Gustav Aimard Mexicanische Nächte – Erster Theil   Leipzig. Verlag von Chr. E. Kollmann. 1865. I. Las-Cumbres. Keine Gegend der Welt bietet dem geblendeten Auge des Reisenden entzückendere Landschaften dar, als Mexiko; unter allen aber ist die von Las-Cumbres unstreitig eine der anmuthigsten. Las-Cumbres bildet eine Reihe von Bergpässen, durch welche in unendlichen Krümmungen der Weg nach Puebla de-los-Angeles (die Stadt der Engel) führt, – also genannt, weil, der Sage nach, die Engel dort die Kirche erbauten. Der durch die Spanier errichtete Weg, von dem wir sprechen, erstreckt sich in steiler, schwindelerregender Absenkung, während eine ununterbrochene, in bläuliche Dünste getauchte Bergkette sich zu beiden Seiten hinzieht. Bei jeder Wendung dieses gleichsam über Abgründe voll üppiger Vegetation schwebenden Pfades, wechselt das Schauspiel und wird malerischer; die Gipfel der Berge erheben sich, stufenweise abfallend, einer hinter dem andern, während die, welche man überschritten hat, senkrecht hinter Einem aufsteigen. Am 2. Juli 18.., kamen gegen vier Uhr Nachmittags, in dem Augenblicke, wo die schon tief am Horizonte stehende Sonne nur noch schräge Strahlen auf die von der Hitze durchdrungene Erde wirft und die sich erhebende Brise die glühende Atmosphäre zu erfrischen beginnt, zwei gut berittene Reisende aus einem dichten Jucca-, Bananen- und Bambusgehölz und schlugen einen staubigen Weg ein, der in ununterbrochenen Stufenreihen zu einem Thale führte, worin ein klarer, durch das Grün sich hinschlängelnder Bach eine sanfte Kühlung unterhielt. Die durch den unvermutheten Anblick dieser vor ihren Blicken sich entrollenden, grandiosen Landschaft überraschten Reisenden machten Halt, und nachdem sie einige Minuten lang die malerischen Ausläufer der Berge betrachtet hatten, stiegen sie von ihren Pferden, nahmen denselben die Zügel ab und setzten sich am Ufer des Baches nieder, offenbar zu dem Zweck, die Wirkungen dieses bewunderungswürdigen, einzig in der Welt dastehenden Kaleidoscopes noch einige Minuten länger zu genießen. Der Richtung nach, der sie folgten, schienen diese Reiter von Orizaba zu kommen und nach Puebla-de-los-Angeles zu gehen, von welchem Orte sie übrigens in diesem Augenblicks nicht mehr weit entfernt waren. Beide Reiter trugen die reiche Tracht der Hacienda-Besitzer, eine Tracht, die wir schon zu oft beschrieben haben, als daß wir dieselbe hier noch einmal wiederholen sollten; wir wollen nur einen characteristischen Umstand berichten, welcher die geringe Sicherheit der Wege zu der Zeit, wo sich unsere Geschichte ereignet, bestätigte Beide waren bis an die Zähne bewaffnet und führten ein vollständiges Arsenal mit sich; außer den in ihren Halftern steckenden sechsläufigen Revolvern befanden sich eben solche in ihren Gürteln. In der Hand hatten sie eine vortreffliche Doppelflinte, aus dem Atelier von Dèvisme, einem berühmten Pariser Büchsenmacher, was Jedem nicht weniger als sechsundzwanzig Schüsse zu thun erlaubte, ohne die Machete oder den geraden Säbel zu rechnen, der an ihrer linken Seite hing, das mit dreischneidiger Klinge versehene Messer, welches sie in ihrem rechten Stiefel trugen und den zusammengerollten ledernen, auf dem Sattel an einem sorgfältig genieteten Ringe befestigten Lazzo. Sicherlich konnten also bewaffnete Männer, wenn sie mit einem gewissen Muth begabt waren, leicht einer selbst bedeutenden Anzahl Feinde ohne Schaden die Stirn bieten. Uebrigens schienen sie keineswegs durch den Anblick des wilden und einsamen Ortes, am dem sie sich befanden, beunruhigt und plauderten, halb auf dem grünen Grase ausgestreckt, heiter mit einander, indem sie nachlässig ihre wirklich echten Havannacigarren rauchten. Der älteste der beiden Reiter war ein Mann von vierzig bis fünfundvierzig Jahren, der indessen höchstens sechsunddreißig zu sein schien; seine Gestalt von etwas über Mittelgröße war, wenngleich elegant, doch stark gebaut, seine untersetzten Gliedmaßen zeugten von einer großen körperlichen Kraft, seine markirten Züge, trugen einen energischen und intelligenten Ausdruck; seine schwarzen und lebhaften Augen, die stets in Bewegung waren, erschienen sanft, aber sie schleuderten, sobald sie sich belebten, zuweilen flammende Blitze und verliehen dann seinem Gesicht einen harten und unmöglich zu beschreibenden wilden Ausdruck. Die Stirn war hoch und breit, der Mund sinnlich, ein schwarzer und dichter Bart, wie der eines Aethiopiers, mit einigen Silberfäden gemischt, fiel auf seine Brust, üppiges, zurückgeworfenes Haar floß auf seine Schultern herab, sein gebräunter Teint hatte die Farbe von Ziegelsteinen; kurz, wenn man den Mann dem Anscheine nach beurtheilen wollte, so war er einer jener entschlossenen Männer, die in gewissen kritischen Momenten höchst kostbar sind, da man von ihnen verlassen zu werden nicht zu fürchten braucht. Obwohl es unmöglich war, seine Nationalität zu erkennen, so schienen doch seine raschen Bewegungen, seine lebhafte, kurze und bilderreiche Sprache einen südlichen Ursprung anzudeuten. Sein Gefährte, viel jünger als er, denn er schien höchstens fünf- bis achtundzwanzig Jahr alt zu sein, war groß, etwas mager, und wenn auch dem Anschein nach nicht kränklich, so doch zart; seine elegante, schlanke und wohlgebaute Gestalt, seine Füße und Hände von außerordentlicher Kleinheit zeigten die Race an; seine schönen Züge, seine ansprechende und intelligente Physiognomie schienen von Sanftmuth durchdrungen, seine blauen Augen, sein blondes Haar und vor Allem die Weiße seiner Hautfarbe, ließen ihn augenblicklich einen Europäer der gemäßigten Zone erkennen, der erst neuerdings nach Amerika gekommen. Wir haben bereits gesagt, daß die beiden Reisenden mit einander plauderten; sie sprachen französisch; ihre Redeweise und der gänzliche Mangel jedes Accents ließ vermuthen, daß sie sich in ihrer Muttersprache ausdrückten. »Nun, Herr Graf,« sagte der Aeltere, »bedauert Ihr noch, meinen Rath befolgt zu haben und anstatt auf den abscheulichen Wegen im Wagen daherzurütteln, diese Reise zu Pferde in Gesellschaft Eures Führers unternommen zu haben?« »Da müßte ich wahrlich sehr schwer zu befriedigen sein,« antwortete Der, welchem man den Titel Graf beigelegt hatte; »ich habe die Schweiz, Italien, die Ufer des Rheins wie Jedermann bereist, und ich gestehe Euch, daß ich noch niemals den Anblick köstlicherer Landschaften genossen habe, als die, welche ich, Dank Euch, seit einigen Tagen zu sehen, das Vergnügen habe.« »Ihr seid sehr gütig; die Landschaft ist in der That schön, überdies ist sie sehr romantisch,« setzte er mit boshaftem Ausdruck hinzu, der seinem Gefährten entging, »und dennoch,« fuhr er mit einem unterdrückten Seufzer fort, »habe ich deren noch schönere gesehen.« »Schönere als diese hier?« rief der Graf, indem er den Arm ausstreckte und einen Halbkreis in der Luft beschrieb; »oh! das ist nicht möglich, Herr.« »Ihr seid jung, Herr Graf,« erwiderte der Erste mit trübem Lächeln, »Eure Touristenreisen sind nur Kinderspiel gewesen. Diese hier überwältigt Euch, durch den Contrast, welchen sie mit den anderen bildet, das ist Alles; da Ihr niemals die Natur anders studirt habt, als in einer Opernloge, so vermuthetet Ihr nicht, daß sie Euch solche Ueberraschungen aufbewahren könnte. Euer Enthusiasmus hat sich plötzlich durch die Seltsamkeit der Contraste, die sich unaufhörlich Euren Blicken darbieten, zu einem Rausche gesteigert, aber wenn Ihr wie ich die hohen Savannen und die unendlichen Prairien des Innern durchreist hättet, wo in Freiheit die wilden Kinder dieser Erde umherirren, welche die Civilisation aus ihrem Besitz getrieben hat, so würdet Ihr wie ich nur noch ein verächtliches Lächeln über die Gegenden haben, die uns umgeben und die Ihr in diesem Augenblick so aufrichtig bewundert.« »Was Ihr mir da sagt, kann die Wahrheit sein, Herr Olivier; leider aber kenne ich diese Savannen und Prairien, von denen Ihr sprecht, nicht und werde sie ohne Zweifel niemals kennen lernen.« »Weshalb denn nicht?« warf der erste Sprecher lebhaft ein; »Ihr seid jung, reich, kräftig, frei, soviel ich voraussetzen kann. Wer könnte sich Euch widersetzen, wenn Ihr einen Ausflug in die große amerikanische Wildniß machen wolltet? Ihr seid gerade in diesem Augenblick ganz geneigt, diesen Plan in Ausführung zu bringen; es ist eine jener für unmöglich gehaltenen Reisen, von der Ihr später mit Stolz sprechen könnt, sobald Ihr in Euer Vaterland zurückgekehrt sein werdet.« »Ich wünschte es,« antwortete der Graf mit einem Schatten von Traurigkeit; »leider aber ist es mir unmöglich; meine Reise wird in Mexiko beendet sein.« »In Mexiko!« meinte Olivier erstaunt. »Leider ja! Herr, es ist so; ich gehöre nicht mir an, sondern unterliege in diesem Augenblicke dem Einfluß eines fremden Willens. Ich bin ganz einfach in dieses Land gekommen, um mich zu verheirathen.« »Euch zu verheirathen? In Mexiko? Ihr, Herr Graf!« rief Olivier überrascht. »Mein Gott ja, ganz prosaisch, mit einer Frau, die ich nicht kenne und die mich eben so wenig kennt, und welche ohne Zweifel nicht mehr Liebe für mich empfindet, als ich für sie. Wir sind Verwandte und wurden schon in der Wiege verlobt, und jetzt ist der Augenblick gekommen, das in unserm Namen von den Vätern gegebene Versprechen zu halten; das ist sehr einfach.« »So ist diese junge Dame also eine Französin?« »Durchaus nicht, sie ist im Gegentheil eine Spanierin, ich glaube sogar etwas Mexikanerin.« »Ihr aber seid Franzose, Herr Graf?« »Gewiß und noch dazu Franzose aus der Touraine,« erwiderte er lächelnd. »Aber, Herr Graf, gestattet mir die Frage, wie geht das zu, daß ...?« »Oh! sehr natürlich,« unterbrach ihn der Graf. »Die Geschichte ist nicht lang, und da Ihr aufgelegt seid, sie zu hören, so will ich sie Euch in wenigen Worten mittheilen. Meinen Namen kennt Ihr, ich bin der Graf Ludovic Mahiet-de-la-Saulay; meine Familie, aus der Touraine gebürtig, ist eine der ältesten dieser Provinz, sie führt auf die ersten Franken zurück: einer meiner Ahnen, sagt man, sei einer der größten Vasallen des Königs Chlodwig gewesen, der ihm für seine treuen Dienste große, mit Weiden besetzte Wiesen zum Geschenk machte, wovon später meine Familie ihren Namen erhalten hat. Ich erwähne diesen Ursprung nicht aus einem übel angebrachten Gefühle des Stolzes. Obwohl adelig nach Thaten und Wappen, bin ich, Gott sei Dank, in solchen Fortschrittsideen erzogen, um zu wissen, was ein Titel in der Zeit, in der wir leben, gilt und um zu erkennen, daß der wahre Adel nur allein in edlen Gesinnungen wohnt; allein ich mußte Euch diese besondern Umstände mittheilen, welche meine Familie berühren, um Euch klar zu machen, wie meine Ahnen, die stets hohe Aemter unter den verschiedenen Dynastien, welche in Frankreich aufeinander gefolgt sind, bekleideten, dahin gelangten, einen jüngeren, spanischen Familienzweig zu haben, während der ältere Zweig französisch blieb. Zur Zeit der Ligue lagen die von den Guisen herbeigerufenen Spanier, mit denen die Ersteren eine Alliance gegen den König Heinrich den IV., den man noch heute den König von Navarra nennt, geschlossen hatten, eine Zeit lang in Paris in Garnison. Ich bitte um Verzeihung, lieber Herr Olivier, daß ich in solche Details eingehe, die Euch höchst unnütz scheinen werden.« »Im Gegentheil, Herr Graf, sie interessiren mich vielmehr sehr; fahrt fort, ich bitte.« Der junge Mann verneigte sich und begann von Neuem: »Nun aber war der damalige Graf de-la-Saulay ein eifriger Parteigänger der Guisen und ein sehr intimer Freund des Herzogs von Mayenne. Der Graf hatte drei Kinder, zwei Söhne, die in den Reihen der Liguearmee kämpften, und eine Tochter, Ehrendame bei der Herzogin von Montpensier, Schwester des Herzogs von Mayenne. Die Belagerung von Paris dauerte lange Zeit, und als Heinrich IV. endlich daran verzweifelte, sich der Stadt wieder zu bemächtigen, kaufte er sie von dem Herzog von Brissac, Gouverneur der Bastille für die Ligue, in baarem Silbergelde. Viele Officiere des Herzogs von Mendoça, dem Commandanten der spanischen Truppen, und dieser General selbst, hatten ihre Familien bei sich. Kurz, der jüngste Sohn meines Ahnherrn verliebte sich in eine der Nichten des spanischen Generals, bat um ihre Hand und erhielt sie, während seine Schwester auf die Bitten der Herzogin Montpensier einwilligte, die ihrige einem Flügeladjutanten des Generals zu reichen. Die schlaue und politische Herzogin glaubte durch diese Verbindungen den französischen Adel von Dem zu entfernen, den sie den Bearner und Hugenotten nannte, und seinen Triumph, wenn nicht unmöglich zu machen, so doch zu verzögern. Aber wie dies in solchen Fällen immer geschieht, erwiesen sich diese Berechnungen als falsch, der König eroberte sein Königreich wieder und die am Meisten in dem Aufstand der Ligue verwickelten Edelleute sahen sich gezwungen, die Spanier auf ihrem Rückzuge zu begleiten und mit ihnen Frankreich zu verlassen. Mein Ahnherr erhielt leicht Verzeihung vom Könige, der ihm später sogar ein wichtiges Commando anvertraute und seinen ältesten Sohn in seine Dienste nahm; der Jüngste aber widerstand allen Bitten und Einwendungen seines Vaters, nach Frankreich zurückzukehren, sondern ließ sich für immer in Spanien nieder. »Die beiden Familienzweige fuhren indessen, obwohl getrennt, fort, Verbindungen unter sich zu unterhalten und sich unter einander zu verehelichen. Mein Großvater heirathete während seiner Verbannung eine Tochter des spanischen Zweiges; und jetzt bin ich im Begriff, eine ähnliche Verbindung zu schließen. Ihr seht, lieber Herr, daß dies Alles sehr prosaisch und sehr wenig interessant ist.« »Also Ihr würdet darein willigen, so zu sagen blindlings eine Dame zu heirathen, die Ihr noch niemals gesehen habt, und die Ihr nicht einmal kennt?« »Was wollt Ihr, es ist einmal so, meine Einwilligung ist unnütz bei dieser Sache, die Verbindlichkeit ist feierlich durch meinen Vater angenommen, ich muß also seinem Worte nachkommen. Uebrigens,« setzte er lächelnd hinzu, »beweist Euch meine Gegenwart hier, daß ich nicht gezögert habe zu gehorchen. Vielleicht würde ich, wenn mein Wille frei gewesen wäre, diese Verbindung nicht eingegangen sein; leider hing dies jedoch nicht von mir ab, ich habe mich dem Willen meines Vaters fügen müssen. Ueberdies gestehe ich Euch, daß ich mich, in dem fortwährenden Hinblick auf diese Heirath erzogen und sie unvermeidlich wissend, allmählich an den Gedanken gewöhnt habe, und dieses Opfer für mich nicht so groß ist, als Ihr vielleicht vermuthet.« »Das thut nichts,« antwortete Olivier mit einer gewissen Rauhheit, »zum Teufel mit dem Adel und dem Vermögen, wenn sie solche Verbindlichkeiten auferlegen; da ist das Abenteurerleben in der Wildniß und die armselige Unabhängigkeit mehr werth; wenigstens ist man immer Herr seiner selbst.« »Ich bin vollkommen Eurer Meinung; dessen ungeachtet muß ich mein Haupt beugen. Jetzt gestattet mir, eine Frage an Euch zu richten.« »Von ganzem Herzen zwei, wenn 's Euch beliebt.« »Wie kommt es, daß wir uns zufällig in dem französischen Hôtel in Vera-Cruz, im Augenblicke meiner Ankunft begegneten und so schnell vertraut mit einander geworden sind?« »Was das anbetrifft, so werde ich außer Stande sein, diese Frage zu beantworten; Ihr habt mir auf den ersten Blick gefallen. Euer Benehmen hat mich angezogen; ich habe Euch meine Dienste angeboten, die Ihr angenommen habt, und so sind wir zusammen nach Mexiko aufgebrochen: das ist die ganze Geschichte, einmal dort – werden wir uns trennen, um uns wahrscheinlich nie wieder zu sehen, damit ist Alles gesagt.« »Oh! oh! Herr Olivier, laßt mich glauben, daß Ihr im Irrthum seid, daß wir uns im Gegentheil oft wieder sehen werden, und daß unsere Bekanntschaft bald zu einer festen Freundschaft werden wird.« Der Andere schüttelte wiederholt mit dem Kopfe. »Herr Graf,« sagte er endlich, »Ihr seid Edelmann, reich und in guter Lebensstellung, ich bin nur ein Abenteurer, dessen vergangenes Leben Ihr nicht kennt und von dem Ihr kaum den Namen wißt, da Ihr voraussetzet, daß der, welchen ich in diesem Augenblick trage, der wirkliche sei. Unsere Stellungen sind zu verschieden, es giebt zwischen uns eine zu scharfe Scheidelinie, als daß wir auf dem Fuße schicklicher Gleichheit einander gegenüber stehen könnten. Sobald wir in die Anforderungen der civilisirten Welt zurückgetreten sein würden, müßte ich Euch bald, da ich älter als Ihr bin und eine größere Welterfahrung besitze, zur Last fallen; bestehet also nicht darauf und bleiben wir jedes an unserem Platze. Dies, das seid überzeugt, wird für Euch und für mich besser sein: ich bin in diesem Augenblick viel mehr Euer Führer als Euer Freund, diese Stellung ist die einzige, welche mir geziemt; laßt mich also an diesem Platze.« Der Graf wollte etwas erwidern, aber Olivier ergriff rasch seinen Arm. »Still,« sagte er, »hört ...« »Ich höre nichts,« versetzte nach einem Augenblick der junge Mann. »In der That,« erwiderte der Andere lächelnd, »Eure Ohren sind nicht wie die meinigen für jedes Geräusch, welches die Stille der Wildniß unterbricht, empfänglich: ein Wagen nähert sich im raschen Lauf von Orizaba her, er verfolgt sogar denselben Weg wie wir; bald wird er Euren Blicken sichtbar werden, ich unterscheide ganz deutlich das Schellengeläute der Maulesel.« »Das ist ohne Zweifel die Post von Vera-Cruz, in welcher sich meine Diener und mein Gepäck befinden, und welcher wir um einige Stunden voraus sind.« »Vielleicht ja, vielleicht auch nein,« erwiderte der Andere nach einem Augenblick des Nachdenkens; »auf alle Fälle ist es gut, uns vorzusehen.« »Uns vorzusehen, warum?« fragte erstaunt der junge Mann. Olivier warf ihm einen seltsamen Blick zu. »Ihr kennt noch nichts von dem amerikanischen Leben,« antwortete er endlich: »in Mexico ist das erste Gesetz der Selbsterhaltung immer, sich gegen die wahrscheinlichen Eventualitäten eines Ueberfalls zu schützen. Folgt mir und thut, was ich thun werde.« »Wollen wir uns denn verstecken?« »Wahrhaftig!« erwiderte er achselzuckend. Ohne etwas Weiteres zu erwidern, näherte er sich seinem Pferde, legte ihm den Zügel wieder an und schwang sich mit einer Leichtigkeit und Geschicklichkeit, die eine lange Gewohnheit anzeigte, in den Sattel und sprengte auf ein höchstens hundert Meter entferntes Gehölz zu. Wider Willen durch die Macht beherrscht, welche dieser Mann, durch seine seltsame Handlungsweise auf ihn ausübte, folgte der Graf seinem Beispiel. »Wohlan,« sagte der Abenteurer, sobald sie sich vollständig geschützt hinter den Bäumen befanden, »jetzt wollen wir warten.« Einige Minuten vergingen. »Seht,« sprach Olivier lakonisch, indem er den Arm in der Richtung eines kleinen Gehölzes ausstreckte, aus welchem sie zwei Stunden früher hervorgeritten waren. Der Graf wendete mechanisch den Kopf nach dieser Seite; in demselben Augenblick sprengten ungefähr zehn, mit Säbeln und langen Lanzen bewaffnete Reiter im Galopp in das Thal und auf den Paß von Las-Cumbres zu. »Soldaten des Präsidenten von Vera-Cruz,« murmelte der junge Man »was hat Das zu bedeuten?« »Wartet,« versetzte der Abenteurer. Bald wurde das Rollen eines Wagens vernehmbar und eine durch ein Gespann von sechs Mauleseln gleich einem Sturmwind dahergetragene Berline erschien. »Verdammt,« rief der Abenteurer mit einer Geberde des Zorns, als er den Wagen bemerkte. Der junge Mann blickte seinen Gefährten an; dieser war bleich wie eine Leiche, ein convulsivisches Zittern ging durch alle seine Glieder. »Was habt Ihr denn?« fragte voller Interesse der Graf. »Nichts,« antwortete der Andere trocken, »blicket hin ...« Hinter, dem Wagen folgte demselben in geringer Entfernung eine Abtheilung Soldaten, die auf ihrem Wege ganze Wogen von Staub aufwühlten. Darauf verloren sich Reiter und Berline in den Paß, worin sie bald darauf verschwanden. »Teufel,« meinte lachend der junge Mann, »das wenigstens sind vorsichtige Reisende; sie laufen keine Gefahr, geplündert zu werden.« »Glaubt Ihr?« versetzte Olivier im Tone beißender Ironie. »Nun! Ihr seid im Irrthum, sie werden im Gegentheil noch vor einer Stunde, und wahrscheinlich durch die zu ihrer Vertheidigung bezahlten Soldaten angegriffen werden.« »Geht doch, das ist nicht möglich.« »Wollt Ihr es sehen?« »Ja, der seltenen Thatsache wegen.« »Allein, nehmt Euch dabei in Acht; vielleicht kostet es Pulver.« »Ich hoffe es in der That.« »So seid Ihr entschlossen, diese Reisenden zu vertheidigen?« »Gewiß, wenn man sie angreift.« »Ich wiederhole Euch, daß man sie angreifen wird.« »Auf denn, zur Schlacht!« »Gut denn, Ihr seid ein braver Cavalier.« »Beunruhigt Euch meinetwegen nicht; wo Ihr bleiben werdet, bleibe ich auch.« »So mit Gottes Hülfe! Wir haben gerade noch die nöthige Zeit um hin zu kommen, wachet über Euer Pferd, denn bei meiner Seele, wir werden einen Ritt machen, wie Ihr noch nie einen erlebt.« Die beiden Reiter neigten sich auf den Hals ihrer Pferde, drückten denselben die Sporen in die Seiten und sprengten den Reisenden nach. II. Die Reisenden. Zu jener Zeit, in der sich unsere Geschichte ereignet, unterlag Mexiko einer seiner schrecklichen Krisen, deren periodische Wiederkehr dieses unglückliche Land allmählich in die äußerste Noth versetzt hat, aus welcher sich allein wieder zu erheben, es ohnmächtig ist. Hier in wenigen Worten die Thatsachen, welche sich ereignet hatten. Der General Zulaoga, zum Präsidenten der Republik ernannt, hatte eines Tages, man weiß nicht weshalb, die Last für seine Schultern zu schwer gefunden und zu Gunsten des Generals Don Miguel Miramon abgedankt, der dem zufolge zum interimistischen Präsidenten ernannt worden war. Dieser, ein energischer und überdies sehr ehrgeiziger Mann, hatte seine Herrschaft in Mexiko begonnen, indem er vor Allem Sorge trug, seine Ernennung zur ersten obrigkeitlichen Würde des Landes durch den Congreß, der ihn einstimmig erwählt hatte, bestätigen zu lassen. Miramon war also nach Recht und Gesetz rechtmäßiger interimistischer Präsident, das heißt für die Zeit, welche noch vor den allgemeinen Wahlen verfließen mußte. So standen die Sachen eine geraume Zeit, aber Zulaoga, ohne Zweifel durch die Unbedeutendheit, in welcher er lebte, gelangweilt, änderte eines schönen Tages seine Meinung, und in einem Augenblicke, wo man es am Wenigsten erwartete, verbreitete er unter dem Volke eine Proclamation, verständigte sich mit den Parteigängern Juarez', – welche Letzterer bei der Abdankung Zulaoga's in seiner Eigenschaft als Vicepräsident, den eingesetzten Nachfolger nicht anerkannt und sich durch eine sogenannte nationale Junta zum constitutionellen Präsidenten in Vera-Cruz hatte erwählen lassen – und erließ eine Verordnung, nach welcher er seine Abdankung zurücknahm, Miramon seiner ihm anvertrauten Macht enthob und sie von Neuem selbst zu übernehmen erklärte. Miramon schenkte dieser ungewöhnlichen Erklärung nur geringe Beachtung; stark in seinem Recht, welches er zu haben glaubte und welches der Congreß sanctionirt hatte, begab er sich allein nach dem, von dem General Zulaoga bewohnten Hause, bemächtigte sich seiner Person und zwang ihn, ihm zu folgen, indem er mit spöttischem Lächeln sagte: »Da Ihr die Macht wieder zu übernehmen wünscht, will ich Euch lehren, wie man Präsident der Republik wird.