie sich so versteckt halten, und wollen uns nicht verraten, welche Richtung sie eingeschlagen haben.« »Glaubst du das wirklich, Vater?« antwortete der junge Mann sorglos. »Ich bin davon überzeugt!« antwortete der Auswanderer ernst. Die beiden Diener nickten zustimmend. »Du wirst mir verzeihen, Vater«, antwortete der junge Mann, »wenn ich deine Ansichten nicht teile. Ich bin im Gegenteil überzeugt, daß die roten Teufel, die uns schon so lange verfolgen, endlich eingesehen haben, daß bei uns nichts zu holen ist als Schläge; und als vorsichtige Leute haben sie es aufgegeben, uns länger zu verfolgen.« »Nein, nein, mein Sohn, du irrst dich! Das ist es nicht.« »Erlaube mir«, fuhr der junge Mann mit einiger Wärme fort, »dir eine Entgegnung zu machen, die dich, wie ich glaube, zu meiner Meinung bekehren wird.« »Rede, mein Sohn! Wir stehen hier, um unsere Ansichten offen auszusprechen und uns der vernünftigsten anzuschließen. Das Wohlergehen aller steht auf dem Spiel, es handelt sich um das Heil der Familie, und ich würde es in einer so ernsten Angelegenheit nicht verzeihen, wenn ich einen guten Rat mißachtete, gleichviel, von wem er kommt. Rede daher ohne Furcht!« »Du weißt, mein Vater«, antwortete der junge Mann, »daß die Indianer andere Begriffe von Ehre haben als wir; das heißt, wenn sie nicht mit Gewißheit von dem Gelingen eines Unternehmens überzeugt sind, schämen sie sich nicht, es aufzugeben, weil sie vor allen Dingen nach Gewinn trachten.« »Das weiß ich alles, mein Sohn; ich begreife aber nicht, was du damit sagen willst.« »Du wirst mich gleich verstehen. Seit bereits zwei Monaten verfolgen uns die Rothäute von Tagesanbruch, wo wir unsere Wanderung antreten, bis zum Untergang der Sonne, wo wir haltmachen, ohne daß es nur einen Augenblick möglich gewesen wäre, die unbequemen Nachbarn, denen keine unserer Bewegungen entgeht, loszuwerden.« »Ganz recht«, sagte John Bright. »Was folgerst du aber daraus, mein Sohn?« »Mein Gott, etwas sehr Einfaches: Sie haben gesehen, daß wir fortwährend auf unserer Hut sind und sie geschlagen werden würden, wenn sie uns angreifen wollten; deshalb haben sie sich zurückgezogen. Das ist alles.« »Unglücklicherweise, mein Sohn, hast du einen Umstand vergessen.« »Welchen?« »Folgenden: Die Indianer sind in der Regel weniger gut bewaffnet als die Weißen; sie scheuen sich daher, diese anzugreifen, besonders, wenn sie es mit einer gleichen Anzahl als der ihrigen zu tun haben und sich der Feind hinter Karren und Warenballen verschanzen kann. Hier ist das keineswegs der Fall, und die Indianer haben, seitdem sie uns verfolgen, oft genug Gelegenheit gehabt, uns zu zählen, was sie sicher bereits getan haben.« »Ja«, bestätigte Sam. »Sie wissen mithin, daß wir nur vier sind; sie sind hingegen fünfzig, wenn nicht noch mehr; was können vier Männer bei allem Mut gegen eine so bedeutende Mehrheit ausrichten? Nichts! Das wissen die Rothäute recht gut und werden sich demgemäß benehmen; das heißt, sie werden sich bei der ersten passenden Gelegenheit unserer bemächtigen.« »Aber ...«, entgegnete der junge Mann. »Noch einen Umstand hast du nicht bedacht«, fiel ihm John Bright eifrig ins Wort; »daß nämlich die Indianer, wie groß oder gering ihre Anzahl auch sein mag, den Feind niemals aufgeben, ohne wenigstens einmal versucht zu haben, ihn zu überfallen.« »Das wundert mich allerdings«, antwortete William, »daß sie es bis jetzt nicht versucht haben. Übrigens gebe ich dir recht, Vater; wenn auch jene Vorsichtsmaßregeln zu weiter nichts dienen sollten, als unsere Mutter und Schwester zu beruhigen, was wir nicht versäumen dürfen.« »Richtig bemerkt, mein Sohn«, antwortete der Auswanderer. »Gehen wir also ungesäumt an die Arbeit!« Die Männer traten auseinander, warfen ihre Flinten über die Schultern und waren emsig mit den Vorbereitungen zum Aufschlagen des Lagers beschäftigt. Sam sammelte mit Hilfe der Hunde das Vieh und trieb es zur Tränke nach dem Fluß. Während dieser Zeit war John zum Karren zurückgekehrt. »Nun, mein Freund«, fragte ihn seine Frau, »wozu der Aufenthalt und die lange Beratung? Ist etwas Neues vorgefallen?« »Nichts besonders Bedenkliches, Lucy«, antwortete der Auswanderer. »Wir wollen das Lager aufschlagen, weiter nichts.« »Ach Gott – ich weiß nicht warum, aber ich fürchtete, daß ein Unglück geschehen wäre.« »Im Gegenteil: Wir sind ruhiger, als wir es seit langer Zeit gewesen sind.« »Wieso, Vater?« fragte Diana, indem sie das liebliche Gesicht hinter dem leinenen Verdeck hervorsteckte, wo sie sich bisher verborgen gehalten hatte. »Die abscheulichen Indianer, vor denen du dich so sehr fürchtest, Diana, haben sich endlich entschlossen, uns zu verlassen; wir haben während des ganzen Tages keinen einzigen erblickt.« »Desto besser!« rief das junge Mädchen vergnügt aus, wobei es die niedlichen Hände zusammenschlug. »Ich gestehe, daß ich keinen Mut habe, und jene häßlichen roten Männer haben mir keine geringe Furcht verursacht.« »Nun, ich hoffe sehr, daß du sie nie wiedersehen wirst«, entgegnete John Bright aufgeräumt, obwohl er selbst an die tröstenden Worte, die er seiner Tochter sagte, nicht glaubte. »Jetzt aber«, fügte er hinzu, »steigt ein wenig aus, damit wir den Karren abladen können.« »Den Karren abladen?« rief die alte Dame verwundert aus. »Warum das?« »Es wäre möglich«, antwortete ihr Mann, der ihr den wahren Grund nicht entdecken wollte, »daß wir einige Tage hierblieben, um das Vieh rasten zu lassen.« »Ach so«, sagte sie. Hierauf stieg sie nebst ihrer Tochter aus. Kaum waren die Frauen abgestiegen, als sie auch schon anfingen, den Wagen abzuladen. Diese Arbeit dauerte beinahe eine Stunde. Sem hatte Zeit gehabt, das Vieh von der Tränke zurückzubringen und auf dem Gipfel des Hügels einzupferchen. »Hier werden wir also lagern?« fragte Mrs. Bright. »Ja«, antwortete ihr Mann. »Komm her, Diana«, sagte die Mutter. Die Frauen beluden sich mit einigen Küchengeräten und erstiegen den Hügel, wo sie sich, nachdem sie ein Feuer angezündet hatten, anschickten, die Mahlzeit zu bereiten. Sobald der Karren abgeladen war, schoben ihn die beiden Diener mit Hilfe Williams an, während John Bright bei den Pferden stand und anfing, diese anzutreiben. Der Abhang war ziemlich steil. Mit Hilfe der kräftigen Tiere und der Geduld der Männer, die nach jedem Schritt Klötze hinter die Räder legten, gelang es, das Fuhrwerk hinaufzubringen. Das übrige war bald geschehen. In weniger als einer Stunde war das Lager in folgender Weise errichtet: Mit den Ballen, die sie bei sich führten, und den Stämmen umgeschlagener Bäume bildeten die Auswanderer einen weiten Kreis, in dessen Mitte das Vieh angebunden wurde, worauf man ein Zelt zum Schutz für die Frauen aufschlug. Nachdem die Arbeit soweit beendet war, warf John Bright einen befriedigten Blick um sich. Seine Familie war vorderhand vor einem Überfall gesichert; und so wie die Ballen und die Baumstämme verteilt waren, konnten die Auswanderer geschützt auf ihre Feinde schießen und sich für den Fall eines Angriffs ziemlich lange Zeit mit Erfolg verteidigen. Die Sonne war bereits seit einer Stunde untergegangen, als sämtliche Vorbereitungen beendet waren. Die Abendmahlzeit stand bereit. Die Amerikaner lagerten sich im Kreis um das Feuer und verzehrten ihr Abendbrot mit der gesunden Eßlust von Menschen, die so vertraut sind mit der Gefahr, daß sie selbst in der bedenklichsten Lage der Appetit nicht verläßt. Nach beendeter Mahlzeit sprach John Bright wie gewohnt das Gebet; die Anwesenden standen mit entblößtem Haupt da und hörten das Gebet voll Andacht an; nachdem dieses beendet war, zogen sich die beiden Damen in das für sie bestimmte Zelt zurück. »Jetzt«, bemerkte John Bright, »müssen wir wachsam sein; die Nacht ist dunkel, der Mond geht erst spät auf, und ihr wißt, daß die Indianer ihre Angriffe besonders des Morgens unternehmen, wo gewöhnlich der Schlaf am festesten ist.« Man deckte das Feuer zu, damit dessen Schein nicht genau verrate, an welcher Stelle sich das Lager befinde, und die beiden Diener streckten sich nebeneinander auf den Rasen, wo sie bald einschliefen, während Vater und Sohn an entgegengesetzten Punkten des Lagers über die allgemeine Sicherheit wachten. 4 Natah-Otann, der Graue Bär In der Prärie war alles ruhig, und kein Laut unterbrach die Stille der Wildnis. Bei der plötzlichen Erscheinung Natah-Otanns verriet Freikugel – wie groß seine innere Bewegung auch sein mochte – dem Indianer gegenüber kein Zeichen der Unruhe. Das Gesicht des Jägers blieb vollkommen ruhig, und kein Muskel zuckte. »Aha!« sagte er. »Ich heiße den Sachem der Piekanns willkommen. Erscheint er als Freund oder als Feind?« »Natah-Otann kommt, um sich am Feuer seiner bleichen Brüder niederzulassen und das Kalumet mit ihnen zu rauchen«, antwortete der Häuptling, indem er einen durchdringenden Blick um sich warf. »Gut; ich werde, wenn der Häuptling kurze Zeit warten will, das Feuer sogleich anzünden.« »Freikugel kann es anzünden, der Häuptling wird warten. Er hat mit den Bleichgesichtern zu reden; die Unterhaltung wird lange dauern.« Der Kanadier blickte die Rothaut durchdringend an, aber der Indianer zeigte sich ebenso gefaßt wie er, und es war unmöglich, in seinen Zügen etwas zu lesen. Der Jäger sammelte etliche Bündel trockenen Holzes, schlug Feuer an, und bald loderte die helle Flamme von der Höhe des Hügels gen Himmel. Der Indianer trat vor das Feuer, kauerte sich davor nieder, zog sein Kalumet und fing gelassen an zu rauchen. Freikugel, der sich nicht beschämen lassen wollte, folgte daher in allen Dingen und mit ebenso vortrefflich erheucheltem Gleichmut seinem Beispiel, und die beiden Männer saßen sich eine Weile schweigend gegenüber und bliesen sich dichte Rauchwolken entgegen. Natah-Otann brach zuerst das Schweigen. »Der bleiche Jäger ist ein Krieger«, sagte er. »Warum sucht er sich zu verbergen wie eine Wasserratte?« Freikugel hielt es für geraten, jene Bemerkung nicht zu beachten, und fuhr gelassen fort zu rauchen, wobei er einen verstohlenen Seitenblick auf seinen Gast warf. »Die Schwarzfüße besitzen das Auge des Adlers«, fuhr Natah-Otann fort; »ihre scharfen Augen entdecken alles, was in der Prärie vorgeht.« Der Kanadier nickte zustimmend, antwortete aber nicht. Der Häuptling fuhr fort: »Natah-Otann hat die Spuren seiner Freunde, der Bleichgesichter, gesehen, sein Herz hat vor Freuden in seiner Brust gebebt, und er ist zu ihnen gekommen.« Freikugel zog langsam das Pfeifenrohr aus dem Mund, drehte den Kopf zu dem Indianer, musterte ihn eine Weile genau und antwortete endlich: »Ich wiederhole meinem Bruder, daß er willkommen ist. Ich weiß, daß er ein großer Häuptling ist, und ich bin glücklich, ihn zu sehen.« »Uah!« rief der Indianer mit schlauem Lächeln aus. »Ist mein Bruder wirklich so erfreut über meine Gegenwart, wie er sagt?« »Warum nicht, Häuptling?« »Mein Bruder grollt den Schwarzfüßen, weil diese ihn an den Marterpfahl gebunden haben.« Der Kanadier zuckte verächtlich die Achseln und antwortete kalt: »Welcher Einfall, Häuptling! Weshalb sollte ich Euch und Eurem Volk grollen? Krieg ist Krieg – ich habe Euch nichts vorzuwerfen. Ihr habt mich umbringen wollen – ich bin Euch entwischt; wir sind also quitt.« »Gut, mein Bruder. Ist das die Wahrheit, und habt Ihr wirklich vergessen?« fragte der Häuptling mit einiger Wärme. »Warum nicht?« antwortete der Kanadier sorglos. »Mein Zunge ist nicht gespalten; die Worte, die mein Mund redet, kommen aus meinem Herzen! Ich habe die Behandlung, die ich bei Euch erduldet habe, nicht vergessen – ich müßte lügen, wenn ich das behaupten wollte –, doch habe ich sie vergeben.« »Oché; mein Bruder ist großherzig und großmütig.« »Nein, ich bin nur ein Mann, der die indianischen Sitten kennt, das ist alles. Ihr habt nicht mehr, nicht weniger getan, als die übrigen Rothäute im gleichen Fall getan hätten; ich kann Euch daher nicht grollen, weil Ihr getan habt, wie Eure Natur Euch trieb.« Es folgte eine Pause; die beiden Männer fingen wieder an zu rauchen. Der Indianer brach das Schweigen abermals zuerst. »Mein Bruder ist also ein Freund?« fragte er. »Und Ihr?« fragte der Jäger, indem er eine Frage mit einer anderen beantwortete. Der Häuptling erhob sich voll Würde und schlug seinen Bisonmantel auseinander. »Würde ein Feind auf solche Weise kommen?« fragte er in sanftem Ton. Der Kanadier konnte sich einer Bewegung des Erstaunens nicht erwehren: der Schwarzfuß hatte keine Waffen; sein Gürtel war leer; er hatte nicht einmal ein Skalpmesser bei sich. Gewöhnlich trennen sich die Indianer nie von dieser Waffe. Freikugel reichte ihm die Hand. »Schlagt ein, Häuptling!« sagte er. »Ihr seid ein Ehrenmann. Redet jetzt – ich höre. Wollt Ihr vielleicht vorher einen Schluck Feuerwasser?« »Das Feuerwasser ist ein schlechter Ratgeber«, antwortete der Häuptling lächelnd; »es nimmt den Indianern den Verstand. Natah-Otann trinkt es nicht!« »Nun, ich sehe, daß ich mich in bezug auf Euch nicht getäuscht habe, und das freut mich. Redet, meine Ohren stehen offen.« »Was ich Freikugel zu sagen habe, darf kein anderes Ohr hören.« »Meine Freunde schlafen fest, Ihr könnt ungescheut reden; aber selbst, wenn sie nicht schliefen, wißt Ihr ja, daß sie Eure Sprache nicht verstehen.« Der Indianer schüttelte den Kopf. »Das Gläserne Auge weiß alles«, antwortete er; »der Häuptling redet nicht in seiner Nähe.« »Wie Ihr wollt, Häuptling; nur muß ich bemerken, daß ich Euch nichts zu sagen habe, es Euch daher vollkommen freisteht, zu reden oder zu schweigen.« Natah-Otann schien eine Weile zu zaudern, dann fuhr er fort: »Freikugel wird seinen Freund an das Ufer des Flusses begleiten und dort die Worte des Häuptlings der Schwarzfüße anhören.« »Und«, wandte der Jäger ein, »wer wird unterdessen über die Sicherheit meiner Begleiter wachen? Nein, nein«, fügte er hinzu, »das kann ich nicht tun, Häuptling! Die Rothäute besitzen die Schlauheit des Opossums; während ich am Fluß bin, könnten meine Freunde überfallen werden. Wer steht mir für ihre Sicherheit?« Der Indianer stand auf. »Das Wort eines Häuptlings!« sagte er mit Stolz und begleitete diese Worte mit einer würdevollen Gebärde. Der Kanadier blickte ihn aufmerksam an. »Hört, Rothaut«, sagt er, »ich zweifle keineswegs an Eurer Ehrlichkeit; nehmt mir daher nicht übel, was ich sagen will.« »Ich höre, was mein Bruder zu sagen hat«, antwortete der Indianer. »Ich muß über meine Gefährten wachen. Da Ihr durchaus geheim mit mir reden wollt, bin ich bereit, Euch zu folgen; aber unter einer Bedingung: daß ich nämlich meine Waffen mit mir nehmen kann. Auf solche Weise bin ich für den Fall einer möglichen Gefahr, die man in der Prärie nie voraussehen kann, imstande, mich zu wehren und mein Leben teuer zu verkaufen. Seid Ihr damit zufrieden, so bin ich bereit, Euch zu folgen; im anderen Fall aber nicht.« »Gut«, sagte der Indianer lächelnd, »mein bleicher Bruder hat recht: Ein echter Jäger trennt sich nie von seinen Waffen; Freikugel mag seinem Freund folgen.« »So gehen wir«, antwortete der Kanadier entschlossen, indem er seine Büchse über die Schulter warf. Natah-Otann fing an, den Abhang hinabzugleiten, indem er sich geräuschlos durch Büsche und Bäume wand. Der Kanadier trat buchstäblich in seine Fußstapfen. Obwohl der Jäger den Schein der größten Zuversicht annahm, unterließ er trotzdem nicht, die Umgebung genau zu durchspähen und auf jedes Geräusch zu lauschen. In der Wildnis herrschte aber die tiefste Stille. Der Mécha-Chébé strömte majestätisch über sein Bett von goldgelbem Sand; zuweilen zeigten sich hier und da dunkle Gestalten – das waren die reißenden Tiere, die ans Wasser zur Tränke kamen. Kaum zwei Stunden von ihnen glimmte ein verlöschendes Feuer auf einer Anhöhe, und sie sahen es zuweilen zwischen den Ästen der Bäume aufblitzen. Natah-Otann blieb an der äußersten Spitze einer kleinen Landzunge stehen, die sich ziemlich tief ins Wasser erstreckte. Jene Stelle war fast aller Vegetation beraubt, und der Blick konnte ungehindert weit über die Prärie schweifen und die geringste Bewegung in der Wildnis wahrnehmen. »Ist der Jäger mit der Stelle zufrieden?« fragte der Häuptling. »Vollkommen«, erwiderte Freikugel, wobei er den Kolben seiner Büchse auf den Boden stützte und beide Hände über deren Mündung kreuzte. »Ich bin bereit, die Mitteilung meines Bruders entgegenzunehmen.« Der Indianer schritt mit gekreuzten Armen und gesenktem Kopf, wie in tiefe Betrachtungen versunken, auf dem Sand auf und ab. Der Jäger folgte ihm mit den Blicken und erwartete gleichmütig, daß er sich ausspreche. Man konnte leicht bemerken, daß sich der Indianer mit einem jener kecken Pläne trug, die die Wilden häufig entwerfen; aber er wußte nicht, wie er anfangen sollte. Der Jäger beschloß, ein Ende zu machen. »Mein Bruder hat mich veranlaßt, mein Lager zu verlassen, und mich aufgefordert, ihm zu folgen«, sagte er. »Ich habe eingewilligt. Will er jetzt nicht reden, wo wir fern von jedem menschlichen Ohr sind, so mag er es mir sagen, damit ich zu meinen Begleitern zurückkehre.« Der Indianer blieb vor ihm stehen. »Nein«, erwiderte er, »mein Bruder soll bleiben. Die Stunde ist gekommen, wo wir uns miteinander aussprechen müssen. Liebt mein Bruder das Gläserne Auge?« Der Jäger blickte sein Gegenüber spottend an. »Wozu die Frage?« fragte er. »Ich glaube, daß es dem Häuptling gleichgültig sein kann, ob ich denjenigen, den er das Gläserne Auge zu nennen beliebt, liebe oder nicht.« »Ein Häuptling verschwendet seine Zeit nicht mit leeren Worten«, sagte der Indianer. »Die Worte, die seine Lippen reden, sind stets einfach und auf ein bestimmtes Ziel gerichtet; mein Bruder antworte mir daher so unumwunden, wie ich frage.« »Ich wüßte nicht, warum ich mich dessen weigern sollte. Ja, ich liebe das Gläserne Auge, und zwar nicht nur, weil er mein Leben gerettet hat, sondern weil er einer der rechtschaffensten Männer ist, die ich je gekannt habe.« »Gut! Mein Bruder wird ohne Zweifel wissen, in welcher Absicht das Gläserne Auge die Prärie durchstreift?« »Keineswegs; ich bekenne Euch, Häuptling, daß ich über den Punkt in der größten Unwissenheit schwebe. Ich vermute nur, daß er, des Lebens in den Städten überdrüssig, hergekommen ist, um seine Seele durch den Anblick der großartigen Natur und durch die erhabenen Klänge der Wildnis zu erfrischen.« Der Indianer schüttelte den Kopf. Die Bedeutung und der poetische Schwung der Worte des Jägers waren für ihn verloren – er verstand ihn nicht. »Natah-Otann ist ein Häuptling«, sagte er. »Seine Zunge ist nicht gespalten; die Worte, die seine Lippen reden, sind klar wie das Blut in seinen Adern. Warum redet der Jäger nicht seine Sprache?« »Ich beantworte Eure Frage, Häuptling, das ist alles. Meint Ihr etwa, daß ich meinen Freund über seine etwaigen Absichten, die mich ja nichts angehen, ausgefragt habe? Ich glaube nicht das Recht zu haben, im Herzen eines Menschen nach den Gründen zu forschen, die ihn zum Handeln treiben.« »Gut! Mein Bruder redet gut; sein Kopf ist grau, seine Erfahrung groß.« »Wohl möglich, Häuptling; jedenfalls kennen wir uns beide nicht genau genug, um uns ohne Rückhalt unsere Gedanken zu offenbaren. Ihr habt mich schon über eine Stunde hier festgehalten und mir noch nichts gesagt; es ist daher wohl das beste, wenn wir uns trennen.« »Noch nicht!« »Warum das? Glaubt Ihr, daß ich es mache wie Ihr und – statt während der Nacht zu schlafen, wie es jedem guten Christen ziemt – in der Prärie umherschweife wie ein Jaguar, der auf Beute ausgeht?« Der Indianer lachte. »Uah! Mein Bruder ist sehr geschickt, und es entgeht ihm nichts«, sagte er. »Es gehört bei Gott kein großes Geschick dazu, um zu erraten, was Ihr hier treibt.« »Gut! Mein Bruder höre mich also an.« »Ich bin einverstanden unter der Bedingung, daß Ihr Eure indianischen Umschweife vermeidet, hinter denen Ihr Eure wahre Meinung so schlau zu verbergen wißt.« »Mein Bruder wird die Ohren öffnen, und die Worte seines Freundes werden zu seinem Herzen dringen.« »Gut, kommt zur Sache!« »Da mein Bruder das Gläserne Auge liebt, wird er diesem im Namen Natah-Otanns sagen, daß ihm eine große Gefahr drohe.« »So?« sagte der Kanadier und blickte den Indianer mißtrauisch an. »Welche Gefahr?« »Mehr kann ich nicht sagen.« »Schön«, erwiderte Freikugel hohnlachend; »der Wink ist gut, wenn auch nicht sehr klar. Und was müssen wir tun, um die größte Gefahr zu bannen, die uns droht?« »Mein Bruder wird seinen Freund wecken; sie werden auf ihre Pferde steigen und mit möglichster Eile davonsprengen und erst auf dem entgegengesetzten Ufer des Stromes haltmachen.« »So? Wenn wir das also getan haben, ist nichts mehr zu befürchten?« fragte Freikugel. »Nichts mehr.« »Schau, schau«, erwiderte der Jäger höhnisch. »Und wann müssen wir denn fort?« »Sogleich.« »Immer besser!« Freikugel schritt eine Zeitlang nachdenklich auf und ab und trat dann vor den Häuptling hin, dessen Augen wie Tigeraugen in der Dunkelheit glühten und der allen seinen Bewegungen aufmerksam folgte. »Ihr könnt mir also nicht sagen, weshalb wir fort müssen?« »Nein.« »Es ist Euch ebenso unmöglich, nicht wahr, mir die Gefahr, die uns droht, näher zu bezeichnen?« »Ja.« »Ist das Euer letztes Wort?« Der Indianer nickte bejahend. »Wohlan – wenn das der Fall ist«, entgegnete Freikugel, indem er mit dem Kolben seiner Büchse auf den Boden stampfte, »so werde ich es Euch sagen.« »Ihr?« »Ja, hört mich aufmerksam an. Ich werde nicht viele Worte machen, doch hoffe ich, daß Euch meine Mitteilung interessieren wird.« Der Häuptling lächelte ironisch. »Meine Ohren stehen offen«, sagte er. »Desto besser, denn ich werde sie Euch mit Nachrichten anfüllen, die Euch wahrscheinlich nicht gefallen werden.« »Ich höre«, wiederholte der Indianer gleichgültig. »Wie Ihr eben gesagt habt. Übrigens war, nebenbei gesagt, Eure Eröffnung gänzlich überflüssig, denn ich kenne Euch seit langer Zeit; die Rothäute haben in der Prärie das Auge des Adlers, sie sind mit einem Wort Raubvögel, denen nichts entgeht.« »Weiter?« »Eben komme ich zur Sache. Eure Späher haben die Fährte einer Auswandererfamilie ausgewittert – die übrigens leicht genug zu finden war –, und ihr verfolgt jene Fährte schon lange, um euch eure Beute nicht entgehen zu lassen. Da ihr meint, daß jetzt der günstige Augenblick gekommen sei, haben sich Komantschen, Sioux und Schwarzfüße, die alle zu demselben Teufelsgelichter gehören, vereinigt, um heute nacht jene Leute anzufallen, denen ihr seit so lange nachspürt und deren Reichtümer, die ihr für bedeutend haltet, ihr begehrt. Ist es nicht so?« Das Gesicht Natah-Otanns verriet keine Bewegung, und er blieb vollkommen gefaßt, obwohl er innerlich Unruhe und Zorn empfand, als er sich so vollkommen durchschaut sah. »An den Worten des Jägers ist etwas Wahres«, antwortete er kalt. »Es ist alles wahr«, bestätigte Freikugel. »Vielleicht; doch sehe ich darin noch keinen Grund, weshalb ich hätte kommen und meinen Bruder warnen sollen.« »So, das seht Ihr nicht ein? Es soll mir leicht genug werden, Euch auch das zu erklären. Ihr seid zu mir gekommen, weil Ihr sehr gut wißt, daß das Gläserne Auge, wie Ihr ihn nennt, nicht der Mann ist, der ein solches Verbrechen wie das, das Ihr vorhabt, ungestraft hingehen lassen würde.« Der Häuptling zuckte die Achseln. »Kann ein Krieger – wie tapfer er auch sein möge – deren fünfhundert die Spitze bieten?« sagte er. »Nein, gewiß nicht«, erwiderte Freikugel. »Er kann sie aber durch seine Nähe einschüchtern, seinen Einfluß auf sie dazu anwenden, sie von ihrer Absicht abzubringen, und das wird das Gläserne Auge ohne Zweifel tun. Aus einem Grund, den ich nicht kenne, zollt ihr ihm alle eine unbegreifliche Ehrerbietung, und da ihr fürchtet, daß er beim ersten Schuß drohend wie der Engel des Gerichts über euch hereinbrechen werde, sucht ihr ihn unter irgendeinem Vorwand zu entfernen, der jedem anderen einleuchten würde, auf ihn aber keine andere Wirkung haben wird, als ihn zu bestimmen, sich der Sache anzunehmen. Nun, antwortet mir – habe ich richtig geraten?« »Mein Bruder weiß alles; ich wiederhole es: Seine Weisheit ist groß.« »Habt Ihr nichts weiter hinzuzufügen? Dann wünsche ich gute Nacht.« »Einen Augenblick.« »Immer noch?« »Es muß sein!« »Laßt hören, aber faßt Euch kurz!« »Mein Bruder hat in seinem Namen gesprochen, nicht in dem des Gläsernen Auges. Er mag hingehen, seinen Freund wecken und ihm unsere Unterhaltung mitteilen; vielleicht hat er sich in ihm geirrt.« »Das glaube ich nicht, Häuptling«, antwortete der Jäger kopfschüttelnd. »Wohl möglich«, entgegnete der Indianer; »doch mag mein Bruder tun, was ich verlange.« »Liegt Euch viel daran, Häuptling?« »Sehr viel.« »Ich will Euch wegen einer solchen Kleinigkeit nicht abweisen; Ihr werdet aber sehen, daß ich recht hatte.« »Das ist möglich; doch werde ich eine Stunde lang die Antwort meines Bruders erwarten.« »Gut. Wohin soll ich diese bringen?« »Nirgends hin«, erwiderte der Indianer lebhaft. »Wenn ich recht habe, so wird mein Bruder zu zwei wiederholten Malen den Schrei der Elster nachahmen, und wenn ich mich geirrt habe, den des Käuzchens.« »Gut, abgemacht. Bald sollt Ihr von mir hören, Häuptling!« Der Indianer verneigte sich anmutig. »Möge der Waconda meinen Bruder geleiten«, sagte er. Nachdem sich beide Männer höflich gegrüßt hatten, trennten sie sich. Der Kanadier warf sorglos seine Büchse über die Schulter und eilte mit raschen Schritten seinem Lager zu, während ihm der Indianer aufmerksam mit den Augen folgte, wobei er scheinbar vollkommen ruhig blieb; sobald der Jäger aber verschwunden war, streckte sich der Häuptling auf den Boden, bewegte sich wie eine Schlange im Dunkeln weiter und verschwand unter den hohen Bäumen, wobei er – obgleich in gemessener Entfernung – dieselbe Richtung einschlug wie Freikugel. Letzterer glaubte sich nicht beobachtet, schenkte daher dem, was um ihn her vorging, keine Aufmerksamkeit und erreichte wieder das Lager, ohne daß ihm etwas Besonderes aufgefallen wäre. Wäre der Geist des Kanadiers nicht anderweitig beschäftigt gewesen und seine bewährte Erfahrung dadurch auf einen Augenblick eingeschläfert worden, so würde er mit dem Scharfblick, der ihm eigen war, bald erkannt haben, daß in der Wildnis nicht die gewohnte Ruhe herrschte. Er würde im Laub ein unerklärliches Rauschen vernommen, ja vielleicht im hohen Gras ein Paar Augen haben funkeln sehen. Bald erreichte er das Lager; der Graf und Ivon schliefen hart und fest. Freikugel war einen Augenblick unschlüssig, ob er den friedlichen Schlummer des jungen Mannes stören solle; da er aber bedachte, daß die geringste Unbesonnenheit schreckliche Folgen haben könne, deren Tragweite nicht zu berechnen wäre, berührte er ihn leise an der Schulter. So leise die Berührung auch gewesen war, reichte sie doch hin, den Grafen zu wecken. Er öffnete die Augen, richtete sich auf und sagte, indem er den Jäger erblickte: »Ist etwas Neues vorgefallen, Freikugel?« »Ja, Herr Graf«, antwortete der Kanadier ernst. »Oho, Ihr seht ja schrecklich feierlich aus, mein Freund«, sagte der junge Mann lachend. »Was geht denn vor?« »Bis jetzt noch nichts; vielleicht werden wir aber bald mit den Rothäuten zu schaffen haben.« »Desto besser; dann können wir uns erwärmen, denn es ist eine Hundekälte«, antwortete er fröstelnd. »Woher wissen Sie es aber?« »Ich habe, während Sie schliefen, einen Besuch bekommen.« »So?« »Ja.« »Und wer hat einen so ungünstigen Augenblick gewählt, um Ihnen seinen Besuch zu machen?« »Der Sachem der Schwarzfüße.« »Natah-Otann?« »Er selbst.« »Er ist wohl ein Nachtwandler, daß er bei nächtlicher Zeit in der Wildnis herumschweift?« »Er schweift nicht herum – er liegt auf der Lauer!« »Das dacht' ich mir. Lassen Sie mich nicht länger in Ungewißheit, sondern erzählen Sie mir, was zwischen Ihnen und Natah-Otann vorgefallen ist; denn er ist nicht der Mann, der sich ohne guten Grund aus der Ruhe bringen läßt, und ich brenne vor Verlangen, diesen zu erfahren.« »Sie sollen sogleich selbst urteilen.« Der Jäger erzählte hierauf ohne weitere Umschweife sehr ausführlich das Gespräch, das er mit dem Häuptling gehabt hatte. »Das klingt ja bedenklich«, sagte der Graf, als Freikugel seine Erzählung beendet hatte. »Jener Natah-Otann ist ein geheimnisvoller Bursche, dessen Absichten Sie vollständig an den Tag gebracht haben; Sie haben vollkommen recht gehabt, ihm kurz und bündig zu antworten. Was denkt denn der Bursche von mir? Er bildet sich wohl gar ein, daß ich ihm als Helfershelfer dienen werde. Sobald er sich untersteht, jene armen Teufel von Auswanderern anzugreifen, so schwöre ich bei Gott, daß Blut fließen wird, wenn Sie mir helfen wollen, Freikugel!« »Zweifeln Sie daran?« »Nein, mein Freund, ich danke Ihnen; mit Ihnen und meinem hasenherzigen Ivon werden wir imstande sein, sie in die Flucht zu schlagen.« »Haben mich der Herr Graf gerufen?« fragte der Diener, indem er sich aufrichtete. »Nein, nein, Ivon, mein Freund, ich sagte nur, daß wir uns wahrscheinlich bald werden schlagen müssen.« Ivon stieß einen tiefen Seufzer aus und murmelte, indem er sich wieder hinstreckte: »Ja, wenn ich soviel Mut wie guten Willen hätte, Herr Graf ... Aber leider wissen Sie ja, daß ich ein unheilbarer Feigling bin und Ihnen eher hinderlich als förderlich sein werde.« »Du wirst tun, was du kannst, mein Freund; das wird genügen.« Ivon seufzte, ohne zu antworten. Freikugel hatte das Zwiegespräch lachend mit angehört. Der würdige Bretone besaß die Gabe, ihn stets in Erstaunen zu setzen; er konnte dessen seltsamen Charakter nicht begreifen. Der Graf wandte sich zu ihm. »Abgemacht also?« »Abgemacht«, antwortete der Jäger. »Dann geben Sie das Zeichen, mein Freund.« »Das Käuzchen, nicht wahr?« »Das wollte ich meinen!« entgegnete der Graf. Freikugel legte die Finger an den Mund und ahmte, wie er es mit Natah-Otann verabredet hatte, mit seltener Vollkommenheit zweimal den Schrei des Käuzchens nach. Kaum war der zweite Schrei verhallt, als im Gebüsch ein lautes Rauschen entstand, und ehe die drei Männer Zeit hatten, sich zur Wehr zu setzen, wurden sie von ungefähr zwanzig Indianern angefallen, die ihnen im Nu ihre Waffen nahmen und ihnen dadurch jeden Widerstand unmöglich machten. Der Graf de Beaulieu zuckte die Achseln, lehnte sich an einen Baum, klemmte sein Lorgnon ins Auge und sagte: »Das ist höchst possierlich!« »Das finde ich nicht!« murmelte Ivon in sich hinein. Unter jenen Indianern, die man leicht für Schwarzfüße erkannte, befand sich Natah-Otann. Nachdem er die Waffen der Weißen hatte beiseite schaffen lassen, damit sie sich dieser auch nicht durch Hinterlist wieder bemächtigen könnten, trat er zu dem Jäger und sagte: »Ich habe Freikugel gewarnt.« Der Jäger lächelte verächtlich. »Ihr habt mich nach der Art der Rothäute gewarnt«, antwortete er. »Was will mein Bruder damit sagen?« »Ich will sagen, daß Ihr mich vor einer Gefahr gewarnt habt, die uns droht, mir aber nicht gesagt habt, daß Ihr eine Verräterei im Schilde führt.« »Das kommt auf dasselbe heraus«, entgegnete der Indianer gleichmütig. »Freikugel, lieber Freund, streiten Sie sich doch nicht mit den Schlingeln herum!« bemerkte der Graf. Hierauf wandte er sich mit hochmütiger Miene an den Häuptling und fragte: »Was wollt ihr denn eigentlich von uns?« Der Graf war, seitdem er die Prärie durchstreifte, in so häufige Berührung mit den Indianern gekommen, daß er ihre Sprache unmerklich geläufig sprechen gelernt hatte. »Wir wollen euch keinen Schaden zufügen, sondern nur verhindern, daß ihr euch in unsere Angelegenheiten mischt«, antwortete Natah-Otann ehrerbietig, »und es würde uns aufrichtig leid tun, wenn wir gewaltsame Maßnahmen ergreifen müßten.« Der junge Mann lachte. »Ihr seid Dummköpfe. Ich werde euch trotz eurer Vorsicht zu entwischen wissen.« »Mein Bruder kann es versuchen.« »Wenn der Augenblick gekommen sein wird; jetzt ist es nicht der Mühe wert.« Während der junge Mann diese Worte in sorglosem Ton sprach, zog er ein Etui aus der Tasche, wählte eine Zigarre aus, zog dann ein Streichhölzchen aus seinem Feuerzeug und strich damit gegen einen Stein. Die Indianer, die seine Absicht nicht begriffen, folgten voll ängstlicher Spannung all seinen Bewegungen. Plötzlich stießen sie einen Schrei des Entsetzens aus und wichen einige Schritte zurück. Das Streichhölzchen hatte sich entzündet, und eine blaue Flamme zeigte sich an dessen Ende. Der Graf drehte nachlässig das Hölzchen in den Fingern hin und her, bis sich der Schwefel verzehrt hatte. Er bemerkte das Entsetzen der Indianer nicht. Diese bückten sich blitzschnell, ergriffen jeder ein Stückchen Holz und fingen an, damit gegen einen Stein zu streichen. Der Graf sah ihnen verwundert zu, denn er begriff nicht, was das heißen sollte. Natah-Otann schien einen Augenblick zu zaudern; ein seltsames Lächeln erhellte flüchtig seine düstere Miene, doch nahm er bald wieder seinen gewöhnlichen kaltblütigen Gleichmut an und verneigte sich ehrerbietig vor dem Grafen, indem er mit dem Anschein abergläubischer Furcht auf das Streichhölzchen deutete und fragte: »Kann mein Vater über das Feuer der Sonne verfügen?« Der junge Mann lächelte. Er hatte alles erraten. »Wer unter euch dürfte wagen, sich mit mir zu messen?« antwortete er hochfahrend. Die Indianer sahen einander sprachlos an. Die unerschrockenen Männer, die gewohnt waren, den größten Gefahren zu trotzen, fühlten sich durch die unbegreifliche Gewalt überwunden, die ihr Gefangener besaß. Da der Graf sein Streichhölzchen, während er mit dem Häuptling sprach, nicht beachtet hatte, war dieses verkohlt, ohne daß er es benützen konnte, und er warf es daher weg. Die Indianer stürzten sich darauf, um sich zu überzeugen, daß die Flamme wirklich vorhanden gewesen sei. Ohne seiner Handlung besondere Wichtigkeit beizulegen, zog der Graf ein zweites Streichhölzchen aus seinem Feuerzeug und wiederholte das Experiment. Sein Triumph war vollständig. Die Rothäute stürzten auf ihre Knie und flehten ihn um Verzeihung an. Er durfte von jetzt an alles wagen. Jene rohen Menschen betrachteten ihn, nachdem sie ihn zweimal dasselbe Wunder hatten verrichten sehen, als ein Wesen, das ihnen bei weitem überlegen war und dem sie sich unbedingt unterwarfen. Freikugel mußte innerlich über die Einfalt der Indianer lachen. Der junge Mann aber verstand seinen Einfluß geschickt zu nützen. »Ihr seht, was ich vermag«, sagte er. »Wir sehen es«, entgegnete Natah-Otann. »Wann wollt ihr die Auswanderer angreifen?« »Sobald der Mond untergegangen ist, werden unsere Krieger das Lager stürmen.« »Und ihr?« »Wir hatten Auftrag, unseren Bruder zu bewachen.« »Glaubt ihr jetzt noch, daß ihr es könnt?« fragte der junge Mann stolz. Die Rothäute erbebten vor dem Feuer seiner Augen. »Unser Bruder wird uns verzeihen«, antwortete der Häuptling, »denn wir kannten ihn nur unvollkommen.« »Und jetzt?« »Jetzt wissen wir, daß er unser Herr ist; er mag befehlen – wir werden gehorchen.« »Seht euch vor«, sagte der Graf in einem Ton, der sie zittern machte, »denn ich werde euren Gehorsam auf eine harte Probe stellen.« »Unsere Ohren stehen offen, um die Worte unseres Bruders entgegenzunehmen.« »Tretet näher!« Die Schwarzfüße gehorchten zögernd, denn sie trauten ihm noch nicht ganz. »Jetzt hört mich aufmerksam an«, sagte er; »und wenn Ihr meine Befehle vernommen habt, bemüht euch, diese pünktlich zu vollbringen!« 5 Die Unbekannte Wir sehen uns jetzt genötigt, zum Lager der Amerikaner zurückzukehren. Wie bereits erwähnt, wachte John Bright mit seinem Sohn über die Sicherheit des Lagers. Der Auswanderer war nicht frei von Besorgnis. Obwohl er sich noch nicht die vollständige Erfahrung angeeignet hatte, die das Leben in der Wildnis unbedingt erfordert, war ihm doch während der vier Monate seiner mühseligen, manchen Gefahren ausgesetzten Wanderung eine gewisse Wachsamkeit zur Gewohnheit geworden, die ihm unter den obwaltenden Verhältnissen von großem Nutzen sein konnte, um einen etwaigen Angriff zurückzuschlagen – wenn er einen solchen auch nicht verhindern konnte. Die Stelle seines Lagers war übrigens vortrefflich, weil er von dort aus die Prärie auf weite Entfernung überblicken und das Nahen des Feindes beobachten konnte. Vater und Sohn hatten sich neben dem Feuer niedergelassen und standen von Zeit zu Zeit auf, um sich durch einen Blick in die Ebene zu überzeugen, daß ihre Ruhe nicht bedroht wurde. John Bright besaß einen eisernen Willen und einen wahren Löwenmut. Bisher waren ihm seine Unternehmungen nicht geglückt, und er hatte gelobt, sich um jeden Preis eine ehrenhafte Stellung zu verschaffen. Er stammte von einer alten Squattersfamilie ab. Der Squatter ist eine Menschenklasse, die sich nur in Amerika vorfindet und die man anderswo vergebens suchen würde. Wir wollen ihn mit wenigen Worten näher bezeichnen: Auf den Ländereien, die den Vereinigten Staaten gehören und zur Zeit weder vermessen noch zum Verkauf angeboten worden sind, leben zahlreiche Volksstämme, die sich in der Hoffnung dort angesiedelt haben, diese bei Gelegenheit eines Verkaufs zu erwerben. Solche Einwohner nennt man Squatter. Wir werden nicht behaupten, daß sie zu den Auserlesensten der Auswanderer des Westens gehören, aber wir wissen, daß sie sich an gewissen Orten zu einer regelrechten Regierung konstituiert und Beamte erwählt haben, die über die Aufrechterhaltung der drakonischen Gesetze wachen, die sie selbst eingesetzt haben, um die Ruhe des Landgebietes zu sichern, dessen sie sich bemächtigt haben. Aber neben jenen halb ehrbaren Squattern, die sich widerstrebend in ein häufig sehr schweres Joch fügen, gibt es eine andere Art von Squattern, die die Besitzergreifung des Landes im weitesten Sinne des Wortes verstehen. Das heißt, wenn solche Squatter – was häufig geschieht – auf ihren Kreuzundquerzügen urbar gemachtes Land finden, das ihnen zusagt, so lassen sie sich, ohne viel zu fragen, darauf nieder und kümmern sich um den rechtmäßigen Besitzer so wenig, als ob er gar nicht vorhanden wäre. Wenn nun der Besitzer mit seinen Arbeitern kommt, um das Land anzubauen und auszubeuten, ist er sehr überrascht, sein Eigentum in den Händen eines anderen Menschen zu finden, der sich auf den zweifelhaften Grundsatz stützt, daß die Besitzergreifung so gut sei wie das verbriefte Recht und sich infolgedessen weigert, das angemaßte Gut zurückzugeben. Will der Eigentümer auf seinem Recht bestehen, so vertreibt er diesen mit Flintenschüssen, jener Ultima ratio der Auswanderer. Es ist uns ein tragikomischer Fall bekannt, wo ein Gentleman mit zweihundert Arbeitern von New York abreiste, um einen Urwald, den er ungefähr zehn Jahre vorher angekauft und bisher ungenützt lassen hatte, urbar zu machen. Als er auf seinem Grundstück anlangte, fand er an der Stelle, wo der Urwald gestanden hatte, eine Stadt von viertausend Einwohnern, und von seinem Wald war kein Stamm mehr übrig. Nach vielem Hinundherreden und unzähligen Verhandlungen mußte sich besagter Gentleman sehr glücklich schätzen, daß er sich wohlbehalten entfernen durfte, ohne genötigt zu sein, denjenigen, die ihn beraubt hatten und die er eine Zeitlang gehofft hatte vertreiben zu können, Entschädigungsgelder zu zahlen. Es ist ebenso unmöglich, einen Squatter aus dem unrechtmäßigen Eigentum zu vertreiben, wie von einem Yankee einen Dollar zurückzuerhalten, den er einmal in Händen hält. Wir begnügen uns, unter zehn weit seltsameren Fällen nur den einen anzuführen. John Bright gehörte zu der ersten der beiden Menschenklassen, die wir eben angeführt haben. Als er zwanzig Jahre alt war, übergab ihm sein Vater eine Büchse nebst zwanzig Ladungen Pulver, eine Axt und ein Bowiemesser und sagte dabei: »Höre, Junge, jetzt bist du groß und stark, und es wäre eine Schande für dich, wenn du mir länger zur Last fallen wolltest. Ich habe deine sechs Brüder zu erhalten; Amerika ist groß, und an Land fehlt es nicht! Geh mit Gott und laß nichts wieder von dir hören. Du kannst mit den Waffen, die ich dir gebe, und der Erziehung, die du erhalten hast, dein Glück bald machen, wenn du willst. Vermeide vor allen Dingen unangenehme Reibungen und sieh dich vor, daß du nicht gefangen wirst!« Nach dieser erbaulichen Rede hatte der Vater seinen Sohn zärtlich umarmt, ihn dann bei den Schultern hinausgeschoben und ihm die Tür vor der Nase zugemacht. John Bright hatte seit jener Zeit nichts wieder von seinem Vater gehört; der wackere Junge hatte freilich nie versucht, Nachrichten über ihn einzuziehen. Am Anfang hatte er mit dem Leben hart kämpfen müssen, aber mit Hilfe seiner Charakterfestigkeit und gewisser lockerer Grundsätze, die das einzige Erbteil waren, das er von seiner Familie erhalten hatte, war es ihm mit Mühe und Not gelungen, zu leben und seine Kinder zu erziehen, ohne selbst zu schwer darunter zu leiden. Vielleicht hatte seine einsame Jugend, vielleicht auch ein anderer Grund dazu beigetragen, John Bright auf das innigste an seine Frau und seine Kinder zu fesseln, von denen er sich unter keiner Bedingung getrennt haben würde. Als ihn die Notwendigkeit zwang, das Land, das er besessen hatte, zu verlassen und einen anderen Aufenthalt zu suchen, trat er seine Wanderung wohlgemut an, gestützt auf die Liebe seiner Familie, die für die Opfer, die er sich auferlegte, keineswegs undankbar war, und diesmal hatte er beschlossen, so weit zu wandern, daß ihn niemand jemals wieder vertreiben sollte. Wir müssen hier eingestehen, daß er genötigt gewesen war, dem rechtmäßigen Eigentümer zu weichen, was er auf die einfache Vorzeigung des Besitztitels sofort getan hatte, ohne einen Augenblick daran zu denken, sich zu weigern. Diese Handlungsweise hatten seine Nachbarn alle scharf getadelt. John Bright wollte seine Familie glücklich sehen, die er mit der eifersüchtigen Zärtlichkeit bewachte, mit der eine Henne für ihre Küchlein sorgt. – An jenem Abend fühlte er sich von einer großen Unruhe befallen, die an ihm zehrte, ohne daß er sich deren Grund erklären konnte; das Verschwinden der Indianer erschien ihm unnatürlich, seine Umgebung kam ihm zu ruhig vor und die Stille der Wildnis zu tief. Er konnte nicht auf derselben Stelle bleiben und stand trotz der wiederholten Vorstellungen seines Sohnes jeden Augenblick auf, um einen prüfenden Blick über die Verschanzungen zu werfen. William hegte für seinen Vater eine große, mit Ehrfurcht gepaarte Liebe. Der Zustand, in dem er ihn erblickte, betrübte ihn um so tiefer, als seine übertriebene Besorgnis scheinbar durch nichts bestätigt wurde. »Mein Gott, Vater«, sagte er, »quäle dich doch nicht so sehr, es ist ja traurig anzusehen. Glaubst du denn, daß die Indianer wagen werden, uns bei so hellem Mondschein anzugreifen? Sieh – man unterscheidet die Gegenstände wie am hellen Tag. Ich glaube, daß wir, wenn wir es versuchen wollten, sogar in der Bibel würden lesen können.« »Du hast für den Augenblick recht, William; die Rothäute sind allerdings zu schlau, um sich bei der Helligkeit unseren Schüssen auszusetzen; aber in einer Stunde wird der Mond untergegangen sein und ihnen die Dunkelheit hinreichenden Schutz gewähren, um die Barrikaden erreichen zu können, ohne entdeckt zu werden.« »Bah! Glaub nur nicht, daß sie es versuchen werden, lieber Vater! Die roten Teufel haben uns, seitdem sie uns umspähen, nahe genug betrachtet, um zu wissen, daß nichts wie Schläge bei uns zu holen ist.« »Der Meinung bin ich keineswegs; unser Vieh ist zum Beispiel von großem Wert für sie, und ich bin durchaus nicht gesonnen, es ihnen zu überlassen; und zwar um so weniger, als wir genötigt sein würden, zu den Ansiedlungen zurückzukehren, um uns anderes zu verschaffen, was, wie du zugeben wirst, sehr unangenehm für uns wäre.« »Das ist wahr, doch werden wir nicht in eine solche Lage kommen.« »Gott gebe es, mein Sohn! Aber hast du nichts gehört?« Der junge Mann lauschte aufmerksam. »Nein«, sagte er nach einer Weile. Der Auswanderer seufzte. »Ich habe heute abend die Ufer des Stromes durchforscht«, sagte er, »und selten eine Stellung gefunden, die so günstig für eine Ansiedlung wäre. Der Urwald, der sich hinter uns ausdehnt, würde uns treffliches Brennholz liefern – der prächtigen Bretter nicht zu gedenken, die man dorther beziehen könnte; es liegen dort herum einige hundert Acker Landes, die, wie ich überzeugt bin, wegen der Nähe des Wassers sehr einträglich sein würden.« »Hast du denn die Absicht, dich hier niederzulassen, Vater?« »Würde es dir unlieb sein, hier zu bleiben?« »Mir keineswegs; wenn wir beisammen bleiben und arbeiten können, gilt es mir gleich, wo wir unseren Aufenthalt nehmen. Der Ort ist mir ebenso lieb wie ein anderer, und zwar um so mehr, als er von den Ansiedlungen weit genug entfernt ist, daß wir nicht zu fürchten haben, von hier innerhalb der nächsten Jahre vertrieben zu werden.« »Das glaube ich auch.« In diesem Augenblick ließ sich ein leises Rauschen im hohen Gras vernehmen. »Diesmal bin ich überzeugt, daß ich mich nicht getäuscht habe!« rief der Auswanderer aus. »Ich habe ein Geräusch vernommen.« »Ich auch«, sagte der junge Mann, indem er eifrig aufstand und nach seiner Büchse griff. Die beiden Männer eilten nach ihren Verschanzungen. Sie konnten nichts Verdächtiges entdecken. Die Prärie war ebenso still wie vorher. »Es wird irgendein reißendes Tier sein, das zur Tränke geht oder von dort zurückkehrt«, sagte William, um seinen Vater zu beruhigen. »Nein, nein«, antwortete dieser kopfschüttelnd, »der Lauf rührte von keinem Tier her; es war der Schall eines menschlichen Trittes, ich bin dessen gewiß.« »Das sicherste wäre zu gehen und nachzusehen.« »Gehen wir.« Die beiden Männer erkletterten entschlossen ihre Verschanzungen und machten nach entgegengesetzter Richtung die Runde um das Lager, durchforschten sorgfältig die nächsten Gebüsche und überzeugten sich, daß keine Feinde darin verborgen seien. »Nun?« riefen beide zu gleicher Zeit, als sie einander wieder begegneten. »Nichts, und du?« »Nichts.« »Das ist seltsam!« murmelte John Bright. »Der Laut war doch sehr vernehmbar.« »Das ist wahr, aber ich wiederhole es, Vater: Es war nichts anderes als ein Tier, das in der Nähe aufgesprungen ist. Bei einer so ruhigen Nacht wie der gegenwärtigen hört man das geringste Geräusch auf weite Entfernung; wir haben uns übrigens überzeugt, daß sich niemand in unserer Nähe verborgen hält.« »Wir wollen ins Lager zurückkehren«, sagte der Auswanderer nachdenklich. Sie schickten sich an, die Verschanzung wieder zu erklettern, als plötzlich beide innehielten und nur mit Mühe einen Schrei der Verwunderung, fast des Entsetzens unterdrückten. Sie hatten ein menschliches Wesen erblickt, das vor dem Feuer kauerte, dessen Gestalt aber in solcher Entfernung nicht deutlich zu erkennen war. »Diesmal will ich der Sache auf den Grund gehen«, rief der Auswanderer aus, indem er mit einem weiten Satz in das Lager sprang. »Ich auch!« murmelte sein Sohn, während er seinem Beispiel folgte. Als sie sich ihrem seltsamen Gast gegenüber befanden, nahm ihr Erstaunen noch zu. Sie blieben unwillkürlich stehen und musterten die Gestalt neugierig, ohne daran zu denken, sie anzureden oder zu fragen, wie und mit welchem Recht sie in ihr Lager eingedrungen sei. Soviel sich erraten ließ, war das sonderbare Geschöpf, das sie vor sich sahen, eine Frau; aber das Alter, die Lebensweise, die sie führte, vielleicht auch der Kummer hatte ihre Züge mit einem so unentwirrbaren Netz von Runzeln bedeckt, daß es unmöglich war, weder ihr Alter näher zu bestimmen noch zu erraten, ob sie je schön gewesen sei. Ihre schönen schwarzen Augen funkelten hinter dichten Brauen, die sich über der gebogenen Nase vereinigten, mit düsterem Glanz aus ihren tiefen Höhlen hervor; ihre vorspringenden, bläulich gefärbten Backenknochen, ihr breiter, mit blendendweißen Zähnen versehener Mund mit den dünnen Lippen und ihr eckiges Kinn verliehen ihr ein Ansehen, das auf den ersten Blick keineswegs geeignet schien, Teilnahme oder Vertrauen einzuflößen. Ihr langes schwarzes, wirres Haar hing nachlässig auf ihre Schultern herab und war mit Grashalmen und Blättern untermischt. Ihre Kleidung schien ebensogut für einen Mann als für eine Frau geeignet. Sie bestand aus einem langen Kleid aus Bisonfell mit weiten, offenen Ärmeln, das um die Hüften durch einen mit bunten Glasscherben verzierten Gürtel festgehalten wurde. Jenes Kleid war mit Haaren, die hier und da zusammengeknüpft waren, genäht, und an seinem Saum befand sich eine Franse aus seltsam zugeschnittenen Federn. Das Kleid reichte nur bis an die Knie. Ihre Mitassen oder Beinkleider waren an den Knöcheln befestigt und über dem Knie mit Riemen aus Bisonleder festgebunden. Ihre Humpès oder Schuhe waren glatt und ohne Verzierung. An den Handgelenken trug sie eiserne Ringe, um den Hals drei Schnüre Glasperlen und überdies Ohrgehänge. An ihrem Gürtel hingen von der einen Seite ein Pulverhorn, eine Axt und ein Bowiemesser und von der anderen ein Beutel mit Kugeln und eine lange indianische Pfeife herab. Ein schönes Gewehr von englischer Arbeit lag quer über ihren Knien. Sie hatte sich vor dem Feuer hingekauert, in das sie starr hineinschaute, während sie das Kinn in die Hand stützte. Sie ließ sich durch die Ankunft der Amerikaner nicht stören, ja sie schien deren Gegenwart gar nicht bemerkt zu haben. Nachdem John Bright die Unbekannte geraume Zeit aufmerksam gemustert hatte, trat er zu ihr und berührte leicht ihre Schulter. »Seid willkommen, Frau!« sagte er. »Wie es scheint, findet Ihr es kalt, und die Nähe des Feuers sagt Euch zu.« Sie hob bei der Berührung langsam den Kopf, heftete einen düsteren Blick, der ein wenig irre aussah, auf den Sprecher und sagte in hohlem Kehlton auf englisch: »Die Bleichgesichter sind Toren und glauben stets, daß sie in ihren Städten sind; sie bedenken nie, daß in der Prärie die Bäume Ohren und die Blätter Augen haben, um alles zu sehen und zu hören, was vor sich geht. Die Schwarzfußindianer sind sehr geschickt im Skalpieren.« Die beiden Männer sahen sich bei diesen Worten, deren Sinn so dunkel erschien, daß sie sich scheuten, auf den Grund zu gehen, unschlüssig an. »Habt Ihr Hunger? Wollt Ihr essen?« fuhr John Bright fort. »Oder ist es der Durst, der Euch plagt? Ich kann Euch einen guten Schluck Feuerwasser geben, um Eure Glieder zu erwärmen, wenn Ihr wollt.« Die Frau runzelte die Brauen. »Das Feuerwasser ist gut für die indianischen Squaws«, sagte sie. »Was würde es mir helfen, davon zu trinken? Es werden andere kommen, die es schnell genug vertun. Wißt ihr denn, wie viele Stunden ihr noch zu leben habt?« Bei dieser versteckten Drohung erbebte der Auswanderer unwillkürlich. »Warum redet Ihr so zu mir?« antwortete er. »Habt Ihr über mich zu klagen?« »Das gilt mir gleich«, entgegnete sie, »da ich, weil mein Herz gestorben ist, nicht mehr zu den Lebenden gehöre!« Bei diesen Worten drehte sie den Kopf langsam und feierlich nach allen Seiten und betrachtete die Landschaft aufmerksam. »Seht«, fuhr sie fort, indem sie mit den dürren Armen auf einen in der Nähe gelegenen Grashügel deutete, »dort ist er gefallen, dort ruht er jetzt. Sein Kopf ist ihm gespalten worden; man hat ihm, während er schlief, zwei Schläge mit der Axt gegeben ... armer James! Wißt ihr nicht, daß auf der Stelle ein Fluch ruht? Nur die Geier und die Raben rasten zuweilen hier. Warum seid ihr hergekommen? Seid ihr des Lebens überdrüssig? Hört ihr sie? Bald werden sie da sein, denn sie rücken immer näher.« Vater und Sohn wechselten einen Blick. »Sie ist wahnsinnig, das arme Geschöpf!« murmelte John Bright. »Ja, das sagen sie alle in der Prärie«, rief sie in etwas erhöhtem Ton aus. »Sie haben mich Oma-hanck-Chiké – das heißt die Häßliche der Erde – wie ihren Bösen Geist genannt und fürchten mich. Ihr haltet mich also auch für verrückt, nicht wahr? Ha, ha, ha!« Sie schlug ein gellendes Gelächter an, das mit einem Schluchzen endete; dann barg sie das Gesicht in den Händen und weinte. Die beiden Männer fühlten sich von unwillkürlicher Rührung erfaßt. Der seltsame Schmerz, die unzusammenhängenden Reden, kurz das ganze Benehmen der Frau erweckte ihre Anteilnahme für ein Wesen, das scheinbar so unglücklich war. In ihrem Herzen regte sich das Mitleid, und sie betrachteten sie schweigend, ohne es zu wagen, sie zu stören. Nach einiger Zeit hob sie den Kopf, wischte sich mit dem Rücken der Hand die Tränen aus den Augen und ergriff wieder das Wort. Der irre Ausdruck ihrer Augen war verschwunden, selbst der Ton ihrer Stimme schien verwandelt, ihr ganzes Wesen schien wie durch einen Zauberschlag verändert zu sein. »Vergebt mir«, sagte sie traurig, »die unsinnigen Worte, die ich gesprochen haben mag! Die Einsamkeit, in der ich lebe, und der schwere Kummer, dessen Last mich beugt, verwirren zuweilen meinen Verstand, und überdies erweckt der Ort, an dem wir uns befinden, die Erinnerung an schreckliche Auftritte, die ich nie vergessen werde.« »Ich versichere Euch ...«, stammelte John Bright, ohne zu wissen, was er sagte, denn sein Erstaunen kannte keine Grenzen. »Jetzt ist der Anfall vorüber«, unterbrach sie ihn mit einem sanften, trüben Lächeln, das ihrem Gesicht einen ganz anderen Ausdruck gab, als die Amerikaner bisher an ihr wahrgenommen hatten. »Ich folge euch bereits seit zwei Tagen nach, um euch beizustehen, denn die Rothäute stehen im Begriff, euch anzufallen.« Die beiden Männer erbebten und warfen, vor der drohenden Gefahr alles andere vergessend, besorgte Blicke um sich. »Wißt Ihr es gewiß?« fragte John Bright. »Ich weiß alles«, antwortete sie. »Aber beruhigt euch, es wird noch zwei Stunden dauern, ehe ihr das furchtbare Kriegsgeschrei vernehmt. Das ist länger, als ihr braucht, um euch in Sicherheit zu bringen.« »Ach, wir haben vortreffliche Büchsen und einen sicheren Blick«, erwiderte William, indem er seine Waffe in der nervigen Faust schwang. »Was können vier Büchsen – so trefflich sie auch sein mögen – gegen dreihundert blutdürstige wilde Tiere ausrichten, wie diejenigen sind, die ihr bekämpfen wollt? Ihr kennt die Rothäute nicht, junger Mann!« »Das ist wohl wahr«, murmelte jener; »was ist aber zu tun?« »Wohin sollen wir flüchten, wo Hilfe suchen in dieser ungeheuren Einöde?« fügte John Bright hinzu, indem er einen trostlosen Blick um sich warf. »Habe ich euch nicht gesagt, daß ich euch beistehen wolle?« versetzte sie lebhaft. »Das habt Ihr wohl, doch suche ich vergebens zu erraten, wie Ihr uns helfen wollt.« Sie lächelte schwermütig. »Euer guter Engel hat euch hier an diese Stelle geführt. Als ich euch heute folgte, zitterte ich bei dem Gedanken, daß ihr möglicherweise nicht hier lagern könntet. Kommt!« Die beiden Männer fühlten sich von dem Einfluß, den das seltsame Wesen in so kurzer Zeit über sie gewonnen hatte, so beherrscht, daß sie stillschweigend gehorchten. Nachdem sie kaum zehn Schritte gegangen waren, blieb sie stehen und wandte sich zu ihnen. »Seht«, sagte sie, indem sie den abgezehrten Arm in nordwestlicher Richtung ausstreckte, »dort lagern – kaum zwei Stunden von hier – eure Feinde im hohen Gras. Ich habe ihren Plan gehört und, ohne daß sie meine Nähe ahnten, an ihren Beratungen teilgenommen. Sie warten nur auf den Untergang des Mondes, um euch anzugreifen. Ihr habt kaum noch eine Stunde Zeit.« »Meine arme Frau!« murmelte John Bright. »Es ist mir nicht möglich, euch alle retten zu wollen, und würde Torheit sein, es zu versuchen; aber wenn Ihr wollt, kann ich versuchen, Eure Frau und Eure Tochter dem Schicksal zu entreißen, das ihnen droht.« »Redet! Redet!« »Der Baum, unter dem wir stehen, ist, obwohl äußerlich grün und frisch, im Innern so hohl, daß ihn nur noch die Rinde aufrecht erhält. Eure Frau und Eure Tochter werden sich mit einigen Mundvorräten im Innern des hohlen Stammes verstecken und dort ruhig warten, bis die Gefahr vorüber ist. Ihr hingegen ...« »Wir«, fiel ihr John Bright eifrig ins Wort, »sind Männer, die an die Gefahren gewöhnt sind; unser Schicksal liegt in Gottes Hand.« »Gut, doch dürft ihr noch nicht verzweifeln, denn es ist nicht alles verloren.« Der Amerikaner schüttelte den Kopf. »Ihr habt ja selbst gesagt, daß vier Männer gegen eine Legion von Teufeln wie die, die auf uns lauern, nichts vermögen. Aber es handelt sich jetzt nicht darum; ich sehe keine Öffnung, durch die meine Frau und meine Tochter in den hohlen Baum dringen könnten.« »Diese befindet sich in einer Entfernung von zwanzig bis fünfundzwanzig Fuß hinter den Zweigen und Blättern versteckt.« »Gott sei Dank! Sie werden in Sicherheit sein.« »Ja; beeilt Euch aber, es ihnen mitzuteilen, während ich mit Eurem Sohn alles Nötige vorbereiten werde.« John Bright, der die Notwendigkeit einsah, sich zu beeilen, entfernte sich in schnellem Lauf. William errichtete nun mit Hilfe der Unbekannten, so rasch es die Nähe der drohenden Gefahr erforderte, eine Art ziemlich bequeme Leiter, deren sich die beiden Frauen nicht nur zum Hinaufsteigen, sondern auch zum Herunterklettern in dem Baum bedienen sollten. John Bright weckte seine Frau und seine Tochter und rief seine Diener; mit wenigen Worten teilte er seiner Umgebung mit, um was es sich handelte. Hierauf versah er die beiden Frauen mit Mundvorräten, Pelzdecken und anderen unentbehrlichen Gegenständen und führte sie nach der Stelle, wo die Unbekannte ihrer harrte. »Hier bringe ich, was ich Kostbarstes besitze«, sagte John Bright. »Wenn ich diese Kleinodien rette, so habe ich es Ihnen allein zu verdanken!« Die beiden Damen wollten sich bei ihrer geheimnisvollen Gönnerin bedanken. Letztere aber gebot ihnen mit heftiger und befehlender Gebärde Schweigen. »Später, später«, sagte sie. »Wenn wir entkommen, haben wir Zeit genug, uns gegenseitig Glück zu wünschen; gegenwärtig haben wir aber andere und wichtigere Dinge zu tun, als uns schöne Dinge zu sagen, denn es ist hohe Zeit, an unsere Sicherheit zu denken.« Die beiden Frauen fuhren verletzt und erschrocken über eine so unfreundliche Begegnung zurück und empfanden eine Art von Furcht vor dem seltsamen Geschöpf. Die Alte aber blieb unerschütterlich ruhig und schien den Schrecken der Frauen nicht zu bemerken; sie setzte in wenigen, aber klaren Worten auseinander, welches Mittel sie entdeckt habe, um die Damen unsichtbar zu machen; sie empfahl ihnen während ihres Aufenthaltes in dem hohlen Stamm das tiefste Schweigen, wobei sie bemerkte, daß es ihnen keineswegs an Raum fehlen werde, da sie darin hin und her gehen könnten, und befahl ihnen dann hinaufzusteigen. Die Unbekannte übte vielleicht unbewußt einen solchen Einfluß auf ihre Umgebung aus, und die Auswanderer waren von der Notwendigkeit eines schnellen Gehorsams so tief überzeugt, daß die zwei Frauen, nachdem sie John Bright und seinen Sohn zärtlich umarmt hatten, entschlossen die Sprossen der improvisierten Leiter hinaufklommen. Nach wenigen Sekunden gelangten sie an einen ungeheuren Ast, auf dem sie nach dem Rat der Unbekannten, die ihnen gefolgt war, warteten. John Bright warf nun die mitgebrachten Pelzdecken und die Mundvorräte durch die Öffnung – die in dieser Höhe vollkommen sichtbar war, da sie sich kaum zwei Fuß höher befand – in das Innere des Baumes. Hierauf setzte man die Leiter an, und beide Frauen glitten in die Öffnung hinein. » Wir lassen euch die Leiter, die uns nichts nützt«, sagte die Unbekannte, »aber hütet euch, herauszusteigen, ehe ihr mich wiedergesehen habt! Die geringste Unbesonnenheit in dieser Hinsicht könnte euch das Leben kosten. Beruhigt euch übrigens, denn eure Gefangenschaft wird nicht lange dauern, sondern nach wenigen Stunden überstanden sein; faßt also Mut! Die Frauen versuchten wieder ihren Dank auszusprechen, aber ohne auf sie zu hören, winkte sie John Bright, ihr zu folgen, und stieg schnell den Baum hinab. Mit Hilfe der Amerikaner beeilte sie sich, die Spuren zu verwischen, die die beiden Frauen hinterlassen hatten. Nachdem sich die Unbekannte durch einen letzten Blick überzeugt hatte, daß alles in Ordnung sei und nichts das Versteck der so wunderbar Geretteten verraten werde, seufzte sie und ging, gefolgt von den beiden Männern, sich hinter die Verschanzungen zu stellen. »Jetzt«, sagte sie, »laßt uns genau aufmerken, denn wahrscheinlich winden sich die Rothäute wenige Schritte von hier durch das Dunkel; ihr seid ehrliche, treuherzige Amerikaner, zeigt jenen verwünschten Indianern, was ihr zu tun imstande seid.« »Sie sollen nur kommen!« murmelte John Bright in dumpfem Ton. »Sie werden nicht auf sich warten lassen«, fuhr sie fort und deutete bei diesen Worten mit dem Finger auf mehrere kaum sichtbare schwarze Punkte, die immer größer wurden und sich dem Lager zusehends näherten. 6 Die Verteidigung des Lagers Die Rothäute haben eine Art zu kämpfen, die allen Mitteln der europäischen Kriegskunst hohnspricht. Um ihr Verfahren richtig aufzufassen, muß man vor allen Dingen den Umstand beherzigen, daß die Indianer die Ehre nicht so verstehen wie wir. Hat man das begriffen, so läßt sich das übrige leicht verstehen. Wir wollen dies deutlicher erklären. Wenn die Indianer etwas unternehmen, so haben sie dabei nur einen Zweck im Auge: das Gelingen. Für sie ist es das einzige Ziel ihres Strebens, und um es zu erreichen, sind ihnen alle Mittel recht. Sie besitzen unzweifelhaft Mut, sind häufig übermäßig tollkühn, lassen sich durch nichts abschrecken und weichen vor keinem Hindernis zurück; trotzdem räumen sie das Feld ebenso schnell, wie sie es betreten haben, sobald ihnen das Gelingen und mithin der Zweck ihres Unternehmens gefährdet erscheint, und sie glauben ihre Ehre keineswegs dadurch zu gefährden, wenn sie vor einem stärkeren oder vorsichtigen Feind zurückweichen. Ihre Kriegskunst ist auch äußerst einfach: Sie greifen einen Feind nur aus einem Hinterhalt an. Die Rothäute können die Spur ihrer Gegner monatelang verfolgen und sie mit beispielloser, unermüdlicher Geduld beobachten, Tag und Nacht ausspähen und nur darauf bedacht sein, sich selbst nicht überrumpeln zu lassen. Wenn endlich der günstige Augenblick gekommen ist und sie meinen, daß die Zeit da sei, um den Plan auszuführen, dessen Aussicht auf Gelingen sie auf das genaueste berechnet haben, treten sie mit einer Gewalt und Wildheit auf, die häufig ihre Feinde aus der Fassung bringt. Werden sie aber nach dem ersten Zusammenstoß zurückgeworfen; sehen sie ein, daß sich ihre Gegner nicht haben schrecken lassen, sondern entschlossen sind, Widerstand zu leisten, so verschwinden sie auf ein verabredetes Zeichen wie durch Zauberei und schämen sich nicht, eine neue Gelegenheit auszuspähen, die ihnen besseren Erfolg verspricht. – Auf den Rat der Unbekannten stellte sich John Bright mit seinem Sohn und seinem Diener so auf, daß sie die Prärie nach allen Seiten hin überblicken konnten. Der Auswanderer stand mit der Unbekannten in dem Winkel, von wo aus man den Fluß beherrschte, und beide warteten, auf ihre Büchsen gestützt. Die Prärie bot in dem Augenblick einen seltsamen Anblick. Der Wind, der sich nach Sonnenuntergang stark erhoben hatte, verlor sich allmählich und bewegte die dichtbelaubten Wipfel der Bäume nur noch leise. Der Mond war seinem Untergang nahe und warf nur noch ein ungewisses, schwankendes Licht auf die Umgebung, das die Dunkelheit nicht verdrängte, sondern diese durch die grellen Gegensätze der tiefen Schatten nur noch bemerkbarer machte, die seine matten Strahlen hervorbrachten. Zuweilen unterbrach ein dumpfes Geknurr oder ein kurzes Gebell die ringsum herrschende Stille und mahnte die Auswanderer wie eine unheimliche Stimme an die reißenden Tiere, die unsichtbar und grausam in ihrer Nähe lagerten. Die Klarheit der Luft war so groß, daß man das leiseste Geräusch in ziemlicher Entfernung vernahm und leicht die ungeheuren Granitmassen unterscheiden konnte, die wie schwarze Punkte auf dem Boden erschienen. »Wißt Ihr aus guter Quelle, daß wir heute nacht angefallen werden sollen?« fragte der Amerikaner leise. »Ich habe dem letzten Rat der Häuptlinge beigewohnt«, erwiderte die Unbekannte. Der Auswanderer warf ihr einen forschenden Blick zu, den sie bemerkte und sofort verstand; sie zuckte verächtlich die Achseln. »Hütet Euch«, sagte sie mit gewissem Nachdruck zu ihm, »und laßt nicht um eines Wortes willen den Zweifel in Eure Seele dringen. Was könnte ich für ein Interesse haben, Euch zu täuschen?« »Ich weiß es nicht«, antwortete er nachdenklich; »doch möchte ich ebenfalls fragen, welches Interesse Ihr haben könnt, mir zu helfen.« »Keins! Was kümmert es mich, wenn Ihr die Frage so stellen wollt, ob man Euch Eure Schätze raubt und Eure Frau, Eure Tochter und Euch selbst skalpiert? Das kann mir ja sehr gleichgültig sein. Darf die Sache aber nur von dem Gesichtspunkt aus betrachtet werden? Meint Ihr, daß materielle Interessen mich sehr beschäftigen oder Einfluß auf meinen Geist haben? Wenn das der Fall ist, so sind wir zu Ende, und ich entferne mich und überlasse es Euch, die Gefahr, in die Ihr Euch gestürzt habt, so gut Ihr könnt zu beschwören.« Sie hatte bei diesen Worten ihre Büchse über die Schulter geworfen und machte eine rasche Bewegung, als wolle sie die Umzäunung übersteigen. John Bright hielt sie rasch zurück. »Ihr versteht mich nicht«, sagte er. »Jedermann würde an meiner Stelle ebenso handeln, wie ich es tue. Meine Lage ist entsetzlich, das seht Ihr selbst ein; Ihr seid in mein Lager gedrungen, ohne daß ich begreifen kann, auf welche Weise. Trotzdem habe ich Euch, wie Ihr nicht leugnen könnt, bis jetzt das größte Vertrauen geschenkt, obgleich ich weder weiß, wer Ihr seid, noch welcher Beweggrund Euch treibt zu handeln. Eure Worte versetzen mich, statt mich aufzuklären, nur in noch größere Ungewißheit. Es steht für mich das Heil meiner Familie auf dem Spiel, die Gefahr läuft, vor meinen Augen niedergemetzelt zu werden, sowie meine geringe Habe. Wenn Ihr das alles reiflich erwägt, werdet Ihr mich kaum tadeln können, wenn ich Euch nicht das unumschränkte Vertrauen schenke, dessen Ihr ohne Zweifel würdig seid, da ich noch nicht weiß, wer Ihr seid.« »Ja«, antwortete sie nach kurzem Bedenken, »Ihr habt recht; die Welt denkt so und traut niemandem eher, bis er Namen und Charakter genannt hat. Die Selbstsucht beherrscht den Erdball so unumschränkt, daß man eines Zeugnisses der Ehrlichkeit bedarf, selbst wenn man jemandem einen Dienst erweisen will; denn niemand glaubt an die Uneigennützigkeit und Selbstverleugnung der edlen Seelen, die von den Menschen als Wahnsinn gedeutet werden. Unglücklicherweise seid Ihr gezwungen, mich – wenn auch gegen Euren Willen – für das zu nehmen, was ich scheine, wenn Ihr nicht Gefahr laufen wollt, mich zu verscheuchen; denn jede Entdeckung von meiner Seite würde überflüssig sein. Ihr müßt mich nach meinen Taten beurteilen; das ist der einzige Beleg für die Reinheit meiner Absichten, den ich aufzuweisen habe. Es steht Euch frei, meinen Beistand anzunehmen oder abzulehnen. Ihr werdet nach überstandenem Kampf Zeit haben, mir zu danken oder zu fluchen nach eigener Wahl.« John Bright sah sich in größerer Verlegenheit als je. Die Worte der Unbekannten dienten statt zur Aufklärung nur dazu, das Dunkel, das sie umgab, noch undurchdringlicher zu machen. Indessen fühlte er sich unwillkürlich zu ihr hingezogen. Nach kurzem, ernstem Bedenken richtete er sich auf, schlug plötzlich mit der Rechten auf den Lauf seiner Büchse und sagte, indem er die Fremde scharf ansah, in festem, nachdrücklichem Ton: »Hört, ich gebe es auf, zu erraten, ob Ihr von Gott oder vom Teufel geschickt, ein Spion unserer Feinde oder eine treue Freundin seid; der Ausgang des Kampfes wird, wie Ihr selbst gesagt habt, die Frage entscheiden. Nur bedenkt das eine: daß ich nämlich sowohl Eure Bewegungen als jedes Eurer Worte genau beobachten werde. Bei der geringsten verdächtigen Gebärde oder zweifelhaften Rede schieße ich Euch eine Kugel durch den Kopf, wenn ich auch kurz darauf selbst getötet werden sollte.« »Ich bin es zufrieden«, entgegnete die Unbekannte lachend; daran erkenne ich den Yankee!« Nach diesen Worten schwiegen die beiden und richteten ihre volle Aufmerksamkeit auf die Prärie. Es herrschte fortwährend die tiefste Stille. Scheinbar war alles in demselben Zustand wie beim Untergang der Sonne. Indessen unterschieden die scharfen Augen der Unbekannten etliche wilde Tiere am Ufer des Flusses, die eiligst flüchteten, während andere, statt zu trinken, hastig über den Strom setzten. Eines der bewährtesten Sprichwörter in der Wildnis ist, daß es keine Wirkung ohne Ursache geben könne. Jeder Vorfall in der Prärie hat seinen Grund, der ergründet und ausgelegt wird: Kein Blatt fällt vom Baum, kein Vogel schwingt sich auf, ohne daß man vermutete oder erriet, aus welchem Grund das geschehen sei. Nach einer kurzen, aber scharfen Musterung erfaßte die Unbekannte den Arm des Auswanderers, neigte sich zu seinem Ohr und flüsterte ihm kaum hörbar ein einziges Wort zu, das ihn erbeben machte, wobei sie den Arm nach der Ebene ausstreckte: »Seht!« John Bright neigte sich vor. »Was?« murmelte er nach einer Weile. »Was soll das heißen?« Die Prärie war, wie wir früher häufig erwähnt haben, hin und wieder mit einer Menge von Granitblöcken und vielen umgestürzten Baumstämmen besät, die aus der Ferne wie schwarze Punkte erschienen. Seltsamerweise schienen jene schwarzen Punkte, die anfangs ziemlich entfernt waren, dem Lager allmählich näher gerückt zu sein, von dem sie jetzt nur noch wenig entfernt waren. Da es rein undenkbar ist, daß sich die Felsblöcke oder Bäume von selbst in Bewegung gesetzt hatten, so mußte jener Annäherung eine andere Ursache zugrunde liegen, die zu entdecken sich der wenig erfinderische Geist des Auswanderers vergebens abmühte. Jener neue Wald des Macbeth, der von selbst herankam, machte ihn im höchsten Grad besorgt. Sein Sohn und seine Diener hatten ihrerseits das Wunder beobachtet, ohne imstande zu sein, die Ursache zu erraten. John Bright bemerkte unter anderem, daß ein Baum, den er, wie er sich genau entsann, noch an demselben Abend in einer Entfernung von mehr als hundertfünfzig Fuß von der Anhöhe gesehen hatte, jetzt so nahe gerückt war, daß er kaum noch vier Fuß entfernt schien. Die Unbekannte antwortete ihm gelassen mit leiser Stimme: »Es sind die Indianer.« »Die Indianer?« entgegnete er. »Unmöglich!« »Ich will Euch den Beweis dafür geben.« Sie kniete hinter der Verschanzung nieder, legte ihre Büchse an und drückte, nachdem sie kurze Zeit gezielt hatte, ab. Ein Blitz leuchtete auf. Im selben Augenblick sprang der vermeintliche Baum auf wie ein Hirsch. Ein furchtbares Geschrei erhob sich, und die Rothäute eilten, wie eine Herde Wölfe heulend, einander pfeifend und die Waffen schwingend, auf das Lager zu. Die Amerikaner, die wie alle Yankees sehr abergläubisch waren, fühlten sich beruhigt, als sie sahen, daß sie es doch nur mit Menschen zu tun hatten, wo sie schon Zauberei zu sehen geglaubt hatten, und sie empfingen ihre Feinde standhaft mit einer wohlgezielten Salve. Aber die Indianer, die wahrscheinlich die geringe Zahl der Weißen kannten, ließen sich nicht im geringsten abschrecken, sondern drangen entschlossen vor. Sie waren bereits bis auf einige Klafter herangerückt und schickten sich an, die Verschanzungen zu stürmen, als ein letzter Schuß aus dem Lauf der Unbekannten einen Indianer traf, der weiter vorgedrungen war als seine Gefährten und sich eben umdrehte, sie zu ermuntern, ihm zu folgen. Der Fall jenes Mannes verursachte eine Wirkung, die sich die Amerikaner, die sich verloren glaubten, nicht vorgestellt hatten. Die Indianer verschwanden wie auf einen Zauberschlag, das Geschrei verstummte, und die frühere Stille trat wieder ein. Man hätte glauben können, daß alles nur ein böser Traum gewesen sei. Die Amerikaner sahen sich verwundert an und wußten nicht, was sie von dem plötzlichen Rückzug denken sollten. »Das ist wirklich unbegreiflich«, sagte John Bright, nachdem er sich durch einen raschen Blick überzeugt hatte, daß all die Seinen wohlbehalten und ohne Wunden waren. »Könnt Ihr uns das erklären, die Ihr unser guter Engel zu sein scheint? Denn Eurer letzten Kugel verdanken wir die Ruhe, deren wir uns jetzt erfreuen.« »Ja«, antwortete sie mit spöttischem Lächeln, »jetzt fangt Ihr wohl an, mir Gerechtigkeit widerfahren zu lassen?« »Reden wir nicht mehr davon«, erwiderte der Auswanderer unmutig. »Ich war ein Dummkopf; verzeiht mir und vergeßt mein Mißtrauen!« »Ich habe es bereits vergessen«, erwiderte sie. »Und was Euch in Erstaunen setzt, ist etwas sehr Einfaches: Der Mann, den ich getötet oder doch verwundet habe, ist ein indianischer Häuptling von bedeutendem Ruf. Seine Krieger haben den Mut verloren, als sie ihn fallen sahen, und haben sich beeilt, ihn mit sich zu nehmen, damit sein Skalp nicht in eure Hände falle.« »Wie?« rief John Bright mit einer Gebärde des Abscheus aus. »Bilden sich denn jene Heiden ein, daß wir es machen wie sie? Nein, nein – ich würde sie, um mich zu wehren, bis auf den letzten Mann unbedenklich töten, und es könnte mich darum niemand tadeln; aber mit dem Skalpieren ist es etwas anderes. Ich bin ein wackerer Virginier, und in meinen Adern fließt kein Tropfen gemischten Blutes; der Sohn meines Vaters wird nie eine solche Niederträchtigkeit begehen!« »Ich stimme Euch bei«, antwortete die Unbekannte in traurigem Ton; »das Skalpieren ist eine schreckliche Marter. Es gibt aber leider viele Weiße in der Prärie, die nicht so denken wie Ihr; sie haben vielmehr die indianische Sitte angenommen und skalpieren ohne Umstände die Feinde, die sie getötet haben.« »Sie haben unrecht!« »Wohl möglich; und ich bin weit entfernt, das Gegenteil zu behaupten.« »Wir sind also die roten Teufel los!