Hans Michael Moscherosch Philanders von Sittenwald wunderliche und wahrhaftige Gesichte – Erster Teil Sprachlich erneuert von Karl Müller. Einleitung Wir besitzen in den Gesichten Philanders von Sittewald ein lebensvolles und wahrheitsgetreues Bild von den Zuständen im deutschen Lande während des dreißigjährigen Krieges, jener Zeit des Krieges ohne Ende, wo fremde Kriegshorden ihr Lager in unserem Vaterlande aufgeschlagen hatten, den Wohlstand des Landes bis zur Neige verzehrten und raubten, mordeten, schändeten mit teuflischer Gier: wo Sitte, Gesinnung und Sprache verwelschten, und der Deutsche sich selbst verloren hatte. Neben diesem dauernden culturhrstorischen Werth bieten die Gesichte als humoristische und satirische Lectüre einen unzweifelhaften Genuß, zumal uns überall darin der edle, feste Charakter, die tiefen und vielseitigen Kenntnisse und der gesunde Blick des Verfassers entgegentreten. Es dürfte daher die Wiedergabe eines der wichtigsten Denkmäler deutscher Literatur wohl angemessen sein, sintemalen die alten Ausgaben meistens nur noch in den Bibliotheken vorhanden sind. – Der Verfasser, Hans Michael Moscherosch, stammt aus einer aragonischen Ritterfamilie, deren Ahnherr im Jahre 1520 als kaiserlicher Hauptmann mit Karl V. nach den Niederlanden zog. Nach Karls Rückkehr blieb dieser Marzloff von Musenrosch, wie der ursprüngliche Name der Familie lautete, gefesselt durch die Liebe zur Tochter eines niederländischen Edelmannes in Aachen zurück und folgte später deren Eltern nach Straßburg, wo er die Geliebte heirathete. Sein Sohn nannte sich von Mosenrosh, und dessen Nachkomme veränderte den Namen in Moscherosch und begab sich, weil die Familie durch unglückliche Prozesse herabgekommen war, seiner Adelsvorrechte. Diesem wurde 1578 ein Sohn, Michael Moscherosch, der Vater unseres Philander, geboren; derselbe bekleidete die Amtmannsstelle zu Wilstädt, unweit Straßburg gelegen, und war wegen seiner Redlichkeit ein allgemein geachteter Mann. Aus seiner Ehe mit Veronika Peck, welche aus einer ansehnlichen dänischen Adelsfamilie stammte – ihre Großmutter war die Schwester des berühmten Ritters Sebastian Schärtlin von Burtenbach (1496-1577) – gingen zwölf Kinder hervor, von denen als der älteste Johann Michael am 5. März des Jahres 1601 geboren wurde. Nach einer sorgfältigen Erziehung seitens seiner frommen Eltern wurde der Knabe, der vortreffliche Gaben in sich spüren ließ, im elften Jahre auf die lateinische Schule nach Straßburg geschickt, wo er auch 1620 die Hochschule bezog, um sich dem Rechtsstudium zu widmen. Seine öffentlichen Zeugnisse, sowie der Umstand, daß er 1624, als er sich um die Magisterwürde bewarb, unter 24 gelehrten Magistern »unter beifälliger Zustimmung der ganzen Universität« den ersten Platz erhielt, beweisen, daß er seinen guten Kopf aufs beste angewendet hat. Darauf zog er mit Bewilligung seiner Eltern nach Frankreich, um die französische Sprache und die Welt kennen zu lernen. Nach seiner Rückkehr nahm er von den vielen Anerbietungen im Jahre 1626 die Hofmeisterstelle bei den Söhnen des Grafen Philippsen von Leinungen-Dagsburg, Herrn zu Appermont, an und versah sie zwei Jahre lang rühmlichst und treulichst. Bald nach seiner im Jahre 1628 erfolgten Verheirathung mit der frommen Esther Ackermann, der Tochter eines Juweliers zu Frankenthal, begab er sich nach Crichingen, wohin ihn der Freiherr Peter Ernst von Crichingen und Püttingen zu seinem Amtmann berufen hatte. Hier lebte er »in einer friedlichen und gesegneten Ehe, in welcher er vier Kinder erzielte«, von denen ihn jedoch nur ein Sohn, Ernst Bogislaus, überlebte. Im Jahre 1634 entriß ihm der Tod seine »fromme Hester« und bald darauf auch seinen Vater; doch ging er noch in demselben Jahre seine zweite Ehe mit Maria Barbara Paniel ein, die er schon im November 1635 wiederum verlor auf der Reise nach Straßburg, wohin er seine Familie vor den Feinden in Sicherheit bringen wollte. In Straßburg hielt er sich bei einem seiner Brüder, der daselbst Arzt war, und bei seiner verwitweten Mutter auf, bis ihn 1636 der Herzog Ernst Bogislav von Croy und Arschot zu seinem Rath und Amtmann in der Herrschaft Vinstingen an der Saar berief. Kurz darauf verheirathete er sich zum dritten Mal mit Anna Maria Kilburger, der Tochter eines reichsgräflichen Amtssekretärs in Biedburg, die ihm zehn Kinder gebar. Während seiner Amtmannschaft in Vinstingen hatte er schwer unter den Stürmen des Krieges zu leiden; dreimal wurde er ausgeplündert und schwebte mit den Seinigen wiederholt in Todesgefahr. Einmal wurde plötzlich Lärm geschlagen: der Feind sei vor dem Thor, sei schon in der Stadt! Während Moscherosch, ohne soviel Zeit zu haben, seine Kinder zu segnen, mit seinem Gewehr auf seinen Posten lief, sprang seine Frau aus dem Kindbett und eilte dem Schlosse zu in solcher Hast, daß sie ihr vierzehntägiges Töchterchen in der Wiege zurückließ. »Als ich hernach fragte,« so schreibt er selbst, »wo euer Schwesterlein Ernestin-Amely wäre, da ist eurer Mutter erst eingefallen, daß es unter einem Pack Windeln in dem großen Schrecken und der Angst war verborgen worden. Das muß ja eine Trübsal sein, da auch eine Mutter ihres noch säugenden Kindes vergessen kann!« Doch immer rettete ihn Gottes Hilfe. Zu dem Schrecken der plündernden und mordenden Kriegsknechte, deren Treiben er im »Soldatenleben« so getreu und lebendig geschildert hat, kam noch der Hunger und die grausame Pest, an der er selbst erkrankte. Er half den Armen, soviel er konnte, so daß er selbst darunter Mangel leiden mußte; als es an Leuten gebrach, bebaute er selbst seinen Acker und ließ es sich recht sauer werden, da er daneben noch seine mühseligen Amtsgeschäfte verrichten mußte. Aber all dieses Unglück hat ihm nicht so weh gethan, als die heimliche Verfolgung derer, die sich ihm als seine Freunde, in der That aber als seine »höhnischen, ungerechten und wüthenden Feinde« erwiesen. Er muß in Wahrheit viel von diesen »Neidhunden und Anstiftern« gelitten haben, die ihn haßten, weil er es mit dem Rechten hielt, weil er dem Nothleidenden half und nicht in ihre Untreue und Falschheit einwilligen wollte. Endlich jedoch nöthigten ihn die drohenden Gefahren Vinstingen zu verlassen und die Seinen wieder nach Straßburg in Sicherheit zu bringen. Hier blieb er nicht lange, da er nach einiger Zeit von der Krone Schweden zum Staatssekretär und Kriegsrath nach Benfelden berufen wurde. (Benfelden ist eine kleine Stadt und ehemalige Festung im Elsaß, drei Meilen oberhalb Straßburg an der Ill. Die Schweden mußten dem Westfälischen Frieden zufolge die Festungswerke schleifen.) Recht gelegen kam es Moscherosch, da er »mit Kindern ziemlich gesegnet ward und seine Gedanken auf ein ruhigeres Leben richtete, um seine Kinder in der Furcht Gottes besser erziehen zu können«, daß ihm mehrere vorteilhafte Aemter angeboten wurden. Von den vielen ehrenden Anerbietungen wählte er die Sekretariatsstelle in Straßburg. Von hier aus folgte er dem Rufe des Grafen Kasimir von Hanau und Zweibrücken, der ihn zu seinem geheimen Rath ernannte. In dieser Stelle bewährte er sich so, daß er zum Präsidenten der Kanzlei und Kammer, sowie zum Kriegs- und Kirchenrath erhoben wurde. – Aber Neid und Haß machten ihm auch hier das Leben sauer, so daß er es um seiner Ruhe willen für gut hielt, diese Aemter niederzulegen. Doch gewährte es ihm Trost, daß ihn sein Herr überall empfahl. Dadurch wurde er bald danach vom Kurfürsten Johann Philipp von Mainz »zu einem Rath von Haus« aufgenommen und späterhin von der Landgräfin Hedwig Sophia, regierenden Fürstin in Hessen, 1664 nach Kassel berufen und gleichfalls zu einem »Rath von Haus aus« bestellt. Diese Aemter behielt er bis an sein Ende. Daneben versah er auch noch die Raths- und Oberamtmannsstelle beim Grafen Kratz und dieselben bei dem Rheingrafen zu Dhaun und Kirburg, wo er sich tüchtig bewährte. – Hier sammelte er die Erfahrungen, die er in der »Hofschule« niedergelegt hat. Als nun das Alter mit Gewalt hereinbrach, begab er sich zur Ruhe, wollte aber vorher seinen Kindern das Ihrige ordnen. Daher unternahm er von Dhaun aus mit Frau und Kindern eine Reise nach Frankfurt zu seinem Sohn Ernst Bogislaus, der dort Lehrer am Gymnasium war. Unterwegs in Worms befiel ihn eine »hitzige Schwachheit«, welche zunahm und ihn nöthigte zu bleiben. Er fühlte sein nahes Ende, wählte noch selbst seinen Leichentext, Hosea 14, 4 »Laß die Waisen bei dir Gnade finden,« und starb den 4. April 1669 im 69. Lebensjahre. Moscherosch hatte schon früher, weil er in steter Lebensgefahr darauf bedacht sein mußte, für seine Kinder zu sorgen, im Jahre 1641 in der Zeit vom 22. bis 29. September ein »Christliches Vermächtnis oder schuldige Fürsorge eines treuen Vaters« verfaßt. Dieses Büchlein bespricht aus innerstem Drange des Herzens mit kunstloser Einfalt die wichtigsten Angelegenheiten des Lebens, und hat lange nachher noch Segen gestiftet. Moscherosch besaß einen edlen, redlichen Charakter und eine unerschütterliche Wahrheitsliebe. »Gott weiß,« schreibt der damalige mecklenburgische Kirchenrath Johann Rist (1607-1667), »wie ich den Mann liebe, in welches Leibe ich nicht glaube, daß ein einziger Tropfen Heuchelbluts zu finden.« Dabei hatte er einen klaren Blick, praktische Erfahrung, gründliche Kenntnisse und war stets auf Reinheit der Sitte und der Sprache bedacht. Daher wurde er auch im Jahre 1645 Mitglied der fruchtbringenden Gesellschaft. Der Zweck derselben, auch Palmenorden genannt, bestand darin, die Sprache zu reinigen, von dem fremden Sprachjoche zu befreien und sie durch alte und neue Kunstwörter zu befestigen. Sie wurde 1617 zu Weimar von Kaspar von Teutleben und den drei Herzögen von Weimar Johann Ernst, Friedrich und Wilhelm, von den Herzögen von Anhalt Ludwig und Kasimir und drei andern von Adel gestiftet. Jedes Mitglied wählte sich ein Sinnbild und einen Gesellschaftsnamen, der freilich oft sehr geschmacklos war. Moscherosch erhielt den Beinamen »der Träumende«, in Folge seiner Gesichte. Die Gesichte waren zuerst in vierzehn einzelnen Flugschriften erschienen, die er unter dem Namen Philander (»Manhold«) von Sittewald – ein Anagramm aus Wilstädt – nacheinander erscheinen ließ. Sie sollten ein kräftiges Heilmittel sein gegen die Verderbnis der Sitten, der Trachten und der Sprache durch fremde Völker; mit der Geißel der Satire durchgeht er alle Stände, Klassen und Alter. Nach einiger Zeit erschienen sie zusammen in Straßburg. In der Form folgte er dem Spanier Don Francisco de Quevedo Villegas, geb. zu Madrid 1570, gest. 1647, nächst Cervantes, der wichtigste Schriftsteller Spaniens; unter seinen prosaischen Schriften sind seine Sueños, Träume, in denen er die Verirrungen seiner Zeit mit kecken Strichen geißelt, hervorragend. Doch entlieh Moscherosch dem spanischen Werke nur die Form; außerdem sind die sieben Gesichte des zweiten Theils ganz von ihm. Dem Geschmacke der Zeit nach ist das Werk voll von Citaten aus alten und neuen Dichtern. Am häufigsten citirt er aus Joannes Owenus Audoenus, einem englischen Dichter, der 1623 starb, dessen Epigramme in lateinischer Sprache wegen ihres sinnreichen Scherzes und beißenden Witzes weit berühmt und oftmals gedruckt waren. Da Moscherosch meistens auch den Sinn der Citate deutsch daneben giebt, und da ferner der Geschmack unserer Zeit darin ein anderer geworden ist, so sind in der vorliegenden Uebertragung der Gesichte nur die zum Verständnis unbedingt nothwendigen aufgenommen worden. Berlin, den 5. Februar 1883. K. M. Erstes Gesicht Schergenteufel Nachdem ich in meiner Jugend von meinen Eltern im Christentum einfältig unterwiesen und im elften Jahre auf die nächstgelegene hohe Schule Gemeint ist Straßburg. an der Ill, zwei Stunden Wegs von Wilstädt, geschickt war, um Kunst und Tugend allda zu lernen, und etliche Jahre hintereinander dort ausgehalten hatte: da fand ich schließlich, als ich die Schule verließ, daß mir alles, was ich daselbst in den Büchern von der Welt und ihrem Wesen gelesen und aus dem Thun und Leben, dem Handel und Wandel der Menschen abgesehen und gemerkt hatte, dergestalt vorkam, daß ich mich schlechterdings danach nicht richten könnte. Ich las die Weltgeschichte: aber ich hörte es doch anders, als da geschrieben stand. Ich hörte die Leute in ihrem Wesen reden: aber ich sah es anders, als sie redeten. Ich sah die Leute an: aber ich sah sie anders, als sie schienen und aussahen. Jedem Ding gab man zwar seinen Namen und seine Gestalt: aber es war bloßer Name und Gestalt, denn das Innere war anders; von außen war alles herrlich, aber sobald man danach griff, war es ein Schatten und verlor sich unter den Händen. Es gleißte über die Maßen, aber es war darum kein Gold, sondern gefährliches Operment und Antimon. Ich wußte nimmer, wie ich das verstehen oder mich in die gefärbten und versteckten Dinge schicken sollte; mit einem Worte: es däuchte mir aller Menschen Wesen nur eine angenommene Weise, eine eitle Heuchelei zu sein, und das fast ohne Unterschied bei allen Ständen. Ich hatte gelesen, daß die Staatsmänner heutiges Tages solche Leute wären, welche durch große Erfahrung, durch Studium, durch Reisen, durch an den Höfen erworbene, sanftmüthige Beredtsamkeit und anmuthige Leutseligkeit alle Städte und Stände in erwünschtem Wohlstande regieren könnten. Ich fand aber in Wahrheit, daß sie meist heimtückische, falsche, eigensinnige, eigennützige, theils auch unchristliche Leute und Tyrannen waren, die durch erlernte, welsche Künsteleien alles Wasser allein auf ihre Mühle zu leiten wußten, die allen gelehrten, redlichen Leuten spinnefeind, allen gerechten, gottliebenden Menschen gehässig und hinderlich waren; die ihre vertrautesten Freunde und Brüder mit den allerzierlichsten Worten und höflichsten Erbietungen, auch mit besonderen Liebeserweisungen über ein Bein zu Boden warfen; die durch gleißnerische Sanftmuth die Einfältigen zu hintergehen, die Aufrichtigen durch scharfsinnige Arglist umzuwerfen und zu verderben, die Städte und Stände, Herrschaften und Unterthanen mit erdichteten Auflagen in Mißtrauen zu setzen, gegen einander zu hetzen, zu trennen und zu plagen, mit großen Versprechungen zu gewinnen, durch kostspielige Aufzüge in Zerrüttung und gänzlichen Untergang zu stürzen gelehrt waren. Ich hatte gelesen, daß die Philosophen die weisesten Leute sein sollten: befand aber in Wahrheit, daß sie oft die größten Narren waren. Ich hatte gelesen, daß die Aerzte die Kranken heilen und gesund machen sollten: befand aber in Wahrheit, daß sie, ebenso gut wie andere, an denselben Krankheiten selber sterben mußten. Ich hatte gelesen, daß die Juristen die Gerechtigkeit lehren und befördern sollten: befand aber in Wahrheit, daß niemand dem Recht mehr hinderlich und schädlich war als eben die Juristen. Ich hatte gelesen, daß die Theologen heilige, unsträfliche Leute sein und das heilige Wort Gottes getreulich lehren sollten: befand aber in Wahrheit, daß grade viele derselben in unversöhnlichem Haß und Neid, in Ehrgeiz und Geldgier und andern Sünden und heimlichen Lastern lebten, ja daß sie das hochheilige Wort Gottes durch selbstausersonnene Beredtsamkeit und durch verdammliche philosophische Erklärungen schändeten und kraftlos machten. Demnach schloß ich: es ist wahrlich unsere Welt ein lauteres Spiel und all unser Wesen eine Spiegelfechterei. Und o wehe uns armen Menschen, die wir also weise, also gesund, also gerecht und selig werden sollen! Die wir unser Elend sogar nicht erkennen, noch uns daraus helfen können! Wehe unserm liebwerthen Vaterlande, das durch die Reisen in fremde Länder mit fremden Lastern so angefüllt wird, daß zu besorgen ist, Gott könne diesem Greuel länger nicht zusehen, sondern werde uns wie Israel zu nichte machen. Was das Schicksal will, kann durch keine Rathschläge, keine Künste, keine Mittel der Klugheit gemieden oder gebessert werden. Zu Gott kommt man durch Frömmigkeit allein, Gott will in Frömmigkeit nur angebetet sein. Man stellt sich wohl so, aber es ist doch wenig im Herzen; sie rümpfen die Stirn, zählen Schritt und Tritt, gehen und reden nach dem Takt und der Tabulatur , Tabulatur nannten die Meistersänger die Regeln der Verskunst, welche streng befolgt werden mußten. Es heißt also soviel wie »nach allen Regeln«. schelten auf alles, was nur ein wenig überzwerch geht: das ist der äußerliche Wandel. Wenn man aber den Mantel hinwegzieht und das Herz ansieht, so ist es anders; denn die man für die Besten hält, sind oft die Aergsten: ebenso wie bei den Franzosen viel Complimente wenig Herzlichkeit verrathen. Je mehr Worte, je minder Werk; je mehr Geschrei, je minder Wolle; je mehr Geschwätz, je minder Herz; je mehr Schein, je minder Gold. Es giebt Leute, die man für die Frömmsten und Heiligsten hält: die dem Glauben sehr ergeben, die nicht straucheln auf der Bahn des Rechts, tief erfahren in der Heilkunst, voll wissenschaftlichen Ernstes, von gradem Lebenswandel, kurz, reich an mannichfachen Titeln. Aber wenn ich das Herz recht auskundschaftete, so kam ich allemal zu dem unwidersprechlichen Schluß: diese Leute sind wahrhaftig nicht so, wie sie sich stellen; es ist Schminke, Falschheit und Heuchelei dahinter. Es stellen sich viele, als wollten sie etwas sein und sind es doch nicht; viele stellen sich nicht also, sind es aber doch. Daher sagt der Spanier: der Spanier stellt sich weise und ist närrisch; der Franzmann stellt sich weise und ist närrisch; der Italiener stellt sich närrisch und ist weise; der Deutsche stellt sich närrisch und ist weise. Viele wissen sich mit Worten vor den Leuten nicht gering genug zu machen und zu demüthigen, nur damit sie mehr vorgezogen, mit großen Namen geehrt, geziert und gelobt werden, während sie anderswo ihre Pfauenfedern gewaltig hervorthun, die sie doch in christlicher Demuth sinken oder gar ausreißen lassen sollten. Solche scheinbare Sanftmuth ist der ärgste Stolz und die ärgste Ehrsucht: es ist Heuchelei, Schmeichelei, Liebkosen, heimliche Bosheit, heimliche Arglist, heimlicher Geiz, heimlicher Neid, heimliche Mißgunst, heimliches Irgendwas. Bei dem gemeinen Manne findet es einigen Schein, von verständigen Leuten wird es gemerkt und endlich verlacht; der gemeine Mann läßt sich überreden, wenn man sich nur nach seiner Noth und seinem Anliegen zu stellen weiß, er denkt nicht daran, was für Geschmink und Falschheit dahinter steckt. Nimmermehr aber kann es da etwas Redliches sein, wo man so sehr hinter dem Berge hält, wenn man Brei im Munde hat und dem Kinde nicht will den rechten Namen geben. Viele können schwerlich leiden, daß von ihrem Nächsten irgendetwas Löbliches geredet und gerühmt werde, es verdrießt sie das im Herzen, als ob ihnen dadurch etwas an ihren Ehren genommen würde; sie schmälern auch selbst, wo nicht durch öffentliches Afterreden, so doch durch heimliches Einhauen, heimliches Ohrenblasen, wie sie ihrem Nächsten möchten eins auswischen, ihm möchten eine Klette anhängen, ihn durch die Hechel ziehen, an seinem Glück und seiner Wohlfahrt hindern, insonderheit mit dem verkleinernden Aber. Sie stellen sich mitleidig, thun als wollten sie dich loben: jedoch mit einem schändlichen Aber stoßen sie alles, auch dich selbst, wieder zu Boden, bringen dich von Ehren, von Hab und Gut und mit Weib und Kind unbarmherzig in Elend und Verderben. Das ist der Welt Sitte: wir spiegeln uns und kitzeln uns mit fremder Thorheit und bedürfen doch selbst alle wohl, daß uns einer die Hand reicht. In solchem Welthandel dachte ich: nun helf dir Gott, Philander! Mußt du dich in diese Weltköpfe alle schicken, was wird es dann noch für Angst und Arbeit kosten! Welche Drangsal und Verfolgung wirst du noch von Schelmen, von Dieben, von Zauberern leiden müssen? Heuchelst du nicht mit, sondern wirst wie ein redlicher deutscher Michel frei durchgehen und aus gutem Herzen alles meinen, reden und thun wollen? Dann wird man deiner wenig achten. Heuchelst du aber und thust also, welche Gefahr dann deiner Seele! weil Gott keine falschen Leute, die aus Furcht oder Heuchelei ein Ding thun oder lassen, sondern nur redliche Leute will im Himmel haben. Ich beschloß also, obschon durch böse Zungen gar oft ein frommer Mann, der alles dulden kann, aus seinem Ort gedrängt ist, doch lieber zu leiden als zu lügen, lieber Esel zu sein als ein falscher Hund: Offenheit ist besser als List. Dabei dachte ich aber, es möchte vielleicht nur in meinem Vaterlande so beschaffen sein, anderswo aber redlichere Arbeit und bessere Belohnung geben. Um das recht eigentlich zu erforschen, nahm ich mir alsbald in unschuldiger Einfalt vor, über den blauen Berg in ein anderes Land und Reich zu ziehen und zu sehen, ob daselbst Treu und Glauben, Religion und Redlichkeit auch so vermummt wären, oder besser zu finden, ehrlicher gehalten und belohnt würden. Zu diesem Ende zog ich im Frühling in Gottes Namen davon und nahm meinen Weg über Nancy in Lothringen auf Paris zu ... Als ich Abends daselbst ankam und in der Herberge zum heiligen Nicolaus einkehrte, begab es sich, daß zwei Priester mit zu Tische saßen, Namens Louis von Ainuille und Karl Foussat von Alsdorf; dieselben sagten mir, daß man morgenden Tags einen Besessenen unfern von da in Notre Dame de Bon-secours , vor St. Nicolaus Pforte, beschwören wollte; wenn ich nun Willens wäre, selbiges mit anzusehen, so wollten sie mir dabei behilflich sein. Ich nahm ihr Anerbieten mit Dank an; dann schlief ich nach geschehenem Nachtwunsch in Gottes Namen ein. Früh Morgens fand ich mich mit meinem Wirth an dem bestimmten Orte ein; da trieb mich denn mein Vorwitz, wie auch die andern, so daß ich gar sehr ins Gedränge gerieth, dem einen hier, dem andern da einen Stoß versetzte, weil jeder der Vorderste sein wollte. Als mir aber die Zeit zu lang wurde, und ich eben wieder zur Stadt zurückkehren wollte, da begegneten mir zu gutem Glück die obengedachten Priester und redeten mir zu, wieder mit umzukehren und mich weder Zeit noch Mühe deswegen verdrießen zu lassen, und führten mich durch eine kleine Thür hinein zum Altar. Alsbald sah ich einen Menschen von scheußlichem, schrecklichem Angesicht, mit zerrissenen Kleidern, dem standen die Haare auf dein Haupte wie Igelstacheln, seine Stirn war gefalten wie ein Rock, die Augenbrauen gekrümmt wie ein Bogen, die Augen glänzend wie eine Fackel, mit schäumendem Maule wie ein Roß; der fing an jämmerlich zu schreien und greulich zu zittern: er zischte wie eine Schlange, knirschte mit den Zähnen wie ein Eber, blähte den Mund auf wie ein Blasebalg, sperrte die Kehle auf wie ein Schlauch, zerkratzte mit den Händen sein Angesicht und zerschlug sich die Brust und zuletzt, als ob er gestorben wäre, sank er zu Boden und gaffte mit wüsten Gebärden gen Himmel. – O Gott! sprach ich und schlug ein Kreuz, was ist das! und ein Geistlicher, der bei ihm stand und ihn beschwören wollte, sagte zu mir: »Da seht Ihr den elenden Menschen, der vom bösen Geiste besessen ist.« Alsbald hob der böse Geist an in ihm zu reden und rief: »Du Pfaff' hast's erlogen, denn nicht ein Mensch ist von einem bösen Geiste besessen, sondern ein böser Geist ist von einem Menschen geplagt. So wisset nun, daß wir Geister, wider unsern Willen gezwungen, bisweilen in den Menschen, insonderheit in den Schergen wohnen. Darum, wenn ihr mir meinen rechten Namen geben wollt, so sagt nicht, dieser ist ein besessener Mensch, sondern es ist ein verteufelter Scherge, ein verschergter Teufel, ein Teufelsscherge, ein beschergter Teufel; denn die Menschen können sich insgemein viel besser vor dem Teufel durch das heilige Kreuz segnen und hüten, als vor einem Schergen, daher sie auch Allerwelthaß genannt werden. Auch wenn man unser Wesen und der Schergen Thun gegen einander stellt, so ist es gleichförmig in allen Stücken; denn gleich wie sich die Teufel abarbeiten und geschäftig umherlaufen, damit die Menschen gestraft und verdammt werden möchten, so thun es auch die Schergen und warten mit Verlangen, wo der Richter ihnen einen Angriff zu machen befiehlt. Die Teufel wünschen, daß die Welt nur voll böser Buben wäre; dasselbe wünschen auch die Schergen, damit sie immer zu jagen, zu klagen und zu nagen haben, und sie thun es viel eifriger noch, weil sie ihres Lebens Nahrung in dieser Gestalt suchen und erhalten. Darin sind denn die Schergen noch ärger als die Teufel, denn sie thun demjenigen Böses an, der doch ein Mensch ihres Wesens und Geschlechts ist und ihnen oftmals Gutes erwiesen hat; das thun die Teufel, obschon sie aller Gnaden beraubte Engel sind, aber nicht. Darum höre auf, Pater, denn es ist alles vergebens mit deinen Gaukeleien und Beschwörungen; wenn der Teufel einen Menschen einmal in seine Schlinge bekommen hat, so ist er, wenn ihn Gott nicht erlösen wird, nicht wieder zu retten. So war es besonders mit diesem Schergen, dieweil ja die Schergen und Teufel eines Handwerks sind, nur darin unterschieden, daß jene verkleidete und vermummte Teufel sind, diese aber unbeleibte, unsichtbare Teufel und ein verdammtes Leben in der Hölle führen, grade wie die Schergen auf Erden.« Während ich nun den verdammten Geist mit Verwunderung also reden hörte, fuhr indessen der Pater mit seinen Beschwörungen fort, und um den Teufel vermeintlich stumm zu machen, besprengte er den Menschen oftmals mit Weihwasser, worüber der Besessene heftig tobte, mit den Zähnen ein solches Klappern und mit den Augen eine so scheußliche Gestalt hervorbrachte, daß den Umstehenden recht angst und bange wurde und die Wände davon zitterten. »Meinet nicht,« sprach der Geist, »daß solche Kraft dem Weihwasser zuzuschreiben ist, daß ich so tobe und wüthe; das geschieht allein wegen der Natur des bloßen, puren Wassers; denn nichts fliehen die Schergen ihrer Gewohnheit nach mehr als das Wasser, so daß, wenn uns die Schergen in der Hölle nütze wären, wir sie mit Darreichung eines einzigen Glases Wein im Sprunge zu uns bringen würden. Und damit ihr ja sehet, wie die Schergen so gar nichts nach heiligen und geistlichen Dingen fragen, so wisset, daß man sie vor Jahren Gerichtsknechte genannt hat, welchen Namen sie nach ihrem Handwerk in Häscher verwandelt haben, weil sie die Leute haschen, schieren und scheeren, daß sie oft verzweifeln müssen.« Als der Pater, sich bekreuzigend, das hörte, sagte er zu mir, daß ich mich durch des Bösewichts Spottreden nicht beirren lassen möchte, da er tausend Schelt- und Schmähworte wider die heilsame Gerichtsbarkeit und deren Diener ausstieß, weil sie die Gottlosen straft und sie dadurch auf den rechten Weg und zu ihrer Bekehrung leiten wollte, so daß viele Seelen aus des Feindes Banden, darin sie gefangen lägen, könnten erlöst werden. »Untersteht euch nicht, euch mit mir in Disputationen einzulassen!« rief der Teufel; »ich habe mehr erfahren und gelernt als ein Pater. Machet nur, daß ich von diesem Schergen erlöst werde, ich bitte darum; denn so ein stattlicher Teufel, wie ich bin, sollte sich billig schämen, in eines Schergen Leibe länger zu wohnen.« »Das soll, sprach der Pater, so Gott will, bald geschehen, damit der arme Mensch von dir befreit werde. Warum, möchte ich wissen, plagst du den armen Leib so?« »Darum, sprach der Geist, weil seine Seele und ich miteinander in Streit gerathen sind, wer der ärgste Teufel von uns beiden sei, der Scherge oder ich.« Das Geschwätz wurde dem Pater überdrüssig; ich aber bat ihn, mir zu erlauben, daß ich den Besessenen etwas fragen dürfte, vielleicht könnte es mir, dachte ich, nützlich sein, ob es schon des Teufels Meinung nicht war. Er erlaubte es mir. Indem fuhr der Böse immer fort und sagte: »Bei Fürsten und an großer Herren Höfen haben wir auch viele Freunde und Bekanntschaften; niemand aber leistet uns dort größere Dienste als eben das Schergengesindel, die Schelme, Diebe, Zauberer und Fuchsschwänzer; die ersteren, weil sie ihre Bosheit durch freundliche Gesichter und Gebärden verbergen, diese, weil sie ihre Herren bestehlen und verlassen.« Hat es auch Poeten in der Hölle? fragte ich. »Ja freilich, antwortete der Teufel, es wimmelt und wibbelt darin; darum hat man vor einigen Jahren ihr Quartier erweitern müssen. Allda ist zu sehen, wie, wenn ein neuer Schwärmer von ihnen ankommt, er seine Begrüßungsschreiben einhändigt in der Hoffnung, die erhabenen Gottheiten, die die Dichter begeistern, wie Charon, Cerberus, Minos, Pasiphan, Megära, Medusa, Proserpina, Pluto, Aeolus, Rhamnusia, Neptun, Bacchus, Juno, Venus, Kupido, Mercur, Jupiter, Apollo, Diana und andere zu finden und zu begrüßen.« Weil mich das ein wenig verdroß, fragte ich, was denn die Poeten in der Hölle zu gewärtigen hätten? Da antwortete der Geist: »Was darfst du viel fragen, wie es in der Hölle zugeht? Du wirst es schon erfahren, wenn du hineinkommst.« Darauf sagte ich, davor wird mich mein Herr und Heiland Jesus Christus, der den Teufel überwunden hat, wohl behüten. Darüber tobte der Geist und sprach: »Ich meinte, ihr Menschen hättet bei und an euch selbst Hölle genug, denn ihr lebt so auf der Welt, als ob kein Gott im Himmel wäre und ihr mit aller Macht in unsere Hölle wolltet. Ich will dir eure höllischen Handlungen, die ihr auf Erden verübt, sein nacheinander herzählen. Du hörst die Poeten so gern loben, weil du auch einmal einer hast sein sollen: ist es nicht so, daß ein Poet soviel Pein und Marter in seinem Herzen leidet, sovielerlei Einfälle er im Kopfe hat? Etliche werden in der Hölle zur Belohnung gepeinigt, wenn sie ihrer Mitmeister und Mitgesellen Werke und Gedichte, Grillen und Possen lesen hören: und so geschieht es auch bei den Musikanten. Etliche haben ihre Belohnung darin, daß sie nach vielen hundert und tausend Jahren nicht aushören können, ihre Verse zu revidiren und zu corrigiren. Einer giebt sich mit der Faust einen Stoß vor die Stirne; ein anderer kratzt sich hinter den Ohren; einer krabbelt sich in der Nase; ein anderer läuft neun Meilen Wegs in seinen Pantoffeln und weiß nicht, daß er aus seiner Studierstube gekommen ist; ein anderer hat keine Ader (das heißt, die Grillen wollen ihm nicht steigen), er habe denn getrunken. Ein anderer seufzt; ein anderer summt und brummt wie eine Hummel in der Trommel; ein anderer verkehrt die Augen wie eine Geiß, die geschlagen oder gestochen wird, und dennoch können sie noch heut zu Tage nicht finden und errathen, ob man sagen solle vultus oder facies , scripsit oder scribsit , sumptus oder sumtus , optimé oder óptime , sollicitus oder solicitus , und ob diese oder jene Silbe lang oder kurz ist. Einige, um ja nicht neben die Schnur zu hauen, gehen, rennen auf und ab, nagen sich die Nägel an den Fingern ab bis aufs Blut, wie Unsinnige, und bei diesem tiefen Nachsinnen fallen sie in verdeckte Gruben, daraus man sie nur mit großer Mühe bekommen kann. Die komischen Dichter aber sind die ärgsten und haben gerechte Strafe zu erwarten, weil sie so manche Königin, Prinzessin und Göttin ihrer Ehre beraubt, so viele ungleiche Heirathen gekuppelt und so viele rechtschaffene Cavaliere – bei diesem Worte forschte ich von dem Geist, ob es einen Edelmann, einen Soldaten, einen Junker oder Knecht benamsete? Worauf er antwortete: »Wir haben in der Hölle schon manchmal deswegen Rath gehalten, aber kein Teufel hat noch das Richtige finden können« – ihrem Vorgeben nach so schimpflich und treulos angeführt haben, wie es im Amadis, den Schäferspielen, der Diana des Monte Major, im Löwenritter, Tristram, Peter mit den silbernen Schlüsseln Es sind aus dem Französischen stammende Romane, die im 16. und 17. Jahrhundert die Lieblingslectüre ausmachten. Peter mit den silbernen Schlüsseln ist auch unter dem Titel »Die schöne Magellone« bekannt. und andern gleichen Geschichten zu sehen ist. Und diese Poeten sind ärger als die andern, weil sie so viel List und Ränke, so viele Künste und Schelmenstückchen erdacht haben, weswegen man ihnen in der Hölle ihr Quartier bei den gewissenlosen Procuratoren und Prozeßmachern angewiesen hat, als Leuten, die in diesen Stücken vor andern wohl erfahren sind. Ihr Menschen sollt wissen, sprach der Geist weiter, daß es in der Hölle unvergleichlich besser hergeht und eine viel richtigere Regierung und Ordnung herrscht, als bei euch auf der Welt; denn da ist weder Vetter noch Base, weder Schwieger noch Tante, weder Vorzug noch Vorschub, weder Gunst noch Ansehn der Person. Das ist daraus zu ersehen, daß, als neulich ein großer Trupp fremder Gäste anlangte, darunter der erste ein armer Nadler war, und man diesen den Schlossern zugesellen wollte, einer unter uns den Rath gab, ihn zu den gewissenlosen Notaren und Schreibern zu bringen, als zu Leuten, welche können die Feder spitzen und durch spitzfindige Worte manchen ehrlichen Mann um das Seine bringen. Ein anderer, der da sagte, er wäre ein Schneider, wurde gefragt, ob Bruchschneider oder Wappenschneider? Worauf er antwortete, er wäre ein Kleiderschneider. Denselben hat man zu den Fuchsschwänzern, Lügnern und Suppenfressern gelegt, als Leuten, die einem ehrlichen Manne seinen guten Namen, seine Ehre und Leumund beschneiden, wie jener die Kleider. Ein Blinder, welcher nach dem Beispiel des Homer meinte, bei den Poeten herbergen zu können, wurde zu den Buhlern gewiesen, wegen der Eigenschaft, die sie mit einander gemein haben. Ein Todtengräber, ein Marketender und Garküchenbesitzer, welche Katzen für Hasen, Pferdefleisch für Wildpret und Mücken für Rosinen verkauft hatten, sind bei den Pastetenbäckern einquartiert. Ihrer fünf oder sechs, die sich für Narren ausgaben, sind zu den Astrologen und Alchimisten, Kalenderschreibern und Goldmachern geführt worden. Einer, der gestand, er hätte einige Todtschläge begangen, wurde zu den ungelehrten Herren Aerzten geführt. Eine Wäscherin wurde zu den Wirthen gewiesen, weil diese den Wein so gut waschen können. Ja, Lucifer selbst hat, wenn er zur Tafel sitzt, jedesmal dergleichen Weinschenken vor allen andern bei sich sitzen, die ihm Bescheid thun müssen, weil sie nämlich des Schwefels im Wein besser als jemand anders gewohnt sind; denn die Wirthe und Säufer gewöhnen sich durch das gepichte Bier und den geschwefelten Wein an das Feuer, das Pech und den Schwefel in der Hölle. Ein Ziegelbrenner wurde zu den Gewürzkrämern gewiesen, weil er vordem mit gebranntem Lehm und Ziegelmehl bei ihnen Handel getrieben hatte. Ein Seiler, der bei den Kauf- und Handelsleuten unterzukommen meinte, ist zu den Werkheiligen gewiesen, die durch ihre eigenen Werke (doch nicht ohne Hanf) reich und gerecht werden wollen. Eine Nähterin und Sängerin kamen in Gesellschaft daher und ließen sich bei etlichen Hofdamen anmelden; aber sie wurden den Franzosen überwiesen, welche sie bei denen einquartierten, die sie enfans perdus oder verlorene Schildwachen nennen. Eine Gärtnerin hat man auch zu den Wirthen gewiesen, weil sie ebensogut das Wasser unter der Milch, als jene unter dem Wein, wohl und theuer verkaufen könnte. In Summa: es ist auf Erden keine Stätte und kein Land sowohl bestellt als es in der Hölle ist, wo es einem jeden so widerfährt, wie er es Ehren halber verdient, was auf Erden immermehr wird gerathen und ins Werk gesetzt werden können. Und damit ich dir die allergrößten Heimlichkeiten, die ihr mit höllischem Wesen auf der Welt übt, vollends aufzähle, so muß ich von der unseligen Schandliebe sprechen; denn die Liebe ist wie ein großer Fleck oder ein Maß Oel, das ein ganzes Kleid schändet. Einige sind verliebt in sich selbst, einige in ihr Geld, einige in ihre Schriften, wie die Poeten, die mehr Liebe zu einem ihrer ungeschickten Verse tragen, als mancher Vater zu seinen wohlgestalteten Kindern. Ja, wie wüste, garstige Kinder ihre Mutter belustigen, so fuchsschwänzen und liebkosen die Poeten ihre häßlichen Verse, und einen jeden Schreiber betrügen seine eigenen Schriften und täuschen ihn vor den Ohren. Einige sind verliebt in ihre Weiber; deren sind aber am wenigsten zu finden, weil die Weiber entweder durch ihre halsstarrigen Köpfe, oder aber durch ihren Ungehorsam, durch Unfreundlichkeit, Unsauberkeit und andere Untugenden ihren Männern vielmals Ursach geben, die Hochzeit zu bereuen; insonderheit die schwatz- und waschhaften, die den armen Männern am meisten Mühe und Sorge machen. Andere närrische Verliebte sind wunderlich anzuschauen, und mancher möchte meinen, er sähe in einen Kram- oder Paternosterladen, da sie mit mancherlei Farben von Nesteln, Bändern, Binden, Schleifen und anderen Sachen, die sie Zierrathen nennen, an Haut und Haaren, an Hosen und Wamms, an Leib und Seele verkleidet, entstellt, behängt, beschlenkt, beknöpft und beladen sind. Andere haben so dicke Zöpfe und Haarlocken an und um sich hängen, wie die Mähnen junger Pferde. Andere, die man für Postboten halten möchte, sind dermaßen mit Briefen überladen, wie ein Mülleresel mit Säcken. Andere wieder sind vor Liebe todtkrank und können ihrer Meinung nach nicht eher genesen, bis sie die Arzenei von ihrer Liebsten selbst erhalten haben, wie es neulich erst Herrn Sejus, einem euch wohlbekannten Studiosus, ergangen ist. Andere nennt man unter uns Esel, ihr nennt sie gewöhnlich Gäuche; dieselben können am meisten ertragen, sie sind die geduldigsten und frömmsten; sie sehen alles, hören alles, riechen alles, greifen alles und sind daher sinnhafter als alle andern; ja sie leiden alles, sie dulden alles, und dennoch hat die Liebe bei ihnen kein Ende: Leute ohne Galle und Zorn, gleich wie die Lakaien und Beiläufer ohne Milz. Andere giebt es, die ohngeachtet ihres Alters, ihrer Natur, Neigung und Lust sich in Liebe alter Hadermatzen und Kupplerinnen annehmen; und diese sind am stärksten gefesselt aus Besorgnis, daß sie sich an den Teufeln selbst vergreisen könnten; denn so häßlich, schwarz und unfläthig wir auch aussehen, so dünkt es sie doch bisweilen, als ob wir Adonisse, Arethusen, Venusse, Narcissen und die allerschönsten, zierlichsten Bilder wären. Ueber niemand aber sind wir in der Hölle mehr erzürnt als über die Maler, weil sie mit uns umgehen, als ob wir ihre Narren, ihre Verdammten, sie aber unsere Herren und Teufel wären, indem sie uns herunterreißen und malen nach ihrem Gefallen bald mit Klauen und Griffen, während wir doch weder Adler noch Greife sind; bald mit Hörnern und Habichtsnasen, obwohl wir weder Böcke noch Vögel sind; bald mit langen Kuhschwänzen, als ob wir die Mücken abwehren sollten, welche Ehre und Würde unter uns niemandem gebührt als dem Beelzebub, dem Obersten und seinen nächsten Untergebenen allein; bald malen sie uns mit Barten wie indische Hähne. Der unter euch Menschen bekannte Maler Michel Angelo Buonarotti ward einstmals gefragt, warum er in seinem jüngsten Gericht uns unter sovielerlei Gestalten so gräßlich, so abscheulich, so wunderlich, so höhnisch und so fürchterlich gemalt habe? Da gab er zu seiner Entschuldigung diese kahle Antwort: er hätte sein Lebtag keinen Teufel gesehen, auch (wie die meisten Maler, Künstler, Hofleute und Hochgelehrte pflegen) viel weniger geglaubt, daß es eine Hölle und Teufel gäbe; dieses Verbrechen wäre also nicht seinem bösen Willen, sondern allein dem bloßen Wahn zuzuschreiben. Aber er hat nicht daran gedacht, daß Unkenntnis den Fehler nicht entschuldigt; hat er es nicht gewußt, so hätte er es wissen sollen. Es sind also die in gleichem Werth, welche wissen, was sie nicht wissen sollen, und welche nicht wissen, was sie wissen sollen. Was wir aus denjenigen Malern machen, die einem Hofschranzen und dergleichen Leuten zu Gefallen allerlei Stellungen und Abbildungen der menschlichen Gestalt und Leiber malen, vor welche uns die unvorsichtige Jugend heimlich führt, das ist nach ihren treuen Diensten leicht zu erachten. Durch die Bilder von nackten Leibern reizen sie Männer wie Weiber zur Wollust. Dies geht euch an, ihr Herren Maler, denn ›auch der gemalte Amor weiß zu reizen‹. Aber ›auch der geschriebene Amor weiß zu reizen‹, das ist euch gesagt, ihr Herren Poeten! Ein Ding ist, was uns über die Maßen verdrießt, das euch Menschen, insonderheit den Dienstboten, in euren höllischen Welthändeln ein gar gewöhnliches ist. Während vordem alles, was widersinnig herging, dem ›Niemand‹ zugeschrieben wurde, schiebt man jetzt alles auf die armen Teufel. Was sonst niemand will gethan haben, das hat der Teufel gethan: das thu' der Teufel! Alles dem Teufel zu! Das wolle der Teufel! Was zum Teufel ist das? Welcher Teufel hat das gethan? Welcher Teufel hat das gesagt? Welcher Teufel hat mich verrathen? Der Teufel hole den Schneider, wie hat er mir das Kleid verdorben! Wie hat er mich solange hingehalten! Wie hat er mir das zu kurz, das zu eng gemacht und mich bestohlen! Und es ist uns niemals mehr Unglück gewünscht, als der Schneider wegen; weswegen sie denn auch als Erben und liebe Kinder bei uns sein möchten. Die armen Teufel also werden eben schlecht behandelt und schändlich verehrt, obschon wir doch nicht so hungrig sind, daß wir alles, was man uns anwünscht, annehmen würden. Hat ein Lakai etwas Uebles gethan, ei, daß ihn der Teufel hole! sprecht ihr dann. Aber wisset, der Teufel begehrt deren keinen; denn der größte Theil unter ihnen ist viel ärger als die Teufel, sie sind uns ein sehr unnützes Gesindel in der Hölle, die weder zum Sieden noch zum Braten taugen. Der Teufel hole diesen Italiener! Aber wisset, er bedankt sich für diese Ehre; denn ein Italiener dürfte einem unvermerkt einen Dolch in den Buckel stoßen. Der Teufel hole diesen Spanier! Aber weil der Spanier Herrschsucht schon so bekannt ist, dürften sie sich wohl gar der Hölle unterfangen wollen. Zu den Türken mit all diesem Gesindel, denn er bedarf der Mauren, um die Heere der Janitscharen und Beschnittenen damit zu stärken!« – Unterdessen begab es sich, daß unter den Zuschauenden zwei mit Worten hart und bis zu Schlägen an einander geriethen; als ich danach sah, bemerkte ich, daß es ein Commissarius und sein Controleur oder Gegenschreiber waren, und der Teufel sprach: »Das sind die größten Diebe auf Erden.« Diese beiden verwiesen einander ihre Schelmenstücke. Da sie mir aber nach ihrem Gesicht und ihrem Thun sehr wohl bekannt waren, denn sie waren die Ursache an meines betrübten Vaterlandes Verderben und Untergang, sprach ich: Wenn der Teufel diese beiden Schindhunde und Marksauger, diese Klatscher und Anbringer, diese Urheber neuer Beschwerden, Auflagen und Leibes- und Seelendiensten nach Verdienst belohnen sollte, wie wunderlich würde es denen ergehen! »Ihr versteht leider nicht viel, sprach der Teufel alsbald aus dem Besessenen, daß ihr uns auch dergleichen loses Gesindel noch zuwünscht; denn ihr wißt doch, daß sie des Teufels ärgste Kinder sind, und wenn ihnen die Hölle nicht schon von Rechtswegen zugehörte, sie durch andere Mittel nimmermehr dahin gelangen könnten. Es ist jetzt an dem, daß wir sie womöglich ganz abschaffen, denn es ist ein recht undankbares Volk und so zur Bosheit abgerichtet, daß sie sich auch unterstehn, uns und unser Reich ins Verderben zu bringen, indem sie eine neue Auflage oder einen Zoll auf unserem Wege errichten wollen: wie neulich in den Niederlanden der hundertste Pfennig von allem Vermögen, der zwanzigste von jeder Wagenladung und der zehnte bei jedem Kauf den Reichen und Armen, Herren und Knechten ewig zu geben streng geboten ist, wie ferner neulich von jedem Fenster auf der Gasse, von jedem Schornstein im Hause, von jeder Stufe auf der Stiege. Da dergleichen Lasten sich von Tag zu Tag vergrößern und mehren, so ist zu befürchten, daß mit der Zeit durch unbillige Steigerungen der Preis dermaßen erhöht wird, daß schließlich Handel und Gewerbe, welche die Welt bisher mit uns gepflegt haben, in Rückschritt gerathen, was unseres Reiches endlicher Untergang und Verödung sein müßte. Wenn sie aber nicht bald von ihrem Beginnen abstehen und aus unserm Reiche verbannt werden, so sind sie ja noch ärmer als die andern Verdammten alle, weil, wie bekannt und offenbar, ihnen der Himmel ohnehin schon verschlossen ist.« Der Pater, der des langen Geschwätzes müde wurde, sprach endlich: »Wenn der Teufel wünscht, daß es keine Gerechtigkeit oder Gerichtsdiener auf Erden gäbe, so meint er auch, man müsse all diesem Geschwätz wider Gericht und Gerechtigkeit auch beipflichten.« »Ich meine ja,« sprach der Teufel: »es giebt keine Gerechtigkeit mehr auf Erden, und wenn du, Pater, die Geschichte nicht kennst, so will ich sie dir erzählen, wie Wahrheit übers Meer gezogen, Gerechtigkeit gen Himmel geflogen, Lüge und Gewalt auf Erden geblieben; und du Wirst daraus verspüren, daß ich ein wahrhafter Teufel bin: Es geschah, daß Wahrheit und Gerechtigkeit eines Tages sich entschlossen, miteinander zu reisen und beisammen zu wohnen; aber niemand wollte sie aufnehmen, denn Wahrheit war ganz nackt und bloß und hatte nicht viel Schmuck am Leibe; Gerechtigkeit sah sauer aus und achtete keines Menschen. Endlich als sie ohne Hilfreichung herum geirrt waren und niemand sich ihrer hatte annehmen wollen, wurde Wahrheit gezwungen bei einem Stummen einzukehren. Als Gerechtigkeit sah, daß allein ihr bloßer Name bei den Menschen geblieben und gebraucht würde, nur um alle Ungerechtigkeit, Tyrannei und Schinderei zu bemänteln und zu verbergen, bedachte sie sich kurz und kehrte wieder um nach dem Himmel, wo sie hergekommen war. Sie verließ daher eilends die Höfe großer Fürsten und Herzöge, wo ihr viel Schimpf von den Hofschranzen und Fuchsschwänzern widerfuhr. Sie verließ alsbald auch alle herrlichen Gewerbe und die großen Städte (wo man auf Gunst und Vetterschaft mehr sieht als auf Recht), und kam in ein kleines, elendes Dorf, wo sie bei einem schlichten Bauernschulzen einzog Namens Armuth, dessen Weib hieß Einfalt. Weil ihr aber etliche vornehme Herren aus den Städten Bosheit und Frevel gewaltsam nachsetzten, kam sie in ein anderes Dorf und ging dort von Haus zu Haus, ob sich jemand ihrer erbarmen und sie heimlich einlassen wollte. Weil nun Gerechtigkeit nicht lügen noch trügen kann und sie auf die Frage: wer sie wäre? rundweg sagte, ihr Name wäre Gerechtigkeit, da schlug ihr ein jeder die Thüre vor der Nase zu mit dem Bemerken, sie wüßten nichts von ihr, sie sollte anderswo Herberge suchen. Nachdem sie denn überall dermaßen abgewiesen worden war, ist sie endlich davon geflohen und gen Himmel geflogen, daß man seither nichts mehr von ihr hat sehen und erfahren können, als einige kleine Wortzeichen und unmerkliche Anzeichen, die doch so viel Zeugnis geben, daß sie vorzeiten auf der Welt war. Die Menschen, die noch ihres Namens gedenken, eignen ihr einen Stab oder ein Scepter zu, das oben eine Hand hat und das man Gerechtigkeit zu nennen pflegt. Aber es ist ein bloßer Schein, unter dem das arme Volk nur herum gezogen, gefesselt, betrogen und beraubt wird, ärger als von öffentlichen Räubern auf der Straße. – Diesergestalt also ist das menschliche Wesen in eine solche Verwirrung und Ueppigkeit gerathen, daß alle Leibes- und Seelenkräfte, alle Sinne und Verstand nur zum Uebervortheilen, Betrügen, Stehlen und Rauben gebraucht werden. Denn ein Buhler, stiehlt er nicht mit Wissen und Willen die Ehre einer Jungfrau? Stiehlt ein Vorspiegler nicht einem andern sein Gut ab durch seinen Verstand? Stiehlt nicht ein Gaukler einem andern sein Geld und seine gute Zeit ab, wenn er mit seinen Possen und Gaukeleien sich sehen läßt? Die Liebe stiehlt mit den Augen, die Wohlrederei mit dem Munde, der Musikant mit der Stimme und den Fingern, Herz, Sinne oder Ohren. Der beste Arzt stiehlt den Tod mit dem Leben, der Apotheker die Krankheit mit der Arzenei, der Wundarzt den Wehetag durch Schmerzen, der Kalendermacher den Himmel mit seiner Brille. Und dieser In dem vorliegenden alten Text ist ein Mann mit einem dornigen Glase in der Hand abgebildet. versoffene Kunz, stiehlt er nicht den Durst hinweg mit seinem knorrichten Glas voll Wassers? In Summa: sie sind alle Diebe und Diebsgenossen. ›Ich bin auch ein Dieb,‹ sprach jener arme Bauer, dem die Soldaten ein Pferd ausspannten. Damit er es sich erhalten möchte, sagte er: ›Ach, ihr Herren, laßt mir doch mein Pferd, ich bin auch ein Dieb.‹ Keiner ist so reich oder arm, so jung oder alt, so groß oder klein, der sich nicht etwas mit diesem Laster unter dem Schein großer Heiligkeit, großer Freundschaft und Wohlgewogenheit tugendsam befaßt hätte. Insonderheit aber die Schergen, die so geartet sind, daß ihr Menschen billig dasjenige wider sie sprechen solltet, was ihr wider uns zu beten gelehrt habt und gewohnt seid: ›Befrei' uns Herr.‹« Mich wunderte aber, daß er nichts von den Weibern gesagt hatte, da sie doch grade rechte Diebe sind und billig unter diese Zunft ihres Handwerks wegen müßten gezählt werden. Darauf fuhr der Besessene fort: »Sagt mir nichts von den Weibern, laßt sie, wo sie sind; wir haben ihrer in der Hölle übergenug, wir sind ihrer so überdrüssig und müde, daß einem davor angst werden möchte. Es ist eine sehr schlechte Lust, stets mit Weibern zusammen zu wohnen. O, was gäben die armen Teufel darum, wenn sie keine Weiber hätten! Seitdem Medusa, die alte Zauberin, gestorben, ist kein Stern mehr in der Hölle; und bei euch auf Erden erdenken die Weiber täglich soviele neue Trachten, soviele neue Spitzfindigkeiten und Listen, daß sie zu nichts nutze sind, als um steten Zank und Unfug anzustiften, und es steht zu befürchten, daß sie sich zuletzt auch an uns wagen, das Regiment an sich bringen und uns gar zu Siemännern Scherzhafte Benennung für einen Ehemann, der unter dem Pantoffel steht. Siemann und Erweib sagt man, wenn beide Gatten die Rollen tauschen. machen, wenn sie alle in die Hölle kommen. Das Beste an ihnen ist, daß sie uns nie um etwas ansprechen; auch haben sie, als verdächtige Personen, schlechte Freundschaft von uns zu erwarten, insonderheit die alten, häßlichen Vetteln, deren es sechsmal mehr in der Hölle giebt als schöne Weiber.« Als ich fragte, ob auch Arme in der Hölle zu finden seien? und der Teufel erwiderte, was ich denn unter dem Wort Arme verstünde, und ich antwortete: Ich meine denjenigen, welcher nichts hat noch besitzt von dem, was die Welt hat und hoch hält, – da rief der Geist: »O du ungelehrter Tropf, hast du denn niemals gelesen, was eurer vornehmsten Väter einer sagt: die Armuth ist ein Wegweiser auf der Straße, die zum Himmel führt? Und wenn er schon etwas zuweit greift, so heißt es doch: wer in der Noth sündigt, ist weniger schuldig. Es wäre auch unbillig, daß die Armen sollten verdammt werden, die doch nichts haben von alledem, das den Reichen die Verdammnis bringt. Daher sind die Armen nicht in unserm Staatenbuch eingeschrieben, und laß dich das nicht Wunder nehmen. Denn meiner Treu! wie könnte ein Teufel ärger sein als ein Ohrenbläser und Neidhund? Als ein falscher, untreuer Freund, den du aus Noth und Tod erlöst hast und der dich unterdrückt, wie ein gleißnerischer, scheinheiliger Schelm im Herzen? Als ein treuloser Lügner, der der einen Partei dient, damit er der andern dienen möchte? Was ist ärger, als böse, verführerische Gesellschaft, als ein ungerathenes Kind, Bruder oder Verwandter, der nichts anderes wünscht, als daß du todt seist und er dein Gut besitze, der sich stellt, deine Krankheit sei ihm leid, und dabei im Herzen wünscht, der Teufel hätte dich schon geholt? Das Alles ficht einen armen Mann nicht an; er hat keine Ohrenbläser oder Schmeichler, keinen, der ihm könnte etwas mißgönnen; er hat keine Freunde, weder böse noch gute, keine Fürsprecher, denn bei den Armen redet ein jeder für sich selbst, weil er kein Geld hat, nach dem Waidspruch der Armen: wer nichts hat, kann nichts geben. Er hat auch keine Gesellschaft; seine Kinder und Freunde haben seinen Tod weder zu wünschen noch haben sie davon zu reden: es sind Leute, die wohl leben und noch besser sterben. Einige sind in ihrem Stand so genügsam, daß sie ihr Leben, Handel und Wandel nicht gegen ein Königreich austauschen möchten, denn sie sind ein freies Volk, betteln, wo sie wollen, gehen hin, wo sie wollen zu Kriegs- und Friedenszeiten; sind frei von allen Auflagen und Zöllen, keiner Gerichtsbarkeit und Botmäßigkeit unterworfen, ohne Zank und Prozeß, kurz unangreiflich und unergreifbar. Sie sorgen nicht für den morgenden Tag und folgen darin den Geboten Gottes, wissen sich in die zukünftige Zeit zu schicken und von ihr alles zu erhoffen, die gegenwärtige gebrauchen sie, die vergangene haben sie vergessen. Wahr zwar ist es, daß die Armen ihre Hölle genugsam auf Erden haben; denn es ist so bei euch Menschen, jeder ist des andern Teufel oft mehr als der Teufel selbst. Damit ihr nun nicht zu befürchten habt, was das Sprichwort sagt: wenn der Teufel predigen muß, so wird gewiß die Welt untergehen, so bitte ich, Herr Pater, erlöset mich von dem Schergen, in dem ich geplagt werde; dafür sollt Ihr Dank haben.« Darauf wandte sich der Pater zu uns und sprach: »Nun kann man wohl sagen, daß auch Gott hierin seine Macht erweist; denn du böser Geist bist von Anfang ein Vater der Lüge und alles Betrugs, und nichtsdestoweniger hast du jetzt solche wahrhaften Dinge erzählt, daß wohl ein steinern Herz sich davon bewegen, erweichen und bekehren sollte.« »O, meinet nicht, daß das zu eurem Besten und Heil geschehen ist, sprach der Teufel nochmals; sondern es ist nur zu dem Zwecke geschehen, daß, wenn es zum Treffen kommen soll, sich eure Strafen umsomehr häufen: denn nun könnt ihr euch nicht mehr durch Unwissenheit entschuldigen, als ob es euch niemand gesagt hätte; eher müßten euch die Steine predigen, ja die Teufel selbst. Denn der Knecht, der des Herren Willen weiß, ihn aber nicht thut, der ist doppelter Streiche werth. Ihr alle aber, die ihr Zuseher und Hörer seid, seid rechte Heuchler; da stehet ihr, die meisten mit weinenden Augen, nicht weil ihr durch eure Sünde Gott erzürnt habt, sondern weil es euch Leid erweckt, daß ihr einmal aus der Welt hinweg müßt; und wenn es bisweilen auch geschieht, daß euch eure Sünden gereuen, so geschieht dies einzig und allein deswegen, weil ihr aus Mangel an Leibeskraft und in Folge des durch viele Jahre verbrauchten Leibes nicht mehr sündigen könnt oder mögt; es fehlt euch deswegen nicht an bösem Willen, den wir ebenfalls nicht ungestraft lassen, insonderheit an denen, die andere lehren und unterweisen sollten.« »Du bist ein Betrüger! rief der Pater; zweifle nicht, es werden sich hier viele fromme Seelen an deinen Reden und deinem Thun spiegeln und sich vor dir durch den Beistand Gottes zu hüten wissen. Aber ich sehe wohl, du meinst durch dein Geschwätz Zeit zu gewinnen, um den armen Menschen desto länger zu plagen. Darum beschwöre ich dich durch die Kraft und Allmacht Gottes und durch den heiligen Namen Jesus, daß du verstummest und diesen armseligen Menschen verlassest.« Da fuhr der Böse mit einem großen Brausen aus, und darauf wandte sich der Pater um und sagte zu uns: »Ihr Herren Freunde und Christen, wenn es auch das Ansehen hat, als habe der Teufel durch diesen armselig geplagten Menschen wie durch ein Werkzeug zu unserm Besten geredet, so ist doch gewiß, daß aus seinem Gespräch ein nachsinnender Christ vielen und merklichen Nutzen haben kann. Darum bitte ich euch Umstehende alle, daß ihr aus gerechtem Haß wider den bösen Geist und seine Wohnung diese Rede darum nicht verachten noch in den Wind schlagen wollt. Bedenket, daß ein gottloser König einstmals die Wahrheit geredet und prophezeiet hat: denn auch Speise genug ging von dem Fresser und Süßigkeit von dem Starken. Nun bewahre euch alle Gott, in dessen Namen ich euch segne, demüthig seine Allmacht bittend, daß diese traurige, schreckliche Geschichte zu eurer Besserung und Bekehrung gereichen möge!« – Zweites Gesicht Weltwesen Des vorigen Gesichtes Geschichte gab mir Grund, meiner Sache in Gottesfurcht weiter nachzudenken, weil ich gesehen und gehört hatte, wie gar genau auch die geringsten Verbrechen der Menschen gemerkt, erforscht und vergolten werden. Ich begab mich mit der Landkutsche von Nancy hinein nach Frankreich. Unterwegs las ich in den Reisebeschreibungen von Sincer, Eisenberger, Heymeyer, Steinberger, Henzner, Duchatius, Bertius, Janus, Secundus, Caspar Ens, Andreas Schott, Erpen, Atlas und andern, welche von dieses Königreiches Herrlichkeit und Vorzügen ausführlich geschrieben haben, damit ich wüßte, was in einem und dem andern Orte, insonderheit in der großen Stadt Paris zu sehen und zu beachten wäre, sintemalen diese Stadt von den meisten eine kleine Welt genannt wird. Und in Wahrheit: wer die Welt in einem Saal, in einem Sack, in einem Garten, in einem Garn, beisammen sehen will, der wird es in Paris gewißlich finden. Solange ich dort verweilte, verging mir der letzte Tag ebenso wie der erste. Jener Schweizer, der zwanzig Jahre in des Königs Leibwache gewesen war und doch noch nicht drei Worte Französisch reden konnte, gab zur Antwort, als er von einem Freunde deshalb gescholten wurde: »Was wollt ihr in zwanzig Jährlein lernen können?« Die Welt läßt sich in so wenig Jahren gar nicht erkennen; eines Menschen Leben ist viel zu kurz dazu, sein Herz ist viel zu träge; wenn er eben anfängt, den Trug und die Eitelkeit zu merken, so ist es auch an dem, daß er selbst ans Ende kommt und bald von hinnen muß. Wie große Lust der Mensch auch oft hat ein Ding zu erwerben, ebenso kleine Freude hat er hernach, wenn er es erworben. Unser Thun ist also: wenn wir Verlangen nach etwas haben, dann bilden wir uns wunderwelche Herrlichkeiten davon ein, haben wir aber unser Begehren erfüllt, so fangen alsbald die vermeintlichen, herrlichen Dinge an, uns Verdruß und Ekel zu erregen. Also ist's mit der Welt: sehen wir ohne weiteres Nachsinnen sie von außen, in ihrer Gestalt, ihrem Aufzug und scheinbarem Thun an, behüte Gott! welch' schöne Dinge bilden wir uns von derselben ein; nichts anderes, als ob sie ein lauteres Paradies, ein Lustgarten voller Herrlichkeit und edelen Wesens wäre, während doch, wenn wir ihr die Maske, den Vorhang nur ein wenig hinwegziehen und den Kern beschauen wollen, uns allem die bloßen Hülsen in den Händen bleiben und wir bekennen müssen, Eitelkeit und Wahn regieren die Welt. Mit diesen und dergleichen Betrachtungen hatte ich mich derzeit nicht wenig befaßt. (Meine Herberge war damals in der Faubourg Saint Germain, Rue de Seine, die Stadt Straßburg bei Herrn Courtin, neben zwei meißnischen, rechtschaffenen Deutschen von Adel, Herrn Karl von Diskau und Herrn Abraham von Loß; letzterer wurde von einem ehrlosen Wälschen in einem Kampfe als Secundant eines dänischen Adligen in die Brust gestoßen, starb nach zwölf Tagen und wurde nicht ohne Mühe begraben). Solchen Händeln also hatte ich mit einem Eifer nachgesonnen, daß ich, meines Kopfes fast nicht mehr Meister, davon lange Zeit gleichsam in einer Verzückung gelegen habe. Es däuchte mir, als ging ich in dieser großen Stadt oder Welt, um der Menschen Wesen und Wandel hier und da zu sehen und zu erwägen, wie verirrt umher; indem ich von einer Straße zur andern hin und her spazierte, da lachten die Menschen genugsam über mich, als über einen Albernen und Fremden, schalten mich einen langen Spanier, die Kinder liefen mir nach und warfen mich mit Steinen und Koth, und je mehr ich mich beeilte und befliß, den Leuten aus den Augen, aus dem Gespött und der Gefahr zu entkommen, umsomehr gerieth ich, wie man sagt, in die Brühe. Denn da kam ich in eine Gasse, Namens Hadergasse, nahebei der schlechten Bubengasse, die war allenthalben mit Tumult, mit Zanken und Beißen, mit Hauen und Schmeißen, mit Schlagen und Balgen erfüllt, so daß ich mit großer Mühe und Noth nicht ohne blutigen Kopf, den ich zum Zehrgeld davon brachte, hindurchdrang. Sodann kam ich in eine Straße, die Schwelgerstraße; da wurde ich gewahr, wie alles von Rasseln und Prasseln, von Schreien und Speien, von Fressen und Saufen, von Huren und Buben wimmelte. Dann kam ich durch mehrere andere bekannte Orte, wo es nicht besser als in den genannten herging; darüber verwunderte ich mich und bekümmerte mich zum Theil so sehr, daß ich mich im Ernst gar nicht mehr erholen konnte. Als ich nun wie Bauer Hansels Kuh ganz verblüfft dastand und nicht wußte, ob ich hinter mich oder vor mich gehen sollte (denn je weiter ich vorging, um so mehr, däuchte mir, gerieth ich ins Spiel), da hörte ich, wie mir eine Stimme nachrief: Abren madon badil cadilin pasin adum loron masaron damis bodi omis! Das ist eine Geheimschrift, welche von Joh. Trithemius in seinem Buche: Polygraphiae libri sex , Frkft. 1550, aufgestellt und entziffert ist. Jedes der obigen Worte bedeutet einen Buchstaben, aus denen sich der Name Moscherosch zusammensetzt. Ich ging aber dessenungeachtet fort, damit ich nicht etwa, wenn ich antwortete, erkannt würde. Bald aber hörte ich noch stärker rufen: Amolach bonefar astrafai acalachbchaba melan arabias morison osiel acanasor thombas Das ist eine Geheimschrift, welche von Joh. Trithemius in seinem Buche: Polygraphiae libri sex , Frkft. 1550, aufgestellt und entziffert ist. Jedes der obigen Worte bedeutet einen Buchstaben, aus denen sich der Name Moscherosch zusammensetzt. und als ich auch darauf nicht hören wollte, rief es weiter: »Hörst du nicht, du hebräischer Moyseskopf?« Weil mir nun die Stimme auf den Fersen war und ich mich zur Verhütung größeren Geschreis umkehrte, da sah ich einen ehrbaren alten Mann, der mir mit des Ortes gewohnter Ehrerbietung zusprach. Er war ohne Bart, wie ein alter Mönch, mit einer Pelzkappe auf dem Haupt, bekleidet mit einem Pelzrock, ein Barett in der Hand, einen Degen an der Seite, wie ein alter Rathsherr; seinem Wesen nach war er ehrbar und ernsthaft. In meinen fleischlichen Augen kam er mir vor als Rabbi Poppel Poy , Scheint ein fingirter Name zu sein, womit M. vielleicht auf eine bekannte Person anspielt. insonderheit weil er mir mit hebräischen Namen zugerufen hatte. Wiewohl nun die abgekürzten Worte Exp. Rob . Expertus Robertus = der erfahrene Ruprecht d. i. die personificirte Erfahrung. mit leserlichen Buchstaben auf seinem linken Aermel gestickt waren, was damals Brauch war, als man die Nase noch nicht mit dem Aermel wischte wie jetzt, und ich seinen Namen und Stand daraus unschwer errathen konnte, fragte ich dennoch aus erklärlichen Gründen: Wer seid Ihr, guter Freund? Es scheint, als ob Ihr mich nicht recht kennt und für einen andern haltet; denn obschon ich vor dieser Zeit den hebräischen Doctor Arx-mihi-firma-Deus Zu deutsch: Gott ist mir eine feste Burg. Hierunter ist der gelehrte Blankenburg , Professor der hebräischen Sprache zu Straßburg, gest. 1625, gemeint. fünf Jahre lang öffentlich und sehr fleißig gehört habe, so bin ich schließlich doch in dieser Sprache so arm, daß ich schwerlich mit גבא einen Hund vom Ofen locken könnte. Außerdem ist das ein seltsamer Name, den Ihr mir da gegeben habt, dessen ich mich billig wundere. »So sehr nicht, sprach der Alte: denn die Reichskammer mit der Rose Das Reichskammergericht, von Kaiser Maximilian 1495 gestiftet. In den Sitzungssälen war an der Decke eine Rose, das Sinnbild der Verschwiegenheit, angebracht. Der Ausdruck sub rosa , unter dem Siegel der Verschwiegenheit, ist bekannt. hat dergleichen Namen schon vor etlichen hundert Jahren im Rath gehabt, und derselbe ist nicht erst jetzt von mir erdacht worden, wie in vorliegenden Fällen unwillige Leute gern zu argwöhnen pflegen.« – Das ist wohl wahr, sagte ich hinwiederum; doch es ist bekannt, daß so wunderseltsame Namen allein oftmals einem ehrlichen Manne, und mir selbst schon, an seinem Glück hinderlich gewesen sind, weil viele Menschen der Meinung sind, daß ein seltsamer Name auch einen seltsamen Kopf an sich habe. »Das ist nicht ohne Ursache, sprach der Alte: das macht, weil viele junge Narren, wenn sie kaum das Alpha, Fitta, Gamma lallen können, ihre Namen nicht nur mit dem in lateinischer Sprache gebräuchlichen us oder ius , sondern auch mit ussius , mit igius , inus , anus und asinus mit Griechischem und Hebräischem verbrämen. Es will keiner mehr Roßkopf heißen, sondern Hippocephalus ; keiner will mehr Schneider, Schuster, Weber oder Schmied heißen, sondern sartor , sutor , textor ; ja dieses ist ihnen auch zu gemein, es muß jetzt sartorius , sutorius , textorius , faber und fabricius , nicht Schütz sondern sagittarius heißen, oftmals zu höchster Schmach und zur Verringerung ihrer selbst. Da aber das Urtheil vieler Menschen ungleich, widersinnig und betrüglich ist, so hast du dich deswegen deines von vielen deiner Voreltern ererbten, ehrlichen Namens nicht zu schämen.« Mein Name, sprach ich ferner, ist Philander von Sittewald. »Ja, sagte der Alte, so nennst du dich zwar jetzt; dergleichen ist von einem Ehrenmanne in ehrlichen Schriften und Handlungen oft geschehen; in Pasquillen aber und Schmähschriften, die auf das Persönliche und in böser Absicht verfaßt sind, zu thun, ist sträflich verboten. Dein Name ist mir sehr wohl bekannt; erinnere dich nur dessen, was ich vor Jahren mit dir in Deutschland, jenseit des Rheines zu Sittewald, wie du es nennst, an der Kinzig, wo ich dich das erste Mal sah, als du eben mit deinem werthen Freund König den alten Gruterus Janus Gruterus, geb. 1560 zu Antwerpen, war Professor und Bibliothekar in Heidelberg. Nach der Eroberung von Heidelberg 1622 wurde ihm seine schöne Bibliothek von den Soldaten zerrissen; er starb 1627. zu Tübingen besuchtest, wohlmeinend gesprochen habe, dann wirst du vor mir nicht viel zu verhehlen haben, sondern dich vor mir mit wahrer Vertraulichkeit und zwar zu deinem Besten gebaren.« Wie kommt es denn, fragte ich weiter, daß ihr so unlustig, wie mir däucht, ausseht? »Ich weiß wohl, antwortete der Alte, daß du dir nach Art der thörichten Jugend der Welt Unart noch wenig läßt zu Herzen und Gemüth gehen, sondern noch alles auf die leichte Achsel nimmst, mehr auf Kurzweil und Lust als auf den Nutzen siehst.« Ihr Alten seid doch wunderliche Leute, sprach ich; insgesammt könnt ihr nicht gut sehen und leiden, daß junge Leute auch etwas Freude und Kurzweil haben, sondern ihr seid darauf aus, wie ihr dieselbe gar abschaffen oder doch merklich wehren und hindern könnt, während ihr doch selbst, wenn ihr eures Alters und eurer Ehren wegen könntet, ein gleiches und mehreres nicht unterlassen würdet. O wie manchen unter euch verdrießt es manchmal, daß er jetzt nicht mehr so kann wie vordem! Es ist jetzt an dem, daß ihr abscheidend die Welt segnen und aus ihr weg müßt, ich hingegen erst einen oder zwei Schritte in dieselbe gethan habe. Darum laßt mich auch unbekümmert sein, da mir die Welt ebensoviel gilt wie einem andern. Darauf hub der Alte an zu lächeln und sprach: »Mein Kind, ich will dir weder deine Freude noch die vermeinte Wollust wehren; es ist fürwahr aus lauterem Mitleiden und Erbarmen geschehen, daß ich dich zurückgerufen habe, weil ich zu öfteren Malen gesehen und erfahren habe, wie die unbedachtsame Jugend der guten Zeit so wenig achtet und dieselbe so thöricht läßt vorüber schleichen. Denn, mein Lieber, weißt du auch wohl, was eine Stunde werth ist? Hast du auch jemals bedacht, wie hoch ein Tag zu achten ist? Wie theuer die Zeit zu schätzen ist? Ich glaube sicher, du weißt es nicht, weil du sie so übel anlegst und eine Stunde nach der andern sich unbemerkt verlieren läßt, die nimmermehr kann wiedergebracht werden. O des köstlichen und edlen Schatzes der Zeit! Wie wenig wird ihr Werth in Acht genommen! Hat dir die vergangene Zeit jemals versprochen wiederzukommen, wenn du ihrer bedarfst? Verstehst du wohl schon soviel in französischer Sprache, was das heißt: weißt du wohl das Feuer zu wägen, den Wind zu messen, die verlorenen Tage wieder zurückzurufen? Wahrlich nein; sie gehen und laufen dahin und kommen nicht wieder. Die Zeit ist gleich einer goldenen Kette: ein jeder Tag ist ein Glied, an dessen Ende, statt eines Kleinods, der Tod hängt, dem du vielleicht am nächsten bist, wenn du vermeinst, am weitesten davon zu sein. Denn, in Wahrheit, wie du dein Leben anstellst, daraus ist leicht die Rechnung zu machen, der Tod werde bei dir anklopfen, ehe du seiner magst inne werden. Ein Narr stirbt alle Tage aus Furcht, daß er dermaleinst sterben muß. Ein Gottloser aber lebt alle Tage, als ob er nimmermehr sterben sollte, und fühlt den Tod nicht eher als beim Scheiden, wo denn die Furcht so grausam bei ihm kommt, daß ihm weder an Leib noch an Seele zu helfen ist. Der aber ist weise, welcher alle Tage so lebt, als ob er jede Stunde sterben müßte.« Ich muß bekennen, daß ich auf solch Einreden des Alten mein Gemüth ermunterte und mich nicht wenig der Eitelkeit schämte, mit der ich bisher umgegangen war. – Aber welches ist euer Vorhaben? fragte ich nunmehr den Alten. »Meine Kleidung, antwortete dieser, und mein Aussehen geben genugsam zu erkennen, wer ich bin, und was ich beginne: nämlich ein ehrlicher Mann, dessen die Welt nicht sonderlich achtet, der aber die Welt lieb hat, und der auch, wenn es von Nöthen ist, die Wahrheit heraussagt. Ich bin der, wie du weißt, welcher an zwölf Jahre in Austrasia Der alte Name für den Osten des Frankenlandes; hier besonders Elsaß. vielmals mit dir und um dich gewesen ist. Jedermann giebt vor, er liebe und ehre mich; wenn ich aber zu ihnen komme, so ist nichts dahinter als bloße Worte, und das bekümmert mich dann, wie es an meiner ernsthaften Gestalt wohl zu sehen ist. Aber, mein Sohn, hast du Lust die Welt zu schauen, wie ich merke, so komm mit mir, ich will dich die vornehmste Straße führen, in welcher alles das beisammen zu finden ist, was sonst hin und wieder durch die ganze Welt nur stückweise anzutreffen ist. Ich will dir die Welt nicht in einem Spiegel oder Gemälde zeigen, sondern so wie sie in ihrem Wesen ist, denn was du bisher gesehen hast, ist nur die bloße Schale, der bloße Schein von dem, was ich dir fürder zeigen werde.« Wie heißt denn, oder um deutsch zu reden, wie nennt man denn die vornehmste Straße der Welt? »Sie wird, sprach er, Heuchelstraße genannt; sie ist die größte in der Welt, denn sie geht vom obern Thor bis zum untern, vom Anian Die Anianische Meerenge, welche Asien von Amerika scheidet. bis Magelhaen, von Nowaja Sembla bis Neu-Guinea, von Ormus bis Sevilla, von Grönland bis Sumatra, vom Kap der guten Hoffnung bis Archangel, von China bis Island. Die vornehmsten und kunstreichsten Gebäude darin sind: 1) am Eingang, ein schönes Portal, von zierlichen politischen Griffeln aufgeführt, mit der Ueberschrift: Male nisi deo Der Staatsmann dient dem Lande schlecht, wenn er nicht Gott vor Augen hat. 2) ein köstliches Haus von herrlichen juristischen Ausflüchten erbaut, mit der Ueberschrift: Male nisi proximo Der ist ein schlechter Jurist, der nicht auf seines Nächsten Vortheil sieht. 3) weiter hinein ein hohes, von weitem hellscheinendes Gebäude, neben einem Garten mit geistlichen Labyrinthen ausstaffirt, sammt der Ueberschrift: Male si in foro Ein schlechter Geistlicher, der sich in weltliche Händel mischt. 4) nicht weit davon ein niedriges, aber wohlgestaltetes Gebäude mit übertünchter und untermalter Arbeit, mit dieser Ueberschrift: Sol deo Nur Gott zum Dienst – geht auf die Baumeister und Künstler. endlich ein anderes viel schöneres Portal am Ausgange, mit galenischem Laubwerk, hippokratischen Läufen, äskulapischen Säulen und theophrastischen Grotten geziert, mit der Ueberschrift: Sibi soli Nur sich zum Vortheil – geht auf die Mediciner. Und es ist niemand unter den Menschenkindern, der nicht eine Wohnung oder doch wenigstens eine Kammer oder einen Aufenthalt in einem derselben hat. Einige wohnen beständig darin, andere zu Zeiten; andere ziehen nur durch ohne Aufenthalt nach Art und Manier der Gäste. Zum Exempel: den du an jener Ecke herkommen siehst mit einem Federbusch, goldener Kette und geschlitztem Kleid, ist ein Erzheuchler, denn er ist ein Pfeffersack, er will ein Junker sein, und sein Vater war ein Schneider; er sollte doch billig seines Herkommens gedenken und nachsinnen, wie er seinen Worten Kraft geben, als wie er den Jungen, der ihm nachfolgt, in sonderbare Farben kleiden möchte; hat kaum soviel im Säckel gehabt, daß er den Adelsbrief bezahlen und einen Stall, mit Gunst zu melden, kaufen konnte; der sich ohngeachtet aller Ehrbarkeit nicht mehr Metzger, nicht mehr Wagner, nicht mehr Müller, nicht mehr Hepp, nicht mehr Frett, nicht mehr Hett, nicht mehr Wett, sondern Herr von Metzger, Herr von Wagner, Junker von der Mühlen, Herr von Heppen, Herr von Fretten, Herr von Hetten, von Wetten will tituliret, titiliret, respectiret, reputiret, reveriret, ceremonisiret wissen, damit er unter die Altgeborenen vom Adel, unter die alte Ritterschaft nicht nur gerechnet, sondern denselben sogar möchte vorgezogen werden. Sieh' dort einen andern, der sich stellt, als ob er eines großen Fürsten und Potentaten Rath wäre, und doch mit seinem Verstand kaum einen Hund könnte vom Ofen locken. Damit er aber für denjenigen angesehen und gehalten werde, der er sein will, so stellt er sich dem Ansehen nach gar ernsthaft, sieht sauer drein, redet wenig, wiewohl er sonst über alle Maßen schwatzhaft ist wie eine Elster, wirft je zu Zeiten ein italienisches oder spanisches Wort mit unter, daß man meinen sollte, alle diese Völker habe er gefressen, trägt lange Hosen, geht langsam und sozusagen nach dem Schlag, Fuß für Fuß, als ob alle seine Schritte durch Euklid abgemessen wären, besieht sich hinten und vorn, ob er sich noch kenne, ob er noch der sei, der er gewesen, oder ob er der Mann sei, für den er sich jetzt selbst hält. Aber in Wahrheit ist er nur ein Heuchler, will der witzigste sein und andern rathen, während es ihm doch zu öfteren Malen an dem Verstande selbst mangelt. O, es gehört mehr dazu, als Einbildung, wenn man eines Fürsten Rath sein will; es muß großer Eifer und Fleiß da sein, ein unverdrossenes, ernsthaftes Gemüth; ein geschäftiger, fertiger Mann, der treu und verschwiegen ist, der niemand fürchtet als Gott, der nächst Gott niemand ehrt als seinen Herrn, niemand liebt als seinen Nächsten. Er soll in seiner Jugend viel gelesen, viel bereist und sich auch im Kriegswesen versucht haben, in allen Geschichten, sonderlich aber in der seines Herren Land und Leute betreffend, sehr erfahren sein. Wenn das nicht ist, so ist er billiger ein Ja-Herr als ein Rathherr zu nennen, der andern folgen muß in dem, was er selbst weder erfahren hat noch versteht. Sieh' ein wenig bei Seite und betrachte diese alten Narren dort, die sich, damit sie von allen, insonderheit von den urtheilfällenden Frauenzimmern, jungen Männern gleich geachtet würden, ihre Haare und Bärte mit schwarzer Farbe und bleiernen Kämmen aufstutzen, sich alle Tage die Backen mit dem Scheermesser schaben und schinden lassen. Die Thoren bilden sich ein, dergestalt den Tod zu bereden, als wenn sie noch lange zu leben hätten, wie wenn er die Zahl ihrer Monden nicht sollte wissen. Sieh' dort gegenüber etliche junge, naseweise Herrchen, die sich stellen, als ob sie bereits die Witze alle gefressen hätten; sie wollen alle durch ihr Aequivociren und Scholasticiren in ein Bockshorn treiben, wissen von nichts als aus Bartolus und Baldus, Galenus und Celsus, Bartolus und Baldus sind zwei der berühmtesten italienischen Rechtsgelehrten des 14ten Jahrhunderts. Claudius Galenus, geb. zu Pergamus 113 n. Chr., ist nach Hippokrates der berühmteste und scharfsinnigste unter den alten Aerzten. Aurelius Cornelius Celsus, ein in allen Gebieten des Wissens erfahrener Römer des 1sten Jahrhunderts der christlichen Zeitrechnung; besonders zeichnete er sich in der Arzneikunst aus. von nichts als von Attributis , Reservatis und Casibus conscientiae Verordnungen, Vorbehalte, Gewissensfälle. zu erzählen, scheuen sich nicht, den erfahrenen Alten vorzumalen, was für Sachen und wie sie diese zur Erhaltung des römischen Reiches Frieden und Freiheit nach der Verfassung anordnen und richten; sie wollen wissen und rathen und wissen nicht, daß senatus von senius juventus von juvenis herkommt. Weislicher handeln diejenigen, welche das Alter wegen seiner Erfahrenheit, die allein einen verständigen Mann macht, lieben und ehren. Es ist eine elende Blindheit der Jugend, wenn sie sich etwas dünkt und ihre Unwissenheit nicht erkennt. Durch großes Prahlen und Aufschneiden wird keiner weise, sondern giebt nur seinen Unverstand den Menschen umsomehr zu erkennen. Stillschweigen ist der Jugend beste Kunst, Red', ungefragt, macht Jungen nur Ungunst: Denn wenig reden und viel denken Bringt sichere Ruh und wenig Kränken. Schaue da drüben auf der linken Seite das prahlerische Männchen dort; du glaubst nicht, daß er allein aller Welt Witz gefressen hat? Noch darf er aus Eigenliebe sich dessen öffentlich rühmen; alle Menschen sind ihm Unmenschen, alle Gelehrten sind ihm Thoren und Narren, und es ist kein Stand, den er nicht zierlicher, passender und besser weiß vorzumalen, als je einer vom Anfang der Welt hat thun können: so haben alle Menschen vor ihm nichts verstanden, auch werden sie nach ihm und ohne ihn nichts verstehen können.« Wie so? fragte ich, und durch welche Mittel vermag er so große Dinge? »Vermittelst eines Brillenrohrs, das er la campa La campa oder auch gampa , ist ein unbekanntes Wort. zu nennen pflegt. Durch dieses Instrument entdeckt er nicht nur die Unvollkommenheit unserer bisher ausgeübten Philosophie, sondern auch die Richtigkeit der edlen Medicin, die Falschheit der herrlichen Jurisprudenz, ja sogar die Ungewißheit unserer unfehlbaren theologischen Glaubenslehren; ja er hat hirnverbrannter Weise auch ersehen, wie alle diese hohen Künste und Wissenschaften mit drei oder vier Buchstaben nicht nur reflexiv , Nicht nur von vorn, sondern auch von hinten. sondern auch archipodialisch einem jeden Phantasten unmerklich einzugießen sind, und er vermag also kraft dieser la campa mehr, als alle Rabbiner mit ihrem Schemhamphorias Ist hebräisch und bedeutet Jehova. Mit diesem Worte glaubten die jüdischen Geheimlehrer sich alle Geister dienstbar machen zu können. je vermocht haben.« Wann hat er denn, fragte ich, so hohe Geheimnisse erlangt? »Er kann, antwortete der Alte, mit dem Gras und den Kräutern reden, von denen hat er alles dieses erlernt.« Das möchte ich auch lernen, sagte ich. »Es ist dir unmöglich, sagte der Alte: Du bist zu hoch und zu weit von der Erde; dieser aber ist nahe beim Boden, darum hört er auch das Gras wachsen und hat so große Einbildungen von sich selbst. Aber so geschieht es eben, wer zuviel von sich selbst hält, von dem halten andere Leute umsoweniger. Solltest du wohl glauben, daß jener Köstliche dort ein Schneider ist? Gleichwohl ist er ein Schneider und bleibt auch ein Schneider sein Lebelang, obschon er an Kleidung keinem Adligen will etwas nachgeben. Das ist auch ein Erzheuchler. An Sonn- und Festtagen entstellt er sich dergestalt durch Seide, Sammet, Atlas, durch Silber- und Goldflecke und Stücke, Nesteln, Schnüre und Bänder, daß, wenn man alle Ellen in der Welt, alle Scheeren und Nadeln, alle Fingerhüte und Wachsknollen um Rath fragen wollte, wer dieser Esel wäre, sie ihn nicht mehr kennen würden; sein Stand und seine Tracht können sich in Ewigkeit nicht zusammen reimen. Die lose Heuchelei ist eben eine Seuche unter allen Ständen, auch bei den geringsten Handwerkern, die sich alle in ihrem Wesen selbst schmeicheln und liebkosen, so daß sich keiner mehr selbst recht erkennen kann oder mag. Ein kahler Schuster hält jetzt in seinem Sinn soviel von sich selbst, daß er anstatt seines gebührlichen Namens, ein Fußbekleidungserhalter, ein Herrenschuster zu sein sich träumen läßt. Der Küfer oder Faßbinder dünkt sich auch eines besseren Namens werth zu sein und nennt sich deshalb des Bachus Hofschneider, weil er dem Wein seine Kleidung zurichtet. Der Stallknecht träumt sich ein Stallmeister zu sein, der Kammerdiener ein Hofmeister, der Henker ein Hochrichter, weil er auf der Leiter sitzt, der Gaukler ein Zeitvertreiber, das Zechhaus Rathsstube, der Zöllner ein Schatzmeister, die Schöffen Stadtmeister, die Huren freundliche Jungfrauen, die Kupplerinnen gottesfürchtige Matronen, der Gauch ein geduldiger Hiob, Hurerei Freundschaft, Wucher Häuslichkeit, Betrügerei Geschwindigkeit, Lüge Aufrichtigkeit, Bosheit Wackerkeit; ein Bärenhäuter Ein Bärenhäuter ist ein feiger, gemeiner, nichtswürdiger Kerl. (Ueber die Entstehung des Wortes s. Simplic. Simplicissim. 3, 895 ff.) ein Friedliebender, ein Tollkühner ein Tapferer, ein Edelknabe ein Ehrenhold, der Lakai ein Trabant, der Schalksnarr ein Höfling, die schmutzigen Vetteln junge Mädchen, ein Esel ein Doctor, ein jeder lang Bemäntelte will ein Herr Candidat, ein jeder Balger ein Herr Kapitän, der da ein gutes Kleid anhat, ein tüchtiger Junker, ein jeder Glöckner Euer Würden, jeder Tintenfresser ein Secretär, jeder Klexer Edel, Ehrenfest und Hochgelehrt titulirt werden. Aber unter diesen allen ist keiner das, was er sein will, keiner will sein, was und wer er ist. Also ist eitle Heuchelei. Lüge und Trug in allen Ständen, und es heißt deswegen: die Welt wird durch den Wahn regiert und mit Titeln benennet. Wenn ich eben die deutsche Wahrheit reden soll, so haben Zorn, Schwelgerei, Stolz, Geiz, Ueppigkeit, Faulheit, Mord und viele tausend andere Sünden einzig und allein ihren Ursprung in der Heuchelei. Wie grob auch ein Mensch fehlt und irrt, er will doch alles unter dem Vorwande und Schein: er habe es nicht so böse gemeint, er habe es nicht so verstanden, er habe es um des Besten willen gethan, er habe diesmal nicht anders gekonnt, er habe es aus Noth und gezwungener Weise gethan, zu bemänteln und zu entschuldigen sich unterstehen. Aber die Hoffnung der Heuchler wird verloren sein, denn ihre Zuversicht vergeht und ihre Hoffnung ist ein Spinneweb. Denn wer ein Heuchler und Bösewicht ist, wie kann der Hoffnung haben? Wer sich hält und ausgiebt für den, der er nicht ist, wie kann der Hoffnung haben? Der Meißner also ist unter allen Sündern der hochmütigste und trotzigste, denn alle andern Sünder sündigen zwar auch wider Gott, aber ein Heuchler sündigt wider Gott, er sündigt mit Gott, er sündigt in Gott; er stellt sich heilig und ist doch ein Schelm im Herzen. Ob auch in Worten nichts von ihm zu hören ist als: seinem Gott; weiß Gott; unserm Gott; ich will meinen Gott zu Hilfe nehmen; unserm Gott sage ich's; weiß Gott, ich bin des Herrn Diener; Gott weiß, ich meine es gut mit ihm, er traue mir; weiß Gott, ich will ihn nicht betrügen; weiß Gott, ich habe ihm nichts Böses gethan; weiß Gott, ich habe Gutes im Sinne. Das sind heilige und gute Worte bei einem frommen Christen, ein Heuchler aber ist dadurch nicht mehr zu achten, sondern, weiß Gott, er ist ärger als ein Schelm, denn ein großer Schelm kann die Schelmerei gut verbergen, wenn er ein frommer Schelm ist.« In eifriger Unterredung kamen wir mitten in diese große Straße, worin ich das alles sah, was der Alte mir vorher gesagt hatte; wir begaben uns dann auf einen hochgelegenen Ort, von wo man alles gut beschauen und übersehen konnte. Das erste, was mir zu Gesicht kam, war eine Leiche, die man zu Grabe trug, begleitet von einer großen Menge Verwandter, Schwäger, Vettern, Basen und anderer erbetener Personen, die der Leiche nachfolgten und zu Ehren ihres Freundes, eines Witwers, dessen Weib eben gestorben war, das Geleit gaben. Er, der Leidtragende, war mit einem schwarzen Tuchmantel bis zur Erde verhüllt, hatte eine lange Trauerbinde um den Hut, die herabhing, hielt den Kopf gesenkt, als wollte er die Schlüssel suchen, schritt langsam einher, als ob er vor Mattigkeit erliegen wollte. Vor Bewegung und Mitleid sprach ich: Wie ist der arme Mann zu bedauern und zu betrauern, daß er in so großes Hauskreuz gerathen ist! O das selige Weib, die so innig von ihrem Manne und ihren Freunden beweint wird! O der betrübte Mann, der eines so edlen Weibes beraubt nun leben muß! »Ach, sprach der Alte, mein Sohn, nur gemach, nur gemach! urtheile nicht so schnell, denn das alles, was du da siehst, ist eitle Heuchelei und geschminktes Wesen; alles geschieht in angenommener, gezwungener Weise, es !st nur zum Schein vor den Leuten, es geht nicht von Herzen, ist lauter Scheinsal, und bald wirst du erfahren, wie sehr das innerliche Thun dem äußerlichen so gar nicht gleicht. Lies die Leichengedichte, die der Verstorbenen zu Ehren gemacht sind; höre das Gepränge der Abdankung, worin des Rühmens der Person, der Geburt, Herkunft, der Stammes-, Namens- und Standestitel, der freundlichen Frau, der lieben Frau, der frommen Frau, der trefflichen Haushälterin, des goldenen Herzens, des edlen Schatzes, des Trauerns und Klagens kein Ende ist. Wer wollte nicht meinen und sagen, daß all dieses prächtige Wesen um hoher Ursache willen angestellt und wahrhaftig wahr wäre? Aber wisse, das was in dem Sarg liegt, ist weniger als nichts, denn schon bei seinen Lebzeiten war der Mensch nichts, und dieses Nichts ist durch den Tod noch mehr verringert und noch nichtiger geworden; daher ist auch alle Ehre und Pomp, die man aufwendet, lauter Nichts, und es ist im Tode wie im Leben die unbeständige, flüchtige Eitelkeit das Beste. Gewiß ist es, daß dieses Mannes Weib in Ewigkeit nimmermehr so wäre gelobt worden, wenn sie am Leben geblieben wäre. Auch die scheinbar große Trauer, die die Nachfolgenden sehen lassen, geht weder von Herzen noch zu Herzen, sondern geschieht allein darum, weil es so Brauch und Gewohnheit ist, und weil sie zur letzten Ehre berufen und eingeladen sind. Sie wünschen zum Theil vielleicht lieber aus einer oder der andern ihnen bekanntem Ursache, daß der Teufel die Todte sammt der ganzen Freundschaft hinweg hole. Anstatt daß sie sich in diesem Beispiel spiegeln, sich der Sterblichkeit und ihres Endes erinnern und sich dazu geschickt halten, so fangen sie an, von der Verstorbenen letzten Willen und ihrer Hinterlassenschaft zu erzählen. Der eine sagt, er läge doch in Streit und Mißverständnis mit dem Leidtragenden, zudem sei er ihm doch nicht so nahe verwandt, und es nehme ihn Wunder, warum man ihn zum Begräbnis gerufen habe, da er andere weit wichtigere Geschäfte dadurch versäume, wie Geld einnehmen, Wechselzahlungen, Rathsverrichtungen, gräfliche und fürstliche Bestellungen. Ach, wer weiß, ob's wahr ist! Eine andere sagt, man hätte ihr die gebührende Ehre nicht angethan, sie hätte der Ehre und Verwandtschaft wegen wohl weiter vorn gehen müssen, der Teufel soll also künftig einem Freunde dienen: ich wollt', daß ihn die Hexen ritten. Einem ist die Verstorbene eine stattliche Haushälterin gewesen, einem andern ein unsaubrer Mistkarren. Der Witwer selbst ist so bekümmert nicht, wie er sich stellt, und wie du ihn ansiehst; er ist meist darum traurig, daß er soviel Unkosten bei dem Begräbnis aufwenden muß, das doch wohl mit minderem Gepränge und zu seinem geringeren Schaden hätte geschehen können. Er sagt bei sich selbst, wenn sein Weib je hat sterben sollen, hätte sie es vor langem thun können, ehe Apotheker und Doctor soviel Kosten aufgeschrieben hätten. So sehr bekümmert ist der gute Mann, daß er sich tausenderlei Gedanken macht. Aber welche? Wie, wo und wann er zum ehesten wieder freien wolle. Da kommen ihm viele schöne und annehmbare Heirathen in den Sinn, viele werden ihm tröstlich angetragen, so daß er nicht weiß, zu welcher er sich entschließen soll. Das große Leid wird also bald in Freude, die Trauer und der Tod in eine neue Auferstehung verwandelt werden.« Ich stand da und hörte dem Alten so fleißig zu, daß ich meiner selbst darob vergaß und das Maul aufsperrte wie ein Narr. Als ich mich wieder erholt hatte, sprach ich: Ja freilich ist das menschliche Wesen seiner Natur gar nicht gleich; ich will deswegen mich künftighin wohl bedenken ein Urtheil über etwas zu fällen, und die Sachen, die mir am wahrscheinlichsten vorkommen, will ich hinfort für die verdächtigsten und bezüglichsten halten. Indem erhob sich ein großes Geschrei, als ob man auf acht Stimmen zusammen heulen wollte; wir folgten der Stimme um zu vernehmen, was es bedeutete und fanden in einem Hause eine junge Witwe, deren lieber Mann erst kürzlich vor zwei Tagen gestorben war; sie schrie, heulte, seufzte und kluchzte dermaßen, als ob ihr der letzte Athem ausgehen und sie verzagen wollte. Bald schlug sie die Hände in einander, wand sich hin und her, raufte sich das Haar und ließ zu Zeiten mit verkehrten Augen einen Seufzer so tief aus dem Herzen heraus, als ob sie ihn aus dem Brunnen zu Breisach schöpfen müßte; was doch alles dem Verstorbenen nicht emen Heller nützte. Alle Zimmer und Kammern des Hauses waren ihres Zierrathes beraubt, die leidtragende junge Witwe saß in einem mit Trauertuch behangenen, finsteren Gemach, wo nicht eins das andere sehen konnte, was aber dem mäuseblinden Frauenzimmer zum besonderen Vortheil diente, da man nicht sehen konnte, wie manche Thräne herausgedrückt und herausgezwungen, und wie das Gesicht so scheußlich verstellt wurde, damit sie ihrer Traurigkeit möchte einen Schein und eine Gestalt geben. Eine der Gevatterinnen oder Gespielinnen, welche die Witwe in ihrem Leid nach der Gewohnheit trösten wollte, sprach: »Ach, liebe Frau Gevatterin, all Euer Trauern ist vergebens und umsonst, Ihr könnt das fromme Herz damit doch nicht wieder lebendig machen, schickt darum Euer Herz in Geduld und nehmt Euch ein Beispiel an mir, denn Euer Kreuz geht mir so hart zu Herzen, als ob es mein eigenes wäre.