« Und ihn als Geißel behaltend, obgleich er ihn mit der größten Rücksicht behandelte, nöthigte er ihn, ihn auf einem Feldzug zu begleiten, welchen er in die Provinzen des Innern, nach Guadalajara zu, gegen die Generäle der entgegengesetzten Partei unternahm, die, wie wir bereits erwähnt haben, den Namen der Constitutionellen angenommen hatten. Zulaoga leistete keinen Widerstand; er ergab sich anscheinend in sein Schicksal, ja, er ging so weit, sich gegen Miramon zu beklagen, daß er ihn nicht ein Commando in seiner Armee anvertraute. Dieser ließ sich durch seine scheinbare Ergebung täuschen und versprach ihm, daß bei der ersten Schlacht sein Wunsch befriedigt werden sollte. Aber eines schönen Morgens, waren Zulaoga und die Generaladjutanten, die man ihm beigegeben hatte, vielmehr um ihn zu bewachen, als ihm eine Ehre zu erweisen, plötzlich verschwunden und man vernahm einige Tage später, daß sie sich zu Juarez geflüchtet hatten, von wo Zulaoga von Neuem gegen die Gewalt, deren Opfer er gewesen war, zu protestiren und neue Verordnungen gegen Miramon zu erlassen begann. Juarez ist ein hinterlistiger, schlauer und tiefer Verstellung fähiger Indianer; ein geschickter Staatsmann, ist er der einzige Präsident der Republik, welcher seit der Unabhängigkeitserklärung nicht zur Armee gehört. Hervorgegangen aus den niedrigsten Schichten der mexikanischen Gesellschaft, erhob er sich allmählich kraft seiner Zähigkeit bis zu dem hohen Posten, welchen er heute einnimmt. Da er den Charakter der Nation, welche er zu regieren behauptet, besser als irgend Jemand kennt, so weiß auch keiner den Leidenschaften des Volkes so gut zu schmeicheln und den Enthusiasmus der Massen so zu erregen wie er. Mit einem unmäßigen Ehrgeiz begabt, den er sorgfältig unter dem düsteren Scheine einer tiefen Liebe zum Vaterlande verbirgt, war es ihm gelungen, sich nach und nach eine Partei zu schaffen, welche zu der Zeit, von der wir reden, furchtbar geworden war. Der constitutionelle Präsident hatte seine Stadthalterschaft in Vera-Cruz errichtet und kämpfte aus der Tiefe seines Cabinets durch seine Generäle gegen Miramon. Obwohl er von keiner Macht als der der vereinigten Staaten anerkannt wurde, so handelte er dennoch, als ob er der wirklich rechtmäßige Bevollmächtigte der Nation gewesen wäre; der Beitritt Zulaoga's, den er im Grunde seines Herzens wegen seiner Feigheit und Nichtigkeit verachtete, lieferte ihm die Waffe in die Hand, deren er benöthigt war, um seine Pläne zu einem guten Ende zu führen. Er machte es gleichsam zu einem Schutz für seine Partei, indem er forderte, daß Zulaoga zuvor in die Macht, aus welcher ihn Miramon verdrängt, wieder eingesetzt und alsdann zu neuen Wahlen geschritten werden sollte. Uebrigens zögerte Zulaoga nicht, ihn als den einzigen, durch die freie Wahl der Bürger rechtmäßigen Präsidenten feierlichst anzuerkennen. Die Frage war klar ausgesprochen: Miramon repräsentirte die conservative Partei, das heißt die der Geistlichkeit, der großen Grundbesitzer und des Handels; Juarez dagegen die absolut demokratische Partei. Der Krieg nahm damals furchtbare Dimensionen an. Leider braucht man zum Kriegführen Geld, und Geld war es, was Juarez gänzlich fehlte, und zwar aus folgenden Gründen: In Mexiko ist das öffentliche Vermögen nicht in den Händen der Regierung concentrirt; jeder Staat, jede Provinz behält das Recht der freien Verfügung und Verwaltung der Privatbesitzungen der Städte, welche einen Theil seines Gebietes ausmachen. Anstatt daß die Provinzen also von der Regierung abhängen, sind diese und die Hauptstadt dem Joche der Provinzen unterworfen, welche, sobald sie sich empören, die Subsidien einbehalten und die Gewalt in eine kritische Lage bringen. Ferner befinden sich zwei Dritttheile des öffentlichen Vermögens in den Händen der Geistlichkeit, die sich wohl hütet, etwas davon wieder herauszugeben, und welche, da sie weder Abgaben noch Verbindlichkeiten irgend welcher Art zahlt, sich begnügt, ihr Geld zu ziemlich hohen Zinsen auszuleihen und erlaubten Wucher damit zu treiben, was sie noch mehr bereichert, ohne daß sie jemals ihr Capital riskirt. Juarez, obwohl Herr von Vera-Cruz, befand sich also in einer sehr schwierigen Lage; aber er ist vor allen Dingen ein Mann, der sich zu helfen weiß, und um das Geld aufzutreiben, welches ihm fehlte, war er durchaus nicht in Verlegenheit. Er begann damit, auf den Zoll in Vera-Cruz Beschlag zu legen, dann bildete er Cuadrillas oder Guerillas, die sich keinen Scrupel machten, die Haciendas der Anhänger Miramon's, der in dem Lande wohnenden, größtentheils reichen Spanier und Fremden aller Nationen, bei denen sie etwas Gutes zu finden hofften, zu überfallen. Mit diesen Thaten begnügten sich diese Guerillas nicht einmal: sie unternahmen es sogar, die Reisenden zu plündern und die Eisenbahnzüge zu überfallen; man glaube nicht, daß wir die Thatsachen vergrößern, im Gegentheil wir stellen sie geringer dar. Um gerecht zu sein, müssen wir hinzufügen, daß Miramon seinerseits es nicht daran fehlen ließ, dieselben Mittel anzuwenden, sobald sich die Gelegenheit dazu bot, aber sie war selten, seine Lage war nicht so abenteuerlich wie die Juarez', um mit wirklichem Nutzen in trübem Wasser zu fischen. Allerdings handelten die Guerillas anscheinend aus eigenem Antrieb, was die beiden Regierungen höchlichst mißbilligten, die sogar bei gewissen Gelegenheiten mit Strenge gegen sie einzuschreiten schienen, indessen war der Schleier so durchsichtig, daß diese Comödie Niemand täuschte. Mexiko war demnach in der That in eine unendliche Räuberhöhle umgestaltet, in welcher die Hälfte der Bevölkerung die andere beraubte und mordete. Dies war die politische Lage des unglücklichen Landes zu der Zeit, von der wir sprechen; zweifelhaft ist es, ob sie sich seitdem sehr geändert hat, wofern sie nicht noch schlimmer geworden ist. An demselben Tage, wo unsere Geschichte ihren Anfang nimmt, zur Zeit, als die noch unter dem Horizonte befindliche Sonne das tiefe Blau des Himmels mit ihren goldigen und purpurnen Strahlen zu färben begann, bot ein aus Schilfrohr errichteter Rancho, der, trotzdem er ziemlich geräumig war, einem Hühnerkorbe glich, in einer so frühen Morgenstunde einen seltsam belebten Anblick dar. Dieser mitten in einer köstlichen Gegend, kaum einige Schritte von dem Rincon-Grande erbaute Rancho war seit Kurzem in eine Venta oder Herberge verwandelt worden für solche Reisende, die durch die Nacht überrascht oder welche aus irgend einem andern Grunde es vorzogen, daselbst Halt zu machen, anstatt bis zur Stadt ihren Weg fortzusetzen. Auf einem ziemlich großen vor der Venta freigelassenen Raum waren im Halbkreis die Ballen mehrer Frachtfuhren mit einer gewissen Symmetrie übereinander aufgeschichtet, in der Mitte dieses Kreises kauerten die Arrieros neben dem Feuer und dörrten Tasajo zu ihrem Frühstück oder reparirten die Saumsättel ihrer Pferde, die, gruppenweiß vertheilt, ihren auf die Erde geschütteten Vorrath von Mais verzehrten. Eine mit Koffern und Schachteln beladene Berline war etwas seitwärts in einem Schuppen untergebracht und stand neben einem Postwagen, der durch einen Unfall an einem seiner Räder gezwungen gewesen, an diesem Orte Halt zu machen. Mehrere Reisende, welche die Nacht, in ihre Zarape gehüllt, unter freiem Himmel zugebracht hatten, erwachten aus ihrem Schlummer, andere gingen, ihre Papelitos rauchend, auf und ab, während einige Lebhaftere bereits ihre Pferde gesattelt hatten und nach verschiedenen Richtungen im Galopp davon sprengten. Bald darauf kam der Kutscher der Post unter seinem Wagen hervor, wo er, tief im Grase vergraben, geschlafen hatte, gab seinen Thieren zu fressen, verband ihre durch das Geschirr geriebenen Wunden, spannte sie ein und begann daraus seine Passagiere zusammenzurufen. Diese, durch sein Geschrei erweckt, kamen schlaftrunken aus der Venta hervor und schickten sich an, ihre Plätze im Wagen einzunehmen. Es waren neun Personen; außer zwei europäisch gekleideten und leicht für Franzosen zu erkennenden Individuen, trugen alle Andern die mexikanische Tracht und schienen wirkliche hijos de pays , das heißt Kinder des Landes zu sein. In dem Augenblick, wo der Kutscher oder Mayoral, ein Amerikaner reinen nordischen Blutes, – nachdem es ihm vermittelst einiger mit schlechtem Spanisch untermischten Yankéeflüche, gelungen war, seine Reisenden, so gut es ging, in seinen durch die Stöße des Weges halb verstauchten Wagen unterzubringen, die Zügel ergriff, um aufzubrechen, ließ sich der Galopp von Pferden mit Säbelgeklirr vermischt, vernehmen und eine Reitertruppe, in fast militairischer, aber sehr defecter Tracht, machte vor dem Rancho Halt. Diese aus einigen zwanzig Männern mit wahren Galgengesichtern bestehende Truppe war von einem Alferez oder Unterlieutenant commandirt, der ebenso armselig wie seine Soldaten gekleidet war, dessen Waffen jedoch nichts zu wünschen übrig ließen. Dieser Officier war ein langer, magerer und nerviger Mann, mit tückischer Physiognomie, schielendem Blick und rußiger Hautfarbe. »Holla! Gevatter,« rief er dem Mayoral zu, »Ihr brecht sehr früh auf, scheint mir.« Der einen Augenblick vorher so grobe Yankee war plötzlich wie umgewandelt; er verbeugte sich demüthig mit verstelltem Lächeln und antwortete mit einer schleppenden, einfältigen Stimme, indem er eine große Freude, – die er wahrscheinlich nicht empfand, – zur Schau trug. »Ah! Valga me dios ! das ist ja der Sennor Don Jesus Dominguez! Welch' glückliches Zusammentreffen! Eine so große Freude hätte ich mir diesen Morgen nicht träumen lassen; kommt Eure Herrlichkeit, um die Post zu escortiren?« »Nein, heute nicht; eine andere Pflicht führt mich her.« »Oh! Eure Herrlichkeit hat ganz recht, meine Passagiere verdienen keineswegs eine so ehrenvolle Begleitung; es sind Costenos , die mir nicht sehr reich zu sein scheinen, überdies werde ich gezwungen sein, wenigstens auf einige Stunden in Orizaba zu verweilen, um meinen Wagen zu repariren.« »Dann lebt wohl und geht zum Henker!« antwortete der Officier. Der Mayoral zögerte einen Augenblick, worauf er, anstatt dem Befehl zum Aufbruch Folge zu leisten, schnell von dem Bock stieg und sich dem Officier näherte. »Ihr habt mir irgend eine Nachricht zu geben, nicht wahr, Gevatter« sagte dieser. »Ja, Sennor« antwortete der Mayoral, verstellt lachend. »Ah! ah!« meinte der Andere, »und was ist das für eine? Ist sie gut oder schlecht?« »Der Rayo ist auf dem Wege nach Mexiko voran.« Der Officier schauderte unmerklich bei dieser Eröffnung, aber sich sogleich wieder beherrschend, sagte er: »Ihr seid im Irrthum.« »Ah! doch nicht; ich habe ihn gesehen, wie ich Euch sehe.« Der Officier schien einige Minuten zu überlegen. »Es ist gut, Gevatter, ich danke Euch; ich werde meine Vorsichtsmaßregeln treffen. Und Eure Passagiere?« »Es sind arme Tröpfe, außer den beiden Dienern eines französischen Grafen, dessen Koffer und Kisten allein den ganzen Wagen ausfüllen, die Andern sind nicht der Mühe werth, daß man sich mit ihnen beschäftigt. Habt Ihr die Absicht, sie zu visitiren?« »Ich bin noch nicht dazu entschlossen, werde es mir jedoch überlegen.« »Nun, Ihr werdet schon handeln, wie Ihr es für gut findet. Verzeiht, wenn ich Euch jetzt verlasse, Sennor Don Jesus; meine Passagiere werden unruhig, ich muß aufbrechen.« »Auf Wiedersehen denn!« Der Mayoral bestieg seinen Sitz; peitschte auf die Maulesel und der Wagen rollte mit einer Schnelligkeit dahin, die wenig beruhigend für Diejenigen war, welche er umschloß und die bei jeder Wendung des Weges Gefahr liefen, ihre Knochen zu zerbrechen. Sobald der Officier sich allein sah, näherte er sich dem mit dem Messen des Mais beschäftigten Venturo und fragte in hochmüthiger Weise: »Habt Ihr nicht einen spanischen Caballero und eine Dame hier?« »Ja,« antwortete der Venturo, indem er den Kopf mit einer mit Furcht gemischten Ehrerbietung entblößte, »ja, Herr Officier, ein ziemlich bejahrter Caballero ist gestern in Begleitung einer ganz jungen Dame etwas nach Sonnenuntergang in jener Berline, die Ihr dort vor der Thür des Rancho erblickt, angekommen; sie hatten eine Eskorte bei sich. Nach Dem, was die Soldaten gesagt haben, kommen sie von Vera-Cruz und begeben sich nach Mexiko.« »Es ist so, ich bin gesandt, um ihnen bis Puebla-de-Los-Angelos als Eskorte zu dienen; aber sie scheinen es nicht eilig zu haben; dennoch wird der Tag lang werden und sie würden nicht übel daran thun, sich zu beeilen.« In diesem Augenblick öffnete sich eine innere Thür, ein reich gekleideter Mann trat in den gemeinschaftlichen Raum und nachdem er leicht seinen Hut gelüftet und dabei sein Ave Maria purissima ausgesprochen hatte, schritt er auf den Officier zu, der ihm, sobald er ihn erblickte, einige Schritte entgegen ging. Diese neue Persönlichkeit war ein noch rüstiger Mann von ungefähr fünf und fünfzig Jahren; seine Gestalt war hoch und elegant, seine Gesichtszüge schön und edel, ein Ausdruck von Offenheit und Güte lag über seiner Physiognomie verbreitet. »Ich bin Don Antonio de Carrera,« sagte er, den Officier anredend, »ich habe die Worte, die Ihr mit unserem Wirth austauschtet, gehört und glaube, die Person zu sein, welche Ihr zu eskortiren, den Auftrag habt, Herr.« »In der That, Sennor Caballero,« erwiderte höflich der Unterlieutenant, »der von Euch ausgesprochene Name ist allerdings der in meiner Ordre befindliche; ich erwarte daher Eure Befehle.« »Ich danke Euch, Sennor, meine Tochter ist etwas leidend, ich müßte fürchten, wenn wir so früh aufbrechen, daß ihre zarte Gesundheit einer Krankheit unterliegen würde; wenn es Euch daher nicht ungelegen kommt, so werden wir noch einige Stunden hier bleiben und erst nach unserem Frühstück, welches Ihr mit uns zu theilen mir die Ehre erweisen werdet, abreisen.« »Ich danke Euch vielmals, Caballero,« versetzte der Officier, indem er sich höflich verbeugte, »aber ich bin nur ein einfacher Soldat, dessen Gesellschaft einer Dame nicht angenehm sein würde; Ihr wollt mich daher gütigst entschuldigen, wenn ich Eure freundliche Einladung ablehne, für welche ich indessen eben so dankbar bin, als wenn ich sie annähme.« »Ich bestehe nicht darauf, Herr, obwohl es mir schmeichelhaft gewesen wäre, Euch als Gast zu haben; so ist es also abgemacht; nicht wahr, daß wir noch hier bleiben werden.« »So lange es Euch beliebt, Sennor, ich wiederhole, ich bin ganz zu Eurem Befehl.« Nach diesem wechselseitigen Austausch freundlicher Redensarten trennten sich die Beiden; der Greis trat wieder in das Innere des Rancho und der Officier ging hinaus, um das Bivouac seiner Truppe einzurichten. Die Soldaten sprangen von ihren Pferden, befestigten dieselben an einen Pfahl und begannen, ihre Cigarre rauchend, auf und ab zu gehen, indem sie Alles mit jener den Mexikanern eigenthümlichen unruhigen Neugier betrachteten. Indessen hatte der Officier leise einem Soldat einige Worte zugeflüstert, und dieser, anstatt dem Beispiel seiner Gefährten zu folgen, war wieder zu Pferde gestiegen und im Galopp davon geritten. Gegen zehn Uhr Morgens spannten die Diener des Don Antonio de Carrera die Pferde vor die Berline, worauf einige Minuten später der Greis erschien. Er führte eine Dame am Arme, die dergestalt in ihren Schleier und Mantel eingehüllt war, daß man buchstäblich nichts von ihrem Gesicht erkennen, noch die Eleganz ihrer Gestalt errathen konnte. Sobald die junge Dame bequem in der Berline untergebracht war, wendete sich Don Antonio zu dem Officier, der sich ihm rasch genähert hatte. »Wir wollen aufbrechen, wenn es Euch recht ist, Herr Lieutenant,« sagte er. Don Jesus verneigte sich zustimmend. Die Eskorte schwang sich in den Sattel, der Greis stieg in die Berline, deren Schlag von einem Diener geschlossen wurde, welcher sich darauf an die Seite des Kutschers setzte; vier andere wohl bewaffnete Diener nahmen ihren Platz hinter dem Wagen ein. »Vorwärts,« rief der Officier. Die Hälfte der Eskorte bildete die Vorhut, die andere Hälfte die Nachhut; der Kutscher trieb durch Peitschenhiebe seine Pferde an und Wagen und Reiter, in rasendem Galopp davongetragen, verschwanden in einer Staubwolke. »Gott schütze ihn!« murmelte der Venturo, indem er sich bekreuzte und in seiner Hand zwei Goldunzen klingen ließ, die ihm Don Antonio gegeben hatte; »dieser Greis ist ein würdiger Edelmann; unglücklicher Weise ist Don Jesus bei ihm und ich fürchte sehr, daß seine Begleitung ihm Unheil bringt.« III. Die Salteadores. So rollte die Berline, von ihrer Escorte umgeben, auf dem Wege nach Orizaba dahin. Aber in geringer Entfernung von dieser Stadt schlug sie einen Seitenweg ein, welcher sich mit dem Wege von Puebla vereinigte, und fuhr, während die beiden Reisenden in eine Unterhaltung vertieft waren, auf die Pässe von Las-Cumbres zu. Die Dame, welche den Greis begleitete, war ein junges Mädchen von höchstens sechszehn bis siebzehn Jahren; ihre feinen, zarten Züge, ihre blauen Augen, deren lange Wimpern beim Niederblicken einen dunklen Halbkreis auf ihre sammetartigen Wangen zeichneten, ihre gerade Nase mit rosigen Flügeln, ihr kleiner Mund, dessen halbgeöffnete Korallenlippen eine doppelte Perlenreihe zeigte, ihr durch ein Grübchen getheiltes Kinn, ihr bleicher Teint, dessen Weiße noch matter erschien durch die seidenweichen, dunklen Locken, die ihr Gesicht umrahmten und auf ihre Schultern fielen, gaben ihr eine jener seltsamen und sympathischen Physiognomieen, wie sie allein die Aequinoctialländer hervorbringen und die, ohne die Zartheit unserer spröden Schönheiten der kalten Klimate des Nordens zu besitzen, jene unwiderstehliche Anziehungskraft haben, welche uns in der Frau den Engel träumen läßt und nicht allein Liebe, sondern selbst Anbetung hervorruft. Anmuthig in eine Ecke des Wagens zurückgelehnt, halb in den Falten des Schleiers verborgen, ließ sie mit träumerischem Ausdruck ihre Blicke über die Landschaft schweifen, indem sie nur einsylbig und mit zerstreuter Miene die Reden ihres Vaters beantwortete. Obwohl der Greis eine gewisse Sicherheit zur Schau trug, so schien er dennoch ziemlich unruhig. »Sieh, Dolores,« sagte er, »dies Alles ist nicht recht klar; trotz der wiederholten Versicherungen der Häupter der Regierung von Vera-Cruz, und des Schutzes, mit dem sie mich dem Anscheine nach umgeben, habe ich kein Vertrauen zu ihnen.« »Warum denn nicht, mein Vater?« fragte nachlässig das junge Mädchen. »Aus tausend Gründen; hauptsächlich weil ich ein Spanier bin, und Du weißt, daß leider in unserer jetzigen Zeit dieser Name ein Grund mehr zu dem Haß der Mexikaner gegen alle Europäer im Allgemeinen ist.« »Das ist nur zu wahr, mein Vater, aber erlaubt mir eine Frage.« »Sprich, Dolores, ich höre.« »Wohlan, ich wünschte, daß Ihr mir den so dringenden Beweggrund mittheiltet, der Euch veranlaßt hat, so plötzlich Vera-Cruz zu verlassen und mich auf dieser Reise mitzunehmen, wo ich Euch doch sonst nie auf Euren Auflügen begleiten durfte.« »Der Grund ist sehr einfach, mein Kind, ernste Interessen erfordern meine Anwesenheit in Mexiko, wohin ich mich so schnell als möglich begeben muß; anderntheils bewölkt sich der politische Horizont von Tag zu Tage mehr, und so glaubte ich, daß der Aufenthalt in unserer Hacienda-del-Arenal in kurzer Zeit für unsere Familie gefährlich werden könnte. Ich beabsichtige Dich daher in Puebla zu lassen bei unserm Verwandten, Don Louis de Pezal, dessen Pathe Du bist und der Dich sehr liebt, dann nach Arenal zu gehen, Deinen Bruder Melchior zu holen, und diesen mit Dir nach der Hauptstadt zu bringen, wo es uns leicht sein wird, einen wirklichen Schutz zu finden, in dem leider voraus zu sehenden Falle, daß, ich will nicht sagen eine neue Revolution, – denn wir unterliegen derselben schon seit langer Zeit – wohl aber eine Sündfluth losbrechen sollte die plötzlich die constituirte Macht umstoßen würde, um daselbst die von Vera-Cruz einzusetzen.« »Und Ihr hattet keinen andern Grund als diesen, mein Vater?« fragte das junge Mädchen, sich mit einem leichten Lächeln halb vorbeugend. »Welchen andern Grund, als den Dir eben angeführten, sollte ich haben, meine liebe Dolores?« »Ich weiß es nicht, mein Vater, deshalb frage ich Euch.« »Du bist ein neugieriges Mädchen,« erwiderte er und drohte ihr lachend mit dem Finger, »Du möchtest wohl gern mich zum Geständniß meines Geheimnisses bringen?« »Es giebt also ein Geheimniß, mein Vater?« »Es ist möglich, aber jetzt mußt Du Dich begnügen, denn ich werde es Dir nicht sagen.« »Wirklich, mein Vater?« »Gewiß, ich gebe Dir mein Wort.« »Oh! dann bestehe ich nicht weiter darauf; ich weiß nur zu wohl, daß Ihr dann böse werdet und Eure Stirn runzelt, und da ist alles Bitten vergeblich.« »Du bist thöricht, Dolores.« »Das ist einerlei; ich hätte so gern wissen mögen, weshalb Ihr einen falschen Namen für diese Reise angenommen habt?« »Oh! das will ich Dir sagen: mein Name ist zu bekannt als der eines reichen Mannes, als daß ich es wagen sollte, ihn auf Wegen zu tragen, die von Banditen wimmeln.« »Habt Ihr keinen andern Grund gehabt als diesen?« »Keinen andern, liebes Kind; ich glaube, er ist hinreichend, und die Vorsicht allein mußte mich veranlassen, so zu handeln, wie ich es gethan habe.« »Mag sein, mein Vater,« antwortete sie kopfschüttelnd und mit schmollender Miene; »aber,« rief sie plötzlich, »blicket hinaus, mein Vater, es scheint mir, als gehe der Wagen langsamer.« »In der That,« versetzte der Greis, »was bedeutet Das?« Er ließ das Wagenfenster nieder und blickte hinaus, aber er sah nichts, die Berline war in diesem Augenblicke in den Paß von Las-Cumbres eingefahren und der Weg machte so zahlreiche Biegungen, daß der Blick nicht weiter als fünf und zwanzig bis dreißig Schritt vor oder rückwärts zu dringen vermochte. Der Greis rief darauf einen der Diener herbei, die dem Wagen unmittelbar folgten. »Was giebt es denn, Sanchez?« fragte er; »es scheint mir, als führen wir nicht mehr so schnell.« »In der That, Sennor,« versetzte Sanchez; »seitdem wir die Ebene verlassen haben, kommen wir nicht mehr so rasch vorwärts, ohne daß ich die Ursache davon kenne; die Soldaten unserer Escorte scheinen unruhig zu sein, sie sprechen leise mit einander und schauen unaufhörlich um sich; es ist augenscheinlich, daß sie irgend eine Gefahr befürchten.« »Sollten die Salteadores oder Guerrillas, welche die Wege unsicher machen, uns angreifen wollen?« sprach der Greis mit schlecht verhehlter Unruhe; »erkundigt Euch doch, Sanchez. Der Ort wäre allerdings zu einem Ueberfall gut gewählt, indessen unsere Escorte ist zahlreich und wofern sie nicht mit den Banditen einverstanden ist, zweifle ich, daß diese es wagen sollten, uns den Weg zu versperren. Seht zu, Sanchez, sucht die Soldaten auszuforschen und stattet uns von Dem, was Ihr gehört, Rapport ab.« Der Diener verneigte sich, hielt den Zügel an und ließ den Wagen vorüber, dann schickte er sich an, den erhaltenen Auftrag auszuführen. Aber Sanchez kehrte fast augenblicklich zu der Berline zurück; seine Miene war bestürzt, seine keuchende Stimme kam pfeifend zwischen seinen vor Schreck zusammengepreßten Zähnen hervor, eine leichenartige Blässe bedeckte sein Gesicht. »Wir sind verloren, mein Gebieter,« murmelte er, indem er sich zu dem Wagenschlag neigte. »Verloren!« rief der Greis mit nervösem Schauder, indem er einen Blick auf seine vor Entsetzen stumme Tochter warf, – ein Blick, welcher die ganze Leidenschaft der väterlichen Liebe enthielt – »verloren! Ihr seid närrisch, Sanchez, erklärt Euch, um's Himmelwillen.« »Es ist nicht nöthig, Sennor,« antwortete der arme Tropf stammelnd. »Hier kommt Sennor Don Jesus Dominguez, der Anführer der Escorte, ohne Zweifel will er Euch von Dem in Kenntniß setzen, was vorgeht.« »Er möge kommen! Bei meiner Seele, eine Gewißheit, so schrecklich sie auch sei, ist besser als solche Angst.