« rief John Bright vergnügt aus. »Freut Euch nicht vor der Zeit, Ihr werdet sie bald wiederkehren sehen!« »Noch einmal?« »Sie haben den Angriff nur so lange verschoben, bis sie ihre Toten und Verwundeten fortgeschafft und wahrscheinlich auch auf ein anderes Mittel gesonnen haben, euch zu bezwingen.« »Das wird ihnen leider nicht schwerfallen; denn trotz unserer Anstrengungen wird es unmöglich sein, jener Unzahl von Raubvögeln zu widerstehen, die uns wie eine sichere Beute von allen Seiten umringen. Was können fünf Büchsen gegen eine solche Legion von Teufeln ausrichten?« »Viel, wenn ihr den Mut nicht verliert.« »Was das betrifft, könnt Ihr ruhig sein; wir werden keinen Fußbreit weichen, sondern sind entschlossen, auf unserem Posten zu sterben.« »Eine solche Sprache gefällt mir«, entgegnete die Unbekannte. »Vielleicht wird alles besser ablaufen, als wir meinen.« »Das gebe Gott, beste Frau!« »Wir dürfen aber unsere Zeit nicht länger verlieren; die Indianer können jeden Augenblick ihren Sturm erneuern, und wir müssen uns bemühen, ihn ebenso erfolgreich zurückzuschlagen wie das erstemal.« »Ich werde mir die größte Mühe geben.« »Gut. Seid Ihr ein Mann von Entschlossenheit?« »Das glaube ich bereits bewiesen zu haben.« »Ganz recht. Auf wie viele Tage habt ihr Vorräte bei euch?« »Auf wenigstens vier Tage.« »Das heißt für den Fall der Not auf acht, nicht wahr?« »So ziemlich.« »Gut; ich werde euch, wenn Ihr einwilligt, auf lange Zeit von euren indianischen Feinden befreien.« »Das bin ich sehr zufrieden.« Plötzlich ertönte das Kriegsgeschrei der Rothäute von neuem, und zwar gellender und durchdringender denn je. »Es ist zu spät!« rief die Unbekannte schmerzlich aus. »Es bleibt uns nichts übrig, als wacker zu sterben.« »By God! So wollen wir sterben; zuvor aber so viele von jenen Heiden töten, als nur immer möglich ist«, rief John Bright aus. »Auf, Kinder – hurra für Uncle Sam Die Vereinigten Staaten Nordamerikas schreiben auf die Tornister ihrer Soldaten und über ihre Bekanntmachungen die zwei Buchstaben U.S., was United States heißt, von den Amerikanern aber durch Uncle Sam übersetzt wird; von da her schreibt sich der seltsame Spitzname, den sie sich selbst gegeben haben. !« »Hurra!« riefen die übrigen und schwangen ihre Waffen. Die Rothäute beantworteten den Schrei der Herausforderung durch einen Schrei der Wut, und der Kampf begann von neuem. Diesmal schien er aber ernster werden zu wollen. Nachdem sich die Indianer erhoben hatten, um ihr entsetzliches Kriegsgeschrei auszustoßen, verstreuten sie sich wieder und kamen langsam auf dem Boden herangekrochen. Sooft sie auf ihrem Weg auf einen Baumstamm oder ein Gebüsch stießen, das ihnen Schutz zu bieten vermochte, hielten sie inne, um einen Pfeil abzuschießen oder eine Kugel abzufeuern. Dieses neue Verfahren ihrer Feinde brachte die Amerikaner in Verlegenheit, da ihre Kugeln nur selten treffen konnten, weil die Indianer unglücklicherweise im Dunkel fast unsichtbar waren und mit der Arglist, die ihnen eigen ist, das hohe Gras so geschickt in Bewegung zu setzen wußten, daß die Auswanderer, dadurch getäuscht, kein bestimmtes Ziel ins Auge zu fassen vermochten. »Wir sind verloren!« rief John Bright mutlos aus. »Die Lage wird allerdings bedenklich, doch dürfen wir noch nicht verweifeln«, erwiderte die Unbekannte. »Es bleibt uns noch ein – wenn auch schwaches – Rettungsmittel, das ich entschlossen bin anzuwenden, sobald der Augenblick gekommen ist; wir wollen uns auf einen Kampf Mann gegen Mann gefaßt machen.« »Nun, der Schurke dort unten soll wenigstens nicht viel weiter kommen«, bemerkte der Auswanderer, indem er seine Büchse anlegte. Die Kugel des Amerikaners zerschmetterte bei diesen Worten den Schädel eines Schwarzfußkriegers, der sich ein wenig über das hohe Gras erhoben hatte. Die Rothäute richteten sich plötzlich auf und stürmten heulend auf die Verschanzungen zu. Die Amerikaner erwarteten sie, ohne zu wanken. Eine wohlgezielte Salve empfing die Indianer, worauf der Kampf Mann gegen Mann begann. Die Amerikaner standen auf der Höhe ihrer Verschanzungen und schmetterten mit den Kolben ihrer Büchse jeden zu Boden, der in ihren Bereich kam. Der Kampf, den nur zuweilen das Geschrei der Verwundeten unterbrach – denn die Amerikaner schlugen sich, ohne etwas zu reden –, hatte etwas Unheimliches. Plötzlich, in dem Augenblick, wo die Amerikaner, von der Übermacht überwältigt, unwillkürlich anfingen zu weichen, stürzte sich die Unbekannte, eine brennende Fackel in der Hand schwingend, mit einem derart wilden Schrei auf die Verschanzung, daß die Kämpfenden schaudernd innehielten. Die Fackel beleuchtete das Gesicht der Unbekannten mit einem grellen Schein, der ihr einen entsetzlichen Ausdruck verlieh; sie stand mit hochaufgerichtetem Kopf da, während sie den Arm feierlich und gebietend ausgestreckt hielt. »Zurück!« rief sie mit gellender Stimme. »Zurück, ihr Teufel!« Bei dieser seltsamen Erscheinung blieben die Rothäute einen Augenblick starr vor Schrecken stehen, worauf sie den Abhang des Hügels in der größten Unordnung hinuntereilten und, von der größten Furcht erfaßt, flüchteten. Die Amerikaner, die Zeugen des Auftritts waren, stießen einen Seufzer der Erleichterung aus, denn sie waren gerettet! Durch ein Wunder gerettet! Jetzt wollten sie zu ihrer Befreierin eilen, um ihr zu danken. Sie war verschwunden! Die Amerikaner erforschten vergebens jeden Winkel, um sie zu finden – sie war spurlos verschwunden. Die Fackel, die sie in der Hand gehalten hatte, während sie die Indianer anrief, lag noch rauchend am Boden. Es war die einzige Spur ihrer Gegenwart, die sie im Lager der Auswanderer zurückgelassen hatte. John Bright und seine Gefährten erschöpften sich in Vermutungen über das Schicksal der Unbekannten, während sie, so gut es ging, die während des Kampfes erhaltenen Wunden verbanden, als plötzlich die Frau und die Tochter des Auswanderers im Lager erschienen. John Bright eilte ihnen entgegen. »Welche Unvorsichtigkeit!« rief er aus. »Warum habt ihr euer Versteck trotz der erhaltenen Weisungen verlassen?« Seine Frau blickte ihn verwundert an. »Aber«, antwortete sie, »wir kommen ja nur auf Veranlassung der unbekannten Frau, der wir alle in der vergangenen Nacht zu so großem Dank verpflichtet wurden.« »Wie?« rief John Bright aus. »Du hast sie also wiedergesehen?« »Gewiß; sie ist vor wenigen Augenblicken bei uns gewesen; wir waren vor Schrecken halb tot, denn das Getöse des Kampfes drang bis zu uns, und doch wußten wir nicht, was vor sich ging. Nachdem sie uns beruhigt hatte, versicherte sie, daß alles beendet sei und wir nichts mehr zu fürchten hätten und, wenn wir wollten, zu euch zurückkehren könnten.« »Was hat sie aber getan?« »Sie hat uns bis hierher geführt, dann hat sie sich trotz unserer Bitten entfernt, indem sie sagte, daß wir ihrer nicht mehr bedürften, ihre Gegenwart mithin überflüssig sei, während dringende Gründe sie zwingen würden, fortzueilen.« Der Auswanderer erzählte seiner Frau und seiner Tochter jetzt mit großer Genauigkeit alles, was geschehen war, und wie großen Dank er der seltsamen Frau schuldig sei. Die beiden Frauen hörten seine Erzählung mit der größten Aufmerksamkeit an, und ihre Neugierde war durch das Benehmen des sonderbaren Geschöpfs aufs höchste gespannt, denn sie wußten nicht, was sie davon denken sollten. Unglücklicherweise schien in der auffallenden Art, wie sich die Unbekannte entfernt hatte, keineswegs das Verlangen ausgesprochen zu liegen, in nähere Beziehungen zu den Auswanderern zu treten. Nachdem sich letztere in Vermutungen erschöpft hatten, zu denen die jüngsten Ereignisse Veranlassung gaben, sahen sie sich gezwungen, sich in die Umstände zu schicken und es der Zeit zu überlassen, das Dunkel, das ihre Retterin umgab, aufzuklären. Man hat in der Wildnis wenig Zeit zu müßigen Betrachtungen und leeren Vermutungen; die Handlung fordert alle Kräfte, und man muß stets daran denken, für seinen Lebensunterhalt und seine Sicherheit zu sorgen. John Bright war daher eifrig bemüht, statt die Lösung eines Rätsels zu suchen, die für den Augenblick nicht zu finden zu sein schien, die in den Verschanzungen entstandenen Lücken auszubessern und sein Lager soviel wie möglich noch besser zu befestigen, indem er alle Gegenstände, die er entbehren konnte, auf die Umzäunung türmte. Nachdem auf diese Weise für die allgemeine Sicherheit Sorge getragen worden war, sah er sich nach seinem Vieh um. Er hatte es so aufgestellt, daß es die Kugeln nicht erreichen konnten, nämlich in nächster Nähe des Zeltes, das die Frauen jetzt wieder bewohnten; den Raum, wo die Tiere standen, hatte er mit ineinandergeflochtenen Zweigen eingezäunt. Sobald John Bright jene Umzäunung betreten hatte, stieß er einen Schrei der Verwunderung aus, der sich bald in einen Ausruf der Wut verwandelte. Sein Sohn und seine Diener eilten herbei. Die Pferde und die Hälfte der Ochsen waren verschwunden. Die Indianer hatten sie während des Kampfes geraubt, und wahrscheinlich hatte das Getöse der Schlacht verhindert, daß der Diebstahl bemerkt wurde. Aller Wahrscheinlichkeit nach hatte nur das Erscheinen der Unbekannten, die die Indianer in Schrecken versetzte, die Entführung sämtlicher Tiere verhindert. Der Verlust war für den Auswanderer unersetzlich; und obwohl nicht das ganze Vieh geraubt worden war, sah er sich doch vor die Unmöglichkeit gestellt, weiterzuziehen. Sein Entschluß war mit der Schnelligkeit gefaßt, die den Nordamerikanern eigen ist. »Unser Vieh ist gestohlen«, sagte er. »Wir können es nicht entbehren; ich bin also entschlossen, es wiederzuerlangen.« »Ganz recht«, entgegnete William. »Wir wollen uns bei Sonnenuntergang auf seine Fährte begeben.« »Ich, aber nicht du, mein Sohn; Sam soll mich begleiten.« »Was soll ich unterdessen tun?« »Du, mein Junge, wirst im Lager bleiben, um über deine Mutter und deine Schwester zu wachen. Ich lasse dir James da.« Der junge Mann verneigte sich, ohne zu antworten. »Die Heiden sollen sich nicht rühmen können, meine Ochsen gegessen zu haben«, fuhr John Bright zornig fort. »Ich will meine Tiere wiederfinden oder meinen Skalp einbüßen, das schwöre ich beim Andenken meines Vaters!« Die Nacht war unterdessen verflossen, und als die Befestigungsarbeiten beendet waren, war die Sonne zwar noch nicht sichtbar, doch fing der Himmel bereits an, sich mit einem purpurnen Schein zu färben. »Seht, da bricht der Tag an«, bemerkte John Bright; »verlieren wir keine Zeit, sondern brechen wir ungesäumt auf! Ich empfehle dir also deine Mutter und deine Schwester, William, nebst allem, was ich sonst hier zurücklasse. »Geh, mein Vater«, antwortete der junge Mann, »ich werde während deiner Abwesenheit wachsam sein; du kannst deswegen unbesorgt sein!« Der Auswanderer drückte seinem Sohn die Hand, warf seine Büchse über die Schulter, winkte Sam, ihm zu folgen, und schritt auf die Umzäunung des Lagers zu. »Es ist unnötig, deine Mutter zu wecken«, sagte er im Weitergehen. »Wenn sie ihr Zelt verläßt, wirst du ihr erzählen, was geschehen ist und was ich getan habe; ich bin überzeugt, daß sie damit einverstanden sein wird. Nun sei guten Mutes, mein Junge, und halte besonders strenge Wacht!« »Und dir wünsche ich guten Erfolg, Vater!« »Gott gebe es, mein Junge, Gott gebe es!« sagte der Auswanderer in traurigem Ton. »So prächtiges Vieh!« »Sieh doch einmal!« rief der junge Mann aus, indem er seinen Vater zurückhielt. »Was erblicke ich da?« Der Auswanderer drehte sich rasch um. »Was siehst du denn, William? Wo denn?« »Dort, Vater, in der Richtung! Was soll das heißen? Das sieht ja aus, als wären es unsere Tiere!« Der Auswanderer sah sich in der angegebenen Richtung um. »Was sagst du? Daß es beinahe aussieht, als wäre es unser Vieh? Das ist es ja! Wo, zum Teufel, kommt es denn her, und wer bringt es denn zurück?« In weiter Entfernung wurde in der Tat das Vieh des Amerikaners in der Prärie sichtbar, das auf das Lager zueilte, wobei es eine dichte Staubwolke um sich verbreitete. 7 Der indianische Häuptling In dem Augenblick, in dem der Graf de Beaulieu sein Streichhölzchen anzündete und gedankenlos seine Zigarre anbrennen wollte, war er weit entfernt, zu vermuten, daß er den Indianern dadurch so furchtbar erscheinen würde. Sobald er aber die Gewalt des Werkzeugs erkannte, das ihm der Zufall in die Hand gegeben hatte, beschloß er, es zu seinem Nutzen auszubeuten und sich der abergläubischen Furcht der Rothäute zu seinem Vorteil zu bedienen. Während er innerlich über den Vorteil jubelte, der ihm so unerwartet zuteil geworden war, nahm er äußerlich eine finstere Miene an und redete die Indianer, als er sah, daß sie imstande waren, ihm zuzuhören, in dem überlegenen, gebietenden Ton an, der seinen Eindruck auf die Massen nie verfehlt: »Wollen meine Brüder ihre Ohren öffnen, denn die Worte meines Mundes sollen von allen gehört und verstanden werden: Meine Brüder sind einfache, vom Irrtum befangene Menschen, und die Wahrheit muß wie ein eiserner Keil in ihre Herzen dringen. Meine Güte ist groß, denn ich bin mächtig. Ich habe mich begnügt, meinen Brüdern zu zeigen, was ich vermag, statt sie zu züchtigen; ich bin ein großer Zauberer der Bleichgesichter und besitze alle Geheimnisse der berühmtesten Medizin. Wenn ich es wollte, würden die Vögel vom Himmel und die Fische aus dem Wasser kommen, um mir zu huldigen, weil der Herr des Lebens in mir wohnt und mir den Zauberstab der Medizin verliehen hat. Merkt auf meine Worte, Rothäute, und vergeßt diese nicht! Als der erste Mensch geboren wurde, erging er sich an den Ufern des Mécha-Chébé; da begegnete er dem Herrn des Lebens. Der Herr des Lebens grüßte ihn und sagte: ›Du bist mein Sohn.‹ ›Nein‹, erwiderte der erste Mensch, ›du bist im Gegenteil mein Sohn, und ich bin bereit, es dir zu beweisen, wenn du mir nicht glauben willst. Wir wollen uns setzen und den Medizinstab, den jeder von uns in der Hand trägt, in die Erde pflanzen, und derjenige, der zuerst aufsteht, soll der jüngste sein und der Sohn des anderen.‹ Sie setzten sich also hin und blickten sich lange Zeit an, bis endlich der Herr des Lebens erbleichte, zusammenbrach und das Fleisch von seinen Knochen fiel; worauf der erste Mensch vergnügt ausrief: ›Endlich bist du wirklich tot!‹ Sie blickten sich auf solche Weise zehn Monde lang und noch zehnmal länger an, nach welcher Zeit das Gebein des Herrn vollständig ausgebleicht war, worauf der erste Mensch aufstand und sagte: ›Ja, jetzt bleibt kein Zweifel; er ist sicherlich tot.‹ Dann zog er den Stab des Herrn des Lebens aus der Erde. Jetzt stand aber der Herr des Lebens auf, nahm ihm den Stab und sagte: ›Halt, hier bin ich! Ich bin dein Vater, und du bist mein Sohn.‹ Und der erste Mensch erkannte ihn an als seinen Vater. Aber nun fügte der Herr des Lebens hinzu: ›Du bist mein Sohn, der erste Mensch, und kannst nicht sterben; nimm meinen Medizinstab! Sooft ich meinen Söhnen, den Rothäuten, etwas mitzuteilen habe, werde ich dich senden.‹ Hier seht ihr meinen Medizinstab; seid ihr bereit, meine Befehle zu vollstrecken?« Die Worte waren im Ton so fester Überzeugung gesprochen, und die vom Grafen erzählte Legende war so lebendig wiedergegeben und so allgemein bekannt, daß ihm die Indianer, die durch das Wunder mit dem Streichhölzchen schon zu seinen Gunsten eingenommen worden waren, unbedingten Glauben schenkten und mit der tiefsten Ehrfurcht antworteten: »Unser Vater rede; denn was er will, das wollen wir auch; sind wir doch seine Kinder!« »Entfernt euch«, fuhr der Graf fort, »ich will mit eurem Häuptling allein verkehren!« Natah-Otann hatte die Rede des Grafen mit der größten Aufmerksamkeit angehört; ein Beobachter würde zuweilen einen flüchtigen Ausdruck des Unglaubens auf seinem Gesicht wahrgenommen haben, doch leuchteten im nächsten Augenblick seine klugen, verständigen Augen lebhaft und freudig auf. Als der junge Mann schwieg, ertönte sein Jubel ebenso laut – wenn nicht noch lauter – als der seiner Krieger, und als er hörte, daß der Graf mit ihm allein verkehren wollte, spielte ein Lächeln um seine Lippen. Er gebot den Indianern durch einen Wink, sich zu entfernen, und näherte sich dem Grafen mit einer Sicherheit und einer Anmut, die letzterem unwillkürlich auffiel. In dem Wesen des jungen Häuptlings lag ein angeborener Adel, der auf den ersten Blick für ihn einnahm, die Herzen gewann und Anteil erweckte. Die Schwarzfußkrieger verneigten sich ehrerbietig, worauf sie den Abhang hinunterstiegen und sich in einer Entfernung von ungefähr zweihundert Ellen aufstellten. Zwei Männer außer den Indianern waren über die improvisierte Rede des Grafen wenigsten ebenso überrascht wie die Indianer. Es waren Freikugel und Ivon Kergollec; weder der eine noch der andere begriff, wo das hinaus wollte. Die indianische Kenntnis des jungen Mannes waren ihnen unbegreiflich, und sie harrten des Ausgangs jenes Auftrittes, dessen Zweck und Bedeutung ihnen vollständig dunkel war, mit ängstlicher Spannung. Als der Franzose und der Indianer allein waren – denn der Jäger und der Bretone hatten sich gleichfalls zurückgezogen –, musterten sie einander mit wahrhaft peinlicher Aufmerksamkeit. So große Mühe sich der Weiße aber auch gab, um die wahre Meinung seines Gegenübers zu ergründen, mußte er sich schließlich eingestehen, daß er es mit einem jener bevorzugten Menschen zu tun habe, auf deren Zügen sich nichts von den Regungen ihres Inneren verrät und die unter allen Umständen ihre Empfindungen zu beherrschen wissen; ja noch mehr: Er empfand unter dem starren, glänzenden Blick des Indianers ein Unbehagen, das er dadurch zu beseitigen suchte, daß er rasch das Wort ergriff, um gewissermaßen den Zauber zu lösen, der ihn gefangenhielt. »Häuptling«, hob er an, »jetzt haben sich Eure Krieger entfernt –« Natah-Otann tat seiner Rede durch einen Wink Einhalt, verneigte sich höflich vor dem Grafen und sagte mit einem Ausdruck, um den ihn die Eingeborenen an den Ufern der Seine beneidet haben würden: »Verzeihung, Herr Graf, ich glaube, daß die geringe Übung, die Sie im Sprechen unserer Sprache haben, Ihnen deren Gebrauch erschwert; ist es Ihnen gefällig, sich auf französisch auszusprechen, so glaube ich die Sprache genug zu verstehen, um Ihnen folgen zu können.« »Wie?« rief der Graf verwundert aus. »Was sagt Ihr da?« Herr von Beaulieu hätte nicht bestürzter sein können, wenn der Blitz vor seinen Füßen eingeschlagen hätte, als da er den Wilden, der die vollständige Kleidung der Schwarzfüße trug und dessen Gesicht mit vier verschiedenen Farben bemalt war, ein so reines Französisch sprechen hörte. Natah-Otann bemerkte scheinbar die Bestürzung des Grafen nicht, sondern fuhr kaltblütig fort: »Ich bitte, mir zu verzeihen, Herr Graf, wenn ich Ausdrücke gebraucht habe, die Ihnen wegen deren Gewöhnlichkeit wahrscheinlich anstößig waren, doch muß es mir als Entschuldigung dienen, daß ich in der Wildnis so wenig Gelegenheit gehabt habe, mich im Französischen zu üben.« Die Verwunderung des Herrn de Beaulieu stieg immer höher, und kaum wußte er noch, ob er wache oder der Spielball eines Traums sei. Was er hörte, kam ihm so unglaublich und unbegreiflich vor, daß er keine Worte fand, um sein Erstaunen auszusprechen. »Aber wer seid Ihr denn eigentlich?« fragte er endlich, als er zu reden imstande war. »Ich?« fragte Natah-Otann gleichgültig. »Sie sehen es ja, Herr Graf, ich bin ein armer Indianer – weiter nichts.« »Unmöglich!« entgegnete der junge Mann. »Ich versichere, mein Herr, daß ich Ihnen die reinste Wahrheit gesagt habe. Sehen Sie«, fuhr er mit liebenswürdiger Unbefangenheit fort, »Sie müssen es mir nicht zum Vorwurf machen, wenn Sie finden sollten, daß ich ein wenig – wie soll ich sagen? –, ein wenig höflicher oder geschliffener bin als die anderen. Das hängt von Umständen ab, die gänzlich außer dem Bereich meines Willens liegen und die ich Ihnen gelegentlich mitteilen will, wenn Ihnen daran liegen sollte.« Der Graf de Beaulieu war, wie wir bereits gesagt zu haben glauben, ein großherziger Mann, den wenige Dinge aus der Fassung zu bringen vermochten. Nachdem sich sein erstes Erstaunen gelegt hatte, wußte er sich mit großer Ruhe in die neue Lage zu finden und nahm, ohne zu zaudern, das seltsame Abenteuer, das ihm der Zufall bereitet hatte, auf sich. »Die Begegnung ist bei Gott seltsam und vollkommen geeignet, mich in Erstaunen zu setzen; entschuldigen Sie daher, bester Herr, die unschickliche Verwunderung, die ich an den Tag gelegt habe, als ich Sie so reden hörte, wie Sie es getan haben; ich war so weit entfernt, zu erwarten, einem so anständigen Mann wie Ihnen in einer Entfernung von sechshundert Meilen von den zivilisierten Ländern zu begegnen, daß ich offen bekenne, ich wußte anfangs nicht, welchem Heiligen ich meine arme Seele empfehlen sollte.« »Sie schlagen meine geringen Kenntnisse zu hoch an, Herr Graf; nehmen Sie aber die Versicherung entgegen, daß ich die gute Meinung, die Sie von mir haben, mit Dank anerkenne. Jetzt wollen wir mit Ihrer Erlaubnis zu unseren kleinen Geschäften zurückkehren.« »Ich bin, auf Ehre, über alles, was mir widerfährt, so bestürzt, daß ich offen bekenne, daß mir der Verstand förmlich stillsteht.« »Beunruhigen Sie sich deshalb nicht, ich werde Ihnen bald wieder auf die Sprünge geholfen haben. Doch Sie schienen, nachdem Sie Ihre anziehende Rede beschlossen, zu wünschen, mit mir allein zu sprechen.« »Ja«, erwiderte der Graf lächelnd, »ich muß jetzt wohl fürchten, daß ich mich in Ihren Augen mit meiner Legende sehr lächerlich gemacht habe, des Wunders mit dem Streichhölzchen gar nicht zu gedenken. Wie konnte ich aber ahnen, daß ich einen solchen Zuhörer hätte?« Natah-Otann schüttelte traurig den Kopf, und ein Ausdruck der Trauer verdüsterte seine Miene. »Nein«, sagte er, »Sie haben nur getan, was Sie tun mußten. Aber während Sie sprachen, Herr Graf, gedachte ich der armen betörten und in so tiefem Irrtum befangenen Indianer und fragte mich selbst innerlich, ob man wohl hoffen dürfe, sie aufzuklären, ehe es den Weißen gelungen wäre, sie auszurotten.« Der Häuptling sprach die Worte in einem Ton so aufrichtiger Trauer und bitteren Hasses, daß der Graf bei dem Gedanken tief gerührt war, wieviel jener Mann mit der feurigen Seele darunter leiden müsse, sein Geschlecht so entartet zu sehen. »Fassen Sie Mut!« sagte er, indem er ihm die Hand reichte. »Mut?« wiederholte der Indianer mit Bitterkeit, wobei er aber doch den Händedruck des Grafen erwiderte. »Das Wort hat mir derjenige, der Vaterstelle an mir vertrat und mich zu meinem Unglück zu dem gemacht hat, was ich jetzt bin, fortwährend zugerufen, wenn ich mich in dem Kampf, den ich unternommen habe, durch einen Fehlschlag entmutigt fühlte.« Es folgte eine Pause. Jeder der beiden Männer war in seine eigenen Betrachtungen vertieft. Endlich ergriff Natah-Otann das Wort. »Hören Sie, Herr Graf«, sagte er, »es besteht zwischen Männern von einem gewissen Charakter ein unbeschreibliches Gefühl der Sympathie, das sie unwillkürlich zueinander hinzieht. Ich habe Sie seit den sechs Monaten, während der Sie die Prärie durchstreift haben, keinen Augenblick aus den Augen verloren, und Sie würden längst tot sein, wenn ich Sie nicht heimlich beschützt hätte. Danken Sie mir nicht«, fiel er dem jungen Mann rasch ins Wort, »denn ich habe mehr in meinem als in Ihrem Interesse gehandelt. Sie wundern sich über ein solches Geständnis, nicht wahr? Dem ist aber trotzdem so: Ich habe Absichten auf Sie, was ich mir erlaube, Ihnen mit dem Vorbehalt zu entdecken, das Nähere in einigen Tagen, wenn wir uns erst besser kennen, enthüllen zu dürfen. Für den Augenblick werde ich Ihnen in allem, was Sie wünschen, gehorchen und Ihnen in den Augen meiner Landsleute den wundertätigen Heiligenschein bewahren, der Ihr Haupt umstrahlt. Sie wollen jene amerikanischen Auswanderer verschont wissen – wohlan, so will ich aus Rücksicht für Sie der Schlangenbrut verzeihen und erbitte mir nur eine Gunst.« »Reden Sie!« »Sobald Sie sich überzeugt haben werden, daß die Leute, die Sie retten wollen, in Sicherheit sind, wünschte ich, daß Sie mich nach meinem Dorf begleiten – das ist alles. Es wird Sie kein großes Opfer kosten, und zwar um so weniger, da sich mein Stamm kaum eine Tagesreise von hier entfernt aufhält.« »Ich bin einverstanden und nehme Ihren Vorschlag an, Häuptling! Ich werde Ihnen folgen, wohin Sie wollen, aber erst wenn ich gewiß sein kann, daß meine Schützlinge meiner Hilfe nicht mehr bedürfen.« »Abgemacht! Jetzt noch ein Wort.« »Reden Sie!« »Es bedarf nicht der Erinnerung, daß ich für alle – selbst für die beiden Weißen, die Sie begleiten – nichts anderes bin als ein Indianer wie die übrigen.« »Wenn Sie es verlangen ...« »Es geschieht in unserem gemeinschaftlichen Interesse; denn eine Unbesonnenheit, ein unüberlegtes, wenn auch unbedeutendes Wort würde uns beide verderben. Sie kennen die Rothäute noch nicht!« fügte er mit dem schwermütigen Lächeln hinzu, das dem Grafen schon früher aufgefallen war. »Gut«, antwortete dieser, »seien Sie unbesorgt; ich werde Ihrer Warnung eingedenk sein.« »Jetzt will ich – wenn es Ihnen recht ist – meine Krieger zurückrufen, denn eine längere Verhandlung zwischen uns könnte ihre Eifersucht erregen.« »Handeln Sie nach eigener Einsicht; ich verlasse mich vollkommen auf Sie und gebe mich rückhaltlos in Ihre Hand.« »Sie werden keine Ursache haben, es zu bereuen«, antwortete Natah-Otann in verbindlichem Ton. Während der Häuptling zu seinen Kriegern zurückkehrte, ging der Graf zu seinen beiden Gefährten. »Nun«, fragte Freikugel, »haben Sie von dem Mann erhalten, was Sie wünschten?« »Unbedingt«, antwortete er; »es bedurfte nur weniger Worte.« Der Jäger warf ihm einen spöttischen Blick zu. »Ich hätte ihn nicht für so nachgiebig gehalten«, sagte er. »Warum das, mein Freund?« »Nun, weil sein Ruf in der Wildnis gut bekannt ist und ich ihn seit langem kenne.« »So?« entgegnete der junge Mann, dem die Gelegenheit nicht unwillkommen war, nähere Erkundigungen über denjenigen einzuziehen, der seine Neugierde so lebhaft erregt hatte. »In welchem Ruf steht er denn?« Freikugel schien sich einen Augenblick zu bedenken. »Scheuen Sie sich vielleicht, sich näher über ihn auszusprechen?« »Ich wüßte nicht, aus welchem Grund; im Gegenteil: Seit dem Tag, an dem er mich bei lebendigem Leibe verbrennen wollte – welches kleine Mißverständnis ich ihm längst verziehen habe –, sind unsere gegenseitigen Beziehungen stets die besten gewesen.« »Und zwar um so mehr«, sagte der Graf lachend, »als ihr euch, soviel ich weiß, bis zum heutigen Tag nicht wieder begegnet seid.« »Eben wollte ich es sagen; denn sehen Sie, Natah-Otann ist– unter uns gesagt– einer jener Indianer, dem nicht zu begegnen das Vorteilhafteste ist. Er kommt mir vor wie eine Eule, denn sein Erscheinen verkündet immer ein Unglück.« »Teufel! Solche Worte sind aus Ihrem Munde, Freikugel, keineswegs trostreich.« »In dem Fall wollen wir annehmen, daß ich nichts gesagt habe«, erwiderte dieser lebhaft. »Ich bin es gern zufrieden zu schweigen.« »Wohl möglich; doch hat das wenige, was Ihnen entschlüpft ist, meine Neugierde in solchem Grad erweckt, daß ich gern mehr hören möchte.« »Unglücklicherweise weiß ich nichts.« »Sie haben aber von seinem Ruf gesprochen; sollte dieser schlecht sein?« »Das behaupte ich nicht«, antwortete Freikugel zurückhaltend. »Sie wissen ja, Herr Eduard, daß die indianischen Sitten sehr verschieden von den unsrigen sind. Was uns als Unrecht erscheint, betrachten die Indianer mit ganz anderen Augen, und daher ...« »Daher«, fiel ihm der Graf ins Wort, »erfreut sich Natah-Otann eines abscheulichen Rufes, nicht wahr?« »Nein, das versichere ich; es kommt übrigens viel darauf an, von welchem Standpunkt aus man ihn beurteilt.« »Nun, und was ist Ihre persönliche Meinung?« »Ach, ich bin, wie Sie wissen, nur ein armer Teufel; es will mich aber bedünken, als ob der Satan von einem Indianer durchtriebener wäre als sein ganzer Stamm. Er gilt – unter uns gesagt – bei seinen Landsleuten für einen Zauberer, und sie haben die entsetzlichste Furcht vor ihm.« »Ist das alles?« »So ziemlich.« »Übrigens«, bemerkte der Graf sorglos, »hat er mich gebeten, ihn nach seinem Dorf zu begleiten, und während der kurzen Zeit, die wir bei ihm zubringen, werden wir Zeit haben, ihn mit Muße zu beobachten.« Der Jäger fuhr verwundert auf. »Das werden Sie nicht tun, nicht wahr, Herr Graf?« »Ich wüßte nicht, was mich daran hindern könnte.« »Sie selbst, Herr Graf, denn Sie werden hoffentlich nicht unbesonnen genug sein, sich in den Rachen des Wolfs zu begeben.« »Wollen Sie deutlicher reden? Ja oder nein?« rief der Graf mit aufsteigender Ungeduld aus. »Mein Gott, was würde es mir helfen, deutlicher zu werden? Meine Worte würden Sie nicht zurückhalten, davon bin ich überzeugt. Sie sehen also selbst, daß es überflüssig wäre, wenn ich mehr sagen wollte; es ist überdies jetzt zu spät, denn dort kommt der Häuptling wieder.« Dem Grafen entschlüpfte eine sofort unterdrückte Äußerung des Unmuts, die aber Natah-Otann, der wirklich in dem Augenblick auf der Anhöhe erschien, nicht entgangen war. Der junge Mann trat zu ihm. »Nun?« fragte er eifrig. »Meine jungen Leute sind bereit, zu tun, was unser Vater, das Bleichgesicht, wünscht. Wenn er sein Pferd besteigen und uns folgen will, kann er sich selbst überzeugen, daß unsere Absichten ehrlich sind.« »Ich folge Euch, Häuptling«, antwortete der Graf, indem er Ivon winkte, ihm sein Pferd zu bringen. Die Schwarzfüße nahmen die drei Jäger mit unzweideutigen Beweisen der Freude auf. »Vorwärts!« sagte der junge Mann. Natah-Otann hob den Arm. Auf dieses Zeichen drückten die Krieger ihre Knie in die Weichen der Pferde, worauf diese davonjagten, wie vom Sturm getrieben. Es kann sich niemand, der es nicht mit eigenen Augen gesehen hat, eine Vorstellung von einem indianischen Ritt machen. Nichts vermag die Rothäute aufzuhalten; kein Hindernis ist imstande, sie von ihrem Weg abzubringen, sie verfolgen unaufhaltsam die geradeste Richtung, fliegen wie ein menschlicher Sturmwind über die Prärie, überspringen Abgründe, Schluchten und Felsen mit schwindelnder Eile. Natah-Otann, der Graf und seine beiden Begleiter ritten an der Spitze des Zuges, und die Krieger folgten ihnen auf dem Fuß. Plötzlich hielt der Häuptling sein Pferd hastig an und rief mit lauter Stimme: »Halt!« Alle gehorchten; die Pferde standen wie auf einen Zauberschlag unbeweglich, wie in die Erde gewurzelt. »Warum halten wir?« fragte der Graf. »Laßt uns im Gegenteil weitereilen!« »Das ist unnötig«, antwortete der Häuptling in ruhigem Ton. »Mein Bruder sehe sich um.« Der Graf neigte sich über den Hals seines Pferdes. »Ich sehe nichts«, entgegnete er. »Ganz recht«, sagte der Indianer. »Ich vergaß, daß mein Bruder die Augen der Bleichgesichter hat; in wenigen Minuten wird er sehen.« Die Schwarzfüße scharten sich ängstlich um ihren Häuptling und blickten ihn fragend an. Letzterer schien äußerlich vollkommen gefaßt, blickte aber starr vor sich hin und schien in der Dunkelheit Gegenstände zu unterscheiden, die allen anderen unsichtbar waren. Die Ungewißheit der Indianer dauerte nicht lange, bald erblickten sie eine Anzahl Reiter, die mit verhängtem Zügel heransprengten. Als sie die Truppe Natah-Otanns erreicht hatten, machten sie halt. »Was ist geschehen?« fragte der Häuptling in strengem Ton. »Warum flüchten meine Söhne? Ich sehe keine Krieger vor mir, sondern furchtsame Weiber.« Bei diesem Vorwurf senkten die Indianer demütig den Kopf, antworteten aber nicht. Der Häuptling fuhr fort: »Will mir niemand sagen, was geschehen ist und weshalb auserlesene Krieger fliehen wie aufgescheuchte Antilopen? Wo ist das Langhorn?« Ein Krieger trat aus den dichten Reihen seiner Gefährten. »Das Langhorn ist tot«, sagte er in traurigem Ton. »Er war ein kluger und berühmter Krieger, er ist in die seligen Prärien des Herrn des Lebens eingegangen, um mit den gerechten Kriegern zu jagen. Warum hat, da er tot ist, nicht der Schwarze Vogel an seiner Statt den Totem in die Hand genommen?« »Weil der Schwarze Vogel tot ist«, antwortete der Krieger in demselben Ton. Natah-Otann runzelte die Brauen, und seine Stirn umdüsterte sich bei der Anstrengung, die es ihn kostete, sich zu überwinden. »Ach«, sagte er mit Bitterkeit, »die großen Herzen des Westens haben sich gut geschlagen, und ihre Büchsen haben das Ziel nicht verfehlt, denn die zwei besten Häuptlinge des Volkes sind gefallen. Aber der Rote Wolf war ja noch da; warum hat er seine Brüder nicht gerächt?« »Weil auch er gefallen ist«, sagte der Krieger in düsterem Ton. Ein Beben des Zorns durchlief die Reihen der Anwesenden. »Uah!« rief Natah-Otann schmerzlich aus. »Was höre ich? Auch er ist tot?« »Nein, aber schwer verwundet.« Auf diese Worte folgte tiefes Schweigen. »Es haben also vier Bleichgesichter«, sagte der Häuptling, »zweihundert Schwarzfußkriegern die Spitze geboten und ihnen ihre tapfersten Häuptlinge getötet oder verwundet, ohne daß ihre Krieger versucht hätten, diese zu rächen? Was wird der Weiße Bison sagen, wenn er es erfährt? Er wird meinen Söhnen Weiberröcke geben und ihnen befehlen, die Speisen für die tapferen Krieger zuzubereiten, anstatt sie wieder auf den Kriegspfad zu senden.« »Das Lager der Großen Messer war in unserer Gewalt«, antwortete der Indianer, der bisher für seine Gefährten das Wort geführt hatte. »Schon lagen sie auf dem Boden, und wir knieten auf ihrer Brust; ein Teil ihres Viehs war geraubt, und wir standen im Begriff, die Skalps der Bleichgesichter an unserem Gürtel zu befestigen, als der Böse Geist plötzlich in ihrer Mitte erschien und das Glück des Kampfes wandte.« Bei dieser Eröffnung nahm der Häuptling eine noch strengere Miene an, was die Krieger mit unverkennbaren Zeichen des Schreckens bemerkten. »Der Böse Geist?« sagte er. »Von welchem Bösen Geist redet mein Sohn?« »Welchen anderen könnte ich meinen, wenn nicht die lügenhafte Wölfin der Prärien?« entgegnete der Indianer mit leise stockender Stimme. »Oho!« antwortete Natah-Otann. »War es also die Wölfin, die meine Söhne gesehen haben?« »Ja, das können wir bezeugen«, riefen die Schwarzfüße einstimmig aus und schätzten sich glücklich, auf diese Weise den Vorwurf der Feigheit abstreifen zu können. Natah-Otann schien sich kurze Zeit zu bedenken. »Wo ist das Vieh, das meine Söhne den Großen Messern geraubt haben?« fragte er. »Wir haben es mit uns genommen«, antwortete ein Krieger; »hier ist es.« »Gut«, erwiderte Natah-Otann. »Meine Söhne mögen ihre Ohren öffnen, um die Worte zu vernehmen, die mir der Große Geist eingibt: Die Großen Messer werden von der Wölfin beschützt; unsere Bemühungen würden fruchtlos sein, denn meine Söhne sind nicht imstande, sie zu besiegen. Ich werde, sobald wir in unserem Dorf wieder angekommen sind, eine große Medizin unternehmen, die den Zauber lösen wird, dem die Wölfin ihre Kraft verdankt. Bis dahin aber müssen wir große List anwenden, um die Wölfin zu täuschen und zu verhindern, daß sie Verdacht schöpft und auf ihrer Hut ist. Wollen meine Söhne den Rat eines erfahrenen Kriegers befolgen?« »Mein Vater spreche seine Gedanken aus«, antwortete ein Krieger im Namen aller; »er ist sehr klug; wir werden tun, was er will, denn er wird es besser verstehen als wir, die Wölfin zu hintergehen.« »Gut, meine Söhne haben gut gesprochen! Wir wollen folgendes tun: Zuerst kehren wir nach dem Lager der Bleichgesichter zurück, um ihnen ihr Vieh wiederzugeben. Ein solcher Schritt wird die Bleichgesichter täuschen und ihnen das Mißtrauen gegen uns nehmen. Sobald wir die große Medizin vollbracht haben, können wir uns ihres Lagers mit allem, was es enthält, bemächtigen, ohne daß es die lügenhafte Wölfin verhindern kann. Ich habe gesprochen – was denken meine Söhne?« »Mein Vater ist sehr schlau«, antwortete der Krieger. »Seine Söhne werden ausführen, was er gesagt hat.« Natah-Otann warf dem Grafen de Beaulieu einen triumphierenden Blick zu, und letzterer mußte innerlich über die Gewandtheit des Häuptlings staunen, dem es unter dem Anschein, die Indianer wegen ihrer Niederlage zur Rede zu stellen und den heftigsten Zorn gegen die Amerikaner zu empfinden, in so kurzer Zeit gelungen war, sie ohne den geringsten Widerstand für seine geheimen Pläne zu gewinnen. »Oho!« murmelte der junge Graf für sich. »Der Indianer ist kein gewöhnlicher Mensch und verdient, näher beobachtet zu werden.« Auf die Worte des Häuptlings folgte ein Augenblick der Unruhe. Die Schwarzfüße, die den panischen Schrecken überwunden hatten, der sie mit der Schnelligkeit der Gazellen aus der Nähe des unheilvollen Lagers vertrieben hatte, wo sie eine vollständige Niederlage erlitten, stiegen von ihren Pferden, um teils ihre Wunden mit zerkauten Oreganoblättern zu verbinden, teils die Rinder und Pferde zusammenzutreiben, die sie den Bleichgesichtern gestohlen hatten und die hier und da verstreut waren. »Wer ist denn jene ›lügenhafte Wölfin der Prärien‹, die jenen Männern so große Furcht einjagt?« fragte der Graf den Jäger. »Niemand kennt sie«, antwortete Freikugel leise. »Bisher ist es noch niemandem gelungen, das Geheimnis aufzuklären, das über dem Leben jener rätselhaften Frau schwebt. Sie sucht nur den Indianern zu schaden, deren unerbittliche Feindin sie zu sein scheint. Die Rothäute versichern, daß sie unverwundbar sei und sowohl die Pfeile wie die Kugeln von ihr abprallten, ohne sie zu verletzen. Ich habe sie häufig gesehen, ohne je Gelegenheit gefunden zu haben, mit ihr zu sprechen. Ich halte sie für wahnsinnig, denn soviel ich bei gewissen Gelegenheiten aus ihren sonderbaren Gebärden habe schließen können, scheint sie ihren Verstand verloren zu haben, obwohl sie zu anderen Zeiten bei vollkommen klarem Bewußtsein zu sein scheint. Kurz, sie ist ein unbegreifliches Wesen, das in der Prärie ein sonderbares und rätselhaftes Dasein führt.« »Ist sie allein?« »Immer.« »Sie erregen meine Neugierde in höchstem Grad«, sagte der Graf. »Sind Sie gewiß, daß niemand über jene Frau Auskunft zu geben vermöchte?« »Eine einzige Person könnte es, wenn sie wollte, vielleicht tun.« »Wer denn?« »Natah-Otann«, antwortete der Jäger in dumpfem Ton. »Das ist sonderbar«, murmelte der Graf. »Was kann er mit jener Frau gemein haben?« Freikugel antwortete nur durch eine bedeutsame Gebärde. Hier wurde ihre Unterhaltung gewaltsam unterbrochen – auf den Befehl des Häuptlings waren die Schwarzfüße wieder auf ihre Pferde gestiegen. »Vorwärts!« sagte Natah-Otann, indem er sich mit dem Grafen und dessen Gefährten wieder an die Spitze des Zuges stellte. Der ganze Zug sprengte in Richtung des amerikanischen Lagers davon und nahm das Vieh in seine Mitte. 8 Der Geächtete Wir sehen uns zum Verständnis der folgenden Ereignisse gezwungen, den Faden unserer Erzählung zu unterbrechen, um ein seltsames Abenteuer zu erzählen, das sich in den Prärien des Westens ungefähr dreißig Jahre vor unserer Erzählung zugetragen hat. Die Indianer, die man unserer Ansicht nach mit Unrecht als Wilde betrachtet, haben gewisse Gewohnheiten, die eine seltene Einsicht und eine tiefe Kenntnis des menschlichen Herzens verraten. Die Komantschen, die sich zu erinnern scheinen, daß sie in alten Zeiten eine verhältnismäßig sehr verfeinerte Zivilisation besessen haben, sind diejenigen, die die meisten jener Sitten beibehalten haben, die offenbar den Stempel der Eigentümlichkeit tragen. An einem Tag im Monat Februar – den sie Wame-binni-quisis, den »Mond der wiederkehrenden Adler«, nennen – des Jahres 1795 herrschte in einem Dorf des Stammes der Roten Kuh eine ungewöhnliche Aufregung. Der Hachesto oder öffentliche Ausrufer stand auf dem Dach einer Hütte und berief die Krieger um die siebente Stunde des Tages auf den Marktplatz des Dorfes neben die Arche des ersten Menschen, wo ein großer Rat abgehalten werden sollte. Die Krieger fragten sich vergebens, was der Grund einer so unerwarteten Versammlung sein könne, aber niemand konnte ihnen Auskunft geben – selbst der Hachesto wußte es nicht –, und sie sahen sich daher genötigt, die Stunde der Versammlung abzuwarten, obwohl sich die Auslegungen und Vermutungen nicht unterdrücken ließen. Die Rothäute, die uns schlecht unterrichtete Schriftsteller als kalte, steife und schweigsame Menschen schildern, sind im Gegenteil unter sich sehr munter und besonders sehr redselig. Ihre Beziehungen zu den Weißen, die besonders durch die Schwierigkeiten der Sprache erschwert werden, die sowohl für sie wie für die Europäer unüberwindlich sind, und das Mißtrauen, das jeder Eingeborene beim Verkehr mit Weißen wegen des Hasses empfindet, der beide Menschenklassen schroff auseinandertrennt, haben Veranlassung zu jener irrigen Meinung gegeben. Wir haben während unseres langen Aufenthalts unter den Indianerstämmen häufig Gelegenheit gehabt zu erkennen, wie sehr man sich in Hinsicht auf die Rothäute täuscht. Als wir den langen Abendplaudereien in den Dörfern und den Jagdzügen beiwohnten, beobachteten wir ein wahres Kreuzfeuer von Witzen und Scherzen, was häufig stundenlang dauerte; zum größten Entzücken der ausgelassen lachenden Zuhörer, die jenes herzliche indianische Gelächter aufschlugen, das ebenso sorglos wie unbefangen klingt, den Mund bis an die Ohren öffnet und den Augen Freudentränen erpreßt. Jenes Lachen ist wegen seines silbrigen Klanges nur mit dem Lachen der Neger zu vergleichen, obwohl das erstere weit geistreicher ist als das zweite, in dessen Klang stets etwas Tierisches liegt. Gegen das Ende des Tages – welche Zeit zur Versammlung bestimmt worden war – bot das Dorf der Roten Kuh einen außerordentlich lebendigen Anblick. Männer, Weiber, Kinder und Hunde, jene unzertrennlichen Gäste der Rothäute, drängten sich um einen weiten Kreis, in dem das Beratungsfeuer angezündet werden sollte, an dem die vorzüglichsten Häuptlinge des Stammes feierlich kauerten. Auf einen Wink eines alten Sachem, dessen silberweißes Haar auf seine Schultern niederwallte, brachte der Pfeifenträger das große Kalumet herbei, dessen Kopf er in der Hand behielt, während er das Rohr im Kreis herumgehen ließ. Als sämtliche Häuptlinge etliche Züge getan hatten, neigte der Pfeifenträger das Kalumet nach den vier Weltgegenden, wobei er geheimnisvolle Worte murmelte, die niemand verstand; dann schüttete er die Asche ins Feuer und sagte mit lauter Stimme: »Ihr Häuptlinge, ihr Weiber und Kinder der Roten Kuh, eure Sachems sind versammelt, um eine wichtige Frage zu entscheiden; bittet den Herrn des Lebens, daß er ihnen kluge Worte eingebe.« »Möge der Herr des Lebens dem Sachem des Volkes kluge Worte eingeben!« antworteten die Anwesenden im Chor. Hierauf entfernte sich der Pfeifenträger, nachdem er sich vor den Häuptlingen ehrerbietig verneigt hatte, und nahm das Kalumet mit sich. Die Beratung begann. Auf einen Wink des alten Sachem erhob sich ein Häuptling, grüßte die Anwesenden und ergriff das Wort: »Hochverehrte Sachems, Häuptlinge und Krieger meines Volkes!« sagte er mit lauter Stimme. »Der Auftrag, der mir zuteil geworden ist, fällt meinem Herzen schwer. Hört mich nachsichtig an; laßt euch nicht durch die Leidenschaft verblenden; vielmehr mag die Gerechtigkeit allein das vielleicht harte Urteil sprechen, das ihr euch genötigt seht zu fällen. Der Auftrag, den ich übernommen habe, ist schmerzlich, ich wiederhole es, und erfüllt mein Herz mit Trauer. Ich sehe mich genötigt, zwei berühmte Häuptlinge vor euch anzuklagen, die zwei angesehenen Familien angehören und sich beide in gleichem Grad um uns verdient gemacht haben, indem sie dem Stamm ausgezeichnete Dienste erwiesen. Jene Häuptlinge, die ich euch nennen muß, sind der Springende Jaguar und der Sperber.« Bei Nennung jener wohlbekannten und mit Recht geachteten Namen lief ein Beben der Verwunderung und des Schmerzes durch die Reihen der Menge. Aber auf einen Wink des ältesten Sachem trat fast augenblicklich die frühere Ruhe ein, und der Häuptling fuhr fort: »Wie hat sich so plötzlich eine Wolke über dem Geist jener beiden Krieger lagern und ihren Verstand in solchem Grad verdunkeln können, daß die beiden Männer, die sich so lange Zeit wie Brüder geliebt hatten und deren Freundschaft im Volk als ein Muster genannt wurde, plötzlich die bittersten Feinde geworden sind? Warum hat sie der Große Geist so vollständig verlassen, daß ihre Augen Blitze schleudern, ihre Brust keucht und ihre Hand nach den Waffen sucht, sooft sie sich erblicken? Niemand vermag es zu sagen, niemand weiß es; ja die Häuptlinge selbst haben, als sie vom Sachem befragt wurden, die Blicke gesenkt und hartnäckig geschwiegen, ohne sich entschließen zu können, den Grund einer so unversöhnlichen Feindschaft, die den Stamm mit Schmerz erfüllt, entdecken zu wollen. Ein so anstößiges Schauspiel darf nicht länger dauern; wir würden unseren Kindern das schädlichste Beispiel geben, wenn wir es dulden wollten. Ich fordere euch, ihr Sachems, Krieger und Häuptlinge, im Namen der Gerechtigkeit auf, jene unversöhnlichen Feinde auf ewig aus dem Stamm zu verbannen, und zwar noch heute abend bei Untergang der Sonne. Ich habe gesprochen. Habe ich gut gesprochen, ihr mächtigen Männer?« Der Häuptling nahm unter einem allgemeinen unheilvollen Schweigen seinen Sitz wieder ein; man hätte in der fast zweitausend Menschen zählenden Versammlung fast das Klopfen der bekümmerten Herzen vernehmen können, so groß waren die Aufmerksamkeit und die Spannung, womit jeder den Worten lauschte, die gesprochen wurden. »Hat irgendein Häuptling auf die eben erhobene Anklage etwas zu erwidern?« fragte der alte Sachem mit matter Stimme, die aber von allen deutlich vernommen wurde. Ein Mitglied des Rates erhob sich: »Ich ergreife das Wort«, sagte er. »Nicht um die Anklage von Tigerkatze zu widerlegen; denn leider ist alles, was er angeführt hat; die reinste Wahrheit. Statt die Tatsachen auszuschmücken, hat er mit jener Güte und Klugheit, die in ihm wohnt, das Gehässige noch gemildert, das in besagter Feindschaft liegt; ich will meinen Brüdern nur etwas zu bedenken geben. Die Häuptlinge sind schuldig, das ist leider nur zu klar erwiesen, und eine längere Erörterung des Gegenstands würde nur ermüdend sein. Aber mit der Ehrlichkeit, die ihn auszeichnet, hat uns Tigerkatze selbst gesagt, daß es berühmte Häuptlinge sind - auserlesene Krieger, die dem Volk bedeutende Dienste erwiesen haben. Wir alle lieben und verehren sie aus verschiedenen Gründen; laßt uns daher, wenn auch streng, doch nicht grausam sein, und verstoßen wir sie nicht wie widerwärtige Kojoten aus unserer Mitte. Wir wollen, ehe wir sie züchtigen, noch einen letzten Versuch machen, sie zu versöhnen. Ein solcher angesichts des ganzen Volkes getaner Schritt wird sicherlich ihr Herz rühren, und wir werden das Glück genießen, zwei so ausgezeichnete Häuptlinge zu behalten. Bleiben sie aber taub gegen unsere Bitten, haben unsere Ermahnungen keinen Erfolg, so ist das Übel in der Tat unheilbar, und unsere Pflicht fordert, daß wir eine Verblendung, die durch nichts zu beseitigen ist, ohne Nachsicht verdammen und einem Ärgernis Einhalt tun, das bereits zu lange währt, und daß wir sie, wie Tigerkatze vorschlägt, aus einem Volk ausweisen, das sie entehren. Ich habe gesprochen. Habe ich gut gesprochen, ihr mächtigen Männer?« Der Häuptling ließ sich, nachdem er sich vor dem Sachem verbeugt hatte, wieder nieder, und ein beifälliges Gemurmel folgte seinen warmen Worten. Obwohl beide Reden unbedingt zu der Feierlichkeit gehörten und jedermann wußte, wie der Ausgang der Sitzung sein würde, genossen doch die angeklagten Häuptlinge ein so allgemeines Ansehen im Volk, daß noch manche hofften, sie würden sich im letzten Augenblick aussöhnen, wenn sie sähen, daß die Verbannung über sie ausgesprochen werden sollte. Der Umstand, daß die Ursache jener Feindschaft vollkommen unbekannt war und niemand wußte, was er davon denken sollte, machte die Sache noch sonderbarer. Als die Ruhe wieder eingetreten war, ergriff der älteste Sachem, nachdem er sich mit seinen Kollegen beraten hatte, das Wort: »Man führte den Springenden Jaguar und den Sperber vor unser Angesicht.« Da teilte sich die Menge an zwei entgegengesetzten Seiten wie eine überreife Frucht und ließ eine kleine Anzahl von vier bis fünf Häuptlingen, in deren Mitte sich die Angeklagten befanden, hereintreten. Sie blieben unerschütterlich, als sie sich begegneten, und ein leichtes Stirnrunzeln war das einzige Zeichen der Bewegung, das sie verrieten, als sie sich gegenüberstanden. Es waren zwei Männer von ungefähr fünfundzwanzig bis achtundzwanzig Jahren, von hohem, wohlgestaltetem Wuchs und kriegerischem Ansehen. Sie trugen das volllständige Kriegskleid und waren kriegsmäßig bemalt. Ihre jeweiligen Freunde trugen ihre Waffen. Sie traten mit achtungsvoller Miene und bescheidener Haltung vor den versammelten Rat, was ihnen den einstimmigen Beifall der Anwesenden zuzog. Nachdem sie der älteste Sachem eine geraume Zeit mit trauriger, aber wohlwollender Miene betrachtet hatte, stand er mühsam mit Hilfe zweier Kollegen auf, die ihn unter den Armen stützten; hierauf ergriff er endlich in schwermütigem Ton mit schwacher, stockender Stimme das Wort: »Krieger, meine geliebten Kinder«, sagte er, »ihr habt von der Stelle, wo ihr standet, die gegen euch erhobene Klage angehört. Was habt ihr zu eurer Verteidigung anzuführen? Ist jene Aussage wahr? Hegt ihr wirklich gegenseitig einen so bitteren und unversöhnlichen Haß aufeinander? Antwortet!« Die beiden Häuptlinge senkten schweigend den Kopf. Der Sachem fuhr fort: »Ich war schon sehr alt, meine lieben Kinder – ich, der ich beinahe hundert Winter zähle –, als euch eure Mutter, die ich von Kindheit auf gekannt hatte, gebar. Ich war der erste, der euch den Gebrauch der Waffen lehrte, die später in euren kräftigen Händen so gefürchtet werden sollten. Gebt mir, der ich meinem Ende so nahe und im Begriff bin einzuschlafen, um in den seligen Prärien zu wachen, einen letzten Trost, der mich zum glücklichsten Menschen machen und mich für den Kummer entschädigen wird, den ihr mir bereitet habt. Hört, meine Kinder, folgt einer guten Regung eures Herzens; ihr seid jung, unternehmend und solltet nur der Liebe Raum geben in eurem Innern; der Haß ist eine Leidenschaft des reiferen Alters und steht der Jugend übel an. Reicht euch die biederen Hände, umarmt euch wie zwei Brüder, die ihr seid, und laßt zwischen euch alles vergeben und vergessen sein; ich bitte euch darum. Die Bitten eines Greises am Rande des Grabes, wie ich es bin, verdienen Erhörung.« Unter der Menge herrschte die peinlichste Spannung, und jeder harrte atemlos und mit ängstlich kopfendem Herzen der Dinge, die da kommen sollten. Die beiden Häuptlinge blickten den alten Sachem gerührt an, der sie mit tränenden Augen betrachtete, und wandten einander den Kopf zu. Ihre Lippen bebten, als wollten sie reden. Ein krampfhaftes Zittern schüttelte ihre Glieder, doch drang kein Laut über ihre Lippen, und ihre Arme hingen schlaff an ihrer Seite herab. »Antwortet mir!« fuhr der Greis fort. »Ja oder nein – es muß sein; ich will es, ich befehle es!« »Nein!« sagten sie mit dumpfer, aber fester Stimme. Der Sachem richtete sich auf: »Gut«, sagte er. »Da jedes bessere Gefühl in euch erstorben ist und der Haß alles andere verzehrt hat, seid ihr keine Menschen mehr, sondern Ungeheuer; hört das unwiderrufliche Urteil an, das eure Sachems, eure Gefährten, Verwandten und Freunde über euch fällen. Das Volk verstößt euch aus seiner Mitte; ihr seid nicht mehr die Kinder des Stammes; man wird euch in den Jagdgebieten unseres Stammes Feuer und Wasser verweigern; wir kennen euch nicht mehr. Etliche Häuptlinge, die mit ihrem Kopf für euch haften, werden euch fünfundzwanzig Stunden vom Dorf wegführen; dich, Springender Jaguar, nach Süden – dich, Sperber, nach Norden. Es ist euch bei Todesstrafe untersagt, das Gebiet des Volkes wieder zu betreten, und eure fluchwürdigen Mokassins sollen den heimischen Boden nicht wieder aufsuchen. Jeder von euch nehme einen der beiden Pfeile, die mit verschiedenen Farben bemalt sind; sie werden euch bei den verschiedenen Völkern, die ihr antrefft, als Reisepaß dienen. Sucht ein Volk, das euch adoptiert, denn ihr habt fortan weder Heimat noch Familie mehr. Geht, Verfluchte; die Pfeile sind das letzte Geschenk, das euch eure Brüder machen! Geht, und möge der Herr des Lebens eure harten Herzen erweichen! Wir kennen euch nicht mehr. Ich habe gesprochen. Habe ich gut gesprochen, ihr mächtigen Männer?« Der Greis setzte sich unter der allgemeinen Rührung wieder hin, bedeckte das Gesicht mit einem Teil seines Bisonmantels und blieb unbeweglich. Er weinte. Die Häuptlinge entfernten sich taumelnd wie Trunkene und wurden nach entgegengesetzten Stellen des Platzes geführt. Von den Häuptlingen, die sie hergebracht hatten, gestützt und fortgeschleppt, durchschritten sie die Reihen ihrer Landsleute unter der Last der Verwünschungen, die man ihnen zurief. Am Ausgang des Dorfes standen Pferde für sie bereit; sie schwangen sich in den Sattel und sprengten davon, gefolgt von ihren Begleitern, die sie erst fünfundzwanzig Stunden vom Dorf verlassen durften. Als jeder die Stelle erreicht hatte, wo er verlassen werden sollte, stiegen die Krieger ab, warfen stumm ihre Waffen auf die Erde und jagten mit verhängtem Zügel davon. Während des langen Rittes, der vierzehn Stunden gedauert hatte, war kein Wort gesprochen worden. – Wir wollen dem Sperber folgen. Niemand hat je erfahren, was aus dem Springenden Jaguar geworden ist; seine Spur ging so vollständig verloren, daß es unmöglich war, sie wieder aufzufinden. Der Sperber war ein Mann von unerschütterlicher Energie und bewährtem Mut; als er sich aber allein, verlassen von allen sah, die er geliebt hatte, erfaßten ihn eine vorübergehende Mutlosigkeit und eine kalte Wut, die ihn beinahe um den Verstand brachten. Bald aber empörte sich sein Stolz; er sträubte sich gegen den Schmerz und setzte, nachdem er seinem Pferd die notwendige Ruhe gegönnt hatte, seine Reise entschlossen fort. Länger als einen Monat schweifte er, ohne ein bestimmtes Ziel zu verfolgen, umher, wobei er vom Ertrag seiner Jagd lebte und sich weder darum kümmerte, wohin er käme, noch mit welchen Menschen ihn der Zufall zusammenführen würde. Eines Tages, als er einen Hirsch lange und vergeblich verfolgt hatte, ohne ihn, von einem eigenen Unstern verfolgt, erreichen zu können, stand er plötzlich vor einem toten Pferd; er schaute sich um – in geringer Entfernung davon erblickte er ein zweites, neben dem eine Leiche am Boden lag, die, der Kleidung nach zu schließen, einem Europäer oder wenigstens einem Weißen gehören mußte. Die Neugierde des Sperbers erwachte. Er fing mit der den Indianern angeborenen Umsicht sofort an, überall umherzustöbern. Seine Nachforschungen hatten sehr bald einen unerwarteten Erfolg. Er erblickte am Fuß eines Baumes einen Mann mit grauschimmerndem Haar, verwildertem, dichtem Bart und zerlumpter Kleidung, der regungslos dalag. Der Indianer trat rasch heran, um den Zustand des Unbekannten näher zu untersuchen und ihm für den Fall, daß er nicht tot wäre, die nötige Pflege zu widmen. Vor allen Dingen legte der Sperber seine Hand auf das Herz desjenigen, den er zu retten hoffte. Er fühlte es schlagen, aber so unmerklich, daß es jeden Augenblick stillstehen zu wollen schien. Alle Indianer haben einige ärztliche Kenntnisse, d. h. sie kennen gewisse Pflanzen, mittels derer sie häufig höchst wunderbare Kuren vollbringen. Während der Indianer bemüht war, den Unbekannten ins Leben zurückzurufen, betrachtete er ihn aufmerksam. Trotz des grauschimmernden Haares war jener Mann noch jung und höchstens vierzig bis fünfundvierzig Jahre alt; sein Wuchs war hoch und wohlgebildet, seine Stirn breit und vorspringend, die Nase gebogen, der Mund groß und das Kinn eckig. Seine Kleider waren zwar zerlumpt, aber von gefälliger Form und feinem Tuch, woraus hervorging, daß er zu den Wohlhabenden gehörte. Der Leser wird begreifen, daß diese feinen Merkmale dem Indianer entgingen; er erblickte in dem Fremden nur einen geistig befähigten Menschen, dessen Lebenslicht im Begriff war zu verlöschen, und obwohl er der weißen Rasse angehörte, die der Indianer gleich allen seinen Landsleuten verabscheute – und zwar nicht ohne Grund –, vergaß er doch beim Anblick einer so großen Not seine Abneigung, um nur auf Mittel zu sinnen, ihm zu helfen. Neben dem Unbekannten lagen chirurgische Instrumente, eine Zange, Pistolen, eine Flinte, ein Säbel und ein offenes Buch bunt durcheinander im Gras. Die Bemühungen des Sperbers blieben lange Zeit erfolglos. Schon gab er es auf, das fliehende Leben aufzuhalten, als sich auf den Wangen des Ohnmächtigen eine leichte, kaum wahrnehmbare Röte zeigte, während die Herzschläge schneller und stärker wurden. Bei dieser unverhofften Besserung legte der Sperber seine Freude an den Tag. Seltsamerweise empfand jener Krieger, dessen Lebensziel es bisher gewesen war, die Weißen mit Schlauheit und Hinterlist zu bekriegen, und an den unglücklichen Spaniern, die in seine Hände fielen, Taten der durchdachtesten und grausamsten Roheit zu begehen, eine aufrichtige Freude, als es ihm gelang, einen Menschen ins Leben zurückzurufen, der nach seinen Begriffen sein natürlicher Feind war. Nach wenigen Augenblicken öffnete der Unbekannte langsam die Augen; wahrscheinlich aber blendete ihn das Tageslicht, denn er schloß sie augenblicklich wieder. Der Sperber ließ sich nicht abschrecken, sondern war entschlossen, das begonnene Werk zu vollenden. Seine Hoffnung wurde nicht getäuscht – bald öffnete der Unbekannte die Augen von neuem und machte eine Bewegung, als wolle er sich aufrichten; er war aber zu schwach dazu. Der Indianer richtete ihn nun behutsam bei den Schultern in die Höhe und lehnte ihn gegen den Stamm des Catalpas, an dessen Fuß er ihn gefunden hatte. Der Unbekannte nickte ihm einen stummen Dank zu und murmelte mit kaum vernehmbarer Stimme: »Beber – trinken.« Die Komantschen, die oft Raubzüge auf spanisches Gebiet unternehmen, verstehen alle einige Worte der spanischen Sprache. Der Sperber sprach diese ziemlich geläufig; er griff nach der Feldflasche, die an seinem Sattelknopf hing und die er eine halbe Stunde vorher gefüllt hatte, und brachte deren Öffnung zwischen die Lippen des Kranken. Sobald letzterer von dem Wasser gekostet hatte, fing er an, in tiefen Zügen zu trinken. Aber der Indianer, der erriet, was dem Kranken zugestoßen sein mochte, ließ ihn nur wenige Züge tun und entzog ihm dann die Flasche. Der Unbekannte verlangte mehr zu trinken, aber der Sperber verweigerte es. »Nein«, sagte er, »das darf nicht sein; mein Bruder, das Bleichgesicht ist zu schwach, er muß vorher etwas essen.« Der Kranke lächelte und drückte ihm die Hand. Der Indianer stand sehr erfreut auf, nahm etliche Früchte aus seinem Sack mit Vorräten und reichte sie demjenigen, den er gewissermaßen von den Toten erweckt hatte. Dank jener verständigen Pflege erholte sich der Kranke nach etwa einer Stunde so weit, daß er aufstehen konnte. Er erzählte nun dem Sperber in gebrochenem Spanisch, daß er mit einem Freund gemeinsam gereist wäre, daß ihre Pferde vor Anstrengung gestürzt seien und er und sein Freund in der Einöde an allem Mangel gelitten und sich in der Unmöglichkeit befunden hätten, sich Wasser oder Lebensmittel zu verschaffen, weshalb sein Freund nach unerhörten Leiden schon vor einem Tag in seinen Armen verschieden und er im Begriff gewesen wäre, seinem Beispiel zu folgen, als sein guter Stern – oder vielmehr die Vorsehung – ihm einen Retter in Gestalt des Indianers geschickt habe. »Gut«, antwortete der Indianer, als der Unbekannte seine Erzählung beendet hatte. »Mein Vater ist jetzt stark; ich werde ihm mit meinem Lasso ein Pferd einfangen und ihn bis zu den ersten Häusern der Leute seiner Farbe bringen.« Bei diesem Vorschlag runzelte der Unbekannte die Brauen, während seine Züge Haß und Geringschätzung ausdrückten. »Nein«, sagte er, »ich mag nicht zu den Menschen meiner Farbe zurückkehren, denn sie haben mich ausgewiesen und geächtet, und ich hasse sie. Ich will fortan nur die Wildnis bewohnen.« »Uah!« rief der Indianer verwundert aus. »Hat mein Vater kein Volk mehr?« »Nein«, antwortete dieser, »ich bin allein und habe weder Heimat noch Verwandte, noch Freunde; der Anblick eines Mannes meiner Farbe erweckt meinen Haß und meine Verachtung; sie sind alle undankbar, und ich will fern von ihnen leben.« »Gut«, sagte der Indianer. »Auch ich bin allein und von meinem Volk ausgestoßen; ich werde bei meinem Vater bleiben und sein Sohn sein.« »Wie?« rief der Unbekannte aus, der meinte, nicht recht verstanden zu haben. »Wäre es möglich? Wird auch bei euren wandernden Stämmen die Verbannung ausgesprochen? Ihr seid wie ich von Euren Landsleuten, Euren Blutsverwandten ausgewiesen, seid verlassen, ohne Freunde und fortan verdammt, allein, immer allein umherzuirren?« »Ja«, murmelte der Sperber und senkte traurig den Kopf. »Ach«, rief der Unbekannte aus, wobei er mit seltsamem Ausdruck gen Himmel blickte, »was ist der Mensch! Er ist derselbe überall, ist grausam, entartet und herzlos.« Er schritt eine Zeitlang auf und ab, indem er gewisse Worte in einer Sprache murmelte, die der Indianer nicht verstand, worauf er rasch zu dem letzteren zurückkehrte, ihm kräftig die Hände drückte und mit fieberhafter Hast sagte: » Wohlan, ich nehme Euren Vorschlag an; unser Schicksal ist das gleiche, und wir dürfen uns nicht mehr trennen. Da wir beide das Opfer menschlicher Bosheit sind, wollen wir vereint leben. Ihr habt mir das Leben gerettet, Rothaut – im ersten Augenblick war es mir nicht recht, aber jetzt danke ich der Vorsehung dafür, da ich dadurch Gelegenheit finde, ferner Gutes zu tun, und ich die Menschen wegen ihrer Undankbarkeit beschämen kann.« Diese Worte waren viel zu gekünstelt und mit zu tiefsinnigen Philosophien durchflochten, als daß sie der Sperber hätte vollkommen verstehen können; doch erfaßte er so ziemlich deren Sinn, und das genügte ihm, denn auch er schätzte sich glücklich, einen Gefährten zu finden, einen Mann, den dasselbe Schicksal betroffen hatte wie ihn. »Mein Vater, öffne die Ohren«, sagte er; »er wird hierbleiben, während ich gehe, ein Pferd für ihn zu suchen! Es gibt zahlreiche Manadas in der Nähe; ich werde bald gefunden haben, was ich suche. Während der Abwesenheit des Sperbers wird sich mein Vater in Geduld fassen – ich lasse ihm übrigens Lebensmittel und Trinkwasser da.« »Geht!« erwiderte der Unbekannte. Nach zwei Stunden kehrte der Indianer mit einem prächtigen Pferd zurück. – Mehrere Tage verstrichen in Kreuzundquerzügen, die aber alle in der Richtung der Wildnis unternommen wurden. Der Unbekannte schien die Begegnung mit einem Weißen zu scheuen; doch verharrte er außer der Erzählung seines Abenteuers, das ihn beinahe das Leben gekostet hätte, in hartnäckigstem Schweigen über alle näheren Umstände seines vergangenen Lebens. Der Indianer wußte weder, wer er war, noch, was er früher getrieben hatte, noch, warum er sich in die Wildnis begeben hatte, auf die Gefahr hin, sein Leben einzubüßen. Sooft der Sperber nach seinem früheren Leben fragte, brach er die Unterhaltung ab oder gab dieser so geschickt eine andere Wendung, daß der Indianer auf den Gegenstand seiner Forschung nicht zurückkommen konnte. Eines Tages ritten beide plaudernd nebeneinanderher, und der Sperber, der sich innerlich über das geringe Vertrauen verletzt fühlte, das ihm der Fremde zeigte, fragte plötzlich und ohne Umschweife: »War mein Vater ein großer Häuptling in seinem Volk?« Der Unbekannte lächelte trübe. »Vielleicht«, antwortete er; »jetzt aber bin ich nichts mehr.« »Mein Vater irrt sich«, sagte der Indianer mit Ernst. »Vielleicht haben ihn die Krieger seines Volkes verkannt, doch bleibt sein wahrer Wert deswegen doch derselbe.« »Das ist nichts als Dunst«, seufzte der Unbekannte. »Die Vaterlandsliebe ist die größte und edelste Leidenschaft, die der Herr des Lebens in das Herz des Menschen gepflanzt hat; mein Vater hatte unter den Seinen einen geachteten Namen.« Der Unbekannte runzelte die Brauen, und sein Gesicht nahm einen Ausdruck an, den der Indianer früher niemals an ihm bemerkt hatte. »Mein Name ist ein Fluch, und niemand soll ihn wieder nennen hören; die Anhänger desjenigen, den ich Unwürdiger habe stürzen helfen, brannten ihn wie ein Feuerzeichen auf meiner Stirn ein.« Der Sperber äußerte eine Gebärde der tiefsten Verachtung. »Der Häuptling eines Volkes gehört seinen Kriegern an; wenn er sie verrät, liefert er ihnen selbst seinen Skalp in die Hände«, sagte er in festem Ton. Der Unbekannte war erstaunt, sich so richtig verstanden zu sehen, und lächelte befriedigt. »Indem ich seinen Kopf verlangte«, fuhr er mit Überzeugung fort, »setzte ich den meinigen aufs Spiel; aber ich wollte mein Vaterland retten - wer durfte mich tadeln?« »Niemand!« antwortete der Sperber eifrig. »Ein Verräter muß unbedingt sterben.« Es folgte eine lange Pause. Der Sperber ergriff zuerst das Wort. »Wir müssen stets vereint leben«, sagte er. »Mein Vater will, daß mir sein Name unbekannt bleibe; ich werde daher nicht darauf bestehen, ihn zu erfahren; wir können aber nicht länger zwecklos umherschweifen, wir müssen von einem Stamm aufgenommen und von Menschen als ihre Brüder anerkannt werden.« »Wozu?« fragte der Unbekannte. »Um stark und allgemein geachtet zu sein; wir gehören unseren Brüdern so gut wie sie uns. Das Leben ist uns vom Herrn der Welt nur unter der Bedingung verliehen worden, daß wir es zum Nutzen unserer Umgebung verwenden. Unter welchem Namen soll ich meinen Vater denjenigen vorstellen, die wir um Schutz und Aufnahme bitten wollen?« »Unter welchem Ihr wollt, mein Sohn; da ich den meinen nicht mehr tragen kann, ist es mir gleichgültig, welchen anderen ich führe.« Der Sperber bedachte sich kurze Zeit. »Mein Vater ist stark«, sagte er, »und sein Haar fängt an, die Farbe des winterlichen Schnees anzunehmen; er soll fortan der Weiße Bison heißen.« »Der Weiße Bison? Es sei«, antwortete der Unbekannte seufzend. »Der Name ist so gut wie jeder andere; vielleicht gelingt es mir auf solche Weise, den Nachstellungen derjenigen zu entgehen, die meinen Tod geschworen haben.« Der Indianer war erfreut, einen Namen gefunden zu haben, bei dem er seinen Freund nennen konnte, und er sagte in munterem Ton: »In Kürze werden wir ein Dorf erreichen, das von den Blut- oder Kenha-Indianern bewohnt wird, wo man uns aufnehmen wird, als ob wir Kinder des Volkes wären. Mein Vater ist klug – ich bin stark, die Kenhas werden sich glücklich schätzen, uns aufnehmen zu können. Nur Mut gefaßt, alter Vater, die neue Heimat wird Euch vielleicht die alte ersetzen.« »Frankreich, leb wohl!« murmelte der Unbekannte mit erstickter Stimme. – Vier Tage später hatten sie in der Tat das Dorf der Kenhas erreicht; sie fanden freundliche Aufnahme dort. »Nun«, sagte der Sperber zu seinem Gefährten, als sie mit allen üblichen indianischen Feierlichkeiten aufgenommen worden waren, »was denkt mein Vater? Ist er nicht glücklich?« »Ich denke«, antwortete jener schwermütig, »daß dem Verbannten die verlorene Heimat durch nichts ersetzt werden kann.« 9 Lianenblüte Tage, Monate und Jahre verstrichen; der Weiße Bison – welchen Namen der Unbekannte angenommen hatte – schien seiner Heimat gänzlich entsagt zu haben, da es ihm verwehrt war, diese je wieder zu betreten. Er hatte die indianischen Sitten vollständig angenommen und sich in die seltsamen Bräuche eingelebt, die bei seinen neuen Freunden herrschten. Dank seiner Weisheit hatte er sich in so hohem Grad die Achtung und die Anerkennung des Volkes der Kenhas erworben, daß es ihm gelungen war, unter dessen angesehenste und geachtetste Sachems aufgenommen zu werden. Der Sperber hatte bei manchen Gelegenheiten unverkennbare Beweise seines Mutes und seiner militärischen Fähigkeiten abgelegt und dadurch gleichfalls eine ehrenhafte und angesehene Stellung beim Volk erlangt. Wenn es bei einem gefährlichen Unternehmen eines bewährten Führers bedurfte, fiel die Wahl des Rates der Sachems stets auf ihn, weil man wußte, daß seine Unternehmungen den besten Erfolg zu haben pflegten. Der Sperber war ein Mann von geradem, offenem Sinn, der den geistigen Wert seines europäischen Freundes gar bald erkannte, und den Lehren des Greises gehorsam, handelte er nie in irgendeiner Lebenslage, ohne sich zuvor bei ihm Rat geholt zu haben, und er nahm stets die Ratschläge des klugen Mannes zu seiner Richtschnur an. Er hatte nie Ursache, es zu bereuen, sondern erntete bald die Vorteile eines so klugen Benehmens. Nachdem ihm zwei Jahre nach seiner Verheiratung mit einem jungen Mädchen seines neuen Volkes – eine Verbindung, die er gleichfalls auf den Rat seines Freundes eingegangen war – ein Sohn geboren wurde, nahm er das Kind in seine Arme, brachte es dem Greis und sagte bewegt: »Mein Vater, der Weiße Bison, sieht diesen Krieger; es ist sein Sohn, und er wird ihn zum Mann bilden.« »Ich schwöre es«, antwortete der Greis in festem Ton. Sobald das Kind entwöhnt war, hielt der Vater das Versprechen, das er seinem Freund gegeben hatte, und übergab ihm seinen Sohn mit dem Versprechen, ihm volle Freiheit zu lassen, diesen nach eigenem Gutdünken zu erziehen. Der Greis fühlte sich durch das in Aussicht gestellte Erziehungswerk verjüngt und hoffte, in einer gewissen Zeit sich einen Sohn nach seinem Herzen heranzubilden, weshalb er die Pflicht gern auf sich nahm. Das Kind hatte von seinen Eltern den Namen Natah-Otann erhalten, welcher Name für alle bedeutungsvoll war, da die Indianer das gefürchtetste Tier ihrer Wälder, den Grauen Bären, so nennen. Der Weiße Bison gelobte sich innerlich, daß der junge Mann die Erwartungen nicht täuschen solle, die sein Vater für ihn zu hegen schien. Der Weiße Bison war ein Kind des achtzehnten Jahrhunderts und beschloß auf das junge, seiner Pflege übergebene Wesen das Erziehungssystem anzuwenden, das Jean-Jacques Rousseau in seinem »Emile« entwickelt und befürwortet hat. Natah-Otann machte unter der Leitung des Weißen Bisons schnelle Fortschritte. Der Greis hatte etliche Bücher bei sich, die dazu dienten, seinem Zögling ausgebreitete Kenntnisse und eine seltene Belesenheit zu geben. Es ereignete sich der seltsame Fall, daß ein Indianer, der genau den Gewohnheiten seiner Väter folgte, jagte und kämpfte wie sie, ohne jemals seinen Stamm zu verlassen, doch zu einem bedeutenden Mann erzogen wurde, der sich nicht scheuen durfte, sich in irgendeiner europäischen Gesellschaft zu bewegen, und dessen umfassender Verstand alles begriffen, alles gewürdigt und alles in sich aufgenommen hatte. Von der Zeit an hatte das Leben Natah-Otanns ein Ziel, einen Zweck, der das fortwährende Streben seines Lebens blieb: Er wollte nämlich die Indianer wieder zu der Bildungsstufe erheben, von der sie herabgestiegen waren, indem er sie vereinigte und zu einem einzigen großen, starken und freien Volk machte. Sonderbarerweise empfand Natah-Otann, sobald er zum Mann herangereift war, für seine rohen und unwissenden Landsleute keine Verachtung, sondern eine glühende Liebe, die ihm den aufrichtigen Wunsch eingab, sie aus ihrer Erniedrigung zu reißen. Der Weiße Bison, der notgedrungen der Vertraute der innersten Gedanken des jungen Mannes war, nahm anfangs dessen Pläne mit dem ungläubigen Lächeln des Alters auf, das, über alles enttäuscht und aufgeklärt, im Grunde des Herzens den Glauben an alles verloren hat. Er glaubte, daß sich Natah-Otann durch sein jugendliches Feuer und seine Begeisterung für alles Große und Erhabene, die ein Attribut aller edlen Seelen ist, zu einer unbesonnenen Hoffnung hinreißen lasse, deren Unmöglichkeit er nur zu bald erkennen würde. Als er aber bemerkte, wie tiefe Wurzeln jene Ideen in seinem Herzen geschlagen hatten, als er sah, wie entschlossen der junge Mann ans Werk ging, erbebte der Greis und erschrak vor seinem eigenen Werk. Er fragte sich selbst, ob er berechtigt gewesen sei, so zu handeln, wie er es getan hatte, oder ob er nicht vielmehr unrecht gehabt hätte, einen so befähigten Geist so gewaltig zu entwickeln, da dieser allein und ohne andere Hilfe als die Kraft seines eigenen Willens einen Kampf unternehmen wollte, in dem er unfehlbar untergehen mußte. Derselbe Mann, der in seiner Jugend während der sturmbewegten Zeit der Revolution die Menschen wie reife Ähren um sich her hatte fallen sehen, ohne zu beben; der sich nicht gescheut hatte, die Hand nach dem Heiligsten und Ehrwürdigsten auszustrecken, um den Triumph seiner Ideen zu sichern; der endlich, vom allgemeinen Haß verfolgt und vom Tadel seines Volkes beladen, genötigt gewesen war, sich wie ein Missetäter zu verbergen, um sich den Nachstellungen einer ebenso mächtigen als unversöhnlichen Reaktion zu entziehen, und doch frei und stolz das Haupt erhob und mit der kräftigen Hand auf die breite Brust schlug, indem er sagte: »Ich habe meine Pflicht getan; mein Gewissen ist rein, denn an meinen Händen klebt kein Blut, und mein Herz ist stark geblieben!