Berthold Auerbach Schwarzwälder Dorfgeschichten – Zehnter Band. Nach dreißig Jahren. III. Das Nest an der Bahn. Erstes Kapitel. Kennt ihr's noch? Ja, das ist das Bahnwärterhäuschen von damals, wo Jakob und Magdalena nach schwerem verschuldetem und unverschuldetem Schicksal die erste gemeinsame Heimstätte gefunden. Wie lang das her ist? Jakob hat seine eigene Zeitrechnung und er lacht und zeigt dabei noch alle seine gesunden Zähne, wenn er sagt: »Ich habe sechs Monturmäntel auf meinem Posten in Gesundheit verbraucht.« Und das muß doch jeder wissen, daß die Bahnverwartung alle fünf Jahre einen neuen Dienstmantel stellt. Drei Jahrzehnte ist freilich eine gute Zeit, da gedeiht und verwelkt manches, eigentlich aber ist hier nur von Gedeihen die Rede, wie natürlich von Gedeihen unter Sturm und Wetter, denn die bleiben nirgends aus, zumal hier, wo man nach Jakobs Erfahrung »von jedem Windstrom, der über die Welt geht, sein Teil bekommt,« aber ein gesundes Menschengemüt und ein gesunder Baum werden durch Sturm nicht geknickt, sondern – wenn nur erst der Stamm widerstandskräftig ist – noch wurzeltiefer und wurzelfester. Seitdem wir zuletzt hier waren, sind tausend und aber tausend Bahnzüge an dem Häuschen vorbeigesaust; man könnte die Zahl genau ausfindig machen, denn sie ist im Hauptamt in den Tabellen verzeichnet, aber keine Menschenseele könnte das unzählige Leben fassen, das sich hier hin und her bewegte; die Söhne des Landes sind hier vorbei in den Krieg gezogen, fremd anzuschauende Gefangene glotzten heraus, und verwundete, aber auch jubelnde Sieger sind zurückgekehrt Sehen wir uns um! Auf dem Söller haben die Nelken von damals Luftwurzeln angesetzt und wiegen sich mit ihren blühenden Ranken im leisesten Windhauch. Schon im zweiten Jahr haben sich Schwalben im Hause eingenistet und zwar im Stall, wo die Wandervögel der einsamen Kuh manches vorzwitschern, worauf sie aber nur mit Brummen und selten mit einem tiefklagenden Schrei antwortet. Das geschmackvoll gebaute Häuschen hat mit der Zeit einen Schmuck erhalten, den kein Baumeister mit Axt und Hammer herstellen kann; die Rebe hat die Säulen und die Wände übersponnen und man hatte nur zu wehren, daß sie nicht auch die Fenster zudeckt. An der Winterseite des Hauses ist kleingehacktes Holz lotrecht aufgeschichtet, sieht fast aus wie ein Zierat und hält das Haus von außen warm, bis es von innen wärmt; zwei schöne reichtragende Nußbäume sind hoch gediehen und der Hügel, der damals von Weißtannen bestanden war, ist jetzt ein stattlicher Hopfengarten; vor dem Hause und an der Morgenseite blühen vom ersten Frühling bis zum späten Herbst hellfarbige Blumen. Und nun erst drin im Hause, da ist volles Leben. Es ist von einem ganzen Neste zu berichten, von den Alten und von den Jungen, solange sie im Neste sind, und erst gar als sie in die weite Welt ausflogen. Vor allem also Jakob und Magdalena. Sie rufen einander aber nicht bei ihrem Namen, sondern er ruft Mutter und sie ruft Vater. Kein Kind hat je anders gehört, und wenn Magdalena zu einem Kinde vom »Vater« spricht, so thut sie das mit einem besonderen Tone der Ehrerbietung; ihre herrschgewaltige und zufahrende Natur ist unterwürfig und mild geworden vor der stetigen stillen Gelassenheit ihres Mannes; Jakob aber weist die Kinder bei ihren Anliegen an die Mutter, er überläßt ihr gern die Bestimmung. Magdalena hat sich weit mehr verändert als ihr Mann und man sagt, das soll einer Frau viel schwerer werden. Sie war eine tüchtige Natur, aber er war noch etwas mehr, er war eine tiefe Natur, die ihn nach langem bitterem Leid endlich zu ruhigem Gleichgewichte gelangen ließ. Was auch vorkommen mochte, er wußte alles zum guten zu deuten. Wenn Magdalena manchmal meinte, er lasse sich von dem und jenem zu viel gefallen und verstehe sich nicht auf seinen Vorteil, da lächelte er: »Was liegt dran? Rauch und Pfiff ist alles. Ueber eine Weile sieht und hört man nichts mehr davon. Wir haben unser täglich Brot und wir zwei haben einander, ich begehre nichts weiter von der Welt.« Und diese weise Genügsamkeit, die nur selten in Worten herauskam – denn Jakob war noch immer wortkarg und sprach mehr mit Kopfnicken und Augenzwinkern – diese Gelassenheit ging endlich auch auf Magdalena über, und Eintracht herrschte in dem Bahnhäuschen Nummer 374. Die beiden Eheleute sind noch frisch und munter; das Haar Magdalenas hat noch seine Jugendfarbe und das wilde Löckchen schwebt noch immer unbändig mitten auf der Stirne, Jakob aber ist grau geworden und hat dazu noch einen grauen Vollbart; die graubraune Uniform mit den blanken Knöpfen und dem dunkelroten Kragen steht ihm gut, zumal er sich stramm aufrecht hält. Auffallend ist ein leuchtender Glanz in seinen Augen, der damals, als er noch Knecht im Dorfe war, gar nicht an ihm bemerkt wurde. Wir werden wohl erfahren, woher diese Veränderung stammt. Von Gestalt ist er schlank verblieben, während Magdalena sich bedeutend verbreitert hat, sein Blick ist stetig, während ihre Augen noch immer unruhig flimmern. Sie hält sich noch immer sauber und schmuck, und wenn man nicht wüßte, daß sie oft wochenlang von niemand als Jakob und den Kindern gesehen wird, könnte man es fast gefallsüchtig nennen. Das ist's aber nicht; hat sie ja einmal ihrer zweiten Tochter Rikele gesagt, die verwahrlost einherging und das mit der Einsamkeit entschuldigte: Man putzt sich nicht wegen andrer, man hält sich sauber und ordentlich wegen seiner selber. Die Art, wie sie das Halstuch, das Schürzenband knüpft, hat etwas Zierliches, und solange die Töchter zu Haus waren, kamen sie am Sonntagmorgen immer und baten: Mutter, knüpf mir mein Halstuch, mein Band, flicht mir den Haarzopf; und sie machte das den Kindern noch schöner als sich selbst. Ja, die Kinder! Erinnert ihr euch, wie damals, als wir Magdalena aus dem schnell eilenden Bahnzuge grüßten, sie einen Knaben auf dem Arme hielt? Schon an diesem Knaben wurde viel erlebt. Doch, wir wollen möglichst ordnungsmäßig berichten. Zweites Kapitel. »Alle neun! Das wäre just das Rechte gewesen,« sagte Jakob wehmütig scherzend, denn neun Kinder wurden im Bahnhäuschen Nummer 374 geboren. Allemal abends zwischen dem Güterzug und dem Pariser Eilzug meldete Jakob das Neugeborene beim Pfarrer an, und er that das immer so geschämig und atmete erst wieder leicht auf, wenn er auf der Freitreppe am Pfarrhaus seine Dienstmütze wieder aufsetzte und seine Pfeife anzündete. Er vergaß aber auch nie, vom Bäcker Weißbrot mit heim zu nehmen für Magdalena und mürbe Mütschele für die Kinder, die ihnen das Schwesterchen oder Brüderchen mit auf die Welt gebracht. – In den Nächten hätte keine Frau für das Neugeborene besser sorgen können als Jakob. Jedesmal das jüngste Kind war sein liebstes, und bitter war nur das Aufsuchen von Gevattern; wer dazu angesprochen wurde, war zwar bereit, aber hart war's eben doch, daß man stets gefragt wurde, ob denn Mann und Frau keine Verwandten hätten. Magdalena hatte die Antwort bereit gemacht, alle Anverwandten seien nach Amerika ausgewandert. Jakob verstand sich schwer auf diese Notlüge, aber er mußte sie doch gebrauchen. Vier Kinder starben, zwei bald nach der Geburt, ein Knabe im Alter von fünf Jahren – die Mutter vergißt den lieben Konrad nie – und ein Mädchen von zwanzig Monaten; es soll aber so gescheit gewesen sein, wie sonst ein Kind von drei Jahren, und Magdalena weiß merkwürdige Aussprüche und Thaten von ihm zu erzählen, ja sie behauptet manchmal, dies Kind wäre noch das bravste und gescheiteste geworden; aber die andern Kinder, drei Töchter und zwei Söhne, sind gut gediehen. Magdalena hat wohl recht, die Kinder haben nicht viel Unterweisung in Worten bekommen, von ihr selber wohl manchmal, aber vom Vater nie; sie haben indes vom ersten Atemzuge an Liebe und Fleiß vor sich gesehen und nie ein böses Wort über einen Nebenmenschen gehört. Nur einer war aus der Art geschlagen oder vielleicht hatte er etwas von der Art des Großvaters, vom lustigen Frieder. Jakob ließ den Gedanken nie zu Wort kommen, wenn er das dachte, denn er wußte, wie sich Magdalena darüber grämen würde, und Magdalena, die alle Gedanken ihres Mannes erriet, ja sogar solche, die er nicht hatte, war ihm still dankbar für seine Zurückhaltung. Jakob hatte seine besondere Lust daran, das kleinste, bis es laufen konnte, so oft als möglich auf dem Arm herum zu tragen, und er pfiff ihm – denn singen konnte er nicht – die alten Weisen, die er vordem als Postillon geblasen; nur an einer schönen Weise möchte er gern vorbeikommen; sie weckt gar traurige Erinnerungen, aber sie summt immer wie eine verscheuchte Wespe um ihn her, und eine Wespe wird man schließlich am besten los, wenn man sie gewähren läßt, dann sticht sie nicht und fliegt davon. So ließ also Jakob auch die Weise von jener Nacht, da er ins Verbrechen verfallen war, laut werden, und als sie wieder und wieder kam, brachte sie keinen Stachel der Erinnerung mehr mit. Das älteste Kind, Emil – der Pate des Advokaten Heister, der den Eltern aufgeholfen hatte – war einer der besten Schüler in der eine halbe Stunde entfernten Dorfschule, und er ward Lehrer seiner Geschwister, ja sein Hauptvergnügen bestand darin, in dem einsamen Bahnhäuschen mit den kleinen Geschwistern Schule zu halten, und was noch seltsamer war, die Eltern selbst gingen bei ihm in die Schule. Jakob schämte sich, zu bekennen, daß er mit Lesen und Schreiben nicht mehr zurecht komme, aber Magdalena trat für sich und Jakob mit dem offenen Bekenntnis heraus; denn sie hoffte auch, daß ihr Mann, besser geschult, später einen höheren Dienst bekomme. Sie sagte Emil, daß vor Zeiten die Schulen nicht so gut gewesen seien wie jetzt, und kurzum, die Eltern lernten von dem ältesten Sohne wieder schreiben und lesen. Magdalena war noch etwas weiter voran als Jakob, aber sie hielt an, um in gleichem Schritt mit ihm zu bleiben. Wenn die jüngeren Geschwister zu Bette gebracht waren, saßen die Eltern an den langen Winterabenden bei Emil im Unterricht. Emil erhielt sogar Schulgeld, jede Woche zwei Kreuzer, die er auch haushälterisch zusammensparte. Wer aber einen wunden Finger hat, der stößt sich öfter dran; natürlich, wenn er sich an den gesunden stößt, weiß er's nicht. Und eine Wunde wollte bei Jakob nicht heilen, sie brach sogar jetzt auf. Emil diktierte zusammenhanglose Worte, wie sie in der Fibel standen, aber für die Eltern wurden die Worte zu Erinnerungen. Emil diktierte: Hag! Henne! »Stehen die Worte wirklich da nebeneinander?« fragte Magdalena; sie sah ihren Mann schweratmend an, sie gedachte jenes Abends, da sie, ihre Henne suchend, Jakob am Schloßhag zuerst ordentlich sprach. »In der Schule darf man beim Diktando nicht sprechen,« belehrte Emil und es ging weiter gut. Waldhorn! diktierte Emil, und »Waldhorn« sagte Jakob fröhlich. Beim Z aber ging's bös. Emil diktierte: Zange. Zuchthaus. »Steht das da?« fuhr Jakob auf. »Ja.« »Ich hab' genug,« sagte er aufstehend, und als das Licht gelöscht war, sagte er zu Magdalena: »Ich mein', wir müßten den Kindern sagen, was mit uns war, bevor sie's von andern erfahren.« »Und ich sag' nein. Sie verlieren den Respekt, zu weiter hilft es nicht.« »Du kannst es leichter ertragen, du bist unschuldig, aber ich –« »Du bist unschuldig, ja, daß du dir dein Herz abplagst. Du bist braver als Tausende. Gut Nacht, du mein lieber guter Karl, du darfst mir meinen Jakob nicht weiter plagen, ich leid's nicht. Laß ihn schlafen. Gut Nacht.« Es war still in dem kleinen Häuschen, nur draußen von der Bahnlinie her tönte es wie Aeolsharfenton, denn der Nachtwind spielte seine unfaßlichen Weisen in den ausgespannten Drähten des Telegraphen. »Du lachst? du schläfst noch nicht?« fragte Magdalena nach geraumer Weile. »Ja,« flüsterte Jakob, »ich will dir's sagen. Mir ist eingefallen, in meiner Heimat war eine Frau, der hat man nachgesagt, sie könne durch Anhauchen eine offene Wunde heilen. Verstehst du mich?« »Nein, was meinst du damit?« »Du bist auch so, du kannst's auch. Deine getreuen Worte heilen meine geheime Wunde.« Drittes Kapitel. Wenn man ein Vogelnest betrachtet, so kann man sich schwer vorstellen, daß da drin so viel Volk bis zur Flugreife gedeihen konnte. Aehnlich ist es, wenn man das Bahnhäuschen Nummer 374 betrachtet. Der Baumeister hat es sehr zierlich hergestellt, und er kann stolz darauf sein, die ganze Bahnreihe entlang bei jedem Häuschen ein neues architektonisches Motiv angebracht zu haben, so daß die ganze Form gut in die Landschaft stimmt. Aber freilich, auf den Raum im Inneren ist wenig Bedacht genommen. Als die Kinder kamen, war Magdalena anfangs ganz verzweifelt, und es ist gut, daß der Baumeister ihre täglichen Verwünschungen nicht hörte; sie ärgerte sich besonders über die bewegliche Treppe, die man von der Stube aus nach den oberen Räumen anlegen mußte, aber wunderlich! je mehr Kinder kamen, um so mehr schien der Platz auszureichen, man huschte eben zusammen, wie die Vögel im Neste. Das aber vergaß und vergab Magdalena dem Baumeister nie, daß er den Stall kaum für eine Ziege ausreichend hergerichtet hatte, und man hatte doch Grasland genug, um eine Kuh zu halten und »Heu fressen sollte der Baumeister müssen, und dazu noch saures, weil's ihm nicht eingefallen ist, daß man doch auch einen Platz zum Futteraufbewahren braucht.« So schimpfte Magdalena ins entfernte Oberbauamt hinein. So oft sie in den Stall kam, sah sie die Kuh wie um Verzeihung bittend an: Ich kann nichts dafür, daß du so eng stehen mußt; ich wünsche nur, daß der Baumeister da einmal acht Tage lang stehen und liegen müßte. Der Stall war so eng, daß die Kuh sich nicht umdrehen konnte, sondern immer von rückwärts aus demselben gehen mußte. Man sagt im Sprichwort: man redet wie in eine Kuh hinein. Das machte Magdalena zum Wahrwort, denn wenn sie das erste Grün von den Bahnhalden heimbrachte, konnte sie der Kuh sagen: »Ja, du hast's gut, du kriegst vom jungen Wachstum, bevor für die Menschen was da ist. Ja, ja, laß dir's schmecken. Ich gunn dir's. Und sei geduldig, das Luftloch ist offen, deine Musikanten, die Schwalben, können jeden Tag kommen.« Denn im Frühling wurden immer die Luftlöcher im Stall geöffnet und da flogen die Schwalben herein, die oben am Querbalken nisteten. Wie gesagt, mit dem Gras von der zuständigen Bahnstrecke konnte man eine Kuh gut ernähren. Daneben hatte man einen Viertelmorgen Dienstfeld und einen halben Morgen Pacht von der Eisenbahn. Magdalena wußte jedes Schnitzelchen Ackerland auszunutzen und ihm das abzugewinnen, was die Sonne just an dieser Stelle gern zeitigte. Jakob dagegen pflanzte Obstbäume, er verstand sogar die Kunst, einen stämmigen Ebereschenbaum mit einer guten Birnensorte zu pfropfen, und hinter dem Zaune, der als Schneeschutz am Bergeinschnitte aufgestellt, pflanzte er Himbeeren; die werden einstmals die Bretter ersetzen und obendrein gute Frucht geben. »Du pflanzest ja,« sagte Magdalena ihm einmal in der ersten Zeit, »wie wenn wir ewig dableiben sollten.« Jakob sah sie groß an und that eine große Rede, die größte vielleicht, die aus seinem Munde gekommen; er sprach sie, während er auf dem Boden kniete und gute Walderde um die Wurzel des jungen Kirschbaumes legte, und die Worte, die halb in die Erde gesprochen waren, gingen auch in ein offenes Herz; denn er sagte: »Frau, du bist doch so gescheit –« das war ein geschickter Anfang, denn die Augen Magdalenas glänzten und sie hörte willig alles, was nun noch kommen konnte, und er fuhr fort: »wie kann nur so eine Rede aus deinem Munde kommen? Wissen wir denn, wie lang wir überhaupt da sind, ich mein' auf der Welt? Und man schafft und muß schaffen. Ich wünsch' mir weiter nichts, als daß wir unser Leben lang hier bleiben, just wie der Baum da, der auch nicht fort mag. Und wenn's doch sein muß, wenn wir an einen anderen Ort müssen, so soll, der nach uns kommt, rechtschaffene Bäume haben.« Aufschauend sagte er: »O Mutter! Da bin ich unter Gottes freiem Himmel auf Gottes grüner Erde und da muß ich denken: jetzt sitzen so viele Menschen dort im Strafhaus. Warum muß das sein, daß die Menschen schlecht sind und andere sie strafen müssen? Ich kann's oft gar nicht glauben, daß ich so frei herumlaufen darf, und besonders der Traum, der ist mein ärgster Feind, der sperrt mich ein und da ist mir's, wie wenn ich plötzlich in einen Eiskeller hinunter fiele und ich ersticke unter den Eisschollen, die über mir knarren und knirschen. Heute nacht war's wieder so, und wie ich erwache und dich sehe und den blauen Himmel, da hab' ich mir vorgenommen, ich pflanze Bäume, und ich meine, es geht weg von mir, wenn sie wachsen.« Magdalena kam lange nicht zu Wort, sie schaute wie hilfesuchend umher, und eine Goldammer auf einem Erlenbaum half endlich, denn Magdalena sagte mit heiterer Miene: »Schau den Vogel, da kann man was lernen. Sieh, der Wind kommt von oben und da sitzt er so, daß ihm der Wind die Federn nicht aufbläst. Verstehst? So müssen wir's auch machen. Nicht immer . . . Verstehst?« »Ja, ja. Ist gut.« Magdalena nickte lange still und endlich sagte sie: »Du hast recht. Ich will mich nicht mehr versündigen, ich bin es sonst nicht wert, daß . . .«, sie stockte und schaute innig auf Jakob, dann schloß sie: »ich verdien' es sonst nicht, daß wir so ein Daheim haben.« Viertes Kapitel. Wer es noch nicht gemerkt hat, dem sei es hiermit gesagt: Magdalena will gern gelobt sein. Sie verdiente es aber auch. Hatte Jakob Bäume gepflanzt, so daß das fremde Haus zur bleibenden Heimat wurde, so erwachte mit Magdalena früh am Morgen Heiterkeit und Arbeitsamkeit, und sie weckte alle im Hause zu Gleichem. Sie lobte selber aber auch gern, sie nickte den Pflanzen im Garten und Feld zu, wie wenn sie sagen wollte: Bist ein braver Kopfsalat . . . so ist's recht, ihr Erdäpfel! Nur gut wachsen. Magdalena pflanzte alle Gemüse in ihrem Garten und die Würzkräuter holte sie immer frisch aus der Erde; sie kochte die Speisen, daß sie das Beste waren, was daraus zu bereiten war; sie selber aß sehr wenig, aber es nährte sie, wenn es den anderen schmeckte; ihre Augen gingen bei Tische unruhig hin und her, und wenn niemand was sagte, fragte sie geradezu: »Wie ist die Supp'? Wie sind die Bohnen?« Und wenn gelobt war, dann erst aß sie wie gebührlich. Sie hielt die Kinder an, daß sie für ihre Nahrung auch ordentlich arbeiteten. Sie mußten in Acker und Garten helfen und bis hinauf zu der lange liegen bleibenden Schneebreite, das Frauenhemd genannt – das aber in der Nähe gar nicht so aussieht – mußten die Kinder Beeren, Kräuter und Pilze im Walde sammeln; diese gehören doch noch denen, die sie sammeln, der Wald aber gehörte dem großmächtigen Eichhofbauer dort oben. Die Kinder waren willig, denn sie sahen den Fleiß der Mutter, die keine Müdigkeit und kein Ausrasten kannte. Auf dem Dienstacker waren Kartoffeln gepflanzt, auf dem Pachtacker stand Getreide. In der Ernte spannte Magdalena sich selber ein wie ein Pferd und zog die Garben heim. Möglichst wenig verausgaben, dagegen etwas erwerben und weiterkommen, war ihr steter Bedacht und es gelang ihr. Als im zweiten Jahre Justizrat Heister mit seiner Frau zu Besuch kamen, hatte sie natürlich große Freude und auch große Lobesernte, aber sie genügte sich dessen doch nicht; sie zeigte dem Gastfreunde, wie da in der Nähe ein beträchtliches Stück Waldes abgeholzt war, und bat nun Heister, es zu bewirken, daß die abgeholzte Strecke, die just wie dazu geschaffen sei, ihnen zum Hopfenacker überlassen werde. Es wurde von der Oberbehörde gewährt und Magdalena war jedes Jahr neu glücklich mit der Hopfenernte, die auch für die Kinder ein wahres Fest war. »Die Leute, die von unserem Hopfen Bier trinken, die müssen lustig sein,« sagte sie oft, denn sie dachte gern in die Welt hinaus und in die Folgerung der Dinge. Dadurch war sie gesprächsam, wenn auch gar nichts vorging, und wenn niemand entgegnete, so gab sie sich selber Red' und Antwort. Daneben verging aber auch kaum ein Tag, an dem sie nicht das Glück pries, daß man hier so ruhig und gedeihlich und vor allem so allein leben konnte. Jakob nickte einverständlich, aber er hatte es nicht gern; er hielt das Leben des ständigen Gescheuches gar nicht wert, und er meinte auch, es sei nicht gut, wenn man alles beruft. Nicht daß er Aberglauben hatte. Weit entfernt! Wer an der Eisenbahn angestellt ist, wie kann der abergläubisch sein? Aber das ist doch richtig, wenn man so viel Rühmens macht und alles vor sich selber auslegt und ausdenkt, daß es auch anders sein könnte, da macht man dem Unglück eine Thür auf. Jakob weiß Beispiele genug davon zu erzählen und Magdalena, die für alles einen Grund weiß, weiß auch solche für die Einsprache des Gegners, zumal wenn der Gegner Jakob ist. »Du hast auch wieder recht,« sagte sie, »ja so ist's. Wenn man allfort so an anderes denkt, da sieht man nicht, was gerade vor einem auf dem Boden ist, und man stolpert und fällt.« »Du hast nicht umsonst bei einem Advokaten gedient,« sagte Jakob, aber nicht laut, denn er gönnt seiner Frau gern das letzte Wort, und das soll, wie man sagt, sehr ersprießlich sein für eine gute Ehe. Ueberdies nimmt er Magdalena gern ab, was sie zu reden hat; zu wem soll sie's denn sonst hergeben? Nur in einem konnte er seine Ungeduld kaum bemeistern. Es war für Magdalena wie ein süßer Nachschmack, vom Hause Heisters und den Gastereien zu erzählen: wie sie zweimal in ihrer Küchenschürze an die Tafel habe kommen müssen, und die Gäste – es waren siebenundzwanzig, die Männer in weißen Krawatten, die Flauen im bloßen Hals bis weit hinunter – alle haben sie gelobt. Sie konnte dann alle Speisen aufzählen, was sie dran gethan und wie sie dem Sieden und Dampfen abgewartet. Sie ist halt ein Weib – dachte Jakob bei solchen Erinnerungen, und ein Weib putzt sich gern auf, und sei es auch mit alten vertrockneten Ehren. Ich kann Gott danken, daß sie nur diese Mucken im Kopf hat. Magdalena hatte aber auch nicht lange zu forschen, die Mucken ihres Mannes kennen zu lernen, obgleich sie so wenig laut gaben wie ihr Besitzer. In den ersten Jahren bekam Jakob jedesmal beim Uebergang des Winters in den Frühling einen schlimmen Husten, und die Nachbarin vom Bahnhäuschen Numero 374 sagte Magdalena, es sei eine Sünde von einem Manne mit solcher Anlage, zu heiraten, und eine verlassene Frau und Kinder in die Welt hineinzusetzen, und Jakob habe noch dazu selber bekannt, er werde nicht älter als dreiunddreißig Jahre, seine Mutter sei auch so gestorben. Magdalena ging zornig und bitter heim, aber vor dem Hause hielt sie an und sagte sich: Nein, jetzt nicht noch ärgern. Sie machte ihrem Mann keinen Vorwurf, daß er statt zu ihr zu anderen gesprochen; sie lockte es ihm behutsam heraus, daß er ihr seine Ahnungen und Beispiele erzählte, und sie lachte nicht darüber und suchte ihn nicht zu bekehren, denn sie wußte, wie leicht er verscheucht ist. Im dritten Jahre zur Fastnachtszeit gab's auch auf unserem Bahnhäuschen eine Maskerade. Jakob war krank, aber man meldete nichts davon der Oberbehörde. Jakob war noch erst auf Widerruf angestellt und fürchtete, seinen Posten zu verlieren, wenn er schon so früh sich krank melden müsse. Hatte er ja ohnedies einen schweren Stand, da er nur auf Heisters Betrieb und nach verkürzter Probezeit in den Dienst eingerückt war. Denn auch hier fehlt bereits die Stufenleiter des Beamtentums nicht; erst nach wohlbemessener Zeit als Hilfsarbeiter und Anwärter rückt man zum festen Dienst auf. Magdalena machte den Zaghaftigkeiten ihres Mannes rasch ein Ende, sie steckte sich in die Dienstkleider ihres Mannes, beging die Bahn und hielt in strammer Haltung die Fahne beim Durchgang des Zuges. Der Nachbar oben und der Nachbar unten bewahrten festes Schweigen, just nicht aus Gutmütigkeit, aber man kann ja nicht wissen, wie man auch einmal etwas zu verschweigen hat. Wenn Magdalena hochgerötet heimkam, war Jakob immer neu glücklich über die Lustigkeit und Entschlossenheit seiner Frau. Jakob glaubte von nichts in der Welt Böses, aber den Nordwind, den hielt er für tückisch, der hatte es gerade auf ihn abgesehen, denn er trug den Schnee von den Feldgebreiten und vom Berge herab just auf seinen Straßenübergang, und Magdalena mußte ihren Mann immer besonders versichern, daß sie dort den Schnee sauber weggekehrt habe. In den ruhigen Tagen des Daheimseins ließ auch Jakob viel von seinen Gedanken laut werden, die sich in den Jahren der Einzelhaft in seiner Seele angesammelt hatten. Er konnte es nur in Bruchstücken dargeben, aber das verständnisvolle Zuhören Magdalenas und manchmal auch ein nachhelfendes Wort machte alles klar. Das Auge Magdalenas wurde feucht, als er erzählte, wie schwer es ihm geworden, wieder ins Leben einzutreten, und wie er erst da gespürt habe, daß er noch einmal fröhlich sein könne, als er vom Hause Heisters hinweg zu den Pferden des Adlerwirts in den Stall gekommen war. »Ich möcht' nur wieder auf einem Gaul sitzen und wieder Waldhorn blasen,« sagte er und seine Augen strahlten, dann erzählte er von den lustigen Tagen, da er Postillon gewesen, und die böse Zeit. die zwischen damals und jetzt lag, war vergessen. Und jetzt, da er so vieles und nun gar diesen Wunsch von der Seele hatte, schien sich seine Brust zu erleichtern, er wurde ohne ärztliche Hilfe wieder ganz gesund und Magdalena war besonders glücklich. daß das Kind, das nach der Dienstmaskerade zur Welt kam, am Leben und gesund blieb, und dieses Kind war Albrecht, von dem noch viel zu erzählen ist. Jakob gestand es nicht ein, aber es ist doch nicht zu leugnen, er hatte noch seine besondere Lust an Albrecht. Emil ist viel begabter, das ist keine Frage, er ist der Erste in der Schule, aber Albrecht ist so geschickt und gar nie überlästig, und dazu hat er vom Vater das Musiktalent geerbt, er pfeift wie eine Schwarzamsel und wie eine Lerche, und er kann auf einem Lindenblatt Trompetenstückchen blasen, daß man meint, er habe das feinste Instrument. Alle Tänze, die er auf der Kirchweih gehört, hat er im Kopf behalten, es fehlt kein Ton, und die Mutter hat ihn auch noch viele Liederweisen gelehrt. Dazu war Albrecht, der jeden Baum hinaufkletterte und mit den Hasen um die Wette sprang, gar nicht überlästig; wo man ihn hinsetzte, da blieb er sicher, sei es draußen im Freien oder drin im Postenhäuschen am Ueberweg, da, wo der Feldweg über die Bahn geht und man bei jedem Zug hüben und drüben mit dem Schlagbaum die Bahn zu sperren hat. Jakob nannte das Postenhäuschen dort seine Einsiedelei, und es hatte allerdings nur Raum für einen Menschen, war noch ein zweiter da, mußte man ihn auf den Schoß nehmen, und Albrecht saß da oft und gern auf dem Schoß des Vaters, der ihm auch einmal erzählte, daß er die zwei Rosenbäumchen rechts und links von der Einsiedelei am Tage nach der Geburt Albrechts gepflanzt habe. Jakob hatte sich keinen Vorwurf zu machen, daß er Emil hintan setzte, für diesen ist es besser, er sitzt hinter seinen Büchern; er ist immer so unruhig und hat so viel zu fragen, was der Vater leider nicht beantworten kann, denn woher soll Jakob wissen, mit welchem Stoff man die Gläser an der Signallaterne so gefärbt hat, daß dasselbe Licht da rot und da grün durchscheint. Und doppelt beschämend war es, daß der Vater, der doch Postillon gewesen und Bahnwärter geworden, keine Antwort zu geben wußte, als Emil ihn fragte, wie man Pferdekraft messe. Albrecht war fügsam und ließ sich von Emil beherrschen, der schon von früh an gern über andere regierte. Albrecht vollführte schon in seinem sechsten Jahre zwei ungewöhnliche Thaten; für die eine wurde er bestraft; von der anderen dagegen behielt er für Lebenszeit ein Denkzeichen. Eines Tages hörte man ihn jauchzen von der Lokomotive des Güterzuges, er hatte sich, da sie angehalten hatte, hinaufgeschwungen und fuhr nun jubelnd am Elternhause vorbei. Magdalena schalt über die Keckheit des Knaben, im geheimen jedoch war sie stolz auf seinen Mut, Jakob aber sagte gar nichts, nur als Albrecht heimkam, bestrafte er ihn tüchtig und sagte: »Du wirst dran denken und es nicht mehr thun.« Bei der anderen That aber schrie Albrecht entsetzlich und blutete über das ganze Gesicht. Die Herbsthühner waren der besondere Stolz der Mutter, sie legten noch Eier, wenn die anderen schon lange damit aufhörten, und eine goldgelbe Henne war die fleißigste. Albrecht war hinter dem Hause, als ein Habicht herabstieß und die goldgelbe erfaßte; kühn stürzte sich Albrecht auf den Habicht los, rang mit ihm und entwand ihm seinen Raub; aber der schlimme Vogel hatte nach ihm gehackt und ihm auf der linken Stirne eine Wunde beigebracht und ihm die Braue zerrissen. »Es thut nichts! Es thut nichts, Mutter!« tröstete er, als sie ihm die Wunde abwusch. Als Jakob bei der Heimkehr das Ereignis erfuhr, sagte er: »Mutter! Jetzt hab' nur keinen Aberglauben, als ob das was zu bedeuten hätte.« Sie lächelte, denn sie wußte, er suchte sich damit nur seinen eigenen Aberglauben auszureden. Sie erschrak aber über Emil und jagte ihn aus der Stube, da er gesagt hatte: »Wenn der Albrecht einmal was thut, hat man ein Kennzeichen in seinem Steckbrief.« Woher hat nur Emil solche Gedanken? Emil aber war bös auf den jüngeren Bruder, weil er ihn verraten hatte. Einem Reisenden war das rot eingebundene Bädekersche Reisebuch entfallen. Emil hatte es versteckt und las heimlich darin; der jüngere Bruder aber verriet den Fund, und Emil mußte nach strenger Zurechtweisung des Vaters das Buch dem Bahnmeister bringen. Er wurde indes bald dem Elternhause entfremdet, denn auf Zureden des Pfarrers und Dorflehrers ging er täglich zum Unterrichte nach der Erziehungsanstalt, die eine Stunde entfernt am jenseitigen Bergesabhang in einem alten Kloster eingerichtet war. Der höhere Unterricht erweckte in ihm schon früh einen gewissen Hochmut. Er hielt es aber kaum der Mühe wert, daheim sein besseres Wissen kundzugeben, und bei der Feldarbeit zu helfen, war er zu stolz. Man hatte keinen Pflug, und die Aecker wurden mit dem Spaten bearbeitet. Man hatte keine leichteren für die Kinder und es war ein Stolz, schon früh den Spaten handhaben zu können. Es war zum Verwundern, daß Albrecht schon im achten Jahre helfen konnte wie ein Mann. Auch in den Ruhestunden brachte er dem Vater viel Erquickliches, und ein Tag ist unvergessen. »Vater! Ich hab' die Raben gern,« sagte Albrecht eines Tages. »So? Was ist denn da dran gern zu haben?« »Sie sind dem Habicht, dem Hühnerdieb, aufsässig. Sieh doch, sieh doch! Wie jetzt einer ihn rauft. Ich hab' schon oft zugesehen, wie sie's machen.« Jakob schaute auf und sah, wie ein Rabe hoch in den Lüften einen Habicht verfolgte, und Albrecht fuhr fort: »Jetzt guck, der Rab' fliegt oben her und hackt: Habicht! Fang mich, wenn du kannst. Jetzt taucht er unter, ein paar Schuh unter den Habicht, der kann mit seinen Flügeln ihm nicht gleich nach. – Jetzt kommt er wieder und hackt, er vertreibt ihn. Der Habicht ist freilich stärker, aber in den Lüften hilft ihm das nichts; er hat einen krummen Schnabel und muß ausholen zum Hacken, der Rab' hat einen geraden, der kann immer stechen. Schau, der Rab' hat gewonnen, der Habicht muß hinüber ins Thal und jetzt fliegen sie auseinander. Gut Nacht, Rab'!« »Du bist grad wie dein' Mutter, die hat auch gern ein Aug' auf alles, was fliegt,« sagte Jakob, er hatte ein Gefühl, daß diese scharfe Beobachtung dem Knaben einmal im Leben nützlich sein könne. Fünftes Kapitel. »Es ist ein Glück, daß man einem nicht ansieht, was man alles schon erlebt hat,« sagte oftmals die lustige, aber auch listige Nachbarin thalab von 373 und sie that, als ob sie die Vergangenheit von Jakob und Magdalena kenne und nur bescheiden darüber schweige. »Dem Herrn sei Dank und Preis, daß er gnädig ansieht, was in unserem innersten Herzen vorgeht,« sagte die gottselige Nachbarin thalauf von 375. Magdalena hatte Angst vor beiden, nicht eigentlich für sich, sondern für Jakob, weil sie besorgte, er möchte sich von den listigen Reden der einen und den salbungsvollen der anderen verleiten lassen, von seiner Vergangenheit zu erzählen. Sie warnte ihn und er mußte ihr heilig versprechen, sich mit keinem Laut zu verraten. Er versprach's und hielt's. Schweigen war ihm leicht, noch von der Einzelhaft her. Magdalena aber sprach gern und mit Nachdruck; sie war nicht falsch, aber sie konnte doch den Menschen zu Gefallen reden und das Gute, das sie zu sagen hatte, schön aufputzen. Magdalena hatte aber auch noch eine geschickte Kriegsregel angewendet, denn sie heftete den beiden Nachbarinnen heimlich Unnamen an, die von unten hieß Essig und die von oben Oel. Es steht kein Haus so einsam, es hat seine nähere oder entferntere Nachbarschaft. Und nun gar die Bahnwärterhäuschen, die stehen wie ein gekoppelter Zug, nur festgerammt; sie haben äußerlich etwas Uniformes, aber in jeder Uniform steckt doch auch ein besonderer Mensch. Numero 374, das Haus Jakobs und Magdalenas, steht zahlenmäßig zwischen 373 unten und 375 oben. Die Männer begegnen einander täglich mehrmals beim Begehen des Bahndammes, wie Pflicht und Schuldigkeit verlangt; die Frauen aber sind meistens zu Haus, haben einander in der Entfernung aber doch im Auge. Frau 373 kann sogar von ihrem nördlichen Giebelfenster aus bis hierher sehen und sie thut das bisweilen; Frau 375 haust aber da, wo die Kurve endet, jenseits der Biegung um den Berg, sie könnte nicht hierher sehen, sie hätte aber auch keine Lust dazu, denn sie hat Tag und Nacht mit ihrem Inneren zu thun. Frau 373 heißt mit ihrem ehrlichen Namen Frau Süß, und da war leicht Essig draus zu machen. Ihr Mann war vordem Unteroffizier gewesen und sie Kammermädchen bei der Frau Oberst. Frau Süß war eigentlich keine böse Frau, denn kann man das bös nennen, wenn eine Frau weiß und alle Welt wissen läßt, daß sie die schönste und geschickteste und allein Ansehen verdient, und alle anderen Frauen sind häßlich, tölpisch und kaum eines Blickes wert? Frau 375 heißt mit ihrem ehrlichen Namen Maier, aber da man einmal Essig hatte, war nicht schwer Oel dazu zu finden. und diese Frau hat auch was Oeliges. Sie ist die Tochter des Kanzleidieners im Konsistorium und befleißigt sich einer salbungsvollen Frömmigkeit, der sogar der glaubensvolle Pfarrer des Dorfes nicht genügt, hat aber leider selten Zeit, sich bei den Betstündlern des Städtchens einzufinden. Ihr Mann war als Schaffner bei der Entgleisung eines Zuges verunglückt und hinkt seitdem; er hatte sich früher nicht viel mit der Religion zu schaffen gemacht, aber jetzt ist er mit seiner Frau einverstanden, nur fehlt ihm ihr Bekehrungseifer, er liest gern die Missionsblätter und gibt alljährlich einen Beitrag zur Bekehrung der Wilden und Heiden. Frau Essig hatte sehr viel Scharfblick für alle Menschen, nur eine Person war ausgenommen, und das war sie selbst. Frau Oel dagegen hatte in Lob und Tadel für andere etwas Kindliches, sie gestand gern, sie kenne die Menschen nicht, aber einen kenne sie genau und mit dem sei sie sehr unzufrieden, und das war sie selbst. Magdalena war auf die beiden Nachbarinnen erbost, denn sie hatten das Aergste gethan, sie hatten Magdalena verleitet, dumm zu sein und obendrein noch zu lügen. Wenn nach dem Apfelbiß Mutter Eva noch einmal der Schlange begegnet wäre, wer weiß, was sie ihr gesagt und angethan hätte, der Verlockerin, der falschen Freundin, die an allem schuld ist. Als Magdalena nämlich die ersten Nachbarbesuche machte, konnte sie sich nicht enthalten, mit Frau Essig über die Freuden der Hauptstadt zu sprechen. – Militär und Zivil waren schon damals nicht so geschieden, daß nicht wenigstens die Dienstboten beider Sphären mancherlei Beziehungen zu einander hatten. Es stellte sich heraus, daß Magdalena und Frau Essig mehrmals auf demselben Boden getanzt hatten. Als nun Magdalena gefragt wurde, warum sie denn ihren Platz und die Hauptstadt verlassen habe, wurde sie flammrot und wußte kein Wort zu erwidern. Frau Essig lächelte einverständlich und flüsterte, daß die Justizrätin gewiß eifersüchtig gewesen sei, und Magdalena, was that sie? Sie schwieg dazu und suchte das Gespräch auf einen anderen Gegenstand zu lenken. Auf dem Heimwege machte sie sich die bittersten Vorwürfe, daß sie den edlen Mann und die gute Frau so falsch vor den Augen Fremder erscheinen ließ. Sie beruhigte sich endlich damit, daß es den herrlichen Menschen freilich gleichgültig sein könne, was so eine Frau da draußen von ihnen denkt und nun gar so eine schlechte; denn schlecht ist sie, sie hat das beste Herz verführt, zu einer Verleumdung still zu sein. Magdalena haßte die Frau Essig und sie haßte sie immer mehr, weil sie sich vor ihr fürchtete und schön gegen sie thun und sich gut Freund stellen mußte. Die schlimme Erfahrung wollte sie zur Lehre nehmen, um bei Frau Oel wenigstens gescheiter zu sein. Sie wurde hier mit liebreichen Segenswünschen empfangen, die Beziehung zum Hause des Justizrats Heister war hier schon bekannt, aber offenbar noch nichts von dem traurigen Ereignisse. Frau Oel lobte Heister und dessen Frau, soweit eben Menschen Lob verdienen, die das einzige Heil nicht kennen wollen. Wäre das anders, so hätten sie auch nicht solches erleben müssen, wie damals an dem Dienstmädchen. Die Amtswohnung des Vaters Kanzleidiener war gerade gegenüber vom Hause des Justizrats Heister, und Frau Oel erzählte, wie entsetzlich es gewesen sei, als eines Tages das Dienstmädchen von drüben in Begleitung eines Polizeidieners über die Straße geführt wurde, denn es hatte gestohlen. Frau Oel setzte hinzu, sie habe für die arme Verlorene gebetet, und sie hoffe, das Gebet sei von Gott erhört worden. Sie erzählte das alles mit großer Ruhe und nicht ohne Selbstzufriedenheit. Magdalena hatte Kraft genug, ihre Mienen zu beherrschen und unbewegt dreinzuschauen. Sie blieb länger als sie beabsichtigt hatte, um noch recht unbefangen von allerlei anderem zu reden und sich Unterweisungen geben zu lassen über den hierländischen Brauch. Es war zu verwundern, daß die ersten Anläufe, die so gefahrdrohend waren, nicht weiter führten. Wie sollte es werden, wenn die beiden in der Hauptstadt nachforschten? Es geschah wohl nicht, denn Magdalena wurde oben und unten mit allen Ehren empfangen, so oft sie zu Besuch kam, was aber so selten als möglich geschah. Sie hatte Selbstbeherrschung genug, Jakob nichts von den Aengsten zu erzählen, die sie ausgestanden hatte; er war ohnedies schon selbstquälerisch genug. In den ersten Jahren kämpften Essig und Oel um die Herrschaft über Magdalena. Frau Essig hatte mehr Zeit, sich um andere zu kümmern, denn sie hatte nur ein einziges Kind; Frau Oel hatte daheim genug zu thun, nicht nur mit sich und ihren religiösen Anliegen, sie hatte auch ein halb Dutzend Kinder. Frau Essig hatte bei Albrecht, dem zweiten Sohne, Gevatter gestanden, Frau Oel war Gevatterin der ältesten Tochter, die auch Magdalena hieß, aber nur Lena gerufen wurde. Es gelang keiner der beiden Nachbarinnen, die Herrschaft über Magdalena zu gewinnen, oder gar sie zur Darlegung ihres Lebens zu bringen. Frau Essig versuchte es mit Selbstbekenntnissen, sie klagte, daß sie ein Leben, wie sie es jetzt führen müsse, nicht gehofft und nicht verdient habe, und ihr Mann lache sie dazu noch aus, wenn sie klage und ihn ermahne, eine höhere Stelle zu erringen. Magdalena erwiderte leichthin, Eheleute müßten eben Geduld miteinander haben. Frau Süß schien das nicht zu hören, denn sie sagte: »Ja, hätte mich mein Vater zum Theater gehen lassen, ich führe jetzt im Eisenbahnwagen erster Klasse da vorüber und hätte meine Kammerjungfer bei mir.« Für Frau Süß waren die Vorüberfahrenden Gegenstand des Neides, und sie sagte, sie meine es im Spaß, es war aber Ernst – sie wünschte, daß wenigstens im Winter einmal ein Unglück geschehe oder doch ein Zug stecken bleibe, dann pflegte sie die Verwundeten und käme aus dem Elend hier heraus. »Haben Sie nicht auch schon solches gedacht?« fragte sie. »Nein, für mich sind die Züge eine richtig gehende Uhr.« Diese einfältige Zufriedenheit verdroß Frau Süß und sie wollte Magdalena wenigstens neidisch machen. »Haben Sie sich nicht schon gewundert, daß ich ›unsere Eisenbahn‹ sage?« »Ich sag' ja auch so.« »Ja, aber ich hab' noch ein besonderes Recht, so zu sagen.« Sie zeigte nun ihren geheimen Schatz, sie hatte einen Prämienanteil der Eisenbahn und sie klagte nur, wie sie sich jetzt schon über ihren Mann ärgere für den Fall, daß sie das große Los gewinne; mit ihrem Manne sei nichts anzufangen, der bleibe ein stockiger Feldwebel, der seinen schlechten Tabak raucht und weiter nichts von der Welt will und weiß. Auch hierauf dankte Magdalena nicht mit Klagen über ihren Mann. Frau Oel sagte, es sei noch gut, wenn ein Mann einen äußeren Fehler habe, den man sehe, aber man müsse auch mit inneren unfaßbaren Geduld haben. Magdalena ließ sich auch damit nicht ködern. Sie lachte innerlich die beiden aus, diese aber hofften doch noch eine Herrschaft, die eine wartete geduldig, die andere wartete ungeduldig, bis einmal etwas käme, das die Entscheidung bringt. Sie schien endlich sich einzustellen, denn Justizrat Heister und seine Frau kamen zu Besuch. Sechstes Kapitel. Die Verbindung zwischen dem eine halbe Tagereise entfernten Bahnhäuschen und dem Hause des Justizrats Heister war in ununterbrochener Stetigkeit verblieben. Bei all ihrer Emsigkeit für Haus und Kinder empfand es Magdalena noch als besonderes Glück, für höhere geliebte Menschen draußen etwas thun und bereiten zu können. Den ersten Honig ihrer Bienen, die ersten Früchte von den selbstgepflanzten Bäumen und die frischen Morcheln, welche die Kinder im Wald gesammelt hatten, schickte sie an Frau Heister. Diese Beziehung zu dem Hause Heisters war für die Kinder noch ein besonderes Glück, nicht nur, weil Frau Heister in klugem Bedacht allerlei Nützliches und Erfreuliches für sie schickte; die Kinder, die so verwandtenlos aufwuchsen, hatten höhere edle Menschen zu verehren, und das gab ihnen in der Einsamkeit da draußen einen beglückenden Zusammenhang mit der Welt. In der Dachkammer, wo sie schliefen, und in den Wäldern, wo sie Beeren und Pilze sammelten, überboten sie einander in Phantasien über die Größe und Herrlichkeit der Gönner, ja diese wären ihnen zu Märchengestalten geworden, wenn nicht ein Kind um das andere die Mutter hätte alljährlich nach der Stadt begleiten dürfen. Frau Heister war seit Jahren an das Krankenlager gebannt, sie hatte immer den Vorsatz, eines der Mädchen an Kindesstatt anzunehmen; das sollte aber erst dann ausgeführt werden, wenn sie sich wieder frei bewegen konnte, denn sie wollte das Kind in Heiterkeit leiten und ihm nicht das Bild fortdauernder Krankheit geben. Von der feinen blassen Frau mit den langen schmalen Händen, die eine weiße Haube mit blauen Knüpfbändern trug und in der dämmrigen teppichbelegten Stube lag, erzählten die Kinder einander mit Andacht und Schauer. Frau Heister war jetzt endlich so weit hergestellt, daß sie wieder gehen konnte, und sie wurde im Bahnhäuschen Numero 374 erwartet; schon Tage vorher, bevor sie kam, trat jegliches leise auf und sprach mit gedämpfter Stimme. Magdalena wollte den Ankommenden entgegengehen, sie gab aber Jakob recht, daß es sich besser für ihn passe, zumal da er einen Läufer, einen sogenannten Lowrie, bestellt habe, um auf der für zwei Stunden freien Bahn die Ankömmlinge bis vor das Haus zu rudern. Magdalena hatte im Hause nirgends besonders besser zu säubern und zu ordnen, nur die Blumen begoß sie seit Tagen im Morgen- und im Abendtau, damit sie recht blühen, wenn die Freunde kommen. Der Läuferwagen mit einem festgebundenen gepolsterten Stuhl stand nicht weit vom Bahnhaus 373, Jakob und Emil gingen landein den Ankömmlingen entgegen. Die Frau saß am Wegrain auf einem roten Shawl. Emil küßte ihr die Hände, Heister wehrte ab, da er auch ihm die Hand küssen wollte. Auf Emil gestützt ging die Frau weiter, Heister und Jakob hinter ihnen. Nicht weit vom Hause der Frau Essig sagte Jakob: »Herr Justizrat, ich hab' eine Bitt'! Ich möchte was fragen.« »Nur zu. Was hast du?« »Sind die Akten über mich noch vorhanden und könnte man die nicht endlich herausverlangen, daß man sie aus der Welt schafft?« »Also damit plagst du dich noch? Du bist ein wunderlicher Mensch! Andere werden immer verstockter, weil sie einmal auf einen Abweg gekommen waren, und du wirst immer weichmütiger und verzagter.« »O Herr! Sie hat bei Ihnen studiert. Just dieselben Worte hat sie mir gesagt. Nehmen Sie's nicht für ungut. Sie hat einen Advokatenkopf.« »Ich wiederhole dir: kümmere dich nicht mehr um das Vergangene, du hast deine Ehrenrechte wieder, dich gehen keine Akten mehr was an.« »Akten! Er hat Akten,« sagte Frau Essig, die an ihrem Dachfensterchen lauerte, still vor sich hin. »Jetzt hab' ich's, das muß ich herauskriegen,« triumphierte sie. Frau Heister war zaghaft, sich auf den Läufer zu setzen, aber als Jakob sagte: »Lieber möcht' ich mich stückweise zerreißen lassen, als Sie einer Gefahr aussetzen,« ließ sie sich hinaufheben und lustig fuhren sie, von Jakob gerudert, die freie Bahn dahin. Magdalena kam und half beim Absteigen, sie hätte, wenn es ihr erlaubt worden wäre, Frau Heister gerne getragen, und sie hätte es gekonnt, denn sie war stark und die feine Frau schwach und abgemagert. Siebentes Kapitel. Frau Heister war erschöpft, aber sie konnte sich doch nicht enthalten, die Nettigkeit des Hauses zu loben, und Magdalena, der das doch so wohl that, bat die Frau Rätin, sich doch nicht mit Sprechen anzustrengen, und um das zu bewirken, verließ sie schnell die Stube und kam wieder mit einem Glase kuhwarmer Milch. Die Frau trank und sagte: »Seit Wochen hat mir nichts so gemundet. Emil!« wandte sie sich zu ihrem Mann. »Ich meine, ich würde hier bei Magdalena noch schneller wieder gesund als in Aegypten.« »So? Nach Aegyptenland wollen Sie? Zum König Pharao? Ja, seine sieben fetten Kühe geben keine bessere Milch als meine einzige.« Frau Heister lachte, aber leider mußte sie dadurch husten und sich ein feines Taschentuch vor den Mund halten. »Verzeihen Sie, daß ich Sie lachen gemacht habe,« bat Magdalena; Frau Heister beruhigte sie, aber mit einem so mühseligen Tone, daß Magdalena nur schwer die Thränen zurückhielt. Jakob mußte die Gastfreunde verlassen, denn der Pariser Eilzug kam. Magdalena wendete sich an ihren Sohn Emil mit der Frage: »Du, Schulmeister! Du guckst immer in deine Landkarten. Kannst du jetzt da vor dem Herrn Justizrat erklären. wie man nach Aegyptenland kommt und wo das liegt?« Emil war glücklich, das ganz genau zeigen zu können. Heister sprach seine Zufriedenheit über die Kenntnisse seines Paten aus und fragte ihn, welchen Beruf er wählen wolle. Auf die Antwort, daß er Schulmeister werden wolle, bestimmte Heister sofort einen Beitrag zum Eintritt in das Seminar. »Wo hast du denn deine älteste Tochter Lena?« fragte Frau Heister. »Die dient schon seit zwei Jahren bei unserem Herrn Pfarrer, sie geht dabei noch in die Schul'; aber sie ist gar nützlich und unterhaltsam, die Pfarrerin kann nicht genug erzählen, wie gute Späße sie den Kindern vormacht, und singen kann sie, sie hat die Musikkunst von meinem Mann. Für die Lena ist ausgesorgt, sie hat auch schon sieben Gulden auf der Sparkasse und lernt gute Manieren.« Frau Heister bat, daß man Lena auch herrufen lasse, denn sie hatte für alle Kinder Kleider mitgebracht und wollte sie darin sehen. Emil war schnell zum Botengang bereit, aber ehe er die Stube verließ, drang noch etwas in seine Seele, an dem er lebenslang zu tragen hatte. Jakob war zurückgekommen und hatte von seinem Rosenstocke am Ueberweg einen Strauß mitgebracht, den er Frau Heister schnell darreichte, denn er mußte wieder auf seinen Posten. An den Blumen riechend, sagte Frau Heister zu Magdalena: »Du hast einen braven Mann, und das beruhigt mich. Ja, liebe Magdalena, in meiner stillen Krankenstube habe ich mir's oft gesagt, es ist gewiß recht gut, daß du so einen Mann und brave Kinder hast, aber wir haben doch auch noch etwas zu bereuen und dich um Verzeihung zu bitten.« »Mich?« »Ja, wir hätten schon in der schweren Zeit dich benachrichtigen sollen, daß wir dich nachher wiedernehmen, und dann hätten wir dich gleich wie du frei geworden bist, wieder ins Haus nehmen müssen, so eine treue Seele wie du –« Heister winkte abwehrend, aber seine Frau schien es nicht zu bemerken, sie konnte es nicht lassen, nach Art der Frauen ein Geschehenes aufs neue in andere Möglichkeiten zu versetzen. Magdalena sah wirren Blickes um, und als sie Emil bemerkte, der wie versteinert dastand, sagte sie heftig: »Was stehst du noch da? Mach, lauf, hurtig, hol deine Schwester.« Der Knabe ging davon. Magdalena hatte eine Ahnung davon, was er mit sich fort in der Seele trägt; sie tröstete sich indes: er hatte gewiß nicht ordentlich gehört. Sonst war sie immer ärgerlich, wenn er nicht auf alles aufpaßte. Magdalena mußte sich zusammennehmen, damit die gute Frau nicht merke, welchen Fehlgriff sie gemacht durch die unbesonnenen Worte im Angesichte des Kindes. Magdalena eilte vor das Haus, sie wollte schnell erfahren, ob Emil gehört habe, und ihm das Verwirrende gleich aus der Seele nehmen. Emil war aber bereits jenseits der Bahn, und jetzt ging er hinab in den Feldweg am Fuße des Bahndamms. Frau Heister kam zu Magdalena vor das Haus und sich umsehend sagte sie: »Ich habe gar nicht gewußt, daß man von hier aus die Vogesen sehen kann.« »Ja,« entgegnete Magdalena, »und das ist jeden Abend eine Pracht, wie da über den Vogesenbergen die Sonne untergeht. Ich habe noch jedesmal meine Freude dran.« Frau Heister, die ihren Mißgriff alsbald fühlte, beruhigte sich, daß die ungeschickte Anrufung wohl unbeachtet geblieben. Achtes Kapitel. Soweit der Dampf der Lokomotive streicht, gedeiht keine Raupe und kein Aberglaube. Das war einer von den Sätzen, die Jakob in seiner stillen Weisheit aufgestellt hatte. Um seine Wahrheit zu beweisen, muß man aber sorgen, daß sich da nicht doch ein Unvorgesehenes einnistet; darum muß man heut an einem solchen Glückstag besonders acht geben, damit alles in Ordnung sei. Auf der Strecke Jakobs ist noch kein Unglück geschehen. Sechzehn Züge sausen täglich an ihm vorüber; siebentausend Fuß sind täglich siebenmal zu begehen, und des zum Zeichen mit dem Nachbar die numerierte Tafel zu wechseln, daneben nicht zu vergessen, daß kein Gras einwachse, wodurch die Schwellen anfaulen, die Bolzen anziehen und auf alles acht haben. Und der Gang ist nicht leicht, denn die Schwellen sind nicht gleichmäßig gelegt, daß man von einer aus die andere schreiten könnte; man muß immer den Schritt ändern, weshalb man so viel Schuhwerk verbraucht. Heute ging Jakob dahin, als ob er Flügel an den Füßen hätte; es war ihm so leicht und frei. »Du,« sagte er zu Süß, dem Kameraden thalab, »von heute an halte ich eine Zeitung mit euch, ich zahle meinen Teil, aber eine freisinnige muß es sein.« »Ist recht. Hab's ja schon lang gewollt. Hat dein Besuch dir das anempfohlen? Du hast doch bisher von den Welthändeln nichts wissen wollen?« Jakob fand es nicht nötig, Antwort zu geben, er schmunzelte nur glückselig; wenn der Nachbar mehr Verstand gehabt hätte, so hätte er sehen können, daß die wiedererlangten Ehrenrechte aus dem Antlitze Jakobs leuchteten. Ein Gefolge, das niemand sehen konnte, geleitete heute Jakob, und er grüßte wie dankend in die Welt hinein; die Lerche hoch oben und die Vögel im Busch und Baum sangen von den wiedergekommenen Ehrenrechten und Jakob pfiff leise mit. Ehrenrechte! Man weiß eine Sache oft erst recht zu schätzen, wenn man sie verloren und wiedererlangt hat. Jakob sah sich bereits in der Amtsstadt in dem großen Rathaussaal bei der Wahl eines Abgeordneten: »Jakob Ketterer!« wird gerufen. »Hier!« Jakob tritt auf die Erhöhung und der Wahlkommissär fragt: »Wen wählen Sie?« »Herrn Justizrat Heister,« ruft Jakob mit fester Stimme laut vor sich hin. »Du rufst mich?« sagte jetzt in Wirklichkeit der Mann. Jakob erschrak und erwachte wie aus einem Traume; er hatte ja nur so vor sich hingesprochen, aber Heister fuhr fort: »Meine Frau schläft und nun will ich mit dir gehen.« Jakob erzählte frohlockend, daß er sich eine Zeitung bestellt habe, er dürfe ja jetzt auch seine Stimme geben zu allem. »Ich habe nichts mehr von der Welt wissen wollen,« sagte er, »aber Herr Rat, mein Nachbar hat mir erzählt, daß die Prügelstrafe abgeschafft ist. O lieber Gott! Wenn das früher gewesen wäre. Aber ich spüre nichts mehr davon, und ich will von allem nichts mehr spüren,« schloß er. Um ihn von diesem Gedanken abzubringen, ließ sich Heister alle Obliegenheiten Jakobs darlegen, und als dieser die Signale der verschiedenfarbigen Gläser an der Laterne erklärt hatte, sagte er: »Wissen Sie, was meine Frau gesagt hat? Sie macht aus allem was Besonderes. Sie hat gesagt: ›Das ist mit dem Lebenslicht auch so, es ist das gleiche, aber man sieht es manchmal grün, manchmal rot und manchmal wie es wirklich ist.‹« »Ja, du hast eine kluge und brave Frau und brave Kinder, und ich finde es ganz schön, daß mein Pate Emil Schullehrer werden will.« »O alles, alles ist recht. Ich hin wie neu auf die Welt gekommen, und Sie sollen sehen, ich bin fest und nicht mehr verzagt.« Von diesem Tage an leuchtete das Auge Jakobs in einem besonders hellen Glanze, und von diesem Tage an verdüsterte sich das Auge seines Erstgebornen. Neuntes Kapitel. Emil ging dahin und wischte sich mit der Hand über das Gesicht; es war ihm, als hätten sich unablösbare Spinnweben drauf gelegt. »Die Mutter! Die Mutter! Meine Mutter!« sagte er oft vor sich hin, und in diesen Ausruf preßte sich der ganze Jammer der Kindesseele. Die Mutter war also noch wo anders gewesen, als bei Heister! Wo denn? Warum hat sie nie davon gesprochen? Und was ist das mit der schweren Zeit und mit dem Freiwerden? »Nein, ich lasse meine Mutter nicht verunehren,« rief der Knabe laut, wie zu feindlichen, unsichtbaren Mächten, die ihm die Mutter kränken und entwürdigen wollten. Er nahm sich vor, die Justizrätin oder besser, die Mutter zu fragen; er verwarf das wieder, und zum erstenmal war ein Kampf in der jungen Seele, die bisher so friedsam erwachsen war. Zum erstenmal im Leben nahm sich der auf der Schwelle des Jünglingsalters stehende Knabe vor, über etwas zu schweigen, das er weiß und noch bestimmter wissen möchte. Das kann einen festen Charakter bilden, es kann aber auch zu Verstocktheit und Tücke führen. Als wäre er bereits stundenweit gewandert, so ermüdet war der Knabe, und er legte sich am Bahndamm unter die Akazienhecken. Tief drunten im Dunkel der Erde gräbt ein Wurm sich unhörbar heran zur Wurzel des Baumes, nagt und saugt, und wenn der Stamm nicht bereits stark genug, so muß er verkümmern. In der Seele des Kindes wühlte ein Unnennbares, und plötzlich ging es mit Schrecken auf: nie haben Vater und Mutter von ihren Eltern gesprochen, sie haben nicht Brüder, nicht Schwestern. Das ist's! Das ist's! Gewiß haben sie Schweres erlebt und wollen nicht dran rühren. Der Knabe weinte um die Eltern und um sich selber, er gelobte sich aber, um so besser zu werden, damit die Eltern Freude an ihm erleben. Da hörte er Stimmen drohen an der Bahn. »Mich geht's nichts an und dich auch nicht,« sagte Nachbar Süß. »Aber unterducken müssen sie, unterthänig sein,« rief die Frau heftig. »Er hat Akten! Akten hat er! Ich hab's gehört. Bei unserm Haus hat der Ketterer zum Justizrat gesagt, ob man seine Akten nicht vernichten könne. Da liegt was. Das mußt du herauskriegen.« »Fällt mir nicht ein. Sie sind beide Ehrenleute, mag gewesen sein, was will.« »Ich hab's!« rief die Frau, »ich hab's. Wie kommt der Mann dazu, die Gärtnerei so zu verstehen? Es heißt ja immer, er sei bei der Post angestellt gewesen. Ja, so ist's, die Gärtnerei hat er im Zuchthaus gelernt.« »Schweig still! Ein Ehrenmann ist er, und weiter will ich nichts wissen.« Die Redenden gingen vorüber; der horchende Knabe wäre gern aufgesprungen, um den Mann zu umarmen und die Frau zu erwürgen. Also vom Vater ist was? dachte er, Ehrenmann! rief er bitter lächelnd, indem er sich aufrichtete. Ein heißer Luftstrom zog plötzlich dahin. Von fern aus der öden Wüste kommt er dahergezogen, wer weiß, was er auch hier versengt. Der Knabe eilte nach dem Dorfe, um die Schwester zu holen. Er legte die Hand auf die Lippen und dachte in sich hinein: Nie soll ein Wort über euch kommen von allem, was ich gehört habe. Als Emil mit der Schwester heimkam, mußte ihn Magdalena doch fragen, ob ihm was fehle, er sehe so blaß aus. Emil beruhigte die Mutter und that lustig. Zunächst war also bestimmt, daß der Knabe in das Seminar eintrete; er war jetzt doppelt gern dazu bereit. Am Abend, als die Gastfreunde wieder abgereist waren, saß Jakob mit seiner Frau wohlgemut vor dem Hause und rauchte seine Abendpfeife in die Welt hinaus, wo drüben über dem Rhein die Sonne in vollem Purpurglanze hinabging. Er sprach kein Wort und war doch so fröhlich im Nachgefühl des heute Erlebten. Denn guten Freunden das Heimwesen zeigen, das ist doch wie wenn man selber wieder neu daherkäme, und alles Gewohnte bekommt ein neues Ansehen. Auch Magdalena schwieg, denn über alles Freudige hinüber fühlte sie sich beklommen wegen Emil und sie wollte Jakob nichts davon sagen. Als es Nacht geworden, und der Vater zum Güterzug gegangen war, rief Magdalena noch ihren Sohn Emil und sagte, er solle sich zu ihr setzen. Sie wollte erforschen, ob nicht ein Funke in seine Seele gefallen wäre, der noch fortbrenne. Emil war lange still, und gegen seine Gewohnheit kramte er nun sein Wissen aus; er kannte viele Sternbilder und erklärte dieselben der Mutter. Endlich, sich an sie schmiegend und sein Gesicht an ihrer Brust verhüllend, sagte er: »Mutter, ich will im Seminar recht lernen; aber Mutter, ich bitt' dich, laß mich fragen: Bist du denn nicht immer bei Heisters gewesen? Und was ist denn das mit dem Freiwerden?« »Ist recht, daß du nichts vor mir verhehlst,« sagte Magdalena, sich gewaltsam fassend. Sie erzählte, daß ihr Vater verunglückt sei und während dessen habe sie um seinetwillen das Haus Heisters verlassen müssen. Sie sprach zum erstenmal von ihrem verstorbenen Vater und bat Emil, nicht weiter danach zu forschen und zu fragen. Der Tag war so schön gewesen und Mutter und Sohn hatten doch zuletzt noch schweres Leid zu verwinden und, was vielleicht noch schlimmer ist, anderes zu verschweigen. Emil hatte nicht gefragt, was das mit den Akten des Vaters sei, und Magdalena hatte ihrem Sohne die volle Wahrheit vorenthalten. Da klopften zwei Herzen so nahe und so bang und vermochten es nicht, einander zu befreien und das Unheil abzuwenden. Zehntes Kapitel. »Das Ausfliegen fängt an: wirst sehen, wie bald wir Alten allein im Nest sind,« klagte Magdalena am Morgen, nachdem Emil das Elternhaus verlassen hatte. Jakob schwieg, er hat genug an dem, was heute ist, und Magdalena hat manchmal eine gewisse Lust daran, bei gegenwärtigem Leid sich kommendes auszudenken, und es ist beinahe, als tröste sie sich damit. Er rüstete sich, um auf den Posten zu gehen; Magdalena, die jetzt voller Unruhe war, geleitete ihn bis an den Hopfengarten und sprach davon, daß Emil gestern gar bleich ausgesehen habe, was er wohl jetzt treibe, und wie die Justizrätin ins Aegyptenland reise. »Ich kann nicht wie du,« sagte er endlich, »dem da und denen dort in Gedanken nachlaufen. Laß sie doch, sie können allein laufen. Hei! Da pfeift's schon.« Er rannte auf seinen Posten und schloß noch schnell den Wegübergang; es war höchste Zeit, denn ein vierspänniger Bauernwagen mit bändergeschmückten Pferden und hochgetürmtem Hausrat kam heran. Der junge Eichhofbauer hielt den Einzug nach der Hochzeit. Der Eichhofbauer war eigentlich der nächste Nachbar, denn von dort oben, wo ganz einsam das wohlgebaute Haus mit den Scheunen steht, bis über die Eisenbahn weg zum Thalbach, gehört alles Ackerland zum Eichhof. Jakob und der Eichhofbauer waren einander nicht freundlich gesinnt. Da war ein Acker dem Bahnwärter so geschickt gelegen, aber der Bauer gab ihn nicht her, weder in Pacht noch in Kauf; arme Leute sollen eben nicht zu einem Stück Feld kommen. Zudem hat Jakob den jungen Bauernprinz einmal in Strafe bringen müssen, weil er bei schon geschlossener Barriere hinüberreiten wollte und den Schlagbaum geöffnet hatte. Jakob konnte noch rufen, daß man absteigen und die Pferde am Zügel nehmen solle, und es war nötig, denn die Pferde waren nicht an das Rasseln der Bahnwagen gewohnt und bäumten sich hoch auf. Als der Zug vorüber war, öffnete Jakob den Querbalken, streichelte die Rosse, führte das vorderste am Zaum und half den schwer geladenen Wagen glücklich über die Schienen bringen. Er brach sogar die über Nacht aufgeblühten Rosen von seinen Bäumchen ab und überreichte sie der aus der Fremde gekommenen jungen Frau, die mit ihrem Manne, dem Eichhofbauer, abgestiegen war. Dieser grüßte Jakob leichthin, wie sich's für einen Großbauern ziemt, griff in die Tasche, wo Geld rasselte, und wollte Jakob ein groß Stück als Trinkgeld geben, aber Jakob hielt beide Arme auf dem Rücken, und so wendete sich der junge Bauer an das blondköpfige, kaum zehnjährige zweitjüngste Kind Jakobs, das, von dem Aufzuge angelockt, rasch herbeigekommen war. Das Mädchen schaute mit den großen blauen Augen nach dem Vater und dieser sagte: »Du nimmst nichts! Sag Dank.« Mit heller Stimme rief das Kind: »Dank' schön. Wir nehmen nichts geschenkt. Wir sind keine Bettelleut'.« Der Wagen fuhr davon, und Jakob rief noch nach: »Nichts für ungut! Wir wollen gute Nachbarn sein.« Dann wendete er sich zu dem Kinde, streichelte ihm die Wange und fragte: »Wer hat dir das gesagt, was du dem Bauern geantwortet hast?« Rikele erzählte mit großer Beredsamkeit, daß die Mutter gestern abend den Kindern gesagt habe: Nur vom Gevatter Heister nehmen wir ein Geschenk, sonst von niemand auf der Welt. »Wir sind keine Bettelleut'! Wir sind keine Bettelleut'!