« Eine andere fing mit einem schrecklichen Seufzer an zu sprechen: »Liebe Nachbarin, Ihr solltet Euch nicht so sehr bekümmern, Euer Herr ist ein so guter Herr gewesen, daß ich nicht zweifele, er ist gewiß im Himmel; stillt demnach Euer Weinen, denn bei unmöglichen Dingen ist doch nicht zu helfen.« Eine Dritte sagte: »Liebe Schwester, du kennst den edlen Trost Geduld, Geduld; gieb dein Herz zur Ruhe, Gott wird dich bald wieder erfreuen,« und so wußte eine nach der andern ihren tröstlichen Waidspruch herzusagen. Jemehr die guten Weiber aber der Witwe zusprechen, umsomehr hebt sie an zu jammern und zu klagen und ruft mit halbgebrochener Stimme: »Ach, daß sich Gott erbarme, ich armes, elendes Weib, was soll ich thun? Ach, wer wird mich nun trösten und erfreuen? Wer wird mir nun meine Spindeln haspeln? Wer wird mir jetzt mein Betbuch vom Schrank langen? Hab ich doch keinen Menschen mehr, der am Sonntag bei mir am Zaunthor sitzt! Ach, was soll ich nun anfangen? Wer wird mich jetzt noch wollen? Ach, mein herzallerliebster Schatz, wie ist mir dein Abschied so schmerzlich! Ach, ich arme Witwe, wer wird sich meiner in diesem schweren Kreuz annehmen? Nicht ein Wunder wäre es, wenn ich mich zu ihm ins Grab legen ließ, ich begehre doch nicht länger zu leben, weil ich den verloren habe, den ich lieber hatte als die ganze Welt! O, ich unseliges Weib! O weh mir armen Witwe! Wer wird mich haben wollen! Wer hält mich! Ich springe in den Brunnen!« Zu diesem Figuralgeschrei kam dann das übrige ganze Chorgeheul, das die andern Weiber alle mit Nasenschnäuzen, Schluchzen, Kluchzen, Schnupfen, Husten, Räuspern, Ritschen, Wischen, Wäschen, Klappern und Pappeln anstimmten, so daß ich kein Wort mehr verstehen konnte. »Dies alles, sprach der Alte, ist der Weiber Ordnung und Weise, und meines Erachtens ihr gewöhnliches Purgier- und Arzneimittel, indem sie die boshaften Feuchtigkeiten und hartnäckigen Flüsse des Hauptes durch die Nasenlöcher und Augen austreiben, wie es bei den Mannsleuten die Tabaksnarren pflegen.« Ich aber erwiderte, daß meines Erachtens die gute Witwe billig zu betrauern wäre, die jetzt von aller Welt verlassen sei, daher auch die heilige Schrift sie allen, insonderheit der Obrigkeit und denen, die Recht und Gesetz zu sprechen haben, so hoch empfiehlt; denn wie reich auch eine Witwe an allen Mitteln sein mag, sie ist doch ein armes, elendes Weib, dessen man sich so lange annimmt und erbarmt, als man von ihr kann Nutzen und Vortheil haben; wenn sie aber der Hilfe am nöthigsten bedarf, so ist niemand, der sich ihrer ohne gesuchten Eigennutz, insonderheit gegen vornehme Herren, von Herzen will annehmen. Denn die Großen will niemand erzürnen, sondern es will jeder bei ihnen ein Gut oder Lehen verdienen, und es bleibt bei ihnen Gewalt für Recht. Ich bin ein Herr, Wer sich auch sperr'. Recht hin, Recht her, Ein jeder thu, was ich begehr'; Wer das nicht thut, Den kostet's Ehr' und Gut: Ich bin das Recht, Wer mir auch widerfecht't! Aber wehe denen, die der Witwen Sachen nicht recht in Acht nehmen, noch ihr Recht befördern helfen, so sie anders Recht haben. »Nun sehe ich wohl, sprach der Alte, daß du auch nach der Weise der eitlen Weltkinder deine Geschicklichkeit willst sehen lassen, und die Leute glauben machen, daß du ein stattlicher Theologe, ein geistlich gelehrter Doctor bist, während du doch warten solltest, bis ich dir die rechte Deutung von allem, was dir noch unbekannt ist, gegeben habe. Aber schwerlich kann ein Mensch, der sich dünkt gelehrt zu sein, soweit innehalten, daß er sich das nicht merken läßt; ein weiser Mann kann besser schweigen. Es ist zu besorgen, wenn sich der Fall mit dieser Witwe nicht gezeigt hätte, daß all deine Geschicklichkeit dir im Leibe verrostet wäre. Was nun die Witwe selbst anbelangt, so ist gewiß, daß sie dem äußeren Ansehen nach scheint, als ob ihr ganzes Herz nichts als Andacht, Traurigkeit und Kyrieleison ist. Aber die Kleider sind nur schwarz, das Herz ist grün und in frischer Hoffnung, bald wieder einen andern Mann am Zaunthor und an der Seite zu haben; ihre Thränen sind erpreßt und erzwungen, ihre äußere Gestalt ist Trügerei. Willst du aber das Herz erforschen, nun so lasse sie allein, daß sie niemanden sieht, dann wirst du den Betrug und die Heuchelei bald erfahren, nämlich wie sie sich so frisch zeigen und eine Sarabande Ein spanischer Tanz. singen und springen werde, so geil und rammeligt, wie die Katzen um Lichtmeß immer nur sein mögen. Bald wird auch eine ihrer Vertrauten kommen und nach der Weiber Art unter Thränen lächelnd sagen: »Liebe Gespielin, nur frisch und gutes Muths! Welchen Trost bringt das leidige Trauern? Ihr habt es besser, als Ihr selbst meint; ist auch schon Euer Herr und Mann gestorben, Potz Zipfel! – ich hätt' bald Potz Teufel gesagt –, Ihr seid noch jung und wacker genug, werdet Euresgleichen bald finden, wenn Ihr nur wollt das Leid um Euren Mann lassen; der und der hat schon ein Auge auf Euch geworfen; solltet nur 'mal mit ihm zusammen kommen, Ihr würdet des Verstorbenen bald vergessen. Wenn es mir darum zu thun wäre, o weh, ich würde gleich morgen früh fragen lassen, ob er gut geschlafen hat, ich würde mich bald entschlossen haben.« »Wahrlich, liebe Nachbarin, wird eine andere sagen; wenn's an mir wäre, ich wollte mich bald bedacht haben; einer verloren, zehn wieder gefunden; ich wollte schon dem Rath folgen, den Euch meine Gevatterin da soeben gegeben hat; denn wahrhaftig, der und der hat eine große Neigung zu Euch, man merkt's an allem seinem Thun; er ist ein wackerer Kerl, hat schwarzes Haar, schwarze Augen und ein hübsch schwarzes Bärtchen, ich meine, er könnte einem gefallen; er kann gut tanzen, ist noch jung und stark und Euer wohl werth, es wäre wahrlich immer schade, wenn er Euch nicht bekommen sollte.« Alsdann wird die Witwe mit verkehrten Augen und einem tiefhergeholten Schluchzer fein zimperlich anfangen und sagen: »O weh, was sagt ihr mir da? O weh, wo bin ich? Vergessen? Ja wohl, vergessen. Ach mein lieber Mann, wie kann ich, wie werde ich deiner so bald vergessen! Ja freilich, ach Gott, es ist noch nicht vom Heirathen zu reden; ich möchte mich verschwören, mein Lebtag keinen Mann mehr zu nehmen. Wenn es aber Gottes Wille hat sein sollen, also wollt' ich auch wissen, was ich zu thun hätte. Nun wohlan, Was Gott bescheert Bleibt unverwehrt. Doch ich möchte schier lachen, daß ihr mich also vexiret; ich will darum euren guten Rath nicht gar verachtet haben, ich bedanke mich für eure Fürsorge von Herzen u. s. w.« »Sieh' mein lieber Sohn, das ist der Weiber allermeistes Wesen; der Mann ist kaum begraben, will ihr Herz schon einem andern nachtraben; ehe der Mann recht erkaltet, hat sie schon einen warmen in den Armen und nimmt den rothen für den todten und sieht, wo ein frischer kommt. Was für ein Mordgeschrei hat sie nicht beim Grabe vollführt, wie hat sie sich gestellt, ist in Ohnmacht gesunken, hat vor Leids Hungers sterben wollen, hat in den Brunnen springen wollen, wenn man sie nicht, auf ihr eigenes Begehren, gehalten hätte! Und nun? Geduld kann alles überwinden: wenn's nicht kann anders sein, gebe ich meinen Willen drein.« Während der Alte dieses redete, erhob sich ein Geschrei und ein Rufen in der Straße, und als wir uns umsahen, war es ein Scherge ohne Hut und Kragen, mit blutigem Schädel; der verfolgte einen Dieb mit lautem Nachrufen: halt den Dieb! halt den Dieb! Der aber lief davon, als ob ihn der Teufel am Buckel gepackt hätte. Da dachte ich bei mir selbst, dieser Scherge muß doch ein rechtschaffener Mann sein, weil er den Bösewicht so ernstlich verfolgt. Aber der Alte sprach: »Mein Sohn, dieser Dieb ist sonst des Schergen bester Freund, mit dem er hin und wieder in Wirthshäusern und Weinschenken gefressen und gesoffen hat; weil ihm aber der Dieb hat wollen keinen Theil an einer Beute oder einem Diebstahl geben, deshalb ist er so erzürnt und will den armen Schlucker gern an den Galgen bringen, hat auch darum große Stöße von ihm bekommen.« Es muß dann dieser Gesell, sprach ich weiter, gut zu Fuß sein, weil er diesem Schergen, des Henkers Jagdhund, hat entlaufen können. Der Scherge ist also nicht um der Förderung des Rechtes, sondern des eigenen Vortheils willen unter dem scheinbaren Vorwande der Gerichtsbarkeit so eifrig gewesen, sonst würde er den Gesellen wohl unbehelligt haben vorbeistreichen lassen. Denn ein Scherge hat sonst kein anderes Einkommen, als das was ihm für Ruthe, Schwert und Strang zum Voraus gebührt. Mein Rath, der Schergen und ihresgleichen Gesindels in der Welt sich zu entledigen, wäre der, daß die Menschen versuchen sollten ein oder mehrere Jahre nicht zu sündigen, alsdann würde ihr Handwerk erliegen und sie müßten Hungers sterben; wenn sie aber an den Hund wollen, so muß er Leder gefressen haben, obschon er keins je gesehen hat. »Und wäre einer so fromm wie Abel, erwiderte der Alte, dennoch müßte er, da Schreiber und Schergen Schälke sind, den Namen Dieb haben; das ist besonders an einigen Orten in der Welt, wo die Schreiber ohne Gewissen schreiben, zu sehen, indem sie zu öfteren Malen nur dasjenige in eine Zeugenaussage setzen, was ihnen beliebt, das andere aber auslassen; wenn sie aber dem Zeugen die Ansage wiederum vorlesen, so haben sie ein über alle Maßen so stattliches Gedächtnis, daß sie auch nicht um ein Wort fehlen, damit der Zeuge es ja nicht merke. Gleichwie aber die Schreiber die Zeugen vor dem Meineid warnen, und sie mit Eiden beladen, die schlichte Wahrheit auszusagen, so sollte es wahrlich nicht uneben, ja viel nöthiger sein, daß die Zeugen heutiges Tages die Schreiber ebenso des Meineids verwarnen und die schlichte, pure Wahrheit zu schreiben, vorher mit Eiden beladen möchten, damit sie nicht anderes lesen, als geschrieben, nicht anders schreiben, als ausgesagt ist.« Als wir nun weiter gehen wollten, begegnete uns von Ferne eine ansehnliche Mannsperson, der dem Augenschein nach ein vortrefflicher Herr, als er aber nahte, von innerlichem Stolz dermaßen aufgeblasen war wie ein Frosch. Er ging so richt und stracks wie ein Bolzen und als ob er mit Pallisaden umzäunt wäre, mit langsamen, satten Schritten, sah sauer und gönnte keinem einen Blick, war am Hals von einem großen Kragen umgeben und dermaßen eingespannt, als ob er am Pranger oder im Halseisen stände, kein Glied konnte er bewegen und regen, sondern es schien, als ob ein Scheit Holz mit Kleidern angethan umherging; und hätte es ihn das Leben kosten sollen, er würde doch zur Erhaltung seiner Reputation (wenn ich dieses Wortes gedenke, so jammert es mich, daß es soviele vornehme Leute zu Narren macht und soviele Potentaten, deren ich unten in der Hölle einen großen Haufen gesehen habe, zur Verdammnis treibt) nicht auf die Seite gegangen sein noch an seinen Hut gegriffen haben. Hinter ihm her gingen viele Diener, die auch vermeinten Herren zu sein, unter denen ein Fuchsschwänzer und ein Schalksnarr die nächsten waren; von denen trat einer bisweilen herbei und raunte dem Herrn mit tiefer Reverenz ein Wort in die Ohren. – Ha! was für ein seliger Mann ist das? fing ich an den Alten zu fragen: diesem Herrn mangelt gewiß auf Erden nichts, und der alte Gesetzschreiber Solon, wenn er noch am Leben wäre, hätte sein Urtheil (daß man niemand vor seinem Ende soll glückselig preisen) sicherlich um dieses Mannes willen gern widerrufen und für kraftlos erklärt. Da geht es noch brav her, wo einer sein Geld zu solchen Ehren und so rechtschaffen weiß anzuwenden und zu gebrauchen. Es muß ja ein vortrefflicher Herr sein, der so köstliche Diener hinter sich herzuprangen hat! »So elend ist es also in deinem Hirn bestellt, sprach der Alte zu mir, daß du nach so vielen Beispielen dennoch den Schein und die Farbe von dem eigentlichen Wesen nicht unterscheiden kannst? Hier ist nichts als Betrug und Falschheit: all diese schimmernde Herrlichkeit ist geliehenes, geborgtes Wesen, das allein auf vergeblicher Hoffnung und auf vielen Verheißungen beruht. Das Hofleben ist gleich einem herrlichen, köstlichen Bau, der aber am Ende einen Krach thut und viel mit sich zu Boden schläft; es ist eine herrliche Musik, die anfangs lieblich klingt, in den Ohren der Hörenden aber endlich auf ein la mi jämmerlich. endigt. Und wahrlich, wenn du diesem großen Herrn in das Gewissen und in den Beutel sehen solltest, so würde es sich finden, daß er zur Fortsetzung der scheinbaren, eitlen Pracht, die die Welt Glückseligkeit nennt, zehnmal mehr Mühe und Arbeit, Sorge, Angst, Furcht und Schrecken anwenden und ausstehen muß, als sonst ein armer Tagelöhner um das tägliche Brot. Es ist mit diesem großen Schein beschaffen wie mit einem Zimmetbaum, das Beste an ihm ist die Rinde; das andere ist alles nicht sonderlich zu achten. Die witzigsten unter allen seinen Dienern sind der Schalksnarr und der Fuchsschwänzer; diese beiden haben am Hofe das prae und den Vorzug, sie sagen dem Herrn, was er gern hört, lachen heimlich in die Faust, fressen und saufen das Beste, machen sich zeitig bezahlt und lassen dem Herrn und den übrigen Hofdienern das Nachsehen. Das Hofleben ist gleich dem Almosengeben, bei dem oft ein großer Schelm vor den andern sich vordrängt und dem armen Manne, bei dem es wohl angelegt wäre, das Brot vor dem Munde wegnimmt, dessen er doch gar nicht werth ist; denn wer zu Hofe sich schämen und die Gelegenheit nicht frisch benutzen will, der thut närrisch, weil es nicht alle Tage mit vollen Löffeln bei Hofe hergeht. Daher nimm, wenn es da ist, sonst wenn du dich lange bedenkst, ob du Recht oder Unrecht daran thust, ist der Brei gefressen, und du bist zwischen zwei Stühlen gesessen, wie es dir auch ergehen wird, wenn du bei deiner einfältigen Redlichkeit bei Hofe beharren wolltest. Da ist die beste Regel: nichts bereden, stillschweigen, nicht widersprechen, denn: Am Hofe die Sanftmuth und das Schweigen Lauten besser als Harfen und Geigen. Daher sind große Herren theils recht elende Leute, die einen Lügner, einen Fuchsschwänzer theuer kaufen müssen und eher selbst Noth leiden, als daß ihrer Fuchsschwänzer und Schalksnarren einer Mangel leiden sollte, ja die eher alle ehrlichen Diener in Ungunst abschaffen, ehe sie einen Suppenfresser oder Zeitungsflicker erzürnten. Der arme, verblendete Herr meint wunder welche Treue er von den Halunken zu gewärtigen hat, wie seine Aufnahme überall von ihnen allein abhängt, weil sie ihm vorreden, was er gern hört, zu allem ja und recht sagen, es müsse sonst das Land darüber zu Grunde und scheitern gehen. Sie rühmen und loben ihn, als ob in der Welt er allein ein Ritter und Held wäre und er allein bei den Damen den Dank zu gewärtigen habe. Ist also am Hofe irgend ein Esel zu finden (wie sie denn alle Esel sind), so ist es gewiß der Herr selbst, wenn er diesen Beiden ohne Unterschied folgt. Taubmannus Friedrich Taubmann war ein berühmter Professor der Poesie und Beredsamkeit zu Wittenberg, starb 1613. wurde einstmals gefragt, was die Hofleute seien? Er sagte: Sie sind alle Narren; denn wie witzig und klug sich auch einer dünkt, er findet doch allezeit seinen Mann, der ihn narrt. Gefragt aber, was der Fürst selbst sei? antwortete er: Der ist vortrefflich. Im Text steht: ille est eximius ; eximius aber ist zweideutig, es heißt »vortrefflich« und »der ärgste«. Davon giebt dieser Hofmann hier ein Beispiel. Wer die meiste Sorge, Treue und Arbeit bei Hofe hat, den läßt man sich wohl gar zu Tode arbeiten, er hat aber gemeiniglich den wenigsten Dank: wie die Pferde des Westreiches zwar den Hafer gebaut, fremde Pferde aber, oder auch Esel, ihn gefressen haben.« Der Alte konnte das Wort kaum ausreden, da kam eine vornehme Dame vom Hofe auf uns zugegangen, der eine Matrone und ein kleiner Lakai nachfolgten. Die Geberden und die Gestalt dieser Dame waren übermenschlich anzusehen, sie ging langsam und wußte im Gehen ihre Glieder so nach der Mode zu kehren und zu wenden, zu renken und zu lenken, daß alle, die sie sahen, gegen sie in plötzlicher, inniger Liebe entzündet wurden und nach ihr, als nach dem Schlaraffenlande, Verlangen trugen. Wen sie einmal zu Gesicht bekam, vor dem verdeckte sie ihr Antlitz nachher; die sie zuvor noch nicht gesehen hatten, denen ließ sie einen oder mehrere Blicke ihrer lebhaften Augen widerfahren dergestalt, als ob die Augen voll hellem, anziehendem, ansteckendem, durchdringendem, überwindendem, verzehrendem Liebesfeuer wären, insonderheit wenn sie that, als wollte sie den Flor oder Krepp, der über ihr Gesicht herab flog, richten. Bald enthüllte sie das Antlitz nur halb, bald stellte sie sich, als ob sie das Halstuch stecken und sich decken wollte und entblößte etwas ihre Brüstlein, die weißer waren als Alabaster und nach Athem schnappten, wie die jungen Mäuschen. Ihre Haare waren zierlich wie ein kunstreiches Kettchen in einander gringelt und kräuselich geschlängelt und flossen über Stirn und Wangen herab; ihr Angesicht war wie der Schnee, lieblich besprengt mit leibesfarbenen Rosen, ihre Lippen wie Korallen, die Nase ein wenig gebogen und der Mund, wie ihn Praxiteles an der Diana bildete; ihre Zähne waren wie Perlen, ihre Hände, die sie alle Augenblicke auf den Haaren erblicken ließ, um den Aufsatz zurechtzurücken, waren dem Elfenbein weit vorzuziehen. Mit einem Wort: alle, die ihrer ansichtig wurden, vergafften sich und waren mit Liebe an sie gefesselt. Ich Narr war von der Gestalt dieser vortrefflichen Dame dermaßen eingenommen, daß ich nicht wußte, wie mir war, und meinte, ich müßte aus den Schuhen springen, und hatte mir fest vorgesetzt ihr nachzuschleichen, es koste, was es wolle; daher sprang ich zu besserer Gewinnung ihres geneigten Willens in der Hitze hurtig bei Seite, und ungeachtet meines redlichen Alten griff ich zu meiner Schreibtafel, wie die närrischen Poeten in solchen Jahren pflegen, um zu sehen, ob ich ihr zu Diensten etwas Löbliches aufschreiben könnte, damit ich keine Gefahr des Korbes wegen zu fürchten hätte. »Wohin? Wohin, du unbesonnener und närrischer junger Mann? Wie? Willst du deine Sünden, deine Reue so theuer erkaufen? O weh, gehe dieses verdammten Spiels müßig! Denn wenn der verliert, der da gewinnt, wie wird es dann dem ergehen, der verliert? Dem wilden Meer und Jungfrauen Soll kein verständiger Mensch trauen.« So rief mir der Alte aus treuer, wohlmeinender Fürsorge zu, als er merkte, daß ich mich so leichtsinniger Weise bethören ließ. Ich gehe diesem Engel nach, antwortete ich dem Alten: es koste, was es immer wolle; es müßte ja einer ein grausamer Unmensch sein und ein recht steinern Herz haben, der sich durch solche Gestalt und solche Geberden nicht sollte gewinnen lassen. Man redet doch in den Schulen davon, daß Der ein Gott oder ein Stein ist, der nicht in jugendlicher Liebe erglüht. Ist dies nicht ein wahrhaftiger und heiliger Vers, den auch der heilige Lehrer Hieronymus zu machen sich nicht gescheut hätte? O selig der, dem das Glück so wohl wollte und der eines so edlen Geschöpfes könnte theilhaftig werden! Was mangelt dem an Lust und Heil, der ohne Scheu und Furcht ein so liebes Bild genießen kann? Meinestheils wollte ich gern auf alles andere, was in der Welt mag herrlich genannt werden, ja auf alle Schätze der amerikanischen Länder verzichten, wenn allein mir dergleichen Lustgebilde gedeihen möchten. Welche durchdringenden und bezwingenden Blicke ihrer strahlenfunkelnden Augen! Wie fassen und gewinnen sie eines Menschen Herz so leicht! Wie und wer wollte einer solch übermenschlichen Gewalt widerstehen können? Hat man auch je etwas Schöneres gesehen als ihre Augenbrauen, die schwärzer sind als Ebenholz? Nimmermehr wird der Kristall so weiß erscheinen als ihre gewölbte Stirn; Milch und Blut können sich nicht so schön vereinigen als ihre Wangen. Rubinen und Perlen lassen sich nimmer so zierlich sehen als ihre Lippen und Zähne. O dürfte ich sie nur umfassen und drücken! Es ist wohl ein herrlicher Spruch: Gott im Herzen, die Liebste im Arm, Vertreibet viel Schmerzen und machet fein warm. Sie ist ein rechtes Meisterstück der Natur, das man in Ewigkeit nicht genug loben und rühmen kann, und an welchem alles das zu finden ist, was ein Mensch wünschen und begehren mag. O wie weiß die meiste Welt so gar nicht, wo die rechte Wollust zu suchen ist! Mancher sucht sie im Feuer, wie die närrischen Goldmacher; mancher auf und in dem Wasser, wie die vermögenden Kaufleute und armen Fischer; mancher in der Erde, wie die nachgrübelnden Bergleute und arbeitsamen Ackerleute; mancher in der Luft, wie die Vogelfänger und Falkner. Aber wie weise giebt der Studenten-Cornelius Ist wahrscheinlich ein Spaßbüchlein jener Zeit, das nicht auf uns gekommen. seinen Ausschlag hierin, wenn er sagt: O ihr Thoren alle vier, Was ihr sucht, das find't ihr hier! – Als ich in meiner lieblichen Thorheit und thörichten Lieblichkeit, in meiner inbrünstigen Zuneigung und zuneiglichen Inbrünstigkeit noch weiter fortfahren wollte, nahm mich der Alte beim Arm und schüttelte mich ziemlichermaßen. »Wie? sprach er, bist nun gar zum Thoren geworden? Weißt du in deiner Narrheit noch ein Ende zu finden? Ich höre aus deinem Buhlengeschwätz sehr wohl, daß du öfter den Studenten-Cornelius, als deine Compendien und Institutionen gesehen, gehört und gelesen, und den oben angeführten vermeintlich schönen, heiligen Vers, den Aventinus Aventinus, eigentlich Turmayr, Verfasser der bairischen Chronik. Fkft. 1522. dem Hieronymus zuschreibt, gewiß besser von der Schule her behalten hast, als den Thomas Scotus , Thomas Scotus, ein namhafter Theologe, den a. 1557 Paul IV. zum Generalcommissär der Inquisition zu Rom bestellte. Suarez Franciscus Suarez, ein spanischer Jesuit, lehrte Philosophie und Theologie, starb 1617 zu Lissabon. und andere; meines Erachtens deshalb, weil dir jene Thorheit besser eingeflogen ist als die gespitzten Grillen oder Grillenspitzen dieser. So geht's, wenn einer hinaus in die Fremde zieht, ehe er seinen völligen Verstand hat. Dann lernt ihr thörichten jungen Leute einen Narrenspossen als etwas ganz Besonderes, haltet einen lächerlichen Vers höher als alle Künste und übt euch in der närrischen Thorheit mit allen Sinnen. Wenn es denn ja hoch kommt, so kann es euch eurer Meinung nach nicht fehlen, die ihr Den Schneidewein Schneidewein war ein großer Rechtsgelehrter, geb. 1519 zu Stolberg, gest. 1568, wurde von Luther erzogen, später Professor des Rechts. beim Zapfen, Den Clarus Clarus, geb. 1525 zu Alessandro, starb 1575, auch ein bedeutender Jurist. Die Anspielung geht auf Clarett, lauterer Wein. im Keller, Den Balduin Balduin (Bald Win, Wein), ein Rechtsgelehrter, geb. 1520 zu Arras, gest. 1573 zu Paris. im Glas, Den Valdus im Pastetenhaus gelesen und nunmehr Die Institutionen bei den Ohren haltet, Die Paratitla bei den Brüsten, Den Codex de ventre inspiciendo, Die Novellen in den Hosen, Die Pandekten Institutionen, Codex, Novellen, Pandekten sind Theile des Corpus juris, das Justinian 518 und 534 anfertigen ließ; Paratitla ein Theil des Codex des Theodosius.] in den Haaren, Die Reichsabschiede Reichsabschied, der Inbegriff sämmtlicher Beschlüsse eines deutschen Reichstages. im Säckel, Die Extravagantien Extravagantien: ausschweifende Liebesgedanken, zugleich ein Theil des röm. Kirchenrechts. im Hirn und Herzen habt, mit welchen ihr vagirt, wie die Vaganten alle; und wenn ihr nach Hause kommt, so steht euch das Hirn und der Verstand wie Gallert verdickt, und ihr wisset zu keinem Geschäft etwas zu reden und zu sagen. Dann heißt es wohl: Gickes und Gäckes ist deine Lehr', Und ob du auch fährst übers Meer, Damit die Jugend gehet hin, Und ziehst du schon nach Genf und Wien, Nach Bourges und nach Orleans Und willst sein ein großer Herr Hans: So ist doch all dein viel Studiren Nichts als ein üppig Fabuliren; Und wenn du wieder kommst nach Haus, Fährst Mist du auf dem Wagen aus. O bedächtest du jetzt, was dich nachher reuen wird, du würdest dieses gefährliche Nachtraben bald aufgeben; denn du bist mit dem schönen Engel, wie du ihn nennst, häßlich betrogen und wirst über solche Narrheit zu Grunde gehen. Aber Zucht, Ehre und Keuschheit kann alles überwinden; denen gieb dich hin, so wird dir Gott helfen. Wenn du jede Eitelkeit dergestalt mit Worten herausstreichen willst, so wird deines Geschwätzes nimmer ein Ende werden. Ach wie unerfahren bist du doch in dergleichen Fällen! Du machst mehr Worte und Geschwätz um diese Lumpensache, als ein Advocat um eine ganze Grafschaft. Deine große Bewunderung legt es an den Tag, daß du die Welt und ihr Wesen noch nicht recht kennst. Bis jetzt habe ich dich nur für übersichtig gehalten; nun aber sage ich, du bist blind auf beiden Augen und verstockt in deinem Verstande, wie die Thoren alle, und weißt eben noch nicht, warum dir Gott deine Augen gegeben hat und wozu. Deshalb sage ich dir, Gott hat dir die Augen gegeben, damit du sehen sollst. Ueber das innere Wesen eines Dinges aber zu urtheilen, das geht den Verstand an. Du thust gerade das Widerspiel; daher wirst du, wenn du allein nach dem Augenmaß meinen und urtheilen willst, allezeit betrogen werden und oftmals Böses für Gutes, Mäusedreck für Pfeffer ansehen, weil ja das Gesicht häufig durch die Ferne und durch das Dunkel verführt und verhindert wird. Ebenso sollst du auch dieses Weibsbild, deinem Geschwätz nach, in ihrem äußerlichen Wesen nicht mit deinem Verstand, sondern mit den Augen allein ansehen, weil sie dich betrogen hat, und sollst im Sinne anderes von ihr halten, als du thust. Gestern Abend war sie ein häßlicher, ungestalteter Mensch, heute früh hat sie sich mit all dieser entlehnten Schönheit, welche du so lobst, geziert und geschmückt. Wenn du sie in ihrem Wesen recht anschauest und betrachtest, so wirst du nichts als Pflaster und Lumpen an ihr finden. Um sie nur ein wenig zu anatomiren und in Stücke zu zerlegen, so sind erstlich ihre Haare nicht ihre eigenen, sondern sie kommen aus dem Kramladen, vielleicht von einer, der der Schädel abgeschlagen wurde; und dieser elenden, mit Eisen und Zangen gemarterter Haare bedient sie sich, weil ihre eigenen entweder durch die böse französische Luft ausgefallen sind, oder wenn sie noch einige hat, sie dieselben nicht will sehen lassen, aus Furcht, daß sie ihr Alter verrathen könnten. Wenn es keine Schwärze gäbe, so hätte sie auch keine Augenbrauen; wenn keine Schminke wäre, so hätte sie weniger Farbe als ein Jude. Sie ist ein alter Götze, mit destillirtem, gebranntem, mercurialischem, giftigem Wasser verjüngt. Wenn du sie anhauchen oder mit einem feuchten Lappen angehen würdest, so wirst du nichts als eine abscheuliche, fürchterliche Gestalt sehen und sie nicht mehr kennen. Und wenn alles Geschminke, wie Zibet, Bisam, Balsam, Haarpulver, Puder von Cypern, bisamirte Handschuhe, Strümpfe und anderes nicht wären, dann würdest du die Nase bald mit einem Schnupftuch wegen des üblen Geruches verbollwerken müssen. Solltest du sie einmal küssen, du würdest deine Lippen und Wangen mit Fett und Schmutz dermaßen besudeln wie ein Metzger am Bubeneck zu Straßburg oder am Metzgerthor zu Frankfurt. Solltest du sie umfassen und begreifen, du würdest nichts als Kartenpapier, groben Zwillich und Lumpen finden, womit ihre Schnürbrüste, Brusttücher und Röcke gefüllt sind, um dem verstellten, krummen, bucklichen Leib irgend ein Ansehen und eine Gestalt zu geben. Gehet sie dann schlafen, dann läßt sie auf dem Tisch den besten Theil ihres Leibes, nämlich die Kleider, liegen. Wie sehr ist dein Verstand nun noch verfinstert, indem du dir eine solche Schönheit an diesem elenden Leibe einbilden konntest. Darum magst du dich denn auch vielmehr über deinen Unverstand selbst, als über den Betrug dieses Weibes verwundern. Um mit einem Worte den Ausschlag zu geben, so wisse, daß der größere Theil der Weiber nichts anderes ist, als mit Stolz bekleidete und mit Falschheit gefütterte Thiere, deren meiste Gedanken dahin stehen, wie sie der Männer Einfalt und Aufrichtigkeit verlachen können; und diejenigen, welche man für die besten hält, machen oft den Männern die meiste Sorge. Insgemein geht es bei ihnen so her, wie bei allen bösen Schuldnern, bei denen, wenn sie zur Rechnung kommen, die Zinsen und Unkosten oftmals das Kapital übertreffen. Diese weiblichen Schwachheiten mögen dich alle billig abhalten, so unverständig hinein zu plumpsen, und es wird dich endlich gereuen, daß du dich um ein so unvollkommenes Werk so sehr bemüht hast. Die bösen Weiber mein' ich nur. Ein fromm Weib ist drum keine Hur'. Sei's an der Frommen nicht gerochen, Was einst die Böse hat verbrochen. Ein Weib, das häuslich, ernsthaft, gehorsam, holdselig, säuberlich,           freundlich, fromm, Das ist zu loben um und um. Drittes Gesicht Venusnarren Nachdem ich mit dem vorigen Gesicht zu Ende gekommen war, in dem ich von dem Alten ohne Zweifel noch mehr hätte erfahren können, da polterte und pochte plötzlich jemand an meine Thür, als ob er Geld brächte, so daß ich wider meinen Willen erwachte und fragte, wer es wäre? Er gab mir zur Antwort, er wäre ein Diener der Busch's und Foremberger Das sind wahrscheinlich Namen von Straßburgern. und brächte mir ein Schreiben, woraus ich vernehmen würde, daß ich meine Reise alsbald nach Angers antreten und daselbst einige Zeit verharren sollte, wie ich in dem Schreiben näher finden würde. Nachdem ich mich nun ermuntert hatte, konnte ich mich nicht genug verwundern, wie wahrhafte Dinge ich in dem Gesicht gesehen hatte. Bei Erwägung dieses Gesichtes und meiner Beobachtungen, die ich seither zu Paris in allen Ständen gemacht hatte, kam ich zu dem Schluß, daß in dieser Stadt, gleichwie in ihr einer ganzen Welt Handel getrieben werde, auch einer ganzen Welt Sünden seien, und gleichwie im Kriege oftmals ein Regiment für zwei kämpft, aber auch für drei stiehlt, ebenso auch oft eine Stadt, ein Mensch für zwei betet, aber für drei flucht und sündigt, für zwei arbeitet und für drei ißt. Wenn ich nun auch aus Mangel höherer Geschicklichkeit alle meine Erlebnisse nicht zusammenzufassen und niederzuschreiben vermochte, so hatte ich doch von allen Dingen so vielerlei wunderbare Einfälle und Kenntnisse, daß ich einem gelehrten Manne Stoffs genug hätte an die Hand geben können, um ein dickes Buch davon zu schreiben. Das aber will ich bis zu seiner Zeit beruhen lassen. Zu Folge des Briefes nun fuhr ich mit der Landkutsche nach Orleans, ging dort beim heiligen Nikolaus zu Schiffe und fuhr die Loire hinab über Blois, Amboise, Tours, Saumur, les Ponts de lé bis Angers, wo ich bei Herrn de la Mare Alain , in der Straße Saint Lot , in Gesellschaft obengedachter trefflicher Edelleute, des Herrn Karl von Diskau, Herrn Abraham von Loß und Herrn Paul von Steinwehr den Winter über verblieb. Im kommenden Frühling begab ich mich über la Flèche , in dessen Kirche uns die Priester das Herz Heinrichs IV. zeigten, quer durch das Land über Bourges, Hevers, Moulins, La Palisse, St. Symphorien, Tarare nach Lyon. Damit aber Vorangegangenes nicht übergangen werde, muß ich hier Folgendes erzählen. Als ich in Moulins angelangt war, wurde Abends beim Essen erzählt, wie sich acht Tage zuvor in der Nachbarschaft ein trauriger Fall begeben hatte. Der verhielt sich also. Es wohnten zwei vom Adel unfern in einem Dorfe; des einen Eltern waren vor wenig Monaten gestorben. Dieser hatte eine Schwester, welche dem andern vor langem versprochen war, und in acht Tagen sollte das Hochzeitsfest sein. Es begab sich aber, daß der Hofmann oder Meier ihres Bruders Schimpfreden über die Jungfrau verbreitete, die sie ihrem Liebsten im Vertrauen überbrachte und um Schutz und Rettung wider den groben Flegel bat, worauf er alsbald, seine Hochzeiterin nach des Landes Brauch am Arme führend, zu dem Hofmann ging und denselben nach geschehenem mündlichen Verweis mit einer Maulschelle abstrafte. Derselbe verfügte sich sogleich zu seinem Herrn, der Hochzeiterin Bruder, klagte diesem die ihm angethane Gewalt mit Einmischung vieler Lügen und rief ihn um seine Vermittlung und Hilfe an. Der Hochzeiter, ohne davon zu wissen, begleitete abends seine Liebste heim; sobald er aber in den innern Hof ihres Bruders trat, kam ihm derselbe mit bloßem Degen entgegen und sprach: er hielte ihn nicht für seinen Schwager, sondern für einen Bärenhäuter und Cujon, wenn er sich nicht seiner Haut wehren würde. Beide fragten nach der Ursache des Zornes und baten um vernünftige und freundliche Erläuterung und Entscheidung; aber alle guten Worte wollten nichts helfen, sondern der zornwüthige Bruder fuhr fort und schwur, daß er die ihm angethane Schande und Spott und die seinem Hofmann ertheilte Maulschelle nicht anders als mit der Klinge rächen würde, und wenn er sich nicht zur Wehr setzte, so würde er dessen ungeachtet ihm einen Stoß versetzen. Alsbald trat er auf ihn zu, und jener endlich griff zur Wehr, in der Absicht sich nur vertheidigen und die Stöße auffangen zu wollen. Der Bruder aber, der sich verschworen hatte, die Versöhnung nicht anders als durch Blut zu Stande zu bringen, war so zornentbrannt und wüthend wie ein Unsinniger, daß er dem andern grade in den Degen lief. Der Hochzeiter zog sein Rapier zurück oder (wie die Duellnarren sagen) reculirte, aber der andere drang jemehr in die Klinge hinein bis ans Kreuz, nur um seinen Gegenpart erreichen zu können. Das geschah auch, und der Hochzeiter wurde ebenfalls durchstochen. So starben Beide eines plötzlichen Todes. Welche Bekümmernis die liebe Jungfrau dabei gehabt hat, als sie ihren Liebsten durch und mit ihrem eigenen Bruder zugleich verlor, ist unschwer zu ermessen. Ein Grausen und Schauder kam uns alle an, als wir diese schreckliche Geschichte hörten. Ich hatte mich entschlossen, bei einigen Deutschen vom Adel, unter welchen ein Götz von Schlick war, die im Schloß zu Moulins im Quartier lagen, vierzehn Tage zu verbleiben, und dachte eines Morgens vor Tagesgrauen mit Betrübnis dieser Geschichte nach, bis ich darüber vor Unmuth wieder einschlief. Da war mir zu Sinn, als ob der Alte, dessen ich im vorigen Gesicht Erwähnung gethan habe, vor mir stand und mich fragte, was ich abermals über der Welt Thorheit, insonderheit über der Narren Liebe, für eitle Sorge und Gedanken hätte? »Was brauchst du dich über diese Geschichte zu verwundern, sprach er: wenn die Liebe des Hochzeiters nicht thöricht gewesen wäre, der Hofmann hätte die Maulschelle nimmer bekommen, und die Beiden hätten darüber nicht ihr Leben einbüßen brauchen. Narrenliebe will gefochten haben. Das tolle Lieben ist im steten Tode leben, Sein außer der Gefahr und doch in Nöthen schweben, Quitt aller Sklaverei, doch unter Joch und Zwang, Gesund und gar wohl auf, nichts desto minder krank; Jetzt groß, bald wieder klein, nicht keifen und nicht zanken, Beständig, dennoch wohl stets hin und wieder wanken. Von Sinnen, dennoch klug; ein Mann und doch ein Kind. Ein Herr und gleichwohl Knecht; mit hellen Augen blind. Den Feind bezwingen wohl, und nimmermehr doch siegen, Verspielen, doch allzeit die beste Beute kriegen. Sein ohne Wunden wund, sein sonder Alter alt, Jetzt kalt, jetzt wieder heiß, bald heiß, bald wieder kalt. Entschnüret aller Pein, und sich doch stets beklagen; Viel schreien, niemals doch ein einz'ges Wörtlein sagen, Und was für thöricht Ding dem Lieben oft kommt bei. Das ich und du nicht weiß, wie es zu nennen sei. Wozu dienet denn das Lieben? Lieben heißt recht närrisch sein. Der kann wenig Tugend üben, Der versenkt in Liebespein, Er muß fort und fort sich plagen, Brennet in geplagter Hitz Und beginnet allem Witz, Aller Tugend abzusagen; Endlich bringet er zum Lohn Nur 'ne Hand voll Lust davon.« Darauf nahm mich der Alte bei der Hand, und ich folgte ihm. Wir kamen so miteinander in eine schöne, grüne Au, die tausendmal schöner sein mochte als die, welche der verlogene Amadis, Marquis d' Urfé Amadis ist der berühmte Roman, den 1540-1548 Herberay des Essarts aus dem Spanischen ins Französische übersetzte, und der 1569 nach Deutschland kam. Honoré d' Urfé 1568-1625 ist der Verfasser des sentimentalen Schäferromans »Asträa«. und andere in ihren elyseischen Gefilden erdichtet haben. Dieses mit den allerwohlriechendsten Blumen und Kräutern geschmückte Feld war durch zwei Wässerlein geziert, eins von süßem, das andere von bitterem Geschmack, die am Ende der Au zusammenflossen und durch Gesträuch und Steine hindurch daher gerauscht kamen, daß die Vorübergehenden sich kaum des Schlafes erwehren konnten. Ich wähnte nicht anders als auf Cypern im Venusgarten zu sein, sah mich deswegen um und fragte, ob nicht das Immenhaus irgendwo wäre, wo eine Imme einstmals den Herrn Cupido in den Finger gestochen hatte, was dem Dichter Anakreon Ursache zu dem sinnreichen, lieblichen Gesang gegeben. Ueber diese meine alberne Frage lachten einige, die da gingen; es war mir dabei fast wie jenem Schwaben, der, als er nach Indien zog, beim ersten Sprung aus dem Schiff fragte: »Sagt, ist nicht ein guter G'sell aus Waiblingen hie?« Beim Weitergehen verlor sich der Alte ohne Zweifel mit Fleiß von mir, und zwei Jungfrauen kamen aus einem Weidengesträuch von hinten auf mich zu, von denen eine mich bei der Hand herumriß und sprach: »Wißt Ihr denn auch, wie es Cupido da ergangen ist?« Und ehe ich darauf antworten konnte, fing die andere an mit heller Stimme zu singen: Hier auf diesem Liebesplan Cupido vor langen Tagen Mit Venus ist kommen an, Wollt' sein Zelt und Lager schlagen. Ach Cupido, kleiner Schelm, Wie machst du so große Wunden! Als er in das Grüne kam Hier dies und dort das wollt' sehen, Venus bei der Hand ihn nahm, Doch wollt' er nicht mit ihr gehen. Ach Cupido! Lief fort vor das Bienenhaus, Wollt' ein wenig Honig lecken; Eine kroch zum Korb heraus Und flog nach dem jungen Gecken. Ach Cupido! Cupido bald her, bald hin Hätt' sich gern vor ihr verkrochen, Doch die Biene stets auf ihn, Bis er war von ihr gestochen. Ach Cupidol Als er seinen Finger schaut, Der ihm dick war aufgeloffen. Fing er an zu schreien laut: Mutter weh! ich bin getroffen. Ach Cupido! Helft! und helft ihr nicht geschwind, So stürz' ich mich in den Bronnen, Wie bald ist ein armes Kind Wie ich, in der Hitz' verronnen. Ach Cupido! Nach', o liebste Mutter, Rach'! Ich werd' noch umfallen müssen, Helft, ich spring' sonst in den Bach, Oder will mich selbst erschießen. Ach Cupido! Venus sprach vor Zorn kein Wort, Nahm dann eine Hand voll Ruthen: Wart', ich will dich bringen fort, Daß dir soll der Hint're bluten. Ach Cupido! Hab' ich's dir nicht gleich gesagt, Sollst des Reckens müßig gehen, Wer nicht folgen will, der wagt; Komm her, laß den Finger sehen. Ach Cupido! Ei du ungerathner Sohn, Dir ist eben recht geschehen, Das ist dein verdienter Lohn, Willst nicht mit der Mutter gehen. Ach Cupido! Dabei zieht sie ihn herab: Halt, ich will dich lehren blitzen. Noch einmal so, klipp und klapp, Wart' ich will dich besser sitzen! Ach Cupido! Cupido fiel auf die Erd', Ha, wie that ihn das verdrießen, Und wie ein zaumloses Pferd Schlug um sich mit Händ' und Füßen. Ach Cupido! Nun doch klage nicht so sehr, Sprach sie, laß nun bald die Possen, Denk', daß du schon andre mehr Unverschuldet hast geschossen. Ha Cupido! Deine Pfeil' sind voller Gift, Und gehn richtig in das Herze; Aber was den Finger trifft. Das sind doch nur Kinderscherze. Ha Cupido! Thut's dir schon ein wenig weh, Darfst dich drum nicht lassen bangen, Eh du dreimal steh' und geh' Sagst, so wird es sein vergangen. Ach Cupido! Wen der lose Vorwitz sticht. Wer solch Leckerei will treiben, Dem gerath' es anders nicht. Sollst drum bei der Mutter bleiben. Ach Cupido, kleiner Schelm, Wie machst du so große Wunden! Du Stupfer, du Hauser, Du Lecker, du Lauser, Du Schlecker, du Mauser, So soll es dir gehn, Recht ist dir geschehn, So soll es dir gehn! Als bei Beendigung des Gesanges die beiden Jungfrauen verschwanden, stand neben nur ein Waldengel, wie sie von närrischen Poeten genannt werden, deren in diesem Garten viele herumfliegen, welche das Götzlein Cupido zu seinen Postboten zu gebrauchen pflegt, wenn er irgend welche närrische Sachen zu verüben Willens ist. Dieser Waldengel war von Gestalt wie ein Waldgötze, doch etwas lieblicher anzusehen und hatte Flügel. Er zeigte mir den innern Garten, der jenseit des Wassers lag, nebst vielen herrlichen Palästen und Schlössern und andern wunderlichen Dingen, die ich hin und wider im Gesträuch, in den Hecken, in Palästen und sonst im Schatten sah. Es standen aber die Gebäude dieses Schlaraffenlandes kunstreich und prächtig auf der Höhe und am Berge entlang, in griechischer und wälscher Arbeit zierlich ausgeführt, mit herrlichen Kapitälen, Säulen, Läufen, Schwebe- und Triumphbogen meisterhaft umgeben, mit erhabener Arbeit von Bildern, Grotten, Labyrinthen, Gemälden und Geschichten künstlich geziert. Am Eingang des Gartens waren folgende Reime mit goldenen Buchstaben in schwarzem Marmor zu lesen: Hier ist das berühmte Haus, Wo die Venusnarren schweben; Thorheit ein, der Witz hinaus, Reu' hernach, halbtodt im Leben. Die Steine der Gebäude, von allerlei Farben, gaben eine sonderbare Lust sie zu betrachten. Das Thorgestell war nicht sonderlich weit, doch waren hier und da noch viele kleine Thürlein und Schlupflöcher, wo viele Heimtückische ein- und ausschlichen, wie Mäuse in die Löcher. Ein Weibsbild, von Gestalt und Wesen einer Nymphe gleich, versah das Amt einer Thorwärterin; sie war mit einem goldenen Stück, das mit Perlen und Edelgestein kostbar besetzt war, bekleidet. An Leib und Gestalt war sie die tapferste, die ich je gesehen hatte; von Angesicht war sie englisch anzuschauen; kurz, wer sie nur ansah, der wünschte, wie Pythagoras geglaubt hatte, daß seine Seele in ein so edles Geschöpf fahren möchte. Sie hatte den Schlüssel zum Thor in der Hand und rief mir zu, ich möchte einsprechen. – Ich fragte den Waldengel, wer dieses vortreffliche Bild wäre, und welchen Namen sie trüge? Er sagte mir, daß sie Frau Schönetta heiße. Jedermann ward von ihr willig eingelassen. Auch ich, der ich von Natur etwas vorwitzig bin und gern alles wissen will, folgte ihr nach in den Hof hinein. Beim Fortgehen aber konnte ich mich nicht enthalten, noch einmal nach der schönen Jungfrau zurückzuschauen; da bemerkte ich so von ungefähr, daß nachfolgende Worte auf dem Bande, das sie um ihren Leib hatte, gestickt standen: Cervam putat esse Minervam, Ranam putat esse Dianam, Was einer liebt, das dünkt ihm fein, Ob es oft wüster als ein Schwein. Ein mancher meint, er hab' 'nen Schatz Und 's ist doch nur ein Plundermatz. Da kam mir das Bild hinterher nicht so schön vor als anfangs, oder ich muß mir eingebildet haben: Fröhlich pflegt Venus zu kommen, traurig zu scheiden. Was daher obengesetzte lateinische Worte bedeuten, kann der nachgrübelnde Leser ohne mich wohl ergründen. Im Garten gab es Gesellschaften allerhand: Die Jungfrauen liefen den Männern nach, die Weiber den Junggesellen, die Männer den Jungfrauen, die Junggesellen den Weibern, die Herren den Mägden, die Frauen den Knechten, die Mägde den Herrn, die Knechte den Frauen; hier Spielleute, dort Tänzer; hier Fischer, dort Vogler; hier Hetzen, dort Jagen; hier Spielen, dort Baden; hier Küssen, dort Lecken, und die kleinen Waldvögelein waren mit Botschaften so geschäftig, wie die Braut, wenn sie will ins Bad gehen. Auch sah ich den Berg hinauf viel Haufen Weiber und Männer hin und her spazieren, die ich aber meistentheils schwer erkennen konnte, weil sie in Geberden, Kleidung, Gesicht und Wesen verstellt und wie alberne Leute waren; sie sahen meist traurig, elend, nachsinnend, bleich, gelb, mager und dürr aus. Einer seufzte, der andere kratzte sich, der dritte verwunderte sich, der vierte schämte sich, der fünfte lachte, der sechste weinte und so fort. Da gab es allerlei Gespräch und Antwort; aber von Treu und Glauben, von Furcht und Liebe gegen Gott, von Gehorsam gegen Eltern und Verwandte ward nichts geredet. Die Basen thaten das Beste bei den Vettern, die Vettern bei den Basen; die Mägde bei den Herren, die Knechte bei den Frauen. Die Mägde wurden Weiber, und die Weiber wurden Mägde. Der Herr wurde Knecht, und der Knecht wurde Herr. Die Weiber wurden derer Freunde, welche ihrer Männer Freunde waren; die Männer wurden derer Gesellen, welche ihrer Weiber Gespielen waren. Das alles betrachtete ich mit Verwunderung und sonderbarem, doch schier unergründlichem Nachdenken. Jetzt sah ich eine Person auf mich zukommen von unerkennbarer Gestalt, denn sie war weder recht ein Mann noch gar ein Weib, sondern von beiderlei Gestalt. Diese ging der Länge und der Breite, kreuzweise und überzwerch bei dem genannten Volk herum. Ihre Kleidung war kunstreich gewebt und gebildet, voller Augen und Ohren, als ob alles natürlich gelebt hätte. Dem Ansehen nach war sie ein Ausbund von einem arglistigen, verschmitzten und mißtrauischen Menschen. Weil ich nun vernahm, daß sie all diesem Volk zu befehlen hätte, sprach ich sie selbst an und fragte sie ohne weiteres, wer sie wäre, und was sie da machte? Auf beide Fragen antwortete sie: »Mein Name ist Jungfrau Traunicht, und da Ihr in diesen Ort gekommen seid, so solltet Ihr mich doch billig kennen lernen; auf daß es Euch aber nicht an wahrem Bericht mangele, so wißt, daß durch meine Veranstaltung diese halbthörichten Leute noch ungehaltener werden. Ich zwar maße mir scheinbar an, als ob ich ihnen in ihrem betrübten Zustande Mittel und Linderung verschaffen wollte, in Wahrheit aber ist doch niemand, bei dem ich nicht das Uebel ärger machte. Mehr könnt Ihr diesmal von mir nicht erfahren; denn ein Wunder ist es, wenn ich die Wahrheit rede, sonst müßte ich selbst darunter erliegen. Mein Thun und Wesen besteht nur in Kunstgriffen, Listen und vielen tausend Ränken, in stetem Wachen und Nachsinnen. Aber der, welcher Euch anfangs hierher geführt hat, wird Euch die Bedeutung dieses Ortes auf Euer Begehren ferner offenbaren können.« Indem sah ich den Alten wieder gegen mich heran kommen; ich bat ihn, daß er mich in den nächsten Palast führen und mir die Zimmer weisen möchte, weil es nicht fehlen würde, sprach ich, daß ich unter den Narren nicht einen meiner Gesellen antreffen und erkennen könnte, wie ich deren wirklich viel gesehen und erkannt habe, hier aber keinen nennen will, bis daß er selbst zu mir kommt. Darauf sagte mir der Alte, daß die Kur aller dieser Kranken ihm in dieser Woche allein anbefohlen wäre, daher wäre es ihm nicht möglich lange abzukommen; doch wies er mir mit dem Finger die meisten, nach welchen ich geforscht hatte, und erlaubte mir, daß ich mit einem Waldengel selbst hin und her gehen und in den Palästen nach Belieben umher spazieren und alles beschauen könnte. Das erste Zimmer nun, in das ich kam, war das der Jungfrauen. Dasselbe war vielmehr als die andern mit hohen Mauern und eisernen Gittern verwahrt, weil diese Leutchen wegen an- und eingebornem Vorwitz vor allen Männern am mühsamsten zu hüten sind; daher liegen sie auch an dieser Krankheit am häufigsten und hitzigsten darnieder. Sobald ich hineinkam, war gleich ein Unterhändler da, der fragte, ob ich zu kaufen käme? Und ehe ich antworten konnte, war eine schöne Jungfrau bei ihm, der er das Hemd abzog und sie mir zum Beschauen herbeiführte. Ein Weibsbild, mit einer Krone auf dem Haupt, fragte mich, ob ich nicht Lust hätte? dieweil diese Jungfrau mit den vier Leibeszierden vor andern begabt wäre. Ich aber, wie ein Einfältiger, legte die Finger an die Nase, sah zu Boden und schämte mich, wie ein armer Hund; doch endlich fing ich an ein wenig zu gucken und fragte, welches denn die vier Leibeszierden einer Jungfrau wären? Sie antwortete mir: »Ein lieblich Gesicht, starke Arme, harte Brüste, grade Schenkel«. Da verdeckte ich das Antlitz noch mehr und sah durch die Finger; sie nannte mich deswegen einen Gaffer, der nicht das Herz habe, eine Jungfrau recht anzugreifen. Eine saß da und weinte bitterlich, wie ich vernahm aus Eifersucht, die sie kürzlich gegen eine junge Wittfrau ergriffen hatte. Eine andere war Tag und Nacht in steter Unruhe ohne zu schlafen, zu essen und zu trinken, weil sie einen lieb hatte, dem sie es doch (ach leider!) nicht offenbaren durfte. Eine andere that nichts weiter als Briefe schreiben, die ihr aber nimmer recht gefielen, sondern wobei sie ebensoviel ausstrich als sie niederschrieb. Eine andere stand vor dem Spiegel und sah, wie sie lachte und im Lachen mit zierlichen Geberden ihren Liebsten einnehmen könnte. Eine andere desgleichen, wie sie ihre Augen regieren, sie bald hin und her kehren, sie funkelnd und brennend machen könnte, als ob Feuer im Ofen wäre, um ihren Liebsten damit anzuzünden oder gar zu verbrennen. Eine andere saß und aß Kohlen, Kreide, Pflaster, spanisches Wachs und dergleichen, um die lebhafte Farbe zu verlieren und ein bleiches Angesicht zu bekommen, und diese war von adligem, hohem Geschlecht und Stamm. Eine andere, grade jener gegenüber, hatte rothe lederne Tücher, mit denen sie die Backen ohne Unterlaß anstrich, vermeinend dadurch eine schöne, lebhafte Farbe im Angesicht zu kriegen, und diese war eine Bürgerstochter. Eine andere bat ihren Buhlen, daß er ihr zu Gefallen abends gehen und Spielleute vor die Fenster bringen möchte, denn, sprach sie um ihn zu bereden, wer recht liebt, der liebt öffentlich, damit es jeder erfahre; falsche, gefährliche Liebe scheuet das Licht und die Menschen. Eine andere sprach zu ihrem Serviteur (denn wer liebt, der ist ein Diener, ein Knecht, ein Sklave), daß sie ihn lieben wollte unter dem Beding, daß er sich mit keiner andern in ein Gespräch einließe, denn das könnte sie nicht leiden; und der thörichte Geselle sprach ja, er wolle es thun, und die närrische Jungfrau glaubte, er würde es thun. Andere gingen, als ob sie tiefergründlichen Sachen nachzusinnen hätten, unter andern diese Worte redend: ich möchte nur gern wissen, ich möchte nur gern wissen! Diese nennt man die Vorwitzigen, welche den meisten Schaden unter den Jungfrauen verursachen. Andere wollten sich verheirathen, damit sie der Liebe desto freier nachgehen könnten. Andere wollten sich verheirathen, aber mit einem jungen Wittmann, der schon abgerichtet wäre, mit dem man besser auskommen könne als mit einem hartnäckigen Junggesellen. Andere warfen ihre Buhlenbriefe zum Fenster hinab, um sie ihren Buhlen durch bestellte Leute überliefern zu lassen; andere steckten ihre Briefe heimlich unter die Thür durch. Und diese alle waren schier unheilsam und so heftig angefochten, daß man sie für ganz unvernünftig und für Bestien halten mußte. In Erwägung alles dessen dachte ich, es sei nun Zeit mich von dannen zu begeben, weil mir der Alte im Vorübergehen ins Ohr flüsterte, daß manchmal ein guter Gesell bei solchem Volk viel zu kurz käme, und wenn es auch zum Besten gerathe, er dennoch sein Lebtag ein leibeigner Sklave sein und deswegen in ewiger Reue, ohne Hoffnung auf Erlösung, als allein durch den Tod, gemartet bleiben müsse. Denn unmöglich wäre es, einen Menschen aus den Banden des Ehestandes zu erlösen, so daß er es muß anstehen lassen ewiglich; eine böse Heirath sei ärger als selbst der Türke, von dem man endlich erlöst zu werden noch könne Hoffnung haben. Zur Verhütung nun, daß nicht irgendeine Ursach haben könnte sich einzubilden, daß ich in sie verliebt wäre, wie leider oft geschieht, ging ich aus diesem Zimmer hinaus und gelangte auf einen großen Plan, wie die Fürstenau oder Hunnenau sein mag, woselbst durch zweitausend Werkleute ein runder Traum hundert Schuh dick und vierzehn Stockwerk hoch vor zwanzig Jahren aufgeführt war. Daran standen folgende Verse eingehauen: Nicht lieben ist nicht leben. Ein schönes, junges Weib ohne Lieb, Ein großer Jahrmarkt ohne Dieb, Ein alter Wuchrer ohne Gut, Ein junger Mann ohn' Freud' und Muth, Eine alte Scheuer ohne Mäus', Ein alter Pelz ohn' Flöh' und Läus', Ein alter Geißbock ohne Bart: Ist alles wider seine Art. In dem untersten Stockwerk sah ich einen Kerl allein in tiefsinnigen Gedanken: was er redete, was er weinte, was er sang, das waren Jungfrauen; was er träumte, das waren Jungfrauen, was er aß, das waren Jungfrauen, was er trank, was er schrieb, was er ansah, das waren Jungfrauen, und es war keine Ziege noch so übel verschleiert, der zu Ehren er nicht den Hut abzog und tiefe Bücklinge machte; und doch durfte er nicht offenbaren, daß er jemals an sie gedacht hätte. Mehr will ich von diesem nicht sagen. In dem anderen Stockwerk saßen etliche edle Jungfrauen, züchtig und zierlich, daß man an ihnen keinen Tadel wußte, nur daß sie nicht heirathen wollten, es wäre denn ein Geborner von altadligem Ritter- und turniermäßigem Stamme. Diesen rief ein Waldengel ohne Aufhören zu: »Besser ist's beim Bauern die Thür auf-, als beim Adel zu machen; besser ist's Schulze sein bei Bauern, als Büttel bei Junkern.« Im dritten Stockwerk waren die neuen Modejungfrauen fest eingeschlossen, weil sie die Natur umkehren und verdrehen wollen. Diese haben große Brüste, so daß sie kaum auf die Erde sehen können, und Preß- oder Brustschnüre von dreißig bis fünfzig Ellen; wenn aber die guten, naschhaften Junggesellen nach dem Kern greifen wollten, so waren die Brusttücher mit rundgedrehtem Holz unterstopft, oder mit Hirsespreu ausgefüttert, daß man durch die leeren Flaschen ganz betrogen wurde. Es wird ihnen von ihrem Aufwärter zur Warnung gesagt, sie sollen diese Trügerei bleiben lassen, damit sie jungen Gesellen nicht Ursach geben, hölzerne Hosen zu ersinnen. Im vierten Stockwerk sollen diejenigen Eheweiber, wie Käfigsvögel, eingesetzt werden, welche noch närrischer sind, als alle Jungfrauen und nur Holz- und Spreubrüste haben, nämlich diejenigen, welche den Männern, wenn sie schlafen, über den Hosensack gehen, den Schlüssel zum Geldkasten, zum Gewölbe, zum Kontor nehmen und den Säckel plündern, um davon närrischen und mannsverderbenden Hausrath zu kaufen, Gimpelweiber zu bezahlen, oder heimliche Auslagen, die auf Meister und Gesellen, auf Briefträger, Gewürzkrämer und Apotheker verwendet werden, zu entrichten. Das sind die rechten Mannsverderberinnen, die man in redlichen Gesellschaften weder leiden noch dulden sollte, da sie ihren Ehemännern die Seele quälen, das Handwerk verstumpeln, das Gewerbe und die Hantierung verderben, und alles, was sie ertappen und erschnappen können, an überflüssigen, nichtswerthigen, lächerlichen, phantastischen, wider die Natur selbst streitenden Hausrath hängen, als da sind: zinnerne Kehrbürsten, zinnerne Kehrwische, zinnerne Kratzen, zinnerne Lichtputzer, Blasebälge, Ofengabeln, Bratspieße, Küchengabeln, Feuerhaken, Herdkessel, kurz zinnerne Herde, zinnernes Holz und zinnernes Feuer; was alles, dem Lauf der Natur und der Eigenschaft eines Dinges selbst zuwider, daliegen und verderben muß, und der arme Mann muß es im Säckel, im Gewerbe und Credit missen und sammt den Kindern darüber scheitern und zu Schanden werden. Und ich hörte eine starke Stimme eines Rufers auf der Straße: »Hausrath wohlfeil, Hausrath wohlfeil auf der Bäckerstube!« Ich ging den Thurm herab, den Venusberg hinauf und kam zu einer Kapelle, die war auf türkische Manier erbaut; darin saßen dieser Kranken Götze Cupido und seine Frau Mutter auf einem herrlichen Zeltbett beisammen. Sie sahen sehr schläfrig aus. Das Gemach war allenthalben wohl versperrt und mit vielen brennenden Wachslichtern beleuchtet, die aber bald nach meiner Ankunft ausgelöscht wurden, und eine Stimme rief: Im Dunkeln ist gut munkeln. Da mir das aber verdächtig vorkam und ich mich allein bei ihnen zu bleiben nicht getraute, kam zu gutem Glück der Alte daher; er ließ, etwas unwillig, die Lichter wieder anzünden und führte mich bei der Hand von dannen, damit ich von dem beutelschneiderischen Gesindel wegkäme. »Ich wollte, sprach der Alte, du wärest schon wieder heraus aus dieser Narrethei, ehe dir auch eine Thorheit ankleben bliebe. Ach hüte dich, mein liebes Kind! Wenn du deine Jugend mit solchem leichtfertigen Leben, wie du es theils hier siehst und hörst, beschweren willst, was für ein böses Gewissen, was für Unheil und Fluch wirst du hernach haben, und der Zorn Gottes wird dir allen Segen wegnehmen, bis du wieder zur Erkenntnis und wirklichen Buße kommst.« O behüte Gott! sprach ich und ging fort in ein anderes Gebäude, darin die Eheweiber beisammen waren. Etliche unter ihnen küßten ihre Männer zwar nicht aus Liebe, sondern um die guten Narren dadurch zu bethören. Etliche wurden von ihren Männern Tag und Nacht behütet und bespäht, damit sie nicht irgend eine Thorheit begingen. Aber der Alte sagte mir: »Es ist vergebens, Flöhe in einem Korbe zu hüten; es ist eine verlorene Arbeit, wenn man muß Wasser in den Brunnen tragen.« Andere thaten, als ob sie eine Bittfahrt nach einem Orte unternehmen, etwas um Gottes willen geben, in die Kirche gehen, nach dem Sauerbrunnen reisen, einen Kranken besuchen, eine Kindbetterin ansprechen wollten. »Ach mein herzlieber Mann, da und dort muß ich Ehren und Gewissens oder meiner Gesundheit halber hin, indessen bleibe du daheim, habe gute Sorge auf das Haus, gucke auch nach dem Kind.« Aber in Wahrheit war es auf andere Dinge abgesehen: dem heimlichen Buhlen einen Narrengang zum Gefallen zu thun, auf den Schießrain, in die Ruprechts-Au, nach St. Arbogast, nach Keyl, nach Illkirch, nach Schilkheim, nach Bischheim, nach Hönheim, nach Kronenburg, nach Höchst, nach Bockenheim, nach Nied, nach Börnheim, nach Aschaburg, nach Oberrod, nach Schwanheim Die angeführten Ortschaften sind Vergnügungsorte in der Nähe von Straßburg. zu spazieren, im grünen Schiff die Ill hinauf in das grüne Gras und nach St. Oswald, auch im Marktschiff den Main hinab nach Mainz zu fahren. Währenddem muß der arme Mann mit beiden Händen arbeiten, muß hacken und roden, daß ihm der bittere Schweiß über das Gesicht rinnt. Andere gingen in das Bad; warum? Darum, daß sie sich wollten schröpfen lassen. Aber zu ihrem höchsten Mißfallen hat man vor kurzem löblich verordnet, daß die Mannsleute, denen zu Ehren oft das Badegeld spendirt worden ist, in besonderen Zimmern baden sollen ; Wie frei es damals in den Bädern herging, erfährt man aus Dav. Heß, Badenfahrt, Zürich 1818. Heinr. Pantaleon, Beschreibung der uralten Stadt Baden (im Aargau), Basel 1578. und deswegen ist es nicht ohne Ursach, daß diese armen Weiber jetzt so maulhängerig in Gedanken da liegen und so traurig da sitzen, als wollten sie die Bänke durchschwitzen. Andere sah ich oft und fleißig zur Beichte gehen, damit sie in guten Werken umsomehr unterwiesen würden, sie waren aber gleichwohl nicht gut katholisch, sondern kamen mir etwas ketzerisch vor, als die auf den Ablaß nicht viel halten. Etliche, die selbst nicht viel zu essen hatten, hielten ihren Kindern Erzieher zu Hause; warum? Damit sie gelehrter und informirter würden. Etliche waren darauf aus, Krüge zu zerbrechen, weil ihre Männer Häfen brächen. Einige trachteten danach sich an ihren Männern zu rächen, nach dem Sprichworte: es hat ein Weib keine größere Freude, als wenn sie sich an ihrem Manne rächen kann. Einige unter ihnen waren närrisch, weil der Mann nicht zu gebührender Zeit daheim war; andere ebendarum, weil er zu gebührender Zeit zu Hause war. Etliche waren, wenn der Mann sie erzürnt oder ihrem zimperlichen Willen und Wohlgefallen zuwider gehandelt hatte, so ungehalten, daß er dieselbe Nacht nicht zu ihr in das Bett durfte, wie liebevoll er sich auch in Worten und Werken gegen sie zeigte. Der arme Narr mußte auf der Bank schlafen, mußte die ganze Nacht hindurch das Kind wiegen, der gnädigen Frau das Trinkgeschirr darbieten, demüthig und tiefseufzend in Gehorsam aufwarten, mit großer Ehrerbietung das Trinkgeschirr wieder empfangen, die Haube in den Händen halten und warten, welch anderer Befehl ihm noch aufgetragen würde. Gleichwohl waren unter allen diesen Weibern nicht diejenigen zu finden, deren Männer im Kriege, auf Reisen, in der Messe, auf Jahrmärkten und sonst wo aufgehalten werden, oder die Tag und Nacht, Jahr und Tag herum laufen müssen, um die Ihrigen zu ernähren. Diese Weiber verhalten sich die Zeit über wie Jungfrauen, bis die Männer wieder nach Hause kommen; trotzdem fanden sie alle dreiviertel Jahr ohne Fehl ihr Kind in der Wiege und mußten das Geschrei ohne Wolle hören. In einem anderen Zimmer, nahe bei diesem, waren die ehrsamen, ehrbaren, betagten Männer und Wittfrauen, die an Witz und Erfahrung den andern weit vorzusetzen sind; sie stellten sich alle gar gravitätisch, züchtig und still, konnten nicht leiden, daß junge Leutchen ein Wort redeten oder gar lachten, und wo sie nur sahen, daß zwei miteinander sprachen oder einander ansahen, so war es bei ihnen ein gewisser Schluß, daß die beiden mit einander mußten gehurt haben: denn keiner sucht den andern hinter dem Ofen, der nicht zuvor daselbst gewesen ist. Auch sie hatten bei ihrem Alter noch mancherlei Einfälle und Anfechtungen, so daß man ihre Thorheit unschwer merken konnte und ihre Gravität nicht lange Stand hielt. Eine sah ich, die weinte mit ihrem rechten Auge um ihren verstorbenen Mann, und mit dem linken gab sie ihrem Buhlen einen freundlichen Herzensblick: ebenso wie die Franzosen, wenn sie einem die linke Hand geben, sagen, c'est la main du coeur , es ist die Hand vom Herzen, und die Liebe auf der linken Seite ist viel stärker als auf der rechten. Eine andere sah ich in tiefer Trauer gehen nicht aus Herzeleid, sondern aus Gewohnheit und wegen der Zeit. Viele andere, ohne äußerliche Trauer und ohne Schleier, gingen in dem Gemach auf und ab, die dem Aussehen nach fromme, aufrichtige Matronen waren; wie ich aber hernach vernahm, waren es Mameluckinnen, die keinen Glauben hatten und niemandem ihr Wort hielten. Andere wetteten miteinander, welcher der Schleier, Sturz, Flor und Trauer besser stehen würde; diese, welche in Trauerkleidern Leid tragen sollten, trugen sich so zierlich, so zimperlich, so pimplich, so musterhaft, daß man ihre hochzeitlichen Gedanken leicht errathen konnte. In einem andern Zimmer sah ich einige Haufen Weibsvolk ohne Unterschied des Alters und Standes unter einander umher gehen. Unter diesen waren einige verlebte Mütter, die sich doch in Kleidung, in Geberden und in ihrem ganzen Wesen den jungen Mädchen gleich hielten, damit sie gleichwohl den Männern die Gedanken verunruhigen möchten. Hinwiederum sah ich einige junge Mädchen sich tapfer tummeln, Zeit und Gelegenheit frisch benutzen und sich beeilen, damit sie nicht zu spät kämen, weil sie doch im Alter darben müßten. Viele waren unter ihnen, die trugen schöne, vergoldete Bücher, andere ganz schwarze mit Corduan überzogene, die ich dem Aussehen nach für ein Gebetbuch, Rosengärtlein, Katechismus, Jesus Sirach, Psalter, Habermann, Paradiesgärtlein, Andachten, Wasserquelle, wahres Christenthum, Uebung der Gottseligkeit, Selbstbetrug Zu jener Zeit gebrauchte Andachts- und Gebetbücher. Paradiesgärtlein und wahres Christenthum haben den wackeren Theologen Joh. Arnd (geb. 1555 zu Ballenstädt, gest. 1621) zum Verfasser. Sie sind auch in dem ersten Viertel unseres Jahrhunderts wieder hervorgesucht und herausgegeben. und andere hielt. Aber als ich sie ein wenig aufthat und das Innere besah, da waren es Amadis Schäferei, Rollwagen , Gartengesellschaft Verfaßt von Jacob Frey. Schimpf und Ernst , Nr. 945 u. 946 der Universal-Bibliothek. – Es ist also der Katalog einer Bibliothek für die Frauenwelt des 17. Jahrhunderts. Eulenspiegel, König Leu, Melusina, Ritter Pontus, Herr Tristram, Peter mit den silbernen Schlüsseln, Albertus Magnus, Hebammenbuch, Traumbuch, Zirkelbuch, Loosbüchlein, Räthselbuch und viele dergleichen mehr. Andere, um schamhaft zu erscheinen, verpflasterten das Gesicht hier und da mit schwarzen Taftschandflecken, und schämten sich dessen nicht. Kurz, tausenderlei Phantastereien wären zu erzählen, die der hirnbesitzende Leser zur rechten Zeit ohne meine Anweisung wird merken und von selbst verstehen können. In einem kleinen Gärtchen, nächst diesem Gebäude, sah ich einige in einem Pferch eingeschlossen: gewesene Jungfrauen und Junggesellen, die sich gleichwohl nicht dünkten Säue zu sein. Mir wurde gesagt, diese Junggesellen wollten nicht heirathen, sie könnten denn ein gebornes Fräulein, oder eine geborene vom Adel haben; diese gewesenen Jungfrauen aber wollten nicht heirathen, sie könnten denn einen geborenen Herrn oder einen vom Adel bekommen. Der Alte sprach zu mir: »Ach der thörichten Leute, die aus ihrem Stand und über ihr Herkommen und Vermögen heirathen wollen! Meinen die närrischen Junggesellen, wenn sie irgend eine ungerathene vom Adel ertappen, darum unter den wahren Adel gezählt und mit ihm verschwägert zu werden? Ach wie manchen Thoren hat solche Heirath sein Leben gekostet. Und meinen die thörichten Jungfrauen, weil ihnen ein geborener Herr oder ein Junker seine Liebe und Dienste angeboten hat, daß ihm darum Ernst sei? Es ist nicht des Heirathens wegen, daß dergleichen Sachen vorgehen. Manche hat ihr Ehrenkränzlein verloren durch einen, der höher war geboren; aber warum sind die Mägdlein solche Thoren? Warum verstopfen sie nicht ihre Ohren? Dann blieben sie unvexirt, und das Kränzlein bliebe unverloren. Gewiß ist es: Liebst du jemand von höhrem Stand, So hast du wahrlich keinen Verstand.« Weil mir nun unter diesem thörichten Gesindel die Zeit sehr lang wurde, begab ich mich von dannen in ein anderes Zimmer, darin die geistlichen Weibsleute wohnten, die sonst ein stilles, eingezogenes Leben führten; ich fand aber beim Hinausgehen, daß sie von dieser thörichten Krankheit nicht minder angefochten waren und daran niederlagen, als die vorigen alle. Und wenn sie auch ihre tägliche, häusliche Arbeit wohl verrichten, so kommt doch bisweilen eine unvermerkte Stunde, in der sie eine ziemliche Thorheit begehen. Im übrigen sind sie allen denen feind, die dem Buhlenwerk nachhängen, reden tröstlich von Gottes Wort und der lieben Ehrbarkeit; werden deshalb auch nicht so eng gehalten wie die andern, sondern haben Erlaubnis zu spazieren, wohin sie wollen. Ueber der Ausgangsthür inwendig standen diese Worte: »Die freilich ist keusch, welche von niemand begehrt wird.« In diesem Zimmer fragte ich den Alten abermals, woher doch eigentlich die Hauptursache dieser Krankheit und die schweren Fälle aller herrühren möchten? »Mein Sohn, sprach er: Allein der Müßiggang Ist des Buhlens Anfang. Wo Ceres nicht sitzet, Wo Bachus nicht hitzet, Da Venus nicht schwitzet. Wo Herr Müßiggang ist, da ist auch Frau Kitzel gern. Wenn Diana spazieren geht, so ist es um ihre Ehre geschehen.« Als nun der Alte weiter ging, sah ich noch in diesem Zimmer etliche Niederländische oder Holländische, die sich aus Flandern stammend nannten, weil sie einen um den andern gaben. Diese thaten nichts weiter, als Wechselbriefe hin und her schicken, und ihr Gewerbe war so groß, als das der Fugger zu Augsburg und der höfischen Gesellschaft, oder das des Hans Ochs und der Neufville's Es sind theils bekannte theils unbekannte Handelshäuser jener Zeit. zu Frankfurt immer sein mögen. Einige liebten nur diejenigen, von welchen sie nicht geliebt wurden, und von welchen sie geliebt wurden, die liebten sie nicht. In Summa: es waren so viele und so gefährliche Zustände, daß der Arzt an der Hilfe und Heilung schier verzweifeln wollte. Aus diesem Zimmer kam ich wiederum in ein anderes, darin diejenigen Weiber waren, welche den ledigen Stand gelobt hatten; sie waren nicht so toll wie die vorigen, weil sie an allen Orten Mittel fanden, sich für ihre Krankheit Linderung zu verschaffen. Einige unter ihnen waren den Schnapphähnen gleich, die da manchem ehrlichen Mann das Seinige abnahmen und es einem Bettler gaben. Zwar ist es ein Werk der Barmherzigkeit die Nackenden zu kleiden, aber es ist auch ein Werk der Unbarmherzigkeit einen Bekleideten auszuziehen. »Da siehst du,« sprach der Alte, die böse Gewohnheit untreuer Weiber, die von nichts weiter als von Treue zu reden wissen und doch gar wenig Treu und Glauben halten, die lose Lust und das Gelüste leichtfertiger Weiber, die sich oft eher in einen schmutzigen Karrenzieher, Kornwerfer, Bäckerknecht, Metzger, Schiffer oder einen andern groben Bengel, sogar in den Bettelmann vergaffen als in ihre eigenen Ehemänner, denen sie lieber alles wegschleppen, ehe sie einen Gespan Mangel leiden ließen; und das muß wahr sein, weil: Der Arme kann allenthalben liegen. Jener arme Poet, der von der Königin Elisabeth ein Geschenk erbat und dem sie aus Erbarmen sagte: Der Arme kann allenthalben liegen, gab ihr alsbald diese vernünftige Antwort: »Nun jetzt, Gott Lob, bin ich aufs Höchst' gestiegen, Und wie ich hör', aus aller Noth errett't: Denn wenn der Arme überall kann liegen, So schlaf ich heut in meiner Kön'gin Bett.« Einige waren über die Maßen thöricht, wußten aber nicht warum; vielleicht allein deswegen, daß ein Poet in seinen Reimen ihre Schönheit gelobt, ihre Haare in goldene Fäden oder Sonnenstrahlen, ihre Zähne in Elfenbein und Perlen, ihren Mund und ihre Lippen in Korallen, ihren ganzen Leib in Edelstein und Bisam verwandelt hatte. Eine sah ich mit einem Sterngucker reden, daß er ihr möchte ein Thema, ihre Genesis, ihr Horoskop, ihre Nativität (das die Weiber Antivität nennen, – jene meinte, es wäre das erste Buch Mosis) stellen und zeigen, in welchem Hause sie geboren wäre, welches Glück sie in der Welt, was für einen Mann, wieviel Kinder sie zu hoffen hätte und wie bald? Eine andere sah ich mit einer Zigeunerin oder Zauberin sprechen, der sie die Hände und den Hintern zeigen mußte; diese war so mitleidig und barmherzig, daß, wenn sie einem die Liebe hätte zu fressen geben können, sie keine Kosten würde gespart haben. Wie viele von denen sah ich, welchen es, wenn sie ihre entlehnten Haare, ihre geflickte Schönheit, ihre gekaufte Gestalt wieder hätten weggeben sollen, viel lächerlicher als des Aesopus Krähen mit den entlehnten Federn würde ergangen sein. Ich schüttelte den Kopf und mit lächelndem Mund über alle diese Thorheit ging ich von dannen und kam in ein anderes großes Gebäude, das von dem vorigen durch einen kleinen Durchgang geschieden war, in dem hatten die Mannspersonen Wohnung und Aufenthalt. Die Ersten wurden Weibernarren genannt, deren Krankheit kam einzig und allein daher, daß sie stets hinten und vorn, um und an den Weibern sein wollten, und wer ihnen von der Kur nur redete, der war bei ihnen angefeindet und gehaßt. Die guten Männer meinten also, es wäre ein seligmachendes Verdienst, wenn sie in solcher Thorheit das Leben ließen; und obschon sie die Ursache und den Ursprung ihres Uebels, wie jener gute Bruder, merkten und wußten, so wollten sie doch nicht geholfen sein; daher hatten sie auch die Erlaubnis, ihrer vortrefflichen Dienste willen, die Kappe mit vier Schellen zu zieren, während andere nur zwei tragen durften. O wie manchen guten Schlucker habe ich allda gefunden, der, wenn eine neue Narrentracht aufkam, seinem Schatz, seiner Dame, seinem Engelchen zu gefallen, alles dazu aufwendete, während er zu Hause trotz guter Zähne schlecht essen oder aus Andacht gar fasten mußte. Was sind das für Narrenspossen – Sprach zu mir ein Edelmann, Den ich noch wohl nennen kann – Wenn ich trüg' verbrämte Hosen Und ich sollt' nicht haben Brot; Besser wär' es, morgen todt. Lieber halt' ich's mit den Bauern, Die sich fressen voll die Haut Mit dürrem Fleisch und Sauerkraut, Wissen nichts von Noth noch Trauern, Essen zu dem Kalb die Kuh, Tragen doch geflickte Schuh. Summa: wenn nur hat der Magen, Soll man nicht über Mangel klagen. Wie manchen großen Herrn habe ich allda gefunden, der ehemals Spielleuten, Kupplerinnen und Zuckerbäckern Hunderte baar bezahlt hat, damit er seinem liebsten Engel ein Ständchen, einen Tanz, einen Abendtrunk bestellen und auftragen könnte, der jetzt gern um ein Mittagessen die Hosen versetzen möchte. Wie viele waren da, die nicht das Brot im Hause hatten, und die dennoch die Versuchung und der Kitzel vexirte. Allein in einer Ecke dieses Saales bemerkte ich einige schwarze, wüste Tröpfe mit langen, schmutzigen Haaren, von denen ein Theil große Knebelbärte hatte, womit sie einem Kinde die Augen hätten ausstechen können; daneben aber auch andere ganz ohne Bart, wie die alten Wollüstlinge. Diese insgesammt bildeten sich ein, daß sie die schönsten, wohlgestaltetsten, lieblichsten, freundlichsten Kerls auf Erden wären; der eine trug eine große, gekräuselte Perrücke oder einen Zopf oder Locken; der andere strich den Knebelbart; der dritte drillte den Bart, wie jener Kapitän seine drei Soldaten; der vierte hatte gar keinen Bart, darum wischte er nur das Maul; jener prunkte mit seinen weißen, weichen Händen, dieser mit seinen kleinen Füßen. Und bei all ihrer Einbildung war in Wahrheit ein jeder häßlicher, gräßlicher und ungeschlachter als der wüste, unflätige Thersites bei dem blinden Homer, oder wie sie der edle Engländer M. meint Owen. S. Einleitung. beschreibt: mit Froschgesichtern. Diese wüsten Tröpfe sollen sich ja hüten, ihre eingebildete Schönheit vor Frauenzimmern zu rühmen, die von Natur nicht leiden können, daß irgend jemand schöner sein wolle als sie selbst. Dort gab sich einer für einen Kriegshelden, für einen Raufer, Krieger und Fechter aus, der über die Maßen mit dem großen Messer aufschnitt, von nichts anderem, als von großen Streichen, tiefen Wunden, von Festungen-einnehmen und Mauern-besteigen redete; und der arme Hund sollte doch wissen, daß das weibliche Geschlecht von Natur furchtsam ist, erzittert und sich verkriecht, sobald es eines Degens ansichtig wird. Da ging einer zur Nachtzeit um seiner Liebsten Haus die Ronde machen und kam als viereckigter Narr wieder nach Hause. Andere, die nur einige Beispiele der tollen Liebe erzählen hörten, wurden bald so große Narren wie die vorigen alle. Dieser lief den ganzen Sonntag durch alle Straßen, ob er irgend eine Küchenmagd anträfe, denn bei ihm heißt es, wie bei Aubelin, dem Maler zu Hartenberg : Eine unbekannte Persönlichkeit, die Seite 257 nochmals erwähnt wird. ein Matz sein Schatz. Jener klagte, daß er mit all seiner Freundlichkeit und Beständigkeit keine Jungfrau, kein Weib erwerben könne; dieser hingegen, daß er, seines Weibes müde, sie doch nicht los werden könne. Jener lief von Haus zu Haus, von Eck zu Eck, wie ein Stein auf dem Brettspiel und konnte doch mit aller Mühe und Arbeit keine Dame bewegen. Dieser beklagte sich, was für Ungemach er ausstehen müßte, und war doch gar nichts daran; ein anderer, der unzähligen Kummer ausstand, wollte oder durfte es gleichwohl niemand klagen. Mit denen hatte ich insonderheit großes Mitleiden und rieth ihnen oft, daß sie von solcher Thorheit ablassen möchten. Aber der Alte sprach zu mir: »Laß sie gehen, Narren ist weder zu rathen noch zu helfen, es sei denn, daß man sie mit Kolben lause.« Es waren auch hochtrabende Gesellen da zu finden, welche manch ehrbares Mädchen, von nicht geringerem Stande als sie selbst, gleichwohl verachteten und höher hinaus wollten, als sie fliegen konnten oder als ihnen die Federn gewachsen waren. Wie ich denn in den vorigen Zimmern unter dem Weibsvolk auch dergleichen Fälle gesehen habe, indem sie oft einen guten, ehrlichen Gesellen, der ihrem Stande gemäß oder noch besser sein mochte, verachtet, abgeschlagen und verlacht haben, ohne dessen Hilfe sie doch nimmer eheselig werden können. Auch sah ich etliche ganz eselgrauhaarige Junggesellen, von welchen gesagt wurde, daß sie sich selbst nicht recht trauten. Dieselben leben ohne Eheweiber aus Furcht, daß sie bei ihrem Vermögen nicht bestehen könnten; deswegen behelfen sie sich in ihrem Hauswesen mit Küchen- und Stallmägden und mit Mädchen für Keller, Speicher, Tische, Stühle, Bänke, Stiegen und Kammer, denen sie Lohn geben. Solche jungen Gesellen habe ich immer mit den schlechten Schuldnern verglichen, deren Weise es ist, an manchen Orten, wo es nicht nöthig ist, zu spendiren, wenn sie aber ihre eigenen Leute bezahlen sollen, kein Geld mehr im Säckel haben. So mancher Tropf Kratzt sich im Kopf; Wenn er nur hört von Weibern sagen, Will er an sich und Got': verzagen. Ein Mann ohn' Weib Ist halb ohn' Leib. Ein schlechter Spatz allein herum zu stutzen! Was will der Mann, Der sich nicht kann Selbst rathen recht, dem Vaterland doch nutzen? Die Ehemänner sah ich da mit Ketten und Banden umgeben, in denen sie oftmals unsinniger waren, als die Narren alle; denn etliche verachteten ihre eigenen Weiber und liebten und lobten allein, was andere Weiber thaten. Andere meinten, daß sie durch Sauersehen und stetiges Balgen ihre Weiber zum Gehorsam bringen könnten. Aber diese sah ich auch sehr betrogen, denn schließlich wurden sie aus wilden Löwen und reißenden Wölfen geduldige Schäflein und Lämmermätzchen. Andere liebten ihrer Weiber Gespielen; andere spielten mit andern Weibern. Witwer, als erfahrene Leute, waren schwer zu betrügen, und doch sah man deren, die mit allen Vieren in den Dreck fielen, wiewohl sie mit sonderlichem Bedacht und Vorbedacht die Sache anzugreifen vermeinten. Sie waren allenthalben, wie Hans Ueberall, zu Hause; wo sie liebten, da waren sie willkommen, und die Hinterthür stand ihnen offen; von welchen sie aber geliebt wurden, deren achteten sie nicht so sehr; sie waren, was zu verwundern ist, rechte Narren, wiewohl sie vor der Welt die witzigsten sein wollten. Einiger sehr alter, verlebter Herrn wurde ich gewahr, denen die Weiber nicht einen guten Blick gönnten, wiewohl sie sich freundlich stellten; aber sie verdienten wenig Dank damit und wurden eben übel empfangen, sie mochten herkommen, von wo und wann sie wollten. Als ich im Vorübergehen von dem Alten die Ursache dessen erforschen wollte, gab er mir zur Antwort: »Wenn ein alter Mann will freien. Der in Gliedern schwach und matt, Der erwachsne Kinder hat Und sich helfen durch Arzneien, So wird ihn die Thorheit reuen, Muß nur hören, sehen, schweigen. Wenn ein alter Mann will freien Sollen alle Freunde schreien. Daß der alte schwache Mann Sich nicht besser hüten kann. Sein Weib das wird seiner lachen Und ihn ganz zum Narren machen. Die Weiber haben, sprach er, auch philosophirt; aber auf die Philologie, das unselige Kritisiren, Grübeln in Worten, geben sie nicht ein Titelchen: Werke werden von ihnen erfordert.« Etliche Musikanten und Lautenschläger sah man, deren Vorsatz es war, die Jungfrauen mit ihrem Trireliren zu gewinnen und zu bethören, wie sich denn auch viele bethören ließen. Die Poeten vermeinten durch Versemachen ein nicht Geringeres zu verdienen. Aber wenn sie hofften, ihre Ader hätte das Beste geleistet, so sprach die Jungfrau: ach Herr, es ist nichts. Mancher erzählte dem andern seine Heimlichkeiten, der hernach von Herzen darüber lachte und es sich zu Nutze machte. Mancher machte eine Aeneide über ein Küchenfenster, aus dem seine Liebste, eine Viehmagd, herausgesehen hatte, und sonst wohl nicht ein Hund 'raus guckte. Einer wollte mit seinen Reimen die Nacht beschwören, daß sie ihm mit dem Gestirn der Liebsten Thür und Kammer weisen möchte. Ein anderer trug den Sack voll Briefen mit allerhand farbenen, seidenen, silbernen und goldenen Fäden umbunden und mit Pfeilen, Köchern, Herzen und Flammen versiegelt. Andere trugen Armbänder, Hutschnüre und Zöpfe, vermeinend aus den Haaren ihrer Geliebten, die vielleicht von einer Aussätzigen oder gar von einem Kuhschwanz herrührten, wie jener Barbier zu Ansbach. In einem besonders dazu gemachten Häuschen, gleich einem Zuchthaus, saßen zwei ansehnliche Kerls, ebenfalls mit Ketten angeschmiedet wie Unsinnige. Als ich herzu kam zu hören, was ihnen gebräche, da war es nichts als Seufzen, Klagen und Wünschen: »O daß ich! O wenn ich! O hätte ich! O wenn ich so selig wäre, daß ich in einen Floh verwandelt würde, und aufs wenigste nur in meiner Liebsten Kammer herumhüpfen könnte! Wie ein viel seligeres Geschöpf ist doch der Floh als ich, der soviel und so große Gewalt hat, und ich darf nicht dahin gucken!« Ei so gucke, sprach ich, damit du deine Ehre verguckst! Der muß wahrhaftig ein Grillenfänger sein, der sich solche Thorheit anwünscht! – Der andere, noch närrischer, wünschte sich so glückselig zu sein, daß er das Brett auf dem heimlichen Gemach wäre, damit er seiner Liebsten je zu Zeiten könnte einen Kuß geben. Mit diesem Tropf hatte ich besonders Mitleid und wünschte ihm aus größerer Freundschaft, daß er nicht nur das Brett, sondern auch das heimliche Gemach selbst wäre, und daß ihm seiner Liebsten Thränen aus dem Hinteren zur Bezeugung recht innerlicher Leibesliebe gar in das Maul fallen möchten. Und ich glaube, der Narr hätte es als einen besonderen Leckerbissen mit großer Ehrerbietung gern angenommen. Einige gaben um einen armen Kuß sich willig in eine sklavische Dienstbarkeit; andere wollten sich nicht küssen lassen, trotz aller Affection und Liebe, die man ihnen schwur. Einer liebte heimlich und in dem Sinne, wie die armen Juden wuchern; ein anderer öffentlich und ohne Scheu. Mancher liebte umsonst, mancher um Lohn; mancher gab noch Lohn dazu, und diese waren die liebsten, weil ja durch spanische Dublonen eine Festung eher kann gewonnen werden als durch die Kronen der Franzosen . Der Sinn der Stelle ist klar, wenn man weiß, daß eine spanische Dublone 65,20 Mark, ein französische Krone 6 Francs beträgt Mancher verliebte sich um nichts; mancher ums Geld, wie dieses unbärtige Herrchen, getrieben von der Göttin Dublona oder Diabolona, ein wüstes, altes Weib Im Text ist ein Holzschnitt, der eine häßliche Alte vorstellt, welche einen großen Geldsack trägt, nach dem ein junger Gesell greift; im Hintergrunde grast ein Esel um einen Sack voll Dublonen zur Ehe nahm, von der er aber hernach für einen Esel geachtet und gehalten wurde. Das ist aller derer verdienter Lohn, die es mehr auf unerlaubtes Leid als auf erlaubte Fröhlichkeit abgesehen haben, die da glauben alte Weiber zu beerben, und müssen hernach vor ihnen sterben. Mancher verliebte sich gar um Leib und Seele. Als ich nun diese letzteren Thoren genugsam besehen hatte, und in das obere Schloß, der Venus Kunstkammer genannt, gehen wollte, sprach der Alte zu mir, ich könnte jetzt da nicht eingelassen werden, sondern müßte es auf ein ander Mal versparen, denn ich hätte der Narrheit schon zuviel gesehen. Darum führte er mich zurück in den ersten Hof, durch den ich eingegangen war; darin sah ich nochmals mein Wunder. Ich bemerkte, wie sich die Zahl der Narren alle Augenblicke mehrte. Ich sah die Zeit, durch deren Hilfe etliche genesen waren; ich sah die Eifersucht gegen diejenigen, welche es bisweilen am wenigsten verdienten. Ich sah das Gedächtnis der alten Liebe und Wunden. Ich sah den Verstand in einem finstern Käfig eingeschlossen und gefangen; ich sah die Vernunft mit blinden Augen, und vieles andere, worüber mir das Gesicht verging. Endlich bemerkte ich eine kleine Thür so eng, daß schwer hinauszukommen war, vor allem weil dort Frau Undank und Frau Untreu den Paß gaben; ich beeilte mich denn auch sehr und machte mich davon. In dem zog mir einer meiner obengenannten Freunde, bei denen etliche Tage zu verbleiben ich mich entschlossen hatte, den Vorhang vom Bett, worüber ich erwachte und merkte, daß es heller Tag war. Als ich mich nun ermuntert hatte und wieder zu mir selbst kam (denn wer in solchen Orten und Händeln begriffen ist, der ist nimmer bei sich selbst), mich umsah und mich in meinem Bette befand, da verdroß es mich nicht wenig, daß ich mich in diesem Narrenhaus zu meinem großen Schaden mit Leibes- und Seelengefahr so lange aufgehalten hatte. Doch war ich zufrieden, da ich nun wußte und gesehen hatte, daß auch andere und größere Narren als ich dagewesen waren, und daß ich in diesem Ort auch Fürsten, Grafen und Herren zu Brüdern bekommen hatte, die mir alle betheuerten, sie hätten beim Herausgehen erfahren, daß Menschenliebe nichts anderes sei, als eine liebliche, pure Narrethei. Was ist Liebe? Ein Feuer sonder Glut, ein lebendiger Tod, Ein Zorn, doch ohne Gall', eine angenehme Noth, Ein Klagen ohne Angst, ein überwundner Sieg, Ein unbeherzter Muth, ein freudenvoller Krieg, Ein federleichtes Joch, ein nimmerkrankes Leid, Ein zweifelhafter Trost und süße Bitterkeit, Ein unverhofftes Gift und kluge Phantasei, Ja kurzum: Liebe ist nur bloße Narrethei.                    Homburg. G. Chr. Homburg geb. zu Mühla bei Eisenach, gest. 1681, war Mitglied der fruchtbringenden Gesellschaft und zeichnete sich als lyrischer und epigrammatischer Dichter durch Anmuth und Leichtigkeit aus.   Was ist lieben?   Sich betrüben, Sich stets widmen kranker Pein.   O wie weise,   Der da leise Gehet und mag sicher sein!   Lieb erwecket   Lust und schmecket Anfangs einem jeden gut;   Bald sich's wendet,   Kurzweil endet. Martert, daß es wehe thut.   Amor, Spötter   Aller Götter, Amor aller Schalkheit voll,   Ohne Wunden   Geht verbunden, Nur daß man ihn klagen soll.   Liebesfeuer   Hat noch heuer, Sonst auch, thränend' Aug' gebracht,   Bald gegeben   Dem das Leben, Diesen trank und todt gemacht.   Drum ist lieben   Nur betrüben, Götter-Menschen Phantasei;   Man muß lachen   Ob der Sachen, Ob der klugen Narrethei.                          