Berthold Auerbach Auf der Höhe Erster Band Erstes Buch. Erstes Kapitel. In der Schloßkapelle der königlichen Sommerburg wurde Frühmesse gelesen. Das Schloß, nicht weit von der Residenz, lag an einem mäßigen Berghang mitten im Park. Nach der Morgenseite war der Berg weit hinauf mit Reben bepflanzt und dann bis zur Spitze mit mächtigen Buchen bestanden. Im Parke gediehen Ahorn, Platane und Rüster und breiteten ihr Laub aus neben Tannen und Weimutskiefern; selbst die Arve war vom Hochlande hieher verpflanzt und zeigte in dichten Nadelbüscheln, daß sie heimisch geworden. Auf Wiesenplanen standen einzelne hohe Fichten, die von unten auf ihr volles Gezweige behalten. Gebüschgruppen von mannigfaltiger Blüten- und Blätterart boten erfrischende Blicke. Das Auge eines wohlordnenden Künstlers schaute aus der ganzen Anlage. Die Wege waren sauber, die Blumen trieften im Morgentau, die Vögel sangen, das frischgemähte Gras duftete, auf dem großen Teiche schwammen Schwäne und fremdländische Enten und wateten bunte Flamingos; mitten im Teiche schnellte ein Springbrunnen seinen Wasserstrahl hoch empor und plätscherte in Wolkenflocken und Wasserstaub wiederum herab. Ein klarer, von Erlen und Hängeweiden eingehegter, vielfach überbrücktet Waldbach rauschte vom Berge nieder, strömte in den Teich und floß aus ihm wieder ab ins Thal nach dem Strome, von welchem da und dort durch das Gebüsch eine blinkende Fläche aufblitzte. An gelegenen Fernsichten und unter Bäumen standen zierliche eiserne Tische, Stühle und Bänke. Nicht weit von der Kapelle saß ein sorgfältig gekleideter stattlicher Mann; die vollen Haare auf seinem Haupte waren so weiß wie die Binde, die er um den Hals trug. Mit jugendlich glänzenden blauen Augen schaute er hinein in die weite Landschaft, über die mit Obstbäumen wie mit einem Walde bestandene Thalsohle, über die Vorberge bis zur Spitzenkette des Hochgebirges, dessen Schrofen sich heute scharf von der blauen Luft abhoben. Er legte ein Buch, das er in der Hand hielt, neben sich und sog den Frieden dieser Stunde in vollen Zügen ein. Das große Thor der Kapelle war offen, brausende Orgeltöne klangen, jetzt schwebte ein Weihrauchwölkchen heraus und verflüchtigte sich schnell in der Morgenluft. Der stattliche Mann war Leibarzt des Königs. Er war Protestant und darum nicht mit zur Messe gegangen. Da kam aus der rebenumzogenen Veranda eine schöne Frauengestalt in weitem weißem Gewande; sie hielt den Sonnenschirm aufgespannt und hatte eine einfache Morgenhaube mit blauem Bande auf dem Kopfe. Das leise gerötete helle Antlitz mit dem reichen blonden Haar strahlte von Jugend und Schönheit; sie erschien wie der leibhaftige helle Tag. Der Leibarzt hörte das Rauschen des Gewandes, stand rasch auf und verbeugte sich. »Guten Morgen, lieber Geheimrat!« rief die Dame, der noch zwei andre wenige Schritte hinter ihr folgten; ihre Stimme klang nicht hell, es war etwas darin von jenem zu Herzen sprechenden Violoncellton, der nicht für laute Freude, um so mehr aber zum Ausdruck des Innigsten gestimmt ist. »Ein herrlicher Tag,« fuhr die Dame fort, »aber doppelt traurig, wenn man ihn im Krankenzimmer verbringen muß. – Wie geht es unsrer Gräfin Brinkenstein?« »Majestät, die Frau Oberhofmeisterin darf heute eine Stunde im Freien zubringen.« »Das freut mich herzlich. Ach, es ist so wundersam schön hier, und da sollte niemand traurig oder krank sein,« »Die Frau Oberhofmeisterin ist besonders glücklich, jetzt, wo schöne Pflichten ihrer warten, solche nun vollkommen erfüllen zu können.« »Sprechen wir leise,« sagte die Königin plötzlich, denn in der Kapelle war die Orgel verstummt und das Geheimnis der Wandlung ging vor sich. »Ach, lieber Geheimrat, ich möchte Ihnen etwas anvertrauen.« Die beiden Damen zogen sich weiter zurück und die Königin ging mit dem Leibarzt auf dem freien Platz vor der Kapelle auf und ab. »Vor dem Arzte darf es kein Geheimnis geben,« begann der Leibarzt, »Majestät haben ja noch vor kurzem gesagt, daß Sie mir auch ein Stethoskop zutrauen, um die Bewegungen der Seele zu erlauschen.« »Ja,« sagte die Königin, und sie wurde rot bis zu den Stirnhaaren hinauf – »ich dachte auch schon daran, Sie um seelischen Beirat anzusprechen, aber es geht doch nicht; das muß ich mit mir allein erledigen. An den Arzt aber habe ich eine Bitte.« »Majestät befehlen –« »Nein, das kann ich hier nicht! Ich meine –« Plötzlich tönte die Glocke von der Kapelle. Der König trat heraus, in einfach bürgerlicher Kleidung, ohne irgend eine Auszeichnung; ihm folgten die Herren und Damen vom Hofe. Die Herren waren alle in bürgerlicher Kleidung, großenteils in der kleidsamen und modisch verschönerten Gebirgstracht. Der König, eine mannhaft frische Erscheinung von strammer Haltung, grüßte schon von ferne mit der Hand und ging seiner Gemahlin entgegen; das Gefolge hielt sich wieder im Hintergrund und wechselte leise Morgengrüße. Der König sprach einige Worte mit der Königin, sie lächelte und er neigte sich gleichfalls lächelnd mit jugendlicher Anmut; dann bot er der Königin den Arm, sie gingen nach dem Pavillon, die Herren und Damen folgten, jetzt fröhlich und ungezwungen miteinander plaudernd. Eine junge Hofdame von hoher schöner Gestalt, mit braunen Locken und braunen Augen, gesellte sich zum Leibarzt und drückte ihm herzlich die Hand. Sie trug ein einfaches hellfarbiges Sommerkleid, eine offene lockere Jacke und darunter die bauschige Chemisette; ein mit Stahlknöpfen besetzter naturfarbener Ledergürtel umspannte die Taille; ihre Bewegungen waren geschmeidig, der Ausdruck ihres Gesichts halb schalkhaft, halb ernst. »Darf man wissen,« fragte sie den Leibarzt, »darf man wissen, welch ein Buch Sie für würdig hielten, an diesem schönen Morgen im Freien gelesen zu werden?« »Es war würdig, gelesen zu werden, wurde aber nicht gelesen,« erwiderte der Arzt, und reichte ein kleines Buch hin. Es war Horaz. »Ach – Lateinisch!« sagte die Hofdame, ihre Stimme hatte etwas Helles und Keckes, wie das Schmettern des Buchfinken. »Lateinisch – das ist also Ihre Messe!« Der Leibarzt erklärte mit kurzen Worten, wie glücklich die Alten waren, in einem so wenig umfangreichen Buche einen gedrungenen und dauernden Inhalt zu geben. Man trat in den Saal und setzte sich nach Belieben, da es beim Frühstück keine Rangordnung gab. Ueberhaupt war man auf dem Lande, wo man die Uniform abgelegt hatte, auch mancher Beschwernis der Etikette erledigt. Nichts Wohlgemuteres, als eine Gesellschaft heiterer und freier Menschen beim Frühstück; die ganze Wundermacht der Schlafesstärkung ist noch in den Menschen; sie waren allein, jetzt sind sie gemeinsam; auf der ganzen Empfindung ruht etwas wie Morgentau. Beim Frühstück waren keine Diener zugegen, die Hofdamen bedienten, und es herrschte ein ungebundener, fast familienhafter Ton. Der Leibarzt trank stets Thee, den er sich auf einer vor ihm aufgestellten Maschine selbst bereitete; die braungelockte Hofdame lud sich heute bei ihm zu Gaste, setzte sich neben ihn und schenkte ihm ein. Zu ihrer Linken saß Oberst von Bronnen, der Generaladjutant des Königs, fast der einzige, dem man es nicht ansah, daß ihm die Uniform fehlte. Die Gespräche waren laut, durcheinander – auch die Geister waren in Morgentoilette. »Ach Gott, heut ist ja Sonntag!« sagte die braungelockte Hofdame. Es wurde hell aufgelacht, und die Königin fragte, warum man lache. Der Leibarzt berichtete die Entdeckung der Gräfin Irma von Wildenort. Auch die Königin lächelte. »Ich dächte, Gräfin Irma,« rief der König, während er sich eine Zigarre anbrannte – er allein rauchte im Salon – »ich dächte, bei Ihnen wäre alle Tage Sonntag.« »Ja, gnädigster Herr, aber nur hier,« antwortete im lustigsten Tone die Gräfin und schüttelte ihre reichen braunen Locken. »Seitdem ich die Ehre habe, bei Eurer Majestät zu sein, wo alle Tage Kuchen auf der Tafel steht, ist bei mir alle Tage Sonntag; aber im Kloster, da war der Sonntag mit Kuchen angestrichen, und nun muß ich hier den Sonntag immer erst entdecken.« Der Legationsrat von Schnabelsdorf, erst vor kurzem aus Spanien zurückgekehrt und auf seine neue Verwendung wartend, sagte zum Leibarzt, dem er gegenüber saß, daß binnen kurzem von einem seiner Freunde in Madrid ein interessantes Werk über die Geschichte des Sonntags oder vielmehr des Sabbaths erscheinen werde; er selbst habe auch einige Ideen dazu beigetragen. Der König, der diese Unterredung gehört, fragte, welches diese Ideen seien, und Schnabelsdorf teilte nun mit, wie die Siebenzahl als Vierteilung des Mondmonates die natürliche und der Sabbath älter sei, als alle positiven Religionen. Er wußte alles mit Citaten zu belegen, und dabei seiner berühmten Freunde zu erwähnen. Nach der beifällig aufgenommenen Mitteilung des gelehrten Legationsrates gab es noch viel des leichten Scherzes, bis sich die Königin erhob. Sie winkte dem Leibarzt, der König gab ihr wieder den Arm, und sie gingen miteinander durch die Veranda zu einem schönen Sitz, der unter einer Hänge-Esche am Wiesenhange angebracht war. Es war eine Lust, dies schöne Königspaar zu sehen, so stattlich und groß, und die Königin war doppelt schön, denn in ihr blühte ein doppeltes Leben. Die Königin setzte sich, neben ihr der König; der Leibarzt, ohne auf Befehl zu warten, rückte sich einen Stuhl zurecht und setzte sich ihnen gegenüber. »Ja,« begann die Königin, »ich muß doch mit Ihnen darüber sprechen, ich muß Ihnen einen Scherz –« »Willst du nicht lieber allein –?« fragte der König. »Nein, du mußt dabei sein. Ich frage also noch einmal: soll mir's nicht erlaubt sein, mein Kind, das mir Gott in Gesundheit schenken möge, selbst zu nähren?« Ein kaum merklicher Augenwink des Königs belehrte den Leibarzt, was er zu antworten habe. »Majestät,« sagte er, »ich hatte bereits die Ehre, es Ihnen als Aberglauben zu bezeichnen, daß man durch einfache Erfüllung der Mutterpflicht seine Schönheit bewahre. Sie, Majestät, läßt die echt schöne Regung diesen Wunsch aussprechen. Aber die Gewährung ist unmöglich, um Ihretwillen und um des Kindes willen. Die Pflichten einer Fürstin, die Notwendigkeit der Haltung, der Sammlung, der Repräsentation, die vielerlei Gemütsbewegungen, gestatten es durchaus nicht. Die höhere Ausbildung erzeugt notwendig eine Nervosität, die sich dann dem Kinde mitteilt und ihm sein Leben lang anhaftet.« »Ich bitte, liebe Mathilde,« half der König nach, »quäle dich nicht mehr mit diesem Wunsche. Denke an das Wohl des Prinzen.« »Sprich doch nicht immer von einem Prinzen! Versprich mir, daß du ebenso glücklich sein wirst, wenn es eine Prinzessin –« »Das kann ich nicht – ebenso glücklich? Das kann ich mir nicht befehlen; aber glücklich, von Herzen glücklich, wenn du und das Kind gesund, das verspreche ich dir!« »Gut denn, so mag eine Amme kommen. – Ich bin ihr schon jetzt neidisch, daß sie mir so viele gute Blicke und Herzlichkeiten meines Kindes wegnimmt – aber es sei, ich füge mich!« »Und welches Leid wolltest du klagen?« »Es quält mein Gewissen, einem andern Kinde seine Mutter zu entziehen. Wenn das auch Tausende schon lange thun – wer ein Unrecht begeht, thut es allein für sich und thut es zum erstenmal auf der Welt. Doch ich füge mich. Davon aber gehe ich nicht ab: nur eine verheiratete brave Frau aus einer ehrbaren Familie darf Nährmutter meines Kindes sein. Ich hätte keinen Frieden im Gewissen, wenn ich einem ohnedies schon verlassenen Kinde sein Einziges noch nähme: die Mutter. Ich frage jetzt nichts nach Welteinrichtungen und festgesetzten Geltungen. Das arme verlassene Kind, das in eine feindliche Welt gesetzt ist, soll dem auch noch der einzige Liebesquell entrissen werden? Nehmen wir aber eine verheiratete rechtschaffene Frau, so entziehen wir auch da noch einem Kinde seine Mutter und schädigen ein fremdes Leben – es ist hart, daß jeder trotz besseren Wissens Unrecht thun muß. – Doch ich füge mich der Notwendigkeit. Das Kind aber der Mutter, die wir uns nehmen, steht unter dem Schutz der Familie, hat einen Vater, vielleicht eine brave Großmutter, und sorgliche Geschwister: ein Liebesdach schirmt das kleine Haupt –« »Majestät!« rief der Arzt voll Begeisterung. »Majestät, in diesem Augenblicke wird in tausend und tausend Kirchen für Sie gebetet und Millionen Stimmen sagen Amen!« »O Gott, welche Pflichten legt das auf! Man sollte mehr als ein Mensch sein, um das zu tragen – mich drückt es nieder.« »Das soll es nicht: es muß Sie erheben, Majestät! In diesem Augenblick wird der Hauch von Millionen Lippen zu einer Wolke, die Sie trägt. Das ist echte Humanität, wenn der Geschützte, Behütete und aufrecht Stehende sich des Ungeschützten, Unbehüteten und Gefallenen erbarmt und nicht den Stein der Verwerfung gegen ihn aufhebt. Es ist ein Naturgeheimnis, was von solcher Stimmung übergeht auf das Kind unter dem Herzen. Dieses Kind muß ein edler schöner Mensch sein, denn seine Mutter hat die Reinheit der Menschenliebe in das ungeborene Kind hineingedacht.« Der König hatte die Hand seiner Frau gefaßt und fragte jetzt: »Du wußtest also nichts von dem Gesetze? Es ist nicht nur Hausgesetz, daß die Prinzen und Prinzessinnen unseres Hauses in der Residenz geboren werden – weshalb wir morgen in die Stadt ziehen – es ist auch Hofgesetz, daß nur eine verheiratete Frau Amme eines Prinzen sein darf.« »Mein Gott – und da quäle ich mich so sehr! Aber ich will künftig die Hofgesetze achten, weil auch so Schönes darunter.« »Majestät haben es neu geschaffen aus Ihrer Seele heraus,« schaltete der Leibarzt ein. »Das erst ist das freie und heilige Gesetz, das wieder in uns lebendig geworden ist.« »Sehr schön und wahr,« sagte der König – die Zigarre entfiel ihm, er griff an sich herum und sagte dann: »Entschuldigen Sie, liebster Geheimrat, wollten Sie nicht die Güte haben und Zigarren für uns bringen lassen?« Der Arzt ging hinein und jetzt sagte der König: »Mathilde, ich bitte, war das alles, was du auf dem Herzen hattest? Ich sehe dir seit geraumer Zeit an, daß du etwas in der Seele trägst –« »Ja, ich trage etwas in der Seele, aber ich kann dir nicht eher davon Mitteilung machen, bis es volle Wahrheit geworden; es ist lauter Liebe zu dir. Frage mich nicht mehr, du wirst es bald von selbst erfahren.« Als der Leibarzt zurückkam, saß der König allein unter der Esche, die Königin hatte sich zurückgezogen. »War diese Huldigung eine ärztliche Rücksicht?« fragte der König den Leibarzt, sein Auge war finster. »Nein, Majestät, meine freie Herzensmeinung.« Der König schaute vor sich nieder und schwieg lange; endlich sagte er sich aufrichtend und mit der Hand eine Bewegung machend als werfe er etwas weit weg: »Ja, also die Königin wünscht zur Amme eine junge Frau aus den Hochlanden, die eine ehrbare Familie hat. Wäre es nicht noch Zeit, daß Sie selbst hinreisten und eine solche auswählen? Stammen Sie nicht auch aus dem Gebirge? Das wäre – doch nein, Sie dürfen jetzt nicht fort. Schicken Sie also den Hofarzt Sixtus, er soll von Dorf zu Dorf reisen und geben Sie ihm die genauesten Instruktionen! er kann ja auch mehrere proponieren und Sie wählen dann das Beste aus und die andern lohnen wir ab und – doch das machen Sie ganz nach Ihrem Ermessen, aber schicken Sie noch heute den Hofarzt ab.« »Wie Majestät befehlen.« Zweites Kapitel. »Sie sehen ja so strahlend aus!« sagte die Hofdame Irma, die dem Leibarzt begegnete. »Es mag wohl sein,« erwiderte der Leibarzt, »denn ich habe dem Göttlichen, ich habe einer reinen Menschenseele ins Antlitz gesehen – Entschuldigen Sie einen Augenblick!« unterbrach er sich, ging in das Nebengebäude und gab dem Telegraphisten den Auftrag, sogleich dem Hofarzt die Meldung zu machen, daß er sich zu einer achttägigen Reise vorbereiten und hieher kommen solle; dann trat er wieder hinaus zu der Hofdame, und erzählte ihr von dem, was vorgegangen. »Soll ich Ihnen meine Meinung sagen?« fragte die Gräfin. »Sie wissen, daß man darauf nie mit nein antwortet.« »Nun denn, so muß ich Ihnen sagen: in alten Zeiten war's viel schöner! da wurden die Königskinder auf einer einsamen Pfalz geboren. Still wie ein Geheimnis –« »Sie sind doch in allem,« unterbrach der Arzt, »das echte Kind Ihres Vaters. Mein guter Eberhard war in seinen jungen Jahren auch voll toller Laune, dabei hatte er aber eine Verschämtheit, die oft plötzlich überraschte.« »Ach, erzählen Sie von meinem Vater! Ich weiß so wenig von ihm.« »Ich ja auch seit vielen Jahren – Sie wissen doch, daß er völlig mit mir gebrochen, weil ich am Hofe lebe; aber damals, in der Zeit unsrer jugendlichen Schwärmerei –« »Also auch Sie schwärmten einmal?« »Aber nicht so sehr wie Ihr Vater. Wie ich Sie so sehe, da ist mir's, als ob sein Ideal von damals wirklich geworden. Wenn wir – ich war damals ein junger Militärarzt und er ein noch jüngerer Offizier – wenn wir damals von der Zukunft und ihren Erfüllungen uns Phantasiebilder ausmalten, dachte er sich nie das Ideal einer Geliebten, einer Frau aus; er übersprang die Mittelstufen und phantasierte immer nur von dem Ideal eines Kindes und besonders einer Tochter, wie frisch, wie zart das sei und unberechenbar zugleich! Wenn ich Sie nun so vor mir sehe, sein Ideal steht vor mir!« »Also mein Vater hatte nur das Ideal eines Kindes?« sagte Irma nachdenklich und schaute dem Arzt voll in die Augen, »und doch ließ er seine Kinder unter fremden Leuten aufwachsen, und ich muß mir von ihm erzählen lassen, statt selbst von ihm zu wissen? Aber ich will jetzt nicht von mir reden. Lieber Herr Geheimrat, ich habe eine Ahnung von dem Geheimnis der Königin, ich glaube zu wissen, weshalb sie so still und in sich gekehrt –« »Mein schönes Kind, wenn Sie eine Ahnung haben, und nun gar von einem Geheimnis der Fürstlichkeiten, so rate ich Ihnen: vertrauen Sie das nicht einmal dem Kissen, worauf Sie ruhen.« »Wenn es der Königin aber nützen könnte, daß Sie davon wissen? Sie sollten ihr Führer sein!« »Man ist nur Führer dem, der geführt sein will.« »Ich möchte Sie nur bitten, auf gewisse Symptome ein Auge zu haben. Hat die Königin nichts gesagt, als sie hier draußen vor der Kirche die Messe hörte? Erschrak sie nicht bei einem Tone? Merkten Sie nicht eine gewisse Hinneigung –« Der Arzt bedeutete mit der Hand, daß Irma nicht weiterreden solle, und setzte hinzu: »Mein Kind, wollen Sie korrekt am Hofe leben, so rätseln Sie nicht an Dingen, die man Ihnen nicht auflösen will; vor allem aber lassen Sie sich nichts davon merken –« »Korrekt und immer korrekt!« neckte Irma, und ihre schönen im Bogen geschnittenen Lippen bewegten sich zitternd. »Sie sind eine produktive Natur und eine produktive Natur gehört nicht an den Hof,« setzte der Arzt hinzu. »Sie wollen an Stelle der gegebenen Formen Ihre Persönlichkeit setzen; das geht nicht. Sehen Sie,« fuhr er lebendiger fort »sehen Sie, dieser Legationsrat Schnabelsdorf verbraucht sich bälder als er glaubt; er bietet immer etwas, bereitet immer etwas zu, kocht und bratet und schmort alle Wissenswürdigkeiten für die Herrschaften, und sein Gedächtnis ist ein ewiges Tischleindeckdich. Geben Sie acht, ehe ein Jahr vergeht, ist man seiner überdrüssig. Will man gefällig sein und bleiben, so muß man sich erwarten lassen.« Irma stimmte bei, sie merkte aber wohl die Ablenkung und leitete wieder auf das zurück, was sie sagen wollte. »Sagen Sie« – fragte sie schalkhaft – »nicht wahr, wenn man einen falschen Tritt thut und sich dabei verletzt, das nennt man ein Uebertreten?« »Allerdings.« »Nun denn, so wissen Sie, daß die Königin durch ein Uebertreten in Gefahr ist, sich Schaden zuzufügen, vielleicht unheilbaren –« »Ich würde vorziehen –« fiel der Arzt ein. »Ah, Sie würden vorziehen? Wenn Sie das sagen, haben Sie immer etwas zu tadeln.« »Erraten. Ich würde vorziehen, wenn Sie der Königin überließen, selber ihre Geheimnisse mitzuteilen. Ich glaubte, Sie seien die Freundin der Königin –« »Ja, das bin ich.« »Gut, und da ich heute einmal Ihr Frühprediger bin, so will ich Sie noch vor etwas warnen. Sie sind in Gefahr, eine jener Damen zu werden, die nur Freunde, aber keine Freundin haben.« »Ist das eine Gefahr?« »Allerdings. Sie müssen eine Freundin haben, Sie müssen, sonst liegt ein Fehler in Ihrer Natur. Solche Isolierung gibt dem ganzen Wesen eine falsche Richtung, eine unbewußte Ueberhebung oder eine bewußte. Wenn Sie unter den vielen Damen hier nicht eine Freundin gewinnen können, so liegt der Fehler an Ihnen.« »Aber einen Freund darf ich doch haben? einen Freund, wie Sie?« »Ich wünsche Ihnen keinen besseren.« Irma ging still neben dem Arzte her. Sie kamen wieder auf den Wiesenhang vor dem Schlosse. »Wissen Sie schon, daß diese Wiese jeden Samstag mit falschem Heu frisiert wird?« begann Irma. »Bitte um weniger Esprit und mehr Klarheit.« »Hu – wie offizinell!« scherzte Irma. »So erfahren Sie denn: die Königin sagte einmal, der Heugeruch sei ihr lieb – und nun läßt der Gartenintendant wenigstens jede Woche einmal hier den Wiesenhang mähen; da aber die eigensinnige Natur nicht so schnell Heu gibt, wird in der Nacht fremdes Heu von irgend einer entlegenen Wiese zum Dörren hieher gebracht – Und da sagt man noch, die Fürsten werden in unsern Tagen nicht mehr betrogen?« »Ich sehe an der Sache nichts Unrechtes oder Lächerliches. Der Intendant gehört zu denjenigen, die sich als die Vergnügungsvorsehung der Herrschaften betrachten und –« »Vergnügungsvorsehung – ein köstliches Wort! Das gebe ich nicht wieder her! Das behalte ich! Und Sie wollen noch behaupten, Sie hätten keinen Witz? Sie sind ja voll frischer Bosheit! O, Vergnügungsvorsehung!« Irma lachte von ganzer Seele, und sie war neu schön, wenn sie lachte. Der Arzt hatte viel zu thun, sie wieder in das Geleise des Gespräches zurückzuführen. Sobald er ernst sein wollte, sah sie ihn immer so schelmisch an und lachte so herzlich, daß er auch lachen mußte. Nur als er ihr endlich sagte, er habe ihr bisher die Kraft zugetraut, einer Erörterung zu folgen, nicht bloß einen Witzfunken zu haschen, ließ sie sich wieder wie ein Schüler von der Hand des Meisters willig führen und der Arzt verstand es, sie in treuer Folge zum Nachdenken seiner Gedanken zu bringen. »Gnädige Gräfin,« sagte ein herzutretender Lakai, ein großer, stattlicher Mann mit starker Habichtsnase und kohlschwarzen Haaren, »gnädige Gräfin, Ihre Majestät die Königin erwarten Sie im Musiksaale.« Irma verabschiedete sich und der Arzt schaute ihr bedeutungsvoll nach. Bald hörte man vom Schlosse her den Berghang hinab und weit ins Thal hinaus die volle metallreiche Stimme der Gräfin Irmengard von Wildenort. »Auch Eberhard sang einst bezaubernd schön,« sagte der Leibarzt und lenkte seine Schritte nach dem Schlosse. Er stutzte aber, da er den Domherrn, der heute die Messe gelesen, ebenfalls in den Musiksaal eintreten sah. Der Morgen war so schön und lind, die weite Natur so selig in sich; alles grünt und wächst und gedeiht in seinem Grunde, darin es wurzelt, und die Menschen allein schaffen sich neue Plagen. Wäre es möglich, daß die mutwillige Gräfin recht gesehen? Warum sollte aber die Königin ihren angestammten Glauben verlassen wollen? Der Leibarzt setzte sich in eine Laube und las seinen Horaz. Bevor es zur Mittagstafel ging, war der Hofarzt bereits da, und als man sich zur Tafel setzte, fuhr er in einem Hofwagen ab, dem Gebirge zu. Am Abend – er war mild und sternhell – fuhr der Hof nach der Residenz, denn andern Tages sollte mit großem militärischem Pomp der Grundstein zum neuen Zeughaus gelegt werden. Drittes Kapitel. Die Glocken tönten hell und widerhallten von den schroffen Bergen, die Schallwellen flossen hin über den ruhigen Spiegel des weiten grünen Bergsees, drin sich die bewaldeten Berge und Felsspitzen und der Himmel drüber klar nachbildeten. Aus der einsam stehenden Kirche am obern Ende des Sees strömten die Menschen heraus; die Männer setzten die grünen mit Spielhahnfedern gezierten Hüte auf, holten die Tabakspfeifen aus der Tasche und schlugen Feuer; die Frauen putzten an sich herum, rückten an den spitzen grünen Hüten, glätteten die Schürzen, knüpften die weitflatternden Enden der seidenen Tücher von neuem. Noch hinter den alten Frauen, die die letzten in der Kirche sind, kam ein schönes junges Paar, die Frau hoch gewachsen und umfangreich, der Mann schlank und knorrig wie eine Tanne. Man sah ihm die rauhe Arbeit der Woche an; er setzte sich den Spitzhut, an dem kein Jägerzeichen war, etwas schief auf den Kopf, zog die Joppe aus und legte sie über die Schulter und schmunzelnd – das Schmunzeln in diesem wetterharten Gesicht war gar sonderbar – sagte er: »Siehst du, daß es so besser ist? So kommst du nicht ins Gedränge.« Die junge Frau nickte beistimmend. Eine Gruppe von Frauen und Mädchen schien auf die letztere gewartet zu haben; eine ältere Frau sagte: »Walpurga, das hättest nicht thun sollen: jetzt, wo du nicht weißt, wann deine Stunde kommt, den weiten Weg zur Kirche gehen; man kann sich auch im guten versündigen.« »Das schadet mir nichts,« entgegnete die junge Frau. »Und ich habe heute für dich gebetet,« sagte ein junges, trotzköpfiges Mädchen, das einen frischen Blumenstrauß an der Brust trug. »Wie der Pfarrer das Gebet für die Königin gesprochen hat, daß ihr Gott in der schweren Stunde beistehen möge, da hab' ich gedacht: was geht mich die Königin an? und für die beten auch schon Leut' genug im ganzen Königreich. Ich hab' an dich gedacht dabei, und hab' Amen Walpurga! gesagt.« »Stasi, du hast's gewiß gut gemeint,« wehrte Walpurga mit treuherziger Stimme ab, »aber ich will kein Teil haben an dem. Das darf man nicht; man darf kein Gebet verdrehen.« »Recht hat sie,« bestätigte die Alte, »das wär' ja, wie wenn man einen falschen Eid schwört.« »So soll's meinetwegen nichts gelten!« rief das trotzköpfige Mädchen. »Es muß doch was Schönes sein,« fuhr die Alte fort und faltete die Hände, »eine Königin zu sein. In dieser Stunde wird in allen Kirchen von Millionen und Millionen Menschen für sie gebetet. So ein König und eine Königin, die müssen ganz schlechte Menschen sein, wenn sie nicht brav sind.« Die Alte war die Wehmutter, sie durfte immer sprechen, und alles hörte ihr geduldig zu. Sie geleitete den Mann und die Frau noch ein Stück Wegs und gab genau an, wo sie in den nächsten Tagen zu jeder Stunde zu treffen sei. Dann ging sie abseits bergan nach ihrem Hause. Auch die andern Kirchgänger zerstreuten sich nach den einzelnen Gehöften, die Kinder gingen überall voran, die Eltern hinterdrein; dort wanderte noch eine Gruppe Mädchen, sie führten einander am kleinen Finger und hatten sich gar viel zu erzählen; aber nun stoben sie auch auseinander, jedes zu den Seinigen. Das junge Paar war allein auf der Straße, die Mittagssonne blinkte hell wieder im See. Es war fast noch eine Stunde Wegs bis zum Hause des jungen Paares, und kaum waren sie einige hundert Schritte miteinander gegangen, als die Frau sagte: »Hansei, ich mein', ich hätt' die Annamirl nicht fortlassen sollen.« »Ich will ihr schnell nachrennen, ich kann sie noch einholen!« rief der Mann. »Um Gottes willen nicht,« hielt ihn die Frau an, »dann bin ich ja ganz allein hier auf der Landstraß'. Bleib da, es wird schon vorübergehen.« »Wart einen Augenblick, halte dich an dem Baum! So!« Wie im Fluge rannte der Mann in die Wiese hinein, holte einen Arm voll Heu, legte es auf den Steinhaufen am Wege und setzte seine Frau darauf. »Es wird mir schon besser,« sagte die Frau. »Sprich jetzt nicht, ruh dich aus. O lieber Gott, wenn nur jetzt ein Wagen käme, aber weitum sieht man keinen Menschen und kein Vieh. Ruh dich nur aus, dann trag' ich dich heim, du bist mir nicht zu schwer, ich hab' schon schwerer getragen.« »Am hellen Tag willst mich tragen?« lachte die Frau, und sie lachte so mit ganzer Seele und ganzem Körper, daß sie sich mit der Hand auf den Steinhaufen stützen mußte. »Du guter Kerl, ich dank' dir. Ist aber nicht nötig, ich kann schon wieder gehen.« Sie stand rasch auf. Das Antlitz des Mannes strahlte von Glück. »Gottlob! Da kommt wie gewunschen der Doktor!« rief er. Der Arzt aus dem benachbarten Städtchen kam eben um die Ecke gefahren; Hansei zog den Hut ab und bat, seine Frau aufzunehmen. Der Arzt willigte gern ein, aber Walpulga wollte nicht einsteigen. »Ich bin mein Leben lang noch in keiner Kutsche gefahren,« wiederholte sie. »Man muß alles zum erstenmal probieren,« lachte der Doktor, und half ihr in die offene Kalesche; er gestattete auch dem Mann, daß er aufsteige und sich auf den Bock setze, aber der Mann verneinte entschieden. »Ich will nur im Schritt fahren,« sagte der Doktor. Hansei ging neben dem Wagen her, immer glücklich auf seine Frau schauend. »Jetzt noch zweitausend Schritt – jetzt noch tausend – noch so viel und so viel,« sagte er im Gehen fast laut vor sich hin, und sah mit Dankesblicken auf den Doktor und auf die Kutsche, die so gut ist, daß sie seine Frau einsitzen läßt, und auf das Pferd, das sie so geduldig zieht; er wehrte dem braven Tiere die Bremsen, die es noch plagen wollen. »Dein Hansei thut dem Pferde Gutes,« sagte drin in der Kutsche der Doktor zur jungen Frau. Sie antwortete keine Silbe, und der Doktor betrachtete mit Wohlgefallen den Mann, den er längst kannte, er war ja Holzknecht im königlichen Forste. Hansei hielt noch immer den Hut in der Hand und wischte sich manchmal mit dem Aermel den Schweiß ab. Er hatte ein gebräuntes, ausdrucksloses Gesicht, und trug keinen Schnurrbart, denn er war nicht Soldat gewesen; von den Schläfen herab rahmte ein zottiger Bart das längliche Gesicht ein, dessen Stirne noch größtenteils von dichten blonden Haaren bedeckt war; die kurzen Lederhosen zeigten die mächtigen Kniee, die mit Zwickeln gestrickten Wadenstrümpfe waren gewiß ein Geschenk der Frau, die schweren, nägelbeschlagenen Schuhe hatten schon manchen Berggang mitgemacht. Hansei schritt rüstig neben dem Fuhrwerk her, und endlich rief er: »Gottlob, wir sind da!« Das Häuschen lag am See, von einem Gärtchen umgeben; am Zaun stand eine Alte und rief entgegen: »So? gefahren kommst auch noch?« »Ja, Mutter!« antwortete die Frau, und mit tausend Dank verabschiedete sie sich beim Doktor; Hansei streichelte das Pferd zum Dank, daß es die Frau so gut dahergebracht. »Jetzt geh' ich aber gleich zur Annamirl,« sagte er vor der Thür; »haltet mir was zu essen warm.« »Nein, wir wollen miteinander essen, ich hab' auch Hunger,« rief die Frau, und legte Gesangbuch, Jacke und Hut ab. Sie war schön, ein volles, rundes, hellblühendes Antlitz, das mächtige blonde Zöpfe um die Stirne einrahmten. Sie zwang sich, zu Tische zu sitzen und aß gemeinsam mit Mann und Mutter. Aber mit dem letzten Bissen im Munde machte sich der Mann auf den Weg. Es war höchste Zeit, daß die Annamirl kam. Bevor die Hühner sich aufsetzten, war es da, das Sonntagskind, ein schreiendes, blondköpfiges Mädchen. Hansei wußte gar nicht, was er anfangen solle vor lauter Freude – er hatte doch eigentlich nicht ordentlich zu Mittag gegessen, er hatte die rechte Ruhe nicht gehabt, wie er sie brauchte, und wie lang ist's her, daß er gegessen hat! Das war ja damals, als er noch nicht Vater eines schreienden Kindes war, da liegen ja Stunden dazwischen, die sind jahrelang! Er schnitt sich ein groß Stück Brot ab, aber draußen, wo die Vögel so lustig zwitscherten, und besonders die Stare gar so zutraulich waren, rief er: »Da, ihr sollet auch was haben! ihr sollet auch wissen, daß ich Vater bin, und Vater von einem Sonntagskind!« – Er bröckelte ihnen alles Weiche vom Brote hin, und die Rinde warf er in den See und rief: »Da, ihr Fische, ihr ernährt uns, heute will ich euch nähren!« – Er hätte gern der ganzen Welt etwas zu gute gethan, aber es war nichts mehr da, das etwas von ihm wollte, und er weiß gar nicht, wohin er sich thun soll. Halt! da steht die Leiter am Kirschbaum; er steigt hinauf, bricht Kirschen und ißt sie, und ißt immer fort und vergißt sich ganz, und es ist ihm, wie wenn er sie gar nicht selber esse, sondern jemand anderm zu essen gäbe, und er weiß gar nicht mehr, wo er ist, und wer er ist, und er meint, er könne zuletzt gar nicht mehr vom Baum herunter, er ist wie auf den Baum verhext. Am Hause vorbei ging die Telegraphenleitung, die Drähte streiften fast den Kirschbaum. Hansei sah den Telegraphen an, als wollte er ihn beauftragen: du, sag's der ganzen Welt, ich bin Vater geworden. Er freute sich, daß die Schwalben und Stare so gern auf den Drahten sitzen und nickte ihnen zu: laßt euch nicht stören, ich thu' niemand was! Und so brach er Kirschen, und so schaute er hinaus, wer weiß wie lang. Da ruft die Großmutter aus dem Fenster: »Hansei, sollst zu deiner Frau kommen!« Er ist schnell herunter, und wie er zu ihr eintritt, lacht sie laut auf, denn er hat einen schwarzblauen Mund und ist blau und rot im Gesicht vom Kirschsaft. »So? du hast genascht?« rief die junge Mutter. »Laß mir auch noch ein paar Kirschen auf dem Baum.« »Ich thue dir die Leiter in die Stube, daß ich nicht mehr hinauf kann,« und es gab viel Lachen in dem kleinen Häuschen am See, bis Mond und Sterne darauf niederblickten. Heute brannte die ganze Nacht Licht im Stübchen; die junge Mutter schlief bald ruhig und glückselig, nur das Sonntagskind gluckste manchmal, ließ sich aber bald wieder beruhigen. Die Großmutter allein wachte: sie hatte sich nur zum Schein niedergelegt, stand aber bald wieder auf und saß auf einem Schemel an der Wiege des Neugeborenen. Ein glänzender Stern steht über der Hütte. Er flimmert und glitzert, und drin in der Hütte liegt ein Glanz auf dem Antlitz einer Mutter, eine Wonne, so unfaßbar, wie der Glanz am Stern da droben – ein Menschenkind ist Mutter eines Menschenkindes, und ein Auge wacht und sieht es, es ist das Auge der, aus der dies Leben und das andre daneben hervorgesproßt. In der stillen Luft ist es wie Singen und Klingen aus ewigen Harfen, und in der Stube bis an die Decke ist es, als ob Engelsköpfe überall schwebten und lächelten. Die alte Großmutter sitzt, das Kinn in die Hand gestützt, und schaut drein; in ihr Antlitz leuchtet der Glanz vom Sterne am Himmel, und zum Stern hinauf leuchtet ihr Auge. Sie ist wie hinausgehoben über die Welt und hält den Atem an; die Glorie des Höchsten hat sich niedergesenkt in die Hütte und umstrahlt das Haupt von Großmutter, Mutter und Kind. »Mutter, wie glitzerig scheinen die Steine!« sagte die junge Mutter einmal erwachend. »Und sie scheinen auch, wenn du die Augen zumachst und schläfst. Schlaf nur wieder!« erwiderte die Großmutter. Wieder war alles still, bis der helle Tag erwachte. Viertes Kapitel. Im offenen Wagen fuhr der junge Hofarzt Sixtus dem Gebirge zu. Er war ein Mann von gefälligen Weltformen; den jetzigen König, als derselbe noch Kronprinz war, hatte er auf Reisen begleitet und in Gesellschaft der Kavaliere jenen leichten Ton, den er sich bei einem dreijährigen Aufenthalt in Paris angeeignet, noch bequemer gemacht. Wie die Fürstlichkeiten über untergebene Personen verfügen und den Dienst in eine Verbindlichkeit verwandeln, so geschieht es auch leicht, daß Hofbeamte wieder mit den ihnen Untergebenen schalten. Der Hofarzt hatte sich einen Lakaien ausgesucht, den er als einen der dienstfertigsten kannte. »Feuer, Baum!« sagte er, der Lakai reichte ihm sofort eine brennende Lunte vom Bock, wo er neben dem Kutscher saß. Mit leutseliger Herablassung bot Sixtus sein Etui hin, der Lakai nahm dankend eine Zigarre; die Zigarren des Hofarztes sind zwar zu schwer und treiben ihm den Angstschweiß aus, wenn er sie raucht, aber es ist eine weise Regel, man soll eine angebotene Gunst nicht abweisen. Es fuhr sich bequemlich auf der guten Straße dahin. Auf der nächsten Poststation schickte man die Marstallpferde zurück und fuhr nun mit Extrapostpferden. Der Hofarzt hatte von dergleichen nichts anzuordnen; Baum wußte und besorgte alles. »Baum, von wo sind Sie gebürtig?« fragte der Hofarzt, als man weiterfuhr. Baum erschrak, aber er wendete sich nicht um, er that, als ob er die Frage nicht gehört, er schien sich erst ruhig fassen zu müssen, ehe er antworten konnte; sein Antlitz zuckte, aber schnell wußte er wieder eine bescheidene und arglose Miene anzunehmen. Der Arzt fragte noch einmal: »Baum, wo sind Sie geboren?« Ein dienstwilliges Gesicht wendete sich ihm zu. »Ich bin auch aus dem Gebirg, weit dahinten an der Grenze; aber ich bin nie dort daheim gewesen,« erwiderte der Lakai. Der Arzt hatte nicht Lust, weiter nach den Schicksalen Baums zu fragen; er hatte überhaupt die Worte nur so leichthin gesprochen. Der junge Hofarzt war gegen Baum zuvorkommend, Baum ist einer der beliebtesten Diener am Hofe, denn er wußte stets durch sein Benehmen auszudrücken, wie sehr er die hohe Stellung eines jeden respektiere. »Halten Sie sich immer möglichst in der Nähe des Telegraphen!« hatte der Leibarzt dem Wegreisenden gesagt, »geben Sie jeden Morgen und Abend Nachricht, wo Sie zu treffen sind, damit Sie sofort zurückbeordert werden können.« Als Doktor Sixtus jetzt im Weiterfahren die Telegraphendrähte betrachtete, die bereits auch hier über alle Berge klettern und durch alle Thäler ziehen, lächelte er vor sich hin. »Ich bin auch nichts als ein fortgeschickter elektrischer Funke, nur weiß mein Meister nicht, wo ich anlange. Aber eigentlich bin ich ein Märchengeist; ich bringe Geld und Ueberfluß in eine unscheinbare Hütte, denn eine reiche Bäuerin bekomm' ich nicht. Wo bist du, edle Nährmutter?« Der Hofarzt schaute lächelnd in die weite Landschaft, und um ihn spielten und verflogen Bilder aller Art, wie die Rauchwölkchen seiner Zigarre ihn umspielten und in die Luft verflogen. Es war bereits Nacht, als man einem kleinen Badeort im Gebirge zufuhr. Der Lakai ging neben dem Postillon bergan zu Fuß; der Hofarzt hatte ihm die Mission mitgeteilt, welche sie auf dieser Reise hatten. Die beiden hatten schon ganz andre Abenteuer in seinen Ländern miteinander bestanden. Jetzt besprach sich Baum mit dem Postillon über Leben und Sterben in der Gegend, und kam sehr geschickt darauf, sich nach jungen Wöchnerinnen zu erkundigen. Da war er just an den rechten Mann gekommen: die Mutter des Postillons war Hebamme – sie hatte nur den Fehler, daß sie bereits tot war. Der Doktor im Wagen streckte sich behaglich; er hat nun doch eine Handhabe, wie er die seltsame Sache angreifen könnte: an die Hebammen in den Dörfern muß er sich wenden, man muß ihnen nur nicht sofort sagen, für wen man die Nährmutter sucht, sonst kommt man gar nicht mehr los. Als es wieder zum Aufsteigen kam, winkte er den Lakai heran und sagte: »Auf der ganzen Reise nennen Sie mich nur ›Herr Doktor‹, weiter nichts!« Der Lakai fragte nicht, warum; das ist nicht seines Amtes. Er forschte aber auch vor sich nicht weiter nach dem Grund: er ist ein Lakai, er thut, was man ihm sagt. »Wer weiter geht als sein Auftrag, ist unbrauchbar,« hat der Kämmerer der Baronin Steigeneck hundertmal gesagt, und was der gesagt hat, ist heiliges Gesetz. In dem kleinen Badeorte war lustiges Treiben. Die Tafel war eben aufgehoben, man sprach von der heutigen Landpartie und von der morgigen, ein junger Offizier in Zivil und ein dicker Herr schienen die Lustigmacher in der Gesellschaft, man scherzte, man lachte, und im Hintergrund wurde zu einem verstimmten Klavier gesungen. Die Menschen waren in gewaltsamer Erregung, sie waren ins Gebirge gegangen, um die Langeweile los zu werden, und die meisten fanden sie hier erst recht, denn es ist nur wenigen gegeben, sich von Sonnenaufgang bis -niedergang und dann noch gar bei Sternenschein an der ewigen Natur zu erfreuen. Der Hofarzt sah sich glücklicherweise hier unerkannt und Baum, der keine Livree, ja nicht einmal Wappenknöpfe trug, ließ sich nicht ausforschen. Der Hofarzt betrachtete sich das Treiben der kleinbürgerlichen Welt mit einem gewissen Schloßgefühle. In der hiesigen Gegend wollte er sich gar nicht erkundigen, denn die Umgegend war wegen ihrer Kröpfe bekannt. Am Morgen ging's nach einem kleinen Gebirgsstädtchen. Der Hofarzt wendete sich an den Physikus, reiste mit ihm mehrere Tage umher, fand aber nichts, für das er sich entscheiden konnte: dennoch verzeichnete er einige Namen in sein Taschenbuch. Der Kavaliersmut wollte dem Hofarzt bald ausgehen. Er sah in die Hütten des Elends, in so viel Plage und Armseligkeit, daß es als ein Traum erschien, wie Menschen vom gleichen Fleisch und Blut so sorglos in Schlössern leben. Hier draußen ist das Dasein eitel Müh' und Sorge, nichts als ein Arbeiten, um sich am Leben zu erhalten, damit man morgen wieder arbeiten und wieder sorgen kann. »Nur keine Sentimentalitäten!« rief sich der Arzt zu. »In dieser besten Welt ist es einmal so! Die Menschen sind nichts andres als die Tiere. Das Reh im Walde lebt und fragt nicht, wie es dem Vogel geht, und der Vogel kümmert sich nicht um den Frosch, außer wenn es ein Vogel Storch ist, der ihn fressen will! Nur keine Sentimentalitäten! Nur keine Weltbeglückereien!« Der Hofarzt fuhr im Gebirge umher, sich immer in der Nähe des Telegraphen haltend und jeden Tag zweimal Bericht erstattend. Er verzweifelte am Gelingen seines Auftrages und schrieb seinem Chef, daß er keine verheiratete Frau finde, ledige dagegen vortreffliche; er schlage daher vor, da man doch die Fürstin nicht täuschen dürfe, schnell die tauglichste mit ihrem Geliebten trauen zu lassen. In der Gegend des Sees wartete er auf Antwort, denn hier traf er in dem Physikus einen ehemaligen Studiengenossen. Das vielfach zersäbelte Gesicht des wohlbeleibten Physikus strahlte noch von der alten Studentenheiterkeit, die man einst gemeinsam erlebt; er war auch noch jetzt stündlich mit gutem Durst versehen und zu jeder Lustbarkeit aufgelegt; in seinen Manieren war er dabei ziemlich bäuerisch geworden und der Hofarzt sah mit Befriedigung, welch ein andres Leben ihm beschieden war. Doktor Kumpan, das war der Kneipname des Landarztes, betrachtete diese Ausfahrt seines Freundes wie eine alte Studentensuite und fuhr und ritt mit ihm über Berg und Thal zur Ammensuche, wobei sich Kumpan nicht scheute, einen kleinen Umweg zu machen, wenn er wußte, daß man zu einem Wirtshaus kam, wo man seinen Hunger mit einer guten Mahlzeit und was noch wichtiger, seinen Durst mit einem guten Tropfen stillen konnte, – der Tropfen mußten aber viele sein. »So manche von unsern Institutionen,« sagte der Hofarzt einmal, »sind doch auf Unsittlichkeit gegründet, das lehrt auch unsre Ammensuche.« Doktor Kumpan lachte übermäßig und rief: »Also auch du, Schniepel?« – das war der Studentenname des Hofarztes – »also auch du bist ein Volksfreund vom neuesten Gemächte? Ihr Herren, mit permanent zugeknöpften Handschuhen behandelt das Volk viel zu zimperlich. Wir, die wir drunter leben, kennen's ganz anders. Das ist eine Bande von Schelmen und Dummköpfen, gerade so gut wie oben; der ganze Unterschied ist nur, sie sind ehrlichere Schelme und ehrlichere Dummköpfe. Mit eurer Vorsorge könnt ihr es nur noch verderben. – Es ist aber gut, daß Waldbäume wachsen ohne künstliche Bespritzung!« Doktor Kumpan ließ auf diesen Fahrten seinen ganzen derben Humor los. »Jetzt hab' ich's, was wir suchen!« rief er ein andermal. »Weißt du, was wir eigentlich suchen? Eine Futteralmutter! Eigentlich sollte es Futtermutter heißen und ich behaupte: das Wort Futteral ist vom Institut der Ammen hergenommen. Eine Amme ist ein Futteral zur Schonung der rechten Mutter. Wenn du heimkommst, gib meine Entdeckung der Akademie. Sie soll mich zum Mitglied machen, ich verdien's dafür. Futteralmutter!« Drei Tage lang zehrte Doktor Kumpan von einem schlechten Witz und auch dieser war ihm ausgiebig genug. Dem Hofarzt war es unheimlich und fremd in dieser Kameradschaft, und doch mußte er die alte Zutraulichkeit bewahren; er suchte sich daher bald davonzumachen. Am zweiten Sonntag morgens wollte er abreisen, da rief Doktor Kumpan plötzlich: »Ich könnte mir selbst aufbrummen, weil ich so einfältig war. Ich hab' sie, die Mutter Natur, die unbedingt absolute, wie der alte Professor Genitivus, der Sohn des berühmten Vaters, immer gesagt und dabei den Katheder geknufft hat. Komm mit!« Und sie fuhren miteinander im offenen Wagen nach dem See. Fünftes Kapitel Es war wieder am Sonntag morgens, da ging es geschäftig her in der Gstadelhütte am See. Gevatter und Gevatterinnen waren da, und als zum erstenmal die Glockenklänge wie unsichtbare, aber laute Wellen über den spiegelglatten See dahinflossen, bewegte sich ein Zug aus dem Hause. Die Großmutter trug das Kind in weichen Kissen, darüber eine weiße Decke gebreitet war; hinterdrein ging stolz der Vater mit einem Blumenstrauß auf der Brust, neben ihm der Gevatter Gemswirt, gefolgt von der Frau Schneiderin Schneck und andern Frauen. Auch ein blondgelockter Knabe von fünf Jahren, der eine zweizinkige Haselnußgerte in der Hand trug, hatte sich dem Zuge angeschlossen. »Was thust denn du da, Waldl?« fragte Hansei. Der Knabe gab keine Antwort, die Schneiderin Schneck faßte ihn an der Hand und sagte: »Geh du nur mit, Waldl!« Zu Hansei gewendet fuhr sie fort: »Vertreib doch das Kind nicht! Das ist ja ein Segen, wenn ein junger Knab' mit zur Taufe geht! da kriegt das Kind bald einen Mann und wer weiß ...« Hansei lachte, da jetzt schon an die Heirat seiner Tochter gedacht wird. Der Zug bewegte sich ruhig weiter die Straße entlang. Noch ein andres gutes Zeichen kam: eine Schwalbe flog gerade über die Großmutter mit dem Kinde weg; nun aber spannte die Großmutter den großen roten Regenschirm auf und hielt ihn über sich und das Kind. Walpurga durfte den weiten Weg zur Kirche noch nicht mitgehen: sie mußte daheim bleiben. Ihr Gespiel, das Mädchen, das am vorigen Sonntag das Gebet für die Königin auf sie gewendet hatte, blieb bei ihr. Walpurga saß im Lehnstuhl der Großmutter und schaute durch das Gitterfenster, wo Nelken, Gelbveigelein und Rosmarin blühten, hinaus auf den See und den blauen Himmel und horchte auf die hallenden Glockentöne. »Jetzt geht mein Kind zum erstenmal in die weite Welt und ich bin nicht bei ihm,« sagte sie! »so wird's nun, und ich werde einmal in die andre Welt gehen und gar nicht mehr bei ihm sein, und ich meine doch, ich hab's noch immer bei mir.« »Ich weiß gar nicht, warum du heut so schwergemut bist,« sagte das Gespiel! »wenn man beim Heiraten so wird, dann heirat' ich nie!« »Geh!« erwiderte Walpurga in kurzem Tone; es war leicht verständlich, was sie damit meinte. Nach einer Weile fuhr sie mit bewegter Stimme fort: »Ich bin nicht schwergemut. Mir ist nur, als wär' ich mit meinem Kind noch einmal auf die Welt gekommen. Ich weiß nicht, ich bin eine ganz andre. Schau, mein Leben lang hab' ich noch nicht so ruhig gelegen, wie diese vielen Tage – so daliegen, gesund sein und nichts thun, nur vor sich hindenken, schlafen, aufwachen, dem Kinde trinken geben, und die Menschen bringen einem alles ... Ich hab' dir so viel gedacht und sinniert, wie wenn ich sieben Jahr lang eine Einsiedlerin im tiefen Wald gewesen wär'; ich mein', ich könnt' Tag und Nacht davon erzählen und weiß doch nicht ... Was ist denn das?« unterbrach sie sich plötzlich, »jetzt eben hat mich's durchzuckt, wie wenn das ganze Haus zitterte.« »Ich spür' nichts; aber du machst ein Gesicht, daß einem angst und bang wird. Wir wollen singen, sing mit; probier's einmal, ob du noch unsre beste Sängerin bist.« Das Gespiel ließ nicht ab, bis Walpurga sang; sie stimmte an und hörte bald wieder auf. Stasi begann ein andres Lied, aber auch das wollte Walpurga nicht; es war ihr heute keines recht. »Laß uns lieber still sein,« bat sie endlich. »Jag mich nicht in allen Liedern herum. Ich will jetzt gar nichts.« Es läutete zum drittenmal. Die beiden waren still. Nach einer Weile sagte das Gespiel: »Es ist doch brav vom Gemswirt, daß er sein Fuhrwerk hergibt zum Zurückfahren.« »Still, ich hör' ein Fuhrwerk, das können sie doch nicht schon sein?« »Nein, so rappelt des Doktors Kalesche. Dort kommt er schon, dort oben bei der Steinlinde; es sitzt noch ein Herr bei ihm.« »Sprich jetzt nicht mehr, Stasi,« sagte die junge Mutter, »laß die Welt fahren und laufen wie sie mag.« Sie saß still, den Kopf zurückgelehnt und schaute hinein in die sonnige Welt, die ihr wieder so neu war; das Gras im Garten vor dem Hause war wie durchleuchtet, der See flimmerte in leise sich verschlingenden Lichtern, die Wellen klatschten am Gestade, ein linder Luftstrom trug den Duft von Nelke und Rosmarin auf dem Fensterbrett in die Stube. Ein Wagen hielt vor dem Hause, es wurde mit der Peitsche laut geknallt, es näherten sich Schritte, und der lustige Doktor rief: »Hansei! – Ist niemand daheim?« »Nein, es ist niemand daheim, als die Walpurga und ich!« rief Stasi zum Fenster hinaus und draußen wurde weidlich gelacht. Der Doktor Kumpan kam in die Stube; ihm folgte ein Fremder, der plötzlich stehen blieb und starren Auges dreinschaute; unwillkürlich neigte er sich, um sich vor dieser Erscheinung tief zu verbeugen, aber er besann sich schnell und richtete sich nur noch gerader auf. »Wo ist Vater Hansei, der Vater des Sonntagskindes?« fragte der Doktor. Die Frau stand auf und sagte, er sei mit dem Kinde und den Gevattern in der Kirche zur Taufe und werde bald wieder heimkommen. »Bleib nur sitzen!« rief der Doktor. »Ich will ungebetener Gast zum Taufschmaus sein und hier mein Freund auch; ist auch so ein Menschenvertilger wie ich.« »Was wünschen die Herren von meinem Mann? Darf ich's nicht wissen?« »Der Mann schneidet das Brot an, dann gibt er der Frau davon; so ist hier zu Land der Brauch, Walpurga, das weißt du. Wir haben mit deinem Herrn Gemahl ein großes Wort zu reden. Brauchst nicht zu erschrecken, es ist nichts vom Landgericht. Ich sage dir nur: du hast ein Sonntagskind. Bist vielleicht selber eines?« »Ja freilich!« »Gut, so bist du doppelt glücklich.« »Ich meine« – begann der Hofarzt – »ich meine, wir könnten mit der Frau sogleich sprechen. Sie scheint mir gescheit und wird gern ihren Mann und ihr Kind glücklich machen.« Walpurga schaute wie Hilfe suchend um und um. »Gut denn,« sagte Doktor Kumpan sich setzend, »so erlaube mir zu erzählen. Also, Walpurga, paß auf, bleib nur sitzen und laß dir eine Geschichte erzählen: Es war einmal ein König und eine Königin, und der König war brav und die Königin war schön, und sie bekamen einen Sohn, der war brav vom Vater und schön von der Mutter, – es kann auch eine Tochter sein, aber lieber ein Sohn. Als der Sohn geboren war, da sagten sie zu einem muntern Geist im Schlosse, Doktor Puck genannt: Puck, mein Puck, pack schnell und pack dich hinaus ins Gebirge, da steht ein schön klein Häuschen am Seegestad und da drin sitzt eine saubere und starke und brave Mutter, und die soll die Doppelmutter sein vom kleinen Prinzen, der brav ist vom Vater und schön von der Mutter, und die Doppelmutter soll, was ihr Herz begehrt, haben und soll ihren Mann und ihr Kind glücklich machen und den König und die Königin und den Prinzen und – jetzt schau auf, Walpurga, sieh den Mann da an, das ist der dienstbare Geist, genannt Doktor Puck, und er kommt vom König und der Königin. Hast du mich verstanden, Walpurga?« Die junge Mutter lehnte den Kopf zurück und schloß die Augen. Sie atmete hoch auf und antwortete nicht. – Eben trat Hansei mit den Gevattersleuten und dem Kinde ein. Die Mutter eilte auf ihr Kind zu, nahm es auf die Arme und rannte mit ihm hinaus in den Garten unter den Kirschbaum, das Gespiel eilte ihr nach. »Was ist denn das,« fragte Hansei und schaute den Doktor und den Fremden mit zornigem Blicke an. »Setz dich, sehr ehrenwerter Hansei, und laß dir berichten. Gut, daß Sie da sind, Herr Gemswirt, bleiben Sie in der Stube; ihr andern könnt alle hinausgehen.« Ohne Umstände schob Doktor Kumpan die Dorfleute, die neugierig hereingekommen waren, aus der Stube, und fuhr dann, vom Gemswirt eine Prise nehmend, fort: »Hansei, wisse also: dies da, mach dein Kompliment, ist der Hofarzt, den schickt der König, du sollst ihm deine Frau auf ein Jahr leihen.« Fast hätte der übermütige Ton des Doktors den Hansei dahingebracht, daß er ihn samt dem Hofherrn zur Thür hinausgeworfen hätte; er reckte sich schon in den Schultern zum Zugreifen. Der Hofarzt winkte dem Doktor Kumpan und setzte auseinander, wie er im Auftrage des Königs über Hansei habe Erkundigung einziehen müssen, und da hätten die Leute nicht gewußt, wen sie mehr loben sollten, den Hansei oder die Walpurga. Hansei schmunzelte. Nun berichtete Sixtus das Verlangen des Königs. »Danke für die gute Nachred',« entgegnete Hansei in wohlgesetzter Rede, »danke für die gute Meinung vom König; ich kenn' ihn wohl, hab' ihn zweimal über den See gefahren, wie er noch ein Bursch war, ein lustiger, ein Jäger obenraus. Sagen Sie dem König, ich hätt' nie geglaubt, daß er sich meiner noch erinnert. Aber meine Frau geb' ich nicht her. Das thu' ich ihr nicht an und mir nicht und vor allem unserm Kind nicht.« Er hatte sein Leben lang noch nicht so viel auf einmal und hintereinander fort gesprochen; jetzt wischte er sich den Schweiß von der Stirne, wendete sich nach dem Tische – er hatte einen wahren Wolfshunger – und da der Kuchen schön geschnitten auf dem Tische stand, benutzte er die Gelegenheit, ergriff ein Stück und rief: »Seht, der Bissen soll mir –« »Nicht schwören?« fiel der Gemswirt ein und nahm ihm den Kuchen aus der Hand, »nicht schwören! Du kannst ja ohnedies thun, was du willst. Es kann dich niemand zwingen.« »Und es will Euch niemand zwingen,« stimmte der Hofarzt ein. »Ist's erlaubt, daß ich auch ein Stück von dem Kuchen esse?« »Wohl, wohl! Nehmen Sie nur! Sie auch, Herr Doktor, und Wein ist auch da! Ja, Herr Doktor, heut vor vierzehn Tagen auf der Straße ist's schlimm gewesen.« Es wurde gegessen und getrunken, mit jedem Bissen und jedem Schluck ward das Gesicht Hanseis heiterer. »Ich meine, Sie, Herr Gemswirt, könnten dem Mann die Sache besser erklären, als wir,« sagte der Hofarzt. Der Gemswirt hielt Hansei seine offene Dose mit den Worten hin: »Für unser ganzes Dorf, für unsre ganze Gegend wäre ja das eine Ehre. Denk nur, Hansei, der König und der Kronprinz –« »Es ist auch möglich, daß es eine Prinzessin ist,« schaltete der Hofarzt ein. »So? also das Kind ist noch gar nicht da?« fiel Hansei ein und lachte; aber durch das Lachen ging doch der Gedanke: halt, da kann man die Sache noch überlegen! Er lachte noch einmal, denn er war bei all seiner Einfalt doch Schelm genug, um sich vorzunehmen, die Sache gehörig auszunutzen: unter tausend, ja unter zweitausend Gulden und wer weiß, ob man's nicht auf dreitausend bringen kann, denkt sich gar nicht dran! – Hansei wäre in Gedanken gewiß noch auf hunderttausend gekommen, wenn nicht der Gemswirt wieder das Wort genommen hätte: »Hansei hat ganz recht, wenn er's nicht zugeben will; rechtschaffen recht hat er. Er sagt nicht ja und nicht nein, er sagt gar nichts, denn da hat die Frau zu entscheiden; er ist ein guter Ehmann, er wird sie zu nichts zwingen! Ja, meine Herren, wenn wir schon einfältige Bauersleute sind, wir wissen doch, was sich schickt.« »Brav, daß Ihr Eure Frau so ehrt,« bestätigte der Hofarzt, und der Gemswirt schnupfte und fuhr fort: »Jawohl, gewiß, aber an Verstand und Einsicht ist eine Frau, mit Verlaub zu sagen, doch nur ein halber Mensch. Ich meine, wenn Sie's erlauben, Herr Hofarzt, ich meine, wir reden vorderhand nichts weiter und rufen die Frau; sie ist gar so viel brav.« In Hanseis Mienen hätte man ebensoviel Glück als Unglück, ebensoviel Stolz als Demut lesen können. »Was sie thut, ist mir recht!« sagte er. Er war stolz, so eine Frau zu haben, und hatte doch ihren Entschluß zu fürchten. Aufwärts und abwärts riß er an seinen Rockknöpfen, als ob er sich versichern müsse, daß sie noch alle festsitzen. Vom Gemswirt gedrängt, ging er endlich in den Garten und rief seine Frau, die noch unter dem Kirschbaum saß. Sechstes Kapitel. Als sich Walpurga hinausgeflüchtet und ihr Kind geherzt hatte, gab sie es schnell wieder dem Gespiel auf den Arm. »Nimm du es, ich darf ihm jetzt nichts geben. O du armes Kind, sie wollen mich dir wegnehmen. Was hast du denn verschuldet, daß dir das angethan wird? Und was hab' ich denn gethan? Aber man kann mich ja nicht zwingen! Wer will mich zwingen? Aber warum kommen sie? Warum gerade zu mir? Komm Kind, ich bin ruhig, ich bin bei dir, wir lassen nicht voneinander. Ich bin jetzt ganz ruhig.« Sie legte das Kind an die Brust und küßte ihm das Händchen. So traf sie Hansei und er sagte: »Wenn ihr miteinander fertig seid, dann komm herein.« Die Mutter winkte ihrem Manne, still zu sein und das Kind nicht zu stören. Er stand eine Weile stumm und man hörte nichts, keinen Laut vom Vater, von der Mutter, vom Kind – nur die Stare im Kirschbaum hörte man, wie sie ihre Jungen ätzten und schnell wie der Wind dahinflogen und wiederkamen. Endlich sank das Kind vollgesättigt wieder in die Kissen zurück, es bewegte nur noch still die Lippen. »Komm herein in die Stube,« sagte Hansei so leise und lind, wie man gar nicht hätte denken können, daß der starkknochige Mann sprechen könne. »Komm herein, Walpurga, unhöflich brauchen wir just nicht zu sein, und Böses ist's ja nicht, was die Leute wollen, und zwingen können sie uns nicht und danken können wir ihnen doch. Du kannst sonst immer so gut mit fremden Leuten reden; jetzt sprich du, und was du sagst und thust, ist mir recht.