« Der Wagen hatte auf einer Art Plattform von hundert Meter im Quadrat, Halt gemacht; der Greis warf einen raschen Blick hinaus. Die Escorte umgab noch immer die Berline, allein sie schien sich verdoppelt zu haben: anstatt zwanzig Reiter waren es deren vierzig. Der Reisende begriff, daß er in einen Hinterhalt gefallen, daß jeder Widerstand Wahnsinn sein würde und ihm keine andere Chance blieb, als sich zu unterwerfen. Da er indessen trotz seines Alters noch rüstig, und mit einem entschlossenen Charakter und energischer Seele begabt war, so hielt er sich nicht auf den ersten Stoß für besiegt und beschloß, einen Versuch zu machen, sich so gut als möglich aus seiner schlimmen Lage zu ziehen. Nachdem er seine Tochter zärtlich geküßt, ihr anempfohlen hatte, ruhig zu bleiben und sich in Nichts, was vorgehen würde, zu mischen, öffnete er den Schlag und sprang ziemlich behend auf den Weg, einen Revolver in jeder Hand. Obwohl die Soldaten von dieser Handlung überrascht waren, machten sie keine Bewegung um sich gegen ihn zu vertheidigen, sondern standen unbeweglich in Reihe und Glied. Die vier Diener des Reisenden stellten sich ohne Zögern hinter ihren Herrn, jeder mit einem Carabiner bewaffnet und bereit, auf Befehl ihres Gebieters Feuer zu geben. Sanchez hatte die Wahrheit gesagt: Don Jesus Dominguez sprengte im Galopp heran; aber er war nicht allein, ein anderer Reiter begleitete ihn. Dieser war ein untersetzter, dicker Mann, mit finstern Zügen und schielendem Blick, dessen röthliche Hautfarbe ihn für einen Indianer reinster Race erkennen ließ; er trug die reiche Kleidung eines Obristen der regulären Armee. Der Reisende erkannte sogleich diese unheilverkündende Persönlichkeit als Don Felippe Neri Irzabal, einer der Befehlshaber der Guerrillas der Partei Juarez'; er hatte ihn in Vera-Cruz einige Male gesehen. Mit einem nervösen Zittern und Schaudern erwartete der Greis die Ankunft der beiden Männer, indessen sobald sie sich nur noch einige Schritte von ihm befanden, war er der Erste, der das Wort ergriff. »Holla, Caballeros,« rief er ihnen in stolzem Tone zu, »was bedeutet dies, und weshalb nöthigt Ihr mich, auf diese Weise meine Reise zu unterbrechen?« »Ihr werdet es hören, lieber Herr,« antwortete höhnisch der Guerrillero; »und damit Ihr gleich wißt, woran Ihr Euch zu halten habt, so verhafte ich Euch im Namen des Vaterlandes.« »Ihr verhaftet mich? Ihr?« rief der Greis, »und mit welchem Recht?« »Mit welchem Recht?« versetzte der Andere mit einem Unglück verheißenden Hohnlachen, » vive Christo ! Ich könnte Euch antworten, wenn es mir beliebte, mit dem größten Rechte und dieser Grund würde völlig entscheidend sein, denke ich.« »In der That,« entgegnete der Reisende mit scherzender Stimme, »ich vermuthe, das ist das Einzige, was Ihr angeben könnt.« »Nun, Ihr seid im Irrthum, mein edler Herr; das werde ich nicht angeben, ich verhafte Euch als Spion, des Hochverraths überführt.« »Geht doch, Sennor Colonel, Ihr seid närrisch, ich ein Spion und Verräther!« »Sennor, schon seit langer Zeit hat die Regierung des vortrefflichen Herrn Präsidenten Juarez ein Auge auf Euch; Eure Schritte sind überwacht worden, man weiß, aus welchem Grunde Ihr so schleunig Vera-Cruz verlassen habt und zu welchem Zwecke Ihr nach Mexiko geht.« »Ich begebe mich wegen Handelsgeschäfte nach Mexiko und der Präsident weiß es wohl, weil er selbst meinen Geleitsbrief unterzeichnet und mir zur Begleitung gütigst eine Escorte bewilligt hat, noch bevor ich nöthig hatte, dieselbe von ihm zu erbitten.« »Alles dies ist wahr, Sennor; unser großmüthiger Präsident, welcher stets strengen Maßregeln abgeneigt ist, wollte Euch nicht verhaften lassen, er zog es aus Rücksicht für Euer weißes Haar vor, Euch die Mittel zur Flucht zu lassen. Aber Euer letzter Verrath hat das Maß voll gemacht und der Präsident hat, sich Gewalt anthuend, die Nothwendigkeit erkannt, ohne Zögern mit Strenge gegen Euch einzuschreiten. Ich bin zu Eurer Verfolgung abgesandt, mit dem Befehl, Euch zu verhaften; diesen Befehl führe ich aus.« »Und darf ich wissen, welches Verrathes man mich anklagt?« »Besser als irgend Jemand müßt Ihr, Don Andrès de-la-Cruz, die Beweggründe kennen, welche Euch veranlaßt haben, den Namen eines Don Antonio de Carrera anzunehmen.« Don Andrès, denn dies war in Wahrheit sein Name, wurde durch diese Eröffnung niedergeschmettert; nicht daß er sich schuldig fühlte, denn der Wechsel des Namens war nur mit Genehmigung des Präsidenten bewirkt worden, aber er war bestürzt über die Falschheit der Leute, welche ihn verhafteten und welche, aus Mangel an bessern Gründen, sich dieses Umstands bedienten und ihn in eine schändliche Schlinge lockten, um sich eines Vermögens zu bemächtigen, nach dem es ihnen seit langer Zeit gelüstete. Dennoch beherrschte Don Andrès seine Bewegung und sich von Neuem zu dem Guerrillero wendend, sagte er: »Hütet Euch in Dem, was Ihr thut, Sennor Colonel, ich bin kein Neuling, ich werde mich nicht berauben lassen, ohne mich zu beklagen, es giebt in Mexiko einen spanischen Gesandten, welcher mir Gerechtigkeit zu verschaffen wissen wird.« »Ich weiß nicht, was Ihr damit sagen wollt,« antwortete unerschütterlich Don Felippe; »wenn es Sennor Pachero ist, von dem Ihr sprecht, so wird Euch sein Schutz, glaube ich, nicht viel nützen; dieser Caballero, der sich für den Gesandten ihrer Majestät der Königin von Spanien ausgiebt, hat es für gut befunden, die Regierung des Verräthers Miramon anzuerkennen. Wir Andern haben also mit ihm nichts zu schaffen und sein Einfluß bei dem Nationalpräsidenten ist vollständig werthlos; überdies habe ich nicht mit Euch zu streiten, – was auch geschehe, ich verhafte Euch. Wollt Ihr Euch ergeben oder gedenkt Ihr mir einen unnützen Widerstand zu leisten? Antwortet.« Don Andrès warf einen Blick auf die Männer, die ihn umgaben, er sah ein, daß er außer von seinen Dienern, von Niemand Hülfe oder Schutz zu erwarten hatte; so ließ er denn seine Revolver auf die Erde fallen und seine Arme über die Brust kreuzend, sagte er mit entschlossener Stimme: »Ich weiche der Gewalt, aber ich protestire vor Allen, die mich umgeben, gegen die mir angethanen Gewaltthätigkeiten.« »Sei es, protestirt, lieber Herr, das steht Euch frei, mir ist es gleichgültig; Don Jesus Dominguez,« setzte er hinzu, indem er sich zu dem Officier wandte, der ruhig und gleichgültig dieser Scene beigewohnt hatte, »wir wollen ohne Verzug zur genauen Untersuchung des Gepäcks und hauptsächlich der Papiere des Gefangenen schreiten.« Der Greis zuckte verächtlich die Achseln. »Das ist gut gespielt,« sagte er, »leider kommt Ihr ein Wenig zu spät, Caballero.« »Was meint Ihr?« »Nichts Anderes, als daß Geld und Werthsachen, die Ihr in meinem Gepäck zu finden hofft, nicht darin sind; ich kannte Euch zu gut, Sennor, um nicht meine Vorsichtsmaßregeln in Voraussicht dessen, was in diesem Augenblick geschieht, zu treffen.« »Verflucht!« schrie der Guerrillero und schlug mit der Faust auf den Sattelknopf, Gachupine von Dämon, glaube nicht, uns so zu entwischen, und sollte ich Dich bei lebendigem Leibe schinden müssen, so werde ich wissen, das schwöre ich Dir, wo Du Deine Schätze versteckt hast.« »Versucht es,« antwortete ironisch Don Andrès, und wandte ihm den Rücken. Der Bandit hatte sich verrathen; nach dem Ausbruch, zu welchem ihn seine Habsucht hingerissen, wußte er Demjenigen gegenüber, den er auf eine so kühne, cynische Art zu plündern beabsichtigte, kein Maß zu halten. »Gut,« sagte er, »wir wollen sehen,« und sich zu Don Jesus neigend, flüsterte er mit diesem einige Minuten. Die beiden Räuber verabredeten ohne Zweifel mit einander die wirksamsten Mittel, welche sie anzuwenden gedachten, um den Spanier zu zwingen, sein Geheimniß zu entdecken und sich ihrer Willkür zu unterwerfen. »Don Andrès,« sagte nach einer Weile der Guerrillero hohnlachend, »da es so ist, würde ich mir einen Scrupel machen, Eure Reise zu unterbrechen; bevor wir nach Vera-Cruz zurückkehren, wollen wir uns zusammen nach Eurer Hacienda-del-Arenal begeben, wo wir bequemer als hier auf diesem Wege von Geschäften werden sprechen können. Ich bitte, daß Ihr die Güte habt, den Platz in Eurem Wagen wieder einzunehmen, wir brechen auf; überdies bedarf Eure Tochter, die reizende Dolores, der Beruhigung.« Der Greis erbleichte, denn er begriff die ganze schreckliche Trageweite dieser Drohung des Banditen, er hob die Augen gen Himmel und that einen Schritt vor, um sich dem Wagen zu nähern. Aber in demselben Augenblick ließ sich der rasende Galopp eines Pferdes vernehmen, die Soldaten wichen entsetzt zurück und ein Reiter drang wie ein Sturmwind mitten in den Kreis, welcher sich um die Berline gebildet hatte. Dieser Reiter war maskirt, ein schwarzer Schleier bedeckte vollkommen sein Gesicht, er hielt rasch sein Pferd an und richtete seine Augen, die wie glühende Kohlen durch die Oeffnungen des Schleiers glänzten, auf den Guerrillero. »Was geht denn hier vor?« fragte er mit kurzer, drohender Stimme. Durch eine instinktmäßige Geberde, drückte der Guerrillero, ohne zu antworten, auf den Zügel und ließ sein Pferd zurückweichen. Die Soldaten und selbst der Officier bekreuzten sich vor Schrecken und murmelten mit halblauter Stimme: »El Rayo! el Rayo!« »Ich habe eine Frage an Euch gerichtet,« begann der Unbekannte nach einigen Secunden wieder. Die vierzig Männer, die ihn umgaben, senkten jämmerlich den Kopf und sich immer mehr zurückziehend, erweiterte sich der Kreis allmählich bedeutend; Alle schienen wenig geneigt, sich mit dieser geheimnißvollen Persönlichkeit in ein Gespräch einzulassen. Don Andrès fühlte die Hoffnung in sein Herz zurückkehren, ein geheimes Vorgefühl sagte ihm, daß die plötzliche Ankunft dieses Mannes seine Lage, wenn nicht vollständig ändere, so doch in eine für ihn vortheilhaftere Phase eintreten lassen würde. Noch mehr, er schien die Stimme des Unbekannten wieder zu erkennen, ohne daß es ihm möglich gewesen wäre, anzugeben, wo er dieselbe gehört, und so, als Alle furchtsam zurückwichen, näherte er sich mit einem instinktmäßigen Eifer, von dem er sich keine Rechenschaft ablegen konnte. Don Jesus Dominguez, der Commandant der Eskorte, war verschwunden; er hatte schmachvoll die Flucht ergriffen. IV. El Rayo. Zu der Zeit, in welche unsere Geschichte fällt, zog in Mexiko ein Mann alle Neugier, allen Schrecken und was mehr ist, alle Sympathieen auf sich. Dieser Mann war El Rayo, das heißt der Donner. Wer war el Rayo? Woher kam er? Was that er? Auf diese drei, obwohl sehr kurzen Fragen wußte Niemand mit Gewißheit zu antworten. Und dennoch cursirten Gott weiß welche wunderbare Sagen über ihn. Hier in wenigen Worten, was man Sicheres über ihn wußte. Gegen das Ende des Jahres 1857 war er plötzlich auf dem Wege erschienen, der von Mexiko nach Vera-Cruz führt, dessen Ueberwachung er alsdann auf seine Weise übernommen hatte. Die Fracht- und Postwagen anhaltend, die Reisenden beschützend oder ein Lösegeld von ihnen fordernd, indem er die Reichen zu einem leichten Aderlaß ihrer Börsen zu Gunsten ihrer vom Glück weniger begünstigten Gefährten veranlaßte, nöthigte er die Escortenführer, die Personen, die ihrem Schutz anvertraut worden waren, gegen die Angriffe der Salteadores zu vertheidigen. Niemand konnte sagen, ob er jung oder alt, schön oder häßlich, braun oder blond war, denn Keiner hatte je sein Gesicht unbedeckt gesehen. Was seine Nationalität anbetrifft, so war sie eben so wenig zu erkennen; er sprach mit derselben Leichtigkeit und mit derselben Eleganz Castillianisch, Französisch, Deutsch, Englisch und Italienisch. Diese geheimnißvolle Persönlichkeit war von Allem vollkommen unterrichtet, was sich auf dem Gebiete der Republik ereignete; er kannte nicht allein die Namen und sociale Stellung der Reisenden, mit denen es ihm beliebte sich zu beschäftigen, sondern er wußte sogar geheime Einzelnheiten, die sie oft stark compromittirten. Noch seltsamer als Alles, was wir berichtet haben, ist, daß El Rayo immer allein war und niemals zögerte, seinen Gegnern, so groß auch ihre Anzahl war, in den Weg zu treten. Wir müssen hinzufügen, daß der Einfluß seiner Gegenwart auf diese Leute so groß war, daß sein Anblick genügte, um jeden Gedanken an Widerstand zu verbannen, und daß eine Drohung von ihm ein Beben des Schreckens bei Denen hervorrief, an die er das Wort richtete. Die beiden Präsidenten der Republik, die um einander auszustechen, einen erbitterten Krieg führten, hatten, Jeder für sich, zu wiederholten Malen versucht, die Landstraße von einem so unbequemen Caballero, der ihnen ein gefährlicher Mitbewerber zu sein schien, zu befreien; aber alle ihre Versuche waren ohne jedes Resultat gescheitert: el Rayo, stets von allen Bewegungen der zu seiner Verfolgung ausgesandten Soldaten, man wußte nicht auf welche Weise, unterrichtet, erschien immer unvermuthet vor ihnen, vereitelte ihre Listen und zwang sie zu einem schmählichen Rückzuge. Einmal indessen hoffte die Regierung Juarez', daß el Rayo den zu seiner Gefangennahme getroffenen Maßregeln nicht entwischen würde. Man hatte vernommen, daß er seit einigen Tagen die Nächte in einem in geringer Entfernung von Paso-del-Macho gelegenen Rancho zubrachte; sogleich wurde ein Detachement von zwanzig Dragonern, unter Befehl Carvajals, eines der grausamsten und entschlossensten Guerrilleros, im Geheimen nach Paso-del-Macho gesandt. Der Commandant hatte den Befehl seinen Gefangenen, sobald er sich seiner bemächtigt haben würde, zu erschießen, wahrscheinlich um ihm zu einer Flucht, während man ihn von Paso-del-Macho nach Vera-Cruz transportirte, keine Zeit zu lassen. Das Detachement brach also in aller Eile auf; die Dragoner, denen man eine große Belohnung versprochen hatte, wenn sie ihr gefährliches Unternehmen glücklich zu Ende führten, waren vollkommen bereit, ihre Pflicht zu thun, beschämt darüber, daß sie schon seit so langer Zeit von einem einzigen Manne im Schach gehalten wurden, und erfreut, endlich Revanche dafür zu nehmen. Die Soldaten langten bei dem Rancho an; ungefähr zwei Meilen von Paso-del-Macho waren sie einem Mönche begegnet, welcher, die Capotte über sein Gesicht geschlagen und auf einem elenden Maulesel reitend, seinen Rosenkranz betend, dahertrabte. Der Commandant hatte den Mönch aufgefordert, sich seiner Truppe anzuschließen, was dieser auch nach einigem Zögern gethan hatte. In dem Augenblick wo das Detachement, welches in ziemlicher Unordnung marschirte, den Rancho bald erreichen mußte, stieg der Mönch von seinem Maulesel ab. »Was macht Ihr denn da, Pater?« fragte ihn der Befehlshaber. »Ihr seht es wohl, mein Sohn, ich steige ab; meine Geschäfte rufen mich nach einem in geringer Entfernung gelegenen Rancho, und indem ich Euch Euren Weg fortsetzen lasse, bitte ich um die Erlaubniß, Euch verlassen zu dürfen, indem ich für Eure angenehme Gesellschaft, welche Ihr mir seit unserer Begegnung leistetet, herzlich danke.« »Oh! oh!« meinte der Commandant mit rohem Gelächter, »dies wird nicht angehen, Pater, wir können uns nicht auf diese Weise trennen.« »Weshalb denn nicht, mein Sohn?« fragte der Mönch, indem er, seinen Maulesel am Zügel führend, sich dem Officier näherte. »Aus einem sehr einfachen Grunde, mein würdiger Bruder ...« »Pancratio, zu dienen, Sennor Caballero,« versetzte, sich verbeugend, der Mönch. »Pancratio, wohl, es sei,« erwiderte der Officier. »Ich bedarf Eurer, oder, um ganz offen zu sein, Eures Dienstes, mit einem Wort, es handelt sich darum, die Beichte eines zum Tode verurtheilten Mannes zu hören.« »Und wen meint Ihr?« »Kennt Ihr el Rayo, Sennor Pater?« » Santa Virgen ! ob ich ihn kenne, erlauchter Commandant.« »Wohlan, er ist es, der sterben soll.« »Ihr habt ihn verhaftet?« »Noch nicht, aber in wenigen Minuten wird es geschehen sein, ich suche ihn.« »Ah bah! wo ist er denn?« »Seht dort, in jenem Rancho, den Ihr von hier aus bemerkt,« antwortete der Officier, sich gefällig zu dem Mönch neigend und den Arm in der angegebenen Richtung ausstreckend. »Ihr seid dessen sicher, erlauchter Commandant?« »Caraï! ob ich dessen gewiß bin?« »Nun, ich glaube, Ihr irrt Euch.« »Hm? was wollt Ihr damit sagen, solltet Ihr vielleicht etwas wissen?« »Gewiß, weiß ich etwas, weil ich selbst el Rayo bin, verfluchter Spitzbube!« Und bevor der Officier, bestürzt durch diese plötzliche Eröffnung, die zu erwarten er weit entfernt war, seine Kaltblütigkeit wieder erlangt hatte, ergriff ihn El Rayo bei den Beinen, warf ihn auf die Erde, schwang sich an seiner Statt in den Sattel und stürzte, zwei sechsläufige Revolver unter seinem Kleide hervorziehend, auf das Detachement los, gab mit beiden Händen zugleich Feuer, indem er sein schreckliches Kriegsgeschrei: El Rayo! el Rayo! ertönen ließ. Die Soldaten ebenso und noch mehr als ihr Officier von diesem unerwarteten Angriff überrascht, lösten sich in Unordnung auf und flohen nach allen Richtungen. Nachdem El Rayo durch das ganze Detachement gedrungen war, von dem er sieben Mann tödtete und den achten vom Pferde warf, mäßigte er plötzlich den schnellen Lauf seines Thieres und machte einige hundert Schritt von demselben mit verächtlicher Miene Halt – ohne daß ihn die Dragoner, die nur an eine Flucht dachten, zu verfolgen suchten, sondern ihren Officier verließen, – wendete um und kehrte zu diesem zurück, welcher noch immer für todt auf dem Erdboden lag. »He! Commandant,« sagte er zu ihm und sprang zur Erde, »hier ist Euer Pferd, nehmt es zurück, es wird Euch dazu dienen, Eure Soldaten wieder einzuholen; was mich anbetrifft, so bedarf ich desselben nicht mehr, ich werde Euch im Rancho erwarten, wo Ihr mich zu Eurem Empfange, wenn Ihr noch den Wunsch haben solltet, mich zu verhaften und erschießen zu lassen, bis morgen früh acht Uhr finden werdet; auf Wiedersehen.« Darauf grüßte er mit der Hand, bestieg seinen Maulesel und schlug die Richtung nach dem Rancho ein, wo er wirklich eintrat. Wir haben nicht nöthig hinzuzufügen, daß er friedlich bis zum Morgen schlief, ohne daß der Officier und die auf seine Verfolgung so erbitterten Soldaten, es gewagt hätten, seine Ruhe zu stören; sie waren nach Vera-Cruz zurückgekehrt, ohne hinter sich zu blicken. So war der Mann, dessen unerwartetes Erscheinen inmitten der Escorte der Berline den Soldaten einen so großen Schrecken verursachte und ihren Muth vollkommen erstarrt hatte. El Rayo blieb einen Augenblick ruhig, kalt und finster den vor ihm gruppirten Soldaten gegenüber, darauf sagte er mit kurzer, rein accentuirter Stimme: »Sennor, es scheint mir, als habet Ihr vergessen, daß Keiner außer mir das Recht hat, auf den Landstraßen der Republik als Herr zu befehlen. Sennor Don Felippe Neri,« setzte er hinzu und wandte sich zu dem einige Schritte von ihm unbeweglich harrenden Officier, »Ihr könnt mit Euren Leuten zurückkehren, der Weg ist bis Puebla vollkommen frei; Ihr versteht mich, nicht wahr?« »Ich verstehe Euch, Caballero, indessen scheint mir,« setzte der Colonel zögernd hinzu, »daß es meine Pflicht ist, zur Escorte ...« »Kein Wort weiter,« unterbrach ihn heftig el Rayo, »erwäget meine Rede wohl, und vor Allem benutzet sie. Diejenigen, die Ihr einige Schritte von hier zu finden hofftet, sind nicht mehr dort; die Leichname mehrer von ihnen dienen in diesem Augenblick den Geiern zur Speise. Das ist für heute eine verlorene Partie, glaubt mir, wendet um.« Der Officier zögerte zum zweiten Mal, dann ritt er um einige Schritte vorwärts. »Sennor,« begann er mit vor Bewegung zitternder Stimme, »ich weiß nicht, ob Ihr ein Mensch oder ein Dämon seid, um also, allein gegen Alle, Euren Willen tapferen Männern aufzulegen: sterben ist nichts für einen Soldaten, wenn er Angesichts des Feindes geschlagen wird; einmal schon bin ich vor Euch zurückgewichen, ich will nicht ferner, daß es also sei, heute tödtet mich, aber beraubt mich nicht meiner Ehre.« »Ich höre Euch gern so sprechen, Don Felippe,« erwiderte kalt El Rayo, »die Tapferkeit steht einem Soldaten gut; trotz Eurer räuberischen Gewohnheiten, sehe ich mit Freuden, daß es Euch nicht an Muth gebricht, ich verzweifle nicht, Euch später zur Besserung zu führen, wenn nicht eine Kugel rasch den Faden Eures Lebens durchschneidet und plötzlich den Lauf Eurer guten Absichten hemmt. Gebt Euren Soldaten, die wie Feiglinge zittern, den Befehl, einige Schritte zurückzuweichen, ich werde Euch die Genugthuung gewähren die Ihr begehrt.« »Ach! Caballero,« rief der Officier, »sollte es möglich sein, daß Ihr einwilligt?« »Mein Leben gegen das Eure einzusetzen,« unterbrach ihn spöttisch El Rayo; »warum nicht? Ihr wünscht eine Lehre, diese Lehre sollt Ihr haben.« Ohne einen Augenblick zu verlieren, wandte sich der Officier, um seine Soldaten zurücktreten zu lassen, ein Manöver, welches diese mit dem löblichsten Eifer ausführten. Don Andrès de-la-Cruz – denn jetzt werden wir ihm seinen wirklichen Namen beilegen – hatte als sehr interessirter Zuschauer dieser ganzen Scene beigewohnt, in welche er sich bis dahin nicht zu mischen wagte. Als er indessen die Wendung bemerkte, welche die Dinge nahmen, glaubte er einige Einwendungen machen zu müssen. »Verzeiht, Caballero,« begann er, sich zu dem geheimnißvollen Unbekannten wendend, »wenn ich, indem ich Euch aufrichtig zu Dank verpflichtet bin wegen Eures Einschreitens zu meinen Gunsten, mir erlaube, Euch bemerklich zu machen, daß ich schon zu lange in diesem Paß zurückgehalten bin und den Wunsch hege, meinen Weg fortzusetzen, um so bald als möglich meine Tochter in Sicherheit zu sehen.« »Donna Dolores droht keine Gefahr, Sennor,« antwortete el Rayo kalt, »die Verzögerung von einigen Minuten kann in keiner Weise für sie betrübende Folgen haben, überdies wünsche ich, daß Ihr diesem Kampfe, welcher einiger Maßen zur Vertheidigung Eurer Sache stattfindet, beiwohnt. Habt also Geduld, ich bitte Euch. Aber seht, hier kommt Don Felippe zurück, die Affaire wird nicht lange dauern. Stellt Euch vor, daß Ihr bei einem Hahnenkampf wettet; ich bin überzeugt, daß Ihr Vergnügen an dem Vorgange finden werdet.« »Indessen, ...« fing Don Andrès wieder an. »Es würde mir unangenehm sein, wenn Ihr noch länger darauf bestehen wolltet, Caballero,« unterbrach ihn el Rayo trocken, »Ihr habt, wie ich weiß, vortreffliche Revolver bei Euch, welche Euch Dèvisme aus Paris geschickt hat; wollt Ihr nicht so freundlich sein, einen davon dem Sennor Don Felippe zu leihen, Sie sind doch geladen, denke ich?« »Sie sind geladen, ja, Sennor,« antwortete Don Andrès, indem er dem Officier eine seiner Pistolen reichte. Dieser nahm sie, drehte sie in den Händen hin und her, dann erhob er den Kopf mit enttäuschter Miene und sagte: »Ich weiß mich dieser Waffen nicht zu bedienen.« »Oh! das ist sehr leicht,« versetzte el Rayo höflich, »und in wenigen Augenblicken werdet Ihr vollkommen mit ihrem Mechanismus vertraut sein; Sennor Don Andrès, habt doch die Güte diesem Caballero die Handhabung dieser Waffe zu erklären.« Der Spanier gehorchte; der Officier begriff sogleich die ihm gegebene Erklärung. »Jetzt, Sennor Don Felippe,« begann el Rayo immer kalt und gleichgültig, »hört mich wohl an; ich bewillige Euch diese Satisfaction unter der Bedingung, daß, welches auch der Ausgang des Kampfes sei, Ihr Euch verpflichtet, sogleich zurückzukehren und den Sennor Don Andrès und seine Tochter ihre Reise unbehindert fortsetzen zu lassen: seid Ihr einverstanden?« »Vollkommen, Sennor.« »Wohlan; jetzt haben wir Folgendes zu thun; sobald wir abgestiegen sind, stellen wir uns zwanzig Schritt von einander auf; ist Euch diese Entfernung recht?« »Ja wohl, Herr.« »Gut; auf ein von mir gegebenes Zeichen werdet Ihr alsdann die sechs Schüsse Eures Revolvers abfeuern: nach Euch werde ich schießen, aber nur ein Mal, denn wir haben Eile.« »Verzeiht, Herr, aber wenn ich Euch mit diesen sechs Schüssen tödte?« »Ihr werdet mich nicht tödten, Sennor,« erwiderte el Rayo kalt. »Ihr glaubt?