Homburg. Viertes Gesicht Todtenheer Wie oben gemeldet, zog ich nach einem Aufenthalt von vierzehn Tagen in Moulins von dort nach Lyon, wo ich eine Zeit lang verblieb. Da geschah es eines Montags als ich neben meinen Reisegefährten Herrn Joachim Friedrich Dürr auf Gabor, Herrn Georg Fick aus Schlesien und Herrn Christian von Hartig aus Zittau in der Lausitz, meinen vertrautesten Freunden und Brüdern vor allen, in der Ruhe lag, daß wir nachts nach zwölf Uhr durch das Läuten eines Moslems auf der Straße erweckt wurden; wir standen auf und wurden eines Mannes mit einer Laterne ansichtig, welcher anfing sehr bewegt, doch mit einer hohlen, gebrochenen Todtenstimme fürchterlich und grausig zu rufen: Wacht auf, die ihr jetzt schlaft zumal Und bittet für die Todten all, Auf daß sie selig werden. Als ich das hörte, eilte ich so behende zurück in mein Bett, als ob der Teufel bereits hinter mir her gewesen wäre. Und in Wahrheit kam uns alle eine rechte Furcht an, so erbärmlich und katzenjämmerlich war es zu hören und zu sehen, und wir konnten die Nacht über gar nicht mehr oder doch nur wenig schlafen; auch den ganzen folgenden Tag brachte ich einsam mit so traurigen Gedanken zu, daß ich mich nur schwer davon frei machen konnte. Wahr ist es zwar, daß Melancholie und Traurigkeit einem tapfern Manne nicht wohl anstehen, zumal wenn er sich wollte von ihnen überwinden lassen; das wäre das Zeichen eines knechtischen, elenden Verstandes und Wesens, wie ich dergleichen an andern gesehen habe. Doch diesmal wußte ich mich selbst schwerlich davor zu hüten; denn einen reisenden Studenten macht nichts eher melancholisch, als wenn man ihm nicht Geld genug will von Hause schicken. Um meine Grillen zu verjagen ging ich über die Bücher; sobald ich aber nur ein Buch aufthat und zu meiner Ergötzlichkeit etwas lesen wollte, dann kam mir immer etwas vom Tode zu Gesichte, und der Mann mit dem Glöcklein lag mir ohne Unterlaß im Sinn und in den Ohren. Mit diesen hirnverrückenden Gedanken ging ich auch wieder zu Bett, theils wegen der unruhig verbrachten vorigen Nacht, theils wegen anderer Einfälle, die mir kamen. Da ist mir Folgendes in einem Gesichte erschienen: Ich sah den Tod mit einer Leier daher schreiten, der spielte zwar auf, aber der Tanz muthete mir nicht an, weil ich merkte, daß alles auf denselben Sprung und der beste Ton auf kling kling klang, klang kling klang ausging. Danach sah ich viele Doctoren der Arzenei und Mediciner auf Maulthieren hin und her reiten, mit schwarzen Tüchern und sammtnen Teppichen bis auf den Boden bekleidet; die waren bald langsam wie die Schnecken, bald geschwind wie der Wind, jenachdem der Mann war, der sie fordern ließ, und jenachdem sie großen Sold und Verehrung zu gewärtigen hatten. Andere gingen zu Fuß und liefen zuweilen je aus derselben Ursache und jenachdem sie wußten, daß man sie belohnen und bekrönen würde. Sie blinzelten mit den Augen und waren runzlich, was, wie ich glaube, das viele Nasenrümpfen vom Harn-besehen und Beckenriechen verursachte. Ihr Gesicht war mit einem großen Backenbart über und über bewachsen, und der Mund mit Haaren so verbollwerkt, daß man ohne große Mühe nicht dazu gelangen noch ohne Fernrohr ihn sehen konnte. In der linken Hand hielten sie den Zaum und die Handschuhe so zusammengedreht wie eine Danziger Bratwurst; in der rechten eine lange Spießruthe grade wie eine Pike, als ob sie damit einen durchstoßen, aber nicht ihre Pferde oder Esel antreiben wollten. Mit den Schenkeln und Füßen mühten sie sich ab zu stopfen und zu stupfen auf beiden Seiten, mit dem Gesäß, dem Kopf und ganzen Leib zu pumpen, zu hotteln, zu lotteln und zu notteln, damit sie vom Flecke kämen. Einige unter ihnen hatten mächtige goldene Ringe an den Daumen stecken, in welche so übergroße Steine gefaßt waren, daß, wenn sie dem Kranken den Puls fühlten und ihm ein solcher Stein zu Gesichte kam, er nicht anders meinen konnte, denn daß er seinen Grabstein vor Augen sähe. Die alten Herren waren überall von jungen Herren Practicanten und Doktoranden umgeben, welche dadurch ihren medicinischen Kursus Kursus hat hier einmal die Bedeutung: Kreis der Wissenschaften; dann wörtlich: das Laufen. absolvirten und zu Doctoren wurden, wenn sie den alten Herren überall nachliefen. Und diese Weise zu doctoriren ist der rechte, wahrhafte Kursus der Doctoranden; denn da sie stets mit und um die Herren Doctoren oder vielmehr um deren Esel und Pferde herlaufen, so kann es nicht fehlen, daß sie Doctoren Im Text steht: Dok-thoren. werden. Ich dachte aber bei mir selbst: Behüte Gott, wenn man diese (Doc-thoren) aus diesen (Brach-die-kanten) macht, wie kann man sich da wundern, wenn wir Menschen oftmals das Lehrgeld mit unserer Haut und unserem armen Leben bezahlen müssen. Das ist besonders in Italien und Frankreich zu sehen, wo es heißt: Wir nehmen Geld von einem Thoren Und machen ihn dann zum Doctoren. Den Thor, der Geld hat in der Welt, Die Welt für einen Doctor hält. Diesen nach folgte eine lange Reihe Apothekergesindels mit Klingelsteinen, Mörsern, Stößern, Untersätzen, Wasserbädern, Löffeln, Spritzen und dergl., die alle mit tödtlichem Geschoß und Pulver geladen waren; auch mit vielen Büchsen und Schachteln, wo die Überschrift zwar die Arzenei, die Büchse aber Gift in sich trug. Wenn ich diesen Sachen ernstlich nachsinne, so finde ich beim Nachrechnen, daß das ganze Geschrei und Heulen, welches man der Verstorbenen wegen anhebt, ursprünglich in der Apotheke und im großen Klingelstein, als dem rechten Todtengeläute, seinen Anfang hat und in dem kleinen Klingelstein mit dem Requiem-singen: »Nun legen wir ihn hier schlafen«, sein Ende nimmt. Es sind die Apotheker der Mediciner rechte Konstabler, Zeugmeister und Büchsenmacher, die ihnen Wehr und Waffen in die Hand geben und ihnen solange helfen an uns herum zu ziehen und zu zupfen, bis sie uns aus dem Bett und aus dem Haus in das Grab, und die Seele aus dem Leibe gebracht haben. Denn alles, was in einer Apotheke zu finden ist, hat eine Aehnlichkeit und Gemeinschaft mit Krieg und Waffen; die Büchsen sind die rechten Geschosse und Petarden, womit die Pforten und Thore des menschlichen Lebens zerschmettert werden, woher sie denn ihren Namen »Büchsen« mit Recht tragen. Die Klystierspritzen sind den Pistolen zu vergleichen, die Pillen den Kugeln, die Aerzte selber dem Tod; die reinigenden Arzneimittel sind das wahre Fegefeuer; die Barbiere die Teufel, die Apotheke die Hölle, und der Kranke die arme gemarterte, verlorene und verdammte Seele. Die Herren Apotheker waren meist mit Zetteln behängt mit wunderlichen chinesischen, stenographischen Schriften, die weder der Vitzliputzli in Mexico, noch der Viracoccha zu Kusko, noch der Tamaraca in Brasilien, noch der Deumus zu Calcutta, noch der Frutzmann der alten Elsässer, noch der Mercurius zu Speier, noch der Silvanus zu Augsburg, noch Irmensäul der Sachsen, noch der Natagai der Tartaren Sind lauter Namen heidnischer Götzen. errathen können. Der Anfang dieser Zettel war gemeiniglich also: R , R bedeutet Recipe : nimm. soviel als per decem , weil unter zehn Recepten eins vielleicht helfen wird, der unter zehn Kranken einer davon kommt; daher auch das Anagramm Decimi aus Medici , An decimi aus Medicina , das soviel sagen will: meinst du wohl, daß der zehnte Mann entrinnen wird? Oder es beginnt P   = per crucem , das heißt: der Kranke muß sich kreuzigen, martern und peinigen lassen; daher sie auch Patienten genannt werden, weil sie eben dulden und leiden müssen. Oder das R ist der Buchstabe, den die Lateiner litteram caninam, canis iram nennen, das heißt, man solle sich davor hüten als vor einem bissigen Hunde; der Pfeil daran bedeutet, daß der Kranke damit soll erschossen werden. Sodann kommt Ana , dieses Wort ist eigentlich von den Franzosen hergenommen und ist das bekannte âne Esel, oder vielmehr von Ana , S. 1. Mos. 36, 24. dem Sohne Zibeons, der in der Wüste Maulpferde erfand, da er seines Baters Zibeon Esel hütete: weil man, um einen ehrlichen Mann um seine Gesundheit und sein Leben zu bringen, nicht mehr bedarf als eines einzigen ungeschickten Esels. Darum denke allemal, wenn du einen neuen Doctor in der Medicin machen siehst: Nun, das walte Gott! ein neuer Doctor, ein neuer Kirchhof! Dreißig Mann her! Denn soviel muß ein neuer Doctor haben, ehe er sich in seinem Hirn und Säckel zurecht finden kann. Drum sieh dich vor; denn wenn du willst eine Kuh oder ein Ochs werden, so darfst du keinen Kälber-Doctor brauchen. Hernach kommen Zeichen von Pfunden, Unzen, Lothen, Quentchen, Skrupeln, Grammen, die alle eine Gestalt haben, als ob es Schlangen, Skorpionen und Blindschleichen wären, oder vielmehr als ob sie deren Gift in sich hätten. Und das alles sind so tröstliche Sachen, die den Kranken erlaben, daß ihm die Seele möchte aus dem Leibe fahren. Zudem geben sie dem einfachen, allbekannten Kräutern so wunderseltsame, wälsche, afrikanische und türkische Namen, daß es fürchterlich anzuhören ist, und mancher nicht unbillig glauben möchte, daß man den Teufel damit beschwören wollte, als da sind: Oppeponach, Tregoricarum, Postomegotum, Petroselinum, Herba Borith. Mugath. Chamaespartion, Diaphoeniconis, Scolopendrion, Diatrion piperion, Ophiostaphylon, Zoophtalmon u. s. w., die alle, wenn man sie beim Sonnenlicht betrachten wollte, nur elende, schlechte Petersilie, Kornblumen, Sanikel, Kreuzwurz, Hauswurz, Hirtenzunge, Tamarisken, Holdermuß, rothe, weiße und gelbe Rüben und tausend andere sein werden. Denn da sie das Sprichwort kennen: wer dich kennt, der kauft dich nicht, so geben sie den Linsen und Bohnen seltsame Namen, damit der Kranke, der sie sonst so theuer nicht bezahlen würde, um so eher kaufe. Auch sind die Arzeneien den Kranken und Patienten wegen ihres Gestanks und üblen Geschmacks oft so zuwider, daß sogar die größten Krankheiten selbst, aus Furcht vor der Marter, den Menschenleib verlassen möchten. Das machen die wunderseltsamen Compositionen, Mixturen und Mischmaschereien; und gleichwohl, – will ein redlicher, gewissenhafter Naturarzt nicht gar zum Spott und Gelächter der andern werden, so muß er jeweilig auch mit einem Zettel in die Apotheke gehen, obschon er es selbst zu Hause besser zubereiten könnte. Diese medicinischen Composita haben ihre richtigen Namen daher: wenn der Doctor einem den Mäusedreck und Pfeffer durcheinander gerieben und sich's gut hat bezahlen lassen und man ihn fragt: esne tui voti compos? Zu deutsch; Hast du, was du willst? (nämlich den Sitz der Krankheit gefunden.) und dieser spricht ja wohl! dann hat er, was er will. Mir kommt hierbei in den Sinn, was einer von den bösen Juristen sagte: es nehme ihn Wunder, daß, wenn zwei Advocaten sich auf der Straße begegneten und sich ansähen, sie sich des Lachens enthalten könnten. Das sollte mich vielmehr von den Herren Medicinern wundern; ich glaube vielmehr, wer der Mediciner Geheimsprache oder Rothwälsch versteht, der wird hören, daß, wo sich zwei derselben auf der Straße begegnen und der eine statt guten Tag! fragen würde esne compos? Hast du gekriegt? der andere anstatt dank's euch Gott! antworten wird: compos ita! Gekriegt, ja! Und das sind die rechten Compos-ita . Anfangs hat man mit einfachen Mitteln geheilt, die in unserm Lande wachsen und nicht viel kosten, und – es ist wohl gerathen; hernach mit Compositis und Arzeneien, die aus fremden Ländern kommen und gar viel kosten, und – es ist übel gerathen. Der redliche Deutsche, Herr Bock von Hornbach, giebt deswegen den Fremdsüchtigen manchen harten Stoß. Jetzt nun will man mit Decompositis, mit der chemischen Kunst helfen; Gott segne es und gebe sein Gedeihen dem Arzt und dem Kranken! Denn wir können leider dieser Herren-über-uns nicht entbehren. Und damit ich wieder auf den Weg komme: welche Krankheit sollte nicht erschrecken und aus dem Leibe fahren, wenn sie an die Mumien, an Menschenfleisch, Menschenschmalz, Menschengebein, an das Moos aus eines gehängten Diebes Hirnschale, an Hunde-, Katzen- und Pferdefleisch und Fett und anderes, womit man ihr gar gefährlich nachsetzt, gedenkt? Zudem, wenn die Herren Mediciner und Apotheker den ihnen sonst unbekannten Zustand eines Kranken wissen wollen, so haben sie ja nichts, als – mit Ehren zu melden – den Harn und Koth des Menschen; auf diese beiden Stücke setzen sie, wie auf die delphischen Orakelsprüche, ihr ganzes Vertrauen und pflegen hieraus meistentheils über Tod und Leben des armen Sünders zu urtheilen. O über die grausame Inquisition, wo man ohne Wissen und Gewissen das menschliche Leben und die menschliche Seele durch unnöthiges Purgieren und Aderlassen aus dem Leibe jagt! O über das schreckliche Purgieren , Im Text steht » purgatorium «, d. i. Purgiermittel und Fegefeuer. wobei auch die unbeseelten Kreaturen, die ohne Sinne und Empfindung, ohne Mangel und Krankheit sich müssen urgieren und purgieren lassen! Ich meine Kisten und Kasten, Säckel und Sack. Hinterher nach diesem Heer kamen die Wundärzte mit ihren Scheeren, Aderlaßeisen, Scheermessern, Bäuschen, Kolben, Heftnadeln, Beinsägen, Schienen, Kneifzangen, Kugelzangen, Salb-Haften, Zwick-Haften, Mundstücken, Durchzügen, Kugelbohrern, Scharfbohrern, Löffeln, Laucherschlangen, Hirnschrauben, Armschrauben, Meißeln, Lanzetten, Binden und Banden. Und ich hörte eine schreckliche Stimme unter ihnen, die schrie: »Halt', schneid', hau', stich, stoß', zieh', drück', wirk', brenne!« Bei diesen Worten überkam mich eine solche Furcht, daß sich meine Gebeine, wenn es möglich gewesen wäre, selbst in einander nach taschenmesserweise wie ein Stock verschlossen hätten. Nach diesen kamen einige, die ich für verstellte Teufel ansah, so scheußlich war ihre Gestalt. Um den Hals hatten sie eine große Schnur, voll mit Zähnen besetzt, wie eine goldene Kette herabhängen, gleichwie die Quoniambeko-Weiber in Brasilien, bei den Tupin Ikin und Tupin Imba, ihrer erschlagenen Feinde männliche Glieder als eine besondere Zierde und als ein Zeichen der Tapferkeit ihrer Männer am Halse tragen. Daraus ersah ich, wer sie wären, und wahrlich, ich erachtete sie für das verdammteste Gesindel, das jemals gelebt hat, die den Mund volk- oder zahnlos machen und dem Menschen das Alter ohne einigen Grund an den Hals bringen! Diese losen Tröpfe dachten, um ihre Tyrannei zu verüben, an nichts anderes, als wie sie einem Menschen die Zähne, wie schön und gut sie auch noch waren, herausreißen und zum Feldzeichen an ihren Hals hängen könnten; dazu wußten sie meisterliche Ursachen zu finden, nur damit die armen Zähne ihrer Verfolgung und ihrem Urtheil untergestellt wurden. Und das Äergste dabei ist, daß sie noch Belohnung dazu fordern, wenn sie einen Zahn ausgerissen haben, grade als wenn sie die Sache gar wohl getroffen und einen eingesetzt hätten. Ich glaube nicht, sprach ich bei mir selbst, daß der Teufel so unverschämt sein kann wie ein Zahnbrecher. Indessen hörte ich ein Getöne von Zittern und Geigen, auf welchen einige Passamezzos, Passacailles und Sarabanden heruntergefiedelt und gekratzt wurden. Ich will nicht leben, sprach ich alsbald, wenn nicht Barbierer oder Bartscheerer daherkommen; denn diese beiden Saitenspiele sieht man gewöhnlich in ihren Stuben bei den Scheerbecken und Scheerbeuteln hängen. Es war eine Lust zu sehen, wie sie Haare und Bärte auf allerlei monatliche Façons zuzuschneiden und manchem Esel den Kopf so artig zu lausen und zu waschen verstanden. Gleich nach diesen folgte eine andere große Truppe Lumpenvolks, worunter als die ersten, Schreier und Salbenkrämer mit ihrem Salbenkram ein solches Wesen trieben, daß mir davon die Ohren wehe thaten. Es gab mir aber einer zu verstehen, daß sie, ob sie schon alle große Schwätzer, doch von unterschiedlicher Art und Gattung wären. Denn einige werden Schwimmer genannt, weil sie die Arme hin und her werfen, als ob sie schwimmen wollten; andere werden Affen genannt, weil sie mit Gesicht und Geberden alle diejenigen nachäffen konnten, von denen sie sprachen. Andere wurden Stöcklinge genannt, weil sie ohne Bewegung dastanden wie ein Stock, und doch beim Schreien ihre Augen hin und her in alle Ecken zu wenden wußten, wie Bilder, die also gemacht sind, wodurch sie überall etwas zu schwatzen fanden. Einige wurden Lügner genannt, obwohl sie insgemein alle nicht besser waren, weil sie mit schönen, glatten Worten die Leute an sich zu bringen, ihnen große Verheißungen zu geben, in Wahrheit aber nicht eine Lausesalbe zu machen verstanden. Die andern, welche nach diesen kamen, wurden Schlichter genannt, die sich in alle Händel mischen, alle Heimlichkeiten ausforschen, alles schlichten und richten wollen, – ein hochmüthiges Volk, welche herkommen, wo alle Ehre ein Ende hat, rechte Fuchsschwänzer, die bei allem ein Auge auf ihren Vortheil haben. Diese drängten sich unter die andern ein, mochte es diesen lieb oder leid sein. Ich fragte, warum diese so weit hinten gingen und, wie es den Anschein hatte, die letzten wären? Darauf sprachen die Schwätzer und Schreier (die ich doch gar nicht angesprochen hatte): wir halten diese Schlichter und Streitrichter für die rechte Grundsippe aller unverschämten Lumpen; und wie die Schlangen das Gift in dem Schwanz tragen, so ist diese giftige Sippe hier zuletzt aufgespart worden. Als nun all das Geschlepp vorüber war, da dachte ich bei mir, was doch das zu bedeuten habe? Indem, siehe, kam eine Person, an der ich, weil sie keinen Bart hatte, nicht unterscheiden konnte, ob sie ein Mannsbild oder ein Weibsbild war; sie war schlank von Leib, von Gestalt sehr leicht und flink, beladen wie ein Mülleresel mit Kronen, Sensen, Sceptern, Sicheln, Hirtenstäben, Schaufeln, Aexten, Baretten, Hüten, Hauben, – aus Muscheln, Perlen, Blei, Wolle, Gold, Silber, Edelgestein und anderem mehr gestickt, genäht und geflickt; sie hatte das eine Auge zu, das andere auf. Ihre Kleidung bestand aus allerhand Farben wie des Hanswurst; auf der einen Seite war sie jung, auf der andern sehr alt anzusehen; bald ging sie langsam, bald hurtig und geschwind; wenn ich meinte, sie wäre sehr weit, so war sie ganz nahe bei und an mir. Ich konnte mir nicht einbilden noch errathen, was ein so wunderlicher Aufzug bedeuten sollte, konnte mich auch schwerlich des Lachens enthalten: es war, mit einem Worte, alles phantastisch und possierlich anzuschauen. Endlich, als ich mich nicht länger enthalten konnte, fragte ich sein sittiglich: Ach mein Lieber, sagt doch, wer seid Ihr? »Ich bin der Tod,« sprach sie. – Wie, wie, was? so seid Ihr der Tod? rief ich mit zitterndem Munde, Herzen und Händen. Und nachdem ich wieder ein wenig Athem geschnappt hatte: O gnädiger Herr Tod, was wollt Ihr da machen? »Ich will dich holen!« antwortete er. Was! holen? O weh, so muß ich denn sterben? »Nein, sprach er; aber du mußt lebendig mit mir zu den Todten in mein Reich gehen; denn da der Tod je und zu allen Zeiten auf allerlei Weise und Wege zu den lebendigen Menschen gekommen ist und noch täglich kommt, so ist es billig, daß einmal einer von den Lebendigen so höflich ist, und auch uns in unserm Reiche heimsucht. Drum säume nicht lange; hier hast du einen strengen Vollziehungsbefehl ohne Klausel, und es wird dir unverborgen sein, daß meine Befehle ohne irgendwelche Ein- und Widerrede, ohne Provocation und Appellation müssen vollzogen werden, wovon der Kaiser und der Papst selbst nicht befreit werden können.« Ich aber mit erschrockener und geängstigter Seele trachtete gleichwohl diesem Menschenfeinde zu entrinnen, that daher einen Sprung zurück und was hast du, was kannst du davon. Aber der Tod, viel geschwinder als ich, war in einem Hui vor mir und mit einem Schritt weiter, als ich mit tausend hätte sein können; und zu allem Unglück war ich noch im Laufen gestolpert und zu Boden gefallen. Mancher will dem Tod entlaufen Und fällt allererst zu Haufen. Um nun meine Sache vortheilhafter anzugreifen, sprach ich: Ach gnädiger Herr Tod, verzieht nur ein wenig; ich habe ja nicht begehrt auszureißen, ich schäme mich nur ein bißchen, will nur gehen, meine Kleider anzulegen oder wenigstens einen Umschlag umzuthun, daß man mich nicht so ansehe, da ich so nackt und bloß einherziehe. »Es ist nicht von Nöthen, versetzte der Tod: denn in meinem Reiche bedarf man nichts; alles was du auf Erden hast, würde dich auf der Reise nur beschweren und verhindern. Du siehst ja, wie ich den Menschen das Ihrige abnehme und auf mich lade, damit sie desto fertiger nachkommen können. Zur Welt du nackend bist geboren Und scheid'st auch bloß von ihr: Ein linnen Tuch für deine Scham Und andres nicht Giebt sie zum Lohne dir!« Wernher. Der Minnesänger Wernher von Tegernsee gest. 1197, Verfasser von »Leben der heiligen Jungfrau Maria«. Also mußte ich es geschehen lassen; und es ist mir diesmal wohl ärger ergangen, als da ich aus Mutterleibe kam und geboren wurde: denn jedermann kam herbeigelaufen und wollte sehen, was Philander für ein Held wäre und mir zu essen, zu trinken, Kleidung und Windeln geben; aber die mich kannten, kehrten mir den Rücken, als ob sie mich nicht kennten und gingen davon. O Elend, wenn ein Mensch in unvermeidliche Noth kömmt, wie verlieren sich die guten Freunde! Wie bald ist dessen vergessen, den man hinausträgt. Hier zu erzählen, wodurch und wohin ich geführt wurde, das ist mir unmöglich, denn alle meine Sinne waren dermaßen eingenommen, daß ich nicht mehr wußte, ob ich ein Mädel oder ein Bube, ob ich todt oder lebendig wäre. Beim Fortgehen sah ich die Gestalt vielmals an und einmal sprach ich: Gnädiger Herr Tod! ei, ist's denn immer möglich? Es dünkt mich wahrlich nicht, daß Ihr der Herr Tod seid, Ihr seht nicht so aus, wie man Euch bei uns lebendigen Menschen malt: mit dürren Beinen, daran gar kein Fleisch ist und nur eine Sense in der Hand. »Die Kupferstecher, erwiderte der Tod, die Maler und Dichter sind recht unverständige Tröpfe und Esel; denn die Beine, die sie mir anmalen, sind die Todten selbst oder zum wenigsten das, was von den Lebendigen im Grabe eine zeitlang übrig bleibt. Ihr Menschen kennt den Tod nicht recht: ihr selbst seid der Tod selbst. Der Tod hat eine Gestalt wie du und jeder, der lebt; so viele eurer sind, ein jeder ist sein selbst Tod, euer ganzes Leben ist der Tod, und was ihr sterben nennt, das ist aufhören zu leben; geboren werden ist anfangen zu sterben, leben aber ist sterben, indem man lebt. Wenn ihr Menschen dies und dergleichen oft betrachten wolltet, so würde ein jeder alle Tage sich in dem Tode, wie in einem Spiegel, selbst sehen und erkennen lernen und zugleich vernehmen, daß all eure Wohnungen voller Todten sind, so viel Todte als Personen. Aber keiner ist, der den Tod möchte erwarten, den doch jedermann im Busen trägt und mit sich herumschleppt, wohin er sich auch wende. Meinst du, der Tod sei so ein dürrer Körper, ein Skelett, wie man ihn malt, so mager, daß er kaum könnte das engste Kleid tragen? O weh, nein! Ihr betrügt euch sehr, denn ihr seid der dürre Körper, das Aas und der Tod selbst und wohl dir, wenn du es begreifst!« Als ich nun des Todes einigermaßen gewohnt geworden und mit ihm in Gespräch gekommen war, da fragte ich weiter: Ach gnädiger Herr Tod! Ich möchte doch wissen, was das für ein Volk ist, das vor euch herzieht, weil Ihr ja der gnädige Herr Tod seid; wie kommt es denn, daß die Schreier und Händelschlichter näher vor Euch gehen als die Herren Aerzte? »Darum, sprach er, weil viel mehr Leute von dem Unheil solcher Schwätzer als von den allerbösesten Krankheiten sterben, – ›ein arges Volk, dem Frieden und der stillen Ruhe feind‹ (Mart. 1, 4.) – und weil viel mehr durch Ansichten und Verdruß der Händelschlichter und Vermittler umkommen, als durch die Aerzte selbst; wiewohl die Herren Aerzte auch nicht feiern, so daß die Menschen es für ein böses Zeichen halten, sobald sie einen Medicus sehen, und oftmals, wie vor einem Basilisken, der auch durch bloßes Ansehen vergiften und tödten kann, zu Boden fallen und sterben. So ist es kürzlich dem armen Andragoras geschehen, der Abends mit seiner Gesellschaft gesund und frisch zu Tisch gesessen und fröhlich gewesen war, Morgens aber todt im Bette gefunden wurde aus der einzigen Ursache, weil er den Doctor Hermokrates im Traume gesehen und vor ihm erschrocken war . Ist der Inhalt eines daneben stehenden Epigramms von Martial. Und da ich grade auch von den Krankheiten geredet habe, so wisse, daß die Mehrzahl der Menschen allein durch Unordnung, Unmäßigkeit und Schwelgerei in Krankheiten fallen und sterben, wie euch Deutschen dies vor langem aus euren eigenen Werken prophezeit worden ist, indem einer Am Rande steht: Melanchthon. zu euch gesagt hat: ›ihr Deutsche fresset und saufet euch krank, todt und in die Hölle‹. Es ist bekannt, Unmäßigkeit Bringt manchen um das Leben, Und der lebt nicht halb seine Zeit, Der sich ihr hat ergeben. Drum was du immer denkst und thust, So hüte dich gar eben; Denn sonst wird dir die lange Lust Verkürzen Leib und Leben. Was aber das Sterben an sich selbst betrifft, so wisse, daß die Menschen alle vermittelst und durch Fleiß der Aerzte, welche zu ihnen gehen, zum Tode befördert werden. Der Poet Martial kann davon hinreichend Zeugnis geben, wie es ihm mit dem Symmachus ergangen ist, dem er verweislich schreibt: er wäre etwas unpaß gewesen, da wäre der Dock-thor Sie-mach-aus mit seinen jungen Brach-die-Kanden zu ihm gekommen, die ihm nacheinander den Puls begriffen und ihm von dem bloßen Antasten das kalte Fieber in den Leib gejagt hätten (Mart. 5, 9). Also wenn man fragt, woran ist dieser oder jener gestorben? so sollt ihr nicht sagen: an einem Fieber, am Schlag, an der Pest oder dergleichen, sondern: er ist durch dieses oder jenes Arztes Hilfe und Hand gestorben, der aber wohl und redlich bezahlt ist. Denn es ist ja billig, daß ein jeder sich von seiner Kunst und seinem Handwerk nähre, und ein Arbeiter ist seines Lohnes werth. Das wird denn in Spanien und Welschland frisch gewagt, und dabei der Kranke oft mit der Krankheit ausgejagt nach des Poeten Meinung, der auf den Arzt Cinna sagt: »wer den Doctor Cinna braucht, der darf nicht sorgen, daß er lange krank liege, denn er wird ihm mit der Krankheit bald forthelfen« (Owen 1, 86). Kürzlich war Diaulus Arzt, jetzt ist er Todtengräber: was er als Todtengräber thut, hatte er auch als Arzt gethan (nach Mart. 1, 31). Denn wo ein Jurist und ein Medicus sich allemal ein Gewissen über etwas machen wollte, dann würde es oft schlecht mit seinem Hauswesen und Säckel stehen: Ein Rechtsgelehrter ohne List, Ein Arzt, der ohne Frevel ist, Ein' Hur', die scheuet bös Gericht – Zu großem Reichthum kommen nicht. Daher haben auch die spanischen und welschen Aerzte, bei denen es immer in hundert Pistolen hergehen muß, vor kurzen Jahren den Titel ›Don‹ angenommen, der doch sonst allein den vornehmsten Ständen gebührte; jetzt aber verbleibt er nicht nur bei den Herren Aerzten, sondern auch mancher Pfeffersack, arme Teufel und Bärenhäuter, sobald er in ein fremdes Land kommt, eine wohlgelöste Zunge hat, sauer sehen, gravitätisch gehen, höflich stehen, einen sammtnen Rock bezahlen kann, will mit ›Don‹ und ›Sennor‹ tractirt werden. Zwar, was die Herren Medici anlangt, so ist es billig; nämlich sie haben das rechte ›Don‹: le don de tuer, donum necandi, donum mortificandi (das Privilegium umzubringen), und haben viel lieber le don (das Honorar) gleich anfangs, wenn man sie zum Kranken ruft, als sonst. So haben auch die französischen Dock-thoren das subtile Wort ordonner aufgebracht, das bei ihnen heißt ›Arznei geben‹, aber bei den armen Patienten heißt es ›Geld geben‹. Giebt dir der Dock-thor einen Trank, Dublonen mußt ihm geben. Und fängst du drum an einen Zank, So kostet's dich dein Leben. Kyrie Eleison. Ordonner medicos, aegros or donner oportet (der Arzt muß Mittel eingeben, der Kranke Gold ausgeben), Owen 1, 53; diese einträglichen Wörter lehren sie auch den gröbsten Thalbauern in einer Stunde sein artig zu unterscheiden.« Ich muß bekennen, als der Tod so mit Versen um sich warf, daß ich mich bald gar nicht mehr vor ihm fürchtete, sondern ganz gern um ihn war. Unterdessen kamen wir im Gespräch in eine weite Höhle, wo es weder Tag noch Nacht war. Im Eingang auf einer Seite sah ich drei Dinge, die wie Menschen gestaltet und bewappnet waren; was aber das eine oder das andere wäre, konnte ich nicht wissen. Gegenüber auf der andern Seite sah ich eine scheußliche Wundergestalt, wider die jene drei ohne Unterlaß stritten und kämpften, eins wider drei und drei wider eins. Der Tod stand da still und wandte sich gegen mich fragend, ob ich diese vier Dinge kennte? – Ach Gott, nein! sprach ich, ich kenne sie nicht, begehre auch nicht zu wissen, was und wer es sei. – »Und gleichwohl hast du in deinem Leben keine andere Gesellschaft als eben diese. Sieh', wie du selber gar nicht weißt, wer und was du bist und was du thust! Es sind die drei Hauptfeinde deiner Seele: jener dort ist die Welt; dieser ist dein Fleisch; der dabei ist der Teufel. Besieh sie nur genau, wie gleich und ähnlich sie einander sind, so daß es schwer ist den Unterschied zu finden; wo der eine einkehrt, da folgen die andern zwei gewiß nach. Denn wenn ein hochmüthiger Mensch meint, er habe die ganze Welt, so giebt er seinem Fleische nach und hat den Teufel. Ein Schwelger und Unkeuscher, der da meint, er habe genug an seiner Fleisches- und Augenlust, der hat auch den Teufel.« – Wer ist aber, fragte ich, der gegenüber, wider den diese drei so streiten? »Es ist Plutus, sprach der Tod, der Geldteufel; er streitet wider die drei andern und will allein Herr und Meister sein; darum will er auch haben, daß ihm die drei andern folgen und unterthan sein sollen. Wo Plutus ist, da sind die andern drei alle, und bei der Geldsucht ist Welt, Fleisch und der Teufel selbst. Zuerst streitet Plutus wider die Welt, denn ihr lebendigen Menschen meint, daß: Geld regieret alle Welt. Der Menschen Wohlfahrt in der Welt Besteht allein auf Gut und Geld. Nur aus der Welt, Wer nicht hat Geld! Denn ohne Geld Schafft man nichts in der Welt. Kommt Kunst gegangen vor ein Haus, Sagt man, der Wirth sei gangen aus. Kommt Weisheit auch gegangen für, So ist verschlossen ihr die Thür. Kommt Zucht, Lieb', Treu' und wär' gern ein, So will niemand der Pförtner sein, Kommt dann Wahrheit und klopfet an, Man läßt sie vor dem Fenster stahn; Kommt Gerechtigkeit an das Thor, So schiebt man Schloß und Riegel vor: Kommt aber Pfennig hergeloffen, Sind Thür und Thor ihm allzeit offen, Zweitens streitet der Geldteufel wider das Fleisch, wie zu Hofe zu sehen ist, wo Fleischeslust, Augenlust und Hoffährtiges Leben ihren natürlichen Sitz haben: Denn ob dir schon ein' Dirn' gefällt. So schweig nur still, hast du kein Geld! Gnädiger Herr, die Hure wär' da, wo Geld wäre! sprach ein Narr an einem gräflichen Hofe, als ihn sein Herr mit seiner Gemahlin vexiren, foppen und anführen wollte. Drittens streitet der Geldteufel auch wider den Teufel selbst: denn wenn man in allen Geschäften und Händeln will glücklichen Fortgang haben, so muß der Teufel, das Geld, das Beste thun. Ist denn der Teufel in dem Geld, Daß ohne Geld man nichts erhält? Die Liebe thut viele und große Dinge, aber das Geld thut alles: l'argent fait tout ; vor Zeiten war es: Amor vincit omnia . (die Liebe überwindet alles). Aber jetzt: Du lügst! spricht Pecunia (das Geld): Wo ich Pecunia nicht bin, Da kommst du, Amor, selten hin. Geld wird Alles überwinden: Keine Festung ist zu finden, Die da widerstehen kann. Wenn nur kam' ein Esel an Mit Gold, ohn' Verstand und Sinnen, Er könnt' Raab und Pest gewinnen. Es folgt nun aus Horaz. L. III. Od. 16. Vers 1 – 16. Es muß etwas daran sein, sprach ich zu dem Tod, weil sich Plutus seiner Haut so rittterlich wehrt und sich herum tummelt. Als wir fürder gingen, wies mir der Tod auf einer Seite das Gericht, auf der andern die Hölle. Ich stand da still und sah die Hölle mit Verwunderung an; der Tod fragte, was ich so genau an der Hölle besichtigte? Es däucht mir, sprach ich, ich habe sie zuvor schon gesehen. – »Wo denn?« – Ich weiß nicht. – »Im Neid, sprach der Tod, im Geiz und Hochmuth der Geistlichen. Sobald ein Geistlicher die eigenen Lüste und die Rachgier für christlichen Eifer, den Eigennutz für Verdienst, den Hochmuth für Ernsthaftigkeit ausgiebt, – so wird aus dem christlichen Eifer ein Gespött, aus dem Verdienst Verachtung und aus der Ernsthaftigkeit eine Hölle. Si non esset I, A, S, quilibet esset Christi vas. (Wenn nicht wäre Invidia , Neid, Avaritia , Geiz, Superbia , Hochmuth, so wäre jeder Geistliche ein Gefäß des Herren.) So aber gehet es her: wenn du Lust hast am Mammon und schmutzigen Gewinn, so ziehe dir einen Amtsrock an, damit dir das Betrügen besser gelingt (Martial 8, 47), wiewohl wir dies ungern hören. Auch hast du die Hölle in der Bosheit und Schinderei, weltlicher Obrigkeit gesehen. Sobald die Obrigkeit ihre Absicht oder ihre Gedanken auf einigen Gewinn und Vortheil gerichtet hat, so wird aus dem Gericht eine Verdammnis und aus dem Urtheil eine Hölle. Auch hast du die Hölle gesehen in der Seele derer, die einem ehrlichen Manne das Seinige mit Gewalt vorenthalten, – in bösen Anschlägen,, in der Rachgier, in der Lustseuche, in der Eitelkeit der Fürsten und Herren, in dem armseligen Hofleben. Doch wenn man die ganze Hölle beisammen in einem Bündel sehen will, so kann man es bei einem Gleißner und Heuchler, der sich engelrein stellt und doch voll teuflischen Trugs im Herzen ist.« Auch sah ich mit Befremden das Gericht an, wie es an sich selbst ist. Darin hatte ich mich denn bisher, wie andere Menschen, sehr getäuscht; denn das Urtheil und Gericht, wie es in der Welt gehandhabt wird, ist nur Fopperei, wenn man es gegen dieses hält. Und in Wahrheit glaube ich nicht, daß ein Mensch auf Erden einen rechten, gesunden Verstand habe: denn wenn nur das Geringste, nur ein Schatten von diesem Verstande auf der Welt wäre, es würde das Gericht viel anders sein und nicht so im Mährentragen, Mährensagen, unzeitigem Argwöhnen und Urtheilen darniederliegen. Wenn auch die Richter auf Erden von diesem Rechtsurtheil haben sollen und müssen, so kann ich wohl sagen, es ist kein Wunder, daß es in der Welt so krumm und dumm, so ungleich und ärgerlich hergeht. Es würde mir nicht mit Unrecht angst sein wieder dahin zurückzukehren: weil es besser ist mit Verstand sterben als mit Unverstand leben. Währenddessen kamen wir in ein großes, weites Feld, das trotzdem mit überaus hohen und unbesteiglichen Mauern umgeben war. Der Tod sprach zu mir, es wäre nun Zeit allhier zu rasten, weil wir in seinem Gerichtsbezirk angelangt seien. Die Mauern waren mit Ach und Wehe, mit Unlust, Seufzen, Ungunst, Bösem, unverhofften und unglaublichen Geschichten behängt und bedeckt. Da war der Weiber Weinen für Trügerei, für Ueberfluß, Halsstarrigkeit und Narrendinge geachtet; da waren Schmerzen und Leid ohne Freude, Angst und Neue alle Augenblicke neu und gleichsam in einen nagenden Herzwurm verwandelt, welcher der Könige und Potentaten Herzen wegen der teuflischen, unnöthigen Reputationskriege Kriege, die wegen vermeintlich beleidigter Ehre eines Fürsten geführt werden. ewig nagte und plagte und sich so von ihrer Seelen Untergang und Verzweiflung ernährte. – Dazwischen waren unzählbar viele Aerzte anstatt der Tapezereien aufgehängt wie vorhin von den Geigen und Zittern der Barbierer gesagt wurde. Und als ich fragte warum? sprach der Tod: es wären die ältesten unter den Medicinern, welche den Hippokrates , Hippokrates, der Vater der wissenschaftlichen Medicin bei den Griechen, ist geb. 460 v. Chr. auf der Insel Kos, gestorben um 376 zu Larissa in Thessalien. Galenus , Ueber Galenus s. S. 39, Anm. 1. Averrhoes , Averrhoes, gest. 1225, ein Araber von Geburt, geb. zu Cordova in Spanien, in allen Wissenschaften hoch berühmt; der Kaiser von Marocco ernannte ihn zum Richter über ganz Mauritanien. Seine Erklärungen zu Aristoteles hatte auf die Scholastik den größten Einfluß. Avicenna Avicenna geb 980, gest. 1038, ein arabischer Arzt, Philosoph und Staatsmann von außerordentlichem Geist und wundersamen Gedächtnis. Seine medicinischen Methoden waren durch das ganze Mittelalter hindurch herrschend. und andere an den Nägeln weg auswendig hersagen könnten, und die auch nicht eines Härleins breit von deren Meinungen, Recepten, An- und Einschlägen abweichen, auch aus und mit denselben alle Gewissensfälle, alle theologischen, juristischen, historischen, ethischen und politischen Streitfragen: in Summa, alle hohen Sachen und Fragen wie mit Hanswursts Hut ›Kehr' um, so ists eine Mütze‹! richten und schlichten wollten – ja, was doch unglaublich ist, den deutschen Krieg selbst! Das sind diejenigen Mediciner, welche in ihrer höchsteigenen Arzneikunst noch heutiges Tages alle ihre Vorschriften und Kuren, alle ihre Kunst und Geschicklichkeit aus diesen allein hernehmen, ungeachtet dessen, daß nunmehr die Verhältnisse, Zu- und Umstände und Einflüsse viel anders beschaffen sind, daher auch der Zustand der heutigen Krankheiten und deren Heilung ganz andere Vorschriften und Behandlungen erfordern als zu Hippokrates und Galenus Zeiten. Diese alten Mediciner vor vier-, drei- oder zweitausend Jahren haben sich ihrer Einfalt und schlechten Erfahrung gemäß nach dem Zustand ihrer Zeiten, nach den Verhältnissen ihrer Welt und ihres Alters mit allem Fleiß und Ernst gerichtet; und ihre Bücher bezeugen das. Sie haben ihre Arzneien bereitet, je nachdem die Krankheiten bei ihren Lebzeiten beschaffen waren; je nachdem der Leib des Menschen geartet war, haben sie nach Mitteln und Wegen getrachtet, die Gesundheit zu erhalten oder doch wiederzubringen. Die menschliche Natur, des Leibes Zustände und Krankheiten sind viel anders beschaffen gewesen zur Zeit des Hippokrates als zur Zeit des Galenus; was zu Hippokrates Zeiten wahr gewesen, ist zu Galenus Zeiten für falsch gehalten worden, und Galenus würde die Krankheiten seiner Zeit mit des Hippokrates Arzneien gar nicht haben wegnehmen und heilen können. Wenn wir zu dieser unserer Zeit nach der Lehre des Hippokrates und Galenus allein den Krankheiten wehren wollten, so würden wir eben das ausrichten, was die kleinen Zwerge gegen die großen Riesen im Kampfe ausrichten. Denn da eine so merkliche, ansehnliche Veränderung in den Kräften des Menschen und in den Krankheiten des menschlichen Leibes in den 550 Jahren zwischen Hippokrates und Galenus eingetreten ist, lieber Gott! was meinst du dann, was für eine Veränderung aller menschlichen Kräfte und Zunahme aller Krankheiten seit der Zeit des Galenus bis auf dieses Jahr 1640 geschehen sei? Denn es sind keine 550 Jahre seit der Zeit des Galenus bis auf dieses jetzige Jahr verlaufen, sondern an die 1500. Es wollten aber die alten Mediciner keinen andern neben sich leiden, ob er schon in einfachen und zusammengesetzten Mitteln, in Kräutern und Schäutern Bedeutet wahrscheinlich soviel als Sträucher. noch einmal so gut geübt, erprobt und erfahren war, – es wäre denn, daß er nach der Lehre des Hippokrates und Galenus examinirt, gefragt, gehört, gelehrt, graduirt, geehrt und für gut erkannt worden wäre, auf deren Wort und auf die sie schworen, es gerathe wie es wolle. Und trotzdem würden sie, wenn sie heutiges Tages nur ein einfaches viertägiges Fieber vertreiben sollten, aus Hippokrates und Galenus nichts finden und wissen. Deswegen werden sie allhier in meinem Reiche als eine besondere Antiquität, als Altmuster aufbewahrt und verehrt. Es thun die alten Mediciner hierin, als ob sie nur erschaffen wären den heidnischen Irrthümern zu glauben, und als ob sie nach den Dingen nicht weiter trachten sollten, als wie ihnen ihr alter Galenus, Avicenna, Averrhoes und andere vorgeschrieben haben, – gleichwie die lässigen und faulen Knechte, die ihr Pfund vergraben und nicht denken, daß der Herr Rechnung von ihnen fordern werde. Indem sie also auf dieser alten Vorschrift fortfahren und beharren, findet es sich zu öfteren Malen, daß in vielen einfachen Stücken nicht allein die vorgenannten Aerzte sondern Aristoteles selbst – den sie gar für einen Abgott halten, ja seine Lehre viel höher als die Gebote Gottes achten und dem sie folgen, als ob Heil und Seligkeit daran gelegen wäre, – fehlt und gefehlt hat. Ferner sah ich auch dort die Mißgunst, die als eine Wittib gekleidet, oder besser gesagt, wie eine alte Frauenzimmerhofmeisterin anzusehen war. Sie hielt ewige Fasten und verzehrte sich also selbst, daher war sie auch so dürr und mager. Bei ihr standen diese Worte geschrieben: Wer neidet, der leidet. Meines Nächsten Glück – mein Leid, Sein Unglück – meine Freud! Kein' Ruh' bei Tag und Nacht, Mein Herz gar selten lacht, Geh' traurig und bin unmuthsvoll, Im Herzen ist mir nimmer wohl. Wiewohl sie eine ewige Fasten hielt, so unterließ sie doch nicht bissig zu sein; denn was sie Gutes oder Böses fand, das nagte und plagte sie, und konnte es doch nicht genießen. Unter ihr befand sich die Uneinigkeit, die ihren Ursprung von der Mißgunst hatte. Diese war erst neulich von der Welt gekommen und hatte bei den Eheleuten ihre Wohnung gehabt; weil diese aber ohnehin schon genug von ihr haben, so ist sie von dort ausgezogen und hat sich zu größeren Gesellschaften begeben und sich in Versammlungen und Gemeinschaften eingeflochten. Weil aber auch da ohne sie genug Zanks war, zog sie fort in Fürsten- und Herrenhöfe, wo sie noch jetzt dem Teufel als Stab- und Statthalter den Dienst redlich versieht. Zwei Hunde an einem Bein Kommen selten überein. Bei der Uneinigkeit war Frau Undankbarkeit, die ihr Leben mit einer gewissen Speise, aus Hochmuth und Neid zusammengebacken, bisher erhalten hatte. Ich war froh, daß ich das alles sah: denn vorher hatte ich ganz und gar geglaubt, die Undankbarkeit wäre der Teufel selbst, weil die Engel, welche von Gott abgewichen und zu Teufeln geworden sind, allein durch Undankbarkeit dahin geriethen. Behüte Gott! sprach ich, was ist das alles! Ich glaube, es ist hier nichts als Unglück und Fluch zu sehen! – Und ein Tod, der nur nachfolgte, sprach: »Ja! und wie sollte es wohl anders sein, da dies der Kuppler, der Hochzeitstifter, der Advokaten, der Anstifter Quartier ist, welche ja die unglücklichsten, verfluchtesten Leute sind, die auf Erden wohnen. Ihr wisset wohl, daß es unter euch auf der Welt eine gemeine Klage ist: daß der verflucht werde, der mir zu dieser Heirath verholfen und mir dazu gerathen hat! Unglück müsse den Anstifter, den Advokaten treffen, der mir zu diesem Proceß Rath und That gewährt, denn dadurch bin ich in das Verderben gekommen!« – Was haben sie aber hier bei den Todten zu thun? fragte ich. »O du Unverständiger! antwortete der Tod: wenn diese Kuppler und Aufwiegler nicht wären, meinst du, daß soviel Todte, soviel verzweifelte Kerls hier sein würden? Es giebt nichts, was den Menschen mehr und eher um Leben und Gesundheit bringt, als die Hochzeitmacher und Proceßstifter mit ihren Lügen, Kunstgriffen, Schmähschriften, Stichelreden, Hintertreibungen einer guten Sache, Hinterlist, Trügerei, Schinderei, – was alles einen Menschen in Kleinmuth, Ungeduld und Verzweiflung zu verleiten genügend sein dürfte.« Als ich darüber inniglich seufzte und die Augen aufhob, siehe, da sah ich den alten Tod auf seinem Throne sitzen und um ihn her viel andere kleine Tödlein, als: den Tod der Liebe, den Tod des Hungers, den Tod der Furcht, den Tod des Verdrusses, den Tod der Scham, den Tod des Verlangens, den Tod des Lachens und andere. Der Tod der Liebe hatte kein Hirn im Kopfe; damit er aber deswegen nicht zu Boden fiele, so waren um ihn herum Pyramus und Thisbe Das tragische Ende dieser beiden Liebenden von Babylon erzählt Ovid, Metam. IV. 55–166. Leander und Hero , S. Ovids Epist. heroid. und Schillers Ballade: Hero und Leander. welche ihn aufrecht hielten. Sie waren balsamirt mit den allerbesten Amadissen und den herrlichsten, wohlriechenden Schäfereien. Auch waren noch viele andere zugegen, die mit Pyramus und Thisbe gern auch Hand an sich gelegt hätten, wenn sie die Furcht des Todes nicht davon abgehalten haben würde. Der Tod des Hungers war inmitten vieler Geizhälse, welche alle ihre Kisten zuschlossen, ihre Kasten vernagelten, ihre Fenster versperrten, ihre Speicher verriegelten, ihre Keller versiegelten, ganze Krüge voll Kronenthaler vergruben und dabei sehr erschraken, wenn sie nur ein Laub oder Gräslein rauschen hörten. Ihre Augen waren voll Schlafs wegen des steten Wachens; das Maul und der Bauch beklagten sich gegen die Hände, die Hände gegen das Herz: ihre Seele war ihr Gott und ihr Gott von Gold so hart als Eisen. ›Um dir dein Geld zu bewahren, ist deine Kiste von Eisen, deine Thür von Eisen, dein ganzes Haus von Eisen und du selbst bist von Eisen‹. (Owen. 2, 111.) Bei ihnen stand einer in Gestalt eines Engels, der ihnen mit starker, mächtiger Donnerstimme folgende Worte durch das linke Ohr gleichsam in das Herz schrie: ›O Mensch, der du Staub bist, begräbst aus Geiz dein Geld? Warum hängst du am Gelde? Morgen schon bist du nicht mehr deines Geldes Herr!‹ und in das rechte Ohr schrie er diese Worte (die ich meines Wissens zuvor an dem großen Portal zu Tours auch gelesen hatte): ›Der heilige Martin theilte seinen Mantel mit einem Armen und hat euch ein Beispiel gegeben, daß ihr das Gleiche thut.‹ Diese Leute müssen schlecht hören, sagte ich, weil ihnen der Engel so stark zuschreit. Aber mir wurde geantwortet, daß ich mich dessen nicht wundern sollte, weil sie thun, als hätten sie keine Ohren, weswegen sie auch niemand erhören; ja als ob sie kein Herz im Leibe hätten, und die sich darum auch gegen keinen Armen erbarmen wollen. »Und du Menschenkind, sprach der Engel zu mir: für das, was du um Christi willen dürftigen Armen schenkst, erhältst du einen ewigen Schatz im Himmel. Zähle nicht die Gaben, die du den Armen gegeben: im Himmel zählt und belohnt sie Gott.« (Owen.) Der Tod der Furcht war am reichsten und herrlichsten anzusehen, dem die vortrefflichsten, berühmtesten und mächtigsten Potentaten der Erde aufwarten, insonderheit aber die Tyrannen, von welchen geschrieben steht: ›Der Gottlose fliehet, und Niemand jagt ihn.‹ (Spr. Sal. 28,1.) Diese geben nichts auf den ersten Tod, sondern sie warten auf den andern; ihre eigenen Gewissen sind ihre Henker. Und gleichwie sie vor Furcht, aus dem geringsten Argwohn oder Mißtrauen, einen unschuldigen Mann heimlich hinrichten lassen, daß es niemand sehen soll: so müssen sie auch nachher fliehen, auch wenn sie niemand sehen. ›Wen viele fürchten müssen, der muß. wiederum viele fürchten; denn er kann nicht sicher und fröhlich sein bei andern, die nicht Lust noch Liebe zu ihm haben.‹ (Luther.) Wer will, daß man ihn fürcht' durch Pein, Der muß in steten Aengsten sein. Strenge Herren regieren nicht lange. Wer sich zu stark schneuzt, zwingt Blut heraus, und eine grausame Strafe macht nur schlechter; aber Züchtigung mit Maß und Ziel erzeugt Liebe. Bei dem Tode des Verdrusses waren viele Doctoren und Magister. Die Doctoren gaben vor, sie hätten zu obrigkeitlichen und Regimentsehren gelangen und dem Vaterlande viel Nutzen stiften können, wenn sie die Eitelkeit der Titelehre nicht gestochen hätte; es verdrieße sie demnach zu Tode, daß sie Doctoren und nicht blos Licentiaten Licentiat ist geringer als Doctor. geworden wären. – Die Magister gaben vor, wie sie zu Hofe die höchsten Stellen hätten erhalten können, wenn nur der Titel Herr Magister ihnen zum Schimpf nicht wäre vorgebracht worden: es verdrieße sie also zu Tode, daß sie jemals das Barettlein gesehen und Magister geworden. Hinter diesen standen etliche mürrische, unwillige Kerls, die klagten, wie sie leiden müßten, daß andere Männer ihre Weiber, und ihre Weiber andere Männer lieb hätten; sie könnten dem zwar nicht abhelfen, aber doch möchte solch Schimpf sie zu Tode verdrießen. Denn: ›warum ich mich ärgere, daß meine Frau heimlich es mit andern hält? Nennt mich doch jedermann auf der Straße einen Hahnrei und zeigt mit Fingern auf mich; denn was ich nicht selbst gemacht (sondern ihr dort, ich weiß nicht wer), das halte ich nicht für das Meine.‹ (Owen 5, 53). Was für ein Schauspiel war zu sehen bei dem Tod der Scham! Ueber seinem Thron standen diese drei Worte mit schwarzen Buchstaben eingeschrieben: 1) Non putarem, ich hab' nicht gemeint! 2) Pudet stultitiae , ich schäme mich meiner Thorheit; 3) Piget facti , ich ärgere mich, daß ich es gethan habe. Um ihn her sah ich alle die, welche ich bei meinen Lebzeiten jemals von Standespersonen gekannt hatte und die seit dem böhmischen Unwesen D. i. seit dem Anfang des 30jährigen Krieges, der bekanntlich in Böhmen seine Wiege hatte. bekannt geworden waren. Der erste Haufe sprach: ich hab' nicht gemeint, daß allzu hart macht schartig, daß allzu streng nicht gut thut; ich hab' nicht gemeint, wenn Pfaffen zu weltlichen Dingen rathen, daß es so übel sollt' gerathen; ich hab' nicht gemeint, daß Schafe auch bellen könnten! – Ein anderer sprach: ich hab' nicht gemeint, daß mit seinem Herren nicht gut sei Kirschen essen; ich hab' nicht gemeint, daß es besser sei Frieden machen, als Krieg im Sinne haben; ich hab' nicht gemeint, daß, den ich zu Gast geladen, mich sollte von der Tafel stoßen! – Der dritte sprach: ich hab' nicht gemeint, daß zwei Widersacher würden in ein Horn blasen; ich Hab' nicht gemeint, daß zu viel schnäuzen macht die Nase bluten; ich hab' nicht gemeint, daß ein Fuchs so schwer sei aus seiner Höhle zu treiben! – Und einer, der in Gestalt eines Engels dabeistand, sprach: genug für den, der es versteht; sattsam werden es die Todten und Lebendigen verstehen! Es sind diese Aussprüche lauter Anspielungen auf Ereignisse des 30jährigen Krieges. Es ist nöthig, daß man nicht allein mit Gewalt regiere, wie es jetzt geschieht, sondern auch mit Vernunft: denn eitel Gewalt kann nicht bestehen und hält die Unterthanen in ewigem Haß wider die Obrigkeit. So merkt's nun, ihr Könige auf Erden und wisset: es ist unmöglich, ein Monarch werden und die Gewissen zwingen wollen. Der fromme Kaiser Maximilian II. sagte sehr gut zu Heinrich III., König in Frankreich, als derselbe wieder heim aus Polen nach Frankreich zog: nimmermehr wird ein Fürst sein Land in Frieden behalten können, wenn er der Unterthanen Gewissen wird zwingen wollen, dieweil das Reich, in welchem man die Gewissen zum Glauben zwingen will, endlich in fremde Hände kommt. Und wer ein Monarch werden und den Glauben zwingen will, der verliert seine eigenen Reiche noch dazu; wer aber die Gewissen den Unterthanen frei läßt, der wird sein Reich in Frieden erhalten und auf seine Kinder bringen. Das Gewissen des Menschen läßt sich wohl mit gottseliger Lehre und gottseligem Leben, nicht aber mit Gewalt des Schwertes gewinnen. Wer Vögel fangen will, darf nicht mit Steinen darunter werfen. Denn es ist nichts gefährlicher in einem Reiche, als wenn die Unterthanen wider ihren Willen glauben müssen. Die beim andern Haufen, Pudet stultitiae , sprachen, der eine: ich schäme mich zu Tode der so närrischen, vergeblichen Hoffnung und Einbildung, die ich vom Ausgang des deutschen Krieges gehabt habe! – Der andere: ich möchte mich zu Tode schämen, daß ich mich an fremder Untreu so vernarrt habe! – Ein anderer: ich schäme mich zu Tode, daß ich den hochscheinenden Verheißungen so geglaubt habe! – Ein anderer: ich schäme mich zu Tode, daß wir Deutsche so gute Narren sind, daß wir unsere Haut für andere gerben lassen! Die beim dritten Haufen, Piget facti , sprachen, der eine: es verdrießt mich in das Herz hinein, daß ich meines eigenen Vaterlandes, meines eigenen Landesfürsten Verräther, meiner eigenen Freunde Mörder, meiner eigenen Kinder Henker geworden bin. Andere: uns verdrießt's zu Tode und in das Herz hinein, die wir so schöne Herrschaften und Länder, so getreue Unterthanen und Bürger in so gutem Frieden und Ruhe besessen haben, uns aber ohne wahrhafte Ursache, allein aus Trieb unserer Begierden derselben begeben, unsere Unterthanen verlassen, unser Vermögen, unsere Kleinodien bei fremden Wirthen verzehrt, unser armes Land, unsere schönen Schlösser in Einöden und Wüsten verwandelt haben – mit einem Wort: daß fremde Vögel in unser Nest gezogen, davon ist die Ursache, weil wir ohne Noth daraus weg geflogen sind! Hinter diesen stand der Tod des Verlangens, von vielem Weibsvolk, deren etliche hochschwanger waren, umgeben. Eine sprach: ich sehne mich zu Tode, bis ich höre, was ich für einen Mann bekommen werde! Ich sehne mich zu Tode, bis ich einen guten Hammelschlägel und Strauben Eine Art Gebäck. esse! Ich sehne mich zu Tode, bis ich einen Schweinebraten esse! Ich sehne mich zu Tode, bis mein Mann einmal verreist! Ich möchte nicht so gern leben, als einmal spazieren fahren! Ich möchte so gern mit meinem Liebsten reden, wonach ich mich zu Tode sehne! Ich sehne mich zu Tode, zu wissen, was doch dieser Krieg für ein Ende nehmen wird! Indem sah ich dort auf einem Narrenbänkchen einen Poeten sitzen, den ich bald an seinen Gebärden erkannte: es war Philemon . Philemon, um 320 v. Chr., war ein griechischer Komödiendichter aus Soli. Ich fragte ihn, wie er dahin gerathen wäre? Er erzählte mir, daß er einstmals seinen Esel hätte Feigen essen sehen; da sei der Knecht von ohngefähr dazugekommen und habe dem Esel zugerufen: Friß Esel, friß! ich will dir einen Trunk Wein drauf schenken, daß dir die Feigen nichts schaden! Ihm aber wäre dies so lächerlich vorgekommen, daß er sich darüber zu Tode gelacht habe. – Als ich nun weiter fragte, wo er sein Quartier hätte, wies er mit dem Kopfe zurück, und siehe – der Tod des Lachens saß auf seinem Stuhl und um ihn her eine große Menge Volks, die zwar jedes Ding glauben und doch nicht wollen witzig werden; denen ein Ding nicht eher leid wird, als bis es geschehen ist; welche leben, als ob keine Gerechtigkeit wäre und sterben, als ob keine Barmherzigkeit zu hoffen. Und es sind diejenigen, welche, wenn man ihnen sagt: Gieb das wieder, was diesem oder jenem gehört! antworten: ich möchte mich zu Tode lachen! – Bedenkt: ihr seid nun alt und betagt, die Sünde wird einmal aufwachen! Meiner Treu! geht doch des Weibes, dieser Hure müßig! Der Teufel kann nicht immer borgen, bald greift er um sich, ehe man es meint. – Ich möchte mich zu Tode lachen! – Was sagt ihr da? Bittet Gott um Verzeihung und bekehrt euch zu ihm; ihr seht, daß der eine Fuß schon auf der Grube geht! – Ich möchte mich zu Tode lachen! meint ihr denn, daß ich ans Sterben denke? Bin ich mein Lebtag je so frisch gewesen als jetzt? – Jungfrau, schickt Euch dazu: Ihr seid eine gute Haushälterin, Ihr müßt wahrlich einen Mann haben! – O höret auf, Herr! wie redet Ihr gar so wunderlich! Ich möchte mich zu Tode lachen! – Guter Freund, Euer Zustand ist gefährlich: richtet Eure Gedanken zu Gott, bestellt Euer Haus, macht Eure Sache richtig! – Jawohl! Ich möchte mich zu Tode lachen! ich bin schon mehrmals in solchem Zustande gewesen und bin gleichwohl noch hier. – Alle diese Leute sterben gemeiniglich, ehe sie abscheiden. Dies Gesicht gab mir wieder Ursach', ein wenig zurückzudenken an die Eitelkeit und Unachtsamkeit der Menschen, zu seufzen und zu sprechen: O Gott! wir haben ja nur ein Leben und so unzählig, viele Weisen des Todes! Alle Welt wird auf einerlei Weise geboren, und man stirbt auf Hunderttausenderlei Weise! Ich betheure hiermit, wenn ich wieder zur Welt kommen sollte, den Menschen treulich zu rathen, daß sie umkehren und anfangen, ein gottseliger Leben zu führen, damit sie dermaleinst desto seliger sterben mögen. Da hörte ich eine Stimme, welche dreimal überlaut rief: Ihr Todte! Ihr Todte! Ihr Todte! Und in einem Augenblick, in einem Hui bewegte sich die Erde, und ich sah einen Arm hervorkommen, hier einen Kopf, da einen Fuß, dort einen Mann, ein Weib – sie alle krochen in ihrer Gestalt in großer Stille aus ihren Gräbern hervor. Und der General-Tod sprach: ein jedes rede, wenn es an seine Stelle kommt! Alsbald kam einer von den Todteu mit seinen langen Beinen auf mich zugestakt, als ob er zornig wäre. Da wußte ich nicht, wo hinaus, sondern mußte still halten und mich trösten mit der Geduld, wie jener, der die Fischlebern allein aß. »Hat mich St. Velten mit euch Weltnarren genarrt? sprach der Todte. Was habt ihr immer mit mir zu schaffen, daß ihr mich hin und wieder so ausschreit und beschimpft, als ob kein Narr je gewesen wäre als ich? Es heißt sonst doch: des Gedächtnisses der Todten ist vergessen, daß man sie nicht mehr liebt, noch haßt, noch neidet. (Pred. Sal. 9, 5). So lang der Mensch lebt in der Welt, Wird ihm von Leuten nachgestellt Mit Haß und Neid; und stirbt er dann, So läßt ihn bleiben jedermann. Aber der Poet irrt: denn obschon ich vor etlichen hundert Jahren gestorben und todt bin, so könnt ihr mich doch nicht unvexirt lassen.« Guter Freund! sprach ich, wer seid Ihr? Ich kenne Euch nicht, ich weiß auch nicht, warum Ihr mit mir schimpft. »Ich bin, sprach er, der arme Eulenspiegel. Wenn einer unter euch eine grobe Zote und einen stinkenden Possen vorbringt, so heißt es doch, obwohl ich nichts dafür kann, es sind des Eulenspiegels Possen; er ist in Eulenspiegels Schule gegangen; siehe da, was für ein Eulenspiegel! was macht der Eulenspiegel? Aber wisset, daß ihr untereinander selbst größere Eulenspiegel und Narren seid, als ich jemals gewesen bin. Denn ist der nicht ein großer Narr und Eulenspiegel, der die gute Zeit verscherzt und meint, er thue Doctorarbeit, wenn er Glossen und Noten, Lehre und Trost über und aus dem Eulenspiegel schreibt? wenn er den Eulenspiegel in Reime und Gesang setzt? Ich habe ja m meinem Testament solche Thorheit nie begangen wie Don Hidalgo Stassin Ein spanischer Edelmann à la Don Quichot. und Consorten, welche andern befohlen haben, für ihrer Seelen Wohlfahrt nach ihrem Tode zu bitten, – was sie doch selbst in ihrem Leben unterlassen. Bin ich je ein Aufrührer gegen meine Landesfürsten gewesen? Hab' ich je witziger sein wollen, als ich von Natur geboren war? Hab' ich je mein Gesicht, meinen Bart, meine Haare bemalt und jünger sein wollen, als ich gewesen? Bin ich je meines Geldes nicht mächtig gewesen oder hab' ich dasselbe wie einen Abgott verehrt? Hab' ich jemals mein Gut auf einem Sitz verspielt oder versoffen? Hab' ich mein Geld den Huren gegeben? Hab' ich jemals mein Weib den Meisterspielen oder in Amts- und obrigkeitlichen Geschäften ihr zu Gefallen Fünf grade sein lassen? Hab' ich jemals einem Kerl, der seinen Freund verrathen, getraut? Hab' ich je einige Hoffnung auf das unbeständige Glück gesetzt? Hab' ich jemals den für glücklich geachtet, der um eines guten Wortes oder lieblichen Anblicks oder Zutrinkens willen allein an Fürsten- und Herrenhöfen sich aufgehalten hat? Hab' ich jemals solche spitzfindigen, verdammlichen Fragen in der Religion vorgebracht, daß es besser gewesen wäre, ich hätte geschwiegen? Hab' ich jemals einer fremden, ausländischen Herrschaft wider mein eigen Vaterland und wider meinen Glauben gott- und ehrvergessener Weise Rath und That geliehen? Hab' ich mich je hochmüthig und trotzig gestellt gegen den, der höher geschoren war als ich? Hab' ich jemals bei einer alten Hexe, bei einer Wahrsagerin, Zeichendeuterin oder bei einem Kalendermacher um Rath gefragt? Wenn nun der arme Eulenspiegel dergleichen Erzpossen niemals begangen hat, was habt ihr denn über ihn zu klagen? O ich armer Eulenspiegel und o ihr groben, unhöflichen Gesellen! Warum müßt ihr meinen unschuldigen Namen so mißbrauchen? Bin ich's, der das Kalb ins Auge geschlagen hat? Muß ich der Katze überall die Schelle anhängen? Habe ich denn den Brei sogar bei jedermann allein versalzen?« – Es kam aber ein anderer Tod – nicht mit einem indischen Rohrstab, sondern mit einem deutschen Stecken, einem spitzen Hut, halbgefütterten Wolfspelz wie ein alter Herr, mit einem Gürtel voll Schellen, auf uralte deutsche Tracht und Pracht behängt und umgürtet – dahergegangen, der uns weiter zu sprechen verhinderte und, mich ernstlich ansehend, sprach: »Siehst du mich nicht, du lebendiger Kerl? Du meinst vielleicht, du hättest noch mit dem Eulenspiegel zu schaffen?« – Wer ist denn Euer Gnaden, sprach ich, der Ihr besser sein wollt als ein anderer, da ich meine, der Tod mache alle Menschen gleich, ihm gilt der Arme wie der Reiche? »Ich bin, antwortete er, eurer deutschen Nation getreuer Mitahnherr und erster König der alten Franken. Wenn du mich auch von Gestalt nicht kennst, so muß ich doch viel euretwegen hören und leiden: denn ihr lebendigen Menschen seid so sehr überbösert, daß ihr auch die Todten in den Gräbern nicht könnt unverstichelt, unverachtet und unverfolgt lassen, so wenig wie eure Nachbarn und eigenen Blutsverwandten selbst. Ist etwa ein altes Haus, ein alter Hut, ein alter Mann, ein armes altes Weib, etwas, was sich nach eurem Vorwitz und gespitztem Hirn nicht schicken will, – alsbald sagt ihr: das sei altfränkisch, sei nicht alamodisch, gehöre nicht mehr in diese Welt, sei nicht mehr zu brauchen! Aber ihr seid thörichte Leute und bedenkt nicht, daß meine Weise tausendmal besser gewesen ist als die eurige; und du wirst, nachdem du den Bericht gehört hast, selbst genug Zeugnis geben können, daß nur viel zu viel Ungutes geschieht. Denn ist's nicht wahr? wenn heutiges Tages eine Mutter ihre Tochter zur Zucht und Ehrbarkeit ermahnen will mit den Worten: ein ehrlich Mädchen soll nicht so frech über und um sich sehen oder die Augen hin und her werfen wie ein Vogler, sondern unter sich wie ein Einsiedler, wenn sie bei einem Mannesbild vorüber geht; dann wird die Tochter antworten: Ach das ist gar altfränkisch! Die Männer nur sollen auf die Erde sehen, von der sie herkommen; ein Weibsbild aber soll die Mannsleute anschauen, von deren Rippen sie genommen ist. Sollte ein armes Mädchen immer also unter sich sehen, es würde wohl sein Lebtag keinen Mann bekommen! – Wenn ein Vater zu seinem Sohne sagt: Mein Sohn, fürchte Gott, halte seine Gebote, rufe ihn an, wenn du aufstehst und dich niederlegst, gehe nicht zu Tisch, du bittest ihn denn um seinen Segen: gehe nicht vom Tisch, du habest ihm denn zuvor für seine Güte Lob und Dank gesagt. Fliehe das Spielen als ein Gift, hüte dich vor Fluchen und Schwören, meide Müßiggang und Unzucht, so wird der Sohn antworten: Ha Vater, das ist altfränkisch zu hören! Ich hab' es zuvor schon gewußt, ich muß mich aber der Welt eben auch etwas gleich stellen. – Eure jetzige Zeit ist also so verderbt, daß, wenn ein ehrlicher Biedermann sich nach seinem Vermögen und Stand ehrbar und untadelig halten will, er als ein altfränkischer Kerl, der keine Mode, keine Possen versteht, nur verachtet und verlacht wird. Und wie man in den redlichen alten Zeiten einen rechtschaffenen Mann am Gemüth und am Bart erkannte, so muß man hingegen heutiges Tages einen Mann nur am Fluchen und Gotteslästern, am Poltern und Pochen, an unzüchtigen, garstigen Zoten und Aufschneidereien, einen Franzosen aber am Gottverläugnen erkennen.« – Als er dies gesagt hatte, ging er wieder an seinen Ort. Als ich nun weiter wollte, sah ich auf einer Seite einen überaus großen gläsernen Kolben oder Brennhelm, und es ward mir gesagt, daß ein berühmter Philosoph oder welscher Schwarzkünstler befohlen hätte, ihn in kleine Stücke zu zerhacken und ihn da hinein zu werfen, damit er auf diese Weise die Quintessenz, den Balsam der Unsterblichkeit erwerben könnte. Das Glas stand in lichter Lohe und auf dem höchsten Grade, es sott in der größten Hitze; allmählich kam ein Stück Fleisch wieder zu dem andern, also daß es bald einen Arm, bald einen Schenkel, bald eine Hüfte gab, bis endlich im Kochen ein ganz formirter menschlicher Leib daraus wurde, der sich in seinem Grabe, oder in dem Glase, aufrichtete und um sich sah. Ich war darüber vor Schrecken so erblaßt, daß, wer mich gesehen, mich leicht für einen Todten gehalten hätte. O Gott! sprach ich vielmals, was ist das für ein Mensch? was für eine wunderliche Geburt, daß ein Mensch ohne einen Menschen und in dem Bauche eines Glases soll geboren werden! – Darauf hörte ich eine Stimme in dem Glase, die fragte: »In welchem Jahre sind wir jetzt?« Ich war behend und sagte: In dem 1640sten Jahr. »O des erwünschten Jahres! o des seligen Jahres! sprach er hinwiederum; o des lang erhofften Jahres! Mit welch unglaublicher Begierde habe ich auf dieses Jahr gewartet! Warum? Darum, weil in diesem Jahre die Adler, Löwen und Bären sollen anfangen den Schafen zur Speise zu dienen, und viel Verhungerte sich satt essen sollen an wohlgemästeten welschen Hähnen: alsdann wird folgen die Zeit derer, die auf das Gebratene und den rheinischen Wein warten!« Ich muß bekennen, diese Weisheit kam mir nicht vor wie die Einfälle des alten Lug-in's-Land Er meint den Sternseher und Kalendermacher. von dem es hier unten heißt: Du Geld hast – du reich bist; Du lang lebst – du alt wirst, – was mau auch ohne Brille und Augenglas erkennen kann. Wer seid ihr aber? fragte ich. »Kennest du mich denn nicht? antwortete der im Glase. Ich bin Schickot, Mit diesem Namen bezeichnet M. die Schwarzkünstler, Ein Mann, Namens Chicot , war Arzt des Königs von Frankreich. der größte Künstler, der jemals in der Welt gewesen ist. Hast du nicht gehört, was für übernatürliche, geheime Künste ich habe, und warum ich mich habe so zerhacken und in diesem Brennhelm reinigen und wieder schaffen lassen? Um »eilends in's neue Leben zu kommen und zwar durch Zauberkunst wieder geschaffen.« – Ja, sagte ich; ich habe wohl in meiner Jugend öfter von euch erzählen hören, es aber allezeit für ein Fabelwerk und Weibermährlein gehalten. So seid ihr denn derselbe? Beim ersten Anblick zwar hatte ich gedacht, ob dieses Glas nicht ein fürstlicher Trinkbecher wäre und ob sich dieser Kerl nicht darin zu Tode gesoffen hätte, insonderheit weil man sagt, daß solche Trinkbecher anfänglich aus der Hölle hervorgebracht sind, und sie der Teufel, um die Menschen durch so unfröhliche Wollust leichter zu Falle zu bringen, erfunden habe. Das Willkommensaufen hat der Teufel Zu Hof erdacht, darum ich zweifel', Ob solche Leut' auch Christen sei'n, Dieweil sie saufen, wie die Schwein'. Als ich aber näher herzugekommen bin, habe ich gedacht, es würde irgend ein Alchimist oder Goldmacher wegen seiner Thorheit und seines närrischen Irrthums dann büßen müssen. »Mache das Glas oben auf!« sprach Schickot zu mir. – Indem ich an dem Mundloch herumging und den Lehm, Leim, Mergel, Schmirgel, Riegel, Siegel, wie es die Vergolder nennen, abmachen wollte, sprach er: »Gemach, gemächlich mein Herr! Verzieh' noch ein wenig! Sag' mir erst, ist viel Gold in Spanien angekommen Nämlich die Silberflotte, welche sonst alljährlich aus dem spanischen Amerika die Ergebnisse der Bergwerke nach Spanien brachte. In welchem Werthe ist es jetzt? Welches Gehalts ist es? Hat es auch noch einen starken Zusatz von Kupfer?« Ich berichtete ihm jedoch, daß es mit den indianischen Flotten noch so weiter gegangen wäre, wenn nicht seit wenigen Jahren die Holländer durch Her mit und Peter Hein Hiermit ist ein Befehlshaber der holländischen Flotte gemeint; er entdeckte 1621 die Inselgruppe im S. O. des Kap Horn, die nach ihm Hermiten genannt wurden. Peter Hein, geb. 1577 zu Delvshafen, arbeitete sich vom Schiffsjungen zum Admiral hinauf, befehligte mehrmals die holländische Flotte und war siegreich gegen die Spanier; er fiel in einem Seetreffen mit den Dünkirchern 1629. ihnen einen häßlichen Abbruch in Brasilien, in Pernambuco, in der Allerheiligenbai, in Rio de la Plata, auch in Ostindien gethan hätten, so daß der Patagon-General Darunter ist der spanische Zahlmeister zu verstehen; Patagon war eine spanische Silbermünze. und andere Negocianten sich bald verwünschten, weil man gar nicht zur Besoldung der Armeen und zu Bestechgeldern mehr gelangen könnte. »Gewiß ist es, sprach Schickot: so lange der katholische König in Spanien mit den Holländern Krieg führt, wird er auch in den beiden Indien und, aus vorhergenannter Ursache, in seinen Reichen Verluste haben und es wird ihm unmöglich werden, zur fünften Monarchie Die vier andern sind: die persische, macedonische, römische und fränkische. zu gelangen.« – »Wie hoch, fragte er weiter, gehen denn die Münzen jetzt? Giebt es denn noch der verdammten Kipper und Wipper , So hießen im dreißigjährigen Kriege die Leute, welche die besten Münzsorten aussuchten und aus dem Handel entfernten. ›Kippen‹ vom Aufkippen der Waage, auf der die Münzen gewogen wurden; was niederkippte, behielten sie und gaben geringeres dafür. wie in dem Mansfeldischen Kriege 1621 und 1622? Besitzen diese Leute auch das Regiment in Städten, oder hält man sie für unehrlich und für Landdiebe?« Davon, antwortete ich, darf man nicht reden außer in der Beichte, weil es heutiges Tages so Brauch ist, daß man auch die Laster etlicher Obrigkeiten muß für herrliche Dinge halten; und wer sich nicht dahinein schicken, ihnen beistimmen, sie in allem, auch wider besser Wissen und Gewissen, hoch rühmen und loben kann, der wird nicht angesehen noch befördert werden. ›Denn für den, der emporkommen will, ist das der kürzeste Weg: den Mächtigen nachgehen, sie sich mit jedmöglichem Fleiß geneigt machen, seine Sitten nach ihrem Vorbild modeln, ihren Meinungen beistimmen, an nichts zweifeln, ihnen alles glauben, alles an ihnen bewundern. Denn alles, was wir nach dem Ausspruch des heiligen Geistes für Sünde halten, hat die Gewohnheit, der vornehme Stand und das Glück der Sünder zu Ehren gebracht.‹ Am Rands ist citirt: Summi ingenii incorruptissimique judicii heros Joh. Balth. Schuppius de opinione p. 41 u. 49. Er war 1610 in Gießen geboren, später Pastor in Hamburg, starb 1661. Seine »lehrreiche Schriften« sind frei von pedantischer Gelehrsamkeit und enthalten eine treue Schilderung damaliger Zustände. Es geht, – es geht aber her, daß es Gott erbarm'! Zudem ist mit täglicher Steigerung der Münzen kein Ende zu finden: ein jeder erhöht und erniedrigt dieselben nach seinem Gefallen. Wer Geld ausgiebt, der steigert es; wer einnimmt, der verringert es. Heut' ist eine Münze gut, morgen ist sie verrufen, übermorgen ist sie besser, als sie das erstemal je gewesen, und so fort. »Zu verwundern ist's, sprach Schickot, daß in so wenig Jahren die Münzen und Sorten sich so verändern und verlaufen.« Meines Erachtens, sagte ich, geschieht es wegen des stetswährenden Krieges, der in einem Orte mehr Gebrechen und Mangel des Geldes verursacht, denn am andern: wie uns dies in nun baldverwichener Frankfurter Ostermeß-Relation Fol. 16 mit einer höflichen Wahrheit ist angezeigt worden. Und bei all diesen großen Gebrechen will gleichwohl nichts mehr mit Hellern und Pfennigen, mit Groschen und Batzen, mit Schillingen und Dickpfennigen, mit Franken und Realen, mit Gulden und Thalern, auch nichts mehr mit Pfunden und Dukaten, sondern insgemein mit Pistolen und Dublonen gezahlt, gekauft und verrechnet werden; und es ist schier kein Käsekrämer oder Lumpenhändler so gering, der nicht mit Pistolen zuwürfe, und es wird wohl noch dahin kommen, daß man mit Portugalesern zählt und rechnet. Darum hat der tapfere Markgraf von Rocella Darunter ist gemeint François de la Noue , genannt Bras de fer (Eisen-Arm), weil er, wie Götz von Berlichingen, seinen abgeschossenen linken Arm durch einen eisernen ersetzen ließ. Er war geboren 1531, war ein tapferer Feldherr unter Karl IX., vertheidigte die Stadt Rochelle, kämpfte in den Niederlanden, wurde von den Spaniern gefangen, später gegen Graf Egmont ausgetauscht und siel bei der Belagerung der Stadt Lamballe 1591. mit Recht gesagt: Je mehr in der Welt Geld und Gold steigt, je mehr wird die Tugend verachtet und abwärts gehen. »Aber ich bitte dich, erzähle mir, was gilt die Ehre auf Erden?« Davon, sprach ich, wäre viel zu reden; das hieße, das Eisen recht gerührt! Ein jeder ist ein Ehrenmann, ein jeder hat Ehre vollauf im Mund und im Herzen, ein jeder ist geehrt, und aus allen Sachen kann man Ehren halber eine Entschuldigung machen – in Summa, es ist Ehre und Reputation genug und über genug und nur zu viel bei allen Menschen und bei allen Ständen, obwohl sie in Wahrheit deren doch nimmermehr genug haben. Ein Straßenräuber und Dieb sagt: es sei zur Erhaltung seiner Ehre, daß er bettle, es sei ja besser betteln als stehlen. Ein Ehrsüchtiger, Hochtrabender redet mit keinem gemeinen Manne, sieht ihn über die Achsel an: es ist zur Erhaltung seiner Reputation und Ehre, damit er seinen Stand nicht verkleinere, dessen Vater doch, wenn es wohl gerathen, selbst nur ein Hacker oder Hammerer gewesen ist. Ebenso wird ein Meineidiger, ein Stadtverräther, ein Mörder Ehre und Reputation vorwenden. Die ärgsten sind diejenigen, welche vorgeben, eher sollte sich einer zwischen vier Mauern verfaulen lassen, bevor er zur Verkleinerung seiner Reputation einem andern etwas nachgäbe; eher sollte sich ein Bartscheerer in tausend Stücke hauen lassen, als daß er seinem Gegentheil, den er beleidigt, die Hand biete, ob es auch der Obrigkeit ernstlich Gebot und Befehl wäre. Diese Halunken aber und ehrvergessenen Gesellen sollten wissen und beachten, daß allein durch dergleichen losen Vorwand die Ehre und Reputation eines Biedermannes, ja sein Heil und Seligkeit müssen zu Boden fallen und erliegen – mit einem Wort, alles was einem Menschen in den Kram und Säckel dient, und wovon er meint etwas Vortheil und Genuß zu haben, das muß Ehren- und Amtshalber gesagt, gethan und geschehen sein. Und weil ein jeder dafür hält, er sei ein ehrlicher Mann – wenn schon sonst keiner in der Welt wäre – so wird die Welt also verkehrt und alles geht zu unterst zu oberst. Lügen heißt höflich sein im Reden; Verständig sein ein Ding auf Schrauben stellen: und diese beiden sind heutiges Tages die vornehmsten Tugenden eines Cavaliers; denn ungestüm und unverschämt sein ist edelmännisch. O cur tua te B bis bia abit . D. i. O superbe cur superabis? tua superbia te superabit! O Uebermüthiger, warum bist du so übermüthig? dein Uebermuth wird dich zu Falle bringen! Nämlich O steht über (super) b und giebt o superbe, cur über (super), bis giebt superabis u. s. w. Drum lasset ab von solchen Untugenden und übet künftig dieses: missos Juppi Juppi Juppi as locabit tra. D. i. Juppiter submissos locabit inter astra: Gott wird die Demüthigen unter die Sterne versetzen. Nämlich Juppi dreimal (ter) steht unter (sub) missos, locabit zwischen (inter) as tra. Die Franzosen wollen auch für die freundlichsten, höflichsten Leute der Welt gehalten, für die ehrlichsten, redlichsten Leute der Welt angesehen werden, wie sie sich denn dessen gegen den Fremden in aller Welt mit hochfliegenden Worten rühmen. Aber man höre die armen belegten, bedrängten, gemarterten deutschen Nachbarn davon reden, so wird gewiß der feste Schluß folgen, daß bei den gröbsten Barbaren mehr Freundlichkeit und bei den Kroaten mehr Ehre und Redlichkeit zu hoffen sei. Ich könnte Beispiele erzählen, aber sie gehören nicht hierher. Ein alter falscher Wahn ist es, daß man vermeint, die Franzosen seien so nüchtern und mäßig. Man gehe nur und sehe, wie sie die armen Bürger und Bauern drillen und drücken, wie sie am fremden Tische das Dreifache fressen, saufen und singen, wie sie ehrlichen Weibern und Jungfrauen nach der Ehre stellen und, wenn sie können, sie ohne Bestrafung zu Falle bringen. In Summa, die Erfahrung lehrt's, daß sie (ich rede nicht von allen, sondern von denen, die Gewalt vor Verstand gehen lassen) im Saufen den redlichen Deutschen, in Unreinigkeit den hitzigen Italienern, in Unbarmherzigkeit den strengen Spaniern, in Gotteslästern und Gottverläugnen aller Welt weit, weit überlegen sind. Und dennoch sind wir Deutsche insgemein so albern, daß wir solche Völker als Wunder in Kleidung und Wesen nachahmen und nachäffen. Auch wenn sie einen Rock mit Schellen trügen, so bilden wir uns doch ein, es könne nichts Zierlicheres erdacht und erfunden werden. »Sind aber auch noch Juristen und Advocaten auf der Welt?« fragte Schickot weiter. – Ja freilich, sprach ich, es wibbelt und wimmelt so voll wie von Ameisen und Mauereseln und es wäre besser, daß die Welt mit egyptischen Heuschrecken als mit diesem Ungeziefer überzogen wäre. – »Geht es also her auf der Welt, sprach Schickot, so komme ich nicht aus meinem Kolben, denn ich merke wohl, daß man von den Juristen allen nicht viel hält.« O weh, mein Schickot, antwortete ich ihm; also ist es nicht gemeint. In Deutschland geht es noch ein wenig besser, denn da sind noch Gewissenhafte und Reine zu finden, aber doch auch nicht alle. – »Mich wundert zwar nicht, sprach Schickot, was bei den Welschen geschieht, die solche Aemter und Stände mit vielem Gelde erkaufen müssen; – selten verrichtet der Richter sein Amt, ohne daß er sich schmieren läßt; warum? weil er selbst sich sein Amt durch's Schmiergeld erkauft hat. Owen 1, 16. – aber mich wundert, daß auch bei den Deutschen dergleichen vorgehen soll. Das ist es aber, sprach er weiter; vor Jahren hat die Gerechtigkeit nicht soviel Anstöße erleiden brauchen als jetzt – Ursach: es gab noch nicht soviel Juristen. Darum geht es heutiges Tages der Gerechtigkeit wie den Kranken, die ihrer Krankheit wegen um Rath fragen lassen; denn jemehr Doctoren man zu einem Kranken ruft, je ärger wird es mit ihm und jemehr kostet es ihn. Viel' Hunde sind des Hasen Tod. Wenn die Aerzte sind die Hund', Die uns jagen in den Grund, So sind wir ja rechte Hasen, Daß wir sie so lassen rasen. Es heißt: die Menge der Aerzte hat den Kaiser ums Leben gebracht; ebenso auch: die vielen Juristen haben das weltliche, ja das göttliche Recht verpfuscht; je mehr Rechtsgelehrte man zu einer Sache fordert, je weniger wird sie ausgemacht werden. Das erfahren wir, die wir um so viele Jahre auf den edeln deutschen Frieden gehofft haben. Diesen Frieden, den die jetzige und künftige Zeit nicht wird zu Stande bringen, wirst du wohl erst, gütiger Herr Jesu Christ, bei deiner Wiederkunft verleihen!« Vor Zeiten, sprach ich, war nur Ein Corpus juris , ein einziges Rechtsbuch, vermittelst dessen die Gerechtigkeit einem jeden, dem Armen wie dem Reichen, dem Fremden wie dem Einheimischen, dem Vater wie der Tochter, dem Vetter wie der Base, dem Bürger wie der Obrigkeit, dem Narren wie dem Doctor heilig widerfahren und gegönnt ist. Es war da eine liebliche Einigkeit, ein freundlicher Friede, ein recht seliges Leben. Aber jetzt, zu unsern Zeiten, da viel tausend Rechtsbücher, Codices, Digesta Pandectae, Paralitla, Institutiones, Consilia, Responsa vorhanden sind, stecken die Juristen hinten und vorn so voller List und Ränke, Aufzüge und Umtriebe, Auslegungen und Deutelungen, daß Gott möchte d'rein schlagen! Seit dreißig Jahren sind mehr Rechtsbücher geschrieben und gedruckt worden als früher in tausend Jahren, und doch ist keines noch recht, denn ein jeder will es noch rechter machen; wiewohl der vortreffliche Vigelius Dr. Nikolaus Vigelius, Rechtsgelehrter zu Marburg, starb 1600. Seine zahlreichen juristischen Schriften sind von nicht geringem Werth. ihnen ein Ziel gesteckt hat, welches schwerlich einer wird überschreiten. Alle Tage kommt ein neuer Doctor, ein neues Buch hervor, das bald größer ist als das Corpus selbst, das sie ungeachtet des heiligen Verbotes des Kaisers Justinian Glossen, Erläuterungen, mancherlei Einfälle, Entscheidungen, Zertheilungen, Auslegungen, Drangsalirungen nennen. Denn es ist ein rechter Eifer unter ihnen, welcher die meisten und großen Bücher und Corpora schreiben könne – Leiber ohne Geist und Seele. Es sind also die meisten Juristen – verstehe: die Rasenden, Schriftenschmiede, Federspitzer, Fretter , Von fretten: abreiben, wund machen, quälen. Anhetzer, Aufwiegler, die auf einer Partei bloßes Anbringen, ungehört des Beklagten, gleich ein Urtheil fällen, ihrem Eid zuwider eine böse Sache unsinnig annehmen, überbieten, abbitten und verwarnen, mit Gewalt, wider Gott und Billigkeit durchtreiben (denn gewissenhafte, bedachtsamere Rechtsgelehrte haben heiligere Gedanken) – Zerstörer des gemeinen Stadt- und Landfriedens, wider die, als Urheber alles Unglückes, dieser Schluß geht: Wären keine Advocaten, so wären keine Processe; keine Processe – keine Procuratoren, keine Procuratoren – keine Aufhetzer, keine Aufhetzer – keine Trügerei, keine Trügerei – kein Unrecht, kein Unrecht – kein Kläger, kein Kläger – kein Richter, kein Richter – kein Scherge, kein Scherge – kein Henker. Seht ihr wohl, was für Unheil in der Welt kann durch einen einzigen Fretter und Anstifter angerichtet werden! Gehst du vielleicht zu einem solchen, ihn um Rath in deiner Sache anzusprechen, dann wird er, wenn er dich kaum halb angehört, viel weniger aber recht verstanden hat, dir gleich mit seinem vermeinten Witz in die Rede fallen und sagen: Herr, das ist ein stattlicher Casus ! da ist manche schöne, herrliche Quaestion anzubringen, welche meritiret, daß man sie mit höchstmöglichem Fleiß tractire! Ich besinne mich jetzt gar wohl auf die Legem , die expresse davon redet. – Darauf geht er über einen Haufen großer, tübingischer Bücher, wenn's hoch kommt, an Gesetzbücherauszüge; denn das ist der gemeinste Modus das Recht zu studiren bei den Rechtsverdrehern. Das ist der meisten Practicanten und Rechtsverdreher Arbeit, daß sie so obenhin in den Bücherauszügen studiren; und gar wenige sind vorhanden, die nach dein rechten Kern und Mark forschen, daher es denn nicht unbillig heißt, wie jener hochgelehrte fromme Jurist sagt: In den Institutionen seid ihr stummer wie das liebe Vieh, im Codex habt ihr nur mittelmäßig studirt; in den Novellen seid ihr den Eseln gleich; in den Digesten könnt ihr nichts – und doch seid ihr Rechtsgelehrte! Durchlauft diese Bücher mit Händen und Füßen, durchblättert sie mit Fingern und Augen, grummt und brummt leise fort, als ob's gar Ernst wäre, gleichwie die Katzen, wenn man sie streichelt, schnurren; aber hüte dich: Katzen kratzen! – Darnach giebt er dem guten unschuldigen Buch einen Schlag, legt es aufgeklappt auf den Tisch oder die Tafel mit diesen Worten: Sehet da, Herr! Da haben wir unsern Mann gefunden, dies sind die rechten Karten, hiermit können wir einzig und allein unsere Sache gewinnen. Der Rechtsgelehrte hier redet so klar von unserer Streitfrage, als ob er den Stand der Dinge selbst gesehen und den Rechtsfall, wie wir ihn haben, selbst formirt hätte. Gelt! die Sache ist richtig! Gelt! es kann uns nicht fehlen! Gelt! ich kann den Zweck finden! Gelt! ich bin unserer Partei gewachsen! Gelt! ich hab's euch vorher gesagt! Gelt! meine Bücher können helfen! Lasset mir nur indessen eure Beweisschriften, Briefe, Urkunden und Documente bei der Hand! Das nur nichts vergessen werde! Gelt! ich meine, wir haben eine herrliche Sache! Habt nur ein gut Herz! Kommt morgen gegen Abend wieder hierher, denn jetzt habe ich etliche Anmerkungen aus dem Bartolus und Baldus zu verfertigen (während er doch aus Geiz, wie vorhin gesagt, nicht einen Aufzug aufschlägt); aber um euretwillen will ich alle anderen Arbeiten und Geschäfte fahren lassen. Gelt! gelt! ich hab' es euch gesagt! – Wenn es dann zum Abschied kommt, und du ihm die Hände nicht mit Pistolen oder Dukaten schmierst (denn Reichsthaler gelten nichts mehr, Dukaten aber sind noch gut; die Franzosen nennen's un ducat, qoud inducat in tentationem , weil derselbe in Versuchung führt), damit er deiner Sache gedenke, so ist es wahrlich darum geschehen! Die Achs' am Wagen muß man schmieren. Damit das Rad mach' kein Geschrei: Auf daß ein Doctor schwatzhaft sei, So muß man ihm mit Geld hofieren. Denn das Geld ist das Gelenk, ohne das ein Jurist lahm ist in seinem Hirn und an seiner Zunge, der Geist, ohne den er nicht leben kann, das Licht seines Verstandes, ohne welches er nichts Rechtes gut sehen kann. Wirst du ihn aber die Schmieralien hören und sehen lassen, wohlan! so wird er dich bis an die Hausthür begleiten und hunderterlei Complimente machen. Wenn du ihm dann schließlich das Schmiergeld darreichst: Ei ja wohl, Herr! Ei, mein Herr! Es schickt sich nicht, Herr! Es kommt wohl noch! wird er sagen, doch inzwischen die Arme ausstrecken, mit seinen Klauen die Dukaten ergreifen und die Hände fester halten als einer, der die fallende Sucht hat. ›Wie flink auch seine Worte sind, seine Hand ist doch hurtiger: noch ist seine Zunge nicht fertig, so ist es schon seine Hand‹ (Mart. 14, 206); und dann: Ich bin des Herren Diener! – ja des Teufels! Der Arzt wird nur von unsern Krankheiten, der Jurist nur von unsern Thorheiten fett. – Als mich nun Schickot so alles, wie es hergeht, erzählen hörte, sprach er: »Hoho! das ist zu grob! Hurtig und stopfe mir den Kolben wieder zu, damit keine so giftige Luft zu mir hereinkomme und mein Wesen und Genesen verhindere. Denn ich will nicht von hinnen, bis die Welt von solchen Blutsaugern gereinigt ist, oder aufs wenigste das Sprichwort wahr gemacht werde, das da sagt: wer nicht Processe haben will, muß den Sachwalter des Widerparts bestechen, dieweil Geld, das stumm ist, Macht richt, was krumm ist; denn wie du deinen Anwalt durch das Geld kannst gewinnen, daß er schwatze und sich deiner Sache mit Leib und Seele annehme, wie lose sie auch sei, so kannst du auch deines Gegentheils Anwalt gewinnen, daß er schweige. Und das ist wahr bei den meisten, so wahr als Gott lebt! Ach Je mehr Geld, je mehr Recht; Je mehr Lohn, je mehr Knecht; daher muß der Advocat reich werden. ›Wenn du aber klug bist, so bezahle, ehe der Richter und der Advocat dein Geld begehren, es lieber gleich deinem Gläubiger‹ (Mart. 2, 13); denn besser ein magerer Vertrag, als ein fettes Urtheil. Drum wer nicht bezahlen will, was er mit Recht schuldig ist, der muß hernach mit Recht bezahlen, was er nicht schuldig ist. Und freilich ist das wahr: ›Wenn wir nach der Natur fein lebten und stets thäten, So hätten wir den Arzt gewiß niemals vonnöthen; Und wenn wir wären klug, wir haßten Zänkerei Und hätten Abscheu vor der Zungendrescherei: Dann würde Bartolus im Bücherschranke stecken. Und den Hippokrates die Maus voll Junge hecken.‹               (Owen, 3, 123). »Aber sage mir, sprach der Schwarzkünstler weiter, hat es auch noch Meutmacher und Rebellen in den Städten hin und wieder?« – Das ist, sagte ich, eine allgemeine Krankheit, so daß jetzt nicht leicht eine Stadt oder ein Reich davon befreit ist. »So begehre ich, sprach er, nicht von hinnen zu scheiden. Doch es ist mein Begehren, du mögest solchen Hans-Gerngroßen ansagen, daß ihnen ihr Hochmuth und ihre Thorheit böse soll vergolten werden, wie dem Fettmilch zu Frankfurt . Im Jahre 1616 den 28. Febr. wurden auf Befehl Kaisers Mathias in Frankfurt der Lebküchner Fettmilch, der Schneider Schoppe und der Schreiner Gerngroß hingerichtet, weil sie wiederholt Aufruhr erregt hatten zu dem Zwecke neue Privilegien zu erlangen. S. Gebhard Florians Chronik der Stadt Frankfurt. Frkf. 1706, Bd. l. Sie mögen bedenken, daß die großen Herren lange Hände haben. Große Herren sind geartet wie das Quecksilber: denn so man dieses drücken und festhalten will, flieht es unter den Händen und verschwindet. So geht's auch denen, die sich an großen Herren reiben wollen mehr als Billigkeit und Standesgebühr erlaubt. Das Quecksilber kann nimmer still stehen. Also auch Könige und Herren: wenn man meint, sie seien weit, so sind sie am nächsten. Die stetigen unmäßigen Geschäfte, mit welchen sie für ein ganzes Land beladen sind, machen, daß sie bald hier bald dort zu finden sind. Die mit Quecksilber arbeiten und umgehen, zittern gemeiniglich an ihren Gliedern: also sollen auch die beschaffen sein, welche mit großen Herren umgehen: sie sollen allezeit mit gebührender Ehrerweisung und Furcht erzittern, sonst wird es geschehen, daß sie endlich in Ermangelung jenes nicht nur erzittern müssen, sondern gar zu Boden fallen und verderben.« Als ich mein Gespräch weiter führen wollte, kam einer mit einem aufgeschlagenen Buch in der rechten Hand daher geschlürft; dessen Gesicht war ganz mit Haaren umwachsen, so daß man zwei Polsterkissen davon hätte ausfüllen können, und ich ihn für einen wilden Mann hielt, wie sie in den Landen der Maler noch heutiges Tages gefunden und auf den pommerschen und lüneburgischen Thalern gesehen werden. Da ich ihn nun halb mit Furcht, halb mit Verwunderung angesehen hatte, trat er grade gegen mich zu und sprach: »Meine Kunst und Weisheit giebt mir so viel zu erkennen, und ich sehe, daß ihr gern wissen möchtet, wer ich bin. Ich bin Herr Lug-in's-Land, der gewisseste Sterngucker, der je geguckt und heutiges Tages mag gefunden werden.« – Ist's möglich, sagte ich, daß die erlogenen Weissagungen, die man hin und wieder in Deutschland unter eurem Namen findet, eures Gespinnstes und Gedichtes sind? – »Du unverständiger Tropf, sprach er im Zorn, wie kannst du so frevelhaft sein, daß du sie erlogene Weissagungen nennst und meine Person so verlachst, der ich doch als Schicksalsdeuter des Himmels Heimlichkeiten allein weiß und offenbare. Ihr tollen Weltkinder seid es so gewohnt, daß, wenn ein Ding über die Elle eures Verstandes und über das Gewicht eures Hirns ist, ihr es alsbald verachtet und thörichter Weise verlacht. Ich bin ja so närrisch nicht in meinen Weissagungen wie jener Bruder, daß ich neben tausend anderen offenbar lächerlichen Phantastereien dasjenige für eine hohe Heimlichkeit ausschreie und ausschreibe, was man auch in den Scheer- und Spinnstuben weiß, und die Fuhrleute alle selbst wohl verstehen. So: wer jetzt gut schmiert, der wird gut fahren. Venuskinder leiden viel Anstöße. Was hört man Neues? Viel unvorhergesehene Geschichten, viel Geld, aber geringe Zahlung; o des Plunders! Große Herren bedürfen Raths. Etwas Neues. Hab' gut Sorg'. Den Weibern einträglich u. s. w.; dieser hochheimlichen Reden Deutung auszulegen, ist einem Bauern nicht unmöglich und könnte ein Kind errathen. Wie großen Mangel haben dieses Jahr die unsternigen Stern-Messer an Hirn und Verstand, so daß man sagt: wie soll uns dieser weisen, was gut ist? Aber meine wahrhaftigen, nachdenklichen Worte haben ein ganz anderes Geheimnis in sich, und es wird keiner so viehisch geartet sein, daß er mein Werk ein erlogenes Gespinnst und Gedicht sollte nennen. Zum Wahrzeichen: Wenn ich heut' und alle Tag' Kreuzweis thät die Welt durchgehen, So befind ich doch, es mag Nichts, als was Gott will, geschehen. Ihr Gottesverächter, die ihr seid: wie könnte eine Weissagung wahrhaftiger sein? Aber ihr seid in der Welt den Lastern und Sünden so ergeben, daß ihr bald weder an Gott noch an seine Regierung mehr glauben wollt. Wenn ich euch von Thalern predigte, das wäre nach eurer Meinung! Denn das Geld ist heut' einzig und allein der Welt Augenmaß und Zweck, wohin alle menschlichen Sinne und Gedanken gehen, zielen und zusammenkommen. Es ist der Welt höchstes Gut und Meister, welches die ganze Welt meistert, regiert und verführt. Viele lassen sich mit Geld bestechen und es bewegt auch wohl der Könige Herzen. Alles gehorcht dem Gelde. Wie viel ein jeder hat Silber und Gold, So viel ist ihm auch jetzt die Welt hold. Wäre Salomon noch am Leben, Dem Gott viele Weisheit gegeben, Und hätte er kein Geld oder Gold, Die Welt wäre ihm nimmer hold . Aus dem »Reineke Fuchs« in niedersächsischer Sprache aus der letzten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Das ist das erste. Nun noch ein anderes Wahrzeichen: Nach dem uralten Brauch auf Erden Viel' Weiber werden Mütter werden – Und die Kinder insgemein Ihrer Väter Kinder sein. Ist das nicht eine wahrhaftige Weissagung? Vielleicht möchtest du denken, sie sei lächerlich, weil man sie auch vorher gewußt hat. Aber gut! Ich höre eben, daß die lautere und bekannte Wahrheit euch zum Gespött und Gelächter dient. Wie aber sollte man euch dies Gericht anders kochen? Denn wahrlich! es sind viele Männer, denen es sich oft ereignen würde, wenn sie eine genaue Nachforschung oder Nachrechnung und Gegenbuch halten wollten, daß ihnen ein Kind Vater zuruft, welches doch nimmer von ihrem Leibe hergekommen ist! Es ist gefährlich ein Urtheil zu fällen über ein Ding, das im Finstern geschieht und wobei man keine Zeugen herzufordert, sondern wo alles blindlings hergeht. Es muß ein guter frommer Mann seinem listigen Weibe, dieser Anfechtung wegen, in diesem heiklen Punkte unbedingt und blos obenhin glauben. ›Keiner, als Adam, ist seiner Frau, keine, als Eva, ist ihres Mannes gewiß. Was bleibt Eheleuten, besonders dem armen Manne, in diesem Punkte für ein anderer Trost übrig, als nur der gute Glaube?‹ (Owen 5, 211.) Ein Weib hüten, wenn sie nicht selbst fromm sein will, ist unmöglich. Ein Sauhirt, der hütet bei dem Korn, Der muß hüten hinten und vorn; Ein Roßhirt bei einem Haferacker Muß allzeit munter sein und wacker; Ein Kuhhirt unten und oben wehrt, Wenn er bei einer Matte fährt; Ein Geißhirt bei einem Krautgarten Auf jeden Sprung muß fleißig warten. Wer aber hütet ein junges Weib, Der seh', daß er bei Sinnen bleib': Fürchtet sie nicht Gott und Mannes Zorn, So ist all' Hut und Wacht verlor'n. Sie zwar, die Mütter, sind ihrer Sache gewiß, daher kommt es auch, daß sie ihre Kinder inbrünstiger lieben als ihre Männer. Gleichwohl aber muß ein ehrlicher Mann bescheiden sein und von seinem ehrlichen Weibe nichts, als was ehrlich ist, halten, damit es ihm nicht ergehe wie jenem, welcher, als er sein Kind einstmals fleißig an- und ernstlich beschaute und sein Weib fragte, warum? sprach: mein liebes Weib, ich möchte doch wahrhaftig wissen, ob dieses Kind mein rechtes, natürliches, eigenes Kind wäre? – Das Weib, listig und doch entrüstet wegen der unnöthigen Frage, sprach zu ihm: mein lieber Mann, zweifelt ihr, daß dies euer Kind sei? Nun so werdet ihr doch nicht daran zweifeln, daß es mein Kind sei? – Das weiß ich sehr wohl, sprach der Mann. – Wohlan, sprach das Weib sodann, weil ihr es nun für gewiß glaubt, daß es mein Kind sei, wie es denn auch ist, so schenke ich es euch hiermit von Grund meines Herzens. Jetzt könnt ihr gewiß sagen, daß es euer eigen Kind sei! – Der gute Mann, dem der unnütze Vorwitz hiermit redlich vergolten war, wurde durch solche Antwort viel mehr bestürzt und wünschte, daß er sein Lebtag nicht gezweifelt oder gefragt hätte. Gleichwohl geht es je zuweilen auch 'rüber und 'nüber, drunter und drüber, drum und dran, und es wird sich noch im folgenden Gesicht offenbar zeigen, daß mancher große Herr in der Welt irgend einen Edelknaben, einen Aufwärter, einen Hof- und Leibarzt, einen Lautenisten, einen Kammerdiener, einen Küfer, einen Kellermeister, ja sogar einen Müller, Bäcker oder sonst einen starken Bengel für seinen Vater wird erkennen und annehmen müssen. Wie mancher große Herr wird alsdann sehen und in der That erfahren, daß sein Geschlecht und seine Linie aufgehört haben, und die Länder wider sein Meinen und Wissen vielleicht von einem Beichtvater, Hofmeister oder einem andern fortregiert werden. Denn da wird die Wahrheit an und für sich selbst heller leuchten als die klare Sonne mit ihren Strahlen.