« – jener Mann bebte, wenn er an die unberechenbaren Folgen dachte, die die Grundsätze mit sich bringen konnten, die er dem jungen Mann fast spielend beigebracht hatte. Er sah ein, daß eine solche Erziehung, die mit derjenigen seiner Umgebung im größten Widerspruch stand, Natah-Otann unbedingt in sein Verderben reißen mußte. Er begann daher mit eigenen Händen das Gebäude niederzureißen, das er selbst so mühsam errichtet hatte, und bemühte sich, den feurigen Tatendrang, der seinen Zögling verzehrte, auf einen anderen Gegenstand zu leiten und dessen Leben ein anderes Ziel zu setzen, indem er ihn von seinen Plänen abbrachte. Aber es war zu spät – das Übel war unheilbar. Sobald Natah-Otann bemerkte, daß sich sein Lehrer auf solche Weise selbst verleugnete, schlug er ihn mit seinen eigenen Waffen und nötigte ihn, unter der unbarmherzigen Logik, die er ihn selbst gelehrt hatte, errötend und beschämt das Haupt zu senken. Natah-Otann vereinigte in sich ein seltsames Gemisch von Gutem und Bösem, und alle seine Empfindungen äußerten sich leidenschaftlich. Zuweilen schien es, als ob er den edelsten Grundsätzen huldige: Er zeigte sich gütig und großmütig. Zu anderen Zeiten aber erreichten seine Grausamkeit und seine Roheit eine unbegreifliche Höhe, ohne daß man erklären konnte, wie es zugehe. Im allgemeinen aber zeigte er sich gegen seine Landsleute mild und wohlwollend, und ohne den Grund seiner Güte zu begreifen, empfanden letztere die Gewalt seines entschieden bedeutenden, magnetischen Einflusses und fürchteten ihn und zitterten beim geringsten Wort oder dem Runzeln seiner Brauen. Die Weißen – namentlich die Spanier und die Nordamerikaner – waren die erbittertsten Feinde Natah-Otanns; er bekämpfte sie ohne Gnade und Barmherzigkeit, überfiel sie, wo er nur immer konnte, und brachte diejenigen, die das Unglück hatten, in seine Hände zu fallen, unter den schrecklichsten Qualen ums Leben. Sein Ruf war daher in den Prärien weit verbreitet, und sein Name flößte Schrecken ein. Schon mehrere Male hatten die Vereinigten Staaten versucht, sich von einem so furchtbaren und unversöhnlichen Feind zu befreien, aber alle ihre Bemühungen waren vergebens, und der indianische Häuptling näherte sich kecker und übermütiger denn je mehr und mehr den amerikanischen Grenzen, herrschte unumschränkt in der Wildnis, deren König er vollständig war, und drang zuweilen mit Feuer und Schwert bis in die Städte der Union, um den Tribut zu fordern, den er den Weißen unbedingt auferlegen wollte. Vielleicht wird man uns der Übertreibung anklagen, doch versichern wir, daß wir nur die reinste Wahrheit gesagt und, wo wir die Tatsachen verändert, diese eher gemildert als übertrieben haben. Wenn wir das Inkognito, das die Personen unserer Erzählung umgibt, aufheben wollten, so würden viele auf den ersten Blick die geschilderten Menschen erkennen und die Wahrheit unserer Behauptungen bestätigen können. Ganz besonders war die allgemeine Entrüstung durch eine furchtbare Abschlachtung erweckt worden, deren Urheber Natah-Otann war. Die Sache verhielt sich folgendermaßen: Eine amerikanische Familie, die aus dem Vater, der Mutter, den zwischen zehn und zwölf Jahre alten Söhnen sowie einem kleinen, drei- bis fünfjährigen Mädchen und fünf Dienern bestand, hatte die westlichen Staaten verlassen, um ein Grundstück auszubeuten, das sie am oberen Missouri angekauft hatte. Zu der Zeit, in der unsere Erzählung spielt, wurde jenes Gebiet, das man ausschließlich den Indianern überließ, von den Weißen höchst selten betreten, und die Eingeborenen nebst etlichen Jägern und kanadischen Trappern durchstreiften es allein nach allen Richtungen. Als die Familie die Ansiedlungen verließ, empfahlen ihre Freunde die größte Vorsicht; ja sie rieten sogar, sich nicht in so geringer Anzahl in die Wildnis zu wagen, sondern auf andere Auswanderer zu warten, die bald eintreffen und dieselbe Richtung einschlagen sollten, wobei man ihnen zu bedenken gab, daß eine Karawane von fünfzig bis sechzig Personen die Indianer leicht fernhalten und ungefährdet über ihre Ländereien ziehen könne. Das Oberhaupt jener amerikanischen Familie war ein alter Soldat aus dem Befreiungskrieg, der nicht nur einen wahren Löwenmut, sondern auch einen echt britischen Trotzkopf besaß. Er antwortete jenen wohlmeinenden Ratgebern, daß seine Diener und er vollkommen ausreichend wären, um sämtlichen Indianern der Prärien die Spitze zu bieten; daß sie gute Büchsen und unerschrockene Herzen hätten und ihre Besitzung trotz aller Hindernisse glücklich erreichen würden. Hierauf traf er seine Vorbereitungen mit dem Eifer eines Mannes, der von keinem Aufschub hören will, sobald er einen Entschluß gefaßt hat, worauf er – von dem Tadel seiner Freunde begleitet, die ihm unzähliges Unglück prophezeiten – abreiste. Die ersten Tage verstrichen aber ohne Störung; nichts schien die Befürchtungen, die die Freunde ausgesprochen hatten, bestätigen zu wollen. Die Auswanderer reisten langsam durch eine herrliche Gegend, ohne daß die geringste Spur der Indianer entdeckt worden wäre, die sich unsichtbar gemacht zu haben schienen. Die Amerikaner gehören zur Zahl derjenigen Menschen, die am leichtesten von der äußersten Vorsicht zur törichtesten und größten Sorglosigkeit übergehen. Auch im gegenwärtigen Fall machten sie keine Ausnahme von der Regel. Als sie sahen, daß alles in ihrer Umgebung ruhig war und sich ihnen kein Hindernis entgegenstellte, fingen sie an, die Befürchtungen ihrer Freunde zu belachen und zu verspotten; nach und nach versäumten sie die gewohnte Wachsamkeit, vernachlässigten die in der Prärie üblichen Vorsichtsmaßnahmen und fingen schließlich sogar an zu wünschen, daß die Rothäute sie angreifen möchten, um an diesen die Vorzüglichkeit ihrer Waffen zu erproben. Diese Ruhe dauerte beinahe zwei Monate, und die Auswanderer waren kaum noch zehn Tagesreisen von ihrer neuen Besitzung entfernt und hofften, diese bald zu erreichen. Sie dachten nicht mehr an die Indianer, und wenn des Abends vor dem Schlafengehen die Rede auf diese kam, so geschah es nur, um über die lächerliche Ängstlichkeit ihrer Freunde zu spotten, die sich einbildeten, daß man den Fuß nicht in die Wildnis setzen könne, ohne in einen Hinterhalt zu geraten. Eines Abends hatten sich die Auswanderer nach einer ermüdenden Tagesreise hingelegt, nachdem sie mehr aus Pflichtgefühl oder um die reißenden Tiere fernzuhalten als aus irgendeinem anderen Grund Wachen um das Lager aufgestellt hatten. Die ermüdeten Wachen, die bisher noch nicht beunruhigt worden waren, erfüllten nur kurze Zeit, die Augen auf die Sterne gerichtet, ihre Pflicht, dann überließen sie sich allmählich dem Schlaf, der ihre Augen fest schloß. Ihr Erwachen sollte furchtbar sein. Ungefähr in der Mitte der Nacht schlichen sich etwa fünfzig Schwarzfüße unter der Führung Natah-Otanns wie Kobolde durch die Finsternis, erkletterten die Verschanzungen des Lagers und knebelten die Amerikaner, ehe diese Zeit gefunden, nach ihren Waffen zu greifen und sich zur Wehr zu setzen. Hierauf folgte ein schrecklicher Auftritt, den zu schildern sich die Feder sträubt und kein Wort imstande ist, hinreichend auszusprechen. Natah-Otann leitete die Abschlachterei – wenn man sich eines solchen Wortes bedienen kann – mit beispielloser Kaltblütigkeit und Grausamkeit. Der Anführer der Karawane und seine fünf Diener wurden nackt an Baumstämme gebunden, gegeißelt und gemartert, während die Knaben vor ihren Augen buchstäblich bei langsamem Feuer gekocht wurden. Die vor Entsetzen halb wahnsinnige Mutter flüchtete mit dem kleinen Mädchen in ihren Armen; nachdem sie aber geraume Zeit gelaufen war, verließen sie ihre Kräfte, und sie sank bewußtlos zu Boden. Die Indianer ereilten sie; da man sie für tot hielt, verschmähte man, sie zu skalpieren, doch entriß man ihr das Kind, das sie mit übermenschlicher Kraft an ihre Brust gedrückt hielt. Das Kind brachte man zu Natah-Otann. »Was soll damit geschehen?« fragte der Krieger, der die Kleine überbrachte. »Ins Feuer!« erwiderte jener lakonisch. Der Schwarzfuß schickte sich kaltblütig an, den unbarmherzigen Befehl zu vollziehen, als der Vater des Kindes in herzzerreißendem Ton ausrief: »Halt! Tötet ein unschuldiges Geschöpf nicht auf so furchtbare Weise; ist es nicht genug der unmenschlichen Qualen?« Der Schwarzfuß blieb unschlüssig stehen und blickte seinen Häuptling fragend an. Letzterer schien sich zu bedenken. »Wartet!« sagte er, indem er sich aufrichtete; hierauf wandte er sich zu dem Auswanderer und sagte: »Du wünschst, daß deine Tochter leben bleibe, nicht wahr?« »Ja«, antwortete der Vater. »Gut«, versetzte jener; »ich will dir ihr Leben verkaufen.« Bei diesem Vorschlag schauderte der Amerikaner. »Unter welcher Bedingung?« fragte er. »Höre«, antwortete der Indianer, und indem er ihn so durchdringend anblickte, daß er bis ins Innerste erbebte, sagte der Häuptling mit nachdrücklicher Betonung: »Meine Bedingungen sind folgende: Ich bin Herr über euer aller Leben; es gehört mir, und ich kann es abkürzen oder verlängern, je nach meinem Wunsch und Willen, ohne daß ihr es hindern könnt. Indessen fühle ich mich, ohne zu wissen warum«, sagte er mit spöttischem Lächeln, »heute aufgelegt, mild zu sein, und deine Tochter soll leben. Aber das eine gebe ich dir zu bedenken: Bei dem ersten Schrei, den du ausstößt – welcher Art die Qualen auch sein mögen, die man dir auferlegt –, wird deine Tochter umgebracht; mithin mußt du schweigen, wenn dir daran liegt, sie zu retten.« »Ich bin es zufrieden«, antwortete der Weiße. »Was kümmern mich die grausamsten Qualen, wenn nur mein Kind lebt!« Ein düsteres Lächeln flog um die Lippen des Häuptlings. »Es ist gut«, sagte er. »Noch ein Wort!« fuhr der Auswanderer fort. »Rede!« »Gewähre mir eine Gnade. Laß mich das arme Geschöpf küssen!« »Gebt ihm sein Kind!« befahl der Häuptling. Ein Indianer reichte dem Unglücklichen das kleine Mädchen. Das unschuldige Mädchen schien zu ahnen, was vor sich ging, denn es schlang seine Arme um den Hals seines Vaters und schluchzte. Letzterer war so festgebunden, daß er nur mit Küssen antworten konnte, in denen sein ganzes Herz zu liegen schien. Der Anblick hatte etwas Abstoßendes und erinnerte fast an einen Hexensabbat. Die fünf Männer, die nackt an Bäume gebunden waren; die beiden Kinder, die sich unter herzzerreißendem Geschrei über glühenden Kohlen wanden, und die gleichmütigen, vom rötlichen Schein des Feuers beleuchteten Indianer bildeten das furchtbarste Schauspiel, das die ausschweifendste Phantasie eines Malers nur immer ersinnen konnte. »Genug!« sagte Natah-Otann. »Eine letzte Gabe – ein letztes Andenken!« Der Häuptling zuckte die Achseln. »Wozu?« sagte er. »Um mir den Tod, den du mir zugedacht hast, zu erleichtern.« »Mach ein Ende; was willst du noch?« »Hänge meiner Tochter diesen mit meinem Haar umschlungenen Ohrring um den Hals.« »Ist das alles?« »Alles.« »Es sei.« Der Häuptling trat heran, nahm den Ohrring aus dem rechten Ohr des Auswanderers, schnitt ihm mit seinem Skalpmesser eine Haarlocke ab und sagte, indem er ihn spöttisch anlächelte: »Höre: du und deine Gefährten, ihr sollt lebendig geschunden werden, und ich werde den Riemen, an dem ich deinen Ohrring um den Hals deiner Tochter befestigen will, aus deiner Haut schneiden. Ich bin großmütig, wie du siehst, denn ich gewähre dir mehr, als du verlangt hast. Erinnere dich aber unseres Vertrages.« Der Auswanderer warf ihm einen verächtlichen Blick zu. »Halte dein Versprechen ebenso, wie ich das meinige zu halten weiß. Laß die Marter beginnen, Henker; du sollst sehen, wie ein Mann stirbt.« Und es geschah. Der Auswanderer und seine Diener wurden vor den Augen der armen Kinder lebendig geschunden. Der Auswanderer ertrug die Marter mit einer Standhaftigkeit, der der Häuptling selbst seine Bewunderung nicht versagen konnte. Kein Schrei, keine Klage, kein Seufzer entrang sich seiner blutenden Brust; er war wie aus Stein. Als die Haut vollständig abgezogen war, trat Natah-Otann zu dem Unglücklichen, der immer noch lebte. »Du bist ein Mann«, sagte er. »Stirb in Frieden; ich werde mein Versprechen halten.« Hierauf fühlte er wahrscheinlich Mitleid mit soviel Standhaftigkeit, denn er schoß ihm eine Kugel durch den Kopf. Die furchtbare Hinrichtung hatte vier Stunden gedauert. (Um uns von dem Vorwurf zu befreien, daß wir uns in der Erfindung von Greuelszenen gefallen, erklären wir hiermit, daß der eben berichtete Vorfall in allen seinen Einzelheiten streng faktisch ist.) Die Indianer raubten und zertrümmerten alles, was den Amerikanern gehört hatte, und was sie nicht mitnehmen konnten, gaben sie den Flammen preis. Natah-Otann hielt das Versprechen, das er seinem Opfer gegeben hatte, gewissenhaft. Seiner Drohung gemäß fertigte er aus einem Stück der Haut des Amerikaners – die er, so gut es ging, zu dem Zweck vorbereitete – ein Futteral, in das er den Ohrring nebst der Haarlocke steckte, und hängte es dem Kind an einem ebenfalls aus der Haut seines Vaters geschnittenen Riemen um den Hals. Während der Rückreise nach dem Dorf übernahm Natah-Otann allein die Pflege des armen kleinen Wesens, dem er die größte Aufmerksamkeit widmete. Sobald der Häuptling wieder zu seinem Volk zurückgekehrt war, erklärte er öffentlich, daß er die Kleine an Kindes Statt annehme, und gab ihr den Namen Lianenblüte. Zu der Zeit, wo unsere Erzählung beginnt, war Lianenblüte ungefähr vierzehn Jahre alt. Sie war ein reizendes, sanftes und natürliches Wesen, schön wie die Madonna der letzten Liebe. Ihre großen, offenen blauen Augen schienen den Himmel widerzustrahlen, und sie durchstreifte sorglos und munter die unerforschten Pfade der Urwälder, die ihr Stamm durchzog; ruhte zuweilen träumend unter dem Schatten der hundertjährigen Bäume; lebte wie die Vögel; vergaß die Vergangenheit, unter der sie nur den gestrigen Tag verstand; kümmerte sich nicht um die Zukunft, die für sie noch nicht vorhanden war, und gedachte der Gegenwart nur, um sich bewußt zu sein, daß sie glücklich wäre. Das liebliche Kind war, ohne es zu ahnen, der Abgott des Stammes geworden. Besonders widmete ihr der greise Weiße Bison eine unbegrenzte Zärtlichkeit; doch hatten ihm die an Natah-Otann gemachten Erfahrungen den Mut genommen, sich wieder dem Erziehungsfach zu widmen. Er begnügte sich daher, das Kind mit väterlicher Sorgfalt zu bewachen und die kleinen Mängel, die er zuweilen an ihm entdeckte, mit Geduld zu rügen. Der alte Volkstribun hatte – wie alle energischen und unbeugsamen Naturen – ein lammfrommes Herz. Nachdem er sich von der Welt, die ihn verkannte, zurückgezogen und seinen Geist durch das Leben in der Wildnis erfrischt und verjüngt hatte, kehrten die Illusionen und die großmütigen Regungen seiner Jugend in sein Herz zurück. Er folgte der Entwicklung jener kräftigen Natur, deren Wachstum die schönsten Hoffnungen für die Zukunft gab, mit inniger Freude und unaussprechlichem Genuß. Lianenblüte hatte von ihren Kinderjahren keine Erinnerung bewahrt, und da sie nie durch ein Wort an das furchtbare Ereignis gemahnt wurde, in dessen Folge sie zum Stamm gekommen war, wurde die Erinnerung daran durch neuere, frischere Eindrücke verwischt. Lianenblüte wurde von allen so geliebt und verzogen, daß sie ein Kind des Stammes zu sein glaubte. Weder ihre langen goldenen Locken noch die blendende Weiße ihrer Haut konnte ihr ihre Abkunft verraten; denn bei unzähligen Indianerstämmen stößt man auf solche Naturspiele. Unter den Mandanern findet man viele, die leicht für Weiße ausgegeben werden könnten, wenn sie europäische Kleidung trügen. Die Schwarzfüße waren so bezaubert vom Reiz des lieblichen jungen Mädchens, daß sie das Schicksal ihres Stammes von ihrer Nähe abhängig glaubten. Sie betrachteten sie wie ihren Schutzgeist und ihren Talisman und setzten ein ebenso festes als inniges und unbegrenztes Vertrauen in sie. Lianenblüte war in der Tat die Beherrscherin der Schwarzfüße; ein Wink ihrer rosigen Finger, ein Wort ihres lieblichen Mundes genügte, um ihr ebenso unbedingten als augenblicklichen Gehorsam zu sichern. Sie konnte alles tun, sagen und verlangen, ohne einen Augenblick der Befürchtung Raum zu geben, daß ihr Wille angefeindet oder ihre Taten gerügt werden würden. Sie übte ihren despotischen Einfluß aus, ohne sich dessen bewußt zu sein, und war die einzige, die nicht ahnte, wie groß ihre Gewalt über jene rohen und ungezähmten Menschen war, die sich in ihrer Nähe in willige, treue Diener verwandelten. Natah-Otann hing an seiner Pflegetochter mit aller Wärme und Innigkeit, deren eine Natur wie die seine fähig ist. Anfangs hatte er mit dem Kind gespielt wie mit einem unbedeutenden Gegenstand; allmählich aber, und je mehr das Kind heranwuchs, wurden die Spiele ernster, bis er zuletzt fühlte, daß sein Herz gefangen sei. Der unbeugsame Mann fühlte zum erstenmal in seinem Leben eine unerklärliche Regung in seinem Innern, deren Kraft und Heftigkeit ihn zugleich erschreckte und in Erstaunen setzte. Da entspann sich ein geheimer Kampf zwischen dem Kopf und dem Herz des Häuptlings. Er wollte sich gegen das Gefühl, das ihn beherrschte, auflehnen; er, der bisher jedes Hindernis überwunden hatte, fühlte sich einem Kind gegenüber schwach; und wenn er zuweilen versuchte, ihm rauh zu begegnen, entwaffnete es ihn durch ein Lächeln. Der Zwiespalt in seinem Innern dauerte lange, aber endlich mußte sich der furchtbare Indianer als besiegt bekennen, d. h. er überließ sich willenlos der Strömung, die ihn mit fortriß, und gab, ohne längeren Widerstand zu versuchen, der heftigen Leidenschaft nach, die ihm das junge Mädchen einflößte. Zuweilen aber, wenn ihm einfiel, auf welche Weise Lianenblüte sein Pflegekind geworden war, empfand er so heftige innerliche Qualen, daß er sich voll Schrecken fragte, ob nicht die glühende Liebe, die sich seiner bemächtigt hatte und ihn vollständig beherrschte, eine Strafe sei, die ihm der Himmel auferlegte. Zu solchen Zeiten erfaßte ihn eine sinnlose Wut; er verfolgte die Unglücklichen, deren Pflanzungen er verheerte, mit noch größerer Grausamkeit und kehrte mit Blut bedeckt und mit einer reichen Beute von Skalps in das Dorf zurück, wo er sich vor dem jungen Mädchen seiner Greueltaten rühmte. Lianenblüte war verwundert, einen Mann, den sie zwar nicht für ihren Vater, aber doch für einen Verwandten hielt, in einem solchen Zustand zu sehen, und überhäufte ihn mit allen Tröstungen und kindlichen Liebkosungen, die ihr ihre Neigung zu ihm eingab. Unglücklicherweise erhöhten diese Liebkosungen nur die Qualen des Häuptlings, und er entfernte sich halb sinnlos vor Schmerz, während sie traurig und fast erschrocken über ein Benehmen zurückblieb, dessen Ursache sie sich nicht erklären konnte. Es kam so weit, daß der Weiße Bison, der auf seinen Zögling stets ein wachsames Auge hatte, meinte, daß es um jeden Preis notwendig sei, das Übel mit der Wurzel auszurotten und den Sohn seines Freundes dem verderblichen Einfluß zu entziehen, den die ahnungslose Zauberin auf ihn ausübte. Sobald er gewiß zu sein glaubte, daß Natah-Otann Lianenblüte liebe, verlangte der alte Volkstribun eine geheime Unterredung mit seinem Zögling, die ihm letzterer bewilligte, ohne zu ahnen, aus welchem Grund der Weiße Bison einen solchen Schritt tue. Der Häuptling erschien eines Morgens an der Tür der Wohnung seines Freundes. Der Weiße Bison lag in halb liegender Stellung am Feuer, das in der Mitte der Hütte brannte. »Ich heiße dich willkommen, mein Sohn«, sagte er, »und habe dir nur wenige Worte zu sagen; ich halte diese aber für wichtig genug, um zu wünschen, daß du sie sofort anhören möchtest. Setz dich neben mich!« Der junge Mann gehorchte. Nun schlug der Weiße Bison ein ganz anderes als das bisherige Verfahren ein. Er, der bisher die Pläne seines Freundes in Hinsicht auf Erhebung und Veredelung der Indianer stets bekämpft hatte, ging jetzt mit solchem Feuer und solcher Überzeugung auf die Ideen des Häuptlings ein, daß letzterer staunte und nicht umhin konnte, ihn zu fragen, wie es komme, daß er seine Meinung so plötzlich geändert habe. »Der Grund ist sehr einfach«, antwortete der Greis. »Solange ich glauben mußte, daß jene Ideen nur das Erzeugnis jugendlicher Begeisterung und Schwärmerei waren, habe ich sie – wie es meine Pflicht ist – als Träume eines edlen Herzens angesehen, das sich selbst täuscht und das, indem es seinen eigenen Standpunkt erkennt, sich nicht die Mühe nimmt, zu überlegen, ob Hoffnung auf Erfolg vorhanden sei.« »Und jetzt?« fragte der junge Mann lebhaft. »Jetzt sehe ich ein, wie aufrichtig und wahrhaft edel und großherzig deine Pläne sind, und halte diese nicht nur für ausführbar, sondern ich will deren Verwirklichung dadurch sichern, daß ich dir meine Hilfe anbiete.« »Ist es Euer Ernst, mein Vater?« fragte der junge Mann begeistert. »Ich schwöre es dir; aber wir müssen ungesäumt Hand ans Werk legen.« Der Häuptling blickte den Greis forschend an; dieser blieb unerschütterlich ruhig. »Ich verstehe Euch«, sagte er endlich langsam und bewegt, »Ihr reicht mir die Hand am Rande des Abgrunds. Ich danke Euch, Vater; ich werde mich Eurer würdig zeigen, das schwöre ich meinerseits.« »Gut, daran erkenne ich meinen Sohn. Glaube mir«, fügte der Greis mit traurigem Kopfnicken hinzu, »das Vaterland ist häufig eine sehr undankbare Geliebte, aber es ist die einzige, die uns wahre Seelenfreuden bereitet, wenn wir ihr um ihrer selbst willen uneigennützig dienen.« Die beiden Männer drückten sich herzlich die Hand; der Bund war geschlossen. Wir werden bald erfahren, ob Natah-Otann seine Liebe wirklich so vollständig überwunden hatte, wie er glaubte. 10 Der große Rat Natah-Otann hatte sein Werk ungesäumt in Angriff genommen; mit jenem fieberhaften Eifer, der ihm eigen war, schickte er seine Boten nach allen Richtungen aus zu den angesehensten Häuptlingen der Stämme des Westens und berief sie in eine große, im Missourital gelegene Ebene, an einen Ort, der den Namen »Baum des Herrn des Lebens« trug. Der Zeitpunkt war der vierte Tag des gehärteten Schneemondes, Oua-banni-quisis. Die Indianer vom Missouri verehrten den Ort besonders und kamen stets herbei, um den Baum mit Geschenken zu behängen. Es war eine ungeheure Sandebene ohne alle Vegetation, auf deren Boden weder ein Grashalm noch ein Strauch grünte; in der Mitte jener Wüstenei erhob sich ein gewaltiger Baum – eine Eiche, deren Raum einen Umfang von wenigstens zwanzig Fuß hatte und zwar hohl war, aber die breiten, dichtbelaubten Äste über einen bedeutenden Raum ausbreitete. Der Baum, dessen Höhe mindestens hundertzwanzig Fuß betrug und der durch Zufall dort Wurzel geschlagen hatte, mußte den Indianern in der Tat wie ein wunderbares Gewächs erscheinen; daher hatten sie ihm auch den Namen »Baum des Herrn des Lebens« gegeben. Zum bestimmten Tag kamen sie von allen Seiten herbei und rückten in guter Ordnung an die Stelle heran, die zur Abhaltung des Rates bestimmt war. Am Fuß des Baumes war ein ungeheurer Scheiterhaufen errichtet worden, und auf ein Zeichen der Tambours und der Chichikoués lagerten sich die Häuptlinge im Kreis. Wenige Schritte hinter den Sachems bildeten die berittenen Schwarzfüße, die Durchbohrten Nasen, die Assiniboins, die Mandaner usw. ein doppeltes Spalier um das Beratungsfeuer, während Späher die Wildnis durchstreiften, um die Zudringlichen fernzuhalten und das Geheimnis der Verhandlung zu sichern. Im Osten erglänzten die Strahlen der Sonne; die wüste, öde Ebene verschmolz in der Ferne mit dem Horizont; im Süden erhob das Felsengebirge seine mit ewigem Schnee bedeckten Gipfel, während im Nordwesten eine silberne Linie den Lauf des alten Missouri andeutete. Das war die Landschaft – wenn man die Wüste so bezeichnen darf –, in der sich die Krieger in ihrer wilden Tracht und ihrem seltsamen Schmuck um den bedeutungsvollen Baum versammelt hatten. Bei diesem erhabenen Schauspiel wurde man unwillkürlich an andere Zeiten, einen anderen Himmelsstrich gemahnt, als die wilden Gefährten Attilas beim Schein der brennenden Ortschaften auszogen, um das Römische Reich zu erobern und zu verjüngen. Im allgemeinen erkennen die Eingeborenen Amerikas irgendeine Gottheit oder vielmehr einen Geist an, der zuweilen wohltätig, am häufigsten aber feindselig ist. Die Gottesverehrung des Wilden besteht viel mehr in der Furcht als in der Ehrerbietung. Der Herr des Lebens ist viel mehr ein böser als ein guter Geist; deshalb haben die Indianer dem Baum, dem sie dieselbe Gewalt beimessen, seinen Namen gegeben. Die indianischen Religionen erkennen in ihrer ursprünglichen Roheit das geistige Wesen nicht an, sondern halten sich an die Naturerscheinungen, die sie zu Gottheiten erheben. Die verschiedenen Völkerschaften suchen sich die Wüsten zu befreunden, wo die Ermüdung und der Durst den Tod verursachen, und nächst diesen die Ströme, die sie in ihrer Flut vergraben können. Die Häuptlinge kauerten also, wie schon gesagt, am Feuer in regungsloser, beschaulicher Haltung, die annehmen ließ, daß sie sich auf eine wichtige Feier ihres Kultus vorbereiteten. Nach einer Weile setzte Natah-Otann die lange Kriegspfeife an seine Lippen, die aus einem menschlichen Schienbein gefertigt war und an seinem Hals hing, und tat einen langen, durchdringenden Pfiff. Bei diesem Signal – denn ein solches war es – erhoben sich die Häuptlinge, bildeten einen indianischen Zug und umkreisten den Baum zweimal, wobei sie leise ein geheimnisvolles Lied sangen, um den Beistand des Herrn des Lebens für das Gelingen ihrer Pläne zu erflehen. Beim dritten Umgang nahm Natah-Otann ein prachtvolles Halsband aus Bärenklauen ab, das er trug, hängte es an einen Zweig des Baumes und sagte: »Herr des Lebens, betrachte mich mit günstigem Auge; ich biete dir dieses Geschenk an!« Die übrigen Häuptlinge folgten seinem Beispiel nach der Reihe; hierauf nahmen sie ihren Sitz am Beratungsfeuer wieder ein. Da trat der Pfeifenträger in den Kreis und reichte den Häuptlingen mit den üblichen Feierlichkeiten das Kalumet; als jeder daraus geraucht hatte, forderte der älteste Sachem Natah-Otann auf, das Wort zu ergreifen. Der Plan des indianischen Häuptlings war vielleicht der verwegenste, der je gegen die Weißen entworfen worden war, und mußte, wie der Weiße Bison scherzend bemerkte, eben dank seiner scheinbaren Unmöglichkeit gelingen, weil er den abergläubischen Begriffen der Indianer Rechnung trug, die wie alle Naturvölker einen großen Wunderglauben haben. Es ist übrigens eine Eigenschaft aller unterdrückten Völker, denen die Wirklichkeit nur Leiden und Enttäuschungen bietet, daß sie ihre Zuflucht zum Übernatürlichen nehmen, das ihnen allein Trost verspricht. Natah-Otann hatte die Grundidee zu seinem Unternehmen einem der ältesten bei den Komantschen, seinen Vorfahren, verwurzelten Glauben entnommen. Jener Glaube, den ihm sein Vater so oft als Kind mitgeteilt hatte, schmeichelte seinem abenteuerlichen Sinn, und als die Zeit gekommen war, die Pläne ins Leben treten zu lassen, die er schon lange mit sich herumgetragen hatte, beschwor er diesen herauf und beschloß, sich seiner zu bedienen, um alle an sich heranzuziehen und die indianischen Völkerschaften zu einem Ganzen zu vereinigen.   Als Motecuhzoma – den die spanischen Geschichtsschreiber irrtümlich Montezuma nennen, welcher Name keinerlei Bedeutung hat, während die erste Bezeichnung wörtlich »der strenge Herr« heißt – sich in seinem Palast eingeschlossen hatte und als Gefangenen jenes genialen Abenteurers namens Cortez erblickte, der ihm wenige Tage später sein Reich entreißen sollte, warnte eine gewisse geheime Ahnung den Kaiser, der es vorgezogen hatte, sich habgierigen Fremdlingen anzuvertrauen, statt sich zu seinem Volk zu wenden, vor dem Schicksal, das seiner harrte. Er versammelte wenige Tage vor seinem Ende die angesehensten mexikanischen Häuptlinge um sich, die seine Gefangenschaft teilten, und sprach zu ihnen: »Hört! Mein Vater, die Sonne hat mir eröffnet, daß ich bald zu ihm zurückkehren würde; ich weiß noch nicht, wo oder wann ich sterben werde, habe aber das gewisse Vorgefühl, daß meine letzte Stunde nahe ist.« Als die Häuptlinge, die die tiefste Verehrung für ihn hegten, bei diesen Worten in Tränen ausbrachen, tröstete er sie, indem er sagte: »Mein Ende ist auf Erden zwar nahe, doch werde ich nicht sterben, da ich zu meinem Vater, der Sonne, zurückkehre, wo meiner eine Seligkeit harrt, die man hienieden nicht kennt. Weint daher nicht, ihr treuen Freunde, sondern freut euch vielmehr des Glücks, das mir zuteil wird. Die weißen bärtigen Männer haben sich durch Verrat in den Besitz des größten Teils meines Reiches gesetzt und werden bald auch noch das übrige an sich reißen. Wer vermag ihnen zu wehren? Ihre Waffen machen sie unverwundbar, und außerdem verfügen sie nach Gefallen über das Feuer des Himmels. Ihre Macht wird aber einst aufhören; sie werden auch dem Verrat zum Opfer fallen, und das Recht der Wiedervergeltung wird auf das strengste an ihnen geübt werden. Hört jetzt aufmerksam auf das, was ich verlangen will; das Heil des Vaterlands hängt von der Pünktlichkeit ab, mit der ihr meine letzten Befehle vollzieht. Jeder von euch soll ein wenig von dem heiligen Feuer an sich nehmen, das einst von der Sonne selbst entzündet worden ist und das die Weißen noch nicht gewagt haben, mit frevelnder Hand auszulöschen. Jenes Feuer steht hier vor euch – es brennt in dem goldenen Rauchfaß. Nehmt es an euch, ohne daß unsere Tyrannen ahnen können, wo es hingekommen ist, und sich dessen nicht bemächtigen. Ihr sollt das Feuer unter euch verteilen, so daß ein jeder genug davon habe; bewahrt es hoch und heilig und laßt es nie verlöschen. An jedem Morgen, nachdem ihr es angebetet habt, sollt ihr auf das Dach eures Hauses steigen und bei Sonnenaufgang nach Osten blicken. Ihr werdet mich eines Tages an der rechten Hand meines Vaters, der Sonne, erscheinen sehen; dann freut euch, denn der Tag eurer Befreiung ist nahe. Mein Vater und ich werden kommen, euch die Freiheit zurückzugeben und euch für immer von den niederträchtigen Feinden zu erlösen, die eine entartete Welt aus ihrer Mitte ausgestoßen hat.« Die mexikanischen Häuptlinge gehorchten noch zur selben Stunde – denn die Zeit drängte – dem Befehl ihres vielgeliebten Kaisers. Einige Tage später stieg Motecuhzoma auf das Dach seines Palastes, um sein empörtes Volk anzureden, als ihn ein Pfeil von unbekannter Hand traf und er in die Arme der spanischen Soldaten sank, die ihn begleiteten. Ehe er den letzten Seufzer ausstieß, richtete sich der Kaiser mit letzter Kraft in die Höhe, streckte die Arme gen Himmel und rief den Freunden, die ihn umstanden, zu: »Das Feuer! Das Feuer! Gedenkt des Feuers!« Es waren seine letzten Worte. Zehn Minuten später gab er seinen Geist auf. Die Spanier, deren Neugierde durch jene geheimnisvollen Worte im hohen Grad erregt war, bemühten sich auf jede Weise, die ihnen zu Gebote stand, deren Bedeutung zu ergründen; vergebens – kein einziger Mexikaner, den sie deshalb befragten, stand ihnen Rede. Alle hielten sie ihr Geheimnis heilig, ja etliche ertrugen lieber die Tortur, als daß sie es enthüllten.   Die Komantschen und fast alle Völker des Far West haben jenen Glauben rein bewahrt. In jedem indianischen Dorf findet man das Feuer Motecuhzomas, das immer brennt und während vierundzwanzig Stunden ununterbrochen von zwei Kriegern bewacht wird, die auf ihrem Posten weder essen noch trinken dürfen. Diese werden durch andere abgelöst, denen wieder andere folgen, und so fort. In alten Zeiten mußten jene Wächter nicht vierundzwanzig, sondern achtundvierzig Stunden aushalten, und es ereignete sich häufig, daß man sie tot fand, wenn man sie ablösen wollte, was man entweder der Stickluft zuschrieb, die das Feuer entwickelte – und die um so mehr Einfluß auf sie hatte, als sie nüchtern waren –, oder irgendeinem anderen Grund. Man nahm die Leichen auf und trug sie in eine Höhle, wo sie, wie die Komantschen meinten, von einer Schlange verzehrt wurden. Deshalb hat man jetzt die Wache auf die Hälfte der Zeit reduziert, und es ist seitdem kein Unglück mehr vorgekommen. Das Feuer befindet sich in einem gewölbten unterirdischen Raum und ist in einem silbernen Rauchfaß enthalten, wo es unter der Asche fortglimmt. Jener Glaube ist so allgemein verbreitet, daß er sich nicht nur bei den »Indios Bravos« oder freien Indianern, sondern auch bei den »Manzos« oder zivilisierten Indianern vorfindet. Viele Menschen, die für aufgeklärt gelten und eine fast europäische Erziehung genossen haben, bewahren das Feuer Motecuhzomas an irdendeinem geheimen Ort, wo sie es sorgfältig verwahren, es jeden Tag besuchen und nie versäumen, bei Sonnenaufgang auf das Dach ihres Hauses zu steigen und nach Morgen zu blicken, in der Hoffnung, ihren geliebten Kaiser zu sehen, wie er in Begleitung der Sonne erscheint, um ihnen die Freiheit zurückzugeben, nach der sie sich seit Jahrhunderten sehnen, denn die mexikanische Republik ist zu weit entfernt, ihnen diese gebracht zu haben. – Natah-Otann hatte also folgendes beschlossen: Er wollte den Indianern, nachdem er ihnen jene Legende wieder ins Gedächtnis zurückgerufen hatte, verkünden, daß die Zeit um sei und Motecuhzoma bald erscheinen werde, um sie zu leiten und ihr Anführer zu sein. Hierauf wollte er eine gewaltige Kerntruppe von Kriegern bilden, diese an allen amerikanischen Grenzen aufstellen und seine Feinde überfallen, indem er sie von allen Seiten zugleich angriff und ihnen keine Zeit ließ, sich zu besinnen. So verwegen der Plan auch war – besonders da er zur Ausführung keine anderen Werkzeuge hatte als die Indianer, die von allen Völkern die wenigste Fähigkeit besitzen, sich untereinander zu verbinden, wodurch sie bisher ihre Niederlagen stets selbst herbeigeführt haben –, mangelte es ihm weder an Kühnheit noch an Erhabenheit, und Natah-Otann war in der Tat der einzige Mann, der imstande war, diesen glücklich durchzuführen. Das setzte voraus, daß er unter den Stämmen, die er zum Aufstand reizen wollte, zwei bis drei gehorsame und intelligente Gehilfen fand, die seine Idee begriffen und diese zu ihrer eigenen machten. Die Komantschen, die Pawnees und die Sioux waren dem Häuptling der Schwarzfüße nebst den Indianern des Far West von wesentlichem Nutzen, denn sie teilten den Glauben, den Natah-Otann seinem Plan zugrunde gelegt hatte, und es war nicht nur überflüssig, sie dazu zu bekehren, sondern ihre Zustimmung konnte dazu dienen, die Rothäute vom Missouri gleichfalls zu überzeugen. Aber wie sollte eine Versammlung, die aus so verschiedenen Völkern bestand, die alle andere Interessen verfolgten und verschiedene Sprachen redeten, ja größtenteils einander feindlich gesinnt waren, durch ein Band vereinigt werden, das stark genug war, sie unauflöslich aneinander zu fesseln? Wie sollten sie überredet werden, gemeinschaftlich vorzudringen, ohne sich gegenseitig zu beneiden? War es überhaupt vernünftig, anzunehmen, daß kein Verräter unter ihnen wäre, der ihr Geheimnis an die Yankees verkaufen könnte, die stets ein wachsames Auge auf die Bewegungen der Indianer hatten, von denen sie sich nicht schnell genug befreien zu können glaubten und die auf jede Weise bemüht waren, sie vollständig auszurotten? Natah-Otann ließ sich indessen nicht abschrecken; er verhehlte sich nicht, welche Schwierigkeiten er zu überwinden haben würde, doch wuchs sein Mut mit den Hindernissen, und sein Entschluß wurde durch die Unmöglichkeiten, auf die er bei jedem Schritt stoßen mußte, gewissermaßen noch fester in ihm bestärkt. Als ihm der Sachem, nachdem die vorbereitenden Feierlichkeiten vorüber waren, winkte, sich zu erheben, war sich Natah-Otann bewußt, daß der Augenblick gekommen sei, das gewagte Spiel zu beginnen, das er ausführen wollte. Er ergriff das Wort mit Entschlossenheit, in der Überzeugung, daß bei solchen Menschen wie denjenigen, die ihn umgaben, viel auf die Art und Weise ankomme, wie die Sache hingestellt würde, und der Erfolg so gut wie gesichert sei, wenn man sich des ersten Eindrucks bemächtigt hätte. »Ihr Häuptlinge der Komantschen, Osagen, Sioux, Pawnees, Mandaner, Assiniboins, Missouris und alle, die ihr mich hört – Rothäute, meine Brüder«, sagte er in festem, nachdrücklichem Ton; »mein Geist ist seit vielen Monden traurig; mit Schmerz sehe ich, wie die Weißen unser Jagdgebiet schmälern und uns täglich mehr und mehr verdrängen. Wir, deren zahlreiche Volksstämme vor kaum vierhundert Jahren die weite Landstrecke innehatten, die zwischen beiden Meeren liegt, sind gegenwärtig zu einer kleinen Zahl von Kriegern zusammengeschmolzen, die scheu wie Antilopen vor ihren Bedrückern fliehen. Unsere geheiligten Städte – der letzte Zufluchtsort der Zivilisation, die wir unseren Vätern, den Inkas, verdanken – werden bald die Beute jener Ungeheuer in Menschengestalt werden, die keinen anderen Gott kennen als das Gold. Vielleicht wird unser zerstreutes Volk bald von dem Weltteil verschwinden, den es so lange Zeit ungeteilt besessen und beherrscht hat. Man hetzt uns wie widerwärtige Tiere, erniedrigt uns durch das Feuerwasser – jenes unheilvolle Gift, das die Weißen zu unserem Verderben erfunden haben –, das Schwert und die Krankheiten der Weißen lichten unsere Reihen, und unsere umherirrenden Scharen sind kaum noch der Schatten eines Volkes. Unsere Besieger verachten unseren Glauben und wollen uns unter das Joch des Gekreuzigten beugen. Sie beleidigen unsere Frauen, töten unsere Kinder, verbrennen unsere Dörfer und möchten uns, wo sie nur immer können, zu Lasttieren erniedrigen, unter dem Vorwand, uns zu zivilisieren. Sagt, ihr Indianer – alle, die ihr mich hört –, ob sich das Blut eurer Väter in euren Adern verwandelt hat und ihr der Unabhängigkeit entsagt? Antwortet mir: Wollt ihr als Sklaven sterben oder als freie Männer leben?« Bei diesen mit tönender Stimme und entschlossener Gebärde gesprochenen Worten durchlief ein Schauer die Reihen der Versammelten; sie erhoben alle stolz ihr Haupt, und ihre Augen funkelten. »Redet, redet weiter, Sachem der Schwarzfüße«, riefen die begeisterten Häuptlinge einstimmig aus. Natah-Otann lächelte selbstzufrieden; es wurde ihm endlich klar, welche Gewalt er über die Massen besaß. Er fuhr fort: »Nach der langen Erniedrigung ist endlich die Stunde gekommen, wo wir das schmachvolle Joch abwerfen sollen, das auf uns lastet. Wenn ihr es wollt, können wir von heute an in wenigen Tagen die Weißen weit von unseren Grenzen verjagen und ihnen alles Böse vergelten, das sie uns zugefügt haben. Schon lange beobachte ich die Amerikaner und die Spanier, und ich kenne nicht nur ihre Kriegskunst, sondern auch ihre Hilfsmittel; was brauchen wir, Indianer, meine geliebten Brüder, um sie zu vernichten? Nur zweierlei: Gewandtheit und Mut!« Die Indianer unterbrachen ihn durch Freudengeschrei. »Ihr sollt frei sein!« fuhr Natah-Otann fort. »Ich will euch die fruchtbaren Täler eurer Vorfahren und die Felder zurückgeben, in denen ihre Gebeine ruhen, die jetzt durch den frevelhaften Fluch täglich nach allen Richtungen verstreut werden. Seitdem ich zum Mann herangereift bin, trage ich den Plan mit mir herum; er hat in meinem Herzen Wurzel geschlagen und ist das Ziel meines Strebens geworden. Fern von mir und von euch ist der Gedanke, mich zu eurem Führer aufwerfen zu wollen; besonders seitdem ich Zeuge eines Wunders – der Erscheinung des großen Kaisers – gewesen bin. Nein, nächst jenem erhabenen Führer, der euch allein zum Sieg verhelfen soll, müßt ihr denjenigen, der seine Befehle ausführen und euch diese verkündigen wird, nach freier Wahl bestimmen. Sobald eure Wahl getroffen ist, werdet ihr ihm gehorchen, ihm überallhin folgen und mit ihm die unüberwindlichsten Hindernisse bekämpfen, denn er ist der Auserwählte der Sonne und der Leutnant Motecuhzomas. Laßt euch nicht irren, ihr Krieger, denn unsere Feinde sind stark, zahlreich, gut eingeübt, abgehärtet und haben gegenüber uns den ungeheuren Vorteil, daß sie uns stets besiegt haben. Ernennt also jenen Führer, wählt ihn aus freiem Antrieb, wählt den Würdigsten, so will ich mich mit Freuden seinem Befehl unterwerfen!« Hierauf grüßte Natah-Otann die Sachems und mischte sich mit heiterer Miene, aber ängstlich klopfendem Herzen unter die Krieger. Seine Beredsamkeit war den Indianern neu, lockte sie an, riß sie hin und versetzte sie in eine Art von Taumel. Es fehlte wenig, daß sie den kecken Häuptling der Schwarzfüße für ein höheres Wesen ansahen und anbetend vor ihm niederknieten, so richtig hatte er gezielt und die Saite ihres Herzens getroffen, die die empfänglichste war. Lange Zeit befand sich der Rat in einer Stimmung, die an Wahnwitz grenzte. Alle redeten zu gleicher Zeit, und erst nachdem sich der Taumel etwas gelegt hatte, besprachen die klügsten unter den Sachems die Möglichkeit einer Waffenerhebung und die etwaigen Hoffnungen auf Erfolg. In dem Augenblick erwiesen sich die Stämme des Far West, die dem alten Glauben huldigten, als besonders nützlich. Endlich, nach einer ziemlich langen Beratung, entschied man sich fast einstimmig für eine massenhafte Schilderhebung. Die Schlachtordnung, die eine kurze Unterbrechung erlitten hatte, wurde wiederhergestellt, und der Weiße Bison, den die Häuptlinge aufforderten, den Beschluß des Rates zu verkünden, ergriff das Wort: »Hört mich, ihr Häuptlinge der Komantschen, der Pawnees, der Sioux, der Mandaner, der Assiniboins und der Missouri-Indianer!« sagte er. »Heute, am vierten Tag des Mondes Oua-banni-quisis, ist von allen Häuptlingen, deren Namen hier folgen - wie dem Kleinen Jaguar, dem Weißen Bison, Natah-Otann, dem Roten Wolf, der Weißen Kuh, dem Falben Geier, dem Breitschultrigen Hund, der Buntschillernden Schlange, der Schönen Frau und anderen, von denen jeder ein Volk oder einen Stamm vertritt, die am Feuer des großen Rates versammelt sind, das unter dem heiligen Baum des Herrn des Lebens brennt, und nachdem alle religiösen Bräuche andächtig beachtet worden sind, die uns die Gunst des Bösen Geistes erwerben sollen –, beschlossen worden, den Weißen, unseren Bedrückern, den Krieg zu erklären. Es wird ein heiliger Krieg um die Erlangung der Freiheit sein, und es sollen daher alle – sowohl Männer als Frauen und Kinder, jeder nach Maßgabe seiner Kräfte – daran teilnehmen. Noch heute werden Wampums von den Häuptlingen an alle indianischen Völker, die trotz ihres guten Willens wegen der großen Entfernung nicht am Rat teilnehmen konnten, abgeschickt werden. Ich habe gesprochen.« Ein weithin schallendes Jubelgeschrei unterbrach den Weißen Bison, der bald darauf fortfuhr: »Nach reiflicher Beratung haben die Häuptlinge dem Verlangen Natah-Otanns, des ersten Sachem der Schwarzfüße, entsprochen, indem sie dem Kaiser Motecuhzoma, dem obersten Führer der indianischen Krieger, einen selbständigen Leutnant, der nur unter dem Befehl des genannten Kaisers steht, ernannt haben. Dieser soll alle Völker mit unbegrenzter und selbständiger Gewalt führen und ist der klügste, vorsichtigste und würdigste Befehlshaber über uns. Es ist der Sachem der Schwarzfußindianer vom uralten Stamm der Kenhas: Natah-Otann, der Vetter der Sonne, des glänzenden Gestirns, das uns beleuchtet.« Donnernder Beifall nahm diese Worte auf. Natah-Otann grüßte die Sachems, trat in die Mitte des Kreises und sagte mit überlegener Miene: »Ich nehme eure Wahl an, meine Brüder; in einem Jahr bin ich entweder tot, oder ihr seid frei!« »Es lebe Natah-Otann, der Graue Bär der Schwarzfüße, für immer!« rief die Menge. »Krieg den Weißen«, fuhr Natah-Otann fort. »Und zwar ein Krieg ohne Gnade und Barmherzigkeit, eine wahre Treibjagd oder Tierhetze, wie sie sie gegen uns geübt haben! Gedenkt des Gesetzes der Prärie: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Jeder Häuptling sende seinem Volk das Kriegswampum, denn gegen Ende des Mondes werden wir unsere Feinde durch einen Donnerschlag aufschrecken. Wir werden uns heute zur siebenten Stunde der Nacht von neuem versammeln, um die zweiten Führer zu wählen, unsere Krieger zu zählen und Tag und Stunde des Angriffs zu bestimmen.« Die Häuptlinge verneigten sich stumm, kehrten zu ihrem Gefolge zurück und waren bald hinter einer Staubwolke verschwunden. Natah-Otann und der Weiße Bison blieben allein. Eine Abteilung Schwarzfußkrieger hielt sich unbeweglich in geringer Entfernung auf und bewachte sie. Natah-Otann hatte die Arme über der Brust gekreuzt, den Kopf zu Boden gesenkt und saß mit gerunzelten Brauen da; wie es schien, in tiefe Gedanken verloren. »Nun«, sagte der alte Volkstribun mit einem leisen Anflug von Ironie, »du hast gesiegt, mein Sohn, und bist glücklich, denn deine Pläne sollen endlich verwirklicht werden.« »Ja«, antwortete er, ohne den spöttischen Ton seines Pflegevaters zu bemerken, »der Krieg ist erklärt, mein Wunsch erfüllt; aber jetzt, mein Freund, zittere ich vor einer so schweren Aufgabe. Werden mich jene rohen Menschen richtig begreifen? Werden sie ermessen, wieviel Liebe und unbegrenzte Hingebung ihnen mein Herz widmet? Sind sie reif für die Freiheit, oder haben sie vielleicht noch nicht genug gelitten? Vater! Vater! Ihr, dessen Herz so mächtig, dessen Seele so erhaben ist und der Ihr Euer Leben unter so gewaltigen Kämpfen abgenutzt habt – ratet, helft mir! Ich bin jung, bin schwach und besitze nichts als einen aufrichtigen Willen und eine grenzenlose Hingebung!« Der Greis lächelte traurig und murmelte, indem er viel mehr seine eigenen Gedanken als die Worte seines Freundes beantwortete: »Ja, mein Leben hat sich unter so verzweifelten Kämpfen abgenutzt; das Werk, das ich gründen half, ist zerstört, aber nicht vernichtet; aus den Trümmern einer entarteten Gesellschaft hat sich eine neue Gesellschaft erhoben, und dank unseren Bemühungen ist die Furche zu tief eingegraben, als daß es möglich wäre, sie je wieder zu verschütten. Der Fortschritt bricht sich Bahn, nichts kann ihn aufhalten oder hindern! Geh, mein Sohn, betritt gleichfalls die Arena, denn die Freiheit fordert Blut. Dasjenige, das hier in diesem verborgenen Winkel der Erde vergossen wird, fließt nicht vergebens; ein Tag wird kommen – und zwar bald, wie ich hoffe –, wo das Licht über alle leuchten wird. Fasse Mut, Kind! Die Neue Welt ist berufen, die Wiedergeburt der Alten zu vollbringen! Gleichviel, ob du im unternommenen Kampf fällst – die Schar der Märtyrer wird nur einen Namen mehr zählen; und solltest du auch fallen, wird doch deine Idee dich überleben, denn diese verschwindet nicht, sondern wächst nur mit der Zeit. Geh, zaudere nicht auf der gewählten Bahn, denn es ist die schönste und erhabenste, die ein großes Herz verfolgen kann.« Der alte Verfechter des Gedankens hatte sich, während er so sprach, durch seine Begeisterung fortreißen lassen. Er trug den Kopf hoch aufgerichtet, sein Gesicht strahlte, und die untergehende Sonne verlieh seinen Zügen einen Ausdruck, den Natah-Otann nie bemerkt hatte und der ihn mit Ehrfurcht erfüllte. Aber bald verlosch das Feuer in den Blicken des Greises, er schüttelte traurig den Kopf und fuhr fort: »Kind, wie willst du deine Verheißung erfüllen, und wo denkst du Motecuhzoma zu finden?« Natah-Otann lächelte. »Bald sollst du ihn sehen, mein Vater«, sagte er. Im selben Augenblick sprengte ein Indianer, dessen schweißbedecktes Pferd Feuer aus den Nüstern zu schnauben schien, an die beiden Häuptlinge heran und blieb durch ein Wunder der Reitkunst wie in den Boden gewurzelt vor ihnen halten. Er neigte sich, ohne abzusteigen, zu Natah-Otann und flüsterte ihm etwas ins Ohr. »Schon?« rief dieser aus. »Der Himmel ist mir entschieden günstig! Es ist kein Augenblick zu verlieren! Schnell, mein Pferd!« »Was geht denn vor?« fragte der Weiße Bison. »Nichts, was Euch jetzt interessieren könnte, mein Vater; bald sollt Ihr alles wissen.« »Gehst du allein?« »Ich muß. Auf baldiges Wiedersehen, und seid getrost!« Das Pferd Natah-Otanns wieherte vor Schmerz unter dem Druck seiner Knie und sprengte pfeilgeschwind von dannen. Zehn Minuten darauf waren sämtliche Indianer verschwunden, und unter dem Baum des Herrn des Lebens herrschte die frühere Stille. 11 Die amerikanische Gastfreundschaft So standen die Dinge zu der Zeit, wo die Erzählung beginnt, die wir unternommen haben zu berichten. Nachdem wir hiermit die unumgänglichen einleitenden Bemerkungen vorausgeschickt haben, nehmen wir den Faden unserer Erzählung wieder an der Stelle auf, wo wir ihn fallen ließen. John Bright und seine Familie sahen hinter den Verschanzungen ihres Lagers mit einer Mischung von Furcht und Freude die Schar heransprengen, die hinter einer Staubwolke wie ein Sturmwind herangebraust kam. »Achtung, Kinder«, sagte der Amerikaner zu seinen Dienern und seinem Sohn; »haltet eure Flinten schußfertig; ihr kennt ja die teuflische Arglist jener Affen der Prärien. Wir wollen uns nicht zum zweitenmal überrumpeln lassen. Bei der geringsten verdächtigen Bewegung gebt ihr Feuer! Wir wollen ihnen auf solche Weise beweisen, daß wir auf unserer Hut sind.« Die Frau und die Tochter des Auswanderers richteten ihre Blicke auf die Prärie und verfolgten aufmerksam die Bewegungen der Indianer. »Ich glaube, daß du dich irrst, mein Freund«, sagte Mrs. Bright; »jene Männer kommen in keiner feindseligen Absicht. Die Indianer unternehmen selten ihre Angriffe bei hellem Tag; und wenn es geschieht, so zeigen sie sich nicht so frei vor allen Blicken.« »Und zwar um so mehr«, fügte das junge Mädchen hinzu, »als ich, wenn ich nicht irre, Europäer erblicke, die an der Spitze der Truppe reiten.« »Ach«, bemerkte John Bright, »das hat durchaus nichts zu sagen, mein Kind. Es wimmelt in den Prärien von schlechten Subjekten ohne Gott und Gebot, die mit den Teufeln von Rothäuten gemeinschaftliche Sache machen, wenn es sich darum handelt, ehrliche Reisende zu berauben. Wer weiß denn, ob es nicht die Weißen gewesen sind, die den Angriff von heute nacht angestiftet haben?« »Nein, mein Vater, das kann ich nicht glauben«, erwiderte Diana. Diana Bright, die wir bisher nur flüchtig erwähnt haben, war ein junges, hoch aufgeschossenes, schlankes Mädchen von siebzehn Jahren. Ihre großen schwarzen, von dunklen Wimpern beschatteten Augen, ihre üppigen dunklen Flechten und ihr niedlicher, mit perlenweißen Zähnen versehener Mund ließen sie äußerst lieblich erscheinen, und sie würde überall bemerkt worden sein; in der Wildnis aber war sie ohne Frage bestimmt, großes Aufsehen zu erregen. Ihre gute, strenggläubige Mutter hatte sie zur Frömmigkeit erzogen, und Diana besaß noch die volle Arglosigkeit der Kindheit, zu der sich die Erfahrung des täglichen Lebens gesellte, die der Aufenthalt in den jungen Ansiedlungen, wo man frühzeitig zum Denken und zum Selbständigsein angehalten wird, notwendig verleiht. Die Reiter kamen unterdessen rasch näher, ja sie waren bereits in ziemliche Nähe gelangt. »Es ist wirklich unser Vieh, das dort unten herankommt«, sagte William. »Ich erkenne Sultan, mein gutes Pferd.« »Und ich die Schwarze, meine arme Milchkuh!« seufzte Mrs.Bright. »Tröstet euch«, erwiderte Diana; »ich wette, daß uns die Leute unser Vieh zurückbringen. « Der Auswanderer schüttelte verneinend den Kopf. »Die Indianer geben nie zurück, was sie einmal in Händen haben«, sagte er; »ich werde aber bei Gott der Sache auf den Grund gehen und mich nicht gutwillig berauben lassen.« »Warte doch, Vater«, antwortete William, indem er ihn zurückhielt, denn der Auswanderer wollte eben über die Verschanzung springen; »wir werden ja bald erfahren, welcher Art ihre Absichten sind.« »Nun, meiner Ansicht nach sind sie verständlich genug: Die Schurken kommen, um uns irgendeinen schändlichen Handel anzubieten.« »Vielleicht, mein Vater, vielleicht auch nicht; ich glaube vielmehr, daß du dich täuschst«, erwiderte das junge Mädchen eifrig. »Seht, jetzt machen sie halt und scheinen sich untereinander zu beraten.« Die Indianer blieben wirklich in Büchsenschußweite stehen und sprachen miteinander. »Warum gehen wir nicht weiter?« fragte der Graf den Jäger. »Ja, Sie kennen die Yankees noch nicht, Herr Eduard. Ich bin überzeugt, daß man uns mit einem Kugelregen begrüßen würde, wenn wir zehn Schritt weiter täten.« »Was fällt Ihnen ein!« erwiderte der junge Mann achselzuckend. »Die Leute werden doch keine Narren sein und uns so aufnehmen!« »Mag sein; es würde aber geschehen, wie ich sage. Wenn Sie recht aufmerksam hinsehen, werden Sie von hier zwischen den Pfählen ihrer Umzäunung die Läufe ihrer Büchsen in der Sonne glänzen sehen.« »Das ist, bei Gott, wahr! Die Leute wollen also mit Gewalt niedergemetzelt sein?« »Es wäre bereits geschehen, wenn mein Bruder nicht zu ihren Gunsten gesprochen hätte«, sagte Natah-Otann näher tretend. »Ich sage Euch aufrichtigen Dank, Häuptling! Die Wildnis ist groß, was können uns im Grunde jene armen Teufel anhaben?« »Sie allein nichts; ihnen werden aber andere folgen, die sich neben ihnen niederlassen und so fort. Schließlich wird an einer Stelle, wo vor sechs Monaten die Natur noch so frei waltete, wie sie aus den Händen des Schöpfers hervorgegangen ist, mein Bruder eine Stadt erstehen sehen.« »Das ist wahr«, sagte Freikugel. »Die Yankees verschonen nichts, und die Wut, Städte zu gründen, macht sie zu gefährlichen Narren.« »Warum machen wir halt, Häuptling?« wiederholte der Graf seine erste Frage. »Um zu parlamentieren.« »Tut mir einen Gefallen – wollt Ihr? Überlaßt diese Sorge mir. Ich bin neugierig, zu sehen, wie jene Leute das Kriegsrecht verstehen und welchen Empfang sie mir bereiten werden.« »Mein Bruder ist frei.« »Gut. Erwartet mich hier; unternehmt aber während meiner Abwesenheit keine Bewegung.« Der junge Mann legte seine Waffen ab, die er seinem Diener überreichte. »Wie?« bemerkte Ivon. »Wollen der Herr Graf so zu jenen Ungläubigen gehen?« »Wie sollte ich sonst gehen? Du weißt doch, daß ein Parlamentär nichts zu fürchten hat.« »Mag sein«, erwiderte der Diener in zweifelndem Ton. »Wenn aber der Herr Graf meinem Rat folgen will, wird er wenigstens seine Pistolen im Gürtel behalten. Man kann nicht wissen, mit welchen Leuten man zusammentrifft, und ein Unglück ist bald geschehen.« »Du bist von Sinnen«, antwortete der Graf achselzuckend. »Wohlan; wenn der Herr Graf darauf bestehen, unbewaffnet zu jenen Leuten zu gehen, die weit entfernt sind, mir Vertrauen einzuflößen, so bitte ich ihn, mir zu erlauben, ihn zu begleiten.« »Du? Was fällt dir ein?« antwortete der junge Mann lachend. »Sind wir denn nicht längst darüber einig, daß du ein unverbesserlicher Feigling bist?« »Allerdings! Aber wenn es gilt, meinen Herrn zu verteidigen, fühle ich mich zu allem fähig.« »Eben deswegen. Wenn dich nun die Furcht plötzlich packt, so wärst du vor Schrecken imstande, sie samt und sonders umzubringen. Nein, nein, das geht nicht an; ich habe keineswegs Lust, mich deinetwegen in Verlegenheiten zu stecken.« Bei diesen Worten stieg er vom Pferd und schritt lachend auf die Verschanzungen des Lagers zu. Als er in geringer Entfernung davor angekommen war, nahm er ein weißes Tuch in die Hand und ließ es in der Luft flattern. John Bright stand noch immer schußfertig da und folgte aufmerksam den Bewegungen des Grafen; als er das friedliche Zeichen sah, stand er auf und winkte ihm, näher zu kommen. Der junge Mann steckte gelassen das Tuch in die Tasche, zündete eine Zigarre an, klemmte sein Lorgnon ein und kam, nachdem er seine Handschuhe sorgfältig angezogen hatte, entschlossen heran. Als er die Verschanzungen erreicht hatte, stand John Bright vor ihm, der ihn, auf seine Büchse gestützt, erwartet hatte. »Was wollt Ihr von mir?« fragte der Amerikaner barsch. »Faßt Euch kurz, denn ich habe nicht viel Zeit zur Unterhaltung.« Der Graf maß ihn mit hochmütiger Miene, nahm die verächtlichste Stellung an, die er ersinnen konnte, und blies ihm sogar den Rauch seiner Zigarre ins Gesicht. »Ihr seid nicht sehr höflich, Bester«, antwortete er kurz. »Seid Ihr etwa hergekommen, um mich zu beleidigen?« erwiderte jener. »Ich komme, um Euch einen Dienst zu erweisen; wenn Ihr aber in dem Ton fortfahrt, fürchte ich sehr, genötigt zu sein, es zu unterlassen.« »Seht, seht! Mir einen Dienst zu erweisen! Und welchen Dienst könnt Ihr mir denn erweisen?« fragte der Amerikaner hohnlachend. »Hört«, versetzte der Graf, »Ihr seid ein grober Flegel, mit dem zu reden höchst langweilig ist; ich werde mich daher entfernen.« »Euch entfernen? Wirklich? Ihr seid aber eine viel zu wertvolle Geisel, als daß ich es zugeben könnte; ich werde Euch im Gegenteil behalten, Gentleman, und Euch nur gegen ein gutes Lösegeld freigeben.« »So versteht Ihr also das Menschenrecht? Das ist köstlich!« antwortete der Graf, noch immer spottend. »Mit Räubern hat man kein Menschenrecht zu beachten.« »Sehr verbunden für die freundliche Meinung, Freund. Und wie wollt Ihr es denn anfangen, mich gegen meinen Willen hierzubehalten?« »So!« entgegnete der Amerikaner, indem er ihn unsanft bei der Schulter packte. »Unsinn!« antwortete der Graf, indem er sich durch eine rasche Bewegung befreite. »Ich glaube, bei Gott, wahrlich, daß Ihr Euch untersteht, Hand an mich zu legen!« Ehe es der Auswanderer verhindern konnte, packte er ihn fest um die Lenden und warf ihn aus Leibeskräften über die Verschanzung in das Lager. Der Goliath flog auf die Erde und stand leicht zerschunden und verblüfft wieder auf. Anstatt sich nun, wie es jeder andere getan haben würde, zu entfernen, rauchte der junge Mann ruhig weiter und wartete mit gekreuzten Armen. Der Auswanderer, der noch ganz betäubt von dem plötzlichen Fall war, schüttelte sich wie ein nasser Hund und befühlte sich die Rippen, um sich zu überzeugen, daß er nichts gebrochen habe. Die Frauen stießen einen Schrei des Entsetzens aus, als sie ihn auf so eigentümliche Weise wiederkommen sahen. Sein Sohn und seine Diener sahen ihn fragend an und hielten sich bereit, auf den ersten Wink zu schießen. »Die Waffen gestreckt!« rief er ihnen zu; hierauf sprang er wieder über die Umzäunung und trat zu dem Grafen. Letzterer erwartete ihn ruhig. »Schau! Da seid Ihr ja wieder! Nun, wie hat Euch das Ding gefallen?« »Schon gut, ich sehe ein, daß ich unrecht hatte«, sagte der Amerikaner, indem er ihm die Hand reichte. »Ich bin ein Grobian und ein Dummkopf; verzeiht mir!« »Das läßt sich hören, so gefallt Ihr mir besser. Es handelt sich nur darum, sich zu verständigen; jetzt seid Ihr geneigt, mich anzuhören, nicht wahr?« »Vollkommen!« Gewissen Menschen gegenüber muß man, wie es der Graf mit John Bright getan hatte, zu Gewaltmitteln greifen, um ihnen durch Überlegenheit zu imponieren; man kann mit solchen Leuten nicht verhandeln, sondern muß mit Faustschlägen dozieren. Fast immer werden dann die Menschen, die erst so hartnäckig waren, sanft wie Lämmer und tun alles, was man verlangt. Der Amerikaner war sich seiner körperlichen Kraft bewußt und pochte auf diese; er zeigte sich daher dem mageren, zarten Mann gegenüber unverschämt. Sobald ihm aber der scheinbar so gebrechliche Mann auf unwiderlegliche Weise bewiesen hatte, daß er stärker sei als er, zog der Stier die Hörner ein und wich ebenso schnell zurück, als er vorgedrungen war. »Ihr seid heute nacht von den Schwarzfüßen angegriffen worden«, fuhr der Graf fort. »Ich hätte zu eurer Hilfe herbeikommen mögen, doch war es mir unmöglich; ich wäre übrigens auch zu spät gekommen. Da aber die Leute, die euch überfallen haben, aus dem oder jenem Grund eine gewisse Achtung vor mir haben, habe ich mich meines Einflusses bedient, um euch das Vieh zurückzuerstatten, das man euch geraubt hat.« »Tausend Dank! Seien Sie versichert, daß ich das, was zwischen uns vorgefallen ist, aufrichtig beklage; der erlittene Verlust hatte mich aber so sehr gereizt –« »Das kann ich begreifen, und ich verzeihe Euch von ganzem Herzen; und zwar um so mehr, als ich Euch eben vorhin auch etwas unsanft geschüttelt habe.« »Reden wir nicht mehr davon, bitte.« »Mir ist es recht; wie Ihr wollt.« »Und mein Vieh?« »Es steht zu Eurer Verfügung. Wollt Ihr es gleich haben?« »Ich gestehe, daß man –« »Schon gut«, fiel ihm der Graf ins Wort. »Wartet ein wenig, ich werde bestellen, daß man es herführe.« »Glauben Sie, daß ich von den Indianern nichts zu fürchten habe?« »Wenn Ihr sie zu behandeln wißt, nicht.« »Ich erwarte Sie also?« »In wenigen Minuten sind wir da.« Der Graf stieg den Abhang ebenso gelassen hinunter, als er ihn hinaufgestiegen war. Als er wieder bei den Indianern angekommen war, umringten ihn seine Freunde. Sie hatten alles, was geschehen war, vollkommen gesehen und waren alle entzückt von der Art und Weise, wie er dem Wortwechsel ein Ende gemacht hatte. »Lieber Gott, wie grob sind doch die Amerikaner!« sagte der junge Mann. »Gebt ihm seine Tiere; ich bitte darum, Häuptling, damit ein Ende gemacht werde. Der Flegel hätte mich fast in Zorn versetzt.« »Da kommt er ja«, antwortete Natah-Otann mit bedeutsamem Lächeln. John Bright kam wirklich herbei. Der würdige Auswanderer hatte von seiner Frau und seiner Tochter eine geziemende Zurechtweisung erhalten, in deren Folge er seine Torheit einsah und diese gern wiedergutmachen wollte. »Bei Gott, meine Herren«, sagte er, zu ihnen tretend, »wir können uns nicht so trennen. Ich bin Ihnen zu großem Dank verpflichtet, und es liegt mir daran, Ihnen zu beweisen, daß ich nicht ganz so unverständig bin, als ich wahrscheinlich aussehe. Erweisen Sie mir daher den Gefallen, sich bei mir ein wenig auszuruhen – wäre es auch nur eine Stunde –, damit ich versichert sein kann, daß Sie mir nicht mehr zürnen.« Die Einladung wurde in so biederem, herzlichem Ton vorgebracht; es war so unverkennbar, daß der wackere Mann sein Unrecht bereue und es gern gutmachen wolle, daß der Graf nicht den Mut hatte, sie abzulehnen. Die Indianer lagerten sich an der Stelle, wo sie standen. Der Häuptling und die drei Jäger hingegen folgten dem Amerikaner nach seinem Lager, wo das Vieh bereits wieder aufgestellt war. Der Empfang war so, wie er sich in der Wildnis ziemt. Die beiden Damen hatten für Erfrischungen gesorgt, die unter einem Zelt bereitstanden, während William mit Hilfe der beiden Diener eine Öffnung in die Umzäunung machte, um den Gästen seines Vaters den Eintritt zu gestatten. Lucy Bright und Diana erwarteten die Ankömmlinge am Eingang des Lagers. »Seien Sie uns willkommen hier, meine Herren!« sagte die Frau des Amerikaners, indem sie ihre Gäste anmutig grüßte. »Wir sind Ihnen zuviel Dank schuldig, um uns nicht glücklich zu schätzen, Sie bei uns zu sehen.« Der Häuptiing und Herr von Beaulieu verbeugten sich höflich vor der würdigen Frau, die nach Kräften bemüht war, das Versehen ihres Mannes gutzumachen. Beim Anblick des jungen Mädchens empfand der Graf eine Bewegung, die er sich anfänglich nicht erklären konnte. Sein Herz blutete, wenn er das reizende Wesen betrachtete, das durch die Lebensweise, zu der es verdammt war, so unzähligen Gefahren entgegenging. Diana schlug, unter dem Blick des Grafen errötend, die Augen nieder und schmiegte sich, von jener angeborenen Scheu getrieben, die das Mädchen stets in den Armen derjenigen Schutz suchen läßt, der sie ihr Dasein verdankt, schüchtern an ihre Mutter an. Nach den ersten Begrüßungen traten Natah-Otann, der Graf und Freikugel unter das Zelt, wo sie John Bright und sein Sohn erwarteten. Sobald das Eis gebrochen war – was unter Leuten, die an das Leben in der Prärie gewöhnt waren, nicht lange dauert –, wurde die Unterhaltung lebhafter und offener. »Sie haben also die Ansiedlungen verlassen«, fragte der Graf, »um nicht wieder dahin zurückzukehren ?« »Allerdings«, antwortete der Auswanderer. »Für jemand, der Familie hat, wird das Leben an der Grenze so teuer, daß einem nichts übrigbleibt, als in die Wildnis zu flüchten.« »Für Euch finde ich das begreiflich, Ihr seid ein Mann und könnt Euch leicht überall durchhelfen; aber Eure Frau und Eure Tochter werden dadurch genötigt, ein sehr trauriges und unglückliches Dasein zu führen.« »Die Pflicht der Frau gebietet ihr, dem Mann zu folgen«, antwortete Mrs. Bright mit einem leisen Anflug von Tadel. »Ich fühle mich überall, wo er ist, glücklich, wenn ich nur bei ihm sein kann.« »Ich bewundere Ihre Denkungsweise, bitte aber, mir eine Bemerkung zu erlauben.« »Reden Sie, mein Herr.« »War es nötig, so weit herzukommen, um einen passenden Ort für eine Niederlassung zu finden?« »Allerdings nicht; wir würden aber stets der Gefahr ausgesetzt geblieben sein, früher oder später von unserer Niederlassung vertrieben zu werden, wenn die rechtmäßigen Eigentümer des Bodens kommen, und wären dann gezwungen, unsere Arbeiten von neuem zu beginnen«, erwiderte sie. »In der Gegend, wo wir uns jetzt befinden«, fuhr John Bright fort, »haben wir es weniger zu befürchten, da der Boden niemandem gehört.« »Darin irrt mein Bruder«, antwortete der Häuptling, der bisher kein Wort geredet hatte. »Der Boden gehört zehn Tagesreisen im Umkreis mir und meinem Stamm; das Bleichgesicht befindet sich hier auf dem Jagdgebiet der Kenhas.« John Bright blickte den Häuptling betroffen an. »Wenn dem so ist«, fügte er nach einer Weile hinzu, »so ziehen wir ein Stück weiter, um Land zu finden, das niemandem gehört«, antwortete der Amerikaner im Ton eines Mannes, der sich widerstrebend in eine Unannehmlichkeit fügt. »Wohin will das Bleichgesicht gehen, um Land zu finden, das niemandem gehört?« fragte der Häuptling streng. Diesmal verstummte der Amerikaner. Das junge Mädchen, das bisher noch nie einen Indianer aus nächster Nähe gesehen hatte, betrachtete den Häuptling mit einer Mischung von Neugierde und Furcht. Der Graf lächelte. »Der Häuptling hat recht«, bemerkte Freikugel; »die Prärien gehören den Rothäuten.« John Bright ließ mutlos den Kopf auf die Brust sinken. »Was ist zu tun?« murmelte er. Der Häuptling legte die Hand auf seine Schulter und sagte: »Mein Bruder öffne seine Ohren, denn ein Häuptling wird reden.« Der Amerikaner blickte ihn fragend an. »Das Land gefällt also meinem Bruder?« fuhr der Indianer fort. »Warum sollte ich es verhehlen? Es ist das schönste Land, das ich je gesehen habe; der Fluß befindet sich wenige Schritt entfernt, während sich hinter uns unabsehbare Urwälder ausdehnen; ja, gewiß, es ist eine schöne Gegend, und ich würde, bei meinem Leben, eine herrliche Pflanzung hier angelegt haben.« »Ich habe meinem Bruder, dem Bleichgesicht, gesagt, daß der Landstrich mein ist«, entgegnete der Häuptling. »Gewiß habt Ihr das gesagt, Häuptling, und ich werde die Wahrheit nicht leugnen.« »Nun, wenn das Bleichgesicht es wünscht, kann es soviel Land erwerben, als es verlangt«, sagte Natah-Otann unumwunden. Bei dem Vorschlag, auf den er keineswegs gefaßt war, spitzte der Amerikaner die Ohren, und die Natur des Squatters regte sich in ihm. »Wie kann ich, der ich nichts besitze, Boden kaufen?« fragte er. »Gleichviel«, antwortete der Häuptling. Man war allgemein verwundert; jedermann maß den Indianer mit neugierigen Blicken, und der Gegenstand der Unterhaltung übte plötzlich eine Anziehungskraft aus, auf die man keineswegs vorbereitet gewesen war. John Bright ließ sich durch die scheinbare Bereitwilligkeit nicht täuschen. »Wahrscheinlich hat mich der Häuptling nicht verstanden«, sagte er. Der Indianer schüttelte den Kopf. »Das Bleichgesicht kann nur deshalb keinen Boden kaufen, weil ihm die Mittel fehlen, ihn zu bezahlen«, antwortete er. »So lauteten seine Worte.« »In der Tat, und der Häuptling hat mir darauf geantwortet: Gleichviel.« »Das habe ich allerdings gesagt.« Die Neugierde war im Steigen; es herrschte also kein Mißverständnis, denn die beiden Männer hatten sich deutlich erklärt. »Darunter steckt irgendeine Teufelei«, murmelte Freikugel in seinen Bart, »denn ein Indianer tauscht nie einen Ochsen gegen ein Ei ein.« »Was wollt Ihr denn eigentlich sagen, Häuptling?« sagte der Graf unumwunden zu Natah-Otann. »Ich werde es sogleich erklären«, erwiderte jener. »Mein Bruder nimmt Anteil an dieser Familie, nicht wahr?« »Allerdings«, sagte der junge Mann verwundert. »Das wißt Ihr ja übrigens schon.« »Gut, wenn sich mein Bruder verpflichtet, mich während zweier Monde zu begleiten, ohne Rechenschaft von meinen Handlungen zu fordern, und bereit ist, mir seine Hilfe zu gewähren, sooft ich ihn darum angehe, werde ich dem Mann soviel Boden geben, als er verlangt, um eine Ansiedlung zu gründen, ohne daß er zu fürchten braucht, je von den Rothäuten beunruhigt oder von den Weißen vertrieben zu werden, da ich der alleinige Eigentümer des Landes bin und niemand weiter Ansprüche darauf erheben darf.« »Einen Augenblick«, wandte Freikugel ein, indem er aufstand. »In meiner Gegenwart darf Herr Eduard keinen solchen Vertrag eingehen. Niemand kauft die Katze im Sack, und es wäre eine unverzeihliche Torheit, seinen freien Willen den Launen eines anderen unterzuordnen.« Natah-Otann runzelte die Brauen, seine Augen blitzten zornig auf, und er erhob sich. »Hund von einem Bleichgesicht«, rief er aus, »hüte deine Zunge, denn ich habe bereits einmal dein Leben verschont!« »Deine Drohungen schrecken mich nicht, Rothaut der Hölle«, erwiderte der Kanadier fest. »Du lügst, wenn du sagst, daß du Herr meines Lebens gewesen bist! Dieses steht nur in Gottes Hand, und ohne seinen Willen kannst du mir kein Haar krümmen.« Natah-Otann griff rasch nach seinem Messer, welcher Bewegung der Jäger augenblicklich folgte, und beide standen sich gegenüber, maßen sich mit zornigen Blicken und waren im Begriff, handgemein zu werden. Die Frauen stießen einen Schrei des Schreckens aus. William und sein Vater stellten sich vor diese und hielten sich bereit, nötigenfalls dem Streit zu wehren. Aber schon hatte sich der Graf blitzschnell zwischen beide Männer geworfen und rief ihnen gebieterisch zu: »Haltet ein! Ich will es!« Unwillkürlich gehorchten der Schwarzfuß und der Kanadier der erhaltenen Weisung, indem sie einen Schritt zurücktraten und ihre Messer wieder in den Gürtel steckten. Der Graf betrachtete beide eine Weile, dann reichte er Freikugel die Hand und sagte mit Wärme: »Ich danke Ihnen, mein Freund; für jetzt aber ist Ihre Hilfe noch nicht notwendig.« »Schon gut, schon gut! Sie wissen ja, Herr Eduard, daß ich der Ihre bin mit Leib und Seele, und aufgeschoben ist nicht aufgehoben.« Hierauf setzte sich der wackere Kanadier gelassen wieder nieder. »Was Euch betrifft, Häuptling«, fuhr der junge Mann fort, »so ist Euer Vorschlag nicht annehmbar, und ich müßte von Sinnen sein, wenn ich darauf einginge. Ich hoffe wenigstens vorläufig noch nicht in dem Zustand zu sein und lasse mich herbei, Euch zu sagen, daß ich die Prärie in keiner anderen Absicht betreten habe, als um eine Zeitlang darin zu jagen. Der Zeitraum, den ich mir gesetzt hatte, ist abgelaufen; wichtige Geschäfte fordern meine Gegenwart in den Vereinigten Staaten, und trotz meines Wunsches, mich jenen wackeren Leuten nützlich zu machen, sehe ich mich dennoch gezwungen, mich von Euch zu verabschieden, sobald ich Euch meinem Versprechen gemäß nach Eurem Dorf begleitet haben werde, und wahrscheinlich sehen wir uns nicht wieder.« »Was mir indessen außerordentlich angenehm sein würde«, bekräftigte Freikugel. Der Indianer blieb unbeweglich. »Indessen«, fuhr der Graf fort, »gibt es vielleicht doch noch ein Mittel, die Sache beizulegen und zur allgemeinen Zufriedenheit zu beenden. Der Boden kann hier nicht sehr teuer sein; sagt mir, was Ihr dafür verlangt, so will ich Euch den Kaufpreis auf der Stelle entweder in Dollar oder in Anweisungen auf meinen Bankier in New York oder Boston entrichten.« »Ganz recht«, bemerkte der Jäger; »dieser Ausweg bleibt uns ja noch offen.« »Ach, wie danke ich Ihnen, mein Herr!« rief Mrs. Bright aus. »Mein Mann darf und kann aber ein solches Anerbieten nicht annehmen.« »Und warum das, liebe Dame? Wenn ich einverstanden bin und der Häuptling meinen Vorschlag annimmt?« Wir müssen John Bright die Gerechtigkeit widerfahren lassen, zu sagen, daß er sich durch Zeichen einverstanden erklärte, sich aber als echter Amerikaner wohl hütete, ein Wort zu reden. Diana hingegen war von der Uneigennützigkeit und der Großmut des Grafen so entzückt, daß sie ihn mit dankbar leuchtenden Augen betrachtete, aber nicht wagte, laut auszusprechen, was sie im stillen von dem jungen, schönen und edlen Kavalier dachte. Natah-Otann richtete den Kopf in die Höhe. »Ich werde meinem Bruder beweisen«, sagte er, indem er sich höflich verneigte, »daß die Rothäute ebenso großmütig sind als die Bleichgesichter. Ich verkaufe ihm hundert Acker Landes, die er am Fluß entlang wählen kann, wo es ihm gefällt, für den Preis von einem Dollar.« »Einem Dollar?« rief der junge Mann verwundert aus. »Ja«, erwiderte der Häuptling lächelnd. »Auf solche Weise bin ich bezahlt, mein Bruder ist mir nichts schuldig, und wenn er dareinwilligt, eine Zeitlang bei mir zu verweilen, so ist es nur sein freier Wille und weil es ihm gefällt, bei einem aufrichtigen Freund zu bleiben.« Der unerwartete Ausgang eines Auftrittes, der anfangs sogar gedroht hatte, ein blutiges Ende zu nehmen, erfüllte die Anwesenden mit Erstaunen. Freikugel allein ließ sich durch die Bereitwilligkeit des Häuptlings nicht täuschen. »Dahinter steckt etwas«, murmelte er in sich hinein. »Ich werde aber darüber wachen, und der Satan müßte sehr schlau sein, wenn er mich überlisten wollte.« Herr de Beaulieu war von dieser Uneigennützigkeit, die er nicht erwartet hatte, ganz bezaubert. »Hier«, sagte er, »Häuptling, ist der ausbedungene Dollar, und jetzt sind wir quitt; doch kann ich Euch versichern, daß ich Euch nichts schuldig bleiben werde.« Natah-Otann verbeugte sich höflich. »Jetzt«, fuhr der Graf fort, »bitte ich um eine letzte Gefälligkeit.« »Mein Bruder kann reden; er hat das Recht, alles von mir zu fordern.« »Schließt Frieden mit meinem alten Freikugel!« »Das kann gern geschehen«, antwortete der Häuptling; »und da es mein Bruder wünscht, bin ich von Herzen dazu bereit, und zum Zeichen unserer Versöhnung bitte ich ihn, den Dollar anzunehmen, den Sie mir gegeben haben.