« »Ich bin dessen sicher; um einen Mann meines Schlags zu tödten, Sennor Don Felippe,« bemerkte el Rayo im Tone beißender Ironie, »bedarf man eines starken Herzens und einer eisernen Hand; Ihr besitzt weder das Eine noch das Andere.« Don Felippe erwiderte nichts, aber in dumpfer Wuth stellte er sich entschlossen, mit bleicher Stirn und fest zusammengezogenen Augenbrauen zwanzig Schritt von seinem Gegner auf. El Rayo war abgestiegen und hatte mit stolz gebogenem Körper, rückwärts geworfenem Kopf, das rechte Bein etwas vorgestellt und die Arme auf dem Rücken gekreuzt, seinen Platz dem Officier gegenüber eingenommen. »Jetzt,« sagte er, »zielt mit Aufmerksamkeit; die Revolver, so gut sie auch sind, haben im Allgemeinen den Fehler etwas hoch zu gehen; beeilt Euch nicht, seid Ihr bereit? gut, los!« Don Felippe ließ sich die Einladung nicht wiederholen, er entlud dreimal hinter einander seinen Revolver. »Zu schnell, viel zu schnell,« rief ihm el Rayo zu, »ich habe nicht einmal Eure Kugeln pfeifen hören. Versuchen wir noch einmal und nützet mit größerer Ruhe die Euch bleibenden drei Schüsse.« Alle Blicke waren starr; jede Brust athmete schwer. Der durch die Kaltblütigkeit seines Gegners und den schlechten Erfolg seiner Schüsse verwirrte Officier fühlte sich unwillkürlich durch die schwarze, unempfindliche Statue vor ihm, von der er durch die Oeffnungen der Maske nur die Augen wie glühende Kohlen leuchten sah, wie bezaubert; kalte Schweißtropfen perlten an jedem seiner Haare, die sich vor Entsetzen emporsträubten; seine frühere Sicherheit hatte ihn gänzlich verlassen. Indessen Zorn und Stolz gaben ihm die nöthige Kraft, um den Augen der Umstehenden die schreckliche Todesangst zu verbergen, welche er ausstand, mit einer letzten Willensanstrengung nahm er eine scheinbare Ruhe an und schoß von Neuem. »Dieser war schon besser,« scherzte el Rayo, »nur etwas zu hoch, laßt sehen, den andern.« Erbittert durch diesen außerordentlichen Spott, drückte Don Felippe ab. Die Kugel traf den Felsen, einen Daumen breit Über dem Kopfe des Unbekannten. Es blieb nur noch eine Kugel in dem Laufe des Revolvers. »Tretet um fünf Schritte näher,« sagte el Rayo; »vielleicht verliert Ihr auf diese Weise nicht auch Euren letzten Schuß.« Ohne auf diesen beißenden Sarkasmus etwas zu erwidern, sprang der Officier wie ein wildes Thier vor, faßte fünfzehn Schritte von seinem Gegner Posto und schoß. »Jetzt ist die Reihe an mir,« bemerkte kalt der Unbekannte, indem er die erste Distance wieder einnahm; »Ihr habt vergessen, Eure Kopfbedeckung abzunehmen, das ist ein Verstoß gegen die Höflichkeit, den ich nicht gestatten kann.« Darauf ergriff er eine der in seinem Gürtel steckenden Pistolen, streckte den Arm aus und schoß, ohne sich die Mühe zu geben zu zielen. Der Hut des Officiers rollte in den Staub. Don Felippe brach in ein wüthendes Geheul aus. »Oh!« rief er, »Ihr seid ein Dämon!« »Nein,« entgegnete el Rayo, »ich bin ein Mann von Herz. Jetzt geht, ich schenke Euch das Leben.« »Ja, ich gehe, aber, ob Mensch oder Dämon, ich schwöre es, ich werde Euch tödten und sollte ich Euch bis auf den Grund der Hölle verfolgen.« El Rayo näherte sich ihm, ergriff ihn heftig beim Arme, zog ihn bei Seite und den Schleier lüftend, der seine Züge verbarg, zeigte er ihm sein Gesicht. »Ihr kennt mich jetzt, nicht wahr?« sagte er mit dumpfer Stimme zu ihm; »allein erinnert Euch, daß von nun an, da Ihr mich von Angesicht zu Angesicht gesehen habt, unsere erste Begegnung tödtlich sein wird, geht.« Don Felippe erwiderte nichts, er bestieg sein Pferd, stellte sich an die Spitze seiner verwirrten Soldaten und sprengte im Galopp auf dem Wege von Orizaba dahin. Fünf Minuten später waren auf dem Plateau nur noch die Reisenden und ihre Diener zurückgeblieben. El Rayo, der ohne Zweifel den Augenblick der Verwirrung und Ueberraschung, die der Schluß dieser Scene hervorgerufen, benutzt hatte, war verschwunden. V. Die Hacienda Del-Arenal. Vier Tage waren seit den in unserem letzten Kapitel berichteten Ereignisse verflossen; der Graf Ludovic dela-Saulay und Olivier setzten noch immer ihre Reise fort, aber die Art der Scene hatte sich vollständig verändert. Rings um sie her breitete sich eine unermeßliche Ebene voll üppiger Vegetation aus, die durch einige Flüsse durchschnitten wurde, auf deren Ufern sich die bescheidenen Hütten mehrer Pueblos von geringer Wichtigkeit erhoben; zahlreiche Herden weideten hier und da, überwacht von den Vaqueros zu Pferde, welche die Reata im Sattel, die Machette an der Seite und die lange Lanze trugen. Zur Rechten einer Straße, deren gelbliche Windungen sich durch die grüne Ebene schlängelten, erhoben sich inmitten einer großartigen Landschaft, deren ferner Horizont von schneeigen Bergen begrenzt war, auf einem ziemlich hohen Hügel, die stolzen massiven Mauern einer wichtigen Hacienda. Die beiden Reisenden folgten im langsamen Schritt den letzten Krümmungen eines Pfades, der allmählich zur Ebene abfiel; da trennten sich die Bäume, die bisher ihre Aussicht begrenzt harten, zur Rechten und Linken, und plötzlich, wie durch den magischen Ring eines mächtigen Zaubrers geschaffen, schien die Landschaft vor ihnen zu erstehen. Der Graf machte Halt und stieß einen Schrei der Bewunderung bei dem Anblick dieses prächtigen Kaleidoskopes aus, welches sich vor seinen Blicken entrollte. »Ah! ah!« meinte Olivier, »ich weiß, daß Ihr ein Liebhaber davon seid, das ist eine Ueberraschung, die ich Euch aufgespart hatte, wie findet Ihr dies?« »Bewundrungswürdig, ich habe niemals etwas Aehnliches gesehen,« rief der junge Mann begeistert aus. »Ja,« erwiderte der Abenteurer mit ersticktem Seufzer, »es ist recht hübsch für eine durch Menschenhand verdorbene Landschaft; ich habe es Euch schon gesagt: nur in den hohen Savannen der großen mexikanischen Wildniß ist es möglich, die Natur so zu sehen, wie sie Gott geschaffen hat; dies hier ist nur einem Operneffecte zu vergleichen, eine passende Landschaft, die kein Recht hat zu sein, und die nichts bedeutet.» Der Graf lachte über diesen Einfall. »Ob passend oder nicht, ich finde diese Aussicht bewundrungswürdig.« »Ja, ja, ich wiederhole Euch, es ist ziemlich gut geglückt. Denkt, wie schön diese Landschaft in den ersten Tagen der Schöpfung sein mußte, weil es den Menschen, ungeachtet ihrer ungeschickten Anstrengungen, noch nicht gelungen ist, sie vollkommen zu verderben.« Das Gelächter des jungen Mannes verdoppelte sich bei diesen Worten. »Meiner Treu!« sagte er, »Ihr seid ein entzückender Gefährte, Herr Olivier, und sobald ich mich werde von Euch getrennt haben, werde ich wohl noch oft Eure angenehme Gesellschaft vermissen.« »So bereitet Euch auf diese Trennung vor, Herr Graf,« antwortete jener lächelnd, »denn wir haben nur noch einige Augenblicke mit einander zu verbringen.« »Warum dies?« »Eine Stunde höchstens, nicht mehr, aber setzen wir unsern Weg fort: die Sonne beginnt heiß zu werden und der Schatten der dort unten befindlichen Bäume wird uns sehr angenehm sein.« Sie ließen ihren Pferden den Zügel schießen und begannen wieder langsam den sanften Abhang hinabzureiten, der sie in die Ebene führen sollte. »Beginnt Ihr nicht das Bedürfniß zu fühlen. Euch Von Euren Strapazen auszuruhen, Herr Graf?« fragte der Abenteurer, indem er nachlässig eine Cigarette drehte. »Meiner Treu, nein; Dank Euch, ist mir diese Reife entzückend erschienen, wenn auch ein wenig monoton.« »Wie, monoton?« »Ei, in Frankreich erzählt man uns schreckliche Geschichten von jenseit des Meeres, wo man auf jedem Schritte Banditen im Hinterhalt findet und nicht zehn Meilen machen kann, ohne zwanzig Mal sein Leben zu risquiren; auch gehen wir nur mit einer gewissen Besorgniß an diesen Ufern an's Land. Ich hatte den Kopf ganz voll von haarsträubenden Geschichten und bereitete mich auf Ueberraschungen, hinterlistige Streiche, erbitterte Kampfe, was weiß ich noch, vor! Nun, nichts von Allem, ich habe die prosaischste Reise von der Welt gemacht, ohne den kleinsten Unfall, den ich später erzählen könnte.« »Ihr seid noch nicht aus Mexiko heraus.« »Freilich wahr, aber meine Illusionen sind zerstört, ich glaube nicht mehr an mexikanische Banditen, noch an grausame Indianer, es ist nicht der Mühe werth, so weit her zu kommen, um nichts weiter zu sehen, als was man in seinem eigenen Lande sehen kann. Zum Henker mit den Reisen! Vor vier Tagen glaubte ich, daß wir ein Abenteuer erleben würden; während Ihr mich allein gelassen hattet, entwarf ich unabsehbare Schlachtpläne, und dann kehrtet Ihr nach langer, zweistündiger Abwesenheit zurück und verkündetet mir lächelnd, daß Ihr Euch getäuscht und nichts gesehen hättet; ich mußte alle meine kriegerischen Absichten wieder beschwichtigen.« »Was wollt Ihr?« antwortete der Abenteurer in einem unmerklich ironischen Tone, »die Civilisation bemächtigt sich unserer dergestalt, daß wir heute außer einigen kleinen Nuancen, den Völkern der alten Welt gleichen.« »Lacht und spottet meiner, ich gebe Euch vollkommnes Recht dazu; aber kommen wir auf unsern Gegenstand zurück.« »Ich verlange nichts Anderes, Herr Graf, nehmen wir das Thema wieder auf. Habt Ihr bei unserer Unterhaltung nicht unter Anderm erwähnt, daß Ihr die Absicht hättet, Euch nach der Hacienda-del-Arenal zu begeben, und daß wenn Ihr nicht von Eurem Wege ablenken, sondern gerade durch Mexiko gehen wolltet, es aus dem Grunde geschehe, weil Ihr fürchtetet, Euch in einem unbekannten Lande zu verirren, da Ihr Niemand finden würdet, der Euch auf den rechten Weg zurückführen könnte?« »Ich habe Euch das in der That gesagt, Herr.« »Oh! so vereinfacht sich die Sache außerordentlich.« »Wie dies?« »Seht, Herr Graf, schauet dort hin. Was seht Ihr?« »Ein prächtiges Gebäude, welches einer Festung gleicht.« »Nun, dieses Gebäude ist die Hacienda-del-Arenal.« Der Graf stieß einen Ausruf des Erstaunens aus. »Ist es möglich! Ihr täuscht mich nicht?« sagte er. »Zu welchem Zwecke?« fragte sanft der Abenteurer. »Oh! auf diese Weise ist die Ueberraschung entzückender, als ich Anfangs vermuthete.« »Ah! ich vergaß etwas Wesentliches zu erwähnen, was für Euch von einiger Wichtigkeit ist: Eure Diener und all' Euer Gepäck sind bereits seit zwei Tagen in der Hacienda.« »Aber auf welche Weise sind meine Diener benachrichtigt worden?« »Ich bin es gewesen, der sie unterrichtet hat.« »Ihr habt mich aber fast nicht verlassen.« »Allerdings nur einige Minuten, aber das genügte.« »Ihr seid ein liebenswürdiger Gefährte, Herr Olivier; ich danke Euch aufrichtig für alle mir erwiesenen Aufmerksamkeiten.« »Geht doch, Ihr scherzet.« »Kennt Ihr den Eigenthümer dieser Hacienda?« »Don Andrès-de-la Cruz? sehr gut.« »Was ist er für ein Mann?« »In moralischer oder physischer Beziehung?« »In moralischer.« »Ein Mann von Herz und Verstand, er thut viel Gutes und ist den Armen wie den Reichen zugänglich.« »Hm! Das ist ein prächtiges Bild, was Ihr mir gebt.« »Ich bleib« noch hinter der Wahrheit zurück; dennoch hat er viele Feinde.« »Feinde?« »Ja, alle Schurken des Landes, und Dank Gott, solche sind in diesem gesegneten Lande im Ueberfluß vorhanden.« »Und seine Tochter, Donna Dolores?« »Sie ist ein herrliches Kind von sechszehn Jahren, mehr gut als schön; unschuldig und rein spiegeln ihre Augen den Himmel wieder; sie ist ein Engel, den es Gott gefallen hat, auf die Erde zu senden, um ohne Zweifel den Menschen Schande zu machen.« »Ihr werdet mich nach der Hacienda begleiten, nicht wahr, Herr?« sagte der Graf. »Nein, ich bin dem Sennor Don Andrès-de-la Cruz fremd; in einigen Minuten werde ich die Ehre haben, von Euch Abschied zu nehmen.« »Um uns bald wiederzusehen, hoffe ich.« »Ich wage nicht, es Euch zu versprechen, Herr Graf.« Sie ritten schweigend einige Minuten neben einander. Sie hatten ihre Pferde in schnelleren Schritt gesetzt und näherten sich rasch der Hacienda, deren Gebäude sich ihnen jetzt vollständig zeigten. Es war eine jener prächtigen, in den ersten Zeiten der Eroberung erbauten Residenzen, halb Palast, halb Festung, wie sie die Spanier auf ihren Gebieten zum Schutze gegen die Angriffe der Indianer, während der zahlreichen Empörungen errichteten, welche die ersten Jahre der feindlichen Einfalle der Europäer mit Blut tränkten. Die Almenas oder Zinnen, welche die Mauern krönten, zeugten von dem Adel des Besitzers der Hacienda, denn die Edelleute allein besitzen das Recht, ihre Wohnungen mit Zinnen zu versehen, ein Recht, auf welches sie sich sehr eifersüchtig zeigen. In den glühenden Strahlen der Sonne erglänzte die Kuppel der Kapelle, welche sich über die Mauern der Hacienda erhob. Je mehr sich die Reisenden näherten, um so lebendiger erschien die Landschaft; fortwährend begegneten ihnen Reiter, Arrieros mit ihren Mauleseln, Indianer mit den auf ihren Rücken mittelst eines um ihre Stirn laufenden Riemens befestigten Lasten, dann die von den Vaqueros getriebenen Heerden; Mönche auf ihren Maulthieren, Frauen, Kinder, geschäftige Leute jedes Standes und Geschlechts kamen und eilten nach allen Richtungen hin. Als sie den Fuß des Hügels, welchen die Hacienda beherrschte, erreichten, hielt der Abenteurer sein Pferd in dem Augenblicke an, wo dasselbe sich anschickte, den nach dem Hauptthor der Wohnung führenden Weg einzuschlagen. »Herr Graf,« sagte er, sich zu dem jungen Manne wendend, »wir sind hier am Ziel unserer Reise angekommen; erlaubt mir. Euch Lebewohl zu sagen.« »Nicht bevor Ihr mir versprochen habt, daß wir uns wiedersehen.« »Das kann ich Euch nicht versprechen, Graf, unsere Wege gehen nach ganz entgegengesetzten Richtungen, Überdies ist es vielleicht besser, daß wir uns nie wiedersehen.« »Was wollt Ihr damit sagen?« »Nichts Beleidigendes für Euch, oder was Euch persönlich betrifft; erlaubt wir, Euch die Hand zu drücken, bevor wir uns trennen.« »Oh! von ganzem Herzen,« rief der junge Mann Und reichte ihm gerührt die Hand. »Und nun, lebt wohl! ... Noch einmal, lebt wohl; die Zeit verstreicht schnell und ich sollte schon fern sein.« Der Abenteurer neigte sich auf den Hals seines Pferdes und schnell wie ein Pfeil flog er auf einem Fußwege dahin und war gleich darauf verschwunden. Der Graf folgte ihm mit den Augen, so lange er ihn bemerken konnte; als er endlich hinter einer Biegung des Wegs verschwunden war, stieß der Graf einen tiefen Seufzer aus. »Welch' seltsamer Charakter!« murmelte er mit leiser Stimme. »Oh! ich werde, ich muß ihn wiedersehen.« Der junge Mann setzte seinem Pferde leicht die Sporen ein, und dasselbe trug ihn in wenigen Minuten bis auf den Gipfel des Hügels und an die Pforte der Hacienda. Der Abenteurer hatte die Wahrheit gesagt, der Graf wurde in der Hacienda erwartet; der Beweis hiervon war, daß er seine Diener an der Thür bemerkte, die wahrscheinlich seiner Ankunft harrten. Der Graf stieg in dem ersten Hofe ab und übergab sein Pferd einem Stallknecht, der es fortführte. In dem Augenblicke, wo der Graf auf eine breite Thür zuschritt, die von einer Marquise geschützt, den Eingang zu den Zimmern gewährte, erschien Don Andrès und eilte ihm entgegen, drückte ihn bewegt an's Herz und küßte ihn mehre Male, indem er sagte: »Gott sei gelobt! da seid Ihr endlich! Wir waren schon in tödtlicher Unruhe Euretwegen.« Der so unvermuthet gefaßte Graf hatte sich herzen, umarmen und küssen lassen, ohne zu begreifen, was mit ihm geschah und mit wem er es zu thun hatte; aber als der Greis sein Erstaunen bemerkte, welches er ungeachtet aller Mühe nicht ganz zu verbergen vermochte, ließ er ihn nicht länger in dieser Verlegenheit, und seinen Namen nennend, setzte er hinzu: »Ich bin Euer naher Verwandter, mein lieber Graf, Euer Vetter; also genirt Euch nicht, handelt, als wenn Ihr in Eurer Behausung wäret: dieses Haus und Alles, was es enthält, steht zu Eurer Disposition und gehört Euch.« Der junge Mann erging sich in Danksagungen, aber Don Andrès unterbrach ihn von Neuem. »Ich bin ein alter Narr,« sagte er, »da halte ich Euch hier mit meinem albernen Geschwätz zurück und vergesse ganz, daß Ihr einen langen Ritt gemacht habt, nach welchem Ihr der Ruhe bedürft. Kommt, ich werde das Vergnügen haben, Euch selbst nach Eurem Zimmer zu führen, welches schon seit mehren Tagen bereit ist.« »Mein lieber Vetter,« antwortete der Graf, »ich danke Euch vielmals für Eure gütige Fürsorge; aber ich glaube, es würde, bevor ich mich in mein Zimmer zurückziehe, schicklich sein, mich meiner Cousine vorzustellen.« »Das eilt nicht, mein lieber Graf; meine Tochter befindet sich in diesem Augenblicke mit ihren Frauen in ihrem Boudoir; laßt mich Euch zuvörderst anmelden, ich weiß besser, was sich in dieser Angelegenheit zu thun eignet, ruht Euch aus?« »Es sei, ich folge Euch, mein Vetter; überdies gestehe ich Euch, da Ihr so gütig seid, mich meiner Bequemlichkeit folgen zu lassen, daß ich durchaus nicht abgeneigt bin, einige Stunden der Ruhe zu genießen.« »Wußte ich es denn nicht?« erwiderte heiter Don Andrès, »aber alle jungen Leute sind dieselben, sie zweifeln an nichts.« Der Haciendero führte darauf seinen Gast in ein Zimmer, welches unter unmittelbarer Leitung Don Andrès' mit Geschmack meublirt und bestimmt worden war, dem Grafen für die Zeit die es ihm gefallen würde, in der Hacienda zuzubringen zur Wohnung zu dienen. Seine Koffer standen bereits darin, und sein Kammerdiener erwartete ihn. Dieses Zimmer war, ohne groß zu sein, dennoch nach den Hülfsquellen des Landes auf sehr comfortable Weise eingerichtet. Die Wohnung bestand aus vier Zimmern: das Schlafzimmer des Grafen mit Ankleidecabinet und seitwärts der Badesaal, ein Arbeitszimmer, welches zugleich den Salon ausmachte, ein Vorzimmer und ein Cabinet für die Diener des Grafen, damit er sie beständig zu seiner Verfügung haben konnte. Vermittelst einiger Scheidewände hatte man sie getrennt und vollkommen unabhängig von den andern Zimmern der Hacienda gemacht; man gelangte dahin durch drei Thüren, eine derselben ging auf die Hausflur, die zweite auf den gemeinschaftlichen Hof und die dritte führte vermittelst einiger Stufen in die prächtige Huerta der Hacienda, welche, ihrer Ausdehnung nach für einen Park gelten konnte. Der erst kürzlich in Mexiko gelandete Graf machte sich, wie alle Fremden, einen falschen Begriff von einem ihm unbekannten Lande und war weit entfernt, in der Hacienda-del-Arenal eine so bequeme und seinem Geschmack und seinen etwas difficilen Gewohnheiten entsprechende Einrichtung zu suchen, auch war er wirklich entzückt über das, was er erblickte. Er dankte Don Andrès warm für die Mühe, mit welcher er es sich hatte angelegen sein lassen, ihm den Aufenthalt in seinem Hause angenehm zu machen, und versicherte ihm, daß er einen so liebenswürdigen Empfang nicht erwartet habe. Don Andrès de-la-Cruz rieb sich, sehr befriedigt von diesem Compliment, freudig die Hände und entfernte sich endlich, indem er seinen Verwandten sich selbst überließ, damit er sobald es ihn beliebte, sich ungestört der Ruhe hingeben konnte. Nachdem der Graf mit seinem Kammerdiener allein geblieben, seine Kleidung gewechselt und eine passendere Tracht für das Land angelegt hatte, fragte er den Diener, auf welche Weise er seine Reise von Vera-Cruz zurückgelegt habe, und welcher Empfang ihm bei seiner Ankunft in der Hacienda zu Theil geworden wäre. Dieser Kammerdiener, beinahe von demselben Alter des Grafen, hatte eine sehr große Anhänglichkeit an seinen Herrn, dessen Milchbruder er war. Er war ein wohlgestalteter, braver Bursche, mit ziemlich hübschem Gesicht und besaß eine bei einem Diener kostbare Eigenschaft: die, nichts zu sehen, nichts zu hören und nur zu sprechen, sobald man ihn dazu aufforderte; und selbst dann noch that er es auf die kürzeste Art und Weise. Der Graf liebte ihn sehr und hatte zu ihm ein unbegrenztes Vertrauen. Er hieß Raimbaut und war ein Biskayer; da er keinen Augenblick die Etiquette außer Acht ließ und einen tiefen Respect für seinen Herrn fühlte, so sprach er nur in der dritten Person zu ihm, und zu welcher Zeit bei Tag oder Nacht der Graf ihn auch rief, erschien er doch niemals vor ihm, ohne streng nach der von ihm angenommenen Vorschrift gekleidet zu sein. Sein Anzug bestand aus einem schwarzen Kleide à la française mit geradem Kragen und goldenen Knöpfen, schwarzer Weste, kurzen, schwarzen Beinkleidern, weißen, seidenen Strümpfen, Schnallenschuhen und weißer Cravatte. So gekleidet, außer dem Puder, den er nicht trug, glich Raimbaut zum Verwechseln dem Intendanten eines gebietenden Herrn aus dem letzten Jahrhunderte. Der zweite Diener des Grafen war ein großer, kräftiger und untersetzter Bursche von einigen zwanzig Jahren, und Raimbaut's Pathe, welcher Ersterer es auf sich genommen hatte, ihn zu unterrichten und für den Dienst auszubilden. Dieser that die gröbere Arbeit und trug die Livréen des Grafen, Blau mit Silber. Er hieß Lanca Ibarrü, war seinem Herrn ergeben und fürchtete seinen Pathen Raimbaut, für den er eine tiefe Ehrfurcht zur Schau trug, wie das Feuer; lebhaft, muthig, schlau und verständig, waren seine Eigenschaften, die jedoch durch seine Naschhaftigkeit und seine hervorstechende Vorliebe für ein süßes Nichtsthun getrübt wurden. Raimbaut's Erzählung war kurz: es war ihm nichts Besonderes zugestoßen, außer daß ein Unbekannter ihm von Seiten seines Herrn den Befehl überbracht habe, seine Reise nicht bis Mexiko fortzusetzen, sondern sich nach del-Arenal zu begeben, welchem Befehle er Folge geleistet hatte. Der Graf erkannte die Wahrheit dessen, was ihm der Abenteurer gesagt hatte; er verabschiedete seinen Kammerdiener, streckte sich auf einer Butacca aus und schlug ein Buch auf, aber bald überwältigte ihn die Müdigkeit und er schlief ein. Ungefähr gegen vier Uhr Abends erwachte er in dem Augenblicke, wo Raimbaut mit der Meldung in sein Schlafzimmer trat, daß Don Andrès de-la-Cruz ihn erwarte, um sich zur Tafel zu begeben: die Stunde der Abendmahlzeit war gekommen. Der Graf warf einen Blick auf seine Toilette, worauf er, von Raimbaut geleitet, sich nach dem Speisesaal begab. VI. Durch das Fenster Der Speisesaal der Hacienda-del-Arenal war ein weites, langes Gemach, welches durch Fenster mit gerippten, bunten Glasscheiben erleuchtet wurde und dessen Wände mit von der Zeit geschwärztem Schnitzwerk in Eichenholz bedeckt waren, was demselben den Anschein jener Speisesäle der Karthäuserklöster des fünfzehnten Jahrhundert verlieh; ein großer mit Bänken umgebener Tisch nahm die Mitte deß Raumes ein. Als der Graf de-la-Saulay in den Saal trat, waren die meisten Gäste, gegen fünfundzwanzig, schon versammelt. Don Andrès hatte, wie viele große mexikanische Grundbesitzer, die Gewohnheit auf seinen Domänen beibehalten, seine Leute an ein und demselben Tische mit ihm speisen zu lassen. Diese patriarchalische Gewohnheit, welche in Frankreich schon lange abgekommen, ist indessen nach unserer Meinung eine der besten, welche uns unsere Väter vererbt haben. Dieses gemeinsame Leben schlang die Bande, welche die Gebieter mit den Dienern vereinigte und sie gleichsam der Familie einverleibte, fester, indem sie bis auf einen gewissen Punkt das vertraute Leben theilten. Don Andrès de-la-Cruz stand im Hintergrunde des Saales zwischen Donna Dolores seiner Tochter und Don Melchior seinem Sohne. Wir wollen nichts über Donna Dolores sagen, welche der Leser schon kennt; Don Melchior dagegen war ein junger Mann beinahe vom gleichen Alter des Grafen; sein hoher Wuchs, seine kräftigen Glieder machten ihn zu einem schönen Cavalier im weitesten Sinne des Worts; seine Züge waren männlich, characteristisch, sein Bart schwarz und gut gepflegt. Er hatte große, offene Augen, mit festem, durchdringenden Blick, sein leicht gebräunter Teint spielte etwas in's Olivenfarbige, der Ton seiner Stimme