« Ich muß gestehen, sagte ich, daß eure Weissagungen um so höher zu preisen sind, weil sie nüchtern und ohne Prophetenrausch geschehen, mit Augen zu sehen, mit Händen zu greifen, ja oftmals zu riechen und zu schmecken sind, und gleichwohl solche Geheimnisse in sich haben, die der Witzigste bisweilen nicht verstehen, aber doch ein Alberner unschwer merken kann. – Unter diesen Worten verschwand der gute Lug-in's-Land vor meinen Augen. Bald darauf hörte ich einen, der mich mit Namen rief; und als ich der Stimme folgte, sah ich einen dürren, elenden Tod mit traurigem Angesicht, ganz bleich und erschrocken. »Ach! sprach er, bist du je ein Christenmensch, so bitte ich dich, habe Erbarmen mit mir, daß ich künftig von den losen Schwätzern, Mährensagern, Zahnschreiern, verlogenen Weibern und Gesellen unvexirt bleibe, ich möchte lieber alles leiden und ausstehen, was ein elender Tropf sonst auszustehen hat;« und dabei weinte der arme Tod wie ein Kind. – Wer seid ihr denn, fragte ich, daß es euch so hinderlich geht? »Ach, sprach er, ich bin sonst ein guter, ehrlicher Gesell von sehr altem Herkommen, außer daß lose Leute je zu Zeiten meinen Namen zu tausenderlei unehrlichen, ungebührlichen Händeln und Geschichten gebrauchen, wodurch ich denn in so elenden Stand gerathen bin. Ich bin der arme »Jener-dort«, der »Einer« – bei den Franzosen l'autre auch un quidam genannt. Es ist nicht gut möglich, daß du nicht solltest von mir haben erzählen hören: denn es giebt ja nichts, was jener nicht sagt oder thut. Wenn ihr Menschen etwas mit gutem Gewissen und mit Manier nicht behaupten könnt, so sagt ihr nur ›wie Jener spricht‹, ›wie einmal Einer sagte‹ – während ich doch meinen Mund nicht aufthue, sondern stillschweige wie ein Schaf. Die Lateiner nennen mich Quidam und bedienen sich meines Namens, nur um das Geschwätz desto größer zu machen, und daß der Zeilen desto mehr werden möchten. Bitte also, wenn du wieder auf die Welt kommst, mir den Dienst zu erweisen und öffentlich zu sagen, daß du den Quidam selbst gesehen hast: er sei der unschuldigste Kerl, den man finden kann, er habe niemals etwas geschrieben, er sage nichts, er habe niemals etwas gesagt, er wolle auch nimmer etwas sagen, und daß alle die, welche mich als ihren Mann und Anbringer citiren, es erlogen hätten, damit in das Künftige solcher Lug und Trug gemäßigt und mancher leichtgläubige Mensch nicht so bald betrogen werde. Es geschieht auch, daß sie mich oft nennen ›ein gewisser, guter Gesell‹, ›ein guter Kerl‹, ›ein guter Freund‹, bisweilen ›Einer – er will mir jetzt nicht einfallen‹, ›ich weiß nicht wer‹ u.s.w. Die Herren Gelehrten nennen mich in ihren Sprüchen und Schriften ›certum aliquem auctorem , einen gewissen Mann‹ – alles nur zu dem Ende, damit der arme Jener desto mehr gemartert werde und alle Schuld auf ihn komme.« Darauf habe ich versprochen, das Beste seinetwegen vorzubringen, wie ich denn dieses den Actis zu inseriren hiermit vor Notar und Zeugen will referirt haben. Indem vernahm ich ein Geschrei eines Vogels: Duhu! Puhu! Uhu! Huruh! woraus ich merken konnte, daß es eine Nachteule oder ein Uhu sein mußte, wie denn auch alsbald eine in vierschrötiger Gestalt dahergeflogen kam. – Wie? fragte ich, giebt es auch Vögel bei und unter den todten Menschen? Was mag das für eine Bedeutung haben? »Wenn dir, sprach ein Tod, dieses Vogels Natur und Eigenschaft bekannt ist, so kannst du seine Bedeutung unschwer selbst errathen. Zuvörderst aber magst du wissen, daß es ebenfalls eines Menschen Tod ist: denn wie die Menschen sich in ihrem Leben verhalten und sündigen, so wird ihnen im Tode gelohnt; wie die Sünde, so der Lohn. Tyrannen, Verfolger, Räuber, Mörder, weil sie sich in ihrem Leben als Löwen, Bären, Wölfe gezeigt haben, werden nach ihrem Leben mit denselben Teufelsgestalten wiederum gepeinigt. Ein Schindhund, ein Geizhals muß sich da als ein Hund wiederum quälen; ein Dieb wird mit Raben, ein Gotteslästerer mit Teufelszungen geplagt werden; zwar nicht auf heidnische, pythagoräische Weise, als ob eines Menschen Seele nach dem Tode in dergleichen Thiere führe und umherschwärme, sondern indem die bösen Geister in eben solchen Gestalten ihnen die verdiente Pein und Plage anthun. Also ist auch dieser Vogel eines Menschen Tod, der sich in seinem Leben wie ein Uhu oder eine Eule verhalten hat, weshalb er denn noch den Ueberlebenden allhier zum Spiegel dienen und umherfliegen muß. Denn er war in der Zeit seines Lebens ein Verleumder, ein falscher Freund, ein Lügenschmied, ein Verräther, ein Afterreder, der jedermann gute Worte versprach, dagegen alles übel auslegte, alles deutelte und drehte wie er wollte, damit er jedem könnte eins auswischen und ein Bein vor das Glück schlagen. Darum, gleichwie die Römer den Rathsbeschluß gegeben haben: falsche Angeber zu den Löwen! so heißt es hier bei den Todten: Verleumder zu den Nachteulen! Denn erstlich: wo dieser ungeheure, schreckliche, verhaßte, feindselige, leidige, höllische Vogel wohnt, da ist nichts als Unheil und Fluch zu hoffen. Als daher eine Eule zu Rom in das Capitolium geflogen war, unter dem Consulat des Papellius Ister und L. Pedianus, hat man eine allgemeine Haussuchung thun lassen um zu sehen, ob keine Verrätherei vorhanden wäre. So hat auch dieser Todte sich in seinem Leben gegen alle Menschen dermaßen verhalten, daß, wer seiner ansichtig geworden ist, sich wie vor einem feindseligen, heilstörenden Manne gesegnet hat. Zweitens: die Eule ist ein Trauervogel, traurig bei Tag, lustig bei Nacht, also ein Verleumder; wenn es dem Nächsten wohl geht, so ist er traurig, ist verschlossen und trachtet nach Rache und Hinterlist; wenn es jenem übel geht, so ist sein Herz fröhlich – ein Schadenfroher, der sich hervor thut, wie das Unreine im Wurfsieb. Drittens: die Eule hat weder Gesang noch Klang, sondern ein fürchterliches Geheul. Also schwatzt ein Verleumder, was ihm in das Maul kommt; man sage ihm recht oder unrecht, er bleibt auf seinen fünf Augen; alles wird getadelt und gescholten, obwohl er weiß, daß er unrecht daran thut; alles muß herausgeplaudert sein, es sei für oder wider den Mann, es sei für oder wider die Sache; – und doch meint der Esel, der Vogel, sein Geschrei allein gehe über vier Stimmen, und es sei alles Heilthum, was er vorbringe und rede. Viertens: die Eule ist ein wüster, unflätiger Vogel, welcher die Orte, wo er sich aufhält, mit seinem Koth beschmeißt und beschmutzt. Also beschmeißt ein Verleumder eines jeden guten Namen und Leumund, in der Hoffnung des ›Calumniareaudacter, semper aliquid haeret‹ , er werde so grob nicht aufgeschnitten und gelogen haben, man werde doch jemand finden, der etwas daran glaube. Und je aufrichtiger und redlicher ein Mensch ist in seinem Wandel, je eher wird ein Verleumder etwas an ihm zu tadeln finden. Aber den halte ich für unglücklich, dem niemand gefällt. Fünftens: die Eule macht fast ein menschlich Gesicht. Ein Verleumder stellt sich ähnlich mitleidig und als ginge ihm seines Nächsten Unfall zu Herzen; aber es ist nur eine Larve, eine Verstellung, denn das Innere ist voller Falschheit und Trug. Sechstens: die Eule ist ein Nacht- und Nebelvogel. Also scheut ein Verleumder das Licht der Wahrheit, verachtet und verkleinert seine nächsten Freunde hinterwärts, giebt gute Worte ins Angesicht und Striemen in den Rücken, vorn: Gehorsamer Diener! hinten: Nimm dich in Acht! redet, was man gern hört, aber heuchelt und geht auf Hohn, Schimpf, Lügen und Betrügen aus, leckt mit der Zunge, und beißt mit dem Herzen. Siebentes: die Eule sieht man auf Thürmen, Kirchen und Häusern sitzen. Ein Verleumder tritt das Regiment mit Füßen, geht mit Gericht und Gerechtigkeit um wie die Sau mit einem Bettelsack, kann von nichts weiter als von Recht reden und klagen, dem er doch selbst vor dem Lichte steht und es verhindert, dreht und lenkt, je nachdem er es für sich am nützlichsten und vorteilhaftesten findet. Er verspottet, verachtet und verlacht Gottes Wort und die Geistlichen in ihrem Amt und Wesen, feindet dieselben an wie ein Epicuräer, verfolgt sie heimlich und öffentlich, bringt sie um Dienst und Wohlfahrt, dräut ihnen auf Leib und Leben, und will doch um solcher Untugenden willen nimmer gestraft werden. Er sitzt auf Häusern, wo er kann, wirft unter Eheleute und Verwandte in manchem Hauswesen einen Zankapfel, hetzt alle an einander, erbittert jeden gegen den andern, damit sie in stetigem Streit und Hader leben, während er seine Schelmenlust und seinen Diebsvortheil an jedem sucht. Achtens: die Eule wird gleichsam ›Eile‹ genannt. Also ist ein Verleumder, der über jedwedes ehrliche Handlungen urtheilt, ehe sie recht angefangen haben. Aber wie man einem Narren kein ungemachtes Werk weisen soll, so ist Urtheilen, ehe man dazu aufgefordert wird, das Thun eines Narren.« Als der Todte dieses Lehrgespräch von dem ungehobelten und ungeheuern Vogel und Verleumder zu Ende gebracht hatte, dachte ich bei mir: O du unseliger, gottvergessener Vogel! solltest du ein Mensch gewesen sein und menschliche Ehre und Ehrbarkeit so sehr verachtet haben? Nun hast du erfahren, daß ein so falscher Mann, ein Verleumder, ein Spötter eben so viel seinem Nächsten schaden kann, als er sich und seinen Erben eine ewige Last, ewige Unruhe, Feindschaft, Verspottung und Verachtung auf den Hals ladet. Wie stehen dergleichen leichtsinnige Stücke einem Manne, insonderheit wenn er in einem Amte sitzt, so übel an. Wer ein halbes Herz und zwei Zungen hat, der ist wohl ein recht ungeheurer Vogel, ein rechtes Wunderthier; aber der Schade wird ihm allein sein. Nun so sag' ich sonder Lügen, Daß ein Esel lerne fliegen, Weil ein so ungehobelter Mann Zum leichten Vogel werden kann. Da kam ein anderer Tod auf mich zu. Doch kann ich eigentlich nicht wissen, ob er todt oder lebendig gewesen ist, denn er war anzusehen wie Beides und doch keins: er war köstlich bekleidet und hatte eine große goldene Kette vom Halse herabhängen. Als ich nun einen Tod, der bei mir stand, fragte, wer dieser wäre? gab er mir zur Antwort: wie es möglich sein könnte, daß ich den nicht kennen sollte, von dem ich doch selbst auf der Welt bereits so viel gehört und geredet hätte. Er wäre, sprach er weiter, die berühmteste Person auf Erden, die in allen Ständen und Aemtern, in allen Spielen und Händeln den Vor- und Nachzug hätte. Er meint den Zeitgeist. Es wäre derjenige, welcher das verderbliche böhmische Unwesen angezettelt, der auch einen allgemeinen deutschen, redlichen, beständigen Frieden zu befördern, sich unlängst aus dem Tage zu Nürnberg, auch hernach zu Osnabrück und Münsters Um den verheerenden Krieg zu beenden, waren mehrmals Friedenseinleitungen versucht worden, die aber an dem Eigennutz und Uebermuth der Parteien scheiterten. So waren 1641 die beiden Städte Münster und Osnabrück zu Friedensunterhandlungen ausersehen. Doch kam der Friede erst 1648 zu Stande. ohne List und Lust, ohne Falsch und Schein, ohne Dein und Mein, ohne eigen Nieß und Nutz habe angelegen sein lassen. Er wäre vordem ein Land- und Stadtrichter gewesen, habe aber von keinem Menschen je Geschenke genommen; könne sich wegen seiner allbekannten Aufrichtigkeit wohl selbst das Recht sprechen, zugleich Richter und Zeuge in einer Sache sein; dürfe für sich selbst Zeugnis ablegen, könne sich selbst Gewalt geben in allen Dingen, dürfe beim Rechten die Wahrheit aus Staatsgründen zu seinem Vortheil läugnen und verschweigen ohne Verletzung seines Gewissens; er sage seine eigenen Fehler und Mängel selbst, könne sich auch selbst helfen in allen vorfallenden Sachen; er wäre ohne Sünde gestorben und gleichwohl lebe er noch nach seinem Tode; hätte niemals seine eigenen Blutsfreunde verfuchsschwänzt oder verrathen, hätte diesen auch nimmermehr nach ihrem Glück und ihren Aemtern getrachtet, noch es heimlich wider sie gehalten, wenn er seinen Nutzen dabei hätte suchen können; sondern er lasse sich ihre Noth angelegen sein, wie seine eigene; er sei schneller als Ahasael 2. Samuel 2, 18. und sei dem Tode selbst einige Male entlaufen; er wisse alle Dinge, daher könne er wegen seiner großen Geschicklichkeit auch zwei Herren dienen; er könne die Welt regieren ohne Tadel und jedwedem Recht schaffen, insonderheit zu Hofe, und könne einem andern geben, was er selbst nicht habe; er habe auch, als er lebendig gestorben sei, all sein Gut mit sich hierher genommen. Indem mir der Tod dieses so erzählte, sah ich viele Todte dahergelaufen kommen mit langen, grob leinenen Kitteln angethan, die hoben an zu jammern und zu schreien: Ist denn niemand da, ist denn niemand da, der sich unserer Noth von Herzen erbarmen und annehmen und die undeutschen, fremden Völker mit ihren fremden Lastern, ihren Gewalttaten, Schindereien, Markaussaugen und Gotteslästern aus unserm Vaterlande wegtreiben wolle? Sie hatten kaum diese Worte geredet, siehe, da lief mein Wundermann mit großer Eile und sonderlichem Eifer und Ernst davon und an den Ort, wo der Mangel oder vielmehr die Noth am größten war. Und als ich den umstehenden Todtenhaufen eingehend fragte, wer doch dieser Wundermann wäre, den sie mir bisher so höchlich herausgestrichen hätten, der auch eben wieder den Westreicher Kothschänzen Es sind die Franzosen oder Pariser gemeint; Paris heißt Lutetia d. i. Kothstadt; Schänze sind Körbe, Säcke. gegen die Feinde so geschwind und treulich zu Hilfe gelaufen wäre – sprachen sie: er wäre ja ein rechter Wundermann, der jedem, ja dem Teufel selbst, aus der Hölle helfen könne; sein Name aber sei Niemand. – Als ich das hörte, sprach ich: Mir ist genug gesagt! Verständigen ist gut predigen: denn ich hatte in der That selbst erfahren, daß dieses Alles wahrhaftig wahr sei. Als ich eben weiter gehen wollte, begegnete mir ein altes Weib, einer ehrbaren Matrone sich gleichstellend, die da etliche Worte in sich hinein murmelte, doch mehr mit dem Kinn und den Lippen, als mit der Zunge sie formirend. Ich sah das alte Wetter mit Furcht und Schrecken an, denn sie war ein abscheuliches Bild. Die Augen standen ihr im Kopf wie zwei feuerrothe Büchsen, triefend und rinnend wie ein Gießfaßhahn. Ihr ganzes Angesicht war von Farbe wie die Fußsohlen eines Menschen; blaue Lippen, über welche ein langer, ungeheurer Destillirschnabel hing, der ohne Unterlaß rotzzapfiger Weise herabtropfte. Sie hatte einen Knebelbart, wie die federfüßigen jungen Tauben mit Stoppeln ausstaffirt, und nicht mehr Zähne im Munde wie eine Lamprete ; Ist ironisch zu nehmen; denn die Lamprete, ein Seefisch, hat mehrere Reihen spitziger Zähne. ihre Wangen waren gleich eines Affen Backen, worin sie oft einen ganzen Hausrath verbergen können; ihr Kopf tanzte einher wie eine Schafschelle. Ihre Sprache lautete, als ob sie über Steine stolperte; der Leib stak in einem langen schwarzen Weibermantel, den sie von dem Kopf herabhängen hatte. Sie hielt einen großen Hebel in der Hand, auf den sie das alte, wackelnde Gebäu stützte, daß es nicht zu Haufen fiele. Unter dem Reden hustete sie zu jedem Wort und warf dabei solchen Unflat und Koth aus, daß ich in Furcht stand, sie möchte mich damit an einem Schenkel lähmen. Ihre ganze Gestalt war, als ob zwei Schindelbretter zusammengeheftet worden seien. Ihr Athem roch von ferne wie ein Aas in den Hundstagen. – O des armen Mannes, dachte ich, der einen so wüsten Wust zum Weibe hat und behalten muß! Wer ein Pferd hat, das hinkt, Ein Weib, dem der Athem stinkt. Ein Ofen, der stets raucht, Ein Bett, das voll Wanzen kreucht, Einen löcherichten Bruch Der ›Bruch‹ bedeutet, besonders in der Schweiz, eine Art weiter Beinkleider. Und zwei bodenlose Schuh, Auf seinem Haus ein schlechtes Dach – Der Mann hat großes Ungemach. Als ich nun ernstlich dieses alte Muster, diesen Inbegriff des vorigen Jahrhunderts, betrachtet hatte und meinte, daß sie nach der Weise der alten Leute nicht gut würde hören können, fing ich an ihr überlaut zuzurufen: Altmutterl Holla! he! Altmutter! He! Altmutter! Hört ihr wohl? – Da hob sie das alte Gesicht auf und setzte eine hundertjährige Brille auf die Nase, damit sie mich desto besser ansehen oder vielmehr durchsehen möchte (denn sie war zornig, daß ich sie Altmutter betitelt hatte) und sagte: »Was! ich bin nicht taub; auch bin ich keine Altmutter, wie du junger Lecker meinst. Ich habe meinen ehrlichen Namen und bin allezeit als eine ehrliche Matrone respectirt worden!« – und sie kam aus mich zu mit ihrem Bengel. Ich aber, halb erschrocken wie vor einem wiedererwachten Todten, sprach: Ehrliebende Frau Matrone! ich bitte, ihr wollet mir diese begangene Unhöflichkeit zu gut halten und mich eures rechten Namens würdigen, damit ich die gebührende Schuldigkeit bei euch ablegen kann. »Ich heiße, sprach sie, Papel-Ann', und bin an einem vornehmen Herrenhofe lange Zeit Verwalterin oder Haushofmeisterin und Aufseherin gewesen.« – Als ich das hörte – wie? fragte ich (wegen des zu Hofe erlittenen vielen Verdrusses und Aergers): hat der Teufel auch solche Leute hierher gemacht? Ich habe vermeint, der Erdboden sei allein mit solchen Unthieren vergiftet! Dann haben wahrlich die armen Todten wohl Ursach', aus der Litanei zu sprechen: erlöse uns, Herr! und mögen sie ruhen in Frieden! Wahrlich, so lange ihr hier seid, ist es unmöglich, daß auch die Todten ruhig in Frieden leben können. Ihr habt vorher leider nicht geglaubt, daß die Aufseherinnen auch sterblich seien, aber nun müßt ihr es glauben, weil ihr spürt, daß all' eure Macht und Gewalt, die ihr vordem wider unschuldige, ehrliche Leute unchristlicher Weise verübt habt, nun endlich darnieder liegt, und weil eure verübte Heuchelei, Falschheit, Dieberei, Betrügerei, Hurerei, Zauberei und andere lose Stücke an das helle Tageslicht werden gekommen sein, wie ich dein selbst einen guten Theil derselben der Welt noch werde kund thun. – Da fuhr sie mit ungestümen Worten auf: »Daß dich Sankt Veltens Krisam Das ist: die fallende Sucht. anstoß'! Daß dich das Fieber schüttle! Du Bösewicht, du Dieb! Daß dich Veitstanz ankomme! Weißt du mir sonst nichts mehr zu Leide zu thun, als mir die alten Stücke vorzurücken, worüber ich mich ohnehin schon genug beklagen muß? Ist denn keine Aufseherin mehr auf der Welt, die es ebenso arg als ich oder wohl ärger macht? Warum reibst du dich nicht an diesen und lassest mich passiren? Komm' her zu mir, daß ich dich antasten kann?« – Ich dachte aber, nein, der Teufel traue einem bösen Weibe und sprach: Nun, nun, Frau Hofmeisterin! seid nicht so zornig! Es soll forthin eurer in Ehren nicht mehr gedacht werden. Sagt aber an, was schafft ihr Gutes hier? »Es ist acht Jahre her, sprach sie, daß ich mit meiner Lehrmutter, der Alten von Niederwiesen, in der Hölle gewesen bin und beim Lucifer angefragt habe, ob man nicht ein Stift oder einen Orden von unsern Schwestern, den Aufseherinnen, Schließerinnen, Wärterinnen errichten und erhalten könnte; aber die gnädigen Herren Teufel haben sich darüber noch nicht erklären wollen, geben vor, daß wir ihnen den Handel in der Hölle verderben würden und man sie alsdann nicht mehr brauchen möchte, um die Menschen zu peinigen, weil wir soviel Unheil auf der Welt, insonderheit zu Hofe, anzustiften vermögen, so daß man der Teufel bald gar nicht mehr wird bedürfen. Es haben sich die Teufel aus Furcht, daß wir sie in ihrer hergebrachten, alten Berechtigung hindern möchten, vor uns gesegnet und verkrochen. Was den Himmel anlangt, so haben wir ohnehin nichts zu beanspruchen, wohl wissend, daß die Aufseherinnen, Anstifterinnen, Fuchsschwänzerinnen, Zankeisen, Haderkatzen keinen Zugang allda haben. Auch die Todten allhier sind gar nicht mit uns zufrieden, indem sie sagen, warum wir sie nicht in Ruhe und todt lassen und ihrer, nach dem Leben, schonen? So haben wir nun Grund, uns wieder auf die Erde zu begeben zu den lebendigen Menschen und dort in aller Teufel Namen zu bleiben von Ewigkeit zu Ewigkeit. Aber wir haben uns hierauf noch nicht erklärt, sondern bei uns fest beschlossen nicht von hinnen zu weichen, weil wir uns, während wir auf der Welt waren, elendig mußten plagen und peinigen lassen. Denn sobald nur etwas zu Haus oder zu Hofe geschah oder vorging, so war gleich der gemeine Argwohn und die Rede: ›Ha! die Haushofmeisterin hat's gethan! Die Fuchsschwänzerin hat es angestiftet: sie hat sich so gut gehalten! Die Schließerin hat sich so wohl bemacht! Das alte Wetter hat das Fleisch, das Wildpret, die Häringe, die Pasteten verdorben und lieber die Würmer drin wachsen oder es vor Fäulnis ins Wasser werfen lassen, ehe sie einen armen Menschen damit gelabt hätte! Und gleichwohl, wer, ungeachtet ihrer großen Untreue, es nicht mit ihr und sie in Ehren hält, der hat verloren!‹ Kurz, was auch immer bei Hofe geschehen mag, das nicht recht ist, wir armen Leute müssen, weil wir der Herrschaft Nutzen so treulich suchen, dasselbe alles gethan haben. Wird etwa ein alter Strumpf, ein altes Schnupftuch verloren, so fehlt es nicht, sondern man wird alsbald sagen: ›Ha! daß man nur bei der Aufseherin oder Wärterin suche, wer sollte es sonst haben!‹ Ist etwa ein armes Stückchen Tuch, Taffet, Borte oder sonst etwas verloren gegangen: ›Ha! die Wärterin ist soeben dagewesen, wer wollt' es sonst gethan haben!‹ So hat man uns aus der Welt nur für Narren gehalten und wir sollten billig lieber unter den Teufeln wohnen als unter so mißtrauischen Menschen. Die Diener und das Gesinde zu Hof und Haus sagen, wir seien Fuchsschwänzerinnen, Ohrenbläserinnen, Mährenträgerinnen, Lügensagerinnen; und sie würden kaum von einer Base oder einem Vetter besucht, gleich wären sie ausgespäht und verrathen. Und sie haben dessen Ursach: denn wir haben uns nicht gescheut, auch das Geringste, wenn es auch nicht wahr war, und wir einer Person nicht günstig waren, anzubringen und mit Teufelholen und Eiden zu betheuern. Die Herren im Hause selbst sagen, daß wir zu nichts nützen, als nur das Hauswesen zu beunruhigen, Zank und Hader zu stiften und das Gesinde an einander zu hetzen. Aber daran sind unsere gnädigen Frauen meist selber schuld, die da meinen, wenn die Diener und das Gesinde zu Hofe einig seien, so gehe es über die Herrschaft her, die leide alsdann den Schaden. Darum also ist unser Name und Wesen bei männiglich mehr verhaßt als der Galgen, ja der Teufel selbst. Als neulich einer von Adel, ein Deutscher, durch Metz auf Paris reisen wollte und unterwegs vier Meilen von Metz bei Wahlen fragte, wo er einkehren und Nachtlager haben könnte? ihm aber einer sagte, es wäre eine gute Herberge unfern in einem Dorfe, wo die Wirthin zuvor Haushofmeisterin im Schlosse gewesen wäre, die aber die Gäste vortrefflich zu bewirthen verstünde: da fragte er weiter, ob denn kein anderer Ort und keine andere Gelegenheit zu Herbergen in der Nähe wäre? Und als jener ihm wieder antwortete: nein, es sei keine andere Gelegenheit da herum, als nur ein Gutleut-Häuslein , Gutleut-Häuslein nannte man die einsam stehenden Wohnungen für die Miselsüchtigen, Aussätzigen, die ›gute Leute‹ hießen. bei dem ein Hochgericht oder Galgen stände, da sprach er: »Wohlan! so will ich allda mein Nachtlager nehmen und tausendmal lieber unter dem hellen, lichten Galgen schlafen als in einem Hause, wo dergleichen Teufelsgezücht anzutreffen ist!« – Dies alles müssen wir verschmerzen und es geschehen lassen. Doch ich schwöre beim Kistenfeger , Kistenfeger sind Leute, welche plündern (die Kisten leer machen). wenn ich noch auf der Welt und an selbigem Orte wäre, ich wollte soviel Unglück anstiften, daß alle Häuser müßten verkehrt und zerstört werden!« Ich wurde aber bald müde der Vettel Geschwätz anzuhören; auch hatte ich von ihr soviel Unheil erdulden müssen, daß ich sah, als sie die Brille abgezogen hatte, wie ich mich mit Ehren davon machen könnte, während sie noch immerzu murmelte in der Meinung, daß ich gar ernsthaft ihrem Gespräch zuhörte. Ich wollte aber sehen, ob ich etwa einen Gefährten oder Wegweiser finden könnte, der mich wieder auf die Welt zu den lebendigen Menschen brächte, da mir in diesem Todtenreiche die Zeit schon lang und verdrießlich wurde. In diesen meinen Gedanken kam ein Todter quer durch auf mich los geschritten, zwar nicht von ungehobelter Gestalt und Ansehen, aber mit einem Widdergehörn auf der Stirn; daher meinte ich anfangs nicht anders, als daß es der Monsieur Bock , das erste von den zwölf Kalenderzeichen, sei. Aber er kam stracks mit den Fäusten auf mich zu und brummte etliche zornige Worte, die ich, weil ich meines Wissens nie Hörner gehabt habe, nicht verstehen, doch soviel daraus abnehmen konnte, daß er mir gern an die Haut gewesen wäre; ich meinte deswegen, er müsse ein Menschenfresser oder todter Teufel sein; aber ein anderer sagte mir beiseits, er wäre in seiner Jugend ein Mensch gewesen. – So muß gleichwohl, sprach ich, dieser sauersehende Gesell nicht wohl bei Sinnen und ein rechter Narr sein, daß er mich da mit Fäusten angreifen will, da der Flegel doch an mir weder Fug noch Recht hat. – Als ich nun sah, daß er von mir nicht abstehen wollte, stellte ich mich mit meinen Fäusten zur Gegenwehr, so gut ich konnte. Er aber sprach: er müßte sich jetzt an mir rächen, weil ich vormals auf der Welt so schimpflich und stimpflich in einem Gedicht von ihm geschrieben und ihn als einen Prahler und Aufschneider, der sich in der Welt für einen großen erfahrenen Gesandten, Helden und gelehrten Mann ausgegeben, während er doch in Wahrheit nichts war, geschildert habe, nämlich: als einen kleinen Gerngroß, fuchsigen Rothkopf, Schrauben-Schnauzbart, Sammtwamms und Bauernbuben, als eine Plaudertasche, einen Gecken, Maulmacher, Holzhacker, der sich bei großen Herren durch Complimente einzuschmeicheln sucht; als frechen Narren, der nur darauf ausgeht, mit seiner Falschspieler-Sprache die Welt zu betrügen und der, weil er in und an sich nichts Angenehmes und Gescheidtes hat, mit seinem dummen Geschwätz jedermann langweilt; einen Laffen, einen Prahlhans, einen Gliedermann, einen Harlequin, der ebensosehr mit dem Fuß wie mit der Achsel hüpft und springt: einen Schurken, der hundertmal Treu und Glauben gebrochen; einen Falschmünzer, Einfaltspinsel, unverschämten Kerl, der sich besser auf die Holzhacke als auf ein rechtschaffen Leben versteht; der voller Schandflecken ist, und der macht, daß man über ihn lacht, während er denkt, er lache über andere. Indem ich ihn nun sah in die Fäuste speien, rief ich im Zorn: Nur her, nur her, wer das Herz hat! Vielleicht bist du noch nicht recht todt; komm' her! komm'! ich will dich noch besser todt schlagen, damit du mich ein andermal unvexirt lassest! Hat mich Sanct Velten mit diesem Horn-Affen angeführt! – Ich hatte das Wort kaum ausgesprochen, da waren wir auch schon einander in die Haare, wiewohl ich einen Vortheil hatte, nachdem ich ihm sein Haar zerzaust und ihm, wie ich anfangs meinte, den Kopf abgerissen hatte (denn er trug eine Perrücke), da ich bei dem kahlen Tropf keins mehr auf dem Kopfe fand. Als ihm die Perrücke abgerissen war, glänzte sein Kopf, als ob er ganz von Elfenbein sei (Mart. 12, 84). Da verstand ich erst, was der Poet sagt: ›nichts ist häßlicher als ein Kahlkopf mit falschem Haar‹ (Mart). Nun ward mit Nägeln und Zähnen ritterlich gefochten, und es verdrießt mich noch, daß ich ihm das Geweih oder Narrengehörn nicht ganz abgerissen habe. In einem Hui war es voll Todter um uns her, welche sich heftig abarbeiteten unter uns Frieden zu machen, uns auch endlich von einander brachten, sonst wäre ich zweifelsohne auch zu kurz gekommen, da mir mein Gegner mit seiner Gabel, die er in der Hand hatte, und mit seinen Hörnern heftig zugesetzt hatte. Kurz, was hilft es viel ein Ding läugnen zu wollen, das jedermann bekannt ist: ›ich unterlag endlich den Angriffen des gehörnten Hitzkopfes‹ (Mart); er gab mir einen so ungeheuren Stoß, daß ich zu Boden fallen mußte und mit Koth gesalbt dalag wie Dryselmatz. Nun hoben die Todten, die herum standen, an Mord zu schreien und sprachen auf mich zugehend: »Was des Todes hat der lebendige Kerl hier zu machen! Meint ihr, ihr wollt uns da tribuliren? Er muß ja ein frevler Gesell sein, daß er den Herrn Don Sennor Ruffo Barbaviso Vielleicht spielt M. auf eine bestimmte Person an, oder er schildert den Zeitgeist hier von seiner niedrig-sinnlichen Seite, wie er ihn oben von seiner schändlich-politischen geschildert hat. einen Hornaffen und Gauchmatzen darf tituliren?« – Wie? sprach ich, ist dieser da der Don Sennor Ruffo Barbaviso? Ha! der lose Tropf! Nun höre ich, du hast mich ungerechter Weise verleumdet, als ob ich ehrlichen Leuten Schimpf angethan hätte! – Ihr Herren, sagte ich ferner zu den umstehenden Todten, habt wahrlich geringe Ehre zu erwarten, daß ihr diesen Großsprecher, diesen Fratzhans und Aufschneider unter euch leidet, der doch in Wahrheit nichts anders ist, als ich von ihm geschrieben habe – ein rechter Hornaffe und Gauchmatz! »Und dies ist eben die Ursache, daß ich mich an dir rächen will, sprach Sennor Ruffo Barbaviso. Ihr Herren todte Gesellen! ich ließ mir den Namen noch gefallen, weil wohl größere Hansen, als ich gewesen bin, in diesem Spital krank liegen, die häßlichere Titel tragen, wie der weise Lug-in's-Land davon geweissagt hat; aber er hätte ja eben sowohl von diesen als von mir schreiben können. Denn was hab' ich mehr gethan oder geschehen lassen, als andere? Aber so machen es die Gelehrten, daß sie einem nur zum Verdruß leben. Da ist kein Stern, wo die Gelehrten hin kommen, und es wird kein Glück mehr zu hoffen sein, wenn man die Gelehrten nicht aus der Welt schafft.« – Holla! holla! Sennor Cornutor! das ist zu hart gestoßen! Es wird viel anders hergehen; man sollte billiger dich und deinesgleichen Esel fort und aus der Welt schaffen. Es werden die Gelehrten noch erleben, daß man zehn deinesgleichen Esel wird um einen Pfennig geben und einen Gelehrten um hundert Gulden verkaufen. Es werden den Gelehrten die Jungfrauen nachlaufen und dir, Hornaffen, die Eselsohren ausraufen! – »Wird denn niemand mehr Hörner tragen als ich? sprach er. Hab' ich denn jemals einem andern mit meinen Hörnern Schaden gethan? Sind denn etwa um meiner armen Hörner willen die Laternen, Posthörnchen, Strählen und Kämme theurer geworden? Hat es denn bisher an Messerheften, Schuhlöffeln und hörnern Löffeln gemangelt? Warum hat er mich denn so auszuschreien vor allen Menschen, da doch nimmermehr ein guter Gesell zu finden ist, der in seinem Leben und in seinem Leiden friedsamer und geduldiger gewesen, als ich? Nimmer sah ich sauer, ich blähte mich nicht, ich schalt nicht, ich eiferte nicht, ich stellte mich nicht ungeberdig, sondern wenn die Zeit kam und einer mit meinem Weibe um einen Meßkram trumpfen wollte, so ging ich aus dem Hause, damit ich nur niemand hinderlich oder verdrießlich würde. Alles, was an mir zu schelten, ist dieses, daß ich die christliche Liebe nicht eben an den Armen, sondern an den Reichen habe sehen lassen: denn auf die Armen hatte ich ein wachendes Auge; wenn aber ein Reicher kam, der mein Weib zu sprechen hatte, so war ich schläfriger als die Siebenschläfer, schläfriger als ein fauler Hund. Sonst waren mein Weib und ich friedlich beisammen, eines Sinnes und Verstandes; darum pflegte sie oft zu seufzen: O Gott, wolle meinen guten frommen Sennor Ruffo lange leben lassen! Was ich will, das will er auch; er ist der beste, geduldigste Mann, den man auf Erden finden mag; es gehe daheim zu, wie es wolle, er sagt immer: was machst du? Das ist recht oder das ist unrecht. – Aber das lose Lügenfätschel ›Fätscheln‹ (bairisch) hin- und herplaudern. hat hierein etwas zu mild gelogen, und ich war eben so ein einfältiger Narr nicht, daß ich nicht bisweilen den Possen hätte merken können. Ich hab' tausendmal gesagt, das ist nicht recht, oder das ist recht. Denn wenn ich sah Poeten, Maler, Musikanten oder Adlige in mein Haus gehen, sprach ich alsbald: Au weh! das ist nicht recht! Wenn ich aber einen Kaufmann oder Advocaten sah kommen, sprach ich alsbald: So! so! das ist recht! Wenn ich einen vom Hofe (deren Beutel meistentheils so voller Luft als ihr Hirn voll Eitelkeiten steckt), einen Franzosen, einen langen Degen, einen großen Knebelbart sah, sprach ich alsbald mit Unlust: Hoho! das ist gar nicht recht! Wenn ich aber einen Schaffner, einen Rentmeister, einen Commissarius im Hof oder in der Stube sah, sprach ich: Das ist recht! Denn weil das Geld zu gewinnen solchen Leuten nicht so schwer ankommt, so achten sie auch nicht soviel darauf, dasselbe wiederum redlich durchzutreiben. – Was hat mir denn ein anderer vorzuwerfen, als ob ich mein Weib unfreundlich und unfriedlich gepflegt hätte? Auch war ich der Baum, unter dessen Schatten mein Weib sich gegen die hitzigen Strahlen der Justiz schützte, sie war der Topf und ich der Deckel, daß niemand sehen noch riechen konnte, was wir gekocht hatten. Aber wie dem allen sei, es geschieht mir gleichwohl unrecht, daß ich nicht um meiner eigenen Verbrechen, sondern um meines Weibes Schulden willen nun soll und muß diese Hörner tragen. Das däucht mir unbillig zu sein. Hierher! ihr Herren Todfreunde alle! Wer ist, der sich auf die Hahnreilogik, auf die Hornsalbe, versteht? Der wolle mir diesen Zweifel doch entscheiden helfen, ›wenn die Frau das heilige Gesetz des Ehebettes verletzt hat, warum trägt der schuldlose Mann die Hörner?‹ (Owen.) – Er ist das Haupt, erwiderte ich ihm, und wohl dem, der sich in deinem Unheil spiegelt. Du bist nicht nur ein schlechter Hornaffe, sondern ein Gauch sieben Schuh lang, ein fünffacher Gauch, nach der Lehre, die ich mehrmals in Welschland zu Florenz gelesen habe: wer nicht weiß, daß seine Frau die Ehe bricht, der hat ein Horn am Schädel; wer thut, als wisse er's nicht, hat zwei Hörner; wer sie ertappt und läßt sich's gefallen, der trägt drei; wer die galanten Liebhaber in sein Haus zieht, hat vier, und wer weiß, daß er in den Orden der Hahnreie komme, und verläßt sich auf seine Frau, der trägt fünf Hörner. Und was wollte es schaden, wenn ich dir zum Ehr-Verdruß auch noch dieses hersetzte? –: wer seine keusche Frau so rasend liebt, trägt für seine Liebesraserei sechs Hörner. – »Wie? wie? sprach er wiederum: sollte ich das leiden? Sollte ich mich nicht an diesem Schwätzer rächen? Warum schweigt er denn nicht, wenn er was weiß? Muß er mich darum auf der Gasse und bei allen Gesellschaften herumtragen? Als ob ich allein ein Esel wäre und nie merkte, was daheim vorginge?« – Hoho! sprach ich, damit bist du noch nicht durch! Es wird inskünftige noch besser werden; ›und weil man durch ein Gedicht bei der Nachwelt einen ewigen Namen erlangt, und weil von der Kunst der Dichter unser Ruhm abhängt, so will ich mit lebendigen Farben und scharfen Worten deine heimlichsten Stücklein an die helle Sonne bringen. Und wenn du Hornaffe, du Gauchmatz, noch am Leben wärest, so wollte ich dich mit Kuppelversen und Gauchliedern so vexiren, so zerdrillen, daß du dich vor Leid erhängen solltest! Dich, dich, der du Tag und Nacht hinter den Schürzen her bist und den die ganze Welt darin kennt, dich, du pomadisirter, geschmückter, geputzter, süß plaudernder, geschnürter, glattbeiniger Fant!‹ (Mart. 12, 38). Indem ich dieses sagte, kam er nochmals mit seiner Gabel auf mich zugelaufen. Wie ich mich nun in diesem Streit ferner bemühte und herum arbeitete, geschah es, daß ich zu gutem Glück erwachte; und ich befand mich in meinem Bett. Das Herz klopfte mir über die Maßen, und ich war so müde und matt, als ob ich wahrhaftig an dem Ort und in dem Todtenstreit gewesen wäre. Ich erinnerte mich nun alles dessen, was mir von Anfang dieses Gesichts an vorgekommen war und dachte bei mir selbst: es ist wahrlich mit den Todten nicht zu scherzen: denn solche Leute, die außer der Welt und Gesellschaft der Menschen sind, sollen uns mehr zum Ernst als zum Spott dienen. Der hochgelehrte und lobwürdige Herr Doctor Zinkgref Jul. Wilh. Zinkgref, geb. 1591 zu Heidelberg, Doctor der Rechte, hatte viel im Kriege zu leiden und starb 1635 an der Pest. Von ihm: der Deutschen scharfsinnige kluge Sprüche, Apophthegmata genannt, 1628. schrieb mir oftmals, als ich an der Verfertigung seiner deutschen Apophthegmata arbeitete: ›Der dir schaden kann, den sollst du nicht reizen; der dich fressen kann, den sollst du nicht beißen.‹ Fünftes Gesicht Letztes Gericht Michael de Montaigne, ein redlicher Franzose, sagt in seinem vortrefflichen Buche : Michael, Seigneur de Montaigne, geb. 1533 aus einer edlen und reichen Familie in Périgord. In seinen » Essais « handelt er über tausend sociale, politische und religiöse Fragen mit Anmuth und Geist als Skeptiker. Er starb im Jahre 1592. er halte dafür, daß die Träume ein rechtes Muster unserer Gedanken und dessen seien, womit wir in unserm Leben und täglichen Wandel umgehen; was einem Wichtiges im Sinn liegt, das komme ihm im Schlaf vor, auch sogar sei dies bei den unvernünftigen Thieren der Fall. Man sagt: was einer denkt bei Tag, Dasselb' des Nachts ihm leichtlich mag Im Traum vorkommen so scheinbar, Als seh' man es vor Augen klar; Es dünket in der Phantasei, Als hör' man alle Worte frei. Die dieser oder der gered't, Wenn man gleich liegt und schläft im Bett. Obwohl nun dies im Traum geschicht, So soll man's doch verachten nicht, Noch halten es für lauter Tand: Denn oftmals einer wird vermahnt Ein's Dings im Traum bei finstrer Nacht, Dem er soweit nicht nachgedacht Bei hellem Tag, wenn er zur Frist Mit andrem Werk beladen ist. Wenn daher einem im Traum etwas vorkommt, woran er bei Tage gedacht hat oder womit er umgegangen ist, so ist das um so weniger zu verwundern. Mir ist dergleichen zu öftern Malen begegnet, insonderheit als ich neulich von St. Claude in Burgund wieder zurück kam und, von der Reise etwas ermüdet, mich zur Ruhe begeben hatte. Die Ursache dessen war folgende. Als wir uns vergangenen Winter zu Lyon aufgehalten und uns im April durch Grenoble, der Haupt- und Parlamentsstadt in der Dauphiné – unfern von dort sahen wir den brennenden Brunnen – durch Savoyen und dessen Hauptstadt Chambéry nach Genf begeben, auch unterwegs die in aller Welt bekannte grande Chartreuse besucht hatten, wo unter andern denkwürdigen Sachen man uns in dem Kapitel in großen, lebensvollen Gemälden das Leben des heiligen Bruno, des Stifters des Carthäuser-Ordens, nebst den Ursachen, die ihn zu diesem Werk getrieben, wies und erzählte, – da habe ich mir diese Geschichte dermaßen zu Gemüthe gezogen und erwogen, daß ich hernach folgendes Gesicht bekommen habe. Doch damit der Leser besser darin unterrichtet werde, so gebe ich die Geschichte des heiligen Bruno, die sich also verhält: Im Jahre 1080 starb zu Paris ein vortrefflicher, berühmter Doctor. Als man nun in der Kirche die Seelenmesse über ihn sang und zu dem Absatz kam › Responde mihi ‹ (antworte mir), richtete sich der Todte im Sarge auf und sprach mit schrecklicher Stimme ›ich bin angeklagt!‹ Des andern Tages, weil man ihn zu begraben noch Bedenken getragen, sprach der Todte in demselben Augenblicke ›ich bin verurtheilt!‹ Am dritten Tage, wo wegen eines solchen Wunders eine große Menge Volks zusammengelaufen war, und man die Seelenmesse wieder sang bis auf die Worte › Responde mihi ‹ richtete sich der Todte in dem Sarge nochmals auf und sprach ›ich bin verdammt!‹ Ueber diese schrecklichen Worte ist auch denen, die nur davon haben reden hören, ein mächtiges Grausen angekommen, insonderheit aber denen, die dem Dienst wirklich beigewohnt hatten. Unter diesen war ein Deutscher, aus Köln gebürtig von reichem und edlem Geschlecht, Namens Bruno, Domherr zu Reims in der Champagne, Doctor der Theologie und Jurisprudenz. Der war – weil er den Verstorbenen für einen frommen Mann gehalten hatte und gedachte, wenn das so von der Welt an heiligen Leuten geschähe, was würde dann ihm begegnen? – über diesen Anblick so erschrocken, daß er sich entschloß, die Welt ganz zu verlassen und ein einsames Leben in einer Wildnis zu führen, damit er, von den Leuten abgesondert, desto mehr in Reinigkeit ohne Aergernis und Sünden, welche in den Städten gemeiner sind und mehr im Schwange gehen, leben könnte. Daher hat denn der Karthäuser-Orden seinen Anfang und Ursprung genommen, wie in den angezogenen Schriften Am Rande sind angeführt: Dionys. Carthus. in dialog. de part. enim.; Buchholtz: Indic. Chronoi. an. 1086; alii. des Weiteren zu lesen ist. Diese Geschichte – die ich zum Theil aus dem Gemälde, zum Theil aus der Erzählung des Herrn Licentiaten Johann Ruoff, gewesenen Stadtmeisters zu Hagenau, Enkels meines Vetters, mit großem Grausen vernommen hatte und die mir Tag und Nacht in meinen Gedanken lag – gab mir, wie oben gesagt ist, Anleitung zu folgendem Gesicht: Es kam mir vor, als sähe ich das letzte Gericht und einen schönen Jüngling durch die Luft daher fliegen, aus allen Kräften eine Posaune blasend. Steine und Felsen, ja die Todten selbst bewegten sich, als sie den Schall hörten und die Erde entwich den Gebeinen der Todten, welche sich hier und da zusammen fanden. Zuerst sah ich die, welche vor diesem in den verderblichen, insonderheit seit dem niederländischen und böhmischen Unwesen, bekannten Kriegszügen berühmt gewesen waren: Generäle, Oberste, Hauptleute, Lieutenants, Fähndriche, Soldaten u. s. w.; unter andern, dem Ansehen nach, den vortrefflichen Don Alvarez de Toledo, Herzog von Alba, Franz Pizarro, Ferdinand Cortez, Almagro, Mansfeld, Tilly, Friedland; auch die Alten: Alexander Magnus, die Scipionen, Hannibal, C. J. Cäsar, Antonius, Pompejus und andere , Von den weniger bekannten Personen seien folgende näher bezeichnet: Herzog von Alba, gest. 1582, ist der durch sein Kriegstalent ausgezeichnete, sowie durch seine Grausamkeiten gegen die Niederländer berüchtigte spanische Feldherr. Franz Pizarro, gest. 1541, ein Spanier, eroberte Peru 1534. Ferd. Cortez 1485-1547, der spanische Eroberer Mexiko's. Almagro, ein spanischer Feldherr in Südamerika; Mansfeld, Tilly und Wallenstein, Herzog von Friedland, sind Feldherren des 30jährigen Krieges, ersterer auf protestantischer, letzterer auf katholischer und kaiserlicher Seite. welche alle aus ihren Gräbern hervorsprangen und nach ihren Degen sahen, nicht anders meinend, als daß Lärm geblasen und der Feind ihnen ins Quartier gefallen oder daß sonst ein Scharmützel vorgegangen wäre. – Die Geizhälse und getauften Juden krochen auch hervor, aber ganz voller Schrecken, fürchtend, daß es auf eine Plünderung abgesehen wäre, ›Furcht ist des Reichthums Gefährte‹ (Owen 3, 54). Die Hofnarren, Schlemmer und Bankerottirer meinten, es würde vielleicht ein Ringelrennen, ein Jagen oder ein Fressen angestellt sein, wozu man das Zeichen hätte geben lassen. In Summa: aus eines jeden äußerlichen Geberden konnte ich leicht abnehmen, mit welchen Gedanken im Herzen er umging. Aber nicht einer unter ihnen allen mochte sich einbilden, daß der Schall dieser Posaune das Zeichen des letzten Gerichts sein sollte: ein jeder hatte sich Zeit und Weile viel anders träumen lassen und konnte es nicht begreifen. Ich konnte mich nicht genug über die große Allmacht Gottes wundern, daß, da soviel hundert und tausend Todte übereinander herauskrochen, dennoch keiner derselben seines Nachbarn Arm oder Bein ergriff, sondern ein jeder seine Glieder ohne Mühe zusammen brachte. Nachdem es aber dem ganzen umstehenden Heer kund geworden war, daß dies der große Tag des Gerichts wäre, – welches Wunder war da zu sehen und zu hören! Die üppigen Weltkinder, welche in Fleischeslust, Augenlust und hoffärtigem Leben ihre Tage geendet hatten, wollten kurzum ihre Augen nicht mehr annehmen noch erkennen aus Besorgnis, daß diese vor dem Richterstuhl wider sie selbst zeugen und ihre Ankläger werden möchten. Die Spötter und Lästerer wollten aus bekannter Ursache ihre Zungen nicht mehr annehmen. Die Diebe liefen mit aller Macht, damit sie von ihren Händen und krummen Fingern nicht ergriffen würden. Andere sah ich, deren Seelen mit Zittern und Zagen zu ihren Leibern kamen, da ihnen bewußt war, was die Sache für einen Ausgang gewinnen werde. Ein alter Geizhals fragte einen seiner Nachbarn (der, weil er balsamirt worden war, noch auf seine Eingeweide gewartet hatte, die in fremden Landen lagen, – aber, o mein Gott! welche Noth mußte der arme Kerl ausstehen bis seine Rippen wieder zu ihm kamen, welche ihm Rache und höllische Plage in das Angesicht fluchten, weil er sie, die ein Theil seines Lebens gewesen, seiner selbst unwürdig geachtet hatte!), ob diesen Tag alle Todten auferständen? und ob das Geld, das er vergraben, auch hervorkommen werde? Ueber diese närrische Frage hätte ich gern gelacht, wenn nicht ein großer Trupp Beutelschneider mich verhindert hätte, welche aus allen Kräften vor ihren Ohren (die sich wieder zu ihren Herren begeben wollten), flohen, damit sie nicht zu hören brauchten, was sie fürchten mußten. Wer was Böses auf der Haube hat, Der kann vor Furcht nicht aus der Stadt, Muß immerfort in Sorgen stehn: Jetzt werd's an eine Rechnung gehn. Dies alles sah und hörte ich gar wohl, dieweil ich mich auf eine Höhe gestellt hatte. Bald aber vernahm ich ein Geschrei unter meinen Füßen, daß ich Platz machen und weichen sollte, und ehe ich ordentlich herab kam, sah ich einen Haufen vortrefflich schöner Weiber einherkommen, welche mich Unflat und grober Flegel schalten, weil ich den Frauenzimmern nicht mehr Ehre und Recht anzuthun wüßte (denn selbst in der Hölle noch, wie auf Erden, haben die Frauenzimmer diese Einbildung und Eitelkeit an sich, daß sie meinen, man müsse sie ehren und ihnen mit sklavischer Dienstbarkeit aufwarten). Sie waren lustig und guter Dinge, weil sie sahen, daß sie nackend, so schön und so wohlgestalteten Leibes daher traten, und daß alle Welt sie anschauen und lieben würde. Bald aber entfiel ihnen der Muth, als sie merkten, daß dies der Tag des Zorns wäre, und daß ihre Schönheit sie bereits innerlich im Gewissen ihrer Sünde anklagte, weswegen sie den Weg grade aus, doch mit langsamen, sittsamen Gange, thalab nahmen. Viele unter ihnen, die in ihrem Leben zärtlich und weich erzogen und nicht gewohnt waren, barfuß oder ohne Gesellschaft zu gehen, die riefen ihren Lakaien und Hofmeistern zu, sie sollten sie unter den Armen und auf den Armen leiten und führen. Dieselben aber waren anderwärts mit Geschäften beladen, indem sie von ihren Herren angeklagt wurden, daß sie während des Lebens auf der Welt ihren Weibern zu heimlicher Leichtfertigkeit und Ueppigkeit Anlaß gegeben und diesen die Buhlenbriefe hier und da bestellt hätten. Eine, welche sich siebenmal wieder verheirathet hatte, ging in schweren Gedanken, wie sie Ausflüchte und Ursachen allen ihren Männern vorbringen möchte, denen allen sie versprochen und sich hoch verschworen hatte, sich nimmermehr zu verheirathen, weil sie allemal des ersten (wie sie sagte) nicht vergessen könnte. Eine Courtisane, auf deutsch eine gemeine Dirne oder Metze, welche sich unterstand dem gerechten Richter entgehen zu wollen, stellte sich, als ob sie ihr Nachtzeug, ihren Spiegel und ihr Haarpulver vergessen hätte und wieder umkehren müßte dieselbigen zu holen, in der Hoffnung, daß sie unterwegs etwa gute Gesellschaft antreffen würde, mit der sie sich anderwärts die Zeit vertreiben könnte. Indem sie aber so in Gedanken stand und weder zurück konnte noch vorwärts wollte, kam sie doch endlich unvermerkt zum Richtplatz, wo sie eine Menge guter Gespanen antraf, welche sie vormals mit der Lustseuche angesteckt und verführt hatte. Sobald diese der Bestie ansichtig wurden, wies einer nach dem andern mit Fingern auf sie und riefen ihr Schand-Land-Brandhure zu, so daß sie vor großer Scham sich unter einen Haufen Schergen, welche in der Nähe standen, verbergen wollte, meinend, daß man bei so wichtigen Geschäften ihrer unter solchen Lumpenleuten nicht viel achten würde. Unterdessen vernahm ich ein Geschrei vieler Leute, welche, als ich mich umsah, einem Arzt nachliefen. Es waren diejenigen, denen der böse Doctor, wie man sagt, den Rest vor der Zeit gegeben hatte: sie schrieen ihm Mord nach und stießen ihn derb gegen den Richterstuhl zu, um sich ihretwegen zu verantworten. »O ja! o ja! sprach er; nur immer her; es wird hier noch keine Noth haben, ich getröste mich des heilsamen Spruches: wenn auch der Arzt und Advocat mag einen zu Tode martern, so ist er darum noch nicht schuldig Rechenschaft darüber zu geben.« Aber der nachfolgende Haufe fluchte und wünschte der Aerzte Großvater und Urahnherren Galenus – denn obschon Hippokrates bei sechshundert Jahren älter ist als Galenus, so ist doch dieser mehr ihr Mann gewesen – alles Uebel, der solche Macht seinen Kindern, den heutigen Aerzten, gegeben hätte. Es ist ein elend Ding um einen Arzt, dem nimmer wohl ist, es sei denn den andern Leuten übel. Um den Lärm zu stillen, trat ein mit Geld bestochener Fürsprecher herbei und sprach: »Weil nächst Gott keinem Menschen mehr Macht gegeben ist als einem Arzt, so sind sie auch den Menschen ihrer Handlungen wegen Rechenschaft zu geben nicht schuldig.« »Das ist wahr, sprach ein anderer Doctor der Arzenei; und wohin sollte es auf Erden kommen, wenn alle Menschen leben blieben und nicht durch uns gereinigt, geläutert, ausgemustert und purgirt würden? Wäre dem nicht also – die Welt würde voller Narren werden.« Ja, ja, sprachen sie alle; was wir thun müssen, das thun wir gern, sagten die Bauern zu ihrem Junker. Auf der Seite gegenüber mir zunächst hörte ich ein Wätschen, als ob einer im Wasser schwämme, und als ich mich umsah, siehe! da stand einer, der Stadtrichter oder Amtmann gewesen war, mitten in dem Wasser, kratzte, schabte und wusch sich die Hände. Als ich aber hinzu ging und nach der Ursache dessen fragte, sprach er: »Darum, weil man in meinem Leben und Richteramt mir die Hände oftmals hat schmieren müssen, damit die Processe und Händel richtig, schlichtig und gelind gemacht würden, und der Kläger in seiner gerechten Sache zur Urtheilsexecution gelangen konnte: so versuche ich, ob nicht die Schmiere hier abzuwaschen ist, ehe ich vor dem mächtigen Richter da, der die Schmieralien in die Hölle verdammt, erscheinen muß. Denn ich stehe in großer Sorge, wenn ich auch schon das Herz verdecken könnte, es möchten mich die schmutzigen Finger noch verrathen.« Schrecklich war es anzuschauen, wie etliche Legionen Teufel daher kamen mit Geißeln, feurigen Kolben, Zangen, Ketten, Eisen, Banden und andern Waffen beladen, welche einen Wirth und einen Schneider vor sich hertrieben. Die andern stellten sich, als ob sie taub wären; und wenn sie auch schon erwacht waren, so wollten sie doch nicht gern aus ihren Gräbern hervor aus Furcht, daß man ihnen anders, als auf der Welt, zuschneiden und einschenken würde. Im Weitergehen bemerkte ich einen Rechtsgelehrten, welcher den Kopf hervorsteckte und fragte, wohin sie denn alle wollten? Und als er von einem Wirth vernahm, daß sie vor das gerechte Gericht Gottes müßten, zog er den Kopf wieder zurück in das Grab tiefer hinunter mit dem Trost: wenn er je in die Hölle müßte, so hätte er soviel Wegs schon zu Gut. Einer von den Wirthen schwitzte vor Angst so sehr, daß ihm die Tropfen auf die Erde fielen und er vor Mattigkeit kaum fortkommen konnte. Zu dem sprach der Teufel: »Mir däucht, Gesell, du willst alles Wasser aus deinem Leibe schwitzen, damit man nicht meinen soll, du wollest uns, wie auf Erden den Menschen, Wasser für Wein verkaufen. – Ein armer Schneider, ein räudiger, krätziger, wurmstichiger Mann, der mit mannichfarbigen Stücken Tuch und Taffet behängt war, krumme Finger und lahme Schenkel hatte, sagte nichts unterwegs als allein, wie es wohl möglich wäre, daß er etwas sollte gestohlen haben, da er doch vor Hunger schier gestorben? Dem riefen aber die andern zu, er sollte es nur gestehen, denn das wäre ja sonst dem ganzen Handwerk ein Spott und eine Schande, wenn er so gar fromm sein wollte. Nach diesem sah ich eine Koppel Schnapphähne, Freibeuter und Straßenräuber, welche sich selbst einander fürchteten und flohen. Aber wie bald waren sie von den Teufeln zusammengetrieben und zu den Schneidern gepfercht! Aus der Ursache, weil die Schnapphähne, so zu sagen, wilde Schneider oder Geldschneider sind. – Hinter diesen kam die Thorheit, auf allen Seiten mit Poeten, Musikanten, Sternguckern, Goldmachern, Buhlern, Malern und Fechtern umgeben, als Leuten, die in den Tag ohne Sorge hinein dichten und leben und nicht achten, wann und ob sie müssen Rechenschaft geben. Diese wurden beiseits zu den Henkern, Schindern, Juden, Pharisäern und Schriftgelehrten gewiesen. – Viele Fürsprecher sah ich beisammen, welche einander die Haare beiseits strichen und die Stirnen besahen; und als ich fragte warum? gab mir ein Sterngucker zur Antwort, daß auf der Welt, insonderheit bei den Welschen, die Fürsprecher für Leute gehalten würden, die keine Stirn, die keine Scham noch Ehre in sich hätten; daher würden sie mit Verwunderung besehen, weil ihnen noch soviel an der Stirn-Ehre übrig geblieben sei, während sie doch bei Lebzeiten ihrer so wenig geachtet hätten. Endlich hörte ich drei Mal »Schweigen! Horcht, horcht, horcht in Gottes Namen!« ausrufen. Der Richterstuhl war durch die allmächtige Hand des Allerhöchsten bereitet. Gott selbst war bekleidet in, mit und durch sich selbst: er war, der er ist, der er gewesen von Anbeginn, und der bleiben wird ewiglich; freundlich und holdselig gegen die Auserwählten, zornig und eifrig gegen die Gottlosen. Die Sonne, die Sterne, die Himmel und Elemente lagen zu seiner Füße Schemel und waren bereit, den Befehl ihres Herren und Schöpfers zu vollbringen. Das Feuer stellte sich ungeheuer, als ob es alles verzehren wollte; der Wind legte sich in der Luft wie ein Stummer; das Wasser stand still an seinem Ufer; die Erde war erschrocken wegen der Dinge, die ihren Kindern, den Menschen, begegnen sollten. In Summa: alles war da in tiefsinnigen Gedanken und Sorgen. Die Gerechten sagten Gott dem Allmächtigen Dank, daß er der bösen Welt ein Ende gemacht und in derselben sie unter den vielen Aergernissen durch seine heiligen Engel so väterlich erhalten und vor dem ewigen Verderben so gnädiglich behütet hätte. Die Gottlosen bedachten sich, wie sie ihre Sünden bemänteln und der bevorstehenden Strafe womöglich entgehen könnten. Die Engel waren geschäftig die Frommen zu sammeln; die Teufel fertig, die Bösen von ihren Werken zu überzeugen und zu strafen. Die heiligen zehn Gebote Gottes waren allda an einem Ort verwahrt, dessen Eingang so eng und schmal war, daß auch die allermagersten Menschen, die sich in den strengsten Fasten mit Geißeln, Casteien, Mortificiren und Wallfahrten ängstlich gemartert, eifrig gequält, beschnitten und behauen hatten, dennoch nicht vermochten durchzukommen, es wäre denn, daß sie Haut und Haare, wie man sagt, sammt allen Werken und Verdiensten, als hinderliche Dinge auf diesem Wege, wollten zurück lassen. Auf der einen Seite standen beisammen Ungnade, Unglück, Rachgier, Zorn, Unwillen, Trauern, Fluch und Pestilenz, welche alle wider die Herren Aerzte Zeter und Mordio schrien. Die Pestilenz gestand, daß sie viel Menschen vergiftet, die aber, wenn die Aerzte es nicht noch übel gemacht hätten, nimmer gestorben wären. Unglück und Trauer sprachen, daß sie ihrestheils ohne Mithilfe der Aerzte niemand getödtet hätten. Unwillen und Zorn sagten, daß niemand durch sie, wenn nicht mit Beistand und Handanlegung der Aerzte, in das Verderben und Sterben gerathen wäre. Es wurde nun den Herren der Kunst ernstlich auferlegt Rede und Antwort zu geben wegen aller ihrer Patienten, wie sie mit ihnen umgegangen, was sie ihnen verordnet, wie sie dieselben gehalten und besucht hätten? und auch wegen aller Verstorbenen. Sie begaben sich deshalb an einen erhabenen Ort, die Musterung zu halten; und sobald sie einen mit Namen riefen, sprach der Buchhalter: »Diesen habe ich noch am Leben und gesund gesehen, auch diesen und diesen, und ist gestorben den und den Tag. Ergo .« – Der Anfang des Gerichts wurde gemacht mit Adam, welcher hart angehalten ward wegen eines Apfels, den er über das Gebot Gottes angegriffen hatte. Judas, der unfern stand und zusah, wie ängstlich sich der gute Altvater stellte, hob an zu schreien: »O weh mir! Hält man wegen eines Apfels so scharfes Nachforschen, wie wird es dann mir ergehen, der ich den Heiland der Welt, das unschuldige Lamm, den Sohn des allerhöchsten Gottes verrathen habe! O Adam, Adam!« Die Erzväter und das alte Testament kamen zu Ende, und das neue Testament kam daran. Die zwölf Apostel saßen auf Stühlen, mit Christo die Völker der Erde zu richten. Bald führte der Teufel einen daher und sprach: »Siehe da, dieser ist's, der denjenigen ins Antlitz geschlagen, auf welchen Johannes der Täufer mit Fingern gewiesen hat!« Es war aber der Jude, der Pfaffenknecht, welcher dem Hohenpriester zu besonderem Gefallen Jesu einen Backenstreich gegeben hatte; er hatte sich die Rechnung selbst gemacht, denn er fuhr hinunter in den Abgrund der Hölle. – Es war denkwürdig anzusehen, daß Bauern und strenge Junker, Bischöfe und Pater, Kammerdiener und gnädige Herren, Mägde und Frauen allda ohne Unterschied um und bei einander standen und keines vor dem andern bei dem Richterstuhl Gottes um ein Haar breit einen Vorzug oder Vortheil hatte. Behüte Gott! wenn ich diesen Sachen nachdenke und nun manchen großen Hansen daraufhin anschaue, wie ist mir zu Sinn! Manche Obrigkeit geht vor ihre armen Bürger vorüber, sieht sie kaum über die Achsel an, dankt nicht mit einem Wort, greift nicht einmal an den Hut, obschon die armen Leute mit tiefem Bücken und Ducken, mit Hutrücken und Kopfnicken, mit erbärmlicher und bewegter Stimme in ihren Nöthen, mit Ansprechen und Anreden sich so unterthänig zeigen; – sie werden mit Stillschweigen, oder aber mit harten, herzstechenden Worten angefahren und abgeschreckt. Hier aber vor Gottes Gericht wird der arme Bürger ebensoviel gelten und wohl noch mehr als eine gewaltthätige Obrigkeit auf Erden immer gegolten hat. Wenn ein Edelmann bedächte, wie wenig allda des Adels geachtet wird, und wie die ärmsten Tagelöhner den Reichsten von Adel an der Seite stehen oder wohl gar vorgezogen werden, was für Sanftmuth und Erkenntnis seiner selbst sollte er nicht bekommen! Wenn ein Amtmann dort leiden muß, daß ein armer Bauer seine Sache wider ihn gewinnt, er aber in die Kosten und den Schaden verwiesen wird, wie muß ihm zu Muthe sein! Sollten nicht diese Gedanken allen die hochsteigenden Einbildungen abwehren und sie zur Milde ermahnen und antreiben! Herodes und Pilatus steckten die Köpfe ein wenig hervor, und als sie das feuerbrennende Antlitz ihres Richters sahen, der doch in den Angen der Frommen mit Herrlichkeit und Holdseligkeit umgeben ist, sprach Pilatus: »Jetzt sehe ich wahrlich, daß er nicht vergebens geredet hat von seinen Legionen, und daß er der Juden König sei: denn das Werk weiset den Meister!« Herodes aber sagte: »Mit mir ist es verloren hier viel zu erlangen; denn ich müßte in Sorgen stehen, die Kinder auf dem Gebirge zu Bethlehem möchten mir den Garaus machen, weil ich sie um dieses Richters willen hinrichten und tödten ließ; ich kann mir die Rechnung selbst stellen, ehe er sie dies, und zwar billig, genießen läßt.« Darauf kam ein Kerl mit fürchterlichem Gesicht, der die Arme ausspannte und von sich stieß, rufend: »Seht ihr Herren, hier ist mein Lehr- und Meisterbrief!« Alle Welt verwunderte sich ob des Kerls wunderseltsamen Beginnens, und als man fragte, wer er wäre? antwortete er selbst gar bald: »Ich bin ein examinirter, approbirter Fechtmeister, der das Lob hat, daß er sich für einen Luxbruder, Federfechter und Marxbruder Hierunter sind unterschiedliche Fechtweisen zu verstehen. je nachdem die Gegenpartei Sinnes ist, ritterlich wie Binzel gebrauchen läßt.« Dabei zog er einen Sack hervor voll besiegelter Pergamentbriefe, welche Zeugnisse seiner Thaten sein sollten. Als sie ihm aber entfielen, und zwei Teufel danach griffen, um sie ihm wieder zuzureichen, da war der Fechtmeister nicht unbehende, that einen Sprung zurück, griff nach dem Rappier und rief: »Wie? wollt ihr mir die brieflichen Beweise meines Wohlverhaltens und meiner erlernten, hochadeligen, ritterlichen Kunst vorenthalten, so will ich euch zeigen, wen ihr vor euch habt und euch einen Stoß versetzen, den mir der Teufel soll pariren können! Denn allen denen, die bei mir gelernt haben, wird es nimmermehr fehlen, sie werden ihren Mann zu Boden stoßen, wann sie wollen. Daher hat man mich zu Paris nicht unbillig den Anti-Galenus genannt, der die Kunst zu tödten ebensowohl gelehrt hat wie die Herren Aerzte. Und in Wahrheit, sprach er weiter, wenn wir Fechtmeister nur die purgirenden und schweißtreibenden Arzeneien zu präpariren verstünden, dann würden wir nicht ohne Recht zu den Herren Aerzten gerechnet werden.« – Viele von den Umstehenden hielten seine Worte nicht für so ganz aberwitzig; in Anbetracht aber, daß er diejenige Kunst gelehrt, durch die so viele Duelle geschehen, so viele ehrliche Leute unschuldiger und unverhoffter Weise um ihr Leben kommen, wurde ihm gesagt, er solle per lineam perpendicularum , schnurstracks, in die Hölle gehen. Er aber wollte sich damit entschuldigen, er wäre kein Mathematikus und wüßte nicht, wo diese linea perpendicularis zu finden sei. Da schlug ihm einer der Teufel ein Bein vor, und er stürzte in den Abgrund. Nach diesem kamen die Finanzpächter, Schatzmeister, Vögte, Pfennigmeister, Schaffner, Zöllner, Rentmeister, Einnehmer, Burgvögte, Haushälter, Küchenschreiber und andere; und da ihnen eine große Menge Volks nachlief, welche das Ihrige wieder zurückforderten, was ihnen vormals unbillig abgetrieben, abgedroht, abgeschreckt und abgezwackt worden war, da hielten es die Umstehenden für ganz gewiß, es müßten diese Herren sonder Zweifel Diebe sein, weil so viel armes Volk über sie Mord und Gewalt wollte rufen, schreien und klagen. Andere aber sprachen, sie wären Leute, die allezeit bei guten Mitteln und von ehrbarem Ansehen gewesen wären. Aber über das Wort ›Diebe‹ wurden sie sehr bestürzt und entrüstet, sahen sich daher nach einem Rechtsverständigen um, der ihre Sache durchführen und die andern zum Widerrufen und zur Wiederherstellung ihrer Ehre mit Erstattung des Schadens durch Urtheil und Recht anhalten möchte. Einer von den Teufeln sprach, sie sollten Judas zum Fürsprecher nehmen, der ja die Sache wohl verstünde und dermaleinst in demselben Spital auch krank gelegen, auch ein Schaffner, auch an seinem Herren untreu und ein Verräther gewesen wäre. – Als sie nun merkten, daß man ihrer Sache nicht beistimmen wollte, wandten sie sich nach der andern Seite. Aber bald sahen sie da einen Teufel, der nicht Hände noch Augen genug hatte, die Stücke des Processes, den er wider sie führte, zu durchgehen. »Gemach! gemach! sprach einer der hurtigsten und verschmitztesten, der einen rothen Bart hatte; es ist unnöthig erst soviel Sachen aufzusuchen, laßt uns vergleichen oder mit einander handeln, ob die Sache nicht ohne weitere Nachforschung kann beigelegt werden, ehe wir sonst in das Fegefeuer verwiesen werden!« »He! he! sprach der Teufel, der die Briefe in Händen hatte, he! was? Fegefeuer? du sollst das Fegefeuer gewiß in der Hölle finden, zweifle nur nicht daran! Denn es kommt mir verdächtig vor, daß du Unterhandlungen begehrst: ich habe einen gewissen Beweis, daß ihr eine böse und verlorene Sache habt.« Weil nun die guten Herren sahen, daß man ihnen so genau auf der Haube war, so ist der größte Theil von ihnen dem Fechter gefolgt: weil sie ebensowohl als er ihre Hände nicht viel hatten ruhen lassen und durch ihre Listen und Meisterstücke die armen Leute um das Ihrige gebracht hatten. Als das vorüber war, wurde ein armer räuberischer, blinder Pastetenbäcker herbeigebracht, und als er gefragt wurde, ob er sein Urtheil wolle, anhören, sprach er: »Ich kann's nicht wehren.« Darauf trat sein Ankläger, ein Teufel, Vielbein genannt, hervor und sprach: »Dieser lose Mensch hat den Leuten viele Jahre hindurch Katzen für Hasen verkauft und mehr Knochen als Fleisch in die Pasteten gemacht, oft auch solche Knochen, die nicht zu demselben Fleisch gehörten und anderswoher, von den Gassen, den Wassersteinen und wüsten Orten zusammengesucht worden sind, und hat noch viel anderes Aas von Füchsen, Hunden und Pferden eingebacken.« Als er sah, daß man ihn überführen konnte, er habe mehr Gattungen von Thieren und Fleisch in seinen Pastetchen verbacken, als jemals zur Arche Noah eingegangen waren (wie Ratten, Mäuse, Mücken u. s. w.), drehte er sich um, und es ward ihm nun erst, aber viel zu spät, leid, daß er diese Thorheit aus teuflischem Geiz begangen habe. Nach diesem kamen die Philosophen, die ›Herren von hohen Sinnen‹. Es war überaus nachdenklich zu sehen, wie sich die alten Tröpfe in ihrem Hirn zermarterten und mit ohnsinnig-ersonnenen Reden über Glück, Unglück, Glücksfälle ( de fato, accidente, essentiis, idaeitatibus, identatibus, haecceitatibus, ipseitatibus, perseitatibus, quiddititatibus, formalitatibus, ubicationibus, modalitatibus, suppositalitatibus, inhonorificabilitudinationibus ec. .) und andere pur-philosophische Grillen disputirten: wie Demokritus, Plato, Aristoteles, Chrysippus und all ihr Anhang sich so gar nicht in den Handel schicken, noch denselben verstehen und begreifen konnten, und wie die Allerhochweltweisesten in all ihrem Witz zu lauter Thoren wurden. Der Modus der Beweisführung war ihnen unbekannt, sie wollten mit Gewalt behaupten, daß das Mittelglied nicht den Schluß bedinge. Alle Trugschlüsse, die sie zusammen brachten, gingen nicht wider ihre Seligkeit, weil sie von der Vermittelung des Retters am Ende des Lebens nichts hören noch wissen wollten. O Gott, der Thorheit aller Hochgelehrten, die sich an den Creaturen und ihrer Nichtigkeit so vernarren, daß sie auch des Schöpfers darüber vergessen! O wollte Gott, daß dieses Uebel nur bei den Heiden, nur bei den weltlichen, nicht aber auch bei den hohen geistlichen Doctoren und Lehrern im Schwange ginge! Wahrlich, die hohe Weltweisheit kostet manchem Christen, manchem Doctor der Theologie die ewige Seligkeit! Die Poeten waren lächerlich anzuhören, denn sie wollten Gott mit Gewalt überreden, er wäre Jupiter, und wo sie von Jupiter etwas geschrieben, da hätten sie den wahren allmächtigen Gott verstanden. Aber es wurde dem Homer und Virgil, an Stelle der andern allen, geantwortet, daß die schönen Attribute, das Wesen, die Eigenschaften und Handlungen, welche sie ihrem vermeintlichen Gott Jupiter zugeeignet hätten, sie genugsam der Thorheit bezichtigten, und es wäre nicht vonnöthen, weiter Zeugnis wider sie zu hören. Daher sollten denn alle die Poeten, welche christlichen Namens sind und in ihren Schriften sich der heidnischen Götter und Namen gelüsten lassen, als Spötter und Verächter Gottes und seines Wortes mit jenen zu ewiger Strafe angehalten werden. Ein Erzbösewicht von einem alten kargen Filz klopfte an, der das Geld in der Kiste hatte und doch weder einen Heller um Gottes willen noch sich selbst einen guten Bissen geben wollte, noch seinem bedrängten Nächsten in der Noth die geringste Hilfe wünschte. Als ihm bedeutet wurde, er müßte die zehn Gebote Gottes anreden, welche den Schlüssel zu der Thür hätten, sonst könnte er nicht hineinkommen, sprach er: »Hoho! liegt es nur an den zehn Geboten, so wird mein Handel gut werden, und ich will sobald hineinkommen als einer, deß bin ich gewiß: denn das erste Gebot ›du sollst Gott über alle Dinge fürchten, lieben und vertrauen‹ das habe ich ja gehalten; mein Geld und Gut habe ich gefürchtet, geliebt und ihm vertraut, damit ich Gott den Herren noch über dasselbe fürchten, lieben und ihm vertrauen könnte. Das andere ›du sollst den Namen Gottes nicht vergeblich führen‹ hab' ich ja auch gehalten; denn ich habe nimmer vergebens und umsonst geschworen, wo ich nur einen merklichen Gewinn und Nutzen davon haben konnte, u. s. w.« Wie er also durch alle Gebote Gottes fortfahren wollte, kam ein Teufel und nahm ihn vor der Thür hinweg und sprach: »Hierher Altvater! du weißt wohl, was dir gebührt; du brauchst das Wort Gottes nicht zu deiner Besserung, sondern zu Waidsprüchen und zu loser, leichtfertiger Büberei; wie viele andere Saufbrüder mehr, wenn sie beim Trunk zusammenkommen, alle Reden mit Sprüchen aus Gottes Wort geben und ihr leichtfertiges Gelächter darüber halten, weil es sich so artig reimt, und sie es so gut getroffen haben. Ihr seid rechte Gottesspötter; die Spötter aber wird Gott richten.« – Da hörte ich eine Stimme erschallen und folgende Worte gar deutlich ausrufen: Ihr Geizhäls' ihr mit vollen Kröpfen: Wenn Gottes Hand euch Gut's bescheert, Das ihr dann ganz allein verzehrt Und sitzt bei euren feisten Töpfen, Wie Schwein' und Rinder, die man mäst't; Ihr meint, es sei ein solches Leben Nur Wollust halber euch gegeben Für euch und euresgleichen Gäst'? O nein! es ist ein Speck der Fallen, Hat hier und dorten Todsgefahr; Drum nehmt des Handels eben wahr: Hört, hört der Armen Stimm' erschallen! Gott selbst ist da; so arm verkleid't! Wollt ihr an seinem Tisch auch leben, So müßt ihr armen Leuten geben Mit Herz und aus Mildthätigkeit. – Die Herren Fürsprecher, Protokollisten, Notare und Schreiber marschirten Hand in Hand daher und baten, daß man ihnen die heiligen Evangelisten wolle zu Fürsprechern bewilligen; denen antwortete aber ein Teufel, Namens Voll-Falsch, der den Vermittler machte: was die Anklage wider sie betreffe, die zwar klar, wahr und unläugbar sei und weder durch Widerreden noch Einwendungen könne abgelenkt noch hintertrieben werden, so wolle man sie dennoch beliebter Kürze halber gern ungeahndet vorüber marschiren lassen, und sich allein hiermit auf dasjenige bezogen haben, was in der Herren Angeklagten Akten, Protokollen, Registern, vidimirten Schriften, Contracten, Inventarien und Testamenten – als die, welche meistenteils von überhäuften falschen Beschuldigungen stänken – finden würde: – Denn wenn gleich wär' das Firmament Lauter Papier und Pergament, Und alle Wasser sammt dem Meer Nichts als nur lauter Tinte wär'. Die Stern' am Himmel allzumal – Deren doch viel sind, ohne Zahl – Ein jeder sich zum Schreiben richt': Könnten sie doch beschreiben nicht Die Falschheit, Ränk', Betrug und List, Welche bei solchen Schreibern ist. »Es ist genug, gnädiger Herr Teufel, sprach ein beherzter Procurator: wenn man von uns redet, so versteht es sich wohl von selbst, was man meint. Daß aber die Herren Notare und Schreiber auf ihren Vortheil bedacht wären, komme daher, weil das Papier heutiges Tages so sehr groß gemacht würde, so daß sie bei ihrer althergebrachten Ordnung – nämlich drei Worte auf eine Zeile, dreizehn Zeilen auf eine Seite und anderthalb Seiten auf ein Blatt – fast nicht mehr bleiben und damit auskommen könnten; aus Noth also müßten sie auf ihren Vortheil sinnen und oft beiden Parteien dienen, sonst wollten sie lieber mit gar keiner zu thun haben.« – Aber die Herren Schreiber waren dieser Rede nicht zufrieden, gaben vor, daß man sie zwar bei unverständigen Leuten Schreiber benamsete, eigentlich aber wären sie Secretäre zu tituliren. Hiergegen sagte ihnen ein Teufel: man habe nicht auf den Namen, sondern auf den Mann zu sehen. Auch hätten sie sich, da sie von Anfang an und mit offenem Helm immatriculirte und nicht schlichte Schreiber gewesen wären, dessen mehr zu rühmen als zu schämen. – Die Procuratoren aber sagten, daß sie zwar ihren Namen nicht läugnen könnten, als die welche das Beste und den Nutzen der Parteien, wenn auch nicht für diese, so doch für sich, procurirt und gesucht hätten. – Endlich nach vielem Fragen und Antworten, wurden sie nach Höllenheim geschickt, bis auf etliche wenige, welche zur Thür des Lebens aus Gnaden und ohne eigenes Verdienst eingelassen wurden. Und ich hörte eine Stimme, die rief: »Wer einem Schneider den Faden zum Nähen und einem Schlosser das Eisen zur Arbeit giebt und meint, er werde ihm desto wohlfeiler arbeiten, der ist nicht witzig. Wer aber einem Schreiber das Papier giebt und meint, er werde ihm desto wohlfeiler schreiben, der ist ein Narr.« Als Mahomet, Cerinthus, Arius, David Georgius, Johannes XXIII., Alexander VI., Julins II., Paulus III. und viele andere gesehen hatten, daß etliche Procuratoren und Schreiber selig wurden – wiewohl sie an die Auferstehung selbst wenig oder gar nicht geglaubt hatten, und daher alle Hoffnung auf Gnade willig aufgegeben hatten, da gab ihnen dies neuen Muth, so daß sie auch hervor traten. Mahomet konnte sich anfangs nicht genug wundern, als er sah, daß Jesus Christus, der heiligen Jungfrau Maria Sohn, zugleich auch wahrer Sohn des Allerhöchsten und Richter über alle Welt sein sollte: an den zu glauben er vormals in seinem Alkoran verboten hatte. Sodann sprach er, es müsse gewiß dieses nicht das rechte allgemeine jüngste Gericht sein, denn es ginge allzu schleunig dabei zu und stimme mit seinem Alkoran nicht überein, welcher lehre, daß solch allgemeine Gerichte fünfzigtausend Jahre nacheinander dauern sollten. Da ihm nun dies alles nicht in seinen Kram passen wollte, so fragte er alsdann: ob denn das ewige Leben, gemäß seinem Alkoran und seinen Einrichtungen, auch in Wollust und Freuden, in Tanzen und Springen, in Essen, Trinken und Gastereien und in Gesellschaft schöner Jungfrauen, die große Augen haben, zugebracht werde? Als ihm aber einer sagte: »Nein, Junker Mahomet, nein! das sind heidnische, türkische und antichristliche Träume,« da dachte er wohl, es würde sich ferner zu melden umsonst sein; daher machte er sich sammt der ihn begleitenden Gesellschaft, die alle eben so beschämt waren als er selbst, davon um zu sehen, ob sie das ewige Leben anderwärts finden möchten: welches ihnen die Teufel in dem ewigen Tode zu weisen und zu geben versprachen. Damit ich aber meines Herren Medicus, dessen zu Anfang Erwähnung gethan ist, wie er vor den Richterstuhl gestoßen und getrieben worden war, nicht ganz und gar vergesse, so ist zu wissen, daß er einen Apotheker und Barbier, als seine Hochrichter und Steckenknechte, bei sich hatte. Sobald aber ein Teufel (der in einer Hand eine Rolle ›Recipe‹ des Doctors, in der andern die Parteien-Zettel und das laus deo Gott Lob! Eine Formel, welche Kaufleute über ihre Rechnung zu setzen pflegten; hier soviel wie Rechnungszettel. des Apothekers hielt), ihrer ansichtig wurde, rief er mit heller Stimme: »Ihr Herren! der meiste Theil Verstorbener, welche hier erschienen, sind durch Vermittelung dieses frevelhaften Doctors, durch die Mithilfe dieses elenden Apothekers, durch Fahrlässigkeit dieses Prachthansen, des Barbiers, hierher gekommen. Ihnen allein also hat man diese Versammlung zu danken.« Ein Predigermönch, sonst zu Straßburg, aus dem ›gieb Herr zurück, was du mir schuldig bist‹ sehr wohl bekannt, wollte dem Apotheker das Wort thun und gab vor, daß derselbe den Armen viel Gutes gethan und manche Arzeneien und köstliche Sachen um Gottes willen und ohne Entgeltung gegeben habe; weshalb ihm das ewige Leben billig und von Rechtswegen gebühre. Der Teufel aber, der weit gelehrter war, gab dem Mönch zur Antwort, er solle sich in dieser Sache, in der er bereits selbst einen widrigen Bescheid bekommen habe, ferner nicht bemühen: denn es sei dem wie ihm wolle, so finde er doch in seiner Rechnung, daß dieser Apotheker durch zwei Büchsen allein mehr Leute getödtet habe, als in dem ganzen böhmischen Unwesen durch das Schwert umgekommen wären. Alle seine Arzneien wären gefälscht, und durch diese ungleichen Mischmaschereien seien den Leuten viel geschwinde giftige Krankheiten aufgewachsen und zwar in dem Maße, daß nur in Jahresfrist zwei vornehme Städte beinahe davon ausgestorben wären. – Als der Doctor das mit anhörte, wollte er die Sache weiter auf den Apotheker schieben, um seinen Kopf ganz aus der Schlinge zu ziehen; er gab nämlich vor, seine Recepte wären vortrefflich gut gewesen, er wollte es durch Hippokrates, Galenus, Celsus, Avicenna, Averrhoes, auch durch die löbliche Fakultät zu Montpellier und Padua beweisen: der unselige Apotheker aber hätte entweder aus vorsätzlicher Bosheit oder doch aus grober Unwissenheit (die aber hierbei keine Entschuldigung haben könnte), den armen Leuten quid pro quo, opium statt apium , Etwas anderes statt des richtigen, Mohnsaft (scharfes Gift) für Eppich (heilsame Arzenei). Mäusedreck statt Pfeffer gegeben, woran er, der Doctor, keine Schuld haben wollte. – Da ward denn der arme unselige Apotheker, der wider diese Anschuldigungen des Doctors nichts beibringen konnte, verdammt, der Doctor aber und der Barbier aus Gnaden losgesprochen. Das hat mich nicht wenig auf den Doctor erbost gemacht, dem der Apotheker vormals soviel Verehrungen und Schenkungen, soviel Martinsnächte und Neujahre zu seinem äußersten Schaden und Verderben hatte zuschicken müssen. Nach diesem kam ein Advocat, ein stattlicher Redner, ein beschwätzter, herzhafter Mann, dessen Endzweck in seinem Advociren und Vortragen einzig und allein war, die Leute zu überreden das seinige zu glauben – was doch erlogen war. Er suchte jetzt all seinen Witz und seine Kunst zusammen, daß er den Richter gewinnen und auf seine Seite bringen möchte. ›Es wird dir mehr nützen, die Richter zu überreden, als das Recht nachzuweisen; eher mußt du dich diesen, als den Gesetzen verpflichten‹ (Owen 3, 129). Das hatte er früher auf der Welt trefflich zu prakticiren gewußt. Wenn nämlich der Richter einer Partei gewogen ist, sie habe Recht oder nicht – ihre Sache ist gewonnen; wenn der Richter nicht will, so ist die Sache verloren, oder es wird dies Urtheil und die Vollstreckung auf die lange Bank so weit geschoben, daß der Obsieger nur geringen Vortheil mehr zu hoffen hat als der Ueberwundene. Er erdachte nun alle List und Ränke, wie er vermittels eines zweifelhaften Buchstabens dies Mal das Gesetz umstoßen, die zehn Gebote Gottes anders auslegen, anders deuteln und glossiren möchte, damit er entkommen oder doch in seiner Sache den Termin aufs wenigste hinausschieben könnte. Aber alles vergebens. Wiesehr er auch seiner Gewohnheit gemäß die andere Partei überschrie, damit man sie nicht hören und ihre gerechte Sache vernehmen könnte – es half ihm nichts. Denn ungeachtet all seiner eingewandten Ausnahmefälle, mildernder Umstände, Einwendungen und Berufungen, auf einem wie dem andern Wege wurde er in die Kosten verurtheilt, und die Vollstreckung wurde ohne Aufschub vollzogen. Unter vielen andern seiner Denkzettel ist auch dieses gefunden, das ihn seiner Parteilichkeit nicht wenig überführte: Wer da? Ich. Was willst? Laß mich ein. Bringst was? Nein. Fort! Ja. So komm' herein! Unterdessen wurde ich gewahr, daß sich einer unter den Versammelten verstecken wollte, es aber doch nicht bewerkstelligen konnte. Als er gefragt wurde, wer er wäre? sprach er: ich bin ein Empirikus. »Hoho! Kurpfufcher, Landfahrer, wo kommst du her, du Beutelbetrüger? sprach der Teufel; es wäre dir wohl lieber, du ständest jetzt zu Altdorf bei der Bursch, oder zu Lyon an der Börse, oder zu Paris auf dem Grève-Platze, oder zu Nürnberg auf dem Herrenmarkt, oder zu Frankfurt vor dem Römer und schnittest den armen Leuten eins auf, als daß du hierher gekommen wärest mit deiner leichtfertigen, falschen Waare. Du giebst vor: gute Arzenei, Dergleichen in dem Land nicht sei, Hab'st du gebracht aus Tartarei; Schlampamp, Schlarmund und Barbarei, Egypten und Schlaraffenland Habest durchzogen allesammt, Daß große Kunst du brächt'st herbei, Und ist doch nichts als Trügerei. Darum wer einem Pfuscher glaubt. Der ist all' seiner Sinn' beraubt; Wer von 'nem Pfuscher nimmt Arzenei, Der seh', daß nicht sei Gift dabei. Das seiner Krankheit bald helf' ab Und bring' ihn desto eh'r ins Grab. Summa Summarum: wer eine Kuh werden will, der muß sich vor einem Kälberdoctor hüten. Nun fort, fort Kerl, es ist hier nicht viel Geld zu machen; ziehe hin und sieh', ob deine Salbe nun auch gut sei für den Brand von siedendem Oel, von geschmolzenem Blei, von ewigbrennendem Schwefel und Pech!« Darauf zog er den Schubkasten ein und er selbst davon. Einer von den Wirthen, deren vorhin Erwähnung geschehen ist, kehrte, als sie fortgewiesen waren, wieder um und brachte die Bitte vor, man möchte sie doch, da sie sonst keine schlechten Leute wären, zu etwas höherem Ansehen bringen. Ein Teufel aber antwortete ihm, sie möchten sich zufrieden geben, sie würden, weil sie so gut die Grade des Weinmischens erlernt hätten, auch wie graduirte Personen, namentlich wie die Herren Aerzte gehalten werden, denen sie ohnehin schon verwandt wären: denn gleichwie diese die Menschen betrogen und getödtet, so hätten auch die Wirthe vielfältig, aber betrügerischer und hinterlistiger Weise, den Durst nicht mit Wein sondern mit Wasser getödtet. Es kam auch ein vorwitziger, unverschämter Schneider wieder zurück, der brachte vor: er habe oftmals einem Geistlichen oder einem Armen etwas um Gottes willen gemacht, ob er denn deswegen keine Wiedervergeltung hoffen dürfte? Dem wurde zur Antwort gegeben: es sei nicht Brauch, das Leder stehlen und die Schuhe um Gottes willen geben; denn was alle andern Handwerker von Untreue wüßten, das hätten sie alles allein von den Schneidern, und sonst von niemand, gelernt und erfahren: »Fort, fort du Lumpenschneider! sprach der Teufel, wir wissen wohl, daß du viel Stückchen abgebüßt hast, das macht, sie haben dich sehr wenig und nicht mehr als einen Schnitt oder Griff gekostet.« Nach diesem kamen etliche Bankerottirer daher, welche ihre Läden und Geschäfte verlassen und sich eine Zeitlang unsichtbar gemacht hatten. Als sie sahen, daß allenthalben eine Menge der Gläubiger, arme unschuldige Männer, Witwen und Waisen, welche durch ihre muthwillige und vorsätzliche Untreue an den Bettelstab gerathen waren, auf sie eindrang, erboten sie sich, sich in einem Vergleich einzulassen, was aber einen Teufel sehr verdroß, der sich deshalb dem Richterstuhl zuwandte und sagte: »Gerechter Gott! alle andern Menschen haben allein für sich und ihrer Sünde wegen Rechnung zu geben, aber diese da sind Rechnung schuldig für sich selbst und für andere, welche durch deren Betrügerei in das Verderben, an den Bettelstab, in Trauer und Klagen, in schwere Gedanken und in Verzweiflung gerathen sind; und was noch mehr ist, ihrer viele haben nicht aus Noth oder durch Unglücksfälle, sondern durch List und Betrug bankerottirt, damit sie niemand etwas zu geben brauchten, die aber doch der Reihe nach besser gesessen, gefressen und besser der Ruhe gepflegt haben, als die Allerreichsten zu thun vermocht hätten. Die Menge der armen betrogenen Leute schrie einhellig: »O ihr gottvergessenen Buben, ihr Stadt- und Landdiebe, wie tief habt ihr uns in das Verderben gestürzt! Der Fluch sei über euch und all dem Gut, das ihr uns so gottvergessener Weise abgenommen habt!« Da wurde das Urtheil über sie gesprochen und ihnen einige Wechselbriefe mitgegeben an Pluto, den höllischen Münzmeister, der sie nach Verdienst abzahlen sollte. Als diese vorüber waren, kam eines graden, vorsichtigen, langsamen, satten Ganges eine mächtige Person daher geschritten, der, wie etliche Vorlaute meinten, dem Gericht selbst beisitzen zu wollen schien. Die Krause, welche er um hatte, war von blaugestärktem Kammertuch, so hoch auseinandergezogen, daß man kaum sehen konnte, ob er ein Gesicht hatte. Einer der Thorwärter fragte, als er die fremde Gestalt sah, ob er ein Mensch wäre oder nicht? Dem antwortete er mit den Worten: »Allerdings, auf mein Cavalierwort; ich beschwöre es bei dem Hofe von Brüssel!« »Wer seid ihr denn?« fragte der Thorwärter weiter; da antwortete er nochmals auf Spanisch: »Meine Namen und Thaten verdienen mit Recht in lateinischer Sprache besungen zu werden!« – »Sage sie her!« antwortete jener. »Ich bin, sprach er, der Schrecken Galliens, der Vertheidiger Ungerns, der Friedensbringer Deutschlands, der Besieger Afrikas, der Bändiger Belgiens, die Geißel Spaniens, der Ueberwinder Portugals, die Furcht Roms u. s. w.« Er brauchte lange Zeit, seine Titel und großen Dienste herzuzählen, worüber ein Teufel heftig lachte und rief: »Ja, ja, wir kennen nun den Herrn Sennor sehr wohl; wir haben seinen Titel, der im Castell zu Antorf aufgerichtet gewesen, schriftlich zur Hand und seine löblichen Thaten in unserm Saalbuch mit feurig-goldenen Buchstaben eingeschrieben.« – »Aber zur Sache! zur Sache!« sagte Friedland. – »Was will denn der Monsieur haben? Wollt ihr auch einmal euer strenges Urtheil hören? Was wollt ihr?« »Ich suche den Ruhm, gnädiger Herr Teufel!« antwortete er. »Hoho! gemach, gemach, Herr Cavalierl« und sie lachten des Wortes Ruhm, den sie als weltliche Hoheit und Herrlichkeit auslegten. Deshalb wurde er zu Lucifer selbst gewiesen, der auch nach der Hoheit getrachtet und Gott hatte gleich sein wollen. Als er nun nach alter Gewohnheit viel Gepränge, Complimente und Rodomontaden mit seinen Gefährten machen wollte, ihrer einer aber ihn in die schöngezierte Krause griff, und er sich nach dem Rappier umsah, da legten sie ihm eiserne Fesseln an Hände, Füße und auch um den Hals, damit er seinen Bart, der ihm ohnehin stets bis über den Nabel herabgehangen hatte, noch oben gewöhnen möchte. – Nach ihm kam einer, der machte ein großes Geschrei und sagte: es wäre ihm das nicht zu verdenken, da es sich um seine Haut handelte, nicht als ob er seiner Sache mißtraute; denn er habe zu gebührender Zeit dies und das gethan, das Heiligthum versorgt, den Staub von den Heiligen hinweg gefegt u. s. w. Als ich ihn so hörte, glaubte ich nicht anders, als daß es Nero, Diokletian oder einer der Christenverfolger, wäre, welche sich ja gerühmt hatten, sie hätten den Staub und die Asche der Heiligen, welche sie verbrennen ließen, zerstört und zerstreut. Doch als er näher kam, erkannte man, daß er ein Kirchenknecht oder Glöckner gewesen war, welcher vermeinte deshalb selig zu werden, weil er die Kirche und die Bilder zu gewisser Zeit abgestäubt und abgefegt hätte. Ihm wurde aber gesagt, er wäre mit Oel und Kerzen untreulich in der Kirche umgegangen, hätte auch etliche Kirchengewänder entwendet, sie anders färben und die Seinigen sich darin kleiden lassen; er hätte an dem Gotteskasten diebisch gehandelt und viele Opferpfennige heimgetragen. – Ich weiß nicht, was für liederliche Entschuldigungen er einbrachte; allein ich wurde gewahr, daß er, wie die Fuhrleute zu reden pflegen, mit einem Leitseil oder Leitstrang verwiesen wurde. Er tröstete sich jedoch damit: wenn ein Glöckner am Strang stürbe, so stürbe er allererst in seinem Beruf, und er hätte sich dessen viel mehr zu getrösten als zu schämen. Darauf wurde etlichen Frauenzimmern Platz gemacht, welche gar fröhlichen Muthes hereintraten und mit lächelndem Gesicht die Umstehenden begrüßten; als sie aber die scheußlichen Gesichter und Gestalten der Teufel sahen, fingen sie alle an laut zu schreien: »O Jesus behüt'! Jesus, Maria! was ist das?« hielten die Hände vor die Augen und stellten sich, als ob ihnen ihre Untugend sehr Leid wäre; und als eine das Wort für sie führen und sagen wollte, daß sie fleißig gebetet hätten, sprach ein Teufel, der gegenüber stand: »Was hilft das alles, da ihr doch Huren gewesen und in eurem sündhaften Leben stets fortgefahren seid!« – »Ihr sagt wahrlich recht,« sprach eine alte Kupplerin. »Hoho! antwortete der Teufel; bist du auch da, altes Wetter?« und hob darauf an sie anzuklagen: daß sie sieben Männer unter eines Mannes Gestalt gehabt und sich allein darum an einen verheirathet habe, damit sie desto freier und ungehinderter mit den andern hausen könnte. Diese wurde verdammt, die andere aber aus erheblichen Gründen losgesprochen. Dagegen wollte die Alte appelliren und betheuerte, wenn sie gewußt hätte, daß sie je sollte verdammt werden, so wollte sie ihr Lebtag in keine Kirche gegangen sein, viel weniger ein Paternoster getragen haben. Judas, der bisher verzogen und gehofft hatte, man würde seiner wohl vergessen, wurde vorgefordert sammt seinem Anhang und seinen Brüdern, welche theils auf hohen Stühlen getragen wurden, theils auf köstlich ausstaffirten Maulthieren, theils auf weißen Zeltern, meist aber auf einem Thier von sieben Köpfen ritten. Sie führten vier Fahnen von Karminroth, in deren einer stand das Wort Bestia ., Thier, in der andern Meretrix , Buhlerin, in der dritten Babylon , in der vierten dieses Zeichen: 666. Wie sie sonst bekleidet waren und was sie für einen Aufzug machten, konnte ich wegen der Menge, die ihnen aller Orten nachfolgte, nicht sehen und berichten; ich hörte nur eine Stimme aus einer Wolke, wie eines Engels, die sprach: ›Sie ist gefallen! Sie ist gefallen!