« Im ersten Augenblick war der Jäger im Begriff, das Geschenk zurückzuweisen; er bedachte sich aber, nahm den Dollar und steckte ihn sorgfältig in seinen Gürtel. John Bright konnte keine Worte finden, um dem Grafen seinen Dank auszusprechen, denn dank seiner Großmut war er jetzt rechtmäßiger Grundbesitzer. Am selben Tag wählte der Amerikaner das Land aus, wo seine künftige Pflanzung angelegt werden sollte. Der Graf de Beaulieu entwarf auf einem Blatt aus seiner Brieftasche einen regelrechten Kaufbrief, den er von Ivon und Freikugel als Zeugen unterschreiben ließ und in dem John Bright als Käufer und Natah-Otann – der statt der Unterschrift das Totem seines Stammes und ein Geschöpf hinmalte, das für einen Bären angesehen sein wollte und seinen Namen ebenso treffend wie sinnig bezeichnete – als Verkäufer genannt waren. Der Häuptling hätte ebenso unterzeichnen können wie die anderen, wenn er gewollt hätte; es lag ihm aber daran, die Kenntnisse geheimzuhalten, die ihm der Weiße Bison beigebracht hatte. John Bright legte den Kaufbrief sorgfältig zwischen die Blätter seiner Familienbibel und sagte, indem er dem Grafen die Hand so derb drückte, daß er sie ihm beinahe zerquetschte: »Vergessen Sie nicht, Herr Graf, daß in der Haut John Brights ein Mann steckt, der durch das Feuer für Sie gehen wird, sobald es Ihnen gefällt, es zu verlangen.« Diana sagte kein Wort, warf aber dem jungen Mann einen Blick zu, der ihn für das, was er an ihrer Familie getan hatte, reichlich belohnte. »Achtung!« sagte Freikugel leise, sobald er sich mit Ivon allein sah. »Wachen Sie von Stunde an sorgfältig über Ihren Herrn, denn es droht ihm eine große Gefahr!« 12 Die Wölfin der Prärien Ungefähr vier bis fünf Stunden nach den verschiedenen Ereignissen, die wir in den früheren Kapiteln berichtet haben, überschritt ein Reiter, dessen Pferd auf indianische Weise aufgeschmückt war – d. h. viele bunte Federn trug –, einen schmalen Nebenfluß des Mississippi und sprengte im Galopp durch die Prärie nach der Richtung des Urwalds, den wir bereits mehrfach erwähnt haben. Seltsamerweise schien das Pferd gleich dem gespenstischen Renner in der Ballade der Lenore lautlos über den Boden zu gleiten, obwohl sein Lauf rasch war und die lange Mähne im Wind flatterte, während es dicken Dampf aus den Nüstern blies. Man würde sich vergebens bemüht haben, den Hufschlag des Pferdes auf dem steinigen Boden, über den es lief, zu vernehmen. Der Reiter trug die kriegerische Kleidung der Schwarzfußindianer, und an der Adlerfeder, die sich über seinem rechten Ohr erhob, konnte man ihn leicht als Häupding erkennen. Er lag über den Hals seines Tieres gebogen und trieb dieses fortwährend zu größerer Eile an. Es war Nacht – aber eine amerikanische Nacht voll betäubender Wohlgerüche und geheimnisvoller Laute. Am tiefblauen Himmel glänzten unzählige schimmernde Sterne, und der Mond verbreitete sein silbernes Licht in reichem Maße über die Landschaft und beleuchtete die Gegenstände mit seinem unsicheren, trügerischen Schein. Alles schien in der Prärie zu schlafen; selbst der Wind bewegte die dichtbelaubten Wipfel der Bäume nur leise, und die wilden Tiere hatten, nachdem sie zur Tränke gegangen waren, ihre Schlupfwinkel wieder aufgesucht. Nur der geheimnisvolle Reiter jagte geräuschlos durch das Dunkel. Zuweilen hob er den Kopf, um den Himmel zu befragen, worauf er nach kurzem Aufenthalt seinen hastigen Ritt fortsetzte. Viele Stunden verstrichen, ohne daß der Reiter daran dachte, haltzumachen. Endlich gelangte er an eine Stelle, wo die Bäume durch dicht ineinandergeschlungene Lianen, die sich von allen Seiten an ihnen emporwanden, so undurchdringlich miteinander verbunden waren, daß eine Art unübersteiglicher Wall dem Reiter plötzlich den Weg versperrte. Er war einen Augenblick unschlüssig, und erst, nachdem er sich aufmerksam nach allen Seiten umgesehen und sich überzeugt hatte, daß keine Öffnung oder Spalte einen Durchgang gestattete, sah er ein, daß seine Bemühungen erfolglos wären, und stieg vom Pferd. Er bemerkte, daß er vor einem Cannier stand – das ist ein undurchdringliches Gewebe von Lianen und Gestrüpp, durch das man nur mit Hilfe der Axt oder des Feuers einen Weg bahnen kann. Die Indianer sind praktische Philosophen, die sich niemals abschrecken lassen, und wenn ihnen irgendein unüberwindliches Hindernis entgegentritt, fügen sie sich, ohne zu murren, darein und wissen sich bald darüber hinwegzusetzen, indem sie sich auf die Zeit oder den Zufall verlassen, um sich aus der Verlegenheit zu reißen. Der indianische Häuptling band sein Pferd an einen Baumstamm, warf ihm Gras und Erbsenranken vor, worauf er sich in der Überzeugung, daß sein Tier während des übrigen Teils der Nacht nichts weiter benötigen werde, auch nicht mehr darum kümmerte. Vor allen Dingen erweiterte er mit seinem Bowiemesser den Ort, an dem er sich befand, nach allen Richtungen und beseitigte Bäume und Pflanzen, die ihm hinderlich waren, sein Lager aufzuschlagen, worauf er mit der Sorglosigkeit eines Bewohners der Prärien ein Feuer von trockenem Holz anzündete, um seine Abendmahlzeit zu bereiten und zugleich die wilden Tiere fernzuhalten, die etwa Lust verspüren sollten, ihn während seines Schlummers zu besuchen. Unter dem Holz, das er zu diesem Zweck verwendet hatte, befand sich eine ziemliche Menge jenes Stinkholzes, das die Mexikaner Palo mulato oder Palo hediondo nennen. Er war vorsichtig genug, es herauszulesen, da der durchdringende Gestank jenes Baumes den Indianern seine Gegenwart bis auf zehn Meilen im Umkreis verraten haben würde, und aus allen Vorsichtsmaßnahmen zu schließen, die der Reiter getroffen hatte, schien er zu fürchten, entdeckt zu werden. Der Umstand, daß er die Hufe seines Pferdes mit Säcken umwickelt hatte, die mit nassem Sand gefüllt waren, bewies deutlich genug, daß er sich verborgen halten wolle. Als das Feuer, das so angelegt war, daß es auf zehn Schritt Entfernung nicht bemerkt werden konnte, lustig loderte, zog der Indianer etwas indianisches Korn und Pemmikan aus seinem Vorratssack aus Elentierfell und verzehrte es mit gutem Appetit, wobei er aber nicht unterließ, forschend in die Dunkelheit zu blicken, die ihn umgab, und zuweilen innehielt, um auf jene geheimnisvollen Laute zu lauschen, die von Zeit zu Zeit ohne ersichtlichen Grund die Stille der Wildnis unterbrechen. Als der Indianer seine einfache Mahlzeit beendet hatte, stopfte er seine Pfeife mit gewaschenem Tabak, zündete diese an und fing an zu rauchen. Er war aber trotz seiner scheinbaren Ruhe keineswegs unbesorgt. Von Zeit zu Zeit nahm er das Rohr seines Kalumets aus dem Mund und warf durch eine Lichtung des Blätterdachs über seinem Kopf einen angstvollen Blick gen Himmel. Endlich schien er einen entscheidenden Entschluß gefaßt zu haben, denn er legte die Finger an den Mund und ahmte dreimal den Schrei des Blauvogels, des ausschließlichen Sängers der Nacht, mit unglaublicher Vollkommenheit nach. Hierauf beugte er sich vor und lauschte aufmerksam. Nichts schien darauf hinzudeuten, daß sein Signal vernommen worden war. »Geduld!« sagte er mit leiser Stimme, worauf er sich wieder gelassen vor dem Feuer niederließ, in das er eine Handvoll Holz warf und dann fortfuhr, zu rauchen. Mehrere Stunden verstrichen auf diese Weise; endlich verschwand der Mond am Himmel, die Luft wurde kälter, und der Himmel, an dem die Sterne allmählich verlöschten, fing an, sich mit grünlichen, rötlich gefärbten Streiflichtern zu schmücken. Der Indianer hatte eine Zeitlang zu schlafen geschienen; jetzt richtete er sich aber plötzlich auf, streckte sich wie ein Mann, der eben vom Schlaf erwacht, warf einen mißtrauischen Blick um sich und murmelte in dumpfem Ton: »Sie muß aber doch in der Nähe sein«, worauf er dasselbe Zeichen, das er vor mehreren Stunden gegeben hatte, wiederholte. Kaum war der dritte Schrei verhallt, als sich in geringer Entfernung ein Geknurr vernehmen ließ. Anstatt durch einen so unheimlichen Laut unruhig zu werden, lächelte der Indianer und sagte in lautem, festem Ton: »Seid willkommen, Wölfin; Ihr wißt ja, daß ich es bin, der auf Euch wartet.« »Aha! Bist du also da?« antwortete eine Stimme. In den Waldbäumen, die dem Indianer gegenüberstanden, raschelte es laut; die Lianen wichen unter dem Druck einer kräftigen Hand zu beiden Seiten zurück, und in der dadurch entstandenen Lücke wurde eine Frau sichtbar. Ehe sie hervortrat, schaute sie sich mit vorgestrecktem Kopf behutsam um. »Ich bin allein«, sagte der Indianer als Antwort auf ihre stumme Frage, »Ihr könnt unbesorgt näher treten.« Ein seltsames Lächeln flog um den Mund der Neuangekommenen, als sie die Antwort vernahm, die sie keineswegs erwartet zu haben schien. »Ich fürchte mich nicht«, sagte sie, indem sie entschlossen an die Seite des Häuptlings trat. Ehe wir fortfahren, wollen wir über jene Frau einige unumgänglich notwendige Bemerkungen vorausschicken, die zwar nur sehr ungenügende Auskunft geben, indem sie nur die Vermutungen enthalten, die die Indianer über sie aufstellten, dem Leser aber doch zum besseren Verständnis der kommenden Ereignisse dienen werden. Niemand wußte, wer die Frau sei, noch, wo sie hergekommen war, ja selbst die Zeit ihres ersten Erscheinens in der Prärie war ebenso unbekannt wie alles andere. Was trieb sie? Welcher Ort diente ihr als Zufluchtstätte? Niemand vermochte es zu sagen. Alles an ihr war in rätselhaftes Dunkel gehüllt. Sie sprach zwar die zahlreichen Dialekte der Prärie ebenso geläufig als rein, doch gaben gewisse Reden, die ihr eigentümlich waren, und ihre Hautfarbe, die weniger dunkel war als die der Eingeborenen, Veranlassung zu der Vermutung, daß sie einer anderen Rasse angehöre; doch blieb es eben bei der Vermutung, denn ihr Haß gegen die Indianer war zu bekannt, als daß selbst die Unerschrockensten unter ihnen je gewagt hätten, sich ihr genug zu nähern, um sich Gewißheit darüber zu verschaffen. Sie verschwand zuweilen wochen-, ja monatelang, ohne daß es möglich gewesen wäre, ihre Spur zu entdecken. Dann sah man sie plötzlich hier und da umherschweifen und mit sich selbst reden. Sie wanderte größtenteils nur während der Nacht, häufig von einem ungestalten Zwerg begleitet, der zwar stumm und blödsinnig war, ihr aber gehorchte wie ein Hund und den der leichtgläubige Wahn der Indianer für ihren dienstbaren Geist hielt. Jene Frau erschien zwar immer düster und schwermütig – ihr Blick war scheu und ihre Gebärden hastig –, doch trotz der Furcht, die sie allgemein einflößte, konnte man sie nicht beschuldigen, irgend jemandem etwas Böses zugefügt zu haben. Trotzdem schrieb man ihr wegen ihres seltsamen Lebens, das sie ohne allen Grund führte, alles Mißgeschick zu, das den Indianern auf der Jagd oder im Krieg zustieß. Die abergläubische Furcht der Indianer stempelte sie endlich zu einem boshaften Kobold, und sie gaben ihr den Namen Böser Geist. Es ließ sich daher voraussetzen, daß der Mann, der ihretwegen so weit hergekommen war und sie so entschlossen herbeigerufen hatte, nicht nur mit ungewöhnlichem Mut begabt wäre, sondern auch einen wichtigen Grund haben müsse, so zu handeln. Da jener Schwarzfußhäuptling berufen ist, eine ziemlich bedeutende Rolle in unserer Erzählung zu spielen, wollen wir ihn in wenigen Worten schildern. Jener Mann hatte das Alter erreicht, das man im allgemeinen als die Mitte des Lebens bezeichnet - er war nämlich ungefähr fünfundvierzig Jahre alt. Sein Wuchs war hoch, wohlgebildet und von wundervollem Ebenmaß; seine starken und stahlharten Muskeln verrieten ungewöhnliche Kraft. Die Bildung seines Kopfes verriet Verstand, seine Züge Scharfsinn, während er die Augen fast immer halb geschlossen hielt und selten offen aufblickte, wodurch seine Miene einen Ausdruck von Arglist und roher Grausamkeit erhielt, der denjenigen, der sich die Mühe gab, ihn genau zu beobachten, mit unüberwindlichem Widerwillen erfüllte. In der Prärie sind aber die Beobachter selten, und der eben geschilderte Häuptling erfreute sich bei den übrigen Indianern nicht nur eines weitverbreiteten Rufs, sondern war auch wegen seines bewährten Mutes und der Rednergabe, die er bei den Beratungen entwickelte, allgemein beliebt, da jene Eigenschaften bei den Rothäuten in hohem Ansehen stehen. – Nachdem wir nun die beiden Personen, die wir auf den Schauplatz brachten, näher beschrieben haben, wollen wir sie handeln lassen und werden dadurch vielleicht gewisse wichtige Umstände über sie selbst erfahren, die niemandem sonst bekannt sind. »Die Nacht ist noch dunkel; meine Mutter kann näher treten«, sagte der Indianer. »Ich komme«, antwortete die Frau trocken, indem sie sich einige Schritte näherte. »Ich warte schon lange.« »Ich weiß es, aber was liegt daran?« »Der Weg war weit.« »Hier bin ich, rede.« Bei diesen Worten lehnte sie sich gegen einen Baumstamm und kreuzte die Arme über der Brust. »Was kann ich sagen, wenn mich meine Mutter nicht vorher fragt?« »Ganz recht; antworte mir also!« »Ich bin bereit.« Es folgte eine Pause, die nur durch das Rauschen des Windes in den Blättern unterbrochen wurde. Nachdem die Frau sich lange bedacht hatte, ergriff sie endlich das Wort. »Hast du getan, was ich dir befohlen hatte?« fragte sie. »Ich habe es getan.« »Nun?« »Meine Mutter hatte richtig erraten.« »Und?« »Alles bereitet sich vor, die Waffen zu ergreifen.« Sie lächelte mit triumphierender Miene. »Bist du dessen gewiß?« »Ich habe dem Rat beigewohnt.« »Wo fand die Versammlung statt?« »Unter dem Baum des Herrn des Lebens.« »Ist es schon lange her?« »Die Sonne ist seitdem achtmal untergegangen.« »Gut. Was ist beschlossen worden?« »Was Ihr schon wißt.« »Die Vernichtung der Weißen?« »Ja.« »Wann soll das Zeichen zum Kampf gegeben werden?« »Der Tag ist noch nicht bestimmt.« »So?« fragte sie in bedauerndem Ton. »Doch muß es bald geschehen«, fügte er eifrig hinzu. »Warum glaubst du das?« »Weil dem Grauen Bären daran liegt, ein Ende zu machen.« »Und mir auch«, murmelte die Frau in dumpfem Ton. Hier stockte die Unterhaltung wieder. Die Frau schritt mit gesenktem Kopf hastig auf der Lichtung auf und nieder. Der Häuptling folgte ihr mit forschenden Blicken. Nach einiger Zeit blieb sie vor ihm stehen und sah ihn durchdringend an. »Bist du mir ergeben, Häuptling?« »Zweifelt Ihr daran?« »Vielleicht.« »Ich habe Euch aber vor wenigen Stunden einen Beweis meiner Ergebenheit gegeben.« »Welchen?« »Diesen«, sagte er, indem er auf den linken Arm deutete, der mit Baumrinde umwickelt war. »Ich verstehe nicht.« »Seht Ihr nicht, daß ich verwundet bin?« »Ja – weiter?« »Vor wenigen Stunden haben die Rothäute die Bleichgesichter angegriffen; schon stürmten sie die Umzäunung, die das Lager umgab, als sie plötzlich bei Eurem Erscheinen zurückwichen, trotzdem sie ihr Führer, der verwundet war und vor Verlangen brannte, sich zu rächen, anfeuerte, den Sieg zu vollenden.« »Es verhält sich allerdings so, wie du sagst.« »Gut. Und weiß meine Mutter, wer der Anführer war, der die Rothäute befehligte?« »Nein.« »Ich war es, der Rote Wolf! Zweifelt meine Mutter noch immer?« »Die Bahn, die ich betreten habe, ist so düster«, antwortete sie traurig; »das Werk, das ich vollbringe, so ernst und so tief in mein Herz gewurzelt, daß zuweilen die Mutlosigkeit mich arme Frau übermannt, die ich allein und ohne Beistand gegen einen Riesen kämpfe und der Zweifel verfolgt mich. Ich trage den Plan, den ich heute ausführen will, seit langen Jahren mit mir herum; ja ich habe mein ganzes Leben zum Opfer gebracht, um das Resultat zu erstreben, nach dem ich trachte; ich fürchte daher in dem Augenblick zu scheitern, wo mir der Erfolg gesichert scheint. Kann ich Vertrauen zu einem Mann fassen, den die Selbstsucht jeden Augenblick verführen kann, da ich mir selbst nicht vertraue? Muß ich nicht fürchten, zum mindesten verlassen zu werden?« Bei diesen Worten richtete sich der Häuptling auf; sein Auge blitzte. »Schweigt!« rief er im Ton verletzten Selbstgefühls. »Meine Mutter sage kein Wort weiter. Sie beleidigt gegenwärtig den Mann, dem am meisten daran gelegen ist, ihr seine Redlichkeit zu beweisen. Der Undank ist ein weißes Laster, die Dankbarkeit aber eine rote Tugend. Meine Mutter ist stets gütig zu mir gewesen; der Rote Wolf kann nicht mehr zählen, wie oft er ihr das Leben verdankt. Das Unglück hat das Herz meiner Mutter verwundet; die Einsamkeit ist eine schlechte Ratgeberin - meine Mutter leiht den Stimmen, die in der Stille der Nacht zu ihr reden, ein zu williges Gehör. Sie vergißt die Dienste, die sie erwiesen hat, um sich nur des Undanks zu erinnern, den sie auf ihrem Lebensweg geerntet hat. Der Rote Wolf ist ihr ergeben; er liebt sie. Die Wölfin der Prärien kann ihm ihr volles Vertrauen schenken, er ist dessen würdig.« »Soll ich Euren Versicherungen glauben? Kann ich auf Euer Versprechen bauen?« murmelte sie unschlüssig. Der Häuptling fuhr fort: »Wenn die Dankbarkeit, die ich meiner Mutter schulde, kein hinreichend starkes Band wäre, so sind wir durch ein stärkeres verbunden, dessen Unlösbarkeit sie über meine Aufrichtigkeit vollständig beruhigen kann.« »Welches?« fragte sie mit durchdringendem Blick. »Haß!« antwortete er mit Nachdruck. »Das ist wahr«, sagte sie mit unheimlichem Lachen. »Du haßt ihn ja auch.« »Ja, ich hasse ihn von ganzem Herzen, denn er hat mir die beiden Güter entrissen, die mir auf Erden die höchsten waren. Das Herz der Frau, die ich liebte, und die Gewalt, nach der ich strebte.« »Aber Ihr seid ja ein Häuptling!« sagte sie mit Absicht. »Ja!« rief er mit Stolz aus. »Aber mein Vater war ein Sachem der Schwarzfüße, der Kenhas vom Blut. Sein Sohn ist tapfer und schlau; die Skalps der Bleichgesichter trocknen in zahlloser Menge vor seiner Wohnung. Warum ist der Rote Wolf nur ein untergeordneter Häuptling, anstatt sein Volk in den Kampf zu führen, wie es sein Vater getan hat?« Es schien der Unbekannten eine heimliche Freude zu bereiten, den Zorn des Indianers zu reizen, statt ihn zu besänftigen. »Wahrscheinlich«, fuhr sie mit Beziehung fort, »weil ein anderer, der klüger ist wie der Rote Wolf, das Vertrauen seiner Brüder gewonnen hat.« »Meine Mutter würde sich richtiger ausdrücken, wenn sie sagte, daß er von einem anderen, der spitzbübischer war, betrogen wurde!« rief er heftig aus. »Der Graue Bär ist ein Hund von einem Komantschen, der Sohn eines Geächteten, den mein Stamm aus Mitleid aufgenommen hat! Bald soll sein Skalp am Gürtel des Roten Wolfs trocknen!« »Geduld!« sagte die Unbekannte in dumpfem Ton. »Die Rache ist eine Frucht, die nur reif genossen werden darf. Der Rote Wolf ist ein Krieger und wird zu warten wissen.« »Meine Mutter hat zu befehlen«, sagte der Indianer plötzlich besänftigt; »ihr Sohn wird gehorchen.« »Ist es dem Roten Wolf gelungen, sich der Medizin zu bemächtigen, die Lianenblüte an ihrem Hals trägt?« Der Indianer senkte verlegen den Kopf. »Nein«, sagte er finster. »Lianenblüte ist stets um den Weißen Bison; es ist unmöglich, sich ihr zu nähern.« Die Unbekannte lächelte ironisch. » Wann ist der Rote Wolf je imstande gewesen, ein Versprechen zu erfüllen?« sagte sie. Der Rote Wolf bebte vor Zorn. »Ich werde mir das Verlangte verschaffen, und sollte ich deshalb Gewalt anwenden müssen.« »Nein«, antwortete sie; »nur durch List darf es geschehen.« »Es soll geschehen; und ehe zwei Tage vergangen sind, werde ich meiner Mutter die Medizin überbringen«, entgegnete der Indianer. »Nein«, erwiderte sie lebhaft, »in zwei Tagen ist es zu früh; mein Sohn mag sie mir am fünften Tag des jetzt beginnenden Mondes bringen.« »Gut, ich habe es geschworen, und meine Mutter soll die Medizin von Lianenblüte haben.« »Mein Sohn wird sie mir an den Baum des Bären bringen, unweit der großen Hütte der Bleichgesichter, zwei Stunden nach Sonnenuntergang; ich will ihn dort erwarten, um ihm meine letzten Verhaltensbefehle zu erteilen.« »Der Rote Wolf wird da sein.« »Bis dahin wird mein Sohn alle Schritte des Grauen Bären genau beobachten: sollte mein Sohn etwas erfahren, was ihm wichtig erscheint, so wird er hier an der Stelle eine Pyramide von sieben Bisonköpfen bilden und mich zwei Stunden später hier erwarten; ich werde das Signal verstanden haben und seinem Ruf folgen.« »Oché! Meine Mutter ist mächtig; es soll geschehen, wie sie wünscht.« »Hat mich mein Sohn richtig verstanden?« »Die Worte meiner Mutter sind in die Ohren eines Häuptlings gefallen; sein Geist hat sie aufgenommen.« »Am Horizont zeigen sich bereits purpurne Streifen, die Sonne wird bald aufgehen. Mein Sohn mag zu seinem Stamm zurückkehren; er darf durch seine Abwesenheit nicht den Verdacht seines Feindes erwecken.« »Ich gehe. Kann mir aber, ehe wir uns trennen, meine Mutter, die Wölfin der Prärien, deren Macht so groß ist und deren Klugheit alle Kenntnisse der Bleichgesichter geraubt hat, nicht sagen, ob sie nicht eine große Medizin unternommen hat, um zu sehen, ob unser Unternehmen gelingen wird und wir unseren Feind besiegen werden?« In dem Augenblick entstand ein lautes Geräusch im Röhricht, und ein gellendes Pfeifen ertönte; das Pferd des Indianers legte die Ohren zurück, strengte sich gewaltig an, die Leine zu zerreißen, an der es angebunden war, und zitterte am ganzen Leibe. Die Unbekannte erfaßte hastig den Arm des Häuptlings und sagte in dumpfem Ton: »Mein Sohn sehe sich um!« Der Rote Wolf unterdrückte einen Schrei der Überraschung und blieb vor Schrecken starr vor dem seltsamen Schauspiel, das sich seinen Blicken bot. In einer Entfernung von wenigen Schritten hatten sich ein Jaguar und eine Klapperschlange einander gegenübergestellt und schickten sich an, den Kampf zu beginnen. Ihre schillernden Augen leuchteten und schienen Funken zu sprühen. Der Jaguar stand mit gesträubtem Haar sprungfertig auf einem Ast, kauerte und miaute dumpf und folgte jeder Bewegung seines furchtbaren Gegners mit heimtückischen Blicken, indem er auf einen günstigen Augenblick zum Angriff harrte. Die Schlange war um sich selbst geringelt und bildete, indem sie ihren scheußlichen Kopf zischend zurückwarf und anmutig hin und her schaukelte, eine schneckenförmige, ungeheure Säule, während es schien, als wolle sie versuchen, den Feind durch ihren Blick zu lähmen. Letzterer ließ ihr aber keine lange Frist. Plötzlich sprang er auf die Schlange, die sich mit unglaublicher Gewandtheit auf die Seite warf und der Katze in dem Augenblick, wo diese nach dem ersten Fehlschlag zu einem zweiten Sprung ausholte, einen furchtbaren Biß ins Gesicht versetzte. Die Katze miaute vor Wut und stieß ihre langen, scharfen Krallen in die Augen der Schlange, der es trotzdem gelang, sie mit verzweifelter Anstrengung zu umschlingen. Nun rollten die beiden Gegner zu Boden, zischten und heulten, ohne sich indessen loszulassen, sondern sie strengten sich beiderseits an, sich ums Leben zu bringen. Der Kampf dauerte lange; die beiden wilden Tiere wehrten sich mit merkwürdiger Kraft; endlich lösten sich die Ringe der Schlange, und ihr Leib sank kraftlos zu Boden, wo er lange Zeit regungslos liegenblieb. Der Jaguar entwand sich mit triumphierendem Miauen der furchtbaren Umschlingung und sprang auf einen Baum. Die Kräfte verließen ihn aber; er konnte den Ast nicht erreichen, auf den er sich schwingen wollte, und stürzte dumpf auf die Erde zurück. Da raffte sich das wütende Tier, schon mit dem Tod ringend, auf, kroch mühsam, indem es sich in die Erde krallte, bis zum Körper seines Feindes und stieg darauf. Als es ihm gelungen war, auf die Leiche zu klettern, miaute es ein letztes Mal zum Zeichen des Sieges und stürzte dann selbst als Leiche neben der besiegten Schlange auf den Boden. Der Indianer folgte dem Fortgang des erschütternden, blutigen Kampfes mit wachsender Spannung. »Nun?« sagte er dann zu der Unbekannten. »Was sagt meine Mutter?« Letztere schüttelte den Kopf. »Unser Sieg wird uns das Leben kosten«, antwortete sie traurig. »Gleichviel!« erwiderte der Rote Wolf. »Wenn wir nur unsere Feinde vernichten.« Hierauf zog er sein Messer und fing an, dem Jaguar das Fell abzustreifen, um den prächtigen Pelz an sich zu nehmen. Die Unbekannte sah ihm eine Weile zu, winkte ihm dann ein Lebewohl und drang in das Dickicht, in dem sie bald verschwand. Eine Stunde später sprengte der indianische Häuptling, mit dem Pelz des Jaguars und der Haut der Schlange beladen, nach der Richtung seines Dorfes davon. Ein spöttisches Lächeln umspielte seinen Mund, denn er mußte keinen Vorwand für seine Abwesenheit ersinnen, da die mitgebrachte Beute deutlich genug bewies, daß er die Nacht auf der Jagd zugebracht hatte. 13 Ankunft im Dorf der Kenhas • Indianer vom Blut Da uns der Fortgang unserer Erzählung nötigt, mit den Indianern, die die Prärien am Missouri innehaben, in genauere Verbindung zu treten, wollen wir dem Leser ein Bild der Naturvölker jenes Landstrichs entwerfen, die im allgemeinen mit dem Namen Schwarzfußindianer bezeichnet werden. Zu der Zeit, wo unsere Erzählung spielt, bildeten die Schwarzfüße ein mächtiges Volk, das sich in drei Stämme trennte, die aber alle dieselbe Sprache führten. Zuerst in den Stamm der Siksekai oder Schwarzfüße im eigentlichen Sinn, wie es der Name angibt; dann in den Stamm der Kenhas oder Indianer vom Blut sowie in den Stamm der Piekanns. Die Nordamerikaner bezeichnen jene Indianer mit etwas anderen als den eben angeführten Namen, doch mit Unrecht; wir haben die genaue Benennung beibehalten, wie wir sie während unseres Aufenthalts in den Prärien häufig aus dem Mund der Schwarzfüße selbst gehört haben. Wenn die drei Stämme vereinigt waren, konnte jenes Volk gegen 8000 Krieger stellen, aus welcher Zahl man schließen kann, daß sich die Bevölkerung auf 25000 Köpfe belief. Gegenwärtig haben aber die Pocken große Verwüstungen unter jenen Indianern angerichtet und sie auf eine weit geringere Zahl als die oben angegebene zusammengeschmolzen. Die Schwarzfüße durchstreifen die Prärien, die an das Felsengebirge grenzen, das sie zuweilen an der Stelle betreten, wo sich der Missouri in drei Arme teilt, die die Namen Gallatin River, Beaverhead River und Madison River führen. Sie kommen sogar bis zum Maria's River, um mit der amerikanischen Pelzgesellschaft zu verkehren; auch stehen sie mit der Gesellschaft von der Hudsonbai und selbst mit den Mexikanern von Santa Fe in Handelsverbindung. Jenes Volk, das in ständigem Streit mit den Weißen lebt, die es, sooft sich Gelegenheit dazu bietet, angreift, ist übrigens nur wenig bekannt, doch wegen seiner Geschicklichkeit im Stehlen der Pferde und seiner Grausamkeit und offenkundigen Falschheit sehr gefürchtet. Unsere Erzählung führt uns hauptsächlich mit den Kenhas zusammen; wir werden daher auf jenen Stamm besonders eingehen. Der Ursprung des Namens »Indianer vom Blut«, den man den Kenhas beilegt, ist der folgende: Ehe sich die Schwarzfüße verstreut hatten, befanden sie sich zufällig in der Nähe von sieben bis acht Zelten, die den Saki-Indianern gehörten. Es entstand ein Streit zwischen den Kenhas und den Sakis, weil letztere trotz des Widerstands der Piekanns eine Frau entführt hatten. Die Kenhas beschlossen, ihre Nachbarn umzubringen, und führten ihren Plan mit außerordentlicher Grausamkeit und Roheit aus. Sie überfielen die Zelte der Sakis während der Nacht, metzelten die Unglücklichen nieder, während sie schliefen – wobei selbst Frauen, Kinder und Greise nicht verschont wurden –, und nachdem sie ihre Opfer skalpiert hatten, besudelten sie ihr Gesicht und ihre Hände mit Blut und kehrten zu ihren Hütten zurück. Die Piekanns tadelten sie wegen dieses Aktes der Barbarei; es entspann sich ein Streit, der bald in einen Kampf überging, in dessen Folge sich die drei Stämme der Schwarzfüße trennten. Man gab hierauf den Kenhas den Beinamen »Indianer vom Blut«, der ihnen geblieben ist und auf den sie stolz sind, indem sie sich rühmen, daß sie niemand ungestraft beleidigen dürfe. Die Kenhas sind übrigens die zügellosesten und rastlosesten unter den Schwarzfüßen und haben stets und zu allen Zeiten blutdürstigere und raubsüchtigere Neigungen verraten als der übrige Teil des Volkes; und besonders die Piekanns stehen mit vollem Recht in dem Ruf, sehr sanft und menschlich zu sein. – Gewöhnlich leben die drei Stämme der Schwarzfüße getrennt, und Natah-Otann hatte großer Schlauheit bedurft und besonders eine unüberwindliche Geduld üben müssen, um sie zu veranlassen, sich zu vereinigen, und sie dahin zu bringen, sich unter eine gemeinsame Fahne zu scharen. Er war fortwährend gezwungen, alle Hilfsmittel aufzubieten, die ihm sein erfinderischer Geist eingab, und er mußte große diplomatische Gewandtheit entwickeln, um eine Trennung zu verhüten, die unter jenen Männern, die kein engeres Band verband und deren empfindlicher Stolz sich beim geringsten Schein einer Demütigung empörte, fortwährend zu befürchten stand. Natah-Otann hatte beschlossen, den Grafen de Beaulieu und seine Gefährten zum großen Sommerdorf der Kenhas zu führen, das unfern des Forts Mackenzie liegt, das der Amerikanischen Pelzgesellschaft als Hauptstapelplatz dient. Die Kenhas hatten erst vor einem Jahr ein Dorf in der Nähe des Forts errichtet. Jene Nachbarschaft war den Amerikanern anfangs bedenklich, doch zeigten sich die Schwarzfüße in ihrem Verkehr mit den Weißen scheinbar so offen und ehrlich, daß sich letztere schließlich nicht mehr um ihre Nachbarn kümmerten und sich begnügten, den Rothäuten ihre Pelzwaren abzukaufen, Branntwein an sie zu verkaufen und ihr Dorf zu besuchen, wenn sie sich vergnügen wollten. Nachdem Natah-Otann, wie wir bereits früher berichtet haben, John Bright und seiner Familie eine ungeheure Landstrecke für einen Dollar überlassen hatte, erinnerte er den Grafen an das Versprechen, ihn zu seinem Stamm begleiten zu wollen. Obgleich der junge Mann innerlich unzufrieden war, sich gezwungen zu sehen, die Einladung anzunehmen, die fast wie ein Befehl klang, fügte er sich scheinbar doch gutwillig darein, und nachdem er sich bei der Auswandererfamilie verabschiedet hatte, gab er dem Häuptling durch einen Wink zu verstehen, daß er bereit sei, ihm zu folgen. John Bright stand da, auf den Lauf seiner Büchse gelehnt, und folgte der Reiterschar der Kenhas, die ihrer Gewohnheit gemäß im Galopp durch die Prärie sprengte, mit den Blicken, als sich einer der Reiter plötzlich umwandte und mit verhängtem Zügel zum amerikanischen Lager zurückkehrte. Der Auswanderer erkannte mit Erstaunen Freikugel, den alten kanadischen Jäger. Freikugel machte vor ihm halt. »Haben Sie etwas vergessen?« fragte der Auswanderer. »Ja«, antwortete der Jäger. »Was denn?« »Ihnen ein Wort zu sagen.« »So?« erwiderte jener verwundert. »Reden Sie.« »Ich habe keine Zeit, viele Worte zu machen; antworten Sie mir daher so bündig, wie ich frage.« »Gut, ich höre.« »Sind Sie dem Grafen de Beaulieu dankbar für das, was er an Ihnen getan hat?« »Mehr, als ich sagen kann.« »Würden Sie notfalls etwas für ihn tun?« »Alles!« »Das ist viel gesagt.« »Es drückt noch nicht aus, was ich empfinde; meine Familie, meine Diener, kurz alles, was ich besitze, steht zu seiner Verfügung.« »Sie sind ihm also ergeben?« »Auf Tod und Leben.« »Gut!« »Bei welcher Gelegenheit es auch sei – am Tag oder während der Nacht – und was auch geschehen möge, werde ich auf ein Wort, einen Wink von ihm bereit sein.« »Wollen Sie es beschwören?« »Ich schwöre es.« »Ich habe Ihr Versprechen!« »Ich werde es halten.« »Ich verlasse mich darauf. Leben Sie wohl!« »Schon?« »Ich muß zu meinen Gefährten zurückkehren.« »Ihr roter Gast flößt Ihnen wohl Mißtrauen ein?« »Mit den Indianern muß man immer auf der Hut sein«, antwortete der Jäger bündig. »Es ist also nur eine Vorsichtsmaßnahme?« »Vielleicht.« »Auf jeden Fall können Sie auf mich rechnen.« »Nehmen Sie meinen Dank, und leben Sie wohl!« »Leben Sie wohl!« Die Männer trennten sich; sie hatten sich verstanden. »By God«, sagte der Auswanderer, indem er seine Büchse über die Schulter warf und ins Lager zurückkehrte; »wehe dem, der ein Haar des Mannes krümmen wollte, dem ich soviel verdanke.« Die Indianer standen am Rand eines kleinen Baches und schickten sich an, diesen zu überschreiten, als sie der Jäger einholte. Natah-Otann, der eben mit dem Grafen sprach, warf dem Jäger einen Seitenblick zu, doch ohne ihn anzureden. Ja, dachte jener mit spöttischem Lächeln, meine Abwesenheit hat dich neugierig gemacht, mein wackerer Freund, und du möchtest gern wissen, warum ich so plötzlich umgekehrt bin; unglücklicherweise bin ich keineswegs geneigt, deinem Verlangen zu entsprechen. Als sie den Bach überschritten hatten, gesellte sich der Kanadier unbefangen zu dem jungen Franzosen und verhinderte dadurch den indianischen Häuptling, die Unterhaltung wieder anzuknüpfen, die er mit dem Grafen angefangen hatte. Es verstrich eine Stunde, ohne daß zwischen den dreien ein Wort gewechselt worden wäre. Natah-Otann war durch die Hartnäckigkeit des Jägers verstimmt und wußte nicht, wie er ihn entfernen sollte; er beschloß daher, ihm das Feld zu räumen, und indem er seinem Pferd die Sporen gab, ließ er die beiden Weißen allein. Der Jäger blickte ihm mit jenem satirischen Lächeln nach, das ihm besonders eigen war. »Das arme Pferd«, sagte er; »es muß unter der üblen Laune seines Herrn leiden.« »Welche üble Laune meinen Sie?« fragte der Graf zerstreut. »Welche andere, als die des Häuptlings, der dort hinter der Staubwolke davonjagt.« »Ihr scheint euch gegenseitig nicht sehr zueinander hingezogen zu fühlen.« »Wir lieben uns ungefähr wie der Graue Bär und der Jaguar.« »Was soviel heißt...?« »Daß wir ganz einfach unsere Krallen gegeneinander gemessen haben; und da wir fanden, daß diese gegenwärtig so ziemlich von gleicher Länge und Stärke sind, sind wir auf unserer Hut.« »Grollen Sie ihm etwa noch?« »Ich? Nicht im geringsten! Ich fürchte ihn ebensowenig wie er mich; aber weil wir uns kennen, mißtrauen wir einander.« »Oho!« sagte der junge Mann lachend. »Darunter steckt, wie ich sehe, etwas Ernstes.« Freikugel runzelte die Brauen und warf einen forschenden Blick um sich. Die Indianer ritten plaudernd und lachend ungefähr zwanzig Schritt hinter ihnen, und nur Ivon, der in geringer Entfernung folgte, konnte die Unterhaltung der beiden Männer hören. Freikugel neigte sich zum Grafen, stützte sich auf dessen Sattelknopf und flüsterte ihm zu: »Ich liebe nicht den Jaguar, der sich in die Haut des Fuchses steckt; es soll jeder seiner angeborenen Neigung folgen, sich aber keine falsche andichten.« »Ich muß gestehen, mein Freund«, antwortete der junge Mann, »daß Sie in Rätseln sprechen und ich Sie nicht verstehe.« »Nur Geduld«, entgegnete der Jäger kopfnickend, »bald werde ich deutlicher sein.« »Das soll mich aufrichtig freuen, Freikugel«, sagte der junge Mann lächelnd, »denn seitdem wir wieder mit dem indianischen Häuptling zusammengetroffen sind, haben Sie eine so geheimnisvolle Miene angenommen, daß sich meine Neugierde bedeutend regt und ich gern ein für allemal wissen möchte, was ich davon denken soll.« »Nun, was halten Sie von Natah-Otann?« fragte Freikugel unumwunden. »Ist das immer noch der Ort, wo Sie der Schuh drückt?« »Ja.« »Nun, so werde ich Ihnen sagen, daß mir der Mann merkwürdig ist und etwas Seltsames in seinem Wesen hat, das ich mir nicht erklären kann. Sagen Sie mir doch vor allen Dingen, ob er wirklich ein Indianer ist.« »Ja.« »Aber er ist gereist, hat mit den Weißen verkehrt und war sogar im Inneren der Vereinigten Staaten?« Der Jäger schüttelte den Kopf. »Nein«, sagte er; »er hat sein Volk nie verlassen.« »Aber ...« »Aber«, fiel ihm Freikugel ins Wort, »er spricht das Französische, das Englische und das Spanische so geläufig wie Sie und wahrscheinlich besser als ich, nicht wahr? Vor seinen Kriegern heuchelt er die tiefste Unwissenheit und zittert mit ihnen über die tausend Erzeugnisse unserer Zivilisation, als da sind: eine Uhr, eine Spieluhr oder auch ein Streichhölzchen, nicht wahr?« »Allerdings.« »Wenn er dann mit gewissen Leuten allein ist, wie zum Beispiel mit Ihnen, Herr Graf, verschwindet der Indianer plötzlich, der Wilde verleugnet sich, und man steht einem Mann gegenüber, dessen Kenntnisse mindestens den unsrigen gleich sind und der uns durch vielseitige Erfahrung in Erstaunen setzt.« »Das ist wahr.« »Aha! Nun, wenn Ihnen das ebenso aufgefallen ist wie mir, werden Sie sich vorsehen, Herr Eduard.« »Weshalb sollte ich ihn fürchten?« »Jetzt weiß ich es noch nicht, aber seien Sie versichert, daß ich es bald erfahren werde. Er ist zwar schlau, doch bin ich nicht so dumm, wie er meint, sondern beobachte ihn. Der Mann spielt schon seit langer Zeit eine Komödie, um die ich mich aber bisher wenig gekümmert habe. Da er uns aber in sein Spiel verwickelt, mag er sich vorsehen.« »Aber woher hat er die Kenntnisse, die er besitzt?« »Ja, das ist eine lange Geschichte, die ich jetzt nicht erzählen kann, die Sie aber einst erfahren sollen. Für jetzt mag es genügen, wenn ich sage, daß sich bei seinem Volk ein alter Häuptling befindet, den man den Weißen Bison nennt. Jener Mann ist ein Europäer und hat den Grauen Bären erzogen.« »So?« »Ist es nicht merkwürdig, daß ein Europäer, der die ausgebreitetsten Kenntnisse besitzt und in seinem Land eine angesehene Stellung einnahm, sich freiwillig entschließt, ein Häuptling der Wilden zu werden?« »Das ist in der Tat sehr merkwürdig. Kennen Sie den Mann?« »Ich habe ihn oft gesehen; er ist jetzt sehr alt; sein Bart und sein Haar sind weiß, seine Gestalt ist hoch und majestätisch, seine Haltung würdevoll, seine Züge sind schön, und sein Blick ist durchdringend. In seinem Wesen liegt eine strenge Hoheit, die Ehrfurcht gebietet und wodurch man sich unwillkürlich angezogen fühlt. Der Graue Bär hegt die größte Verehrung für ihn und ist ihm mit Leib und Seele ergeben; er gehorcht ihm wie ein Sohn.« »Wer mag jener Mann sein?« »Das weiß niemand; und ich bin überzeugt, daß der Graue Bär selbst in der Hinsicht ebenso unwissend ist wie sein Stamm.« »Wie ist er aber zu dem Volk gekommen?« »Auch das weiß man nicht.« »Ist er schon lange dort?« »Er hat, wie ich Ihnen schon sagte, den Grauen Bären erzogen und statt eines Indianers einen Bären aus ihm gemacht.« »Das ist alles sonderbar«, murmelte der Graf, der plötzlich nachdenklich wurde. »Nicht wahr? Das ist aber noch nicht alles. Sie werden eine Welt betreten, die Sie noch nicht kennen; der Zufall mischt Sie in Interessen, die Ihnen fremd sind. Sehen Sie sich vor, und erwägen und berechnen Sie jedes Wort, ja jede Bewegung, Herr Eduard, denn die Indianer sind sehr schlau, und der Mann, mit dem Sie zu tun haben, ist noch schlauer als die übrigen, da er die Arglist des Indianers mit der europäischen Verderbtheit verbindet, die ihm sein Lehrer beigebracht hat. Natah-Otann ist ein unergründlicher Mann; sein Geist ist ein Abgrund, und ich bin überzeugt, daß er über düsteren Plänen brütet. Seien Sie wachsam, denn sein Verlangen, Sie in sein Dorf mitzunehmen; seine Freigebigkeit gegen den amerikanischen Squatter; der geheime Schutz, den er Ihnen gewährt, indem er sich zuerst das Ansehen gibt, ein übernatürliches Wesen in Ihnen zu sehen; seine scheinbare Gutmütigkeit – kurz, alles erweckt den Verdacht in mir, daß er Sie ohne Ihr Vorwissen in irgendein düsteres Unternehmen verwickeln will, durch das Sie in Ihr Verderben gestürzt werden. Glauben Sie mir, Herr Eduard, seien Sie auf der Hut.« »Vielen Dank, mein Freund, ich werde wachsam sein«, sagte der Graf, indem er dem wackeren Kanadier die biedere Hand drückte. »Sie wollen wachsam sein? Wissen Sie denn aber, wie Sie es anzufangen haben?« »Ich gestehe, daß ...« »Hören Sie«, fiel ihm der Jäger rasch ins Wort, »erst müssen Sie ...« »Da kommt der Häuptling!« rief der junge Mann aus. »Zum Teufel!« brummte Freikugel. »Konnte er nicht noch einige Augenblicke wegbleiben? Ich bin überzeugt, daß der rote Satan einen dienstbaren Geist hat, der ihn warnt; aber gleichviel, Sie wissen jetzt genug, um sich nicht durch falsche Freundlichkeit täuschen zu lassen. Ich werde übrigens in der Nähe sein, um Sie zu unterstützen.« »Für den Fall sage ich im voraus Dank.« »Ich werde Sie warnen. Für Sie ist es indessen notwendig, eine sorglose Miene anzunehmen und sich so zu stellen, als wüßten Sie von nichts.« »Gut, abgemacht. Hier kommt der Betreffende – still!« »Im Gegenteil, wir müssen reden; das Schweigen erregt in den meisten Fällen Mißtrauen. Bemühen Sie sich, mir in dem Sinn zu antworten, wie ich fragen werde.« »Ich werde es versuchen.« »Hier kommt der Häuptling; es gilt den Betrüger zu betrügen.« Nachdem er dem Häuptling, der jetzt ziemlich nahe war, einen verstohlenen Blick zugeworfen hatte, fuhr der Jäger in verändertem Ton laut fort: »Nichts ist leichter, als was Sie da verlangen, Herr Eduard, und ich bin überzeugt, daß sich der Häuptling glücklich schätzen wird, Ihnen ein solches Vergnügen verschaffen zu können.« »Glauben Sie das wirklich?« fragte der junge Mann, der nicht wußte, was der Jäger sagen wollte. Freikugel wandte sich hierauf zu Natah-Otann, der eben herankam und sich schweigend zu ihnen gesellte, obwohl er die letzten Worte der beiden Männer gehört hatte. »Mein Begleiter«, sagte er zu dem Häuptling, »hat viel von der Jagd auf das kanadische Rentier reden hören und brennt vor Verlangen, diese kennenzulernen. Ich habe ihm in Eurem Namen, Häuptling, angeboten, einer jener köstlichen Treibjagden beizuwohnen, deren Geheimnis die Wilden zu besitzen scheinen.« »Natah-Otann wird sich freuen, seinem Gast gefällig zu sein«, antwortete der Häuptling, indem er sich mit indianischer Gelassenheit verbeugte. Der Graf dankte ihm. »Wir sind bald im Dorf meines Stammes; in einer Stunde werden wir angekommen sein, und das Bleichgesicht soll sehen, wie ich meine Freunde zu empfangen weiß.« Die Schwarzfüße, die bisher keine besondere Ordnung beachtet hatten, kamen allmählich heran und umgaben ihren Häuptling in dicht geschlossenen Reihen. Die kleine Truppe kam im Weiterreiten den Ufern des Missouri immer näher, dessen angeschwollene Fluten bis an die hohen, mit Röhricht bewachsenen Ufer reichten, aus denen sich, je näher die Reiter kamen, rosenfarbige Flamingos mit lautem Geräusch erhoben. Als sie eine gewisse Stelle erreicht hatten, wo der Pfad eine Biegung bildete, hielten die Indianer inne und bereiteten ihre Waffen wie zum Kampf vor. Die einen zogen ihre Flinten aus den hirschledernen, mit Federn verzierten Futteralen und luden sie, während andere ihre Bogen und Pfeile zurechtlegten. »Fürchten jene Leute einen Angriff?« fragte der Graf den Jäger. »Keineswegs«, antwortete dieser; »wir sind nur noch wenige Schritte von ihrem Dorf entfernt, in das sie Ihnen zu Ehren im Triumph einziehen wollen.« »Wahrhaftig!« antwortete der junge Mann. »Das verspricht ja sehr unterhaltend zu werden, und ich habe allerdings, als ich in die Prärien kam, nicht geglaubt, daß ich so seltsamen Auftritten beiwohnen würde.« »Noch haben Sie nichts gesehen«, antwortete der Jäger ironisch. »Warten Sie, denn bis jetzt ist nur der Anfang gemacht.« »Desto besser!« rief der junge Mann munter aus. Auf einen Wink Natah-Otanns traten die Krieger wieder in Reih und Glied. Im selben Augenblick ließ sich, obwohl man niemanden sah, das Lärmen der Trompeten, Trommeln und Chichikoués in geringer Entfernung geräuschvoll vernehmen. Die Krieger stießen ihr Kriegsgeschrei aus und antworteten, indem sie ihre Ikkochetas oder Kriegspfeifen bliesen, die aus menschlichen Schienbeinen gefertigt sind und die sie am Hals tragen. Natah-Otann stellte sich nun an die Spitze des Zuges, während der Graf zu seiner Rechten und der Jäger mit Ivon zu seiner Linken ritten; hierauf wandte er sich zu seinen Kriegern und schwenkte zu wiederholten Malen die Flinte über seinem Kopf, wobei er zwei- oder dreimal durchdringend pfiff. Bei diesem Zeichen eilte die Truppe plötzlich vorwärts und flog wie ein Sturmwind um die Biegung des Weges. Der Franzose wohnte jetzt einem seltsamen Schauspiel bei, das aber ein gewisses Gepräge wilder Großartigkeit trug: Ein Trupp von Kriegern kam den Ankömmlingen vom Dorf her mit Geschrei, Geheul, Flintenschüssen und geschwungenen Waffen entgegen. Die beiden Truppen stürmten mit unglaublicher Wut aufeinander los und suchten sich mit außerordentlicher Geschwindigkeit zu ereilen. Als sie auf zehn Schritte Entfernung einander gegenüberstanden, schienen die Pferde von selbst stillzustehen und fingen an zu tanzen, sich zu tummeln und die schwierigsten Kunststücke auszuführen. Nachdem diese Übungen einige Zeit gedauert hatten, stellten sich beide Truppen in einem Halbkreis einander gegenüber, während sich die Häuptlinge auf dem freigelassenen Raum versammelten. Nun begannen die Vorstellungen. Natah-Otann hielt den Häuptlingen eine lange Rede, in der er Bericht erstattete über den Erfolg seines Unternehmens und was er vollbracht hatte. Die Sachems hörten ihn mit indianischem Ernst an. Als er seine Begegnung mit den Weißen erwähnte und erzählte, was geschehen war, verbeugten sie sich, ohne zu antworten; nur als Natah-Otann den Grafen erwähnte, heftete ein Sachem, der älter war als die anderen und bei den übrigen in hohem Ansehen zu stehen schien, einen forschenden, durchdringenden Blick auf diesen. Der junge Mann geriet unwillkürlich über den scharfen Blick in Verlegenheit und neigte sich zu Freikugel, den er leise fragte, wer jener Mann sei. »Es ist der Weiße Bison«, entgegnete dieser; »der Europäer, von dem ich Ihnen erzählt habe.« »So?« sagte der Graf und betrachtete ihn seinerseits mit großer Aufmerksamkeit. »Ich weiß nicht warum – es ist mir aber, als ob ich später mit jenem Mann in Konflikt geraten würde.« Der Weiße Bison ergriff jetzt das Wort. »Meine Brüder sind willkommen«, sagte er. »Ihre Rückkehr ist ein Fest für unseren Stamm; sie sind unerschrockene Krieger, und wir freuen uns, zu erfahren, auf welche Weise sie den erhaltenen Auftrag vollzogen haben.« Hierauf wandte er sich zu den Weißen und fuhr, nachdem er sich vor ihnen verbeugt hatte, folgendermaßen fort: »Die Kenhas sind zwar arm, nehmen aber die Fremden stets gut auf; die Bleichgesichter sind unsere Gäste, und alles, was wir besitzen, gehört ihnen.« Der Graf und seine Begleiter dankten dem Häuptling, der sie im Namen des Stammes so freundlich willkommen hieß, worauf sich die beiden Truppen verschmolzen und vereint nach dem Dorf eilten, das kaum fünfhundert Schritt von der Stelle entfernt war, wo sie sich befanden, und vor dessen Eingang man eine Schar Weiber und Kinder versammelt sah. 14 Der Empfang Das Dorf der Kenhas konnte – wie alle Sammelplätze indianischer Bevölkerung, die in der Nähe amerikanischer Ansiedlungen stehen – viel mehr ein Fort als ein Dorf genannt werden. Wir haben bereits erwähnt, daß die Kenhas sich auf den Rat Natah-Otanns erst seit kurzem dort niedergelassen hatten. Die Örtlichkeit war übrigens sehr günstig gewählt, und der Stamm hatte seine Maßnahmen so gut getroffen, daß er vor einem Handstreich vollkommen gesichert war. Die indianischen Hütten standen unregelmäßig und vereinzelt umher und erhoben sich zu beiden Seiten eines Flusses, der ein namenloser Nebenfluß des Missouri war. Die Befestigungen bestanden in einer Art von Verschanzungen, die in der Eile aufgerichtet zu sein schienen und aus abgestorbenen Baumstämmen bestanden. Jene Verschanzungen bildeten eine Einfriedung und umschlossen einen ziemlich engen Raum, dessen Mündung oder Öffnung an der Stelle angebracht war, wo sich der Nebenfluß in den Missouri ergoß. Eine Umzäunung, die aus übereinandergeschichteten Baumstämmen und starken Ästen bestand und die sich hinter einem tiefen, breiten Graben erhob, vollendete die keineswegs unansehnlichen Verteidigungswerke, die man besonders weit entfernt in der Prärie erwartet hätte. In der Mitte des Dorfes befand sich ein großer, freier Raum, den die Häuptlinge zu ihren Beratungen benützten, in dessen Zentrum sich eine zuckerhutförmige Hütte erhob. Zu beiden Seiten jener Hütte lagen auf geräumigen Tennen der Mais, das Korn und die übrigen Früchte des Feldes ausgebreitet, die zum Winterbedarf bestimmt waren. In der Entfernung von etwa 150 Schritt von dem Haus erhoben sich zwei blockhausartige Gebäude, die aus pfeilförmigen Pfählen bestanden, die eine Bedachung von Weidenruten trugen, mit Schießscharten versehen und mit einer Umzäunung umgeben waren. Sie waren bestimmt, zur Verteidigung des Dorfes zu dienen, mit dem sie durch einen bedeckten Gang in Verbindung standen, um den Fluß zu beherrschen. Im Bereich jener Blockhäuser, ungefähr eine viertel Meile entfernt, sah man im Westnordwesten viele Machottés oder Gerüste, auf die die Indianer vom Blut gleich den übrigen Schwarzfüßen, Sioux und Dakotas ihre Toten legen. Auf dem Weg, der zum Dorf führte, erhoben sich in gemessenen Entfernungen lange, in die Erde geschlagene Pfähle, an denen Tierfelle, Skalps und andere Gegenstände hingen, die die Indianer dem Herrn des Lebens dargebracht oder Noumank-Machana, dem ersten Menschen, verehrt hatten. Die Indianer zogen unter dem Geschrei der Weiber und Kinder, dem Gebell der Hunde und dem sinnverwirrenden Getöse der Trommeln, Trompeten, Chichikoués und Kriegspfeifen in ihr Dorf ein. Als die Truppe auf dem freien Platz angekommen war, machte sie auf einen Wink Natah-Otanns halt, worauf der Lärm aufhörte. Ein ungeheurer Scheiterhaufen war errichtet worden. Vor diesem stand ein noch rüstiger, hochgewachsener Häuptling mit einnehmendem Gesicht, das aber den Ausdruck der Trauer trug. Er trauerte, was an den zerrissenen Kleidern und dem kurzgeschnittenen, mit Lehm bedeckten Haar leicht zu erkennen war. Er hielt eine Dakotapfeife mit langem, flachem Rohr, das mit gelbglänzenden Nägeln verziert war, in der Hand. Jener Mann war der Gespaltene Fuß, der erste und berühmteste Sachem der Kenhas. Sobald die Truppe haltgemacht hatte, trat er zwei Schritte vor und forderte die Häuptlinge mit würdevoller Gebärde auf, von ihren Pferden zu steigen. »Meine Söhne sind zu Hause; sie können sich auf den Bisonmänteln am Beratungsfeuer niederlassen.« Jedermann gehorchte stillschweigend, nachdem er sich vor dem Sachem ehrerbietig verneigt hatte. Nun ließ der Gespaltene Fuß jeden einige Züge aus der Pfeife tun, wobei er sie in der Hand behielt und sie links herumgehen ließ. Als die Pfeife zu dem Sachem zurückkam, schüttete er die glühende Asche ins Feuer und wandte sich gütig lächelnd zu den Fremden, indem er sagte: »Die Bleichgesichter sind unsere Gäste; hier sind Feuer und Wasser.« Nach diesen Worten, die die Feierlichkeit beschlossen, erhoben sich die Anwesenden und entfernten sich nach indianischer Sitte, ohne weiter ein Wort zu sagen. Natah-Otann trat zu dem Grafen. »Will mein Bruder folgen?« fragte er. »Wohin?« sagte der junge Mann. »In das Calli, das ich für ihn habe bereiten lassen.« »Und meine Gefährten?« »Andere Hütten harren ihrer.« Freikugel machte eine Bewegung, der ein Wink des Grafen sofort Einhalt tat. »Verzeihung, Häuptling«, sagte Eduard, »aber meine Gefährten werden – mit Eurer Erlaubnis – bei mir wohnen.« Der Jäger lächelte, während eine Wolke des Unmuts die Stirn des Indianers verdüsterte. »Der junge weiße Häuptling, der an die großen Hütten der Weißen gewöhnt ist, wird sich sehr unbehaglich fühlen«, sagte er. »Das mag sein; ich werde mich aber noch unbehaglicher fühlen, wenn ich meine Gefährten nicht zur Gesellschaft bei mir habe.« »Die Gastfreundschaft der Kenhas ist groß; sie sind reich und würden – wäre auch die Zahl ihrer Gäste noch größer – imstande sein, jedem ein besonderes Calli zu geben.« »Davon bin ich überzeugt, und ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit, die ich mir aber erlauben werde, nicht anzunehmen. Die Einsamkeit schreckt mich, und ich müßte vor Langeweile umkommen, wenn ich nicht einen Freund bei mir hätte, mit dem ich reden könnte.« »Es geschehe nach dem Wunsch des jungen bleichen Häuptlings. Die Gäste haben das Recht zu befehlen, ihre Wünsche sind Vorschriften.« »Ich danke Ihnen für Ihre Gefälligkeit und bin bereit, Ihnen zu folgen.« »Kommt.« Natah-Otann verschloß den Unmut, den er empfand, in seinem Herzen, und seine gleichmütige Miene verriet nicht die leiseste Bewegung. Die drei Männer folgten ihm, nachdem sie einen Blick des Einverständnisses gewechselt hatten. Auf dem Platz selbst erhob sich neben der Arche des ersten Menschen, einem zylinderförmigen Pfahl, der in die Erde gegraben und mit Schlinggewächsen umrankt war, ein Calli von ganz stattlichem Ansehen. Dorthin führte der Häuptling seine Gäste. Eine Frau stand stumm vor dessen Tür und betrachtete die Ankömmlinge mit Blicken, in denen sich Erstaunen und Verwunderung kundgaben. War das engelhafte Wesen wirklich eine Frau? Zart und ätherisch stand sie da, während ihr reizendes Gesicht vor unschuldiger Neugierde und holder Scham erglühte, und sie wandte sich mit ängstlicher Schüchternheit zu dem Grafen. Der Graf war geneigt, innerlich an ein Wunder zu glauben, als er das liebliche Wesen erblickte, das den Jungfrauen der alten slawischen Götterlehre täuschend glich. Natah-Otann runzelte die Brauen, als er sie erblickte. »Was tut meine Schwester hier?« fragte er barsch. Das junge Mädchen wurde durch diese Anrede aus seinem stummen Anschauen gerissen und schlug bebend die Augen nieder. »Lianenblüte wollte ihren Pflegevater willkommen heißen«, antwortete sie leise mit lieblicher, melodischer Stimme. »Hier ist nicht der Platz für Lianenblüte, ich werde später mit ihr reden; sie mag zu den jungen Mädchen ihres Stammes, ihren Gespielinnen, zurückkehren.« Lianenblüte errötete noch tiefer, ihre rosigen Lippen verzogen sich; sie nahm eine reizende, schmollende Miene an, und nachdem sie wiederholt mutwillig den Kopf geschüttelt hatte, entschwebte sie leicht wie ein Vogel, wobei sie im Davoneilen dem Grafen einen letzten Blick zuwarf, der ihn wunderbar bewegte. Der junge Mann legte schnell die Hand auf sein Herz, um dessen ungestümen Schlägen zu gebieten, und folgte dem leichtfüßigen Mädchen mit den Blicken, bis es hinter dem Calli verschwunden war. »Sollte sie etwa«, murmelte der Häuptling in sich hinein, »plötzlich einen Menschen jener verwünschten Rasse erkannt haben, der sie selbst angehört, obgleich sie noch nie einen solchen gesehen hat?« Hierauf wandte er sich zu den Weißen, denn er fühlte, daß ihre Blicke auf ihn gerichtet waren, und sagte, indem er das Bisonfell zurückschlug, das dem Calli als Türvorhang diente: »Treten wir ein.« Die Hütte war durch die Fürsorge Natah-Otanns gereinigt, und alle Bequemlichkeiten waren darin vereinigt worden, die man sich möglicherweise hatte verschaffen können, nämlich aufgehäufte Pelzdecken, die die Stelle des Bettes vertraten, ein lahmer Tisch, einige Bänke mit roh zugehauenen Beinen und eine Art aus Rohr geflochtener Lehnstuhl, der eine breite Rückenlehne hatte. »Der bleiche Häuptling wird es armen Indianern verzeihen, wenn sie ihn nicht besser und nach Maßgabe seines Verdienstes empfangen«, sagte er mit einer Mischung von Demut und Ironie. »Das ist ja alles vortrefflich«, antwortete der junge Mann lächelnd, »und ich war keineswegs auf so viele Bequemlichkeiten gefaßt. Ich durchstreife übrigens auch die Prärien bereits lange genug, um gelernt zu haben, Kleinigkeiten zu entbehren und mich mit dem Notwendigen zu begnügen.« »Ich bitte jetzt den bleichen Häuptling um Erlaubnis, mich entfernen zu dürfen.« »Tun Sie das, lieber Wirt, tun Sie es ohne Umstände; besorgen Sie Ihre Geschäfte, während ich mir eine kurze Ruhe gönne, deren ich dringend bedarf.« Natah-Otann verbeugte sich stumm und ging. Sobald er fort war, bat Freikugel seine Gefährten durch einen Wink, sich ruhig zu verhalten, und begann die genaue Musterung ihrer Wohnung, indem er überall herumstöberte und suchte. Als er seine Nachforschungen beendet hatte, die kein anderes Resultat herbeiführten, als ihm zu beweisen, daß sie wirklich allein wären und sie kein Spion belausche, trat er wieder in die Mitte des Calli, winkte Ivon und dem Grafen, näher zu treten, und sagte leise: »Hört, wir sind hier im Rachen des Wolfes, und zwar durch eigene Schuld. Seid vorsichtig; in der Prärie haben die Blätter Augen und die Bäume Ohren; Natah-Otann ist ein Satan, der auf irgendeinen Verrat sinnt, der uns verderben soll.« »Bah!« erwiderte der Graf sorglos. »Woher wissen Sie das, Freikugel?« »Obschon ich es nicht weiß, bin ich doch davon überzeugt; meine Ahnung täuscht mich nicht, Herr Eduard, ich kenne die Kenhas seit langer Zeit, und wir müssen sehen, wie wir den Kopf wieder geschickt aus der Schlinge ziehen können.« »Wozu das Mißtrauen, lieber Freund? Die armen Teufel sinnen sicherlich nur darüber nach, wie sie uns am besten ehren können; mir kommt hier alles sehr angenehm vor.« Der Kanadier schüttelte den Kopf. »Ich muß wissen, aus welchem Grund Ihnen die Indianer mit so großer Achtung begegnen; ich wiederhole Ihnen, daß dahinter etwas steckt.« »Bah! Sie fürchten sich vor mir, das ist alles.« »Nun, Natah-Otann fürchtet sich wenigstens nicht vor vielen Dingen in der Welt.« »Aber – Gott verzeih' mir's – Freikugel, so bedenklich habe ich Sie noch nie gesehen; ich wäre fast versucht zu glauben, daß Sie sich fürchten, wenn ich Sie nicht so gut kennte.« »Nun, ich leugne es wahrhaftig nicht«, antwortete der Jäger rasch. »Ich fürchte mich allerdings, und zwar bedeutend.« »Sie?« »Ja, aber nicht für mich! Sie können sich leicht vorstellen, daß mich die Rothäute, seitdem ich die Prärien durchschweife, längst umgebracht hätten, wenn es ihnen möglich gewesen wäre; meinetwegen bin ich daher sehr unbesorgt, das kann ich versichern. Aber bin ich denn allein?« »Für wen sorgen Sie sich denn?« »Für Sie!« »Für mich?« rief der Graf aus, indem er sich sorglos in den Lehnstuhl streckte. »Da erweisen Sie jenen Wichten wirklich eine große Ehre, denn ich mache mich verbindlich, die scheußlichen Geschöpfe mit meiner Reitgerte auseinanderzujagen.« Der Jäger schüttelte den Kopf. »Sie wollen das eine nicht einsehen, Herr Eduard –« »Was denn?« »Daß die Indianer andere Menschen sind als die Europäer, mit denen Sie bisher allein verkehrt haben.« »Ja, wenn man auf euch Waldläufer hören wollte, so würde man wähnen, jeden Augenblick am Rand des Grabes zu schweben, und man könnte nur kriechend wie die wilden Tiere durch die Prärie schleichen. Das ist alles Geschwätz, lieber Freund, und ich glaube Ihnen schon mehrfach bewiesen zu haben, daß so große Vorsicht überflüssig ist und ein beherzter Mann, der der Gefahr keck die Stirn bietet, mit Euren kriegerischen Indianern stets fertig wird.« »Das ist eben der Grund, den ich entdecken möchte: warum sie sich gegen Sie so zeigen.« »Sie würden besser tun, einer anderen Entdeckung nachzugehen.« »Welcher denn?« »Suchen Sie zu erfahren, wer das hübsche Kind ist, das ich nur auf einen Blick gesehen habe und das der Häuptling so unfreundlich fortschickte.« »Jetzt werden Sie sich wohl gar verlieben? Das fehlte uns eben noch.« »Und warum nicht? Das Kind ist hübsch genug.« »Freilich ist es hübsch, Herr Graf; aber glauben Sie mir, es ist besser, wenn Sie sich nicht darum kümmern.« »Und warum das, wenn ich fragen darf?« »Weil das junge Mädchen nicht ist, was es scheint.« »Unsere Reise gleicht wahrhaftig einem Roman von Ann Radcliffe; wir sind von Geheimnissen umgeben, und seit einigen Tagen stoßen wir auf lauter Rätsel.« »Ja, gewiß, aber je weiter wir kommen, desto dunkler wird es werden.« »Unsinn! Ich glaube kein Wort davon. Ivon, meinen Schlafrock!« Der Diener gehorchte. Der wackere Bursche war, seitdem er das Dorf betreten hatte, in einem Zustand fortwährender Angst und zitterte an allen Gliedern. Alles, was er sah, kam ihm so seltsam und entsetzlich vor, daß er jeden Augenblick fürchtete, abgeschlachtet zu werden. »Nun«, fragte ihn der Graf, »was sagst du zu dem allen, Ivon?« »Ich? Der Herr Graf wissen, daß ich furchtsam bin«, stotterte der Diener. »Ja, ja, darüber sind wir einig. Weiter!« »Ich habe eine entsetzliche Furcht.« »Natürlich.« »Und wenn es der gnädige Herr erlaubt, werde ich sämtliche Pelzdecken dort hinübertragen und mich quer vor die Tür legen.« »Warum das?« »Weil ich wahrscheinlich wegen meiner Angst nicht schlafen werde; und wenn daher heute nacht irgend jemand in schlechten Absichten kommen sollte, wird er genötigt sein, über mich wegzusteigen, was ich natürlich hören muß und daher imstande sein werde, den gnädigen Herrn zu warnen, damit er sich zur Wehr setzen kann.« Der junge Mann lehnte sich zurück und schlug ein so homerisches Gelächter auf, daß Freikugel trotz seiner Besorgnis einstimmte. »Man muß auf Ehre gestehen«, rief der Graf aus, indem er seinen Diener anblickte, der über eine Heiterkeit, die ihm bei einer so ernsten Veranlassung höchst unangemessen vorkam, ganz verblüfft war, »daß du der merkwürdigste Feigling bist, der mir je vorgekommen ist.« »Ach Gott, lieber Herr«, antwortete Ivon reumütig, »es ist nicht meine Schuld, das kann ich versichern, denn ich gebe mir die größte Mühe, mir Mut zu machen; es will mir aber nicht gelingen.« »Schon gut«, erwiderte der junge Mann noch immer lachend, »ich bin dir deshalb nicht böse, mein armer Junge; da es aber nicht zu ändern ist, müssen wir uns eben darein schicken.« »Leider!« entgegnete Ivon mit einem tiefen Seufzer. »Doch genug davon; lege dich, wohin und wie du willst, Ivon, ich überlasse es dir.« Ohne zu antworten, schickte sich der Diener sofort an, die Pelzdecken nach der Stelle zu tragen, die er gewählt hatte, während der Graf sein Gespräch mit dem Jäger fortsetzte. »Was Sie betrifft, Freikugel«, sagte er, »so gebe ich Ihnen gleichfalls freie Hand, über unsere Sicherheit zu wachen, wie Sie es für angemessen halten, und ich gebe Ihnen das Versprechen, Ihre Pläne nicht zu durchkreuzen, ja diese erforderlichenfalls zu unterstützen – aber unter einer Bedingung.« »Welcher?« »Daß Sie Sorge tragen, mich die niedliche Elfe wiederfinden zu lassen, die ich vorhin schon erwähnte.« »Sehen Sie sich vor, Herr Eduard!« »Ich will sie wiedersehen, sage ich, und wenn ich selbst gehen sollte, sie zu suchen.« »Das werden Sie bleiben lassen, Herr Eduard.« »Dennoch schwöre ich bei meinem Leben, daß ich es tun werde; und zwar sogleich, wenn Sie in dem Ton fortfahren.« »Sie werden sich anders bedenken.« »Ich bedenke mich nie und habe mich stets wohl dabei befunden.« »Wissen Sie denn auch, wer jene Frau ist?« »Sie haben es eben selbst gesagt: Sie ist eine Frau, und zwar eine sehr reizende.« »Einverstanden; sie wird aber, ich wiederhole es Ihnen, von Natah-Otann geliebt.« »Das gilt mir gleich.« »Seien Sie auf der Hut.« »Keineswegs; ich will sie wiedersehen.« »Um jeden Preis?« »Um jeden Preis.« »Gut, so hören Sie mich an.« »Ja, aber fassen Sie sich kurz.« »Ich will Ihnen die Geschichte jener Frau erzählen.« »Sie kennen sie also?« »Ich kenne sie.« »Gut, fangen Sie an, ich bin ganz Ohr.« Freikugel ging zu einer Bank, setzte sich mißmutig nieder und hob nach kurzem Bedenken an: »Vor ungefähr fünfzehn Jahren verließ Natah-Otann, der damals kaum zwanzig Jahre zählte, aber schon ein berühmter Krieger war, seinen Stamm an der Spitze von fünfzig auserwählten Kriegern, um einen Handstreich gegen die Weißen zu wagen. Zu jener Zeit hatten die Kenhas ihren Wohnort nicht an der Stelle, wo er sich jetzt befindet; die Pelzgesellschaft war noch nicht so weit an den Missouri vorgedrungen, und das Fort Mackenzie stand noch nicht. Die Indianer vom Blut jagten ungehindert auf einem weiten Gebiet, dessen sich die Amerikaner gegenwärtig bemächtigt und sie vertrieben haben. Das Dorf der Kenhas lag südlich von jenem Gebiet, ungefähr achtzig Meilen von hier entfernt. Natah-Otann hatte bis dahin noch keinen Streifzug selbständig geleitet, und eine solche Auszeichnung erfüllte ihn, wie es bei jungen Leuten seines Alters zu gehen pflegt, mit Stolz; sein Gesicht strahlte, und er brannte vor Verlangen, sich auszuzeichnen und dem Sachem seines Volkes zu beweisen, daß er würdig sei, tapfere Krieger zu befehligen. Sobald er den Kriegspfad betreten hatte, entsandte er Späher nach allen Richtungen und verbot seiner Mannschaft zu rauchen, aus Furcht, daß das Glimmen der Pfeifen ihre Nähe verraten könne. Kurz, er traf mit seltener Umsicht alle Vorsichtsmaßnahmen. Sein Unternehmen hatte einen glänzenden Erfolg; er überfiel mehrere Karawanen und plünderte und zerstörte mehrere Ansiedlungen; seine Leute kamen reich mit Beute beladen und mit zahlreichen Skalps, die am Gebiß ihrer Pferde hingen, zurück, während Natah-Otann nur ein schwaches, kleines Geschöpf von kaum drei Jahren mitbrachte, das er entweder sorgsam in seinen Armen trug oder quer vor sich über den Sattel legte. Das schlanke, schöne junge Mädchen, das Sie heute gesehen haben, ist jenes Kind.« »Wirklich?« »Niemand weiß, niemand wird je erfahren, ob sie weiß oder rot, eine Amerikanerin oder eine Spanierin ist. Viele Indianer kommen – wie Ihnen bekannt sein wird – mit einer weißen Haut zur Welt; die Farbe gibt daher kein Merkmal ab, das zur Auffindung der Eltern des jungen Mädchens dienen könnte. Kurz, der Häuptling nahm sie an Kindes Statt an, aber seltsamerweise gewann das Kind, je mehr es heranwuchs, eine Gewalt über Natah-Otann, der er sich nie zu entziehen vermochte und die ihn bald so sehr bedrückte, daß die Häuptlinge seines Stammes deshalb in Sorge waren. Übrigens war das Leben, das Lianenblüte – das ist ihr Name...« »Ich weiß es«, unterbrach ihn der Graf. »Gut«, fuhr der Jäger fort. »Das Leben, das Lianenblüte führte, war seltsam. Weit entfernt, munter, leichtfüßig und lachlustig zu sein, wie junge Mädchen ihres Alters sonst sind, ist sie finster, in sich gekehrt, scheu, irrt stets allein in der Prärie umher und hüpft entweder wie eine Gazelle durch das betaute Gras oder sitzt des Nachts im Mondenschein träumend da und murmelt Worte, die niemand hört. Zuweilen sieht man von weitem – denn niemand wagt es, sich ihr zu nahen – eine andere Gestalt gesenkten Kopfes stundenlang neben ihr herwandeln, worauf sie allein in das Dorf zurückkehrt; und wenn man sie fragt, zuckt sie entweder stumm die Achseln oder bricht in Tränen aus.« »Das ist in der Tat seltsam.« »Nicht wahr? Es kam so weit, daß sich die Häuptlinge am Beratungsfeuer versammelten und den Ausspruch taten, daß Lianenblüte ihren Pflegevater bezaubert habe.« »Die Dummköpfe«, murmelte der Graf. »Wer weiß?« entgegnete der Jäger. »Kurz, wie dem auch sein mag, steht es doch fest, daß man beschloß, sie in der Wildnis allein auszusetzen, um sie dem Tod preiszugeben.« »Das arme Kind! Was geschah denn weiter?« »Als Natah-Otann und der Weiße Bison, die dem Rat nicht beigewohnt hatten, das Urteil vernahmen, eilten sie zu den versammelten Häuptlingen und wußten diese durch ihre glatten Reden so zu gewinnen, daß man es nicht nur aufgab, das junge Mädchen auszusetzen, sondern es sogar von Stund an als den Schutzgeist des Stammes betrachtete.« »Und Natah-Otann?« »Sein Zustand ist noch immer derselbe.« »Ist das alles?« »Es ist alles.« »Nun, Freikugel, mein Freund, dann will ich binnen zwei Tagen ergründen, ob das junge Mädchen wirklich eine so große Hexenmeisterin ist, wie man sagt.« Die Antwort des Jägers bestand nur in einem unverständlichen Grunzen; dann streckte er sich, ohne ein Wort weiter zu reden, auf seine Pelzdecken. 15 Der Weiße Bison Sobald Natah-Otann das Calli verlassen hatte, in das er den Grafen geführt hatte, begab er sich zu der Hütte, in der der Weiße Bison wohnte. Die Nacht brach bereits herein; die Kenhas saßen an den Feuern, die vor jeder Hütte brannten, und rauchten unter munteren Gesprächen ihre langen Kalumets. Der Häuptling beantwortete die herzlichen Grüße der Krieger, denen er begegnete, entweder mit einem Kopfnicken oder mit einer freundschaftlichen Handbewegung; er redete aber mit keinem, sondern beschleunigte seine Schritte in dem Maße, wie die Dunkelheit zunahm. Er gelangte endlich zu einer Hütte, die fast am Ende des Dorfes am Ufer des Missouri lag. Nachdem er einen forschenden Blick um sich geworfen hatte, blieb er vor jener Hütte stehen und schickte sich an, einzutreten. Als er aber eben im Begriff war, den Türvorhang aus Bisonfell zurückzuschlagen, zauderte er einige Augenblicke und schien sich zu bedenken. Jene Wohnung zeichnete sich von außen von den übrigen Häusern des Dorfes durch nichts aus. Sie war rund, mit einem bienenkorbförmigen Dach und aus ineinandergeflochtenen Baumzweigen erbaut, die durch Erde miteinander verbunden und mit geflochtenen Matten bekleidet waren. Indessen schlug Natah-Otann nach kurzem Bedenken den Vorhang zurück, trat auf die Schwelle der Tür und sagte auf französisch: »Guten Abend, mein Vater.« »Guten Abend, Kind; ich habe dich mit Ungeduld erwartet; komm, setz dich neben mich, wir haben miteinander zu reden.« Er sprach die Worte in sanftem Ton und in derselben Sprache. Natah-Otann ließ den Vorhang fallen und trat einige Schritte näher. Wenn sich die Hütte, die der Häuptling betreten hatte, auch äußerlich von den übrigen in nichts unterschied, war das mit dem Inneren keineswegs der Fall. Der Herr jener Wohnung hatte alles, was die menschliche Erfindungsgabe in ihrer ursprünglichsten Gestalt – d. h. ohne die Werkzeuge und das Material, das seine Ideen verkörpern konnte – hervorbringen kann, sozusagen erfunden. Das Innere jener Hütte bot daher einen seltsamen Anblick, da hier die verschiedenartigsten Gegenstände – die auch scheinbar am wenigsten zueinander zu gehören schienen – aufgespeichert waren. Im Gegensatz zu den übrigen Hütten war diese hier mit zwei Fenstern versehen, deren Scheiben durch geöltes Papier ersetzt waren; in einem Winkel stand ein Bett, in der Mitte ein Tisch, hier und da einige Sessel und neben dem Tisch ein großer Lehnstuhl, doch waren alle diese Geräte mit der Axt roh zugehauen. Eine Anzahl meist abgenutzter Bücher stand auf Regalen, ausgestopfte Tiere, Insekten usw. hingen an Stricken herab; kurz, eine Anzahl verschiedener Gegenstände, die aber alle numeriert und geordnet waren, vervollständigten die seltsame Wohnung, die viel eher der Zelle eines Einsiedlers oder dem geheimen Laboratorium eines Alchimisten glich als der Hütte eines indianischen Häuptlings. Das war der Aufenthalt des Weißen Bisons, eines der ersten Häuptlinge der Kenhas, und der Mann, der auf den Gruß Natah-Otanns geantwortet hatte, war der Weiße Bison selbst. Dieser war aber, wie wir bereits gesagt haben, ein Europäer und hatte einige Erinnerungen an sein vergangenes Leben wie einen Abglanz aus der Vergangenheit in die Wildnis hinübergenommen. In dem Augenblick, als Natah-Otann eintrat, saß der Weiße Bison in einem Lehnstuhl am Tisch, stützte den Kopf in die Hand und las beim Schein einer tönernen Lampe, deren qualmender Docht einen durchdringenden Geruch verbreitete und nur ein mattes, unsicheres Licht gab, in einem dicken Folianten, dessen Blätter vergilbt und abgenutzt waren. Er blickte auf, nahm die Brille ab, legte sie in das Buch, das er zumachte, wandte sich hierauf in seinem Lehnstuhl herum, lächelte dem jungen Mann entgegen, forderte ihn durch einen freundschaftlichen Wink auf, Platz zu nehmen, und sagte: »Komm, Kind, setz dich dorthin.« Der Häuptling nahm den gebotenen Sessel an, rückte ihn an den Tisch und setzte sich schweigend nieder. Der Greis betrachtete ihn eine Weile aufmerksam. »Höre«, sagte er, »du kommst mir für einen Mann, der, wie ich vermute, ein großes und unerwartetes Resultat erzielt hat, sehr finster vor. Was macht dich so niedergeschlagen? Zauderst du etwa jetzt, wo du im Begriff stehst zu siegen? Fängst du an einzusehen, daß das Werk, das du gegen meinen Willen unternommen hast, die Kräfte eines einzelnen Menschen, der nur einen Greis zur Stütze hat, übersteigt?« »Vielleicht«, antwortete der Häuptling in dumpfem Ton. »Ach, mein Vater! Warum haben Sie mich die bitteren Früchte einer Zivilisation kosten lassen, die nicht für mich gemacht war? Warum bin ich durch Ihren Unterricht ein anderer Mensch geworden als diejenigen, die mich umgeben und mit denen ich verdammt bin zu leben und zu sterben?« »O du Blinder, dem ich die Sonne gezeigt habe; du läßt dich von ihren Strahlen blenden, und deine blöden Augen können das Licht nicht ertragen. Anstatt dich in Unwissenheit und Roheit zu lassen, in denen du dein Leben lang vegetiert hättest, habe ich das einzige Gefühl in dir entwickelt, das den Menschen über das wilde Tier erhebt; ich habe dich denken und selbst urteilen gelehrt, und jetzt dankst du mir so und belohnst mich auf so schnöde Weise für die Mühe, die ich mir gegeben, und für die Aufmerksamkeit, die ich dir fortwährend gewidmet habe.« »Vater!« »Suche dich nicht zu entschuldigen, Kind«, unterbrach ihn der Greis mit einiger Bitterkeit. »Ich mußte auf das, was jetzt geschieht, gefaßt sein und war es auch; denn die Vorsehung hat den Undank und die Selbstsucht als Schutz und Schirm in das menschliche Herz gepflanzt. Ohne die Undankbarkeit und die Selbstsucht, jene beiden größten Vorzüge des Menschen, könnte es keine menschliche Gesellschaft geben. Ich zürne dir nicht; ich habe nicht das Recht, es zu tun, denn es hat schon ein Weiser gesagt: ›Du bist Mensch, und nichts Menschliches soll dir fremd bleiben.‹« »Ich beklage oder beschwere mich nicht, mein Vater«, antwortete der Häuptling. »Ich weiß ja, daß Sie nur in der besten Absicht so gegen mich gehandelt haben. Unglücklicherweise hat Ihr Unterricht andere Früchte getragen, als Sie erwarteten; Sie haben, indem Sie meinen Ideenkreis erweiterten, ohne Ihr oder mein Vorwissen auch meine Bedürfnisse vergrößert. Das Leben, das ich führe, ist mir lästig; die Männer, die mich umgeben, sind mir zuwider, weil sie mich nicht verstehen können und ich sie selbst nicht mehr verstehen kann. Mein Geist eilt unwillkürlich in unbekannte Fernen; ich träume wachend von seltsamen und unmöglichen Dingen; ich leide an einem unheilbaren Übel, das ich nicht nennen kann, und liebe ohne Hoffnung eine Frau, auf die ich eifersüchtig bin und die ich ohne Sünde nie mein nennen kann. Ach, mein Vater, ich fühle mich sehr unglücklich.