Berthold Auerbach Das Landhaus am Rhein, Band 3 Siebentes Buch. Erstes Capitel. Das Beste, womit ein Menschenherz sich erfüllt und erquickt, ist Mutterliebe. Alle Liebe der Menschen muß erworben, erobert und verdient, über Hindernisse hinweg erkämpft und bewahrt werden; die Mutterliebe allein hat man immer, unerworben, unverdient und allzeit bereit. Warum hat Roland solch eine Mutterliebe nicht vollauf? Erich stand früh am Bette Rolands; es war nie nöthig, daß er ihn weckte, sobald er ihn mit vollem Blicke betrachtete, wachte Roland auf. Jetzt öffnete er die großen Augen und sein erstes Wort war: »Deine Mutter ist da!« Der Tag wurde neu geweiht, denn Erich und Roland gingen zuerst, um die Mutter zu begrüßen. Ihr milder ruhiger Geist hatte etwas Segnendes in jedem Worte, in jeder Handbewegung, in jedem Augenstrahl und sie selbst war es, die die Ordnung und stetig sich fortsetzende Pflicht anrief, indem sie den Beiden sagte, sie würde es als Beweis der Liebe und Herzensfestigkeit betrachten, wenn sie ihre Arbeit fortsetzten heute, wie gestern. So saßen die Beiden bald wieder bei ihrer Arbeit. Wie eines neuen Geschenkes wurde man sich am Mittage bewußt, daß die Mutter da war. Man fand sich im Garten zusammen; Frau Ceres war nicht sichtbar, sie ließ sich durch Fräulein Perini entschuldigen. Sonnenkamp lächelte, denn er wußte, daß Frau Ceres nicht daran dachte, sich entschuldigen zu lassen. Fräulein Perini that dies aus eigener Machtvollkommenheit, und sie that wohl daran, denn das störrige Wesen der Frau Ceres wehrte sich gegen die ihr aufgedrungene Gesellschaft. Fräulein Perini bemühte sich offenbar mit großer Beflissenheit, der Frau Professorin sich so angenehm als möglich zu machen. Die ehrende Auszeichnung, die die Cabinetsräthin der Professorin widmete, gab dieser eine Ehrenstellung, die sie vielleicht allmälig errungen, die ihr nun aber sofort wie durch einen allerhöchsten Erlaß zuerkannt wurde; denn die Cabinetsräthin wiederholte stets, die Professorin sei ihrer Zeit die angesehenste Dame am Hofe gewesen, die man noch heute schmerzlich vermisse. Die Professorin fand sich durch solche stark aufgetragene Hervorhebung etwas beengt, aber sie war der angesehenen Frau dankbar; sie erkannte das Bestreben, ihr die abhängige Stellung und offenbare Armuth in Herrschaft und Huldigung zu verwandeln. Selbst Fräulein Perini wurde von dem Wesen der Professorin bezwungen, denn diese Frau hatte eine sanfte Würde, einen freundlichen Glanz in ihrem Wesen, daß das Unwürdige und nun gar das Unreine keine Stätte in ihrer Nähe hatte; dabei war sie voll Begeisterung, die, durch das idealistische Leben ihres Mannes genährt, nun im Zusammensein mit dem Sohne neu auflebte. Noch am Mittag kam ein Brief von Bella. Sie hieß die Professorin willkommen und kündigte für den nächsten Tag einen Besuch an. Die Professorin gab Sonnenkamp in einfacher Weise zu erkennen, daß sie einen ihr gemeldeten Besuch als dem Hause ihres Gastfreundes geltend annehme. Durch die Anwesenheit der Mutter und Tante gewann auch Erich eine neue Stellung; es schien ein Gleichgewicht zwischen ihm und seinen Angehörigen und denen Sonnenkamps sich wie von selbst festzusetzen. Zweites Capitel. Sonnenkamp ging nach dem Zimmer seiner Frau; sie ließ ihm durch eine im Vorzimmer wartende Kammerfrau sagen, daß sie Niemand zu sprechen wünsche. Er hörte nicht darauf und ging weiter; er traf Frau Ceres auf dem Sopha liegend, die Fenster waren verhangen. Frau Ceres sah ihn mit den großen dunklen Augen an, sie sprach kein Wort, sie reichte ihm nur die feine schmale Hand. Er küßte die Hand, dann begann er zu erklären, daß man durch den Gast, den man im Hause habe, dem Plane näher rücke, denn durch ihr Ansehen öffneten sich die Flügelthüren zu den Gemächern des fürstlichen Schlosses. Bei der Erwähnung des Schlosses richtete sich Frau Ceres etwas auf; sie sprach noch immer kein Wort, aber ihr unruhiger Blick zeigte, wie die Hoffnung sie bewegte. Wie ein schimmerndes Märchen hatte Sonnenkamp jenseits des Meeres und auf seinen Zickzackwanderungen es seiner Frau stets als höchstes Ziel dargestellt, daß sie in die Hofgesellschaften eintreten könne, und für Frau Ceres war das, als käme sie in einen überirdischen Kreis, wo immer Alles glitzert und schimmert, und eine göttergleiche Existenz sich beständig fortsetzt. Ueberall, wohin sie kam, hörte sie von diesem Glück und sah, wie Alles nach dem Hofkreise strebte, und sie zürnte ihrem Mann, daß er ihr das schon so lange und so oft versprochen und noch nicht erfüllt hatte. Sie waren in Europa, sie hatten sich in die Einsamkeit zurückgezogen, wo die Menschen sagen, daß es so schön sei; sie aber wartete beständig, daß sie zu Hofe gerufen werde. Warum dauert das so lang? Was sind die Menschen so fremd? Sogar Bella, die Einzige, die sich freundlich bewies, behandelte sie wie einen Papagei, wie einen fremden Vogel, an dessen schillernden Farben man sich ergötzt, mit dem man aber sonst keine Gemeinschaft hat, als daß man ihm bisweilen ein Stückchen Zucker, ein Compliment zukommen läßt. Die Erinnerung, wie sie Alles beim Feste des Herrn von Endlich überstrahlt hatte, erschien jetzt Frau Ceres ungenügend und halb. Bei aller scheinbar äußern Trägheit und Theilnahmlosigkeit arbeitete Frau Ceres stets an einem Gedanken, und diesen hatte Sonnenkamp in sie gepflanzt; er war stärker geworden, als er gewollt, er beherrschte das ganze Wesen seiner Frau. Nun wußte er mit großem Geschick darzustellen, daß die Professorin – der sich selbst die Cabinetsräthin untergeordnet, weil sie die beliebteste und mächtigste Hofdame, ja die Freundin und nächste Vertraute der verwittweten Fürstin gewesen – dem ganzen Hause neuen Glanz gebe und sicher ans Ziel führe. Sonnenkamp wußte seine Klugheit so sehr hervorzuheben, daß Frau Ceres sich endlich zu dem Worte verstand: »Sie sind in der That sehr klug. Ich will die Mutter des Hofmeisters sprechen.« Er gab ihr nun Lehren, wie sie sich verhalten solle, aber wie ein verzogenes Kind schrie Frau Ceres auf, schlug mit den Händen, stampfte mit den Füßen und rief: »Ich will keine Lehren! Sprechen Sie kein Wort mehr! Bringen Sie mir die Frau!« Sonnenkamp ging zur Professorin; er wollte ihr Verhaltungsregeln gegen seine Frau geben, aber er fürchtete jeden Hinweis und sagte: »Meine liebe kleine Frau ist etwas verwöhnt und sehr nervös.« Die Professorin kam zu Frau Ceres, die ruhig auf ihrem Sopha liegen blieb. Als die Professorin sich mit Zierlichkeit verbeugte, rief Frau Ceres: »Das müssen Sie mich lehren! So will ich mich auch verbeugen. Nicht wahr, so verbeugt man sich bei Hofe?« Die Professorin wußte nicht, was sie antworten sollte. Ist das mehr als eine Nervöse? Ist das eine Irrsinnige? Sie gewann indeß bald Fassung genug, um sagen zu können: »Ich kann mir recht gut vorstellen, daß Ihnen in der freien Republik unsere Formen etwas fremd erscheinen; ich finde auch, daß es besser ist, wenn man sich bei erster Begegnung die Hand reicht.« Sie streckte die Hand aus und Frau Ceres reichte die ihrige; wie sich selbst vergessend richtete sie sich dabei auf. »Sie sind krank, ich will Sie nicht lange stören,« sagte die Professorin. Frau Ceres fand es besser, wenn sie noch für krank gelte, und sagte: »Ach, ja, ich bin immer krank. Aber bleiben Sie, ich bitte.« Und wie nun die Mutter sprach, machte der Klang ihrer Stimme, der tiefe Herzton einen solchen Eindruck auf Frau Ceres, daß sie die Augen schloß, und als sie dieselben öffnete, standen große Thränen in ihren langen Wimpern. Die Professorin bedauerte, sie so sehr aufzuregen, aber Frau Ceres schüttelte heftig mit dem Kopf. »Nein, nein, ich danke Ihnen. Diese Thränen lagen mir hier . . . hier!« Sie schlug sich heftig auf die Brust. »Ich danke Ihnen!« Die Mutter wollte sich entfernen, aber Frau Ceres stand rasch auf, warf sich vor ihr auf die Knie, küßte ihre Hand und rief: »Beschützen Sie mich! Seien Sie meine Mutter! ich habe nie zu Jemand Mutter gesagt.« Die Professorin war in sich zusammengeschrocken, als würde sie von einer Rasenden erfaßt. Sie richtete Frau Ceres auf und sagte: »Mein Kind, gern wollte ich Ihnen Mutter sein. Ich bin glücklich, wenn ich hier etwas leisten kann, und will es mit Herzlichkeit thun. Nun aber, ich bitte, beruhigen Sie sich.« Sie führte Frau Ceres wieder nach dem Sopha, legte sie behutsam nieder und deckte sie mit einem großen Shawl zu; es war ein seltsames Gewirre von weichen Kissen, in denen Frau Ceres immer eingemummt und wie vergraben lag. Frau Ceres hielt die Hand der Mutter fest und schluchzte fortwährend. Die Professorin pries das Glück der Frau Ceres, daß sie einen solchen Sohn wie Roland habe. Als sie erzählte, wie sie Roland getroffen, wendete sich Frau Ceres und küßte ihr die Hand. Mit ruhigem Bedacht fuhr die Professorin fort, daß sie selber eine Frau von vielen Eigenthümlichkeiten sei, mit der sich nicht so leicht leben lasse; sie habe sich zu sehr an Einsamkeit gewöhnt und fürchte, sie sei nicht jung und lebenslustig genug, um Gesellschafterin einer Frau zu sein, die Ansprüche an Glanz und Freude eines rauschenden Lebens habe. Frau Ceres bat die Professorin, daß sie den Vorhang etwas zurückziehe, und als sie die Fremde deutlicher sah, lächelte sie; dann aber nahm ihr Gesicht mit dem feinen, halb geöffneten Munde wieder den Zug der Verdrossenheit an, der darauf ständig geworden war; sie faßte den Fächer und fächelte sich Kühlung zu. Endlich sagte sie: »Sie glauben gar nicht, wie dumm ich bin, und ich wäre doch so gerne gescheidt und hätte viel gelernt; aber er hat's nicht haben wollen und hat mich nichts lernen lassen und hat immer gesagt: so bist Du mir am schönsten und liebsten. Ja, kann sein für ihn, aber nicht für mich. Wäre nicht Madame Perini so gut, ich wüßte gar nicht, was ich anfangen sollte. Spielen Sie auch Whist? Lieben Sie die Natur? Nicht wahr, ich bin sehr einfältig?« Frau Ceres hatte vielleicht erwartet, daß die Professorin ihr widerspreche, aber sie that es nicht; sie sagte vielmehr: »Ich habe schon ähnliche Frauen kennen gelernt wie Sie, und ich könnte Ihnen sagen, warum Sie stets unwohl sind.« »Warum? Wissen Sie das?« »Ja, aber es ist nicht schmeichelhaft.« »Ach, sagen Sie es nur.« »Mein liebes Kind! Sie sind stets unwohl, weil Sie stets müßig sind. Hat der Mensch nichts zu thun, so gibt ihm sein Befinden zu thun.« »O, Sie sind klug,« rief Frau Ceres, »aber ich bin schwach.« Sie hatte in der That etwas Wehrloses und Hilfsbedürftiges. Wie Sonnenkamp sie als zerbrechliches Spielzeug betrachtete, so war sie auch mit sich selber immer ängstlich; dabei war sie vollkommen träge, die geringste Mühe war ihr eine Last. Sie wußte nicht, ob Hören oder Sehen mehr anstrenge, doch fand sie das Letztere noch mühsamer, denn beim Lesen muß man das Buch fassen und eine bestimmte Haltung annehmen. Sie ließ sich daher von Fräulein Perini immer vorlesen; da kann man, so oft man will, einschlafen. So war es auch jetzt. Während die Professorin noch sprach, ließ Frau Ceres plötzlich die Hand los, sie war eingeschlafen. Die Professorin saß in dem Gemache, in dem es so reich und glänzend aussah, wie in ein Märchen versetzt; sie hielt den Athem an und wußte nicht, was sie beginnen sollte. Hier sind Räthsel die Fülle. Sie wagte nicht, ihre Stellung zu verändern, denn sie fürchtete, die Schlafende zu wecken. Diese wendete sich jetzt und sagte: »Ach, gehen Sie nun . . . gehen Sie nun, ich komme bald selbst.« Die Professorin ging. Sonnenkamp erwartete sie vor der Thüre. »Wie ist sie gegen Sie?« fragte er. »Wie ein gutes Kind,« erwiderte die Mutter. »Ich hoffe, daß es mir gelingen wird, die Aufgeregtheit Ihrer Frau Gemalin zu beruhigen. Aber ich habe eine Bitte: fragen Sie mich nie, was wir besprochen. Soll ich das Vertrauen Ihrer Frau Gemalin gewinnen, so muß ich mit vollem Gewissen sagen können: sie spricht nur mit mir allein; was sie mittheilt, kommt nicht über meine Lippen. Wollen Sie mir versprechen, uns Frauen allein gewähren zu lassen?« »Ja,« erwiderte Sonnenkamp. Es schien ihm schwer zu werden, das zu bewilligen, doch mußte er es thun. Drittes Capitel. Am andern Tage kam Prancken und mit dem ganzen Aufgebote seiner weltmännischen Manieren begrüßte er die Professorin. Sie ließ ihn sofort erkennen, daß sie ihn als Sohn des Hauses betrachte, und that dies mit so viel Zurückhaltung und anmuthvoller Bestimmtheit, daß er überaus beglückt war. Als sie ihm dankte, daß er Erich solche Stellung vermittelt habe, lehnte er jeden Dank ab; es sei nur eine Abtragung der Dankesschuld gegen den verewigten Professor. Das war ein Ton, der sofort das Herz der Wittwe gewann; sie wußte recht wohl, was die Höflichkeit übertreibe, aber sie war sich auch bewußt, daß der Kern Wahrheit war. Wer je andauernd in den Umkreis von Stimme und Blick ihres Gatten getreten, mußte, wenn er nicht ganz verwahrlost war, eine edle Regung für das Leben davon bewahren. Prancken erzählte von seinem Schwager und seiner Schwester und wie geehrt Erich auf Wolfsgarten sei; mit einer geschickten Wendung wußte er dann zu sagen, daß er sich von der Anwesenheit der Professorin viel Begütigung und Beruhigung in dem seit Kurzem wieder stürmisch bewegten Wesen seiner Schwester verspreche. Er deutete das behutsam an und gab nur zu verstehen, wie es eine schwere Aufgabe sei, mit einem, wenn auch hochedlen, doch viel älteren Manne zu leben, und wie unversehens eine scheinbar zur Ruhe gesetzte Bewegung das Gemüth ergreife. Die Professorin verstand mehr, als Prancken ahnte. Prancken konnte sich nicht enthalten, etwas von seiner religiösen Wandlung kund zu geben. Er that dies wie einen Act des Vertrauens und mit Verwahr, aber doch mit einem gewissen Nachdruck. Wie durch eine Vision sah er plötzlich diese Frau neben Manna, die ihre ganze Seele offenbarte; darum sollte sie Manna bestätigen, daß er seine innere Wandlung vor aller Welt bekannte; ja, es fiel ihm jetzt ein, daß die Oberin diese Frau im Beisein Manna's belobt hatte. Ein Lächeln überflog seine Lippen, denn er dachte, diese Frau könnte am besten dazu verwendet werden, Manna von dem Vorsatze, den Schleier zu nehmen, abzubringen. Im Auftrage Sonnenkamps bat er dann die Professorin, mit nach dem Landhause zu fahren, das die Cabinetsräthin – er corrigirte sich schnell und sagte, der Cabinetsrath – ankaufen wolle; sie werde gewiß das Ihrige thun, um Herrn Sonnenkamp eine so angenehme Nachbarschaft verschaffen zu helfen. Der Einwand der Professorin, daß sie ja hier kaum zur Ruhe gekommen, wurde schmeichelhaft abgelehnt. Der Wagen fuhr vor. Die Cabinetsräthin und Sonnenkamp saßen im Wagen, die Professorin mußte mit nach der Villa fahren. Man war unterwegs äußerst wohlgemuth, aber unversehens überflog die Professorin der Gedanke, daß sie inmitten von Intriguen stehe und man ihre Harmlosigkeit zu etwas benutze; sie wußte nicht, zu was. Sie hatte ein Bangen, da beim Eintritt in das Landhaus Sonnenkamp sagte, es gehöre ihm und er freue sich, es seiner edlen Nachbarin übergeben zu können. Die Professorin fühlte, sie war Zeuge bei einer Sache, die sie nicht verstand. Die Cabinetsräthin theilte sofort die Zimmer ein, für sich, für ihren Gatten, für ihre Kinder. Sie hatte zwei Söhne beim Militär, eine Tochter war bereits verheiratet; auch für ihre Enkel wurden Zimmer bestimmt, und als sie sich ihren Lieblingsplatz im Garten aussuchte, versprach Sonnenkamp, neue Anlagen machen zu lassen; sie würde staunen, was sich aus diesem Terrain schaffen ließe. Sonnenkamp hatte zwar gewünscht, daß er das Landhaus erst als Preis für die errungene Standeserhöhung gebe – denn die Summe, die der Cabinetsrath dafür bezahlte, war ja nur Schein – aber er hatte der Versicherung Pranckens nachgeben müssen, daß dies geradezu unthunlich sei; dazu war es auch klüger, mit einem so mächtigen Mann in nachbarlicher Verbindung zu stehen, wodurch sich Alles viel natürlicher fügte. Die Cabinetsräthin saß im Garten mit der Professorin und ermahnte sie eindringlich, durch ihren großen Einfluß der Familie Sonnenkamp die gebührende Stellung zu verschaffen. Sie ging vorerst noch nicht weiter. Es war ihr entschiedener Plan, daß nicht sie und ihr Mann, sondern die Professorin den Haupthebel ansetzen sollte. Mißlang es, so blieb man gedeckt und konnte die gelehrte Wittwe, die ohnedies als überschwenglich bekannt war, bloßstellen. Unter lauter Redensarten von erhabenem Wesen und großartigem Geiste verbargen sich Schliche, die nicht leicht zu durchschauen waren. Prancken kannte einen Notar von geschmeidigen Formen, der noch am Abend erschien. Es wurde eine lustige Komödie aufgeführt; Sonnenkamp übergab der Cabinetsräthin eine namhafte Summe, die sie ihm eine Viertelstunde später als Kaufpreis für das Landhaus einhändigte. Der Cabinetsrath war der Nachbar des Herrn Sonnenkamp. Als Sonnenkamp mit Prancken in der milden Nacht lustwandelte, hörte er freundlich zu, wie Prancken darlegte, es sei gut, daß der Cabinetsrath sofort das Landhaus erworben, denn wäre es später geschehen, kurz vor oder nach dem erwünschten Ereignisse, so hätte das üble Nachrede verursacht. Sonnenkamp gratulirte seinem jungen Freunde zu der diplomatischen Laufbahn, er sei entschieden dazu geeignet; Prancken lehnte nicht ab, daß er künftig, statt auf dem Lande zu leben, in eine solche Stellung eintrete, natürlich nur im Einverständnisse mit seinen Angehörigen und seinem väterlichen Freunde, wie er Sonnenkamp nannte. »Mein lieber junger Freund,« sagte dieser und legte vertraulich die Hand auf die Schulter Pranckens, »Sie haben gewiß schon mit Wucherern zu thun gehabt; ich kenne diese sanftherzigen Brüder, sie hängen zusammen wie eine geheime Priesterschaft. Die ergötzlichsten Einblicke in die sogenannte Menschenseele böte eine Geschichte der Bestechung. Ich kenne die verschiedenen Nationen und die verschiedenen Stände, habe es überall versucht und es ist mir fast nie mißlungen.« Prancken erschrak zum ersten Male vor seinem zukünftigen Schwiegervater; er traute ihm viel zu, aber daß er so unbefangen von der allgemeinen Bestechlichkeit sprach, empörte ihn doch etwas, und er fand es höchst peinlich, ihm so nahe sein zu sollen. Sonnenkamp fuhr fort: »Sie sind wahrscheinlich auch noch im alten Vorurtheil befangen, daß Bestechung eine schlechte Sache sei, wie man bis vor Kurzem den Wucher noch für eine solche hielt. Es ist eine Albernheit der Regierungen, wenn sie von den Beamten einen Eid verlangen, daß sie keine ihrer Handlungen durch Annahme von Geld bestimmen lassen. Mag es meinetwegen bei den Richtern sein, und auch da ist es gewöhnlich nur Form, denn wenn es drauf und dran kommt, weiß ein Reicher sich freisprechen zu lassen, falls er es nicht gar zu toll gemacht hat. Merkwürdig ist mir: bei Romanen und Slaven nehmen die Männer das angebotene Geld, ja unter irgend einer Form steigern sie es ganz von selbst; bei der zimperlichen germanischen Nation werden die Frauen dazu verwendet. Natürlich! Bei keinem Volk der Welt sehen Sie beim Ackerbau so viel Kühe eingespannt als bei den Deutschen, und so spannen sie auch da die Kühe ein. Da muß nun die Frau galant umworben werden, und ich gestehe, ich habe am liebsten mit den Frauen zu thun, sie halten Wort; denn nichts kommt häufiger vor, als man gibt Bestechung und der Bestochene hält nicht Wort, wenn man nicht wenigstens das Doppelte hinzufügt. Mein Vater –« Prancken stutzte; zum ersten Male hörte er Sonnenkamp seines Vaters erwähnen. »Mein Vater war ein Virtuos in der Bestechungskunst. In Polen hat er nie anders bestochen, als er gab einen Hundert- oder Tausendguldenschein, aber er zerriß den Schein in zwei Stücke, die eine Hälfte behielt er, die andere der Bestochene, und erst wenn das, was er wollte, geschehen, wurde die andere Hälfte ausgeliefert. Nicht wahr, Sie glauben, daß es nicht nöthig war, mit der Frau Cabinetsräthin so den Schein zu theilen?« Prancken fühlte sich beleidigt, daß er eine Dame von Adel so bezeichnet und gestellt sah. Er gab Sonnenkamp die bündigsten Versicherungen, und dieser erklärte: »Ich finde Alles ganz in der Ordnung. Sobald ein Volk in complicirtere Verhältnisse eintritt, ist die Bestechung da, muß da sein, bald offen, bald verdeckt, und nichts ist formenreicher als die Bestechung; ich kenne das.« Da Prancken staunend stehen blieb, fuhr Sonnenkamp, immer zutraulicher werdend, fort: »Junger Freund, ob ich mir einen Agenten oder eine Stimme zu meiner Wahl als Parlaments- oder Congreßmitglied kaufe oder ob ich mir einen Agenten oder eine Stimme kaufe, um geadelt zu werden, bleibt sich gleich. Wir in Amerika thun das nur offener. Warum soll dieser Cabinetsrath und seine Gattin nicht die Position ausbeuten? Ihre Position ist ja ihr ganzes Hab und Gut. Ganz in der Ordnung. Müßt Ihr in Deutschland ein vornehmes Mäntelchen umlegen . . . mag sein. Wenn Sie, wie ich hoffe, in die diplomatische Carrière eintreten, werde ich Ihnen noch manche nützliche Erfahrung überliefern können.« Prancken erklärte sich bereit, noch recht viel zu lernen, aber innerlich hatte er eine unnennbare Furcht vor dem Manne, und diese Furcht verwandelte sich in Geringschätzung. Er nahm sich schon jetzt vor, wenn er Manna besäße, sich möglichst fern von ihm zu halten. Sonnenkamp aber war so glücklich, wieder neue Bestätigung seiner Menschenkenntniß gefunden zu haben, daß er diese auch seinem eigenen Sohn zu geben trachtete. Am Morgen nahm er Roland mit sich in den Park und sagte ihm: »Sieh, diese vornehmen Leute . . . Alles Betrug! Dieser Cabinetsrath und seine Familie – ich mache sie aus Bettlern zu vermögenden Menschen. Laß sie nichts davon merken, aber wissen sollst Du es. Alles ist nur Gesindel, Vornehm wie Gering; Alle warten nur auf den Preis für ihre sogenannte Seele. Alles auf der Welt ist mit Geld zu haben.« Er freute sich, dies ausführlich darzulegen, und hatte keine Ahnung, welch tiefe Umwälzung, ja welche Empörung das in der Seele des Jünglings hervorbrachte. Roland war stumm und Sonnenkamp überlegte, ob er recht gethan; bald aber beruhigte er seine Zweifel. Religion, Tugend, Alles ist nur Illusion! Die Einen – dieser Herr Dournay gehört auch zu ihnen – glauben noch an ihre Illusionen, die Anderen wissen, daß es Illusionen sind, und machen sich und der Welt nur etwas vor. Es ist besser, beruhigte er sich schließlich, Roland weiß das. Viertes Capitel. Die Professorin, die im grünen Hause wohnte, fühlte bald, wie schwer es Erich werden mußte, für sich und Roland eine feste Stimmung, eine dauernde Richtung des Denkens zu bewahren, da er beständig mit einer zerstreuenden Reisestimmung zu kämpfen habe. In einem Hause mit weitreichendem Besitzthum und vielen Verpflichtungen nach verschiedenen Seiten unterbricht sich die Andacht des Geistes, die zur Durchdringung einer Erkenntniß so nothwendig; es ist schwer, in solchen Verhältnissen sich selbst nicht zu verlieren. Ohne sich darüber auszusprechen, war es ihr Vorsatz, Haltung für sich zu bewahren; da man erst, wenn man in sich gesammelt ist, auch Anderen etwas zu leisten vermag. Wie von selbst bildete sich ein geweihter Bezirk um die Professorin; wer ihr nahte, nahm unwillkürlich eine edlere Haltung an, stimmte seine Rede in eine gemäßigte und geordnete Tonart. Sie glich einer Priesterin, die unausgesetzt die Flamme auf einem Altar zu pflegen hat. Sauberkeit in der höchsten Bedeutung des Wortes war der Eindruck, den ihre Erscheinung und ihr Wesen machte, sie war eine reinliche Natur in Allem, was sie dachte und empfand; sie war dreizehn Jahre Hofdame gewesen, sie kannte die wirkliche Welt, aber ein Hauch der Idealität war ihr verblieben. Verglich man die Professorin äußerlich und oberflächlich mit Bella, so stand die ältere Frau im Nachtheil; bei näherem Betrachten aber fand sich, daß die Professorin in ihrem Umgange ein Stetiges hatte, das, man könnte sagen, wahrhaft sättigend war, während Bella nur zu flüchtigen Erörterungen wie zu einem Kampfspiel anregte. Die Professorin war stolz, Bella war hochmüthig; jene war ablehnend gegen das, was ihr innerlich widersprach, diese suchte es niederzudrücken und unter den Fuß zu treten. Bella verlangte nicht nur Aufmerksamkeit für ihre Erscheinung, für ihr Empfinden, sie liebte es auch, schwierige Fragen zu stellen; sie wollte immer etwas bewegen. Sie gab auf Alles, was man ihr sagte, äußerst geläufig überraschende Antwort und wußte das Gehörte gut umzusetzen. Das war anreizend bei der ersten Bekanntschaft, bei längerem Umgang aber zeigte sich, daß Alles äußere Gesprächsamkeit war. Die Professorin dagegen heischte nichts, sie nahm dankbar und willig auf, was man ihr brachte, und zu Allem hatte sie ein vorbereitetes stilles Denken. Sie war nie das gewesen, was man eine auffallende Erscheinung nennt; sie war etwas wohlbeleibt, aschblond und von jener kühlen Sauberkeit, wie man sie in Bildern behäbiger Holländerinnen dargestellt sieht. Sie konnte ruhig jegliche Mittheilung anhören und blieb aufmerksam, bis sie erwiderte. Bei Fragen, die sie nicht gern beantwortete, ließ sie sich nie über eine einzuhaltende Grenzlinie hinausdrängen. Sie sagte kein Wort, um damit zu glänzen, lächelte nicht, wo nichts zu lächeln war, gab jedem Ausspruch den natürlichen Ton und jedem, was sie hörte, die entsprechende Aufmerksamkeit. Mutter und Tante lebten in friedsamer Eintracht und waren doch im Charakter sehr verschieden, wie sie auch verschiedene Gebiete des Wissens hatten, worin sie ihre Erquickung fanden. Ihre Liebhabereien waren die beiden schönsten Dinge der Welt. Tante Claudine war eine Sternkundige; sie brachte manche stille Abendstunde auf dem Thurm zu, meist mit einem kleinen Tubus, Beobachtungen anstellend, suchte aber mit großer Beflissenheit jeden Schein von Gelehrsamkeit abzuwenden. Die Professorin war eine Pflanzenkundige und erfreute sich viele Stunden des Tages in den Treibhäusern und bei den Pflanzen des Freilandes. Als Sonnenkamp ihr seine Obstzucht zeigte, sprach sie nicht Bewunderung und Staunen aus, sie zeigte vielmehr Sachkenntniß in der neuen französischen Gartenkunst und äußerte, wie eigenthümlich es sei, daß die unruhigen Franzosen, wenn sie sich aus dem Strudel des Lebens zurückgezogen, mit solcher zarten und anhaltenden Sorgfalt die Obstkultur treiben. Sonnenkamps Antlitz glänzte, da sie darlegte, es gehöre zu der Obstzucht, wie er sie übe, eine Art Feldherrntalent, denn er müsse genau zu beurtheilen wissen, welche Frucht zu großem Gedeihen gelangen könne; dieser zu lieb müßten die anderen geopfert und unreif abgepflückt werden. Sehr verbindlich dankte Sonnenkamp, aber innerlich lächelte er, da er die feine höfische Sitte zu durchschauen glaubte. Von Frau Ceres ließ sich die Professorin nur auf kurze Zeit in Anspruch nehmen, und was noch nie geschehen war, ereignete sich jetzt: Frau Ceres kam in andere Gemächer als die von ihr bewohnten. Wenn Frau Ceres immer aufs Neue wissen wollte, wie man da und da bei Hofe gelebt, wußte die Professorin unversehens ein allgemeines Interesse in ihr zu wecken. Obgleich die Tante sich äußerst zurückhaltend benahm, brachte sie doch eine ungeahnte Belebung ins Haus. Der große Flügel im Musiksaale, der seit langer Zeit stumm dastand, tönte hell und feierlich, und Roland, der die Uebungen in der Musik gänzlich vernachlässigt hatte, gewann neue Lust und wurde der Schüler der Tante. Sonnenkamps Antlitz zeigte einen Ausdruck der Befriedigung, wie man solchen noch nie an ihm bemerkt. Eines Tages, als Tante Claudine schön gespielt und nach der Liebhaberei Erichs ein Stück zweimal wiederholt hatte, sagte Frau Ceres zur Mutter: »Ich beneide Sie darum, daß Sie Alles dies so tief verstehen und genießen.« Sie that sich offenbar etwas zu Gute darauf, diese eingelernte Redensart zu wiederholen, aber die Professorin zerriß ihr diesen aufgelegten Putz, denn sie erwiderte: »Jeder hat seine eigene Freude, sei es an der Natur, sei es an der Kunst, wenn er nur wahr vor sich ist. Man braucht nicht Alles zu verstehen und genau zu wissen, um sich daran zu erfreuen. Ich freue mich an diesen Bergen, ohne zu wissen, wie hoch sie sind und welche Steinschichten sie bilden und was sonst die Gelehrten wissen. So auch können Sie sich an der Musik freuen.« Frau Ceres wußte nicht, aber sie empfand es: man kann durch das, was man allein von der Natur mitbringt, die höheren Freuden empfangen . . . Fünftes Capitel. Das ruhige Leben des Hauses wurde wieder plötzlich unterbrochen; ein Wagen fuhr auf dem knirschenden Sande des Hofes vor, ein seidenes Schleppkleid rauschte: Bella war mit ihrem Gatten erschienen. Ein Stück Heimat in der Fremde ist die Begrüßung von Vertrauten in neuen Verhältnissen. So auch war der Besuch Clodwigs und Bella's eine freundliche Anmuthung für die Professorin. Bella umarmte sie etwas stürmisch, Clodwig dagegen faßte ihre Hand in seine beiden Hände. »Wo ist Ihr Neffe?« fragte Bella alsbald und hielt die Hand der Tante fest; sie schien etwas fassen zu müssen. Mit unruhigem Blick, bald auf Clodwig, bald auf Bella schauend, erklärte die Mutter, daß der Unterricht auch durch ein freudiges Hausereigniß, wie solch ein Besuch sei, nicht unterbrochen werden möge. Sie betonte das Wort Hausereigniß. Bella stand mit gesenktem Blicke da. Die Professorin beobachtete sie scharf. Bella sah frisch belebt aus, sie war vollkommen gesellschaftsmäßig gekleidet, sie trug ein himmelblaues, seidenes großes Tuch, unter dem sich, wenn sie die Hand reichte, der nackte Arm in seiner Fülle heraushob. Man ging in den Garten, Sonnenkamp verabschiedete sich, um seiner Frau den Besuch zu melden. Er wollte Alles aufbieten, daß Frau Ceres heut nicht krank sein sollte. Clodwig ging mit Tante Claudine, Bella mit der Mutter. Bella fragte viel. Ihre Wangen glühten; sie ließ das Tuch etwas herabfallen, ein schöner Nacken, voll und üppig, zeigte sich. »Schade, daß Clodwig Ihre Schwägerin nicht früher gekannt,« sagte sie plötzlich. »Er kannte sie wohl, und sie war, wie Sie wissen, nicht zu ihrem Glücke, vordem eine bevorzugte Erscheinung am Hofe. Das war allerdings vor Ihrer Zeit.« Bella schwieg; die Mutter warf einen kurzen forschenden Blick auf sie. Was geht mit dieser Frau vor? Was ist diese Unruhe, dieses Flattern von einem Gespräche zum andern? Erich und Roland kamen. Bella zog schnell ihr Tuch über Nacken und Arme; sie reichte Erich kaum die Fingerspitzen. Roland war überaus munter, Erich tief ernst; so oft er Bella ansah, zog er den Blick rasch zurück. Sie gratulirte ihm zur Ankunft seiner Mutter und sagte: »Ich glaube, wenn man Ihnen auf der Reise begegnete, müßte man Ihnen ansehen, daß Sie noch das Glück haben, eine Mutter zu besitzen.« Sie sagte das mit Innigkeit und hatte doch dabei ein seltsames Lächeln, ihr Blick schaute um, als wollte sie die Ehre für diesen Gedanken einsammeln. Sonnenkamp kam zurück; er streichelte sich behaglich das Kinn, indem er die Damen bat, zu seiner Frau zu kommen, die die Ankunft solcher Gäste ganz gesund gemacht habe. Er schlug vor, daß die Männer nach der Burg fahren sollten, um den Fortschritt des Baues und den Fundort der römischen Alterthümer in Augenschein zu nehmen. Bella hatte nur noch ein kurzes, neckisches Gespräch mit Sonnenkamp, weil er ihr die lieben Gäste weggeraubt habe, dann ging sie mit den Frauen nach dem Gartensaal, wo Frau Ceres sie erwartete; die Männer fuhren nach der Burg. Frau Ceres war bald bereit, mit in den Musiksaal zu gehen, und ohne lange Aufforderung spielte die Tante; Bella saß zwischen der Mutter und Frau Ceres, Fräulein Perini stand am Clavier. Als die Tante das erste Stück geendet hatte, fragte Bella: »Fräulein Dournay, begleiten Sie bisweilen Ihren Neffen zum Gesange?« Die Tante verneinte. Wieder warf die Professorin einen raschen Blick aus Bella, die beständig an Erich zu denken und es nicht verbergen zu können, ja nicht einmal verbergen zu wollen schien. Während die Tante ein neues Stück spielte, sagte Bella zur Professorin: »Ich habe eine Bitte an Sie; geben Sie mir Ihre Schwägerin mit nach Wolfsgarten.« »Ich habe kein Verfügungsrecht über meine Schwägerin. Aber bitte, sie ist sonst durchaus anspruchslos, doch wenn sie spielt, beleidigt sie jedes Wort, das gesprochen wird.« Bella schwieg. Aber während sie einem erquickenden Musikstücke Mozarts zuhörten, gingen die Gedanken der beiden Frauen ganz verschiedene Wege. Was Bella dachte, wäre kaum zu sagen, ihr Wesen zitterte hin und her in Freude und Trauer, in Entsagung und Trotz. Die Professorin aber fand eine Wahrnehmung bestätigt und fühlte sich schon von dieser Wahrnehmung befleckt. Als das Stück geendet war, sagte Bella: »Ach, Mozart ist glücklich; so schwer auch sein Leben war, er war doch immer glücklich und macht immer glücklich, so oft man ihn hört; auch seine Trauer und Klage hat gemessene Haltung.« Die Professorin fühlte, daß Bella das nur wie eine Wiederholung aussprach, um ihre augenblickliche Erregtheit zu verbergen. Man ging nach der Veranda, wo die Papageien auf schönen Gestellen saßen. Bella erzählte dem einen Papagei eine wundersame Geschichte von einem Vetter auf Wolfsgarten, der wohne in einem wunderschönen Käfig; bisweilen desertire er in den Wald, aber er sei zu vornehm und habe nicht gelernt, sich im Walde seine Nahrung zu holen; er kehre wieder zurück in sein goldenes Gefängniß. Immer glühender wurden die Wangen Bella's, ihre Lippen bebten, und plötzlich fiel ihr ein, daß sie jetzt die Sache abmachen müsse. Sie redete der Tante und der Mutter so heftig und wieder so kindlich bittend zu, daß sie endlich die Einwilligung erhielt, Tante Claudine werde in den nächsten Tagen zu ihr auf Besuch kommen und bei ihr bleiben. »Sie werden sehen,« warf sie halb triumphirend zur Mutter hin, »Fräulein Dournay wird die beste Freundin Clodwigs, sie sind ganz für einander geschaffen.« Die Professorin sah sie starr an. Ist es schon so weit, daß diese Frau ihrem Gatten Ersatz geben will? Sechstes Capitel. Bevor man zur Tafel ging, zogen sich die Frauen zurück, um neu Toilette zu machen. Die Professorin war in ihrem Ankleidezimmer; sie hatte ihre langen ergrauenden Haare aufgelöst und saß geraume Zeit stumm, die gefalteten Hände im Schooß. Es war ihr, als hätte sie ein Schlag auf den Kopf getroffen durch das, was sie in unwiderleglichen Zeichen beobachtet hatte. Das Herz preßte sich ihr zusammen und in die Augen drangen Thränen, die sich aber nicht lösen wollten. Dafür also, dafür ein Kind gepflegt, behütet, mit allem Besten erfüllt, daß es so ende? Nein, nicht ende, anfange in einer unabsehbaren Wirrniß und Verwüstung? Dafür den Geist mit allen Wissenswürdigkeiten ausgestattet, um Spiel, Maske, Deckmantel der Niedrigkeit daraus zu machen? »O, mein Gott! mein Gott!« klagte sie und bedeckte sich das Gesicht mit beiden Händen. Vor ihrem inneren Auge erschien, was Alles verwüstet wird; vor Allem das reine, freie Wesen ihres Sohnes. Sie konnte keine Freude mehr an dem Blick, an dem Wort, an der Erscheinung dieses Sohnes haben; hatte er ja Alles verbraucht zu Lug und Trug. Wenn das der Vater erlebt hätte! . . . Clodwig, der eine Freundschaft ohne Gleichen hegt, sie müssen ihn ansehen, ihn grüßen, ihm zusprechen und wünschen doch seinen Tod. O, diese unglücklichen Frauen, die sich so nennenden unglücklichen Frauen! Es geht eine große Lüge von der unglücklichen Frau durch unsere Zeit. Die Mädchen wollen Männer von Reichthum und Ansehen und daneben einen Kebsmann von Geist und Jugend haben. Warum heiraten sie keinen armen Mann? Weil er ihnen keine Equipage geben kann. Und diese Männer, die sich zu Kebsmännern hergeben – Nein, es kann nicht sein. Sie sagte sich, daß sie vielleicht zu weit gehe; sie wollte noch prüfen, abwarten, beobachten. Da hörte sie Erich, der nach ihr fragte und eben weggehen wollte; sie rief ihm, er möge nur eintreten. Erich kam zu ihr und blickte staunend. Noch nie hatte er sie so gesehen, mit den aufgelösten langen Haaren, und auch ihr Gesicht schien ergraut. »Du scheinst sehr aufgeregt; darf ich wissen?« fragte Erich. »Setz Dich,« bat sie. Erich setzte sich. Die Mutter hielt sich die Hand an die Stirn. Darf sie ihren Sohn gradaus warnen? »Lieber Sohn,« begann sie mit gepreßtem Ton, »halte es mir zu gut, daß ich, aus meiner Einsamkeit und Ruhe aufgestört, mich in dieses rastlose Leben noch nicht finden kann. Was wollte ich Dir aber jetzt sagen? Ja, so ist's. Die Gräfin Wolfsgarten, die Frau unseres Freundes . . .« sie betonte dieses Wort ruhig und bestimmt und machte eine kurze Pause; dann fuhr sie fort: »wünscht, daß Tante Claudine zu ihr ziehe und bei ihr bleibe.« »Das wäre ja sehr schön!« »So? und warum? Denkst Du denn nicht, daß ich dann plötzlich allein und in fremdem Hause bin?« »Ach, liebe Mutter, Du bist nicht allein, nie . . . Und die Tante würde Gräfin Bella eine Begütigung und Schlichtung geben, deren sie vielleicht bedarf.« Das Auge der Mutter wurde ruhiger; wie elektrisch berührt, spannten sich ihre Mienen; lächelnd sagte sie: »Zuletzt haben wir noch Jeder seine Mission. Darf ich fragen, wie Gräfin Bella, die Frau unseres Freundes, Dir erscheint?« Durch das Herz Erichs ging ein schmerzliches Zucken. Er ahnte, daß er die Seele der Mutter belastet. Und vielleicht hat Bella durch ein leidenschaftliches Wort verrathen, was doch nicht sein soll und darf. Eine Pause trat ein, und die Mutter fragte wieder, ihre Mienen veränderten sich: »Warum antwortest Du mir nicht?« »Ach, Mutter, ich bin viel unfertiger, als ich mich hielt; ich vertraue meinem Urtheil über Menschen nicht mehr so sicher.« »Du darfst mir auch etwas Unfertiges sagen,« entgegnete die Mutter und hielt noch immer den Blick gesenkt. »Ich meine, in dieser Frau ist noch ein Kampf zwischen Weltsinn und Weltentsagung . . . Es ist mir, als wäre in ihrer Lebensentwicklung etwas unterdrückt, gehemmt, und sie wäre eines Mannes wie Clodwig noch nicht vollkommen . . .