‹ Einer der Beisitzer fragte, wo und welcher unter dieser Menge der Judas wäre? Der auf dem Schimmel sprach: ich bin's; der auf dem Maulthier sprach: ich bin's; der auf dem Sessel sprach: ich bin's; der auf dem Thier sprach: ich bin's; worüber der rechte Judas entrüstet, überlaut rief: »Du allmächtiger Herr, der du aller Menschen Herzen kennst, du siehst mich wohl, du weißt auch wohl, daß ich's bin; und ohne Ruhm zu melden, bin ich noch ehrlicher als diese Verräther alle. Wahr ist's, daß ich dich, das unschuldige Lamm Gottes einmal verkauft und verrathen habe, aber trotzdem ist es geschehen, daß durch dein unschuldig Blut und Tod die Welt erlöset worden. Diese Verräther aber verläugnen und verkaufen dich, nicht nur einen, sondern alle Tage und betreiben, daß die ganze Welt, wiewohl durch dein eigen Blut allein zum Leben erlöst, durch ihr eigenes Verdienst und ihre erdichteten Gesetze dem Teufel wieder zum Eigenthum möchte verkauft werden.« Ohne weitere Verantwortung aber, als in einer allgemeinen der Welt bekannten Sache, wurden sie sämmtlich mit allem Anhang dem Beelzebub zu ewiger Peinigung übergeben. Ein Engel, der das Register hatte, fand, daß noch einige Schergen und Häscher vorzufordern wären, welche auch sofort bei diesen Worten herbeigelaufen kamen, wie Unsinnige, und sprachen: »Wohl! wohl! wir sind dem Urtheil nicht zuwider, und ohne fernere Verantwortung wissen wir sehr gut, welcher Ort uns beschieden ist;« worauf sie dem Judas nachliefen. Diese waren kaum vorbeigegangen, siehe da! etliche Kalenderschreiber, Sterngucker, welche mit vielen Horoskopen, Globen, Sphären, Winkelmessern, Cylindern, Wappen und Lappen beladen, daher traten. Einer unter ihnen, der das Wort führte, sprach: man hätte sich in der Zahl und der Berechnung der Jahre gewiß geirrt, und es wäre nicht möglich, daß dieser Tag der jüngste Tag sein könnte. Ursach': die sphaera Saturni und Trepidationis Der Saturn brachte Krieg und Schrecken den astrologischen Deutungen nach. hätte ihre Bewegung oder ihren Lauf noch nicht vollendet. Cernithus , Cernithus ist der erste bekannte christliche Gnostiker, welcher ein höheres Wesen über den Weltschöpfer und ein tausendjähriges Reich lehrte. der Stifter der kirchlichen Ketzerei sammt seinem Anhang und seinen Nachfolgern bis auf den heutigen Tag, konnten sich auch nicht in ihrem Hirn zurecht finden, indem sie noch tausend guter Jahre in Frieden und Freuden, in Essen und Trinken, in Tanzen und Springen, in guten Tagen und Wohlleben zu leben hofften. – Aber ein Teufel, der fleißig Acht auf die Herren Sternschlucker gab, nahm einen bei dem Bart und sprach: »Herum mit euren hölzernen Himmeln, ihr Herren, sie sollen uns anstatt der Schwefelhölzer dienen,« und mit Lachen sprach er ferner: »Ihr Herren Injicienten , D. s. Himmelsstürmer. die ihr Zeitlebens von zufälligen ungewissen Dingen eine so unumstößliche Wahrheit gehabt habt, mich wundert, daß euch eure so unfehlbaren Demonstrationen und abgezirkelten Rechnungen dies Mal so häßlich betrogen haben, und daß, die ihr von so vielen Himmeln gelehrt und geschrieben, ihr euch zum wenigsten nicht einen nach eurem Tode vorbehalten habt! Ich hoffe also, daß ihr in Ermangelung dessen das Innerste und Unterste der Erde besichtigen werdet.« Dem mußten sie sich also fügen. – Darauf ist das Gericht beendet, der Richterstuhl verschwunden, die Finsternis vergangen, die Luft lieblich und klar, die Erde voll wohlriechender Kräuter und Blumen geworden. Und ich befand mich in meinem Bette, mehr fröhlich als traurig, weil ich erwachend sah, daß ich nicht todt war. Doch um dieses Gesicht mir zu Nutz zu machen, nahm ich mir fest vor, mein Leben künftighin zu bessern und meine Sache so gut anzustellen, daß ich mich des jüngsten Gerichts dermaleinst mehr zu erfreuen und zu getrösten als dasselbe zu fürchten hätte, wenn es Gottes gnädiger Wille sein wird, mich nach so mancher ausgestandener Trübsal, Kreuz, Verfolgung und Verjagung aus dieser falschen, untreuen, verrätherischen, ärgerlichen, bösen Welt abzufordern. Ich sprach daher dieses Gebet von Herzen: Komm Herr Jesu, komm behende. Daß dies böse Leben bald sich ende. Komm du schöne Sonne, komm behende. Daß die häßlich' Sorge bald sich ende. Komm du fröhlich' Sonne, komm behende. Daß die traurig' Sorge bald sich ende. Komm du ew'ge Sonne, komm behende. Daß die zeitlich' Sorge bald sich ende. Komm Herr Jesu, Jesu komm behende, Daß dies böse Leben bald sich ende. Sechstes Gesicht Höllenkinder Nachdem ich nun einige Wochen in Genf verharrt hatte und auf Wunsch meiner lieben Eltern wieder nach Hause ziehen wollte: da erinnerte ich mich meines Vorsatzes, warum ich nämlich aus Deutschland in die Fremde gegangen war. Bei Betrachtung dessen fand ich denn endlich und kam zu dem sicheren Schluß, daß jenseit des Rheines ebenso sehr oder noch mehr Gott, Glauben, Gerechtigkeit und Gewissen bei den Menschen heutigen Tages nur ein Schein, ein Vorwand, ja eitle Heuchelei und ein bloßer Deckmantel wäre, unter welchem die Welt, insonderheit mächtige Herren ihre Tyrannei, ihren Muthwillen, ihre Ungerechtigkeit und Eingriffe in fremde Herrschaften, Lande und Gerechtsame verstecken und verdecken – wie auch schon Eingangs gesagt ist. O Gott, du allmächtiger, du allwissender Herr! was werden dermaleinst die Ausflüchte, die Verantwortungen, die Erläuterungen, notwendigen Berichte und gründlichen Untersuchungen über unsere Fürsten und Herren für einen Ausgang und Urteilsspruch gewinnen, da du in das Innerste unserer Herzen siehst, unsere heimlichen Berathungen und Anschläge hörst, die in unsern Gewölben und Kanzleien verschlossenen Schriften gelesen hast, und unsere Handlungen nicht nach menschlicher Beschönigung sondern nach dem bloßen Buchstaben ansiehst, nach dem Herzen urtheilst und nach den verübten Werken belohnst! Aber was achtet der darauf, der es allhier im Säckel und in der Faust hat! Hier ist Macht ohne Ende; und derjenige, welcher sich irgend einer Sache wegen ein Gewissen macht, wird heutiges Tages für einen albernen Menschen und eine verzagte Memme gehalten. Fest und sicher schloß ich daraus dieses: wo die Reputation – ein gott- und ehrloses Wort – über Gewissen geht, ja mit teuflischem Eifer durch lose Kämpfe und Vergießung des theuren Menschenblutes muß gesucht und erhalten werden: da wird unfehlbar, wenn Gott es nicht in Gnaden wehrt, am Ende ein uralt römisches Heidenthum entstehen. In solchen Gedanken zog ich über Lausanne, Bern, Solothurn, Basel, Freiburg, Breisach und weiter durch's Land bis in meine Heimat nach Sittewald – die vor Jahren an Spaziergängen und Vergnügungsorten schönste Stadt, nunmehr aber bis auf den Boden ausgebrannt, geschleift, eine unkenntliche Wildnis. Ich hatte die Absicht, das Weltwesen fernerhin auf andern hohen Schulen, in vornehmen Handelsstädten, ja auch am Hofe kennen zu lernen. Wiewohl mir nun Eitelkeit, Heuchelei und Betrug in allen Ständen merklich vor Augen gekommen war, so daß ich der Menschen Thun unterscheiden konnte und wußte, daß alle, außer Christus, nur ein verdammliches Leben führten: so hatte ich mich doch entschlossen, mich auf kurze Zeit in den nächstgelegenen Sauerbrunnen Welches Mineralbad er meint, ist nicht zu errathen. zu begeben, um das allbekannte Leben und Treiben, wie es an solchen Orten zu sein pflegt, mitanzusehen. Eines Abends nun, als ich in einem Thal entlang spazieren ging und meine vorigen Gesichte und Geschichten mit den Badenaschereien, Schlaraffenhistorien, Waidsprüchen, Aufschneidereien und den Noppenhauer-Zeitungen – wo man Leib und Seele verpfänden muß, alles zu glauben, was erlogen ist; wo man alles läugnet, was geschehen ist; wo man mit den Augen redet, mit den Füßen winkt, mit den Händen geht und auf dem Bauche sitzt; wo man mit einem Brillenrohr auf sechs Meilen Wegs über den Berg zu Thal sehen kann, was die Uhr geschlagen hat – verglich und Lust bekam, mich ein wenig abseits von den Leuten weg in den Wald zu begeben, damit ich allem desto besser nachsinnen könnte: da gerieth ich, zweifellos aus einem guten Antriebe, in der Zeit von einer Viertelstunde so weit in den Wald hinein, daß ich nicht wußte, wie ich, ob nach vorwärts oder nach rückwärts, hinauskommen sollte. Dabei gelangte ich an einen Ort, wo es nicht mehr gegen Abend, sondern heller Tag war, und ein Feld lag umher mit Blumen geziert so schön, daß einem das Herz lachte. Es war sehr still und anmuthig, die Luft so lieblich, daß sich all meine Sinne davon verjüngten. Auf einer Seite rauschte ein krystallklares Wasser über die Steine daher; auf der andern Seite fing ein sanfter Wind mit den Bäumen und Blättern ein Gespräch an, daß man sich schwerlich des Schlafs erwehren konnte. Diesem wollten die lieben Vöglein nichts nachgeben, sondern sangen einen herrlichen, so wonnesam gestimmten Gesang daher, daß alles mehr einem irdischen Paradies als sonst etwas Köstlichem gleich schien. Wie nun die menschlichen Sinne und Gedanken gern in ihrer Freiheit herum wandeln, aber doch der Einsamkeit und Ruhe bald überdrüssig werden, so war es auch mir dies Mal; ich sah mich um, wie ich wieder zu einer angenehmen Gesellschaft gelangen könnte. Da wurde ich eines Weges gewahr, welcher sich unfern allgemach in zwei Theile theilte; der zur rechten Hand war ein Fußpfad und so schmal, daß an gewissen Stellen einer dem andern eben weichen konnte; weil er nur wenig begangen wurde, so stand er voll Dornen und Disteln, und war durch die Steine rauh und ungebahnt, daß mich dünkte, es wäre ohne große Mühe und Arbeit nicht gut darauf fortzukommen; doch sah man noch Wahrzeichen, woraus zu spüren war, daß unlängst einige Leutchen hier gewandert waren, denn es hatte einer ein Auge, ein anderer eine Hand, einen Fuß, die Brust, den Kopf, ja die Haut dahinten gelassen. Einige von ihnen sah ich hinter mir her kommen; sie sahen im allgemeinen bleich, mager, ausgehungert und elend zugerichtet aus, erbärmlich, traurig und seufzend. Sie eilten und arbeiteten sich so ernstlich ab, daß sie auch nicht einmal zurücksahen, und mir däuchte, es wäre auf dem andern Wege viel schneller fortzukommen. Wenn sich vielleicht einer einbilden wollte, weil der Weg so ungehobelt und rauh war, man möchte zu Pferde besser durchkommen, so ist dies Thorheit. Denn als ich selbst in solch närrischem Gedanken stand und deswegen einen der Reisenden fragte, ob nicht der Postmeister Michel hintennach käme? sprach er: »Ei nein! es kommen keine Postmeister auf diesen Weg, sie halten sich meist links. Selbst St. Peter mußte, als er diesen Weg zu Pferde machen wollte, absteigen und zu Fuße gehen, wiewohl er zuvor auf einem trefflichen Roß gesessen hatte.« – Man konnte auch keinen Hufschlag eines Esels, Pferdes oder eines andern unvernünftigen Thieres bemerken, viel weniger ein Wagengleis, eine Kutsche oder Sänfte, deren man sich an diesem Ort nimmermehr zu entsinnen wußte. Während ich mich hierüber verwunderte, kam ein armer Bettler daher gewandert, der ein wenig still stand um sich zu verschnaufen. Ich fragte ihn, als er weiter ging, ob nicht irgend ein Wirthshaus in der Nähe wäre, wo man einkehren und sich erfrischen könnte? »Nein, sprach der arme Gesell; hier muß man eines Ganges fortgehen und sich nicht viel umsehen noch aufhalten, auch ist weder eine Wein- noch Bierschenke hier herum, denn auf dem Wege des Lebens sind solche Leute nicht zu finden.« – Giebt es denn keine Materialienhändler oder Droguisten in der Nähe? Denn wenn ich nicht etwas zur Labung habe, wird es mir unmöglich sein weiter fortzukommen. »Nein, nein, sprach der Arme: vor Jahren, als die Materialienhändler noch mit den einfachsten Dingen und Waaren umgingen, da hat man bisweilen einem vergönnt auf diesen Weg zu kommen; seitdem sie aber mit zusammengesetzten, chemischen Sachen handeln und den Apothekern in die Kunst greifen wollen, die sie doch gar nicht erlernt haben, da ist ihnen, als betrügerischen, gefährlichen Leuten, der Weg ganz und gar verboten.« So muß man denn wohl verschmachten oder gar das werthe, liebe Leben lassen, wenn keine Wartung auf diesem Wege zu hoffen ist, sprach ich. »Bist du ein Christ, sagte der Arme, so sollte dir nicht unbekannt sein, daß im Laufe des menschlichen Lebens das Abscheiden ist – ankommen, sterben ist – geboren werden, leben ist – wandern. Die Herberge ist die Welt: wenn man aus dieser geht, so ist es nur ein Sprung, daß man zur Seligkeit oder in die Verdammnis geräth. Dieser einzige Sprung ist der Tod, ein geringer Schritt und Tritt, der dem Gottlosen ewigen Jammer verursacht, dem Frommen aber ewige Freude bringt.« Dabei ging er fort und sprach: »Behüte dich Gott, ich muß eilen; denn wer auf gutem Wege ist, der thut närrisch, wenn er sich säumt. Auch ist es vergebens, dem viel zu antworten, der allein aus Vorwitz und nicht aus christlichem Eifer nach etwas fragt. Wer mit fort will, der komme: je länger hier, je später dort.« – Wie oft sah ich nun, wie sich der arme Mann, weil sie alle barfuß gingen, elendiglich an die Steine stieß, worüber er jeweilig einen tiefen Seufzer auspreßte und man meinte, er wollte die Steine erweichen, so zahlreich rannen ihm die Thränen aus den Augen auf den Boden herab. Mein Gott! dachte ich bei mir selbst, das ist ja wahrlich ein ungeschlachter, ungehobelter, schlechter Weg, und es ist kümmerlich darauf fortzukommen; die Leute, die denselben wandeln, sind recht unwirsche, unfreundliche und elende arme Leute und es macht keine Freude mit ihnen umzugehen. Es war mir auch höchlich zuwider da zu gehen, weil ich nicht einen einzigen mächtigen oder reichen Mann, der mir bekannt war, dort hätte antreffen können, aus Ursachen, die ich später erfuhr: weil nämlich reiche Leute mehr auf lustige Spazierfahrten als auf dergleichen armselige, bettelhafte Pilgerfahrten zu verwenden pflegen. Ich wußte nun nicht, was ich thun sollte; sollte ich vorwärts oder nicht. Schließlich machte ich einige Schritte zurück und gelangte so nach einer kleinen Weile wieder an die Grenze, wo sich beide Wege von einander theilen. Als ich mich da ein wenig erholte und mich umsah, wurde ich zweier Personen gewahr, denen ich mich nahte. Als ich zu ihnen kam, erkannte ich zwei Soldaten, den einen Namens Egneus, den andern Namens Tondalus. Sie beschieden mich auf meine Fragen, daß sie vor Jahren hier noch einen dritten Weg gesehen hätten, welcher von Irland durch Island, Polen, Ungarn, Dalmatien und Campanien grade nach Sardinien in den Berg Aetna und von da in das Fegefeuer führte; diesen Weg hätten sie aber verloren und könnten nun nicht mehr als zweie finden. Ich wußte ihnen hierin auch keinen Bericht zu geben. Während wir aber alle drei wie die Narren da standen und nicht wußten, was zu thun wäre, kam ein anderer Pilgrim, auf den schmalen Weg einlenkend, der rief uns zu und sprach: »Ich verstehe euch sehr gut, ihr Herren. Wo habt ihr denn so lange gesteckt, daß ihr nicht wißt, was vor einhundertunddreiundzwanzig Jahren geschehen, wie nämlich der dritte Weg hier verhauen und durch eine große Kluft versperrt, überhaupt für ganz unnöthig erkannt worden ist, da er über weitabgelegene Orte doch endlich wieder in die breite Straße einmündet?« Wir verwunderten uns anfangs dessen, bis er uns die Sache erklärte, und wir an den Fingern ausrechnen konnten, daß dem so wäre. Dennoch blieben wir da in Gedanken stehen und wollten ohne bessere Erkundigung nicht weiter gehen. »Fort, fort, sprach er, da ist kein anderer Weg zu hoffen; es ist nur Himmel und Hölle, Leib und Seele, Gesetz und Evangelium, Seligkeit und Verdammnis. Was nicht zu Gott will, das fahre zum Teufel! Die Neutralisten haben hier keine Stätte, es ist verloren Werk mit ihnen; es steht nicht fein und ist auch nicht ehrlich, wenn man weder das Eine noch das Andere sein will. Es ist keine Klugheit oder Weisheit, in einer unvermeidlichen Sache sich drücken und bei einem Dinge, das sein muß, sich nicht erklären wollen; es ist vielmehr eine Kleinmüthigkeit, eine Untreue und rechte Verrätherei. Als Fürst Christian von Braunschweig Christian von Braunschweig stand im 30jährigen Kriege auf Seiten der Protestanten, er war ein rauher Kriegsmann, den die angeborene Waffenlust zum Kriege trieb; er starb 1627. gefragt wurde, was Neutralisten wären? gab er eine wunderliche Antwort. Ich aber sage euch, neutral sein ist soviel als des Teufels nicht sein wollen und doch Gottes nicht sein können; es gehören also die Neutralisten dem Herren zu, dem sie dienen. Gott will uns kalt oder warm haben, Laues speiet er aus; Gott und Welt sind einander zuwider. Ihr könnt nicht Gottes sein, es sei denn, daß ihr den Teufel erzürnt; wer Gottes sein will, der muß den Teufel nothwendig zum Feinde haben. Heucheln, auf beiden Achseln tragen heißt sich Gottes schämen, Gott verachten und verläugnen und dem Teufel schmeicheln. Es ist nicht zu verantworten, was etliche im Brauch haben, die es mit dem Kaiser halten, wenn es den Franzosen übel geht; die es mit den Franzosen halten, wenn es ihnen übel geht. Am Ende des Lebens soll sich insonderheit keiner einbilden neutral sein zu wollen: denn wer da zuerst zurückhalten und nicht recht zu Gott will, den erwischt gewiß der Teufel.« Darauf ließ ich diese Beiden stehen und ging stracks auf die linke Seite in den breiten, hübschen gebahnten Weg. Behüte Gott! welch eine Menge Volks fand ich daselbst: hier Cavaliere, da Kutschen; hier schöne Damen, deren Augen funkelten, als ob sie voll feuriger Sterne wären; da Spielleute; hier ich weiß nicht was für treffliche Herren und Frauen. Ein Theil sang, ein anderer sprang, einer pfiff, der andere tanzte, der eine kitzelte, der andere lachte, einer trank, der andere aß, einer küßte, der andere herzte, einer tätschelte, der andere naschte, einer spie, der andere kotzte – kurz, es war mir grade, als ob ich zu Hofe wäre. Da dachte ich an das Sprichwort: wer dich will kennen lernen, der sehe nur deinen Gesellen an. Um daher nicht für einen gehalten zu werden, der böser Gesellschaft nachgeht, so begab ich mich zu dieser guten Gesellschaft. O was für eine gute Gesellschaft war da zusammen! Es war ein Kern von guter Gesellschaft, und es ging so vertraulich unter uns zu; ja wohl! daß einer den andern verrathen und verschwatzt hätte. Ha! wie bald lernte ich den Handel kennen: Tanzen, Singen, Springen, Jubilieren und Jauchzen, Schmeicheln, Gassenhauen, Mummenschanzaufführen, Schauspiele und Gaukeleien, Gastereien, Löffeleien und andere Fröhlichkeiten, die mir trefflich und über alle Maßen wohl gefielen. Es ging da nicht so bettlerisch her wie auf dem andern Wege, wo aus Mangel an Schneidern die Leute zerlumpt und bloß daher kamen. Hier war alles anzusehen wie ein Krämerladen auf Jahrmärkten und Messen: hier Spaßmacher dort Zuckerbäcker, hier Materialien dort Droguenhändler, hier Goldschmiede dort Seidensticker, hier Goldschläger dort Korallenkrämer, hier Perlensticker dort Haarkräusler, hier Bartscheerer dort Haarpuderer, hier Handschuhmacher dort Spitzenhändler, Tabakkrämer, Kartenmaler und viele andere der Welt Wollust und Ueppigkeit (Fröhlichkeit wollte ich sagen) zugethane Handwerker und Künstler. Pastetenbäcker, Wirthshäuser, Bierhäuser, Spielhäuser, Hurenhäuser waren da auf Schritt und Tritt anzutreffen; in allen diesen soffen wir uns so voll und toll, daß wir kotzen mußten, und es war eine Lust zu sehen, wie wir im Dreck dalagen. Ich kann nicht alles erzählen, was für Freude unter so braver, wackerer Gesellschaft ich hatte; es ging so herzhaft her, daß mir noch der Mund wässert, wenn ich daran denke. Es gab zwar immerzu Händel, insonderheit unter den Franzosen und Holsteinern, die sich herausforderten, rauften, kämpften und auf einander drangen, daß es kaum zu glauben ist. Einige tolle Studenten zankten und balgten sich auch; doch mußten zuletzt die armen unschuldigen Steine herhalten und in die Spitze ihrer Klinge beißen, so grimmig stürmten sie mit ihren Degen auf dieselben los, daß das Feuer heraus sprang. Die Herren Juristen und Mediciner kamen einander auch in die Haare des Vorzugs halber. Die Juristen gaben vor: weil das Gesetz eher als der Fall, also auch als die Krankheit und die Aerzte gewesen wäre, so gebühre ihnen der Vorzug von altersher; und weil das Gesetz auch den Aerzten gegeben sei, so seien sie auch den Gesetzen und dem Recht, folglich aber auch den Juristen unterworfen. – Die Herren Mediciner hingegen brachten aus Gottes Wort vor, daß der Leib mehr wäre als die Kleidung und als das zeitliche Gut: folglich seien sie auch den Juristen vorzuziehen. Ein alter erfahrner Jurist und Practikus gab darauf den Bescheid: die Mediciner dürften in einem christlichen Staate wahrlich nicht einheimisch werden, sondern nur geduldet werden wie die Juden; ja weil sie gewöhnlich Venena graduata genannt würden (da sie die Kunst Gift zu bereiten erfunden), so sollten sie billiger Weise nicht in so hohem Werthe bei den Christen sein. Ein Mediciner sprach etwas entrüstet also: »Nun wohlan, laßt uns von vorn an argumentiren: das fünfte Gebot ›du sollst nicht tödten‹, das insonderheit den Medicinern gesagt ist, ist ja eher gegeben als das siebente ›du sollst nicht stehlen‹, das auf die Juristen geht: folglich sind auch die Herren Mediciner den Juristen vorzusetzen.« – Dem aber entgegnete wieder ein Jurist, und so einer nach dem andern. Da sie nun nicht Handels einig werden konnten und zu besorgen war, daß es gar zu Streichen kommen möchte, und da ich wußte, daß alles, was zur Unzeit geschieht, einem verdrießlich ist zu hören: da gab ich ihnen den Vorschlag den: ersten Besten die Sache zur Entscheidung zu überlassen. Das ist denn auch von Baschen Mäl Das war vielleicht ein Volksdichter. folgendermaßen abgefaßt: Man sagt, es hab' sich einst begeben Dort in Frankreich zu Paris eben, Daß zwei Doctoren worden sind Uneinig und einander feind Betreffs der Reputation, Wer von ihnen sollt' oben gehn. Der eine nun war ein Jurist, Sein Widerpart gewesen ist Ein Medicus. Als nun die Beiden Gar gern gewußt zu unterscheiden, Wem die Ehre gebühren soll' Oben zu gehen an erster Stell', Da wurden sie eins mit dem Beding; Wer ihnen zuerst entgegen ging. Dem wollten sie die Sach' erzählen; Und wie der würd' sein Urtheil fällen, So sollt' es immerfort dann bleiben. Ein Bauer kam, that Schweine treiben; Den fragten sie, wer sollte gehn Voran und wer zur Rechten stehn? Der Bauer, verschmitzt, auf ihre Sag' Sprach: liebe Herren, ich will 'ne Frag' Auch thun vorher; berichtet's fein, So will ich euch zu Willen sein. Sagt mir denn ohne lang Bedenken, Will irgend einen Dieb man henken, Wer steigt zuerst die Leiter hinauf: Der Henker und erst darauf Der Dieb? Da sprachen sie: gewiß, Der Henker vor, der Dieb nach muß! Da sprach der Mann: nun habt ihr Herrn Das Urtheil selbst gesprochen gern: Ihr Aerzte geht vor als wie der Henker Und machet oft den Kranken kränker; Und ihr alsdann, gelehrt im Rechten, Geht nach, wie auch die Diebe pflegten Von Alters her. 'S ist wahr kurzum: Ihr biegt das Recht und macht es krumm. Hiermit schieden sie alle drei. Dies Urtheil bleibt auch heut' nach frei; Die Ehre soll von keiner Partei Genommen sein, da Gleichheit sei. Wer aber nicht kann Scherz verstehn Der soll des Lesens müßig gehn. Während dieses (sonst bei Reichs-, Collegial-, Deputations-, Stände- und Kreistagen zu Schande und Schaden üblichen verdammlichen) Ehrenzankes sah ich hier und da etliche straucheln, als ob sie auf schlüpfrigem Eise gingen und sich des Fallens nicht enthalten konnten. Ich dachte aber bei mir: Ihr Herren Juristen und Mediciner habt euch gut um die Kappe reißen; wir andern Narren müssen doch den Stab geben und die Schellen zahlen; ich möchte nicht so bald einen für den andern nehmen. Ist der Jurist gut, so ist wahrlich auch der Medicus gut; sie verstehen sich alle Beide gar trefflich auf ihre Rechnung. Eine Koppel von Wirthen und Weinschänken fielen unvorsichtiger Weise zusammen in eine große Grube voll Wasser, daß es über ihnen zusammen schlug. Da sie aber, nach der Regel: wodurch jemand sündigt u. s. w., fürchteten, es möchte das Wasser Zeugnis geben wider sie, so arbeiteten sie sich mit allen Kräften heraus und machten sich davon, als ob sie der Teufel besäße. Wir mußten über die andern, welche auf dem schmalen, steinigten Wege gingen und die wir anfangs noch gut sehen konnten, recht lachen, weil sie tausend und tausend Unfälle beim Fortkommen hatten; deshalb zogen wir sie redlich durch die Hechel, nannten sie Heuchler, Heiligenfresser, Bibelhelden, Lumpen, Suppenhunde, Bettelsäcke, Halunken, Allerweltunlust. Einige derselben stopften sich die Ohren zu und eilten fort, damit sie uns nicht hörten, einige blieben stehen, damit sie uns hören könnten, einige wurden bestürzt über unser Rufen, einige schämten sich über unser Gebaren, andere wurden dadurch gereizt und kamen zu uns herüber. Unfern aber wurde ich einer andern Truppe gewahr, welche auf unserm Pfade nach einem kleinen Umwege fortwanderte; sie sahen ernsthaft aus, als ob sie ehrsame Leute wären und ließen es sich gar sauer und wehe dabei werden. Als ich ihnen aber nahte, bemerkte ich, daß sie unseres Volkes waren. Einer sagte mir, sie würden Scheinheilige genannt, als Leute, die einen heiligen Schein und Wandel führten vor der Welt, in der That aber rechte Gottesverläugner wären, bei denen in die Kirche gehen, von Gottes Wort reden, Sacramente besuchen, Gevatterschaften machen, Kranke besprechen, Seufzen und Weinen, Beten und Fasten, Almosen geben, Wachen und Gelübde, Buße und Besserung ein eitel erdichtetes, angenommenes, falsch gemeintes Werk ist, wodurch sie die Hölle und nicht den Himmel verdienen. Ich fand, wie wahr es ist, daß viele es sich lassen sauer werden, die Hölle zu verdienen und des Teufels Märtyrer zu werden. Wir gingen nun immer fort, einige unter Kurzweil und Lachen, einige mit Grunzen und Murren nach Hofsgebrauch. Die Eigensinnigen und Starrköpfe gingen bei Seite, wie sehr wir ihnen auch nachschrieen und sie ermahnten mit uns zu gehen; aber sie wollten sich nichts einreden lassen, sondern beharrten auf ihren fünf Augen, wie jener, der das Plarr hatte; je mehr man sie warnte, umsomehr liefen sie ihrem Unglück entgegen. Es war da eine ganze Welt Volks aus allen Ständen, Würden, Aemtern und Altern zu sehen: Geistliche und Weltliche, Kaiser, Päpste, Könige, Cardinäle, Bischöfe, Fürsten, Grafen, Herren, Adlige, Bauern, Männer und Weiber, Junge und Alte, Reiche und Arme, Pfarrer und Pfaffen, Mönche und Nonnen, Eltern und Kinder, Lehrmeister und Lehrjungen, Gelehrte und Narren, Blinde und Sehende. Ganze Regimenter Sold-thaten – ein ungereimter Name; denn sie thun um ihren Sold sehr wenig Thaten, das macht, sie kriegen auch wenig Sold für ihre Thaten – und Landsknechte mit ihren Befehlshabern kamen auch daher, für die es dies Mal eine große Gnade gewesen wäre, zu hören von den blutigen Wunden unschuldiger Märtyrer und dem allerheiligsten Blut Christi, welches sie vordem insonderheit durch die neumodischen französisch-belialischen Flüche so schrecklich mißbraucht hatten; ja, welche vordem der gebenedeiten keuschen Jungfrau Maria unbefleckte Glieder, die den Leib des eingebornen Sohnes Gottes so sänftiglich und säuberlich getragen haben, aus unflätigem und bübischem Rachen beschmutzt und beschmissen hatten, nur um eine teuflische Gravität damit zu gewinnen. Diese Eisenbeißer sangen und erzählten einander von ihren Schlachten, Wunden, Abenteuern und Schelmenstücken; von ihren gefährlichen Treffen und Ausreißen oder, um reputirlicher davon zu reden, Retiraden, wie trefflich und ritterlich sie sich gehalten hätten vor Pavia, vor Montcontour, Neuport, Neuhäusel, Preßburg, Pfaffenhofen, Wimpfen, Lützen, Leipzig, Nördlingen, Raab, Kanischa, Pest, Ofen, Smolensk, Breda, in Magdeburg, bei Rain, Höchst, Wittenweier, Dessau, Torgau, auf dem Ochsenfelde, am weißen Berge Es sind Schlachten, die theils im 30jährigen Kriege, theils im vorhergehenden Jahrhundert stattgefunden haben. u. s. w. Aber all dieses Aufschneiden hielten wir andern für Lügerei und Erdichtungen; nur glaubten wir ihnen, wenn sie von Herumbeißen und -schmeißen sprachen. Das war denjenigen leicht zu glauben, welche wußten, daß sie mehr Läuse als Ducaten im Busen gehabt hatten, deren sie sich nur mit Noth erwehren, und die sich vor dem Todesgestank kaum schützen konnten. Ich hörte, daß einige von dem andern Wege zur Rechten diesem Soldatengesindel, welche meist an ihren Gürteln mit breiten blechernen Büchsen behängt waren, worin sie ihre Pässe, Abschiede, Paßzettel und andere unnütze Briefe hatten, zuriefen: »Hierher Soldaten, hierher! was soll das sein! Ist das eine so männliche That, daß ihr diesen Tugendweg um einiger zeitlicher Widerwärtigkeiten willen so leicht und liederlich verlaßt? Nur tapfer heran, denn wir sind gewiß, daß die, welche ritterlich hier kämpfen, die Krone der Ehren empfangen werden! Nur frisch daran! drauf! drauf! drauf! Durch welche vergebene Hoffnungen und Verheißungen großer Fürsten und Potentaten laßt ihr euch so bethören und bei der Nase herum führen? Wollt ihr denn ewig die greuliche Stimme unter euch erschallen lassen: Hau! stich! Blut oder Geld!? Laßt euch von dieser Thorheit und armseligen Ausmalung goldener Berge nicht allzusehr entnehmen und verblenden! Ein ehrlicher Mann soll nicht für Belohnung sorgen; so er recht thut, wird sich der Lohn schon finden, denn die Tugend ist sich selbst Lohn, sie ist ihre eigene Vergeltung; auf diese allein sollt ihr eure Thaten gründen und euch nach ihr richten! Wollt ihr aber sagen, ihr seid des Krieges gewohnt, ihr könnt nicht ohne Krieg leben – wohlan! hierher auf den rechten Weg! denn hier könnt ihr eure Mannheit und Stärke ritterlich üben und anbringen. Kriegsknecht! warum denn solches Pochen, Daß du im Krieg willst sein erstochen? Gemach! die Blattern, Fieber, Pest Erwürgen viel' in ihrem Nest, Von Prassen, Schlemmen, Unkeuschheit Wird euer Herz gar bald befreit. Bist du zum Krieg geboren schier, Und willst auf Erden kriegen hier: Krieg' mit dem Fleisch und deiner Lust Und mit dem Feind in deiner Brust; In solchem Streit wirst alt du werden Und wohl erhalten sein auf Erden. Ihr habt euch ja als redliche Kriegsleute unter die Blutfahne Jesu Christi in der heiligen Taufe einschreiben lassen und habt gelobt ritterlich zu kämpfen. Ei, warum wollt ihr denn so treu- und heilloser Weise entlaufen und zu dem schrecklichen Feinde übergehen? Hierher! hierher! seht euch um, da ganz nahe, da ist der Feind, setzt euch zur Wehr! Drauf! drauf! Des Menschen Leben ist ein ewiger Streit und Krieg wider sich selbst; die Feinde unserer Seele sind: Welt, Teufel, Fleisch, Fleischeslust, Augenlust, hoffärtiges Leben. Diese Gewappneten lassen uns nimmermehr Ruhe und sollen einem wahren Christen Ursach genug sein, die Wehr ohne Rast in den Händen zu halten. Bedenkt doch – wenn auch eure Herrschaften sagen, ihr wäret ihnen mit Leib, Gut und Blut verbunden und wider alle Welt und alles Recht zu dienen schuldig – was ist ihnen damit geholfen, wenn ihr um ihretwillen nicht nur das Leben sondern auch die Seele lasset? Was ist euch damit geholfen? Nichts: denn sie werden euch doch schlechten Dank sagen am Ende. Daher kehrt um und kommt hierher: hier ist Rhodus, hier laßt uns tanzen! hier ist der Krieg, hier kämpft und streitet! Flieht, flieht diese Feinde, die euch um Leib und Seele bringen! Fliehen ist hier der Sieg; weit ab ist gut für das Geschütz; säumet nicht lange umzukehren, dann könnt ihr noch erlöst werden, bevor ihr in die Stricke des unendlichen Verderbens gerathet. Hierher! hierher! säumet nicht lange, der Feind ist nahe an euch! Es ist Gefahr auf diesem breiten Wege, er ist schlüpfrig, er hat Gruben, sehet zu, daß ihr nicht hinein fallt und verderbt! Hierher! hierher! Wenn ihr nicht flugs umkehrt, so ist es um Leib und Seele geschehen; der schmale Weg geht zum Himmel!« – Die Soldaten hörten zwar diesen Warnungen fleißig zu; jedoch aus gegenseitiger Scham, damit sie nicht für verzagte Kerls und Bärenhäuter angesehen würden, die da ein Ding, was sie sich einmal in den Sinn genommen, nicht auch vollenden dürften, liefen sie auseinander, den Hut in die Augen, wie Helden und Löwen den Wirthshäusern zu, wo einige noch Tabak rauchen bis auf den heutigen Tag. – Viele von denen, welche fast bis zum Ende auf der rechten Seite gewandelt waren, haben, irregeleitet durch unser Wesen und aus andern geringen Ursachen, diesen Weg thörichter Weise verlassen und sind unsern Fußtapfen unweise nachgefolgt. Andere von uns sind am Ende erst weise geworden, haben sich bedacht und sind wieder umgekehrt, um aus den rechten Weg zu wandern; deren waren aber wenige. Auch sah ich eine vornehme, köstliche Frau, welche der Hölle zu marschirte ohne Pferd und Kutsche, ohne Sänfte, zu Fuß und allein. Als ich sie in so elendem Stande wider ihre Gewohnheit sah aufziehen, und ich mir nicht anders denken konnte, als daß sie unter diesem angenommenen Schein und in dieser ungewohnten Gestalt irgend ein Bubenstück vorhätte: fragte ich, ob nicht ein Notar oder Schreiber vorhanden wäre, der mir ein Schriftstück gegen sie aufrichten könnte? Es wurde mir geantwortet: nein. Da dachte ich bei mir: dann bin ich gewiß noch auf dem rechten Wege gen Himmel, sintemal keine Schreiber hier sind. Wenn ich hingegen wiederum bedachte, daß der Weg zum Paradiese voll Ungemach, Bekümmernis, Angst, Qual, Kreuz, Noth und Tod ist, so mußte ich überzeugt sein, ich ging der Hölle zu, weil ich auf diesem Wege nichts als Lachen, Tanzen, Singen, Turnieren, Springen, Spielen, Wollust, Freude und Gastereien sah und hörte. Ich wußte in diesem Zweifel nicht, wie mir war, ob ich träumte, oder ob alles wirklich geschähe, ob mir wohl oder übel wäre. Aber bald merkte ich, wo ich war, als ich eine Truppe Siemänner, Weibernarren, erblickte, die ihre schönen Weiber als ein Zeichen ihrer ausgestandenen Sorge, Angst, Arbeit und Pein an der Hand führten; dagegen war bei den guten Tröpfen nichts weiter zu sehen als Hunger und Kummer, Wachen und Fasten. Sie fasteten, damit die lieben Weiber einen guten Bissen mehr zu St. Arbogast, in der Ruprechts-Au, zu Schilke, Büsche, Höhne Vergnügungsorte in der Umgegend. zu verzehren hätten; sie wachten, damit ihre Weiber um so sicherer oder, so zu sagen, bei andern schlafen könnten. Sie gingen zerrissen und halbnackend, damit ihre Weiber einen schönen Pelz, einen schönen Ring, eine schöne Kappe, ordentliche Schuhe, silberne Gürtel u. s. w. tragen könnten. Und nach all dieser ausgestandenen tyrannischen Dienstbarkeit vergalten es ihnen die Weiber wenig, sie zeigten sich nicht als Gehilfinnen des Mannes, wie sie vom Priester eingesegnet worden waren, sondern benahmen sich wie Marterknechte und Henker, welche ihre Ehemänner durch Katzenbeißen, Hundebellen und Bärenreißen quälen, sie belügen, betrügen, bestehlen, und heimlichen Kupplerinnen und Gimpelhuren zutragen, was sie können. Da merkte ich, wie wahr es ist, daß ein schlechtbeweibter Mann alles das ausstehen muß, was ein armer Märtyrer auf Erden mag ausstehen und leiden. Während ich das elende Leben dieser Leute betrachtete und nun nicht anders meinte, als daß ich auf dem rechten Wege des Himmels sein müßte, da hörte ich eine Stimme, welche rief: »Platz! Platz! Lasset die Herren Apotheker passieren!« – O Gott! sprach ich, hat es auch Apotheker allhier? Dann ist dieser wahrlich der Weg zur Hölle; wie es denn auch wahr war und wir gewahr wurden. Denn in einem Augenblicke, ehe wir es merkten, waren wir durch viele kleine Fallbrücken schneller darin, wie die Mäuse in der Falle, wo der Eingang leicht, der Ausgang aber schwer und unmöglich ist, wo die Fußtapfen alle hinein, keine aber hinaus gehen. Es wundert mich, daß die ganze Zeit, die wir auf Erden waren, nicht einer gefragt und bedacht hat: was machen wir? Was gedenken wir zu thun? Wie leben wir? Wie hausen wir? Was wird es für ein Ende nehmen? Wo kommen wir hin? Wann kehren wir um? Keiner hatte, solange wir auf diesem Wege gewandert waren, gesagt, daß wir in die Hölle gingen; und nichtsdestoweniger, als wir jetzt in dem Höllenkäfig waren, sah einer den andern mit Verwundern an, und alle erhoben ein Mord- und Zetergeschrei: o wehe, o wehe, wir sind in der Hölle! O ewig Ach und Wehe, wir sind in der Hölle! Es ist gewiß, wir sind in der Hölle! O Ewigkeit, o Hölle! – Darüber erschauderten mir Herz und Seele und die Haare stehen mir wahrlich noch jetzt zu Berge, wenn ich diesen schrecklichen Worten nur ein wenig mit Ernst nachdenke: O Mord, o Zeter, o ewig Ach und Weh! Ist denn das nur immer möglich, daß wir in der Hölle sein sollen? fragte ich; und in einem Augenblick wurde alle Weltfreude, alles Lachen und Wohlleben in ein ewiges Trauern verwandelt. Mit Zittern und Zagen bedachte ich nun erst, aber viel zu spät, was ich in der Welt gethan, was ich unterlassen, was und wen ich hinterlassen hatte? Freunde und Verwandte, meine Liebsten, meine Gesellschaft, alle Frauenzimmer. Da fing ich an zu seufzen und zu klagen, sah zurück nach der Welt und nach dem Wege, den ich gewandelt war. Hier sah ich aber eilends wie auf der Post hinter mir herkommen alle die, welche mit mir auf der Welt in Gesellschaft gelebt und gewaltet hatten, durch deren Zurufen und Gegenwart ich um nichts getröstet wurde. O Mensch, o Mensch, bedenke das Ende, so wirst du nimmermehr sündigen! Durchforsche alles, und du wirst nichts schrecklicheres finden als zu leben in dem Zustande, in dem du nicht zu sterben wagst! – In diesem Unglück und dieser Verdammnis gingen wir weiter, bis wir ein Schock Schneider antrafen, die sich aus Furcht vor den Teufeln in eine Ecke zusammengedrückt hatten. Bei der ersten Pforte sah ich sieben Geister, welche eine Rolle in der Hand hielten mit den Namen derer, die ankamen. Sie fragten auch mich nach meinem Namen; wer, welches Standes und ob ich nicht ein Amtmann wäre? Denn die Amtleute sind in der Hölle ganz zollfrei, und werden gern aufgenommen und sehr gefördert. Sobald ich ihnen aber Bescheid gesagt hatte, ließen sie mich weiter gehen. Als sich die Schneider angemeldet hatten, sprach einer der sieben Geister: »Da schlage Blei zu! ist das nicht ein seltsames Wesen? Ich glaube, die Schneider auf der Welt meinen, die Hölle sei für niemand anders als für sie allein gemacht, denn sie kommen zu Hunderten und Tausenden daher! Wie viel sind euer?« fragte ein Teufel. »Unser sind just ein Hundert,« antwortete deren einer. »Es ist nicht möglich, sprach ein anderer Teufel, daß euer nur hundert sein sollen; denn die geringste Truppe, welche sonst täglich hier anlangt, ist nicht unter tausend oder zwölfhundert; und es sind deren schon so viel hier innen, daß wir nicht wissen, wo mit all dem Diebsgesindel hin, und ob wir noch mehr annehmen werden oder nicht;« worüber die arme, wurmstichige Gesellschaft heftig erschrak, bis sie endlich auf Fürsprache einiger Kaufleute angenommen wurden. – Das müssen ja die allergrausamsten Leute sein, sprach ich bei mir, denen man zu besonderer Strafe sogar die Hölle verwehren wollte. – Es währte nicht lange, so kam ein alter krummer, buckliger Teufel daher, der sie mit einander in eine tiefe Grube hinabstürzte und dabei rief: »Habt Acht! Aus dem Wege! Macht Platz!« Aus Vorwitz ging ich heran und fragte nach der Ursache, daß er so höckerig, krumm und entstellt wäre? Er antwortete, es wäre vor Zeiten sein Amt gewesen, die Schneider aus der Welt abzuholen und in die Hölle zu tragen; von der Menge und Last habe er diese Ungestalt bekommen. Da aber die Schneider seit wenig Jahren ohne Satz und Taxe lebten und so von selbst der Hölle zuliefen, wäre er dieser Mühwaltung überhoben und nur noch damit geplagt, sie bei ihrer Ankunft an diesem Orte einliefern zu müssen. Darauf ging ich fort durch ein enges, finsteres Gäßchen nach einem großen ummauerten Platz, da ich hörte, daß mich einer mit Namen rief. Doch ich kehrte um mit solchem Schrecken, daß mir der kalte Schweiß ausbrach, denn ich wurde eines Menschen gewahr, der war übel zugerichtet und geberdete sich elendiglich sowohl wegen des dicken Gestanks, als wegen der greifbaren Flammen, die ihn umgaben. »Ihr, Herr, höret ihr nicht! rief der Armselige; kennet ihr mich nicht, Philander? Ich bin Ocus Bocus, der Buchdrucker, der die Druckerei gehabt hat, die ihr wohl kennt!« – Ist das möglich? sagte ich. »Ja freilich, antwortete er, ich bin es selbst.« Wer sollte das gedacht haben! Der elende Tropf meinte, ich sollte mich mehr verwundert und bekümmert haben als ich that. Aber ich wunderte mich viel mehr ernstlich über die große wahrhaftige Gerechtigkeit Gottes, der ja einem jeden Unbußfertigen den verübten Frevel zu rechter Zeit nicht unvergolten läßt. So auch diesem, dessen Buch- oder Kramladen ein rechtes Hurenhaus von Büchern war, wo Zucht und Ehrbarkeit verhöhnt und verlästert wurden; der alle garstigen, zotigen Lumpenbücher und Schriften gedruckt und verlegt hatte; durch dessen unergründliche Geldsucht allein die heutige einfältige, unbedachtsame Jugend so manche Scharteken der Fastnachtspredigten, Gartengesellschaft, Rollwagen, Amadis, Schäfereien und anderer mit äußerstem Aergernis liest. Er aber sprach: »Was hilft's? Das ist der Buchhändler und Drucker Lohn; denn wir werden verdammt nicht nur unserer eigenen sondern auch anderer Leute böser Werke willen, insonderheit aber vieler, die aus dem Griechischen, Lateinischen und Welschen in unsere Muttersprache übersetzt worden sind; so daß heutiges Tages ein Lakai oder Stallknecht eher den Virgilius, des Ovidius de arte amandi , Romane u. s. w. in der Hand hat, als ein Paradiesgärtlein, Habermann, Rosengärtlein S. Seite 77 Anm. oder ein anderes herrliches Gebetbuch.« Der Elende hätte immer so fort geplaudert, wenn nicht ein Teufel, der das Geschwätz zu hören müde wurde, ihm den Athem mit einem flammenden, rauchenden Käse gestopft hätte, dessen stinkender Geruch mich forttrieb; und ich dachte bei mir: Behüte Gott! wird man also tractirt um fremder Leute böser Werke willen, wie wird es dann denen ergehen, die solche losen Bücher und Schriften selbst machen und an den Tag kommen lassen. – Ich hörte ein Rufen: es ist eine große Fähigkeit in den Büchern sowohl zu Gutem als zu Bösem; zu Gutem, indem oft einer durch ein tugendhaftes Büchlein tugendhaft, durch ein züchtiges züchtig, durch ein gottseliges gottselig, durch ein heiliges heilig wird; dagegen aber auch durch ein schandbares schandbar, durch ein unkeusches unkeusch, durch ein gottloses gottlos, durch ein heidnisches heidnisch, durch ein teuflisches teuflisch und an Leib und Seele verdorben wird. Durch Büchsen ist manch Herz getroffen, Durch Schifffahrt sind viel Leut' ersoffen. Durch Bücher viel' zur Höll' geloffen. Beim Hinweggehen zupfte mich ein anderer am Arm, daß ich über die Maßen erschrak. Mein Gott! was für Schrecken und Noth ist da an allen Orten! Ich fragte, wer er wäre? »Helft mir, helft mir, ich ersticke! sprach er, so daß ich meinte, er hing an einem Strange, ich würde dann den Dieb aus Mitleiden abgeschnitten haben. »Nein, nein, sprach er; ich hänge nicht und doch muß ich ersticken, denn ich fühle inwendig meine Schmerzen.« Was ist dir denn? fragte ich; hast du etwa zu gierig gegessen? »O weh, nein! nicht gierig gegessen, sondern gedruckt. Ich bin auch ein Buchdrucker und im Drucken so vortheilsüchtig und gierig gewesen, daß ich mir nicht habe genügen lassen an denjenigen Schriften und Büchern, die man mir in das Haus gebracht hat, sondern ich habe auch des Vortheils willen andere Bücher zum Schaden und Nachtheil ihrer Verleger nachgedruckt. Sobald ich gesehen, daß irgend ein Werk gut abging, so habe ich dasselbe in ein anderes Format gebracht, oder mit anderer Schrift, oder verändert, verketzert und vermehrt zu höchster Beschimpfung des Buchschreibers aufgelegt, um den Gewinn mir zuzuziehen. Dabei aber habe ich nicht bedacht, ob Gott oder der Christenheit damit gedient wäre, sondern einzig und allein, wie ich mir damit Reichthum sammeln könnte. O helft mir, ich ersticke!« Was Teufels hast du denn im Hals? fragte ich. »Einen Nachdruckteufel, einen Buchteufel, ein feuriges Buch, das ich unlängst einem ehrlichen Manne zum Verdruß und Schaden nachgedruckt habe; deswegen habe ich die christliche Liebe außer Acht gelassen und bin des Gewinnes willen des Teufels geworden.« – Daß dir's dann der Teufel segne! sagte ich darauf. Warum hast du dir nicht an dem genügen lassen, was dein ist? Hast du denn nicht Gottes Gebot vor dir gehabt ›du sollst nicht stehlen‹? »O wehe! rief er; sprecht nur nicht von Stehlen, sonst komme ich ganz von Sinnen, ich habe es zuvor gewußt! O daß der Geiz verdammt wäre, der mich zu solcher Thorheit gereizt hat! Verflucht sei die Stunde, in der ich solchen Frevel begangen habe! Ach mein Freund, nimm mir nur das Geld aus den Augen, das Gold, das ich durch dieses Nachdrucken gewonnen! Wenn mir dieses aus Gesicht und Gedanken wäre, so möchte ich vielleicht Linderung der Schmerzen fühlen.« Wo hast du es denn? fragte ich. »Da, da, da!« sprach er und wies mir mit dem Finger ein Gewölbe, wo etliche Kisten voll standen. Ich nahm eine Hand voll heraus um zu sehen, was es für Münze wäre. Aber es zerrann mir unter den Händen und verschwand in der Luft. Als der unselige Kerl sah, daß sein vermeintlich gesammelter Reichthum nicht besser gedeihen sollte, fuhr er in die Höhe, als ob er bersten wollte, stellte sich wie ein Hund oder eine Katze, denen ein Knochen quer in den Hals gekommen ist, und trieb es mit den lächerlichen, possierlichen Sprüngen eine gute Weile, bis er wie todt zu Boden fiel, und ihm die helle Flamme in Form von griechischen Buchstaben zum Halse hinausfuhr. – Dies Gesicht giebt mir Ursach, alle ehrliebenden Drucker zu vermahnen, daß sie sich ja, außer was zu unzweifelhafter Beförderung der Ehre Gottes und des Nächsten vonnöthen und erlaubt ist, ernstlich enthalten nachzudrucken, damit sie an dergleichen Büchern dermaleinst nicht, wie dieser Armselige, am feurigen Galgen ersticken oder dasjenige wieder ausspeien müssen, was sie zuvor sich und den Ihrigen zu ewigem Fluch und Untergang gewonnen haben. Denn ›das ist der Wille Gottes, daß niemand zu weit greife noch vervortheile seinen Bruder im Handel; denn der Herr ist der Rächer über das Alles.‹ Damit ich aber aus dem Jammer kam, ging ich vorwärts auf eine Wiese zu, welche aussah, als ob sie, wie auf der Welt in schönen Sommertagen, mit Kräutern und Gras bewachsen wäre. Allda fand ich verschiedene Parteien, welche doch nicht ohne innerlich nagenden Wurm und heimliche Schmerzen spazieren gingen. – Wie ist das zu verstehen? sprach ich zu einem: ich sehe, es ist auch Hübsch-Wetter in der Hölle zu finden. »Ja, sprach dessen Gefährte; aber in viel anderem Wesen als auf der Welt. Denn auf der Welt hält man dafür, Hübsch-Wetter sei ein Dieb; und es ist auch wahrlich so nach dem Sprichwort: Schön-Wetter und Freunde sind Diebe der Zeit. Denn Hübsch-Wetter und gute Gesellschaft stehlen einem die theure Zeit hinweg und machen, daß manche Stunde ohne Nutzen wird verbracht und mit Spazierengehen und Spielen vertrieben. Aber hier in der Hölle, wo nichts zur Ergötzlichkeit und Lust, sondern alles zur Unlust und Qual der armen Seelen dient, ist Hübsch-Wetter zwar auch ein Dieb, aber ein Dieb des Trostes und der Freuden und ein Heger alles wohlverdienten Leidens: wenn wir nämlich das sehen und hören müssen, was wir doch nicht genießen können; wodurch uns das Gedächtnis früherer Zeiten, die wir bei schönem Wetter auf der Welt so treu- und ehrlos, so ehr- und gottvergessen, ohne Nutzen und Frommen, ohne Gebet und Arbeit, in Lustseuche und Sünden verbracht haben, umsomehr peinigt und martert. Und es wäre wohl zu wünschen, daß die, welche noch auf der Welt sind, sich an uns erspiegeln, daß sie nimmermehr die weltliche Lust, Freude, Nutzen oder Ergötzlichkeit den ewigen vorziehen und so das Himmlische durch das Zeitliche verscherzen und verlieren.« Während dieses Gesprächs hörte ich ein Geschrei und Wimmern vieler Seelen. Auf meine Frage, was das für Gesellschaft wäre? wurde mir geantwortet, es wären Bratengeiger, Spielleute und Sänger, welche gedächten, wider die Teufel einen Proceß anzustrengen, weil sie ihnen das Geigen und Spielen entweder ganz verwehren oder doch die Saiten allzuhoch spannen wollten, was ihnen zuvor weder an Königs- noch Fürstenhöfen passiert wäre. – Ich bitte mein Lieber, sprach ich zu einem: was mag die Ursache sein, daß ihr so streng gehalten werdet? »Nichts anderes, antwortete einer aus der Gesellschaft, als daß wir mit Harfen und Geigen, mit Corantos, Passomezen und Sarabanden , Es sind Tänze sammt der dazu gehörigen Musik. mit Reigen und Volten hierher gekommen sind, was uns die Herren Teufel so übel aufnehmen: dies sei nicht ein Ort des Lachens, Tanzens und Springens, sondern des Heulens, Weinens und Weheklagens.« – »Warum, du Lumpenhund, sprach einer von den Teufeln, sagst du nicht die gründliche, wahre Ursache, die ihr von jeher vertuscht und verhehlt habt, nämlich eine unzählige Menge von allerlei graulichen, wüsten, stinkenden Sünden, wozu ihr der thörichten, hitzigen Jugend Anlaß und Gelegenheit gegeben habt? Gleichwohl aber habt ihr das Alles verschwiegen, solange ihr am Leben waret. Ja, auch bei den allerheiligsten Uebungen habt ihr, anstatt zur Ehre Gottes geist- und anmuthreiche Psalmen und Gesänge erschallen zu lassen, durch welsche, lose, leichtfertige Fugen, Phantastereien und Concerte zu unzüchtigen, leichtsinnigen Hurentänzen Anlaß gegeben und auf der Orgel aufgespielt, daß gottliebende Herzen einen Abscheu und Greuel davor gehabt haben, Gott aber dadurch höchlichst gehöhnt und verlästert ist.« Darauf sprach ein anderer Spielmann, ein Diskantist: »Für wen seht ihr uns denn an? Meint ihr, wir seien Bärenhäuter? Ihr sollt wissen, daß wir auf der Welt bei den vornehmsten Gesellschaften anders angesehen und gehalten worden sind. Sind auch wohl bravere Kerls als die Spielleute in Kleidung und Tracht zu finden? Seide und Sammet, Taffet und Atlas ist an uns nicht geschont! Unsere Geigen, Brücken und Bogen, Zapfen und Hälse, Mundstücke und Griffe – sind sie nicht von Silber und Gold und unsere Feldzeichen nicht mit Schau- und Gnadenpfennigen behängt gewesen? Woher mag uns jetzt diese Ungnade herrühren, die wir eher für Herz- und Schellenkönige als für schlechte Leute angesehen werden sollten! Mit Recht hat man uns werth und hoch gehalten, die wir die Betrübnis, wovon das menschliche Leben umgeben ist, so zu überzuckern und zu überwinden geholfen haben, weswegen wir auch an Fürsten- und Herrenhöfen und bei großen Leuten mehr als sonstwo gelten.« – »Was ist das? sprach ein Teufel, der vor Lachen bersten wollte; was ist das? Wir haben vermeint, einen Bratengeiger hier zu haben; nun ist es ein Fürsprecher, ein schwatzhafter Zungendrescher, der nicht weiß, wo er seines Gewäsches ein Ende machen soll. Kennst du dich auch noch? Weißt du auch noch, wer du bist? Denkst du auch noch daran, wie du mit den Gaben Gottes gehaust hast, wie du in Verschwendung und Verwüstung mit Speise und Trank freventlich umgegangen bist? Darfst du dich wohl deiner köstlichen Kleider, Schilder und höllischen Gnadenpfennige rühmen? Du würdest wohl davon geschwiegen haben, wenn du den Reim in Acht genommen hättest: Ein Spielmann, der die Speis' und Trank Nicht annimmt mit Genüg' und Dank, Sondern will Geld, Schild, Kleider ha'n: Dem geschieht auch kein Unrecht daran, Wenn man ihn schlägt und stäupet frei; Auf daß er wiss' und spür' dabei. Daß er ein rechter Schalksnarr sei.« – »Was? Schalksnarr? sprach ein anderer Spielmann, ein Bassist, der eben erst von einem Nachttanz gekommen war: läßt man uns hier so trocken sitzen, anstatt uns hier, wie wir hofften, einen Schlaftrunk zu reichen? Es muß ja wenig Freundschaft unter euch zu Hause sein! Ihr habt gar wenig Ursach uns so übel zu tractiren, insonderheit mich: denn obwohl mir kann vorgeworfen werden, daß ich oft auf der Orgel in der Kirche zum Gottesdienst und sonst in andern ehrliebenden Gesellschaften gespielt habe, wofür ich allhier büßen müsse, so ist doch bekannt, und ich kann und will es durch viele unverwerfliche Zeugen beweisen, daß ich öfter zu Abendzechen, heimlichen Kuppeleien und Hurentänzen gedient habe, mehr zu St. Arbogast als zu St. Peter , D. i. die Kirche. mehr im grünen Schiff, auf den Wiesen, auf den Auen zu Schilke, in der Ruprechtsau, zu Hausberg – in Summa, zu Hofe gewesen bin als in der Kirche, und an allen Orten euch mehr zum Gefallen als zum Verdruß veranstaltet habe. Wenn ich jezuweilen zur Orgel gespielt habe, so geschah es doch nicht so sehr aus christlicher Andacht, als um den Gesellschaften Zeit, Ort und Gelegenheit zu Zusammenkünften zu geben: das nennen wir auf a la mode in die Kirche gehen. Zum Beispiel: wenn ein Freier wissen wollte, ob seine Liebste ein ehrlich Mädchen oder ein Balg wäre? so durfte er weiter nichts fragen als: ob sie in unserer Gesellschaft gewesen wäre? Denn das war ein sicheres Zeichen, daß sie ein oder etliche Eisen verloren hatte.« – Aber all sein höfliches Schwatzen konnte ihn in diesem Falle nicht schützen, sondern er wurde sammt seiner ganzen Gesellschaft in die Bande der Finsternis verwiesen, wo sie bei ewigem Durst ein unaufhörliches Nachtgeheul pfeifen, schlagen und klappern müssen. Darauf kam ich an einen Ort mit großen Gewölben, wie Fürsten oder Herren Keller sind. Bald verlor ich hier allen Geruch und Geschmack und fragte, wie dies käme? Da antwortete mir einer der Geister: es wären die Schalksnarren, Possen- und Zotenreißer, Aufschneider und dergleichen Gesellschaft, deren Gespräch, Geschwätz und Possen, garstig und geschmacklos, dieses verursacht hätten. Diese elenden Tröpfe peinigten sich untereinander sehr, erzählten sich gegenseitig Schnacken, und der eine oder andere mußte sich durch die Hechel ziehen lassen, daß er vor Verdruß hätte bersten mögen. Unter diesen sah ich andere, die ich vor der Zeit für ehrbare Biedermänner gehalten hatte; darum fragte ich einen der Geister, warum diese da wären? Er sagte mir: sie seien Fuchsschwänzer und Liebkoser, und deswegen dahin verwiesen, weil sie in der Haut rechte Schalksnarren, obschon äußerlich ehrbaren Aussehens wären. Ihnen wurde von den Teufeln etwas mehr erlaubt, weil sie sich mit den Teufeln vergleichen, da sie ehrliche Leute auf der Welt plagen, wie die Teufel die Gottlosen in der Hölle, ja in vielen Stücken dieselben weit übertreffen; vor diesen kann man sich segnen und hüten: vor einem Fuchsschwänzer aber, der unter guten Worten und freundlichem Schein seine besten Freunde verräth, ist es unmöglich sich zu hüten. »Die andern neben ihnen werden Friedenmacher, Händelschlichter, Mittelmänner, Unterhändler, Makler genannt, deren Art es ist, den Boden gar nicht oder nur wenig zu berühren, weil sie stets auf dem Seile laufen. – Umläufer, die in großen, berühmten Städten, wo sich ein Streit entsponnen hat, geschäftig sind, sich heran machen, den dritten Mann abgeben, das Beste zur Sache reden, einem jeden nach seinem Wunsche sprechen, aber nichts anderes suchen, als wie sie das Fett von der Suppe kriegen möchten. Unterhändler, die gern einen Kauf machen helfen, damit sie umsonst mitzechen und mitzehren können; Hochzeiten anrichten, damit sie ein Brautstück oder ein Paar rothe Hosen verdienen. Makler, die einem fremden Tropf helfen Mittel zu erwerben oder ungewisse Sachen zu erforschen, um 20 oder 30, ja wohl gar 40 Procent zu gewinnen, kurz: die da wissen, allen Sachen ihre Farbe anzustreichen, alles deuten und drehen zu ihrem Vortheil und nach ihrem Willen: Leute, welche lügen können, ohne roth dabei zu werden; die Lügen für eine Ehre halten, die rechte Wahrheit verdunkeln und übergehen, eine Sache mit arglistiger Unwahrheit verbinden, falsche Berichte anbringen, mit der Wahrheit sparen, mit dem großen Messer aufschneiden, sich selbst in die Backen hauen, unter die Tauben werfen und schießen, Fabeln erdenken und sich keiner Lüge schämen – Leute, die gleichwohl meinen, daß ohne sie alle menschliche Einigkeit, Friede und Stillstand in Ewigkeit verjagt und die Welt längst zu Grunde gegangen wäre. Es sind Leute, durch deren Hurtigkeit, bevor das mönchische Bücherabschreiben und das deutsche Bücherdrucken aufgekommen ist, aller Welt Händel und Botschaften verrichtet und geschlichtet wurden (wie noch vor dem Jahre 1492 in West-Indien geschehen ist). Wie aber dieser Leute ganzes Thun keinen Grund hat, so bleibt bei ihnen auch weder Geld noch Gut, sondern geht so leicht hindurch, wie es gewonnen ist. Sie wissen auch jetzt noch hier an diesem Orte auf Begehren ihr Amt musterhaft zu verrichten und jedwedem ihre angenehmen Dienste anzubieten. Den du dort allein sitzen siehst, war ein Richter, der aus der Stadt Verona verwiesen wurde und dem Herzog von Placentia lange Zeit in den Niederlanden gedient hatte. Das Uebel, das er auf der Welt angestiftet, ist nicht, daß er das Recht gebrochen, sondern allein, daß er es, wenn es ihm verträglich schien, gedreht und gebogen hat. – Und so du recht um dich schaust, wirst du von allen Ständen Leute unter diesen Schalksnarren finden, darum ist ihrer auch eine so große Menge. Ja, wenn man von der Sache richtig reden will, so seid ihr Weltkinder fast alle über eine Form und einen Leisten geschlagen und geht alle allein darauf aus, wie ihr einander durch die Hechel ziehen, bei der Nase herum führen, eins auswischen, ein Bein vorschlagen könnt: so daß bald mehr Schalksnarren, als rechte geborene Narren anzutreffen sein werden. Daher kommt es denn, daß so viel Ungerechtigkeit auf der Erde hin und wieder im Schwange geht, und das fast ohne Unterschied in allen Ständen; ja je höher und heiliger ein Stand ist, je größere und verdecktere Fehler und Mängel werden darin verspürt, und es ist unter allen Menschen nur dieser Unterschied: wer den Schalk besser verbergen kann, wer sich heiliger stellen, wer Ehrbarkeit nähren, wer sich selbst für fromm ausgeben kann, der muß den Preis erhalten, und sollte er auch unter allen seinen heimlichen Begierden, Listen und Tücken erliegen müssen. – Um nun von der Gerechtigkeit einmal zu reden: mein Lieber! von wem ist sie mehr angefochten als von denen, welche sie schützen und schirmen sollten, von den Juristen, die das Recht richten, daß es krumm wird, und wo es krumm sein sollte, biegen, daß es grade wird, ungeachtet dessen: Wer will ein rechter Richter sein, Der soll nicht achten Dein und Mein. Das gemeinste Laster der Menschen, dessen sie auch am wenigsten gewahr werden, ist die Ungerechtigkeit: wenn z. B. Obrigkeiten von einer Partei hören, was man von einer andern sagt, es gleich glauben, dem Beklagten Unrecht geben ohne ihn gehört zu haben, und noch alte faule Sachen, die zu diesem Umstand nicht gehören, wider das achte Gebot miteinflicken: – wenn ferner geistliche Personen, gleichwie die Obrigkeiten, ihre Anbringer und Zuträger haben, die ihnen heimlich hinterbringen, was in der Welt vorgeht, ja selbst der Obrigkeiten und deren redliche Meinungen und Vorsätze fälschlich anbringen, übel auslegen und zum ärgsten deuten, die von andern redlichen Leuten Sachen erzählen, wovon jene selbst nichts wissen, viel weniger jemals daran gedacht haben. Der Geistliche aber aus innerlich-treibender, menschlicher, schwacher Mißgunst oder aus eingebildeter Alleinselbstheiligkeit glaubt nicht allein dies alles mit innerem Kitzel ohne vorherige Erkundigung, sondern trägt es auch der Gemeinde als gewiß geschehene Dinge vor, zum höchsten Aergernis derer, die es anders wissen und gesehen haben. Er verdammt also, bevor er die Partei gehört hat: – wenn ferner ein Nachbar vom andern, ein Christ vom andern hört Arges reden oder ihm Böses nachsagen, und er stimmt gleich mit zu, ohne zu wissen, ob es wahr ist oder nicht – alle diese sind ungerechte Richter, greifen Gott in sein Werk und Amt, wollen Gott gleich sein und stürzen sich dadurch in die Verdammnis, wie denn alle diese Gesellschaft, welche hier ist, nach ihren Verdiensten wird abgestraft werden.« Als ich aus diesem Orte heraus kam auf einen weiten Platz, sah ich einen großen Haufen Pastetenbäcker über einander liegen, denen ein Teufel die Köpfe in Mörsern zerstieß. Sie dauerten mich über alle Maßen, und gern hätte ich für sie ein gutes Wort eingelegt. »Ach! sprach einer derselben, dem das Hirn noch nicht ganz zerstoßen war: sind wir nicht unselige Menschen, daß wir um fleischlicher Sünde willen solche Marter leiden müssen, die wir es doch weit mehr wegen der Knochen verdient hätten!« »Ha, Speivogel! sprach ein Teufel: wer sollte billiger verdammt sein und solche Pein leiden als allein ihr, die ihr mit so vielerlei Dreck, den ihr in die Pasteten verbacken, die Welt hättet ganz vergiften können! Die ihr anstatt Nierenfett ekles Nasenschmalz, anstatt Rosinen Mücken unter die Pasteten gewirkt habt, so daß sich mancher die Ruhr an den Hals gefressen, was ihr mit eurer unsauberen Arbeit und dem stinkenden Schelmenfleisch allein verursacht habt! Und ihr wollt euch noch beschwören, daß euch hier zu sehr unrecht geschieht? Leidet, leidet in aller Teufel Namen und machet nur nicht viel Murrens! Wir sollten vielmehr murren, weil wir mehr Strafe leiden euch peinigen, als ihr die Marter ausstehen zu müssen. Und du, Philander, sprach er mit einem zornigen Gesicht zu mir, der du ein Fremdling in diesen Landen bist: es bedarf hier nicht des Mitleidens und Erbarmens; ziehe fort und mache nicht viel Mist's hier, denn wir und diese haben mit einander zu schaffen, der Drittmann kann hier nicht viel leisten!« Ich ging von hier weiter und gelangte in eine große Hölle, darin ich unzählig viele Seelen in lichterlohen Flammen sitzen sah. Der eine derselben sprach: ich habe nichts zu theuer verkauft; der andere: ich habe keine falsche Waare verkauft; der dritte: ich habe mit richtigem Maße gemessen; der vierte: hab' ich schon theuer verkauft, so habe ich doch niemand weiter als den Herren verkauft. – Sobald ich sagen hörte, er hätte den Herren verkauft, dachte ich: Hoho! das ist gewiß Judas! Um ihn besser sehen zu können und zu erfahren, ob er einen rothen Bart hätte, wie man sagt, nahte ich ihm. Aber ich erkannte in dem unseligen Tropf einen reichen Kaufmann, der erst vor kurzem auf der Erde gestorben war. Wie, Meister Pontius, rief ich, seid ihr an diesen Ort gerathen? Aber er würdigte mich nicht eines Blickes, wie ich merkte, deswegen weil ich ihn nicht ›Herr‹ titulirt hatte, was ihn eben sehr verdroß. Ach, ihr einfältiger, alberner Tropf! sprach ich weiter: wie? habt ihr solche Eitelkeit und Thorheit noch im Kopf, die doch allein eures Unglücks Ursache ist? Wäre euch ein wenig Gottesfurcht und Genüge lieber, als Unrecht und böses Gewissen gewesen, so wäret ihr nicht an diesen Ort der ewigen Qual durch eure Ueppigkeit und euren Geiz gerathen. – Aber er hat mir auch hierauf kein Wort geantwortet, ob aus Scham, aus Schmerz oder Hochmuth, weiß ich nicht. Doch einer der Henkersknechte, die ihn peinigten, nahm für ihn das Wort und sprach: »Sollte denn diesen heimlichen Dieben alles nach ihrem Wohlbehagen ergehen? Diese Bösewichter haben eben das mit ihrer Elle und Stab ausrichten wollen, was Moses gethan hat, der aus Steinen ließ Wasser fließen. Dieser hier hat Christus, eurem Heiland, das Handwerk nachäffen wollen, indem er aus Wasser Wein machte: sie alle insgesammt haben das gethan, was wir und Lucifer auch gethan haben, nämlich Gott gleich sein wollen; denn weil Gott unermeßlich und ohne Maß ist, so haben sie es auch sein wollen und den armen Leuten weder richtiges Gewicht noch Maß geliefert. Vielen hat es zum Betrug gedient, daß sie ihre Läden und Gewölbe im Finstern gehabt, um die Waaren desto leichter zu verfälschen, desto schwerer zu machen, oder doch wenigstens der Waare einen Schein zu geben, alte, verdorbene für neue, Ziegelmehl und Wurzeln für Würze zu verkaufen. So kann man wohl sagen: die Reiter sind geringere Räuber als die Kaufleute, sintemal die Kaufleute täglich die ganze Welt berauben, während ein Reiter das Jahr nur einmal oder zweimal einen oder zweie beraubt. Was haben nicht die Juweliere, Seidenwirker, Goldschmiede und dergleichen für Armuth verursacht! Wenn die Welt witzig wäre, so hätte sie billig alle solche Händler mit ihren goldenen und silbernen Stücken, Spitzen, Tressen, Gold, Silber, Perlen, Diamanten sollen Hungers sterben lassen. Diese Waaren haben sie je nach Belieben bald hoch getrieben, bald herabgesetzt: diese unnöthigen Sachen, welche die Welt zu ihrem Besten wohl hätte entbehren können. All euer Unglück und Verderben kommt von ihnen her; sie wissen euch so meisterlich in ihre Garne zu bringen und zu fangen mit dem schädlichen Credit, womit sie euch herbeilocken und herbeiziehen, wie mit dem Magnet das Eisen. Dadurch aber gerathet ihr unvermerkt in solche Noth, daß es die Teufel hier, geschweige die Menschen erbarme. Denn was sie euch auf Credit anhängen, das heißt dreifach aufgeschrieben, dreimal mehr gefordert, als die Waare werth ist. Und wenn die Zeit des Zahlens gekommen ist, – welch Rennen und Laufen! Da bist du weder zu Hause noch draußen sicher: die Fledermäuse folgen dir nach, der Gruß macht dich bange, daß du möchtest aus der Haut fahren; bald kommt ein schwarzer Engel, bald geht's in das Pfandhaus – vom Borgen zum Worgen . Wir sagen: Halsabschneiden. Kurz: was sie euch anfangs selbst für zehn Thaler angehängt haben, das nehmen sie für einen Thaler an Bezahlung wieder, und wie sie euch zuerst als Prinzen umfangen, so bemühen sie sich jetzt euch als Bettler zu hängen.« Oberhalb dieses Quartiers sah ich, wie in einem Kühlofen, viele Kerls auf einem Haufen lagen, von denen einige an ein eisernes Rostwerk herantraten und danach warfen, als ob sie wollten in den Narren werfen (ein gemeines Spiel unter den Menschen auf Erden, wobei der Narr das Beste gewinnt). Wenn diese ermüdet waren, so mußten sie wieder auf den Haufen, und andere traten an ihre Stelle, die das Werfen auf obige Weise fortsetzten. Auf meine Frage, was das zu bedeuten habe, ward mir geantwortet, es wären die Mittelmäßigen unter denjenigen, die auf Erden bei den Zolldiensten gewesen; sie würfen hier den empfangenen Zoll auf einen großen ehernen Rost, und was durchfiele, das sei ihr Antheil, was darauf liegen bliebe, lieferten sie der Obrigkeit ab. Das war aber, wie ich bemerken konnte, nur ein Weniges gegen das, was ich unter den Rost fallen sah. Ich fand, wie richtig dies alles sei. Doch wenn ich dem Teufel Gehör gegeben hätte, so würde er sein Gespräch noch lange nicht beendet haben. Darum ging ich von dannen einem Orte zu, von wo ich ein großes Gelächter hörte: denn es däuchte mir ein wunderliches Ding zu sein in der Hölle lachen. Bald sah ich denn auch zwei todte Kerls beisammen stehen, bekleidet als ob sie Junker wären. Der eine hielt einen großen Pergamentbrief in der Hand, unten mit einem tellerbreiten Insiegel versehen. Ich hielt ihn für irgend einen Zahnbrecher oder Bruchschneider, welche oftmals den Junkern gleich gekleidet gehen, der an einem Orte eine Heldenthat verrichtet, einen armen Mann mit Aufschneiden um sein Geld gebracht hätte (denn die Bruchschneider sind von Natur Aufschneider: sie können nicht helfen, es sei denn daß sie den Schaden zuvor aufschneiden). Aber bei jedem Wort, das er sprach, erhoben die Teufel ein Gelächter, als ob sie bersten wollten; deshalb vermuthete ich, es wäre Harlequin oder Hanswurst oder einer dergleichen Gaukelnarren, der einen Mummenschanz aufführte und seinen Hut auf tausenderlei Weisen verwandelte. Aber ich hatte gefehlt; denn als ich näher herbeikam, sah ich, daß, jemehr die Teufel lachten, sich die Beiden umsomehr um die Narrenkappe rissen und sich erzürnten. Aus ihren Worten merkte ich endlich, daß sie Beide für gut vom Adel wollten angesehen sein, und daß der Pergamentbrief aus einer fürstlichen oder pfalzgräflichen Kanzlei herkomme, aus dem der eine seinen Adel, den er um viel Geld baar erkauft hatte, beweisen wollte. »Mein Vater, sprach er, war der und der, hat sich im Kriege ritterlich gebrauchen lassen, Straßen und Wege sauber gehalten, falsche Briefe und Posten auszukundschaften gewußt, die Bauern meisterlich können zum Gehorsam bringen, die Contributionen unfehlbar einfordern, die Ungehorsamen mit Feuer und Schwert können zur Schuldigkeit treiben. Mein Oheim war der Oberst Kehraus, des Obersten Räumauf's Vetter. Mit einem Worte: in meines Vaters Linie sind fünf vornehme Hauptleute und Helden, von denen die Galeeren zu Neapel noch genugsam Zeugnis geben können. Von Mutter-Seite stamme ich gleichfalls von vornehmem Geschlecht und vornehmen Leuten her; das kann auch nicht gut anders sein: denn, noch ein Kind, hörte ich sagen, daß meine Großmutter ein tapferes Weib wäre, deren Haus nimmer ohne großen Verkehr und allezeit mit zehn oder zwölf Mägden und Säugammen versehen gewesen.« – »Vielleicht hat sie, sprach ein Teufel, ein offenes Hurenhaus gehalten?« »Sie habe gehalten was sie wolle, fuhr der Monsieur fort: was geht's einen andern an; was ich von ihr gemeldet habe, ist eben wahr, das weiß ich. Ihr Vater trug allezeit einen Degen als Zeichen seines Standes.« – »Vielleicht ist er Thurmhüter gewesen?« sprach ein Teufel. »Wer mir nicht glauben will, der sehe hier Siegel und Brief, sprach der Herr Junker; dann wird er finden, daß ich meinen adligen Titel nicht umsonst führe. Wer will nun an meinem Adel zweifeln oder mich in einen geringeren Stand setzen, als meinen Mitgesellen?« Der Teufel antwortete ihm: »Mein Herr Junker, es ist ja niemand dagegen, daß alles dies wahr sei: was du bezahlt hast, das ist billig dein. Aber was ist euer Thun und Wesen? Habt ihr auch während der Zeit eures Adels etwas Adliges verrichtet? Sind nicht Gotteslästern, Fluchen, Schwören, Huren, Rauben und Morden eure größten Thaten gewesen? Huren- und Wirthshäuser anstatt die Kirche zu besuchen, Tabak rauchen, ehrliche Leute ängstigen und peinigen, das Land verderben, – ist es nicht euer einziges Thun gewesen? Soll das eines Edelmannes Leben sein? Soll das einen Junker geben? Dann kann ja jeder Strauchdieb dergleichen wohl erwerben. Pfui des kahlen Titels, des losen Adels, der allein in Briefen, in Lastern, in Aufschneidereien und Prahlen, und nicht in Ehre und Tugend besteht! Wir Teufel sind nicht so albern, daß wir uns wie die einfältigen Bauern betrügen, drillen und tribuliren lassen. Tugend hin, Tugend her, das ist ein schöner Adel! Spielen, Prassen, Hunde und Vögel ziehen, Kauderwelschen, Pochen, Poltern, Fluchen, Alfänzen , Possen treiben, necken. Bauern schinden, Rauben, Sengen: – das macht keinen Junker! Wie geringen Herkommens ein Kerl immer sei: wenn er sich in seinem Leben und Thun rechtschaffen, aufrichtig, mannhaft, fest, fromm und redlich erweist, so ist er wahrhaft von Adel, und wir haben über ihn so wenig Gewalt, so wenig ihr pergamentenen Junker mit euren schindhündischen Thaten uns entlaufen könnt. Aber genug! Ihr Herren habt nimmermehr etwas getaugt und seid in eurem ganzen Leben nicht werth gewesen, das warme Wasser über dem Brot zu saufen: darum habt ihr auch ein solches Ende erlangt.« Da gab er ihm einen Stoß, daß er Hals über Kopf in die ewige Tiefe hinunter fiel. Es mögen sich diejenigen, welche den Adel zu verleihen Gewalt haben, vorsehen, daß es ihnen nicht ergeht wie dem Herzog Anton von Lothringen, der einst einen Falschmünzer zum Strang verdammen ließ; und als er nun später einen kargen Schindhund adeln wollte, sagte einer seiner Räthe zu ihm: Gnädigster Fürst und Herr, haltet ein mit diesem Kerl, sonst habt ihr ein nicht geringeres Urtheil verwirkt als ein Falschmünzer! – Der Herzog fragte warum? Darum, versetzte der Rath, weil Ew. Fürstl. Gnaden einen Falschen von Adel machen. Als der andere Gesell dem Spiel zugesehen hatte, sprach er: »Gnädiger Herr Teufel! so soll man es mit den Pfeffersäcken und neugebackenen Junkern machen, ganz recht so! weil sie sich im Stande uns gleich zu sein achten wollen. Ich aber, der ich mit meinen zweiunddreißig Ahnen ein Edler von Geblüt und aus der alten Ritterschaft geboren bin, auch nicht sorgen brauche, daß mir bei Turnieren irgend ein Schimpf geschehen oder daß ich auf die Schranken gesetzt werde – ich hoffe, daß mir mehr Ehren widerfahren sollen.« »Wohledelgeborner, gestrenger und mächtiger Junker! antwortete der Teufel: des Herren Junkers Herkommen ist uns sehr wohl bekannt. Wenn hier nichts weiter als Titel, Ahnen, Geblüt und alte Ritterschaft vorzubringen sind, so habt ihr wenig Freundschaft vom Teufel zu gewärtigen. Aus dem Alter des Adels einen ehrlichen Mann zu erweisen, das würde Schnaubens geben! Denn woher kommt anders der Adel als durch allerhand Griffe, Raub, Gewalttaten und Mord? Wieviele sind derer, die sich eines altadligen Geschlechts rühmen und deswegen andere, als Sklaven, über die Achsel ansehen oder ihnen nicht das Maul gönnen? Während sie doch durch solch unwirsche Grobheiten weiter nichts zu erkennen geben, als daß sie den rechten Adel nie recht erkannt haben, dessen Wesen ist, den geringeren Standespersonen mit Freundlichkeit, Sanftmuth und Tugend vorzuleuchten: der Adel der Sitten ist mehr werth, als der Adel der Geburt. Habt ihr etwa anderthalb Unterthanen, – was muß das arme elende Volk nicht für Leibdienste und Frohnden leisten und dulden! bald eine Steuer, bald eine Schätzung, bald eine Satzung, bald einen Frevel, den man vom Zaune herabsucht, so daß sie es nicht besser haben, als die elenden leibeigenen Leute vor Zeiten unter den Heiden. Es hat der Vorwand des Römerzuges und der Türkenschatzung manchen Herren seit hundert Jahren viel eingebracht – die armen Bauern haben für den Türken bezahlen müssen, und der Herr hat sie nicht einmal sauer angesehen dafür. Es wäre daher kein Wunder, der gerechte Gott ließe den Türken mit all seiner Macht über solche Fürsten, Herren und Obrigkeiten kommen und dem Deutschen den Garaus spielen, weil sie selbst diesen grausamen Feind als Larve und Schreckbild zu ihrem Eigennutz, ihrer Hoffart und Völlerei wider die ohnehin bedrängten Unterthanen gebraucht haben. Auch noch heut zu Tage: o der gottvergessenen Auflagen! Wie wird Gott einmal so sachte Abrechnung halten mit euch über alles dieses! Ihr werdet in wenig Jahren noch Tonnen voll ausspeien und wiedergeben müssen, was ihr in so vielen Jahren den elenden Leuten ausgepreßt, ausgefoltert, ausgekerkert, ausgeprügelt und ausgemartert habt – tausend anderer Stückchen, die ihr Herren selbst besser als die Teufel wißt, dies Mal zu geschweigen. Ueberdies: in welcher Ueppigkeit und Schwelgerei bringt der meiste Theil von euch sein Leben hin! Ist ein Edelknabe wehrhaft gemacht, so bleibt er vielleicht zu Hofe sitzen, kommt sein Lebtag nicht weiter als bis an das große Messer, lernt einen Hasen vorschneiden, eine Ente zerlegen, einen Waidspruch hersagen. Da ist dann sein Leben und Wandel, ja sein tägliches Amt nichts anders als trinken und trinken machen, saufen und zu saufen zwingen, eine Gasse auf, die andere ab; und wenn es zu herrschaftlichen Geschäften, Verrichtungen und Rathschlägen kommt, dann ist er so still wie eine Maus, wenn sie die Katze merkt. Fragt man ihn französisch, so antwortet er, damit er nicht ganz stillschweige ›oui‹, obschon er es nicht versteht; fragt man ihn lateinisch, so versteht er es ohnehin nicht; fragt man deutsch, so mag er nicht antworten, weil die Mode, die Reputation und die unadlige Einbildung dem Adel nicht erlaubt, daß er gut deutsch rede. Und gleichwohl, wenn ein solcher, der mit den gröbsten lotterbübischen Zoten, mit Rülpsen und Kotzen aufgezogen ist, ankäme, würde er bei Fürsten und Herren einem andern rechtschaffenen Manne, der sich wegen solcher Sünden vor Gott fürchtete, vorgezogen werden: und das ist nicht mehr eine alte Gewohnheit, sondern es ist zum ewigwährenden Wesen geworden; darum geht es auch so gut auf Erden. O ihr Fürsten und Herren! O ihr Fürsten und Herren, die ihr euch der alten deutschen Frömmigkeit und Tugenden schämet und die Ohren nach welschen Untugenden jucken lasset! Warum folgt ihr nicht euren christlichen Räthen und liebt, ehrt und fördert Künste und Tugenden, die doch bei den Türken und Heiden geliebt, geehrt und gefördert werden, bei denen es heißt: Wie das Alter kommt von Jugend, So kommt Adel von der Tugend. Wie alberne Menschen seid ihr, die ihr meint, eure Lande ohne Tugend in Ruhestand und Frieden zu bringen und zu erhalten! Nun, wollt ihr euren frommen, redlichen deutschen Räthen nicht folgen noch sie hören, so müsset ihr doch mich hören: denn wer die Wahrheit zu seiner Besserung nicht von Gott anhören will, dem muß der Teufel zu seinem Untergang die Predigt halten, wenn er sich nicht bekehrt und Buße thut. Bei den alten Turnierhändeln war besonders dies des wahren Adels Zeichen: Witwen und Waisen zu schützen und Jungfrauen in der Noth zu retten und zu beschirmen. Von euch Junkerleins heutiges Tages sind eurer viele so kühn, daß, wenn ihr eines armen Bauern wohlerzogene Tochter wo nicht mit List so mit Gewalt zu Unehren und zu Falle gebracht, und man euch allemal in die Schranken forderte, wie Turniers Brauch ist, wahrlich wenig Spieße mehr gebrochen würden. Ich will gern davon schweigen, wie wenig eurer viele heutiges Tages sich scheuen, ihr hochbetheuertes Versprechen durch Abläugnung ihrer eigenen Worte zunichte zu machen, so daß es nunmehr bei den Deutschen zum Sprichwort geworden ist: verheißen ist edelmännisch, halten ist bäuerisch. Euer Hochmuth und Stolz ist nicht zu ergründen; ein Mann sei so ehrlich und tapfer, als er immer wolle; in Diensten und Aemtern so erfahren, so angesehen, so beliebt, als es möglich sein kann; ihr schlagt doch den Muff über ihn D. h.: Ihr macht euch hinterrücks lustig über ihn. (Muff-Mund.) und achtet ihn eures Gesprächs nicht würdig, weil er ein Pfeffersack oder Schurke sei, als ob das Blut eines Ehrenmannes nicht so roth wäre als dessen, der von Adel geboren ist, oder als ob ihr eurer Mutter aus den Brüsten und nicht daher kommt, woher die andern, oder um recht bäuerisch zu reden, wie der alte Bauer Marius zu Rom: als ob euer Dreck Butter und eure Winde Bisam wären; ja, als ob ihr aus einem besseren Teige gebacken wäret als der wüsteste, stinkende Tropf und Stallknecht auf Erden. Geschieht's, daß einer sich etwa in den Krieg, des Adels Schule, begiebt und zu einem Amt gelangt: – o wie viele sind derer, welche auf unritterliche Thaten sinnen und nicht bedenken, daß der Soldat den Namen trägt, um für Sold eine That zu thun; sondern sie gehen aus auf Rauben, Stehlen, Straßenfegen, Erbeuten bis auf die dünnen Biere und Kleie, auf Bauern- und Bürgerplündern und andere lose Stücke; z. B. wie sie den Soldaten den sauerverdienten Lohn vorenthalten, wie sie die Fürsten mit Passe-volants , Das sind sogen. ›Blinde‹, nur für Heeresbesichtigungen eingestellte Soldaten. mit Lichtergeld, Luntengeld, Werkgeld, Heugeld, Strohgeld, Ackergeld, mit ewighöllischem Pein-, Rauch- und Flammengeld – die armen Unterthanen mit Commis- und Diebsgriffen und Proviantforderungen aussäckeln können. Daher denn der nackte verhungerte Landsknecht sein Leben aus dem Stegreif zu fristen und dem armen Bauersmann das Blut aus den Nägeln zu saugen und noch viel gröbere Stücke zu treiben veranlaßt wird, daß sich Gott erbarme. Sie alle muß der Herr Oberaufseher controlliren, aber – wie streng er sich auch gegen einlaufende Klagen stellt – er darf die Verbrecher nimmermehr zu schuldiger Strafe heranziehen, weil er es selbst nicht besser macht. Wie will man hoffen redliche Soldaten zu bekommen, wenn Hauptleute und Commissarien selbst Diebe sind! Wenn es nun zum Treffen kommt, dann ziehen sie, wie rechte Lieutenants, hinter dem Volke her oder machen sich gar unsichtbar und verkriechen sich hinter Bäume und Mauern, während doch Freie Kunst und gut Gemüth Ist des Adels best Geblüt. Oder wenn es noch redlich hergeht, dann trinken sie sich nicht nur einen Rausch, damit sie etwas Muth kriegen, sondern saufen sich ganz voll, damit sie ohne Sinn und Verstand seien, nichts fühlen und empfinden, aber auch nicht wissen, wie sie die Dinge, die ihnen plötzlich begegnen, angreifen sollen. Doch in Gesellschaften reden sie von nichts als von Schrammen und Schlachten und Metzeleien; damit sie für Helden gehalten werden, machen sie sich selbst mit dem Messer einen Schnitt in den Hut, einen Ritz in die Stirn oder schießen durch das Koller, und hernach lassen sie es als Zeichen ihrer Mannheit aufweisen und ausrufen, auf daß sie ihrer Meinung nach geehrt und gefürchtet werden. Ja, wie viel ehrliebender Leute Kinder müssen im Spital, auf der Straße, in der Scheuer, oder gar auf der Schildwache verhungern, erfrieren, sterben, an Leib und Seele verderben oder zu Straßenräubern und Mördern werden, nur allein aus dem Grunde, weil ihnen ihre Hauptleute die gebührende Schuldigkeit mit List oder Gewalt abzwacken, vorenthalten und abstehlen.« Dieser Teufel, dachte ich bei mir, muß eine gute Hebamme gehabt haben, weil ihm die Zunge so gut gelöst ist; und ich glaube, wenn er von seinen Genossen nicht anderweitig wäre gerufen worden, er hätte sein Gespräch noch mit vielen anderen bekannten edlen Meisterstücken zieren können. Aber er mußte fort. Der Junker aber, welcher in Sorgen stand, es möchte ihm wie dem vorigen ergehen, sprach zu einem andern Teufel, der dabei stand: es sei zwar an dem, daß dergleichen unter den heutigen Edelleuten sehr im Schwange gehe; doch um eines bösen Buben, eines stolzen Narren willen sei der gesammte Adel nicht zu schelten: denn er für seine Person wüßte sich von all solchen Verbrechen ganz frei. »Herr Junker! sprach derselbe Teufel: es ist nicht möglich, daß der, welcher ein besseres Leben geführt hätte, nach seinem Tode hierher kommen sollte wie du. Ergo kannst du dir die Rechnung unschwer selbst machen. Und weil du meinst, du seiest engelrein – wohlan! wir wollen dem übrigen Adel zum Besten einen Spiritus Tartari aus deinen Werken extrahiren, um ihnen damit gegen den bösen schleimigen Magen zu helfen oder sie mit deiner Quintessenz zu laben. Damit du uns auch nicht etwa der Unhöflichkeit und Grobheit bezichtigen könnest, so sollst du von uns als Cavalier, nicht als Pfeffersack, sondern recht edelmännisch behandelt werden;« und unversehens war ein Teufel zur Stelle, gesattelt und gezäumt wie ein großer Reithengst; der andere nicht unbehende, als Herr Stallmeister, griff mit der Linken an die Bügel, mit der andern hob er sich in den Sattel und mit dem Junker davon über alle Teufel hinweg, daß ich ihn nicht mehr sehen konnte. Ich fragte, in welches Land er reiten müsse? »Nicht weit, nicht weit, sprach ein anderer Teufel, der da stand: was hier geschehen ist, ist nur um den Anstand zu beobachten; denn den edlen Cavalieren sind wir billiger Weise bereitwilliger zu Diensten als andern gemeinen Leuten, die uns eben auch nicht alles nach Gefallen thun wie der Adel. Sieh nur beiseits!« Und wahrlich! ich sah den armen Junker in einem glühenden Ofen liegen mit allen Stiftern und Urhebern des Adels wie: Kain, Cham, Nimrod, Esau, Kambyses, Romulus, Tarquinius, Nero, Caligula, Domitianus, Heliogabalus und andern unzähligen Helden. Insonderheit waren viele mir bekannte darunter, welche bei dem jetzigen böhmischen Unwesen bisher ihren Adel durch Feuer, Schwert und Strang, durch Rauben und Blutvergießen, durch Tyrannei und Laster, nicht aber durch Tapferkeit und Tugend entweder von neuem erlangt oder doch erhöht hatten. Ich sah sie mit Verwunderung an; sie aber schlugen die Augen unter sich vor Scham, daß sie aus so gewaltigen Hansen und Weltbezwingern so grausame Höllenbrände geworden waren. Während ich dies alles betrachtete, trat gegenüber ein anderer Geist mit einem großen pergamentenen Brief auf, von dem er ein Urtheil ablas. Meines Wissens sind dies die Worte gewesen: Edel kommt von eitel her, Aber nicht von Adel, und Adel Heißet soviel als Un-Tadel; Das ist selten edel mehr. Edelleut' und Edelfrauen Thun meist nach der Eitelkeit, Nach des Fleisches Ueppigkeit, Nicht nach Ehr' und Tugend schauen. Wenig sind da ohne Tadel, Drum sind wenig recht von Adel. Also, also geht es heut: Prahlen, Pochen, Fressen, Saufen, Nach dem Geiz und Wucher laufen; So sind unsre Edelleut'. Sauer sehen und braviren, Raub und Reputation Sind des Adels Ehrenkron'; Bauern schinden, tribuliren. Wenig sind da ohne Tadel, Drum sind wenig recht von Adel. Adels Sitt' ist Freundlichkeit, Gern ansprechen, Bauern lieben, Sich in Kunst und Tugend üben; Alte Treu und Redlichkeit Muß da sein vor allen Dingen; Adel ist nicht aus dem Blut, Nicht aus Zins und großem Gut, Nicht mit Fluchen zu erzwingen. Wenig sind da ohne Tadel, Drum sind wenig recht von Adel. Bergskofsky und seine Rott' (Die den Adel heut erworben Drum manch redlich Mann verdorben), Sind des wahren Adels Spott: Tugend muß den Adel zieren, Adel ist der Tugend Lohn, Tugend ist des Adels Kron'. Da hilft wahrlich kein Erfrieren: Denn wer nicht ist ohne Tadel, Der ist auch nicht recht von Adel. Drum in deiner Jugend Streb' nach Ehr' und Tugend, Und leb' ohne Tadel: So wirst du von Adel. Nun weiß ich zwar sehr wohl, dachte ich im Weitergehen (denn es wollte mir an dem Orte zu heiß werden), daß der Teufel ein Lügner ist von Anbeginn; aber ich habe nun aus diesem Gespräch gemerkt, daß er auch die Wahrheit sagen kann; und ich wollte lieber den Adel nicht noch einmal geschenkt nehmen, als daß ich sein Gespräch nicht gehört und die vielen Beispiele nicht erfahren hätte. Nachdem ich nun dieser Predigt genug zugehört hatte, kam ich an einen Ort, welcher aussah wie ein Marktplatz in einer Stadt; da sah ich verschiedentliches Weibervolk beisammen stehn, theils bei den Metzgern, theils bei dem Brunnen, theils sonstwo in einem Haufen beieinander. Sie waren gekleidet, ich weiß nicht wie; ich erkannte nur, daß sie köstliche Schuhe trugen, an denen die Absätze nicht einen Pfennig breit waren; hinter ihnen standen des Teufels Reitböcke, große Schuhbande, als ob sie mit den Füßen fliegen wollten. Die übrige Kleidung war der ganzen Manier nach leichtfertig und köstlich anzusehen: den Hintern hielten sie empor und zu Zeiten kam ein Teufel herbei, der ihnen die Kleider aufhob; da sah man denn, wie zerhudelt und zerlumpt sie dastanden mit halben Hemden und bloßem Hintern. Ihre Brüste waren eingeschnürt mit Taffet- und Atlasbändern von 20 bis 30 und mehr Ellen und der Busen aufgemutzt und aufgeputzt, als ob sie ihn auf dem Markte feil tragen wollten; die Aermel hatten sie zurückgestülpt, daß man die entblößten Arme bis unter die Achseln sehen konnte, bei einigen war es eine Lust, bei andern eine Unlust zu sehen. Sie erzählten von ihren Frauen und Herrschaften, wie es ihnen ging, was sie für Schenkungen, für Meßkram, für Vortheil und Genuß auf dem Markte, im Hause, in Küche und Keller und sonsten hätten. Andere klagten dies und das. Die eine trug eine Krause von dreißig und mehr Strichen; die andere einen Umschlag so klein, daß wegen des kleinen Lappens die Brüste fast entblößt zu sehen waren. Ich stand und sah diese Dinge mit Verwunderung an, worüber der Teufel einer lachte. Ich aber sprach zu ihm: Mir ist nichts lächerlich, sondern es ist mir rechter Ernst; und wenn diese Tracht auf Erden gesehen wäre, so würde es ohne Abstrafung nicht abgegangen sein. »Glaube mir, sagte der Teufel, daß es ihnen an diesen Orten gar nicht geschenkt ist; du wirst sehen, wie solche Hoffart und Untreu, welche die Mägde gegen ihre Herrschaften verüben, wird abgestraft und bezahlt werden.« Während unseres besten Gesprächs kam ein Haufen Teufel daher geritten, wie Soldaten gekleidet, erwischten jeder eine Dirne, setzte sie hinter sich auf's Roß und davon. Bald hörte ich ein Rufen und sah, daß die Reiter und Dirnen in heller Lohe brannten wie Schwefelhölzer, und der Boden that sich auf, so daß sie untergingen. Auf Ermahnung des Geistes ging ich an den Ort um zu hören und zu sehen, wie es herging. Da sah ich, wie der einen glühende Nägel statt der Absätze in die Füße geschlagen wurden; einer andern wurden anstatt der Preßbänder glühende Ketten umgethan, einer andern anstatt der Krausen, glühende Halsbänder; der einen wurden die Arme aus dem Leibe gezogen, der andern die Brüste mit glühenden Haken ausgerissen, die Haare und das Gesicht zerzaust und zerkratzt, daß ich Mitleid damit hatte. Doch ein Geist rief mir zu: »Hier soll niemand Mitleid tragen, hier ist Marter und Pein ohne Gnade, hier sind Streiche und Striemen ohne Bedauern, hier ist Hölle und Verdammnis ohne Aufhören!« Und ein anderer schrie laut: »Also wird es allen Dienstboten ergehen, die ihres Standes und Dienstes vergessen. Also werden alle die empfangen werden, welche der Ehre und Ehrbarkeit absagen, die sich zu höchster Aergernis in halber Kleidung entblößen, mit leichtfertigen Kleidern prangen, sich leichtfertig in Geberden und Anreizungen auf offener Straße zeigen, die der Herrschaft untreu werden, sich ihr Theil nehmen und zu leichtfertigem Gebrauch verwenden!