« Die Frau übergab das Kind der Großmutter und ging mit ihrem Manne nach dem Hause, sie schaute aber mehrmals um und stolperte noch an der Thürschwelle. In der Stube ging ihr der Hofarzt entgegen und sagte in zutraulichem Tone: »Liebe Frau! Ich würde mir's als Sünde anrechnen, Euch zu verleiten, wogegen Euer Herz Einsprache erhebt; aber ich halte es für Pflicht, Euch zu ermahnen, die Sache genau und klar zu überlegen.« »Ich danke. Nehmt mir's ja recht nicht übel, ich darf das meinem Kind nicht anthun.« Sie sah auf ihren Mann und setzte schnell hinzu: »Und meinem Mann auch nicht. Ich kann mein Kind nicht allein lassen und meinen Mann auch nicht.« »Dein Mann und dein Kind sind nicht allein, deine Mutter bleibt ja da,« schaltete der Gemswirt ein. Der Hofarzt aber trat dazwischen: »Ich bitte, unterbrechen Sie die Frau nicht, lassen Sie sie allein reden und ihr ganzes Herz aussprechen. Reden Sie nur weiter, liebe Frau.« »Ich hab' nichts weiter zu reden, ich weiß nichts mehr. Oder doch, das auch noch: ich hab' mein Leben lang nicht gedient, außer so im Taglohn; in diesem Häuschen bin ich geboren und da hab' ich gelebt bis jetzt und da ist mein Mann zu mir kommen. Ich hab' nie gedacht, daß ich je da hinaus sollte. Und ich kann's auch nicht. Ich habe nie in meinem Leben in einem fremden Bett geschlafen. Ich sterbe vor Heimweh, wenn ich fort muß, nach der Stadt und so lange, und wovon soll mein Kind leben, und wie soll mein Mann leben? Das kann der König doch nicht wollen, daß wir alle vor Kummer sterben.« »Ich möchte doch auch etwas sagen,« begann Doktor Kumpan mit einem Blick auf den Hofarzt. »Wegen deines Kindes? Daran haben wir wohl gedacht. Du möchtest ja schon lang eine Kuh im Stall haben; wir schaffen dir eine frischmelkige.« »Die hab' ich!« fiel der Gemswirt ein und rief einem Knaben zum Fenster hinaus: »Geh hinauf und sag meinem Knecht, er soll die neumelkige Kalbin gleich herunter bringen. Mach! Lauf! Hurtig! Ich hab' sie eigentlich nicht hergeben wollen,« sagte er zum Hofarzt und wendete sich von Hansei weg, denn dieser wußte ja, daß der Gemswirt das ganze Jahr mit Vieh handelt, mit Kühen und Schweinen, nichts ist fest in seinem Stall, und jetzt thut er, als ob die Kalbin ein Familienglied wäre. »Es ist mein bestes Stück,« fuhr er fort, »aber für den König muß man alles hergeben und für vierzig Kronenthaler ist sie unter Brüdern im Preis,« zu Hansei gewendet sagte er schmunzelnd: »Du bekommst ein schönes rundes Kühle, keine leere Haut.« »Wir sind noch nicht so weit, aber wenn die Kalbin dem Hansei gefällt, kaufe ich sie Euch ab,« sagte der Hofarzt. »Die Mutter hinaus und eine Kuh herein!« murmelte Walpurga dreinstarrend. »Ich hätt's nicht geglaubt, daß du so zimpfer bist. Was ist das für ein Gethue? Hell aufjubeln und auf die Kniee fallen und Gott danken solltest du!« polterte der Gemswirt. Der Hofarzt begütigte ihn und der Landarzt schaltete ein: »Glück und Gesang dulden keinen Zwang! Wenn die Walpurga nicht mit gutem und entschlossenem Herzen gehen mag, schauen wir um ein Haus weiter; es finden sich schon noch andre.« Er stand auf und nahm seinen Hut. Auch der Hofarzt erhob sich. »Bis wann müßte ich denn fort? Und wie lange müßte ich denn fort bleiben?« fragte die junge Frau. Der Hofarzt setzte sich wieder und entgegnete: »Bis wann? Das läßt sich noch nicht bestimmen, aber Ihr müßtet jeden Tag bereit sein.« »Also nicht gleich? nicht jetzt schon? Und wie lange müßte ich fort bleiben?« »Beiläufig ein Jahr.« »Nein, nein! Ich thu's nicht! Gott verzeih' mir's, daß ich nur einen Augenblick daran gedacht hab'.« »So sagen wir Euch lebewohl und möge es Euch und Eurem Kind wohlergehen!« schloß der Hofarzt, die Hand darbietend. Mit bewegter Stimme fügte er hinzu: »Liebe Frau, das Königskind könnte nicht gedeihen, wenn Ihr mit Jammer davongeht und im Herzen immer Kummer habt. Daß es Euch weh thut, ist in der Ordnung; Ihr wäret keine brave Frau und keine getreue Mutter, wenn Ihr gleich eingewilligt hättet, und wer weiß, ob ich Euch dann angenommen. Die Königin will nur eine Frau, die ein rechtschaffenes Herz hat und einen ehrbaren Mann und eine sorgliche Großmutter, aber Kränkung und Kummer will sie Euch nicht anthun. Wenn Ihr also nicht fröhlich sein könnt in der Fremde, wenn Ihr Euch im Herzen nicht daran erquicket, daß Ihr dem Königskind und der König Euch etwas Gutes thut, dann ist's besser, Ihr bleibt daheim und laßt Euch nicht verführen von dem Geld; das Geld darf Euch nicht verführen! Nein, es ist besser, Ihr thut's nicht!« Er wollte gehen. Aber der Gemswirt hielt ihn auf und sagte: »Ich bitte noch um ein Wort. Hör mich getreu an, Walpurga, und du auch, Hansei. Gut, du sagst also: Nein, ich geh' nicht! Ist rechtschaffen, ist schön von dir; aller Ehren wert. Aber fraget euch: wie werdet ihr weiter aushalten, wenn ihr's ausgeschlagen? Heute, morgen, vielleicht auch übermorgen werdet ihr zufrieden sein, euch die Hand geben, euer Kind küssen und sagen: Gottlob, wir haben der Versuchung widerstanden, sind bei einander geblieben in unsrer Armutei und ernähren uns redlich; wir plagen uns lieber, ehe wir voneinander gehen. Aber übermorgen und über acht Tage – wie dann? Wenn Sorgen kommen und Mangel, oder auch – wir sind ja Menschen – ein Unglück, und ihr wißt euch nicht zu helfen? Besinnt euch! Werdet ihr nicht sagen: hätten wir's doch gethan! Werdet ihr nicht eins dem andern still oder laut vorwerfen: warum hast du mir nicht zugeredet? warum hast du dich nicht entschlossen? – Ich will euch nicht überreden, nur vorhalten will ich euch, was ihr alles bedenken und ins Herz fassen müßt.« Es trat eine Pause ein, der Mann betrachtete die Frau und senkte den Blick, die Frau betrachtete den Mann und hielt sich rasch die Hand vor die Augen. Da knallte eine Peitsche vor dem Hause, und eine schöne schwarzscheckige junge Kuh schrie laut und tief wie aus einer Höhle heraus. Alles schrak zusammen; es war inmitten der Stille wie ein Gespensterruf am hellen Mittag. Der Gemswirt fluchte und schalt zum Fenster hinaus den Knecht, weil er das Kalb nicht mitgebracht, obgleich es schon an den Metzger verkauft war. Der Knecht band schnell die Kuh an den Gartenzaun und eilte heim, um das Kalb zu holen. Die Kuh zerrte an dem Seil und schien sich fast erwürgen zu wollen, sie ächzte und brummte, daß ihr der Schaum vor dem Maul stand. »Das ist doch nur ein Tier und seht wie sie's treibt!« rief Walpurga. Die ganze eindringliche Rede des Gemswirts schien durch den Zwischenfall mit der Kuh verloren. Aber wunderbar faßte sich Walpurga. Sie sagte jetzt schnell, ohne dabei jemand anzuschauen, als antwortete sie einem Unsichtbaren: »Ein Mensch kann mehr als ein Tier!« Dann fuhr sie zu ihrem Manne gewendet fort: »Hansei, komm her, gib mir deine Hand! Sag, ist dir's von ganzem Herzen recht, was ich thu' und was ich sag'?« »Du meinst, wenn du nein sagst?« erwiderte Hansei mit schwankender Betonung. »Ich mein's, ob ich nein oder ob ich ja sage.« Hansei konnte nicht reden, aber wenn er hätte reden können, es wären sehr gescheite, gründliche Gedanken – er schaute immer in seinen Hut, als könnte er da draus die Gedanken ablesen, die ihm durch den Kopf gingen. Dann nahm er sein blaues Tuch heraus und drehte es so fest zusammen, als wolle er einen Ballen daraus machen. Da Hansei nichts sagte, fuhr Walpurga fort: »Ich kann dir's nicht auflegen, daß du entscheidest. Das kann nur ich allein: ich bin die Mutter von meinem Kind, und ich bin die Frau und ... wenn ich geh' – ich muß es können und ich weiß, ich kann's, ich muß alles niederdrücken, daß ich dem Kind keinen Schaden thu', dem andern – und ... und ... hier meine Hand, Herr, – ich sag' ja!« Alle im Zimmer atmeten auf. Hansei spürte, daß ihm etwas in den Augen bitzelte und im Halse drückte. Er führte sich, um dem abzuhelfen, ein frisches Glas Wein und ein mächtig Stück Kuchen zu Gemüte. – Das ist heute ein seltsamer Tag! Wenn nur die Fremden endlich fort wären, daß man was Warmes in den Leib bekäme; der Morgen dauert ewig lang! Die beiden Aerzte sprachen eifrig mit der jungen Frau, und Walpurga gelobte, sich frei und heiter zu erhalten; was sie einmal übernommen, das führe sie auch durch, Gott werde helfen, ihr Kind zu erhalten, und was sie für des Königs Kind thun könne, das würde sie thun; »was ich einmal übernommen, das führe ich auch getreulich aus, darauf kann man sich verlassen,« wiederholte sie oft. Nun sie sich einmal entschlossen hatte, war eine eigentümliche Kraft in der Frau. Sie rief ihre Mutter mit dem Kinde herein und berichtete alles. Das Kind schlief ruhig fort, es wurde in die Wiege in der Kammer gelegt. Die Großmutter nahm den ganzen Vorgang wie eine unabänderliche Bestimmung auf, sie war seit Jahren gewöhnt, daß Walpurga über alles Entschluß faßte, und hier kam gar noch der Wunsch des Königs dazu. »Dein Kind wird nicht mutterlos aufgezogen,« sagte sie, »ich versteh' es besser als du. Wir haben eine Kuh und wir wollen's schon pflegen.« Der Gemswirt eilte schnell hinaus und brachte die Kuh in den Stall. Damit war der Kauf abgeschlossen und ein guter Verdienst im trocknen. Er ärgerte sich heimlich nur, daß er nicht zehn Kronenthaler mehr als Preis genannt hatte. Zwei Kronenthaler Trinkgeld für den Knecht, die schlug er schon noch heraus, und einen davon kann er füglich einstecken. Hansei, der sich vorläufig gestärkt hatte, mußte sich nun auch als Mann zeigen. Er fragte nach dem Lohn, und er wollte eben seine früher gedachte große Summe nennen, als glücklicherweise der Gevatter Gemswirt wieder eintrat und ihm darlegte, je weniger man ausmache, um so mehr kriege man; er wolle ihm die Taufgeschenke allein für fünfhundert Gulden abkaufen, man dürfe mit einem König nichts ausdingen, um so mehr könne er schenken. Walpurga fragte nun, was sie in die Stadt mitzunehmen habe. Der Hofarzt sagte, sie solle bloß ihren Sonntagsanzug mitnehmen, weiter nichts. Vor dem Fenster hatten sich viele aus dem Dorfe gesammelt, die von dem Vorfall vernommen hatten, und die Leute, die zur Mittagskirche gehen wollten, blieben auch stehen, so daß die ganze Straße voll Menschen war. Es gab viel Lachen, denn jeder wollte gern seine Frau auf ein Jahr dem König borgen. Drin in der Stube versprach das Gespiel, der Großmutter beizustehen, und sie berühmte sich nicht ohne Stolz, daß sie gut schreiben könne, sie wolle jeden Sonntag der Walpurga Nachricht geben von Kind, Mann und Mutter. Das Gespiel brachte die Teller, denn es war höchste Zeit, endlich das Mittagessen einzunehmen. Walpurga sagte, daß sie in den nächsten Tagen alles noch gut ordnen wolle. »Was ich meinem Kinde jetzt entziehe,« sagte sie, »das kann ich ihm für sein ganzes Leben viel mehr geben.« Als sie des Kindes erwähnte, schrie es in der Kammer laut und sie eilte zu ihm. Eben wollten sich die beiden Aerzte mit dem Gemswirt entfernen, da tönte ein Posthorn die Straße am See herauf. Eine Extrapost kam, im offenen Wagen saß der Lakai, den der Hofarzt an der nächsten Telegraphenstation zurückgelassen; er hob einen blauen Brief in der Hand hoch empor. An der Gstadelhütte hielt er an und rief zu den Versammelten laut: »Schreit alle vivat hoch! Vor einer Stunde ist euch ein Kronprinz geboren worden!« Alles schrie hoch! und abermals hoch! Eine alte Frau, die gebückt ging, sah dem Lakai mit einer scharfen Wendung ins Gesicht, und ihre noch munteren braunen Augen funkelten und blitzten. »Was ist das für eine Stimme?« sagte die Alte vor sich hin. Auch in den Mienen des Lakaien zuckte es, aber kaum merklich, als er die Alte sah. »Geht aus dem Weg, Leute, daß ich absteigen kann!« rief er. »Zenza (Vinzenza), geh aus dem Weg! Die alte Zenza ist doch überall vorn dran!« riefen die Leute. Die Alte aber stand starr, wie im Traum versunken, man stieß sie beiseite und sie verlor ihren Stock, auf den sie sich gestützt hielt. Der Lakai stolperte über den Stock, aber er ging, ohne umzuschauen, in die Gstadelhütte. Der Hofarzt eilte ihm entgegen, empfing die Depesche und kehrte in die Stube zurück. Walpurga war wieder eingetreten, und er sagte ihr: »Es ist schneller gekommen, als wir's dachten. Hier erhalte ich die Depesche: Heute um zehn Uhr ist ein Kronprinz geboren worden. Ich soll sogleich mit der Amme nach der Residenz eilen. Jetzt, Walpurga, beweist Eure Stärke. In einer Stunde reisen wir ab.« »Ich bin bereit!« sagte Walpurga mit entschiedenem Tone. Sie fühlte sich aber doch so schwach, daß sie schnell niedersitzen mußte. Siebentes Kapitel. Die beiden Aerzte und der Gemswirt verließen das Haus. Das Gespiel brachte die Suppe und den Braten zum Taufschmaus herein und stellte sie auf den Tisch. Die Großmutter erhob sich und sprach das Gebet, die andern beteten mit und man setzte sich zu Tische. Walpurga nahm zuerst einen Löffel voll aus der gemeinsamen Schüssel, aber niemand wollte essen. Da füllte sie nochmals ihren Löffel und sagte: »Hansei, thu deinen Mund auf, so, ich will dir zu essen geben, nimm das, und gesegne dir's Gott! und wie ich dir hier zu essen gebe und es mir besser schmeckt, als wenn ich's selbst genieße, so denk auch, daß ich in der Fremde keinen Bissen über die Lippen bringe, den ich nicht lieber dir und dem Kind geben möchte. Und ich gehe nur fort, damit wir alle miteinander in Friede und Wohlstand uns ernähren können; Tag und Nacht sind meine Gedanken bei dir und unserm Kind und bei der Mutter, und ich kehre ja, will's Gott, in Glück und Gesundheit wieder heim! Und denkt doch auch dran, daß mich Gott in der schweren Stunde hätte zu sich nehmen können und ihr lebenslang ohne mich hättet sein müssen. Eine Frau, die ein Kind gebärt, steht mit einem Fuß im Grab – das hast du oft gesagt, Mutter. Jetzt geh' ich nur auf ein Jahr fort, und ihr wißt, ich komme wieder, und ganz so, wie ich gewesen bin. Und jetzt ist's genug! Mach mir den Abschied nicht zu schwer, Hansei, hilf mir; du kannst mir helfen und du thust's auch! Du bist mein Halt und meine Hilfe! Und halt' dich ordentlich, wenn ich fort bin. Zieh du nur jetzt deine guten Hemden Sonntags an, die im blauen Schrank oben links; brauchst sie jetzt nicht mehr aufzusparen. Und jetzt iß ordentlich, und so wie du issest, so ess' ich auch. Wir brauchen Kräfte. Morgen früh wirst du dich schon drein finden, und ich auch. Jetzt iß! Allemal, wenn du einen Löffel nimmst, nehme ich auch einen – so – nicht so schnell! ich komm' sonst nicht nach!« .... Unter Thränen lächelte sie und aß. »Und du, Mutter,« begann sie wieder, »jetzt wirst nicht mehr sagen, daß du uns zur Ueberlast bist! Wenn ich fort bin, nimm dir die zwei Kissen aus meinem Bett, daß du mit dem Kopf recht hoch liegst; das thut dir gut. Wenn wir dich nicht hätten, da könnt' ich und dürft' ich nicht fort. Verwöhne mir meinen Mann nicht so arg! und wenn ich wiederkomm', da richten wir dir ein Stüble her, drin sollst du leben, wie die erste Altbäuerin im ganzen Land.« Die andern alle ließen ihr das Wort, und als sie sagte: »Hansei, sprich doch auch was!« – erwiderte er: »Sprich du nur noch. Meine Stimme kann ich immer hören, aber die deine lange Zeit nicht mehr, wer weiß –« Er wollte eben ein Stück Braten zum Munde führen, legte aber die Gabel mit dem Braten wieder auf den Teller, er konnte nicht mehr essen, und die andern auch nicht mehr. Die Großmutter stand auf und sprach das Nachgebet. Die Zeit verfloß rasch. Eine Kutsche kam vor das Häuschen gefahren, der Lakai allein saß darin; die Herren wollten nachkommen. Der Lakai schloß schnell Kameradschaft mit Hansei. Die erste Vermittlung war eine gute Zigarre. Baum beneidete Hansei um sein Geschick, solch eine Frau zu haben und solch ein Glück zu machen. Hansei fühlte sich sehr geschmeichelt. Auf Anordnung des Hofarztes wurden einige Bettstücke in den Wagen gebracht, damit Walpurga recht bequem sitze und in der Nacht gut warm habe. »Fahrt ihr denn die ganze Nacht durch?« fragte Hansei. »O nein, bis Mitternacht sind wir in der Residenz. Es sind durch den Telegraphen bereits auf allen Stationen Pferde bestellt, wir fahren vierspännig.« »Das schnelle Fahren kann aber meiner Frau schaden.« »Da sei ohne Sorge. Deine Frau wird jetzt gepflegt wie die Königin selber.« »Wenn ich den Herrn so höre und sehe,« sagte Hansei, und schaute Baum starr an, »da weiß ich gar nicht, wie mir ist.« »Ja wie denn? Hab' ich so was Schreckliches an mir?« »Behüte! Gar nicht; aber der, den ich meine, das ist ein nichtsnutziger Bursch gewesen. Nichts für ungut, ich will dich nicht beleidigen, gewiß nicht. Aber droben die Zenza auf der Windenreute – sie steht da am Gartenzaun und schaut immer auf uns – die hat Zwillinge gehabt, der eine heißt Thomas, und der andre hat Jangerl geheißen, wie man bei uns sagt, eigentlich heißt's Wolfgang, und der Jangerl ist Soldat geworden und ist in das Amerika hinein, es sind gewiß schon ein Jahrer dreizehn, vierzehn, und niemand hat wieder etwas von ihm gehört, und schau – aber nicht wahr, du nimmst mir's nicht übel?« »Nein, gar nicht, was denn?« »Ja, der Jangerl, der hat dir aufs Haar ähnlich gesehen, heißt das, aufs Haar nicht, er hat rote Haare gehabt und auch kein so feines Gesicht; aber wenn man's überhaupt nimmt, wie der Teufel die Bauern,« Hansei lachte sehr über seinen Witz und der Lakai lachte auch, »wenn man's so insgemein nimmt, da könnt' man sagen, daß ihr einander ähnlich seht. Aber nicht wahr, du nimmst mir's nicht übel?« »Gar nicht,« sagte Baum, nahm seine Uhr heraus, drückte daran, daß der Deckel aufsprang, es schlug gerade fünf auf dem Kirchturm, und er sagte: »Eure Uhr hier geht gradaus um eine Stunde der in der Hauptstadt nach. Ist das dein elterliches Haus?« »Nein, das Haus hab' ich mit meiner Frau angeheiratet, heißt das, wir sind noch zweihundert Gulden drauf schuldig, aber der Leithofbauer drückt uns nicht.« »Jetzt kann dir deine Frau ein ander Haus kaufen, und du kannst von Glück sagen, so eine schöne Frau zu haben.« »Ja, drum geb' ich sie eben nicht gern her!« klagte Hansei. »Nun, gottlob, das Jahr hat doch nur 365 Tage – freilich, das sind viele Tage.« »Und Nächte auch!« lachte Baum. Dem armen Hansei schauderte es vor diesem Menschen. »Ja freilich – Nächte auch!« sagte er, er mußte doch ein höflicher Mann sein, und auf alles Red' und Antwort geben. Unterdes hatte Walpurga die Mutter und das Gespiel gebeten, sie ganz allein mit ihrem Kinde zu lassen. Drin in der Kammer lag sie auf den Knieen neben der Wiege und bedeckte die Kissen mit ihren Thränen. Hier weinte sie sich aus. Sie küßte das Kind, küßte die Decke, küßte das Holz der Wiege, richtete sich auf und sagte: »Leb wohl! leb tausendmal wohl!« Sie trocknete sich das Gesicht und wollte gehen, aber die Thüre wurde von außen aufgemacht und die Großmutter kam herein. »Ich will dir helfen,« sagte sie, »du bist, wenn du wieder heimkommst, zweifach glücklich oder zweifach unglücklich und machst uns auch dazu.« Dann faßte sie ihre linke Hand und fuhr im gebieterischen Tone fort: »Leg die rechte Hand auf das Haupt deines Kindes!« »Was soll das, Mutter?« »Thu, was ich dir sage. Du schwörst auf das Haupt deines Kindes und in die Hand deiner Mutter, daß du brav und rechtschaffen bleiben willst, was auch für Versuchungen über dich kommen. Denke, du bist eine Frau, eine Mutter und eine Tochter! Schwörst du das in deinem Herzen?« »Ja, Mutter, so wahr mir Gott helfe! Aber solch ein Eid ist nicht nötig.« »So,« sagte die Mutter, »jetzt gehst du dreimal um die Wiege herum, mit abgewendetem Gesicht, ich führe dich; stolpere nicht – so, jetzt hast du deinem Kinde das Heimweh genommen und ich will schon für dein Kind sorgen, verlaß dich darauf!« Dann führte die Mutter ihre Tochter in die Stube, reichte ihr den großen Brotlaib hin mit dem Messer und sagte: »Schneid noch ein Stück ab! Gesegne dir's Gott, und da, wo du angekommen bist und bleibst, issest du das Brot von daheim zuerst, das tötet die Fremde. So, jetzt leb wohl!« Mutter und Tochter standen still und hielten einander an der Hand. Es war Walpurga wunderbar, daß Hansei, ihrer vergessend, mit dem Lakai im Garten umherging. Jetzt stieg er die Leiter hinauf und holte ihm Kirschen herunter, und dabei rauchte er beständig; und dann ging er mit ihm in den Stall, wo die Kuh stand. Die beiden Aerzte kamen, Hansei mußte in die Stube gerufen werden, denn nur hier, nicht draußen, wo die vielen Menschen standen, wollte die Frau von ihrem Mann Abschied nehmen. Der Hofarzt steckte Hansei eine Rolle Kronenthaler in die Tasche, und nun hielt Hansei die Hand in der Tasche und wollte sie gar nicht mehr herausthun. »Gib mir deine Hand, Hansei!« sagte Walpurga. Er ließ die Geldrolle los und gab ihr die Hand. »Leb herzlich wohl, Hansei, und bleib ein braver Mann, ich will auch eine brave Frau bleiben .... und nun behüt' euch Gott, alle beisammen!« Sie küßte die Mutter und das Gespiel, ging durch den Garten nach dem Wagen, setzte sich ein, und schaute nicht mehr auf. Die Kuh im Stall brüllte und jammerte, aber das Jammergeschrei wurde übertönt, denn jetzt blies auf Geheiß des Lakaien der Postillon eine lustige Fanfare. Die alte Zenza stand während der ganzen Zeit an den Zaun gelehnt, manchmal fuhr sie sich mit der Hand über das Gesicht und rieb sich die Augen, die so stark glänzten und blitzten. – Als jetzt der Lakai vorüberging, schaute sie ihn wieder starr an und er fragte halb barsch, halb zutraulich: »Wollt Ihr etwas, altes Mütterchen?« »Ja, alt bin ich, und ein Mütterchen auch! hi, hi, hi!« lachte die Alte und die Umstehenden gaben dem Lakaien zu verstehen, sie sei manchmal nicht ganz recht im Kopf. »Wollt Ihr was?« fragte der Lakai wieder. »Wenn Ihr mir was geben wollt, freilich!« Der Lakai zog einen großen Beutel aus der Tasche. Der Beutel schwankte in seiner Hand. Er öffnete ihn und faßte ein Goldstück. Aber nein, das kann ihn verraten – er wühlt lange in dem Gelde, endlich gab er der Alten doch das Goldstück und sagte: »Das schenkt Euch der König!« Er stieg auf, schaute nicht mehr um, und der Wagen rollte fort. Die Leute kamen auf Zenza zu und sagten, sie solle zeigen, was sie bekommen habe: sie hielt aber die Faust krampfhaft geschlossen. Sie gab keine Antwort und ging an ihrem Stocke weiter. Die Menschen, die ihr begegneten, hörten sie unverständliche Worte vor sich hinsprechen, und dabei sah sie immer auf die Wagenspuren. In der Rechten hatte sie den Stock, die Linke war fest geballt, und darin hielt sie das Goldstück. Achtes Kapitel. Der Wagen rollte dahin, die Straße am See entlang, und verschwand den Nachschauenden dort um die Ecke an dem Steinhaufen, wo noch das Heu lag, auf welchem Walpurga vor vierzehn Tagen gesessen hatte. Ein schönes schwarzbraunes Mädchen in verwahrlostem halbstädtischem Anzüge, von mächtiger Gestalt und dicken bläulichschwarzen Flechten auf dem Kopfe, ging am Wagen vorüber, sah staunend auf Walpurga und grüßte erst, als sie vorüber war. »Das ist die Tochter von der Alten, der Ihr ein Geschenk gegeben habt!« rief Walpurga dem Lakai auf dem Bocke zu. »Man heißt sie die schwarze Esther. Die wird ihrer Mutter das Geld abnehmen, wenn sie's nicht vergräbt.« Baum wendete sich gegen die Sprechende um, schaute sie aber nicht an, sondern sah über den Wagen hinweg, dem Mädchen nach, denn es war seine Schwester und er hatte seiner Mutter, die ihn angebettelt, ein Geschenk gegeben und sie verleugnet. Nun saß er, die Arme auf der Brust übereinandergeschränkt, neben dem Postillon; er hatte es nötig, sich eine Brustwehr anzulegen, denn es war ihm doch, als wenn ihm die Brust zerspringen müßte. Sein ganzes Leben zog an ihm vorüber und er setzte sich oftmals wieder fest, um nicht vom Wagen zu stürzen. Jetzt fährt der Wagen an einem Bauernhofe vorüber, wo Baum, es sind jetzt volle zwanzig Jahre, auf Geheiß seiner Mutter zum erstenmal eine Gans gestohlen hat. Die Lücke im Zaun ist zugewachsen, wo er damals als schlanker Bursch auf dem Bauch hineinschlüpfte. Baums Zwillingsbruder Thomas hatte sich den Wilddieben angeschlossen, aber Baum hatte hierzu kein Geschick und war damals froh, daß er zum Soldaten genommen wurde. Da stand er einst Wache im Innern des Schlosses. Ein alter Kammerdiener brachte einen Brief von der zu jener Zeit allmächtigen Baronin Steigeneck; er mußte lange warten, unterhielt sich mit Baum und fand offenbar Wohlgefallen an ihm; er lud ihn ins Palais der Baronin ein, sie zechten miteinander in der unteren Stube und waren überaus heiter. »Warum hast du rote Haare?« fragte ihn der alte Kammerdiener. »Warum? – Weil sie so gewachsen sind!« »Das kann man aber ändern.« »So? das kann man ändern?« Der Alte gab Baum sogleich die nötige Unterweisung. »Und einen andern Namen mußt du auch annehmen! Rauhensteiner – das ist ein viel zu harter Name für die Herrschaften, der spricht sich nicht leicht, besonders für diejenigen, die falsche Zähne haben. Beck oder Schulz, oder Hecht oder Baum, so einen Namen mußt du annehmen. Schau, ein Hund heißt auch nicht, er wird nur gerufen, wie es seinem Herrn eben recht ist.« »Baum – Baum wär' mir schon recht.« »Gut, also Baum!« – Als er an jenem Abend heimkehrte, sagte er immer vor sich hin: »Baum, Baum – das ist leicht und kurz bei einander und dabei kennt mich niemand!« Er hatte dem alten Kammerdiener auch geschworen, ewig von seiner Familie getrennt zu bleiben. Das war ihm heute in seinem Heimatsdorfe glücklicherweise wieder eingefallen; er machte sich zwar nichts aus einem Schwur, aber es war bequem, ihn zu halten, und er kam sich dabei sehr brav vor. Auf Vermittlung des Steigeneckschen Kammerdieners wurde in seinen Soldatenabschied geschrieben: »Wolfgang Rauhensteiner, genannt Baum«; später hieß er nur noch Wolfgang Baum und niemand wußte mehr, daß der Mann je anders geheißen. Er verzichtete gern auf Erbanfälle, die aus dem Namen Rauhensteiner ihm kommen könnten. Er trat in den Hofdienst und ging mit dem Prinzen zuerst als Reitknecht auf die Universität und dann auf Reisen nach Italien. Vorher hatte er sich in seinem Heimatsort seinen Paß zur Auswanderung geholt und sich sofort seine roten Haare schwarz gefärbt. Im Dorfe galt er für ausgewandert. Nach der Rückkehr von den Reisen heiratete er die Tochter des Kammerdieners und machte sich nun immer beliebter bei den Herrschaften am Hofe. Er hatte stets ein diskretes Benehmen, hustete immer unter der vorgehaltenen linken Hand. Er freute sich seines Namens »Baum«, er sparte den Herrschaften gern jede Mühe, er hätte wo möglich alle harten Konsonanten aus der Sprache entfernt, damit sich die Herrschaften nicht anzustrengen haben. »Es bleibt dabei,« sagte Baum in sich hinein auf dem Bocke neben dem Postillon und hustete unter der vorgehaltenen Hand – »es bleibt dabei« – und seine Miene war fest und ruhig, als ob ihn jemand beobachtete – »ich bin nach Amerika ausgewandert. Da wäre ich ja auch tot und verloren für die Meinigen. Was Meinige! Nichts als zu Grunde richten könnten sie mich, ausbeuteln und mir immer auf dem Halse liegen. Nichts da!« – Er betrachtete die Leute, die auf der Straße gingen, er erkannte viele. »Ach, was für ein erbärmliches Leben führen doch diese Menschen, das ganze Jahr keine Freude und nichts! Zum Sonntag einmal rasiert und angepredigt und nachher geht wieder das alte schmutzige Elend an. Wer einmal draußen ist, wäre ein Narr, wenn er nur noch daran denken könnte, wieder zurückzukehren!« Während Baum auf dem Bock sein längst versunkenes Leben noch einmal auferweckte, saß Walpurga drin im Wagen und schluckte gewaltsam die Thränen hinunter; all ihr Fühlen und Denken war mit fortgenommen wie von einer höheren Gewalt. Sie fügte sich geduldig. Sie schaute verwundert auf die Bäche, die da und dort so eilig von den Bergen herabkamen und eine Weile mit dem Wege liefen, als wollten sie auch noch sehen, was aus der Walpurga geworden. Wenn man rasch über die hölzernen Brücken fuhr, daß es laut polterte und der Bach so wild grollte, ballte Walpurga immer zitternd die Fäuste; sie atmete erst wieder frei auf, wenn es drüben den glatten Weg dahinging. Sie schaute hinauf zu den Bergen, zu den Häusern und Almhütten, sie kannte sie alle bei Namen; bald aber ging's doch in fremde Gegend. An der nächsten Station, wo man die Pferde wechselte, stand eine große müßige Sonntagsgruppe beim Posthause. Die Leute sahen staunend auf, als eine Bäuerin aus dem vornehmen Wagen stieg. Eine Frau, die gegenüber unter einer Linde eben ihr Kind säugte, richtete sich neugierig auf, und das Kind wendete sich um, Mutter und Kind sahen mit großen Augen auf Walpurga; sie nickte ihnen zu, aber schwere Tropfen traten ihr ins Auge und es schnürte ihr die Kehle zusammen. In raschem Galopp ging es wieder von dannen, der Postillon blies, die Pferde griffen aus, Walpurga war's, wie wenn sie durch die Luft fliege. »Nicht wahr, Walpurga, das geht schnell?« rief Baum zu der im Wagen Sitzenden zurück. Walpurga erschrak, als sie ihn jetzt ansah; der ist doch dem Thomas wie aus dem Gesichte geschnitten. »Ja, ja!« erwiderte sie. Der Arzt sprach wenig mit ihr. Er fühlte die innere Bewegung dieser Frau und es rührte ihn menschlich an. Das Stellungsbewußtsein, das er sonst stark betonte, hielt nicht vor. Die Frau war etwas mehr als bloßes Werkzeug, man darf schon menschlich zutraulich gegen sie sein; sie hat sich gar schwer losgelöst. – Der Hofarzt überlegte, was er mit der Frau sprechen könnte; endlich fand er's. »Habt Ihr Euren Doktor gern?« fragte er. »O, gewiß! Er ist ein gespaßiger Mann. Er schimpft alle Menschen aus und macht sie erbärmlich 'runter, daneben aber thut er Gutes, wo er nur kann, und arm und reich ist ihm gleich, da ist gar kein Unterschied, Tag und Nacht. O, das ist ein ganz braver Mensch!« Der Hofarzt lächelte und fragte weiter: »Kennt Ihr auch seine Frau? Er hat mir sie gar nicht gezeigt.« »Freilich kenn' ich sie; sie ist ja des Apothekers Hedwig, das sind auch gar brave Leute, und sie ist ein feines, liebes Geschöpf, still und häuslich; sie haben prächtige Kinder, ich glaub fünf oder sechs; sie hat viel zu thun. Er hätt' Euch schon in sein Haus bringen können, es sieht gar sauber drin aus.« Der Hofarzt freute sich der guten Nachrede über seinen Freund. Er hatte die Gedanken der Frau auf etwas andres gelenkt und dabei war's nun gut; jetzt konnte sie selbst sehen, wie sie weiter mit sich fertig wird. So saß Walpurga allein, dachte zurück und schaute die Dinge wie träumend an. Da sind Felder und Wiesen, da ist wieder ein Dorf, Blumen blühen auf einem Fensterbrett, große Ranken, daran rote Nelken, hängen herab; solche hast du daheim auch – vorbei! Da drüben ist der Gottesacker, die schwarzen Kreuze schauen hinein in den hellen Tag und sind halb eingesunken, im Dorf ist Musik und Tanz, und Tänzer und Tänzerinnen kommen mit glühenden Gesichtern ans Fenster gelaufen. Und weiter geht's an Feldern und Wäldern vorbei, da sind wieder Häuser, da sitzen Menschen so geruhig beisammen und plaudern, und der Postillon bläst. Ein Kind läuft gerade mitten in der Straße, die Mutter springt ihm nach mit einem Schrei und nimmt's auf und rennt mit ihm davon, der Wagen rollt weiter, Walpurga schaut sich um, sie weiß, daß die Menschen dort jetzt Gott danken – und weiter geht's. Da ist ein Knabe, der läßt eine einsame Kuh grasen am Wegrain. – Hier draußen sind keine Kirschen mehr an den Bäumen, in der milden Ebene sind sie früher reif. Und da sind große weite Kornfelder, die wogen wie der See, solche gibt's nicht im Gebirge, so weit, weit hinaus ... Wie glücklich müssen die Menschen sein, hier in der Ebene, wo man noch andres hat als Wasser, Wiese und Wald. Dort im Brachfelde ruht, auf die Seite gelegt, ein Pflug – wie schlafend über den Sonntag. Es wird Abend, Lichter blinken auf, überall sind Menschen, sie sind daheim, und du wirst fortgenommen – weiter, immer weiter geht's. An der nächsten Poststation steigt der Hofarzt nicht aus und Walpurga auch nicht, die Pferde werden schnell gewechselt, ein andrer Postillon steigt auf, die alten Pferde gehen mit schweren Tritten in den Stall, und fort geht's, immer weiter, Walpurga sieht nichts mehr, ihre Augen schließen sich, sie hört wie im Traum, daß man wieder stillhält und die Pferde wechselt, und wie Baum dem Postillon befiehlt, nicht zu blasen, denn die Herrschaft schlafe. »Ich nicht!« sagte der Hofarzt. »Und ich auch nicht! blas du nur, Postillon!« sagte Walpurga – »verzeihen Sie, daß ich mich zur Herrschaft rechne!« setzte sie schnell hinzu. Der Postillon bläst und die Sterne glitzern, und wieder geht's durch Dörfer, Fenster werden rasch geöffnet, die Menschen haben nicht Zeit, sich zu besinnen, was für ein Wunder vorübersaust, es geht im mächtigen schnellen Trab, die Pferde setzen die Beine so richtig im Takt wie gute Drescher, und die Welt sieht so wunderlich aus im flüchtigen Schein der beiden Laternen am Wagen, und jetzt – in der Ferne sieht man ein großes Licht – breit – weit – und drüber ein Dampf. »Die Stadt ist illuminiert!« ruft Baum in den Wagen hinein, die Pferde eilen schneller und der Postillon bläst lustiger. Man ist in der Residenz. Die Menschen wogten noch durch die Straßen und jubelten, der Wagen konnte nur langsam vorwärts. »Das ist die Amme des Kronprinzen,« hieß es bald, und mit lautem »Hoch! Hoch!« wurde Walpurga von der übermütigen Menge begrüßt; sie wußte nicht, was sie thun sollte. Sie verhüllte ihr Gesicht. Endlich fuhr man in den Burgfrieden des Schloßhofes ein. Neuntes Kapitel. Taumelnd stand Walpurga auf dem Boden; in dem weiten, viereckigen, innern Schloßhof. Da sind Thüren, große Fenster, breite Freitreppen, Wappen mit wilden Männern und wilden Tieren und alles sieht so wundersam aus in der Beleuchtung der Gaslampen, hier hell, dort dunkel und geheimnisvoll. – Träumerisch in sich versunken starrte Walpurga drein. Alte Märchen tauchten in ihrer Erinnerung auf, wie eine junge Mutter in der Nacht zu den Berggeistern in die unterirdische Höhle geholt wird, um verzaubert da zu bleiben und ein Neugeborenes zu nähren. Aber jetzt erwachte sie. Aus der Schloßwache, wo die Flinten in zwei langen Reihen aufgestellt sind und ein Soldat auf und ab geht, ertönt ein Lied aus ihrer Heimat und helle Jodler hinterdrein. »Der Herr Schloßhauptmann haben den Soldaten Wein geschickt,« sagte ein junger Mann in Livree, der die Pferde ausspannen half, zu dem Lakai Baum, »heut betrinkt sich die ganze Stadt!« Walpurga hätte gern gesagt, man solle die Soldaten nicht so laut singen lassen, weil droben eine junge Wöchnerin liegt und schlafen soll. Sie hatte keine Ahnung von dem weiten Umfang des Schlosses. Sie sollte ihn bald kennen lernen. »Komm mit!« winkte der Hofarzt, »ich will dich zur Oberhofmeisterin bringen. Sei nur unverzagt, es wird dich jedermann herzlich willkommen heißen!« »Ich will nur meine Kissen mitnehmen,« erwiderte Walpurga. »Laß das nur, Baum wird die Sachen schon nachbringen.« Walpurga folgte dem Hofarzt. Sie gingen eine hellerleuchtete, mit Blumen besetzte Treppe hinauf und Walpurga schämte sich schon im voraus, so mit leeren Händen zu kommen, als ob sie gar nichts besitze, nicht einmal ein Päckchen in der Hand. So arm bin ich doch nicht – sagte sie fast laut. Sie kamen auf den großen Korridor. Alles war erleuchtet und mit Blumen besetzt. Menschen in Uniformen gingen hin und her, aber man hörte auf den Teppichen keinen Tritt. Die Niederbediensteten blieben stehen und ließen die beiden vorüber. Endlich hielt man vor einer Thüre. Der Hofarzt sagte dem hier wachhaltenden Diener: »Melden Sie den Hofarzt Sixtus bei ihrer Exzellenz, und sagen Sie, ich bringe die Amme!« »Die Amme« hörte sich Walpurga zum erstenmal nennen, und sie wurde »gebracht«. Sie kam sich aufs neue wie verzaubert, aber noch mehr wie verkauft vor. Aber sie faßte sich ein Herz, und plötzlich war's ihr, als säße sie, wie so oft, im Kahne auf dem See; sie führt die beiden Ruder mit ihren starken Armen, der Wind bläst ihr entgegen und will sie nicht weiterlassen, die Wellen klatschen und stürmen, aber sie ist stark, sie setzt fest ein, sie überwindet Wellen und Wind. – Sie strammte beide Arme und ballte beide Fäuste, als müßte sie die Ruder fester fassen. Der Diener, der hineingegangen war, kam bald wieder heraus und hielt die Thür offen. Sixtus und Walpurga traten in ein großes hellerleuchtetes Zimmer. In einem Lehnstuhl am Tische saß eine große hagere Frau, in schwarzen Atlas gekleidet. Sie erhob sich ein wenig von ihrem Sitze, setzte sich aber sofort wieder. Die Oberhofmeisterin hatte heute ihren großen Tag, denn es ist kein Geringes, Oberhofmeisterin bei der Geburt eines Kronprinzen zu sein. In der großen Staatsaktion, die heute aufgenommen wurde, war ihr Name mit fester Schrift zu lesen für ewige Zeiten. Die Oberhofmeisterin, die auch streng gegen sich selbst war, durfte heute mit sich zufrieden sein; sie hatte in aller Unruhe des ganzen Hofes und der Stadt ihre Haltung bewahrt und dem ganzen Hofe Haltung gegeben, zumal dem König, der sich auffallend schwach und aufgeregt gezeigt hatte. Nun ruhte sie, wie nach einer schön vollbrachten That. Eine Aergerlichkeit stand noch in ihrer Seele, aber sie bezwang sie, denn sie hatte einen festen Entschluß; sie wußte immer, was sie wollte, denn sie wußte, was man soll. Es war eigentlich unerhört, daß nicht bereits eine Amme bestimmt war. Es hatten sich viele gemeldet, ja sogar mehrere von Familie, das heißt von Adel, die an niedere Bedienstete verheiratet waren. Die Oberhofmeisterin fand eine übertriebene Delikatesse – so darf man einen Fehler der Fürsten doch nennen – darin, daß die Königin gerade eine Amme aus dem niedern Volke, aus dem Bauernstande wollte. Die Erhalterin des guten Tons war daher entschlossen gewesen, mit einem entschiedenen Machtgebote einer ihrer Erwählten die Stelle zu geben, als das Telegramm des Hofarztes kam, der das Ideal einer Bäuerin gefunden haben wollte. Der Mißmut gegen das Verfahren der Königin wendete sich nun im voraus gegen die noch unbekannte Bäuerin, die gewiß manche Unzuträglichkeiten ins Schloß brachte. Indes, wozu hat man feste Normen und Dressuren? Mit folgerichtigen Maßnahmen wird sich alles geben. Als nun die Bäuerin gemeldet wurde, richtet sich die Oberhofmeisterin auf und ein edler Gedanke verschönte mild ihr strenges Antlitz: das arme Weib aus dem Volke soll nicht darunter leiden, daß die Königin diese neumodische Phantasie für das Volk hat, das man dadurch nur unglücklich und unzufrieden macht. Der Hofarzt stellte Walpurga vor und rühmte sie, daß sie die Augen niederschlug. In französischer Sprache setzte er dann hinzu, wieviel Kunst es erfordert habe, die schönste und ehrbarste Frau des ganzen Gebirges zu gewinnen. Ebenfalls in französischer Sprache lobte die Oberhofmeisterin den Arzt für sein glückliches Gelingen und sprach mit großer Kennerschaft über die kräftige Erscheinung der Walpurga. Am Schlusse aber fragte sie, immer in französischer Sprache: »Hat sie auch gesunde Zähne?« Der Hofarzt wendete sich an Walpurga: »Die gnädige Frau meinen, du könntest gar nicht lachen.« Walpurga lächelte und die Oberhofmeisterin lobte die tadellose Denture. Dann drückte sie auf eine Klingel, die auf dem Tische stand; sofort erschien ein Lakei und die Oberhofmeisterin sagte: »Melden Sie dem Herrn Geheimrat Gunther, daß die Amme Seiner königlichen Hoheit angekommen ist und ich ihn hier erwarte.« Der Lakai ging. Die Oberhofmeisterin drückte jetzt zweimal auf die Klingel; eine große Dame vorgerückten Alters, mit zwei langen Locken wie Hobelspäne hüben und drüben, erschien und verbeugte sich so tief, daß Walpurga glaubte, sie wolle sich geradezu auf den Boden setzen. »Kommen Sie näher, liebe Kramer,« winkte die Oberhofmeisterin. »Hier ist die Amme Seiner königlichen Hoheit, die Ihrer speziellen Aufsicht empfohlen ist. Nehmen Sie sie jetzt mit in Ihre Stube und lassen Sie ihr etwas zu essen geben. Was soll sie essen, Herr Hofarzt?« »Eine gute Bouillonsuppe, weiter nichts.« »Geh mit dem Fräulein,« befahl die Oberhofmeisterin zu Walpurga gewendet, und blickte sie dabei sehr huldreich an, »sage ihr immer, was du wünschest, liebes Kind! Geh mit Gott!« Das Fräulein mit den Hobelspänen reichte Walpurga die Hand und sagte: »Kommen Sie mit, meine Gute!« Walpurga nickte dankend. So ist doch hier noch ein Mensch, der ihr die Hand reicht und deutsch mit ihr spricht, und gute Worte haben sie auch, die Alte hat sie »liebes Kind« genannt und die Mamsell sogar »meine Gute«. Bei dem Frauzösischsprechen kam sie sich wie verraten vor, denn sie fühlte wohl, daß da von ihr die Rede war. Sie ging nun, von Mamsell Kramer geleitet, in das zweitnächste Zimmer. »Nun seien Sie mir herzlich willkommen,« sagte das Fräulein und ihr nicht schönes Gesicht wurde plötzlich anmutsvoll – »geben Sie mir beide Hände. Wir wollen gute Freundschaft miteinander halten, wir werden jetzt immer bei einander sein, Tag und Nacht. Man nennt mich die Kastellanin.« »Und ich heiße Walpurga.« »Ein schöner Name! Ich glaube, daß Sie ihn behalten werden.« »Meinen Namen behalten? Wer kann mir ihn denn nehmen? So bin ich getauft, und so werde ich gerufen von Kindheit an.« »Ereifern Sie sich nicht, gute Walpurga,« bat die Kastellanin innig, »ja, seien Sie recht ruhig!« setzte sie hinzu, »und wenn Ihnen etwas nicht recht ist, sagen Sie mir's nur frei heraus, ich will's dann besser machen. Sie sollen zufrieden sein. Jetzt aber setzen Sie sich hier auf den Lehnstuhl, oder wollen Sie sich lieber auf das Sofa legen und ein wenig ausruhen? Thun Sie ganz wie zu Hause.« »Ich sitze da schon gut,« sagte Walpurga und setzte sich in den großen weiten Lehnstuhl. Sie hielt die Hände auf den Knieen ineinandergefaltet. Mamsell Kramer befahl nun einem Dienstmädchen, sofort aus der Küche eine gute Bouillon mit etwas Weißbrot für die kronprinzliche Amme zu holen. Als sich Mamsell Kramer umwendete, sah sie die Fremde bitterlich weinen. »Um Gottes willen, was ist Ihnen? Sie fürchten sich doch nicht? Sie haben doch nicht einen Kummer? Warum weinen Sie?« »Laß mich nur weinen! Das thut mir gut! Es drückt mich schon lang auf dem Herzen. Laß mich nur. Ich werde doch weinen dürfen, wenn ich muß? Ich hab' nicht gewußt, was ich thu', wie ich ja gesagt hab'. Gott ist mein Zeuge, so hab' ich mir's nicht gedacht.« »Was ist Ihnen denn geschehen? Wer hat Ihnen denn etwas gethan? Um Gottes willen! weinen Sie nicht, sonst bekomme ich einen Verweis, daß ich das geduldet habe. Das ist ja schädlich. Sagen Sie doch, was sie wünschen, ich will ja alles thun.« »Ich wünsche gar nichts, als laß mich weinen. O mein Kind! o Hansei! o meine Mutter! Aber es ist schon gut. Ich werde schon ruhig. Fertig! Fort! Jetzt bin ich einmal da!« Die Suppe wurde gebracht, Mamsell Kramer reichte sie ihr, hielt ihr einen Löffel voll an den Mund und sagte: »Genießen Sie etwas, meine Liebe, dann wird Ihnen besser!« »Ich will keine Fleischbrühe! Muß ich mir denn verordnen lassen, was ich essen soll, wie ein Krankes, wenn ich doch kein Gelust dazu habe? Wenn eins im Haus wäre, das eine eingebrannte Mehlsuppe machen kann, das wäre mir das Liebste; oder ich will selber in die Küche gehen und will mir eine machen.« Mamsell Kramer war in Verzweiflung, was sie thun sollte. Glücklicherweise klopfte es eben an die Thüre. Der Leibarzt trat ein in Begleitung des Hofarztes. Er streckte der Frau die Hand entgegen und sagte: »Grüß dich Gott, Walpurga von der Gstadelhütte am See! Du hast einen guten Fischzug gethan, daß du in dies Haus gekommen bist. Hab nur keine Angst vor dem Schloßgethue und sei ganz so, wie wenn du daheim wärst. Glaub mir, man kocht in der ganzen Welt mit Wasser, und die Menschen sind hier gerad so wie bei dir daheim, gerad so gut und gerad so schlecht und gerad so gescheit und gerad so dumm, das heißt, das letzte wissen sie zu verbergen!« Der Leibarzt sprach halb im Dialekt, und das Antlitz Walpurgas wurde plötzlich Heller. »Ich dank' schön! ich dank' schön! Ich will mir's schon merken!« sagte sie mit heiterem Tone. Mamsell Kramer brachte nun die große Weltfrage vor, ob Bouillon oder eingebrannte Mehlsuppe. Der Leibarzt lachte und entschied: »Eingebrannte Mehlsuppe! Natürlich! Das ist das Beste! Ueberhaupt, Walpurga, sag, was du daheim gewohnt gewesen; das sollst du auch hier haben, nur nichts Saures und nichts Fettes, aber sonst was du willst!« Zu dem Kollegen gewendet, fuhr er fort: »Wir halten die Amme bei ihrer gewohnten Kost, allmählich wollen wir dann auf andre Nahrung übergehen. Jetzt komm her, Walpurga, laß dir in die Augen schauen. Ich will dir was anvertrauen: in einer Viertelstunde sollst du zur Königin. Brauchst nicht zu erschrecken, es geschieht dir nichts; sie will dich nur sehen. Jetzt zeig gleich, daß deine Augen recht haben, wenn sie sagen: wir schauen aus einem gescheiten Kopf. Sprich recht ruhig mit der Königin. Wenn du noch Heimweh hast nach deinem Kind und den Deinigen, ich kann mir's denken, so unterdrück's bei der Königin. Du könntest sie weinen machen und sie könnte dadurch krank werden. Sie ist gar zimpfer. Verstehst du mich?« »Wohl! Wohl! o lieber Gott! das thu' ich gewiß nicht; ich will sie schon erheitern.« »Das thu auch nicht. Sei ganz ruhig und gesetzt, sprich leise und wenig und mach, daß du mit guter Manier bald wieder fortkommst; sie soll jetzt viel schlafen.« »Ich will schon alles gut machen, verlaßt Euch drauf. Geht Ihr auch mit?« »Nein, aber du triffst mich dort. Jetzt iß etwas. So, da kommt schon die eingebrannte Mehlsuppe; laß dir's schmecken, brauchst aber nicht alles aufzuessen, iß nur die Hälfte. Aber halt, laß die Suppe eine Weile verkühlen. Komm einen Augenblick mit mir. Du gehst doch gern mit mir allein?« »Ja, ich mein', ich hab' Eure Stimme schon oft gehört?« »Kann wohl sein, ich bin auch aus dem Gebirge und war schon in deinem Elternhaus. Wenn ich mich recht erinnere, ist deine Mutter aus meiner Gegend. Ist sie nicht Magd gewesen beim Freihofbauer?« »Ja freilich.« »Gut, das ist eine Brave. Vergiß nicht, daß du der Königin sagst, daß deine Mutter dein Kind gut versorgt. Das wird sie freuen. Deinen Vater habe ich auch gut gekannt, er war ein lustiger und grundbraver Mann.« Walpurga war glücklich, da hier ihrer Eltern gedacht wurde, und die andern haben's gehört, wer sie sind. Sie folgte dem Leibarzt, der ihren Vater gekannt hatte, so willig, als wäre er selbst ihr Vater, ins Nebenzimmer. Er kam bald wieder heraus, verließ die Stube mit dem Hofarzt und endlich kam Walpurga. Sie schaute nicht auf, und wie sie endlich aufblickte, war sie froh, daß niemand da war als Mamsell Kramer. Ihre Gedanken mußten jetzt heimwärts gegangen sein, denn plötzlich rief sie: »Ach lieber Gott! Das hab' ich ja noch!« Sie holte das Brot aus der Tasche, das ihr die Mutter mitgegeben, und das erste, was sie im Schlosse genoß, war das Brot von daheim, das die Mutter gebacken. Die Mutter hat gesagt, davon geht das Heimweh weg, und es ist auch so, mit jedem Bissen wird sie munterer. Jetzt können sieben Königinnen kommen, sie fürchtet sich nicht mehr und weint auch nicht mehr. Sie aß noch die Brosamen auf, die ihr in den Schoß gefallen waren, als wären das lauter Heiligtümer. Dann versuchte sie auch ein wenig von der Mehlsuppe. »Kann ich mir nicht irgendwo das Gesicht waschen und mich frisch zöpfen?« fragte sie. »Gewiß, der Herr Hofarzt haben das noch befohlen.« »Just zu allem brauche ich keinen Befehl!« sagte Walpurga trotzig. Mamsell Kramer wollte, daß ihr Kammermädchen Walpurga frisiere, aber diese duldete das nicht. »Auf meinen Kopf kommt keine fremde Hand,« sagte sie, und nach kurzer Weile stand sie stramm und fast heitern Antlitzes da. »So! Jetzt will ich zur Königin!« sagte sie. »Wie redet man sie denn an?« »Majestät, oder allergnädigste Frau.« »Mir hat's besser gefallen, daß sie im Kirchengebet Landesmutter geheißen hat. Das ist ein schöner stolzer Name, den ließe ich mir nicht nehmen, wenn ich ihn hätte. Ich will jetzt gehen.« »Nein, Sie müssen noch warten, Sie werden gerufen.« »Ist mir auch recht. Aber ich habe eine Bitte: nennen Sie mich du!« »Wenn's die Oberhofmeisterin erlauben, recht gern.« »Also hier muß man um alles fragen? Jetzt aber ist's genug geschwätzt! Wir wollen still sein. Nur noch eins: wer ist denn die Frau, die da an der Wand hängt?« »Das ist die Königin!« »Das ist die Königin? O, wie schön! Aber noch gar so arg jung!« »Ja, sie ist erst achtzehn Jahre alt.« Walpurga betrachtete lange das Bild, dann wendete sie sich ab, kniete an dem großen Stuhle nieder, faltete die Hände und betete leise ein Vaterunser. Walpurga lag noch auf den Knieen, als es an die Thüre klopfte, ein Lakai trat ein und sagte: »Die Amme Seiner königlichen Hoheit soll zur Majestät kommen!« Zehntes Kapitel. Walpurga erhob sich und folgte dem Diener, Mamsell Kramer begleitete sie. Man wanderte durch den langen, schmalen, hellerleuchteten Flur; ein Diener mit einer Laterne, darin zwei Lichter, schritt voran. Nun ging es eine Treppe hinan, über den unerleuchteten Empor der Schloßkirche. Hier standen die gepolsterten Stühle für den Hof und Walpurga schaute einmal über die Brüstung hinab in die weite dunkle Halle. Nur die ewige Lampe brannte am Altar und beleuchtete mit mattem Schein ein Marienbild. »Du bist überall und auch da!« sagte Walpurga fast laut in das Dunkel der Kirche hinab und begrüßte die Madonna mit dem Kinde, als wäre das eine persönlich Befreundete. – Im leisen Dämmer zog durch ihre Seele der Gedanke von der ewigen Göttlichkeit des Mutterberufes, wie er verherrlicht wird durch Jahrtausende in Bild und Gesang, Gebet und Opfer. Sie nickte dem Bilde nochmals zu und schritt weiter. Durch den Thronsaal, durch den großen Tanzsaal ging Walpurga, unsicher als schritte sie über Glas dahin; dann ging es durch wohnlichere Gemächer, nirgends waren Thüren, überall nur schwere doppelte Vorhänge; endlich schritt man eine hellerleuchtete breite teppichbelegte Marmortreppe mit goldenem Geländer wieder abwärts. Hier standen Lakaien und Wachen. Man trat in die Gemächer ein, sie waren voll von Menschen, die im eifrigen Gespräch waren, jetzt aber auf Walpurga schauten. Im dritten Zimmer kam ihr der Leibarzt entgegen. Er nahm sie an der Hand, führte sie zu einem Mann in prächtiger Uniform mit vielen Steinen und Kreuzen auf der Brust und sagte: »Dies ist Seine Majestät der König.« »Ich kenn' ihn, ich hab' ihn schon gesehen,« entgegnete Walpurga. »Mein Vater selig hat ihn über den See gefahren und mein Hansei auch.« »Da sind wir ja alte Bekannte. Wir wollen's gut fortsetzen,« erwiderte der König. »Nun geh zur Königin und nimm dich in acht, daß du sie nicht aufregst.« Er winkte huldvoll entlassend und Walpurga ging in Begleitung des Leibarztes und der Oberhofmeisterin, die sich hier eingefunden hatte, nochmals durch mehrere Gemächer, in denen man auf den dicken Teppichen keinen Schritt hörte. »Nimm dich in acht, daß du sie nicht aufregst – nicht aufregst?« Das Wort machte Walpurga viel zu schaffen. Warum sollte sie denn die Königin zu Händeln reizen? – denn nichts andres verstand sie unter dem Worte »aufregen«. Dieses Hin- und Herschieben, auf und ab, durch die Gänge, durch die Zimmer, die Blicke der Hofherren und Damen und zuletzt ermahnt vom König – Walpurga wußte nicht, was »aufgeregt« heißen sollte, aber jetzt war sie's selbst. Ein grünes, wie aus einem großen Edelstein ausgehöhltes Zaubergemach that sich endlich vor ihr auf. Von der Decke hing eine Ampel in grünem Glase und verbreitete ein märchenhaftes Licht. Dort in dem großen Himmelbett, darüber eine Krone blitzte, lag die Königin. Walpurga hielt den Atem an. Ein stiller Glanz umfloß das Antlitz der Frau, die hier lag. »Bist du da?« fragte eine sanfte Stimme. »Ja, Frau Königin! Grüß' Sie Gott! Sei'n Sie nur recht ruhig und glücklich. Es ist ja gottlob alles gut gegangen!« Mit diesen Worten drängte sich Walpurga vor an das Bett und ließ sich weder vom Leibarzt, noch von der Oberhofmeisterin zurückhalten. Sie streckte der Königin die Hand entgegen, und die arbeitsharte und die zarte Hand, die eine so hart wie eine Baumrinde und die andre so zart wie ein Lilienblatt, faßten einander. »Ich danke dir, daß du gekommen bist! Bist du gern gekommen?« »Gern gekommen, ja, aber gern fortgegangen nicht.« »Du hast dein Kind und deinen Mann gewiß auch von Herzen lieb.« »Ich bin ja die Frau von meinem Mann und die Mutter von meinem Kind.« »Und deine Mutter wartet und behütet dein Kind mit voller Liebe?« fragte die Königin. »Geh!« erwiderte Walpurga. Die Königin schien nicht verstanden zu haben, daß mit diesem einsilbigen Worte gesagt war: das versteht sich von selbst. Sie fragte daher: »Sind dir meine Worte deutlich, wie ich rede?« »Ganz deutlich, ich versteh' ja Deutsch!« erwiderte Walpurpa. »Jetzt aber, Königin Majestät, Sie dürfen nicht so viel reden – wir sind, will's Gott, noch recht lang und gut bei einander, dann wollen wir alles ausmachen, wenn wir uns am hellen Tag in die Augen sehen, und ich will Ihnen schon thun, was ich Ihnen an den Augen absehen kann und dem Kind auch. Ich hab's überwunden, daß ich von daheim fort bin und jetzt muß ich thun, was mir auferlegt ist. Ich will eine rechtschaffene Nährmutter an Eurem Kinde sein, da seid ohne Sorge! So, jetzt gut' Nacht! Schlafen Sie recht gut und machen Sie sich keine Gedanken. Ich will jetzt unser Kind sehen.« »Es schläft. O, ewiges Wunder und ewige Gnade Gottes! Das atmet neben mir und ist mein Atem...« Walpurga fühlte, daß sie jemand hinten am Rock zupfte. Sie sagte daher schnell: »Gut' Nacht, liebe Frau Königin. Werfen Sie alle unnötigen Gedanken weit weg. Jetzt ist keine Zeit zum Gedanken machen! Wir werden schon noch Zeit dazu bekommen. Gut' Nacht!« »Nein, bleib! Du mußt noch bleiben!« bat die Königin. »Ich muß bitten, Majestät –« fiel der Leibarzt rasch ein. »Ach, lassen Sie mir sie noch!« bat die Königin in kindlichem Tone. »Glauben Sie, es schadet mir nicht, wenn ich mit ihr rede. Im Gegenteil. Wie sie zu mir ans Bett trat, wie ich ihre Stimme hörte, da war mir's, wie wenn auf einmal die ganze Alpennatur voll Taufrische mich anhauchte, die würzige, tannenharzige Luft: ich meine, ich liege auf einem hohen Berge und sehe in die weite schöne Welt hinein!« »Eben diese Aufregung ist höchst schädlich, Majestät!« »Gut, ich will ruhig sein. Aber lassen Sie mir sie nur noch einen Augenblick! Ich bitte um etwas helles Licht, daß ich sie auch sehe.« Von einer Lampe auf dem Nebentisch wurde der Schirm emporgehoben und die beiden Mütter schauten einander an. »Wie schön du bist!« rief die Königin. »Darauf kommt gar nichts mehr an,« erwiderte Walpurga. »Jetzt sind wir beide gottlob über die Narreteien hinaus, die einem den Kopf verdrehen können. Sie sind eine verheiratete Frau und Mutter und ich bin auch eine verheiratete Frau und Mutter.« Der Schirm von der Lampe senkte sich wieder und die Königin, die Hand Walpurgas fassend, sagte leise: »Beug dich zu mir nieder. Ich will dich küssen – ich muß dich küssen!« Walpurga beugte sich nieder und die Königin küßte sie. »So, jetzt geh und bleib gut!« sagte die Königin. Eine Thräne aus Walpurgas Auge fiel auf die Wange der Königin und diese setzte hinzu: »Weine nicht! Du bist ja auch Mutter wie ich!« Walpurga konnte kein Wort mehr reden und wendete sich ab. Noch im Fortgehen rief die Königin ihr nach: »Wie heißt du denn?« »Walpurga!« antwortete der Leibarzt. »Kannst du auch gut singen?« fragte die Königin noch. »Die Leute sagen's,« erwiderte Walpurga. »So sing auch oft meinem Kinde, unserm Kinde, wie du gesagt hast. Gute Nacht!« Der Leibarzt blieb bei der Königin. Er saß eine Weile still. Er mußte das hochbewegte Herz der Königin beruhigen, und er hatte ein gutes und einfaches Mittel. »Majestät!« sagte er, »ich bitte, mir meinen Glückwunsch zurückzugeben. Meine Tochter Cornelia, die in der Universitätsstadt an den Professor Korn verheiratet ist, ist zur selben Stunde wie Eure Majestät eines Mädchens genesen.« »Ich wünsche dem Kinde Glück zu einem solchen Großvater. Sie sollen auch unserm Sohne Großvater sein.« »Der beste Glückwunsch ist der,« erwiderte der Leibarzt, »einem Menschen eine schöne Pflicht geben. Ich danke. Nun aber dürfen wir nicht weiter reden, Majestät. Gute Nacht!« Der Leibarzt ging. Alles war still. Walpurga wurde nicht mehr in die oberen Zimmer zurückgeführt, sondern zur andern Seite in ein wohlausgestattetes Gemach. Sie war glücklich, hier Mamsell Kramer zu finden. »Die Königin hat mich geküßt!« rief sie. »O, das ist ein Engel! Ich hätte nicht geglaubt, daß es solche lebendige Menschen gibt!