« »Ja, er ist ein edler Mensch, und ihn kränken, wäre Tempelschändung,« betonte die Mutter. Das Wort kam sehr scharf heraus und sie fuhr fort: »Du hast richtig gerathen, die Pranckens sind ein kühnes und unternehmendes Geschlecht. Man hatte geglaubt, daß Bella ihren Musiklehrer heiraten würde, denn sie spielte viel mit ihm; in der That, sie spielte mit ihm. Doch, das ist ein Anderes. Nun hat Bella ein scheinbar Unbedeutendes erfahren, das aber doch eine Verschiebung . . . ich weiß nicht, wie ich es nennen soll . . . eine Verkehrung in ihre Natur brachte. Als sie so viele Jahre hatte, um noch für jung zu gelten, mußte sie erleben, daß ihre jüngere Schwester sich vor ihr verheiratete; sie ließ das mit großer Resignation geschehen, aber ich glaube, von jener Zeit an trat eine Wendung in ihrer Natur ein, die schwer auszugleichen ist; sie war plötzlich alt geworden, älter als sie sich gestehen wollte. Die Schwester starb nach wenigen Jahren, sie hinterließ keine Kinder. Dies ganze Verhältniß gab Bella etwas Verschobenes, sie hatte eigentlich keine Liebe zu dieser Schwester gehabt, ja sich kaum mit ihr vertragen, nun that sie immer, als ob sie vor Sehnsucht nach ihr sich verzehrte. Bella hatte eine Mutter, deren höchster Triumph es war, wenn man ihr sagte: Ihre Tochter ist schön, aber so schön wie Sie als Mädchen waren, ist sie doch nicht. Und schön sein, ist der Hauptstolz derer von Prancken. Bella ist leider ein Kind jener unglücklichen Gesellschaftsschicht, in der man nur ins Theater geht, um darüber zu spötteln und zu witzeln, in der man nur in die Kirche geht, um seine Reverenz gemacht zu haben vor Gottes Gnaden, in der das weibliche Wesen vollkommen unnütz ist, wenn es nicht schön ist und bei herannahendem Alter zu intriguiren und wol auch zu frömmeln versteht. Solch ein Geschöpf kann sich sagen: ich habe mein Lebenlang achthundert bis tausend Ellen Stramin mit Blumen oder dergleichen bekleidet zu höchst überflüssigen Sophakissen. Ist das ein Leben, das des Lebens werth? Nun hat sie keine Kinder, nächst der gegen ihren Gatten keine natürliche feste Pflicht . . .« »Urtheilst Du nicht zu streng?« fiel Erich ein. »Jedenfalls würde es gut sein, wenn Tante Claudine der Einladung folgte; sie könnte eine besänftigende und begütigende Wirkung ausüben; gerade ihre ruhige Natur, die nie zu entsagen hat, weil sie nie etwas für sich will, wäre wie dazu erlesen.« »Gut, Claudine wird mit nach Wolfsgarten gehen. Nun aber ist genug geplaudert, nun geh, ich muß mich zu Tische ankleiden.« Sie küßte ihn auf die Stirn; er ging. Draußen vor der Thür aber stand er still und athmete frei auf im Gedanken, daß er der Mahnung nicht mehr bedurft hatte. Wie aber war es Bella? Siebentes Capitel. Es war entschieden, daß Claudine mit nach Wolfsgarten ziehe. Um ihr Zeit zur Vorbereitung zu lassen, wollte man hier über Nacht bleiben, damit man sie gleich andern Tages mit heimführen könne. Bella ließ sich von Sonnenkamp einen Papagei schenken und gerade den wildesten wollte sie haben; sie versprach, ihn zu zähmen. Es ward Abend und man mußte Roland willfahren, mit ihm eine Fahrt auf dem Rhein zu machen. Claudine ging mit Bella nach dem Kahn, Fräulein Perini zog sich mit Frau Ceres zurück, die Professorin blieb bei Clodwig, und Sonnenkamp bat um Entschuldigung, da er noch Briefe zu befördern habe. Auf dem Kahn lachte und scherzte Bella, manchmal tauchte sie ihre Hand in die Wellen und spielte dann mit ihrem Trauring am Finger, der sich auf und ab schieben ließ; immer wieder tauchte sie die Hand in den Rhein. »Mich kränkt dieser Besuch Ihrer Mutter,« sagte Bella unversehens leise zu Erich. »Wie? es kränkt Sie?« »Ja, es ist beleidigend, daß dieser Mann mit seinem Gelde . . . daß man mit Geld solche Umstellungen der Menschen soll bewirken können.« Erich sah sie groß an, dann faßte er das Ruder und wühlte hohe Wellen auf. Bella war von einer Unruhe, die sie nicht bewältigen konnte; sie stand auf, sie setzte sich, sie wühlte mit der Hand im Wasser, sie beugte sich vor, als wolle sie sich in den Strom stürzen, dann den Kopf zurückwerfend, stellte sie sich ans Steuer, ihre Gewänder flatterten und knitterten im leichten Luftstrom und sie sah wild umher, sie setzte sich und leise sagte sie wieder zu Erich: »Ihre Mutter . . .« Erich sah sie fragend an und sie fuhr fort: »O, wie oft hörte ich Ihre Mutter beklagen, bespötteln, bemitleiden, weil sie dem Drange ihres Herzens und dem Manne ihrer Liebe gefolgt. Achthundert Thaler Gehalt und lauter Liebe dazu, war noch lange das Sprichwort. Und was sind die Anderen? Puppen, Zierpuppen, parlirende, musicirende, tanzende, medisirende Zierpuppen! Sie rümpfen die Nase über den Mann, der von Sklavenarbeit so reich, und unsere vornehmen Väter verkaufen ihre Kinder und die Kinder verkaufen sich selbst um hohen Gesellschaftsrang, um Pferd und Wagen, um Schmuck und Landhäuser. Eine Bäuerin, die barfuß in den Stoppeln die Aehren sammelt, ist glücklicher und freier als die Dame, die in dem Wagen zurückgelehnt, sich Kühlung zufächelnd, die Straße dahinfährt. O, wer die Kraft hätte, diese hohle lügnerische Welt zu zertrümmern! Wer hat ein Leben, ein wirkliches Leben?« Erich sah den gewaltigen Kampf in der Seele dieser Frau. Wie ungerecht waren die Menschen gegen sie, der Doctor, ja selbst die Mutter mit ihren kleinen Maßstäben. Er bewunderte sie, sein Herz bebte, er glaubte zu fühlen, daß etwas wie Liebe sich in ihm regte . . . Nein, das durfte nicht mehr sein! Die Kühnheit ihres Wesens wollte er anrufen, sie zurückrufen, aber wie sollte er das? . . . Unterdeß saß die Professorin bei Clodwig, sie sprach ihre Freude aus, daß Erich in den Verkehr mit solchen im Leben erprobten Männern gekommen sei; es möge in früheren Zeiten gewesen sein, daß ein Mann im Umgange mit Frauen seine Bildung vollendete, jetzt könne das nur durch den Umgang mit edlen Männern sich vollziehen. Die Beiden waren bald in jenen gegenseitigen Kundgebungen, die wie stetes Begrüßen sind, wie Zeichen, daß man dieselben Wege des Geistes gewandelt, fern von einander in ganz anderen Lebensverhältnissen. Die Professorin hatte die erste Frau Clodwigs gut gekannt und gedachte ihrer in herzlichen Worten; Clodwig schaute um, wie um sicher zu sein, daß Bella nicht in der Nähe, denn vor ihr hatte er noch nie von der Verewigten gesprochen. Es war Verleumdung, daß man ihm nachsagte, er habe Bella gelobt, nie von seiner verstorbenen Frau zu sprechen; so schwach war Clodwig nicht, und so hart ist Bella nicht, aber er unterließ es aus Zartheit. In sanften Halbtönen ging das Gespräch weiter, Clodwig und die Professorin stimmten überein und sie fanden denselben Grundzug in sich, daß es ein Glück sei, alles Schwere leicht zu vergessen und nur das Beglückende lebendig in der Erinnerung zu halten. Es war eine Stunde innigen Verständnisses und reiner Geisteserfassung, wie Clodwig und die Mutter beisammen saßen. Sie waren wie zwei Geister im Jenseits, die ruhig und klar das bewegte Dasein überschauten. Es war nichts eigentlich Schmerzliches in der beiderseitigen Aufweckung der Erinnerung, vielmehr ein Innewerden von der unerschöpflichen Fülle des Daseins; Wunsch und Klage waren auf dieser Höhe verklungen, das eigene Leben und das der Angehörigen aufgegangen in das allgemeine Sein. Aber nun wendete sich's, und Clodwig beklagte, daß er früher zu sehr als Zuschauer gelebt, ohne Eingreifen und ohne Einsatz seiner selbst sich der Zuversicht hingegeben habe, daß die in der Welt sich bewegende Idee von selbst ihrer Erfüllung entgegenreife. Er bekannte seine Freude, daß die Jugend anders sei, besonnen und tapfer, maßhaltend und thätig . . . Achtes Capitel. Es war Abend geworden, als man vom Kahn ausstieg und nach der Villa ging. Roland ging mit Claudine, Bella mit Erich hinter ihnen, sie hatte ihren Arm in den seinen gelegt, sie hielten an. »Ich möchte Ihnen etwas sein,« begann Erich in ruhigem Tone. Sie starrte ihn an mit jenen Augen, über welchen die Brauen immer mehr anzuschwellen schienen, ihre Mundwinkel neigten sich verdrossen; es war etwas fieberhaft Gespanntes in den Lippen; nichts als das Flügelpaar auf ihrem Haupte und die unter dem Kinn zusammengebundenen Schlangenköpfe fehlten – es war der Anblick der Medusa. Es durchfröstelte Erich, er faßte sich gewaltsam und fuhr fort: »Sie sind eine freie Seele, ich möchte es auch sein – ich will es sein. Es gab eine Zeit, wo Sie mir die Nachtruhe, das Denken raubten, es gab eine Stunde, wo ich Sie hätte umfassen und küssen und Ihnen zurufen mögen: ich liebe Dich! Dann aber«– er preßte die Hand aufs Herz – »dann nach jener Stunde hätte ich mir eine Kugel durch das Hirn gejagt. Sehen Sie den Abgrund, vor dem ich stand?« Bella sah ihn starr an und er fuhr fort: »Ich sah, was Alles durch diese Liebe verwüstet wird und da sagte ich mir: wir sind in die Welt gesetzt, um zu leben, uns ist Erkenntniß und Bildung geworden, damit wir uns aus ihnen das Leben geben und nicht den Tod. Wie könnte ich noch zu einem edlen Manne, zur Sonne am Himmel aufblicken, einen Menschen erziehen, das Wort Mutter auf die Lippen nehmen . . .« Er hielt inne, er legte die Hand an die Stirn, seine Stimme stockte. Ich glaubte, Du wärest ein Mann, und nun sehe ich, Du bist ein Mutterkindchen, sprach es in Bella, aber sie ließ es nicht laut werden. Sie griff nach einem Zweige am Wege, sie riß ihn ab. Erich fuhr fort: »Es ist nicht Liebe, es darf nicht Liebe sein; Liebe kann nicht aus Verrath erwachsen. Ich fragte mich: hat das Leben, das Studium, das Denken über Allgemeines mir die Kraft der Liebe geraubt? Nein. Ich weiß nicht . . . ich spreche zu Ihnen, als wäre ich Meilen weit entfernt, ein Gestorbener . . . Es muß entfernt, gestorben sein, bevor es Gegenwart, bevor es lebte.« Bella knickte den Zweig mehrmals, schleuderte ihn weg; dann fragte sie: »Warum verweilen wir noch hier?« »Meine Freundin,« nahm Erich tief athmend wieder auf, »nur noch eine Minute. Lassen Sie mich Ihnen sagen, Sie sind glücklich, wenn Sie Ihr Leben verstehen; Sie können, müssen es verstehen, und ich, so zerstückt auch mein Herz, ich werde meine Pflicht thun und mein Glück verstehen lernen. Ich war stolz, ich glaubte, ich hätte die Welt durchdrungen und bezwungen, auch Ihnen ging es so; daß wir uns begegneten, soll uns nicht zum Verderben, es soll zur reinen Lebensweckung werden. Ich sehe voraus, es werden Tage kommen, wo wir uns gelassen die Hand reichen und sagen, oder auch nicht sagen, aber fühlen und wissen, es war eine reine Stunde, eine schwer ausgekämpfte, in der wir uns selbst erhoben, uns nicht erniedrigten, nicht entadelten . . . Wir wollen einander hoch halten, uns das Lebensrecht nicht zerstören.« Bella lachte laut auf; sie hätte es gern zurückgehalten, aber sie konnte nicht anders, denn sie dachte in sich: Ich bleibe bei meinem alten Glauben, ich glaube nicht an Liebe. Erich wurde tief erschreckt, er hielt sich mit aller Kraft fest und sagte: »Lassen Sie mich Ihnen jetzt Lebewohl sagen. Wenn wir uns wiedersehen . . .« »Nein, bleiben Sie!« rief Bella und faßte ihn am Arm, schnell aber, als wenn sie eine Schlange berührt hätte, ließ sie den Arm wieder los. Sie stand zwei Schritte von ihm, warf den Kopf zurück und sagte: »Ich danke Ihnen, ich glaube Ihnen. Ich könnte sagen, Sie haben sich getäuscht . . . ich . . . ich will nicht.« Sie schaute wirr umher, bewegte den Kopf nach rechts und links, und als sie sich wieder ruhig hielt, sagte sie: »Sie haben Recht. Gut. Vorbei. Auch das.« Sie schien etwas zu suchen, was sie Erich geben konnte, sie mochte es nicht gefunden haben, und ein vergangener und verdeckter Gedanke machte sich jetzt wie eine Sorglichkeit kund, indem sie ausrief: »Lassen Sie sich warnen. Nehmen Sie sich vor meinem Bruder in Acht; er kann entsetzlich sein.« Erich ging davon; er ging ruhig und still. Bei der Hänge-Esche hielt er an und kehrte nach der Villa zurück. Er sah den Wagen im Hofe stehen; Clodwig stieg ein, er rief Erich heran und erklärte ihm, daß man am andern Tage den Wagen schicke, um Tante Claudine abzuholen. Die Mutter stand bei Bella, die sehr lebhaft sprach; jetzt wendete sie sich, reichte Erich die behandschuhte Rechte und sagte: »Gute Nacht, Herr Hauptmann.« Erich ging mit seiner Mutter; sie führte ihn an der Hand, sie fühlte das Beben seiner Hand, aber sie sprach kein Wort. Als sie am grünen Hause angekommen waren, küßte er die Mutter; sie wußte, daß er sie mit reinen Lippen küßte. Neuntes Capitel. Bella saß still im Wagen neben ihrem Gatten, als sie heimwärts fuhren. Clodwig sagte: »Es ist eine Wonne, eine Frau zu sehen, die bald sechzig Jahre alt und der nie ein Gedanke durch die Seele gezogen, den sie zu bereuen hat.« Hastig schaute Bella um sich. Was ist das? Ahnte er, was mit ihr vorgegangen? Es kann nicht sein, er hätte sonst das nicht gesagt. Vielleicht aber ist es doch seine Weise, durch Hindeutung auf ein unbeflecktes Leben Richtung zu geben. »Diese Frau ist sehr glücklich durch ihren Sohn,« erwiderte sie. Jetzt schaute Clodwig um, wie wenn an ihm gerissen worden wäre. Konnte Bella eine Ahnung haben, daß ihm flüchtig der Gedanke durch die Seele gezogen: wie wäre es, wenn diese Deine Frau . . . und dann Erich Dein Sohn. So fuhren die Beiden still dahin; Jedes hatte schwere Gedanken für sich. Der Wagen klirrte so seltsam, die Räder knirschten und die Kammerfrau und der Kutscher da droben erschienen Bella wie ungeheuerliche Gestalten, die vorüberfliegenden Schatten im Mond, die der Wagen mit seinen Insassen bildete, erschienen wie Traumgebilde. Zorn, Beschämung, Stolz, Verwerfung, Alles durcheinander bestürmte das Herz Bella's. Sie war tief ärgerlich auf sich, sie war fertig mit dem Leben gewesen, nun war noch einmal solche unreife, wahnsinnige Bewegung über sie gekommen; denn unreif und wahnsinnig nannte sie es jetzt wieder. Und war nicht ihr Selbstgefühl verletzt? Sie hatte die Hand ausgestreckt und diese Hand wurde nicht gefaßt. Es wurde ihr klar, Erich hatte seine Liebe zu ihr übertrieben, um ihr die Beschämung zu erleichtern, ja, sie glaubte jetzt in der Erinnerung, daß in seinem Ton etwas Gezwungenes, gewaltsam Geschraubtes war. Sie faßte sich. Gut, Du hast nun auch das kennen gelernt; Du, die Starke, hast ein kühnes Spiel getrieben, hast versucht, einen jungen Mann vor Dir auf die Kniee zu werfen, und hätte er sich dazu bringen lassen, Du hättest ihn von Dir gestoßen. Ja, so ist's, so muß es sein, so muß es gewesen sein. Sie schaute um nach Clodwig. Er lag in der Ecke des Wagens, er schlummerte. Der Mond schien in sein Antlitz, es sah so leichenhaft aus, wie das eines Todten. Wie? Wenn sie mit einer Leiche dahinfuhr . . . Sie hatte ein Gefühl, als müsse sie aus dem Wagen springen, hinaus in die weite Welt, in den Strom. Clodwig schlug die Augen auf. Als man den Berg nach Wolfsgarten hinanfuhr, überfiel sie wieder eine Empfindung der Gefangenschaft; sie meinte, ihre Hände wären gefesselt, sie that sie unter dem Mantel hervor. Clodwig glaubte, daß sie seine Hand suche, er faßte die ihre und drückte sie still. So waren sie schweigend auf Wolfsgarten angekommen. Es war Bella, als müßte sie vor Clodwig niederknieen, seine Hand fassen, Alles bekennen und um Verzeihung bitten, aber sie blieb still. Als sie auf ihr Zimmer ging, küßte sie Clodwig auf die Stirn und sagte: »Deine Stirn ist heiß.« Ein Jedes ging zur Ruhe . . . Unterdeß wanderte Erich noch lange in der stillen Nacht umher. Es gibt ein seelisches Wundfieber, das nicht minder heftig und schonungsbedürftig ist, wie das des Körpers. Aber wie sich der Thau auf Baum und Gras legte und auf das Angesicht Erichs, so legte sich auch ein Thau auf seine Seele. Er fragte sich nur noch: wie wird es Bella tragen? Hat er ihr seine Liebe zu heftig geschildert? Es war doch frei schön von ihr, daß sie nicht sagte: Du täuschest dich . . . Genug! Es ist vorbei. Erst spät kam er heim und in der Nacht im Traume war es ihm, als kämpfe er mit den Fluthen des Rheins und könne die Wellen nicht bewältigen. Er schrie, aber ein Schleppdampfer übertönte sein Schreien und vom Steuer eines Schiffes schaute die Steuermännin spöttisch auf ihn nieder – und plötzlich war es nicht die Steuermännin, sondern eine Mädchengestalt mit einem Flügelpaar und zwei leuchtenden flammenden Augen. Zehntes Capitel. Früh am Morgen kam ein Wagen von Wolfsgarten, um Claudine abzuholen. Seit bald dreißig Jahren, seit ihrer Verheiratung mit dem Professor hatte die Mutter keinen Tag ohne dessen Schwester gelebt. Es schien Beiden kaum denkbar, daß Eines fern vom Andern lebte, und doch hatte man es beschlossen und es mußte sein. Sonnenkamp war von großer Zuvorkommenheit; er verpflichtete Claudine, daß sie sein Haus als ihre Heimat betrachten und nur wenige Tage Gast auf Wolfsgarten bleiben solle. Er gab dem Kutscher einen Korb voll behutsam eingehüllter Trauben und Bananen mit; der Käfig mit dem Papagei stand neben Claudine. Der Papagei schrie und zankte, als man davon fuhr, und schrie und zankte den ganzen Weg; er schien Villa Eden nicht gern zu verlassen. Der Besuch Bella's hatte eine Unruhe im Hause verursacht, die noch auf Jeglichem lag, und dieser Unruhe wurde man immer aufs Neue inne, da man Claudine vermißte; Bella hatte etwas mitgenommen, was wie nothwendig zum Leben gehörte. Das Haus war wieder tonlos. Während Erich durch strenge Pflichterfüllung jede Nachwirkung von der heftigen Gemüthserschütterung durch Bella bannen konnte, war die Mutter voll Unruhe. Sie hatte erreicht, was sie ihr Lebenlang sich als Ideal gewünscht: ein tägliches Leben und Walten in einem großen Pflanzengarten; nun, da es ihr geworden, gab es ihr nicht die volle Befriedigung. Ein Mann wie Sonnenkamp mochte sich in der Ruhe seines Landhauses, in der Pflege der Pflanzen genügen, die Professorin hatte das Verlangen, auf Menschen zu wirken. Die Einwirkung auf Frau Ceres genügte nicht, denn hier war ein Naturell, so räthselhaft und unfaßlich, daß sie sich ganz hilflos erschien; sie wollte ihrem Sohn nicht bekennen, daß das Haus für sie etwas Beklemmendes habe, weil die Familie ihren Glanz und Stolz im äußeren Besitzthum hatte, und alle aus sich selbst erblühende Kraft zu mangeln schien. Fräulein Perini sprach von Frau Ceres stets als von der lieben Leidenden. Welches aber war das Leiden der Frau Ceres? Die Professorin hatte einmal leichthin davon gesprochen, wie sehr Frau Ceres ihre Tochter vermissen möge; da erhob sich Frau Ceres und ihre Augen funkelten wie die einer Schlange, die sich plötzlich aufrichtet; sie schickte Fräulein Perini, die zugegen war, in den Garten und sagte zur Professorin, sich scheu umblickend: »Sie ist nicht schuld, ich, nur ich. Ich habe ihn strafen wollen, da ich es dem Kinde sagte, aber das habe ich nicht gewollt.« Die Professorin bat um Vertrauen, aber Frau Ceres lachte. »Nein, nein, ich sag' es nicht noch einmal, und Ihnen gewiß nicht.« Jene Angst, die die Professorin bei der ersten Begegnung mit Frau Ceres empfunden hatte, erneuerte sich; sie glaubte jetzt das Leiden der schwarzäugigen, bald trägen, bald eidechsartig unruhigen Frau zu kennen; sie mußte an einem Gedanken leiden, den sie nicht offenbaren und doch nicht ganz zurückhalten konnte. Wie man einem Kinde ein Märchen erzählt, ließ sie sich auf Bedrängen der Frau Ceres bisweilen herbei, das Einzige, was diese zu beleben schien, zu berichten, nämlich von Hoffesten. Sie konnte ihr mehrmals dieselben Sachen erzählen und Frau Ceres war erfreut davon. Die Professorin wußte hervorzuheben, daß eine Fürstin zu jeder Stunde eine bestimmte Pflicht zu erfüllen habe, und was gemessene Haltung in jeder Lebenslage bedeute; sie sprach eindringlich und kam oft darauf zurück, daß eine Frau wie Ceres, die in einer Republik geboren, von alledem keinen Begriff habe, es müsse ihr sein, wie wenn wir uns plötzlich in ein anderes Jahrhundert versetzt sähen. »Sie und Ihren Sohn verstehe ich,« erklärte Frau Ceres. »Die anderen Menschen, den Major ausgenommen, höre ich wohl, aber ich weiß nicht, wo ich bin. Denken Sie, ich habe mich anfangs vor Ihnen gefürchtet!« »Vor mir? Vor mir hat sich nie Jemand gefürchtet.« »Ich werde es Ihnen ein andermal sagen. Ach, ich bin krank, ich bin immer krank.« Es gelang der Mutter nicht, Frau Ceres aus ihrem Leben, das immer nur Schlafen und Aufstehen war, herauszubringen. Sonnenkamp erwähnte mit großer Bescheidenheit, wie er das Gesetz inne gehalten und nie über das gefragt habe, was seine Frau spreche und wünsche; nur bitte er, das Eine fragen zu dürfen, ob Frau Ceres nie von Manna gesprochen. »Allerdings, aber nur kurz.« »Und darf ich das Kurze nicht wissen?« »Ich weiß es selbst nicht, es blieb räthselhaft. Aber bitte, verleiten Sie mich nicht zu einem Vertrauensbruch.« »Vertrauensbruch?« rief Sonnenkamp mit zitternder Lippe. »Ach, es war nicht das rechte Wort. Ihre Frau Gemalin hat mir nichts vertraut; aber ich glaube, sie hat eine geheime Furcht, oder einen Zorn, oder einen Aerger über Fräulein Perini. Ich bin weit entfernt, Fräulein Perini dadurch schaden zu wollen, ich bereue fast, daß ich nur das gesagt.« »Sie können darüber ruhig sein; meine Frau möchte Fräulein Perini täglich zehnmal aus dem Hause entfernen und täglich zehnmal zurückrufen. Es gibt keine Person, ich kann Sie selbst nicht ausnehmen, die ihr nöthiger und nützlicher ist, als Fräulein Perini.« Sonnenkamp klagte, daß seine Frau sich nicht dazu eigne, die Familien der Umgebung zu begrüßen und eine Nachbarlichkeit zu pflegen. Die Professorin hatte selbst das Verlangen, in das hierländische Leben einen Einblick zu gewinnen. Zunächst wollte sie das Haus des Doctors besuchen. Frau Ceres hatte mitzufahren versprochen; als es aber am Morgen eines hellen Herbstsonntages zur Ausfahrt ging, erklärte sie, es sei ihr unmöglich, und jetzt zum ersten Mal bemerkte die Professorin etwas Tückisches an ihr; sie hatte offenbar nur nachgegeben, um das Zureden zu vermeiden; nun machte sie unversehens ihren eigenen Willen geltend und schützte nicht einmal Unwohlsein vor. Auch Fräulein Perini blieb zurück. Man fuhr zuerst zu Herrn von Endlich; die Familie war verreist. Vom Hause des Herrn von Endlich kehrte Sonnenkamp nach der Villa zurück und ließ Roland, Erich und die Mutter nach dem Städtchen fahren; er rief ihnen nur noch zu, sie möchten sich in Acht nehmen und nicht überall von dem Wein trinken, der ihnen aufgetischt würde. Als die Mutter mit Erich und Roland dahinfuhr, kam ihr der Gedanke, daß sie diese Besuche nicht für sich mache, aber sie war bescheiden und willfährig, sich dem Gastfreunde zu Gebote zu stellen. Unterwegs begegnete man dem Krischer. Roland ließ anhalten und stellte ihn der Professorin vor; sie reichte ihm die Hand und sagte, sie werde ihn auch bald einmal besuchen. Als man am Städtchen ankam, läutete es eben von der neu erbauten protestantischen Kirche, die, auf einem Hügel stehend, hell ins Land hineinschaut. Die Mutter ließ anhalten; sie wollte in die Kirche gehen. Roland hatte nie eine protestantische Kirche während des Gottesdienstes betreten, er sagte das und die Professorin bat, er möge zurückbleiben und mit Erich einstweilen nach der Stadt gehen, aber er drang darauf, daß er sie begleiten dürfe. Sie traten in die einfache und schmucklose Kirche, als eben der Gesang der Gemeinde austönte. Zu ihrem Schmerz hörte die Mutter eine im hochgezwängtem Tone vorgetragene Strafpredigt. Als man wieder draußen den erfrischenden Ausblick in die schöne Landschaft empfing, nahm die Mutter Roland an die Hand und sagte: »Wenn Du einmal reif genug bist, werde ich Dich mit einem Manne aus Deiner Heimat bekannt machen, von dem Du freiere und höhere Anschauungen gewinnen kannst.« Sie erzählte von dem amerikanischen Geistlichen Theodor Parker, der eine sittliche Erneuerung der Religion anstrebte; sie hatte ihn selbst noch gekannt, denn er war auf seiner europäischen Reise einen Tag in der Universitätsstadt geblieben, wo er sich mit ihrem verstorbenen Gatten schnell und innig befreundete. Erich und Roland wurden von Vielen begrüßt, die aus der Kirche kamen. Erich stellte seine Mutter dem Schuldirektor, dem Förster und dessen Frau und Schwägerin vor und sie geleiteten die Freunde in die Stadt hinein. Es war ein heiterer Zug in Gemeinschaft mit neuen Menschen in jener in sich begnügten Stimmung, mit der eine Gruppe verschieden gearteter Menschen aus der Kirche heimkehrt. Die Frau Doctorin war nicht in der Kirche gewesen, sie ging Sonntag Morgens nie zur Kirche, sie blieb zu Hause, tröstete die Leute vom Lande, die namentlich des Sonntags früh kamen, über diese und jene Krankheit, verordnete manchmal lindernde Hausmittel und gab der Reihe nach an, wie die Leute bei dem rückkehrenden Doctor vorgelassen werden sollten. Sie wurde daher scherzweise Frau Petra genannt, denn sie habe gewissermaßen die Stellung des heiligen Petrus, sie müsse die Leute ausforschen, ehe sie ins Himmelreich der Heilung eingelassen werden. Man trat ins Haus des Doctors. Wohnliche Sauberkeit glänzte auf den Fließen des Flures und auf der Treppe, überall hingen gute Bilder an den Wänden, keines schien blos dem Zufall sein Hiersein zu verdanken, und auf Consolen standen grünende Schlingpflanzen, die ihre Ranken weithin schickten. Im Wohnzimmer war Alles sonntäglich aufgeräumt, auf dem Nähtisch am Fenster, vor dem sich ein Straßenspiegel befand, stand ein blühender Rosenstock. Im Nebenzimmer hörte man die Doctorin laut sagen: »Ja, Nannchen, das ganze Jahr sprecht Ihr von Religion und von Fügsamkeit in den Willen Gottes und jetzt thut Ihr so verzweifelt und habt keine Geduld und seid nicht tauglich zu nachgiebiger Pflege. Mein Mann kann Medicin geben, aber Liebe und Geduld müßt Ihr Euch selbst geben. Und Ihr, Anna, verfüttert Euer Kind und da soll man allemal wieder nachhelfen; den Verstand kann man nicht in der Apotheke holen. Und Ihr, Peter, geht nur heim und macht den Umschlag mit warmem Essig.« Die Thüre öffnete sich und die Doctorin trat ein. Sie begrüßte die Professorin herzlich und es ergab sich schnell eine gute Beziehung, da die Doctorin mit Lustigkeit erzählte, sie habe es schwer annehmen wollen, aber es sei doch das Beste, wenn man den Leuten, die immer nur klagen, mit Grobheit begegne. Man saß wohlgemuth beisammen und die Doctorin gab der Mutter eine Liste Derer, die sie nothwendig besuchen mußte, dann fragte sie: »Verzeihen Sie meine Unbescheidenheit, ist es wahr, daß Manna aus dem Kloster kommt und Sie deren Erziehung vollenden?« Die Professorin staunte. Was kaum wie ein dämmernder Gedanke in ihr aufgestiegen war, ging schon in der Gegend umher; sie konnte nicht fassen, woher diese Sage kam; die Doctorin wußte auch nicht mehr, von wem sie es gehört. Als nun die Professorin Näheres um Manna fragte, erklärte die Doctorin, daß sie aus dem Hause Sonnenkamps Niemand als Roland kenne, von der Tochter wisse sie eigentlich nichts, aber Landrichters Lina sei ihre Freundin gewesen, dort werde man Näheres erfahren. Der Arzt kam, blieb aber nicht lange; er hörte nur schnell den Bericht seiner Frau. Die Professorin verabschiedete sich, Frau Petra hielt sie nicht zurück, sondern sagte geradezu, sie müsse noch mit dem und jenem sprechen, das jetzt davon ginge. Erfrischt und belebt verließ man das Haus. Beim Landrichter mußte man längere Zeit warten, da Frau und Tochter erst Toilette zu machen hatten. Als sie endlich erschienen, wurden viele Entschuldigungen vorgebracht, man habe sich beeilt und es sehe noch Alles so unordentlich aus, während doch Kleidung und Zimmer äußerst säuberlich und nett waren. Der Amtsbote wurde nach dem Landrichter geschickt, der seinen Sonntags-Frühschoppen trank. Als endlich die Professorin den Platz in der Sophaecke eingenommen hatte, wo man vor lauter gestickten Kissen kaum sitzen konnte, ergab sich ein anmuthiges Gespräch. Die Professorin wußte Lina ins Gespräch zu ziehen und ließ sich von ihr das Klosterleben schildern. Lina, hiedurch aufgemuntert, wurde immer mittheilsamer und redegewandter. Der Landrichter erschien; er hatte offenbar seinen Schoppen zu rasch hinuntergestürzt, denn stehen lassen kann man doch nichts. Er drückte der Professorin etwas stärker und länger als nöthig war die Hand. Mit gutem Humor – dem ernsten Gesichte des Männleins stand der Humor ganz seltsam – versicherte er sie seines obrigkeitlichen Schutzes. Er erzählte, daß der Pole aus dem Zuchthause ausgebrochen sei, man habe zwar einen Steckbrief hinter ihm erlassen, werde aber froh sein, wenn man ihn nicht wieder einfange. Die Frau Landrichter und Lina holten ihre Hüte herbei und begleiteten die Gäste auf einem Umwege den Rhein entlang nach dem Hause des Schuldirectors. Von selbst fing Lina an von Manna zu erzählen, wie sie gar so traurig sei und doch ehedem die Uebermüthigste gewesen; sie habe ihren Vater schwärmerisch geliebt, so daß man glauben mußte, sie könne ihn nie auf einen Tag verlassen. Die Professorin hielt sich behutsam zurück, nach etwas zu forschen, sie hatte nur aus Höflichkeit diese Besuche machen wollen und nun stellte sich ihr dadurch eine neue Pflicht heraus. Hätte sie ahnen können, daß sie selbst nur von Sonnenkamp verwendet wurde, sie hätte noch mehr gestaunt über die verschiedenen Wendungen, die ein einfacher Vorgang nimmt. Man kehrte nach der Villa zurück. Der Erste, dem man im Hofe begegnete, war der Major; er sah etwas mißmuthig drein, aber sein ganzes Gesicht erglänzte, als die Professorin sagte, sie habe sich vorgesetzt, ihn und Fräulein Milch heute Mittag zu besuchen, und zwar, da sie leider nicht nach hiesigem Brauch zu jeder Tageszeit Wein trinken könne, zu einer einfachen Tasse Kaffee. Der Major wußte sich bald zu entfernen, er schickte ein Kind des Castellans zu Fräulein Milch mit der Botschaft. Die Professorin war äußerst belebt und Erich sprach seine Freude aus, daß auch sie etwas von der Berauschung empfände, die das Menschenleben und das Naturleben am Rhein über Jeden bringe. Als Roland zu Tische kam, sagte er der Professorin leise: »Ich habe im Conversationslexikon nachgeschlagen, heut ist der Geburtstag Theodor Parkers, heut ist ja der vierundzwanzigste August.« Die Professorin erwiderte ihm flüsternd, er möge nur mit ihr davon sprechen. Elftes Capitel. Noch nie war der Major am Sonntagstisch heiterer gewesen als heut, er vergaß sogar, Joseph zuzunicken, daß er ihm von seinem Burgunder nochmals einschenke. Frau Ceres lächelte verlegen, als die Professorin sagte, wie schön es sei, sich am Ausblick über den Strom und die Berge zu erquicken, viel schöner aber noch, einen Einblick zu haben in gediegene Häuslichkeit. Sie kenne zwar von fremden Ländern nur wenig, aber es gebe wol kein Land, das Deutschland übertreffe an gediegener Fülle des Gemüths und weit verbreiteter Bildung; Städte und Dörfer, die nur ein klingender Name für vorbeisausende Reisende seien, bärgen in sich das Schönste und Beste, was das Menschenthum ziert. »So weit die Glocken klingen, ist heut keine bessere Predigt gehalten worden,« sagte der Major zu Erich. Dann erhob er sich. »Ja, die Mutter . . . stoßen Sie Alle mit an . . . Ja, die Mutter soll leben und sie lebt nicht nur, sie macht, daß man das Leben schön und rechtschaffen sieht, und der Baumeister aller Welten wird sie dafür segnen. Meine Brüder! . . . Ich wollte sagen, meine . . . meine . . . also die Professorin soll leben!« Noch nie hatte der Major einen so langen Trinkspruch ausgebracht und noch nie war er zufriedener wie heute. Er ging bald nach der Tafel heimwärts und unterwegs sagte er sich immer die Worte des Trinkspruchs vor, denn es war sein Hauptstolz, Fräulein Milch seine schöne Rede wörtlich berichten zu können. Aller Ruhm der Welt ist nichts, wenn nicht sie ihn lobt; sie versteht doch Alles am besten. Als er zu Hause ankam und Fräulein Milch klagte, daß heute ihr süßer Rahm sauer geworden sei und man im ganzen Dorfe keinen frischen bekomme, winkte er ihr mit der Hand, sie solle nichts reden, damit er seinen Toast nicht vergesse; er stellte sich frei vor sie hin und sagte: »So habe ich bei Tisch gesprochen.« Die Laadi schaute ihren Herrn an, als er eine so gewaltige Rede hielt, und da er fertig war, bellte sie zum Zeichen des Verständnisses. Der Major wollte gewiß nicht lügen, aber die Rede war noch schöner, wenigstens länger, als er sie Fräulein Milch vortrug. Nachdem er geendet hatte, sagte sie: »Ich freue mich nur, daß auch gute Menschen Ihre Worte gehört haben.« Denn Fräulein Milch war Herr und Frau Sonnenkamp, vor Allem aber Fräulein Perini nicht hold. »Warum haben Sie nicht unser schönes weißes Tischzeug aufgelegt?« fragte der Major, als er den sauber hergerichteten Kaffeetisch im Garten sah. »Weil das Weiße in der Sonne zu sehr blendet.« »Ist wahr . . . ist gut. Soll ich nicht die Laadi einsperren? Sie ist so zudringlich.« »Nein, lassen Sie den Hund nur frei.« Der Major sann hin und her, ob er nicht auch etwas thun könne, um die Gäste würdig zu empfangen. Er fand es. Er entlehnte und borgte sonst nie etwas, aber heute durfte man eine Ausnahme machen. Er ersuchte die Köchin des Aichmeisters, ihm ein Töpfchen frischen Rahms zu geben. Es gelang ihm, den Topf auf den Tisch zu stellen, ohne daß Fräulein Milch es merkte. Er hielt sich die Hand vor den Mund, daß er nicht laut auflache, wie sie staunen würde, wenn plötzlich süßer Rahm auf dem Tisch stehe. Er ging in die Stube und trug seinen großen lederüberzogenen, gepolsterten Lehnsessel in den Garten, da sollte die Professorin sitzen; aber Fräulein Milch, die dazu kam, zeigte zu seinem Schrecken, daß der Lehnstuhl das helle Tageslicht im Freien nicht vertrage; er wurde nun von Beiden wieder zurückgebracht. Fräulein Milch bat den Major, recht ruhig zu sein, und jetzt nahm sein Antlitz eine Miene an, als ob er weinen müsse. Er legte die Hand auf die Schulter des Fräulein Milch und sagte: »Es ist hart . . . sehr hart . . . grausam . . . schlimm . . . sehr schlimm . . . sehr grausam, daß ich nicht sagen darf: hier, Frau Professorin, dies ist die Frau Majorin.« Fräulein Milch wendete sich rasch, ihre Mienen hatten plötzlich etwas Erstarrendes. »Um Gottes Willen, was machen Sie?« Der Hund bellte, wie wenn er sagen wollte: was ist denn das? was seht ihr euch denn so böse an? »Bin schon ruhig . . . bin schon ruhig! Sei still, Laadi,« beschwichtigte der Major, und er war so müde, daß er sich setzen mußte; er versuchte es, seine lange Pfeife anzuzünden, aber sie ging ihm wieder aus. Am Gartenzaun stand der Major und trommelte mit den Fingern auf eine Latte; er starrte so verloren drein, daß die Gäste vor ihm standen und er sie nicht hatte kommen sehen. Die Begrüßung zwischen der Professorin und Fräulein Milch war keineswegs so zutraulich, wie der Major gehofft hatte. Beide Frauen musterten einander offenbar streng. Der Major lachte bald in sich hinein, Fräulein Milch merkte gar nicht, daß süßer Rahm da sei; sie schenkte ein, als ob das etwas ganz Gewöhnliches wäre. Bald aber schlug er mit seinem Stumpffinger an die Stirn und sagte in sich hinein: »Sie ist viel gescheidter, sie macht vor Fremden kein Aufsehen. O, die ist so klug, die lernt man nicht aus.« Wie gern hätte er das der Professorin gesagt, aber er nahm sich vor, heute wo möglich gar nichts zu reden; Fräulein Milch allein sollte reden. Es schien indeß kein rechtes Gespräch zu Stande zu kommen. Die Professorin fragte Fräulein Milch, ob sie eine Eingeborne des Landes sei. Sie verneinte kurz. Der Major fand den guten Ausweg. Zwei fremde Pferde im Stall muß man allein lassen; sie schlagen sich vielleicht ein wenig, zuletzt aber vertragen sie sich. Er wußte Roland und Erich viel zu erzählen von dem Weinberge, von dem man heuer den ersten Wein gewinnen sollte; sie mußten ihn dahin begleiten. Nun waren die beiden Frauen allein. Die Professorin gab ihre Freude kund an dem vollen Leben hier und an der Landschaft, wie man hier nicht nur verborgene Plätze voll erquicklicher Schönheit finde, sondern auch Menschennaturen, die einsam für sich ein feines Verständniß und einen hohen Sinn in sich pflanzen und pflegen. Fräulein Milch, die sich mit ihrer Tasse etwas abseits vom Tische gesetzt hatte, rückte näher und sagte, sie traue sich nicht den rechten Blick für das heitere Leben der Menschen zu; sie sähe sie wohl an Sonn- und Festtagen scherzend, singend und mit Kränzen auf dem Haupte bergan, bergab ziehen, wer aber nicht mitten in diesem lustigen Treiben stehe, wer das nur vom Fenster aus, oder hinter dem Gartenzaun stehend betrachte, der habe kein gerechtes Urtheil; das ganze Treiben käme Einem manchmal vor, wie wenn man sich die Ohren zuhalte, nichts von der Musik höre und doch die Menschen tanzen sehe. Die Professorin fragte nach den Armen der Gegend, ob da vielleicht Fräulein Milch nähere Einsicht habe. Lächelnd sagte Fräulein Milch: »Ja, die Armen! Die Weinbauern kommen mir vor wie die Musikanten; sie mühen sich ab im Musik machen, nach der die Andern tanzen; übrigens sind sie auch selbst lustig dabei.« Die Art, wie Fräulein Milch sich weiter ausdrückte, überraschte die Professorin; sie hatte eine kleinliche, redselige Wirthschafterin erwartet und fand ein geläutertes Denken, einen Zartsinn, die von reifer Bedachtsamkeit stammen mußten. Sie erwähnte die umfassende Thätigkeit Sonnenkamps; Fräulein Milch ging nicht näher ein, sie sagte nur, Herr Sonnenkamp sei nicht unmilden Herzens, aber er habe keine geordnete Wohlthätigkeit. Sie bedauerte, daß Manna nicht da sei; wenn die Tochter des Hauses die Wohlthätigkeit des Vaters ordnete und in der Hand hielte, so wäre das besser als ein Klosterleben. Ihrer sonstigen Zurückhaltung vergessend, erklärte Fräulein Milch, daß Manna eine unbegreifliche Verletzung erfahren haben müsse, denn aus Uebermuth plötzlich zu solcher Demuth überzuspringen, das sei nicht natürlich. »Ich will Ihnen nur einen kleinen Zug von Manna erzählen und Sie kennen sie. Eine Stechfliege, eine sogenannte Rheinschnake, saß auf ihrer Hand und saugte an ihrem Blute; sie ließ sie ruhig saugen und sagte dann nur: die garstige Fliege! Ich habe sie trinken lassen und nicht gestört, und sie hat mich dann doch dafür gestochen . . . Gegen mich,« setzte Fräulein Milch erröthend hinzu, »hat das Kind eine Abneigung, die ihm von Fräulein Perini eingeflößt wurde.