« Und ein Geschrei war unter ihnen, wie bei den Katzen um Lichtmeß, wenn sie rammelig übereinander springen. Eine aber wollte ihre Entschuldigung vorbringen und sprach mit beweglicher Stimme: »Ach wir armen elenden Mägde, o was haben wir gedacht, o was haben wir gethan! O des Elends und Jammers! O des verdammten Prunks, wozu wir nimmer ohne Unterricht und Anstiften unserer Frauen gekommen wären! Unsere Frauen bringen uns ins ewige Verderben, denn ihnen haben wir so und so zu Gefallen gehen müssen; die hat uns zu dieser Hoffart angewiesen, jene zu einer andern; diese hat uns das dazu spendirt, jene etwas anderes, und hätten sie uns unseres Standes und Dienstes erinnert und uns nicht selbst zur Hoffart angetrieben, so würden wir das nicht gewußt haben!« Aber ein Teufel sprach zu ihr: »Nun leide du für dich! Bist du so gottvergessen gewesen, daß du deiner Frau gefolgt bist zu unrechten Dingen, so leide auch jetzt dafür. Hat eine Frau ihre Mägde zu Sünden gereizt, so wird sie ihre Strafe so gut wie du finden!« – Nicht zwanzig Schritt davon kam ich zu einem großen See, der mir dem Genfer See nicht ungleich däuchte, aber er war voll Morasts und dampfenden, stinkenden Nebels; darin hörte ich ein wunderseltsames Geräusch und Geschrei. Als ich fragte, was das wäre? ward mir zur Antwort, daß diejenigen Weiber, welche auf der Welt Haushofmeisterinnen und Wärterinnen gewesen wären, hier ihre Rendezvous hätten. Ich erkannte also, daß die Haushofmeisterinnen auf der Welt die Frösche in der Hölle werden, welche sich in Lumperei und Wüstenei aufhalten, und die einige Tausend stark mit Murren, Murmeln, Quaxen, Pappeln und Klappern sich unter und miteinander die Zeit vertreiben. Der üble Gestank der aufsteigenden Dünste aus diesem See gefiel meiner Nase nicht, deshalb machte ich mich auch bald von dannen und wanderte zur Linken weiter. Allda fand ich einen Ort, wo wohlbetagte Leute lagen, die sich mit großem Seufzen und Jammern selbst die Haare ausrauften und Gesicht und Leib mit den Nägeln zerrissen. Derjenige, den ich fragte, wer sie wären? gab mir zur Antwort, es wären die unbedachtsamen Eltern und darum verdammt, weil sie ihre Kinder hätten reich machen und in der Welt hoch anbringen wollen. »Ich unseliger Mann! sprach einer: ich habe doch auf der Welt nicht einen guten Tag gehabt, habe mein Leben so elend zugebracht wie ein Kapuziner, habe weder Schlaf noch Ruhe gehabt, habe mich nicht einmal satt gegessen, bin zerlumpt und mit Stücken zusammengestickt einhergegangen wie ein Bettelmann, habe mich zerarbeitet und zermartert, daß es zum Erbarmen war, und habe meinem Leibe nicht eine gute Stunde angedeihen lassen, bin gerannt und gelaufen wie ein Esel, nur um meinen Kindern viel Geld zu hinterlassen, ihnen eine gute Heirath oder guten Dienst zu verschaffen und sie in der Welt hoch anzubringen: ich habe gehandelt, geschachert, gewuchert, gefeilscht und nicht einmal gefragt, wo es herkommen sollte, wenn ich es nur haben wollte. Aber o wehe! ich konnte nicht sobald den Mund aufthun und sprechen, mir wäre wehe, da wollten meine Kinder schon, ich wäre todt; ich konnte nicht sobald sagen: O daß ich todt wäre! da stimmten meine Kinder schon zu: O wollte Gott! Daher bin ich denn in solchem Elend gestorben, ehe ich noch krank wurde, damit ich nur meine Klumpen Goldes beisammen erhalten und weder dem Seelsorger noch dem Arzt etwas davon zu Theil werden möchte. Doch meine Seele war nicht so schnell aus und hierher gefahren, da hatten meine Kinder schon meiner vergessen: da war weder Trauern noch Klagen, weder Weinen noch Leidtragen, sondern es ging alles in Freude und Wohlleben her. Und das ist mir nun um so mehr weh, weil durch das sonderbare Verhängnis Gottes ich sehen muß, wie meine Kinder so üppig mit all meinem Gut umgehen und es durch die Gurgel jagen, bei dessen Zusammenscharren ich so manchen ehrlichen Mann übertölpelt und betrogen habe. O ihr Diebeskinder! schrie er aus vollem Halse; o ihr Diebskinder! für euch habe ich gesorgt, für euch gearbeitet, für euch berathschlagt, für euch bin ich gereist, für euch habe ich gelitten, für euch gewonnen, für euch das theure Leben gewagt, für euch meine Seele in Gefahr gesetzt! Ist das der gebührende Dank? Ist das der verdiente Lohn, daß ihr nach meinem Tode meiner nicht besser gedenkt? O wie ist mein Sorgen so vergeblich, mein Sinnen so betrüglich gewesen! O wie klug wollte ich werden, wenn ich wieder zu der Welt Leben gelangen könnte! O ihr verfluchten Kinder! wozu bin ich um euretwillen gekommen!« »Solche Klagen, sprach ein Teufel, sind viel zu spät. Hast du nicht auf der Welt gehört: unrecht Gut will zwei Schelme haben? einen, der es gewinne, den anderen, der es verthue, durchjage und verschwende. Das ist das gerechte Urtheil Gottes über euch ungerechte Landbetrüger: wie gewonnen, so zerronnen. Es ist recht wahrhaftig wahr, was an seinem Ort von einem gewissenlosen Vogel geschrieben worden ist: So weit ist's allezeit mit dem Gottlosen kommen: Unrecht Gut gedeihet nicht. Untreu wird keinem frommen. Drum scharr', kratz', grab, wühl', hark', such', lauf', rauf', stehl', hehl', trüg', Auf Gott und Seligkeit zu deinem Vortheil lieg': Ein loser Mann bringt doch das Wenigste zu Wegen. Ihm bringt kein Griff noch Trug, nicht Ränk' noch Arbeit Segen Wenn er schon meint, es trag' ihm in der Küche ein, So ist der Fluch im Topf, und schlägt der Donner drein; Was mit der Pfeife kommt, das geht weg mit der Trommel: So weit ist es allzeit mit dem Gottlosen kommen. Auf diesen elenden Trost fing die armselige Gesellschaft ihr Heulen und Jammern wieder an; und sie richteten sich ihren Leib mit Zähnen und Nägeln dermaßen zu, daß ich es nicht mehr zu sehen vermochte. Ich ging weiter und gelangte in ein finsteres Gefängnis, in dem ich ein mächtiges Klingen und Rasseln von Ketten, Eisen und Banden, von Streichen und Schlägen hörte. Ich fragte, was es wäre? Da ward mir gesagt, es wäre der Ort, wo die Spätlinge lägen, die o hätte ich! o wäre ich! Ich konnte nicht errathen, was damit gesagt sein sollte; deshalb gab mir ein anderer zu verstehen: es wären die Tölpel und Büffel der Welt, die sich den Lastern so ergäben, daß sie ohne die geringste Ahnung in die Verdammnis gerathen wären und erst hernach bedächten, was sie gethan und wo sie wären, was sie unterlassen und wohin sie gerathen wären: die, um vermeintliche Linderung in ihrer Marter zu haben, ohne Unterlaß riefen: o hätte ich! o wäre ich! o hätte ich meine Sünden recht bereut! o hätte ich meine Buße nicht so lange hingezogen! o hätte ich die heiligen, hochwürdigen Sacramente öfter besucht! o hätte ich Gottes Wort mehr in Acht genommen! o hätte ich den Armen mehr Gutes gethan! o hätte ich Gottes Wort eifriger gelehrt! o hätte ich einem jeden das Recht ohne Ansehen der Person, ohne Suchen nach Vortheil und Nutzen widerfahren lassen! o hätte ich meinen Verstand mehr in wichtigen und dem Nächsten dienlichen Dingen als in leichten Händeln sehen lassen! o hätte ich die teuflische Reputation dem Licht der Wahrheit und Gottesfurcht nicht vorgezogen! o hätte ich ehr- und friedliebende Menschen mit erdichteten losen Reden nicht so an einander gehetzt! o hätte ich meiner Kranken besser gewartet! o hätte ich es mit meinem Clienten, der sich mir vertraut und nächst Gott seine Hoffnung auf mich gesetzt hatte, redlicher gemeint und ihn nicht mit vergeblichen Vertröstungen zu seinem und der Seinigen Untergang und Verderben aufgehalten und herum gezogen! o hätte ich meinen Eltern mehr Gehorsam geleistet! o hätte ich meine Kinder mit größerem Ernst erzogen! o hätte ich nicht in so unversöhnlichem Haß gelebt! o hätte ich meinem Nächsten die alten Fehler nicht wiederum auf's neue vorgeworfen, so hätte mir Gott auch die meinigen nicht zur Verdammnis angerechnet! o hätte ich den armen Mann nicht gar so sehr um das Seinige betrogen und ausgesogen! o hätte ich mich mit meinen Gütern begnügt und nicht so weit um mich gegriffen nach meines Nächsten Zaun und Marken! o hätte ich nicht soviel nach Gunst geredet und gelogen! o hätte ich mehr aus Liebe zur Gerechtigkeit als aus andern Ursachen meinem Nächsten gedient! o wäre ich nimmer geboren worden! o hätte ich ein Schloß an meinen Mund gelegt! wenn mir Gott das Leben von neuem schenkte, o wie gern wollte ich meine Fehler verbessern, Gott mein ganzes Leben lang dienen und niemals gegen ihn sündigen! o hätte ich die Gelder, welche meine Eltern auf mich verwendet haben, besser angelegt und nicht im Luder mit Fressen und Saufen so durchgejagt! o die Vergangenheit, die Vergangenheit! – – Als ich diese Worte rufen hörte, dachte ich an mich selbst und an die vorige gute Zeit und Gelegenheit, die ich im Unverstand der blinden, thörichten Jugend auch oftmals unnütz hatte vorüberstreichen lassen? Ich seufzte, schlug an meine Brust und wandte mich nach der rechten Seite und wollte weiter gehen. Indem rief mir ein Geist zu: »Philander, es ist noch nicht Zeit von hinnen zu scheiden; denn die meisten Dinge, deren wegen du hier eingelassen bist, sind dir noch verborgen; du wirst es erst jetzt erfahren; komme herbei und schaue, in welchem Zustande meistens eure Studenten heutiges Tages leben und ob deren noch einige können errettet werden!« – Und sieh', ich sah ein großes Zimmer, eine Kunkelstube, ein Bierhaus, ein Pastetenhaus, eine Weinstube, ein Ballhaus, ein Hurenhaus u. s. w. Ich kann nicht sagen, was es eigentlich gewesen ist, denn ich sah alle diese Dinge darin: Huren und Buben, Herren und Bärenhäuter, Rüpel und Studenten. Ich fragte, was für eine Gesellschaft das wäre? und der Geist sagte mir mit zwei Worten: das ist euer Studentenleben. Ein wie herrlicher Stand es ist ein rechter Student zu sein, so ein verdammlicher ist es, wenn er in Mißbrauch und Frevel durch Sünde und Eitelkeit dahin geht. Diesem Uebelstand thut nicht wenig Vorschub die Unbarmherzigkeit und der Hochmuth derer, die ihnen steuern sollten; daher denn mancher, wenn er sieht, daß man den Schalk dem Frommen, den Bärenhäuter dem Redlichen, den Schuft dem Edlen, den Esel dem Fleißigen vorzieht, den guten Weg verläßt und aus Verzweiflung in die Irrwege geräth, weil eben nicht die Kunst und Tugend, sondern die Gunst und Eitelkeit heutiges Tages bei vielen hohen Personen den Zugang erlangt. Ein Löffel Gunst, ein Scheffel Kunst Ist gar ungleich gemessen; Doch macht die Gunst, daß wird der Kunst Oft ganz und gar vergessen. Daher findet man jetzt so wenig, die sich der rechten Kunst befleißigen wollen: denn wo die köstlichen Kleider zunehmen, da geht der Verstand hinweg; wo die närrischen Trachten und Geberden einreißen, da hat die Lehre und Sittsamkeit ein Ende. Und nun Philander, was dünkt dich? Sieh', die vornehmsten und meisten dieser Gesellschaft sind Studenten der Theologie; sie gehen einher in verfladerten, vernestelten, verbändelten, verstrickten Hüten, in verlotterten Hosen, in verfederten taubenfüßigen Stiefeln, mit durchlöchertem Gewissen; sieh', was für ein Leben sie führen, wie sie's treiben und thun: und diese sind es, welche euch den Weg zum Himmelreich dermaleinst weisen sollen. Sieh', die andern dort sind Studiosi der Humanität. Sie gehen daher in kostbaren Kleidern mit Silber und Gold besetzt, mit gepuderten Köpfen und gepufftem Haar, mit ungestalteten Leibern, mit teuflischen Trachten und prangen in ihrem Grade wie eine Kuh, die am Joch zieht. Sie sind von ihren Eltern geschickt, um den Professoren mit Gehorsam und Demuth entgegen zu gehen und ihrer Lehre mit Fleiß und Ernst zu horchen; aber sie bringen die meiste Zeit im Luder hin und jagen das sauererworbene Gut ohn Erbarmen durch; sie halten es für eine Bärenhäuterei fleißig zu sein, und für ein adlig Werk sich närrisch, phantastisch, eselig, flegelhaft und rüpelhaft stellen. Zwar einen frommen, redlichen, fleißigen Studenten schändet die schöne Kleidung gar nicht; ein rechtschaffener Student ist freilich eines sammtnen Kleides wohl werth ebenso wie der Edelgeborne: aber es will jetzt im sammtnen Mantel gehen nicht nur der, welcher etwas studiert hat, sondern auch der grobe Lümmel, nicht nur der edelgeborne, sondern auch der frevle untaugliche. Seit man die langen Schuh' erdacht, Quasten und Lappen an Kleider macht. Und in den Hosen mancherlei Mehr Nestel trägt als zwei auch drei, Und jeder will in Sammet gehn: Da kann's nicht wohl auf Erden stehn. Als ich auf Ermahnung des Geistes näher hinzutrat, sah ich, daß die Vornehmsten an einer Tafel saßen und einander zusoffen, daß sie die Augen verkehrten wie gestochene Kälber oder geschochtene Ziegen. Aber bei der Schenke bemerkte ich einen in grausamer Gestalt, der ihnen heimlich Schwefel und brennendes Pech unter den Wein mengte, wovon sie erhitzt wurden, als ob sie voll höllischen Feuers wären. Einer brachte dem andern eins zu aus einer Schüssel, aus einem Schuh: der eine fraß Gläser, der andere Dreck, der dritte trank aus einem verdeckten Geschirr, darin allerhand Speisen waren, daß einem davor gruselte. Einer reichte dem andern die Hand, fragten sich unter einander nach ihren Namen und versprachen sich ewige Freunde und Brüder zu sein mit Hinzufügung dieses üblichen Burschenspruchs: ›ich thue, was dir lieb ist, ich meide, was dir zuwider ist!‹ dann band einer dem andern eine Schleife von seinen Schlotterhosen an des andern zerfetztes Wamms. Darauf trat ein scheußlicher Geist hinzu, schlug die Hand ein und sprach den Segen darüber mit diesen Worten, die ich ihn dabei murmeln hörte: ›so ist die Freundschaft mit dem Teufel geschlossen worden!‹ Die aber einander nicht Bescheid thun wollten, stellten sich theils wie Unsinnige theils wie Teufel, sprangen vor Zorn in die Höhe, rauften vor Begierde solchen Schimpf zu rächen sich selbst die Haare aus, stießen einander die Gläser ins Gesicht, mit den Degen heraus und auf die Haut, bis hier und da einer niederfiel und liegen blieb. Und diesen Streit sah ich auch unter den besten und Blutsfreunden selbst mit teuflischem Wüthen und Toben entbrennen. Ich hörte einen hinter mir, der sprach: das sind die Blüten der Sauferei, das sind die Früchte des Pennalismus! worüber ich seufzend bei mir sprach: Mein Gott! ist es möglich, daß der Teufel etwas ärgeres unter den Menschen hätte aufbringen können als dieses, daß auch die besten Freunde wegen eines Glases Wein, wenn sie einander nicht Bescheid thun wollen, nicht mögen oder können, sich so entzweien, zanken, neiden, plagen und placken! und was das ärgste ist, daß sie sich die bäurischen, gröbsten Gedanken machen, als ob Ehre und Reputation deswegen in Gefahr stünde! Andere waren da, die mußten aufwarten, einschenken, Stirnknuffen und Haarrupfen aushalten neben vielen andern Narretheien. So saßen die andern Esel auf diesen wie auf Pferden und soffen eine Schüssel mit Wein auf ihnen aus; andere sangen Bacchuslieder dazu oder lasen Bacchusmesse: ›o edler Wein, o süße Gabe!‹ Diese Aufwärter wurden von den andern genannt: Bacchanten, Pennale, Haushähne, Spulwürmer, Mutterkälber, Säuglinge, Quasimodogeniti, Offsky's, junge Herren; und sie sangen über diese ein Lied, dessen Anfang war: Prächtig kommen alle Pennäle hergezogen, Die da neulich sind ausgeflogen Und haben lang' zu Haus gesogen Von der Mutter u. s. w. Das Ende lautete: So thut man die Pennäl' agiren, Wenn sie sich viel imaginiren Und die Studenten despectiren u. s. w. Endlich nach Beendigung dieses Geplärrs schoren sie ihnen das Haar ab, wie den Nonnen, wenn sie das Gelübde ablegen. Daher heißen diese Schönsten, Agirer, Pennalisirer; unter sich selbst aber tituliren sie sich: frische Kerls, fröhliche Burschen, freie, redliche, tapfere und herzhafte Studenten. Andere sah ich blinzelnd herum schwärmen, als ob sie im Finsteren wären, jeder mit einem bloßen Degen in der Faust; damit schlugen sie in die Steine, daß es funkelte, schrieen in die Luft wie Pferde, wie Esel, wie Ochsen, wie Katzen, wie Hunde, wie Narren, so daß es den Ohren wehe that; stürmten mit Steinen und Knütteln an die Fenster und riefen: heraus Pennal! heraus Feix! Feix oder Fuchs sind Titel der jungen Studenten. Die Herkunft beider Ausdrücke ist nicht sicher festgestellt. heraus Pech! heraus Raup'! heraus Schurk'! heraus Oelberger! Oelberger soviel wie Oelgötz! und dann ging es bald an ein Reißen und Schmeißen, an ein Rennen und Laufen, an ein Hauen und Stechen, daß mir darob die Haare zu Berge standen. Sie ziehen des Nachts umher: die einen spielen die Laute, die andern die Zither, andere schreien und raufen, und bald folgt das Jammergeschrei der Verwundeten. Daher werden sie Nachtraben genannt. Billig nennt man sie Nachtraben, Dieweil sie Nachts umhertraben. Dann viel bösen Unfug pflegen Und umwerfen Bänk' und Schrägen, Leere Karren ins Wasser schieben, Laufen um mit andern Dieben, Um ein' Laus sich zanken, schlagen, Taubenfüß'ge Stiefel tragen. Mancherlei Farb' am Gewand So vor Zeiten war 'ne Schand, Hochmuth treiben mit Geberden, Schwarz' Haarpuffen, grau zu werden. Sich an einer Kuhmagd laben: Billig nennt man sie Nachtraben. Andere wieder soffen einander zu auf Stühlen und Bänken, auf dem Tisch oder auf dem Boden, auf den Knieen, den Kopf unter sich, über sich, hinter sich, vor sich. Andere lagen auf dem Boden und ließen sich den Wein einschütten durch einen Trichter. Andere lagen und schnarchten; andere nickten und tranken sich zu; andere stimmten mit schwerer Zunge dem Gesänge der Genossen bei; andere lagen lang auf dem Tische, das Kinn in die hohle Hand gestützt. Nun ging's über Thür und Ofen, über Trinkgeschirr und Becher her und mit denselben zum Fenster hinaus mit solcher Unsinnigkeit, daß mir grauste. Andere lagen da, spieen und kotzten wie die Gerberhunde; und wenn sie sich genugsam in dem Unflat besudelt hatten, dann kamen ein paar häßliche Geister und trugen sie zu Bett, daß die Flamme über ihrer Seele zusammenschlug. Da sahen sie sich denn plötzlich um, wo sie waren und schrien vor höllischem Schrecken: o über die vergangenen Zeiten! Ueber der Thür des Gemaches standen diese nachgeäfften aber wahren Worte: Pix intrantibus . Unter diesen zwei Worten stand: A. D. D. U. C. das ist: adduc , bringe sie hierher . Nämlich Kanne und Becher, welche im Text abgebildet sind. Mir wurde es aber so ausgelegt: auceps dum decipit volucres canit , mit solchen Pfeifen lockt der Teufel seine Vögel. An der Innenseite der Thür waren zwei oblonge, an einander gefügte Tafeln angebracht, worauf zehn Gesetze oder Regeln standen. Ich glaubte anfangs, es wären die heiligen zehn Gebote. Doch ich hielt dies nach dem Vorhergegangenen für unmöglich; außerdem hatte ich gelesen, daß der Teufel, um die Leute durch einen Schein der Gottesfurcht um so eher zu betrügen, sie in dieser Weise aufmuntere, wie es insonderheit der Fitziputzli bei den ersten Mexikanern mit den zehn Geboten gethan hat, und wie es von dem Goffredi in Frankreich bekannt ist. So las ich denn auch, als ich näher kam, folgende Worte, die ich dies Mal behalten habe: Der Scholasten Regeln sind allezeit diese: I. η πιθι ηαπιθι! VI. aut bibe, aut abi II. more palatino! VII. in floribus III. Massaquidit! Toppetinque! VIII. Uff ein Suff! IV. απνευτι! IX. Ohn' Schnaufen und Bartwischen V. Pindiuva, Tschittschi! X. Sauf oder lauf! Das und vieles andere sah ich mit Furcht und Verwunderung an. Als ich nun hin und her schöne Schränke und Kasten voll herrlicher, vortrefflicher Bücher sah, da konnte ich mich nicht mehr irren, daß es müßten Studenten sein, welche von ihren Eltern auf die hohe Schule geschickt wären, um Kunst und Tugend allda zu erlernen, um den Eltern Freude und dem Vaterlande dermaleinst Rath und Hilfe zu bringen. Ich setzte mich daher zu ihnen, um etwas aus ihrem Gespräch zu erlernen. Da wurde denn nun zum Schein ein wenig angefangen von Gott, von Glauben, von Tugend und andern heiligen Dingen, aber das haftete nicht lange; es kam allemal einer, der eine Zote dazwischen warf und uns lachen machte, und wir geriethen von dem Worte Gottes auf die Waidsprüche und andere Possen, so daß wir uns oft fast zu Narren lachten. Als ich aber grade im besten Springen war und mit dieser Gesellschaft erst recht anfing bekannt zu werden, kam ein Geist an mich heran und zupfte mich, daß ich möchte mit ihm gehen. Ich stand von dem Tische auf, und er führte mich in ein anstoßendes Zimmer und sprach, als ob er meine Gedanken gewußt hätte: »Nichts weniger als Studenten! Du wirst jetzt diese Gesellschaft plötzlich sehen zu Grunde gehen und in die ewige Verdammnis fahren, und danke du Gott, daß du bei Zeiten aus der Gefahr dieser Unseligen entkommen bist.« Während wir zurück in das erste Zimmer gingen, sah ich Reiner von Sittewald Ist einer von M.'s Freunden, vielleicht auch aus Wilstädt. unten an dem Tische sitzen, dem winkte ich mir zu folgen, ehe die Stricke über ihn fielen. Er that es, und wir gingen zum Zimmer hinaus. Alsbald sahen wir das ganze Zimmer unter Donner und Krachen lichterlohe im Feuer stehen und die Seelen dieser armen Gesellen wie in einem Glasofen schmelzen und doch nicht verschmelzen, während sie noch diese Worte seufzen konnten: o über die vergangene Zeit! Und es antwortete einer darauf: »So wird es allen Studenten ergehen, welche die theure Zeit so liederlich verscherzen und die stattliche Gelegenheit so elendiglich versäumen; die ihrer Eltern sauren Schweiß mit Fressen und Saufen, mit Spielen und Prassen, mit Buhlen und Stolzieren, mit Doppeln und Würfeln, Lautenschlagen, Tanzen, Springen, Fechten, Ballschlagen oder für Schuster,. Schneider, Krämer, Barbiere, Wäscherin, Buchhändler, Holz, Stube, Licht gleichsam durchjagen und verzehren, Witz und Verstand versaufen, Kunst und Tugend verachten und in der Gnadenzeit nicht umkehren und sich bessern: die das edle Talent und die von Gott verliehenen Gaben, das herrliche Genie, Sinne und Gedächtnis in so mörderischer Weise verderben, zu geringschätzigen, unnützen Dingen mißbrauchen, die erleuchtete Natur zum Liederdichten und zu anderer Leichtfertigkeit abrichten, ungeachtet daß sie von Gott zu vortrefflichen Ständen, Tugenden und Diensten ausgerüstet sind! Also wird es allen Studenten ergehen, die sich der edlen Künste schämen und mit neumodischen, närrischen Geberden dem Vaterlande dienen wollen: die sich schämen, beim Gebet die Augen und Hände zum Himmel zu erheben zu dem, der Macht hat selig zu machen oder zu verdammen, sondern die mit unhöflichen, närrischen, leichtfertigen, bärenhäuterischen, flegelhaften Geberden die Augen, die Hände, den Mund, den ganzen Leib verstellen, verdrehen, verziehen wie die Erznarren, so daß es eine Sünde vor Gott, eine Schande vor Christen und ein Spott vor ehrliebenden Herzen ist, welche solcher unstudentischen, bengelhaften Unart und alamodischen Höflichkeit mit Bekreuzungen zusehen! Ist dies die alte schöne Zucht? Soll das sanftmüthige, gott- und ehrliebende Studenten geben? Sind dies die Helden, durch welche künftiger Zeiten geistliches und weltliches Regiment auf Erden soll bestellt werden?!« Und die in dem Feuer saßen, verfluchten ihre Lehre und ihr Leben. Einer sprach: wehe den Akademieen, wo die Wahrheit durch haarspaltende, scholastische Formeln verspottet wird! Ein anderer: wehe den Schulen, wo die Wahrheit durch übertriebene Künsteleien verdeckt wird! Ein anderer: wehe den Universitäten, welche sind eine Schule der Eitelkeit, der Verschwendung, der Begierden und der Schwatzhaftigkeit! Ein anderer wehe den Gymnasien, wo die Blüte der Jugend dem Aristoteles allein, die Hefe Gott geweiht wird! Diesen Koth wird sich der Satan mit vollem Rechte holen! Ein anderer: verdammt alle, welche den edlen Bürgern der Gymnasien und Akademieen Mühsal bereiten! und ein anderer sprach Amen. Ich und Reiner gingen voll Schrecken beiseits und seufzten, und zwar ich folgendermaßen: Mein' Klag' und Reu' Wird mir jetzt neu, Mein Jammer sich vermehret; Groß Leid ich trag, Daß meine Tag' So schlecht ich hab' verzehret. Der Jugend Kron' Ist nun davon. Mit Fleischeslust verscherzet, Was meine Seele schmerzet. Herr Jesu, mein' Begier, Verzeih' die Thorheit mir! Ich irre noch, Und 's reut mich doch, Groß Streit in mir ich spüre; Zu Hilf' o Herr, Und sei nicht fern. Die Wege dein mich führe; Dem Bösen wehr', Es von mir kehr', Laß mich nicht so verderben. Laß mich nicht ewig sterben. Laß mir dein Wort allein Wegweiser, Führer sein! Auf dies dein Wort, Jesu, mein Hort, Komme ich zu dir getreten: O Christenschild! Du kannst und willt Die armen Sünder retten, Wenn nur zu dir Ist ihr Begier Und sie's mit Ernst auch meinen. Zu Hilf thust du erscheinen. O treuer Jesu Christ, So treu und gut du bist! Verdammt bin ich, Weil wider dich In Sünden ich braviret Darum du mich Strafst väterlich – Viel ärg'res mir gebühret. Nichts liegt mir an, Wenn ich nur kann Dein' Huld und Gunst erwerben; Von Herzen will ich sterben Auf deine Gnad allein. Dies soll mein Abschied sein. Und du Reiner, sprach ich, du siehst, wie brüderlich ich dich zurückgezogen habe. Erkenne du diese Gnade und gieb Gott Dank und thue nach mir, wie ich jetzt an dir gethan habe! Reiner sprach: »Und nun erkenne ich auch, daß mich Gott aus besonderer Gnade vor dem Untergang bewahrt hat; darum: Gott Lob, der Jast Aufregung, Erregung, Gährung. ist auch vorbei. Nun leb' ich wieder frank und frei! Gott woll' mich meiner Sünden, Da ich so thöricht hab' gethan. In Gnaden doch entbinden. Und führen auf die rechte Bahn. Der Will' ist: hinfort fromm zu sein. Der Will' ist gut; doch du allein, O Gott! kannst es so richten. Daß Will' und Werk beisammen sei, Daß all mein Sinn, mein Dichten Stimm' deinem Werk und Ordnung bei. Ich war, Herr! das verlorne Kind, Das in der Welt sich allzu blind In Lüsten umgewalzet; Ich rastet' an der Hölle Flut: Wie sonst der Fisch erschnalzet, Wenn er im Grunde sucht den Muth. Dämpf' Herr, ach dämpfe fort in mir Des faulen Fleisches geile Gier, Die in mir also brennet, Daß ich oft wider meinen Sinn Das Gut' lass' unerkennet Und flieh' dafür zum Bösen hin! Ach weh: des Grimms entbrannter Fehd', Des Streit's, der in mir seine Statt' Und Tummelplatz erwählet! Der Geist will gern die Oberhand, Möcht mit sich sein vermählet, Wenn nicht das Fleisch hielt' Widerstand. Das Fleisch, das böse Fleisch will itzt Behalten schier den Obersitz; Hilf lieber Herr, hilf streiten! Bewappne doch in mir den Geist, Daß er auf allen Seiten Sich als ein starker Sieger weist! Sei Friede, Fried' auf heut' mit euch Ihr beiden Streiter! Der Vergleich Sei nunmehr fest geschlossen: Du Fleisch thu', was der Geist gewillt, Du Geist bleib hoch entsprossen, So ist der höchste Will' erfüllt. Komm Herr und schlag das Amen drein, Lass' den Vertrag aufrichtig sein. Den wir in uns'rem Leibe Vor deinem Thron heut' aufgericht! Das Fleisch, Herr! hintertreibe. Dem Geist ich mich mit ja verpflicht'!« Während wir zusammen über Gerechtigkeit und Güte Gottes sprachen, trat einer herbei eines ernsthaften Wesens und Ansehens, welcher auf Lateinisch, damit es die Bauern nicht merken sollten, anfing zu reden: »Ich bin der Römer Cato, der Lehrer der Sitten und der alten Disciplin und Strenge. Ich sehe, daß die Schulen der Menschen auf Erden der Verbesserung bedürfen, denn die Lehrer sind faul, der Unterricht zu vielfältig, die Schüler trotzig, übermüthig und den Lüsten ergeben; daher müssen sie durch strengere Erziehung gezügelt werden, wenn nicht alle Bande des Rechts, der Scham, der Pflicht und Ehre reißen sollen. Erhebt euch daher, ihr Menschen, die ihr wohl nach Geld begierig jagt, aber eurer Kinder Erziehung nicht durch strenges Gesetz fördern wollt!« Ach Gott! dachte ich; was braucht man es erst mit Latein zu bemänteln; es ist schon lange genug bekannt, man hat's vor hundert Jahren schon gewußt, daß der Cardinäle, Bischöfe, Pfaffen, Mönche, Studenten und dergleichen Hurenvolks und Mastsäue Leben nur ein Fressen und Saufen, Unkeuschheit und Wollust ist und daß sie für dieses schamlose Leben auf Erden ungestraft und gänzlich frei sind. Wo christliche Eltern ihre Kinder nicht ernster anhalten, wo christliche Obrigkeiten die Studenten nicht ernster abhalten von den üppigen Kleidungen, von den rüpelhaften Geberden und dem bengelhaften Gebaren: da werden sie am jüngsten Gericht schwere Rechenschaft zu geben haben! Beim Fortgehen von diesem verdammten Orte sah ich drei Personen, die ich ihrer Gestalt nach für Geistliche, Pfarrherren oder Priester hielt. Sie wurden alle drei vom Teufel auf einem feurigen Wagen daher gefahren; und als ich fragte, ob auch so heilige, unsträfliche Leute an diesen Ort der Qual gelangen könnten? hörte ich Stillschweigen gebieten und eine schreckliche, starke Stimme sprechen: »Verflucht sind diejenigen, welche predigen und sind trunken, die Sacramente ausüben und sind trunken, die jungen Pfarrherren examiniren und sind trunken, die Sterbenden trösten und sind trunken, Kinderlehre halten und sind trunken, Beichte hören und sind trunken, verbinden Eheleute und sind trunken, begraben und sind trunken, halten Betstunden und sind trunken, taufen Kinder und sind trunken; die mit heiligen Handlungen eilen wegen der Gastereien, heilige Handlungen verschieben wegen der Gastereien; die von Armen wie von Reichen, von Bettlern wie von Bauern, von Vertriebenen und Geplünderten wie von Bürgern, von Fremdlingen wie von Einheimischen Geld nehmen für die Begräbnisse, Geld für die Taufen, Geld für die Beichte, für das Abendmahl, für den Besuch; die Studenten gewesen und haben nichts gelernt, Studenten und haben nichts gelesen; die Magister sind und können keine Rede halten, nicht disputiren, nicht predigen, Magister und können nichts als weidlich schreien, nichts als sich närrisch geberden, nichts als prahlen und blasen: welche Priester sind, doch saufen und fressen wie die Zuhörer, Priester sind, doch spielen und doppeln, lügen und trügen, neiden und nagen, verleumden und austragen, wuchern und schinden, schänden und schmähen wie die Zuhörer: welche Pfarrherren sind und keine Bibel lesen, Pfarrherren und nicht wissen, wo die Bibel zu lesen, die nichts studiren, nichts lesen, nicht beten zu den Predigten: welche Prediger sind und gehen auf die Kanzel voll, mit rauher Stimme, mit trüben Augen, mit verfinstertem Verstand: welche Prediger sind und in der Kirche als Teufel wüthen, schnauben, toben, schlagen, drohen, stürmen, pochen, poltern, donnern, gehen auf die Kanzel voll wüsten Wesens, daß ihnen der Unflat aus dem Halse in die Kanzel stinkt, aus der Kanzel in die Stühle, aus den Stühlen in die armen einfältigen Zuhörer: welche ihre Predigten ausfüllen mit ihrer eigenen Ungeduld, ihrem eigenen Neid, eigenem Haß, eigenem Zorn, eigener Rachgier, eigener Hoffart, eigenem Geiz, eigenen bösen Lüsten: welche das, was ihre Weiber und Mägde auf der Gasse, beim Brunnen, bei der Wäsche, in der Metzgerhalle, in den Badestuben, in den Spinnstuben, von abgelebten Gimpelhuren oder von jungen Klappertaschen auffassen, auffangen, erforschen, erschnappen, als gewiß geschehene Dinge aus falschem Argwohn in ihre Predigten bringen: welche trunken sind und predigen von der Mäßigkeit, hoffärtig und aufgeblasen und predigen von der Leutseligkeit, grausam und predigen von der Versöhnlichkeit, unversöhnlich, neidig, bissig und predigen von der Langmüthigkeit, grimmig und predigen von der Freundlichkeit, geizig und predigen von der Freigebigkeit, unflätig und predigen von der Ehrbarkeit, verlogen und predigen von der Wahrheit: welche, wenn der Teufel ihnen das Nachdenken widerrathen hat, ihm gefolgt sind, wenn der Teufel eine Verhinderung vorgeschlagen, sie diese angenommen haben, wenn der Teufel ihnen den sanften Schlaf eingeblasen, sie sich daran erfrischt haben, wenn der Teufel ihnen die Gedanken entzogen, sie es willig empfunden haben – kurz, verflucht alle die, welche die Lehre in dem Munde führen, aber mit dem Leben verläugnen! Verflucht alle die, welche Lehrer sind, doch alle Zusammenkünfte veruneinigen, sich in alle Händel einflechten und einflicken; welche Lehrer sind und zu Hofe an der Tafel mit hofmännischen Sitten und Geberden, mit guten Worten und falschem Herzen sich wissen zu vermummen; welche ihre Reden pflegen nach der Person zu verändern, den Armen schärfer, den Reichen gelinder züchtigen und die großen Häupter unberührt und ungestraft lassen! Verflucht seien alle die Geistlichen, die sich zu weltlichen Händeln und Sachen, zu Fuggerhändeln gebrauchen lassen; die, wenn sie den armen Bauern predigen sollen, dasselbe entweder aus gottvergessener Eigenmacht ganz und gar unterlassen oder aber nur aus leichtfertigem Frevel, aus langer Weile, aus teuflischer Hoffart nur zum Spaß predigen und also die Ehre Gottes und der Zuhörer Heil und ihre höchste Schuldgebühr außer Obacht lassen!« – Indem verschwand der Wagen vor meinen Augen, und ich hörte eine liebliche, sanfte Stimme, die sprach: Die Priester sollen Väter sein Bei ihren Geistes-Kinderlein, Mit ihrem Fall und schwachen Gaben Ein freundliches Mitleiden haben, Sie trösten, warnen, leiten, führen. Vermahnen, schützen, salben, schmieren, Und wie ein Hirt bei seiner Schaar Der Bess'rung warten immerdar. Doch wo sie sehn, wissen, verstehn, Daß etwas gar bei Seit' will gehn In bösem Leben, falschem Wahn Und nicht von Sünden ab will stahn: Dann sollen sie die Straf' nicht sparen Und ihnen tapfer offenbaren Die ärgerlichen Werke faul Und nehmen gar kein Blatt vor's Maul. Doch wenn ihr straft nach Amtes Pflicht, So überfahrt darin euch nicht Wie mancher, der sich leicht erhitzt Und immer von der Kanzel blitzt. Sondern wo ihr ja strafen müßt, Da thut es nicht nach freier Lust Noch etwa nach gewünschtem Fleiß, Sondern vielmehr gezwungener Weis'; Gleichwie ein Vater, der viel lieber Die Ruthe ließe gehn vorüber, Wenn nicht die Kinder durch ihr Leben Ihm dazu thäten Ursach geben. Aus einem solchen Vatermuth Ihr auch die Euren strafet gut Und nicht aus Zorn, Haß oder Neid Noch aus gefaßter Bitterkeit! Ihr sollt auch nicht aus hoher Rach' All neue Mähr und eigne Sach' Leichtfertig auf die Kanzel bringen Und Leute lassen herunter springen; Damit man euch nicht werde gram Superbam propter choleram , Zu deutsch: wegen des hochfahrenden Zornes. Die euch zu eifern stärker zwingt, Als wohl die Nothdurft mit sich bringt. Denn wer sein Völklein ausschimpfiert. Bei ihnen alle Gunst verliert Und macht, daß man ihn feindet an, Dieweil er nichts als schelten kann. Ihr wißt wohl, wer da will regieren Der muß bisweil dissimuliren. Auch etwas dulden, hören, leiden Und allzu scharf Gericht vermeiden. Derhalben nehmt das wohl in Acht, Laßt eure Schaf' unausgemacht Mit unverschämten hochverbot'nen (Wie Schelm- und Diebes-) Lästerworten. Ihr könnt doch sonst wohl Wörter finden. Die sanfte gehn und feste binden Und bei dem Volk mehr richten aus Als Dünkel und als harter Strauß. Thut man euch dann noch was zu Leid, So sucht es bei der Obrigkeit, Und tragt's nicht auf die Kanzel bald, Um da zu rechten mannigfalt Mit vielen Schänden, Schnarren, Pochen Und mit Verdammen und Verfluchen, Dermaßen daß vor diesem Stechen Wohl einem möcht' das Herze brechen. O nein, ihr Brüder in dem Herren, Wollt nicht im Strafen euch geberden, Denn das reißt nur die Lieb' entzwei Und giebt dem Amt groß Ungedeih; Und wo es lang bestehen thut, Da jagt's den Hirten aus der Hut! Darauf ging ich weiter und fand in einem weiten Saal eine Menge Volks, denen es viel ärger ging als den vorigen. Wie ich von einem Geist vernahm, waren es diejenigen, welche mit Gottes Barmherzigkeit gesündigt hatten. Ich verwunderte mich dessen. »Ja, sprach der Geist, wenn sie auf Erden um irgend einer Sünde willen gestraft wurden, sagten sie zur Entschuldigung: Gott ist barmherzig! Hei, Gott ist barmherzig! Hei, daß mir's Gott verzeih! Ich wollte, daß (Gott verzeih' mir's!) der Teufel meinen Schwager, meinen Nachbar holte! Gott verzeih' mir's! ich habe ihn niedergeschlagen wie einen Hund! Ich habe ihn (Gott verzeih' mir's!) recht übertölpelt! Gott verzeih' mir's! ich hab' meinem Gesellen eins angemacht bei der Herrschaft, daß er wird eine Weile daran zu schlucken haben! Gott verzeih' mir's! ich bin dem Kerl so feind, daß ihn möchte der Teufel holen! Und wenn sie von einem gottliebenden Menschen deswegen zur Rede gezogen werden, dann sprechen sie: Hei, was sollte das wohl sein! Gott ist barmherzig, er nimmt nicht alles so hoch auf wie die Welt, seine Barmherzigkeit ist groß und unendlich! Darum bleiben sie denn auch in der Verdammnis, so lange sie in vergeblicher Hoffnung auf Gottes Barmherzigkeit sündigen. Auf Gottes Barmherzigkeit sollen die Menschen billig hoffen, denn den Gottesfürchtigen ist sie eine Gnadenbelohnung; aber den halsstarrigen Sündern ist sie verschlossen. Denn es hieße die Barmherzigkeit Gottes verachten, wenn man meinen wollte, daß sie den muthwilligen Sündern widerfahren würde, und daß, sobald ein gottloser Mensch die Gnade Gottes begehrt, sie ihm alsobald werde offen stehn, bevor er sich durch wahre Buße und Besserung derselben würdig gemacht hat. Die Barmherzigkeit Gottes ist ohne Ende bei den Frommen und Bußfertigen, und die am meisten ihre Hoffnung darauf setzen, die gehen am furchtsamsten mit ihr um. Wer Gott lieb hat, der hütet sich, daß er seine Gnade nicht verscherze; wer sie zum Bösen wollte mißbrauchen, der schließt sich von derselben aus. Wahr ist's, Gott thut auch Barmherzigkeit an denen, die es nicht werth sind, denn der Menschen Verdienst ist eitel und es heißt: wenn ihr alles gethan, so muß doch Christus durch sein eigenes Verdienst der Sache helfen, sonst ist's verloren. Und doch seid ihr Menschen in all diesem so unbedachtsam, daß ihr erst an eurem Ende thun wollt, was ihr den ersten Tag solltet gethan haben. Darum ist euch auch das letzte Stündlein oft eher vor der Thür, bevor ihr es gewahr werdet oder nur daran denkt; ihr verscherzt die Barmherzigkeit Gottes, indem ihr diese Gnade nur mit dem Munde rühmt, ihre Kraft aber mit dem Herzen läugnet.« – Mit großer Verwunderung hörte ich dieser Predigt zu. Ist es denn immer möglich, sprach ich, daß aus dem Munde eines so verdammten Lehrers eine so herrliche Lehre kommen kann! Als ich nun aber das Geschrei eines Kuckuks vernahm, fragte ich, wo denn die wissentlichen Gäuche , Der Name ›Gauch‹ stammt aus dem Lateinischen cuculus Kuuckuk, und bedeutet Schelm, Narr, Geck. die sonder Zweifel auch in der Hölle wären, ihre Nester hätten? und mir wurde gesagt, daß sie an keinem bestimmten Orte, sondern wie auf der Welt an allen Orten wären, wo man es sich am wenigsten versehe und gern den Hut vor ihnen abziehe. Um nun nicht für einen Kundschafter angesehen zu werden, der alle Heimlichkeiten ausforschen wolle, begab ich mich fort. Da sah ich einen Haufen, die ihren Unfall beklagten. Wer seid ihr Elenden? fragte ich. Und einer von ihnen sprach: »Wir sind diejenigen, welche von dem Tod plötzlich sind übereilt worden, die eines jähen Todes gestorben sind.« »Du hast's erlogen, Unflat! rief ihm ein Teufel zu; es wird keiner vom Tod übereilt, man wird dessen allemal zuvor inne. Wie will sich denn jemand mit Fug beklagen, daß er plötzlich vom Tod ist übereilt worden? Da ihr doch alle, sobald ihr geboren werdet, den Tod euch auf den Fersen folgen habt. Was sieht man mehr und öfter auf der Welt als Leichen und Begräbnisse? Wovon hört man mehr auf der Kanzel durch die Pfarrer reden als vom Tod? Wovon liest man mehr in guten Büchern als von der Gebrechlichkeit und Sterblichkeit der Menschen? Der Mensch geht ja dem Tode selbst alle Tage entgegen; alles was er mit seinen Augen sieht, das sind Spiegel der Unbeständigkeit und Endschaft aller Dinge: die Kleider verschleißen, die Häuser fallen ein, wenn sie ihre Jahre gestanden haben. Die Krankheiten sind des Todes Fouriere, welche alle Augenblicke bei den Menschen anklopfen und denselben ankündigen, daß der Tod allda seine Herberge bestellen und der Gast den Wirth austreiben werde. Der Schlaf stellt dem Menschen die Gestalt des Todes alle Tage vor Augen. Ja das menschliche Leben kann sich nicht anders als durch den Tod anderer Thiere erhalten. Ihr wisset alle das unvermeidliche Gesetz: der Mensch muß sterben; es heißt nicht: vielleicht, vielleicht stirbt er einmal, sondern er muß sterben. Und ihr Menschenkinder dürft so frevelhaft und verwegen sein und sagen, daß ihr durch den Tod übereilt worden seid? O nein, o nein, es verhält sich viel anders. Ihr seid wirklich gestorben und wisset nun keine Ausflucht als die, welche alle Thoren haben: ›ich hätte es noch nicht gemeint‹. Warum erspart ihr die Buße allzu lange? Wißt ihr nicht: Welch Menschenkind spart sein' Andacht Bis gen Lichtmeß oder Fastnacht, Und in der Kirch' Demüthigkeit Und bei der Hochzeit Fröhlichkeit, Und allererst thut sein Gebet, Wenn er etwa spielt in dem Brett Und spart die Buß', bis er wird voll – Für thöricht den man halten soll. Es ist beim Tod kein Ansehen der Person, er schleicht den Menschen nach. Wer sich nicht wohl versieht, der ist gefangen, Denn dem Tod keiner ist noch je entgangen. Wer dem Tode entfliehen will, dessen Mühe ist umsonst, er thut vergebene Arbeit, er scheert einen Esel, er berupft eine Sackpfeife, er badet einen Rappen, er wäscht einen Mohren, er geißelt einen Todten, er holt Wasser in einem Sieb, er ficht mit den Seelen, er singt einem Tauben, er redet zu einer Wand, er balgt sich mit dem Nebel, er spielt auf einer gebrochenen Laute, er zählt den Sand, er schreibt in das Wasser, er rudert in der Luft, er fliegt ohne Federn, er baut auf den Sand, er hütet Weiber und Flöhe, er klagt seine Noth einer Stiefmutter, er lehrt das Eisen schwimmen, er bäckt Brot in einem kalten Ofen, er sagt einem Räuber ein Mährlein, er wetzt einen Wetzstein, er lehrt einen Krebs vorwärts gehen, er bläst in ein hohles Gefäß, er säet ins Meer, er guckt ins Bergwerk, er sucht Bratwürste in einem Hundestall. Daher ist, wer solcher Arbeit sich unterwindet, närrisch nach dem bekannten Reim: Wer baden will 'nen Mohren weiß Und darauf legen seinen Fleiß Und an der Sonne Schnee aufdörrt Und Wind in eine Kiste sperrt Und Narren bindet an ein Seil Und Unglück auch will halten feil Und einen Bock in Gärten setzt, Geiß', Gäns' und Schaf' nach Wölfen hetzt, Dem Tod entlaufen sich befleißt Und Wein in eine Rinne geißt (gießt) Und Gras will machen in dem Rhein – Der kann mit Fug nicht witzig sein.« Ich wendete mich zur linken Hand und sah bald in einem weiten, unendlichen Laboratorium eine große Menge Seelen in glühenden Gläsern wie eingemachte Nüsse in Teufelsdreck, Harz und anderem zubereiteten Geschmier liegen. Pfui! sprach ich, wie stinkt es hier! Wir sind gewiß nicht weit von dem Ort, wo die höllischen Schlot-Geister Wohnung haben; was mag es wohl sein? Und einer derer, welche die Seelen peinigten, gelblich von Farbe, als ob er mit Safran angemalt wäre, sprach: »Es sind allhier diejenigen, welche man unter den Menschen Apotheker nennt. Sie sind die rechten, unfehlbaren Realphilosophen und Alchimisten, bei denen Theophrast, Raimund Lullus, Hermes, Geber und Avicenna Theophrast, ein griechischer Philosoph, geb. 390 v. Chr. Raimund Lullus (geb. 1234, gest. 1315) erfand eine unfehlbare Kunst, andere durch Gründe und Beweise zur Erkenntnis zu bringen, wozu er eine eigene Maschinerie construirte. Hermes (Trionegistos) ist eigentlich der Mondgott der alten Aegypter, dem man alle Erfindungen zuschrieb. Bei den Alten wie bei den Christen galt er als weiser König von Aegypten. Geber (Giafr), ein arabischer Gelehrter zu Anfang des 9. Jahrhunderts und der bedeutendste arabische Chemiker. Avicenna, ein arabischer Arzt, der 1036 starb. noch in die Schule gehen könnten; denn obwohl sie geschrieben haben, wie man Gold machen soll, so haben sie es doch selbst nicht machen können; hätten sie es aber auch gekonnt, so sind sie gleichwohl in ihren Schriften so dunkel, daß heutiges Tages keiner ihre Meinung oder Geheimnisse wird erforschen können. Aber unsere Herren Apotheker können mit einem Glas voll trüben Wassers, mit einem Knollen Pech oder Wachs, mit einer Hand voll Mücken, Koth, Schlangen, Kröten, mit einem Karren Heu das beste gemünzte ungarische Gold zu Wege bringen, ja besser als alle die, welche jemals von dieser Kunst geschrieben haben; so daß es wahrhaftig scheint, als ob um der Apotheker willen allein der Spruch wahr gemacht sei von Gott: daß in Worten, Kräutern und Steinen eine große Kraft liegt. Denn es ist kein Kräutlein, so giftig es immer sein mag, es kann ihnen merklichen Nutzen schaffen; kein Stein ist so hart, aus dem sie nicht das beste, trinkbare Gold machen könnten. Und aus Worten gar das allermeiste; denn wenn man fragt, ob sie dies und das haben, so sprechen sie (ob es schon erlogen ist) nimmer nein, und geben alsdann einem armen Manne Dreck für Schleck , Schleckereien, Leckereien so daß er also nicht die Mittel sondern die Worte bezahlen muß, welche sie theurer verkaufen als alle Büchsen. Außerdem sollte man sie gar nicht Apotheker, sondern Abdecker und Waffenschmiede nennen, und ihre Läden der Mediciner Rüst- oder Zeughaus: eben weil darin Wehr und Waffen an die Hand gegeben werden, ja Kraut und Loth, um die Menschen offensiv und defensiv unvermerkt außer der Zeit und Gelegenheit anzugreifen, zu Boden zu legen und sie abzudecken.« Unfern davon sah ich ein verschlossenes Zimmer; und als ich nahe kam, sprach einer zu mir: »Hier wirst du sehen die Art und Weise vorwitziger, leichtsinniger und hoffärtiger Weiber.« Und ich sah einen Haufen Weiber, die im Gesicht aussahen, als hätten sie sich schröpfen, picken oder hacken lassen: denn an allen Stellen, die sie gern wollten beschaut haben, waren sie mit schwarzen, kleinen Pflästerchen und mit runden, langen, breiten, schmalen, spitzen Mücklein, Flöhen und andern possirlichen zum Anblick dringenden, zum Zugriff zwingenden Mannsfallen beklebt. Einige schabten sich das Angesicht mit einem Glas; andere rupften sich mit Pech die langen Augenbrauen aus; andere, welche keine Augenbrauen hatten, malten solche mit etwas Schwärze an; andere behängten sich mit falschem Haar und wollten die Leute damit überreden, daß sie schön gelbes Haar hätten und jung wären; andere ließen sich Zähne von Elfenbein einsetzen, um ihre schwarzen, häßlichen, stinkenden Zähne los zu werden; andere kauten Zimmetrinden, Nägelein Nägelein ist der elsässische Name für mehrere einheimische Pflanzen. oder Zucker von Verdun Zuckergebäck von Verdun, welches noch heute berühmt ist. um ihren giftigen Athem zu vertreiben; andere gingen auf ellenhohen Schuhen, damit sie groß scheinen, weit um sich sehen und desto tiefer fallen möchten; andere besahen sich im Spiegel hinten und vorn, und wenn sie ihre Ungestalt merkten, gaben sie dem Spiegel die Schuld, schalten deswegen auf die Stadt und Herren von Venedig, welche nicht mehr so schönes Glas machten wie vor zwanzig oder dreißig Jahren; andere bedeckten ihre Gesichter mit einem Krepp, Zindel Früher ein kostbarer Seidenstoff. Taffet oder Flor, damit man meinen sollte, ein schöner Unflat stecke dahinter; andere, damit sie ihre Schandflecken und kupferrothen Habichtsgesichter zieren möchten, schämten sich nicht, mit weiblichen unreinen Tüchern sich alle Morgen zu reiben, zu wischen und zu waschen: – und so tausenderlei lose Stückchen mehr, welche alle doch den Wust und Unflat nicht verbergen konnten. Ich vermochte auch vor Gestank nicht mehr zu bleiben und sprach zu mir selbst: Ist es wohl immer möglich, daß das weibliche Herz so arglistig und vortheilsüchtig sein soll, seine Verdammnis auf so viel tausenderlei Wege auch noch in der Verdammnis zu suchen, zu vermehren und größer zu machen? Denn meines Erachtens hätten die Teufel selbst nicht losere Stücke erdenken können. Aber ich kehrte mich von ihnen anderwärts und sah allda einen Verdammten in einem Sessel. Es war weder Hitze noch Kälte, weder Teufel noch Marter da; er saß so allein und schrie doch so grausam, als ob ihm einer die Seele wollte ausreißen. Das Herz floß ihm tropfenweise die Stirn herab, als ob er strangulirt würde, und er zermarterte seinen Leib mit Streichen und Striemen, als ob er von Teufeln besessen wäre. O Gott! dachte ich, in welche Verzweiflung ist dieser arme Mann gerathen! Und ich sehe gleichwohl niemand, der ihm Leids thut. Was ist euch? fragte ich ihn; was jammert und zetert ihr so, da doch weder Hitze noch Kälte, weder Teufel noch Peiniger euch umgeben? Da stieß er einen heftigen Schrei aus und sprach: »Ach, ich habe in mir selbst alle höllische Pein und Marter, die alle andern Verdammten fühlen! Ihr seht nicht die Henker, die sich an mein Herz anhängen und mir ewige Plage anthun; aber der, der (und er biß sich selbst mit den Zähnen und krümmte seinen gemarterten Leib, daß er die Augen verkehrte), der, dessen Gerechtigkeit unendlich ist und dessen Gerichte ewig bleiben über die Gottlosen, der sieht sie wohl. O daß ich immer gedenken muß der guten Zeit, in der ich mich hätte bekehren können, des guten Raths, den ich oft verachtet und der bösen Werke, die ich oft gethan! O des ewigen Heils, welches andere mit wenigem Verstand aus großer Gnade erlangt haben, und meine hohe Geschicklichkeit hat mir die ewige Pein gebracht! O der grausamen Noth, daß ich immer und immer au den Himmel gedenke! Denn die Fülle der ewigen Freude mehrt der Verdammten Herzeleid, wenn sie an dieselbe gedenken. O daß ich das alles aus meinem Herzen ewig vertreiben könnte, meine Qual würde sich um so viel mindern! O Mensch, frage du nicht, was meine Marter sei! denn alle Kräfte meiner Seele haben sich in ewige Flammen, in Schlangen und Skorpionen verwandelt, welche mein Herz martern und peinigen ohne Aufhören; der nagende Wurm meines Gewissens ist mir an die Seele angeheftet und mit ewigem Hunger frißt er mir mein armes Leben!« Und mit einem großen Geschrei, Wimmern und Aufbäumen sprach er: »Du Menschenkind, bedenke und nimm dir wohl zu Herzen, alle hochgelehrten, scharfsinnigen Doctores in der Welt, welche mit himmlischen Gaben geziert und begabt sind, aber dieselben mehr zu eitler Lust und zu eignem Ruhm als zur Beförderung ihrer Seligkeit und zu des Nächsten Auferbauung verwendet haben, die sind gleichermaßen, wie ich es jetzt bin, der ewigen, gleichförmigen Marter unterworfen!« Dann hob er sein erstes Wesen von neuem an. Voll Furcht und Schrecken sah ich, wie ich davon kommen könnte und mit Bestürzung dachte ich bei mir selbst, es müsse dieser Elende unzählige und unsägliche böse Stücke auf dem Gewissen haben. Aber einer der Geister, welcher sah, mit was für Gedanken ich umging, sagte mir heimlich ins Ohr: es wäre dieser ein vortrefflicher, hochberühmter Philologe gewesen, der Jahr und Tag hätte über einen Buchstaben grübeln und spintisiren können – ohne Nutzen für einen einzigen Menschen; ein Atheist, einer der weder einen allmächtigen Gott noch einen Teufel, weder Himmel noch Hölle recht geglaubt, sondern seine weltliche Weisheit und tiefsinnige Geschicklichkeit höher gehalten habe als das ewige Leben; der alles dem Lauf der blinden Natur zugeschrieben, der die Auferstehung der Todten verlacht und für eine gelehrte Fabel gehalten, damit die Leute in den Schranken der Gesetze menschlicher Regierung und Ehrbarkeit um so besser zu hemmen seien; der, um auf der Welt hoch angesehen zu werden, nach unordentlichen, verbotenen Mitteln gegriffen, sich ein Galgenmännchen gezogen, die Geister beschworen, sie um Rath gefragt und wie Gott angebetet und verehrt habe, Gott aber, den allmächtigen Schöpfer und Erhalter aller Dinge habe er außer Acht gelassen. Und zu dem Verdammten sich wendend, sprach der Geist ferner: »So, so soll es denen ergehen, welche ihre Geschicklichkeit der Seligkeit vorziehen und sich in die Weltweisheit mit Verachtung der heiligen Vorsehung Gottes vertiefen! Leide, leide du nun, du verdammte Seele, die du auf Erden von dem Allmächtigen nichts hast hören und wissen wollen!« O, sprach ich im Innersten meines Herzens, wie sehr ist freilich ein Gelehrter ein verdammter Mann, wenn er seine Geschicklichkeit mehr aus Eitelkeit und Ehrgeiz als zum Nutzen des Nächsten und zum Lobe und Preise Gottes sehen läßt und gebraucht! Wie werden es aber, dachte ich ferner, diejenigen Könige und Fürsten vor dem strengen Gericht Gottes verantworten, welche nicht allein in ihren allerchristlichsten Reichen den Atheismus in der Theorie, sondern auch in der Praxis bereitwilligst einwurzeln, und sogar ohne rechte Erkenntnis des einigen wahren Gottes, eines Wesens und unseres Heils bei ihrem Adel und ihren Unterthanen ungestraft üben und treiben lassen?! – Nicht weit von diesen sah ich viele feurige Wagen voll Seelen daher fahren, welche mit glühenden Zangen gefetzt wurden, und den Wagen folgte eine große Menge nach mit lautem Geschrei. Einer von ihnen, der vorn saß und Schweigen gebot, rief laut und sprach: »Auf Befehl des allgerechten Gottes sollen alle diese, welche selbst gethan, was sie andern verboten, welche an andern ärgerlich getadelt, was sie leichtfertig selbst begangen haben (wodurch den Einfältigen unnöthiges Nachdenken, Seufzen und Aergernis über die allweise Regierung des Höchsten verursacht ist), also bestraft werden. Es sollen gestraft werden die Fürsten und Herren, welche ihre Diener geärgert, sie zur Ungerechtigkeit gebraucht, sie zu Löwen gemacht haben, um die armen Unterthanen zu verderben. Die Diener sollen bestraft werden, welche den Fürsten und Herren zur Ungerechtigkeit geholfen und unbilligen Geboten wider Gott und den armen Unterthanen Gehorsam geleistet haben. Ewig sollen gestraft werden die Obrigkeiten, welche die Unterthanen über Gebühr beschwert, die Unterthanen, welche der Obrigkeit geflucht und einander geärgert haben; die Eltern, welche die Kinder nicht gezogen, die Kinder, welche den Eltern nicht gehorcht haben.« Und mit Fingern zeigte er mir noch andere und sprach: »Diese Männer haben ihre Weiber geärgert mit Ehebrechen, diese Weiber ihre Männer mit Verschwendung und Unfreundlichkeit. Diese Herren haben ihre Knechte geärgert mit Unbarmherzigkeit, diese Knechte ihre Herren mit Untreue. Diese Kaufleute haben ihre Handwerker geärgert mit falschen Maßen und Gewichten, diese Handwerker ihre Kaufleute mit Verweigerung und Verfälschung der Arbeit. Diese Alten haben geärgert die Jungen mit bösen Beispielen, diese Jungen die Alten mit Verspottungen. Diese Reichen haben geärgert die Armen mit unmenschlichem Wucher, diese Armen die Reichen mit heimlichem Diebstahl. Diese Jünglinge haben geärgert die Jungfrauen mit ihrer Gestalt und mit Nachstellungen, diese Dirnen die Jünglinge mit Anreizungen durch ihre geilen Geberden, üppigen Kleidungen und durch schmeichelndes Wesen. Diese von Adel haben geärgert den Pöbel mit Verachtung, dieser Pöbel den Adel mit Haß; dieser den, welchen er beneidet, der diesen, welchen er angefeindet. Und es ist unter euch Menschen die Bosheit so gemein geworden, daß ein jeder nur auf sich selbst sieht und seinen Nächsten zu Aergernis und Frevel verleitet und treibt: – was ihr entweder gar nicht achtet wie Blinde, oder wenn ihr es achtet, es als geringe Dinge verachtet. Also muß ein frommer, gottliebender Christ unter den Aergernissen dieser Welt erliegen, weil er ja sieht, daß all seine Redlichkeit ihm vor der Welt nichts hilft, und der Schalk allenthalben durchschlüpft und vorgeht.« Alle diese traurigen Händel hatten mich sehr angefochten, und ich hätte mögen gern weit von dort sein. Aber da sah ich einen Haufen Verdammter ungefesselt umher gehen, fragte deshalb, wer sie wären? und man sagte nur, es wären Weinschänker (Weh-einschänker), die man allein auf schlichtes Angeloben oder (wie man bei den Strauchdieben jetzt reden muß) auf Parole ungebunden gehen ließ, weil man den Glauben und das Vertrauen zu ihnen in der Hölle trug, daß sie gewiß nicht ausreißen würden. »Man braucht nicht zu sorgen, sprach ein Teufel, daß die Weinschänker durchgehen werden, weil sie ja so viel Arbeit vollbringen, ehe sie in die Hölle kommen können. Allein wir tragen in etwas Sorge, daß sie ihrer Gewohnheit nach hier und da Wasser zu schütten haben; dann müssen wir aber um so fleißigere Aufsicht üben, daß sie durch das Wasser die Kraft des Schwefels und Pechs für die andern nicht zu milde machen, wie sie es mit den geschwefelten Weinen pflegten auf der Welt.« Währendem hörte ich ein Rufen: Hier ist Judas! Hier ist Judas! und als ich mich umsah, bemerkte ich sehr viel Volks um ihn her, die seines Amts und Wesens auf Erden gewesen waren, wie ungerechte Haushälter, Schaffner, Rentmeister, Kellermeister, Burgvögte, Küchenschreiber, Haushofmeister, Einkäufer und dergleichen; den allen standen diese vier Worte mit glühenden Buchstaben auf der Stirn geschrieben: ›Weder traue noch glaube.‹ Als Judas so viele köstliche Aufwärter um sich bemerkte, da däuchte er sich eben auch keine Sau zu sein. Ich sah aber, daß ihre Pein die des Tityos Ein Titan, dem zur Strafe in der Unterwelt ein Adler die Leber aushackte. war, dem die Eingeweide von den Raubvögeln, Sissadores genannt, aus dem Leibe gerissen und ohne Aufhören gefressen wurden; und ein Teufel flog in Gestalt eines Raben oder Raubvogels umher und schrie: Sissadores, Recebidores, Raubvogelnamen mit Anspielung auf die Menschen. Recebidores, Sissadores ; und zur Stunde kam sie alle ein Heulen und Zähneklappern an. Judas selbst mit seinem Säckel konnte sie in allen diesen Nöthen nicht anders als mit Strang und Strick trösten. – So geschieht dir recht, sprach ich, du meineidiger, treuloser, gottvergessener Verräther, der du dich so ganz hast vom Teufel verführen lassen, daß du deinen Herrn und Gott, das unschuldige Lamm, um ein so schnödes Geld verrathen hast! »Was darfst du Weltkind, sprach er, mich in meiner Verdammnis hier noch schmähen, da doch hochgelehrtere, verschmitztere und spitzfindigere Köpfe, als du bist, ausgegrübelt haben, daß ich die Hauptschuld daran nicht trage, sondern solches zu thun von Ewigkeit her bin berechtigt gewesen! Zudem bin ich nicht allein ein Dieb und Verräther: denn seit Christi Leiden sind noch viel Undankbarere erfunden worden als ich, welche nicht allein Christum um geringeren Nutzens willen verrathen, verläugnet und verkauft haben, sondern auch noch alle Tage in ihren Werken verspotten, geißeln, kreuzigen und tödten, viel greulicher und schmählicher als ich oder die Juden mögen gethan haben.« Ich dachte bei mir: Judas, du seist ein so verzweifelter Bösewicht wie du wollest, du hast doch wahrlich hierin nicht ganz gelogen! – Jetzt besann ich mich, daß ich zu Anfang auf dem Wege eine Protestation wider eine bewußte große Dame hatte wollen aufsetzen lassen, aber keinen Notar hatte finden können. Da fragte ich denn, ob gar keine in der Hölle wären? »Ja freilich sind sie hier zu finden, und in großer Menge, antwortete ein Teufel; daß du aber keinen auf dem Wege angetroffen hast, liegt daran, daß sie nicht zu Fuß herein kommen wie gewöhnliche Gesellen, sondern mit ihren Federn, doch ohne Federn, und in der Ordnung wie die Schneegänse fliegen; auch sind sie so eifrig hierher gekommen, daß mit den Federn schreiben und ohne Federn fliegen bei ihnen eins ist, nach dem Sprichworte: Ein' Mistpfütz' und ein Pfuhl, Ein Sessel und ein Stuhl, Ein Fischer und ein Ferg', Ein Büttel und ein Scherg', Ein Klimmer und ein Steiger, Ein Fiedler und ein Geiger, Ein Waidmann und ein Jäger, Ein Fauler und ein Träger, Ein Weber und ein Knapp ' So hießen früher die Wollweber und Tuchmacher. Em Maulaff' und ein Lapp ' Lapp' = Laff Ein Tüncher und ein Weißer, Ein Trüger und Bescheißer, Ein' Kist' oder ein Schrein, Ein' Sau oder ein Schwein, Ein Soldat und ein Krieger, Ein Schreiber und ein Lüger, Ein Ochs und ein Rind – Sind all' Geschwisterkind. Das kommt daher, weil ihre Federn so leichtfertig sind und deswegen einen um so größeren Trieb und größere Gewalt haben ihren Zweck zu erlangen. Wenn du aber auch hier noch keinen nennen hörst, so liegt das daran, daß sie, sobald sie herkommen, ihren weltlichen Namen verlieren und Käutze oder Finken genannt werden.« – Sind auch Schergen hier? »Nein,« sprach ein Teufel. Da ich mich aber erinnern konnte, was sich bei dem ersten Gesicht mit dem Schergen zugetragen hatte, fragte ich nach der Ursache dessen. »Weil ein jeder Scherge, antwortete der Teufel, selbst eine Hölle und Verdammnis ist, ja sie sogar verteufelt und die armen Menschen auf Erden genug an Leib und Seele zu nagen und zu plagen weiß. Weil sie also das Handwerk der Teufel besser und fertiger ausüben können als die Teufel selbst, so stehen wir in Sorgen, daß, wenn sie hinein können, Lucifer sich über unsere Trägheit erzürnen, uns beurlauben und sie uns vorziehen möchte.« Auf etwa fünfzehn Schritt weiter kam ich zu einem großen Platz; der war anzusehen, als ob er mit einer hohen Tuchmauer, wie Meister Hämmerlins Ist wahrscheinlich ein umherziehender Gaukler, der sein Schaugerüst mit Leinwand verhängte. Gerüst, umgeben und mit allerhand Völkern erfüllt wäre, deren einige mausestill schwiegen in ihrer Qual, einige beteten und seufzten ohne Aufhören. Man sagte mir, es wären Buhler. Ich hatte Mitleid mit ihnen, weil ich sah, daß auch die Hölle selbst die Venusnarren von ihrer närrischen Noth nicht los machen konnte: denn einige erzählten noch von ihrem unglücklichen Mißtrauen; andere von ihrem verzweifelten Hoffen; andere von ihren vergebenen Einbildungen; andere von ihren thörichten Begierden, die sie auf der Welt gehabt hatten, da sie meistentheils eine verschleierte Geiß für eine Jungfrau, einen losen Balg für ein ehrlich Mädchen geliebt und gelobt hatten. Die meisten lagen darnieder an einem ewigen Schmerz des Unglaubens, wie wenn sie die Darmgicht hätten. Und als ich fragte, weshalb sie Qual litten? sagte mir ein Geist, es wäre ein sonderbarer Zustand, den sie ›berühre mich nicht!‹ und ›ich hätte nicht gemeint!‹ nenneten. Denn wenn sie betrachteten, daß sie in all ihrer Hoffnung betrogen worden, daß sie auf Erden so manchen Narrengang um nichts gethan und ohne Ursache ihr Gut so verschwendet hätten, dann sprächen sie: ich hätte nicht gemeint, daß es soviel kosten würde! ich hätte gemeint, daß ich sicher ankommen würde! ich hätte nicht gemeint, daß sie würde Meister sein! ich hätte gemeint, sie würde mir mehr gehorchen! ich hätte gemeint, wenn sie einen Mann hätte, würde sie der andern müßig gehen! ich hätte gemeint, sie würde mich von Herzen lieben! So daß also ihr Unglück und Verdammnis davon herkommt und gemehrt wird, daß sie erst nach geschehener That bedenken und ohne Reue sagen: ich hab's nicht gemeint, oder ich hätte gemeint.« Mitten in dieser ehrlichen Zunft saß der ehrbare und von ihnen auf der Welt als ein Gott verehrte Götze Cupido, nackt wie ein Bärenhäuter. Gleichwohl war seine Haut mit einer gewissen Tracht bedeckt, anzusehen wie ein köstlich gesticktes Zeug von Krätze oder ein herrliches Tuch von Franzosen oder gar wie der Aussatz und Ausschlag. Eine Siegesfahne schwebte über ihm, auf welcher die Reime standen: Wer stets im Luder liegt, 'Nen solchen Lohn er kriegt: Denn wer mit Huren will haushalten, Wird arm aus reich, muß jung eralten. Hoho! sprach ich, da giebt es wahrlich Poeten in der Nähe! was ich leicht an den frisch gebackenen Reimen erkannte. Ich hatte auch kaum das Wort gesagt, da sah ich einen großen Pferch, in welchem viel tausend Poeten saßen; sie wurden aber in der Hölle nicht anders als wie Phantasten, Esel und Narren behandelt. Als ich sie nun genau beschaute, kam einer auf mich zu und mit dem Finger auf ein nahes Frauenzimmerquartier zeigend, sprach er: »Was däucht euch? ist's nicht wahr, die Weiber sind nicht ganze Gehilfinnen des Mannes, sondern nur halbe, weil sie nicht allezeit um den Mann sind? Ein Theil des Theils! denn die halbe Zeit, nämlich die Nacht, bringen sie mit Schlafen zu. Noch ein kleiner Theil des Theils! denn auch am hellen Tag helfen sie zwar die Männer ausziehen, aber nimmermehr wird man sehen, daß sie dieselben gern helfen anziehen. Daher ist es unumstößig wahr, daß die Weiber nur halbe Gehilfinnen des Mannes sind.« Wenn ich der überspitzfindigen, tiefgesuchten Weisheit dieses Poeten länger hätte Gehör geben wollen, ich glaube sicherlich, er würde tausend Theilchen nacheinander hergezählt haben. Aber wie? sprach ich: könnt ihr dergleichen spitze, unnütze, kahle Gedanken und Fragen auch noch in der Hölle nicht vergessen? Ist euch die Narrheit noch nicht ausgeschwitzt? Ihr müßt wahrlich auf Erden ein fauler Kunde und ein lächerlicher Naseweis gewesen sein; weil ihr die Schnacken und Grillen auch bis hierher behalten habt. Dieser ging von mir, und ein anderer, ein Schreibtäfelchen in der Hand, ein glänzend-schmutziges Käppchen auf dem Kopf, kam auf mich zu und redete mich ohne weitere Grimassen also an: Wenn ihr denn mich wollt fragen rath, So wollt' ich es euch sagen drat Geschwind, alsbald. Und nichts verhehl'n zu dieser Frist; Das schwör' ich euch ohn' arge List: Denn ich es all's erfahren han, Als ich durch die ganz' Welt that gahn. Von morgen- bis gen abendwärts Bin ich bekannt ohn' allen Scherz, Und ist kein' Stadt fast in der Welt, In der ich nicht war, wie gemeld't. Auch in der großen Stadt Constant- Tinoppel, die allen ist bekannt u. s. w. – Ei so noppele, daß du deine Ehre vernoppelst, du elender Tropf! daß ich dich ja nicht länger höre, nopple dich fort und höre auf! sprach ich: denn wenn ich ohne Strafe und Gefahr in der Hölle lachen könnte, so müßte ich mir dieser närrischen Verse wegen einen Buckel lachen. Pfui Teufel! wie kannst du so närrisch sein! du machst allen Poeten einen bösen Rauch. Wenn das Ding auf Erden geschähe, man würde meinen, es könnte keiner ein Poet sein, er wäre denn zugleich ein Narr, und es würde sich einer bald schämen müssen, daß er etwas dichten und reimen gelernt habe! Meinst du, daß es genug sei, Narren-Reime machen und die Zeilen mit einem Holz abmessen? O elender Tropf, es gehört ein anderer Verstand und Kopf zur Poeterei; solche Narren, wie du einer bist, gehören nicht unter die Zahl der Poeten: rechte Poeten haben herrlichere Einfälle und bessere Reime, als du sie kannst machen! – »Ja, ja, sprach ein anderer, der eiserne Fesseln anhatte und viel härter gestraft wurde wie der vorige: ich hoffte bei der Poeterei eine bessere Krone verdient zu haben, der ich in derselben herrlichere Thaten gethan als dieser Reimklotz da; aber – o daß der, welcher die Poeterei, das Versemachen, Reimen und Grillisiren zu Anfang erdacht hat, hier an diesem Orte sitzen und höllische Reime schwitzen möchte!« Du elender Tropf, antwortete ich diesem: das Versemachen und Reimen an sich selbst ist an deiner Verdammnis nicht schuld; wenn du solche Gaben nicht zu loser Eitelkeit und Leichtfertigkeit mißbrauchst, sondern sie zur Ehre und zum Lobe Gottes, wie viele heilige Männer, verwendet hättest, du wärest dieser Strafe wohl entronnen. Aber deinesgleichen verführerischen Schreibern soll es billig so ergehen.« Ich hatte ihn anfangs, weil er Lateinisch zu mir redete, für Martial, Petronius, Catullus Römische Dichter: Martial, Epigrammendichter zu Ende des ersten und zu Anfang des zweiten Jahrhunderts n. Chr. Petronius lebte unter Nero. Catullus, Dichter von Elegien, geb. 87 v. Chr. oder für einen ihresgleichen kitzelgierigen Franzosen gehalten: aber jetzt fing er an, in deutscher Sprache ein trauriges Klagegedicht vorzutragen, so daß ich unschwer daraus urtheilen konnte, er müsse ein geborner Deutscher sein, die zum Theil solche losen Narretheien, wie auch andere greuliche Laster und Untugenden den welschen Völkern ablernen. Diese Klage lautete also: Die Vers', die ich heuer gedichtet, Haben mich zum Tod gerichtet; Meine Reime ohne Zahl, Die ich oft hätt' sollen meiden. Bringen mich in diese Qual, Die ich in der Höll' muß leiden. Also sich die Narren quälen, Daß darf keine Silbe fehlen: Drum zu reimen auf ein' Schnur, Hab' dem Leser zu Gefallen Ich gesagt: die wär' ein' Hur' – So doch war die frömmst' von allen. Oftmals stiegen mir die Grillen Einen Reim recht auszufüllen, Welcher ausging auf ein Helm: Sich zu schicken in das Lesen Sprach ich: jener war ein Schelm, – Der doch Biedermann gewesen. Als ich von dem Meer that fragen, Wie sich da die Winde jagen, Und nichts reimen konnt auf Sud : Sud veraltet für Süd, Südwind. Nur den Wohlklang zu erzwingen Sagt' ich: ein Christ wär' ein Jud', Und ein Esel könnte singen. Was ich wollt' zusammenflicken, Das mußt' sich in Reime schicken, Es wär' gleich Katz' oder Hund, Tod und Leben, Hoffnung, Zweifel, Himmel, Höll', ja Engel, Teufel. Dem Patrone zum Belieben Hab' ich oftmals das geschrieben. Welches doch erlogen war, Hab' gelobt, was war zu schelten; Jetzt muß ich's ohn' Zeit und Jahr Ewig in der Höll' entgelten. Nehmt Exempel ihr Poeten! Seht in welch grausamen Nöthen Wir hier sitzen in der Glut! Cerberus indessen brummet. Denn wir haben einen Muth, Der von Lucifer herkommet. Wie könnte doch närrischere Thorheit und thorheitlichere Narrheit erfunden werden als diese: die Hölle verdienen durch Versemachen und doch in der Hölle selbst noch nicht aufhören zu reimen? Man kann wohl sagen, es muß der Rest der Poeterei tief in deine Seele gefressen haben, weil das höllische Feuer denselben nicht kann ablösen. Ich halte es für eine von den unnützesten Arbeiten, einen Versemacher klüger machen zu wollen: Wer wehren will der Sonne Glanz Und zwingen eine Geiß zum Tanz, 'Nen Tauben zwingen, daß er hör', Eine Kuh treiben durch ein Nadelöhr, Fromme Mönche machen aus Schälken, Aus einem Esel Mätt Mätt ist ein vornehmes Getränk, aus Honig gebraut. will melken, Einen Versanten machen klug: – Der hat selbst nicht Verstand genug. »Es ist eine recht phantastische Begeisterung in den Poeten, sprach ein Teufel: denn während andere ihre Sünden bejammern und Mord darüber schreien, da singen, sagen und erzählen die Poeten die ihrigen an allen Orten, als ob sie es recht gut getroffen hätten; treiben Hurerei im Sinn (wie arme Juden den Wucher) mit irgend einer Clorinda, Lesbia, Thalia, Rosamunda, Florinda, Cassandra, Flora, Laura und führen sie in ihren Versen und Liedern auf goldenen Wagen und Kutschen daher, als ob sie Fürstinnen oder Göttinnen wären; wissen die goldenen Haare, die kristallene Stirn, die sternfunkelnden Augen, die Perl-Zähne, den Korallen-Mund, die zuckersüßen Worte nicht genugsam zu beschreiben, wie der thörichte Maler Aubelin, während doch bisweilen alle diese Herrlichkeiten eine stinkende, kahle Vieh- oder Küchenmagd kaum entwerfen können, und sie mit all diesem eingebildeten Reichthum und dieser Pracht nicht ein Pfund Brot zu bezahlen wissen oder einen Schuhflecken dafür aufsetzen lassen können. Außerdem ist es unmöglich, daß man eines Poeten Heimat, Glauben und Religion recht erfahren kann: sie nennen sich zwar heutiges Tages alle Christen, aber sie haben irrige, verketzerte Seelen. Ihre Gedanken sind arabisch und schwärmen in den dortigen einsamen Wüsten herum wie eine Mücke in einer Trommel. Ihre Schriften, Worte und Gebete sind ohne Maß und Zahl – denn sie zahlen nicht leicht und sind des Borgens besser gewohnt. Doch weil ich an einem poetischen Fieber vorzeiten auch etwas krank gelegen war und in Furcht stand, es möchte mir deswegen auch ein Verweis hergesagt werden, so trollte ich mich von dannen, und bemerkte unfern die Heuchel- und Maulchristen, die, wenn sie beten, in der Kirche sind oder mit Gottes Wort umgehen, sich heilig stellen und unterdessen mit den Gedanken im Gerstenfeld herumfahren; dem Heiligen eine Kerze verheißen, doch nicht einen Docht geben: auch von Gott Dinge wünschen, was eine Schande ist zu hören. Deswegen sind sie mit Ketten des ewigen Stillschweigens gebunden, müssen ewig und ewig hören, daß ihnen die Teufel ihre Untugend vorwerfen: O ihr unverschämten Seelen, die ihr das Gebet und die Geduld Gottes so leichtfertig mißbraucht habt! Ihr Frevler, die ihr mit der heiligen Majestät Gottes in geringerer Ehrerbietung umgegangen seid, als mit irgend einem Kaufmann oder Händler, ja ärger als eine Sau mit einem Bettelsack! Wievielmal habt ihr von Gott solch unbillige Sachen erbeten, daß ihr selbst euch dessen schämen müßt – wie jener dort, auf den er mit einem Finger zeigte, der, solange er auf Erden war, sprach: O daß Gott gebe, daß mein Vater todt wäre! daß ihn der Teufel hinweg hätte, damit ich das Diebsgut einmal benutzen könnte! o daß mein Oheim stürbe, und ich ihn beerben möchte! o daß ich ein Doctor wäre! o daß ich ein reicher Abt würde! o daß ich einen heimlichen Schatz fände! gebe Gott, daß ich im Spiel möchte Glück haben! o daß ich meinem Kinde könnte eine reiche Heirath verschaffen! o daß der Fürst oder mein gnädiger Herr mir mit Gnaden ewig müßte verbunden sein, und ich sein Mignon und Favorit, das ist, ihm vor allen andern lieb und werth wäre! – Und dann dürften sie wohl noch die losen Bedingungen und Versprechen dazusetzen: Thue das mein Gott und hilf mir, so will ich das und das vollbringen, den Armen dies und das Gute thun, so und so fromm werden! Welch grobe und große Unkenntnis, Gott unter gewisser Bedingung versprechen, was man ihm ohne Bedingung und von Rechtswegen schuldig ist, was für eine Frevelthat ist das! Von Gott diejenigen Dinge bitten, die er doch den Menschen oft zur Strafe und Züchtigung zuschickt, und wenn er alles gegeben, was die Menschen von ihm bitten, das Versprechen nimmermehr erfüllen! Ihr Gottesverräther, wie oft habt ihr ihm gelobt, wenn ihr aus dieser oder jener Noth und Lebensgefahr errettet werdet, wenn ihr eure Gesundheit wiedererlangen werdet: daß ihr dies und das thun, Gott von Herzen dafür danken, fromm werden, den Nächsten Gutes thun, nicht mehr sündigen wollet – wovon ihr doch nicht ein Härlein gethan oder gehalten habt. Ihr seid Schwätzer, ihr seid Betrüger gewesen und habt diese Gelübde nicht aus Andacht, sondern aus Noth und Schein gethan. Habt ihr auch je gedacht, von Gott eine geistliche Gnade zu erbitten, wie die Ruhe eurer Seele, ein gut Gewissen, die Gnade Gottes, seinen guten Geist und Eingebung? Freilich nein! Denn ihr seid in weltlichen Gedanken so verirrt gewesen, daß ihr die Kraft des Geistes Gottes nicht habt schmecken noch fühlen wollen. Ja ihr habt nicht bedacht, daß das beste Opfer, das Gott gefällig sein kann, ein reines Gewissen, ein williger Geist, ein demüthig Herz, eine brennende Liebe sei. Gott selbst hat Wohlgefallen an dem, daß die Menschen seine Gnade annehmen, nur damit er Ursach habe ihnen destomehr zu geben. Aber das alles ist bei euch bald vergessen, und ihr denkt nicht eher daran, als wenn die Trübsal herannaht, welche Gott oft den Menschen zum Besten schickt, damit sie in der Andacht erhalten werden. O ihr unbedachtsamen Beter, wie übel sind euch nun diejenigen Gaben, die ihr von Gott gebeten, gediehen? wie wenig habt ihr sie zu eurem Besten genossen? So wenig, daß sie euch und ihr sie in der letzten Noth verlassen mußtet.« – Auf diese sinnreiche, wahrhaftige Predigt wollten einige der Armseligen etwas zu ihrer Entschuldigung vorbringen; aber es war ihnen ein Siegel des ewigen Schweigens auf das Maul gedrückt, als solchen, die mit Grund auf dies alles nichts vorzubringen haben könnten. – Von da ging ich, um die Segensprecher, Kristallseher und abergläubischen Wahrsager zu besehen, welche in dem höchsten Grade der Zauberei begriffen sind. Bei ihnen waren alle diejenigen zu finden, welche Krankheiten, Wunden und andere Zustände der Menschen und des Viehs durch gewisse Segen und Worte, durch Bußen, Zettel und Aberglauben heilen, von verlorenen Dingen, und wie selbige wieder zu erlangen wären, sagen konnten, die das Sieb herumlaufen, die Scheere herumtreiben oder Immergrün aus der Pfanne springen machten; sie alle saßen lebendig in dem Feuer und in der Lohe. »Diese sind, sprach ein Teufel, diejenigen, welche das alberne, einfältige Volk zu allerhand Aberglauben treiben; es sind die allerverdammtesten Menschen der Welt. Wenn sie auch zuweilen einem von seiner Noth helfen, so ist doch gewiß, daß sie allemal einen andern damit behängen, der unschuldiger ist und es weniger verdient hat als der erste. Und gleichwohl sind deren nicht viele, die über sie klagen wollen oder dürfen: denn wird einem geholfen, so ist er froh und bezahlt sie redlich, nur daß er von ihnen loskomme; wird ihm aber nicht geholfen, so muß er sich fürchten, wenn er etwas sagt, daß es ärger mit ihm werde. Also sie mögen thun, was sie wollen, der Kranke ist genöthigt sich wohl oder wehe sein zu lassen. Fragt man, was sie für Mittel gebrauchen? so haben sie die verdammten Ausreden, es seien heilige gute Worte oder Buchstaben, die sie etwa von einem Juden oder von alten Huren erlernt haben, denn von denen stammt der rechte Ursprung ihrer Geheimnisse. Außerdem ist nichts närrischer anzuhören, als wenn sie erzählen, wie sie dieses oder jenes Probestück gethan haben: wie diesem das Auge ausgestochen und ihm in der Hand gelegen habe, was sie aber wieder eingesetzt, so daß er besser gesehen als vorher; wie jener durch das Hirn geschossen, durch die Leber gestochen sei, das Eingeweide habe im Hut getragen, sie ihn aber wieder so zurecht gebracht hätten, daß man nicht einmal das Wundmal könnte finden. Aber wenn man fragt, wo das geschehen sei? so ist es etwa 200 oder 300 Meilen Wegs von da, woselbst der elende verlogene Tropf selbst niemals gewesen ist. Fragt man, wann es geschehen? dann ist der Elende bereits vor mehr als zehn Jahren gestorben. So können sie also ihre Schalkheit beweisen.« Die ernsthafte Zunft war dieses Verweises gar nicht zufrieden, und hätten den Teufel in seinen Reden gern Lügen gestraft, wenn sie nicht ärgeres gefürchtet hätten. Einer aber, den solch ein Schimpf sehr verdroß und der vorher auf Erden für einen berühmten Quacksalber und Segensprecher gehalten wurde, stand auf und sprach, um in der That zu beweisen, was für vortreffliche Künste er habe: »Und vor dieser ganzen löblichen Versammlung thue ich dar und beweise es mit einem besiegelten Testimonium, daß meine Wissenschaft nicht Betrügerei ist. Denn ist's nicht wahr (indem er seine Nachbarin herbeirief): wenn ein Weib ihre Hochzeits-Schuhe zerrissen hat, so ist's ein unfehlbares Anzeichen, daß sie von ihrem Manne wird geschlagen werden? Ist's nicht wahr: wenn ein Weib aus dem Kindbett aufsteht und nicht neue Schuhe anzieht, so muß hernach das Kind, wenn es gehen lernt, gefährlich fallen? Wenn ein Vieh böse Augen hat, so hänge man ihm eine Schnur mit Wurzeln an, das wird helfen im Namen der heiligen Ottilie. Wer Erbsen und Bohnen ißt und selbige Woche dergleichen säet, dem gerathen sie nicht. Wer ein Gewächs am Leibe hat, der wasche sich mit frischem Wasser, welches aus dem Bach geholt ist während der Zeit, daß man einen zu Grabe läutet, – es hilft. Wer ein neues Messer kauft, soll den ersten Bissen, den er damit schneidet, einem Hund zu essen geben; dann verliert er das Messer nicht. Wer einen Storch zu allererst kommen sieht und heißt ihn willkommen, dem thut das ganze Jahr kein Zahn weh. Wer drei Freitage des Morgens den rechten Fuß zuerst aus dem Bett setzt, dem drücken die Schuhe das ganze Jahr keine Blasen. Wenn man einer Henne an einem Freitag Eier unterlegt, so werden die Hühnchen von dem Vogel gefressen. Wenn man Nachts schlafen geht und den Tisch nicht abräumt, so kann das Jüngste in dem Hause nicht schlafen. Wer eine Hasenbohne findet und ißt sie, der kriegt sein Theil von selbigem Hasen. Wenn eine Frau ihre Katze nicht verlieren will, dann schmiere sie ihr die Tapeten drei Abende mit Butter. Wer spielt und mit dem Rücken gegen den Mond sitzt, der verspielt. Wenn eine Magd des Samstags ihre Kunkel nicht abspinnt, so bleichen diese Fäden sich nimmer weiß. Wenn dir das rechte Ohr singt, so sagt man eine Wahrheit; ist es das linke, so sagt man eine Lüge von dir. Alsdann beiße in das obere Häkchen an deinem Hemd, so wächst dem Lügner eine Blase auf der Zunge. Welche einen Rost auf das Feuer setzt und nichts darauf legt, die wird häßlich und bekommt einen Schurz im Gesicht, wie jener Welsche sagte; das ist: sie wird voll Runzeln. Wem ein Hase auf dem Wege begegnet, der drehe sich dreimal um, sonst widerfährt ihm ein Unfall. Welche Magd das Holzbündel auf der Gasse verliert, die hat einen untreuen Buhlen, das heißt: er giebt ihr gute Worte mit dem Maul, aber sein Herz ist wie Sauerkraut. Wenn man über ein Kind schreitet, so wächst es nicht mehr, man schreite denn wieder zurück. Wenn eine Magd gesottene Milch oder Päppel aus der Pfanne ißt, so regnet es bald, und sie bekommt einen Mann, der sieht so sauer wie Sauerkraut. Wenn eine schwangere Frau ein Kind über die Taufe trägt, so muß das Kind bald sterben. Wenn man einen neuen Besen umgekehrt hinter die Hausthür stellt, so kann keine Hexe hinein noch hinaus. Wer an den vier hohen Festtagen kein Fleisch ißt, der bekommt kein Zahnweh. Wenn eine Frau ihr Kind säugt und auf einem Markstein sitzend dem Kinde zu trinken giebt, so bekommt dasselbe sein Lebtag kein Zahnweh. Wer im Aufstehen des Morgens nießt, der lege sich wieder drei Stunden ins Bett, sonst ist seine Frau dieselbe Woche hindurch Meister. Wer sich anzieht, soll zuerst das rechte Hosenbein, im Ausziehen aber das linke nehmen, – ist gut für das Zipperlein. Wer am Fasten-Dienstag morgens nüchtern badet, der bekommt das Jahr kein Rückenweh. Die Kinder, welche nach des Vaters Tode geboren werden, haben die Kraft und Tugend, daß sie die Häutchen, die auf den Augen wachsen, drei Freitage nacheinander können abblasen; das fließende Brunnenwasser, das man in der heiligen Weihnacht, solange die Glocke zwölf schlägt, sammelt und Heilweg genannt wird, ist gut wider das Nabelweh. Wer am Freitag seine Nägel und Haare abschneidet, der hat kein Ohren- noch Augenweh zu fürchten. – Als er noch mehr herrliche Kunststückchen her erzählen wollte, ließ ihn der Teufel auch eine Probe sehen, nämlich: daß alle Abergläubischen und Segensprecher, Kristallseher, Siebtreiber und dergleichen, als des Teufels leibeigene Leute, ewig müssen verdammt werden. Ich kam weiter in einen großen Saal, der im Umfang 9999mal größer war als die Metzger-Au zu Straßburg, dessen Fenster dreimal höher waren als bei uns in Deutschland, in der Größe wie man jetzt ins gemein zu Paris die Alamode-Fenster macht: gleich einem Scheunenthor. Zuerst glaubte ich, da es im Eingang so stark nach Schwefel roch, daß die alten Jungfrauen, welche ihre Jungfrauschaft mit Unwillen über fünfzig Jahre bewahrt und unverletzt ins Grab getragen hatten, dort Schwefelhölzer oder Zunder feil hätten oder gar wohnen würden. Aber durch Erkundigungen erfuhr ich, daß es ein ewiges Laboratorium war, und daß sich allda die Goldmacher, Goldschmelzer, Goldbläser, Alchemisten genannt, aufhielten. Dieselben wurden von den Teufeln scharf befragt, was es denn mit dem Stein der Weisen oder mit der Universaltinctur, mit dem Goldmachen, für eine Bewandtnis habe? Da sie, die Teufel, denen doch sonst des Feuers Kraft und Eigenschaft in allen Graden bekannt ist, sich gleichwohl nicht da hinein finden könnten. Die Herren Alchemisten aber wußten von nichts weiter zu erzählen, als von der in Utopia und Schlaraffenland gebräuchlichen Vermischung der Metalle und Mineralien aus der Idee und aus dem Traum, und dasselbe unter so verdeckten Namen und Zeichen, daß es auch nicht ein einziger Teufel verstehen konnte. Insonderheit (so viel erinnere ich mich noch) nannten sie Gold , Silber , Quecksilber , Eisen , Kupfer , Zinn , Blei . Um die Goldmacher stand es voll Destillir- und Brennöfen, Feuerzangen, Feuerhaken, Tiegel, Gabeln, Schippen, Kohlen, Blasebälge, Lehm, Leim, Mist, Menschenblut, Helme, Kolben, Gläser, Pulver, Wasser, Harn; ferner allerhand Metall und Mineral ausgenommen Gold, wohl aber Schwefel, Quecksilber, Blei, Zinn, Kupfer, Arsenik, Allaun, Salpeter, Vitriol, Mennig, Ammoniak, Antimon, Agstein, Kalk, Oel, Weinstein, Todtenköpfe, Asche, Arsenikerz. Ferner allerhand Bücher, auf Pergament, Buchenrinden und Birkenrinden geschrieben und eingegraben wie: Hermetis et Alani Alanus (Alani) ab Insulis (1114–1203) ein vielseitiger Gelehrter, daher Doctor universalis genannt. de , Lumen chymicum Thurmhäusers und andere. Ein Theil der Leute destillirte, despumirte, calcinirte; der andere lavirte; der dritte purificirte, rectificirte, separirte, präcipitirte, sublimirte, cimentirte, gradirte, filtrirte, cragulirte, circulirte, fibrirte, macerirte, radirte, trirurirte, limirte, condirte, digerirte, erprimirte, liquirte, nutrirte, fermentirte, levigirte, inspissirte, rarificirte, solvirte in Rauch, in Dunst, in Luft, in nichts, so daß unsichtbar und unbegreiflich wurde, was zuvor sichtbar und begreiflich gewesen war und was sie im Säckel gesehen und gefühlt hatten. An einem andern Orte transformirten, transfigurirten, transmutirten sie die Dinge eins in das andere, eins aus dem andern, und fixirten das auf dem Ambos mit hunderttausend Schlägen. Endlich, wenn sie das Zähe, Schleimige und Unsaubere abgetrieben hatten, und an dem waren, den Schatz aus der Tiefe herauszuholen, da flog er in der Luft ohne Federn davon. Andere redeten ohne Unterlaß mit sich selbst, obwohl sie niemand fragte noch ihnen antwortete. Andere disputirten, ob sie ein Feuer von Rädern, von Lunten, von Lumpen, von Haar machen sollten? ob das Feuer oder Nicht-Feuer des Raimund Lullus vom Kalk (welcher brennt und hitzt, doch kein Feuer hat), oder von der Kraft der Hitze und nicht von der Hitze des Feuers zu verstehen wäre? – Andere, wie Hermes und Consorten wollten das primum principium , die Urmaterie haben, das ist, aus nichts etwas machen, Gott gleich werden, eine neue Welt schaffen. – Andere hatten ihre Speculationen und phantastischen Betrachtungen über die wunderliche Kraft und Veränderung des , wie man aus Gold und Dreck eine Essenz machen, wie aus schwarz weiß, aus weiß roth werden könne; suchten die Natur mit der Natur zu proportioniren: wie man lange leben und nicht alt werde. – Die übrigen alle, als eifrige maulaufsperrende Erwarter und Zuseher des Glückshafens, warteten in ihrer Blindheit, bis sogar ihr eigen Blut, ihr Hirn und Verstand zu Staub und Pulver geworden war, und – anstatt daß die allein solcher Geheimnisse würdigen Söhne der Weisheit aus Dreck, Mist, Schwefel, Salz, aus Pfrimmen, Harn, Essig, Haar, aus Blut und Horn Gold, Gold, Gold machten, machten sie im Gegentheil aus feinem, feinem, feinem Gold elenden Schaum und Dreck und aus witzigen, reichen, hochgebornen Leuten rechte Narren, Bettler und falsche Münzer. Die guten Herren waren so blind-eifrig, daß sie nicht wußten, ob sie es schon wüßten: daß Goldmachen eine Kunst ist, die nicht unmöglich ist, wie Unverständige meinen; aber eine solche Kunst, die manchen zum Narren macht, der doch vermeint witziger zu werden, – eine solche Kunst, die Einem forthilft, tausend aber in das Verderben und in Verzweiflung bringt. Wie viele sah ich da, die sich zermarterten, wie der Alchemisten gebräuchliche heilige Worte zu verstehen und zu ergründen seien, da geschrieben steht: Gott sei Lob und Dank, der den Menschen die Macht gegeben, aus dem allergeringsten, verachtetsten Dinge auf Erden einen herrlichen und reichen Schatz zu machen! – Einige Nachgrübelnde wollten diese Worte auf öffentliche, gemeine Huren deuten, weil ja nichts wüsteres und geringeres auf Erden zu finden ist, als seinen Leib männiglich zur Ausbeute und Schindgrube feil bieten. Deshalb kochen einige derselben, um den Versuch zu machen, noch jetzt in dem ewigen Ofen. Andere, welche sagten, daß die Huren zuviel Unreinigkeit in sich hätten, so daß unmöglich ein so herrlicher Schatz aus ihnen herausgebracht werden könnte, gaben vor, die Kalenderschreiber wären das Geringste und Verachtetste auf Erden, weil sie alle Stunden und Minuten sich und ihr Maul zu Lügnern machen so handgreiflich und augenscheinlich, so ärgerlich und gefährlich, daß zu fürchten ist, wenn christliche Potentaten diese Kalenderschreiberei und Landbetrügerei nicht abschaffen oder beschränken, die ganze Welt sammt ihnen werde noch gänzlich dadurch zu Thoren und zu Narren gemacht. Und wirklich auch setzte man einige der bekannten Kalenderschreiber in einen dazu bereiteten Ofen, um eine Probe zu machen. Aber ein kohlschwarzer rauchender Teufel kam hindernd dazwischen und sprach: »Ihr Herren Steine der Weisen, ihr Windbeutel, ihr Leutebetrüger, ihr Goldverblaser, ihr Neuer Ding'-Erfinder, Großer Herren-Schinder, Deren Hoffnung, Seel und Gut Steht im Feuer, Rauch und Glut, Deren Heil und ewig Leben Wir euch in der Hölle geben. ihr irrt euch hier! Denn wenn ihr das allerheilloseste, liederlichste, geringste, verachtetste Ding auf Erden haben wollt, so müßt ihr einen Alchemisten nehmen, und müßt, wie ich euch lehren will, kraft dessen, was ihr der Universaltinktur zuschreibt, ihn in einen glühenden Ofen setzen um zu versuchen, ob etwas würdiges daraus zu Wege gebracht werden könne. Ihr Land- und Leutebetrüger, sprach der Geist weiter: ihr wißt sehr wohl und seid in eurem Gewissen überzeugt, daß ihr nicht nur falsche erdichtete Bücher geschmiedet, Fürsten und Herren damit geäfft und genarrt und hinter das Licht geführt, sondern auch gottlose und verführerische Figuren gebraucht und die göttliche heiligste Dreifaltigkeit nicht verschont habt, um Land und Leute unter so heiligen Namen um so besser zu betrügen. Es ist männiglich bekannt, daß ihr in öffentlicher Hurerei, Ehebrecherei, Völlerei und anderen unreinen Wesen steckt, in Summa: daß ihr öffentlich verwiesene Landbetrüger, Lecker und Buben seid, welche verdienen, daß sie von redlichen Menschen abgesondert und an Leib und Seele gestraft werden!