« rief das Kind wie singend und tanzte dabei. »Du bist mir lieber als vier Ross',« sagte Jakob, nach dem Hopfengarten gewendet, wo Magdalena arbeitete. Diese Wertung war viel, denn Jakob war zwar nicht neidisch – er gönnt jedem, was er hat – aber vier Rosse zu haben, wie die da an dem Hochzeitswagen, das ist doch erst das rechte Leben, und wer sich erinnert, daß Jakob von Kindheit an mit den Postpferden sich umgethan und zuletzt den vierspännigen Eilwagen geführt hatte, der wird es nur natürlich finden, daß der Besitz von vier Rossen eben das Höchste war, was er sich auf Erden wünschen mochte, und es ist eine wohl zu schätzende Liebeserklärung, daß er seine Frau höher wertete, als vier Rosse. Am Mittag, als alles um den Tisch saß, wollte Magdalena nochmals Trauergedanken wegen Emils in die einzige Speise einbrocken, aber heute war Jakob sehr klug. »Mutter,« sagte er, »solche Gedanken ins Essen hinein, die sind keine guten Würzkräuter und verderben dein gutes Kochen.« Er erzählte von der Begegnung mit dem jungen Eichhofbauer und lobte Rikele, das nun auf einmal sich als Hauptperson aufspielte. Vater und Mutter sahen einander an, wie das Kind sagte: »Ich möchte aber doch auch Großbäuerin sein.« »Warum?« »Die Mutter hat gesagt, die Großbäuerinnen, die langen in den Schmalzhafen bis an den Ellbogen hinauf.« »Und da kannst du das Schmalzrikele heißen,« rief Albrecht. »Schmalzrikele! Schmalzrikele!« rief das kleinste Schwesterchen, und es war drauf und dran, daß es Händel und Weinen bei Tische gab, aber Jakob gebot Ruhe, und wenn er das that, wagte ein Kind nicht mehr laut zu atmen. Nach Tisch auf der Bank vor dem Hause sagte Jakob: »Mutter! Ich hab' gar nicht gewußt, was für ein gescheites Kind das Rikele ist.« »Ja, sie sind gottlob alle helle Köpfe.« »Von mir haben sie's nicht. Ich will aber meinen Söhnen sagen, sie sollen gescheite Weiber nehmen.« So sprachen die Eltern miteinander. Wer damals geahnt hätte, was aus dem Schmalzrikele wird? Elftes Kapitel. Emil war in der Fremde und Magdalena konnte nicht ruhig an ihn denken, die bittere Sorge verfolgte sie, daß etwas über ihn gekommen, das verderblich werden könne. Jakob indes schaute so glückselig drein und pfiff so lustig auf Weg und Steg, daß sich Magdalena wohl hütete, ihn mit ihren trüben Gedanken zu stören, und sie tröstete sich schließlich, daß die Kinder ja so guter Art seien, daß sie wohlgeraten müssen. Jetzt zeigte sich eine gute Wirkung von der Lobgier Magdalenas. Jakob hatte die Gescheitheit der Kinder gelobt, und daß sie der Mutter nacharten; das war ein Festkuchen, von dem sich lange abbrocken ließ, und es war einer von jenen feinen Kuchen, die Tag für Tag mit dem Aelterwerden immer besser schmecken. Auch draußen in der weiten Welt wurde gut von Magdalena und den Ihrigen gesprochen. Frau Heister redete auf der Reise nach Aegypten fort und fort davon, wie glücklich es sie mache, einen Einblick in das schöne Heim Magdalenas gewonnen zu haben, und wie es keine Täuschung sei, daß Menschen, die in Schweres verfallen waren, durch redliches Bemühen ein Leben voll Tugend und Glück gewinnen. »Du hast recht gethan,« sagte sie dann ihrem Manne, »daß du die guten Menschen nicht durch unsern Plan beunruhigt hast. Wir aber halten ihn fest. Wenn ich gesund zurückkehre, ziehen wir uns auf ein mäßiges Landgut zurück, nehmen die ganze Familie zu uns, daß sie das Gut bewirtschaften, und wir haben stets ein gedeihliches Leben von Natur und Menschen vor Augen.« Heister ließ seine Frau dies nach Belieben noch weiter ausmalen, ja er phantasierte noch dazu, denn es machte ihn glücklich, daß die so schwer Kranke sich an diesen Ausmalungen erquickte. Hätte Magdalena gewußt, mit welchen schimmernden Zukunftsplänen ihr Name an Orten genannt wurde, die sie nie gehört hatte, sie hätte hochbeglückt die starken arbeitsamen Hände ineinander gefaltet. Aber es ist gut, daß man nicht weiß, was in weiter Ferne und in nächster Nachbarschaft vorgeht; denn ebenso betrübt hätte sie's, in welchem Ton und mit welchen Beiwörtern ihr Name im Bahnhäuschen Numero 373 hin und her geworfen wurde. »Schrei nicht so! ich bin nicht taub,« rief dort der Bahnwart Süß. »Ich?« entgegnete die Frau höhnisch. »Ich hab' keine Feldwebelstimme, wie du. Aber freilich, gegen mich kannst du deinen Kommandierteufel loslassen, gegen die heilige Magdalena bist du sanft und so süß –« »Sie ist nicht heilig aber brav, und macht ihren Mann glücklich –« »Sie wird wissen warum. Aber ich krieg's heraus, sie hat was, das Gethue mit dem Justizrat ist nicht sauber –« »Frau, bist du des Teufels?« »Ich bin des Bahnwarts Süß; wenn der jetzt Teufel heißen und Teufel sein will, ich kann's ihm nicht wehren.« Der Mann lachte grimmig und nach einer Weile fuhr die Frau fort: »Wenn du nur hättest sehen können, wie du jetzt gelacht hast. So lacht nur ein Teufel. Und da meinen die Menschen, der Mann da sei gutmütig. Heuchelei! Feigheit!« Die Stimme versagte ihr und der Mann nahm das Wort: »Sprich nur weiter. Hast nichts mehr?« »Und ich sag' dir, ich krieg's heraus; ich muß wissen, was er für Akten hat, die er gern aus der Welt schaffen möchte. Unterducken müssen die da drüben, ums Gnadenbrot bitten.« »Und ich sag' dir, ich leid's nicht. Du sollst mich noch anders kennen lernen, wenn du da was aufrührst. Er ist ein Ehrenmann, ein rechtschaffener, und wenn er auch was gethan hat, ich weiß vom Militär her, wie leicht man in Strafe kommen kann – Herr Gott! mit deinem Gezank hab' ich jetzt den Zug versäumt, da ist er; die Note, die ich jetzt bekomm', kannst du auf deine Rechnung schreiben.« Der Bahnwart Süß eilte davon, rückte noch vor dem Hause sich die Mütze zurecht und öffnete die Uniform, er fühlte, daß er fieberisch heiß war. Langsam, zur Erde schauend, beging er seine Bahnstrecke, bis ihn Jakob anredete: »Du siehst ja heute gar nicht auf.« »Ich hab' den Zug versäumt. Hat der Zugführer bei mir hüben oder drüben gestanden?« »Nicht auf deiner Seite, er hat's gewiß nicht gesehen. Aber woher hast du versäumt?« In Nachbar Süß kämpfte es, endlich klagte er sein Leid, was er bisher nie gethan hatte. Er fand in Jakob einen guten Tröster, der zu Friede und Verträglichkeit ermahnte. Süß staunte, wie beredsam der wortkarge Jakob war, und ihm ins Antlitz schauend, rief er: »Ich meine, du hast ganz andere Augen.« »Kann schon sein.« Aber Jakob konnte nicht ahnen, in welcher Weise er den Nachbar beschwichtigte, indem er hinzufügte: jeder Mensch habe sein geheimes Uebel im Körper oder in der Seele und da müsse man eben Geduld haben. Das Angesicht des Nachbars veränderte sich, denn er dachte: die Frau hat doch recht, aber freilich, eingestehen darf man's ihr nicht. Wer so redet, wie der Jakob, der muß einen argen geheimen Schaden haben. Gescheit ist die Frau eben doch. Als Nachbar Süß heimkam, sagte er: »Frau, du hast recht,« ihr Antlitz wurde hell glänzend, »und jetzt, weil du recht hast und gescheit bist, sei auch gut. Verfolg' die Sache nicht weiter, thu' es mir zu Gefallen.« »Wenn du so redest, da hast du meine Hand, kein Wort mehr davon.« Und Friede war von allen Seiten. Zwölftes Kapitel. In einer Seitenstraße der Hauptstadt stand Doktor Hornung an seinem Pulte und schrieb mit rascher Feder, unter ihm dröhnten und brummten die Buchdruckerpressen. Doktor Hornung war ein hochgebauter, breitschulteriger Mann in den besten Jahren. Er hatte den Staatsdienst, in welchem ihm eine glänzende Laufbahn eröffnet schien, verlassen und sich ganz der Presse gewidmet. Er hatte sich deshalb mit seinem Vater entzweit, den wir als Regierungsrat und Freund Heisters vor Jahren kennen gelernt haben; jetzt war der Vater mit dem Titel Staatsrat Gesandter am Bundestag. Um so beglückender war die Uebereinstimmung Hornungs mit seiner Frau, die Rang und Ansehen leicht dahingab, weil sie den hohen Beruf erkannte, Lehrer des Volkes durch die Presse zu sein. Das jugendlich frische Antlitz Doktor Hornungs glühte, während er schrieb, denn durch eine Gerichtsverhandlung der letzten Tage angeregt, schrieb er einen Aufsatz, worin er die Notwendigkeit einer Anstalt für jugendliche Verbrecher darlegte; er betonte aber mit besonderem Nachdrucke, daß dies eine jener Anstalten sein müsse, die nicht durch die Einrichtungen allein, sondern wesentlich durch den besonders geeigneten Charakter des Leiters das Echte und Rechte bewirken könne. Er ging sogar so weit, einen Geistlichen für ungeeignet, dagegen einen für die Humanität begeisterten Arzt für besonders berufen zu bezeichnen. Eben als Hornung die letzten Zeilen dem Druckerjungen übergeben hatte, klopfte es an, und Justizrat Heister trat ein. Hornung begrüßte den älteren Freund und Gesinnungsgenossen mit besonderer Herzlichkeit, und bald erzählte Heister von seinem Ausfluge nach dem Oberlande und daß die Zeitung einen neuen Leser in dem Bahnhäuschen Numero 374 gewonnen habe. Die beiden Freunde bestärkten einander in der Ueberzeugung, daß man in einer Zeit, in der die sittlichen Mächte verbannt schienen und dem Erfolge allein gehuldigt wurde, nicht müde werden dürfe, das höhere Leben zu erwecken und die Sehnsucht nach der Einheit des Vaterlandes wach zu halten. Mitten hinein erzählte Heister, daß es seiner Frau besonders schwer werde, von Theodora, dem Töchterchen Hornungs, Abschied zu nehmen; daneben versprach er, von der Reise aus offene Briefe an die Zeitung zu senden. Als Heister sich eben zum Fortgehen anschickte, sprach Hornung lächelnden Antlitzes seine Freude darüber aus, daß er nun wiederum wisse, wohin seine Worte drängen; es sei doch ein belebendes Gefühl ohnegleichen, so in die Lande hinaus sprechen zu können. Dreizehntes Kapitel. Eine Landschaft, durch welche die Eisenschienen gestreckt werden, verwandelt sich durch Ausgrabungen und Ausböschungen, und alles rings umher – die Einwohner und die Früchte des Feldes – wird in eine neue Beweglichkeit versetzt. Aehnlich ist es in einem Hause, in das zum erstenmal eine Zeitung kommt und nun täglich sich einstellt. Die Zeitung, die Jakob jeden Abend beim Begehen seiner Bahnstrecke von Nachbar Süß erhält, ist schon von fünf Teilnehmenden gelesen und schon mehrere Tage alt. Aber was thut's? Jakob hat weder Lust noch Fähigkeit, mit drein zu reden oder gar mit zu thun in den Welthändeln, und er erfährt zeitig genug von allem. Schön aber ist's, daß alle Welt ihm berichtet, und der Herausgeber scheint es besonders darauf abgesehen zu haben, Jakob zur Übereinstimmung mit seinen Ansichten zu bekehren. Jakob nickte oft: der Mann ist gescheit und brav und meint's gut. Nirgends aber, so weit auch die Zeitung verbreitet war, wurden die »Briefe aus Aegypten von Emil Heister« mit solcher Andacht aufgenommen, wie im Bahnhäuschen Numero 374. »Ich höre seine Stimme,« sagte Magdalena. »und noch was, das gar nicht dasteht. Ich höre, daß es der lieben Frau gut geht, denn so munter könnt' er sonst nicht alles hergeben.« Einmal aber entstand ein Schreck, als wenn der Bahnzug mitten durchs Haus gefahren wäre, denn Heister schilderte einen braunhäutigen ägyptischen Bahnwärter und fügte hinzu: »Ich konnte dem Mann von einem braven Freunde, der sein Berufsgenosse ist, erzählen und von dem ganzen gesegneten Hausstand.« Hast es denn nicht gelesen? Es steht von uns in der Zeitung, hatte Jakob auf den Lippen, als er Nachbar Süß begegnete; da dieser aber nichts davon sprach, schwieg auch er. Magdalena aber legte das Zeitungsblatt zu ihrem Brautkranz. Es war eine behagliche Abendstunde und Magdalena machte sich immer fertig, um auch dabei zu sein, wenn Albrecht die Zeitung vorlas, denn der Knabe las sehr deutlich und mit heller Stimme, und wenn auch der jungen Seele nicht alles verständlich war, so empfand sie doch einen Anhauch des höheren Denkens, der zum Lebensatem wurde. »Vater! Wer sind denn die Arbeiter, denen die Zeitung so ins Gewissen redet?« fragte Albrecht einmal, und Jakob erwiderte: »Arbeiter? Das weißt du nicht? Arbeiter, das sind alle Menschen, die nicht faulenzen.« Anderen Tages, als wieder vorgelesen wurde, sagte Jakob, der sich inzwischen mit Nachbar Süß besprochen hatte, zu dem Knaben: »Ich hab' dir noch sagen wollen, Arbeiter – damit meint die Zeitung die Fabrikarbeiter. Jetzt lies.« Eine Abteilung mußte Albrecht immer überschlagen, das waren die Gerichtsverhandlungen. Er erklärte dem Knaben, daß da Dinge vorkämen, von denen er nichts zu wissen brauche, und Albrecht war folgsam genug, diese Sachen nicht heimlich zu lesen. Zu Magdalena aber sagte Jakob: »Was sind doch die Menschen so schadenfroh. Da lesen sie gewiß gern von Schelmen und armen Teufeln, die sich vergangen haben, und freuen sich, daß sie selbst brav sind und ihnen so was nicht passiert. Meinst du, daß unsere Sach' auch so in der Zeitung gestanden hat?« »Aber Jakob! Was plagst du dich wieder?« »Ja, du mußt mir's abnehmen. Erinnerst dich, daß vorlängst in der Zeitung gestanden hat von den Leuten, die an einer Felswand gewohnt haben, die einstürzen will, und endlich ist sie eingestürzt? Grad so ist mir's, und die Frau Süß – du hast recht, sie sollte Frau Essig heißen – hat nichts Eiligeres, als mir allemal von Gerichtsverhandlungen zu erzählen, und dabei guckt sie mich so an, weißt, so blinzelig. wie ein Fuchs. Meinst du, sie weiß was?« »Ich glaub' nicht.« »Wenn man's nur herauskriegen könnt'!« »Das war' leicht.« »So? Wie denn?« »Fang' Händel mit ihr an, oder ich will's, dann kommt's heraus.« Das wollte Jakob doch nicht, und jetzt, da er sein Herz erleichtert hatte, ging er gern auf die Tröstungen Magdalenas ein und versprach abermals, sich die Sache aus dem Kopf zu schlagen. Es war fast verwunderlich, daß Frau Essig der aufgefangenen ersten Spur nicht weiter nachging, aber sie hielt sich davon zurück, nicht bloß, weil sie es ihrem Manne versprochen hatte, wie sie ihm oft wiederholte, sondern auch in der Erwägung, daß sie, nach Offenlegung des Geheimnisses, mit der Nachbarin in Unfrieden leben müsse; denn das war sicher, Magdalena ließ sich nicht in Unterwürfigkeit gefangen halten, und unfehlbar trieb sie dieselbe zum Anschluß an Frau Oel. Daneben hatte sie eine besondere Liebe zu Albrecht gewonnen, der ein gar schöner aufgeweckter Knabe war, und jeden Tag ihr einziges Töchterchen, Viktoria benannt, zur Schule abholte und wieder heim brachte. Der wird was Tüchtiges, und das gibt einmal ein schönes Paar, sagte sie jetzt schon vor sich selber, ja sie sagte es sogar einmal zu Jakob, der in großer Lustigkeit jetzt schon sein Jawort gab; denn dieser scherzhafte Vorschlag gab ihm die Sicherheit, daß die Nachbarin nichts wisse, sonst spräche sie ja auch im Scherze nicht von einer Verschwägerung. Sagt, was ihr wollt, es ist doch so: kein Gemüt ist so arm und verbost, daß nicht auch einmal Gutes und Freundliches in ihm aufgeht. Seht nur die Brennessel an, sie blüht auch einmal, und im Gemüte der Frau Süß blühte es von dem Gedanken, daß Albrecht einstmals Mutter zu ihr sagen werde und daß ihr Kind glücklicher und höher gestellt werden sollte, als sie es war. Sie brachte es dahin, daß Albrecht ihr anhing, wie einem nächsten Angehörigen, und lächelnd sah sie, wie die kleine Viktoria den Knaben beherrschte; er fügte sich dem eigensinnigen Kinde und lachte dazu, auch wenn es ihn mißhandelte. Vierzehntes Kapitel. Magdalena hatte damals, als Emil das Haus verlassen hatte, doch richtig vorausgesagt. Schneller als man glaubte – die Zeit vergeht, man weiß nicht wie – wurde das Haus leer. Die älteste Tochter blieb im Pfarrhause, Rikele, das wie Albrecht die schlanke Gestalt des Vaters hatte, im Gesichte jedoch mehr Aehnlichkeit mit der Mutter, war über die Jahre groß und stark und kam als Magd zu dem Eichhofbauer. Albrecht erklärte, daß er Maschinenbauer werden wolle, und er wurde zunächst zu einem Schlosser im nahen Städtchen in die Lehre gegeben. Ein Kapital, von dem man lange nichts wissen wollte, wurde dafür flüssig gemacht. Jakob hatte noch sein Sparbuch von seinem Ueberverdienst während seiner Strafzeit, er sah es nicht an und ließ die Zinsen all die Jahre her auflaufen; jetzt mußte Magdalena den schweren Gang thun, das Geld zu erheben; es ging aber leicht, es wurde kein Wort von der Art gesprochen, wie das Geld erworben war. Emil war bereits Unterlehrer im Weinlande; er schrieb selten und kam noch seltener, und wenn er kam, war's nicht gut. Magdalena hatte immer zu beschwichtigen und zu vertuschen; denn es zeigte sich in allem, wovon man redete, ein tiefer Widerspruch zwischen Vater und Sohn. Emil war verschlossen und wenn er sprach, kam lauter Grimm über die Welt heraus, wie nichtsnutzig und verkehrt alles sei, so daß Jakob einmal sagte: »Schade! Du hättest dabei sein sollen, wie unser Herrgott die Welt geschaffen hat; du hättest sie besser gemacht.« »Das hätt' ich auch,« entgegnete Emil keck. Magdalena war immer froh, wenn Emil in gutem wieder abgereist war. Um so glückseliger war das ganze Hans jeden Samstagabend, wenn Albrecht über den Sonntag heimkam; es war, wie wenn eine neue Sonne aufginge, sobald sich das helle Gesicht Albrechts im Elternhause zeigte, und er klagte nie über die Arbeit, die doch so schwer, oder über das Essen, das doch so schmal war; denn er war schon von früh an darauf bedacht, die Eltern, die so scharf zu arbeiten hatten und die ihr Erspartes für ihn anwendeten, nicht noch mit den Beschwernissen seiner Lehrzeit zu belasten. Magdalena hatte ihre besondere Freude, wie gut es dem im raschen Wachstum begriffenen Jünglinge mundete, und alles, was er sprach, war so aus tiefem Herzensgrunde heraus. Nur ein einzigmal betrübte Albrecht ohne Wissen und Willen seine Eltern und dabei that er ihnen doch zugleich wieder wohl. Er erzählte eines Tages, daß der Vater seines Meisters gestorben sei, und fügte hinzu, das sei das beste für den Mann und die Seinen. Der Alte hatte als Geselle bei seinem Sohn gearbeitet, und was er verdiente, vertrank er. Der Sohn war hart und fremd gegen seinen Vater, denn dieser hatte die Mutter nicht gut behandelt, die man eines Morgens tot im Bette fand. »Mich hat der Alte,« setzte Albrecht hinzu, »im Herzen gedauert. Wer weiß, ob er schuldig war, und wenn er schuldig war, ist es nicht eine Strafe, härter als sie ein Richter geben kann, vom Sohne so angesehen zu sein?« Jakob und Magdalena schauten einander an, ohne ein Wort zu sagen, und Albrecht fuhr fort: »Ihr gebet mir gewiß recht. Wenn der Mann vielleicht schuldig war, wär's besser gewesen, er hätte seine Strafe abgebüßt, und dann ist's aus und vorbei. Und wer was Böses begangen hat, der ist doch vorher brav gewesen und kann's auch nachher wieder werden. Nicht wahr, Vater? habe ich recht oder nicht?« »Ja, du hast recht.« Jakob stand auf und ging hinaus; er kam nicht mehr, bis Albrecht sich zu Bette gelegt hatte. In der stillen Nacht aber sagte er zu seiner Frau: »So gibt's doch kein Kind mehr auf der Welt, wie unser Albrecht.« Magdalena stimmte bei, aber sie konnte es nicht unterlassen, auch die anderen Kinder zu loben – Im dritten Jahre seiner Lehrzeit kam Albrecht erst Sonntagmittags heim, denn er besuchte die neu errichtete Zeichenschule im Städtchen. Magdalena war voll Bewunderung über die Zeichnungen ihres Sohnes. »Der wird was Großes,« sagte sie oft zu Jakob, worauf dieser regelmäßig erwiderte: »Wenn er nur brav bleibt.« Magdalena hatte Muttereitelkeit genug, der Nachbarin die schönen Zeichnungen Albrechts zu zeigen, und war Albrecht im Elternhause willkommen, so war er's nicht minder bei Nachbar Süß oder vielmehr dessen Frau. Der Gedanke, daß Albrecht und das Töchterchen ein Paar werden müßten, war doch nur im Scherze ausgesprochen, aber mit der Zeit festigte er sich zu einer ausgemachten Thatsache, und die Nachbarskinder waren ja so traulich miteinander. Frau Süß stachelte den Ehrgeiz des Jünglings mit verlockenden Beispielen; sie kannte die Welt und zeigte ihm, was da drin zu holen wäre. Da ist der Mann, dem jetzt die große Fabrik gehört, und der in einer schönen Kutsche fährt und seine Tochter an einen adeligen Offizier verheiratet hat; der Mann ist der Sohn eines Dorfschneiders und ist mit einem halben Gulden in der Tasche und zwei Hemden in einem roten Sacktuch an der Hand tragend, in die Stadt gekommen; er ist aber auch treu verblieben und hat seine Jugendgeliebte, die Tochter des Hirten im Dorfe heimgeholt und die Frau hat sich fein zu halten gewußt; Frau Süß hat sie in Gesellschaft beim Oberst gesehen, sie hat ein blausammetnes Kleid angehabt und Perlen um den Hals und Diamanten im Haar. Nach solchen schimmernden Bildern fiel es Albrecht oft schwer, wieder in die rußige Werkstatt und in die enge Dachkammer beim Lehrherrn zurückzukehren, und der Lehrherr, ein stiller einfacher Mann, der nichts wußte, als vom Morgen bis zum Abend arbeiten, war zuweilen sehr unzufrieden mit der Vergeßlichkeit und Unordentlichkeit seines Lehrlings, der wie mit offenen Augen träumend umherging. Er klagte das sogar einmal Magdalena, die ins Städtchen gekommen war; es war ein böser Sonntag, als Magdalena dem heimgekehrten Sohne bittere Vorwürfe machen mußte. Albrecht ging zur Nachbarin, der es nicht schwer ward, die Verdrossenheit Albrechts und deren Grund zu erforschen. »Sei froh,« sagte sie, ihm die Wange streichelnd, »daß du mich hast, ich bin dir wie die nächste Blutsverwandte. Schau, deine Eltern sind gute, herzgute Menschen, gewiß, aber so einen wie du, der zu Höherem bestimmt ist, den verstehen sie doch nicht recht zu beurteilen. Ich weiß mehr von der Welt. Du bist vornehm, das verstehe ich, halte dich drum nur an mich und danke Gott, daß du mich hast.« So und noch mehr redete sie in den Jüngling hinein, sie wollte ihn losreißen von den Seinen und ganz zu sich herüber ziehen; sie deutete sogar an, daß eine Zeit kommen werde, wo er sich lossagen müsse, um seiner Ehre willen. Albrecht hörte sie geduldig an, aber auf dem Heimwege schwur er vor sich, daß er nie mehr auf die Worte dieser Frau hören wolle, ja es überfiel ihn ein Bangen, wenn er an einen Blick dachte, mit dem die Frau ihn angesehen hatte; so müssen Hexen dreinschauen. Albrecht war nahe dran, der Mutter alles zu berichten, aber er lernte schon früh, den Kampf mit sich selber auszukämpfen, klug und bedacht sogar der Mutter gegenüber zu sein. Es kam keine Klage des Meisters mehr, bis Albrecht von der Lehre freigesprochen wurde. Fünfzehntes Kapitel. In denselben Tagen, da beschlossen war, daß Albrecht in einer Maschinenfabrik der Hauptstadt eine Stelle suchen solle, kam ein Brief von Heister, daß seine Frau, mit der er aus Aegypten zurückgekehrt war, schwer krank sei und nach Magdalena verlange. Magdalena reiste mit Albrecht und dem jüngsten Töchterchen nach der Hauptstadt. Jakob blieb allein. Im Hause des Justizrats war Magdalena herzlich willkommen. Die Frau schlief und man mußte warten, bis sie aufwachte. Unterdes wurde das Vorhaben Albrechts besprochen. Heister erbot sich, ihn bei einem befreundeten Fabrikanten in Arbeit zu bringen, aber Albrecht wollte diese Hilfe erst dann in Anspruch nehmen, wenn es ihm nicht allein gelingen sollte, eine Stelle zu finden. »Ist Magdalena noch nicht da?« rief die Kranke aus der Nebenstube. Magdalena ging mit Heister hinein, das Kind hängte sich an ihren Rockschoß und trug einen Blumenstrauß. Ein heller Glanz trat in das halberloschene Auge der Kranken, als sie Magdalena sah. »Das ist mir lieb, daß du da bist,« rief sie. »Ich danke dir, Emil. Magdalena, du darfst nicht mehr von mir, solange ich lebe. Will's Gott, ist es noch nicht zu spät,« und des Kindes gewahr werdend, und den Strauß empfangend, setzte sie hinzu: »Das ist mir die liebste Blume, die du mir hättest bringen können. Ist sonst noch jemand bei dir?« »Ja, mein Sohn Albrecht.« »Laß ihn hereinkommen.« Albrecht trat ein, und die Frau faßte mit ihrer wunderbar zarten Hand die harte, rauhe des Jünglings und sagte: »Albrecht, laß dich nur nicht verderben in der Stadt, halt dich rein.« »Das will ich,« sagte Albrecht. Heister bat die Kinder, die Mutter mit der Frau allein zu lassen. Als Albrecht das Haus verließ, begegnete ihm unter der Thür ein eben eintretendes rosiges blondlockiges junges Mädchen. Die beiden sahen einander an und gingen aneinander vorüber. Drin in der Stube sagte Heister zu dem eintretenden Mädchen: »Theodora! Nun hast du gute Hilfe. Unsere Magdalena ist angekommen, und da, das fügt sich gut, sie hat ihr jüngstes Kind mitgebracht; du willst ja das Lehrerinexamen machen, da kannst du bei dem Kinde zu unterrichten anfangen.« Das Mädchen wurde als Tochter des Freundes Hornung in die Krankenstube gebracht und Frau Heister war glücklich, ihrem Liebling endlich die ihr oft gerühmte Magdalena vorzustellen. In den Nächten und Tagen, da Magdalena und Theodora die Kranke pflegten, wurden sie innig vertraut miteinander. Magdalena hatte nur zu mäßigen, da das eben zur Jungfrau erwachsende Mädchen so verehrungsvoll gegen sie war; das war die erste Frau aus dem Volke, mit welcher Theodora in so nahe Beziehung kam, und sie sah in ihr ein verwirklichtes Ideal. »Hat Ihnen unsere Justizrätin alles von mir erzählt?« fragte Magdalena. »Gewiß. Alles.« »Auch von dem Bittern und Schweren?« »Davon weiß ich nichts.« Sie kamen nicht weiter darauf zu reden, und hatte Theodora ihre Lust an der Mutter, so hing das Kind mit inniger Liebe an dem schönen Mädchen, das so viel erzählte und so gut zu spielen wußte. Eines Morgens sagte Magdalena: »Fräulein Theodora! Jetzt nehmen Sie mein Kind mit heim und kommen vor morgen mittag nicht wieder.« »Warum?« »Wenn Sie durchaus wollen, sage ich's Ihnen.« »Ja, bitte.« »Sie sollen nicht dabei sein. Das ist nichts für Sie in jungen Jahren; eh noch einmal Tag wird, löscht unsere gute Frau Justizrätin aus. Ich bitte . . . Nicht laut weinen . . . Geht miteinander in Gottes Namen.« Die beiden gingen, und in derselben Nacht verschied Frau Heister in den Armen Magdalenas. Sechzehntes Kapitel. Vor dem Trauerhause war eine große Menschenmenge, unter ihr Doktor Hornung, er stand abseits und ging nicht in das Haus, denn er wollte seinem Vater nicht begegnen, der drin bei dem alten Freunde war. Der Staatsrat war ein großer stattlicher Mann mit glattem Antlitze und schneeweißen Haaren. Jeder, den er grüßte, verbeugte sich tief; eine ehrerbietige Gruppe hatte sich um ihn gebildet, und als er jetzt nach dem Zimmer ging, wo die Leiche unter Blumenkränzen lag, wichen die Umstehenden zurück, ihm Platz zu machen. Er trat auf Magdalena zu, die in Trauer gekleidet an der Bahre stand, und sagte: »Ist brav, daß du gekommen bist, sie war eine treue Gönnerin für dich.« Magdalena nickte still mit Thränen in den Augen, sie sah den Mann verwundert an, sie kannte ihn nicht. Er ging auf Theodora zu und reichte ihr die Hand, indem er sagte: »Du fährst doch nicht mit auf den Kirchhof?« »Ich wollte es.« »Ich wünsche es nicht.« Hinter den großen Blattpflanzen, mit denen der Sarg umstellt war, ertönte ein feierlicher Chorgesang von Männerstimmen. »Wer ist der Mann?« konnte Magdalena die sich neben sie stellende Theodora fragen. »Das ist mein Großvater,« erhielt sie leise zur Antwort. Der Staatsrat stellte sich an die Seite Heisters und blieb da, solange der Geistliche die Trauerrede hielt. Magdalena erzitterte, da in der Rede die Worte vorkamen: »Sie konnte mit Recht beten: ›Vergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben unseren Schuldigern.‹ Im Verein für entlassene Sträflinge hat sie Großes gewirkt. Sie glaubte an die Auferstehung der Tugend in der umnachteten Seele eines jeden Menschen, und dieser Glaube thut noch immer Wunder und spricht zu dem Gefallenen: ›Stehe auf und wandle in Tugend.‹« Weiter hörte Magdalena nicht, sie lag auf den Knieen an der Bahre und reich flossen ihre Thränen. Magdalena fuhr mit den Dienstboten nach dem Kirchhof. Auf dem Kirchhof sprach Doktor Hornung ergreifende Worte; er pries die Verstorbene als Vorbild der deutschen Frau, die das Ideal ihres Mannes und seine Thätigkeit zum Ausbau eines freien großen Vaterlandes nicht durch Kleinlichkeiten störte, sondern täglich stärkte. Magdalena ging jedes Wort tief in die Seele und bei aller Ergriffenheit dachte sie: »Wenn nur mein Mann da wäre und das auch hätte hören können.« Auf dem Heimwege stieg Magdalena an der Fabrik aus, wo eben Mittag gemacht wurde und ein Strom von Arbeitern aus dem Thore kam. Sie wartete, bis sie Albrecht gewahr wurde. Er bedauerte, daß er nicht habe zum Leichenbegängnis der Frau Justizrätin kommen können; es sei eilige Arbeit da für die Weltausstellung und es sei ihm der besonders ehrenvolle Auftrag geworden, in Gemeinschaft mit dem Werkführer die Maschine zu begleiten. Als Magdalena heimkam, hörte sie, daß Theodora da gewesen sei, um Abschied zu nehmen, denn sie verreiste am selben Tage mit ihrer Mutter. Magdalena blieb noch Wochen in der Stadt. Heister hatte sie gebeten, ihm zu helfen, den Hausstand aufzulösen; auch seine eigene Gesundheit war tief angegriffen, und der Arzt schickte ihn in ein Seebad und von da sollte er für einige Zeit einen Aufenthalt im südlichen Frankreich nehmen. Albrecht, der während der Krankheit der Frau Heister nur auf Augenblicke hatte kommen können, stellte sich jetzt am Feierabend auf Stunden ein und die Mutter und Heister hatten Freude an dem gediegenen, in Arbeit und gutem Denken sich fortentwickelnden Jüngling. Heister suchte einen vertrauten Begleiter für die Reise. Er hätte gerne Albrecht mitgenommen, aber er wollte ihn nicht aus seinem Berufe reißen. Da kam Emil. Emil hatte Albrecht einmal ein Wort gesagt, worauf ihn dieser an der Kehle faßte und ihm zuschrie: »Wärst du nicht mein Bruder, ich würde dich erwürgen.« Seitdem mieden sie einander, und Albrecht kam nur selten und verweilte nur kurz, solange Emil da war. Emil, der mit seinem Berufe als Dorflehrer zerfallen war, erbot sich, Heister als Sekretär und Diener zu begleiten; er hatte Verlangen, die Welt zu sehen und auch die französische Sprache so zu erlernen, daß er eine höhere Stelle in der Stadt gewinnen könne. Er zeigte sich sofort gewandt und dienstwillig. Magdalena wollte Einsprache thun, sie hatte ein unbestimmtes Gefühl, daß das nicht gut ausgehe; aber sie wagte nicht, ihrer Besorgnis Ausdruck zu geben, auch dann noch nicht, als sie wirklichen Grund dazu hatte. Denn Emil hatte gar kein Mitgefühl für ihre Trauer um den Tod der Justizrätin, ja er wälzte noch neues Herzeleid auf sie. Er klagte ständig, er sei zu gut, die Welt sei nichts nutz, die Frechen und Schlechten seien obenauf, und ein Narr sei, wer sich mit der Gutheit plage und mit dem, was man Gewissen nenne. »Ich bin nicht gelehrt,« entgegnete Magdalena, »auf solche Sachen müssen dir andere Antwort geben. So viel aber weiß ich doch, ich hab' einmal so einen Spruch gelernt, da heißt es: ›Ich bin jung gewesen und bin alt geworden und habe noch nie gesehen, daß die Welt einem, der seine Schuldigkeit thut, etwas schuldig bleibt.‹ Bist du fleißig in deinem Amt? Siehst du? Du kannst nicht ja sagen. Gottlob, ganz schlecht bist du doch noch nicht. Du kannst nicht deiner Mutter ins Gesicht hinein lügen.« Emil klagte die Eltern und klagte Heister an, daß sie ihn nicht höher und etwas anderes hätten studieren lassen. Bis ins innerste Herz hinein erschrak Magdalena, da Emil sagte, die Mutter könne stolz darauf sein, daß der alte Herr Justizrat so freundlich mit ihr sei, er selber sei auch stolz darauf. Er sagte das mit einem so frechen Blicke, und lachte dabei so höhnisch, daß die Mutter die Faust ballte. Wär's möglich, daß der Sohn das Schlechteste denke und es ihr so zu sagen wage? Der bittere Zorn um den ungeratenen Sohn und die Scheu, ihm zu bekennen, wie sie ihn verstehe, kämpften in ihr. »Du bist ein Nichtsnutz,« sagte sie. »O! Dafür gibt's kein Wort. Du wirst schwer dafür büßen müssen und leider Gottes deine unschuldigen Eltern auch, wenn du nicht noch ganz anders wirst.« »Ich glaub' nicht, daß ein Mensch anders wird,« entgegnete Emil, »wir Schulmeister wissen das am besten. Die ganze Welt betrügt einander mit Erziehungsprahlereien. Ich thue nicht mehr mit.« Magdalena mußte ihn gewähren lassen, da er sich bei Heister einschmeichelte, so daß die Reise fest bestimmt ward. Sie verlangte, daß Emil zum Vater reise und bei ihm Abschied nehme. Der Sohn schien es ungern zu thun, aber auf einen scharfen Blick der Mutter willfahrte er. Siebzehntes Kapitel. Jakob lebte unterdes daheim so wortlos fast wie damals in der einsamen Zelle, denn die alte Taglöhnerin, die man zur Garten- und Hausarbeit angenommen hatte, war fast stocktaub. Er nickte oft wie dankend zu der Entfernten, wenn er jetzt Kisten und Kasten aufschließen mußte und gewahr wurde, wie sauber und geordnet alles war. Magdalena schickte öfters Briefe und gab Anweisungen. was in Haus und Feld zu thun war; die Kuh und die Hühner waren immer besonders bedacht. Auch Jakob schrieb, aber nur kurz. Einmal in der Nacht hatte er geschrieben: »Ich hab's überlegt, wenn wir voneinander wegsterben müssen, ist's besser, ich sterbe vorher, ich könnte nicht allein leben, du wärest auch traurig um mich, aber du könntest doch leben.« Er schickte aber den Brief nicht ab, sondern verbrannte ihn sogleich am Licht. Die Nachbarinnen kamen, um Jakob zu besuchen. Frau Oel blieb nur kurz, denn sie fand alles wohlgeordnet; Frau Süß aber schrie mit der alten Taglöhnerin, daß dies und das nicht recht sei; sie wollte täglich kommen und nachschauen. Jakob wollte eben dankend ablehnen, als sie ihn durch ein mit freundlichem Lächeln vorgebrachtes böses Wort erschreckte. Sie sagte: »Es ist ein Ehrenzeugnis für die Frau und stopft den Leuten die Mäuler, daß die Frau Justizrätin die Magdalena hat an ihr Totenlager kommen lassen; da kann nie was von Eifersucht gewesen sein, und die Zutraulichkeit des Herrn Justizrats ist nichts als unschuldige Freundschaft. Ich hab's immer gesagt und jetzt zeigt sich's.« Jakob hätte der Frau gern eine sehr deutliche Antwort gegeben, aber er steckte die beiden Fäuste in die Taschen und er fand rasch die beste Antwort, er wendete sich um und ließ die Frau stehen. Sie kam nicht wieder. Aber ein anderer Besuch, von dem er sich nicht abwenden konnte, erschreckte ihn noch mehr. Emil kam. »Weißt du, daß die Mutter nicht daheim ist?« sagte Jakob bald nach der ersten Begrüßung, wie in Furcht, daß ohne ihre Vermittlung bitterer Streit ausbrechen könnte. Emil berichtete, daß er Heister begleite und bereits die Erlaubnis habe, auf ein Jahr einen Stellvertreter einzusetzen. Emil äußerte, daß er suchen wolle, in der Fremde sein Auskommen zu finden; man lebe hier zu Lande doch auf unsicherem Boden und wisse nicht, was morgen auskomme – da fühlte Jakob, daß der Sohn die Vergangenheit des Vaters kenne. In der ersten Minute preßte es ihm das Herz zusammen, so vor den Augen des Kindes zu stehen; er wollte alles erklären, aber er dachte, es sei doch besser, daß er schweige, da auch der Sohn schwieg. Jakob nahm sich nun vor, den Widerspruchsgeist des Kindes in nichts mehr zu reizen, sondern geduldig zu ertragen. Emil blieb nur kurz und beim Abschiede war er so weich, daß er dem Vater um den Hals fiel und ihn weinend bat, ihm alles zu verzeihen. Jakob nahm sich vor, Magdalena nichts von dem zu erzählen, was er an Emil wahrgenommen hatte. Achtzehntes Kapitel. »Den großen Lehnstuhl schickt dir der Herr Justizrat zum Ausruhen,« sagte Magdalena nach ihrer Heimkehr, als ein großer Wagen voll Hausrat, Kleider und Linnenzeug ankam. Schmerzlich lächelnd fügte sie hinzu: »Und auf einen Wagen geht nicht alles, was ich zu erzählen habe.« Sie berichtete viel, sie war aber bedachtsam genug, nichts von der Anspielung des Pfarrers in der Leichenrede zu erzählen; sie hütete sich wohl, das schlummernde Leid in Jakob zu wecken. Sie ahnte nicht, daß auch der Vater etwas verbarg, das nahe daran war, unwillkürlich sich kundzugeben. Denn Magdalena hatte auch eine große eingerahmte Photographie – Herrn und Frau Heister darstellend – mitgebracht, sie wurde sofort an die Wand gehängt über der Kommode, auf welcher zwei gläserne Leuchter mit unversehrten Wachskerzen standen. Zaghaft brachte sie eine andere Photographie herbei, die ebenfalls angebracht werden sollte; es war das Bild Emils mit dem schnell angewachsenen Vollbart, den er sich in seiner kurzen Freiheit erzogen hatte. Als Jakob das Bild sah, schrak er zusammen und schaute betroffen auf Magdalena. »Also findest du es auch?« sagte sie, »der Herr Justizrat und ich haben's im selben Augenblick gesagt, er sieht ihm gleich; das sieht man erst jetzt und im Bild.« Sie nannte Frieder nicht, und Jakob preßte die Lippen zusammen und nickte. Magdalena fuhr nach einer Weile fort: »O du himmlischer Vater! Es kann doch nichts Aergeres geben, als wenn ein Kind jedesmal mit einem Stich im Herzen an den Vater denken muß. »In den Nächten, wo ich jetzt in der Stadt war, habe ich mir Mühe gegeben, alles aufzuschreiben, und ich glaube, ich habe alles gesagt, was wir auf dem Herzen haben; es liegt bei meinem Brautkranz, und da werden die Kinder erfahren, daß wir unschuldig sind, wenn wir auch haben schwer büßen müssen, und wie wir als Eheleute gewesen sind, das haben sie gesehen.« Jakob nickte wieder stumm, er fuhr nur mit der Hand über das Bild des Sohnes, wie wenn er ihn streicheln oder auch die Aehnlichkeit wegwischen wollte, dann ging er still hinaus und sah nachdenklich auf die Schienen; die hängen mit denen zusammen, auf denen jetzt sein Sohn in die Ferne zieht, wer weiß, was aus ihm wird. Aber ein gesetztes Amt läßt nicht lange über den wunderlichen Zusammenhang aller Weltdinge grübeln, das Signal ertönte, Jakob stand stramm auf seinem Posten. »Auf dem nächsten Jahrmarkt lassen wir uns auch abphotographieren,« sagte Jakob mit ungewöhnlich heller Stimme, als er heimkam, »und alle Kinder. Wer weiß, wo sie noch hinkommen. Und jetzt will ich dir was sagen,« fuhr er fort, als er sich den Teller voll herausgeschöpft hatte und den Schöpflöffel Magdalena zuschob, denn er war nicht höflich und nahm sich stets zuerst, »ich sag' dir: keine Stunde Kummer mehr.« »Ja, und wenn doch einmal eine grüne Latern' für uns käm', wir sind auch noch da.« Aus den Tagen der Entfernung, aus den Stunden des Schmerzes heraus gewannen Jakob und Magdalena ein neues Glück, als hätten sie erst jetzt einander voll und ganz errungen. Neunzehntes Kapitel. Die Tage vergingen in ruhiger alter Ordnung; das einzige Kind, das noch zu Hause verblieben war, Lisbeth, der Nestling, hatte es in der Lesekunst bereits so weit gebracht, die Zeitung vorlesen zu können, aber freilich, so wie Albrecht war's doch nicht, und im Sommer 1866 brauchte man eigentlich gar keine Zeitung. Da gingen die Militärzüge hin und her, Tag und Nacht mußte man auf dem Posten sein, und Nachbar Süß bedauerte, nicht mehr Soldat zu sein, er hätte auch gern einmal gegen die Preußen drein gepfeffert. Nachbar Maier dagegen war sehr erbittert über den Krieg, er sah ihn als Krieg der Katholischen und Evangelischen an, und jetzt zum erstenmal erfuhr man, daß Süß katholisch war; er hatte nur der Frau zulieb das Kind evangelisch taufen lassen. Jakob hatte schon lange leise empfunden, daß er zwischen zweierlei Art von Hochmut eingekeilt war. Süß hatte den soldatischen, Maier den religiösen Hochmut; Jakob mußte sich von beiden Genossen belehren und auch schelten lassen. Die Truppen und ihre Führer, die auf der Bahn hin und her geschoben wurden, konnten nicht ahnen, welche wunderlichen Gespräche, die nahezu in bittere Gehässigkeiten ausarteten, hier von den Bahnwärtern geführt wurden. Magdalena hatte im Hause Heisters von den traurigen Zuständen im Vaterlande sprechen hören und besonders war ihr im Sinne geblieben, wie Heister gegen den Regierungsrat Hornung behauptete, daß trotz alledem doch nur von Preußen, das den Napoleon besiegt hatte, die Besserung kommen müsse. Sie teilte das Jakob mit, und die beiden Genossen staunten, wenn er derartiges vorbrachte, und er wußte auch noch gute Schlagworte aus der Zeitung drein zu mischen. Emil war nach Landesgesetz als Lehrer frei, und Albrecht hatte sich durch das Los vom Militärdienst freigespielt. Der Krieg war schneller zu Ende, als man geglaubt hatte, auf der Bahn Jakobs wurde keine preußische Pickelhaube gesehen. Von Emil kam bisweilen ein Brief, aber er schrieb immer in Eile, und in diesen kurzen eiligen Briefen war überdies etwas Gezwungenes, Fremdes. Das fühlten beide Eltern, und Jakob sagte; »Er mag zu thun haben, was er will, ein Mensch, der so gut in der Feder ist, kann sich eine Stunde Schlaf abbrechen und ordentlich schreiben. Aber er hat keine Liehe zu mir. Es steht ja da.« »Wo steht's?« »Da, da schreibt er: Ich betrachte den Herrn Justizrat als meinen Vater. . . . Das darf man nicht, das ist zu viel, ich leb' ja noch, ich glaub' nicht, daß ich schon gestorben bin.« »Mann, wie kannst du nur so reden? Das ist nur so gesagt, wie die Studierten reden.« »Mag sein, aber ich bin nicht studiert und du solltest mir meinen geraden Verstand nicht verdrehen wollen.« Er ging rasch davon, aber im Fortgehen warf er noch einen grimmigen Blick auf das Bild. »Ja, du bist der Frieder,« sagte er, aber er sagte es nur in sich hinein. Als Magdalena allein war, gestand sie sich, ihr Mann habe recht, und es sei gut, daß er sich durch keine Einrede von seinem geraden Verstand abbringen lasse; sie selber fand auch die Briefe Emils sehr unkindlich und hart, und als Jakob am Abend heimkam, sagte sie: »Mit dem Emil hast du leider Gottes recht. Aber sieh, da ist ein guter Brief von Albrecht.« »Lies vor!« Sie las und beide Eltern waren glücklich über die herzgetreue Art des Sohnes. Am Schlusse des Briefes hieß es: »Liebe Eltern, gebt acht, nächstens fliege ich an euch vorbei.« Es klärte sich bald auf, was damit gemeint war. Magdalena schnitt Gras am Bahndamm und sie dachte, wie schon das Gras auf dem Grabe der guten Frau Heister gewachsen, da kam ein Güterzug heran. Magdalena hatte sich dran gewöhnt, nicht mehr nach den Zügen aufzuschauen, aber heute riß etwas an ihr, daß sie sich aufrichtete und mit der Sichel in der einen und dem Grasbüschel in der andern Hand nach dem Zuge schaute, und »Mutter!« rief's von der Lokomotive und vorbei sauste der Zug; ein dreifacher schriller Pfiff, der an dieser Stelle sonst gar nicht gebräuchlich ist, tönte nach. Magdalena warf Sichel und Gras weg und eilte zu ihrem Manne an den Ueberweg. »Hast du ihn auch gesehen?« rief ihr Jakob entgegen. »Jetzt weißt, was das zu bedeuten hat: Ich fliege an euch vorbei. Unser Albrecht ist Lokomotivführer.« »Und er hat mir Mutter gerufen.« Am Abend kam Albrecht, er hatte neben dem alten Führer seine Probefahrt gemacht und die Eltern waren glücklich mit dem Sohne, der es stetig immer weiter brachte. Man zeigte Albrecht die Briefe Emils und er sagte abgewendet in gezwungenem Tone: »Er ist halt ein Schulmeister und macht Redensarten.« Albrecht hatte in der Stadt und auf der Weltausstellung, wohin er mit der Maschine geschickt war, sich bereits vielfältige höhere Kenntnisse erworben, aber es kam ihm nicht in den Sinn, vor den Eltern damit zu prahlen, oder gar sie mit unverständlichen hohen Redensarten zu beschämen. Zwanzigstes Kapitel. Albrecht, der sonst so viel gute Ruhe mitbrachte. schien heute etwas von der Unruhe der Lokomotive an sich zu haben; er hörte kaum zu, wie die Mutter sagte, die Lokomotivführung sei doch eine gefährliche Sache. Jakob dagegen belehrte: »Gefährlich just nicht besonders, aber gar verantwortlich. Die Hauptsache ist, nicht schlafen; ich mein', nicht mit offenen Augen schlafen.« »Hörst, was dein Vater sagt?« stieß Magdalena ihren Sohn an, der unachtsam drein starrte. »Jawohl! Jawohl!« sagte Albrecht sich aufraffend. »Ihr habt beide recht.« Er wollte nach der Station, um mit dem Nachtzuge nach der Hauptstadt zurückzufahren; dazu hatte es noch lange Zeit, aber er machte sich rasch auf den Weg. Magdalena begleitete ihn. »Ich geh' zu Nachbar Süß,« erklärte Albrecht. »Da begleite ich dich.« Die Mutter hatte wohl gemerkt, daß zwischen Albrecht und Viktoria etwas vorging, das ihn bestimmt hatte, so schnell nach einer Versorgung auszuschauen; sie war entschlossen, zeitig einzugreifen. Ihr Stolz, ihr Lieblingssohn, sollte Besseres haben auf der Welt. Sie war eine gute Mutter an allen Kindern, das ist keine Frage, aber so schön und, was noch mehr ist, so grundgut und, was noch mehr ist, so bedachtsam war keines ihrer Kinder. Magdalena war voll Bangen, denn wenn ein Kind eine feste Neigung hat, wie soll man dagegen wirken? Es kann sein, daß man gerade dadurch eine mißliche Sache erst recht fest macht. Noch nie waren Mutter und Sohn so lange schweigend nebeneinander gegangen, wie jetzt, denn jedes wartete auf das Wort des andern. Endlich begann doch die Mutter und fragte, wie hoch der Gehalt des Sohnes sei; er nannte die Summe und fügte halb zaghaft hinzu, daß er nun schon eine Frau ernähren könne. Magdalena sagte nur: »Du hast Schwestern, die älter sind als du, und du thust gewiß gern etwas für sie, wenn sich ein Schick gibt, zur Aussteuer.« »Gewiß, Mutter! da soll's nicht fehlen.« »Auf den Emil zähl' ich in nichts.« »Ich auch nicht.« »Du könntest deinem Vater jetzt gleich eine große Freude machen, von dir thät er's annehmen.« »Saget nur, was es ist.« »Schau, dein Vater ist gar oft von schwerem Gemüt, er hat schon Schweres erlebt.« »Was denn? Darf ich's nicht wissen?« »Wir wollen später einmal darüber reden. Du weißt, dein Vater ist ein Mann – von Wien bis Paris ist da noch kein besserer gefahren und wird kein besserer fahren, solang das Eisen hält. Ich hab' dir nur sagen wollen, man kann deinen Vater mit einer Kleinigkeit glücklich machen, mit einem halben Nichts.« Albrecht lachte laut und die Mutter fragte: »Was lachst?« »Ja, Mutter, das erzähl' ich meinem Lehrer in der Mathematik: Meine Mutter ist so genau und sparsam, daß sie noch ein Nichts teilen kann.« »Jetzt genug, ich will dir nur sagen: kauf deinem Vater ein neues Waldhorn aus deinem Geld, sag aber nichts davon, daß ich dich ermahnt hab'.« Mit diesem Plan, das spürte Magdalena, war der Sohn wieder heimgezogen; die Süß mitsamt ihrer Tochter kriegt ihn noch nicht. Im Hause des Nachbars Süß war alles wohl aufgeräumt, die Stube und die Menschen, besser als je; Albrecht war offenbar erwartet worden. Mutter und Tochter waren überrascht, daß Magdalena mitkam; aber sie thaten, als ob das ein besonderes Glück wäre, und Viktoria war heute sehr zutraulich und auch ehrerbietig gegen sie, wie noch nie. Magdalena konnte, wenn es darauf ankam, doch auch falsch oder wenigstens höflich sein. Warum nicht? Man muß alles können. Als Frau Süß mit ständigem Lachen sagte, die neue Beamtung Albrechts sei gewiß nur eine Durchgangsstation – sie wiederholte das Wort oft, sie war stolz darauf – er käme von da aus zu Höherem, stimmte Magdalena bei. Eine Flasche Wein war bereit gehalten; man stieß an, man trank, und Frau Süß lachte hellauf, als Viktoria von ihrem Wein verschüttete. »Das ist ein gutes Zeichen!« rief sie und lachte nochmals. Als man Abschied nehmen wollte, gingen Frau Süß und Viktoria noch mit. Vor dem Hause sagte Magdalena: »Geh du voran mit Viktoria, aber nicht zu schnell, wir kommen nach.« Sie wollte nicht, daß die beiden hinter drein gingen. Nach einer Weile wendete sich Albrecht um und fragte: »Mutter! Wollet Ihr nicht umkehren? Wird's Euch nicht zu weit und zu spät?« »Nein. Du mußt noch auf einen Sprung mit mir ins Pfarrhaus zu deiner Schwester.« »Die Frau Maier erzählt, es sei ein Besuch im Pfarrhaus, ein Missionär von den Menschenfressern,« berichtete Frau Süß lachend; sie lachte immer, auch jetzt, wo sie doch sehr ärgerlich war, und auch wenn sie von Menschenfressern sprach. Nicht weit vom Dorfe kehrten Frau Süß und Viktoria um. Magdalena hatte ihren Zweck erreicht, sie nicht allein mit ihrem Sohne zu lassen, und es war ein übermütiger Ton darin, als Magdalena beim Abschied für die gute Bewirtung und gute Begleitung dankte. Wieder gingen Mutter und Sohn still dahin; am ersten Hause des Dorfes hielt Albrecht an und fragte: »Mutter, meinet Ihr, daß was zwischen mir und der Viktoria ist?« »Du hast mir noch nichts davon gesagt.« »Und was haltet Ihr von ihr?« »Wenn du mich ernstlich fragst, will ich dir ernstlich antworten; wenn du aber fragst und schon beschlossen hast –« »Es ist noch nichts beschlossen.« »So rat' ich dir: nimm drei Lokomotiven und fahr davon. Soviel Sterne als da über uns sind, so vielmal dank' ich Gott, daß du noch frei bist und keine falschen Versprechen gemacht hast.« Nicht heftig und mit keinem bösen Worte, sondern ruhig und klar setzte Magdalena ihrem Sohne auseinander, wie er sich für sein ganzes Leben unglücklich mache, wenn er sich mit Viktoria verbinde; sie sprach so eindringlich, daß ihr Albrecht endlich die Hand gab und sagte: Mutter, es ist nichts und wird nichts. Ich bring' Euch keine Frau, die Ihr nicht auch von Herzen gern haben könnt.« »Meinetwegen allein sollst du's nicht aufgeben, es ist deinetwegen. Ich weiß, es thut dir jetzt weh, aber es wird dir später wohlthun und du hast kein gebrochenes Wort auf deinem Gewissen.« Der Atem Albrechts ging rasch und schwer, Magdalena nahm wieder auf. »Ich kenn' dich. Du hast gemeint, du hättest da Pflichten, und hast dich zwingen wollen, denen nachzukommen. Es ist nicht möglich, daß du da mit ganzer froher Seele dabei bist. Drum ist's jetzt besser so.« Die Mutter hatte vollkommen recht. Albrecht hatte sich mit großem Eifer Kenntnisse zu erwerben gesucht, hatte sich einen höheren Lebensplan gestellt und denselben wegen Viktoria wieder aufgeben wollen. Jetzt war er frei. Mit beruhigtem Gemüte kamen Mutter und Sohn heim Pfarrhaus an, wo mehrere Stuben hell erleuchtet waren. Einundzwanzigstes Kapitel. Die Pfarrersleute waren noch bei Tische, mehrere Gäste waren da und es wurde laut gesprochen; aber die Pfarrerin hatte ein feines Ohr, sie hörte doch, daß draußen in der Küche bei Lena Fremde waren. Sie kam heraus und that es nicht anders, Magdalena und Albrecht mußten in die Stube und sich noch mit zu Tische setzen. Sie wurden allseitig willkommen geheißen, denn die Pfarrerin sagte geschickterweise, die Herren hätten das Essen gelobt, das Lob gebühre der Frau Magdalena, die ihre Tochter in allem unterwiesen habe. Unversehens wurde Magdalena der Mittelpunkt der Gesellschaft, da die Pfarrerin hinzusetzte: »Ja, unsre Frau Ketterer, die kann nicht nur gut kochen, sie kann auch Kinder erheitern wie keine zweite. Unser ältester, der Student, war ein sehr eigensinniger Knabe, und als er eines Mittags sich zum Schlafen niederlegen sollte, weinte und schrie er, daß Lena, die damals noch Schulkind war, ganz verzweifelte und wir uns nicht zu helfen wußten. Da kam Frau Ketterer und sagte: ›Ach was! So schläft ein Kind nicht ein und so thut's ihm nicht gut. Erheitern muß man ein Kind.‹ Sie nahm nun Rudolph auf den Schoß, und bald lachte er mit Thränen auf den Backen und bald schlief er und lächelte noch im Schlaf.« Magdalena war doch einigermaßen verlegen über Erwähnung dieser Kleinigkeit, aber die gelehrten Herren fanden diese Methode sehr pädagogisch. Ein fremder Mann fügte hinzu, er habe Aehnliches auch bei Heidenbekehrungen angewendet. Es war der Mann, dem zu Ehren das Festmahl heute abend bereitet worden, ein Missionär aus Ostindien, der als Gast im Pfarrhause eingekehrt war, ein schlanker junger Mann, von kühnem und entschlossenem Gesichtsausdruck. Er erzählte auch, wie mühselig es ihm geworden, in fremdem Lande sein eigener Koch zu sein, und daneben, wie seltsam die Heiden ihre Speisen bereiten. Er erzählte gut und alles hing an seinen Lippen. Als er das Tischgebet gesprochen hatte, setzte er sich zu Magdalena und Albrecht und sprach zutraulich mit ihnen. Er fragte Albrecht, ob er nicht Lust habe, bei der Eisenbahn in Ostindien in Dienst zu treten. Albrecht verneinte, und Magdalena setzte hinzu: »Unsre Kinder sind nicht so für die weite Welt.« Warum sagte sie: unsre Kinder? Sie wußte es nicht; aber es ist wie ahnungsvoll, daß manchmal solches sich unwillkürlich ausspricht. Die fremden Pfarrer rüsteten sich zum Gang nach der Station, um heim zu reisen, sie waren alle vom Wein und vom Reden erhitzt. Der Pfarrer und der Missionär begleiteten sie; der Missionär sagte, er habe wichtige Briefe aufzugeben, die er gerne selber besorge. Der Pfarrer ging mit seinen Amtsbrüdern, wie zufällig blieb der Missionär eine Strecke zurück mit Albrecht; er schien an dem offenen Wesen des jungen Mannes entschiedenes Wohlgefallen zu haben. Einmal sagte er sogar: »Sie haben offenbare Aehnlichkeit mit Ihrer Schwester.« Die Schwester hatte indes der Mutter ein Stück Weges das Geleit gegeben. »Er ist ein recht manierlicher Mann, der Missionär,« sagte Magdalena, »und er kann auch weltlich reden. Woher ist er denn gebürtig?« »Ich glaub' da drunten vom Rhein her, da bei Holland.« »Hat er dir das selber gesagt?« »Nein, heißt das ja, die Pfarrerin hat mir's gesagt, aber er auch.« »Was sagt die Pfarrerin sonst von ihm?« »Sonst? Nichts.« »Spricht sie nicht davon, daß es eine Glückseligkeit wäre, Missionärsfrau zu sein?« »Nein, Mutter, im Gegenteil, sie macht einen schaudern davor. Ihr wisset ja, sie ist auch fromm und gläubig, sie ist aber nicht so fürs Bekehren, wie der Herr Pfarrer; ich glaub', der ging' heut' noch gern. Aber jetzt muß ich umkehren. Gut Nacht, Mutter.« Sie umarmte die Mutter heftig und rannte davon. Eine Strecke entfernt rief sie noch. »Mutter! Die Herren wollen morgen zu Euch kommen. Gut Nacht.« Magdalena ging nachdenklich durch die stille Nacht heimwärts. Das Kind wird doch nicht schon ans Heiraten denken und nun gar . . . Der Zug pfeift. Jetzt treffe ich ihn noch wach, sagte Magdalena, an ihren Mann denkend. Was hat sie ihm nicht alles zu erzählen! Daß Albrecht los ist, aber Lena vielleicht schon angebunden. Im Nachbarhause bei Süß war kein Licht mehr. Magdalena mußte nicht weit von Numero 373 warten, bis der Zug vorüber war, und wie sie an der Bahn stand, meinte sie, der Zug fahre grad auf sie los; sie war schreckhaft, sie hatte eben heute gar so viel auf der Seele. Zu Hause traf sie Jakob bereits schlafend, er schlief immer schnell ein; sie mußte nun so vieles, was sie zu berichten hatte, still tragen bis zum andern Morgen. Zweiundzwanzigstes Kapitel. Das Kind wird doch nicht schon ans Heiraten denken und nun gar . . . Ja, gestrenge Mutter im Neste, die Jungem sind ausgeflogen, dort am Schwarzdornhag steht deine älteste Tochter, pflückt einen Haselzweig ab und zerbeißt ihn, und wie sie jetzt den Pfiff der Lokomotive hört, sagt sie fast laut vor sich hin: Die zieht die Menschen fort in die weite Welt hinaus . . . Sie sieht zu den Sternen auf und denkt daran, wie der Missionär ihr von den wunderbaren Sternbildern geredet hat, die man in Ostindien sehe. Was hat er doch alles mit ihr geredet! »Hätten Sie einen innern Trieb, für unsern heiligen Glauben auch etwas Besonderes zu thun?« »Wenn ich was Besonderes thun kann, von Herzen gern. Aber ich wüßt' nicht.« Seltsam! Er sagte auf dies erste Gespräch nichts weiter, er ging davon, wie wenn auf solche Reden keine Antwort nötig wäre. Es muß die besondere Art der Missionäre sein, ein Gespräch so halbgar stehen zu lassen; just ungeschickt wäre das nicht, denn das stöbert das Innere des andern auf und macht ihn nachdenklich. Bei Lena war dieser Zweck entschieden erreicht, denn sie dachte, er wird doch mein Sparkassenbuch nicht wollen? Das kann Gott nicht verlangen. Oder wär's vielleicht? . . . Das war das erste Gespräch, das beim Bügeln der Feinwäsche im großen Hausflur geführt wurde. Das zweite Gespräch gab nicht gerade Antwort auf die stehen gebliebene Frage, aber man konnte sie doch drauf deuten, denn diesmal – es war beim Wringen der großen Wäsche im Garten – setzte er sich und fragte, ob sie gern Unterricht gebe in Handarbeiten, und als sie bejahte, schilderte er ihr, welch eine Gottseligkeit es sei, die Kinderseelen unter den Heiden einzusammeln und zu Gott zu führen. Lena wusch ruhig weiter. Wunderlich, daß der Mann für sie ganz allein so eine Predigt hält, oder hat das was zu bedeuten? Sie wrang einen Kissenüberzug aus, bis kein Tröpfchen mehr herauskam. Der Missionär schwieg lange still und fragte endlich, ob sie die älteste Tochter des Bahnwärters Maier kenne. Auf bejahende Antwort fragte er wieder, was sie von ihr halte. Lena erklärte, daß sie schon als Kind ins Pfarrhaus gekommen sei, wenig Umgang habe und sich nicht getraue, über Menschen zu urteilen, die sie nicht genau kenne. »Immer brav! Das gefällt mir,« sagte er wieder und ging abermals davon. Ein drittes Gespräch war schon deutlicher. Er sagte ihr – diesmal war's in der Küche am Herde, sie hatte ihm Feuer gegeben für seine Zigarre – welch eine weise Einrichtung es sei, daß den Missionären von der Oberleitung die Ehefrauen zugewiesen werden, die den Beruf zum heiligen Werke fühlen, denn ohne diesen sei kein Segen der Gemeinschaft denkbar. Er fügte hinzu, wie die unglücklichen Ehen davon stammen, weil man sie auf ein Gefallen, auf das, was man geheimen Zug nenne, baue, »wir aber,« schloß er, »wir fragen, wie liebst du unsern Gott und Vater.« Lena antwortete nichts und legte ein frisches Scheit an das Feuer. »Verstehen Sie mich? Hören Sie mich?« fragte der Missionär. »Jawohl, ich höre.« Er erklärte nun, daß es da keine schwärmerische sogenannte gute, aber auch keine zänkische und böse Ehe gebe, sondern eben eine fromm dienende. »Wem das recht ist, für den mag das gut sein,« entgegnete Lena und dachte in sich hinein: dienende Ehe! Wenn ich lebenslang dienen soll, bleibe ich lieber da, wo ich bin, und bleibe ledig. So dachte Lena zurück, während sie mit ihren scharfen Zähnen den Zweig zerbiß; da hörte sie die Stimme des Missionärs, der rief: »Das ist mir lieb, daß ich Sie treffe.« »Ich habe meine Mutter ein Stück Weges begleitet,« entgegnete Lena. »Welch eine prächtige Frau! Und Ihr Bruder ein Herzmensch!« »Es freut mich, daß sie Ihnen so gefallen.« »Und Lena! Ahnen Sie nicht, welche Briefe ich abschickte und selber aufgab?« Sie schüttelte den Kopf, und er fuhr fort: »Ich habe meine Oberen gebeten, mir zu erlauben, eine Frau zu wählen, die durch die Gnade des Himmels mir begegnete. Ich zweifle nicht, daß ich bejahende Antwort erhalte, und dann –« Er hielt inne und erst nach tiefem Atemholen fuhr er fort: »Lena, willst du mir in die weite Welt folgen? Willst du?« »Ich muß ja.« »Du mußt?« »Ja, ich kann ja nicht anders.« Die beiden umarmten sich und hielten sich umschlungen. – Schnell aber riß sich der junge Mann aus den Armen des Mädchens los, und nur leise sagte er: »Kniee mit mir!« Die beiden knieten auf der Erde und mit zitternder Stimme sprach der Missionär: »Du Allvater! Lenke das Verlangen, das uns einander zuführt, zu deinen Gnaden. Gib uns Kraft, heilige uns zu deinem Dienste und stehe uns bei im Leben und Sterben. Amen.« Lena weinte so heftig, daß sie ihren Kopf an seine Brust legen mußte, er aber hielt die Hände gefaltet. Endlich richteten sie sich auf, und Lena sagte: »Ich meine, ich dürfte dir keinen Kuß mehr geben, du bist so heilig.« »Nein, ich bin auch ein schwacher, sündhafter Mensch.« »Ja, sündhaft sind wir ja leider Gottes alle –« stimmte Lena bei. Sie gingen Hand in Hand einige Schritte, und das war ganz die Tochter Magdalenas, als sie stillestehend sagte: »Nicht wahr, man kann fromm und gottesfürchtig sein und doch die Schleife am Halstuch ordentlich binden? Komm, es ärgert mich schon lang, daß du dein weißes Halstuch umbindest wie einen Strick. Komm, laß mich's besser knüpfen.« Demütig und schalkhaft zugleich ordnete sie ihm das Halstuch zierlich. Er preßte die Lippen und hielt den Atem an, und wie vor sich selbst fliehend, rief er Gut Nacht und eilte davon. Einzeln kehrten sie ins Pfarrhaus zurück, noch sollte die Verlobung geheim bleiben. Dreiundzwanzigstes Kapitel. »Ich hätt' dir gestern abend noch gern was erzählt,« sagte Jakob andern Morgens, »die Tochter von unserm Nachbar Maier wird Braut mit dem Missionär, der im Pfarrhaus wohnt; er ist deswegen kommen.« »So? Und ich hätt' dir gestern noch gern grad das Gegenteil erzählt.« Sie berichtete vom Pfarrhause und was sie vermute, sie ging in ihrem Eifer bereits so weit, alles als sicher darzustellen. Jakob war ein geduldiger Zuhörer, zumal wenn er Kartoffeln schälte, und heute war noch ein besonderer Tag, es gab von heute an keine Kartoffeln mehr, bis man neue austhat. Endlich sagte er: »Das Rikele ist mir gestern begegnet und hat mir gesagt, der Eichbauer habe noch gute Kartoffeln. Was meinst, sollten wir nicht noch ein Simri kaufen oder entlehnen, bis wir neue haben?« »Mann!« rief Magdalena – wenn sie Mann sagte, war sie immer ärgerlich – »Aber Mann, hast denn nicht gehört, was ich erzählt hab'?« »Freilich.« »Und was meinst?« »Das Kind ist noch zu jung, und ich glaub' auch nicht, daß ein Kind von uns zu dem heiligen Geschäft paßt.« »Die Lena ist in allem unterwiesen wie eine Pfarrerin. Und eine besonders schöne Sache ist noch dabei: der Missionär, ich hab' ihm das vornehme Wesen gleich angesehen, ist von adligem Geschlecht, vom vornehmsten. Baron von Drachenstein heißt er.« »So? Das gilt aber da nichts. Unser Heiland und die Apostel sind, soviel ich weiß, nicht von Adel gewesen. Hab' noch nie gehört, daß man vom Baron von Paulus und vom Graf von Petrus predigt.« »Aber Vater, du bist ja ein wahrer Heid', ein Ketzer; dich sollt' man zuerst bekehren.« Jakob wischte sich den Mund und sah pfiffig drein, er war heute besonders gut aufgelegt; er nahm wieder auf: »Wenn so ein Missionär von den Menschenfressern verspeist wird, ich glaub' nicht, daß ein Adliger anders schmeckt wie unsereins.« »Aber Mann, woher kommst du zu solchen Redensarten?« »Meine Zeitung ist mein Lehrmeister, und ich sag' dir, wenn's damals Zeitungen gegeben hätt', die Apostel hätten auch Zeitungen –« »Jetzt genug! Ich will nichts weiter hören. Halt dich bereit, wenn ich dich rufen lasse.« Jakob ging schmunzelnd davon, er ist zufrieden mit sich, er hat seiner Frau die Flausen zerstreut. Magdalena mußte sich besinnen, was sie denn eigentlich für heute Besonderes vorhatte; ja, jetzt fiel's ihr ein, die Kleider der Frau Justizrätin müssen gesonnt werden. Sie hatte sie bisher noch nicht ans Tageslicht gebracht, weil sie den Neid der Nachbarinnen nicht erregen wollte, aber jetzt kommt der Neid doch und da geht's in einem hin. Als sie die Kleider im Garten aufhing, besonders die schwarzseidenen und auch die von grauem Barege, sagte sie in sich hinein: die passen für eine Missionärin und für eine Baronin. Wer weiß, ob die Selige nicht geahnt hat, was kommen wird; nicht umsonst hat sie gesagt: die Kleider sind einstmals für deine Töchter. Die Nachbarinnen bemerkten nichts, nur die Sonne sah die schönen Kleider und den großen Shawl, der auf der Wiese lag. Die Sonne stand hoch und stieg nieder, der Missionär kam nicht und auch keine Botschaft aus dem Pfarrhause. Dafür aber kam etwas, woran man nicht mehr gedacht hatte. Der Hilfswärter brachte von der Station eine kleine Kiste. Die Frau Justizrätin ist ja tot, wer kann denn was schicken? Magdalena öffnete, und aus vielen Umhüllungen blinkte es ihr golden entgegen: ein schönes Waldhorn, und in der Mundspitze lag ein Zettel mit den Worten: »Meinem lieben Vater zur Lustbarkeit, von seinem Sohne Albrecht.