« Nach einiger Zeit, als die Königin schlief, brachten zwei Frauen eine vergoldete Wiege in die Stube der Walpurga. Die Königin hatte sich noch einmal umgewendet, als man das Kind von ihrer Seite nahm; sie hatte es mitten im Schlafe empfunden. Walpurga hauchte das Kind dreimal an, ehe sie es an die Brust legte. Das Kind schlug einmal die Augen nach ihr auf, schloß sie aber schnell wieder. Bald war alles still im Schloß. Walpurga schlief und das Kind schlief neben ihr; Mamsell Kramer wachte und in den Vorzimmern hüben und drüben die Aerzte und Lakaien. Elftes Kapitel. Im Dorf am See, oder eigentlich in den wenigen Häusern, die beim Gemswirtshaus zusammenstanden, hatte die rasche und fast wunderbare Entfernung Walpurgas eine große Bewegung hervorgebracht. Alles strömte nach dem Wirtshaus. Der Gemswirt weiß besonderen Bescheid und er gibt zu verstehen, daß er viel machen kann, was die Menschen nicht glauben wollen; er hat natürlich das alles so angelegt, er hat seine Bekanntschaften bis zum König hinauf. Der Gevatter Gemswirt hätte gern gleich nach der Abreise Walpurgas Hansei mit ins Wirtshaus genommen. Dieser Hansei ist heute so viel wie eine ganze Musikbande. Hansei war aber nach der Abreise seiner Frau nicht mit dem Gemswirt gegangen. Er versprach später nachzukommen. Jetzt konnte er nicht von daheim fort. Er ging durch das ganze Haus, von oben bis unten, und stand dann lange bei der Kuh und sah ihr zu, wie sie fraß. »So ein Tier hat's doch gut! Man muß dafür sorgen, daß es seine Nahrung hat und wo eine Krippe ist und Futter drin, da ist's daheim.« Er ging in die Stube und nickte der Mutter still zu. Das Kind schlief in der Wiege, er sah nur flüchtig hin. Er setzte sich hinter den Tisch, stemmte die Ellenbogen auf und bedeckte mit den Händen das Gesicht. »Die Uhr geht noch,« sagte er plötzlich auf die Schwarzwälder Uhr schauend, die im Ticktack weiter ging. »Sie hat sie noch aufgezogen.« Er ging hinaus und setzte sich auf die Bank unter den Kirschbaum. Die Stare droben waren lustig und vom Walde drüben rief ein Kuckuck: »Ja, der macht's auch so, der läßt seine Kinder auch von Fremden aufziehen.« Hansei lachte vor sich hin. Er schaute lange nach der Seite: ist es denn wahr, daß die Frau fort ist? Hier neben muß sie sitzen. Wie kann man denn so voneinander gehen, wenn man zusammen gehört? Er starrte auf den Platz neben sich, aber sie saß nicht da. Draußen am Gartenzaun stand das halbe Dorf, groß und klein betrachtete ihn. Der Spinnerwastl (Sebastian), ein Kamerad, der mit Hansei jahrelang im Walde gearbeitet hatte, rief ihm zu: »Grüß Gott, Hansei! Dir ist dein Brot in den Honig gefallen!« Hansei dankte verdrossen. Plötzlich gab es ein großes Gelächter. Niemand wußte, wer das Wort zuerst ausgesprochen, aber »Ammerich« hieß das Wort; es ging rasch von Mund zu Mund, und der rote Thomas, der Sohn der alten Zenza, ein starkknochiger, verwegener Bursch mit nackter brauner Brust, sagte laut: »Die Walpurga ist die Amme vom Kronprinzen und der Hansei ist der Ammerich!« Der Kamerad öffnete die Gartenthür und kam herein, der ganze Trupp folgte ihm nach. Sie gingen durch den Garten, durch das Haus und den Stall, schauten durch die Fenster, berochen die Nelken auf dem Fensterbrett, setzten sich auf das kleingehackte Holz unter dem Vordach. Das Haus gehörte jetzt dem ganzen Dorfe. Wenn eine Freude oder ein Leid in ein Haus eingezogen, dann stehen auf einmal alle Thüren offen, und der Stubenboden wird zur offenen Straße. »Was wollen denn die Menschen alle?« fragte Hansei den Kameraden, der sich neben ihm aus die Bank gesetzt hatte. »Ha, nichts! Sie wollen eben da sein. Sie wollen's mit eigenen Augen sehen, daß es wahr ist, nachher können sie es andern erzählen. Es gönnt dir aber jedes dein Glück!« »Mein Glück? Muß schon sein,« sagte Hansei mit einem Tone, der nichts von Glück hatte. »Schau, Wastl, mir soll's einmal nicht grad gehen in der Welt. Jetzt hab' ich gemeint, es geht immer eben fort und muß ich auf einmal wieder über einen Berg 'nüber. Du freilich, du bist ledig, du kannst nicht wissen, was das ist.« »Ist brav, daß du deine Frau so gern hast.« »Meine Frau? So gern?« – »Ich kann mir's denken, wie dir's ist.« Hansei schüttelte den Kopf verneinend. »Sei lustig!« rief Wastl. »Wie mancher wär' froh, wenn man ihm seine Frau auf ein Jahr abnähme.« »Auf ein Jahr?« »Länger wär' manchen noch lieber,« meinte Wastl. »Aber deine Frau kommt wieder und macht aus deinem Haus ein Schloß und du bist der König Numero zwei!« Hansei lachte, er lachte überlaut; aber es war ihm gar nicht lächerig zu Mut. Im Gegenteil! Es war ihm, als müßte er hinaus in den Wald, und nichts mehr von der Welt hören und sehen. Mag alles zu Grunde gehen. Warum geht die Frau fort? Hat man sich darum verheiratet und vor dem Altare geschworen, Leid und Freud' miteinander zu tragen sein Leben lang? Aber Hansei konnte nicht fort, das halbe Dorf umstand ihn und jedes pries sein Glück, und selbst der Leithofbauer vom großen Hof da droben hielt mit seinem Fuhrwerk am Gartenzaun an, stieg ab, kam zu Hansei, gab ihm die Hand, wünschte ihm Glück und sagte: »Wenn du die Wiese kaufen willst, die neben deinem Garten da, sie ist mir ohnedies weit weg, ich verkauf' sie dir!« Und der Schreiner im Dorf, der schon längst hatte auswandern wollen, sagte schnell: »Du thust gescheiter, du kaufst gleich mein ganzes Haus samt den Aeckern; ich geb' dir's billig.« Schneller schwatzten die Stare auf dem Baume nicht, als hier die Menschen. Hansei lachte, lachte wirklich aus ganzer Seele. Das ist ja prächtig! Die ganze Welt kommt und bietet Haus und Hof und Acker und Wiese an! »Hast recht, Walpurga, hast recht gethan,« sagte er plötzlich ganz laut, die Menschen schauten ihn und einander an und wußten gar nicht, was das mit dem Hansei sei. Er reckte und streckte sich, als ob er aus dem Schlafe aufwache und sagte: »Dank' euch, liebe Nachbarn; wenn ich's euch vergelten kann in Leid und Freud, soll's gewiß geschehen. Aber jetzt, ändern will ich nichts, keinen Nagel im Haus ändre ich, bis meine Frau wieder daheim ist.« »Das ist wie ein Mann gesprochen, brav und gescheit,« sagte der Leithofbauer, und größeres Lob kann doch keinem Menschen auf der Welt werden, als wenn der Leithofbauer sagt: »Das ist brav und gescheit.« »Wollet Ihr meine Kuh sehen?« sagte Hansei und winkte dem Großbauer, der ist jetzt noch der einzige, der zu ihm paßt. Der Leithofbauer dankte, er müsse jetzt weiter; er gab aber Hansei die Versicherung, ihm gern beizustehen, daß er sein Geld gut anlege. Sein Geld? Wo hat er's denn? – Hansei erschrak ins Herz hinein und griff sich an den Kopf – er hat die Geldrolle verloren? – wo ist sie? Er steckte die Hand in die Tasche. Da ist das Geld ja noch! Und wie er nun seine Geldrolle wieder in der Hand hielt, sprach er gar wohlwollend mit den Zurückgebliebenen, mit Männern und Frauen, Mädchen und Kindern; er hatte jedem ein freundliches Wort. Die Leute gingen endlich und Hansei wußte nichts Besseres zu thun, als auf seinen Kirschbaum zu steigen, der ist treu, der bleibt immer da und gibt her, solang er hat. Er brach wieder Kirschen und verspeiste sie und beschaute wieder die Telegraphendrähte und dachte: Der Draht läuft bis ins Schloß hinein, da könnt' ich mit meiner Frau reden, wenn ich's nur könnt'! Er beugte sich vom Kirschbaum weit hinaus und berührte den Draht, zog sich aber schnell zurück wie erschreckt, das darf man ja nicht. »Hansei, wo bist du?« rief plötzlich eine Stimme. »Da bin ich!« »Komm mit!« antwortete es wieder. Es war der Pfarrer, der rief. Hansei war schnell auf dem Boden und jetzt empfing er die höchste Ehre; der Pfarrer winkte, und Hansei näherte sich mit dem Hute in der Hand. »Ich wünsche dir Glück!« sagte der Pfarrer. »Komm mit ins Wirtshaus, der Gemswirt hat frisch angestochen.« Hansei schaute an sich herab, ob er auf einmal ein ganz andrer geworden; der Pfarrer ladet ihn ein, mit ihm zu gehen? mit ihm zu trinken? Er nahm die neue Ehre mit Würde an und grüßte die Leute auf dem Wege sehr freundlich, während er neben dem Herrn Pfarrer ging und alle den Hut abzogen. In der großen Stube des Gemswirtes sprach alles nur zu ihm und über ihn, und er war so voll Glück, daß er seine Geldrolle in der Tasche aufbrach; er wollte das erste Stück davon herausthun und es dem Pfarrer geben, er sollte eine Messe lesen zum Wohl der Walpurga. Aber die Geldstücke waren doch zu groß, es sind ja lauter Kronenthaler. Hansei sagte nur: »Herr Pfarrer, lesen Sie eine Messe für meine Frau und mein Kind, ich will's schon bezahlen!« Die Dämmerung brach ein. Die Gäste gingen allmählich davon. Hansei aber saß noch immer, wie wenn er gar nicht vom Platze konnte. Endlich war er nur noch mit dem Wirte allein. »Jetzt haben alle in dich hineingeredet,« begann der Gemswirt, »jetzt hör mich an. Ich mein's doch am besten mit dir und bin auch just nicht dumm. Weißt du, Hansei, zu was du passest, und deine Frau noch mehr?« »Zu was?« »Da mußt du sitzen! Du und deine Frau! – Ich hab' lang genug gewirtet. Wenn deine Frau wiederkommt, sagst du der Gstadelhütte am See gut' Nacht, und da herein setzt ihr euch und habt gute Nahrung für Kind und Kindeskind. Wir wollen jetzt nicht weiter davon reden, aber laß dich auf nichts andres ein. Ich bin dein bester Freund und Gevatter, ich meine, ich hab's heute bewiesen, und ich will keinen Heller dabei verdienen; im Gegenteil.« O wie gut sind die Menschen, wenn's einem gut geht. Hansei saß noch lange und schaute in sein Glas. Er wollte sich besinnen, wer er eigentlich sei, und dann ging er in Gedanken seiner Frau nach: wo die jetzt sein mag und wie es ihr ergeht? – Wenn man nur von dieser Stunde an schlafen könnte, bis das Jahr vorüber ist; aber da sitzen und warten ... Hansei schaute die Uhr an, sie schlug eben zehn. Wie vielmal wirst du noch zehn schlagen, bis wir wieder bei einander sind? nickte er der Uhr zu. Wie taumelnd ging Hansei durch das Dorf. Die Menschen, die vor ihren Thüren saßen und umherstanden, grüßten und wünschten ihm Glück, und weit hinein in die Berge, das wußte er, sprechen jetzt alle von ihm, wenn sie auf der Sommerbank sitzen. Es ist ihm, als müßte er sich in tausend Stücke zerteilen, um allen zu danken. Er steht an seinem Garten und betrachtet den Zaun. – Wie lange ist's, da war er, der auf der Welt kein rechtes Heim hatte, gar so glücklich, ein Eigentum zu haben; und jetzt? Drin im Hause sitzt die Großmutter, er hört sie singen; sie singt sein Kind in Schlaf: »Wenn alle Wasser wären Wein Und alle Berge wären Edelstein, Und sie wären mein, So sollte mir mein Schätzelein Noch viel lieber sein. »Zum Beschluß einen Kuß, Weil ich von dir scheiden muß. Scheiden ist ein hartes Wort, Du bleibst hier und ich muß fort. Weit und breit ist die Zeit, Breiter viel die Ewigkeit.« »Weit und breit ist die Zeit, breiter viel die Ewigkeit,« das Wort fällt Hansei ins Herz und die Johanniskäfer, die funkelnd durch die Nacht schweben und auf dem Zaun und im Grase sitzen, ziehen seinen Blick hin und her, als wären es plötzlich nie gesehene Erscheinungen. Lange träumte Hansei so dahin, und als er sich endlich mit der Hand über das taufeuchte Gesicht fährt, meint er, es müsse ihn jemand forttragen, da hinein ins Haus und ihn ins Bett legen. Jetzt bei einer Wendung schlägt ihm die Geldrolle an die Hüfte; er ist wieder wach. Er geht die Straße weit hinaus, wo heut Walpurga davongefahren; er kommt an den Steinhaufen, wo sie heut vor vierzehn Tagen gesessen, es liegt noch ein wenig Heu auf dem Steine, er setzt sich darauf und schaut hinein über den weiten See, über den der Mond einen breiten glitzernden Lichtstreif zieht; es ist alles so still wie damals, aber damals war Tag und jetzt ist Nacht. Wo nur jetzt meine Frau sein mag? sagt er laut, springt rasch auf die Beine, er will seiner Frau nach, die ganze Nacht laufen; wie wird sie sich freuen, wenn er gleich am ersten Morgen zu ihr ins Schloß kommt! – In mächtigen Schritten geht er vorwärts. Aber an ihn hängen sich die Gedanken: »Wie wird es aber sein, wenn du morgen wieder fort mußt? Und was werden die Leute daheim sagen, und was wird die Großmutter denken, so allein mit dem Kind?« Dennoch geht Hansei immer vorwärts. Plötzlich überfällt ihn ein Schrecken, er hat das viele Geld bei sich, die Gegend ist zwar sicher, man hat lang nichts Böses gehört; aber es können doch Räuber kommen, ihn bestehlen, ermorden und in den See werfen .... Von Angst gepeinigt, wendet er rasch um und rennt heimwärts. Dort kommt eine drohende Gestalt ihm entgegen, er greift nach seinem aufrecht stehenden Messer an der Seite. – Wenn's nur einer ist und kein Hinterhalt, bin ich Manns genug, tröstet er sich. Die Gestalt kommt näher, sie grüßt von ferne, es ist eine Frauenstimme. Sollte Walpurga? Nein, das ist nicht möglich. Die Gestalt bleibt stehen. Hansei geht auf sie zu: »Ei, du bist's, Esther? Noch so spät auf dem Weg?« »Und du, Hansei?« erwiderte die schwarze Esther, die Tochter der Zenza, und lacht hell auf. »Ich hab' gemeint, es wär' ein Betrunkener, weil ich dich von fern hab' mit dir allein reden hören. Ja freilich, jetzt bist du allein.« »Und du gehst noch so allein in später Nacht den Wald hinauf?« »Wenn mich niemand begleitet, muß ich allein gehen,« lachte die schwarze Esther, es tönte so laut in der stillen Nacht. Es trat eine Pause ein. Hansei hörte sein Herz klopfen, vom schnellen Gehen wohl. »Ich muß heim,« sagte er endlich. »Ich wünsche dir gute Nacht.« Die schwarze Esther legte ihre Hand auf seine Schulter und sagte: »Hansei, ich bettle sonst nie, und am Tag thät' ich's nicht und wenn ich verhungern müßt', aber jetzt, du hast ein gutes Herz und es geht dir gut: schenk mir was oder leih mir ein Stück Geld, ich geb' dir's wieder.« Sie sprach so zutraulich, Hansei zitterte: ihre Hand lag auf ihm, er wollte schon in die Tasche greifen und ihr den losen Kronenthaler geben, den er dem Pfarrer abgespart hatte, aber unversehens machte er eine scharfe Armbewegung, schob die Hand von der Schulter und sagte: »Ein andermal geb' ich dir was.« Mit schnellen Schritten rannte er heimwärts. Er hörte helles Lachen hinter sich, und das klang, wie wenn hundert andre Stimmen aus dem Felsen antworteten. Hansei standen die Haare zu Berge, es überlief ihn eiskalt und siedendheiß. Das war gewiß eine von den Wildweibern, sie hat nur die Gestalt von der schwarzen Esther angenommen, und es ist ja alles wahr mit den Wildweibern, der alte Holzmeister hat eine gesehen und hat's noch auf dem Totenbett bekannt: bei Vollmond laufen sie herum und wickeln sich in ihre langen Haare, die man für Kleider hält, und in so einer Nacht, wo die Mutter von ihrem Kind fort ist, da haben sie Gewalt .... Sein Leben lang war Hansei der Weg am See nicht so weit vorgekommen, und sein Leben lang war er nicht so gerannt, wie heute. Endlich war er an seinem Hause; es steht noch da, es ist noch alles fest. Hansei hielt lange die Hand an die Mauer, als müßte ihm das die Gewißheit geben, daß es noch da ist. Er ging ins Haus. In der Stube brannte noch Licht, die Großmutter saß auf einem Schemel und hielt das Enkelchen im Schoß: sie bedeckte mit der einen Hand die rotgeweinten Augen, mit der andern Hand winkte sie Hansei, recht leise aufzutreten. Hansei sah der Schwiegermutter nicht an, was mit ihr vorgegangen war und noch vorgeht. Er war nur mit sich beschäftigt und saß hinter dem Tisch, so müde und fremd, als käme er von einer weiten gefahrvollen Reise. Er mußte sich immer wieder erinnern, daß er daheim sei und es ist doch kein rechtes Daheim mehr. Die Großmutter legte das Kind in die Wiege und saß da, das Kinn auf die geballte Faust gestützt. Sie hatte im Schutze der vier Wände ganz andres durchgemacht, als Hansei draußen. Nach der Abreise Walpurgas, und nachdem auch Hansei fortgegangen, war das Gespiel eine Weile bei ihr geblieben. Wie es Walpurga gehen werde, war bald durchgesprochen; denn man wußte es eben nicht. Als es Nacht zu werden begann, sagte das Gespiel, sie wolle jetzt heimgehen, werde aber morgen wieder kommen. Die Großmutter nickte; sie war gern allein; sie konnte dann besser zu ihrem Kinde denken. Sie sprach ihm Gebete nach auf den Weg; aber die Worte gingen ihr so leicht, daß sie andres dabei denken konnte. Zuerst dachte sie, Walpurga betet wohl auch dieselben Worte; mit jedem Worte sind sie immer weiter voneinander, aber in der Seele sind sie doch beisammen. Sie freute sich, daß Walpurga so gediehen war in allem; man kann sich auf sie verlassen. Schwer hat sie's, so allein in der fremden Welt; aber am Ende sind's doch auch Menschen. Ein Bangen wollte sie überkommen, ob Walpurga aushalte. Sie hat freilich viel brave Gedanken, aber wenn sie ihr auch nur zur rechten Zeit immer einfallen. »Du wirst es mir nicht anthun, daß du dich verderben lässest,« sagte sie laut vor sich hin, und hörte auf mit Beten. – Plötzlich war's ihr so einsam und verlassen, so allein! sie hatte noch nie eine Nacht ohne Walpurga gelebt, und sie schaute zu den Sternen auf und wünschte, wenn's nur schon Tag wäre. Hansei hätte wohl daheim bleiben können; aber es ist doch auch eine Ehre, daß der Pfarrer ihn mit ins Wirtshaus genommen, wie das Gespiel berichtet hat. Er wird jetzt gewiß der Großmutter einen Schoppen alten Wein zur Herzstärkung heimschicken, und wenn es auch nur ein halber Schoppen ist, man sieht doch den guten Willen. Die Zunge klebte ihr am Gaumen; sie lechzte nach dem Wein und horcht hinaus, ob nicht die Magd des Gemswirts kommt mit der Flasche unter der Schürze; sie wartete lange und vergebens. Da überfiel sie ein namenloses Mitleid mit sich selber, und sie weinte große Thränen. Ja, wenn ihr Mann noch lebte! So eine arme Witfrau soll immer nur für andre bei der Hand sein, aber wie es ihr ist, daran denkt niemand. Sie weinte, aber aus dem Weinen heraus erhob sie sich: du bist ein arger Sünder; hast du's denn nicht gut, daß du Nahrung, Wohnung und Kleidung hast und kein böses Wort? – Sei froh, daß du noch zuweg bist und für die andern was thun kannst. Die Thränen hatten ihr leicht gemacht: sie waren beim unrechten Anlaß herausgekommen, aber sie waren doch frei. Wie in Scham vor dem Enkelchen, das doch nichts sehen konnte, wendete sie sich von ihm ab, trocknete ihr durchfurchtes Antlitz und sang dem Kinde fröhliche Lieder. Dann wartete sie wieder lange still, bis Hansei kam. So traf er sie, das Kinn auf die geballte Faust gestützt, an der Wiege sitzend. »Wo bist so lang gewesen?« fragte die Großmutter leise. »Ich weiß selber nicht.« »Jetzt ist die Walpurga wohl auch schon im Bett?« »Kann schon sein, mit vier Roß fahren sie schnell.« »Hörst du, wie die Kuh draußen im Stall brüllt? Das arme Tier ist's eben auch nicht gewohnt, allein zu stehen, und das Kalb hat der Metzger heut abend da vorbei getrieben. Es ist ein Grausen, wie sie jammert. Geh doch einmal in den Stall und sieh zu ihr.« Hansei ging in den Stall, die Kuh war still. Er ging weg, da fing sie wieder zu schreien an. Er kehrte zurück, gab ihr die besten Worte; solang er sprach und die Hand auf das Rückgrat der Kuh legte, war sie still, sobald er aber wieder hinausging, fing sie um so erbärmlicher zu schreien an. So ging er verzweifelnd hin und her zwischen Stube und Stall. Er kehrte nochmals zur Kuh zurück, gab ihr das beste Futter und setzte sich auf ein Heubündel. Endlich legte sich die Kuh zum Schlafe nieder und auch Hansei schlief ein. Er war über alle Maßen müde; es hat wohl nicht bald ein Mensch an einem einzigen Tag so viel erlebt wie unser Hansei. Zwölftes Kapitel. Als Walpurga am Morgen im Schlosse erwachte, glaubte sie, daheim zu sein, und betrachtete die fremde Umgebung wie einen Traum, der nicht weichen will. Erst allmählich besann sie sich, was vorgegangen war. Sie drückte nochmals die Augen zu und sprach ihr Morgengebet, dann blickte sie frei auf: da scheint ja dieselbe Sonne, die daheim in die Gstadelhütte am See leuchtet. Mit frischem, selbsterwecktem Mute stand sie auf. Lange lag sie am Fenster und starrte hinein in das fremde Leben. Sie sah nichts vom Stadtgetriebe. Der Schloßplatz, von einer großen Reihe buschiger Orangenbäume bekränzt, war weit abgeschieden vom Geräusch der Straße; nur die beiden Soldaten am Schloßthore sah man Gewehr im Arm auf und ab gehen. Die Gedanken Walpurgas aber wanderten heimwärts. Sie sah leibhaftig, wie es jetzt daheim ist in der Gstadelhütte am See. Sie hört das Holz knacken, mit dem die Mutter Feuer anmacht, sie kennt das Lämpchen, das sie vom Küchenbrett nimmt. Milch haben wir im Haus, wir haben ja eine Kuh. Die Mutter wird sich freuen, daß sie wieder melken kann; und wo man jetzt daheim ein Feuer anzündet, denkt man an mich: und die Stare auf dem Kirschbaum schwatzen: Unsre Hausfrau ist fort, aber eine Kuh ist da! Walpurga lächelte vor sich hin, und weiter gingen ihre Gedanken: Mein Hansei verschläft den Morgen, er muß immer geweckt werden, sonst schlief' er, bis es Mittag läutet; er wacht nie von selber auf. »Die Sonne brennt ein Loch in dein Bett! Hansei, steh auf!« ruft die Mutter, er macht sich heraus und wäscht sich am Brunnen, und jetzt essen sie die Suppe miteinander, und das Kind hat seine gute Milch. Wenn ich mir nur die Kuh auch noch recht angesehen hätte! Jetzt holt Hansei Futter beim Gemswirt. Wenn er sich nur von dem nicht betrügen läßt, das ist ein gar arger Schelm. Und der Hansei wird sich so viel verlassen vorkommen, verlassener wie mein Kind. Aber gottlob! er hat ja zu thun. Es ist gute Zeit zum Fischen, er geht nicht in den Wald. Jetzt springt er in den Nachen, daß es poltert; die Ruder klatschen im See und er fährt hinaus und fischt ... Weiter will Walpurga denken, wie's am Mittag sein wird und dann am Abend; plötzlich spürt sie's im Kopf, wie wenn ihr der Verstand stille stehe – fort sein und tot sein, ist fast eins; du kannst dir nicht denken, wie es sein wird, eine Stunde nach deinem Tod, du kannst dich nicht hinausdenken aus der Welt. Es wirbelt ihr, sie wendet sich rasch um und sagt wie in Gespensterfurcht zu Mamsell Kramer: »Wir wollen was schwätzen.« Das ließ sich Mamsell Kramer nicht zweimal sagen. Sie erzählte Walpurga, wie das ganze Schloß davon spreche, daß die Königin sie gestern abend geküßt habe, und daß es morgen in allen Zeitungen stehen werde. »Geh!« erwiderte Walpurga, und Mamsell Kramer erklärte ihr, daß sie wohl gegen sie solch ein Wort sagen dürfe, aber gegen andre nicht; man müsse immer bescheiden erklären, was man meine, nicht bloß einen Ton hinwerfen, wie ein Vogel. Walpurga schaute auf und stand lauschend, als spräche Mamsell Kramer noch immer weiter und sie sagte endlich: »Fast gerad' so hat mir's mein Vater seliger auch einmal gesagt; ich hab's aber damals noch nicht verstanden. Jetzt – ich hab' nur sagen wollen: die Leute in der Stadt müssen viel Langweil haben, wenn sie aus so was ein Aufhebens machen.« In sich hinein schloß sie wieder: »Geh!« Der kleine Prinz erwachte, Walpurga nahm ihn auf, und als er an ihrer Brust wieder einschlief, sang sie ihm mit heller Stimme: »Wir beide sein verbunden Und fest geknüpfet ein, Glückselig sein die Stunden Wann wir beisammen sein.« Als sie geendet und das Kind wieder in die Wiege gelegt hatte, sah sie sich um; an der Thüre standen der König und der Leibarzt. »Du kannst ja prächtig singen!« sagte der König. »Geh,« erwiderte Walpurga, und: »So was man ins Haus braucht, aber besonders schön ist's nicht,« setzte sie auf Mamsell Krämer schauend hinzu. Sie dolmetschte jetzt sich selbst. Der König und der Leibarzt freuten sich am Anblicke des Kindes. »Der Tag ist doch ganz anders, wenn man zum erstenmal in das Auge seines Kindes sieht,« sagte der König und Walpurga bestätigte: »Ja, da schaut einen die Welt ganz anders an; da hat der Herr König ein wahres Wort gesagt.« Es antwortete ihr niemand und der König lächelte. Er ging mit dem Leibarzt davon. Mamsell Krämer prägte Walpurga ebenso behutsam als eindringlich das erste Gebot ein: »Du darfst zu Seiner Majestät dem Könige und zu Ihrer Majestät der Königin nicht sprechen, bis sie dich etwas fragen.« »Das ist gescheit! Da hört man nichts Unebenes! O wie gescheit eingerichtet!« rief Walpurga zur Ueberraschung der Mamsell Kramer. »Das will ich mir merken!« Beim Frühstück im Pavillon des Schlosses konnte man erfahren, daß Mamsell Kramer und vielleicht auch Walpurga die Wahrheit gesprochen. In den Gruppen, die sich auf der Veranda unter den Orangenbäumen sammelten, sprachen Vertraute miteinander, – nachdem sie sich gegenseitig die Zunge gehoben und überzeugt hatten, man dürfe der Medisance freien Spielraum lassen, – wie die Sentimentalität der Königin sich wieder in ihrem Verhalten gegen die Amme gezeigt habe: das süßliche Gethue sei leider ein Erbstück derer aus dem Hause ***. – Die Oberhofmeisterin, hieß es, sei wieder krank geworden von dem Aerger über das etikettewidrige Benehmen der Königin. »Die Königin entwertet ihre Gunstbezeigungen,« sagte eine ältere Hofdame, die gut anderthalb Pfund falsches Haar auf dem Kopf hatte. »Nichts ist langweiliger als permanente Zärtlichkeit,« bemerkte eine andre wohlbeleibte, streng kirchliche Palastdame; aber sofort die böse Nachrede mit dem Mantel der Liebe zudeckend, setzte sie hinzu: »Die Königin ist noch halb Kind und meint es im Grunde so gut.« Die fromme Palastdame war hiermit nach beiden Seiten gedeckt, sie konnte mit den Medisierenden und mit den Liebreichen gehen. »Sie haben wohl wenig geschlafen?« sagte eine ältere zu einer sehr jungen, blaß aussehenden Hofdame. »Allerdings,« seufzte die Angeredete. »Ich habe noch den letzten Band von – sie nannte einen neuen französischen Roman, einen unzweideutigen – bei einem einzigen Lichte ausgelesen. Sehr interessant, werde Ihnen heute das Buch zurückgeben.« »Dann bitte ich darum! – und ich! – und ich!« rief es von verschiedenen Seiten. Die fromme Palastdame wollte von diesen Dingen nichts hören, obgleich sie den Roman heimlich auch schon gelesen. Sie lenkte das Gespräch wieder auf Walpurga, sie hatte die neueste Nachricht, daß die Amme sehr schön singen könne. »Wer singt schön?« fragte Gräfin Irma hinzutretend. »Das ist etwas für Sie, liebe Wildenort; von der Walpurga können Sie viele neue Lieder lernen und zur Zither singen.« »Ich warte, bis wir wieder im Freien sind. Solch eine Bäuerin in Schloßgemächern ist ein Widerspruch. Wann zieht denn der Hof wieder nach der Sommerburg?« »Erst in sechs Wochen!« Es gab noch viel Gerede über Walpurga, und eine Dame behauptete, es sei eine Intrigue des Leibarztes, daß man eine Amme aus dem Gebirge holen mußte, von wo der Leibarzt auch stammte; er schaffe sich immer Alliierte, denn diese Person werde großen Einfluß auf die Königin haben. Man sprach von dem intriganten Wesen des Leibarztes, der sich den Anschein gebe, als ob er mit den Ueberschwenglichkeiten der Königin ernstlich sympathisiere; denn das war allen gewiß: wer sich so lang und beständig in der Gunst des Hofes erhält, bringt das nicht mit ehrlichen Mitteln zuwege. »Der Leibarzt ist noch gar nicht so alt,« sagte eine sehr hagere Hofdame, »er ist erst im Anfange der Fünfzig. Ich glaube, er hat sich die Haare weiß gefärbt, um vor der Zeit recht ehrwürdig auszusehen.« Man lachte viel über diesen Scherz. Vor dem Frühstück gab es unabänderlich immer getrennte Männer- und Frauengruppen. In dem Kreis der Hofkavaliere war von Telegrammen die Rede, die nach allen Höfen ausgegangen, auf welche bereits vielfach Antworten eingetroffen waren und noch immer einliefen. Erst nach dem Frühstück in einer Sitzung des Hausministeriums und Hofmarschallamtes sollte bestimmt werden, wer außer den Eltern der Königin zu Gevatter gebeten werden sollte. Es hieß sogar, daß der Papst einen besonderen Nuntius zur Taufe schicken werde, dem der Bischof assistiere. Von so fern liegenden Höhen lenkte der Flügeladjutant des Königs, der Bruder der Gräfin Irma, die Unterhaltung wieder auf Walpurga; er rühmte ihre Schönheit und ihr drolliges Wesen, der Kuß der Königin wurde auch hier nachgeschmatzt; der Flügeladjutant hatte dazu ein Witzwort aufgebracht, über das alle hell auflachten. Plötzlich hieß es: »Der König!« Die Gruppen zerteilten sich und stellten sich grüßend in Reihen auf. Der König ging dankend durch die Reihen nach dem Dianensaal, wo man frühstückte. An der Decke war die Göttin Diana mit ihrem weiblichen Jagdgefolge, von einem Schüler Rubens' gemalt. Der Oberhofmarschall überreichte dem König ein Paket Telegramme. Der König erwiderte, er möge sie nur selbst öffnen und über diejenigen, die etwas mehr als Gratulationen enthielten, besondere Mitteilung machen. Man setzte sich zum Frühstück. Es war hier in der Stadt nicht so heiter und zwanglos wie draußen auf dem Sommerschlosse; auch lag allen noch die Unruhe der vergangenen Nacht im Gemüte. Es wurde nur leise gesprochen. »Gräfin Irma!« sagte der König. »Ich empfehle Ihnen die Walpurga, sie ist eine Figur für Sie, und Sie können schöne Lieder von ihr lernen und sie neue lehren.« »Danke, Majestät! Wollen Eure Majestät nur die Gnade haben, zu befehlen, daß mir die Frau Oberhofmeisterin gestatte, zu jeder Zeit in die Gemächer Seiner königlichen Hoheit des Kronprinzen zu gehen.« »Wollen Sie das besorgen, lieber Rittersfeld!« erwiderte der König, zum Oberhofmarschall gewendet. Man glückwünschte der Gräfin Irma, die am untern Ende des Tisches saß; das Gespräch heftete sich nun fast ausschließlich an Walpurga. Dem König wurden die Morgenzeitungen gebracht. Er durchflog sie und rief unwillig: »Diese schwatzhafte Presse! Da steht der Kuß der Königin auch schon in den Landesblättern.« Sein Antlitz verfinsterte sich; es war offenbar, daß ihm die Thatsache und noch mehr deren Bekanntwerden höchst peinlich war. Nach einer Weile sagte er: »Meine Herren und Damen, ich bitte dafür zu sorgen, daß die Königin nichts davon erfährt.« Er stand rasch auf und ging. Die Frühstücksgesellschaft trennte sich nur langsam, und die fromme Palastdame konnte sich nun offen zur Medisance bekennen. Der Mantel der Liebe war nicht mehr nötig: der König war der sentimentalen Gemahlin bereits überdrüssig. – Sollte die Gräfin Irma ...? Wer weiß, ob das nicht ein fein angelegter Plan ist, ihr offenen Zutritt zu den Gemächern des Kronprinzen zu verschaffen? Der König wird sie da treffen ... Wer weiß –? Man war sehr erfinderisch in Kombinationen und Vermutungen, die man indes sehr behutsam und vorsichtig einander zuflüsterte. Walpurga und die Königin, ja sogar der Kronprinz waren eine Weile ganz vergessen. Dreizehntes Kapitel. »So, mein Junge! Jetzt hast du zum erstenmal die Sonne gesehen, und diese Sonne sollst du siebenundsiebzig Jahre sehen in Gesundheit und Glück, und wenn die siebenundsiebzig Jahre um sind, soll dir unser Herrgott noch einmal Urlaub geben. Gestern abend haben sie dir zulieb tausend Millionen Lichter angezündet, das ist aber alles nichts gegen die Sonne, die dir heute unser Herrgott am Himmel anzündet. Bursche! sei immer brav, daß du's wert bist, daß die Sonne auf dich scheint. Ja, jetzt lacht ein Engel aus dir! lach nur im Schlaf! Du hast einen Engel auf Erden und das ist deine Mutter, und du bist auch mein, ja, du bist mein!« So sprach Walpurga mit leiser Stimme, aber im innigsten Tone in das Antlitz des Kindes hinein, das in ihrem Schoße schlief. In ihrer Seele begann bereits jener geheimnisvolle liebende Zusammenhang, der sich aus der Nahrunggebung entwickelt. Es ist ein tiefer Zug der Menschennatur, daß wir die lieben, denen wir Wohlthaten erzeigen können; ihr Leben wird eins mit uns. Walpurga vergaß sich, vergaß alles, was draußen in den Bergen, in der Gstadelhütte am See ihr zugehörte; hier war sie jetzt nötig, hier war ein Leben auf sie angewiesen. Strahlenden Auges schaute sie auf Mamsell Kramer, deren Blick voll Freude auf ihr ruhte. »Ich meine,« sagte sie, »in dem Schloß ist's wie in einer Kirche; da hat man lauter gute fromme Gedanken, alle Menschen sind so sanft und herzlich und ohne Hinterhalt.« Mamsell Kramer lächelte und erwiderte: »Liebes Kind –« »Heißen Sie mich nicht Kind! Ich bin kein Kind. Ich bin eine Mutter.« »Aber hier in der großen Welt bist du doch noch ein Kind. Ein Hof ist gar was Besonderes. Jetzt geht der eine jagen, der andre fischen; der eine baut, der andre malt; der eine lernt seine Schauspielrolle, der andre übt sein Musikstück, eine Tänzerin lernt einen neuen Tanz, ein Gelehrter schreibt ein neues Buch – alle im ganzen Land kochen und braten, exerzieren und musizieren, schreiben und malen und tanzen, alle thun alles, damit der König und die Königin eine Freude daran haben; denen wird's zugerichtet!« »Das verstehe ich!« fiel Walpurga ein und Mamsell Kramer fuhr fort: »Glaube mir, ich habe sechzehn Ahnen im Schlosse« – es waren eigentlich nur sechs, aber sechzehn spricht sich besser, und darum erlaubte sich Mamsell Kramer diesen Aufputz – »seit vielen Geschlechtern sind meine Ahnen Hofdiener, mein Vater ist Kastellan auf der Sommerburg; ich bin dort geboren, ich kenne den Hof; ich kenne alles; ich kann dich viel lehren.« »Und ich lerne gern,« schaltete Walpurga ein. »Du denkst, alle Menschen meinen's gut? Glaube mir, in einem Schlosse sind Menschen von allen Arten, schlechte und gute, da laufen alle Laster herum und alle Tugenden, Dinge, von denen du gar keine Ahnung hast und nie bekommen sollst; aber manierlich thun sie alle. Ich bitte dich: bleib so, wie du bist, und gehe wieder so heim, wie du gekommen.« Walpurga sah die Mamsell groß an. Wer kann sie denn anders machen? Es kam die Nachricht, die Königin sei erwacht, Walpurga solle mit dem Prinzen zu ihr kommen. Sie ging, das Kind auf dem Arme, durch die Zimmer, geleitet vom Leibarzt, Mamsell Kramer und zwei Kammerfrauen. Die Königin lag ruhig und schön auf dem Kissen, sie wendete nur grüßend das Antlitz zu den Eintretenden. Ein breiter, schräger Strahl des Sonnenlichtes fiel durch den zurückgesteckten Vorhang in das Zimmer; es war heute noch viel schöner, noch viel stiller in dem Gemache, als ob es eine Stille gäbe, die noch mehr als Lautlosigkeit sei. »Guten Morgen!« rief die Königin mit inniger Stimme. »Gib mir mein Kind!« Sie senkte den Blick zu dem Kinde auf ihrem Arme, dann schlug sie die Augen auf und hauchte leise, ohne jemand anzublicken: »Ich sehe mein Kind zum erstenmal im vollen Tageslicht!« Geraume Weile war alles still, als atmete hier kein Menschenleben, und als dränge der breite Sonnenstrahl nur allein ins Zimmer. »Habt Ihr gut geschlafen?« fragte die Königin. Walpurga war froh, jetzt hat die Königin gefragt, jetzt darf sie antworten. Rasch streifte ihr Blick die Mamsell Kramer. »Ja gewiß,« sagte Walpurga. »Schlaf ist das Erste und Letzte und Beste, was man auf der Welt kriegt.« »Sie ist klug,« sagte die Königin in französischer Sprache, zum Leibarzt gewendet. Walpurga erschrak bis ins Herz hinein. Sobald sie Französisch hörte, kam sie sich wie verkauft und verraten vor; die Menschen waren ihr in eine Tarnkappe gehüllt, wie die Kobolde im Märchen, sie waren unsichtbar und sprachen doch. »Hat der Prinz auch gut geschlafen?« fragte die Königin. Walpurga wischte sich mit der Hand übers Gesicht, als ob sie eine Spinne abschüttle, die darüber kriecht. Die Königin nennt ihr Kind nicht Kind und nicht Sohn, sondern Prinz. Walpurga antwortete: »Ja, gottlob! ganz gut; wenigstens habe ich nichts von ihm gehört, und ich hab' nur sagen wollen, ich möchte es mit ihm« – sie konnte nicht Prinz sagen und sprach nur immer mit er – »ich möchte es mit ihm halten, wie mit meinem eigenen Kind. Das haben wir vom ersten Tag an gut gezogen. Meine Mutter hat mich's gelehrt. So ein Kind hat von der ersten Minute an seinen Eigenwillen, dem darf man nicht nachgeben. Man darf es nicht aus der Wiege nehmen, wenn es will, und ihm auch nicht zu trinken geben, wenn es will; das hat alles seine gesetzte Zeit, es gewöhnt sich bald daran und es schadet ihm gar nichts, wenn man's schreien läßt; im Gegenteil, da geht die Brust recht auseinander.« »Schreit er?« fragte die Königin. Das Kind gab selbst die Antwort, es fing laut zu schreien an. »Nimm ihn und beruhige ihn,« bat die Königin. Der König trat eben ein, als der Knabe noch laut schrie. »Das gibt eine gute Kommandostimme,« sagte er, streckte seiner Frau die Hand entgegen und küßte die ihrige. Walpurga beruhigte das Kind; sie wurde mit Mamsell Kramer wieder in ihre Zimmer zurückgeschickt. Der König erzählte von den eingegangenen Depeschen und der Bestimmung der Paten. Die Königin war mit allem einverstanden. Als Walpurga wieder in ihr Zimmer zurückgekehrt war und das Kind in die Wiege gelegt hatte, ging sie unruhig auf und ab. »Es gibt keinen Engel auf der Welt! sie sind alle grad so wie wir und wer weiß ...« so sprach sie. Sie war zornig auf die Königin: warum will sie nicht ruhig mit anhören, wie ihr Kind schreit? Man muß alles von den Kindern auf sich nehmen, Freud' und Leid. Sie trat auf den Gang hinaus, da hörte sie die Orgel in der Schloßkapelle. Zum erstenmal in ihrem Leben war ihr dieser Klang zuwider. Das gehört nicht ins Haus, dachte sie, nicht da grad nebenhin, wo allerlei getrieben wird; die Kirche muß allein für sich stehen. Als sie wieder ins Zimmer kam, war ein Fremder da. Mamsell Kramer sagte, daß dies der Leibschneider der Königin sei. Walpurga lachte laut auf über das Wort: Leibschneider. Der elegante Mann sah sie verdutzt an, und Mamsell Kramer erklärte, das sei der Kleidermacher Ihrer Majestät der Königin; er sei gekommen, um für Walpurga drei neue Anzüge zu machen. »Soll ich Stadtkleider tragen?« »Gott bewahre! du sollst die Tracht deiner Heimat ganz genau haben, und kannst dir ein rotes, blaues und ein grünes Mieder bestellen. Oder willst du lieber eine andre Farbe?« »Ich wüßte nicht; aber ich möchte auch ein Werkeltagskleid haben. So immer im Sonntagsputz herumgehen für alle Tag – das geht doch nicht!« »Am Hofe geht man immer in Sonntagskleidern, und du mußt, wenn Ihre Majestät die Königin wieder ausfahren, mit ihnen ausfahren.« »So? Meinetwegen! Mir kann's schon recht sein.« Walpurga lachte immerfort, während ihr das Maß genommen wurde, so daß der Schneider bitten mußte, sich ruhiger zu halten. Während er das Maß einsteckte, erklärte er noch der Mamsell Kramer, daß er sich ein genaues Modell habe kommen lassen, auch habe ihm der Oberzeremonienmeister noch einige Zeichnungen zukommen lassen, so daß die Tracht gewiß die vollkommene würde. Zuletzt bat er noch, den Kronprinzen sehen zu dürfen. Mamsell Kramer wollte es gewähren, aber Walpurga wehrte sich dagegen. Bevor das Kind getauft ist, darf es keiner aus Neugierde ansehen; und nun gar ein Schneider. Da wird das Kind sein Lebtag kein rechter Mann. Mamsell Kramer gab dem Hofschneider einen verständnisreichen Wink, daß man gegen den Aberglauben der Leute aus dem Volk nichts thun und die Amme nicht aufregen dürfe; der Schneider verabschiedete sich. Walpurga hatte nach diesem Vorfall die erste heftige Zurechtsetzung mit Mamsell Kramer. Sie begriff nicht, wie sie das Kind wollte begucken lassen. »Nichts thut einem Kinde weher, als wenn man's im Schlaf ansieht, und noch dazu ein Schneider! Meck, meck!« Die ganze tolle Laune, die sich im Volkslied gegen die Schneider kundgibt, brach in Walpurga hervor, und sie sang eines jener herben Spottlieder: »Hei lustig Blut und unverzagt, Es hat ein' Schneck ein' Schneider g'jagt, Und wär der Schneider nicht tapfer g'sprunge, So hätt die Schneck den Schneider g'funge. Die Kuchipfanne hat ein Loch, Gibili Gäbeli Geißebock.« Durch die Bekanntschaft mit dem Hofschneider war Mamsell Kramer sehr in ihrer Achtung gesunken. Diese suchte die spottsüchtig Aufgeregte zu beruhigen und sagte: »Freust du dich denn gar nicht auf deine schönen, neuen Kleider?« »Ehrlich gestanden: Nein! Ich zieh sie ja nicht für mich an, ich zieh sie für andre an, die hängen an mich hin, was ihnen gefällt. Meinetwegen! Ich hab' mich einmal hergegeben und muß mir's gefallen lassen.« »Ist's erlaubt, einzutreten?« fragte eine holde Stimme. Gräfin Irma trat ein. Sie streckte Walpurga beide Hände entgegen und sagte: »Grüß Gott, Landsmännin! Ich bin auch aus dem Gebirge, sieben Stunden weit von deinem Ort; ich kenne ihn. Ich bin einmal mit deinem Vater über den See gefahren. Lebt er noch?« »Nein, leider nicht mehr; er ist ertrunken und der See hat nicht einmal den Toten mehr hergegeben.« »Es war ein schöner alter Mann. Du siehst ihm gleich, wie aus dem Gesichte geschnitten.« »Das freut mich, daß noch jemand hier ist, das meinen Vater gekannt hat. Der Leibschneider – ich hab' sagen wollen, der Leibarzt hat ihn auch gekannt. Ja, Land aus, Land ein hat es keinen braveren Mann gegeben, als meinen Vater, das muß jeder sagen.« »Jawohl, das hab' ich auch gehört.« »Darf man fragen: Wie heißt denn das Fräulein?« »Gräfin Wildenort.« »Wildenort? Den Namen hab' ich auch schon gehört. Ja, jetzt besinn' ich mich, meine Mutter hat mir ihn genannt. Ja, Ihr Vater soll ein gar wohlthätiger Mann gewesen sein. Ist er auch schon lang tot?« »Nein, er lebt noch.« »Ist er auch hier?« »Nein.« »Und als was sind Sie denn hier, Fräulein Gräfin?« »Als Hofdame.« »Was ist das?« »Gesellschafterin der Königin, so was man bei euch Gespiel heißt.« »So? Und da hat Sie Ihr Vater fortgegeben?« Der Gräfin Irma war dieses viele Fragen gar nicht genehm. Sie sagte daher: »Walpurga, ich habe dich fragen wollen, kannst du gut schreiben?« »Ich hab's gekonnt, aber wieder ganz verlernt.« »Da hab' ich's doch recht getroffen, daß ich deshalb gekommen bin. Also, wenn du an deinen Mann, an Mutter und Kind schreiben willst; diktiere mir's in die Feder, ich schreibe dir alles, wie du mir's vorsagst.« »Ich könnte das ja auch thun,« warf Mamsell Kramer schüchtern ein, »und die gnädige Gräfin brauchten sich nicht zu bemühen.« »Nein, das Fräulein Gräfin schreibt mir. Wollen wir gleich?« »Jawohl!« Aber Walpurga mußte zu dem Kinde. Während sie im zweiten Zimmer war, besprach sich Gräfin Irma mit Mamsell Kramer. Walpurga kam wieder herein, Irma saß mit der Feder in der Hand vor dem Papier und Walpurga begann zu diktieren: »Lieber Mann, liebe Mutter und liebes Kind. Nein, halten Sie ein! schreiben Sie nicht so! Nehmen Sie ein frisches Blatt! So, jetzt hab' ich's! jetzt schreiben Sie.« »Ich will Euch zu wissen thun, daß ich mit Gottes Hilfe in der Kutsche mit den vier Pferden gesund und gut hier angekommen bin. Ich weiß nicht wie. Und die Königin ist ein Engel und Millionen Lichter und mein Kind ...« Plötzlich bedeckte sich Walpurga das Gesicht mit beiden Händen – sie wußte nicht, wen sie meine, als sie »mein Kind« sagte. »Und mein Kind« – wiederholte Gräfin Irma nach längerer Pause. »Nein!« rief Walpurga, »ich kann heut nicht schreiben. Verzeihen Sie mir, es geht nicht. Aber ich hab' Ihr Versprechen, daß Sie mir schreiben, morgen oder übermorgen. Kommen Sie nur jeden Tag zu uns!« »Und soll ich dann noch eine gute Freundin mitbringen?« »Wer mit Ihnen gut Freund ist, kann schon kommen! Nicht wahr, Mamsell Kramer?« »Jawohl, Gräfin Irma haben besondere Erlaubnis.« »Ich bringe dir eine sehr gute Freundin mit, die kann prächtig singen, sie hat eine Summe so lind und sacht – aber ich will dich nicht lange mit Rätseln Plagen, ich kann Zither spielen, und da bring' ich meine Zither mit!« »Du kannst Zither spielen!« rief Walpurga, und knirschte die Zähne vor Freude aneinander. Ihr weiterer Ausruf wurde unterbrochen, denn der König trat ein. Er begrüßte mit sanfter Neigung der Augen Gräfin Irma. Sie war aufgestanden und verbeugte sich vor ihm wieder so, als ob sie sich geradeswegs auf den Stubenboden setzen wollte. »Was schreiben Sie da?« fragte der König. »Majestät, das sind Geheimnisse der Walpurga,« erwiderte Gräfin Irma. »Was da steht, kann der König schon lesen,« sagte Walpurga und übergab ihm das Blatt. Er durchflog es, faltete es dann zusammen und steckte es mit einem Blick auf die Gräfin in die Brusttasche. »Ich werde mit Walpurga singen,« sagte Irma, »da sehen Majestät wieder, wie Musik das Höchste ist auf der Welt. Walpurga und ich, wir sind gleich, wenn wir singen. Was andre Künste hervorbringen, zumal die Dichtkunst, übersetzt jeder in seine eigene Sprache, nach seiner Erfahrung und Anschauung.« »Gewiß,« erwiderte der König. »Musik allein ist die Weltsprache und braucht nicht übersetzt zu werden, da spricht Seele zu Seele.« Walpurga sperrte Mund und Augen auf, wie die beiden so miteinander sprachen. Mit Gräfin Irma gemeinsam betrachtete nun der König eine kurze Weile den Prinzen, dann sagte er: »Nächsten Sonntag ist die Taufe,« und verabschiedete sich. Walpurga sah dem König mit seltsamem Blicke nach, dann betrachtete sie ernsten Auges Gräfin Irma. Diese machte sich schnell mit den Papieren zu schaffen, dann verabschiedete sie sich mit heiterer Stimme, und zwar so heiter, daß es fast erzwungen schien – es war kein Grund zum Lachen da, und sie lachte doch. Walpurga sah noch lange auf die Thürvorhänge, hinter denen die Gräfin verschwunden war, dann sagte sie zu Mamsell Kramer: »Sie haben ein wahres Wort gesagt, das Schloß ist keine Kirche.« Sie ließ sich nicht dazu herbei, sich näher zu erklären. »Ich will dich schreiben lehren,« sagte Mamsell Kramer, »dann haben wir eine gute Beschäftigung und du kannst allein an die Deinigen schreiben.« »Ja, das will ich,« schloß Walpurga. Vierzehntes Kapitel. »Ich hätt' eine Bitte an Sie,« sagte andern Tages Walpurga zur Gräfin Irma. »Sagen Sie mir immer gradaus, wenn ich etwas nicht recht mache.« »Recht gern! Aber du mußt mir dann auch sagen, wenn ich –« »Ja, da hab' ich gleich was auf dem Herzen.« »Sag's nur frei heraus!« »Wenn wir einmal allein sind.« »Bitte, liebe Kramer, wollen Sie uns allein lassen?« Mamsell Kramer ging in das Nebenzimmer, und Walpurga sah wieder staunend, wie man hier die Menschen hin und her schiebt, wie Stühle. »Nun, was hast du?« fragte die Gräfin. »Schau, wenn ich was Einfältiges sage, nimm mir's ja recht nicht übel, gelt, das thust du nicht?« Sobald Walpurga in Eifer kam, sagte sie immer wieder du. »Was hast du?« fragte Irma nochmals. »Schau, du bist so schön, gar so schön, so hab' ich mein Lebtag noch nichts gesehen; du bist noch schöner als die Königin, nein, nicht schöner, aber mächtiger, und die Gutheit sieht dir aus den Augen –« »Was hast du denn? Sag's grad heraus!« »Ich möchte glauben, ich hab' unrecht, aber es ist besser, ich weiß es gewiß. Jetzt – das hat mir nicht gefallen, wie der König dich gestern angesehen hat und du ihn, und er hat am Wiegengeländer seine Hand auf die deinige gelegt, und er ist Ehemann und Vater. Du bist ein lediges Mädchen, da weiß man nicht, was das ist, wenn ein Mann einen so ansieht; aber ich bin eine Ehefrau und kann dich warnen und ich darf und ich muß. Du hast gesagt, wir wollen gut Freund sein, jetzt kommt gleich die Prob' drauf.« Irma schüttelte den Kopf und erwiderte: »Du bist brav. Aber du irrst. Der König hat gar ein edles Herz, und besonders seit ihm ein Sohn geboren ist, möchte er gern jeden Menschen glücklich machen, wie er es selbst ist. Er hat seine Frau schwärmerisch lieb und du hast's ja auch gleich gesehen, sie ist ein Engel –« »Und wenn sie auch kein Engel wär', sie ist seine Frau und die Mutter von seinem Kind und er muß treu zu ihr halten, und mit jedem Blick, den er auf eine andre wirft, ist er ein verfluchter Ehebrecher, dem man die Augen ausstechen sollte. Schau, wenn ich mir das denken sollte, daß mein Mann das könnte, – die Männer sind gar schlecht, sie können alles – daß ein Mann dasteht an der Wiege seines neugebornen Kindes, und mit denselben Augen, mit denen er eben sein Kind angesehen, sieht er auf ein ander Weibsbild und sagt ihm mit den Augen, ich hab' dich gern! – Schau, wenn ich mir das denke, ich könnte verrückt werden; und wenn ein Mann, der einer andern die Hand gedrückt hat, hingehen kann und seiner Frau die Hand geben und seinem Kinde mit derselben Hand ins Gesicht langen – die Welt, in der das geschehen könnte, die sollte man verbrennen und unser Herrgott sollte Pech und Schwefel drüber regnen lassen.« »Sprich leiser, Walpurga, schrei nicht so wild! Nimm keine solchen Worte in den Mund! Du bist nicht da hergekommen, um Sittenrichter zu sein und du hast gar nicht zu richten! Was verstehst denn du von der Welt? Du hast ja keine Ahnung davon, was Höflichkeit ist.« Gräfin Irma redete scharf auf Walpurga ein, demütigte sie tief und schloß: »So, jetzt weißt du, wie du dran bist und wer du bist. Und nun will ich dir auch noch etwas sagen. Ich verzeih' dir, daß du den König und mich beleidigt hast mit deinen albernen Reden. Wenn ich nicht Mitleid mit deinem Unverstand hätte, würde ich kein Wort mehr mit dir reden; aber ich bin dir gut und weiß, daß du's auch gut meinst, darum will ich dir beistehen und dir etwas sagen: laß um dich her vorgehen, was will, und bekümmere dich um nichts. Versorge dein Kind und laß dir von niemand die Zunge heben zum Bösreden. Glaub mir, es meint's hier keines ehrlich mit dem andern, sie hinterbringen einander immer alles und du hast zuletzt im ganzen Schloß keinen Menschen, der dir gut Freund ist. Das merke dir! Und jetzt sag' ich dir noch einmal: ich danke dir, daß du mir das gesagt hast. Du hast's gut gemeint und es ist recht, daß du nichts im Hinterhalt hast. So werd' ich dir immer gut Freund sein und du wirst eine Stütze an mir haben. Wenn man dem König auch ehrerbietig ist, deswegen ist er doch so brav wie dein Hansei, und ich bin so brav wie du. So, jetzt gib mir die Hand und vorbei ists! Vor allem aber laß die Kastellanin kein Wort davon ahnen, was wir miteinander gesprochen haben. Denk daran: die Wände haben hier Ohren, man erfährt hier alles.« Ohne ein weiteres Wort begann Gräfin Irma auf ihrer Zither die Weise eines Hochlandliedes. Walpurga wußte nicht, wie ihr geschehen. Sie war ärgerlich auf sich selbst, über ihre Dummheit und ihre Keckheit. Aber das hält sie fest: sie will alles in sich hinein denken. Während Irma noch spielte, trat der König wieder durch die Portiere und lauschte still; Irma schaute nicht auf, sie sah auf ihre Zither nieder. Als sie geendet, klatschte der König leise Bravo. Sie stand auf und verbeugte sich, ging aber nicht wieder mit dem König in das Zimmer, wo er den Prinzen betrachtete. »Ihre Zither ist rein gestimmt, aber Sie, schöne Gräfin, scheinen verstimmt,« sagte der König, wieder ins Zimmer tretend. »Ich bin auch rein gestimmt, Majestät,« erwiderte Gräfin Irma. »Ich habe nur eben der Walpurga eine Melodie gespielt, die mich tief erregte.« Der König entfernte sich rasch, heute, ohne der Gräfin die Hand zu reichen. Walpurga war am traurigsten darüber, daß sie auch Mamsell Kramer nicht mehr trauen dürfe. »O du armes Kind!« sagte sie einmal, aber ohne daß es jemand hörte, zu dem Prinzen auf ihrem Schoße – »o du armes Kind! Du sollst unter Menschen aufwachsen, wo keiner dem andern ganz traut. Wenn ich dich nur mitnehmen könnte, du solltest ein prächtiger Bub werden. Jetzt bist du noch unschuldig – die Kinder allein, bis sie sprechen lernen, sind unschuldig auf der Welt. – Was thut's? ich hab' die Welt nicht gemacht, und ich brauche sie nicht zu ändern! Recht hat die Gräfin: ich will dich gut nähren und pflegen, das andre mag Gott machen –« Fünfzehntes Kapitel. »Nun ist Ihr Wunsch in Erfüllung gegangen,« sagte am Mittag, als man von der Tafel aufgestanden, die Gräfin Irma zum Leibarzt. »Welcher?« »Ich habe eine Freundin, einen Kameraden, und wie es im Liede heißt, einen bessern findst du nit.« »Ihre Freundlichkeit gegen die Bauernfrau ist liebreich und anerkennenswert, aber eine Freundin ist das nicht. Sie müssen ein Wesen Ihres Geschlechtes sich gleichstellen. Dieser Bauernfrau gegenüber bleiben Sie immer eine Gönnerin; sie kann Sie nie tadeln oder einen Tadel nicht aufrecht erhalten. Der einfache Verstand, ich möchte sagen, die Natur hat nicht Waffen genug gegen das Arsenal der Bildung.« Irma zuckte bei diesen Worten. Der Arzt aber fuhr ruhig fort: »Sie sind der Naivetät aus dem Volke gegenüber doch immer wie ein Erwachsener im Verhältnis zu einem Kind. Ich fürchte, Sie haben's versäumt, sich eine ebenbürtige Freundin zu erwerben.« »Ebenbürtig? – also Sie sind auch Aristokrat?« Der Arzt erklärte Irma, daß man die volle Gleichberechtigung der Menschen gelten lassen kann, ohne damit die sozialen Unterschiede aufzulösen. »Wenn ich von Ihnen gehe,« sagte Irma, und ein Glanz verbreitete sich über ihre Züge, »wenn ich in Ihrem Denken gelebt habe, da kommt mir alles, was ich thun soll und will, so klein und erbärmlich vor; es geht mir fast wie nach einer großen Musik, da möchte ich immer gern etwas Ungewöhnliches thun. Ich wollte, ich hätte eine künstlerische Begabung.« »Freuen Sie sich, selbst ein schönes Werk der Natur zu sein, und helfen Sie sich zum schönen Fortgedeihen; das ist das Beste!« Der Leibarzt wurde abgerufen. Irma saß noch lange auf einer Bank, dann ging sie in ihr Zimmer; sie spielte mit ihrem Papagei, sie betrachtete ihre Blumen; endlich begann sie die Blumen auf eine Marmorplatte zu malen; es sollte ein reiches Werk werden. Für wen? Sie wußte es nicht. Einmal fiel eine Thräne mitten in eine Rose, deren Farbe noch naß war, sie schaute auf und verließ die Arbeit, dann trocknete sie die Thräne auf; sie mußte die ganze Rose neu malen. Am Tage vor der Taufe diktierte Walpurga der Gräfin Irma den ersten Brief: »Morgen ist Sonntag und da will ich auch bei Euch sein. Im Gedanken bin ich es immer. Ich meine, es wären schon sieben Jahre, daß ich von daheim fort bin. Hier ist der Tag so lang und im Schloß sind mehr Menschen, als dreimal in unsre Kirche hineingehen. Hier sind sehr viele Knechte im Haus, die verheiratet sind und auch wieder Dienstboten haben, es sind lauter schöne große Menschen hier im Schloß in Dienst, die Mamsell Kramer sagt mir, die Herrschaften wollen nur schöne Menschen um sich sehen, und manche sehen gar ehrwürdig aus und reden so zimpfer wie ein Pfarrer, man heißt sie hier Lakaien, und wenn der König auf einen zugeht, da ducken die Menschen, wie zusammengeknickt, das ist ein Kunststück, sich so klein zu machen und zusammenlegen wie ein Taschenmesser. Ach, wie viel gute Bissen hab' ich! Wenn ich nur Euch davon schicken könnte. Ich freue mich nur, daß wir in vier Wochen auf das Landschloß fahren und dort bleiben bis in den Herbst hinein. Wie geht es nur meinem Kind, und Dir Hansei, und Dir, Mutter, und auch Dir, Stasi? In der Nacht, wenn ich schlafe, bin ich immer noch daheim. Ich kann aber nicht viel schlafen, mein Prinz ist ein wahrer Nachtwächter, und der Leibdoktor hat gesagt, ich dürft' ihn nicht so viel schreien lassen wie daheim die Burgei. Aber eine gute Stimme hat er, und morgen ist die Taufe. Der Bruder von der Königin und seine Frau stehen Gevatter und noch viel Prinzen und Prinzessinnen. Ich hab' auch schöne neue Kleider bekommen und zwei grüne Hüte mit goldenen Borten und zwei silberne Ketten für das Mieder und das darf ich alles mitnehmen, wenn ich heimkomme. Es dauert aber noch lang bis dahin. Wenn jede Woche so lang ist wie die vergangene, dann bin ich siebenhundert Jahre alt, wenn ich heimkomme. Lustig bin ich auch wieder. Anfangs ist es mir gewesen, wie wenn ich das Schreien von der Kuh in unserm Stall hörte. Die Euch das schreibt, ist die Gräfin Wildenort von drüben über dem Gamsbühel her, sie ist eine ganz gute Freundin von mir. Sie hat den Vater selig auch noch gekannt, und Du, Mutter, kennst ja auch ihre Familie. Und Hansei, ich muß Dir was sagen. Laß Dich nicht zu viel mit dem Gemswirt ein, das ist ein Schelm, der Dir das Geld aus dem Sack schwätzt. Und es gibt überall gute Menschen und auch schlechte, daheim und hier. Und der Leibarzt sagt mir, Ihr sollt unsrer Kuh kein Grünfutter geben, nichts als Heu, sonst bekommt die Milch dem Kind nicht gut. Ich lerne jetzt auch selbst schreiben, ich lerne überhaupt hier viel. Und saget mir auch, was die Leute sagen, daß ich so schnell fort bin und mich zu dem entschlossen habe. Es liegt mir aber nichts daran, was die Leute sagen. Ich weiß, daß ich rechtschaffen thue für mein Kind und für meinen Mann und für meine Mutter. Und, liebe Mutter, nehmt Euch eine Magd ins Haus, wir können sie ja jetzt bezahlen. Und Hansei! laß Dir vom Gemswirt Dein Geld nicht aus der Tasche schwatzen. Leg's auf sichere Hypothek an, bis wir einen Acker kaufen können, oder zwei. Und vergesset nicht: am Mittwoch ist der Todestag vom Vater und da lasset ihm eine Messe lesen. Wir haben hier die Kirche im Haus und ich höre jeden Morgen auf dem Gang die Orgel. Morgen ist ein großer Tag und ich verbleibe Eure getreue Walpurga Andermatten. Ich schicke hier ein Häubchen für mein Kind, das setzet ihm jeden Sonntag auf. Ich grüße Euch alle viele tausendmal und verbleibe Eure Walpurga.« Sechzehntes Kapitel. »O wie schön! wie wunderschön! Ist denn das alles mein? Bin ich denn das? Bist du's? die Walpurga von der Gstadelhütte am See? Was die sich einbildet!