« Die Professorin erklärte, daß Herr Sonnenkamp es ihr anheimgeben wolle, eine ausgebreitete Mildthätigkeit anzuordnen; sie fragte, ob Fräulein Milch ihr darin beistehen wolle. Diese versprach es; sie kam aber wieder darauf zurück, daß es schicklicher wäre, die Tochter des Hauses in Mitwirkung zu setzen. In guter Ansprache lernten die beiden Frauen einander kennen. Die Professorin hatte die ererbte und leichte Bildung, sie gab viel, ohne daß es so schien; Fräulein Milch hatte die eroberte Bildung, in der sich die Mühseligkeit erkennen ließ, mit welcher sie sich ein tieferes Denken selbständig angeeignet hatte. Der Major sah von ferne, wie die beiden Frauen sich die Hände reichten, und er sprach die liebkosenden Worte, die er gern zu Fräulein Milch gesagt hätte, zur Laadi: »Bist ein prächtiges Geschöpf, gescheidter wie alle Menschen . . . klar wie der Tag . . . ruhig und solid . . . Du nicht, Laadi . . . was guckst Du mich so an?« . . . Er kam glücklich wieder im Garten an, Roland und Erich folgten nach. Als der Major der Professorin auf dem Heimwege ein Stück Weges das Geleite gegeben hatte, stand er noch lange still und schaute den Weggehenden nach, und zum Himmel aufblickend, sprach er: »Dank Dir, Du Baumeister aller Welten . . . Du weißt schon, was ich sagen will . . . Remdem!« Achtes Buch. Erstes Capitel. Von Biegung zu Biegung ist es, als ob der mächtig dahinwallende Rheinstrom sich in einen See verwandle, bis er wieder, um die sich vorschiebenden Berge strömend, seinen Lauf fortsetzt. Fast ist es in der Geschichte, die wir zu erzählen haben, auch so. Zur Feier von Goethe's Geburtstag hatte Clodwig die Nachbarn von Villa Eden nach Wolfsgarten geladen. Frau Ceres und Fräulein Perini blieben zurück. Erich konnte ein Bangen nicht unterdrücken, wie er Bella zum ersten Mal begegnen würde. Sie kam mit Claudine den Besuchenden im Walde entgegen, sie umarmte die Professorin und dankte ihr nochmals, daß sie sich die Entbehrung auferlegt, Claudine bei ihr zu lassen; Erich reichte sie die Hand und sagte mit starrem Blick: »Sie, Herr Hauptmann, waren heute sein erster Gedanke.« . . . Weiter sagte sie nichts, sie nannte ihren Mann auch nicht geradezu. Eben als man auf Wolfsgarten ankam, fing es zu regnen an, so daß man das Haus nicht verlassen konnte. Prancken war nicht zugegen; er hielt sich am Niederrhein bei einem kirchlich gesinnten Landwirthe, dem sogenannten Klosterbauer, auf; denn es gibt heute nichts mehr, dem man nicht eine kirchliche Färbung und Unterscheidung gibt. Prancken hatte dabei das Glück, in der Nähe des Klosters zu sein, denn der Landwirth hatte die Felder der Insel gepachtet, die er bebaute. Man versammelte sich im großen Saale, dessen drei offene Balconthüren nach dem von Blumen und Schlingpflanzen bestellten und mit schönen Ruhesitzen versehenen Balcon führten. Als man ruhig beisammen saß und durch einander plauderte, erhob Clodwig plötzlich die Hand, wie wenn er Stille gebiete; Alle verstanden. Er zog die Uhr heraus und sagte: »Jetzt ist die Minute, in der Goethe vor mehr als hundert Jahren geboren. Ich bitte,« setzte er freundlich winkend hinzu, »Bella und Fräulein Dournay . . .« Die Beiden verstanden, setzten sich zum Clavier und spielten vierhändig Beethovens Ouverture zu Egmont. Bella spielte mit weit offenen Augen dreinschauend, Claudine hatte den Blick gesenkt und bewegte während des Spielens den Kopf beständig wie in einer Wogenlinie; Alles war geschwungen; nichts eckig. Als das Musikstück geendet hatte, erzählte Clodwig von seinem Glücke, Goethe noch persönlich gekannt zu haben. Die Professorin beklagte, daß es ihr nicht zu Theil geworden, die Stimme des Dichters zu vernehmen und in sein Auge zu schauen, und doch sei sie, als er starb, schon alt genug gewesen, um zu wissen, wer er war, wenn sie ihn auch noch nicht vollauf begriffen. Sie erzählte, wie in ihrem elterlichen Hause, als man sich eben zu Tische setzen wollte, ein Mann kam mit der Nachricht: So eben ist die Kunde vom Tode Goethe's eingetroffen. Eine ältere Dame war so ergriffen, daß sie sich nicht mit zu Tische setzen konnte. Damals zum ersten Male habe sie ihren Gatten, der mit an der Tafel saß, im Widerspruch kennen gelernt; denn er habe bei aller Verehrung für Goethe behauptet: der Meister habe es nicht nur als Hauptaufgabe des Mannes gestellt, die beste Frau zu finden, er habe auch die Dichtkunst selbst zu sehr verweiblicht, er habe die Frauen zu sehr in den Mittelpunkt des wirrenden Lebens gestellt und die Welt in dem Glauben gelassen, daß die Poesie und ihre Kenntnißnahme mehr eine Sache der Frauen sei. Clodwig widersprach dieser Auffassung. Er betonte zuerst, daß unser modernes Leben den sogenannten Cultus des Genius nicht aufkommen lasse, denn der Cultus könne nur da entstehen, wo die Erscheinung des Vollkommenen, des Göttlichen angenommen werde; sobald man Einschränkungen setze, sei er nicht mehr möglich. Bella, die sich nicht weit von Erich auf den Balcon gesetzt hatte, sagte zu ihm: »Ich will nichts Vergangenes. Wollte ich Reliquien verehren, hätte ich in meiner Kirche genug. Mit der Verehrung für Vergangenes machen sich die Menschen zu etwas. Es lebe, wer da lebt, ist mein Wahlspruch.« Mit Schrecken sah Erich, daß in dieser Frau ein Widerspruch gegen die ganze Tonart ihres Mannes war, der ihn das ehedem so harmonisch erschienene Zusammensein als ein durchaus peinliches erkennen ließ. Das Auge Sonnenkamps dagegen, der die Worte Bella's gehört hatte, ruhte groß auf Bella; sie wendete sich nun an ihn und bat, ihr bei der neuen Einrichtung ihres Treibhauses Rath zu ertheilen. Sie legte ihren Arm in den Claudinens, Beide gingen mit Sonnenkamp davon. Clodwig und die Professorin saßen nun allein im Saale, während Erich und Roland auf dem Balcon still hielten und vernahmen, wie Clodwig hinzusetzte, daß die Zukunft, wenn dem thätigen Leben die Weihe des Geistes geworden, vielleicht die Form des Cultus nicht mehr bedürfe. Mit angehaltenem Athem hörten Erich und Roland zu, wie Clodwig und die Mutter einander bekannten, was ihnen der Meister an Lebenskraft und durchdringender Erkenntniß geleistet, und wie sie jenes nicht genug erkannte Werk: »Goethe's Gespräche mit Eckermann,« erörterten, das uns den Meister zu lebendigem, persönlichem Umgange erneuert. An dem Verhältniß zu Goethe läßt sich der Bildungsgrad eines Menschen ermessen. Clodwig meinte, daß die heutige Jugend eine bedingte Verehrung für den Meister habe, da sie vorherrschend die bürgerliche Pflicht fühle und ein eigentlich politisches Wirken Goethe nicht aufgegangen sei und seine Aufgabe nicht war. Wieder stimmten die Beiden in einen Wechselgesang zum Lobpreise der Bereicherung und Vertiefung des Lebens ein, das ihnen durch Goethe geworden. Erich und Roland saßen still und hörten zu; nur einmal sagte Erich leise: »Sieh, Roland, das ist Ruhm, das ist Ehre; das ist das höchste Glück, daß ein Mann so fortwirkt, daß sein Geist stets neu belebt, daß hier oben nach Jahren zwei Menschen einander erbauen in Auferweckung dessen, was ein aus dem Leben Verschwundener festgestellt.« Weiter sprachen die Beiden drinnen im Saal und jetzt hörte Erich seinen Namen nennen, denn die Mutter sagte: Erich verstünde sehr gut, Goethe'sche Gedichte vorzulesen. Bella, Claudine und Sonnenkamp wurden herbeigerufen. Erich las, aber heute weniger gut als sonst, denn es kamen viele Anklänge vor, die auf die Bewegtheit seines Herzens und Bella's sich übertragen ließen. Der Regen hörte immer noch nicht auf. Bella gab verborgene Künste zum Besten. Sie erschien in einer rothsammetnen Draperie, die sie als griechisches Gewand handhabte, und ahmte einer berühmten italienischen Schauspielerin mit bewundernswerther Kunst nach. Sie verschwand wieder und erschien als Pariser Grisette; dann verschwand sie abermals und trat als Tiroler Handschuhverkäuferin auf, immer neu, kaum zu erkennen. Am meisten Heiterkeit erregte es, als sie rasch nach einander drei Bettlerinnen nachahmte, eine katholische, eine evangelische und eine jüdische Frau. Ohne in Caricatur zu verfallen, verstand sie es, auch Bekannte wiederzugeben, und das Alles mit vollendeter Grazie und Bestimmtheit. Clodwig mußte an sich halten, eine Bitterkeit nicht merken zu lassen, daß durch solche Dinge sein Goethe-Tag ausgefüllt würde. Er fühlte sich wieder in seinem eigenen Hause heimatlos und fremd zu Bella. Erich indeß sah diese Schaustellungen, denen er eine Bewunderung nicht versagen konnte, mit getheilter Empfindung an. Welch eine reiche Natur war Bella, und wie schwer mußte es ihr sein, ihre vielfältige Kraft im engen Bezirke eines Pflichtkreises zu halten. Bella aber hatte sich heute gewaltsam zum Aufgebot ihrer Künste gebracht; sie wollte jede Empfindlichkeit, jede Erinnerung vor sich und Erich vernichtet sehen. Sie erzählte Erich, daß der russische Fürst, der zu Weidmann nach Mattenheim gezogen war, oft seiner gedenke; er schreibe aber auch mit großer Anerkennung von dem früheren Lehrer Rolands, dem Magister Knopf. In der Betonung des Wortes »Lehrer« schien Bella eine verschwundene Grenzscheide zwischen ihr und Erich wieder aufrichten zu wollen. Gegen Abend hörte endlich der Regen auf und die Sonne ging mit jener unsagbaren Farbenpracht unter, die beim Durchleuchten der Regenluft über den wie durchglühten Bergen sich darstellt. Man machte sich rasch auf den Heimweg. Roland beklagte, daß seine Schwester Manna nicht einen solchen Tag miterlebt. Clodwig fragte noch beim Abschied Sonnenkamp, ob er nicht nunmehr, da die Professorin in seinem Hause, die Tochter heimkommen lassen wolle. Sonnenkamp war sehr dankbar für die Sorgfalt, die Clodwig seinem Hause widmete; er bot der Professorin die Hand dar und sagte: »Wenn es Ihnen genehm ist, reisen wir morgen mit einander zu meiner Tochter.« Die Professorin nickte beistimmend. Sonnenkamp glaubte an die edlen Motive der Professorin und eine Weile fühlte er sich angenehm davon berührt. Bald aber erhob sich wieder das Bewußtsein seiner triumphirenden Kraft; die Welt dient seinen Plänen und es ist eine Lust, die Menschen zu verwenden, mit ihnen zu spielen, auf ihren Schultern sich zu wiegen. Clodwig und die Professorin machten seinen geheimen Wunsch für Manna zu ihrem eigenen, sie mußten nun dankbar sein, daß er ihren Willen ausführte, und doch mußten sie ihm dienen, denn gerade durch sie sollte sein Hauptplan zur Ausführung kommen, erst dann hatte er das bestätigte Recht, ein Wesen höherer Gattung sein zu dürfen, das über Andere verfügt und sie mit Freundlichkeit begnadigt. Noch am Abend der Heimkunft bestimmte Sonnenkamp, daß der Gärtner die Lieblingsblumen Manna's, und das waren besonders Reseden, am andern Tage überall in ihrem Zimmer anbringe. Zweites Capitel. Dienstfertigkeit und Ehrerbietung zeigten sich in der Art, wie Sonnenkamp der Professorin die Hand reichte, als sie aus dem Wagen stieg, wie er sie nach dem Dampfschiff führte, ihr einen vor Zugluft geschützten und freien Ausblick gewährenden Platz suchte, wie er ihr alles zur Hand legte und nach ihren Wünschen fragte. Die Professorin sah zu ihrem Schrecken, daß sie ein Buch vergessen hatte, das sie mitnehmen wollte. Sie wich den Fragen Sonnenkamps aus, welches Buch es sei, denn sie konnte wohl voraussetzen, daß die Schriften des Mannes, den sie so sehr verehrte, Sonnenkamp nicht genehm seien; sie scherzte über sich selbst, daß sie noch bei einer Rheinfahrt am sonnenhellen Tage gerne ein Buch bei sich habe. Nun mußte sie ganz dem Ausblick und ihren Gedanken leben. Sonnenkamp setzte sich neben sie und seine Stimme war in der That bewegt, als er sagte, daß er seine Kinder glücklich preise, ja fast beneide, daß eine solche Frau sich in ihren Jugendgeist einlebe. Je mehr er sprach, je weicher wurde er; es lag ein Glanz in seinen Augen, als ob eine Thräne darin zerflossen wäre. Er wiederholte, er möge nicht von seiner Jugend sprechen, die sei öde und wüst, keine zarte Frauenhand habe je die Mienen seines Antlitzes geglättet. Endlich kam er, sich gewaltsam fassend, auf den Hauptpunkt. »Man hat meinem Kinde eine Thatsache berichtet, die zu widerlegen ich unter meiner Würde halte. Sollten Sie, geehrte Frau, eine solche erfahren, so seien Sie im Voraus überzeugt, daß es eine von niedrigster Feindseligkeit ausgeheckte Lüge ist.« Er sagte, er könne es nicht nennen, sonst müßte er hier auf dem Schiffe rasend werden. Seine zur Milde geschmeidigten Mienen wurden plötzlich wild, Furcht erregend. Die Professorin sagte nun, daß sie zunächst ihrer Jugendfreundin, der Oberin, einen Besuch mache, und bat, daß Herr Sonnenkamp Alles vermeiden möge, was seiner Tochter eine Beziehung zu ihr aufdrängen könne. Sonnenkamp verabredete mit ihr, nicht mit auf die Insel zu gehen; er wollte im Gasthof am andern Ufer warten, bis die Professorin ihn rufen lasse . . . Während das Schiff den Rhein hinabfuhr, pflügte ein stattlicher Landwirth in kleidsamer Tracht einen Acker auf der Klosterinsel. Die Kinder standen von Ferne und sahen dem Pflügen zu, als ob es ein Wunder wäre; sie wollten näher treten und schauten auf Manna, als ob diese es erlaube, Manna nickte und sie gingen auf dem Kiesweg an der Seite des Ackers dahin. Da grüßte der Pflügende, indem er den Hut abnahm; Manna erschrak. Ist das nicht Herr von Prancken? Er pflügte ruhig weiter. Als er jetzt den Pflug wendete, schaute er zu ihr hin und lächelte; er war es. »Das ist ein wunderschöner Bauernknecht,« sagte eines der Mädchen. »Und er sieht so fein aus,« rief ein anderes. »Und er hat einen Siegelring an der Hand,« rief ein drittes. »Wer weiß, ob das nicht ein verkleideter Ritter ist.« Manna rief die Kinder, daß sie wieder mit ihr umkehrten. Sie ging in ihre Zelle, von der man den Acker überschauen konnte, vermied aber das Fenster. Es schmeichelte ihr, daß Prancken sich in ihrer Nähe hielt und so bescheiden und rücksichtsvoll war, sie nicht anzusprechen. Sie überlegte, ob sie das nicht der Oberin mittheilen müsse, aber sie fand, daß sie kein Recht habe, das Geheimniß des Herrn von Prancken zu lösen. Sie ging nach dem Fenster und sah, wie er ruhig seine Arbeit vollführte, er erschien so rein und edel in dieser einfachen Thätigkeit. Ein Rosenstock stand auf ihrem Fenstersims, eine Spätrose war aufgeblüht; jetzt schaute Prancken auf, sie faßte die Rose, wollte sie abbrechen und als Zeichen der Erkennung ihm hinabwerfen, aber eben, als sie den Stiel faßte, trat eine dienende Schwester ein und meldete, daß ein Besuch gekommen sei, der Manna zu sprechen wünsche. Die Rose blieb am Stock. Manna wendete sich und fühlte, wie verwirrt sie war. Dort ist ja Prancken, dort führt er den Pflug. Wie konnte er sich melden lassen? Oder ist Gräfin Bella angekommen? Schwankenden Schrittes ging sie hinab nach dem Sprechzimmer. Die Oberin stellte ihr eine Dame vor und sagte: »Dies ist meine Freundin, Professorin Dournay, die Mutter vom Lehrer Deines Bruders.« Drittes Capitel. Der erste Blick, mit dem die Professorin und Manna einander ins Auge faßten, war Ueberraschung; Jedes hatte sich vom Andern eine nicht zutreffende Vorstellung gemacht. Manna erinnerte sich der hohen Gestalt Erichs, seiner Aehnlichkeit mit dem Bilde des heiligen Antonius und nun stand vor ihr eine kleine ergraute Blondine. Die Mutter dagegen hatte sich eine schöne Schwester Rolands vorgestellt und sah nun eine zierlich feine, aber beim ersten Anblick durchaus nicht den Eindruck von Schönheit gebende Erscheinung. Die Farbe des Antlitzes war etwas dunkel, die braunen Augen glänzten in breitem, ruhigen, jeden Hineinblickenden erwärmenden Feuer. Manna verbeugte sich sehr förmlich vor der Professorin und diese reichte ihr mit einer mütterlichen Zutraulichkeit die Hand, indem sie sagte, daß es ihr eine Freude sei, bei dem Besuche, den sie ihrer Jugendfreundin, der Oberin, mache, auch die Tochter ihrer Gastfreunde kennen zu lernen. Sie betonte besonders, daß sie in einem traulichen Verhältniß zur Mutter Manna's stehe. »Ist meine Mutter wohl?« fragte Manna; ihre verschleierte Stimme tönte warm und anmuthvoll. Die Professorin gab guten Bericht und konnte hinzufügen, daß der Doktor sage, Frau Ceres sei noch nie so anhaltend belebt gewesen wie jetzt. »Wenn Sie an Manna einen besonderen Auftrag haben,« sagte die Oberin, »so will ich Sie allein lassen.« »Ich habe durchaus keinen besonderen Auftrag.« Manna verabschiedete sich, sie reichte der Professorin die Hand und ging davon. Sie wußte nicht, wie ihr geschehen war. Wozu hat man sie denn rufen lassen, wenn man ihr kaum etwas mitzutheilen hat? Daß diese Fremde sie so hin und her schickte – denn eine Fremde ist doch diese Frau – erschien ihr unwürdig. Aber während sie über den langen Gang dahinwandelte, sah sie beständig das treuherzig milde Antlitz der Fremden vor sich und jetzt lächelte es ihr zu, als wollte es sagen: Bist ein seltsames Kind! Nachdenklich kehrte Manna in ihre Zelle zurück; sie sah zum Fenster hinaus, Prancken stieg mit dem Pferde in einen Kahn und dann landete er drüben. – Er eilte rasch das Ufer hinan und verschwand hinter den Weiden. Manna sehnte sich nach der Zeit, wo die Welt ihr entrückt sein und keine Unruhe mehr über sie kommen würde, denn jetzt war sie tief beunruhigt. Da ist Prancken, da ist die Mutter des Erziehers – was sollte das Alles? Sie nahm ihr Andachtsbuch vor, aber es gelang ihr nicht, ihre Gedanken von den hier feststehenden fesseln zu lassen. Indeß saß die Professorin bei der Oberin. Erscheinung wie Haltung dieser beiden Frauen war ein scharfes Widerspiel. Die Gestalt der Professorin war behaglich und in ihrem Antlitz eine aufmerksame Belebung, ihre Hände waren rund und voll. Die Oberin war hager, groß, gestreckt, der Ausdruck ihres Gesichts streng und ernst, wie wenn sie eine Sekunde vorher einen gemessenen Befehl ertheilt hätte oder im Begriff wäre, einen solchen zu ertheilen; ihre Hände waren lang und ausgearbeitet. Beide Frauen hatten eine schwer geprüfte Vergangenheit; die Professorin hatte eine milde, ja eine lächelnde Zufriedenheit daraus gewonnen, die Oberin dagegen eine beständige Rüstung, um allen Begegnungen fest gegenüberzustehen. Bei der ersten Begrüßung der beiden Jugendfreundinnen nach einer bald dreißigjährigen Trennung schien die Oberin es nicht gehört zu haben oder nicht hören zu wollen, daß die Professorin sie Du genannt hatte. »Ich hätte nicht geglaubt, daß ich Sie diesseits noch einmal sehe,« sagte sie alsbald, und als die Professorin Jugenderinnerungen erwecken wollte, entgegnete die Oberin, sie kenne keine Vergangenheit, sie kenne nur eine Zukunft, die einzige, die das Recht habe, daß wir all unser Denken darauf richten. Die Oberin bemerkte, daß die fremde Anrede die ehemalige Freundin stutzig mache, und sagte mit gleicher Ruhe, daß sie keinerlei Unterschied mit Verwandten und Bekannten aus der früheren Welt mache; es sei ihr Niemand näher und Niemand ferner gestellt; wer nicht so zu handeln vermöchte, der dürfe sich nicht dem geistlichen Berufe widmen. Die Professorin war gefaßt genug, um zu sagen: »Sie hatten immer eine Strenge des Geistes, die mich früher manchmal erschreckte, die ich jetzt aber bewundere.« Die Oberin lächelte; aber wie im Zorn, daß sie von dieser Höflichkeit sich geschmeichelt fühlte, setzte sie hinzu: »Ich bitte, mich nicht zur Eitelkeit verleiten zu wollen. Ich stehe auf meinem Posten und habe strengen Wachtdienst, bis der Herr mich abruft. Damals, ich muß es doch sagen, wußte ich nicht, daß Sie und ich in zwei verschiedenen Welten lebten; in meiner Welt hat man die Pflicht, keine Kraft für sich selbst zu haben.« Bei aller Selbstverleugnung erschien es der Professorin, als ob die Oberin von der Macht und Größe des Kreises, in dem sie stand, mit jenem Stolze oder wenigstens mit jenem gehobenen Selbstgefühle sprach, das Jeden leicht überkommt, der einem geschlossenen, machtvollen Gemeinwesen angehört. Bald aber fanden die Beiden einen friedlichen Berührungspunkt, indem sie über die schwere Aufgabe der Erziehung junger Seelen sich besprachen. Die Oberin hatte reiche eigene Erfahrung, während die Professorin fast nur auf Lehre und Anschauung ihres Gatten sich berufen konnte; und jetzt, da sie als Schülerin erschien und dankbar zuhörte, wurde sie auch milder betrachtet. Die Oberin fühlte, daß sie doch etwas zu schroff sich verhalten, und wie man in solcher Empfindung leicht Dinge mittheilt, die man eigentlich verschließen wollte, so geschah es auch hier. Sie erzählte, welch ein wundersames Wesen Manna sei; es seien zwei Naturen in ihr, eine demüthig fügsame, fast willenlose, und eine kämpfende, trotzige und eigenwillige. Sie habe einen ernsten Charakter, vielleicht etwas zu ernst für ein siebzehnjähriges Mädchen; nur könne sie in ihren Empfindungen oft nicht Maß halten, aber wer könnte das in diesem Alter. Auf ihrem Gemüthe laste ein Schmerz, der unerklärlich sei; es sei zu vermuthen, daß er darin seinen Grund habe, daß das Kind den Zwiespalt der Eltern tief empfinde. Sie fragte die Professorin um Näheres über die Charakterbesonderheit der Eltern, aber die Professorin antwortete ausweichend. Die Oberin erzählte weiter, daß Manna Anfangs einen schweren Stand im Kloster gehabt, ja ihr Eintritt fast eine Revolution bewirkt habe. Zwei Amerikanerinnen aus den besten Familien waren ebenfalls hier und wollten nicht mit der Quadrone – denn für eine solche hielten sie Manna – an Einem Tische sitzen; sie erzählten den Mitschülerinnen, daß Neger und Mischlinge in ihrem Vaterlande immer in abgesonderten Waggons der Eisenbahn sitzen, wie auch in der Kirche besondere Plätze haben müßten. Durch schnelle Fassungsgabe und großen Eifer habe Manna es bald dahin gebracht, daß sie sogar das blaue Band erhielt. Die Professorin hätte der Oberin gern gesagt, daß es ihre Pflicht gewesen wäre, den Kindern durch Lehre und That zu zeigen, wie es vor Gott keinen Unterschied des Blutes gebe und diese Ausschließung eine Gottlosigkeit und Barbarei sei. Sie unterdrückte es. Eine Röthe aber durchzog das Antlitz der Professorin, da die Oberin sagte, sie möge die Güte haben, beim Tischgebet die Hände zu falten. Sie erwiderte: »An unserm Tisch wurde kein übliches Gebet gesprochen, aber ich glaube, daß an demselben ein reines und gutes Denken herrschte.« »Gut, gut, ich wollte Sie nicht verletzen,« sagte die Oberin. »Ich habe mit Theilnahme erfahren, daß Sie den Mann verloren, um dessentwillen Sie sich aufopferten.« »Ich war glücklich mit meinem Mann,« erwiderte die Professorin, »unsere Liebe erneuerte sich täglich. Dieses Glück habe ich verloren, aber ich besitze noch eine hohe und schöne Liebe: die zu einem Sohn, der sich gut und tüchtig entwickelt hat.« »Es freut mich, daß Sie so glücklich sind, aber sagen Sie mir aufrichtig: haben Sie nicht auch gefunden, daß unter zehn verheirateten Frauen mindestens neun unglücklich sind?« Die Professorin schwieg und die Oberin fuhr fort: »Ihr Schweigen ist Bejahung, und nun sehen Sie den großen Unterschied: unter hundert Nonnen finden Sie kaum eine unglückliche.« Die Professorin schwieg noch immer, sie wollte auf diese kühne Behauptung keine Erörterung weiterführen, sie war Gast, sie wollte hier nicht bekehren und verbessern. Die Oberin aber wurde herausfordernd, denn sie fragte: »Kennen Sie etwas Unglücklicheres als ein Mädchen, das weiß und von dem Andere wissen, daß es in den Besitz von Millionen kommt? Soll es an die Liebe von vergänglichen Menschen glauben? Soll es glauben, daß es um seinetwillen umworben werde? Da bleibt nichts, als sich und seine Habe in die Hand des Ewigen geben. Wir werben nicht um Manna und ihren einstigen großen Besitz, wir bestehen darauf, daß sie in die Welt zurückkehre und erst aus freiem Entschluß wieder zu uns komme. Von unserer Seite geschieht weder Zwang noch Einflüsterung, aber wir haben auch die Pflicht, Diejenigen, die das Unvergängliche dem Vergänglichen vorziehen, wo sie auch sein mögen, zu schützen; und nun reden wir darüber nicht mehr.« Die Oberin ging davon. Die Professorin wandelte allein auf der Insel und es erschien ihr als ein Wagniß, ja als unberechtigte Kühnheit, das Kind, das hier in Frieden lebte und in diesem Kreise sein Leben beschließen wollte, herausreißen zu wollen. Sie stand am Ufer und fast ohne zu wissen warum, ließ sie sich übersetzen und war nicht wenig erstaunt, unter den schattigen Linden des Gasthofes Herrn Sonnenkamp und Herrn von Prancken beim Weine sitzen zu sehen. Prancken hatte ein seltsames Gewand an, so daß sie glaubte, sie irre sich; sie wollte umkehren, wurde aber angerufen und trat zu den beiden Männern in den Garten. Sonnenkamp war sehr aufgeheitert, er pries den Zufall, der ihn hier seinen Freund Prancken treffen ließ, er fand es gar prächtig, daß sich der Baron eine Weile zum Feldbauer machte, er deutete an, daß er auch einmal so etwas gewesen, und sagte: »Vor unserm Freunde haben wir kein Hehl. Frau Professorin, will Manna nun mit Ihnen heimkehren?« Die Professorin erzählte, daß davon noch kein Wort gesprochen sei, und man könne es auch kaum wünschen; man solle Manna ihre Zeit vollenden lassen und überhaupt sich vor jedem gewaltsamen Eingriff hüten. Prancken stimmte bei, Sonnenkamp war indeß sehr unwirsch, er fand es empörend, daß sein Kind hier wie in einer Heerde leben sollte, während ihm ein freies Dasein bereitet war. Die Mittagsglocke läutete auf dem Kloster, die Professorin sagte, daß sie zurückkehren müsse. Sonnenkamp begleitete sie bis ans Ufer und dort sagte er leise: »Kümmern Sie sich nicht um Prancken. Wir wollen meinem Kinde die Freiheit geben in jeder Beziehung.« Die Professorin fuhr wieder nach der Insel; die Kinder saßen schon bei Tische, als sie in den Speisesaal kam. Als gespeist und gebetet war, sagte die Oberin zu Manna: »Nun geh mit der Freundin Eures Hauses.« Die Professorin ging mit Manna nach dem schattigen Wäldchen am obern Ende der Insel. Auch Heimchen ging mit und war zutraulich gegen die Mutter; das Kind ließ sich ruhig mit einem Buche unter einen Baum setzen und wollte hier warten, bis man es wieder abhole. »Du darfst aber Manna nicht mit fortnehmen,« rief das Kind noch von seinem niedern Bänkchen nach; die Beiden erschraken, denn das Kind sprach wie durch einen Naturtrieb aus, was die Eine besorgte, die Andere hoffte. Viertes Capitel. »Sie scheinen mir zu höherem Leben berufen,« sagte die Professorin, »da Sie schon in früher Jugend etwas so Schweres und den ganzen Zwiespalt der Menschen erfahren mußten.« »Ich? Wie?« fragte Manna. Sie zitterte. »Sie haben ja unter jenem Entsetzlichen gelitten, das Ihr großes und schönes Vaterland befleckt.« »Mein Vaterland? Ich? Sprechen Sie deutlicher.« »Es schmerzt mich sehr, wenn ich eine Wunde berühre, aber diese Wunde ist ein Ehrenschmuck für Sie und Sie sind ja unschuldig in diesen Zwiespalt des Lebens gesetzt.« »Ich? Sagen Sie mir Alles, was wissen Sie?« »Ich meine, es muß Ihr Empfinden erhöhen, daß Sie gerade diese Niedrigkeit der Gesinnung an sich selbst erdulden mußten.« »So sagen Sie endlich deutlich, was wissen Sie?« Es lag ein harter Ton in der Art, wie Manna scharf und zornig das ausrief, ihr mildes Auge funkelte unheimlich. »Ich weiß nichts, als daß Sie bei Ihrem Eintritt ins Kloster Schweres erleiden mußten, da zwei Amerikanerinnen Sie für Halbblut hielten und nicht mit Ihnen sein wollten.« »Ja, ja, das ist's! Jetzt weiß ich, warum Anna Sotway oftmals sagte, sie vermöge in den Augen und an den Nägeln zu erkennen, wer Negerblut in seinen Adern habe. Ich danke Dir, heiliger Gott, daß Du mich das erleben ließest. Nun verstehe ich erst recht, wofür ich das Opfer bin. Ich selbst . . . ich selbst sollte die Schmach erleben, wie ein Sklave ausgeforscht zu sein! Aber warum duldest Du Gott, daß sie Dich anbeten, und Dich in Deinen Geschöpfen verhöhnen? Also nicht weil ich gottesfürchtig und gehorsam sein wollte, nein, weil ich von reinem Blute bin, duldeten sie mich hier?« Es schien ein fremdes Wesen, das hier sprach, und in den Wald hinein rief: »Ihr Bäume, warum seid ihr ein jeder nach seiner Art, und blüht und grünt und wachset und Eine Sonne erwärmt euch und die Vögel singen. Wehe! wo bin ich?« »Auf gutem Wege,« sagte die Professorin. Manna starrte sie an, als wäre sie ein Gespenst, die Professorin aber fuhr fort: »Ein reiner Geist erneuert sich in Dir, mein Kind. Lessing ahnte nicht, da er das Wort aussprach: Ich will nicht, daß allen Bäumen Eine Rinde wachse – daß sich sein Geist hier im Kloster, in einem erwachenden Kinde neu offenbaren würde. Sein Geist ist jetzt zwischen uns, und ich glaube, er würde Dir sagen: Vergib ihnen, sie werden lernen, daß Gott allein beharrt und die Menschengeschlechter nur wandelnde, ewig sich erneuernde Erscheinungsformen sind.« Manna schien sie kaum gehört zu haben, denn sie faßte jetzt die Professorin an und fragte: »Sagten Sie mir nicht, daß Sie das besondere Vertrauen meiner Mutter hätten?« »Ja.« »Und hat sie Ihnen auch das . . . das Andere mitgetheilt?« »Ich verstehe Sie nicht.« »Sprechen Sie offen mit mir. Ich weiß Alles.« »Ihre Mutter hat mir kein Geheimniß mitgetheilt.« Krampfhaft faßte Manna das Kreuz auf ihrer Brust und starrte lange lautlos vor sich hin. Mit eindringlicher Herzlichkeit sprach die Professorin, wie sehr sie bedaure, Manna so erschüttert zu haben. Diese gab noch immer keine Antwort. Sie setzte sich auf eine Bank, die unter einer Tanne angebracht war, lehnte sich an die Tanne, schaute in den Himmel hinein und sagte vor sich hin: »Warum kommt nicht mehr eine Stimme aus der Luft zu uns? Ach, ich möchte so gern, ich würde ihr folgen über Berg und Thal, in Nacht und Tod.« Sie weinte. Die Professorin bat sie, recht ruhig zu sein, aber Manna erklärte, sie könne nicht, es thäte ihr so weh, daß man sie hier fortrisse, und fort müsse sie, sie könne hier nicht mehr wahr sein, denn die Menschen seien nicht wahr gegen sie gewesen. Jetzt erst erfuhr die Professorin zu ihrem Schreck, daß Manna das Vorkommniß nicht gekannt habe. Sie klagte, daß sie es sich nie verzeihen könne, die junge Seele Manna's so verstört zu haben. Und nun wendete sich Manna und suchte sie zu beruhigen und zu trösten. »Glauben Sie mir,« rief sie und hob die gefalteten Hände zu ihr empor, »ach ich weiß, daß die Wahrheit allein befreit, und das ist ja das Entsetzliche, daß der Park und das Haus und der Glanz gelogen sind . . . Nein, das wollte ich nicht. – Nur Eins bitte ich, bedauern Sie nicht, daß Sie mir das gesagt; es schadet nichts, es hilft mir. – Gewiß, es hilft mir. Ich mußte auch das noch kennen und es ist gut.« Die Professorin fühlte, wie schwer sie es dem Mädchen gemacht, und sie erklärte, daß die Oberin wie ein Arzt geheilt habe, ohne dem Kranken sein ganzes Leid zu sagen. Die Professorin berichtete ihr dann, daß der Vater drüben am Ufer auf sie warte und hoffe, sein Kind werde mit ihm heimkehren. »Kommen Sie mit mir zur Oberin,« rief Manna plötzlich. Sie faßte die Professorin an der Hand und ging mit ihr nach dem Kloster. Jetzt aber kam Heimchen und rief: »Nein, Manna, Du darfst nicht fort, Du darfst mich nicht allein hier lassen.« »Komm mit,« entgegnete Manna und nahm das Kind an der Hand. Sie ging zur Oberin und bat um die Erlaubniß, im Geleite der Professorin zu ihrem Vater zu gehen, der drüben am Ufer auf sie warte. »So laß ihn doch hieher kommen.« »Nein, ich möchte zu ihm.« Es wurde gestattet. Nur schwer ward es, Heimchen zu beschwichtigen und abzulösen. Manna kam mit der Professorin in den Garten am Gasthofe; dort im Schatten der Laube saß noch Sonnenkamp mit Prancken. »Du gehst mit uns heim?« rief Sonnenkamp seiner Tochter entgegen. Sie duldete seine Umarmung, aber sie erwiderte sie nicht. Prancken war erfreut, Manna zu begrüßen, und als sie ihm die Hand reichte, sagte er lächelnd: »Ich habe eine harte Hand bekommen, aber mein Herz ist noch weich, vielleicht zu weich.« Manna schlug die Augen nieder. Es gab bald heitern Scherz über die Art, wie sich Prancken hier in der Nähe angesiedelt hatte. Er wußte mit Lustigkeit zu erzählen, wie er sich in das neue Leben finde; es war eine frische Kraft in seiner Erscheinung und ein heller Ton in seinen Worten; er sah nicht ohne Befriedigung, welchen Eindruck sein Verhalten auf Manna machte. Diese sagte endlich: sie glaube offen sprechen zu dürfen, sie habe eigentlich ein Verlangen, sofort das Kloster zu verlassen, oder noch besser, gar nicht mehr in dasselbe zurückzukehren; der Vater oder die Professorin sollten hinüber fahren und an ihrer Statt Lebewohl sagen und, wenn es möglich sei, Heimchen mitnehmen. »Ist einem Freunde erlaubt, ein Wort drein zu reden?« fragte Prancken, als Sonnenkamp seine Freude kundgab. Manna bat, daß er spreche, und er erklärte nun, wie er als Freund darauf halten müsse, daß sie correct handle. Was auch vorgekommen sei, es bleibe die Pflicht Manna's, ein so inniges und reines Verhältniß, wie sie es zum Kloster und namentlich zur Oberin gehabt, nicht schroff zu lösen; Härte und Undankbarkeit, die man gegen Andere übe, lasse eine Schwere und Bitterniß in der Seele zurück. Er glaube daher, daß, wie Manna aus freiem Entschluß ins Kloster gegangen, sie nun dasselbe eben so in Güte und Verträglichkeit verlassen müsse. Zurückkehren und noch einige Zeit verweilen, von den Genossinnen und den frommen Schwestern mit ruhigem Bedacht sich ablösen, das erscheine ihm angemessen. Er wiederholte, daß auch ihm nichts erwünschter sein könne, als wenn Manna so bald als möglich und so voll als möglich ins bewegte Leben zurückkehre, aber es sei die Pflicht des Freundes, demjenigen, dem man nahe stehe, jede nachfolgende Reue und innere Unruhe zu ersparen. Es war mehr als eine vornehme, es war eine edle Haltung in der Art, wie Prancken das Alles sagte. »Sie haben Recht,« rief Manna, reichte Prancken die Hand und hielt sie eine Weile fest. »Ich danke Ihnen und folge Ihnen.« Sonnenkamp war außer sich, daß sein liebster Wunsch wieder vereitelt wurde; aber auch die Professorin stimmte bei. Die beiden Frauen gingen, von den Männern begleitet, nach dem Ufer und fuhren nach der Insel. Heimchen, das immer geweint hatte, war bereits zu Bette gebracht und klagte, daß Manna fort sei; sie mußte noch zu dem Kinde, sie traf es weinend, das Kissen war naß; sie trocknete ihm die Augen und redete ihm zu, bis es einschlief. Fünftes Capitel. Noch spät am Abend ging Manna zwischen der Oberin und der Professorin, von Beiden an der Hand geführt, den breiten Gang auf der Insel auf und ab. Es war, als ob zwei Weltmächte sich liebend um sie stritten. Die beiden Frauen sprachen – es ließ sich kaum mehr zurückleiten, wie man dazu gekommen war – über Rechthaberei. Die Professorin behauptete, daß die Erlösungsfähigkeit in der Bereitwilligkeit bestehe, eine Uebereilung, ein Unrecht, einen Irrthum frei zu erkennen und zu bekennen. Die Oberin stimmte dem bei, aber sie behauptete, daß man zum Irrthum, zu falscher Ansicht in den höchsten Dingen immer wieder zurückkehren könne, wenn nicht feste, unerschütterlich geoffenbarte und durch ein unfehlbares Organ immer neu verkündete Lehre den Irrthum heile; sonst wisse man ja nie, ob man nicht wieder im Irrthum sei. Die Oberin hatte jenes sichere Bewußtsein des Positiven, während die Professorin für jedes Vorkommniß neue Erkenntniß und Bestimmung suchen mußte, so daß sie gewissermaßen unstet und unsicher erschien. Dies Gefühl wurde noch vermehrt, da sie sich nicht für berechtigt hielt, gegen einen so festen und segensreich wirkenden Glauben anzukämpfen. Eine Unruhe, wie ein Spion sie empfinden muß, der in bester patriotischer Absicht im Feindeslager sich umschaut, beherrschte das Wesen der Professorin; sie bedauerte, daß sie einen solchen Auftrag übernommen. Aber jetzt war sie auf dem Posten, jetzt mußte sie ihre Anschauung vertheidigen; sie suchte den Punkt, wo sie ganz wahr sein durfte, indem sie Manna erzählte, daß ihr Vater eine ausgebreitete Wohlthätigkeit organisiren wolle, und welch ein schöner Beruf es sei, da mitwirken zu dürfen. Die Oberin ließ Manna erwidern, die nun sagte: »Frauen können nicht im Großen wirken und die Gaben, die mein Vater spendet, kommen doch nicht in die rechten Hände; wir können das Besitzthum nur wieder zurückgeben in die Hand dessen, der allein zu bestimmen hat, wohin es wirken soll.« Die Oberin wiederholte, daß sie Manna entschieden abrathe, den Schleier zu nehmen; es sei zu fürchten, daß ihr Naturell sich nicht dazu eigne. Zur Professorin gewendet setzte sie in scharfem Tone hinzu: »Wir sind gleichgültig gegen den Vorwurf, daß man uns nachsagen könnte, wir hätten nach dem Besitzthum des Kindes gestrebt; wir verschmähen das Besitzthum nicht, wir können Großes damit wirken, aber die Seele des Kindes allein ist es, worauf wir Werth legen, und fragen nichts darnach, ob die Weltlinge uns das glauben oder nicht.