« Dasselbe ward denn auch alsbald einhellig im höllischen Rath beschlossen, und die armen unsinnigen Alchemisten, die, um zu ihrem Ziel zu gelangen, dieses Urtheils über sich selbst wohl zufrieden waren, in den Feuerofen geworfen, wo sie nun sitzen und ihre nachkommende Gesellschaft alle Tage bis zum Ende der Welt mit Verlangen erwarten. Auf der gegenüberliegenden Seite befanden sich die abergläubischen Astrologen, Sterngucker, Prognostiker, Wettersteller, Kalendermacher, Nativitätensteller, Schwarzkünstler und dergleichen, welche sich untereinander einer nach dem andern die Hände besahen und wahrsagten. Zu einem sagten sie: es sei leicht abzunehmen aus dem Monte , Die astrolog. Zeichen bedeuten: Saturn, Venus, Sonne, Jupiter, Merkur, Wassermann, Drittes Viertel des Mondes. daß er hätte müssen verdammt werden; einem andern an dem Gürtel ) und im Hause , daß er ein großer Buhler sein müsse; einem andern, daß er ein großer Philosoph und Alchemist wäre, weil in seiner Geburtsstunde in aufsteigend gewesen im Hause ; einem andern an und und in 19 Hause, daß er ein tapferer Hofmann wäre. Ein anderer aber war mit Sphären, Globen, Sternhöhenmessern, Quadranten, Cylindern umgeben und verbollwerkt wie das Kastell zu Metz oder Wolfenbüttel oder die Stadt Danzig mit ihren Basteien und Wällen, zwischen denen er auf allen Vieren herumkroch, Zirkel und Winkelmaß in der Hand und die Längen und Breiten, Höhen und Tiefen und die Abstände auf Erde und Himmel abmessend: wie breit die Erde, wie weit das Meer, wo die Hölle, wo die Sterne, wie viel Himmel, wie hoch der Himmel, wie weit der Himmel, wie breit der Himmel, wie und wo der Himmel wäre; bald über sich sah, bald unter sich, bald vor sich, bald hinter sich, bald aufstand, bald schrie und sprach: o du Jupiter und du Sonne und Venus, welch ein Unfall! wenn ich eine halbe Stunde eher zur Welt gekommen, so wäre ich der Hölle entgangen und selig geworden! Denn grade nach diesem Punkte hier hat der böse Stand des Saturn ein Ende gehabt und Mars ist in das Haus des Lebens getreten. Ein anderer, gemäß diesem, sprach zu den Teufeln, die ihn peinigten, sie sollten auch genau zusehen, ob sie ihn gewiß hielten und ob er todt und in der Hölle wäre, denn er könne es nach unfehlbaren astronomischen Beweisen nicht glauben, weil er nämlich Saturn aufsteigend und Venus im Haufe des Lebens habe ohne eine einzige widrige Stellung: woraus er schließe, daß er nicht todt sondern noch auf der Welt sei und leben solle 101 Jahr 11 Monate 3 Wochen 6 Tage 23 Stunden 59 Minuten 3 Minutentheilchen. »Da wirst du den Teufel schwerlich betrügen können, sprach einer zu ihm; denn er hat seine Klauen viel zu fest in dich eingeschlagen. Bauern lassen sich bereden und Kinder durch die albernen Erklärungen der Gestirne, Teufel aber nicht. Ihr Menschenplager und Gemüthsverwirrer! welcher Mensch wird nicht durch eure Büberei gefangen und bezaubert? also daß er bald nicht gehen, nicht reiten, nicht fahren, nicht schiffen, nicht säen, nicht pflanzen, nicht kaufen will, obschon es die höchste Noth erfordert; ja sich nicht vor Gericht stellen will, obschon er unumstößlich citirt ist, und schließlich nicht einmal zu Stuhle gehen will, obschon ihm die Bänder platzen; daß er keine neuen Kleider will anlegen, obschon er voller Läuse sitzt, er habe sich denn zuvor in euren losen, erlogenen Scharteken Raths geholt, was ihm denn allemal ebenso gedeiht wie dem Hund das Gras: daß er nämlich nicht will die Füße netzen, und fällt hernach mit allen Vieren in den Rhein. Das sind mir der Welt und Menschen Martermänner!« In einer Ecke weiter davon sah ich einen Menschen allein sitzen mitten in den Flammen, der vor Unsinnigkeit die Zähne zusammenbiß und aus Verzweiflung Gott lästerte. Wer bist du? fragte ich. – »Ich bin Mahomet,« antwortete er. – So bist du wahrlich der verdammteste Mensch, der je gelebt hat und der die Ursache ist, daß die meisten Seelen hier in der Verdammnis leiden. Wie kommt's, fragte ich weiter, daß du den Anhängern deiner Ketzerei den Wein verboten hast? »Darum daß sie die Wahrheit nicht erfahren sollten und desto mehr von meinem Alkoran betäubt, bethört und betrunken gemacht würden.« – Warum hast du ihnen denn das Schweinefleisch verboten? »Damit sie den Schinken nicht verunehrten, wenn sie Wasser dazu trinken müßten.« Wie hast du denn solch große Gewalt unter deinem Volk erlangen können? »Weil ich ihnen unkatholischer Weise das ewigseligmachende Wort Gottes zu lesen und zu erforschen ernstlich verboten, dagegen geboten habe, daß alles mit Gewalt und Krieges Kraft müsse angefangen, fortgesetzt und erhalten werden. Dadurch habe ich sie in ein ewig Babel und Barbarei gebracht und sie also mit stockblindem Gehorsam regiert. Und wiewohl kein Glauben und keine Ketzerei unter der Sonne ist, die mehr Anhang hat als die meinige, so geschieht es doch nicht um der guten Werke und der guten Lehre willen, welche nimmermehr aus der Größe zu erzwingen sind, sondern darum, weil meine Gesetze sich nach eines jeden fleischlichen Lüsten und Willen richten: es habe einer so viel Weiber als er wolle, er glaube was er sonst wolle, – er ist unsträflich vor mir. Doch bin ich es nicht allein, der dergleichen aufgestellt hat; gehe nur beiseits, da wirst du den Nestorius, Arrius, Manichaeus Häretiker des 4. und 5. Jahrhunderts der christlichen Kirche. und andere Ketzermeister sehen, welche die Person Christi nicht minder als ich angefochten und verfolgt haben.« Diese und viele andere saßen lebendig gebraten in dem Feuer. Mir aber wollte zuletzt die Zeit lang werden in der Hölle; deshalb sah ich mich um, ob ich irgendwo einen Ausschlupf finden und mich davon machen könnte. Während ich so herumging, kam ich in einen langen Saal, in welchem Lucifer selber saß und um ihn her der ganze höllische Staat von Teufeln und Teufelinnen. Ganz verblüfft blieb ich an dem Eingang stehen. Doch bald kam ein Thorwärter auf Befehl zu mir heran und sagte mir, daß Lucifer befohlen hätte, weil ich ein Fremdling wäre, mich nicht weiter hier einzulassen, mir aber alle denkwürdigen Dinge zu zeigen – was mir ganz gelegen war. Unterdeß aber das Zimmer beschauend, dachte ich bei mir, was für ein großer Unterschied zwischen unserer Fürsten und Herren Höfen auf der Welt und zwischen Lucifers Wohnung wäre: denn die weltlichen Paläste wären oftmals nur mit gehauenen, stummen, unempfindlichen, unbeweglichen, doch fleischlich-anreizenden und zur Verdammnis befördernden Bildern, Gemälden und Tafeln, dieser aber mit leibhaftigen, lebendigen Seelen ausgeziert und insonderheit nicht aus den geringeren Geschlechtern, sondern von den höchsten mächtigsten Kaisern, Königen, Fürsten, Herren und Weibern. Das ganze ottomanische Haus bis auf den jetzt regierenden türkischen Kaiser stand oben an, dann alle ersten römischen Kaiser in ihrer Ordnung, die ersten römischen Könige alle mit ihren Vorfahren und unzählbaren Fürsten und Fürstinnen: Manlius, Alcibiades, Pausanias, Miltiades, Crassus, Pompejus, Regulus, Hasdrubal, Hannibal, Cato, Pyrrhus, Cäsar, Otho, Vitellius, Antonius, Dionysius, Polycrates, Phocas, Nero, Domitian, Caligula, Claudius, Cethegus, Lentulus, Catilina, Sertorius, Gracchus, Saturnius, Drusus, Marius, Sulla, Cinna, Lepidus, Attilla, Germanicus, Silanus, Britannicus, Sejanus u. s. w., auch viele, viele der unsrigen, welche Christen gewesen: Fürsten, Grafen, Herren, Ritter und Adlige, so viel, so viel, daß ich auch nicht drei oder vier Bauern vor ihnen sehen konnte. Sie alle herzuzählen würde mir Zeit und Gelegenheit mangeln; doch auf eines jeden Begehren will ich ihm sagen, wo ein jeder sitzt oder steht. Während ich so in Betrachtung stand, siehe, da führte man vor Lucifer einen bekannten Alamode-Kerl, einen Studenten, den ich vor weniger Zeit noch auf Erden gesehen hatte; einen Studenten, dessen Eltern ihn mit großen Kosten und zu ihrem eigenen Untergang auf eine vortreffliche hohe Schule geschickt hatten, um allda etwas nützliches, redliches und gutes zu erlernen. Er aber verwendete auf Bücher und auf gelehrte Männer und Lehrer nichts; sondern vergeudete statt dessen seiner Eltern sauren Schweiß durch köstliche und seinem Stande nicht gebührende Kleidungen, denn sein Vater war ein Handwerker gewesen; aus allen welschen Völkern hatte er etwas von ihren Trachten an sich, nur besaß er ein deutsches Maul und ein undeutsches Herz. Es führten ihn drei Teufel, als Welsche gekleidet, vor Lucifer, dieselben, welche ihm vorher bei der kostbaren Thorheit geholfen hatten, solange bis der Elende kein Geld mehr im Säckel und das Gewissen durchlöchert hatte. Indem er sich nun in seiner Eitelkeit gefiel, beschaute und betrachtete, da hatten ihn die Drei unversehens erhascht, verklagten ihn vor Lucifer und sprachen also: »Dieser untreue, modische Deutsche hat sich in seinen Kleidern und Geberden so weit verstiegen, daß er uns welschen Teufeln in dem Alamode weit voraus ist, und wir uns schämen müssen, daß ein Deutschling in Erfindung solch heidnischer Trachten uns soll überlegen sein; wir glauben auch nimmer, daß mitten in Rom, mitten in Paris, mitten in Madrid etwas üppigeres hätte mögen, hätte können, hätte dürfen erdacht, aufgebracht, nachgeäfft und getragen werden. Da nun dieser Elende mit dem Gifte der Neuerungssucht so viel andere Jünglinge angesteckt hat, so danken es ihm jetzt wir Teufel in der Hölle. Und wir bringen ihn hierher, daß er seine gebührende Belohnung empfange.« Lucifer stellte ihn zur Rede über alle die leichtsinnigen Ueppigkeiten, die er zu seiner armen Eltern Verzweiflung begangen habe, und fragte ihn, ob er gereist sei, ob er welsch könne, ob er seinem Stande nach solche Kleidungen auf Erden hätte tragen dürfen, ob er darum niemals wäre abgestraft oder gewarnt worden? Der elende Kerl aber ward, weil er überführt wurde, von den Teufeln in tausend Stücke zerrissen; diese Stücke warfen sich die Teufel, als besonders angenehme Dinge, einander zu, und sie schimmerten wie Feuerflammen. Ich entsetzte mich über all diese schrecklichen Dinge sehr, ging heraus und kam in des Teufels Küche. Da sah ich verschiedene Köche, die mir einbrocken und anrichten wollten. Weil ich ihnen aber nicht traute, trat ich hinzu und sah, daß alles von Gift und Galle zubereitet war; auch ward mir so angst und bang wegen der übermäßigen Hitze, daß ich sie nicht länger hätte erdulden können, auch wenn ich ein Glas-Junker gewesen wäre. Ich bat demnach meinen mir zuertheilten Trabanten mir an einem Orte heimlich hinaus zu verhelfen. Dessen war er wohl zufrieden und hieß mich ihm nachfolgen. Damit aber nicht jedermann über mich viele Bemerkungen zu machen hätte, gingen wir durch einen heimlichen Gang davon hart neben dem geheimen Orte Lucifers, bei welchem ich einige Tonnen voll fuchsschwänzerischer Historienmacher und Zeitungsschreiber gepackt stehen sah, die da aus Haß, aus Liebe auch dasjenige klagen, nachsagen, schreiben und übertreiben, das sich die Kinder in den Schulen zu erzählen schämen sollten; daher sie denn auch verlacht und verspottet wurden und endlich aller Fuchsschwänzer und Ohrenbläser Lohn empfingen. Als ich sie so in ihrer possirlichen Lage in dem stinkenden Quartier erblickte, fing ich an darüber zu lachen, und mein Gefährte, der es gewahr wurde, sprach: »Ich sehe wohl, daß ihr auch merkt, wozu diese Lumpen dem Lucifer dienen müssen, und es kommt euch recht spöttisch vor, daß die, welche auf Erden in ihren Handlungen so schlüpfrig und in ihrem Sinn so steif und störrig gewesen sind, sich jetzt auf tausenderlei Manieren biegen und schmiegen, drücken und drillen lassen müssen.« – Ja, ja, sagte ich, laßt uns nur gehen, damit ich in andere Luft komme. Endlich ersah ich ein Schlupfloch, wie ein Luft- oder Rauchloch gemacht, durch das ich mit großer Behendigkeit, wie eine Hexe auf der Gabel, hinaus flog, floh, kletterte, klomm, kroch, stieg, wie es gerade kam. Und in einem Hui war ich an dem Ort, wo ich anfangs hineingekommen war. Wer war fröhlicher als ich. Ich lief den Weg zurück, als ob ich den Teufel gesehen hätte und dachte indeß an die mannigfache grausame Pein, womit die ewigunseligen Leute gemartert werden, deren viele es weniger möchten verschuldet haben, als die, welche noch leben. Deshalb faßte ich denn den ernstlichen Vorsatz, dieses Gesicht in die Feder zu bringen und die Menschen zu warnen, damit sie ihr Leben und Thun so einrichten, daß sie die wirkliche und wahrhaftige Pein und Qual der höllischen Verdammnis (gegen welche die Marter und Pein dieses Gesichts nur ein Kinderspiel, ein lauter Nichts ist) nicht in der That erfahren und leiden müssen. Zugleich bitte ich den Ehre und Redlichkeit liebenden Leser, er wolle wahrhaftig glauben, daß ich nicht beabsichtige, einige Geistliche, einige Juristen, erfahrene Mediziner, christliche Philosophen oder aufrichtige Männer und Stände zu verkleinern noch einigen rechtschaffenen Studenten ihren Ruhm und ihre Ehre zu verringern: die ich ja so hoch ehre und, nach den Kräften und dem Vermögen, die mir zu Gebote stehen, so eifrig befördere als irgend jemand immer thun kann und mag. Sondern ich will allein diejenigen Laster und Sünden vor Augen stellen, welche heutiges Tages allgemein für keine Sünden gehalten werden, sondern mit denen man prangt und pocht und trotzt, – als ob Gott sich vor einem Prahlhans fürchtete wie der arme Nachbar, ja als ob Gott um eines eigensinnigen, schnarchenden Esels willen die zehn Gebote abschaffen oder doch wesentlich ändern, lindern und beschränken sollte. Solch ein Wesen aber, so gering wir es auch achten, ob wir es auch bemänteln oder mit Gewalt vertheidigen mögen, bringt gleichwohl den Menschen in die Verdammnis. Es redet ja dieses Traumgesicht nur allein von denjenigen, die in der Hölle sind; es soll also einem Biedermann der Welt, so hoch oder so niedrig er sein mag, weder Edlen noch Unedlen, weder Reichen noch Armen, weder Obrigkeiten noch Unterthanen, weder Großen noch Kleinen dadurch etwas an Ehren oder Seligkeit von mir genommen werden. Er thue nur recht, – sein Lohn wird sich schon finden. Ein wahrer Christ lese des seligen Herrn Maifard Bücher vom jüngsten Gericht, Tod, Himmel, Hölle, so wird er sich und die Welt erst erkennen lernen und zu allem, was ich hier schreibe, sagen Amen. Siebentes Gesicht Hofschule Im vorigen Gesicht habe ich in der Länge erzählt, was ich nach meiner Rückkehr aus Frankreich auf der deutschen Welt hier und da in großen Handels- und Reichsstädten und auf berühmten hohen Schulen, unter den Studenten wie unter den Soldaten, zu Wasser und zu Lande gesehen habe; und alle diese Betrachtungen sind mir in einem Gesicht vorgestellt worden. Doch noch konnte ich mein Gemüth (welches der Eitelkeit so gar überdrüssig ist, daß es womöglich ganz und gar aus der Welt gezogen wäre) nicht zur Ruhe und zum Frieden bringen: das edle Hofleben däuchte mir noch übrig zu sein, welches ich mir vornahm in gleicher Weise zu durchforschen, – ob ich vielleicht hier eine bessere Weise redlich zu leben und selig zu sterben finden könnte. Zwar wußte ich, wie heftig das Hofleben von vielen angesehenen berühmten Männern angegriffen und angefeindet war; weil aber Neid, Mißgunst und Unerfahrenheit auch bei Gelehrten zuweilen einkehrt, so dachte ich, ob nicht vielleicht auch in diesem Falle mehr aus Haß als aus Liebe zur Wahrheit mochte geschrieben sein. Wie ich nun des Reisens müde war, denn Reisen ist Mühe und Gefahr, Mancher wird allda betrogen; Ein Narr ist und bleibt ein Narr, Ob er schon die Welt durchzogen. Sorg', Geld, Witz und starke Bein' Müssen bei dem Reisen sein. Reisen ist nichts als Ungemach und Sorgen, Gefahr ist groß, die Lust gering und klein; Drum muß allhier ein eisern Herze sein, Sonst dau'rt man nicht als nur bis übermorgen, und da ich gehört hatte, daß das Hofleben angesehen würde als die Summe des menschlichen Lebens und Thuns, wo man alles beisammen sehe und erfahre, was sonst in der ganzen Welt geschieht: da nahm ich mir schließlich vor, an irgend einem vornehmen Hofe einem großen Herren aufzuwarten (so benamset man solche gewissenlose knechtische Dienstbarkeit). Wie es mir nun in diesem Leben ergangen ist, das halte ich hier zu berichten für unrathsam, weil es anderwärts in besonderen Hofnachrichten zu lesen ist. So viel aber ist gewiß, daß ich an dem Orte habe leiden und ausstehen müssen, was ich die verdammten Seelen in: vorigen Gesicht, deren Strafe doch unendlich ist, nicht habe dulden sehen, so daß ich in Wirklichkeit erfuhr: im Hofleben sein, ist nicht mehr in der Welt leben wie früher, sondern in wahrhafter ewiger Unruhe, in Verdammnis wie in einer Hölle sitzen, wo aus Stolz, Rachgier und Verzweiflung alles zu unterst zu oberst, wie in der Hölle, hergeht. Behüte Gott, welch ein verdammtes Leben! Wir waren alle übereinander und wider einander wie die Teufel, Herren und Diener, Hohe und Niedere; da war ewiger Streit, ewiger Haß und Zank, ewiger Groll und Neid, ewige Mißgunst, ewiges Lügen, ewiger Griesgram, so daß einer den andern ansah als seinen Feind, als seinen Henker, als seinen Teufel; und die einander die besten Worte sagten, vor denen mußte man sich am allermeisten vorsehen. Ich selbst verlor in solchem Leben mein eigenes Leben, ich war toll und todt. Doch blieb mir noch soviel Verstand, daß ich wünschen konnte aus diesen Banden heraus zu sein. Aber ich war gefangen. Gar gern wäre ich in Friedingen gewesen, aber ich war in Kriegingen, mit Gift und Lastern um und um umgeben, so daß ich nicht vermochte heraus zu kommen. Ich mußte, auch ohne meines Herzens Willen, mitmachen, mit Saufen, mit Kotzen, mit Fressen, mit Henken, mit unten, mit oben und mit verdammt sein. Wir waren alle Erzphantasten; auf deutsch: was sich ein jeder einmal einbildete, davon hätte er sich, bei Gott! nicht lassen abwendig machen. Wir waren der Unordnung und Bosheit so gewohnt, ihr so ergeben, daß wir fest glaubten, wir säßen nicht mehr in der Welt sondern in der Hölle, und einer wäre des andern Teufel; darum beflissen wir uns auch solcher Werke, die allein von verdammten Menschen und Teufeln zu geschehen pflegten. Keiner kannte den andern mehr, keiner achtete, keiner liebte den andern mehr. Einer wollte den andern peinigen und martern, und die Teufel selbst waren vor uns nicht sicher; sie liefen deswegen hin und her, als ob sie von Sinnen wären. Mit einem Wort: es war ein allgemeiner Aufstand, und alles in höchster Uneinigkeit und Verzweiflung. Lange Zeit wurde zugebracht, viel Köpfe wurden zerbrochen, viel Hirn verdestillirt, das ist, Filter-tropfenderweise gebrannt-wässert, bis man wissen konnte, wer doch des Lärmens und Unwesens am Hofe eigentlicher Anstifter sei. Endlich brachte man in Erfahrung, daß diese drei: eine Haushofmeisterin oder Ohrenbläserin, ein Schalksnarr und ein Fuchsschwänzer sich im höllischen Reich aus ihren Ketten und Banden losgemacht und diese Unruhe angezettelt hätten. Bedenke wohl, lieber Leser, was diese drei höllischen Gesellen an eines Fürsten und Herren Hofe anstiften können, was sie für ein Gemüth, für einen Geist, der sie treibt, für Sinn und Gedanken haben müssen, da sie ja die Hölle selbst, die doch der eigentliche Sitz und die Wohnstätte aller Unordnung, Uneinigkeit, Flucht und Zerrüttung ist, in solchen unverhofften Zustand haben bringen können! Lucifer, unser Meister (ich rede wie ein rechter Höfling), als er sah, was in seinem Hofwesen für ein Treiben sei, hob an mit den Zähnen zu klappern und zu knirschen, als ob er von allen Teufelinnen besessen wäre, rief seinem Gesindel zu, daß sie ihm Fesseln und Bande, Ringe und Halseisen, Haken und Krammen bringen sollten und lief herum von einem Ort zum andern, damit er alles zur Gebühr und Schuldigkeit antreibe. Indessen kam die Haushofmeisterin und Ohrenbläserin auch hin und wieder herbeigeschlichen, brachte dem einen hier, dem andern da etwas zu Ohren und hetzte sie aneinander. Als aber Lucifer im Herumstürmen von ungefähr auf die Haushofmeisterin stieß, da standen beide graden Fußes still und sahen einander mit feuerblitzendem Gesicht länger als eine Stunde starr in die Augen hinein, wie die Katzen zur Nachtzeit, und kein Theil konnte ein Wort reden. Vor diesem schrecklichen Anblick verbargen alle anwesenden Verdammten ihre Gesichter. Endlich hob die Haushofmeisterin, die beherzter war als der Teufel, an und sprach: »Gnädigster Fürst und Herr! ich habe aus schuldiger Treu nicht gemeint unterlassen zu dürfen euch im Vertrauen zu melden, daß es allhier in eurem Reich so übel steht, wie an irgend eines Herren Hofe auf Erden; es wird soviel unnützes Gesindel hier unterhalten, welche nur da sitzen und die Hände über das Knie zusammen schlagen, als ob es Feierabend wäre und sie nichts mehr zu schaffen hätten. Auch sind derer nicht wenige, die vor langer Zeit auf die Welt geschickt wurden, und noch nicht gedenken wieder hierher zurück zu kehren und es sich nicht angelegen sein lassen, über ihre Verrichtungen Rechnung abzulegen.« Zu diesem Gespräch trat der Fuchsschwänzer auch herzu und sprach, doch heimlich: »Gnädigster Herr Lucifer! ihr mögt in eurem Reich die Sachen für die Zukunft besser bestellen. Ich warne euch im Vertrauen (doch möchte ich nicht gern, daß es von mir ausgehe, denn sie würden alle insgesammt wider mich sein; ich möchte es nicht gesagt haben; wenn es mir einer nachsagte, ich würde ihm zurufen, er lüge wie ein Schelm), daß eine heimliche Verschwörung wider euch im Gange ist, und daß man euch gar aus dem Reich jagen möchte; ich weiß von sicherem Ort, daß ein Scheinheiliger sich des Werks unterfangen will.« Sobald Lucifer das Wort scheinheilig hörte, erblaßte er vor Furcht und stand da lange Zeit ohne ein Wort zu reden, so daß man unschwer errathen konnte, daß ihm wegen eines so listigen Feindes nicht wohl zu Muth sein mußte. Endlich, nachdem er sich ein wenig erholt hatte, sprach er: »Ein Scheinheiliger! und er biß die Zähne zusammen, daß die Verdammten erzitterten: ein Scheinheiliger! Es muß was daran sein; ich bin bei ihnen in die Schule gegangen, ich weiß, was sie können und wessen sie sich unterstehen! Denn wenn irgendwo auf Erden, insonderheit zwischen Regenten und großen Herren, Händel vorhanden sind, und dabei der dritte Mann nicht ein Scheinheiliger ist, so sollte es ein Wunder sein.« »Freilich, freilich! sagte der Fuchsschwänzer: ein Scheinheiliger, ein Heiligscheinender, ein Geistloser, ein Gleißner; ja, ja, aus allem ist leicht zu erkennen, daß dergleichen im Gange ist, und man muß befürchten, daß sie einmal unversehens eure Hölligkeit überfallen und fesseln.« Lucifer wußte sich keinen Rath und es verdroß ihn sehr, daß diejenigen, zu denen er sich sonst aller Treue versehen hatte, dergleichen Gewalt in seinem Reich an ihm verüben wollten; er konnte es auch dem Fuchsschwänzer nicht glauben, weil er ihn öfter beim Lügen ertappt hatte. Doch er sagte ihm dafür Dank, theils ihm zu Gefallen, theils damit er ein andermal wieder das Seinige thun möchte. – Wer in der Regierung sitzt, der muß alles anhören, wenn es auch erlogen ist; und wenn er unter hundert Lügen eine einzige Wahrheit erfährt, so ist ihm seine Zeit und Arbeit doppelt belohnt. Ich muß bekennen, daß mir diese Anstellung des Fuchsschwänzers nicht gut gefallen hat; ich sah ihn deshalb auch unfreundlich an. Er aber sprach darauf zu mir: »Laß dich das nicht verdrießen; denn ich meine diejenigen, die sich nicht in Welthändel einflechten, gar nicht, sondern die Vorwitzigen und Rachgierigen; und wenn du mir nicht glauben willst, so höre den Aventinus Aventinus, eigentlich Thurmayr, ausgezeichneter Humanist und Historiker des 16. Jahrhunderts, Geschichtsschreiber Baierns, lebte von 1477–1534. Im Jahre 1861 ist ihm in seiner Vaterstadt Abensberg in Baiern ein Denkmal errichtet. und andere fromme katholische Christen, sie werden dir Wunder zu sagen wissen.« Als nun Lucifer weiter herum wanderte um alles zu durchsuchen, damit sofort dem Uebel möchte vorgebeugt werden, siehe, da kam der Schalksnarr auch daher gelaufen, der stellte sich, als ob es ihm mächtig Ernst wäre. – »Das bedeutet wohl auch nichts Gutes! sagte Lucifer. Was neues? was neues zu Hof?« Der Schalksnarr tischte seiner Gewohnheit nach viel närrische Aufschneidereien auf und sagte zuletzt, daß sich eine große Anzahl zusammengerottet habe und mit Gewalt aus der Hölle entfliehen wolle; und noch viele andere Kinderpossen mehr erzählte er, während man leicht erkennen konnte, daß es Aufschnitt und Trügerei war. Lucifer aber, also gewarnt sein Reich zu erhalten, zog von einem Ort zum andern, besetzte alle Posten und stärkte seine Leibgarde mit drei Heeren; deren Feldherren waren, Don Buelta de Espana, Signor Bougre di animal uoto Herr Schuft von dem bekannten Thier. und Monsieur de Duellmourant , Herr Duellmörder. welche sich seit acht Jahren in diesen drei Haupttreffen: 1) ihren eigenen König zu bestehlen, 2) das unschuldige Land auszusaugen, 3) Jungfrauen zu notzüchtigen ritterlich verhalten hatten; kraft dessen waren sie von Gott und ihrem Könige wirklich abgefallen und hatten sich auf Lucifers Seite begeben. Sodann fing Lucifer an, seine Reichshändel und Geschäfte persönlich zu verrichten. Der Fuchsschwänzer ging voran und winkte einem jeden mit den Augen, er wolle ihm einen Dienst erweisen und ihn bei Lucifer gut anbringen. Der Schalksnarr befand sich zur Seite des Herren und brachte sich mit Possenreißen und Aufschneiden hindurch, mochte es den andern lieb oder leid sein, nützen oder schaden. Die Haushofmeisterin folgte unfern nach: mit einem Auge schielte sie hier hinüber, mit dem andern dort hinüber, damit sie alles erforschen und auskundschaften könnte; nahm sich sonst nichts an, sondern ging graden Wegs fort, so daß man nicht merkte, wie genaue, scharfe Aufsicht sie führte. Es war keine Seele so arm oder verachtet, welche ihr nicht durch Bücklinge und andere Zeichen zu verstehen gab, daß sie sie ehren und fürchten müßte. Sie hingegen gab jedem, auch denen, welche sie vorher verleumdet hatte, ein freundliches Gesicht, als ob sie es trefflich gut meinte: dem einen machte sie eine Reverenz, dem andern einen Bückling, dem dritten küßte sie die Hand, den vierten lud sie zum Abendessen, dem fünften versprach sie einen Dienst zu thun, dem sechsten ihn bei der Herrschaft einzuschwatzen. Aber nachdem sie vorüber war, schrieen die armen Seelen Mord und Rache ärger, als ob sie von Flammen der Verdammnis gequält würden und sprachen, der eine: O du falsche Schlange! o du giftiges Thier! o du untreue Vettel! o du verrätherische Kreatur! Der andere: O wie ist das höllische Feuer erträglicher als eine Ohrenbläserin, die uns unsere Pein tausendmal größer macht, ja größer als die Teufel selbst! Als wir weiter gingen, vernahmen wir ein mächtiges Geschrei und Getümmel von Rufen, von Waffen, Streichen, Scheltworten und Klagen untereinander mit solcher Rachgier, wie dergleichen niemals erlebt worden ist. Unter diesen war einer dem Ansehen nach der Kaiser, denn er hatte einen Lorbeerkranz auf dem Haupt und einen Regimentsstab in der Faust; auch waren viele vornehme Diener und Rathsherren um ihn her, die sich des Jochs und der Gewalt, welche dieser Kaiser wider sie übte, gern entledigen wollten. Lucifer ging auf ihn zu und sprach mit einer Donnerstimme, vor welcher die ganze Hölle erschrak: »Wer bist du, Seele, daß du dich ohne Erlaubnis und zu einer argwöhnischen Zeit hervor wagst? Das Mißtrauen ist ein gutes Recept in Regimentssachen: wenn der Feind vor der Thür ist, soll man allezeit das Aergste von ihm argwöhnen.« – »Ich bin, sprach er, der großmächtige und muthige C. J. Cäsar und habe aus zwingenden Ursachen nicht unterlassen können, bei jetziger Gelegenheit mich an diesen Meuchelmördern Cassius und Brutus zu rächen, weil sie unter dem falschen Schein der Freiheit mich meineidiger Weise ermordet, schließlich aber nur allein ihren eigenen Ehrgeiz und ihre Mißgunst dadurch verrathen haben, die ich doch, insonderheit dich, Brutus, für Sohn und Bruder hielt. Ihr Mörder, und ärger als Mörder! denn ihr habt euren Freund und Herren, und nicht einen Fremden, unschuldig um das Leben gebracht. Euch ehr- und treuvergessenen Tröpfen war es nicht zuwider, daß das römische Reich in eine Monarchie, unter einen Fürsten, gebracht würde; nur daß es durch mich geschehe, das wollten sie nicht haben noch leiden, deshalb mußte ich aus der Mitte geräumt sein und Haare lassen. Die allgemeine Freiheit war ihr loser Vorwand; aber ein jeder unter ihnen wäre selbst gern der Imperator gewesen. So ist es: niemand ist mir je zuwider gewesen als nur die, welche selbst gern das römische Reich gehabt hätten; denn sie dachten, wenn ich nicht da wäre, so würde vielleicht die Regierung auf sie fallen. Aber dadurch haben sie nur ausgerichtet, daß ich wie ein Kaiser gestorben bin und durch meinen Tod das Reich befestigt habe; sie aber haben den Namen treuloser Verräther die Tage ihres Lebens hindurch und auch nach dem Tode hören müssen. Ich wurde von dem römischen Volk als Vater des Vaterlandes erklärt, angebetet und verehrt; sie aber haben ihres Meuchelmordes wegen elendiglich, zum Theil durch ihre eigenen Hände, sterben müssen. Ihr unsinnigen Bluthunde! in wessen Hände hätte billiger die Regierung gelangen sollen als in die eines Helden und rechtschaffenen Soldaten, der das Reich durch seine Faust ritterlich zur Ruhe gebracht und erworben hat! Soll denn der römische Rath, der zum Theil mit schwatzhaften Juristen, zum Theil mit verkäuflichen Schindhunden, zum Theil mit schulfüchsigen, verzagten Herzen, die sich besser auf die Feder als auf den Degen verstehen, besetzt ist, mehr gelten als ein rechtschaffener Soldat und Feldherr, der sein Vaterland aus der Hand der Feinde und aus der Bedrängnis erlöst und die Widerwärtigen zum Gehorsam gebracht hat! Mir hat das Reich gebührt, ich habe es gewonnen, darum hab' ich's auch genommen. Wer ein Herr sein will, der muß die Diener nicht lassen Meister werden; Gesetze schreiben und Handhaben daran machen, sind zwei ungleiche Dinge: jenes steht dem Rath zu Rom zu, dieses aber hat er ohne mich nicht ins Werk setzen können. O du armes Rom! soll das mehr Freiheit genannt werden, wenn man vielen ungleichen Köpfen muß zu Gebote stehn, als wenn man einem verständigen Haupt gehorcht? Sie haben sich Väter des Vaterlandes zu sein rühmen dürfen, und doch hätten sie wegen innerlicher Aufstände und Bürgerkriege, die sie aus Geiz und Hochmuth angezettelt haben, billiger Verräther und Verheerer des Vaterlandes sollen genannt werden. Senatoren! sagt's heraus vor dieser Versammlung, wie das Joch der Rathsherren euch so sehr verhaßt und zuwider gewesen ist! Das ist ja auch leicht daraus zu schließen, daß, nachdem ihr geschmeckt, wie gut es unter einer kaiserlichen Regierung ist, ihr euch lieber durch Nero, Tiberius, Caligula und Heliogabalus, als durch den Rath zu Rom habt wollen regieren lassen.« – – Endlich fing Brutus an mit zitternder Stimme, die Augen vor Scham unter sich schlagend, zu rufen: »Gemach, gemach, Cäsar! Großer Zorn steht einem großen Herrn übel an. Der Zorn hindert des Weisen Muth, Daß er nicht recht weiß, was er thut. Bald zürnen stehet übel an, Lang' zürnen heißt groß Sünd' gethan. Sanftmuth ziemt und ziert einen Fürsten; du hast dich vom Hochmuth gar zu sehr einnehmen und meistern lassen. Wärest du in den Grenzen der Freundschaft mit uns wie ein guter Freund verblieben, vielleicht wäre dir dies nicht widerfahren; da du aber wie ein Gott wolltest geehrt und gefürchtet sein, hast du deinen Lohn empfangen. Ihr Herren des Raths, habt ihr auch gehört, was Cäsar gesagt hat? Antwortet! es geht euch an und nicht mich, der ich durch euer heimliches Wohlwollen zu dieser That verursacht bin. Redet, antwortet, ihr Herren! Cäsar meint euch ebensowohl als mich und den Cassius, die ihr durch euren unersättlichen Ehrgeiz unter dem Schein eines untadeligen, ehrbaren Wesens, unter der Würde eurer langen Bärte und langen Röcke euch des Reiches bemächtigen und ein jeder selbst gern wolltet sein, was Cäsar war. Antwortet ihr Herren! warum habt ihr das verrätherische Werk angestellt, die treu- und ehrvergessene That (wenn sie denn so soll genannt werden, wie es Cäsar jetzt im Zorn gethan)? Antwortet ihm! Denn Cassius und ich sammt unsern Mitgesellen wollen mit dieser Sache nicht weiter etwas zu schaffen noch zu schicken haben.« Da that sich einer von den Rathsherren mit einem ernsthaften, sauersehenden Gesicht hervor und sprach: »Fürst Cäsar! was klagst du? Was hast du für ein Anliegen an uns? Ich frage dich: hat Ptolomäus den Pompejus, von dem er doch das Königreich empfangen hatte, dürfen ermorden lassen? Was hast du denn viel über uns zu klagen, die wir dir doch nur diejenigen Reiche aus den Händen gerissen haben, welche zuvor unser waren und die du uns mit angemaßter Gewalt abgenommen und abgerungen hast? Diese Gewaltthat zu hintertreiben, waren wir in unserm Gewissen hoch verbunden, weil die römische Freiheit nicht anders als durch deinen Tod konnte wieder aufgerichtet und ersetzt werden. Ferner haben weder wir noch das Volk den Nero zur Regierung berufen, sondern er war dir, wie bekannt, und den Deinigen als ein angemaßter Erbe gefolgt; und es ist wahr, daß wir durch deinen Tod nichts weiter gewonnen haben, als daß wir für den einen Teufel, den wir ausgejagt, zehn andere bekommen haben.« Ohne allen Zweifel würden sie einander wieder in die Haare gerathen sein, wenn nicht ein Teufel dem Cäsar bei größerer Strafe geboten hätte, er solle sich wieder an seinen Ort machen und wegen seiner hohen, unberechtigten Einbildung büßen. Cassius und Brutus wurden gleichfalls an ihre Stelle verwiesen und allen Regenten als ein trau', schau', wem? vorgehalten. Der Rath zu Rom wurde, weil er unter der obrigkeitlichen Gewalt seine eigenen Lüste und Liste verübt hatte, zu den unbarmherzigen Peinigern zurückgewiesen. Als dies vorüber war, hörten wir ein anderes großes Getümmel von Rufen und Schreien, Schmeißen und Raufen; und als wir hinzu kamen, da nahm auf des Geistes Zuspruch einer, dem Anschein nach ein stattlicher, aber mit Wunden elendiglich zugerichteter Mann, das Wort: »Ich bin Clitus – –« »Schweig! sprach ein anderer, der bei ihm stand, du wirst ja nicht von mir reden. Ich bin, fuhr dieser fort, Alexander Magnus, ein Sohn Jupiters, ein Herr und König aller Welt« u. s. w. Er hätte als ein Ehrsuchender und Ruhmrediger vielleicht noch eine unzählige Menge seiner Titel hergezählt, wenn ihm nicht ein Teufel in die Rede gefallen wäre und gesagt hätte: »Zur Sache! zur Sache! Ist denn nichts weiter da als Titel? Rede du weiter, Clitus!« Und dieser sprach: »Ich bin, gnädigster Herr Lucifer, der vornehmste Hahn im Korbe gewesen bei dem Alexander hier, welcher den Titel eines Königs aller Könige trug und sich einen Sohn Jupiter Ammons nannte; der aber, obwohl er ganz Asien regierte, doch nicht so mächtig war, daß er sich selbst und seinen Willen hätte meistern und bezwingen können, so sehr hatten ihn Ehrgeiz und Eigenliebe eingenommen. Die Grausamkeit hatte ihn dermaßen verhärtet, daß eines wohlmeinenden Dieners treuer Rath nichts mehr bei ihm wirken mochte. Unter diesen bin ich gewiß nicht der geringste gewesen. Daß er mich aber so hoch gehalten und andern vorgezogen, ist nicht deswegen geschehen, weil ich ihm treue Dienste erwiesen habe, sondern weil er meinte, daß ich ihm zu Gefallen reden und fuchsschwänzen sollte, es ginge wohin es wolle, es sei wahr oder erlogen. Aber ich hatte viel zu viel Redlichkeit in meinem Leibe, als daß ich das thun und in seine vielfältigen Thorheiten allemal einwilligen konnte. Vielmehr hatte ich ein herzliches Mitleiden mit ihm, wenn ich sah, daß er von seinen Begierden so ganz eingenommen und seiner selbst nicht mehr mächtig war; deswegen habe ich ihn auch oftmals mit Bescheidenheit gestraft und vor seinem Untergang gewarnt. Doch eines Tages, als ich ihn von des Königs Philippus rühmlichsten Thaten so gar verächtlich reden hörte – dessen er doch, als seines treuesten Vaters, billig in allen Ehren hätte gedenken sollen, der ihn mit solchem Fleiß und Kosten zu allen Tugenden hatte erziehen lassen – und ich ihm diese Ungebühr zu Gemüthe führte und zu verstehen gab, wie unrecht er thäte, daß er von sich selbst so viel hielte, als ob er gleichsam ein Gott wäre, wozu ihn seine Fuchsschwänzer zu bewegen wußten; hingegen ich ihm rund sagte, er könne ohne Verletzung seiner eigenen Ehre nimmermehr von seinem Herrn Vater anders als rühmlich reden – meiner Treu! in welche Unsinnigkeit ist er dadurch gerathen! Denn als ich ihm diese meine treue Meinung entdeckt, ist er plötzlich aufgestanden und hat mich, wie ihr seht, mit einem Spieß durch seine eigene Hand erstochen und entleibt. Weise mir doch jetzt, Alexander, die schöne Gottheit, die in einem Mörder steckt! Da ich ihn nun von ungefähr hier antreffe, so habe ich nicht umhin gekonnt ihn zu fragen, wie es mit seinem eingebildeten Vater Jupiter beschaffen ist, da er ihn von diesem Ort der Marter und Qual nicht erlösen will? und was ihm nun seine Heuchler und Liebkoser nützen, die ihm früher Weihrauch und andere Opfer gebracht haben? Das hat ihn so empört, daß es unter uns zu Streichen gekommen ist. Aber ich frage nur, ob das nicht ein treuloser Mord ist, der an mir begangen wurde, ihr Herren Richter? Ihr seht, gnädiger Herr Lucifer, wie bald auch der treuste Diener es zu Hofe bei großen Herren verscherzt, wie bald es um die Hofgunst geschehen ist, wie wenig meiner früheren Treue gedacht worden ist, wie bald alle Gnade hinweg ist, wie hoch der geringste Fehler angerechnet, wie wenig die allervortrefflichsten Dienste anerkannt werden. Die Großen schreiben die Dienste ihrer Leute in den Sand, – in Marmor ihre Beleidigungen. Und was das ärgste ist: wenn sie einem in die Haare wollen, so lesen sie eine Ursache vom Zaun herab, der Diener mag sich so redlich gehalten haben, als er immer wolle. Ein Frevler greift ein Ding unbedachtsamer und frevelhafter Weise an und oft geräth es ihm: – der wird für einen Doctor und Rath gehalten. Hingegen ein Ehrenmann sieht viel mehr auf Gott und Gewissen, deswegen zieht er die Sache oft zu Bedacht – und mißglückt's ihm dann, so wird er für einen Narren gehalten. Nimmer habe ich so thun können noch wollen, meine Redlichkeit ist mir viel zu lieb, als daß ich hätte sollen ein Heuchler werden. Es geht bei großen Herren und am Hofe nicht anders als wie im gemeinen Lauf des menschlichen Lebens: die Leute sterben, nicht deswegen weil sie krank sind, sondern deswegen weil sie sterben müssen.« »So hast du also erfahren, Clitus, sprach Lucifer, wie leicht eine Herrschaft Grund findet, einen treuen wohlverdienten Diener um seine Wohlfahrt und um sein Leben zu bringen, und wie wenig man sich auf solcher Herren Gunst verlassen kann, welche meinen, daß sie alle Dienste und Treue schon genugsam belohnt und bezahlt haben, wenn sie einem einen Trunk bei der Tafel zubringen oder ihn bei seinem Namen rufen. Es ist kein Diener so aufrichtig, der ihnen nicht zuwider ist: der Fromme darum, weil er ein ehrlich, aufrichtig, unparteiisch Gemüth hat und zu unbilligen Dingen nicht kann ja sagen; der Böse darum, weil er nicht noch ärger ist; der eine verhaßt darum, daß er die Wahrheit redet, der andere verdächtig darum, daß er fuchsschwänzt.« – »So geht es uns also zu Hofe, sprach Clitus, wie dem groben Esel und dem tückischen Wolf mit dem Löwen, und wie es dem Löwen mit dem Fuchs ergangen ist. Denn als auf eine Zeit der Löwe (als König und Herr der andern Thiere) Grillen im Kopfe hatte und deswegen Ursach suchte, wie er seinen Zorn auslassen könnte, bat er den Esel, den Wolf und den Fuchs zu Gast. Der arme Esel als der gehorsamste, kam zuerst, und als er in des Löwen Zimmer kam, das mit dem Gebein anderer getödteter Thiere bestreut war, wonach es gar übel roch, fragte der Löwe, wie es ihm gefiele und ob er nichts rieche? Der Esel antwortete alsbald wie es ihm ums Herz war: es stinkt sehr nach todten Thieren. – Warte du grober Esel, sprach der Löwe, ich will dich lehren, so freventlich vor deinem Herren und König zu reden! und zerriß den Esel in Stücke. Das hörte der Wolf, der indessen vor der Thür stand, und er dachte nach, wie er den Löwen auf eine gelindere Weise gewinnen könne. Er klopfte also an, und als er eingelassen und von dem Löwen bewillkommnet war, fragte ihn der Löwe gleichfalls, wie ihm der Ort gefiele und ob er nichts rieche? Der Wolf sprach alsbald: Herr König, es gefällt mir sehr wohl, es riecht über alle Maßen wohl; ihr habt gewiß alles mit Mastix und Bisam räuchern lassen. – Warte du falscher tückischer Hund, sprach der Löwe, ich will dich lehren, so freventlich wider die helle Wahrheit und noch dazu vor deinem König heraus zu lügen! und zerriß den Wolf in Stücke. Der Fuchs, der vor der Thür stand, hörte das und wäre gern zurück gegangen; aber er mußte bleiben. Als er sich nun ein wenig vom Schrecken erholt und eingelassen wurde, fragte ihn nach geschehener Begrüßung der Löwe ebenfalls, wie es ihm gefiele und ob er nichts rieche? Der listige Fuchs sprach: allergnädigster Herr König! ich bitte, ihr wollt mir verzeihen, ich habe den Schnupfen so stark, daß ich gar nichts rieche. Dem gab der Löwe ein herrliches Mahl und ließ ihn wieder seines Weges ungehindert fortziehen. – Also wer zu Hofe die Wahrheit redet, der ist verhaßt; wer aber lügt, der ist verachtet; wer aber zu allem sagen kann: vielleicht, oder weiß nicht, es kann wohl sein, wie der Herr sagt, ich bin des Herrn Meinung; wer sich stellen kann, als ob er nichts merkte noch verstünde, der ist den Herren angenehm, ob sie auch darüber zu Grunde gehen und scheitern müßten. Ach warum habe ich mich verleiten und bethören lassen zu Hofe zu gehen, da doch zu Hofe nichts als Hoffen und Harren zu gewärtigen ist! O der kurzen Hoflust! O der verdrießlichen Hoflust! O der großen Hofunlust, welche manchem so theuer ist, manchen sein Leib und Leben, seine Seele und Seligkeit kostet! Zu Hof ist nichts als bloses Hoffen; Wen'ge haben es getroffen. Viel' sich haben todt gesoffen, Noch mehr sind mit Schand' entloffen. Deshalb ist von drei Dingen, die nicht an den Hof gehören, dies eine das vornehmste: ein offenes Gemüth. Ein Schalk sein schadet nicht, wenn man ihn nur verbergen kann. Es ist sich zu erbarmen und nicht blos zu betrauern, daß Fürsten und Herren so viele Aufwärter und Diener haben, doch deren so wenige, ja nicht einen, der ihnen die Wahrheit sagen möchte. Der ist ein elender Fürst, dem man die Wahrheit nicht sagt oder nicht sagen darf. Aber es liegt so: Fürsten und Herren mögen die Wahrheit nicht allemal hören. O wollte Gott! wenn sie die Wahrheit hören möchten, es ist unzweifelhaft, daß es ihnen in ihren Anschlägen oft besser glücken würde. Indem sie aber lieber einen Fuchsschwänzer als einen redlichen Mann hören, so müssen sie auch Unwahrheit für Wahrheit annehmen, denn ein Fuchsschwänzer hat keine andere Waare zu verkaufen. Schaue: mancher Potentat Mag von seinem klugen Rath Niemals gern die Wahrheit hören; Treten aber Narren auf, Wer giebt besser Achtung drauf?! Nimmermehr wird sich ein Fuchsschwänzer so weit erkühnen, daß er einem Fürsten oder Herren eine Lüge vorhalte, er sei denn versichert, daß er gern gehört werde. Ein redlicher Mann muß darum, wenn er auch zu Zeiten rathen und warnen wollte, wider den Willen seines Herzens schweigen, und sehen, wie man lieber unberathen will zu Schaden kommen. Wenn der eine nicht will die Wahrheit reden, und der andere nicht darf, dann wehe! wie übel ist ein Herr bedient! Welchen ihrer Getreusten haben sie nicht hingerichtet, ihn erst hoch erhoben, damit er desto tiefer falle!« – »Hast du, fragte Lucifer, niemals das Gleichnis mit dem Schwamm gehört? Alle Hofleute bei großen Herren sind nur Schwämme; diese lassen sie sich satt und voll saugen, dann drücken sie sie aus und brauchen sie zu ihrem Vortheil.« Unterdessen hörte man einen andern Lärm, und zugleich kam ehrbaren Ansehens ein herrlicher Mann daher gegangen, blassen Angesichts, als ob er kein Blut im Leibe hätte. Dieser ging auf Lucifer zu und sprach: »Das Gleichnis vom Schwamm reimt sich nicht übel auf mich wegen der großen Gaben und Gnaden, die ich von meinem früheren Schüler und Herren empfangen habe. Gnädigster Herr Lucifer, ich bin der in aller Welt bekannte Seneka aus Spanien, des Nero gewesener Lehrmeister und Rath, der mich mit überschwenglichen Gaben und Gnaden überschüttet hat, die ich doch nimmermehr begehrt hatte: denn der Ehrgeiz war mir fern, als einem wahren Philosophen, und ich dachte auf nichts so sehr, als wie ich dem Nero in allen Dingen Angenehmes und Gefälliges erweisen könnte. Und das ist bei Fürsten und Herren der Brauch, daß sie allezeit einen haben, den sie vor andern lieben, ihm Gunst und guten Willen, Gaben und Ehren erweisen. Wer nun diese ausschlagen und sagen wollte, er habe solche Gnade nicht verdient, der würde den Fürsten ebensosehr erzürnen, als ob er die größte Unbilligkeit begangen, indem er die angebotene Gnade verschmäht und verachtet: denn allzuviel Höflichkeit und Bedachtsamkeit können Fürsten und Herren ebensowenig leiden als den Trotz. Nero that an mir, was immer ein Kaiser gegen meinesgleichen hätte thun können; aber so behutsam, so aufrichtig, so redlich konnte ich mich nicht verhalten, daß nicht meine Hasser, nach altem Hofbrauch, Ursach genommen hätten, mein unsträfliches Leben zu tadeln und zu verhöhnen, indem sie als Grund vorgaben, meine Lehre den Reichthum zu verachten wäre nicht Bescheidenheit von mir, sondern Arglist und übermäßiger, unersättlicher Geiz und Gelddurst, nur damit mir niemand in diesem noch im Reichthum gleichkomme. Weil ich nun sah, daß ich deshalb von Tag zu Tag in größeren Sorgen stehen müßte, auch meinen Namen selbst in merkliche Gefahr setzte, da entschloß ich mich, mein Gemüth aus dieser Unruhe in Sicherheit zu bringen, damit meine Hasser weniger Ursache hätten mich anzufeinden: ich ging zum Nero und gab ihm mit allerunterthänigster Ehrerzeugung, wie man immer einem Kaiser geben kann, meine Noth und mein Anliegen zu erkennen und zugleich auch alles, was er mir zuvor aus besonderer kaiserlicher Liebe und Gnade verehrt und geschenkt hatte, wieder zurück. Außerdem habe ich ihn mit solcher Treue geliebt und ihm mit solchem Eifer gedient, daß mich, der ich seinen Sinn und Wesen kannte, das aus bewußten Gründen wohl zu fürchten war, die daraus drohende Gefahr nimmer hat abwendig machen können, ihn je zu Zeiten von den Lastern abzumahnen und ihm die Tugenden anzurathen. Ich habe also meine Wohlfahrt viel geringer geachtet, als daß ich ihn in Untugend und Lastern hätte ungewarnt sehen können. Wenn er etwa einen Mord oder Todschlag vollbringen ließ, habe ich ihm mit allem Ernst dies verwiesen und zu Gemüth geführt, wie sehr er sein Gewissen damit verwunden und beladen würde. Rom ließ er anzünden und in Asche legen; seine eigene Mutter ließ er umbringen; was von wahrer Männerschaft im Reiche übrig war, ließ er entweder hinrichten oder in fremden Landen durch Kriege zu Grunde gehen. Sodann, als die zwei großen Verschwörungen gegen sein Leben entdeckt waren, wurden die Urheber bestraft. Es ist ein Streich der Vorsehung Gottes, wenn er einen unbesonnenen Fürsten in Gefahr kommen läßt, auf daß er sich selbst erkenne, sein Leben bessere und sich vor dem wirklichen Untergang hüte. Ja es ist ein Werk und eine Schickung Gottes, wenn einem Fürsten Kreuz und Unglück entgegen tritt; denn das ist ihm so nöthig als das baare Geld, sonst wird er in allzu guten Tagen leicht über die Schnur der Bescheidenheit und Sanftmuth schreiten. – Aber Nero, obschon er diesen beiden Verschwörungen entkommen war, hat darum sein Leben nicht gebessert und ist auch von seinen Sünden nicht abgestanden. Denn er hat meinen liebsten Vetter, M. Annäus Lucanus, den vortrefflichsten Poeten aus Cordova, meines Bruders Lucius Annäus Mela Sohn, der selbst dem Virgil in vielem vorzuziehen ist, ermorden lassen, allein darum weil er ein besserer Poet gewesen ist als Nero selbst. Mir aber hatte er die Wahl gelassen einen Tod zu erkiesen, nicht aus Mitleiden, das er gegen mich trug, sondern um seine Grausamkeit desto mehr zu erweisen: denn mir hätte er lieber zehn als einen Tod angethan; daher wollte er, daß ich selbst Hand an mich legen und aus der naturgemäßen Furcht vor dem Tode um so mehr Schmerzen fühlen sollte. Aber was sollte einen wahren Philosophen erschrecken können. Ich setzte mich demnach in ein Bad und ließ mir alle Adern öffnen, um desto eher davon und hierher zu kommen. Da ich nun diesen blutdürstigen Fürsten hier erblicke, so bin ich nicht unbillig über ihn entrüstet worden.« Als Nero den Seneka also reden hörte, trat er heran und hob mit furchtsamer Stimme an und sprach: »Es steht zwar gut, daß ein Lehrmeister weiser ist als ein Schüler und ein Rath gescheidter als sein Herr; aber beide sollen sich trotzdem in ihrem Wesen so verhalten, daß sie der gebührenden Schuldigkeit nicht vergessen. Daß du von dir selbst mehr hieltest, weil du geschickter wärest als ich, das war eben nicht recht und ein Laster: denn ein Rath, Unterthan oder Diener, der sich mehr hervor thun will als sein Herr und sich stellen, als ob er klüger wäre und die Sache besser verstünde, der muß endlich seiner Thorheit und seines Frevels Lohn empfangen. Ein Diener soll in seinen Rathschlägen die Wahrheit für die einzige Regel und seines Fürsten und dessen Staates Ehre und Ansehen für seine höchste Pflicht halten, und sich's gleichwohl nicht merken lassen, daß er ein Ding besser verstehe als der Fürst selbst. Seneka! als ich noch unter deiner Zucht war, zog ich dich aller Welt vor, die um und bei mir war, und ich hielt es für eine der höchsten Glückseligkeiten meines Reiches, einen solchen Mann zum Lehrer und Rath zu haben. Daß du aber hast wollen angesehen werden, als ob du geschickter und klüger wärest als ich, was du dir doch nicht hättest merken lassen sollen, das hat mich, weil es zu meiner Verkleinerung gedient, dermaßen verdrossen, daß ich meinen Zorn und meine Rache gegen dich nicht länger halten konnte. Gesetzt, ich wäre der unverständigste Tropf gewesen und hätte alle Reichshändel allein durch deinen Verstand und Rath regieren müssen, so hätte es doch die Welt nicht wissen, noch du dir anmaßen sollen, als käme es von dir her. Denn wie meine Gnade dein Reichthum gewesen, so hätte dein Rath meine Geschicklichkeit sein sollen. Große Herren können gelehrte Leute nur so weit leiden, wenn sie sich im Beisein ihrer Herren nicht geschickter dünken wollen, als diese selber sind. Und ehe ich gelitten hätte, daß du um deiner Kunst willen gelobt werden solltest, und nicht vielmehr ich, eher hätte ich tausendmal die jetzige Pein ausgestanden. Ihr Könige, Fürsten und Herren, die ihr hier zugegen seid, ist dem nicht also? Sagt an: habt ihr auch leiden können, daß einer eurer Diener sich hervor that und sich besser zeigte als ihr selbst, und hättet ihn nicht gestraft?« – Nein, nein, sprachen sie alle einhellig; so lange die Welt steht, soll es nimmermehr geduldet werden, daß ein Diener witziger sein wolle als sein Herr. Wahr ist's, so lange ein Diener seinen Fürsten und Herren bei dem gemeinen Volk rühmt und lobt, daß er ein verständiger, gütiger Herr sei, wohl regieren könne und ohne der Diener Rath und Hilfe alle Dinge selbst gut verstehe und anordne, – so lange soll der Fürst ihn ehren, lieben und befördern. Sobald aber die eigene Ehre einen Diener einnimmt, und er sagt, der Fürst müsse alles nach seinem Rath und seiner Anstellung thun, aus sich selbst aber wisse und verstehe er nichts, – sobald ist es um alle Freundschaft und Vertraulichkeit geschehen, und es ist an dem, daß man ihn mit Schimpf und Schmach seiner Ehren und Würden entsetze, ja des Lebens beraube. Dieses Gesetz geht mich nicht an, sprach Sejanus Sejanus ist der schlaue, aller Verbrechen und Laster fähige Günstling des Tiberius, den er völlig beherrschte. der dabei stand: denn wiewohl ich geschickter und verständiger war als Tiberius, und wiewohl alles nach meinem Kopf und Rath gehen mußte, so wußte ich mich doch so zu verhalten, daß man nicht anders meinte, als Tiberius selbst hätte die Sachen durch sein eigen Hirn und Klugheit erfunden und vollbracht. Auch erkannte er dies so sehr an, daß er mich zum Mitregenten und Gespan des Reiches annahm und mein Bildnis hin und wieder aufrichten und verehren ließ. Meinem Namen ward Glück und Heil gewünscht; wo ich hin fuhr, schrie mir das Volk nach: es lebe Sejan! Glück dem Sejan! Alle Völker thaten Gebete und Gelübde für meine Gesundheit und Wohlfahrt. Als ich aber meinte, ich wäre am besten bei meinem Herren und Kaiser daran, ach! da hatte sich das Blatt plötzlich gewendet: Tiberius ließ mich greifen, in Stücke hauen und überließ mich der Wuth des unsinnigen Pöbels, welcher mich durch alle Straßen schleifte und mein Fleisch zur Schau an seinen Spießen herum trug. Zu all dieser Grausamkeit kam noch, daß sie meine Kinder schmählich getödtet: meine Tochter haben sie, da man sie, eine Jungfrau, nach unserm Gesetz durch Recht und Urtheil nicht tödten konnte, auf unmenschliche Weise zuvor den Henkersknechten übergeben, welche sie schänden und ihrer Jungfrauschaft berauben mußten; dann wurde sie als eine besondere Gnade zuerst enthauptet. Als ich merkte, daß mein Unglück nahe war, da habe ich mich (wie noch heutiges Tages alle die zu thun pflegen, welche man mit Gewalt unterdrücken und verderben will) aller List und alles Vortheils bedient die Sache zu hintertreiben, es mochte biegen oder brechen: habe Aerzte zum Vergiften bestochen, Mörder um Geld gemiethet, falsche Zeugen erkauft, die Aufrührerischen bevorzugt zur Furcht für die Frommen, die Frommen gehaßt den Bösen zu Lieb und Wohlgefallen. Dem sei aber wie ihm wolle: gleichwohl ist es nicht durch meine Schuld geschehen, daß mich Tiberius so grausam hat hinrichten lassen; auch die andern Mordthaten, die er begangen hat, können mir mit Fug nicht aufgebürdet werden. O gestrenger Herr Lucifer! das ist unserer großen Herren Brauch auf Erden: wenn sie einem etwas zu thun befehlen und wenn es übel abläuft, dann läugnen sie es, um aus dem Verdacht zu kommen; aber der willige Diener, den sie dazu gebraucht haben, muß darum sein Leben lassen, auf daß nur dem Volk oder dem Widerpart ein Genüge geschehe. Es müssen also allemal die Diener ihrer Herren Schuld bezahlen und für ihre Verbrechen büßen. Die Historien, welche von Hofdank und Herrengunst schreiben, setzen allemal diese nachdenklichen Worte hinzu: dieses ist das Ende aller derer, welche sich auf großer Herren Gunst zu viel verlassen haben. So wird also in allen Geschichtsbüchern unserer Thorheit den andern zum Beispiel gedacht. Wenn ein Diener reich und herrlich wird, so ist das seines Fürsten und Herren Ruhm und dient nicht wenig zu seiner Hoheit: weil daraus zu spüren ist, daß der Herr ein volles, wahres Verständnis hat und treue Dienste erzeigt und sie anzuerkennen und zu belohnen weiß. Sorge du treulich für meine Sachen, so will ich wiederum für dich und die Deinigen sorgen, sprach König Philipp II. von Spanien zu Ruy Gomez, seinem Rath. Es läßt sich übel für seinen Herrn sorgen, wenn der Diener für seine Kinder sorgen und um seinen Unterhalt sich quälen muß. Hinwiederum, wenn die Herrschaft einen treuen Diener mit Ungnade belohnt und, so ihm Gott etwas Mittel anderswoher bescheert, nach seinem Thun und Lassen forscht und fragt, sogenannte Inquisitionen anstellt, durch mißgünstige, hungrige Suppenfresser die Sache aufmutzen läßt, damit sie einen Schein habe, und sie irgend einen Grund vom Zaun ablesen können, den armen Gesellen zu foppen, zu rupfen, zu pflücken und zu drücken durch Entziehung dessen was andere nur um so geiziger an sich raffen, durch Schmälerung der ohnehin schmalen Besoldung, vielleicht gar durch Verjagung und Verfolgung; und dann, nachdem er aus den Diensten ist, erst anfangen seine Aufrichtigkeit und Redlichkeit zu tadeln, zu verhöhnen und zu verachten, die man vorher gelobt, ihn einen Narren nennen, der nichts verstanden habe, und den man doch zuvor für einen Doctor gehalten: – das ist das Zeichen, daß die Herrschaft einen wankelmüthigen Sinn habe und den Feinden gewiß in die Garne kommen, Recht und Gerechtsame verlieren werde. Vor deren Diensten mögen sich dann verständige Gesellen hüten, und wenn sie zu dergleichen Diensten verlangt werden, sagen: nein, nein Herr, ich komme nicht!« – Sejanus hatte kaum seine Rede vollendet, da kam ein leichtbekleideter stinker Mann auf Tiberius mit einem Hammer zugelaufen, dem er, wenn nicht andere dazwischen gekommen wären, gewiß einen Streich gegen den Schädel versetzt hätte. »Wer bist du? Was fehlt dir, Gesell! daß du dich so freventlich gegen einen Kaiser darfst zur Wehr setzen?« – »Großmächtiger Fürst Lucifer! um ihm und der ganzen Versammlung die rechtmäßige Ursache meines Beginnens anzuzeigen, so wisse: als ich im Leben war, brachte ich durch allerhand Proben, durch vielfältiges Nachsinnen und Erfindung (welche heutiges Tages von der hochlöblichen Herrschaft Venedig, den hochmögenden Herren der Vereinigten Staaten, der in aller Welt hochberühmten Stadt Nürnberg durch besondere Freiheiten, Schenkungen und Ehrengedächtnisse herrlich belohnt werden) zuletzt soviel zu Wege, daß ich dem von Natur undauerhaften, zerbrechlichen Glas einen solchen Zusatz beimischte, daß man sich dessen ebensogut wie goldener und silberner Gefäße ohne Gefahr bedienen konnte. Mit dieser meiner neuen Erfindung und Kunst begehrte ich vor den Kaiser Tiberius zu treten, um ihm eins dieser gläsernen Geschirre zu zeigen; er ließ sich auch dieses herrliche Geschenk und vortreffliche Werk, wie mir schien, über alle Maßen gefallen. Um nun durch eine Probe wahr zu machen, was ich gerühmt hatte, nahm ich das Glas und warf es mit solcher Gewalt zu Boden, daß auch das stärkste Geschirr den Wurf nicht hätte aushalten können. Ich nahm es wieder auf, und trieb die entstandenen Beulen und Buckeln mit einem kleinen Hammer ohne einen Riß oder Bruch wieder heraus, als wäre es von Kupfer oder Gold gewesen. Deswegen hoffte ich, eine der Kunst angemessene Vergeltung zu erlangen. Statt dessen aber ließ mir Tiberius, nachdem er mich gefragt hatte, ob ein anderer außer mir um diese Kunst wüßte, den Kopf abschlagen. Das ist die untreue Belohnung, mit der er nicht nur mir, sondern auch seinem treuen Rath Sejanus und andern den Garaus gemacht hat.« Hierbei ist citirt: Petronius Arbiter; Plinius Historia naturalis, L. 36 cap. 26; Dion. Cassius Isidor. L. 16 cap. 15. »Und das war eben dein verdienter Lohn, sprach Tiberius; und wenn andere nach mir dies beobachtet hätten, so würde man nicht über solche Noth in der Welt klagen. Denn was haben die Erfinder des Geschützes, des Goldmachens u. s. w. wohl anders verdient, da sie die ganze Welt mit ihrem Nachsinnen und Nachforschen in die äußerste Zerrüttung und Gefahr bringen? Ja selbst die alten, sonst der redlichen Arbeit des Ackerbaues gewohnten und geübten Römer und Deutschen lassen oft ehrliche Hantirungen fahren und hängen zu ihrem Verderben diesen Narrenkünsten nach. Ebenso würden, wenn deine Kunst mit dem Glas bekannt geworden wäre, Gold und Silber sammt anderm Erz ihren wahren Werth und Ruhm verloren haben und gegen jenes als irdenes Geschirr angesehen sein.« – »Daran, sprach der Meister, ist nicht die Kunst, sondern der Mißbrauch schuld, der in allen Dingen zu schelten ist: wenn man aber ein Ding zum Besten, nicht aber zum Schaden des Nächsten gebraucht, das ist billig zu loben. Und damit du erfahrest, wie gut meine Kunst den Menschen gewesen wäre, so wisse, daß manchmal die liebsten Freunde um ein geringes Glas, das kaum drei Pfennige Werth hat und vielleicht nicht aus Vorsatz sondern aus Unachtsamkeit zerbrochen wird, sich dermaßen entzweien, daß sie darüber wenn nicht das Leben, so doch ihre Wohlfahrt und alles, was ihnen lieb ist, lassen und zusetzen müssen.« Da dieser gute Meister den Teufeln, als den Anstiftern alles Zankes, als Erhaltern alles Neides, als Erweckern alles alten Grolls, etwas zu nahe geredet hatte, wurde er, damit er still schweige, in einen glühenden Glasofen hinein geworfen, um allda seinen vermeinten Lohn zu suchen. Auch Plautianus, Kaisers Severus geheimster Rath und Freund kam herbei und sprach: »Ich war während meines Lebens einer Rakete zu vergleichen, welche, angezündet, in einem Augenblick in die Luft fährt und schön und hell leuchtet; doch als ich im Höchsten war und in meinen Fünkchen, wie in tausend Sternen prangte, da that ich plötzlich einen Krach, verschwand vor den Augen derer, die mich sahen, fiel auf den Boden und ward zu Rauch und Asche.« Hinter diesem sah man noch eine große Menge Favoriten, Mignons, geheime Freunde, Kammerfreunde, solche, welche durch Herrengunst aufkommen und sich auf Herrengunst, nicht auf Gott einzig und allein verlassen; welche, wenn sie ihrem Nächsten durch Lügen und Trügen höllische Plage und Leid angethan haben, endlich wiederum durch großer Herren Ungunst und Ungnade um Hab und Gut, um Ehr und Blut, um Leid und Leben kommen. Da sah man den Faustus des Pyrrhus von Epirus, den Cleander des Commodus, den Ablavius des Constantin, den Ruscius des Domitian, den Eutropius des Arcadius, den Stilico des Honorius, den Flavius des Theodosius, den Vinea Friedrichs, den Broca Philipps, den Cabrera Peters von Aragonien, den Herzog von Lerma Spaniens, den Marquis d'Ancre Galliens und viele andere, welche alle zuhörten, als ob eine evangelische Erlösungspredigt gehalten würde. Gern hätte ein jeder, wo es ihm gut dünkte, ein Gesetzlein dazugethan. Der Herzog von Lerma allein konnte sein Maul nicht halten und sprach auf Spanisch: Heute erhoben, morgen zerstoben. Aber es wurde ihm geheißen zu schweigen. Sodann trat einer hervor, der sah aus, als ob er blind wäre. Er stieß mit dem Stecken, den er in der Hand hatte, zwei- oder dreimal ans den Boden und schüttelte den Kopf, wodurch er zu verstehen gab, daß er etwas anzubringen hätte. Ich fragte einen, der neben ihm stand, wer das wäre? Er antwortete: er heiße Belisar , Der tapfere Feldherr des byzantin. Kaisers Justinian, der nach vielen Verdiensten durch die Intriguen seiner eigenen Gemahlin aller seiner Würden entsetzt und aufs unwürdigste behandelt wurde. Die Sage von seiner Blendung aber ist unhistorisch. Er stirbt 505. des Flavius Justinianus Feldoberster, der ihm hätte die Augen ausstechen lassen. – Ach mein Gott! sprach ich: das ist dem christlichen Kaiser gewiß zur Schmach nachgeredet worden, denn er hat meines Wissens solche That nimmer an Belisar begangen. Indessen fuhr der Blinde fort mit dem Stecken zu klopfen und sprach: »Ist es euch, ihr Könige, nicht eine ewige Schande, daß ihr am Ende allezeit derjenigen Henker werdet, die ihr durch eure Gunst und Gnade zuvor oben ans Brett gesetzt und zu euren besten Freunden erwählt hattet! Ich habe sogar einem löblichen christlichen Fürsten und Kaiser gedient, welcher alle Unordnung und alle Uebelstände im Reich durch das heilige Recht, das er abfassen ließ, abgestellt und sein Reich in guten Stand gebracht hat. Obwohl jedoch die Wohlfahrt seines Landes, seine herrlichen Siege und Triumphe einzig und allein meiner Faust und Tapferkeit zuzuschreiben sind, hat er mir dessenungeachtet die Augen ausstechen und mich zu einem armen Manne machen lassen, so daß ich mein Brot von Haus zu Haus suchen mußte; und der ich zuvor, wenn mein Name genannt wurde, ein ganzes Heer erschreckte und verjagte, wurde jetzt ein Spott und ein Schauspiel der Verachtung für jedermann. Es ist großer Herren Gunst dem Quecksilber zu vergleichen: es kann an keinem Ort beständig bleiben, läuft hin und her und wenn man danach greift, so wischt es unter den Fingern weg; will man es mit Gewalt durch Feuer zwingen, so wird's zu Rauch und fliegt davon; je mehr man es reinigen will, je giftiger wird es und geht dem Menschen durch Mark und Bein; wer stets damit umgeht, daran künsteln, seinen Witz daran versuchen will, der wird an seinen Gliedern zitternd bis in den Tod.« Während er dies noch redete, hörte ich ein Geschrei unter der Truppe und ein greuliches Rufen: O weh! Hallo! O weh! Mordio! Helft! Rettet! und als ich fragte, wer sie wären, sagte mir einer: eben die, welche durch das Quecksilber in der Herren Gunst bethört und zu Krüppeln gemacht worden sind. Und ein Gesicht erschien, welches, sich gegen die umstehende große Menge der Fürsten und Herren kehrend, sagte: »Warum tobt ihr also auf Erden und laßt das Unrecht ungestraft? Warum seid ihr so stumm und schweiget so still, daß der Gottlose verschlingt den, der frömmer ist denn er, und laßt die Menschen gehn wie Fische im Meer und wie Gewürm, das keinen Herren hat? Ihr zieht alles mit dem Hamen und fanget es mit eurem Netz und sammelt es mit eurem Garn! Ihr habt eure Nester in die Höhe gelegt, daß ihr dem Unfall entrinnet: aber euer Rathschlag wird zur Schande eures Hauses gerathen, denn ihr habt mit allem Muthwillen gesündigt; denn auch die Steine in der Mauer werden schreien und die Balken am Gesperre werden ihnen antworten. Was euch die Völker gearbeitet haben, muß mit Feuer verbrennen und daran die Leute müde geworden sind, muß verloren sein. (Nach Habakuk 1 u. 3). Höret zu, ihr Fürsten und Herren! sprach das Gesicht weiter, und bedenkt, daß ein Gott sei, welcher die Schinderei, womit ihr eure armen leibeigenen Unterthanen ausgepreßt und ausgemergelt habt, dermaleinst mit ewigen Frohndiensten, mit ewigem Hunger, mit ewigem Durst: der die Ungerechtigkeit, Gewalt und Tyrannei, die ihr an treuen aufrichtigen Dienern, an ihren armen Witwen und Waisen verübt, mit ewiger Tyrannei wird strafen: der euch Herren auf der Welt nicht allemal die begehrte Ehre anthut, eure Thorheiten und Sünden durch euresgleichen Fürsten und Herren zu richten und zu bestrafen, sondern oft und meistens mit einem unvorhergesehenen Donnerstreich oder durch verachtete geringe Dinge! Sehet, was für Diener Gott zu seiner Rache wider euren Hochmuth, Stolz und Eitelkeit gebraucht: auch die unempfindlichen Steine sollen wider euch schreien, ja das faule Holz an den Balken wird wider euch Rache rufen. Denn wenn Gott will, so schickt er ein faules Holz, das da brechen muß und euch zu Falle bringen, oder ein kleines verachtetes Würmchen, eine Mücke oder ein Käfer muß euch plagen; ja die häßlichen Läuse selbst sind Diener seiner Gerechtigkeit und müssen euch den Lohn eurer Untugend baar bezahlen!« Damit verschwand das Gesicht, und ein anderes Rufen und Schreien hörte man von ferne. Als wir hinzu kamen, sah ich einen wunderlichen Streit von zwei Parteien, Worte und Waffen genannt, wobei es zweifelhaft war, welcher Theil obsiegen würde. Es waren viel vortreffliche Leute in dem Streit, doch von verschiedenem Wesen, Stand und Alter: ein Theil kam mit Schwertern und Degen, hieben und stachen zu, als ob sie in einer Fechtschule wären; andere hatten große Tübingische Bücher in der Faust und schlugen damit die Streiche ihrer Feinde ab, als ob es Bruststücke oder Schilde gewesen wären; zuweilen versetzten sie den andern einen so derben Streich zwischen die Ohren, daß ihnen der Schädel dröhnte. »Gemach! gemach! rief einer von Lucifers Trabanten. Seht ihr nicht, daß Lucifer zugegen ist? Schämt euch vor dem Teufel, daß ihr eure Schuldigkeit so ganz vergessen habt!« Alsbald waren sie still und einer der Streitenden sprach: »Wenn ihr wüßtet, was für Leute wir wären und wie großes Recht wir zu diesem Kampf hätten, ihr würdet euch vielleicht zu uns halten.« Nun traten hervor Nero, Domitian, Commodus, Caracalla, Heliogabalus, Phalaris und Busiris Die fünf ersten sind durch ihre Greuelthaten genugsam bekannte röm. Kaiser. Phalaris war ein grausamer Tyrann von Agrigent. Busiris, ein alter grausamer König von Aegyvten, der die in sein Land kommenden Fremden opferte. neben mehreren andern Tyrannen. Als Lucifer sie sah, sprach er: »Das ist, bei meiner Finsternis! eine vortreffliche und stattliche Adelsgesellschaft, denen man billig allen höllischen Willen und Gefallen erweisen sollte.« Ferner kam auch ein alter achtbarer Mann mit vielen bedächtigen Männern daher, welche von den Streichen, die sie von den obengenannten Fürsten erlitten hatten, blutrünstig waren. »Ich bin Solon, sprach der Alte, und diese da sind die sieben weisen Meister aus Griechenland, berühmt und hochgehalten in der ganzen Welt. Jener dort, den der grausame Tyrann Cyprius Nicocreon S. Cicero, 2. Tuscul. u. Valer. Maximus . in einem Mörser mit eisernen Stoßern zermalmen ließ, ist der vortreffliche Philosoph Anaxarchus . Griech. Philosoph aus Abdera, Schüler des Demokritos. Der kleine Bucklige da ist der aller Welt bekannte hochweise Aristoteles. Der dort mit der eingebogenen Nase ist der allerverständigste Sokrates; dieser andere alte dort ist der heilige (welches Wort die Teufel sehr verdroß) Plato. Die andern alle, welche auf einem Haufen beisammen stehen, sind Leute von unserer Würde, welche ebenfalls solche Bücher, wie wir, von der Einführung guter Regierung geschrieben haben: worüber sich die Fürsten so erzürnt, daß sie uns mit Stößen abgelohnt haben. Gnädigster Herr Lucifer! es geschieht uns viel zu viel Unrecht: wir haben nichts geschrieben, als was billig und recht ist und haben aus besonders guter Absicht diesen Fürsten vorgemalt, wie sie Rath und Reich bestellen, gut regieren, ihre armen Unterthanen schützen und sich bei ihnen beliebt machen können: wie man die Gerechtigkeit gleichförmig einem jeden gedeihen lasse, wie man rechtschaffene verdienstvolle Helden und Soldaten belohne, gelehrte Männer in Ehren halte, Fuchsschwänzer und Ohrenbläser abschaffe, den Rath mit aufrichtigen und der Habsucht abgeneigten Personen besetze, die Bösen strafe, die Frommen belohne. Ja, wir haben ihnen gesagt, daß sie Haushälter des großen Gottes wären auf Erden: daher sollten sie sich ihres Amtes würdig machen und sich demgemäß verhalten, damit andere sich an ihnen spiegeln, die Tugend lieben, die Laster meiden und fliehen. Das ist die einzige Ursache unseres Streitens und der Gewalt, die sie an uns verübt haben; wiewohl wir in unsern Büchern deren keinen mit Namen kenntlich gemacht, viel weniger jemals in Gedanken gehabt haben sie beleidigen zu wollen, sondern vielmehr wie wir ihnen den rechten Weg der Tugend und Unsterblichkeit zeigen möchten. Aber wer ihnen zu ihren Lastern nicht schmeichelt und nicht recht giebt, der wird von ihnen verachtet und verfolgt. O ihr ungerechten Fürsten! sprach er gegen sie gewandt: was kann es für ein Wunder sein, daß ihr in diesem verdammten Orte mehr Strafe leidet als Bürger und Bauern! die ihr allen guten Rath und Unterricht aus Hochmuth und Ehrgeiz so ganz in den Wind geschlagen und verachtet, die ihr die lose, eitle Ehre dem wahren Gott vorgezogen, die ihr eure innerlichen Lüste und Gelüste durch Standesgebühr beschönigt, die ihr alle Gewalt und Unbilligkeit mit Land- und Reichsnothwendigkeit gefärbt, die ihr, euren Staat zu erhalten, Gott und allen Heiligen abgesagt und Krieg heraufbeschworen, die ihr unter dem Vorwand der Religion Regionen gesucht, unter dem Vorwand des Himmels den Schimmel gemeint habt! Kein Wunder ist es, daß Gott mit vielen so verfährt wie jetzt; denn so seid ihr mit euren gemarterten Unterthanen und bedrängten Nachbarn auch verfahren! Wie kann es ein Wunder sein, daß eure Unterthanen so übel zugerichtet, so übel versorgt und versehen sind! Was Wunder, daß das Land so in das Verderben und den Untergang geräth! Die ihr euch manchmal auf der landverderbenden Jagd heiser schreit, – aber stumm seid, wenn ihr einen Bescheid geben sollt! Die ihr viele Stunden lang im Walde steht, euch von Mücken und Schnaken zerstechen und zermartern laßt, um ein elendes Wild zu erwarten, – aber wenn ein hilfsbedürftiger Unterthan euch anruft, nicht so lange stehen bleiben mögt, bis ihr seine Noth gehört habt! Die ihr euch manchmal nach einem werthlosen Vogel die Augen halb ausseht – und blind seid, wenn ein elender gebrechlicher Unterthan vor euch steht! Die ihr nach garstigen Fabeln, nach erdichteten Nachrichten, nach erlogenen Aufschneidereien die Ohren spitzt, – doch ganz taub seid, wenn ein angefochtener Unterthan euch um Hilfe und Rettung angeht! Die ihr eure Diener und Untertanen so zweifelhaft und falsch regiert; die ihr die wahre Weise zu regieren aus unsern Büchern zu nehmen euch schämt – und doch selbst nicht soviel gelernt habt, um einem bewanderten Manne zu antworten! Der Weiseste unter den Menschen hat gesagt: wehe dem Land, dessen Herr ein Kind ist! aber ich Einfältiger setze noch diese Weisheit hinzu: wehe dem Land, dessen Herr nichts studiert hat! Denn dieser ist ja ärger als ein Kind. Was will er wissen und verstehen, wenn ihm seine Räthe nicht rathen und verdolmetschen! Die zwei größten Thorheiten bei Fürsten und Herren sind diese: 1) wenn sie zu Fuchsschwänzern geringe nichtswürdige Leute haben; 2) wenn sie ihren Dienern die Besoldung darum schmälern, damit sie etwas ersparen. Denn wer sein Einkommen vermeint auf diese Weise zu suchen, der ist untreu gegen sich selbst und ungerecht gegen seine armen Unterthanen. Es ist schlecht hausgehalten, wenn der Herr seinen Dienern nicht selbst richtig auszahlt, sondern ihnen erlaubt, von den Unterthanen und aus dem Lande zu handeln, zu schachern und Vortheil zu ziehen, damit sie zu leben haben. Ein kluger Fürst ist des Landes Herrgott, ein unbesonnener Fürst ist des Landes Hölle und Verdammnis. Ein frommer Bauer that mich neulich fragen, Als er gehört von einem Herren sagen: Was ist ein Herr? Was ist er für ein Mann? Horch Bau'r! sprach ich: er ist, so viel ich kann Berichten dir, im Sterben und im Leben Ein Mensch wie wir, mit Haut und Haar umgeben; Doch wenn ein Herr verständig ist und klug, So hat sein Volk und ganzes Land genug; Doch ist er toll und hat er einen Sparren, So macht er uns zu Bettlern und zu Narren.« – Hierauf trat der berühmte Dionysius von Syrakus mit vielen andern Tyrannen hervor und schrie dem Solon zu: »Das hast du erlogen, alter närrischer Philosoph! was werdet ihr Thoren viel wissen uns zu lehren! Ihr, ihr allein seid Ursach, daß man uns soviel Böses nachredet und oft so grausam mit uns verfahrt: denn weil ihr in euren losen Büchern so leichtfertig gelogen, von Regimentssachen so frevelhaft geschrieben, wovon ihr weder Verständnis noch Erfahrung habt, deswegen sind wir in unserm Leben so verfolgt, ja in und nach unserm Tode noch geschändet und beschimpft.« »Gnädigster Herr Lucifer! sprach Julianus Apostata , Römischer Kaiser 361 – 363 n. Chr., der Abtrünnige, weil er vom Christenthum abgefallen war. der dabei stand: meiner Treu! bedenkt doch selbst, was können diese Schulfüchse, die kaum einen Hund vom Ofen zu locken haben, und von der Welt wegen ihres grillenhaften Wesens in Kleidern und Geberden für alberne Thoren gescholten werden, wohl wissen? Die, wenn sie zu unseresgleichen kommen, sich stellen wie eine Kuh, die ein neues Thor anstarrt, oder wie eine Gans, die in ein Faß sieht, als ob sie ihr Lebtag keinen Menschen sonst gesehen hätten und nicht wüßten, was sie reden oder thun sollten; kommen in einem Aufzuge wie die Bettelhunde. Und nichtsdestoweniger bei all dieser Armuth haben sie eine so hartnäckige Einbildung, daß sie meinen, andere Leute wären gegen sie Unmenschen und wilde Thiere; reden von Sachen und machen einen gewissen Schluß von Dingen, die sie doch ihr Lebelang weder gehört, noch gesehen, noch verstanden haben; schreiben von Königreichen, von Besetzung der Aemter, wollen den Königen Gesetze geben und die Weise vormalen, wie sie leben sollen, wie sie Land und Leute in gutem Wohlstand erhalten und gegen äußere Gewalt schirmen und schützen können: während sie ihr Lebelang nicht einen Meierhof verwaltet haben noch einem Dorfschulzen an Verständnis gleichkommen. Wenn es so sein sollte, so würden weltliche Könige, Fürsten und Herren nicht ärger gefesselt werden, als wenn dergleichen Halunken so ungescheut schreiben dürfen, was sie wollen. Ist einer unter uns, der sich nur ein wenig gute Tage machen will, gleich ist er ein Tyrann, ein Bluthund und der königlichen Gewalt nicht werth, darum weil wir den Unterthanen nicht besser schmeicheln wollen. Doch diese mondsüchtigen Tröpfe hier wissen nicht, wenn es zum Treffen kommt, wo sie die Dinge angreifen und handhaben sollen. Sie gehen einher mit struppigem Bart, so daß man, wenn man eine solche Gestalt steht, nicht weiß, ob es ein Kauz oder ein Busch ist, so tief haben sie die Augen in dem haarigen Kopf versteckt; und wenn sie sprechen, machen sie ein Getöse, als ob sie aus einem hohlen Gefäß brummten. Besonders du Solon – hierher mit deinen Scharteken, du Federfuchser! Wenn sich ein König, Fürst oder Herr vor allen Dingen nur seiner Unterthanen Heil und Wohlfahrt soll angelegen sein lassen, wer wird dann für ihn und für die Seinigen sorgen? He! was meinst du? He! meinst du etwa, wir sollten uns selbst verbrennen, was doch unsere ärgsten Feinde nicht wollten! Ihr seid rechte Federspitzer, ihr mögt Tag und Nacht über euch selbst sitzen und schreiben, was ihr wollt, ihr habt darum doch nicht, was ihr wollt. Mengt euch also nicht in fremde Händel, die ihr nicht gelernt habt! Man nennt uns ja die hohe Obrigkeit, die Gewalt über die Unterthanen hat: wie soll denn ein Fürst Gewalt über die Seinen haben, wenn er nicht zugleich die Macht über ihre Güter hat und damit nach seinem Gefallen schalten und walten darf? Der wäre ja ein elender Fürst, der sich eurem Rath und euren Schriften gemäß untergeben müßte, die ihr doch unsere Unterthanen und Leibeigenen seid! Das wäre ja keine vollkommene Gewalt, wenn man sich nicht rächen, bisweilen sein Müthchen kühlen, sich nicht etwas mehr belustigen und nicht zuweilen einen Sprung aus den Schranken thun dürfte. Sollte man etwa um einiger Frommen willen die andern alle abschaffen und aus dem Wege räumen? Wohin würden wir kommen? Bald müßte die ganze Welt öde werden. Nein, nein! es ist besser zehn Böse als einen Frommen erhalten: besonders weil uns zu unsern Diensten und Gefallen jene mehr geneigt sind als diese. Auch müßt ihr wahrlich in eurem Hirn übel versehen sein, daß ihr sagt, man solle gleich einem jeden Frommen, der etwa meint ein ehrlich Werk oder eine Tugend ausgeübt zu haben, große Verehrungen erweisen: da uns doch niemand mehr zuwider ist als eben die Frommen. Es frommt uns besser, wenn wir diejenigen mit Geschenken, Ehren und Aemtern versehen, welche uns zum Gehorsam leben, um unsertwillen sich bemühen, sich zu unserer Lust und Gefallen wider alle Welt frisch hinein wagen: denn bei denen sind wir viel mehr unseres Lebens sicher, welche in Unachtsamkeit lustig in den Tag hinein leben, als bei denen, welche auf unsere Handlungen so genaue Aufsicht und Achtung geben und vom Gewissen reden. Darum: was jenen erlaubt ist, ist uns billig, und was uns billig, ist jenen erlaubt, und es hat keiner dem andern viel vorzuwerfen. Meiner Treu! bedenkt, warum können noch heutiges Tages Fürsten und Herren sich mit den Geistlichen und Pfarrherren nicht immer vertragen? Wahrlich, aus keiner andern Ursache, als daß die Pfarrherren stets mit ihren zehn Geboten aufgezogen kommen, und bald kein Herr mehr etwas zu seiner Lust und zum Spaß thun darf, woraus sie nicht gleich Sünde machen. Warum würde uns Gott zu Fürsten gemacht haben, wenn wir es nicht sollten besser als die Bauern haben? Es ist ganz etwas anderes, wenn ein Bauer sündigt, als wenn ein Fürst sündigt: ein Fürst ist an die zehn Gebote eben nicht so fest gebunden. Meinestheils, wenn es bei mir allein stünde, ich würde alle Pfarrherren abschaffen, oder wenigstens so lassen am Hungertuche nagen, daß sie selbst den Abschied nehmen würden; Räthe und Amtleute desgleichen und alle Diener, welche so kühn sind, daß sie der Herrschaft vom Rechten, von der Gerechtigkeit, von Gottesfurcht sagen. Was? Gerechtigkeit? Was ein Fürst will, das ist an sich selbst recht und darf nicht erst durch euch Schulfüchse für Recht erklärt werden. Warum, du alter Bocksbart, schreibt ihr nicht auch das, da ihr doch alles so gut wißt: der Metzger läßt seine Hammel feist werden; warum? damit er sie schlachten könne; und wenn der Barbier will Blut haben, so läßt er die Ader laufen? Du sollst den Photinus Ein ketzerischer Bischof von Pannonien im 4. Jahrhundert. reden hören, Altvater, er wird dir eine andere Manier zu regieren hersagen. Photinus komm' herbei!« Als er dies gerufen hatte, kam einer unter dem Haufen hervor, der dem Ansehen nach gewiß ein rechter Spottvogel und Lotterbube gewesen war, aber die Zunge über alle Maßen fertig hatte, der sprach: »Es giebt nichts, was einen Fürsten in seiner Regierung mehr hindert, als wenn er zu fromm, zu streng im Strafen und gleich auf jedes Ansuchen fertig ist Recht zu schaffen: denn das ist oft so hinderlich in ihrem Vorhaben, daß sie ihr Land und Reich nicht erweitern noch ihre Herrlichkeit höher bringen können. Es ist ein unerforschlicher Unterschied zwischen dem, was recht ist und dem, was einem nützt. Darum ist denn ein Fürst, welcher Ehre und Recht allem andern vorzieht, wider sich selbst, schwächt seine Macht und Ansehen und stürzt sich ins Verderben. Wo aber dem Volk seine rechte Freiheit gelassen wird, so daß es ungestraft leben und handeln kann, wie es will: da kommt ein Reich in Wachsthum und Wohlstand, mag es sonst auch äußere Feinde haben, wie an Mahomet zu sehen ist. Ein Fürst nun hat das Recht seine Unterthanen zu strafen, da sie ihm und dem Gesetz unterworfen sind: der Fürst selber aber, welcher die Gesetze giebt, steht über diesen und ist in keinem Falle ihnen zu gehorchen verbunden, sondern kann thun, was und wie er will. Denn es ist und bleibt doch ewig wahr, daß diejenigen, welche alles genau nehmen und jedes Holz zu Bolzen drehen wollen, zu Hofe und im Regiment nimmer taugen.« Als Photinus diese Machiavelli'schen Machiavelli, der bekannte italienische Schriftsteller und gewissenlose Staatsmann; stirbt 1527. Worte geredet hatte, trat Domitian hervor, schäumend vor Zorn wie ein Eber, und zog den armen C. Suetonius Tranquillus Lebte unter Hadrian in der ersten Hälfte des 2. Jahrhunderts, Biograph der ersten zwölf römischen Kaiser. bei dem Rocke herbei, trat ihn mit Füßen und sprach: »Ihr Herren alle hier! unter allen Geschichtschreibern sind diejenigen die ärgsten und gefährlichsten, welche, erst wenn ein Kaiser, König oder Fürst gestorben ist, aus längst gefaßtem Eifer und Haß, aus eigenem Gelüsten und aus innerem Triebe der Mißgunst mit höhnischen leichtfertigen Büchern Ehre und Ruf eines solchen beflecken. Diese verfluchten Schriftlinge können schon bei Lebzeiten des Fürsten mit höhnischen anzüglichen Worten nicht aufhören; nach seinem Tode aber geht dann erst recht das Bartscheeren an, und er muß noch mehr aushalten, indem sie ihn durch die lose Geschichtschreibung wieder lebendig machen und der Welt zum Gespött und Gelächter darstellen: wie denn dieser unverschämte Gesell an mir auch gethan und sich nicht geschämt hat, von römischen Kaisern auch diejenigen Sachen zu schreiben, welche zu hören, geschweige denn gethan zu haben wir uns schämen müssen. Was schreibt er nicht von dem unersättlichen Geiz, von Grausamkeit und Blutgier, von der Schwelgerei und Völlerei, der ich soll ergeben gewesen sein! wie unnütz ich den römischen Schatz auf unnöthige Gebäude verwendet habe! während doch ein Fürst sein Einkommen auf nichts würdiger als auf Erbauung herrlicher Paläste verwenden kann, und auf Belohnungen derjenigen, welche sich im Kriege fest und treu erwiesen haben. Was sagt er nicht von Rauben, Stehlen, Plündern und Aussaugen unschuldiger Leute? Soll denn ein Fürst gar keine Macht haben? Soll er denn um eines kleinen Vorzugs willen, den ihm seine Stellung giebt, von diesen Schreibern ausgeschrieen werden, als wäre er gar ein Straßenräuber oder Freibeuter? Ist das nicht ein unverschämter Kerl, der von einem König und Fürsten reden darf, als man etwa von einem Dieb oder Mörder pflegt? Wie freventlich hat er von dem Stolz, Hochmuth und Ehrgeiz gegen mich geschwatzt und aufgeschnitten? Wie spitzfindig ist er mit den Titeln der Unzucht und ungebührender Lustseuche gegen mich losgezogen? der ich doch sonst so löblich regiert und die Bibliotheken, welche früher verbrannt waren, mit unglaublichen Kosten von Alexandria und anderswoher habe wieder ausfüllen lassen. Also ihr umstehenden Herren! ich habe euch von Herzen wollen erkennen lassen, ob er aus angemaßtem Frevel so zu schreiben befugt gewesen ist. Denn was meine Diener hier und da vielleicht unter meinem Namen verübt haben, das geht mich nichts an, auch wenn ich es ihnen befohlen hätte. Auch wenn sie es schriftlich darlegen und beweisen könnten, würde ich es ihnen nimmermehr gestehen, sondern auf dem Nagel wegläugnen. Ich wundere mich aber, daß dessenungeachtet keiner meiner Nachfolger dergleichen Bücher zu drucken verbietet.« – »Was die Bibliotheken betrifft, ja das ist wahr, das ist ein recht fürstliches Werk, sprach Sueton; auch habe ich dessen in meinem Buche mit besonderem Lobe und Ruhme gedacht. Was antwortest du mir aber hierauf, Domitian! wenn ich sage und klage, daß du in deinen Befehlsschreiben sagst, ›euer Herr und Gott‹? Ist das denn nicht ein unmenschlicher gottvergessener Stolz und Hochmuth? Hab' ich nun die lautere Wahrheit geredet, – was klagst du denn? Aber ihr Fürsten und Herren wollet Fuchsschwänzer haben, die alles recht und gut heißen und euch sagen, was ihr gern hört; während ein ehrlicher Mann oft stillschweigen muß, daß ihm das Herz bebt, und es geschehen lassen, wenn er auch weiß, daß es unrecht ist und wider das Gewissen geht. Darum hat jener vormals recht gesagt, daß ihr alle armselige Leute seid, welche nimmer eine Wahrheit von ihren Dienern hören noch hören wollen. Habe ich nicht den großen Julius Cäsar, den Augustus, den Titus und Vespasian herrlich heraus gestrichen und gelobt? Was haben sie Rühmliches gethan, das ich nicht mit besondern Ehren gemeldet hätte? Was hat mein Stubengesell Plinius Secundus Lebte zu Anfang des 2. Jahrhunderts, Verfasser von Briefen und einer Lobrede auf Trajan, dessen Liebling er war. nicht Löbliches von dem Trajan geschrieben? Aber du und deinesgleichen Landesverderber, die ihr nichts als den bloßen Namen eines Kaisers gehabt habt, sonst aber in allem euch verhalten habt wie feindselige Tyrannen, – was darfst du mich deswegen viel zur Rede setzen und tribuliren? Weil ich dir die Wahrheit gesagt so, daß auch die Teufel vor dir und deinem wüsten Leben billig einen Schrecken bekommen? Daß du dich aber wunderst, weil keiner deiner Nachfolger das Bücherschreiben, das Lob- und Strafschriften an den Tag bringen verboten habe, darin giebst du dich in deinem Unverstand so bloß, daß du mich selber dauerst. Die handeln unweise, welche allein aus Haß, aus Furcht, aus Mißgunst ein Buch verbieten: denn dadurch kommt es nur in desto größern Ruf; es wird umsomehr Nachfrage nach einem Dinge, das man erst mit Mühe und Gefahr bekommt. Ein Fürst und Herr begiebt sich in große Ungelegenheit, wenn er sich mit einem geübten Schreiber in einen Streit einläßt: gewinnt er, so sind zehn andere, die jenen rächen: verliert er, so schadet es seinem ganzen Geschlecht. Was man schreibet, das bleibet. Wie dessen wird allzeit gedacht, Von dem man Gutes schreibet: Also Reichthum, Gewalt und Macht Von selbst vergessen bleibet.