« Mit solchen und noch übermütigeren Ausrufungen stand Walpurga vor dem lebensgroßen Spiegel und war so entzückt, daß Mamsell Kramer sie halten mußte, damit sie nicht in den Spiegel hineinsprang und die Figur da drin umhalste. Die neuen Kleider vom Hofschneider waren gekommen. Man kann nicht sagen, was schöner ist, das Mieder, der Rock, das Goller, das Hemd mit den kurzen weiten Aermeln – aber nein! der grüne, schmalkrempige Hut mit Blumenbusch und Goldschnur, daran die beiden goldenen Troddeln, der ist doch noch das Schönste, er sitzt, wie aufgegossen, und man meint, man hat gar nichts auf dem Kopf, so leicht ist er! Jetzt noch ein bißchen besser links, so – beim Blitz! Du bist schön! die Leute haben recht! – Sie stemmte die Hände in die Seiten und drehte sich um und um und tanzte im Zimmer umher wie besessen, und dann stand sie wieder vor dem Spiegel, und starrte hinein, lautlos, wie verloren. – Ja, der Spiegel! Walpurga hatte in ihrem ganzen Leben noch nie ihre volle Gestalt gesehen von Kopf bis Fuß. Was sieht man in so einem Batzenspiegel daheim? Kaum das Gesicht und ein Stückchen vom Hals! Sie faßte sich um den Hals, den jetzt eine siebenreihige Granatschnur mit einer Agraffe vorn umschloß. Und wie gescheit ist die Mamsell Kramer! was kann die für Künste! Sie hatte noch einen auf Rollen laufenden großen Spiegel hinter sie gestellt, und jetzt kann Walpurga auch sehen, wie sie von rückwärts ausschaut, um und um! O was können die Menschen für Künste! Was weiß man da draußen von der Welt? Nichts, gar nichts, und von sich selber erst recht nichts! »Also so schaut die Walpurga aus? So kommt sie daher, wenn die Leute ihr nachsehen? So von der Seite und so von der andern? Ich muß sagen, du gefällst mir; bist gar nicht uneben! Also das ist die Frau von Hansei? Er kann zufrieden sein und er ist brav und gut und hat sie mit Treuen verdient.« So sprach Walpurga mit sich; ein wundersamer Wirbel hatte sie erfaßt; sie hatte zum erstenmal in ihrem Leben sich selbst ganz gesehen. Der erste fremde Mensch, der sie so sah, war der Lakai Baum. Baum ging immer in Schuhen ohne Absätze, und trat dabei mit dem ganzen Fuße auf, so daß man ihn nicht kommen hörte; er kam überall hin so bescheiden, als ob er nicht stören wollte, aber er verrät nie etwas, und er ist zu allem zu gebrauchen. »Ei, wie schön!« rief er und war ganz starr vor Bewunderung. »Er hat mich gar nicht schön zu finden! Er ist ein verheirateter Mann und ich bin eine verheiratete Frau!« sagte Walpurga; ihre eigene Stimme kam ihr fremd vor. »Der Herr Oberhofmarschall befehlen,« sagte Baum, als ob er früher nichts vorgebracht und nichts gehört hätte, in ordonnanzmäßigem Tone – »die Amme soll, wenn Seine königliche Hoheit der Kronprinz schlafen, sofort in die Schloßkapelle kommen; es wird jetzt Probe gehalten.« »Ich habe meine Kleider schon hier anprobiert,« erwiderte Walpurga. Der Lakai erklärte, daß es sich nicht um Kleideranprobieren handle, sondern, daß sämtliche Teilnehmer, mit Ausnahme der Allerhöchsten Herrschaften, die Ordnung des Zuges bei der großen Feier vorher probieren, damit morgen alles ohne Störung vor sich gehe. Walpurga ging mit Baum. Im großen Thronsaal waren die Herren und Damen vom Hofe versammelt, und es war ein wirres Durcheinandersprechen, das von der hohen Wölbung seltsam widertönte. Als Walpurga eintrat, hörte sie vielfach wispern. – Manche sagten auf französisch, manche aber auch gradaus deutsch, die Amme sei ein Prachtstück von einer Hochlandsbäuerin. Walpurga lächelte nach allen Seiten hin, ganz frei. Jetzt stellte sich der Oberhofmarschall, der einen Stock mit goldenem Knopfe in der Hand trug, auf die unterste Stufe des Thrones, der mit einem Hermelinmantel verdeckt war. Er stieß mit dem Stocke dreimal auf den Boden, dann hielt er den Stock unter dem Knaufe hoch. Die Anwesenden hatten bereits einen gedruckten Zettel in der Hand; auch Walpurga erhielt einen solchen. Der Oberhofmarschall verlas ihn noch einmal, und schärfte genaueste Innehaltung des Programms ein. Der Zug ging nun durch die Bildergalerie und den Ahnensaal in die Kapelle. Im Vorhofe derselben war es wie in einem Zaubergarten voll großer fremder Bäume und stark duftender Blumen; auch die Kapelle war mit Bäumen und Blumen verziert, und oben an der Decke flogen Engel in der Luft herum. Die Oberhofmeisterin, die heute noch strenger aussah als an jenem ersten Abend, war in voller Amtsthätigkeit; jetzt ist nicht Zeit zum Kranksein. Sie schärfte Walpurga, die neben ihr ging, nachdrücklich ein, den Prinzen ja recht behutsam zu tragen und wenn sie ihn am Altar in die Arme des Paten lege, ihre Arme nicht eher zurückzuziehen, als bis sie ganz sicher sei, daß der Pate den Prinzen festhalte. »Das versteht sich von selbst, so dumm bin ich doch nicht!« sagte Walpurga. »Ich verlange keine Antwort.« Die Oberhofmeisterin war bös auf Walpurga; sie wollte eigentlich bös auf die Königin sein, weil diese die arme Magd so verwöhnte, aber man kann der Walpurga doch eher entgelten lassen, was nicht recht ist, als dahinauf der Allerhöchsten. Alle Gruppen plauderten miteinander, als ob man auf einem Tanzboden wäre, ja man hörte oft sogar Helles Lachen. Der Oberhofmarschall stellte sich am Altar auf, rief die einzelnen an und fragte, ob alles richtig stehe. Mit Lachen wurde von da und dort ja geantwortet. Walpurga schaute jetzt zum erstenmal am hellen Tag zudem Marienbilde auf, das sie am Abend ihrer Ankunft beim Schein der ewigen Lampe gesehen hatte, und sie sagte fast laut zu dem Bilde hinauf: »Du mußt auch zusehen Probe halten.« – Jetzt verstand sie, was Mamsell Kramer gesagt hatte: es wird den hohen Herrschaften alles vorher gekocht und angerichtet und richtig gestellt. Darf man das aber auch mit einer heiligen Handlung? Es muß doch sein, sonst thäte man's nicht. Und der Hofkaplan ist ja auch dabei, freilich nicht im Kirchengewand; er spricht, wie wenn er auf der Straße wäre, mit dem Oberhofmarschall, und jetzt nimmt er eine Prise aus seiner goldenen Dose. Also das ist die Probe, dachte Walpurga immer vor sich hin, als die Oberhofmeisterin ihr gesagt hatte, sie könne gehen, sie wisse jetzt den Ort, wo sie sich aufzustellen habe. Sie befahl ihr noch, morgen weißbaumwollene Handschuhe anzuziehen; sie werde ihr mehrere Paare schicken lassen. Walpurga ging durch den Thronsaal zurück, und dann durch die Bildergalerie; sie schaute sich nicht um, sie ging weiter durch viele Gemächer, und plötzlich stand sie vor einem dunklen, großen Zimmer. Die Thür stand offen, aber man sah nicht, wohin das führt. Sie kehrte erschreckt um. Sie hatte sich verirrt. Ueberall war's so still, als ob sie aus der Welt draußen wäre. Sie sieht durchs Fenster, da ist eine Straße, die sie gar nicht kennt, sie weiß nicht, wo sie ist, sie eilt weiter, sieht aus der Ferne an den Wänden wunderbare Menschen und Tiere und Gegenden, und plötzlich schreit sie laut auf – der lebendige leibhaftige, pechschwarze Teufel kommt auf sie zu und fletscht die Zähne. »Lieber Gott! verzeih mir meine Sünden. Ich will gewiß nicht wieder stolz und eitel, ich will brav und gut sein!« schreit sie laut auf und streckt die Hände vor sich hin. »Was schreist du so? – Wer bist du?« ruft der Teufel. »Ich bin die Walpurga vom See, und hab' daheim ein Kind und einen Mann und eine Mutter, sie haben mich geholt, ich soll die Amme vom Kronprinzen sein, ich hab's aber nicht gewollt –« »So? Du bist die Amme? Du gefällst mir.« »Ich will dir aber nicht gefallen. Ich will niemand gefallen. Ich hab' meinen Mann, und will weiter von niemand was.« Der Schwarze lachte laut auf. »Was thust du da in den Gemächern meines Herrn?« »Wer ist dein Herr? Ich will nichts von deinem Herrn! Ich und alle guten Geister loben Gott den Herrn! Sag an, was ist dein Begehr?« »Du dumme Einfalt! Mein Herr ist ja der Bruder von der Königin, und ich bin gestern abend mit ihm hierhergekommen; ich bin sein Kammerdiener.« Walpurga konnte noch immer nicht fassen, wie das zugeht. Jetzt kam glücklicherweise der Herzog in Begleitung des Königs aus dem Gemache. Der Herzog fragte den Mohren in englischer Sprache, was hier vorgegangen sei, und der Mohr erzählte ebenfalls englisch, wie ihn die Bauersfrau für den leibhaftigen Teufel gehalten habe; der Herzog und König lachten laut. »Wie kommst du hierher?« fragte der König. »Ich hab' mich von der Kapelle aus verirrt?« erwiderte Walpurga. »Mein Kind wird schreien – ich bitte, führt mich gleich zu ihm.« Der König winkte einem herzutretenden Lakaien, sie nach ihren Gemächern zu führen, und als sie davonging, hörte sie, wie der Oheim, der doch der Hauptgevatter ist, sagte: »Das ist eine kräftige Milchkuh aus dem Hochland.« Als sie wieder in ihrem Zimmer war und sich im großen Spiegel sah, sagte sie zu ihrem Ebenbilde: »Du bist nichts als eine Kuh, die schwätzen kann und der man Kleider anzieht. So. Geschieht dir recht! Jetzt hast dein Sach'!« Siebzehntes Kapitel. Die Nacht war schlimm. Der Kronprinz spürte den Schreck, den der Mohr des Oheims seiner Nährmutter eingejagt hatte. Der Hofarzt ging immer ab und zu und wachte im Nebenzimmer. Er gab Mamsell Kramer den Befehl, daß künftig ohne seine Genehmigung die Amme nicht aus dem Zimmer gehen dürfe. Walpurga war diese Gefangenschaft recht, sie wollte von der ganzen Welt nichts mehr wissen; ihre Pflicht gegen das Kind, die Liebe zu ihm erfüllte ihre Seele, und als sie auf dem Sofa lag, gelobte sie zu Gott, an nichts andres mehr zu denken. Sie schaute hinüber nach den neuen Kleidern, die auf dem großen Tisch noch ausgebreitet lagen, und schüttelte den Kopf; der ganze Plunder war ihr jetzt gleichgültig, fast verhaßt, denn er hatte zu Bösem verleitet; aber die Strafe war schnell gekommen. Walpurga hatte nur kurzen und oft unterbrochenen Schlaf, und wenn sie die Augen schloß, sah sie sich immer von hinten ganz deutlich, und der Mohr verfolgte sie. Erst gegen Morgen fand sie und das Kind mehrstündigen ruhigen Schlaf. Die große Feierlichkeit konnte zur festgesetzten Zeit vollzogen werden. Als Baum die schönen Kissen und die brokatne, mit zwei wilden Tieren gestickte Decke brachte, sagte er im Vorbeigehen leise zu Walpurga: »Halt dich tapfer, daß du nicht mehr krank wirst. Sowie du wieder krank wirst, lohnt man dich zur Stunde ab und schickt dich fort. Ich meine es gut mit dir, darum sag' ich dir das.« Er sprach ruhig und leise, er verzog keine Miene dabei, denn Mamsell Kramer sollte nichts merken. Walpurga schaute ihm betroffen nach, und Baum sah auch heute in dem grauleinenen Interimsgewand gar sonderbar aus. »Also fortgeschickt wirst du, wenn du krank wirst?« dachte Walpurga still. »Eine Kuh bin ich! Da haben sie recht. Eine Kuh gibt man aus dem Stall, wenn sie gelt ist.« »Ich und du und Müllers Kuh« – sagte sie zu dem Prinzen, als sie ihn wieder an die Brust legte, und lachte und scherzte und sang: »Güggerü-güh Z' Morgens um drü, Z' Morgens um viere Schlafen alle Tiere. Eins im Kloster, eins im Schloß, Wo man saure Rüben kocht, Wo man süße Mandeln ißt Und die kleinen Kinder nicht vergißt.« Noch viel wollte Walpurga singen und sagen, aber heute war viel Laufen ab und zu in den Prinzengemächern; selbst die Oberhofmeisterin kam und sagte zu Walpurga: »Nicht wahr, Ihr habt allerlei geheime Mittel, die Ihr zum Segen für das Kind unter das Kissen legt?« »Ja, da wär' ein Mistelzweig gut, und auch ein Nagel, den ein Roß aus dem Hufeisen verloren hat, daheim hätt' ich schon, aber hier hab' ich nichts so!« Mit großem Stolze gab Walpurga Kunde von den geheimen Zaubermitteln, die sie wisse; sie erschrak aber, als sie statt lächelnder Mienen das Antlitz der Oberhofmeisterin sah, das noch einmal so lang und streng wurde. »Mamsell Kramer,« sagte sie, »ich mache Sie verantwortlich, daß die Bäuerin nichts von ihrem abergläubischen Unsinn mit dem Kinde treibt.« Walpurga erhielt gar keinen Befehl und sie, die sich eingeredet hatte, die erste Person im Schlosse zu sein, empfand zum erstenmal, wie das ist, so über sich wegsprechen zu lassen, als ob man nichts als leere Luft wäre. »Ich ärgere mich aber doch nicht, ich thue dir den Gefallen nicht, daß ich krank werde und du mich wegschicken kannst,« sagte Walpurga hinter der weggehenden Oberhofmeisterin drein und lachte sie aus. Nun aber kam eine wirklich schöne Stunde. Es kamen zwei Mädchen, die den Prinzen kleideten, auch Walpurga ließ sich von ihnen ankleiden; sie gefiel sich darin, sich so bedienen zu lassen. Die Glocken läuteten in der ganzen Stadt und die Glocken auf dem Schloßturm sprachen alle mit, und der Ton durchzitterte das weitläufige Gebäude. Jetzt kam auch Baum. Er sah prächtig aus. Die reichgestickte Gala-Uniform mit den silbernen Fangschnüren, die rote goldgestickte Weste, die silberplüschenen kurzen Hosen, die weißen Strümpfe und Schnallenschuhe, alles war wie aus einem Zauberschranke, und Baum wußte, wie stattlich er aussah. Er schmunzelte, als Walpurga ihn groß anstarrte; er wußte, was dieser Blick bedeutet. Aber er kann warten. »Man muß nicht vorschnell ernten wollen!« hat der Oberkämmerer der Baronin Steigeneck oft gesagt, und der versteht's. Baum meldete einen Kammerherrn und zwei Pagen. Sie traten bald ein. Man hörte im Nebensaale schwere Schritte und Kommandoworte, ein Diener öffnete die Thüre, ein Kommando des Kürassierregimentes, bei dem der Prinz eintritt, sobald er einen Namen hat, kam ebenfalls ins Gemach. Pünktlich setzte sich der Zug mit dem Prinzen in Bewegung. Der Kammerherr ging voran, die Pagen hinter Mamsell Kramer und Walpurga. Es war gut, daß Baum neben ihr ging, denn sie war in einer Verschüchterung, daß sie, wie Hilfe suchend, um sich schaute. Baum verstand das und sagte leise: »Halt' dich tapfer, Walpurga!« Sie nickte dankend, sie konnte kein Wort reden. Durch eine Hecke von Kürassieren, die die Säbel gezückt hatten und in den glänzenden Panzern wie leblos dastanden, trug Walpurga das Kind und plötzlich ging ihr durch den Sinn, wo sie am vergangenen Sonntag um diese Stunde gewesen; der sonnenbeschienene See glänzte vor ihr auf. Wenn nur Hansei das auch sehen könnte! Und Franz, der Sohn des Schneiders Schneck ist auch bei den Kürassieren, vielleicht ist er unter den Leblosen; sie leben doch alle, ihre Augen leuchten. Sie blickte auf, sie erkannte den Sohn des Schneiders Schneck nicht, und doch stand er mit in dem Spalier. Der Zug des Prinzen mit dem Geleite ging nach der sogenannten großen Mittelgalerie. Dort versammelte sich der Kern des großen Zuges. Walpurga erhielt den Befehl, sich mit dem Prinzen auf der untersten Stufe des Thrones niederzusetzen. Da saß sie nun und schaute um und um in ein Wogen von Glanz und Pracht, von schöngestickten Kleidern, von Blumen auf den Köpfen der Frauen, von Edelsteinen, die flimmerten wie Tautropfen auf einer Wiese am Morgen. »Guten Morgen, Walpurga! Bleib nur sitzen!« redete sie eine holde Stimme an. Es war Gräfin Irma, die sich ihr genähert hatte. Aber kaum hatte sie einige Worte gesprochen, als der Stab des Oberhofmarschalls dreimal auf den Boden klopfte und der diamanten besetzte Goldknopf blitzte. Aus dem Seitengemach schritten Hellebardiere mit bunten Federbüschen auf dem Kopfe. Jetzt kam der König. Er trug den Helm in der linken Hand an die Seite gestemmt, sein Antlitz strahlte in freudigem Ernste. Neben ihm ging die Herzogin, eine diamantene Krone auf dem Haupte und angethan mit einem langen seidenen Schleppkleide, das zwei Pagen trugen; hinterdrein großes, glänzendes Gefolge. Schnell war Irma zu ihrer Gruppe geeilt. Die Glocken dröhnten; der Zug setzte sich in Bewegung. Am Eingange der Schloßkapelle nahm die Herzogin der Amme das Kind ab und trug es bis zum Altar, wo die Priester in Prachtgewändern harrten und unzählige Kerzen brannten. Walpurga ging wie beraubt hinterdrein – es war ihr, wie wenn man ihr nicht nur alle Kleider vom Leib, sondern den Leib von der Seele weggerissen. Das Kind mochte auch fühlen, was ihm geschehen, denn es schrie laut, aber sein Schreien wurde übertönt, denn von der Empore herab brauste die Orgel und schallte Gesang, und wie aus dem Boden herauf donnerte es dumpf krachend. Es hatte nicht des Befehls zum Niederknien am Altar bedurft; Walpurga that es von selbst. Das ist ein Singen und Donnern und Dröhnen. Die Welt geht unter! Alles vorbei! Die gemalten Engel an der Decke singen, die Säulen singen – jetzt ist die Ewigkeit da! Plötzlich trat wieder Stille ein. Das Kind erhielt seinen Namen, nicht einen, es waren deren acht; ein ganzes Stück Kalender wurde ausgeleert für das Kind. Von nun an aber wußte Walpurga nichts mehr. Erst als sie wieder mit Mamsell Kramer auf dem Zimmer war, fragte sie: »Ja, wie heiß' ich denn jetzt meinen Prinzen?« »Das wissen wir alle noch nicht. Er behält drei Namen bis zu seiner Thronbesteigung, dann wählt er sich einen davon aus, und auf diesen Namen regiert er und danach schlägt man die Münzen.« »Du,« sagte Walpurga zu dem Kinde, »du, ich will dir was sagen, merk dir's: den ersten Dukaten, den du mit deinem Namen und Bild prägen läßt, den schickst du mir! – Sehen Sie, wie er mir die Hand drauf gibt?« rief sie aufjauchzend, da das Kind nach ihrer Hand faßte. »O du Sonntagskind! Die Oberhofmeisterin soll's nur Aberglauben schelten; aber da zeigt sich's. Ich bin eine Kuh und du bist ein Sonntagskind, und die Sonntagskinder verstehen die Sprache der Tiere, aber alle Jahr nur einmal, um Mitternacht am heiligen Abend; aber du bist ja ein Prinz, du kannst gewiß noch mehr.« Walpurga wurde ins Gemach der Königin gerufen. Hier war's wieder so schön und still wie in einer funkelnden Zauberhöhle; von dem Gelärm droben in der Welt merkt man hier gar nichts. Die Königin sagte: »Dort auf dem Tische die Rolle – es sind hundert Goldstücke darin – das ist dein Taufgeschenk von meinem Bruder und den andern Paten. Macht dich das glücklich?« »O, Frau Königin! Wenn auf jedem Goldstück der Mund von dem Mann, der da abgemalt ist, sprechen könnte, alle hundert könnten nicht sagen, wie glücklich ich bin. Das ist zu viel, dafür kann man ja unser halbes Dorf kaufen! dafür kann man ...« »Sei nur immer ruhig! halte dich still! Komm her, hier hast du von mir noch was Besonderes! Dieser kleine Ring soll dich immer an mich erinnern und deine Hand soll dadurch meine Hand sein, die dem Kinde Gutes thut.« »O, Frau Königin! Sie sind doch glücklich, daß Sie gleich, wenn es Ihnen so selig zu Herzen ist, alles sagen, und so Großes und Gutes thun können. Gott muß Sie doch recht lieb haben, daß er durch Ihre Hand so viel Gutes thun läßt. Ich sag' Ihnen Dank, und ich sag' tausendmal Dank dem, der's Ihnen gegeben hat.« »Walpurga, das thut mir wohler als alles, was der Erzbischof und alle mir gesagt haben. Ich werde es dir gedenken!« »Ich weiß nicht, was ich gesagt hab' – aber es kommt alles von dir! Wenn man so bei dir ist, da wird einem, weiß nicht wie! Mir ist's, als ob ich im Allerheiligsten von der Kirche drin stünde. O, was für ein himmlischer Mensch bist du, ein echter guter Herzmensch! Ich will's deinem Kinde sagen, wenn's auch noch nicht versteht, es wird's schon spüren, und es kriegt lauter gute Gedanken zu dir von mir! Ich bitt' dich im voraus, verzeih mir, wenn ich je dich mit einem Gedanken beleidige, und wenn ich was verunschicke ...« Sie konnte nicht weiter reden. – Die Königin winkte ihr, still zu sein, und reichte ihr die Hand; die beiden sprachen kein Wort mehr. Es zogen in Wahrheit Engel durch die stille Stube. Walpurga ging wieder fort. Sie sah allen den Hofherren frei ins Gesicht, und doch war sie nicht keck; die andern Menschen waren nur nicht da für sie. Als sie wieder bei dem Kinde war, sagte sie: »Ja, trinke du nur meine Seele aus! Es soll alles dein sein! Wenn du nicht ein Mensch wirst, an dem Gott und die Welt Freude haben, so bist du nicht wert, so eine Mutter zu haben!« Mamsell Kramer sah Walpurga verwundert an. Aber diese hatte keine Lust, zu erklären, was mit ihr vorging; sie saß still, als höre sie noch die Orgel in der Kapelle und von der Decke die Engel singen; und doch war's lautlos in der Stube. »Du bist's nicht, was mich so glücklich macht,« sagte sie endlich, als sie das Geld wieder ansah. »So muß es sein, wenn man in den Himmel kommt, und unser Herrgott sagt: Ist recht, daß du da bist! – Ach, wenn ich nur fliegen könnte, in den Himmel hinein. Ich weiß gar nicht, was ich mit mir anfangen soll.« Sie riß sich alle Kleider auf; es war ihr zu eng in der Welt. »Gottlob, daß der Tag vorbei ist!« sagte Walpurga, als sie sich am Abend zur Ruhe legte. »Es ist ein schwerer Tag gewesen, aber schön, so schön kommt keiner mehr!« Achtzehntes Kapitel. (Irma an ihre Freundin Emmy.) ... Wie ich mir in der großen Welt gefalle? Die große Welt, liebe Emmy, ist nur eine kleine. Ich verstehe aber, warum man es große Welt nennt. Es ist ein Himmelreich für sich. Da gehen täglich zwei Sonnen auf, die Majestäten: ein huldvoller Blick, ein verbindliches Wort des einen oder des andern macht hellen Tag, ein Ignorieren trübes Wetter. Die Königin lebt in einer exklusiven Empfindungswelt und möchte gern jeden emporziehen in ihre gehobene Stimmung, es ist etwas nachgeborner Jean Paul in ihr, lianenhaft, Morgenrot und Abendrot der Gefühle, nie weißes Tageslicht; sie ist äußerst huldsam gegen mich, aber wir fühlen's doch einander an: es ist etwas in ihr und mir, was keine Konsonanz hat. Ich weiß nicht, warum ich jetzt so oft an einen Spruch meines Vaters denke: Wenn du mit einem Menschen gut bist, freundlich, ja sogar herzlich – denke dir aus, wie er sein würde, wenn ihr euch entzweit oder gar verfeindet. Diese Vorstellung verfolgt mich wie ein Gespenst, ich weiß nicht warum. Es ist gewiß ein Dämon, der mich verfolgt. Sie halten mich hier alle für unendlich naiv, weil ich den Mut habe, selbst zu denken. Ich bin nur nicht mit Brille und Schnürleib der Tradition geboren. Die Menschen kleiden sich auch innerlich, wie es die Mode heischt. Am besten gefällt mir die Oberhofmeisterin, sie ist das wandelnde Gesetz mit sehr behutsam aufgelegtem poudre de riz . Die Damen hier spotten darüber. Ich finde diejenigen eher bemitleidenswert, die Schönheitsmittel anwenden müssen. Ach, Emmy, Du glaubst gar nicht, wie viele Menschen entsetzlich langweilig sind und sich langweilen, wenn sie nicht medisieren können. Nur wenig Menschen verstehen gesund lustig zu sein. Doch, ich wollte Dir von der Gräfin Brinkenstein erzählen. Schade, daß ich Dir die Verlesung, die sie mir über Etikette gehalten, nicht wörtlich mitteilen kann. Es war viel Schönes darin. Sie sagt: über Etikette dürfe man ebensowenig denken wie über Religion; mit Räsonnieren beginne da und dort Ketzerei und Abfall; man müsse glücklich sein, Gesetze zu haben, statt sie erst zu machen. Die Brinkenstein gibt auch Lehren à propos , wie weiland der Pflastertreter Sokrates. Im Park auf dem Sommerschlosse hat man auf einem Felsenvorsprung eine schöne Aussicht; rings um den Felsen ist ein eisernes Gitter. »Sehen Sie, liebe Gräfin,« sagte die Oberpriesterin der Etikette zu mir – sie scheint mich in Affektion genommen zu haben – »weil wir wissen, daß dort ein Gitter ist, können wir hier ruhig sitzen; sonst hielten wir's vor Schwindel nicht aus. Das sind die strengen Hofgesetze. Thun sie das Gitter weg, und Sie haben jeden Tag einen Sturz zu beklagen.« Der König unterhält sich gern mit der Brinkenstein, er liebt das Gemessene, aber auch das heiter Freie. Die Königin ist zu seriös, ewiger Orgelton; aber nach der Orgel kann man nicht tanzen, und wir sind jung und tanzen gern und oft. Die Brinkenstein muß mich dem König besonders gerühmt haben, er spricht oft mit mir, und in einer Art, die deutlich sagt: es ist unzweifelhaft, daß wir einander vollkommen verstehen. Den 1. Juni, nachts. Schade, liebe Emmy, daß mein Geschreibe da oben kein Datum hat. Ich weiß nun nicht mehr, wann ich das geschrieben. Lang ist es her! heißt es in dem schönen schottischen Liede. Du hast recht, wenn Du mir vorwirfst, ich schreibe meine Briefe nur für mich, nicht für den Adressaten; immer nur, wenn mir's Bedürfnis ist, nicht wenn Du Nachricht wünschest. Aber Du hast unrecht, wenn Du darin Egoismus findest. Das ist es nicht. Ich bin kein Egoist. Das Gegenwärtige faßt mich so ganz. Ach! warum bist Du nicht da? Täglich, nächtlich, stündlich ... Ich will mich aber im Briefschreiben bessern. Ich zweifle, daß ich's kann, aber ich will ... Der König zeichnet mich besonders aus und die Gunst des ganzen Hofes fliegt mir zu. Wenn nur der Dämon nicht wäre, der mir immer zuflüstert ... Ich schicke Dir hier meine Photographie. Wir tragen jetzt Vogelflügel auf den Hüten. Der König hat diesen Adler selbst geschossen und mir das Stück des Flügels gegeben. O, diese wunderbaren Tage und Nächte! Wenn man nur nicht schlafen müßte! Ich musiziere viel, ich singe jetzt nur noch Schumann, seine Musik wirft einen Zauberschleier über die Seele, einen brennenden und doch so wohlthuenden, und man mag sich herauswinden wie man will, man kommt nicht heraus. Ich hülle mich wonnig hinein! »Der Himmel hat die Erde geküßt!« sang ich eben noch spät in der Nacht, ich konnte gar nicht aufhören – Du kennst meine Art, ich wiederhole dasselbe Lied gern fort und fort. Nur kein Potpourri der Empfindung! Ich lege mich endlich ins Fenster, da – was huscht vorbei? – Ich darf's nicht sagen, will's nicht wissen, wer es war ... In der Lampe auf meinem Tisch summt es, ein Nachtfalter hat sich darin verbrannt ... Der Nachtfalter wollte nicht sterben, er hielt das Licht wohl nur für einen glühenden Blumenkelch und versank darin. Schöner Tod, in der Sommernacht, unter Gesang, im Licht des Feuerkelchs. – Gute Nacht! Den 3. Juni. Wo ich geh' und steh', bin ich immer erregt, ich weiß nicht warum: oder doch; ich denke immer daran, daß in meiner Schreibmappe diese Zeilen an Dich liegen, meine liebe Emmy. Wenn jemand am Hofe wüßte, was da steht! Ich habe diese Blätter schon verbrennen wollen. Ich bitte Dich, thue Du's! Nicht wahr, Du thust's? Oder verbirg sie an einem sicheren Ort. Ich kann nicht anders – ich muß Dir alles mitteilen. Die Königin ist gar huldreich gegen mich. Eben in ihrer jetzigen Lage hat sie etwas besonders Rührendes, ich möchte sagen Heiliges. »Der Mensch ist der Tempel Gottes, und zumal eine junge Mutter, eine junge königliche Mutter!« sagte gestern der Erzbischof, der uns hier besuchte. Wie erhaben ist das! Ich sehe nun die Königin ganz anders an. Als sie mir gestern sagte: »Der König spricht mit größter Liebe von Ihnen, Gräfin Irma, das freut mich!« – gepriesen sei die Etikette, daß ich mich niederbeugen und die Hand der Königin küssen durfte. Ihre Hand ist jetzt so voll und rund, ... Den 5. Juni. Die heitersten Stunden sind doch die beim Frühstück. Ich weiß nicht, wie es die andern fertig bringen, etwas Alltägliches zu thun nach diesen olympischen Stunden. Ich fliege dann in den schrankenlosen Aether der Musik. Der König ist sehr gütig zu mir. Er ist eine edle, tiefe Natur. Als ich gestern mit ihm durch den Park ging und wir so prächtig gleichen Schritt hielten, sagte er: »Sie sind mir wie der gute Kamerad – wir gehen im gleichen Schritt und Tritt. So ging noch nie eine Frau mit mir. Mit der Königin muß ich meiner gewöhnlichen Gangart immer Zwang anthun.« »Das ist wohl nur jetzt?« »Nein, immer. Erlauben Sie, daß ich, wenn wir allein sind, Sie meinen guten Kameraden nenne?« Wir standen still, wie zwei Kinder, die sich im Walde verirrt haben, und plötzlich nicht mehr wissen, wo sie sind. »Wir wollen umkehren!« konnte ich nur noch sagen. Wir kehrten nach dem Schlosse zurück. Ich bewundere den König, wie er sofort mit dem Minister in die ernstesten Besprechungen eintreten konnte. Das vermag doch nur eine große Erziehung und ein eingeborener bedeutender Geist. Noch eins. Ich will es einstweilen bei Dir niederlegen. Ich hätte dem König gern gesagt, daß die Königin, wie ich glaube, einen Schritt thun will, der schwere Folgen haben kann für ihn, für sie und wer weiß für wen sonst noch. Aber ich hatte nicht den Mut, jetzt von der Königin zu sprechen, und der Leibarzt hat mir auch allen Mut genommen, in dieser Sache etwas zu thun. Ich weiß, ich spreche Dir in Rätseln – ich werde Dir später erklären, was ich meine, erinnere mich daran – es muß sich in wenigen Wochen entscheiden. Die Königin hat mir über diese Sache nichts vertraut, ich dürfte frei reden, ich habe alles nur kombiniert. – Doch genug, ich will Dich nicht mit Rätseln plagen. Mein liebster Freund ist aber doch der Leibarzt, eine große Natur, und noch größer durch Kultur. Er ist zu jedem Moment auf der Höhe seiner selbst. Ich habe ihn noch nie zerfahren, verloren oder unsicher gesehen. Das altväterische Wort »weise« ist auf ihn anwendbar. Er liebt das Geistreiche nicht, denn er ist weise. Und dabei hat er eine sehr zutreffende, deckende Ausdrucksart und schöne Hände, die eigentliche Priesterhand, wie zum Segnen gebildet; er ist immer ebenmäßig, nie extrem; und was das Schönste ist, er gebraucht nie einen Superlativ. Ich sagte ihm das einmal; er stimmte mir bei und fügte hinzu: »Ich möchte der Welt für die nächsten fünfzig Jahre jeden Superlativ verbieten; das würde die Menschen zwingen, einfacher und bestimmter zu denken und zu empfinden.« – Findest Du nicht auch, liebe Emmy, daß das vollkommen wahr ist? Wir wollen einen Antisuperlativverein gründen. Ich bewundere den Mann, ich werde ihm aber nie ganz nachfolgen können. Durch ihn aber hab' ich glauben gelernt, daß es in der Welt hohe Weise gegeben hat. Er war, als er noch Militärarzt, der Freund meines Vaters, war dann Professor in der Schweiz, und ist jetzt seit achtzehn Jahren hier Leibarzt. Der Mann würde Dir gefallen; ihn zu kennen ist Lebensbereicherung. Wenn ich Dir aufzeichnen wollte, was er spricht, so wäre das nur halb; es gehört seine ganze Persönlichkeit dazu. Er hat den überzeugungsvollen Wahrheitston, eine klangvolle Bruststimme, man sagt, er habe ehedem auch schön gesungen; er ist ein ganzer Mann und liebt mich wie seine Nichte, ich werde Dir noch viel und oft von ihm zu erzählen haben. Am meisten freut mich noch, daß er auch eine gute Dosis Humor hat, der gibt ihm Salz genug, um nicht zu den Süßwassermenschen zu gehören. Der Oberst Bronnen ist der beste, vielleicht der einzige innige Freund des Leibarztes, und dieser sagte mir vor kurzem, der Oberst habe in seinem ganzen Wesen viel Aehnlichkeit mit der Jugenderscheinung meines Vaters. Den 15. Juni. Ach, wie häßlich ist es doch, wie widerwärtig, wie der Mensch geboren wird und wie er stirbt! Sterben, in den Boden hineingelegt werden; die Augen, die geglänzt, geleuchtet, der Mund, der gelächelt – verwest! Des Menschen Tod ist eine Barbarei. Warum wissen wir vom Tod? Wir müssen unsterblich sein, sonst wär's eine Grausamkeit, uns Menschen allein wissen zu lassen, daß wir sterben müssen. Der Nachtfalter hat nicht gewußt, daß er sterben muß: er hielt das brennende Licht für eine farbenglänzende Blume und starb den Blumenfeuertod. Wir sind seit gestern abend in schwerer Sorge um die Königin, um ein doppeltes Leben. Ach, sie war so gut, so engelrein. – Nein, sie ist, sie wird es bleiben, sie wird leben. Ich habe aus ganzem Herzen gebetet. Ich will von allen Zweifeln nichts mehr, das Gebet muß helfen. Als ich heute dem König begegnete, sah er mich kaum an. Das hilft mir. In mir wollte etwas knospen, ich reiße es ab, ich reiße es aus mit der Wurzel! es darf nicht sein! Ich will sein Kamerad sein, sein guter, sein bester. Mein Klavier, die Musikalien, die Bilder, die Statuetten, mein Vogel – wie sieht mich das alles jetzt so fremd an! Ein Mensch, ein doppelter Mensch ist in Lebensgefahr. Was ist da der ganze Plunder der Welt? Mit allem zusammen können wir keinen Menschen retten! Ist die Erbsünde eine Wahrheit, daß der Mensch darum mit Todesschmerzen das Licht erblickt? Ich möchte ein Buch lesen. Es gibt keines in solcher Not. Es gibt kein Denken. Nichts, gar nichts! Alle Weisheit aller Bücher ist nichts .... Den 16. Juni. Halleluja! Ich komme aus der Kirche! Könnte ich Dir nur diese Worte zusingen. Ich habe das Halleluja gesungen, als müßte ich meine ganze Seele zu Gott hinaufsingen. Halleluja! Alles ist gut! Ein Kronprinz geboren. Die Königin ist gesund, der König glücklich, die ganze Welt schön und ein blauer Himmel; an dem auch kein Wölkchen, steht über uns. Gottlob, daß ich so schnell aus der Verwirrung gekommen! Vielleicht redete ich mir sie nur ein. Es war nichts da, gar nichts. Ich verstehe die Huldbezeigungen des Hofes noch nicht, ich bin ein albernes Klosterpflänzchen. Nicht wahr? Ich sehe Dich lachen, ich sehe die Grübchen in Deinen Wangen. Ich küsse Dich! Ach, alles ist gut und fromm und heilig und glücklich und – Wenn ich nur komponieren könnte! Jetzt könnte ich eine große Musik machen. In meiner Seele ist ein stummer Beethoven. Den 18. Juni. Eine Bäuerin aus dem Gebirge ist Amme des Kronprinzen. Ich war auf Wunsch des Königs bei ihr. Ich stand an der Wiege des Prinzen. Da kam der König. Er sagte leise zu mir: »Es ist Wahrheit, an der Wiege des Kindes steht ein Engel!« Er legte seine Hand auf die meinige, die auf dem Geländer der Wiege ruhte. Der König ging. Und denke Dir, was jetzt geschah. Die Bäuerin, eine frische, muntere Gestalt mit klugen blauen Augen, derb und massiv, eine vollkommene Landschönheit, der ich mich freundlich bezeigte, um sie zu erheitern und kein Heimweh in ihr aufkommen zu lassen, die Bäuerin sagt mir mit dürren Worten ins Gesicht hinein: Du bist eine Ehebrecherin! Du hast mit dem König Liebesblicke gewechselt .... Emmy! Wie recht hattest Du, da Du mir immer sagtest: Du idealisierst Dir das Volk, es ist mindestens ebenso lasterhaft und verdorben wie die große Welt, und hat dabei weder Zügel noch Zaum der Bildung. Doch – was geht mich die Bäuerin an? Gewisse Figuren sind nur Requisitenstücke. Nein! sie ist eine brave verständige Frau. – Sie hat mich um Verzeihung gebeten wegen ihrer Keckheit. Ich bleibe ihr gut. Ja, das bleibe ich. Den 25. Juni. Der König bezeigt mir die größte Güte. Noch gestern sagte er mir im Vorbeigehen: »Wenn Sie einmal ein Geheimnis haben, Gräfin Irma, so machen Sie mich zum Vertrauten!« Er fühlt recht wohl, daß ich an meinem Bruder keinen heimischen Halt habe, und von meinem Vater so entfernt lebe. Der Oberst Bronnen, vom Regiment Königin, ist äußerst aufmerksam gegen mich. Er ist sonst ein Mann von großer Zurückhaltung. Ach, ich beneide alle Menschen um ihre Reserve. Ich besitze gar nichts davon, und da schmeichelt man sich, diese ewige Rückhaltlosigkeit sei biedere Ehrlichkeit und sie ist doch nichts als Schwäche. Bronnen sagt, er empfange bisweilen Briefe von Dir. Ist es möglich, daß ein Gedanke von Dir ins Schloß kommt, der nicht mein ist? Ich freue mich, daß wir in vierzehn Tagen wieder das Sommerschloß beziehen. Die Städte sollten im Sommer alle verschwinden. Man sollte die Häuser hinausstellen können in Wälder, auf Berge und in Thäler; im Winter könnten sie wieder zusammenkommen. Gestern abend, als wir auf der Veranda saßen, gab es viel Spaß, als mein Bruder Bruno uns ausmalte, wie es wäre, wenn durch einen Zauber die vier Füße an allen Bettstellen in der Stadt lebendig würden und kämen daher getrampelt mit ihrem Inhalte und schritten durch die Promenaden. Es war gar possierlich. Freilich war auch manches dabei, was sich nicht schickte: aber Bruno hat bei all seiner Ungezogenheit viel Grazie, er wußte das äußerst behutsam und pikant darzustellen. Ich bin dadurch auf den Gedanken von der Wanderung der Häuser gekommen und habe auch das ausgemalt. Es war ein heiterer Abend, voll Lachen und Scherz. Mir klingt es noch im Ohr, da ich Dir's jetzt schreibe. Der König hat einen neuen Spazierstock – er hat eine schöne Sammlung von derlei – und dieser Spazierstock macht mir den Hof. Gleich und gleich gesellt sich gern und ich soll ja geistreich sein, und dieser Spazierstock ist geistreich par excellence . Er heißt Geheimer Legationsrat Baron Schnabelsdorf. Denke Dir einen behäbigen bartlosen Junggesellen, stets tadellos frisiert, die Haare auf seinem Haupte sind gezählt und mit Virtuosität zu einer vollen Frisur wie ein Hahnenbusch aufgesträußelt. Er gilt als staatsmännische Autorität. Er kommt eben aus Rom, war früher der Gesandtschaft in Paris, Madrid und ich glaube auch in Stockholm attachiert; erzählt bequem und gern. Er muß einen dienenden Hausgeist haben, der für ihn studiert, denn er weiß alles: welchen Schnitt die Aermel der Königin Elisabeth hatten, welche neuen Entdeckungen man in der Milchstraße, und welche Ausgrabungen man in Ninive gemacht; alles, alles. Die Herren und Damen machten sich mehrmals den Spaß, einen oder mehrere Artikel im Konversationslexikon nachzulesen und das Gespräch darauf zu lenken; aber der allwissende Baron wußte Datum und Umstände noch genauer. Und immer hat er eine Bonbonniere voll pikanter Anekdoten. Er ist fast beständig um den König; man sagt, er sei zu einer hohen Stellung auserlesen. Was meinst Du nun? Soll ich den Mann heiraten? Mein Bruder wünscht es. Er behauptet, Schnabelsdorf habe ihn nicht mit einem Antrag zu mir geschickt, aber ich glaube es doch. – Ich müßte hellauf lachen, wenn ich mit dem gelehrten Spazierstock vor dem Altar stünde. Aber es schmeichelt mir doch, daß ein so grundgelehrter Mann mich zu seinem Ehegespons erkiesen will. Ich muß doch auch überaus gelehrt und geistreich sein. Habe Respekt vor mir. Tausend Grüße und Küsse von Deiner ewig verzogenen Irma. Nachschrift. Zur Taufe war der Bruder der Königin, der Erbprinz *** mit seiner Gemahlin da. Sie spricht fast gar nicht, aber sie ist schön. Es heißt allgemein, der Erbprinz werde sich von ihr scheiden lassen, da sie kein Kind hat. Wie gräßlich muß es der Armen zu Mute sein, wenn sie den Erbprinzen liebt, und es scheint in der That. Die Erbprinzessin muß mir meine Neigung für sie angesehen haben. Sie behandelt mich mit ausnehmender Gnade, und ich bin diejenige, mit der sie die meisten Worte gesprochen. Sie will, ich soll auch mit ihr ausreiten. Das Fest war groß und prächtig. Zur Kirche trug ich ein weißes Moirékleid, den Schleier an der Coiffure befestigt; zur Galatafel – der Kammerherr Baron Schöning führte mich zur Tafel, ich gelte hier für eine dichterische Natur, und der Kammerherr, der mir auch seine Gedichte bereits schenkte (Du kennst sie, er hat seine sublimen Gefühle in den Dialekt des Hochlands maskiert), hält sich gern zu mir, er sprach schrecklich albernes Zeug bei Tafel – ja, also zur Tafel trug ich ein meergrünes Seidenkleid mit viereckigem Ausschnitt à la Madonna, und einen einfachen vollen Erikakranz im Haar. Man sagte mir allgemein, ich hätte schön ausgesehen, und ich glaub's selber. Zweites Buch. Erstes Kapitel. Das Leben im Schlosse bewegte sich wieder in seinen festen Linien und stetigen Formen. Es wurden keine Bulletins über das Befinden der Königin und des Kronprinzen mehr ausgegeben. Die infolge des glücklichen Ereignisses erlassene Amnestie wurde im Lande mit großer Befriedigung aufgenommen. Irma war viel in den Gemächern des Kronprinzen und sie suchte sich in das Gemüt der Bauernfrau zu versetzen, die in ein ganz neues Dasein verpflanzt war; sie erlustigte sich an den possierlichen Bildern und Betrachtungen, die das Weib aus dem Volke von diesem Dasein hatte und weckte damit eine gewisse kecke Umstellung aller Dinge in Walpurga: ihre eigentümliche Art, die Dinge zu sehen, fand manchen Einklang mit dem weltfremden Wesen Walpurgas und wenn Irma nicht zugegen war, konnte die Amme stundenlang zu dem Kinde sprechen und sie überbot sich dabei in allerlei possierlichen, immer sich nicht genügenden Ausdrücken. Eine tiefe Urwelle von Glück und Zufriedenheit, rechtschaffenem Vorsatz und allem, was den Menschen echt macht, quoll aus Walpurgas Seele herauf, und floß zu Gedeihen über in das Kind, das sie ans Herz gelegt hatte und das ihr ins Herz wuchs. Tage vergingen. Mit steter Regelmäßigkeit wurde der Prinz täglich einmal zur Königin gebracht; das war die große Stunde des Tages; dann war wieder stilles gedeihliches Leben in den Gemächern des Neugeborenen. Der Leibarzt erweiterte die gewohnte Ordnung, denn er kam eines Tages und sagte: »Es ist heute ein schöner, windstiller Tag – es wird dem Prinzen wohlthun, wenn wir ihn zum erstenmal ins Freie schicken. Wir machen es so: um elf Uhr fahren Sie mit Walpurga und dem Prinzen bis zur Nymphenallee, dort gehen Sie unter den Tannen mit dem Kinde auf und ab, Sie können sich auch setzen, verweilen eine halbe Stunde, dann kehren Sie zurück und beziehen sogleich die neuen Gemächer. Walpurga, du hast dich gut gehalten; bleibe so, laß dich von nichts aus deiner Ordnung bringe», und du wirst uns allen Freude machen und selbst Freude haben.« Walpurga war glücklich. »Du, wir fahren spazieren!« rief sie, als der Leibarzt weggegangen, dem Kinde wieder zu. »Dir schenkt Gott alles im Schlaf, aber du schenkst mir auch immer davon, gelt, du hast ein gutes Herz? Ich geb' dir auch mein Herz.« Walpurga hätte noch lange so fortgesprochen, aber Mamsell Kramer warnte, ihr die Wange streichelnd: »Du hast gleich wieder heiße Backen! Zeige dem Prinzen deine Liebe mit Ruhe und Folgsamkeit, und nicht mit solch übertriebenen Worten.« »Sie haben recht,« sagte Walpurga. Es ist wahr. Ich bin sonst nicht so, ich bin immer auch lustig, aber sachte gewesen, nie so wirbelig wie jetzt,« begann sie, nachdem sie mehrmals in der Stube auf und ab gegangen und sich endlich ans Fenster gesetzt hatte. »Ich will Ihnen sagen, was mir fehlt.« »So? fehlt dir etwas?« »Ja, die Hauptsache. Ich hab' nichts zu thun, ich weiß nicht, was ich mit meinen Händen anfangen soll. So, nichts als schwätzen und aus- und anziehen, essen und trinken, da werd' ich eben dumm. Wenn der Doktor wieder kommt, sagen Sie ihm, er soll mir was zu schaffen geben. Ich will Holz herauftragen oder was es eben zu thun gibt. Jetzt wird im Schloßgarten geheuet, wenn ich dabei sein könnte, da wär' ich wieder frischer. Im Grasmähen ist mir kein Mann zuvorgekommen: der Grubersepp hat's oft gesagt: das Weibervolk wetzt die Sense siebenmal öfter als die Mannen; bei mir ist das aber nicht gewesen.« »Das wird nicht gehen; aber du sollst dir Bewegung machen, dafür werde ich sorgen.« »Komm, du sollst jetzt in die freie Luft hinaus,« wendete sich Walpurga zum Prinzen. »Käfig auf! Käfig auf! Flieg fort! Flieg in die weite Welt hinein, Wo mag mein Schatzerl sein? Käfig auf! Käfig auf! Flieg fort! »Schade, daß die Vögel nicht mehr singen. Ja, Kind, die singen nur, solang sie Junge im Nest haben; aber ich hab' dich noch ein ganz Jahr im Nest und singe dir Lieder, ich kann's besser als alle Vögel!« Und sie sang: »Wir beide sein verbunden Und fest geknüpfet ein, Glückselig sein die Stunden. Wo wir beisammen sein. »Mein Herz trägt eine Ketten, Die du mir angelegt, Und ich wollt' das Leben wetten, Daß keiner schwerer trägt.« »Bravo! prächtig!« rief die eintretende Gräfin Irma. »Das Lied will ich lernen, sing es noch einmal!« Walpurga sang es noch einmal und schon bei der zweiten Strophe stimmte Irma ein. »Das Lied paßt eigentlich gar nicht für ein Kind,« sagte Walpurga, »aber was weiß so ein Bursch, ob eine Kuh brummt oder ein Vogel singt – das ist ihm alles eins! Fahren Sie auch mit uns? Wir fahren heut spazieren!« »Ich möchte mit dir fahren, aber ich darf nicht,« erwiderte Gräfin Irma. »Also, Sie dürfen auch nicht alles?« fragte Walpurga. Irma ward betroffen. »Wie meinst du das?« fragte sie mit scharfem Tone. »Wenn ich was Dummes gesagt hab', so verzeihen Sie mir – ich hab' nur sagen wollen: sind Sie auch hier im Dienst, als Hoffräulein?« »Ja, man kann es so nennen. Alle Menschen müssen dienen, und der König und die Königin müssen Gott dienen.« »Das müssen wir andern alle auch.« »Ja, aber nicht so schwer wie Fürsten, die haben eine viel größere Verantwortung. Doch, was red' ich da? Sei froh, daß du nicht alles zu wissen brauchst. Ich bringe dir hier eine Vorschrift und da sollst du nachschreiben lernen. Ich verdanke dir schon etwas. Seit ich den Vorsatz habe, dich schreiben zu lehren, schreibe ich für mich selbst viel deutlicher –« Irma hielt plötzlich inne; diese Thatsache wurde ihr zum Bilde. »– denn du sollst recht gut schreiben lernen,« schloß sie. Baum kam und meldete, der Wagen sei vorgefahren. Irma verabschiedete sich und sagte, sie werde Walpurga im Parke treffen. Nun ging's die Treppen hinab, Baum öffnete den Kutschenschlag, Mamsell Kramer stieg zuerst ein, nahm Walpurga das Kind ab, bis sie eingestiegen war und es wieder auf die Arme nahm; Baum sprang zum zweiten Lakaien auf den Tritt hinten, die vier Schimmel zogen an, griffen aus, und der Wagen rollte davon. »Fahren wir denn?« fragte Walpurga. »Jawohl!« »Ich mein', wir fliegen; ich hör' ja gar kein Rollen von den Rädern.« »Die hört man auch nicht – die Eisenreifen sind mit Gummi überzogen.« »Die haben also auch so Schlurken an, wie man anziehen muß, wenn man durch die glatten Stuben geht? O Gott, wie gescheit sind doch die Menschen und wie weiß man so gar nichts da draußen! Es ist wahr, man lebt wie eine Kuh; es ist alles, daß man nicht Gras frißt! Aber was ist denn das?« schrak sie plötzlich zusammen, »da trommeln sie und da springen die Soldaten heraus! Brennt's wo?« »Das ist wegen unser, die Wache tritt ins Gewehr, wenn eines von den Herrschaften vorbeifährt. Schau nur, jetzt präsentieren sie, dann legen sie die Gewehre ab und gehen wieder in die Wachtstube. Das sind Soldaten vom Regiment Kronprinz, es gehört ihm.« »Also wenn er heranwächst, kann er mit lebendigen Soldaten spielen?« Es war viel Beherrschung von Mamsell Kramer – sie hat nicht umsonst sechzehn Ahnen – bei diesen Worten Walpurgas nur ein wenig aufzuzucken, dann machte sie eine Miene, wie wenn sie ein Gähnen unterdrücken müßte, ihre Gesichtszüge machten seltsame Wandlungen durch; sie darf nicht lachen; ein echter, hoher Diener muß alles mit erleben, hören und sehen, und dabeistehen als beweglicher Tisch, als beweglicher Teller; und so wenig Herrschaft auch Walpurga war, man darf nicht über sie lachen: sie ist die Amme Seiner Königlichen Hoheit des Kronprinzen. Mamsell Kramer lachte nicht und sagte nur ausweichend: »Wenn wir zurückfahren, an der Wache vorbei, geschieht das noch einmal.« »Jetzt darf ich fragen, wozu das gut ist?« »Jawohl, es hat alles seinen guten Grund. Das dient dazu, die Menschen und besonders die Soldaten an Ehrerbietung zu gewöhnen.« »Aber unser Prinz merkt ja nichts davon?« »Man muß auch ehrerbietig sein gegen den, der nichts davon weiß. Ich will dir etwas sagen, es wird dir gut thun: Wenn du von Seiner Majestät dem König und Ihrer Majestät der Königin sprichst, ja auch wenn du von ihnen denkst, sage nie geradezu der König oder die Königin, sage und denke immer Seine Majestät und Ihre Majestät dazu; dann wirst du dich niemals verleiten lassen, unehrerbietig von ihnen zu sprechen oder zu denken. Merke dir das!« Walpurga hörte diese Lehre kaum. »O Gott,« rief sie, »wie weise ist die Welt eingerichtet. Da haben die Menschen doch gewiß viele tausend Jahre gebraucht, bis sie's so weit gebracht haben!« »Jawohl, viele tausend Jahre. Du brauchst aber nicht zu nicken gegen die Menschen, die am Wege grüßen, es gilt doch nicht dir!« »Ich möcht's aber für meinen Prinzen thun, bis er's selber kann. Ich sehe es allen an, wie gern sie ihn sehen möchten. Du! Alle Menschen grüßen dich, du hast's gut! – O wie schön ist so ein Wagen! Da sitzt man wie in einem Bett und behäb wie in einer Stube, und kann doch alles sehen und – Huidi! Das geht schnell!« Man bog in den Park ein, der Wagen ging im Schritt am großen Schwanenteich vorüber, und Walpurga sagte immer: »Ich mein', ich wär' im Zauberland.« An der Nymphenallee stieg man aus; hier war's schattig und duftig. Als Walpurga ausgestiegen war und das Kind auf den Armen trug, sagte sie: »Mach die Augen auf! Guck um! Da hast du die ganze Welt! Da sind Bäume und Wiesen und der blaue Himmel, den kann dir auch dein Vater nicht herunterholen, den mußt du dir selber verdienen mit Bravsein, und wenn du brav bist und ich bleib's auch, dann kommen wir da oben wieder zusammen.« »Setz dich hier, Walpurga, sprich jetzt nichts mehr!« sagte Mamsell Kramer. Sie hatte entsetzliche Angst wegen Walpurga. Das plaudert und tollt beständig fort, und ist so unbändig wie ein Füllen, das man ins Freie gelassen. Sie wiederholte daher: »Red' alles nur zu mir und leise. Es wäre mir leid, wenn dich die Lakaien hinter uns auslachten. Sieh einmal, der Vorreiter dort, das ist meines Bruders Sohn.« Jetzt erst sah Walpurga, daß zwei Lakaien, der eine davon war Baum, hinter ihnen hergingen. Der Wagen fuhr in den Nebenalleen auf und ab. Walpurga blieb wie gebannt vor einer Marmorstatue stehen. »Nicht wahr, das ist wunderschön?« fragte Mamsell Kramer. »Pfui Teufel!« erwiderte Walpurga, »das ist ja grauslich! und da gehen Männer und Frauen her und sehen so was an?« Mamsell Kramer hatte damals, als der alte König diese Statuen aufstellte, sie auch zuwider gefunden; aber die Herrschaften fanden sie sehr schön und da mußte es doch so sein und allmählich fand sie es selbst. Man ging in eine Seitenallee und hier setzte sich Walpurga auf eine Bank, träumte vor sich hin und wußte von der Welt so wenig mehr, wie das Kind auf ihrem Arme. »Ei, wer kommt denn da?« fragte sie wie erwachend. In der Mitte von zwei Reitern saß eine Frauengestalt auf glänzend schwarzem Pferde, ihr Gewand war blau und wallte weit hin, auf ihrem Haupte saß ein Männerhut, daran ein langer blauer Schleier wehte. »Ich mein', das wär' unsre Gräfin!« »Jawohl! Jetzt steigen sie ab, Seine Majestät der König und Ihre Königlichen Hoheiten der Erbprinz und die Erbprinzessin sind bei ihr. Die Herrschaften kommen zu uns!« sagte Mamsell Kramer. »Bleib nur sitzen, du hast als Amme nicht nötig, höflich zu sein.« Dennoch konnte es Walpurga nicht lassen, an ihren Hut zu greifen und nachzufühlen, ob die Troddel hinten ordentlich hängt und der Blumenbusch vorn noch steckt. Mamsell Kramer bat die Herrschaften, das Kind nicht zu betrachten, es schlafe und der Blick der Betrachtenden könne es wecken. »Sehen Majestät,« sagte Irma, »wie tiefsinnig alle Naturgesetze sind. Der Blick des Wachenden weckt das schlafende Kind. Tief in jeder Menschenseele ruht eine schlafende Kindesseele. Es ist nicht wohlgethan, aus Teilnahme oder gar aus Neugier die ewige Kindschaft aufzuscheuchen.« »Ich möchte nur wissen, wie Sie immer zu so originellen Gedanken kommen,« erwiderte der König. »Ich weiß das selbst nicht,« erwiderte Irma, mit der Reitgerte spielend. »Ich habe nur den Mut, immer zu sagen, was ich denke, und das kommt dann originell heraus. Die meisten Menschen sind die Wechselbälge ihrer selbst; sie sind in der Bildungswiege verwechselt worden.« Der König lachte. Walpurga aber sagte, indem sie schnell die beiden Daumen einschlug: »Wechselbalg! Das ist nicht gesagt und nicht gehört. Man darf von so was nicht reden vor einem Kind, das noch nicht sieben Monat alt ist. Da haben die bösen Geister immer noch Macht, auch wenn das Kind schon getauft ist.« Sie hauchte das Kind dreimal an, um jeden bösen Zauber von ihm zu scheuchen. Die Erbprinzessin sah die Amme und das Kind mit schwerem Blicke an, aber sie sprach kein Wort. »Ich verstehe keine Silbe von der Sprache der Amme,« sagte der Erbprinz. Walpurga wurde feuerrot. »Was siehst du mich so an?« fragte Gräfin Irma. »Bin ich dir fremd?« »Gar nicht, aber wissen Sie, wie Sie aussehen? Wie die Seejungfrau. So steigt sie herauf und hat einen faltigen See von Kleidern um sich herum.« Irma erklärte lachend dem Erbprinzen und seiner Gemahlin in Hochdeutsch, was Walpurga gesagt, und jener nickte ihr jetzt freundlich zu, wie man einem braven Tiere zunickt, mit dem man's gut meint, sich aber nicht mit ihm verständigen kann. »Aber Gräfin Irma hat keine Schwanenfüße. Glaube das ja nicht, Walpurga!« lachte der König. »Kommen Sie, Seejungfrau!« Die Herrschaften stiegen wieder auf und ritten davon. Es war Zeit, daß auch der Prinz wieder heimkehrte. Während der Ausfahrt war alles in die Gemächer des Erdgeschosses gebracht worden, die man nun bezog. Hier hatte man Morgen-, Mittag- und Abendsonne, und diese Gemächer gingen nach dem Parke hinaus, wo am hellen Tag noch die Schwarzamsel sang, Orangen dufteten, die großen Bäume flüsterten, und ein mächtiger Springbrunnen beständig zischte und plätscherte. Walpurga war ganz glücklich, besonders über den Springbrunnen. »Und auf gleicher Erde ist's doch noch kommoder,« sagte sie oft. »Ich mein', ich käme von einer großen Reise zurück, und die Zimmer sind so schön kühl, und mein Nachtwächter schläft am Tag, wie's einem Nachtwächter zukommt und – und – –« Auch Walpurga schlief am hellen Tag ein. Zweites Kapitel. Walpurga gewöhnte sich in ihr neues Leben, nur kümmerte sie manchmal, weil gar keine Nachricht von daheim kam. Es kam kein Brief, aber ein Bote. Ein Lakai trat ins Zimmer und berichtete: »Draußen steht eine Frau aus dem Heimatsort der Walpurga. Sie verlangt Euch auf ein paar Minuten zu sprechen.« »Ich will hinaus! Wer ist's?« »Nein, empfange sie hier!« sagte Mamsell Kramer. Der Lakai eilte hinaus und brachte die alte Zenza herein. »Ei, Ihr seid's, Zenza? Bringt Ihr mir was von meinem Kind, von meinem Mann, von meiner Mutter? Was ist denn um Gottes willen geschehen? Sind sie krank?« »Nein, gottlob! alle gesund und wohl auf, und ich soll dich schön grüßen von allen.« Walpurga sah mit herzlichem Blicke in die verschmitzten Augen der Zenza; diese Augen waren auf einmal so gut und getreu, denn sie hatten ihr Kind gesehen. Lächelnd fuhr die Zenza fort: »Das freut mich, daß du mich doch noch kennst. Wie schlecht sind die Menschen! Haben sie gesagt, daß du mich gar nicht mehr wirst kennen wollen, weil du jetzt so vornehm geworden bist. Nein, du bist dein Lebtag ein braves Mädchen gewesen, ich hab's immer gesagt.« »Ja, ja, ist alles gut; was wollt Ihr denn?« »Du sollst mir helfen. Wenn du nicht hilfst, thut sich mein Thomas den Tod an, und ich spring' in den See. Nicht wahr, du hilfst mir? Schau, ich thu' einen Fußfall vor dir, du mußt mir helfen, und ich bin doch auch fast gar Geschwisterkind mit deinem Vater selig, und wenn dein Vater noch am Leben wär', thät' er sagen, ja er ruft's vom Himmel herunter zu dir: Walpurga, hilf der Zenza, oder ich verzeih dir's in der Ewigkeit nicht.« »Steht doch auf! Was ist denn das? Wie kann ich Euch helfen? Mit was?« »Ich steh' nicht auf, eher sterb' ich vor deinen Füßen, bis du gesagt hast, daß du mir hilfst.« »Ich helf' Euch, mit was ich kann.« Mamsell Kramer trat dazwischen und sagte, Zenza solle ruhiger sein, sonst dürfe sie keinen Augenblick mehr im Zimmer bleiben. Zenza stand auf und fragte: »Ist das die Königin?« Walpurga und Mamsell Kramer lachten, und Zenza brachte endlich ihr Verlangen vor: Drunten vor dem Schlosse, die Wache habe ihn nicht hereingelassen, stehe ihr Sohn Thomas, er sei wegen Rückfall in die Wilderei zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt und sei doch unschuldig; es liege ihm im Geblüt, daß er auf die Jagd gehen müsse, das sei bei seinem Vater auch so gewesen, und er habe ja nichts geschossen als ein einziges Gemsböcklein, und da solle er jetzt noch einmal ins Zuchthaus. Er habe geschworen, daß er sich das Leben nehme oder einen Menschen morde, damit man ihn köpfe, ehe er sich wieder einsperren lasse, und Walpurga habe zwei, ja drei Menschenleben auf dem Gewissen, wenn sie nicht helfe. Sie müsse Zenza eine Audienz beim König verschaffen oder bei der Königin, daß sie einen Fußfall thue und um Gnade bitte. »Und dein Mann schickt mich und der Gemswirt,« schloß Zenza. »Sie haben beide gesagt, es wäre dir ein Leichtes, da zu helfen. Ich will dir mein Leben lang die Hände unter die Füße legen, wenn du das thust.« »Ja, ich möcht's schon gern thun, aber ich habe keine Gelegenheit. Das geht hier nicht so wie bei uns daheim.« »Du kannst schon Gelegenheit finden, du bist ja gescheit; in der ganzen Gegend sagen sie's alle, ich hab' das schon lang gewußt und hab's auch gesagt, auf dem letzten St. Leonhardstag hab' ich gesagt, der Schneider Schneck kann mir's bezeugen und der Spinnerwastl auch: die Walpurga steht da, hab' ich gesagt, wie wenn sie eine der Geringsten wär', sie ist aber die Erste in der ganzen Gegend; ihr werdet schon sehen, was aus der noch wird, und ihre Gescheitheit und ihre Gutheit, die wird sich an den Tag geben. Jetzt, Walpurga, nicht wahr, du thust's?« »Ja, wenn sich Gelegenheit gibt.« »Ich kann aber nicht warten. Morgen am Tag soll der Thomas ins Zuchthaus und wenn er nicht heute erlöst wird, geht er in Mord und Tod.« »Liebe Frau,« fiel hier Mamsell Kramer ein, »Seine Majestät der König haben ja allgemeine Strafbefreiung erlassen bei der Geburt des Kronprinzen, da ist Euer Sohn auch dabei, oder ist er's nicht?« »Nein. Das ist's ja. Alle Gerichte im Lande sind gegen meinen Thomas gerichtet. Seht! Da drin steht's, das hat der Gemswirt alles aufgeschrieben, besser als ich's sagen kann. Eh' man zu Mittag läutet, muß die Schrift zum König, sonst ist's zu spät. Drunten vor dem Schloß geht mein Thomas hin und her, und es kommt darauf an, ob er ins Himmelreich oder in die Hölle eingeht. Er schießt den nächsten besten Menschen und sich selber gleich tot, er hat ein geladenes Doppelpistol bei sich: vor dem Schloß schießt er sich tot, wenn ich herauskomme und es ist nichts.