« Magdalena wartete ab, bis Jakob mit seiner Tafel bahnaufwärts die Strecke beging, dann eilte sie in das Wartehäuschen am Ueberweg und legte das Waldhorn mit dem Zettel auf den Stuhl; schnell versteckte sie sich im Hopfengarten, von wo sie alles übersehen und hören konnte. Weit drüben über den Vogesen ging die Sonne hinab und vergoldete die Schienen hier, und aus dem Bahnhäuschen tönte es wunderbar, bis der Eilzug kam. Als der Zug vorüber war, eilte Jakob ins Haus: »Das hast du mir hingelegt, du Wetterhex! Ja, es macht mich glücklich und wieder ganz jung, und ich kann noch blasen. Der Bub ist brav, er hat's behalten, daß ich ihm vor Jahren einmal das Verlangen ausgesprochen.« Magdalena nickte still. Als der Mond heraufkam, blies Jakob abermals, daß es weit hinausschallte, bis ins Dorf hinein, wo die Menschen verwundert fragten, woher der längst verklungene Waldhornklang ertöne. Jakob mochte das ahnen, denn er sagte: »Ja, Mutter, das kann auch bös sein. Die Menschen werden jetzt fragen, woher kann er denn so blasen? und da werden sie nachforschen nach dem, was vergangen ist.« »Verdirb dir deine Freude nicht,« tröstete Magdalena, »sie wissen alle, daß du Postillon gewesen bist, und weiter ist's nichts.« Jakob blies abermals, und sie hörten nicht, daß zwei Menschen gekommen waren, die plötzlich vor ihnen standen. Vierundzwanzigstes Kapitel. »Vater, Ihr seid's, der so schön . . . Mutter! Da ist . . .« Weiter konnte Lena nicht reden. Sie lag der Mutter am Hals. Jakob war aufgestanden und stand Aug in Auge dem Fremden gegenüber, der gerade so groß war wie er selber. Er faßte die Hand des Fremden, sie war schmal und fein wie sein Antlitz. »Grüß Gott,« sagte Jakob, und mit wohlklingender, zum Herzen dringender Stimme erwiderte der Fremde: »Ja. Gottes Gruß über uns!« Er erklärte, daß er Lena zur Frau begehre; er habe bei seinen Oberen angefragt und vor einer Stunde ein Telegramm erhalten, das die Einwilligung gab, mit dem Zusatze, daß er andern Morgens sofort nach England abreise. Mutter und Tochter standen Hand in Hand und warteten auf das Wort des Vaters, der sich wieder gesetzt hatte. Der Fremde wurde dringender, indem er wiederholte: »Ich bitte um Ihre Einwilligung.« Noch immer antwortete Jakob kein Wort und der Fremde, der im Blicke Jakobs gelesen hatte, rief mit bewegter Stimme: »Ich bitte, sagen Sie nicht nein, denn meine erwählte Braut, die mir bestimmte Frau, müßte mir gegen Ihren Willen folgen. Sie wissen ja, daß man Gott noch mehr als den Eltern nachfolgen muß.« Die Mienen Jakobs verfinsterten sich, er zog die Brauen zusammen und richtete einen scharfen Blick auf den Fremden, und dieser Blick sagte: Bist denn du schon Gott? »Vater, ich bitte, saget doch ein Wort,« fiel Lena ein. Jakob strich sich mit der ganzen Hand über das Gesicht, dann fragte er: »Ja, Lena, hast denn überlegt, was das heißt? Fürchtest du dich nicht, so in die fremde Welt hinaus und allem nach auf ewig von deinen Eltern fort?« »Nein,« entgegnete Lena, »der himmlische Vater ist überall bei uns, und ich bin nicht in der fremden Welt, ich bin daheim bei meinem Mann.« Jakob nickte fast lächelnd: die hat im Pfarrhaus studiert, die ist geistlich, die kann reden, wie von der Kanzel. »Gut. Also gut,« sagte er. »Wie heißen Sie?« »Drachenstein.« »Also Herr Baron von Drachenstein.« »Nicht so, ich heiße Pfarrer.« »Aber den Namen behalten Sie doch? Also Herr Baron oder Herr Pfarrer, was wird Ihre Familie sagen, wenn Sie ein Kind von ganz geringen, ich sage ganz geringen Leuten heiraten?« »Meine Mutter, die noch lebt, und die ich benachrichtigt habe, denkt ganz so wie ich; aber ich bin nicht mehr der Sohn meiner Familie, bin kein Baron, sondern ein Knecht des Herrn.« »Gut. Das wäre also abgemacht. In Ordnung. Jetzt will ich Ihnen was sagen. Ich bin ein ehrlicher Mann . . . das ist mein Stolz . . . Ich will zuerst allein mit Ihnen reden, und hernach erst soll Ihr Wort gelten.« »Aber was ist denn? Ich kenn' den Vater gar nicht. Was hat er denn? So hab' ich ihn noch nie gesehen. Was ist denn?« pisperte Lena der Mutter zu. Jakob, der dies bemerkt hatte, wandte sich zu Magdalena: »Mutter, thu mir die Liebe und widersprich mir jetzt mit keinem Wort.« »Ich? O gewiß nicht!« rief Magdalena und ihr Antlitz strahlte. »Du thust, was recht ist. Recht hast du.« »So kommen Sie mit mir,« sagte Jakob und verließ mit dem Fremden die Stube. »Was hat der Vater? Was hat er auf dem Herzen? Was ist denn geschehen? Ich habe nie gewußt, daß er ein Geheimnis hat und daß er so reden kann.« »Laß deinen Vater! Kein Mensch auf der Welt, außer mir, weiß, was für ein Herzmensch, was für ein rechtschaffner und starker Mann er ist. Lena! Wenn dein Mann die Probe besteht, dann wirst du ganz glücklich und der Segen vom Himmel ist auf euch und ich bin ohne Sorge um dich.« Fünfundzwanzigstes Kapitel. Draußen auf der Bank saßen die beiden Männer. Jakob fuchtelte mit der rechten Hand in der Luft, mit der linken faßte er die Bank. Er schien das erste Wort nicht finden zu können. Der Missionär begann daher: »Ich hab's Euch an den Augen angesehen, daß Ihr schon Schweres erlebt habt.« »So? Sieht man mir's an den Augen an?« »Ja, aber nicht jeder, denn noch niemand hat Euch so angesehen, wie ich. Eure Augen sprechen, daß sie schon im bittersten Harm feucht geworden sind.« »Herr! Was sind Sie für ein Mensch, der das so sieht?« Er hielt wieder an, und der Missionär bat ihn, offen alles zu sagen, was er auf dem Herzen habe. »Ja, ja,« nahm Jakob auf, »aber sagen Sie mir zuerst: Haben Sie sich nach mir erkundigt?« »Nein.« »Auch bei unserm Herrn Pfarrer nicht?« »Nein.« »Ich glaube auch nicht, daß er weiter von mir und von der Mutter weiß. Herr! Wir . . . wir haben im Zuchthaus gesessen.« »Unschuldig?« »Die Mutter unschuldig, ganz unschuldig, aber ich . . . schuldig.« »Das ist schon brav, daß Ihr das gradaus sagt.« »Ja, Herr! Ich wollte, der Herr Justizrat wär' da, aber er ist in Frankreich und da muß ich selber berichten. Also: es war eine Nacht wie heute, da hat's angefangen, und es war eine Nacht wie heute, da hat's geendet.« Jakob preßte beide Hände zwischen die Kniee, beugte den Kopf und erzählte wie in den Boden hinein, wie er gesündigt und wie er gebüßt, und er schloß: »Herr! Ich spür's noch oft, wie wenn mir Ketten an die Füße angeschmiedet wären, die keine Feile abthun kann. Der Herr Justizrat hat mir gesagt, gerichtlich sei alles ausgelöscht, aber was ich gelitten habe, das kann ich in hundert Nächten nicht sagen, und das kann keine andere Menschenseele ausdenken –« »Doch, doch,« fiel der Missionär dem Stöhnenden in die Rede. »Doch, ich weiß. Das wilde Heer ist durch Eure Seele gezogen, Wölfe, Drachen, Hundehetzen, Peitschen. Oft habt Ihr gewünscht: wenn ich nur unter den Rädern der Lokomotive läge – und dann hat das Denken an Eure Kinder Euch am Leben erhalten –« »Ja, so war's.« Der Missionär fuhr fort: »Ich sehe, ich höre, wie Ihr beim Erwachen spracht: Warum kann man nicht aufwachen und alles ist nicht wahr, man hat das Schreckliche nur geträumt, und oft hast du gemeint, die Erde weicht, der Himmel stürzt ein, in jedem Trunk Wasser, in jedem Bissen Brot hast du Bitternis verspürt –« »O Himmel! Haben Sie denn auch einmal so was begangen, daß Sie das alles so wissen?« »Nein, dem Herrn sei Dank, es ging an mir vorüber, und im Namen unseres Gottes und unseres Erlösers sage ich dir: du bist hoch begnadigt, daß du aus der Zerknirschung dich aufgerichtet hast –« Jakob war an der Bank auf die Erde gesunken und kniete. Der Missionär richtete ihn auf und rief: »Komm zu mir, Bruder! Vater der mir von Gott Beschiedenen! Ich danke dir, du Weltenschöpfer, du Weltenversöhner, daß du mich nach deinem unerforschlichen Ratschlusse hierhergeführt.« Der Missionär umarmte Jakob und küßte ihn, dann rief er: »Laß diesen Kuß dir ein Bürge sein, daß du die Liebe verdienst, daß du die Liebe hast von einem Diener des Herrn, und, wie ich in innerster Seele weiß, rein dastehst vor Gott dem Herrn.« Jakob faßte mit Kraft die Hand des Mannes, aber sein ganzes Wesen zitterte. »Die Weibsleute haben lang gewartet,« sagte er endlich; »komm, jetzt wollen wir ihnen die frohe Botschaft bringen.« Und es war eine frohe Botschaft. Der Missionär küßte der Mutter die Hand. Das war vielleicht doch noch ein Rest aus früherer Gewöhnung, und Magdalena rief: »Meine Hand ist noch nie geküßt worden. Lena,« fügte sie dann hinzu, rasch einen heitern Ton anschlagend, »Lena, gib du ihm einen rechtschaffnen Kuß von mir auf den Mund.« Magdalena umhalste und küßte Jakob. Noch nie hatte ein Kind solche Zärtlichkeit der Eltern gesehen, und Jakob, sich aus den Armen seiner Frau losmachend, sagte schmunzelnd und feuchten Auges: »Ist gut, Mutter. Es ist noch eine Flasche Wein da, die die Frau Justizrätin das letzte Mal hier gelassen hat, ich hab' sie eingegraben, jetzt soll sie auferstehen.« Die beiden Paare stießen an und das Brautpaar war's zufrieden, daß man nicht aufstand, bis die Flasche leer war. Jakob begleitete noch das junge Paar bis zum Dorfe und als er heimkam, saß Magdalena schlafend im Heisterschen Lehnstuhl. Mit leisem Tritte holte er sein Waldhorn, setzte es an die Lippen und blies einen Choral. Magdalena erwachte und Jakob rief, das Waldhorn absetzend, mit heller Stimme: »Mutter! Der jüngste Tag ist da, wir sind auferstanden in Seligkeit.« Sechsundzwanzigstes Kapitel. Zu ebener Erde in der Studierstube des Pfarrers war noch Licht, und als der Missionär und Lena die Hausthür öffneten, kam ihnen der Pfarrer mit der Lampe in der Hand entgegen. Der Pfarrer war bis vor einer Stunde auf dem Eichhof gewesen und hatte erst bei der Heimkehr von der schnellen Verlobung gehört. Er ließ die beiden in seine Studierstube eintreten und sprach seinen Glückwunsch aus, dann sagte er, der Herr Amtsbruder solle noch bei ihm bleiben. »Ich möcht' nur noch fragen,« sagte Lena im Gehen, »wie steht's mit der jungen Eichhofbäuerin?« »Sie ist schwer krank.« »Und das Kind?« »Ist frisch und gesund und deine Schwester ist ein wahres Glück für das ganze Haus, sie ist aber von den Nachtwachen so abgemattet, daß deine Mutter oder eine andere gute Frau ihr Hilfe leisten muß.« Lena ging in ihre Kammer. Der Pfarrer hieß den Missionär sich zu ihm setzen und machte eine große Einleitung, wie grundbrav, wie tadellos das Leben von Lenas Eltern sei; mit stockender Stimme setzte er hinzu, daß die beiden nicht wüßten, wie er im Auftrage des Vereins für entlassene Sträflinge sie besonders im Auge habe. Der Pfarrer fügte hinzu, daß die Kinder nichts von der Vergangenheit der Eltern wissen; der älteste Sohn sei ein unruhiger Charakter, der noch gut und schlecht werden könne, die anderen aber seien wahre Muster von Bravheit und Frische; noch könne er nicht entscheiden, oh es besser wäre, man sage ihnen, was vorgegangen, oder man lasse es in Hoffnung, daß es vielleicht verborgen bleibe, auf den Zufall ankommen. Als der Missionär die aufrichtige Beichte Jakobs und dessen Qualen erzählte und wie er da in den tiefen Grund einer einfachen Seele geschaut, sagte der Pfarrer, er habe dem Manne solche Tiefe nicht zugetraut, obgleich der eigentümliche Glanz seiner Augen Ungewöhnliches vermuten ließ. Der Pfarrer war ein echt menschenfreundlicher, sein Amt mit heiligem Ernst pflegender Mann, aber eine leise Verdrossenheit konnte er doch nicht unterdrücken, daß ein Mann aus seiner Gemeinde und noch dazu Jakob, dessen Tochter er so viele Jahre im Hause hatte, die Heilung seiner Seele einem Fremden anvertraute. Allerdings mußte er sich wieder sagen, daß das Bekenntnis Jakobs eine einfache That der Rechtschaffenheit war. Die beiden Geistlichen ergingen sich in der Betrachtung, wie eine völlige Wiedergeburt und Reinigung sich vollziehe. Sie besprachen das große Rätsel – das für sie freilich keines war – daß die Menschenseele nur durch den Leidenstod zum echten ewigen Leben auferstehe; sie waren darin einig, daß ein Gefallener, der sich wieder aufrichtet, um so höher steige, wie denn alle Religion sich an die Sündigen wende, und Sündige seien alle Menschen, die sich ihr Thun und Lassen ehrlich bekennen. Im Pfarrhause und im Bahnhäuschen da draußen gab es in dieser Nacht wenig Schlaf. Beim ersten Frühzuge standen Jakob und Magdalena am Wegübergang; es pfiff schon von ferne ungewöhnlich, und richtig! Albrecht stand auf der Lokomotive. Der Vater war stramm und aufrecht wie die zusammengewickelte Fahne in seiner Hand, aber Magdalena hielt in der einen Hand dem Sohne das hellglänzende Waldhorn entgegen und mit der andern Hand deutete sie auf den Vater. Als der Zug vorüber war, ging Magdalena nach dem Pfarrhause, Jakob aber gönnte sich's, Tagwacht zu blasen, und erst, als die Glocke vom Dorfe läutete, hielt er an, nahm die Mütze unter den Arm und faltete die Hände zu stillem Gebete. Siebenundzwanzigstes Kapitel. Der Pfarrer hielt zweimal in der Woche, früh am Morgen, bevor die Leute ins Feld gingen, öffentlichen Gottesdienst. Magdalena begegnete ihrer Tochter, als sie gerade mit dem Gebetbuch in der Hand aus dem Pfarrhause kam. »Grüß Gott! Ich hab's gewußt, daß Ihr kommet, Mutter,« sagte Lena; weiter wurde kein Wort gesprochen. Die beiden gingen still miteinander, und in der Kirche beteten sie aus einem Gebetbuch. Der Pfarrer überließ das Vorbeten des Vaterunsers dem Missionär und seine Stimme klang wunderbar. Mutter und Tochter weinten. Nach Beendigung des Gottesdienstes eilte Lena ins Pfarrhaus, sie hatte Wasser über dem Feuer stehen; der Herr Pfarrer will immer bald den Kaffee, und heut ist noch ein anderer da, dem sie gern das beste bereitet hätte. Magdalena wurde von der Nachbarin Frau Maier begrüßt, die selbstverständlich keinen Wochengottesdienst versäumte. und es war kein Geringes, daß Frau Maier der Nachbarin mit aufrichtigem Tone Glück wünschte. »Zu was?« fragten andere Frauen, die sich herzu gesellten. Die Verlobung Lenas mit dem Missionär wurde verkündet. »Es soll ja ein Baron sein,« rief die Bäckersfrau. Es wurde bestätigt, und die Bäckersfrau eilte heimwärts, um die große Nachricht ihren Kunden mitzuteilen. Dafür kam eine andere Frau schnell atmend mit dem Gebetbuch in der Hand; es war Frau Süß. Sie schimpfte auf die Dorfuhr, die nicht richtig mit der Bahnuhr gestellt sei; dadurch habe sie den Morgengottesdienst versäumt. Als sie die Kunde von der Verlobung hörte, rief sie: »Es ist ja ein Baron, das ist eine große Ehr'.« »Davon spricht man nicht zuerst,« ermahnte Frau Maier, »da und da,« sie deutete auf die Kirche und auf den Friedhof, »ist davon keine Rede.« »Und ich brauch' keine Rede von Ihnen,« entgegnete Frau Süß heftig schreiend. Als Magdalena zu beschwichtigen suchte, rief Frau Süß höhnisch: »So? hat die Advokatenmagd jetzt auch schon predigen gelernt? Ich könnte der Welt auch was predigen. Wart nur!« Magdalena entfernte sich, ohne ein Wort zu erwidern. Sie ging ins Pfarrhaus, wo sie die Pfarrersleute und den Missionär beim Frühstück traf. Sie mußte sich zu ihnen setzen. Der Missionär sagte, er fahre nach dem Städtchen, wo der Eilzug anhält, Mutter und Braut sollten ihn begleiten. Magdalena war bereit, sie hatte vorsorglich ihr Sonntagsgewand angezogen. Der Missionär fügte hinzu, daß es ihm vielleicht nicht möglich wäre, vor seiner Abreise nach Indien nach Deutschland zurückzukehren; Lena müsse dann zur Trauung zu ihm nach England kommen. Das war freilich hart, aber die ganze Sache war ja so ungewöhnlich, daß man auch das hinnehmen mußte, wie es einmal war. Als man eben aufstehen wollte, kam ein Bote vom Eichhof, der vom Bahnhäuschen hierher gewiesen war, er meldete: der Bauer und Rikele lassen Magdalena bitten, so schnell als möglich zu der Kranken zu kommen. »Gehen Sie,« sagte die Pfarrerin, »ich begleite dann Lena. Ich könnte wohl,« fügte sie hinzu, »an Ihrer Stelle auf den Eichhof gehen. Ich weiß, Herr Bräutigam, es heißt in der Bibel: es ist besser in ein Klagehaus gehen, denn in das Trinkhaus. Aber ich bin leider Gottes ungeschickt bei Kranken.« Magdalena nahm eilig Abschied. Sie traf glücklicherweise den Knecht, der jeden Tag die Milch vom Eichhof an die Eisenbahn bringt; er war auf dem Heimweg und Magdalena trieb ihn an, rasch zu fahren. Am Ueberweg rief sie Jakob schnell zu, was er für sie und im Hause besorgen solle. Eine Stunde darauf fuhren in einer offenen Kutsche die beiden Pfarrer mit der Pfarrerin und Lena durch das Dorf. Alle, an denen sie vorbeifuhren, grüßten ehrerbietig, aber Lena, die neben der Pfarrerin im Vordersitze saß, schaute nicht auf, sie schämte sich des wunderbaren Glückes. Draußen vor dem Dorfe, wo man das einsame Gehöfte sah, sagte Lena zu ihrem Bräutigam: »Dort oben ist meine Mutter und meine Schwester. Wir sind hier so froh und dort ist so Trauriges . . .« Ja. Magdalena erfuhr in zwiefacher Weise Herzbeklemmendes dort oben. Die Kranke schlief, als sie ankam. Sie verkündete leise dem Bauer die Verlobung Lenas und er sagte: »Wünsche Glück. Es ist doch noch Glück auf der Welt.« »Ist deine Mutter da?« rief es aus der Kammer. »Mutter, kommet herein,« sagte Rikele, aus der Kammer in die Stube tretend. »Anton! komm auch herein!« rief die Kranke. Magdalena und der Bauer traten ein und die Kranke sagte: »Richtet mich auf. So! Jetzt sterb ich ruhig. Du, Anton, gib mir die Hand, und Ihr, Magdalena, gebt mir auch die Hand. Wenn ich sterbe . . . weinet nicht . . . es thut mir weh . . . Ja, wenn ich sterb, dann heiratest du das Rikele und du hast's gut und meine Kinder auch. O meine armen Kinder!« Sie konnte vor Herzstößen nicht weiter reden. »Bäuerin, nimm dich zusammen,« konnte der Bauer hervorbringen. »Ja, ja,« rief die Kranke. »Du hast selbst einmal gesagt, mit der wird einmal ein Mann glücklich, und meine Kinder –« Statt der Antwort wendete sich der Bauer an Magdalena und sagte: »Seid so gut und lasset mich ein paar Minuten mit meiner Frau allein, nur ein paar Minuten.« »Ja, ich hab' nicht mehr viel,« klagte die Frau, »gehet und kommet gleich wieder.« Magdalena ging in die andere Stube und der Bauer sagte zu seiner Frau: »Plag dich nicht und mich nicht. Du kommst wieder auf.« »Nein, ich komm nicht mehr auf, und ich will's gut für dich und für meine verlassenen Kinder. O, meine Kinder! »Rikele!« schrie die Kranke mit mächtiger Stimme, »Rikele! Komm herein. Komm hurtig! Deine Mutter auch. Kommet schnell!« Rikele kam mit dem ältern Kind auf dem Arm und die Bäuerin, die in die Kissen zurückgesunken war, richtete sich mit aller Macht auf und sagte: »Rikele, versprich mir, daß du meine Kinder nicht verlassen und eine gute Mutter an ihnen sein willst . . .« Statt der Antwort küßte Rikele das Kind auf ihrem Arme, und das Kind umhalste sie. Mit verklärtem Blick sah die Kranke auf und sagte endlich: »Gott sei Lob und Dank. Ich sterbe ruhig. Anton, gib dem Rikele die Hand und redet weiter nichts« Magdalena schickte Rikele mit dem Kinde aus der Kammer. Die junge Wöchnerin verschied in den Armen Magdalenas. Der Bauer kniete schluchzend am Bette. Als er endlich sich aufrichtete und mit Magdalena in die Stube ging, sagte sie: »Bauer, merket auf, was ich Euch sag': die Selige ist in Ruhe gestorben, und das ist gut. Ihr aber seid frei und ledig. Ich lass' mein Kind keinem aufzwingen und wenn er der König wär.« Mit kummervollem Blick und unter Schluchzen stotterte der Bauer: »Die Selige hat . . . es ist so . . . ich kann jetzt nicht weiter reden . . .« »Soll ich das Rikele heimschicken und bei Euch bleiben?« fragte Magdalena. »Nein, es bleibt alles, wie es ist, und ich muß es tragen. Das Wort ist . . . Ich kann jetzt nicht viel reden . . .« In derselben Stunde riß sich Lena mit schwerem Herzen von ihrem Bräutigam los. Achtundzwanzigstes Kapitel. Am Sonntag wurde der Hilfswärter zur Vertretung eingestellt, denn Jakob und Magdalena wollten in der Kirche sein, wo Lena aufgeboten wurde. Jakob sammelte mit Behagen die Glückwünsche ein, die ihm am Ausgange der Kirche und dann im Wirtshause dargebracht wurden. Nur her damit! sagten seine Mienen, ich kann aufladen, so viel es gibt, und schön ist die Welt, man weiß gar nicht, wie viele gute Freunde man hat, wenn man im Glück ist, und wie viel guter Wein im Keller auf uns wartet, wenn man Geld hat. Des Lobes und des Weins voll ging er heim, aber festen Schrittes, denn wie gesagt, er kann von beidem viel vertragen, und daheim sagte er zu Lisbeth, dem jüngsten Kinde, das auch bereits erwachsen war: »Nestling, wie alt bist denn?« »Bald sechzehn.« »Sag': erst fünfzehn, wird grad so gut sein. Weib, Mutter,« rief er und seine Mienen waren stolz von der Weisheit, die er nun darbringen werde. »Mutter! Die Krämer auf dem Jahrmarkt halten besonders drauf, wer der erste Kunde ist. Jetzt unterm Grafen geb' ich keine mehr her. Was meinst, ich bin heute frei, wollen wir nicht eine Ausfahrt machen?« »Nein. Wir müssen daheim bleiben, es kommen noch Leute zum Glückwünschen.« »Ist mir auch recht. Sieht der Lehnstuhl da nicht aus, wie wenn er die Arme ausbreiten thät? Ist recht. Ich komm' schon.« Er setzte sich in den von Heister geschenkten Armstuhl, Magdalena setzte sich ans Fenster und sagte, in die weite Welt hinaus schauend: »Weißt noch? Damals hinterm Hag hast du dir gewünscht, in einen Wald von Familienverwandten hinein zu heiraten. Jetzt haben wir einen Schwiegersohn und wir selber sind ein Wald mit Ablegern und wer weiß . . .« »Mutter! du hast Gedanken wie . . . ich weiß nicht wie . . .« Jakob suchte nicht mehr lange nach dem Vergleich, denn er war im Reden eingeschlafen. Nicht nur das Glück des Kindes machte Jakob so froh, er war von aller innern Beschwernis entlastet, seitdem er als ehrlicher Mann dem Missionär gebeichtet hatte, und heute war etwas vom alten lustigen Gesellen in ihm aufgewacht. Es war aber, als ob die Last sich jetzt auf Magdalena gewälzt hätte; der Missionär war ein vornehmer Mann und ein Gelehrter und Frommer, der alles versteht, aber der Eichhofbauer, wenn er dem letzten Wunsche seiner Frau nachkommen will – und daran ist nicht zu zweifeln – da kann's bös werden. Magdalena war beim Begräbnisse der Eichhofbäuerin gewesen; sie hatte die Tochter täglich besucht, aber von dem, was die Sterbende geäußert, hatte sie Jakob nichts mitgeteilt. Magdalena ging nun vors Haus, um die Besuche abzufangen, damit der Vater ruhig ausschlafen könne. Sie sah, wie der Nestling mit dem Hilfswärter, der für heute eingestellt war, dort am Ueberweg scherzte. Das wäre schön, wenn die jetzt auch schon anfinge. Sie hätte Lisbeth gern gerufen, aber damit weckte sie den Vater, sie winkte heftig: komm heim! Aber das Kind sah sie nicht. Jetzt endlich kam es mit dem Eichhofbauern, der langsamen Schrittes daher wandelte. Der Bauer wurde herzlich gegrüßt; er brachte einen Gruß vom Rikele. Jakob, der inzwischen erwacht war, schaute hemdärmelig zum Fenster heraus und rief: »Ei der Bauer! Kommet nur herein!« Drin in der Stube gab Magdalena zuerst ihrem Manne den Rock zum Anziehen, dann mußte der Bauer den Ehrenplatz im Lehnstuhl einnehmen. Er gab etwas unbehilflich seinen Glückwunsch ab, und Jakob erteilte ihm den väterlichen Rat, sich sein Leben nicht zu vergrämen, man müsse sich in alles finden. Magdalena erklärte mit großer Ruhmredigkeit die Bilder vom Justizrat Heister und dessen Frau und Jakob fügte hinzu: »Da muß nun bald auch das Bild von meinem Schwiegersohn dazu.« Der Bauer ließ sich herbei, das Glück zu preisen, da ging die Thüre auf und herein trat Frau Süß; ihre funkelnden Augen schweiften unruhig hin und her und an der Art, wie Magdalena erschrak, merkte sie, daß hier etwas vorgehe. Ohne an das Leid des einen und die Freude der andern zu erinnern, verkündete sie, daß sie vor allem hierher geeilt sei, um die Nachricht zu geben, daß ihr Mann endlich zum Bahnmeister im Unterland ernannt worden sei, und Viktoria sei bereits abgereist, um telegraphieren zu lernen. Sie schien ihre Lust daran zu haben, auch Magdalena zum Heucheln zu zwingen, denn sie konnte dem Bauern nicht genug darlegen, welche innige Freundinnen sie seien. Dazwischen fragte sie stets Magdalena: Nicht wahr? so daß diese bejahen mußte. Sie hatte aber auch, wie sie erklärte, heute schon sich als Freundin bewiesen, sie hatte den Leuten die Mäuler gestopft, die in Neid und Unverstand allerlei munkeln, daß die Heirat mit dem Missionär so schnell gehe und daß er nicht wieder komme und Lena ihm nachreisen müsse. »Zu was ist das gut, daß wir das alles wissen müssen?« platzte Jakob heraus. Frau Süß erwiderte mit spitzigem Tone: »Ehrenleute wie ihr dürfen alles wissen, und man darf auch alles von ihnen wissen.« Magdalena sah, wie die Zornesader ihres Mannes schwoll, sie legte ihm die Hand auf die Schulter, um ihn zu mahnen, ruhig zu bleiben, aber er wehrte ab. »Jawohl!« rief er mit heiserer Stimme; der Zorn schien ihn heiser gemacht zu haben und der verschlafene Weingeist schien aufzuwachen. »Jawohl! Lustig ist's. Frau Nachbarin! Mit Ihnen will ich den Kehraus tanzen, ohne Musik . . .« Er streckte die Hand nach ihr aus. Wie vom Himmel gesendet, trat da plötzlich Albrecht ein und seine Erscheinung, voll Anmut und Kraft, veränderte die Mienen aller und lenkte einen Ausbruch bittern Streites ab. Nur Jakob hatte noch ein Wort, das man ihm vielleicht nicht zugetraut hätte, denn er sagte mit ruhiger Ueberlegenheit: »Ja, Frau Nachbarin, mir thut's im Herren leid, daß wir Ihren Mann verlieren, der ist ein rechtlicher, herzbraver Mann und hat nichts Verstecktes und nichts Boshaftes.« Nach diesen Worten wendete er sich an seinen Sohn und schüttelte ihm tapfer die Hand. Frau Süß wäre gern mit dem Eichhofbauer davon gegangen, um ihn auszuhorchen, der aber setzte sich nochmals und ließ sich Feuer geben für seine Pfeife. Er schien auch besonderes Wohlgefallen an Albrecht zu haben. »Der Schlag Menschen ist gut. Das ist ein prächtiger Schwager,« sagten seine Mienen, mit Worten sprach er nicht viel. Er ist der Eichhofbauer, hat so viel Aecker und Wiesen und Wald und vier Rosse im Stall, da braucht man nicht reden, die Welt weiß, wer man ist und was man zu sagen, oder eigentlich ungesagt zu bedeuten hat. Die Eltern hatten anfangs nicht die gewohnte Freude von Albrecht, denn er sagte: »Ehrlich gestanden, ich habe keinen Gefallen am Missionswesen.« »So? Und warum nicht?« »Man sollte nur dahin Religion tragen, wo noch keine ist, denn im Grund sind alle Religionen gleich gut; es gibt in jeder gute und schlechte Menschen, und die Indier sollen eine ganz gute Religion haben und die Chinesen und die Japanesen sind so geschickt und in manchem noch geschickter wie wir.« Noch ehe Albrecht sich erklären konnte, fragte Magdalena: »Seit wann bist denn du so gottlos und schimpfst auf unsere heilige Religion? In deinem Elternhaus bist du zu so was nicht angelernt worden,« schloß sie mit einem Seitenblick auf den Bauern. Sie war aber nicht wenig erstaunt, als der Bauer sagte: »Ich geb' auch keinen Kreuzer zu den Missionen. Ich bin da ganz mit dem Sohn einverstanden. Ich hab' ein Buch daheim, wo das auch drin steht und noch mehr, Payne heißt es, es ist aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt, mein Schwager hat mir's aus Amerika überschickt. Daneben aber ist der Missionär gewiß ein Mann, der es gut meint und gewiß auch Gutes thut, und eine Ehre für die Familie ist er allweg.« Wenn der Stuhl plötzlich zu tanzen angefangen hätte, man hätte sich nicht mehr darüber gewundert, als daß der schweigsame, still seinen Weg gehende Bauer so redete. In guter Verständigung saß man noch lange beisammen. Der Bauer besprach mit Albrecht, wie schwer es sei, heutzutage Dienstboten zu bekommen und zu behalten, und ob denn das Zudrängen zu den Fabriken nicht bald aufhöre. Albrecht gab ausführlichen Bescheid, und der Bauer nickte wohlgefällig, als Albrecht in großen Zügen darlegte, wie ein Umschlag eintreten müsse, so daß die Leute den ruhigen und stetigen Erwerb, zumal in der Feldarbeit, wieder neu schätzen lernen. Es kamen noch viele Glück wünschende Besuche, zuletzt auch noch die Braut, und um Frau Süß ganz sicher zu beschwichtigen, zeigte ihr Magdalena die von Frau Heister vererbten und für Lena bestimmten Kleider und eins davon, das für Viktoria paßte, wurde der lieben Nachbarin um ein Geringes überlassen. Frau Süß war aber doch noch tückisch genug, beim Abschied zu sagen: »Ich bin froh, daß ich von dem Haus Gottverlassen wegkomme. Wenn andere zufrieden sind, so aus der Welt draußen zu sein, werden sie wissen warum.« Sie ging triumphierend davon, da sie das gesagt hatte. Der Bauer begleitete Albrecht, der zur Station mußte, eine gute Strecke Weges und Magdalena sah noch von ferne, wie sie still standen und einander beide Hände reichten; der Bauer hatte offenbar jetzt Albrecht gesagt, daß sie Schwäger würden. Und jetzt sah sie, wie beide lachten. Sie hat's richtig erraten warum, denn Albrecht hatte dem Schwager erzählt, daß vor Jahren, vom Einzuge nach der Hochzeit her, seine Schwester den Scherznamen Schmalzrikele bekommen habe. Neunundzwanzigstes Kapitel. Wer kann sagen, wie ein Gerücht entsteht? Vielleicht war etwas vom Gesinde auf dem Eichhof erlauscht worden, vielleicht hatte sich eine Vermutung zu einer ausgemachten Thatsache verdichtet. So zurückhaltend sich auch der Eichhofbauer, Rikele und Magdalena verhielten, es wurde doch ruchbar, was in der Todesstunde der Bäuerin sich ereignet hatte, und es drang auch zu Jakob in das Häuschen am Ueberweg. Er stellte deshalb seine Frau zur Rede und sie erzählte alles getreu, mit dem Hinzufügen, sie habe warten wollen, bis der Bauer in aller Form um Rikele anhalte. »Ja, ja,« entgegnete Jakob, »was lange Kleider hat, kann viel besser was verstecken und verheimlichen. Jetzt will ich dir was sagen: vergib dir und unserm Kind nichts gegen den hochmütigen Eichhofbauer und . . . wenn etwas daraus wird, dem Baron habe ich alles gesagt, jetzt dem Bauer mußt du alles sagen; du bist dabei gewesen, wie sich die Sache eingefädelt hat, jetzt mach auch den Knopf. Weiter sag' ich kein Wort.« Und er sagte auch weiter keines, er gab dem Bauer die Hand, der ihm die seine jetzt immer darstreckte, er sprach aber kein übriges Wort mit ihm und nickte nur, wenn der Bauer ihn einlud, ihn auf dem Hofe zu besuchen; er ließ es aber wohlweislich bleiben, der Einladung zu folgen. Um so mehr war Magdalena auf dem Eichhof, und sie hatte ihre besondere Freude dran, wie der Bauer von Albrecht sprach. Er wollte auch Näheres von Emil wissen und die Mutter mußte gestehen, daß sie dem Erstgeborenen nicht so viel Gutes zutraue; er sei als Kind das bravste gewesen, aber nachher sei er »arg ausgeartet«, er könne aber noch immer gut werden. Der Missionär hatte nicht nach den Großeltern gefragt und nicht ob die Eltern Geschwister und Verwandte hätten, um so eifriger fragte aber der Bauer. Magdalena erklärte, daß sie und ihr Mann ganz allein stünden in der Welt; der Bauer habe keine Ueberlast von Angehörigen zu befürchten. »Deswegen frage ich nicht,« entgegnete der Bauer, zum erstenmal ärgerlich, »man will doch von den Verwandten wissen und wie die Eltern vordem gelebt haben.« Da war's, da stand nun Magdalena vor dem schweren Rätsel. Sie war aber gewandt genug, dem Bauer zu erklären, daß sie und Jakob Dienstboten gewesen und Schweres durchzumachen gehabt hätten; das sei aber vorbei und der Justizrat Heister sei wie ihr Vater, und wenn der käme, werde der Bauer erst recht hören, was seine Schwiegereltern seien. Sie erging sich in Schilderung Heisters und seiner Frau; der Bauer schien zufrieden und sie selber war's auch. Sie hatte nichts Unehrliches gesagt, und wer so gescheit und aufgeklärt denken kann, wie der Bauer damals bei Albrecht gezeigt, der wird, wenn das Vergangene an Tag kommt, schon leicht drüber weg kommen. »Wie ist's denn, Mutter?« fragte Jakob, »der Bauer ist nicht mehr so gradaus mit mir wie sonst. Hast du ihm alles gesagt?« »Alles noch nicht, aber die Hauptsache,« beruhigte Magdalena, »und er ist gescheit, man sieht's ihm nicht an, und er ist in Rikele verliebt wie ein junger Bursch und dankbar und ehrerbietig gegen sie wie –« »Ja, wie denn?« »Ich weiß nicht mehr! Laß mich in Ruh. Ich hab' genug zu thun, jetzt alles für Lena zu richten.« Das war wahr und den Sonntag nach dem dritten Aufgebot kam ein Telegramm, daß Lena sofort nach England abreisen solle, denn der Missionär müsse alsbald auf seinen Posten. Auf demselben Zuge, auf dem Süß und seine Frau abreisten, stieg auch Lena ein. Der Pfarrer und die Pfarrerin gaben ihr eine Strecke Weges das Geleite, die Eltern blieben zurück und der Pfarrer hielt auf dem Bahnhofe eine Art Trauungsrede und wendete sich besonders tröstend an die Eltern. Noch nie wurde auf dem Bahnhofe heftiger geweint, als an diesem Tage von Magdalena, und auch Jakob sagte schluchzend: »Man spürt's erst, wenn ein Kind so davon geht, was das heißen will, und in der Stunde der Trauung sind wir nicht einmal bei ihm.« Wenige Tage drauf kam ein Telegramm, daß Lena und der Missionär getraut worden und sich nach Ostindien eingeschifft hätten. Dreißigstes Kapitel. »Der älteste Sohn in Frankreich und die älteste Tochter in Ostindien,« sagte Jakob am Feierabend, »hat der Bub noch nicht einmal auf den schon so lange geschriebenen Brief von der Verlobung seiner Schwester geantwortet. Ja du,« wendete er sich zu dem Bilde, »ein Nichtsnutz bist du. Ein Nichtsnutz!« Nach Art der Mütter suchte Magdalena den Sohn zu entschuldigen; vielleicht sei ein Brief verloren gegangen. »Ja, ja,« entgegnete Jakob, »ich wünsch', daß du recht haben mögest, ich mein' aber, du redest dir nur selber ein, was du sagst. Ein Nichtsnutz ist der Bub. Ich sag' mir's nur ehrlich und muß es tragen.« Er hatte das rechte Wort gesagt, und wußte doch nicht, was in Hyères vorging. Heister war schwer krank geworden, war aber jetzt bereits wieder genesen und Emil hatte ihn mit einer Liebe und Sorgfalt gepflegt, die kein leibliches Kind nachhaltiger und geduldiger üben konnte, und dabei hatte er eine Art der Erheiterung, ein scherzhaftes Zureden, daß Heister einmal sagte: »Du hast doch viel von deiner Mutter. Du weißt gar nicht, wie lieb mir deine Mutter war.« »Jawohl, das weiß ich,« entgegnete Emil, und Heister merkte nichts von dem triumphierenden Tone, mit dem er das aussprach. Er ging am Arme Emils wieder spazieren und wiederholt sagte er, er habe Lust, sich in der Heimat auf ein kleines Landgut zurückzuziehen, er möchte Emil gern lebenslang bei sich behalten, aber es wäre unrecht, ihn seinem Berufe und einem selbständigen Leben zu entziehen. »Bist du um Verlängerung deines Urlaubes eingekommen?« fragte Heister dann. Emil bejahte und doch hatte er das mit Absicht unterlassen; es war ja unmöglich. in das kleinliche Lehrertum, wie es ihm jetzt erschien, wieder einzutreten. In der Nachbarschaft der beiden Männer lebte ein junges Ehepaar aus Norddeutschland; der Mann, der als Hauptmann im Heere diente, war schwer krank und die feine, lebhafte junge Frau pflegte den Rettungslosen mit der vollen Hingebung einer Liebenden. Emil stand in freundlichem Verkehr mit dem jungen Ehepaar, und der jugendlich frische, allzeit gefällige »Sekretär des Justizrats« war den beiden zur Stütze. Daneben hatte er mit der jungen Frau ständig einen Austausch von Büchern, die reichen Gesprächsstoff boten, denn Emil hatte mit großer Schnelligkeit sich das Französische angeeignet. Heister ermahnte ihn oft, sich mit dem französischen Schulwesen und mit wissenschaftlichen französischen Werken bekannt zu machen. Er nahm selber Einsicht von den Büchern, die zwischen Emil und der jungen Frau hin und her gingen. Er konnte diese Lektüre nur mißbilligen und warnte die jungen Leute: Man lese dergleichen nicht ungestraft; er betrachte diese pikanten Romandichter in gewisser Hinsicht als Verräter an ihrem eigenen Vaterlande, denn es könne nicht wahr sein, daß eine Nation aus einer so großen Anzahl solcher Personen bestehe; wäre das der Fall, so gäbe es, abgesehen von der Seltenheit rein sittlicher Ehen, zuletzt kaum mehr eine redliche Gemeindeverwaltung oder eine rechtschaffene Vormundschaft für Waisen, überhaupt keine sittliche That mehr. Die beiden jungen Leute hörten den »Pedanten« mit mitleidiger Nachsicht an und scherzten oft über ihn. Dagegen erhielt Heister von dem kranken Manne die Schriften von Fritz Reuter, und so schwer es ihm anfangs als Süddeutscher wurde, er las sich in dieselben hinein und wiederholte oft, er verdanke seine volle Genesung, die Erheiterung seines Gemütes den sonnigen Schriften des plattdeutschen Dichters. Als im Frühling der Offizier starb, vererbte er ausdrücklich diese Bücher dem Justizrat Heister. Die junge Frau war zerbrochen und verlassen, und sie gestand Heister, daß sie nach den Landesgesetzen als kinderlos auch erblos sei und sich ihren ferneren Lebensunterhalt durch Arbeit suchen müsse. Ob sie dies auch Emil mitgeteilt, blieb zweifelhaft; er nahm ihr alle Mühseligkeiten ab, und nach ihrer Abreise war er mehrere Tage in sich gekehrt. Heister berichtete ihm von dem grausamen Gesetze, das die junge Witwe nun der Armut übergab. Emil erwiderte hierauf nichts, sondern sagte: »Ich war im Bagno in Toulon, ich habe in das Chaos der Verbrecherwelt hinein gesehen. Aber was ist das alles noch gegen Menschen, die mit dem Brandmal behaftet, Kinder in die Welt hineinsetzen und ihnen von der Geburt an ein Brandmal aufdrücken?« Heister erzitterte und brachte endlich die Worte hervor: »Was sagst du?« »Sie haben mich wohl verstanden,« entgegnete Emil mit eisiger Kälte. »Herr Justizrat! Ich möchte einmal ganz offen mit Ihnen sprechen und den Heimlichkeiten ein Ende machen. Darf ich?« »Sprich nur.« »Ich überlasse es Ihnen, welchen Namen ich haben soll, obgleich mir natürlich der ehrliche lieber wäre. Ich werde mit Leichtigkeit die Landwirtschaft erlernen, daß ich Ihr Gut in der Heimat bewirtschaften kann. Ich glaube, Ihnen gezeigt zu haben, wie ich Sie treulich pflege, und mit mir wird das allzeit Emilia thun.« »Emilia?« »Ja, Emilia. Wir haben uns gelobt, wenn die Trauerzeit vorüber ist, uns anzugehören. Sie werden als Vater die Einwilligung gehen.« »Vater? Ich?« »Nun denn, so muß ich's sagen. Der Mann im Bahnhäuschen heißt mein Vater, aber Sie, aber du –« »Pfui!« konnte noch Heister rufen, dann verfiel er in einen Hustenanfall, daß es schien, er sinke sofort in den Tod; er wehrte Emil ab, der ihn in die Arme fassen wollte, aber bald konnte er sich dessen nicht mehr erwehren. Heister erholte sich wieder, er öffnete die Augen, er sah Emil, er schloß die Augen wieder und schien sich lange still zu fassen. Mit großer Selbstbeherrschung sagte er dann, daß die verdorbenen Bücher die Seele Emils vergiftet hätten; Emil habe sich schwer versündigt, aber es könne ihm noch verziehen werden. Heister hielt mit scharfem Bedacht die bittern Worte zurück, die ihm auf der Lippe schwebten, er fürchtete, Emil zu einer verzweifelten That zu treiben, und er wollte ihn heimbringen. Auf der Reise nach der Heimat sprachen Heister und Emil nur selten ein Wort. Am Morgen nach der Ankunft schickte Heister nach dem Hauptmann Hornung, dem Sohne seines Freundes. Als dieser eingetreten war, sagte er: »Bitte, Herr Hauptmann, warten Sie hier. Ich habe mit dem jungen Manne hier nur noch ein Wort zu sprechen.« Er winkte Emil, ihm zu folgen. Er trat mit ihm in die andere Stube und. sagte: »Wie schlecht du bist, das soll vorerst niemand wissen als du und ich. Ich rate dir nun, thue freiwillig, was du sonst gezwungen thun mußt.« »Was? Was denn?« »Du hast den Lehrerdienst aufgegeben und bist nun militärpflichtig. Vielleicht kannst du als Soldat noch ein brauchbarer Mensch werden, dessen sich deine Eltern nicht zu schämen haben.« Bevor Emil erwidern konnte, öffnete Heister die Thüre und sagte: »Herr Hauptmann, der Herr Ketterer hier war Lehrer und muß nun, da er diesen Beruf aufgegeben, Soldat werden; ich bitte Sie, auf meinen Paten ein besonderes Augenmerk zu halten. Nun sprechen Sie, Herr Ketterer.« Sie? Herr Ketterer? Emil schaute hin und her, wie wenn ihn Wahnsinn ergreifen müßte; endlich faßte er sich und erklärte, daß er seine Soldatenpflicht erfüllen wolle; sein Atem war beklommen, sein Auge funkelte und seine Zähne knirschten. »Ihren Eltern werde ich selber mitteilen, daß Sie Soldat werden. Ich muß Ihnen nämlich sagen,« wendete sich Heister zum Hauptmann, »daß Herr Emil Ketterer mein Pate ist. Er ist der Sohn des Bahnwärters Ketterer, der in nahezu dreißig Dienstjahren noch keinen Tadel seiner Vorgesetzten erhalten hat. Die Mutter des Herrn Ketterer war fast sieben Jahre bei uns in Dienst und nachdem sie gegen unsern Willen unser Haus verlassen hatte, heiratete sie zwei Jahre später, und Herr Emil ist der älteste Sohn.« Der Hauptmann nahm diese seltsame Mitteilung mit Verwunderung auf, Emil wußte, warum sie so und vor diesem Zeugen gegeben wurde; er fuhr sich mehrmals mit der Hand nach dem Hals, wie wenn ihn die feine knochige Hand des Justizrats da würge. Heister hatte es tief unter seiner Würde gehalten, dem Entarteten eine Erklärung zu geben und er hatte den befreundeten Hauptmann vornehmlich in der Absicht zu sich gebeten, um Emil in jeder Weise zu bannen. Jetzt wendete er sich wieder zu Emil und sagte: »Ich hoffe, Sie werden sich so halten, daß Sie bald eine höhere Stelle erringen. Herr Hauptmann, er hat ein gutes Lehrerexamen gemacht und spricht vortrefflich französisch.« Einunddreißigstes Kapitel. Wohl ist es dem Menschen vergönnt, sich aus eigener Kraft empor zu ringen und sein Leben zu bilden. Wer aber die Gemeinschaft verletzte, dem muß die Gemeinschaft wieder aufhelfen. Der Daseinsgenosse muß die Hand reichen. Es geht ein Glaube durch die Welt, daß man aus Leben und Lehre der Reinen, die längst dahingeschieden, sein Dasein erneuern könne, und es ist und bleibt ein edles Erbe der gegenwärtigen Menschheit, was erhabene Geister in sich vollendeten. Es geht ein anderer Glaube durch die Welt, daß aus der Gemeinverbindlichkeit der Lebenden das Reine und Echte sich vollzieht. Ein Sendbote dieser Ueberzeugung war Heister, der durch keine Ruchlosigkeit sich die Zuversicht der Rettung und die Pflicht der Hilfeleistung zerstören ließ. In dem Manne, der eben aus schwerem Leid erstanden war, lebte frische Jugendkraft, da er von der Hauptstadt aus nach der Station fuhr, von wo er nach dem Bahnhäuschen Numero 374 ging. Heister traf die beiden Eheleute daheim und er wurde mit der ganzen Innigkeit begrüßt, die in den beiden für ihn waltete. Als nach Emil gefragt wurde, erklärte Heister, daß er Soldat geworden. Jakob preßte die Lippen zusammen und schüttelte lange den Kopf, dann sagte er, das sei wohl das beste für Emil, vielleicht das einzige, was ihn noch zum richtigen Menschen machen könne, denn gehorchen, ohne dabei zu mucksen, das werde ihm gut thun. Nicht so beruhigt war Magdalena; sie ahnte, was zwischen dem Justizrat und Emil vorgekommen sein konnte. Zornesröte und Schamröte überflog ihr Antlitz, und sie, die den Erstgeborenen immer zu verteidigen gesucht, hatte jetzt nicht die gleiche Hoffnung wie der Vater. Dieser aber war in der eigenen Befreiung voll Vertrauens, daß alles neu gedeihen könne, und sein Auge leuchtete wunderbar, als er Heister darlegte, daß er nun doppelt erlöst sei; Heister habe ihm die Schuld vor dem weltlichen und der Missionär die vor dem himmlischen Richter ausgelöscht. Als er jetzt auf seinen Posten mußte, sagte er noch im Fortgehen, Magdalena solle dem Herrn Justizrat die Sache mit dem Eichhofbauer erzählen. Das war es, was Magdalena gewünscht hatte, und doch kam sie lange nicht zu Wort. Sie wollte Heister zuerst sagen, daß sie von dem verruchten Gedanken Emils wisse, aber sie konnte es nicht über die Lippen bringen. Endlich berichtete sie von den Vorgängen beim Tode der Eichhofbäuerin und daß der Bauer in den nächsten Tagen bei Jakob um Rikele freien wolle. Sie gestand, daß sie ihrem Manne versprochen habe, dem Bauer alles zu erzählen, es aber bis jetzt nicht vermocht hätte. »Und da meinst du, ich soll dem Bauer alles berichten?« Magdalena nickte und schaute zur Erde und eben als sie sprechen wollte, brauste der Zug am Hause vorüber und das tönte so gewaltig, daß kein anderer Laut vernehmbar war. »Willst du mit mir zum Eichhofbauer gehen?« fragte Heister. »Ich bitt' . . . ich mein' . . . es wär besser, der Herr Justizrat geht allein.« »Glaubst du nicht, es wäre besser, man sagte dem Bauer gar nichts?« »Ja, das hab' ich auch gemeint, aber der Vater will und thut's nicht anders.« »Dein Mann hat recht und ich geh'.« Mit bangem Herzpochen sah Magdalena dem alten Freunde und Wohlthäter nach, der nach dem Eichhof ging. Zweiunddreißigstes Kapitel. Auf dem Eichhof wurde Heister mit großer Ehrerbietung empfangen, denn der Bauer kannte nicht nur die hervorragende gemeinnützige Thätigkeit Heisters in allen Landesangelegenheiten; er kannte, wie sich jetzt zeigte, ihn auch persönlich von den Schwurgerichten her, wo Heister als Verteidiger und der Eichhofbauer als Geschworener getagt hatte. »Ich habe Sie gleich erkannt,« sagte der Bauer, »es hängt ja drunten im Bahnhäuschen . . . Ihnen kann ich's ja sagen . . . bei meinen zukünftigen Schwiegereltern Ihr Bild, und zur Hochzeit bitte ich mir's als Geschenk aus, daß Sie mir auch ein Bild von Ihnen geben; es soll den Ehrenplatz in unserem Hause haben.« Heister fragte nach Rikele, die im Felde war, und der Bauer konnte nicht genug rühmen, wie brav und wie tüchtig sie sei. Einfach und gradaus sagte nun Heister, daß er von den Eltern geschickt sei, um dem Bauer alles zu berichten, bevor er sich entscheide. Er erzählte die ganze Vergangenheit. Der Bauer fuhr sich mehrmals mit der breiten Hand über das Gesicht, aber er mischte kein Wort ein. »Wenn ich das Glück hätte,« schloß Heister, »einen Sohn zu besitzen, ich würde mit freudigem Herzen meine Zustimmung geben, daß er eine Tochter dieser vielgeprüften rechtschaffenen Menschen heimführe.« Eben als Heister geendet hatte, trat Rikele mit den Kindern ein; sie war hocherfreut, Heister hier zu sehen, und lehrte die Kinder seinen Namen. »Jetzt laß uns allein, der Bauer hat mit mir zu reden,« sagte Heister; und als Rikele mit den Kindern gegangen war, fuhr er fort: »Redet jetzt, offen und frei.« Der Bauer sah um und um, wie wenn die Wände ihm zu Worte helfen müßten; endlich sagte er: »Weiß Rikele das alles auch?« »Nein.« »Dann weiß ich auch nichts und . . . ein Kind hat nicht für die Eltern zu büßen. Ehrenleute sind's doch, rechte.« Heister streckte dem Bauer die Hand dar und sagte: »Ihr gebt mir ein Glück ohnegleichen, daß Ihr meinen Glauben an die Rechtschaffenheit bewährt.« »So gehen Sie mit mir ins Bahnhäuschen. Ich will jetzt bei den Eltern um Rikele anhalten.« Der Bauer sagte Rikele, sie solle bald nachkommen in ihr Elternhaus. Die beiden Männer gingen still dahin, bis der Bauer fragte: »Herr Justizrat, glauben Sie nicht, daß der Mann freigesprochen worden wäre, wenn wir damals schon Schwurgerichte gehabt hätten?« »Nein,« lautete die kurze Antwort. Der Bauer sah den sonst so leutseligen Mann von der Seite an. Hätte der Mann nicht sagen können: Ja! Nichtschuldig hätte der Wahrspruch gelautet? Das wäre doch eine Hilfe, wenn alle Schuld auf dem heimlichen Gericht läge . . . Wieder ging der Bauer lange stumm dahin, endlich begann er: »Sie haben recht. Die Wahrheit, das ist die Hauptsache. Sagen Sie mir nur noch: Weiß der Missionär auch alles?« »Ja. Und er hat Jakob geküßt.« »Das thu ich just nicht. Aber was der Missionär kann, kann ich auch.« Im Bahnhäuschen, wo eben ein Brief von Lena und dem Schwiegersohn eingetroffen war, die glücklich ihren Bestimmungsort erreicht hatten, wurde die Verlobung gefeiert und Heister versprach, zur Hochzeit zu kommen, die noch vor der Erntezeit gehalten werden sollte. – Heister kam zur Hochzeit, aber zum Bedauern aller war Albrecht verhindert; er war nach dem Oberland versetzt und sein Dienst war streng. Dagegen war Emil gekommen und er sah stattlich aus in der Uniform. Auf dem Wege von der Kirche zum Wirtshaus gesellte sich Heister zu Magdalena und sprach seine Befriedigung aus über das kernhafte Wesen des Eichhofbauern, plötzlich brach er ab, indem er, wie von Schreck ergriffen, sagte: »Sieh, mit welchen aufgerissenen Augen uns Emil betrachtet.« »Komm her, Emil,« rief Magdalena fast unwillkürlich; und als der Sohn vor ihr stand, sagte sie, ihm frei ins Antlitz schauend: »Der Herr Justizrat und ich verzeihen dir alles Böse. Ich hab' den Glauben, daß du noch so brav werden könntest wie . . . wie dein Vater und . . . deine Mutter und unser Wohlthäter.« Emil schlug stumm die Augen nieder und wendete sich militärisch. – An der Hochzeitstafel brachte Heister mit kräftiger Stimme ein Hoch aus auf das junge Ehepaar, und Magdalena sah bescheiden auf den Teller nieder, als er einfließen ließ, es sei den Kindern zu wünschen, daß sie auch solche Eltern werden wie Jakob und Magdalena. Die Mutter suchte den Blick ihres Sohnes Emil, der aber schaute nicht nach ihr. Trotz, Mannes- und Soldatenstolz kämpften in der Seele Emils mit einer kindlichen Regung. Er wollte vor Heister hintreten und ihm das Bekenntnis der Reue ablegen, aber eine Stimme in ihm sagte wieder: es ist unmännlich, zu bereuen und gar, es zu bekennen. Zu den beiden in ihm kämpfenden Gewalten kam bald ein drittes. Schnell nacheinander stürzte Emil den Hochzeitswein hinunter und bald war er lärmend und prahlerisch. Nur einmal ließ er sich zur Ruhe bestimmen, als alles aufhorchte, da Heister dem Pfarrer erzählte, wie in Frankreich eine verkehrte Stimmung herrsche; selbst freisinnige Männer fänden es selbstverständlich, daß Frankreich unsere Rheinlande haben müsse, und es sei wohl möglich, daß man vor einem Kriege stehe. Dreiunddreißigstes Kapitel. Der Krieg war erklärt, Emil zog ins Feld, Jakob lernte stundenweise schlafen am Tag und in der Nacht, denn die Züge, welche die Soldaten und Geschütze führten, folgten gedrängt aufeinander. Bald schrieb auch Albrecht, daß er sich freiwillig zum Bahndienst in Frankreich gemeldet habe und dahin abgehe. Selbst Jakob verließ das Haus; er wurde nach der Bahn im Elsaß beordert, wo man verlässiger Beamten bedurfte. Es war seit dem Tode der Frau Heister das erste Mal, daß die Eheleute sich auf längere Zeit trennen mußten, und Jakob lachte in sich hinein, wie ihn Magdalena ermahnte, auf sich achtzugeben, da sie nicht mehr für ihn bedacht sein könne. »Und gottlob, du kannst schreiben und ich auch,« tröstete sie. Die Briefe gingen fleißig hin und her mit der Feldpost. Im Winter hieß es in einem Briefe Jakobs: »Ich habe hier einen Nebenkameraden, er ist ein Rheinländer aus Bingen, ein lustiger Kamerad und heißt Valentin, bei dem ist das ganze Jahr Fastnacht; er lacht mich auch oft aus, weil ich mir so vielerlei Gedanken mache und auch Heimweh nach dir habe. Ja, ich bin jetzt da in den Vogesenbergen, wo wir daheim so oft am Abend die Sonne haben hinuntergehen sehen. Ich denke um die Zeit besonders oft an dich, aber auch sonst. Ich will dir nur sagen: Feld und Wald sind hier wie daheim, und die Menschen reden auch so, wie bei uns, sind aber nicht so; sie haben gegen uns was Heimtückisches und Aufsässiges, sie halten sich für was Besseres als wir, weil sie Franzosen gewesen sind. Bei all dem meine ich doch, wir sollten hierher ziehen und hier bleiben; so schwer ich auch von unserem Haus und allem weggehe, fürchte ich doch jeden Tag, es kommt einmal heraus, was über uns ergangen ist, und wir können unseren Kindern Schlimmes ersparen. Hier in der Fremde kennt uns niemand und wir wären weit weg, und wir zwei sind gottlob so miteinander, daß wir niemand brauchen.« Magdalena erwiderte, sie folge ihm, wohin er bestimme. Jakob antwortete nichts darauf und erzählte in seinem folgenden Briefe nur, welch eine Freude er gehabt, da Albrecht einen ganzen Tag bei ihm gewesen. Albrecht habe sich ausgezeichnet; er habe einmal einen Militärzug gerettet und es stehe in der Zeitung, daß er eine Auszeichnung erhalten habe. Von Emil schrieb er kein Wort, denn Albrecht hatte ihm erzählt, daß Emil Dienste versehe, die freilich nötig seien, aber keine Ehre bringen. Jakob kam wieder heim, noch bevor der Krieg zu Ende war. Magdalena hatte recht gehabt. Jakob wußte sich allein nicht zu pflegen, er kränkelte; sie hatte aber auch des weiteren recht, daß er unter ihrer Fürsorge bald wieder gesund werde. Jakob hatte auch aus dem Elsaß ein schön Stück Geld mit heimgebracht, das er von der doppelten Löhnung erspart hatte. Magdalena wußte das Geld so anzulegen, daß man neben dem landläufigen Zins noch einen Ehrenzins erhielt, denn der Stolz des Schwiegersohns Eichbauer war sehr geschmeichelt, daß ihm als Sachverständigem die sichere Anlegung übergeben wurde. Magdalena ließ nicht ab, bis Jakob sie deshalb lobte, und sie war endlich zufrieden, als er sagte: »Eigentlich hättest du sollen Königin sein.« Das war gut, größeres Lob verlangte sie vorerst nicht. Und als der Krieg zu Ende war, kam Nachricht von Albrecht, er war in die Hauptstadt zurückgekehrt und war dort Werkführer in einer Maschinenfabrik. Emil war verschollen. Man wußte nicht, ob er gefangen oder gefallen war. Es soll kein Leben ganz und unzerstückt sein. Die Eltern mußten sich dreinfinden, daß sie nichts mehr von ihrem Erstgeborenen erfuhren, und sie betrachteten manchmal wehmütig das Bild an der Wand. Vierunddreißigstes Kapitel. Es war im zweiten Frühling nach dem Kriege. Die Sonne meinte es so gut mit dem Bahnhäuschen, sie schien so hell und warm, daß Magdalena alle Fenster öffnete. Das Herz der Mutter war heute so voll und so bewegt, denn Albrecht hatte geschrieben, er sei krank gewesen, sei aber wieder wohlauf und wolle sich daheim nun ganz ausheilen. Sie rückte die Stühle und vor allem den großen Lehnstuhl, sie streichelte das Sofa glatt, als wollte sie ihnen damit sagen: Gebt unserem Sohn nur recht viel gute Ruhe. Sie ging in den Garten, aber sie arbeitete heute nichts; sie betrachtete die Frühblumen auf dem Boden, sie sah wohl Unkraut. aber sie jätete es nicht aus. Sie betrachtete sinnend die Knospen an den Bäumen, die nur die Stunde zu erwarten schienen, um hellblühend aufzubrechen. Die Bienen flogen umher und sammelten Honig und die Hummeln summten laut. Sie sah auf nach den Bergen; der Schnee war geschmolzen, nur dort das Frauenhemd lag noch ausgebreitet, ja ganz genau war's so; vom Thale aus zeigte sich eine Schneelage, die immer am frühesten da ist und am spätesten verschwindet, ganz in der Form eines Frauenhemdes mit den kurzen Aermeln hingebreitet. Jahr um Jahr hatte das Magdalena gesehen, heute erschien es ihr wie ein Wunder, wie ein Zeichen. Sie hat gewiß keinen Aberglauben, sie hat ja bei einem freisinnigen Advokaten gedient, aber seltsam ist es doch, und doch vielleicht ein Anzeichen, daß ihr das heute so besonders auffällt. Endlich machte sich Magdalena auf den Weg nach dem Bahnhofe. Niemand begleitete sie, der Nestling mußte daheim kochen; Jakob hatte seinen gewohnten Dienst und die Eichhofbäuerin konnte nicht von Hause weg, versprach aber das zweispännige Bernerwägelein an die Haltestelle zu schicken. Die Lerchen sangen in den Lüften, die Finken schmetterten lustig von den Bäumen, und von fern her klang das Waldhorn Jakobs. »Die Männchen können lustig singen, derweil die Weibchen still brüten,« sagte Magdalena vor sich hin. Auf dem Bahnhof war es still. Jetzt sauste der Eilzug vorüber; er hält hier nicht an, er kennt nur die großen Haltestellen. Auf der leeren Lände – Perron genannt – fing der Stationsdiener den Briefbeutel auf, der vom Eilzug herabgeworfen ward. Magdalena fragte den Stationsmeister, ob kein Brief für sie da sei. »Nichts, als die Zeitung für Euren Mann,« erhielt sie zur Antwort. »Bis wann kommt der nächste Zug?« fragte sie wieder. Der Stationsmeister sah sie ärgerlich an, das mußte die Frau des Bahnwärters doch wissen. »In siebenunddreißig Minuten,« sagte er barsch und kramte weiter in den Briefen. Der Nestling hatte recht gehabt, die Mutter brauchte nicht so zu eilen; aber die Mutter hatte auch recht gehabt, sie fühlte sich dem Sohne schon näher, da sie auf dem Bahnhofe war. Die Stationsmeisterin schaute zum Fenster heraus und rief sie herauf. Magdalena erfreute sich immer der Gunst der redseligen Vorgesetzten, die wie sie selbst ihre Jugend in der Hauptstadt verbracht hatte. Heute war aber Magdalena sehr unerkenntlich, ja sie trank sogar von dem vorgesetzten Kirschengeist, ohne Dank zu sagen. »Das Signal wird aufgezogen,« sagte sie plötzlich, denn sie hörte das Quicksen der kleinen Räder an der aufgerichteten Stange, und obgleich es dann noch zwölf Minuten dauert, bis der Zug kommt, ging sie doch hinab und war hocherfreut, Rikele, die sich doch noch frei gemacht hatte, hier mit dem zweispännigen Bernerwägelein zu treffen. »O, was für eine gute Luft ist bei uns,« sagte die Mutter zu Rikele; »wir haben doch die beste Luft und das vergißt man so oft. Wirst sehen, wenn er sich keinen äußern Schaden gethan hat, er wird bald wieder bei uns gesund; wenn er sich nur nicht, da sei Gott vor, die Hand oder den Fuß abgeknackt hat; er hätte wohl schreiben können, was ihm eigentlich gefehlt hat.« »Mutter! An der Hand kann ihm nichts fehlen, er hat ja selber geschrieben.« »Ist wahr, hast recht. Die Angst und die Freude macht mich dumm. Du wirst auch einmal, wenn du große Kinder hast . . . Aber horch.« Man hörte das Rollen in den Bergen, denn man hört hier den Wiederhall weit früher, als man den Zug selbst einfahren hört. »Sei nur recht ruhig, wenn er kommt,« sagte Magdalena zu ihrer Tochter. Diese lächelte. Die Mutter sagt ihr, was sie eigentlich sich selber sagen wollte. Der Zug ward sichtbar, jetzt geht er langsam, jetzt hält er an. Die Schaffner riefen die Station, Albrecht stieg aus, er sah so blaß aus in dem braunen Vollbart und war abgemagert, die Narbe auf der Stirne war so rot; er reichte der Mutter die Hand, sie umarmte ihn und rief weinend: »Gottlob! Du hast noch all deine geraden Glieder!« Albrecht begrüßte die Schwester und dankte dem Stationsmeister und dessen Frau, die ihn willkommen hießen; seine Stimme war leise, sein Gang unsicher, als er mit den beiden Frauen nach dem Fuhrwerk ging. »O Mutter,« sagte er, als er oben neben ihr saß, »daheim werde ich wieder gesund. Ich kann nicht sagen, wie ich im Krankenhaus nach der Luft daheim gedürstet habe.« »Also im Krankenhaus bist gewesen? Warum hast du uns das nicht geschrieben? Die Mutter oder ich wäre zu dir gekommen.« »Streng' ihn nicht an mit Fragen,« wehrte Magdalena der Tochter ab; dann rief sie dem Fuhrknecht zu, er solle vor dem Metzgerhause anhalten; sie stieg dort ab, kam wieder und mit einem Tone, der schon an sich etwas Sättigendes hatte, sagte sie: »Gottlob, der Metzger hat heute grad ein Kalb geschlachtet.« »Er hat's von uns gekauft,« schaltete die Tochter ein. »So? Da ist das Kalbfleisch aus der Verwandtschaft.« Albrecht lachte, aber er hielt gewaltsam an, das Lachen schien ihm weh zu thun. »Hast guten Appetit?« fragte die Mutter. »Nicht recht.« »Gib nur acht, unsere Luft zehrt und nährt, wie man's will. Und ich will dir Futter geben, daß du wieder springst wie ein junges Füllen. Sei nur froh, daß du bei deinen Eltern bist.« Plötzlich fing Albrecht laut zu weinen an, aber von Schluchzen unterbrochen, sagte er sich bezwingend: »Mutter, das ist noch von meiner Krankheit, daß ich so weichmütig hin.« »Vor mir brauchst du dich nicht zu schämen. Laß du nur dein gutes Herz machen, was es will. ich kenn' dich ja.« »O Mutter!« rief Albrecht, »nimm mich in den Arm. So, da laß mich den Kopf hinlegen. O, am Mutterherzen! Und die Lerchen singen am Himmel. Alles . . . O so gut!« Er schlief ein. Der Fuhrmann lenkte die Pferde still im Schritt. Vom Waldhornklang erweckt schaute Albrecht auf und die Mutter sagte: »Horch, wie lustig, da kommt der Vater, dort steht er und bläst auf seinem Waldhorn.« Nicht weit vom Ueberweg stieg man ab; Rikele fuhr heim und Albrecht ging mit dem Vater langsam heimwärts. Die Mutter eilte voraus. Fünfunddreißigstes Kapitel. Lisbeth, der Nestling, stand unter der Thür und rief: »Willkommen, Albrecht.« Dieser freute sich ihres stattlichen Aussehens, und es war wohl gemeint aber ungeschickt, daß Lisbeth erwiderte: »Ja, aber du siehst gottserbärmlich aus.« Die Mutter sah sie strafend an und fragte: »Hast du Feuer?« Auf die Bejahung wendete sie sich nur noch zu Albrecht und sagte: »Da leg dich aufs Kanapee, das du geschickt hast. Ich muß den Vater immer zwingen, daß er sich drauf setzt oder gar legt. Oder willst du da im Lehnstuhl ausruhen? Schlaf jetzt ein bißle.« Albrecht setzte sich in den Sessel. und draußen am Herde standen Vater und Mutter. »Wirst schon sehen,« tröstete die Mutter den traurig Dreinschauenden, »er wird bald wieder frischauf. Was hast? Ist dir nicht gut?« »Hast du gesehen,« entgegnete Jakob, »wie er mich so barmherzig angeschaut hat? O Mutter, der ist nicht krank, der hat nur alles erfahren, und das drückt ihm das Herz ab. An unsrem getreuesten Kind geht mein Elend aus.« »Aber Mann! Was machst du wieder? Aber gut! Versprichst du mir, nie mehr einen solchen Gedanken in dir aufkommen zu lassen, wenn ich dir beweise, wie unrecht du hast, und wenn ich dir's sage, was ist?« »Ja, das versprech' ich, heilig, wie ich da die Hand ins Feuer halte.« »So sag' ich dir: der Albrecht ist verliebt.« »Doch nicht in eine verheiratete Frau?« »Mann! Was hast du wieder? Aber still! Er schläft,« sagte sie, durch das Schiebfensterchen nach der Stube schauend. Sie winkte Jakob Stille zu, und dieser fragte leise: »Wie heißt sie denn und was ist sie?« »Ich weiß weiter nichts; aber wie er auf dem Herweg geschlafen hat, hat er so etwas gemurmelt, und da ist sein Gesicht so heiter geworden. Geh jetzt hinaus und sag der Lisbeth im Garten, sie soll nicht singen.