« Die Professorin war froh, als sie endlich allein in der Zelle war, wo sie schlafen sollte. Man war im Kloster sehr früh wach, aber lange bevor das Mettenglöcklein läutete, stand die Professorin angekleidet in ihrer Zelle und schaute hinaus in den anbrechenden Tag, wo die Nebel auf dem Strom mit dem Morgendämmern kämpften. Sie dachte sich in die Hunderte von jungen Seelen, die jetzt noch im Schlafe liegen, einer fraglichen Zukunft entgegenwachsend; sie dachte sich in die Seelen der Nonnen, die dem Leben entsagt hatten, denen der Tag kein persönliches Ereigniß mehr brachte, nur noch die stetige Pflicht. Darf man es wagen, in solch ein Leben einzugreifen, es zu stören? Mag auch viel Ungehöriges hier geschehen, es herrscht ein heiliger Wille über die Gemüther. Man kann einer bestehenden positiven Religion sich nur entgegenstellen durch mehr Religion. In der Welt ist die Idee des Reinen verfolgt, gehetzt, verdunkelt; die Hand muß sicher und höher geweiht sein, die es wagen kann, ein Asyl der Idee anzugreifen. Das Morgenlicht war Herr geworden über die Nebel und erglänzte über den Bergen und aus dem Strom; die Klosterglocke läutete; es ward lebendig in dem großen Hause. Die Professorin blieb, bis der Morgengottesdienst zu Ende war, dann ging sie in den Speisesaal, um von Manna und der Oberin Abschied zu nehmen. Sie wurde bis ans Ufer geleitet. Mit befreiter Seele fuhr sie hinüber. Als sie mit Sonnenkamp nach der Villa zurückfuhr, entwarf sie auf dem Schiffe den Plan, wie man eine ausgebreitete Wohlthätigkeit organisire; es müsse etwas Umfassendes geschaffen werden, so daß Manna von dem einen Heiligthum in das andere eintrete. Sonnenkamp hörte still, aber unwillig zu; die ganze Welt hatte sich verschworen, ihn zum Tugendheuchler zu machen. Ganz Aehnliches hatte Prancken gestern von ihm gefordert; er hatte die religiöse Verpflichtung hervorgehoben. Sonnenkamp hatte die Achseln gezuckt, da der Mann auch vor ihm sich eine Maske vorhielt. Erst als Prancken hinzufügte, daß der Hof dadurch nicht nur berechtigt, sondern auch verpflichtet sei, ihm die Standeserhöhung zu verleihen, willigte er ein. Nun kam die Professorin mit dem Gleichen, und das war gut, sie meinte es wahrscheinlich ehrlich. Die Heimfahrt war wenig belebt, denn man kam leer zurück, ja, Sonnenkamp war empört, daß er wieder nur leisten sollte, ohne etwas erreicht zu haben. Sechstes Capitel. Ein fremder Gast war indeß auf Villa Eden erschienen. Am Morgen nach der Abreise der Professorin war Roland nach dem Rebenhäuschen gegangen, um für Erich ein Buch aus der Bibliothek zu holen. Als müßte er sehen, wie es ohne die Mutter ist, trat er in das offene Zimmer derselben; da lag auf dem Tische ein aufgeschlagenes Buch und auf dem weißen Blatte stand in englischer Sprache: Meinem Freunde Dournay – Theodor Parker. Roland erschrak. Das ist der Mann, von dem die Mutter vor wenigen Tagen gesprochen. Er nahm das Buch, brachte es Erich und bat, daß er es lesen dürfe. Erich war betroffen; aber nach einigem Besinnen überließ er Roland das Buch. Unter den hohen Weiden am Ufer saß Roland und las und las, schaute bisweilen in den Strom und las weiter. Da ist ein Kämpfer, ein begeisterter, Gott verehrender Kämpfer für die freie Sittlichkeit und gegen die Sklaverei. Er prophezeite einen großen Kampf und die Worte: »Alle großen Urkunden der Menschheit sind mit Blut geschrieben,« fielen in die Seele des Jünglings wie ein Feuerfunke. Weiter und weiter las er, bis er merkte, daß das Licht sich verdunkelte und es Nacht wurde. Seine Wangen glühten, als er zu Erich kam und ihm das Buch zurückgab. Roland hatte eine verbotene Frucht vom Baume der Erkenntniß genossen und Erich war ergriffen, wie tief Alles in die Seele des Jünglings gedrungen war. Eine neue schwere Aufgabe stellte sich ihm: der Jüngling mußte zurückgehalten werden von jeder Mittheilung an seinen Vater. Bis tief in die Nacht saß Erich bei Roland; er mußte den geraden Sinn desselben ablenken und das war fast das Härteste, was er in dieser Stellung auf sich genommen. Der Jüngling sollte erkennen, daß es eine Betrachtungsweise gibt, die die Sklaverei als berechtigt und nothwendig aufrecht erhält; er sollte nie seinem Vater Kunde davon geben, daß er im Gegensatze stehe und durch die Professorin mit einem Geiste bekannt geworden, der in diesem Hause nicht angerufen werden durfte. Erich gedachte der Mutter, die ihn ermahnt, in den Lehrgang Rolands das zu bringen, was nothwendig sei, und nicht was der Jüngling beliebig wünsche; jetzt war etwas gekommen, wo er der Fährte nachgehen mußte, die der suchende Geist des Jünglings eingeschlagen hatte. Freuen mußte man sich, daß er selber den Weg fand, das war ja, was alle Erziehung wollte, und nun sollte Erich ihn von diesem Wege ablenken und die feste Grundsätzlichkeit: Du sollst und Du sollst nicht, auflösen und zersplittern? »Mich hat ein großer Neger auf dem Arm gehabt,« erzählte der Jüngling, »dessen erinnere ich mich ganz deutlich; ich erinnere mich auch seines wolligen Haares, in dem ich ihn zauste; er hatte ein ganz glattes Gesicht, gar keinen Bart.« Wie träumerisch fuhr er fort: »Ich bin von Negern getragen worden . . . von Negern.« Leiser und leiser wiederholte er das Wort, dann schwieg er. Plötzlich fuhr er sich mit der Hand über die Stirn und fragte: »Haben Menschen, die Sklaven sind, wol auch ihre Kinder lieb? Weißt Du keinen Gesang, den sie singen?« Erich wußte nicht viel zu antworten; Roland wollte wissen, wie die vergangenen Völker die Sklaverei betrachteten. Erich wußte nur Oberflächliches darüber. Bis tief in die Nacht hinein schrieb Erich einen Brief an Professor Einsiedel; er legte dem väterlichen Freunde dar, wie es ihm neu aufgegangen, daß zwei Gewalten in der Menschheit ringen, wie Herrschen und Dienen zu einem geschichtlichen und zu einem Naturgesetze gemacht werden sollte; er sprach seinen Vorsatz aus, in wissenschaftlicher Weise eine Geschichte der Sklaverei durch alle Zeiten hindurch aufzustellen, und bat seinen Lehrer um Angabe betreffender Schriften. Als Erich von Roland geleitet am andern Tage den Brief an Professor Einsiedel nach dem Bahnhof trug, sahen sie das Schiff herankommen, auf welchem Sonnenkamp und die Professorin zu Berg fuhren; sie winkten und gingen nach der Anlände. Sonnenkamp ging mit Erich voraus, er schien mißgestimmt. Roland hielt die Professorin zurück, so daß eine große Strecke zwischen ihnen und den Vorausgehenden war, dann fragte er: »Hat Ihnen Manna auch gesagt, daß sie Iphigenie sei?« »Nein.« Die Professorin preßte die Lippen zusammen, sie ahnte etwas, sie verstand nun die Klage Manna's, daß sie an sich selbst das Entsetzliche habe erfahren müssen. Roland erzählte, daß er das Buch gelesen, das sie vergessen hatte. Die Professorin erschrak, wurde aber wieder ruhiger, da Roland erklärte, wie Erich ihm Alles zurechtgelegt habe und wie er das Geheimniß bewahren wolle. Dennoch war ihr tief bange, als sie in die Villa zurückkehrte; sie hatte einen Geist hierher gebracht, der nicht hier hausen sollte. Was sie verborgen gehalten, war in eine Wirkung ausgebrochen, über die sie nicht mehr Herr war und die plötzlich Schrecken und Verwirrung bringen konnte. Frau Ceres war wieder krank, Fräulein Perini durfte nicht von ihrer Seite. Als die Professorin und Sonnenkamp sie besuchen wollten, ließ sie danken. Wie ein Kind, das heiter in sich, nur dem nächsten Augenblick lebend, von keinem Wirrwarr, keiner Grübelei weiß, erschien der Major und Jegliches freute sich an seiner naturfesten Gleichmäßigkeit. Er fand es besser, daß Manna jetzt nicht käme, sie solle erst kommen, wenn die Burg fertig sei. Er freute sich auf die Zeit, wo wieder Alle beisammen seien, er konnte das Reisen und Auseinanderfahren nicht leiden; man habe es ja nirgends besser und schöner als hier zu Lande und mehr als Himmel und Wasser und Berge und Bäume gebe es doch nirgends. Die Professorin begleitete den Major nach seinem Hause. Bis spät in die Nacht hinein saß sie bei Fräulein Milch und diese wurde zur ersten Gehülfin in der Organisation der Wohlthätigkeit bestimmt. Sie kannte alle Menschen und Verhältnisse, verlangte vor Allem, daß man ein Dutzend Nähmaschinen in die umliegenden Dörfer schenke, sie selbst wolle die Frauen und Mädchen in deren Handhabung unterrichten. Vom Major und Fräulein Milch geleitet, kehrte die Professorin in die Villa zurück. Sie war ruhig, und als ob er gesungen wäre, tönte ein Spruch Goethe's ihr in der Seele: Nicht durch Nachdenken erkennst Du, was Du bist, sondern indem Du versuchst, Deine Pflicht zu thun. Siebentes Capitel. Die Professorin fuhr mehrere Tage mit dem Doctor auf die Landpraxis, sie gewann dadurch selbständige Einsicht in das ländliche Leben. Dann legte sie den in Gemeinschaft mit Fräulein Milch entworfenen Plan Herrn Sonnenkamp vor; er genehmigte ihn mit Bereitwilligkeit und an der Anschaffung der Nähmaschinen hatte er sein besonderes Wohlgefallen. Das ist nicht nur etwas Amerikanisches, es bringt auch Gerede in die Welt. Er reiste selbst nach der Residenz und kaufte die Maschinen. Die Zeitungen brachten ruhmreiche Kunde, wie Herr Sonnenkamp den Wohlstand des Volkes fördere. Die Cabinetsräthin kam und glückwünschte zu dem schönen Erfolge, indem sie hinzufügte, daß nach einer Nachricht ihres Mannes diese Thätigkeit des Herrn Sonnenkamp höchsten Ortes wohl vermerkt sei. Nun war in Sonnenkamp ein großer Eifer, er wollte die öffentliche Stimme nicht ruhen lassen, sie sollte jeden Tag von ihm reden; aber Prancken, der zu Besuch gekommen war, sagte, daß es besser sei, etwas inne zu halten, um dann wieder aufs Neue zu überraschen. Ein Weg am Ufer entlang wurde durch schöne Wiesen von der Villa aus nach dem rebenumrankten Häuschen angelegt, und eines Tages bat Sonnenkamp die Professorin, mit ihm nach dem Garten zu gehen, und die Hausbewohner mußten mitgehen. In die Mauer, die den Park umgab, war eine neue Thür eingebrochen. Sonnenkamp sagte, die Professorin solle die Erste sein, die diesen Eingang betrete. Er überreichte ihr den Schlüssel; sie öffnete und ging durch das Thor den Weg entlang, die ganze Familie, auch Prancken folgte ihr. Man ging nach dem rebenumrankten Häuschen und die Professorin war erstaunt, hier ihren ganzen Hausrath und die Bibliothek ihres Mannes wohlgeordnet aufgestellt zu finden. Auch Tante Claudine war wieder da. Mit einem gewissen Stolze stellte Sonnenkamp seinen Kammerdiener Joseph vor, der Alles so schön geordnet hatte. Erich erhielt ein großes Paket Bücher, dabei einen Brief des Professor Einsiedel und einen Bogen Notizen. Er lobte Erich, daß er eine Abhandlung über Begriff und Wesen der Sklaverei schreiben wolle, es sei ein ergiebiges Thema. Erich verschloß die Bücher, denn es war ihm lieb, daß Roland vorerst weder an Sklaverei noch an freie Arbeit dachte, er strebte jetzt nach ganz Anderem. Der Sohn der Cabinetsräthin, der Cadett, befand sich auf Urlaub in dem neu erworbenen Landhause und eiferte Roland an, er solle bald eintreten. Roland war nun nur darauf bedacht, so bald als möglich in die oberste Classe eintreten zu können; er sprach davon mit dem Vater und Prancken. Der Vater aber nahm ihn einst bei Seite und sagte. »Mein Kind! Es ist gut und es freut mich, daß Du Dich so eifrig vorbereitest, aber Du sollst erst eintreten . . . ich ehre Dich, indem ich Dir das mittheile. Ich halte Dich für reif genug.« Er hielt inne und Roland fragte: »Wann soll ich denn eintreten?« »Du sollst erst eintreten, wenn Du adlig bist.« »Ich adlig? Du auch?« »Ja, wir alle; um deinetwillen muß ich den Adel erwerben, Du wirst das später einsehen. Freust Du Dich, adlig zu werden?« »Weißt Du, Vater, wann ich vor dem Adel Respect bekommen habe?« Sonnenkamp sah ihn fragend an und Roland fuhr fort: »Auf dem Bahnhofe, wo ich einen wahnsinnigen Betrunkenen sah; Alles hatte Respect vor ihm, weil es ein Baron war. Es ist doch eine große Sache, ein Adliger zu sein.« Er erzählte die Begegnung am Morgen seiner Flucht, und Sonnenkamp war erstaunt über die Wirkung auf Roland und was Alles in ihm lebte. Dann sagte er: »Nun gib mir die Hand, daß Du Herrn Erich nichts davon mittheilst, bis ich es ihm selbst sage.« Zögernd gab Roland die Hand. Der Vater erklärte ihm weiter, wie mißlich es wäre, wenn er, mit bürgerlichem Namen eingetreten, erst im Cadettenhause den Adel erhielte. Roland fragte, warum er Erich nichts davon mittheilen solle. Der Vater verweigerte den Grund und verlangte unbedingten Gehorsam. So hatte Roland ein doppeltes Geheimniß zu bewahren, eines vor dem Vater und eines vor Erich; das beschwerte die Seele des Jünglings, und es kam zu seltsamem Ausdruck, als er Erich einst fragte: »Haben die Neger in ihrer Heimat auch Adlige?« »Es gibt an sich keine Adlige,« erwiderte Erich, »einzelne Menschen sind nur von Adel, wenn und so lange Andere sie dafür halten.« Erich hatte geglaubt, daß das ausschließliche Hinstreben Rolands nach dem Cadettenhause alles frühere Grübeln und Denken zugedeckt habe, jetzt sah er, daß es dennoch lebte und eine seltsame Gedankenverbindung angenommen hatte, die er nicht zu deuten wußte. Während des Urlaubs war der Sohn der Cabinetsräthin sehr eifrig beim Unterricht zugegen; in Uebereinstimmung mit der Cabinetsräthin trat Sonnenkamp mit dem Vorschlage heraus, daß der junge Cadett auf einige Zeit austreten solle, um in Gemeinschaft mit Roland unterrichtet zu werden. Roland war beglückt über diesen Plan, aber Erich widerstrebte; und als Sonnenkamp ihm entgegenhielt, daß er ja vordem gewünscht habe, Roland mit einem Kameraden zu unterrichten, ward es Erich schwer, ihm zu erklären, daß dies nunmehr unthunlich sei. Der Lehrgang, den er mit Roland eingehalten, sei ein durchaus persönlicher, so daß jetzt eine Kameradschaft und ein Rücksichtnehmen auf fremdes Wissen nur störend sei. Erich entfremdete sich damit nicht nur Sonnenkamp und die Cabinetsräthin, sondern auch auf geraume Zeit seinen Zögling selbst, der unwillig und widerspenstig war, als der Cadett in die Residenz zurückkehrte. Achtes Capitel. Seitdem man zur Erzielung eines starken Weines die Traube am Stock »edelfaul« werden läßt, gibt es keine Herbstlust mehr. Sonnenkamp war stolz darauf, die besten Trauben gezogen zu haben, aber mit dem Herbstjubel war es trotzdem nichts. Die Nebel standen am Morgen lange über dem Thale und verhüllten früh am Abend die ganze Landschaft; die Blätter waren von den Bäumen gefallen, der Reif glitzerte auf den kahlen Zweigen, als man endlich die Trauben einsammelte und kelterte. Der Major ließ es sich nicht nehmen, Freudenschüsse loszuknallen, und hatte großes Vergnügen an seinen beiden Kameraden, Erich und Roland, die vortrefflich mit ihm auf Commando schossen, so daß der dreifache Schuß nur ein einfacher Knall war; das war aber auch Alles. Auf der Villa wurde bereits geheizt, und die Einrichtung Sonnenkamps, daß jeder Ofen sein besonderes Kamin hatte, bewährte sich. Ein Fest aber war es, als bei der Professorin zum ersten Male ein Stubenfeuer brannte; Erich und Roland, auch Fräulein Milch waren gekommen und so saß man beisammen um den offenen Kamin; es ließ sich nicht eigentlich sagen, was Alle erquickte, sie waren im Innersten heimisch und befriedigt. Die Mutter ermunterte Erich, wieder einmal am behaglichen Winterabend eine ihrer Lieblingsdichtungen vorzulesen. Erich erklärte sich bereit, weil er fühlte, daß er die Verfremdung, welche durch seine Weigerung, den Sohn der Cabinetsräthin mit zu unterrichten, eingetreten war, auf jede Weise zu beseitigen suchen mußte. Sonnenkamp, der ein großes Jagdrevier hatte, ließ schöne Karten drucken, mit denen er die bessere Gesellschaft zu seinen Jagden einlud. Es kamen Gegeneinladungen der Nachbarn und auch Erich fand sich mit Roland wenigstens einmal wöchentlich bei einer großen Jagd ein. Roland war stolz auf die Jagdkunst seines Vaters, der von Allen als der Erste angesehen wurde; die Gesellschaft hörte ihm immer gern zu, wenn er von großen Jagden erzählte. Auf einem kurzen Ausfluge in Algier hatte er sogar einen Löwen geschossen, dessen Fell noch unter seinem Schreibtisch lag. Das heiterste Jagdessen wurde auf der Burg abgehalten, wo vorläufig ein großes Zimmer dazu eingerichtet war. Hier war der Major der eigentliche Burgherr, er erzählte auch von den belebten Abenden, die Erich durch Vorlesen antiker und moderner Dramen auf Villa Eden bereite; er habe nicht gewußt, daß es so viel Schönes gebe und daß ein einzelner Mensch mit seiner Stimme Alles so deutlich machen könne. In fast ununterbrochener Regelmäßigkeit hatte Erich wöchentlich einen Abend vorgelesen. Das Verhalten der Zuhörer war ein verschiedenes. Der Major saß immer andächtig und hatte die Hände gefaltet, Frau Ceres lag in ihrem Stuhl und schlug nur manchmal die Augen auf, um kund zu geben, daß sie nicht schlafe. Fräulein Perini hatte eine Handarbeit, die sie, ohne irgend eine Erschütterung zu zeigen, regelmäßig fortführte. Die Professorin und Claudine saßen ruhig da. Sonnenkamp bat ein für allemal um Entschuldigung, daß man ihm seine Unart verzeihe. Und so saß er und schnitzelte an einem Holzpflock. Nur manchmal schaute er auf, hielt das Schnitzelmesser in der Rechten und das Holz in der Linken und starrte drein; schnell aber kehrte er wieder zu seiner Arbeit zurück. Roland setzte sich Erich immer so gegenüber, daß dieser ihm in die Augen lesen mußte, und bis tief in die Nacht hinein sprach er oft von dem, was er gehört. Erich hatte Macbeth gelesen und war erfreut, da Roland ihm sagte: »Lady Macbeth kann einmal in solch eine Hexe verwandelt werden, wie sie da gleich am Anfang auftreten.« Ein andermal, als Erich den Hamlet vorgelesen, war er nicht wenig erstaunt, da Roland ihm vor dem Schlafengehen sagte: »Wunderlich! Hamlet spricht in seinem Monolog davon, daß noch Niemand aus der andern Welt wieder erschienen sei, und kurz vorher war ja der Geist seines Vaters da und kommt nachher wieder.« Wieder ein andermal, als Erich die Goethe'sche Iphigenia gelesen hatte, sagte Roland: »Ich verstehe noch immer nicht, warum Manna mir damals gesagt hat, sie sei Iphigenie; dann wäre ich ja Orest. Ich, Orest? Warum? Was nur Manna damit gemeint hat?« Eines Abends, als der Pfarrer und der Arzt zugegen sein konnten, bat dieser, daß Erich den Othello von Shakespeare vorlese. Sonnenkamp sah den Arzt betroffen an, aber schnell lächelte er gezwungen und stimmte bei. Erich sah auf Roland. Wird nicht dadurch das eingeschlummerte Grübeln Rolands über die Neger eine neue Erweckung erhalten? Er wußte nicht abzulehnen und auch keinen Grund vorzubringen, um Roland zu entfernen. Erich las. Die Fülle und Biegsamkeit seiner Stimme brachte jeden Charakter zur vollen Geltung, er hielt die Grenzlinie inne, die das Vorlesen fern von allem Theatralischen hält; es war nicht Nachahmung des Lebens, vielmehr eine Plastik, die nicht die Farbe hervorhebt, sondern die reine Form erscheinen läßt. Der Doctor nickte der Professorin zu, die Vortragsweise Erichs schien ihm zuzusagen. Zum ersten Mal hörte Frau Ceres mit gespannter Aufmerksamkeit zu, sie lehnte sich den ganzen Abend nicht zurück, sie hielt sich vorgebeugt und ihr Antlitz hatte einen neuen, ungekannten Ausdruck. Erich las in Einem Zuge fort, und als er am Schlusse jenes weinende Schuldbekenntniß Othello's in einer mit Thränen kämpfenden Stimme vortrug, rannen große Thränen über das feine blasse Antlitz der Frau Ceres. Das Stück war zu Ende. Frau Ceres erhob sich rasch und bat die Professorin, sie in ihr Zimmer zu geleiten. Fräulein Perini und Claudine entfernten sich mit ihnen. Die Männer waren aufgestanden, nur Roland blieb wie gebannt auf seinem Stuhle sitzen. Sonnenkamp betrachtete sein Schnitzwerk und legte die abgeschnitzten Stücke in ein Häufchen zusammen, wie wenn es lauter Goldsplitter wären, ja er bückte sich, um einige auf den Boden gefallene aufzuheben. Jetzt richtete er sich auf und fragte Erich: »Was denken Sie von der Schuld der Desdemona?« »Schuld und Unschuld,« erwiderte Erich, »sind keine Naturbegriffe, sie sind menschliche, sociale Moralgesetze; die Natur kennt nur das freie Spiel der Kräfte und eine solche zweite Natur sind die Dichtungen Shakespeare's, sie stellen das freie Spiel der Naturkräfte im Menschen dar.« »So ist's,« schaltete der Pfarrer ein. »In diesem Werke ist nie von Religion die Rede, die Religion müßte die wilden, nur wie Naturkräfte sich geberdenden Menschen mildern, schmeidigen und zur Beherrschung bringen oder vielmehr zur Unterwerfung unter die geoffenbarten höheren Gesetze.« »Schön, sehr schön,« sagte Sonnenkamp, der blaß geworden war, »aber erlauben Sie, daß ich den Herrn Hauptmann noch um Beantwortung meiner Frage bitte.« »Ich kann Ihre Frage,« ergänzte Erich, »nur mit den Worten unseres größten Aesthetikers beantworten, der einmal scherzweise gegenüber den moralisirenden Auslegungen sagte: Der Dichter wollte einen Löwen charakterisiren, und um einen Löwen zu charakterisiren, mußte dargestellt werden, wie er ein Lamm zerreißt. Von der Schuld des Lammes ist keine Rede, der Löwe muß seiner Natur gemäß handeln. Ich glaube aber, daß die tiefste Tragik dieses Dramas unausgesprochen und verhüllt bleibt.« »Und was wäre das?« »Nur die mutterlose, geschwisterlose, unter Männern erwachsene Desdemona konnte einen Helden lieben, dessen elegisches, kindliches, Liebe bedürftiges und anschmiegendes Naturell sich wie ein gezähmter Löwe zu ihren Füßen niederkauert. Der Tact des Dichters ist ein wunderbar prophetischer. Es ist wider die Natur! ruft Desdemona's Vater und das ist die Lösung des Problems. In diesem Worte lebt sich Alles gut aus und stimmt in sich überein wie ein Naturprodukt.« »Also gerade Sie, der Idealist, fassen den hier aufgestellten Conflict durchaus physiologisch?« warf der Doctor ein und Erich erwiderte: »Die Rassen sind verschieden, aber sie sind ethisch gleich. Läge der Accent auf einer Rassenverschiedenheit, die auch eine moralische Verschiedenheit wäre, so wäre es keine Tragödie; denn nur zwischen moralisch Gleichen gibt es eine Tragik, nicht zwischen Wesen höherer und niederer Gattung. Die fügsame, ihre Wildheit nicht verleugnende, aber wie erlöste Kraft bildet die Quelle einer Liebe, die Alles vergessen macht, sogar die Rassenverschiedenheit überwindet und die schwarze Farbe tilgt. Als Othello sie zum ersten Mal küßte, hielt Desdemona wol die Augen geschlossen; diese Geschlossenheit des Auges ist nicht nur ein Moment, sie hält lange an. Aber ein Entsetzen ohne Gleichen, eine wahnsinnige Verwirrung müßte aus diesem Augenschließen werden, wenn Desdemona ein Kind in den Armen halten sollte, das ihr seiner ganzen äußeren Bildung nach fremd und abstoßend erscheinen mußte. Aufschreien müßte sie aus zerwühltem Herzen. Ein Kind an ihrer Brust, das ihr so fremd! Der erste Blick einer Mutter auf ihr Kind, den ein Philosoph als den höchsten bezeichnet, dieser Mutterblick müßte Desdemona tödten oder wahnsinnig machen.« Sonnenkamp, der mit rasch sich bewegenden Fingern an den Splittern gespielt hatte, warf jetzt das Angesammelte auf den Boden, ging auf Erich zu, streckte ihm beide Hände entgegen und rief: »Sie sind ein freier Mann, ein frei Denkender, von keinem Hokuspokus betäubt. Sie sind der Einzige, der mir die Unzuträglichkeit aus dem Grund erklärt. Ja, so ist's. Es ist wider die Natur! Das Connubium . . . das Connubium! Die Römer wußten, was darin liegt. Wo das Connubium im Widerspruch mit der Natur ist, da kann von Menschenrecht, von Rechtsgleichheit keine Rede sein. Affen ihrer eigenen Vernunft, selbst zum Affen heruntergesunken sind die Humanitätsfaseler, die fern von den Dingen, allgemeine Vorstellungen und Anforderungen bilden und die nie zu vermenschlichenden, ewig tückischen, nur mit Sprache begabten Thiere nicht kennen. Hoho! Du edler Menschenfreund!« rief er und ging in der Stube auf und ab. »Gib Deine Tochter einem Neger, thu' das! thu' das! Fürchte jede Stunde, daß er Dein Kind zerfleische! herze einen schwarzen Enkel! thu das! edler Menschenfreund! Dann komme wieder und sprich von Gleichheit der weißen und der schwarzen Rasse!« Noch nie hatten die Männer Sonnenkamp so sprechen hören. Er hatte die Fäuste geballt, als hielte er einen Gegner, den er würge. Jetzt wiederholte er mit gezwungenem Lächeln nur nochmals, daß Erich den Kernpunkt getroffen. Ein weißes Mädchen könne nicht das Weib eines Negers werden; das sei nicht Vorurtheil, sondern Naturgesetz. Die Männer sahen einander staunend an und mit einer Schüchternheit, die sonst gar nicht sein eigen war, sagte der Doctor: vom physiologischen Standpunkte aus könne er Manchem nur beistimmen, denn es sei bekannt, daß die Mischlinge schon in der dritten Generation aussterben. Und an den Pfarrer gerichtet, setzte er hinzu: eine Selbständigkeit der Rassen schließe die Menschenrechte nicht aus, da sie auch nicht die Menschenpflichten ausschließe, wie auch die Religion gleiche auferlege. Freilich, die Religion sollte Freiheit sein und sie wurde – zur Kirche. Der Pfarrer fand sich genöthigt zu erklären, daß die Neger alle religiöse Ueberzeugung und Bekenntnisse verstehen, und das gäbe ihnen die vollen Menschenrechte. »So?« rief Sonnenkamp, »in der That? Warum hat denn die Kirche nicht die Aufhebung der Sklaverei verordnet?« »Weil die Kirche,« erwiderte der Pfarrer ruhig, »nichts Derartiges zu verordnen hat. Die Kirche wendet sich an die ewige Seele und lehrt sie, sich zum Himmelreich bereiten. In welcher socialen Stellung die Hülle dieser Seele ist, können wir nicht ordnen und nicht bestimmen; weder die Knechtschaft noch die Freiheit ist Hinderniß zum gottseligen Leben. Unser Herr und Meister rief die Seelen der Juden auf zum Himmelreich, derweil sie unter römischer Knechtschaft waren. Er rief die Völker alle durch seine Apostel und hatte nicht zu fragen, welches ihre politische Verfassung und sociale Stellung. Das mögen Andere ordnen. Unser Reich ist das Reich der Seelen, die gleich sind, ob sie in schwarzen oder weißen Leibern, in der Republik oder in der Tyrannei leben. Wir können es mit Freuden begrüßen, wenn auch der Leib frei ist, aber das zu schaffen, ist nicht unseres Amtes.« »Theodor Parker hat das anders aufgefaßt,« erhob sich Roland plötzlich. Als wäre ein Schuß an seinem Kopfe vorbeigefahren, rief Sonnenkamp: »Woher kennst Du den Mann? Wer hat Dir von ihm gesagt?« Roland erbebte sichtlich, da sein Vater ihn an beiden Schultern faßte. »Vater!« rief er mit männlichem Tone, »auch ich habe eine freie Seele! Ich bin Dein Sohn, aber meine Seele ist frei!« Sonnenkamp athmete mit hochbewegter Brust, aber plötzlich sagte er: »Es freut mich, mein Sohn; das ist schön, das ist gut; Du bist ein echter amerikanischer Junge. Recht so! Gut . . .« Dieses plötzliche Auf und Ab, dieses Hin- und Herwenden Sonnenkamps benahm allen Anwesenden die Fassung. Aber Sonnenkamp fuhr in mildem Tone fort: »Es freut mich, daß Du Dich nicht erschrecken ließest, Du hast Muth . . . Nun sag', wie bist Du mit den Schriften Parkers bekannt geworden?« Roland erzählte getreulich, wie es ihm ergangen, nur daß die Professorin beim Besuche im Städtchen den Namen Parkers genannt hatte, verschwieg er. »Warum hast Du mir nie davon erzählt?« fragte der Vater. »Ich kann auch etwas in mir bewahren,« erwiderte Roland; »Du hast mir ja deßhalb etwas vertraut.« »Recht so, mein Sohn, Du rechtfertigst mein Vertrauen.« »Es ist schon spät, wir müssen heim,« erlöste endlich der Major die ganze Gesellschaft. Auf keinem gefährlichen Vorposten, in keiner Schlacht hatte der Major solch Herzpochen gefühlt, wie während der Vorlesung, noch mehr aber, als das Gespräch eine so gefährliche Wendung nahm. Er schüttelte immer den schweren Kopf und streckte oft wie hülfesuchend und abwehrend die Hände in die Luft, als wollte er Allen sagen: So laßt doch nur um Gottes Willen von diesem Gespräch ab! Das ist nicht gut, das führt zu Bösem! Dann betrachtete er wieder Sonnenkamp und zog die Achseln weit herauf. Was hat denn nur der Mann, daß er uns herausfordert? Wir legen ihm ja nichts in den Weg, an diese Dinge hätte er nicht rühren sollen! O wie sehr hatte Fräulein Milch recht, die ihn gebeten hatte, heute zu Hause zu bleiben. Wie gut wär's im Lehnstuhl, in dem jetzt die Laadi liegt; man hätte schon ein paar Stunden geschlafen, und nun wird es Mitternacht, ehe man heim kommt, und die gute Fräulein Milch wartet immer, bis er heim kommt. Es war ihm wie eine Erlösung, als er die Uhr herausnahm und zeigen konnte, wie spät es sei. Die Professorin trat eben wieder ein und sagte Roland, er solle zu seiner Mutter kommen. Die Männer machten sich auf den Heimweg und Erich geleitete seine Mutter und Tante durch die schneeige Nacht nach Hause. Neuntes Capitel. Erich ging still dahin; die Mutter nahm zuerst das Wort, indem sie sagte: »Ein Wort Deines Vaters bietet mir wieder Halt. Nichts ist verwerflicher und ermattender als Reue, sagte er oft; die Erkenntniß, daß man einen Fehler gemacht, muß schnell und scharf sein, dann aber muß man sich mit den Thatsachen zurechtfinden. Ich habe es bereut, mich diesem Hause so verbunden zu haben, daß Rückkehr und Ablösung äußerst schwierig ist. Nun, da es geschehen, müssen wir danach trachten, daß Alles sich zum Besten lenke.« Claudine, die sonst selten sprach, fügte hinzu, wie martervoll es sei, daß Menschen, auf deren Schicksal eine dunkle That ruhe, wie verbannt seien aus dem Reiche des Geistes und überall verletzende Beziehungen fänden. Wieder ging man geraume Weile still dahin. Hoch oben vom Bergeskamm hörte man den Verkünder großer Kälte; der Uhu wimmerte in jenen schauerlichen Tönen, die aufsteigend und niederfallend etwas Klagendes und wiederum schadenfroh Triumphirendes haben. Die Drei standen still. Erich sagte, daß Sonnenkamp sich viele Mühe gegeben, die Eulen aus der Umgegend zu vertilgen; es sei ihm aber nicht gelungen. In erregter Stimmung wird Alles zum Zeichen und Bild. Kaum die Worte hinhauchend, sagte die Mutter, daß ihr die Aufregung der Frau Ceres unfaßlich sei; sie habe sich an ihren Hals geworfen und geschluchzt und geweint. Die Drei fühlten, daß im Leben auf Villa Eden ein Wendepunkt eingetreten war. Erich kehrte nach der Villa zurück. Der Uhu war vom Bergeskamm herabgeflogen; er saß in einem Baumgipfel des Parks und sendete von hier aus keck sein Geschrei in die Luft. Das hörte Erich und das hörte Sonnenkamp, der im Vorgemach zum Schlafzimmer seiner Frau wartete, bis sein Sohn herauskam. Es war ihm versagt, dabei zu sein, während seine Frau mit Roland sprach. Endlich kam Roland, und der Vater fragte, was die Mutter gesprochen; er hatte das noch nie gethan, jetzt mußte es sein. Roland erwiderte, daß die Mutter ihn nur immer geküßt und dann gebeten habe, ihre Hand zu halten, bis sie eingeschlafen sei; sie schlafe jetzt ruhig. Sonnenkamp verlangte, daß Roland ihm das Buch von Parker zurückgebe, Roland sagte, es sei nicht mehr in seiner Hand und die Professorin habe es ihm sehr verwiesen, daß er es eigenmächtig an sich genommen. Roland ging in das Zimmer Erichs; dieser war noch nicht da. Die Eule wimmerte noch immer auf dem Baumwipfel im Park. Roland löschte das Licht und öffnete das Fenster; er nahm die Büchse von der Wand, ein Schuß knallte, der Uhu stürzte vom Baum. Schnell eilte Roland hinab, er traf auf Erich und sagte ihm, daß er den Vogel getroffen; er eilte nach dem Park und holte das Thier herbei. Das ganze Haus kam in Allarm, Frau Ceres war erwacht und ihr erster Ruf war: »Hat er sich ermordet?« Sonnenkamp und Roland mußten nochmals ins Zimmer, um sich ihr zu zeigen. Roland nahm die todte Eule mit, aber die Mutter wollte sie nicht sehen und jammerte nur, daß man ihr den Schlaf geraubt habe. Vater und Sohn gingen wieder davon und Sonnenkamp belobte Roland, daß er so frisch und keck das Thier erlegt habe. Erich ging nochmals zu seiner Mutter, die ebenfalls vom Schuß erweckt sein mußte; er fand sie noch wach, auch sie hatte gefürchtet, daß der Schuß der eines Selbstmörders gewesen sei. Die Aufregung, die im ganzen Hause herrschte, beruhigte sich erst allmälig. Im Stolze, die Eule erlegt zu haben, vergaß Roland Alles; er ging glückselig zu Bett und schlief bald ein. Droben aber auf dem Thurmzimmer, drunten im Arbeitszimmer Sonnenkamps brannte noch lange ein Licht, und Erich starrte in die Flamme und wunderbare Gedankengebilde bewegten sich durcheinander. In die Dichtung Shakespeare's, in die Menschen alle, die zugehört hatten, und vor Allem in die Seele Rolands dachte er sich und es erschien ihm gut, daß die Jagdlust alles Grübeln und alles Schwere des Nachdenkens in dem Jüngling verscheucht. Eine That, eine That allein befreit. Wo ist sie, die große, Alles lösende? Sie läßt sich nicht ergründen. Es gibt ein von allem Willen und von aller Ueberlegung unabhängiges großes Walten der Geschichte und des in ihr wirkenden Gottes. Die That ist nicht unser, aber gerüstet sein, das ist unser. Endlich fand Erich Ruhe. Wie ein Gefangener ging Sonnenkamp in seinem großen Gemache auf und ab. Das Löwenfell, dessen Kopf ausgestopft mit glühenden Augen auf dem Boden lag, starrte ihn an; er schob das untere Ende des Felles über den Kopf. Hin und her dachte er, was er thun sollte. Erich erzieht ihm in seinem Sohn einen Widersacher, und die Mutter, die immer, wie Prancken sagt, den umwandelnden Geist ihres Mannes, den verstorbenen Professor Hamlet citirt – nein, sie ist eine edle Frau. Aber warum hat er diese gelehrte, mit ihren Ideen aufgebauschte Bettlerfamilie sich auf den Hals geladen? Ohne Aufsehen zu erregen, kann er sie nicht mehr abschütteln. Nein, er will sie ausnützen und dann von sich werfen. Ein glücklicher Entschluß beruhigte ihn endlich. Wir müssen in andere Verhältnisse, in Zerstreuungen und gradaus jetzt zum Ziel. Uebermorgen ist der Neujahrstag, wir ziehen alle nach der Residenz. Mit diesem Gedanken fand auch Sonnenkamp endlich Ruhe. Zehntes Capitel. Der Krischer verstand auch, Vögel auszustopfen. Roland wollte ihm sofort am Morgen den erlegten Uhu bringen, der vor dem Fenster lag und gefroren war. Alle Eindrücke des vergangenen Tages schienen spurlos verschwunden vor der Freude des glücklichen Schusses. Während er die Flügel des Uhus auseinanderzerrte, sagte er: »Jetzt fällt mir das Wort ein, das mir im Traum ein Mann sagte; er sah wie Benjamin Franklin aus, war aber hagerer. Mir träumte, ich zog in die Schlacht, die Musik machte einen Lärm, grausenhaftes Geschrei ertönte, und dazwischen sagte der Mann: »Menschenpflichten . . . Menschenehre« – da tauchten auf einmal Tausende von schwarzen Köpfen auf, nichts als schwarze Köpfe, ein Meer von schwarzen Köpfen und alle fletschten die Zähne, da fiel der Uhu mir aufs Gesicht, ich erwachte in entsetzlicher Angst.« Roland wurde gerufen, da seine Mutter nach ihm verlangte. Er ging und Erich schaute ihm gedankenvoll nach. Er lauschte nach der Thür, denn er erwartete, daß Sonnenkamp ihn rufen lasse. Dieser Mann hat gestern so Verschiedenartiges kundgegeben, daß heut eine Zurechtsetzung nothwendig war. Er hörte Schritte seinem Zimmer nahen, es waren Doppelschritte; Roland kam an der Hand seines Vaters und sagte, daß beschlossen worden sei, man gehe mit einander nach der Residenz und bleibe den Winter dort. Sonnenkamp fügte hinzu, daß Erich nun sich der Gemeinschaft der Familie nicht entziehen werde, und er hatte einen lauernden Blick, als er leichthin bemerkte, man werde in der Residenz auch den Grafen Clodwig und seine liebenswürdige Frau treffen. Erich antwortete nur kurz, daß er sich nunmehr für verpflichtet halte, Roland und seine Angehörigen zu begleiten. Als Sonnenkamp indeß die Erwartung aussprach, daß auch die Professorin mit nach der Residenz ziehe, erwiderte Erich, wie er nicht glaube, daß sich seine Mutter zu einer Uebersiedelung bestimmen lasse. Sonnenkamp benahm sich überaus höflich, denn er war innerlich glücklich, wenn er heucheln konnte; so oft er die Welt zum Narren hielt, fühlte er eine hebende und tragende Lust. Er war so guter Laune, daß er zu Erich sagte: »Ich hoffe, Sie auch zu bekehren. Sie werden einsehen lernen, daß man am besten in der Welt lebt, wenn man sich als Fremder in ihr aufhält und sich um die Einrichtung der Staaten nicht kümmert.« »Gewissermaßen,« entgegnete Erich in scherzendem Tone, »stimmte damit Aristoteles überein; er lebte meist in Athen, wo er sozusagen auf Aufenthaltskarte lebte, nicht Ortsbürger war, vom activen und passiven Wahlrecht ledig, nur seinen Ideen leben konnte.« »Das freut mich. Man hört von den alten Philosophen doch immer Neues und Gescheidtes. Also Aristoteles war auch ein Reisender? Schön!« Sonnenkamp machte ein sehr heiteres Gesicht. Die Herren Gelehrten sind doch unendlich bequem, sie wissen für das, was man egoistisch oder gedankenlos thut, große historische Begründungen zu finden. Er lächelte freundlich, und sein Lächeln blieb, obgleich Erich erklärte, daß das, was einem Philosophen wie Aristoteles zustand, nicht Jeder auf sich anwenden dürfe, denn wenn Jeder so lebte, könnte die Welt nicht bestehen; wer würde Gemeinde- oder Staatsämter übernehmen? Ist doch ein seltsamer Kauz, der deutsche Schulmeister – dachte Sonnenkamp vor sich hin – noch in der Ueberraschung einer Reise ist er zu Gelehrsamkeit bereit. Er ersuchte Erich und Roland, sich zur Reise bereit zu machen, und als ein Diener die Meldung brachte, daß die gnädige Frau den Herr sprechen wolle, verließ er das Zimmer. Er trat bei Frau Ceres ein, die ihn müden Blickes anschaute; er sprach seine Freude aus, daß sie wieder wohl sei und andern Tages die Reise nach der Residenz antreten könne. Mit lockenden Farben breitete er vor ihr das schöne Leben in der Residenz aus, wo man glückliche Beziehungen habe an der Familie der Cabinetsräthin, an Graf Wolfsgarten und seiner Frau und auch an der Familie des Herrn von Endlich. Mit ermunternder Zuversicht fügte er hinzu: »Seien Sie stark und liebenswürdig, schöne Frau Ceres; als Baronin kehren Sie in diese Gemächer wieder zurück.« Frau Ceres richtete sich auf und bedauerte nur, daß die in Paris bestellten Kleider noch nicht angekommen seien. Sonnenkamp versprach, sofort zu telegraphiren, er versprach auch, daß die Professorin sie begleite und man unter ihrer Anleitung dort auftrete. »Du darfst mir einen Kuß geben,« sagte Frau Ceres und fügte hinzu: »Ich glaube, daß wir noch Alle sehr glücklich werden. Ach, wenn ich Dir nur meinen Traum erzählen dürfte, aber Du willst ja nie einen Traum wissen. Ist auch besser, ich erzähle ihn nicht. Aber es war ein Vogel mit großen Flügeln, unendlich groß, und auf dem Vogel saß ich und wurde in die Luft getragen und ich schämte mich, denn ich war gar nicht angekleidet und alle Menschen drunten schauten mir nach und schrien und jubelten und lachten, und da wendete der Vogel seinen Kopf und da war es die Professorin, die sagte: Du bist ja wunderschön angezogen, und da hatte ich allen meinen Schmuck an und mein spitzenbesetztes Atlaskleid . . . Aber ich weiß ja, Du willst keinen Traum hören.