« »Ja, aber ich kann doch nicht so zum König laufen, wie zum Gemswirt. Ich thät's ja gern.« »Ich muß mich setzen, mir brechen die Kniee,« rief Zenza, und Mamsell Kramer eilte, ihr einen Stuhl zu bringen. Da saß sie nun, senkte den Kopf und faltete die Hände über den Knieen, und schwere Thränen fielen auf die harten, knöchernen, dickadrigen Hände. Walpurga winkte der Mamsell Kramer, die sie tröstete. Sie wollte ihr sagen, daß die Zenza gar keine so brave Person sei, und ihr Früchtlein, der Thomas, erst recht nicht? aber Mamsell Krämer wendete sich um und sagte: »Ich habe einen Ausweg. Der Herr Bruder der Gräfin von Wildenort sind ja Flügeladjutant bei Seiner Majestät und bringen in einer halben Stunde Rapport und holen die Parole. Walpurga, geh zur Gräfin Irma, und bitte, sie möge die Schrift ihrem Herrn Bruder übergeben, daß er sie bei Seiner Majestät vorlege.« »Ja, ja, das thu, geh! O Gott, was hast du da für einen gescheiten Engel bei dir, Walpurga. Jetzt aber geh, versäume dich nicht. Darf ich noch einen Augenblick dableiben, oder soll ich drunten vor dem Schloß warten?« »Nein, bleibet nur da, gute Frau,« tröstete Mamsell Kramer. »Geh nur, Walpurga, geh,« sagte sie, da diese still dastand und den Brief starr vor sich hinhielt. Walpurga ging. Als sie an die Thüre der Gräfin kam, hörte sie dieselbe in der drangvollen Weise Schumanns das Lied Friedrich Rückerts singen: »Er ist gekommen In Sturm und Regen, Er hat genommen Mein Herz verwegen, Nahm er das meine, Nahm ich das seine? Die beiden kamen sich entgegen.« Die Kammerjungfer meldete, und Irma brach mitten in der Wiederholung des Liedes ab, als Walpurga eintrat. »Ah, sei mir willkommen. Was führt dich Gutes zu mir?« Walpurga brachte stockend ihre Bitte vor und überreichte das Papier. »Fasse Mut!« tröstete Irma. Sie drückte auf die Klingel, und befahl dem eintretenden Lakaien: »Mein Bruder soll sogleich zu mir kommen.« Dann fuhr sie, zu Walpurga gewendet, fort: »Ich begleite das Gnadengesuch mit ein paar Worten. Sei nur ruhig. Es freut mich, dir eine Bitte gewähren zu können. Ich habe dich schon lange fragen wollen, ob du nicht einen Wunsch erfüllt haben möchtest. Der König wird schon Gnade gewähren,« Walpurga wollte dreinreden, aber das geht alles wie behext. Der Adjutant war schon da, Irma gab ihm das Schreiben, bat ihn noch einige Augenblicke zu warten, da sie selber noch einige Zeilen beifügen wolle. Der Adjutant verabschiedete sich, und Irma sagte, mit der Hand Walpurga übers Gesicht fahrend: »Ich streiche allen Kummer aus deinem Gesicht weg. Sei froh, ich gebe dir mein Wort, daß dem Manne geholfen ist. Geh jetzt zu der armen Frau und beruhige sie einstweilen; ich bringe dir den Bescheid auf dein Zimmer.« Walpurga kam nicht zu Worte. Sie wollte noch jetzt etwas sagen, aber – das Gnadengesuch ist ja schon fort und es ist gewiß gut, wenn auch ein schlechter Mensch Gutes erfährt, vielleicht macht ihn das besser. Als Walpurga das Zimmer der Gräfin verlassen und eine Weile aufatmend vor der Thüre stand, hörte sie drinnen wieder singen. Sie kam beruhigter auf ihrem Zimmer an und sagte zur Zenza: »Ihr könnt Euch darauf verlassen, Eurem Thomas wird geholfen: aber da gebet mir Eure Hand und versprecht mir, daß Ihr darauf halten wollt, daß der Thomas endlich ein braver Mensch wird, und Ihr ihm nicht mehr helfen wollt, sein geraubtes Gut verkaufen und seine Schliche verdecken. Ja, das darf ich Euch schon sagen; schaut mich nicht so verwundert an. Ich hab' viel für Euch eingesetzt.« »Jawohl darfst du das sagen,« erwiderte Zenza halb beistimmend, halb neckisch, »du machst die ganze Gegend glücklich, du bist der Stolz von uns allen, Sonntags vor der Kirch' sag' ich's, was du hier giltst, und man glaubt mir! Deine Mutter ist mein Gespiel gewesen, und wenn mein Thomas so eine brave Frau bekommen hätte, wie du bist, wäre er auch häuslich gewesen. Jetzt muß er mir eine brave Frau nehmen, das thu' ich nicht anders!« Zenza saß bei einem guten Kaffee, den ihr Mamsell Kramer bereitet hatte, und die gute Kastellanin schenkte ihr immer von neuem ein. »Wenn ich nur auch meinem Sohn was davon geben könnte. O, was steht der jetzt aus da unten! Aber es geschieht ihm schon recht, das ist die rechte Strafe: er steht da auf der Lauer, aber nicht mehr als Wilderer, jetzt geht's ganz anders!« Zenza war sehr redselig, und Mamsell Kramer sehr entzückt von der offenkundigen Güte und Mutterliebe der Alten. Als Zenza ausgetrunken und fast allen Kuchen aufgegessen hatte, sagte sie: »Das Stückchen Zucker da, das erlauben Sie, daß ich's mitnehme? Das soll mir ein ewiges Angedenken sein, daß ich im Schlosse des Königs Kaffee getrunken habe.« Mamsell Kramer packte noch ein Stück Kuchen in ein Papier, und sagte: »Das bringt Eurem Sohne mit.« Zenza war unerschöpflich in Dankesbezeigungen, sie war jetzt sehr aufgeräumt. Sie bat, sie auch den Prinzen sehen zu lassen, aber das duldete Walpurga nicht. Sie wußte wohl warum. Die alte Zenza galt daheim für eine Hexe, und wenn's auch nicht wahr ist, und vielleicht Aberglaube, dachte Walpurga – man kann doch nicht wissen. Sie war aber bereits so politisch geworden, daß sie ein Verbot des Leibarztes vorschützte, keinen Fremden zum Kronprinzen zu lassen. Zenza erzählte nun, welch ein Aufsehen es in der ganzen Gegend gemacht, daß Walpurga so plötzlich zu Hofe geholt wurde, man rede von nichts anderm mehr. Am Sonntag seien alle Leute zu spät in die Kirche gekommen, weil sie am Haus der Walpurga stehen geblieben und das Haus betrachtet, als wäre was Neues daran zu sehen, und Hansei habe der halben Gemeinde seine Kuh zeigen müssen, als wäre was Besonderes daran; aber alles sei eben jetzt mit seinen Gedanken bei der Walpurga und daß der Forstwart, der Bräutigam des Gespiels, so schnell die gute Stelle bekommen, das wissen sie wohl, daß es die Walpurga gemacht habe. Walpurga mochte beteuern, wie sie wollte, daß sie nichts davon wisse; Zenza blieb dabei; und lobte sie noch wegen ihrer Bescheidenheit. Die Zeit ging schnell herum. Freudestrahlenden Angesichts kam die Gräfin Irma und brachte die Begnadigungsschrift vom König. Zenza wollte vor ihr niederfallen und ihr die Füße küssen, aber Irma hielt sie auf und sagte: »Ich habe noch was für Euch. Hier! Damit Ihr nicht nur frei seid, sondern Euch auch eine Freude machen könnt, hier nehmt das.« Sie gab ihr ein Goldstück. Die Augen der alten Zenza flimmerten und sie sagte: »Wenn die gnädige Prinzessin einmal einen Menschen braucht oder zwei, die für sie ins Feuer gehen, da soll sie nur an die Zenza denken und an den Thomas.« Sie wollte noch viel sprechen, aber Walpurga sagte: »Euer Thomas wartet ja unten vor dem Thor. Machet doch, daß Ihr zu ihm hinunterkommt.« »Sehen Sie, gnädige Prinzessin, wie gut sie ist? Sie verdient's so glücklich zu sein.« »Walpurga, du könntest der Frau das Geld für deinen Mann mitgeben,« sagte Mamsell Krämer. »Ich nehm' dir mit, was du hast!« »Nein, ich schick's; ich muß noch warten damit,« sagte Walpurga stockend. Sie konnte doch nicht erklären, daß sie der Zenza und ihrem Sohne nicht traue. »Hier« – sagte Irma wieder – »hier bringet dem Kinde der Walpurga das von mir!« Sie nestelte eine schwarze Schnur mit einem goldenen Herzen daran von ihrem Halse und sagte: »Bringet das dem Kinde der Walpurga und auch noch das Tuch!« – Sie knüpfte ein kleines grünes Seidentuch ab und gab's der Frau. »O der schöne Hals!« rief Zenza. Walpurga wiederholte ihre Mahnung, daß sie endlich zu ihrem Sohne ginge. Irma war ganz glücklich, die Begnadigung zu stande gebracht zu haben. Walpurga durfte nicht sagen, daß ihr Zenza fremd, ja fast verhaßt war, und daß der rote Thomas einer der Schlimmsten sei. Sie getröstete sich, daß gewiß alles noch gut werde. »Schlechte Menschen können sich auch bessern, sonst wäre ja alles Gerede von Buße nur Lug und Trug.« Unterdes kam Zenza eilig aus dem Schlosse heraus und hielt das Schreiben in der Hand. »Ist meine Zeche gelöscht?« fragte Thomas und spuckte dabei weit aus. »Ja, Gott Lob und Dank! Siehst du, was eine Mutter kann?« »Ich hab' Euch nicht viel Dank dafür zu sagen. Warum habt Ihr mich in die Welt gesetzt? Aber prächtig ist's, daß der großschnauzige Landrichter eins aufs Maul kriegt. Jetzt Mutter, ich hab' einen Durst wie drei Amtsschreiber. Das Warten hat mich fast ganz verbrannt. Habt Ihr denn gar nichts mehr?« »Freilich hab' ich. Schau!« Sie zeigte dem Sohne das Goldstück, und mit einem bewundernswerten Griff hatte dieser es aus ihrer Hand in seiner Tasche verschwinden lassen. »Was ist denn da noch?« fragte er, da er das goldene Herzchen bemerkte, das sie mit aus der Tasche gezogen hatte. »Das soll ich dem Kinde der Walpurga bringen. Das hat mir eine schöne Prinzessin gegeben für das Kind, und das seidene Tüchle auch.« »Des Hanseis Kind hat genug, wenn es ein seidenes Halstuch bekommt,« sagte Thomas und eignete sich auch das goldene Herzchen an, indem er der Mutter, die es an der Schnur festhielt, die zerrissene Schnur gutwillig überließ. »So, Mutter, jetzt ist's gut; jetzt trinken wir erst einmal auf das lange Warten. Und ich hab' derweil da drüben beim Schwertfeger eine Büchse gesehen, ein Prachtstück! Die kann man auseinander schrauben und in die Tasche stecken – jetzt sollen sie mich nicht mehr erwischen, die Grünröcke!« Das erste, was Thomas that, war, daß er Gemsbart und Spielhahnfeder aus der Tasche nahm und wieder auf seinen Hut steckte; dann setzte er den Hut keck auf und seine Mienen sagten: Ich will den sehen, der sich da dran wagt. Als die beiden eben weggehen wollten, kam Baum von der Straße herein. Er schien den beiden ausweichen zu wollen, aber Zenza ging auf ihn zu und dankte ihm aufs neue, daß er sie damals bei Abholung der Walpurga so reich beschenkt habe; sie schaute ihn dabei seltsam an und Baum bemerkte mit einem Seitenblick, daß auch Thomas kein Auge von ihm wendete; er spürte ein Zucken im Herzen, das geht im Zickzack wie ein Blitz von der Brust hinauf in den Kopf und stellt ihm die Haare zu Berge und er muß sich den Hut etwas lüften und anders aufsetzen. Aber er nahm eine Nagelfeile aus der Tasche und feilte an seinen Nägeln; dann sagte er: »Ihr habt mir schon einmal gedankt. Ist nicht mehr nötig!« Er wendete sich um und ging. »Wenn der Jangerl nicht in Amerika wäre – ich thät darauf schwören, das ist er,« sagte die Alte zu ihrem Sohne. »Mutter, Ihr seid verrückt!« entgegnete Thomas. Mutter und Sohn gingen miteinander in die Stadt und der Sohn ging immer rasch voraus; es schien ihm nichts daran zu liegen, wenn er seine Mutter verliere. In einem Wirtshause trank er stehend einen Schoppen, hieß die Mutter warten und kam bald mit der gekauften Büchse zurück. Unterdes saß Walpurga still am Fenster und dachte sich aus, wie man daheim von ihrer großen Macht erzählt und besonders im Gemswirtshaus, da wird viel von ihr gesprochen, und die Gemswirtin, die sie immer so von oben herab angesehen, möchte fast vergehen vor Aerger. – Walpurga lachte, sie erlustigte sich in dem Gedanken, wie die Neidischen und Hochmütigen sich über ihr Glück ärgern; ja, das war ihr fast die größere Freude, wenigstens verweilte sie dabei am längsten; das mag aber auch darum sein, weil die Freude der Guten kürzer und schneller ausgedacht ist, als der Aerger und die giftigen Reden der Bösen; das gärt lange fort und treibt seltsame Blasen auf. – So saß Walpurga am Fenster und ihre Lippen bewegten sich, als ob sie die Worte derer nachspräche, die sie beneideten und sich über sie ärgerten, bis endlich Gräfin Irma sagte: »Ich sehe dir's an, wie glücklich du bist. Ja, Walpurga, wenn es uns gegeben wäre, jeden Augenblick einem Nebenmenschen etwas Gutes zu thun – wir wären die glücklichsten Geschöpfe unter der Sonne. Siehst du, Walpurga? Das ist die wirkliche Gottesgnade eines Fürsten, daß er jede Minute Gutes thun kann.« »Jetzt das versteh' ich! Das versteh' ich ganz!« rief Walpurga. »So ein König ist wie die Sonne am Himmel, die scheint hernieder und erquickt da die Bäume, und weit draußen die Blumen im Thal, die niemand sieht, und thut Menschen und Tieren und allem wohl. So ein König ist – ja, der ist ein Bote von Gott. Er muß sich in acht nehmen, daß er's bleibt; es kann ihn der Stolz übermannen und die Gelust, weil er über alles Herr ist. Jetzt hat er dem Thomas die Welt geschenkt und alle Gefängnisthüren öffnen sich, wie im Märchen, wenn man Sesam sagt. O, du guter König! Laß dich nur nicht verderben, und laß immer so Herzmenschen um dich herum sein, wie da meine Gräfin Irma!« »Ich danke dir!« sagte Irma, »ich danke dir! Ich kenne dich jetzt ganz. Glaube mir, in allen Büchern der Welt steht nichts Besseres und nicht mehr, als in deinem Herzen steht; und wenn du auch nicht schreiben kannst, es ist so besser geschrieben in dir. – Aber jetzt wollen wir doch wieder ordentliche stille Menschen sein; komm, jetzt mußt du schreiben lernen.« Und die beiden setzten sich zusammen und Irma lehrte Walpurga die Feder führen. Walpurga sagte, einzelne Buchstaben schreibe sie nicht gern, ein Wort, ein einzig Wort wäre ihr lieber. Irma schrieb ihr vor, sie schrieb das Wort »Gnade«, Walpurga schrieb einen ganzen Bogen voll immer das Wort Gnade, und Irma nahm das Papier mit und sagte: »Das heb' ich mir auf zum Andenken an diese Stunde!« Drittes Kapitel. »Was nur mit der Königin –« »Majestät!« ergänzte Mamsell Kramer halblaut. –»vorgehen muß,« sagte Walpurga, »daß sie seit mehreren Tagen den Prinzen –« »Königliche Hoheit!« ergänzte Mamsell Kramer. – »kaum ansieht? Früher, da war sie immer so himmelhoch, so hinaus über alles, wenn sie das Kind gesehen und es ans Herz genommen hat, und sie hat mich einmal gefragt: Walpurga, ist dir's nachher nicht auch so gewesen, wie wenn du wieder ein Mädchen wärst? Ganz frei, los und ledig? Die ganze Welt ist nicht da, nur ich und mein Kind? – Und jetzt, jetzt sieht sie so drüber weg, wie wenn sie's nur einmal geträumt hätte, daß sie ein Kind hat. Es muß Schweres im Herzen einer Mutter –« »Königlichen!« ergänzte Mamsell Kramer. – »vorgehn, wenn sie keinen rechten Blick mehr hat für ihr Kind!« Es ging in der That Gewaltiges vor im Herzen der Königin. Seit Monaten hielt sie ein gesteigertes Empfinden fest, und einen Punkt gab es, den sie selbst vor sich nie mit einem lauten Wort berührte, und um so mehr erschien ihr jede Mitteilung, jede Besprechung mit einem andern als eine Befleckung des reinen Gedankens. Frei aus sich wollte sie ihren Entschluß fassen. Und sie faßte ihn. Seit sie Mutter war, fühlte sie sich wie abgelöst von der Welt. Wenn sie an ihr Kind dachte, und mehr noch, wenn sie es am Herzen hatte, war's ihr, als wäre damit alles erfüllt, niemand geht sie mehr etwas an, sie und ihr Kind sind die Welt und gehören zu einander, sind eins! – Und doch liebte die Königin ihren Gatten von Herzensgrund und ein tiefer Drang regte sich in ihr, noch inniger, noch zugehöriger, in einen einzigen Ton verschmolzen, mit ihm zu leben. So befestigte sich immer mehr der Gedanke in ihr: es darf in nichts eine Trennung sein. Der Vater, die Mutter und das Kind, sie sind eins, sie beten zu demselben Gotte mit den gleichen Gedanken, den gleichen Worten. Aus der Isolierung heraus hatte sie das Verlangen, nur noch einiger zu sein mit ihrem Gatten, jetzt, wo sie in die Welt zurückgekehrt, ein neues Fest der Vereinigung mit ihm zu feiern, das höchste. Da die Königin nur wenig sprechen durfte und keinerlei Unterhaltung pflegte, so ließ sie sich bald nach den ersten Tagen ein Lieblingsbild, eine Madonna von Filippo Lippi dem Jüngern, in ihr dem Dämmerlichte geöffnetes Zimmer bringen. Sie saß dem Bilde stundenlang gegenüber und schaute das Bild an, und das Bild schaute sie an, und die beiden Mütter lebten in der Seligkeit miteinander. Der Domherr, der sie besuchte, fand die Stimmung der Königin so weihevoll und ihm vertraute sie zuerst mit zitternder Lippe ihr Verlangen, zur Kirche ihres Gatten und ihres Kindes zu gehören. Sie bat, daß man sie nicht mit dogmatischen Unterweisungen plage und fand williges Gehör. Als der Domherr weggegangen, überfiel sie eine Bangigkeit; da geht der Mann, der ihr Geheimnis mit fortnimmt. Er hatte ihr zwar gelobt, sich ihres Vertrauens würdig zu zeigen und nur selbst davon zu wissen, aber es war doch nicht mehr ihr eigen allein. Bald beruhigte sie ihr Bangen und ihr Antlitz glühte von der Empfindung, daß noch ein Höchstes sei, in dem sie sich mit ihrem Gatten eine und wodurch sie, Mutter geworden, ihm das volle Zeugnis ihrer Liebe geben könne. Aus der Fülle des Lebens heraus stieg der Gedanke des Todes in ihr auf. Sie ließ ein andres Bild auf die Staffelei vor ihrem Ruhebette setzen. Es war die Maria Aegyptiaca von Ribera. Der Königin war es oft, als müsse sie den Blick der Büßerin suchen, aber diese sieht nach nichts, sie hört mit den Augen, nicht erschreckt, da ein Engel ihr zuruft, sondern, an himmlische Stimmen gewöhnt, still ergeben, vertraut. Der Künstler hat die büßende Königstochter nicht zerfallen, abgehärmt von ihren Kasteiungen dargestellt, vielmehr liegt die wiedergewonnene kindliche Unschuld und jugendliche Schöne auf ihrem Antlitze. Da kniet sie, nackt, nichts von Menschenwerk ist mehr an ihr, von ihrem langen, rötlichblonden Haare eingehüllt, das bis zum Kniegelenke reicht; sie kniet vor ihrem offenen Grabe, das blaue Auge blickt ins Unendliche, der Mund ist schmerzvoll geschlossen und über ihr schwebt ein Engel, er breitet das Gewand der Barmherzigkeit über sie und ruft: »Dir ist vergeben!« Im nächsten Augenblick sinkt sie versöhnt und verklärt ins Grab. Die asketische Haltung des Bildes traf in der Stimmung der Königin einen Accord, und der Geistliche fand sie oftmals bis zur Verzückung gehoben. Der Leibarzt wollte diese stumme Bildergesellschaft nicht dulden, aber er drang weder mit seinem Wunsche, noch mit seinem ausdrücklichen Befehle durch. Zum erstenmal setzte die Königin dem Manne, den sie so hoch verehrte, Eigenwillen und unbeugsamen Trotz entgegen. Als Irma das Bild sah und gleichgültig eine Verzeichnung in der Augenstellung bemerkte, die aber geschickt zu einem absonderlichen Ausdrucke benützt sei, hielt die Königin die Hand aufs Herz: sie war einsam in ihrem Empfinden, sie wollte es sein. Was indes dem Leibarzt und Irma nicht gelungen war, sollte Walpurga gelingen. »Ist das ein Wildweib?« fragte sie. »Was ist denn das?« »Bei uns daheim erzählt man von Wildweibern, das sind Geister und die laufen in Geisternächten in den Bergen herum, und können sich in ihre Haare einwickeln,« Die Königin erzählte Walpurga die Legende von der ägyptischen Maria. Das war eine Königstochter, die ein loses Leben geführt; plötzlich verließ sie das Schloß, alle Pracht und alle Lust, ging in die Wüste und nährte sich von Wurzeln und lebte da viele, viele Jahre, bis alle Kleider von ihr abfielen, und als ihre Sterbestunde kam, breitete ein Engel vom Himmel das Tuch der Barmherzigkeit über sie aus.« »Das ist wohl recht schön und brav,« sagte Walpurga, »aber Frau Königin, nichts für ungut, ich meine, das wäre eine Sünde, sich so ein grausliches Bild immer vor Augen zu stellen. Ich möchte nicht in dem Zimmer schlafen, wo so ein Bild ist; ich meine, das könnte einmal in der Nacht da heraussteigen und auf einen zukommen und einen mit ins offene Grab ziehen. O lieber Gott! Ich fürcht' mich schon am hellen Tag.« Diese Vorstellungen Walpurgas wirkten; es war der Königin nun in der That, als käme das Bild in der Nacht auf sie zu – sie konnte nicht schlafen – es mußte noch mitten in der Nacht aus dem Zimmer entfernt werden. Nun trat wieder Ruhe und Gleichmäßigkeit ein, und als die Königin lesen durfte, erhielt sie von dem Geistlichen die entsprechende Lektüre. Sie lebte allein in diesen Gedanken. Walpurga hatte richtig beobachtet: die Königin sah kaum mehr ihr Kind und doch wollte sie ihm und ihrem Gatten zulieb diesen Schritt thun. Wenige Tage vor ihrem ersten Ausgang ließ sie den König zu sich rufen und sagte: »Kurt! Am nächsten Sonntag ist mein erster Ausgang und es soll mein erster Eingang in deine Kirche und die unsers Sohnes sein. Ich bete fortan mit ihm und mit dir vor demselben Altare.« »Ich verstehe dich nicht.« »Ich habe gelobt, wenn Gott mir die Gnade schenkt, mich und das Kind gesund zu erhalten, eins zu sein mit euch, in allem. Ich vollführe aber nicht ein unfreies Gelübde, sondern einen freien klaren Entschluß. Ich will dir damit nicht ein neues Zeugnis, nur eine Bewährung, die letzte Besiegelung meiner Liebe geben, – Kurt! Was ich bin und denke, gehört dir; wir sind eins vor der Welt und wollen eins sein vor Gott. Keines geht mehr seine besonderen Wege, keines hat mehr seine besonderen Gedanken. Unser Kind erfährt nichts von einer Trennung der Menschen, vor allem der Menschen, aus denen sein Leben. Ich bin glücklich, dir das nicht als Opfer, sondern als freie Gabe darbringen zu können.« »Mathilde–« sagte der König, und in seinem Tone lag etwas seltsam Frostiges – »sprichst du diesen Gedanken jetzt zum erstenmal aus oder hast du bereits Vorbereitungen –« »Ich habe den Entschluß ernst und allein in mir gefaßt, dann erst habe ich ihn kundgegeben und alles ist bereit. Dich wollte ich mit der Thatsache überraschen. Der Domherr meinte, und er wollte fest darauf bestehen, ich sollte dir die Mitteilung in seiner Gegenwart machen; aber das wollte ich nicht.« »Gottlob!« atmete der König auf, »so kann noch alles wieder gut werden.« »Wieder? – und gut? –« fragte die Königin. Der König setzte mit Ruhe auseinander, daß er das Opfer sehr zu schätzen wisse, es aber nicht annehme. Die Königin wehrte sich gegen die Bezeichnung als Opfer und der König sagte: »Gut denn! Du kannst schon an mir sehen, wie ein andrer Mensch – und ist er der einzig einige mit dir – deine Handlungsweise anders als du ansehen kann, ansehen muß. Wie viel mehr nun die große Welt, die Höfe, die Unterthanen.« »Was kümmert uns das Urteil der Welt, wenn wir wissen, daß wir das Rechte thun? Die Welt! Immer die Welt! Sie darf uns nicht zwingen, anders zu sein, als wir sind.« »Mathilde! Das ist die Stimmung eines Märtyrers, eine erhabene und verehrungswürdige. Mathilde, du bist edel und gut, aber glaube mir: die besten, ja die einzig korrekten Handlungen sind diejenigen, die keiner Erklärung und keiner Entschuldigung bedürfen. Wir sind keine Einsiedler. Deine Motive sind rein, hoch, anbetungswürdig; aber die Welt wird diese reinsten und höchsten Motive nicht verstehen, nicht verstehen wollen. Du kannst der Welt nicht erklären, wie erhaben dein Sinnen, sie würde es nicht fassen; und wir dürfen nichts erklären. Ein Fürst, der seine Handlungsweise erklärt, degradiert sich. Du siehst die Welt mit deinem himmlischen Blicke an; aber in der Welt ist dein himmlischer Blick nicht. Ich möchte dir nicht die Bosheit der Welt aufdecken und dir deine freundliche Lebensbetrachtung verdüstern: bleibe in deinem Glauben an das Höchste, bleibe es aber in der Form deiner Konfession.« »Und ich soll lebenslang allein dahin, und du mit dem Kinde dorthin gehen?« »Mathilde! Wir sind nicht Einsiedler, ja, wir sind nicht Privatmenschen. Wir haben eine exponierte Stellung. Ein Fürst, eine Fürstin vollziehen keine Privathandlung –« »Du meinst, all unser Thun und Lassen ist beispielgebend?« »Auch das,« erwiderte der König stockend, »auch das; aber ich wollte sagen: was du vollziehst, vollziehst nicht nur du, die Königin vollzieht es. Die Wirkungen gehen hinaus ins Allgemeine. Ich bin glücklich, so geliebt zu werden: glaube mir, du fühlst es, nicht wahr, Mathilde?« »Sprich nicht davon: das Beste hat man in sich ohne Wort.« »Nun sieh: die Frau eines Privatmannes kann im stillen eine solche Handlung vollziehen – du nicht: du müßtest die protestantische Hofkirche schließen, du verletztest deine Glaubensgenossen in der Residenz, im ganzen Lande.« »Ich will aber niemand verletzen, und die Welt kann das Opfer nicht von mir verlangen. Eins sein mit dir, auf Erden und im Himmel, in Zeit und Ewigkeit, ist mein höchstes, mein einziges Trachten.« »Gut, so versprich mir eines.« »Was du willst.« »Versprich mir, daß du mindestens noch einen Monat deinen Entschluß hinhältst. Es gibt Stimmungen, die man nicht zum Lebensgesetz machen darf.« »Du bist ein hoher Mann,« sagte die Königin, »ich folge dir!« »Du stehst also ab von deinem Entschlüsse?« »Nein, ich warte. Es soll kein Entschluß der Einsamkeit, der Verschlossenheit in Gemächern sein, keine krankhafte Stubenstimmung, wie du doch meinst. Ich will meinen Entschluß im freien Tageslicht an der Sonne reifen lassen. Du wirst sehen, daß es nicht bloß Stimmung war.« Der König war mit diesem Ergebnis zufrieden. Aber seltsamerweise hielt er sich von jeder Liebesbezeigung gegen seine Gattin fern. Er verließ sie mit freundlicher, aber doch anfremdender Handreichung. Viertes Kapitel. Der König hatte in der Unterhaltung mit seiner Gemahlin große Selbstbeherrschung angewendet. Jetzt in Einsamkeit empfand er, daß ihre Mitteilung ein schlummerndes Mißgefühl erweckt hatte. Der König liebte seine Gemahlin, er liebte sie aufrichtig, aber er war – es ist ihm oft genug gesagt – eine heroische Natur und wollte es sein. Nur nichts Kleinliches, nichts Selbstquälerisches und Empfindsames. Er hatte das Bestreben, sein Land glücklich und seinen Namen geschichtlich zu machen. In einer Zeit ruhiger Entwicklung und friedlicher Arbeit aller Staatsangehörigen für das Gemeinwesen war keine Gelegenheit für heroische Thaten – es ließ sich nichts überraschend Neues schaffen; das Gewordene muß erhalten, das Werdende zu ungehemmter Entwickelung gebracht werden; dabei wird viel Arbeit vieler Menschen namenlos aufgesaugt. Der König baute daher gern. Das Entstehen von großen Gebäuden für Kunst, Wissenschaft, Kirche und Militär stellte sich doch als sichtbares Ergebnis eines ins Große strebenden Willens dar. Der König liebte seine Gemahlin. Das ist etwas, wofür nichts zu thun ist, es lebt sich ruhig fort; aber die Königin will immer etwas Neues darin schaffen, will Dokumente geben – gewiß, ihre tiefe Innigkeit ist nicht zu verkennen, sie zeigt sich jetzt wieder in diesem an und für sich guten, aber in der Ausführung unmöglichen und überspannten Entschlusse. Die Königin idyllisiert alles, das ist der gerade Gegensatz gegen das Heroische, und wie ein Sinnbild ging es ihm auf: sie hat beständig Dämmerlicht in ihren Gemächern; er aber liebte das volle Licht; er mußte sich immer erst zurechtfinden in diesem Halblicht, und wenn er herauskam, war es ihm neu, daß voller Tag ist. Dies Abmühen mit Religionsfragen, die nicht gelöst werden können, dies ständige Aufregen des Gemütslebens – es hindert die entschlossene That. Soll man im Leben feststehen, zumal als König die weitumfassenden, vielverzweigten Thätigkeiten der Menschen beherrschen, so darf man keinerlei Privatgrübeleien mehr haben, ja alles Gemütsleben mich unter geordnet werden. Die Königin will Mutter und Gattin in der höchsten Weise sein, aber sie müßte auch Königin sein. Nicht diese ewige Kleinmacherei, dieses tägliche, wenn auch noch so sinnige Kranzbinden. Und diese Liebe ist dabei doch anspruchsvoll, will bezahlt, vergolten sein, immer verdient durch beständige Aeußerungen der Gegenliebe. Das hat etwas Ausschließliches und Lästiges zugleich. Die Sonne scheint, die Liebe ist da – was soll dies ewige Abarbeiten? Während die Königin in ihrer Isolierung sich zu einer Steigerung ihrer Empfindung brachte und eine entsprechende That vollziehen wollte, hatte sich im König eine Isolierung andrer Art vorbereitet, und dieser Versuch des Religionswechsels – er darf unbedingt nicht mehr sein als ein Versuch, sagte sich der König – hatte diese Isolierung in ihm vollzogen. Der König saß still in seinem Kabinett. Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn, da ihm der Gedanke durch den Kopf fuhr, wie es wäre, wenn eine großgesinnte, das Leben beherrschende Gattin ihm zur Seite stände. Er wollte das nicht denken, er hatte es nicht gedacht. – Er befahl, daß der Leibarzt zu ihm komme. Die Sache muß rasch erledigt werden. Der Leibarzt trat ein. Der König forschte zuerst behutsam, ob dieser Vertraute der Königin nichts von dem Vorgange wußte, dann teilte er ihm geradezu das Vorgefallene mit, natürlich zu strengster Geheimhaltung. Der König stutzte, da der Leibarzt sehr höflich, aber auch sehr bestimmt statt für das Vertrauen Dank zu bezeigen, eine Ablehnung aussprach. »Ich würde es vorziehen, Majestät,« sagte er, »wenn mir Geheimnisse oder Störungen, bei denen ich nichts mitwirken kann, gnädigst vorenthalten würden.« Der König sah staunend drein. Dieser Mann bleibt der ewig Starre, seine Würde Wahrende. »Ich wollte Sie ja eben fragen,« sagte der König und sein Ton war herb, »ob Sie sich in dieser Sache eine Einwirkung auf die Königin zutrauen?« »Ich nicht, wenn aber Eure Majestät sie mir zutrauen, bin ich bereit, den Versuch zu machen.« »Thun Sie das!« »Ihre Majestät die Königin wird aber dadurch verletzt werden; ich kenne ihre Sinnesweise – die Sache verliert ihr den Duft der Unberührtheit, wenn sie hin und her besprochen wird.« »Das wäre gut! Das wäre zweckmäßig!« sagte der König schnell. »Diese Schwärmerei wird vielleicht dadurch am besten geheilt, und in unsrer Zeit wird ja alles debattiert. Ihre Freunde in der Abgeordnetenkammer debattieren alles – so mag auch das –« Die gemischte Stimmung des Königs gegen den Leibarzt kam in unbewachten Momenten zu Tage. Es war eine beständige Unzuträglichkeit, daß der Leibarzt sich zwar nie vordrängte, aber so oft er in eine Erörterung gezogen wurde, immer mit gleicher Entschiedenheit sich in religiösen und politischen Dingen zum Freisinn bekannte. Dennoch mochte man ihn nicht entbehren. So unbequem oft auch seine Art und Weise, er stand bei dem König in hoher Schätzung und stand so hoch in der Wissenschaft und in der Achtung des Landes, daß es einen besondern Glanz auf den Hof warf, einen Mann von anerkanntem Freisinn in der nächsten Umgebung des Königs zu wissen. Der König gab nun dem Leibarzt den förmlichen Auftrag, auf die Königin einzuwirken, daß sie von ihrem Entschlusse zurücktrete. Die Aufgabe war schwer. Die Königin hatte noch immer dem bewährten Freunde alles anvertraut, jetzt kam er mit ihrem Geheimnis, das ihm ein andrer übergeben. Günther versuchte es dahin zu bringen, daß die Königin ihm ihren geheimen Entschluß mitteile; aber sie ließ sich nicht dazu herbei, und endlich mußte er selbst davon zu reden anfangen Die Königin war erschreckt. »Warum that der König das?« sagte sie, und auf ihr Angesicht trat ein tiefschmerzlicher Zug. »Seine Majestät,« erwiderte der Leibarzt, »traut mir vielleicht noch einige weitere bestimmende Vernunftbeweise zu.« »Ich kenne die Vernunftbeweise alle,« erwiderte die Königin heftig. »Hier ist etwas, wo kein fremdes Wort, kein fremder Hauch –« »So werde ich schweigen, Majestät, und bitte, mich zu entlassen.« »Nein, nein, reden Sie, ich muß Sie hören.« »Sie müssen nicht –« »Ach! wollen – müssen! Sie sagen ja immer, wir Menschen haben keinen freien Willen! Bei Fürsten ist das gewiß.« »Majestät,« begann der Arzt leise, »der hohe Entschluß, den Sie in sich faßten, ist auch nicht ein Akt Ihres Willens, er ist die natürliche und notwendige Folge einer Kette von Ereignissen und Eindrücken, die Ihre Seelendisposition gestalteten. Innige Naturen glauben immer, sich selbst und der Welt nicht genug thun zu können; sie möchten zu jeder Stunde, mit jedem Atemzug ein Glück schaffen, einen hohen Gedanken in der Welt befestigen.« »Also auch Sie können schmeicheln?« »Ich schmeichle nie; ich stelle nur die Diagnose, und sie ist gar nicht schmeichelhaft. Diese seelische Ueberfülle ist nicht Gesundheit.« »Sie halten also meine Stimmung für krankhaft –« »Wir nennen das nicht so – aber bitte, Majestät! dieser Ton ist uns beiden nicht ...« »Sprechen Sie. Ich höre Sie gern. Es beleidigt mich nicht, daß Sie davon wissen. Ich betrachte Sie als ein Stück Tag, an dem ich meinen Entschluß wollte reifen lassen.« »Nun denn, was reifen soll, muß sich auch von der Luftströmung, ja vom Sturm hin und her bewegen lassen. Ich bringe Ihnen keinen Sturm, ich will nicht davon sprechen, daß, wer seine angestammte Religion verläßt, Vater und Mutter beleidigt, und daß die von Jugend an gewohnten Zeremonien die Muttersprache der Seele sind. Das gilt nicht vor dem Geiste. Geist und Vernunft sind Vater und Mutter des bewußten Menschen. Was man erkennt, muß man auch bekennen. Ich mißbillige den Uebertritt aus Erkenntnis nicht. Soviel ich aber weiß, nehmen Sie, Majestät, das Bekenntnis nur äußerlich an – oder auch innerlich, aber nicht um des Bekenntnisses willen, sondern aus Liebe zu Ihrem Gatten. Majestät! Ich selber stehe, wie Sie wissen, auf ganz anderm Grunde. Ich glaube jene Quelle im Paradies zu kennen; dort, wo sie noch eins ist und erst draußen in die Ströme sich teilt, die, wie mein Freund Eberhard, der Vater unsrer Gräfin Irma, sagt, die Predigtmühlen treiben. Sie wissen, Majestät, daß die gleiche Sage, die sich in dem schönsten aller Bücher, in der Bibel, findet, auch in unsrer deutschen Sage sich findet, vom Baume Igdrasil gehen auch vier Ströme aus –« »Gut, aber bitte, lieber Freund, jetzt keine gelehrten Kuriositäten.« »Majestät!« nahm der Arzt wieder auf, »verharren wir in unsrer angestammten Religion, so können wir in ihr frei sein, das heißt in unserm Denken über sie hinausgehen; kein Ketzergericht hat mehr Gewalt über uns. Bekennen wir aber eine neue Religion, so haben wir kein Recht mehr, frei zu sein; wir haben die Pflicht, sie zu bekennen! Ein geborner Adeliger kann sich zur bürgerlichen Gleichheit bekennen; einer, der sich adeln läßt, kann das nicht. Und, Majestät, lassen Sie mich noch eines sagen: ich betrachte es als ein Glück für die Menschheit und für unser deutsches Vaterland besonders, daß es keine Konfessionseinheit gibt, dadurch allein ist die Humanität gewahrt, denn wir müssen lernen, daß es verschiedene Formen und Seelensprachen für ein und dasselbe gibt. In der Vielfältigkeit der Konfessionen liegt eine Bürgschaft gegen den Fanatismus, wie weiter hinaus eine Bestätigung, daß die äußere Religionsform gleichgültig, ich meine, daß man in jeder Religion ein rechtschaffener Mensch sein könne und sogar ohne äußere Religion.« Diese Gedanken noch näher erläuternd, saß der Leibarzt lange bei der Königin. Während er noch bei ihr war, ließ sich der Domherr melden. Die Königin ließ sich entschuldigen und ihn auf den andern Tag bestellen. Dennoch als der Leibarzt wegging, war sie von ihrem Vorhaben nicht abwendig gemacht. Sie blieb dabei, daß dies eine Handlung sei, in die kein andrer Mensch ein Wort dreinreden könne, zumal ein Mann nicht. Sie war nahe daran, sich Irma anzuvertrauen; sie ist klug und meint es treu mit ihr. Aber eine unüberwindliche Scheu hielt sie davon zurück; sie wollte vor Irma nicht schwach und schwankend erscheinen. Fünftes Kapitel. Die Königin war tagelang still und einsam. Nur Walpurga mit dem Kinde durfte um sie sein, sonst wollte sie niemand sprechen, ihren Gatten nicht, den Leibarzt nicht und den Geistlichen nicht. Eines Mittags, als Walpurga bei ihr war, drängte es sie zu der Frage: »Walpurga, weißt du, daß ich nicht zu deiner Religion gehöre?« »Ja freilich, und das freut mich.« »Das freut dich?« »Jawohl, das freut mich. Sie sind die erste und die einzige Lutherische, die ich bis jetzt kennen gelernt habe, und wenn alle so sind wie Sie, muß das eine schöne Religion sein.« »Sie ist auch schön; alle Religionen sind schön, die uns zu guten Menschen machen.« »Sehen Sie, Frau Königin, das hat mein Vater auch gesagt, ganz mit denselben Worten. O! dem hätt' ich's gegönnt, daß er so lang gelebt hätte, daß er Sie noch gesprochen hätte.« Die Königin war lange Zeit still. Endlich fragte sie wieder: »Walpurga, wenn du eine andre Religion hättest wie dein Hansei, würdest du ihm in seine Kirche folgen?« »Mein Hansei ist auch katholisch.« »Wenn's aber anders wäre?« »Es ist ja aber nicht anders.« »Denke dir aber, es wäre anders.« »Das kann ich aber nicht, ich kann's nicht,« sagte sie fast weinend. Die Königin war wieder lange still. Nach geraumer Weile begann Walpurga von selbst: »Ich kann's doch, ja ich kann's; ich hab' mir's ausgedacht. Sie sind ja auch lutherisch und Ihr Mann katholisch. Ja ich kann's. Jetzt, warum fragen Sie mich denn das?« »Wenn du also – denke dich an meine Stelle – wenn du evangelisch wärest, würdest du nicht in die Kirche deines Mannes gehen?« »Nein, Königin, nie. Bin ich seine brave Frau gewesen als Evangelische, so bleib' ich's. Darf ich Ihnen was erzählen, Königin?« »Ja, erzähle.« »Was hab' ich denn nur erzählen wollen? Ja, jetzt weiß ich's! Sehen Sie – mein Vater selig – der Leibarzt hat Ihnen gewiß schon berichtet, was das für ein braver Mann war – aber ich fang' verkehrt an, ich hab' ja anders hinaus gewollt – ja, also sehen Sie: In der Unterweisung da hab' ich einen gar scharfen Pfarrer gehabt, der hat alle Menschen, die nicht von unserm Glauben sind, in die tiefste Hölle hinein verdammt, und da erzähl' ich das einmal meinem Vater, und da sagt er mir: Burgei – er hat mich nur Burgei geheißen, wenn er mir etwas hat ins Herz thun wollen – Burgei, hat er gesagt, auf der Welt leben so und so viel Millionen Menschen, und davon ist der geringste Teil Christen, und was wäre das für ein niederträchtiger Gott, der all die andern in die Hölle hinab verdammen wollte, weil sie keine Christen sind, und sie können doch nichts dafür, sie sind doch nicht darin geboren! Glaub nicht, so hat mein Vater gesagt, daß der Mensch verdammt ist wegen seines Glaubens, wenn er nur brav ist. Und das halt' ich fest. Ich sag' natürlich unserm Pfarrer nichts davon, der braucht nicht alles zu wissen! der sagt mir auch nicht alles, was er weiß.« Die Königin war still, und bald begann Walpurga wieder. »Jetzt fällt mir noch was ein, das Beste fällt mir ein! O liebe Frau Königin, das muß ich Ihnen noch erzählen, das hab' ich auch von meinem Vater; er hat gar viel sinniert. Der alte Doktor, der Vater vom jetzigen, hat's oftmals gesagt, wenn mein Vater studiert hätt', das wär' ein großer Mann geworden, ein weltberühmter. Jetzt, also am Abend, es war an dem Sonntag, wo ich gefirmt worden bin, sitze ich mit meinem Vater und meiner Mutter auf der Bank hinter unserm Häuschen am See, und da hat's zu Abend geläutet, wir haben unser Ave gebetet, setzen uns wieder, und da hören wir den Liederkranz, der kommt in einem Nachen über den See, und so schön gesungen haben sie, so schön, ich kann's gar nicht sagen, und da sagt mein Vater, und steht wieder auf, und die Sonne scheint ihm ins Gesicht, und es ist wie lauter Feuer, und er sagt: ›Jetzt weiß ich, wie es unserm Herrgott im Himmel droben zu Mute ist.‹ – ›Red nicht so gottlos,‹ sagt meine Mutter. ›Ich red' gar nicht gottlos, im Gegenteil,‹ sagt mein Vater, und setzt sich wieder, er hat eine merkwürdige Stimme gehabt, wie sonst nie. – ›Ja, ich weiß es, ich spür's,‹ sagt er, ›jetzt, die Kirchen alle, die unsrig', und die evangelisch' und die jüdisch', und die türkisch' und wie sie alle heißen – da ist jedes so eine Stimm' im Gesang, und da singt ein jedes, wie es seine Kehle hergibt, und das stimmt doch zusammen und gibt einen guten Chor, und da droben am Himmel, da muß es gar schön klingen und es soll nur ein jedes singen, wie unser Herrgott ihm die Stimme in den Mund gelegt hat, er wird schon wissen, wie es zusammenstimmt, und es stimmt gewiß schön!« Walpurga sah strahlenden Auges auf die Königin, und der Blick der Königin begegnete dem ihrigen. »Dein Vater hat dir ein gutes Wort gegeben,« sagte die Königin. Es glänzte etwas im Auge der Königin und es glänzte im Auge Walpurgas. Walpurga ging davon mit dem Kinde. Am andern Tage ließ die Königin ihren Gatten zu sich bitten. Sie sagte ihm: »Kurt, ich habe Mut.« »Das weiß ich.« »Nein, ich habe einen Mut, den du nicht kennst –« »Einen Mut, den ich nicht kenne?« – »Und nie kennen wirst! Ich habe den Mut, als schwach und schwankend zu erscheinen. Nicht wahr, Kurt, du verkennst mich deshalb nicht?« »So sprich doch deutlicher und ohne Einleitung.« »Ich bin entschlossen,« fuhr die Königin fort, »ich wage es kaum mehr, das Wort entschlossen auszusprechen – nicht wahr, du verkennst mich nicht? Ich bleibe in der Konfession, in der ich geboren, und wir sind doch eins.« Der König dankte ihr sehr freundlich und bedauerte nur, daß der Domherr von der Sache wisse; er hoffe indes, ihm die Zunge zu binden. Die Königin sah ihn staunend an, da er sich gar so wenig freute; aber sie fand es doch wieder natürlich; warum sollte etwas, das nur wie eine Wolke vorübergezogen war, eine große Wirkung hinterlassen? Freilich in ihr hatte es schwer gekämpft, aber im andern nicht. Die Königin fühlte, daß sie lange zu thun haben werde, um irgend einem Ausspruche oder einem Entschlusse wieder Geltung und Gewicht zu verschaffen; denn sie war einmal schwach gewesen und das vergessen die Menschen nicht. Als die Königin am Sonntag in der evangelischen Hofkirche war, wagte sie kaum, von der Hofloge aus den Blick aufzuschlagen. Durch ihre Seele zog der Gedanke, wie es wäre, wenn sie drüben in der andern Kirche, und wie die Blicke der Gemeinde sich hier herauf richten würden, wo nun niemand mehr erscheint. Sie hatte dieses Haus, diese Gemeinde im Geiste schon einmal ganz verlassen; ihre Seele bebte vor dem, was sie hatte vollführen wollen, und sie dankte aus tiefstem Herzen ihrem Gatten, der sie mit starker Hand davon zurückgehalten. Als sich die ganze Gemeinde erhob, und im Kirchengebete für das königliche Haus ihrer besonders gedacht wurde, und sie, wie der Ausdruck heißt, »ausgeweiht« wurde mit dem Danke für ihre Erhaltung und die Erhaltung des königlichen Prinzen, da flossen ihre Thränen unaufhaltsam. Am Mittag ging sie gegen alle frühere Gewohnheit zum zweitenmal in die Kirche. Während dessen lustwandelte der König in dem Teile des Parkes, der nur durch eine rote Schnur dem öffentlichen Besuche abgeschlossen war, mit der Gräfin Irma auf und ab. Der König teilte Irma den Entschluß der Königin mit, und wie sie sich wieder davon abbringen ließ. Irma entgegnete, daß sie dieses Vorhaben längst geahnt, sich aber nicht für berechtigt gehalten hätte, davon zu sprechen; sie habe dem Leibarzt eine Andeutung gemacht, er habe aber nichts davon wissen wollen. Der König sprach sein Mißbehagen über das Wesen des Leibarztes aus; aber Irma verteidigte ihn mit vieler Begeisterung. »Der Mann ist glücklich,« sagte der König, »solch einen beredten Anwalt in seiner Abwesenheit zu haben.« »Das haben meine Freunde immer an mir,« entgegnete Irma, »die, die ich wahrhaft verehre.« »Ich wünschte auch einmal angeklagt zu sein,« fuhr der König fort. »Und ich glaube,« erwiderte Irma lächelnd, »Majestät könnten nicht besser verteidigt zu sein wünschen, als ich es thun würde.« Es trat eine Pause ein. Der König nahm mit schönem Freimute seinen Widerstreit gegen den Leibarzt zurück, und das Gespräch über diesen schien nur wie eine Brücke zu einem andern. Der König sprach über seine Gattin und ihre eigenartige Gemütsverfassung. Der König und Irma sprachen zum erstenmal über die Königin. Daß Irma dies that und der König es nicht nur gestattete, sondern geradezu herausforderte, war der Keim einer unberechenbaren Entwickelung. Sie lobten und priesen den dichterischen Sinn, den Schwung der Empfindung, die blumenhafte Zartheit der Königin, und indem die beiden sie so glänzend darstellten, durften sie im Innern unausgesprochen deren Schwäche und überschwengliche Schwärmerei tadeln. Im ersten Aussprechen eines Gatten über den andern zu einem dritten liegt eine folgenreiche Verfremdung und Preisgebung. Noch war alles verhüllt, mit lautem Lob, mit Begeisterung zugedeckt. Es war hier wie dort bei der Königin in der Kirche. Sie rang im Gebete, mit aller Kraft ihres Willens wollte sie ihre ganze Seele darein versenken, wieder vollauf sein, was sie ehedem war, und doch, während sie die Worte sprach und ihr Denken hineindrängte, wich in der Verborgenheit eine Erstarrung und Verfremdung nicht, die ihr sagen wollten: du kehrst nie mehr ganz wieder. Während der König und Irma miteinander sprachen, erschienen sie sich als die gleichen; sie sahen die Welt und die Bewegungen der Menschenseele mit demselben Blicke an, sie sprachen davon, wie leicht man in Schwäche verfallen könnte, und ihre Vertraulichkeit erschien ihnen nicht als Schwäche, sondern als Stärke. Sie gingen im gleichen Schritt und Tritt und Irma sagte nicht mehr: wir wollen umkehren. – Die Königin war, seitdem sie wieder der Gesellschaft angehörte, wenn möglich, noch viel huldvoller, viel liebreicher gegen jeden; sie stellte jeden weit über sich; die Menschen waren nicht so schwach und schwankend gewesen wie sie. Sie glaubte jedem etwas besonders Gutes thun zu müssen, weil sie trotzdem ihm gleich, weil sie über ihm stehen durfte. Sie war in innerster Seele voll Demut. Die Zeitungen brachten nach wenigen Tagen eine seltsam verhüllte Geschichte, wie man die engelsreine Güte einer Fürstin hatte benutzen wollen, um sie in der Einsamkeit von sich selbst abwendig zu machen, und ihr die Liebe des Landes zu entziehen. Es war nicht schwer zu finden, daß damit der Uebertritt der Königin bezeichnet wurde. Die Königin hatte sich stets offen zur liberalen Opposition des Landes bekannt, und der König hielt den Leibarzt für den Vermittler, der ihr die Gunst der Presse zuwendete und dabei auch eine Indiskretion nicht scheute. Er wurde durch diese offenbare Entstellung noch mehr gegen die Presse aufgebracht, nicht minder aber gegen die Machinationen der Partei der Königin am Hofe; er hielt indes beide Aergerlichkeiten zurück. Es wird sich die Zeit schon finden, beiden zugleich gerecht zu werden. Sechstes Kapitel. (Irma an ihre Freundin Emmy.) .... Das alles habe ich gestern vollbracht. Ich wollte lesen; ich sah die Buchstaben, aber ich las sie nicht, alles kroch mir durcheinander wie ein Ameisenhaufen. Ich wollte singen, kein Lied war mir recht. Ich wollte spielen, selbst Beethoven war mir fremd. Und so lag ich stundenlang und träumte in mich hinein und aus mir hinaus. Ich folgte dem Mütterchen und ihrem Sohne über die Berge, die Lerchen singen ihnen meine Gedanken zu, sie kommen heim und der wilde trotzige Bursch ist geschmeidig, er jodelt frisch in die freie Welt hinein, grüßt seinen herztausigen Schatz – ich meine, ich hör' ihn singen. Ach, Emmy, was gibt es Herrlicheres als Menschen beglücken? Es ist schon armselig genug, ein Mensch zu sein, gebunden in tausend Schranken, Rücksichten, Elendigkeiten; und wenn man noch dazu Not leiden muß – Strafe, Zuchthaus, Ketten! Es ist eine Schande für die Menschheit, daß es Zuchthäuser gibt. Ach, Emmy, und wie groß, wie eine Offenbarung aus dem intimen Volksherzen sprach das einfältige Weib des Holzknechtes. Ich wollte ihre Worte in Verse fassen, sie am Morgen dem König überreichen, aber es ging nicht. Nichts genügte mir, die Sprache ist abgenützt, zu eng, zu grob, das Wort Schillers ging mir immer noch durch den Sinn: Ach, wenn die Seele spricht, spricht schon die Seele nicht mehr! Ich ließ mein Gekritzel sein. Ich habe eine unruhige Nacht verbracht. Wenn etwas tief innen unerlöst ist, dann wandelt die Seele um, wie ein Gespenst, und kann keine Ruhe im Schlafe finden. Heute bei dem Frühstück teilte ich dem König die Worte Walpurgas mit. Ich ärgerte mich, er verstand sie nur halb, wie hätte er sonst darauf antworten können: »Ja das Gebirgsvolk hat einen tiefmonarchischen Sinn. Teilen Sie doch Ihrem Herrn Vater das mit.« Der König merkte, wie unpassend er sich geäußert, und wie immer gewandt und liebenswürdig und auch sein gutes Herz wieder schnell fassend, sagte er: »Liebe Gräfin, ich will Ihnen einen geheimen Titel geben, der aber nur für uns beide da ist. Ich ernenne Sie hiermit zum Spion des Volksherzens. Erkunden, erlauschen Sie, wo Sie etwas finden, und Sie sollen immer bei mir unbedingte Willfährigkeit finden. Meinen Sie nicht, daß Egeria nichts andres war, als Spionin des Volks-Herzens? Sie hörte im Tempel am Altare die geheimsten Gedanken des Volkes, teilte sie dem König Numa mit und er ward bis zur Anbetung vergöttert.« »Unser Volk spricht aber nur vorgeschriebene Gebete,« sagte ich. »Das ist ein anregender Gedanke,« erwiderte der König und gab bald darauf dem eintretenden Schnabelsdorf den Auftrag, ihm kurz zu notieren, welche bestimmte Gebete die Griechen und Römer in den verschiedenen Tempeln sprachen. Nun wird also die ganze Geschichte, alles was, wie ich glaubte, eine tiefe Wirkung haben sollte, zu einem Amüsierabend. Ach, liebe Emmy, Amüsieren! das ist der tiefste Punkt auf dieser Welt, in den alles mündet. Ein Apostel, der heute aufträte, müßte sprechen: Fraget nicht, wie werden wir uns heute amüsieren, sondern u.s.w. Mach Du den Satz fertig. Ich bin nicht besser als die andern. Ich bin auch nur eine für siebzig Jahre aufgezogene Puppe, die tanzen, lachen, reiten und sich amüsieren will. Alles auf der Welt ist Amüsiervogel. Der Unterschied ist nur, daß die einen Amüsiervögel sich an Körnern und Raupen, Mücken und Larven begnügen, während die andern größere Portionen brauchen, Hasen, Rehe, Hirsche, Fasanen, Fische; und die höhere Bildung des Amüsiervogels, genannt Mensch, besteht darin, daß er seinen Fraß kocht. Es ist eine grausame Leerheit in vielen Menschen. Konversation machen – darin besteht die ganze Kunst. Denke Dir den Ausdruck »Konversation machen« recht klar und Du wirst finden, was für ein Unsinn das ist. Die Leute finden mich unterhaltend, aber ich mache nie Konversation; ich spreche eben, wenn ich etwas zu sagen habe. Mein Dämon ruft mir jetzt immer zu: Dilettantismus. »Dilettieren« – schmökern, naschen zum Zeitvertreib – übersetzt es mein Lexikon. Das ist grob, aber es liegt etwas darin.... Einen Tag später. Eben schickt mir der König folgendes Gedicht. Ich muß ihm Abbitte thun. Er hat meine Mitteilung doch besser gefaßt. Wie findest Du das Gedicht? Warum soll ein König nicht dichten? Verlangt man ja Idealität von ihm. Freilich, ein König soll alles verstehen, aber in nichts dilettieren. (Nachschrift.) Ich sehe eben, daß ich Dir das Gedicht nicht abschreiben darf. Einen Tag später. Lache nicht, daß ich Dir immer von der Walpurga erzähle. Der König traf mich heute bei ihr, als wir gerade Schreibstunde hielten. Er sagte, wie es ihn freue, daß er den Verwandten der Walpurga begnadigen konnte. »Unsre Verwandtschaft ist weitläufig, von sieben Suppen ein Schnittle,« erwiderte sie. »Und, Herr König, ich hab' was auf dem Herzen: ich bin unschuldig, wenn der rote Thomas doch wieder schlecht ist, ich kann nichts dafür.« Der König lachte und sagte: »Ich kann auch nichts dafür.« Unbegreiflich ist's, wie die Walpurga nun fast immer mit Zorn von Zenza und deren Sohn spricht und nichts mit ihnen zu thun haben will. Es wohnen seltsame Dämonen im Herzen des Volkes nebeneinander. Ich fürchte, mein Amt als Volksspion wird mir zu schwer. Der König hat mir eine Abschrift der Kirchengebete der Griechen und Römer schicken lassen. Ich will mir's wegschreiben, dann hab' ich's nicht mehr. Ich muß mir immer vorstellen: wie wär's, wenn die Zenza Oberhofmeisterin und ihr Sohn, der Wildschütz, Oberjägermeister geworden wären? Redegewandt genug wäre sie, und sie hat überaus kluge und verschmitzte Augen, und der Bursche wäre gewiß ein höchst eleganter Kavalier. Ach, und da sprechen die Menschen, daß Gleichheit in der Welt sei, und wir auf unsre Geburt uns nichts einbilden dürfen. Ist's nicht ein sichtbares Zeichen der himmlischen Gnade, daß ich als Gräfin und nicht als Tochter der Zenza geboren bin? Und doch kann man wieder sagen: gerade das Gegenteil. Es ist im Grunde allen Geschöpfen wohl auf der Welt. Der Frosch im Sumpf ist bei seinem Gequake gerade so glückselig wie die Nachtigall mit ihrem Flöten und Schmettern im Busch. Es ist nicht Humanität, es ist Willkür und Tyrannei, dem Frosch zu sagen: du sollst auch im Rosenbusch wohnen und à la Nachtigall singen! Hast Du schon einmal ordentlich zugehört, wie urbehaglich so ein Frosch quakt? Jetzt eben haben sie großes Konzert im Schloßteich. Ich hör' es gern. Wir Menschen sind gar zu keck, daß wir alles danach bemessen, wie es uns mundet, unser Ohr und Auge erquickt. Der Fröschin gefällt gewiß der Gesang des Meisters Frosch am besten, und sie hat recht. Ich danke Dir, liebe Emmy, daß du alles so an Dich hinschreiben lässest. Du kannst Dir gar nicht denken, wie wohl mir das thut. Ich bin ein Spion meines eigenen Herzens. Es sind viele wilde Gesellen darin, Abenteurer und Glücksritter, und dazu eine Nonne.... Ich selbst bin begierig, wie die gemischte Gesellschaft miteinander fertig wird. Ich bin dem ganzen Hofe gegenüber darum so frei, so übermütig, weil ich ein geheimes Tagewerk habe, und das sind meine Briefe an Dich. Aber noch viel tausendmal mehr denke ich zu Dir. Es vergeht kein' Stund' in der Nacht, Wo ich nicht an dich gedacht Und dein gedenk'.... Weißt Du noch? das war Dein Lieblingslied. Ich singe Dir's täglich mindestens einmal. Du und mein Klavier, ach was seid ihr mir alles! Ihr wartet, bis ich komme. Ihr habt alle Töne aller Meister in euch, aller, die waren und noch sein werden, und ihr wartet nur, bis einer kommt, der sie erklingen läßt. Ich bin zwei Seelen. Ich bin mein Klavier und meine Zither. Die eine Seele läßt sich leicht transportieren, die andre nicht, und die eine verlangt die Berührung der Saiten mit den Fingern – ach, ich weiß nicht mehr, was ich schreibe. Ich wollte, ich könnte mir das Denken abgewöhnen. Ich wollte, ich wäre die Tochter dieser Zenza, und mein Bruder wäre der Wilddieb. Doch nein! Unsre Diebe und Schelme, die in der Schule die sieben Todsünden und den Katechismus auswendig gelernt haben, sind gezähmt und feig; sie stecken ein Gnadengesuch in die Schürze der Mutter und greinen: Wir haben nichts gethan, laßt es ungeschehen sein! – Nirgends in der Welt ist mehr ein wirklicher Naturtrotz. Ich glaube, dein italienischer »Räuber hinter dem Felsen«, den du einmal gestickt hast, ist auch nichts als eine Malertradition für Stickmuster. Alle Künste legen unserm Dasein nur Schminke auf. Gute Nacht! Einen Tag später. .... Ich lese nie, was ich früher geschrieben. Ich will nichts mehr davon wissen. Die Sonne, die gestern geschienen, scheint heute nicht mehr. Ich meine es anders: es ist dieselbe Sonne, aber das Licht wird immer neu, und ich bin heute glücklich und frage nichts danach, ob Kirchen und Schlösser, Männer und Weiber, Frösche und Krokodile in der Welt sind. Der König sagte mir heute: »Ich weiß, Gräfin, daß Sie in diesen Tagen klein von mir gedacht haben. Ich spüre jede Abwendung Ihrer Seele wie einen elektrischen Stoß. Ich bitte, thun Sie das nicht mehr –« und dabei sah er mich an, wie ein bittend Kind, ach, er hat so treue, tiefe Augen. Ich weiß, was Du einmal sagtest: »Es gibt Blicke ohne Hintergrund, ohne seelische Tiefe.