« Im Hause war's so still, als ob niemand drin wohne; die Fichtenscheite im Feuer knackten nicht, denn sie waren wohl ausgetrocknet, und draußen harkte Lisbeth still das Gartenland auf. Den Menschen kann man befehlen, daß sie still seien; aber horch, da gackert eine Henne! Ja so sind sie, die machen immer viel Rühmens davon, wenn sie ein Ei legen, zankte Magdalena lautlos und »Guten Morgen, Albrecht,« rief sie durch das Schiebefensterchen, da Albrecht sich aufrichtete. »Wart, ich bring' dir was.« Behend eilte sie hinters Haus und kam dann wieder in die Stube: »Schau, das ist von unsrer neuen goldgelben Henne, sie stammt von der alten ab, die du vom Habicht gerettet; die hat dir ein frisches Ei gelegt; das ist ihr Willkomm. So ein frischgelegtes Ei ist ein wahres Heiltum, das sied' ich dir gleich und du hast dann Vorspann, bis das rechte Mittagessen kommt.« Neubelebt sah Albrecht der Mutter ins Angesicht und ihr noch nach, als sie schnell wieder wegging. Das Wasser schien auf ihr Geheiß schneller zu sieden, nach wenigen Minuten war sie wieder da und sah still zu, wie der Sohn aß; denn so gern sie auch spricht, sie weiß doch, es ist nicht gut, wenn man einen zum Reden bringt, während er ißt. »Mutter, ich meine, es wäre mir schon ganz anders.« »Ich glaub's, halt dich nur ruhig und iß alle Stund' was. Ich will dir's schon herrichten. Ich versteh' das. Der Bruder von der Frau Justizrätin, das war ein großer Doktor, von dem hab' ich's; ein Krankes, hat er gesagt, muß nie viel, aber oft essen.« Jakob, der in der Stube reden hörte, kam auch herein, und behutsam sagte er: »Wenn's dich nicht anstrengt, könntest du doch sagen, woher du das Leiden hast?« »Ich will's ein andermal näher berichten. Ich hab' einen Kameraden gerettet, der ins Schwungrad gekommen war, und dabei einen Stoß bekommen.« »Genug für heute,« fiel Magdalena dem schwer Redenden ins Wort. »Und ich sag', du wirst bald wieder gesund. Darfst du Wein trinken?« »Jawohl, in meinem Koffer ist.« »Gib mir den Schlüssel, ich will ihn aufmachen.« »Nein, Mutter, das muß ich selber.« Er errötete, und Magdalena schaute Jakob bedeutsam an, dieser aber verstand sie nicht, bis sie, als sie allein waren, sagte: »Da hast du's, er hat was von seiner Herzallerliebsten im Koffer.« »Von einer Prinzessin?« »Wenn's auch keine Prinzessin ist, rechtschaffen ist sie gewiß; unser Albrecht verunschickt sich nicht.« Sechsunddreißigstes Kapitel. »Albrecht!« rief die Mutter in der Frühe, »jetzt kannst dich drauf verlassen, es wird alles gut, es ist nicht Aberglaube.« »Was denn, Mutter?« »Horch! Dein' Stimm ist schon heller. Die Schwalben sind heut nacht ankommen. Horch! Wie sie im Nest zwitschern, und die Kuh brummt: ja, ihr habt's gut, ihr könnt durch das Luftloch da aus- und einfliegen. Schau, da fliegen sie und haben in der Luft ihren gedeckten Tisch.« Der Tag war hell, die Nacht war mild, und als man am andern Morgen ausschaute, waren alle Blüten aufgebrochen, Thal und Höhe stand in voller Frühlingspracht, und reicher war die Hoffnung da draußen nicht aufgegangen, als im Herzen der Mutter. Albrecht saß mit den Eltern und der Schwester in der Stube, und als Jakob wegging, schlüpfte die gelbe Henne zur Thüre herein. Sie durfte doch sonst nie in die Stube, aber heut wagte sie's, und sie wurde nicht verjagt. Albrecht streute ihr Brosamen hin, sie pickte sie rasch auf und schaute ihn von der Seite an und endlich flog sie ihm sogar auf den Schoß. »Und ich sag's und laß mich auslachen,« rief Magdalena, »kein Mensch weiß, was so ein Tierlein denkt. Meinst nicht auch, Albrecht?« »Ja, Mutter, das ist sicher und gewiß.« Der Schwager Eichbauer kam und stellte Albrecht sein Fuhrwerk zu Gebote, so oft er es verlange. Auch der Nachbar Maier kam, und der neue Nachbar auf Numero 373, der vordem Hilfswärter gewesen, ja auch der Pfarrer und die Pfarrerin stellten sich zu Besuch ein. Magdalena konnte Gott nicht genug dafür danken, wie man jetzt so viele Menschen habe und vor dreißig Jahren sei sie mit Jakob so wildfremd daher gekommen. Sie stand dabei, wie Albrecht so bedachtsam mit dem Pfarrer über die gerechten und ungerechten Wünsche der Arbeiter sprach. Als sie dem Pfarrer das Geleite gab, sagte er: »Das ist ein gediegener Mensch, noch der vorzüglichste von Euren Kindern.« Am Herde, im Stall bei der Kuh, im Garten und auf dem Hopfenacker wiederholte sich Magdalena diese Worte. Wenn Albrecht zu ihr kam und ihrem emsigen Thun zuschaute – denn noch durfte er nicht helfen – leuchteten ihre Augen und glühten ihre Wangen, so daß Albrecht sagte: »Mutter, Ihr sehet aus wie ein junges Mädchen.« »O du!« entgegnete sie, »du bist wohl gewohnt, Frauensleuten so schöne Redensarten zu machen.« Albrecht hätte darauf doch wohl erzählen können, aber er hielt an sich. Da muß noch ein arges Hindernis sein, weil er nicht redet – dachte Magdalena. Sie hielt sich mehrere Tage zurück, einstmals aber fragte sie doch: »Bekommst du denn gar keinen Brief? Von niemand?« »Ja, Mutter, ich erwarte einen.« Und am selben Tage kam ein Brief. Die Hand Albrechts zitterte, da er ihn erbrach; er ging allein auf die Bank vor dem Hause, um ihn zu lesen. Magdalena stand von ferne, ihr Herz erbebte, dieser Brief ist entscheidend. Jetzt richtete sich Albrecht auf und rief: »Mutter! Alles ist gut. Mutter, jetzt muß ich mich ein wenig niederlegen. Nachher erzähl' ich Euch alles.« Siebenunddreißigstes Kapitel. »So, Mutter, jetzt will ich Euch erzählen,« sagte Albrecht am Abend. »Soll ich den Vater dazu rufen? In zehn Minuten ist der Pariser Zug vorbei, und er hat dann Zeit.« »Nein, Mutter, ich kann Euch allein besser erzählen, und Ihr berichtet's dann dem Vater.« »Strengt's dich aber nicht an? Ich kann noch warten. Du hast so heiße Backen und so kalte Hände.« »Nein, Mutter, ich kann jetzt. So! Laßt mir Eure Hand, die wird jetzt bald eine gar feine halten, aber sie ist auch arbeitsam, es ist ihr nichts zu gering. Ja, liebe Mutter, ich bin glücklich in meinem Beruf; ich hab' freilich eine große Verantwortlichkeit, und mit manchen Kameraden auch meine Not, aber im ganzen genommen leben wir wie Brüder. Ich habe natürlich auch schon oft dran gedacht, daß ich so stehe, um eine Frau ernähren zu können, und habe Verlangen ein rechtes Wesen zu lieben und von ihm geliebt zu werden.« Magdalena löste ihre Hand aus der des Sohnes, denn sie mußte sich die Thränen abtrocknen und Albrecht fuhr, sich zurücklehnend, fort: »Ich bin Mitglied des Handwerkervereins, das ist eine schöne Anstalt, ich will ein andermal davon erzählen. Es war nicht lange nach meiner Rückkehr von der Wiener Weltausstellung, wo wir einen ersten Preis bekommen haben, es war am Samstag, da sagt mir unser Buchhalter – der auch im Verein ist und unentgeltlichen Unterricht im Buchhalten gibt – heut abend soll's Lärm und Untereinander im Verein gehen, den die Sozialisten machen wollen.« »Jawohl, dein Vater schimpft auch oft auf sie, wenn er seine Zeitung liest, er nennt sie die Nichtsnutze, und ich sag' dir, gestern, die Stunde eh' du gekommen bist, hab' ich's gedacht. Ich seh' den Bienen zu und den Hummeln und da denk' ich, die Nichtsthuer die machen den meisten Lärm.« »Nichtsthuer sind sie just nicht alle, sie haben in manchem auch schon recht, aber wenn man Unrecht darunter mischt, da geht das Recht auch verloren.« Die Mutter nickte zustimmend. »Ja, Mutter, der Buchhalter und ich haben viel gute Bücher gemeinsam gelesen, und ich hab' viel von ihm und von den freiwilligen Lehrern gelernt. Aber ich seh', ich muß mich zusammennehmen, sonst komme ich bis morgen früh nicht zur Hauptsach! Also wir sind im Vereinshaus. Ich spür's, es liegt etwas in der Luft wie ein Gewitter und es fängt auch schon zu donnern an, wie der Vorstand für heut abend gewählt wurde. Unser alter treuer Vorstand soll heute nicht oben sein. Endlich bringen wir ihn doch durch. Also der erste Redner schimpft auf alles, was Vermögen und Bildung und Ansehen hat, und Blut saugen und in fremdem Schweiß baden ist noch das Gelindeste, was er sagt. Ein Hallo geht los, daß man meint, die Welt wäre verrückt. Da nimmt der Herr Doktor das Wort, und seine Stimme, die sonst so fest, zittert, wie er sagt: ›Es ist noch nicht lange, da haben wir der Welt bewiesen, daß der geringste Mann alle Herrlichkeiten der Menschenseele haben kann, in Bravheit und in allem; jetzt ist fast nötig, daß wir euch beweisen, daß die Gebildeten auch brav sein können. Das könnte dazu bringen, daß die besten und umsichtigsten Männer, die nur auf das Wohl des Volkes sinnen, sich von euch wenden und euch den Verführern überlassen, die euch mit falschen Versprechungen ins Elend bringen. Die Lohnerhöhung kann wohl für eine Zeit helfen, bis bald alles auch teurer ist, dann ist's vorbei, nur die Steigerung der Produktion . : .‹ »Aber halt, das will ich Euch ja gar nicht erzählen, Mutter! Nur so viel. Der Mann spricht so, daß mir das Herz im Leibe zittert, und da schreien sie: ›Wir brauchen keine Gelehrten, wir sind Arbeiter! Arbeiter!‹ Da hat mir's keine Ruh' gelassen, ich bin auch hinauf auf die Rednerbühne, zum erstenmal in meinem Leben, aber ich war ruhig, und wißt Ihr, was ich erzählt habe? Eine Geschichte aus meiner Kindheit, wie ich dem Vater die Zeitung vorgelesen und gefragt hab', was Arbeiter ist und seine Antwort. Ich hab' noch viel gesagt und wie einfältig es ist, zu glauben, nur der arbeitet, der harte Hände hat. Sie haben mich ganz ruhig angehört, nur manchmal hat's geheißen: ›Er hat recht,‹ und wie das Wetter hat's umgeschlagen. »Eine Stunde drauf sitze ich beim Doktor am Tisch, und wir trinken Bier, und jedes Wort, das der Mann sagt, ist mir gewesen, wie wenn ich ihn schon lange im Herzen gehabt hätte. Er bittet mich, ihn andern Tages so gegen zwölf zu besuchen, ich versprech's. Er fragt mich, ob ich verheiratet sei, und Mutter, wie er das sagt, ist mir's gewesen, wie wenn mir eine feurige Hand ins Gesicht griffe. Ich sag' wie der Vater: ›Wo Maschinen sind, gibt's keinen Aberglauben,‹ aber es gibt doch Dinge, die wir eben nicht wissen. Mutter! Jetzt kommt die Hauptsache.« »Ich merk' schon. Aber es ist gut, daß du dich jetzt selber unterbrochen hast. Ich höre schon seit einer Weile deinen Vater in der Stube. Soll ich ihn herrufen?« »Jawohl.« Jakob kam und Magdalena erzählte ihm, was Albrecht berichtet, und dieser nahm wieder das Wort: »Zu festgesetzter Zeit bin ich im Hause des Doktors Hornung.« »So heißt ja mein Zeitungsmann auch,« unterbrach Jakob. »Ja, Vater, das ist derselbe.« »Dann ist alles gut; wo der ist, da ist alles rechtschaffen,« sagte Jakob. Magdalena aber preßte die Hände ineinander und preßte sie aufs Herz, während Albrecht fortfuhr: »Wie ich also an der Thür klingle, sagt das Dienstmädchen, der Herr Doktor sei nicht zu Haus. Ich will schon wieder gehen, da sagt eine Stimme: ›Sind Sie der Herr Ketterer?‹ Ich sag' ja; ich sehe nichts in der dunklen Hausflur, als eine schwarze Gestalt, aber ein helles Gesicht, wie wenn's lauter Licht wäre, und sie sagt: ›Der Vater hat den Auftrag gegeben, daß Sie ihn erwarten sollen. Treten Sie hier ein.‹ Sie öffnet die Thüre und wie das Sonnenlicht eindringt, da war's . . . ja, wer kann das sagen? Sie sieht mich an, ich seh' sie an, und sie tastet an der Thür, als könnte sie die Klinke nicht finden, aber jetzt hat sie geöffnet und verschwindet hinter der Thür. Und wie ich sie nicht mehr seh', denk' ich, die hast du schon gesehen, oder hast du nur einmal von solch einem Wesen geträumt? Ja, Mutter, Ihr habt recht, daß Ihr lächelt, damals als die Justizrätin so krank war, damals unter der Thüre ist mir Theodora begegnet. Es dauert aber keine Minut', da kommt sie wieder und sagt: ›Ich habe heut schon Ihre Worte gelesen, da ist die Zeitung.‹ Sie gibt mir das Blatt und ist wieder fort. Ich will lesen, aber ich kann nicht. Da klingelt's wieder. Ein Major tritt ein, unverkennbar ein Bruder des Doktors. Schnell kommt aus der andern Thür das Mädchen und sagt: ›Das ist schön, Onkel Theodor, daß du kommst. Der Vater kann jede Minute da sein.‹ »Der Offizier fragt mich, ob ich Soldat gewesen sei und woher ich die Dekoration habe. Ich erzähle, wie's gekommen. Der Offizier entschuldigt sich, daß er nicht warten könne, und geht davon. Theodora gibt ihm das Geleite und kommt dann wieder zu mir. Sie erzählt, daß die gestrige Versammlung die erste gewesen sei, die der Vater seit dem Tode der Mutter besucht habe, und er sei zum erstenmal wieder lebensmutig heimgekommen. Sie fügt hinzu, daß der Vater wegen seiner Freisinnigkeit mit dem Großvater und den Geschwistern zerfallen sei, der Großvater sei nicht einmal beim Begräbnisse der Mutter gewesen. ›Haben Sie noch beide Eltern?‹ fragte sie mich . . .« »Ich kenn' sie, ich kenn' sie ja,« unterbrach Magdalena. »Wartet noch, Mutter,« sagte Albrecht und fuhr fort: »Sie fragt mich, ob ich die Narbe über dem linken Aug' im Krieg bekommen hätte. Ich erzähle die Geschichte mit dem Habicht. Sie nennt das heldenhaft, lacht aber aus Herzensgrund, wie ich ihr sage, daß ich gar nicht wie ein Held gejammert und geweint habe. Und während wir so reden, wie wenn wir von jeher als Nachbarskinder miteinander gelebt hätten, kommt der Vater, der in einer Sitzung aufgehalten worden war. Er ladet mich ein, zu Tisch zu bleiben, was ich natürlich gern annehme. Theodora hat mir herausgeschöpft und eingeschenkt . . .« Albrecht wurde in seiner Erzählung unterbrochen, denn Lisbeth kam und sagte Jakob, es sei ein Extrazug signalisiert. Jakob eilte davon, aber noch im Fortgehen rief er: »Laßt es euch gut schmecken! Erzähl' du nur der Mutter weiter.« Achtunddreißigstes Kapitel. Albrecht begann mit frischem Atem: »Bei Tische sagt Herr Hornung, er wolle heut abend das Konzert in unserem Verein besuchen. Wir haben nämlich einen Gesangverein und dabei bin ich auch keiner von den letzten. Die Tochter hat mir angesehen, daß ich gern gefragt hätte, ob sie auch mitgeht, denn sie sagt: ›Vater! Ich weiß, die Mutter selber würde es nur recht finden, daß wir uns am Reinsten erheben, aber ich habe noch keinen Sinn dafür. Wenn ich in mir schon Aufmerksamkeit für gute Musik haben könnte, ich ginge und fragte nichts nach dem Gerede der Leute . . .‹ Nicht wahr, Mutter, das ist eine freie feine Seele? Sie hat's noch weiter bewährt. Der Doktor fragt auch nach der Narbe und da sagt sie: ›Es wird dem Herrn Ketterer zuwider sein, das immer wieder zu erzählen. Erlauben Sie.‹ Und sie erzählt die Geschichte mit dem Habicht, so herzig und so lustig, daß wir alle lachen.« »Und du hast noch immer nicht gesagt, daß ich sie so gut kenne? Weiß sie denn meinen Namen nicht?« »Ihr werdet schon hören, daß sie bloß den Namen Magdalena gekannt hat. Von da an bin ich jeden Sonntag zu Tisch gewesen und die ganze Woche war mir nur wie ein Rüsten zum Sonntag, und einmal ist auch der Herr Justizrat da gewesen, und wie mich der so freundlich und vertraut begrüßt, da fragt der Doktor Hornung: ›Warum haben Sie denn nie gesagt, daß Sie mit unserem Freunde Heister bekannt sind?‹ Ich habe das rechte Wort nicht sogleich finden können, da sagt Theodora: »›Der Herr Ketterer hat durch niemand anders, als durch sich selber empfohlen sein wollen.‹ »Könnt Euch denken, Mutter, wie mir da alle Flammen aus dem Gesicht schlagen. Und jetzt wird's auch offenbar, wie sie Euch kennt, Mutter, und Euch von Herzen lieb hat, und wir beide sind auf einmal drauf gekommen, daß wir uns vor Jahren wenige Tage vor dem Tod der Justizrätin unter der Hausthüre Heisters begegnet sind. Nach Tisch kommen viele Männer, die Teilhaber der Zeitung sind, die der Herr Doktor herausgibt, sie halten Beratung im Nebenzimmer und wir zwei waren allein. Sie erzählte mir von ihrer Familie. Seit dem Tode der Mutter schreibt Theodora dem Großvater viel und sie hofft, ihn noch mit dem Vater auszusöhnen, wenn er diesen Frühling aus Italien wiederkommt. ›Und der Großvater wird Sie, Herr Ketterer, auch lieb haben,‹ sagt sie . . . Mutter! Auch! Wie sie das gesagt hat, was ich drauf vorgebracht habe und was sie wieder, das weiß ich nicht mehr, aber bald sind wir uns um den Hals gefallen und haben uns geküßt . . .« Magdalena wischte sich große Thränen ab, Jakob trat ein und als Magdalena ihm halb weinend, halb lachend erzählt hatte, fuhr Albrecht fort: »Wir haben ausgemacht, daß wir jetzt dem Doktor noch nichts sagen, aber ich glaub', er hat's uns angesehen; aber weil wir schweigen, hat er auch nichts gesagt. Ich bin durch die Straßen gegangen und hab's gar nicht fassen können, daß da noch Menschen gehen, die ganz anderes im Sinn haben, daß da noch andere Häuser sind als das, wo sie wohnt, und daß es noch eine Minute geben soll, wo wir nicht beisammen sind. »Am Montagmorgen da tanzte alles mit mir herum: in meinem Herzen ist ein Hammerwerk, aber ich besinne mich und halte mich fest, und da sehe ich, wie ein Arbeiter vom Wellenrad gepackt wird, ich spring' herzu, ich stell' das Rad, aber ich krieg einen Stoß, daß sie mich für tot davontragen. Ich bin aber bald wieder zu mir gekommen. »Am dritten Tage kommt der Doktor zu mir und bringt mir einen Brief. Theodora schreibt mir: ›Ich habe im Kriege Kranke pflegen gelernt, Vaterlandsgenossen und Fremde, und von dir sollte ich fern sein? Ich habe von meinem Vater verlangt, daß er unsere Verlobung anzeige, damit ich dich pflegen kann.‹ So hat sie mir geschrieben und das war die beste Medizin; ich bin schnell wieder aufgekommen und gestern bei der Abreise war der Vater und Theodora auf dem Bahnhof.« »Hast du kein Bild von ihr?« fragte Jakob. »Ja, Vater! ich habe es heute erhalten mit einem guten Briefe. Da ist's.« Er zog es aus der Brusttasche und reichte es dar. »Ich kenne sie ja,« rief Magdalena, »sie ist viel mächtiger geworden, aber sie sieht noch so herzlieb aus. Die blauen Augen und die roten Backen, die sieht man freilich da nicht, und ihre getreue Stimme hört man nicht. O du Seelenkind!« Albrecht hatte erzählt und die Eltern saßen still, die Abenddämmerung brach herein, es ward Nacht und noch immer saßen die drei still. Da hörte man Lisbeth vor dem Hause mit einem Fremden sprechen und jetzt rief die Stimme der Frau Süß: »Ich muß zu ihm. Ich bringe Glück.« Die Thüre ging auf und Frau Süß trat ein. Neununddreißigstes Kapitel. »Das große Los! Das große Los haben wir alle,« rief Frau Süß. »›Den Albrecht will ich und keinen andern,‹ hat meine Viktoria gesagt, wie die Nachricht gekommen ist, und jetzt bin ich da und sage Glück und Segen und Amen.« Es war schwer, Frau Süß zum ordentlichen Erzählen zu bringen. Zuerst erfuhr man, daß sie Albrecht in der Stadt aufgesucht habe, und endlich kam's heraus: Es ist nicht wahr, daß das Glück immer dumm ist, es ist manchmal auch ganz gescheit. Das Prioritätslos hat den großen Preis gewonnen, und jetzt kann Albrecht eine eigene Fabrik anlegen und Viktoria läßt ihm sagen, daß sie ihn mit offenen Armen erwarte. »Ihr seid starr vor Glück?« rief Frau Süß. »wir waren's auch.« »Unser Albrecht ist krank,« konnte Magdalena endlich sagen. »Aber ein Wort hervorbringen kann er doch?« rief Frau Süß. »Kannst du nicht reden, Albrecht?« »Ich kann, und sag' von Herzen Dank, Euch und der Viktoria, aber es ist zu spät.« »Du wirst schon wieder gesund.« »Das wohl, aber ich werde nicht mehr ledig.« »Was? Du weisest uns ab?« »Das thue ich nicht. Ich bin nur nicht mehr mein eigen.« »Darf man fragen, wem du gehörst?« »Fragen darf man, aber ich kann's jetzt noch nicht sagen.« »Aber wenn ich rede, was dann?« »Ich kann's Euch nicht wehren.« »Und ich lasse mir's nicht wehren. Ich weiß wohl, wer eine Strafe abgebüßt hat, dem darf man sie nicht mehr vorwerfen. Drum sag' ich: Die beiden haben nicht im Zuchthaus gesessen. Siehst du? Deine Mutter ringt die Hände, dein Vater ballt die Faust, das haben sie auch im Zuchthaus gethan. Es hat dort nichts genutzt und nutzt auch hier nichts.« »Frau Süß,« rief Jakob zornglühend, »ich kann meine Hände auch aufmachen und . . .« »Ja, erwürg' mich nur, dann hast du eben einen zweiten Mord auf deiner Seele.« Jakob wollte auf sie los, aber Albrecht stand dazwischen und rief: »Vater! Ist das wahr? Seid Ihr . . .?« »Ja. Aber wie es gekommen, das macht die Sache anders.« Mit blassen Lippen sagte Albrecht: »Frau Süß, was Sie gethan und warum Sie es gethan, Sie werden es verantworten. Aber nun gehen Sie.« Frau Süß ging davon und die Eltern saßen stumm. Das helle Mondlicht beleuchtete die Stube, Albrecht wehrte mit beiden Händen gegen das Licht, als wolle er's abthun, daß man nichts sehe; er stand auf und legte seine beiden Arme an die Wand, stützte den Kopf drauf und ein Thränenstrom brach hervor, wie ein tief verhaltener Quell; die hohe schlanke Gestalt des jungen Mannes erbebte und zuckte hin und her, wie wenn eine äußere Gewalt an ihm risse. Jakob legte dem Sohne die Hand auf die Schulter und sagte: »Liebes Kind! Ich habe Schweres, Bitteres, Hartes erlebt, aber das, das ist doch das Aergste, dich so über deinen Vater weinen zu sehen.« Eine Sekunde war die Gestalt Albrechts ruhig, dann aber bebte sie wieder wie von Fieberfrost geschüttelt, und Jakob fuhr fort: »Wenn ich dir dein Leid abnehmen könnte, ich ginge gerne in den Tod; wenn es zu deinem Glück ist, wir wandern aus nach Amerika, oder zur Lena nach Ostindien. Nicht wahr, Mutter?« Mit jammervollem Blicke stimmte Magdalena bei und Jakob fuhr fort: »Nur bitte ich dich, kränke dir dein Herz nicht ab, das . . . das könnte ich nicht auch noch tragen.« Albrecht wendete sich um, der Mond schien voll in sein Antlitz und glänzte in der Thräne an seiner Wimper: »Verzeihet mir, Vater. Ich will nicht mehr an mich denken und an nichts, was zu mir . . . ich will Euch helfen . . . Euch tragen helfen.« Seit Albrecht nicht mehr auf dem Arm getragen wurde, hatte ihn der Vater nie mehr geküßt, jetzt schloß er ihn in die Arme und küßte ihm die Thränen von den Wangen. »Ich habe deine Thränen getrunken, deine bittern Thränen, mein Kind! Ich hab' das Bitterste genossen, was es auf der Welt gibt, die Thränen, die mein Sohn um mich geweint hat,« rief Jakob. Er schwankte, Albrecht hielt ihn auf und sagte mit fester Stimme: »Nun ist's vorbei, alles vorbei. Vater! Es mag geschehen sein, was da will, solang auf der ganzen Welt ein Kind Vater sagt, soll keines sein, das seinen Vater mehr liebt und hochschätzt als ich.« Jakob saß auf dem Stuhl. Magdalena sagte, Albrecht an der Hand fassend: »Komm, Kind! Laß den Vater hier ruhig sitzen. Komm mit mir. Ich will dir erzählen.« »Ich will selber.« »Nein. Ich thu's.« »Ja, Vater! Lasset mich mit der Mutter.« Sie gingen und als sie wiederkamen, sagte Albrecht: »Mutter! Jetzt bringet Licht und hell und frei und froh ist alles.« »Kind,« sagte Jakob, »du thust ja, wie wenn wir ein Freudenfest zu feiern hätten.« »Das haben wir auch, Vater,« und mit flammendem Blick fuhr er fort: »Vater, ich weiß jetzt erst recht, was für ein Mann Ihr seid, ein Held. Ich bin stolz darauf, Euch Vater zu nennen.« Man saß geraume Weile still. Albrecht bat den Vater, daß er seine Pfeife anzünde, Jakob willfahrte und er und Magdalena erzählten offen alles und als nach Mitternacht der Mond hinabging, war Ruhe und Stille im Hause, als wäre der Friede hier nie aufgescheucht worden. Am Morgen, als Albrecht erwachte, stand der Vater vor ihm und Albrecht sagte: »Vater, gebt mir Eure Hand drauf, Ihr machet Euch keine Vorwürfe mehr, nicht wegen Eurer und nicht wegen meiner. Ich sag' Euch, unter denen, die in Ehren prangen, haben Tausend und Abertausend Aergeres verschuldet, wie Ihr, oder sind nur durch Glückszufall davon abgehalten. Und wenn auch. Ein langes rechtschaffnes arbeitsames Leben kann nicht durch ein Einziges zerstört werden.« »Just dieselben Worte hat mir der Missionär auch gesagt,« entgegnete Jakob; »aber jetzt von meinem Kinde ist's doch noch ganz anders und mehr.« Wie angerufen kam jetzt eben ein Brief von Lena aus Ostindien. Der Brief enthielt Trauriges und Erhebendes, denn es hieß darin: »Ich bin Witwe und ich komme heim mit meinem Kinde. Mein Mann ist den Leiden des hiesigen Klimas erlegen. Seine Seele erhielt sich groß und erhaben bis zum Eingang in das höhere Leben. Es wäre hier noch ein Arbeitsfeld für mich, aber er stimmte auf seinem Totenbette mir bei, daß ich zu Euch gehe und Euch die Tage erhelle, auch durch mein Kind. Lieber Vater! Mein Mann hat noch in seiner Sterbestunde gesagt: ›Sag' deinem Vater, er ist rein und ich bete noch für ihn vor Gottes Thron . . .‹ Und so komme ich zu Euch und will mit Euch leben und beten und arbeiten . . .« Es hat sich schon oft erwiesen, daß da, wo ein Erdbeben stattgefunden, eine verborgene Heilquelle hervorsprudelte. So war es auch hier. Die Eltern und der Sohn gewahrten aus der Erschütterung heraus erst frei und ganz, welch eine Fülle von Liebe und gutem Denken zwischen ihnen waltete, und sie staunten einander oft an, wie wenn sie jetzt erst zu einander kämen und wüßten, wer sie sind. Albrecht ging mit seinem Vater alle seine Wege, und wenn er sprach und wenn er schwieg, immer war's gut, und wie er jetzt nur an den Vater dachte und seiner selbst vergaß, genas und gedieh er in fast wunderbarer Schnelligkeit. An der Einsiedelei sagte Jakob: »Schau, da sind meine Rosen, aber wenn ich an mein Elend gedacht habe und an eures, da haben sie mir nicht mehr geduftet und waren nicht rot, sondern schwarz, schwarz. Deine Mutter hat mir immer geholfen, jetzt kann ich's bei dir ablegen. Es hat mir kein Mensch angesehen und ihr Kinder gewiß nicht, wie schwer ich getragen hab'.« Albrecht legte die Hand auf die des Vaters, und das Auflegen dieser kräftigen guten Hand schien ihm wohlzuthun und er fuhr lächelnd fort: »Schau, das hat mich am meisten geplagt: warum kann man in einer schlimmen Stunde so was auf sich laden und in einer guten Stunde es nicht wieder abthun? Ich habe nichts thun können, als mein Revier in Ordnung halten, die vielen Jahre lang, und wie der Krieg kommen ist, hab' ich gedacht, jetzt kommt's, jetzt kannst du was thun, das alles Vergangene abwischt und auslöscht, und was hab' ich thun können? weiter nichts, als im Elsaß die Bahn sauber und sicher halten Tag und Nacht. Aber ich mein', das muß doch auch gelten.« »Gewiß, Vater!« mehr konnte Albrecht nicht hervorbringen, und es war genug. Nachdem Albrecht einen langen Brief an die Schwester Lena geschrieben, der sie in London treffen sollte, den er aber den Eltern nicht zeigte, kehrte er in die Hauptstadt zurück. Er traf Theodora nicht, sie war mit ihrem Großvater, dem Staatsrat a. D. verreist. Vierzigstes Kapitel. Der Justizrat Heister saß am Morgen in der Laube des Gartens bei der Sommerfrische im Dorfe, das nur zwei Stationen vom Bahnhäuschen 374 entfernt war, in dem Jakob und Magdalena lebten. Das Dorf, wohlgelegen und gegen Norden geschützt, am Fuße des bewaldeten Berges, wo der helle Bach rauschte, war zu einem sogenannten Luftkurorte erhoben worden; abgemüdete Männer und Frauen, meist aus der Hauptstadt, fanden hier Erholung und gute Pflege. Die Waldwege mit mäßiger Steigung waren schattig, unter den breiten Tannen und an Aussichtspunkten waren Ruhebänke für die älteren Leute, die junge Welt machte größere Ausflüge. Noch gestern Abend war eine Schar von Männern und Frauen ausgezogen, um auf dem mehrere Stunden entfernten Hochberge den Sonnenaufgang zu sehen. Darum war's heute so still und leer bei der Sommerfrische. Heister hatte sich, wie allmorgendlich, seine Zeitung am Bahnhofe geholt; jetzt an dem mit einer blauen Decke gezierten Tische sitzend, schnitt er die Zeitung auf, legte sie ungelesen neben sich und dazu Feuerzeug und die Cigarrentasche. Er schaute behaglich umher über die wogenden Kornfelder nach dem Walde und nach dem hohen Berge, auf dem ein Wartturm blinkte. Es ist kein Wölkchen am Himmel; ein echter und vollkommener Hochsommermorgen. Die jungen Leute dort oben hatten heute einen hellen Sonnenaufgang. Der Staatsrat Hornung kam eben von seinem Morgenritte zurück und rief noch vom Pferde zu Heister: »Emil, warte mit dem Frühstück nicht auf mich.« Heister brockelte die Krumen den traulich herbeifliegenden Finken, die dafür um so lustiger von den Bäumen sangen, sie sind die letzten, deren Sang bald aufhören wird, nur die Wasseramsel am Bache zwitschert noch unaufhörlich aus den Weiden. Vom ersten Augenaufschlage an war der Tag für Heister eine Kette von dankbar empfangenen Gaben des Daseins; er hatte doch, wenn er in die Vergangenheit zurückdachte, viel verloren, da ihm seine Frau entrissen wurde, aber nun, da ihm die Gesundheit wieder gegeben war, empfing er das Dasein selber wie ein tägliches Geschenk. Er hatte nach langer Verfremdung sich hier wieder mit dem Freunde zusammengefunden; die beiden Männer erkannten es als ein Glück, daß sie in alten Tagen noch einmal traulich miteinander leben sollten, und sie hüteten sich wohl, die Gegensätze und Widerstreitspunkte zu betonen, denn die verschiedenen Grundnaturen und die verschiedenen Lebenswege hatten sie viele Jahre voneinander entfremdet und noch jetzt, während Heister sich beglückt fühlte durch Errichtung und Erstarkung des deutschen Reiches, betrachtete der Staatsrat jede Rechtsbefugnis des Reiches als eine Minderung der Lebenskraft des Landes, dem er eine Zeitlang als Minister vorgestanden hatte und als dessen Gesandter er die Auflösung des Rumpf-Bundestages mit erleben mußte. Die beiden Freunde vermieden sorgfältig jede dahin führende Erörterung, und gerieten sie doch in eine solche, so war Heister überaus mild, nicht nur, weil er der Befriedigte war, er fand auch eine Wahrung gegen einseitige Verstockung darin, nicht ständig mit Gleichgesinnten zu verkehren, sondern auch der noch bestehenden Gegensätze bewußt zu bleiben. Heister nahm nun seine Zeitung zur Hand, in welche der Staatsrat nie schaute, denn es war diejenige, die sein Sohn, der Vater Theodoras, herausgab. Er las ein Telegramm und legte plötzlich die feine knöcherne Hand zitternd auf das Blatt; in seinem Gesichte zuckte es schmerzlich. Er stand auf, setzte sich aber rasch wieder, schaute hinaus in die Landschaft und wischte sich die Augen ab. Der Staatsrat kam, er war sorgsam gekleidet, er trug sogar beim Landaufenthalt beständig einen glänzenden Orden. Er kümmerte sich nichts darum, daß man offen darüber scherzte und geheim darüber spottete, ja er sagte geradezu: »Ich maskiere mich nicht mit Bescheidenheit, ich will, daß mir jeder Begegnende ansehe, ich gehöre nicht zur Masse.« Das sagte auch sein stolzer Gang, mit dem er jetzt daherkam; er trug den Kopf hoch und selbstbewußt. Im Ausdruck seines Gesichtes lag eine strenge Härte, während Heister jegliches mit fast zärtlichem Blicke ansah. Als die Cigarren angezündet waren, sagte Heister: »Nun kann ich dir's sagen, es hat mich tief erschüttert: da steht's! Fritz Reuter ist tot! Eine Seele, so stark und so fein, so voll heller Lust und von innigem Ernste, hat im Thüringer Lande am Fuße der Wartburg ausgehaucht.« »Ich kann die Schriften des Mannes nicht lesen, das Idiom macht mir Unbehagen.« »Es ging mir auch so, aber als ich das überwunden hatte, ging mir ein Quell von Innigkeit und Heiterkeit, von unverwüstlicher Menschenliebe, von Glauben an Güte und Treue auf, dergleichen ich nicht weiter kenne. Und ein Bestes ist noch, er hat mich bekehrt.« »Wozu? Wovon?« »Zunächst von unserer Einbildung, daß wir Süddeutschen die allein seligmachende Gemütlichkeit inne hätten. Da zeigt sich's, der Norddeutsche ist zurückhaltender, der Süddeutsche offener, und das erscheint als Gemütlichkeit. Dieser Mecklenburger hat uns so unvergeßliche, goldhaltige Volksnaturen gegeben –« »Volksnaturen!« fiel der Staatsrat unwillig ein, »euer Grundirrtum ist eben, daß ihr glaubt, das Volk sei Natur. Das Volk ist am wenigsten Natur, seine Leidenschaften sind nur ungemäßigter und roher –« »Bitte, sage unschuldiger und offener.« Der Staatsrat nickte, fuhr aber dann in gleichem heftigem Ton fort: »Wunderlich! Ich denke, ihr Liberalen solltet doch selber jetzt von eurer Volksverehrung bekehrt sein. Ihr seid ja jetzt die Befriedigten, aber das muß euch doch klar geworden sein, die Masse, das sogenannte Volk, bringt nichts hervor; das bleibt Hebel und Werkzeug. Was Großes geschieht, geschieht nur durch große, gewaltige Menschen. Euer allgemeines Stimmrecht bringt nichts hervor; Neubelebendes entsteht nur aus der einzigen Stimme des Genius. Was ihr Volk nennt, wird beherrscht, entweder von den lügnerischen Pfaffen des Jenseits oder von den lügnerischen Pfaffen des Diesseits, den Herren Sozialdemokraten.« »Und weder diese noch jene,« erwiderte Heister mit ungewöhnlicher Heftigkeit, »werden die Grundnatur unseres Volkes verderben können, so wenig das die Gewalthaber der Reaktion vermochten. Des ist wieder Fritz Reuter ein Zeugnis. Alle Peinigungen –« Plötzlich brach Heister ab, er sah, wohin das Gespräch geraten war, er suchte abzulenken und begann mit sanfter Stimme: »Ich wollte nur von Fritz Reuter –« Der Staatsrat faßte seine Hand und sagte: »Mein guter Emil! Mir fällt eben ein, es sind wohl dreißig Jahre, da haben wir in der Laube in deinem Garten ein ähnliches Thema besprochen. Erinnerst du dich?« »Jawohl, es war damals beim Verein für entlassene Sträflinge.« »Ja, und ich dürfte einen Accent auf meine damaligen Aeußerungen legen. Erstlich, daß ich dir schon damals gesagt habe, die Eisenbahnen müssen dem Staate angehören, und dann habe ich dir schon damals gesagt: Mein Herz ist kein Spital, und ich will nichts von diesen Poeten, die uns die niederen Schichten aufschminken. Auch dein Fritz Reuter ist, nach allem was ich höre, ein Schönfärber des neuen Götzen, genannt Volk.« »Wenn du unter Schönfärberei das verstehst, daß man trotz alles Wissens von der Roheit und Dumpfheit doch aufzeigt, wie die sonnenhafte Psyche aus den niederen einfachen Charakteren aufleuchtet, dann war er auch ein Schönfärber. Es ist aber die echte Erkenntnis der Gleichheit aller Menschen, die höchsten Mächte überall zur Erscheinung und Wirkung zu bringen. Das ist unsere neue Andacht, unsere neue Religion. Und wie im plattdeutschen Dialekte homerische Schönheit gegeben ist, so steht auch fest, daß in jeglichem Gewande das Göttliche sich offenbaren kann.« Der Staatsrat sah bewegt in das Antlitz seines Freundes, dann wendete er sich und sah mit ironischem Lächeln hinaus ins Weite, er wollte offenbar den Freund nicht stören. Nach einer Weile sagte er: »Heute habe ich erfahren, daß du Geheimnisse vor mir hast.« »Ich?« »Ja du, du hast mir nicht gesagt, daß unser Pflegling von damals, der Postillon, der den fahrlässigen Totschlag abgebüßt hatte, hier in der Nähe Bahnwärter ist. Ich bin ihm heute zufällig begegnet und habe ihn erkannt.« »Hast du ihn an sein Schicksal erinnert?« »Natürlich.« »Und eben das wollte ich vermeiden. Aber nun ist's auch gut. Ich weiß, du wirst jede Bitternis abwenden, denn das sind bis auf das eine, das vergessen werden muß und vergessen ist, wahrhaft glückliche Menschen.« »Glückliche Menschen?« lachte der Staatsrat, »es gibt keine glücklichen Menschen. Der Unwissende ist ein redendes Tier, und der Wissende sieht nichts als Chaos. Wer uns beide so von außen sieht, wird sagen: was sind das für glückliche Menschen mit schönem Alter, mit Ehre und gutem Auskommen. Und was ist das Ganze! Unser Beruf ist jetzt Spazierengehen und Reiten, Essen und eine Partie Pikett nach Tische, und wenn wir die Summe ziehen, ist das Leben ein Elend; das mußt du, der Kinderlose, bekennen, wie ich, der siebenfache Großvater. Und daß wir vom Sterben wissen, nichts aber von einem jenseitigen Leben, das ist eine Grausamkeit eures sogenannten Weltgeistes. Wie jetzt die dort, so werden Geschlechter auf Geschlechter an den Tischen sitzen und über Nichtigkeiten lachen, sich in Landpartien müd' machen, um gut schlafen zu können, und gut schlafen, um sich abzumüden; so werden sie sitzen und wandern und plaudern und liebeln und hassen, während wir in der Erde modern. So lang man jung ist und Leidenschaften hat, täuschen uns diese über die Leere, Oede und Nichtigkeit dieser von Göttlichkeit erfüllt sein sollenden Welt. Vogelsang und Ordensbänder, Frauenliebe und Wissenschaft, das Bewußtsein vollführter Arbeit, alles ist eitel –« »Mein lieber Freund!« warf endlich Heister ein und bot dem Geheimrat, dem die Cigarre ausgegangen war, Feuer an, »warum heftest du deinen Blick immer auf die Schattenseite, und nicht auch dahin, wo das goldene Licht doch so reich ausgeströmt ist? Freilich ist viel Elend und Mühsal im Dasein, aber des Glückes und der Freude noch mehr. Wir sind nur für das Alltägliche nicht erkenntlich und heften unsere Gedanken an das Störende, Auffällige. »Ich verstehe allerdings die Mischung des Einzellebens nicht, aber die große Harmonie des Weltlebens wird mir immer klarer, und darin ist Sterbenmüssen kein Elend.« Der Staatsrat schien das Gespräch nicht fortsetzen zu wollen, er sagte: »Erlaube mir einen Einblick in eure Zeitung,« und kaum hatte er hineingesehen, als er froh ausrief: »Und das hast du natürlich nicht gelesen? Da steht's ja, mein Sohn Theodor ist Oberst geworden.« Eine alte Frau, die in einem Handwagen geführt wurde, ließ sich zum Staatsrat heranrollen, sie hatte bereits auch die Zeitung gelesen und brachte mit großem Nachdruck ihren Glückwunsch dar. »Was dem Vater versagt war, das wird nun dem Sohn,« sagte die alte Dame lächelnd und reichte ihre feine, wohlgepflegte Hand dar, die der Staatsrat als allzeit verbindlicher Mann von vollendeten Formen ehrerbietig küßte. Der Staatsrat und Heister hatten einander in die Sommerfrische bestellt; ungerufen – aber wie der Staatsrat sagte hochwillkommen – hatte sich auch seine Jugendfreundin, die verwitwete Präsidentin von Kastelburg, eingefunden. Sie erzählte nun Heister, wie gut der Staatsrat damals, als er Assessor beim Gerichtshofe ihres Mannes gewesen, in der Uniform ausgesehen habe, als sie mit ihm in einem lebenden Bilde stand, und wie er schmerzlich beklagt habe, nicht Soldat geworden zu sein. Die Dame war dem Staatsrat mit diesen wie mit anderen Erinnerungen und Betrachtungen lästig, aber er that, als ob er mit dem innigsten Interesse zuhöre, und sie war gewohnt, daß alles, was sie sagte, aufmerksam beachtet wurde; sie fuhr daher, jedes Wort mit besonderer Huld ausstattend, fort: »Ja, ja, die jungen Leute schwärmen heute Natur. In unserer Zeit war man aber doch heiterer. Die heutige Jugend ist viel zu ernst, sie genießt das Leben mit finsterer Miene. Wir haben mit Wonne getanzt. Nicht wahr, Herr Staatsrat?« Der Staatsrat mußte entzückt bestätigen, und die Präsidentin fuhr fort: »Die heutige Jugend berühmt sich: ich tanze nicht gern und – tanzt doch. Wo ist da noch unbefangene Lebenslust? Das räsonniert, das reflektiert. Sollte man's glauben: junge Mädchen in hellen Kleidern sitzen an Sommertagen in grüner Laube und sprechen von Religion und von Frauen und Volkswohl, und unsere liebe Theodora, die doch sonst so entzückend und frisch, führt da das große Wort, und gestern, was geschah? Ich höre die kleine Lilly von Arven von Stoffwechsel reden, ich denke, es ist von Kleiderstoffen die Rede. Aber denken Sie, das arme Kind hat vergangenen Winter einen Cyklus von Vorlesungen über Chemie gehört.« Der Staatsrat lachte laut und hörte dann lächelnd zu, wie Heister sich bemühte, die Anschauungen der alten Dame zu berichtigen. Der gute Heister, dachte er, glaubt noch immer an aufrichtiges Interesse und weiß nicht, daß die Menschen nur Unterhaltung machen und die Zeit verplaudern wollen. Heisters ernsthafte Verteidigung der geschmähten Gegenwart wurde durch wohlgestimmten hellen Chorgesang von Männer- und Frauenstimmen unterbrochen. Ein vierspänniger Bauernwagen kam langsam daher. Man ging von den Nachbartischen den Ankommenden entgegen, die vom Sonnenaufgange auf dem Hochberg zurückkehrten. Als Theodora, hochgerötet mit einem frischen Kranze auf dem Haupte und den Hut in der Hand haltend, abstieg, rief der Staatsrat: »Kind! Onkel Theodor ist Oberst und Regimentskommandeur geworden.« »Gratuliere, lieber Großvater. Ich will nur mein Gewand etwas in Ordnung bringen. Ich komme gleich wieder.« Sie eilte in das große Haus. Einundvierzigstes Kapitel. Der Staatsrat hatte diesmal doch nicht die ganze Wahrheit gesagt, wenn er behauptete, daß ihm kein Glück mehr blühe, denn sonst ward er nicht müde, zu erklären, welch eine eigenartige, nicht voraus zu ahnende Wonne der Verkehr mit einer wohlgebildeten Enkeltochter wie Theodora sei; und noch mehr als er aussprach, zeigte er's in seinem ganzen Behaben. Er war voll Ritterlichkeit und erwies, daß er stolz auf solch eine Enkelin war. Nach dem Tode der Mutter Theodoras hatte doch eine Annäherung zwischen ihrem Vater und dem Großvater stattgefunden, und als erste Betätigung war die Zustimmung gegeben, daß Theodora den Großvater auf seiner Reise nach Paris begleite. Darum traf sie Albrecht nicht mehr, und sie schrieb ihm nur einmal, mit der Bitte, ihr nicht zu antworten. Sie wollte natürlich den Großvater auf ihre Verbindung mit Albrecht vorbereiten, damit nicht neuer Zerfall eintrete. Auch aus der Sommerfrische schrieb Theodora, wieder mit der Bitte, nicht zu antworten, denn sie sei seiner so sicher wie ihres eigenen, ihm zugehörigen Lebens – sie fühle das Glück, in der Landschaft zu sein, wo er als Knabe gewandelt, und sie müsse tagtäglich das Verlangen niederkämpfen, seine Eltern aufzusuchen; sie wolle aber warten, bis sie des Großvaters ganz sicher sei, denn als Fremde vor die Eltern zu treten, erschiene ihr wie ein Frevel. So hatte Theodora geschrieben; ihre sonstige Entschlossenheit schien einer unerklärbaren Zaghaftigkeit gewichen. Nun hatte heute ein Zufall sie gemahnt und ermutigt, sie hatte heute die Schwester Albrechts kennen gelernt. Es war ein eigentümlicher Wonneblick, mit welchem der Großvater die nun wieder in den Garten tretende Enkelin betrachtete; die kräftige Gestalt mit den fast üppigen Formen erschien in dem hellgrauen Kleide wie eine sommerliche Blume von milder Farbe; ohne auffällig der Mode zu widersprechen, hatte sie sich doch nicht mit den bräuchlichen Abgeschmacktheiten überladen und besonders auf dem Kopfe war nichts von den greulichen Wulsten; sie hatte freilich natürliches Haar genug, um es in zwei dicken Flechten am Hinterhaupte herabhängen zu lassen, und der ungewöhnlich mächtige, hochgewölbte Oberkopf erschien in seiner schönen Rundung. Die vollen Wangen waren sonnengebräunt, die Stirne aber schneeweiß. Aus den hellen Augen lachte nach überwundener Trauer wieder die Freude an der schönen Welt, und wer in diese Augen sah, dem ward die Welt neu schön, wie jetzt dem Großvater, der mit einer zierlichen Aufmerksamkeit bald dies, bald jenes der Enkelin darreichte und sie ermahnte, zuvörderst ruhig zu frühstücken, dann erst zu erzählen. »Ja, Großvater,« sagte sie endlich, »was kann man vom Sonnenaufgang erzählen? Ich konnte nicht bei den anderen bleiben, die in diesen heiligen Minuten noch sprechen und ihr Entzücken ausrufen konnten; ich setzte mich allein an den Bergesrand, und es war mir, als sehe ich, wie die Erde wieder neu wird, und als ich mich ausgeweint hatte, weil meine Mutter jetzt in dieser Erde ruht –« Sie hielt inne, sie konnte vor Bewegung nicht weiter reden, aber sich fassend fuhr sie fort, indem ihr Auge flammte und die geschwellten roten Lippen zitterten: »ja, der Vorsatz stieg in mir auf: nie mehr, nie soll wieder eine Kleinlichkeit mich beherrschen, all das Nichtige, Tagdienerische soll mir nichts mehr anhaben; da ist die Erde mit ihren Städten und Dörfern, mit ihren Millionen pochenden Herzen, ich will leben und arbeiten, daß ich es wert bin, da zu sein und –« sie lachte, indem sie schloß, »ich will wert sein, daß mich die Sonne bescheint.« »Du Sonnenkind!« sagte Heister leise vor sich hin, der Großvater rief aber in ungewöhnlich lärmendem Tone und mit schalkhafter Stimme: »Schau, schau, greife in deinen Nacken, da hängt was.« Unwillkürlich griff Theodora in den Nacken und der Großvater konnte vor Lachen kaum hervorbringen: »Ja Kind, der Schulzopf, der Zopf der examinierten Lehrerin hängt dir nach. Kind! Was füllen sich deine Augen gleich mit Thränen? Kannst du keine Neckerei vertragen? Habe ich dich gekränkt?« Theodora preßte die Lippen zusammen, in ihren Wimpern hingen Thränen. Plötzlich flog etwas wie ein rasches Licht über ihr Angesicht, sie faßte die Hand des Großvaters und sagte: »Großvater! du mußt mit mir auf den Eichhof. Da haben wir eingekehrt und ein Bauernwesen getroffen, so voll, so in sich gesättigt, der Bauer und die Bäuerin kernfeste und treuherzige Menschen; die Leute werden dich von deinem Aberglauben gegen das Volk bekehren. Die Frau ist die Tochter eines Bahnwärters,« bei diesem Worte zuckte es in den Mienen Theodoras, sie fuhr aber rasch fort: »Der Bauer hält mit seinem Schwiegervater unsere Zeitung und hat auch sonst gute Bücher und ist dabei doch ein echter Bauer. Die Volksbildung ist größer und weiter gediehen, als man meint.« »So?« wehrte der wieder in seinen Stolz zurückgekehrte Staatsrat. »Ich will nichts von eurer Volksbildung, ich halte sie nicht für ein Glück, im Gegenteil, sie zerstört den festen Bestand. Das Volk muß wie die körnerfressenden Vögel Kieselsteine unter seiner Nahrung haben, feste Dogmen. Aber Kind! Das ist wieder kein Thema zwischen uns.« Ueber das helle Antlitz Theodoras zog eine Verdüsterung, aber wieder rasch gefaßt sagte sie: »Ich lasse dir keine Ruhe, bis du mit auf den Eichhof gehst.« »O ich bin nicht müde –« »Gut, ich gehe noch heute mittag mit dir, wenn du nicht zu müde bist –« Am Nachmittag, es war ein wolkenbedeckter Tag, der die Sonnenhitze dämpfte, ritten Großvater und Enkelin von der Sommerfrische ab. Alle Gäste schauten ihnen vergnügt nach und lobten, wie schön Theodora im dunkelblauen Kleide mit dem Männerhute und dem blauen Schleier zu Pferde saß. Die Präsidentin erzählte mit Behagen, wie sie vor Zeiten geradeso mit dem Staatsrat geritten sei. Die offene Landstraße dahin ging's im Trab. Als man die bewaldete Bergesanhöhe hinanritt, wurde Schritt eingehalten. Theodora hob sich im Sattel ein wenig empor und rief: »O es ist doch herrlich! Da wanderten wir heute in der Frühe. Es ist doch ganz anders, so zu Pferde durch den schattigen Wald zu reiten.« »Ich hoffe, du heiratest nur einen Mann, der dir ein Reitpferd hält.« Theodora preßte den Knopf ihrer Reitpeitsche an die Lippen und schüttelte den Kopf. »Wie? Hast du schon gewählt?« fragte der Großvater erstaunt. Theodora nickte stumm und senkte die Augenlider. Der Staatsrat wartete auf ein weiteres, da aber Theodora stumm blieb und ihren Schleier vor das Gesicht legte, fragte er: »Doch nicht den geschwätzigen Zeitungskorrespondenten deines Vaters, den wir in Paris trafen? Ich muß doch bitten, daß du –« »Großvater! Er ist hier im Lande.« »Doch ein Mann von Familie?« »Allerdings. Er hat Eltern und Geschwister und wahrscheinlich auch Tanten und Onkel. Was ihr Aristokraten euch doch herausnehmt, die vornehme Sippe allein Familie zu nennen –« »Kind! Komme mir nicht mit euren Zeitungsphrasen. Sprich offen, wo, was ist er?« »Wo? Das sage ich heute noch nicht, auch seinen Namen nicht. Nur so viel: Er ist Techniker.« »Schau, schau! Also das neueste Ideal? Vordem waren die Ideale Maler, Musiker, Husarenrittmeister und Schauspieler. Jetzt ist die Liebe auch praktisch. Also ein Techniker? Das schwärmt nun heutigestags von Tunneln und Viadukten. Sag' nur, seit wann hast du entschieden? Wie konntest du so lange zurückhalten? Wie ist sein Name?« »Großvater, ich bitte, frage nicht weiter. Es thut mir leid, dir nicht antworten zu dürfen. Du sollst bald alles erfahren. Ich stelle dir einen deiner besten Freunde, der ihn von Kindheit an kennt und liebt. Aber ich spreche schon zu viel. Jetzt genug! Wir sind auf der Hochebene. Laß uns traben!« Ohne weiter ein Wort zu reden, trabten sie bis zum Eichhof. Zweiundvierzigstes Kapitel. Auf dem Eichhof hatte der Staatsrat seine Freude an dem gediegenen Hausstand, vor allem aber an dem ehrenfesten Bauer, der dem vornehmen Herrn gegenüber ein aristokratisches Bewußtsein erkennen ließ, was aber dem Staatsrate besonders wohlgefiel. Der Bauer erzählte, daß heute wieder Elsässer da gewesen seien, um Hopfenstangen zu kaufen; sie hätten in den ersten Jahren nach dem Krieg mit uns getrutzt, jetzt aber kämen sie doch wieder. In der Stube, die trotz des Sommers geheizt war, hingen zwei eingerahmte Diplome zum Ehrenpreis vom landwirtschaftlichen Verein für eine Kalbin und ein Fohlen. »Die hat noch meine verstorbene Frau einrahmen lassen,« erklärte der Bauer; »ich habe noch mehr, hänge sie aber nicht mehr auf.« Rikele kam mit Speise und Trank. »Bäuerin,« sagte der Bauer, »richte alles draußen unter der Linde an, die Herrenleute sitzen gern im Freien.« Man saß wohlgemut beisammen, der Bauer ließ den Fremden reden und blieb karg in Worten. Auf Befragen erklärte er nur, daß es sich nicht mehr austrage, Eichen stehen zu lassen, er erhalte das kleine Wäldchen unweit des Hauses nur zum Wahrzeichen. Als man von der reichlichen und bald beginnenden Weizenernte sprach, kam die landläufige Klage über Dienstbotenmangel. Und da er einmal im Klagen war, schmähte der Bauer auch die neuen Waldgesetze, wodurch man nicht mehr Herr über sein Eigentum sei. Der Staatsrat verteidigte das Gesetz, er konnte das sehr sachlich, es war ja sein letztes gewesen, das er vor das Abgeordnetenhaus gebracht hatte. Durch den Feldweg herauf sah man eine Frau daherwandern. »Da kommt meine Mutter,« sagte die Bäuerin. »Das ist Eure Mutter?« fragte der Staatsrat, der durch das vorgehaltene Augenglas Magdalena erkannt hatte. Die Bäuerin bejahte, und er betrachtete den stolzen Bauer nachdenklich. Wußte der, wer seine Schwiegereltern waren? Magdalena verschwand im Eichenwäldchen. Rikele sagte: »Ich gehe ihr entgegen,« und »Ich gehe mit,« rief Theodora, nahm ihr Reitkleid hoch auf, und ehe der Großvater Einsprache erheben konnte, war sie den Berg hinabgerannt und verschwand ebenfalls unter den Eichen. »Mutter!« rief sie dort und umhalste Magdalena. Diese konnte kein Wort hervorbringen und Theodora wendete sich zu Rikele und sagte: »Ich bin die Braut deines Bruders.« »So schön und groß sind Sie geworden?« konnte Magdalena endlich hervorbringen. »Ja, der Albrecht! Aber liebes herziges Fräulein, es sind noch böse Sachen zu überwinden.« »Ich weiß, ich weiß.« »Sie wissen?« »Wir überwinden alles.« Theodora erklärte rasch, daß der Großvater auch da sei und nun bald alles offenbar werden müsse. Einstweilen müsse man noch fremd thun. Magdalena wollte wieder umkehren, aber Theodora fand das unthunlich, und so gingen die drei Frauen nach der Linde. »Guten Tag, Herr Staatsrat!« sagte Magdalena. Der Gegrüßte nickte und der Bauer fragte: »Schwiegermutter! Ihr kennet den Herrn schon?« »Jawohl, von alters her, aus der Stadt, vom Hause des Herrn Justizrat Heister.« Dem Staatsrat war diese Begegnung unbehaglich, zumal der Bauer offenbar die Vergangenheit seiner Angehörigen nicht kannte. Er drängte zur Heimkehr, da es so dumpf und trübe wurde. Bald saßen die beiden wieder zu Pferde, der Bauer begleitete die Reiter noch eine Strecke, um ihnen zu zeigen, wie sie einen bessern Weg heimreiten könnten, dort über die Eisenbahn hinweg und dann eine kurze Strecke Feldweg bis auf die Landstraße. Als der Bauer zurückkam, sagte Magdalena: »Ihr sollet es wissen, es wird Euch auch freuen, aber Ihr saget es vorderhand nicht weiter, zu niemand. Das Fräulein da ist so viel als Braut von unsrem Albrecht.« Groß war das Staunen des Bauern. Bald aber staunte auch Theodora noch ganz anders. Am Ueberweg mußten die Reiter anhalten, denn eben sauste ein Bahnzug heran, und Theodora mußte alle Kraft anwenden, um ihr Pferd im Zügel zu halten. Die Rosenbäumchen am Bahnwärterhäuschen standen über und über in voller Blüte, so daß jeder Baum nur ein einziger Strauß schien. Der Bahnwärter, der die Reiterin starr betrachtet hatte, war ihrem Blicke gefolgt und wollte Rosen brechen, Theodora aber lehnte ab und sagte: »Laßt die Rosen am Stock, dann habt Ihr und alle, die da vorüberfahren, noch lange ihre Freude dran.« Der Zug sauste vorüber, Jakob öffnete den Schlag und grüßte kaum, der Staatsrat dankte verdrossen, Theodora nickte ihm nochmals freundlich zu. »Großvater, hast du bemerkt, welch wunderbare Augen der Mann hat?« »Ja. Wir wollen Schritt reiten. Das Gewitter scheint sich wieder zu verziehen. Ja, mein schwärmerisches Kind, da hast du deine Idylle, die gepriesene Rechtschaffenheit und Geradheit deines sogenannten Volkes. Dieser Bahnwärter ist der Vater der Eichbäuerin. Ich kenne ihn von lange.« Der Staatsrat bemerkte nicht, wie rasch der Atem Theodoras ging, und er fuhr fort: »Möglich, ja wahrscheinlich, daß der Bauer betrogen ist und nicht weiß, wer seine Schwiegereltern sind.« »Wer sind sie denn?« »Zuchthäusler, Sträflinge.« Das Pferd Theodoras machte einen Seitensprung, so daß sie fast aus dem Sattel fiel. Der Staatsrat sprang ihr schnell bei und als er ihr wieder die Zügel in die Hand gab, sagte er: »Was ist? Deine Hand zittert und du bist so bleich?« Mit Anspannung aller ihrer Kraft entgegnete Theodora: der Großvater solle ihr weiter berichten, und er fuhr fort: »Die Frau hat entschuldbare kindliche Diebeshehlerei getrieben, anders der Mann. Ich war sein Untersuchungsrichter und habe ihn weich gekriegt. Ich hätte dir gern deinen Idealismus erhalten, aber da siehst du, es ist nicht eitel Griesgram und Aristokratismus, wenn wir uns von der Krapüle fernhalten. Das sollst du auch; du magst immerhin in der Ferne schwärmen, nur darfst du mit diesen Menschen nicht mehr verkehren. Du kennst diese Frau, sie hat, ich will das nicht leugnen, gute Eigenschaften, sie war Pflegerin der Justizrätin Heister in ihrer letzten Krankheit. Heister hatte immer Anlage zur Sentimentalität und seine Frau hat das Talent noch ausgebildet.« Der Staatsrat hatte sich so in die Geschichte vertieft, daß er das ausbrechende Gewitter nicht gewahrte, das sich plötzlich in Donner und Blitz und bald in Hagelsturm entlud. Der Großvater wollte Theodora zulieb bei einem Bauernhofe am Wege absteigen und das Ende des Gewitters abwarten; aber Theodora beteuerte, daß sie Donner und Blitz nicht schrecken, und in scharfem Trab kehrten die beiden mit einbrechender Nacht nach der Sommerfrische zurück. Hilfreiche Genossinnen beklagten auf Treppe und Flur die Triefende und wollten ihr beistehen, aber Theodora eilte allein auf ihr Zimmer, verschloß hinter sich und riß in Hast und Verzweiflung die nassen Kleider ab. Draußen raste der Sturm fort, er riß die Zweige der Bäume hin und her, und als Theodora ans Fenster trat, sah sie die schlanke mächtige Pappel zusammenknicken und stürzen. Dreiundvierzigstes Kapitel. Der Hagelsturm, der die Pappel an der Sommerfrische knickte, entwurzelte auch einen Baum nicht weit von dem Bahnhäuschen. Jakob war mitten im Sturm heimgeeilt, der Wind tobte und heulte durch die Bäume, als rufe ein Unnennbares um Hilfe. Jakob hatte seinen sechsten Monturmantel fest angezogen, kein Unwetter ficht ihn an. Er war nicht weit von dem Kirschbaum, den er damals mit Magdalena gepflanzt, da raste ein neuer Sturm daher und entwurzelte den Baum. Einen Augenblick war Jakob erschrocken, dann sagte er, sich die schweren Regentropfen aus dem Gesichte wischend: »Gilt nicht! Fall du um, ich lasse mich nicht umreißen.« Ohne seinen Schritt zu beschleunigen, ging er ruhig seinem Hause zu. Magdalena war noch nicht da, er wartete geduldig und schickte Lisbeth zu Bette. Das Unwetter war vorüber, der Mond schien hell, als Magdalena kam. Sie setzte sich schwer ermüdet nieder und sagte: »Der Sturm hat den schönen Kirschbaum niedergerissen. So viel Jahre hat der Baum so viel Stürme ausgehalten. Ja es ist wie mit dem Menschen.« »Mutter, du willst mir was andres sagen. Ich weiß alles. Du hast sie oben beim Rikele getroffen und ich hab' die beiden auch gesehen. Jetzt, Mutter, jetzt heißt's feststehen.« Die beiden erzählten einander, was sie erlebt. Magdalena war voll Bangen, aber jetzt bewährte sich's, daß Jakob neuen festen Grund gewonnen; er sah allem, was nun noch kommen mochte, mit gelassener Ruhe entgegen, und diese Ruhe ging endlich auch auf Magdalena über. Sie erklärte erst jetzt, wie auch der Eichbauer die feste Zuversicht habe, daß alles noch zu Gutem ausgehen müsse. »Er ist uns ein großer Beistand,« schloß Magdalena. »Ist recht,« entgegnete Jakob, »aber zuerst bin ich mein Beistand.« Vierundvierzigstes Kapitel. Theodora, die hoch zu Rosse durch Wald und Feld geritten war, lief jetzt entkleidet, barfuß, wie eine Wahnwitzige im Zimmer umher und stöhnte händeringend: »So tief! So tief! O Wahrhaftigkeit! Biederkeit! Treuherzigkeit! Du Welt! Womit habe ich das verschuldet? Verschuldet!« Sie schaute um, wie sie das Wort aus ihrem eigenen Munde hörte. Sie stand am Fenster, daran der Hagel prasselte, und rief in das wilde Getön hinein: »Albrecht! Du wußtest und wagtest. O verzeih. Was hast du zu leiden, du Armer. Nein, nicht du. Wir. Ich mit dir. O ein einziger Tag! Heute, da die Sonne aufging . . .« Im Gedanken an jene Stunde flammten ihre Augen und ihr Körper fröstelte. Sie ward sich ihres verwahrlosten Zustandes inne und kleidete sich rasch wieder an. Der Gedanke stieg in ihr auf, daß der Großvater nur einen grausamen Scherz geübt habe, um sie von ihrer überschwenglichen Liebe zu den niederen Ständen zu bekehren. So schwach auch dieser Halt war, es trat doch eine flüchtige Beruhigung in ihr Antlitz, da sie jetzt Licht anzündete und das Zimmer wieder ordnete. Der Hagel hatte aufgehört, nur noch leiser Regen rieselte nieder und in der Ferne vergrollte der Donner. Theodora öffnete das Fenster, eine erquickende kühle Luft drang ein und sie atmete auf, wie neu zum Leben erwacht. Sie klingelte und ließ den Justizrat zu sich bitten, und noch bevor er kam, suchte sie sich mit dem Gedanken vertraut zu machen, daß der Großvater Wahrheit gesprochen, denn mit solchen Worten zu scherzen war doch kaum möglich. Bald trat Heister ein und sagte: »Du hast mich rufen lassen.« »Ja. Setzen Sie sich, mir versagt noch der Atem.« »Dein Großvater ist auch sehr unwillig, weil er sich von dir verleiten ließ, statt in einem Bauernhaus am Wege unterzustehen, durch das Hagelwetter zu reiten. Er läßt dir sagen, du sollest auch sofort zu Bette gehen. Was hast du? Warum kniest du nieder? Was ist das? Steh auf.« »Nein. Lassen Sie mich so sprechen. Sie wissen, daß ich Albrecht liebte wie nur je . . .« »Liebte? Und nun nicht mehr?« »O doch, doch. Und wenn alles . . . Lieber Freund! Der Großvater hat die Eltern Albrechts mit Worten bezeichnet, mit entsetzlichen . . .« »Das habe ich mir gedacht.« Er hielt inne und Theodora schaute zu ihm auf mit weit aufgerissenen Augen, mit offenem Munde und ihre Arme waren krampfhaft ausgestreckt: »Und es ist wahr!« rief sie. »Es ist wahr,« bestätigte Heister. Er beugte sich hinab, um die, wie er glaubte, Niedersinkende aufzurichten, aber ohne ein Wort, ohne einen Laut war Theodora aufgestanden und Heister sagte: »Gib mir die Hand. Du möchtest fragen, warum ich euch nicht früher von dem traurigen Geschick mitgeteilt?« Theodora nickte mehrmals rasch mit dem Kopfe, und Thränen, die in ihren Wimpern hingen, fielen nieder auf die Hand des Freundes, der fortfuhr: »Ich weiß zuversichtlich, daß Albrecht nichts von der Vergangenheit seiner Eltern wußte, wenigstens nicht bis zu seiner Krankheit.« Theodora entwand ihre Hand der des Freundes und ging mit raschen Schritten durch die Stube, dann stand sie wieder vor Heister still, der mit eindringlichem Tone fortfuhr: »Du bist so jung und doch ernst und einsichtig genug, um zu begreifen, daß der Mensch ein zweites, ein reines Leben gewinnen kann aus Verirrungen und Versuchungen heraus. Reue und Buße erneuen das Herz, so daß es feiner ist als das Herz der Unschuld. Wenn ein Mensch, ohne für seinen Fall mildernde Umstände zu plaidieren, geradeaus bekennt: ich that unrecht – da beginnt eine Neuschaffung seiner Natur. Liebes Kind! Ich habe in vieler Menschen Seele gesehen, aber ich kenne keine, die edler sind, als die Seele dieser, die in Strafhäusern gebüßt haben.« »Ich werde zeigen, wie ich sie ehre,« rief Theodora. »Liebes Kind! Mach dir recht klar, es ist leicht gesagt, ich schätze doch, die sich wieder aufgerichtet haben; aber im täglichen Verkehr sie voll erkennen lassen –« »Das kann ich, das werde ich.« »Ich vertraue dir, und ich hoffe mitzuwirken, daß alle Widrigkeit besiegt wird. Doch jetzt schlaf ruhig und halte dich tapfer. Gute Nacht, Kind.« Theodora aber legte sich noch nicht nieder, sondern schrieb bis tief in die Nacht hinein an Albrecht und an ihren Vater, sie müßten kommen. Fünfundvierzigstes Kapitel. Der Morgen war hell und frisch, der Staatsrat verließ sein Zimmer nicht und Heister ließ sich bei ihm melden. Der Staatsrat schien kaum überrascht, wenigstens ließ er nichts davon merken, als er hörte, daß der Techniker Albrecht der Sohn Jakobs und Magdalenas sei. Er ließ seine Enkelin rufen, sie bekannte offen ihre Liebe und erging sich in innigen Worten über die herzgewinnende rechtschaffene Natur Albrechts. »Und du glaubst in der That,« sagte der Staatsrat, »du glaubst, daß er nichts gewußt hat von dem Leben seiner edeln Eltern? Es sei. Mag der junge Mensch unschuldig sein. Wie kannst du aber nur noch einen Augenblick an solche Familiengemeinschaft denken?« »Großvater, es schmerzt mich tief, daß ein so hoher Geist wie du so unfrei—« »Danke für das Süße und das Saure. Ich bin und bleibe kein Anhänger eures Liberalismus, der alle Grenzsteine verrückt. Uebrigens störe ich euch nicht mit meinem altväterischen Wesen. Ich werde diesen Ort verlassen, bevor dein Vater und der Erwählte kommt. Ich überlasse dich der Obhut unseres Freundes hier.« Der Staatsrat stand auf und mit blassen Lippen sagte er: »Ich bitte die Braut des Herrn Ketterer, mich zu verlassen.« Theodora wendete sich, und als sie die Thüre öffnete, trat Albrecht ein. Mit einem Aufschrei umarmte ihn Theodora. Der Großvater hatte mit unsicher tastender Hand die Thürklinke erfaßt, er öffnete, da trat ihm sein Sohn, der Vater Theodoras, entgegen. Theodora hatte sich von Albrecht losgerissen und wollte ihren Vater umarmen, aber dieser wehrte ab, indem er mit heiterer Stimme sagte: »Hier bin ich zuerst Kind. Lieber Vater. Du siehst ja so schmerzlich, so erregt aus?