« »Kind«, sagte der Greis, mitleidig die Achseln zuckend, »du fühlst dich unglücklich? Dein Schmerz ist mir lächerlich; der Mensch trägt den Keim zum Guten und zum Bösen in sich selbst, und wenn du leidest, so darfst du niemanden anklagen als dich selbst! Du bist jung, verständig und stark, bist der Erste deines Volkes; was fehlt dir, um glücklich zu sein? Nichts! Wenn es dein fester Wille ist, es zu sein, so ersticke die törichten Leiden, die dich verzehren, und folge dem glorreichen Ziel, das du dir selbst gesteckt hast, ohne dich weder rechts noch links umzusehen. Was kann es Schöneres, Edleres, Erhabeneres geben, als ein Volk zu befreien und zu zivilisieren?« »Wer weiß, ob ich es können werde!« »Zweifelst du?« rief der Greis aus, indem er mit der Faust auf den Tisch schlug und ihm fest ins Auge sah. »Dann bist du verloren! Gib deine Pläne auf; sie werden dir nicht gelingen! Wenn man auf einer Bahn gleich der deinigen zaudert oder innehält, so ist der Untergang gewiß!« »Vater!« »Schweig!« rief ihm jener mit verdoppelter Energie entgegen. »Als du mir zuerst deine Pläne enthülltest, habe ich versucht, dich durch alle möglichen Gegengründe davon abzubringen. Ich habe dir gezeigt, daß deine Absicht verfrüht ist, daß die Indianer, durch eine lange Knechtschaft erniedrigt, nur noch der Schatten ihres früheren Selbst sind und man nur eine Leiche galvanisiert, wenn man versucht, irgendein edles oder großmütiges Gefühl in ihnen zu erwecken. Du hast auf deiner Idee bestanden, hast nichts hören wollen, sondern dich blindlings in alle möglichen Intrigen und Verschwörungen gestürzt – ist das wahr?« »Es ist wahr!« »Wohlan, es ist jetzt zu spät, um zurückzutreten, und du mußt um jeden Preis vorwärts gehen. Du wirst untergehen, aber wenigstens einen ehrenvollen Tod sterben, und dein von allen verehrter Name wird die Zahl jener erhabenen Märtyrer vergrößern, die sich für ihr Vaterland aufgeopfert haben.« »Mir scheint, daß bis jetzt die Sache noch nicht so weit vorgerückt ist, um ....« »... nicht mehr zurücktreten zu können, nicht wahr?« unterbrach ihn der Greis. »Ja.« »Darin irrst du! Glaubst du denn, daß ich müßig geblieben bin, während du beschäftigt warst, deine Anhänger zu versammeln und die Waffenerhebung vorzubereiten?« »Was wollen Sie damit sagen?« »Ich will sagen, daß deine Feinde deine Absicht ahnen, daß sie dich beobachten; und wenn du dich nicht beeilst, ihnen durch einen Donnerschlag zuvorzukommen, werden sie dich überfallen und dir eine Falle legen, in der du dich fangen wirst.« »Ich?« rief der Häuptling heftig aus. »Das werden wir ja sehen!« »Verdopple also deinen Eifer; verhindere sie, dir zuvorzukommen, und sei besonders vorsichtig, denn man beobachtet dich genau, ich wiederhole es.« »Woher wissen Sie? ...« »Genug! Daß ich es weiß, das ist meines Erachtens hinreichend; verlasse dich auf meine Klugheit – ich wache; laß daher Spione und Verräter sich in trügerischer Sicherheit wiegen, denn wenn wir sie entlarven wollten, so würden andere an ihre Stelle treten; es ist daher besser für uns, diejenigen gewähren zu lassen, die wir einmal kennen. Auf solche Weise entgeht uns keiner ihrer Schritte; wir wissen, was sie tun und wollen, und während sie unsere Pläne zu enthüllen hoffen und einen guten Preis dafür erwarten, sind wir ihre Herren und halten sie durch falsche Nachrichten hin, die dazu dienen, unsere wahren Absichten zu verhüllen. Ihr Vertrauen bürgt für unsere Sicherheit, das kannst du mir glauben.« »Sie haben immer recht, mein Vater, und ich verlasse mich vollständig auf Sie. Kann ich aber wenigstens die Namen der Verräter erfahren?« »Wozu – da ich sie kenne? Sobald die Zeit gekommen ist, werde ich alles entdecken.« »Es sei.« Es folgte eine ziemlich lange Pause, und die beiden Männer waren so sehr in Gedanken vertieft, daß sie nicht bemerkten, wie ein grinsender Kopf unter dem Türvorhang hereinguckte und ihren Worten bereits lange Zeit lauschte. Der Mann aber – wer immer es auch sein mochte, der auf solche Weise den Horcher spielte – gab von Zeit zu Zeit unverkennbare Zeichen des Unmuts und der Enttäuschung. Er hatte allerdings, als er ging, die Häuptlinge zu belauschen, nicht bedacht, daß er kein Wort von dem würde verstehen können, was sie miteinander sprächen. Natah-Otann und der Weiße Bison sprachen in der Tat französisch, welche Sprache dem Lauscher gänzlich unverständlich war, was für einen Spion freilich ein Strich durch die Rechnung sein mußte. Er ließ sich indessen nicht abschrecken, sondern fuhr trotzdem fort zu horchen; vielleicht in der Hoffnung, daß sie sich bald einer anderen Sprache bedienen würden. »Und nun«, sagte der Greis, »statte mir Bericht ab von deinem Unternehmen. Du zogst ganz vergnügt fort und sagtest, daß du den Mann mitzubringen hofftest, dessen du bedarfst, um bei deiner Verschwörung die Hauptrolle zu spielen.« »Sie haben ihn heute gesehen, mein Vater, er ist hier; heute abend ist er an meiner Seite in das Dorf geritten.« »Oho! Erkläre mir das, mein Kind!« sagte der Greis mit einem milden Lächeln, indem er sich behaglich in seinem Lehnstuhl zurechtrückte, um ihm zuzuhören. Während er Natah-Otann scheinbar die größte Aufmerksamkeit schenkte, legte er mit einer raschen Bewegung die großen Pistolen in seine Nähe, die auf dem Tisch lagen. »Fahre fort«, sagte er, »ich höre.« »Vor ungefähr sechs Monaten gelang es mir – wie ich Ihnen vielleicht bereits erzählt habe –, mich eines kanadischen Jägers zu bemächtigen, gegen den ich einen alten Groll hegte.« »Ja, ich habe eine dunkle Erinnerung von jenem Abenteuer; ein gewisser Freikugel, nicht wahr?« »Ganz recht. Ich war wütend gegen jenen Mann, der uns schon lange narrte und mir meine Krieger mit unglaublicher Geschicklichkeit tötete. Sobald ich ihn in Händen hatte, beschloß ich, ihn eines martervollen Todes sterben zu lassen.« »Obgleich ich, wie du weißt, jene barbarische Sitte nicht billige, war es dein Recht, und ich habe nichts dagegen einzuwenden.« »Auch er wandte nichts ein; im Gegenteil – er verhöhnte uns; kurz, er reizte unseren Zorn in so hohem Grad, daß ich Befehl erteilte, die Marter beginnen zu lassen. In dem Augenblick, wo er sterben sollte, erschien ein Mann oder vielmehr ein Teufel, der sich plötzlich in unsere Mitte warf und unbekümmert um die Gefahr, die ihn umringte, auf den Pfahl zueilte und den Gefangenen losband.« »Sieh einmal – das war ein beherzter Mann!« »Ja, aber seine verwegene Tat wäre ihn beinahe teuer zu stehen gekommen, wenn nicht auf einen Wink von mir meine Krieger und ich selbst vor ihm auf die Knie gefallen wären und die größte Ehrerbietung an den Tag gelegt hätten.« »Wie? Was erzählst du mir da?« »Die strengste Wahrheit. Als ich den Mann recht ins Auge faßte, bemerkte ich zwei wunderbare Merkmale.« »Welche?« »Eine Narbe unter der rechten Augenbraue und einen schwarzen Punkt unter dem Auge auf derselben Seite.« »Das ist seltsam«, murmelte der Greis nachdenklich. »Was aber noch wunderbarer ist: Jener Mann gleicht dem Bild, das Sie mir entworfen haben und das hier enthalten ist, genau«, sagte er, indem er die Stelle mit dem Finger bezeichnete. »Was tatest du da?« »Sie kennen meine Kaltblütigkeit und wie schnell ich meine Entschlüsse fasse. Ich ließ den Mann mit meinem Gefangenen abziehen.« »Gut; weiter?« »Hierauf stellte ich mich, als ob mir nichts daran läge, ihn wiederzusehen.« »Immer besser«, sagte der Greis mit beifälligem Kopfnicken, während er mit einer blitzschnellen Bewegung die Pistole lud, die er in der Hand hielt, und abfeuerte. Aus der Gegend der Tür ertönte ein Schrei des Schmerzes, und der Kopf unter dem Vorhang verschwand. Die beiden Männer standen auf und eilten zum Eingang der Hütte; es war aber niemand zu sehen, und nur eine ziemlich bedeutende Blutlache bewies, daß die Kugel getroffen hatte. »Was haben Sie getan, Vater?« rief Natah-Otann verwundert aus. »Ich habe nur einem jener Verräter, von denen ich vorhin sprach, eine vielleicht etwas derbe Lehre gegeben.« Bei diesen Worten setzte er sich wieder gelassen in seinen Stuhl. Natah-Otann wollte der Blutspur folgen, die der Verwundete hinterlassen hatte. »Hüte dich, es zu tun!« entgegnete der Greis. »Was ich getan habe, genügt; fahre in deiner Erzählung fort, die außerordentlich interessant ist. Merke dir nur, daß du keine Zeit verlieren darfst, wenn du siegen willst!« »Das will ich auch nicht, Vater, seien Sie unbesorgt!« rief der junge Häuptling zornig aus. »Aber ich schwöre Ihnen, daß ich erfahren werde, wer jener Elende gewesen ist!« »Du würdest unrecht haben, wenn du ihm nachforschen wolltest; erzähle jetzt weiter!« Natah-Otann erzählte nun sein Zusammentreffen mit dem Grafen auf das ausführlichste; ebenso, auf welche Weise er ihn veranlaßt habe, ihm ins Dorf zu folgen. Diesmal wurde seine Erzählung durch nichts gestört; es schien, als ob die Lehre, die der Weiße Bison den Horchern gegeben hatte, wenigstens momentan gefruchtet hätte. Über das Experiment mit dem Streichhölzchen lachte der Greis herzlich, wie auch über die Verwunderung des Grafen, als er erkannte, daß derjenige, den er bisher für einen rohen, halb blödsinnigen Wilden betrachtet hatte, im Gegenteil ein gebildeter Mann sei, dessen Verstand mit dem seinigen mindestens auf gleicher Stufe stand. »Was soll ich jetzt tun?« fügte Natah-Otann schließlich hinzu. »Er ist zwar jetzt da, hat aber Freikugel, den kanadischen Jäger, bei sich, zu dem er das größte Vertrauen hegt.« »Ja«, erwiderte der Greis, »das will alles reiflich erwogen sein. Zuerst, mein Kind, hast du einen Fehler begangen, indem du dich jenem Mann in deiner wahren Gestalt zeigtest, denn solange er dich für einen unwissenden Wilden hielt, hattest du einen großen Vorteil ihm gegenüber. Deine Eitelkeit hat dich dazu verleitet, weil du wünschtest, vor den Augen eines Europäers zu glänzen und ihn in Erstaunen zu setzen. Es ist ein um so größerer Fehler, weil er dir nun mißtraut und vor dir auf seiner Hut ist.« Der junge Häuptling senkte den Kopf, ohne zu antworten. »Indessen«, fuhr der Alte fort, »werde ich alles wiedergutzumachen suchen; vor allen Dingen muß ich aber jenen Freikugel sehen und sprechen.« »Von ihm werden Sie nichts erlangen, mein Vater, er ist dem Grafen treu ergeben.« »Um so mehr muß es geschehen, Kind. In welcher Hütte hast du sie einquartiert?« »In der früheren Beratungshütte.« »Gut; sie werden dort bequem wohnen, und man kann leicht alles hören, was sie miteinander reden.« »Das dachte ich auch.« »Nun noch eine Bemerkung.« »Welche?« »Warum hast du die Wölfin der Prärien nicht getötet?« »Weil ich sie nicht gesehen habe, da ich nicht im Lager war; übrigens würde ich es auch nicht getan haben.« Der Greis legte die Hand auf seine Schulter. »Natah-Otann, mein Kind«, sagte er in strengem Ton, »wenn man wie du die Zukunft eines ganzen Volkes zu verantworten hat, darf man vor nichts zurückbeben, und ein toter Feind läßt die Lebenden ruhig schlafen. Die Wölfin der Prärien ist deine Feindin, du weißt es; ihr Einfluß auf die abergläubischen Rothäute ist bedeutend, und ich rufe dir den Ausspruch eines erfahrenen Mannes ins Gedächtnis, der gesagt hat: ›Weil du sie nicht hast töten wollen, wird sie dich töten!‹« Natah-Otann lächelte verächtlich. »Ach«, sagte er, »eine erbärmliche, halb verrückte Frau!« »Weißt du nicht«, entgegnete der Weiße Bison achselzuckend, »daß hinter jedem bedeutenden Ereignis eine Frau steckt und daß durch sie die Männer von Geist umgebracht werden und die schönsten und kühnsten Pläne wegen kleinlicher Leidenschaften scheitern?« »Ja, Sie haben vielleicht recht«, sagte Natah-Otann. »Dennoch fühle ich, daß ich nie imstande sein werde, meine Hände in das Blut jener Frau zu tauchen.« Der Weiße Bison lächelte verächtlich. »Hast du Bedenken, armes Kind?« sagte er in geringschätzigem Ton. »Gut, so dringe ich nicht weiter in dich, sondern gebe dir nur zu bedenken, daß dich dein Zartgefühl ins Verderben stürzen wird. Der Mann, der über andere herrschen will, darf von den Menschen nur die Außenseite haben und muß im Inneren kalt und hart wie Marmor sein, sonst werden seine Pläne im Keim erstickt, und er wird von den Menschen geschmäht werden. Die größten Männer sind ihrem Untergang entgegengegangen, weil sie das nicht einsehen wollten. Sie arbeiteten für ihre Nachfolger und nicht für sich selbst; doch ist der Mensch trotz all seines Verstandes kurzsichtig, und die grenzenlose Selbstsucht, die ihn beherrscht, legt eine so dichte Binde über seine Augen, daß er nichts mehr von seiner Umgebung sieht.« »Statt mir durch Ihren Rat beizustehen, mein Vater, scheinen Sie sich nur darin zu gefallen, mich ganz mutlos zu machen, denn Sie stellen trostlose Grundsätze auf.« »Habe ich sie denn gemacht? Nein, die Welt ist einmal so, und niemand wird es ändern. Es hat eine Zeit gegeben, wo auch ich so sprach, wie du es gegenwärtig tust, mein armes Kind; aber ich und meine Anhänger kämpften gegen eine ganze Gesellschaft, die wir stürzen wollten, um eine andere zu gründen! Ein Volk kann nur durch Blut verjüngt und wiedergeboren werden! Das ungeheure Werk, das wir als Titanen der Zukunft unternommen hatten, wurde glücklich beendet; und wenn man uns auch heute flucht, werden wir morgen als Märtyrer betrachtet werden und unseren Enkeln als Wohltäter der Menschheit erscheinen. Geh, armer Jüngling, verfolge deine Bahn; dein Werk ist nur Kinderspiel gegen das, was meine Gefährten und ich getan haben, als wir von unserem Richterstuhl herab ganz Europa, das sich gegen uns erhoben hatte, unsere fruchtbarsten Fluren als willkommene Beute an sich riß und einen Preis auf unsere Köpfe setzte, mit Todesverachtung den Fehdehandschuh hingeworfen haben.« Bei diesen Worten hatte sich der alte Volkstribun unwillkürlich von der glühenden Begeisterung hinreißen lassen, die in seinem Herzen gärte. Sein Auge leuchtete, seine Stirn strahlte, sein Wesen zeigte eine unwiderstehliche Hoheit, denn er war in Gedanken zu den früheren Zeiten, zu seinen Kämpfen und Siegen zurückgekehrt. Natah-Otann lauschte seinen Worten seltsam bewegt und erlag unwillkürlich dem Einfluß jenes gestürzten Riesen, der selbst nach seinem Fall noch so groß dastand. »Aber was sage ich, Tor, der ich bin? Verzeih mir, Kind«, fügte der Greis hinzu, indem er mutlos in seinen Lehnstuhl sank. »Geh jetzt, laß mich allein; vielleicht habe ich schon morgen bei Sonnenaufgang Neuigkeiten für dich!« Hierauf entließ er den Häuptling mit einer Handbewegung, und letzterer, der an solche Auftritte gewöhnt war, verneigte sich stumm und ging. 16 Der Spion Der Schuß des Weißen Bisons hatte nicht ganz den Erfolg gehabt, den er wahrscheinlich erwartet hatte. Der Mann war zwar getroffen worden, doch hatte die Hast, mit der der Häuptling zu Werke gehen mußte, der Sicherheit seiner Hand Einbuße getan, und der Horcher kam mit einer leichten Wunde am Kopf davon, den die Kugel gestreift und dadurch einen ziemlichen Blutverlust herbeigeführt hatte. Der freilich etwas derbe Wink hatte indessen dem Spion begreiflich gemacht, daß er entlarvt sei und unfehlbar untergehen würde, wenn er länger verweilte; er war daher mit der Leichtigkeit einer Gazelle geflüchtet. Nachdem er eine Zeitlang gelaufen war und sich für sicher hielt, daß er seine etwaigen Verfolger von der Spur abgebracht habe, hielt er inne, um Atem zu schöpfen und seine Wunde zu verbinden, die, obgleich sie nicht gefährlich war, doch stark blutete. Er warf vor allen Dingen einen besorgten Blick um sich. Alles war still und ruhig. Heftiger Schneefall, der bereits seit einer Stunde dauerte, hatte die Indianer gezwungen, sich unter ihre Zelte zu flüchten. Der Pistolenschuß hatte kein Aufsehen erregt, denn die Rothäute waren zu sehr an nächtliche Kämpfe in ihrem Dorf gewöhnt, um sich sehr darum zu kümmern; es hatte sich auch keiner gerührt. Es ließ sich kein anderer Laut vernehmen als das Gebell einiger verspäteter Hunde und die kurzen, heiseren Laute der wilden Tiere, die in der Prärie umherschweiften, um Beute zu suchen. Der Spion fühlte sich durch die allgemeine Ruhe beruhigt und fing ungesäumt an, seine Wunde zu verbinden, wobei er innerlich den Schnee segnete, der seine Spur verwischte, da er die hinterlassene Blutspur verdeckte. »Es scheint«; murmelte er halblaut, »daß wir heute nacht nichts weiter erfahren sollen. Der Böse Geist muß mit jenen Männern im Bunde sein; ich will also in mein Calli zurückkehren.« Er warf einen letzten Blick um sich und schickte sich an, zu gehen. In dem Augenblick schwebte in geringer Entfernung von ihm eine weiße Gestalt wie ein Schatten über den Schnee. »Was ist das?« murmelte der Indianer, den plötzlich eine abergläubische Furcht erfaßte. »Irrt etwa die Jungfrau der schwarzen Stunden im Dorf umher? Welches furchtbare Unglück bedroht uns denn?« Hierauf neigte sich der Indianer vor, streckte den Hals und folgte mit den Augen der seltsamen Erscheinung, deren Umrisse sich bereits im Dunkel verloren, als habe ihn eine höhere Gewalt an die Stelle gebannt. »Das Wesen schreitet nicht«, murmelte er voll Schrecken; »es hinterläßt keine Spuren auf dem Schnee. Wäre es etwa ein Geist, der den Schwarzfüßen feindlich gesinnt ist? Dahinter steckt ein Geheimnis, das ich ergründen muß.« Der Instinkt des Spions spornte seine Neugierde noch mehr an, und er vergaß kurze Zeit seine Scheu, um dem Gespenst entschlossen zu folgen. Nach einiger Zeit blieb die Gestalt oder das Gespenst stehen und blickte sich offenbar unschlüssig um. Um nicht entdeckt zu werden, sah sich der Indianer gezwungen, rasch hinter die Wand eines Callis zu treten, doch fiel ein matter Mondstrahl, der sich zwischen zwei Wolken Bahn gebrochen hatte, einen Augenblick auf das Gesicht derjenigen, die er verfolgte. »Lianenblüte!« murmelte er und unterdrückte mit Mühe einen Schrei der Überraschung. Sie war es wirklich, die in der Dunkelheit umherirrte. Nach einigem Zögern hob das junge Mädchen den Kopf und schritt entschlossen zu einem Calli, dessen Türvorhang sie mit fester Hand zurückschlug. Lianenblüte trat ein und ließ das Bisonfell hinter sich heruntersinken. Der Indianer sprang in wenigen Sätzen zum Calli, umkreiste es, steckte sein Messer bis an das Heft in die Wand, drehte die Klinge einige Male herum, um das Loch zu vergrößern, legte sein Ohr dicht an dieses neue Ohr des Dionys und lauschte. Im Dorf herrschte fortwährend die tiefste Stille. Bei dem ersten Schritt, den Lianenblüte in die Hütte tat, richtete sich plötzlich eine Gestalt vor ihr auf, und eine Hand faßte sie an der Schulter. Sie bebte unwillkürlich zurück. »Was wollt Ihr?« fragte eine drohende Stimme. Die Frage wurde auf französisch gestellt, wodurch sie der jungen Indianerin unverständlich blieb. »Antwortet oder ich zerschmettere Euch den Schädel«, fuhr dieselbe drohende Stimme fort. Hierauf hörte man das Schnappen des Drückers einer Pistole, die man abfeuern zu wollen schien. »Uah«, antwortete aufs Geratewohl das junge Mädchen mit seiner sanften, wohlklingenden Stimme. »Es ist offenbar eine Frau«, brummte die erste Stimme. »Gleichviel – Vorsicht ist immer gut. Was zum Teufel sucht sie hier?« »Heda!« rief plötzlich Freikugel, den der kurze Wortwechsel geweckt hatte. »Was geht hier vor? Mit wem streiten Sie sich, Ivon?« »Ich weiß es wahrhaftig nicht, glaube aber, daß es eine Frau ist.« »Haha!« lachte der Jäger. »Wir wollen doch sehen; lassen Sie sie nicht fort!« »Seien Sie unbesorgt«, erwiderte der Diener, »ich halte sie.« Lianenblüte stand unbeweglich und machte keinen Versuch, sich der Hand zu entziehen, die sie hielt. Freikugel stand auf und tappte nach dem Feuerherd, vor dem er sich hinkauerte und das Feuer durch Blasen wieder anzufachen suchte. Es war die Sache weniger Minuten; das Feuer glimmte unter der Asche, und einige Händevoll trockenen Holzes genügten, um es wieder zu entzünden. Die helle Flamme schlug empor und erleuchtete das Innere der Hütte. »Schau, schau!« rief der Jäger verwundert aus. »Seid willkommen, Mädchen! Was sucht Ihr hier?« Die Indianerin errötete und schlug die Augen nieder. »Lianenblüte kommt, ihre Freunde, die Bleichgesichter, zu besuchen.« »Ihr habt dazu eine seltsame Zeit gewählt, mein Kind«, erwiderte der Jäger ironisch. »Gleichviel«, fuhr er fort, indem er sich zu dem Diener wandte; »lassen Sie das Mädchen los, Ivon; dieser Feind ist – wenn es ein solcher wäre – nicht sehr gefährlich.« Letzterer gehorchte widerstrebend. »Tretet an das Feuer, Mädchen«, sagte der Jäger; »Eure Glieder sind erstarrt. Wenn Ihr Euch ein wenig erwärmt habt, sollt Ihr mir sagen, warum Ihr zu dieser späten Stunde hier seid.« Lianenblüte lächelte traurig und kauerte sich am Feuer nieder. Freikugel setzte sich neben sie. Die Indianerin hatte das Innere der Hütte mit einem schnellen Blick überflogen und den Grafen gesehen, der auf seiner Pelzdecke friedlich schlief. Freikugel hatte sein ganzes Leben in der Wildnis zugebracht und kannte den Charakter der Rothäute genau, bei denen Vorsicht und Behutsamkeit vorherrschende Eigenschaften sind. Er wußte, daß ein Indianer nie etwas tat, ohne vorher die möglichen Folgen reiflich erwogen zu haben, und nur aus sehr wichtigen Gründen dazu gebracht werden konnte, einen Schritt zu tun, der der indianischen Sitte zuwiderläuft. Der Jäger vermutete daher, daß der Besuch des jungen Mädchens einen wichtigen Zweck habe, konnte aber unter der gleichmütigen Miene, die dieses annahm, nicht erraten, aus welchem Antrieb es handelte. Die Rothäute lassen sich nicht so leicht ausfragen wie andere Menschen, denn Hinterlist und Schlauheit richten bei so mißtrauischen Naturen, die stets in sich gekehrt und verschlossen sind, nichts aus. Der gewandteste Untersuchungsrichter unseres Landes würde nichts aus ihnen herausbringen und müßte sich, nachdem er die Indianer dem dringendsten Verhör unterworfen hat, für besiegt erkennen. Man muß sogar denjenigen gegenüber, die den Willen haben, zu reden, die größte Vorsicht anwenden, denn sobald man mit Fragen in sie dringt, erwacht ihr Mißtrauen, ihre scheue Natur gewinnt die Oberhand, ihr Mund verschließt sich, um sich trotz aller Beschwörungen und wieviel für sie selbst auch davon abhängen mag, wenn sie reden, nicht wieder zu öffnen. Der Jäger kannte alle Eigenschaften des mißtrauischen Charakters der Rothäute. Er hütete sich daher wohl, sich dem jungen Mädchen gegenüber den Anschein zu geben, als ob ihm etwas daran läge, daß es rede. Er befahl Ivon durch einen Wink, sich wieder schlafen zu legen, was dieser, nachdem ihn der Jäger durch ein Augenzwinkern beruhigt hatte, sofort tat. Das junge Mädchen saß am Feuer und wärmte sich mit zerstreuter Miene, wobei es aber nicht unterließ, dem Jäger von Zeit zu Zeit einen verstohlenen Blick zuzuwerfen. Letzterer aber hatte seine Pfeife angezündet und schien sich, soviel sich hinter den dichten Rauchwolken, die ihn umhüllten, erkennen ließ, diesem süßen Geschäft mit ungeteiltem Behagen hinzugeben. Die beiden blieben ungefähr eine halbe Stunde einander gegenüber sitzen, ohne ein Wort zu reden. Endlich leerte Freikugel seinen Pfeifenkopf auf dem Nagel seines linken Daumens, steckte die Pfeife in den Gürtel und stand auf. Lianenblüte folgte mit geheuchelter Gleichgültigkeit den Bewegungen des Jägers, dessen geringste Gebärde sie beobachtete. Sie sah, wie er mehrere Pelzdecken nahm, sie in einen dunklen Winkel der Hütte trug und dort ein Lager daraus bereitete. Als ihm dieses hinreichend weich erschien, warf er eine Decke darauf und setzte sich dann wieder sorglos ans Feuer. »Mein bleicher Bruder hat eben ein Lager bereitet«, sagte Lianenblüte, indem sie ihre Hand auf seinen Arm stützte, als er eben wieder nach der Pfeife greifen wollte. »Ja«, antwortete er. »Warum vier Betten für drei Personen?« Freikugel blickte sie mit Verwunderung an. »Sind wir nicht vier?« fragte er. »Ich sehe niemanden als die beiden bleichen Jäger und meinen Bruder; für wen ist denn das letzte Bett bestimmt?« »Für wen sonst als meine Schwester Lianenblüte? Ich vermute, daß sie gekommen ist, bei ihren bleichen Freunden ein Obdach zu suchen.« Das junge Mädchen schüttelte verneinend den Kopf. »Die Frauen meines Stammes«, sagte es mit verletzter Würde, »haben ihre besonderen Callis, um zu schlafen, und bringen nicht die Nacht in den Hütten der Krieger zu.« Freikugel verneigte sich mit überzeugter Miene. »Ich habe mich geirrt«, sagte er achtungsvoll. »Vergeßt, was ich gesagt habe, denn es ist keineswegs meine Absicht, meine Schwester zu kränken. Als ich sie so spät in meine Hütte treten sah, habe ich gemeint, daß sie mich um meine Gastfreundschaft bitten wolle.« Das Mädchen lächelte schlau. »Mein Bruder ist ein großer Krieger der Bleichgesichter; sein Kopf ist grau, seine List ist groß. Warum stellt er sich, als ob er nicht wisse, weshalb Lianenblüte in seine Hütte kommt?« »Weil ich es in der Tat nicht weiß«, antwortete er. »Woher sollte ich es denn auch wissen?« Die Indianerin wandte sich halb nach der Seite, wo der Graf ruhte, auf den sie mit lieblicher Gebärde deutete. »Das Gläserne Auge weiß alles«, sagte sie. »Er wird es meinem Bruder, dem Jäger, mitgeteilt haben.« »Ich kann zwar nicht leugnen«, sagte der Jäger zuversichtlich, »daß das Gläserne Auge vieles weiß, doch ist er über den Gegenstand stumm geblieben.« »Wirklich?« fragte sie rasch. »Warum sollte ich es leugnen? Lianenblüte ist keine Feindin für uns.« »Nein, im Gegenteil – ich bin eine Freundin; mein Bruder öffne die Ohren.« »Redet!« »Ist das Gläserne Auge mächtig?« »Man sagt es«, antwortete der Jäger ausweichend, denn er wollte nicht lügen. »Die Ältesten des Stammes betrachten ihn wie ein höheres Wesen, das die Ereignisse willkürlich leitet und den Lauf der Zukunft wenden kann, wenn es will.« »Wer sagt das?« »Alle.« Der Jäger schüttelte den Kopf, nahm die zierliche Hand des Mädchens zwischen seine Hände und sagte gutmütig: »Man hat Euch getäuscht, Kind; das Gläserne Auge ist ein Mensch wie jeder andere, und die Gewalt, von der man Euch gesagt hat, ist nicht vorhanden. Ich weiß nicht, in welcher Absicht die Häuptlinge Eures Volkes ein so lächerliches Gerücht verbreitet haben, doch halte ich es für meine Pflicht, der Verbreitung einer solchen Lüge Einhalt zu tun.« »Nein; der Weiße Bison ist der klügste Sachem der Schwarzfüße, er besitzt alle Kenntnisse seiner Väter jenseits des Großen Salzsees; er kann sich nicht irren! Hat er nicht schon vor langer Zeit die Ankunft des Gläsernen Auges in unserer Mitte verkündet?« »Wohl möglich; obwohl ich nicht begreife, wie er es wissen konnte, da wir vor drei Tagen selbst noch keine Ahnung hatten, daß wir den Fuß in dieses Dorf setzen würden.« Das junge Mädchen lächelte überlegen. »Der Weiße Bison weiß alles!« entgegnete es. »Schon vor tausend Monden und noch länger haben die Zauberer des Volkes die Ankunft eines Mannes verkündet, der dem Gläsernen Auge in allem gleicht; ja er war so treu geschildert, daß seine Ankunft niemanden überrascht hat, weil ihn alle erwarteten.« Der Jäger sah ein, wie fruchtlos es war, eine Überzeugung zu bekämpfen, die im Herzen des jungen Mädchens tiefe Wurzeln geschlagen hatte. »Gut«, erwiderte er, »der Weiße Bison ist ein sehr kluger Sachem; was wäre ihm verborgen?« »Nichts! Ist er es doch gewesen, der vorausgesagt hat, daß sich das Gläserne Auge an die Spitze der roten Krieger stellen und sie von den Bleichgesichtern des Westens befreien würde!« »Ganz recht!« sagte der Jäger, der zwar nichts von dem wußte, was ihm das junge Mädchen entdeckte, aber anfing, das Vorhandensein einer weitverzweigten Verschwörung zu ahnen, die mit jener geheimnisvollen Geschicklichkeit entworfen war, die die Indianer in hohem Grad besitzen, und dessen Neugierde durch die Andeutungen so weit geweckt war, daß er wünschte, mehr zu erfahren. Lianenblüte blickte ihn mit unbefangener Freude an. »Mein Bruder sieht, daß ich alles weiß«, sagte sie. »Das ist wahr«, erwiderte er. »Meine Schwester ist besser unterrichtet, als ich glaubte, und kann mir jetzt ohne Scheu entdecken, welchen Dienst sie vom Gläsernen Auge erwartet.« Die Indianerin warf einen langen Blick auf den schlafenden Grafen. »Lianenblüte leidet«, sagte sie mit leise bebender Stimme. »Eine Wolke hat sich über ihren Geist gelagert und ihn getrübt.« »Lianenblüte ist sechzehn Jahre alt«, antwortete der alte Jäger lächelnd; »in ihr erwacht ein neues Gefühl; ein kleiner Vogel singt in ihrem Herzen, und unwillkürlich lauscht sie dem Lied, das sie noch nicht versteht.« »Das ist wahr«, flüsterte das junge Mädchen nachdenklich; »mein Herz ist traurig. Ist denn die Liebe ein Schmerz?« »Kind«, antwortete der Jäger schwermütig, »der Herr des Lebens hat seine Geschöpfe so geschaffen, daß jedes Gefühl ein Schmerz ist; selbst übergroße Freude spricht sich durch Leiden aus. Du liebst, ohne es zu wissen, und Lieben ist Leiden.« »Nein«, erwiderte sie mit erschrockener Miene, »ich liebe nicht; wenigstens nicht so, wie Sie sagen. Ich bin im Gegenteil gekommen, um bei Ihnen Schutz zu suchen gegen einen Mann, der mich liebt, dessen Liebe mich aber erschreckt und für den ich nichts empfinden kann als Dankbarkeit.« »Bist du gewiß, liebes Kind, daß das Gefühl, das du gegen jenen Mann empfindest, wirklich kein anderes ist?« Sie senkte den Kopf, nickte aber bejahend. Freikugel stand auf, ohne weiter etwas zu sagen. »Wohin gehen Sie?« fragte sie, hastig aufblickend. Der Jäger wandte sich nach ihr um. »In allem, was du mir gesagt hast, Kind«, antwortete er, »ist so viel Wichtiges enthalten, daß ich meinen Freund ungesäumt wecken muß, damit auch er dich höre und dir womöglich helfe.« »Ja, tun Sie es«, sagte sie niedergeschlagen und ließ neuerlich den Kopf auf die Brust sinken. Der Jäger trat zu dem Schläfer, neigte sich über ihn und berührte ihn leise an der Achsel. Der Graf erwachte sofort. »Was wollen Sie?« fragte er, indem er aufstand und mit jener Hast nach den Waffen griff, die dem Bewohner der Wildnis, der stets auf seiner Hut sein muß, eigen ist. »Nichts, was Sie erschrecken darf, Herr Eduard. Das junge Mädchen hier wünscht Sie zu sprechen.« Der Graf blickte nach der Richtung, die ihm der Jäger andeutete, und seine Augen begegneten denen Lianenblütes. Der Blick wirkte wie ein elektrischer Schlag; sie wankte, griff nach dem Herzen und schlug errötend die Augen nieder. Der Franzose eilte auf sie zu. »Was ist Ihnen? Womit kann ich dienen?« fragte er. In dem Augenblick, wo sie antworten wollte, öffnete sich der Türvorhang schnell, und ein Mann sprang mit einem Satz in die Mitte der Hütte. Der Mann war der Spion. Der Diener schreckte aus dem Schlaf empor und stürzte auf ihn zu, doch hielt ihn der Mann am Arm zurück. »Achtung!« rief er. »Der Rote Wolf!« sagte das junge Mädchen erfreut, indem es sich vor ihn stellte. »Legt die Waffen weg, er ist ein Freund!« »Redet!« sagte der Graf, indem er die Pistole wieder in den Gürtel steckte. Der Indianer hatte keinen Augenblick versucht, sich zur Wehr zu setzen, sondern gleichmütig gewartet, bis er sich aussprechen konnte. »Natah-Otann kommt«, sagte er, zu dem jungen Mädchen gewandt. »Ach, ich bin verloren, wenn er mich hier findet!« sagte sie. »Was kümmert mich jener Mann?« bemerkte der Graf hochmütig. »Vorsicht!« sagte Freikugel, dazwischentretend. »Seid Ihr ein Freund, Rothaut?« »Fragt Lianenblüte!« antwortete jener verächtlich. »Gut; Ihr kommt also, sie zu retten?« »Ja.« »Ihr wißt, auf welche Weise?« »Ich weiß es.« »Ich kann heute nacht nichts begreifen«, sagte Ivon für sich, denn er war über alles, was er sah, ganz bestürzt. »Beeilt Euch!« sagte der Graf. »Weder Lianenblüte noch ich dürfen hier getroffen werden«, erwiderte der Rote Wolf. »Natah-Otann ist mein Feind; wir hassen uns auf Tod und Leben. Werft sämtliche Pelzdecken über das junge Mädchen.« Lianenblüte kauerte sich in einen Winkel und verschwand bald unter den Pelzen, die man über ihr aufhäufte. »Der Einfall ist gut!« murmelte Freikugel. »Was wollt Ihr aber jetzt anfangen?« »Seht!« Der Rote Wolf stellte sich gegen die Bisondecke, die als Türvorhang diente, und schmiegte sich in deren Falten. »Das ist auf Ehre wahr«, sagte Ivon. »Laßt sehen, wie er da herauskommen wird.« Kaum waren jene Vorbereitungen beendet, als Natah-Otann auf der Schwelle der Tür erschien. »Schon auf?« fragte er verwundert, indem er einen mißtrauischen Blick um sich warf. Bei diesen Worten näherte er sich rasch dem Grafen, der unbeweglich in der Mitte der Hütte stand und ihn erwartete. Der Rote Wolf nahm die Gelegenheit wahr, um unbemerkt hinauszuhuschen. »Ich komme, Ihre Befehle wegen der Jagd entgegenzunehmen«, fuhr Natah-Otann fort. 17 Fort Mackenzie Fort Mackenzie, das der Major Mitchell, der Hauptagent der Pelzgesellschaft von Nordamerika, im Jahre 1832 gegründet hat, erhebt sich wie ein drohender Posten ungefähr 120 Schritt vom nördlichen Ufer des Missouri und ungefähr 70 Stunden vom Felsengebirge in der Mitte einer Ebene, die durch eine Hügelkette, die sich von Süden nach Norden zieht, geschützt wird. Fort Mackenzie ist in derselben Art erbaut wie die übrigen Vorposten der Zivilisation in den östlichen Prärien der Vereinigten Staaten. Die Festung bildet ein vollkommenes Viereck, dessen Seiten ungefähr 45 Fuß lang sind. Ihre Verteidigungswerke bestehen in einem acht Klafter tiefen und ebenso breiten Graben, zwei soliden Blockhäusern und zwanzig Kanonen. Die im Innern befindlichen Wohnungen sind niedrig und mit engen Fenstern versehen, deren Scheiben durch Pergamentblätter ersetzt sind. Die Dächer sind flach und mit Rasen bewachsen. Die beiden Tore des Forts sind schwer und mit Eisen beschlagen. In der Mitte des freien Raumes, der sich im Innern der Festung befindet, erhebt sich ein Mast, von dessen Spitze die gesternte Flagge der Vereinigten Staaten weht. Zwei Kanonen sind an dessen Fuß aufgefahren. Die Ebene, die Fort Mackenzie umgibt, ist mit drei Fuß hohem Gras bewachsen. Sie ist beinahe fortwährend mit den Zelten der indianischen Stämme bedeckt, die mit den Amerikanern Handel treiben, von denen wir die Schwarzfüße, die Assiniboins, die Mandaner, die Flachköpfe, die Dickbäuche, die Raben und die Kutanés namentlich anführen. Die Indianer hatten sich abgeneigt gezeigt, als sich die Weißen zuerst auf ihrem Gebiet niederlassen wollten, und der erste Agent, den die Pelzgesellschaft abschickte, hätte den schwierigen Auftrag beinahe mit dem Leben gebüßt. Nur durch List und Schlauheit gelang es, eine Art Friedens- und Handelskontrakt mit jenen Stämmen abzuschließen, den diese übrigens unter dem erstbesten Vorwand zu brechen bereit waren. Die Amerikaner waren daher ständig auf ihrer Hut und wie in fortwährendem Belagerungszustand. Es ereignete sich außerdem von Zeit zu Zeit, daß trotz der Freundschaftsversicherungen der Indianer irgendein im Dienst der Kompanie stehender Trapper oder sonstiger Beamter entweder ermordet oder skalpiert in das Fort gebracht wurde, ohne daß es möglich war, solche Verbrechen zu ahnden. Ja man enthielt sich sogar aus Klugheit, jene vereinzelten Morde – die allerdings immer seltener wurden – zu bestrafen. Die Habsucht der Indianer machte ihnen begreiflich, daß es besser wäre, mit den Bleichgesichtern in Frieden zu leben, die sie reichlich mit Lebensmitteln versahen; des Feuerwassers und des Geldes nicht zu gedenken, das sie für ihre Pelzwaren eintauschten. Im Jahre 1834 befehligte der Major Melville Fort Mackenzie. Er war ein erfahrener Mann, der fast sein ganzes Leben unter den Indianern zugebracht hatte – entweder mit ihnen kämpfend oder Handel mit ihnen treibend –, so daß er mit all ihren Gewohnheiten und Kriegslisten vertraut war. General Jackson, in dessen Armee er als Offizier gedient hatte, legte großen Wert auf seinen Mut, seine Geschicklichkeit und seine Erfahrung. Major Melville besaß nicht nur große Energie, sondern auch außergewöhnliche körperliche Kraft; er war der rechte Mann, der die rohen Völker, mit denen er verkehren mußte, im Zaum zu halten und die Trapper und Jäger, die Menschen ohne Gott und Gebot zu sein pflegen, zu befehligen vermochte. Seine Untergebenen waren größtenteils selbständige Abenteurer, die keine andere Gewalt als die der Büchse und des Bowiemessers anerkannten, und er gründete daher sein Ansehen auf eine unbeugsame Strenge und eine unbestechliche Gerechtigkeit, die viel dazu beigetragen hatten, das gute Einvernehmen zu erhalten, das zwischen den Bewohnern des Forts und ihren arglistigen Feinden bestand. Seit einigen Jahren schien der Friede – das Mißtrauen abgerechnet, das dessen Grundlage bildete – zwischen den Bleichgesichtern und den Rothäuten ziemlich fest gegründet zu sein. Die Indianer schlugen alljährlich ihr Lager vor der Feste auf und tauschten ihre Pelzwaren friedlich gegen Branntwein, Kleider, Pulver usw. ein. Die aus siebzig Mann bestehende Garnison vernachlässigte allmählich die gewohnten Vorsichtsmaßnahmen für ihre Sicherheit, so überzeugt hielt man sich, daß man durch Nachgiebigkeit und gute Behandlung die Indianer von ihren raubsüchtigen Gewohnheiten geheilt habe. An dem Tag, wo uns der fernere Verlauf unserer Erzählung nötigt, uns nach Fort Mackenzie zu begeben, war die Stellung, die die Weißen und die Rothäute gegenseitig einnahmen, folgende: Die Umgebung des Forts ist reizend und reich an Abwechslung. Am Tag nach den im Dorf der Kenhas eingetretenen Ereignissen steuerte eine aus Leder gefertigte Piroge, in der sich ein einziger Ruderer befand, den Elkhorn River entlang, auf den amerikanischen Vorposten zu. Nachdem das Fahrzeug die unzähligen Biegungen des Flusses umschifft hatte, lief es endlich in den Missouri ein, drehte sich plötzlich nach Nordosten und fuhr am nördlichen Ufer entlang, an dem sich prächtige, wenigstens zwanzig Stunden breite Prärien erstreckten, auf denen zahlreiche Herden Bisons, Antilopen und Bighorns weideten, die das geräuschlos vorübergleitende Fahrzeug mit gespitzten Ohren und entsetzten Blicken betrachteten. Aber der Ruderer – ob Mann, ob Weib – schien zu große Eile zu haben, ans Ziel zu kommen, um die Zeit damit zu verlieren, eins der Tiere zu erlegen, was leicht genug gewesen wäre. Der geheimnisvolle Steuermann hielt den Blick starr vor sich hin gerichtet, bückte sich emsig über die Ruder, und je näher er dem ersehnten Ziel kam, um so mehr verdoppelte er seine Anstrengungen und stieß von Zeit zu Zeit dumpfe Ausrufe des Zorns oder der Ungeduld aus, ohne jedoch seine Fahrt zu mäßigen. Endlich entschlüpfte ein »Ah!« der Befriedigung seinen zusammengepreßten Lippen, als das Fahrzeug um eine der zahllosen Biegungen des rechten Flußufers bog und sich plötzlich eine prachtvolle Landschaft öffnete. Sanfte Abhänge, deren Gipfel verschiedenartig gestaltet – bald abgerundet, bald flach – und von einem freundlichen Grün waren, bildeten den Hintergrund des Bildes. Im Vordergrund grünten hohe Pappelwälder und Weiden, die am geschlängelten Ufer des Flusses standen, der sich durch die Prärie wand, die im Abenddunkel eine bläuliche Färbung angenommen hatte. Ein wenig weiter hin erhob sich Fort Mackenzie auf der Höhe eines grünbewachsenen Hügels, von dessen Mast die schöne gesternte Flagge der Vereinigten Staaten flatterte und in den letzten Strahlen der untergehenden Sonne erglänzte, während von der einen Seite das indianische Lager sichtbar wurde, indessen eine Herde Pferde auf der anderen Seite friedlich graste und die erhabene, majestätische Ruhe des Bildes belebte. Die Piroge näherte sich dem Ufer mehr und mehr und strandete sanft im Sand, sobald sie sich unter dem Schutz der Kanonen des Forts befand. Der einsame Ruderer sprang mit einem Satz ans Ufer, und jetzt konnte man deutlich sehen, daß es eine Frau war. Jene Frau war, wie wir sofort vorausschicken wollen, keine andere als das geheimnisvolle Wesen, dem die Indianer den Beinamen Wölfin der Prärien gegeben hatten und das in unserer Erzählung bereits zweimal aufgetreten ist. Die Frau hatte ihre Kleidung geändert; diese näherte sich wegen des Stoffes, aus dem sie bestand, zwar immer noch der indianischen Tracht – sie war nämlich aus zusammengenähten Elch- und Bisonfellen gefertigt –, wich aber im Schnitt von letzterer ab, und wenn es auf den ersten Blick auch schwer war zu entscheiden, ob der Träger ein Mann oder ein Weib sei, war es hingegen leicht, diesen wegen der Einfachheit, der Sauberkeit und besonders der Weite des Gewandes, das das seltsame Geschöpf umhüllte, das sich darunter verbarg, für einen Weißen zu erkennen. Nachdem die Wölfin aus ihrem Kahn gestiegen war, befestigte sie diesen mittels eines großen Steines, und ohne sich weiter darum zu kümmern, schritt sie eilig zum Wald. Es war ungefähr sechs Uhr abends, und der Tauschhandel mit den Indianern war beendet; diese kehrten singend und lachend zu ihren Zelten aus Bisonfellen zurück, während die im Dienst des Forts stehenden Rothäute ihre Pferde sammelten und langsam damit heimkehrten. Die Sonne ging hinter den schneebedeckten Spitzen des Felsengebirges unter und färbte den Himmel mit purpurnen Streiflichtern. In dem Maße, wie das Gestirn am fernen Rand des Horizonts verschwand, breitete sich die Dunkelheit gleichmäßig über die Erde. Der Gesang der Indianer, das Geschrei der Pferdehirten, das Gewieher der Pferde und das Gebell der Hunde bildeten eines jener seltsamen Konzerte, die inmitten jener erhabenen Natur die Seele zu stiller, schwermütiger Einkehr stimmen. Die Wölfin gelangte vor die Tür des Forts, als eben der letzte Dienstknecht eintrat, nachdem er die Nachzügler seiner Herde hatte vorausgehen lassen. An den Grenzposten, wo man wegen des überall lauernden Verrats zu der größten Wachsamkeit gezwungen ist, sind Tag und Nacht Schildwachen aufgestellt, die die besondere Pflicht haben, die öden, einsamen Prärien mit den Augen zu durchforschen, die sich rings um die Festung in unabsehbare Fernen erstrecken und jeden Augenblick bereit sind, die geringste ungewohnte Bewegung zu verkünden, die entweder Tiere oder Menschen in jenen ungeheuren Einöden vornehmen. Die lederne Piroge der Wölfin war bereits seit sechs Stunden entdeckt, alle ihre Bewegungen waren sorgsam beobachtet worden, und als die Wölfin, nachdem sie ihr Fahrzeug am Ufer befestigt hatte, am Tor des Forts erschien, fand sie dieses fest verriegelt; nicht weil ihre Person der Garnison irgendwelche Befürchtungen einflößte, sondern weil die Hausordnung verlangte, daß niemand – außer wegen sehr triftiger Gründe – die Festung nach Sonnenuntergang betreten sollte. Die Wölfin unterdrückte sorgfältig ihren Mißmut, als sie sich so der Gefahr ausgesetzt sah, die Nacht unter freiem Himmel zuzubringen; nicht wegen der Notwendigkeit, sich in der Ebene ein Lager zu suchen, sondern aus Gründen, die ihren sofortigen Einlaß erheischten und deren Wichtigkeit sie erkannte. Sie ließ sich indessen nicht abschrecken, sondern bückte sich, las einen Stein auf und schlug damit zweimal gegen das Tor. Ein Schiebefenster öffnete sich sofort, und ein Paar Augen funkelten durch die Öffnung. »Wer da?« fragte eine Stimme barsch. »Gut Freund!« antwortete die Wölfin. »Das klingt zu der Stunde der Nacht sehr unbestimmt«, erwiderte die Stimme mit einem Hohngelächter, das den Wünschen der Wölfin wenig Erfolg versprach. »Wer seid Ihr?« »Eine Frau, und zwar eine Weiße, wie Sie es leicht an meiner Sprache und an der Kleidung sehen können.« »Wohl möglich; aber die Nacht ist finster, und es ist mir nicht möglich, Euch zu erkennen! Wenn Ihr mir daher keine triftigeren Gründe anführen könnt, so wünsche ich eine gute Nacht; geht Eures Weges weiter, morgen bei Sonnenaufgang sehen wir uns wieder.« Bei diesen Worten schien der Sprecher die Lücke wieder zuschieben zu wollen, doch hielt ihn die Wölfin entschlossen zurück. »Einen Augenblick!« sagte sie. »Was gibt es noch?« fragte jener von innen in mißmutigem Ton. »Faßt Euch kurz; ich kann nicht die ganze Nacht hier stehen, um Euch anzuhören.« »Ich will nur eine Frage stellen und um eine Gefälligkeit bitten«, erwiderte sie. »Teufel!« rief der Mann aus. »Das ist viel in einem Atem; als ob das alles eine Kleinigkeit wäre! Nun, redet nur, das verpflichtet mich ja noch zu nichts.« »Ist Major Melville gegenwärtig im Fort?« »Vielleicht.« »Sagt ja oder nein.« »Nun ja; was weiter?« Die Wölfin stieß einen Seufzer der Befriedigung aus, zog rasch einen Ring, den sie am Finger trug, ab, steckte diesen durch die Luke dem Mann im Innern zu und sagte: »Tragt dem Major den Ring hin; ich warte hier auf Antwort.« »Hütet Euch! Der Kommandant liebt es nicht, wegen einer Kleinigkeit gestört zu werden.« »Tut, wie ich gesagt habe; ich stehe für alles.« »Eine traurige Bürgschaft!« brummte jener. »Gleichviel – ich will es darauf ankommen lassen. Wartet!« Das Schiebefenster wurde zugemacht. Die Wölfin setzte sich auf den Rand eines Grabens, stützte ihre Ellbogen auf die Knie und barg den Kopf in den Händen. Die Nacht war unterdessen vollständig hereingebrochen; die Feuer der Indianer leuchteten wie Leuchtfeuer in der Ferne; in den schwankenden Gipfeln der hohen Bäume heulte der Abendwind, und zuweilen vermischte sich das Gebrüll der wilden Tiere mit dem gellenden Gelächter der Rothäute. Am schwarzen Himmel leuchtete kein Stern; vom Fluß aus erhob sich ein deutliches Gemurmel; die Natur schien mit einem Leichentuch bedeckt zu sein – kurz, alles verkündete ein nahendes Gewitter. Die Wölfin saß unbeweglich wie eine Sphinx. Nach Verlauf einer Viertelstunde rasselte es am Tor der Festung, worauf es halb geöffnet wurde. Die Wölfin sprang wie emporgeschnellt auf. »Kommt!« sagte eine Stimme. Sie trat ein. Die Tür wurde hinter ihr augenblicklich wieder geschlossen und verriegelt. Der Torposten stand vor ihr mit einer Fackel in der Hand. »Folgt mir!« sagte er. Sie verbeugte sich, ohne zu antworten, und schritt hinter ihrem Führer her. Dieser ging durch die ganze Länge des Hofes, wandte sich dann zu der Wölfin und sagte: »Hier ist es; der Major wartet.« »Klopft an!« antwortete sie. »Klopft selber an. Ihr braucht mich nicht mehr, und ich kehre auf meinen Posten zurück.« Hierauf grüßte er sie flüchtig und entfernte sich mit der Fackel. Die Wölfin blieb in der Dunkelheit allein. Sie strich sich mit der Hand über ihre schweißbedeckte Stirn, schien eine gewaltige Anstrengung zu machen und klopfte hastig an die Tür, indem sie murmelte: »Es muß sein.« »Herein!« rief eine Stimme von innen. Sie drehte den Schlüssel um, drückte an der Tür; sie gab nach, und die Wölfin stand vor einem Mann in mittleren Jahren, der militärische Kleidung trug und an einem Tisch saß, auf den er den Ellenbogen gestützt hatte. Er blickte sie scharf an. Der Mann konnte sie dank seiner Stellung und der Art, wie das Licht stand, vollkommen gut sehen, während sie seine im Schatten verborgenen Züge nicht erkennen konnte. Die Wölfin trat mit entschlossenem Schritt in das Zimmer. »Ich danke Ihnen dafür, daß Sie mich empfangen haben«, sagte sie. »Ich fürchtete schon, daß Sie die Erinnerung ganz verloren hätten.« »Wenn es ein Vorwurf sein soll, den Sie mir machen, verstehe ich Sie nicht«, antwortete der Offizier langsam; »und ich würde es dankbar erkennen, wenn Sie deutlicher reden wollten.« »Sind Sie nicht Major Melville?« »Ich bin derjenige, den man so nennt.« »Die Art, wie ich in die Feste eingelassen worden bin, beweist mir, daß Sie den Ring erkannt haben.« »Das habe ich, denn er erinnert mich an eine Person, die mir sehr teuer war«, antwortete er mit einem unterdrückten Seufzer. »Wie kommt er aber in Ihre Hände?« Die Wölfin betrachtete den Major einen Augenblick mit trauriger Miene, trat dann zu ihm, erfaßte seine Hand, drückte sie herzlich zwischen ihren Händen und antwortete mit tränenerstickter Stimme: »Harry, der Kummer hat mich wohl sehr verändert, weil dir nicht einmal der Klang meiner Stimme bekannt vorkommt.« Bei diesen Worten bedeckte sich das Gesicht des Offiziers mit einer Totenblässe; er stand blitzschnell auf, seine Glieder bebten krampfhaft, er erfaßte gleichfalls beide Hände der Frau und rief, während er sie mit den Augen verschlang: »Margarete, Margarete, meine Schwester! Stehen die Toten aus ihren Gräbern auf, da ich dich wiederfinde?« »Ach«, rief sie, indem sie sich mit unaussprechlichem Entzücken in seine Arme stürzte, »ich wußte wohl, daß er mich erkennen würde!« Aber die Erschütterung war für die arme Frau zu heftig, deren Kräfte durch den Kummer bereits untergraben waren. Sie war so sehr gewöhnt zu leiden, daß sie das Glück nicht zu ertragen vermochte und in den Armen ihres Bruders das Bewußtsein verlor. Der Major stützte seine Schwester in seinen Armen und legte sie auf eine Art Ruhebank, die die eine Seite des Zimmers einnahm, und widmete ihr, ohne fremde Hilfe herbeizurufen, die aufmerksamste Pflege. Die Wölfin lag lange Zeit bewußtlos da, während ein heftiger Nervenkrampf ihre Glieder schüttelte. Allmählich kam sie wieder zu sich und brach, nachdem sie einige abgerissene Worte ausgestoßen hatte, in Tränen aus. Ihr Bruder verließ sie keinen Augenblick, sondern beobachtete die Zeichen des wiederkehrenden Lebens mit ängstlicher Spannung. Als er erkannte, daß der Kampf im Abnehmen war, rückte er einen Stuhl heran, setzte sich neben seine Schwester und suchte ihr mit sanften Worten wenn auch nicht Hoffnung – da er nicht wußte, was sie gelitten hatte –, doch Mut einzuflößen. Endlich richtete sich die arme Frau in die Höhe, wischte mit entschlossener Gebärde die Tränen aus ihren brennenden Augen, wandte sich zu ihrem Bruder, der ihre geringsten Bewegungen aufmerksam beobachtete, und sagte mit gebrochener Stimme: »Es sind bereits sechzehn Jahre verflossen, mein Bruder, seitdem ich die tägliche, stündliche entsetzliche Qual erdulde.« Bei diesen furchtbaren Worten erbebte der Major. »Arme Schwester!« murmelte er. »Was kann ich für dich tun?« »Alles, wenn du willst.« »Du zweifelst doch nicht an mir, Margarete?« rief er aus, indem er mit der Faust heftig auf die hölzerne Lehne der Ruhebank schlug. »Nein, sonst wäre ich nicht gekommen«, sagte sie, durch ihre Tränen lächelnd. »Du willst dich rächen, nicht wahr?« »Gewiß!« »Wer sind deine Feinde?« »Die Rothäute.« »Aha!« erwiderte er bitter. »Das ist mir um so lieber, als ich mit jenen Schurken auch eine Rechnung abzuschließen habe. Welchem Stamm gehören deine Feinde an?« »Dem Stamm der Schwarzfüße; es sind Kenhas.« »Ach«, erwiderte der Major, »meine alten Freunde, die Indianer vom Blut also. Ich sinne schon lange auf einen Vorwand, um ihnen eine Züchtigung angedeihen zu lassen.« »Einen solchen Vorwand liefere ich dir, Harry!« rief sie feurig aus. »Und glaube ja nicht, daß es ein leerer, nur vom Haß eingegebener Vorwand ist. Nein, ich will dir eine furchtbare Verschwörung entdecken, die sämtliche Indianer vom Missouri gegen die Weißen im Schilde führen – eine Verschwörung, die in wenigen Tagen, ja vielleicht schon morgen ausbrechen wird.« »Wirklich?« sagte der Major nachdenklich. »Ich habe bereits seit einigen Tagen – ohne eigentlich zu wissen warum – Verdacht geschöpft! So hat mich meine Ahnung doch nicht betrogen. Rede, Schwester, rede schnell, ich beschwöre dich! Und da du, um deine Rache zu befriedigen, deine Zuflucht zu mir genommen hast, so gelobe ich bei Gott, dich an den roten Teufeln in einer Weise zu rächen, an die ihre Kinder und Kindeskinder noch in hundert Jahren mit Schrecken zurückdenken sollen!« »Ich danke dir für dieses Versprechen, Bruder, und nehme dich beim Wort.« »Enthält die Erzählung deines Unglücks Beziehungen zu der Verschwörung, die du mir entdecken willst?« »Sehr enge.« »Gut; es ist kaum zehn Uhr, wir haben die Nacht noch vor uns; erzähle mir daher, was du erlebt hast, seitdem wir uns trennten.« »Höre mich an, Bruder, und habe Nachsicht mit mir, denn bald wirst du sehen, wieviel ich gelitten habe.« Der Major drückte ihr die Hand, zog, ohne zu antworten, einen Stuhl heran, und nachdem er, um nicht gestört zu werden, die Tür verriegelt hatte, nahm er Platz an ihrer Seite. »Rede, Margarete«, sagte er, »und entdecke mir alles; ich will keine der Qualen übergangen wissen, die du in der langen Zeit unserer Trennung erduldet hast.« 18 Die Bekenntnisse einer Mutter Es gibt im Leben Zeiten, wo uns entweder durch den Einfluß unserer äußeren Umgebung oder weil eine geheimnisvolle Gewalt in unserem Inneren waltet, uns ein Gefühl der Trauer überfällt, das wie eine Epidemie in der Luft zu liegen scheint. Bruder und Schwester empfanden, als sie bei einer qualmenden Lampe in dem schlecht verwahrten Zimmer beisammensaßen, die Gewalt eines solchen Einflusses. Von außen schlug der Regen gegen die Scheiben, der Wind ächzte durch den dünnen Bretterverschlag und wehte die Flamme der Lampe hin und her, während undeutliche Laute zuweilen gleich Seufzern emporstiegen und in der Ferne verhallten. Die Hunde sandten einander bellend ihre Grüße zu, die die Schar der indianischen Hunde von der Prärie aus kläglich erwiderte. Alles schien dahin zu wirken, die Seele traurig und träumerisch zu stimmen. Nach einer ziemlich langen Pause ergriff die Wölfin – oder vielmehr Margarete Melville, wie ihr wahrer Name lautete – mit leiser, bebender Stimme das Wort. Der Klang dieser Stimme war mit der in der Natur herrschenden Stimmung in vollkommenem Einklang, denn es tobte draußen einer jener furchtbaren Orkane, die in jenem Himmelsstrich so häufig sind und die wir glücklicherweise bei uns noch nicht kennen. »Es sind jetzt beinahe siebzehn Jahre her«, sagte sie, »und du, Harry, hattest eben, wie ich glaube, dein Leutnantspatent in der Armee erhalten; du warst damals jung und feurig, und die Zukunft lächelte dir in den heitersten Farben. Du kamst eines Abends bei einem Wetter gleich dem gegenwärtigen zu der Ansiedlung, die mein Mann und ich ausbeuteten, um uns zu verkünden, welche neue Stellung dir die Regierung anweise, und uns zugleich einen herzlichen Abschied zu sagen, in der Hoffnung, die wir damals teilten, daß die Trennung nicht lange dauern würde. Am nächsten Morgen ließest du dich durch keine Bitten zurückhalten, sondern umarmtest meine Kinder, drücktest meinem Mann, der dich so herzlich liebte, die Hand, gabst mir einen letzten Kuß und schwangst dich auf dein Pferd, das mit verhängten Zügeln davonjagte und bald hinter einer Staubwolke mit dir verschwand. Wer hätte damals gedacht, daß wir uns erst heute wiedersehen würden und nach einer siebzehnjährigen Trennung auf indianischem Gebiet und unter gefahrvollen Umständen wieder vereinigt werden sollten? Aber Gott hat es so gewollt; gelobt sei sein heiliger Name! Es hat ihm gefallen, seine Geschöpfe zu prüfen und seine Hand schwer auf ihnen ruhen zu lassen.« »Sechs Monate nach jenen Ereignissen kehrte ich vergnügt zurück, sah aber mit unbeschreiblicher Bangigkeit, als ich vor eurer Tür hielt, einen Fremden aus eurem Haus treten«, antwortete der Major. »Auf meine dringenden Fragen antwortete er, daß die ganze Familie bereits vor drei Monaten ausgewandert sei und nach Westen gezogen wäre, in der Absicht, an der indianischen Grenze eine neue Niederlassung zu gründen. Vergebens erkundigte ich mich bei allen euren Nachbarn nach euch; sie hatten euch bereits vergessen. Niemand konnte - oder wollte vielleicht – Auskunft über euch geben, und ich mußte abreisen und mit trostlosem Herzen denselben Weg zurückkehren, den ich vor wenigen Tagen so vergnügt gekommen war. Seit der Zeit habe ich trotz aller Mühe, die ich mir gegeben, und aller Schritte, die ich deshalb getan habe, nichts von eurem ferneren Schicksal erfahren und das geheimnisvolle Dunkel nicht aufklären können, das über den traurigen Ereignissen schwebte, deren Opfer ihr, wie ich überzeugt war, geworden sein mußtet.« »Deine Vermutung kommt der Wahrheit ziemlich nahe, Bruder«, erwiderte sie. »Zwei Monate nach deinem Besuch hatte mein Mann, der schon lange wünschte, unsere Niederlassung zu verlassen – weil der Boden, wie er sagte, nichts mehr tauge und die darauf verwendete Arbeit nicht mehr lohne –, einen heftigen Wortwechsel mit einem unserer Nachbarn wegen eines Stück Feldes, dessen Grenzen letzterer, wie mein Mann behauptete, in böser Absicht verrückt habe. Im gewöhnlichen Lauf der Dinge wäre ein solcher Streit bald beigelegt worden; mein Mann suchte aber nach einem Vorwand, um abzureisen, und gab ihn, als er ihn gefunden hatte, nicht so leicht wieder auf. Trotz aller Vorstellungen wollte er nichts von einer Schlichtung des Streites hören, sondern traf langsam seine Vorbereitungen zu der längst beabsichtigten Auswanderung und kündigte uns am anderen Tag an, daß wir am nächsten Morgen aufbrechen würden. Wenn mein Mann einmal etwas beschlossen hatte, blieb nichts übrig, als ihm zu gehorchen, denn er gab nie einen gefaßten Vorsatz wieder auf. Am bestimmten Tag verließen wir bei Sonnenaufgang die Ansiedlung, unsere Nachbarn gaben uns während des ersten Tages das Geleit, und nachdem sie die wärmsten Wünsche für das Gelingen unserer Pläne ausgesprochen hatten, verließen sie uns am Abend, und wir blieben allein. Ich hatte das Haus, in dem ich getraut worden war, mit unsäglicher Trauer und schwerem Herzen verlassen; war es doch die Geburtsstätte meiner Kinder und der Ort, wo ich selbst die glücklichsten Jahre verlebt hatte. Mein Mann war vergebens bemüht, mich zu trösten und mir Mut zuzusprechen – nichts vermochte die süße und teure Erinnerung an die alte Heimat zu verlöschen. Je tiefer wir in die Wildnis drangen, um so größer wurde meine Trauer; mein Mann hingegen sah alles im rosigsten Licht, die Zukunft gehörte ihm, er wollte endlich frei sein und nach eigenem Gutdünken handeln. Er setzte mir seine Pläne auseinander, suchte mich für diese zu gewinnen – kurz, er wandte alles, was in seinen Kräften stand, an, um mich aus meiner Schwermut zu reißen; es wollte ihm aber nicht gelingen. Wir setzten indessen unsere Reise unaufhaltsam fort und entfernten uns jeden Tag mehr von dem Bereich unserer Landsleute. Ich stellte meinem Mann vergebens vor, wie fern von aller Hilfe wir für den Fall der Gefahr wären und wie verlassen wir überhaupt sein würden; er lachte über alle meine Sorgen, versicherte mir wiederholt, daß die Indianer keineswegs so furchtbar seien, als man sie schildere, und daß wir nichts zu fürchten hätten, da sie nicht wagen würden, uns anzugreifen. Mein Mann war von der Wahrheit seiner Behauptung so durchdrungen, daß er versäumte, die einfachsten Vorsichtsmaßnahmen gegen einen etwaigen Überfall zu ergreifen, und an jedem Morgen sagte er in neckendem Ton zu mir: ›Du bist eine Närrin, Margarete; sei doch vernünftig, die Indianer werden sich hüten, uns in den Weg zu kommen!‹ Während einer Nacht wurde das Lager von den Rothäuten angegriffen, wir wurden im Schlaf überfallen und mein Mann lebendig geschunden, während zu seinen Füßen seine Kinder über einem langsamen Feuer verbrannten.« Bei diesen Worten klang die Stimme der armen Frau immer erstickter, und zuletzt überwältigte sie ihre Rührung so sehr, daß sie nicht weiterreden konnte. »Fasse Mut!« sagte der Major, der zwar ebenso erschüttert war wie sie, seine Gefühle aber besser zu beherrschen verstand. Sie bestrebte sich mühsam, nach Fassung zu ringen, und fuhr mit stockender Stimme und in abgerissenen Worten fort: »Aus einer Grausamkeit, deren Grund ich nicht sofort erkannte, blieb mein jüngstes Kind, meine Tochter, von den Heiden verschont. Als ich die Marter meines Mannes und meiner Kinder sah, der beizuwohnen man mich zwang, empfand ich einen solchen Schmerz, daß ich zu sterben meinte; ich stieß einen lauten Schrei aus und fiel rücklings zu Boden. Ich kann nicht sagen, wie lange ich so gelegen habe; als ich zu mir kam, war ich allein – wahrscheinlich hielten mich die Indianer für tot und hatten mich daher verlassen. Ich stand wieder auf, und ohne recht zu wissen, was ich tat, schleppte ich mich, wie von höherer Gewalt getrieben, nach der Stelle, wo die Greueltat verübt worden war. Ich mußte drei Stunden wandern, kann aber nicht begreifen, wie ich so weit weg vom Lager geraten war. Endlich kam ich hin – ein entsetzliches Schauspiel bot sich meinen erschrockenen Blicken, und ich rollte bewußtlos auf die entstellten und halb verkohlten Überreste meiner Kinder. Wahrscheinlich gab mir die Verzweiflung die Kräfte, die mir abgingen, zurück; ich grub, halb sinnlos vor Schmerz, ein Grab und vergrub meinen Mann und meine Kinder – alles, was mir auf Erden teuer gewesen war - unter einem gemeinsamen Hügel. Als ich diese traurige Pflicht erfüllt hatte, beschloß ich, mich hinzulegen, um an derselben Stelle zu sterben, wo meine Lieben umgekommen waren. Aber es gibt Zeiten während der langen Stunden der Nacht, wo die Toten mit den Lebenden reden, um ihnen zu befehlen, sie zu rächen! Ich vernahm während jener unvergeßlichen Nacht die furchtbar mahnende Stimme aus dem Grab, die während eines schrecklichen Aufruhrs der Elemente, der den ganzen Erdball aus den Fugen zu reißen drohte, zu meinem Ohr drang. Von Stund an war mein Entschluß gefaßt, und ich wollte das Leben ertragen, um sie rächen zu können. Ich bin seit jener Zeit keinen Zollbreit von der Bahn gewichen, die ich mir vorgezeichnet hatte, und sooft sich die Gelegenheit dazu bot, suchte ich jenen Heiden Böses mit Bösem zu vergelten! Ich bin der Schrecken der Prärien geworden, und die Indianer fürchten mich wie einen bösen Geist und betrachten mich mit unüberwindlicher, abergläubischer Furcht. Man hat mich die lügenhafte Wölfin der Prärien benannt, denn sooft ihnen eine Gefahr droht oder ein Unglück bevorsteht, erscheine ich vor ihren Blicken! Ich warte bereits seit siebzehn Jahren unermüdlich auf die Stunde der Rache und verliere nicht den Mut, denn ich bin gewiß, daß der Tag kommen wird, wo ich gleichfalls das Knie auf die Brust meiner Feinde stemmen und ihnen die furchtbaren Qualen vergelten kann, zu denen sie mich verdammt haben.« Bei den letzten Worten drückte die Miene der Frau so viel Grausamkeit aus, daß der Major trotz seines Mutes schauderte. »Kennst du deine Feinde?« sagte er nach einer Weile. »Und kannst du sie beim Namen nennen?« »Ich kenne sie alle«, antwortete sie in schneidendem Ton, »und weiß ihre Namen.« »Sind sie es, die den Frieden brechen wollen?« Margarete lächelte ironisch. »Nein, sie werden den Frieden nicht brechen, mein Bruder, sondern dich unvermutet überfallen, denn sie haben sich zu einem gewaltigen Bund vereinigt, dem du – wenigstens wie sie meinen – nicht wirst widerstehen können.« »Nenne mir die Namen jener Verräter, Schwester!« rief der Major energisch aus. »Ich schwöre dir, daß ich sie finden werde – und hätten sie sich im tiefsten Abgrund der Hölle versteckt –, um sie auf exemplarische Weise zu züchtigen.« »Ich kann dir jetzt die Namen noch nicht nennen, mein Bruder; aber sei unbesorgt, bald sollst du sie kennen. Du wirst sie nicht sehr weit zu suchen brauchen, denn ich mache mich verbindlich, sie in den Bereich der Büchsen deiner Soldaten und Jäger zu bringen.« »Sieh dich vor, Schwester«, sagte der Major kopfschüttelnd, »denn in einer solchen Angelegenheit ist der Haß ein schlechter Ratgeber, und wer zuviel haben will, läuft Gefahr, nichts zu erhalten!« »Ach«, erwiderte sie, »meine Maßnahmen sind schon lange getroffen; schon sind sie in meiner Hand, und ich kann sie leicht fassen, sobald ich will oder vielmehr, wenn die Zeit dazu gekommen ist.« »Tu nach deinem Gefallen, meine Schwester, und rechne auf meinen Beistand; die Rache berührt mich selbst zu nahe, als daß ich zugeben könnte, daß sie mir entginge.« »Dank!« sagte sie. »Verzeih mir«, fuhr er nach einer Weile fort, »wenn ich auf die schmerzlichen Ereignisse zurückkomme, die du mir erzählt hast, doch scheint mir, daß du einen wichtigen Umstand übergangen hast.« »Ich verstehe dich nicht, Bruder.« »Ich will mich deutlicher erklären. Wenn mich mein Gedächtnis nicht trügt, hast du mir gesagt, daß deine Tochter dem Schicksal ihrer Brüder entgangen und durch die Indianer gerettet worden ist.« »Ja, Bruder, das habe ich allerdings gesagt«, antwortete sie mit erstickter Stimme. »Nun, was ist aus dem unglücklichen Kind geworden? Lebt es noch? Weißt du etwas von ihm? Hast du es wiedergesehen?« »Meine Tochter lebt; ich habe sie gesehen.« »So?« »Ja, der Mann, der sie rettete, hat sie erzogen – ja an Kindes Statt angenommen«, fügte sie höhnisch hinzu. »Weißt du, was der Mann mit der Tochter des Mannes zu tun gedenkt, dessen Henker er gewesen ist? Denn er, er allein ist es gewesen, der meinen Mann, nachdem er ihn an einen Baum gebunden hatte, lebendig geschunden hat. Kannst du dir denken, Bruder, was seine Absicht ist?« »Rede, um Gottes willen!« »Was ich dir mitzuteilen habe, ist entsetzlich – ja so furchtbar, daß ich mich scheue, es dir zu entdecken.« »Mein Gott!« rief der Major aus, indem er unwillkürlich vor dem flammenden Blick seiner Schwester zurückbebte. »Wohlan!« fuhr sie mit erzwungenem Lachen fort. »Meine Tochter ist herangewachsen und zu einer so schönen Frau herangereift, als man sich irgend vorstellen kann. Das Herz jenes Mannes, jenes Teufels, jenes wilden Tieres ist beim Anblick dieses Engels geschmolzen. Er liebt sie wahnsinnig und will sie zu seiner Frau machen.« »Entsetzlich!« rief der Major aus. »Nicht wahr, das ist entsetzlich!« erwiderte sie, indem sie fortfuhr, gellend und krampfhaft zu lachen, was schrecklich zu hören war. »Er hat der Tochter seines Opfers verziehen! Ja, er ist großmütig; er vergißt die Qualen, die er dem Vater verursacht hat, und begehrt die Tochter!« »Das ist ja entsetzlich, meine Schwester; solche Niederträchtigkeit und Schamlosigkeit ist selbst unter den Indianern unerhört!« »Meinst du etwa, daß ich dich täusche?« »Fern von mir ist ein solcher Gedanke, meine Schwester; doch jener Mann ist ein Ungeheuer!« »Ja, so ist es.« »Du hast also deine Tochter gesehen, mit ihr gesprochen?« »Ja.« »Du wirst sie gewiß vor der schändlichen Liebe gewarnt haben.« »Ich?« rief sie hohnlachend aus. »Kein Wort habe ich ihr gesagt!« »Wie?« erwiderte er verwundert. »Mit welchem Recht würde ich so zu ihr gesprochen haben?« »Mit welchem Recht? Bist du nicht ihre Mutter?« »Sie weiß es nicht.« »Ach!« »Und meine Rache?« antwortete sie kalt. In dem Wort sprach sich der Charakter jener Frau so unumwunden aus, daß das Herz des alten Soldaten in seiner Brust stillstand. »Unglückliche!« rief er aus. Ein verächtliches Lächeln flog um die Lippen der Wölfin. »Ja, so seid ihr anderen!« sagte sie herb. »Ihr Städter, ihr Weichlinge der Zivilisation! Wenn ihr die Leidenschaft begreifen sollt, muß sie sich in gewissen Grenzen halten, die ihr im voraus gezogen habt. Ihr entsetzt euch vor der Rache mit all ihrer Wut und ihrem Übermaß. Ihr erkennt nur die hinkende, entsetzliche Rache an, die die Behörde gutheißt. Bruder, wer das Ende will, muß das Mittel wollen. Was kümmert es mich, ob ich über Trümmer steigen oder durch Blut waten muß, wenn ich nur das bestimmte Ziel erreiche? Nein, ich gehe gerade vor mich hin mit der unheilvollen Gewalt des Stromes, der alle Hindernisse zertrümmert und vernichtet, die sich auf seinem Weg erheben. Mein Ziel ist die Rache; Blut um Blut und Aug' um Auge lautet das Gesetz der Prärien; es ist auch das meinige, und ich werde meiner Rache genügen und sollte ich auch ... Aber«, fuhr sie einlenkend fort, »wozu die vielen müßigen Worte zwischen uns, mein Bruder? Beruhige dich, denn meine Tochter ist durch ihren eigenen Instinkt besser geschützt worden, als es meine Ratschläge vermocht hätten. Sie liebt jenen Mann nicht, ich weiß es; sie hat mir gesagt, daß sie ihn niemals lieben würde.« »Gott sei Dank!« stöhnte der Major. »Ich habe nur einen Wunsch, einen einzigen«, fuhr sie schwermütig fort: »Ich möchte nach vollzogener Rache meine Tochter wiederfinden, sie in meine Arme drücken, sie küssen nach Herzenslust und ihr endlich entdecken, daß ich ihre Mutter bin.« Der Major schüttelte traurig den Kopf. »Sieh dich vor, meine Schwester«, sagte er in strengem Ton. »Gott hat gesagt: \>Die Rache ist mein.\< Sieh dich vor, daß du nicht schwer dafür gezüchtigt wirst, daß du dich zum Werkzeug der Vorsehung aufgeworfen hast und ihr Werk vollbringen wolltest. Vielleicht trifft es dich gerade in der Person, die dir am teuersten ist.« »Rede nicht so, mein Bruder!« rief sie erschrocken aus. »Du bringst mich um den Verstand!« Der Major senkte stumm den Kopf. Bruder und Schwester saßen einander eine Zeitlang gegenüber, ohne ein Wort zu sagen. Beide waren in Nachdenken vertieft. Die Wölfin nahm die Unterhaltung zuerst wieder auf. »Wenn du erlaubst, lieber Bruder, wollen wir den traurigen Gegenstand eine Zeitlang ruhen lassen, um uns mit dem zu beschäftigen, was dich persönlich betrifft – nämlich mit der großen Verschwörung, die die Indianer gegen dich angezettelt haben.« »Ich gestehe«, erwiderte er aufseufzend, »daß ich sehr zufrieden bin; mein Kopf ist ganz wüst, und wenn es eine Zeitlang so fortgeht, so glaube ich, weiß Gott, daß ich unter mehreren Stunden nicht imstande sein werde, meine Begriffe zu ordnen, so tief hat mich deine Erzählung erschüttert.« »Ich danke dir.« »Die Nacht ist vorgerückt, meine Schwester, ja ist fast ganz vergangen. Wir haben daher keine Zeit zu verlieren; ich bin ganz Ohr.« »Ist die Garnison der Festung vollzählig?« »Ja.« »Aus wieviel Mann besteht sie?« »Aus siebzig; ungefähr fünfzehn Jäger und Trapper nicht mit eingerechnet, die gegenwärtig zwar draußen beschäftigt sind, die ich aber jeden Augenblick einberufen kann.« »Gut! Bedarfst du deiner sämtlichen Mannschaft zur Verteidigung des Forts?« »Es kommt darauf an. Warum?« »Weil ich beabsichtige, mir zwanzig Mann von dir geben zu lassen.« »So? Zu welchem Zweck?« »Du sollst es gleich erfahren. Du bist allein hier und hast von keiner Seite Hilfe zu erhoffen, weil die Indianer, während sie die Festung belagern, deine Verbindung mit Fort 19 Die Jagd Als Natah-Otann in die Hütte trat, die die Weißen bewohnten – angeblich, um sie aufzufordern, sich für die Jagd fertig zu machen –, hatte sein forschender Blick in wenigen Sekunden jeden Winkel der Wohnung überschaut. Der indianische Häuptling war zu schlau, als daß ihm das gezwungene Wesen und die verlegene Miene des Grafen hätten entgehen sollen; er fühlte aber, daß es unklug sein würde, seinen Verdacht zu äußern. Er stellte sich daher, als bemerke er die Verlegenheit, die sein Eintritt verursachte, nicht, und setzte die Unterhaltung mit jener ausgesuchten Höflichkeit fort, die die Rothäute anzuwenden wissen, sobald sie sich die Mühe geben wollen. Freikugel und der Graf hatten ihrerseits ihre Fassung bald wiedergewonnen. »Ich hoffte kaum, meine bleichen Brüder schon munter zu finden«, sagte Natah-Otann lächelnd. »Warum das?« erwiderte der junge Mann. »In der Wildnis begnügt man sich mit wenig Schlaf.« »Die bleichen Jäger werden also kommen, mit ihren roten Brüdern zu jagen?« »Gewiß, wenn es Ihnen nicht unangenehm ist.« »Habe ich dem Gläsernen Auge nicht selbst versprochen, ihn einer schönen Jagd beiwohnen zu lassen?« »Ganz recht«, erwiderte der junge Mann lachend. »Sehen Sie sich aber vor, Häuptling, denn seitdem ich in der Prärie lebe, bin ich verteufelt wählerisch geworden, und es gibt wenig Wild, das ich nicht bereits gejagt habe. Ich bin ja nur aus reiner Liebhaberei für die Jagd in diese unbekannte Gegend gekommen; ich wiederhole Ihnen daher, daß ich ein seltenes Wild verlange.« Natah-Otann lächelte stolz. »Mein Bruder wird zufrieden sein«, sagte er. »Welches Tier wollen wir denn hetzen?« fragte der junge Mann verwundert. »Den Strauß Es ist hier von der amerikanischen Straußenart, dem Nandu, die Rede. (Anm. d. Hrsg.) .« Der Graf legte sein Erstaunen an den Tag. »Den Strauß? Das kann doch nicht sein, Häuptling.« »Und warum nicht?« »Aus dem einfachen Grund, weil es keinen gibt!« »Der Strauß wird allerdings immer seltener und flieht und entweicht vor den Weißen; er ist aber in der Prärie noch zahlreich genug vertreten, wovon ich meinem Bruder den Beweis liefern werde.« »Ich bin einverstanden.« »Gut, es ist alles bereit; ich werde bald kommen, meinen Bruder abzuholen.« Hierauf verneigte sich der Häuptling höflich und entfernte sich. Kaum fiel der Pelzvorhang hinter dem Häuptling herunter, als es anfing, sich unter den übereinandergehäuften Decken zu regen, und Lianenblüte auf den Grafen zueilte. »Höre«, sagte sie, indem sie ihm zärtlich die Hand drückte, »ich kann mich jetzt nicht näher erklären, die Zeit drängt; doch vergiß nicht, daß du dir eine Freundin erworben hast.« Ehe sich der Graf von seinem Erstaunen erholt hatte und ihr antworten konnte, war sie mit der Behendigkeit einer Gazelle entschlüpft. Der junge Mann strich sich mit der Hand wiederholt über die Stirn, während sein Auge nach der Stelle starrte, wo die Indianerin verschwunden war. »Ach«, murmelte er nach einer Weile, »habe ich denn endlich ein wahres Weib gefunden?« »Sie ist ein Engel!« sagte der Jäger als Antwort auf seine eigenen Gedanken. »Das arme Kind hat schon viel gelitten!« »Ja, aber jetzt bin ich da und werde sie beschützen!« rief der Graf begeistert aus. »Denken wir vor allen Dingen an uns selbst, Herr Graf, und sehen wir zu, wie wir mit heiler Haut davonkommen; es wird schwer genug fallen, das kann ich versichern.« »Was wollen Sie damit sagen, mein Freund?« »Genug; ich weiß, was ich weiß!