« Sonnenkamp ging fröhlich davon. Der Tag war hell, ein frisch kalter leuchtender Wintertag, an dem sich die Landschaft, jeder Fels, jeder Baum am Berge scharf abhob von dem blauen Himmel; das Eis auf dem Rhein hatte sich gestellt und eine wundersame Stille wie ein angehaltener Athem lag auf der ganzen Landschaft. Sonnenkamp war glücklich, daß der helle Tag alle Gespenster der Nacht verscheucht hatte und man nun ein frisches Leben gewann. Er gab sofort Befehle nach dem Stall, daß ein Doppelgespann und ein zweiter Wagen nach der Residenz gebracht werde. Als er eine Stunde darauf mit Roland und Erich nach dem grünen Hause ging, sahen sie schon die Pferde, in warme Decken eingehüllt, auf dem Wege nach der Residenz. Roland bat, daß man auch seinen Pony mitnehme, es wurde ihm willfahrt. Er fragte, welche Hunde er mitnehmen dürfe, es wurde ihm nur einer gewährt; er konnte sich noch nicht entschließen, welchen er auswählen sollte . . . In der großen Stube der Professorin sah es aus wie auf einem Jahrmarkt; auf Tischen und Stühlen lagen große Pakete gestrickter und gewobener wollener Bekleidungsstücke für Männer und Frauen; Fräulein Milch las einen großen Zettel ab, worauf die Namen der Bedürftigen standen mit der Bezeichnung dessen, was sie erhielten. Die Mutter und Tante verglichen die wohlgeordneten Pakete. Als dies gethan war, rief Fräulein Milch den Krischer, seine Frau und Tochter und den Siebenpfeifer mit seinen sämmtlichen Kindern herein. Sie wurden angewiesen, die betreffenden Pakete an die darauf Bezeichneten abzuliefern. »Recht so, daß Sie kein Geld schenken,« sagte der Krischer, »aber es fehlt noch etwas.« »Was denn?« Er konnte nicht antworten, denn Sonnenkamp und Roland traten ein. Sonnenkamp freute sich über die bedachtsame Art, mit der das Geld verwendet wurde, er sprach auch einige freundliche Worte zu Fräulein Milch. Seit jenen Morgen, an dem Roland entflohen, hatte er sie nicht wieder gesehen. Er fragte nach dem Major und hörte mit Bedauern, daß dieser in der Nacht unwohl gewesen, erst gegen Morgen eingeschlafen sei und wahrscheinlich noch schlafe; er habe eine glückliche Natur, die sich immer durch Schlaf helfe. Die Professorin bat um Entschuldigung, sie wollte zuerst die Sachen abfertigen und sich dann dem frühen Besuche widmen; sie fragte daher den Krischer, was er damit meine, daß eine Hauptsache fehle. »Ja,« sagte der Krischer, »da wäre Herr Sonnenkamp der rechte Mann dazu.« »Wozu?« »Ich meine, es ist schön und gut, daß man den Menschen gut einwickelt und gegen Kälte schützt, aber Lustigkeit und Freude fehlt noch, und da meine ich, man sollte etwas dazu thun, was von innen wärmt, und es wäre nicht uneben, wenn man Jedem eine Flasche Wein dazu schickte. Die Leute sehen das ganze Jahr die Weinberge vor sich und arbeiten drin und die meisten kommen nicht dazu, selber auch einen Tropfen Wein zu trinken.« »Gut, gut,« sagte Sonnenkamp, »gehen Sie zum Kellermeister, er soll je auf ein Paket eine Flasche guten Wein geben vom vorigen Jahre.« Sonnenkamp war heute in verschwenderischer Geberlaune, denn er legte noch zu jedem Paket ein Geldstück. Fast aber hätte er das Ganze zerstört, da er sagte: »Da seht, welch ein Vertrauen ich zu Euch habe. Ich zweifle nicht, daß Ihr Alles richtig abliefert.« Weggewischt schien alle frohe Laune des Krischers, aber er unterdrückte seinen Zorn und preßte die Lippen zusammen. Roland half die Pakete auf einen Karren tragen, der vor dem Hause stand; Sonnenkamp wollte ihn davon abhalten, aber die Professorin winkte, ihn gewähren zu lassen. Mit dem letzten Pakete verschwand auch Fräulein Milch. In der nun ausgeleerten Stube theilte Sonnenkamp der Professorin den Plan der Uebersiedlung nach der Residenz mit und bat, daß auch sie die Familie begleite. Eben so dankbar als entschieden lehnte die Professorin ab und Sonnenkamp hatte Mühe, seine Mißlaune zu beherrschen, da keinerlei Vorstellung ihren Entschluß wankend machen konnte. Höflich, aber verstimmt, verließ er das Haus und Roland versprach, der Professorin den Greif als Wächter hier zu lassen. Die Professorin fühlte, wie der Jüngling ihr gern etwas in der Ferne leisten und ein Liebes zum Opfer bringen wollte. »Dir wird es gut gehen im Leben,« sagte sie, indem sie ihn an der Hand erfaßte. Die Professorin hatte versprochen, heut Abend nach der Villa zu kommen, wo man die Mitternachtsstunde des Sylvester gemeinsam erwarten wollte. Als sie kam, traf sie auf dem Flur große schwarze Kisten; im Empfangszimmer der Frau Ceres lagen Kleider auf allen Stühlen und Frau Ceres, glücklich wie ein Kind, ordnete Alles mit einer Behendigkeit, die man sonst gar nicht an ihr bemerkte. Als man sich endlich in den Speisesaal begab, wo man sich zum Thee setzte, fühlten Alle, daß ein großer Abschnitt gekommen war. Während sonst das Gespräch leicht und flüssig sich bewegte und man nicht der Stunde gedachte, schien man heute nur mit Anstrengung Mitternacht heranwachen zu können. Die Professorin fühlte die Spannung; man war schon jetzt eigentlich nicht mehr hier, nicht mehr beisammen, sie sprach daher mehr als sie eigentlich gewollt und erzählte von ihrem Eintritt in die große Welt. Als es zwölf Uhr schlug, rief Roland: »Vater, jetzt wird von Allen, denen Du Wein geschickt, auf Dein Wohl getrunken.« Sonnenkamp küßte seinen Sohn, Frau Ceres küßte die Professorin, dann neigte sie das Haupt und erwartete ruhig einen Kuß auf die Stirn von ihrem Gatten. Draußen läuteten die Glocken, krachten Schüsse. »Wohlauf zum neuen Jahr! zu frischem Leben!« rief Erich und faßte die Hand seines Zöglings. Auch in der Nähe der Villa wurde geschossen und gelärmt und Sonnenkamp war höchst ärgerlich, daß die gute deutsche Polizei das dulde; es sei nichts als niedrige Rohheit. Erich dagegen sagte: »Man kann, psychologisch genommen, einen Ausdruck der Freude in diesem an sich allerdings unschönen Schießen finden. Ohne daß er es weiß, hat der unscheinbare Mensch, der ein Pistol abknallt, die Freude der Ueberraschung, daß er etwas weithin Wirkendes bewirken kann, daß viele Menschen sein Thun bemerken müssen. So erklärt sich diese rohe Sitte; es ist eine Verstärkung des Menschentones, des Aufjauchzens.« Sonnenkamp lächelte und sagte Erich und Roland heiter gute Nacht. In Pelze gehüllt, von zwei Dienern begleitet, kehrten die Professorin und Claudine nach dem grünen Hause zurück. Bald war Alles still und träumte dem neuen Jahr entgegen. Elftes Capitel. Am Morgen, als Erich und Roland im grünen Häuschen Abschied nahmen, kam eine Botschaft von Fräulein Milch, die sich und den Major zu Gaste bei der Professorin einlud. Die Professorin rühmte gegen Claudine den feinen Tact dieser Wirthschafterin, die es wohl fühlen mußte, wie einsam es ihnen heute zu Muthe sei. Es schneite unaufhörlich und hinter den Scheiben grüßte die Mutter ihren Sohn und Roland, die im ersten Wagen vorüberfuhren, und dann auch Herrn Sonnenkamp und Fräulein Perini, die zum Wagen herausnickten; Frau Ceres lag tief eingehüllt in einer Ecke, sie bewegte sich nicht. Bald kam der Major und mit ihm Fräulein Milch. Der Major hielt sich stets streng militärisch und ließ sich von keinem Leiden seine stramme Haltung nehmen; er war heut nur etwas heiser und konnte daher noch weniger sprechen als sonst; er gratulirte indeß der Professorin und der Tante so förmlich als herzlich. »In diesem Jahre,« sagte er, »werden es fünfzig Jahre, daß wir uns kennen.« Er deutete auf Fräulein Milch und seine Miene sagte: ein besseres Menschenkind als sie ist, trägt die Erde nicht. Man war wohlgemuth bei Tische und Fräulein Milch erzählte, welche Freude die Geschenke in allen Häusern gemacht. Der Major zwang sich, seiner Unpäßlichkeit Herr zu werden, er wollte die drei Frauen gehörig unterhalten, er rühmte die Professorin, daß sie nicht nur gelehrt sei, sondern auch so vortreffliche Suppe kochen könne. »Ja, ja,« lächelte er, »ich habe Herrn Sonnenkamp eigentlich zwingen müssen, daß man Suppe an seinem Tische bekommt. Sehen Sie, wenn ich einen Tag ohne Suppe leben muß, ist mir's, wie wenn ich ohne Strümpfe mit nackten Füßen in den Stiefeln gehen müßte; die Grundlage im Magen ist kalt.« Man lachte über diesen Vergleich und der Major, hierdurch angeregt, fuhr fort: »Ja, Frau Professorin, der heutige Tag ist ein Tag wie gestern und weil er Neujahrstag heißt, meint man immer, es wäre etwas Besonderes. Mir ist, als hätte ich an diesem Tage weiße Wäsche für ein ganzes Jahr angezogen.« Wieder entstand beifälliges Lachen und der Major schluckte zufrieden; er hatte heute das Seinige geleistet, er konnte nun die Anderen gewähren lassen. Nach Tisch that es die Professorin nicht anders, der Major mußte sein Schläfchen halten; sie hatte zu diesem Zweck das Bibliothekzimmer heizen lassen und der Major war nicht wenig stolz, daß er im Lehnstuhl des Professors schlafen sollte. »Ja,« sagte er, »schlafen kann ich so gut wie der beste Professor. Aber die vielen Bücher – die vielen Bücher! Es ist doch schrecklich, daß ein Mensch so viele Bücher lesen muß! Ich weiß nicht, wie man das kann.« Der Major schlief den Schlaf der Gerechten; er hätte keine Ruhe gefunden, wenn er eine Ahnung davon gehabt, was jetzt unter den Frauen vorging. Fräulein Milch saß am Fenster bei der Professorin und diese staunte, als die einfache Wirthschafterin äußerte, wie unbegreiflich es sei, daß Erich das markerschütternde Drama Othello vorgelesen, da doch darin so viele Punkte seien, die man in diesem Hause nicht berühren sollte. »Kennen Sie das Stück?« fragte die Professorin. »O doch,« erwiderte Fräulein Milch und ihr ganzes Gesicht erröthete bis zur Einrandung ihrer Haube hin. »Sie glauben also, daß es unpassend war, das Stück zu lesen, weil Herr Sonnenkamp Sklavenhalter war?« »Bitte, ich wollte nichts weiter sagen,« lenkte Fräulein Milch ab, »ich spreche nicht gern über Herrn Sonnenkamp, es freut mich . . . nein, das ist nicht das richtige Wort, es beruhigt mich, daß er mich kaum beachtet und sich geringschätzig gegen mich benimmt. Ich bin ihm darüber nicht bös, eher dankbar, denn ich habe nicht nöthig, Freundlichkeit gegen ihn zu heucheln.« »Nein, Sie weichen mir nicht aus. Können Sie mir nicht sagen, warum Sie es unpassend fanden? Mein Sohn und ich wir sollten doch wissen, in welche Verhältnisse wir gestellt sind.« »Ich kann nicht,« entgegnete Fräulein Milch mit klagendem Tone. Claudine, die zu bemerken schien, daß Fräulein Milch etwas mittheilen wollte, was sie vielleicht nicht hören sollte, schlich leise davon. »Jetzt,« sagte die Professorin, »sind wir ganz allein, Sie können mir Alles sagen. Soll ich Ihnen eine Betheuerung geben, daß ich verschwiegen bin?« »Ach, ich kann mich nur anklagen, daß ich so weit ging,« stotterte Fräulein Milch und zog ihre Haubenbänder durch beide Hände. »Seit der Major und ich beisammen sind, ist es das erste Mal, daß ich einen Besuch mache und an einem fremden Tisch esse; ich hätte es nicht thun sollen.« Ihr Angesicht zuckte und ihr braunes Auge glühte. »Ich glaubte, daß Sie mich als Freundin betrachten,« sagte die Professorin und streckte ihr die Hand entgegen. »Ja, das sind Sie,« rief Fräulein Milch und faßte die dargereichte Hand in beide Hände und hielt sie mit Inbrunst fest. »Sie können nicht wissen, wie ich Gott danke, daß er mir das noch vor meinem Tode beschieden. Seit ich mich ihm widmete, habe ich allen Menschen entsagt, Sie sind die Erste, mit der ich leben möchte. Ach, ich meine, Sie müßten Alles wissen, man hat Ihnen nichts zu sagen.« »Ich weiß nicht Alles. Was wissen Sie von Herrn Sonnenkamp?« Traurig senkte Fräulein Milch den Kopf, dann schlug sie beide Hände vors Gesicht und rief: »Warum muß ich es denn sagen?« Sie rückte näher und leise, kaum hörbar, theilte sie der Professorin einige Thatsachen aus dem Leben Sonnenkamps mit. Die Professorin hielt sich mit beiden Händen an der Nähmaschine, die vor ihr stand. Es wurde kein Wort gesprochen. Draußen war es so still und nur der Schrei von einem Flug Raben, die über den zugefrornen Rhein schwebten, war vernehmbar. »Ich glaube,« sagte die Professorin endlich, »Sie würden so etwas nicht auf bloßes Gerede mittheilen. Gehen Sie weiter, sagen Sie offen, woher wissen Sie das?« Scheu blickte Fräulein Milch um und sagte: »Ich habe es von dem glaubwürdigsten Mann, dessen Neffe eine Kind hier im Lande zur Erziehung hat; er kennt den Namen, den Herr Sonnenkamp früher trug, er kennt seine ganze Vergangenheit. Aber liebe, edle Frau, warum soll ein Mensch, was er auch gethan, nicht ein anderes Leben, ein neues Dasein beginnen können?« »Davon ein andermal,« drängte die Professorin. »Nennen Sie mir den Namen des Mannes, der Ihnen das mitgetheilt hat.« »So sei es denn. Es ist Herr Weidmann.« Die Professorin bedeckte sich mit beiden Händen das Gesicht. »Was haben Sie von Herrn Weidmann?« sagte der plötzlich eintretende Major. »Ich sage Ihnen, liebe Frau Professorin, wer den Mann nicht kennt, kennt das Echteste auf der Welt nicht. Der ist ein Meisterstück Gottes, an dem muß Gott selber seinen Gefallen haben; tagtäglich, wenn er vom Himmel heruntersieht, muß er sich sagen: die Welt ist doch nicht so übel, dort drunten habe ich meinen Weidmann, das ist ein Mensch, ein . . . wirklicher Mensch. Damit ist Alles gesagt, da geht nichts drüber.« Die beiden Frauen waren wie erlöst durch den Hinzutritt des Majors. Der Major machte sich nun mit Fräulein Milch auf den Heimweg. Als sie schon einige Schritte gegangen waren, rief die Professorin Fräulein Milch noch einmal zurück und fragte leise: »Weiß der Herr Major auch . . .?« »O nein, er könnte das nicht ertragen. Ach bitte, verzeihen Sie mir, daß ich Sie so belastet habe. Glauben Sie mir, es ist mir nicht leichter dadurch; nein, nur noch schwerer.« Die Gäste gingen davon. Bald darauf brachte der Briefbote einen Brief aus der Universitätsstadt. Professor Einsiedel, der seit bald drei Jahrzehnten der Professorin seinen Glückwunsch dargebracht hatte, wollte auch heute nicht fehlen; es waren herzliche und bedeutsame Worte, die er schrieb, sie kamen wie aus einer ganz fremden Welt. Zweimal las sie die Nachschrift, denn da war ein Gruß an Erich mit der Nachricht, daß der Professor bald eine angekündigte, vor Kurzem erschienene Schrift über die Sklaverei schicken werde; er fügte die Mahnung hinzu, Erich solle im neuen Jahre sein Werk vollenden. Die Professorin sah nachdenklich drein. Was ist denn das? Erich hatte ihr nie von solcher Arbeit gesagt. Sie fuhr mit der Hand durch die Luft an der Stirn vorüber. Eine Erinnerung tauchte auf. Noch heute in der Morgenfrühe hatte sie zu Claudine den Gram kund gegeben, daß sie keine Wohlthätigkeit aus dem Eigenen mehr üben könne. Was sie leistete, erschien ihr als nichtig, nur die Gabe als bedeutend. Fast unwillkürlich öffnete sie die Kasse, in der das ihr von Sonnenkamp anvertraute Geld lag. Wie soll sie künftig den Beschenkten sagen: Wendet eure Dankbarkeit Herrn Sonnenkamp zu? Sie raffte sich auf und ging nach dem Bibliothekzimmer, dort stand sie und schaute hinaus. Es war als nagte etwas körperlich in ihr. Trotz innern Widerspruchs hatte sie sich in dies Verhältniß eingelassen und ihr klarer verständiger Blick schien eine Weile verdunkelt. Stromabwärts ertönte ein Dröhnen und Brausen, Zischen und Krachen, wie wenn eine neue Welt sich aufthun müßte; die Eisdecke hatte sich gebrochen. Auf dem Strome schwammen große Eisschollen dahin, stießen einander an, überstürzten sich, knirschten, zerschellten, bildeten neue und schwammen weiter. Jede große und jede kleine Scholle war mit einem Kranze umgeben, das waren die bei der Auflösung zerriebenen und in die Höhe geschobenen Eissplitter; die Schollen rannten schnell den Strom hinab, jetzt erst sah man, wie rasch und stark die Strömung allzeit ist. Die Sonne sank glühend hinab über dem Rhein und halblaut sagte die Professorin vor sich hin: »Dieser erste Tag des Jahres hat mir Entsetzliches gebracht. Es muß getragen und zum Guten geführt werden.« Neuntes Buch. Erstes Capitel. Vor dem Hotel Victoria in der Residenz stand eine Reihe von Droschken; Sperlinge umschwärmten die Fuhrwerke, und die Kutscher standen in Gruppen beisammen, trippelten vor Kälte hin und her, schlugen die Arme über der Brust auf und nieder und neckten sich gegenseitig. Die Sperlinge zankten, sie fanden kein Futter mehr und flogen davon. Die Droschkenkutscher schwiegen, der Stoff war ihnen ausgegangen. Was auch soll man unternehmen und sagen am Winternachmittag in der schneebedeckten menschenleeren Straße der Residenz. Alles ist so stumm wie der hochselige Fürst, der in Stein gemeißelt auf der großen Säule steht, eine Mütze von Schnee auf dem Kopf und Epauletten von Schnee auf den Schultern. Drüben im Casino werden die Laden geschlossen, da man bei Licht besser Karten spielen kann. Die Ablösung kommt vom Palais des Prinzen Leonhard, die Soldaten haben große Mäntel an und Fäustlinge an den Händen. Der Abgelöste hat dem Eintretenden etwas ins Ohr gesagt, es muß nicht sehr wichtig gewesen sein. Ein Kanzleidiener mit einem Pack Acten kommt daher, er begegnet einem Hoflakai, der in einen langen, fast an den Boden reichenden Rock gekleidet ist; sie tauschen eine Prise aus und gehen vorüber. Nun aber aufgeschaut! Es gibt etwas. Unter den Kutschern war Bewegung; der Courier Lutz kam mit dem großen Packwagen vorgefahren. Jetzt hatte das Gespräch ein gutes Ziel. Richtig ist's, der »Goldklumpen,« der »König von Californien,« kommt in die Residenz. »Renn hinauf zu Deinem Vater, dem Glöckner, er soll mit allen Glocken läuten,« rief der Eine. »Du, laß mich einmal trinken, daß ich recht Hoch schreien kann,« sagte ein Anderer. »Jetzt fängt der lustige Winter an. Der Goldklumpen läßt mehr draufgehen als drei Prinzen und siebzehn Grafen, sieben Barone gebe ich drein.« »Wißt Ihr was?« versetzte ein Dritter. »Wenn er ankommt, schicken wir eine Deputation zu ihm, der thut's, so etwas ist nach seiner Art. Ich habe einen Plan.« »Heraus mit Deinem Plan.« Der so Angeredete – es war ein kleines buckliges Männchen mit klugen verschmitzten Augen – ließ die Kameraden ein wenig warten, dann sagte er: »Wir bitten Herrn Sonnenkamp, er soll jedem Droschkenkutscher täglich einen Schoppen Wein schenken; werdet sehen, er thut's. Wenn Ich siebzig Millionen im Vermögen hätte, ich thäte es auch.« Ein etwas verkommener, breiter Kutscher sagte: »Bin Wirth gewesen, weiß, was das ist. Der Victoriawirth kriegt einen Wintergast, der hält warm.« Drin im Gasthof aber begegnete man lauter fröhlichen Gesichtern. Die schöne Wirthin war heut noch schöner, sie musterte nochmals die prächtige Zimmerreihe im ersten Stock und fand, daß Alles gut war; da und dort wurde noch eine Decke ausgebreitet, aber man hörte auf den Doppelteppichen keinen Schritt von den auf- und abwandelnden Kellnern, Knechten und Mägden; die prachtvollen seidenen Möbel, die die graue Hülle abgelegt hatten, glänzten und schimmerten wie dankbar, daß sie nun im Lichte erscheinen sollten. Lutz war in voller Thätigkeit; bald von diesem, bald von jenem Sessel, bald von einem Sopha, bald von einer Causeuse – er schien alle Sitzgelegenheiten durchzuprobiren – bestimmte er noch, daß dies oder jenes anders gestellt würde; er schien geneigt, die Doppelbetten zu probiren, er begnügte sich indeß, die Sprungfedern ein wenig niederzudrücken. Ein Boudoir mit blauseidenen Tapeten und anmuthigem Erker wußte er mit Geschick besser zu ordnen. Der Abend brach herein, das Treppenhaus war mit Blumen garnirt, die ganze lange Zimmerreihe beleuchtet, sämmtliche Lichter an den Kronleuchtern, auf Tischen und Schränken angezündet: nun konnten sie kommen. Eine Cigarrette im Munde trat der Oberkellner vor das Haus und betrachtete sich vergnügt die erleuchteten Fenster der Zimmerreihe; doppelt vergnügt schaute er hinüber zum »Erbprinzen,« da war Alles dunkel und öde; die werden sich ärgern. Ein Wagen kam mit den Dienern männlichen und weiblichen Geschlechts, bald darauf der Wagen mit Erich und Roland und zuletzt trabte ein Viergespann heran. Bertram parirte die Pferde, Herr Sonnenkamp, nach ihm Fräulein Perini und endlich, mit den kostbarsten Pelzen angethan, Frau Ceres, stiegen aus. Die Droschkenkutscher vor dem Hause vergaßen die Verabredung, sie brachten kein Hoch auf Sonnenkamp; klanglos trat er mit den Seinen in die Vorhalle, wo der große bärtige Portier in einem Tressenkleide und breitem Hute den silberknöpfigen Stock präsentirte; fest, als wäre er gegossen, stand der Mann da, nur seine Augen funkelten. Man ging die durchwärmten und erleuchteten und mit Blumen bestellten Treppen hinan. Sonnenkamp zeigte einen zufriedenen Blick. Frau Ceres war nicht wohlgelaunt, denn sie hatte fast den ganzen Weg geschlafen; vor dem offenen Kamine sitzend, ließ sie sich erst nach und nach aus den Pelzen enthülsen. Sonnenkamp besichtigte alle Zimmer, und als er in das Boudoir seiner Frau zurückkam, saß Frau Ceres noch immer regungslos auf einem bequemen niedrigen Stuhl vor dem Kamin. »Was fangen wir heut an?« fragte sie gähnend. »Es wäre noch Zeit, ins Theater zu gehen.« »Mich umkleiden? Ich will nicht.« Zu gutem Glück wurde die Cabinetsräthin gemeldet, die Herr Sonnenkamp von seiner Ankunft voraus benachrichtigt hatte. »Sehr willkommen,« hieß es und sie war es in der That. Sie entschuldigte sich, daß sie, durch einen Besuch der Gräfin Graben aufgehalten, die lieben Freunde und Nachbarn nicht bereits in ihren Zimmern erwartet habe, wie ihre Absicht gewesen. Man dankte und war entzückt über die große Zuvorkommenheit. Erich und Roland wurden in den Salon gerufen, da auch der Cadett mitgekommen war. »Wo ist Ihre Frau Mutter?« fragte die Cabinetsräthin. »Sie kommt wol nach?« Erich antwortete nicht und Sonnenkamp setzte schnell hinzu, die Professorin wolle das Stillleben auf dem Lande nicht aufgeben. »Das wird allgemeines Bedauern erregen,« lächelte die Cabinetsräthin so heiter, als ob sie etwas besonders Lustiges gesagt hätte. »Die Gesellschaft hat sich darauf gefreut, die liebenswürdige, geistreiche und allgemein verehrte Dame wieder eine Saison in ihrer Mitte zu sehen.« »Sie muß nachkommen,« sagte Frau Ceres. Sonnenkamp war mißgestimmt. Besteht denn der Glanz seines Hauses nur in dieser Frau? Seine Verstimmung wurde noch gesteigert, als die Cabinetsräthin in leisem Zwiegespräche sagte: Der Plan werde sich viel langsamer und schwerer verwirklichen ohne die Professorin. Sie selbst werde es an eigenen Bemühungen nicht fehlen lassen, aber sie vermöchte nicht entfernt das Gleiche, was die Geborne von Burgholz zu Wege bringe. Sonnenkamp war es, als ob die vielen Lichter im Empfangssalon dunkler brennen; er war indeß genug Herr seiner Laune, um die Mißstimmung nicht kundzugeben. Der Cadett machte den Vorschlag, daß Roland bei einer Quadrille, die zu Ende dieses Monats von den ersten Cavalieren des Hofes im großen fürstlichen Reithause geritten würde, mit reiten solle; es würde sich noch eine Stelle finden, wo er mit den anderen bürgerlichen Cadetten als Knappe sich aufstellen und einige Evolutionen mitmachen könne. Roland war ganz glücklich darüber, aber Herr Sonnenkamp schnitt das kurz ab, indem er sagte: »Nein, Du thust nicht mit.« Er gab keinen Grund an; er hatte nicht nöthig, zu sagen, daß er seinen Sohn nicht unter dem vornehm geduldeten bürgerlichen Troß zum ersten Mal erscheinen lassen wolle. Die Cabinetsräthin wußte viel zu erzählen, wer bereits Gesellschaft gegeben und bei wem solche noch ausstehe; auch mancherlei vor den Kindern nur halb angedeutete pikante Geschichten aus der Lästerchronik wurden berichtet. Der älteste Sohn des Herrn von Endlich, dessen glänzendes Haus gerühmt wurde, solle sich auch nächstens verloben; man sei nur bange, daß nächstens eine Todesnachricht aus Madeira komme, wohin sich das junge Ehepaar begeben habe, dessen Hochzeit man im Sommer gefeiert. Der Cadett bat Roland, mit ihm nach dem Theater zu gehen, wo heute ein großes Ballet gegeben würde. Erich sah verlegen auf Sonnenkamp, dieser aber sagte: »Ja, gehe nur, Roland.« Zum ersten Mal sah Erich seinen Zögling von sich weg zu einer Vergnügung und in einen Kreis gehen, wohin er ihn nicht begleitete. Roland hatte gebeten, daß auch Erich mitgehe, aber der Cadett erklärte, daß kein Platz mehr zu haben sei; er habe seinem Freunde nur mit großer Mühe einen vorbehalten. Und so ging Roland davon, indem er zu Erich sagte: »Sobald es zu Ende ist, komme ich zu Dir.« Erich ward ruhiger; er konnte ja nicht verhüten, daß Roland Anschauungen gewann und in Gesellschaften gerieth, welche die schöne Richtung seines Wesens abzulenken drohten. Er mußte vertrauen, daß Roland Kraft und Gewissen genug in sich habe, um Gefahren zu bestehen. Halb stolz, halb bedauernd erzählte die Cabinetsräthin, wie durchtrieben und frühzeitig auf Abenteuer begierig ihr Söhnchen sei; in demselben Athem bedauerte sie, daß Manna diese Saison, die so glänzend werde, in der Einsamkeit des Klosters verbringe; sie habe es sich so schön ausgedacht, in Gemeinschaft mit der Mutter die liebliche Tochter in die Gesellschaft einzuführen. Sonnenkamp erwiderte, daß es dazu im nächsten Winter noch Zeit habe. Zweites Capitel. Erich hatte sich beurlaubt. In dieser Stadt, wo er geboren war und die größte Zeit seiner Jugend verbracht hatte, war er nun als Fremder in einem Gasthof und Diener eines Fremden. Er kämpfte alle Grübelei nieder und schrieb einen Brief an seine Mutter, worin er die Ankunft meldete und sie dringend bat, durch keinerlei Zureden sich verleiten zu lassen, mit nach der Residenz zu ziehen. Er brachte den Brief selbst auf die Post und wanderte dann lange in der stillen, menschenleeren, kleinen Residenz umher. Er kannte jede Straße, jedes Haus, da und dort wohnten Jugendgenossen, befreundete Familien; er wußte nicht, wie er zu ihnen stehen werde. Er kam an dem großen Gebäude vorüber, in dem die Antiken ausgestellt waren; eine Minute streifte ihn der Gedanke, wie es wäre, wenn er die Stelle des Directors hier erhalten. Ruhelos ging er hin und her und begab sich endlich in ein Bierhaus. Dort setzte er sich in eine Ecke und hörte Bürgersleuten zu, die mit langen Pfeifen im Munde sich über einen halben Witz erlustigten und von Allerlei redeten. Er horchte auf, da er den Namen Sonnenkamps hörte, denn ein breiter rothbäckiger Mann sagte: »Von heute an muß ich besonderes Fleisch nach dem Victoria-Hotel liefern, Herr Sonnenkamp hat einen ganz besondern Geschmack.« Ein Buchdrucker, den Erich kannte, sagte: »Unser Redacteur, Professor Crutius, behauptet, er kenne Herrn Sonnenkamp, aber er will nicht mit der Sprache heraus.« Bei dieser Erwähnung spannte Erich seine Aufmerksamkeit, und weiter wurde erzählt, wie groß die Summe sei, die der Victoriawirth täglich erhalte; dann hieß es, daß Sonnenkamp das Rabeneck'sche Palais kaufe, und es sei so viel als sicher, daß er auch den Adel erhalte. Es wurden Bemerkungen gemacht, die Erich nicht hörte; er vernahm nur allgemeines Gelächter. »Und ich sage,« rief ein dicker Mann, den Erich als Getreidehändler und Bäcker kannte, »erinnert mich daran, daß ich es heut gesagt habe: dieser Herr Sonnenkamp ist ein Emissär. Die Junker in den Südstaaten wollen einen Kaiser haben, und er hat Unterhandlungen, vielleicht höher hinaus, als wir Alle ahnen.« »Dann ziehst Du mit ihm und wirst Hofbäcker,« hieß es. Ein gewaltiges Gelächter begleitete diese Antwort. »Was geht das uns an? Der Mann bringt viel Geld ins Land; wenn nur noch hundert kämen, sie mögen gewesen sein, was sie wollen, wenn sie nur viel Geld ins Land bringen.« So rief ein kleines, rundliches Männchen, das aus einer großen Meerschaumpfeife rauchte. Er leerte auf diese Rede sein Deckelglas und nickte der Kellnerin zu, wie wenn er sagen wollte: Bring mir noch ein frisches, ich hab's verdient, bin doch der Gescheidteste. Erich schlich leise davon; er war froh, nicht erkannt worden zu sein. Als er heraustrat, begegnete ihm ein junger Mann und begrüßte ihn sehr freundlich. Erich erinnerte sich seiner Bekanntschaft nicht, aber der junge Mann kannte ihn als Sänger vom Musikfest her; er war Lehrer an der Realschule in der Residenz und verkündete Erich, daß man ihn zum Ehrenmitglied des Schullehrer-Vereins ernennen werde. Erich dankte und machte sich davon. Er kam auf der Straße in einen großen Menschenstrom, Wagen fuhren rasselnd dahin, das Theater war zu Ende. Er eilte nach dem Gasthof, Roland sollte ihn zu Hause finden. Er wartete auf seinem Zimmer, aber Roland kam nicht; er ging nach dem Gesellschaftssaal, aber er war nicht dort. Die Cabinetsräthin bemerkte lächelnd, man könne unbesorgt sein; Roland sei in Gesellschaft Cuno's und da unterhalte er sich gewiß gut. Sie entschuldigte sich nun, daß auch sie die Gesellschaft verlassen müsse. Sie nahm Sonnenkamp noch in eine Fensternische und überreichte ihm den Gothaischen Almanach des neuen Jahres mit der Bemerkung, daß künftig keiner mehr erscheinen solle, in dem nicht auch der Name Sonnenkamp wäre; sie erklärte sich von heute an als seine Steuerpflichtige; sie werde lebenslang jedes Jahr dies kanonische Buch der Ehre übersenden. Sonnenkamp war sehr dankbar und geleitete die Dame bis zum Wagen. Ins Zimmer zurückgekehrt, sagte er zu Erich: »Ich hatte erwartet, daß Roland mehr Zuverlässigkeit beigebracht wäre; er ist nun trotz seines Versprechens noch nicht da.« Erich wollte erwidern, daß ja nicht er, sondern der Vater ihm die Erlaubniß gegeben, schon am ersten Abend, kaum aus dem Wagen gestiegen, seine eigenen Wege zu gehen. Er hielt es indeß zurück, eine Erörterung war fruchtlos. »Ich kann nicht zu Bette gehen, bis er da ist,« jammerte Frau Ceres. »Wissen Sie vielleicht, wo wir ihn suchen sollen?« wendete sich Sonnenkamp zu Erich. »Es ist nicht nöthig, er ist da,« erwiderte Erich. Roland trat ein. Die Mutter klagte, der Vater schalt, daß er nicht sein Wort gehalten, aber Roland sagte: »Ich verdiene weder Klage, noch Scheltworte; es hat mich viel Mühe gekostet, mich von der Gesellschaft loszumachen, die ich bis zu dem Restaurant begleitete, aber dort umkehrte.« Nun war Alles gut und man ging zur Ruhe. »Warum fragst Du mich nicht, wie es mir im Theater gefallen?« fragte Roland in seinem Zimmer. »Ich wollte warten, bis Du es mir von selbst sagst.« »Ach, es war sehr schön; wunderschöne Mädchen tanzten, und Cuno kannte alle bei Namen, er wußte von Jeder etwas zu erzählen; aber langweilig war die Geschichte doch. Stundenlang nichts als Sprünge und Bewegungen hin und her und kein Wort dabei. Mir fiel ein, was Benjamin Franklin sagen würde, wenn er das sähe, und da war der ganze Spaß verdorben. Cuno sagt, ich sei ein Philister; ich habe das ruhig hingehen lassen; als er aber noch etwas hinzufügte, hätte ich fast ein Duell mit ihm bekommen.« »Darf ich wissen, was er noch sagte?« »Es betrifft Dich, aber – es kann Dir ja gleichgültig sein.« »Ich bitte, nichts weiter. Ich brauche nicht zu wissen, was die Menschen über mich sagen; das belastet die Seele und hilft nicht besser werden. Aber Du hast Dich brav gehalten, Du kannst gut schlafen, Du hast zum ersten Male im Feuer exercirt. Halte Dich nur immer treu in Dir und zu mir.« Mit glücklichen Gedanken legte sich Erich nieder und mit glücklichen Gedanken schlief Roland ein. Drittes Capitel. Während am Morgen Sonnenkamp den Staatskalender durchmusterte und ein Verzeichniß der zu erledigenden Besuche anfertigte, machte auch Erich sein Programm. Er wollte frei sein von persönlicher Beunruhigung, denn nur dadurch konnte er sich der erneuten schwierigen Aufgabe widmen. Im großen geschlossenen Glaswagen, wo zwei in mächtige Pelze gehüllte Bediente auf dem Bock und der Jäger hintenauf saß, fuhr Sonnenkamp mit Frau Ceres in der Stadt umher. Es hatte große Ueberlegung gekostet, ob auch Roland Karten abgeben sollte; endlich entschloß man sich dazu. Erich hatte für den heutigen Tag Urlaub genommen. Er traf mehrere Kameraden und ging mit ihnen auf das Militär-Casino; er wurde freundlicher begrüßt, als er erwartet hatte; er traf auch mehr tüchtige Naturen, als er eigentlich in Erinnerung hatte. Natürlich war von einer gestern Abend aufgelegten Bank, von Pferden, von Tänzerinnen die Rede, aber es herrschte auch ein großer Ernst unter manchen Kameraden. Die mächtige Bewegung in den Gemüthern der Zeitgenossen war am Militär-Casino nicht spurlos vorübergegangen; ja, ein Kamerad, der sich mit Erich in eine Fensternische setzte, beneidete ihn, daß er sich ein selbständiges Leben geschaffen. Bei der Heimkehr traf Erich die Familie Sonnenkamp in guter Stimmung. Für diesen ersten Tag waren der Cabinetsrath, seine Frau und die beiden Töchter zu Tische geladen. Die Pariser Kleider waren angekommen. Bei der Kleinheit der Residenz war dies schon allgemeines Stadtgespräch, denn die Zollbeamten hatten ihren Frauen und diese ihren Verwandten erzählt, es seien Kleider angekommen, wie selbst die Fürstin keine habe; die Kleider wurden von den Damen bewundert, und Alles war im besten Gange. Sonnenkamp hatte seine Whistpartie im vornehmen Clubhause, wo ihn der Cabinetsrath eingeführt, und als man von der Tafel aufstand, erschien als erster Besuch Bella mit ihrem Gatten. Bella war äußerst belebt und bedauerte nur gegen Erich, daß seine Mutter auf dem Lande bleibe. Sie verkündete Herrn Sonnenkamp, daß Otto in den nächsten Tagen eintreffen werde, auch der Fürst Valerian käme; den Beiden seien Rollen zugetheilt in einem französischen Lustspiel, das die Gesellschaft bei Hofe ausführen wolle und wobei auch sie mitspiele. Sie ließ sich von Sonnenkamp eine namhafte Summe einhändigen zum Ankaufe von Gegenständen, die in dem Bazar zum Besten der Armen mit Beginn des nächsten Monats von den ersten Damen der Gesellschaft verkauft werden sollten. Sonnenkamp fügte hinzu, daß er auch Pflanzen aus seinen Treibhäusern zur Verfügung stelle. Clodwig war etwas ermüdet, er bat im Voraus, ihn gesellschaftlich wenig in Anspruch zu nehmen. Die Landesvertretung war in beiden Häusern versammelt. Der Bruder des Fürsten, Prinz Leonhard, war zum Präsidenten der Kammer der Standesherren ernannt; Clodwig war Vicepräsident, hatte aber fast immer das Amt eines wirklichen Präsidenten zu übernehmen. Während man beisammen war, kam eine Einladung des Herrn von Endlich zu einer großen Gesellschaft, und Bella konnte nicht umhin zu berichten, daß die Lästerchronik behaupte, Herr von Endlich gebe so schnell sein großes Fest, damit er nicht durch die Todesnachricht seines Schwiegersohnes verhindert würde. Die Familie war gerade noch zeitig genug gekommen, man war mitten im Strom der Saison. Es hieß, daß der Hof selbst bei Herrn von Endlich erscheine, jedenfalls konnte man den Bruder des Fürsten erwarten, der eine Verbindung mit der Gesellschaft außerhalb des Schlosses unterhielt. Auch Bella bewunderte im Nebengemache die Pariser Kleider, gab indeß Frau Ceres die Weisung, das Glänzendste erst bei der Gesellschaft zu verwenden, die Herr Sonnenkamp selber geben werde. Der Abend bei Herrn von Endlich war genußreich. Der hohe Adel, obgleich tief verletzt über den Scherz, den sich der Fürst bei der Adelserhebung des reichen Weinhändlers gemacht hatte, besuchte die Gesellschaft in großer Anzahl. Der Fürst erkannte seinen Mißgriff, der ganz gegen seine sonstige Art war, da er die Hofverhältnisse stets mit einer gewissen priesterlichen Weihe behandelte; er sah es nun gern, wenn man ihn seinen Mißgriff vergessen machte. Man konnte sich seine besondere Gunst erwerben, indem man sich Herrn von Endlich freundlich erwies. So kam es, daß die Gesellschaft des Neugeadelten voraussichtlich wol die glänzendste der Saison war. Herr von Endlich war auch klug genug, namhafte Mitglieder des Abgeordnetenhauses und sogar zwei von der schärfsten Opposition einzuladen, natürlich nicht ohne vorher bei Hofe angefragt zu haben, ob man dies nicht mißfällig aufnehmen werde. Der Hof selbst kam nicht, aber Prinz Leonhard erschien. Er hatte zwar von seinem Widerspruche gegen die Adels-Ernennung kein Hehl gemacht; als Untergebener seines Bruders jedoch besuchte er die Gesellschaft und unterhielt sich lange mit den Oppositions-Mitgliedern, am meisten mit Herrn Weidmann, der Präsident des Abgeordnetenhauses war. Der Prinz repräsentirte seinen Bruder, von dem er stets mit großer Unterwürfigkeit sprach, es war ihm aber nicht unlieb, wenn man ihn merken ließ: Ja, wenn Sie regierten, wie ganz anders stünde es da, unser Land wäre ein Musterland. In Hofkreisen hatte man stets ein stilles Mitleid mit Prinz Leonhard, daß er sich der Mode wegen liberal zeigen durfte oder auch mußte . . . encanailliren nannte man es dort. Der Prinz beförderte Künste und Wissenschaften, ja in einer gewissen Weise auch die politische Bewegung; eine Zeitung galt als die heimlich von ihm unterstützte, und diese Zeitung machte leise Opposition. Arm in Arm mit Clodwig ging Prinz Leonhard durch die Säle. Clodwig mußte von Erich gesprochen haben, denn dieser, der nicht in erster Reihe der sich zur Begrüßung Darstellenden stand, wurde von dem Prinzen angerufen, der laut sagte: »Lieber Dournay, es freut mich, Sie wiederzusehen. Sie sollen ja ein großer Gelehrter sein? Sie hatten immer besonderes Talent dazu, schon in der Kindheit zeigte sich das. Wie geht es Ihrer verehrungswürdigen Mutter?« Erich dankte verbindlich, es lag im Ausdruck seiner Worte ein Ton der Befreiung, daß die erste Begegnung mit Prinz Leonhard sich so freundlich gestaltete. Es war keine Kleinigkeit, da der Prinz sagte: »Führen Sie doch auch Herrn Sonnenkamp zu mir. Wo ist er?« Sonnenkamp war leider nicht zu finden, er war im Rauchzimmer. Er wurde gerufen; nun war es zu spät, der Prinz eröffnete mit Bella den Ball. Herr von Endlich strahlte von Glück, Sonnenkamp aber machte eine seltsame Miene, da man ihm mittheilte, der Prinz habe den Hauptmann Dournay ersucht, ihn vorzustellen. Herr von Endlich war von großer Rührigkeit. Er war ein Mann von äußerst sicherem und selbstgefälligem Wesen, ohne damit Jemand zu verletzen. Wie er sprach und sich benahm, sagte sein Wesen immer: Ich kenne Alles. Mit Männern des verschiedensten Berufes knüpfte er ein Gespräch an und wußte überall sich geltend zu machen; daß er Finanzmann, National-Oekonom, Landwirth, Kaufmann und Schiffsrheder war und alles Einschlägige genau kannte, ließ er als selbstverständlich erkennen, aber er wußte auch von der strengen Wissenschaft mitzusprechen, wie nicht minder von allen Staatsmännern Europa's. Er hatte überall gut gehört und wußte es gut zu verwenden. Sonnenkamp kam sich zum ersten Mal im Leben schülerhaft vor. Er stand bei einer Gruppe, in welcher Herr von Endlich die Bereitung des Gußstahls erklärte, da trat der Prinz hinzu; das Gespräch brach plötzlich ab, aber der Prinz sagte: »Bitte, ich will nicht stören.