« »Sieh die dort,« erwiderte der Staatsrat, »kann man da freudig und ruhig sein? Weißt du, wer der Mann da ist und seine Eltern?« Doktor Hornung nickte bejahend und der Vater fuhr fort: »Und nun laß hören, was entscheidest du?« Der Sohn legte begütigend die Hand auf die Schulter des Vaters, aber dieser rief: »Du zögerst? Du hast nicht den Mut, nicht die Geradheit zu sagen: es gibt keine Verbindung zwischen meinem Hause und dem Sohn der Sträflinge?« Albrecht stöhnte auf und der Doktor rief: »Vater! Wie magst du einen Unschuldigen so ins Gesicht hinein kränken! Das ist deiner nicht würdig.« »Würdig? Soll ich von euch lernen, was würdig ist? Von euch, die ihr alle Ehre, alle Scham mit Füßen tretet?« »Lieber Vater! Es ist gewiß schmerzlich, von Eltern zu stammen, die eine Schuld gebüßt haben, aber es ist auch schmerzlich, dabei sein zu müssen, wie der Vater eine Sündenschuld auf sich ladet.« »Wie? Wer? Mit wem sprichst du?« »Mit meinem großdenkenden Vater, mit einem Manne, der zu edel ist, um eine Uebereilung nicht zu bereuen.« »Bereuen? Also ich? Ach ja. Du bist ja ein Mann der Römertugend. Du hast die Tugend gehabt, in deiner Zeitung gegen deinen Vater zu schreiben. So schreib morgen: Mein Vater ist ein beschränkter Kopf, er findet es nicht schön, daß ich meine Tochter dem Abkömmling von Zuchthäuslern gebe. Starre mich nur an, du starker Römer! Euer ganzes Getriebe macht das Chaos! Ich weiß. Ich weiß, was du entgegnen willst. Ich werfe keinen Stein auf den Mann, aber weil ich keinen Stein auf ihn werfe, darum gehört er doch nicht an meinen Tisch, an mein Herz, in meine Familie.« Er sank in den Stuhl. Als sich ihm Theodora nähern wollte, rief er: »Berühre mich nicht, fort von mir! Fort! Alle!« »Nun ist's genug, verlaßt das Zimmer,« sagte der Doktor zu Albrecht und Theodora. »Geht. Geht zur Schwester auf den Eichhof. Ich bleibe hier und Sie auch, Herr Justizrat.« Nach einer Weile kam Heister auf die Hausflur zu den beiden Liebenden und sagte, der Großvater sei wieder ruhig und wolle schlafen. Still verließen Albrecht und Theodora die Sommerfrische. Sechsundvierzigstes Kapitel. Hand in Hand gingen Albrecht und Theodora den Feldweg dahin, dem Walde zu. Dort am Rande des Waldes setzten sie sich nieder. Sie hatten auf dem Wege kein Wort gesprochen und auch jetzt noch schwiegen sie, nur manchmal drückte eines dem andern fester die Hand, wie wenn es sagen wollte: ich weiß, was du in deiner Seele sprichst. Nun aber umfaßten sie sich und küßten einander die schweigenden brennenden Lippen und weinten. »Und nun genug Trauer,« faßte sich Theodora zuerst, »der herrliche Bibelspruch ging mir den ganzen Weg durch den Sinn. Sieh, dort überall arbeiten Sichel und Sense, und der Spruch ist unser: die mit Thränen säen, werden mit Freude ernten.« Theodora erzählte, daß sie gestern in dem Hagelsturm auf dem Wege war, und Albrecht berichtete, wie er den Brief erhalten und mit dem Vater gereist sei. Bald aber war alles Leid vergessen, und die Liebenden wanderten, als wäre das Gestern, das Heute, die letzte Stunde in fabelhafter Vergangenheit, und aller Kummer war nur ein Traum. »Mir blutet das Herz, daß du so viel Leid durch mich auf dich nehmen mußt,« sagte Albrecht aus gepreßter Brust. »Wir bezahlen alle Trauer voraus,« tröstete Theodora. Die Mittagsglocke von der Sommerfrische läutete herauf. Jetzt gehen sie dort alle geputzt zu Tische und wie viel haben sie heut' zu reden, und doch konnten sie nicht ahnen, wie die beiden hier lebten. Ein sanftes Säuseln zog durch die Wipfel der Tannen, keine Vogelstimme war laut. Im Wege lagen geknickte und entwurzelte Tannen, die Wandernden mußten oft Umwege machen. Sie pflückten Erdbeeren und waren weltvergessen wie die Kinder. Albrecht fand die Stelle leicht, wo er einstmals als Knabe aus Schindeln sein kunstreiches Mühlwerk gebaut hatte. Er erzählte Theodora, wie er kaum sieben Jahre alt, keine Ruhe hatte, bis er zur Quelle des Baches hinaufkam; er wollte sehen, wie der Bach aus der Erde springt, und als er dort oben war, wo auf der Bergspitze die Waldwiese ist, da habe er die Quelle vergessen und zum erstenmal gesehen, wie wunderbar da sich die Berge ineinander schieben, wie weit das Thal und wie schön die Welt. Sie kamen aus dem Wald, da war wieder der offene helle Tag und in der Ferne sah man den Eichhof. Sie schritten frohgemut darauf zu. Der große Hund erkannte den Bruder der Bäuerin und leckte ihm die Hand. Es war niemand da, alle waren draußen bei der Ernte. Die Thüre war leicht zu entriegeln; die beiden saßen in der Stube und Theodora sagte: »Auch in solcher weltvergessenen Einsamkeit wäre ich glücklich mit dir allein, du Einziger.« »Und ich nicht,« entgegnen Albrecht, »ich muß mit vielen Menschen sein und auf viele wirken.« »Das ist wahr, das ist besser.« Albrecht öffnete die Tischschublade, in der Brot lag, er schnitt ein Stück ab, da hörte er eine Kuh im Stalle schreien; in lustigem Tone sagte er: »Die Kuh ruft, ich soll dir einen Topf Milch melken.« Er ging nach dem Stall, da begegnete ihm die Schwester, die eben heimgekehrt war. Sie wurde schnell unterrichtet und Albrecht fragte, wo denn der Bauer sei; der war mit dem Förster in den Wald gegangen, wo ihm der Hagelsturm mehrere Hundert Stämme umgerissen hatte, aber glücklicherweise fast lauter schlagbare. Rikele erzählte, daß ein Brief angekommen sei, Lena werde heute aus Ostindien eintreffen. Siebenundvierzigstes Kapitel. In der Sommerfrische saß wie gewöhnlich die Präsidentin von Kastelburg am oberen Ende des Tisches, der Platz des Staatsrats und Theodoras blieb unbesetzt. Die Präsidentin hatte sich's verbeten, daß von dem großen Ereignisse des Tages weiter gesprochen werde. Das war freilich hart, denn was konnte sonst von Interesse sein? Aber die Präsidentin war empört, wie man teils schadenfroh, teils mitleidig sich darüber ausließ, daß Theodora den Sohn eines Sträflings liebte, und man erging sich noch in allerlei Fabeln von Raub und Mord, die der Vater verübt hätte. Sobald die Tafel zu Ende war, ließ sich die Präsidentin beim Staatsrat melden. Doktor Hornung, der eben bei seinem Vater war, ging auf die Hausflur, um die Besuchende abzuhalten, sie aber rief laut: »Mich empfängt Ihr Herr Vater, wenn er wach ist.« Der Staatsrat öffnete die Thür und sagte höflich: »Sehr erfreut,« und zu dem Sohne gewendet, fuhr er fort: »Laß mich mit der Frau Präsidentin allein.« Der Doktor ging, und die Präsidentin begann lächelnd: »Im Leben des schönen Otto hören doch die Abenteuer nicht auf.« Der alte Herr dankte verbindlich und die Präsidentin fuhr fort: »Du erlebst nun Abenteuer an Kindern und Kindeskindern.« »Ich bitte, nicht du zu sagen, wir können doch belauscht werden.« Mit gedämpfter Stimme fuhr die Präsidentin fort: »Ich kann bei dem, was ich zu sagen habe, nicht anders, aber ich will leise sprechen.« »Und was bringt mir meine verehrte Freundin?« »Vor allem bedenke, was du zerstören kannst. Du darfst stolz auf diese Enkelin sein, sie vereinigt Mut und Anmut, sie ist weich und tapfer, in ihrer Natur ist Erz und Blume gemischt.« Die Redende sah lächelnd auf und erwartete ein Lob; dem Staatsrat aber schien es peinlich, den Ruhm seiner Enkelin zu hören. Dennoch sagte er im verbindlichsten Tone: »Es freut mich, meine Enkelin so erkannt zu sehen. Aber verehrte Freundin, ich gestatte niemand außer Ihnen ein Recht, in das drein zu reden, was ich jetzt zu thun und zu lassen habe.« »Schön! Sehr schön! Aber ich bitte dich, zu bedenken, daß Egoismus und Liebe dir dein Verfahren bestimmen müssen.« Der Staatsrat stutzte. Die Frau hat es darauf abgesehen, Gegensätze zu vereinen. Die Präsidentin aber erklärte: »Du zerstörst durch deinen Widerspruch dir ein Glück, da du dir die Freude an deiner Enkelin aus der Seele reißest, und du zerstörst ihr das volle Glück, da sie stets deines Widerspruchs gedenken muß. Kannst du das leugnen? Gibt es irgend etwas, in dem du Ersatz finden kannst für die Liebe dieser Enkelin?« »Nein,« entgegnete der Staatsrat, »aber ich kann mich nicht in diese Sphäre begeben. Kennen Sie die Geschichte dieses Mannes?« »Vollkommen! Ich habe mir die Geschichte dieses Bahnwärters von deinem Freunde Heister erzählen lassen. Also der dumme Junge mit den Pfeilen hat da auch sein Spiel gehabt? Nun haftet seinem Vergehen nichts Gemeines mehr an. Und dann, sieh höher hinauf. Ihr findet es erhaben, wenn ein Gott eine reuige Sünderin aus den Flammen in den Himmel hebt. Ist es nicht schöner und größer, daß die Erlösung sich auf Erden vollziehe in reuigen Thaten? Und die vor Schuld bewahrt sind, verdanken es nicht immer ihrer Tugend.« »Das sagen Sie?« »Ja. Erinnere dich einer wunderlichen Geschichte, sie ist fast ein Märchen. Der schöne, geistreiche und liebenswürdige Assessor liebte die Frau seines Gerichtsdirektors und sie ließ sich die Huldigungen gefallen, sie hatte auch ein junges heißes Herz. Und eines Abends, die beiden waren allein, wagte der junge Mann ein stürmisches Geständnis und die junge Frau hatte den Mut zu sagen: ›Den Tag, an dem ich meiner Liebe zu dir nachgebe, den überlebe ich nicht; du darfst nicht fortgesetzt heucheln und ich nicht . . .‹ Und da standen sie beisammen und weinten und waren doch sonst so lustige Menschen. Du hast mich nachmals zu deiner Wahlschwester ernannt, und als du mir deine junge Frau zuführtest, danktest du mir, daß du einer solchen würdig geblieben.« Der Staatsrat sah zu Boden, er hatte sich in dieser Freundin doch geirrt; sie gefiel sich nicht in gesprächsamen Tändeleien, sie hatte sich mit dem Fortschritt der Jahre immer mehr veredelt. Die Präsidentin mochte ahnen, was in dem Jugendfreunde vorging, ein wunderbares Lächeln ging über ihr Antlitz und verschönte dasselbe, indem sie wieder das Wort nahm: »Dieser einfältige Knecht hat den Mann seiner Geliebten, sei es fahrlässig, sei es mit Vorbedacht, getötet. Das ist Verbrechen, ist roh. Dafür haben eure Gesetzbücher Strafen. Aber es ist kein Verbrechen und es ist fein, mit dem Gatten der Geliebten spazierenfahren, reiten, jagen, Whist spielen und schöne Dramen mit verteilten Rollen lesen und dabei –« »Bitte, liebe Freundin, ich bin angegriffen –« »Gut, ich habe alles gesagt. Ich weiß, du wirst deine Hochsinnigkeit bewähren. Vergeude nicht in deinen Jahren die Liebe zu deiner Enkelin. Und nun leb wohl!« Sie ging, auf ihren Stab gestützt, davon. Man hörte noch durch die lange Flur, wie sie mit dem Stocke aufstieß. Achtundvierzigstes Kapitel. Im Bahnhäuschen war man eben von Tisch aufgestanden, Jakob steckte sich seine Pfeife an, Lisbeth trug das Geschirr weg. Sie kam aber bald wieder und rief: »Mutter! Vater! Die Lena kommt mit ihrem Kind.« Magdalena eilte laut schreiend den Ankömmlingen entgegen und Jakob ging rauchend Schritt vor Schritt. Man muß männliche Haltung bewahren, nur nicht weibermäßig sich auslassen – sprach er in sich hinein; aber er mußte sich doch gewaltsam aufrecht erhalten, er spürte es in den Knieen, wie ihn die Nachricht gepackt hatte. »Ist gut, daß wieder ein klein Kind im Haus, und wir haben Platz,« sagte er zu Lena, die ihn umarmte. »Ich will dein Kind tragen, ich bin froh, daß wieder eins da ist, das man noch auf den Arm nehmen kann.« Er nahm das vierjährige Kind auf den Arm und trug es, und that was Großes, er that dem Kinde zulieb die gut brennende Pfeife weg. In der Stube weinten die Frauen miteinander. Jakob setzte sich auf die Hausbank und zündete die unterbrochene Pfeife frisch an. Es war ihm heute aber keine Ruhe gegönnt, denn Heister kam und erzählte die Vorgänge auf der Sommerfrische. Er war hocherfreut, Lena, die Witwe des Missionärs, zu bewillkommnen und fragte sie, ob sie und ihr Kind mit den Eltern zu ihm ziehen wolle. Sie verstand ihn nicht, und er mußte ihr erklären, daß er ein Gut in der Nähe gekauft, und daß Jakob und Magdalena es ihm bewirtschaften und ihn pflegen wollten. Auch Lena bejahte und es gab sogar Lachen, da Magdalena sagte: »Unsre brave Kuh nehmen wir mit, die verdient's, einmal wieder Kameradschaft zu bekommen.« Jenseits der Bahn bestieg Heister sein Fuhrwerk und fuhr in die Sommerfrische zurück. Der heiße Mittag lag auf der Landschaft, Jakob stand am Ueberweg bei seinen Rosen und freute sich, daß der Sturm ihnen nichts angethan, ja alle Knospen waren aufgebrochen. Da kam Doktor Hornung und reichte Jakob die Hand, und Jakob sagte: »Diese Hand hat mir viel Gutes gethan, ich mein', geschrieben, seit Jahren, tagtäglich.« So vieles auch Hornung auf der Seele hatte, diese Ansprache ließ ihn einen Augenblick alles vergessen, und er schaute verwundert in das Antlitz Jakobs und in seine seltsam glänzenden Augen. Er berichtete, daß er auf dem Wege sei, Albrecht und Theodora vom Eichhof abzuholen, er werde bald mit ihnen in das Bahnhäuschen kommen. Neunundvierzigstes Kapitel. Der Abend brach herein, noch nie waren so viele Menschen im Bahnhäuschen zusammen gewesen. Doktor Hornung kam und mit ihm Theodora und Albrecht, der Eichbauer und Rikele. Zunächst schien es, als ob alle nur da wären, um Lena zu bewillkommnen. Niemand sprach von der Verlobungsfeier, und man hörte sogar ruhig dem Eichbauer zu, der erzählte, daß ihm der Sturm mehrere Hundert Bäume in seinem Walde niedergerissen habe, aber glücklicherweise fast nur schlagbare. Da ging die Thüre auf und die Präsidentin, der Staatsrat und Heister traten ein. Niemand schien das erste Wort finden zu können, da begann derjenige, von dem man's am wenigsten erwarten durfte. Der Eichbauer trat auf den Staatsrat zu und sagte: »Herr Staatsrat! Sie sind ein vornehmer Herr, aber wir haben auch unsre Ehre, so gut wie jeder; und was auch gewesen sein mag, ein Ehrenmann ist mein Schwiegervater, ein rechtschaffener.« »Komm her, Jakob, gib mir deine Hand,« entgegnete der Staatsrat, »du bist ein braver Mann und ich sage ja.« Ein Wonneschauer durchrieselte alle Angehörigen. Der Staatsrat konnte sich kaum aufrecht erhalten vor all der Liebe, die ihn umdrängte. Jakob führte ihn in den Lehnsessel, und Magdalena zündete die beiden Wachskerzen an, die seit dreißig Jahren ungebraucht in den Glasleuchtern auf der Kommode standen; sie beleuchteten glückliche Gesichter, alte und junge. Inmitten des Jubels vergaß Jakob seinen Posten nicht, er hatte den Ueberweg zu schließen. Er war zum Nachtzuge hinausgegangen; als er wieder kam, trug er einen Arm voll Rosen und warf sie Theodora in den Schoß. Dann begleitete er mit den Seinen die neuen Verwandten und Freunde zum Fuhrwerk, das jenseits der Bahn wartete. Auch Albrecht sollte mit davon fahren. Auf dem Wege sagte Jakob: »Herr Oberamtsrichter, will sagen Herr Staatsrat! Ich möchte noch was sagen, was Gutes.« »So sprich.« »Ich kann's nur Ihnen allein, die andern brauchen nichts davon zu wissen.« Der Staatsrat ging mit ihm allein und Jakob sagte: »Herr Staatsrat! Ich verzeih' Ihnen – wie mir unser Herrgott verzeihen soll und, wie ich glaube, auch verziehen hat, – daß Sie mir das damals haben anthun lassen.« Da der Staatsrat schwieg, fuhr er fort: »Nun habe ich nichts mehr auf der Seele.« Der Staatsrat hielt die Hand Jakobs, bis er in den Wagen stieg. – Jakob saß auf der Hausbank und blies den Fortziehenden die lustigsten Stücklein nach, und er blies noch lange, als sie ihn nicht mehr hören konnten. Fünfzigstes Kapitel. Jakob und Magdalena leben auf dem Gute Heisters, Lisbeth, der Nestling, hat den ehemaligen Hilfswärter geheiratet, der nun wohlbestellter Bahnwärter im Häuschen Numero 374 ist . . . Es war an einem Julitage des Jahres, das wir jetzt schreiben, da kamen Jakob und Magdalena auf dem Zuge von der Hauptstadt; sie waren festlich geschmückt und schauten heiter drein, zumal Jakob war hochgeröteten Antlitzes und seine Augen flimmerten. Die Großeltern kamen von der Taufe des Erstgeborenen Albrechts. »Schade, daß der Staatsrat so schnell hat davon müssen,« sagte Jakob, »ich hätt's ihm gegönnt, das Urenkele zu erleben; er ist ein stolzer Mann gewesen, aber kein unrechter. Schaffner! Meine Frau hat die Fahrkarten, sie ist Meister. Ich bin auch bei der Bahn angestellt gewesen. Wo hält man an zu einem Schoppen? Ich hab' so Durst!« Magdalena mußte alle ihre Beredsamkeit und Freundlichkeit aufwenden, um Jakob zu beruhigen. Sie näherten sich dem Bahnhäuschen Numero 374, am Ueberwege stand der Schwiegersohn stramm, und Jakob sagte zu seiner Frau: »Das ist meine Ablösung.« Sie sausten an ihrem alten Heim vorüber und Jakob sagte wieder: »Ja, ja, wenn's nicht wahr wäre, man sollt's kaum glauben, was alles da aus dem Nest ausgeflogen ist. Ich wäre nur noch gern dageblieben, bis ich wenigstens den siebenten Monturmantel gefaßt hätte. Ich glaub', ich hätt's bis zum zehnten gebracht.« Magdalena sah ihn feuchten Auges an und er fuhr lustig fort: »Was meinst, was ein Bahnwart drüben in der andern Welt zu thun kriegt? Warum weinst?« »Ich hab' mir eben gewünscht, daß wenn wir sterben müssen, wir beide miteinander sterben. Du sollst nicht allein bleiben, und ich auch nicht.« »Hoho! Sterben! Da halten wir noch lang nicht. Im Elsaß drüben hat's mein guter Kamerad, der Valentin aus Bingen, im Sprichwort gehabt: Mit dem Sterben wollen wir warten bis zuletzt.« Brigitta. Zum goldenen Lamm lautet die Umschrift auf dem weit vorragenden Wirtsschilde, und das rundliche vergoldete Lamm beugt den Kopf bescheiden, aber doch auch mit einer leisen, fast neugierigen Wendung. Den bitterlich herben, aber auch erfrischenden Duft von gepreßten Waldkirschen atme ich, indem ich an das Wirtshaus an der Landstraße denke. Es ist zur Zeit, wo sich der Sommer zum Herbste neigt. Auf den Thalwiesen mit Stellfallen, wo der floßbare Waldbach eilig dahinströmt, wird das Oehmd gemäht; manchmal hört man die Sense wetzen, und ein flüchtiger Sonnenblitz zuckt von der Klinge zurück. In den Nußbäumen hinter dem Hause und weiter oben am Hügel in den zahmen Kastanien schäkern die Nußhäher und fliegen ab und zu. Die Forellen in dem bis zum Grunde klaren Bergbach schwimmen lustig hin und her und ahnen nichts davon, daß in dem angekettelten Kasten ihre Genossen eingesperrt sind. Eine erquickende Lust von Wasser, Wiese und Feld umweht das Haus. Es wäre nur zu wünschen, daß sich etwas von solcher Lust in diese Blätter einströmen ließe. Ja, es gibt noch verborgene ruhsame und nährsame, in altväterischer Traulichkeit gehaltene Wirtshäuser, und der behaglichsten eines ist das goldene Lamm. Das breite, einstöckige Haus hat sich von der Landstraße zur Seite gerückt, um den haltenden Fuhrwerken Platz zu lassen. Vorzeiten standen hier mehr als ein Dutzend fliegender Krippen, an denen die Frachtgäule unabgeschirrt gefüttert wurden. Wer vom Berge kam, freute sich im Thale zu sein, und wer bergauf zog und Vorspann brauchte, nahm selber auch Vorspann an einem guten Schoppen hieländischen Gewächses, das der landsmännischen Zunge gar wohl mundet. In der Küche prasselte das Feuer und duftete es wohl damals nicht besser als heute, wo ein Tunnel durch den Berg gegraben ist. Jetzt eben braust der Bahnzug hinein, er stößt noch einen hellen Jauchzer aus, dann verschlingt ihn der Berg, und stille ist's ringsum. Nur manchmal kommt noch langsam eine Holzfuhre krachend daher oder auch ein schnelles Bernerwägelein, mit wohlhäbigen Männern und Frauen in der Landestracht besetzt; die von einem Begräbnis kommen, halten an und lassen sich den Wein herausbringen; die von einer Lustbarkeit kommen, fahren rasch vorüber und winken dem Lammwirte, sie hätten heute genug . . . Die Flößer, die das Stammholz vom obern Thal und aus den Wäldern herabbringen, stellen gern ihre Ruderstangen am Hause auf, zum Zeichen, daß sie hier Rast halten; sie würdigen das reichliche Essen und den reinen Wein dieses Hauses, darum richten sie es gern so ein, daß sie hier übernachten können. In der großen Stube mit dem grünglasierten Kachelofen und der laut tickenden Schwarzwälder Uhr, da sitzen die wetterharten Riesengestalten der Flößer, die sich vorher säuberlich gemacht, bevor sie sich an den langen Tisch setzen; sie stemmen sich auf mit ihren kraftstrotzenden nackten Armen und verzehren ungeheure Stücke von fettem Fleisch und gehäufte Teller dicken Meerrettigbreis; an Trinken fehlt es natürlich auch nicht, zwischen je zwei Mann steht eine offene Weinflasche, die mehrmals leer und wieder voll ist. Anfangs sprechen die Männer kaum ein Wort, sie essen und trinken still, fast feierlich ernst, dann aber wird's laut wie beim Anruf auf dem brausenden Wasser; nicht umsonst sagt man von einem Manne durchdringender Rede: er hat eine Stimme wie ein Flößer. Wenn die Männer sich dann zur Ruhe begehen, um früh vor Tag wieder aufzubrechen, sagt wohl die Wirtin in ihrem begütigenden zuversichtlichen Tone: »Thut sacht, ihr Mannen! Wir haben einen wunderlichen Schriftgelehrten im Haus, der einen gar leisen Schlaf hat, und er braucht Ruhe.« Dann ziehen die Gewaltigen ihre schweren hohen Wasserstiesel aus, gehen in Strümpfen geräuschlos in die Dachkammern und kommen am Morgen ebenso geräuschlos wieder herab. Ja, die Wirtin weiß, welch ein Heiligtum und Heiltum die Stille ist; sie weiß auch, was ein nervöser Mensch bedarf, sie hat's vielfach erfahren. Es soll aber verschwiegen bleiben, wo das Wirtshaus zum goldenen Lamm zu finden ist, denn sonst bekommt es einen Stern in den Reisebüchern, und übers Jahr verscheuchen karrierte Engländer und rot beshawlte Engländerinnen die heimische Ruhe, und statt der schüchternen, aber sorgsam saubern Agnes bedient uns ein mit seinem Schicksal unzufriedener schwarzbefrackter Jean, und der echte Honig – man muß ja jetzt zu allem echt sagen – der von den Bienenstöcken im Krautgarten, reicht nicht mehr aus; es muß gefälschter aufgesetzt werden. Und was noch das Schlimmste wäre, es käme ein Klavier ins Haus, und die Gäste, die aufs Essen warten oder auch eben sich gesättigt haben, klimpern zu eigenem Zeitvertreib und zum Ruhevertreib der Hörer. Nein, die Welt braucht das Haus nicht zu finden. Die Wirtsleute freuen sich, wenn Gäste kommen, sind aber nicht verzagt, wenn sie ausbleiben; denn sie sind nicht bloß Gastwirte, sie haben Aecker und Wiesen und Wald, und wer das Glück hat, im Lamm zu wohnen, dem sagt jedermann: »Da sind Sie gut aufgehoben, der Mann und die Frau haben keinen Feind landauf und landab, nur einen haben sie gehabt, und an dem hat die Frau Gutes gethan, wie man's kaum für möglich halten sollte.« Die Leute sprechen viel mehr von der Frau als von dem Mann. Sie verkehrt mit den Bauersleuten, als wäre sie noch ganz und nur ihresgleichen, und dabei hat sie sich keinen Zwang anzuthun; denn im Grunde ist sie noch das einfache Bauernkind, obgleich sie ein gut Teil Welt bis in die höchsten Kreise hinein kennen lernte und die besten Bücher besitzt, die sie mit Verständnis gelesen hat. Dem Mann ist es lieb, daß mehr von der Frau als von ihm die Rede ist, und doch verdient er den besten Ehrenruf und hat ihn auch. Er braucht indes kein Lob von fremden Menschen, er hat an einem genug, und das kann ihm auch genug sein. Da kommt sie aus dem Hause und steht bei einem Bauern in der Oberländer Tracht auf der Freitreppe. Sie ist groß und schlank und hat eines jener Gesichter, denen man ansieht, wie mancher Schmerz darin zuckte; nun aber wohnt Friedsamkeit darauf, und zumal die braunen Augen, die noch jugendlich hell leuchten, haben einen Ausdruck der Sicherheit und des festen Wohlwollens. Ihre Haltung ist stramm aufrecht, sie trägt sogar den Kopf etwas hoch, man sieht ihr eben das Soldatenkind an und vielleicht auch etwas von dem Selbstgefühl der Bauernprinzessin. Sie reicht jetzt dem Manne die Hand und sagt: »Lebet wohl und kommet wieder und grüßet alle daheim, die noch an uns denken.« Sie kehrt ins Haus zurück, dafür kommt jetzt der Lammwirt vom Röhrbrunnen her; er ist bei guten Jahren, etwas wohlbeleibt, aber noch flink dabei. Jetzt geht er bedächtig im kleinsten Schritt, denn er hat eine Bütte voll Wasser auf dem Rücken und geht damit nach der Brennerei im Erdgeschoß, wo er Kirschwasser bereitet; nur einmal schaut er flüchtig um nach den Schweinen, die in den aufgeschütteten Trestern und Kernen knarfeln und einander manchmal wie zum Scherz anstoßen, damit sie aufjauchzen können. Wenn der Lammwirt Zutrauen zu einem Gaste hat – denn er ist nicht ohne Mißtrauen – dann holt er die roten Schächtelchen herbei, darin fünf Ehrenmünzen sind, Auszeichnungen von verschiedenen Ausstellungen; die von Paris zeigt er zuletzt. Auf welche er den größten Wert legt, darüber läßt er sich nicht aus, denn er ist ein Wirt und hat in der Schweiz gelernt, es mit allen Nationen zu halten. Dabei ist er aber überzeugt, daß reines Kirschwasser ein Heilmittel für alles ist; es erwärmt nicht nur, es kühlt sogar nachträglich, behauptet er. Wenn man das gute Getränk lobt, vergißt er nie hinzuzusetzen: »Ich hab's von meinem Vater gelernt, das zu machen; es gehört ein besonderer Schick dazu.« Er ist ehrlich stolz auf seinen Kirschwasserruhm, sonst aber macht er sich nicht viel aus der Meinung der Welt, denn, wie gesagt, er hat einen Menschen, der ihn hoch hält, und das ist ihm genug und kann ihm auch genug sein. Hören wir die Frau selber. Erstes Kapitel. Ja, mein Mann sagt auch, ich soll alles erzählen. Und so sei's. Bis auf die letzte Wurzel will ich ausgraben. Ich bekenne das Gute und das Schlechte, und das eine ist ebenso wahr wie das andere. Man sagt mir nach, daß ich das schwerste Gebot geübt habe: Liebet eure Feinde – ich bin nicht so brav, wie die Menschen glauben; der eine gilt für braver, als er ist, der andere für weniger. Mein Mann sieht gar nicht fein aus, aber wer ihn und unsere Geschichte ganz kennt, der muß sagen: Allen Respekt vor so einem Mann. Es mag Vornehmere geben, aber keinen Rechtschaffeneren und Besseren, und grundgescheit ist er auch, nur in einem Stück nicht; er sieht es noch jeden Tag als ein stolzes Glück an, daß ich, eine Großbauerntochter, ihn zum Mann genommen, und wenn er sich besonders Gutes anthun will, heißt er mich die Prinzeß vom Schlehenhof. Ich bin auf dem Schlehenhof geboren, aber das Haus ist mit keinem Auge mehr zu sehen, da, wo es gestanden, wachsen jetzt Waldbäume. Da droben auf der Bahn nach dem Bodensee, dort auf der Wasserscheide, ehe es thalab geht, da sieht man mitten im dunkeln Tannenholz einen hellen Laubbaum, das ist die hohle Linde an dem eingefallenen Brunnen, das ist die einzige Spur, daß da einmal Menschen gewohnt haben. Ich bin vor zwei Jahren noch einmal dort gewesen, aber keine zehn Rosse bringen mich mehr hin. Freilich, Gedanken sind stärker als zehn Rosse, und die bringen mich noch oft von selbst hin, im Traum und im Wachen; und da sehe ich das Haus, breit und groß mit dem dicken Strohdach und den braunen Balken, aus denen es aufgebaut ist; an der Ecke auf der Morgenseite sind viele Fenster nebeneinander, und vom Berge herab kann man in die obere Scheune hineinfahren. Daneben sind die großen Ställe, drin die Rosse an ihren Ketten klirren und die große Schelle von der Vorkuh und die bimmelnde Schelle von dem schwarzen Geißbock klingelt, und ich höre die Stare in der Linde am Brunnen zwitschern. Es hat geheißen, unser Haus sei eines der ältesten in der ganzen Gegend, eines der kältesten ist es sicherlich gewesen; wir haben aber nicht viel davon gespürt, die Stube war das ganze Jahr geheizt, und wir haben ja Holz genug: mehrere hundert Morgen Wald, ich weiß nicht mehr wie viel, gehören zu unserem Hof. Es war meiner Mutter Gut, der Vater war der ältere Sohn vom Oberbauer, der jüngere, der Ohm Donatus, hat das Vatergut bekommen, und mein Vater hat zu dem, was er erheiratet hat, noch ein Gut dazu erwerben wollen, und das war's eben . . . Am Haus war ein Baumgarten und drum herum ein paar Aecker, aber nicht viel. Wir haben da oben nur Haber und Kartoffeln gepflanzt, Heu haben wir verkauft, Brotfrucht haben wir kaufen müssen; denn auch die paar Aecker, die wir drunten beim Dorf haben, reichen nicht aus für unsern Hausbrauch mit den vielen Dienstleuten und Taglöhnern. Wenn einmal eine Familie weggestorben oder aus dem Dorf weggezogen ist, da hat der Vater die feil gewordenen Aecker nicht gekauft; er hat gesagt, die armen Leute sollen auch einmal zu Grund und Boden kommen. Er hat's gut mit den Menschen gemeint, wenn er's auch nicht so im Wort hergegeben hat. Er ist zufrieden gewesen bis – ja, das werde ich schon erzählen, wenn ich dran komme. Damals – die ganze Geschichte geht auf mehr als dreißig Jahre zurück – damals war vom Dorf aus eine Fahrstraße bis an unser Haus, jetzt ist nur noch ein Fußweg da; der Staat hat oben in halber Höhe des Waldes einen Holzweg durchschlagen lassen, und der Wald zieht sich in einem Schluß fort; stundenweit, sagt man, kann jetzt ein Eichhörnchen von einem Baum zum andern springen. Einsam ist es gewesen auf dem Schlehenhof, aber wenn man's gewöhnt ist, braucht man keine Menschen. Manchmal ist ein Metzger, ein Holzhändler oder ein Viehhändler gekommen und im Herbst der Krautschneider mit seinem Hobel, auch den Sattler haben wir ins Haus genommen; unser Kettenhund hat nicht zu bellen aufgehört, solang ein fremder Mensch da war. Am Abend hat der Vater geraucht, und die Mutter hat gesponnen; wir haben auf einem der Aecker beim Dorf immer Hanf gepflanzt, und der ist im Haus versponnen worden. Wenn der Weber gekommen ist, um das Garn zu holen, war die Mutter immer besonders vergnügt; Nähgarn hat sie immer selber gedreht an einem Ring, der am Deckenbalken angebracht war. Ich habe, als ich in die Schule ging, auch manchmal aus meinen Schulbüchern vorgelesen, ich hab' von jeher gern gelesen. Die Mutter hat sich auf Anempfehlung des Pfarrers auch eingeschrieben auf eine Geschichte der Heiligen, davon ist alle Monat ein gelbumschlagenes Heft gekommen, mit vielen Bildern drin. Ich habe daraus auch vorgelesen, aber nicht gern; ich hab's selber an mir gespürt, was die unschuldigen Gottesmänner für Qualen und Marter erleiden müssen, und habe dann oft aus dem Schlaf aufgeschrieen, denn was da so grausig abgebildet war, ist leibhaftig auf mich zugekommen, daß mir angst und bang geworden ist. Da hat der Vater verboten, daß künftighin derlei in der Nacht gelesen werde, und was der Vater gesagt hat, war ein für allemal gesagt. Er hat sonst nicht viel geredet und die Mutter Meister sein lassen, besonders über uns Kinder. Der Vater hat Alexander geheißen, man sagt aber bei uns Xander; er hat bei den Feldjägern mit den großen Bärenmützen gedient, das Regiment ist schon lang nicht mehr, aber der Vater war stolz auf seinen ehrenvollen Abschied, der an der Wand hängt in einem goldenen Rahmen. Ja, darauf hat sich der Vater viel eingebildet, und das ist sein Unglück geworden und das unsere. Wir sind fünf Geschwister gewesen, drei sind früh gestorben, und die Mutter hat oft gesagt – aber nur zu Fremden und wenn der Vater nicht da war – der Hof sei zu rauh; in alten Zeiten mögen's die Menschen da leichter ausgehalten haben, jetzt seien eben die Menschen nicht mehr so stark. Sie hat auch viel gehustet. Ich bin das jüngste Kind, bin im Wohlstand aufgewachsen und auch in Frieden bis in mein dreizehntes Jahr. Friede war in unserem Hause, Lustigkeit nicht; man hat gearbeitet, gebetet, gegessen und geschlafen. Wir hatten sechs, manchmal auch acht Rosse im Stall, und wir haben selber Fohlen gezogen. Der Schmaje, ein Viehhändler, hat dem Vater gebracht, was nötig war, und hat mit fortgenommen, was unnötig und für uns nichts mehr nutz war. Der Vater hat mit den Knechten geschafft wie einer von ihnen. Wir haben die Stämme in die Sägmühlen und das Brennholz auf den Markt mit unseren eigenen Rossen geführt. Der Vater hat auch – ich glaub', der Förster Jorns, er war damals noch jung, hat ihm dazu geraten – einen Schälwald angelegt, droben auf der Hochebene, wo bis dahin Aecker waren, die aber nur wenig Frucht gebracht haben. Der Eichenschälwald hat gut Geld eingebracht, und die einzig lustige Zeit war, wenn im Frühling die Eichenschälerinnen gesungen haben. Die Bonifacia, die Frau des Wegers, war auch immer dabei, die wußte die meisten Lieder, und ich und meine ältere Schwester, wir haben auch geholfen; von da habe ich auch noch die vielen Lieder im Gedächtnis, sie gehen mir oft durch die Seele, und dann ist mir's allemal, wie wenn ich den Saft von den jungen Eichen rieche. Sonntags sind wir in die Kirche gefahren – es ist fast eine Stunde weit – meine Schwester und ich auf dem Hintersitz, Vater und Mutter auf dem Vordersitz; unsere Schimmel mit dem schönen Geschirr waren angespannt, und stolz sind wir dahingefahren. Es ist kaum ein Wort geredet worden, man verlernt auch das Reden in der Einsamkeit. Der Vater hat keine Kameradschaft, selten ist er in die Wirtsstube beim Engel gegangen, wo wir unsere Schimmel einstellten; wenn seine Pfeife im Stand war, war er zufrieden, und wenn ihn ein Kamerad vom Regiment ansprach, reichte er ihm seinen Tabaksbeutel hin, daß er sich auch stopfe, Zigarren hat's damals bei uns noch nicht gegeben. Der Vater war Obmann beim Gemeindeausschuß, sie hätten ihn gern zum Bürgermeister gemacht, aber wir wohnten zu weit ab; man kann da nur einen Mann brauchen, der näher bei der Kirche, bei Rat- und Schulhaus wohnt, wo die Leute ihre Sachen leichter vorbringen können. Wenn der Vater auf dem Rathause war, ist die Mutter mit uns zwei Mädchen zu armen Leuten gegangen, sie hat uns gern dabei gehabt, wenn sie Wohlthaten übte, und die Armen haben oft gesagt: »Ja, Kinder! Euch muß es gut gehen. Die Gutthaten von eurer Mutter müssen an euch vergolten werden.« Da hat dann die Mutter uns angesehen, in ihren Augen ist's geschwommen, sie ist gar weichherzig gewesen. Wer hat's ahnen können, daß es uns so ergehen wird und daß ich allein übrig bleibe und es nach Schwerem wieder so gut bekomme, wie ich's jetzt habe? Zweites Kapitel. Das letzte Haus im Dorfe nach unserem Hofe hin war das des Wegers – so heißt man bei uns den Straßenwärter. Um das Haus herum war alles so sauber, und in dem kleinen Gärtchen waren die frühesten und die spätesten Blumen und wohlgepflegte Gemüsebeete, und drin in den kleinen Zimmern war alles wie in einer Puppenstube. Die Bonifacia hatte immer zu allem Zeit und war immer ordentlich angezogen. Freilich, sie hatte niemand mehr zu Haus, als ihren Mann; ihr einziger Sohn, der Ronymus, war Knecht bei uns. Die Bonifacia war vordem auch Magd bei uns gewesen, und sie hatte sich zu uns gehalten, wie wenn sie noch bei uns im Dienst wäre; in Freud und Leid hat man nach der Bonifacia geschickt, und sie war hurtig da. Die Mutter ist nie an dem Häuschen des Wegers vorübergegangen, ohne anzukehren, sie hat große Stücke auf den Weger gehalten, der gering angesehen, aber ein grundgescheiter und ehrenhafter Mann sei. Die Bonifacia hat sich nie was schenken lassen, sie hat gesagt: »Meisterin, ich laß die Gaben, die Ihr mir geben möchtet, bei Euch stehen und hole sie einmal, wenn ich in Not bin.« Sie ist aber nie darum zu uns gekommen. Im Gegenteil. Wie meine Schwester geheiratet hat, war die Bonifacia wieder bei uns im Hause und half alles herrichten; man konnte ihr alle Schlüssel geben, und sie wußte, wo die Sachen waren. Meine Schwester hat jung geheiratet, viel zu jung, den Sohn vom Engelwirt im Dorf. Der Vater hat ihr eine große Aussteuer gegeben, in lauter bar Geld; ich habe das Säckchen mit beiden Händen aufgehalten, wie das Gold und Silber hinein geschüttet worden ist. Ich habe sagen hören, es bringe Glück, wenn da die Hand eines unschuldigen Kindes dabei ist. Ich habe zur Hochzeit meiner Schwester ein neues Gewand bekommen, wie bei uns daheim die Tracht war; jetzt sieht man sie fast gar nicht mehr. Stolzer bin ich in meinem Leben nicht gewesen als damals, wie die Musik vorausging und wir hinterdrein, und die Burschen haben geschossen, daß es fort und fort von den Bergen widerhallte. Der Ohm Donatus und unsere ganze große Sippschaft war da bei einander, ich hab' aber gemeint, alles sieht nur auf mich und meine schönen Kleider. Meine Schwester hat geweint, man hat daraus Glück prophezeit, es ist aber auch nicht so geworden. Beim Hochzeitsschmaus ist's lustig hergegangen. Der Trompeter von der Musikbande war auch Feldjäger gewesen, und mein Vater hat sich die Tagwacht blasen lassen und hat dazu gepfiffen, so lustig habe ich ihn noch nie gesehen. Ich meine, das war auch die letzte Lustbarkeit, denn die anderen waren keine rechten. Ich erinnere mich auch ganz gewiß, daß der Vater damals von seinem Rittmeister, dem Baron Haueisen gesprochen hat; was er von ihm erzählt hat, weiß ich nicht mehr, aber der Name war mir geblieben von damals an. Ich ging vom Hochzeitstisch weg und stand unten an der Hausthür, und da hörte ich, wie ein Mann und eine Frau – ich kannte sie nicht – miteinander redeten. Der Mann sagte: »Das ist jetzt noch das einzige Kind vom Xander, das kriegt einmal den großen Hof, das ist die Prinzeß vom Schlehenhof und kann sich den fürnehmsten Bauernprinzen holen.« Ich bin eine Bauernprinzessin und krieg einen Bauernprinzen, das ist mir wie ein Blitz in die Seele gefahren. Ja, dort unter der Hausthüre habe ich einen großmächtigen Stolz bekommen, und als ich nun die vielen Bettler und Krüppel sah, die sich aus der ganzen Gegend um das Hochzeitshaus gesammelt haben, bin ich zu meinem Schwager gegangen und hab' ihn gebeten, er soll mir Geld geben; er hat mir's gegeben, und ich hab's unter die Armen verteilt. Meine erste kindliche Wohlthätigkeit war Stolz. Ich bin nun auch in die Schule gegangen, der Weg von unserem Dorfe war weit, und ich war bis in mein fünfzehntes Jahr schwächlich und klein; erst im Elend bin ich so aufgeschossen. Ich bin das erste Schuljahr bei meiner Schwester geblieben, hatte aber arg Heimweh nach unserem Hof draußen. In dem Wirtshaus, wo so viele Leute aus und ein gingen, jeder sich hinsetzen durfte, wie er mag, und schreien und johlen und aufbegehren, da war mir's nicht wohl; wenn ich nur ein Pferd von unserem Hof gesehen habe, wäre ich gern drauf zu und hätte ihm gern gesagt: Du darfst doch heut abend wieder heim. Meine Schwester ist am ersten Kind gestorben, die Agnes, die wir jetzt bei uns haben, ist das einzige Kind meiner Schwester. Sie ist Witfrau und hat auch ein schweres Schicksal gehabt, darum ist sie so verscheucht. Sie war nur ein Vierteljahr verheiratet, aber lang genug, daß ihr Mann ihr ganzes Heiratsgut verthan hat, er ist verrückt gewesen, man hat ihn jahrelang im Irrenhaus gehabt, dann ist er gestorben. Ja, so ist das Elend in der Welt. Wenn man nur eine einzige Familie und was drum und dran ist, heraus nimmt, da ist alles drin . . . Als meine Schwester gestorben war, bin ich wieder heim genommen worden. Aber so ist der Mensch, nie zufrieden; jetzt war mir's zu einsam auf unserem Hof und der Weg in die Schule so weit. Es hat sich bald wieder gegeben. Anfangs habe ich's freilich gar nicht begreifen können, daß da am Berg auf dem Kirchhof meine Schwester liegt, und sie kommt nicht und sagt nichts und thut nichts und kümmert sich nicht um ihr Kind und nicht um ihre einzige Schwester. Aber in der Jugend vergißt man alles bald wieder, und das ist gut. Ich war lustig und hab' auf dem Weg hin und her gesungen, wie eben ein Kind von zwölf, dreizehn Jahren. Meine Mutter hat ihr Enkelchen, die Agnes, zu sich nehmen wollen, der Schwager hat es aber mit sich genommen, wie er sich wieder verheiratet hat in die Schweiz hinein. Wer hätte damals daran denken können, daß ich auch einmal viele Jahre in der Schweiz leben soll. Drittes Kapitel. Eines Tages kam der Förster Jorns auf seinem Apfelschimmel vor unserem Hause angeritten. Er war damals noch jung, aber schon in hohen Ehren. Der gute Mann hat auch Schweres auf sich nehmen und nachmals mit seinem Schwiegersohn den Sohn des Bergschinders erschießen müssen. Ich werde vom Bergschinder noch zu erzählen haben. Der alte Jorns lebt jetzt bei seinem Sohne und seiner Tochter Carla und deren Mann in dem Jagdschlosse, das man zur Forstschule eingerichtet hat. In der Wirtsstube wird oft erzählt, was für ein prächtiger allgeliebter Mann das sei. Ich vergesse es nie, wie ich ihn damals sah, und wo er hinkam, da zog Freude und Ehre mit ihm ein, so auch jetzt in unsere Stube. Der Förster saß am Tisch und sagte: »Schlehhofbauer, rufet Eure Frau, ich hab' euch beiden etwas zu sagen.« Die Mutter konnte gar nicht aufhören, von der Ehre und Freude solchen Besuches zu reden, aber der Förster sagte schmunzelnd: »Schon gut. Aber was saget Ihr dazu, daß ich gekommen bin, Euch von Haus und Hof zu treiben? Ja, ich denke, der gerade Weg ist auch bei Euch der beste. Also, ich habe kurzweg die Bevollmächtigung von der Regierung, Euch Euren Hof abzukaufen. Mit Euch braucht's keinen Unterhändler. Ihr seid ein gerader Mann, mit Euch geht man gradaus. Wir schätzen ab, nach Recht und Billigkeit, was der Hof wert ist, und zahlen bar.« Vater und Mutter sahen einander an, und der Vater sagte: »Bäuerin, was meinst du dazu?« Die Mutter hustete arg, und der Förster sagte: »Der Husten gibt Antwort. Der Hof ist zu kalt, geschlagene fünf Monat, von Winters Anfang bis Lichtmeß, scheint keine Sonne auf Euer Dach. Da können nicht Menschen gedeihen, da gehört Wild her.« »Wie meinen Sie das?« fragte der Vater. »Einfach, wir wollen aus Eurem Hof wieder Wald machen.« »Das wär! Das könnten wir nicht verantworten vor denen, die vor uns da gewohnt haben.« »Doch, doch,« sagte die Mutter, »wenn's einen guten Schick gibt, warum nicht?« »Du sagst das?« rief der Vater, »und haben doch deine Voreltern da gesessen, nicht die meinen. Ich für mich sag': Herr Förster, Ihr Antrag in Ehren, aber wer gut sitzt, soll nicht rücken, ich rücke nicht. Wenn meine Frau will . . .« »Ich . . . ich hab' schon oft gedacht, der Himmel ist überall über der Welt –« Sie hätte wohl gern mehr gesagt, hat's aber nicht herausgebracht, und der Förster half nicht nach; er bestand aber darauf, daß jetzt nichts Bindendes abgemacht sein solle, die Eltern sollten alles für sich überlegen und ihm Bescheid sagen lassen. Dabei ist's verblieben, und wie der Förster wieder weg geritten war, ist der Vater in die Stube gekommen und hat der Mutter gesagt, sie hätte auch zäh dagegen sein müssen, dann bekäme man einen höheren Preis. Wie er mich sah, schickte er mich aus der Stube. Ich stand draußen vor dem Hause und sah mir das Haus und die Felder und den Wald an und mußte denken, das kann man verkaufen und davon fortgehen. Ich verstand das nicht. Als ich zum Nachtessen in die Stube kam, fragte ich, bis wann wir unsern Hof verkaufen und wohin wir dann ziehen; die Mutter sagte und sah dabei auf den Vater: »Wir verkaufen gar nicht, wir bleiben da, wo unsere Voreltern gehaust haben und bei gesundem Leib alt geworden sind.« Viertes Kapitel. Es war ein heller Herbsttag, drunten im Thale hatten die Bäume schon gelbe Blätter, bei uns droben wurden jetzt erst die Kirschen reif. Ich ging von der Schule heim, hatte meinen Schulsack umhängen und sang so vor mich hin. Ich weiß das Lied nicht mehr ganz, aber am Ende heißt es: Die Kirschen, die sind schwarz und rot, Ich lieb' mein' Schatz bis in den Tod. Das singt so ein Kind und weiß nicht, was es ist. Am Weg hatten wir einen Acker, den pflügte jetzt der Ronymus um mit unsern Schimmeln; der Pflug ging leicht, der Ronymus pfiff dabei, und wie er beim Umkehren mich sah, rief er mir zu, wenn ich noch eine Stunde warte, könne ich auf dem Wagen heimfahren; denn man kann den Pflug nicht so weit führen, man muß ihn auf den Wagen laden. Ich mochte nicht fahren und ging weiter und war so lustig, wie eben ein Kind ist. Da hörte ich hinter mir etwas, ich sah um, und da kam ein wunderschönes einspänniges Fuhrwerk daher, da war alles so fein, daß man nicht wußte, aus was das gemacht ist und doch zusammenhält. Es war ein zweirädriger Wagen, fast wie ein Karren, aber hoch und fein, ein falbes Roß mit schwarzer Mähne und schwarzem Schwanz – die Haare fliegen nur so im Wind – war davor gespannt, und droben saß ein Mann und hatte eine Soldatenmütze auf, oder eigentlich man meinte, er stehe. Ich stand still, der Wagen kam näher, der Mann hatte einen langen nebenausgezogenen Schnurrbart wie ein Katzenbart, und seine Augen waren grün, aber nein, das war nur eine grüne Brille. Das Leitseil, womit er den Falben lenkte, war schneeweiß, und er hatte weiße Handschuhe an. Ich stand still, wie wenn ich gar nicht mehr vom Fleck könnte. Wohin will der? Der Weg führt ja nur zu uns. Das Roß, der Karren und der Mann darauf kam immer näher. Der Mann fragte mich: »Kind! Wohin?« Ich erschrak ins Herz hinein – wir waren auf dem einsamen Hof gar menschenscheu aufgewachsen. Er fragte mich noch einmal, und ich sagte: »Auf den Schlehenhof.« »Bist du da daheim?« »Ja.« »Wem gehörst du?« »Dem Hofbauer.« »Wie heißt man ihn?« »Den Xander.« Mit einem Sprung war der Mann vom Kütschle herunter, er hatte hohe glänzende Stiefel an. »Komm, Kind,« sagte er, »ich fahre dich nach dem Hof deines Vaters.« Ich konnte kein Wort herausbringen. Er nahm mich um den Leib und hob mich wie einen Ball auf das schöne Kütschle, sprang wieder hinauf, und hui! fort ging's wie geflogen. Mir war, wie wenn ich ins Märchenland gebracht wäre vom Prinzen, der die Gänsemagd holt und in sein Schloß bringt von lauter Gimgold, Diamanten und Perlen. Der Mann fragte mich, wie alt ich sei, ich sagte: ich geh' ins dreizehnte: »Du bist noch klein,« sagte er, er faßte meine Hand und sagte: »Deinen Fingern nach wirst du aber noch groß, kannst so groß werden, wie dein Vater.« Diese Prophezeiung – und sie ist wahr geworden – hat mich sehr gefreut, denn ich bin gar nicht gern so klein gewesen. Ich fragte den Mann, warum er eine grüne Brille auf habe, und als er mir erklärte, daß er schlimme Augen habe, erzählte ich ihm, ich hätte auch schlimme Augen gehabt, aber die Bötin Cordula, die man auch das Wochenblättle heißt, habe sie mir dadurch geheilt, daß ich ein frisch gelegtes Ei, solang es noch warm ist, auf die Augen legen mußte. »Das werde ich auch thun. Ich danke dir,« sagte der Mann. Ich hatte alle Angst verloren und mich von Herzen gefreut, daß ich auch schon einen Menschen heilen konnte und einen so vornehmen. Ich sagte auch noch, daß ich mir die Augen mit Wasser von gekochter Eichenrinde wasche. Ja, meine Augenheilung hat schon früh angefangen. Ich wurde nun ganz vertraut mit dem Mann und fragte ihn, woher er den Schnitt im Backen habe, der fast vom Ohr bis zum Mundwinkel ging; er lachte – aber der Backen that nicht mit beim Lachen – und er sagte: da sei einmal eine Pistolenkugel durchgefahren. Ich sah mir den Mann noch einmal an, der schon einmal fast erschossen gewesen ist. Als wir den Berg hinauf fuhren gegen unsern Hof, mußte ich dem Mann meine Schulhefte zeigen; er lobte mich, daß ich so schön schreiben könne, ich sagte, kopfrechnen könne ich noch besser. Er stellte mir nun Aufgaben, ich brachte sie alle heraus, und er sagte: »Du bist ja ganz geschickt, und hübsch bist du auch.« Ja, ich war doch noch ein Kind, aber es gibt nichts Schlimmeres, als einem Kinde so etwas zu sagen. Die Schlange im Paradies hat gewiß auch zu der Eva gesagt: O wie schön, wie wunderschön bist du! Sie hat freilich damals noch nicht sagen können: Du bist schöner als die und die – und das macht die Schmeichelei erst recht süß. Fünftes Kapitel. Wir hielten am Hof an, der Vater sah aus dem Fenster und rief: »Ei, was kommt denn da?« »Kennst du mich denn nicht mehr?« entgegnete der Mann. »Ei, mein Herr Rittmeister,« rief der Vater und kam heraus, brachte einen Stuhl zum Absteigen und hielt den Hut in der Hand, aber der Rittmeister lachte: »Alter Kamerad! Laß den Stuhl, ich kann noch voltigieren. Aber eh' ich absteige, muß ich dich um was bitten. Schenk mir dein Kind da. Wir haben keine Kinder, und just ein solches möcht' ich.« »Der Herr Rittmeister machen gnädigen Spaß,« sagte der Vater und lachte. Er hob mich herunter und streichelte mir die Backen, was er sonst noch nie gethan hatte. Ich stand auf dem Boden, wie wenn ich vom Himmel gefallen wäre. Also das ist der Rittmeister vom Vater, und ich bin hübsch! Ich ging ins Haus, in unsere Kammer, stieg auf die Bank und betrachtete mich im Spiegel. Ich habe mir die Backen gestreichelt, ja, ich bin hübsch, und gescheit bin ich auch und eine Bauernprinzessin dazu. Ich hörte den Vater mit dem Rittmeister in der Stube. Ich zog mich in der Kammer schnell aus, wusch mich und rieb mich und zog meine schönen Kleider an, die von der Hochzeit: meiner Schwester. Die Mutter kam und fragte: »Was ist das?« »Ja, Mutter, ich muß mich doch anders anziehen vor so einem großen Herrn.« »Ob das ein großer Herr ist, weiß ich nicht. Jedenfalls brauchen wir vor ihm nicht anders zu sein, als wir sind.« Ich ging nun auch mit der Mutter in die Stube, da sagte der Rittmeister: »Xander, entweder sagst du auch du zu mir, oder ich sag' Sie.« Der Vater schaute vor sich nieder, und der Mann fuhr fort: »Also ich sage Sie, und wir sind doch gut Freund. Aber, bitte, nennen Sie mich nicht mehr Rittmeister; ich will nicht mehr so heißen. Sie kennen doch meinen Namen.« »O gewiß!« sagte der Vater, »da sehen Sie, er steht mir und den Meinen täglich vor Augen.« Er zeigte ihm den an der Wand hängenden Abschied, unter dem der Name des Rittmeisters stand. O! Wenn wir damals gewußt hätten, warum der Mann so bescheiden und zuthunlich ist. Es hat eben so kommen müssen . . . Die Mutter fragte auch, warum er eine grüne Brille trage; er sagte, er habe schlimme Augen; er spreche aber nicht gern davon, denn sobald er davon rede, thäten ihm die Augen weh. Das hatte nun die Mutter mit ihrem Leiden ganz ebenso, und der Rittmeister wußte ihr noch zu sagen, wie sie leide und das nicht merken lasse. Die Mutter sah den Vater an, wie wenn sie sagen wollte: Das ist einmal ein Feiner, der versteht mein Leiden besser als alle Doktor. Die Mutter betrachtete den Rittmeister wie einen, der weissagen kann. Der Rittmeister that nun doch die Brille herunter, und er hatte Augen so schön wie ein blauer Stein, auf den die Sonne scheint; ich kann gar nicht sagen, wie schön. Er ging mit dem Vater in den Stall, und die Mutter sagte jetzt: »Komm, wir wollen doch unser Sonntagsgewand anziehen, dem Manne zu Ehren.« Der Vater ließ vom Stall herauf sagen, er gehe mit dem Herrn Rittmeister in den Wald, und nun wurde gekocht und gebraten, unsere Stube frisch gekehrt und ein spiegelhelles Tischtuch aufgelegt, da war eine Jagd hineingewoben, und das war noch von der Aussteuer der Großmutter her. Die Mutter nahm den Soldatenabschied des Vaters von der Wand und putzte ihn frisch. Die Männer kamen wieder, und beim Essen sagte der Rittmeister: »Ja, lieber Freund, Sie sind einer der glücklichsten Menschen auf der Welt. Sie haben ein volles Haus, eine brave Frau und ein gesundes Kind. Ich wollt', ich wäre so ein Bauer wie Sie.« Der Vater streichelte das glatte Tischtuch und nickte vor sich hin, und die Mutter sagte: »Es ist Dankes wert, wenn man einmal wieder hört, wie gut man's eigentlich hat; man vergißt es so leicht. Freilich, es ist auch manches uneben. Auf der Welt ist alles Berg und Thal, hat mein Vater immer gesagt, der war zweiunddreißig Jahr Stabhalter, was man jetzt Bürgermeister heißt.« »Mit Verlaub, Herr Rittmeister,« fragte der Vater, »sind Sie bloß gekommen, um mich zu besuchen?« »Das ist recht, daß du . . ., daß Sie so gradaus fragen, und ich sage auch gradaus: Nein, nicht deswegen allein. Ich hörte, daß Sie Ihren Hof an den Staat verkaufen wollen oder auch nur den Wald. Ich bin jetzt auch Geschäftsmann, ich muß doch was zu thun haben; ich gebe immer zweihundert Gulden mehr, als der Staat bietet. Jetzt aber sage ich: Aendern Sie nichts, bleiben Sie auf Ihrem Grund und Boden, da sind Sie der echte Freiherr.« Er erzählte nun, daß er mit dem Bauer vom Himbeerhof Geschäfte mache, der sei ein Spekulant, aber wo Verdienen sei, sei auch Verlieren. Sie hätten jetzt miteinander eine große Lieferung von Bahnschwellen übernommen. »Schwellen könnte ich auch liefern,« sagte der Vater, und der Rittmeister bestätigte: »Jawohl könnten Sie das. Ihre Bäume haben Moosbärte, die muß man rasieren. Bäuerin! Ihre Vorfahren müssen rechtschaffene und reiche Leute gewesen sein, daß sie Euch einen solchen Wald hinterlassen haben. Sie wissen gar nicht, was für ein totes Kapital in Ihrem Walde steckt.« Es wurde spät, ich mußte ins Bett, aber ich mußte noch lang denken: was ist denn das, ein totes Kapital? Ist das vielleicht ein vergrabener Schatz, den man unberufen und ohne Wort nachts um zwölf ausgraben muß, wenn der Mond scheint? Ich hörte, wie der Rittmeister endlich aufstand, ich hörte was von einem Rappen, und zuletzt sagte die Mutter, der Herr Baron solle doch wieder kommen und seine Frau mitbringen und solle uns auch was verdienen lassen, so gut wie den Himbeerbauer. Was er darauf gesagt, hörte ich nicht, nur das: »Ich hab' also Euer Versprechen, Ihr verkauft nicht ohne mein Angebot. Nun lebt wohl und grüßt mir Euer schönes Töchterlein. Wie heißt es denn?« »Brigitta,« rief ich aus der Kammer. Die Männer lachten, und die Mutter schalt. Bald rollte es vor dem Hause, dann war alles still. Sechstes Kapitel. Am andern Tag stand ich unter dem Vordach beim Ronymus, der das Pferdegeschirr frisch schmierte; er sagte mir, der Rittmeister habe ihm einen goldenen Dukaten als Trinkgeld beim Pferdekauf gegeben, und wenn der Rittmeister noch Soldat wäre, zu dem möchte er sich freiwillig ins Regiment melden. Als wir noch so beisammen standen, kam der Schmaje daher, das war der Jude, zu dem der Vater gutes Vertrauen hatte, der verstand alles, und der Vater ließ ihn gern was verdienen; er wußte, was der Vater brauchte, und brachte immer das Beste. Er fragte den Ronymus, was der Rittmeister für den Rappen bezahlt habe. »Und wenn ich mehr sage, glaubst du mir's auch?« »Du kannst nicht mehr sagen, als wahr ist,« sagte der Schmaje, »du bist eine ehrliche Haut.« Der Ronymus ließ sich aber zu nichts bringen, er habe keinen Auftrag, und durch Schweigen verrede man sich nicht. »Gescheit ist er und ein ehrlicher Dienstbote,« sagte der Schmaje zu mir gewendet. Der Vater kam herbei und fragte den Schmaje, ob er den Wechsel einkassieren wolle, den der Rittmeister da gelassen habe. Der Schmaje war bereit, gleich bar auszuzahlen, er habe Geld bei sich, und wie er den Wechsel sah, sagte er, er kaufe den andern Rappen, er brauche einen und gebe einen Karlin mehr. Der Vater schlug ein. Sie gingen miteinander in die Stube, ich ging mit. Der Schmaje sagte nun, er habe gehört, der Vater wolle den Hof verkaufen an den Staat; das Gesetz verbiete den Juden beim Güterhandel auch nur als Vermittler sich zu beteiligen; er könne aber vielleicht doch unter der Hand helfen. Freilich beim Förster Jorns sei nichts zu machen, aber vielleicht erfahre man vorher, wer das Gut abschätze, und der Staat habe ja Geld genug. Er sah den Vater dabei pfiffig an, der aber sagte nichts und deutete nichts. Nun kam die Mutter hinzu, und der Schmaje sagte, er wisse ein Gut im Breisgau, da seien, wie man im Sprichwort sagt, alle fünf W bei einander: Wasser, Wiese, Weizen, Wald und Wein, und noch ein sechstes dazu, ein großes schönes Wohnhaus, wo man keinen Nagel einzuschlagen habe, und noch ein siebentes drein, alles um den halben Wert. »Ich verkaufe gar nicht,« sagte der Vater, »ich weiß nicht, was das ist; es ist, wie wenn die Vögel übers Land geflogen wären und überall verkündet hätten, was doch nicht wahr ist.« »Was nicht wahr ist, kann wahr werden,« sagte der Schmaje und sah dabei die Mutter an. Diese meinte, man könne doch einmal gelegentlich nach dem Gut im Breisgau sehen. Der Schmaje bat nur noch, dabei nichts von ihm zu sagen, denn es liege schwere Strafe drauf, wenn ein Jude dabei mitthue; er glaube aber so sicher, als wenn's verbrieft wäre, daß solche Ehrenleute, wie die vom Schlehenhof, ihn dann nicht unbelohnt lassen. Die Mutter fragte noch, wie es denn beim Rittmeister aussehe, und der Schmaje erzählte: er wohnt in einem Hause, das ist ein kleines Schloß, ein Gitter rings herum wie Lanzen, die Spitzen sind vergoldet; im Hause geht man auf doppelten Teppichen, jedes Fenster ist aus einer einzigen Glasscheibe, der gewölbte Stall ist ein wahres Meerwunder, die Gäule fressen aus Krippen von weißem Marmelstein. Der Rittmeister habe seinen Stand aufgegeben – man rede da allerlei – um die Geschäfte seines verstorbenen Schwiegervaters, des reichen Bankiers in der Hauptstadt, zu übernehmen. Die einen sagen, er habe Hunderttausende geerbt, die andern meinen, es sei gar nichts da gewesen als faule Geschäfte, die der Rittmeister jetzt wieder gut machte in Gemeinschaft mit dem ehemaligen Advokaten Schaller. »Was? Mit dem Bergschinder läßt er sich ein?« rief der Vater, »das gefällt mir nicht.« »Mir auch nicht,« sagte der Schmaje, »der Schaller ist der ärgste Judenfeind, ein wahrer Haman. Aber der Rittmeister ist Manns genug für ihn, der ist so durchtrieben wie vornehm.« Als der Schmaje auf dem Rappen davonritt, sagte der Vater: »Ich stehe fest. Es ist jetzt auf einmal, wie wenn sich die ganze Welt um mich reiße.« Und so war's auch. Am Samstag kam die Cordula, das Wochenblättle. Sie hatte ein Eselsfuhrwerk, und dem Esel muß es auf unserem Hof besonders gut geschmeckt haben, denn er hat immer geschrieen, daß es ist im Wald ringsum widerhallt. Die Cordula handelte mit Butter und Eiern und hatte viel mit meiner Mutter allein zu reden; sie fuhr jede Woche nach der Stadt und hat uns auch Zucker und Kaffee und Salz mitgebracht, sonst brauchten wir nichts von der Welt draußen. Sie erzählte auch, was in der Welt vorging, und jetzt berichtete sie, sie habe unterwegs im Stern-Wirtshaus eingekehrt, da sei der Rittmeister gewesen mit seiner schönen Frau, die sei daher geritten auf einem Schimmel und habe ein langes blaues Kleid an und eine Feder auf dem Hut. Man habe in der Stube vom Schlehenhof gesprochen, und da habe jedes mitgethan, den Mann und die Frau und das Kind und alles zu loben, so daß die Baronin gesagt habe: die muß ich auch einmal sehen. An diesem Samstag ist auch was Neues geschehen. Der Barbier kam, und der Vater, der sonst ganz glatt im Gesicht war, hat sich einen Schnurrbart stehen lassen, er hat vor seinem Rittmeister wieder Soldat sein wollen. Siebentes Kapitel. Der Schnurrbart vom Vater war schon so groß, daß er ihn hat zwischen die Finger nehmen können, da kam eine zweispännige Kutsche auf unserem Hof angefahren. Auf dem Bock saßen zwei Diener, die hatten weiße Handschuhe an und weiße Glanzröcke und Kokarden am weißen Hut. Unser Rapp war neben einem anderen eingespannt, er sah jetzt viel vornehmer aus und wieherte, wie er gegen den Stall kam. In der Kutsche saß der Rittmeister und neben ihm eine Frau, sie hatte einen Hut mit einer gebogenen Feder, und vorn lag ein toter Vogel. Sie kam in die Stube, ich stand in der Ecke am Ofen und zerbiß mir fast meine Schürze vor dem Märwunder. Sie hatte einen Schleier mit goldenen Sternchen vor dem Gesicht, den hob sie jetzt auf, o wie schön war sie! Sie zog den Mantel aus, sie hatte ein goldbraunes Seidenkleid, sie that den Hut ab, sie hatte eine blaßrote Schleife im Haar, und wie sie am Fenster stand und die Sonne auf das braune Haar schien, da meinte man, es brennt im Feuer. Die Mutter konnte gar nicht genug sagen, wie sie sich freue, daß die Frau auch zu uns gekommen ist. Die Rittmeisterin – man hat aber zu ihr Frau Baronin gesagt – wischte sich mit einem feinen Tuch übers Gesicht. O, wie hat das Tuch gerochen, die ganze Stube ist voll davon geworden. Sie machte das Fenster auf und sagte, es sei hier so eingesperrte Luft. Sie hatte eine Stimme fast wie die Cordula, so eine halbe Mannsstimme. Die Mutter fragte, wer der Frau den Schabernack gespielt und ihr einen toten Vogel auf den Hut gesteckt habe. Die Frau lachte, es war kein gutes Lachen, aber sie faßte sich schnell und sagte: »Liebe Bäuerin, das ist jetzt Mode.« Die Mutter zuckte die Achseln, rief mich an und sagte: »Gib der Frau Baronin eine schöne Hand.« »Lassen Sie, ich kann Kinder nicht leiden; kann sein, weil ich selber keine habe. Liebe Schlehhofbäuerin, ich bin auch gradaus wie die Bauern; wer mir das übelnimmt, soll's übelnehmen, ich sag's offen, ich kann Kinder nicht leiden.« Das sagte die vornehme Frau in meinem Beisein und lachte dazu, wie wenn das was Lustiges wäre. Von jener Minute an habe ich einen Aberwillen gegen die Frau bekommen, ja einen Groll, ich hätt' sie vergiften können. Um so lieber hatte ich den Rittmeister, der zog den Handschuh aus und streichelte mir die Backen. O! Was für eine zarte Hand war das! Die Mutter dachte nicht mehr dran, daß die Baronin von Kindern nichts wissen wolle; sie erzählte ihr von meinen verstorbenen Geschwistern und zeigte die eingerahmten Kränze an der Wand, da waren die Namen meiner Brüder und Schwestern schön eingetrieben und tröstliche Bibelsprüche dazu. Der Vater klagte dem Rittmeister, daß ein Gaul krank sei, und sie gingen miteinander in den Stall. Die Mutter führte die Baronin durchs ganze Haus und zeigte ihr alles, das viele Weißzeug und die vielen Betten, es war noch viel da von der Großmutter her und vielleicht noch von früher. O, wie war alles so voll, und wo ist das alles hingekommen . . . Als nun meine Eltern und der Rittmeister und seine Frau um den schöngedeckten Tisch saßen, fragte der Rittmeister: »Nun, Leontine, nun bist du doch bekehrt?« »Wieso bekehrt?« fragte die Mutter. »Ja, ihr lieben Freunde, ich habe meine Frau mitgenommen, damit sie einmal echte ehrenfeste Bauersleute kennen lernt. Sie hat bisher einen Widerwillen und Aberglauben gehabt; sie hat immer gemeint, unter den Bauersleuten gehe es gar wüst her. Jetzt sieht sie, wie schön es ist auf so einem grundfesten ehrenhaltigen Bauernhof. Freilich, liebe Leontine, so wie hier gibt's nicht viel.« »Ja, ich bin bekehrt,« sagte die Baronin und machte einen heiligen Blick, wie ein Kind, das eben von der Firmung kommt, und als sie ihre Hand mit den feinen langen Fingern auf die Hand der Mutter legte, sagte der Vater: »Ja, Frau Baronin, das Bekehren ist von beiden Seiten: auch meine Frau –« »Du wirst doch nicht,« wehrte die Mutter ab, die Flammen schlugen ihr aus dem Gesicht, aber der Vater fuhr fort: »Ja, und meine Frau hinwiederum hat gemeint, die vornehmen Leute, die so schriftdeutsch reden, meinen's nicht ehrlich.