« Ach, die Blicke dieses Freundes haben eine unendliche Tiefe. Ich will von keinen Schranken mehr wissen, ich – ich ... Nein, das Wort kann ich doch nicht schreiben. O Emmy, ich wollte, ich wäre eine Almerin auf einsamer Bergeshöh'. Heute nacht war mir's, als riefen meine Heimatberge: Komm heim! Komm! Bei uns ist gut sein! – Ach, und ich möchte fort und kann nicht. Walpurga ist jetzt mein Trost. Ich versenke mich in ihr Leben, es ist so viel gründliche Naturruhe darin, und dabei ist es mir äußerst amüsant, das ganze Hofleben aus ihren Augen heraus wie ein Puppenspiel zu betrachten. Wir sitzen wie die Kinder vor dem Guckkasten und sind überaus lustig. Wir singen auch viel miteinander. Ich habe prächtige Lieder von ihr gelernt. O, wie schön keck sind doch die Menschen da draußen! – »Auf der Alm da gibt's kein' Sünd« – das Lied geht mir immer nach. Der König reist heute ins Bad. Mein Bruder ist in seinem Gefolge. Der König hat mich gebeten, ihm bisweilen zu schreiben. Ich werde es nicht thun. Zwei Tage später. Der König weiß, ich kann nicht leben ohne Blumen in meinem Zimmer; er hat nun befohlen, daß mir jeden Tag ein frischer Blumenstrauß ins Zimmer gestellt werde. Das gefällt mir nicht. Eine Blume, nach der man sich bückt und sie der Freundin darreicht, ist mehr als tausend künstlich gebundene Sträuße aus den Kunstgärten. Der König läßt auch der Baronin N... und der Gräfin A... täglich frische Blumensträuße ins Zimmer stellen. Ich glaube, es geschieht nur, um die mir bewiesene Gunst zu verdecken. Mag sein! Ich zürne dem König. Er erhält keine Zeile von mir. Ich lerne seit einiger Zeit modellieren bei einem Professor der Akademie. Er hat eine Büste von mir gefertigt und sie als Modell zu einer Viktoria benutzt, die auf das neue Zeughaus kommt. Darf ich nicht stolz sein? Ich stehe künftig ewig in der freien Luft und sehe nichts als den blauen Himmel, Sonne, Mond und Sterne, und mittags die Wachtparade. Der Professor sagt, ich hätte Talent zum Figurenbilden. Das macht mich ganz glücklich: Malen, Zeichnen ist doch nur halb, nur Notbehelf. Wirst Du mir gestatten, ein Reliefbild von Dir zu machen, wenn ich zu Dir komme? Habe ich Dir nicht einmal von einem Geheimnis in Bezug auf die Königin geschrieben? Ich glaube. Nun ist die Sache zu Ende. Die Königin wollte aus Liebe zu ihrem Gatten zu unsrer Kirche übertreten, oder eigentlich zu Deiner – Du mußt's ein für allemal verzeihen, ich habe keine. Der König hat sich dabei großartig benommen. Es war eine unvergeßliche Stunde, als er mir alles vertraute. Er ist eine wahrhaft große Natur, und es ist schön, daß es Fürsten auf der Welt gibt, Menschen, die zu Urbildern erwachsen, unverbogen, unverschnörkelt, selbstgewiß, unbeschränkt, frei und universell. Gäbe es keine Könige, wir wüßten nicht mehr, was ein freier, schöner, voller Mensch – ich meine schön in der höchsten Potenz. Freilich gehört dazu auch ein hoher Geist. Nicht alle sind Götter, die sich anbeten lassen. Der Dichter und der König, sie allein sind volle Menschen. Alle andern, auch die Künstler und Gelehrten, haben einen geteilten, abgegrenzten kleinen Beruf, ein Soloinstrument: der Musiker und der Maler, der Bildhauer, der Baumeister, der Professor, alle. – Der Dichter und der König allein umfassen das ganze Leben in allen seinen Gestaltungen, nichts ist ihnen bedeutungslos, weil sie über alles herrschen, alles ihnen eigen ist. Der Dichter schafft eine ganze Welt, der König ist eine ganze Welt. Der Dichter kennt und schildert den Hirten und den Jäger, den König und den Staatsmann, die Königin und die Zofe und das Nähmädchen, alle. Der König aber ist alles, Jäger und Staatsmann, Soldat und Landwirt, Gelehrter und Künstler, er ist das ganze Orchester der Fähigkeiten; so ist er König, so repräsentiert er ein Volk, eine Zeit, das höchste Menschentum. Ach, Emmy! Nenne mich Turandot. Auch der dichterische Kammerherr Schöning wirbt um mich. Weißt Du aber, was ich auf der Welt hätte werden sollen? Ich weiß es. Königin eines wilden Stammes. Dazu war ich geschaffen. Eine ganz neue Kultur gründen – das war mein Beruf. Lache nicht, es ist nicht Scherz, nein ... Ich bin zu viel für das da! Ich bin nicht bescheiden, ich vermag andre zu beurteilen und mich auch. Ich weiß, was ich wert bin und was ich nicht bin. Auf dem Gute meines Vaters ist eine Hängematte zwischen zwei Ulmen. In der lag ich immer am liebsten, so in der Luft schwebend, und träumte von fernen Welten.... Weißt Du keinen wilden Stamm, der mich zur Königin wählen will? – – – Ich habe mir auch Melodien, wenn man's so nennen kann, der Indianer verschafft. Ein Professor an der Universität, der sechs Jahre unter den Indianern gelebt hat, hielt vor kurzem bei Hofe eine Vorlesung. Er ließ die mitgebrachten Instrumente spielen; es ist mehr Lärm als Musik. Das ist das künstlerische Kindeslallen eines ganzen Volkes. Morgens 4 Uhr. Vergiß alles, was ich Dir da geschrieben, wie den Lufthauch, die Wetterwenden von gestern. Ich bin aufgestanden, um Dir zu schreiben. Ich kann nicht schlafen. Ich sitze hier, kaum angekleidet, und rede zu Dir. O könnt' ich's! Schreiben ist eine Erbärmlichkeit, Hilflosigkeit. Ich weiß nicht, wie mir ist. Alles was ich thue und was ich bin, erscheint mir nur als provisorisch. Ich warte auf etwas, ich weiß nicht auf was. Ich meine, in der nächsten Minute da wird es sein, da werde ich ein Wunder thun, da wird mir ein Wunder geschehen, ich werde etwas ganz andres, eine große Heilkraft, nicht mehr ein kleines nichtiges Menschenkind. Ich horche hinaus, ich meine, ich muß einen Ton hören, der noch nicht in der Welt ist. Es geht nicht, ich kann doch nicht schreiben. Ich glaubte, es wird mir helfen, wenn ich mich zwingen könnte, alles bestimmt zu denken und zu sagen, aber ich weiß nichts Bestimmtes, ich weiß nur, ich bin unglücklich; nicht unglücklich, aber wie scheintot, scheinlebend. Ich meine, ich wäre eine Schlafwandlerin. Ich kann nicht mehr. Ich schließe diesen Brief, ich lege mich wieder ins Bett, ich will schlafen. Die ganze Welt um mich her schläft. Ich wollt', ich könnte in ein ander Leben hinüberträumen und wär's auch zum Nimmererwachen. Gute Nacht! Guten Morgen! Irma. Siebentes Kapitel. »Ich werde dir morgen die Tochter meines alten Freundes zuführen, die Gräfin Wildenort, von der ich dir manchmal erzählte,« sagte der Leibarzt am Abend zu seiner Frau. »Die Gräfin hat eine Erscheinung und eine Stimme voll Majestät, aber sie singt noch nicht praktisch.« »So wirst du sie es lehren; sie wird gern von dir lernen.« »Wenn sie will, ich bin bereit dazu.« Der Leibarzt war froh, daß diese Anknüpfung sich so leicht und natürlich fügte; er wußte zwar, daß seine Frau ihm in jedem Wunsche willfahrte, aber es sollte hier alles doppelt behutsam von statten gehen. Schon seit geraumer Zeit hatte er eine fieberhafte Aufregung im Wesen Irmas bemerkt, die sich in den letzten Tagen gesteigert hatte; aber er war auch in seelischer Beziehung ein Arzt, der nicht erst den Ausbruch der Krankheit abwartete, sondern ihm möglichst durch entsprechende Lebensweise vorbeugte. Er kannte den Grund von der Aufgeregtheit Irmas nicht; er glaubte, daß ein Einblick, ja vielleicht ein Eingewöhnen in eine gediegene Häuslichkeit das mit Gewaltsamkeiten spielende Wesen Irmas in ruhiges Geleis überlenken könnte. Er war erfahren genug, um zu wissen, daß sich Sympathie und Freundschaft nicht vermitteln lassen; aber die Erkenntnis einer in Charakter und Bildung gesättigten Bürgersfrau wird eine Wirkung auf Irma nicht verfehlen. Sie hat bisher doch nur Kloster- und Hofleben kennen gelernt. Gunther hatte nicht nötig, seiner Frau Verhaltungsregeln zu geben, oder auch nur eine Andeutung, wie sie Einfluß auf Irma zu gewinnen suchen solle; er war des Wesens und Wirkens seiner Frau so sicher, als wäre sie eine Naturkraft; je unbefangener und reiner er sie aus sich wirken ließ, um so gewisser war der Erfolg. Sonst hielt Gunther seine Häuslichkeit streng abgeschieden von aller Hofbeziehung. Hier aber war die Tochter seines Freundes, wenn auch seines erzürnten; ihr öffnete er den Burgfrieden seines Hauses. Irma hatte vor Wochen nur leichthin ihre Begegnung mit der Frau des Leibarztes und dessen jüngster Tochter beim Tedeum zur Geburt des Kronprinzen erwähnt. Der Arzt war mit einer wie zufälligen Bemerkung wieder darauf zurückgekommen und Irma hatte, fast ohne daß sie es wußte, den Wunsch ausgesprochen, diese flüchtige Bekanntschaft zu pflegen und weiterführen zu dürfen. Das war's, was er gewollt hatte, und am andern Mittag führte er Irma in sein Haus ein. Es war ein schönes, wohlerfülltes Haus. Die Frau Geheimrätin Gunther war eine geborene Schweizerin aus einer wohlhabenden und gebildeten Bürgerfamilie. Sie sprach das Hochdeutsch noch mit starker alemannischer Betonung, sie zwang sich weder den Dialekt beizubehalten, noch eine gewählte Schriftsprache sich anzueignen; ihr ganzes Wesen war ebenso natürlich frei, wie von Bildung gepflegt, aber weder von der Natürlichkeit noch von der Bildung wurde viel Aufhebens gemacht. Es versteht sich von selbst, daß man im Hause thätig ist, die Dinge des Lebens nach eigenem Sinn und Geschmack beurteilt, und an allem Schönen und Gemeinnützigen teilnimmt. Vordem war die Frau Geheimrätin eine beliebte Sängerin in Gesellschaftskreisen, besonders aber bei großen Gesangsaufführungen; sie sang einen vollen ausgiebigen Sopran, und wenn sie auch jetzt keine Soli mehr sang, so nahm sie doch mit ihren Töchtern teil an den großen Musikaufführungen; sie war, als frischere Stimmen die Soli übernahmen, ohne Ueberwindung, ja ohne nur ein Wort davon zu reden, in den Chor zurückgetreten. Und so war ihr Leben. Selbständig und thätig im Hause und teilnehmend an allen den Frauen zugänglichen öffentlichen Institutionen. Sie behielt ihr Leben lang ein gutes Erbteil ihrer Heimat: sie hatte keine Nervosität mitgebracht und Gemeinsinn war ihr Pflicht. Sie erzog ihre Kinder, ordnete ihr Haus, war eine freundliche aufmerksame Wirtin bei den Gesellschaften im Hause, und alles das vollzog sie wie eine selbstverständliche Naturnotwendigkeit. Sie ehrte ihren Mann, ein Ausspruch von ihm war ihr stets von besonderer Bedeutung, aber sie hielt auch ihr eigenes Urteil fest. Sie war nun bald zwei Jahrzehnte in der Residenz, aber der ganze Krimskrams des Rangklassenwesens und der Begnadigungen durch die Gunst dieses und jenes blieb ihr vollkommen fremd; sie stand nicht in Opposition dagegen, sie ließ das gewähren für diejenigen, denen es von Geltung ist, ihr aber waren und blieben es völlig gleichgültige Erscheinungen. Daß ihr Mann so hoch in Ehren stand, that ihr wohl, verstand sich ihr aber von selbst; er war ja ein Mann von hoher Bedeutung, und wenn ihm auch die Ehre vor der Welt gefehlt hätte, ihr blieb er der Erste und Würdigste. Das drückte sie in ihrem ganzen Thun und Lassen aus. Nach Hofe zu kommen, hatte sie nie entfernt ein Verlangen gehabt, und daß ihr Mann so oft am Tage und in der Nacht, ja wochenlang außerhalb des Hauses war, nahm sie als Notwendigkeit seines Berufes hin und erschwerte ihm diese Notwendigkeit nicht durch Klagen und Wünsche. Wenn der Leibarzt heimkam, trat er stets in eine wohlgefügte Häuslichkeit ein, und dadurch gestärkt, wie von einem sicheren Heimatsgrunde aus, ging er dann wieder auf den glatten und unsichern Boden des Hoflebens. In dieses Haus wurde nun Irma eingeführt. Ihre Erscheinung war voll Pracht und Schönheit und niemand ahnte, wie bettelarm und heimatlos es in ihrer Seele war. Sie hielt den schönen Strauß in der Hand, den der König heute wie immer in ihr Zimmer hatte stellen lassen. Gunther hatte ihr gesagt, daß der Geburtstag seiner Tochter Paula sei, und sie brachte ihr diese Blumen; sie sind so schön, so wohlgeordnet wie die Trägerin, und doch, was haftet daran? Es ist fast Sünde, sie zum Gruße zu verwenden, denn Irma fühlte sich durch diese Blumen gekränkt, aber auch sie sind Münzen, sie können weiter gegeben werden. Als Irma in das Haus eintrat, war es ihr, als ob sie aus dem Marktgewühl, aus unruhigem Treiben und Lärmen der Straße in einen Tempel der Häuslichkeit käme. Das Haus lag in einer kleinen engen Straße mitten in einem Garten voll schöner hoher Bäume. In einem abgegrenzten Gehege des Hofes war viel munteres Geflügel. Hausflur und Zimmer waren mit Statuetten und Bildern geschmückt, der Hausrat einfach, gediegen; im obern Stock befanden sich Bibliothek-, Empfangs- und Arbeitszimmer des Leibarztes. Es waren keinerlei Vorbereitungen zum Empfange Irmas getroffen, die Mutter hatte sogar den Töchtern ausdrücklich gesagt, daß sie wegen des Besuches der Gräfin keine besondere Toilette machen sollten. Man ging Irma nicht entgegen, sie wurde durch den Gartensaal geführt, wo auf einem Tische die Blumen und Geschenke für Paula standen, und dort auf der Freitreppe saß Frau Gunther mit ihren Töchtern, sie arbeiteten an einer Weißnäherei; die ältere Tochter, die Frau des Universitätsprofessors Korn, war mit ihrem Kinde da, und die jüngere, Paula, die nun auch in das einundzwanzigste Jahr eingetreten, wie Irma, sah frisch und munter aus, nicht eben schön, aber heiter und wohlgebildet. Irma wurde freundlich bewillkommt. Gunther zog sich, da seine Sprechstunde war, bald zurück und ließ Irma mit den Frauen allein. Anfangs befremdete es sie, daß sie wiederholt als Tochter des Freundes begrüßt wurde; sie erschien hier nicht, oder doch zunächst nicht in ihrem eigenen, abgesonderten Werte oder gar als beliebteste Hofdame, sie war die Tochter des Grafen Eberhard, die aus einer Gemütsverpflichtung in das Haus aufgenommen wurde. Als man nach dem Befinden ihres Vaters fragte, dankte sie; es war ihr schwer im Herzen, daß sie selbst so wenig davon wußte. Wie ganz anders lebten die Kinder hier! Die Musik bildete bald einen sich bequem darbietenden Uebergang. Auf dem Klavier lag eine geschriebene Komposition von einem Schwestersohn der Geheimrätin, der in Norddeutschland lebte. Frau Gunther erzählte, daß der junge Mann eigentlich von Fach ein Sprachgelehrter sei, da er aber wahrscheinlich sein Augenlicht verlieren werde und entschiedene musikalische Begabung besitze, sich nunmehr zum Künstler ausbilde. Irma bat, daß Frau Gunther das Lied singe; diese erwiderte, daß ihre Stimme nicht mehr voll ausreiche, aber für die Stimme der Gräfin sei es wie geschrieben. Sie gab ihr das Blatt, Irma las es durch, die Geheimrätin setzte sich ans Klavier, um zu begleiten, und Irma sang mit klangreicher Stimme. Die Komposition war anmutig, die Anklänge an bekannte Meister aber unverkennbar. Frau Gunther zeigte nun, was sie gestern ihrem Manne als praktisches Singen bezeichnet hatte; Irma wende ihre Mittel nicht ausgiebig und nachhaltig genug an, und da, wo ein Mangel sei, gab sie ihn zu sehr preis. Die Frau gab ihre Lehren in einfacher, von aller Anmaßlichkeit entfernter Weise, und Irma pries die Töchter glücklich, daß sie ihre Mutter noch singen hören. »Und hier mein Sohn ist noch mein dankbarstes Publikum,« sagte die Frau, und stellte einen schönen jungen Mann mit vollem braunen Barte vor. Der junge Mann, er war technischer Direktor in einer chemischen Fabrik, brachte noch einen Studenten mit; Freundinnen aus der Nachbarschaft kamen dazu, und es war ein heiteres Leben auf der Terrasse und im Garten. Irma bemerkte die auf sie gerichteten aufmerksamen Blicke. Es war ihr, als müßten die Menschen wissen, welche Wirrnisse in ihrer Seele lebten; sie vergaß ganz, wie schön sie war. »Verzeihen Sie, Frau Geheimrätin, wenn ich Sie so ansehe,« sagte Irma plötzlich, »aber ich stümpere etwas in der bildenden Kunst, und wenn ich Form und Schnitt und Farbe Ihres Kopfes ansehe, ist mir's, als hätte ich lebendig das Bild der Holbeinschen Madonna in der Dresdener Galerie vor mir.« »Das bemerken Sie noch jetzt?« erwiderte die Frau leicht errötend. »Ehedem wurde es mehrmals bemerkt, und es war auch fast das erste, was mein Mann vor nun bald sechsundzwanzig Jahren in Zürich zu mir sagte. Ich stamme allerdings mütterlicherseits aus der Familie des Bürgermeisters Maier, von dem das Bild gestiftet wurde.« Irma war erfreut von diesen Wahrnehmungen und Rückerinnerungen. Sie sah Frau Gunther immer mit großem Blicke an, und während sie von ihren Kunstbestrebungen sprach und nur wünschte, daß sie schon ein Porträt modellieren könnte – die Frau Geheimrätin müßte ihr sitzen – ging der Gedanke nebenher durch ihre Seele, wie eine altererbte Bildungsgeschichte, eine ganz andre, als die des Adels, durch die Zeiten dahinfließt, und das Beste, was die Menschen hervorgebracht, nicht der Adel, sondern das freie Bürgertum bewirkt hat. Frau Gunther fragte Irma, ob sie kein Bild ihrer Mutter besitze. Sie verneinte. Irma erzählte, daß ihr Vater ein Bild der Mutter in ihrer schönsten Blütezeit habe malen lassen. Das Bild war mißlungen, es stellte fast eine fremde Person dar, und der Vater ließ das Bild vernichten; er wollte lieber einstweilen gar kein Bild der Mutter haben, als ein falsches. »Den Mann verehre ich schon um dieser einen That der Wahrhaftigkeit willen,« sagte die Geheimrätin. »Die meisten Menschen begnügen sich mit dem Falschen und sagen: dies und das ist doch zu erkennen, und dann reden sie sich allmählich ein, es sei doch einmal das Wahre gewesen.« Das Gespräch wendete sich nun darauf, daß Irma ihre Mutter nicht gekannt. Der Blick Irmas schweifte oft auf die beiden Töchter, die so neben ihrer Mutter sitzen konnten. Die Frau Geheimrätin sagte: »Ich hoffe, daß ich Sie nicht schmerzlich aufrege durch diese Erinnerung, aber ich halte es für Pflicht, daß man oft und in ruhigem Bedacht seiner Verstorbenen gedenkt; so halte ich es mit meiner seligen Mutter, und so wünsche ich, daß meine Kinder es einst mit mir auch halten.« Irma faßte die Hand der Frau und drückte sie. Es lag in allem, was sie sprach, etwas gediegen Sättigendes. Frau Gunther erzählte, wie sie lange Zeit keinen Sinn für bildende Kunst gehabt, und sich doch nichts habe anlügen können; allmählich sei ihr ein Verständnis aufgegangen, aber sie habe es weit mehr für alles, was menschliche Figur ist, als für Landschaften. Das Gespräch nahm fortan leichte und freie Wendungen. Die halbe Stunde, die Irma hatte bleiben wollen – der Wagen war schon lange gemeldet – dehnte sich mehr als um das Doppelte aus. Endlich schied sie, mit aufrichtigen Worten zum Wiederkommen eingeladen. Achtes Kapitel. Mit einer Empfindung, als käme sie aus einer andern Welt, aus einem Leben, das weit, weit entfernt liegt, kehrte Irma ins Schloß zurück. Der Leibarzt war ein Forscher und ein Kundiger im Menschenherzen. Der Besuch Irmas in seinem Hause hatte in einem Betracht die streng folgerichtige Wirkung, die er sich vorgedacht, aber es mischte sich noch etwas andres, oder verband sich vielmehr mit Vorhandenem, was er nicht bemessen konnte. Nur der Tropfen, der aus den Wolken fällt, ist ohne fremde Beimischung, und nur der reine Gedanke läßt sich in seiner Folgerung streng bestimmen. Das Wasser in den Brunnen auf der Erde und das lebendige Menschenherz – es sind unsichtbare Mischungen in ihnen, und es läßt sich nicht ermessen, wie eine neue Zuthat auf die gelösten unsichtbaren Atome wirkt. In Irmas Seele war eine tiefe Erregung. Ihre übermächtige Kraft hatte eine Uebung, eine That gesucht, um sich daran auszuleben. Die Freundschaft des Königs, und daß sie seinem hohen Naturell etwas bieten könnte, was ihm sonst mangelte, die gute Kameradschaft, war ihr wie ein Glück erschienen. Nun hatte die alltägliche Höflichkeit mit dem Blumenstrauß, so klein sie war, sie geweckt und beleidigt. »Er ist nicht dein Ideal,« sagte sich Irma und sie war tief einsam in sich, wie sie es gewesen, seit sie denken konnte. Sie war einsam gewesen im Kloster, aber dort hatte sie ihre Freundin gefunden, die, wenn auch weniger gab, doch alles treu von ihr nahm. Sie war einsam am Hofe, trotz ihrer übermütigen Laune; sie mußte immer etwas treiben, etwas versuchen, musizieren, singen, malen, modellieren; nur diese tote Einsamkeit nicht. Ein tiefes Heimweh war in ihrer Seele. Sind nicht alle Menschen heimatlos auf der Welt? fragte sie sich. Während sie so umhersuchte, ward sie vom Leibarzt in sein Haus eingeführt. Wie schön, wie lückenlos ist da alles. Da ist eine Heimat, da ist eine Mutter, die sagt, wie sie junges, heißes Leben versteht; diese Töchter können nie so leiden wie sie. Der Blick der Mutter streifte auch sie und sagte: ich werde dich verstehen, dir alles Weh lindern, das du mir klagst; aber Irma konnte nicht klagen, sie konnte nicht rufen: Hilf mir! Und nun gar da nicht, wo sie nicht auch leisten soll, wo man nicht auch ihrer bedarf. Sie kann und will sich selbst und nur allein helfen. Frau Gunther hat das Tiefste in ihr angerufen: das Andenken an eine Mutter, die ihr fehlt. Aber Irma glitt mit leisem Worte darüber hinweg, und der Schmerz gärte um so stärker in ihr. Jetzt weinte sie; sie wußte es nicht, bis eine Thräne auf ihren Busen fiel. Es ist so viel Friede, so viel schön erfüllte Abgeschlossenheit in der Welt, die sich selbst genug ist, und in Arbeit und Bildung keiner Gunst von außen bedarf. Wie glücklich ein Mädchen solch einer Familie, bis es wieder selbst Haupt einer Familie wird ... Irma fühlte sich gedemütigt, ihr ganzer Uebermut war verflogen. Sie war noch dort im Garten, wo sich die Menschen leicht und frei bewegen, die Männer von der Berufsarbeit, die Mädchen aus häuslichem Wirken kommend, und gemeinsam sich vergnügend. »Eines bleibt mir, und eines ist das Höchste,« rief Irma, plötzlich sich erhebend, »die Einsamkeit ist mein. Einsam und stark und ich selbst in mir.« Das Kammermädchen trat ein und meldete einen Lakaien der Königin. »Die Königin befiehlt mich jetzt? Sogleich?« fragte Irma noch einmal, nachdem sie die Botschaft gehört. »Ja, gnädige Gräfin.« »Gut, ich komme.« »Walpurga hatte doch recht,« sagte sie dann vor sich hin, »ich diene doch.« Sie stand verdrossen vor dem Spiegel und ließ ihren Anzug ordnen. Sie lächelte und erzwang eine heitere unbefangene Miene, und diese Miene wollte sie vor der Königin haben. Sie mußte. Hastigen Schrittes ging sie zur Königin. Vor der Thüre richtete sie sich nochmals auf und prägte ihrem Gesichte die heiter lächelnde Miene ein. Sie trat in das immer nur mit Dämmerlicht erfüllte Zimmer. Die Königin saß schneeweiß gekleidet, ein kleines weißes Spitzentuch leicht um die blonden Haare geschlungen, in einem großen Lehnsessel. »Kommen Sie zu mir, liebe Gräfin,« sagte die Königin, »ich freue mich herzlich, Sie wiederzusehen. Ich sehe alle meine Lieben jetzt neu wieder, als ob ich diese Wochen in einer andern Welt gewesen wäre. Ich bin leider aufs neue etwas angegriffen. Ich muß Ihnen noch besonders danken. Ich höre, daß Sie sich der Amme liebreich annehmen, ihr Gemüt erheitern, und dadurch auch dem Prinzen wohlthun; der König stimmt auch ganz mit mir überein, daß Sie uns ein wahres Glück sind. Ich werde Ihrem Herrn Vater schreiben und ihm sagen, wie glücklich es uns macht, daß Sie bei uns sind. Er wird Ihnen dann nicht mehr gram sein.« Irma war froh, daß die Königin so lange sprach. Sie gewann dadurch immer mehr Fassung. »Bitte, geben Sie mir den Brief, der dort auf dem Tische liegt,« sagte die Königin jetzt. Irma brachte ihn und die Königin fuhr fort: »Hier lesen Sie diese Zeilen, die der König schreibt.« Irma las: »Bitte, laß mir auch durch Gräfin Irma regelmäßigen Bericht erstatten über das Befinden unsers Sohnes. Grüße mir das liebe vierte Blatt an unserm Kleeblatt.« Irma reichte dankend den Brief wieder hin. Es kränkte sie tief, daß der König sie nun doch zwingen wollte, an ihn zu schreiben, und auf welchem Wege! Walpurga hat recht, von der Wiege des Kindes sollen Liebesblicke ausgehen. Irma wäre gerne vor Wehe auf den Boden gesunken, so schwer lastete es auf ihr. »Nicht wahr, liebe Gräfin,« sagte die Königin wieder, »Sie thun uns den Gefallen und schreiben?« Irma verneigte sich, und die Königin fuhr fort: »Freilich, Sie werden nicht viel zu schreiben haben. Ein menschliches Wesen, weil es das höchste in der Schöpfung, entwickelt sich langsamer als die andern.« »Da müßte sich ein Prinz noch viel langsamer entwickeln,« wollte Irma einwerfen, aber sie nickte nur still lächelnd. Sie war gar nicht gestimmt, auf die Denkweise der Königin einzugehen. Sie sah darin nur Kinderstubengedanken, für die sie jetzt keinen Sinn hatte. Und wäre es auch mehr und wäre es das Höchste, was soll es mir? dachte sie. Hier, wie im Hause Gunthers ist in sich abgeschlossenes, in sich befriedigtes Leben. Da ist die Mutter und ihr Kind – was soll ich hier? Plaudern, teilnehmen, immer nur teilnehmen, und jedes ist ein Ganzes für sich und hat eine Welt für sich, und ich soll immer nur teilnehmen? Almosen genießen? Dort von der Freundschaft, hier von der Gnade? Ich bin ein Ganzes in mir, oder bin nicht. Und während es in Irma so sprach, fuhr die Königin in ihrer bewegten, immer aus der Tiefe kommenden Weise fort: »Ich stehe vor dem Lebenswunder noch immer mit Staunen und Andacht. Sie haben gewiß auch schon darüber gedacht, welch ein Unendliches darin liegt, wenn ein Kind zum erstenmal atmet und die Augen aufschlägt; Luft und Licht sind die ersten und letzten Boten der Welt. Der erste Atem und der letzte Atem, der erste Blick und der letzte Blick! Wie wunderbar!« Irma fühlte, was Dienst heißt. Wäre sie frei, der Sprechenden gleich, sie würde sagen: Liebe Freundin, ich bin jetzt nicht gestimmt, nicht empfänglich für das, was du sagst; bei dir in deiner Seele ist stiller, früher Morgen. Aber in mir ist heißer, brennender Mittag. Ich bitte, laß mich jetzt in mir allein.... Eine tiefe Sehnsucht nach schrankenloser Einsamkeit war in Irma; aber sie durfte sie nicht hegen, nicht einmal kundgeben; sie hätte gern die Augen geschlossen, und mußte sich doch zu aufmerksamem Blicke zwingen. Sie hörte, sie antwortete, und ihre Seele war weit weg. Zum erstenmal empörte sich's in ihr, daß sie einem Wesen gleicher Art gegenüber nicht ihr volles Recht habe. Sie zürnte der Königin. – Sie war mehrmals daran, von ihrem Besuche im Hause des Geheimrats zu erzählen, aber das, was dort lebt, paßt nicht in diese unabänderliche Dämmerung, und es war ihr, als dürfe sie die edle Bürgersfrau, deren Fuß noch nie das Schloß betreten, auch nicht in Gedanken hierher bringen, und sie dachte an ihren Vater und seinen starken Unabhängigkeitssinn. Alles das dachte sie und sprach doch von dem Prinzen und seinem Gedeihen und den erheiternden Eigentümlichkeiten der Walpurga. Die Königin bemerkte eine Verdüsterung im Wesen Irmas; sie wollte sie erheitern und sagte: »Ach liebe Gräfin, ich lechze wahrhaft nach Musik. Unser Freund Gunther erlaubt mir nicht Musik zu hören, ich soll meine Nerven noch schonen; aber ein kleines Lied dürfen Sie mir wohl singen. Ich höre, daß Sie von der Amme ein schönes neues Lied gelernt – wollten Sie mir das nicht singen? Darf ich Ihre Zither holen lassen?« Irma hätte gern aufgeschrieen, aber sie verbeugte sich wieder bejahend und befahl dem Lakaien, aus ihrem Zimmer die Zither zu holen. Er brachte sie und Irma sang jetzt der Königin das Lied: »Wir beide sein verbunden Und fest geknüpfet ein, Glückselig sein die Stunden, Wann wir beisammen sein. Mein Herz trägt eine Ketten, Die du mir angelegt, Und ich wollt' das Leben wetten, Daß keiner schwerer trägt.« In der Seele Irmas war eine schrille isolierte Begleitung zu diesem Liede, jedes Wort hatte eine Doppelbedeutung. »Das muß ich der Königin singen,« sprach es in ihr, während sie sang. »Ja, ihr beide seid verbunden! Die Glücklichen alle sind verbunden, der Unglückliche allein ist einsam.« ... Sie sang mit düsterer Verzweiflung, mit Zorn in der Seele. »Sie singen das Lied mit tiefer Bewegung,« sagte die Königin. »Also das hört jetzt mein Sohn? Man kann nicht sagen hört, denn jetzt hört und sieht er noch nichts Bestimmtes. Bitte, singen Sie das Lied noch einmal, damit ich es für mich nachsingen kann.« Irma sang noch einmal und jetzt freier. Die Königin dankte herzlich. »Ich darf jetzt leider die Menschen, die ich lieb habe, nur kurze Zeit sprechen, liebe Gräfin. Ich freue mich sehr darauf, daß wir wieder auf das Sommerschloß ziehen; dann wollen wir viel zusammen und mit dem Kinde sein. Adieu, liebe Gräfin, schreiben Sie bald und singen Sie dem Kinde Ihre schöne Seele ins Herz.« Irma ging. Auf den langen Korridoren stand sie mehrmals still, sie mußte sich besinnen, wo sie war; endlich fand sie ihr Zimmer. Sie befahl, daß sofort ihr Pferd gesattelt werde und ein Reitknecht sich bereit halte. Als Irma sich eben umgekleidet hatte, brachte ein Diener einen Brief. Sie erbrach ihn mit zitternder Hand und las: »Mein Kind! Du bist nun achtzehn Monate am Hofe. Ich habe Dich frei gewähren lassen. Ich möchte Dir viel sagen, aber ich kann nicht schreiben. Das Schreiben macht fremd. Deine Zimmer sind im alten Zustande bereit; auch Blumen warten Deiner. Es ist jetzt schöne Sommerszeit. Die Aepfel an Deinem Baum bekommen bereits rote Wangen. Ich möchte auch die Deinigen wiedersehen. Komm zu Deinem Vater.« Irma streckte die Hände empor. »Das ist Erlösung! Ja, ich habe noch eine Heimat, noch ein Herz, an das ich mein Haupt legen kann. Ich komme, ich komme, Vater.« Es schwamm ihr vor den Augen, sie klingelte und befahl, daß der Reitknecht wieder absattle, sie reite nicht aus. Dann befahl sie der Kammerfrau, schnell Kleider auf einige Wochen einzupacken; sie ließ sich nochmals bei der Königin melden und bat um Urlaub. »Es thut mir leid, daß auch Sie mich verlassen,« sagte die Königin, »aber ich will Sie gern entbehren, wenn Sie nur glücklich sind, und ich hoffe, Sie werden es nun immer und ganz. Thun Sie alles, um volle Harmonie mit Ihrem Vater zu gewinnen. Glauben Sie mir, Irma: in allen Verhältnissen der Welt, als Gattin zum Gatten, als Mutter zum Kind fühlt man sich immer werdend, strebend, es soll immer wachsen und noch höher werden mit der Zeit, als Kind allein ist man ganz befriedigt und vollkommen, da ist man etwas Gewordenes, Naturbefriedigtes.« Die Königin und Irma fanden heute keinen rechten Accord; Irma war in unruhiger Hast, sie wollte fort; was sie nur eine Sekunde aufhielt, war ihr als Hindernis zuwider. Was die Königin sagte, mochte anmutend sein, aber nur für den Ruhigen, nicht für den, der einen Fuß auf dem Wagentritt hat. Dennoch war der Abschied herzlich, die Königin küßte Irma. Es mußte noch die formelle Einwilligung der Oberhofmeisterin eingeholt werden; auch diese ward gegeben. Irma hatte auch noch Abschied beim Geheimrat und dessen Familie zu nehmen. Sie wollte ihm lebewohl sagen lassen durch den Oberst Bronnen oder durch Baron Schöning, der kommt ja, wie er sagt, auch oft ins Haus des Geheimrats; sie hat auch diesen Männern lebewohl zu sagen und auch den Genossinnen. Jetzt, da sie fort wollte, sah sie, wie viel Menschen sie doch hat. Aber wo sind sie, wenn du sie nötig hast? Sie sind eben nur dazu da, daß du sie nicht nötig hast. Das ist die Welt. Doch halt! Einem Menschen mußt du noch lebewohl sagen, dem vor allen. Sie eilte zu Walpurga. »Walpurga!« rief sie, »morgen früh, wenn du aufstehst, thu einen hellen Juchzer! Ich bin dann daheim auf unsern Bergen und will dir entgegenjuchzen, daß die ganze Welt hell auflachen soll. Ich geh' zu meinem Vater.« »Das freut mich.« »Und daß ich fortgehe, thut dir gar nicht weh?« »Gewiß! Aber wenn man noch einen Vater auf der Welt hat, muß man's nicht versäumen, daß man in die Augen sieht, die nur einmal auf der Welt sind. Ich freue mich für den Vater, daß er so ein Kind sehen kann. O, wenn meine Burgei erst so groß wär'!« »Walpurga, ich gehe auch zu deinem Mann, zu deinem Kind und deiner Mutter; ich setze mich an deinen Tisch, und grüße deine Kuh und deinen Hund. Ich geh zu ihnen, kannst dich drauf verlassen.« »O Gott, was wird das für eine Freude sein! Wenn nur auch mein Hansei daheim ist und nicht im Wald.« »Dann laß ich ihn holen. Jetzt leb wohl und vergiß mein nicht.« »Da können Sie sich drauf verlassen,« schloß Walpurga, und Irma eilte davon. Sie schrieb noch an ihre Freundin: »Emmy! Vor zwei Stunden erhielt ich einen Brief meines Vaters. Er ruft mich heim. Ich habe Urlaub auf vierzehn Tage. Emmy, ich habe Urlaub. Weißt Du, was das ist? Ich mußte versprechen, sicher wiederzukommen. Ich weiß nicht, ob ich das Versprechen halte. Der Boden zittert unter mir und mein Kopf schwindelt. Die Welt ist ein Chaos, aber es wird Licht. Jeder Mensch kann rufen, es werde Licht. Wenn wir nur immer könnten, was wir können. Aber jetzt kein geschriebenes Wort mehr, genug. Bald sehe ich Dich. Komm so bald als möglich nach Wildenort zu Deiner Irma. Nachschrift. Ich nehme keine Entschuldigung an, Du mußt kommen. Ich verspreche Dir dafür auch, bei Deiner Hochzeit zu sein. Grüße alles, was Dein ist, und über alles Deinen Albrecht.« Als die Sonne sich bereits zum Untergange neigte, fuhr Irma mit ihrer Kammerfrau ab, nach dem Gute ihres Vaters. Neuntes Kapitel. Man kann also doch fort und alles auf einmal hinter sich lassen, das ganze bunte Einerlei dieser sogenannten großen Welt. Leb wohl, du Schloß und gib deinen Insassen ihren täglichen Amüsierkuchen! Lebt wohl, ihr Straßen mit euren Kaufläden und Kanzleien, Schenken und Kirchen, Theatern, Konzertsälen und Kasernen! Sei euch die Mode hold, und gebe euch viel Kunden, Klienten, Stammgäste, Applaus und Beförderungsordonnanzen! Versinke, du bunter Trödel der Welt! Mir ist wie einem Vogel, der von dem Dachfirst abfliegt in die weite Welt hinein. Wie man so albern sich selbst im Käfig hält, und die Thüre ist doch immer offen. Du großer Weltbüttel, der du uns einspundest, dein Name ist Gewohnheit ... So dachte und sprach halblaut Irma vor sich hin, als sie im Wagen saß und hinausfuhr in die offene Welt. Sie dachte noch einmal zurück, wie es jetzt in dem großen Hause ist, das sie verlassen. Man geht zur Tafel, man wartet, die Königin erscheint. Schade, daß der Oberhofmarschall nicht bei der Weltschöpfung zugegen war, da hat jedes seinen festen Platz und die Bedienung ist auf das gemessenste eingeübt. Die Königin spricht ihr Bedauern aus über die Abreise der guten Gräfin Irma. Alles lobt sie. »Ach, sie ist doch gar so gut!« »Und so lustig!« »Ein wenig unbändig, aber gar aimable!« Was gibt's denn aber sonst Neues? Bei einem Gegenstand bleiben, ist langweilig. Hilf, Samiel Schnabelsdorf! »Fort mit allem!« rief Irma plötzlich. »Nicht mehr zurückdenken, vorwärts, zum Vater hin!« Die Pferde griffen tapfer aus, als wüßten sie, daß sie das Kind zum Vater bringen. Irma war so ungeduldig, daß sie dem Diener auf dem Bock zurief, er möge doppeltes Trinkgeld geben, damit rascher gefahren werde. Sie wollte zum Vater. Sie konnte es nicht erwarten, bis sie ihr schweres Haupt an seine Brust legte. Was wollte sie? Ihrem Vater klagen? Womit sollte er ihr helfen? Sie wußte nichts. Nur das wußte sie, daß es bei ihm Frieden geben muß, sie wollte geschützt, geborgen, nicht mehr allein sein. Dem Vater gehorchen, ihm willfahren, höchstes Glück. Von seinem eigenen Selbst entlastet zu werden, nichts mehr zu wollen, als was einem andern Freude macht. O, wie wohl! Die ganze Erdenschwere ist abgelöst, so ist es den seligen Geistern, so mußten sich die Menschen Engel ausdenken, sie wollen nichts, sie bedürfen nichts, sie verändern sich nicht, sie wachsen nicht, sind nicht jung und nicht alt, sie sind ewig und wirken ewig für andre durch einen andern, und was sie wirken ist Wonne für die Welt und Wonne für sie, sie sind Strahlen aus der ewigen Sonne und sterben nicht und leuchten ewig. In alles Unfaßliche hinein träumte Irma auf dem Wege, und die ganze Welt rief ihr immer nur das eine Wort: »Vater – Tochter!« Sie beruhigte sich. So aufgeregt darf sie nicht in dem Schlosse ankommen. Aufgeregtheit ist Schwäche, und er hat stets Stärke und ruhige Fassung in dir zu pflegen gesucht. Irma zwang sich, für die Welt um sie her ein Auge zu haben. Die Abenddämmerung brach ein, als man an der ersten Station ankam. Irma glaubte bereits den Atem ihrer Heimatsberge zu empfinden, und doch waren sie noch weit entfernt. In raschem Lauf ging es weiter. Die Abendglocken läuteten, die Luft tönt für die Menschen da draußen, der Klang im weiten Aether kündet ihnen Zeit und Ewigkeit. Was wäre die Welt ohne Glockenton? Diese klingende Harmonie ist Ersatz für alle Schönheitsgebilde des Altertums. Auch dieses Denken war Irma nicht recht. Es setzte sie immer über die Welt hinaus, und sie wollte sich ganz ansaugen an alles Gegenwärtige, Feste. In den Dörfern, durch die man fuhr, und draußen auf den Feldern hörte man Gesang; er ward durchschnitten von dem Wagengerassel, und Irma dachte: wir machen zu viel Lärm in der Welt mit uns selbst und haben darum die Welt nicht. Kein Denken war ihr recht, kein Ausschauen begnügte sie. Die Sterne gingen auf am Himmel, aber was sind sie dem Menschen? Wer frei ist, wer nichts sucht auf der Erde, dem mögen sie glänzen; sie aber suchte, und sie sah im weiten Kreis der Welt nichts als zwei Augensterne auf sie gerichtet, und die waren ihres Vaters. Weiter ging's und an den Stationen wurden lässig sich hinschleppende Pferde und verschlafene Postillone herausgerufen. Mitternacht war längst vorüber, als man auf Wildenort ankam. Vor dem Herrenhause stieg Irma aus und ging mit dem Diener allein und klopfte. Der Vater hatte nicht erwartet, daß sie schon heute komme. Das große Haus mit den weitläufigen Wirtschaftsgebäuden war lichtlos. Die Hunde bellten, es kommen Fremde, kein Tier kennt hier die Tochter des Hauses, sie ist fremd. Zwei Ackerknechte kamen herbei, sie staunten über das schöne Fräulein in der Nacht, sie mußte erst sagen, daß sie die Tochter des Hauses sei. Sie ließ ihre Zimmer öffnen. Nicht weit davon schlief ihr Vater. Sie hatte Verlangen, ihn zu sehen, aber sie bezwang sich: er sollte ruhig schlafen und nicht wissen, daß sie neben ihm atmet. Auch sie schlief bald ein und erwachte erst am hellen Morgen. Der alte Eberhard kam mit leisem Schritt in das Vorzimmer, wo bereits die Kammerjungfer saß. »Die gnädige Gräfin schlafen noch; es war drei Uhr und begann zu dämmern, als wir hier ankamen,« sagte sie. »Warum habt ihr so geeilt und euch nicht Ruhe gegönnt?« »Ich weiß nicht, aber die gnädige Gräfin waren unterwegs so aufgeregt; es ging ihnen nicht rasch genug. Wenn die gnädige Gräfin etwas wollen, soll alles rasch geschehen, plötzlich.« »Wer sind Sie, liebes Kind?« »Die Kammerjungfer der gnädigen Gräfin.« »Nein, wer sind Ihre Eltern? Wie kamen Sie zu Hofe?« »Mein Vater war Bereiter beim Prinzen Adolar, und die Prinzessin königliche Hoheit ließen mich im Stift erziehen.« Eine Kette von Abhängigkeiten von Geschlecht zu Geschlecht – dachte der Alte vor sich hin. Die Kammerjungfer betrachtete ihn mit seltsamem Blicke. Es war eine große breitschulterige Gestalt. Er trug die Gebirgstracht, und an einer Schnur um den Hals hing eine weiße Hornpfeife. Der breite, auf mächtigem Nacken sitzende Kopf, mit vollem, kurzgehaltenem grauen Barte und kurzgehaltenem grauen Haupthaar, etwas vorgebeugt, das braune Auge glänzte noch jugendlich frisch. Das ausdrucksvolle Antlitz war wie aus getriebener Arbeit, und die Gestalt wie die eines Ritters, der eben erst die Rüstung abgelegt und sich's bequem gemacht hat. »Ich will meine Tochter sehen,« sagte der Alte und ging in das Nebengemach. Es war dunkel. Eberhard schlich auf den Zehen heran und zog den gründamastenen Fenstervorhang leise zurück, ein breiter Lichtstrahl fiel herein; er stand vor dem Bette und betrachtete, leise atmend, die Schlafende. Schön war Irma anzuschauen. Das Haupt umwallt von dem langen aufgelösten, goldschimmernden braunen Haar, die klar gewölbte Stirn, die feine wie mutwillig ausgebogene Nase, der Mund mit seiner bogenförmig geschnittenen Oberlippe, das rote Kinn, die vollen Wangen von Pfirsichrot durchhaucht – es lag ein stiller Friede auf dem ganzen Angesicht. Die feinen schmalen weißen Hände hatte sie auf der Brust ineinander gefaltet. Irma atmete schwer, und jetzt zuckten ihre Lippen wie von einem schmerzlichen Lächeln. Es ist ein schweres Schlafen mit gefalteten Händen auf der Brust. Die Hände lösten sich, aber die Linke blieb auf dem Herzen liegen; der Vater faßte sie behutsam und legte sie zur Seite. Irma schlief ruhig weiter. Unhörbar nahm sich der Vater einen Stuhl und setzte sich an das Bett seines Kindes. Zwei Tauben flogen auf das breite Fenstergesims und gurrten miteinander; der Alte hätte sie gern verscheucht, aber er durfte sich nicht bewegen. Irma schlief weiter und hörte nichts. Plötzlich, als die Tauben vom Fenstersimse aufflogen, schlug Irma die Augen auf. »Mein Vater!« rief sie und schlang ihre weißen Arme um seinen Hals und küßte ihn. »Daheim! O, wie wohl, wie wohl! O, bitte, öffne noch den andern Vorhang, damit ich dich ganz sehe! O, bitte, öffne das Fenster, daß ich die Luft meiner Heimat einsauge! O, mein Vater! Ich bin fort gewesen und bin wieder bei dir, und du läßt mich nicht von dir. Du trägst mich auf deinen starken Armen. Ach, jetzt fällt mir ein, was du im Traume zu mir sagtest. Ich stand mit dir da oben auf dem Gamsbühel und da nahmst du mich auf den Arm und trugst mich und sagtest: Sieh, mein Kind, solange noch eines der Eltern lebt, ist man wie auf Armen getragen in der Welt. O, mein Vater, wo war ich? Wo bin ich denn?« »Sei ruhig, mein Kind! Du warst am Hofe und bist wieder daheim. Du bist aufgeregt, beruhige dich. Ich will die Dienerin rufen. Ich habe mit dem Frühstück auf dich gewartet. In der Laube ist für uns beide alles bereit.« Der Vater küßte die Tochter auf die Stirn und sagte: »Ich küsse alle deine guten und reinen Gedanken und jetzt laß uns als einfache verständige Menschen wieder beisammen sein.« »O, deine Stimme, o, dies alles! Ach, in Vaters Haus daheim! Alles Leben draußen ist nur wie Schlafen in den Kleidern, daheim erst liegt man im Bett, da drückt kein Band mehr.« Der Vater wollte gehen, aber Irma hielt ihn zurück. »Es thut mir so wohl,« sagte sie, »hier zu liegen und zu dir aufzuschauen, mit dem Blicke, mit allen Gedanken dich zu haben.« Der Vater strich ihr mit der Hand über die Stirne und sie sagte: »Laß deine Hand hier liegen! Ich glaube jetzt an heilende Handauflegungen, ich erfahre sie an mir.« Der Vater stand geraume Weile am Bett seiner Tochter und hielt seine Hand auf ihrer Stirne. Endlich sagte er: »Nun steh auf mein Kind, ich erwarte dich beim Frühstück.« »Es freut mich, daß mir jemand befehlen kann: Steh auf!« sagte Irma. »Ich befehle dir's nicht, ich rate dir's nur. Aber Kind! Mit dir muß Seltsames vorgehen, daß du nichts im wörtlichen Sinne nimmst.« »Ja, Vater, Seltsames! Aber jetzt nicht mehr ...« »So komme bald nach, ich erwarte dich.« Der Vater ging hinaus und wartete in der Laube. Er stellte die beiden Tassen und die schöne Vase mit dem Blumenstrauß noch mehrmals hin und her und zupfte an dem weißen Linnen auf dem Tisch – da kam Irma im weißen Morgengewand. »Du bist ... du bist größer, als ich gewußt habe,« sagte der Vater, eine hohe Röte durchflog sein ganzes Gesicht. Er streichelte seiner Tochter die Wange und sprach dabei: »Diese weiße Bucht an der Wangenröte, hier vom Kiefer bis zum Backenknochen, die hast du ganz wie deine Mutter.« Irma lächelte, dann faßte sie wieder beide Hände des Vaters und sah ihm in die Augen, und das war ein Blick, so glückselig, daß dem Alten, der jederzeit einen stetigen Gleichmut beobachtete, doch die Augen übergingen. Er suchte es zu verbergen, Irma aber sagte: »Das thut deiner Heldenkraft keinen Eintrag. O Vater, warum sind wir Sklaven unsrer selbst? Warum sollen wir Scheu tragen, uns zu geben wie wir sind? Dein großer Grundsatz ist ja: unsrer Natur folgen! Warum folgen wir nicht immer unsrer inneren Natur? O Vater, laß mich hinausjubeln in meine Heimatberge, in die Wälder und die Seen: Ihr ewigen Freunde, ich bin da, ich bin bei euch und wir wollen miteinander leben; haltet mich fest und ich will treu sein wie ihr! Und du, Sonne, laß dich grüßen, und da drüben, du Hügel, darunter meine Mutter ruht – –« Sie konnte nicht weiter reden. Nach geraumer Weile sagte der Alte: »Wohl, mein Kind, sollten wir uns ganz ausleben, rein als Natur; aber es ist nicht Scheu vor uns selbst, nicht selbstauferlegte Sklaverei, weshalb wir solche Scenen, solche gewaltsame Aufregungen vermeiden und umbiegen; es ist, weil wir tief in uns fühlen, daß der nächste Moment, die Stunde, die darauf folgen muß, kahl, leer erscheinen müßte; es wäre ein Sprung von dem aufgeregten Empfindungsleben in die alltägliche Welt. Darum halten wir uns zurück und sollen es thun, denn diese Empfindungen sollen sich nicht in einem sogenannten andächtigen Aufschwung erschöpfen, sie sollen hindurchgehen durch all unser Leben und Denken, durch alles Kleine und Unscheinbare, was wir thun: da ist die Heimat unsrer höchsten Gedanken. Ja, mein Kind, es kommt dahin, daß gerade diejenigen, die das Leben so spalten und die eine Seite entweihen, es zu einem lasterhaften machen und sich dabei heimlich damit schmeicheln! ach, wie schön, wie groß haben wir doch empfunden, und wir sind dessen immer fähig.« Die alte Wirtschafterin brachte den Kaffee, Irma schenkte ein und berichtete, daß sie auch Emmy mit ihrem Bräutigam erwarte. Eberhard sagte: »Vor Jahren, als Emmy hier war, streiftest du an eine ähnliche Gedankenreihe, wie ich jetzt. Wir waren droben beim Gamsbühel, wo man den Anblick auf den großen See hat, und erwarteten den Sonnenaufgang. Emmy, in ihrer nüchternen Geradheit, sagte: ›Ich finde, daß es nicht der Mühe wert ist, sich deshalb den Schlaf zu brechen und so viel Mühe zu machen; ich finde den Sonnenuntergang ebenso schön und man hat nicht diese Mühe um ihn.‹ – Was sagtest du da?« »Ach, guter Vater, ich weiß es nicht mehr.« »Aber ich weiß es noch; du sagtest: Der Sonnenaufgang ist viel erhebender, aber ich weiß nicht, was ich nach solchem Erhobensein den Tag über thun soll, das dessen würdig wäre und sich ihm anschließe. Darum ist der Sonnenuntergang besser für uns, weil sich dann die Welt verhüllt und uns schlafen läßt. Nach dem Höchsten kann man nur schlafen oder Musik machen.« »Ach, Vater, ich denke nicht mehr so. Gestern während der ganzen Fahrt verfolgte mich immer der einzige Gedanke: Was thun wir denn eigentlich auf der Welt? Die Bäume würden wachsen ohne uns, die Tiere auf dem Feld und in der Luft und im Wasser würden leben ohne uns. Alles hat von selbst etwas zu thun auf der Welt, der Mensch nur muß sich etwas zu thun machen. Und da malen sie und bauen sie und ackern und studieren und exerzieren sich zum gegenseitigen Totschlagen, und der einzige Unterschied zwischen Mensch und Tier ist doch nur, daß die Menschen ihre Toten begraben.« »O mein Kind, so weit hast du dich hinausgewagt? Ich bin froh, daß du wieder bei mir bist. Du mußt viel durchgekämpft haben. Ich hoffe, du sollst wieder lernen, daß einfach naturgemäß, das heißt vernunftgemäß leben unsre Bestimmung ist. Schau einmal die Welt an!« fuhr er lächelnd fort. »Ein einundzwanzigjähriges Mädchen und eine Gräfin dazu fragt: wozu bin ich auf der Welt? Ei, mein Kind, schön sein, gut sein, so schön als möglich sein, in der äußeren Gestalt und im inneren Wesen. Halte dich so in der Welt, daß du wünschen kannst, jeder möge dich von Grund aus kennen ... Doch jetzt genug davon.« Es war eine Stunde voll Glückseligkeit, wie Vater und Tochter zusammen in der Laube saßen, und Irma sprach wiederholt den Wunsch aus, daß sie so fortleben könnten. Die ganze Welt war für die beiden nicht da und sie nur selbander auf der Welt. »Du bist mein großes Mädchen geworden,« sagte der Vater. Er hatte eigentlich sagen wollen: »Du mußt viel erlebt haben, da du, heimgekehrt zu deinem Vater, nichts Kleines, nichts Persönliches zu erzählen hast,« – er wollte das sagen, aber er wiederholte nur: »Du bist mein großes Mädchen geworden.« »Und Vater,« sagte Irma, »du befiehlst mir nun, daß ich bei dir bleibe?« »Du weißt es, seitdem du zum Bewußtsein gelangt, ich befehle dir nichts,« erwiderte der Vater, »du sollst nach deiner Ueberzeugung leben. Ich verlange das Opfer deines Willens und deiner Vernunft nicht.« Irma war still. Es war ihr nicht geworden, was sie gehofft hatte, sie sah sich wieder auf sich zurückgewiesen, selbst vollbringen mußte sie alles: und sie will es. Ein Forstknecht kam und fragte Eberhard nach Anordnungen im Walde. Eberhard erwiderte, daß er selbst hinausreite. Irma bat, ihn begleiten zu dürfen, und bald erschien sie wieder im Jagdgewande und ritt mit ihrem Vater über die Wiesen in den Wald. Die Mienen Irmas wurden wieder kühner, als sie, vom mutigen Pferde getragen, durch den schattigen, tauigen Wald dahinritt. Während der Vater die Waldarbeit anordnete, lag Irma an einer kleinen Anhöhe auf dem Moose unter einem breiten Tannenbaum. Sie erwachte plötzlich, denn der Hund des Vaters, der sich schnell an sie gewöhnte, hatte ihr die Hand geleckt; sie stand auf, ging nach dem Felde am Waldrand, und das erste, was ihr Auge traf, war ein vierblätteriges Kleeblatt. Sie bückte sich rasch, brach es ab und steckte es zu sich. Der Vater kam; er sah ihr strahlendes Gesicht, und sie sagte: »Wie wohl hat mir dies Ruhen an der Erde gethan!« Der Vater antwortete nichts. Es schien ihm nicht nötig, daß man alle innerste Empfindung müde spricht. Irma schaute betroffen auf; in der Welt der Konversation wird auf jede Bemerkung kleine Münze herausgegeben. Sie kehrten bald wieder heim. Am Mittag saßen sie beisammen im kühlen Bibliothekzimmer. Ueber der Thüre stand in goldenen Buchstaben der Spruch Ciceros in deutscher Uebertragung: »Wenn ich allein, bin ich am wenigsten allein.« Der Vater schrieb. Nur manchmal warf er einen Blick auf sein Kind, das dort im Shakespeare las. Das liest jetzt die höchsten Gedanken, nimmt sie in sich auf, und sie werden zu seiner Seele. Eberhard empfand das Glück, seinen eigenen Blick zu sehen in einem fremden Auge, seine eigenen Gedanken zu hören aus fremdem Munde, und das ist Auge und Mund des Kindes; es hegt deine Seele in sich, und doch wird das alles wieder selbständig, neu, verbindet sich mit der angeborenen Natur und mit eigentümlichen Eindrücken. Das Ideal, das er sich in blühenden Jugendtagen geträumt, es stellte sich taghell und leibhaftig ihm dar. Eberhard schloß bald sein Forstbuch und lächelte vor sich hin: er war nicht so stark, als er geglaubt hatte, er konnte doch nicht fortarbeiten heute wie gestern, nun sein Kind da war. Er setzte sich zu Irma, und auf die Werke Spinozas und Shakespeares deutend, die stets auf seinem Arbeitstische lagen, sagte er: »Vor diesen beiden ist die ganze Welt offenbar. Ich habe die, die vor Jahrhunderten gelebt, auf meinen stillen Bergen immerdar bei mir. Ich werde dahingehen und keine Spur meines Denkens hinterlassen, aber ich habe das ewige Leben gelebt mit den höchsten Geistern. Der Baum, das Tier, sie leben nur für sich und nur die Spanne Zeit, bis sie sterben. Wir empfangen mit dem Leben den Geist von Jahrtausenden, und wer in sich in Wahrheit ein Mensch geworden, in dem ist die ganze Menschheit. So lebst auch du mit deinem Vater fort, und mit allem, was echt und schön ist in der Geschichte des Menschengeschlechtes.« Es war lange Zeit still im Bibliothekzimmer. Da fragte der Vater: »Ist der Wagen, in dem du gekommen, nicht ein Hofwagen?« »Allerdings.« »So willst du also wieder an den Hof zurückkehren?« »Vater, laß uns das jetzt nicht besprechen. Ich bin nicht so stark wie du, sofort vom Höchsten wieder in das Alltägliche zurückzukehren.« »Mein Kind, das Alltägliche ist das Allerhöchste.« »Aber ich möcht' jetzt gar nicht wissen, daß es einen Hof gibt, daß ich je etwas andres gewesen bin oder werden soll, als ein Stück deines Herzens und deiner Seele.« »Nein, du sollst für dich leben. Aber du kannst, wenn du bei mir bleiben willst, den Wagen ja einfach wieder zurückschicken.« »Ich werde, wenn auch nur auf einige Zeit, doch wieder zurückkehren müssen. Ich habe nur Urlaub, nicht Abschied genommen. Mein Vater, das beste wäre, du würdest mich begleiten und gleich wieder mitnehmen.« »Ich kann nicht an den Hof kommen, das weißt du, und ich traue dir Kraft genug zu, daß du dich selbst mitnimmst. Ich habe dich heute betrachtet, wie du im Schlafe lagst. In dir ist kein Falsch, über dieses Antlitz stürmte noch keine schlimme Leidenschaft. Ich weiß, dein Bruder will dich verheiraten; auch ich wünsche, daß du eine brave Gattin und Mutter würdest. Ich fürchte nur, du bist schon zu sehr dein eigen geworden, um noch eines andern zu werden. Nun, wie es auch sei. Mein Kind, sieh hinaus ins Weite. Da blühen Millionen Blumen, und sie blühen still; kommt ein Wanderer, der seinen Blick an ihnen ergötzt oder gar eine bricht, nun gut, so hat sie für ihn gelebt; verblüht sie ungesehen im stillen Grunde, so hat sie für sich gelebt. Doch, mein Kind, laß dich durch meinen Wunsch nicht irren. Wie lange hast du Urlaub?« »Vierzehn Tage.« »So laß uns treu und froh zusammen sein und dann thue, was deiner Vernunft angemessen ist,« Zehntes Kapitel. Die Tage flossen gleichmäßig dahin. Eberhard hatte keinerlei Beziehung zu Nachbarn, nur mit dem Bürgermeister des Dorfes, der zugleich Landtagsabgeordneter war, verkehrte er gern und ordnete mit ihm die Verhältnisse der Gemeinde. Irma war viel allein. Sie las, stickte, malte und sang. Schon nach wenigen Tagen trat eine Ernüchterung ein. Was ist dies Leben? fragte es in ihr. Wozu? Ich arbeite für meinen Putz, Putz für meine Seele, meinen Körper. Wozu? Der Spiegel sieht mich, die Wände hören mich, und mein Vater eine Stunde am Mittag und eine Stunde am Abend. Sie suchte ihre hinaufstrebende Natur zu bezwingen und es gelang ihr. Nur das konnte sie nicht bezwingen, daß sie an einen Entfernten dachte, und sie schaute sich um, als hörte sie seine Tritte, und es war, als atmete etwas neben ihr. Und dieser Mann war ... der König. Sie mußte denken, wie er auf einen Brief von ihr wartet, und was erhält er statt dessen? Die Nachricht, daß sie abgereist. Warum beleidigt und kränkt sie ihn? Sie war mehrmals nahe daran, ihm vom Hause des Vaters aus zu schreiben; sie wollte ihm bekennen, daß sie vor ihm, nein, nicht vor ihm, vor sich selbst geflohen sei. In Gedanken die Briefworte fassend, sagte sie vor sich hin: Flucht ist nicht Feigheit, nur ein äußerstes Zusammenfassen der Kraft, ein Losreißen, Erlösen seiner selbst. Das wollte sie ihm erklären. Er sollte nicht gering von den Menschen, vor allen nicht von ihr denken; seine große weitwirkende Thatkraft sollte nicht angekränkelt, nicht gestört werden von dem Bewußtsein, daß die Menschen das Hohe nicht fassen. Sie war ihm und war sich selbst schuldig, ihm das zu erklären. Aber im Schreiben läßt sich das nicht so kundgeben. Sie wird zurückkehren und ihm alles sagen. Und dann werden sie fern voneinander im Höchsten zueinander denken, und es lohnt sich, ein Leben einsam zu verbringen, wenn man nur eine Minute die höchste Gemeinsamkeit empfunden und Reinheit und Treue bewahrt vor sich und vor andern. Irma war glücklich in dieser Selbstbefreiung. Sie hielt sich zurück, vor ihrem Vater vom Hofe zu sprechen. Dennoch entfiel ihr manchmal unwillkürlich die Bemerkung, wie der König und die Königin dies und jenes gelobt, dies und jenes gesagt, und es ließ sich dabei nicht verkennen, daß sie darauf einen besonderen Wert legte. »So sind die Menschen,« sagte Eberhard lächelnd, »sie wissen selbst, was sie sind, sollten es wissen, und sie geben dem Fürsten das Prägrecht. Er hat zu bestimmen: Du bist so und so viel wert, du ein Dukaten, du ein Thaler, du eine Spielmarke, du geheimer Rat, du Oberst! Die Schöpfungsgeschichte erneuert sich immer. Da heißt es, daß der Schöpfer dem Menschen die Tiere vorführte, daß er ihnen Namen gebe; jetzt kommt das Menschengetier zum Fürsten und sagt: Gib mir einen Namen, bekleide mich mit einem Titel, sonst bin ich nackt und bloß und schäme mich.« Irma zuckte bei diesen scharfen Worten. So weit hat die Einsamkeit den Vater gebracht. Sie konnte sich doch nicht enthalten hinzuzusetzen: »Du thust dem König vor allem Unrecht. Er ist eine tiefe Natur, voll Edelsinn und Geist –« »Voll Geist! Ich kenne das!« erwiderte Eberhard. »Nicht wahr, er kann viel fragen, viel Aufgaben stellen, will zum Dessert einen Ueberblick der Kirchengeschichte, der Physiologie und überhaupt sonst eine beliebige Wissenswürdigkeit haben, aber natürlich nie selbst und unausgesetzt arbeiten, nie ein Werk ganz lesen, immer Extrakte, immer Essenzen! Ich kenne das! Und die höfischen Koloratursänger geben dann ihre Gedanken preis. Glaube nicht, mein Kind, daß ich das Bestreben des Königs unterschätze. Man hat ihm stets gesagt: Du bist ein Genie – man redet den Königen immer ein, sie seien Genies, militärische, staatsmännische, kunstkennerische, alles – man hat ihm die Phrase unterschoben. Was sich einem Fürsten naht, muß sich auch geistig in die Hoftracht kleiden; er sieht Menschen und Dinge nicht wie sie sind, es kostümiert sich ihm alles in gefälliger Form. Ich glaube, der König hat trotzdem das ehrenhafte Bestreben, die Wirklichkeit zu sehen; das ist viel, aber er kann nicht heraus aus dem Zauberbann der Phrase.« Die Lippen Irmas bebten. Sie glaubte nicht, daß ihr Vater die Absicht habe, ihr das Interesse für den König zu töten, er konnte nicht wissen, daß es vorhanden war; aber dieser Widerspruch reizte sie, und sie erkannte mit Schrecken, daß hier keine Hilfe sei. Sie konnte mit ihrem Vater allein leben, wenn er, wie sie, den hohen Mann ehrte. Es durfte seinem republikanischen Geiste nicht widersprechen, und vor allem seiner Gerechtigkeit nicht, den hohen Geist zu ehren, auch wenn er im Fürsten erscheint. Nun aber zertrümmerte er jede Brücke des Verständnisses und der Gerechtigkeit. Hätte ein andrer so vom König gesprochen, sie hätte ihn ihren Zorn fühlen lassen; jetzt war es Beherrschung und Unterwerfung genug, daß sie schwieg. In ihrer Seele zog sich etwas zusammen und bildete einen Verschluß, den niemand mehr öffnen konnte. Sie war fremd im väterlichen Hause und fühlte es jetzt doppelt, da sie hier nie daheim gewesen. Sie zwang sich zu Heiterkeit und Gleichmut. Eberhard sah, daß sie sich zu etwas zwinge; aber er glaubte, das sei nur noch der Kampf zwischen Hofleben und Einsamkeit. Er half ihr nicht, sie sollte diesen Kampf allein austragen, dann ist wirklicher Friede. Am Sonntagmorgen – Eberhard ging nie in die Kirche – sagte er: »Hast du Ruhe, eine längere Erzählung anzuhören?« »Wohl, gewiß.« »So will ich dir mein Testament in gesunden Tagen übergeben.« »Bitte, Vater, thue das nicht. Willst du es mir erlassen?