« Er hörte dankbar zu, wie Herr von Endlich die Gußstahl-Fabrikation darlegte, als wäre er sein Lebenlang Werkführer in einer Fabrik gewesen. Sonnenkamp wurde vorgestellt, und der Prinz fragte, ob er auch schon in Amerika Weinbau getrieben habe. Sonnenkamp verneinte. Ohne irgend eine Vermittlung fragte dann der Prinz wieder, ob er Theodor Parker gekannt habe, den er mit großem Vergnügen habe predigen hören. Auch dies mußte Sonnenkamp leider verneinen. Der Prinz suchte ihn auf ein Thema zu bringen, wo er gewiß gut reden könne; er fragte, ob er an einen friedlichen Ausgang in der Sklavenfrage glaube. Die Umstehenden hörten aufmerksam zu, wie Sonnenkamp berichtete, daß die Ungeheuerlichkeiten, die man sich vorstelle, in der Wirklichkeit gar nicht vorhanden seien und daß die Abolitionisten es vielleicht gut meinten, aber sicherlich ihre Pläne schlecht ausführten. »Sie müssen mir das einmal ausführlich darlegen, Sie müssen mich einmal besuchen.« »Hoheit haben nur zu befehlen,« erwiderte Sonnenkamp; er war sehr glücklich, als hiermit das Gespräch endete. Erich stand fast den ganzen Abend bei Weidmann, aber so gern er sich dem allgemein verehrten Mann widmen wollte, es gelang ihm nicht; er sah unwillkürlich beständig auf Bella. Sie hatte in ihrer Erscheinung etwas Junonisches, es war die Fülle, wie sie bei den Niederländern sich zeigt, sie hatte eine gewisse gemessene Ungezwungenheit, sah stolz und sicher aus, für den Einen hatte sie ein tiefes, für den Andern ein leichteres Wort; sie belebte die Alten und erheiterte die Jugend und Alles in der edelsten, unantastbarsten Weise. Sie schwebte von Einem zum Andern, auf ihren Lippen lag oft ein gewaltsamer Ausdruck, aber sie spendete beständig ein belebendes Lächeln und ihre Freundlichkeit war bezaubernd; sie blieb räthselhaft, sogar in ihrer Erscheinung, denn Niemand wußte genau zu sagen, welche Farbe ihre Augen hatten, obgleich Jeder von deren Strahl entzückt war. Während sie zuhörte, machte sie immer den Fächer auf und zu und sprach dann mit vollendeter Leichtigkeit. Ganz unvermittelt nahmen aber oft ihre Mienen einen düstern und wilden Ausdruck an; es war etwas Räthselhaftes in ihr. Bella war eine Erscheinung, die man hassen, aber nicht vergessen konnte. Auch Doctor Richard hatte das erfahren müssen, und Erich fand, daß er ungerecht gegen sie war, denn die Haupttriebfeder im Wesen Bella's war Ehrgeiz, und dieser Ehrgeiz auf Großes gelenkt, wäre als Größe erschienen. Im Gedanken, daß auch er Bella ein Unrecht angethan, war er freundlicher und ehrerbietiger gegen sie. Bella schien zu fühlen, was in Erich vorging; sie nickte ihm bei jeder Begegnung huldreich und verständnißvoll zu. Die Haltung Erichs beruhigte sie vollkommen, denn innerlich hatte sie doch manchmal gedacht: wenn solch ein Erzieher sich rühmen sollte – Pah! Niemand würde ihm glauben. Er ist aber auch zu edel, um sich zu rühmen. Was war denn auch geschehen? Aus der anfänglichen Zerknirschung hatte sie sich bereits einen Stolz gebildet; sie hatte sich zuerst eingeredet, daß die ganze Sache ein momentaner Uebermuth, ja nur ein leichtes Spiel gewesen. Wer konnte ihr widersprechen? Jetzt war die Beschönigung bereits so weit gediehen, daß sie ihr als Thatsache galt, der ganze Vorgang erschien ihr wie ein Roman, den sie einmal gelesen; er hatte sehr aufgeregt, der Schluß ist anders, als man erwartete, aber nun ist er ausgelesen, fertig, aus der Hand gelegt, vergangen, steht bestaubt in der Bibliothek. Bella lächelte darüber, daß sie noch so bewegt sein konnte; sie war fast stolz, daß sie noch so naiv empfinden, so hingerissen sein könne. Nun war Alles abgethan und es geht zu Neuem. Sie sprach mit Erich und Weidmann einmal kurz, sie freute sich, daß die Beiden einander gefunden, und hoffte, daß Erich oft zu ihr und Clodwig kommen würde, damit man sich geistig erfrische und in diesem Strudel der Gesellschaft zum Bewußtsein seiner selbst komme; auch bat sie Erich, sie einmal in den Antikensaal zu bringen und sie dort etwas lernen zu lassen. Mit einer gewissen schwesterlichen Mahnung erinnerte sie ihn, daß er die entsprechenden Besuche machen müsse, um nicht außerhalb der Gesellschaft zu stehen. Sie war erfreut, daß er dies theilweise bereits ausgeführt. Er berichtete, er habe sogar den Neger des Fürsten besuchen wollen, derselbe sei aber mit der kranken Prinzessin des fürstlichen Hauses während des Winters in Neapel. »So?« fragte Bella, »hat Sie Herr Sonnenkamp in einem besonderen Auftrage zu dem Neger geschickt?« Erich erwiderte, daß er diese Frage nicht verstehe; Bella lenkte rasch ab, sie bezeichnete ihre Frage als einen unzeitigen Scherz. Sie ging rasch davon, sprach mit Sonnenkamp und lachte viel, indem sie auf einen Mann in der Gesellschaft deutete, es war der Bruder des Herrn von Endlich, der das erste Modegeschäft in der Residenz hatte. Herr von Endlich hatte es nicht umgehen können, seinen Bruder, der ein angesehener Bürger der Residenz war, in Gesellschaft zu laden. Man spöttelte darüber und sagte, daß der Mann, bei dem man gestern die Kleider gekauft, nun auch sehen wolle, wie diese heute seinen Kunden stehen. Sonnenkamp war froh, daß, wenn er in den Adelstand eintrete, er wenigstens keine solchen Unzuträglichkeiten von einem Familienanhang zu befürchten habe. Viertes Capitel. Allabendlich war man nun im Theater, in großen Gesellschaften; der Morgen brach erst am Mittag an. Erich hatte, der Mahnung Bella's gemäß, die rückständigen Besuche gemacht und wurde in der Regel auch eingeladen. Er sah das Gesellschaftsleben, wie aus einer fremden Welt kommend, mit neuen Augen an. Was verhüllt sich Alles in diesen lächelnden, sich gegenseitig so freundlich begrüßenden, geputzten Menschen! Er schauderte oft über die Gemeinheit in weißer Cravatte. Im Rauchzimmer wurden unzüchtige Geschichten erzählt, Einer überbot den Andern, und dann ging man wieder in den Tanzsaal zu Frauen und Töchtern und war manierlich und fein. Erich verhielt sich in bescheidener Zurückhaltung, Bella neckte ihn, daß er sich nicht auch in den Strudel begebe; sie schwamm lustig im Strom rauschender Freuden und es vergnügte sie, eine der Ersten, wenn nicht die Herrschende zu sein. Fürst Valerian war sehr zuvorkommend gegen Erich und erzählte ihm viel von Knopf und einem wunderbaren amerikanischen Kinde, das auf Mattenheim sei. Prancken grüßte in der Regel stumm, und sprach kaum mit Erich. Von den ersten Würdenträgern des Staats und des Hofes hörte Erich bald da, bald dort, wie lobreich die Gräfin von Wolfsgarten und ihr Gatte von ihm gesprochen. Mit Weidmann gerieth er in jene Beziehung, in der man immer beiderseits bedauert, einander so wenig habhaft zu werden, und bei allem guten Vorsatze doch nie zu Weiterem kommt. Nur Einmal gelang den Beiden eine nähere Verständigung; sie sprachen von Clodwig, und Beide in gleichmäßiger Hochachtung; dennoch konnte Weidmann nicht umhin, zu sagen: »Ich bewundere diese Kraft, aber ich könnte sie nicht bethätigen. Unser Freund vermag es, ganz in die Sphäre einzugehen, in der er lebt; er kann gewissermaßen seine Seelenstimmung aus- und anziehen wie einen Gesellschaftsfrack; für sich lebt er in ganz anderen Interessen, ja in einer Verwerfung dieses Getriebes; sobald er aber in diese Sphäre eintritt, merkt man in seinem Behaben nicht die Spur eines Widerspruchs, man glaubt ihn vollkommen in Uebereinstimmung.« Erich verstand, und das Auge Weidmanns ruhte mit Nachdenken auf ihm, da er erklärte, daß er seinerseits nicht in die Gesellschaft tauge. »Die Menschen sagen das eine Mal: Recht so, daß Sie aufflammen über Schlechtes, und das andere Mal verlangen sie, daß man gleichgültig daran vorübergehe, es ohne Verwerfung bestehen lasse. Das kann ich nicht und so tauge ich nicht in die Gesellschaft.« Weidmann schien das, was Erich beunruhigte, anders zu fassen, denn er sagte ihm, er könne vollkommen zufrieden sein, da er in solcher Umgebung einen Jüngling wie Roland zu edlen Gedanken erziehe. Ganze Abende wurde aber Erich seines Zöglings kaum ansichtig, denn die tanzende Jugend, Männer und Mädchen, umgaben ihn stets und hätschelten und bevorzugten ihn. Die Brust voll Cotillonorden, kam Roland spät heim und Tages darauf war er müde und zerstreut; ja, Erich bemerkte, daß der Portier ihm bisweilen duftige Briefchen zusteckte. Von regelmäßigem Unterrichte konnte nicht mehr die Rede sein, Roland trällerte meist am Tage die am Abend vorher gehörten Tanzweisen. In seinem Schreibpulte verwahrte er mit Heimlichkeit die Tanzkarten und auch manche andere Gedenkzeichen. In seinem Blick war etwas Scheues. Prancken war erfreut; die Seinigen – denn so nannte er die Familie Sonnenkamp – inmitten der Gesellschaft zu finden, und nun ergab sich, daß auch Roland in dem französischen Lustspiel eine Rolle zufiel. Er sollte einen Pagen am Hofe Ludwigs XIV. spielen, da die junge Gräfin Ottersweier, der die Rolle zugetheilt, an den Masern erkrankt war. Ein schönes Gewand wurde Roland bestellt, all sein Denken war nun auf das Schauspiel und die Proben gerichtet. Als die erste Costümprobe abgehalten wurde und Roland in dem kleidsamen Gewande, in eng anliegenden weißseidenen Tricots, vor den Seinigen erschien, waren Alle voll Bewunderung; die Mutter zumal konnte sich in ihrem Entzücken gar nicht fassen. Roland sah auf Erich, der seit geraumer Zeit finster dreinschaute; er wollte ihn fragen, warum er so pedantisch sei – denn so hatten ihn die Mitspielenden genannt – aber er unterdrückte es und sagte nur: »Verlaß Dich darauf, ich werde später wieder Alles, was Du mir aufgibst, lernen; nur jetzt laß uns lustig sein.« Erich lächelte traurig; er fühlte, daß etwas verwüstet wurde in seinem Zögling; aber was konnte er thun? Wohl war ihm der Gedanke durch die Seele gezogen, daß er, da Alles, was er so mühsam gepflanzt und gepflegt, zertreten werden sollte, sich nun auch zurückziehen müsse; nur die Betrachtung, daß dann Roland ganz dem Verderben anheimfiele, hielt ihn noch auf seinem Posten. Er hielt es für Pflicht, Herrn Sonnenkamp seine Besorgniß mitzutheilen; dieser tröstete ihn, die amerikanische Jugend sei in den Jahren reif und bewältige das Leben, wo die deutsche noch auf der Schulbank sitze und sich über eine geringe Censur abhärme. Während Roland in den Proben des französischen Schauspiels war, hielt sich Erich oft im Lehrerverein auf. Leider fand er auch hier eine Aristokratie; die Lehrer der höheren Schulen sind getrennt von denen der Elementarschulen. Erich wurde von Vielen als Bekannter begrüßt und immer wieder erschien sein Ruhm vom Sängerfest, denn die Lehrer sind die eigentlichen Stützen des Chorgesanges; sie hatten hier einen besonderen Gesangverein und Erich sang mit seinen Genossen schöner als je. Aus rauschenden Gesellschaften stahl er sich oft weg und ging in den Lehrer-Verein, wo es ihm war, wie wenn er plötzlich auf einen andern Planeten versetzt wäre. Hier saßen ernste Männer und besprachen sich darüber, wie man eine Kindesseele leite und führe, und da drüben verbrauste und verpraßte die mit bester Kraft geleitete Seele alle Arbeit des Lehrers an einem einzigen Abend. Wenn man wüßte, was aus dem eigenen Thun wird, man könnte nicht weiter leben. Der beste Theil unserer Idealität ist das Nichtwissen unserer Zukunft und der Glaube an volle Erfüllung. Erich konnte nicht umhin, Herrn Sonnenkamp von den Abenden im pädagogischen Verein zu erzählen, und Sonnenkamp nahm viel Antheil; er fand es sehr schön, wenn andere Menschen die Idealität pflegten. »Sie sind glücklicher als wir,« sagte er und trank dabei seinen schweren Burgunder. Am Vorabende vor der Aufführung des französischen Lustspiels hatte Roland auf Geheiß seines Vaters und Pranckens alle Mitspielenden zu einer Abendgesellschaft im Gasthofe eingeladen. Nur die Männer erschienen, von den Frauen Bella allein. Bella nahm Sonnenkamp bei Seite und sagte ihm vertraulich, er bringe die Frauen nur dann in seine Gesellschaft, wenn er die Professorin bei sich habe. Sie gestand es sich nur halb, daß sie bei der Rückkehr auf das Land eine gewisse Beschämung vor der Professorin empfinden werde, mit der sie oft die Nichtigkeit und Hohlheit der gesellschaftlichen Zerstreuungen besprochen hatte; darum sollte Alles in den Strudel, damit Keines sich vor dem vorwurfsvollen Blicke des Andern zu fürchten habe. Ueberdies war es volle Wahrheit, daß Sonnenkamp nur dann, aber dann auch mit Sicherheit eine gesellschaftliche Stellung gewinne, wenn die Professorin sein Haus repräsentirte. Bella war boshaft genug, Sonnenkamp zu sagen, daß die Cabinetsräthin ihn ausbeute, aber in Gesellschaft verleugne und ihre Verbindung nur als eine nothgedrungene, nachbarschaftliche bezeichne. Sonnenkamp war ingrimmig, aber er mußte die freundlichste Miene bewahren. Das Schauspiel wurde aufgeführt. Alles war voll Bewunderung über die Schönheit und gewandte Grazie Rolands; selbst Bella, die ihre Vielseitigkeit heute zur Schau stellen konnte – denn sie hatte eine sogenannte Schubladenrolle mit dreifacher Verkleidung – wurde von dem Eindrucke, den Roland machte, fast in den Schatten gestellt. Die Fürstin ließ Roland zu sich rufen und unterhielt sich lange mit ihm; man sah Roland und sie lächeln. Der Fürst kam selbst auf Sonnenkamp und dessen Frau zu und glückwünschte ihnen zu diesem prächtigen Sohn, indem er fragte, wann Roland in die Cadettenanstalt eintrete. »Wenn er den gnädig verliehenen Namen haben wird,« antwortete Sonnenkamp gefaßt. Der Fürst machte eine finstere Miene und ging weiter. Sonnenkamp athmete schwer, er hatte offenbar einen Fehler gemacht, die Sache hier und in dieser Weise vorzubringen; aber es ließ sich nicht mehr ändern und – vorwärts hieß die Losung. Mit ingrimmigem Blicke schaute er umher, als wollte er die ganze Gesellschaft mit all ihrem Flitter zusammenballen und kneten und daraus machen, was ihm beliebt. Seine Mißlaune wurde nicht verscheucht, denn Prancken kam und fragte, was er zum Fürsten gesagt habe, der Fürst scheine verstimmt. Sonnenkamp fand es nicht nöthig, seinen Fehl zu bekennen. Mit schwerem Blicke schaute Erich alledem zu. Er stand an eine Säule gelehnt, neben ihm ließ eine schöne Palme ihre gefächerten Blätter matt herabfallen. Er starrte auf die Pflanze, sie verkommt in dieser schwülen Luft, in dieser Ausströmung des hellen Gaslichtes; man bringt sie wieder zurück, da wo sie wieder gedeihen soll, aber sie kränkelt und verkommt vielleicht ganz. Wird es auch mit Roland so sein? Wie soll er nach Idealen, nach höherer Bethätigung streben, wenn ihm so aller Glanz, alle Huldigung geworden? Unwillkürlich dachte er sich den Professor Einsiedel hier herein. Er lächelte, denn er selber erschien sich als solch ein Professor Einsiedel. Was sind denn wir, die wir nur dem Gedanken leben? Zuschauer, nichts als Zuschauer. Da ist die Welt und ein Jagen und Raffen nach Genuß, Jeder raubt und eignet sich zu, was er haschen kann. Warum willst Du daneben stehen? Warum nicht mitten drin Dich tummeln? – Sein Herz preßte sich zusammen, seine Wange glühte. Da kam Roland auf ihn zu und sagte: »Wenn ich es Dir nicht recht gemacht habe, liegt mir an allen Anderen nichts.« Erich reichte ihm die Hand und Roland fuhr fort: »Die Fürstin wünscht, daß ich mich in diesem Gewande photographiren lasse; alle Damen wünschen es und die ganze Schauspielgesellschaft wird das Gleiche thun. Ist das nicht schön?« »Gewiß, es wird Dir später eine anmuthige Erinnerung sein.« »Ach, später! . . . Später – Heute ist's schön, ich will von später gar nichts wissen. Ach, wenn man nur nicht schlafen müßte, sich ausziehen und morgen wieder anders sein! Man sollte ununterbrochen so fortleben können.« Erich erkannte, wie berauscht von Lob und Ehre Roland war; jetzt war nicht die Zeit, sich dem entgegenzustellen. Aber auch er wurde an diesem Abend in eine ungewohnte Bewegung versetzt. Er hatte wohl bemerkt, wie eifrig Bella mit dem Kriegsminister gesprochen, der ehedem der Oberst seines Regiments gewesen; jetzt kam der Minister in seine Nähe. Erich verbeugte sich, der Minister knüpfte ein leichtes Gespräch mit ihm an und fragte endlich, ob er nicht Willens sei, wenn sein Zögling in die Cadettenschule eintrete, eine Professur an der Cadettenschule anzunehmen. Erich sprach seinen Dank für diese große Freundlichkeit aus, aber er konnte nichts bestimmen, und als ihn der Kriegsminister fragte, ob er sich ein Festes ausgemacht habe bei Vollendung der Erziehung des jungen Amerikaners, erwiderte er, daß Doctor Richard Alles geordnet habe. Er erschrak aber, als ihn der Kriegsminister fragte, ob er durch diese Stellung nicht in seiner Wissenschaft zurückkäme, denn Bekannte aus der Universität hätten mit großen Hoffnungen von ihm gesprochen. Als der Minister sich entfernt hatte, bemerkte er Bella's feuriges Auge, das auf ihn gerichtet war, und sobald er Gelegenheit fand, sprach er Bella seinen Dank aus, daß sie ihn dem Kriegsminister so freundlich empfohlen habe. »Nichts als Eifersucht – nichts als Eifersucht. Ich will Sie aus dem Hause dort haben, ehe die bezaubernde Manna zurückkehrt,« erwiderte Bella, sie war sehr aufgeräumt. Am andern Tage, während Roland mit den Genossen beim Photographen war und die Einladungskarten zum großen Sonnenkamp'schen Feste umhergetragen wurden, fuhr Sonnenkamp, von Lutz allein begleitet, nach Villa Eden. Fünftes Capitel. Die Professorin saß in der behaglich durchwärmten Stube am Fenster, dessen Sims mit Decken und Kissen und das auswärts mit Moos bekleidet, vor jeder Lufteinströmung geschützt war; es war wieder starker Frost eingetreten. Sie saß an ihrer Nähmaschine, die so sanft ging, daß man kaum ein Geräusch vernahm. Vom Strom herauf hörte man das Knirschen und Schieben der an einander stoßenden Eisschollen, die dann verändert und neu gebildet weiter schwammen. Oft blickte sie hinaus über den Strom und in die Landschaft; sie sah in den Dörfern den Rauch über den Häusern aufsteigen, sie kannte jetzt das Leben dort. Manchmal von Fräulein Milch, manchmal vom Krischer, am meisten aber vom Siebenpfeifer begleitet, an dessen Heiterkeit sie besondere Freude fand, war sie überall eingetreten, hatte mit Wort und That geordnet und geholfen. Im grünen Hause ging es ab und zu von Solchen, die theils dankten, theils neue Anliegen hatten, und sie fand Befriedigung darin, daß ihr eine so reiche und in den Wirkungen so schnell erkennbare Thätigkeit gegeben war. Wenn sie allein und ungestört war, nahm sie die Lieblingsbücher ihres Mannes zur Hand, überdachte die Bemerkungen, die fast auf jeder Seite standen, und erquickte sich, in stiller Abgeschiedenheit mit dem Verewigten fortleben zu können. Was ihr Mann geschrieben, las sie meist laut; es that ihr wohl, die Lippen zu bewegen und die Worte in jener Betonung zu hören, die er liebte. Sie mußte aber auch laut lesen, um Gedanken zu verscheuchen, die nebenher in Alles sich hineindrängten. Diese Gedanken gingen immer nach dem Leben und Wesen Sonnenkamps und seiner Vergangenheit, vor Allem aber in den Gemüthsgrund Manna's. Sie glaubte zu verstehen, was Manna damit gemeint, als sie beim Abschied vom elterlichen Hause zu Roland gesagt hatte: »Ich bin auch eine Iphigenie.« Den Gesang der Parzen in Goethe's Drama sprach sie jetzt, während sie arbeitete, vor sich hin und schwer lag das Räthsel in ihrer Seele, warum Kinder um die Schuld ihrer Eltern leiden müssen. Mitten in den erschütternd wohlklingenden Versen hörte sie das Geräusch eines vor dem Hause stillhaltenden Wagens. Vielleicht ist es der Doctor, der ihr bisweilen auf eine gute Stunde Gesellschaft leistete; sie wußte, er liebte es, wenn sie in ihrer Ruhe verblieb. Der nahende Schritt war indeß ein anderer, auch das Anklopfen war ein anderes und herein trat Herr Sonnenkamp. Die Professorin hatte Sonnenkamp nicht gesehen, seitdem sie gehört hatte, was sie ihm nie sagen konnte; sie bedurfte aller Fassung, um ihm die Hand zu reichen. Er that seine Pelzhandschuhe ab und faßte ihre Hand. Zum ersten Male fühlte sie den Stahlring an seinem Daumen, als wäre es eine kalte Schlange. Erschreckt sah sie ihre Hand in der seinen. Die Hand Sonnenkamps, so breit, fleischig, mit zurückgebogenen Fingern, an denen das Fleisch sich über die Spitzen der Nägel legte, war wie die Hand des Pharisäers aus dem Titianischen Bilde vom Zinsgroschen. Zwischen Daumen und Zeigefinger hält der Pharisäer das Geldstück und diese Haltung und Bewegung hat, wenn man so sagen darf, etwas Grinsendes, Gewaltthätiges, Heuchlerisches. In der Erinnerung der Professorin tauchte auf, wie sie auf ihrer Hochzeitsreise in der Gallerie zu Dresden stand. Ihr Mann verdeckte damals eine Secunde das Gesicht Christi und das des Pharisäers und ließ seine Frau nur die Bildung der beiden Hände sehen, aus denen sich Gestalt und Charakter der beiden gegensätzlichen Träger herausbilden ließen. Mit Blitzesschnelle zogen diese Gedanken und Vorstellungen durch ihre Seele. Sonnenkamp bemerkte, daß die haltungsvolle Frau ungewöhnlich bewegt war; mit Gewandtheit sagte er: »Ich habe immer gefunden, daß sinnige, viel in sich lebende Menschen, vor Allem edle Frauen, keine Ueberraschungen lieben. Ich muß daher um Entschuldigung bitten.« Die Professorin sah ihn an. Wie ist es nur möglich, daß ein Mann mit solcher Vergangenheit zarte Seelenbewegungen erfaßt und so sanft kundgibt? Sie gestand, daß er das Richtige bei ihr getroffen, und fragte, ob der Besuch ihr oder der Besichtigung seines Heimwesens gelte. Sie fühlte, daß dies eine ungeschickte Frage war, aber sie konnte nichts Anderes vorbringen. »Ihnen allein gilt mein Besuch,« sagte Sonnenkamp, »und ich bedaure fast, daß ich diese schöne Ruhe störe. Ach, ich komme aus einem Treiben, wo man gar nicht mehr glaubt, daß solche Ruhe auf demselben Planeten ist. Wir leben in einem beständigen Wirbel und es ist nur gut, daß man noch schlafen kann.« »Ich kenne die Unruhe der Carnevalszeit,« sagte die Professorin lächelnd; »man lechzt nach Stille und trägt doch beständig die am Abend vorher gehörte Musik, Scherz und Lachen mit sich herum.« Sonnenkamp ging nun geraden Weges auf sein Ziel los. Er bat mit großer Unterwürfigkeit die Professorin, seinem Hause die Würde zu verleihen, die sie allein geben könne. Die Professorin bedauerte, ablehnen zu müssen; sie sei nicht mehr für die Gesellschaft geschaffen. »Ich hätte nicht geglaubt, daß Sie eine finstere, ich hätte eher vermuthet, daß Sie die freiere Anschauung vom Leben haben.« »Ich glaube auch sie zu haben. Ich betrachte unser Leben nicht als eine düstere Wohlthätigkeitsanstalt, aus der alle Heiterkeit verbannt sein soll; die Jugend soll tanzen und nicht daran denken, daß in derselben Minute Menschen sich vor Frost schütteln und Kummer und Elend überall. Ich liebe die Heiterkeit, sie allein gibt Kraft.« »Nun, so stehen Sie uns bei; wir wollen uns dann später um so mehr den armen Geschwistern der großen Menschenfamilie widmen.« Die Professorin mußte eine Empörung niederkämpfen, daß der Mann mit diesen Worten ein Spiel trieb; sie starrte auf seine Hände, als wären sie blutbefleckt, und diese blutbefleckten Hände boten ihr fröhlichen Wein dar. Sie konnte kaum sprechen, sie schüttelte mit dem Kopf und wiederholte nur: »Ich kann nicht, glauben Sie mir, ich kann nicht.« »Nun denn,« begann Sonnenkamp, »ich stehe nicht an, Ihnen ein Geheimniß kundzugeben.« Die Professorin hielt sich mit beiden Händen an ihrem Nähtische. Was wird der Mann sagen? Sonnenkamp erklärte, wie es sein unablässiger Wunsch und wie nothwendig es für seine Frau, für Roland und Manna sei, daß er in den Adelstand erhoben würde. Die Professorin zuckte. Wie? Dieser Mann wagt es? Die geborne Adlige empörte sich in ihr. Dieser Mann mit solcher Vergangenheit wagt es? Sonnenkamp betrachtete sie mit gespannter Aufmerksamkeit. Im Innern dieser Frau ging etwas vor, was er sich nicht erklären konnte; diese Frau schwieg und sprach kein Wort nach solcher Vertrauensbeehrung. »Warum erwidern Sie nichts?« fragte er endlich. Die Professorin faßte sich und sagte: »Würde es Ihnen nicht schwer, einen andern Namen zu tragen?« Sonnenkamp sah sie scharf an; sie fuhr fort: »War es mir doch als Frau fremd, einen andern Namen zu tragen.« »Verzeihen Sie, gnädige Frau,« entgegnete Sonnenkamp verbindlich, »Sie mußten einen bürgerlichen tragen; einen adligen nimmt man wol leichter an.« Er bat immer dringlicher, und fügte den besondern Wunsch der Gräfin Bella hinzu. Die Professorin blieb dabei, es könne Niemand, auch die äußerste Freundlichkeit nicht, über ihr Leben bestimmen; sie sei entschlossen, nie mehr in die Gesellschaft einzutreten. Sonnenkamp glaubte, daß die Professorin nicht als Anhängsel erscheinen wolle; würde man sie aber frei und selbständig stellen, so würde sie sich nicht mehr weigern. In so bescheidener als nachdrücklicher Weise sagte er daher, er lege hiermit eine Summe, mit der die Professorin ihr ganzes Leben ein selbständiges Haus machen könne, in ihre Hände; er griff in die Brusttasche und nahm ein Portefeuille heraus. »Bitte, lassen Sie,« entgegnete die Professorin hocherröthend; sie starrte auf seine Finger . . . gerade so hielt der Pharisäer das Geldstück . . . »Bitte! Das ist es nicht. Ich schäme mich keiner Position, da ich meine Ehre in mir habe; ich fürchte mich auch nicht vor der Gemüthsbewegung, die mich beim Anblick dieser oder jener Verhältnisse belasten könnte. Ich habe in freiem Entschluß für alle Zeit auf diese Beziehungen resignirt. Ich bedaure tief, Sie bitten zu müssen, keinerlei Beweggrund mehr vorzubringen, denn ich bliebe doch unbewegt.« Sonnenkamp war in Verlegenheit, wie er das Portefeuille wieder in die Tasche zurückbringen und die heftige Empörung in sich niederkämpfen sollte. Er stand auf und ging ans Fenster. Eine Weile starrte er hinaus, dann wendete er sich lächelnd um und sagte: »Dort schwimmen die Eisschollen, ein milder Hauch sprengt die Eisdecke, warum sollte nicht auch, verehrte Freundin – Sie gestatten mir, Sie so zu nennen – Ihre That, Ihr Vorsatz . . . Sie verstehen schon, wie ich es meine . . . man darf nicht alles Werdende binden.« »Für mich,« entgegnete die Professorin, »würde dies ein Brechen der Treue sein und ich habe nichts mehr auf der Welt als die Treue gegen mich selbst.« »Ich bewundere Sie,« erwiderte Sonnenkamp, und glaubte nun durch Kundgebung einer bewundernden Verehrung noch zu gewinnen. Die Professorin fühlte, daß sie dem armen reichen Manne ein Gutes thun, ihm etwas geben müsse, was ihm Muth und Lust zum Leben mache, und es kam aus ihrer Seele, als sie sagte: »Lassen Sie sich den Dank der Hunderte aussprechen, die Sie gesättigt und genährt haben. Der Bote Ihrer Wohlthätigkeit zu sein, macht mich glücklich, und ich wünsche nur, daß Sie sich als die Quelle des Glückes empfinden.« Mit Lebhaftigkeit schilderte sie, wie Alles wohlgeordnet sei und wie sie nicht erst die Krankheit, das heißt die Verkommenheit abwarte, sondern den Gesunden aufhelfe. Sie erzählte so viel Schönes und Rührendes, daß Sonnenkamp sie anstarrte und die Worte hervorstieß: »Ist Alles gut – gut – ich danke Ihnen.« Er reichte ihr nochmals die Hand und ging davon. An der Hausthür begegnete ihm Fräulein Milch, er sah sie kaum an und ging weiter. Fräulein Milch traf die Professorin, die mit großem Eifer ihre Hände wusch, als könnte sie dieselben gar nicht reinigen von der Berührung. Fräulein Milch fragte: »Hat er Ihnen gesagt, daß er geadelt wird?« Die Professorin sah sie staunend an. Woher wußte denn diese einfache Wirthschafterin in ihrer Abgeschiedenheit Alles? Fräulein Milch erklärte, daß der Fleischer aus der Residenz, der von ihrem Nachbarn ein Paar fette Ochsen gekauft, die Nachricht verbreitet habe. Sechstes Capitel. Ein fremder Mann kommt, besichtigt das Haus, den Garten, den Park, die Treibhäuser, die Ställe. Wem gehörte das Alles? Einem Amerikaner von räthselhafter Vergangenheit . . . Das stellte sich Sonnenkamp dar, als er in sein Heimwesen eintrat; er sah in eine zukünftige Zeit, ein Fremder war es, der Alles in Augenschein nimmt, und er selbst, der Alles gebaut, gepflanzt, war verschollen. Sonnenkamp schlug sich auf die Stirn, da er inne ward, welch ein traumhaftes Gesicht ihn beherrschte. Was ist das für eine Macht, die ihn verzaubert und ihm sein eigen Selbst entführt? Nichts als der Tugendstolz dieser armen Frau treibt solche Gedanken in seiner Seele auf. »Noch bin ich! noch will ich! noch nie ist mir entgangen, was ich wollte, und sie Alle sollen mir dienen! sagte er laut vor sich hin. Er betrachtete die Bäume im Garten, ein dünner Schneereif lag auf den Zweigen, es war ein Anblick, so rein und fein, Alles so unbewegt, daß man unwillkürlich den Athem anhielt, denn Alles war so still, verklärt und leuchtend zugleich. Hier und dort sah er Bäume und Sträucher seiner Anordnung gemäß gefällt. Das muß immer sein, wenn die Parkanlage in ihrer Fortentwicklung ihre künstlerische Gestaltung bewahren soll; Sonnenkamp ließ sich die Bäume nicht über den Kopf wachsen, sie durften nicht über die Idee hinausgehen, mit der er die Anlage festgestellt hatte. Zwei schöne Neufundländer, die treu an ihm hingen, ließ er aus dem Gehege bringen; die Hunde sprangen an ihm empor, sie waren voll Lust und Glück, ihren Herrn zu begrüßen. Er lächelte. Da ist doch etwas, das ihn treulich begrüßt, sich seiner freut; die Hunde sind die besten Geschöpfe auf Erden. Er ging mit den Hunden überall umher und im Obstgarten schaute er freundlich lächelnd um; die künstlich gezogenen Zweige, mit schneeigem Reif bekleidet, waren wie Kunstgebilde der feinsten Art; er wünschte nur, daß er sie in der großen Gesellschaft vor den erstaunten Blicken seiner Gäste ausstellen könnte. Ja, die Gäste! Werden sie kommen? Wirb dieses pomphaft angekündigte Fest nicht eine Beschämung für ihn werden? Die Zweige der Obstbäume kann man ziehen und biegen nach Wohlgefallen, warum sind die Menschen so widerspenstig? Plötzlich lächelte er vor sich hin. Es war viel davon gesprochen, daß eine große Sängerin in Paris alle Welt entzückte; diese mußte herbei, koste, was es wolle, und sie mußte sich verpflichten, kein öffentliches Concert zu geben, sondern nur in seinem Salon und äußersten Falles noch bei Hofe zu singen. Er will der armseligen Residenzgesellschaft etwas bieten, was Niemand außer ihm vermag. Er ließ die Hunde wieder in ihr Gehege sperren, sie winselten und bellten. Mögen sie winseln! Man sollte immer nur Geschöpfe haben, die man zu seiner Lust holt und wieder wegschickt, wenn man ihrer überdrüssig. Sofort ließ Sonnenkamp wieder anspannen, fuhr nach der Telegraphen-Station und sendete eine Nachricht an einen Agenten in Paris mit genauer Angabe dessen, was er wünschte. Die Antwort sollte ihm nach der Residenz geschickt werden. Frischen Muthes, die ganze Welt verachtend und stolz auf seinen Erfindungsreichthum, fuhr er nach der Residenz zurück. Prancken war zugegen, als er am Abend die Nachricht erhielt, daß die Sängerin eintreffen werde. Sonnenkamp wünschte, daß das Außergewöhnliche, was er zu bieten vermochte, schnell bekannt würde; die Hofzeitung sollte es verkünden. Prancken war nicht für diese Art der Kundgebung, man solle vielmehr vertraulich Diesem und Jenem mittheilen, was zu erwarten sei, und Jeder würde sich beeilen, das Anvertraute weiter zu verbreiten. Er selbst übernahm es, einigen beliebten Kameraden auf dem Militär-Casino das Ueberraschende mitzutheilen. Die Sängerin kam und übte eine größere Anziehungskraft als die Professorin bewirkt hätte. Am Vorabend des Festes erschien Bella und brachte ihre Wünsche für das Gelingen desselben. Es fehlte in der That nichts. Der populäre Prinz erschien mit seiner Gattin, die auserlesenste Gesellschaft füllte die Salons des Herrn Sonnenkamp, auch der amerikanische Generalconsul mit seiner Frau und zwei Töchtern war zugegen und Alles war voll Bewunderung und Dank für den Gastgeber. Die Sängerin sang mit großer Bravour und unter dem lebhaftesten Beifall viel Modernes; besonders ergriffen aber war Erich, als sie auch eine Arie aus der Oper Medusa von Lulli sang. Das Wagniß, eine das menschliche Maß überschreitende Leidenschaft in Tönen auszudrücken, stellte sich ihm dar, es war eine ähnliche Kolossalität wie in der Büste, die auf Wolfsgarten stand, und er erzitterte als Bella umschaute und ihr Blick sich nach ihm richtete, als ahnte sie durch einen magischen Zauber, daß die Strömung seines Denkens nach ihr hin ging. Sie sah stolz und groß aus, und nach dieser Arie ging sie auf die Sängerin zu und sprach sehr eifrig mit ihr. Frau Ceres war mißgelaunt und verstimmt, denn ihre große Pracht verschwand vor der wunderbaren Kunst der Sängerin, zu der sich Alles drängte. Der Prinz unterhielt sich mit ihr wol eine halbe Stunde, mit Frau Ceres nur einige Minuten. Mit triumphirendem Siegesgefühle ging Sonnenkamp durch die Gesellschaft, er that sehr bescheiden, aber innerlich verachtete er sie, denn er dachte: Mit einer Hand voll Gold läßt sich Alles machen; mit Gold ist Ehre und gesellschaftlicher Glanz und Alles zu haben. Am andern Tage war eine zwiefache Gesprächsströmung in der Residenz. Man sprach vom Feste des Herrn Sonnenkamp, deßgleichen man hier noch nie gesehen; eine Gegenströmung war die Nachricht vom Tode des Gatten der Baronesse von Endlich, die Nachricht sei bereits gestern Abend angekommen, man habe sie aber zurückbehalten, um den Angehörigen und den weit verzweigten Verwandten des Hofmarschalls die Freuden des Sonnenkamp'schen Festes nicht zu entziehen. Am Abend brachte die Zeitung, deren Redaction Professor Crutius vorstand, einen pikanten Bericht, worin die Todesnachricht und das Sonnenkamp'sche Fest künstlich durcheinander gemengt war. Ein Theil des Glanzes wurde dadurch verwischt und Sonnenkamp überlegte mit Prancken, ob nicht der arme Teufel von Redacteur mit einer Hand voll Gold zu gewinnen wäre. Prancken widersprach; man dürfe mit diesen Communisten – so hießen bei ihm Alle, die nicht mit der Regierung übereinstimmten – auch nicht die entfernteste Verbindung haben, und er, der zum Adelsbetrieb kein Mittel verschmähte, fand, daß man einer solchen Bestechung sich schämen müßte. Sonnenkamp schien bekehrt, aber er wendete sich an Erich, der damals dem Manne die Unterstützung übermittelt hatte; er bat, diese Beziehung zu erneuen, und wenn Doctor Crutius in Noth wäre, so sei er bereit, ihm beizustehen. Erich lehnte entschieden ab. Die Sängerin ward nicht zu Hofe berufen, denn man fand es ungehörig, daß sie zuerst bei einem Privatmanne gesungen; sie reiste ab und Sonnenkamp und Fest und Gesang waren bald vergessen. Ja, Sonnenkamp mußte die Zurücksetzung erfahren, daß er bei einer Einladung zu Hofe übergangen wurde; er hörte jetzt, daß der Fürst ihm abgeneigt war, weil er nach der Aufführung des französischen Lustspiels eine mit größter Behutsamkeit zu behandelnde Sache ungeschickt bloßgestellt hatte. Prancken berichtete das mit einer gewissen bedauernden Schadenfreude; Sonnenkamp sollte stets wissen, daß er ihm vor Allem seine Standeserhöhung würde danken müssen. Der Abend, an dem das Hoffest stattfand, zu welchem zwei Adelsfamilien vom Lande, die eigens dazu nach dem Hotel Victoria gekommen waren, nach dem Schlosse abfuhren, war für Sonnenkamp einer der peinlichsten. Er mußte noch überdies seinen Grimm zurückhalten und Frau Ceres trösten, die wollte, daß man sofort abreise; denn das, worauf sie all ihr Sinnen gerichtet, war nun zu nichte. Auch die Cabinetsräthin kam nicht, sie mußte zu ihrem Bedauern, wie sie sagte, bei Hofe erscheinen. Und so saß die Familie allein und an diesem Abend zum ersten Mal fand Erich wieder einen tieferen Anhalt in der Seele Rolands, denn auch Roland war höchst ärgerlich. Der Cadett, welcher zugleich Page war, hatte ihm erzählt, wie lustig es bei solchen Festen sei. Erich nahm gerade von diesem Fall Veranlassung, Roland ans Herz zu legen, daß man die Ehre zunächst in sich suchen müsse und nie in der Welt draußen. Wer ohne Selbstbewußtsein seine Ehre und sein Glück von Andern abhängig mache, der sei durch solche Abhängigkeit in der tiefsten Sklaverei. Roland hörte stumm zu, aber sein Auge wurde größer. Sonnenkamp hatte große Mühe, in der Gesellschaft seine Verletztheit zu verbergen, und doch durfte man nichts davon merken lassen, denn dadurch erhöhte man die erfahrene Zurücksetzung. Er lächelte still, wenn man von dem glänzenden Hoffeste erzählte. In besonderer Beflissenheit überhäufte er die Familie des Cabinetsraths mit Freundlichkeiten, sie mußte Stand halten, sie hatte ihren Lohn, er wollte nicht der Betrogene sein. Er wollte auch seinen Sohn früh in den Strudel des Lebens werfen, er wollte wissen, welche Haltung er dabei annehme, welche Leidenschaften in ihm walteten. Er machte nun den jungen Cadetten zum Spion seines Sohnes, er gab ihm Gold, er sollte Roland in Spielgesellschaften bringen, ihn zu hohem Spiel verleiten und dann berichten, wie sich Roland benahm. Sonnenkamp war nicht wenig erstaunt, als ihm der Cadett berichtete, daß Roland unbedingt das Spiel ablehnte; er habe Erich das Wort gegeben, daß er sich nie, auch nicht bei scheinbar geringem Einsatze, dazu bringen lasse. Sonnenkamp hätte Erich gern für diese große Macht seinen Dank ausgesprochen, aber er fand es besser, zu thun, als ob er es nicht wisse. Als Bella kam, um Erich abzuholen, da er sie versprochenermaßen in das Cabinet der antiken Gipsabgüsse führen solle, bat Sonnenkamp, gegen seine Frau nichts von dem Hoffeste zu äußern, sie sei jetzt beruhigt und man solle sie nicht darin stören. Erich nahm Roland mit in das Museum. Bella verstand, warum er es that. Als man nach dem Museum fuhr, sah man den Fürsten Valerian am Wege. Bella ließ anhalten und nahm auch ihn mit; es konnten sich dadurch zwei Gruppen bilden, Fürst Valerian konnte manchmal mit Roland gehen und sie mit Erich. Es kam nicht dazu; Erich ließ Roland nicht von der Hand. Vor der Niobidengruppe standen sie lange und Bella scherzte darüber, daß der Pädagog, der den Knaben vor dem Pfeil des Gottes zu schützen sucht, den russischen Typus habe. Erich mochte wiederholt erklären, daß der Kopf erneuert sei und einen Scythen darstelle, daß der Pädagog ein Sklave sei, der den Knaben nur wie eine Art Lakai in die Schule und sonst auf Gängen begleite, sie blieb dabei, es sei ein Russe. Als Erich darauf aufmerksam machte, daß das Mädchen in der Mitte sich an die Mutter anschmiege und hülflos sich verhülle, während der Knabe bei dem Pädagogen noch selbst die Hand ausstreckt, der Gefahr entgegenschaut und sie abzuwehren sucht, blickte ihn Roland groß an und sein Antlitz wurde blaß, fast so blaß wie die Gipsabgüsse, unter denen man sich bewegte; nur sein Auge leuchtete und die dunklen feinen Haare, die sich auf der Oberlippe zeigten, schienen zu zittern. Auf dem Heimwege vom Antikensaale sagte Roland, wie vor Frost bebend, sich an Erich schmiegend: »Erinnerst Du Dich noch, wie in Deinem elterlichen Hause damals der Brief mit dem großen Siegel kam?