« Es war lustig, hin und her neckte man sich, und der Vater sprach aus seinem Schnurrbart heraus viel freier als je. Der Rittmeister hatte keine Brille auf, und die Mutter fragte, ob seine Augen wieder ganz gesund wären. »O nein,« sagte er, »aber meine Frau will's nicht leiden, daß ich kranke Augen habe.« Die Baronin sah ihren Mann mit einem bösen Blick an und sagte: »Ja, die gute Bäuerin hat mir ihr schweres Leiden erzählt, und da sieh sie an, wie sie's trägt. Die Männer, die uns die Schwachen heißen, können keinen Schmerz verwinden; da sind wir Frauen viel stärker. Nimm dir ein Beispiel an dieser einfachen Bäuerin. Von heut an darfst du mir nicht mehr ächzen und krächzen. Ich will's nicht mehr hören.« Sie sagte das fast lachend, und der Rittmeister biß sich auf die Lippen. Beim Abschied wiederholte die Baronin dankend, wie wohl es ihr bei uns gefallen habe. Sie gab dem Vater und der Mutter die Hand, mir nicht. Als sie weggefahren waren und der Vater die feine Frau lobte, da sagte die Mutter: »Das ist eine böse, bitterböse Frau. Sie hat keinen geraden Blick.« »Sie schielt doch nicht?« »Nein, hat aber doch keinen geraden Blick. Wie hat sie ihren Mann vor unseren Augen abgetrumpft, und er kann doch nicht vor uns Streit haben. Die hält's für eine Schande, krank zu sein, weil sie gesund ist. Und wie ist ihr der gute Mann so unterthänig! Er hat ihr die Händ' unter die Füße gelegt. Wie sie in der Kutsche gesessen ist, hat er ihr die Füße in eine Decke gewickelt – ich hab's gesehen, sie hat goldenen Hufbeschlag an den Absätzen – und da hat er noch gefragt: ›Ist's so recht, Schatz?‹ Und sie hat sich nicht einmal bedankt.« Achtes Kapitel. Von jenem Tage an war die Herzeinigkeit zwischen meinen Eltern geschwunden, und zuerst bin ich selber schuld gewesen. Der Rittmeister kam wieder und sagte mir einmal, er wolle mir ein Geschenk zu meiner Firmelung machen, ich solle mir was wünschen. Die Mutter verbot mir, ein Geschenk anzunehmen; der Mann sei nicht verwandt mit uns und nicht mein Gevatter, und wir seien überhaupt keine Leute, die sich was schenken lassen. Der Vater sagte aber, das sei eine Ehrensache, die vornehmsten Leute nehmen Geschenke von Fürsten, und er verstehe überhaupt besser, was sich in der Welt schicke. Ich war natürlich auf seiten des Vaters, und als der Rittmeister wegen der Schwellenlieferung wieder da war, habe ich mir eine goldene Kette gewünscht, eine feine dünne, fünfmal um den Hals gewunden. Ich habe sie bekommen, und was noch das Schönste gewesen ist, daran war ein Schloß, und darauf war mein Name Brigitta mit erhabenen Buchstaben in Gold. So etwas hat kein zweites Kind gehabt, und ich war noch stolzer darauf als auf meine schönen Kleider an der Hochzeit meiner Schwester. Ich war fast bös auf meine Mutter, weil sie sagte: »Man kann einen auch mit einer goldenen Kette erwürgen.« Und doch ist das fast wahr geworden. Meine Mutter wurde immer mißmutiger und griesgrämiger und der Vater immer lustiger, und ich war auch gern lustig. Es war immer viel bar Geld im Haus, und bar Geld lacht, und der Vater lachte auch, wenn er Gold und Silber aufeinander häufelte. Vielleicht hat's auch die Mutter nicht erfahren, ich wenigstens weiß nicht, woher das Geld damals kam. Die Mutter wollte, er solle davon lassen, er passe nicht zum Geschäftsmann; sie meinte, man müsse dem Förster Jorns Bescheid sagen, wie versprochen worden. Der Vater meinte aber, der Staat laufe ihm nicht davon, und er verschob den Gang zu Jorns von Monat zu Monat. Als es hieß, daß der Staat ein Hofgut weiter oben gekauft habe, sagte der Vater: »Sie müssen schon noch zu mir kommen, sie können nicht über mich hinüber, ich liege ihnen im Weg.« Das hat er uns auf einer Revierkarte gezeigt, die ihm der Rittmeister einmal gebracht hatte. Die Mutter sagte: »Es kann dir noch gehen wie dem Aussichtler.« Das war nämlich ein kleines Männchen, das vordem brav und fleißig auf einer Anhöhe als Uhrgehäusmacher gelebt hatte, und seine Frau soll die schönste Frau weitum gewesen sein. Nun kamen mehrmals Leute zu ihm, die haben die Umgebung ausgemessen, auch vornehme Frauen sind gekommen, und alle haben gesagt, hierher müsse sich die Fürstin ein Schloß bauen, denn da sei die schönste Aussicht und die beste Luft im ganzen Land. Von da an war das Männchen närrisch geworden, hatte nichts mehr gearbeitet und immer auf die Leute gewartet, die ihm die schöne Aussicht abkaufen. Die Frau ist gestorben, und der Mann sah jeden darauf an, ob er nicht seine schöne Aussicht kaufe. Als meine Mutter das von dem Aussichtler sagte, schlug der Vater mit der Faust auf den Tisch, plötzlich aber lachte er und sagte. »Da wär' ich ja schon närrisch, mich darüber zu erzürnen; ich hab' meinen gesunden Verstand und behalte ihn.« Ja, er hat sich viel darauf eingebildet, daß er gescheit sei, und der Rittmeister hat es ihm noch mehr eingeredet. Der Vater ist viel hin und her gefahren, die Mutter hat ihn auch einmal begleitet; aber einmal und nie wieder. Als sie heim kam, klagte sie, das sei ja, wie wenn die ganze Welt zu verkaufen wäre und man immer nur zu schmausen hätte. Wegen des Bergschinders, den sie auch getroffen hatte und mit dem der Vater gut Freund war, hat's arge Händel gegeben. Der Vater hat gesagt, die Mutter sei zu einfältig; er verstehe jetzt, was für ein Wohlthäter der Schaller sei, der Güter und Wälder aufkaufe und die Aecker losschlage, damit die armen Leute auch zu was kommen können. Von da an hat die Mutter nichts mehr drein geredet. Der Vater, der sonst monatelang nicht vom Hof weg kam, ist nun keine drei Tage nacheinander mehr daheim gewesen, da ist immer gefahren und geritten worden. Sonst sagte der Vater kein Wort über das Essen, jetzt hat's ihm daheim nicht mehr geschmeckt, und die Mutter war darüber so traurig, daß sie selber kaum mehr was über den Mund brachte. Sonst hatten wir kaum vom Landbriefboten gewußt, jetzt kamen Boten mit Briefen und Telegrammen, täglich zweimal, auch dreimal. Anfangs bewirtete die Mutter die Boten, wie es der Brauch ist; nachher hat sie's unterlassen, die Leute kamen zu oft, da müßte man's ja haben wie in einem Wirtshaus, und der Vater hat auch gesagt, das Aufwarten sei nicht nötig. Wenn der Vater daheim blieb, war er nicht recht daheim, er ist unruhig in der Stube hin und her gegangen, hat das Fenster auf- und zugemacht, ist vor das Haus und wieder hinein, er hat eben immer auf etwas gewartet. Im Winter haben wir so viel Holz geschlagen wie noch nie, die Leute aus der Umgegend haben viel Geld verdient, der Aussichtler war auch dabei, man ließ ihm gern was zukommen; aber auch viel Leute aus der Fremde hatten wir bei der Arbeit, Männer aus allen Ländern, mit Weibern und Kindern, die im Sommer an der Eisenbahn gearbeitet haben. Sie haben in unsern Scheunen und Ställen gewohnt, es war viel wildes Volk, und auf unserm Hof war's wie in einem Zigeunerlager. Ringsum krachte und polterte es immer, und auf dem Schnee wurden die Stämme zu Thal geschleppt, hundert und hundert, mit unsern eigenen Rossen; das ging vom frühen Morgen bis spät in die Nacht, und aus dem Mund des Vaters hörte man nichts als Befehlen und Rechnen. Die Mutter fragte, freilich gar scheu, wie es denn sei, ob der Förster Jorns dazu gestimmt habe, und ob nicht bald mit ihm abgeschlossen werde. »Ja,« sagte der Vater, »jetzt braucht man die Forstleute noch nicht zu fragen; aber sie wollen ein Gesetz bei den Landständen machen, daß wir nicht mehr Herr über unser Eigentum sind. Sie sollen's machen, derweil schlage ich meinen Wald, und der Staat muß nachher doch kommen und mir den gleichen Preis für den leeren Boden geben, den er mir mit samt dem Wald dafür hat geben wollen.« Er erklärte des weiteren, wie später nach dem Gesetz das Holz viel teurer werde; drum schlage man's jetzt, und das Holz werde nicht altbacken, im Gegenteil immer besser. »Nimm es geduldig auf, wenn ich einfältig frag',« entgegnete die Mutter, »da könnte man jetzt das Holz auch stehen lassen, es bleibt im Wert und wächst noch zu.« »So fragen viele Leute, die sich noch für viel gescheiter halten als du. Später darf man nur so viel schlagen, als eben die im grünen Rock einem zumessen. Wer dann Vorrat hat, ist oben aus.« Die Mutter war zufrieden und fragte nur noch: »Traust du dem Rittmeister in allem?« »So gut wie dir. Dem kann man blindlings folgen, der hat die Augen offen. Sei nur ganz ohne Sorge und laß dir von niemand was einreden.« »Du bist der Meister,« sagte die Mutter, »ich red' nichts drein.« Und so hat sie's gehalten. Im Frühling war viel Geld in unserm Hause, aber der Vater hat's nicht brach liegen lassen, er hat mit dem Rittmeister einen Wald im Bayerland gekauft, durch den die Eisenbahn kommen muß. Der Rittmeister hatte das ausgekundschaftet. Es hat geheißen, man muß nur warten. Neuntes Kapitel. Der Vater hat sich eine Kutsche angeschafft, die Mutter hat sich nie hineingesetzt, manchmal hat der Ronymus kutschiert, meist aber der Vater. Zuweilen hat er auch mich mitgenommen; er ist, wie es scheint, doch nicht gern allein gewesen. Als wir an dem Weger vorbeifuhren, der auf der Straße Steine klopfte, that er, als ob er die Mütze abziehen wollte, er kratzte sich aber nur hinterm Ohr und glotzte uns verwundert an. An der Straße, hoch oben gegen den Bodensee, steht im Wald ein einsames Wirtshaus, dort trafen wir den Rittmeister, bald kam auch der Schaller. Er grüßte den Rittmeister sehr unterthänig, meinen Vater nur so leichthin, er ging in der Stube auf und ab, fuchtelte mit seiner Reitgerte und schlug sich auch manchmal damit auf seine hohen Stiefel. Er hatte ein ehrbares Ansehen, rund und behaglich, er war schon bei Jahren, aber noch hurtig; er schmatzte immer, wie wenn er einen Leckerbissen auf der Zunge hätte. Als er mich sah, sagte er zum Vater: »Das ist also Ihr einzig Töchterle? Ich wollt', ich hätt' auch so eins. Verheiraten Sie sie nicht, bis mein Sohn wieder aus Amerika heimkommt, dann soll sie meine Tochter werden.« War das nicht ein prächtiger Mann? Ein Wohlthäter? Und auf diesen Mann hat die Mutter alle Schimpfworte geworfen! Ja, dachte ich, der Vater versteht die Menschen viel besser als die Mutter. Der Schaller erkundigte sich beim Wirt, ob niemand nach ihm gefragt habe. »Ja, der Geldwälzer,« hieß es, und man rief einen verkommenen Bauer, der immer gern schmarotzte, wo es was zu essen und zu trinken gab. Man sagte ihm nach, er habe sein Gütchen für bares Geld verkauft, für lauter harte Thaler, die hat er auf den Boden gestreut und sich darauf herumgewälzt. Daher hatte er den Namen, aber vom Geld hatte er nichts mehr. Ich hörte nicht, was die Männer miteinander redeten, aber der Vater stand auf und sagte: »Da bin ich der Mann. Zu der Haue kann ich den Stiel finden. Ich bin mit dem Heckenbauer weitläufig verwandt. Was da zu machen ist, mach' ich.« Als der Rittmeister den Vater lobte, lachte der Vater übers ganze Gesicht und ging davon. Ich wollte mit ihm, aber er nahm mich nicht mit; ich mußte allein in dem einsamen Wirtshaus warten. Ich ging vor das Haus, saß auf der Bank und hörte die drei Männer drin lachen und lärmen. Ich sitze da und sehe neben mir eine große Spinne, sie hockt mitten im Spinnweb, eine Fliege kommt daher, sie ist gefangen; sie hat wohl gemeint, da sei nur Luft, da sind aber feine Fäden. Die Fliege zappelt, kann aber nicht los; sie greift mit den Füßen um sich und über sich, sie kommt nicht los. Die Spinne spürt gewiß, daß sie was gefangen hat, es zittert ja alles, und wer weiß, was sie denkt, sie wartet aber still; die Fliege ist ruhig, die Spinne kommt auf einem Leitseil daher, die Fliege fängt wieder an zu zappeln, die Spinne macht sich fort und wartet wieder und wartet, bis die Fliege sich kaum mehr regt, dann umspinnt sie sie, saugt sich an ihr fest und saugt sie aus. Damals auf der Bank ist mir's auf einmal aufgegangen: der Rittmeister oder der Bergschinder, das ist die Spinne, und mein Vater ist die Fliege. Als ich noch so dachte, kam mein Vater daher, und bei ihm war der Heckenbauer und der Schmaje. Ich ging auch mit ihnen in die Stube. Als wir hinein kamen, jagte der Schaller den Schmaje fort und rief: »Wenn du nicht gehst, zeig' ich dich an, du Jud' darfst nicht beim Güterhandel sein.« Der Schmaje ging und murmelte etwas wie einen Fluch; der Schaller lachte – er machte immer die Augen ganz zu, wenn er lachte – und erklärte, das sei ein Hauptspaß, den Schmaje könne man hin und her zwacken, wie man wolle. Die Männer gingen mit dem Heckenbauer in eine Nebenstube, ich hörte Hände zusammenschlagen; die Sache schien fertig. Die Männer kamen wieder heraus, der Schaller steckte ein großes Papier in die Brusttasche, und jetzt ward Weinkauf getrunken. Der Geldwälzer trank am meisten. Es war bald Nacht, unser Fuhrwerk war angespannt, und als wir aufsteigen wollten, kam der Rittmeister und sagte dem Vater, er habe nun teil an dem Geschäft mit dem Heckenbauer, er wolle ihm den Gewinnteil abkaufen und bar zahlen. Der Vater dankte und sagte, er sei der Mann, um in Gewinn und Verlust voll mit dabei zu sein. Wir fuhren fort, und der Vater pfiff unterwegs seine Soldatensignale vor sich hin. Plötzlich wurden wir angehalten, der Schmaje stand da. Er sprach ganz eindringlich in den Vater hinein und warnte ihn vor der Räuberbande, in die er geraten sei. »Der Schaller besonders,« sagte er, »spottet über dich, er heißt dich nur die Geiß, die so mager aussieht und doch viel Fett im Leib hat; er sagt, er wolle dich ausschlachten mit samt dem Stall. Und der Rittmeister – er hat sich ausgerittmeistert – der ist grad so schlecht. Mach dich los! Das sind Blutegel, das sind Spinnen, die dich aussaugen!« – »Ja, Spinnen,« rief ich, und mir fiel ein, was ich heut gesehen. Der Schmaje sagte: »Da hörst du's, dein Kind, dein unschuldig Kind sagt's auch.« »Und versteht grad so viel wie du; ich muß doch auch dabei sein, wenn ich betrogen werde.« »O Xander, guter Kerl,« rief da der Schmaje und weinte fast dazu. »O Xander! Du bist ein aufrichtiger Mensch, dein Vater war ein aufrichtiger Mensch, dein Bruder Donatus ist ein aufrichtiger Mensch, ich geh' schon bald dreißig Jahr in eurem Haus aus und ein. Hier dein Kind auf Erden und dein Vater im Himmel sind Zeugen, daß ich dich gewarnt hab'. Ich will keinen Stern mehr sehen, ich will mein eigen Kind nicht mehr sehen, wenn ich nicht die Wahrheit rede. Du willst es mit dem Schaller aufnehmen? Weißt du, was der Schaller dir gethan hat?« »Mir? Was?« »Bei dem können sieben Teufel in die Schule gehen. Er hat, um dich kirre und zahm zu machen, sich von dir betrügen lassen. Er hat –« »Genug! Genug!« unterbrach ihn der Vater, »ich betrüge nicht. Aber sag', was muß ich dir geben? – ich biete dir hundert Gulden –, wenn du das, was du da sagst, vor dem Schaller und dem Rittmeister wiederholst?« »Ein Soldat und ein Advokat auf einmal? Das ist mir zu viel,« jammerte der Schmaje, »aber nenn' doch den Menschen nicht mehr Rittmeister, er ist mit Schimpf und Schand durch ein Ehrengericht ausgestoßen worden.« Ohne dem Schmaje weiter eine Antwort zu geben, peitschte der Vater den Gaul und fuhr davon; ich sah noch zurück, und da stand der Schmaje und hob die Hände zum Himmel auf. Wir fuhren fort, der Vater pfiff nicht mehr, und ich sagte, der Schmaje meine es doch gewiß gut. Der Vater erklärte mir, der Schmaje sei bei all seinem herzlichen Gethue doch eigennützig und habgierig, er wolle ihn doch nur abspenstig machen, weil er keinen Vorteil bei diesem Geschäfte habe und solchen anderen nicht gönne. Der Vater schärfte mir ein, ich solle der Mutter nichts von dem Vorgefallenen erzählen. »Du bist schon gescheit genug,« sagte er, »dir will ich's anvertrauen, ich hab' auch im Sinn, mich von den Sachen los zu machen und wieder im alten weiter zu leben; ich muß nur noch das große Geschäft in Bayern und zwei andere abwickeln. Sag' aber der Mutter nichts von allem, sie ist gar ängstlich, und ganz wohl ist sie auch nicht.« In der Nacht hat mich die Mutter geweckt und gescholten: »Was schreist du denn immer von der Spinne? Es ist ja keine da.« Ich mußte von der Spinne geträumt haben. Zehntes Kapitel. Wenige Tage darauf kam der Rittmeister vor unserm Haus angeritten. Sonst war immer ein Reitknecht hinter ihm drein, heut war er allein; er erzählte in der Stube dem Vater, daß er den Reitknecht, der vor einigen Tagen unehrerbietig gegen den Vater gewesen, entlassen habe. Ich ging vor das Haus, da stand der Ronymus auf einer Leiter am Scheunenthor und nagelte einen Geier an. Er erzählte mir, daß er den Geier gestern geschossen habe, wie er just eine Goldammer in den Krallen gehabt, sie sei aber schon tot gewesen. Der Geier war angenagelt, und als der Ronymus auf dem Boden stand, sagte er: »Weißt du, was ich möcht'? Den Rittmeister möcht' ich so annageln. Das ist auch ein Geier, und dein Vater ist die Goldammer.« Er hatte das kaum gesagt, da kam der Vater mit dem Rittmeister daher und sagte dem Ronymus, er solle die Pferde satteln und für sich auch eins, er solle hinterdrein reiten. Der Ronymus schüttelte den Kopf, und der Vater rief voll Zorn: »Was stehst noch da? Thu, was ich dir gesagt hab'.« Der Ronymus rührte sich nicht vom Fleck, der Vater schrie ihn an, daß die Mutter zum Fenster heraus schaute. »Bist du taub? Hörst du nicht, was ich dir befehle?« »Freilich, hab's schon gehört, aber ich thu's nicht. Ihr für Euch verlangt das nicht, und hinter dem da drein reitet der Teufel, der ist Rittmeister von des Teufels Leibgarde.« Der Vater hob die Faust gegen Ronymus, aber der Rittmeister hielt ihm den Arm. Der Ronymus rief: »Schlag du mich, Rittmeister, schlag mich, dann kommt vor Gericht an den Tag, wer man ist.« Der Rittmeister lachte und redete leise in den Vater hinein, der nun den Ronymus Knall und Fall aus dem Dienste schickte. Als er schon auf dem Pferde saß, sagte er noch: »Wenn ich heim komm', und du bist noch da, jag' ich dich mit der Peitsche und hetze dich mit Hunden fort.« Der Vater trabte mit dem Rittmeister davon; es war eine Pracht, wie er zu Pferde saß. Der Ronymus setzte sich auf den Brunnentrog, und das ist das einzige Mal im Leben, wo ich ihn hab' weinen sehen. Er wusch sich dann die Hände und die Augen, und es war fast zum Lachen, wie er zu mir sagte: »Ich wasche meine Hände in Unschuld. O Brigitta, du und deine Mutter, ihr verdient das Elend nicht, und dein Vater verdient's auch nicht. O hätt' mich der Rittmeister nur geschlagen! Ich hätt' ihn anpacken sollen, damit wir vor Gericht kommen. Ich bin zu einfältig und feig gewesen.« Ich frug den Ronymus, ob er die Redensarten vom Schmaje habe; er stutzte, als ich das sagte und gestand, daß er vom Schmaje, aber auch von anderen gehört habe, wer der Rittmeister sei. Der Ronymus ging fort, meine Mutter, die nicht wohl war und nicht aus der Stube konnte, hat ihn hinauf gerufen; er ist aber nicht zu ihr gegangen, er ist geradeswegs fort und hat auf einem Schubkarren seine Kiste mit seinen Habseligkeiten fortgeführt; er hat mir keine Hand mehr gegeben und sich nicht mehr umgesehen. Ein paar Tage drauf, mitten in der Woche, kam der Ohm Donatus. Der Vater war nicht daheim, aber die Mutter sagte, er könne jede Stunde kommen, der Ohm solle doch warten; er willigte ein und ging durch den ganzen Hof. Als er wieder in die Stube kam, sagte er: »Das sieht schlimm aus, da sind ja die Knechte Meister.« Die Mutter ließ das nicht gelten, sie wollte dem Vater nichts von seiner Ehre nehmen lassen. Der Ohm sagte, er sei nicht gekommen, um Unfrieden zu stiften; er wolle lieber wieder gehen, und soviel er wisse, hätten ja die Eltern Gütergemeinschaft. »Was willst du jetzt damit, mit der Gütergemeinschaft?« fragte die Mutter und bekam einen Blick so traurig, wie gar nicht zu sagen, und der Frost schüttelte sie. Sie frug mich, woher auf einmal Thür und Fenster offen seien und ein so scharfer Luftzug wehe, und es war doch alles zu. Von damals an hat sich's in ihr gesetzt. Der Ohm wollte gehen, und als er eben die Thür in der Hand hatte, kam der Vater. Er hieß den Bruder willkommen und fragte, was vorgehe, daß er mitten in der Woche daherkomme. Der Ohm sprach heftig gegen die Geschäfte und die Genossenschaft mit dem Rittmeister. »Hat dir der Schmaje das gesagt?« »Der auch und andere dazu. Xander, du bist nie der Pfiffigste gewesen –« »Und weil du mein Bruder bist, nehme ich das gut auf. Just einen Vormund brauche ich nicht.« Es war nahe dran, daß es argen Streit gab. Die Mutter – man sah, es strengte sie an – sagte zum Ohm: »Schwager, es ist recht von dir, daß du gekommen bist. Aber weil jetzt mein Mann da ist, darf ich's sagen; er hat mir anvertraut, daß er willens ist, sich von der Handelsschaft los zu machen. Und jetzt ist alles aus und Friede, und kein Streit unter Brüdern. Jetzt bleib' da, Donatus, und iß mit uns.« Der Ohm ist dageblieben, und so weit war alles gut. Die Mutter hatte sich zu arg angestrengt, sie mußte sich niederlegen und ist nicht mehr aufgestanden. Sie hat nach der Bonifacia verlangt, und die war auch bald da. Die Mutter hatte verlangt, daß der Vater den Ronymus wieder in Dienst nehme; der Vater hatte eingewilligt, aber es war schon zu spät, der Ronymus hatte sich schon nach Ulm verdingt als Kutscher. Der Vater war lind und gut gegen die Mutter, und sie hat ihn getröstet, soviel sie konnte. Einmal schickte die Mutter den Vater und die Bonifacia aus der Kammer, ich mußte allein bei ihr bleiben. »Kind,« sagte sie, »ich hab' noch was auf dem Herzen. Du hast damals die goldene Kette von dem da . . . von dem Rittmeister angenommen; aber laß dir nie im Leben mehr was schenken, von keinem Menschen. Und halte deinen Vater in Ehren. Er ist brav und herzgut, die Schelme haben's leicht mit ihm gehabt. Der Jorns hat's gut gemeint, er kann nichts dafür. O unser schöner Hof! Unser Wald! Lieber Gott! Ich bitt' dich nur um eins. Lieber Gott, thu' mir nur in der letzten Minute den Gedanken weg an den Rittmeister, daß ich nicht mit einem Fluch auf ihn sterben muß . . .« Die Mutter ist sanft gestorben. Wie der Vater und ich geweint haben, das kann ich nicht erzählen. Elftes Kapitel. Es hat sich erwiesen, daß der Rittmeister in der That seines Ranges verlustig war; ich muß aber doch dabeibleiben, ihn so zu nennen. Er ist nach jenem Ritt mit dem Vater nicht mehr auf unsern Hof gekommen, es scheint, er hat die Geschichte mit dem Ronymus als gute Gelegenheit genommen, um mit dem Vater Streit anzufangen; es war ja nichts mehr von uns zu holen. Wie und warum nachher der große Rechtsstreit daraus entstanden, das weiß ich nicht und bin nie darüber klar geworden. Ich habe natürlich dem Vater geglaubt, daß er den Prozeß gewinne; daran war gar kein Zweifel. Der Vater fluchte beständig auf den Rittmeister und hatte doch nichts mehr mit ihm zu thun, denn der Rittmeister hatte seinen Rechtshandel an einen Fremden verkauft und war mit seiner Frau nach Paris oder nach Italien gereist. Ich hatte nur immer den Vater zu beruhigen, er verstand jetzt gar nicht mehr, warum er sich in all das eingelassen; er hatte doch Vermögen genug und nur ein einziges Kind. Er hoffte indes beständig, daß alles wieder gut werde, freilich, die Mutter war nicht mehr aufzuerwecken. Eines Tages kam der Schmaje und sagte dem Vater, ein Prozeß könne doch ebenso gut gewonnen als verloren werden; wenn er verloren werde, dann stehe die Gant vor der Thür. Jetzt sei der Vater noch Meister über alles, und darum wolle er mit ihm einen Scheinkauf machen und alle unsere bewegliche Habe kaufen, das Weißzeug und die Betten im Haus und das Vieh im Stall; der Kaufpreis solle stehen bleiben, und wenn der Prozeß gewonnen werde, solle alles nichts gelten. Man wäre doch ein Narr, wenn man den Gläubigern die Sache überließe. »Du bist betrogen worden, warum willst du der Einfältige sein?« schloß der Schmaje. Der Vater sagte: »Das wäre lustig.« »Das just nicht, und du sollst mir dafür geben, was du willst; ich thu's deinem Kinde zulieb und deiner Frau zulieb.« »Jetzt ist's genug,« sagte der Vater, ging an die Thür und machte sie weit auf. »Mach, daß du hinaus kommst.« »Ich geh' nicht,« sagte der Schmaje, ich laß mich von dir nicht hinauswerfen, dein Vater vom Himmel herunter leidet das nicht; dein Vater war ein braver Mann, dein Bruder Donatus ist ein braver Mann, freilich arg hartherzig, aber doch brav . . .« »Und darum soll ich schlecht werden? Nein, nein. Wenn ich mein Vermögen wieder bekomme, traue ich keinem Menschen mehr, dir auch nicht, Schmaje . . .« »Meinetwegen trau' mir dann nicht, trau' mir aber jetzt. Da steht dein Kind, dein einzig Kind, willst du es dahin kommen lassen, daß – Gott behüte – dein einzig Kind vor fremder Leute Thüren steht und – und ich weiß nicht was, ich will's nicht sagen. Kind, du bist doch auch schon bei Verstand, hilf mir und hilf deinem Vater.« »Lieber Hunger sterben als betrügen,« hab' ich da gesagt, ich weiß nicht, woher ich das habe, aber ich hab's gesagt. Der Schmaje ging fort und ließ die Thüre sperrangelweit offen, der Vater schloß sie. Als wir allein waren, saß der Vater lange stumm da und legte die Faust auf den Tisch, endlich sagte er: »Der Teufel hat allerlei Boten, aber unser Herrgott auch, er schickt mir den, um mir zu sagen, du bleibst ehrlich und gewinnst deinen Prozeß.« Es ist aber doch anders gekommen, der Prozeß wurde verloren. Unser Hof wurde bei Gericht versteigert, der Staat hat ihn gekauft, und es hieß, er wird zu Wald gemacht. Die Gant stand vor der Thür und kam herein. Männer vom Gericht, ganz fremde Menschen kamen auf unsern Hof und thaten, wie wenn sie da zu Hause wären und nicht wir. Vom Speicher bis in den Keller und Stall haben sie alles aufgeschrieben und an die Schränke Schlösser gelegt und große Siegel. Wir durften in die meisten Stuben gar nicht mehr hinein. Einer von den Gantmännern sagte in der Wohnstube zum Vater: »Euren Soldatenabschied kann man Euch nicht nehmen, den behaltet Ihr,« und als sie meinen Schrank aufmachten, sagten sie: »Was dein eigen ist, gehört dir. Den Anhenker da steck' in die Tasche.« Er gab mir die goldene Kette mit meinem Namen, und ich meinte, sie brennt mir in der Hand, aber ich steckte sie doch ein. Und wieder eines Tages waren Männer und Frauen aus der ganzen Umgegend und auch von weiterher da, auch der Schmaje war da, er kaufte fünf von unsern Rossen und sah den Vater nicht an. In der Stube stellte sich dann ein Mann hinter den Tisch, vor ihm brannte ein Licht, alles wurde hereingeschleppt, Betten und Weißzeug, und was nur niet- und nagellos ist, ward versteigert, und beim Zuschlag ward mit einem Hammer auf den Tisch geschlagen. Die Bonifacia war heraufgekommen und wollte mich mit fortnehmen, ich ging aber nicht vom Vater weg, ich saß bei ihm auf der Ofenbank, und wir sahen allem zu. Ich fuhr mir oft mit der Hand über die Augen – es mußte doch alles nur ein Traum sein. Aber es ist wahr. Die fremden Menschen sind da, unsere Sachen gehören ihnen, sie schleppen sie mit fort und lachen dabei. Wie die Bilder mit dem Andenken an meine verstorbenen Geschwister abgehängt wurden und der Ausrufer sagte, die Bilder seien nichts wert, aber die Rahmen, da habe ich laut aufschreien müssen. Es hat niemand darauf geboten als die Bonifacia, der Ausrufer gab sie ihr, und sie sagte, daß sie mir sie aufbewahre. Jetzt wurde der Soldatenabschied des Vaters von der Wand abgenommen, der Ausrufer nahm das Papier heraus und sagte: »Xander, die Schrift gehört Euch, aber der Rahmen gehört der Masse.« Da stand der Vater auf, nahm das Schriftliche in die Hand, hielt es übers Licht, zündete es an und sagte: »Da steht sein Name. So sollte man den Rittmeister verbrennen.« Dann ging der Vater hinaus. Ich folgte ihm, er fuhr sich mit der einen Hand immer um den Hals herum, und wie ich ihn an der andern faßte, sagte er: »Ist gut, ist recht. wir bleiben bei einander.« Wir gingen nicht mehr ins Haus hinein, bis alle Leute fort waren; die Bonifacia kam und bat uns, mit ihr zu gehen, der Vater aber sagte, er gehe zu seinem Bruder, um als Knecht bei ihm zu dienen, es sei doch sein Bruder und dort sein Elternhaus; freilich hätte der Donatus kommen müssen, ihn abzuholen, aber er dürfe nicht mehr stolz sein. Die Bonifacia mußte heim zu ihrem Mann, ich war mit meinem Vater allein in unserm ausgeraubten Hause; daheim in der Fremde. Zwölftes Kapitel. Es wurde Nacht, wir nahmen uns an der Hand und gingen, ich sagte dem Vater, wir müßten jetzt stark und fest sein und nicht mehr zurückdenken und zurückschauen; er gab mir keine Antwort und drückte mir nur die Hand, dann ließ er mich los. Von jener Minute an hab' ich's gespürt, man muß sich selber aufrecht halten, und ich glaub', ich bin dabei geblieben. Der Hund kam uns nach, der Vater jagte ihn fort und sagte: »Hab' selber nichts mehr zu essen.« Wir gingen durch den Wald, das ist kein Wald mehr, nichts als tausend und tausend Baumstümpfe, und überall sitzen Raben drauf; man hat gar nicht gedacht, daß es bei uns soviel Raben gibt. Die Sonne ging unter, die Raben flogen auf und krächzten. »Er darf mir keinen Vorwurf machen,« sagte der Vater. »Niemand hat ein Recht dazu als du. O, ich möcht' nicht zu ihm, lieber betteln gehen von Haus zu Haus, und du kannst sagen: das ist mein Vater, der war einmal ein stolzer reicher Bauer mit hundert und hundert Morgen Wald, und jetzt ist nichts mehr sein eigen als der Bettelstab in der Hand. O Kind, so alt bin ich geworden, so alt, fünfzig Jahre war ich alt, und da hab' ich erst gelernt, daß es grundschlechte, verlogene Menschen auf der Welt gibt.« Ich tröstete den Vater, so gut ich konnte. Der Vater sagte nur: »Ich rauche nicht mehr.« Wir gingen fürbaß, es war noch ein weiter Weg bis zum Ohm. Plötzlich erhob sich ein scharfer Wind, und der Vater rief: »Wind, was willst du von mir? Such' dir den Rittmeister, heb' ihn vom Boden, laß ihn zappeln und dann zerreiß ihn in tausend Stücke.« Der Wind riß dem Vater den Hut vom Kopf, und er lachte: »Nimm den Kopf auch mit.« Wir suchten den Hut, fanden ihn aber nicht, barhaupt ging der Vater dahin, er litt es nicht, daß ich ihm ein Tuch über den Kopf binde, er sagte, er habe dem Wind den Weg aufgemacht da herein. Wir hörten Hunde bellen von weit entfernten Höfen. Der Vater sagte: »Sie bellen alle auf mich los. So lang noch mein Wald da war, hat man die Hunde nicht gehört.« Mir zitterte das Herz im Leib, und ich war froh, als wir endlich Licht sahen am Hause des Ohms. Wir kamen gegen das Haus, die Hunde bellten, ein Fenster ward aufgemacht, und der Ohm fragte: »Wer ist da?« »Ich bin's, ich will in mein Elternhaus.« »Dein Elternhaus? Es ist nichts mehr dein. Aber komm meinetwegen nur herauf.« »Komm du herunter und hol' mich.« »Da kannst du lang warten.« »Komm fort, komm fort . . .« sagte der Vater zu mir und riß mich fast um. Wir wendeten uns wieder thalab, ich wagte nicht, dem Vater dreinzureden, und er sagte auch: »Red' nichts, kein Wort! Da drüben liegen meine Eltern – so wenig die aus dem Grabe steigen und wieder ins Haus kommen, so wenig trete ich je wieder über die Schwelle.« Wir wandern und wandern, und was kommen für Gedanken! Mir fällt jetzt ein, tief drin in dem Elend fällt mir jetzt ein, wie ich einmal die Prinzessin vom Schlehenhof geheißen, ich höre die Musik von der Hochzeit meiner Schwester und die Reitersignale, und mein einziger Wunsch war jetzt nur, daß ich einmal an dem Verderber Rache nehmen könnte. Wir kamen endlich an unser Dorf, und da draußen saßen wir, bis es Tag ward. Wir zählten die Stunden, die es vom Turme schlug; dort lag die Mutter und die Schwester im Grab. Gottlob, daß sie das Elend nicht erlebt haben. Da in den Häusern ruhen jetzt die Menschen, da sind so viele aufgerichtete Betten, die Bäuerinnen thun stolz damit, keine sagt: kommt herein und wärmt euch und ruhet aus. Keins denkt, daß da draußen zwei verlorene, verlassene Menschen sitzen. O, die Welt ist unbarmherzig! Nein, es hat doch Menschen gegeben, die an uns dachten. Der Vater sagte: »Mir ist so kalt, ich wollt', ich wäre ganz kalt.« Da rief eine Stimme: »Gottlob, daß ich euch endlich finde,« es war der Weger, der auch vom Berg herabkam in seinem alten Soldatenmantel; er nahm schnell die Enzianflasche aus der Tasche und sagte: »Vor allem trinken, hat jener Bauer gesagt, wie er sich besinnt, was er in der Stadt zu thun hat. Da, trinket, und jetzt noch einen Schluck. Hat sie wieder einmal recht gehabt, die Bonifacia, hat mir keine Ruhe gelassen, muß vor Tag zu euch da hinauf zum Donatus und sehen, wie's euch geht. Ja, ich möcht' nicht der Donatus sein . . . Aber jetzt wird nichts weiter geredet, kommt mit heim.« Wir sind mit dem Weger gegangen. Dreizehntes Kapitel. O lieber Gott! Es gibt noch Unterschlupf auf der Welt, gute Menschen und warme Stuben. Der Weger und die Bonifacia nahmen uns auf, wie wenn wir noch die fürnehmen Leute von früher, nur ein Ehrenbesuch wären. Die Bonifacia machte eine Morgensuppe und ließ mich dabei helfen, sie deckte den Tisch mit einem frischen Tuch, rückte dem Vater den einzigen Strohstuhl hin, der in der Stube war, holte aus dem Schränkchen einen silbernen Eßlöffel und sagte: »Das ist das Patengeschenk, das Ihr dem Ronymus gegeben habt.« »Ich kann schon mit dem blechernen Löffel essen und muß froh sein. wenn was drin ist,« antwortete der Vater und stemmte den Löffel auf den Tisch; es ist ihm hart geworden, sich eine Suppe von geringen Leuten schenken zu lassen; er zwang sich aber und aß, und in den ersten geschenkten Löffel Suppe ist eine Thräne gefallen . . . Das war das letzte Mal. daß er geweint hat, von da an nie mehr. Als er gegessen hatte, wollte er von seinem Bruder Donatus erzählen; der Weger meinte, er solle damit warten, aber der Vater gab nicht nach und fragte am Schluß: »Weger, was sagst du dazu?« Der Weger zuckte die Achseln und sagte: »Ja, das ist nicht recht, aber du hast deinem Bruder doch auch Schlimmes angethan; es ist für einen ehrenstolzen Bauer nichts Kleines, daß er einen Bruder hat, der sein Sach . . . glimpflich gesagt, verunschickt hat.« Der Vater seufzte: »Ja, ja, ich muß mir jetzt von jedem gute Lehren geben lassen. Von dir hör' ich's geduldig, du meinst es gut.« Der Vater wollte nun gleich mit dem Weger hinaus und helfen, Steine klopfen; der Weger aber wehrte ab und sagte, der Vater solle sich noch besinnen. Wie der Vater sagte, er habe sich besonnen, er bleibe dabei, da schüttelte der Weger den Kopf: »Thu's nicht, jetzt noch nicht, und ich hab' einen besondern Grund. Weißt, was das Aergste ist, wenn ein Mensch ins Elend geraten ist und das ist auch noch dabei?« »Ein bös Gewissen.« »Das auch, aber da ist schon jeder für sich sein eigener ausstudierter Doktor und sein eigener Apotheker. Ich hab' was anders gemeint: Kranksein zum Elend dazu, das mein' ich. Laß dich nicht krank werden, du mußt jetzt gesund sein. Geh' ins Bett, nachher ist wieder Tag, und nachher thu', was du meinst, und wenn du's mit mir beraten willst, ich bin dabei.« Ueber das traurige Gesicht des Vaters ging's wie ein heller Sonnenblick. Er ließ sich vom Weger zu Bett bringen wie ein klein Kind, und bald kam der Weger in die Stube und sagte: »Er schläft.« Er ging an sein Geschäft und nahm den Aussichtler mit, der auch im Hause wohnte und immer Klarinett blasen wollte. Ich suchte in meinen Taschen nach, richtig, es ist so, ich hatte die Kette verloren, die mir der Rittmeister geschenkt. Ich weiß sicher, ich habe sie in die Tasche gesteckt; ich habe sie verloren, wie ich dem Vater ein Tuch habe um den Kopf binden wollen. Es war gut so, ich sollte kein Andenken vom Rittmeister haben. Ich wollt', wir könnten alles Andenken an ihn verlieren. Am Mittag wachte der Vater auf und war ganz frisch, er ließ sich vom Weger eine Kappe geben und einen schweren Hammer, ging mit ihm hinaus auf die Straße und half die Steine zerschellen. Am Abend fragte der Vater: »Weger, sag' mir alles; was reden und denken die Leute von mir?« »Was liegt dir dran? Und was die andern Leute reden und denken, weiß ich nicht. Sei jetzt um Gottes willen nicht wehleidig. Das Dummste ist, den Menschen seine Gebresten zeigen; sie haben keine Zeit und sind ärgerlich auf den, dem's schlecht geht, wenn nicht gar schadenfroh –« »Aber du, was denkst du? Sag' alles, du meinst es gut, von dir hör' ich's geduldig.« »Ich weiß nicht, ob's dir was hilft. Sag' mir zuerst, wem gibst du eigentlich schuld? Dir oder andern?« »Beides.« »Ist auch so. Natürlich schreibst du dir nur den kleineren Teil zu. Ich sag' nicht, daß du einfältig gewesen bist, im Gegenteil, zu pfiffig. Ja, mit einem Wort, der Grundteufel heißt Ungenügsamkeit. Sitzt da ein Bauer auf seinem Hofgut wie ein König und macht Geschäfte, und warum? Er hat das schöne Gut von der Frau, und er ist stolz, er möcht' aus ihm selber noch ebensoviel dazu erwerben. Er hat sich das lange nicht eingestanden, bis ein Verschmitzter kommt und es ihm sagt, und es ist, wie wenn er aus dem Schlaf aufgeweckt wär' –« »So ist's,« rief der Vater, »woher weißt du denn das alles?« »Woher? Die Vögel an der Straße pfeifen mir's. Von damals an hat's bei dir geheißen: Raffen, Einheimsen, Vorteil gewinnen. Du hast gemeint, dich dreht niemand über den Daumen; du bist nicht dumm gewesen, nur eben nicht gescheit genug für deine Kameraden, besonders den Rittmeister.« »Dem sagst doch nicht Gutes nach?« »Nein, mit meinem Hammer könnte ich dem die Hirnschale spalten, der hat das Aergste verdient.« »Und glaubst du nicht, daß es ihm noch so ausgehen wird?« »Was ein Mensch für ein Schicksal kriegt und was es übermorgen für Wetter gibt, darüber läßt sich nicht reden. Ob er noch an dich denkt? Ja, wer Räuber sein kann, kümmert sich weiter nichts drum, wie der Ausgeraubte dran ist.« Der Weger war gar bedachtsam, der Vater nahm alles gut von ihm an, weil er eben auch den Grimmzorn gegen den Rittmeister hatte wie wir. In dem kleinen Häuschen draußen vor dem Dorf haben fünf Menschen um den Tisch gesessen, und Supp und Kartoffeln und Kartoffeln und Supp gab's Tag für Tag, aber die Genügsamkeit hat alles geschmälzt und gewürzt. Auf der Straße, wo der Vater mit der Kutsche dahin gefahren war und wo unsere acht Rosse das Holz geführt haben, da hat der Vater jetzt Steine geklopft. Die Menschen, die ins Feld gingen, blieben eine Weile stehen, manche gingen auch dem zulieb auf den Weg, um den Schlehhofbauer zu sehen; er hat sich nichts drum gekümmert. Anfangs hat er mir freilich gestanden, er glaube nicht, daß ihn sein Bruder da lasse, und auch die andern Großbauern thäten das nicht; sie kommen gewiß und holen ihn ab und helfen ihm wieder auf. Als aber Tag für Tag verging und niemand kam, da sagte er, es sei jetzt eins; er sei nur froh, daß er noch so viel arbeiten könne, um sich dafür satt zu essen. Es ist ihm aber doch schwer geworden, sich an die Armut zu gewöhnen. Wie er zum erstenmal Holzschuhe anziehen mußte, sagte er: »Manchmal meine ich noch, es sei alles nicht ernst, unser Herrgott macht einen Spaß mit mir. Aber unser Herrgott ist kein Spaßmacher. Im Schlaf schlag' ich den Rittmeister fast jede Nacht tot, auf allerlei Arten, und da werde ich dann vors Hochgericht geschleppt. Wenn ich aufwache, bin ich froh, daß ich doch noch Steine klopfen darf. Ich möcht' nur wissen, wie es der Rittmeister macht, daß er schlafen kann.« Unser Elend wurde immer wieder neu durch das Gedenken an den Rittmeister. Der Vater hat sich vor keinem Wetter gescheut und sich nie darüber beklagt, nur über den Wind hat er oft gescholten. Ein Herzeleid war ihm auch allemal der Sonntag, da mußte er in die Kirche und durfte sich nicht mehr in die Gemeinderatsbank setzen; er stand eben auch bei den armen Leuten. Wie ich einmal mit ihm heimging – wir waren jetzt im Wegerhäuschen daheim – sagte er: »Das sollt' nicht sein, daß es in der Kirche einen Ehrenplatz gibt; vor Gott sind wir alle gleich.« Ich half dem Vater auch Steine klopfen, aber nach ein paar Tagen litt er es nicht mehr; ich dürfe ihm nicht die Schande auferlegen, daß er sein einzig Kind nicht mehr ernähren könne. Ich mußte ihm gehorchen, denn er drohte mir, wenn ich das nicht thue, gehe er ins Elsaß und werde Fabrikler. Wenn er damit drohte, gab ich ihm in allem nach. Vierzehntes Kapitel. Der Aussichtler war ein wunderlicher Mann, eben ein leichtsinniger, lustiger Musikant. Er hat für sich selber Freude daran gehabt, Musik zu machen, und daneben Freude, daß andere sich daran vergnügen. Hat ihm aber niemand zugehört, war's ihm auch recht. Wenn er auf ein paar Tage zu leben hatte – die Wegersleute haben ihn billig gehalten – war er heidenfroh, und für weiter hinaus hat er sich keine Sorgen gemacht. Er war vordem auch Holzschnitzer gewesen und arbeitete auch jetzt manchmal noch was; ich habe auch Holzschnitzen von ihm gelernt, wir haben Schafe gemacht und Kühe und Puppen, ganz grobe Arbeit, aber sie fand Absatz und gab einen kleinen Verdienst; der Aussichtler ist damit hausieren und auf die Märkte gegangen, wenn es mit der Musik nichts zu verdienen gab. Die Bonifacia machte alles gar ordentlich. Ich habe so viel verdient, daß wir uns gemeinschaftlich eine Ziege kauften, und fünf Hühner und drei Gänse hatten wir auch miteinander. Und sollte man's glauben? wenn die Männer draußen arbeiteten und wir waren im Hause fertig und saßen bei einander in der Stube, da haben wir gesungen, wie wenn alles in der Welt lustig und in Ordnung wäre. Der Ohm Donatus hat dem Vater einmal sagen lassen, er wolle ihm das Ueberfahrtsgeld bezahlen, wenn er nach Amerika auswandere. Was ihm der Vater drauf hat antworten lassen, weiß ich nicht; Gutes war's gewiß nicht. Die Vettern und Basen, die Kinder vom Donatus, sind manchmal an dem Häuschen vorübergekommen, aber sie haben gethan, als ob sie mich nicht kennten, und da kannte ich sie auch nicht. So lang wir noch reich waren, war die ganze Gegend ein einziger Verwandtschaftshimmel; jetzt war es, als ob Vater und Mutter aus dem Stein gesprungen wären. Freilich, das war noch das besondere Elend, daß alle unsere Verwandten Geld bei meinem Vater verloren hatten; denn der Rittmeister und die anderen hatten ausgekundschaftet, wo ein Verwandter von uns war, und da hat man gekauft und geborgt und ist's schuldig geblieben. Ich brachte es dahin, daß mein Vater doch wieder rauchte, mir zulieb, und wir waren vergnügt; ich mußte mir immer die Kleider länger machen, denn in den zwei Jahren beim Weger bin ich so groß gewachsen; bis dahin war ich klein. Im Winter am Abend hat der Vater mit dem Weger Schindeln gemacht. Einmal hob er das Messer in die Höhe und sagte plötzlich: »Das möcht' ich dem Rittmeister in die Brust stoßen und siebenmal umdrehen.« Wir sind arg erschrocken. Der Vater denkt noch so an den Rittmeister! Wir haben aber nichts weiter gesagt und der Vater auch nicht. Eines Tages kam der Ronymus heim auf einen Tag Urlaub, er war Soldat. Mein Vater gab ihm zuerst die Hand und sagte, daß er damals recht gehabt habe, das dem Rittmeister zu sagen. Der Ronymus war gar ehrerbietig gegen den Vater, und er sah mir's an, wie ich ihm dafür dankte; er konnte sich aber nicht genug wundern, wie ich gewachsen sei, fast höher als er. »Du bist eben des Großbauern Tochter,« sagte er; das war alles. Im zweiten Frühjahr, die Sonne hat so hell geschienen, und wir haben die Wäsche aufgehängt, da habe ich meinen Vater noch einmal von Herzen lachen sehen wie noch nie. Unsere drei Gänse waren seit gestern entlaufen, wir wußten nicht wohin; wir hatten sie bis nach Mitternacht gesucht, aber nirgends gefunden. Jetzt auf einmal hörten wir sie vor dem Hause schnattern. Die Bonifacia rannte in die Stube, wo die Männer eben fortgehen wollten und rief: »Unsere Gänse sind da!« Ich war ihr nachgerannt und rief auch: »Unsere Gänse sind da, Gott Lob und Dank, unsere Gänse!« Die Gänse schnatterten dazu, wie wenn sie zu erzählen hätten, wo sie über Nacht gewesen seien, und in unser Rufen und in das Schnattern hinein lachte der Vater, daß ihm die Thränen die Backen herunterliefen und er sich setzen mußte. Endlich sagte er, und er konnte es kaum vor Lachen: »Jedes hat drei halbe Gänse! So ist's recht. Lustig! Man kann sich auch über drei halbe Gänse freuen!« Das war das letzte Mal, daß der Vater lachte. Fünfzehntes Kapitel. Es war also Frühling, und da ist es doch immer, wie wenn man was Besonderes geschenkt bekommen hätte. Im Grund genommen hatten wir's ja gut und durften vergnügt sein. Die Bonifacia und ich, wir gärtnerten miteinander in dem kleinen Grundstück, das zum Wegershäuschen gehörte; es war freilich nur klein, aber wir haben den Sommer hindurch den Boden drei-, viermal umgewendet und immer Neues gepflanzt, alles, was man im Hause brauchte, und es ist uns alles gediehen. Jetzt hatte auch unsere Geiß ein Junges, und unsere Hühner legten schon wieder frisch, wir hatten Milch und Eier im Haus, und die Bonifacia bereitete dem Vater mehr und besser als ihrem Mann. Der sah aber gar nicht scheel dazu, er war mit allem zufrieden; die Bonifacia blieb ebenso, wie wenn sie noch Magd bei uns wäre. Der Vater hatte aber immer ein finsteres Gesicht, und wenn man ihn drauf ansah, erschrak er, sagen durfte man schon gar nichts; er behauptete, er sei ja ganz ruhig und zufrieden, was man denn von ihm wolle. Er hat gegessen und getrunken und geschlafen wie sonst, aber geredet hat er fast gar nicht. Ich hab's erst später erfahren, er ist einmal dem Ohm Donatus begegnet, und die Brüder sind aneinander vorübergegangen, ohne sich zu grüßen, wie wenn sie sich gar nicht kennten. Der Vater ist, wie er vorüber war, stehen geblieben, er hat noch einmal gewartet, daß sein Bruder ihn anrufe; der ging aber seines Weges fort. Der Vater war nun draußen auf der Straße, eine gute Strecke vom Wege entfernt, er schlug Steine mit dem großen Hammer; da wurden alte braungeräucherte Stammhölzer vorbei geführt. Der Vater fragte, woher die seien. Er hörte, daß man gestern die Scheunen eingerissen habe und heute reiße man das Haus ein auf dem Schlehenhof. Was über den Vater gekommen ist, wer kann das wissen? Er warf den großen Hammer mitten auf die Straße und rannte davon, nach dem Schlehenhof. Der Aussichtler begegnete ihm im Walde und rief ihn an, aber der Vater schüttelte den Kopf und rannte davon und schrie; der Aussichtler hat nicht verstanden, was er ruft. Der Vater kam eben an unserem Haus an, wie die Feuerhaken am Vordergiebel angelegt wurden; er sprang unter den Feuerhaken durch, faßte die Pfosten der Hausthür und schrie: »Mein Haus! Mein Hof! Mein Weib! Rittmeister . . .« Die Männer warfen die Haken weg und wollten auf den Vater zu, aber es war zu spät, der Giebel stürzte ein, es krachte, dort der letzte Schrei, und die Männer schrien auch – dann war alles still, nur noch ein Balken rollte über den andern weg. Der Vater war tot . . . Ich hab's überlebt. Was kann man nicht alles überleben? Aber erzählen kann ich nicht, wie mir war, als man den Vater auf einem Holzwagen daherbrachte. Auf seinem Kopf lag ein leerer Sack, drauf war der Name des Vaters. Ich wollte den Sack wegthun, die Leute hielten mich ab und sagten, ich dürfe das nicht sehen, das Gesicht sei gar grausam entstellt. – Der Ohm Donatus war beim Begräbnis und kam nachher zu mir in die Stube. Als er die Bilder an der Wand mit den Kränzen und die Namen meiner verstorbenen Geschwister sah, sagte er, es sei gut, daß die früher gestorben wären; dann sagte er mir, ich könne zu ihm kommen, wenn ich wolle. Ich habe ihm keine Antwort gegeben. Ich habe alles gehört und mit offenen Augen gesehen, aber es war mir doch, wie wenn ich halb schlafe, wie wenn ich mit dem schweren Hammer einen Schlag auf den Kopf bekommen hätte. Ich habe gehört, wie einige leise untereinander sagten: »Die Brigitt' kann verrückt werden, sie sieht schon drein wie eine Verrückte, sie hat noch keine Thräne geweint. Ich hörte das und konnte nichts sagen, ich war wie lebendig eingemauert. Die Bonifacia redete mir zu, wie eben nur so eine gute Seele kann. Auch der Pfarrer hat mir Herzliches gesagt, und wie ich mich trösten könne, daß ich ein braves Kind gewesen sei, und der Tod sei für den Vater eigentlich eine Erlösung. Ich habe auf alles nur sagen können: Ich muß warten. In mir war's, als käme etwas, ich weiß nicht was, das mir hilft, mir den Kopf kühlt und mich wieder aufweckt und mir sagt, warum ich das alles erleben muß. Ich habe im Garten gearbeitet wie die Tage vorher, die Sonne hat hell geschienen, die Vögel haben gepfiffen, das ist für andere, mich geht das alles nichts an; mir selber war jetzt, wie wenn ich verrückt wäre, ich sehe, ich höre alles und kann's nicht glauben und will nichts davon. Am zweiten Tag nach dem Begräbnis um Mittag war ich plötzlich so müde, daß ich mich kaum an mein Bett schleppen konnte. Die Bonifacia zog mich aus, wie ein kleines Kind, und hob mich ins Bett, und da habe ich geschlafen, wie die Bonifacia erzählt, ohne mich zu wenden, von Mittag an bis den andern Morgen in einem Zug. Die Bonifacia war nicht von meinem Bett gewichen. Ich bin aufgewacht, und als ich die Kleider von meinem Vater an der Wand hängen sah, da stürzten mir endlich die Thränen heraus, und die Bonifacia sagte: »Ja, weine nur. Gottlob, daß du weinen kannst, jetzt wird alles gut.« Die Bonifacia trocknete mir die Thränen ab, aber sie flossen immer, als ob sie gar nicht aufhören wollten. Wie ich endlich sagte, ich hätte so argen Hunger, da war sie voll Glückseligkeit. Ich stand auf, ich zog mich frisch an, ich aß und trank, und von damals an ist es erst recht über mich gekommen: ich muß mich selber tapfer aufrecht erhalten, ich lasse mir mein Leben nicht abkränken, wer weiß, was mir noch beschieden ist. Ja, von jener Stunde an habe ich neuen Lebensmut bekommen und ihn nie mehr verloren, als ein einzig Mal, und das ist auch vorübergegangen. Sechzehntes Kapitel. Meines Bleibens war nicht mehr beim Weger. Draußen in der Welt wartet etwas auf mich, was es ist, ich weiß es nicht, aber fort muß ich. Ich gehöre niemand mehr an und habe nichts mehr als mich allein. Das war mein Gedanke viele Tage, und manchmal habe ich's laut vor mich hin gesagt, so daß mich die Bonifacia fragte: »Mit wem redest du?« Ich wollte fort und kam doch nicht los, es war, wie wenn man morgens aufwacht und sagt, du mußt aufstehen, und doch wieder liegen bleibt. Es hat etwas kommen müssen, das mich herausreißt. Der Wirt von dem einsamen Wirtshaus da oben, wo die Räuberbande immer zusammengekommen ist, stellte sich eines Tages ein und fragte, ob ich nicht in Dienst bei ihm treten wolle; mit einem niederträchtigen halben Lächeln und halben Trauern sagte er, seine Frau könne bald sterben, und dann könne ich Wirtin werden. Was ich darauf gesagt habe, weiß ich nicht mehr. Als aber der Wirt wieder fort war, sagte die Bonifacia: »Du kannst aber tapfer drauf losschlagen. Das habe ich gar nicht von dir gewußt.« Jetzt ist mir's klar geworden, gegen Arme und Verlassene nehmen sich die Wohlhäbigen viel heraus und werden frech. Ich will ihnen schon zeigen, was sich drauf gehört. Es hat mir keine Ruhe mehr gelassen, fort muß ich, und es muß sich erweisen, was mir die Welt aufzuraten gibt. Der Abschied von dem Wegerhäuschen ist mir nicht leicht geworden. Die Bonifacia gab mir ein Stück Wegs das Geleit, und draußen auf der Straße reichte mir der Weger die Hand und sagte: »Frag' du nur ganz ohne Scheu in der Kaserne nach dem Ronymus, er kann dir in manchem beistehen.« Weiter brachte er nicht heraus, wir gingen fürbaß und hörten ihn bald wieder Steine klopfen. Wir stiegen den Berg hinan, und die Bonifacia sagte: »Geh' jetzt nicht auf den Kirchhof, du mußt dich nicht unnötig abrackern, du hilfst den Toten nichts damit, und du brauchst jetzt deine Kraft. Bete still für sie, ich thu's auch.« Wir gingen eine Strecke still weiter, und oben am Wald nahm die Bonifacia meine Hand in ihre beiden Hände und brachte unter Schluchzen hervor: »Das Unwetter von Unglück hat ausgerast, dir wird es noch gut gehen. Verlaß dich drauf und denk immer, du hast, wenn alles fehlt, noch eine Heimat bei uns. Und so lang ich lebe und mein Mann, halten wir das Grab der Deinigen in Ehren, und die Bilder von deinen verstorbnen Geschwistern bewahre ich dir auf, bis du ein eigen Haus hast, und deinen Anteil an der Geiß und an den Gänsen und Hühnern kannst du haben, wenn du willst. Behüt dich Gott und halt dich in Ehren.« Sie kehrte um, blieb stehen und rief noch einmal: »Grüß mir auch den Ronymus.« Grüß mir den Ronymus! Das war das letzte, was ich damals von der Bonifacia gehört habe, und ohne daß ich's wollte, setzten sich die Worte auf allerlei Sangweisen, und ich wollte doch gar nicht singen; es war mir nicht danach. Ich wanderte weiter, ich sah nichts von Wald und Feld, es schwamm mir vor den Augen. Auf einem Felsen setzte ich mich nieder, ich war so müde, als wenn ich schon stundenweit gegangen wäre. Ich aß das letzte Stück Brot, das mir die Bonifacia in die Tasche gesteckt hatte; ein Fink stellte sich nicht weit von mir und ließ sich von mir füttern. Wie ich nichts mehr hatte, flog er davon. Drunten sickert der Bach, das fließt so fort, Tag und Nacht, heute wie gestern, ob einer drauf sieht oder nicht. Da liegen Felsentrümmer, aus denen kleine Tannen herauswachsen. Meine Hand rauft kleine Moose ab vom Stein, und wie ich so die Pflänzchen vor Augen habe, muß ich dran denken, wie der Schullehrer uns gesagt hat, hundert und hundert Jahre braucht es, bis etwas am Felsen sich ansetzt, und wieder hundert und hundert Jahre braucht's, bis da ein Samenkorn Wurzel fassen und ein Bäumchen wachsen kann. Und die Menschen können das so schnell niederschlagen. Warum laufen wir auf der Welt herum, und unser Leben ist eitel Müh und Sorge? Ich wünsche mir nichts, als gleich zu sterben . . . In jener Stunde, damals in der Einsamkeit und Verlassenheit, habe ich Gott gefunden. Ich war bis daher immer in die Kirche und zur Kommunion gegangen, wie sich's gehört; aber damals in der Einsamkeit und Verlassenheit habe ich's zum erstenmal gespürt, ich bin doch nicht allein und verlassen auf der Welt, Gott ist bei mir, er hält mich an der Hand und läßt mich nicht fallen. Die ganze Welt war mir leicht wie ein Kinderspiel, aber man muß mitspielen und nicht daneben stehen; ich lasse mich nicht in den Winkel stellen, ich bin auch dabei, ich gehöre dazu. Ich habe hinunter gesehen auf unser Dorf, ich wäre gern hinab und hätte gern allen Menschen gesagt: wißt ihr' s denn auch, daß wir nicht verlorene Kinder sind? . . . Aber was soll das? Sie sagen ja, sie wissen's; ich hab' das früher auch gemeint, aber jetzt erst hab' ich's erfahren, so sicher, wie daß jetzt Tag ist, und das hat mich nicht verlassen und wird mich nicht verlassen. Ich rede aber sonst nicht gern davon, das muß man still bei sich haben. Die Müdigkeit war fort, es war mir, wie wenn ich ausgeschlafen hätte in der Ewigkeit und gar nicht mehr zu schlafen und zu ruhen brauchte. Ich stand auf und meinte, ich könnte fliegen. Ich hörte die Gänse schnattern im Dorf und meinte, ich höre sie dort oben, wo die Lerche singt. Aus dem Dachfenster beim Weger hörte ich Klarinett blasen. Der Aussichtler hatte seit dem Tode meines Vaters nicht mehr Musik gemacht. Jetzt bläst er und was? Die Weisung des Liedes: Die Kirschen, die sind schwarz und rot, Ich lieb' mein' Schatz bis in den Tod. Wie lang ist es, seit ich das gesungen und der Rittmeister mir begegnete? Das muß ein anderer Mensch gewesen sein, der das erlebt hat. Es ist aber gut und nötig, daß man sich wieder auf die Welt und auf sich selber besinnt. Ich wanderte über den Berg und kam auf die Landstraße. Das Wetter hatte plötzlich umgeschlagen, ein kalter Regen spritzte mir ins Gesicht, ein scharfer Wind wehte, und der Boden war so glitschig, daß man bei jedem Tritt ausglitt; aber ich wanderte fest vorwärts, ich war gesund und nicht verweichlicht, und mir war so warm, wie wenn ich warmen Wein getrunken hätte. Wie ich so vor mich hinwanderte, hörte ich eine Holzfuhre, ich meinte, ich höre das zum erstenmal, wie es auf der Straße kracht und knackst und Steine zermürbt und der Radschuh quickst. Ich blieb stehen, der Wagen kam näher, der Fuhrmann war der Sepper mit seiner roten Weste und seinem roten Gesicht; die Gäule am Wagen waren die unseren gewesen, die aufgeladenen braunen Stämme waren von unserem Hause. Der Sepper sagte mir, daß er sie nach der Stadt fahre, die Drechsler und Holzschnitzer haben solches Holz besonders gern, es gibt keines mehr von solchem Alter. Der Sepper hieß mich mit meinem Bündel in der Hand aufsteigen. Auf den Balken von unserem Haus fuhr ich bis zur Stadt. Der Sepper redete wenig, und das war mir recht, nur einmal sagte er: »Der Hof ist einmal Wald gewesen und wird wieder Wald.« Drüben vor der Brücke hatte der Sepper abzuladen. Ich stieg ab und ging in die Stadt. Da gingen die Menschen hin und her, jeder wußte wohin, ich nicht. Männer und Frauen kamen aus den Fabriken. Manche lachten, sahen aber nicht lustig aus. Ich hatte meinen Vater abgehalten – ein alter Großbauer und ein Fabrikler, das geht nicht – aber ich werde mich doch, wenn alles fehlt, dazu verstehen müssen; es soll aber das Aeußerste sein. Ich ging ins Münster, da war ich daheim wie jeder andere, das gehört niemand, und da konnte mich niemand hinausweisen. Ich habe lange da still gekniet und gesessen, ich hatte kein Gebetbuch bei mir, ich brauchte es nicht, ich hatte alles aus mir. Ich kam aus der Kirche, ich war so aus der Welt draußen, daß es mir wunderlich vorkam, wie da die Weiber auf dem Wochenmarkt sitzen und feilbieten, was eben zu verkaufen ist. Ein schwerer Wagen mit Kornsäcken kam vom Kaufhaus herüber. Wer ist der Mann, der neben dem Fuhrwerk hergeht? Ja, er ist's, es ist mein Schwager, der Mann meiner verstorbenen Schwester. Ich rief ihn, er stand still und sah sich um, ich winkte ihm und sprang über Körbe weg, daß die Weiber hinter mir drein schalten, und jetzt stand ich bei ihm, und er gab mir die Hand. Siebzehntes Kapitel. »Ich hätte dir hundertmal begegnen können, ich hätte dich nie erkannt, du bist so ganz anders, so groß und so . . . Neue Augen hast aber doch nicht bekommen, und ich meine, du hättest nie solche Augen gehabt.« So sagte der Schwager und konnte sich von seinem Erstaunen gar nicht erholen. Er wollte mir Zeugen aus dem Kaufhaus holen, daß er durch Hofbauern aus der Nachbarschaft mir habe Bescheid sagen lassen, ich solle zu ihm kommen, wenn ich nichts anders wohin wüßte. Ich brauchte keine Zeugen, ich glaubte ihm aufs Wort, er war immer ein guter rechter Mensch gewesen; für das, was nachher geschehen ist, kann er nichts, er hat's gut gemeint. Ich fragte nun natürlich zuerst nach meiner Schwester Kind, der Agnes. Der Schwager mußte mir's angesehen haben, wie wohl mir's that, daß ich noch ein Eigenes habe. Er sagte: »Erzähl' mir gar nichts weiter, ich weiß alles. Schlag ein, geh mit mir. Meine Frau – du wirst schon selber sehen, sie ist herzgut – die hat gleich gesagt, wie wir das Unglück gehört haben: Du solltest deine Schwägerin jetzt zu uns ins Haus nehmen. – Du gehst also mit?« »Ja!« O, wie herrlich war das! Schon jetzt hatte ich die Frau lieb, und ich muß sagen, sie hat's verdient. Im Wirtshaus, wo ich mit meinem Schwager aß, sagte er: »Brigitta, ich habe auch ein Stück Geld an deinem Vater verloren, dich geht's nichts an; er ist bei alledem ein rechtschaffener Mann gewesen und hat für sein Zutrauen zu dem Schurken büßen müssen. Wo ist der jetzt? Du weißt es nicht? Ist auch gut, wir brauchen ihn nicht. Jetzt sei lustig! Es wird dir bei uns gefallen, und der Agnes ist eine Mutter gestorben, jetzt hat sie zwei.« Ich bin mit dem Schwager gereist, und unterwegs hat's viel Spaß gegeben, denn die Leute haben mich für seine Frau gehalten, darum hat er mich immer gleich Schwägerin! angerufen. Ich sagte ihm aber, daß er in seinem Hause mich nicht so nennen dürfe; ich wollte bei ihm dienen wie ein ehrlicher Dienstbote, und mein Trinkgeld sollte sein, daß ich bei meiner Schwester Kind sein dürfte. Schon unterwegs habe ich gesehen, daß der Schwager in der Schweiz ein ganz anderer Mensch geworden, so aufgeweckt und geschickt, wie er mir früher nicht geschienen hat. Wir sind über den Bodensee gefahren, die Schweizer Berge sind in der Nähe doch noch ganz anders, wie von daheim aus gesehen, aber damals hab' ich nicht besonders darauf geachtet. Wenn man solches in der Seele hat wie ich, ist's eins, wo man ist. Damals hat's da noch keine Eisenbahn gegeben, am Landungsplatz bei Rorschach wartete das Fuhrwerk des Schwagers auf uns. Wir sind durch das schöne Gelände gefahren, und der Schwager war ein stolzer Schweizer geworden und stolz auf das schöne Land. Wir kamen in Rheinfelden an, und die Frau sagte beim Willkomm: »Du siehst deinem Vater gleich im Gesicht und in der Postur, nur hast du andere Augen« – immer haben's die Leute mit meinen Augen gehabt – »dein Vater war uns lieb und wert, er hat schwer dafür büßen müssen, daß er sich für einen Geschäftsmann gehalten hat und war doch keiner. Aber ein rechter braver Mann war er.« O! Da bin ich daheim, da soll mir keine Arbeit zu viel sein, wo so von meinem Vater geredet wird. Ich hätte der Frau die Hände küssen mögen. Sonst hat sie nicht viel Worte gemacht, das ist so Schweizer Art, aber aufrichtig und gut ist sie geblieben, einen Tag wie den andern. Als die Agnes aus der Schule heim kam, sagte die Frau zu ihr: »Gib eine Patschhand, das ist deine Muhme.« Das Kind ist aber nicht zu mir gegangen, die Frau wollte böse darüber werden, ich sagte ihr aber leise: »Nimm das dem Kinde ja nicht übel. Was hat so ein Kind davon, wenn man ihm sagt, das da ist deine Muhme, hab' sie lieb? Es wird schon werden, wenn ich ihm Liebe erweise.« Wie ich das sagte, gab mir die Frau nochmals die Hand und sagte: »Ja, ist so. Das Kind wird schon merken, daß du blutsverwandt bist; Blut wird nicht zu Wasser.