war rauh, sein Accent kurz und abgebrochen, seine finstere Physiognomie nahm bei der geringsten Aufregung einen drohenden Ausdruck an. Uebrigens waren seine Bewegungen edel, seine Manieren außerordentlich distinguirt. Er trug die mexikanische Tracht in aller ihrer Reinheit. Sobald die gegenseitigen Vorstellungen durch Don Andrès beendet waren, nahmen die Gäste Platz. Der Haciendero gab seiner Tochter, neben welche er Ludovic hatte Platz nehmen lassen, ein Zeichen, worauf sie das Benedicite sprach; die Gäste wiederholten Amen und die Mahlzeit begann. Die Mexikaner sind ebenso wie ihre Vorfahren, die Spanier, sehr mäßig, sie trinken während der Mahlzeit nicht; nur dann, wenn das Dessert gebracht wird, werden Vasen mit Wasser auf den Tisch gestellt. In Folge einer zarten Aufmerksamkeit hatte Don Andrès seinem französischen Gaste, welcher von seinem eigenen Diener, der hinter seinem Stuhl stand, bedient wurde, zur allgemeinen Verwunderung der Anwesenden, Wein vorsetzen lassen. Die Mahlzeit war schweigsam, ungeachtet der vielfachen Bemühungen Don Andrès, die Unterhaltung zu beleben; der Graf und Don Melchior begnügten sich, einige gezwungene Höflichkeitsphrasen auszutauschen und schwiegen dann wieder. Donna Dolores war bleich, sie schien leidend, aß kaum und sprach kein Wort. Endlich war die Mahlzeit beendet, man erhob sich vom Tische, die Diener der Hacienda zerstreuten sich, um wieder an ihre Arbeiten zu gehen. Unwillkürlich durch den kalten und abgemessenen Empfang Don Melchior's von einem Vorurtheil ergriffen, schützte der Graf Ermüdung von der Reise vor, um sich in sein Zimmer zurückzuziehen. Don Andrès willigte mit lebhaftem Widerstreben darein; Don Melchior und der Graf tauschten einen ceremoniellen Gruß aus und drehten einander den Rücken; Donna Dolores machte dem jungen Manne eine anmuthige Verbeugung und der Graf entfernte sich, nachdem er die Hand seines Wirthes herzlich gedrückt hatte. An die comfortable Eleganz und den feinen Verkehr des pariser Lebens gewöhnt, bedurfte der Graf de-la-Saulay einiger Zeit, um sich an das traurige, einförmige und wilde Leben in der Hacienda-del-Arenal zu gewöhnen. Ungeachtet des herzlichen Empfanges, welcher ihm von Seiten Don Andrès de-la-Cruz zu theil geworden, und der Aufmerksamkeiten, mit denen er ihn unaufhörlich umgab, bemerkte der junge Mann dennoch bald, daß sein Wirth die einzige Person der Familie war, welche ihn gern sah. Donna Dolores schien, obgleich sehr höflich gegen ihn, selbst freundlich bei ihren täglichen zufälligen Begegnungen dennoch durch ihn genirt zu sein und jede Gelegenheit zu fliehen, wo er eine abgesonderte Unterhaltung mit ihr führen konnte. Sobald sie bemerkte, daß ihr Bruder oder ihr Vater das Zimmer verließen, wo sie sich in Gesellschaft des Grafen befand, unterbrach sie sogleich das begonnene Gespräch, stammelte erröthend eine Entschuldigung, und entfernte sich, oder sie entfloh vielmehr leicht und rasch wie ein Vogel, und ließ Ludovic ohne alle Umstände allein. Dieses Betragen von Seiten eines jungen Mädchens, mit welchem er seit seiner Kindheit verlobt war, wegen dessen er fast gegen seinen Willen die Reise über den atlantischen Ocean gemacht hatte, nur allein um den im Namen ihrer Familien eingegangenen Verbindlichkeiten nachzukommen, mußte ihn mit Recht befremden und einen Mann wie den Grafen de-la-Saulay, der durch seine körperliche Schönheit, seinen Geist und sogar sein Vermögen bis dahin an eine so seltsame Behandlungsweise und so vollständige Mißachtung von Seiten der Damen nicht gewöhnt war, abkühlen. Natürlicher Weise würde der Graf, wenig aufgelegt zu der von seiner Familie beschlossenen Heirath, keineswegs verliebt in seine Cousine, die er sich kaum anzublicken die Mühe gegeben hatte, und ziemlich geneigt, sie wegen ihres Benehmens ihm gegenüber für dumm zu halten, leicht seinen Entschluß gefaßt haben, da sie einen Widerwillen gegen ihn zu empfinden schien; ja, er würde sich nicht allein getröstet, sondern sich sogar zu dem Aufgeben seiner Heirath mit ihr Glück gewünscht haben, wenn bei dieser Sache nicht seine Eigenliebe auf eine für ihn sehr verletzende Weise im Spiele gewesen wäre. So groß auch seine Gleichgültigkeit war, die er für das junge Mädchen empfand, so verletzte ihn doch die geringe Wirkung, welche seine Geltung, seine Manieren, selbst sein Luxus bei ihr hervorbrachte und die kalte, verächtliche Art, wie sie seine Complimente auf nahm. Obwohl er im Grunde seines Herzens aufrichtig den Wunsch hegte, diese ihm aus tausend Gründen mißfallende Heirath nicht zu schließen, so wünschte er doch auch, daß der Bruch eben so wenig ausdrücklich von ihm, noch geradezu von dem jungen Mädchen ausgehen sollte, sondern daß die Umstände bei seinem mit allen Ehren stattfindenden Rückzuge ihm gestatten möchten, sich von Derjenigen, welche seine Gattin werden sollte, bedauert zu sehen. Unzufrieden mit sich und den Personen, die ihn umgaben, sich in einer falschen Stellung fühlend, die bald lächerlich werden mußte, dachte der Graf daran, sich sobald als möglich derselben zu entziehen. Bevor er es aber zu einer offenen und entscheidenden Erklärung von Seiten Don Andrès de-la-Cruz, der von dem Stande der Dinge durchaus nichts zu ahnen schien, kommen ließ, beschloß der Graf bei sich selbst, in Erfahrung zu bringen, an was er sich in Bezug auf seine Braut zu halten habe; denn mit jener, allen durch die leichten Erfolge verwöhnten Männern eigenen Abgeschmacktheit, war er innerlich von der Unmöglichkeit überzeugt, daß ihn Donna Dolores nicht geliebt haben sollte, wenn ihr Herz nicht schon durch eine andere Liebe gefesselt worden war. Nachdem der Graf diesen Entschluß einmal gefaßt hatte, machte er es sich, zumal er gänzlich müßig in der Hacienda war, zur Pflicht, die Schritte des jungen Mädchens zu überwachen. Nach erlangter Gewißheit wollte er so schnell als möglich nach Frankreich zurückkehren, welches so schnell verlassen zu haben, um zweitausend Meilen von seinem Vaterlande ein so demüthigendes Abenteuer zu suchen, er mit jedem Tage mehr bedauerte und bereute. Trotz ihrer Gleichgültigkeit für den Grafen, haben wir erwähnt, daß sich Donna Dolores dennoch für verpflichtet hielt, wenn auch nicht so liebenswürdig, wie er wünschte, aber wenigstens stets höflich und selbst zuvorkommend zu sein; ein Beispiel, welches ihr Bruder gegen den Gast seines Vaters zu befolgen sich vollständig überhob, den er mit einer so affectirten Kälte behandelte, daß es der Graf nothwendigerweise bemerken mußte. Dieser verschmähte jedoch es zu zeigen und that, als fände er die rauhen, verletzenden und selbst brutalen Manieren des jungen Mannes vollkommen natürlich und im Einklang mit den Sitten des Landes. Beeilen wir uns zu sagen, daß die Mexikaner stets eine ausgesuchte Höflichkeit zeigen, ihre Sprache ist stets gewählt und blumenreich, und außer an der Kleidung ist es buchstäblich unmöglich einen Mann aus dem Volke von einer Person hohen Ranges zu unterscheiden. Don Melchior de-la-Cruz zeichnete sich, durch eine sonderbare Anomalie, welche ohne Zweifel aus seinem menschenscheuen Naturel entsprang, vollständig vor seinen Landsleuten aus. Immer finster, gemessen, in sich verschlossen, öffnete er in der Regel nur den Mund, um einige kurze Worte in schroffem Tone auszusprechen. Von dem ersten Augenblick ihrer Begegnung an, schienen der Graf wie Don Melchior gleich wenig befriedigt von einander; der Franzose schien dem Mexikaner zu weibisch und geziert, und dieser wieder stieß den Andern durch seine Brutalität, seine Ungeschliffenheit und die Trivialität seiner Ausdrucksweise ab. Aber wenn wirklich nur diese instinctmäßige Antipathie zwischen den jungen Leuten bestanden hätte, so würde sie vielleicht allmählich verschwunden sein und ohne Zweifel, freundschaftlichen Beziehungen Platz gemacht haben, je besser sie sich kennen und schätzen lernten; dem war aber nicht so; weder Gleichgültigkeit noch Eifersucht war es, welche Don Melchior für den Grafen empfand, es war der offenbare Haß eines Mexikaners. Woher schrieb sich dieser Haß? Welcher unbekannte, besondere Umstand hatte ihn entstehen lassen? Dies war das Geheimniß Don Melchior's. Uebrigens war der junge Haciendero voller Geheimniß; seine Handlungen waren eben so räthselhaft wie seine Physiognomie; sich einer unbegrenzten Freiheit erfreuend, benutzte er dieselbe im ausgedehntesten Maße, und ging und kam, ohne Jemand Rechenschaft darüber abzulegen. Allerdings richtete auch sein Vater und seine Schwester, die ohne Zweifel an seine Art und Weise gewöhnt waren, niemals eine Frage an ihn, wo er gewesen oder was er gethan habe, sobald er nach einer Abwesenheit, die sich oft auf länger als eine Woche ausdehnte, wieder erschien. Bei diesen sehr häufigen Gelegenheiten, war gewöhnlich die Frühstückszeit die Stunde seiner Ankunft. Er grüßte dann die Anwesenden schweigend, setzte sich, ohne ein Wort zu sprechen, an den Tisch und aß, dann drehte er eine Cigarette, zündete sie an, erhob sich und begab sich in seine Gemächer, ohne sich um die Andern weiter zu bekümmern. Don Andrès, der sehr gut das Unschickliche, welches dieses Betragen für seinen Gast haben mußte, einsah, hatte einige Male seinen Sohn zu entschuldigen gesucht, indem er es auf sehr ernste Beschäftigungen schob, die diese scheinbare Unhöflichkeit hervorriefen. Aber der Graf hatte ihm geantwortet, daß er Don Melchior für einen liebenswürdigen Cavalier halte, daß er seine Handlungsweise in Rücksicht auf ihn sehr natürlich fände und selbst sein Wesen ohne alle Umstände ihm ein Beweis von Freundschaft sei, welche er ihm erzeigte, indem er ihn nicht wie einen Fremden, sondern wie einen Freund und Bekannten behandele und daß er es sehr bedauern würde, wenn Don Melchior seinetwegen seinen Gewohnheiten den geringsten Zwang auferlegte. Ohne sich von dieser scheinbaren Sanftmuth irre führen zu lassen, hielt es Don Andrès für vorsichtig, nicht weiter bei diesem Gegenstand zu verweilen, und so war Alles gesagt. Don Melchior war gefürchtet von allen Peonen der Hacienda und allem Anscheine nach selbst von seinem Vater. Es war augenscheinlich, daß dieser finstere junge Mann über Alles, was ihn umgab, eine Macht ausübte, welche um ihrer Verhülltheit willen nur um so gefürchteter war; aber Niemand wagte sich zu beklagen, und der Graf, welcher allein einige Einwendungen hätte machen können, hütete sich wohl, denn da er sich als Fremder betrachtete, der nur einige Zeit in Mexiko zuzubringen beabsichtigte, so fand er durchaus keinen Geschmack daran, sich in Dinge zu mischen, welche ihn nichts angingen und ihn in keiner Weise berühren sollten. Beinahe zwei Monate waren seit der Ankunft des jungen Mannes in der Hacienda verflossen; er hatte die Zeit mit Lectüre oder mit Ausflügen in die Umgegend, in Gesellschaft des Haushofmeisters der Hacienda, zugebracht. Letzterer war ein Mann, von etwa vierzig Jahren, von kleiner, untersetzter Gestalt, kräftigen Gliedern und offenem, freimüthigen Gesicht, der das vollkommenste Vertrauen bei seinen Gebietern genoß. Dieser Haushofmeister, Leo Carral mit Namen, hatte eine große Neigung für den jungen Franzosen gefaßt, dessen unerschöpfliche Heiterkeit und Freigebigkeit sein Herz gewonnen hatten. Er fand Vergnügen daran, den Grafen auf ihren langen Ritten in der Reitkunst zu vervollkommnen, machte ihn auf die Mängel der Grundlehren der französischen Schule aufmerksam und befleißigte sich, worauf er übrigens gerechte Ansprüche hatte, ein wahrer hombre de a caballo und ein ginete erster Größe zu sein. Wir müssen hinzufügen, daß sein Zögling sich seine Lehren zu Nutze machte und nicht allein in kurzer Zeit ein vollkommner Reiter, sondern, Dank dem würdigen Haushofmeister, auch ein tüchtiger Schütze geworden war. Der Graf hatte nach den Rathschlägen seines Lehrers seit Kurzem die bequeme und elegante mexikanische Tracht angelegt, welche er mit einer Anmuth ohne Gleichen trug. Don Andrès de-la-Cruz rieb sich freudig die Hände, als er sah, daß Derjenige, den er bereits als seinen Schwiegersohn betrachtete, die Landestracht anlegte, in seinen Augen der sichere Beweis, daß der Graf beabsichtige, sich in Mexiko niederzulassen; er hatte bei dieser Gelegenheit selbst geschickt die Unterhaltung auf den Gegenstand, der ihm am Meisten am Herzen lag – nämlich die Heirath des jungen Mannes mit Donna Dolores – zu bringen versucht. Aber der Graf, immer auf seiner Hut, vermied wie schon öfter dieses gefährliche Thema und Don Andrès hatte sich kopfschüttelnd zurückgezogen, indem er murmelte: »Wir müssen uns indessen erklären.« Wohl schon zehn Mal seit der Ankunft des Grafen in der Hacienda hatte Don Andrès de-la-Cruz eine Erklärung mit ihm herbeizuführen versucht, aber bisher wußte der junge Mann derselben stets auszuweichen. Eines Tages als der Graf allein in seinem Gemach sich länger, als es seine Gewohnheit war, der Lectüre überlassen hatte, schien es ihm in dem Augenblicke, wo er sein Buch schließend, zufällig aufblickte, als gleite ein Schatten vor der Glasthür vorüber, die in die Huerta führte. Die Nacht war bereits vorgerückt, seit länger als zwei Stunden hätten die Bewohner der Hacienda sich dem Schlafe überlassen sollen: wer war dieser Herumstreicher, den seine Phantasie antrieb, so spät umherzuwandeln? Ohne sich Rechenschaft von dem Beweggrund seiner Handlungsweise abzulegen, beschloß Ludovic, sich darüber Gewißheit zu verschaffen. Er verließ seinen Sitz auf der Butacca, nahm von einem Tische zwei sechsläufige Revolver, um auf jede Eventualität gefaßt zu sein, und so leise als möglich die Thür öffnend, schlich er in die Huerta und der Richtung zu, wo er den Schatten hatte verschwinden sehen. Die Nacht war prächtig, der Mond leuchtete wie am hellen Tage, die Athmosphäre war von einer solchen Durchsichtigkeit, daß man auf weite Entfernung die Gegenstände vollkommen unterschied. Nur höchst selten hatte der Graf die Huerta betreten, deren Gänge er daher nicht kannte, und so zögerte er denn auch, sich in die langen Alleen, die nach allen Richtungen vor ihm sich ausdehnten, kreuzten und ineinanderschlangen, zu begeben, da er keineswegs Lust hatte, die Nacht, so schön dieselbe auch war, unter freiem Himmel zuzubringen. Er blieb stehen und überlegte: vielleicht hatte er sich geirrt, oder war er das Spielwerk seiner Einbildungskraft gewesen und hatte vielleicht einen vom Abendwinde bewegten Zweig, der sich in dem Lichte des Mondes spiegelte, für den Schatten eines Menschen gehalten? Diese Bemerkung war nicht allein richtig, sondern sogar logisch; doch schien der junge Mann nicht viel darauf zu geben; nach einigen Augenblicken glitt ein ironisches Lächeln über seine Lippen, und anstatt in den Garten zu dringen, glitt er vorsichtig längs der dichten Hecke hin, die sich auf dieser Seite der Hacienda befand. Nachdem er, mehr schleichend als gehend, zehn Minuten seinen Weg fortgesetzt hatte, blieb der Graf stehen, um Athem zu schöpfen und sich zu orientiren. »Gut,« murmelte er, nachdem er einen prüfenden Blick um sich geworfen hatte, »ich habe mich nicht geirrt, da ist es in der That.« Darauf neigte er sich vor, trennte vorsichtig die Blätter und Zweige von einander und blickte hindurch. Fast augenblicklich aber fuhr er wieder zurück, einen Ausruf der Ueberraschung unterdrückend. Der Platz, wo er sich befand, lag dem Zimmer Donna Dolores de-la-Cruz gerade gegenüber. Ein Fenster dieses Zimmers war geöffnet, und Donna Dolores neigte sich über die Brustwehr des Fensters und plauderte mit einem Manne, welcher ihr gegenüber im Garten stand; eine Entfernung von kaum zwei Schritt trennte die beiden Redenden, die in eine der interessantesten Unterhaltungen vertieft schienen. Es war dem Grafen unmöglich den Mann, der indessen nur einige Schritte von ihm entfernt war, zu erkennen; erstens stand er mit dem Rücken ihm zugekehrt und dann war er in einen Mantel gehüllt, ihn vollständig verbarg. »Ah!« murmelte der Graf, »ich hatte mich also nicht geirrt!« Trotz Allem, was diese Entdeckung für ihn Verletzendes hatte, fühlte er dennoch eine innere Befriedigung, daß er das Richtige errathen hatte, denn wer Mann auch sein mochte, er konnte nur ein Liebhaber sein. Obwohl beide Plaudernde mit gedämpfter Stimme sprachen, so geschah dies dennoch nicht leise genug, um nicht in einer kurzen Entfernung gehört zu werden, und obgleich er sich seine unzarte Handlungsweise zum Vorwurf machte, so bog dennoch der Graf, durch seinen Unwillen und vielleicht auch unwillkürlich durch die Eifersucht angetrieben, die Zweige auseinander und neigte sich vor, um zu horchen. Das junge Mädchen sprach in diesem Augenblick. »Mein Gott!« sagte sie bewegt, »ich zittere, mein Freund, wenn ich Euch mehre Tage nicht sehe; meine Unruhe ist außerordentlich; ich fürchte immer ein Unglück.« »Der Teufel!« murmelte der Graf, »das ist ein Bursche, der sehr geliebt wird.« Durch dieses Zwischengespräch entging ihm die Antwort des Mannes. Das junge Mädchen erwiderte: »Bin ich denn verurtheilt, noch lange hier zu bleiben?« »Ein Wenig Geduld, ich hoffe, daß bald Alles beendet sein wird,« antwortete der Unbekannte mit dumpfer Stimme; »und er, was macht er?« »Er ist immer derselbe, noch eben so finster und geheimnißvoll,« versetzte sie. »Ist er heut Abend hier?« »Ja.« »Immer eben so mürrisch?« »Mehr, als er es je gewesen.« »Und der Franzose?« »Ah! ah!« machte der Graf, »hören wir, was man von uns denkt.« »Er ist ein liebenswürdiger Cavalier,« flüsterte das junge Mädchen mit bebender Stimme, »seit einigen Tagen scheint er traurig.« »Er langweilt sich.« »Ich fürchte es.« »Armes Kind,« sagte der Graf, »sie hat bemerkt, daß ich mich langweile, es ist wahr, ich gebe mir keine Mühe, es zu verbergen. Aber sollte ich mich getäuscht haben? Sollte dieser Mann etwas Anderes als ein Liebhaber sein? Das ist sehr unwahrscheinlich! indessen wer weiß?« setzte er eingebildet hinzu. Während dieses langen Selbstgesprächs hatten die beiden Sprecher ihre Unterhaltung fortgesetzt, die daher für den jungen Mann ganz verloren gegangen war; als er wieder zu horchen begann, endete sie. »Ich werde es thun, weil Ihr es fordert,« sagte das junge Mädchen; »aber ist es denn durchaus nothwendig, mein Freund?« »Unumgänglich, Dolores.« »Teufel! er ist vertraut,« sagte der Graf. »Ich werde gehorchen,« erwiderte das junge Mädchen. »Laßt uns jetzt scheiden, ich bin schon zu lange hier geblieben.« Der Unbekannte drückte seinen Hut tiefer in die Augen, flüsterte zum letzten Mal »lebt wohl« und entfernte sich mit raschen Schritten. Der Graf war in größter Ueberraschung auf seinem Platze geblieben, der Unbekannte ging, ohne ihn zu sehen, fast dicht an ihm vorüber, in diesem Augenblick verrückte ein herabhängender Zweig seinen Hut, ein Mondstrahl traf sein Gesicht, der Graf erkannte ihn. »Olivier!« murmelte er, »er ist es also, den sie liebt?« Er kehrte wankend wie ein trunkener Mann in sein Zimmer zurück; diese letzte Entdeckung hatte ihn bestürzt gemacht. Der junge Mann legte sich zu Bett, aber er vermochte nicht zu schlafen, er verbrachte die ganze Nacht, in dem er die ungereimtesten Pläne entwarf. Indessen schien gegen Morgen seine Aufregung in Müdigkeit überzugehen. »Bevor ich irgend einen Entschluß fasse,« sagte er, »will ich eine Unterredung mit ihr haben; obwohl ich sicher bin, daß ich sie nicht liebe, so ist es doch um meiner Ehre willen nothwendig, sie zu überzeugen, daß ich kein Tropf bin und daß ich Alles weiß. Ich bin entschlossen: noch heut will ich um eine Unterredung bitten.« Nach diesem festen Entschlusse ruhiger geworden, schloß der Graf die Augen und schlief ein. Als er erwachte, erblickte er Raimbaut an seinem Bette, mit einem Papier in der Hand. »Was ist dies? Was willst Du von mir?« fragte er ihn. »Es ist ein Brief für den Herrn Grafen,«, antwortete der Kammerdiener. »Ah!« rief er, »sollten es Nachrichten aus Frankreich sein?« »Ich glaube nicht, dieser Brief ist Lanca durch eine Kammerfrau von Donna Dolores de-la-Cruz übergeben worden, mit der Bitte, denselben dem Herrn Grafen sofort bei seinem Erwachen zuzustellen.« »Das ist seltsam,« murmelte der junge Mann, als er den Brief nahm und ihn mit Aufmerksamkeit betrachtete; »er ist allerdings an meine Adresse,« setzte er hinzu, indem er sich entschloß, ihn zu öffnen. Dieser Brief war von Donna Dolores de-la-Cruz, er enthielt nur folgende wenige Worte in feiner, zitternder Handschrift: »Donna Dolores de-la-Cruz ersucht den Sennor Don Ludovic de-la-Saulay inständig, ihr wegen einer wichtigen Sache heut um drei Uhr spätestens eine Unterredung zu bewilligen; Donna Dolores wird den Sennor Graf in ihrem Zimmer erwarten.« »Jetzt verstehe ich nichts von Allem,« rief der Graf; »bah!« fuhr er nach augenblicklichem Nachdenken fort, »vielleicht ist es besser, daß es so ist und dieser Vorschlag von ihr ausgeht.« VII. Der Rancho. Der Staat Puebla ist durch ein Plateau von mehr als fünf und zwanzig Meilen im Umkreis gebildet, durch welches sich die hohen Cordilleren von Anahuac ziehen. Die Ebenen, von denen die Stadt umgeben ist, fallen stark ab, sind von Schluchten durchzogen, mit Hügeln übersäet und am Horizont von Bergen begrenzt, die mit ewigem Schnee bedeckt sind. Unabsehbare Aloefelder, wahrhafte Weingärten dieser Gegenden, da aus dieser Pflanze der Pulque, das bei den Mexikanern so sehr beliebte Getränk bereitet wird, dehnen sich vor unsern Blicken aus. Es giebt nichts Imposanteres als diese ungeheuren Aloeen, deren mit fürchterlichen Stacheln besetzte dicke, harte und glänzende Blätter eine Länge von sechs bis acht Fuß erreichen. Beinahe zwei Meilen von Puebla, auf dem Wege nach Mexiko befindet sich die ehemals sehr wichtige Stadt Cholula, die heute, ihres früheren Glanzes beraubt, nur noch zwölf- bis fünfzehntausend Einwohner zählt. Vor der Zeit der Azteken wurde das Gebiet, welches heute den Staat von Puebla bildet, von den Einwohnern als ein bevorzugtes Land und als das Heiligthum der Religion angesehen. Bedeutende und überdies vom archäologischen Gesichtspuncte aus sehr merkwürdige Ruinen bestätigen noch jetzt die Wahrheit unserer Behauptungen. Drei Hauptpyramiden erheben sich auf einem sehr beschränkten Raume, ohne von den Ruinen zu sprechen, denen der Reisende fortwährend begegnet. Von diesen drei Pyramiden ist überhaupt eine mit Recht berühmt, es ist diejenige, welcher die Bewohner Landes den Namen Monte hecho a mano geben, ein von Menschenhand errichteter Berg oder großer Teocali von Cholula. Diese mit Cypressen gekrönte Pyramide, auf deren Gipfel sich heute eine der Nuestra Sennora de los remedios erhebt, ist ganz von Stein erbaut; sie hat eine Höhe von 170 Fuß und ihre Basis erreicht nach Humboldt's Berechnungen eine Länge von 13055 Fuß, etwas mehr als das Doppelte der Basis der Pyramide Cheops. Herr Ampère macht mit vielem Tact und Feinheit bemerklich, daß die Einbildungskraft der Araber die für ihn unbekannte Wiege der ägyptischen Pyramiden mit Wunderwerken umgeben hat, deren Erbauung er bis auf die Sündfluth zurückführt, und daß es ebenso in Mexiko gewesen ist; bei dieser Gelegenheit erwähnt er einer im Jahre 1566 von Pedro del-Rio erhaltenen und in seinen jetzt im Vatican befindlichen Schriften aufbewahrten Tradition über die Pyramiden von Cholula. Wir entleihen diesem berühmtem Gelehrten diese Tradition und werden sie hier so wiedergeben, wie sie in seinen »Spaziergänge in Amerika,« enthalten ist. »Zur Zeit der großen Ueberschwemmung war das Land Anahuac (das Plateau von Mexiko) von Riesen bewohnt. Alle Diejenigen, welche bei diesem Unglück nicht umkamen, wurden in Fische verwandelt, ausgenommen sieben Riesen, die sich in Höhlen flüchteten, als die Gewässer sich verliefen. Einer dieser Riesen, Xelhua Chelhua mit Namen, der Baumeister war, errichtete bei Cholula, zur Erinnerung an den Berg Tlaloc, welcher ihm und seinen Brüdern als Zufluchtsstätte gedient hatte, eine künstliche Säule in pyramidaler Form. Die Götter, eifersüchtig über dieses Gebäude, dessen Gipfel bis in die Wolken reichte, und gereizt durch die Kühnheit Xelhua's schleuderten himmlisches Feuer auf die Pyramide, woher es kam, daß viele der Bauenden umkamen und das Werk nicht vollendet werden konnte. Es wurde Qualzalcoatl, dem Gott der Luft, geweiht.