« antwortete der alte Jäger kopfschüttelnd. »Denken wir vorläufig nur an unsere Vorbereitung zur Jagd, denn unsere Freunde, die Rothäute, werden bald erscheinen«, fügte er mit spöttischem Lächeln hinzu, was dem Grafen nicht unbedenklich erschien. Bald aber verlor sich der Eindruck, den die zweideutigen Worte des Jägers hervorgebracht hatten, denn die Liebe war plötzlich in das Herz des jungen Mannes gedrungen, und er hatte nur noch das Verlangen, diejenige wiederzusehen, die er aus allen Kräften seiner Seele liebte. Bei einem so feurig empfindenden Mann wie dem Grafen Beaulieu mußte jedes Gefühl notwendig leidenschaftlich auftreten; das geschah auch jetzt. Ich weiß nicht, wer behauptet hat, daß die Liebe nichts sei als ein periodischer Wahnsinn; jene vielleicht etwas rücksichtslose Bezeichnung eines Gefühls, das man übereinstimmend für die edelste menschliche Regung hält, ist indessen vollkommen wahr. Die Liebe läßt sich weder gebieten noch vermeiden; niemand weiß, wie und warum sie kommt, noch wie und warum sie geht. Sobald sie sich des menschlichen Herzens bemächtigt, herrscht sie unumschränkt darin, beugt die kräftigsten Naturen unter ihr Joch und treibt sie – je nach den Umständen – an, entweder große Verbrechen oder große Heldentaten zu begehen. Die Liebe entsteht infolge eines Wortes, einer Gebärde, eines Blicks; und kaum geboren, wächst sie zu riesenhafter Größe. Der Graf sollte es auf seine Unkosten erfahren. Kaum eine halbe Stunde nachdem sich Natah-Otann entfernt hatte, erscholl der Hufschlag mehrerer Pferde, und eine Truppe von Reitern hielt vor dem Calli. Der Graf, Freikugel und Ivon traten heraus. Natah-Otann erwartete sie an der Spitze von sechzig auserwählten Kriegern, die ihre Festkleider trugen und vollständig bewaffnet waren. »Fort!« sagte er. »Sobald Sie wollen«, antwortete der Graf. Der Häuptling winkte. Drei prachtvolle, auf indianische Weise aufgezäumte Pferde wurden von einem Kind herbeigeführt. Die Weißen schwangen sich in den Sattel, und die ganze Truppe setzte sich in Bewegung. Es war ungefähr sechs Uhr morgens. Der Sturm der vergangenen Nacht hatte den Himmel vollkommen reingefegt, und er war von einem sanften Blau. Die Sonne stand bereits hoch genug am Himmel, um ihre warmen Strahlen nach allen Richtungen auszusenden, während die würzigen, kräftigen Dünste, die vom Boden aufstiegen, die zu große Hitze milderten. Die Luft war von einer unglaublichen Klarheit; ein leiser Wind erfrischte die Atmosphäre, und Scharen buntschillernder Vögel flatterten unter fröhlichem Gezwitscher hin und her. Die Truppe zog heiter durch das hohe Gras der Ebene, trieb die Staubwolken vor sich her und schlängelte sich wie eine ungeheure Schlange durch die zahllosen Biegungen des Weges. Der Ort der Jagd war ungefähr drei Stunden vom Dorf entfernt. In der Wildnis gleicht eine Ebene der anderen vollkommen; überall sieht man hohes Gras, hinter dem die Reiter vollständig verschwinden, verkümmertes Gebüsch und hie und da hohe Waldbäume, die ihre Wipfel hoch in die Wolken erheben. So war auch der Weg, den die Indianer bis zu der Stelle, wo die Jagd stattfinden sollte, zurückzulegen hatten. Zu der Zeit, wo unsere Erzählung spielt, fand man in den Prärien von Arkansas und denen des Missouri noch Strauße in großer Zahl, und die Jagd auf diese war ein Hauptvergnügen der Rothäute und der Waldläufer. Es ist wahrscheinlich, daß das allmähliche Vordringen der Weißen sowie die ungeheuren Lichtungen, die das Feuer und die Axt hervorbrachten, sie gezwungen haben, jenes Gebiet zu verlassen, um sich in die unnahbaren Einöden des Felsengebirges oder in die Sandebenen des Far West zurückzuziehen. – Wir flechten hier, ohne uns ein Gelehrtenurteil anmaßen zu wollen, einige Bemerkungen über das seltsame Tier ein, das in Europa noch sehr wenig bekannt ist. Im allgemeinen leben die Strauße familienweise beisammen in einer Anzahl von acht bis zehn Stück und verstreuen sich an den Ufern der Moräste, Teiche und Flüsse. Sie nähren sich von frischen Kräutern. Ihre Anhänglichkeit an ihren Geburtsort ist so groß, daß sie die Ufer der Gewässer nur selten verlassen, und nur im November kommen sie in die Ebene, um ihre Eier, deren sie fünfzig bis sechzig haben, an irgendeiner der einsamsten Stellen niederzulegen. Nur des Nachts werden diese vom Männchen und vom Weibchen abwechselnd mit beispielloser Zärtlichkeit ausgebrütet. Sobald die Brütezeit beendet ist, zerhackt der Vogel mit seinem Schnabel die befruchteten Eier, die sich sofort mit Fliegen und Insekten bedecken, die den Jungen als Nahrung dienen. Der Strauß der westlichen Prärien unterscheidet sich nur wenig vom Nandu der Pampas von Patagonien und vom afrikanischen Strauß. Seine Höhe beträgt ungefähr fünf Fuß, während er von der Magengegend bis zur Spitze des Schwanzes viereinhalb Fuß mißt. Sein Schnabel ist lang, spitz und etwas über fünf Zoll lang. Ein herausragender Zug in der Gemütsart der Strauße ist ihre große Neugierde. Nicht selten drängen sie sich in den indianischen Dörfern, wo man sie wie Haustiere hält, zwischen die Leute, die miteinander reden, und sehen sie unverwandt und aufmerksam an. In der Ebene müssen sie ihre Neugierde häufig hart büßen, denn diese treibt sie dazu, alles aus der Nähe zu betrachten, was ihnen absonderlich vorkommt. Wir führen zum Beleg dafür eine recht unterhaltende indianische Geschichte an, deren Wahrheit wir indessen nicht verbürgen wollen. Die Jaguare sind große Liebhaber des schmackhaften Straußenfleisches; unglücklicherweise ist es ihnen trotz ihrer Behendigkeit unmöglich, diese einholen zu können. Da aber die Jaguare sehr schlaue Tiere sind, so pflegen sie durch List zu erlangen, was sie mit Gewalt nicht haben können. Sie bedienen sich bei passender Gelegenheit folgender List: Sie legen sich wie tot auf die Erde, strecken ihren Schwanz in die Luft und bewegen diesen nach allen Richtungen, bis die arglosen Strauße, von dem sonderbaren Anblick angezogen, näher kommen; das übrige läßt sich leicht erraten, und sie werden die Beute der listigen Jaguare. Nach einem raschen, dreistündigen Ritt erreichten die Jäger eine ungeheure öde Sandebene. Natah-Otann und seine weißen Gäste hatten unterwegs nur wenige Worte gewechselt, denn ersterer war fast während der ganzen Dauer der Reise mit dem Weißen Bison vorangeritten. Die Indianer stiegen in der Nähe eines Baches vom Pferd und tauschten ihre Tiere gegen Renner um, die der Häuptling während der Nacht an die Stelle vorausgeschickt hatte und die genug geruht hatten, um einen anstrengenden Ritt aushalten zu können. Natah-Otann teilte die Jäger in zwei Truppen von gleicher Stärke, behielt sich den Befehl über die erste vor und bot dem Grafen de Beaulieu höflich an, die Leitung der zweiten zu übernehmen. Der junge Franzose hatte einer solchen Jagd niemals beigewohnt; die Art, wie sie geführt wurde, war ihm völlig unbekannt; er lehnte daher die ihm zugedachte Ehre ab, für die er aber seinen verbindlichen Dank aussprach. Natah-Otann bedachte sich eine Zeitlang, dann wandte er sich zu Freikugel und fragte ihn: »Kennt mein Bruder die Strauße?« »Nun«, antwortete der Kanadier lächelnd, »ich habe diese in der Prärie zu einer Zeit gejagt, wo mein Bruder noch nicht geboren war.« »Gut«, erwiderte der Häuptling, »dann wird mein Bruder den Befehl über die zweite Truppe übernehmen.« »Gewiß«, sagte der Jäger, sich verbeugend; »das nehme ich mit Vergnügen an.« Nachdem man sich darüber geeinigt hatte, begann die Jagd. Auf ein gegebenes Zeichen begab sich die erste Truppe, die Natah-Otann anführte, tiefer in die Ebene, wobei sie einen Halbkreis bildete, in der Absicht, das Wild nach einer Schlucht zu treiben, die sich zwischen zwei aus Flugsand gebildeten Hügeln befand. Die zweite Truppe, an deren Spitze sich Freikugel nebst dem Grafen und Ivon befand, bildete eine lange Front, die den Halbkreis schloß, den ihre Kameraden beschrieben hatten. Durch die Bewegung der Reiter zog sich der Kreis mehr und mehr zusammen, bis ungefähr zehn Strauße hinter einer Erderhöhung sichtbar wurden; aber das Männchen, das als Schildwache aufgestellt war, warnte die Seinigen durch einen gellenden Pfiff, gleich dem des Hochbootsmanns, vor der drohenden Gefahr. Die Strauße ergriffen sofort in gerader Linie die Flucht, ohne sich umzusehen. Sämtliche Jäger sprengten ihnen mit verhängten Zügeln nach. Die bis dahin tote, stille Ebene belebte sich plötzlich und bot ein seltsames Schauspiel. Die Reiter verfolgten die unglücklichen Tiere mit der ganzen Schnelligkeit ihrer Pferde, wobei sie ganze Wolken feinen Staubes in die Höhe jagten. Schon hatten die Indianer das Wild bis auf zwölf oder fünfzehn Schritte erreicht und schwenkten, ihre Pferde anspornend und über deren Hals gebogen, ihre furchtbaren Streitäxte durch die Luft und schleuderten sie mit aller Gewalt nach den Tieren. Verfehlten sie ihr Ziel, so neigten sie sich, ohne den Lauf ihres Pferdes zu mäßigen, auf die Seite, hoben ihre Waffe wieder auf und schleuderten sie von neuem fort. Mehrere Straußenfamilien waren aufgescheucht worden. Die Jagd artete nun in einen wahren Freudentaumel aus. Das Hurrageschrei erschütterte die Luft. Die Streitäxte pfiffen durch die Luft und trafen Hals, Flügel und Beine der Strauße, die bestürzt und sinnlos vor Schrecken durch tausend Finten und Kreuzundquersprünge ihren unbarmherzigen Feinden zu entwischen versuchten und rechts und links mit den Flügeln um sich schlugen, um die Pferde mit der Art von Stachel zu verwunden, mit dem die Spitzen ihrer Flügel versehen sind. Etliche der Renner bäumten sich, strauchelten über fünf bis sechs Strauße, die sich unter ihren Beinen befanden, und stürzten mit ihren Reitern zu Boden. Die Vögel nützten die augenblickliche Verwirrung, um fortzustürzen, schlugen aber, ohne es zu wissen, die Richtung ein, wo die anderen Jäger standen, die sie mit einer Ladung von Streitäxten empfingen. Jeder Jäger stieg nun vom Pferd, tötete das von ihm getroffene Wild, schnitt ihm zum Zeichen seines Sieges die Flügel ab und setzte dann die Verfolgung mit doppeltem Eifer fort. Strauße und Jäger wälzten sich mit der Gewalt des Cordonazo, jenes furchtbaren Windes der mexikanischen Wüsten, über die Ebene. Es lagen bereits gegen vierzig Strauße auf dem Boden. Natah-Otann warf einen Blick um sich und gab dann das Zeichen des Rückzugs. Der Teil der Vögel, der bei dem heißen Kampf nicht erlegen war, suchte mit Flügeln und Beinen eine sichere Zufluchtsstätte zu erreichen. Die Toten sammelte man sorgfältig, denn das Fleisch des Straußes ist sehr geschätzt, und besonders aus dem Brustfleisch bereiten die Indianer eine berühmte Speise, die sich durch Schmackhaftigkeit auszeichnet. Die Krieger gingen nun, um die Eier zu suchen, die gleichfalls ein Leckerbissen sind und deren sie ebenfalls eine große Menge erbeuteten. Obwohl die Jagd im ganzen kaum zwei Stunden gedauert hatte, waren die Pferde so atemlos und von Schweiß triefend, daß sie der Ruhe bedurften, ehe man nach dem Dorf zurückkehren konnte. Natah-Otann befahl, ein Lager aufzuschlagen. Der Graf de Beaulieu hatte noch nie ein solches Vergnügen genossen, noch nie einer so seltsamen Jagd beigewohnt, obwohl er während seines Aufenthalts in der Prärie nach der Reihe alle Tiere gejagt hatte, die diese bewohnen. Er überließ sich daher der Freude der Jagd mit jugendlichem Feuer, hetzte die Strauße in gestrecktem Lauf und erschlug sie mit kindischem Vergnügen. Als der Häuptling das Zeichen des Rückzugs gab, unterbrach der Graf die Verfolgung nur mit Widerstreben und verließ langsamen Schrittes einen Kampf, der soviel Reiz für ihn hatte. Plötzlich stießen die Indianer einen durchdringenden Schrei aus, und alle griffen nach den Waffen. Der Graf blickte sich verwundert um und konnte sich eines leisen Schauders nicht erwehren. Die Straußenjagd war zwar beendet, aber nun sollte, wie es in jenen Gegenden sehr häufig geschieht, eine weit gefährlichere beginnen: die Jagd auf Kuguare Der Kuguar (Felis discolor Linn.) oder Puma ist der amerikanische Berg- oder Silberlöwe. (Anm. d. Hrsg.) . Es hatten sich plötzlich zwei jener Tiere gezeigt. Der Graf fand augenblicklich seine Fassung wieder, lud seine Büchse und schickte sich an, diesem neuen Wild entgegenzutreten. Auch Natah-Otann hatte die wilden Bestien bemerkt. Er befahl durch einen Wink zehn seiner Krieger, sich um Lianenblüte zu scharen, die er genötigt hatte, ihn zu begleiten, oder die – richtiger gesagt – darauf bestanden hatte, der Jagd beizuwohnen. Als er sich überzeugt hatte, daß das junge Mädchen wenigstens für den Augenblick in Sicherheit war, wandte er sich zu einem neben ihm stehenden Krieger und sagte: »Koppelt die Hunde los.« Man ließ ein Dutzend Hunde los, die einstimmig zu heulen anfingen, als die wilden Tiere näher kamen. Die Indianer sind so sehr daran gewöhnt, auf der Straußenjagd solche Störungen zu erleben, daß sie sich jenem Lieblingsvergnügen niemals überlassen, ohne Hunde mitzunehmen, die auf Pumas dressiert sind. In einer Entfernung von ungefähr vierhundert Schritt von der Stelle, wo sich die Indianer befanden, lagen zwei Kuguare auf der Lauer und starrten die Rothäute unverwandt an. Die Tiere waren noch jung und ungefähr von der Größe eines Kalbes; ihr Kopf hatte viel Ähnlichkeit mit dem einer Katze, und ihr glattes, weiches, graugelbes Fell war schwarz gefleckt. »Vorwärts!« rief Natah-Otann aus. »Macht Jagd!« »Jagd gemacht!« riefen alle Anwesenden. Hierauf stürmten Reiter und Hunde um die Wette mit Geschrei, Geheul und Gebell auf die Tiere ein, welcher Lärm wohl geeignet war, unerfahrene Pumas zu schrecken. Die edlen Tiere blieben verwundert unbeweglich stehen, schlugen sich die Seiten mit dem gewaltigen Schweif und atmeten die Luft aus vollem Hals ein. Nur einen Augenblick blieben sie unbeweglich, dann sprangen sie plötzlich auf und flohen in weiten Sätzen. Ein Teil der Jäger war in gerader Richtung davongeeilt, um den Pumas den Rückweg zu versperren, während andere, über den Hals ihrer Pferde gebeugt, die sie mit einem Druck ihrer Knie regierten, Pfeile oder Kugeln abfeuerten, ohne die Tiere aufhalten zu können, die sich wütend gegen die Hunde wandten und sie, vor Schmerz heulend, weit wegschleuderten. Indessen nahmen die an solche Jagden schon lange gewöhnten Hunde die günstige Gelegenheit wahr, um sich auf den Rücken eines der Pumas zu schwingen und die Krallen in sein Fleisch zu bohren, aber mit einem mörderischen Hieb seiner Tatze schüttelte sie der Puma wie Fliegen ab und setzte seine eilige Flucht fort. Endlich rollte einer der Kuguare, von mehreren Pfeilen durchbohrt und von den Hunden umringt, zu Boden, wühlte die Erde mit seinen Tatzen auf und stieß ein entsetzliches Geheul aus. Der Kanadier tötete ihn vollends mit einer Kugel, die er ihm ins Ohr schoß. Nun blieb aber noch der zweite Kuguar übrig, der noch nicht verwundet war und durch seine gewaltigen Sätze der Geschicklichkeit der Jäger spottete. Die ermüdeten Hunde wagten nicht, sich ihm zu nahen. Im Laufe seiner Flucht gelangte er in geringe Entfernung von der Stelle, wo sich Lianenblüte befand; er tat plötzlich einen Seitensprung auf die rechte Seite, setzte über die Indianer, deren zwei verletzt zu Boden stürzten, und fiel sprungfertig zu den Füßen des jungen Mädchens nieder. Lianenblüte wurde totenblaß, faltete unwillkürlich mit gebrochenen Blicken die Hände und stürzte mit einem erstickten Schrei bewußtlos zu Boden. Ihr Schrei wurde zweifach erwidert, und in dem Augenblick, wo der Puma auf das junge Mädchen springen wollte, trafen ihn zwei Kugeln in die Brust. Mit einer raschen Wendung drehte er sich nach seinem neuen Feind um. Es war der Graf de Beaulieu. »Niemand rühre sich!« rief er Natah-Otann und Freikugel entgegen, die herbeigeeilt kamen, indem er ihnen winkte, zu halten. »Jenes Wild gehört mir, und kein anderer als ich soll es töten!« Der Graf war vom Pferd gestiegen und stand, mit dem Lorgnon im Auge, auseinandergespreizten und fest auf den Boden gestemmten Beinen und der Büchse auf der Schulter, unbeweglich wie eine steinerne Bildsäule, da und starrte den Puma an. Eine tödliche Angst erfaßte die Herzen der Anwesenden, und niemand wagte sich zu rühren. Der Löwe stand unschlüssig, warf einen Blick nach der Beute, die vor ihm auf dem Boden lag, und sprang dann heulend auf den jungen Mann los. Dieser feuerte wieder sein Gewehr ab. Das Tier stürzte und wand sich am Boden, worauf der Graf mit seinem Jagdmesser in der Hand darauf zueilte. Mensch und Löwe fielen übereinander her, aber nur einer der Kämpfer stand wieder auf– es war der Mensch. Lianenblüte war gerettet. Als das junge Mädchen die Augen wieder öffnete, warf es einen scheuen Blick um sich, reichte dann dem Franzosen die Hand und sagte mit ausbrechenden Tränen: »Dank – tausend Dank!« Natah-Otann trat zu ihr. »Schweig!« sagte er barsch. »Was das Bleichgesicht getan hat, hätte Natah-Otann auch vollbringen können!« Der Graf lächelte verächtlich, antwortete aber nicht, denn es wurde ihm klar, daß er einen Nebenbuhler vor sich hatte. 20 Indianische Diplomatie Natah-Otann stellte sich, als habe er das Lächeln des Grafen nicht bemerkt. »Jetzt hast du dich erholt«, sagte er in sanfterem Ton zu Lianenblüte; »steige daher aufs Pferd und kehre nach dem Dorf zurück; der Rote Wolf wird dich begleiten. Man kann nicht wissen«, fügte er mit einem indianischen Lächeln hinzu, »ob wir nicht auf noch mehr Kuguare stoßen; und da du dich so sehr vor ihnen fürchtest, glaube ich, dir einen Gefallen zu erweisen, indem ich dich veranlasse, dich zu entfernen.« Das junge Mädchen verneigte sich zitternd und bestieg sein Pferd. Dem Roten Wolf war unwillkürlich ein Zeichen der Freude entschlüpft, als er vom Häuptling diesen Befehl erhielt, doch dieser hatte es nicht bemerkt. »Noch einen Augenblick«, fuhr Natah-Otann fort; »denn wenn du dich auch vor den lebenden Kuguaren fürchtest, weiß ich doch, daß du deren Pelz hochschätzt; ich erlaube mir daher, dir diesen hier zu verehren.« Die Geschicklichkeit der Rothäute im Abziehen der Tiere ist beispiellos. Die beiden Pumas, über denen bereits die Geier in weiten Kreisen schwebten, waren im Nu ihrer prächtigen Felle beraubt, die auf einen Wink des Häuptlings hinter den Sattel des Roten Wolfes geworfen wurden. Das Tier scheute vor dem durchdringenden Geruch, den die Felle der wilden Tiere ausströmten; es bäumte sich erschrocken auf und hätte beinahe seinen Reiter abgeworfen, der sich nur mit Mühe zu halten vermochte. »Geht jetzt!« sagte der Häuptling kurz, indem er sie mit einer hochmütigen Handbewegung verabschiedete. Lianenblüte und der Rote Wolf sprengten davon. Natah-Otann schaute ihnen geraume Zeit nach, ließ dann den Kopf mit einem erstickten Seufzer auf seine Brust sinken und schien in düstere Gedanken vertieft zu sein. Nach einer Weile fühlte er, daß sich eine Hand fest auf seine Brust stemmte. Er blickte auf. Der Weiße Bison stand vor ihm. »Was wollt Ihr?« fragte er unmutig. »Weißt du es nicht?« erwiderte der Greis mit einem durchdringenden Blick. Natah-Otann erbebte. »Richtig!« sagte er. »Die Stunde ist da, nicht wahr?« »Ja.« »Sind alle Maßnahmen getroffen?« »Alle.« »So gehen wir – aber wo sind sie?« »Sieh dort!« Bei diesen Worten deutete der Weiße Bison mit dem Finger auf den Grafen und seine beiden Gefährten, die am Rande eines Gehölzes, das etwa zweihundert Schritt von dem indianischen Lager entfernt war, im Gras lagen. »Aha, sie sondern sich ab!« bemerkte der Häuptling bitter. »Ist es wegen der Unterredung, die wir mit ihnen führen wollen, nicht besser so?« »Ihr habt recht.« Die beiden schritten hierauf rasch, ohne weiter ein Wort zu reden, auf die Weißen zu. Letztere hatten sich allerdings abgesondert; nicht, weil sie die Indianer verachteten, sondern weil sie ungestörter sein wollten. Was nach dem Tod der beiden Kuguare geschehen war sowie das rücksichtslose Benehmen des Häuptlings gegen Lianenblüte hatte den Grafen verletzt; es bedurfte seiner ganzen Gewalt über sich sowie der Bitten Freikugels, ihn zu hindern, dem Häuptling heftige Vorwürfe zu machen, dessen Benehmen ihm unverzeihlich roh erschienen war. »Jener Mann hat in der Tat einen boshaften Charakter, und ich fange an, mich zu Ihrer Meinung zu bekennen, Freikugel«, sagte er. »Bah«, antwortete dieser achselzuckend, »das ist noch gar nichts; und wenn wir nur acht Tage bei jenen Schuften bleiben, werden wir noch ganz andere Dinge erleben.« Während des Gesprächs hatte der Kanadier seine Büchse und seine Pistolen frisch geladen. »Macht es wie ich«, sagte er, »denn man weiß nicht, was geschehen kann.« »Wozu die Vorsicht? Stehen wir denn nicht unter dem Schutz der Indianer, deren Gäste wir sind?« »Mag sein. Glauben Sie mir aber nur, und befolgen Sie meinen Rat: Mit den Indianern kann man nie für die kommende Stunde stehen.« Der Graf schickte sich sofort an, seine Waffen frisch zu laden; Ivons Flinte und die Pistolen waren bereits in bestem Stand. Die beiden indianischen Häuptlinge kamen in dem Augenblick zu dem Grafen, wo er eben mit dem Laden seiner letzten Pistole beschäftigt war. »Oho!« sagte Natah-Otann auf französisch, indem er den jungen Mann mit ausgesuchter Höflichkeit grüßte. »Haben Sie irgendein wildes Tier in der Nähe gewittert, Herr Graf?« »Vielleicht«, erwiderte jener, indem er die Pistole, nachdem er sie mit dem Zündhütchen versehen hatte, wieder in den Gürtel steckte. »Was wollen Sie damit sagen, mein Herr?« »Nichts, als was ich gesagt habe, mein Herr.« »Ich muß bedauern, daß mir das zu hoch gegeben ist, da ich es nicht verstehe.« »Das bedauere ich ebenfalls, mein Herr; ich kann Ihnen aber nur mit einem alten lateinischen Spruch antworten.« »Wie lautet der?« »Was hilft es mir, Ihnen diesen zu sagen, da Sie nicht Lateinisch verstehen?« »Gesetzt, ich verstünde es?« »Nun, wenn Sie darauf bestehen, will ich den Spruch anführen; er lautet: Si vis pacem, para bellum.« »Was wörtlich heißt?« antwortete der Häuptling mit unerschütterlicher Ruhe, während sich der Weiße Bison in die Lippen biß. »Was wörtlich heißt...«, begann der Graf. »Wenn du den Frieden willst, bereite dich auf den Krieg vor«, fiel ihm der Weiße Bison rasch ins Wort. »Sie haben es gesagt, mein Herr«, sagte der Graf mit einer spöttischen Verbeugung. Die drei Männer standen einander Aug' in Auge gegenüber wie ausgelernte Duellanten, die ihre Klinge prüfen, ehe sie diese schwingen, und, nachdem sie auf den ersten Blick erkannt haben, daß sie einander an Kräften vollkommen gleich sind, mit verdoppelter Vorsicht ihren Anlauf nehmen, ehe sie einen entscheidenden Ausfall wagen. Obwohl Freikugel von dem Wortgefecht nicht viel verstanden hatte, veranlaßte ihn doch das Mißtrauen, das den Grundzug seines Charakters bildete, mit Ivon einen Blick des Einverständnisses auszutauschen, den letzterer verstand und in dessen Folge sich beide unter dem Anschein der größten Gleichgültigkeit auf alle Fälle bereithielten. Nach den letzten Worten des Grafen herrschte eine Zeitlang tiefes Schweigen. Natah- Otann brach es zuerst. »Meinen Sie, daß Sie von Feinden umgeben sind, Herr Graf?« fragte er im Ton verletzter Würde. »Das habe ich nicht gesagt, mein Herr«, antwortete dieser, »und denke es auch nicht; ich muß aber bekennen, daß alles, was ich seit einigen Tagen beobachte, mir so seltsam erscheint, daß es mir trotz meiner Bemühungen unmöglich ist, mir sowohl von den Menschen als den Gegenständen eine richtige Idee zu machen, und das gibt mir Stoff zum Nachdenken.« »So?« entgegnete der Indianer kalt. »Und was haben Sie denn so Seltsames bemerkt, Herr Graf? Würden Sie die Gefälligkeit haben, es mir zu sagen?« »Ich wüßte nicht, weshalb das nicht geschehen könnte, sobald Sie es wünschen.« »Ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie sich deutlicher erklären wollten.« »Ich bin gern dazu bereit; und zwar um so mehr, als ich stets die Gewohnheit hatte, meine Meinung offen herauszusagen, und keinen Grund habe, heute zurückhaltender zu sein.« Die beiden Häuptlinge verbeugten sich, ohne zu antworten, und der Graf stemmte beide Hände auf den Lauf seiner Flinte, deren Kolben auf der Erde ruhte; er blickte sie scharf an und fuhr fort: »Wohlan, meine Herren, ich will Ihnen meine Meinung unumwunden sagen, da Sie diese durchaus wissen wollen: Wir befinden uns hier inmitten der amerikanischen Prärien, das heißt in der wildesten Gegend des Festlandes der Neuen Welt; Ihre Beziehungen zu den Weißen sind stets feindlicher Art gewesen; ihr Schwarzfüße steht in dem Ruf, die unbeugsamsten Indianer, die grausamsten unter den Volksstämmen oder – mit anderen Worten – die unzivilisiertesten aller eingeborenen Bewohner zu sein.« »Nun«, erwiderte Natah-Otann, »was finden Sie denn Besonderes dabei? Ist es unsere Schuld, wenn uns unsere Bedrücker seit der Entdeckung der Neuen Welt gehetzt haben, wie wilde Tiere in die Wildnis gedrängt und als Wesen betrachtet haben, deren Instinkt sie kaum über das unvernünftige Vieh erhebt? Sie müssen sich deshalb bei ihnen beschweren, nicht bei uns. Mit welchem Recht wollen Sie uns eine Entwürdigung und eine Roheit vorwerfen, die das Werk unserer Verfolger ist und nicht das unsrige?« »Sie haben mich nicht verstanden, mein Herr. Wenn Sie, statt mich zu unterbrechen, mir einige Minuten länger Gehör geschenkt hätten, würden Sie bald erfahren haben, daß ich Ihnen nicht nur keinen Vorwurf aus Ihrer Erniedrigung mache, sondern mit Ihnen darüber trauere, denn obwohl ich mich erst seit wenigen Monaten in der Prärie aufhalte, habe ich doch mehrfach Gelegenheit gefunden, mir ein Urteil über die unglückliche Menschenrasse zu bilden, der Sie angehören, und die guten Eigenschaften schätzen zu lernen, die sie noch besitzt und die ihr die schändliche Tyrannei der Weißen noch nicht zu rauben vermocht hat, obwohl sie sich deshalb genug Mühe gegeben haben.« Die beiden Häuptlinge wechselten einen Blick der Befriedigung, denn die großherzigen Worte des jungen Mannes versprachen ihnen den besten Erfolg für ihre Unterhandlung. »Verzeihen Sie mir, mein Herr, und fahren Sie fort«, sagte Natah-Otann mit einer Verbeugung. »Das soll geschehen, mein Herr«, antwortete der Graf. »Ich wiederhole, daß ich mich nicht über eine Roheit gewundert habe, die ich mir größer vorgestellt hatte, als sie wirklich ist. Was mir aber sonderbar vorkommt, ist, in dieser Wildnis unter grausamen Indianern zwei ihrer Häuptlinge zu finden, die nicht nur zivilisiert – das wäre zuwenig gesagt–, sondern mit allen Geheimnissen einer weit vorgerückten und raffinierten Zivilisation vertraut sind; ebenso zu hören, wie sie meine Muttersprache mit der größten Reinheit sprechen – mit einem Wort, zu sehen, daß sie mit den Indianern nichts gemein haben als die Kleidung, die sie tragen. Es ist mir ferner sonderbar vorgekommen, daß jene beiden Männer aus einem Grund, den ich nicht kenne, ihr Benehmen je nach den Umständen verändern und in Sprache, Sitten und Wesen bald rohe Indianer, bald vollendete Weltmänner sind, die, statt zu versuchen, ihre Landsleute aus der Versunkenheit zu reißen, in der sie schmachten, diese mit ihnen teilen und sich den Anschein geben, ebenso unwissend und grausam zu sein wie sie. Dadurch vereinigen sie die entgegengesetzten Grundsätze, und alle Stufen der menschlichen Gesellschaft sind gewissermaßen in ihnen vertreten; und ich muß gestehen, meine Herren, daß ich mich nicht nur gewundert, sondern sogar entsetzt habe.« »Entsetzt?« riefen die beiden Häuptlinge einstimmig aus. »Ja, entsetzt!« fuhr der Graf lebhaft fort. » Weil eine so fortwährende Vorstellung, wie ihr sie ausübt, irgendwelche düsteren Umtriebe oder bösen Absichten verstecken muß. Mit einem Wort, ich habe mich entsetzt, weil euer Benehmen gegen mich, die Hartnäckigkeit, mit der ihr darauf bestanden habt, mich in eure Mitte zu locken, unwillkürlich Mißtrauen in mir erweckt hat, weil ich einen geheimen Zweck voraussetzen muß.« »Worin besteht Ihr Verdacht, mein Herr?« fragte Natah-Otann fortfahrend. »Ich fürchte, als Einsatz für ein schändliches Spiel benützt zu werden.« Jene in heftigem Ton gesprochenen Worte trafen die bestürzten Häuptlinge wie ein Donnerschlag. Sie entsetzten sich unwillkürlich vor dem Scharfblick des jungen Mannes und wußten nicht, was sie zu ihrer Entschuldigung sagen sollten. »Mein Herr!« rief endlich Natah-Otann heftig aus. Der Weiße Bison gebot ihm mit würdevoller Gebärde Schweigen. »Es kommt mir zu, die Worte unseres Gastes zu beantworten«, sagte er. »Und nach der offenherzigen Erklärung, die er uns gegeben hat, ist er berechtigt, eine ebenso offene Erwiderung von uns zu erwarten.« »Ich höre, mein Herr!« sagte der junge Mann gleichmütig. »Mein Herr, von den beiden Männern, die vor Ihnen stehen, ist der eine Ihr Landsmann!« »So?« erwiderte der Graf. »Und jener Landsmann bin ich.« Der junge Mann verneigte sich kalt. »Ich habe es geahnt«, entgegnete er, »doch ist das nur geeignet, mein Mißtrauen zu erhöhen.« Natah-Otann machte eine Bewegung. »Laß den Herrn ausreden!« sagte der Weiße Bison, indem er ihn zurückhielt. »Ich habe nicht viel zu sagen, mein Herr. Meine Meinung ist, daß, wenn sich ein Mann entschließt, die Wohltaten der europäischen Zivilisation gegen das unsichere Leben in den Prärien umzutauschen, wenn er alle Bande der Familie und der Freundschaft, die ihn an die Heimat fesseln, zerreißt, um die Lebensweise eines Indianers zu führen, er sich viele ehrlose Handlungen, ja wohl gar Verbrechen vorzuwerfen haben muß und es die Stimme seines Gewissens ist, die ihm gebietet, sich eine solche Buße aufzuerlegen.« Der Greis runzelte die Brauen und wurde totenblaß. »Sie sind noch sehr jung, mein Herr«, sagte er, »um sich das Recht anzumaßen, einen Greis auf solche Weise anzuklagen, dessen Taten Ihnen ebenso unbekannt sind als sein vergangenes Leben und sein Name.« »Sie haben recht, mein Herr«, lautete die biedere Antwort des Grafen, »und ich bitte, mir zu verzeihen, was meine Worte Verletzendes enthalten haben.« »Weshalb sollte ich Ihnen zürnen?« erwiderte der Weiße Bison in traurigem Ton. »Gleichen Sie doch einem Kind, das unter Liedern und Festen zum Bewußtsein erwacht ist und dessen kurzes Dasein sanft und ruhig inmitten des Friedens und des Wohlstandes unseres teuren Frankreich verflossen ist, dessen ich noch täglich mit Tränen gedenke.« »Hier muß ich Ihnen widersprechen, denn der Friede, den Sie rühmen, hat aufgehört, in Frankreich zu herrschen.« »Was wollen Sie damit sagen?« »Daß das empörte Volk die Bourbonen zum zweitenmal genötigt hat, in die Verbannung zu wandern.« Das Auge des Verbannten blitzte auf, seine Glieder erbebten fieberhaft, und er sagte, indem er den Arm des Grafen erfaßte, in einem unbeschreiblich aufgeregten Ton: »Und welche Regierungsform herrscht jetzt in Frankreich?« »Das Königtum.« »Das Königtum? Das ist ja unmöglich, da die Bourbonen, wie Sie sagen, wieder verbannt sind.« »Die Verbannung hat wohl die ältere Linie betroffen, aber die jüngere...« »Es ist also dem Herzog von Orleans endlich gelungen«, rief der Greis mit zunehmender Aufregung aus, »sich der Krone zu bemächtigen?« »Ja«, antwortete der Graf mit leiser Stimme. »Ach!« seufzte der Verbannte, indem er den Kopf in seinen Händen verbarg. »Haben wir so lange gekämpft, damit es dahin kommen mußte?« Der junge Mann war unwillkürlich über den trostlosen Schmerz des Mannes gerührt, der ihm ein Rätsel blieb. »Wer sind Sie, mein Herr?« fragte er ihn. »Wer ich bin?« antwortete der Greis in Bitterkeit. »Ich bin einer jener gestürzten Titanen, die im Jahre 1793 im Konvent saßen.« Der Graf bebte zurück und ließ die Hand, die er ergriffen hatte, fallen. »Ach!« stöhnte er. Der Verbannte warf ihm einen bedeutsamen Blick zu. »Genug davon«, sagte er, indem er den Kopf aufrichtete und einen strengen, entschlossenen Ton annahm. »Sie sind in unseren Händen, mein Herr; jeder Widerstand wäre vergebens; hören Sie daher, was wir vorzuschlagen haben.« Der Graf zuckte die Achseln. »Sie werfen die Maske weg«, antwortete er; »das ist auch mir lieber. Aber ehe ich Sie anhöre, habe ich noch eine Bemerkung zu machen: »Ich bin von Adel, wie Sie wissen – mithin Ihr geborener Feind –, und wo immer wir uns auch begegnen mögen, können wir uns nur als Gegner gegenüberstehen.« »Ja, es sind noch immer die alten«, murmelte der alte Häuptling. »Man kann das hochmütige Geschlecht zerschmettern, aber nimmermehr beugen.« Der Graf verneigte sich spöttisch, klemmte sein Lorgnon ins Auge, kreuzte die Arme über der Brust und sagte: »Ich warte.« »Die Zeit drängt«, fuhr das ehemalige Mitglied des Konvents fort, »und alle ferneren Worte würden überflüssig sein, denn wir können uns nicht verstehen.« »Das ist wenigstens deutlich«, antwortete der Graf lächelnd. »Lassen Sie weiter hören.« »Das Weitere ist folgendes: Nach Verlauf von zwei Tagen werden sämtliche indianischen Völker auf ein verabredetes Zeichen zu den Waffen greifen und sich erheben wie ein Mann, um das mexikanische Joch abzuschütteln.« »Was kümmert es mich? Bin ich etwa so weit hergekommen, um mich in politische Händel zu mischen?« Der Verbannte unterdrückte mit Mühe eine Äußerung des Zorns. »Unglücklicherweise sind Sie nicht im Besitz ihres freien Willens, sondern müssen unsere Bedingungen annehmen, statt uns Vorschriften zu machen. Wenn Sie es nicht tun, müssen Sie sterben.« »Oho! Sie bedienen sich, wie ich sehe, noch immer der früheren Mittel; doch will ich Geduld üben und erst hören, was Sie von mir erwarten.« » Wir fordern«, fuhr der Weiße Bison mit nachdrücklicher Betonung fort, »daß Sie den Befehl über sämtliche Krieger übernehmen und den Feldzug in Person leiten, weil Sie allein die Rolle spielen können, die wir Ihnen zuweisen.« »Was fällt Ihnen ein? Sie sind von Sinnen!« »Das möchte ich vielmehr von Ihnen behaupten, wenn Sie, seitdem Sie unter den Indianern leben, noch nicht zu der Einsicht gekommen sind, daß Sie längst umgekommen wären, wenn wir nicht mit Bedacht Gerüchte ausgesprengt hätten, die Sie trotz Ihrer Verwegenheit und törichten Selbstgenügsamkeit mit der allgemeinen Achtung umgeben haben.« »Die Geschichte ist, wie ich sehe, seit langer Zeit vorbereitet.« »Seit Jahrhunderten!« »Was Teufel!« antwortete der Graf. »Und was habe ich mit der ganzen Sache gemein?« »Wenig genug, lieber Herr«, antwortete der Verbannte spöttisch, »und jeder andere würde uns ebenso angestanden haben wie Sie; aber zu Ihrem Unglück haben Sie eine täuschende Ähnlichkeit mit dem Mann, der sich allein an unsere Spitze stellen darf. Und da dieser schon lange tot ist und schwerlich auferstehen dürfte, um uns zur Schlacht zu führen, werden Sie an seine Stelle treten.« »Recht schön. Und darf ich, ohne unbescheiden zu sein, fragen, wie der Mann heißt, dem ähnlich zu sehen ich die Ehre habe?« »Gewiß«, antwortete der Greis kalt. »Und zwar um so mehr, als Sie seinen Namen schon gehört haben werden – er hieß Motecuhzoma.« Der Graf schlug ein lautes Gelächter auf. »Der Spaß ist, auf Ehre, köstlich«, sagte er; »nur ein wenig zu weit ausgesponnen. Jetzt möchte ich meinerseits ein Wort hinzufügen: Was Sie auch tun mögen und welche Mittel Sie auch anwenden, werde ich mich nie dazu verstehen, Ihnen in irgendeiner Weise zu dienen. Da ich gegenwärtig Ihr Gast bin und unter dem Schutz Ihrer Ehre stehe, fordere ich Sie auf, mich frei ziehen zu lassen!« »Ist das Ihr fester Entschluß?« »Ja.« »Das werden wir sehen«, sagte der Greis kalt. Der Graf warf ihm einen verächtlichen Blick zu. »Platz da!« rief er entschlossen aus. Die beiden Häuptlinge zuckten die Achseln. »Wir sind Wilde!« sagte Natah-Otann in spöttischem Ton. »Platz gemacht, sage ich!« wiederholte der Graf, indem er seine Flinte lud. Natah-Otann pfiff. In demselben Augenblick traten ungefähr fünfzehn Indianer aus dem Gehölz und stürmten wütend auf die drei Weißen ein. Diese waren zwar überrascht, erwiderten aber den Angriff tapfer. Sie stellten sich mit dem Rücken gegeneinander, stützten sich kräftig mit den Schultern und bildeten plötzlich ein furchtbares Dreieck, vor dem die Rothäute gezwungen waren standzuhalten. »Oho!« sagte Freikugel. »Wie es scheint, werden wir einen Tanz haben.« »Ja«, murmelte Ivon, indem er sich fromm bekreuzigte; »doch werden wir dabei umkommen.« »Wahrscheinlich«, erwiderte der Kanadier. »Zurück!« kommandierte der Graf. Die drei Männer fingen nun an, sich langsam nach dem Gehölz zurückzuziehen, das der einzige Schutz war, der sich ihnen bot, und ohne ihre Stellung zu verändern, fuhren sie fort, die Indianer mit vorgestrecktem Gewehr in Schach zu halten. Die Rothäute sind tapfer, ja sogar verwegen – darüber kann weder gestritten noch ein Zweifel erhoben werden –, doch ist ihr Mut stets berechnet; sie kämpfen nur, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen, und wagen ihr Leben nur um einen guten Preis. Sie zauderten. »Ich glaube, daß wir wohl getan haben«, sagte der Graf spöttisch, »unsere Waffen wieder zu laden.« »Das wollt' ich meinen!« hohnlachte Freikugel. »Trotzdem habe ich große Furcht«, bemerkte Ivon mit blitzenden Augen und bebenden Lippen. »Bah, ihr Söhne des Blutes!« rief Natah-Otann aus, indem er seine Büchse lud. »Schrecken euch drei Bleichgesichter? Vorwärts! Vorwärts, sage ich!« Die Indianer stießen ihr Kriegsgeschrei aus und fielen über die Jäger her. Die übrigen Indianer eilten auf das Geschrei ihrer Gefährten herbei, um an dem Kampf teilzunehmen. 21 Mutter und Tochter Wir müssen unsere drei wackeren Kämpen eine Zeitlang in ihrer bedenklichen Lage verlassen, um uns mit einer wichtigen Person unserer Erzählung zu beschäftigen, die wir bereits zu lange vernachlässigt haben. Gleich, nachdem sich die Indianer entfernt hatten, fing John Bright mit jener amerikanischen Tätigkeit, die nirgends ihresgleichen hat, an, sein Land urbar zu machen. Die Gefahr, in der er geschwebt hatte und der er nur durch ein Wunder entgangen war - was ihm ewig unbegreiflich blieb -, gab ihm Veranlassung zu ernsten Betrachtungen. Er sah ein, daß er in der einsamen Gegend, in der er sich befand, von niemandem Hilfe zu erwarten habe, sondern den Gefahren, die ihm auf jeden Fall drohen würden, allein Trotz bieten müsse und daher vor allem dafür zu sorgen habe, seine Pflanzung vor einem Überfall zu sichern. Major Melville hatte durch seine Bediensteten und seine Trapper von dem neuen Ansiedler reden hören, letzterem war es aber völlig unbekannt, daß er kaum tausend Schritt von Fort Mackenzie entfernt sei. Sobald John Bright seinen Entschluß gefaßt hatte, schritt er sofort zu dessen Ausführung. Das Verfahren, das die Amerikaner bei der Urbarmachung ihres Bodens einschlagen, würde jedem, der es noch nicht kennt und der nicht gesehen hat, mit welcher Geschicklichkeit sie in kurzer Zeit die stärksten Bäume umhauen, fast wunderbar erscheinen. Der Squatter war der Meinung, daß er keine Zeit verlieren dürfe, und ging mit seinem Sohn und seinen Dienern sofort ans Werk. Man hatte, wie bereits früher erwähnt wurde, das provisorische Lager auf der Höhe eines Hügels aufgeschlagen, von dem aus man die Prärie weit überblickte. An dieser Stelle beschloß der neue Ansiedler seine künftige Wohnung aufzubauen. Er fing damit an, daß er die auf dem Hügel befindliche Fläche mit einer Doppelreihe ungeheurer Pfähle einfassen ließ, die etwa zwölf Fuß hoch und mit festen Klammern untereinander verbunden waren. Als diese erste Umzäunung fertig war, ließ er dahinter einen ungefähr acht Fuß breiten und fünfzehn Fuß tiefen Graben anbringen, dessen Erde derart schanzenartig ausgeworfen wurde, daß dadurch eine zweite Ringmauer entstand. Im Innern jener improvisierten Befestigungswerke, die mit Hilfe einer entschlossenen Mannschaft uneinnehmbar waren – vorausgesetzt, daß der Feind keine Kanonen hatte, um eine Bresche zu schießen, denn die steilen Abhänge des Hügels, zu dessen Höhe nur ein schmaler, im Zickzack angelegter Pfad führte, machten jeden Sturm unmöglich -, grub er den Grund zu der künftigen Wohnung seiner Familie. Dank der provisorischen Maßnahmen, die er getroffen hatte, konnte er sich fortan zu seinen übrigen Arbeiten mehr Zeit gönnen und allen Angriffen der Herumstreicher in den Prärien trotzen. Seine Frau und seine Tochter standen ihm tätig und hilfreich zur Seite, denn sie sahen die Notwendigkeit jener Verteidigungswerke besser ein als die übrigen Mitglieder der Familie. Die armen Frauen waren an die schwere Arbeit, die sie übernommen hatten, wenig gewöhnt und bedurften daher der Ruhe. John Bright hatte sich nicht weniger geschont als die übrigen, doch sah er die Billigkeit des Wunsches ein, den seine Frau und seine Tochter gegen ihn aussprachen, und da er für den Augenblick nichts mehr zu fürchten hatte, bewilligte er der kleinen Kolonie einen vollen Ruhetag. Die Ereignisse, die die Ankunft der Squatter in jener Gegend bezeichnet hatten, hinterließen einen tiefen Eindruck im Herzen von Mrs. Bright und ihrer Tochter. Besonders Diana hatte vom Grafen de Beaulieu eine Erinnerung bewahrt, die mit der Zeit, anstatt schwächer zu werden, immer lebhafter hervortrat. Der ritterliche Sinn des Grafen, sein großmütiges Benehmen und - um die Wahrheit zu bekennen – auch seine körperlichen Vorzüge trugen dazu bei, ihn dem jungen Mädchen teuer zu machen, das bisher stille, friedliche Tage verlebt hatte, dessen Leben noch kein Ziel kannte und dessen argloses Herz noch keine trübe Erfahrung gemacht hatte. Nach der Abreise des jungen Mannes hielt Diana häufig mit der Arbeit inne, hob den Kopf, blickte sich angstvoll um und griff dann mit einem unterdrückten Seufzer zu ihrer Beschäftigung. Die Mütter – besonders diejenigen, die wie Mrs. Bright ihre Töchter aufrichtig lieben – haben sehr scharfe Augen. Sie erriet, was ihr Mann und ihr Sohn nicht ahnten, sobald sie das blasse Gesicht der armen Tochter, deren dunkel geränderte Augen sowie ihren träumenden Blick und ihre schlaffe Haltung bemerkte. Diana liebte! Mrs. Bright schaute um sich. Niemand in ihrer Umgebung konnte der Gegenstand ihrer Liebe sein; und soviel sie auch darüber nachsann, fiel ihr niemand ein, den ihre Tochter vor der Abreise der Familie von den Ansiedlungen auszuzeichnen geschienen hatte. Nach solchen Betrachtungen seufzte die Mutter ihrerseits, denn sie hatte zwar die Liebe ihrer Tochter erraten, konnte aber deren Gegenstand durchaus nicht entdecken. Mrs. Bright beschloß, ihre Tochter auszufragen, sobald sie allein miteinander sein würden, und stellte sich bis dahin, als habe sie nichts bemerkt. Der Rasttag, den John Bright seiner Familie gewährte, schien ihr eine günstige Gelegenheit, die sie schon ungeduldig erwartet hatte. Am nächsten Morgen waren die Frauen nach gewohnter Weise bei Sonnenaufgang beschäftigt, das Frühstück zu bereiten, während die Diener das Vieh nach dem Fluß trieben. »Frau«, sagte der Squatter beim Frühstück, »William und ich beabsichtigen – da heute nicht gearbeitet wird -, nach dem Frühstück aufs Pferd zu steigen und die Umgebung ein wenig zu durchstreifen, die wir noch nicht kennen.« »Wagt euch nur nicht zu weit weg, mein Freund, und versäumt nicht, die Waffen mitzunehmen. In der Wildnis sind, wie du weißt, die üblen Begegnungen nicht selten.« »Ja, du kannst deshalb ganz ruhig sein, und ich werde auf der Hut sein; wenn ich auch überzeugt bin, daß wir gegenwärtig nichts zu fürchten haben. Hast du nicht Lust, uns mit Diana zu begleiten, um bei der Gelegenheit dein neues Reich kennenzulernen?« Bei diesem Vorschlag blitzten die Augen des jungen Mädchens vor Vergnügen, es öffnete den Mund, um zu antworten, aber die Mutter warf ihm einen Blick zu, legte ihm die Hand auf den Mund und ergriff statt Diana das Wort: »Du wirst uns entschuldigen, mein Freund«, sagte sie mit einiger Lebhaftigkeit. »Die Frauen haben, wie du weißt, stets etwas zu tun. Während deiner Abwesenheit wollen Diana und ich alles in Ordnung bringen, was während der angestrengten Arbeit der letzten Tage nicht hat geschehen können.« »Wie du willst, Frau.« »Um so mehr«, fügte sie lächelnd hinzu, »als wir wahrscheinlich noch lange hier bleiben werden.« »Vermutlich«, entgegnete der Squatter. »Es wird mir daher«, fuhr sie fort, »nicht an einer anderen Gelegenheit fehlen, unser neues Reich, wie du sagst, zu besuchen.« »Sehr richtig bemerkt, und ich bin vollkommen deiner Meinung. William und ich werden daher unsere Rundreise allein antreten, und ich bitte dich, dir nicht zu viele Sorgen zu machen, wenn wir zufällig ein wenig spät heimkehren sollten.« »Nein, aber unter der Bedingung, daß ihr vor dem Einbrechen der Nacht wieder da seid.« »Zugestanden.« Man sprach jetzt von anderen Dingen; aber gegen das Ende der Mahlzeit brachte Sam, ohne es zu wollen, die Unterhaltung fast auf dasselbe Thema zurück. »Ich behaupte, James«, sagte er zu seinem Kameraden, »daß der junge Mann ein Franzose war und kein Kanadier, wie du irrig behauptest.« »Von wem redet ihr?« fragte John Bright. »Von dem Gentleman, der die Rothäute begleitete und unser Vieh zurückgegeben hat.« »Ja, der übrigen Verbindlichkeiten nicht zu gedenken, die wir ihm schulden; denn ich verdanke es ihm allein, daß ich endlich der Besitzer einer Ansiedlung bin.« »Er war ein würdiger Gentleman«, sagte Mrs. Bright mit Absicht. »Ach gewiß!« murmelte Diana in unverständlichem Ton. »Er ist Franzose«, bestätigte John Bright, » das unterliegt keinem Zweifel. Jene Wolfsbrut, die Kanadier, ist außerstande, sich so zu benehmen, wie er es getan hat.« John Bright verabscheute die Kanadier wie alle Nordamerikaner von ganzem Herzen. Er hätte kaum einen Grund dafür anzugeben gewußt; jener Haß war seinem Herzen angeboren. »Bah!« sagte William. »Gleichviel, aus welchem Land, war der Gentleman jedenfalls ein ebenso wackerer als großmütiger Mann. Ich muß dir gestehen, Vater, daß ich einen gewissen William Bright kenne, der mit Vergnügen für ihn durchs Feuer gehen würde.« »By God!« rief der Squatter aus, indem er mit der Faust auf den Tisch schlug. »Wenn du das tätest, würdest du ganz einfach deine Pflicht tun und eine heilige Schuld abtragen. Ich würde etwas darum geben, den jungen Mann wiederzusehen, um ihm zu beweisen, daß ich nicht undankbar bin.« »Gut gesprochen, Vater!« rief William erfreut aus. »Die ehrlichen Leute sind in dieser Welt zu selten, als daß man diejenigen nicht in Ehren halten sollte, die man kennenlernt. Sollten wir uns jemals wieder treffen, so will ich ihm zeigen, welch ein Mann ich bin.« Während dieser Reden und Gegenreden schwieg Diana, doch hörte sie aufmerksam mit strahlenden Augen und lächelnden Lippen zu, denn sie war glücklich, auf solche Weise von dem Mann reden zu hören, den sie, ohne es zu wissen, liebte. Mrs. Bright hielt es für geraten, der Unterhaltung eine andere Wendung zu geben. »Es gibt noch eine Person, der wir zu großem Dank verpflichtet sind, denn die Indianer würden uns unbarmherzig abgeschlachtet haben, wenn sie die Vorsehung nicht zu so gelegener Zeit in unsere Mitte geführt hätte. Habt ihr jene Peron bereits vergessen?« »Bewahre mich Gott!« rief der Squatter eifrig aus. »Das arme Geschöpf hat uns einen zu wichtigen Dienst erwiesen, als daß ich es vergessen sollte.« »Wer, zum Teufel, mag aber jene Frau sein?« fragte William. »Das kann ich freilich nicht erraten, und ich glaube, daß sogar die Indianer und die Trapper, die die Prärie durchstreifen, keine Auskunft über sie zu geben vermögen.« »Sie war ebenso rasch verschwunden als gekommen«, bemerkte James. »Ja, aber so flüchtig ihr Aufenthalt auch war, so hat er doch tiefe Spuren hinterlassen«, entgegnete Mrs. Bright. »Schon ihr Anblick genügte, um die Indianer zu schrecken. Jene Frau wird mir übrigens – welches Urteil man auch in meiner Gegenwart über sie fällen mag – wie mein guter Engel vorschweben.« »Wir verdanken es ihr, daß wir gräßlichen Qualen entgangen sind.« »Gott segne sie, sie ist ein edles Wesen!« rief der Squatter aus. »Sie kann getrost auf mich rechnen, wenn sie je eines Menschen bedürfen sollte; ich stehe mit allem, was ich besitze, zu ihrer Verfügung!« Die Mahlzeit war beendet; man erhob sich, und Sam führte die Pferde vor. John Bright und sein Sohn nahmen ihre Pistolen und das Bowiemesser mit sich, stiegen, nachdem sie nochmals versprochen hatten, nicht zu spät heimzukehren, auf ihre Pferde und ritten behutsam den gewundenen Pfad hinunter, der in die Ebene führte. Hierauf beschäftigten sich Diana und ihre Mutter damit, verabredetermaßen alles in Ordnung zu bringen. Sobald Mrs. Bright ihren Mann und ihren Sohn hinter den unzähligen Hügeln der Prärie hatte verschwinden sehen und die beiden Diener draußen damit beschäftigt wußte, schadhaftes Pferdegeschirr auszubessern, setzte sie sich auf einen Feldstuhl, griff nach einer Handarbeit und winkte ihrer Tochter, an ihrer Seite Platz zu nehmen. Diana gehorchte mit einer geheimen Angst, denn ihre Mutter hatte sich bisher noch nie so geheimnisvoll gezeigt, und sie konnte nicht begreifen, was dahinterstecke. Die Frauen saßen bereits eine Weile mit ihrer Arbeit einander gegenüber da. Endlich ließ Mrs. Bright ihre Nadel ruhen und blickte ihre Tochter an. Diese fuhr fort zu nähen und schien es nicht zu bemerken. »Diana«, hob sie an, »hast du mir nichts zu sagen?« »Ich, Mutter?« antwortete das junge Mädchen und blickte verwundert auf. »Ja, du, mein Kind.« »Verzeih mir, Mutter«, erwiderte sie mit leise bebender Stimme, »aber ich verstehe dich nicht.« Mrs. Bright seufzte. »Ja«, murmelte sie, »so muß es kommen; es gibt unfehlbar eine Zeit, wo die jungen Mädchen unwillkürlich, ja unbewußt ein Geheimnis vor ihrer Mutter haben.« Bei diesen Worten wischte sich die Frau eine Träne aus dem Auge. Diana stand lebhaft auf, umarmte ihre Mutter zärtlich und sagte: »Ein Geheimnis? Ich habe ein Geheimnis vor dir, Mutter? Mein Gott, kannst du das glauben?« »Kind«, antwortete Mrs.Bright mit unbeschreiblich gütigem Lächeln, »das Auge einer Mutter läßt sich nicht täuschen!« Hierauf deutete sie mit dem Finger auf das heftig klopfende Herz des jungen Mädchens und sagte: »Dein Geheimnis steckt hier.« Diana errötete und trat beschämt zurück. »Glaube nicht, mein liebes Kind, daß ich dir einen Vorwurf machen will. Du unterliegst, ohne es zu wissen, dem Naturgesetz; auch ich habe es in deinem Alter so gemacht, und als mir meine Mutter mein Geheimnis abfragte, habe ich auch behauptet, ich hätte keins, weil ich mir dessen nicht bewußt war.« Das junge Mädchen barg sein tränennasses Gesicht am Hals der Mutter. Diese strich sanft die blonden Locken aus der Stirn ihrer Tochter, küßte sie und sagte mit der Innigkeit, die nur einer Mutter eigen ist: »Trockne deine Tränen, Diana, mein Herz; rege dich nicht so sehr auf, sondern sage mir nur, was dich seit einiger Zeit quält.« »Ach, meine gute Mutter«, antwortete das Kind und lächelte durch seine Tränen, »ich begreife es selbst nicht. Ich leide, ohne zu wissen warum; ich empfinde Unruhe und Langeweile, es ist mir alles zuwider und ermüdet mich – und doch scheint mir, als habe sich in meinem Leben nichts geändert.« »Darin irrst du, Kind«, antwortete Mrs. Bright ernst. »Dein Herz ist ohne dein Vorwissen erwacht; du bist vom jungen, sorglosen und heiteren Mädchen zum Weib geworden; die Sorgen haben dich bedrückt; dein Gesicht ist blaß geworden, und du leidest.« »Ach ja!« murmelte Diana. »Laß hören, seit wie langer Zeit du so traurig bist.« »Ich weiß nicht, Mutter.« »Besinne dich!« »Ich glaube, daß ...« Mrs. Bright verstand das Zögern ihrer Tochter, fiel ihr daher in die Rede und sagte: »Vom zweiten Tag unserer Ankunft hier, nicht wahr?« Diana blickte ihre Mutter verwundert an und flüsterte: »In der Tat!« »Deine Traurigkeit hat von dem Augenblick an begonnen, wo die Fremden, die uns so großmütig beistanden, sich verabschiedet haben.« »Ja«, sagte das junge Mädchen mit kaum hörbarer Stimme, indem es errötend die Augen niederschlug. Mrs. Bright setzte ihr sonderbares Verhör lächelnd fort. »Als du sie fortreiten sahst, zog sich dein Herz krampfhaft zusammen, deine Wangen erbleichten, du erbebtest unwillkürlich, und wenn ich, die ich dich sorgfältig beobachtete, dich armes Kind nicht gehalten hätte, wärst du zu Boden gefallen. Ist das nicht wahr?« »Es ist wahr«, antwortete das junge Mädchen in festerem Ton. »Gut. Und der Mann, von dem dir die Trennung so schwer wurde und um dessentwillen du jetzt traurig bist und leidest – kurz, der Mann ist...?« »Mutter!« rief sie aus, indem sie sich beschämt in ihre Arme warf und ihr Gesicht am Hals der Mutter verbarg. »Es ist....?« fuhr jene fort. »Eduard!« sagte das junge Mädchen kaum hörbar, mit ausbrechenden Tränen. Mrs. Bright warf ihrer Tochter einen Blick himmlischen Erbarmens zu, küßte sie innig und wiederholt und sagte in sanftem Ton: »Siehst du wohl, mein Kind, daß du ein Geheimnis hattest? Du liebst ihn ja.« »Ach, Mutter«, flüsterte sie in unschuldigem Ton, »ich weiß es nicht!« Die gute Frau nickte befriedigt, führte ihre Tochter sanft nach ihrem Sessel zurück, setzte sich wieder nieder und sagte: »Jetzt haben wir uns gegenseitig ausgesprochen; es gibt keine Geheimnisse mehr zwischen uns. Wir wollen daher jetzt ein wenig plaudern, Diana, wenn es dir recht ist.« »Ich bin gern dabei, Mutter.« »Höre mich an! Mein Alter und meine Erfahrung versetzen mich in Ermangelung sonstiger Befähigung in die Lage, dir raten zu können. Willst du meinen Rat annehmen?« »Mutter, du weißt ja, wie sehr ich dich liebe und achte!« »Ich weiß es, liebes Kind; ebenso, wie ich weiß, wie edel und aufopferungsfähig dein Herz ist. Ich muß dir leider einen großen Schmerz bereiten, doch ist es besser, wenn die Wunde jetzt, wo sie noch nicht sehr tief geht, blutet, als wenn wir warten, bis das Übel unheilbar geworden ist. »Gewiß!« »Die Liebe, die in deinem Herzen Wurzeln gefaßt hat, ohne daß du dir dessen bewußt bist, kann noch nicht sehr tief gehen, sondern wird vielmehr nur das Erwachen jener sanften und edlen Regungen sein, die das Leben verschönern und das Erbteil der Frauen sind. Deine Liebe ist viel mehr eine vorübergehende Schwärmerei und ein Werk deiner Phantasie als eine wahre Neigung. Du strebst wie alle jungen Mädchen nach einem unbekannten Ideal, das in Wahrheit nicht existiert, und du schweifst mit dem Übermut der Jugend in den blumenreichen Gefilden der Zukunft umher, wozu du durch das Bedürfnis oder den Durst nach Aufregung getrieben wirst, der in deinem Alter die Gebilde der Phantasie nur zu oft mit den Regungen des Herzens verwechselt; aber du liebst in Wahrheit nicht – ja noch mehr: Du kannst unmöglich lieben! Das, was du jetzt empfindest, hat seinen Sitz in deinem Kopf, während das Herz dabei ganz unbeteiligt ist!« »Liebe Mutter ...«, fiel ihr das junge Mädchen ins Wort. »Liebe Diana«, fügte diese hinzu, indem sie die Hand ihrer Tochter erfaßte und drückte, »laß es dir gefallen, wenn ich dich ein wenig quäle; ich erspare dir dadurch furchtbare Leiden, die dein ganzes Lebensglück untergraben würden. Du wirst wahrscheinlich den Mann, den du zu lieben meinst, nie wiedersehen; übrigens weiß er nichts von deiner Liebe und teilt diese nicht. Der kalte, unerbittliche Verstand redet jetzt durch meinen Mund mit dir; sein Urteil ist aber richtig und erspart uns manchen Kummer, während die Schlüsse der Leidenschaft uns, weil sie befangen sind, nur Leiden bereiten. Gesetzt aber, der junge Mann liebte dich auch, so könntest du dennoch nie die Seine werden!« »Wenn er mich aber liebte, Mutter?« fragte sie schüchtern. »Du arme Betörte!« erwiderte die Mutter mit dem Ausdruck zärtlichen Mitleids. »Du weißt ja nicht einmal, ob er frei ist. Wer sagt dir, ob er nicht verheiratet ist, und wie willst du es erfahren? Ich will aber gern deine Voraussetzung als möglich annehmen; so hast du noch nicht bedacht, daß der junge Mann von Adel und der Sohn einer der ältesten Familien in Europa ist, daß er ein unermeßliches Vermögen besitzt. Glaubst du denn, daß er sich je entschließen würde, allen geselligen Vorzügen zu entsagen, die ihm seine Stellung bieten? Glaubst du, daß er seinen Familienstolz so sehr verleugnen würde, daß er der Tochter eines geringen amerikanischen Squatters seine Hand reichen möchte?« »Das ist wahr!« murmelte Diana und barg den Kopf in ihren Händen. »Und wenn das Unmögliche wahr würde und er es jemals täte – würdest du dich entschließen können, jenem Mann zu folgen und deinen Vater und deine Mutter, die nur dich haben und die dein Verlust zur Verzweiflung bringen würde, hier in der Wildnis zu verlassen? Antworte mir, Diana! Würdest du dich dazu entschließen?« »Nein, nimmermehr!« rief sie trostlos aus. »Denn euch liebe ich über alles.« »Recht so, mein Kind; so höre ich dich gern und freue mich, daß meine Worte den Weg zu deinem Herzen gefunden haben. Jener Mann ist gut; er hat uns wichtige Dienste geleistet, wir sind ihm dafür Dankbarkeit schuldig – doch weiter nichts.« »Ja ... gewiß ... Mutter!« murmelte die Tochter schluchzend. »Du darfst in ihm nur einen Freund und Bruder sehen!« fuhr diese mit Festigkeit fort. »Ich will mir Mühe geben ... Mutter.« »Versprichst du es mir?« Das junge Mädchen zauderte ein wenig; plötzlich aber richtete es sich auf und sagte mit klangvoller Stimme: »Ich danke dir, Mutter, und schwöre dir – nicht daß ich ihn vergessen werde, denn das ist mir nicht möglich –, aber meine Liebe so gut zu verbergen, daß sie außer dir niemand erraten soll.« »Komm in meine Arme, Kind! Du verstehst deine Pflicht, bist edel und großherzig.« In dem Augenblick trat James herein. »Mistress«, sagte er, »der Herr kehrt zurück, aber in Begleitung von mehreren anderen Personen.« »Trockne deine Augen und begleite mich, mein Kind; wir wollen sehen, wer zu uns kommt.« Dann fügte sie flüsternd hinzu: »Wenn wir wieder allein sind, wollen wir wieder von ihm sprechen.« »Ach, Mutter«, rief Diana entzückt aus, »wie gut du bist und wie sehr ich dich liebe!« Sie gingen hinaus und blickten in die Ebene. In ziemlicher Entfernung konnte man in der Tat eine Truppe von vier bis fünf Personen, an deren Spitze John Bright und sein Sohn William ritten, nahen sehen. »Was bedeutet das?« sagte Mrs. Bright besorgt. »Wir werden es bald erfahren, Mutter. Beruhige dich; sie scheinen zu ruhig heranzukommen, als daß wir etwas zu fürchten hätten.« 22 Ivon Der Graf und seine beiden Gefährten hatten den Zusammenstoß mit den Indianern ruhig erwartet. Eine Zeitlang entstand ein furchtbares Gewühl, und es wurde mit der blanken Klinge mit großer Erbitterung gekämpft; dann wichen die Indianer zurück, um Atem zu schöpfen und den Angriff zu erneuern. Zu den Füßen der drei Männer, die noch immer fest und unerschüttert gleich ehernen Bildsäulen dastanden, lagen zehn Leichen. »Wahrhaftig!« rief der Graf aus, indem er mit dem Rücken der Hand den mit Blut untermischten Schweiß von seiner Stirn wischte. »Das ist, bei Gott, ein herrlicher Kampf!« »Ja«, antwortete Freikugel sorglos, »aber tödlich!« »Gleichviel, wenn wir wacker sterben.« »Darin teile ich nicht Ihre Meinung, und solange es noch einen Hoffnungsschimmer gibt, müssen wir ihn erfassen.« »Es bleibt uns aber keiner!« »Vielleicht doch! Lassen Sie mich nur machen!« »Ich bin gern einverstanden; indessen gestehe ich, daß ich den Kampf köstlich finde.« »Er ist allerdings ganz angenehm; doch wird es noch angenehmer sein, wenn wir künftig davon erzählen können.« »Das ist allerdings wahr; daran dachte ich nicht.« »Ja, aber ich desto mehr.« Der Kanadier neigte sich zu Ivon und flüsterte ihm einige Worte ins Ohr. »Ja«, antwortete dieser, »wenn ich nur keine Furcht bekomme.« »In Gottes Namen«, sagte der Jäger lächelnd. »Sie werden tun, was Sie können. Einverstanden also?« »Einverstanden!« »Achtung, meine Freunde«, rief der Graf aus, »da kommt der Feind wieder!« In der Tat standen die Indianer im Begriff, den Angriff zu erneuern. Natah-Otann und der Weiße Bison hatten fest beschlossen, sich des Grafen lebend und unversehrt zu bemächtigen; sie hatten daher Befehl gegeben, sich nicht der Gewehre zu bedienen, sondern sich zu begnügen, die Hiebe, die er austeilen würde, zu parieren, ihn aber um jeden Preis gefangenzunehmen. Während der kurzen Frist, die die Angreifer den Weißen gönnten, waren die übrigen Indianer herbeigekommen, um am Kampf teilzunehmen, so daß die Jäger von allen Seiten umringt waren und es mit mindestens vierzig Mann aufnehmen mußten. Es war fast Wahnsinn oder wenigstens blinde Tollkühnheit zu nennen, wenn die Kämpfer gehofft hätten, einer solchen Zahl von Feinden widerstehen zu können. Indessen schienen die drei Weißen keineswegs gesonnen zu sein, um Gnade zu bitten. Als Natah-Otann den Befehl zum Angriff geben wollte, trat der Weiße Bison, der sich bis dahin nachdenklich ferngehalten hatte, hervor. »Einen Augenblick«, sagte er. »Wozu?« antwortete der Häuptling. »Laß mich einen letzten Versuch wagen; vielleicht sehen sie jetzt ein, daß jeder Widerstand sinnlos ist, und willigen in unsere Bedingungen ein.« »Das bezweifle ich«, murmelte Natah-Otann kopfschüttelnd; »sie scheinen entschlossen zu sein.« »Laß mich einen Versuch machen! Du weißt ja, wie wichtig es für das Gelingen unserer Pläne ist, daß wir uns jenes Mannes bemächtigen.« »Unglücklicherweise wird er sich umbringen lassen, wenn wir uns nicht vorsehen.« »Das denke ich eben zu vermeiden.« »Versucht Euer Heil, doch bin ich überzeugt, daß Ihr nichts ausrichten werdet.« »Wer weiß; ich will es jedoch versuchen.« Der Weiße Bison trat etwas näher und stand jetzt ungefähr zehn Schritt vom Grafen entfernt. In dieser Entfernung blieb er stehen. »Was wollen Sie?« sagte der junge Mann. »Wenn mir nicht eingefallen wäre, daß Sie Franzose sind, so hätte ich Ihnen schon eine Kugel durch die Brust geschossen.« »Schießen Sie! Wer hindert Sie?« antwortete der Verbannte schwermütig. »Genug der Redensarten; gehen Sie, sonst schieße ich!« Bei diesen Worten zielte er auf ihn. »Ich wünsche ein Wort zu sprechen.« »Sprechen Sie schnell, und gehen Sie dann!« »Ich biete Ihnen und Ihren Gefährten das Leben an, wenn Sie sich ergeben wollen.« Der Graf schlug ein lautes Gelächter auf. »Welch ein Einfall!« antwortete er achselzuckend. »Halten Sie uns für Dummköpfe? Wir waren die Gäste Ihrer Gefährten, und Sie haben das Menschenrecht frech gegen uns übertreten.« »Ist das Ihr letztes Wort?« »Das letzte, bei Gott! Sie müssen sehr lange bei den Indianern leben, daß Sie vergessen haben, daß wir Franzosen lieber sterben, als eine Niederträchtigkeit begehen.« »So falle das vergossene Blut auf Ihren Kopf!« »Es sei, schändlicher Renegat, der Sie sich mit den Wilden vereinigen, um gegen Ihre Brüder zu kämpfen!« Diese scharfen Worte trafen den Greis ins Herz; er warf dem jungen Mann einen gehässigen Blick zu, wurde totenblaß und entfernte sich taumelnd wie ein Trunkener, indem er halblaut murmelte: »Ach, diese Aristokraten sind eine Schlangenbrut.« »Nun?« rief ihm Natah-Otann entgegen. »Er will nicht!« antwortete der Weiße Bison in gepreßtem Ton. »Ich wußte es vorher. Jetzt ist die Reihe an uns.« Er setzte seine lange Kriegspfeife, die aus einem menschlichen Schienbein gefertigt war, an den Mund und pfiff lange und durchdringend, worauf die Indianer mit entsetzlichem Geheul auf die drei Männer eindrangen, die dem Angriff jedoch, ohne einen Zollbreit zu weichen, standhielten. Es entstand ein neues, furchtbares Handgemenge; die drei Männer hatten ihre Büchsen beim Lauf gefaßt und bedienten sich dieser wie einer Streitaxt. Ivon verrichtete wahre Wunder der Tapferkeit, hob und senkte seine Büchse mit der Regelmäßigkeit eines Pendels, erschlug, sooft er sie sinken ließ, einen Mann und murmelte bei jedem Hieb: »Da! Noch einer, heilige Jungfrau! Ich fühle, wie mich die Furcht übermannt.« Der Kreis, der die drei Männer umschloß, zog sich immer enger, denn die Indianer, die fielen, wurden fortwährend durch andere ersetzt, denen wieder andere nachdrängten. Die Jäger wurden des Zuschlagens müde; sie führten die Hiebe nicht mehr mit der früheren Kraft, diese fielen unregelmäßiger; das Blut stieg ihnen in den Kopf, ihre Augen waren blutunterlaufen, und es summte in ihren Ohren. »Wir sind verloren!« murmelte der Graf. »Nur Mut!« brüllte Freikugel, indem er den Schädel eines Indianers spaltete. »Der Mut fehlt mir nicht, sondern die Kraft!« keuchte der junge Mann atemlos. »Vorwärts! Vorwärts!« rief Natah-Otann ohne Unterlaß, indem er die drei Männer wie ein Tiger umkreiste. »Jetzt, Ivon! Jetzt!« rief ihm Freikugel zu. »Mit Gott!« rief der Angerufene aus und stürzte sich, indem er seine furchtbare Waffe im Kreis schwang, in das dichteste Gewühl der Indianer. »Folgen Sie mir, Graf!« fuhr Freikugel fort. »Es sei, mit Gott!« erwiderte dieser. Die beiden Männer vollbrachten das Manöver, das Ivon gewagt hatte, in der entgegengesetzten Richtung. Ivon, der Furchtsame, als den ihn der Leser bereits kennt, schien jetzt seine Angst – von der Furcht übermannt zu werden, die, wie er selbst sagte, ihn beständig verfolgte – ganz vergessen zu haben. Er glich dem Briareus; denn auch er schien hundert Arme zu besitzen, mit denen er die Angreifer, die immer neu vor ihm erstanden, zu Boden warf. Er schlug gerade vor sich hin und bahnte sich auf solche Weise eine breite Straße. Glücklicherweise für den Bretonen war die Mehrzahl der Krieger dem edleren Wild nachgeeilt – nämlich dem Grafen und dem Kanadier, die beide ihre übermenschlichen Anstrengungen noch verdoppelten. Ivon war, fortwährend um sich schlagend, an den Eingang des Gehölzes gelangt, und zwar wenige Schritte von der Stelle, wo das Pferd seines Herrn, das des Jägers und sein eigenes angebunden standen. Das war vermutlich auch seine Absicht gewesen, denn sobald er sich in gleicher Linie mit den Pferden sah, drang er nicht wie bisher weiter vor, sondern fing an, dergestalt zurückzuweichen, daß er sie erreichen mußte. Unterdessen fuhr er fort, mit jener kalten Entschlossenheit um sich zu schlagen, die den Bretonen im allgemeinen eigen ist und durch die sie so gefährlich sind. Als Ivon dem ersehnten Ziel nahe genug zu sein glaubte, versetzte er dem Indianer, der ihm der nächste war, einen letzten Hieb, in dessen Folge dieser mit zerschmettertem Schädel zu Boden stürzte; er nahm dann einen Anlauf und schwang sich mit einem Satz wie ein Panther auf das Pferd des Grafen, das zunächst stand, zog den Zügel an sich, riß diesen unter dem Stein, der ihn beschwerte, hervor, drückte die Sporen in die Weichen des edlen Tieres und flog pfeilgeschwind von dannen, wobei er zwei Indianer umriß, die ihm verwegen in den Weg getreten waren. »Hurra! Gerettet! Gerettet!« rief er mit Donnerstimme, indem er im Wald verschwand, wohin die Schwarzfüße ihm nicht zu folgen wagten. Die Rothäute standen betroffen über eine solche Behendigkeit und eine so fabelhafte Flucht. Der Schrei, den Ivon ausgestoßen hatte, war jedenfalls ein zwischen ihm und Freikugel verabredetes Zeichen, denn sobald der Jäger den Ruf vernahm, hielt er plötzlich den Arm des Grafen, der zu einem Hieb ausholte, zurück. »Was tut Ihr, zum Teufel?« rief jener aus und drehte sich zornig um. »Ich rette Sie!« antwortete der Jäger kalt. »Werfen Sie die Waffe weg; wir ergeben uns!« »Sie werden mir aber Ihr Benehmen erklären, nicht wahr?« entgegnete der Graf. »Seien Sie unbesorgt; Sie werden mir recht geben.« »So sei es denn«, entgegnete Eduard und ließ seine Flinte fallen. Die Indianer, die der heldenmütige Widerstand der Jäger in angemessener Entfernung hielt, stürzten auf diese zu, sobald sie sahen, daß sie unbewaffnet waren. Schon lagen die beiden Männer am Boden, da eilten Natah-Otann und der Weiße Bison herbei. Der Häuptling trat dazwischen. »Sie sind mein Gefangener, Herr Graf«, sagte er; »und Freikugel gleichfalls!« Der junge Mann zuckte verächtlich die Achseln. »Seht, was euch der Sieg kostet«, antwortete der Jäger mit ironischem Lächeln, indem er auf die zahlreichen Leichen deutete, die den Boden bedeckten. Natah-Otann stellte sich, als habe er die Antwort nicht gehört. »Wenn Sie uns Ihr Ehrenwort geben, uns nicht zu entwischen, meine Herren«, sagte der Weiße Bison, »so wird man Sie losbinden und Ihnen Ihre Waffen zurückgeben.« »Wollen Sie uns etwa eine neue Falle stellen?« fragte der junge Mann hochmütig. »Bah«, entgegnete Freikugel, indem er seinem Gefährten einen bedeutsamen Blick zuwarf, »auf vierundzwanzig Stunden können wir immerhin unser Ehrenwort geben; das Weitere wird sich finden.« »Haben Sie es gehört, meine Herren?« sagte der Graf. »Der Jäger und ich geben Ihnen auf vierundzwanzig Stunden unser Ehrenwort. Sind Sie zufrieden? Es versteht sich, daß es uns nach Ablauf jener Zeit freisteht, es zurückzunehmen.« »Oder uns ferner zu verpflichten«, fügte der Kanadier hinzu. »Das Wagnis können wir auf uns nehmen.« Die beiden Häuptlinge wechselten flüsternd einige Worte. »Wir nehmen den Vorschlag an«, sagte Natah-Otann endlich. Auf seinen Wink löste man die Fesseln der Gefangenen. Diese erhoben sich. »Ah!« sagte Freikugel, indem er sich behaglich streckte. »Es ist doch eine Wohltat, wenn man seine Glieder frei gebrauchen kann. Ich wußte ja, daß Sie mich diesmal noch nicht töten würden.« »Hier, meine Herren, sind Ihre Waffen und Ihre Pferde«, sagte der Häuptling. »Erlauben Sie?« antwortete der Graf, indem er kaltblütig seine Uhr aus der Tasche zog. »Es ist jetzt halb acht Uhr; Sie haben unser Wort bis morgen zu derselben Stunde.« »Vollkommen einverstanden«, sagte der Weiße Bison mit einer Verbeugung. »Und wohin führen Sie uns denn jetzt?« fragte der Jäger spöttisch. »In das Dorf.« »Danke!« Die beiden Männer schwangen sich in den Sattel und folgten den Indianern. - Wir lassen jetzt den Grafen und den Jäger unter sicherem Geleit in das Dorf zurückkehren, um der Fährte Ivons zu folgen. Nachdem dieser das Schlachtfeld verlassen hatte, sprengte er in gerader Richtung davon, denn er hatte keine Lust, seine kostbare Zeit damit zu vergeuden, irgendeinen Weg zu suchen. Für den Augenblick war ihm jede Richtung recht, und er war nur darauf bedacht, sich von den Feinden zu entfernen, denen er auf so wunderbare Weise entkommen war. Nachdem er aber ungefähr eine Stunde lang im Galopp durch den Wald gejagt war, veranlaßte ihn die vollkommene Ruhe, die ringsumher herrschte, seinen Schritt zu mäßigen. Es war hohe Zeit, daß er auf diesen Einfall kam, denn das arme, so unbarmherzig abgehetzte Pferd fing an die Kräfte zu verlieren. Der Bretone benützte die Frist, die ihm sein Tier gönnte, dazu, seine Waffen instandzusetzen. »Ich bin zwar kein Held«, murmelte er für sich, »aber, weiß Gott – um zu reden wie mein armer Herr –, dem ersten Schlingel, der es wagt, mir den Weg zu versperren, schieße ich eine Kugel in den Kopf, so wahr ich Ivon heiße.« Er hätte sicherlich getan, wie er sagte, der würdige Mann; dafür können wir uns verbürgen. Nachdem Ivon noch einige Schritte fortgeritten war, blickte er sich um, hielt sein Pferd an und stieg ab. »Weshalb sollte ich jetzt noch weiterreiten?« sagte er zu sich selbst. »Mein Pferd bedarf der Ruhe; ich selbst würde mich gern etwas erholen; das kann hier ebensogut geschehen als woanders.« Hierauf nahm er seinem Pferd den Sattel ab, nahm den Mantelsack seines Herrn herunter, trug ihn unter einen Baum und schickte sich an, Feuer anzuzünden. »In dem verwünschten Land kommt einem die Nacht über den Hals, ehe man sich dessen versieht!« brummte er. »Es ist kaum acht Uhr und schon so finster wie in einem Sack.« Während er so mit sich selbst sprach, hatte er eine ziemliche Menge trockenes Holz gesammelt; er kehrte hierauf an den Ort zurück, wo er die Nacht zubringen wollte, schichtete das Holz übereinander, entzündete ein Streichhölzchen, steckte es unter den Scheiterhaufen, den er errichtet hatte, kniete nieder und fing aus Leibeskräften an zu blasen, um das Holz zu entflammen. Nach einer Weile richtete er sich auf, um Atem zu schöpfen – da stieß er einen Schrei des Entsetzens aus und wäre beinahe rücklings zu Boden gefallen. Auf der anderen Seite seines Feuers hatte er zwei Personen erblickt, die ihn aufmerksam betrachteten. Nachdem Ivon den ersten Schrecken überwunden hatte, stand er auf und lud seine Pistolen. »Donnerwetter«, sagte er, »ihr habt mir einen schönen Schrecken eingejagt! Aber laßt es gut sein; ihr sollt schon sehen!« »Mein Bruder beruhige sich«, sagte eine sanfte Stimme in gebrochenem Englisch; »wir wollen ihm nichts zuleide tun.« In seiner Eigenschaft als Bretone radebrechte Ivon das Englische fast ebenso gut wie das Französische. Bei den Worten der fremden Personen beugte er sich vor und schaute diese an. »Aha«, murmelte er, »die Indianerin!« »Ja, ich bin es«, sagte Lianenblüte vortretend. Ihr Begleiter folgte ihr, und Ivon erkannte in ihm den Roten Wolf. »Seid willkommen in meinem elenden Lager!« sagte der Bretone. »Ich danke Euch«, entgegnete sie. »Wie kommt es, daß Sie hier sind?« fragte er. »Und Ihr?« entgegnete sie, indem sie seine Frage durch eine andere beantwortete. »Ja, ich ...«, sagte er kopfnickend. »Das ist eine traurige Geschichte.« »Was wollt Ihr damit sagen?« fragte der Rote Wolf. »Schon gut, schon gut!« sagte Ivon kopfnickend. »Das sind meine Angelegenheiten und nicht die eurigen; sagt mir zuvor, was euch hierher führt, so werde ich ja nachher sehen, ob ich euch anvertrauen kann, was meinem Herrn und mir widerfahren ist.« »Mein Bruder ist vorsichtig«, bemerkte Lianenblüte. »Er hat recht; in der Prärie ist Vorsicht gut.« »Nun, ich wünschte, mein Herr hätte Euch so reden hören, so wäre er vielleicht nicht, wo er jetzt ist.« Lianenblüte konnte sich einer Äußerung des Schreckens nicht erwehren. »Uah! Ist ihm ein Unglück zugestoßen?« fragte sie mit stockender Stimme. Ivon blickte sie an. »Sie scheinen Anteil an seinem Schicksal zu nehmen.« »Er ist überaus tapfer!