« Die Frau und ich, wir sind die besten Freundinnen geworden von der ersten Stunde an. Der Schwager hatte wieder ein Wirtshaus. Es gibt nichts Besseres für einen Wirt, als eigene Leute im Hause, da wird nichts veruntreut; ich sah, daß ich hier von Nutzen war. Wie ich's vorgedacht hatte, ist's auch mit meiner Schwester Kind, der Agnes, geworden; sie hat mich lieb bekommen, und die anderen Kinder waren eifersüchtig, wenn sie manchmal sagte, ich sei ihre Muhme allein. Ich war ruhig und zufrieden, die Stiefmutter war ganz brav, aber ein Kind kann nicht Liebe genug haben. Zwei Jahre bin ich bei meinem Schwager gewesen in Friede und Ehre. Besonders freundlich gegen mich war der Sträußlesoberst. Das war ein ehemaliger päpstlicher Soldat, der fast das ganze Jahr einen frischen Blumenstrauß im Knopfloch hatte und unten dran ein kleines Gläschen mit Wasser drin, um die Blumen frisch zu erhalten. Der Sträußlesoberst hat mich immer besonders gelobt, und eines Tages sagte er mir heimlich, ich könne mein Glück machen; ein reicher Fruchthändler in Rorschach, mit dem der Schwager in Gemeinschaft Geschäfte macht, habe ein Auge auf mich. Ich hatte den Mann schon oft gesehen und gesprochen, er war ein ehrbarer Mann, noch gut bei Jahren, er war freundlich gegen mich, aber ich kümmerte mich nichts drum. Es sind gar viele freundlich gegen mich gewesen, aber es hat sich keiner was herausnehmen dürfen; ich mußte mir freilich – dafür diene ich im Wirtshaus – ins Gesicht hinein sagen lassen, ich sei hübsch; die Leute vergnügen sich eben damit, einem Mädchen Schmeicheleien zu sagen. Daß mir aber keiner zu nahe kommen durfte, das wußten alle. Eines Tages war der Sträußlesoberst da und auch der Fruchthändler, sie waren sonntagsmäßig angezogen und sprachen heimlich mit meinem Schwager. Der Fruchthändler kam dann graden Weges zu mir und sagte: an der Art, wie ich gegen die Agnes sei, sehe er, daß ich eine gute Stiefmutter sein könne; er sei Witwer und habe zwei Kinder. Es ist mir nicht leicht geworden, dem guten Mann Nein zu sagen; er hörte mich ruhig an und fragte nur – er hat seelengut dabei ausgesehen – ob ich mir's nicht noch überlegen wolle; ich mußte sagen, ich hätte mir's überlegt. Er gab mir die Hand, redete weiter kein Wort und ging davon. Ich glaube nicht; daß es Stolz gewesen ist, ich habe nur eben gespürt, daß ich nicht einwilligen kann. Von jenem Tage war der Schwager, ich kann nicht sagen ungut, aber auch eben nicht mehr gut gegen mich; er sagte mir, ich hätte mein Glück verscherzt, und ich hätte nach dem, was in meiner Familie vorgegangen, froh sein dürfen, in solch ein Ehrenhaus zu kommen. Das hat mir weh gethan. Bald drauf wurde ein Tausch mit einem Waadtländer gemacht, die Agnes wurde zum Französischlernen nach dem Waadtlande gegeben, und wir bekamen ein Kind von dort. Ich bin gar nicht drum gefragt worden. Der Abschied von der Agnes brach mir ein Stück Herz ab, und von da an war meines Bleibens nicht mehr im Haus. Zwei und ein halbes Jahr bin ich bei meinem Schwager gewesen, dann nahm ich einen Dienst an, droben in Heiden, im Wirtshaus zum Freihof; ich habe das Beihaus zur Bewirtschaftung überkommen und habe alles unter mir gehabt. Beim Abschied war der Schwager wieder ganz gut und seine Frau noch besonders. Sie war sich immer gleich geblieben; ich glaube, sie hat nichts davon gewußt, daß mir aus Leben und Sterben meines Vaters ein Vorwurf gemacht worden ist. Achtzehntes Kapitel. Ich war jetzt eigentlich zum erstenmal Magd, denn beim Schwager habe ich wohl auch gedient, aber ich war doch die Schwägerin. Nichts ist ärger, als wenn Dienstboten einander zu unterjochen suchen; davon war aber hier oben nichts zu merken. Die Wirtin – sie war eine Oberstwitwe – war überall vorn dran in der Arbeit und ihre Tochter auch; Vornehmheit gab's da nicht, und die Dienstleute untereinander wollten keins über das andere regieren, daß es ihm den Hudel mache. Kann sein, daß das gute Schweizer Art ist, denn hier zu Lande bei meinen Dienstboten hab' ich's schwer gehabt, es auch dahin zu bringen. Also ich war Dienstbote und war's gern. Mir war da oben so leicht und frei, wie wenn ich als Gast zur Sommerfrische wäre, und die Arbeit – es hat viel gegeben – thue ich gern. Treppauf und treppab habe ich gesungen, wie wenn ich ein Glück zu erwarten hätte, das morgen, ja in der nächsten Stunde kommt. Ich hatte viele Gäste, einzelne und ganze Familien; es hieß aber, das rechte Leben komme erst, wenn der große Berliner Doktor kommt. Eine Schar von Augenkranken zog ihm voraus, siedelte sich bei uns an, im Dorf und weitum in der Gegend, und wartete auf ihn. Er ist gekommen, und als ich ihn zum erstenmal sah, da hab' ich's gespürt, das war das Frohe, das Glück, das mir vorgeschwebt hatte. Ich stellte ihm einen Blumenstrauß in sein Zimmer, ich hätte ihm gern Blumen gestreut, wo er geht. Und so wie in der ersten Minute, so ist's geblieben. Er hat gewiß auch gespürt, wie ich zu ihm denke. Ich brachte ihm Wasser. Ich hätte ihm gern die Füße gewaschen, die ihn tragen. »Wie heißen Sie?« fragte er mich; o, was hatte er für eine Stimme! »Brigitta,« sagte ich, »aber man ruft mich nur Gitta, und ich bitte, sagen Sie du.« »Bist du eine Verwandte des Hauses?« »Nein, ich bin aus dem Schwarzwald.« »Hast du noch Eltern?« »Nein.« »Hast du Geschwister?« »Nein.« Ich mußte ihn nur ansehen, wie er so fragte, ich meinte, er müsse alles wissen, dem sei nichts verborgen auf der Welt. Der Doktor hatte einen Blick, so heilig traurig und dabei doch so auferwecklich, ich kann's nicht sagen. Wo er hinkam, war schon eine Heilung damit, daß er da war, und mit seiner Stimme hat er die Schmerzen gestillt; die Wildesten und Ungeduldigsten sind vor ihm lind und sanft geworden. Von allen Seiten kamen Wallfahrer, anders als da drüben in Einsiedeln. Es kamen Männer und Frauen und Kinder, arm und reich, ihm war alles gleich. Er war doch zu uns da herauf gekommen, um sich auszuruhen, aber die Menschen ließen solch einem Mann keine Ruhe. Wenn er spazieren ging, habe ich Gott gedankt, daß er doch jetzt einmal für sich selber sein und verschnaufen darf; aber auf Weg und Steg haben sie ihm abgelauert und sind ihm nachgelaufen, und er ist nie unwillig geworden. Und solch ein Mann hat auch sterben müssen! Droben in meiner Stube hängt sein Bild mit seiner Unterschrift. Ja, was will aber so ein Bild heißen? Den Blick und nun gar den Ton der Stimme kann man nicht aufs Papier bringen. Damals aber lebte er noch frisch und thätig und hatte noch kein weißes Haar im Bart. Unter denen, die auf den großen Doktor warteten, war auch eine Engländerin aus Indien mit einem wunderschönen Kinde, es hieß Seridja, das hatte goldrote Haare und ein Gesicht wie Milch und Blut, war aber ein wahrer Teufel, der seine Freude daran hat, die Menschen zu plagen. Das Kind war blind, und wer ihm zu nahe gekommen ist, den hat es mißhandelt; die Mutter hat es geplagt wie eine Magd und die Magd wie einen Hund. Die Magd, eine braune Indierin, war die frühere Amme des Kindes, sie ist Babu gerufen worden, und das Kind hatte kein gutes Wort weder zu ihrer Mutter noch zu ihrer Amme. Der Doktor untersuchte nun zuerst die Seridja, und sie hat geschrieen und um sich geschlagen wie ein Besessener; es war das einzige, das nicht ruhig geworden ist unter seiner Hand und vor seiner Stimme. Er hat die Mutter mit dem Kind fortgeschickt und hat gesagt vor einem Jahr sei da nichts zu machen. Sonst hat er viele große Heilungen zuweg gebracht. Ich habe mir von den Geheilten erzählen lassen und habe mit ihnen Gott gedankt und den Mann gesegnet. Ich war so froh, wie wenn ich in meinem ganzen Leben kein Leid erlebt hätte, und doch ist's wieder gekommen, aber gottlob nur wie eine eben fortziehende Wetterwolke. Ich stand eines Tages vor dem Haus, ordnete Wäsche und sang leise vor mich hin. Der Himmel war so blau, die Luft so frisch und gut, man lebt doch da hoch oben auf den Bergen frei und leicht wie ein Vogel; es war so eine Minute oder länger, in der man gar nicht mehr weiß, was man ist und wo man ist. Da weckte mich etwas. Ich hörte die Stimme des Doktors drunten am Haupthaus. Ich ging ans Geländer, da stand der Doktor an einem bepackten Wagen und sagte: »Haben Sie Geduld, Herr Baron, es läßt sich jetzt noch nichts bestimmen oder versuchen.« Im Wagen saß ein Mann und eine Frau, und wer war's? Der Rittmeister und seine Frau. Ich mußte mich am Geländer halten. Der Postillon bläst, der Wagen fährt davon, ganz nahe an mir vorbei, ich habe mich nicht geirrt, es ist richtig, es war der Rittmeister und seine Frau, und noch ein schöner junger Mann saß bei ihnen. Ich mußte mich besinnen, wo ich war; mit mir ging alles herum. Ich zählte meine Wäsche nach, aber ich konnte nicht mehr ordentlich zählen, ich war ganz verwirrt. Lieber Gott! Thu mir nur das nicht an, daß du mir den Mann noch einmal vor Augen schickst. So habe ich vor mich hin gedacht, und jetzt hörte ich die Stimme der Bonifacia; ich meinte, es wäre nicht wahr, aber es ist wahr. Die Bonifacia war da, mit dem Weger, der ein Aug' verbunden hat; es war ihm ein Steinsplitter ins Aug' gefahren und er litt arge Schmerzen. Ich sagte ihm, daß, wenn Einer auf der Welt ihm helfen könne, das der große Doktor sei. Bonifacia erzählte, das meine der Ronymus auch. Der Ronymus habe als Soldat ausgedient und sei jetzt Hausknecht in Basel; dort sei der große Doktor über Nacht gewesen, und da habe der Ronymus Geld heimgeschickt, damit der Vater hierher reise. »Er ist gar ein gutes Kind,« sagte die Bonifacia, »und wie wird er sich erst freuen, daß wir dich hier getroffen haben.« Wie wir drei uns miteinander gefreut haben, das brauche ich nicht zu erzählen. Es erleichterte mir das Herz, daß ich meine Nächsten so bei mir hatte, denen ich berichten konnte, daß ich den Rittmeister gesehen, aber glücklicherweise nur einen Augenblick. »Und ich bring' dir ein Andenken vom Rittmeister,« sagte der Weger, »da sieh, dein Anhenker mit deinem Namen. Kinder, die Beeren im Wald gesucht haben, haben das gefunden. Ich hab's mitgenommen, um es dir zu deinem Schwager zu bringen.« Da hielt ich nun den Anhenker wieder in der Hand, und als ich darauf sah, wachte jene Nacht wieder auf, da ich mit dem Vater durch den Wald wanderte zum Ohm. Warum kam alles wieder, warum nicht auf ewig vergangen und vergessen? Es war aber jetzt nicht Zeit, solchen Gedanken nachzuspüren. Neunzehntes Kapitel. Ich ging zum Doktor und berichtete ihm, daß mein bester Freund aus der Heimat da sei und Heilung bei ihm suche. Der Doktor erklärte sich sofort bereit und sagte: »Ich traue dir den Mut und die Ruhe zu, bei Operationen zu helfen. Willst du dabei sein?« Ich sagte Ja und holte den Weger herbei. Der Doktor untersuchte ihn, der Weger hat nicht gemuckst, und ich habe zum erstenmal hinter ein Aug' gesehen. Der Doktor sagte, die Operation sei nicht leicht, aber er habe Hoffnung; der Weger solle sich bis morgen ausruhen, dann werde er ihn vornehmen, Punkt elf Uhr. Wir fehlten natürlich keine Sekunde. Ein junger Doktor war auch da als Assistent. Von den Vorbereitungen will ich nichts erzählen, der Weger war geduldig und fügsam, und die Bonifacia kniete in einer Ecke auf dem Boden und betete. Ich bekam Anweisungen, wie ich das und das reichen sollte. Der Weger sagte, es sei nicht nötig, daß man ihn an den Stuhl binde, er werde von selber still halten; aber er ließ es auch ruhig geschehen, daß man ihn doch band. Der Doktor war ganz ruhig, dem Assistenten sah ich's aber an, daß es schlimm steht. Der Doktor schnitt, dann mußte ich ihm schnell ein anderes Instrument reichen, und jetzt rief er: »Ich hab' den Splitter!« Der Weger wollte aufspringen, er schrie: »Ich sehe!« Wir hielten ihn aber, er mußte das Auge schließen, und ich half den Verband anlegen. Wie strahlte jetzt das Gesicht des Doktors! Ich mußte die Bonifacia aus dem Zimmer führen, denn sie weinte so laut. Ich kam wieder ins Zimmer, und der Doktor reichte mir in einem Papier den kleinen Steinsplitter und sagte dabei: »Bewahre das zum Andenken an deine erste Hilfe bei Operationen. Ich hoffe, du bleibst dabei, du hast eine feste sichere Hand.« Ich habe an mich halten müssen, daß ich nicht aufjauchzte, ich, ich darf helfen – Kranke heilen. Die Bonifacia bat mich, daß ich ihr den Splitter schenke, der Ronymus müsse ihn in Gold fassen lassen zu einem Anhenker. Ich gab ihr den Splitter, und ich glaubte, der Doktor wird das recht finden. Im Haus und im Hof war eine einzige große Freude bei allen Leidenden über die so wunderbare Heilung des Weger. Die Bonifacia erzählte es jedem, der es hören wollte. Der Weger blieb noch drei Tage bei uns. Der Doktor lehrte mich Verband anlegen und abnehmen, und als er sagte, ich mache es recht – wenn unser Herrgott vom Himmel herabgekommen wäre und mich gelobt hätte, ich hätte nicht glückseliger sein können. Der Weger und die Bonifacia mußten dem Doktor erzählt haben, wo ich her sei, denn er sagte mir: »Habe mir's denken können, daß du aus einem rechten Hause und von rechtschaffenen Eltern abstammst.« O lieber Gott! Was kann's jetzt noch mehr auf der Welt geben? Der Abschied von dem Weger und der Bonifacia ist mir nahe gegangen, hat mir aber doch auch wohlgethan. Es gibt nichts Besseres auf der Welt, als Menschen nachzuschauen, denen man Gutes hat erweisen können. Da gehen sie hin und tragen gutes Gedenken an dich mit fort. Ich habe auch bald fort müssen. Nach der Heilung des Weger war ich bei jeder Operation und hielt alles gut bereit. Eines Tages kam aus Zürich ein Schüler des Doktors, half bei Operationen und machte selber auch solche zur Zufriedenheit seines Meisters, der ihn gar lieb hatte. Da sagte der Doktor einmal in meinem Beisein: »Lieber Kollega! Die Brigitta ist ein guter Assistent, ihre Handreichungen sind auf die Linie hin zu berechnen. Sie sollten sie in Ihre Anstalt nehmen.« Der Züricher Professor fragte, ob ich zu ihm wolle; ich nahm es an, aber erst zum Herbst, wenn wir keine Gäste mehr hatten. Und so bin ich im Herbst fort von Heiden und zu dem Professor nach Zürich. Zwanzigstes Kapitel. Die Art, wie mich der Professor seiner Frau und den Dienstleuten vorstellte, zeigte, was er von mir hielt. Er hat mir alles anvertraut, und ich habe sein Vertrauen nicht getäuscht, bis auf das einzige Mal . . . Eine besondere Freude war mir, daß der Hund im Hause – ich werde noch viel von ihm zu erzählen haben, er heißt Rack – sich gleich von der ersten Minute an so zu mir hielt. Das habe ich bald gesehen, solch eine Anstalt ist was ganz anderes als ein Wirtshaus. Anfangs war mir's, wie wenn ich verzaubert wäre in ein unterirdisches Schloß, wie man in Märchen liest. Da sind so viel Menschen und wie gebannt, sie können sich nicht das Kleinste selber thun; da sind so viel dunkle Kammern, und man meint, die ganze Welt sei krank. Ich habe mich aber doch bald drein gefunden, und die Kranken haben mich gern gehabt. Wenn ich morgens zum Fenster hinaus schaue, vor mir liegt der See, stehen die Alpen so weit und so groß, und die kleine Kugel, das Auge, kann das alles aufnehmen, Berge und Thäler, die doch millionenmal größer sind – da habe ich erst recht verstanden, wenn die Kranken geloben, nie mehr über etwas zu klagen, wenn sie nur erst wieder gesunde Augen haben. Jeden Morgen habe ich Gott gedankt, daß ich meine gesunden Glieder habe und meine guten Augen, mit denen ich anderen beistehen kann. Ich darf sagen, ich bin nie ungeduldig oder gar bös geworden, außer dem einzigen Mal, von dem ich schon noch erzählen muß; die Kranken haben es wohl gefühlt, wie ich zu ihnen bin, nicht alle gleich, jeder eben nach seinem Verstand, und manche haben mir mehr geleistet als ich ihnen. Ja, alle Menschenklassen, alle Stände, alle Lebensalter sind durch unser Haus gegangen; in einer solchen Anstalt, bei der Operation und nachher in der Heilung, da zeigt sich, was der Mensch inwendig ist, da kann man weder sich selber noch anderen was vormachen. Von den Religionen muß ich gleich sagen: es ist da kein Unterschied, wie die Kranken Gott anrufen; der Charakter und die Gemütsart, die einer hat, ist die Hauptsache. Es gibt Menschen, denen zu dienen ist eine Freude; dafür muß man wieder anderen dienen, die entsetzlich sind, immer bös, immer giftig. Man muß nur keinen Aerger merken lassen, und zuletzt hat man auch keinen mehr. Ich habe in den nahezu sieben Jahren Katholiken und Protestanten und Juden und auch ganz Ungläubige gepflegt, fürstliche Personen, die unter seidenen Decken schlafen und Hände haben so fein wie Eierhäutchen, und dann Wildheuer, die ihr Leben lang nicht gewußt haben, was ein Bett ist. In der Dankbarkeit, wie die Menschen nach der Heilung sind und bleiben, da lernt man sie erst recht kennen, und ich muß sagen, da sind die Juden besonders gut; der Professor sagt's auch, ein Jude vergißt nicht leicht, was man ihm Gutes gethan hat. Freilich arg wehleidig sind die Juden und haben gern Mitleid mit sich selber, aber, wie gesagt, sie sind auch besonders dankbar. Wir hatten einmal zu gleicher Zeit drei Geistliche im Haus, einen katholischen, einen lutherischen und einen jüdischen. Unser Herrgott hat's anhören müssen, wie sie so verschieden zu ihm beten. Die christlichen Geistlichen sind geheilt worden, der jüdische nicht. Als ihm das endlich gesagt werden mußte, rief er: »Gelobt sei Gott, der mich so viele Jahre hat sehen lassen; ich weiß unsere Bibel auswendig und kann ohne Augen darin lesen.« Aber er dankte herzlich für die viele Geduld und Liebe, die wir ihm erwiesen. Zu dem Professor sagte er: »Sie haben es gut gemeint, aber Gott hat gemeint, anders ist gut für mich; er wird wissen, warum.« Wir hatten auch eine Fürstin im Haus, ich glaube aus dem Thüringischen, eine mächtig große Gestalt; mit keinem Laut klagte sie je, nicht bei der Operation und nicht nachher, es ist ihr nur ein Auge gerettet worden. Wenn ich ihr etwas leistete, und sie streichelte dann mit ihrer zarten Hand meine Wange oder auch meine Hand und sagte mir ein Wort, das war so fein und gutherzig, wie nicht zu sagen. Von Stolz kein Gedanke. Wir hatten einen starblinden Hirten im Haus, der verirrte sich einmal auf dem Gang, kam in das Zimmer der Fürstin; sie führte ihn an der Hand in seine Stube. Der Alte hatte dann dem Professor gesagt: »Sie müssen mir's in mein Gesangbuch schreiben, daß eine Fürstin mich an der Hand geführt und mich lieber Mann geheißen hat.« Ueber der Fürstin wohnte eine alte Bäuerin, die erzählte, wie sie eines Tages ihr Enkelchen hatte fallen lassen, sie nahm es wieder auf, das Kind schrie entsetzlich, die Tochter kam herein, die Großmutter hatte das Kind verkehrt auf dem Arm. Die Leute lachten darüber, daß so eine alte Frau sich noch wolle heilen lassen. Ich bin doch auch ein Bauernkind – aber ich muß sagen, wenn ich die Vornehmen betrachtete und dagegen manche Bauersleute, sind mir diese manchmal nur wie halbe Menschen vorgekommen:, so ungeschlacht, so geizig und mißtrauisch waren sie und wußten gar nichts mit sich anzufangen. Da hatten wir aber eine gute Seele in der Anstalt, die mich immer in allem zurecht wies. Wenn ich von der feinen guten Pfälzer-Doktorin zu erzählen anfange, weiß ich nicht, wo ich aufhören soll. Sie hat nur ein geringes Augenlicht, aber sich so geübt, daß sie fast gar keiner Hilfe bedarf. Nur vorlesen mußte ich ihr, so oft ich Zeit hatte, und das war meine Schule; sie hat mir alles erklärt, sie versteht alles, und in ihrer Stube und in ihrem Herzen ist immer alles schön aufgeräumt. Eigentlich war sie kein Krankes mehr und wollte das Haus verlassen, um einem andern den Platz nicht zu versperren; aber der Professor und seine Frau ließen sie nicht fort; sie war eine Hilfe, wie wenn sie Arzt und Geistlicher und Hausordnerin zugleich wäre. Ja, sie war ein wahrer Segen für das Haus. Wer sich nicht mehr zu helfen wußte, wendete sich an die Doktorin, da schlüpfte man unter wie bei einer Gluckhenne, und sie hat eine Stimme – es ist nicht recht, wenn ich sage wie eine Gluckhenne, und doch hat sie etwas davon – ich meine, so sorglich, so warm, so behütend, so mütterlich lockend. Wie jedes seine besondere Medizin braucht, so auch seinen besonderen Mutzuspruch. Sie hat jedem geduldig seine Klagen abgenommen, und das thut schon gut, und ein einziges tröstliches Wort hilft auf. Nicht die Schmerzen sind es oft, die die Kranken so arg plagen, die Langeweile plagt sie noch viel mehr. Da waren kranke junge Mädchen, die wußten gar nicht, was sie mit sich anfangen sollten, und verfielen auf allerlei; diese lehrte nun die Doktorin verschiedene Handarbeiten und überhaupt sich vorbereiten und üben für den unglücklichen Fall, damit sie dann für sich selber und für andere was nutz sind und nicht hilflos sich selber und anderen zur Last. Blind sein ist gewiß hart, aber noch härter ist die Furcht, blind zu werden. Die Doktorin hat viele gestärkt, sich ins Unabänderliche zu finden. Vergiß nicht, Kind, sagte sie oft, die Liebe stammt aus der Geduld, wie es im Evangelium heißt. Der Augenkranke muß viel fragen, weil er nicht sehen kann, und da laß nie Ungeduld über dich kommen, der du nicht weißt, was Augenfinsternis ist, was es heißt, den Fuß nicht mehr heben, sondern immer schleichen und mit Händen und Füßen tasten zu müssen, den Bissen nicht sehen, den man zum Munde führt, keine Blume, keine Helligkeit, kein Menschenantlitz. Hab' Geduld, und du findest Liebe in dir und in anderen. Einundzwanzigstes Kapitel. Ich muß aber noch von einigen andern erzählen, nicht von allen, das wäre zu viel, aber einiger muß ich noch gedenken, vor dem letzten, was eingetroffen ist. – Wir hatten eine Frau im Hause, auch eine Baronin von Haueisen, sie war Geschwisterkind vom Rittmeister; ich habe ihr aber nicht gesagt, daß ich den kenne, sie kann nichts dafür, daß er ihr Vetter ist, und sie war auch ganz anders, sanft wie ein Engel. Ich habe ihr einmal einen Brief ihres Vetters aus Italien vorlesen müssen. Ich hab' es nicht gern gethan, aber auf der Stelle, wo ich bin, darf man nicht nach Gernthun fragen. Der Brief des Rittmeisters war so ordentlich, so herzlich, wie wenn er von einem rechtschaffenen Mann wäre. Der Rittmeister ließ sich's wohl sein und dachte nicht daran, wie es denen geht, die er ausgeraubt hat. Die Baronin wollte mir eine Antwort an ihren Vetter diktieren, ich machte mich aber davon los. Ich konnte nicht Liebes und Gutes an den Mann schreiben. Die Baronin Haueisen war eine feine grundgute Frau, es sind eben in einer Familie nicht alle gleich. Sie sagte einmal: »Ich muß es als eine Fügung Gottes erkennen, daß er mich hat so krank werden lassen; ich habe erst dadurch erfahren, wie viel Liebe und gute Pflege es auf der Welt gibt.« Sie ist geheilt entlassen worden und hat uns rührend gedankt. Ja, Schöneres gibt's nicht, und Besseres kommt nicht aus dem Herzen, als in der Stunde, da Kranke geheilt davongehen. Manche haben's nicht sagen können und haben mir dann von daheim geschrieben. Es ist aber nicht immer alles schön und gut gewesen bei uns. Viele Kranke, besonders die durch den Trunk so geworden sind, waren gar wüst, und einmal ist uns einer am dritten Tag verrückt geworden. Das war ein Auswanderungsagent, der viele Menschen in Länder verführt hatte, wo sie bald starben. Er muß sie Spatzenköpfe geheißen haben, denn das Wort hat er immer gerufen, bis man ihn in der Zwangsjacke fortbrachte. Ich hatte schon lange nicht mehr an den Rittmeister gedacht. Jetzt, als der Mann in Reue über sein Sündengeschäft wahnsinnig wurde, jetzt habe ich an den Rittmeister denken müssen. Muß der nicht auch so enden? – Ich muß aber meine Gedanken noch einmal zurückwenden. Am meisten Geduld hat man natürlich mit Kindern haben müssen. Da brachten uns Eltern ein Kind und sagten, es sei so bös, daß es nicht ruhig werde, bis man es schlage. Ich redete mit dem Kind, und es versprach mir, sich bei der Operation und besonders nachher ruhig zu halten, und es hielt Wort, und ich war ganz glücklich, wie alles so gut ging. Das Kind hatte einen Charakter, so stark wie ein Mann, und dabei so folgsam und gewissenhaft; es durfte nicht sprechen und sich nicht bewegen, und es hat sich verhalten, wie wenn es stumm und unbeweglich wäre. Es ist ein tüchtiges Mädchen geworden und ist jetzt Telegraphistin auf dem Bahnhof in Zürich. Ich will nur noch von der Seridja und dem sternkundigen Professor erzählen. Das gehört zu dem letzten, was nachher über mich gekommen ist, und von wem? Vom Rittmeister. Zweiundzwanzigstes Kapitel. Eines Tages sagte mir unser Professor, ich müsse auf einige Zeit die Anstalt verlassen, die Engländerin aus Indien, die ich schon in Heiden gesehen habe, sei mit ihrem Kinde angekommen; das Kind sei falsch operiert worden und sei noch böser als je. Die Operation werde nicht im Hause, sondern im Hotel Bauer am See gemacht; auch die Heilungszeit müsse dort abgewartet werden. Ich ging nicht gern fort aus dem Hause, ich konnte mir gar nicht denken, daß ich je von da weg solle; aber die Pfälzer-Doktorin hatte recht, ich bin eben ein Soldat, der auf den Posten hinaus geschickt wird, und abgelöst werde ich auch wieder. Ich siedelte also hinunter in den Gasthof, und wer stand unter dem Hofthor und hatte eine große grüne Schürze an? Der Ronymus. Er zwinkerte mir nur mit den Augen, sonst gab er mir kein Zeichen, daß er mich kennt. Die Engländerin wohnte hoch oben, ich war schon angekündigt. Der Ronymus schob einen andern Hausknecht weg, nahm meinen Koffer auf die Schulter, trug ihn in den Lupf – sie heißen ihn auch Lift – mit dem man hinauf fährt, und sagte: »Steigen Sie nur hier ein.« Ich folgte ihm, er stieg auch ein, die Maschine gurgelte, es ging in die Höhe; in der kleinen Stube, die aufstieg, brannte ein Licht, wie bei Nacht. Mir war, als ob ich verhext wäre. »Hast du mich gleich erkannt?« fragte der Ronymus und fuhr sich dabei mit der Hand über die Augen. »Ja.« »Wir wollen aber vor den Leuten nicht merken lassen, daß wir uns kennen. O lieber Gott! O guter Gott! Was machst du alles . . .« Weiter ist nichts geredet worden. Wir waren schnell oben im dritten Stock, die Maschine hielt an, der Ronymus nahm meinen Koffer wieder auf die Schulter und trug ihn in mein Zimmer. Jetzt wischte er sich mit einem Tuch den Schweiß aus dem Gesicht; er hörte aber gar nicht auf und wischte immerfort, er trocknete wohl noch anderes ab und stand da und atmete schwer. »Ich trag' sonst das Siebenfache von dem da leicht,« sagte er endlich, »ich hab' ja bei dir daheim einen Maltersack Hafer selber aufgeladen und auf die obere Bühne getragen wie eine Feder. Sag', hast du gewußt, daß ich hier bin?« »Nein.« »Aber ich wußte, daß du hier bist; ich hab' es meinen Eltern geschrieben. Ich weiß es schon lang, aber ich hab' dich nicht in Ungelegenheit bringen wollen. Soll ich sagen, daß ich Knecht bei deinem Vater gewesen bin? Ich habe gefürchtet, ich verrat mich, will sagen, ich verrate dich –« Der gute Mensch konnte nicht weiter, und mir fuhr es wie ein Blitz durch alle Glieder: der Ronymus hat dich gern. Nein, die treue Seele soll nicht unglücklich durch mich werden. Ich glaub', daß doch auch noch vom Großbauernstolz in mir war, und ich war auch jetzt seiner gewöhnt. Ich sagte: »Ich bin gern in der Anstalt, und ich bleib' da mein Leben lang.« »Ja, ja,« sagte er, »ich will dir auch nur noch sagen, ich weiß, was du an meiner Mutter und an meinem Vater gethan hast. Deine Schuhe, die lasse ich nicht von meinem Unterknecht putzen, die putz ich dir jeden Tag selber; ich möcht' dir die Händ' unter die Füß' legen. Sieh mich nicht so verwundert an. Sei froh, du hast einen Menschen um dich . . . Still! Es kommt jemand . . . Befehlen Sie sonst noch was?« schloß er plötzlich mit ganz anderm Ton, der Schelm. Unser Professor kam, und der Ronymus ging davon. Der Professor mußte mir doch was angesehen haben, denn er sagte: »Gitta, du siehst so betroffen aus. Ist dir's denn so schwer, aus der Anstalt fortzugehen? Sei nur ruhig, es wird dir schon gefallen, und du hast hier viel mehr freie Zeit. Ich möchte dich aber heute nicht zum Assistenten haben. Laß einmal deinen Puls fühlen. Ja, du hast etwas Fieber.« Ich hab's auch gehabt. Nicht wegen des Ronymus, den bring' ich schon zurecht, das fehlt nicht; aber jetzt kommt das alte Leben wieder auf mich nieder, und ich habe fast ganz vergessen, woher ich komme und was überhaupt gewesen ist. Aber jung sein ist eine schöne Sache, und eine gute Pflicht dabei, noch mehr. Ich bin ein Soldat, der auf den Posten geschickt ist, das fällt mir jetzt wieder ein, und da heißt es, wach sein und sich um nichts nebenaus kümmern. Unser Professor erklärte mir nun, ich hätte die besonders schwere Aufgabe, das rothaarige Kind ruhig zu machen; das sei ein kleiner Teufel, den wir wohl chloroformieren, aber in dieser Aufregung nicht heilen könnten. »Du kennst ja die Seridja noch von Heiden her.« Der Professor führte mich nun zu dem Kinde und sagte: »Hier, Seridja, hier hab' ich dir eine gute Freundin gebracht.« Wie ich dem Kinde nahe kam, schrie es, als ob es am Spieß stecke, und wie ich mich niederbeugte, wollte es mich an den Haaren zerren und schlug mir mit beiden Fäusten ins Gesicht. »Gelt, Kind, du hast mich nicht schlagen wollen?« sag' ich, »gelt, du hast arge Schmerzen, die dich so bös machen? Du hast deine Schmerzen schlagen wollen.« Wie ich das sage, schreit das Kind: »Geh fort, geh fort. Ich will dich nicht. Nein, bleib da, bleib jetzt. Wie heißt du denn?« »Gitta!« »Gitta! Gitta! Gitta! Das ist lustig. Komm, gib mir die Hand, ich thu' dir nichts; ja, meine Schmerzen sind bös, so bös.« Ich gab ihm die Hand, und es streichelte sie. Die Mutter und der Professor sahen einander an, und was sie dachten, denke ich auch: das Kind ist bezwungen, das kriege ich in die Hand. Dreiundzwanzigstes Kapitel. Der Professor ging fort, und auf der Flur sagte er, es sei gescheit von mir gewesen, daß ich so zu dem Kinde geredet habe. Es war aber gar nicht gescheit von mir, es war mein voller Ernst, und wenn's das nicht gewesen wäre, hätte es auch nichts genützt. Das Kind ist nicht gleich vom ersten Tage an zahm geworden, aber wenn ich gesagt habe, ich gehe fort, da hat es mich um Verzeihung gebeten und mir alles schenken wollen. Ich darf sagen, ich hab' mit der Seridja Geduld gehabt, wie man mehr nicht haben kann; ich hab' auch der Mutter geholfen, die gar nicht mehr mit ihrem Kinde hatte auskommen können. Lieber Gott! Das ist ein lebenslustiges übermütiges Geschöpf, das möcht' gern springen und hüpfen und muß nun so daliegen, kann mit nichts spielen, hat nie was Ordentliches gesehen und kann sich an nichts erinnern und weiß nicht, ob es in Rom, in Konstantinopel oder in Zürich ist. Das Kind ist in den dreizehn Jahren seines Lebens in allen Ländern gewesen, kennt alle Sprachen, weiß, wie man Hund in allen Sprachen sagt, weiß aber kaum mehr, wie ein Hund aussieht. Das ist ein bitteres Elend. Die Mutter hatte es jetzt besser; stundenlang und auch halbe Tage durfte sie von dem Kinde fort und sich wieder auffrischen; sie war ganz herabgekommen gewesen. Als der Professor wiederkam, sagte ich ihm, daß man dem Kinde unsern braven Hund, den Rack, geben müsse. Er fragte mich, ob das Kind selber den Wunsch nach einem Hunde geäußert habe; ich sagte, daß es nur mein Gedanke sei, das Kind müsse etwas Lebendiges zum Spielen haben. Der Professor brachte nun unsern Rack. Das gute Tier blinzelte mir zu mit seinen so herzgetreuen, grundehrlichen Augen, wie wenn es mir sagen wollte: ich weiß auch, daß das arme Kind blind ist, und wir zwei lassen uns von ihm zerren oder liebkosen, wie es eben mag. Seridja war auch ganz glückselig mit dem Rack, ich habe ihr sagen müssen, wie der Hund aussieht; es war ein schöner schwarzer Hühnerhund mit langen Ohren, weißer Schnauze, weißem Bleß und weißen Füßen. Das Kind hat Stunden mit Rack plaudern können, und das hat die Mutter noch viel erleichtert. Ich mußte neben Seridja schlafen und ihr erzählen, bis sie einschlief. Ich habe dem Kinde alle Geschichten erzählt, die ich wußte; auch Stücke aus meinem Leben. Wie ich von unseren verlorenen Gänsen erzählte, die wieder gekommen sind und schnattern und plaudern und basen, da hat das Kind mit mir den Gänsen nachgeahmt, und ich hab' ihm das noch oft und oft vormachen müssen. Von unserm reichen Leben habe ich nichts erzählt, aber davon, daß ich auch Steine geklopft habe an der Straße, und da rief das Kind: »Mutter, die Gitta hat noch ärgere Proben bestehen müssen, als die Prinzessin im Märchen; die hat doch nur Gänse gehütet und Beeren gesammelt im Wald, aber Steine hat sie nicht geklopft. Gitta, du wirst noch viel mehr als Königin!« Wir lachten über das Kind, und gescheit, wie es war und stark in Fragen, wollte es wissen, ob die Steine sich leichter bei Regen oder bei Sonnenschein zerspalten; alles wollte es wissen. Ich erzählte auch, daß dem Weger ein Steinsplitter ins Auge geflogen sei – o weh! das Kind schreit wie besessen, es spürt den Steinsplitter in seinen Augen und schreit wie toll: »thu mir ihn heraus! heraus!« Jetzt war auf viele Tage wieder alles verdorben; die Mutter zankte mich, weil ich dem Kinde solcherlei erzählt habe, und ich machte mir auch Vorwürfe. Ich habe aber nichts mehr zu erzählen gewußt, und das Kind wollte sich nicht aus Büchern vorlesen lassen. Ich habe mir also viele Geschichten auswendig gelernt. Etwas anderes wachte auch wieder bei mir auf. Ich wußte ja von den Eichenschälerinnen und von der Bonifacia viele Lieder. Ich sang also dem Kinde vor, und es lernte alle Lieder schnell; es hatte eine schöne Stimme, und wir sangen miteinander, es ging wie zusammengepaßt. Heiter sein, das ist besonders gut für die Heilung. Der Professor hatte alles Vertrauen für das Gelingen der Operation, aber das Kind mußte ruhig und geduldig sein lernen für die Zeit der Heilung, sonst war alles vergebens, ja noch schlimmer als vorher. Ich war manchmal bös auf die Mutter; solch eine feine vornehme Frau hätte bei alledem das Kind nicht sollen so verwildern und unbändig werden lassen. Das Kind war ein wahrer Tyrann; vom frühen Morgen bis in die späte Nacht hat man ohne Unterlaß ihm immer etwas erzählen oder mit ihm treiben müssen. Ich habe oft nicht mehr gewußt, wo aus noch ein. Nun hat sich aber etwas Gutes gefunden. Ich bat das Kind, mich Englisch zu lehren. Das hat ihm wohlgefallen. Ich habe Tag für Tag so und so viel Worte und Redensarten lernen müssen, und das Kind war ganz glücklich, Schulmeister zu spielen. Ich habe geläufig englisch sprechen können, jetzt freilich hab' ich's wieder verlernt. Vierundzwanzigstes Kapitel. Wie es mit dem Ronymus war? Ganz gut, er hat eine brave, bedächtige Art, er hat viel von seinem Vater. Er erzählte mir, daß er etwas voran bringe, und daß er hoffe, noch weiter zu kommen. Das Soldatenleben hatte einen ganz neuen Menschen aus ihm gemacht; er erzählte mir, daß die Schweizer gern Deutsche zu Dienstboten haben, besonders gern gediente Soldaten. Er plagte mich nicht mit Liebessachen, mit keinem Wort, und ich habe gemeint, ich hätte mir etwas eingebildet und unnötige Sorgen gemacht. Er war ehrerbietig gegen mich, nur wollte er sich nicht drein finden, daß ich, die Prinzeß vom Schlehenhof, dienen müsse, und noch dazu als Krankenwärterin. Vor der Engländerin hatten wir kein Hehl daraus, daß wir uns von Kindheit an kennen, und der Ronymus muß ihr einmal gesagt haben, daß ich von vornehmer Herkunft sei. Die Engländerin hat, so oft es Gelegenheit gegeben hat, sich gern mit dem Ronymus unterhalten, er ist so gradaus und lustig dabei; er ist gar froh, daß er tagtäglich sein kleines Vermögen wachsen sieht; er hat auch schon zwei Aecker und eine Wiese daheim gekauft. Der Ronymus war eben anders als ich, er dachte gern zurück an die Vergangenheit und freute sich, daß es jetzt besser geht; ich dagegen mochte von der Vergangenheit nichts wissen. Der Ronymus ist noch heute so, er erinnert sich bei jeder Gelegenheit an die frühere Armutei und ist immer dankbar für alles, was eben jetzt ist. Eines Tages, als ich dem Ronymus über die Engländerin klagte, daß sie immer wieder verderbe, was ich an dem Kinde gut mache, sagte er: »Wie kannst du dich nur über diese Frau ärgern? Die ist ja einfältig, dumm wie Bohnenstroh.« Ich sah das jetzt auch; man kann mit den feinsten Kleidern und dem größten Reichtum doch dumm sein. Mir wurde jetzt alles viel klarer, und ich ärgerte mich nicht mehr über die Frau, sie war eben dumm und hatte keine Einsicht. Wie gesagt, mit Liebessachen hat mich der Ronymus verschont, nur einmal sagte er: »Was meinst, was zwei so gute Augen wert sind?« »O du Schmeichler!« »Was Schmeichler! Ich meine ja gar nicht dich, ich red' von meinen eigenen Augen. Die Kranken können dir sagen, was gute Augen wert sind. Es ist nur gut, daß sie sie nicht kaufen können, sonst müßten wir blind herumlaufen. O! Und wenn gute Augen erst Einen gut ansehen . . . Hui! Da klingelt's wieder!« »Ja, mach', daß du fort kommst.« Der Ronymus ging davon. Ich hatte etwas in der Stadt zu besorgen gehabt, ich kehrte in den Gasthof zurück, ich fuhr mit dem Lupf in die Höhe, ich blieb stehen; auf der Bank saß eine verschleierte Frau und ein verschleierter Mann, ich sah sie kaum in dem wenig erleuchteten Raum. Ich hörte aber, wie die Frau sagte: »Wenn du krank sein willst, so sei auch recht krank, geh' in ein Hospital, aber ich, ich bin keine Krankenwärterin.« Der Mann seufzte und sagte nichts. Die beiden stiegen im ersten Stock aus, ich fuhr weiter in die Höhe, aber ich wurde es nicht los; mir war, wie wenn ich die Stimme der Frau schon einmal gehört hätte. Kann das nicht der Rittmeister und seine Frau gewesen sein? Ich schalt mich aus über meine einfältige Ahnung. Andern Tages bat ich den Ronymus, er solle sich doch im Comptoir erkundigen, ob nicht der Rittmeister und seine Frau im Gasthof gewesen seien. »Das brauche ich nicht mehr zu erkundigen. Einer von unseren Omnibuskutschern war der Jokey bei ihm, den er ins Unglück gebracht hat; der hat ihn gleich erkannt. Ja, sie sind's gewesen, sind aber schon wieder fort. Er hat deinen Professor beraten, er hat gealtert und sie auch, aber er färbst sich den Bart, und sie färbt sich die Backen. Im ganzen Haus hat alles davon geredet, wie die beiden miteinander zanken; sie ist allein an die Tafel gegangen, schön geputzt, und wie man ihm das Essen gebracht hat, hat sie sich auf den Balkon gesetzt, sie will nicht sehen, wie er ißt. Ich hab' ihnen die Koffer gepackt. Er hat noch einen Schein und hat sich die Augenlider mit der Hand hoch gehalten und mich betrachtet, wie wenn er sagen wollte: Dich habe ich schon gesehen, weiß nur nicht, wo ich dich hinthun soll . . . Ja, aber ich weiß, wo ich ihn hinthun möcht', den Waldmörder, den Menschenmörder, den Räuber. Wenn ich einmal in den Himmel komm', ins Paradies, da beding' ich mir bei unserm Herrgott aus: er muß mir jeden Tag ein paar Stunden Urlaub geben, daß ich in die Hölle hinunter darf, um den Rittmeister zu zwacken. Der soll spüren, was ich kann; das soll meine beste Seligkeit sein.« »Du bist bös. Ich will nicht mehr an den Rittmeister denken. Wenn man böse Gedanken auf einen Menschen hat, verdirbt man sich selber damit.« »Ja, ja, soll so sein, ist auch nicht nötig. Der Mann ist schon gestraft genug, er hat eine böse Frau, da ist er mit allem versorgt.« Fünfundzwanzigstes Kapitel. Ich hatte jetzt anderes zu thun und zu denken, da durfte kein Gedanke nebenaus gehen, da mußte man mit Leib und Seele dabei sein. Wir konnten Seridja chloroformieren, und die Operation ging leicht und regelrecht. Als sie wieder aufwachte, bat ich sie, nicht zu reden und sich nicht zu rühren; sie sagte nichts als – Rack. Der Hund hatte verstanden, er ging ans Bett, legte seinen Kopf auf den Rand der Matratze, und das Kind legte seine Hand auf den Kopf, und so waren die beiden stundenlang ruhig und lautlos. Ich hatte nur zu thun, um die Mutter zu beruhigen, die darüber ganz außer sich war und Angst hatte und das Kind zum Reden bringen wollte. Es ist ein Glück, wenn man von jemand weiß, es ist dumm, da hat man die rechte Geduld; das kann ja nicht anders. Es ist das beste, wenn der erste Verband recht lang liegen bleiben kann; ich sagte das dem Kind, ich sah, wie es die Zähne zusammenbiß und still den Hund zerrte, sie blieben aber beide ruhig und lautlos. Ich sitze bei dem Kinde in der Dunkelstube, hier ist Nacht, draußen ist Tag, wir sehen nichts davon; draußen ist wohl Lärm und Getriebe, ich höre nichts als den Atem des Kindes und den des Hundes, er seufzt manchmal tief. Alles ist gut geworden. Als das Kind wieder zum erstenmal reden durfte, sagte es: »Ich habe in Gedanken mit dir Steine geklopft, und da sind Feuerfunken heraus, und die haben gesungen, so schön, so sanft, aber keine Lieder, nur schön geklungen hat's.« Das Kind war wie verwandelt und hat mir geholfen, die Mutter zu beruhigen, die es immer küssen und umarmen wollte. Sie weinte vor Freude, und ich hatte die größte Angst, daß sie das Kind auch weinen macht; aber es hielt sich tapfer. Wir gewöhnten das Kind allmählich ans Licht, und mir sind die Thränen in die Augen gekommen, wie das Kind sagte: »Ich seh' dich, Mutter, ich seh' dich, Gitta, und ich seh' dich, Rack.« Wir durften zum erstenmal miteinander ausgehen an den See. Es war ein bedeckter Tag, keine Sonne am Himmel, Seridja küßte mir die Hand, dann sagte sie: »Schau, wie sich der Rack freut, der möchte gewiß auch gern sagen, wie er sich freut, daß ich sehen kann. O die Bäume und das Wasser und die Menschen und die Häuser und die Schiffe . . .« Ich habe Seridja natürlich gedämpft, so viel als möglich. Sie war auch still, nach einer Weile rief sie aber wieder: »O! So weit! So weit! Wie ist die Welt so weit und der Himmel so hoch! Ich meine aber, ich kann ihn anfassen.« Alle Leute, die uns begegneten, sahen uns an, wie wenn sie auch wüßten, daß das ein Blindes gewesen ist; sie blieben stehen und betrachteten das Kind. Ja, ein schöneres Menschenkind hat man nicht sehen können; es hatte goldrotes Lockenhaar und das ganze Gesicht wie das schönste Gemälde, und erst die Augen! Die waren so veilchenblau und glänzten, und das ganze Gesicht war wie lauter Licht, wie wenn da überall Helligkeit davon ausstrahlte. Jetzt ging aber bei Seridja das Fragen erst recht an. Als wir zum erstenmal auf die Landstraße kamen, wies sie auf die zerkleinerten Steine, hob einen auf und wollte wissen, in welche Form man sie zerschlagen muß – man kriegt viereckig nicht heraus – und welches die tauglichsten Steine seien. Das Fragen machte mich ganz wirr. Ich hatte gemeint, ich dürfe jetzt wieder heim, aber der Professor sagte mir, die Mutter könne wieder alles verderben, ich müsse also noch bleiben und achthaben. Wir sind auch manchmal auf dem See umhergefahren, den ich seit Jahren von da oben gesehen hatte; auch sind wir einmal auf den Rigi und da oben über Nacht geblieben. Die vielen Menschen waren glücklich über den Sonnenaufgang, natürlich am meisten die Seridja. Ich für mich muß sagen, es war schön, just etwas Besonderes aber nicht. Ich bin mit Rack wieder in die Anstalt zurück. Der Hund hat seine Freude, daß er wieder heim darf, laut gegeben; ich bin still und langsam den Berg hinangegangen. Ja, wegen des Rack sind die Mutter und Seridja mir bös geworden und arg undankbar. Seridja hatte den Hund behalten wollen, und ich war voreilig, ich hätte den Professor sollen zuerst reden lassen; nun aber sagte ich, daß der Hund eine Wohlthat für alle Kranke sei und ihn nicht ein einzelnes behalten dürfe. Der Professor stimmte mir bei, aber die schönen Augen der Seridja konnten auch gar bös blicken, giftig und ingrimmig. Sie hatte eben noch nie erfahren, daß man ihr auch was versagen könne, und es war eine ganz andere Stimme, wie sie beim Abschied zu mir sagte: »Du kannst gehen mitsamt dem Hund. Fort, fort mit euch . . .« Die Mutter und Seridja verließen auch bald den Gasthof und wohnten bescheiden in einem Landhaus am See. Sie warteten auf den Vater, der aus Indien kommen sollte, sie warteten seit langem vergebens, und auch die Geldsendung blieb aus. Nun ward Ronymus der Annehmer von der Mutter und Tochter und stand ihnen in allem bei, er hat freilich auch Vorteil davon gehabt. Eines Tages kam er zu mir und sagte: »Jetzt komme ich auf den Gaul. Die Engländerin hat mir einen Schmuck gegeben, den ich im Pfandhaus versetzen solle. Ich gehe auch hin und frage, was er wert sei, er ist viel wert, so ist keiner in der ganzen Schweiz. Das Pfandhaus borgt nur das Drittel vom Wert auf das Pfand. Ich denke, das kannst du auch, und wenn das Unterpfand nicht eingelöst wird, hast du den dreifachen Wert und hohe Zinsen in jedem Fall.« Ich muß gestehen, ich hatte Wohlgefallen an Ronymus, er war mehr, als ich gemeint habe; aber ich wollte von dem Geldverdienen nichts mehr wissen, ich habe genug davon erleiden müssen. Ich muß auch gestehen, es kränkte mich doch noch, daß die Mutter und die Seridja so undankbar gegen mich waren. Sie kannten mich nicht mehr, sie brauchten mich ja nicht mehr. Von der Mutter verdroß es mich weniger, sie war dumm, und ich habe noch keinen gescheiten Menschen kennen gelernt, der undankbar war; aber die Seridja! Ich mußte es verwinden, aber weh that's. Der Vater ist aus Indien gekommen, ist mit Frau und Tochter abgereist, bei mir haben sie keinen Abschied genommen. Der Ronymus kam und berichtete mir, welch ein Glück er gemacht habe; der Engländer habe ihm alles bar bezahlt und noch ein gut Stück Geld dazu gegeben. »Eigentlich,« sagte er und sah mich dabei so seltsam an, »eigentlich müßte ich dir die Hälfte abgeben, denn daß ich mit der Engländerin so gut bekannt geworden bin, verdanke ich dir. Aber ich meine, wir lassen die beiden Hälften bei einander und haben sie zusammen.« Ich verstand wohl, was er meinte, aber ich sagte nichts darauf. Ich klagte der Doktorin mein Leid über den Undank. Sie nahm mir alles geduldig ab und sagte endlich: »Du vergißt immer wieder, daß es böse Menschen gibt. Laß dich dadurch ja nicht verleiten, gegen andere hartherzig zu sein. Was können diese dafür, daß sie darunter leiden sollen? Und wenn man's recht betrachtet, braucht man keinen Lohn und keinen Dank. Wir thun unseren Nebenmenschen das Gute, weil es gut ist, und da ist Lohn genug in dem Glück, Gutes thun zu dürfen. Es gibt Menschen, an denen auch Leid und Elend nichts bessert, und doch ist das die heilige Lehre, daß aus Leiden Seligkeit stammt.« Die Doktorin mußte mir's angesehen haben, daß ich denke: Woher hat's nur die Frau, daß sie so über die Welt weg redet, als ob sie gar nicht mit thäte, und sie thut doch rechtschaffen mit? Das mußte mir die Doktorin angesehen haben, und sie sagte: »Gitta! Ich gehe bald fort, ich weiß nicht, ob ich dich je im Leben wieder sehe. Ich wünsche den Tod nicht, aber ich erwarte ihn ruhig. Ich muß dir doch noch meine Geschichte erzählen. Sie ist dir vielleicht auch gut.« Die Doktorin erzählte. Ich meine, ich höre sie jetzt noch sprechen, und könnte ihr Wort für Wort nacherzähle: Sechsundzwanzigstes Kapitel. »Wenn du es noch nicht weißt, sollst du es von heute an wissen; ich war eine Jüdin und bin Christin geworden; ich wurde zugleich mit meinem Manne getauft, bald nach unserer Hochzeit. Mein Mann war ungläubig, ihm waren alle Religionsformen gleichgültig. Solange die Juden nicht die gleichen Rechte wie die Christen hatten, wäre er nie Christ geworden, denn er fand es verwerflich, durch Uebertritt zu einer andern Religion einen Gewinn zu erringen. Nun aber schwand durch neue Gesetze jeder bürgerliche Unterschied zwischen den Religionen. Wir ließen uns in der protestantischen Kirche taufen. Mein Mann blieb ungläubig, ich für mich habe eine inbrünstige Liebe zu Jesus Christus, der durch Leben und Lehre so hoch steht, wie keiner außer ihm. »Freilich, was viele Geistliche aus ihm machen, das macht ihn unkenntlich. Er würde viele seiner Bekenner aus dem Tempel jagen, wenn er sähe, wie sie die Nichtchristen und vor allem die Juden ansehen. Wenn die Apostel heute noch lebten, müßten sie sich getaufte Juden nennen oder vielmehr schelten lassen, denn die Menschen christlicher Abstammung sagen das mit einem gewissen Hochmut. »Mein Mann war ein gut beschäftigter Arzt, voll Eifer für seinen Beruf und immer einer der ersten, wenn für die Gemeinde und das ganze Land etwas zu thun war. »Da kam die Revolution vom Jahre 1848 und dann das Jahr drauf die provisorische Regierung in unserem Lande. Mein Mann wurde in dieselbe berufen. Sie wurde niedergeworfen, mein Mann wurde ins Gefängnis gebracht, der standrechtliche Tod drohte ihm. Ich in meinem damaligen Zustande litt unsäglich. Das Kind war tot, und da man für mein Leben fürchtete, durfte mein Mann mich auf meinem Krankenlager besuchen. Zwei Soldaten mit Ober- und Untergewehr traten mit ihm in mein Zimmer. Ich will nicht erzählen, was wir litten; wir hielten uns stark. Wir sahen uns zum letztenmal. Ich wurde wieder gesund, soweit das Gesundheit ist; mein Mann starb im Gefängnis, ich erfuhr es erst nach Wochen, als ich aus dem Fieber erwachte. »Mein Mann ist auf dem protestantischen Kirchhof der Festung begraben. Ich mußte meines Brustleidens wegen in die südliche Schweiz. »Ich könnte dir tagelang erzählen. Man hat daran gearbeitet, mir die Seele zu verbittern; es ist nicht gelungen, sowenig es gelungen ist, meinen Vorfahren durch bald zwei jahrtausendelange Qualen das Gemüt zu verderben und sie zu entmenschen. »Nur eins will ich erzählen. Ich lebte in einer Pension, in der fast nur Deutsche waren. Es war ein schönes geselliges Zusammenleben, bis ein Geistlicher aus – ich will den Ort nicht nennen, die anderen Bewohner sollen damit nicht gekränkt werden – also ein Geistlicher kam, der auch krank war. »Man sah mir wohl die geborene Jüdin an, ich hatte kohlschwarzes Haar, und nun begann ein Zischeln und Heimlichreden, das mich aber wenig kümmerte. »Der Geistliche fühlte sich stark genug, sein Amt auch hier zu üben, und er predigte, sich auf Bibeltexte berufend, in den bittersten Worten gegen die Juden. »Alles sah auf mich, und sie mögen's mir angesehen haben, daß ich dieser Anwendung des Textes widersprach. Der Geistliche hatte ein Zorneswort des Apostels, das noch mitten im Kampfe um die neue Lehre ausgestoßen war, auf die Gegenwart angewendet. Er verstand nicht, die Hoheit Jesu Christi zu fassen und jene erhabene Heilsbotschaft, daß alle Menschen Kinder Gottes sind. »Ich kam in den Gesellschaftssaal, alles zog sich von mir zurück; ich sah, daß ich in Acht und Bann gethan war. Ich verließ das Haus und zog in ein anderes. »Ich hätte ja leicht sagen können, ich bin getauft, aber ich schämte mich dessen, daß sich Menschen nach dem Heiland nennen und so zu handeln vermögen. »Ein Edelmann aus Pommern, er war auch Rittmeister, war der einzige, der sich meiner annahm. »Er hatte bisher keinen Menschen jüdischer Abstammung und jüdischen Glaubens gekannt, aber er hielt es für Pflicht, sich der von Lieblosigkeit und Härte Verfolgten anzunehmen. Da ich seinen biedern, menschenfreundlichen Sinn erkannte, sagte ich ihm, daß ich Christin sei. Er war ein strenggläubiger Christ, aber von jenem Tage an zerfiel er mit dem Glauben. Ich darf sagen, daß es mir gelungen ist, ihn in der reinen Gotteserkenntnis fest zu halten. »Ich gestehe aber auch, in mir kochte Zorn und Haß. Ich habe mit diesen bösen Geistern gerungen, bis ich mir sagte: Nein, das sollen die Bösen nicht bewirken, daß sie mir das Herz vergiften. Nein, ich thue denen, die sich lügnerisch Christen, Bekenner der Religion der Liebe nennen, so viel Gutes, als ich kann. Das freilich kann ich nicht, die Feinde lieben kann ich nicht, und ich kenne niemand, der es vermag; ja ich glaube, das Wort ist nicht so gemeint, sondern es gilt nur, was dann gesagt ist; Gutes thun kann ich und muß ich auch denen, die mich kränkten. »Nun aber geh, Gitta. die Erzählung hat mich doch angegriffen . . .« So redete die Doktorin. Sie starrte oft drein, wie wenn sie zu einem Unsichtbaren redete, und wenn ich sie ansah, lag auf ihrem Gesichte ein Glanz von Wehmut und erhabener Ueberwindung der Welt. Ich habe damals nicht vom Fleck fort gekonnt, ich hätte der Dulderin gern die Kniee geküßt, aber sie konnte so was nicht leiden. Ich fragte sie, was aus dem Rittmeister aus Pommern geworden, und sie sagte, daß er bald gestorben sei, sie habe ihn gepflegt bis zu seinem letzten Atemzug. Ich wollte nun gehen, die Doktorin aber sagte: »Nein, bleib jetzt, es ist besser, wenn jetzt jemand bei mir ist.« Wir haben noch lang stumm bei einander gesessen. Ich bin bei der Doktorin geblieben, bis sie eingeschlafen ist. Wenige Tage darauf begleitete ich sie an die Bahn, der Professor und seine Frau waren auch da. Ich traf den Ronymus, und er sagte mir: »Das Geld reicht jetzt bald aus. Ich treibe das Geschäft hier nicht mehr lang. Der Schmaje sucht uns ein schickliches Wirtshaus mit Aeckern und Wiesen und auch ein Stück Wald dazu. Da haben wir dann alles.« »Wer wir?« Der Ronymus sah zu Boden und atmete schwer, dann sagte er: »Ha, mein Vater und ich. Leider Gottes hat's meine Mutter nicht mehr erlebt –« Er hielt inne, er merkte, wie mich's angriff, daß ich das jetzt so erfuhr, dann sagte er: »Sie ist leicht gestorben, und noch in der letzten Stunde hat sie an dich gedacht, aber ich kann dir's jetzt nicht sagen.« Ich ging heim in unsere Anstalt, mir war der Weg den Berg hinan so schwer wie noch nie; es kann wohl sein, daß ich im voraus gespürt habe, was jetzt erst kommt. Also die Bonifacia, die treue Seele tot! Wie lebt der Weger, und wie sieht es nun aus dort in dem Häuschen? Wie ich das so denke, sehe ich die Blätter vom Baume fallen, und jener Herbsttag, an dem ich zum erstenmal dem Rittmeister begegnete, geht mir in der Erinnerung auf. Warum kommt das immer wieder? . . . Wir hatten diesen Winter wieder das ganze Haus voll, und mir fehlte die gute Doktorin. Oft und oft habe ich gemeint, ich müsse zu ihr gehen und mir Rats bei ihr erholen, ich wußte mir nicht mehr allein zu helfen. Endlich sagte ich mir: Halt! Das darf nicht sein. Du mußt so vielen Menschen beistehen, du darfst nicht selber hilfsbedürftig sein. Ich habe meine Pflichten wieder aufgenommen, wie wenn ich jetzt erst anfinge. Es war mir eine wahre Lust, und es war mir leicht, treppauf treppab von einem zum andern zu gehen und jedem etwas zu leisten. Im Zimmer der Doktorin wohnte jetzt eine feine, aber schwächliche Frau, die sich die Augen ausgeweint hatte um den Tod ihres Mannes. Unser Professor meinte, es sei ihr schwerlich zu helfen, und er ließ es zu, daß sie fast den ganzen Tag Klavier spielte, obschon sie sehr schwächlich war. Ihr Mann war ein berühmter Musiker, sie war seine Schülerin und ist mit ihm entflohen, er ist bald gestorben; sie spielte nun alle Stücke zu seiner Erinnerung. Wir hatten auch einen berühmten Professor der Sternkunde, der sich in seinem Beruf das Augenlicht verdorben hatte. Er war in meiner besondern Obhut, und unser Professor sagte, er werde geheilt; er war ein gar lieber geduldiger alter Herr, er bekam viel Besuch von überall her, lauter feine Männer und Frauen, und alle dankten mir für meine gute Pflege. O lieber Gott! Es gibt so viele gute Menschen auf der Welt, warum hat gerade so ein grundschlechter zu meinen Eltern auf den Hof kommen und uns verderben müssen? Der Sternkundige ist geheilt entlassen worden. Man freut sich doch, wenn die Kranken uns geheilt verlassen, aber der Abschied von so guten feinen Menschen thut doch weh. Das Zimmer des Sternkundigen wurde neu hergerichtet, und noch ein zweites ward dazu genommen; es hieß, wir bekämen einen vornehmen und anspruchsvollen Kranken. und ich war zu seinem besonderen Dienst bestimmt. Warum war mir jetzt so bang? Was mich wie eine schlimme Ahnung gepeinigt hatte, ist wirklich geworden. Der Rittmeister ist gekommen. Siebenundzwanzigstes Kapitel. Am Mittag fährt ein Wagen vor. Ich schaue aus dem Fenster, ein großer stattlicher Mann wird aus dem Wagen gehoben. Ich meine, ich muß aus dem Fenster stürzen, ich meine, ich muß rückwärts fallen. O lieber Gott! das ist ja der Rittmeister! Und den soll ich pflegen und warten? Den? Nein, das thue ich nicht, ich bleib' nicht im Hause, mit dem Mann bleib' ich nicht unter einem Dach. Er wird heraufgeführt, er trappst in der Nebenstube, ich höre seine Stimme, ich habe mich nicht geirrt, er ist's. Unser Professor öffnete die Zwischenthür und sagte zu mir: »Komm herein.« Ich weiß nicht, woher ich die Kraft hatte, ins andere Zimmer zu gehen. Da saß der Rittmeister mit verbundenen Augen im Lehnstuhl und hatte die Hände ineinander gefaltet. Der Professor sagte: »Das ist dein neuer Pflegling. Ich weiß, du bist geduldig, sei es ganz besonders mit diesem Herrn.« Ich konnte nicht einmal ein Ja vorbringen, es schnürte mir die Kehle zu. Der Rittmeister frug: »Wie heißen Sie?« Ich brachte meinen Namen nicht heraus, und der Professor sagte: »Sie wird Gitta gerufen. Warum bist du so starr? Du bist doch sonst –« Der Rittmeister unterbrach ihn und fragte: »Ist sie alt oder jung?« »Jung.« »Wo steht sie?« Ich konnte nicht von der Stelle. Der Professor sagte zu mir: »Was bist du plötzlich so kindisch?« Kindisch sagte er – ich meinte, ich müsse aufschreien und sagen: ich bin das Kind von dem, der durch diesen Mann zu Grunde gerichtet und in den Tod gejagt wurde. Ich brachte aber kein Wort heraus, und der Rittmeister sagte: »Tritt näher! Komm her!« Es klang befehlerisch, er that den Handschuh ab, streckte die Hand aus, und der Professor führte mich am Arm zu ihm hin. Ich mußte dem Räuber, dem Mörder die Hand geben. Er sagte: »Warum zitterst du? Hast nichts von mir zu fürchten, bin ein armer, verlassener, blinder Mann.« Dabei schluchzte er, daß es ihm Herzstöße gab. Ich hatte kein Mitleid mit ihm, mir ballten sich beide Hände, ich hätte ihn gern noch mit beiden Fäusten auf die Brust gestoßen und ihm dabei zugerufen: Du Räuber an meinem Vater! Du Mörder meines Vaters! Unser Professor redete dem Rittmeister zu, er müsse stark und mannhaft sein, er dürfe nicht weinen, das verzögere die ohnedies so schwierige Operation um Tage, vielleicht um Wochen. Der neue Assistent kam herzu, er war erst seit kurzem bei uns, er war Militärarzt in Deutschland gewesen. Die beiden Aerzte schickten mich fort, sie nahmen nun nochmals eine Untersuchung vor. Da stand ich nun draußen auf dem Flur. und wieder kam mir der Gedanke, ich bleibe keine Stunde mehr im Hause; ich kann nicht. Unserm Professor sage ich, warum ich fort muß, und er soll den schändlichen Menschen nicht heilen, der soll keinen Baum mehr sehen, keine Blume, kein Menschengesicht; blind soll man ihn in die Grube einscharren bei lebendigem Leibe . . . Unser Prozessor kam heraus und sagte mir: »Dein neuer Patient ist das gerade Gegenteil von dem Sternkundigen, der lauter Gutherzigkeit war; dieser ist voll Bosheit und Giftigkeit auf die Welt, weil das Leiden über ihn gekommen. Ja, Kind, wir dürfen nicht fragen, ob einer gut oder schlecht; wir wissen nur, er ist krank, und wir müssen helfen, so viel wir können. Ist dein neuer Patient bösartig, so muß er gerade um so mehr gutartig behandelt werden; ich habe das Vertrauen zu dir, daß du das kannst.« Er ging mit dem Assistenten die Treppe hinab, und ich hörte noch, wie der Assistent sagte: »Nennen Sie dem Manne meinen Namen nicht. Ich kenne ihn von früher, ich stand bei seiner Schwadron.« »So? Da müssen Sie mir von ihm erzählen. Er war offenbar ein gewalttätiger Mensch, ich habe das auch an mir erfahren. Ich habe ihn eigentlich nicht ins Haus aufnehmen wollen und habe es nun doch gethan.« Er nannte auf lateinisch eine Krankheit. Die Schritte der beiden Männer verhallten, ich stand am Treppengeländer und mußte mich dran festhalten, so schwindelte mir. Jetzt aber kam über mich, was die Doktorin gesagt hat: »Man kann sich nicht zwingen, seinen Feind zu lieben, aber man kann sich zwingen, ihm zu helfen und ihm Gutes zu thun.« Das muß ich, das kann ich, das will ich. Achtundzwanzigstes Kapitel. Ich ging in die Stube, der Rittmeister stand am Fenster, er wendete sich um und fragte: »Bist du's, Schaller?« Mir zitterte das Herz. Also der Schaller kommt auch? Der wird mich erkennen. Ich sagte, daß ich es sei und er erwiderte barsch: »Geh! Nein, bleib. Sag', was sieht man hier vom Fenster aus?« Ich sagte, daß an diesem Fenster eine hohe Tanne stehe, da sehe man nicht viel, aber vom andern Fenster überschaue man den See und die Alpen. »Du hast eine sonderbare Stimme,« sagte er, »bist du eine Schweizerin?« Er wartete nicht, bis ich antwortete, und fragte wieder: »Woher kommt die Musik, die man jetzt hört?« »Vom Dampfschiff auf dem See. Der Wind trägt manchmal den Klang hier herauf.« »So? Die Welt ist lustig. Sie fahren mit Musik auf dem See. Nun geh! Nur noch eins. Betrüg' mich nicht. Ich merke alles. Nun geh!« Ich ging ins Nebenzimmer und war froh, daß ich mich setzen konnte. Muß ich nicht dem Professor sagen, was der Rittmeister uns daheim angethan hat? Nein, ich trag's besser still . . . aber dem Ronymus muß ich doch sagen, was mir auferlegt ist? Nein, dem auch nicht. Ich will alles allein . . . Der Rittmeister im Nebenzimmer pfiff, er pfiff wunderschön, ganze Musikstücke. Die Thür ging auf, der Rack kam herein. »Ist nicht ein Hund bei dir?« rief der Rittmeister, er hatte ein wunderbar scharfes Gehör. Ich bejahte und befahl dem Rack, daß er zu dem Herrn gehe; er folgte mir zum erstenmal nicht gradaus, ich mußte ihm streng befehlen. Der Rittmeister betastete den Hund und sagte, das sei keine reine Rasse, der Hund stamme von Schäfer- und Hühnerhund ab. Rack sah mich an, wie wenn er jedes Wort verstanden hätte; er war gegen alle Menschen gut, nur gegen den Rittmeister nicht. Wer weiß, woran so ein Hund merkt, daß das kein braver Mann ist. Alle Kranken hatten eine Freude dran, wenn ich ihnen ein Hauptstück vom Rack erzählte. Ich sagte zum Rittmeister: »Das ist ein kluges Tier. In einer bestimmten Ecke steht eine Gießkanne. Wenn der Rack Durst hat, nimmt er den Henkel ins Maul und trägt die Gießkanne herbei, daß man ihm Wasser eingieße, das er mit seiner langen Zunge ausleckt, und dann trägt er die Kanne wieder an ihren Platz.« Der Rack schüttelte den Kopf, während ich das erzählte: diesem Manne solltest du die Geschichte nicht erzählen. – Und er hatte recht. Denn der Rittmeister sagte: »Solche Geschichten gehen mich nichts an.« Ich wußte sonst immer den Leuten allerlei zu erzählen, jetzt aber wußte ich nichts mehr. Ich mußte nun den Rittmeister an der Hand führen und ihm sagen, wo alles in dem großen Zimmer stehe, die Tische, die Stühle und das Bett. »Ist kein Spiegel im Zimmer?