« »Ich meine nicht ein Testament über mein Besitztum, nur über das, was ich selbst bin. Wir haben kein Bild deiner guten Mutter, ihr Kinder habt keine Anschauung von ihrer Erscheinung, die so rein, so hold, so sonnengeboren war. Ich möchte dir dafür ein Bild meines Lebens geben. Bewahre es. Wer weiß, wann ich wieder dazu komme. Frage mich, wenn du etwas nicht verstehst, oder wenn es dir der Mißdeutung ausgesetzt erscheint. Mich unterbricht kein fremder Einwurf, ich setze mein Leben fort, mich stört nichts, ich habe mich gewöhnt, mein Gut zu bebauen, den Knechten Anordnungen und Antworten zu geben und gleich darauf unabgebrochen mich wieder in die Konsequenz des Denkens zu versetzen. So unterbrich auch du mich, wenn du magst ... Mein Vater, als reichsfreier Graf, behielt den Stolz auf seine Reichsunmittelbarkeit; bis an sein Lebensende erkannte er die Einheit des Königreiches nicht an, und fragte stets: Wie geht es drüben? Er betrachtete sein Gebiet noch als abgeschlossen und seine Familie allen fürstlichen Häusern ebenbürtig.« »Und warum, lieber Vater,« fragte Irma, »willst du diese ehrenschöne, sich fortsetzende Erinnerung zerstören?« »Weil die Geschichte sie zerstört hat, und mit Recht. Es müssen immer neue Geschlechter an die Spitze der Menschheit treten, das allein erhält die Menschheit am Leben. Doch, ich wollte dir nicht von meinem Vater erzählen. Ich hatte eine glückliche Jugend in diesem Hause. Mein Lehrer war zwar Geistlicher, aber dabei ein freier Mensch. Das Jahr, bevor mein Vater starb, trat ich ins Militär. Ich darf sagen, daß ich eine Figur von guter Haltung war. Ich hatte die äußeren Mittel dazu, und einen eisernen Körper. Ich stand bei meinem Regiment in der Bundesfestung. Bei einem tollen Ritte stürzte ich, und verrenkte mir die Hüfte, so daß ich lange liegen mußte. Hier lernte ich unsern Regimentsarzt Gunther näher kennen. Hat dir der Leibarzt nie von unserm Zusammensein erzählt?« »Wohl, aber nur kurz, nur in Andeutungen. Der König sagte mir noch in den letzten Tagen, ich hätte recht: der Leibarzt verschreibe auch gesprochene Rezepte nur dann, wenn sie verlangt werden und nötig sind.« »So? Also der König hat dir gesagt, du hättest recht? Sie haben recht – das ist ein glücklichmachender Orden auf einen Tag, vielleicht auf länger, nicht wahr?« »Vater – wolltest du nicht weiter erzählen von dem gemeinsamen Leben mit Gunther?« »Ach, Kind, das war eine wunderbare Zeit. Ich versenkte mich mit ihm, soweit ich konnte, in das Studium der Philosophie. Ich weiß noch, als war's eben erst, die Stelle am Festungswall und die Stunde zu bezeichnen – es war ein trüber Herbstabend, ich sehe noch die Blätter, die von den Bäumen fielen – als mir Gunther auf dem Spaziergang zum erstenmal das große Wort des Weltweisen darlegte: Im Grundwesen eines jeden Dinges liegt es, sein Dasein zu bewahren. Ich stand still. In jenem Augenblick kam es über mich, wie eine Offenbarung und verließ mich nie mehr. Es ward verdeckt von Lebensereignissen, aber immer lebte es in mir fort: Bewahre dein Sein! Ich habe diesem großen Satze treu gelebt, leider – wie ich jetzt sehe – nur zu sehr und selbstisch. Ein Mensch lebt nicht voll, wenn er nur für sich lebt und sein Dasein bewahrt. Doch das werde ich dir ohne Scheu beichten, gerade dir. Das große Souveränitätsrecht jedes Menschen – ich habe es erst später ganz und recht erkennen gelernt. Ich hatte mancherlei gedacht, aber nie in geschlossenem Zusammenhange. Du kannst dir nicht vorstellen, was das ist für einen beliebten und angesehenen Offizier, sich an die Philosophie zu wagen, wie das dem militärischen Dienste widerspricht, vor den Vorgesetzten ungehörig, vor den Kameraden lächerlich erscheint. Der Soldatendienst müdet in täglichen, größtenteils überflüssigen Exerzitien den Körper ab, da ist es schwer, sich in eine geistige Disziplin einzuarbeiten. Ich meldete mich oft krank, verbannte mich beim schönsten Wetter in die Stube, nur um meinen Studien obliegen zu können. Unser Regiment wurde wieder nach der Residenz zurückverlegt, Gunther nahm mein Anerbieten an, ihn frei zu machen. Er wurde akademischer Lehrer, und ich besuchte Vorlesungen. Aber ich sah die Lücken meines Wissens und sehnte mich danach, nur der Vollendung meiner Bildung zu leben. Ein unerwartetes Ereignis brachte mich dahin. Ich war Kammerjunker geworden und lebte viel am Hofe. Schon damals sah ich, daß ein unausrottbarer Knechtsinn in den Menschen lebt; jeder freut sich, daß andre unter ihm stehen, und läßt sich um diesen Preis gern gefallen, daß wieder andre über ihm stehen. Die Fürsten sind unschuldig an dieser Stufenleiter des Unsinns. Ich war eines Tages auf der Sommerburg, der König war zur Jagd gefahren, die Stunde der Tafel schon längst da, vom König aber sah man nichts. Da liefen nun die Kammerherren und Hofdamen und wie die Titel alle heißen, im Parke umher, saßen bald da bald dort auf einer Bank, schauten aus mit Ferngläsern, plauderten und hielten doch bei keinem Gespräche fest, denn die geputzten Herren und Damen, jung und alt, hatten ganz gemeinen Hunger, und doch kam ihr Hirte nicht, der ihnen Futter in die Raufe steckte. Dein Ohm Willibald beschwichtigte einstweilen seinen knurrenden Magen mit kleinem Backwerk, das den Appetit nicht verdarb. Es verging Stunde um Stunde, man spazierte umher, wie die Juden am langen Tag. Aber man lachte und scherzte, man wollte wenigstens lachen und scherzen, und der Magen knurrte. Und dein Ohm hatte daheim dreißig Pferde im Stalle und Ochsen und Kühe genug, und ringsum weite Felder, und hier diente er und wartete auf, denn er setzte einen Stolz darein, Oberstkämmerer zu sein. Damals, mein Kind, ich war so alt wie du jetzt, damals schwur ich mir im Herzen: ich werde nie und nimmer dienen, keinem Menschen. Endlich rollte der Jagdwagen des Königs daher, alles grüßte, alles machte glückselige Gesichter, und doch war der Herr übel gelaunt, der General Kont, der mit ihm zur Jagd gewesen, hatte einen Zwölfender geschossen, während es in der Ordnung gewesen wäre, da die Majestät nichts getroffen, auch nichts zu schießen. Der General war unendlich unglücklich über sein Jagdglück, und als das schöne Tier ankam und im Schloßhof abgeladen wurde, hing sein Kopf so traurig wie der des toten Tieres. Er entschuldigte sich nochmals und bedauerte, daß nicht Majestät das Wild geschossen: der Fürst indes wünschte ihm Glück, freilich mit sehr süßsaurer Miene. Der König sah mich und fragte: ›Wie geht's?‹ – ›Sehr hungrig, Majestät,‹ erwiderte ich. Der König lächelte und der ganze Hofstaat entsetzte sich über meine Ungehörigkeit. »Wir mußten nun noch eine halbe Stunde warten, bis der König sich umgekleidet, dann ging's zur Tafel. »Mein Kind, wenn du einem Hofmanne diese Geschichte erzählst, wird er mich entsetzlich einfältig finden. Aber an jenem Abend aß ich zum letztenmal an einer Fürstentafel. »Ich sehe, ich bin geschwätzig, ich bin ein alter Mann. Ich wollte dir nur sagen: Sieh dich um, sieh, wieviel Menschen verbraucht werden und verbraucht werden müssen. »Der Gedanke der Fürstenhoheit ist groß und schön. Der Fürst soll die Staatseinheit in sich darstellen. Aber so schön der Gedanke in seinem Ursprung – daß zu seiner Vollführung eine Pyramide von abgenützten, ihrer vollen Menschenwürde entkleideten Menschen nötig ist, das macht mich unversöhnlich damit. »Irma, es ist mir, als müßte ich das Testament meiner Seele in deine Seele legen. Von dem Augenblicke, wo du fühlst, daß ein Stück aus der Krone deiner Menschenwürde genommen wird, von diesem Augenblicke an fliehe, ohne Haß und Verachtung, denn wer Haß und Verachtung in der Seele trägt, ist schwer belastet und kann nie frei aus sich atmen. Ich hasse und verachte diese Welt nicht, ich sehe in ihr nur eine fremde, vergangene, weit entfernte, und kann niemand um seines Glaubens willen, weil er nicht der meine, hassen und verachten. »Doch – ich wollte dich nicht lehren, ich will erzählen. Ich nahm meinen Abschied und bezog nun als wirklicher Student die Universität, verließ aber auch diese bald wieder, um mich auf einer landwirtschaftlichen Schule auszubilden. Ich ging dann auf Reisen. In Amerika war ich, wie du weißt, ein ganzes Jahr. Ich hatte das Verlangen, jene Neubildung der Geschichte kennen zu lernen, wo die Menschen, auf den eingeborenen freien Geist gestellt, nicht immer rückwärts schauen nach Palästina, nach Griechenland, nach Rom. Ich fand die Zukunftswelt in Amerika nicht. Noch gärt dort alles, wie in einem urweltlichen Prozesse. Ob eine wirklich neue Menschheit daraus geboren wird, ich weiß es nicht. So viel aber weiß ich, daß die ganze Menschheit einer neuen sittlichen Bindung entgegenharrt. Ich werde wegsterben, ohne sie erlebt zu haben. »Ob die Welt der Zukunft sich im reinen Gedanken fassen wird, oder aufs neue an einer beispielgebenden Persönlichkeit? Ich hoffe das erste, aber ich sehe die Verwirklichung noch nicht. »Nun weiter in meinem Leben: »Ich kehrte heim. Ich hatte das unerschöpfliche Glück, deine Mutter zu finden. Sie stand einsam in der Welt. Ich habe das höchste Glück empfunden, es gibt kein zweites mehr. Deine Mutter starb drei Jahre nach deiner Geburt. Ich kann dir nicht einzelnes von ihr erzählen, ihre ganze Erscheinung war Reinheit und Kraft. Die Welt nannte sie kalt und verschlossen, und sie war heiß und offen, schön bis ins Herz hinein, aber nur für mich. Ich weiß, daß ein nur im Besten und Mildesten lebender Mensch aus mir geworden wäre, wenn sie mir geblieben. Ich darf nicht daran denken. »Es sollte nicht sein. »Aber ich bin in mir geheiligt durch sie; kein niederer Gedanke lebt in meiner Seele und keine That vollzog ich seitdem, die ich nicht dir, meine Tochter, bekennen dürfte. »Sie starb, und ich stand mit meiner heftigen Natur wieder dem Rätsel des Lebens gegenüber.« »Ich konnte euch Kinder keine Stiefmutter geben und ward ein Stiefvater. Ja, laß mich's sagen, ich bin unbarmherzig ehrlich gegen mich. Ich weiß, wer mich hörte, würde das Wort für übertrieben halten, die Mode ist ja allgütig, aber ich kann mich nicht freisprechen: ich habe meine Kinder ausgesetzt! Dich gab ich der Tante, bis du ins Kloster kamst, Bruno blieb bei mir, bis er in ein Erziehungsinstitut gebracht wurde. Ihr wart in vornehmen Instituten mit hohen Honoraren, aber ihr wart dennoch ausgesetzt. Ihr kanntet euren Vater nicht, ihr wußtet, daß er lebt, aber ihr habt nicht mit ihm gelebt, ihr seid als ausgesetzte Kinder aufgewachsen.« »Es sind erst zwei Jahre, seit ich mir das Wort bekannt habe. Es hat mir wochenlang den Schlaf, es hat mir Denken und Empfinden geraubt, aber ich halte es dennoch fest. Der Dämon, der Sophistik heißt, hat mir immer gesagt: Du hättest deinen Kindern nichts sein können, du hattest noch zu viel an dir selbst zu arbeiten, und es ist besser, sie werden aus sich selbst zu freien Menschen, als durch dich – es mag eine Wahrheit darin sein, aber trotzdem: ich habe meine Kinder ausgesetzt.« Der Alte hielt eine Weile inne. Irma legte ihre Hand auf die seine und streichelte sie leise. »Genug! Es ist heraus.« »Ich lebte hier einsam und doch nicht allein, ich verkehrte mit den besten Geistern und bewirtschaftete mit Leichtigkeit unser Gut.« »Ich widmete mich den vaterländischen Dingen, zog mich aber bald zurück. Ich kann keiner Partei angehören, auch der nicht, die sich zur Freiheit bekennt. Es gehören viele hochherzige Männer zu ihr, die ich verehre, aber sie dulden auch Frivole unter sich, die es wagen, von Gleichheit und von allem Höchsten zu sprechen und sich nicht scheuen, Wesen ihrer Art zu ihren Opfern zu machen. Frivole Junker sind nur lasterhaft, frivole Demokraten sind Ideenschänder. Wer nicht wünschen kann: das ganze Volk möge so denken und handeln wie ich – der hat nicht das Recht, sich einen braven und freien Menschen zu nennen.« »Wenn die Freiheit nicht Sittlichkeit gründet – was unterscheidet sie dann vom Wesen der Tyrannei? Was ist Tyrannei? Der egoistische Verbrauch uns gleichberechtigter Wesen. Ein Tyrann ist ein Gottesleugner, ein frivoler Freiheitsmann ist Gotteslästerer – ich nenne den Inbegriff alles sittlichen Weltgesetzes Gott. Ich war ein Einsiedler mitten unter den Menschen und bin es nun lieber und folgerichtiger fern von ihnen. »Ich lebe nun hier ein einsames Leben.« »Ist das nicht traurig, so allein?« fragte Irma. »Es würde sehr traurig sein, wenn ich mich allein fühlte,« erwiderte Eberhard! »aber der Mensch muß sich nicht allein fühlen, auch wenn er allein ist. Hier herauf kommt keine Langeweile und keine Vereinsamung. Die Menschen, die nicht in sich sind, sind allein, wo sie auch seien. Doch laß mich weiter berichten. »Am meisten schmerzte mich der Abfall Gunthers. Aber ich that ihm Unrecht. Er war immer ein Freund des Hoflebens; er sah darin eine Kulmination der Bildung. Er war stets zu ästhetisch: Das schöne Leben, der Luxus, der Komfort, an alles das hab' ich ein Recht und es muß mir werden, sagte er oft schon früher; das führte ihn an den Hof und ließ ihn von der freien Wissenschaft abfallen, sich und mich verlieren. »Man wird dir gesagt haben und vielleicht hast du es auch selbst gedacht, ich sei ein Menschenfeind. Wer die Menschen haßt, ist ein eitler, eingebildeter Narr. Was ist er denn mehr? Was ist er denn andres als sie? Ich hasse die Menschen nicht. Ich weiß nur, daß die meisten falsch aufgeputzt sind, sich zu etwas machen oder von andern zu etwas gemacht werden, was sie eigentlich nicht sind. Sie geben sich den Schein – sie wissen es nicht, daß es meist nur Schein ist – an Dingen Teilnahme zu haben, die sie eigentlich nichts angehen. Ich bin viel getäuscht und betrogen worden, aber wenn ich mir's ehrlich sage, so ist es, weil ich mich selbst getäuscht habe. Ich habe mein Bestes hergegeben und habe geglaubt, die andern seien mit mir, und es war doch nur Höflichkeit, was sie zur Beistimmung in Wort und Miene brachte. Sie heuchelten nicht, ich war es, der mich täuschte. Ich glaubte in einer Welt voll Zustimmung und Einklang zu sein, und im Grunde war ich allein, ganz allein. Jeder ist allein, der eine Natur für sich ist; es gibt keine volle Zustimmung. Sich selbst ausleben, das ist alles. Die meisten Menschen wollen aber kein Selbst sein, und die es nicht sein wollen, sind besser daran. Sie leben, wie's der Brauch ist, die Sitte erfordert, ihnen geht nichts Gegenwärtiges nahe, nichts Vergangenes nach; das hüpft, das springt, das tändelt von Stimmung zu Stimmung, von Genuß zu Genuß, und sie sind glücklich dabei und froh, wenn sie im Spiegel ihr altes Gesicht sehen; das verändert sich nicht, das bleibt sich gleich. Hätten die Menschen immer leibhaftig den Ausdruck dessen, was jetzt ihre Seele bildet, du würdest niemand erkennen, niemand von gestern, niemand von der letzten Stunde. Mein Kind, ich weiß nicht, wohin ich dich eigentlich führe: ich wollte dir nur sagen, daß ich kein Menschenfeind bin. Ich liebe alle Menschen. Ich weiß, daß sie im Grunde nichts andres sein können, und unter all der krausen und überladenen und fütternden Maskerade steckt doch in jedem schließlich eine ehrliche Natur; sie können sie nur nicht herausholen, und was sie Falsches, Hinterlistiges, Böses thun, da bleibt doch zuletzt der Spruch des großen Weisen: Vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie thun. Und nun laß mich das noch sagen: Ich verzeihe auch deinem Bruder. Er hat mich schwer gekränkt, denn die tiefste Kränkung, die ein Mensch erfahren kann, ist die von seinem Kinde. »Ich kann Bruno zu nichts zwingen und will es nicht. Es ist eine seltsame Welt! Durch alle Zeiten zieht sich der Kampf zwischen Vater und Sohn. Nun ist es so geworden mit uns: mein Sohn vertritt die alte Zeit und ich die neue. Ich muß es tragen. »Ich weiß, daß die Freiheit allein das Natur- und Vernunftgemäße ist, aber man kann auch zur Freiheit niemand zwingen. Ich will auch dich zu nichts zwingen. Gewöhnliche Frauennaturen lassen sich lieber befehlen als überzeugen; ich halte dich für keine gewöhnliche, du sollst es nicht sein, du sollst –« Eberhard hatte im voraus gesagt, daß er sich nicht unterbrechen lasse, und nun kam doch etwas, was ihn unterbrach. Ein Bote brachte einen Brief an Irma. Sie erkannte die Schrift ihrer Freundin Emmy. Sie erbrach den Brief hastig und las: »Irma! Ich kann nicht zu Dir kommen, ich bin aus der Welt geschieden. Heute sind es drei Wochen, daß mein Albrecht durch den Biß eines tollen Hundes sein Leben aufgeben mußte. Auch mein Leben ist aufgegeben für das Diesseits. Ich füge mich in Demut dem unerforschlichen Willen des Höchsten. Ich habe gelobt, den Schleier zu nehmen: ich bin nun hier und verlasse diesen Ort nicht mehr. Komm, sobald Du kannst, zu Deiner Schwester Euphrosine im Kloster Frauenwörth.« Irma gab ihrem Vater den Brief, er las. »Durch den Biß eines tollen Hundes zwei Menschenleben vernichtet. – Wer will das erklären?« rief Irma. »Die Religion kann es so wenig wie wir. Sie befiehlt, wie unsre Vernunft, sich dem Naturgesetz zu fügen.« Der Bote wartete. Irma ging, um eine Antwort zu schreiben. Sie versprach zu kommen. Eberhard saß unterdessen allein. Er hatte seinem Kinde, seinem gereiften Kinde sein Leben aufgeschlossen – was wird es nützen? Wie oft hat er es selbst erkannt: Keine Lehre, keine noch so hohe, ändert der Menschen Sinn. Nur das Leben, Anschauen, die Erfahrung der Thatsachen an sich und andern, nur das bekehrt. Das ist ja das Elend der Dogmatik, daß sie lehren will, was nur das Leben gibt. Seine Kinder haben sein Leben nicht mit ihm gelebt, und es nützt nichts, ihnen das nun in allen Einzelheiten zu berichten, in seinen Motiven zu erklären; es bleibt fremd, es ist nicht mitgelebt. Es ist schon widersprechend genug, daß der Vater seinem Kinde von sich selbst erzählen muß. Eberhard gestand sich die Folgen seines Thuns. Er hatte kein Recht auf Kindestreue, wenigstens nicht, wie er sie heischte, denn er hatte sich für sich allein ausgelebt. Als Irma kam und um Erlaubnis fragte, ihre Freundin Emmy im Kloster aufsuchen zu dürfen, nickte er beistimmend. Er hatte sich gerühmt, daß nichts ihn unterbreche; das konnte er für sich festhalten, für andre nicht. Er hatte dem Kinde seinen ganzen Lebensgang dargelegt – wer weiß, ob nicht diese einzige fremde Thatsache alles aus ihrem Gedächtnisse wegwischt. Elftes Kapitel. Im offenen Hofwagen fuhr Irma über die Berge und durch die Thäler. Sie lag tief zurückgelehnt in die Kissen; die Kammerjungfer und der Diener saßen auf dem Hintersitz. Sie war von der plötzlichen Unglücksbotschaft Emmys wie zerschlagen in allen Gliedern, jetzt im Wagen erhob sich wieder das Kraftgefühl in ihr. Reisen, Wechsel der landschaftlichen Ausblicke, das übte immer eine Zaubermacht auf sie. Die Erzählung ihres Vaters begleitete sie eine große Strecke Weges mit ihrem Nachklang. Sie hatte ihm mit großer Teilnahme zugehört, aber was er erzählt, hatte doch nur wenig Eindruck auf sie gemacht. Das ist ja alles nicht so schwer und wichtig, wie er es nimmt, sprach es in ihr; es liegt in seiner Individualität, das zum Lebensschicksal werden zu lassen; aber keinem andern wird es dazu. Es war schon genug, daß sie seiner Besonderheit gerecht wurde; eine bestimmte Wirkung auf sie konnte er nicht verlangen. Emmys Schicksal ist ein entsetzliches, hirnverwüstendes, das des Vaters nicht; in seinem großen Lebensschmerz war viel Selbstqual. Der Vater sprach von Ruhe und hatte sie nicht. Und so fremd stand Irma bei allem kindlichen Willen dem Vater gegenüber, daß der Schmerzensausdruck an seinem Munde, den er bei der Erzählung gehabt, ihr jetzt als Aehnlichkeit mit dem Schmerzensausdruck am Munde Laokoons einfiel. Irma schüttelte unwillig den Kopf. Welch ein Chaos ist die Welt! Ein toller Hund zerstört ein ganzes Leben, und da und dort sitzen vereinsamte Menschen und quälen sich ab, jeder fühlt Mangel, Beschränkung, jeder will etwas und kann es nicht erreichen, und über ewigem Versuchen, Probieren, Messen und Wägen geht das Leben hin. Mitten im Chaos erhebt sich eine einzige Gestalt, frei, schön und groß, lebenssicher und das Leben wahrhaft beherrschend ... Irma wendete sich zurück, als wollte sie sagen: Du bist es leider nicht, mein Vater; du solltest, du könntest es sein; er allein, er, der freie Mensch auf der Höhe des Lebens, der König ist's. Und wie sie sein gedachte, schwebte ein Lächeln auf ihrem Antlitz; sie schaute frei hinein in den blauen Himmel und wußte nicht mehr, wohin sie fuhr; sie fühlte sich nur wie von weichen Armen fortgetragen über Berg und Thal. Dort stiegt ein Adler hoch über dem Bergesgipfel, für ihn gibt's keine Grenze. Irma schaute lange dem Fluge des Adlers in der Höhe zu, sie ließ halten. Alles stand still, die Pferde, der Wagen. Der Diener war abgestiegen, um zu fragen, was die Herrin begehre; sie winkte ihm, er möge nur wieder aufsteigen, und so hielt sie still, mitten in der freien Natur, ausgerüstet mit aller Bequemlichkeit des reichen Lebens. Sie schaute lange dem Fluge des Adlers zu, wie er in den Lüften schwamm und schwebte, bis er in den Wolken verschwand. »Wenn's einmal gestorben sein muß, so möcht' ich sterben! in den Himmel hineinfliegen und dann nicht mehr sein,« sprach es in ihr. Man fuhr weiter; Irma stieg nicht aus, sie redete auf dem ganzen Wege kein Wort. »Wir sind am Ziele,« sagte gegen Abend der Lakai. Es ging bergab nach dem See. Der Wagen hielt am Ufer. Mitten auf einer Insel im See lag das Kloster. Eben läutete das Abendglöcklein über den See; die Sonne stand noch über den Bergen, aber sie warf bereits fast wagrechte Strahlen, die im See wie hin und her schwimmende Lichter flimmerten; der Spiegel des Sees begann sich hellgolden zu färben. Der Lakai und der Postillon zogen beim Abendläuten den Hut ab und die Kammerjungfer faltete die Hände; auch Irma legte die Hände ineinander, aber sie betete nicht, sie dachte in sich hinein: »Dies Läuten ist schön und anmutig, wenn man's draußen hört und dann wieder heimkehrt in die frohe weite Welt; wem aber dies Glöcklein im Kloster selbst läutet, dem läutet es jeden Tag als einen Todestag zu Grabe, denn dies Leben ist nichts als tägliches Sterben.« Irma brachte eine fremde Stimmung zur Freundin in das Kloster; sie wollte sich zwingen, eine entsprechende in sich zu erwecken. Während der Kahn gerüstet wurde, hörte sie den Lakai mit einem schnell hinzugekommenen andern, dessen Gesicht sie vom Hofe her kannte, sprechen. Sie hörte den Hofbedienten sagen: »Der gnädige Herr sind schon seit mehreren Tagen hier und warten auf etwas, ich weiß nicht auf was.« Irma hätte gern gefragt, mit wem der Hofbediente gekommen, aber sie konnte das Wort nicht hervorbringen, ein plötzlicher Schreck durchbebte sie. Sie stieg mit der Kammerjungfer in den Kahn. Ein alter Schiffer mit seiner Tochter ruderte das steuerlose Fahrzeug. Der See war tief und dunkel. Die Sonne war bereits im Niedersinken und die Schatten der Berge gegen Abend lagen auf den Uferbergen jenseits scharf abgebildet; auf den Firnen lag frischgefallener Schnee und die weißen Häupter setzten sich scharf ab von den bewaldeten Vorbergen und dem klarblauen Himmel. Hier unten war's so still und dämmerig, als schiffte man in die Schattenwelt hinein. »Ist das Eure Tochter?« fragte Irma den alten Schiffer. Er nickte froh, da sie den Landesdialekt so gut sprach; sie war in Uebung geblieben durch Walpurga. »Ja,« erwiderte der Schiffer, »und sie möchte gern zu einer guten Herrschaft in Dienst; sie kann auch gut nähen und –« »Bleib du bei deinem Vater, das ist das beste,« sagte Irma zu dem Mädchen. Man fuhr wieder still dahin. »Wie tief ist hier der See?« fragte Irma. »Gewiß sechzig Klafter tief.« Irma streichelte die Wellen, es freute sie, daß die Menschen so leicht und kühn stündlich über den drohenden Tod wegfahren; sie beugte sich etwas über Bord und der Schiffer rief: »Fräulein, gib acht.« »Ich kann schwimmen,« entgegnete Irma und wühlte in den Wellen. »Ja schwimmen,« lachte der Alte, »die meisten Menschen können's, bis es darauf ankommt, dann ist's vorbei, und wenn sie Kleider an sich hängen haben, dann können's gar wenige.« »Da hast du recht, der bunte Trödel zieht uns hinab.« Der Alte verstand Irma nicht und schwieg; sie war voll Unruhe und fragte wieder: »Sind schon oft Menschen auf dem See verunglückt?« »Selten, aber da, wo wir eben fahren, da drunten liegt ein junger Mensch von einundzwanzig Jahren.« »Wie ist er verunglückt?« »Sie sagen, er habe einen Rausch gehabt; ich glaub' aber, er hat einen Schatz da drüben im Kloster. Es ist nur gut, daß sie nichts davon erfährt.« Irma schaute in die Wellen, während der Alte fortfuhr: »Und drüben am Felsen hat vor fünf Jahren ein Stamm einen Holzknecht gerade von der Wand herunter in den See geschlagen, und da oben bei der Klause ist eine fünfzehnjährige Sennerin unversehens in die Flut gekommen beim Holzsturz, und das Holz hat ihr alle Kleider vom Leibe gerissen gehabt, wie die Leiche unten am See angekommen ist.« »Erzählt nicht so Schreckliches!« bat die Kammerjungfer den Alten. Irma schaute an den schroffen Bergen hinan und fragte: »Kann man da hinaufsteigen?« »Jawohl, beschwerlich; aber überall, wo Bäume sind, können auch Menschen hinsteigen.« Irma sah in den See, sah in die Berge. Man kann sich verlieren in der Welt, wie wär's, wenn man sich verlöre? sprach es in ihr. Sie stellte sich aufrecht im Kahn. Der Alte rief: »Setz dich! Es ist gefährlich, wenn du schwankst.« »Ich schwanke nicht,« sagte Irma, und sie stand in der That fest auf dem schwankenden Kahn. Dem Alten ward dies Wesen unheimlich und er fragte: »Mit Verlaub, das schöne Fräulein will doch nicht auch ins Kloster?« »Warum? Warum fragt Ihr?« »Weil's mich dauern möcht'.« »Warum dauern? Leben die Nonnen nicht schön und friedlich?« »Freilich wohl, aber das ist ein Leben, in dem nichts vorgeht.« Wie angerufen setzte sich Irma nieder und stand wieder auf, daß der Kahn schwankte. Ein Leben, in dem nichts vorgeht – das ist das Wort, ihr wie aus dem innersten Herzen genommen. Ihre volle Jugendkraft sträubte sich gegen dies Wegwerfen des Daseins. Ob man's wie der Vater, mit einsamem Denken, oder, wie die Nonnen, mit gemeinsamen Andachten überwindet: es ist ein Leben, in dem nichts vorgeht. Ist man nicht hier auf die weite Erde gesetzt, um alles sein zu nennen? Komm' Freude, komm' Schmerz, komm' Jubel, komm' Trauer – ich will kein Leben, in dem nichts vorgeht. Mit diesen Worten im Gemüte sprang sie ans Land, hörte sie den Schiffer den Kahn an die Kette legen und ging dann die alte Lindenallee nach dem Kloster. Sie fragte nach der Schwester Euphrosine. Alle Nonnen waren in der Kirche zur Abendmette. Irma ging auch in die Kirche. Hier brannte nur das ewige Licht; der Gottesdienst war beendet, aber noch lagen die Schwestern alle knieend am Boden; endlich richteten sie sich auf, gespenstische Gestalten aus chaotischem Dunkel. Irma ging in das Sprechzimmer zurück, aber die Pförtnerin sagte ihr, daß sie Emmy heute nicht mehr sprechen könne, es sei nicht gestattet, daß eine der Schwestern nach dem Abendgottesdienst noch eine Nachricht vernehme und mit irgend jemand ein Wort rede. Irma erhielt indes Herberge im Kloster. Es war eine milde Septembernacht, Irma saß noch lange tief in ihren Plaid gehüllt, draußen an der Fähre. Sie wußte nicht mehr, was sie dachte, so ins Schrankenlose hinein schweifte ihre Seele; nur manchmal klang es ihr wie aus den Lüften: »Ein Leben, in dem nichts vorgeht.« Der Morgen kam. Nach der Frühmette war es Irma gestattet, ihre Freundin zu besuchen. Sie erschrak, als sie Emmy sah, und es war doch noch das schöne milde Antlitz, nur grausam entstellt durch die enganliegende Kapuze, die das Haar ganz verdeckte und das Antlitz wie gewaltsam herauspreßte. Nach den ersten Ausbrüchen des Schmerzes und Mitgefühls, nach dem näheren Bericht von dem grausamen Geschick Emmys sagte diese endlich, da Irma sie immer wieder aufs neue ans Herz drückte: »Deine Umarmungen sind so stürmisch! Ich weiß, du wirst nie Demut lernen, du kannst das nicht, du bist von andrer Art; aber Gleichmut solltest du lernen. Du, Irma könntest nie ins Kloster gehen und du sollst nicht, du würdest dich hinaussehnen in die Welt. Du mußt die Gattin eines braven Mannes werden. Glaube aber nie, daß dein Ideal sich verwirklicht. Unser Dasein ist Stückwerk und voll Elend, es soll kein schönes und volles werden hienieden. Aber, Irma, hüte dich, an einer Schranke zu rütteln oder gar sie zu überschreiten! Weiche zurück, da du noch diesseits stehst.« Emmy nannte den Namen des Königs nicht. Die Freundinnen saßen lange still. Irma war's, als müßte sie ersticken in dieser Umgebung. Emmy sprach von dem, was erst seit Wochen geschehen, als wären schon Jahrzehnte darüber hingeflossen; sie erklärte der Freundin, welch eine Kraft in andauernden Andachten liege; wie sie die Stunden ausspannen und zu Jahren werden voll beseligender Weltüberwindung. Sie pries das Glück, daß es schon auf Erden möglich sei, den eigenen Namen und alle Erinnerung abzuthun und ein Dasein zu gewinnen, das ohne einen jähen Schritt gleichmäßig hinüberleite in die ewige Seligkeit. Nur klagte Emmy der Freundin, welch eine Tyrannei es sei, daß ihr nicht gestattet sein solle, Profeß zu thun; sie dürfe nur als dienende Schwester ohne Gelübde sich hier aufhalten. »Das ist ja das Rechte, daß du es nicht sollst!« rief Irma. »Ich vermute, Bronnen liebt dich, aber er ist ein Mann, der die gegebenen Thatsachen respektiert; seine sittliche Strenge duldet nicht, einer verlobten Braut ein wärmeres Gefühl zu widmen oder nur in sich aufkommen zu lassen. Er ist deiner würdig. Ich bin weit entfernt, dir zu sagen, daß du jetzt, sofort – wie könntest du das? wie würde er es wagen? Aber du solltest dir das Leben offen erhalten und nach einem Jahr oder später, so lange kannst du ja im Kloster bleiben, mit dem im eigentlichen Sinn des Wortes rechtschaffenen Mann, wenn auch kein schwärmerisches doch ein schönes und gutes Leben führen. Ich will dir jetzt nur sagen: du sollst deine zukünftige Stimmung, dein späteres Thun und Wollen nicht enterben! Kein Mensch soll ein Gelübde ablegen, das ihn auf lebenslang bindet, und ihn morgen mundtot, zum Sklaven, zum Lügner, zum Heuchler und Betrüger vor sich selbst macht!« »Irma!« rief Emmy, »was redest du für böse Worte! Ist das die Hofsprache? O verzeih, daß ich so spreche; es ist die alte Emmy, die das that, nicht ich; verzeih, ich bitte dich, verzeih mir!« Sie warf sich vor Irma auf die Kniee. »Steh doch auf,« bat Irma, »ich habe dir nichts zu verzeihen; ich will ruhiger sprechen. Sieh, liebe Emmy, es ist ein Glück für dich, daß du kein Gelübde ablegen darfst. Ein furchtbarer Schlag hat dich getroffen, du liegst am Boden; aber wenn du frei bleibst, der dumpfe Druck sich löst und du dich in der Stille ausheilst, dann sollst du ins Leben zurückkehren können, wenn es dich ruft; eine Zufluchtsstätte, keinen Kerker sollst du hier haben.« »Ja,« lächelte Emmy, »du mußt so denken, du; aber ich – ich will die Welt nicht mehr sehen, aus der mein Leben geschwunden. Du kannst nicht verstehen, was das heißt: auf Erden nur Braut sein und erst im Himmel die ewige Hochzeit feiern. Ich habe Gott gebeten, mir mein eigenes Herz zu nehmen, jedes Gelüste für mich – er hat mich erhört. Es ist Tyrannei, wenn Menschen den andern ihre Sinnesweise aufdrängen wollen; ich weiß, das willst du nicht. Denkst du noch, Irma, als wir zum erstenmal die Geschichte des Odysseus lasen, wie er sich an den Mast binden ließ, um den Gesang der Sirenen zu hören und ihm doch nicht folgen zu können – weißt du noch, was du damals sagtest?« »Ich weiß es nicht mehr.« »Der vielgepriesene Odysseus,« sagtest du, »ist ein Schwächling und kein Held. Ein Held muß sich nicht äußerlich binden lassen, er muß durch innere Kraft allem widerstehen.« Damals schon fühlte ich, wie gewaltig du bist. Und Odysseus war ein Heide und hatte kein ewiges Gesetz. Ich freue mich des ewigen Gesetzes. Ich klammere mich an diesen Fels; ich will die Fessel, die göttliche, die ewige Fessel; sie soll mich halten, wenn ich sinke, ich will nicht mehr in die Welt zurückkehren können. Ich will mich binden. Und darf es Menschen geben, die sich die Freien nennen, und andern Menschen verbieten, ihren Weg der Vollendung, des wahren ewigen Lebens zu wandeln? Ist das nicht tyrannisch, traurig und gottlos?« »Ja, das ist's. Aber wer verbietet dir's denn?« »Das Staatsgesetz. Es befiehlt, daß das Kloster aussterbe, es darf keine jungen Nonnen mehr aufnehmen.« »Das befiehlt das Staatsgesetz?« »Ja.« »Das darf der König nicht dulden.« Irma rief das so laut, daß es von der Wölbung der Zelle wiederhallte. Emmy sah mit gespanntem Blick in das Antlitz Irmas. Wenn Irma das bewirken könnte! Die beiden Jungfrauen hatten nicht Zeit, ein Wort hierüber zu wechseln. Sie wurden zur Aebtissin gerufen. Als hätte die Aebtissin die letzten Worte Irmas gehört, fing sie sofort in mildem Tone, aber mit scharfer Entschiedenheit zu sprechen an, sie beklage die Tyrannei der Freigeister – sie verdamme die Urheber nicht, sie bete für sie – aber es sei doch himmelschreiend, daß uralte heilige Institute vernichtet und auf den Aussterbeetat gesetzt werden sollten. Irmas Antlitz flammte. Sie sagte wieder, daß das Gesetz aufgehoben werden müsse; sie wolle ihren Einfluß verwenden, daß es geschehe. Sie erbot sich sofort an den König zu schreiben; die Aebtissin nahm es willfährig an, und Irma schrieb: »Majestät! Ich schreibe Ihnen aus dem Kloster. Ich bin aber keine Nonne. Ich glaube, ich habe kein Talent dazu. Aber was sind das für Staatsgesetze, die einer Jungfrau verwehren, das ewige Gelübde abzulegen? Ist das Freiheit? Ist das Gerechtigkeit? Oder was ist es denn? Entschuldigen Majestät meine Aufregung! Ich schreibe mit Klostertinte auf Klosterpapier und es ist nicht zum erstenmal, daß mit solcher Tinte und auf solches Papier für die Freiheit geschrieben wird, für die echte, große. Ist es möglich? Dürfen die einen den andern verbieten, ihr Leben in gemeinsamer Einsamkeit zu verbringen? Die Quacksalber aller Art können kein Leben, kein positives Glück schaffen, aber dürfen sie wehren, daß sich das Unglück heile? Der große Sinn Eurer Majestät darf solche Barbarei nicht dulden. Es ist Barbarei, wenn auch mit Kulturschminke übertüncht. Majestät, ich sehe, daß ich noch immer nicht deutlich spreche. Ich will mich zwingen, daß ich's thue. Ich bin hier im Kloster. Meine Freundin Emmy, meine einzige geliebte Freundin – ich glaube, ich habe Euer Majestät von ihr gesprochen – will den Schleier nehmen, Sie hat in ihrer Weise recht. Die Hunde werden ja doch toll, wenn man auch Hundesteuer für sie zahlt. Ein toller Hund hat ihren Bräutigam getötet, und sie will dem Leben entsagen. Wer darf das verhindern? Und doch soll dieses Kloster, wie das Staatsgesetz befiehlt, aussterben, keine neuen Nonnen mehr aufnehmen. Majestät! Das dürfen Sie nicht dulden! Sie haben den großen historischen Blick, Ihr Leben ist Nationalgeschichte. Sie müssen die Tagdiener lehren, größer zu sein. Sie müssen das Gesetz aufheben. Sie müssen! Verzeihen Euer Majestät diese Sprache, aber ich kann nicht anders. Ich fühle mich als Ihr Anwalt. Ich fühle Ihren hohen Sinn beleidigt durch diese Kleinlichkeit. Ich hoffe, Euer Majestät bald wieder zu sehen, und grüße Ehrerbietigst Irma von Wildenort.« Irma schloß den Brief und legte ungesehen den vierblätterigen Klee, den sie noch bei sich trug, in den Brief. Mit einem stolzen Gefühl fuhr Irma im Kahne zurück nach dem jenseitigen Ufer. Sie glaubte, eine schöne höhere Freiheitsthat vollbracht und wenn auch noch nicht vollbracht, doch angeregt zu haben, und sie muß zu Ende geführt werden. Der alte Fährmann war glücklich, als er sie sah. Er sprach nichts, er griff nur tapfer die Ruder an; er lächelte vor sich hin, als hätte er das Glück, eine junge Seele aus dem Schattenreich zu entführen. In der Ferne fuhr ein Kahn, ein Mann stand darin in grünem Jagdkleide; er schwang den Hut und winkte. Die Kammerjungfer machte Irma, die in sich versunken in den See schaute, aufmerksam. Irma erschrak. Ist das nicht der König? Der Jäger, der sich noch nicht bemerkt glaubte, schoß seine Flinte ab; der Schuß tönte in vielfältigem Echo von den Bergen zurück. Jetzt schwang der Jäger wiederum den Hut. In zitternder Hand hielt Irma das weiße Tuch und winkte zum Zeichen, daß sie ihn gesehen. Der Kahn mit dem Jäger kam näher. Ein schnell wechselnder Ausdruck von Freude und Enttäuschung flog über das Antlitz Irmas. Es war nicht der König. Der Baron Schöning grüßte sie. Er sprang zu ihr in den Kahn, küßte ihre zitternde Hand und sagte, wie er sich freue, sie hier zu treffen. Man stieg ans Land. Der Baron bot Irma den Arm und sie gingen miteinander dem Ufer entlang; die Kammerjungfer ging voraus. In der Ferne sah Irma den Lakai stehen, der gestern mit dem ihrigen gesprochen. Hatte der Diener nicht gesagt, daß sein Herr schon lange auf etwas warte? Hatte nicht Baron Schöning ihr schon früher offenbar Aufmerksamkeit erwiesen? Es klärte sich bald auf; der Baron begann: »Hier sind wir allein, nur im Angesicht der Berge, des Sees und des Himmels. Teure Gräfin, darf ich ein Wort sprechen, das ich Ihnen schon lange aus treuester Seele zu sagen habe?« Sie nickte still. »Nun denn, so lassen Sie mich Ihnen sagen, daß Sie am Hofe nicht an der rechten Stelle sind,« »Ich bin auch noch nicht entschieden, ob ich wieder dahin zurückkehre. Aber warum glauben Sie mich dort an der unrechten Stelle?« »Weil etwas in Ihnen ist, das Sie nie am Hofe heimisch werden läßt. Es wundert Sie, daß ich das sage, ich, der Lustigmacher des Hofes, der Salontiroler? Ich weiß, daß ich den Titel habe. Und doch, Gräfin, man glaubt dort mit mir zu spielen und ich spiele mit ihnen. Sie, Gräfin, werden nie am Hofe heimisch. Sie nehmen die Bräuche und das ganze Leben nicht als feststehend und gegeben, Sie übersetzen sich's in Ihre Eigentümlichkeit. Ihr Gemüt ist nicht zu uniformieren, Ihre Seele spricht im tiefsten Innern einen Dialekt, den Dialekt Ihrer seelischen Heimat, und wenn etwas davon in der Livreewelt kund wird, findet man es – ich weiß das ja am besten – überaus originell, aber fremd, sehr fremd sind und bleiben Sie sich und den übrigen dort ewig.« »Ich hätte nicht geglaubt, daß Sie so in meiner Seele forschen. Aber ich danke Ihnen.« »Ich forsche nicht in Ihrer Seele, ich lebe in ihr. O Gräfin, o du kindliches und weltumfassendes Herz, zittre nicht, laß mich – lassen Sie mich diese Hand fassen und Ihnen sagen: Auch ich bin ein Fremdling dort und bin entschlossen, mich zurückzuziehen, und da drüben auf meinem bescheidenen väterlichen Besitztum mein Leben für mich zu leben. Irma, willst du mich millionenfach himmlisch leben lassen? Willst du mein Weib sein?« Irma konnte lange nicht zu Worte kommen, endlich sagte sie: »Mein Freund, ja mein Freund. Da drüben auf der Insel lebt mir eine Freundin und ist für sich und für mich tot; das Schicksal meint es gut und gibt mir einen Freund dafür. Mein Freund, ich danke Ihnen – aber ... ich bin verwirrt im Augenblick, vielleicht tiefer ... Sehen Sie, lieber Baron, sehen Sie dort oben auf halber Höhe des Berges die kleine Hütte? Dort könnte ich leben, meinen Kohl begießen, meine Ziege melken, Hanf pflanzen und meine Kleider spinnen, und könnte glücklich sein, nichts wollend, von der Welt vergessen, und die Welt vergessend.« »Sie scherzen, liebe Gräfin. Sie phantasieren sich eine Idylle. Das schillert eine Weile und verblaßt dann.« »Ich scherze nicht. Einsam, für mein täglich Brot arbeitend, könnte ich leben; aber auf einem Schlosse als Herrin mit all den Siebensachen, mit all dem Trödel der Bildungswelt – da nicht! Sich ankleiden, bloß um sich selbst im Spiegel zu sehen, das will ich nicht. Da droben in der Hütte wollte ich ohne Spiegel leben, ich brauche mich nicht zu sehen, und niemand braucht es. Soll ich aber in der Welt leben, muß ich ganz in der Welt leben, im herrschenden Mittelpunkt, in der großen Stadt, auf Reisen; ich muß alles haben oder alles entbehren, nur das eine oder das andre kann mich glücklich machen, kein Mittelding, keine Halbheit!« Irma sprach so entschieden, daß der Baron sah, wie ernst es ihr war, das war mehr als Laune und Spiel. »Entweder,« fuhr sie fort, »ich unterwerfe mich der Welt, oder ich unterwerfe sie mir, indem ich sie verachte. Entweder ich frage nichts danach, wie die Menschen mich ansehen, oder ich will gar keinem Blicke begegnen, auch meinem eigenen nicht.« Der Baron war still, er suchte offenbar nach Worten. Endlich sagte er: »Ich wäre gern in das Haus Ihres Herrn Vaters gekommen, aber ich weiß, er liebt Menschen meines Standes nicht. Ich wartete hier auf Sie, ich wußte, daß Sie zu Ihrer Freundin kommen würden; sagen Sie mir nur noch: Wollen Sie wieder an den Hof zurückkehren?« »Ja,« sagte Irma, und in diesem Augenblicke stand zum erstenmal ihr Entschluß fest. »Ich wäre undankbar, wenn ich es nicht thäte. Ich wäre undankbar gegen die Königin und gegen – den König und die Freunde alle. O, mein Freund, ich bin noch nicht reif dazu, ein Leben zu führen, in dem nichts vorgeht. Ich fühle es!« Die beiden langten bei einer Bank am erhöhten Ufer an. »Wollen Sie sich nicht zu mir setzen?« fragte Irma den Baron. Sie setzten sich. »Wann sind Sie aus der Residenz abgereist?« »Vor fünf Tagen.« »Und ist alles noch im alten Stande?« »Leider nicht alles. Der Leibarzt hat einen harten Verlust erlitten, sein Schwiegersohn, der Universitätsprofessor Korn, ist plötzlich an Leichengift gestorben.« »An Leichengift?« nahm Irma auf, »wir sterben alle an Leichengift, nur nicht so plötzlich. Die da drüben auf der Insel und wir – alle, alle.« »Sie sind sehr bitter.« »Durchaus nicht. Mir geht nur das Seltsamste durch den Kopf. Ich habe da drüben ein großes Gesetz kennen gelernt.« »Das Gesetz der Entsagung?« »O nein, die Berechtigung der Mode.« »Sie spotten.« »Keineswegs. Sehen Sie, die Mode ist das Dokument der menschlichen Freiheit, das Modejournal der höchste Vorzug des Menschen.« »Das ist barock.« »Durchaus nicht, sondern simple Wahrheit. Sehen Sie, der Mensch ist ein um so höherer Kulturmensch, je öfter er die Kleider wechselt in Stoff, Schnitt und Farbe. Nur die Menschen kleiden sich immer neu, immer anders. Der Baum behält seine Rinde, das Tier seine Haut, und die Volkstracht wie die geistliche Tracht, weil sie stereotyp sind, sind untermenschlich, sind eine Borniertheit.« Der Baron sah mit einem seltsamen Blicke auf Irma. Er war innerlich froh, daß sie ihm offenherzig einen Korb gegeben; das wäre doch ein Wesen, dem er nicht genügen könnte, eine unsäglich anstrengende Frau, die eine ewige Feuerwerkerei des Geistes heischt. Und sie gefällt sich in ihrer Bizarrerie. Plötzlich sah er alle Schattenseiten Irmas, während er noch vor einer Stunde nicht nur ihre Lichtseiten allein, sondern lauter Licht in ihr gesehen hatte. Wie ist es nur möglich, nach dem Besuch einer Freundin, die den Schleier nehmen will, und nach einem Heiratsantrag gleich darauf in solche Bizarrerien zu verfallen? Baron Schöning erzählte noch, daß er Walpurga und den Prinzen habe photographieren lassen. »Ach, Walpurga« – sagte Irma, es ging ihr etwas durch den Kopf. Der Baron verabschiedete sich sehr freundlich und fuhr über den See zurück. Irma schlug den Weg heimwärts ein. Sie fragte nach dem Weg über das Gebirge zum jenseitigen See; sie wollte die Angehörigen der Walpurga besuchen. Man sagte ihr, daß eine Kutsche da nicht fortkäme, man könne dahin nur zu Pferde gelangen. Irma fuhr geradeswegs zurück zu ihrem Vater. Zwölftes Kapitel. »Mir fehlt was, mir ist's immer, als ob mich jemand rufe und ich mich umsehen müßte. Die Gräfin denkt gewiß viel an uns. Ach, das ist doch das beste Herz von der Welt.« So klagte Walpurga noch viele Tage, nachdem Irma abgereist war, während man im Schlosse kaum mehr an sie dachte. Ist ein Mensch fort, gestorben oder verreist, alsbald rückt ein andrer an seine Stelle, hier gibt es keine Lücken und keine Sehnsucht. Man lebt ja immer Weltgeschichte und die Weltgeschichte steht nicht still. Mamsell Kramer setzte jetzt den Schreibunterricht bei Walpurga fort, und diese verstand sie nicht, als sie sagte: »Die vornehmen Herrschaften fangen gern allerlei Dinge an, aber fertig machen müssen wir's. Ich habe schon manche Stickerei vollendet, an der die Hand, die dafür geküßt wurde, kaum ein paar Stiche gemacht. Das ist aber so in der Ordnung.« Bei Mamsell Kramer war alles in Ordnung, was die Vornehmen thaten, und dabei hatte sie die Gewohnheit, vor Untergebenen nicht deshalb zu sprechen, damit sie von ihnen verstanden werde, sondern nur, damit sie es gesagt habe. Das Kind gedieh. Tag auf Tag verging in stiller Regelmäßigkeit und nun erhielt Walpurga den höchsten Ersatz für Gräfin Irma: es war der Königin gestattet, die Amme und das Kind täglich mehrere Stunden um sich zu haben. Während Irma draußen in der Welt, wo sie Ruhe und Friede suchte, immer mehr das Chaos fand, war der Königin hier alles Dasein wie durchleuchtet. Sie hatte die Wirrnisse des Lebens auch neu und schwer kennen gelernt, jetzt war sie wieder vollauf eins und gesund. Sie betrachtete das Kind, und wenn sie sprach, faltete Walpurga oft die Hände und hörte still zu; sie verstand nicht alles, aber sie fühlte, was sich hier bewegte. Die Königin tröstete den Leibarzt über sein Familienleid und stellte den Trost vor, den die Mutter in einem Kinde habe; wenn die Welt auch noch so sehr voll Widersprüche und Rätsel sei, in jedem Kinde sei von neuem die Möglichkeit der reinen Menschheit, der höchsten Erlösung gegeben. Die Königin schaute dabei nach dem Kinde um, das laut lallend in der Wiege lag, und Walpurga sagte mit leiser Stimme: »Schauen Sie, unser Kind lacht! Heut zum erstenmal. Es ist ja heut sieben Wochen alt.« »Und ich habe das erste Lächeln des Kindes gesehen, und sein Vater ist nicht da.« »Machen Sie kein so ernstes Gesicht,« bat Walpurga, »lachen Sie weiter, dann lacht es auch weiter und alle Ihre guten Blicke bleiben ihm im Gesichte stecken.« Das Kind lächelte fort und fort, bis der Arzt die beiden Frauen bat, es nun nicht weiter aufzuregen: aber Walpurga habe recht, wenn man einen Säugling oft recht freundlich ansehe, präge man ihm eine freundliche Miene ein. Fortan sah das Kind keinen trüben Blick seiner Mutter mehr. Walpurga konnte geläufig und fortgesetzt nur von Personen sprechen. Auch hier war daher Gräfin Irma mehrfach Gegenstand der Unterhaltung. Das war indes auch bald erschöpft, und wenn dann die Königin sagte: »Warum sprichst du nichts? Ich höre, du könntest doch so gut zu dem Kinde sprechen und allerlei Uebermut mit ihm treiben« – da blieb Walpurga beharrlich still. Die Königin ließ sich die ganze Lebensgeschichte der Walpurga erzählen. Sie mußte viel fragen, denn Walpurga konnte nicht in einem Zuge forterzählen, sie hatte sich noch nie ihr Leben vergegenwärtigt; das war eben so fortgegangen, man braucht sich nicht darüber zu besinnen; und sie war noch ängstlich dazu, es war ihr, als stände sie vor Gericht. »Wie bist du denn zu deinem Manne gekommen? Und hast du ihn recht lieb?« »Freilich, er ist ja mein Mann! Und in dem ist kein böser Blutstropfen. Ein wenig unbeholfen, ich meine ungeschickt ist er, aber nur vor den Leuten; er ist nicht viel unter Menschen gekommen; er ist in einem einschichtigen Hause aufgewachsen und hat bis in sein zweiundzwanzigstes Jahr nichts vor sich gesehen, als eben Bäume, die man umhackt; aber ihm ist keine Arbeit zu schwer, und wo man ihn hinstellt, macht er seine Sache recht. Und er ist gar nicht so dumm, im Gegenteil; aber vor der Welt gibt er's nicht her, mit mir allein kann er alles ganz ordentlich auslegen, und das ist ihm genug, daß ich weiß, daß er ein rechter Mann ist. Mein Hansei braucht lang, bis er sich besonnen hat, dann hat er sich aber auch richtig besonnen. Sehen Sie, Frau Königin, ich hätt' einen viel gewitzigteren haben können. Mein Gespiel hat einen Jäger, und der Kamerad von dem ist mir lang nachgelaufen, aber ich hab' nichts von ihm gewollt, das ist ein Mensch, der doch nur in sich verliebt ist. Er ist einmal mit mir über den See gefahren, und da hat er sich immerfort im Wasser beguckt, wie er aussieht, und hat sich seinen Schnurrbart gezwirbelt und Mäulchen gemacht, und da hab' ich mir gedacht, wenn du goldene Kleider anhättest, dich nähm' ich doch nicht. Jetzt wie mein Vater auf dem See verunglückt ist, da ist der Hansei da und schafft alles im Haus und fährt mit dem Kahn über den See und bringt Fische, und ich und meine Mutter wir haben sie verkauft, und dann ist er in den Wald; mein Vater ist auch Holzknecht und Fischer gewesen; und so ist gewiß ein halbes Jahr lang der Hansei da, es hat ihn keines heißen kommen und keines hat ihn heißen gehen, aber er ist da und ist rechtschaffen und brav und hat mir nie ein uneben Wort gesagt, und da haben wir uns geheiratet, und wir sind gottlob glücklich, und durch unsern Goldprinzen kommen wir jetzt auch noch zu Vermögen; wir haben's schon. Und es ist keine Kleinigkeit, daß ein Mann seine Frau auf ein Jahr lang fortgibt. Aber mein Hansei hat nicht viel Worte davon gemacht; wenn etwas recht ist und sein muß, da nickt er nur mit dem Kopf, so – ganz stark – und dann geschieht's. Verzeihen Sie, Frau Königin, wenn ich so all das dumme Zeug hererzähle, aber Sie haben's ja gewollt.« »Nein, es freut mich herzlich, daß es einfach glückliche Menschen auf der Welt gibt. Die Weltklugen halten sich für unendlich weise, wenn sie sagen: es gebe keine einfach glücklichen Menschen; und die auf dem Lande seien gar nicht so brav, wie wir uns denken.« »Nein, das sind sie auch nicht!« fiel Walpurga heftig ein. »Es gibt gar nichts Schlechteres, als die Menschen bei uns sind. Brave gibt's natürlich auch, aber schlechte und neidische und diebische und liederliche und verdorbene und gottlose, alles sind sie, und die Zenza und der Thomas, die gehören zu den Schlechtesten und ich kann nichts dafür.« Walpurga meinte, die Königin müsse auch von der Begnadigung wissen, und man sollte ihr nicht nachsagen, daß sie nicht die Wahrheit bekannt. Die Königin war betrübt über die Heftigkeit und die schweren Anklagen, die Walpurga gegen ihre Heimatsgenossen vorbrachte. Nach einer Weile sagte sie zu Walpurga: »Man sagt mir, du kannst so schön singen; sing mir ein Lied, sing es dem Kinde.« »Nein, Frau Königin, das kann ich nicht; ich thät's ja gewiß gern, aber ich kann nicht und ich weiß nur lauter so dumme Lieder, und von ordentlichen nichts als Kirchenlieder.« »Singe mir eines von denen, die du dumme Lieder nennst.« »Nein, ich kann nicht; das sind einsame Lieder.« »Was ist denn das, einsame Lieder?« »Ich weiß nicht, man nennt es so.« »Ich verstehe. Diese Lieder kann man nur singen, wenn man einsam und allein ist?« »Ja, ja, so wird's sein, die Königin hat recht.« So sehr sich auch die Königin bemühte, Walpurga zum Singen zu bewegen, sie beteuerte immer, daß sie nicht könne, und zuletzt weinte sie vor Erregung. Die Königin mußte sich Mühe geben, sie wieder zu beruhigen; es gelang ihr, und Walpurga ging mit dem Kinde nach ihrem Zimmer. Als Walpurga am andern Tage wieder zur Königin gerufen wurde, sagte ihr diese: »Du hast recht, Walpurga, du kannst mir nicht singen. Ich habe viel über dich nachgedacht. Der freie Vogel auf dem Zweige singt nicht auf Befehl; die freie Natur läßt sich nicht mit Taktstock regieren. Du brauchst mir nicht zu singen, ich verlange es nicht mehr von dir.« Walpurga hatte sich vorgenommen, heute vor der Königin zu singen, sie hatte sich schon die schönsten Lieder ausgesucht; und nun befahl ihr die Königin geradezu, nicht zu singen, und verglich sie gar mit einem Vogel. Es sind doch wunderliche Menschen, die Menschen im Schlosse. »Ich höre,« sagte die Königin weiter, »man glaubt bei euch noch an die Seejungfrau. Glaubst du auch daran?« »Glauben? Ich weiß nicht, aber man erzählt's so. Und mein Vater hat sie noch gesehen, drei Tag vor seinem Tod, und da war's sicher, daß er hat sterben müssen. Man sagt auch, daß es die Waldeckerin sei.« »Wer ist denn die Waldeckerin?« »Das ist die Frau vom Wörth.« »Was ist denn Wörth?« »Ein Stück Land mitten im See und ringsum Wasser.« »Also eine Insel?« »Ja, Insel, so heißt man's auch.« »Und was ist denn das mit der Waldeckerin?« »Da ist einmal vor vielen tausend Jahren ein Mann gewesen und der war ein Ritter mit Namen Waldeck, und der war ein Kreuzfahrer. Er ist mit vielen Kaisern und Königen ins gelobte Land gezogen zum Grab unsers Heilandes, und hat seine Frau daheim gelassen und hat ihr gesagt: Du bist brav und bleibst mir treu. Und wie er nach vielen Jahren heimgekommen ist, ganz schwarz verbrannt von der Sonne im Morgenland, hat er seine Frau angetroffen mit einem andern. Und da hat er den Mann und die Frau gebunden und in einen Nachen gelegt und hinübergeführt auf das Wörth, und dort hat er sie liegen lassen. Und sie haben gelegen und haben nichts zu essen und nichts zu trinken gehabt, und sind gebunden gewesen, und da sind sie Hungers gestorben, und die Vögel aus der Luft haben sie gefressen. Recht ist den Ehebrechern schon geschehen, aber grausam ist's doch. Und jetzt sieht man in den Losnächten manchmal ein blaues Flämmchen auf dem Wörth, und man sagt, die Seele von der Waldeckerin sei in eine Seejungfrau gefahren, und die muß umgehen.« So erzählte Walpurga. »Ich hab Sie doch nicht schauern gemacht?« fragte sie besorgt, als sie den starren Blick der Königin bemerkte. »Man erzählt's eben nur so.« »Nein, nein, du brauchst nicht ängstlich zu sein,« erwiderte die Königin. »Es geht mir eben vielerlei durch den Kopf.« »Kann mir's denken, bei einer so großen Haushaltung in dem Schloß mit den vielen Menschen; da ist's schwer, Hausfrau zu sein.« Die Königin lachte laut auf. Walpurga wußte gar nicht, was da lustig und wunderlich sei, aber sie ließ sich's gefallen. So viel merkte sie aber doch: alles, was sie sagt, wird berufen. Es kam eine eigentümliche Verschüchtertheit über sie, die plötzlich wieder zu gewaltsamer Ausgelassenheit wurde; sie gefiel sich manchmal in Absonderlichkeiten; solche wurden ja immer belächelt. Je mehr sich die Königin bemühte, immer einfach natürlich sich zu geben, um so gemachter und gezierter wurde nach und nach Walpurga; sie kopierte sich selbst und ihre ehemalige harmlose Natürlichkeit; ihre ungeheuerlichen Wortverbindungen, mit denen sie das Kind liebkoste, brachte sie jetzt gern vor, wenn sie wußte, daß sie von der Königin gehört werde; ja sie fing einmal von selber an zu singen, und als sie geendet hatte, schaute sie nach der Königin und war sehr verwundert, fast beleidigt, daß diese gar nichts sagte. Hatte sie denn nicht schön gesungen? Die Königin aber glaubte nichts sagen zu dürfen, um ihre Unbefangenheit nicht zu verscheuchen. So war nur ein wundersames Widerspiel zwischen den beiden Frauen. Sie gaben sich Mühe, einander menschlich nahe zu kommen, und gingen doch verschiedene Wege auseinander. Ein großer Tag kam. Die Königin fuhr zum erstenmal aus und nahm Walpurga und den Kronprinzen mit in dem Wagen. »Unter freiem Himmel sind Sie doch noch tausendmal schöner. Ich hab's in den halbdunkeln Stuben gar nicht so gewußt, wie schön Sie sind, Frau Königin,« sagte Walpurga, und die Königin sagte in französischer Sprache etwas zu der neben ihr sitzenden Oberhofmeisterin. Da sagte Walpurga: »Darf ich etwas bitten, gnädige Königin?« »Jawohl, sag's nur!« »Ich mein', es schadet dem Kind, wenn man so vor ihm welscht. So eine junge Seele versteht's schon, wenn sie auch nichts kundgeben kann, und da mein' ich, verwirrt man ihm sein kleines Hirn. Ich weiß nicht recht, wie ich's sagen soll, aber ich spür's selber, ich spür's im Kopf, und was ich spür', das spürt mein Kind auch.« »Sie hat recht,« sagte die Königin zur Oberhofmeisterin, »ein Kind sollte, bis es selbst vollkommen sprechen kann, keinen fremden Laut hören als seine Muttersprache.« »Ja, Muttersprache,« rief Walpurga, »sehen Sie, Sie haben's getroffen! Es ist mir auf der Zunge gelegen, ich hab's aber nicht gewußt. Das ist's! Ich bin doch auch so – man kann doch sagen: die Mutter von dem Kind, und drum – nicht wahr?« »Jawohl, du sollst alles Recht haben. Ich bitte, liebe Brinkenstein, dafür zu sorgen, daß vor dem Prinzen nicht mehr anders als deutsch gesprochen wird. Es kann niemand ahnen, welche Laute sich jetzt schon in die Seele senken, die noch im Halbschlummer liegt.