« – – Als ich dastand und diesem Handel zuhörte, kamen zwei Kerls auf einander zugestoßen, von denen jeder einen großen Sack auf der Achsel und einen Schulsack an den Lenden trug. Der erste war mit dem Zeichen K , der andere mit C bezeichnet. Diese Kerls stießen hart auf einander los, ließen ihre Säcke zu Boden fallen und kamen sich in die Haare. Aber ein Geist trat dazwischen und fragte sie, woher sie kämen und wohin sie wollten? Der K sprach: er käme aus Deutschland und wolle sich nach Griechenland begeben. Der C sprach: er käme aus Calcutta und wolle nach Deutschland ziehen. Lucifer befahl, man solle ihre Säcke öffnen und sehen, ob sie nicht verbotene Waare trügen. Als man aber den Sack C öffnete und auf den Boden ausschüttete, befand sich nichts weiter darin als lauter Buchstaben H h, große und kleine, junge und alte, verschliffene und gespitzte, doch mit vielen Schellen untermischt. Der mit dem Sack K ward, als man seine Waare besichtigt und voll der Zeichen Ph gefunden hatte, ohne ferneres Anhalten los gelassen. Der H h aber wurde festgehalten unter derben Verweisen, daß er so freventlich und ohne genügende Erlaubnis dergleichen Waare wolle ans Land bringen; er entschuldigte sich aber damit: er habe gehört, daß bei den jetzigen sprachgrüblichten und buchstabecklichten Zeiten ihm seine Waare gut abgehen würde. Der Geist sah mich an und fragte, was ich dazu sagte: da ich unlängst von der Welt gekommen, sollte ich erzählen, ob solche Waare in Deutschland für Kaufmannsgut passiren könnte. Dem antwortete ich: Was den Kaufmann mit der Waare Ph anlange, so wäre derselbe nicht mit Unrecht fortgelassen worden, weil diese Waare eigentlich nach Griechenland gehöre. Und wenn man bei den ursprünglich griechischen Namen, wie Philander, Euphrosine, Physik, Philippus, Philosophie u. dgl. das Ph abschaffen und an dessen Statt das F einführen wollte, wie es zwar bei einigen Welschen, doch ohne Berechtigung, der Brauch ist, so würden solche Namen ihren Saft und ihre Kraft, ihre Deutung und Wirkung so verlieren, daß man ihnen keinen Geschmack mehr würde abgewinnen können: denn Philander ist ursprünglich Griechisch und heißt auf Deutsch ›Manhold‹; Filander aber ist aus keiner Sprache, bedeutet und heißt auch nichts. Und die das Griechische nach dem Deutschen, doch undeutsch, geben wollen, die thun eben das, was diejenigen thun, welche dem Kinde rufen und keinen Namen geben: die es Fürsten und Herren gleich thun wollen, aber nicht einen Hund vom Ofen zu locken vermögen: die in einem Schiff fahren und den Boden durchlöchern, die Deutschland mit Bratwürsten bezwingen und mit Läusen durchreisen wollen. Daher wundere ich mich auch nicht ohne Ursache über die, welche sich wundern, daß Philander sich Philander und nicht Filander geschrieben hat. Was nun den Hausirer anbelangt, so erachte ich dessen Waare, wie er sie feil bietet, für leicht und verboten, die in Deutschland viel besser anzutreffen ist. – Der Kerl aber beschwerte sich und gab vor: daß bei den jetzigen Zeiten der Pluderhosen eine ganz andere Art zu schreiben herrsche, und demnach viel tausend Säcke mehr mit H h erfordert würden. Zudem wäre diese herrliche Waare so gut und tüchtig wie das Salz zur frischen Butter, so daß, wenn man die Worte nicht mit doppeltem h belegte und die ungefütterten Buchstaben nicht mit dreifachem h umschränkte, es ebenso wäre, als ob einer ein Narr sei und doch keinen Kolben tragen wolle; und es müsse nun einmal jeder, der heut zu Tage in dieser unvermeidlichen Schreibrüchtigkeit sich wolle sehen lassen, sich dieser herrlichen Quintessenz bedienen. Ich mußte aber über den Kerl lachen und sprach zu den Umstehenden: Des Kerles Rüchtigkeit zu schreiben ist unrichtig: Wenn er in seinem Sack hätt' so viel I als H, So wär' der ganze Sack Ih, Ih, Ih; Drum seine Rüchtigkeit zu schreiben ist unrichtig. Der Geist sprach: »Wie nützlich es für die Sprachen ist und für alle die, welche sich der Sprachen bedienen, wenn man den genauen Ursprung, den Grundquell und die Wurzel aller Wörter und Buchstaben erforscht, ohne welche Gewißheit man an vielen Orten müßte stehen oder gar hocken bleiben: ebenso abscheulich ist es, wenn naseweise Kerls, hochfliegende Klüglinge irgend einen Rappel bekommen und dasjenige in eine Sprache einführen wollen, was dieselbe nicht nur nicht ziert, sondern verzerrt, verirrt, verwirrt, ärger als die Babeler vor Jahren gethan haben.« Ob auch der Kerl seine H h wieder zusammen suchen wollte, ward doch der ganze Sack mit allem Unrath als verfälschte Waare zum Feuer verdammt, und es knisterten diese H h, als ob einer eine welsche Perrücke voll Ungeziefers gebraten hätte unter so großem Gestank, daß wir uns von dannen begeben mußten. Nach einer Weile vernahmen wir von der Linken her das gar erbärmliche Spiel einer Fechterei. Es waren vier Kerls beisammen, welche einander mit starren, feurigen Augen, blassen Angesichts, die Zähne auf einander beißend, ansahen; sie zogen die Wämmser ab und warfen sie beiseits, sowie auch die Hüte, und standen da nur in Schlafhosen und Springschuhen; jeder hatte ein langes scharfes Rappier in der Faust. Diese vier theilten sich, je zwei und zwei und thaten so grausame Stöße gegen einander, daß ich sorgte, jetzt werde dem andern ein Auge aus- oder das Herz in den Schoos fallen. Endlich fielen zwei durch und durch gestoßen todt zu Boden. Die andern Beiden, welche das Hasenpanier aufgeworfen hatten und davon liefen, wurden von einem Teufel Namens ›Böses Gewissen‹ auf den Fersen verfolgt, der ihnen einen feurig-rauchenden stinkenden Pfeil in das Herz schoß, daß sie auch zu Boden fielen. Doch alsbald waren sie wiederum an ihrem vorigen Ort, die andern Beiden wieder lebendig und der Streit ging von neuem an wie vorher. Wie ich vernahm, müssen sie ewig in diesem unsinnigen Kampf zubringen; worüber ich nicht wenig Mitleid empfand und hinzutrat, um die Ursache dieser Marter zu erfragen. Als sie meiner ansichtig wurden, kam einer mit großer Ehrerbietung auf mich zu und redete mich, doch auf Französisch, also an: »Mein Herr, ich sehe euch wohl für einen Hof-Cavalier und Ehrenmann an, der die Ursache unseres Kampfes vielleicht gern wird wissen wollen: wir sind Franzosen von Nation, aber einer, mein Secundant hier, ist ein Deutscher aus Holstein. Nun hat es sich begeben, daß bei einem Ballet jener Kujon dort mir nicht allein mit einem Glas Wein auf die Gesundheit meiner Geliebten den Bescheid versagt hat, was ich so aufnahm, als wäre es zu meinem unleidlichen Schimpf und zur Verkleinerung meiner Ehre geschehen: sondern ist mir auch hernach im Tanze vorgesprungen. Und als ich ihn deswegen eben nicht mit freundlichen guten Worten (denn von Natur bin ich hitzig und kann dergleichen nicht gut leiden; zumal wenn ich mir einbilde, daß etwas zum Trotz geschehen sei, so möchte ich vor Zorn von Sinnen kommen), sondern mit mächtigen Geberden und Verweisen abgestraft hatte, da sind wir im Wortstreit so weit gekommen, daß er mir sagte ich löge, welches die größte Unehre ist, die einem widerfahren kann, und es wird einer eher Leib und Seele wagen, als solche Beleidigung tragen. Lügen strafen erfordert stets einen Degenstoß zwischen die Rippen.« – Als er so weiter reden wollte, sagte mir ein Geist, welcher hart neben mir stand, heimlich ins Ohr: »Hüte dich, je einem Franzosen zu sagen ›du lügst‹! sie halten es für die größte Schande; allein – die ihr ›du lügst‹! für die größte Schande haltet: sagt mir, weshalb dünkt euch ›lügen‹ eine Zier?« (Owen 1, 65). Ich merkte daraus, daß er mich, da ich mit einem Franzosen im Gespräch war, etwas warnen wollte. – Der Franzose fuhr fort: »Deshalb habe ich ihn zur Rettung meiner Ehre und zur Strafe für den Schimpf auf die Wiese geladen und ihm mit der Klinge seine Thorheit vergolten: und wer wollte sich in dieser Weise beleidigen lassen?« – »Wir haben uns gut gefärbt! sprach der andere. Ich meine, du mußt deine Thorheit so theuer als ich bezahlen in diesem ewigen Streit, und zwar du billiger als ich, der ich als der Geforderte ehrenhalber den Streit hätte ausschlagen können, auch nicht so sehr aus Vorsatz als aus Mißbrauch gesündigt habe, der in Frankreich heutiges Tages allgemein ist, wo die Ehre muß mit der Fuchtel gesucht und erhalten und eher die Seligkeit als die zeitliche Ehre darf verscherzt werden; ich hatte also vielmehr die Absicht Ehre einzulegen und Ruhm zu erlangen als zu sündigen. Zwar hat mein Gegenpart, als ich zu Boden kam, mir das Leben zu schenken angeboten; aber wie? sollte ich, einer von Adel, das Leben aus der Hand meines Feindes empfangen? Das wäre ein Bärenhäuterstück und ich nicht werth, den Degen an der Seite zu tragen.« Als er diese Worte geredet hatte, geriethen sie wieder an einander wie vorhin. Nachdem sie wieder zu sich selbst gekommen waren, näherte ich mich dem Deutschen um zu hören, was ihn zu diesem Streite veranlaßt hätte? Er sagte mir: er wäre der und der, einer von Adel, und hätte dem Franzosen, der ihn zum Secundanten erbeten, dies ehrenhalber nicht abschlagen dürfen: denn bei einem Theil des deutschen Adels ist dies jetzt ebenfalls Brauch, daß sie ihre Händel mit der Spitze des Rappiers und nicht, wie die ehrliebenden Vorfahren, mit der Faust oder mit dem Banddegen austragen. – Desto größere Thoren sind sie, sprach ich, und desto weniger adliges Gemüth haben sie in sich, weil sie diese grausame Untugend und dies teuflische Beginnen von den leichtfertigen Welschen entlehnt haben (bei diesem Wort würde der Welsche, wäre er nicht von einem Geist verhindert worden, mir den Degen gewiß durch die Rippen gestoßen haben, so sehr war er darüber erzürnt). Unsere redlichen alten Deutschen waren damit zufrieden, wenn ihnen ein Schimpf angethan wurde, daß sie sprachen: es ist mir unrecht geschehen, es ist erlogen. Auf eine Lüge wurden eine Maulschelle oder höchstens hier und da einige Püffe ausgetheilt; damit war es abgethan, oder man verglich sich beim Trunk mit größerer Vertraulichkeit und Freundschaft. Sie hatten Herz genug, ihre Feinde wie Löwen anzufallen und zu bezwingen, ja sich ebensogut wie es jetzt geschieht, mit einander zu raufen und zu schlagen, sie bedurften da weder eines zweiten oder dritten Mannes. Einander auf dem Kopf herumgehämmert, verglichen, verziehen, vergessen – das war Eins. »Freilich, sprach ein Teufel, den ich für der Fechter, Kämpfer und Duellisten Meister und Fürsprecher ansah, wußten sie nichts von solchen Secundanten; aber durch meinen Fleiß habe ich es soweit gebracht, daß es nicht mehr Duelle, Kämpfe sind, wenn sich zwei raufen, sondern Schlachten. Und obschon die Alten zu Zeiten einen zweiten oder dritten Mann bei sich hatten, so war es doch nicht auf Raufen, sondern darauf abgesehen, daß alles redlich, ohne Trug und Falsch herging und keine Schelmenstücke verübt wurden, und damit sie Zeugnis von dem, was geschah, ablegen konnten. Jetzt aber ist es durch meine Bemühung dahin gekommen, daß es heißt: es läßt sich nicht ohne Raufen zuschauen; wer nicht will Theil am Streit haben, der packe sich von dannen, damit er nicht für einen verzagten Lump angesehen werde; ehrenhalber muß man da raufen, es reime sich oder nicht, hier herrscht nicht die Vernunft, sondern die Ehre.« O weh uns unhöflichen treulosen Deutschen! sprach ich zu meinem Landsmann, welcher stand und zitterte vom Zuhören. Ist es denn nicht genug, daß unser armes Vaterland wissen muß, wie um der unchristlichen, kahlen, erbettelten, hundsföttischen, höllischen Reputation willen wir uns einander so jämmerlich verfolgen, bekriegen, tödten und vertilgen? Müssen wir erst nach Italien und Frankreich ziehen und allda bei des Teufels Vorfechtern lernen, wie wir oftmals unsere besten Freunde ums Leben bringen sollen! Können wir denn unseres nichtigen Leibes Ehre nicht erhalten als nur mit Gefahr und Schaden der edlen Seele! Pfui der Schande! und verflucht seien alle solche hitzigen, hirnlosen, unbedachtsamen Narren, die ihr Heil so gar nicht in Acht nehmen! Haben doch die Heiden redlicher und christlicher davon gelehrt als heute die allerchristlichsten Christen pflegen. »Dazu, sprach der armselige todte Deutsche, bringen uns die leichtsinnigen Franzosen: und wenn man deren nur drei würde auf den Schwarzwald viele Meilen von einander setzen, so würde doch nicht ein Monat vorübergehen, ohne daß sie sich neckten und sich um irgend einer lumpigen Ursache willen forderten und erstächen.« Ich sprach noch einmal meine obigen Worte und fuhr fort: Es ist doch kein wildes Thier so wild, daß es eins seinesgleichen, von seinem Geschlecht und seiner Art, beschädigen, zerreißen, tödten würde. Ein jedes wilde Thier: Löw', Bär, Drach', Tiger, Schlang' Sich selbst in ihrer Art belieben, lieben, weichen; Das Unthier selbst, der Wolf, frißt nicht bald seinesgleichen; Allein der Mensch, der macht den Nächsten angst und bang: Vor einem Menschen muß der Mensch sich selbst befahren, Der doch vor Wölfen kann erwehrend sich bewahren. Es muß ein kalter Winter sein, soll ein Wolf den andern fressen. O der großen Thorheit! O der kostbaren, theuern Thorheit! O der verdammten Thorheit! O des heillosen Tausches, wo wir die fremden Laster mit deutscher Tugend, welsche Unreinigkeit gegen deutsche Keuschheit, welsche Untreu gegen deutsche Redlichkeit auswechseln! Da will zwar ein jeder sein eigen Glas haben, – aber sein eigen Weib haben, dessen ist nicht leicht einer versichert. Unsere alten redlichen Deutschen würden es für eine Unehre und Schande gehalten haben, wenn sie hätten sollen fechten lernen, und sie haben einen Fechter gehaßt wie den Teufel, als der da lehrt, nicht wie man mit Tugend überwinden, sondern wie man mit List und Trug einen ehrlichen Mann übertölpeln könne. – Indessen suchte ich mich von der Gesellschaft loszumachen, die sich abermals in den Haaren war, und dachte bei mir, daß der Teufel der rechte Heerführer aller solcher frevlen Balger, Raufer und Spitzbeißer sein müsse, weil derjenige, welcher sich nur im geringsten (vielleicht aus Einbildung mehr als in Wirklichkeit) an seiner Ehre angegriffen sieht, gleich zur Wehr und zum Morde eilt. Wie wüthende Leute fordern sie einander mit Kartells und Fehdebriefen heraus in diesen Worten: wenn du eine ehrliche Ader im Leibe hast, so erscheine mir vor der Klinge da und da. Das heißt bei Verständigen soviel als: wenn du dich als Cavalier erweisen willst, so komm und laß uns mit Leib und Seele dem Teufel zufahren in die Hölle. Ein Ehrenmann achtet mit Recht nicht des Schimpfs, den ihm sein Gegenpart und andere, welche ehrenhalber des Teufels sind, um deßwegen zufügen, sondern lacht der teuflischen Thorheit und spricht: Gehe hin, du unbesonnener, ungerathner Tropf; eben darum weil ich eine ehrliche Ader im Leibe habe, achte ich all dein Prahlen für eine Hirnlosigkeit und einen Mangel an gutem Verstand. Gehe nur hin, Schüler des Teufels und Cavalier von Ehren, nicht Cavalier der Ehren: in einer christlichen, redlichen, zwingenden Noth und Gegenwehr sollst du, mein Gegenpart und Feind, gleichwohl an mir einen deutschen Mann finden, den seine Haut nicht dauert, der sich seiner Haut redlich wehrt, der ebensogut ein Herz im Leibe hat, der ebensogut wie du Fäuste und Muth hat. Daher pflegte der tapfere Spanier Ferdinandus d'Avolos, Markgraf zu Pescara, zu sagen, daß man mit nichten den für einen tapfern Cavalier halten sollte, der viel Raufhändel gehabt, sondern vielmehr den, der sich so zu verhalten gewußt, daß er sich niemals mit einem andern in Zankhändel einzulassen genöthigt gewesen: denn andere herausfordern, oder herausgefordert werden, komme gemeiniglich daher, daß der eine aus Unverstand in Worten und Werken sich nicht zu halten wisse, oder aus Ungeduld und Grobheit andere in Folge dessen nicht so ehre, daß er auch von ihnen mit der gebührenden Achtung behandelt würde. O der teuflischen Reputation bei gemeinen jungen Leuten! Da aus einem von ungefähr gefallenen Wort, aus einem unbedachten Blick ohne jeden bösen Vorsatz und jeden bösen Gedanken deines Nächsten du ihn dumm-toller Weise aufziehst und, wiewohl ohne Verstand und Stand, dich stellst, als ob du um deiner Seelen Seligkeit mit allen Teufeln zu streiten hättest! Während dieser ernstlichen Gedanken sah ich von ferne eine Menge daher gelaufen kommen, scheinbar Bürger, Handwerker und Bauern; sie trieben einen Kerl vor sich her, dessen Person ich nicht unterscheiden konnte, dem riefen sie Zeter, Mord und Wehe nach und füllten mit Seufzern die Luft, daß es dunkel wurde. Es antwortete mir einer auf meine Frage: dieser wäre bei einem geborenen Herren zu Hofe Präceptor gewesen; der habe zum Theil aus Fahrlässigkeit und Faulheit, zum Theil aus Furcht und Zaghaftigkeit, zum Theil aus Halsstarrigkeit und Bosheit den jungen Herren dermaßen versäumt, daß aus einem Vater des Vaterlandes, den sie gehofft hätten, ein Tyrann und Wütherich, ein Schinder und Henker geworden wäre, der sie hernach regiert habe, daß sie in die äußerste Verzweiflung und Verdammnis gerathen wären, – wofür sie niemand als dem Präceptor die Schuld geben und über ihn Mord und Rache schreien müßten. Daraus konnte ich schließen, daß, wenn junge Herren übel gerathen, die Schuld meistentheils dem Präceptor und Hofmeister zuzuschreiben wäre: denn man kann kein gutes Regiment von einem schlecht erzogenen Prinzen erwarten. Wird der Herr nicht recht erzogen, So sind Land und Leut' betrogen. Demnach muß ein fürstlicher und gräflicher Präceptor oder Hofmeister ein fleißiger arbeitsamer Kerl, eine feste und mannhafte Person, ein verständiger weiser Kopf, ein sittsamer redlicher Mann sein; ja es wäre wohl gut, wenn man einen solchen Mann haben könnte, der ein unsträfliches Leben führte, in allen Stücken just wäre ein guter Theolog, Jurist, Arzt, Philosoph, Historiker, Politiker, ein guter Lateiner und Linguist, der Vocal- und Instrumentalmusik kundig, ein guter Schreiber und Rechner, ein Reiter, Soldat, Maler und dergleichen; besonders aber eine exemplarische Person und ein Hofmann, der vielgereist und vielerfahren, sittsam, mäßig, nüchtern und sparsam wäre; der auch bei Tisch alles gut anordnen, die Speisen zerlegen, vorlegen, und ich weiß nicht was alles wüßte: der also alle Aemter bediente, sich nichts verdrießen ließ, der mit der Besoldung nicht gar zu hoch hinaus wollte oder mit einer einfachen schlechten Bestallung fürlieb nähme, im übrigen aber mit großen Verheißungen und Vertröstungen, mit goldenen Worten, sich ließ abspeisen: – wie dergleichen oftmals begehrt und geschildert werden, und ein Maler ihn kaum so zu malen wüßte. Dieser Präceptor und Hofmeister nun wurde von den armen Leuten getrieben bis zu einem umzirkelten Ort, wo ihm alle seine Handlungen von den bösen Geistern vorgehalten und von Zeugen erwiesen wurden. Beelzebub redete den neuen Gast an und sprach: »Höre Gesell! da du nun an dieser Stätte angelangt bist und du dein Amt nicht hast versehen wollen, so will ich das meinige desto besser versehen. Ich hab' gesehen, wie dich die Pfarrherren und Räthe gewarnt und dir befohlen haben, daß du den Kopf deines jungen Herren biegen und ihn strafen solltest, – und du hast es verachtet. Ich hab' gehört, wie oft die Unterthanen über deine Fahrlässigkeit geseufzt haben, – und du hast es verlacht. Nun aber will ich dich nach deinen Diensten belohnen. Ich hab' gehört, daß du in deinem Leben lieber bankettirt als gefastet hast, und dadurch deinem jungen Fürsten ein Vorbild gegeben, wie er sich der Völlerei ergeben könne.« – Darauf ließ ihm Beelzebub einen Becher mit brennendem Schwefel und Pech einschütten, den er mit höllischer Pein aussaufen mußte. – »Ich höre, sprach er dann weiter, du hast deinen jungen Herrn zum Tanz geführt und ihm vorgezeigt die unsinnigen geilen Sprünge ärger als Herodias. Ich höre, du hast deinen jungen Herrn nicht zur Kirche sondern zur lustigen Gesellschaft geführt, wo eine Hand die andere drückt, ein Fuß dem andern folgt, ein Arm den andern umfängt.« – Hierauf ergriff ein Geist den Verdammten bei den Händen, zerrte ihn mit unaussprechlichem Ungestüm, warf ihn in die Höhe, stieß ihn auf den Boden, hielt ihn in seinen feurigen Klauen, umfaßte ihn mit brennenden Stachelflügeln und umhalste ihn so freundlich, daß der elende Mensch für todt niedersank. – »Ferner, sprach Beelzebub: ich höre, du hast deinen jungen Herrn mit unsinniger Begierde einen Hasen auftreiben, hetzen, schießen und ihn ein Reh verfolgen gelehrt, und dadurch verursacht, daß den armen Bauern das Korn verritten, der Hafer verdorben, und die Gerste verheert worden ist, sie selbst aber auf der Jagd Hunger und Durst haben sterben müssen: hast helfen die Sonn- und Festtage mit Waidwerk zubringen, hast den Hunden das Brot geben lassen, womit du doch die armen nothleidenden Pfarrer und Unterthanen, Witwen und Waisen hättest laben können und sollen.« Und alsbald trat ein Teufel heran und blies dem Verdammten mit einem Horn so schrecklich in das eine Ohr, daß Feuerfunken und Flammen zu dem andern Ohr, zu Augen, Mund und Nase wieder herausfuhren. – Beelzebub sprach weiter: »Du hast gelitten, daß dein junger Herr anstatt der Gottesfurcht und Tugend, anstatt eines Lobgesanges zur Ehre Gottes bei den Stalljungen einen Waidspruch, ein Reiterlied mit garstigen Possen gespickt, gelernt hat, und was er mit der losen Zunge nicht unflätig genug hat darthun können, mit leichtfertigen Geberden gethan hat. Jetzt nun befehle ich dir, daß du mir eines dergleichen hersingst.« – Darauf hat der Verdammte angefangen sein voriges Leben zu verfluchen: daß er sich aus Furcht (nach Hofes Brauch) und aus Besorgnis vor Verlust zeitlichen Guts, durch des alten Herrn Sauersehen und Bedrohungen, durch der Frau Mutter gute Worte und Schenkungen von der Disciplin und Unterweisung habe abschrecken und sich bethören lassen, damit dem jungen Herren nur kein Streich oder Ausputzer zu Theil würde. Er verfluchte sich auch selbst, daß er seinen jungen Herrn von den Sünden nicht mehr abgemahnt, sondern ihm noch dazu geholfen hätte. Endlich machten die Teufel eine tiefe, höllisch-stinkende Grube und warfen den Verdammten hinein mit solchem Donner und Krachen, als ob Himmel und Erde in einander fallen wollten; und ich vernahm diese nachdenklichen Worte: »Wer einen jungen Herrn versäumt, über den kommt eines ganzen Landes Sünde!« – O Herr Jesu hilf! dachte ich bei mir stillschweigend: wird den Hofmeistern junger Herren wegen Unfleißes und wegen Unterlassung ihres Amtes und Ernstes also gelohnt, wer wollte sich zu solchen mühsamen, ohnehin verhaßten und gefährlichen Diensten gern brauchen lassen? Da doch an manchem Hofe (nicht an allen) ein Tafeljunge, ein Vorschneider, eine untreue Fuchsschwänzerin oft mehr geehrt und besser besoldet werden als ein Präceptor. Es ist ja etwas Großes, einen Herrn, der Land und Leute regieren soll, nach eines einzigen Kerls Kopf erziehen zu lassen: wenn er eifrig und streng ist, so hat er den ganzen Hof wider sich und muß hören, er sei ein Metzger, ein Schinder; ist er aber nachlässig und schläfrig, und das Herrchen merkt, daß er ein geborner Herr ist, so hat er das ganze Landvolk, sein eigen Gewissen, ja Gott selbst wider sich. Wiewohl nun Beides, zu wenig thun und zu viel thun, unrecht ist, so achte ich es doch nach meinem redlichen Gewissen nicht für eine so große Sünde – brechen, als nicht biegen, einem halsstarrigen Kopf die Haut abstrippen, als nicht strafen und ihn nach seinem Willen gehen lassen. Aber dann geschieht es wohl oft, daß große Herren und Frau Mütter, die ihr Herrchen hoch halten und an manchen Orten (nicht an allen) die edle Zucht nicht gern sehen, dieselben oft Schneidern, Barbieren, Trompetern, Gauklern und Narren untergeben, nur damit die Herrchen nicht schärferer Zucht, Aufsicht und Abstrafung unterworfen seien und leiden – brauchen auch dann nicht so hohe Besoldung zu geben. Das heißt dann gut gespart, daß sich Gott erbarm'! Nach diesem sah ich auch den übelerzogenen, verdammten jungen Herren daherkommen, von höllischen Edelknaben und Jungen umgeben und zwei Teufeln, die ihn mit feurigen Ruthen und Peitschen abstäupten. Der erhob ein höllisches Mordgeschrei über seinen Präceptor, daß er ihn nicht ernsthafter erzogen und gestraft habe, – über sich selbst, daß er nicht mehr und williger gefolgt sei; – über seinen Herrn Vater und seine Frau Mutter, daß sie durch allzu viel Zärtelei und Affenliebe seine Verdammnis verursacht hätten; er gaffte sie an und sprach mit Lästerzungen zu ihnen: »O ihr ehrlosen Eltern, wäret ihr doch hunderttausendmal ärger verflucht und verdammt als ich! Ihr habt mich niemals geleitet zu dem Tempel des Herrn, sondern zu dem hochgebornen edlen Rath der Gottlosen und auf den Weg der Sünder, wo die Hofleute und Hofschranzen, Jäger, Narren, Aufschneider und Gottesspötter sitzen! Ihr habt keine Lust zum Gesetz des Herrn noch zu meiner Zucht, – woher sollte ich es denn gelernt haben? Ihr habt mich erzogen – aber verzogen; ihr habt mich fürstlich erzogen – aber ewiglich verzogen! Wenn ich schwur, so wurde es eine Wahrheit geheißen; wenn ich log, so wurde es eine Verschwiegenheit geheißen; wenn ich die Unterthanen ängstigte und drillte, wurde es eine Häuslichkeit geheißen; wenn ich Schandpossen aufführte, wurde es eine Fröhlichkeit geheißen; wenn ich praßte, wurde es eine Freigebigkeit geheißen; wenn ich schlug und tyrannisirte, wurde es eine Tapferkeit geheißen; wenn ich hurte, wurde es Muth geheißen; wenn ich Gott und sein Wort, Gott und seine Sacramente, Gott und seine Heiligen mehr denn in französischer Weise schmähte, wurde es Seligkeit geheißen; wenn ich die frommen und nothleidenden Unterthanen über die Achsel kaum ansah, wurde es Reputation geheißen. Ich mußte reden und schwatzen, wo ich hätte schweigen sollen; ich mußte erzählen, was ich nicht gelesen hatte; ich mußte erzählen, was ich nicht erfahren hatte; ich mußte erzählen, was ich nicht wußte. Darum mußte ich auch unwidersprechlich lügen, wo ich hätte müssen die Wahrheit sagen oder schweigen: denn wo viel Worte sind, da geht es ohne Sünde nicht ab. Wer nichts kann, aber schweigen kann, der kann genug. Ja alle Unthaten und losen Stücke, alle Sünden und Schanden wurden belacht, gelobt, auch wohl belohnt. Nun gehe ich hin die Straße der Verdammnis, gebunden mit den Stricken Belials, gezwungen von den Peitschen Beelzebubs. Verflucht bist du Vater, daß du mich gezeugt hast! Verflucht bist du Mutter, daß du mich gesäugt hast!« – Mit betrübtem Herzen sah und hörte ich diesem Jammer zu und dachte: O ihr hochgebornen christlichen Eltern, lasset euch dieses Exempel zur Lehre und Warnung dienen! Lasset euch führen und lasset euch durch die hochmögende Eitelkeit nicht so weit vom Wege der ewigen Seligkeit abführen, damit eure Kinder, die ihr dem Fleisch nach so hoch haltet, der Seele nach nicht so tief gestürzt werden! Ich hätte gern, wenn es möglich gewesen wäre, mein Gesicht abgekehrt; aber ein Geist sagte mir: »Sieh hin und merke es wohl, Philander: denn du darfst es ohne deine eigene Gefahr der Welt nicht verschweigen!« Es erschien auch des jungen Herrn Vater selbst, der seinen Sohn mit zornigen Worten anfiel und sagte: »O du ungerathner Bube, wenn du doch tausendmal ärger verdammt wärest als ich! Denn aus übergroßer Liebe gegen dich habe ich Gottes Gerechtigkeit und meine Schwachheit aus den Augen gesetzt, die Gerechtigkeit beleidigt und meine Schwachheit in das immerwährende Elend gestürzt. Damit ich deinen Stand und deines Hauses Ansehen erhielte, hing ich mein Gewissen auf den Zaun, den Belialischen Raubvögeln zur Beute, fing an meine Unterthanen zu betrügen, meine getreuen Diener übel zu belohnen, sie, ihre Witwen und Waisen mit falschen Ursachen zu verfolgen, sie um Gut und Nahrung zu bringen; mein armes Volk mit neuen Renten und Beschwerden, Zoll und Schatzungen zu belegen, ihr Gut durch Frevel, Bußen, Vortheile, Kunstgriffe und Gewalt an mich zu ziehen, zu stehlen, zu rauben, sie zu würgen und zu tödten. Ich habe die Zucht aus Vaterliebe zu dir unterlassen, damit dir nicht wehe geschehe, habe dich thun lassen, was dir beliebte und gefiel, damit dir wohl geschehe. Darum bin ich von dem gestrengen Richter billig verurtheilt und muß mit dir den Weg gehen, den die höllischen Flammen uns beiden weisen. Verwünscht soll sein die Stunde, wo ich mich vermählte! Versegnet soll sein die Zeit, in der du bist gezeugt worden! Verdammt sei mein ganzer Lebenswandel! O wehe, wie habe ich meiner armen Unterthanen Schweiß und Blut durchgejagt! habe die geistlichen- und Klostergüter nicht zur Ehre Gottes, nicht zur Unterhaltung armer Stiftsschüler, nicht zum Trost betrübter Witwen und Waisen, nicht für Siechhäuser und Spitäler angewandt, sondern alles mit Hofgelagen, Pracht, Kurzweil, Jägereien und Narretheien durchgebracht und damit dich zum ärgerlichen Leben und zu allen Wollüsten auferziehen lassen! Wehe mir und ewig wehe, daß ich meine armen Bürger und Bauern mit unerträglichen Schatzungen bis auf den innersten Blutstropfen ausgesogen und solch Blutgeld zum Bankettiren, Stolzieren, Turnieren, zu leichtfertigen Spielen und zur Ueppigkeit auf Angeben meiner Fuchsschwänzer und Schmeichler angewendet habe! Wehe mir und ewig wehe, daß ich meine armen Bürger und Bauern mit unerträglichen Frohndiensten bei dem tyrannischen und mehr denn teuflischen Jagen und bei dem unnöthigen Bauen beschwert habe! Wehe mir und ewig wehe, daß ich meinen henkerischen teuflischen Jägern gestattet, meine armen, hungrigen, nackten, kranken, gebrechlichen Bauern im heißen Sommer und eiskalten Winter auf die Berge, in die Thäler und Felder zu zwingen, und wenn sie langsam kamen, die Alten wie Schulkinder mit Dornen zu streichen, die Haut mit Peitschen zu zerschlagen, wie Frösche mit Füßen zu zertreten, wie Bären mit Spießen zu zerstechen, die Mädchen zu beschlafen, die Eheweiber zu verunreinigen, die Knaben zu lähmen, die Dürftigen mit Geldstrafen zu verderben – und zwar solchen Jägern, gegen welche der Nimrod ein Engel zu achten ist! Wehe mir und ewig wehe, weil ich zugegeben, daß meine Amtleute, Schaffner und Rentmeister der armen Leute kleines Gut an sich und in meinen Kasten gebracht, die Abgaben, Zölle, Pachte und Renten erhöht, die Priester schnöde behandelt und sie zu Kriegscontributionen (Gott erbarme es, daß uns elenden Deutschen dieses Wort so gemein und so ganz deutsch geworden ist!) angehalten, daß ich Witwen und Waisen würgen und ihnen das Recht habe biegen lassen! Wehe mir und ewig wehe, daß ich meine Gemahlin und Dienerinnen in den Thränen, in Angst und Schweiß, in Roth und Tod meiner armen Bürger und Unterthanen habe prangen und stolziren lassen! Wehe mir und ewig wehe, daß ich meine Edlen, meine Freien, meine Unterthanen mit solchen Gefängnissen gedrückt habe, die keinem Menschen, unter den Menschen keinem redlichen Deutschen, unter den Deutschen keinem erlösten Christen, ja keinem Affen oder Wolf gebühren! Wehe mir und ewig wehe, daß ich meinen Hofschranzen und Fuchsschwänzern zur Tafel blasen, und nicht vielmehr arme Witwen und Waisen zu ihrem Recht rufen ließ!« Er verfluchte sich auch, daß er die Stiftsgüter nicht zum frommen, sondern zum unfrommen Gebrauch, nicht für Schüler noch zur Ehre Gottes, sondern für die Hunde und Vögel verwendet habe: aus Bibliotheken Käsekammern, aus öffentlichen Sälen Kutscherstuben, aus Auditorien Pferdeställe, aus Lehrern Jäger und Bereiter gemacht habe; daß er aus Orgelpfeifen Kugeln habe gießen, die Kelche, Monstranzen und Hostienteller einschmelzen, die Meßgewänder verschneiden, die aus Perlen gestickten Paternoster auflösen lassen. Er verfluchte sich, daß er statt disputiren lieber die Spürhunde, die Wachtelhunde, die Hühnerhunde, die Stöberer, die Wasserhunde, die Rüden, die Reckel, die Beschütter habe bellen hören: statt schreiben die Säue habe wühlen sehen: statt zu beten geflucht habe: in Kirchen und Kapellen vor der Heiligen Bilder Garne, Stricke, Netze, Tücher, Leinen und Federspiele habe aufhängen lassen: anstatt arme Leute habe Löwen, Bären, Habichte, Falken, Kranich- und Reiherhorste unterhalten lassen. Er verfluchte sich endlich, daß er seines Sohnes Lehrer habe so hart behandelt, ihm habe die Hände gehalten, wenn er strafen wollte: nicht habe leiden können, daß dem jungen Herrn hart zugeredet, viel weniger daß seine großen Untugenden und Laster mit der Ruthe wären gestraft worden. – Als er dieses geendet hatte, verschwand das Gesicht vor meinen Augen. Das will ich hiermit allen Standespersonen, allen Hofmeistern zu einem Spiegel vorstellen, darin sie sich selbst besehen und lernen mögen, daß mit der Kinderzucht ja nicht schläfrig und unbedachtsam, sondern mit allem Ernst und Eifer zu verfahren sei: und damit des Lehrers Wort und Strafe bei den Kindern besser verfangen könne, man denselben mehr Lieb und Treue (will nicht sagen Ehre, auf daß es nicht zu hoch gedeutet werde) erweisen solle, als leider im Brauch ist. Warum denn, ihr Fürsten, Grafen, Herren und Gewaltige seid ihr so unbedachtsam in Bezug auf eure weit ausschauenden Thaten? Warum ihr Fürsten, Grafen, Herren und Gewaltige seid ihr so unbedachtsam in Erkiesung des Hofpredigers und Hofpräceptors, denen ihr doch euer eigen Fleisch und Blut, eure eigene Seele anvertraut? Warum ihr fürstlichen, gräflichen und Herren-Räthe und Diener seid ihr so unbedachtsam, daß ihr so leicht auf alles eingeht? Warum seid ihr junge Burschen, oder von ferne halb gelehrte Männer, so unbedachtsam, so frevelhaft und vermessen, daß ihr euch so schnell annehmen laßt, ja oft unersucht nach solchen Dingen rennt und lauft? So merket nun auf und werdet weise: ihr, die ihr Hofmeister haltet, ihr, die ihr Hofmeister seid, ihr, die ihr Hofmeistern seid unterthan! Der Herr Vater und die Frau Mutter lerne, was der heilige Ambrosius sagt: 1) Eltern, welche ihren Kindern einen Hofmeister erkiesen wollen, die sollen nicht so sehr auf die große Geschicklichkeit als auf sein Leben und seinen Wandel sehen: wer fromm ist, der ist geschickt genug. 2) Junge Herren gehören nicht in das Frauengemach: denn hier werden manche herrliche Gaben durch allzu große Uebersehung, Verzärtelung und andere Weiberhändel (von den redlichen Elsässern Fötzelwerk Fötzelwerk = Fatzen, Possen. genannt) oftmals verdorben, und die Hofmeister müssen wider ihren Willen, ja auch wider ihr Gewissen manches übersehen, damit sie nur der Eltern, sonderlich der Frau Mutter – welche bisweilen vor allzu großer Liebe der Kinder Untugenden und auch den Schaden, der ihnen bevorsteht, nicht sehen oder nicht sehen wollen, und demnach lieber Zeit ihres Lebens ihrer Kinder Unglück beweinen wollen, als daß sie dieselben in gebührender Weise erziehen und unterweisen sehen – Gnade und Gunst behalten und in ihren Diensten verbleiben. 3) Ueber die Notwendigkeit der Erziehung fürstlicher Söhne siehe: Jacob Crucius' Briefe lib. 3 an Andreas Rivetus , Sind beides Theologen und Dichter von Kirchenliedern. ) Doctor der Theologie. 4) Da die Hofmeister keine Engel, sondern Menschen sind, also auch sündigen und irren können, und da es auch in dieser menschlichen Schwachheit nicht gut möglich ist, daß einer gefunden wird, der alle oben aufgezählten Eigenschaften hat und alles wissen kann, da ferner auch noch der soll geboren werden, welcher jedermann recht thun kann, und da es heißt: viele leben ohne Sorge, doch niemand ohne wenn und aber: – so kann man dem Rath Papst Pauls III. folgen, der oft zu sagen pflegte, daß wir hier auf Erden nicht bei vollkommenem Leben seien, sondern daß ein jeder Mensch in fünf Theile zu theilen sei; habe er von diesen zwei Theile Güte an sich, so solle man sich begnügen; habe er drei Theile, so solle man ihn für den frömmsten und besten halten. Darum sollen die Eltern nicht alles so genau nehmen; z. B. einen Hofmeister, wenn er mal irrt, vor den Kindern (es sei in seiner Gegenwart oder Abwesenheit) nicht ausschelten, sondern, wenn ihm etwas zu sagen ist, dies im Geheimen thun, damit die Kinder hernach auf ihren Lehrer nichts mehr geben und denken: was solle er sie Gutes lehren, der doch selber nichts Rechtes thue, getadelt werde und Schelte müsse einnehmen. Wenn ein junger Herr seinen Hofmeister recht lieb hat, so ist er schon gewonnen. 5) Es sollen ferner die Eltern ihrer Kinder Hofmeister, wenn sie eine Zeitlang bei ihnen gewesen sind, neben ihrer Bestallung absonderlich gut und ehrlich abfertigen. Es sind die Königreiche, Fürstentümer und Länder, welche dem hochlöblichen Hause Oesterreich unterworfen sind, deswegen sonderlich gerühmt worden, daß sie hierin keine Kosten gespart und nicht allein zu Hause, in öffentlichen und Privatschulen ansehnliche Besoldung gegeben haben und in anderer Weise den Lehrern wohlwollend entgegen gekommen sind, indem sie denjenigen, welchen sie nicht etwa zeitliche Güter und Unterthanen, sondern ihr eigen Fleisch und Blut anvertrauten, alle Ehre erwiesen, sie ihrer Tafel gewürdigt und über ihre Diener erhöht haben; sondern die sie auch in der Fremde wohl versorgten, wenn sie etwa ihre Kinder weit verschickten. Wenn sie wieder heimkamen, haben sie diese Lehrer und Hofmeister anständig abgefertigt, ihnen zu guten Heirathen und Diensten verholfen, oder sonst in ihrem Alter, wenn sie alt und untüchtig geworden, mit einer jährlichen ehrlichen Gnadenbesoldung ihr Leben lang bedacht oder sie bei sich behalten und ihnen Kost und Wohnung gegeben. 6) Eltern sollen sich hüten, sich ihrer Tugend so weit zu entäußern, daß sie die Lehrer und Hofmeister ihrer Kinder, Pflegesöhne und Befreundeten anstatt der schuldigen Vergeltung ihrer treuen langwierigen Dienste nicht schlecht und kurz abfertigen, weil sie etwa andere Dinge darüber versäumt haben, oder daß sie einer liederlichen Ursache wegen, die der Rede kaum werth ist und man lange gern vom Zaun gebrochen hätte, sie nicht in Ungnaden von sich stoßen oder aus vortheilsüchtigem abscheulichem Geiz nicht die sauer verdiente Besoldung vorenthalten, was doch die Türken und Heiden für unlöblich erkennen würden, auf daß nicht dem, der auf Gnaden dient, mit Unbarmherzigkeit bei Christen gelohnt werde. Einen wohlverdienten Diener soll man nicht mit Unwillen ziehen lassen, wenn er nicht bleiben will; aber einen bösen Diener soll man mit allen Gnaden fortschaffen: was alles viele hohe Häuser zu diesen Zeiten nicht ohne großes Nachdenken, nicht ohne großen Nutzen, nicht ohne große Gefahr unterlassen haben. 7) Es sollen hochgeborne Eltern auch nicht weniger darauf Achtung geben, was für Leute mit dem Lehrer umgehen, und sie sollen mit allem Ernst die Hand über ihn halten, damit nicht durch fried-hässige, leicht-gesinnte Höflinge oder Butzbacherinnen Soviel wie Schwätzerin, genannt nach der Stadt Butzbach in der Wetterau, deren Männer und Frauen in dem Geruch der Klatschsucht standen. und Klatschschwestern dem Lehrer unnöthige Reden und Sachen zu Ohren gebracht werden, die ihn bewegen, betrüben und erzürnen, sondern daß man ihn in freudigem, gutem Willen jederzeit erhalte. Denn es kommt wohl vor, daß, wenn dem Erzieher unnöthige Dinge in den Kopf steigen, die jungen Herren es zu Zeiten entgelten müssen, was nicht geschähe, wenn man solche Schür-den-Brand, solche Friedensstörer (die oft mit allem Fleiß des Erziehers Untergang, auch unter dem Schein einer vertraulichen Warnung, suchen) zurückhielte oder gar abschaffte. Ein Ohrenbläser ist eine verdammte Creatur zu Hofe: aber bei keinem Menschen kann er so viel schaden als beim Erzieher. Zu Hof leb' sorgsam allezeit, Vertrau' keinem dein' Heimlichkeit, Halt, was dir lieb, bei dir verborgen, Obwohl voll Honig ist der Mund, Find't sich doch Gift im Herzensgrund; – Drum leb' so allezeit in Sorgen. 8) Ein christlich-seliges Vermächtnis und eine Unterweisung einer fürstlichen Person an ihren Herren Sohn lautet in Worten also: »Lieber Sohn, sei gottesfürchtig, bete fleißig morgens und abends, gedenke in allem deinen Thun an Gott; geht dir's wohl, so danke ihm, geht dir's übel, so klage es ihm, bedenke, daß alles Glück und Unglück von Gott kommt und ein Ende nimmt. Erkenne dich als einen Sünder, glaube dem Worte Gottes: Jesus Christus habe dich mit seinem Tod erlöst, beharre darauf und bekenne es bis ans Ende, so wird er dich wieder bekennen und sich deiner annehmen vor Gott, seinem himmlischen Vater. Denke ehrbar über deinen Stand, sei wahrhaftig, halte was du zusagst, ob dir auch Leib und Gut darüber zu Grunde ginge: denn wenn du lügst im Scherz oder Ernst, so bist du ein Teufelskind, der da ist ein Vater der Lüge. Sei auch züchtig mit Worten, Gedanken und Geberden, schände niemandes Weib oder Kind. Sei kein Balger; aber wenn man die Fahnen fliegen läßt, dann sei keck und fliehe nicht: es ist besser ehrlich gestorben als schändlich geflohen. Sei nicht verschwenderisch, sei auch kein karger Filz, zu Ehren spare nichts. Rede niemand übles nach, gedenke allezeit an dich selbst, daß du auch ein armer Mensch bist. Handle nicht fälschlich mit den Leuten, handle frei und rund, das besteht am längsten; doch lerne die Leute wohl erkennen: denn gegen einen Frommen mußt du wieder fromm sein; vor einem Falschen hüte dich und rede zu ihm um so langsamer. Die nothdürftigen Armen laß dir empfohlen sein. Schmeichler, Gotteslästerer und Schalksnarren laß dir nicht wohlgefallen. Wer dich straft und dir wohl räth, den habe lieb. Treue Kirchen- und andere Diener habe sehr lieb und lohne ihnen nach deinem Vermögen; untreue Diener laß mit Gunst von dir kommen, behalt' sie nicht. Jedermanns Schande hilf decken, doch wenn du regierst, so strafe das Uebel. Sei denen, die dir unterthan sind, ein Vater, beschwere deine Unterthanen nicht wider Billigkeit, denn diese Nahrung habe ich oft sehen übel gerathen. Beschütze den Frommen, und wenn ihm bisweilen auch eine Thorheit widerfährt, so strafe ihn, aber mit Vernunft, so viel dir gebührt. Hüte dich vor Trunkenheit, denn daraus, spricht St. Paulus, kommt ein unordentliches Leben, Sünde, Schande und Laster.« Diese Unterweisung sollte allen hochgebornen Personen so lieb sein, so lieb es ihnen ist, ihrer allerliebsten jungen Herren Seligkeit zu erhalten. Die Schüler und jungen Herren lernen: 1) daß sie sich gegen ihre Erzieher dankbar erweisen und bedenken sollen, wieviel Gutthaten sie von ihren Pflegevätern empfangen haben, wie sie von ihnen zu allem Guten angewiesen, vom Bösen abgehalten und mit Gott, mit Kunst, Weisheit und Geschicklichkeit erfüllt worden sind, und wieviel ihnen sonst, auch dem Leibe nach, mit Rennen und Laufen, mit Wachen und Leiten, mit Fürsorge und Wartung, mit Heben und Legen, in all ihren Bedürfnissen, sonderlich in Krankheiten und dergleichen, Gutes gethan ist. 2) Können die Schüler ihren Hofmeistern auch nicht 480000 Kronen verehren, wie Alexander Magnus seinem Aristoteles; noch wie Otto III. oder Karl V. ihn zum Papst, oder wie Hugo von Frankreich zum Erzbischof machen; noch wie Karl IX. und Heinrich III. von Frankreich ihn mit fürstlichen Aemtern versehen; noch wie Heinrich IV. von Frankreich ihn aus der Hand der Feinde erlösen; noch wie Johann Albert, König von Polen, ihn mit einem ewigwährenden Monument verehren; noch mit Gratian, dem römischen Kaiser, ihn zum Bürgermeister von Rom machen: – so sollen sie doch wie der dankbare Fürst Herzog Christoph zu Würtemberg ihre Dankbarkeit in anderem sehen lassen: sie wie der Markgraf von Conti aus der Lebensgefahr retten, wenn es möglich ist; wie Epaminondas stets mit ihnen umgehen und sie allen andern vorziehen; wie Markgraf Sigismund von Brandenburg ihnen die schuldige Treue und Gewogenheit durch keine Anstiftung und Verhetzung entziehen; wie Friedrich von Dön auch in fremder Sache sich nicht wider sie gebrauchen lassen, es sei vor Recht oder außer Recht, – sondern sie sollen sie vertheidigen und beschützen wie ihre eigenen Eltern selbst. 3) Wenn sie es durch Gottes Gnade haben und es ihren Hofmeistern vonnöthen ist, so sollen sie dieselben ihr Lebelang versorgen und ehrlich halten: damit sie neben der Belohnung Gottes und neben allerlei Glück und Segen auch bei ihnen in ihren Anliegen und Geschäften sich getreuen aufrichtigen Rath holen können; damit sie oft manchen Unmuth durch ihr gutes und lehrreiches Gespräch und durch die Erinnerung an ihre Reisen und an das zusammenerlebte Glück und Unglück vertreiben; sonderlich aber auch die Gnade von Gott haben können, daß auch ihre Kinder und Nachkommen mit guten, getreuen und fleißigen Lehrern versehen werden, worin eines ganzen Geschlechts Erhaltung, Ansehen und Gedeihen sichtbarlich besteht. Zudem gereicht es doch einem Zögling zu schlechten Ehren und Lob, wenn er seinem Hofmeister in seinen Nöthen und Anliegen nicht beispringt, noch ihm zu seiner Erhaltung Hilfe und Beförderung leistet. 4) Die Jünglinge mögen sich hüten vor aufgeblasener Schwatzhaftigkeit. Hüten sie sich, wie es an vielen Fürsten- und gräflichen Höfen gemeiniglich der Brauch ist, bei Tafel zu sitzen bis in die Nacht, von der Nacht bis in die Mitternacht, wie vor einem Teufel: daraus entsteht Unachtsamkeit und Verachtung, aus Verachtung der Untergang. Der weise Epiktet Epiktet ist ein stoischer Philosoph des 1. Jahrhunderts nach Christus. sagt: Es ist das Zeichen eines schlaffen Geistes, lange bei körperlichen Thätigkeiten zu verharren; das soll man alles gelegentlich und obenhin thun: die ganze Sorgfalt aber ist auf den Geist zu richten. Der Hofmeister lerne: 1) Was Antonius Guevarra in seinem ›Wegweiser für Fürsten‹ schreibt: Die Prinzenerzieher müssen frei sein von Schlaffheit und Begierden: denn da die Jünglinge in Folge der Schwachheit ihres Alters und der Schlechtigkeit der menschlichen Natur zur Leidenschaft geneigt sind, da ihnen die Tugend fehlt, um keusch, die Klugheit, um vorsichtig zu sein: – so müssen eben die Lehrer keusch und züchtig sein; denn nie wird der Zögling keusch werden, der den Erzieher im Laster sieht. 2) Er habe es vornehmlich auf Gott abgesehen, er prüfe sein Gewissen und trachte dahin, wie er an jenem großen Tage mit Freuden bestehen und wegen des ihm so hoch anvertrauten Pfandes Gott, dem Herrn, Rechenschaft ablegen möge. Drum soll er sich auch durch kleine Hindernisse in seinem Amt nicht irren lassen, sondern gedenken, daß er, wenn auch die Welt ihrer alten Art nach getreue Dienste so übel belohnt, doch einen reichen Belohner im Himmel habe, der ihn ewig herrlich belohnen werde. 3) Man soll es jungen Herren nicht erlauben, daß sie läppische, unartige Geberden an sich haben, wodurch ihnen hernach in der Regierung bei den Unterthanen leicht Spott und Verachtung kann aufwachsen. 4) Es läßt sich, wenn ein Zögling übel geräth und ungehorsam ist, weder mit der Unterweisung noch mit andern Ursachen entschuldigen, wie z. B. daß er schon groß und bei Verstande sei, daß er so zart und blöde sei und dergleichen. Wenn dann deshalb der Vater nicht will, daß der Sohn soll gestraft werden, so soll der Erzieher sich seinem Herrn widersetzen, ihm gut zureden und den Zögling gleichwohl strafen. Kann er hiermit nichts ausrichten, so soll er seinen Dienst aufkündigen. Es sollen diejenigen, denen an ihrem guten Namen und an ihrer Seligkeit gelegen ist, wenn sie einmal ein solches Amt auf sich genommen haben, lieber ihr Leben verlieren als zugeben, daß ihrem Amt nicht genug gethan werde. 5) Es soll sich ein ehr- und gottliebender Kerl wohl bedenken, ehe er sich zum Erzieher am Hofe anstellen läßt, ob er auch die Tugenden, die von einem Hof- Erzieher gefordert werden, alle habe ohne Einbildung seiner selbst; er soll auch andere Leute über sich urtheilen lassen. Ein jeder heuchelt und schmeichelt sich selbst und dünkt sich geschickt und klug zu sein. 5) Gar zu streng ist nicht gut; ein Sanftmüthiger bringt mehr zu Wege und lehrt besser. 6) Wem ein junger Herr zum Unterrichten anvertraut ist, der hüte sich vor Trunkenheit, dann wird er Glück und Segen haben. Wein ein, Himmel aus. Fürcht' Gott, sei nüchtern und gerecht: So dienst du Gott und Menschen recht. Ein Fürst ist auch ein Mensch und hat allerwegen zehn Teufel um sich, wenn sonst ein Mensch nur einen hat, so daß ihn Gott sonderlich muß führen und seine Engel zu ihm setzen. Wenn Fürsten und Herren dies allemal bedenken, so werden sie in der Wahl der Erzieher und in der Erziehung der jungen Herren: die jungen Herren im Gehorsam gegen die Eltern und in Ehrerbietung gegen die Erzieher: die Erzieher in Treue gegen die Herrschaft und in sorgsamer Gottesfurcht gegen die jungen Herren desto ernsthafter, desto bedachtsamer verfahren.« – Weiter vor einem Berge zu fand ich eine große Menge Volks. Es waren fünf Haufen: der erste bestand aus Apothekern, der zweite aus Materialwaarenhändlern, der dritte aus Doctoren der Medicin, der vierte aus Wunderdoctoren und Quacksalbern, der fünfte aus Leuten, welche durch falsche Arzeneien an ihrem Leben verkürzt und eines unverhofften, jähen Todes gestorben waren. Ein vornehmer Teufel, dem der Befehl übertragen ward, zu hören, was diese für Streit hatten und warum? trat mitten unter sie. Da sah ich, daß je vier und vier wider einander im Kampf waren, wie zuvor die Raufer und Balger, doch auf sehr ungleiche Weise. Die Apotheker hatten einen großen Mörser in der Faust, die Materialwaarenhändler einen Elephantenzahn, mit denen sie gegen einander liefen wie die Teufel. Sodann waren die Doctoren und Storger wider einander; jene hatten ein großes tübingisches Buch, diese ein Schienbein von einem gebratenen Schweine in der Hand, um sich damit zu schützen. Der Teufel fragte, woher diese Händel kämen? Die armen Gemarterten und Getödteten sprachen: sie möchten einmal wissen, wer an ihrem geschwinden, unverhofften und unnatürlichen Tode Schuld habe und begehrten Rache wider diese. Die Doctoren der Medicin, als die Ehrlichsten, entschuldigten sich, daß ihre Recepte richtig für die Apotheke geschrieben seien: sie wären also ohne Schuld, und die Apotheker müßten darüber Rechnung ablegen. Zudem wären sie promovirte Doctoren, die ihre Sache studirt und ihren ordentlichen Beruf hätten: es verführten aber die leichtfertigen Diebe, die Pfuscher, die armen Patienten mit Versprechungen goldener Berge, während sie doch nichts gelernt, nichts erfahren, viel weniger studirt hätten, als nur mit Quecksilber und Spießglanz die armen Leute hinzurichten. »Was sagt ihr dazu?« sprach der Teufel zu den Kurpfuschern. Sie antworteten: sie ließen die Doctoren in ihren Ehren und Würden gern unversehrt; aber das sei gleichwohl wahr, daß mancher einfältige Mann, manche verständige Frau ein geheimes Kunst- und Meisterstückchen hätte, eine Krankheit mit geringen Mitteln hinweg zu treiben, welches die allergelehrtesten Doctoren nicht wüßten; trotzdem wären sie so eigensinnig, daß sie von ihnen als von ungelehrten Leuten, nicht das Geringste lernen noch leiden wollten. Daß ihnen aber die Schuld beigemessen würde, sie hätten die Menschen mit schlechten Arzeneien des Lebens beraubt, das wäre nicht wahr, und der Teufel sollte sie durch die Luft hinweg führen, wenn es wahr wäre. Dann wurden die Apotheker und Materialwaarenhändler gehört. Die Apotheker gaben vor, daß diese an allem Schuld trügen, deshalb weil sie nicht mehr mit einfachen Waaren umgingen, wie vor Jahren und wie ihres Amtes sei, sondern aus teuflischem Geiz sich auch unterfingen mit Mixturen zu handeln, die sie selbst zu bereiten doch nicht erlernt hätten, sondern die sie von solchen Leuten erhandelten, welche weder Kunst, noch Gewissen, noch Glauben besäßen. Wenn also in den Apotheken ein Irrthum und ein Fehler vorginge, so müßten die verfälschten Waaren schuld sein: denn sie verführen bei den Mixturen so, wie es ihnen die Herren Mediciner in den Recepten vorschrieben. Die Waarenhändler geriethen alsbald in Harnisch und fingen mit ihren Elephantenzähnen ein Geklapper an, daß mir angst wurde, und schrien, der Teufel solle sie wegführen, wenn das alles nicht erstunken und erlogen sei, was die Apotheker von ihnen vorbrächten. Sie hätten richtige Waaren; aber die Apotheker bedienten sich, um ihren Gewinn nicht blos auf Hundert von Hundert, sondern gar auf einen halben Batzen von einem Reißthaler zu bringen, alter, abgelegener, kraftloser, verfälschter Dinge, wodurch denn die armen Patienten müßten Haare lassen und zu Grunde gehen; der Teufel solle sie fortführen, wenn sie nicht ganz unschuldig wären. Bald kam ein Herr Teufel mit Rossen und Wagen daher und nahm die Herren Waarenhändler und Kurpfuscher mit sich davon. Sie schrien aber: »Müssen wir denn die Diebe und Mörder allein sein? Haben wir denn allein den Tod in die Welt gebracht? Müssen wir denn allein mehr als unsere Mitarbeiter verdammt sein?« Es wurde ihnen aber von niemand geantwortet. Ich sah aber, daß die ungelehrten Doctoren vor den Pfuschern, die untreuen Apotheker vor den Waarenhändlern viel größern Vortheil und viel mehr Gutes in der Hölle zu gewärtigen hatten. Als ich darauf weiter ging, kam Lucifer mit seinem ganzen Staat aufgezogen, und der Fuchsschwänzer trat plötzlich zu ihm heran und zeigte ihm einen mit dem Finger. »Wer ist denn der?« fragte Lucifer. »Er ist der größte Narr und oberste der Reuer, der jemals gewesen ist.« – »Ja freilich, sprach der Armselige (der kurz zuvor auf Erden sein Testament gemacht hatte), bin ich der größte Reuer und will in Ewigkeit bereuen. Bin ich nicht ein verdammter Mensch, daß ich mein eigener Mörder geworden? Denn wenn ich kein Testament gemacht hätte, so würde ich gewiß noch diese Stunde gesund sein und leben. O ihr Menschen auf Erden! ihr habt euch auf Erden vor nichts anderem mehr, nach den Aerzten, als vor einem Testament zu hüten! Alle Menschen müssen sterben, Ursach: weil sie sterblich sind; Ursach ist der alte Bund: Ursach ist der Sünden Sold. Gleichwohl aber ist ein Unterschied: viele sterben durch Krankheiten; noch mehrere aus Verwahrlosung und aus mangelhaftem Wissen des Arztes; noch mehr aber, weil sie ihre Testamente machen. O ihr lebendigen Menschen! O ihr lebendigen Menschen! schrie er aus allen Kräften, hütet euch ja und macht kein Testament, dann werdet ihr so alt werden wie die Raben. Ich Unseliger! ich bin die eigene Ursache meiner Noth, weil ich meinen Leib einem Arzt übergeben habe; das Urtheil meines Todes habe ich selbst unterzeichnet. Sobald der Arzt sagte: ›Herr! bestellt eure Sachen, denn es ist Zeit!‹ da hörte ich den Blutschreiber, der das Urtheil gesprochen hatte. Und ich, der ich meiner Seele wie auch meinen Gütern ihr Recht anthun wollte, hob an meinen Willen zu verordnen: Im Namen Gottes, Amen; und als ich an meine Güter kam und bestimmte, wie es mit diesen sollte gehalten werden, sprach ich (o daß ich in jener Stunde verstummt wäre!): Item, meinen Sohn Hanselmann setze ich zum rechten Erben meiner ganzen Hinterlassenschaft ein. Item, meinem Weibe Pimpernelle verordne ich für ihre Lebenslage dieses und jenes. Item, meinem Knecht Petrolius wegen seiner treuen Dienste schenke ich fünfzig Kronen; meiner Magd Petronelle auch so viel. Baschelorus, meinem treuen Freunde, vermache ich, um meiner im Besten zu gedenken, meinen großen Schnitzbecher; Herrn Doctor Malaviso, meinem Arzt, vermache ich meinen schönen Diamant, und dies wegen seines großen Fleißes, den er bei meiner Krankheit bewiesen. – Sobald ich nun unterschrieben: ›Dieses sei mein eigener Wille und Meinung‹, sobald hatte die Erde ihren Rachen aufgethan mich zu verschlingen. Meine Erben und Erbnehmer waren in Sorge, ob ich sterben oder wieder gesund werden, oder ob ich lange liegen würde. Sobald ich nach dem letzten Athem des Lebens, oder vielmehr der Tod nach meinem letzten Athem schnappte, sobald griff mein Sohn nach dem Säckel, mein Weib nach dem Gewand, Knecht und Magd nach ihren Sachen, mein Freund fragte, was der Becher wohl werth wäre; der Arzt fühlte mir den Puls nicht um meinet- sondern um des Diamants willen, den er mir gern vom Finger gezogen hätte. Wenn ich ihn fragte was ich essen oder trinken dürfte? so sprach er: alles. Sobald ich einen Seufzer ausstieß, hoffte mein Sohn, es wäre am Letzten. Mein Weib bat, daß man mir das Hauptkissen wegzöge und mich auf den Strohsack lege, weil ich sonst lange Marter leiden würde und nicht sterben könnte, – ein jeder wollte sein Theil haben. Da dies nun nicht sein konnte, bevor ich nicht gestorben wäre, so folgt auch, daß ich, sobald mein Testament gemacht war, ihnen Ursach an die Hand gegeben, meinen Tod um so eifriger zu wünschen und zu befördern. So betheure ich hiermit, wenn ich noch einmal sollte geboren werden, daß ich die Sache anders anordnen und den Aerzten ernsthafter in den Haaren sein will, die, wenn der Patient gestorben ist, tausenderlei Ursachen des Todes ersinnen. ›Ach Gott, sei ihm gnädig! sprechen sie: sein übermäßiges Trinken hat ihn ums Leben gebracht. Der Zorn hat ihn getödtet. Wie hätte ihm der Arzt helfen können, da er so unordentlich gelebt hat? Er war nicht bei Verstande, er war wahnsinnig; was man ihm gesagt, das hat er nicht glauben wollen; was man ihm verordnet, das hat er nicht brauchen wollen. Er war faul im Leibe, und es war unmöglich ihn länger aufzuhalten. Er hat so unordentlich gelebt, daß ihm der Tod viel besser ist. Es war seine Stunde, welche kein Mensch überschreiten kann.‹ O ihr, ihr – – ich darf's nicht sagen – ihr seid des Menschen Stunde! Denn sobald ihr in die Kammer eines Kranken geht, kann man wohl sagen, seine Stunde sei gewiß gekommen und er werde sterben. Ihr grausamen Tyrannen! ist das nicht genug, wenn ihr einen gesunden Menschen krank macht und einen kranken um das Leben bringt? sondern wollt noch Geld und euren Lohn dazu haben, wie die Nachrichter, wenn sie einen erwürgen! Und damit ihr nicht für ungeschickte, unverständige Doctoren gescholten werdet, wenn ihr nicht helfen könnt, so muß der arme Patient nicht recht gelebt haben und selber seines Todes Ursach sein. O ihr Ueberlebenden, die ihr auf Erden seid! wollet ihr wissen, wie ihr eure Testamente machen sollt, damit es euch nicht das Leben koste wie mich, damit die jungen Leute ein ehrliches Alter erreichen, damit ihr nicht in der Jugend durch einen neugebackenen ungeschickten Arzt hingerissen werdet, sondern euer Leben in gesundem Wohlstand genießet: – ich will's euch offenbaren, höret mir zu, ich will's euch lehren!« Dieser Elende redete mit solchem Ernst und Eifer, daß Lucifer dafür hielt, es müsse etwas daran sein. Weil aber die Wahrheit nicht allenthalben statt hat, insonderheit nicht zu Hofe, in der Hölle und unter den Teufeln, welche derselben todtfeind sind, und damit auch, wenn den Herren Aerzten solches zu Ohren käme, nicht etwa neuer Lärm und größeres Unglück geschähe: da gebot ihm Lucifer, fortan davon zu schweigen. »Doch, sprach er, es ist wahr: Wer treue Freund' an einander hetzt Und ohne Scham aus dem Ehebett schwätzt, Wer ein neu' Kleid in Stücke fetzt, Mit neu' Tuch alte Hosen besetzt, Wer ein jung Kind mit Nägeln fetzt, Ein Glied in der Rothfarbe netzt. Wer ein' dürr'-trächtig' Kälbin metzt Wer eine dürre, trächtige Kuh schlachtet. Und ein Schaf an der Wolle schätzt, Wer ein' unzeit'ge Beul' aufätzt, Das Messer auf dem Schienbein wetzt, Sich an des Nächsten Schaden ergötzt: Der ist in seinem Hirn verletzt.« – Indem kam ein Verdammter quer durch's Feld dahergelaufen und schrie, als ob er toll wäre: »O wo bin ich? Wo bin ich? Was ist das? Wo sind doch die Teufel, die mich bisher gepeinigt haben?« Nichts Seltsameres war in der Hölle zu hören als nach Teufeln fragen, deren doch allda alle Winkel voll kriechen. Wie er nun so unsinnig herumlief, kam der Fuchsschwänzer und die Haushofmeisterin hinzu; diese faßte ihn beim Arm und sprach: »Elender! wenn es dir an Teufeln gebricht, wo willst du sie denn finden?« Sobald er aber die Augen aufhob und sie beide erkannte, sprach er zu der Haushofmeisterin: »O du Schindsack des Beelzebub! du Teufelslarve! du Anstifterin der Verdammnis! du Meutemacherin der Hölle! du Hetzerin! du Einbläserin! du Häscherin! du Aufmutzerin! du Ausklauberin fremder Mängel! du Splitterrichterin! du Ehebrecherin! du Kupplerin! du Vortrab des Lucifer! du Verrätherin! du Verführerin! du Kistenfegerin! du Augendienerin! – in Summa: du Haushofmeisterin! du Zauberin! wo sind die Teufel und Teufelinnen, die mich so auf Erden geplagt haben? Ich meine nicht die Teufel, die man mit Bocksfüßen malt und mit Hörnern, mit Fledermausfittigen, mit Saurüsseln, Kuhschwänzen und Eulenköpfen: die Teufel, die ich meine, sind tausendmal ärger als die Teufel. Es sind die lieben Mütterlein, die ihren Töchtern Lehren geben, wie sie die Junggesellen fangen sollen; die lieben Bäschen, welche die Pathchen lehren auf dem Seil gehen; die lieben Töchterchen, welche so fein können auf den Straßen herum schwärmen; die undankbaren Schuldner, die nicht hören noch antworten wollen; die Aufschneider, Händelschlichter, die Lügenverkäufer, die für Wahrheit erzählen, was sie selbst nicht glauben noch wissen, die ja sagen zu allem und sich verschwören über Dinge, die sie doch selbst erdichtet haben; die Verleumder, Lästerer, Schmähvögel, die Ehrendiebe und Raubvögel eines guten Namens, welche ihrem Nächsten hinterwärts eins anmachen, auf ihn einhauen, ihn verlügen und betrügen, aber doch freundliche Worte ihm ins Angesicht sagen; die alten grauhaarigen Junggesellen, welche die Eheweiber verachten und mit Mägden haushalten; die Heuchler, welche sich um eines Vortheils willen stellen, als ob sie im Geist verzückt wären, wenn sie irgend ein Bubenstück im Sinn haben; die ihre Träume für Gottes Wort ausgeben; die bei Zusammenkünften und Gastereien das Gespräch allein haben; die vom Christenthum nichts zu sagen wissen, außer wenn sie wohl betrunken sind; die predigen wollen, wenn sie das Glas in der Hand haben; die es für herrliche Dinge ausrufen, wenn sie die Franzosen gehabt haben, im Zuchthaus gewesen oder mit Ruthen gepeitscht sind; die alles wissen und können, was man sie fragt; die die Lebendigen auferwecken; die krank sind, wenn sie arbeiten sollen; die ihren Nächsten zum Teufel schicken mit einem Gott Lob und Gott sei Dank: – das sind die Teufel, welche Ursache meiner Verdammnis sind, und welche ich suche und unter deiner Kappe finden werde, du Alte! du Haushofmeisterin! du Diebin! du Zauberin! denn da hast du sie verborgen!« Darauf fiel er über die Alte her, riß ihr die Haube vom Kopf und tractirte die arme Fuchsschwänzerin dermaßen, daß Lucifer mit Gewalt mußte Frieden machen lassen. – Noch während dieses Handels sah ich unter der Versammlung einen Teufel, der einen ewigen Rauch zur Nase und zum Munde ausblies. – Was ist diesem Teufel? fragte ich. Mir wurde gesagt, es wäre der Tabakteufel; worüber ich mich nicht wenig verwunderte. Zwar hatte ich mir früher eingebildet, daß es irgend ein Teufel wäre, der die Leute so zum Tabaksaufen triebe, Weil er nur trunken macht und voll, Ohn' alle Wollust närrisch, toll Und giebt von sich 'nen Teufelsrauch Ohn' einen andern Nutz und Brauch; aber nimmermehr hätte ich es so fest glauben können, als jetzt, wo ich es sah. »Ich habe, sprach der Teufel, die Indianer redlich an den Spaniern gerochen wegen der Gewalttaten, die sie an ihnen verübt haben. Denn indem ich den Spaniern den Tabak in den Kopf gebracht, habe ich ihnen mehr geschadet, als der König von Spanien mit allen seinen Columbus, Pizarros, Cortez, Almagros und andern Tyrannen den Indianern je gethan hat. Denn es ist ja redlicher und natürlicher, unter den Waffen durch eine Pike oder Kugel das Leben zu verlieren, als unter dem rauchenden Niesen, Blasen und Dampfen des giftigen Tabaks.« – Wenn dieses Unglück nur bei den Spaniern allein geblieben wäre, so ließ ich es sein; aber es ist auch bei den nachäffenden Deutschen, daß, Wenn sie sind gereist hinaus Und kommen wieder heim nach Haus, Sie nichts als von dem Teufelsrauch Und seinem Hals- und Hosenbrauch Zu sagen wissen; daß ich mein', Sie müssen all' voll Teufel sein. Sitzen oft da, saufen Tabak, Haben nicht ein Stück Brot im Sack; Meinen es sei 'ne Gravität, Wenn der Rauch ein-, der Dreck ausgeht. Ich glaub', daß die Leut' Narren sind: Denn man auch Weiber und Bauern find't, Die es nachthun. Darum zur Rach' Kommt über uns welsch Ungemach. Die Tabaksäufer sind doch eigentlich nur den besessenen Menschen zu vergleichen, welche man beschwört. Jedoch, obgleich ihnen der giftige Rauch und Gestank zum Halse herauskommt, bleiben sie nichtsdestoweniger ohne Unterlaß von dem Tabakteufel besessen, an dem sie abgöttischer Weise hängen, und rühmen denselben über Himmel und Erde als ihren Gott und trachten danach, jedermann zu gleicher Thorheit zu bereden. Aber so lernen sie um so besser sich an der Hölle Rauch gewöhnen. Viele andere Teufel standen da um Lucifer herum, von denen ein jeder, befragt um der Welt Wesen und um ihren jetzigen Zustand, besonderen Bericht von seinen Verrichtungen gab. Da sie zum Theil aus fürstlichen geheimen Kanzleien und aus Reichssitzungen schwatzten, so wurden sie zurück in den geheimen Rath verwiesen, als da sind: der Religionsteufel, der Reformationsteufel, der Renovationsteufel, der Temporisationsteufel, der Accommodationsteufel, der Confessionsteufel, der Inquisitionsteufel, der Sincerationsteufel, der Revisionsteufel, der Commissionsteufel, der Contributionsteufel und Reputationsteufel. Unter ihnen war der Subordinationsteufel über die Maßen schön anzusehen, so sehr, daß ich mich auch verwunderte, wie ein Teufel so anmuthig sein könnte. Er kam mir vor, als ob ich ihn mein Lebtag gesehen hätte, bald bedeckt, bald entblößt; bald nannte er sich Kinderspiel, bald Scherz und Vexieren, bisweilen Geschenk oder Almosen, dort Bezahlung, hier Leihung: doch nimmermehr wurde er bei dem rechten natürlichen Namen gerufen. Von etlichen wurde er titulirt: Erbschaft, Nutzen, Freundschaft, Häuslichkeit, Sparsamkeit, Schwagerschaft, Gutserkauf, der Herrschaft Nutzen; der Unterthanen Bestes, Verehrung, Nichts. Von andern wurde er genannt: Doctor; von andern: heilige Schrift; bei den Verwesern, Advocaten und Schreibern: das Recht; bei Amtleuten und Obrigkeiten: Amtswegen; bei den Geistlichen: christlicher Eifer. – Dieser Teufel beanspruchte wegen seiner vielfältigen Dienstleistungen die große Statt- und Stabhalter-Amtschaft Lucifers. Der Teufel der Consequenz widersetzte sich meisterlich und sprach: »Ich bin der Herr und Teufel der Konsequenzen, der Teufel des Vorwandes, der lügenhaften Politik, der Verwirrer und Verstörer aller Stände, der Liebkoser der Fürsten, die Ausflucht aller Tyrannen; ich bin der treffliche Farbendichter, der großer Fürsten und Herren böse Handlungen mit lieblichen Farben, mit absonderlichen Beweggründen, mit verborgenen hohen wichtigen Ursachen kann anstreichen und bemänteln, je wie man will, und wie es die Zeit erfordert. Im übrigen habe ich eine solche Gewalt, daß ich die Welt kann zu ob erst zu unterst kehren und in gänzliche Zerrüttung und Untergang bringen. Die Vernunft halte ich gefangen: deswegen hassen mich die Calvinisten; die Vernunft lasse ich Meister sein: deswegen schelten mich die Lutheraner; ich gebe den Heiligen nicht ein kleines Licht: darum sind mir die Katholischen feind. Was nicht gehen will, das mache ich laufen. Was nicht biegen will, das mache ich brechen. Was unehrlich ist, das erhalte ich durch Würden. Was ungebührlich ist, das mache ich lieben und loben. Ich kann Fürsten und Herren rathen, das Maul stopfen, das Maul aufthun, je wie und wann ich will – in Summa: was andere für unmöglich halten, das kann ich möglich machen, und so lange ich auf Erden bin, hat man sich nicht zu fürchten weder vor Tugend, noch vor Ehre, noch vor Ehrbarkeit, noch vor Aufrichtigkeit, noch vor Gerechtigkeit, noch vor Richtigkeit und Ordnung guter Polizei, Gericht und Regimenten. Und der Teufel der Subordination selbst, der sich das große Statt- und Stabhalteramt des Lucifer anmaßt, was wollte er ohne mich gethan haben, wenn ich ihm nicht die Gestalt und das Ansehen gegeben hätte? Was wollte er ausgerichtet haben? Ich hoffe also von Lucifer das Amt, welches Belial vor 1608 Jahren nicht hat erwerben können, rechtlich verdient zu haben. Denn da Lucifer den wider Jesum von Nazareth, der Welt Heiland, geführten Prozeß, betreffend die Wiederherstellung der verwaisten höllischen Gerichtsbarkeit, zu seinem ewigen Verderben verloren hat, und das große Statt- und Stabhalteramt unbesetzt und ledig geworden ist: so haben nachfolgende benamsete und zu jetziger Zeit in allen Ständen geschäftige höllische hohe Geister sich um das Amt aufs Neue bei Lucifer gemeldet; nämlich: Barbatos, ein Teufel, der gute Freunde aneinander hetzt und uneins macht. Eligor, ein Teufel unmenschlicher Kriegsleute. Zepar, ein Teufel der Alamode-Kleider und unzüchtigen Weiber. Belfry, ein Teufel der Goldmacher. Furfury, ein Teufel der Diebe. Marchocias, ein Teufel der französischen Flüche und Gotteslästerungen. Salmak, ein Teufel, der den Leib fest und ein Heer Soldaten in das Feld machen kann. Busas, ein Teufel der Zank- und Mordsüchtigen. Launay, ein Teufel, der die Bürger und Bauern mit grausamen Plagen zur Verzweiflung treibt. Giod, ein Teufel des Kreuzes. Malefar, ein Teufel der Verzweiflung. Cerberus, ein Teufel der Geistlichen. Glaysa, ein Teufel des Todschlags. Sytrus, ein Teufel der Geilheit. Payman, ein Teufel der Hoffart. Forneum, ein Teufel der wohlberedten Falschheit. Chax, ein böser Eheteufel. Phoghel, ein Teufel der Ungerechtigkeit und Lügen wider Gewissen. Furcas, ein philosophischer Vernunftteufel. Raum, ein Teufel, der Städte und Häuser verdirbt. Halphas, ein Teufel der Wehr und Waffen. Zagon, ein Teufel der Falschmünzer, Kipper und Goldbeschneider. Gomery, ein Teufel des Vorwitzes. Amduscias, ein Teufel, der Knechte und Mägde verführt. Andras, ein Teufel, der allerhand Hader verursacht. Dudu, ein Teufel, der falsche Schreiben in eines andern Namen macht. Oze, ein Teufel, der die Menschen verkehrt und bethört. Aym, ein Teufel, der die Städte und Länder in Brand setzt. Orobas, des Götzen Brandteufel. Cimeries, ein Teufel, der Heimlichkeiten offenbart. Flaucos, ein Teufel der Lügen und des Betrugs. Alocer, ein Verderbteufel der guten Künste. Zaloes, ein Bubenteufel. Belphebor, ein Teufel der Auslegung und Deutelei. Hebelfurk, ein Teufel der Korn- und Weinjuden, der Wucherer und Schinder. Davo, ein Teufel, der Marken ausgräbt und Felder stiehlt neben Baal, dem Regierungsteufel. Fantas, der Religionsteufel, der die Religion zum Vorwand brauchen lehrt. Martor, der Reformationsteufel. Iffar, der Renovationsteufel. Lasam, der Revisionsteufel. Antangelieu, der Temporisationsteufel. Pasta, der Accommodationsteufel. Hussefas, der Sincerationsteufel. Abla, der Inquisitionsteufel. Culan, der Confessionsteufel. Mufrut und Pefil, der gottlosen Juristen Teufel. Bulo, der Commissionsteufel. Walst, der Contributionsteufel. Citivell, der Reputationsteufel. Austy, der Subordinationsteufel. Insty, der Consequenzteufel. Lucifer ließ sich ihr Beginnen, besonders das des Ansty und Insty, denen er vor allen andern seiner Getreuen höllisch geneigt und wohl gewogen war, nicht mißfallen; sondern er gab ihnen allseits höllische Vertröstung und versprach, die Sache baldigst vorzunehmen und zu erörtern. Zu diesem Zwecke befahl er eine höllische Reichsversammlung auf den 30. Hornung Das wäre also der 30. Februar. auszuschreiben, um allda nach gesammt höllischer Berathung und Erkenntnis den würdigsten seines Reichs mit diesem hohen Amt zu beehren, auch sonst Anordnungen zu treffen, wo es vonnöthen und wo in der Welt Wesen und Ständen etwas zu verbösern wäre. Als sie bereits in der angesetzten Versammlung zur ersten Session schreiten wollten, die gesammten höllischen Räthe und der verdammten Geister Herr neben dem alten Satanas beieinander waren: kam unverhofft noch ein kleines Teufelchen schnaubend nachgeflogen, und als ihm wegen seines langen Ausbleibens ein blitzender Ausputzer und Verweis zu Theil geworden war, sprach er zu seiner Entschuldigung: »Allergnädigster Herr Lucifer! es ist nun zwanzig Jahre, daß ich einem nichtswürdigen Kerl nachgehe; aber ich kann ihm so wenig anhaben, daß ich nicht weiß, wie ich ihn zu Fall bringen soll. Deswegen habe ich mich etwas länger aufgehalten, da ich glaubte ihn vor meinem Erscheinen hierselbst erhascht zu haben. Aber ich habe meinen höllischen Vorsatz nicht ausführen wollen, denn er ist zu gar nichts nutz, weder zum Bösen noch zum Guten, weder zu sieden noch zu braten, und roh frißt ihn auch kein Teufel. Ich hoffe also, daß mein langes Ausbleiben nicht so sehr übel aufgenommen wird.« – »Du hast dich recht ungeschickt gezeigt, sprach die Haushofmeisterin. Bist du denn nicht gescheidter als so? Hättest du ihn nicht hervor ziehen sollen vor die Welt und ihm etwa zu einem Dienst oder Amt verhelfen? Was gilt's! dann würdest du ihn gefangen haben.« »Das ist ein herrlicher Rath! sprach Lucifer; das ist ein trefflicher Rath, Altmutter! das ist ein recht satanischer Griff!« Und er befahl, daß er alsbald durch Belphebor, Belials höllischen Geheimschreiber, sollte protokollirt und seinen Reichsakten eingefügt werden. Damit nun auch die Haushofmeisterin künftighin all ihr Beginnen, Sinnen und Denken bei Hofe zur Mehrung und Entfaltung aller Uneinigkeit und alles Frevels, ja zur Erweiterung der ewigen Verdammnis anwenden möchte, so versprach ihr Lucifer, in gegenwärtiger Reichsversammlung ihrer vor andern höllischen Geistern stattlich zu gedenken, auf daß männiglich kund werde, wie er so treue Dienste niemals unbelohnt gelassen habe. Wie aber die angekündigte Reichsversammlung verlaufen, was daselbst beschlossen worden und der Welt soll offenbar gemacht werden, das ist hier im folgenden Reichsschluß, welcher anstatt eines höllischen Reichsabschiedes öffentlich vorgelesen und angeschlagen ist, zu vernehmen. Abschied der höllischen Reichsversammlung Wir Lucifer, von der Gerechtigkeit Gottes König der ewigen Verdammnis, Herzog des Todes und der Verzweiflung, Großfürst der verstoßenen Engel, Fürst der Finsternis, Herr der Welt, General aller höllischen Geister, Besitzer und Regierer der Gottlosen Unsern und Unseres höllischen Reiches lieben Getreuen, ewigverdammten Völkern, Pfändern der Sünden und Soldnehmern des andern Todes Unsere teuflische Hilfe, Rath und Macht zuvor! Es haben sich unlängst etliche Unserer Obersten und Heerführer, insonderheit Fürst Ansty und Markgraf Insty, bei Uns um die große Statt- und Stabhalterstelle unterthänigst gemeldet. Wir haben aber nach stattgehabtem höllischen großen Rath gleichwohl ihnen beiden dieses Amt aus hochdringenden vorliegenden und Uns allein bekannten Ursachen nicht übertragen können noch wollen: insonderheit und zumal weil eine Unseres Reiches getreue Teufelein, Hofregiererin, Verwalterin und Großhaushofmeisterin, Frau Prosperitas Unter diesem Namen meint M. das Jagen nach irdischem Glück und materiellen Genüssen. so hier zugegen ist, solches um Uns und Unser Reich durch ihren getreuen Rath, Hilfe und unnachlässigen Fleiß besser verdient.« Als sich die umstehenden Mächtigen hierbei untereinander mit feurigen rund-starrenden Augen ansahen und vor Verwunderung zu murren anhoben, sprach Lucifer: »Verwundert euch nicht so sehr!« und nahm Frau Prosperitas bei der Hand, welche auch sogleich mit einem hochmüthig-lächelnden, höhnischen Gesicht hinzutrat. »Also setzen, ordnen und wollen Wir, fuhr er fort, kraft Unserer vollen höllischen Macht, daß alle Angehörigen Unseres Reichs dieselbe nach Uns allein erkennen und als mächtigste Statt- und Stabhalterin ehren sollen. Und diese teuflische Gnade und Freiheit geben Wir ihr billig und aus Ursachen: weil sie mehr zur Verdammnis gebracht hat, als alle andern von Unsern Obersten und Gewalthabern, soviel deren sonst in Unserm Reiche sein mögen. Denn, anderer unzähliger treuer Dienste zu geschweige«, soll doch zu ewigem Gedächtnis dies nicht vergessen werden, daß sie, Frau Prosperitas zuwege gebracht hat, daß die Menschen Gottes, ihres Herrn, vergessen, daß sie die Liebe zu dem Nächsten außer Obacht lassen. Sie ist's, welche Ursach gegeben hat, daß die Menschen all ihr Heil und Wohlfahrt auf zeitliches Gut setzen, was sie hernach in der Eitelkeit so verführt, verblendet, verstockt, und zu Falle bringt, daß sie in voller Lust ungeachtet ihrer Seligkeit in den Tag hinein leben und endlich in ihren Sünden untergehen, sterben und ewig verderben. In welchem Spiel hat sie ihre Person nicht bestermaßen vertreten? Welches Weisheit und Verstand hat sie nicht verblendet und von dem Wege der Wahrheit und des Rechten abgelenkt? Was stellt die thörichte Welt nicht an, wo Frau Prosperitas den Reigen führt? Ein Mensch, der durch sie regiert wird, der geht in die Welt und in das Unglück hinein wie ein Blinder, ungeachtet alles dessen, was ihm geschehen kann, fragt weder nach Zucht noch Ehre, weder nach Gott noch Ehrbarkeit. Wo ist Ueppigkeit und Verführung, wenn Frau Prosperitas nicht vorhanden ist? Was macht Fürsten und Herren so frisch hinein wagen, es koste gleich Seele und Seligkeit, als Frau Prosperitas allein? Wie viele sind derer, die, solange sie in schlichtem Stande waren, ein ehrbares, unsträfliches Leben führten: sobald aber Frau Prosperitas ihre Gesellin geworden, in Ruchlosigkeit und Verdammnis geriethen? Aus diesen und andern unzählbaren erheblichen Ursachen wollen Wir, daß alle Angehörige Unseres höllischen Reiches, Unsere Obersten und Geister der Frau Prosperitas künftighin die oben vermeldete und hiermit wiederholte Ehre und Dienste unfehlbar erweisen, – in Anbetracht, daß diejenigen Seelen, welche mit Frau Prosperitas keine Gemeinschaft haben, sondern in einem demütigen Wesen leben vor der Welt, Uns schwerlich zu Theil werden. Allhier sei zur Nachricht allen Unsern lieben Getreuen angedeutet: damit sie mit solchen der Frau Prosperitas unbekannten und Unserm Reich ungetreuen Menschen nichts zu thun und zu schaffen haben sollen, – maßen es denn unter den Menschen auf der Welt so zu gehen pflegt: wenn sie alles haben und erhalten, was ihr Herz begehrt, dann kehren sie ihrem Gott den Rücken und stellen sich, als ob sie ihn nicht kennten, so gar, daß sie auch oft seines Namens vergessen und nichts mehr als von der Welt Wollust und Freuden, von Gastereien, Tanzen und Springen zu sagen und zu singen wissen. Hingegen der arme Mann hat nichts in seinem Herzen als den Trost Gottes und seufzt ohne Unterlaß mit seinem Propheten David, daß ihm Gott Hilfe, Geduld, Verstand und Geist senden, ihn in Noth und Tod an sich halten möge –: darum verweisen und verbannen Wir von nun an aus Unserm Reich alle die, welche der Frau Prosperitas zuwider sind, nämlich: Demuth, Bescheidenheit, Arbeitseligkeit, Verfolgung, Kreuz, Leiden, Anfechtung sammt allem ihrem Anhang, welche Gott dem Menschen zum Besten, Uns aber zum Schaden gebraucht und aus unerforschlicher Weisheit den Menschen zur Beförderung ihrer Seligkeit aus gnädigster väterlicher Fürsorge zuschickt und widerfahren läßt. Ferner setzen, ordnen und wollen Wir auch, daß fernerhin keiner Unserer Geister sich zu einem Weltgeist geselle, oder sich in Gemeinschaft mit einem Weltgeist begebe, es sei denn, daß Unser lieber getreuer Geist, Profit genannt, dabei ist: in Erwägung, daß ohne denselben nicht unter das Dach des menschlichen Herzens zu kommen ist. Er ist Unseres Einzugs Führer, der auch bei den engsten und versichertsten Gewissen Quartier und Herberge leicht und räumlich zu bestellen weiß. Es ist auch Unser ernstlicher Wille und Meinung, daß jeder Unserer Geister an jedwedem Orte, sobald Frau Pecunia ihren Einzug hält, aufstehe, ihr Reverenz und gebührende Ehre erzeige, Platz mache und weiche, als einem Geist, der mehr und größere Dinge vermag, als irgend einer. Zudem: dieweil aus dem Kriegswesen, insonderheit seit dem böhmischen Fenstersturm Bekanntlich wurden 1608 die kaiserlichen Statthalter Martiniz und Slawata sammt ihrem Geheimschreiber Fabricius aus dem Schloßfenster zu Prag hinabgestürzt, worauf der völlige Aufstand der evangelischen Stände in Böhmen erfolgte. bis jetzt Uns ein unglaublicher Nutzen und Zuwachs Unseres Reiches geworden ist, da oft Hauptleute mit ganzen Compagnien, Oberste mit ganzen Regimentern, Generäle mit vielen tausend Soldaten in Unsere Gewalt gerathen und sich in Unsern Diensten noch viel ritterlicher gebrauchen lassen, weswegen sie auch von Uns ewiglich besoldet werden; – auch ungeachtet dessen, was selbst einige Unserer Lieben und Getreuen dagegen eingewendet haben und mit allerhand Gründen behaupten wollen, daß es Unserem Reiche vortheilhafter sein würde, wenn vermittelst der Intervention der Frau Prosperitas das Kriegswesen allenthalben abgeschafft und, so viel es möglich ist, ein Generalfriede festgestellt werden würde: indem nämlich unter diesem Vorwand die eine Partei desto besser zu hintergehen, zu betrügen und gar zu unterdrücken, männiglich aber durch gute Tage, sicheres Leben und Müßiggang desto eher zu fällen wäre, wodurch Unserm Reich ein viel größerer Nutzen erwachsen könne, alldieweil der Friede eine Ursache ist der Trägheit und Unachtsamkeit, bei welcher alle gute Polizei darnieder liegt, in Vergessenheit geräth und alle Laster ihren sicheren Lauf haben, Abgötterei, Meßtage, Kirchweihen, Spiele, Abendtänze, Mummenschänze, Fastnachtfeste und Spazierfahrten in vollem Schwange gehen, Völlerei und Schwelgerei meisterlich geübt, Schänden und Schmähen gepflegt, Lügen und Trügen gemein, Kuppelei, Huren- und Diebsgesellschaften gehegt werden, in Summa: daß Tugend und Gottesfurcht allgemach in Verachtung, die Laster aber in Flor kommen: – – so befinden Wir doch, nach geschehener reifer Ueberlegung alles dieses, daß der Krieg Uns noch viel vortheilhafter und Unserem Zwecke und Vorhaben ersprießlicher sei. Derowegen wollen denn auch Unsere Lieben und Getreuen, soviel an ihnen ist, wo irgend eine allgemeine, aufrichtige, gottbeliebte Friedenshandlung – was wir jedoch nicht hoffen wollen – vorhanden ist, alles erregen, alles anstiften, alles versuchen und mit ansehnlichen, unvermerkten Mitteln geistlicher wie weltlicher Art alles aufbieten, sei es mit Rachgier, mit Eigennutz, Mißtrauen, Mißverstand, altem Groll, Reputation, Leichtgläubigkeit, Religion, Reformation, Hartnäckigkeit, Hochmuth, Unversöhnlichkeit, undeutscher untreuer Verhetzung, undeutscher falscher Vertröstung, undeutscher verderblicher Versprechung, undeutscher äffischer Bethörung, oder mit Unbarmherzigkeit, Ungehorsam und anderem: damit ja die Christen in Deutschland zu der so lange gewünschten Vollziehung ihres seligen Friedens nicht gelangen, sondern sich unter einander durch unbedachtsame Vergießung ihrer Mitchristen und Brüder Blut selbst aufreiben und die von Uns so lange gehoffte und gesuchte Barbarei, die äußerste Zerrüttung und den Untergang ihres eigenen Vaterlandes selbst befördern, herbeiführen und vollziehen helfen. Ueber das. In Anbetracht dessen, daß in bedeutenden Reichs-Gewerbestädten, in Burgflecken und andern Orten der Christenheit etliche wohlmeinende Kauf- und Handelsleute gefunden werden, die aus Trieb christlicher Liebe gewissen Personen, insonderheit der alamodischen Jugend, die man ungerathene Söhne nennt, zu Hilfe und zu Statten kommen, indem die ungerathenen Söhnchen, damit sie irgend ein Stück Geld für ihre Schmausereien, Stutzereien und für ihre Mädchen aufbringen, ihre einzige äußerste Zuflucht bei dergleichen Kauf- und Handelsleuten suchen, die sich zwar höflich zu entschuldigen wissen ihnen mit einer Baarschaft zu helfen, gleichwohl aber nicht unterlassen ihnen aus christlicher Liebe mit ihren Handelswaaren zu dienen, ihnen etwa mit einem Stück Tuch oder mit anderer Waare unter die Arme zu greifen. Das nehmen denn die Söhnchen willig und gern an, lassen es dem Vater auf die Rechnung schreiben, verkaufen es aber nachher wiederum und bringen so das Geld in ihre Hände, um es zu dem erwünschten Vorhaben zu verbrauchen. Zur Beförderung dessen erfinden dann die Kaufleute den guten Kniff, daß durch einen vertrauten Drittmann den Söhnchen die Waaren, welche drei Thaler stehen, um drei Batzen wiederum abgehandelt und zu ihnen zurückgebracht werden: wodurch denn der bedürftigen armen Jugend auf dem Wege zur Hölle merklich geholfen wird: – also und demnach setzen, ordnen und wollen Wir, daß die allerfeinsten, verschmitztesten Unserer satanischen Geister gedachten Kauf- und Handelsleuten als treue Helfershelfer vorstehen und aufwarten, zumal weil ihnen in diesen eifrigen Diensten Unser Schutz und Mithilfe nicht mag und soll versagt werden. Auch setzen, ordnen und wollen Wir, daß Unsere ganze Schaar der einhundertundsechzig Legionen allezeit und an allen Orten treue Dienste und Gesellschaft leiste den Wucherern, Verkäufern, Korn- und Weinjuden, vor allen den Heuchlern und Gleißnern: in Anbetracht daß diese sich in alle Händel zu schicken und zu flicken wissen, auch Sinn und Gemüth der Menschen dermaßen bethören und verkehren können, daß trotz ihres Betrugs und ihres gestifteten Unheils sie noch dazu von vielen geehrt und verehrt werden. Wir setzen, ordnen und wollen auch, daß die Zuschürer, Klatscher, Mährenträger, Ohrenbläser, Haushofmeisterinnen, die Salomes und Herodias, welche Himmel und Erde, Herren und Knechte, Eltern und Kinder, Mann und Weib können aufrührerisch machen und an einander hetzen, hinfort in Unseres Reiches Palast nicht als Wehewedel, sondern als Blasebälge sollen gebraucht werden, in Erwägung dessen, daß Wir dieselben zum Feueranblasen und -zuschüren, nicht aber zur Abkühlung und Lufterzeugung vonnöthen haben. Endlich so setzen, ordnen und wollen Wir, daß man in gebührendem Respect und Ehren halte alle und jede Schalksnarren und Aufschneider, deswegen weil sie uns bei Fürsten und Herren namhaften Nutzen schaffen: dieselben von wichtigen obrigkeitlichen, Amts- und Landesgeschäften, ja sogar von der Kirche und von gottesfürchtigen heiligen Uebungen durch ihre Aufschneidereien abzuhalten wissen. Die Fuchsschwänzer aber sollen als Läuse der Hölle geachtet werden, dieweil sie den obersten Theil des Leibes, das Haupt, die großen Herren, mehr einnehmen und vexieren als die geringen Leute. Und dieses ist Unser fester höllischer Wille und Meinung, nach welcher sich, bei Vermeidung Unserer ewig-grießgrämigen Ungnade, alle Unsere Angehörigen zu richten haben. Zur Urkunde alles dieses lassen Wir es mit Unserm gewöhnlichen Siegel besiegeln. So gegeben in Unseres Reiches allgemeiner Versammlung, Mittwoch, den 31. April im Jahre des Höllischen, 1608. Lucifer, als König. Satan, Kanzler. Belphebor, Secretär. Nach Vollendung und öffentlicher Verlesung dieses begab sich Lucifer zurück in seinen ewigen Schwefelpfuhl, und die ganze Versammlung ein jeder an seinen Ort. Alles aber verschwand vor meinen Augen. Als ich mich umsah, befand ich mich an dem Ort, wo ich noch bin. Da hob ich mein Gesicht gen Himmel und dankte Gott inniglich, daß er mich aus der Verdammnis dieses Hoflebens (denn wie es an vieler frommen Fürsten und Herren Höfen in christlicher heiliger Ordnung hergeht, das ist billig hoch und in Ehren zu halten und unterthänig zu loben) auch errettet hatte; wo ich statt verhoffter Herrlichkeit, Redlichkeit und eines rechtschaffenen Lebens schließlich des Teufels Undank fand, Undank am Ende der Arbeit, und wo ich sah, daß derjenige eben nicht zu Hofe tauge, welcher nicht fünf gerade sein lassen, nicht einen Schelm wie einen redlichen Mann lieben, Lügen nicht als Wahrheit behaupten – in Summa: nicht Gott und Ehrbarkeit bei Seite setzen und dem Teufel schmeicheln kann. Darum denn soll sich, wer ein Gewissen hat und bedenkt, daß dermaleinst ein letztes Gericht folgen wird, wo man Rechenschaft zu geben hat über alles, was bei Lebzeiten geschehen ist, entweder sobald als möglich vom Hofe hinweg machen, oder ewig darin verdammt bleiben. Da ich nun auch allhier durch der Welt Scheinsal und Eitelkeit betrogen bin und gefunden habe, daß zu Hofe das rechte Leben, welches ich suche, nicht zu finden ist: so trachte ich noch immer nach einem andern ruhigeren Stand, wo diese zeitlichen Gebrechen verbessert sind und eine Zufriedenheit der Seele zu finden ist. Das wird Gott, neben dem, was mächtige Beförderer in dieser Zeitlichkeit thun können, ewig geben allen, die seinen Namen lieb haben, sich an fremden Sünden spiegeln und recht zu thun von Herzen kämpfen und streiten. Als ich aus obigem höllischen Schluß vernommen hatte, daß Lucifer durch seine ansehnlichen Mittel so eifrig daran ist den edlen Frieden zu hindern, und das höllische Kriegswesen fortzusetzen ernstlich befohlen hat, so daß zu besorgen ist, es werde noch bunt über Kopf hergehen, das ist, der türkische Bund werde über unser Haupt kommen und zur Rache für unsere Undankbarkeit über Deutschland den Meister spielen: Da erschrak ich von Herzen und sprach: O Gott! wann wird deine Zornruthe oder vielmehr unsere dich zu gerechtem Zorn anreizende Sünde aufhören und unser unchristliches Kriegen ein Ende nehmen! Erhob deswegen meine Sinne zu Gott, und schloß mit folgendem Gebet: Verleih' uns Frieden gnädiglich, Herr Gott! zu unsern Zeiten: Es ist doch ja kein andrer nicht, Der für uns könnte streiten Denn du, unser Gott, alleine. Verleih' uns Fried', dein' Kirch' erhalt', Den Glauben in uns mehre, Der Feinde Greuel und Gewalt Durch deine Macht abwehre Und dich unser all erbarme! Verleih' uns Fried' in unsrem Land Durch Christum, deinen Sohne, Gieb Glück und Heil in allem Stand, Aus Gnaden unser schone Und dich unser all erbarme! Verleih' uns Fried' in unsrer Stadt, Welcher der Feind geschworen; Gieb uns heiligen Muth und Rath, Sonst sind wir bald verloren Und dich unser all erbarme! Verleih' uns Fried' in unsrem Haus, Schenk' uns den Himmelssegen, Treib von uns Zank und Untreu aus, Thu' unsrer Kinder pflegen Und dich ihrer all erbarme! Verleih' uns Fried' an allem Ort; Verstand und Freund' bescheere, Behüt' vor Unfall, Raub und Mord. Auch unsre Feind' bekehre Und dich ihrer all erbarme! Verleih' uns Fried', ein freudig Herz, Ein ruhig gut Gewissen, Daß uns die Sünd' nicht sei ein Scherz, Zum Guten ganz beflissen, Schenk' uns, Jesu! deinen Frieden! Verleih' uns auch ein sel'ges End', Laß uns mit Freuden sterben; All Furcht und Zweifel von uns wend'. Dein Reich aus Gnad' zu erben Hilf uns, o Herr Jesu! Amen. Friede! Friede! Friede! O Gott, der Frieden ist gemacht! Jetzt alleweil wird Post gebracht. Sei Gott im Himmel deß gelobt! Kein Zweifel ist's, der Teufel tobt. Nun fürcht' ich, daß die schnöde Rott' Erst werde kriegen wider Gott, Und uns bei so verkerbten Dingen Mit unsrem eignen Geld bezwingen; Mir ist fürwahr nicht recht geheuer. Ein solcher Fried' ist gut für's Lachen, Denn er sieht uns so leiden theuer, Wird vielen noch den Garaus machen! Ende des ersten Theiles.