« »Gewiß . . . gewiß.« »Da also solltest Du Director werden. Diese Gestalten stehen da Tag und Nacht, Sommers und Winters . . . warten auf uns und halten still, derweil wir tanzen und sterben.« »Was sprichst Du?« fragte Erich, erschüttert von Ton und Betrachtung Rolands. »Ach, nichts – nichts. Ich weiß nicht, was ich sage . . . ich meine, ich hörte die Worte, sagte sie aber nicht selbst . . . ich weiß nicht, wie mir ist.« Erich eilte mit dem Fiebernden heimwärt. Siebentes Capitel. So oft Frau Ceres Roland sah, sagte sie beständig: »Aber Roland, Du siehst so blaß aus! . . . Sieht er nicht sehr blaß aus?« wendete sie sich dann regelmäßig zu Erich, und wenn dieser verneinte, war sie ruhig. Heute konnte Erich nicht verneinen, da die Mutter mit Schrecken ausrief: »Aber Roland, Du siehst ja so blaß aus!« Erich ging mit ihm auf sein Zimmer und Roland klagte: »Ich weiß nicht, wie mir ist.« Er schaute rings im Zimmer um und sagte: »Mir ist, als drehte sich Alles mit mir. Was ist denn das? Ach! Ach!« Er setzte sich auf einen Stuhl und fing plötzlich heftig an zu weinen. Erich stand rathlos. Roland sank in Ohnmacht. Er schlug die Augen auf und starrte Erich an, wie wenn er ihn gar nicht sähe. »Roland, was ist Dir?« fragte Erich. Der Jüngling antwortete nicht, seine Stirne war eiskalt. Erich riß an der Klingel, dann beugte er sich über den Jüngling. Sonnenkamp trat ein und fragte, warum sie nicht zur Tafel kämen. Erich wies auf Roland. Der Vater stürzte auf diesen zu und stöhnte wie zu Tode getroffen. Joseph kam, er wurde schnell nach einem Arzte geschickt und durch Essenzen gelang es, Roland wieder zum Bewußtsein zu bringen. Der Vater und Erich trugen ihn auf das Bett und entkleideten ihn. Fieberfrost schüttelte den Jüngling, daß er die Zähne zusammenschlug und wimmernde Töne von sich gab. Der Arzt kam, er machte eine bedenkliche Miene. Sonnenkamp schaute ihn erstarrt an. »Es ist ein Anfall, ich weiß nicht, was daraus wird. Hat er öfter solche?« fragte der Arzt. »Noch nie! Noch nie!« rief Sonnenkamp. Belebende Mittel wurden angewendet und das Erste, was Roland sprach, war: »Ich danke Dir, Erich!« Der Arzt befahl, daß man ihn in Ruhe lasse, damit er schlafen könne; er ging weg, kam aber nach einer Stunde wieder, nach einer Stunde voll Bangens, in der Erich und Sonnenkamp kaum mit einander zu reden wagten. Als der Arzt jetzt den Kranken neu betrachtete, sagte er: »Das Nervensystem des jungen Mannes ist übermäßig angespannt, es kann ein Nervenfieber bevorstehen.« »Es kommt kein Unglück allein,« sagte Sonnenkamp; das waren die einzigen Worte, die er während der ganzen Nacht sprach. Er saß im Nebenzimmer auf einem Stuhle wachend und kam manchmal auf den Zehen schleichend an das Bett des Kranken, um seinen Athem zu hören. Frau Ceres hatte fragen lassen, warum Roland nicht komme. Man gab einen Vorwand und bat sie, zu Bett zu gehen. Sie kam indeß in der Nacht dahergeschlichen, sie hörte, daß Roland leicht unwohl sei, sie ging an sein Bett, sah, daß er ruhig schlief, und kehrte wieder in ihr Gemach zurück. »Es kommt kein Unglück allein,« wiederholte Sonnenkamp, als in der ersten Morgendämmerung der Arzt erklärte, das Nervenfieber sei ausgebrochen. Er befahl die behutsamste Pflege, er wollte eine barmherzige Schwester schicken, aber Erich sagte, daß Niemand Roland besser pflegen würde als seine Mutter. »Glauben Sie, daß sie kommt?« »Gewiß.« Sofort wurde ein Telegramm nach dem grünen Hause geschickt. Schon nach einer Stunde war die Antwort da, daß die Professorin und Claudine abreisen. In der Stadt hatte sich schnell die Nachricht von der schweren Erkrankung des schönen Jünglings verbreitet; Diener in allen Livreen und selbst Männer und Frauen der ersten Gesellschaft kamen, um nach ihm zu fragen. Am Mittag, als die Parade mit klingendem Spiele vorüberzog, schrie Roland laut auf: »Die Wilden kommen! Die Wilden kommen! Die Rothhäute! Hiawatha! Lachendwasser! Dem Hausknecht gehört das Geld! Nicht gestohlen! Hut ab vor dem Baron, willst Du? Pfui! Die Schwarzen! Ah! Franklin!« Erich erbot sich, beim Commandanten die Weisung nachzusuchen, daß die Parademusik durch eine andere Straße ziehe oder mindestens vor dem Hotel die Musik unterbreche. Der Schnee war plötzlich geschmolzen und vor der ganzen Fronte des Victoria-Hotels wurde auf der Straße Stroh gelegt, so daß man kein Wagengerassel vernahm. Die Professorin kam. Sonnenkamp bewillkommnete sie herzlich und Frau Ceres klagte, wie entsetzlich es sei, daß Roland krank geworden; womit sie denn das verschuldet habe, sie sei ja selbst krank. Die Mutter hatte viel Mühe, sie zu beschwichtigen; sie wünschte indeß, daß man auch Doctor Richard kommen lasse, der Roland von früher her genau kenne. Sofort wurde an Doctor Richard telegraphirt und spät in der Nacht kam er an. Er fand, daß Roland vollkommen entsprechend behandelt sei, und seine Hauptmahnung ging nun an Erich und die Mutter, daß sie bei ihrem ohnedies gesteigerten Geistesleben die Krankenpflege mit Gleichmuth aufnehmen, sich viel Ruhe und Zerstreuung gönnen, oft ausgehen möchten, um sich an neuen Eindrücken zu erfrischen. Er ließ nicht ab, bis ihm die Beiden das Versprechen gegeben hatten. Nachdem er eine Berathung mit dem behandelnden Arzte gehalten, reiste er wieder ab. Aber als er schon die Hand zum Abschiede gereicht hatte, sagte er noch: »Ich muß Sie vor der Gräfin Wolfsgarten warnen.« Erich erschrak und die Mutter fragte, wie er das meine. Er erklärte, daß man ebenso höflich als entschieden ihre herrschsüchtige Weise ablehnen solle, in der sie allerlei Mittel wisse, um jede Krankheit zu heilen. »Nicht wahr, er stirbt nicht?« fragte Sonnenkamp den Arzt auf der Treppe. Der Arzt erwiderte, daß man in allen äußersten Fällen sich auf nichts als auf die innewohnende Kraft der Natur verlassen könne. Sonnenkamp suchte eine ergebene Miene zu machen, und doch war er voll Empörung. Er mit allem Reichthum sollte nichts leisten, nichts beibringen können und es sollte nichts übrig bleiben als die Naturkraft, in der Roland nicht mehr war, als der Sohn eines Bettlers! Frau Ceres lag auf dem Sopha im großen Balconzimmer bei den Blumen und Vögeln und stierte mit offenen Augen drein. Sie sprach kaum ein Wort und genoß nur wenig Speise und Trank. Stündlich mußte man ihr berichten, wie es Roland erging, sie wagte es nicht, an das Bett zu kommen. Die ganze Unzusammengehörigkeit dieser Familie brach jetzt hervor. Jedes lebte nur für sich, Jedes dachte, daß das Andere nur da sei, damit es nicht unglücklich werde und keinen Verlust empfinde. Am Mittag schickte die Fürstin den Leibarzt. Sonnenkamp war voll Dank über diese Ehre, die er leider unter so traurigen Verhältnissen empfangen mußte. Tag und Nacht saßen Erich, die Mutter und die Tante bald gemeinsam, bald abwechselnd bei dem kranken Jüngling, er kannte Niemand; die meiste Zeit dämmerte er im Halbschlafe vor sich hin; manchmal aber loderte eine Flamme auf und er bäumte sich glühenden Antlitzes und rief: »Papa tanzt auf schwarzen Köpfen! Gebt mir meine blaue Schleife wieder! Ah! Ah!« rief er dann wie entzückt sich labend, »das ist der deutsche Wald . . . Ruhig, Satan! Da nimm die Maienblume . . . Blaue Schleife . . . Der Knecht hat den Ring gestohlen . . . Der Lachgeist . . . Gebt Acht auf den jungen Baron . . . Zurück, Greif!« Wenn Erich ihm die Hand auf die Stirn legte, ward er ruhiger, und einmal, als der Vater zugegen war, sang Roland ein Negerlied, er sang es so unverständlich, daß man die Worte nicht herausbrachte, schnell aber rief er wieder: »Die großen Bücher weg! Weg mit den großen Büchern! sie sind mit Blut geschrieben!« Sonnenkamp fragte, ob Roland auch in gesunden Tagen das Lied gesungen habe und ob Erich nicht wisse, von wem er es gelernt. Erich hatte es nie gehört. Sonnenkamp sagte der Professorin, wie er erkenne, sie sei nicht zur Lustbarkeit gekommen, zu Nachtwachen und schwerer Geduld sei sie aber sofort bereit; er werde das nie vergessen. Die Professorin sah, daß hier noch ein anderer Kranker zu heilen war, als der mit geschlossenen Augen Fiebernde. Sie ward zutraulicher gegen Sonnenkamp, und dieser klagte ihr seinen ruhelosen Schmerz, und zwischen hinein kam der Gedanke: Was ich will, will ich ja nur für diesen Sohn. Wenn er stirbt, tödte ich mich. Ich bin weit mehr als getödtet und Niemand darf es wissen. Ich habe keine Vergangenheit, darf keine haben, und nun soll ich auch keine Zukunft haben! . . . Die Professorin bat ihn dringend, sich zu beruhigen, denn sie sei der Ueberzeugung, daß ein aufregendes Gemüthsleben der Umgebung auch auf den Kranken wirke; es gebe Einflüsse und Wirkungen, die Niemand ermessen und bestimmen könne. In der stillen Nacht saß die Professorin am Krankenbette, sie hörte die Uhren vom Thurme schlagen, eine Spieluhr ist dabei, und bei diesen Glockentönen in der Nacht am Krankenbette des armen reichen Jünglings ging ihr eigenes Leben vorüber. Erich klagte oft, daß er sich Vorwürfe mache, nachgiebig gewesen zu sein und Roland dem Strudel des Lebens überlassen zu haben, der ihn nun vielleicht tödte; im kalten Antikensaal beim Anblick der Niobidengruppe sei die Krankheit zum Ausbruch gekommen. Auch ihn hatte die Mutter zu beruhigen. Sie war die Einzige, die festen Halt bewahrte und an der ein Jegliches sich anlehnend Halt gewinnen wollte. Die Mutter fragte Erich, wie es mit der wissenschaftlichen Arbeit sei, zu der ihm auch Professor Einsiedel Notizen geschickt. Sie wollte wissen, ob Erich etwas von der Vergangenheit Sonnenkamps kenne, das er ihr vielleicht aus Schonung verberge; aber Erich antwortete durchaus harmlos, sein ganzes Denken war nur mit Roland beschäftigt. Die Mutter erkannte, daß er von der eigentlichen Vergangenheit Sonnenkamps nichts wußte; sie hielt jede nähere Mittheilung zurück, denn sie glaubte ihn in der schweren Sorge um den Kranken nicht noch durch das Denken an eine solche Vergangenheit belasten zu dürfen. Dem gemessenen Befehle Doctor Richards gemäß ging die Professorin aus und besuchte alte Freundinnen, auch die Frau des Kriegsministers gehörte zu denselben. Sie vernahm zu ihrer Beruhigung, daß Erich eine Professur an der Cadettenschule erhalten könne, wenn Roland in den Dienst eintrete. Neu belebt kehrte sie von diesen Besuchen zurück. Auch Erich machte Besuche und verbrachte manche Stunde bei Clodwig. Bella ließ sich nur selten und auf kurze Zeit sehen; sie hielt sich offenbar jetzt von jedem Zusammentreffen mit Erich allein zurück. Prancken hatte oft nach dem Kranken gesehen und die Angehörigen besucht, hatte gefragt, gerathen, ohne etwas thun zu können; er hatte die schwere Aufgabe, Frau Ceres zu zerstreuen. Nun war er verletzt, daß man die Professorin hatte kommen lassen, ohne ihn vorher zu fragen; er fand, daß diese Dournay's die Familie Sonnenkamp umgarnten. Er kam, fragte nach Roland, hielt sich aber viel im Hause des Herrn von Endlich auf, wo er bei der jungen Wittwe saß, die aus Madeira zurückgekehrt war. In zitterndem Schweben zwischen Furcht und Hoffnung schwanden Wochen dahin; die Vorstellungen des Kranken schienen sich zu verändern. Er sprach beständig mit Manna; er liebkoste sie, scherzte mit ihr, neckte sie mit dem heiligen Antonius. Man hatte Manna nichts von der Krankheit ihres Bruders mitgetheilt; warum sollte man sie auch belasten, da sie ja doch nichts helfen konnte. Da Roland beständig mit seiner Schwester sprach, fragte Sonnenkamp den Doctor Richard, ob man sie nicht kommen lassen solle; der Arzt bejahte. Mitten durch seinen Kummer ging es wie ein Gedanke der Befreiung, daß er nun das Kind aus dem Kloster reißen und nicht mehr von sich lassen könne; es erleichterte ihm das Herz, daß, wenn Roland genesen wäre, er beide Kinder um sich habe. Sonnenkamp wollte, daß der Arzt an Manna schreibe, wie nöthig sie zur Genesung Rolands sei, aber Doctor Richard lehnte entschieden ab, da er nur zugegeben habe, daß die Anwesenheit Manna's unschädlich sei, aber geholfen werde Roland dadurch nicht. Mit einem dringenden Briefe schickte Sonnenkamp den umsichtigen Lutz nach dem Kloster; er hatte auch die Professorin gebeten, daß sie dem Briefe einige Worte hinzufüge, aber sie hatte abgelehnt; sie wollte in keinerlei Weise, auch in der dringendsten Noth nicht, in das Leben Manna's eingreifen. Achtes Capitel. Schneebedeckt war das Dach des Klosters, schneebedeckt die Bäume, Wiesen und Wege auf der Insel, aber im großen Hause war bewegtes Doppelleben, denn die heilige Geschichte lebte hier in den Kindern und vor ihren Augen neu auf. Jeder Tag hatte eine Erweckung der in Glorienschein getauchten Ereignisse, die vor bald zwei Jahrtausenden in Canaan geschehen waren. Manna lebte so ganz in diesen Vorstellungen, daß sie sich oft besinnen mußte, wo sie war; sie hatte eine Sehnsucht, nach Jerusalem zu wallfahrten, den heiligen Boden zu küssen und Alles zu sühnen, was je Uebles geschehen war von denen, die ihr nahe, und denen, die ihr fern. Ihr Entschluß, den Schleier zu nehmen, befestigte sich aufs Neue. Mit wunderbarer Kraft erzählte sie dem kleinen Heimchen, das krank zu Bette lag, die heilige Geschichte; und ihr Auge strahlte dabei wie von einem höheren Feuer. Heute aber lächelte sie, denn Heimchen fragte: »Ist in Jerusalem auch Schnee?« Manna hatte kaum beachtet, welche Jahreszeit draußen, sie lebte in einer ganz andern Welt, und eben als sie hinausschaute, wo der Schnee schmolz, kam eine dienende Schwester und brachte ihr einen Brief. »Wo ist der Bote?« fragte sie. »Er wartet im Sprechzimmer.« »Ich werde ihm Antwort geben,« erwiderte Manna und las den Brief noch einmal. Sie ging in der Zelle auf und ab; sie wollte zur Oberin, sie fragen, was sie thun solle, aber sie fühlte, wie sich ihr Herz zusammenzog. Warum einen andern Menschen fragen? Sie hielt die Hand vor die Augen, dann betrachtete sie ihre Hand. Du kannst nicht weinen, sprach es in ihr; Du sollst nicht weinen, um nichts in der Welt . . . »Was ist Dir?« rief Heimchen aus seinem Bette. »Warum siehst Du so bös aus?« »Ich bin nicht bös. Oder meinst Du, daß ich es bin?« »Nein, jetzt siehst Du wieder ganz gut aus. Bleib bei mir, Manna . . . bleib bei mir, geh nicht fort . . . bleib bei mir. Manna, ich muß sterben.« Manna beugte sich über das Kind und beruhigte es, und jetzt erkannte sie: Die erste Probe kommt. Du sollst beweisen, ob die Liebe zum Heiligen größer in Dir ist als die Familienliebe. Du sollst und Du mußt! Sie überließ Heimchen einer dienenden Schwester, versprach bald wiederzukommen und ging hinab in die Kirche. Zerknirscht warf sie sich nieder und betete inbrünstig. Lange lag sie verhüllten Antlitzes, bis sie sich endlich in dem Entschlusse erhob: Ich muß es können! Ich will nichts als dem Dienst des Ewigen leben. Roland hat gute Pflege, er kennt Niemand; wenn ich zu ihm gehe, leiste ich nicht ihm, sondern mir, um die Angst von mir zu nehmen; hier aber ist Heimchen krank und bedarf meiner. Es ist keine Frage mehr, was ich zu thun habe; ich bleibe auf der Stelle, wohin nicht ich, sondern der Höchste mich gestellt. Sie gedachte der Oberin, die erzählt hatte, wie ihr Vater und Mutter gestorben und sie ihre Clausur nicht lösen durfte. Freiwillig, ohne Gelübde, wollte Manna das Gleiche vollziehen. Sie kehrte in ihre Zelle zurück; sie wollte schreiben, wollte Alles sagen, was ihr die Seele erfüllte, aber sie konnte nicht. Sie ging hinab in das Sprechzimmer und sagte Lutz, ohne ein weiteres Wort hinzuzufügen, sie könne nicht mit ihm zurückreisen. Dann ging sie wieder in ihre Zelle und schaute in die Landschaft hinaus, starr, leblos. Der geschmolzene Schnee tropfte von dem Dach und jetzt brachen auch die Thränen hervor, Manna weinte heftig; sie ließ die Thränen fließen, aber ihr Entschluß blieb fest. Die ganze Nacht wachte und betete sie und erst am andern Morgen sagte sie der Oberin, was sie gethan. Die Oberin erwiderte kein Wort. Auf ihrer Zelle las Manna nochmals den Brief und jetzt erst sah sie, daß auch die Mutter Erichs Roland pflegte. Das Papier zitterte in ihrer Hand, da ihr deutlich wurde, wie Roland in seinen Fieberphantasien mit ihr verkehrte. Warum schreibt der Vater nichts von Prancken? Wo ist er? fragte sie sich. Sie war empört, daß sie ihr Denken nicht von der Welt wegbannen konnte. Mit raschem Entschluß warf sie den Brief in den offenen Kamin und starrte drauf, wie er aufflammte und dann in leichten Flocken durch den Kamin davonflog. So war es in ihr gewesen, so sollte es in ihr sein; nichts von der Außenwelt sollte mehr zu ihr dringen. Neuntes Capitel. Die Krisis war vorüber, die Genesung trat ein. »Er ist gerettet!« sagte der Arzt, und: »Er ist gerettet!« ging's von Mund zu Mund durch die Stadt. Der Arzt befahl, in der Behutsamkeit nicht nachzulassen und die geringste Aufregung von Roland abzuhalten. Dieser klagte, daß er so entsetzliche Langweile habe, aber lächelnd entgegnete der Arzt und wiederholte Erich, daß er die Vergnügungen voraus genossen habe, und Langweile die erste sichere Stufe der Genesung sei. Auch darüber, daß man ihn Hunger leiden lasse, klagte Roland, aber sein Angesicht wurde schön und groß, da er sagte: »Hiawatha hat freiwillig gehungert.« Gegen die Professorin war Roland am liebreichsten; er behauptete, daß er sie allein in seinen Fieberträumen erkannt habe, und es sei eine entsetzliche Pein gewesen, daß er das nicht habe sagen können; es hätten sich ihm beständig ganz andere Worte auf die Lippen gedrängt, als er eigentlich sagen wollte. Er freute sich, daß Maienblumen vor ihm standen; er erinnerte sich jetzt, daß er sie verlangt hatte. »War nicht auch Manna bei mir? Ich habe immer ihre schwarzen Augen gesehen.« Man erzählte ihm, daß sie das Kloster nicht verlassen durfte, da Heimchen schwer krank sei. Er bat um die Photographie, auf welcher er als Page abgebildet war, und sagte zu Erich: »Du hattest Recht, es wird mir später eine Erinnerung sein. Ach, ich meine, es wären zehn Jahre vorbei. Gib mir einen Spiegel, ich will wissen, wie ich aussehe.« »Das darf jetzt nicht sein,« erwiderte Erich, »erst in acht Tagen.« Roland war folgsam wie ein kleines Kind und dankbar wie ein erkenntnißvoller Mann. Am zweiten Tage bat er Erich, er möge ihm erlauben, sich aussprechen zu dürfen, denn es drücke ihn im Kopf. »Wenn Du ruhig sprechen willst, will ich Dich anhören.« »Ich bin auf dem Meere gewesen und Delphine tanzten um das Schiff. Plötzlich waren es lauter Negerköpfe, und da schwamm eine Kanzel und drauf stand Theodor Parker; er predigte mit mächtiger Stimme, lauter als das Meeresbrausen, und die Kanzel schwamm immer weiter und weiter mit dem Schiff . . .« »Du sprichst schon unruhig,« unterbrach Erich. Ganz leise, aber jedes Wort betonend, erzählte Roland ruhig. »Aber jetzt kommt das Schönste. Ich habe Dir erzählt, wie damals, als ich zu Dir reiste – es wird jetzt bald ein Jahr – ich im Walde lag, da kam ein Kind mit langen, gewellten, blonden Haaren und sagte: Das ist der deutsche Wald! . . . und ich gab ihm die Maienblume, und das Kind wurde im Wagen fortgeführt und verschwand. Nicht wahr, Du erinnerst Dich an das Alles? Aber im Träumen war es noch viel schöner und glänzender. Das ist der deutsche Wald! das wurde immer gesungen wie beim großen Musikfeste von hundert und hundert Stimmen, ach, so schön . . . so schön!« »Jetzt ist's gut,« brach Erich ab. »Du hast genug erzählt und nun bleib wieder allein.« . . . Als Roland zum ersten Mal aufstehen konnte, staunten Alle, wie er in dieser Krankheit gewachsen war, und er selber war stolz, daß sich der Flaum auf seiner Oberlippe färbte. Als er das Stroh vor dem Hause sah, sagte er: »So hat also die ganze Stadt von meiner Krankheit gewußt und ich habe allen Menschen zu danken? Hat Ihnen Erich gesagt, daß ich auch Parker gesehen habe?« fragte Roland die Professorin. »Ja. Jetzt aber gib Dich wieder zur Ruhe.« »Nein,« rief er, »nur noch das Eine!« Er ließ sich sein Taschenbuch geben, in dem der Name des Hausknechts aufgeschrieben war, den er damals nach seiner Nachtwanderung im Verdachte des Diebstahls gehabt hatte; er schalt sich, daß er bisher immer vergessen, nach ihm zu forschen; er war ja hier als Soldat im Regimente. Nun mußte Erich dafür sorgen, daß er gefunden und hergebracht wurde. Der Soldat kam und Roland händigte ihm ungefähr so viel Geld ein, als damals in seinem Geldtäschchen gewesen war. Der Soldat hätte nicht der scharfen Instruction Erichs bedurft, daß er Roland nicht durch vieles Reden und heftige Dankbezeugungen aufregen solle; er konnte ohnedies kein Wort hervorbringen, denn er stand wie in ein Märchen versetzt: In den großen Gasthof gerufen werden zu einem schönen kranken Jüngling, mit viel Geld beschenkt werden – das ist doch Alles wie in einer andern Welt. »Ist es kalt draußen?« fragte Roland den Soldaten. »Ja, es wird wieder grimmig kalt und ich muß heim.« Der Soldat erzählte, daß er Urlaub erhalte. »Haben Sie warme Kleider?« fragte Roland. Der Soldat verneinte; Roland ließ bitten, daß sein Vater zu ihm käme, und Sonnenkamp mußte dem Soldaten einen warmhaltenden Rock schenken. Glückselig lag Roland wieder im Bett und er bat den Vater, seine eigenen Kleider wegzuschenken, er wolle keines mehr von den früheren tragen. »Und wünschest Du gleich die Uniform?« fragte Sonnenkamp. »Nein, jetzt nicht; nur bald, recht bald wieder heim, nach der Villa, heim, heim!« Sonnenkamp versprach Alles. Die Professorin hatte bald junge Leute ausfindig gemacht, denen die Kleider Rolands paßten. Als man ihm dies andern Tages erzählte, rief er jauchzend: »Jetzt ist's schön, jetzt gehen meine Kleider einstweilen durch die Straßen, bis ich selbst wiederkomme.« Er hörte, wie alle Menschen so theilnahmsvoll gewesen, und bat den Vater, ihnen zu danken. Das hatte Sonnenkamp ohnedies beabsichtigt. Es war die beste Art, besser als die glänzendste Gesellschaft, den angesehensten Männern und Frauen nahe zu kommen. Mit dem besten Wagen und Geschirr wollte Sonnenkamp in der Stadt umher fahren. Er bat die Professorin, ihn zu begleiten; sie wollte ablehnen, aber Roland bat ebenfalls und so dringlich, er sagte, es sei die erste Bitte, die er nach seiner Wiederkehr ins Leben an sie richte, daß sie endlich willfahrte. So schwer es der Professorin wurde, in diesem Geleite wieder vor die Menschen zu treten, um so leichter, wie auf ein Zauberwort, öffneten sich überall die Thüren, wo Lutz die Professorin und Sonnenkamp meldete. Die Professorin begriff oft selbst nicht, daß sie dies that; sie trat damit in eine Verbindung, die sie doch von sich ablösen wollte, und so oft sie in den Wagen zurückkam, mußte sie Herrn Sonnenkamp bitten, nicht immer ihre mütterliche Sorgfalt für Roland hervorzuheben. Sonnenkamp aber drängte sich bei den Besuchen mit großer Gewandtheit in den Mittelpunkt des Gesprächs, indem er den Hochsinn der Professorin rühmte und bescheiden hinzufügte, wie glücklich er sei, daß er sich einer solchen Familie anschließen dürfe. Immer aufs Neue freute er sich des Bewußtseins, daß alle Menschen wie Puppen zu gebrauchen sind; die Einen sind mit klingendem Golde, die Andern mit klingendem Lobe über ihren Edelsinn zu gewinnen. Auf diesen Fahrten durch die Stadt genoß er seine beste Freude, denn diese war und blieb die Heuchelei, und in solcher Empfindung überwand er den Aerger über den Stolz der eingesessenen Familien; sie mußten ihn nun, wenn auch widerwillig, als Gleichen aufnehmen. Wo er sonst nur zu flüchtiger und nichtssagender Ansprache gekommen, gelangte er jetzt zu behaglicher Schaustellung seines viel erfahrenen Lebens, und Alles hatte dabei eine milde Abklärung, indem es mit dem wahren Gefühle versetzt war, mit dem Vatergefühl. Er lächelte immer vor sich hin, wenn er die Treppe hinabging, denn er wußte, die Menschen sagen jetzt: Wir haben den Mann gar nicht gekannt, er ist ein höchst bedeutender und tief fühlender Mann. Die Mitglieder der Ordens-Commission, die, wie Prancken ihm besonders eingeschärft hatte, noch zu seinem Plane gewonnen werden mußten, behandelte er mit besonderer Aufmerksamkeit. So hatte die Krankheit Rolands dem Plan der Standeserhöhung eine neue Triebkraft gegeben und die Professorin hatte widerwillig dazu mitwirken müssen. Zehntes Capitel. Bei der Fürstin hatte man um Audienz gebeten, um ihr danken zu dürfen. Sie ließ erwidern, daß ihr die Professorin willkommen sei; Sonnenkamp war damit abgelehnt. Die Professorin fuhr nach dem Schlosse. Von Allem, was sie in der letzten Zeit hatte erleben müssen, erfuhr sie nun das Peinlichste; sie mußte beistimmen, wie die Fürstin von dem großartigen Wesen Sonnenkamps, von seiner ausgebreiteten Wohlthätigkeit und seinem Hochsinn sprach. Die Cabinetsräthin, die Palastdame der Fürstin war, hatte das richtig unterlegt und die Professorin durfte nicht widersprechen. Wieder sah sie, in welche falsche Lage sie gebracht war und wie sie sich zu unredlichem Spiel gebrauchen lassen mußte. Und wenn die Menschen erfahren, was sie von Sonnenkamp bereits wußte, wie würde sie ihnen erscheinen? . . . Prancken brachte die vorläufig vertrauliche Nachricht, daß Herrn Sonnenkamp ein Orden zuertheilt sei. »Das ist der erste Schritt, die erste Stufe.« Frau Ceres aber klagte: »So, das ist für Dich; was bekomme denn ich?« Sonnenkamp sprach seine Zuversicht aus, daß die Adelserhebung gewiß und bald käme. »Ach, das dauert so lang,« klagte Frau Ceres. Er bekannte, daß es ihm selber ärgerlich sei, wie formensteif die Dinge in der alten Welt gehen, aber man müsse sich gedulden. »Freilich,« erwiderte Frau Ceres, »es ist doch schön, daß Du einen Orden hast; nun sieht man Dir in Gesellschaft gleich an, daß Du kein Bedienter bist.« Wenige Tage darauf hielt Wagen um Wagen vor dem Hotel, Alles glückwünschte zur Ordensverleihung. Sonnenkamp war sehr bescheiden. Ein bitterer Tropfen fiel in den Freudenkelch, da die Zeitung des Professor Crutius unter der Ueberschrift »Courszettel der Ehre« die Nachricht brachte: Herr Sonnenkamp auf Villa Eden, verpflanzt aus der Havanna, habe allerhöchsten Ortes das Verdienstkreuz erhalten, man sage, wegen seiner Verdienste um Veredlung der Obstzucht, die auch die Veredlung des Obstzüchters in sich schließe. Unter den schönen Bäumen im Garten Eden fehle nur noch der in unserem gesegneten Vaterlande vornehmlich gedeihende Stammbaum. Es gab Schadenfrohe genug, die ihre Empörung über solche Bissigkeit gegen Sonnenkamp aussprachen; sie lauerten dabei, welche Miene er dazu machte. Sonnenkamp that gleichgültig, heimlich aber setzte er sich vor, die tugendstolzeste aller moralischen Personen, die sogenannte öffentliche Meinung, ebenfalls zu bestechen. Er ging auf die Redaction. Er wurde in ein Zimmer gewiesen, wo er Professor Crutius traf, der ihn mit ausnehmender Höflichkeit empfing. Sonnenkamp sagte, daß er Scherz verstehe; er sei von Amerika her an Oeffentlichkeit gewöhnt. Crutius fand nicht nöthig, etwas darauf zu erwidern. Sonnenkamp äußerte, wie er sich freue, Professor Crutius in so bedeutsamer Stellung zu finden; dieser machte eine dankende Verbeugung. Im Redactionszimmer brannte eine kleine Gasflamme; Sonnenkamp bat um die Erlaubniß, seine Cigarre rauchen zu dürfen, und bot Crutius eine solche an. Mit verbindlichem Dank willfahrte Crutius. »Ich erinnere mich recht wohl,« begann Sonnenkamp, »daß Sie damals, als ich die Ehre Ihres Besuches hatte, ein kühnes, aber treffendes Wort sagten; Sie hatten den Muth, zu sagen, Amerika ginge der Monarchie entgegen.« »Ja wohl,« entgegnete Crutius halb scherzend, halb ernst, »und ich habe das nicht blos als Thema zu beliebter Ansprache hingeworfen; ich war der Ansicht, daß es als ein Vorzeichen der Monarchie angesehen werden konnte, wie sich damals in Amerika die Besseren von der Politik zurückzogen.« Crutius machte eine Pause und Sonnenkamp fragte: »Und dieser Ansicht sind Sie nun nicht mehr?« Sonnenkamp hatte selbst das Gerücht verbreitet, er stehe in Verbindung mit der Gründung des mexikanischen Kaiserthums und daß von dort aus die monarchische Regierungsform in der neuen Welt sich weiter ausdehnen sollte; er fand einen unschädlichen, nach gewisser Seite mit Ehren begrüßten Ruf darin, als Agent für eine in den Südstaaten der Union zu gründende Monarchie zu gelten. Crutius antwortete lange nicht, er sah mit lächelndem Blick auf den vor ihm Sitzenden und sagte endlich: »Ich bin der Ansicht nicht mehr. Die Lässigkeit der Besseren hat in Amerika aufgehört. Das zeigt sich in den öffentlichen Blättern wie in Versammlungen, und Herr Weidmann hat mir auch Briefe seines Neffen, des Doctor Fritz, mitgetheilt, aus denen deutlich hervorgeht, daß eine Wendung zum Bessern eingetreten; Alles ist wieder politischer Kampf und Partei.« »Ah, Herr Weidmann,« nahm Sonnenkamp auf. »Wie ich höre, ist er bei Ihrer Zeitung betheiligt.« »Ich kenne keinen Mann, ich kenne nur die Partei.« »Echt amerikanisch. Recht so!« rief Sonnenkamp und fuhr fort, in behaglichem Tone zu erklären, wie man nur bedauern könne, daß die hieländische Presse noch weit entfernt sei von dem großen Maßstabe anderer Völker und Länder; er wäre daher nicht abgeneigt, wenn ein Mann von der bewährten Welterfahrung des Professors eine neue Zeitung gründen wolle, mit genügenden Mitteln sich zu Gebote zu stellen, er selbst könne aus seiner Correspondenz auch wol manches Bedeutsame mittheilen. »Die Sache ist zu überlegen,« führte Crutius weiter. Er ging an die Kasse und öffnete sie; er hatte die Absicht, Herr Sonnenkamp das früher Gespendete wieder zurückzuerstatten, aber er sagte fast mit Worten vor sich hin: »Nein, noch nicht; Du sollst eine öffentliche Quittung zu gleicher Zeit haben.« Er verschloß die Kasse, setzte sich wieder Sonnenkamp gegenüber und begann: »Ich muß noch um Entschuldigung bitten. Als ich die Ehre hatte, Sie auf Ihrer Villa zu besuchen, hielt ich Sie für einen gewissen Banfield.« Lauernd sah er dabei in die Mienen Sonnenkamps, der mit großer Ruhe erwiderte: »Ich bin Ihnen dankbar, daß Sie mir das sagen; es ist immer gut, ein Mißverständniß geradezu von Mann zu Mann aufzuklären. Ich bin leider vielfach mit dem Manne verwechselt worden und eigens einmal nach Virginien gereist, um meinen Doppelgänger kennen zu lernen, aber gerade, als ich ankam, war er gestorben.« »So? Ich habe nichts von seinem Tode gehört und wundere mich, daß der Neffe des Herrn Weidmann, der mit diesem Herrn Banfield in offenem Kriege stand, uns noch nichts davon berichtet hat. Es ist in der That auffallend, wie Sie in der ganzen äußern Erscheinung ihm ähnlich sehen. Ich werde nun natürlich, wenn ich den Nekrolog Banfields schreibe, dies nicht erwähnen.« »Mich selbst,« lächelte Sonnenkamp, »würde das nicht stören, aber meiner Frau und meinen Kindern wäre solch eine Vergleichung wahrscheinlich höchst unangenehm.« Crutius betheuerte, daß ihm alle Persönlichkeiten gleichgültig seien; er habe es nur mit den Principien zu thun. Sonnenkamp lobte dies Verfahren, er nannte das einen Vorzug der europäischen Bildung. Sehr höflich geleitete Crutius Herrn Sonnenkamp durch das Expeditionszimmer bis an die Treppe. Als er aber wieder in die Redaction zurückkam, öffnete er das Fenster, es schien ihm dumpfig. »Und er ist es doch,« sagte er vor sich hin. »Gib Acht, Ritter des Verdienstordens, ich halte Dich auch an einem Bande; noch eine Weile sollst Du mir flattern.« Er suchte das Blatt, worin die Notiz gestanden, machte einen rothen Strich und drei Ausrufungszeichen an den Rand und verschloß das Blatt in einem besondern Fache, in welchem »Künftig zu Benutzendes« aufbewahrt war. Elftes Capitel. Der Prinz mußte vergessen haben, daß er Sonnenkamp hatte rufen lassen wollen; auch dem Fürsten konnte Sonnenkamp nicht persönlich den Dank abstatten, denn er wie der Prinz und mehrere Cavaliere des Hofes, unter ihnen Prancken, hatten sich nach einem Jagdschlosse begeben, wo große Frühjahrsjagden abgehalten werden sollten. Prancken war verstimmt abgereist, denn er fand es ungehörig, daß Sonnenkamp sich in eine Beziehung mit dem Zeitungsschreiber eingelassen habe. Im Hotel Victoria war es still; die Professorin und Claudine waren nach dem grünen Häuschen zurückgekehrt. Roland bat und drängte jeden Tag, daß man die Residenz verlasse. Endlich wurde ihm willfahrt, und Sonnenkamp ließ sein Haus, seine Diener, den Park und die Treibhäuser den hellen Schmuck seines Knopfloches schauen. Dieses war und blieb ein gutes Gedenkzeichen, das man von dem in Freud und Leid so bewegten Winter mitgebracht hatte. Roland konnte nicht aufhören, Alles mit neuer Freude zu begrüßen; zum ersten Mal und in der ganzen Fülle seiner Macht schien das Gefühl der Heimatlichkeit in ihm zu erwachen. »In den Wirthshäusern,« sagte er zu Erich, »und da, wo man nicht in seinem Eigenen ist, lebt man immer wie auf der Eisenbahn; ich habe geschlafen, aber das Klappern der Wagen in den Schlaf hinein gehört. Jetzt sind wir wieder daheim und jetzt habe ich in der Nachbarschaft so viel gute feste Menschen. Und die Hunde sind auch glückselig, daß ich wieder da bin, die Mara hat mich zuerst fremd angeblinzelt, dann aber hat sie mich erkannt und die Jungen sind prächtig; jetzt wollen wir recht fleißig und lustig sein. Ach, ich möchte einen Baum pflanzen zum Andenken an diesen Tag und Du solltest einen daneben pflanzen. Meinst Du nicht auch, Du seiest jetzt erst auf die Welt gekommen und Alles, was früher gewesen, habest Du einmal geträumt? Ach, wenn man nur etwas herstellen könnte, das Einem immer sagt: Erinnere Dich, so glücklich warst Du und so glücklich bist Du. O, wie schön ist es hier! Der Rhein ist viel breiter, als ich gewußt habe, und wie schauen mich die Berge an, ich meine, ich habe sie gesehen in meiner Krankheit, aber so schön nicht, wie sie sind.« Er ging mit Erich am Ufer entlang; plötzlich hielt er still und sagte: »Horch, die Wellen klatschen ans Ufer! Das hat sich so fort bewegt und so getönt Tag und Nacht, derweil ich nicht da war. Ach, wie schön wird es sein – lockt Dich das Rauschen nicht auch? – Ach, wenn wir wieder in den Wellen schwimmen; ich meine, es wär' vor Jahrhunderten gewesen, als wir es zuletzt gethan . . . Und sieh das Gras, wie schön grün, und die Hecken dort! Die grünen Blätter und Knospen möchten auf Einmal heraus und rufen: wir sind da!« Unaufhörlich, wie aus einem sprudelnden Quell, kamen Gedanken und Gefühle aus der Seele des Jünglings. Er freute sich, daß alle Begegnenden ihm sagten, er sei viel größer geworden und sehe ganz männlich aus. Er empfand das ganze Glück des Frühlingwerdens und der Genesung zugleich. Nur allmälig konnte man wieder in den Unterricht übergehen. Roland und Erich betheiligten sich vorerst eifrig an der Baumzucht und Sonnenkamp unterwies sie. Im Garten, den man Nizza nannte, schwellten sich die Knospen, ein würziger Frühlingshauch schwebte über dem Strom und über der Landschaft, es war ein Duft, wie wenn die Luft über weithin sich erstreckende Veilchenfelder gestrichen wäre. Im Hause war Heiterkeit wie noch nie, selbst Frau Ceres konnte sich ihr nicht entziehen, denn Rolands Wesen strömte so viel Wonne aus, daß Jegliches davon erfüllt wurde; dazu hatte Roland etwas im Herzen, was er nur gegen die Professorin kundgab, aber auch ihr nur andeutete. Zu seinem Geburtstage, der auch der Tag war, an welchem Erich eingetreten, wollte er Allen eine Freude bereiten, an die sie gar nicht denken. Es grünte und blühte, die Vögel sangen, auf dem Strom schwammen Schiffe fröhlich auf und ab. Da fand man am Tage vor seinem Geburtstage einen Brief Rolands auf seinem Zimmer, worin er ankündigte, man solle ruhig sein, er käme andern Tages wieder und bringe das Schönste mit. Es wurde nachgeforscht und bald ergab sich's, daß Roland mit Lutz nach dem Kloster abgereist sei. Zwölftes Capitel. Unweit der Insel hielten zwei Dampfschiffe, das eine ging zu Berg, das andere zu Thal. Auf dem zu Thal gehenden war Roland. Er fragte, warum man nicht anlege; der Capitän deutete still nach der Klosterinsel. Auf der Insel gingen die Nonnen und ein Priester mit den Chorknaben hinter einer Bahre, die weißgekleidete Mädchen trugen; die Bahre war überdeckt von Blumen und die Kinder sangen in die helle Frühlingsluft hinaus. Roland erzitterte ins Herz. Er war ans Land gestiegen und stand am Ufer beim Fergen, der ihn nach der Insel überfahren sollte. Der Ferge schüttelte den Kopf und sagte leise: »Jetzt nicht! Jetzt nicht! Oder sind Sie vielleicht ein Verwandter von dem Kind?« »Welches Kind?« »Drüben im Kloster ist ein Kind gestorben, ach, ein wunderschönes Kind; wer es gesehen, dem hat das Herz im Leibe gelacht. Da hat unser Herrgott nicht viel zu ändern, wenn er daraus ein Engelchen macht.« »Wie alt war das Kind?« »Sieben, höchstens acht Jahr. Still, jetzt kommen sie.« Die Glocken läuteten in die Frühlingsluft hinein, die Weihrauchwölkchen stiegen auf und der Zug bewegte sich am Ufer hin. Der Ferge hatte seinen Hut abgezogen und betete mit gefalteten Händen; auch Roland entblößte sein Haupt und starrte nach der Insel; der Zug ging weiter, dann verschwand er und es war still. Jetzt senken sie die jugendliche Leiche in die Erde, die Vögel singen, kein Lüftchen regt sich, ein Dampfschiff kommt stromauf. Der Zug kommt wieder zum Vorschein, singend, er verschwindet in den offenen Pforten des Klosters. »So,« sagte der Ferge, »jetzt will ich Sie hinüberfahren.