« Sollte man nicht glauben, die biblische Erzählung von dem Thurmbau zu Babel zu lesen? In diesem Bericht findet sich ein Irrthum, den man nicht dem berühmten Professor zuschreiben kann, den wir indessen, trotz unserer bescheidenen Eigenschaft als Romanschreiber, zu berichtigen für nützlich halten. Quetzalcoatl, – die mit Federn bedeckte Schlange, wovon die Wurzel ist Quetzalli, Feder, und Coatl: Schlange und nicht Qualzalcoatl, was nichts bedeutet und nicht einmal mexikanisch oder besser gesagt, aztekisch ist, – ist der Gott der Luft, der vorzugsweise Gesetzgebende Gott: er war weiß und bärtig, und erschien in schwarzem Mantel mit rothen Kreuzen übersäet, in Tula, dessen Hoher-Priester er war; die Männer, welche ihn begleiteten, trugen schwarze Kleider in Form von Soutanen und waren, wie er, weiß. Er kam durch Cholula, um sich nach dem geheimnißvollen Lande zu begeben, woher seine Vorfahren stammten, als die Cholulaner ihn baten, sie zu regieren und ihnen Gesetze zu geben. Er willigte ein und blieb zwanzig Jahre unter ihnen; dann, als er seine provisorische Aufgabe für beendet ansah, ging er bis an die Mündung des Flusses Huasacoalco, und dort verschwand er plötzlich, nachdem er den Cholulanern versprochen hatte, daß er eines Tages wiederkehren werde, um sie zu regieren. Es ist kaum ein Jahrhundert her, daß die Indianer, sobald sie ihre Opfergaben nach der auf der Pyramide errichteten der Jungfrau geweihten Capelle trugen, Quetzalcoatl, den sie noch immer gläubig erwarteten, um seine Rückkehr baten; wir wagen nicht zu behaupten, daß dieser Glaube heutigen Tages vollständig erloschen ist. Die Pyramide von Cholula gleicht in keiner Weise denjenigen, die man in Aegypten trifft, überall mit Erde bedeckt, ist sie ein bewaldeter Hügel, dessen Gipfel man eben so leicht zu Pferde wie zu Wagen erreichen kann. An gewissen Stellen hat die herabrollende Erde die an der Sonne gebrannten Steine, welche zur Erbauung dienten, unbedeckt gelassen. Eine christliche Kapelle erhebt sich auf dem Gipfel der Pyramide auf derselben Stelle, wo der dem Quetzalcoatl geweihte Tempel stand. Wir bedauern, daß gewisse Autoren behauptet haben, eine Religion der Liebe habe einen barbarischen und grausamen Cultus ersetzt: es wäre logischer gewesen zu sagen, eine wahre Religion sei an die Stelle einer falschen getreten. Niemals ist der Gipfel der Pyramide von Cholula mit Menschenblut getränkt worden, niemals ein Mensch dem Gott, welchen man in dem jetzt zerstörten Tempel anbetete, geopfert worden, aus dem einfachen Grunde, weil dieser Tempel Quetzalcoatl geweiht war und die einzigen auf dem Altar dieses Gottes dargebrachten Gaben in Erzeugnissen der Erde bestanden, wie Blumen oder Erstlinge der Ernte, und dies auf den bestimmten Befehl des gesetzgebenden Gottes, – ein Befehl, den seine Priester zu übertreten nicht gewagt haben würden. Es war gegen vier Uhr Morgens; die Sterne begannen am tiefen Himmelszelte zu verschwinden, der Horizont färbte sich mit breiten, gräulichen Streifen, welche unaufhörlich wechselten und allmählich alle Farben des Regenbogens annahmen, um sich endlich in eine blutrothe Schattirung zu verschmelzen. Der Tag brach an, die Sonne ging auf. In diesem Augenblicke kamen zwei Reiter von Puebla und sprengten im raschen Trabe auf dem Wege von Cholula daher. Beide waren sorgfältig in ihre Zarape gehüllt und schienen gut bewaffnet zu sein. Ungefähr eine halbe Meile von der Stadt, machten sie eine rasche Wendung nach rechts und schlugen einen schmalen Fußweg ein. Dieser, wie alle Communicationswege in Mexiko, sehr schlecht unterhaltene Pfad bildete unzählige Krümmungen und war von vielen Schluchten und Schlammlöchern durchschnitten, so daß man denselben nur mit der größten Schwierigkeit passiren konnte, wenn man nicht riskiren wollte, in zehn Minuten wohl zwanzig Mal den Hals zu brechen. Hier und da befanden sich Wasserlachen, welche das Pferd, bis zum Bauche im Wasser, durchwaten mußte; dann wieder ging es bergauf und bergab; endlich, nach einem schweren Ritt von wenigstens zwanzig Minuten, erreichten die beiden Reisenden den Fuß einer Art grob von Menschenhand errichteten Pyramide, die sich ungefähr vierzig Fuß über dem Boden der Ebene erhob. Dieser künstliche Hügel trug auf seinem Gipfel einen Vaquero-Rancho, zu welchem man vermittelst Stufen gelangte, die in gewissen Entfernungen in die Seitenwände des Hügels gehauen waren. Dort angekommen, hielt der Unbekannte sein Pferd an und stieg ab, sein Gefährte folgte seinem Beispiel. Darauf überließen die beiden Männer ihre Pferde sich selbst; stießen den Lauf ihrer Flinten in eine Vertiefung am Grunde des Berges und bedienten sich ihrer Waffen als Hebel, indem sie auf den Kolben einen Druck ausübten. Obwohl der Druck nur leicht war, so löste sich dennoch ein ungeheurer Stein, der vollständig mit dem Boden verwachsen schien, langsam los, drehte sich auf unsichtbaren Angeln und enthüllte den Eingang eines unterirdischen Ganges, der sanft abschüssig unter dem Erdboden hinlief. Dieser unterirdische Gang empfing wahrscheinlich Luft und Licht durch eine große Menge unbemerkbarer Spalten, denn er war trocken und vollkommen hell. »Geh, Lopez,« sagte der Unbekannte. »Geht Ihr dort hinauf?« antwortete der Andere. »Ja, Du wirst mich in einer Stunde aufsuchen, wofern ich nicht schon früher zurück bin.« »Zu Befehl.« Darauf pfiff er den Pferden, diese liefen herbei und auf ein Zeichen Lopez' traten sie ohne die geringste Schwierigkeit in den unterirdischen Gang. »Auf baldiges Wiedersehen,« sagte Lopez. Der Unbekannte machte eine bejahende Bewegung, der Diener trat ebenfalls in den Gang, ließ den Stein hinter sich zurückfallen, der sich so vollständig wieder auf den Felsen fügte, daß nicht die geringste Trennung des Zusammenhangs zu bemerken war und es unmöglich gewesen wäre, den Eingang, welchen er verbarg, selbst wenn man von seinem Dasein Kenntnis gehabt, wiederzufinden. Der Unbekannte war stehen geblieben und schaute auf die ihn umgebende Ebene, offenbar wollte er sich vergewissern, ob er allein sei und keine indiscreten Blicke zu fürchten habe. Sobald der Stein wieder an seiner Stelle lag, warf er seine Flinte über die Schulter und begann langsamen Schrittes, anscheinend in tiefes Nachdenken verloren, die Stufen zu erklimmen. Von dem Gipfel des Hügels hatte man eine weite Aussicht: auf der einen Seite Zapotecas, Cholula, Haciendas und Dörfer; auf der andern Puebla mit seinen zahlreichen gemalten, runden Kuppeln, die es einer orientalischen Stadt vergleichbar machten; weiterhin irrte der Blick über Aloe- und indische Getreidefelder, durch welche sich, wie eine gelbe Linie, die Straße von Mexiko schlängelte. Der Unbekannte überblickte einen Augenblick nachdenklich die zu dieser frühen Stunde vollständig öde Ebene, welche die ersten Strahlen der Sonne mit ihren leuchtenden Reflexen zu vergolden begann; ein erstickter Seufzer rang sich aus seiner Brust, er stieß die mit Ochsenhaut bedeckte Hürde, welche dem Rancho als Thür diente auf, und trat ein. Der Rancho hatte von Außen den Anschein einer elenden, fast in Trümmer zerfallenen Hütte; indessen war das Innere comfortabler eingerichtet, als man es in einem Lande, wo die Anforderungen des Lebens, für die niedrige Volksclasse überhaupt, auf das Nothwendigste beschränkt sind, mit Recht erwarten konnte. Das erste Zimmer, denn der Rancho hatte deren mehre, diente als Empfangs- und Speisesaal, der mit einem außen angebauten Verschlage, welcher als Küche diente, verbunden war. Die weißen Kalkwände dieses Saales waren nicht mit Gemälden, aber mit sechs bis acht ausgemalten Kupferstichen geschmückt, die in Epinal, der Stadt, die das ganze Weltall damit überschwemmt, fabricirt worden waren. Sie stellten verschiedene Episoden aus dem Kriege des Kaiserreiches dar, und waren sauber unter Glas und Rahmen gebracht. In einer Ecke befand sich, in einer Höhe von ungefähr sechs Fuß eine, die Nuestro Sennora de Guadalupe darstellende Statue, welche auf einer Palissanderconsole stand, auf deren am Rande befindlichen Leuchterdillen drei gelbe Wachskerzen brannten. Sechs Equipals, vier Butaccas, ein mit verschiedenem Hausgeräth besetztes Büffet, und ein ziemlich großer, mitten im Saal stehender Tisch vervollständigten das Meublement dieses durch zwei mit rothen Vorhängen versehene Fenster noch heiterer erscheinenden Zimmers. Der Fußboden war mit einer Matte von sehr sinniger Arbeit bedeckt. Wir haben ein wegen seiner Seltenheit ziemlich wichtiges Meubel zu erwähnen vergessen, dem man an einem solchen Orte zu begegnen nicht erwartet haben würde; dieses Meubel war eine Schwarzwälder Kuckuksuhr, über welcher sich der genannte Vogel befand, dessen Ruf den Ablauf der ganzen und halben Stunden verkündete. Diese Kuckuksuhr befand sich gerade zwischen den beiden Fenstern, der Eingangsthür gegenüber. Eine Thür zur Rechten führte in die innern Gemächer. In dem Augenblick, wo der Unbekannte in den Saal des Rancho trat, war derselbe leer. Er lehnte seine Flinte in eine Ecke des Gemachs, seinen Hut auf den Tisch, öffnete ein Fenster und nahm vor demselben in einer Butacca Platz, dann drehte er eine Cigarette von Maisstroh, zündete sie an und begann so ruhig und mit solcher Gemächlichkeit zu rauchen, als befände er sich in seiner Behausung. Bald darauf warf er einen Blick auf den Kuckuk und murmelte: »Halb sechs Uhr! gut, ich habe Zeit, er wird noch nicht kommen.« So zu sich selbst redend, lehnte sich der Unbekannte in seine Butacca zurück; seine Augen hatten sich geschlossen, seine Hand die Cigarette entgleiten lassen, und einige Minuten später war er in einen tiefen Schlaf gesunken. Sein Schlaf dauerte seit ungefähr einer halben Stunde, als eine Thür hinter ihm geöffnet wurde und eitle reizende junge Frau, von höchstens drei und zwanzig Jahren, mit blauen Augen und blondem Haar, mit leisen Schritten in den Saal trat, neugierig den Kopf vorstreckte und auf den Schläfer einen wohlwollenden, fast zärtlichen Blick heftete. Das Gesicht der jungen Frau drückte Heiterkeit und Spott aus, welche mit außerordentlicher Güte gepaart waren; ihre Züge, ohne regelmäßig zu sein, bildeten ein coquettes, anmuthiges Ganze, welches auf den ersten Blick gefiel; ihre außerordentlich weiße Hauptfarbe unterschied sie von den andern Rancherosfrauen, die meistens kupferfarbene Indianerinnen waren; ihre Tracht bestand in derjenigen, welche ihrer Classe zukam, aber sie war von bemerkenswerther Reinlichkeit und wurde mit einer herausfordernden Coquetterie getragen, die ihr zum Entzücken stand. So gelang sie ganz leise zu dem Schläfer, den Kopf nach rückwärts gewendet und den Finger auf den Mund gelegt, um ohne Zweifel den beiden Personen, – ein Mann und eine Frau – die ihr folgten, anzuempfehlen, so wenig wie möglich Geräusch zu machen. Diese beiden Personen hatten, die Frau das fünfzigste, der Mann beinahe das sechszigste Jahr erreicht; ihre ziemlich gemeinen Züge hatten nichts Hervorragendes, außer einem Ausdruck energischen Willens, der ihren Physiognomien aufgeprägt war. Die Frau trug die Kleidung der mexikanischen Rancheras; ihr Mann dagegen war ein Vaquero. Als alle Drei bei dem Unbekannten angelangt waren, blieben sie schweigend vor ihm stehen und blickten den Schläfer an. In diesem Augenblick drang ein Sonnenstrahl durch das offene Fenster und traf das Gesicht des Unbekannten. »Wahrhaftig!« rief er in französischer Sprache, indem er die Augen öffnete und rasch aufsprang, »ich glaube, der Teufel hol' mich, daß ich eingeschlafen bin!« »Ei! Herr Olivier,« antwortete der Ranchero in derselben Sprache, »was ist da Uebles dabei?« »Ah! da seid Ihr, meine lieben Freunde,« sagte er mit einem heitern Lächeln, indem er ihnen die Hand reichte; »ein freudiges Erwachen für mich, da ich Euch an meiner Seite finde. Guten Morgen, Louise, mein Kind, guten Morgen Mutter, Therese und Du, mein alter Loïck! Ihr habt so Glück verheißende Gesichter, die man mit Vergnügen sieht.« »Wie betrübt bin ich, daß Ihr so aus dem Schlafe gestört seid, Herr Olivier,« sprach die reizende Louise. »Um so mehr, als Ihr ohne Zweifel sehr ermüdet seid,« bekräftigte Loïck. »Bah! ich denke nicht mehr daran; Ihr erwartetet nicht, mich hier zu finden, nicht wahr?« »Entschuldigt, Herr Olivier,« versetzte Therese, »Lopez hat uns von Eurer Ankunft benachrichtigt.« »Dieser Bursche Lopez kann seinen Mund nicht halten,« bemerkte Olivier heiter, »er muß immer schwatzen.« »Ihr werdet doch mit uns frühstücken, nicht wahr?« fragte die junge Frau. »Ist das eine Frage, mein Kind,« sagte der Vaquero; »es wäre schön, wenn Herr Olivier es uns abschlüge.« »Nun, Murrkopf, zanke nicht,« scherzte Olivier, »ich werde mit Euch frühstücken.« »Ah! das ist gut« rief die junge Frau. Und von Therese, ihrer Mutter, unterstützt, begann sie Alles zum Morgenimbiß vorzubereiten. »Aber Ihr wißt,« sagte Olivier, »nichts Mexikanisches; ich will von der schauderhaften Küche des Landes nichts wissen.« »Beruhigt Euch,« antwortete Louise lächelnd; »wir werden auf französische Art frühstücken.« »Bravo, das verdoppelt meinen Appetit.« Während die beiden Frauen ab und zu gingen, um das Frühstück zu bereiten und den Tisch zu decken, waren die beiden Männer am Fenster geblieben und plauderten mit einander. »Seid Ihr noch immer zufrieden?« fragte Olivier seinen Wirth. »Ja, noch immer,« versetzte dieser, »Don Andrès de-la-Cruz ist ein guter Herr, überdies komme ich wenig in Berührung mit ihm, wie Ihr wißt.« »Das ist wahr, Ihr habt nur mit Leo Carral zu thun.« »Ich beklage mich nicht über ihn, er ist ein würdiger Mann; wir verstehen einander vollkommen.« »Um so besser! ich wäre untröstlich gewesen, wenn es anders wäre, überdies da Ihr auf meine Empfehlung diesen Rancho bewilligt erhalten habt, würdet Ihr wenn es Etwas gäbe ...« »Würde ich nicht zögern, Euch, Herr Olivier, davon in Kenntniß zu setzen; aber was Das anbetrifft, so geht Alles gut.« Der Abenteurer blickte ihn fest an. »Es giebt also etwas Anderes, wo es nicht so gut geht?« fragte er. »Ich sage Das nicht, Herr,« stammelte verwirrt der Vaquero. Olivier schüttelte den Kopf. »Erinnert Euch, Loïck,« sagte er streng, »welche Bedingungen ich Euch auferlegte, als ich Euch Verzeihung bewilligte.« »Oh! ich vergesse sie nicht, Herr.« »Ihr habt nicht gesprochen?« »Nein.« »Also Dominique glaubt noch immer ...« »Ja, noch immer,« antwortete er, indem er den Kopf senkte, »aber er liebt mich nicht.« »Was läßt Euch dies voraussetzen?« »Ich bin dessen nur zu gewiß, Herr, seid Ihr ihn in die Prairien gebracht habt, ist sein Charakter vollständig verändert; die zehn Jahre, welche er fern von mir zugebracht hat, haben ihn vollkommen gleichgültig gemacht.« »Vielleicht ist dies ein Vorgefühl,« murmelte dumpf der Abenteurer. »Oh! sagt dies nicht, Herr!« rief er mit Schrecken, »das Elend ist eine schlechte Rathgeberin; ich bin sehr schuldig gewesen, aber wenn Ihr wüßtet, wie ich mein Verbrechen bereut habe.« »Ich weiß es und deshalb habe ich Euch verziehen. Die Gerechtigkeit wird einst den wahrhaft Schuldigen treffen.« »Ja, Herr, und ich Elender, ich zittere, mich in diese unheilvolle Geschichte, deren Entwicklung schrecklich sein wird, gemischt zu haben.« »Ja wohl schrecklich, in der That,« sagte mit aller Energie der Abenteurer, »und Ihr werdet dabei sein, Loïck.« Der Vaquero stieß einen Seufzer aus, der dem Andern nicht entging. »Ich habe Dominique noch nicht gesehen,« begann er, plötzlich den Ton wechselnd, »schläft er noch?« »Oh! nein, Ihr habt ihm zu gute Anleitung gegeben, Herr; er ist von uns Andern immer der Erste wach.« »Wie kommt es, daß er dann nicht hier ist?« »Ah!« antwortete zögernd der Vaquero, »er ist ausgegangen; ei, er ist Herr seiner Handlungen, jetzt er zweiundzwanzig Jahre zählt!« »Schon!« murmelte der Abenteurer mit düsterer stimme. Dann, rasch den Kopf schüttelnd, setzte er hinzu: »Laßt uns frühstücken!« Die Mahlzeit begann unter ziemlich traurigen Auspicien, aber Dank den Anstrengungen des Abenteurers trat die frühere Heiterkeit bald wieder ein und das Ende des Frühstücks war so munter, als man es nur wünschen, konnte. Plötzlich trat Lopez rasch in den Rancho. »Sennor Loïck,« sagte er, »hier kommt Euer Sohn; ich weiß nicht, was er mit sich bringt; aber er kommt zu Fuß und führt sein Pferd am Zügel.« Alle erhoben sich und verließen den Rancho. Auf Schußweite in der Ebene bemerkte man in der That einen Mann, der sein Pferd am Zügel führte; ein ziemlich umfangreiches Bündel war auf dem Rücken des Thieres befestigt. Die Entfernung verhinderte zu unterscheiden, von welcher Art dieses Bündel war. »Das ist seltsam,« flüsterte Olivier mit leiser Stimme, nachdem er den Näherkommenden einige Augenblicke aufmerksam betrachtet hatte, »sollte er es sein? Oh! ich will sogleich klar darüber werden.« Und nachdem er Lopez ein Zeichen gegeben, ihm zu folgen, eilte der Abenteurer die Stufen hinunter und ließ den Vaquero und die beiden Frauen bestürzt zurück, die ihn bald in der Ebene, von Lopez gefolgt, Dominique entgegen laufen sahen. Dieser hatte die beiden Männer bemerkt und machte Halt, um sie zu erwarten. VIII. Der Verwundete. Tiefe Ruhe herrschte in der Ebene; der Abendwind hatte sich gelegt. Kein anderes Geräusch, als das fortwährende Gesumme der unendlichen kleinen Geschöpfe, die ihre Arbeit verrichteten, für welche die Vorsehung sie geschaffen hat, störte die Stille der Nacht. Der tiefblaue Himmel zeigte keine Wolke; ein sanftes klares Licht wurde durch die Sterne verbreitet und die Mondstrahlen übergossen die Landschaft mit ihrem dämmerigen Schein, der den Bäumen und Hügeln, deren Schatten sie übermäßig verlängerten, einen phantastischen Anstrich verlieh. Bläuliche Reflexe schienen in die Atmosphäre zu dringen, die so rein war, daß man leicht den schweren Flug der summend um die Zweige fliegenden Hornissen erkennen konnte; hier und da schwärmten Johanniswürmchen wie Kobolde in den hohen Gräsern umher, die sie mit ihrem phosphorartigen Glanz erleuchteten. Mit einem Wort, es war eine jener warmen und klaren amerikanischen Nächte, von denen wir in unserm kalten, vom Himmel weniger begünstigten Klima keinen Begriff haben, und welche die Seele in süße und melancholische Träumereien versetzten. Plötzlich bemerkte man am Horizont einen Schatten, der rasch anwuchs und bald die schwarze, noch unbestimmte Silhouette eines Reiters annahm; das Geräusch des eiligen Hufschlags eines Pferdes wurde vernehmbar und ließ in dieser Beziehung keinen Zweifel mehr. Es näherte sich in der That ein Reiter; er folgte der Richtung von Puebla; halb schlaftrunken auf seinem Pferde, hielt er demselben nur leicht den Zügel, es beinahe seiner eigenen Leitung überlassend, als dasselbe plötzlich, an einem Scheidewege angelangt, indessen Mitte sich ein Kreuz erhob, einen Sprung zur Seite machte, die Ohren spitzte und kräftig zurückwich. Der Reiter, etwas rauh aus seinem Schlaf oder was wahrscheinlicher ist, aus seinem Nachdenken aufgeschreckt, schnellte auf seinem Sattel in die Höhe und würde abgeworfen worden sein, wenn er nicht durch die instinctmäßige Bewegung eines starken Drucks auf den Zügel, sein Pferd besänftigt hätte. »Holla!« rief er, indem er rasch den Kopf erhob und, die Hand an seine Machete legend, unruhig umherblickte; »was giebt es denn hier? Allons, Moreno, mein gutes Thier, was bedeutet dieser Schrecken? ruhige Dich, mein Freund, an uns denkt Niemand.« Aber obwohl sein Herr, also sprechend, es liebkoste und Beide im besten Einverständniß zu sein schienen, fuhr dennoch das Thier fort, zurückzuweichen und immer heftigere Zeichen der Furcht kund zu geben. » Vive Dios ! Das ist nicht natürlich! Du hast nicht die Gewohnheit, Dich so um nichts zu erschrecken, guter Moreno, laß sehen, was es giebt?« Und der Reisende schaute von Neuem um sich, aber diesmal aufmerksamer und indem er seinen Blick den Boden senkte. »He!« machte er plötzlich, als er einen Körper über den Weg hingestreckt erblickte, »Moreno hat Recht; es ist etwas da, der Leichnam irgend eines Haciendero's, ohne Zweifel, den die Salteadores getödtet haben, um ihn besser plündern zu können, und den sie nachher, ohne sich weiter um ihn zu kümmern, verlassen haben werden; gehen wir der Sache auf den Grund.« Also halblaut zu sich selbst redend, war der Reiter vom Pferde gestiegen. Aber da unser Mann vorsichtig, und aller Wahrscheinlichkeit seit langer Zeit gewöhnt war, die Wege der mexikanischen Conföderation zu betreten, so bewaffnete er sich mit seiner Flinte und hielt sich eben so bereit zum Angriff wie zur Vertheidigung, im Fall es dem Individuum, den er Hülfe leisten wollte, einfallen sollte, unvermuthet sich zu erheben und seine Börse oder sein Leben zu verlangen; eine Eventualität, die sehr mit den Sitten des Landes übereinstimmte und gegen welche er vor Allem auf der Hut sein mußte. Er näherte sich also dem Leichname und betrachtete ihn einen Augenblick mit der größten Aufmerksamkeit. Er bedurfte nur eines Blickes, um die Gewißheit zu erlangen, daß er von dem Unglücklichen, der zu seinen Füßen hingestreckt lag, nichts zu fürchten habe. »Hm!« begann er, nochmals den Kopf schüttelnd, »das ist ein armer Teufel, der mir sehr krank zu sein scheint; wenn er nicht todt ist, so ist es doch nicht viel besser. Nun, versuchen wir immerhin, ihm zu helfen, obgleich ich fürchte, daß es vergebene Mühe sein wird.« Nach diesem neuen Selbstgespräch lehnte der Reisende, der kein Anderer als Dominique, der Sohn des Ranchero war, von dem wir weiter oben gesprochen haben, seine Flinte an den Rand des Weges, um sie zur Hand zu haben, im Fall er ihrer bedürfte, befestigte sein Pferd an einen Baum und nahm seine Zarape ab, um in seinen Bewegungen unbehindert zu sein. Nachdem er alle diese Vorsichtsmaßregeln getroffen, – denn er war in allen Dingen ein sehr sorgsamer Mann, – nahm Dominique die Alforhas oder Satteltaschen ab, legte sie über die Schulter und neben dem Körper niederknieend, öffnete er die Kleider des Mannes und legte sein Ohr auf die durch eine klaffende Wunde offene Brust. Dominique war ein kräftiger, vollkommen proportionirter Mann von hohem Wuchs; an seinen festen Gliedern bemerkte man starke, marmorharte Muskeln, er mußte mit einer merkwürdigen Kraft und mit einer großen Geschicklichkeit in seinen Bewegungen begabt sein, denen es nicht an einer gewissen männlichen Anmuth fehlte. Mit einem Wort, er war eine jener mächtigen, in allen Ländern seltenen Organisationen, denen man jedoch in einer Gegend, wo die Anforderungen eines Lebens des Kampfes in oft außerordentlichen Verhältnissen die körperlichen Kräfte des Menschen entwickeln, öfter begegnet. Obwohl erst zweiundzwanzig Jahr, schien Dominique mindestens achtundzwanzig. Seine schönen, männlichen und intelligenten Züge, seine schwarzen, großen Augen, seine entwickelte Stirn, sein kastanienbraunes, natürlich gelocktes Haar, sein großer, mit etwas dicken Lippen versehener Mund, sein stolz nach oben gerichteter Schnurrbart, sein eckiges Kinn gaben seinem Gesicht einen Ausdruck von Offenheit, Kühnheit und Güte, der wirklich anziehend war und ihm den Stempel unbeschreiblicher Distinction aufdrückte. Etwas Seltsames bei einem Manne, welcher der geringen Klasse der Vaqueros angehörte, waren seine kleinen Hände und Füße, von denen erstere zumal eine untadelhafte, aristokratische Schönheit zeigten. So war die physische Beschaffenheit dieser neuen Persönlichkeit, die wir dem Leser vorstellen, und welche berufen ist, in der Folge eine wichtige Rolle in dieser Erzählung zu spielen. »Nun, er wird Mühe haben, sich wieder zu erholen, wenn überhaupt Hoffnung dazu ist,« meinte Dominique, indem er sich wieder aufrichtete, nachdem er vergeblich den Schlag des Herzens zu hören versucht hatte. Indessen entmuthigte ihn das nicht. Er öffnete seine Satteltaschen und zog Leinwand daraus hervor, ein Verbandzeug und eine kleine mit einem Schlosse versehene Büchse. »Gut, daß ich meine indianischen Gewohnheiten beibehalten habe,« sagte er lächelnd, »und stets meinen Medicinsack bei der Hand habe.