« rief sie mit Wärme aus. »Er hat heute morgen den Kuguar erlegt, der Lianenblüte bedrohte. Sie hat ein Herz und vergißt es nicht«, fügte sie bewegt hinzu. »Es ist wahr, vollkommen wahr, Mädchen, daß er Euch das Leben gerettet hat; trotzdem möchte ich erst hören, wie es kommt, daß wir uns hier mitten im Wald treffen.« »So hört denn, da Ihr darauf besteht.« Ivon nickte bejahend. Nächst seinen übrigen Eigenschaften war er so hartnäckig wie ein andalusisches Maultier, und sobald sich der Wackere etwas in den Kopf gesetzt hatte, konnte er auf keine Weise davon abgebracht werden. – Wir müssen übrigens zugeben, daß er in jenem Augenblick wahrhaftig begründete Ursache hatte, den Indianern zu mißtrauen. Lianenblüte fuhr folgendermaßen fort: »Nachdem das Gläserne Auge den Kuguar so tapfer erlegt hatte, erzürnte sich der große Häuptling Natah-Otann gegen Lianenblüte und befahl ihr, mit dem Roten Wolf nach dem Dorf zurückzukehren.« »Das weiß ich alles«, fiel ihr Ivon ins Wort; »ich war ja zugegen und wundere mich daher doppelt, euch gegenwärtig hier zu sehen, da ihr doch auf dem Wege zum Dorf begriffen sein solltet.« Die Indianerin nahm den mutwillig schmollenden Ausdruck an, der ihr eigen war und sie so reizend erscheinen ließ. »Der bleiche Mann ist neugierig wie ein altes Weib«, antwortete sie unmutig. »Warum will er die Geheimnisse von Lianenblüte wissen? In ihrem Herzen ist ein kleiner Vogel, der ihr süße Lieder vorsingt und sie unwillkürlich drängt, den Schritten des bleichen Mannes zu folgen, der sie gerettet hat.« »So?« entgegnete Ivon, der jetzt so ziemlich begriff, was das junge Mädchen meinte. »Das ist etwas anderes.« »Lianenblüte verlangte, statt nach dem Dorf zurückzugehen, beim Gläsernen Auge zu bleiben«, sagte der Rote Wolf. Ivon bedachte sich geraume Zeit; die Indianer betrachteten ihn schweigend und warteten geduldig, bis es ihm gefallen würde zu reden. Nach einer Weile blickte er auf, heftete seine mutwillig blitzenden Augen auf das junge Mädchen und fragte unumwunden: »Ihr liebt ihn also?« »Ja«, antwortete sie mit niedergeschlagenen Augen. »Gut. In dem Fall hört mich aufmerksam an; denn ich müßte mich sehr irren, wenn Euch meine Mitteilung nicht ganz ausnehmend interessieren sollte.« Seine beiden Zuhörer neigten sich zu ihm und lauschten aufmerksam. Ivon berichtete nun sehr ausführlich, wie sich sein Herr mit den beiden Häuptlingen unterhalten hatte, wie daraus ein Streit entstanden sei, welch ein Kampf darauf gefolgt und auf welche Weise er entkommen war. »Gott ist mein Zeuge«, fuhr er fort, »daß ich nicht in der Absicht entflohen bin, mein eigenes Leben zu retten. Obwohl ich von Natur sehr furchtsam bin, würde ich mich doch keinen Augenblick bedenken, mein Leben für meinen Herrn zu lassen; aber Freikugel hat mir geraten, so zu handeln, damit ich imstande wäre, ihnen beiden Hilfe herbeizurufen.« »Gut!« rief das junge Mädchen eifrig aus. »Der bleiche Mann ist tapfer; was denkt er zu tun?« »Ich will meinen Herrn retten«, sagte der Diener entschlossen, »weiß aber nicht, wie ich es anfangen soll.« »Lianenblüte weiß es und wird dem Bleichgesicht helfen.« »Darf ich glauben, was Sie mir da versprechen, Mädchen?« Die Indianerin lächelte. »Lianenblüte wird das Bleichgesicht mit Hilfe des Roten Wolfs an einen Ort bringen, wo Freunde sind.« »Schön! Und wann wollt ihr das tun, meine Schöne?« fragte der Diener, dessen Herz vor Entzücken schlug. »Sobald das Bleichgesicht bereit sein wird, aufzubrechen.« »Auf der Stelle! Bei Gott, auf der Stelle!« rief Ivon aus, indem er eilig aufstand und auf sein Pferd zueilte. Lianenblüte und ihr Begleiter hatten ihre Tiere in geringer Entfernung im Dickicht verborgen. Zehn Minuten später verließ Ivon mit seinen Begleitern die Waldlichtung, in der sie sich getroffen hatten. Als sie aufbrachen, war es ungefähr Mitternacht. »Mein armer Herr!« murmelte Ivon. »Wenn es mir nur gelingt, ihn zu retten!« 23 Der Operationsplan Die Nacht war finster und schwarz, und der Himmel hing voll Gewitterwolken. Der Wind pfiff kläglich in den Zweigen der Bäume. Bei jedem Windstoß bewegten sich die feuchten Wipfel und ließen einen kurzen Regen auf die Büsche herunterfallen. Der stahlgraue Himmel sah düster und drohend aus. Die Stille, die in der Wildnis herrschte, war so groß, daß man das Fallen jedes abgestorbenen Blattes und das Knistern jedes dürren Zweiges vernahm, den irgendein unsichtbares Tier im Vorüberkommen streifte. Ivon drang mit seinen Führern behutsam durch das Dunkel vor, und über den Hals ihrer Pferde gebeugt, suchten sie durch die Nacht ihren Weg zu erkennen, um die Äste zu vermeiden, die ihnen fortwährend ins Gesicht schlugen, und den Boden zu prüfen, auf dem sie standen, den sie aber in der Finsternis kaum unterscheiden konnten. Sie sahen sich gezwungen, so unzählige Umwege zu machen, daß fast zwei Stunden verstrichen, ehe sie aus dem Wald traten. Endlich gelangten sie wieder in die Ebene und standen bald dicht an den Ufern des Missouri. Der von Regen und Schnee angeschwollene Strom floß laut rauschend unter ihnen vorüber. Die Flüchtlinge folgten dem Ufer in südwestlicher Richtung. Jetzt, wo sie den Fluß erreicht hatten, hörte jede Ungewißheit auf, und ihr Weg lag deutlich und unverkennbar vor ihnen, ohne daß sie zu fürchten brauchten, sich zu verirren. Als sie an eine gewisse Stelle kamen, wo sich eine Landzunge mehrere Ellen weit ins Wasser erstreckte und eine Art Vorsprung bildete, von dessen Spitze aus man trotz der Dunkelheit dank der Durchsichtigkeit des Wassers die Gegenstände auf eine gewisse Entfernung unterscheiden konnte, winkte der Rote Wolf seinen Begleitern, zu halten, und stieg selbst vom Pferd. Lianenblüte und Ivon folgten seinem Beispiel. Ivon war erfreut, sich ein wenig ausruhen zu können und besonders Erkundigungen einzuziehen, ehe er weiterging. Im ersten Augenblick hatte er sich von dem heftigen Drang seines Herzens hinreißen lassen, das ihn trieb, seinen Herrn so bald wie möglich und auf jede Weise, die sich ihm bieten würde, zu retten, und er hatte daher kein Bedenken getragen, seinen beiden seltsamen Führern zu folgen. Aber mit der Überlegung kehrte auch das Mißtrauen wieder, und der Bretone wollte sich mit den Leuten, denen er begegnet war, nicht weiterwagen, bis er sichere Erkundigungen eingezogen und unzweideutige Beweise ihrer Ehrlichkeit erhalten hatte. Ihre Eigenschaft als Indianer und der Umstand, daß sie demselben Stamm angehörten wie der Mann, der seinen Herrn gefangen hatte, waren mehr als genügend, um sein Mißtrauen zu rechtfertigen, das um so stärker erwachte, als sie während des ganzen Rittes nicht nur keinen Beweis der Hingebung, deren sie sich gerühmt hatten, gegeben hatten, sondern im Gegenteil in das tiefste Schweigen versunken blieben. Ivon kannte wie die meisten Menschen, wenn sie auch den größten Teil ihres Lebens in Amerika zugebracht haben, die Indianer nur aus den lügenhaften Schilderungen, die ihre Feinde von ihnen entwarfen. Unglücklicherweise hatte, seitdem Ivon die Prärien betreten hatte, eine Reihe von Ereignissen jene Erzählungen bestätigt und den Bretonen in der schlechten Meinung gefestigt, die er sich von den roten Menschen gebildet hatte. Sobald er vom Pferd gestiegen war und diesem das Gebiß abgenommen hatte, damit es die jungen Keime der Bäume und Sträucher abnagen konnte, trat Ivon entschlossen zum Roten Wolf und schlug ihn auf die Schulter. Der Indianer, dessen Blicke dem Lauf des Wassers neugierig folgten, drehte sich um. »Was will der bleiche Mann?« fragte er. »Ein wenig mit dem Häupding reden.« »Der Augenblick ist nicht gut gewählt, um zu reden«, antwortete der Indianer belehrend. »Die Bleichgesichter gleichen dem Spottvogel; ihre Zunge muß fortwährend in Bewegung sein. Mein Bruder mag warten.« Ivon verstand die Satire nicht. »Nein!« erwiderte er. »Wir müssen gleich miteinander reden.« Der Indianer unterdrückte eine ungeduldige Gebärde. »Die Ohren des Roten Wolfs stehen offen«, sagte er; »die Geschwätzige Elster kann reden.« Die Rothäute haben große Mühe, die Namen der Fremden auszusprechen, mit denen sie zufällig entweder auf der Jagd oder im Handelsverkehr zusammenkommen; sie pflegen diese daher durch andere zu ersetzen, die sich entweder auf den Charakter oder das Äußere des Fremden beziehen. Die Schwarzfußindianer hatten Ivon den Beinamen »Geschwätzige Elster« gegeben; wir enthalten uns aber, dessen mehr oder weniger glückliche Wahl näher zu beleuchten. Der Bretone schien von der Antwort des Indianers nicht verletzt zu sein, denn er war dermaßen mit dem einen Gedanken beschäftigt, daß ihm jede andere Rücksicht gleichgültig blieb. »Ihr habt mir versprochen, das Gläserne Auge zu retten«, sagte er. »Ja«, antwortete der Häuptling lakonisch. »Ich habe eure Vorschläge angenommen, ohne diese näher zu prüfen. Ich folge euch bereits seit drei Stunden, ohne ein Wort zu reden, doch bekenne ich, daß es mich freuen würde, ehe ich weitergehe, zu erfahren, welche Mittel ihr anzuwenden gedenkt, um ihn aus den Händen seiner Feinde zu befreien.« »Ist mein Bruder taub?« fragte der Indianer. »Ich glaube nicht«, antwortete Ivon, dem die Frage ziemlich unzeitig vorkam. »Dann höre er!« »Ich tue es.« »Hört mein Bruder nichts?« »Nicht das geringste, das muß ich gestehen.« »Die Bleichgesichter sind Füchse ohne Schwänze«, sagte der Indianer verächtlich, »und in der Wildnis schwächer als ein Kind. Mein Bruder öffne die Augen!« fügte er hinzu, indem er den Arm in der Richtung des Flusses ausstreckte. Ivons Blicke folgten der angedeuteten Richtung; er legte die Hand wie einen Schirm vor die Augen und strengte seine ganze Sehkraft an. »Nun?« fragte der Indianer nach einer Weile. »Hat mein Bruder gesehen?« »Gar nichts!« antwortete Ivon entschlossen. »Der Teufel soll mir auf der Stelle das Genick brechen, wenn ich imstande bin, das Geringste zu erkennen.« »So muß mein Bruder ein wenig warten«, fuhr der Indianer gleichmütig fort; »dann wird er sehen und hören.« »Aber«, murmelte Ivon, dem diese Auskunft sehr unbefriedigend vorkam, »was werde ich denn in einer Weile sehen und hören?« »Mein Bruder wird sehen.« Ivon wollte eingehender fragen; der Häuptling nahm ihn aber beim Arm, führte ihn rasch ein Stück weit weg und verbarg ihn und sich selbst hinter einer Baumgruppe, wo Lianenblüte bereits eine Zuflucht gesucht hatte. »Still!« flüsterte der Rote Wolf in so eindringlichem Ton, daß dem Diener der Ernst des Augenblicks einleuchtete und er seine Fragen für eine gelegenere Zeit aufsparte. Einige Minuten vergingen. Der Rote Wolf und Lianenblüte standen vorgebeugt da, bogen behutsam die Zweige auseinander und schauten angelegentlich und mit verhaltenem Atem zu dem Fluß hinaus. Ivon fühlte sich durch das sonderbare Benehmen unwillkürlich getrieben, dem Beispiel seiner Gefährten zu folgen. Bald vernahm er ein Geräusch, aber so leise und flüchtig, daß er anfangs meinte, er habe sich geirrt. Das Geräusch wurde aber allmählich stärker und glich Ruderschlägen, die behutsam geführt wurden; hierauf zeigte sich ein anfangs kaum wahrnehmbarer Punkt auf dem Fluß, der allmählich größer wurde. Der Diener konnte nicht mehr zweifeln: Der schwarze Punkt war eine Piroge. Als sich diese bis auf eine gewisse Entfernung genähert hatte, hörte das Geräusch auf, und die Piroge blieb unbeweglich in ziemlich gleicher Entfernung von beiden Ufern liegen. In dem Augenblick tönte der Schrei der Elster durch die Luft und wurde dreimal mit solcher Vollkommenheit wiederholt, daß Ivon unwillkürlich zu den oberen Ästen des Baumes emporblickte, hinter dem er stand. Auf dieses Zeichen setzte die Piroge ihren Weg fort, steuerte auf die Landzunge zu und erreichte bald das Ufer. Ehe aber die im Fahrzeug befindliche Person ausstieg, erhob sie ihr Ruder zweimal in die Luft. Wieder ertönte dreimal hintereinander das Geschrei der Elster. Hierauf sprang die im Kahn befindliche Person, nachdem sie vollkommen sicher war, an Land, zog den Kahn halb auf den Sand und schritt entschlossen auf die Baumgruppe zu, die Ivon und seinen Gefährten als Beobachtungsposten diente. Diese hielten es nicht für nötig, länger zu warten; sie verließen daher ihr Versteck und gingen der neu angekommenen Person entgegen, nachdem sie Ivon eingeschärft hatten, sich ohne ihre Erlaubnis nicht blicken zu lassen. Letzterer hütete sich wohl, dem Befehl zuwiderzuhandeln, aber mit der Vorsicht, die ihn auszeichnete, lud er seine Pistolen, nahm je eine in jede Hand und wartete, durch diese Maßnahme beruhigt, gelassen, was geschehen würde. Die neu aufgetretene Person hat der Leser sicherlich bereits als Frau Margarete, die die Indianer die Lügenhafte Wölfin der Prärien nannten, erkannt; sie hatte Major Melville seit kaum einer Stunde verlassen, nachdem sie die Unterredung, die in einem früheren Kapitel mitgeteilt wurde, mit ihm gehabt hatte. Obwohl sie nicht erwartete, Lianenblüte hier zu treffen, schien sie doch keineswegs überrascht, sie zu sehen, und nickte ihr freundschaftlich zu, welchen Gruß das junge Mädchen mit einem Lächeln beantwortete. »Was gibt es Neues?« fragte sie den Indianer. »Vieles«, anwortete dieser. »Rede!« Der Rote Wolf erzählte hierauf alles, was während der Jagd vorgefallen war, auf welche Weise er es erfahren hatte und wie Ivon entkommen sei, um Hilfe für seinen Herrn zu suchen. Margarete hörte die lange Erzählung an, ohne ein Zeichen der Bewegung an den Tag zu legen, sondern ihr tiefgefurchtes und durch Leiden und Entbehrungen verwüstetes Gesicht blieb starr und steinern. Als der Rote Wolf geendet hatte, bedachte sie sich eine Weile, richtete sich dann auf und sagte: »Wo ist jenes Bleichgesicht?« »Hier!« antwortete der Indianer, auf die Baumgruppe deutend. »Er soll kommen.« Der Häuptling wollte eben den Auftrag vollziehen, aber Ivon hatte das letzte Wort, das englisch gesprochen wurde, gehört, und da er überzeugt war, daß er gemeint sei, trat er, nachdem er seine Pistolen wieder in den Gürtel gesteckt hatte, aus seinem Versteck hervor und näherte sich den übrigen. In dem Augenblick fing der Tag an, am Horizont zu dämmern; das Dunkel schwand schnell, und ein rötlicher Streifen am Himmel verkündete, daß die Sonne bald aufgehen würde. Die Wölfin heftete ihr scheues Auge starr auf den Bretonen und schien die geheimsten Tiefen seines Herzens erforschen zu wollen. Ivon hatte sich nichts vorzuwerfen – im Gegenteil –; er ertrug daher den forschenden Blick gelassen. Die Wölfin war mit dem Resultat ihrer stummen Musterung zufrieden, gab daher ihrem Blick einen sanfteren Ausdruck und redete ihn schließlich in einem Ton an, dem sie einen begütigenden Ausdruck zu geben suchte. »Höre aufmerksam!« sagte sie. »Ich höre.« »Du bist deinem Herrn treu ergeben?« »Bis in den Tod!« antwortete der Diener standhaft. »Gut. Ich kann also auf dich rechnen?« »Ja.« »Du wirst einsehen, nicht wahr, daß wir vier nicht imstande sind, deinen Herrn zu retten.« »Das scheint mir allerdings kaum möglich.« »Auch wir wollen uns an Natah-Otann rächen.« »Schön.« »Wir haben seit langer Zeit bereits die nötigen Maßnahmen ergriffen, um zu einer bestimmten Stunde unser Ziel zu erreichen; jene Stunde ist gekommen, doch wir haben Bundesgenossen, die wir davon in Kenntnis setzen müssen.« »Ganz recht.« Sie zog einen Ring vom Finger. »Nimm den Ring! Ich setze voraus, daß du ein Ruder zu führen verstehst.« »Ich bin ein Bretone, das heißt ein Seemann.« »Steig also in die Piroge dort und rudere ungesäumt den Strom hinunter, bis du an ein Fort gelangst!« »Ja. Ist es sehr weit?« »Wenn du dich beeilst, wirst du es in einer knappen Stunde erreicht haben.« »Seid unbesorgt.« »Sobald du beim Fort angekommen, verlangst du, mit Major Melville zu sprechen; du zeigst ihm dann den Ring und erzählst ihm die Ereignisse, deren Augenzeuge du gewesen bist.« »Ist das alles?« »Nein. Der Major wird dir eine Abteilung Soldaten geben, mit denen du nach der Ansiedlung von John Bright ziehst, wo du uns treffen wirst. Meinst du, daß du sie wiederfinden wirst können?« »Ich glaube ja, denn die Ansiedlung liegt, wenn ich nicht irre, am Ufer des Flusses.« »Du mußt daran vorüber, um zum Fort zu gelangen.« »Und was fange ich mit der Piroge an?« »Du wirst sie im Fort lassen.« »Wann soll ich gehen?« »Sofort! Die Sonne ist aufgegangen; wir müssen uns beeilen.« »Und was werden Sie tun?« »Ich habe dir schon gesagt, daß wir nach der Niederlassung des Squatters gehen und dich dort erwarten wollen.« Ivon bedachte sich eine Weile. »Hören Sie auch mich an!« sagte er. »Gewöhnlich rechte ich nicht mit den Leuten, die mir Befehle geben, sobald ich diese für billig halte. Ich kann nicht glauben, daß Sie bei einer so ernsten Gelegenheit die Absicht haben können, sich über einen armen Teufel lustig zu machen, der vor Schmerz halb von Sinnen ist und sein Leben mit Freuden opfern würde, um seinen Herrn zu retten.« »Du hast recht.« »Ich werde also gehorchen.« »Du solltest es bereits getan haben.« »Wohl möglich; doch habe ich noch ein Wort hinzuzufügen.« »Ich höre.« »Wenn Sie mich täuschen sollten; wenn Sie mir nicht wirklich – wie Sie es versprochen haben – behilflich sind, meinen Herrn zu retten, so werde ich Sie, so wahr ich Ivon heiße, niederschießen; und wenn Sie sich auch im Schoß der Erde verborgen hätten, würde ich Sie sogar dort suchen, um mein Versprechen zu halten. Sie haben mich verstanden, nicht wahr?« »Vollkommen. Bist du zu Ende?« »Ja.« »So geh!« »Eben tue ich es; leben Sie wohl!« »Auf Wiedersehen!« Ivon verneigte sich ein letztes Mal, ging zum Kahn, schob ihn wieder ins Wasser, sprang hinein, ergriff das Ruder und entfernte sich mit einer Geschwindigkeit, die zu der Hoffnung berechtigte, daß er sein Ziel bald erreichen würde. Die Zurückbleibenden folgten ihm mit den Blicken, bis er hinter einer Biegung des Ufers verschwunden war. »Und wir?« fragte Lianenblüte. »Was beginnen wir?« »Wir gehen zur Ansiedlung John Brights, um uns mit ihm zu verständigen.« Margarete bestieg das Pferd Ivons, Lianenblüte und der Rote Wolf setzten sich auf die ihrigen, worauf alle drei im Galopp davonsprengten. – Ein glücklicher Zufall fügte es, daß es der Tag war, den der Squatter zum Rasttag für seine Familie bestimmt hatte. Dieser war, wie bereits erwähnt wurde, mit seinem Sohn William ausgeritten, um sein Gebiet zu durchstreifen. Nach einem ziemlich langen Ritt, während dem der Squatter beim Anblick der schönen und fruchtbaren Ländereien, die ihm gehörten, und des herrlichen Materials, das seine Wälder enthielten, öfter in jenes Entzücken ausgebrochen war, das nur die Grundeigentümer kennen, waren die Reiter eben im Begriff, den Rückweg zu ihrer Festung anzutreten, als William seinen Vater plötzlich auf drei Reiter aufmerksam machte, die mit verhängtem Zügel auf sie zukamen. »Aha!« sagte John Bright. »Es sind Indianer. Das ist keine gute Begegnung; treten wir daher hinter jenes Gebüsch und suchen wir zu ergründen, was sie von uns wollen.« »Halt, Vater«, antwortete der junge Mann, »ich glaube, daß diese Vorsicht überflüssig ist.« »Warum das, Junge?« »Weil zwei von jenen Reitern Frauen sind.« »Das ist kein Grund!« sagte der Squatter, der seit dem Angriff der Rothäute ausnehmend vorsichtig geworden war. »Du weißt ja, daß unter jenen verwünschten Stämmen sich die Frauen ebensogut zu schlagen wissen wie die Männer.« » Wohl wahr! Aber siehe, jetzt lassen sie zum Zeichen des Friedens ein Bisonfell flattern.« In der Tat ließ einer der Reiter ein Bisonfell im Wind flattern. »Du hast recht, Junge«, fuhr der Squatter nach einer Weile fort. »Wir wollen sie hier erwarten; und zwar um so mehr, als ich, wenn ich nicht sehr irre, unter ihnen eine alte Bekannte erkenne.« »Die Frau, die uns gerettet hat, nicht wahr?« »Richtig! Die Begegnung ist wahrlich seltsam. Die arme Frau – es freut mich, sie wiederzusehen.« Zehn Minuten später waren die drei Reiter vollends herangekommen. Nachdem man sich gegenseitig begrüßt hatte, ergriff die Wölfin das Wort: »Erkennt Ihr mich wieder, John Bright?« fragte sie ihn. »Gewiß erkenne ich Euch, ehrwürdige Frau«, antwortete er mit Wärme; »denn obwohl ich Euch nur flüchtig und bei einer furchtbaren Gelegenheit gesehen habe, hat mich doch die Erinnerung an Euch keinen Augenblick verlassen. Seien Sie versichert, daß ich nur den Wunsch habe, daß Sie mir Gelegenheit bieten möchten, es Ihnen durch die Tat beweisen zu können.« Die Augen der Wölfin leuchteten vor Freude auf. »Ist das Ihr Ernst?« fragte sie. »Stellen Sie mich auf die Probe!« erwiderte er lebhaft. »Gut, so habe ich mich nicht in Ihnen getäuscht. Ich freue mich meiner Tat, weil ich sehe, daß das Gute, das ich Ihnen erwiesen habe, keinem Undankbaren zuteil geworden ist.« »Redet!« »Nicht hier! Was ich zu sagen habe, ist zu lang und zu wichtig, als daß es angemessen erschiene, es hier zu erörtern.« »Wollen Sie in meine Wohnung kommen? Dort haben wir nicht zu fürchten, daß man uns störe.« »Wenn Sie es erlauben.« »Wie? Wenn ich es erlaube, verehrte Frau? Als ob nicht mein Haus mit allem, was es enthält, samt seinem Besitzer vor allem Ihr Eigentum wäre!« Margarete lächelte traurig. »Ich danke Euch«, sagte sie und reichte ihm die Hand. John Bright drückte ihr diese herzlich. »Da wir also nichts mehr hier zu tun haben, wollen wir gehen.« »Gehen wir«, antwortete Margarete. Sie schlugen den Weg nach der Wohnung des Squatters ein. Der Weg wurde schweigsam zurückgelegt; jedermann war zu sehr mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, um daran zu denken, seine Gefährten anzureden. Sie hatten die Wohnung fast erreicht, als sie plötzlich aus einem dichten Gehölz, das sich zur Rechten ausdehnte, eine Anzahl von ungefähr zwanzig Reitern kommen sahen, die, soviel man erkennen konnte, die Kleidung der Waldläufer trugen. »Was ist das?« rief John Bright verwundert aus, indem er den Zügel seines Pferdes an sich zog und anhielt. »Schau!« sagte die Wölfin, ohne dem Squatter zu antworten. »Der Franzose hat sich gut gehalten!« »Was wollen Sie damit sagen?« »Das werde ich Ihnen später erklären; begnügen Sie sich für den Augenblick, jene braven Leute so gastfrei und gut aufzunehmen als nur immer möglich.« »Ja«, antwortete John Bright mißtrauisch, »das will ich gern tun; doch möchte ich vorher wissen, wer sie sind und was sie von mir wollen.« »Es sind Amerikaner gleich Ihnen, John Bright, und ich selbst habe den Kommandanten der Festung, wo sie in Garnison stehen, aufgefordert, sie hierher zu schicken.« »Von welcher Festung und welcher Garnison reden Sie, gute Frau? Ich schwöre bei meinem Leben, daß ich Sie nicht verstehe.« »Wäre es möglich, daß Sie während der Zeit, die Sie hier zugebracht haben, noch nichts von Ihren Nachbarn gehört hätten?« »Ich habe also Nachbarn?« fragte er mißmutig. »Das Fort Mackenzie ist kaum zweihundert Schritt von hier entfernt. Es steht unter dem Befehl eines wackeren Offiziers, der sich Major Melville nennt.« Bei diesen Worten heiterte sich die Miene des Squatters auf, denn es war kein Konkurrent, sondern ein Beschützer, den er zum Nachbarn hatte; mithin war alles recht. »Wirklich? So werde ich gehen, ihm meine Achtung zu erweisen«, sagte er. »Ein Festungskommandant ist eine Person, deren Bekanntschaft man nicht vernachlässigen darf; besonders nicht in der Wildnis!« Major Melville hatte die Truppenabteilung, die seine Schwester von ihm verlangte, sofort abgehen lassen; da er aber überlegte, daß Soldaten bei einem Handstreich weniger gut zu verwenden sein dürften als Jäger, schickte er zwanzig erfahrene und bewährte Waldläufer und Bedienstete unter der Führung eines vertrauten Offiziers, der bereits lange im Dienste der Pelzgesellschaft stand, die Wildnis gründlich kannte und mit den Kriegslisten der ränkesüchtigen Feinde vertraut war, die er bekämpfen sollte. Die beiden Truppen stießen am Fuß des Hügels aufeinander. Obwohl John Bright noch nicht wußte, zu welchem Zweck man ihm die Leute schickte, nahm er doch die unverhoffte Verstärkung mit Zuvorkommenheit auf. Ivon strahlte. Jetzt, wo er über eine so große Anzahl tüchtiger Schützen verfügen konnte, hielt er sich für versichert, daß er seinen Herrn werde retten können; er erschöpfte sich bei der Wölfin der Prärien und seinen beiden indianischen Freunden in warmen Danksagungen. Sobald jedermann in der Wohnung untergebracht war und sich die Jäger zweckmäßig aufgestellt hatten, kehrte John Bright zu seinen Gästen zurück, und nachdem er ihnen Erfrischungen angeboten hatte, sagte er: »Ich sehe jetzt Ihrer Erklärung entgegen.« - Da wir den Plan, der bei jener Gelegenheit besprochen wurde, bald ins Leben treten sehen werden, halten wir es für überflüssig, hier näher darauf einzugehen. 24 Das Lager der Schwarzfüße Seit den im vergangenen Kapitel mitgeteilten Ereignissen waren zwei Tage verstrichen. Am Abend herrschte im Dorf der Kenhas große Unruhe, denn es wurde alles zu einem großen Kriegszug vorbereitet. Die Nacht war klar und sternenhell. Vor jedem Calli brannten große Feuer, deren rötlicher Schein das ganze Dorf erhellte. Der Anblick, den das Dorf bot, wo eine rastlose Einwohnerschaft beim phantastischen Schimmer der Feuer hin und wider wogte und sich drängte, war ebenso seltsam als ergreifend. Der Graf de Beaulieu und Freikugel saßen scheinbar frei, mit dem Rücken gegen die Wand eines Calli gelehnt, auf der nackten Erde und unterhielten sich flüsternd miteinander. Die Frist, die der Graf bewilligt hatte, auf Ehrenwort Gefangener zu bleiben, war längst verstrichen, doch hatten sich die indianischen Häuptlinge damit begnügt, sowohl ihm als dem Jäger ihre Waffen zu nehmen, und sie schienen sich nicht weiter um die beiden zu kümmern. Auf dem freien Platz des Dorfes brannten zwei ungeheure Feuer. An dem ersten, das vor der Beratungshütte bereitet worden war, saßen der Weiße Bison, Natah-Otann, der Rote Wolf und drei oder vier andere der angesehensten Häuptlinge des Stammes. Am zweiten hatten sich ungefähr zwanzig Krieger gelagert und rauchten stillschweigend ihr Kalumet. Das war das Schauspiel, das das Dorf der Kenhas an dem Tag bot, wo wir ungefähr um neun Uhr abends unsere Erzählung wiederaufnehmen. »Warum läßt man die Bleichgesichter im Dorf umherirren?« fragte der Rote Wolf. Natah-Otann lächelte. »Besitzen die Weißen die Füße der Gazelle und das Auge des Adlers, um in der Wildnis die verlorene Spur wiederzufinden?« »In Hinsicht auf das Gläserne Auge«, fuhr der Rote Wolf dringender fort, »hat mein Bruder allerdings recht; aber Freikugel besitzt das Herz der Rothäute!« »Ja, wenn er allein wäre, würde er versuchen zu entkommen; aber jetzt wird er seinen Freund nicht verlassen.« »Dieser kann ihm folgen!« »Das Gläserne Auge hat ein tapferes Herz, aber seine Füße sind schwach; er ist nicht imstande, durch die Wildnis zu wandern.« Der Rote Wolf ließ, scheinbar überzeugt, den Kopf sinken, antwortete aber nicht. »Der Augenblick zum Abmarsch ist gekommen; schon eilen die verbündeten Völker nach dem Sammelplatz«, sagte der Weiße Bison in finsterem Ton. »Es ist um neun, das Käuzchen hat zweimal gerufen, und der Mond geht auf.« »Gut!« sagte Natah-Otann. »Man lasse die Pferde rauchen, um dann gleich aufbrechen zu können.« Der Rote Wolf ließ einen gellenden Pfiff ertönen. Auf dieses Zeichen kamen ungefähr zwanzig Reiter herangesprengt und umtanzten mit ihren Pferden das früher erwähnte Feuer, an dem zwanzig bis auf den Gürtel entblößte Krieger schweigend kauerten und rauchten. Jene Männer waren Krieger des Stammes, die ihre Pferde entweder durch einen Unfall oder in der Schlacht oder durch Krankheit eingebüßt hatten; die Reiter, die herbeigekommen waren und sie umtanzten, waren ihre Freunde und kamen, um jedem von ihnen vor dem Abmarsch ins Feld ein Pferd als Geschenk zu überbringen. Die Reiter, die fortwährend das Feuer umkreisten, waren den Rauchern bereits ziemlich nahe gekommen, ohne daß diese ihre Nähe zu bemerken schienen; jeder Reiter wählte denjenigen, dem er ein Pferd schenken wollte, worauf man anfing, die nackten Schultern der gleichmütig dasitzenden Krieger mit Peitschenhieben zu bearbeiten. Bei jedem Hieb, den die Reiter austeilten, schrien sie und riefen ihren Freund beim Namen: »Du bist ein Bettler und ein Elender! Du verlangst mein Pferd; ich gebe es dir; dafür sollst du die blutige Spur meiner Peitsche auf deinem Rücken tragen.« Dieses Manöver dauerte ungefähr eine Viertelstunde, während welcher Zeit die Geschlagenen, obwohl das Blut an ihnen herunterströmte, weder einen Schrei ausstießen noch eine Klage laut werden ließen, sondern ruhig und regungslos blieben, als ob sie Standbilder aus Erz wären. Endlich pfiff der Rote Wolf ein zweites Mal, worauf die Reiter ebenso schnell verschwanden, als sie gekommen waren. Die Geschlagenen erhoben sich, als ob nichts geschehen wäre, und gingen mit strahlendem Gesicht und festem Tritt, einen prachtvollen, vollständig aufgezäumten Renner in Empfang zu nehmen, den ihre früheren Feinde, die sich jetzt wieder in ihre Freunde verwandelt hatten, beim Zügel hielten. Das ist, was die Schwarzfüße »die Pferde rauchen lassen« nennen. Nachdem sich die Aufregung gelegt hatte, die durch den tragikomischen Vorfall hervorgebracht worden war, stieg ein Hachesto oder öffentlicher Ausrufer auf den Rand der Beratungshütte. Die ganze Einwohnerschaft des Dorfes scharte sich stillschweigend auf dem Platz. »Die Stunde hat geschlagen!« rief der Hachesto. »Ihr Krieger, greift zu euren Lanzen und nach euren Flinten; die Pferde stampfen vor Ungeduld, eure Häuptlinge erwarten euch, und eure Feinde schlafen! Zu den Waffen! Zu den Waffen! Zu den Waffen!« »Zu den Waffen!« riefen sämtliche Krieger einstimmig aus. Natah-Otann erschien, gefolgt von seinen Kriegern, die gleich ihm auf feurigen Rossen saßen, auf dem Platz und stieß mit furchtbarer Stimme das entsetzliche Kriegsgeschrei der Schwarzfüße aus. Bei diesem Geschrei eilten alle zu den Waffen, schwangen sich in den Sattel und sammelten sich um die Häuptlinge, die nach kaum zehn Minuten an der Spitze von ungefähr fünfhundert Auserwählten und vollständig bewaffneten und ausgerüsteten Kriegern standen. Natah-Otann blickte sich triumphierend um; da fielen seine Blicke zufällig auf die beiden Gefangenen, die ruhig sitzen geblieben waren und scheinbar gleichgültig gegen alles, was um sie her vorging, miteinander sprachen. Bei diesem Anblick runzelte der Häuptling die dichten Brauen, neigte sich zum Weißen Bison, der neben ihm stand, und flüsterte ihm einige Worte ins Ohr. Der Greis nickte beifällig und näherte sich den Gefangenen, während sich Natah-Otann an die Spitze der Krieger stellte und das Zeichen zum Aufbruch gab. Er entfernte sich und ließ nur ungefähr zehn Reiter zurück, die beauftragt waren, dem Weißen Bison erforderlichenfalls mit bewaffneter Hand beizustehen. »Meine Herren«, sagte der Alte in festem Ton, aber mit höflicher Gebärde, »ich bitte Sie, Ihre Pferde zu besteigen und mir gefälligst zu folgen.« »Ist es etwa ein Befehl, den Sie mir erteilen?« sagte der Graf hochfahrend. »Warum diese Frage?« »Weil es nicht meine Gewohnheit ist, irgend jemandem zu gehorchen.« »Mein Herr«, antwortete der alte Häuptling, »es würde ebenso töricht sein, wenn Sie sich widersetzen wollten, als Sie Ihr eigenes Interesse dadurch ernstlich gefährden würden; steigen Sie also ungesäumt aufs Pferd.« »Der Häuptling hat recht«, sagte Freikugel, indem er dem Grafen einen bedeutsamen Blick zuwarf. »Warum sollten wir unseren Kopf durchsetzen, da wir doch einmal nicht die Stärkeren sind.« »Aber ...«, wandte der junge Mann ein. »Da ist Ihr Pferd«, fiel ihm der Jäger rasch ins Wort. »Wir gehorchen dem Häuptling«, fügte er mit lauter Stimme hinzu. Hierauf flüsterte er dem Grafen zu: »Sind Sie von Sinnen, Herr Eduard? Wer weiß, was uns der Zufall während jenes verwünschten Feldzugs für günstige Gelegenheiten bieten kann?« »Aber ...« »Aufs Pferd! Aufs Pferd!« Der junge Mann entschloß sich endlich, obwohl nur halb überzeugt, dem Rat des Jägers zu folgen. Sobald die Gefangenen im Sattel saßen, wurden sie von den Reitern umringt und in vollem Lauf mit fortgerissen, bis sie die Truppe der Krieger erreicht hatten, an deren Spitze sie sich stellten. Trotz des Widerstrebens des Grafen de Beaulieu hatten Natah-Otann und der Weiße Bison die Idee, ihn für Motecuhzoma auszugeben und an die Spitze der verbündeten Völker zu stellen, noch nicht aufgegeben. Sie hatten ihren Plan nur insofern geändert, daß sie beschlossen hatten, den Grafen zu der Mitwirkung zu zwingen, die freiwillig zu übernehmen er sich weigerte. Sie dachten folgendermaßen aufzutreten: Es war ihnen gelungen, den Indianern, die der Jagd beigewohnt hatten, einzureden, daß der hartnäckige Kampf der beiden Weißen, bei dem sie zum Schrecken der Indianer allein zwanzig Kriegern Trotz geboten hatten, nur eine Kriegslist der beiden gewesen sei, die sie ersonnen hätten, um ihre Kraft und ihre Gewandtheit vor aller Augen glänzen zu lassen. Die Rothäute sind wegen ihrer Unwissenheit von einer unglaublichen Leichtgläubigkeit. Die grobe Lüge Natah-Otanns, die bei einem nur einigermaßen zivilisierten Volk nur Verachtung erweckt haben würde, fand unter jenen rohen Menschen den größten Anklang und erhöhte in ihren Augen die persönliche Tapferkeit des Grafen, den sie scheinbar nach wie vor auf das freundschaftlichste mit ihren Häuptlingen verkehren und frei im Dorf umhergehen sahen. Man war zu weit gegangen, und der zum Ausbruch der Verschwörung bestimmte Tag war zu nahe, als daß die Häuptlinge hätten daran denken können, ihren Alliierten Gegenbefehl zu geben und auf ein Mittel zu sinnen, den Propheten, den sie den Völkern am Missouri verkündet hatten, anderweitig zu ersetzen. Wenn sie bei ihrer Ankunft am Sammelplatz den Erwarteten nicht vorführen konnten, so unterlag es keinem Zweifel, daß jeder Häuptling mit seinem Anhang auf und davon gegangen und alles vielleicht für immer verloren wäre. Einem solchen Unglück mußte um jeden Preis vorgebeugt werden. Natah-Otann und der Weiße Bison sahen sich daher durch den gebieterischen Drang der Umstände gezwungen, zu einem verzweifelten Mittel ihre Zuflucht zu nehmen und das Gelingen dem Zufall zu überlassen. Es blieb ihnen nichts übrig als die Flucht nach vorn, und die beiden Häuptlinge waren nicht die ersten Leiter einer politischen Bewegung, die sich im letzten Augenblick gegen ihren Willen in die Arme jener unheilvollen Gottheit geworfen haben, die die Alten den »Unbekannten Gott« nannten und dem wir den Namen Zufall gegegeben haben. Der Graf de Beaulieu und sein Begleiter sollten während des ganzen Feldzugs an der Spitze der Streitkräfte und – dem Anschein nach frei, aber ohne Waffen – unter der besonderen Aufsicht von zehn auserwählten Kriegern stehen, die ihnen auf Schritt und Tritt folgen und sie bei der geringsten verdächtigen Bewegung erschlagen sollten. Der Plan war zwar so abgeschmackt, daß er anderen als den Indianern gegenüber kaum eine Stunde lang hätte ausgeführt werden können; aber gerade in seiner Unwahrscheinlichkeit lag seine Aussicht auf Erfolg, und die Indianer begründeten dies nicht nur mit dessen Verwegenheit, sondern auch mit der festen Überzeugung, daß dem Grafen keine Freunde zur Seite stünden, die bereit wären, seine Rettung zu wagen. Die Flucht Ivons hatte zwar Natah-Otann eine Zeitlang besorgt gemacht, doch hatte man später in demselben Gehölz, in das der Diener des Grafen geflüchtet war, den halb zerrissenen Leichnam eines Mannes gefunden, der die gleiche Kleidung trug, und dieser Umstand diente dazu, den Häuptling vollkommen zu beruhigen, da er von der Treue des armen Menschen nun nichts mehr zu fürchten haben würde. Drei Stunden vor dem Aufbruch der Truppe nach dem Sammelplatz hatte der Häuptling auf Anstiften des Weißen Bisons fünf Spione erwürgen lassen. Der Rote Wolf, in den sowohl Natah-Otann als der Weiße Bison das vollkommenste Vertrauen setzte und dessen bewährter Mut nicht in Zweifel gezogen werden konnte, war zum Anführer der Krieger ernannt worden, die die Gefangenen zu beaufsichtigen hatten. Die Lage der Dinge war mithin so günstig, als immer zu erwarten stand. Die Häuptlinge ritten ihren Kriegern fünfzig Schritt voran; sie unterhielten sich flüsternd und faßten ihre letzten Beschlüsse. Der Weiße Bison faßte die Lage der Dinge und die Hoffnungen auf Erfolg in wenigen Worten folgendermaßen zusammen: »Unser Plan verzweifelt«, sagte er; »ein Zufall kann ihn scheitern, ein Zufall kann ihn gelingen lassen – es hängt alles vom ersten Angriff ab. Gelingt es uns – wie ich es hoffe –, die amerikanische Besatzung zu überraschen und uns des Forts Mackenzie zu bemächtigen, so bedürfen wir jenes Grafen nicht mehr und können ihn leicht verschwinden lassen, indem wir vorschützen, daß er wieder gen Himmel aufgestiegen sei, weil wir gesiegt haben! Wenn nicht, so müssen wir weitersehen; in wenigen Stunden wird alles entschieden sein. Bis dahin seien wir guten Mutes und vorsichtig.« Natah-Otann antwortete nicht, sondern warf einen Blick auf Lianenblüte, die scheinbar sorglos neben der Truppe, die zu begleiten sie verlangt hatte, hertrabte; denn der Häuptling hatte ihr Verlangen mit Freude erfüllt. Die Krieger marschierten in langer Reihe und verfolgten schweigend die unzähligen Windungen des geschlängelten Pfades, den die wilden Tiere bereits seit Jahrhunderten durch die Prärie gebahnt hatten. Die Armee glich bei dem silbernen Licht des Mondes einer ungeheuren Schlange, die sich durch die Ebene windet. Die Nacht war klar und mild. Vom reich bestirnten Himmel floß ein mattes und phantastisches Licht, das mit der Großartigkeit und der ursprünglichen Erhabenheit der Wildnis vollkommen in Einklang stand. Gegen vier Uhr morgens machte Natah-Otann auf der Höhe eines bewaldeten Hügels halt. Der Hügel lag in einer ungeheuren Waldlichtung, in der sich die Mannschaft vertiefte und spurlos verschwand. In der Entfernung eines Kanonenschusses erhob sich das Fort Mackenzie finster und majestätisch vor ihren Blicken. Die Indianer hatten ihren Marsch so behutsam durchgeführt, daß die amerikanische Garnison nicht das kleinste Zeichen der Unruhe gegeben hatte. Natah-Otann ließ ein Zelt aufschlagen, in das einzutreten er seine Gefangenen höflich bat. Diese gehorchten. »Wozu die große Höflichkeit?« fragte der Graf. »Sind Sie nicht mein Gast?« antwortete der Häuptling mit ironischem Lächeln, worauf er sich entfernte. Sobald sich der Graf und sein Begleiter allein sahen, ließen sie sich auf einem Stoß aufgehäufter Pelze nieder, der ihnen als Bett dienen sollte. »Was ist zu tun?« murmelte der Graf mutlos. »Schlafen wir erst«, antwortete der Jäger gelassen. »Ich müßte mich sehr irren, wenn wir nicht bald etwas Neues erfahren sollten.« »Gott gebe es!« »Amen!« lachte Freikugel. »Nur getrost; wir werden diesmal noch nicht sterben!« »Ich hoffe es«, erwiderte der Graf, um etwas zu sagen. »Und ich bin davon überzeugt. Es wäre wahrlich sehr drollig«, fuhr der Jäger lachend fort, »wenn die roten Hunde mich, der ich schon so lange in der Wildnis herumschweife, endlich doch noch töten wollten.« Der junge Mann konnte sich nicht enthalten, die arglose Zuversicht zu bewundern, mit der der Kanadier eine so unerhörte Behauptung hinstellte. In dem Augenblick vernahmen die Gefangenen ein Geräusch in ihrer Nähe. »Still!« flüsterte Freikugel. Sie lauschten aufmerksam. Eine melodische Stimme sang nach einer sanften Weise die erste Strophe des allerliebsten Liedes der Schwarzfüße, die folgendermaßen lautet: »Ich vertraue dir mein Herz im Namen des Herrn des Lebens. Ich bin unglücklich, doch hat niemand Mitleid mit mir; und doch ist für mich der Herr des Lebens groß.« »Ach«, murmelte der Graf erfreut, »die Stimme kenne ich, mein Freund.« »Bei Gott – ich auch! Es ist die Stimme von Lianenblüte.« »Was beabsichtigt sie?« »Sie will uns ein Zeichen geben.« »Glauben Sie?« »Lianenblüte liebt Sie, Herr Eduard.« »Das arme Kind! Ich liebe sie auch, aber ach ...« »Bah! Auf den Regen folgt Sonnenschein!« »Wenn ich sie sehen könnte!« »Wozu das? Sie wird sich schon zeigen, wenn es notwendig ist. Glauben Sir mir, sowohl bei den Wilden als in der zivilisierten Welt sind die Frauen überall dieselben. Aber Achtung, es kommt jemand!« Sie warfen sich hastig auf ihr Lager und stellten sich schlafend. Ein Mann hatte den Türvorhang leise zurückgeschoben. Beim Mondenstrahl, der durch die Öffnung fiel, erkannten die Gefangenen den Roten Wolf. Der Indianer warf einen Blick nach draußen, und als ihn die ringsum herrschende Stille wahrscheinlich hinreichend beruhigt hatte, ließ er den Vorhang fallen und tat einige Schritte in das Zelt. »Der Jaguar ist stark und mutig«, sagte er mit lauter Stimme, als spreche er mit sich selbst; »der Fuchs ist listig, aber der Mensch, dessen Herz groß ist, übertrifft den Jaguar an Kraft und den Fuchs an List, wenn er Waffen hat, um sich zu verteidigen. Wer sagt, daß sich das Gläserne Auge und Freikugel erwürgen lassen wie schüchterne Gazellen?« Hierauf ließ der Häuptling, ohne die Gefangenen anzusehen, zwei Flinten nebst Pulverhorn und Kugeln und zwei Messer zu ihren Füßen fallen, worauf er das Zelt ebenso gelassen und ruhig verließ, als ob er das einfachste Ding der Welt getan hätte. Die Gefangenen sahen ihm verwundert zu. »Was sagen Sie dazu?« fragte Freikugel betroffen. »Es ist eine Falle!« antwortete der Graf. »Nun, Falle oder nicht– die Waffen liegen da, und ich nehme sie an mich.« Der Jäger griff nach den Flinten und den Messern und versteckte sie unter den Decken. Kaum waren die Waffen in Sicherheit, als der Vorhang des Zelts zurückgeschlagen wurde. Die Gefangenen hatten kaum Zeit, ihre frühere Stellung wieder einzunehmen. Der Mann, der jetzt eintrat, war Natah-Otann; er hielt einen Ast aus Ocote oder Lichterholz angezündet in der Hand, und bei dessen Schein hatte sein sorgenvolles Gesicht einen unheimlichen Ausdruck. Er grub mit seinem Messer ein Loch in den Boden, pflanzte seine Fackel hinein und näherte sich den Gefangenen. »Meine Herren«, begann er nach einer kleinen Pause, »ich komme, Sie um eine kurze Unterhaltung zu bitten.« »Reden Sie, mein Herr; wir sind Ihre Gefangenen und als solche genötigt, Sie anzuhören – wenn auch nicht, Ihnen zuzuhören«, antwortete der Graf trocken, indem er sich mit dem Ellenbogen auf sein Lager stemmte, während Freikugel gelassen aufstand und sich an der Fackel eine Pfeife anbrannte. »Sie haben sich, solange Sie meine Gefangenen sind, meine Herren«, fuhr der Häuptling fort, »nicht über mein Benehmen gegen Sie zu beschweren gehabt.« »Es kommt darauf an; und vor allen Dingen erkenne ich keineswegs an, daß ich Ihr rechtmäßiger Gefangener bin.« »Ach, Herr Graf«, antwortete Natah-Otann mit spöttischem Lächeln, »wie können Sie mit uns armen Indianern von rechtmäßig und unrechtmäßig reden? Sie wissen ja, daß wir nicht einmal das Wort, viel weniger dessen Begriff kennen.« »Ganz recht; fahren Sie fort!« »Ich bin gekommen ...« »Warum?« unterbrach ihn der Graf ungeduldig. »Erklären Sie sich näher!« »Ich habe Ihnen einen Vertrag vorzuschlagen.« »Nun, ich bekenne offen, daß mir die Art, wie Sie mich bisher behandelt haben, kein großes Vertrauen dazu gibt.« Der Indianer machte eine Bewegung. »Gleichviel«, fuhr der Graf fort; »lassen Sie immerhin hören!« »Mein Herr, ich wünschte der Notwendigkeit entledigt zu sein, Sie wieder knebeln zu müssen, wie ich es tun mußte, als man Sie gefangennahm.« »Sehr verbunden.« »Gegenwärtig kann ich aber durchaus keinen meiner Krieger entbehren und mithin auch niemanden zurücklassen, um Sie und Ihren Begleiter zu bewachen.« »Was wollen Sie damit sagen?« »Daß ich Ihnen Ihr Ehrenwort abfordere, von jetzt an vierundzwanzig Stunden lang nicht zu flüchten.« »Das ist ja kein Vertrag!« »Warten Sie; ich wollte eben darauf zu sprechen kommen.« »Gut, ich warte.« »Hingegen verpflichte ich mich ...« »Aha!« sagte der Graf in spottendem Ton. »Lassen Sie doch hören, wozu Sie sich verpflichten; darauf bin ich wirklich gespannt.« »Ich verpflichte mich«, fuhr der Häuptling kaltblütig und gelassen fort, »Ihnen nach Verlauf jener vierundzwanzig Stunden Ihre Freiheit zurückzugeben.« »Meinem Gefährten auch?« Der Indianer nickte bejahend. Der Graf schlug ein lautes Gelächter auf. »Und wenn wir den Vorschlag nicht annehmen?« fragte er. »Wenn Sie ihn nicht annehmen?« »Ja.« »Sie werden ihn aber annehmen«, fügte er mit ironischem Lächeln hinzu. »Wohl möglich; nehmen Sie aber die Möglichkeit an, daß ich es nicht täte.« »So wird man Sie mit Tagesanbruch beide an den Pfahl binden und bis zum Abend martern.« »Wahrhaftig? Ist das Ihr letztes Wort?« »Das letzte; ich werde in einer halben Stunde wiederkommen, um mir die Antwort zu holen.« Bei diesen Worten wandte er sich, um zu gehen. Der Graf sprang auf wie ein Jaguar und stand plötzlich vor dem Häuptling, die Flinte in der einen, das Messer in der anderen Hand. »Einen Augenblick!« rief er ihm entgegen. »Uah!« rief der Häuptling aus, indem er seine Arme über der breiten Brust kreuzte und ihn spöttisch betrachtete. »Sie hatten sich, wie ich sehe, bereits vorgesehen.« »Bei Gott!« rief Freikugel hohnlachend aus. »Jetzt ist, wie mir scheint, die Reihe an uns, Vorschriften zu machen.« »Vielleicht«, erwiderte Natah-Otann kaltblütig. »Da ich aber keine Zeit habe, müßige Reden zu führen, bitte ich, mir Platz zu machen, meine Herren.« Freikugel trat rasch vor die Tür. »Was fällt Euch ein, Häuptling?« sagte er. »Die Sache kann nicht so enden, denn wir sind keine alten Weiber, die sich leicht schrecken lassen; und ehe man uns an den Marterpfahl bindet, werden wir uns selbst töten.« Der Häuptling zuckte verächtlich die Achseln. »Ihr seid verrückt!« sagte er. »Macht mir Platz, alter Jäger, und zwingt mich nicht, Gewalt zu gebrauchen.« »Nein, mein Häuptling«, lachte Freikugel, »wir können uns so nicht trennen, und es ist um so schlimmer für Sie, wenn Sie sich in die Höhle des Löwen gewagt haben.« Natah-Otann machte eine ungeduldige Gebärde. »Ihr besteht darauf!« sagte er. »Wohlan, so seht!« Bei diesen Worten legte er die Kriegspfeife, die er am Hals trug, an den Mund und tat einen gellenden, kurzen Pfiff. Ehe die beiden Weißen recht begriffen hatten, was geschah, spalteten sich die Wände des Zeltes, die Schwarzfüße drangen hinein, ergriffen Freikugel und den Grafen und entwaffneten sie. Der Sachem stand, die Arme über der Brust gekreuzt, kaltblütig da und wohnte dem Auftritt ruhig bei. Die Kenhas blickten auf ihren Häuptling, schwangen den Tomahawk über ihrem Kopf und schienen einen letzten Befehl zu erwarten. Es trat eine kurze, aber bange Pause ein; so tapfer die beiden Weißen auch waren, so kam ihnen der Angriff doch so unerwartet, daß sie sich eines geheimen Schauders nicht erwehren konnten. Der Häuptling weidete sich eine Zeitlang an seinem Sieg; hierauf erhob er die Hand mit befehlender Gebärde und sagte: »Geht, gebt jenen Kriegern ihre Waffen zurück; sie sind die Gäste Natah-Otanns.« Die Schwarzfüße entfernten sich ebenso schnell, wie sie gekommen waren. »Nun«, fragte der Häuptling mit einem Anflug von Ironie, »haben Sie mich endlich verstanden? Wähnen Sie immer noch, daß ich in Ihrer Gewalt sei?« »Schon gut, mein Herr«, antwortete der Graf kurz, denn der Kampf, den er zu bestehen gehabt hatte, bebte noch in seinem Innern nach; »ich sehe mich gezwungen, anzuerkennen, daß Ihnen der Zufall Vorteile über mich gibt; jeder Widerstand wäre überflüssig, und ich bin bereit, mich Ihrem Willen zu unterwerfen, aber unter zwei Bedingungen.« »Die ich im voraus annehme, Herr Graf«, antwortete Natah-Otann. »Gehen Sie noch keine Verpflichtung ein; Sie wissen ja noch nicht, was ich verlange.« »Ich sehe Ihrer Erklärung entgegen, Herr Graf.« »Ich werde, da ich nicht anders kann, an der Spitze Ihrer Männer marschieren – aber allein, ohne Waffen und ohne daß Sie mir unter irgendeinem Vorwand einen anderen Anteil an dem blutigen Trauerspiel aufzwingen können, zu dem Sie sich vorbereiten.« Der Häuptling runzelte die Brauen. »Und wenn ich die Bedingungen nicht annehme, Herr Graf?« erwiderte er in dumpfem Ton. »Wenn Sie meine Bedingungen nicht annehmen«, antwortete Herr de Beaulieu im ruhigsten Ton und mit der gelassensten Miene, »werde ich Sie durch ein sicheres, unfehlbar wirkendes Mittel dazu zwingen.« »Was heißt das mit anderen Worten, Herr Graf?« fragte jener. »Das heißt, mein Herr, daß ich mich vor den Augen Ihrer Krieger erschießen werde.« Der Häuptling warf ihm einen giftigen Blick zu. »Gut«, sagte er nach einer Weile, »die erste Bedingung nehme ich an; lassen Sie mich jetzt die zweite wissen.« »Die zweite ist, daß Ihr mir versprecht, Ihr mögt gesiegt haben oder nicht – obwohl ich, nebenbei gesagt, das letztere lieber sehen würde als das erste –« »Sehr verbunden«, fiel ihm der Häuptling mit einer spöttischen Verbeugung ins Wort. »Nach beendeter Schlacht also – gleichviel, wie deren Ausgang ist – sollen Sie sich in ehrlichem Kampf mit mir messen!« »Oho! Das ist ja ein Duell, wie ihr Weißen sagt, was Sie mir da vorschlagen.« »Ja; wollen Sie nicht darauf eingehen?« »Warum nicht? Ich nehme die Herausforderung sehr gern an, und zwar um so lieber, als bei uns Indianern vom Blut dergleichen Kämpfe ebenfalls gebräuchlich sind, wenn wir einen persönlichen Streit auszukämpfen haben.« »Sie nehmen also meine Bedingungen an?« »Ich nehme sie an, Herr Graf.« »Wer verbürgt mir aber die Ehrlichkeit Ihres Wortes?« »Ich, mein Herr«, antwortete eine kräftige Stimme. Die drei Männer drehten sich um – der Weiße Bison stand unbeweglich im Eingang des Zeltes. Als der Graf jenen seltsamen Mann erblickte, dessen Gebärde voll Hoheit und Würde war, fühlte er sich unwillkürlich überwältigt und verneigte sich, ohne zu antworten. »Meine Herren«, fuhr Natah-Otann fort, »innerhalb des Lagers sind Sie frei!« »Schönen Dank«, antwortete Freikugel in barschem Ton. »Ich habe aber nichts versprochen.« »Ihr?« erwiderte der Häuptling gleichgültig. »Geht oder bleibt – das ist mir einerlei.« Nachdem die beiden Häuptlinge Herrn de Beaulieu ehrerbietig gegrüßt hatten, entfernten sie sich. 25 Vor der Schlacht Nachdem die beiden Häuptlinge das Zelt verlassen hatten, gingen sie eine Weile stumm nebeneinanderher. Beide schienen in ernste Betrachtungen verloren zu sein, deren Gegenstand wahrscheinlich die wichtigen Ereignisse waren, die in nächster Zukunft bevorstanden und deren Ausgang das Schicksal der indianischen Stämme in diesem Teil des amerikanischen Festlands entscheiden würden. Im Weitergehen waren sie auf einen hohen Punkt des Hügels gelangt, von wo aus der Blick nach allen Richtungen weithin über die Prärie schweifen konnte. Die Nacht war still und die Luft mit Wohlgerüchen erfüllt. Kein Lüftchen regte sich, und am tiefblauen, unbewölkten Himmel glänzte eine Unzahl von Sternen. Über der Wildnis, in der mehrere tausend Mann auf der Lauer lagen und nur eines Wortes oder Winkes harrten, um sich gegenseitig abzuschlachten, ruhte gegenwärtig die tiefste Stille. Die beiden Männer blieben unwillkürlich stehen und warfen einen sinnenden Blick auf die großartige Landschaft, die sich zu ihren Füßen ausbreitete. Fort Mackenzie erhob sich kaum drei Büchsenschüsse von ihnen entfernt düster und schweigend am Rand des Flusses, der beim Schein des Mondes einem breiten silbernen Band glich, während sich die massiven Festungswerke schwarz und dunkel vom Hintergrund abhoben und ihre langgestreckten Schatten weit über die Ebene ausbreiteten. In den dichtbelaubten Wipfeln der Bäume regte sich ein leiser Windhauch und flüsterte geheimnisvoll in den Zweigen, und am fernen Horizont dehnten sich wie eine erhabene Einrahmung des großartigen Bildes die bewaldeten Gipfel der hohen Berge und die zackigen Spitzen der Hügel aus. »Bei Sonnenaufgang«, murmelte Natah-Otann, indem er mehr dem Gang seiner eigenen Gedanken folgte, als mit seinem Gefährten sprach, »wird jene stolze Feste in meinen Händen sein, und die Rothäute werden dort herrschen, wo gegenwärtig noch ihre grausamen Bedrücker regieren.« »Ja«, antwortete der Weiße Bison gedankenvoll, »morgen werdet ihr die Herren der Festung sein; aber wird es euch gelingen, euch zu behaupten? Es ist nicht genug, zu siegen; denn die Weißen sind unzählige Male von den Rothäuten geschlagen worden, und dennoch ist es ihnen gelungen, diese zu knechten, zu unterjochen, zu schwächen und zu verstreuen gleich herbstlichen Blättern, die der Wind verweht.« »Das ist leider nur zu wahr«, antwortete der Häuptling seufzend; »und seit dem Tag, wo die Weißen den Fuß in unser unglückliches Land gesetzt haben, hat es sich immer so verhalten. Worin besteht die geheimnisvolle Macht, durch die sie stets vor uns geschützt wurden?« »Mein liebes Kind«, antwortete der Weiße Bison mit traurigem Kopfnicken, »ihr seid selbst eure größten Feinde und dürft eure ständigen Niederlagen niemandem sonst zuschreiben als euch selbst. Ihr bekämpft euch voll Erbitterung gegenseitig wegen der geringfügigsten Ursachen, und die Weißen mußten euren angeborenen Haß nur heimlich anfeuern, um sich dessen geschickt als Waffe gegen euch zu bedienen und euch einzeln zu besiegen.« »Ja, das habt Ihr mir schon oft gesagt, Vater, und Eure Ermahnungen haben, wie Ihr seht, Früchte getragen. Sämtliche Indianer vom Missouri sind gegenwärtig vereinigt, gehorchen demselben Häuptling und scharen sich unter demselben Totem. Auch könnt Ihr versichert sein, daß jenes Bündnis reich an guten Folgen sein wird. Wir werden die räuberischen Wölfe von unseren Grenzen verjagen, sie zurück nach ihren steinernen Städten treiben, und nur der Mokassin der Rothaut wird fortan den Boden unserer heimischen Prärien betreten, und das Echo der Hügel an den Ufern des Missouri wird nur von dem fröhlichen Lachen der Rothäute widerhallen und das Kriegsgeschrei der Schwarzfüße wiederholen.« »Niemand wird sich über ein solches Resultat mehr freuen als ich; denn es ist mein glühendster Wunsch, die Menschen frei zu sehen, die mir eine so brüderliche Gastfreundschaft geboten haben. Aber ach, wer vermag in die Zukunft zu schauen? Jene Sachems, die deine Bemühungen und deine Geduld vereinigt haben, um gemeinschaftlich das große und volkstümliche Werk zu fördern, brüten über bösen Gedanken, scheuen sich, deinen Befehlen zu gehorchen, und beneiden dich um eine Gewalt, die sie dir selbst eingeräumt haben. Zittere daher, daß sie dich verlassen!« »Ich werde ihnen keine Zeit dazu lassen, Vater; ich kenne seit mehreren Tagen bereits ihre geheimen Umtriebe und weiß von ihren Plänen. Bisher hat mir die Klugheit den Mund verschlossen, denn ich wollte das Gelingen meines Plans nicht aufs Spiel setzen; aber sobald ich Herr jener Festung dort bin, werde ich – seid dessen versichert! – laut genug reden; denn dann hat meine Stimme ein Ansehen und meine Macht eine Gewalt erlangt, denen sich die Ungestümsten unterwerfen müssen. Der Sieg wird mich ebenso groß als furchtbar machen; mein Fuß soll diejenigen zertreten, die sich insgeheim gegen mich verschworen haben und die sich, wenn ich besiegt würde, nicht scheuen würden, gegen mich aufzutreten. Geht, mein Vater, damit alles für den Sturm vorbereitet sei, sobald ich das Zeichen dazu gebe. Besucht die Posten und beobachtet die Bewegungen des Feindes; in zwei Stunden werde ich mein Kriegsgeschrei erheben.« Der Weiße Bison betrachtete ihn eine Zeitlang mit einer Miene, in der sich Freundschaft, Furcht und Bewunderung aussprachen; er legte dann die Hand auf seine Schulter und sagte bewegt: »Kind, du bist ein Tor – aber ein bewunderungswürdiger Tor! Das Werk der Wiedergeburt, das du unternimmst, ist unmöglich; dennoch wird deine Tat – du magst nun siegen oder unterliegen – nicht spurlos vorübergehen. Deine irdische Bahn wird eine leuchtende Spur hinterlassen, die einst denjenigen als Leuchtfeuer dienen wird, die dir im Befreiungswerk deines Volkes nachfolgen.« Nach einem kurzen Schweigen, das beredter war als viele Worte, stürzten die beiden Männer einander in die Arme und hielten sich minutenlang innig umfaßt. Endlich trennten sie sich, und Natah-Otann blieb allein. Der junge Häuptling täuschte sich keineswegs über die Schwierigkeit seiner Lage und erkannte die Richtigkeit der Bemerkungen seines Pflegevaters vollkommen an. Es war aber jetzt zu spät, um zurückzutreten, und er mußte um jeden Preis vorwärtsgehen. Wir haben im vorhergehenden Kapitel die Ursache näher beleuchtet, die Natah-Otann gewissermaßen zwangen, die Ausführung seines Plans zu beschleunigen, und jetzt, wo der Augenblick gekommen war, endlich in die Schranken zu treten, hatten die Zweifel und die Befürchtungen des jungen Häuptlings plötzlich aufgehört, um einer kaltblütigen und unerschütterlichen Entschlossenheit zu weichen, die seinem Geist die nötige Klarheit verlieh, um den entscheidenden Wurf, von dem das Schicksal seines Volkes abhing, mit Gewandtheit zu führen. Als der Weiße Bison Natah-Otann verlassen hatte, setzte sich dieser auf einen Felsenvorsprung, stützte die Ellenbogen auf die Knie, ließ den Kopf auf seinen Händen ruhen, überblickte die Ebene und verlor sich in ernste Betrachtungen. Er saß bereits lange in solchen Träumen verloren da und war sich der Außenwelt nur noch undeutlich bewußt, als sich plötzlich leise eine Hand auf seine Schulter legte. Der Häuptling schreckte empor, als habe ihn ein elektrischer Schlag getroffen, und blickte auf. »Ochtl!« rief er mit einer Bewegung aus, die er nicht zu unterdrücken vermochte. »Lianenblüte hier zu dieser Stunde?« Das junge Mädchen lächelte sanft. »Warum wundert sich mein Bruder?« antwortete es. »Weiß der Häuptling nicht, daß es Lianenblüte liebt, des Nachts umherzuirren, wenn die Natur schläft und die Stimme des Großen Geistes vernehmlicher redet? Wir jungen Mädchen lieben es, des Nachts beim geheimnisvollen Schein der Sterne zu träumen, bei deren sanftem Licht unsere Gedanken eine nebelhafte Gestalt anzunehmen scheinen.« Der Häuptling lächelte, ohne zu antworten. »Warum«, fragte Lianenblüte sanft, »leidet Ihr, der Ihr der erste Sachem unseres Volkes und der berühmteste Krieger unserer Stämme seid? Weshalb seufzt Ihr?« Der Häuptling ergriff die zierliche Hand, die ihm das junge Mädchen überließ und die er zärtlich küßte. »Lianenblüte«, sagte er endlich, »weißt du nicht, weshalb ich leide, wenn ich bei dir bin?« »Wie sollte ich es wissen? Meine Brüder nennen mich wohl die Jungfrau der schönen Liebe, und man meint, daß ich mit den Geistern der Luft und des Wassers einverstanden sei. Ich bin aber leider nur ein unwissendes Mädchen und möchte den Grund Eures Kummers gern wissen, weil ich Euch dann vielleicht davon befreien könnte.« »Nein«, antwortete der Häuptling kopfschüttelnd, »das steht nicht in deiner Macht, mein Kind; die Schläge deines Herzens müßten denn die des meinigen erwidern, und der kleine Vogel müßte in dir erwacht sein, der so melodisch im Herzen der jungen Mädchen singt und ihnen so süße Worte zuflüstert.« Das junge Mädchen lächelte errötend, schlug die Augen nieder und bemühte sich, Natah-Otann die Hand zu entziehen, die dieser immer noch festhielt. »Ich habe den kleinen Vogel gesehen, von dem mein Bruder spricht, und er hat sein Lied schon in meiner Nähe angestimmt.« Der Häuptling sprang hastig auf, blickte das junge Mädchen mit funkelnden Augen an und rief aufgeregt aus: »Wie? Du liebst? Es ist also einem der Krieger unseres Volkes gelungen, dein Herz zu rühren und dir Liebe einzuflößen?« Lianenblüte schüttelte mutwillig den lieblichen Kopf, und ihre frischen Lippen umschwebte ein reizendes Lächeln. »Ich weiß nicht, ob das, was ich empfinde, dasselbe ist, was Ihr Liebe nennt«, sagte sie. Natah-Otann hatte mit Anstrengung die Bewegung unterdrückt, die ihn durchzuckte. »Und weshalb sollte es nicht möglich sein?« fuhr er sinnend fort. »Die Gesetze der Natur sind unwandelbar; niemand kann sich ihnen entziehen, und die Stunde jenes Kindes mußte also gleichfalls kommen. Mit welchem Recht dürfte ich tadeln, was geschieht? Ist nicht mein Herz erfüllt von einem heiligen Feuer, vor dem jede andere Regung schweigen muß? Ein Mann in meiner Lage schwebt zu hoch über den niedrigen Leidenschaften, und das Ziel, das er verfolgt, ist zu erhaben, als daß es ihm gestattet wäre, sich von der Liebe einer Frau beherrschen zu lassen. Derjenige, der sich erkühnt, Retter und Befreier eines Volkes zu werden, gehört der Menschheit nicht mehr an. Ich muß mich der Aufgabe würdig zeigen, die ich mir gestellt habe, und womöglich die törichte Leidenschaft zu vergessen suchen, die mich verzehrt. Jenes junge Mädchen kann nie die Meinige werden, denn es trennt uns eine unüberwindliche Schranke. Ich will daher wieder sein, was zu bleiben ich nie hätte aufhören sollen – nämlich ihr Vater.« Er ließ mutlos den Kopf auf die Brust sinken und vertiefte sich eine Zeitlang in düstere Betrachtungen. Lianenblüte sah ihn mit zärtlichem Mitleid an. Sie hatte die Worte des Häuptlings nur halb verstanden und deren Sinn nicht begriffen, doch hegte sie eine aufrichtige Freundschaft für ihn, und es betrübte sie, ihn traurig zu sehen. Sie suchte vergebens nach einem tröstenden Wort, das sie ihm hätte sagen können, und wartete beklommen, bis er sich ihrer Gegenwart erinnere und sie anreden würde. Endlich hob er den Kopf. »Meine Schwester hat mir denjenigen unter unseren jungen Kriegern nicht genannt, den sie den übrigen vorzieht.« »Hat es der Sachem nicht erraten?« fragte sie schüchtern. »Natah-Otann ist ein Häuptling; er ist zwar der Vater seiner Krieger, doch belauscht er weder ihre Taten noch ihre Gedanken.« »Derjenige, den ich meine, ist kein Kenhakrieger«, erwiderte sie. »So?« sagte er verwundert und warf ihr einen forschenden Blick zu. »Ist es etwa eines der Bleichgesichter, die Natah-Otanns Gäste sind?« »Mein Bruder will sagen seine Gefangenen«, murmelte sie. »Was bedeuten solche Worte, Mädchen? Ziemt es einem Kind wie dir, meine Taten beurteilen zu wollen? Ha«, fügte er mit gerunzelten Brauen hinzu, »jetzt begreife ich, wie die Häuptlinge der Bleichgesichter zu den Waffen gekommen sind, die ich vor einer Stunde bei ihnen gefunden habe. Meine Tochter braucht mir den Namen desjenigen, den sie liebt, nicht zu nennen – ich kenne ihn jetzt.« Das junge Mädchen senkte errötend den Kopf. »Acht'sett! – Es ist gut!« fuhr er in rauhem Ton fort. »Meine Schwester kann ihre Neigung verschenken, an wen sie will, doch sollte sie sich durch ihre Liebe nicht hinreißen lassen, um den Bleichgesichtern zu folgen, diejenigen zu verraten, die sie erzogen haben. Sie ist eine Tochter der Kenhas. Ist sie deshalb hergekommen, um mir das mitzuteilen?« »Nein«, antwortete sie scheu, »jemand anderer hat mir befohlen, hierher zu kommen, um mich zu treffen und mir in Gegenwart des Sachem ein wichtiges Geheimnis zu entdecken.« »Ein wichtiges Geheimnis?« erwiderte Natah-Otann. »Was willst du damit sagen? Von wem redet meine Schwester?« »Ich rede von derjenigen, die man die Wölfin der Prärien nennt; sie ist gegen mich stets sanft, gut und liebevoll gewesen, obwohl sie die Indianer so bitter haßt.« »Das ist sonderbar«, murmelte der Häuptling. »Sie ist es also, die du erwartest?« »Ja, ich erwarte sie.« »Jene Frau also hat dich hierher beschieden?« rief der Häuptling aus. »Aber sie ist ja verrückt!« »Der Große Geist raubt denjenigen, die er beschützen will, den Verstand, damit sie den Schmerz nicht fühlen«, antwortete sie sanft. Seit einiger Zeit ließ sich ein fast unmerkliches Rauschen im Laub vernehmen. Das geübte Ohr des Häuptlings würde jenen Laut, so leise er auch war, vernommen haben, wenn er nicht vollständig in sein Gespräch mit dem jungen Mädchen vertieft gewesen wäre. Plötzlich wurden die Zweige heftig auseinandergebogen, mehrere Männer unter der Führung der Wölfin der Prärien stürzten über den Häuptling her, und ehe er sich von seinem Erstaunen über einen so unerwarteten Angriff erholt hatte, lag er am Boden und war gefesselt. »Die Verrückte!« rief er aus. »Jaja, die Verrückte!« wiederholte sie wild. »Jetzt halte ich endlich meine Rache! Sie ist mein! Ich danke euch«, fügte sie hinzu, indem sie sich zu ihren Begleitern wandte; »ich übernehme die Aufsicht über ihn, er soll mir nicht entgehen! Geht!« Die Männer entfernten sich, ohne zu antworten. Sie trugen zwar indianische Kleidung, doch war ihr Gesicht durch ein Pantherfell verdeckt. Es blieben nur drei Personen auf der Anhöhe zurück; nämlich Lianenblüte, Margarete und Natah-Otann, der sich in seinen Fesseln wand und dumpfe, unartikulierte Laute ausstieß. Die Wölfin verschlang den zu ihren Füßen hingeworfenen Feind mit gierigen Blicken, in denen eine unheimliche Freude blitzte. Lianenblüte stand unbeweglich neben dem Häuptling und betrachtete ihn traurig und nachdenklich. »Recht so«, sagte die Wölfin mit dem Ausdruck befriedigten Hasses. »Tobe nur, Jaguar; suche die Fesseln zu zerreißen, die du nicht lösen kannst. Endlich habe ich dich! Jetzt ist die Reihe an mir, dich zu quälen und dir die Leiden zu vergelten, mit denen du mich überschüttest hast. Ach, ich werde mich an dir, dem Henker meiner ganzen Familie, nie genug rächen können. Gott ist gerecht! Jetzt heißt es Zahn um Zahn und Aug' um Auge, du Elender!« Sie hob jetzt einen Dolch auf, der neben ihr am Boden lag, und fing an, ihn damit am ganzen Leib zu stacheln. »Rede! Fühlst du nicht, wie der kalte Stahl in dein Fleisch dringt?« fuhr sie fort. »Ach, ich möchte dich tausendmal töten, wenn es möglich wäre, dir einen tausendfachen Tod zu bereiten!« Der Häuptling lächelte verächtlich, und die aufgebrachte Wölfin schwang den Dolch und wollte ihn durchbohren, als Lianenblüte ihren Arm zurückhielt. Margarete sprang zurück wie eine Tigerin; als sie aber das junge Mädchen erkannte, entfiel die Waffe ihrer zitternden Hand, und ihr Gesicht nahm einen unaussprechlich sanften und zärtlichen Ausdruck an. »Du? Du hier?« rief sie aus. »Armes Kind, du hast also die Zusammenkunft nicht vergessen, die ich dir hier versprochen hatte! Du bist ein Bote des Himmels!« »Ja«, fuhr das junge Mädchen fort, »der Große Geist sieht alles. Meine Mutter ist gut, Lianenblüte liebt sie; warum quält sie den Mann, der das verlassene Kind wie ein Vater aufgenommen hat? Der Häuptling ist stets gut gegen Lianenblüte gewesen; meine Mutter wird ihm verzeihen.« Margarete blickte das mitleidige Kind mit dem Ausdruck wahnsinniger Bestürzung an, ihre Züge verzerrten sich plötzlich, und sie stieß ein kurzes, gellendes Gelächter aus. »Wie?« rief sie in schneidendem Ton aus. »Du – du, Lianenblüte, verwendest dich für jenen Mann?« »Er ist ein Vater für Lianenblüte gewesen«, antwortete das junge Mädchen einfach. »Aber du kennst ihn nicht!« »Er ist stets gut gewesen.« »Schweig, Kind, flehe die Wölfin nicht an!« sagte der Häuptling finster. »Natah-Otann ist ein Krieger und wird zu sterben wissen.« »Nein, der Häuptling soll nicht sterben!« antwortete die Indianerin entschlossen. »Jetzt bin ich gerächt!« stöhnte Natah-Otann. »Hund!« rief die Wölfin aus und schlug ihn mit der Ferse ins Gesicht. »Schweig, sonst reiße ich dir die giftige Zunge aus.« Der Indianer lächelte verächtlich. »Meine Mutter wird mir folgen«, sagte das junge Mädchen. »Ich werde den Häuptling losbinden, damit er zu seinen Kriegern zurückkehre, die ins Feld rücken wollen.« Sie hob bei diesen Worten den Dolch auf und kniete neben dem Häuptling nieder. Jetzt wurde sie von der Wölfin zurückgehalten. »Höre mich an, Kind, ehe du seine Fesseln zerschneidest!« sagte sie. »Ich will dich nachher hören«, sagte das junge Mädchen, »denn ein Häuptling muß während der Schlacht bei seinen Kriegern sein.« »Schenke mir nur fünf Minuten Gehör!« fuhr die Wölfin dringend fort. »Ich beschwöre dich, Lianenblüte, im Namen all dessen, was ich für dich getan habe. Wenn ich ausgeredet habe, kannst du den Mann immer noch befreien, wenn du willst; ich schwöre dir, daß ich dich nicht daran hindern werde!« Das junge Mädchen warf ihr einen sinnenden Blick zu. »Rede«, sagte sie mit ihrer sanften, einnehmenden Stimme; »Lianenblüte hört.« Die Wölfin seufzte erleichtert auf. Es entstand ein kurzes Schweigen. Man hörte nur das dumpfe Zähneknirschen des Gefangenen. »Du hast recht, Mädchen«, sagte die Wölfin endlich in traurigem Ton, »der Mann hat dich in deiner Kindheit gepflegt, ist gut mit dir gewesen, hat dich sorgfältig erzogen. Du siehst, daß ich ihm Gerechtigkeit widerfahren lasse, nicht wahr? Er hat dir nie erzählt, auf welche Weise du in seine Hände geraten bist?« »Niemals!« sagte das Mädchen in schwermütigem Ton. »Wohlan«, fuhr die Wölfin fort, »ich will dir das Geheimnis entdecken, das er nicht gewagt hat dir zu offenbaren. Derjenige, den du deinen Vater nennst, hat deinen wirklichen Vater während einer Nacht gleich der gegenwärtigen überfallen, sich seiner und seiner Familie bemächtigt, und während auf den Befehl jenes Ungeheuers dort deine beiden Brüder über langsamem Feuer verbrannten, wurde dein Vater neben ihnen an einen Baumstamm gebunden und lebendig geschunden.« »Entsetzlich!« rief das junge Mädchen, indem es plötzlich aufsprang. »Und wenn du mir nicht glauben willst«, fuhr sie in schneidendem Ton fort, »so reiße das Band von deinem Hals, öffne das Futteral, das aus der Haut deines unglücklichen Vaters gefertigt ist, und du wirst finden, was noch von ihm übrig ist.« Lianenblüte zerriß das Band mit fieberhafter Hast und hielt das Futteral krampfhaft in ihrer Hand. »Ach!« schluchzte sie. »Nein, nein, es ist unmöglich, so viele Greuel können nicht begangen worden sein!« Plötzlich trocknete sie ihre Tränen, blickte die Wölfin starr an und schrie mit schrecklicher Stimme: »Und du? Du? Woher weißt du das? Wer es dir sagte, hat gelogen!« »Ich war zugegen«, sagte die Wölfin kaltblütig. »Du warst zugegen? Du hast der furchtbaren Hinrichtung beigewohnt?« »Ja, ich habe ihr beigewohnt.« »Warum?« rief sie zornig aus. »Antworte! Warum?« »Warum?« antwortete sie mit würdevoller Gebärde. »Warum? Weil ich deine Mutter bin, Kind!« Bei dieser unerwarteten Eröffnung verwandelte sich das Gesicht des jungen Mädchens, die Stimme versagte ihm, die Augen schienen ihm aus den Höhlen treten zu wollen, ein krampfhaftes Zittern erschütterte seine Glieder; und eine Zeitlang bemühte es sich vergebens, einen Laut hervorzubringen; dann brach es plötzlich in Tränen aus, stürzte sich in die Arme Margaretes und rief in herzzerreißendem Ton: »Mutter! Meine Mutter!« »Kind!« stöhnte die Wölfin mit wahnsinnigem Entzücken. »Ich habe dich; du bist mein!« Mutter und Tochter vergaßen eine Zeitlang im Übermaß ihrer Freude die ganze übrige Welt. Natah-Otann wollte die Gelegenheit benützen, eine Rettung, die ihm möglich schien, zu versuchen. Er rollte geräuschlos um sich selbst herum in der Absicht, den Abhang des Hügels zu erreichen. Plötzlich bemerkte ihn Lianenblüte; sie fuhr empor, als habe sie eine Schlange gebissen, und eilte zu ihm. »Halt, Natah-Otann!« rief sie aus. Der Häuptling blieb unbeweglich liegen. An dem Klang der Stimme des jungen Mädchens glaubte er zu erkennen, daß er verloren sei, und er ergab sich mit indianischer Fassung in sein Schicksal. Er hatte sich aber geirrt. Lianenblüte stand blaß, mit funkelnden Augen da, ihr irrer Blick schweifte von ihrer Mutter auf den Mann, der zu ihren Füßen lag, und sie fragte sich innerlich, ob es wohl ihr, die nur Wohltaten vom Häuptling genossen hatte, zukomme, den Tod ihres Vaters an ihm zu rächen. Sie fühlte, daß ihr Arm zu schwach und ihr Herz zu weich sei, um es zu können. Eine Zeitlang schwebte über den drei an dem furchtbaren Auftritt Beteiligten ein finsteres Schweigen, das nur durch die dumpfen, geheimnisvollen Laute der Nacht unterbrochen wurde. Natah-Otann fürchtete nicht den Tod, aber der Gedanke, daß das glorreiche Werk, das er unternommen hatte, unvollendet bleiben würde, machte ihn erzittern, und er schämte sich, in eine so grobe Schlinge geraten zu sein, in die ihn ein halb wahnwitziges Geschöpf gelockt hatte. Er verfolgte mit ausgestrecktem Hals und gerunzelten Brauen voll ängstlicher Spannung den Wechsel der Gefühle, die sich auf dem Gesicht des jungen Mädchens malten, um danach zu berechnen, inwiefern er noch hoffen dürfe, ein Leben zu retten, das soviel Wert für diejenigen hatte, die er befreien wollte. Obwohl er sich – wie alle kräftigen Naturen – in sein Schicksal ergeben hatte, gab er sich doch noch nicht auf, sondern wollte im Gegenteil bis zum letzten Augenblick kämpfen. Endlich hob Lianenblüte den Kopf; ihr schönes Gesicht hatte einen eigentümlichen Ausdruck angenommen; ihre Stirn war heiter, und ihre sonst so sanften blauen Augen schienen Flammen zu sprühen. »Mutter«, sagte sie mit ihrer wohlklingenden Stimme, »gib mir die Pistolen, die du in deiner Hand hältst!« »Was willst du damit machen, Kind?« fragte die Wölfin, unwillkürlich besänftigt. »Meinen Vater rächen! Hast du mich nicht deshalb hierher beschieden?« Die Wölfin überreichte ihr, ohne zu antworten, die Waffen, die das junge Mädchen blitzschnell in den Abgrund schleuderte. »Unglückselige!« rief Margarete aus. »Was tust du?« »Ich räche meinen Vater!« antwortete sie voll Hoheit. »Er ist aber der Mörder deines Vaters, du Verblendete!« »Ich weiß es, du hast es mir gesagt; aber trotz seiner Verbrechen ist jener Mann gut zu mir gewesen; er hat sich meiner verlassenen Kindheit angenommen, und wenn er auch, indem er meinen Vater ermordete, dem Haß gehorchte, den sein Volk gegen die Bleichgesichter hegt, so hat er seine Schuld an mir soviel wie möglich gesühnt und fast seine indianische Natur verleugnet, um mich zu leiten und zu schützen. Der Große Geist, dessen Auge fortwährend auf die Erde gerichtet ist, wird zwischen uns entscheiden.