« Roland wünschte nun, noch am Lande zu bleiben; er wollte in dieser Stunde seine Schwester nicht überraschen, sie sollte erst zur Ruhe kommen. Er that wohl daran, denn von Allen im Kloster war Niemand so tief traurig als Manna. Heimchen, das holde Kind, hatte es ein Jahr lang ausgehalten, es schien heiter zu werden und machte gute Fortschritte im Lernen, aber als der Frühling kam, welkte es dahin wie eine Blume, die, in der Stube erzogen, zu früh in die Kälte hinausgesetzt war. Wie hatte Manna das Kind gepflegt, Tag und Nacht, und wie glücklich war es mit ihr! Eine visionäre Weisheit war über das Kind gekommen, es sagte Manna oft, daß es Gott und allen Engeln im Himmel von Manna erzählen wolle; es freute sich auf den Himmel wie auf eine Weihnachtsbescherung. Mitten aus Allem heraus bat es dann Manna wieder: »Erzähle mir von Roland. Ich seh' ihn wie er rennt mit Bogen und Pfeil, und ach, er ist so schön!« Manna erzählte und sie konnte Heimchen immer lachen machen, wenn sie nachahmte, wie Rolands junge Hunde durch einander torkelten. Wenn Manna dem Kinde bisweilen Harfe spielte, sah es sie mit großen Augen an und sagte: »Mama spielt auch Harfe . . . So schön, . . . und weint.« Der Arzt und die Hospitalnonne, die die ärztliche Kunst verstand, bedrängten Manna, sich mehr Ruhe zu gönnen, aber Manna war stark und ließ nicht ab; in ihren Armen starb das Kind und sein letztes Wort war: »Guten Morgen, Manna, jetzt ist nicht mehr Nacht.« Alles hatte Manna erlebt. Sie hatte mit angesehen, wie eine Novize eingekleidet wurde und wie eine Mitschülerin in das Noviziat eintrat, das aber war nur starke, frohmuthige, freie Entsagung. Nun hatte sie den Tod eines Kindes erlebt, das abgefallen war leise und still vom Baume des Lebens wie eine Blüthe, die vom Zweige fällt. Manna hatte am untern Ende der Bahre das Kind mit zu Grabe getragen, sie hatte drei Schollen Erde auf den Sarg geworfen, sie hatte keine Thräne vergossen. Erst als der Geistliche ausführte, daß das Kind von dieser Erde abgerufen wurde, gleich einem Kinde, das der Vater von diesem Spielplatz, den man Erde nennt, in das Haus zurückruft, damit es nicht Schaden leide, erst da weinte sie bitterlich. Zurückgekehrt vom Friedhof ging sie nochmals an das leere Bettchen Heimchens und betete, daß Gott ihr gewähren möge, so rein in die Ewigkeit einzugehen wie das Kind. Und nun war sie gefaßt, die Zeit konnte nicht mehr fern sein, wo sie noch auf eine kurze Weile in das Getümmel des Lebens zurückkehrt, bis der Vater aller Menschen sie von diesem Spielplatz in sein schützendes Haus zurückruft. Es war ihr, als hörte sie jetzt schon Stimmen aus der lärmenden Welt, die sie noch einmal hinauslockten; sie mußte ihnen gehorchen, aber sie war fest und sicher, daß sie treu wieder zurückkehrte in die einzige Heimat hier. Sie ging hinab auf die Insel, sie ging nach ihrem Platz unter der Tanne, wo sie so oft gearbeitet; dort war noch das kleine Bänkchen, wo Heimchen in ihrer Nähe, fast zu ihren Füßen, gesessen hatte. Hier saß Manna lange. Welche Wirrnisse konnte das Leben noch in diesem einzigen Jahre über sie bringen . . . Immer wieder kehrten ihre Gedanken zu Heimchen und sie drängte sich der jungen Seele nach in die himmlische Ewigkeit. Da hörte sie Schritte; sie schaute auf, sie sah einen Jüngling, er glich Roland, aber er war viel größer, viel mannhafter. »Manna, Manna!« rief Roland auf sie zueilend. Sie erhob sich und mit einem lauten Schrei lagen sich Bruder und Schwester in den Armen. »Setz Dich zu mir,« sagte Manna endlich. Sie setzten sich auf die Bank unter der Tanne, und Manna erzählte, auf das Bänkchen deutend, von Heimchen, und wie sie dem seligen Kinde oft von Roland habe erzählen müssen. Roland erinnerte an jenen sonnigen Tag, da Heimchen sich an ihn geschmiegt und gerufen hatte: ich mag Dich. Manna sagte, daß das Kind am Heimweh gestorben sei. »Ja, Roland, Du verstehst es noch nicht, aber Du wirst es lernen; unser ganzes Leben ist nichts als Heimweh nach der himmlischen Heimat, und wohl dem, der daran stirbt.« Roland war von der bis zur Verzückung gespannten Aufregung seiner Schwester betroffen. Er umarmte Manna nochmals, küßte sie und Beide weinten und wußten nicht recht warum. Mit Ruhe und Bestimmtheit sagte er dann, daß sie zunächst mit ihm in ihre irdische Heimat zurückkehren solle. Er wollte sie auf Anderes lenken und erzählte, wie er Theater gespielt und als Page in seidenen Gewändern photographirt sei und wie der Vater einen Orden erhalten und ihm ein Geheimniß anvertraut habe. »Der Vater . . . Dir ein Geheimniß?« fragte Manna starren Blickes. »Ja, und ein schönes, großes, ehrenvolles, Du wirst Dich auch darüber freuen.« Die Mienen Manna's wurden wieder ruhig. Roland berichtete nun, wie er in seinen Fieberphantasien immer mit ihr verkehrt habe und wie sie sich freuen solle, daß er noch lebe. »Du lebst,« rief Manna, »Du sollst leben.« Roland erinnerte, daß morgen sein Geburtstag und nun sein einziger Wunsch sei, sie möge an diesem Tage mit ihm zu den Eltern zurückkehren. »Ja, ich gehe mit Dir,« rief Manna, »und am besten ist es, gleich.« Hand in Hand gingen Bruder und Schwester nach dem Kloster. Manna erklärte der Oberin, daß sie mit ihrem Bruder heimkehre; die Oberin billigte das und segnete sie. Nun eilte Manna in fieberischer Aufgeregtheit zu den Nonnen und Mitschülerinnen und sagte Allen Lebewohl; dann ging sie in die Kirche und betete still und zuletzt mußte noch Roland mit ihr nach dem Grabe Heimchens gehen. Roland betrachtete eine Reihe ordnungsmäßig ohne jegliches Gedenkzeichen neben einander liegender Gräber. Manna erklärte auf seine Frage, daß hier Nonnen begraben seien. »Das ist doch hart,« sagte er, »auch nach dem Tode noch namenlos.« »Es ist nur natürlich,« entgegnete Manna, »wer den Schleier nimmt, legt seinen elterlichen Namen ab und nimmt einen heiligen an, der gehört ihm nur bis zum Tode, dann geht er auf ein Anderes über.« »Das ist viel, ich verstehe wol: den Nonnennamen kann man nicht aufs Grab schreiben und den wirklichen auch nicht; gewiß liegen da auch Adelige begraben.« »Ja wohl, die meisten waren Adelige.« »Was würdest Du sagen, wenn wir auch adelig würden?« »Roland, wie magst Du so reden?« fuhr Manna auf. »Hier das? Komm fort! Solche Gedanken entweihen die Gräber.« Sie zog Roland fort aus dem kleinen Begräbnißplatze, sie ging mit ihm den Kiesweg, aber plötzlich ließ sie ihn stehen, kehrte nochmals zurück und kniete am Grabe nieder, dann erst kam sie zu Roland. Lutz stand mit dem Gepäck bereit. Manna stieg in den Kahn; stromauf der Heimat zu fuhren Bruder und Schwester. Alles auf dem Schiff betrachtete mit neugierigem Wohlgefallen das Geschwisterpaar, dieses aber saß still Hand in Hand und schaute hinaus in die Landschaft. »Sag mir,« bat Roland, »warum hast Du damals, als Du ins Kloster gingst, gesagt, Du seiest auch eine Iphigenia?« »Ich kann es nicht sagen.« »Wohl kannst Du, ich verstehe es. Ich habe allein und mit Erich die Iphigenia von Euripides und die von Goethe gelesen, Du gleichst aber doch keiner.« »Es war nur . . . Ach, laß es vergessen sein.« »Weißt Du auch,« rief Roland, »daß Iphigenia die Gattin des großen Helden Achilles wurde und mit ihm auf der Insel Lenke in der seligen Ewigkeit lebte?« Manna verneinte und Roland erzählte von der Abbildung des pompejanischen Wandgemäldes, die ihm die Professorin gezeigt: Der Priester Kalchas hält das Opfermesser, Diomedes und Odysseus tragen Iphigenia zum Altar, Agamemnon verhüllt das Antlitz und Artemis läßt durch eine ihrer Nymphen die Hirschkuh herbeiführen, damit sie statt Iphigenia geopfert würde. »Du hast ja allerlei gelernt,« lächelte Manna. »Erich sagte mir,« fuhr Roland fort, »daß das Opfer der Iphigenia ganz aus demselben Grunde stammt, wie die Erzählung vom Opfer des Isaak. In alten Zeiten glaubten die Menschen, daß man die Gottheit durch Opfer versöhne.« Die Mienen Manna's verfinsterten sich; da ist ja die in den Grund verderbende Ketzerei. Sie konnte nicht zu Worte kommen, denn Roland rief: »Jetzt weiß ich es! O, wie schön! Orest mußte die Schwester aus dem Tempel von Tauris holen, wo sie Priesterin war . . . Das ist's! Ja, das hast Du geahnt! Ach, das wird Erich freuen! . . . Aber als Iphigenia mit ihrem Bruder zu Schiffe war, hat er ihr gewiß viele Dummheiten vorgemacht und sie hat gewiß auch gelacht. Kannst Du denn gar nicht mehr lachen? Du hast immer gelacht wie eine Waldtaube. Lach doch einmal!« Er lachte von ganzer Seele, aber die Mienen Manna's erheiterten sich nicht, und während der ganzen Fahrt blieb sie still in sich gekehrt. Nur Einmal, als das Schiff auf seiner Fahrt mitten in der Strömung plötzlich anhielt, fragte sie: »Was ist das?« »Wenn ich ungeduldig werde, erinnert mich Erich daran. Sieh da drüben fährt ein schwer beladenes Frachtschiff und da muß das Dampfschiff seine Kraft mäßigen, damit das Frachtschiff nicht, von den Sturzwellen überstürzt, untersinkt. Sieh, Roland, sagt er dann, so müssen wir es auch im Leben halten; wir dürfen nicht rücksichtslos dahin stürmen, wir müssen an die Beladenen auf demselben Lebensstrom denken und Acht haben, daß sie von den Wellen, die wir aufwühlen, nicht untergehen.« Manna sah ihren Bruder nachdenklich an, sie ahnte, wie er in Gesellschaft eines Mannes war, der alles Gegenwärtige ins Bildliche umsetzte; etwas von jener Kraft, die in allem Erscheinungsleben den Gedanken sucht und findet, schien ihr aufzugehen. Sie schüttelte den Kopf, nahm ihr Brevier vor sich und las eifrig darin. Es war Abend geworden. »Sieh dort den Sonnenglanz auf der Glaskuppel,« sagte Roland, »bald sind wir daheim. Sie denken wol dort, daß Du mit mir kommst.« »Daheim, daheim!« hauchte Manna leise vor sich hin. Der Widerschein auf der Glaskuppel schien sie zu blenden, sie drückte die Augen zu. Dreizehntes Capitel. An der Landungsbrücke hielten zwei Gespanne. Sonnenkamp umarmte und küßte seine Tochter; sie ließ es geschehen, aber sie erwiderte es nicht. Wie erschreckt wendete Manna den Blick nach dem Dampfschiff, das, nachdem es rasch abgeladen, was nicht bleiben wollte, wieder davonfuhr. »Die Mutter ist dort im Wagen,« sagte Sonnenkamp und bot Manna den Arm; sie legte schüchtern ihre Hand in seinen Arm und ging nach dem Glaswagen, wo Frau Ceres mit Fräulein Perini saß; sie umarmte die Mutter heftig. Sonnenkamp stieg mit Roland in den andern Wagen und man fuhr nach der Villa. Er murmelte etwas vor sich hin, er hatte die Stimme Manna's noch gar nicht gehört. »Wo ist Erich?« fragte Roland. »Bei seiner Mutter im grünen Hause. Es ist rücksichtsvoll von dem Fremden, daß er sich mit den Seinen zurückgezogen, um die Familie sich allein zu überlassen.« Roland staunte bei diesen Worten. Sind Erich und die Seinen denn Fremde? Man kam auf der Villa an, auch Fräulein Perini zog sich schnell zurück; sie ging nach dem Pfarrhaus und von dort wanderte bald ein Bote nach der Telegraphenstation. Die Eltern waren allein mit den Kindern, aber es war, wie wenn im Zimmer ein Luftzug wäre, der die Ruhe und geschützte Behaglichkeit verscheucht. Sonnenkamp und Roland begleiteten Manna nach ihrem Zimmer, sie war erfreut, Alles in der alten Ordnung zu finden, und als sie den offenen Kamin mit schönen lebendigen Blumen ausgefüllt sah, wendete sie sich um und sagte: »Ich danke Dir, Vater.« Jetzt reichte sie dem Vater freiwillig die Hand, aber es durchschauerte sie, als sie den Ring am Daumen gewahrte. Der Vater ließ die Geschwister allein. Roland drang in Manna, daß sie noch heute die Mutter und Tante Erichs besuche. »Ach, Du mußt sie auch lieb haben,« drängte er. »Ich muß? Man kann zu keiner Liebe zwingen. Laß Dir sofort sagen, Roland . . . doch nein, es ist nicht nöthig.« Sie willfahrte endlich und ging mit Roland durch die neue Thür über die Wiese am Ufer entlang. »Dort geht Erich. – Erich! Erich!« rief Roland laut. Der Wandelnde kehrte sich nicht daran, ging weiter und verschwand im Weidengebüsch. Roland und Manna kamen zur Professorin, die sie an der Treppe erwartete und Manna herzlich willkommen hieß. »Er ließ mir keine Ruhe, ich mußte sogleich zu Ihnen,« sagte Manna. »So? Also auch mit Ihnen macht er, was er will?« schalt die Mutter. »Er hat Ihnen gewiß viel von mir erzählt und wird Sie zwingen wollen, mich lieb zu haben. So sehr es mich freuen wird, wenn wir gute Freunde werden, so wenig wollen wir uns einander aufdrängen lassen.« Manna erzählte vom Tode Heimchens, das die Professorin auch gekannt, und die Art, wie die Professorin den Schmerz der Jungfrau, die ein Kind bis zum Tode gepflegt, zu mildern suchte, bildete einen beruhigenden Uebergang. Manna fühlte sich wohlig angesprochen von dieser ruhig gefaßten, in sich harmonischen Natur. Sie schaute sich um in der Stube, es fehlte jedes Heiligenbild. Als sie die Nähmaschine sah, bat sie die Professorin, ihr deren Handhabung zu zeigen; sie war sofort bereit. Nun kam auch Tante Claudine und begrüßte Manna freundlich. »Du und die Tante,« drängte Roland wieder, »Ihr habt zwei Dinge mit einander gemein, sie ist eine Sternguckerin wie Du und spielt auch Harfe wie Du.« Claudine ließ nicht lange bitten und spielte Manna etwas auf der Harfe vor. »Ich werde Ihnen sehr dankbar sein, wenn Sie mich zur Schülerin annehmen,« sagte Manna und reichte Claudine die Hand. Der Abend brach herein. Die Professorin und Claudine geleiteten die Geschwister auf den Heimweg, da begegnete ihnen Erich. »Ach, endlich!« rief Roland. »Nun, Manna, das ist er!« Erich zog den Hut ab, Manna verbeugte sich höflich. »Warum sprecht Ihr denn nicht? Habt Ihr denn Beide das Sprechen verlernt? Erich, das ist ja meine Schwester Manna . . . Manna, das ist ja mein Freund, mein Erich.« »Beruhige Dich, Roland,« sagte Erich. Manna schaute auf beim Ton seiner klangvollen Stimme. »Ja, Fräulein,« fuhr er fort, »zum zweiten Male nun sehe ich Sie in der Dämmerung . . .« Manna wollte ihm sagen, daß sie ihn auch am Tage gesehen, damals als sie ihn nicht sprechen, aber so erhabene Töne singen hörte; sie unterdrückte jedoch diese Kundgebung. Es trat eine Pause ein. Erich bemerkte scherzend, daß Roland nun zum zweiten Mal eigenmächtig davon gereist sei. »Ja,« rief dieser. »Jetzt ist gerade die Stunde, da ich vor einem Jahr davon gelaufen bin, und ich bin so alt wie der Lachgeist, von dem mir der Fuhrknecht erzählt.« Er berichtete nun die Geschichte, man hörte ihm willig zu. Als er geendet, sagte Erich, er wolle heut bei seiner Mutter bleiben und die Familie allein lassen. Roland wollte das nicht zugeben, aber Manna's Auge, das in der Dunkelheit glänzte, schien größer zu werden. An der neuen Thür nahm Erich mit den Seinen Abschied. Roland ging mit seiner Schwester nach der Villa, Erich mit den Seinen nach dem grünen Hause. Zum zweiten Mal hatte er Manna gesehen und zum zweiten Mal fast nur ihr leuchtendes Auge. Als Manna allein in ihrer Stube war, dachte sie: Wie wunderlich, daß dieser Mann Aehnlichkeit mit dem Bilde des heiligen Antonius haben soll! Es schien durchaus kein Vergleich möglich; es mochte ein Blick sein, der einmal Roland daran erinnert hatte, ein Ausdruck der Augen, denn auch sie hatte von Erich nur die hohe Gestalt und das Auge inne. Sie kniete lange im Gebet auf ihrer Stube. Als sie sich niederlegte, zog sie eine kleine Schnur, die ihr eine Nonne als Bußgürtel übergeben hatte, fester um die Hüfte, so daß es ihr ins Fleisch schnitt. Vierzehntes Capitel. Von jenem Morgen her, da Roland zum ersten Male einsam hatte die Sonne aufgehen sehen, stand der Vorsatz in ihm, jedes Jahr einmal und wo möglich am gleichen Tage sich den Anblick zu erneuen. So weckte er nun Erich am Morgen, bevor es tagte. Sie gingen mit einander nach einer Anhöhe, sie sprachen kaum ein Wort und sahen allmälig das Licht aufgehen, dann wanderten sie weiter und weiter, und Roland erinnerte Erich an das Vorhaben, das er ihm einmal geäußert, wie er den Empfindungen beim Sonnenaufgang auf dem Rigi einen gemeinsamen feierlichen Ausdruck hatte geben wollen. Jetzt verstand er, was Erich gewollt und warum es unmöglich war. An seinem Geburtstage war Roland mit Erich zuerst allein draußen in der freien Welt, dann kehrten sie heim nach der Villa. Als sie im Thale ankamen, läuteten die Glocken und sie sahen Manna nach der Kirche gehen. Auch Sonnenkamp war schon früh auf, er ging zur Professorin und sagte, wie er ganz in ihren Plan eingegangen; er finde es sehr schön, daß fürstliche Kinder ihren Geburtstag damit feiern, daß sie nichts erhalten, sondern geben. Er dankte der Professorin noch besonders, daß sie ihren Plan als seinen wollte gelten lassen, er übernehme nur ungern etwas, das an Unwahrheit streife, aber dem Kinde zu lieb dürfe er es. Die Professorin preßte die Lippen zusammen. Dieser Mann, dessen ganzes Leben eine Lüge ist, spielt ihr gegenüber den Wahrhaftigen; sie hatte sich aber bereits an den Gedanken gewöhnt, daß man beim Guten, das geschieht, nicht immer nach den Quellen und Beweggründen fragen darf. Sie ging mit Sonnenkamp nach der Villa. Als man dort ankam, fuhr ein Wagen vor; Prancken stieg aus. Er sagte, daß er zum Geburtstage Rolands gekommen, und war hoch erfreut, als er hörte, daß auch Manna da sei; er hatte nicht nöthig, Kunde von dem Telegramm zu geben, das Fräulein Perini an ihn gerichtet. Als er auf der Terrasse nach der Rheinseite stand, sah er Manna, wie sie mit einem kleinen Buche in der Hand auf und ab wandelte und leise die Lippen bewegte. Fräulein Perini kam bald und flüsterte mit Prancken, sie war stolz, das feine Netz der mit Edelmuth sich schmückenden Professor-Familie durchgerissen zu haben, denn es war ihr offenbar, daß Erich den Plan zur Abholung Manna's seinem Zögling eingeimpft habe; die Umgarnung habe schon gestern Abend begonnen, Manna sei nach dem grünen Hause geführt worden und sehr befriedigt von dort zurückgekehrt, vor Allem sei sie entzückt von der Tante. Manna kam endlich nach der Terrasse und wieder reichte sie Prancken die linke Hand, denn in der rechten hielt sie ihr Gebetbuch. Prancken äußerte sich sehr erfreut darüber, daß keine Blüthe am schönen Frühlingsbaume der Familie fehle; und da er fortfuhr, sich in die Seele Manna's zu versetzen und ihr nachzuempfinden, wie es sein müsse bei der Rückkehr ins elterliche Haus, sagte sie ruhig: »Unser Haus ist ein Zelt, das aufgeschlagen und wieder abgebrochen wird.« Prancken faßte diesen hingeworfenen Gedanken rasch; er hatte sich genugsam in die geistliche Redeweise eingelebt, um die Reihe von Betrachtungen und Anschauungen zu ermessen, aus welchen dieser einzelne Ausspruch hervorgetreten war. Eine gewisse conversationelle Verschliffenheit, in welcher Prancken einige allgemeine Betrachtungen vorbrachte, befremdete Manna zuerst, aber sie schien doch erfreut, den gewandten Mann in diesem Gebiete heimisch zu sehen. Sie fand sich ihm näher, da er, zu ihrer Kirche gehörig, mit ihr im selben Reiche lebte, und sie schlug die Augen nieder, da Prancken, den von ihr geschenkten Thomas a Kempis aus der Tasche ziehend, sagte, wie er ihr durch diese Gabe das Beste verdanke, was er sei. »Bitte, stecken Sie das Buch wieder zu sich,« sagte Manna schnell, denn sie hörte die Stimme der Professorin und des Majors, die näher kamen. Pranken that, wie ihm geheißen, er hielt die Hand auf das Buch, das an seinem Herzen ruhte, und sah Manna mit einem vollen Blicke an; er war glücklich und befriedigt, ein Geheimniß und sicheres Einverständniß war zwischen ihnen. Der Major musterte Manna wie einen Rekruten; sie mußte sich um und um drehen, mußte einige Schritte gehen, damit er ihre Gangart beurtheilen könne, und Manna war heiteren Sinnes bereit, die Evolutionen auszuführen, die der Major wünschte. »Ja, ja,« sagte er endlich und streckte den Zeigefinger seiner linken Hand in die Höhe – wenn das geschah, hatte er immer eine Weisheit vorzubringen – »ja, ja, wenn's gut geht, ist's gut. Ja, ja, Herr Sonnenkamp, ein Junge unter die Soldaten, ein Mädchen eine Weile ins Kloster . . . wenn's gut geht, ist's gut.« Der Major schalt, wo der Junge bleibe, er verdiene sein Glück gar nicht; heute sei der schönste Frühlingstag, wie man sich ihn nicht besser bestellen könnte, und es sei auch ein Jahrestag. Er war eben daran, jenes grausige Abenteuer des Extrazuges zu erzählen, da trat Roland mit Erich ein. Manna umarmte ihren Bruder herzlich, Roland reichte Prancken die Hand, der ihn ebenfalls umarmte, aber schnell wand sich Roland aus dieser Umarmung und sagte: »Manna, gib auch Herrn Erich die Hand, heut ist sein Geburtstag bei uns; heut vor einem Jahr ist er mein geworden, oder ich sein. Nicht wahr, Erich? Gib ihm nur die Hand.« Sie streckte ihm die Hand entgegen. Zum ersten Male sahen sich Erich und Manna voll und ganz beim Tageslicht und sie sagte: »Ich danke Ihnen für alles Gute, das Sie meinem Bruder erzeigen.« Erich war betroffen von der Erscheinung Manna's; es war zweifelhaft, ob der Ausdruck ihres Gesichtes sanfte Trauer oder kalte Gleichgültigkeit war; ihre Stimme war zauberisch mild, aber aus dem Ton sprach eine gekränkte Seele. Man ging endlich nach dem großen Saal, wo die Professorin und Claudine, Fräulein Perini und Frau Ceres waren. Alle Fenster waren streng verschlossen, denn Frau Ceres scheute die Morgenluft; sie gähnte, als Roland eintrat, dann aber umarmte und küßte sie ihn. Die Professorin umarmte Roland und glückwünschte ihm herzlich. Auf einem großen Tische waren viele Pakete, mit Namen bezeichnet, ausgelegt. Die Professorin hatte in Gemeinschaft mit Fräulein Milch eine Liste der Altersgenossen Rolands gefertigt, die man heute beschenken wollte. Es waren Handwerkslehrlinge, die auf Wanderschaft ziehen sollten, Schiffer und Weinbergsarbeiter; für Jeden war bereitet, was sich ihm eignete. In der Mitte des Tisches lag ein großes Briefcouvert. Das hatte Sonnenkamp bei seinem Eintritt schnell hingelegt und darauf war geschrieben: Für Herrn Hauptmann Doctor Erich Dournay. Nach einem raschen Ueberblick hatte Roland das sofort bemerkt und brachte es Erich. Erich öffnete es; er fand darin ein Paket Banknoten von namhafter Summe. Erbleichend schaute er einen Augenblick um, dann steckte er das Paket wieder in das Couvert. Sonnenkamp, der bei Manna und Prancken gestanden, hatte leise zu diesem etwas gesprochen; jetzt trat Erich auf ihn zu und sagte, das Paket darreichend, mit bebender Stimme, er bitte, Herr Sonnenkamp möge . . . »Nein, nein, danken Sie mir nicht; ich habe Ihnen zu danken,« fiel Sonnenkamp ein. Erich erhob frei den Blick und sagte: »Zürnen Sie mir nicht, daß ich dies Geschenk ablehne. Erlassen Sie mir, die Gründe für meine Weigerung zu sagen. Glauben Sie mir, ich kann das Geld nicht nehmen.« »Ein freier Mann wie Sie,« fiel Prancken ein, »sollte kein Wort darüber verlieren. Behalten Sie nur.« Er sprach als Zugehöriger, fast als hätte er selbst die Gabe gespendet. Erich sah ihm fest ins Auge und blickte dann auf Manna. Er fühlte, daß es Pranckens Absicht war, ihn am ersten Morgen vor ihr als Bedürftigen, Beschenkten erscheinen zu lassen. Wie bittend schaute er sie an, daß sie ihm zu Hülfe kommen möge, aber sie schwieg. Er legte schweigend das Paket aus der Hand und verließ das Zimmer. Sonnenkamp und Prancken sahen ihm achselzuckend nach und Prancken sagte: »Da haben wir wieder ein Beispiel von erhabenem Bettelstolz.« Fünfzehntes Capitel. Der Major und Roland fuhren zum Krischer, mit dem in diesem Winter eine große Veränderung vorgegangen war. Nachdem er sich zuerst von den Menschen hatte bemitleiden lassen und er mit einem guten Trunk sich alle Sorgen und alle Gedanken verscheucht hatte, übte er nun die Beschwichtigung der Klagen durch den Alles vergessen machenden Wein. Der Aichmeister und der Altbürgermeister erlustigten sich an seinen Klagen und tollen Ausbrüchen, an seinen Scherzen und Klugreden und gaben ihm zu trinken. Als jetzt Roland und der Major zu ihm kamen, begrüßte er sie schon am Morgen mit schwerer Zunge. Roland war tief erschreckt davon, aber der Major sagte: »Mach' Dir nichts daraus. Es ist wahr, der Mann trinkt zu viel, aber nur für seinen Magen zu viel. Was thut's? Ist der Mann glücklich mit einem Glas Wein zu viel, laß ihn glücklich damit sein.« Es gelang dem Zureden des Majors und dem innern Frohmuth Rolands, diese erste Begegnung an dem so glücklichen Tage zu verwinden. Vom Krischer ging es zum Siebenpfeifer, da war Fröhlichkeit über alle Maßen. Der Major verstand, Roland ans Herz zu legen, daß er das Gute, das er thue, nicht so in die leere Luft hineinwerfe; Jeder solle die Segenswünsche Derer annehmen, die er befreie und beglücke. »Und,« setzte er hinzu, »Fräulein Milch hat ein Wort, das sollte man in die Tempel schreiben: Die glücklichste Stunde ist die nach einer vollbrachten guten That. Schreib' Dir das ins Herz, Junge.« Die Hunde sprangen um den Wagen und Roland rief ihnen zu: »Ihr guten Thiere, euch kann ich nichts geben als Fressen, ihr braucht keine Kleider und Geld nun gar nicht.« Aus einem Hause kam Roland wie auf der Flucht, leichenblaß. »Was ist Dir geschehen?« fragte der Major. »O fort, nur fort!« drängte der Jüngling ängstlich. »Der alte Mann, dem ich die Kleider und das Geld brachte, wollte mir die Hand küssen, der alte Mann – mir! Ich bin so erschrocken . . . Ja, und Sie lachen noch?« »Ich lache nicht, Du hast Recht.« Der Major erkannte in dieser Reizbarkeit noch die Nachwirkung der Nervenkrankheit. Er beruhigte Roland . . . Während der Umfahrt Rolands saß Erich bei der Mutter, er klagte ihr, daß, obgleich er aus voller Ueberzeugung gehandelt, er nun doch unsicher sei, ob er nicht um der Mutter willen die Gabe Sonnenkamps hätte annehmen müssen. Diese hörte ihm ruhig zu, dann sagte sie: »Du hast Recht gethan. Die Freundschaft gibt anders und es ist kaum ein Geben; von einem Freunde wie Clodwig kann man Alles annehmen. Hier sollte, wie es scheint, die Gabe Dich erniedrigen. Wie würde ich solchem Gelde meine Freiheit danken wollen! Beruhige Dich, vergiß alles Andere, sieh auf das Jahr zurück und freue Dich, daß aus Deinem Zögling etwas geworden, das nicht mehr zu Grunde gehen kann.« In diesem Gedanken erhob sich Erich über jede Bedrückung und als er das grüne Haus verließ und Roland und den Major von ihrer Umfahrt zurückkehren sah, schloß er sich ihnen heiter an . . . Roland saß an der reich besetzten Tafel und genoß kaum einen Bissen. Man stritt leise hin und her, wer den üblichen Trinkspruch auf ihn ausbringen solle. Kam es Erich, kam es Prancken zu? Beide bedrängten endlich den Major und dieser erhob sich: »Meine Herren und Damen!« »Bravo!« rief Prancken. »Danke Ihnen,« sagte der Major. »Unterbrechen Sie mich nur immer, ich habe voltigiren gelernt und jedes Hinderniß wird mir zum Absprung. Also, meine Damen und Herren! Das menschliche Geschlecht theilt sich ein in männliches und weibliches . . .« Allgemeines Gelächter. Der Major war ganz froh darüber. »Nun sehen Sie ein Pärlein in diesem Garten Eden . . .« Prancken reichte dem Major einen Apfel und rief: »Brauchen Sie diesen vielleicht zur Weiterführung Ihres Bildes?« Roland war ärgerlich, daß Prancken den guten Major so oft unterbrach; er redete ihm daher zu, sich nicht irre machen zu lassen. Ganz leise, wie wenn er mit seiner Laadi spreche, nur brummend, sagte der Major: »Sei ruhig, Junge, sei ruhig; ich stehe fest im Feuer.« Und laut fuhr er fort: »Also wir haben hier zwei Kinder, die Tochter des Hauses und den Sohn des Hauses, und die Kinder haben uns; sie haben die Eltern, sie haben eine angeworbene Großmutter und Tante, und sie haben da« – er schlug sich auf die Brust, daß es dröhnte – »einen Onkel. Wir haben sie so lieb wie leibhaftige Verwandte und sie haben uns auch lieb, nicht wahr?« »Ja!« rief Roland, und Manna nickte. Der Major fuhr fort: »Also, wenn ich einen Sohn hätte . . . nein, das wollte ich nicht sagen . . . wenn ich für meinen, diesen Sohn einen Lehrer hätte . . . nein, auch das wollte ich nicht sagen . . . Also so: Unser Wildfang da . . . sehen Sie, er hat schon eine Anpflanzung im Gesicht . . . also, der Baumeister aller Welten segne ihn und lasse ihn ein Mann werden, der sein Glück versteht, für sich, für Andere, für alle Menschenbrüder alles Glaubens, aller Abstammung auf Erden.« Amen wollte er sagen, aber er berichtigte sich und rief: »Hoch! und zum zweiten und dritten Male Hoch!« Der Major setzte sich nieder und machte sich unter der Serviette einige Knöpfe auf. Nicht ohne gewandte Redegabe brachte dann Sonnenkamp einen Toast auf Erich, seine Mutter und Tante aus. »Sie müssen auch reden . . . Sie müssen auch reden,« drängte der Major beständig Erich. Erich erhob sich endlich, er hielt das Glas empor; die Sonne funkelte im Wein, und darauf deutend, sagte er: »Die Sonne von heute begrüßt die Sonne eines vergangenen Jahres. Was wir trinken, ist das Erzeugniß verrauschter Tage, und was wir in die Seele aufnehmen, gezeitigt an der Sonne der Ewigkeit. Mein Roland! der heutige, lachende, sonnige Tag wird zum Feuer des Weines, das in kühler Erde ruht in festem Gefäß und zieht in die Lande zu fernen Menschen, sie erquickend und mit Sonne durchglühend. So werde die Sonne von heute Feuer in unserer Seele, die aufflamme, wenn einst kommen öde, kalte Tage. Möge zeitigen in Dir, mein Roland, was Dich erquickt und die Menschen erfreut und alles Leben schafft zum schönen, freien Tempel Gottes.« Als er sich niedersetzte, begegnete er einem Blick aus den Augen Manna's; sie sah ihn erst jetzt. In seinem Antlitze war ein Gepräge des Geistes, das alle Affecte zu beherrschen schien, und eine männliche Entschlossenheit, so daß man sich sagen konnte: wenn Du in Gefahr diesen Mann zur Seite hast, bist Du mit Hilfe ausgerüstet. Sie aber bedurfte keiner Hilfe. Sonnenkamp und Prancken zuckten die Achseln nach der Rede Erichs. Sie unterdrückten ein Lachen, und Sonnenkamp flüsterte Prancken zu: »Es scheint fast, der Mann glaubt, was er sagt.« Es kam neue Zufuhr, denn der Doctor fand sich ein und mit ihm Lina, die ihre Freundin bei der Rückkehr ins Leben – wie sie es nannte – begrüßen wollte. Manna war dankbar für diese Zuvorkommenheit, bewahrte indeß eine gewisse Unnahbarkeit. Sonnenkamp lud Lina ein, die Frühlingswochen bei seiner Tochter zuzubringen, und Manna konnte nicht umhin, ihre Beistimmung auszusprechen. Unter Vorbehalt der elterlichen Erlaubniß sagte Lina zu; sie fuhr mit dem Doctor zurück, um andern Tages abgeholt zu werden. Sechzehntes Capitel. Prancken blieb, er ging mit Manna in den Garten und sie klagte ihm, sie fühle bereits schmerzlich, wie das Weltleben zur Unwahrhaftigkeit verleite, denn sie wünsche, aufrichtig gestanden, keineswegs, daß Lina zum Besuch käme, und habe doch einstimmen müssen. Sie unterdrückte schnell die Worte, die sie noch auf den Lippen hatte, denn sie wollte bekennen, wie ihr von dem Gewirre des Hauses bereits wirbele und sie die geregelte reine Stille des Klosterlebens schwer vermisse; sie sagte nur, daß sie sich so fremd in der Welt vorkäme. Als Prancken ihr für dies Vertrauen dankte, schrak sie in sich zusammen und sagte kaum hinhauchend: die Welt mache redselig, auch wenn man zurückhaltend sein wolle. »Es freut mich,« nahm Prancken auf, »daß Sie der Zurückhaltung erwähnen, die ganz mit denselben Worten der Kirchenfürst in diesen Tagen mir eingeschärft hat, denn er sagte: Bleiben Sie zurückhaltend! Die viel und leicht sprechenden Menschen sind im Grunde eigentlich Dilettanten.« Er glaubte, daß Manna merke, wie er auf Erich ziele, aber diese gab kein Zeichen, daß sie den Vorwurf des Dilettantismus auf Erich beziehe. Prancken fragte nun geradezu: »Finden Sie nicht auch ein Dilettantisches in dem viel sprechenden Herrn Dournay?« Manna erwiederte: »Der Mann spricht viel, aber . . .« Sie machte eine Pause; Prancken war gespannt, was sie hinzufügen würde. ». . . er spricht viel, aber er denkt auch viel,« vollendete Manna. Nun wählte Prancken behutsam eine Richtung, die bei scharfem Visir das Ziel nicht verfehlen konnte. Es war dies kaum nöthig, denn ein Mann, der die Linie seiner Bethätigungen so weit ausdehnte, wie Erich, bot Angriffspunkte genug. Prancken fand es zunächst anmaßend, daß Erich eine Tempelweihe für seine Gottlosigkeiten in Anspruch nehme, er sagte: es sei eine Falschmünzerei, mit der vielleicht ein kindlich vertrauendes Gemüth getäuscht werden sollte. Er blickte dabei innig auf Manna, diese aber schwieg. »Nehmen Sie sich in Acht,« fügte er hinzu, »er biedert sich an bei allen Menschen.« Das Wort schien ihm zu gefallen, er wiederholte es: »Dieses Sichanbiedern ist eine geschickte Methode, aber sie läßt sich durchschauen. Geben Sie Acht, wie oft er das Wort Menschheit gebraucht; ich hab' ihm einmal nachgezählt, in einer einzigen Stunde hat er es vierzehnmal gesagt. Er thut sehr bescheiden, aber sein Dünkel geht über die Grenzen des Unerlaubten.« Prancken lachte, er wußte, wie leicht es ist, einen hochgestimmten, in starker Action stehenden Menschen lächerlich erscheinen zu lassen, und nicht ohne Befriedigung gewahrte er, daß seine Worte bei Manna Eindruck fanden. Hat man einen Menschen in den Gesichtswinkel gestellt, wo er lächerlich erscheint, so rettet ihn nichts mehr; das wußte und das hoffte Prancken. Er setzte indeß hinzu: »Unser Roland hat Mancherlei bei dem Biedermanne gelernt, nun aber ist es genug und Zeit, daß er bald in die höheren Sphären eintritt.« Manna kehrte nach dem Hause zurück. Auf der Freitreppe begegnete ihr Erich; Beide hielten an. Erich glaubte etwas sagen zu müssen und er begann: »Ich kann mir denken, daß es Ihnen peinlich sein mag, Ihr Daheimsein mit einem Feste zu beginnen; der kommende Tag erscheint dann leicht leer.« »Weßhalb wollen Sie meine Gedanken wissen?« entgegnete Manna und ging weiter. Sie ging die Treppe hinan, sie preßte wie im Zorn die Lippen, die so Hartes gesagt hatten. Wie kam dies auf ihre Lippen? War es geheime Furcht vor Annäherung? War es Stolz? Hatten die Einflüsterungen Pranckens sie dazu verleitet oder wirkte Alles zusammen? Sie bereute, daß sie am ersten Tage ihrer Rückkehr ins Elternhaus einen Menschen verletzt hatte. Den ganzen Abend blieb sie auf ihrem Zimmer. Noch spät klopfte Roland an ihre Thüre und ließ nicht ab, bis sie ihm öffnete. Er setzte sich zu ihr und sagte: »Ach, Manna, von Allem, was ich heut erlebt, will mir das Eine nicht aus dem Sinn. Jeder, dem ich eine Gabe brachte, sagte mir: Ich will auch für Sie beten. Kann man denn das, und was nützt es? Was nützt es, wenn ein Anderes für mich betet und zu Gott Alles Gute und Schöne von mir sagt und für mich wünscht? Was soll das helfen, wenn ich nicht selber brav in meiner Seele bin?« »Roland, was sprichst Du? Was hast Du für Gedanken?« rief Manna und faßte ihn an beiden Armen; dann ließ sie den Erstaunten still stehen, eilte in ihre Kammer und warf sich dort auf die Kniee. Heute schon sah sie den Zerfall im Hause. Sie betete für Roland, daß sein Geist erleuchtet und befreit werden möge, aber in ihr Gebet hinein zuckte etwas Fremdes. Sie rang die Hände, sie klagte, sie weinte. Ist es wahr, daß Niemand für einen Andern einstehen und für ihn sich opfern kann? Nein, es ist nicht wahr, es darf nicht sein! Wie von einer faßbaren Last niedergedrückt, die vom Himmel fiel, fühlte sie sich, da diese Frage und Klage sich in ihrem Denken bewegte. Was ist das? Ein Mensch kann einem Andern mehr Böses als Gutes thun? Ist das so? Muß das so sein? Heftig rang ihre Seele, aber endlich lächelte sie, denn es ging ihr auf: ihr ist ein großer Kampf beschieden; er beginnt bereits. Sie soll die Seele ihres Bruders retten und sie sagte sich, daß dies nicht in Heftigkeit, sondern nur in Milde und Sanftmuth geschehen könne. Sie richtete sich auf und kehrte in das Zimmer zu Roland zurück; sie reichte ihm die Hand und sagte: »Wir wollen einander helfen, immer besser zu werden. Ich habe Dir viel zu geben und viel zu nehmen. Doch das wird sich finden.« Sie setzte sich ruhig zu ihm und hielt seine Hand. »Ach,« rief Roland, »wie wohl muß Dir's sein, jetzt wieder daheim; das Kloster ist doch keine Heimat, für Niemand.« »Darum ist es das Höchste,« erwiderte Manna. »Jeden Tag, jede Stunde zeigt es uns, daß wir heimatlos sind auf dieser Welt. Wenn diese Welt unsere Heimat wäre, so hätten wir Beide, Du und ich – nein . . . Was bringst auch Du mich zu so unpassenden Reden!« »Erich hat Recht,« nahm Roland auf; »er sagt, Du seiest in Wahrheit eine fromme Seele; was Millionen nur mit dem Munde reden, das komme Dir aus dem Herzen.« »Das hat Erich gesagt?« »Ja, und noch viel mehr.« »Aber Roland,« fiel Manna ein, »man muß nie erzählen, was Andere über einen Menschen gesagt.« »Auch nicht, wenn es Gutes ist?« »Auch dann nicht. Man kann nicht wissen – nein,« unterbrach sie sich, »Du bist wol recht glücklich, daß Du einen so zuverlässigen Freund an Erich hast?« »Gewiß! Und gefällt er Dir nicht auch besser als Prancken?« Manna wollte lächeln, aber sie unterdrückte es und sagte: »Laß Dir von Deinem Lehrer die Lehre geben, daß man nie vergleichen soll. Nun aber bedenke, daß ich im Kloster war und viel allein sein muß. Gute Nacht.« Sie küßte den Bruder. »Vergiß nicht,« rief er ihr im Fortgehen noch zu, »daß Du Deine beiden Hunde mitnimmst, wenn Du spazieren gehst. Der Krischer wird sie Dir bringen.« Manna durfte noch nicht allein sein. Sie hatte im Kloster keinerlei Bedienung gehabt, nun aber mußte sie sich – denn der Vater hatte es befohlen – von einer Kammerfrau entkleiden lassen. Als die Kammerfrau die schönen schwarzen Flechten auflöste, rühmte sie das gesunde volle Haar. Und doch – dachte Manna – wird dieses Haar fallen. Es durchzuckte Manna ein Schreck, sie glaubte die Scheere zu hören, die das Haar durchschneidet. Endlich war sie allein und nachdem sie lange in stillen Betrachtungen und Gebeten verharrt, schrieb sie an die Oberin: »Wir feierten heute den Geburtstag meines Bruders und meine Rückkehr ins elterliche Haus, ich aber sehne mich nach meinem Geburtstag, der die Heimkehr ins ewige Vaterhaus sein wird.«