« Ohne Zeit zu verlieren, sondirte er die Wunde und wusch sie sorgfältig aus. Das Blut floß tropfenweiß aus den bläulichen Rändern derselben; er öffnete eine Flasche und goß auf die Wunde, einige Tropfen eines darin enthaltenen röthlichen Saftes; das Blut war sogleich wie durch Zauber gestillt. Darauf verband er die Wunde mit einer Geschicklichkeit, die seine Uebung darin bekundete, und legte auf dieselbe einige weiche, mit dem schon angewendeten rothen Saft befeuchtete Gräser. Der Unglückliche gab kein Lebenszeichen von sich, sein Körper behielt noch immer die Starrheit der Leichname; indessen ließ sich eine gewisse Feuchtigkeit an den Extremitäten wahrnehmen, welches Anzeichen Dominique vermuthen ließ, daß das Leben noch nicht vollständig in diesem armen Körper erloschen war. Nachdem er ihn sorgfältig verbunden hatte, richtete er den Verwundeten etwas in die Höhe und stützte ihn gegen einen Baum; darauf begann er die Brust, die Schläfen und die Handwurzeln mit Wasser vermischtem Rum zu reiben; indem er von Zeit zu Zeit damit inne hielt, um sein bleiches und entstelltes Gesicht mit unruhigem Blick zu prüfen. Alles schien vergeblich zu sein; keine Zusammenziehung, kein nervöses Zittern ließ die Rückkehr zum Leben erkennen. Aber es giebt nichts Beharrlicheres als den menschlichen Willen, der seinen Nächsten retten will: obwohl er ernstlich an dem Erfolg seiner Anstrengungen zu zweifeln begann, fühlte Dominique, weit entfernt, sich entmuthigen zu lassen, seinen Eifer sich verdoppeln, entschlossen, nur erst dann den Unglücklichen aufzugeben, sobald er den entschiedenen Beweis habe, daß jede Hülfe vergeblich sei. Es war in der That ein ergreifendes Bild, welches die Gruppe dieser beiden Männer auf diesem öden Wege, am Fuße des Kreuzes, dem Zeichen der Erlösung, in dieser ruhigen und lichtvollen Nacht darbot, wo der Eine, durch die heilige Pflicht der Menschlichkeit getrieben, mit wahrem Eifer an dem Andern die brüderlichste Sorgfalt verschwendete. Einen Augenblick unterbrach Dominique seine Reibungen und schlug sich vor die Stirn, als ob ihm ein plötzlicher Gedanke käme. »Wo zum Teufel habe ich denn meine Gedanken?'' murmelte er, und in seine Alforjas greifend, die unerschöpflich erschienen, so viel Dinge enthielten sie, zog er eine gut zugekorkte Kürbisflasche daraus hervor. Darauf öffnete er mit der Klinge seines Messer die aufeinander gepreßten Zähne des Verwundeten, brachte die Flasche, nachdem er den Kork entfernt, zwischen die Lippen und flößte ihm einen Theil ihres Inhaltes ein, indem er nicht ohne Angst sein Gesicht beobachtete. Nach einigen Minuten überlief ein schwacher Schauder den Verwundeten und seine Augenlider bewegten sich, als suche er sie zu öffnen. »Ah!« machte Dominique erfreut, »dies Mal glaube ich, das Rechte getroffen zu haben.« Und er legte die Flasche neben sich und begann die Reibungen mit neuem Eifer. Ein schwacher Seufzer drang wie ein Hauch über die Lippen des Verwundeten, seine Glieder begannen etwas von ihrer Starrheit zu verlieren; das Leben kehrte allmählich zurück. Der junge Mann verdoppelte seine Anstrengungen; nach und nach wurde der, obwohl schwache und unterbrochene Athem deutlicher, die Züge erschlafften und zwei rothe Flecke wurden auf den Wangen sichtbar; obgleich die Augen geschlossen blieben, so bewegten sich dennoch die Lippen des Unglücklichen, als versuchte er, einige Worte zu sprechen. »Bah!« sagte Dominique in freudigem Tone, »es ist noch nicht Alles zu Ende! Bravo! ich habe meine Zeit nicht verloren! Aber wer zum Henker hat ihm einen so wüthenden Degenstich versetzt? man duellirt sich in Mexiko nicht. Meiner Seele! wenn ich nicht fürchtete, ihm eine Beleidigung anzuthun, würde ich fast behaupten, den Mann zu kennen, der diesen armen Unglücklichen so hübsch aufgeschlitzt hat; aber Geduld, er wird bald wieder seine Sprache erlangen und dann müßte er sehr schlau sein, wenn ich nicht errathen sollte, mit wem er es zu thun gehabt hat.« Inzwischen hatte das Leben, nachdem es so lange gezögert, in den Körper zurückzukehren, den es fast schon verlassen, einen ernsten Kampf gegen den Tod begonnen, den zu überwinden es immer mehr gelang; die Bewegungen des Verwundeten wurden bestimmter: zweimal schon hatte er seine Augen aufgeschlagen, um sie allerdings sogleich wieder zu schließen; aber er mußte bald zum Bewußtsein kommen, das war keine Frage. Dominique goß etwas Wasser in einen Becher, mischte es mit einigen Tropfen aus der Kürbisflasche und näherte den Becher dem Munde des Verwundeten; dieser öffnete die Lippen und trank, worauf er einen Seufzer der Erleichterung ausstieß. »Wie fühlt Ihr Euch!« fragte der junge Mann mit Interesse. Bei dem Tone dieser unbekannten Stimme durchbebte ein convulsivischer Schauder den ganzen Körper des Unglücklichen; er machte eine Bewegung, als wolle er ein schreckliches Bild zurückstoßen, und murmelte mit dumpfer Stimme: »Tödtet mich!« »Meiner Treu, nein!« rief Dominique erfreut, »ich habe zu viel Mühe gehabt, um Euch wieder in's Leben zurückzurufen.« Der Verwundete öffnete halb die Augen, schaute mit verwirrtem Blick um sich und den jungen Mann mit unbeschreiblichem Entsetzen anstarrend, rief er: »Die Maske! die Maske! oh! zurück! zurück!« »Die Gehirnerschütterung ist stark gewesen,« murmelte der junge Mann; »er ist von einer fieberhaften Einbildung ergriffen, die, wenn sie fortdauert, den Wahnsinn herbeiführen könnte. Hm! der Fall ist ernst; wie soll man helfen?« »Henker!« sagte von Neuem der Verwundete mit schwacher Stimme, »tödte mich.« »Er scheint daran festzuhalten; dieser Mann ist in einen schrecklichen Hinterhalt gefallen, sein verwirrter Geist ruft ihm nur die letzte Mordscene, in der er eine so unglückliche Rolle gespielt hat, zurück; man muß das kurz abschneiden und ihm die zu seiner Heilung nöthige Ruhe wiedergeben, sonst ist er verloren.« »Weiß ich nicht allein, daß ich verloren bin?« sagte der Verwundete, welcher diese letzten Worte gehört hatte, »tödte mich also, ohne mich länger leiden zu lassen.« »Ihr versteht mich, Sennor,« antwortete der junge Mann; »gut, so hört mich an, ohne mich zu unterbrechen: ich gehöre nicht zu den Männern, die Euch in diesen Zustand versetzt haben; ich bin ein Reisender, welchen der Zufall oder vielmehr die Vorsehung auf diesen Weg geführt hat, um Euch zu helfen und, ich hoffe es, zu retten; Ihr versteht mich; nicht wahr? Hört also auf, Euren Phantasien nachzuhängen, vergeßt wenigstens jetzt, wenn es möglich ist, was sich zwischen Euch und Euren Mördern zugetragen hat, ich habe keinen andern Wunsch als den, Euch nützlich zu sein; ohne mich würdet Ihr gestorben sein; macht die schon schwere Aufgabe, die ich mir auferlegt habe, nicht noch schwieriger; Euer Wohl hängt von nun an von Euch allein ab.« Der Verwundete machte eine rasche Bewegung, um sich aufzurichten, aber seine Kräfte verließen ihn, er fiel mit einem Seufzer der Entmuthigung wieder zurück. »Ich kann nicht,« flüsterte er. »Ich glaube es wohl, so verwundet wie Ihr seid; es ist ein Wunder, daß der furchtbare Hieb, den Ihr bekommen habt, Euch nicht völlig getödtet hat; widersetzt Euch also nicht ferner Dem, was die Menschlichkeit mir für Euch zu thun befiehlt.« »Aber wenn Ihr kein Mörder seid, wer seid Ihr denn?« fragte der Verwundete unruhig. »Wer ich bin? ein armer Vaquero, welcher Euch hier sterbend gefunden hat und der so glücklich gewesen ist, Euch dem Leben wiederzugeben.« »Und Ihr schwört mir, daß Eure Absichten gut sind?« »Ich schwöre es Euch, auf meine Ehre.« »Habt Dank,« versetzte mit schwacher Stimme der Verwundete. Es trat ein langes Schweigen ein. »Oh! ich will leben,« nahm der Verwundete von Neuem energisch das Wort. »Ich begreife diesen Wunsch, er scheint mir von Eurer Seite sehr natürlich.« »Ja, ich will leben, denn ich muß mich rächen.« »Dies Gefühl ist gerecht, die Rache ist erlaubt.« »Ihr werdet mich retten, Ihr versprecht es mir, nicht wahr?« »Wenigstens werde ich es auf jede mögliche Weise zu thun versuchen.« »Oh! ich bin reich, ich werde Euch belohnen.« Der Ranchero schüttelte den Kopf. »Warum von Belohnen sprechen?« sagte er; »glaubt Ihr denn, daß sich die Aufopferung erkaufen läßt; behaltet Euer Gold, Caballero; mir wäre es zu nichts nütze, ich brauche es nicht.« »Indessen ist es meine Pflicht ...« »Nicht ein Wort mehr über diesen Gegenstand, ich bitte Euch darum, Sennor, jedes weitere dabei Beharren von Eurer Seite würde für mich eine tödtliche Beleidigung sein. Ich thue meine Pflicht, indem ich Euch das Leben rette, ich habe kein Recht auf eine Belohnung.« »So handelt, wie Ihr wollt.« »Versprecht mir vor Allem keine Einwendungen zu machen gegen Das, was ich in Eurem Interesse zu thun für nöthig erachte.« »Ich verspreche es Euch.« »Gut; auf diese Weise werden wir uns immer verständigen. Der Tag wird bald anbrechen; wir dürfen hier nicht länger bleiben.« »Aber wohin werde ich gehen? Ich fühle mich so schwach, daß es mir unmöglich ist, die geringste Bewegung zu machen.« »Beunruhigt Euch deshalb nicht; ich werde Euch auf mein Pferd setzen und es im Schritt gehen lassen, so wird es Euch ohne Erschütterung au einen sichern Ort bringen.« »Ich verlasse mich auf Euch.« »Das könnt Ihr durchaus; wünscht Ihr, daß ich Euch zu Eurer Wohnung führe?« »Meine Wohnung?« rief der Verwundete mit schlecht unterdrücktem Schrecken, indem er eine Bewegung machte, als suchte er zu entfliehen; »Ihr kennt mich also und wißt, wo ich wohne?« »Ich kenne Euch nicht und weiß nicht, wo Eure Behausung liegt. Wie sollte ich diese Einzelheiten kennen, da ich Euch vor dieser Nacht niemals gesehen habe?« »Es ist wahr,« murmelte der Andere zu sich selbst sprechend, »ich bin ein Narr! Diesem Manne ist zu trauen.« Dann sich an Dominique wendend, setzte er mit kaum verständlicher Stimme hinzu: »Ich bin ein Reisender; ich komme von Vera-Cruz und begab mich nach Mexiko, als ich unvermuthet überfallen, all' meiner Habe beraubt und für todt hier am Fuße des Kreuzes, wo Ihr mich fandet, verlassen wurde; ich habe in diesem Augenblick keine andere Wohnung, als die es Euch gefallen wird, mir anzubieten, das ist meine ganze Geschichte, sie ist ebenso einfach als wahr.« »Ob sie wahr ist oder nicht, geht mich nichts an, Sennor; ich habe nicht das Recht, mich gegen Euren Willen in Eure Geschäfte zu mischen; ich bitte Euch, überhebt Euch dessen, mir Auskunft zu ertheilen, um welche ich Euch nicht ersucht habe, um so mehr, da eine zu große Anstrengung des Geistes und das viele Sprechen Euch nur schädlich sein kann.« In der That war es dem Verwundeten nur in Folge außerordentlicher Willensstärke gelungen, eine so lange Unterredung zu unterhalten; die Erschütterung, welche er empfangen hatte, war zu stark gewesen, seine Wunde zu ernst, als daß er, trotz seines Wunsches es zu thun, im Stande gewesen wäre, das Gespräch fortzusetzen, ohne sich der Gefahr einer schlimmeren Ohnmacht auszusetzen, als aus welcher ihn sein edler Retter eben befreit hatte. Schon klopften seine Pulse, eine Wolke verschleierte seinen Blick, dumpfes Sausen schwirrte vor seinen Ohren, ein kalter Schweiß perlte auf seinen Schläfen; seine Gedanken, die er mit so großer Schwierigkeit einigermaßen gesammelt hatte, begannen von Neuem zu schwinden, er sah ein, daß ein längerer Widerstand von seiner Seite Thorheit sein würde, und so fiel er entmuthigt zurück, indem er einen Seufzer der Resignation ausstieß. »Freund,« flüsterte er mit schwacher Stimme, »macht mit mir, was Ihr wollt; ich fühle mich dem Tode nahe.« Dominique folgte seinen Bewegungen mit unruhigem Blick und beeilte sich ihm einige Tropfen einer Herzstärkung einzuflößen, welche er mit einem Schlaftrunk vermischt hatte; die Hülfe war wirksam, der Verwundete fühlte sich dem Leben wiedergegeben. Er wollte dem jungen Manne danken. Dieser aber fiel ihm lebhaft in's Wort. »Schweigt,« sagte er, »Ihr habt schon zu viel gesprochen.« Darauf hüllte er ihn sorgsam in seinen Mantel und legte ihn auf den Erdboden. »Da, hier liegt Ihr gut,« sprach er, »nun rührt Euch nicht mehr und versucht zu schlafen, während ich auf Mittel denken werde, Euch so schnell als möglich von hier zu entfernen.« Der Verwundete versuchte keinen Widerstand; schon wirkte der genossene Schlaftrunk; er lächelte sanft, schloß die Augen und bald war er in einen ruhigen Schlummer verfallen. Dominique beobachtete seinen Schlaf einen Augenblick mit der vollkommensten Befriedigung. »Ich sehe ihn lieber so, als wie bei meiner Ankunft,« sagte er erfreut; »aber Alles ist noch nicht gethan; jetzt handelt es sich darum, fortzukommen und das so schnell als möglich, wenn ich nicht von den Zudringlichen, die bald dieses Weges kommen werden, daran verhindert werden will.« Er machte sein Pferd los, zäumte es und führte es neben den Verwundeten; nachdem er mit Hülfe einiger Decken und seiner Zarape, deren er sich ohne Zögern entblößte, auf dem Rücken des Thieres eine Art Sitz gemacht hatte, nahm er den Verwundeten mit eben so großer Leichtigkeit in seine Arme, als wäre er ein Kind, anstatt ein Mann von hohem Wuchs und ziemlich starkem Umfang, und legte ihn sanft auf den Sitz, indem er ihn sorgfältig zu unterstützen suchte, um einen Fall zu vermeiden, der ihm tödtlich geworden wäre. Als der junge Mann sich versichert hatte, daß der Verwundete sich in einer so bequemen Lage befand, wie es die Umstände und überdies die ungenügenden Transportmittel, über welche er verfügte, erlaubten, brach er auf, indem er, sein Pferd am Zügel führend, seinen Platz neben dem Verwundeten, den er im Gleichgewicht im Sattel unterstützen mußte, einnahm und schlug die Richtung nach dem Rancho ein, wohin wir ihm vor ungefähr einer Stunde vorangegangen sind, um den Abenteurer daselbst einzuführen. IX. Entdeckung. Dominique ging langsam, während er mit fester Hand den Verwundeten auf dem Sattel seines Pferdes aufrecht hielt und über ihn wie eine Mutter über ihr Kind wachte. Er hatte nur den einen Wunsch, den Rancho so schnell als möglich zu erreichen, um diesem Unbekannten, der ohne ihn elend umgekommen sein würde, alle Sorgfalt angedeihen zu lassen, die sein gefährlicher Zustand, in welchem er sich noch immer befand, erheischte. Trotz der Ungeduld, die er empfand, war es ihm leider unmöglich, den Schritt seines Pferdes zu beschleunigen, aus Furcht eines Unfalls auf den fast unwegsamen Pfaden, die er zu nehmen gezwungen war; auch empfand er ein unbeschreibliches Vergnügen, als er, einige Schußweiten von dem Rancho angekommen, mehre Personen ihm entgegen eilen sah. Als die herbeieilenden Männer nur noch einige Schritte von ihm entfernt waren, machte er Halt und rief ihnen, wie ein Mann, der sich von einer auf ihm lastenden Verantwortlichkeit befreit sieht, entzückt zu: »Caraï, so kommt doch! Ihr solltet schon längst hier sein.« »Was soll das heißen, Dominique,« antwortete auf Französisch der Abenteurer, »warum bedürft Ihr unserer denn so eilig?« »Nun, das liegt Euch vor Augen, scheint mir; seht Ihr nicht, daß ich einen Verwundeten mit mir führe?« »Einen Verwundeten?« rief Olivier, indem er mit einem Satze sich fast augenblicklich neben dem jungen Manne befand; »von welchem Verwundeten sprecht Ihr denn?« »Wahrhaftig! von dem, den ich, so gut es ging, auf mein Pferd gesetzt habe, und den ich so bald als möglich in einem guten Bette sehen möchte, denn, unter uns gesagt, er bedarf es sehr, wenn er nämlich lebt, was, meiner Seele, ein unbegreifliches Wunder der Vorsehung wäre.« Ohne ihm zu antworten, hob der Abenteurer rasch die über das Gesicht des Verwundeten geworfene Zarape auf und betrachtete ihn mehrere Minuten prüfend mit einem Ausdruck von Angst, Schmerz, Zorn und unmöglich zu beschreibendem Bedauern. Sein plötzlich erbleichtes Gesicht hatte eine leichenartige Blässe angenommen, ein convulsivisches Zittern ließ alle seine Glieder erbeben, seine starr auf den Verwundeten gerichteten Blicke schienen Blitze zu schleudern und hatten einen seltsamen Ausdruck. »Oh!« murmelte er mit leiser und durch das in seinem Innern grollende Gewitter abgebrochener Stimme, »dieser Mann! Er ist es! Er ist nicht todt!« Dominique begriff nichts von Dem, was er hörte; er blickte Olivier mit Erstaunen an, und wußte nicht, was er von dessen Worten denken sollte. »Ah! was bedeutet Das!« brach er endlich zornig hervor, »ich rette diesen Mann, Gott weiß, mit welchen Schwierigkeiten, es gelingt mir, den armen Unglücklichen hierher zu führen, der, ich kann es sagen, ohne mich wie ein Hund gestorben sein würde, und so empfangt Ihr mich?« »Ja, ja, freue Dich,« versetzte der Abenteurer in bitterem Tone, »Du hast eine gute Handlung ausgeführt, ich wünsche Dir Glück dazu, Dominique, mein Freund; sei versichert, sie wird Dir Nutzen bringen, und das in nicht langer Zeit.« »Ihr wißt, daß Eure Rede für mich vollkommen unverständlich ist,« rief der junge Mann. »Was brauchst Du mich zu verstehen, armer Bursche!« antwortete er, indem er verächtlich die Achseln zuckte. »Du hast nach Deiner Natur gehandelt, ohne Ueberlegung und ohne Hintergedanken, ich habe Dir weder Vorwürfe zu machen, noch Dir Erklärungen zu geben.« »Aber weshalb? was wollt Ihr damit sagen?« »Kennst Du diesen Mann?« »Meiner Treu, nein; weshalb sollte ich ihn kennen?« »Das frage ich Dich nicht; weil Du ihn nicht kennst, wie kommt es, daß Du ihn so ohne Weiteres zu dem Rancho führst?« »Mein Gott, aus einem sehr einfachen Grunde: ich kam von Cholula zurück, als ich ihn sterbend auf Wege fand. Was konnte ich thun? Befahl mir nicht die Menschlichkeit ihm Hülfe zu bringen? Ist es erlaubt, einen Christen so sterben zu lassen, ohne zu versuchen, ihm zu helfen?« »Ja, ja,« erwiderte Olivier ironisch, »Du hast gut gehandelt; sicherlich, ich bin weit entfernt, Dich zu tadeln. Wie? Ein Mann von Herz sollte seinen Nächsten so schrecklich verwundet finden, ohne ihm Hülfe zu bringen!« Dann den Ton plötzlich ändernd und mitleidig die Achseln zuckend, fügte er hinzu: »Hast Du denn unter den Rothhäuten, wo Du lange gelebt hast, diese Menschlichkeitslehren empfangen?« Der junge Mann wollte antworten, aber er beherrschte sich. »Doch genug; jetzt ist das Uebel einmal geschehen,« fuhr er fort, »es ist nicht mehr zu ändern. Lopez wird ihn in das Erdgeschoß des Rancho führen, dort wird er ihn pflegen; geh, Lopez, verliere keine Zeit, führe diesen Mann, während ich mit Dominique plaudere.« Lopez gehorchte; der junge Mann ließ ihn gewähren; er begann zu ahnen, daß ihn vielleicht sein Herz getäuscht und er sich zu rasch von einem Gefühle der Menschlichkeit gegen einen Mann habe hinreißen lassen, der ihm vollkommen fremd war. Es herrschte ein ziemlich langes Schweigen; Lopez hatte sich mit dem Verwundeten entfernt und war bereits im Rancho verschwunden. Olivier und Dominique standen einander nachdenklich gegenüber. Endlich erhob der Abenteurer den Kopf. »Hast Du mit diesem Manne gesprochen?« »Ein Wenig, ja, nur unzusammenhängend.« »Was hat er Dir gesagt?« »Nicht viel Vernünftiges, er hat von einem Angriff gesprochen, dessen Opfer er geworden war.« »Ist das Alles?« »Ja, beinahe.« »Hat er Dir seinen Namen genannt?« »Ich habe ihn nicht darnach gefragt.« »Aber dennoch hätte er Dir sagen sollen, wer er ist.« »Ja, ich glaube wohl; er hat mir mitgetheilt, daß er seit Kurzem in Vera-Cruz angekommen sei und sich habe nach Mexiko begeben wollen, als er unvermuthet von ihm unbekannten Männern überfallen und geplündert worden sei.« »Er hat Dir nichts Anderes gesagt über seinen Namen oder seine Lage?« »Nein, nicht ein Wort.« Der Abenteurer blieb einen Augenblick in Nachdenken verloren. »Höre,« begann er von Neuem, »und nimm es nicht übel, was ich Dir sagen will.« »Von Euch, Herr Olivier, werde ich Alles Hören, denn Ihr habt das Recht, mir Alles zu sagen.« »Gut, erinnerst Du Dich noch, wie wir bekannt geworden sind?« »Gewiß, ich war damals ein armes Kind, welches, sterbend vor Hunger, in den Straßen Mexiko's umherirrte. Ihr hattet Mitleid mit mir, Ihr kleidetet und nährtet mich; doch nicht zufrieden damit, habt mich selbst im Lesen, Schreiben und Rechnen, weiß ich noch Alles; unterrichtet.« »Weiter, weiter.« »Dann habt Ihr mich meine Eltern wiederfinden lassen, oder wenigstens die Personen, welche mich erzogen haben, und die ich in Ermangelung anderer, immer als solche betrachtet habe.« »Gut, und später?« »Ei, Ihr wißt es eben so gut wie ich, Herr Olivier.« »Wohl möglich, aber ich will, daß Du es mir wiederholst.« »Wie es Euch beliebt: eines Tages seid Ihr in den Rancho gekommen, habt mich mit Euch genommen und nach Sonora und Texas geführt, wo wir die Büffel jagten; nach Ablauf von zwei oder drei Jahren habt Ihr mich in einen Comanchenstamm aufnehmen lassen und dann verließet Ihr mich mit dem Befehl, in den Prairien zu bleiben und das Leben der Waldläufer zu führen, bis zu der Zeit, wo Ihr meine Rückkehr verlangen würdet.« »Sehr gut, ich sehe, Du hast ein gutes Gedächtniß; fahre fort.« »Ich war Euch gehorsam und blieb unter den Indianern, indem ich mit ihnen jagte und mit ihnen lebte; vor sechs Monaten kamt Ihr selbst an den Rio-Gila, wo ich mich damals befand, um mich zu holen. Ich folgte Euch also, ohne um eine Erklärung zu bitten, deren ich nicht bedurfte; gehöre ich Euch nicht an mit Leib und Seele?« »Gut, und Du hast noch immer dieselben Gesinnungen?« »Warum sollten sie anders sein? Ihr seid mein einziger Freund.« »Hab' Dank, Du bist also entschlossen, mir in Allem zu gehorchen?« »Ohne Zögern, ich schwöre es Euch.« »Sieh, dessen wollte ich gewiß sein, jetzt höre auch mich an: dieser Mann, den Du so dummer Weise, vergieb das Wort, ich sage, so dummer Weise gerettet, hast, hat von Anfang bis zu Ende Alles erlogen, was er Dir gesagt. Die Geschichte, die er Dir mitgetheilt, ist ein Gewebe von Betrügereien: es ist nicht wahr, daß er erst seit einiger Zeit in Vera-Cruz ist, eben so wenig wahr, daß er sich nach Mexiko begiebt, auch ist er nicht von unbekannten Männern angefallen und geplündert worden. Dieser Mann, ich kenne ihn, ist seit beinahe acht Monaten in Mexiko, er wohnt in Puebla und ist durch Männer, die ein Recht hatten, über ihn zu Gericht zu sitzen, und die ihm durchaus bekannt sind, zum Tode verurtheilt. Er ist nicht unvermuthet überfallen, sondern in einem loyalen Kampfe gefallen; endlich ist er nicht geplündert worden, denn hatte es nicht mit Räubern von der Landstraße, sondern mit ehrlichen Leuten zu thun.« »Oh! oh!« meinte der junge Mann, »das ändert die Sache.« »Jetzt antworte mir; hast Du Dich ihm gegenüber zu irgend etwas verpflichtet?« »Was versteht Ihr darunter?« »Dieser Mann hat, als er wieder zum Bewußtsein zurückkehrte und seine Sprache wieder erlangte, Deinen Schutz angerufen, nicht wahr?« »Allerdings, Herr Olivier.« »Gut, und was hast Du ihm geantwortet?