« »Unselige! Verblendete!« rief die Wölfin aus, indem sie verzweifelt die Hände rang. Das junge Mädchen hatte sich unterdessen zu dem Häuptling niedergebückt und seine Fesseln zerschnitten; Natah-Otann sprang auf wie ein Jaguar und stand im nächsten Augenblick vor ihnen. Die Wölfin machte eine Bewegung, als wolle sie auf ihn zuspringen, bedachte sich aber eines Besseren. »Es ist noch nicht alles vorüber!« rief sie aus. »Und ich werde meine Rache befriedigen; es koste, was es wolle!« Bei diesen Worten sprang sie in das Dickicht und verschwand. »Natah-Otann«, fuhr das junge Mädchen zum Häuptling gewandt fort, der gelassen und gleichmütig, als wäre nichts geschehen, vor ihr stand, »ich überlasse die Rache dem Großen Geist; ein Weib hat nur Tränen. Lebe wohl; ich habe dich geliebt wie den Vater, den du mir geraubt hast; ich habe nicht den Mut, dich zu hassen, werde mich aber bemühen, dich zu vergessen.« »Armes Kind«, antwortete er bewegt, »ich muß dir sehr verworfen erscheinen, und – ach! – ich erkenne erst jetzt, wie verabscheuungswürdig das Verbrechen ist, dessen ich mich schuldig gemacht habe. Vielleicht gelingt es mir dereinst, deine Verzeihung zu erhalten.« Lianenblüte lächelte trübe. »Die Verzeihung hängt nicht von mir ab«, entgegnete sie, »nur der Waconda allein kann dich begnadigen.« Nachdem sie ihm einen letzten schwermütigen Blick zugeworfen hatte, entfernte sie sich langsamen Schrittes und verschwand gedankenvoll im Wald. Natah-Otann folgte ihr lange mit den Blicken. »Sollten die Christen recht haben«, murmelte er für sich, als er sich allein sah, »und gibt es wirklich einen Engel?« Er schüttelte wiederholt den Kopf, betrachtete dann aufmerksam den Himmel, an dem die Sterne anfingen zu verbleichen, und sagte dumpf: »Die Stunde ist da – werde ich siegen?« 26 Der Rote Wolf Wir sehen uns jetzt zum besseren Verständnis der folgenden Ereignisse genötigt, einige Schritte zurückzugehen und in das Zelt zu treten, das dem Grafen de Beaulieu und Freikugel provisorisch als Wohnung diente. Die Art, wie die Unterhaltung der beiden Weißen mit dem Häuptling geendet hatte, ließ sie ziemlich betroffen zurück. Der Graf war aber ein zu vollendeter Edelmann, um nicht ehrlich zu gestehen, daß diesmal das Recht nicht auf seiner Seite gewesen wäre und der indianische Sachem ihn beschämt habe; er konnte nicht umhin, dessen Keckheit und besonders seine Gewandtheit zu bewundern. Freikugel hingegen verstieg sich nicht so hoch; der würdige Jäger war über die Niederlage, besonders aber über das verächtliche Benehmen entrüstet, das der Häuptling gegen ihn gebraucht hatte, und er sann, während er vor Wut die Fäuste ballte, über die furchtbarsten Rachepläne nach. Eine Zeitlang schaute der Graf dem Gebaren seines Gefährten belustigt zu, der brummend auf und ab schritt, die Fäuste ballte, gen Himmel blickte und den Kolben seines Gewehrs mit komischer Verzweiflung auf den Boden stieß; endlich konnte aber der junge Mann nicht länger an sich halten, sondern schlug ein lautes Gelächter auf. Der Jäger blieb betroffen stehen und blickte sich rings im Zelt um, in der Hoffnung, den Grund zu entdecken, weshalb sich ein so ernster Mann einer so unzeitigen Heiterkeit überließ. »Was ist denn geschehen, Herr Eduard?« fragte er endlich. »Warum lachen Sie so sehr?« Die in verwundertem Ton gestellte Frage diente nur dazu, die Heiterkeit des Grafen zu erhöhen. »Liebster Freund«, antwortete er, »ich lache über die possierlichen Gesichter, die Sie schneiden, und die heftigen Leibesübungen, denen Sie sich seit etwa zwanzig Minuten überlassen.« »Wie, Herr Eduard?« antwortete Freikugel. »Können Sie noch scherzen?« »Ich muß gestehen, mein Freund, daß Sie sich die Sache sehr zu Herzen nehmen, denn ich habe Sie noch nie so heftig aufgeregt gesehen; und fast sollte man glauben, daß Sie das himmlische Vertrauen verloren haben, das Ihnen früher half, über alle Gefahren zu lachen.« »Nein, nein, Herr Eduard, Sie irren sich! Meine Ansicht steht schon lange fest, und es ist mir so gut wie erwiesen, daß es den roten Schurken nie gelingen wird, mich zu töten. Ich bin aber wütend, weil sie mich so vollständig zum Narren gehabt haben; es drückt meinen Stolz, und ich zerbreche mir den Kopf, um zu entdecken, was ich ihnen auch für einen rechten Streich spielen könnte.« »Nur zu, lieber Freund; wenn es irgend möglich ist, will ich Ihnen helfen; für den Augenblick aber sind mir die Hände gebunden, und ich muß mich neutral verhalten.« »Wie?« rief Freikugel verwundert aus. »Sie wollen wirklich hierbleiben, um ihre teuflischen Gaukeleien fördern zu helfen?« »Ich muß, mein Freund, denn ich habe mein Ehrenwort gegeben.« »Das haben Sie freilich getan – auch wüßte ich nicht, daß Sie eine andere Wahl gehabt hätten –, aber das Versprechen, das man einem Indianer gibt, ist nicht bindend, Herr Eduard. Die Indianer sind Barbaren, die von Ehre nichts wissen, und ich kann Ihnen versichern, daß sich Natah-Otann in einem ähnlichen Fall keineswegs gebunden fühlen würde.« »Mag sein, mein Freund, obwohl ich Ihre Meinung nicht teile; jener Häuptling ist kein gewöhnlicher Mann, sondern besitzt bedeutende Verstandeskräfte.« »Was hilft es ihm? Zu nichts weiter, als womöglich noch tückischer und niederträchtiger zu sein als seine Landsleute. Glauben Sie mir, machen Sie nicht so viele Umstände mit ihm, sondern nehmen Sie einen französischen Abschied, wie es im Süden heißt, und lassen Sie ihn sitzen. Die Rothäute werden die ersten sein, Sie dafür zu loben.« »Mein Freund«, antwortete der Graf ernst, »es ist überflüssig, uns weiter über diesen Gegenstand zu verbreiten; wir Edelleute sind die Sklaven unseres Ehrenworts, gleichviel, wem wir es gegeben haben und von welcher Farbe seine Haut ist.« »Wie Sie wollen, Herr Eduard, handeln Sie nach Ihrer Einsicht; ich maße mir nicht das Recht an, Ihnen einen Rat zu erteilen, und Sie sind jedenfalls der beste Richter über Ihr eigenes Benehmen. Seien Sie unbesorgt, ich werde den Gegenstand nie mehr erwähnen.« »Ich danke Ihnen dafür, mein Freund.« »Das ist alles recht gut und schön – was werden wir aber jetzt beginnen?« »Was wir beginnen werden? Was Sie beginnen werden, wollen Sie sagen!« »Nein, Herr Eduard, ich wollte genau das sagen, was ich gesagt habe. Sie werden begreifen, daß ich Sie nicht allein hier in dem Schlangennest lassen werde, nicht wahr?« »Im Gegenteil – das ist eben, was Sie tun sollen, Freund!« »Ich?« lachte der Jäger. »Ja, Sie, mein Freund; es ist notwendig!« »Bah! Warum das, wenn Sie zurückbleiben?« »Eben darum.« Der Jäger bedachte sich eine Weile. »Ich muß gestehen, daß ich nicht weiß, wie Sie das meinen«, sagte er endlich. »Es ist doch einfach genug!« erwiderte der Graf. »Mag sein; aber nicht für mich.« »Wie? Begreifen Sie nicht, daß wir uns rächen müssen?« »Ja, das begreife ich allerdings, Herr Eduard.« »Wie sollen wir es aber anfangen, wenn Sie darauf bestehen, hierzubleiben?« »Sie bleiben ja auch!« antwortete der Jäger hartnäckig. »Ja, mit mir, lieber Freund, ist es etwas ganz anderes; ich bin durch mein Wort gebunden, während es Ihnen freisteht, ungehindert zu kommen und zu gehen, und Sie müssen diese Freiheit nützen, um das Lager zu verlassen. Sobald Sie wieder in der Prärie sind, wird es Ihnen leicht genug werden, sich mit irgendeinem unserer Freunde in Verbindung zu setzen; offenbar arbeitet mein wackerer Ivon trotz seiner Furchtsamkeit gegenwärtig eifrig an meiner Befreiung. Suchen Sie ihn auf, verständigen Sie sich mit ihm, und obgleich ich nicht von hier fortkann, ist es damit nicht gesagt, daß es meinen Freunden verboten sei, mich zu befreien. Gelingt es ihnen, so bin ich meines Versprechens entbunden, und nichts wird mich abhalten, ihnen zu folgen. Verstehen Sie mich jetzt?« »Ja, Herr Eduard; ich gestehe aber, daß ich mich nicht entschließen kann, Sie allein bei den roten Teufeln zu lassen!« »Machen Sie sich deshalb keine Sorge, Freikugel; ich laufe unter ihnen keine Gefahr, denn sie haben eine zu große Scheu vor mir, um mir auf irgendeine Weise zu nahe zu treten. Übrigens würde mich Natah-Otann nötigenfalls zu schützen wissen. Glauben Sie mir also, mein Freund, und entfernen Sie sich ungesäumt, denn Sie können mir so besser dienen, als wenn Sie darauf bestehen, hierzubleiben, wo mir Ihre Nähe für den Fall der Gefahr mehr schaden als nützen würde.« »Sie haben viel mehr Einsicht über all das als ich, Herr Graf, und ich werde gehen, weil Sie es verlangen«, antwortete der Jäger mit traurigem Kopfnicken. »Besonders empfehle ich Ihnen die größte Vorsicht! Lassen Sie sich nicht etwa töten, wenn Sie das Lager verlassen.« Der Jäger lächelte verächtlich. »Sie wissen ja, daß mir die Rothäute nichts anhaben können«, erwiderte er. »Richtig, das hatte ich vergessen«, antwortete der junge Mann lachend. »Leben Sie also wohl, mein Freund; halten Sie sich nicht länger auf! Gehen Sie; Glück auf den Weg!« »Auf Wiedersehen, Herr Eduard. Wollen Sie mir nicht die Hand geben, ehe wir uns – wer weiß auf wie lange – trennen?« »Die Hand geben?« entgegnete der Graf. »Umarmen wir uns, Freund; sind wir nicht Brüder?« »Das lass' ich gelten!« rief der Jäger erfreut aus, indem er sich in die geöffneten Arme des Herrn de Beaulieu stürzte. Nach einer herzlichen Umarmung trennten sich die beiden Männer endlich; der Graf sank auf sein Lager von Pelzdecken, und der Jäger verließ, nachdem er seine Waffen untersucht und dem jungen Mann ein letztes Lebewohl zugewinkt hatte, das Zelt. Freikugel warf das Gewehr über die Schulter und schritt mit stolzer Haltung und herausforderndem Blick durch das Lager. Die Indianer schienen sich um die Gegenwart des Jägers in ihrer Mitte keineswegs zu kümmern und ließen ihn ungehindert gehen. Als er sich auf ungefähr zwei Büchsenschüsse vom Lager entfernt hatte, mäßigte er den Schritt und fing an, darüber nachzudenken, wie er die Befreiung des Grafen am zweckmäßigsten fördern könne. Nach kurzem Bedenken war sein Entschluß gefaßt, und er ging mit jenem elastischen Schritt, den sich diejenigen aneignen, die viel in der Prärie umherwandern, und der schneller ist als der Trab eines Pferdes, nach der Ansiedlung des Squatters. Als Freikugel die Niederlassung erreicht hatte, war eben John Bright mit Ivon und den von Major Melville geschickten Waldläufern in ernster Beratung begriffen, und die Ankunft des Jägers wurde mit lautem Jubelgeschrei begrüßt. Die Nordamerikaner befanden sich in großer Verlegenheit. So ausführlich der Bericht auch war, den Margarete dem Major abgestattet hatte, und wie genaue Erkundigungen sie auch über die Bewegungen und Absichten der Indianer eingezogen hatte, blieb es doch ein unvollkommenes Ganzes, und zwar aus dem einfachen Grund, weil die alten Sachems des großen Rates der verbündeten Stämme ihre Beratungen so geheim hielten, daß der Rote Wolf trotz seiner Schlauheit und Hinterlist nur einen kleinen Teil des Plans entdeckt hatte, den die Häuptlinge auszuführen gedachten. Die Kundschafter, die man nach allen Richtungen aussandte, brachten die schrecklichsten Nachrichten von den Bewegungen der Schwarzfüße. Die Indianer schienen diesmal einen Hauptstreich ausführen zu wollen, denn alle Völker am Missouri waren dem Ruf Natah-Otanns gefolgt; die Stämme kamen einer nach dem anderen herbei, um sich den Verbündeten anzuschließen, deren Anzahl ursprünglich tausend Köpfe nicht überstieg, gegenwärtig aber mehr als viertausend zählte und noch gewaltiger zu werden drohte. Das Fort Mackenzie war von allen Seiten von unsichtbaren Feinden umgeben, die die Kommunikation mit den übrigen Posten der Pelzgesellschaft vollständig abgeschnitten hatten und die Lage Major Melvilles sehr bedenklich machten. Die Jäger waren daher sehr bestürzt und hatten seit mehreren Stunden, während sie Rat hielten, nur unzureichende und unausführbare Mittel entdeckt, um die Blockade der Festung aufzuheben. Es ist den Weißen nur infolge der Zwietracht, die sie unter den eingeborenen Völkern des Festlandes zu unterhalten gewußt haben, gelungen, in Amerika festen Fuß zu fassen. Überall, wo die Urbewohner einig geblieben sind, sind die Europäer gescheitert, und wir führen als Beispiel nur die Araukaner von Chile an, deren kleine, aber tapfere Republik ihre Unabhängigkeit bis zum heutigen Tag zu bewahren gewußt hat; ferner die Seminolen von Louisiana, die erst kürzlich nach einem hartnäckigen, regelrechten Krieg unterlegen sind, und viele andere indianische Völker, die wir nötigenfalls als Beleg für unsere Behauptung anführen könnten. Die Rothäute schienen diesmal die Notwendigkeit eines aufrichtigen und energischen Zusammenhaltens eingesehen zu haben. Die verschiedenen Häuptlinge der verbündeten Völker hatten wenigstens dem Anschein nach ihren Haß und Neid vergessen, um den gemeinschaftlichen Feind zu vernichten. Die Amerikaner zitterten daher trotz ihres bewährten Muts bei dem bloßen Gedanken an den mörderischen Kampf, den sie mit einem Feind bestehen sollten, der durch lange Bedrückungen gereizt war; besonders wenn sie ihre Kräfte abschätzten und sahen, wie schwach und unzureichend ihre Zahl sei, verglichen mit den gewaltigen Massen, die sich anschickten, sie zu vernichten. Die Verhandlung, die durch die Ankunft Freikugeis unterbrochen worden war, wurde wiederaufgenommen. »Bei Gott«, rief John Bright entrüstet aus, indem er mit der Faust auf seinen Schenkel schlug, »ich muß wahrlich gestehen, daß ich kein Glück habe und sich alles gegen mich wendet. Kaum habe ich mich hier in der Hoffnung auf eine behagliche Zukunft niedergelassen, so werde schon ich wider meinen Willen in einen Krieg gegen jene verwünschten Heiden verwickelt. Wer weiß, wie das enden wird; offenbar werden wir aber samt und sonders unsere Skalps dabei einbüßen. Das ist, by God, eine schöne Aussicht für einen ruhigen Mann, der nur danach trachtet, seine Familie durch seine Arbeit ehrlich zu ernähren.« »Darum handelt es sich gegenwärtig nicht«, entgegnete Ivon, »sondern darum, meinen Herrn zu befreien, koste es, was es wolle. Wie? Ihr fürchtet Euch vor dem Kampf, da es doch Euer Gewerbe ist und Ihr zeitlebens nichts anderes getrieben habt, wogegen ich, der ich der furchtsamste Mensch bin, keine Bedenken habe, meinen Skalp zu opfern, um meinen Herrn zu retten?« »Ihr versteht mich nicht, Meister Ivon. Ich habe nicht gesagt, daß ich mich vor dem Kampf gegen die Rothäute fürchte. Gott soll mich bewahren, die Heiden zu fürchten, die ich verachte; ich halte es aber für einen ehrlichen Ackersmann, wie ich es bin, für nicht unangemessen, die Folgen zu beklagen, die ein Krieg mit jenen Teufeln nach sich ziehen wird. Ich bin mir nur zu gut bewußt, was ich und meine Familie Ihrem Herrn schulden, um mich zu bedenken, wenn es gilt, ihn zu retten – was auch daraus entstehen mag. Ich habe by God nicht vergessen, daß das wenige, das ich besitze, mir von ihm gegeben wurde, und will meine Pflicht tun, sollte es mich auch das Leben kosten.« »So ist's recht; das nenne ich reden!« rief Ivon erfreut aus. »Ich wußte wohl, daß Ihr nicht zurückbleiben würdet.« »Unglücklicherweise«, wandte Freikugel ein, »hilft uns das alles nicht viel, und ich sehe wahrlich nicht ein, wie wir unserem Freund helfen sollen; denn jene Teufel werden über uns herfallen wie die Heuschrecken im Juli, und wie viele wir von ihnen auch töten, so müssen wir schließlich doch der Überzahl erliegen!« Die Anwesenden sahen die Wahrheit jener Worte so vollständig ein, daß sie darüber in die tiefste Kümmernis gerieten. Eine materielle Unmöglichkeit läßt sich nicht wegstreiten, sondern muß ertragen werden. Die Amerikaner waren sich der Nähe einer drohenden Gefahr bewußt, und ihre Verzweiflung wuchs mit dem Gefühl ihrer Ohnmacht. Plötzlich ertönte draußen der Ruf: »Zu den Waffen!« – und sie sprangen hastig von ihren Sitzen auf, griffen nach ihren Waffen und stürzten hinaus. Der Ruf, der die Beratung unterbrach, war von William, dem Sohn des Squatters, ausgegangen. John Bright hatte seine Stellung auf der Höhe des Hügels behalten, wo er zuerst nach seiner Ankunft gelagert hatte. Mit Hilfe der Arbeitskräfte der Nordamerikaner war jene Anhöhe aber in eine wahre Festung umgewandelt worden, die nicht nur den Angriffen umherstreifender Indianer, sondern sogar einer ganz ansehnlichen Streitmacht zu widerstehen vermochte. Aller Augen waren auf die Prärie gerichtet, deren wellige Ebene in einem Umkreis von fünf bis sechs Stunden nach allen Richtungen sichtbar war. Mit geheimem Entsetzen wurden die Jäger gewahr, daß sich William nicht getäuscht habe, denn ein größerer Trupp indianischer Krieger sprengte in voller Kriegsausrüstung durch die Ebene auf die Niederlassung zu. »Teufel«, brummte Freikugel zwischen den Zähnen, »das sieht böse aus! Ich muß freilich gestehen, daß die verwünschten Heiden ungeheure Fortschritte in der Kriegskunst gemacht haben und uns, wenn es so fortgeht, bald übertreffen werden.« »Glauben Sie?« fragte John Bright besorgt. »Bei Gott«, entgegnete der Jäger, »es ist offenbar, daß man uns angreifen wird, denn ich durchschaue jetzt die Absicht der Rothäute so vollständig, als ob sie sie mir selbst auseinandergesetzt hätten.« »So?« fragte Ivon neugierig. »Urteilen Sie selbst«, fuhr der Jäger fort. »Die Indianer wollen sämtliche Posten der Weißen zu gleicher Zeit angreifen, um ihnen die Möglichkeit zu benehmen, sich gegenseitig beizustehen. Das haben sie außerordentlich schlau gemacht; auf solche Weise werden sie bald mit uns fertig und können uns mit Muße abschlachten. Der Mann, der sie befehligt, ist ein furchtbarer Gegner für uns. Wir sind verloren, meine Jungens, und müssen uns getrost darein zu schicken wissen; ich bin davon so fest überzeugt, als ob ich das Skalpiermesser schon unter meinen Haaren fühlte, und es bleibt uns nichts übrig, als wacker zu sterben.« Jene Worte, die der Jäger in seinem gewohnten gelassenen Ton sprach, machten die Anwesenden erbeben. »Vielleicht werde ich allein dem Schicksal der übrigen entgehen«, fügte Freikugel sorglos hinzu. »Bah!« sagte Ivon. »Warum denn Ihr, alter Jäger?« »Nun«, erwiderte er mit spöttischem Lächeln, »weil Sie wohl wissen, daß mich die Indianer nicht töten können!« »Wahrhaftig!« sagte Ivon, betroffen über diese Antwort, und blickte seinen Freund bewundernd an. »So ist es«, schloß Freikugel seine Rede, indem er den Kolben seiner Büchse auf den Boden stützte und sich gegen deren Lauf lehnte. Die Rothäute rückten indessen, wie bereits gesagt, rasch heran; die Truppe bestand aus 150 Reitern, die größtenteils mit Flinten bewaffnet waren, woraus hervorging, daß es auserlesene Leute waren. An der Spitze der Truppe ritten, zehn Schritte voraus, zwei Reiter, die wahrscheinlich Häuptlinge waren. Sobald die Indianer die Festungswerke bis auf anderthalb Büchsenschußlängen erreicht hatten, machten sie halt; sie berieten sich untereinander, sandten dann einen einzelnen Reiter ab, der herangesprengt kam, und als der in einer Entfernung von einem Pistolenschuß vor der Umzäunung stand, entrollte er ein Bisonfell. »Heda, Meister John Bright!« sagte Freikugel mit neckender Miene. »Ihr seid der Kommandant der Festung, und diese Botschaft gilt Euch; die Rothäute verlangen zu unterhandeln.« »Aoh«, sagte der Amerikaner, »ich bin statt der Antwort nicht übel willens, dem Schurken dort, der sich auf dem Pferd brüstet, eine Kugel zu schicken.« Bei diesen Worten richtete er seine Büchse in die Höhe. »Unterlaßt es ja«, versetzte der Jäger; »Ihr kennt die Rothäute nicht! Solange der erste Schuß noch nicht gefallen ist, kann man sich noch mit ihnen vergleichen.« »Sagt einmal, alter Jäger«, bemerkte Ivon, »wie wäre es, wenn Ihr die Unterhandlung anknüpftet?« »Warum denn, mein vorsichtiger Freund?« antwortete der Kanadier. »Nun, Ihr fürchtet Euch ja nicht vor den Rothäuten! Könnt Ihr nicht hingehen? Vielleicht wäre die Sache beizulegen.« »Das ist wahrlich kein schlechter Einfall; man kann nicht wissen, was geschieht. Es ist am Ende doch das beste, wenn ich hingehe; wollt Ihr mich begleiten, Ivon?« »Warum nicht?« erwiderte dieser. »Mit Euch fürchte ich mich nicht.« »Abgemacht also. Öffnet uns die Tür, Meister John Bright, und seid wachsam während unserer Abwesenheit. Bei der geringsten verdächtigen Bewegung der Heiden laßt Ihr Feuer geben.« »Seid unbesorgt, alter Jäger«, antwortete dieser und drückte ihm herzlich die Hand; »ich möchte wahrhaftig nicht, daß Euch irgendein Unglück zustieße, denn Ihr seid – by God! – ein Mann!« »Das glaube ich auch«, antwortete der Kanadier lachend, »und ich bin viel mehr auf das Wohl jenes wackeren Burschen bedacht gewesen als auf mein eigenes, denn ich kann versichern, daß ich für meine Person nicht in Sorge bin.« »Gleichviel – ich werde die Teufelskerle gehörig überwachen.« »Das kann wenigstens nichts schaden.« Die Tür öffnete sich, Freikugel und Ivon ritten den Hügel hinunter und näherten sich dem Reiter, der sie in stolzer Haltung erwartete. »Oho!« murmelte Freikugel, sobald sie nahe genug waren, um den Reiter zu erkennen. »Ich fange an zu glauben, daß es nicht so schlimm um unsere Angelegenheiten steht, wie ich anfangs dachte.« »Warum denn?« fragte Ivon. »Seht Euch doch den Reiter näher an; erkennt Ihr nicht den Roten Wolf?« »Das ist wahr, er ist es wirklich! Nun?« »Nun? Ich habe guten Grund, zu glauben, daß uns der Rote Wolf nicht so feindlich gesinnt ist, als wir meinen.« »Glaubt Ihr das?« »Still! Wir werden hören.« Die drei Männer begrüßten sich auf indianische Weise, indem sie nämlich die rechte Hand auf das Herz legten und die linke mit ausgespreizten Fingern und nach außen gekehrten Ballen ausgestreckt hielten. »Mein Bruder ist willkommen bei seinen Freunden, den Bleichgesichtern«, sagte Freikugel. »Will er sich am Beratungsfeuer niederlassen und das Kalumetin meinem Wigwam rauchen?« »Darüber wird der Jäger entscheiden; der Rote Wolf kommt als Freund«, antwortete der Indianer. »Gut«, entgegnete der Kanadier. »Hat der Rote Wolf von seiten seiner Freunde etwa Verrat gefürchtet, weil er sich von so vielen Kriegern begleiten läßt?« Der Schwarzfuß lächelte schlau. »Der Rote Wolf ist ein Häuptling unter den Kenhas«, sagte er; »seine Zunge ist nicht gespalten, und die Worte seines Mundes kommen aus seinem Herzen. Der Häuptling will seinen bleichen Freunden gefällig sein.« »Uah!« erwiderte Freikugel. »Der Häuptling hat gut gesprochen; seine Worte lauten meinen Ohren wohlgefällig. Was wünscht mein Bruder?« »Sich am Beratungsfeuer der Bleichgesichter niederzulassen, um ihnen die Gründe auseinanderzusetzen, die ihn herführen.« »Gut! Wird mein Bruder allein zu den Weißen kommen?« »Nein! Eine andere Person wird den Häuptling begleiten.« »Und wem hat ein so großer Häuptling wie mein Bruder sein Vertrauen geschenkt?« »Der Wölfin der Prärien!« Freikugel unterdrückte eine Äußerung der Freude. »Gut!« entgegnete er. »Mein Bruder kann mit der Wölfin kommen; die Bleichgesichter werden ihn gut aufnehmen.« »Mein Bruder, der Jäger, wird den Besuch seiner Freunde anmelden.« »Ja, Häuptling, ich will den Auftrag sofort ausrichten.« Die Unterhaltung war beendet, und die drei Männer trennten sich, nachdem sie sich von neuem begrüßt hatten. Freikugel und Ivon beeilten sich, die Festung wieder zu erreichen. »Viktoria!« rief der Jäger, als er zurückkam, aus. »Wir sind gerettet!« Alle umdrängten ihn, denn sie waren begierig, Näheres zu erfahren; der Kanadier befriedigte die allgemeine Neugierde ungesäumt. » Aoh!« sagte John Bright. » Wenn die alte Dame dabei ist, so sind wir in der Tat gerettet.« Bei diesen Worten rieb er sich vergnügt die Hände. Nachdem die erste Falle, die Mrs. Margarete Natah-Otann gestellt hatte, unglücklicherweise nichts gefruchtet hatte, war sie keineswegs mutlos geworden, sondern ihr Durst nach Rache hatte sich noch vergrößert, und weit entfernt, die Zeit in müßigen Klagen wegen der erlittenen Niederlage zu verlieren, rüstete sie sich sofort zum neuen Kampf und war entschlossen, einen entscheidenden Schlag zu wagen. Sie hatte jenen Grad blinder Wut erreicht, wo sie der Haß vollständig verblendete, und schritt ihrem Ziel zu, ohne die Folgen ihrer Tat zu berechnen. Zehn Minuten später, als sie den Sachem verlassen hatte, hatte sie sich mit dem Roten Wolf aus dem Lager entfernt, der auf ihre Weisung die unter seinem Befehl stehenden Krieger mitgenommen und mit ihnen den Weg nach der Ansiedlung des Squatters eingeschlagen hatte. Kaum hatte Freikugel seinen Freunden die gewünschte Auskunft erteilt, als auch schon Mrs. Margarete und der Rote Wolf in die Festung traten, wo sie von den Amerikanern, besonders aber von John Bright mit großer Herzlichkeit aufgenommen wurden, denn letzterer wußte sich nicht vor Entzücken zu fassen, daß seine Ansiedlung verschont werden und das Gewitter sich anderswo entladen sollte. – Wir kehren jetzt zum Fort Mackenzie zurück, wo sich in dem Augenblick sehr wichtige Ereignisse zutrugen. 27 Der Sturm Der Weiße Bison und Natah-Otann hatten ihre strategischen Maßnahmen mit bemerkenswerter Geschicklichkeit getroffen. Sobald die beiden Häuptlinge ihr Lager in der Waldlichtung aufgeschlagen hatten, setzten sie sich mit den Sachems der übrigen Völker in Verbindung, die unfern von ihnen lagerten, damit sie ihre Bewegungen so ausführen konnten, daß sie die Amerikaner von allen Seiten zugleich anzugreifen vermochten. Obwohl die Rothäute sehr durchtrieben sind, war es trotzdem den Amerikanern gelungen, sie vollständig zu täuschen und mit Hilfe der Dunkelheit durch die Stille und die Ruhe zu hintergehen, die im Fort herrschten; man war besorgt, ja kein Bajonett hinter den Festungswällen hervorblitzen zu lassen. Die Indianer versteckten ihre Pferde, die ihnen jetzt entbehrlich waren, im Gehölz, streckten sich im hohen Gras platt auf den Boden und krochen wie Schlangen über den Platz, der sie von den Festungswerken trennte. Alles war dem Anschein nach öde und tot, während in der Tat 2000 Krieger verstohlen in der Dunkelheit herankrochen, um eine Festung zu stürmen, hinter deren Wällen vierzig entschlossene Männer nur eines Winkes harrten, um den Angriff zu beginnen. Als die letzten Befehle erteilt und sämtliche Krieger – außer denjenigen, die den Gefangenen zu beaufsichtigen hatten - den Hügel hinabgestiegen waren, beschloß Natah-Otann, der bei den Häuptlingen der verbündeten Stämme eine gewisse bedenkliche Unschlüssigkeit bemerkt hatte, einen letzten Versuch beim Grafen zu wagen und möglicherweise seinen Beistand zu erlangen. Wir haben bereits gesehen, wie der Versuch ausgefallen war. Sobald Natah-Otann allein war, gab er das Zeichen zum Angriff, worauf sich die Indianer wie ein Wirbelwind den Hügel hinaufwälzten und mit geschwungenen Waffen und unter lautem Kriegsgeschrei auf die Festung einstürmten. Plötzlich donnerte eine gewaltige Salve von der Festung her, die mit einem feurigen Gürtel umgeben zu sein schien und gleich dem Berg Sinai in Rauch und helle Flammen gehüllt war. Die Schlacht hatte begonnen. Soweit sich die Aussicht erstreckte, war die Ebene mit starken indianischen Truppenabteilungen bedeckt, die alle nach einem gemeinschaftlichen Ziel strebten, indem sie entschlossen gegen das Fort anrückten, das sie fortwährend mit Flintenschüssen begrüßte. Von der Stelle her, wo die Bergkette den Missouri berührt, sah man fortwährend neue Massen Piekanns anrücken. Sie sprengten zu drei bis zwanzig Mann zugleich heran, und ihre schaumbedeckten Pferde ließen vermuten, daß sie bereits einen starken Ritt gemacht haben mußten. Die Schwarzfüße trugen ihre Festkleider, die mit allerlei Zierat geschmückt waren, den Bogen mit den Pfeilen auf dem Rücken, die Flinte in der Hand, den Talisman an der Seite, und ihr Kopf war mit prachtvollen Federn – zum Teil schwarzen und weißen Adlerfedern und dem großen herabwallenden Federbusch – geschmückt. Sie saßen auf kostbaren Decken aus Jaguarfell mit rotem Futter; der obere Teil des Körpers war nackt und nur mit einem langen Streifen Wolfsfell bedeckt, der quer über die Schulter lief, und ihre Schilde waren mit Federn und buntfarbigen Stücken Tuch verziert. Die auf solche Weise gekleideten Männer boten einen majestätischen und imposanten Anblick, der die Phantasie erfaßte und Schrecken einflößte. Mehrere unter ihnen ritten sofort über die Anhöhen und trieben ihre ermüdeten Pferde mit der Peitsche an, um den Kampfplatz schneller zu erreichen, wobei sie Gesänge anstimmten und ihr Kriegsgeschrei erhoben. In der nächsten Umgebung der Festung und auf dem Hügel schien der Kampf am erbittertsten zu wüten. Die Schwarzfüße hatten während der Nacht Palisaden errichtet, hinter deren Schutz sie auf die Amerikaner feuerten, was diese lebhaft erwiderten, wobei sie sich mit lautem Geschrei anfeuerten, dem Angriff ihrer unbarmherzigen Feinde tapfer zu widerstehen. Der Widerstand war ebenso energisch wie der Angriff, und der Kampf schien nicht so bald enden zu sollen. Schon bedeckten zahlreiche Leichen die Ebene hier und da; losgerissene Pferde liefen nach allen Richtungen, und das Wehgeschrei der Verwundeten mischte sich von Zeit zu Zeit in das herausfordernde Geschrei der Angreifer. Sobald das Zeichen zum Kampf gegeben war, eilte Natah-Otann in vollem Lauf zum Zelt seines Gefangenen. »Der Augenblick ist da!« rief er ihm entgegen. »Ich bin bereit«, antwortete der Graf. »Gehen Sie voran, ich werde an Ihrer Seite bleiben.« »So kommen Sie denn!« Sie traten aus dem Zelt und eilten, sich an die Spitze der Angreifer zu stellen. Herr de Beaulieu war, wie schon gesagt, unbewaffnet. Bei jeder Kugel, die pfeifend über seinen Kopf flog, richtete er sich stolz empor und lächelte dem Tod entgegen, den er vielleicht innerlich herbeisehnte. Trotz seiner Verachtung gegen die Weißen konnte der Indianer nicht umhin, einen so stoischen und selbstvergessenen Heldenmut zu bewundern. »Sie sind ein Mann!« sagte er zum Grafen. »Haben Sie daran gezweifelt?« lautete die einfache Antwort. Der Kampf wurde mit jedem Augenblick erbitterter. Die Indianer stürmten heulend wie Löwen gegen die Festungswerke an und ließen sich töten, ohne einen Zollbreit zu weichen. Ihre Leichen lagen in den Gräben aufgehäuft und füllten diese fast aus. Die Amerikaner waren zwar gezwungen, sich nach allen Seiten hin zur Wehr zu setzen, verteidigten sich aber mit der besonnenen Entschlossenheit, die ihnen das Bewußtsein verlieh, daß sie auf keine Hilfe rechnen dürften und daher ihr Leben unbedenklich im voraus opfern müßten. Gleich beim Beginn des Kampfes hatte der Weiße Bison, begleitet von einer auserwählten Schar, den Hügel eingenommen, der das Fort Mackenzie beherrschte, wodurch die ohnehin bedenkliche Lage der Besatzung noch schwieriger wurde, da sie sich schutzlos einem furchtbaren und wohlgezielten Feuer ausgesetzt sah, das den Leuten Verluste verursachte, die für ihre geringe Zahl unersetzlich waren. Major Melville stand am Fuß des Mastes, von dem die amerikanische Flagge wehte. Blaß, mit über der Brust gekreuzten Armen, sah er, wie seine Leute einer nach dem anderen fielen, und er stampfte zornig mit dem Fuß, weil er ihnen nicht beistehen konnte. Plötzlich erhob sich aus dem Inneren der Wohnungen ein durchdringendes Wehgeschrei, und Frauen und Kinder der Soldaten eilten in wilder Flucht über den Hof, um sich vor einem noch unsichtbaren Feind zu retten. Die Indianer hatten unter der Führung des Weißen Bisons die Festung umschlichen und einen geheimen Eingang entdeckt, den der Major nur von ihm gekannt glaubte und der für den Fall, daß der Angriff so heftig würde, daß es unmöglich wäre, sich länger zu halten, dazu dienen sollte, den Rückzug der Mannschaft zu bewerkstelligen. Von dem Augenblick an gaben sich die Amerikaner verloren; es hörte auf, eine Schlacht zu sein, und artete in eine wahre Schlachterei aus. Der Major eilte mit mehreren entschlossenen Männern nach den Wohngebäuden. Die Indianer erkletterten die Festungswerke, die ohne Verteidiger waren, von allen Seiten. Die wenigen Amerikaner, die noch lebten, scharten sich um den Mast, der die amerikanische Flagge trug, und wollten ihr Leben so teuer wie möglich verkaufen, denn ihre größte Furcht war, daß sie lebendig in die Hände ihrer barbarischen Feinde fallen könnten. Die Indianer beantworteten das Hurra ihrer Feinde mit ihrem furchtbaren Kriegsgeschrei und stürzten mit hoch geschwungenen blutigen Waffen wie Kojoten herbei. »Nieder mit den Waffen!« rief Natah-Otann, als er auf den Kampfplatz kam. »Nimmermehr!« antwortete der Major, indem er an der Spitze der wenigen Soldaten, die ihm übrigblieben, auf ihn eindrang. Das Schlachtgewühl begann noch einmal heißer und erbitterter denn je. Die Indianer fingen an, brennende Fackeln auf die umliegenden Dächer zu werfen, die sofort prasselnd Feuer fingen. Major Melville sah ein, daß er nicht hoffen dürfe, zu siegen; er fing daher an, den Rückzug zu ordnen. Das war aber keine leichte Sache; man durfte nicht daran denken, die Palisaden zu übersteigen - die Tür blieb daher der einzige Ausgang. Vor jener Tür aber hatten sich die Schwarzfüße in guter Ordnung aufgestellt und schlugen alle diejenigen mit Lanzenhieben zurück, die den Ausgang benützen wollten. Es blieb indessen keine Wahl; der Major sammelte seine Soldaten um sich, um einen letzten Gewaltstreich zu wagen, und stürmte blindlings mit unglaublicher Wut auf den Feind ein. Der Zusammenstoß war fürchterlich; man konnte es nicht mehr eine Schlacht nennen, sondern eine Metzelei. Die Männer standen sich Brust gegen Brust, Fuß an Fuß gegenüber und rangen entweder miteinander oder erdolchten sich oder zerfleischten sich mit Zähnen und Nägeln. Wer einmal fiel, stand nicht wieder auf, denn selbst die Verwundeten wurden rücksichtslos umgebracht. Die gräßliche Schlachterei dauerte ungefähr eine Viertelstunde; die Amerikaner verloren zwei Drittel ihrer Leute; die übrigen brachen sich Bahn und flüchteten, von den Indianern eifrig verfolgt, die eine schreckliche Menschenjagd anstellten. Die Indianer hatten bisher die Weißen noch nie mit soviel Erbitterung und Hartnäckigkeit bekämpft. Die Gegenwart des Grafen, der unbewaffnet und lächelnd an der Seite des Häuptlings in das dichteste Gewühl drang, begeisterte sie, denn die Kugeln pfiffen an ihm vorüber, ohne ihn zu treffen; er schien unverwundbar zu sein, und sie lebten in der festen Überzeugung, daß Natah-Otann wahr gesprochen und er in der Tat jener Motecuhzoma sei, den sie bereits so lange erwarteten und der ihnen die Freiheit zurückgeben sollte, die ihnen die Weißen geraubt hatten. Sie hielten daher ständig ihre Augen auf den jungen Mann gerichtet, begrüßten ihn mit lautem Jubelgeschrei und verdoppelten ihren Eifer, die Feinde zu vernichten. Natah-Otann eilte auf die amerikanische Flagge zu, erfaßte diese beim Schaft und schwang sie jubelnd über seinem Kopf, indem er rief: »Viktoria! Viktoria!« Die Schwarzfüße beantworteten seinen Ruf durch lautes Geheul und verstreuten sich nach allen Seiten, um die Plünderung zu beginnen. Nur wenige Männer waren in der Festung zurückgeblieben; der Major befand sich unter ihnen. Der alte Soldat mochte seine Niederlage nicht überleben. Die Indianer ritten mit wildem Geschrei auf ihn zu und wollten ihn niederhauen. Der Greis erwartete sie mit Fassung und leistete nicht den geringsten Widerstand. »Halt!« rief der Graf aus, indem er sich zu Natah-Otann wandte. »Werden Sie den wackeren Soldaten kaltblütig zu Tode martern lassen?« fragte er ihn. »Nein«, antwortete der Sachem, »nicht, wenn er bereit ist, mir seinen Degen zu übergeben.« »Nimmermehr!« rief der Greis energisch aus, und mit würdevoller Gebärde zerbrach er seinen bis an das Heft blutig gefärbten Degen über dem Knie, warf dem Häuptling die Stücke vor die Füße, kreuzte die Arme über der Brust und sagte, indem er seinem Besieger einen Blick der tiefsten Verachtung zuwarf: »Jetzt könnt ihr mich töten, denn ich bin ohne Waffen.« »Gut!« rief der Graf aus und eilte, ohne die Folgen seiner Tat zu bedenken, zu dem Major, dessen Hand er schüttelte. Natah-Otann betrachtete die beiden Männer mit nachdenklichen Blicken. »Ach«, seufzte er, »wir können sie wohl besiegen, aber nie unterjochen! Jene Männer sind stärker als wir und unsere geborenen Herren.« Hierauf hob er die Hand über den Kopf. »Genug!« rief er mit lauter Stimme. »Genug!« wiederholte der Graf. »Schont die Besiegten.« Was der Sachem bei den Indianern trotz der Achtung, die sie ihm zollten, nicht imstande gewesen wäre durchzusetzen, wurde dem Grafen dank der abergläubischen Verehrung, die er ihnen einflößte, sofort bewilligt: Sie hielten inne, und das Gemetzel nahm endlich ein Ende. Bald waren die Amerikaner entwaffnet und die Rothäute im Besitz der Festung. Jetzt nahm Natah-Otann sein Totem aus den Händen des Kriegers, der es getragen hatte, schwang es zu wiederholten Malen in der Luft und pflanzte es unter allgemeinem Jubelgeschrei der Menge, deren Entzücken keine Grenzen kannte und die noch kaum wagte, an ihren Sieg zu glauben, anstatt der amerikanischen Flagge auf. Der Weiße Bison hatte keinen Augenblick versäumt, sich friedlich in den Besitz einer Beute zu setzen, die die Verbündeten soviel Blut und Anstrengung gekostet hatte. Nachdem die Sachems einige Ordnung unter den Kriegern hergestellt, die Feuersbrunst, die die Festung bedrohte, gelöscht – kurz, alle Vorsichtsmaßnahmen ergriffen hatten, um einer feindlichen Rückkehr der Amerikaner vorzubeugen – obwohl ein solcher Fall wenig wahrscheinlich war –, zogen sich Natah-Otann und der Weiße Bison in Begleitung des Grafen in das Zimmer zurück, das bisher der Major bewohnt hatte. »Endlich haben wir«, rief der junge Häuptling erfreut aus, »den stolzen Amerikanern bewiesen, daß sie nicht unüberwindlich sind.« »Nur eure Schwäche machte mich stark!« sagte der Weiße Bison. »Du hast gut begonnen; fahre nur so fort! Es ist nicht genug, zu siegen; man muß auch seinen Sieg zu benützen wissen.« »Verzeihen Sie, meine Herren«, sagte der Graf, »wenn ich Sie unterbreche, ich glaube aber, daß die Stunde der Abrechnung gekommen ist.« »Was wollen Sie damit sagen?« fragte der Weiße Bison hochfahrend. »Ich werde mich gleich näher erklären«, sagte der Graf und fuhr, zu Natah-Otann gewandt, fort: »Sie werden mir wohl die Gerechtigkeit widerfahren lassen, zu bekennen, daß ich mein Versprechen gewissenhaft gehalten habe. Trotz des Kummers und des Abscheus, die ich empfand, habe ich kein einziges Mal gewankt, und Sie haben mich stets kalt und gefaßt an Ihrer Seite gesehen. Ist das wahr?« »Es ist wahr«, erwiderte Natah-Otann kalt. »Gut, mein Herr; es kommt mir mithin zu, von Ihnen gleichfalls die Erfüllung Ihres Versprechens zu fordern.« »Wollen Sie sich näher erklären, mein Herr? Denn ich habe in den letzten Stunden so außerordentliche Dinge vollbracht und vollbringen sehen, daß ich möglicherweise vergessen habe, was ich Ihnen versprochen hatte.« Der Graf lächelte verächtlich. »Ich war auf solche Ausreden gefaßt«, antwortete er. »Sie mißverstehen meine Worte, mein Herr; ich kann mein Versprechen vergessen haben, ohne mich deshalb zu weigern, Ihren gerechten Forderungen nachzukommen.« »Gut, nehmen wir an, daß dem so sei; ich werde Sie also an das erinnern, worüber wir uns geeinigt hatten.« »Ich wäre Ihnen sehr dankbar dafür, mein Herr.« »Ich habe mich verpflichtet, der Schlacht neben Ihnen und ohne Waffen beizuwohnen, Ihnen überall zu folgen und stets an der Spitze der Angreifer zu bleiben.« »Das ist wahr, mein Herr, und ich halte es für meine Pflicht, hiermit anzuerkennen, daß Sie die gefährliche Aufgabe ehrenvoll gelöst haben.« »Gut, ich habe damit nur die Pflicht der Ehre erfüllt; Sie sollten mir hingegen – wie auch der Ausgang der Schlacht war – die Freiheit zurückgeben und sich mir als Genugtuung für den schändlichen Verrat, dessen Opfer ich geworden, und für die abscheuliche Rolle, die Sie mir gegen meinen Willen aufgezwungen haben, im ehrlichen Kampf gegenüberstellen.« »Oho!« rief der Weiße Bison mit gerunzelten Brauen aus, indem er mit der Faust auf den Tisch schlug. »Hast du wirklich ein solches Versprechen gegeben, Kind?« Der Graf wandte sich mit verächtlicher Gebärde zu dem Greis. »Ich glaube, bei Gott«, sagte er, »daß Sie an dem Ehrenwort eines Edelmannes zu zweifeln wagen!« »Was fällt Ihnen ein, Herr?« antwortete der Alte hohnlachend. »Was reden Sie da von Ehre und Edelleuten? Haben Sie vergessen, daß wir in der Wildnis sind und daß Sie mit rohen Indianern – wie Sie uns zu nennen belieben – reden? Erkennen wir die albernen Standesunterschiede an? Oder haben wir Ihre Gesetze und törichten Vorurteile angenommen?« »All die Dinge, von denen Sie so leichtfertig reden, mein Herr«, erwiderte der Graf lebhaft, »sind bisher Schutz und Schild der Zivilisation und das Förderungsmittel des intellektuellen Fortschritts gewesen. Doch genug davon – ich bin nicht gesonnen, mich mit Ihnen zu streiten. Ich rede jetzt mit Ihrem Pflegesohn; er hat mir zu antworten mit ja oder nein; ich werde dann wissen, was ich zu tun habe.« »Es sei«, antwortete der Weiße Bison achselzuckend; »mein Pflegesohn soll Ihnen antworten, und nach der Art, wie er es tut, werde auch ich wissen, was ich zu tun habe.« »Erlaubt«, sagte Natah-Otann dazwischentretend. »Die Angelegenheit geht mich allein an, und ich müßte Euch aufrichtig zürnen, mein Freund, wenn Ihr Euch in irgendeiner Weise hineinmischtet.« Der Weiße Bison lächelte verächtlich, antwortete aber nicht. Natah-Otann fuhr fort: »Herr Graf«, sagte er, »ich werde mich gegen Sie keiner Ausreden bedienen und erkläre, daß Sie wahr gesprochen haben; ich versprach in der Tat, Ihnen die Freiheit zurückzugeben und mich mit Ihnen zu schlagen, und bin bereit, mein Wort zu halten.« »Oho!« rief der Weiße Bison aus. »Still!« entgegnete Natah-Otann in befehlendem Ton. »Still, mein Freund; erlaubt, daß ich jenen Europäern, die auf ihre sogenannte Zivilisation so stolz sind, beweise, daß die Rothäute keine wilden Tiere sind, wie sie glauben, sondern daß die Pflichten der Ehre in allen Klassen der Gesellschaft, ja sogar bei den Völkern geachtet werden, die man gewöhnlich als die rohesten schildert. Sie sind frei, Herr Graf, und ich selbst werde Sie, wenn Sie es wünschen, in Sicherheit und außerhalb des Bereiches unserer Krieger führen. Was den Zweikampf betrifft, den Sie fordern, bin ich gleichfalls bereit, mich ihm in der Weise zu unterwerfen, wie Sie es fordern werden.« »Ich danke Ihnen, mein Herr«, antwortete der Graf mit einer Verbeugung; »Ihr Entschluß macht mich glücklich.« »Erlauben Sie mir jetzt, wo wir uns über unser Geschäft geeinigt haben, noch einige Worte hinzuzufügen.« »Ich höre, mein Herr.« »Bin ich etwa überflüssig?« fragte der Weiße Bison ironisch. »Im Gegenteil«, antwortete Natah-Otann mit Absicht; »Ihre Gegenwart ist jetzt erwünschter denn je.« »Wirklich?« entgegnete der Weiße Bison höhnisch. »Was soll denn vor sich gehen?« »Ihr sollt es erfahren«, antwortete der Häuptling mit unerschütterlicher Kaltblütigkeit und Gelassenheit, »wenn Ihr Euch die Mühe nehmen wollt, mir während fünf Minuten Gehör zu schenken.« »Es sei. Rede!« Natah-Otann schien sich eine Weile zu bedenken und begann dann in einem Ton, der trotz seiner Gewalt über sich selbst vor innerer Bewegung bebte, folgendermaßen: »Mein Herr, ich bin durch eine Verkettung von Ereignissen, die näher anzudeuten zu weit führen und Ihnen schwerlich interessant sein dürfte, der Vormund eines Kindes geworden, das jetzt zu einem schönen jungen Mädchen herangeblüht ist; ich glaube, daß Sie jenes junge Mädchen, dem ich stets die gewissenhafteste Pflege gewidmet habe und das ich liebe wie ein Vater, kennen – es heißt Lianenblüte.« Der Graf erbebte unmerklich und antwortete nur durch eine stumme Bejahung. Natah-Otann fuhr fort: »Jetzt, wo ich in ein gewagtes Unternehmen verwickelt bin, das mir den Tod bringen kann, ist es mir unmöglich, länger über das Kind zu wachen; es würde mich schmerzen, es ohne Stütze und Schutz allein bei meinem Stamm zu lassen, wenn mir ein Unglück zustoßen sollte. Ich weiß, daß Lianenblüte Sie liebt, Herr Graf, und vertraue es Ihnen offen und ehrlich an, denn ich verlasse mich auf Ihre Ehre. Wollen Sie ihr Beschützer werden? Ich weiß, daß Sie das Vertrauen, das ich in Sie setze, nicht mißbrauchen werden. Ich bin zwar nur ein ungeleckter Barbar – wohl gar ein Ungeheuer vom Standpunkt Ihrer zivilisierten Begriffe aus –, aber ich kann Ihnen versichern, mein Herr, daß die Lehren, die mir ein würdiger Mann erteilt hat, nicht vollständig verloren sind und mein Herz für edle Regungen nicht so unzugänglich ist, wie Sie zu glauben scheinen.« »Recht so, Natah-Otann!« rief der Weiße Bison entzückt aus. » Recht so, mein Sohn! Jetzt erkenne ich dich als meinen Zögling und bin stolz auf dich. Wer sich selbst so vollkommen zu beherrschen weiß, ist wahrhaftig würdig, über andere zu herrschen.« »Es freut mich, daß Ihr zufrieden seid«, antwortete der Häuptling. »Und Sie, mein Herr– ich erwarte Ihre Antwort!« »Ich nehme das heilige Vermächtnis an, das Sie mir übergeben, und werde mich Ihres Vertrauens würdig zeigen«, antwortete der Graf bewegt. »Ich erkenne mir nicht das Recht zu, über Ihre Taten zu richten, aber eins kann ich Ihnen versichern, mein Herr: Was auch geschehen möge – es wird stets einen Mann geben, der Ihren Ruf verteidigen und die Großmut Ihres Herzens laut verkünden wird.« Der Häuptling schlug, ohne zu antworten, in seine Hände; die Tür öffnete sich, und Lianenblüte erschien an der Hand einer indianischen Frau. »Kind«, sagte Natah-Otann in einem Ton, der den Aufruhr seines Inneren nicht entfernt verriet, »du weißt, aus welchem Grund du fortan nicht mehr unter uns weilen kannst. Jener Häuptling der Bleichgesichter ist von jetzt an bereit, über dich zu wachen. Folge ihm, und wenn du künftig deines Aufenthalts bei den Kenhas gedenkst, so fluche weder ihnen noch ihrem Häuptling, denn sie haben sich alle gut gegen dich gezeigt.« Das junge Mädchen errötete, seine Augen füllten sich mit Tränen, ein krampfhaftes Zittern schüttelte seine Glieder, und es ging, ohne ein Wort zu reden, zu dem Grafen und stellte sich neben ihn. Natah-Otann lächelte trübe. »Folgt mir«, sagte er; »ich will euch aus dem Lager geleiten.« Er entfernte sich hierauf, gefolgt von den jungen Leuten. »Wir werden uns bald wiedersehen, edler Graf, nicht wahr?« rief der Weiße Bison Herrn de Beaulieu nach. »Ich hoffe es«, lautete die einfache Antwort. Der Graf verließ mit seiner Begleiterin unter der Führung Natah-Otanns das Lager und betrat die Prärie. Die Rothäute, an denen er vorüberkam, traten ehrerbietig beiseite. Sie wanderten ungefähr eine halbe Stunde lang schweigend weiter; endlich blieb der Häuptling stehen. »Hier habt ihr nichts mehr zu fürchten«, sagte er und bog bei diesen Worten die Zweige eines dichten Gebüsches auseinander. »Hier stehen zwei Pferde, die ich für euch habe bereithalten lassen, und hier – nehmt auch diese Waffen, Ihr werdet ihrer vielleicht bedürfen. Wenn Sie jetzt noch Lust haben, sich mit mir zu schlagen, Herr Graf, bin ich dazu bereit.« »Nein«, antwortete der Graf mit Würde, »zwischen uns ist kein Kampf mehr möglich, denn ich kann nicht länger der Feind eines Mannes sein, den hochzuachten mir die Ehre gebietet. Hier meine Hand – ich werde sie nie gegen Euch erheben und reiche sie Euch aufrichtig und ohne Arg. Unglücklicherweise besteht zwischen unseren beiden Rassen ein zu bitterer Haß, als daß uns die nächste Zeit einander friedlich gegenüberstellen könnte; aber wenn ich auch gegen Eure Brüder kämpfe, bleibe ich nichtsdestoweniger Euer persönlicher Freund.« »Mehr verlange ich nicht«, antwortete der Häuptling, indem er die dargereichte Hand drückte. »Lebt wohl! Seid glücklich!« Hierauf wandte er sich ohne weiteres ab, um den Rückweg anzutreten, und war bald in der Dunkelheit verschwunden. »Fort«, sagte der Graf zu Lianenblüte, die dem Mann sinnend nachschaute, den sie so lange wie einen Vater geliebt hatte und den zu hassen sie nicht den Mut hatte. Sie schwangen sich in den Sattel und entfernten sich, nachdem sie einen letzten Blick auf die verstreut in der Ferne brennenden Lagerfeuer der Schwarzfüße geworfen hatten. 28 Jedem nach seinen Werken Die Nacht war finster, kalt und traurig, am Himmel zeigte sich kein Stern; die jungen Leute drangen nur mit großer Mühe durch das Gewirr der Lianen und des Buschwerks, in denen sich die Füße ihrer Pferde fortwährend verwickelten. Sie konnten nur sehr langsam fortkommen und waren beiderseits mit ihrer seltsamen Lage und den seltsamen Ereignissen, denen sie teils beigewohnt hatten und in die sie teils verwickelt worden waren, zu sehr beschäftigt, um das Schweigen zu brechen, das sie, seitdem sie die Festung verlassen hatten, einhielten. Sie mochten ungefähr eine Stunde so fortgeritten sein, als plötzlich ein lautes Geräusch im Gebüsch entstand. Zwei Männer sprangen daraus hervor, ergriffen die Zügel der Pferde und zwangen sie, anzuhalten. Lianenblüte stieß einen Schrei des Schreckens aus. »Heda, ihr Räuber«, rief der Graf mit kräftiger Stimme aus, indem er seine Pistolen lud; »zurück oder ich schieße!« »Donnerwetter, Herr Graf, tun Sie es ja nicht! Sie würden sonst Gefahr laufen, einen Freund umzubringen«, antwortete eine Stimme sofort, die der Graf für die des Jägers erkannte. »Freikugel!« rief er verwundert aus. »Haben Sie gar geglaubt, daß ich Sie verlassen hätte?« »Mein Herr, mein guter Herr!« rief der Bretone aus, indem er den Zügel des Pferdes von Lianenblüte, den er erfaßt hatte, losließ und mit Jubelgeschrei auf den jungen Mann zueilte. Der junge Mann war glücklich, seinen alten Diener wiederzusehen, und ließ sich dessen Liebkosungen nicht nur gefallen, sondern er erwiderte sie auch. »Hört«, begann der Graf, als sich der erste Sturm der Freude und der Verwunderung gelegt hatte. »Was, zum Teufel, treibt ihr denn eigentlich? Warum liegt ihr denn auf der Lauer wie Präriepiraten?« »Kommen Sie mit in unser Lager, Herr Eduard, Sie sollen es dort erfahren!« »Gut, aber ihr müßt uns führen.« Sie gelangten bald an den Eingang einer natürlichen Höhle und erblickten beim Schein eines glimmenden Feuers eine große Anzahl weißer Jäger und Mestizen, in deren Mitte der Graf John Bright nebst Sohn, Tochter und Frau erkannte. Der würdige Squatter hatte seine Niederlassung dem Schutz seiner beiden Diener übergeben, und da er fürchtete, daß seine Frau und seine Tochter nicht sicher genug dort sein würden, hatte er ihnen vorgeschlagen, ihn zu begleiten, welchen Vorschlag sie, so sonderbar er auch war, bereitwillig annahmen. Lianenblüte gesellte sich sogleich zu den beiden Damen. Freikugel, der Squatter und ganz besonders Ivon waren begierig zu erfahren, wie es dem Grafen ergangen und wie es ihm gelungen wäre, aus dem Lager der Rothäute zu entkommen. Herr de Beaulieu weigerte sich keineswegs, ihre Neugierde zu befriedigen, und zwar um so weniger, als ihn verlangte, zu hören, warum sich seine Freunde in so unmittelbarer Nähe des indianischen Lagers niedergelassen hatten. Was die Jäger vorhergesehen hatten, war geschehen. Kaum waren die Amerikaner besiegt und die Festung war erstürmt, als auch schon Uneinigkeit unter den Siegern entstand. Mehrere Häuptlinge waren unzufrieden, als sie sahen, daß sich Natah-Otann, der einer der jüngsten der verbündeten Sachems war, rücksichtslos die Früchte des Sieges anmaßte, indem er sich selbst mit seinem Stamm in der Festung niederließ, die sie alle mit soviel Blut und so großer Anstrengung hatten erobern helfen. Eine dumpfe Unzufriedenheit fing an sich unter ihnen zu verbreiten, und vier oder fünf der mächtigsten Führer äußerten sogar die Absicht, sich mit den Ihrigen zurückzuziehen und es Natah-Otann allein zu überlassen, den Krieg gegen die Weißen nach eigenem Ermessen weiterzuführen. Es hatte den Roten Wolf wenig Mühe gekostet, das Werk der Zerstörung zu fördern, das er im Schilde führte. Kaum war die Nacht hereingebrochen, so zog er mit seinen Kriegern in das Lager und war bemüht, das Feuer zu schüren, das bereits unter der Asche glimmte und infolge der Bestechungsmittel, deren sich der Häuptling bediente, bald zu verheerenden Flamme werden sollte. Von allen Zerstörungsmitteln, die die Europäer in Amerika eingeführt haben, sind der Branntwein und die geistigen Getränke überhaupt das wirksamste und verheerendste. Alle Indianer – außer den Komantschen, deren Mäßigkeit sprichwörtlich ist und die sich standhaft geweigert haben, etwas anderes zu trinken als das Wasser aus ihren Bächen – haben eine Leidenschaft für starke Getränke. Bei jenen Naturvölkern ist die Trunkenheit fürchterlich und steigert sich bis zur Tollwut. Der Rote Wolf, der vor Begierde brannte, sich an Natah-Otann zu rächen, und überdies den Einflüsterungen Margaretes blindlings gehorchte, hatte einen entsetzlichen Plan entworfen, der nur in einem indianischen Kopf entstehen konnte: John Bright hatte eine große Menge Whiskey mitgebracht. Der Rote Wolf ließ sich diesen geben, lud den ganzen Vorrat auf Schlitten und zog so ausgerüstet in das Lager. Sobald die Indianer merkten, welche Ware er bei sich führte, nahmen sie ihn unbedenklich auf das wärmste auf. Der Häuptling war nicht nur bemüht, Natah-Otann herabzusetzen und ihn als einen Mann zu schildern, der nur aus persönlichen Rücksichten handle und um seinen zügellosen Ehrgeiz zu befriedigen, sondern er überließ ihnen auch großmütig das mitgebrachte Getränk. Die Rothäute nahmen das Geschenk, das ihnen der Rote Wolf bot, mit Freuden an und überließen sich ungesäumt dem reichlichen Genuß des Whiskeys. Sobald der Rote Wolf die Indianer in den Zustand der Trunkenheit versetzt hatte, den er wünschte, beeilte er sich, seine Bundesgenossen davon zu benachrichtigen, um einen kecken Handstreich zu wagen und sich der Festung durch Überraschung zu bemächtigen. Die Jäger stiegen ungesäumt auf ihre Pferde, marschierten nach der Festung und lagerten sich in einer Entfernung von ungefähr zweihundert Schritt vor dieser, um auf das erste Zeichen bereit zu sein. – Als Natah-Otann, nachdem er die jungen Leute hinausbegleitet hatte, in das Lager zurückkehrte, bemerkte er die Aufregung, die unter seinen Verbündeten herrschte, und mehrere übel klingende Redensarten trafen an sein Ohr. Obwohl er es nicht für möglich hielt, daß die Amerikaner nach der schweren Niederlage, die sie erlitten hatten, imstande sein würden, sofort zu neuen Feindseligkeiten zu schreiten, kannte er doch den Charakter seiner Landsleute gut genug, um einen Verrat zu fürchten, und er beschloß, doppelt vorsichtig zu sein, um einen Konflikt zu vermeiden, dessen verderbliche Folgen für ihn und seine Pläne nicht zu berechnen waren. Von düsteren Ahnungen getrieben, beschleunigte der junge Häuptling seinen Schritt, um die Festung desto schneller zu erreichen. In dem Augenblick aber, wo er das Tor öffnete und eintreten wollte, legte sich eine Hand schwer auf seine Schulter, und eine rauhe Stimme flüsterte ihm ins Ohr: »Natah-Otann ist ein Verräter!« Der Häuptling wandte sich um, als habe ihn eine Schlange gebissen; er schwang seine gewichtige Streitaxt über dem Kopf und versetzte dem kecken Einflüsterer einen furchtbaren Schlag, dem dieser aber auswich, indem er auf die Seite sprang, worauf er ebenfalls seine Waffe hob und dem Häuptling mit deren Schärfe einen Hieb versetzte, den dieser mit dem Griff der Axt auffing, worauf sie sich um den Leib faßten und miteinander rangen. Der erbitterte Kampf zwischen den beiden Männern, die stumm wie Gespenster miteinander rangen und deren Zorn nur der dumpf stöhnende Atem verriet, hatte etwas unbeschreiblich Schreckhaftes. »Stirb, Hund!« rief Natah-Otann plötzlich aus, nachdem er seine Axt tief in den Schädel seines Gegners getrieben hatte, der lautlos zu Boden stürzte. Der Häuptling bückte sich über ihn. »Der Rote Wolf!« murmelte er. »Ich dachte es doch!« Plötzlich erinnerte ihn ein unmerkliches Rascheln im Gras an die gefährliche Lage, in der er sich befand; er sprang mit gewaltigem Ansatz zurück, trat in die Festung und warf die Tür hinter sich zu. Es war hohe Zeit! Er war kaum verschwunden, als ungefähr zwanzig Männer hinter ihm hersprangen und mit dumpfen Ausrufen der Wut gegen das geschlossene Tor prallten. Das Zeichen des Aufruhrs war aber gegeben, und der allgemeine Kampf mußte notwendig beginnen. Kaum hatte Natah-Otann die Festung betreten, als er sich schmerzlich bewußt wurde, daß der teuer erkaufte Sieg ihm wieder entrissen werden sollte. Die Kenhas hatten in der Festung aus eigenem Antrieb getan, was ihre Landsleute in der Prärie auf die Anregung des Roten Wolfs getan hatten. Nach der Einnahme der Festung zerstreuten sie sich nach allen Seiten; die starken Getränke entgingen ihnen nicht lange, und sie rollten die Fässer in den Festungshof und schlugen sie auf. Um diese Tat unverantwortlichen Ungehorsams zu begehen, benützten sie die Zeit, während der der gänzlich erschöpfte Weiße Bison in Abwesenheit Natah-Otanns eine kurze Ruhe genoß, so daß die beiden einzigen Männer, deren Einfluß mächtig genug war, um die Indianer zu ihrer Pflicht anzuhalten, ihnen nicht wehren konnten. Es begann ein schreckliches Gelage, wie es bei den Indianern stattzufinden pflegt, nämlich von Mord und Blutvergießen begleitet. Die Trunkenheit artet bei den Indianern, wie wir bereits gesagt haben, in den äußersten Grad wahnwitziger Wut aus; es war eine furchtbare Schlägerei entstanden, in deren Folge die Indianer einer über den anderen wegtaumelten und in der Mitte des Hofes über- und untereinander liegend einschliefen. »Ach«, seufzte der Häuptling verzweifelt, »was ist mit solchen Menschen anzufangen?« Er eilte in das Zimmer, wo er den Weißen Bison gelassen hatte. Der alte Häuptling lag in einem Armstuhl und schlief friedlich. »Wehe, wehe!« rief der junge Mann aus, indem er auf ihn zueilte und ihn kräftig schüttelte, um ihn zu wecken. »Was gibt es?« fragte der Greis erwachend, indem er sich aufrichtete. »Was hast du?« »Ich habe zu verkünden, daß wir verloren sind!« erwiderte der Häuptling. »Verloren?« wiederholte der Weiße Bison. »Was ist denn geschehen?« »Die siebenhundert Mann, die wir hier haben, sind betrunken; unsere übrigen Verbündeten wenden sich gegen uns, und es bleibt uns nichts übrig, als zu sterben.« »Wenn es sein muß, so sterben wir – aber wie es Männern ziemt!« sagte der Greis, indem er aufstand. Er verlangte von Natah-Otann einen ausführlichen Bericht von dem, was geschehen war, welcher Aufforderung letzterer sofort entsprach. »Die Lage ist allerdings bedenklich«, sagte er, »doch ist noch nicht alles verloren! Wir müssen die wenigen Mann, die imstande sind, sich zu schlagen, zusammenrufen und dann in Gottes Namen dem Sturm trotzen.« In dem Augenblick ließ sich ein heftiges Gewehrfeuer vernehmen, untermischt mit Kriegs- und herausforderndem Hurrageschrei. »Der entscheidende Kampf hat begonnen!« rief Natah-Otann aus. »Vorwärts!« antwortete der alte Häuptling. Sie eilten hinaus. Die Lage war außerordentlich drohend. Major Melville benützte die Trunkenheit der Wächter, um die Tür seines Gefängnisses einzubrechen, und an der Spitze von ungefähr zwanzig Amerikanern hatte er einen Ausfall auf die Rothäute gewagt, während die Jäger von außen versuchten, die Wälle der Festung zu erklettern. Die Indianer der Prärie, die vom Tod des Roten Wolfs nichts wußten und seinem Wunsch zu folgen meinten, drangen ihrerseits in großer Menge auf die Festung ein, in der Absicht, sich dieser zu bemächtigen. Obgleich Natah-Otann zu gleicher Zeit gegen die äußeren und die inneren Feinde ankämpfen mußte, verlor er doch nicht den Mut. Seine Energie schien mit der Gefahr zu wachsen; er schien allgegenwärtig sein zu können, denn überall sah man ihn, wie er diese ermutigte, jene zurechtwies und alle mit dem Eifer entflammte, der in ihm selbst glühte. Viele seiner Krieger standen auf seinen Ruf auf und scharten sich um ihn, worauf der Kampf regelmäßig begann und eine wohlgeordnete Schlacht anfing. Die Jäger, die der Graf und Freikugel anfeuerten, verdoppelten ihren Eifer. Sie klammerten sich an den Unebenheiten der Mauern fest, stiegen mit unerhörter Unerschrockenheit einer auf den anderen und schwangen sich bis zur Spitze der Palisaden, die sie erklettern wollten. Die Amerikaner, die ihre Feinde hatten überraschen wollen und statt dessen selbst überrascht wurden, schlugen sich mit unbeschreiblicher Wut, erneuerten trotz des Kartätschenfeuers, das ihre Reihen lichtete, den Sturm immer von neuem und schienen entschlossen zu sein, sich lieber Mann für Mann niedermetzeln zu lassen, als einen Zollbreit zu weichen. Während der beiden Stunden der Dunkelheit, die die Nacht hatte, wurde der Kampf von beiden Seiten mit gleichem Erfolg fortgesetzt; sobald aber die Sonne am Himmel aufging, nahmen die Dinge eine andere Wendung. Während der Dunkelheit war es den Indianern unmöglich, die Feinde zu erkennen, gegen die sie sich schlugen; sobald aber der Tag graute, erkannten sie den Mann, in den sie das größte Vertrauen setzten und der sie, wie ihre Häuptlinge und Zauberer verkündet hatten, zum Sieg führen und unverwundbar machen sollte, wie er an der Spitze ihrer Feinde stand und unbarmherzig um sich schlug. Dieser Anblick machte sie unschlüssig; ihre Reihen gerieten in Unordnung, und sie begannen trotz aller Ermahnungen ihrer Häuptlinge zu weichen. Der Graf, umgeben von Freikugel, Ivon, dem Squatter und dessen Sohn, richtete ein furchtbares Blutbad unter den Indianern an; er rächte sich für die Unbill, die er erlitten hatte, indem er sie niedermähte wie reife Ähren. Er erreichte endlich die Tür der Festung, stieß hier aber auf eine auserwählte Schar, die unter der Führung des Weißen Bisons ihren Rückzug in geschlossenen Reihen und ohne sich umzuschauen bewerkstelligte und von Major Melville, der fast wieder Herr des Inneren der Festung war, heftig verfolgt wurde. Zwischen den beiden Truppen entstand ein kurzer Waffenstillstand – um nicht zu sagen ein Moment der Unschlüssigkeit –; jede der Kriegsscharen war sich bewußt, daß die Entscheidung der Schlacht von der Niederlage der einen oder der anderen abhänge. Plötzlich erschien Natah-Otann halb sinnlos vor Schmerz und Wut. Er schwang sein Totem in der Hand, lenkte sein Pferd mit dem Druck der Knie und warf sich mit dem prächtigen Tier wiederholt in das dichteste Gewühl, in der vergeblichen Hoffnung, den Mut der Seinigen anzufeuern und sie wieder in den Kampf zurückzuführen. Roß und Reiter waren mit Blut und Schweiß bedeckt; über den entstellten Zügen des Häuptlings schien bereits der Tod seine Schwingen zu regen, aber noch strahlte seine Stirn vor Begeisterung; seine Augen schienen Flammen zu sprühen, und seine bebende Hand schwang eine bis an das Heft gerötete Streitaxt. Eine Anzahl von ungefähr zwanzig Kriegern scharte sich um ihn. Sie waren verwundet wie er, doch wie er entschlossen, ihre Niederlage nicht zu überleben. Als Natah-Otann vor der Front der Amerikaner stand, runzelte er die Brauen; ein krampfhaftes Lächeln verzog seinen Mund, er richtete den Kopf stolz empor, setzte sich entschlossen im Sattel zurecht und warf einen Herrscherblick um sich. »Schwarzfüße, meine Brüder!« rief er mit tönender Stimme aus. »Da ihr nicht zu siegen versteht, so lernt wenigstens zu sterben. Herbei, meine Getreuen!« Bei diesen Worten spornte er sein Pferd so hastig an, daß es vor Schmerz wieherte, stürzte sich über die Amerikaner her und drang mit seiner kleinen, aber getreuen Schar auf sie ein. Bald schlössen sich die Reihen der Jäger um die kleine Truppe; es entstand ein kurzer, versteckter Kampf, ein furchtbares Blutbad, ein Aufundabwogen der Erbitterung, ein wahrhaft titanenhaftes Ringen von fünfzehn halbnackten Männern gegen dreihundert. Allmählich legte sich die Brandung; die Ruhe trat wieder ein, und die Reihen der Jäger traten in die frühere Ordnung zurück. Die Schwarzfußhelden waren tot, hatten sich aber ein blutiges Begräbnis bereitet, denn 120 Amerikaner lagen erschlagen und begruben ihre Feinde unter ihren Leichen. Die Truppe des Weißen Bisons leistete allein noch Widerstand; da sie aber von Major Melville von hinten und dem Grafen von vorn angegriffen wurde, hatte auch ihre letzte Stunde geschlagen. Dennoch war der Zusammenstoß furchtbar; die Indianer leisteten hartnäckigen Widerstand, und die Weißen mußten sich ihren Sieg teuer erkaufen. Endlich, von allen Seiten umdrängt und dem sicheren Feuer der Jäger preisgegeben, gerieten ihre Reihen in Unordnung, lösten sich, und die Flucht begann. Ein einziger Mann blieb ruhig und unerschütterlich auf dem Kampfplatz stehen. Es war der Weiße Bison. Er stand, auf seinen langen Degen gestützt, blaß, aber mit stolzer Haltung da und bot den Feinden, die er nicht mehr bekämpfen konnte, immer noch Trotz. »Ergebt Euch!« rief ihm Freikugel zu, indem er herbeieilte. »Ergebt Euch, Alter, oder ich haue Euch rücksichtslos nieder!« Der Häuptling lächelte verächtlich, würdigte ihn aber keiner Antwort. Der unbarmherzige Jäger ergriff seine Büchse beim Lauf und schwang diese hoch über seinem Kopf. Der Graf erfaßte ihn hastig am Arm. »Halt, Freikugel!« rief er aus. »Lassen Sie den Mann gewähren!« sagte der Weiße Bison kaltblütig. »Er soll Sie aber nicht töten!« entgegnete der junge Mann. »So wollen Sie mich wohl töten, nicht wahr, mein Herr Graf de Beaulieu?« antwortete er in schneidendem Ton. »Nein, mein Herr«, antwortete der junge Mann geringschätzig. »Werfen Sie die Waffen weg; ich begnadige Sie!« Der Verbannte warf ihm einen gehässigen Blick zu. »Warum versuchen Sie nicht lieber, sich diese zu holen?« entgegnete er ironisch. »Weil mich Ihr Alter und Ihr weißes Haar dauern.« »Gestehen Sie vielmehr, edler Graf, daß Sie sich fürchten!« Bei dieser Schmähung erbebte der junge Mann und wurde totenblaß. Die Amerikaner scharten sich im Kreis um die beiden Männer und erwarteten gespannt, was geschehen würde. »Machen Sie ein Ende«, rief Major Melville, »und töten Sie das tolle Geschöpf!« »Einen Augenblick, bitte. Lassen Sie mich das Geschäft allein abschließen.« »Da Sie es wünschen, mein Herr, überlasse ich die Sache Ihrem Ermessen.« »Sie wollen also einen Kampf?« fuhr der Graf, zu dem Verbannten gewandt, fort. »Ja«, antwortete dieser zwischen den Zähnen, »einen Kampf auf Tod und Leben! Es werden sich nicht zwei Menschen schlagen, sondern zwei Vorurteile, denn ich hasse Ihren Stand ebenso wie Sie den meinen.« »Es sei, mein Herr!« Der Graf nahm aus der Hand eines der Zunächststehenden zwei Degen, warf einen davon vor die Füße des Verbannten, und in dem Augenblick, wo sich letzterer, nachdem er die Waffe aufgehoben hatte, in die Höhe richtete, nahm ihn Ivon aufs Korn und zerschmetterte ihm den Schädel mit einer Pistolenkugel. Der junge Mann wandte sich zornig zu seinem Diener. »Unglücklicher«, rief er aus, »was hast du getan?« »Sie können mich töten, wenn Sie wollen, lieber Herr«, antwortete der Bretone unschuldig. »Ich konnte aber nichts anders – die Furcht übermannte mich.« Der Verbannte war auf der Stelle tot und nahm das Geheimnis seines Namens mit in das Grab. »Nun, nun«, sagte der Major dazwischentretend, »Sie dürfen dem armen Burschen deshalb nicht zürnen; er hat geglaubt, recht zu handeln, und meiner Ansicht nach ist es auch der Fall.« Der Vorfall hatte keine weiteren Folgen. – Während im Hof dieser Auftritt stattfand, war John Bright, der seine Frau zu beruhigen wünschte, gegangen, sie zu suchen. Soviel er aber in den Zimmern und Nebengebäuden der Festung umhersuchte, konnte er sie, trotzdem er sie kurz vorher selbst dort versteckt hatte, nicht wiederfinden. Der arme Squatter kam mit bestürzter Miene und Verzweiflung im Herzen zurück, und verkündete dem Major das Verschwinden seiner Frau und seiner Tochter, die die Indianer wahrscheinlich entführt hatten. Der Major erteilte sofort zehn Jägern Befehl, die Frauen zu suchen. Aber in dem Augenblick, als die Truppe aufbrechen wollte, kamen die Vermißten unter der Führung Freikugels herbei. Zwei amerikanische Jäger folgten ihnen, und Margarete nebst ihrer Tochter begleitete sie. Sobald Lianenblüte den Grafen erblickte, stieß sie einen Freudenschrei aus, und mit dem Ausruf »Gerettet!« eilte sie zu ihm. Plötzlich aber errötete sie, bebte zusammen und kehrte verwirrt und beschämt zu ihrer Mutter zurück. Der Graf trat heran, faßte ihre Hand, drückte sie zärtlich und sagte sanft: »Lianenblüte, haben Sie aufgehört, mich zu lieben, weil ich jetzt frei bin?« Das junge Mädchen richtete sich auf, blickte ihn mit tränenfeuchten Augen an und antwortete: »Ach nein! Immer – ewig!« »Du siehst, meine Tochter«, sagte Mrs. Bright zu Diana. »Mutter«, antwortete diese in festem Ton, »habe ich dir nicht gesagt, daß ich ihn vergessen würde?« Die Frau des Squatters nickte, ohne zu antworten. Die Indianer waren spurlos vom Kampfplatz verschwunden. Einige Stunden später war in der Festung alles zur früheren Ordnung zurückgekehrt. Am selben Tag nahm John Bright auf Veranlassung seiner Frau Abschied vom Grafen und vom Major und kehrte zu seiner Ansiedlung zurück. Der Winter verstrich ohne weitere Ereignisse, denn die Indianer waren durch die harte Lehre, die sie empfangen hatten, abgeschreckt worden. Lianenblüte wurde von ihrem Onkel anerkannt und blieb im Fort Mackenzie. Das Mädchen war traurig, träumerisch, blieb oft stundenlang an den Festungswall gelehnt und schaute in die Prärie und nach den Wäldern hinaus, die wieder anfingen, sich grün zu kleiden. Ihre Mutter und der Major, die sie liebten, konnten nicht begreifen, was der Grund ihrer düsteren Schwermut sei; wenn man mit Fragen in sie drang, um zu erfahren, was ihr Kummer mache, antwortete sie stets, daß ihr nichts fehle. Eines Tages heiterte sich ihre Miene auf, und sie lächelte wieder. Drei Reisende kamen in der Festung an. Es waren der Graf de Beaulieu, Ivon und Freikugel; sie kehrten von einem Streifzug nach dem Felsengebirge zurück. Bald nach seiner Ankunft trat der Graf zu Lianenblüte, erfaßte ihre Hand, wie er es drei Monate früher getan hatte, und fragte wieder: »Lieben Sie mich nicht mehr, Lianenblüte?« »Gewiß – immer!« antwortete das arme Kind, das, seitdem es die Wildnis verlassen hatte, ganz scheu geworden war. »Danke«, antwortete er. Hierauf wandte er sich zu Major Melville und dessen Schwester, die ängstlich dabeistanden, und sagte, ohne die ergriffene Hand loszulassen: »Major Melville und Sie, Madame – ich bitte Sie um die Hand des Fräuleins.« Acht Tage später fand die Hochzeit statt. Der Squatter wohnte mit seiner Familie der Trauung bei; Diana hatte einen Monat zuvor James geheiratet. Als indessen das feierliche Ja gesprochen wurde, konnte sie sich eines Seufzers nicht erwehren. »Sie sehen wohl, Ivon, daß man von den Indianern nicht umgebracht wird; eben haben wir den Beweis dafür geliefert«, sagte Freikugel zu dem Bretonen, als sie von der Hochzeitsfeier kamen. »Ich fange allerdings selbst an, es zu glauben«, antwortete dieser. »Aber gleichviel, lieber Freund – ich werde mich nie an das abscheuliche Land gewöhnen können; ich fürchte mich zu sehr hier.« »Sie Spaßmacher«, antwortete der Kanadier, »Sie bleiben immer der alte.« Um schließlich der Neugierde gewisser Leser zu genügen, die alles wissen wollen, fügen wir noch die folgende Bemerkung hinzu: Einige Monate nach dem neunten Thermidor wurden mehrere Mitglieder des Konvents trotz der Rolle, die sie an dem Tag gespielt hatten, zur Deportation nach Französisch-Guayana verurteilt. Es gelang zweien von ihnen - Collot d'Herbois und Villaud Varenne –, aus Sinnamari zu entkommen und in die Wildnis zu flüchten, wo sie furchtbare Leiden zu ertragen hatten. Collot d'Herbois erlag der Anstrengung; die Geschichte seines Begleiters haben wir eben erzählt. »Die Rothäute haben eine Art zu kämpfen, die allen Mitteln der europäischen Kriegskunst hohnspricht. Um ihr Verfahren richtig aufzufassen, muß man vor allen Dingen den Umstand beherzigen, daß die Indianer die Ehre nicht so verstehen wie wir. Hat man das begriffen, so läßt sich das übrige leicht verstehen. Wir wollen dies deutlicher erklären. Wenn die Indianer etwas unternehmen, so haben sie dabei nur einen Zweck im Auge: das Gelingen. Für sie ist es das einzige Ziel ihres Strebens, und um es zu erreichen, sind ihnen alle Mittel recht. Sie besitzen unzweifelhaft Mut, sind häufig übermäßig tollkühn, lassen sich durch nichts abschrecken und weichen vor keinem Hindernis zurück; trotzdem räumen sie das Feld ebenso schnell, als sie es betreten haben, sobald ihnen das Gelingen und mithin der Zweck ihres Unternehmens gefährdet erscheint, und sie glauben ihre Ehre keineswegs dadurch zu gefährden, wenn sie vor einem stärkeren oder vorsichtigen Feind zurückweichen. Ihre Kriegskunst ist auch äußerst einfach: Sie greifen einen Feind nur aus einem Hinterhalt an. Die Rothäute können die Spur ihrer Gegner monatelang verfolgen und sie mit beispielloser, unermüdlicher Geduld beobachten, Tag und Nacht ausspähen und nur darauf bedacht sein, sich selbst nicht überrumpeln zu lassen. Wenn endlich der günstige Augenblick gekommen ist und sie meinen, daß die Zeit da sei, um den Plan auszuführen, dessen Aussicht auf Gelingen sie auf das genaueste berechnet haben, treten sie mit einer Gewalt und Wildheit auf, die häufig ihre Feinde aus der Fassung bringt. Werden sie aber nach dem ersten Zusammenstoß zurückgeworfen; sehen sie ein, daß sich ihre Gegner nicht haben schrecken lassen, sondern entschlossen sind, Widerstand zu leisten, so verschwinden sie auf ein verabredetes Zeichen wie durch Zauberei und schämen sich nicht, eine neue Gelegenheit auszuspähen, die ihnen besseren Erfolg verspricht.« Gustave Aimard