« Walpurga war glücklich. Nun wird in ihrem Beisein doch nicht mehr gewelscht; denn wo das Kind ist, da ist auch sie. Mamsell Kramer erfreute sie noch mit der Nachricht, daß man in den nächsten Tagen aufs Land, das heißt nach der Sommerburg, übersiedle. Dreizehntes Kapitel. Bevor man indes nach dem Sommerschlosse abreiste, sollten Walpurga und der Prinz noch in der Stadt festgehalten werden. Es war ein Frühstücksscherz des Baron Schöning, aber er wurde gut aufgenommen. Die Millionen Menschen, die gerne das Glück haben möchten, ihren Beherrscher der Zukunft zu sehen, sollten befriedigt werden durch einen Augenblick in der eigentlichen Bedeutung des Wortes: der Kronprinz sollte photographiert werden, wie ihn das Volk leibhaftig auf den Händen trägt, und Walpurga war der Repräsentant des Volkes. Sie wehrte sich gegen den Plan: man darf das nicht, man darf ein Kind, bevor es ein Jahr alt ist, nicht in einen Spiegel sehen lassen, und auch nicht abmalen! Solange man ein Kind nicht in einen Spiegel sehen läßt, kann es sich in der Fläche seiner linken Hand sehen. Aber es blieb trotz ihres Widerspruchs doch dabei, und nun zog sie ihr schönstes Kleid an, und der Kronprinz wurde sehr schön herausgeputzt; der Künstler that ihm aber die Haube wieder ab, denn er hatte schon helles Lockenhaar. Mehrmals hieß es: das Bild ist mißlungen. Walpurga erschrak jedesmal, wenn sie den Ruf aus der dunkeln Kammer heraus hörte – da drin geht Zauberei vor. Sie ward immer unruhiger. Zuletzt aber – Schöning hatte das geschickt ausfindig gemacht – spielte die Kammervirtuosin im Nebensaal die Melodie des Lieblingsliedes der Walpurga; sobald das Lied angestimmt wurde, mußte sie in den Tonstrom hineinschwimmen. Sie wurde heiter und freiblickend, und das Kind auch – Triumph! Das Bild war gelungen. Waren die Ausfahrten in der Stadt schön, so kam jetzt noch die schönste. Man verließ die Residenz, der ganze Hof übersiedelte nach dem Sommerschlosse. Es war ein schöner, heller Mittag, als man hinausfuhr. Es hatte lange nicht geregnet, aber kein Staub war auf der drei Stunden langen Straße, denn man hatte den Hofwagen voraus den ganzen Weg begossen. Walpurga fuhr im offenen Wagen mit dem Prinzen und der Königin. Sie fuhr zum erstenmal hinaus durch die Dörfer und Felder, sie schaute zu den Menschen, die da in den Häusern aus den Fenstern sahen, vor den Thüren saßen, zu den Kindern, die stehen blieben und grüßten, und dann wieder hinaus ins Feld zu denen, die dort arbeiteten. Sie lächelte fortwährend und grüßte mit Augenwinken und Kopfnicken nach allen Seiten. Die Königin fragte: »Was hast du denn? Was ist dir?« »Ach, du mein Gott, verzeihen Sie, Frau Königin, da fahr' ich in einem vierspännigen Wagen und dort arbeiten meinesgleichen, sorgen und kümmern und ich weiß, wie den Weibern der Rücken weh thut vom Kartoffelhäufeln, und da fahr' ich vorbei, wie wenn ich was Besonderes wär'. Und da ist mir's, wie wenn ich alle die Menschen um Verzeihung bitten müßte, weil ich so an ihnen vorbeifahr', und ich mein', ich muß ihnen sagen: Seid nur ruhig, übers Jahr bin ich auch wieder wie ihr, und die Kleider, die ich anhab', und der Wagen und die Rosse, das ist alles nicht mein, ist alles nur geliehen! O, Frau Königin, verzeihen Sie, daß ich das alles so an Sie hinschwätze, Sie verstehen ja alles und wissen alles zum guten zu deuten. Ihnen mach' ich mein ganzes Herz auf,« endete Walpurga lachend. »Jawohl versteh' ich dich,« erwiderte die Königin, »und es ist vernünftig, daß du unverwandt nach deiner Häuslichkeit siehst. Es betrübte mich stets, wenn ich überdachte, daß du nicht mehr glücklich wärest daheim. Glaube mir, wir, die im Wagen sitzen, haben's so schlimm, wie die dort, die barfuß durch die Stoppelfelder gehen.« »Das weiß ich,« sagte Walpurga, »mehr als satt essen kann sich niemand, hat mein Vater immer gesagt, und die Fürstinnen müssen ihre Kinder auch selber tragen und mit Schmerzen gebären, das nimmt ihnen niemand ab.« Die Königin schwieg und schaute zur Seite aus dem Wagen. Die Oberhofmeisterin winkte Walpurga, sie solle nichts mehr reden. Denn so war's: man brachte Walpurga nicht leicht zum Sprechen; wenn sie aber einmal hineinkam, konnte sie auch nicht wieder aufhören; das kollerte und rauschte und rollte fort und fort wie ein Sturzbach. Die Königin aber hatte nur geschwiegen, weil sie der Oberhofmeisterin gern etwas auf französisch gesagt hätte, es aber der früheren Mahnung wegen zurückhielt. »Liebes Kind,« begann die Königin endlich wieder, »wenn ich wüßte, daß alle Menschen dadurch glücklich und zufrieden würden, ich würde gern alles abthun und nichts vor ihnen voraus haben wollen. Aber was nützte es? Mit Geld ist den Menschen nicht zu helfen, und wir Menschen sind es nicht, die die Ungleichheit in die Welt gesetzt haben. Das ist so Gottes Ordnung.« Walpurga hätte darauf schon etwas zu sagen gehabt, aber man muß auch etwas stehen lassen können auf morgen, und »es wäre nicht gut, wenn man alle Fische an einem Tag fangen könnte,« hatte ihr Vater oft gesagt. Sie schwieg. Es war der Königin ein lästiger Zwang, daß sie versprochen hatte, vor Walpurga nicht mehr französisch zu sprechen. Sie hatte manches zu sagen, wo die Bauersfrau nichts darein zu reden hatte. »Wie ist die Welt so groß und schön,« sagte sie halblaut für sich; sie schloß dann die Augen wie müde von all der weiten Pracht, die sich nach langer Einsamkeit wieder vor ihr aufthat, und wie sie so dalag, den Kopf in die Kissen zurückgelegt, war sie anzuschauen wie ein schlummernder Engel, so friedlich, so zart, Mutter und Kind in einem Antlitz. »Ich mein', ich hätt' da in den Kissen auf weichen Wolken gesessen,« sagte Walpurga, als man am Ziele anlangte. Sie war unsäglich glücklich auf dem Lande. Da kann man so weit sehen, Himmel und Berge, und der schöne große Garten und überall gute Bänke, und die Springbrunnen und die Schwäne und eine Viertelstunde davon eine prächtige Meierei mit Kühen, die in einem Stalle stehen, schöner als der Tanzboden beim Gemswirt. Walpurga saß fast den ganzen Tag mit der Königin im Freien, die Königin lebte nur ihrem Kinde, und Walpurga war gesprächig und einfach; das ganze Gethue, das sie sich drin in der Stadt fast angewöhnt hätte, fiel auf einmal wieder von ihr ab. In ihrem ersten Briefe nach Hause – sie konnte jetzt schon selbst schreiben – schrieb sie: »Wenn ich Euch nur einen einzigen Tag da hätte, um Euch alles zu erzählen. Denn wenn der Himmel lauter Papier und unser See lauter Tinte wäre, ich könnte doch nicht alles beschreiben. Wenn's nur nicht so weit her wäre, Hansei, hier kostet das Pfund Fische doppelt so viel als bei uns. Wir wohnen jetzt auf der Sommerburg. Und denke Dir, Mutter, was so ein König alles hat. Er hat sieben Schlösser und die sind alle eingerichtet, alle mit hundert gerichteten Betten, Stuben und Küchen, alles überall voll, und wenn man von einem Schloß nach dem andern zieht, braucht man keine Gabel mitzunehmen und keinen Löffel, und alles ist hier von Silber, und der Doktor und die Apotheke und der Pfarrer und die Hofleut' und die Pferde und die Wagen, alles ist mit uns herausgezogen, eine ganze Stadt ist bei uns im Schloß. Und das beste Bier hab' ich, mehr als ich mag. Und wenn man morgens aufsteht, ist alles wie aus dem Ei geschält, auf den Wegen liegt kein Blättchen, und da ist noch ein Haus, das ist ganz von Glas, da drin wohnen die Blumen, ich darf aber nicht hinein, weil es zu heiß drin ist, da wird das ganze Jahr geheizt, da sind lauter große Palmen und Bäume aus dem Morgenland. Und da haben sie hier im Teich einen Brunnen, da steigt das Wasser fast so hoch wie ein Kirchturm zum Himmel hinauf, und denket nur, was so ein König alles haben kann! Da steht ein Regenbogen den ganzen Tag, wenn die Sonne scheint, bald unten, bald oben. Freilich die Sonne, die kann er auch nicht machen und niemand. Und alle Menschen thun mir, was sie mir an den Augen absehen können; ich darf gar nicht sagen: das gefällt mir, sonst krieg' ich's auch gleich. Die Königin ist gegen mich wie mein Gespiel, ja wie Du, Stasi. Ich wünsch' Dir viel Glück zu Deiner Hochzeit, ich hab's erst von der Zenza erfahren. Ein Hausschenk kriegst Du noch von mir. Wünsch Dir was. Jetzt bitt' ich aber, mir recht ordentlich zu sagen, wie es meinem Kind geht; daß Ihr es habt auf der Metzgerwage wägen lassen und daß es so schwer ist, hat mir nicht gefallen; das hätte ich nicht geglaubt von Dir, Mutter, daß Du das leidest, und auch von Dir, Hansei, daß Du dem Gemswirt das nachgibst. Nimm Dich vor dem Gemswirt in acht, es hat mir vergangene Nacht geträumt, daß Du mit ihm über den See fährst, und er packt Dich und reißt Dich hinein, und dann ist wieder alles nichts gewesen, und dann ist mir die Seejungfrau erschienen, aber sie hat wie die gute Gräfin ausgesehen, die jetzt fort ist. Das ist hier meine beste Freundin, und sie hat mir versprochen, Euch auf dem Herweg zu besuchen; der könnt Ihr alles sagen und geben, es ist grad, als ob ich's selber wär'. Eben jetzt kommt mein Essen, ach, liebe Mutter, wenn ich Dir nur davon geben könnte. Es gibt hier so viele gute Bissen und es bleibt immer so viel übrig. Laß Dir nur nichts abgehen und auch dem Hansei nicht, und meinem Kinde nun gar nicht, wir haben's ja jetzt, gottlob, und ich will noch lang an Dir haben, Mutter. Es thut mir oft weh, daß ich nicht auch Mutter sein darf, ich mein', rechte Mutter, aber ich will schon, wenn ich wieder heimkomme; ich will meinem Kind alles ersetzen. Und, Hansei, leg das Geld alles auf Zinsen, bis ich wieder heimkomm'; denk, es gehört nicht unser, es gehört unserm Kind, dem wir die Mutter weggenommen haben. Meine Mamsell Kramer, die den ganzen Tag bei mir ist, die ist hier geboren, sie ist aber lieber in der Stadt als hier, und sie sagt, früher sei es hier noch viel schöner gewesen, da sei alles so gewesen wie drüben noch in dem kleinen Garten, da sind Wände aus lauter Laubwald gemacht und Stuben und Kämmerchen mit Thüren und Fenstern; schön ist's freilich, und ich geh' gern hin, aber, wenn ich ein paar Minuten dort bin, da krieg' ich eine Himmelsangst, ich mein', ich wär' verzaubert und die Bäume verzaubert, und ich mach', daß ich bald wieder herauskomm'. Meine Mamsell Kramer ist gar eine gute Person, aber es schmeckt ihr nichts recht. Das Fahren und Essen und Spazierengehen ist sie von jeher gewohnt, und denket nur, Mutter, was ich hier gegessen hab'? Lebendiges Eis. Die Menschen sind hier gar gescheit, die können Eis aufbewahren und einmachen, daß man's essen kann. Ja, wenn das für den Hunger wär', da gäb's bei uns keine hungrigen Leute im Winter und auch im Sommer nicht, weiter oben im Gebirg. Und, Mutter, Du hast mir einmal ein Märchen erzählt, wo die Wände Ohren haben, das ist aber kein Märchen, das ist wahr, das ist so, aber es geht alles natürlich zu, da laufen durchs ganze Schloß lauter Sprechtrompeten, und da kann man miteinander sprechen und alles sagen, und wenn ich etwas haben will in mein Zimmer, geh' ich nur an die Wand hin und sag's, und in der Minute ist's schon da. Heut ist ein schöner Tag, und wenn ich das so merke, denk' ich immer: ja und den Tag habt Ihr auch, dieselbe Sonne scheint auch zu Euch. Das Hauptgeschäft hier ist Spazierengehen. Alles muß hier spazieren gehen, man heißt das hier Bewegung machen, damit man wieder gut essen kann und einem die Glieder nicht steif werden. Auch die Pferde werden spazieren geführt, wenn sie nichts weiter zu thun haben; morgens in der Frühe reiten die Stallknechte mit ihnen weit hinaus und kommen dann wieder heim. Oft habe ich schon gedacht, wenn nur die Pferde mich jetzt auf eine Stunde hätten heimbringen können. Ich habe doch oftmals noch Heimweh, ich bin aber wohlauf und gesund und wünsche nur, daß es bei Euch auch so sei. Eure Walpurga.« » Nachschrift . Warum schreibet Ihr mir gar nichts von dem goldenen Herzchen an der seidenen Schnur, das meine Gräfin meiner Burgei geschickt hat? Und es soll mir keines mehr eine Bittschrift schicken und keines mehr zu mir kommen, ich nehm' nichts mehr an. Solang mir ein Aug' offen steht, werd' ich's bereuen mit der Zenza und dem Thomas, aber vielleicht ist's doch gut und er ist brav geworden. Ich bitt' Dich nochmals, lieber Hansei, nimm mir's aber ja recht nicht übel, laß Dich nicht zu sehr mit dem Gemswirt ein, er ist ein Schelm und Verführer. Du brauchst ihm aber nicht zu sagen, daß ich Dir's geschrieben habe, ich will keinen Menschen zum Feind haben. Ich grüße alle guten Freunde. Ich kann nicht weiter, meine Hand ist mir ganz steif vom Schreiben. Halt! Ich muß doch noch einmal dran. Da schicke ich Euch das Bild von mir und meinem Prinzen, wir sind abgenommen worden in einem Guckkasten, ehe wir hier herausgezogen sind. Nun bin ich, solange der Welt ein Aug' offen steht, mit meinem Prinzen abgemalt, wir sind immer beieinander und ich halt' ihn auf den Armen. Aber ich bleib Euch doch, Dir, lieber Hansei, und Dir, liebe Mutter, und erst gar meinem Kind, das trag' ich im Herzen, wo's niemand sieht. Zeiget aber das Bild niemand. Ach Gott, was wird's helfen, wenn Ihr das Bild nicht zeiget? Wie mir die Mamsell Kramer sagt, sind hunderttausend Bilder von mir und meinem Prinzen gemacht, und jetzt häng' ich in allen Kaufläden, und wenn ich wohin komme, kennt man mich, so gut wie die Königin und den König, die daneben hängen, ich mein', ich kann mich gar nicht mehr sehen lassen; aber wenn ich mir's recht überlege, ist's eigentlich doch eine Ehre, ich bin jetzt einmal draußen in der Welt und muß mit mir machen lassen, was man mir befiehlt. Aber ich bleib Euch getreu und bin nirgends daheim als bei Euch, und bin in Gedanken immer bei Euch.« Vierzehntes Kapitel. »Wie geht's, Walpurga?« fragte der Lakai Baum eines Morgens, als die Amme zum Fenster des Erdgeschosses heraussah. »O Gott,« erwiderte diese, »hier ist ja das wahre Paradies.« »So?« »Kann's denn im Paradies schöner sein? Da lebt man so hin, und die Menschen haben gar nichts zu thun als zu essen und zu trinken, und zu lachen und spazieren zu gehen.« »Da hast du recht, aber im Paradies war's doch noch schöner, da hat Vater Adam keine andre Frau begehren können, es hat nur die einzige auf der ganzen Welt gegeben.« »Was der für Mucken im Kopfe hat!« lachte Walpurga, und Baum fuhr geschmeichelt fort: »Im Paradies hat man keine Bedienten nötig gehabt, keine Kutscher und keinen Koch, und kein Haus und keine Kleider, und da hat's keine Stiefel zu putzen gegeben, weil man keine getragen hat, und keinen Rock und kein Hemd zu weben und zu nähen und herzurichten.« »Sie wüster Mensch!« schrie Walpurga; es war ihr zu Mute, als ob die Worte des Baum ihr alle Kleider vom Leibe rissen. Sie wurde flammrot im Gesichte. Aber Baum erwiderte schnell: »Thut mir leid, daß ich in deinen Augen so wüst bin, in meinen Augen bist du so schön, daß ich –« Er wurde mitten in der Rede unterbrochen, ein andrer Diener rief ihn ab. Walpurga zog sich rasch ins Zimmer zurück. Sie war bös auf Baum. Darf man denn gegen eine verheiratete Frau solche Reden führen? Und doch lächelte sie wieder vor sich hin: »Ein manierlicher Mensch ist er doch, der Baum, und warum soll man denn nicht einen Spaß machen dürfen?« Sie schaute nach dem großen Spiegel, nur einen Augenblick sah sie hin und lächelte. »Ja, wenn der Hansei dich wieder sieht, der wird dich kaum mehr kennen. Das thut eben das Wohlleben. Ich will mir aber jeden Tag vorsagen: es dauert nicht lang, du bist nur auf eine Weile daher geliehen. Aber wenn auch der Tanz nicht lang dauert, tanzen ist doch schön,« tröstete sich Walpurga wieder. Es fielen ihr allerlei Tanzweisen ein und sie sang trällernd ihrem Prinzen. Walpurga ging in dem schönen Park umher wie im Traum; sie meinte, das müßten andre Bäume sein, andrer Himmel, andre Vögel, sie sind alle irgendwo hin, in eine andre Welt verzaubert, und plötzlich werden sie aufwachen und alles ist wieder fort. Aber es ging alles seinen ruhigen Gang, jeder Tag ist neu schön, wie die Sonne jeden Tag neu aufgeht, wie der Duft der Blumen immer neu ausströmt und der Quell nie versiegt. Eine besondere Freude hatte Walpurga am alten Kastellan, dem Vater der Mamsell Kramer; das war so ein ehrwürdiger Mann, der gar schöne Blumen in seinem Wachtstübchen zog, und mit ihm konnte sie reden wie mit ihrem Vater. Walpurga saß fast den ganzen Tag im Freien, mit ihr Mamsell Kramer und nicht weit davon immer zwei Diener. Auch die Königin setzte sich oft zu ihr. Die Königin hatte einen schönen schneeweißen Wachtelhund, an dem das Kind besondere Freude zu haben schien; Walpurga bat, dem Prinzen den Hund oft zu lassen, ein lebendiges Tier sei für ein Kind gar gut. »Sie hat recht,« sagte die Königin zur neben ihr sitzenden Palastdame, »am Tierleben erwacht das menschliche Bewußtsein.« Walpurga sah sie groß an; die Königin hat ihr recht gegeben und dazu doch etwas gesagt, was sie nicht versteht. »Schauen Sie,« rief sie der Königin zu, »wie die Bienen unser Kind so gern haben; sie thun ihm nichts, da braucht man keine Furcht zu haben. Die Biene ist das einzige Tier, das unverderbt aus dem Paradies herausgekommen ist, darum sagt man auch von den Bienen, sie sterben, und die andern Tiere die krepieren. Und man darf keine Biene umbringen.« Die Königin hatte ihre besondere Freude an diesem sagendurchwobenen Denken der Walpurga. Walpurga merkte, daß die Königin gar so wenig von der Welt wisse, und sie gab nun ihre Weisheit preis, wo sie nur konnte. »Wissen Sie, was das ist?« fragte sie einmal, als sie an einer Hecke saßen. »Eine Haselstaude!« »Ja, wissen Sie aber auch, daß die heilig ist, und wo die wächst, kein Wetter einschlägt?« »Nein, das hab' ich nicht gewußt.« »Und da wissen Sie auch nicht warum? Jetzt das hat mir meine Mutter erzählt. Da ist einmal die Mutter Gottes über den Berg gegangen, und da ist ein großmächtiges Wetter gekommen, und da hat sie sich unter eine mächtig große Haselstaude gestellt und ist heil geblieben, und weil sie die Haselstaude so beschützt hat, hat sie ihr den Segen gegeben für ewige Zeiten. Aus einer Hasel kann man auch Wünschelruten machen, und unter einer Haselstaude wohnt der Schlangenkönig; man sagt auch manchmal unter einer Trauerweide. Sie wissen doch, warum die Trauerweide ihre Zweige so traurig hängen laßt?« »Nein, das weiß ich auch nicht. Du bist ja grundgelehrt,« lächelte die Königin. »Ich nicht, aber meine Mutter, ich weiß nicht halb so viel als die, die ist gar gescheit. Das von der Trauerweide weiß ich auch von ihr. Aus der Trauerweide hat man die Ruten gemacht, womit man unsern Heiland gegeißelt hat, und von der Zeit an schämt sie sich und hängt die Zweige unter.« Walpurga war ganz glücklich, daß sie die Königin auch etwas lehren konnte; sie hatte das Gefühl, daß sie etwas ganz Besonderes ist im Schlosse, und niemand versteht sie so und hört so gut mit den Augen wie die Königin. Sie war immer glücklich und froh mit ihr und wagte, ihr ganzes Herz vor der Königin aufzumachen. »Ich mein'?« sagte sie einmal zu der Königin, »ich mein', Sie sind eigentlich fremd in der Welt, Sie haben ja in Ihrem Leben nicht gesehen, wie Bürgers- und Bauersleute am Abend in ihrer Stub' sitzen, was sie essen, was sie reden, was sie begehren, was ihnen Freude macht und was ihnen Leid macht. Ich hab' einmal eine Geschichte gelesen, oder hat sie mir mein Vater erzählt; da war ein Prinz und eine Prinzessin, die sind als Hirtenleute aufgewachsen und haben nicht geahnt, wer sie sind, bis sie erwachsen waren, und da hat man ihm gesagt: ›Du bist ein Prinz,‹ und ihr: ›Du bist eine Prinzessin,‹ und das sind gar brave und rechtschaffene Menschen geworden. Natürlich! Sie sind ja draußen gewesen in der Welt und haben erfahren, wie die Menschen leben und was ihnen fehlt. Ich möcht' nur wünschen, daß wir unsern Prinzen auch so hinausschicken könnten; ich mein', es wär' ihm gut und dem ganzen Land auch. Wenn einem immer so die Bedienten nachlaufen, da ist man doch den ganzen Tag wie gefangen; die lebendigen Menschen sind immer wie Mauern um einen herum,« »Ehrlich und gut sein können wir alle,« entgegnete die Königin. »Und aus unsern Kindern brave Menschen machen,« schloß Walpurga. »Wissen Sie, was ich mir wünsche? Mein Leben lang möchte ich Ihnen alles Schwere abnehmen können. Wenn Sie einmal krank sein müssen, möchte ich für Sie krank sein.« »Ja, gut, jetzt aber laß uns ruhig sein.« Die Königin war voll Glückseligkeit. Sie sah auf den Grund eines einfachen Herzens aus dem Volke und sah eine neue Welt aufleben in ihrem Kinde. Fünfzehntes Kapitel. Baum wußte jeden Augenblick zu erlauschen, um mit Walpurga zu sprechen. Er war jetzt tief betrübt, seine Frau lag schwer krank, und Walpurga suchte ihn zu trösten. Dafür zeigte sich aber auch Baum bereit, ihr alle Klagen abzunehmen; denn von daheim hatte man ihr berichtet, daß die Zenza nichts von dem goldenen Herzen wissen wollte, das Gräfin Irma dem Kinde geschickt. »So? Also auch noch ein goldenes Herz hat deine Gräfin zu verschenken?« spöttelte Baum. »Da kannst froh sein, daß du so eine Freundin hast.« »Das bin ich auch. Ach, wenn sie nur wieder da wäre, dann wäre das Paradies erst recht. Ich kümmere mich gar nicht drum, daß die Zenza das goldene Herz verthan hat; es muß auch schlechte Menschen geben, sonst wäre die Welt zu schön.« »Und ich sag' dir: es ist doch nur das halbe Leben, wenn der König nicht da ist. Paß auf, wie's dann wird, dann ist's erst recht lustig. Wo kein Mann im Haus ist, da ist kein ganzes Haus.« Die Königin kam hinzu und Baum zog sich zurück. »Was hat der Mann mit dir gesprochen?« fragte die Königin. »Wir haben einander unser Leid geklagt. Er hat großes Heimweh nach dem König, und ich, liebe Frau Königin, ich habe ein großes Heimweh nach meiner Gräfin Irma.« »Ich habe auch herzliches Verlangen nach ihr, aber sie hat um weitere vierzehn Tage Urlaub gebeten.« In gleichmäßiger Stille flossen die Tage dahin. Walpurgas liebster Aufenthalt war in der Nähe der Meierei; da sind doch auch Kühe, und die sind wie überall und wissen nichts davon, daß sie dem König angehören und ihre Milch auf seine Tafel schicken. So sagte Walpurga einst zu Baum, der sie auch hier zu treffen wußte, und er erwiderte: »O, wie gescheit bist du, ja, wenn ich eine Frau bekommen hätte wie du,« »So wie ich gibt es sie dem Dutzend nach.« »Nein, so grundgescheit nicht. Du könntest es noch weit bringen, wenn du wolltest.« »Wie weit soll ich's denn noch bringen?« fragte Walpurga. »Heim will ich und weiter nicht.« »Das wird dir kein Mensch verübeln: man kann sich aber auch eine neue Heimat machen.« »Ich verstehe dich nicht.« »Und ich kann dir's jetzt nicht erklären. Dort kommt die Oberhofmeisterin. Komm heut abend, wenn alles bei Tafel ist, in den Laubgang hinter der Kapelle, ich habe dir was Gutes zu sagen.« Walpurga hatte nicht Zeit, zu erwidern; Baum gab, als die Oberhofmeisterin näher kam, dem Meierei-Inspektor einen lauten Befehl im Auftrage des Oberküchenmeisters, dann ging er rasch davon und grüßte unterwegs ehrerbietig die Oberhofmeisterin. Die Oberhofmeisterin erteilte Mamsell Kramer einen scharfen Verweis, weil sie Walpurga hier mit dem Prinzen stehen und mit dem Diener plaudern lasse. Mamsell Kramer erwiderte nichts und winkte nur Walpurga in den rebenbedeckten Laubgang. Walpurga sann hin und her, was ihr wohl Baum zu raten habe. Weltläufig ist er, er weiß vielleicht einen Schick, wie man den Hansei und die Mutter und das Kind auch herbringt, aber einen Lakaien kann man aus Hansei nicht machen. Vielleicht kann man ihn zum Hoffischer machen oder zum Holzmeister im Königswald. Am Abend war sie voll Unruhe. Das geht doch nicht, daß sie mit einem andern Mann eine heimliche Zusammenkunft hat. Aber vielleicht wird morgen schon die Stelle vergeben, dann ist der Schick verpaßt. Sie saß am Fenster und schaute hinein in die Sterne; ihre Wangen glühten; sie atmete tief auf. »Was ist dir?« fragte Mamsell Kramer. »Mir ist so schwül und schwer.« »Ich will den Doktor rufen lassen.« »Ich brauche keinen Doktor. Lassen Sie mich nur ruhig da sitzen, oder nein, erlauben Sie mir auf ein paar Minuten im Garten auf und ab zu gehen, dann wird mir's schon leichter.« »Das Stubenmädchen soll dich begleiten.« »Nein, ich brauche niemand; es wird mir besser, wenn ich allein gehe.« »Aber bitte, entferne dich nicht zu weit, und komm bald wieder. Du hast heute gesehen, wie jeder Fehler von dir mir einen Verweis zuzieht.« »Ja, ich werde schnell wieder da sein.« Walpurga ging die hintere Pforte hinaus. Der Sand knirschte unter ihren Tritten, sie trat leiser auf. Die Blumen dufteten stark, die Schwäne im Teiche gaben einen seltsamen Ton von sich, wie tiefes, nach innen gezogenes Schmettern; droben am Himmel glitzerten die zahllosen Sterne, und jetzt fiel eine Sternschnuppe weit hin in glänzendem Bogen, und Walpurga rief plötzlich: Hansei. Aus ihrem Innersten wünschte sie nichts als ein Glück für ihren Mann. Sie stand still. Als sie den Namen gerufen, wollte sie wieder umkehren; sie ist eine verheiratete Frau, sie darf nicht am Abend mit einem fremden Mann zusammenkommen, und wär's auch bei der Kirche. Es sprang etwas über den Weg; war's eine Katze, ein Marder oder ein Wiesel? Du mußt umkehren, rief es in Walpurga und doch ging sie weiter. Sie kam in die Laube. Hinter einer rebenumrankten Säule trat Baum hervor. Er streckte ihr beide Hände entgegen, und sie reichte ihm die ihre dar; er wollte sie näher an sich heranziehen, aber sie stand fest. »Was habt Ihr mir zu sagen?« fragte Walpurga. »Sag doch du zu mir, wie ich zu dir,« bat Baum. »Meinetwegen, so sag, was hast du für mich?« »Nur Gutes! Schau, wir minderen Leute, wir müssen zusammenhalten, und du bist mir so, daß ich dir alles zuwenden möchte.« »Wenn du mir was Gutes zuwenden kannst, werd' ich dir dankbar sein mein Leben lang, ich und mein Mann und mein Kind. Sag schnell, ich hab' Eile!« »Dann können wir's ja lassen bis auf ein andermal.« »Nein, sag jetzt, was hast du gemeint?« »Ich habe eigentlich nichts gemeint. Schau, wir müssen immer dienen, immer für andre da sein, und da hab' ich gemeint, daß wir auch einmal eine Viertelstunde für uns da sein könnten. Ich hab' dir nur einmal sagen wollen, du bist meine Augenweide, meine Glückseligkeit; wenn ich dich sehe und höre, da möchte ich, ich weiß nicht was, und kann's gar nicht sagen.« »Ist auch nicht nötig. Und ich kann dir sagen, das ist schlecht von dir.« »Daß ich dich gern habe zum Tollwerden, das ist schlecht?« »Ja, und doppelt schlecht, daß du mich daher führst und mir vormachst, du hättest mir etwas Gutes zu sagen.« »Ich habe auch was,« lenkte Baum rasch ein. »Verzeih, daß ich so gewesen bin. Wenn du mir verzeihst, dann sag' ich dir das andre.« »Ja, es soll dir verziehen sein, aber jetzt mach hurtig.« »Also,« begann Baum mit gewaltsamer Fassung, »die Sache ist die: wer an der Krippe steht und nicht frißt, der ist ein Narr; verstehst du mich?« »Freilich, weiß nicht, was da viel dran zu verstehen ist?« »Ja, du verstehst doch nicht, wie ich's meine. Hier am Hof ist die volle Krippe, du stehst jetzt dran, und wenn du weggehst und hast dir nicht so viel genommen, daß du satt bist, du und dein Kind dein Leben lang, so bist du ein Narr gewesen.« »Das möchte ich wissen, wie man das machen kann. Man muß alle Tage frisch essen, man kann nicht auf einmal sich vollstopfen für sein Leben lang.« »Du bist gescheit, kannst's aber noch mehr werden. Schau, ich mein's so: eine gute Anstellung, ein einträglicher Platz, da ißt man sich satt für sein Leben. Zum nächsten Frühjahr kommt der Meier von der Meierei da drüben weg; es dauert längstens bis zum nächsten Herbst, und da mein' ich, da solltest du dich bei der Königin und bei allen dazu halten, daß dein Mann Meier wird, und du bleibst dein Leben lang da und hast für dich und die Deinen gut ausgesorgt. Glaub mir, ich kenne die Herrschaften. Wenn du fortgehst und dir nicht eine gute Stelle gemacht hast, denkt keine Katz' mehr an dich: wenn du aber dableibst, hast du's dein Leben lang gut, und je größer der Prinz wird, um so mehr wird er auf dich halten, und wenn er einmal König wird, versorgt er dich und die Deinigen und Kind und Kindeskind. Ist das nun was Schlechtes, was ich dir rate?« »Nein, im Gegenteil, das ist ganz was Gutes; das will ich mir merken, das wär' ein schönes Brot und Butter dazu auch genug.« »O, was hast du für einen Verstand, so habe ich noch gar keine Frau gesehen und gehört. Du hättest verdient, daß du ganz wo anders stündest. Aber das ist jetzt einmal so, und wenn du dableibst, da hab' ich doch die Freude, daß ich dich oft sehen und ein Wort mit dir reden kann, denn, nicht wahr, gut Freund dürfen wir bleiben?« »Jawohl, und mein Hansei wird auch ein guter Freund zu dir sein; in dem ist kein falscher Blutstropfen, und gescheit ist er auch, er kann nur nicht so mit der Sprache heraus; und er hat mich grad so lieb wie ich ihn, und er ist ein herzguter Mensch und getreu, und ich laß nichts gegen ihn sagen.« »Das hab' ich auch nicht gethan,« sagte Baum, und Walpurga mußte ihm das zugestehen; aber sie fühlte doch, daß jeder Liebesantrag gegen eine Frau eine Beleidigung und Herabsetzung des ihr angetrauten Mannes ist, denn es kann ja nicht anders sein, daß man stillschweigend oder ausgesprochen damit kundgibt: der ist nicht der Rechte, dem fehlt das und das; ich, ich wär' eigentlich der Rechte, der deiner wert ist. Baum seufzte schwer und sagte: »O, wenn man nur das Leben doppelt machen könnte!« »Ich mein', man hat schon an einem genug.« »Freilich, wenn man's nicht verspielt hat ... man lebt doch nur einmal!« »Ja, auf dieser Welt, aber auf der andern geht's wieder frisch an.« »Ich mein's auch auf dieser Welt. Schau, es ist doch hart, wenn man das ganze Leben verspielt hat, wenn man so hineingeplumpst ist und weiß nicht, wie und warum. Soll man das hinnehmen und nicht mehr ändern? Wir sind beide so hineingeplumpst.« »Wer?« »Wie ich Soldat gewesen bin, da hab' ich den alten Kammerdiener vom hochseligen König kennen gelernt, er hat Freude an mir gehabt und hat mich nach und nach eingeschoben, er hat schon gewußt, warum. Ich hab' gemeint, wunder was für ein Glück ich mache, daß ich seine Tochter heirate; ich hab's zu spät gemerkt, es ist eine kranke bissige Person, die keinen guten Blutstropfen im Leib hat. Soll ich jetzt mein Leben verspielt haben und keine Lieb' mehr auf der Welt, weil ich mich so verunschickt habe? Und du auch. Du und ich, wir zwei – aber warum soll's jetzt zu spät sein?« »Du machst schöne Späße, aber sie sind nicht schön; mit so etwas muß man keinen Spaß machen.« »Ich mach' keinen Spaß. Soll jetzt alle Freude auf der Welt verloren sein, weil wir dumm gewesen sind? Da wären wir zweimal Narren.« »Ich seh', du sprichst ernst.« »Ja freilich,« sagte Baum, und seine Stimme zitterte. »So? Da will ich dir auch was sagen. Wie kommst denn du dazu, meinen Hansei zu beleidigen? Wenn's auch so wäre, aber es ist nicht so, wenn's aber so wäre, was meinst du? Wenn du auch schöner wärst oder manierlicher, bist's aber nicht, das will ich dir gerad heraus sagen, aber sei's meinetwegen, das geht mich nichts an; einen Braveren als meinen Hansei gibt's nicht, und wenn's auch einen gibt, geht er mich nichts an; wir haben einander und wir gehören einander. – Gelt, du hast nur Spaß gemacht? Freilich, einen blitzdummen. Sag's, daß du nur Spaß hast machen wollen. Ich könnt' sonst ja kein Wort mehr mit dir reden. Und jetzt gute Nacht!« »Nein, bleib noch! Daß du so brav bist, jetzt gefällst mir noch einmal. Wenn ich auch so eine Frau hätt'.« Es war eine mächtige Erregung über Baum gekommen. Er hatte anfangs mit den guten Worten nur gespielt, aber allmählich hatte seine Stimme einen bewegten, zum Herzen sprechenden Ton. »Ich will dir was geben,« sagte Walpurga und legte die Hand auf seine Schulter. »Was denn? Einen Kuß?« »Geh, schwätz nicht so. Du bist jetzt so ordentlich gewesen. – Nein, ich will dir was von meiner Mutter geben. Die sagt immer: wer nicht mit dem zufrieden ist, was er hat, der wäre auch nicht mit dem zufrieden, was er haben möchte.« »Und das hast du von deiner Mutter?« »Ja, und die hat noch viele so gute Worte und das freut mich, daß du dich da dran halten kannst. Wirst sehen, es thut dir gut.« »Jawohl! – Jetzt gib mir aber auch nur einen einzigen Kuß dafür, weil ich so brav bin.« »Ein närrischer Kerl,« lachte Walpurga. »Jetzt will er brav sein und will gleich dafür was Schlechtes. Und wenn du mir das ganze Schloß schenkst, mit allem, was drin, und noch sieben Schlösser dazu, ich bin eine verheiratete Frau und gebe keinem andern Mann einen Kuß. Eine Hand geb ich dir, da, und jetzt gut' Nacht.« Mit dem Gelöbnis, daß man gut Freund bleibe, trennte man sich. Walpurga traf Mamsell Kramer in schweren Sorgen, denn das Kind jammerte und schrie. Erst der Gesang Walpurgas beruhigte es. Unterdessen kehrte Baum wieder ins Schloß zurück. Er biß die Lippen zusammen und dachte in sich hinein: es ist doch ein einfältiges, stockiges Ding, solch ein Bauernweib. Aber schön ist sie. Ich kann warten. Ich kenne den langen Weg. Sie wird schon kirre werden. Viele Tage ging Walpurga an Baum vorüber, ohne aufzuschauen; auch Baum hielt sich zurück, Endlich aber, als er sie einmal wieder auf der Bank traf, sagte er rasch im Vorübergehen: »Just bös brauchst du mir nicht zu sein. Ich wüßte nicht, daß ich dich beleidigt hätte; wenn ich's aber doch gethan habe, so verzeih mir's.« Walpurga sah wieder frei auf. Baum nickte und ging rasch von dannen. Sechzehntes Kapitel. Der König war aus dem Bade zurückgekehrt; er wurde festlich empfangen, aber er zog sich bald mit seiner Gemahlin zurück und kam mit ihr in die Gemächer des Kronprinzen. Die Gatten standen an der Wiege des schlafenden Kindes, hielten sich an der Hand, schauten einander an und wieder auf das Kind. »Gibt es ein Höheres, als so mit einem Blick das gemeinsame Leben zu schauen?« hauchte die Königin leise. Der König umarmte sie. Das Kind erwachte, seine Wangen glühten und sein Auge war hell. Walpurga saß währenddessen in einer Ecke und weinte still vor sich hin. Jetzt mußte sie zu dem Kinde; der König ging weg, die Königin blieb bei ihr. »Du hast geweint?« fragte die Königin. »Nur aus Freude, aus lauter Herzfreude. Kann's denn was Schöneres geben, als wie Sie da miteinander gestanden?« »Ich will dir auch deinen Mann kommen lassen,« erwiderte die Königin. »Schreib' ihm, er soll kommen, und dein Kind und deine Mutter können auch mitkommen.« »Ja, Frau Königin, das war' freilich schön; aber das kostet viel Geld.« Die Königin schaute betroffen auf, daß man sich eine höchste Freude versagen muß, weil es Geld kostet. Sie sagte: »Laß dir nur vom Zahlmeister geben, so viel die Reise der Deinigen kostet. Ist hundert Gulden wohl genug?« »O mehr als genug; wenn aber die Königin mir das Geld schenken will, können wir es schon besser anwenden.« Die Königin sah Walpurga erschreckt an – die Geldgier zerstört doch die tiefsten Regungen auch in den einfachen Herzen. Walpurga merkte, daß sich das glückselige Gesicht der Königin verlängerte, und begann: »Ich will ehrlich sagen, warum ich's nicht will, auch wenn's nichts kostet. Frau Königin, mein Mann ist ein braver Mann, aber er ist eben ein bißchen ungelenk, und es thät mich ins Herz hinein verdrießen, wenn ihn eines hier auslachen thäte. Und meine Mutter, Frau Königin, der darf man das nicht anthun, sie ist jetzt sechzig vorbei, und ist seit ihrer Hochzeit nicht aus dem Ort gekommen, nicht weiter als ein paarmal nach Hohenheiligen zur Wallfahrt, drei Stunden von uns; nicht einmal heim ist sie seitdem gekommen, von wo sie her ist, nur eine Tagreise von uns, drüben über dem See, von der Grenze her; und da mein' ich, könnte man der Mutter am Leben schaden, wenn man sie wo anders hin thät', nur auf ein paar Tage. Das beste wäre, wenn man's so macht, daß wir ganz in der Nähe von der Königin bleiben, alle miteinander; wir wollten gewiß die Meierei gut versehen, und mein Mann versteht das Vieh gut, er ist viele Jahre Handbub und nachher Ochsner gewesen auf der Alm.« Walpurga redete, als müßte die Königin schon von dem Plan wissen, aber die Königin hörte nicht, was sie sagte; sie war ganz versunken in das Bewußtsein ihres neu aufgegangenen Familienglückes. Tage vergingen und Walpurga erhielt nichts von dem Reisegeld, das ihr die Königin geschenkt hatte, und sie wagte nicht, den Hofzahlmeister darum anzusprechen. Sie wollte Baum ein Zeichen geben, daß sie gut Freund mit ihm sei, und erzählte ihm den Hergang. »Es ist besser,« sagte er mit kluger Miene, »du nimmst ein so kleines Geschenk gar nicht. Sie meinen dann, sie hätten dich abgespeist. Geh du immer auf die Hauptsache los, auf die Meierei.« Walpurga war herzlich dankbar gegen Baum. Es ist doch gar gut, wenn man im Schlosse solch einen Freund hat; der ist mit dem König, als er noch Prinz war, in Italien und Frankreich gewesen, der weiß, wie man mit solchen Herrschaften fahren muß. Im Schlosse ging es nicht mehr so ruhig her, wie in den letzten Wochen. Das war vom Morgen bis zum Abend ein Rennen und Fahren, und bis in die tiefe Nacht hinein wurde gelacht, gesungen, gescherzt; an den Bäumen hingen bunte Lampen, und weit hinaus in der Ebene und im Gebirge schimmerte die Sommerburg wie ein Zauberschloß. Schon früh am Morgen fuhren die Küchenwagen bald da bald dort hin; heute wird auf einer Anhöhe im Walde, morgen in einer Thalschlucht oder bei einem Wasserfall getafelt. In den Räumen, die Walpurga mit Mamsell Kramer bewohnte, hörte man nichts von dem Lärm; es hieß nur: heute ist wieder alles ausgeflogen. Der König war voll zarter Aufmerksamkeit gegen seine Gemahlin, und schöner erschien die Königin nie als jetzt, gehoben von Mutterglück und Gattenliebe. Oft am Morgen, wenn der Tag noch frisch war, und am Abend, wenn milder Tau sich niedersenkte, sah man den König ganz ohne Begleitung mit seiner Gemahlin am Arm im Park lustwandeln, der Hof hielt sich dann in der Nähe des Schlosses. Eines Abends als der König mit seiner Gemahlin im traulichen Gespräch dahinwandelte, sagte die Königin: »So an deinem Arm ist mir's ein Wonnegefühl, die Augen zu schließen und von dir geführt zu werden, du kannst dir nicht denken, wie wohl das thut.« Der König sprach sein Glück aus über diese Hingebung, aber tief innen zuckte etwas und nannte diese Empfindungsweise unköniglich. Wie ganz anders wäre – Nein, das wollte er nicht denken. Die Königin erzählte viel von den allmählichen Sinneswahrnehmungen des Prinzen; der König hörte ihr aufmerksam zu, aber seine Aufmerksamkeit war mehr Höflichkeit. Schon nach der ersten Woche zog sich die Königin von den vielen Ausfahrten zurück und blieb im Schlosse, sie hatte keine rechte Freude an der Unruhe. Die Königin ließ Walpurga mit dem Kinde bald da bald dort hin in den Park und auf die Anhöhe hinter dem Schlosse kommen, wo sie Baumgruppen, die Umgebung des Teiches mit den Schwänen, das Schloß, die Kapelle und einzelne Fernsichten zeichnete. Eines Morgens saß man im Gartensalon beim Frühstück, da sagte der König: »Es war ein schöner Wetteifer, als du mit Gräfin Irma gemeinschaftlich zeichnetest. Eure beiden Naturen zeigten sich ganz in der Art, wie ihr dieselben Gegenstände aufnahmt.« »Ja, wir haben das auch oft bemerkt. Ich zeichne vielleicht die Details genauer und schärfer, aber Gräfin Irma hat mehr Freiheit im gesamten Aufriß. Ich vermisse die gute Gräfin sehr.« »So wollen wir ihr schreiben, daß sie wieder kommen muß, und zwar sofort. Wir wollen ihr eine Kollektivnote zugehen lassen. Meine Herren und Damen, wir alle schreiben jetzt einen Brief an die Gräfin Irma!« »Lassen Sie Schreibzeug hergeben!« rief er einem Kammerherrn zu. Es war schnell zur Hand und der König schrieb: »Holde Gräfin! flüchtiger Vogel! Endlich weiß ich, welch ein Vogel Sie sind: eine wilde Taube. Entspricht Ihnen dieser Gegensatz? Wild und doch eine Taube! – Kommen Sie, die ganze Schar Ihrer Waldgefährten läßt den Kopf hängen, bis Sie wieder hier sind. Eilen Sie zu uns auf Flügeln des Gesanges.« Der König reichte der Königin das Blatt und sagte: »Nun schreib du.« »Ich kann nicht schreiben, wenn jemand dabei ist,« erwiderte die Königin, »ich bringe kein Wort heraus. Ich werde ihr ein besonderes Briefchen schreiben.« Ueber die Mienen des Königs zuckte eine rasche, kaum merkbare Verstimmung; er bemeisterte sie. »Wie du willst,« sagte er in verbindlichem Tone; aber innerlich war er tief ärgerlich über diese ewige Empfindsamkeit. Die Kavaliere und Hofdamen schrieben alle, jeder einige Zeilen, jeder einen flüchtigen Scherz. Die Oberhofmeisterin aber hatte sich davongeschlichen. Unter Lachen und Scherzen wurde der ganze Bogen vollgeschrieben, und jetzt sagte der König: »Es fehlt noch die Hauptperson, die Walpurga muß der Gräfin auch noch schreiben. Das ist die Stimme des Volks, die am meisten auf sie wirkt. Lassen Sie die Walpurga herabkommen!« Baum wurde sofort nach Walpurga geschickt. Unterwegs erklärte er ihr, um was es sich handle. Walpurga war gar nicht scheu unter dem versammelten Hofe. »Willst du lieber allein auf deinem Zimmer schreiben?« fragte der König, und gab damit doch eine Gereiztheit gegen seine Frau kund. »Ich schreib', wo man's verlangt, aber schön kann ich's eben nicht.« Walpurga setzte sich und schrieb: »Wenn's der Herr Vater erlaubt, wird mich's rechtschaffen freuen, wenn meine Gräfin Irma wieder da ist. Ich hab' im Herzen Heimweh nach ihr. Walpurga Andermatten.« Der König las und sagte: »Schreib auch noch hierher: Es wird mir und dem Prinzen gut thun, wenn Sie wieder da sind, Sie machen uns beide fröhlicher.« »Herr König,« sagte Walpurga, »Sie sind aber gescheit! Das ist ja ganz wahr, was Sie da sagen; jetzt thun Sie mir den Gefallen und diktieren Sie mir's, ich kann's nicht so gut setzen, aber ich kann ganz gut Diktat schreiben, ich hab's bei der Mamsell Krämer gelernt, ich hab's auch früher in der Schule gekonnt, aber später wieder vergessen.« »Nein,« erwiderte der König, »schreib du nur, wie's dir im Sinne ist. Meine Damen und Herren! Lassen wir die Walpurga allein, und gehen wir nach der Veranda.« Walpurga saß allein im großen Frühstückssaal und biß auf die Feder, sie konnte die Worte nicht mehr finden. Da hörte sie ein Geräusch, sie schaute um, Baum stand unter der Thüre. »Komm her,« rief sie, »du kannst mir helfen, du hast doch alles gehört?« »Jawohl,« entgegnete Baum und diktierte Walpurga die Worte des Königs, Sie ging hinaus und übergab den Brief dem König. Er lobte sie, daß sie die Worte so gut gesetzt. Sie wollte sagen, daß ihr Baum geholfen, aber man muß nicht alles sagen, warum sollte man nicht ein Lob hinnehmen für etwas, was auch so hätte sein können? Walpurga lächelte über ihre Klugheit, als sie nach ihrem Zimmer zurückging. Der König wird ihr gewiß die Meierei geben. Er hat's gesehen, sie kann alles gut aufschreiben und gut Buch führen. Die Königin brachte ihren schnell hingeworfenen Brief in den Garten, es war ein fliegendes Siegel darauf; sie übergab ihn dem König und sagte: »Willst du ihn lesen?« »Ist nicht nötig,« sagte der König und schloß das fliegende Siegel. Nachdem der Brief geschrieben, war unter den Hofdamen ein endloses Kichern; das zwitschert und schwatzt durcheinander und neckt sich, und hüpft wie ein Trupp Sperlinge, die irgendwo einen aufgesprungenen Kornsack entdeckt haben. Bald zerstreuen sie sich, und Damen, die sich sonst gar nicht leiden mochten, sind überaus gute Freundinnen, gehen Arm in Arm im Park auf und ab, und andre stehen zusammen, man kann sich heute nicht trennen, man hat sich so viel zu sagen; noch sprechen alle gut von Irma, noch ist jede ihre beste Freundin, aber durch eine kleine Seitenbewegung hält man sich die Wege offen, es kann auch anders werden. In wenigen Tagen hatten sich Leben und Stimmung auf dem Sommerschlosse verändert. Der König und die Königin hatten sich beim Wiedersehen begrüßt, als wären sie neu vermählt, es war eine Glückseligkeit ohnegleichen; bald aber trat wieder, oder jetzt eigentlich zum erstenmal scharf, eine Unzuträglichkeit heraus, die unumwunden mit einem Worte bezeichnet ist: die Königin war ihrem Gemahl langweilig. – Er erkannte mit gerechter Würdigung ihre erhabene und edle Erscheinung, jedes ihrer Worte, jeder ihrer Gedanken ist Erguß der reinsten Empfindung; aber diese Gehobenheit, die im Alltäglichen immer etwas Besonderes hat, das sich gar nicht bemessen ließ, dies Bestreben, immer alles innig und tief bis in den letzten Grund durchzudenken, immer Aufmerksamkeit für die besondere Empfindungsweise heischt, nichts von leichtem, neckischem, selbstgefälligem, spielendem Wesen, diese Tempelstille des Naturells, dies ewige Thronen auf der Höhe der Dinge – das war wohl schön und zuzeiten auch anmutend, aber in solcher unausgesetzten Beständigkeit für den König langweilig; die Königin hatte keine Schaumperlen, die sich rasch schlürfen ließen und für einen Moment belebten. Der König aber liebte die Abwechselung, das heiter Spielende, das Scherzhafte, Rätselvolle, Launische, über Hindernisse hinweg zu Erobernde. Und was er an der Königin vermißte, das alles fand er in der Erinnerung an Irma. Gewiß, er war sich bewußt, seine Gattin treu zu lieben; er ehrte das freie, schöne Naturell Irmas, und warum sollte man sich nicht ihres Umganges erfreuen? Sie kommt, sie bleibt bei uns, sie bringt neues, frisches Leben! dachte er, als er den Kurier, der das Schreiben an Irma beförderte, die Landstraße im raschen Trabe dahinreiten sah. Am Mittag fuhr der König ganz allein mit der Königin spazieren; er selber lenkte die Pferde und saß neben ihr, nur zwei Reiter folgten hinterdrein. Der König war überaus liebreich und die Königin glücklich. Der König war sich innerlich einer leisen Abirrung bewußt, und nun doppelt liebevoll. Er sah seiner schönen Frau hellen Blickes in die strahlenden Augen. So soll es immer sein, so rein und frei mußt du ihr immer in die Augen schauen können. Siebzehntes Kapitel. »Majestät,« sagte am andern Morgen die Oberhofmeisterin, als man nach dem Frühstück im Park lustwandelte, »Majestät, ich bin Ihnen eine Erklärung schuldig, daß ich den Brief an die Hofdame Ihrer Majestät der Königin nicht mit unterschrieben habe.« »Sie haben nicht?« erwiderte der König. Das starre, feine Antlitz der alten Frau zeigte keine Veränderung bei diesen Worten, und doch hätte es sie verletzen können, daß ihre fehlende Unterschrift nicht bemerkt wurde. Sie befolgte aber vor allem das oberste Hofgesetz: jedes persönliche Empfinden zu verleugnen und dadurch auch jede Empfindlichkeit zu vermeiden; sie fuhr, nach Hofweise den Tadel in Lob verkleidend, ruhig fort: »Diese Einladung ist eine geniale Laune und Gnade Eurer Majestät, aber das Genie ist immer ohne Gefolge. Majestät werden mir als Ihrer mütterlichen Freundin, mit welchem hohen Titel sie mich oft beehrten, wohl erlauben, zu bemerken, daß es weder den Kavalieren noch den Damen zusteht, ihre Namen unter einen außergewöhnlichen Scherz Eurer Majestät zu setzen. Es soll der Umgebung nicht Veranlassung gegeben sein, Eurer Majestät hohem Sinn die Vermutung anzudichten, daß diese Berufung, weil sie öffentlich und laut, eigentlich eine geheime und stille.« Der König sah die Oberhofmeisterin betroffen an, aber er that, als ob er nicht merke, daß die Oberhofmeisterin die Maske durchschaue. »Ich wiederhole Ihnen, gnädige Frau, Sie hätten auch ins Bad reisen sollen, Sie sehen alle Dinge so schwer, so gewichtig an; aber wenn man, wie ich, eben aus dem Bade kommt, ist alles so leicht und frei beschwingt.« »Majestät, es ist nur meines Amtes, die festen Normen für das hohe Leben Eurer Majestät immer wieder neu zu betonen.« »Thun Sie das nicht zu sehr?« »Majestät, die Etikette ist der unsichtbare, aber nicht minder bedeutsame Kronschatz: man schmilzt die kunstreichen und hochgeschichtlichen Schätze nicht ein zu neuen Münzen, sie müssen sorgfältig bewahrt werden, von Jahrhundert zu Jahrhundert. Das Schloß ist der höchste Punkt im Lande, wo man immer von allen gesehen wird und so leben muß, daß man gesehen werden kann.« Der König hörte dieser Auseinandersetzung nur wenig zu, denn er dachte sich hin zu Irma, die jetzt den Brief erhielt. Sie ist aufgewacht, sie steht allein oder sitzt neben dem menschenfeindlichen Alten auf dem Söller des Schlosses im Gebirge, der Brief kommt und sie ist umflattert wie von einer Schar zwitschernder und singender Vögel, die sich ihr auf Hände, Schultern und Kopf setzen. Schade, daß man nicht ihr wonniges Lächeln sehen kann ... Der König hatte recht gesehen. Irma saß beim Vater und schaute träumend hinaus ins Weite. Was sollte aus ihr werden? Wenn nur der Vater befehlen möchte: Du mußt hier bleiben. Aber immer sich selbst entschließen! Wenn ein Gatte ihr befehlen möchte! Aber Baron Schöning würde ihr Unterthan sein, und sie hätte die doppelte Schwere des Lebens. Da meldete die Schaffnerin einen reitenden Boten, der soeben angekommen. Der Kurier trat ein, übergab den Brief, und sagte, er werde auf Antwort warten. Irma las und lachte laut auf, sie legte den Brief auf den Schoß, nahm ihn wieder auf, las und lachte abermals. Der Vater sah sie betroffen an. »Was ist? Was hast du?« »Da lies!« Der Vater las, seine Mienen veränderten sich nicht. »Was willst du nun thun?« fragte er. »Ich meine, ich muß solchen Bitten gehorchen, ja ich muß. Aber kann ich, ohne daß du mir Vorwürfe machst, heimkehren?« »Wenn du keinen Vorwurf in dir mitbringst, immer.« Irma klingelte und befahl der Schaffnerin, ihrem Kammermädchen mitzuteilen, daß sie alles zur Abreise herrichten solle; man möge den Kurier gut bewirten und ihm sagen, daß man noch am Abend ein Stück Weges zurücklege. »Bist du mir böse, Vater?« »Ich bin nie böse, ich bedaure nur, daß so wenig Menschen sich von ihrer Vernunft regieren lassen. Aber mein Kind, sei ruhig, wenn diese Entscheidung das Gebot deiner Vernunft ist, mußt du ihm folgen. Trage nur ruhig alle Konsequenzen, wie ich sie trage. Laß uns jetzt noch die wenigen Stunden in Friede und Ruhe beisammen sein. Die gegenwärtige Stunde ist Leben.« Irma gab dem Kammermädchen und dem Kabinettskurier noch mancherlei Anweisungen, aber immer war's ihr, als ob sie noch etwas vergesse und zurückließe, was ihr erst einfallen würde, wenn sie fort sei. Vater und Tochter saßen noch in trauter Gemeinschaft beim Mittagstisch. Der Wagen war gepackt, man schickte ihn eine Strecke voraus, er sollte im Thale warten. Der Vater gab Irma das Geleite den Berg hinab; er sprach heiter mit ihr, bei einem Apfelbaum am Wege sagte er: »Kind, hier laß uns Abschied nehmen. Das ist der Baum, den ich am Tage deiner Geburt gepflanzt, er ist oft die Grenze meines Abendganges.« Sie standen still. Ein Apfel fiel vom Baum ins Gras zu ihren Füßen. Der Vater hob ihn auf und gab ihn seiner Tochter. »Nimm diese Frucht mit von der heimatlichen Erde. Sieh, der Apfel löst sich ab vom Baum, weil er reif geworden, weil der Baum ihm nichts mehr geben kann. So auch der Mensch von Heimat und Familie. Aber der Mensch ist mehr als eine Baumfrucht. Nun, mein Kind, nimm deinen Hut ab, laß mich noch einmal dein ganzes Haupt umfassen. Niemand weiß, wenn seine Stunde kommt, da er aufgeht ins All. So, mein Kind, ich halte dein liebes Haupt, weine nicht, oder weine. Ich wünsche, daß du dein Leben lang nur über andre, nie über dich selbst weinen mögest.« Er stockte, dann faßte er sich und fuhr fort: »Und wie ich dein Haupt jetzt halte und meine Hand auf alle deine Gedanken legen möchte, so bleib auch du stets dir selbst getreu! Ich möchte dir all mein Denken geben; behalte jetzt nur das Eine: Laß nur solche Freude über dich kommen, deren Erinnerung dir eine Freude sein kann. Behalte das! Nimm diesen Kuß! – – Du küssest stürmisch. Mögest du nie einen Kuß geben, bei dem nicht deine Seele so rein und voll ist wie jetzt. Leb wohl!« Der Vater wendete sich ab und ging den Berg hinan. Er schaute nicht mehr um. Irma sah ihm nach, sie erbebte, es zog sie, sie wollte wieder umkehren, ihm nach und bei ihm bleiben, für immer. Aber sie schämte sich ihres Wankelmuts. Sie dachte an die nächste Stunde, an die nächsten Tage, wie das sein würde, wenn sie wieder die Koffer auspacken lasse, wenn sie so vor allen Dienern und vor dem Vater selber – nein, es mußte sein! Sie ging weiter. Sie saß im Wagen, der Wagen rollte fort, und nun war sie nicht mehr ihr eigen, eine fremde Kraft hatte sie aufgenommen ... Es war am andern Mittag, als Irma auf dem Sommerschloß ankam. Das Schloß war still. Niemand kam ihr entgegen als der alte Kastellan, der schnell seine lange Pfeife wegstellte. »Wo sind die Herrschaften?« fragte der Kurier. »Es wird heute auf der Teufelskanzel gespeist,« lautete die Antwort. Da ertönte vom Garten her ein Schrei. »Meine Gräfin, o meine Gräfin ist da!« schrie Walpurga, küßte ihr die Hände und weinte vor Freude. »O, jetzt geht erst die Sonne auf, jetzt wird's erst Tag.« Irma beruhigte die Hochaufgeregte. Diese aber sagte: »Ich will gleich zur Königin, sie allein ist daheim und sitzt droben auf dem Berge und malt. Sie geht überhaupt nicht gern auf die Kirchweihfahrten, hier ist alle Tag Kirchweih.« Irma befahl Walpurga, der Königin noch nichts mitzuteilen, sie werde selber zu ihr eilen. Sie ging auf ihr Zimmer und saß dort lange und einsam, still in sich gekehrt. Es war ihr zu Mute, als hätte sie eine Freundeshand ausgestreckt und niemand faßt sie. Draußen rückte man die Koffer hin und her, und plötzlich stand eine Erinnerung vor ihr, wie sie damals, ein verlassenes Kind, schwarz gekleidet in ihrem Zimmer saß, und im Nebengemach rückte man den Sarg ihrer Mutter. Warum traf sie das jetzt? Sie stand auf – sie konnte nicht mehr allein sein. Sie wechselte rasch ihre Toilette und eilte zur Königin. Diese sah sie von fern und ging ihr entgegen. Irma beugte sich nieder und wollte ihr die Hand küssen. Die Königin aber hielt sie empor, umschlang sie und drückte ihr einen innigen Kuß auf die Lippen. »Sie allein durften die Lippen berühren, die mein Vater geküßt,« sagte Irma, oder vielmehr sie sagte es nicht, sie bewegte nur leise die Lippen zu den Worten; tief in ihrer Seele aber stieg der Gedanke auf: »Sterben wirst du eher, tausendmal, ehe du dies heilige Herz betrübst!« Der Gedanke machte ihr Antlitz durchleuchten; und die Königin rief entzückt ans: »O wie schön sind Sie jetzt, Gräfin Irma, wie strahlen Sie!« Irma schlug die Augen nieder und kniete an der Wiege des Kindes. Ihre Augen waren so voll Glanz, daß das Kind nach ihnen griff. »Er hat recht,« sagte Walpurga, »er greift schon gern nach dem Licht, und ich meine, Ihre Augen sind größer geworden.« Irma ging mit Walpurga und entschuldigte sich bei ihr, daß sie die Gstadelhütte nicht besucht habe. Sie erzählte dann von ihrer Freundin im Kloster. »Und wie geht's Ihrem Vater?« fragte Walpurga. Irma erschrak; selbst die Königin hat nach ihrem Vater nicht gefragt, nur Walpurga that es. Sie erzählte von ihm, und daß er die Mutter der Walpurga kenne, und auch deren Bruder, der manchmal im Walde Pech siede. »Ja, das ist ein Bruder von meiner Mutter. Also den kennen Sie auch?« »Ich nicht, aber mein Vater,« Walpurga erzählte vom Ohm Peter, genannt dem Pechmännlein und gelobte, ihm auch einmal etwas zu schicken; das arme Männchen hat's gar schlimm auf der Welt. Es ist doch schrecklich, die Zenza hat den Mut gehabt, daher zu kommen ins Schloß, aber das Pechmännlein leidet lieber Hunger und Not. Während Walpurga noch sprach, trat die Königin wieder herzu, und wie sie an die Wiege kam, strampelte ihr der Prinz mit Händen und Füßen entgegen. Die Königin beugte sich nieder, richtete ihn auf, und Walpurga rief: »Herr Gott! Am ersten Tag, wo unsre Gräfin wieder da ist, kann unser Prinz zum erstenmal sitzen. Ja, sie kann alles aufrichten!« Innig und wohlgemut saßen die Königin und Irma beisammen. Am Abend war fröhlicher Willkomm der von der Teufelskanzel Heimkehrenden. Irma hörte erst jetzt, daß ihr Bruder nicht am Hofe sei; er hatte im Bade die Baronin Steigeneck und deren Tochter kennen gelernt und war nun zum Besuche bei denselben. Der König begrüßte Irma sehr formell, die Oberhofmeisterin hätte nichts dagegen bemerken können, und wie hätte er auch anders gekonnt, da die Königin sagte: »Ich kann gar nicht sagen, wie glücklich mich die Ankunft unsrer Gräfin macht; wir hatten heute innerlichst heimatliche Stunden miteinander.« Am Abend ließ der König ein Feuerwerk abbrennen, das er zur Ankunft der Gräfin hatte bereiten lassen. Weit in der Umgegend standen die Menschen und betrachteten mit Entzücken die vielfarbigen Feuergarben, die zum Himmel aufstiegen. Zuletzt glänzte der Namenszug der Gräfin Irma, von einer Schar Bergschützen in die Höhe gehalten. Die Feuer prasselten, aus verbergendem Gebüsche tönte Musik, die von ferne durch ein bereit gehaltenes Echo erwidert wurde. Mitten unter hellem Glanz und lautem Klang mußte Irma immer nur das Eine denken: »Wie lebt jetzt dein Vater?« Graf Eberhard aber saß auf seinem Schlosse im Gebirge am Fenster, schaute in die Nacht und den Sternenhimmel und sagte für sich: Jeder Mensch, der in der Ewigkeit lebt, ist einsam, einsam für sich, wie die Sterne dort im Aether; jeder durchzieht seine eigene Bahn, und sie wird nur bestimmt durch Anziehung und Abstoßung der Weltkörper um ihn herum ... In der Nacht träumte Irma: Ein Stern vom Himmel war niedergefallen, gerade auf ihre Brust; sie faßte nach dem Stern, aber er entschwebte und verwandelte sich in eine Menschengestalt, die abgewendet stand und rief: Du bist auch einsam!