« »Ei, Ihr begreift wohl, daß es mir schwer wurde, den armen Teufel, in dem Zustand, in welchem er sich befand, zu verlassen, nach Allem, was ich für ihn gethan hatte.« »Gut und dann?« »Nun, dann versprach ich, ihn zu retten.« »Das heißt, ihn zu heilen.« »Ja, das meinte ich.« »Nichts Anderes?« »In dieser Beziehung, nein.« »Und das hast Du ihm nur versprochen?« »Nein, ich habe ihm mein Wort gegeben.« Der Abenteurer machte eine Geberde der Ungeduld. »Aber vorausgesetzt, daß er geheilt wird,« fing er wieder an, »was, unter uns gesagt, ziemlich zweifelhaft ist, wirst Du Dich ihm gegenüber, sobald er gesund ist, für quitt ansehen?« »Oh! was das anbetrifft, ja, Herr Olivier, vollständig.« »Nun, so ist es nur halb so schlimm.« »Ihr wißt, daß ich Euch nicht verstehe.« »Sei damit zufrieden, Dominique; vernimm, daß Du bei Deiner guten Handlung keine glückliche Hand gehabt hast.« Weshalb?« »Weil der Mann, den Du gerettet und so ergeben gepflegt hast, Dein tödtlichster Feind ist.« »Mein tödtlichster Feind, dieser Mann?« rief er mit zweifelndem Erstaunen; »aber ich kenne ihn ja eben so wenig, als er mich kennt.« »Du glaubst das, mein armer Freund, aber sei überzeugt, daß ich mich nicht täusche und Dir die Wahrheit sage.« »Das ist seltsam.« »Ja, sehr seltsam, in der That, aber es ist so; dieser Mann ist sogar Dein gefährlichster Feind.« »Was ist da zu thun?« »Laß mich handeln; ich hatte mich diesen Morgen nach dem Rancho begeben, um Dir zu verkünden, daß einer Deiner Feinde, der gefürchtetste von Allen, todt sei; Du hast Sorge getragen, mich Lügen zu strafen. Nach Allem aber ist es vielleicht besser so: was Gott thut, ist wohlgethan, seine Wege sind unerforschlich, wir müssen vor der Macht seines Willens uns beugen.« »Also ist Eure Absicht? –« »Meine Absicht ist, Lopez die Ueberwachung Deines Kranken zu übertragen; er wird im Erdgeschosse bleiben, wo man ihn mit der größten Sorgfalt pflegen wird; nur Du wirst ihn nicht wieder sehen, es ist unnöthig, daß Ihr Euch von jetzt an näher kennt. Was mich betrifft, so gebe ich Dir mein Wort, daß jede Pflege, die sein Zustand erfordert, ihm gewährt werden wird.« »Oh! ich verlasse mich ganz auf Euch, Herr Olivier; aber sobald er geheilt ist, was werden wir dann thun?« »Wir werden ihn friedlich abreisen lassen; er ist nicht unser Gefangener; sei unbesorgt, wir werden ihn ohne große Mühe wiederfinden, sobald es nöthig ist. Es versteht sich von selbst, daß Keiner im Rancho das Erdgeschoß betreten und mit ihm in die geringste Berührung kommen darf.« »Gut, Ihr werdet es ihnen also sagen, ich nehme es nicht auf mich.« »Ich werde es ihnen sagen; übrigens werde ich ihn selbst nicht sehen. Lopez allein wird damit beauftragt sein.« »Und ich, habt Ihr mir nichts mehr zu sagen?« »Ja, ich habe Dir anzuzeigen, daß ich Dich auf einige Tage mit mir nehme.« »Ah! und gehen wir weit?« »Du wirst es sehen, inzwischen begieb Dich in den Rancho, und bereite Alles zu Deiner Reise vor.« »Oh! ich bin bereit,« unterbrach er ihn. »Das ist wohl möglich, aber ich bin es nicht; habe ich nicht Lopez in Bezug auf den Verwundeten Ordre zu geben.« »Allerdings, und dann muß ich von der Familie Abschied nehmen.« »Daran thuest Du recht; denn Du wirst wahrscheinlich auf längere Zeit abwesend sein.« »Gut, ich verstehe, wir werden eine tüchtige Jagd machen.« »Wir werden jagen, ja,« versetzte der Jäger mit zweideutigem Lächeln, »aber nicht auf die Weise, wie Du vermuthest.« »Nun, das ist mir gleich, ich werde jagen, wie Ihr es wünscht.« »Ich rechne darauf; doch nun komm, wir haben schon zu viel Zeit verloren.« Sie lenkten ihre Schritte nach dem Hügel. Der Abenteurer trat in das Erdgeschoß und der junge Mann begab sich in den Rancho. Loïck und die beiden Frauen erwarteten ihn auf der Plattform, nicht wenig neugierig wegen der langen Unterredung, die er mit Olivier gehabt hatte; aber Dominique war undurchdringlich, er hatte zu lange in der Wildniß gelebt, um sich die Wahrheit entlocken zu lassen, sobald es ihm gefiel, sie zu verbergen. Unter diesen Umständen war es ganz vergeblich, daß man ihn mit Fragen bestürmte; als sein Vater und die beiden Frauen sahen, daß nichts aus ihm herauszubringen war, ließen sie ihn endlich in Ruhe. Sein Frühstück stand indessen auf dem Tisch bereit. Da er Hunger hatte, so ergriff er diesen Vorwand, um das Gespräch zu ändern, und während er aß, verkündete er seine Abreise. Loïck machte keine Einwendung; er war an seine plötzlichen Abwesenheiten gewöhnt. Nach ungefähr einer halben Stunde kam Olivier wieder. Dominique erhob sich und nahm von der Familie Abschied. »Ihr nehmt ihn mit?« sagte Loïck. »Ja,« antwortete Olivier, »für einige Tage, wir gehen nach Terre-Chaude .« »Hütet Euch,« bemerkte Louise unruhig, »Ihr wißt, daß Juarez' Guerillas immer im Lande herumstreichen.« »Fürchte nichts; kleine Schwester,« versetzte der junge Mann, indem er sie umarmte, »wir werden vorsichtig sein; ich werde Dir einen Foulard mitbringen, den ich Dir, wie Du weißt, schon lange versprochen habe.« »Mir wäre es lieber, Du verließest uns nicht, Dominique,« antwortete sie betrübt. »Nun, nun,« scherzte der Abenteurer, »seid unbesorgt, ich werde ihn Euch frisch und gesund zurückbringen.« Es schien, daß die Bewohner ein großes Vertrauen in Olivier's Worte setzten; denn, auf diese Versicherung hin, wurden sie ruhiger und nahmen leicht genug von den beiden Männern Abschied. Diese verließen darauf den Rancho, stiegen den Hügel hinunter, und fanden ihre Pferde am Fuße desselben ihrer harrend. Nachdem sie den auf der Plattform stehenden Bewohnern des Rancho ein letztes Lebewohl zugewinkt hatten, schwangen sie sich in den Sattel und entfernten sich im Galopp quer durch das Land, um die Straße nach Vera-Cruz zu erreichen. »Ist dies der Weg nach Terre-Chaude ,« fragte Dominique, der neben seinem Gefährten ritt. »Oh! oh! wir gehen nicht so weit; ich führe Dich nur nach einer einige Meilen von hier gelegenen Hacienda, wo ich hoffe, daß Du eine neue Bekanntschaft machen sollst.« »Bah! weshalb denn? Ich kümmere mich wenig um neue Bekanntschaften.« »Diese wird Dir sehr nützlich sein.« »Ah! dann ist es etwas Anderes. Ich gestehe Euch indessen, daß ich die Mexikaner nicht sehr liebe.« »Die Person, der man Dich vorstellen wird, ist kein Mexikaner, sondern ein Franzose.« »Das ist allerdings nicht Dasselbe; aber warum sagt Ihr, der man mich vorstellen wird. Werdet Ihr das nicht selbst thun?« »Nein, sondern eine andere Person, die Du kennst und für welche Du sogar eine gewisse Zuneigung hast.« »Wen meint Ihr?« »Leo Carral.« »Der Haushofmeister der Hacienda-del-Arenal?« »Ihn selbst.« »Wir gehen also nach dieser Hacienda?« »Nicht gerade, aber doch in die Umgegend derselben. Ich habe dem Haushofmeister ein Rendez-vous gegeben, und wir begeben uns jetzt an den verabredeten Ort.« »Das trifft sich ausgezeichnet; ich freue mich sehr, Leo Carral wiederzusehen. Er ist ein guter Gefährte.« »Und ein Mann von Herz und Ehre,« setzte Olivier hinzu. X. Das Rendez-vous. Seit der Ankunft des Grafen de-la-Saulay in der Hacienda, hatte Donna Dolores gegen ihn stets ein zurückhaltendes Benehmen beobachtet, welches die von ihren beiden Familien gefaßten Heirathspläne durchaus nicht rechtfertigte. Wir wollen nicht sagen, daß das junge Mädchen mit Demjenigen, den sie gewissermaßen als ihren Verlobten betrachten sollte, keine Unterredung unter vier Augen gehabt hätte, aber noch niemals hatte die geringste Vertraulichkeit zwischen ihnen stattgefunden. Obwohl immer höflich und artig, hatte sie vom ersten Tage an zwischen sich und dem Grafen eine Schranke zu errichten gewußt, welche dieser nie zu überschreiten gewagt und die ihn verurtheilt hatte, vielleicht gegen seine geheimen Wünsche, in den strengsten Grenzen der Zurückhaltung zu bleiben. Unter diesen Umständen, und überhaupt nach der Scene, von welcher er in der vergangenen Nacht Zeuge gewesen, wird man leicht begreifen, wie groß die Ueberraschung des jungen Mannes sein mußte, als er vernahm, daß Donna Dolores ihn um eine Unterredung bat. Was konnte sie ihm zu sagen haben? Aus welchem Grunde suchte sie eine Zusammenkunft? Was trieb sie zu dieser Handlungsweise? Dies waren die unaufhörlichen Fragen, die der Graf an sich richtete, Fragen, die dennoch ohne Antwort blieben. So war die Unruhe, Neugier und Ungeduld des jungen Mannes auf den höchsten Gipfel gestiegen und mit einem, wahren Freudengefühl, von dem er sich keine Rechenschaft geben konnte, hörte er endlich die zu dem Rendez-vous bestimmte Stunde schlagen. Wenn er sich in Frankreich, in Paris befunden hätte anstatt in einer Hacienda Mexiko's, würde er sicherlich im Voraus gewußt haben, was er von der erhaltenen Botschaft zu denken habe, und würde darnach sein Benehmen eingerichtet haben. Aber hier, wo Alles – die Kälte Donna Dolores' gegen ihn, die sie nie einen Augenblick verließ, so wie der Vorzug, den sie nach der nächtlichen Scene zu urtheilen, einer andern Person zu schenken schien – sich vereinigte, um jede Vermuthung auf ein Liebesrendezvous zu zerstören, war es da die Verzichtleistung auf ihre Hand oder seine unmittelbare Entfernung, welche Donna Dolores von ihm fordern wollte? Seltsamer Widerspruch des menschlichen Geistes! Den Grafen, der einen immer deutlicheren Widerwillen gegen diese Heirath empfand, dessen ausdrückliche Absicht es war, so bald als möglich eine Erklärung darüber mit Don Andrès de-la-Cruz zu haben und dessen fester Entschluß es war, sich zurückzuziehen und auf die so lange vorbereitete Verbindung zu verzichten, die ihm um so mehr mißfiel, als sie ihm auferlegt war, empörte jetzt die Vermuthung, daß Donna Dolores diese Entsagung fordern könne. Seine verletzte Eigenliebe ließ ihn die Sache unter einem ganz neuen Licht betrachten und die Verachtung seiner Hand, von Seiten des jungen Mädchens erfüllte ihn mit Scham und Zorn. Er, der Graf Ludovic de-la-Saulay, jung, schön, reich, ausgezeichnet durch seinen Geist und seine Eleganz, einer der distinguirtesten Mitglieder des Jockey-Clubs, ein Gott der Mode, dessen Eroberungen in Paris in Aller Munde waren, sollte bei einem halbwilden jungen Mädchen keinen andern Eindruck hervorgerufen haben, als den des Widerwillens, kein anderes Gefühl eingeflößt haben, als kalte Gleichgültigkeit? Das war wirklich zum Verzweifeln; einen Augenblick bildete er sich sogar ein – so sehr blind machte ihn der Aerger – daß er in seine Cousine verliebt sei, und er nahm sich vor, gegen alle Bitten und Thränen Donna Dolores' taub zu bleiben und in kürzester Frist die Vollziehung seiner Heirath zu fordern. Aber leider gab ihm die Eigenliebe, die ihn zu diesem außerordentlichen Entschluß getrieben, plötzlich ein einfacheres und für ihn überhaupt angenehmeres Mittel an die Hand, um sich aus der Verlegenheit zu ziehen. Nachdem er sich einen Augenblick wohlgefällig betrachtet hatte, leuchtete ein Lächeln hoher Befriedigung in seinem Gesicht auf. Er fand sich physisch und moralisch so erhaben über Alles, was ihn umgab, daß er nur ein Gefühl des Mitleids für das arme Kind empfand, welches seine schlechte Erziehung verhinderte, die unzähligen Vorzüge zu schätzen, die er vor allen seinen Rivalen hatte, und das Glück zu verstehen, welches sie in einer Verbindung mit ihm finden müsse. Mit diesen Gedanken verließ der Graf seine Wohnung, ging durch den Hof und begab sich nach dem Zimmer Donna Dolores'. Er bemerkte, ohne Wichtigkeit darauf zu legen, daß im Hofe mehre Pferde, gesattelt und gezäumt, von Peonen gehalten wurden. An der Thür des Zimmers stand eine junge Indianerin mit unruhigem Gesicht und glänzenden Augen, die ihn lächelnd empfing und ihm mit einer tiefen Verneigung einzutreten winkte. Der Graf folgte ihr; die Kammerfrau schritt durch mehre elegant meublirte Säle, hob endlich eine Portière von weißem, mit bunten Blumen gestickten Crêpe-de-Chine auf und führte den Grafen schweigend in ein reizendes Boudoir. Halb liegend in einer Hängematte von Aloegeflecht vergnügte sich Donna Dolores, einen hübschen, kleinen Papagei zu reizen, und lachte wie unsinnig über das zornige Geschrei des kleinen Thieres. Das junge Mädchen war in diesem Augenblicke entzückend, noch nie hatte sie der Graf so schön gesehen. Nachdem er sich tief vor ihr verneigt hatte, blieb er auf der Thürschwelle stehen, vollkommen übermannt von einer mit Bewunderung gemischten Ueberraschung, so daß Donna Dolores, nachdem sie ihn einen Augenblick betrachtet, sich nicht beherrschen konnte und in ein herzliches Lachen ausbrach. »Verzeiht, mein Vetter,« sagte sie zu ihm, »aber Ihr bildet eine sonderbare Figur in diesem Augenblick, daß ich mich nicht enthalten kann ...« »Lachet immerhin, Cousine,« unterbrach sie der junge Mann, indem er sogleich auf die Heiterkeit einging, die er durchaus nicht erwartet hatte, »ich bin glücklich, Euch in so guter Laune zu finden.« »Bleibt doch nicht dort stehen; mein Vetter,« entgegnete sie; »hier, setzt Euch neben mich auf diese Butacca,« und sie bezeichnete mit der Hand einen Fauteuil. Der junge Mann gehorchte. »Meine Cousine,« begann er von Neuem, »ich habe die Ehre, Eurer Einladung Folge zu leisten.« »Ah! es ist wahr,« antwortete sie, »ich danke Euch für Eure Gefälligkeit und Pünctlichkeit, mein Vetter.« »Ich konnte mit nicht genug Eifer Eurem Wunsche nachkommen, meine Cousine; ich habe so selten das Glück, Euch zu sehen.« »Soll das ein Vorwurf sein, den Ihr an mich richtet?« »Oh! keineswegs, Madame, ich gestehe mir in keiner Weise zu, Euch, wie Ihr es zu nennen beliebt, Vorwürfe zu machen; Ihr seid frei, nach Eurem Gefallen zu handeln und über mich nach Belieben zu verfügen.« »Oh! oh! mein lieber Vetter, was das anbetrifft, so möchte ich nicht darauf schwören, und wenn ich auf den Gedanken käme, diese schöne Ergebenheit auf die Probe zu stellen, so glaube ich, ich würde bald zu meiner Beschämung einsehen müssen, daß Ihr meine Bitte rundweg abschlagt.« »Da sind wir schon,« dachte der junge Mann, und laut fügte er hinzu: »Mein aufrichtigster Wunsch, Cousine, ist, Euch in Allem zu gefallen, ich gebe Euch mein Ehrenwort, und was Ihr auch von mir fordern mögt, ich werde Euch gehorchen.« »Ich habe große Lust, Don Ludovic, Euch beim Wort zu nehmen,« antwortete sie, indem sie sich mit einem entzückenden Lächeln zu ihm neigte. »Thut es, meine Cousine, und Ihr werdet an der Schnelligkeit, mit welcher ich Euren Befehlen nachkommen werde, erkennen, daß ich der ergebenste Eurer Sclaven bin.« Das junge Mädchen blieb einen Augenblick nachdenklich, darauf setzte sie den Papagei, mit dem sie bis jetzt gespielt hatte, wieder auf die Stange von Palissanderholz und aus ihrer Hängematte springend, kam sie und setzte sich auf eine in geringer Entfernung vom Grafen befindliche Butacca. »Mein Vetter,« sagte sie, »ich habe Euch um einen Dienst zu bitten.« »Mich, Cousine? Endlich werde ich also zu etwas nütze sein!« »Dieser Dienst ist an und für sich von nicht allzu großer Wichtigkeit,« fuhr sie fort. »Um so schlimmer.« »Ich fürchte indessen, er wird Euch sehr langweilig sein.« »Was thut das, Cousine, wenn ich Langweile empfinde, sobald ich Euch gefällig sein kann.« »Ich danke Euch, mein Vetter; es handelt sich um Folgendes: ich muß heut, in wenigen Minuten, einen ziemlich weiten Ritt machen, aus Gründen, die Ihr bald erkennen werdet, kann und will ich mich von keinem Bewohner der Hacienda begleiten lassen. Da indessen die Wege jetzt nicht ganz sicher sind, so wage ich nicht, diesen Ausflug allein zu unternehmen; ich bedarf zu meinem Schutz und zu meiner Vertheidigung, wenn es sein müßte, eines Mannes, dessen Gegenwart an meiner Seite zu keiner böswilligen Vermuthung Anlaß geben kann. Ich habe daher an Euch gedacht. Willigt Ihr ein, mich zu begleiten, mein Vetter?« »Mit Freuden, meine Cousine; aber ich muß bemerken, daß ich hier in diesem Lande fremd bin und fürchten muß, mich auf Wegen, die ich nicht kenne, zu verirren.« »Beunruhigt Euch darüber nicht, mein Vetter, ich bin eine Tochter des Landes und auf fünfzig Meilen in der Runde kenne ich die Wege, und würde keine Gefahr laufen, mich zu verirren.« »Wenn es so ist, liebe Cousine, so ist Alles gut. ich danke Euch für die Ehre, welche Ihr mir erweist und bin vollkommen zu Eurer Verfügung.« »An mir ist es, Euch zu danken, Vetter, für Eure außerordentliche Gefälligkeit. Die Pferde sind gesattelt. Ihr tragt die mexikanische Tracht, die Euch entzückend steht; geht, schnallt Eure Sporen an, sagt Eurem Kammerdiener, daß er Euch begleiten soll, und bewaffnet Euch überdies, das ist von Wichtigkeit, denn man weiß nie, was geschehen kann, und kommt in zehn Minuten zurück, ich werde zur Abreise bereit sein.« Der Graf erhob sich, verneigte sich vor dem jungen Mädchen, welches seinen Gruß mit einem anmuthigen Lächeln erwiderte, und entfernte sich. »Wahrhaftig,« murmelte er, sobald er sich allein sah, »das ist reizend und der Auftrag, mit dem sie mich beehrt, erfreulich; ich stelle mir vor, daß ich meine entzückende Cousine zu irgend einem Liebesrendez-vous begleiten werde! Aber das Mittel, ihr etwas abzuschlagen, habe ich bis jetzt noch nicht gefunden. Auf meine Seele, sie ist ein reizender kleiner Kobold, und wenn ich mich nicht in Acht nehme, so werde ich mich in sie verlieben, wenn es nicht schon geschehen ist,« setzte er mit einem unterdrückten Seufzer hinzu. Er trat bei sich ein, gab Raimbaut Befehl, seine Vorbereitungen zu treffen, um ihn zu begleiten, was der würdige Diener mit der Pünctlichkeit und Schweigsamkeit, die ihn auszeichneten, ausführte, und nachdem der Graf seine schweren silbernen Sporen angelegt und eine Zarape über seine Schultern geworfen hatte, wählte er eine Doppelflinte, einen Degen, ein Paar sechsläufige Revolver und begab sich, so bewaffnet, in den Patio. Raimbaut war dem Beispiel seines Herrn gefolgt und hatte sich mit einem vollständigen Arsenal versehen. So waren die beiden Männer ohne Uebertreibung im Stande, wenn sich die Gelegenheit bot, einem Dutzend Banditen zu trotzen. Donna Dolores erwartete, bereits im Sattel, die Ankunft des Grafen; sie plauderte mit ihrem Vater. Don Andrès de-la-Cruz rieb sich freudig die Hände; das gute Einverständnis der jungen Leute entzückte ihn. »Ihr gedenkt also einen Spazierritt zu machen?« sagte er zu dem Grafen; »ich wünsche Euch viel Vergnügen.« »Die Sennorita hat mich mit dem Wunsche beehrt, sie zu begleiten,« antwortete Ludovic. »Sie hat vollkommen recht daran gethan; ihre Wahl konnte keine bessere sein.« Indem er diese wenigen Worte mit seinem künftigen Schwiegervater austauschte, hatte sich der Graf, nachdem er Donna Dolores begrüßt, in den Sattel geschwungen. »Glückliche Reise!« fuhr Don Andrès fort, »und hütet Euch vor Allem vor schlimmen Begegnungen; wie ich gehört habe, streichen Juarez' Cuadrillas wieder in der Umgegend herum.« »Seid ohne Sorge, mein Vater,« antwortete Donna Dolores; »überdies,« fügte sie mit einem reizenden Lächeln zu dem Grafen gewandt hinzu, »in der Begleitung meines Vetters habe ich nichts zu fürchten.« »So brecht denn auf und kehrt früh wieder heim.« »Wir werden noch vor dem Abend zurück sein, mein Vater.« Don Andrès winkte ihnen ein letztes Lebewohl zu und sie verließen die Hacienda. Der Graf und das junge Mädchen ritten neben einander; Raimbaut, als gut gezogener Diener, folgte einige Schritte hinter ihnen. »Ihr wißt, daß ich Euch führe, mein Vetter,« sagte das junge Mädchen, sobald sie sich in einer gewissen Entfernung in der Ebene befanden. »Ich kann mir keinen besseren Führer wünschen,« erwiderte Ludovic artig. »Hört, Vetter,« begann sie von Neuem, indem sie ihn von der Seite anblickte, »ich habe Euch ein Geheimniß anzuvertrauen.« »Ein Geheimniß, liebe Cousine?« »Ja, Ihr seid so freundlich gegen mich, daß ich mich beschämt fühle, Euch getäuscht zu haben.« »Ihr habt mich getäuscht, Cousine?« »In ganz unwürdiger Weise,« scherzte sie, »Ihr sollt sogleich darüber urtheilen. Ich führe Euch an einen Ort, wo man uns erwartet.« »Wo man Euch erwartet, wollt Ihr sagen.« »Doch nicht, denn Ihr seid es, den man zu sehen wünscht.« »Ich gestehe Euch, meine Cousine, daß ich Euch durchaus nicht verstehe; ich kenne Niemand in diesem Lande.« »Seid Ihr dessen ganz sicher, mein lieber Vetter?« fragte sie mit scherzender Miene. »Ei, ich glaube es wenigstens.« »Gut, daß Ihr schon daran zweifelt.« »Ihr scheint Eurer Sache so gewiß »Das bin ich in der That; die Person, welche Euch erwartet, kennt Euch nicht allein, sondern ist sogar einer Eurer Freunde.« »Ah, sehr gut, das wird immer verwirrender, fahrt fort, ich bitte darum.« »Ich habe nur noch wenige Worte hinzuzufügen, überdies werden wir in wenigen Minuten an Ort und Stelle sein, und ich will Euch daher nicht länger in Zweifel lassen.« »Das ist sehr liebenswürdig von Euch, liebe Cousine, ich erwarte demüthig Eure Erklärung.« »Ich muß sie Euch wohl geben, da Euer Herz ein so geringes Gedächtniß hat; wie, mein Herr, Ihr seid fremd, seit kaum einigen Tagen in einem unbekannten Lande, und seid bis jetzt nicht einem Manne begegnet, der Euch einige Neigung bewiesen hätte? – und Ihr habt diesen Mann schon so vollständig vergessen, dies, mein theurer Vetter, gestattet mir die Bemerkung, ist ein schlechter Beweis für Eure Beständigkeit.« »Ueberschüttet mich mit Vorwürfen, meine Cousine, ich verdiene sie alle; Ihr habt in der That recht, es giebt allerdings in Mexiko einen Mann, für den ich eine aufrichtige Freundschaft empfinde.« »Ah! ah! ich irrte mich also nicht?« »Aber, ich war so weit davon entfernt, zu vermuthen, daß es dieser Mann ist, von dem Ihr sprecht, daß ich Euch gestehe ...« »Daß Ihr Euch seiner nicht mehr erinnert, nicht wahr?« »Im Gegentheil, liebe Cousine, mein lebhaftester Wunsch wäre der, ihn wieder zu sehen.« »Und wie heißt diese Person?« »Er hat mir gesagt, daß sein Name Olivier ist, indessen würde ich nicht zu behaupten wagen, daß dies in der That sein Name ist.« Das junge Mädchen lächelte schlau. »Würde es eine Indiscretion sein zu fragen, warum Ihr diese wenig günstige Vermuthung hegt?« »Durchaus nicht, Cousine, aber der Sennor Olivier schien mir eine ziemlich geheimnißvolle Person; seine Handlungsweise ist nicht die von Jedermann. Es scheint mir nichts Außergewöhnliches darin zu liegen, daß er den Umständen folgend ...« »Sich einen andern Namen beilegt,« unterbrach sie ihn; »vielleicht habt Ihr recht, vielleicht unrecht; ich weiß Euch darauf nicht zu antworten; Alles, was ich sagen kann, ist, daß er es ist, welcher Euch erwartet.« »Das ist seltsam,« murmelte der junge Mann. »Weshalb denn? Er hat Euch ohne Zweifel eine wichtige Mittheilung zu machen; so wenigstens habe ich es verstanden.« »Er hat es Euch gesagt?« »Nicht gerade bestimmt; aber als er diese Nacht mit mir sprach, gab er den Wunsch zu erkennen, Euch so schnell als möglich zu sehen; aus diesen Gründen, mein Vetter, habe ich bei diesem Ausflug um Eure Begleitung gebeten.« Dieses Geständniß wurde von dem jungen Mädchen mit einer so unschuldigen Naivetät gegeben, daß der Graf vollständig außer Fassung gebracht, sie einen Augenblick ganz verwirrt betrachtete. Donna Dolores bemerkte sein Erstaunen nicht. Sie hatte die Hand über die Augen gelegt und blickte spähend in die Ebene. »Seht,« sagte sie nach einigen Augenblicken, indem sie mit dem Finger eine bestimmte Richtung bezeichnete, »von den beiden Männern die dort im Schatten jenes Gehölzes neben einander sitzen, ist der Eine der Beiden Don Olivier, die Person, welche Euch erwartet; beeilen wir uns.« »Wohlan,« antwortete Ludovic, indem er seinem Pferde die Sporen einsetzte. Und sie sprengten im Galopp auf die beiden Männer zu, welche, ihre Ankunft bemerkend, sich zu ihrem Empfang erhoben hatten.   Ende des ersten Theils.