« fragte er. Ich sagte nein, und er lachte. »Freilich, man sieht sich ja selber nicht. Erlaube, ich will mit der Hand erkennen, wie du aussiehst.« Er fuhr mir mit der Hand übers Gesicht, ich gab ihm mit der Faust einen Stoß, der wahrscheinlich ärger als nötig, und er sagte: »Gut, soll nicht mehr geschehen. Ist noch Tag oder schon Nacht?« Ich sagte, daß eben die Sonne untergehe, und er rief wieder in seinem befehlerischen Tone: »Geh!« Er war gewohnt, die Menschen hin und her zu schieben, als wären sie Stühle. Ich stand im andern Zimmer am Fenster und sah hinaus, da war Himmel und Erde und Wasser wie lauter rotes Gold. Ich wendete mich zurück, ich wußte nicht, warum. Da hing an der Wand das Bild von dem großen Doktor von Berlin, und ich mußte denken: O du! vielleicht hast du auch einmal einen Feind von dir, gewiß hast du auch schlechte Menschen geheilt. Du hast nichts gewollt als helfen. Ich kann nicht, was du kannst, aber was ich vermag, das will ich thun. Wie ich das so dachte, war mir's, als ob er mir zulächelte. Ja, es war doch wunderbar. Andern Tages sagte mir unser Professor, er habe die Nachricht bekommen, daß gestern abend bei Sonnenuntergang der große Doktor von Berlin gestorben sei. Und in derselben Stunde hatte ich an ihn gedacht, und er mußte in seiner Sterbestunde gefühlt haben, wie vielen Menschen er die Sonne wiedergegeben. Neunundzwanzigstes Kapitel. Tags darauf war der Rittmeister anders geworden und ich auch. Als ich beim Erwachen dran dachte, wen ich zu pflegen habe, meinte ich wieder, ich könne es nicht und dürfe es nicht; ich könnte auch keine treue Pflegerin eines Menschen sein, den ich in Grund und Boden hinein verfluche. Ich habe bisher meine Pflicht gethan, jetzt müßte ich ungetreu an meiner Pflicht werden. Das muß ich dem Professor sagen. Und wieder dachte ich, was geht's dich an, wer der Kranke ist? Und er ist ja gestraft; er kann nicht mehr nach seinen Gelüsten leben, er muß sich fügen und hat keinen Willen mehr; man muß doch Erbarmen mit ihm haben, und er ist ja doppelt elend, blind mit einem bösen Gewissen. Der Rittmeister rief mich und fragte, ob schon Tag sei, und dann sagte er, er sei gestern gewiß bös und heftig gewesen; man solle ihm das nicht verübeln, er leide bittere Schmerzen und dazu solche, die man mit keinen noch so feinen Instrumenten heilen könne. »Ich war mit sehenden Augen blind,« schloß er. Eben als er das gesagt hatte, begann die Klavierspielerin über ihm, und mit heftiger Stimme rief er: »Das dulde ich nicht, das darf nicht sein.« Ich mußte den Professor rufen. Dieser erklärte dem Rittmeister, er solle es versuchen, sich an dem schönen Klavierspiel zu erfreuen, statt sich zu ärgern; wenn das in zwei Tagen nicht der Fall sei, werde man ihm andere Zimmer anweisen. »Warum mir? Warum nicht dem Klavierklimpernden?« »Ich muß bitten, etwas ruhiger mit mir zu reden,« sagte der Professor. »Sie müssen Selbstbeherrschung und Fügsamkeit lernen; durch Ihre Heftigkeiten verschlimmern Sie Ihren Zustand und stören die Pflege und Heilung.« Ganz gebändigt und zahm fragte nun der Rittmeister, wer es denn sei, der da oben Klavier spiele. Unser Professor erzählte von der Frau, die in Gram um ihren verlorenen Mann erblindet sei und bald ihre letzte Lebenskraft aufgezehrt haben werde. »Ist das auch wahr, was Sie mir da erzählen?« Scharf entgegnete der Professor: »Herr Baron, ich verlange, daß Sie keine derartige Redensart mehr gegen mich gebrauchen. Sie sind kein Kind, und ich bin kein Märchenerzähler.« Der Rittmeister hat's gespürt, mit dem darf man nicht spaßen. Ich muß sagen, ich hatte den Professor noch nie gegen einen Kranken so scharf gesehen; unser Professor mußte mehr von ihm wissen, als ich meinte, jedenfalls wollte er ihn bändigen. Wieder ganz sanft brachte der Rittmeister vor: »Verzeihen Sie einem Schwergekränkten, will sagen einem Schwerkranken. Also solche Liebe gibt es wirklich in der Welt? Ich will's glauben, ich muß Ihnen ja glauben.« Als der Professor weggegangen war und die Frau weiter spielte, pfiff der Rittmeister zu der Musik über ihm. Plötzlich rief er mich und sagte, ich solle hinaufgehen zu der Frau und anfragen, ob er nicht zu ihr kommen und in ihrem Zimmer zuhören dürfe; er könne auch vierhändig mit ihr spielen. Ich sagte, daß man nicht von einem zum andern ohne Wissen des Herrn Professors Botschaft bringen dürfe. Da schrie er wieder: »Verdammt! Sind denn die Kranken hier Strafgefangene?« Ich dachte: Du verdienst, Strafgefangener zu sein, in Ketten und Banden. Mein ganzer Haß war wieder da. Ich pflegte ihn aber doch wie jeden andern. Etwas in mir sagte mir freilich, daß ich heuchle. Gehe ich nicht selber dabei zu Grunde, wenn ich das so weiter treibe? Ich schämte mich vor jedem guten Wort, das ich sagen mußte, ich kam mir beständig wie unsauber vor, wie ungewaschen. Ich hatte keinen rechten Schlaf mehr, ich war unzufrieden mit allem und mir selber zur Last. Eines Tages kam der Hausmeister und brachte einen Brief, der Rittmeister fragte, wer hier den Kranken vorlese; der Hausmeister sagte, er sei Vertrauensperson. »Gut, lesen Sie mir zuerst die Unterschrift.« »Bergschinder. Ein eigentümlicher Name!« »Es gibt auch solch einen Kerl nicht zum zweitenmal auf der Welt. Lesen Sie den Brief und bleib du nur, Gitta, ich habe kein Geheimnis mehr.« In dem Briefe stand vieles, was wir nicht verstanden. Der Schaller schrieb, daß sich noch nicht bestimmen lasse, wann er komme, und zuletzt hieß es ungefähr: »Sei froh, daß du den Drachen los bist. Dir sind die Augen verbunden, aber du wirst nicht hingerichtet, sondern hergerichtet zu neuem lustigen Leben.« Der Rittmeister lachte gezwungen, dann fragte er mich, ob ich gut lesen könne; ich bejahte, und nun bestimmte er, daß ich ihm fernerhin die Briefe vorlesen solle, er habe Vertrauen zu mir. Ich habe ihm auch Bücher vorlesen müssen, und bei Schurkenstreichen, wo ich voll Abscheu war, hat er oft drein gerufen: »Das ist prächtig! Das sind findige Kameraden!« Ich habe ihm auch eine Geschichte von der Blutrache vorgelesen, und er fand es ganz in Ordnung, was da geschieht. Nur einmal sprach er sich über die Frau aus, die ihn verlassen hatte. Das kam so. Die Fürstin gab zu ihrem Abschied in unserer Anstalt ein Konzert oder einen Festschmaus, ich weiß nicht, wie ich es heißen soll; es war eben wunderschön. Die Fürstin hat gar herrlich auf der Harfe gespielt, und in Dankbarkeit, weil sie doch so weit geheilt war, wollte sie allen Kranken, die aus dem Zimmer durften, im großen Saal vorspielen. Unser Professor ließ mich zur Fürstin rufen. Die ganze Sache war nicht ohne Gefahr, denn die feine Musik konnte die Menschen so angreifen, daß sie weinten und sich damit Schaden anthaten. Es wurde daher strenge Auswahl getroffen. Glückseliger sind noch selten Menschen durch die Musik gewesen. Da saßen Männer und Frauen, alte und junge, sie sahen einander nicht, aber sie hörten alle die Klänge, die so sanft zu Herzen dringen. Ein Wildheuer, der sein Lebtag so was nicht geahnt, rief plötzlich bei einer leisen Weise: »Ich bin im Himmel! So müssen's die Engel im Himmel machen!« Außer dieser kleinen Störung war alles gut abgelaufen. Der Rittmeister war auch eingeladen, aber er lehnte heftig ab und sagte: »Ich will keinen Harfenton mehr hören, sie« – er meinte damit seine Frau – »hat ja auch Harfe gespielt.« Dreißigstes Kapitel. Der Assistent, der, wie gesagt, auch Soldat war, hat mir die Geschichte des Rittmeisters erzählt. Ich muß ihn Rittmeister nennen, obgleich er's nicht mehr war. Wie jeder Soldat sauber und in Ordnung daher kommen muß, so ist's auch im ganzen; die Offiziere dulden keinen unter sich, der einen Schmutzflecken auf seiner Ehre hat, das gehört zu ihrem Ehrenstand. Der Rittmeister hat das schönste und stolzeste Mädchen geheiratet, er hatte in allem der Vornehmste sein wollen, und es hieß doch, daß sie ihn nicht gern habe, warum, wußte man nicht, vielleicht konnte sie überhaupt niemand gern haben. Er hat aber gemeint, wenn er recht viel Aufwand mache und ihr alles gewähre, was sie nur mag, dann kriege sie ihn gern. Und so hat er seine Ehre und sein Gewissen dran gegeben und zuletzt Gut und Blut von anderen geraubt, damit seine Frau ihn gern habe. Aber Liebe läßt sich nicht kaufen, und ein Mann, der sie so erwerben will, verdient keine. Der Assistent hatte noch Mitleid mit dem Rittmeister, ich nicht, ich hatte keins. Wenn die Frau ihn nicht mochte, sollte er sie nicht nehmen oder sie laufen lassen; da könnte man noch Respekt haben, aber so? Was zuerst vorgefallen ist, wußte der Assistent nicht. Der Rittmeister hat die schönsten Pferde gehalten – er und seine Frau sind oft ausgeritten, und die Leute sind auf der Straße stehen geblieben und haben ihnen nachgeschaut – er hat viel mit seinen Pferden hin und her gehandelt und auch hoch gespielt. Kann sein, daß dabei oder im Dienst was vorgefallen ist, man weiß es eben nicht; aber eines Tages hat der Rittmeister seinen Abschied gefordert und hat ihn bekommen. Der Rittmeister hat Pferde laufen lassen auf Wettrennen, ich weiß nicht wo überall; er hat groß Geld eingenommen. Aber einmal ist es an den Tag gekommen. Die Offiziere hatten schon lang nicht gern, daß er sich so vorn dran machte; Rittmeister hin und Rittmeister her, hieß es immer, und die Frau fuhr nicht anders als vierspännig und kutschierte selber. Sie haben ihm also aufgepaßt und endlich haben sie ihn gepackt. Der Jockey auf einem berühmten Pferd, auf das große Wetten gesetzt waren, fiel kurz vor dem Ziel vom Pferd, und da ist's an den Tag gekommen. Der Jockey gestand, daß der Rittmeister ihn bestochen habe, und da ist Gericht gehalten worden; der Rittmeister wurde mit Schimpf und Schande ausgestoßen und durfte sich nicht mehr Rittmeister heißen, er mußte noch froh sein, daß er nicht vor das öffentliche Gericht kam. Hätte man ihm das nicht geschenkt, so wäre mein Vater nicht ins Elend gekommen. Darum also hat er damals dem Vater gesagt, er solle ihn nicht Rittmeister, sondern nur bei seinem Namen, Herr von Haueisen, nennen. Der Ronymus hat damals, als ihn der Vater aus dem Dienst jagte, von der Sache gewußt, aber noch nicht alles, und damals hat der Rittmeister Streit angefangen, damit er den Vater in den bösen Geschäften und im Unglück sitzen lassen kann. Es ist wahr, der Mann ist hart gestraft, die Frau hat ihn verlassen, und er ist am Erblinden, aber er verdient noch mehr, tausendmal mehr. Ich hab's anders erfahren, als die Pfälzer Doktorin. Es steht freilich geschrieben: Liebet eure Feinde. Aber das kann man nicht; sag' mir keiner, daß man das kann, der Spruch muß nicht so gemeint sein. Gutes thun dem Feinde, das kann man; aber es soll mir niemand sagen, daß das leicht sei. Wenn der Feind bettelarm ist, ihm Geld geben und forthelfen, das kannst du; du gibst von deinem Eigentum her und bleibst für dich, was du bist. Aber stündlich wachen, Geduld haben und sanft zureden und trösten – ich weiß, was das ist, und wer das nicht selber probiert hat, weiß es nicht und darf nicht mitreden. Ja, noch ärger ist's gekommen, denn das ist doch das Aergste, wenn einem das entleidet wird, womit man bis daher so glücklich war und es für eine Aufgabe von Gott gehalten hat und froh war, sie erfüllen zu können. Mich plagen die Gedanken: Warum muß gerade ich die Krankenpflegerin sein? Warum ist gerade mir das auferlegt? Ich hab's genug. Ich will auch draußen sein. wo es lustig hergeht. Ja, ich hab's gespürt, daß ich untreu werde, und habe, wie man sagt, mein Herz in beide Hände nehmen müssen, um wieder zu mir zu kommen und um nicht gegen den Verderber von meinem Vater und von mir loszufahren. Ich habe aber doch nun dem Professor sagen wollen, ich könne den Mann nicht pflegen. Ich stand schon vor der Thür des Professors, da hielt ich still und sagte mir: Nein, ich weiß selber, was ich will und was ich muß, und ich will's beweisen. Ich kehrte um und that meine Pflicht. Und ich habe meine Pflicht gethan, wie wenn das ein Mensch wäre, von dem ich weiter nichts weiß, als daß er krank ist. Ich hatte mir aber doch zu viel zugemutet. Einunddreißigstes Kapitel. Ich habe meine Schuldigkeit gethan bis zum Ende, nein, nur bis einen Schritt vor dem Ende. Es wird mir schwer, aber ich muß alles erzählen . . . Der Rittmeister wollte von unserm Professor wissen, ob die Heilung sicher sei, er fragte gar viel, der Professor aber sagte: »Fragen Sie nichts weiter. Was ich Ihnen zu sagen habe, werde ich schon von selber vorbringen; und Sie sind ja ein Mann –« »Und ein Soldat, der der Gefahr ins Auge schaut. Ich bin stark. Versprechen Sie mir, daß Sie mich nicht chloroformieren.« »Das thue ich nicht. Ich wiederhole Ihnen: die Operation ist in meiner Hand, die mögliche Heilung in der Ihrigen. So lange Sie so heftig und aufgeregt sind, operiere ich Sie nicht. Sie müssen vorher lernen ruhig und geduldig sein, um es nachher üben zu können. Also zeigen Sie Ihren Mut durch Geduld und Fügsamkeit.« Ich hatte den Professor noch mit keinem Kranken so scharf reden hören, wie mit dem Rittmeister. Er hat gewußt, warum. Eines Tages wurde ich auf den Hausflur hinaus gerufen, und wer stand da und zitterte am ganzen Leib und konnte lang kein Wort herausbringen? Der Ronymus. Endlich sagte er: »Ich hab's erfahren, der Rittmeister ist hier in eurer Anstalt. Der Diener, der ihn hierher begleitet hat, ist Lohndiener bei uns geworden. O, unser Herrgott weiß, wohin er den Schlag zu führen hat. Der Rittmeister ist schlecht, aber es hat noch ein Schlechteres da sein müssen, um ihm den Lohn zu gehen. Die Frau, die hat Gott geschickt, er kann auch Teufel schicken; sie hat ihn verlassen, hat viel Geld mitgenommen und ist mit einem andern davon. Und was noch das Lustigste ist, er denkt noch immer an sie und möcht' sie wieder haben. Ich will dir's nur sagen: wenn der Rittmeister wieder herauskommt, will ich ihm zeigen, wer ich bin.« »Womit?« »Herausgeben muß er, was er deinem Vater geraubt hat, und du, die Prinzeß vom Schlehenhof, sollst nicht Dienstbote sein.« »Laß das mit der Prinzeß. Laß dir im Ernst sagen: wenn der Rittmeister auch alles herausgäbe, kann er meinen Vater wieder lebendig machen?« »Nein, das kann er nicht. Aber das Geld –« »Dazu kann man ihn nicht zwingen.« »Mag sein, aber du gibst mir Bescheid, wenn er fortgeht, und dann soll er spüren, was die da vermögen.« Er ballte beide Fäuste, aber er lächelte, als ich sie ihm auflöste und ihm das Versprechen abnahm, sich weiter nicht mehr um den Rittmeister zu kümmern. »Hast du ihn schon gesehen?« fragte er mich; ich sagte schnell, ich hätte Eile. Ich konnte nun doch dem Ronymus nicht sagen, daß gerade mir auferlegt war, den Elenden zu pflegen. Als ich wieder allein war, hatte ich das Gefühl, wie wenn jemand die Hand über mich hielte; ich bin geborgen und geschützt, ich habe einen Menschen am Ort, den ich anrufen kann, wie einen leiblichen Bruder. Ich hatte doch hier manche, die mir gut waren, aber so ein getreuer Mensch aus der Jugend, das ist doch noch anders, da steckt die Liebe drin von allem, was daheim. Daß ich den Ronymus schon damals gern gehabt habe, wie eine Frau den Mann, das kann ich nicht sagen. Ich sehe wohl, wie es in ihm ist, aber in mir ist das nicht. Wenn der Rittmeister wieder fort ist, dann hab' ich das Schwerste überstanden, alles andere wird mir leicht werden, und mein Leben lang bleib' ich hier. Der Ronymus, die gute Seele, wird sich auch drein finden. Es ist hart, aber es muß sein . . . Zweiunddreißigstes Kapitel. Es war am Samstag vor jenem Sonntag, der Professor hatte früh morgens über Land gemußt und konnte erst spät abends zurückkehren, da erhielt ich einen Besuch von meinem Schwager aus Rheinfelden. Er sagte, daß er Geschäfte hier gehabt und doch nicht umhin gekonnt habe, mich aufzusuchen, obgleich ich seit Jahren mich weder der Agnes noch viel weniger seiner und seiner Angehörigen erinnert hätte. Ich mußte mein Unrecht eingestehen, ich begriff selber nicht, daß ich, in ständiger Anspannung für die Kranken, alles andere übersehen hatte. »Drum spanne jetzt aus,« sagte der Schwager, »du siehst übel aus, ganz anders, als ich gemeint hab'. Du strengst dich zu arg an. Komm jetzt auf ein paar Wochen zu uns und ruh dich aus und laß dir's wohl sein. Du bist uns lieb und wert, und der Agnes bist du es auch schuldig, daß du nach ihr siehst; du bist die einzige Schwester von ihrer Mutter selig.« Was war das? Das war ja eine Handreichung wie vom Himmel herunter, die mich von dem Elend losmacht. »Besinn dich nicht lang,« drängte der Schwager, »in dem Hause hier ist's ja, wie wenn die Sonne nicht schiene. Ich weiß nicht, wie du es hier aushältst. Jedenfalls wirst du in ein paar Wochen bei uns wieder rote Backen kriegen. Sprich mit deinem Professor, er muß dir Urlaub gehen. Oder soll ich an deiner Statt mit ihm reden?« Ich mußte erklären, daß der Professor abwesend sei und erst spät abends heimkehre. »Dann bleib' ich hier über Nacht,« sagte der Schwager, »und morgen ist ja ohnedies Sonntag, und da reisen wir wieder miteinander, weißt, wie damals, wo du auch aus aller Betrübnis heraus wieder heiter geworden bist. Das ganze Städtchen und die ganze Gegend wird sich freuen, wenn du kommst. Es ist noch oft von dir die Rede. Droben in Heiden ist es nicht mehr wie zu deiner Zeit und der von dem berühmten Doktor. Ich hab's in der Zeitung gelesen, er ist gestorben. Der Fruchthändler von Rorschach ist auch gestorben. Sei froh, daß du ihn nicht geheiratet hast, du wärst jetzt Witwe mit einem Haufen Kinder. Aber der Sträußlesoberst lebt noch, er kommt zu uns und fragt oft nach dir. O! Wie wird sich alles mit dir freuen, und besonders die Agnes, und meine andern Kinder denken auch an dich und singen die Lieder, die sie von dir gelernt haben.« Helle Freude, Freiheit und Sonnenglanz ging vor mir auf, als der Schwager so redete, und es fügte sich ja so schön: derweil ich draußen war, konnte der Rittmeister unsere Anstalt verlassen, und er brauchte nicht zu wissen, wer ihn gepflegt hatte; es bangte mir ja ohnedies vor der Stunde, wenn er mich sehen und mir danken wird. Nein, er soll mich nicht sehen, mir nicht danken. Ich saß still aufatmend, da sprach der Schwager weiter, man rühme meine Geschicklichkeit, und daß ich eigentlich Assistent sei und meinen bestimmten Anteil an dem Lohn für die Heilungen habe. Ich mußte das verneinen. »Aber ein gut Stück Geld hast du doch zurückgelegt?« fragte der Schwager. Ich hatte kein Hehl, ihm die Summe zu nennen, und daß der Professor mir dieselbe in der Sparkasse angelegt habe. Der Schwager fand mein Besitztum weit unter seiner Erwartung und fügte noch hinzu, daß die Sparkasse viel zu niedere Zinsen gebe. Leichthin erzählte er dann, daß er einen Anbau an seinem Haus machen wolle, er ziehe nicht gern Geld aus dem Geschäft, weil er es da besser umtreibe; wenn ich ihm aber mein Erübrigtes übergeben wolle, so werde er dafür eine Hypothek aufs Haus eintragen lassen und mir doppelte Zinsen geben. Ich erklärte, daß ich von Geldgeschäften nichts wissen wolle; ich hätte in meiner Jugend genug davon zu leiden gehabt. »Ja so,« nahm der Schwager auf, »du meinst vielleicht gar, ich rechne dir auf, was ich an deinem Vater verloren habe? Fällt mir nicht ein. Was kannst du dafür? Da hättest du viel zu thun, wenn du alles wieder glatt machen wolltest. Das geht dich nichts an. Und dein Vater selber hat ja auch nichts davon gehabt, der Schurke von Rittmeister hat ihn ja ausgeraubt.« Da war's wieder! Der da drin liegt und den ich pflege, hat meinen Vater nicht nur ausgeraubt, er hat ihn auch verleitet, daß er andere in Verlust brachte. »Jetzt siehst du plötzlich wieder so traurig aus,« nahm der Schwager auf, »thut mir leid, daß ich von Geldsachen mit dir geredet habe. Laß es ungesagt sein. Da hast du meine Hand drauf, daß ich nichts mehr davon erwähne. Laß dein Geld auf der Sparkasse. Du hast recht. Aber jetzt lasse ich nicht nach, du mußt mit mir heim, sonst meinst du, ich wäre wegen des Geldes gekommen. Ich kann haben, wo ich will. Und du sollst sehen, daß du uns lieb und wert bist, wie eine Schwester.« Er hat mir aus gutem Herzen zugeredet, aber es war vorbei, ich gehe nicht mit; die Geldsache hat mir plötzlich alles wie mit Asche zugedeckt; ich will nichts von der Welt draußen, ich bleibe hier auf meinem Posten, mag kommen, was da will. Ich bat den Schwager, mir die Agnes zu schicken, ich wolle die Reisekosten bezahlen. Er erwiderte, daß er sie einmal gelegentlich mitbringen werde, und stand auf. Ich sagte ihm, daß der Ronymus hier bei Baur am See wäre, er solle ihn besuchen. Der Schwager entgegnete, daß er dem Sohne des Weger zulieb nicht drei Schritte gehe. Ich habe mich zurückgehalten, den Hochmut zu widerlegen. Und so war der Abschied weit weniger herzlich, als der Willkomm gewesen, obgleich der Schwager noch bei der letzten Handreichung wiederholte, ich möge bald zu Besuch kommen. Als er fort war, fiel mir erst ein, daß ich der Agnes hätte was schicken sollen; ich hätte ihr den Anhenker vom Rittmeister schicken können. Aber nein, sie sollte kein Andenken tragen von dem Verderber ihres Großvaters. Ich hörte die Lokomotive pfeifen von dem Zug, mit dem der Schwager heimwärts fuhr. Wie gut wär's, wenn ich auch dort mit fortgezogen würde. Es hat so kommen müssen, wie es gekommen ist . . . In der Nacht vor der Operation des Rittmeisters starb die Frau, die sich die Augen ausgeweint hatte. Der Rittmeister schlief fest, geräuschlos war der Professor mit dem Assistenten die Treppe herabgekommen; im Hause war alles still. Dreiunddreißigstes Kapitel. Die Vorbereitungen zur Operation beängstigen die Kranken eigentlich noch schwerer als die Operation selbst. Der Rittmeister hatte verlangt, daß man ihm den Tag nenne, und der Professor hatte ihm willfahrt. Als der Rittmeister früh erwachte, rief er mich und fragte: »Ist schon Tag?« »Es dämmert.« »Also heute entscheidet sich's, ob ich je noch einen Tag sehe oder ob ewig Nacht.« Er verlangte zu essen, und als ich ihm sagte, daß er vorher nichts essen dürfe, lachte er laut auf. »Also Fasten muß man auch lernen!« Dann lag er lange still, und endlich sagte er vor sich hin: »Ich habe ein ruhiges Gewissen . . . Was seufzest du?« schrie er plötzlich auf. Ich hatte es unterdrückt, ihm zuzurufen: Du Räuber und Mörder! Wie kannst du von ruhigem Gewissen reden? Der Rittmeister wurde hinabgeführt, er ließ alles mit sich geschehen ohne einen Laut. Unser Professor hat ihn chloroformiert, und wie ich ihn so leblos daliegen sah, griff es mich doch an; jetzt aber durfte man an nichts anderes denken, ich mußte alles in die Hand geben und aus der Hand nehmen. »Wann fangen Sie an?« fragte der Rittmeister mit schwacher Stimme. »Es ist geschehen, und jetzt nur ruhig, volle Ruhe,« sagte ihm der Professor. »Ist Gitta da? Gib mir die Hand, Gitta,« sagte der Rittmeister mit wunderbar sanfter Stimme. Ich gab ihm die Hand und kann sagen, ich habe ihm von ganzem Herzen volle Heilung gewünscht. Aller Haß und aller Zorn war mir aus der Seele genommen. Ja, er soll sehend werden und wieder gut machen. Freilich, meinen Vater kann er nicht mehr zum Leben bringen. Aber daran darf ich jetzt nicht denken. Als der Rittmeister wieder in sein Zimmer zurückgebracht war, fragte er: »Warum spielt die da oben nicht?« Der Professor winkte mir zu und sagte, es dürfe jetzt nicht gespielt werden; man werde heute das Klavier fortschaffen. Der Professor ging rasch davon. Der Rittmeister verlangte nach Rack. Das gute Tier hat's gewußt, daß man bald nach ihm verlangt; heut zum erstenmal ist er ungeheißen zum Rittmeister gegangen und hat den Kopf hingelegt, damit der Kranke seine Hand drauflege. Der Rittmeister schlief bald ein, Rack zog sich leise zurück und legte sich vor mir nieder, er that, als ob er schlafe, aber oftmals blinzelte er zu mir auf. Immer wieder mußte ich denken, wie ist es denn möglich, daß der Hund so alles weiß? Rack aber schüttelte den Kopf, wie wenn er sagen wollte: Besinn dich nicht, du bringst es doch nicht heraus, so wenig als ich die Worte herausbringe, die ich dir sagen möchte. Wenn der Hund aber in diesem Augenblick zu reden angefangen hätte, ich hätte mich gar nicht darüber gewundert, und wie ich ihn jetzt bei den Ohren faßte und streichelte, da verzog er die Lefzen, wie wenn er lachen möchte und bedauerte, daß er das doch nicht könne. Der Rittmeister wachte auf und frug: »Wie lang ist's, daß ich operiert bin?« Ich sagte ihm, daß er nur eine gute Stunde geschlafen. Der Rittmeister sprach nun mit großer Erkenntlichkeit davon, wie geschickt und leicht der Professor alles gemacht habe. Ich konnte ihm dagegen von dem großen Doktor von Berlin reden, von dem er's gelernt hatte. Ich in meiner Einfältigkeit erzählte weiter von dem großen Doktor und schüttelte mein ganzes Herz aus. Mitten drin spürte ich's, daß es nicht wohlgethan war, diesem Mann das zu erzählen; aber ich habe doch fortgeredet, als wenn es sein müßte. – Dazwischen habe ich auch gedacht: wenn er hört, was es für heilige Menschen gibt, wird er sich in seiner Seele umwenden und einen andern Weg gehen. Er sagte mir kein Wort darauf, und ich fragte, ob er nun nicht essen wolle; er bejahte. Ich klingelte danach, und eben als die Magd das Essen brachte, wurde über uns gerückt und gepoltert. »Was ist?« frug der Rittmeister, »was ist? Wird das Dach über mir abgebrochen? wird das Haus eingerissen?« Die Magd sagte: »Es ist weiter nichts, man bringt die Leiche der Frau fort, die sich die Augen ausgeweint hatte.« Ich stand in Verzweiflung, daß die alberne Person das heraus sagte und noch hinzufügte: »Essen Sie nur jetzt.« »Fort! Fort!« schrie der Rittmeister und schleuderte das Geschirr auf den Boden, daß alles zusammenbrach, dann wendete er sich um. Das durfte er ja nicht, er durfte sich ja nicht bewegen. Ich schickte nach dem Professor, er kam und sagte, es habe in diesem Fall nichts zu bedeuten. Ich wußte nicht, was das heißen sollte. Gegen Abend erwachte der Rittmeister wieder und verlangte zu essen, ich gab es ihm, und er sagte: »Es ist doch nicht wahr. Nein, es gibt keine Liebe . . .« Vierunddreißigstes Kapitel. Es ist immer gut, wenn der erste Verband lang liegen bleiben kann; diesmal aber hat er bald abgenommen werden müssen, und als der Professor das that, sagte er mir, ich könne es künftighin schon allein. Er sagte mir das ganz anders als sonst. Ich wußte nicht, ob ich recht sah, unser Professor hatte eine ganz andere Miene wie sonst; es schien, er hatte auch kein rechtes Herz zum Rittmeister und mußte sich gegen ihn Zwang anthun. Eines Tages, als ich eben einen frischen Verband angelegt hatte, brachte der Hausmeister den Schaller, und mit ihm kam auch ein abgehauster Bezirksförster. In den Jahren, seit ich den Bergschinder gesehen, hatte er stark gealtert und war wohlbeleibt geworden, aber sein glattrasiertes Gesicht sah noch immer aus, wie wenn da lauter Menschenfreundlichkeit daheim wäre; er schmatzte auch noch immer wie damals, wie wenn er Zuckerle im Munde hätte. Der Rittmeister rief dem Bezirksförster zu: »Gehen Sie weg. Sie riechen nach Wein.« »Der Herr Rittmeister mag den Wein nicht riechen, weil er jetzt keinen trinken darf,« lachte der Schaller, setzte sich in einen großen Stuhl, knöpfte sich die Weste über seinem dicken Bauch auf und sagte: »Nun, edler Ritter, bin ich nicht ein prächtiger Kerl? halt' ich nicht Wort? He? Wie?« Er hängte bei allem ein He, Wie an, daß man ihm antworten mußte. Der Rittmeister bat den Schaller, er möge den Professor ausforschen, wie es stehe, denn ihm selber sage er nichts. Schaller ermahnte den Kameraden zur Geduld und hatte Worte wie ein Priester; dabei winkte er dem Bezirksförster zu, damit er auch aufpasse, wie er den Rittmeister zum Narren habe. Plötzlich unterbrach sich der Schaller und fragte, wer ich sei. Der Rittmeister sagte, er frage nie nach Herkunft und Lebensverhältnissen der Dienstboten, sonst müsse man im Notfall sich auch um sie kümmern. »Vornehm! Vornehm!« rief der Schaller, »wir können noch immer von den Vornehmen lernen.« Als er jetzt auf mich zuging und mich musterte, hätte ich ihm gern die Augen ausgekratzt; aber ich hielt still. Nun erzählte der Schaller von Gewinn und Verlust und anhängigen Rechtsstreitigkeiten; dann kamen Geschichten, die ich nicht verstand, aber sie lachten miteinander so unbändig, daß ich herzutreten und sagen mußte, der Kranke dürfe nicht so heftig lachen, das sei sehr schädlich, sie müßten ruhiger sein. Wer weiß, ob die Rauhgesellen nicht doch etwas davon gespürt haben, wer ich bin; die beiden Fremden sahen mich so verwundert an, und der Rittmeister sagte: »Gut, wir wollen ruhiger sein. Ja, Schaller, sei ruhig. In diesem Haus muß man kuschen lernen. Bleib da, Gitta, wir wollen ruhiger sein.« Und weiter sprachen sie miteinander. Ich sah hinaus in den Himmel und mußte denken: Lieber Gott, du mußt wissen, warum du deine Sonne auch über diese Menschen scheinen lässest, und du mußt wissen, warum du ihnen Verstand gegeben hast, daß sie ihre Nebenmenschen ausrauben können. Ich hörte kaum mehr hin und mir schauderte, wie wenn ich in der Hölle dabei sein müßte, wenn die Schurken einander ihre schlechten Streiche erzählen. Ich hörte vom Aussichtler reden, ich erfuhr seine Geschichte jetzt genauer. Der Mann, der damals Uhrgehäuse machte, lebte glückselig auf der einsamen Höhe mit seiner wunderschönen Frau. Der Schaller hatte der Frau nachgestellt. Der Mann kam dazu, wie der Schaller die Frau umarmen wollte, und Mann und Frau haben dem Schaller eine tüchtige Tracht Prügel gegeben. Was that aber der Schaller? Er hat gesagt, er wolle den Mann schon härter strafen, als alle Gerichte können. Er hat Männer und Frauen geschickt – auch der Rittmeister hat sich dazu hergegeben – die haben dem Mann vorgeredet, sein Haus habe die schönste Lage im ganzen Land, die herrlichste Aussicht und die beste Luft; da müsse man ein Schloß herbauen. Der einfältige Mensch hat das geglaubt und ist davon ganz närrisch geworden, und die Frau ist im Elend gestorben. Ich mußte wieder zum Himmel hinauf sehen: warum kommt keine feurige Rute vom Himmel herunter und peitscht diese Menschen? Ich wollte nichts mehr hören. Aber still! Jetzt reden sie von meinem Vater. Ich wußte doch, daß sie ihn zu Grunde gerichtet haben, aber wie, das erfahr ich erst jetzt. Sie haben ihn zuerst mit seinem Soldatenstolz eingefangen, und dann haben sie ihm eingeredet, er sei einer der gescheitesten Menschen, ein Schlaukopf, und eben das, daß er so gradaus thäte, wie wenn er ganz einfältig wäre, das sei das Klügste. Nun haben sie ihn einen namhaften Gewinn machen lassen, dann ein gut Stück davon verlieren, dann ein noch größeres gewinnen, und da haben sie ihn fest gehabt. Ach, was soll ich das alles erzählen? Ich weiß es selber kaum mehr. Nur das noch. Es war so, wie der Schmaje damals gesagt hatte; der Schaller hat sich vom Vater übervorteilen lassen, und das hat ihn gefangen. Daß sie meinen Vater zu Grunde gerichtet haben, ist hart, daß sie ihn aber auch zur Betrügerei gebracht haben, das ist noch das Härteste. Und der Rittmeister lachte noch über diese Kriegslist. Jetzt sagte der Bezirksförster: »Es soll ja noch ein Kind von dem Xander da sein. Weiß man nicht, was aus ihm geworden?« Der Schaller sagte, er habe gehört, das Mädchen sei zu seinem Schwager nach der Schweiz und solle bildschön geworden sein. »Wenn ich wieder gesund hin, suche ich sie auf,« sagte der Rittmeister. »Hast recht,« sagte der Schaller, »bist ja so zu sagen wieder ledig. Geld geben kannst du ihr freilich nicht, aber deine Lebensrente ist noch immer gut . . .« Sie lachten wieder, ich weiß nicht, worüber, und ich begreife heute noch nicht, wie ich mich ruhig gehalten habe. Die Männer gehen fort. Jetzt ist's genug, ich kann nicht weiter. Ich war fest entschlossen, ich bleibe keine Minute mehr beim Rittmeister, ich gehe zum Professor und sage ihm alles. Wie ich vor die Thüre komme, liegt der Rack auf der Schwelle, das hat er noch nie gethan, er ist immer zu mir herein gekommen; aber das Tier hat wohl geahnt, was für Schurken da sind, und will nicht hereinkommen. Wie ich still halte und das so denke, ruft der Rittmeister jammervoll mit aller Macht nach mir. Ich kann nicht anders, ich gehe hinein. Fünfunddreißigstes Kapitel. Der Rittmeister steht aufrecht mitten in der Stube und schreit: »Gitta! Gitta! Wo bist du?« »Da bin ich.« »Es sticht wie tausend Nadeln. Mach schnell, lockere mir den Verband.« Er setzt sich, ich stehe vor ihm, ich kann kein Wort hervorbringen, es würgt mich am Hals, aber ich lockere den Verband, und er sagt: »Wenn ich gesund bin, kriegst du ein großes Geschenk von mir.« »Ich nehme nichts, von Ihnen gewiß nicht.« »Von mir nicht? Warum nicht? Von mir nicht?« »Meine Mutter im Himmel hat recht gehabt, man kann einen mit einer goldenen Kette erwürgen.« »Was redest du? Was soll das heißen?« »Ich will dir's sagen. Ich bin die Tochter des Xander.« Ich halte den Verband in der Hand, er schreit und schlägt auf mich los, ich schreie, und der Hund stürzt auf den Rittmeister los. Ich reiße ihm den Verband ab: »Da sieh mich, mich zuerst.« Er schreit: »Blind! Blind! Xander!« und stürzt auf den Boden. Ich lasse ihn liegen und renne davon. Wohin, ich weiß es nicht. Ich höre noch hinter mir schreien: »Xander! Xander!« Ich renne die Treppen hinab und verberge mich zuerst im Holzschuppen. Wohin will ich? Ich weiß es nicht. Blind! Blind! Xander! Xander! ruft's aus allen Steinen in der Wand. Was ist geschehen? Was hab' ich gethan? Ich habe Rache genommen, ich habe den Feind geblendet. Ich liege auf den Knieen, und mir ist, als wäre ich in eine tiefe Schlucht geschleudert, und unter mir gurgeln die Wasser, und die Felsen über mir fangen an zu rollen. Ich höre Rennen und Rufen im Hause. Ja, es ist vorbei. Ausgelöscht alle die Gutthaten der vielen Jahre, ich habe Aergeres gethan als eine Mordthat, ich darf nicht mehr leben. Ich kenne den Ausweg vom Holzschuppen auf die Straße, ich reiße die Thür auf und renne hinaus. Da drunten ist der See. In den See mit dir, du Mörderin, du mehr als Mörderin! Ich renne die Straße hinab. An der elektrischen Uhr halte ich an und verschnaufe. Es ist fünf Uhr, meine letzte Stunde. Wie ich so fort renne, hält mich ein Mann auf und sagt: »Freut mich, daß ich dich wieder sehe, Gitta. Aber was siehst du so verloren drein? Was ist dir? Kann ich dir mit etwas helfen?« Es ist der sternkundige Professor, er hält mich am Arm fest. Ich will mich losreißen, er aber sagt: »Kind, gutes Kind« – o wie mich das packt! – »gutes Kind, denk', ich wäre dein Vater.« »Mein Vater! Mein Vater! Ich habe Rache für ihn genommen.« »Was redest du?« »Lassen Sie mich los.« »Kind, ich bin alt. Laß mich nicht auf der Straße mit dir ringen. Schau, die Leute sehen auf uns.« »Was gehen mich die Leute an?« »Du thust mir weh, ich bin nicht stark genug.« »Ich will Ihnen nicht wehthun. Leben Sie wohl.« Ich reiße mich los und renne davon, erst drunten in der Ebene halte ich still. Da gehen jetzt am Sonntag so viel Menschen, Männer und Frauen, und lustwandeln, ich will ihnen ihre Freude nicht zerstören; wenn ich hier ins Wasser springe, wird man mich wieder herausziehen, nein, dort am Schänzeli, dort springe ich übers Geländer, wenn das Schiff abgeht, und die Wellen sollen mich gleich begraben. Auf dem leeren Krahnen beim Winkelriedhaus sitzen Knaben und drehen sich lustig im Kreise; da draußen glänzen die weißen Häuser und die grünen Weinberge, helle Segel schwimmen auf dem See, Lustfahrende lassen sich hin und her treiben. Ich sehe das alles und denke doch ganz anderes, bin an einem ganz anderen Ort. Ich bin dort im ausgehauenen Wald in jener Nacht mit meinem Vater. Wir sitzen vor dem Dorfe, bis es Tag wird, und frieren . . . Damals habe ich mir gewünscht, Rache zu nehmen, jetzt hab' ich sie genommen, jetzt ist's genug, aus, vorbei mit dem Leben – Ich komme auf die Brücke zum Schänzeli, da ruft mir der Ronymus entgegen: »Das ist schön, daß du auch einmal frei bist. Ich muß nur noch ans Schiff. Sei so gut und halte mir meine Handtasche, es sind große Wertsachen drin. Ich komme gleich wieder.« Fort ist er, und ich habe die Tasche in der Hand. Ich stehe da und sehe, wie das Schiff abstößt, drauf sind so viel Menschen in Sonntagskleidern, und lustige Musik spielt. Sind dort auch Menschen, die das gethan haben, was du? Fort mit dir, du Augentöterin! Die Wellen klatschen ans Ufer, warum springe ich nicht in die Wellen? Was geht mich die Tasche mit den Wertsachen an? Was geht mich die ganze Welt an? Wem gehört das Gold und Silber und die Wälder und Felder und Häuser auf der Welt? Sie sollen sich drum streiten, wenn ich tot bin . . . Ich sehe den Ronymus kommen, und jetzt fährt mir's wie ein Blitz in die Seele. Sterben – das ist nichts. Nein, du hast gewollt, er soll wieder gut machen, der Schlechte, – und du? Du willst davon? Nein, zurück mußt du und büßen und gut machen mußt du . . . Ich werfe dem Ronymus die Tasche hin und renne zurück in die Anstalt, ich muß durch die vielen Menschen, die mir entgegenkommen, wie wenn ich mich durch die Wellen am See durcharbeiten müßte. Sechsunddreißigstes Kapitel. Als ich ins Haus eintrat, sprang Rack an mir herauf und war voll Freude, daß ich wieder da. Dann legte er sich demütig nieder, wie wenn er damit anzeigen wollte, daß er wisse, er sei auch mit schuld. Ich ließ mich bei dem Professor melden, er ließ mir sagen, ich solle im Operationszimmer warten. Ich mußte da lange still bleiben; ich betrachtete die großen Buchstaben an der Wand und auch die zwei Worte, die da stehen, sie heißen: Geduld, Hoffnung. Das wird den Operierten vorgehalten, ob sie es lesen können. Ich las die Worte, ich sah die Buchstaben. Was läßt sich aus diesen Buchstaben alles zusammensetzen! Aber das, was ich zu sagen hatte, war noch nie damit zusammengesetzt. Endlich klingelte der Professor, daß ich zu ihm eintrete. Er saß am Schreibtische und schrieb. Ohne mich anzusehen, sagte er: »Setz dich.« Er schrieb weiter. Endlich wendete er sich und sagte: »Ich hab's gewußt, daß du wieder kommst, und habe dich nicht suchen lassen. Wir dürfen kein Aufsehen machen, die Ehre des Hauses verlangt das.« Ich brachte endlich die Worte heraus: »Ja, ich habe nicht nur an dem Manne, ich habe an Ihrem ganzen Hause gefrevelt. Darf ich nun fragen, wie es dem Herrn Rittmeister geht?« Der Professor that die Brille ab, hauchte sie an, putzte sie, setzte sie wieder auf und sagte mit einer Stimme, die mir ganz fremd war: »Jawohl, du darfst fragen. Er hat stark geblutet, ist aber so ziemlich wohlauf.« »Und er ist blind?« »Ja.« »Und bleibt es?« »Ja.« Mir war, ich könnte nicht mehr atmen, nicht mehr die Augen aufmachen. Ich faßte mich und erzählte, wie alles geschehen. Der Professor blieb wieder lange still. Ohne mich anzusehen, sagte er endlich: »Es war unrecht von dir, daß du mir nicht schon lange gesagt hast, was der Rittmeister an euch gethan. Aber pflichtvergessen, grausam bleibt doch, was du thun wolltest. Nun, ich habe das Vertrauen zu dir, daß du meinem Befehl gehorchst.« »Alles, alles. Was soll ich thun?« »Zunächst gar nichts. Du gehst in dein Zimmer, verlässest es nicht, bis ich dich rufe. Ich verlasse mich auf dich, daß du ohne mein Wissen nichts unternimmst. Geh auf dein Zimmer, schließe ab und öffne niemand als mir. Oder besser, ich schließe dich ein. Gib mir die Hand, daß du dich ruhig verhältst.« Ich gab ihm die Hand, und seine sonst so ruhige, feste Hand zitterte. Er geleitete mich an mein Zimmer und schloß hinter mir ab. Da saß ich nun, gefangen. Ich öffnete, ich weiß nicht warum, meine Truhe. Da war mein Erspartes, meine Kleider. und da lag der Anhenker. O Mutter! Mutter! Wie hast du es geahnt! Ich saß lange auf meiner Truhe, ich war in Gedanken bei den Toten, draußen aus dem Leben. Es erleichterte mir das Herz, daß ich endlich weinen konnte. Von der Stadt herauf läuteten die Abendglocken, jetzt kehren die Menschen heim vom sonntäglichen Lustwandeln und freuen sich auf die Ruhe der Nacht und auf die Arbeit am Morgen, und ich, was wird aus mir? Komme ich vor Gericht, und muß ich jahrelang büßen? Ein Gefangener wendet die Worte, die ihm gesagt wurden, hundertmal herum. Der Professor hat deutlich gesagt, er wolle kein Aufsehen machen, die Ehre des Hauses verlange das – er wird mich nicht dem Gericht überliefern; was aber wird mit mir geschehen? Wie werde ich gestraft? Ich will es geduldig hinnehmen und büßen. – Warum aber hat der Professor gesagt: »Was du thun wolltest? Wolltest?« Hab' ich's denn nicht gethan? Träume ich denn nur, daß ich's gethan, und hat er dann nicht gesagt, er ist auf immer blind? Es kratzte an meiner Thür, der gute Rack wollte zu mir, er konnte nicht herein und er winselte jammervoll. Ja, ich soll mich lebenslang an keinem Menschen und an keinem Tier mehr freuen. Was wird die Pfälzer Doktorin sagen, wenn sie's hört? Und der Ronymus? Ach, der gute Ronymus, die treue Seele, ihm kränkt's das Herz ab, daß ich so geworden, niemand auf der Welt hat mich so lieb wie er. Und jetzt, mitten in meinem Elend ist mir's aufgegangen, daß ich ihn auch lieb habe, von Herzen lieb; jetzt mußte ich weinen, um ihn und um mich. Ich habe ihm abgewehrt, daß er dem Rittmeister etwas anthue, und jetzt hab' ich's selber gethan und so entsetzlich. Ich habe laut aufschreien müssen vor Jammer. Ich habe jede Viertelstunde schlagen hören von den Türmen drunten in der Stadt, und einmal machte ich das Fenster auf und meinte, ich müßte mich hinausstürzen, aber ich habe dem Professor versprochen, daß ich nichts thue, ohne es ihm zu sagen; gewiß hat er gemeint, daß ich mich nicht selbst ums Leben bringe. Und da drunten liegt der Rittmeister und kommt nicht mehr aus der Nacht heraus. Plötzlich wird mir, wie wenn's Tag würde. Ja, so ist's, so muß es werden. Ich nehme mir vor, daß ich den Rittmeister nie verlasse, so lang er lebt; ich pflege ihn, als wäre er mein Vater, und ich will Gott danken, wenn mir nichts weiter auferlegt wird. Ich mache das Fenster auf. Eine Sternschnuppe fliegt am Himmel, wie wenn mir ein Zeichen gegeben wäre, daß mein Opfer angenommen ist. Gott sei Lob und Dank, ich kann noch Gutes thun . . . Ich lege mich nieder, ich spüre entsetzlichen Hunger, aber im Zimmer ist nichts als Wasser, ich trinke und muß denken, wie ich mich töten wollte. Nein, nein, ich lebe noch und will noch leben und Gutes thun. Ich bin eingeschlafen und wache erst auf, wie es an mein Zimmer klopft. Siebenunddreißigstes Kapitel. Der Professor war da und sagte. »Ich weiß, du hast eine bittere Nacht verlebt; du hast in einer einzigen Nacht sieben Jahre Gefängnis durchgemacht. Du hast's verdient. Nun aber kann ich dir den Trost sagen: du hast den Rittmeister nicht geblendet.« »Was sagen Sie? So ist er also gesund und sehend?« »Laß mich ruhig ausreden. Ich hatte schon vorher wenig Hoffnung, habe indes doch noch an eine Möglichkeit der Heilung geglaubt, aber alsbald nach der Operation war es entschieden. Also richte dich auf. Bei mir bleiben kannst du, wie du selber einsehen wirst, fortan nicht mehr. Aber du sollst nicht verstoßen werden. Du bleibst, bis etwas für dich ausfindig gemacht ist. Ich schreibe an die Doktorin, vielleicht weiß sie Rat, oder sie nimmt dich selber zu sich.« O! Wenn ein Verdammtes in der himmlischen Seligkeit aufwacht, es kann nicht glücklicher sein als ich. Ich sagte aber gleich dem Professor, daß ich mir vorgenommen, den Rittmeister nie zu verlassen und bei ihm zu bleiben, wenn er mich haben will. Ich war doch schuldig, ich hab's doch thun wollen. Der Professor sah mich verwundert und mit heiterm Blick an, schwieg aber lange, wie das in seiner Gewohnheit war. Dann ermahnte er mich, ich solle nichts übereilen; er könne mein Vorhaben überhaupt nicht billigen, und es sei auch zu bedenken, ob der Rittmeister sich in seiner Wut nicht einmal an mir vergreife. Das hatte ich noch nicht überlegt, aber ich meinte doch, daß da keine Gefahr sei; ein Blinder ist schwach, und ich bin stark, ich will ihn aber durch Sanftmut besiegen. Ich fragte, ob der Rittmeister wisse, daß nicht ich es war, der ihn in Blindheit gestoßen, und der Professor erzählte, daß der Rittmeister ihn einen Pfuscher genannt und noch viel Aergeres gescholten habe. Ich verlangte, daß ich zum Rittmeister gehen dürfe. Ich bat, mich allein zu ihm zu lassen; der Professor willfahrte mir aber nicht. Wir traten beim Rittmeister ein. Er saß vorgebeugt im großen Lehnstuhl und hatte seine Hand auf den Kopf des Rack gelegt. Er rührte sich nicht, da er uns eintreten hörte. Als der Professor sagte: »Gitta ist da und will Sie um Verzeihung bitten,« stieß er den Hund weg. richtete sich auf und sagte: »So? Und das soll alles sein? Ich erwarte ein Telegramm meines Freundes Schaller, ein Advokat soll euch zeigen, was mir gebührt und euch. Nun, Gitta, freust du dich deiner Rache?« Noch ehe ich antworten konnte, wiederholte der Professor, daß meine That pflichtvergessen, daß aber auch ohnedies das Augenlicht nicht zu retten war. Der Rittmeister murmelte Unverständliches vor sich hin, dann rief er: »Pfui! Ich bin gefangen in der Herberge der Heuchler und Schelme. Ich bin über eure Gaunerei noch nicht klar. Hat sie die Binde abreißen müssen, damit Ihre Pfuscherei nicht an den Tag kommt; oder bekennen Sie sich als Pfuscher, um die Geliebte des großen Doktors von Berlin rein zu waschen?« Mir schauderte, wie wenn einer aus der untersten Hölle heraus spräche. So verdreht und verunreinigt dieser Elende alles? O wie traurig! Der Mann ist so elend und so giftig. Ich faßte mich und sagte ihm, ich lasse mich durch böse Reden nicht abbringen, ich bekenne mich schuldig, ich habe ihn im Zorn blenden wollen, und dafür wolle ich in Demut büßen und dienen und ihn lebenslang nicht verlassen. »Das willst du? Komm her, gib mir die Hand! Komm näher!« rief der Rittmeister. Ich gab ihm die Hand, und er drückte sie, daß ich meinte, er zermalmt sie. »Ich habe dein Versprechen. Sie sind Zeuge, Sie, Sie da! Herr Professor!« knirschte er. Ich riß meine Hand los und sagte: »Sie haben mir wehe gethan, das muß das letzte Mal sein. Ich sage Ihnen, ich halte mein Versprechen. Aber merken Sie sich, ich bin stärker als Sie. Und wenn Sie noch ein einzigmal, sei es, wie es sei, mich mißhandeln wollen, dann verlasse ich Sie zur Stunde. Das ist meine Bedingung. Es war still in der Stube, da wurde ein Brief gebracht. Der Rittmeister verlangte, daß ich lese, und in dem Briefe hieß es, Schaller sei am Schlagfluß gestorben mit dem Champagnerglas in der Hand, das er eben geleert hatte. Der Rittmeister biß die Lippen zusammen und gab keinen Laut von sich. Als der Professor gehen wollte, rief er: »Bleiben Sie, Herr Professor. Ich verlange eines, dann verzichte ich auf alles.« »Und was verlangen Sie?« »Geben Sie mir Gift. Wozu soll ich noch leben?« »Ich habe erwartet, daß Sie das von mir verlangen werden, aber Sie konnten sich auch im voraus sagen, daß ich Ihnen nicht willfahre. Ihr Herren wollt, daß wir anderen das Leben als Pflicht ansehen, für euch aber soll es nur Genuß sein, lustiger Trank, wo nicht, so zerschmettert ihr das Gefäß. Sie wollen nicht mehr leben, aber Sie müssen, und Sie werden noch dankbar werden.« »Werde ich? Gut. Ich werde Ihre edlen Worte beherzigen,« nickte der Rittmeister halb zustimmend, halb verdrossen. Der Professor ging, ich blieb beim Rittmeister; er rief mich zu sich und sagte, in seinem Koffer liege eine geladene doppelläufige Pistole, ich solle sie ihm geben, er müsse sich erschießen, er könne nicht leben; er verlangte meinen Gehorsam als einzige und letzte Sühne für meine That. Mir stand das Herz still, aber ich faßte mich und sagte: »Wer bürgt mir dafür, daß Sie sich selber und nicht mich erschießen?« »Sieh da, du bist ja klug! Aber leg mir die Pistole auf den Tisch und geh aus dem Zimmer.« Ich wiederholte, daß ich ihm nicht willfahre. Er erklärte mir sehr eindringlich, daß ich mir zu viel zugemutet habe; es sei nicht möglich, daß ich ihn pflege, ich müsse ihn immer verfluchen. »Und wenn du auch gut gegen mich wärst, wozu soll ich noch leben?« Da gab mir der Himmel das rechte Wort: »Sie müssen noch leben, damit ich Gutes an Ihnen thun kann.« Das hat ihn auch gepackt, es zuckte in seinen Mienen, und er zitterte am ganzen Leibe. »Du Gutes an mir? Ich will's glauben. Ich soll also noch erleben, daß Gutes an mir gethan wird?« Er legte sich nieder, und bald schlief er fest. Achtunddreißigstes Kapitel. Ich saß in der Nebenstube, da wurde mir gemeldet, ein Mann aus meiner Heimat lasse sich nicht abweisen, er müsse mich sprechen. Wer kann das sein? Ich eilte auf die Hausflur, da stand der Weger, der Vater vom Ronymus. »Kennst mich noch?« schmunzelte er, »nicht wahr, ich sehe ganz anders aus? Der Ronymus hat mich so hergerichtet, er hat mich herbestellt, hat mir das neue Gewand machen lassen. Aber komm in die Stube, ich hab' dir was zu sagen, was Gutes.« Drin in der Stube konnte sich der Weger nicht genug verwundern, wie ich so anders geworden, und das eine Mal sagte er, ich sehe ganz meinem Vater gleich, das andere Mal ganz meiner Mutter. Endlich kam er zu dem Beschluß, die Gestalt habe ich vom Vater und das Gesicht von der Mutter; nur die Stirn, die Nase und den Mund habe ich vom Vater. Ich mußte lachen und war ganz verwundert, daß ich noch lachen konnte. Ich bat ihn, leise zu reden, denn ich habe einen Kranken in der Nähe, der jetzt schlafe. »Ja, ist recht, daß du mich auf die Hauptsache bringst. Mit dem Krankenwarten muß es ein Ende haben. Wir lassen dich nicht länger dabei, du, des Schlehhofbauern Tochter! Nein, das darf nicht länger sein. Wenn sie nur das auch noch erlebt hätte. Sie hat dich so gern gehabt, wie wenn sie dich unter dem Herzen getragen hätte. Laß mich nur weinen, das schadet nichts. Ich will, man soll mir auch einmal nachweinen. Ja, daß ich's nicht vergesse, noch vor ihrem Tod hat sie mir's auf die Seel' gebunden, daß ich dir das Geld einhändige von deiner halben Geiß und von deinen drei halben Gänsen. Ich hab's bei mir. Und von deinen Hühnern ist Nachzucht da, die bringe ich mit zu euch in das Lamm-Wirtshaus.« Ich verstand nicht, was das alles sein sollte, und es war schwer, den guten Weger zurecht zu bringen. Wie ich also fragte, was denn das mit dem Lamm-Wirtshaus sei, rief er: »So? Das weißt du noch nicht? Du mußt es doch kennen, das große Einkehr-Wirtshaus drüben im Thal? Der Schmaje hat das ausgekundschaftet, es war sein letztes Geschäft. Und es sind Aecker und Wiesen dabei und auch ein Stück Weinberg und ein Stück Wald, alles, alles, und der volle Hausrat ist auch da, man braucht gar nichts anzuschaffen; da werdet ihr schön und gut miteinander leben. So? Also der Ronymus hat dir noch nichts davon gesagt, daß er das Lamm gekauft hat und daß ihr da miteinander wirten werdet? Aber ich bin auch dabei, ich gehe mit. Ich kann schon noch so viel arbeiten, daß ich mein Brot verdiene, und ein Eigenes in einem Wirtshaus kann auf alles achtgeben, daß nichts verschleudert und nichts veruntreut wird. Die Dienstboten sind heutigestags auch nichts mehr nutz, aber ich will den eurigen schon aufpassen.« Der Weger sah das Bild von dem großen Doktor an der Wand und rief ihn an wie einen Heiligen: »Du Augenretter! Du wirst auch deine Freude dran haben, wenn du uns bei einander siehst. Brigitta, dem Bilde da geben wir den besten Platz im Haus, und die Kinder sollen den Mann auch kennen lernen.« Ich ließ den guten Mann so weiter reden, und war mir's vorher, wie wenn der Rittmeister aus der Hölle heraus spräche, so war es jetzt, wie wenn der Weger vom Himmel herunter redete. So kam's über mich. Der gute Mann meinte, es könnte alles noch gut gehen. Aber es war zu spät, es war vorbei. Ich fragte nach Ronymus, und der Weger lachte: »Ja der, der ist ganz närrisch, heißt das, er ist sonst ganz gescheit, das zeigt sich ja, er hat gut gespart, aber er ist närrisch verliebt in dich; es ist so bei uns in der Art, ich hab's mit meiner Bonifacia auch so gehabt. O, lieber Gott, warum hat sie das nicht erlebt, daß sie eure Kinder in Schlaf singen kann? Du weißt ja, sie hat so gut singen können, aber sie singt vom Himmel herunter.« Der Weger weinte, daß er kein Wort mehr vorbringen konnte; ich sagte: »Ja, Weger!« »Sag' nicht Weger, sag' Schwäher.« »Weiß der Ronymus, das vom Rittmeister?« »Gewiß. Geschieht dem Kerl ganz recht, daß er blind ist.« Aus der Nebenstube rief der Rittmeister: »Wer ist da? Wer sagt, daß mir recht geschieht?« Ich bat den Weger, daß er jetzt gehe und mir zum Abend den Ronymus schicke. Ich ging zum Rittmeister. Ich mußte ihm erzählen, wer da sei, und er sagte leise: »Jeder Straßenknecht ist jetzt über mir.« Neununddreißigstes Kapitel. Am Abend kam der Ronymus, er legte beide Hände auf die Brust und konnte nicht reden; ich nahm ihn an der Hand, führte ihn in meine Stube und sagte: »Ronymus, du hast mich gern, und ich sag' dir's gradaus, ich habe dich auch gern, aber –« »Was aber? Jetzt ist alles gut, weiter braucht's nichts.« »Nein, Ronymus. Ich hab' noch eine schwere Last auf mir.« »Ich kann dich tragen, und wenn du noch sieben Centner auf dir hättest,« und er hob mich auf und trug mich auf dem Arm herum, wie ein kleines Kind. Ich mußte ihn bitten, mich herunter zu lassen; er that's und ich sagte: »Ronymus, ich hab' das heilige Gelübde gethan, ich muß büßen. Der Rittmeister ist blind, auf immer, nicht durch mich, das ist eine Gnade vom Himmel, aber ich . . . ich habe ihn blenden wollen, und dafür muß ich büßen.« »Das ist zu fein geschliffen,« wehrte der Ronymus ab, »denk', wenn jeder büßen müßte für das, was er hat thun wollen, da wäre die ganze Welt ein Zuchthaus, und es wäre niemand da, der den Posten versehen könnte; unser Herrgott müßt' selber Zuchthausdirektor sein. Ich kann's nicht glauben; aber sei's drum, daß du den Rittmeister hast blenden wollen. Jetzt ist's doch einmal nicht, du bist nicht schuld, warum willst du nicht den Vorteil davon haben, daß er ohnedies blind war?« »Ich hab's ihm versprochen.« »Halt! Das Versprechen gilt jetzt nicht. Ein Dienstbote, der heiratet, das steht im Gesetz, ist frei. Ich rede mit dem Mann, er muß dich gutwillig freigeben, oder wir zwingen ihn mit dem Gesetz.« »Und wenn er mich auch freigibt, glaub' mir, ich könnte mir's mein Lebtag nicht verzeihen, daß ich ihn verlassen habe; ich könnte keine Stunde mehr lustig sein, nicht für mich, nicht für dich.« »Das geht nicht, du mußt lustig sein.« »Ronymus! Ich hab' dem Rittmeister heilig versprochen, daß ich nicht von ihm gehe, so lang mir noch ein Aug' offen steht.« »Dann sollen deine Augen noch siebenundsiebzig Jahre und noch ein paar Krautherbste dazu offen stehen. Ja, so sei es denn. Wir nehmen den Kerl zu uns und füttern ihn, bis er tot ist.« »Nein, Ronymus, so nicht, du mußt es gern thun.« »Zum Gernthun kann man sich nicht zwingen. Aber dir zulieb kann ich drein willigen. Dich muß ich haben, dich nehme ich, und wenn ich sieben Teufel als Zugab' bekomme. Und wenn ich's recht überlege, so geht's ganz gut; wir haben ja ein Wirtshaus mit elf Zimmern und fünf Dachkammern, und der Rittmeister muß noch einen guten Stumpen Geld haben von seiner Räuberzeit her, und wenn ich's recht überleg', so bringen Gutthaten nichts Böses. O du! Du machst noch einen gutmütigen Kerl aus mir. Jetzt warum lachst? Warum weinst?« Ich hab's nicht sagen können, und der Ronymus faßte mir beide Hände und sah mich an und sagte, es käme ihm doch wie ein Traum vor, daß die Prinzeß vom Schlehenhof ihn heiraten wolle, aber es müsse wahr sein, und zum Zeichen, daß es wahr sei, solle ich ihm einen Kuß geben. Ich bat ihn nun, mit mir zum Rittmeister zu gehen und alles in Ordnung zu bringen. Er sagte: »Ja, ja, es ist schon so mit mir. Wie ich noch ein kleiner Bub war, da hat der böse Hund von deinem Ohm Donatus mir die Hosen zerrissen. Wochenlang habe ich einen geschickten Stein in der Tasche getragen, um ihn dem Hund an den Kopf zu werfen; aber wie ich's hätte thun können, habe ich den Stein aus der Tasche gethan und dem Hunde nichts. So geht mir's jetzt auch mit dem Rittmeister. Aber komm', ich will's schon recht machen.« Hand in Hand gingen wir zum Rittmeister. »Herr Rittmeister! Ich komme mit meinem Bräutigam,« sagte ich. »Was? Du? Wer? Mit wem?« Er ließ mich nicht weiter zu Wort kommen und fluchte auf die ganze Welt; ein Blinder werde betrogen, und heilige Schwüre gelten nichts. Er streckte die Arme aus und schrie, wenn er mich nur erwürgen könnte; eine einzige Frau für alle. »Hören Sie uns doch ruhig und geduldig an,« sagte der Ronymus. »Wer spricht da? Wer ist das?« »Ich, der Ronymus!« »Wer ist der Ronymus?« »Ich bin Knecht gewesen auf dem Schlehenhof heim Xander. Ich habe damals den Herrn Rittmeister beleidigt. Verzeihen Sie mir. Es soll nicht gesagt sein. Ich habe einen Haß auf den Herrn Rittmeister gehabt, ich habe keinen mehr. Ich bitte, haben Sie auch keinen mehr. Wir wollen Sie in Ehren halten. Lassen Sie mich ausreden. Ich bin Soldat gewesen. Aber das habe ich jetzt nicht sagen wollen. Wir haben ein Wirtshaus gekauft, und da sollen Sie bei uns bleiben und gute Tage haben, und meine Frau und ich und was noch nachkommt, soll Ihnen zu Diensten sein, wie wenn Sie der Großvater wären. Und meinen Vater, den Weger, haben wir auch bei uns. Sie sollen sehen, will sagen, Sie sollen's spüren, wie wir zu Ihnen sind, Tag und Nacht, und es wird Ihnen bei uns gut schmecken; meine Mutter selig hat hundertmal gesagt, so kann niemand kochen wie die Brigitta. Herr! Herr! Lassen Sie jetzt alles gut sein, ich kann nicht viel reden.« Die Stimme versagte ihm, dicke Tropfen standen ihm auf der Stirn, und wie er sich jetzt die Stirn abwischte, hätte ich ihm gern die Hände geküßt. Ich konnte aber nichts als weinen. Der Ronymus faßte meine Hand und sagte: »Du sollst nicht weinen, du sollst fröhlich sein.« Der Rittmeister redete lange kein Wort. Endlich sagte er: »Wie heißest du?« »Hab's ja gesagt, Ronymus.« »Ronymus. Du glaubst, ich hätte viel Geld, und das erbet ihr dann?« »Ja, wir nehmen's schon, und ich mein', wir dürfen auch.« »So? Du glaubst, ich sei euch was schuldig, weil der Xander zu Grunde gegangen ist? Sag' ehrlich, glaubst du das?« »Ja.« Wieder war der Rittmeister lange still. Er bewegte die Finger beider Hände rasch in der Luft und sagte dann: »Komm her, Ronymus, komm näher. Du scheinst mir eine ehrliche Haut. Ich könnte mir's besonders gut bei euch machen, wenn ich reich thäte; aber ich will nicht. Ich will dir ehrlich sagen, ich besitze nichts mehr. Glaubst du das?« »Nein, ich glaub's nicht.« »Es ist aber so. Wollt Ihr mich nun doch ins Haus nehmen und bei Euch behalten und ebenso gern?« »Ebenso gern?« antwortete der Ronymus. »Nein. Aber unser Wort halten wir; die Brigitta sagt, sie sei es Ihnen schuldig, und ich als ihr Mann bezahle die Schulden meiner Frau.« »Nun ist's gut, ich vertraue dir. Ich bin ausgeraubt, ich habe nichts als eine gute Jahresrente, so lang ich lebe. Ja, ich gehe mit Euch. Gitta, mit diesem Manne wirst du glücklich. Gitta, gib ihm meine Pistolen. Ronymus, es sind Kugeln drin; du warst Soldat, du verstehst sie herauszuziehen. Nun aber ist's genug.« Ich sah, daß der Rittmeister rote Backen hatte, die Narbe von der Schußwunde im Backen war ziegelrot, das durfte nicht sein, er bekommt wieder Fieber; ich sagte ihm also, er solle ruhig sein, es sei alles in Ordnung. Dann ging ich mit dem Ronymus aus der Stube. In meinem Zimmer aber habe ich den Ronymus um den Hals genommen, und lieber hat noch nie eine Frau auf der Welt ihren Mann umarmt, als ich den meinen. Und gibt es einen besseren, ehrbareren Mann auf der Welt? Er nahm etwas aus der Tasche und sagte: »Das hat dir meine Mutter selig vermacht; das ist deine Trau, in diesem Anhenker ist der Steinsplitter, der in meines Vaters Auge war, und auf ihrem Totenbett hat meine Mutter ihn dir vermacht, sie hat's prophezeit, daß du meine Frau wirst.« Als er endlich fortging, sagte er: »O du! Ich . . . ich krieg' des Schlehhofbauern Tochter, ich, ich krieg' die Prinzeß vom Schlehenhof!« Ja, noch heutigestags spricht der Ronymus von meinem Vater und besonders von meiner Mutter, wie wenn das Fürsten gewesen wären, und wenn er besonders lustig ist, heißt er mich – aber nur im geheimen – die Prinzeß vom Schlehenhof. – In der Nacht habe ich einen Brief an die Frau Doktorin geschrieben nach Montreux. Ich hatte einen Menschen auf der Welt, dem ich alles sagen konnte und sagen mußte. Ich habe geschrieben, bis mir die Augen übergingen und Tropfen auf das Papier fielen. Vierzigstes Kapitel. Der Abschied von der Anstalt, von unserem herrlichen Professor, von den Kranken und auch vom Rack ist mir schwer geworden. Wenn ein Tier weinen könnte, der gute Rack hätte geweint; als ich die Kisten packte, war in seinem Auge zu lesen, daß er wisse, wir nehmen Abschied auf ewig. Die Doktorin war zu uns zurückgekehrt, sie hatte große Freude an Ronymus, und mit dem Weger war sie, wie wenn sie von Jugend an miteinander aufgewachsen wären. Sie machte mir noch eine besondere Freude, indem sie meine Nichte Agnes zu meiner Hochzeit kommen ließ. Die Doktorin auf der einen und der sternkundige Professor auf der andern Seite sind mit mir zum Traualtar gegangen; mir war's, wie wenn es meine Eltern wären . . . Der Weger und der Rittmeister sind mit uns ins Wirtshaus eingezogen. Der Weger war sonst gut gegen alle Menschen, das heißt, er hat nicht viel nach ihnen umgesehen, aber er hat niemand was zu leid gethan und hatte auch gegen niemand was in der Seele. Nur den Rittmeister haßte er bis in den Tod hinein; er wollte anfangs nicht mit uns gehen, wenn wir den Rittmeister mitnehmen. Ronymus wußte sich gar nicht zu helfen, aber mir ist's geglückt, ihn wenigstens zur Ruhe zu bringen. Ich hielt ihm vor, wie es ihm damals war, als er in der Furcht, das Auge zu verlieren, nach Heiden gekommen; er solle seine Dankbarkeit damit beweisen, daß er geduldig sei gegen den Blinden. »Wenn du mich daran erinnerst, muß ich dir folgen,« hat der Weger gesagt. Er hat aber nie dem Rittmeister nur den geringsten Gefallen gethan, und er war auch eifersüchtig, daß wir und unsere Kinder den Mann so dienstwillig und ehrerbietig behandeln. Oft hat er vor sich hingebrummt: »Der Mensch hat sein Lebtag kein paar Sohlen zerrissen, die er mit redlicher Arbeit verdient hat. Er hat Hände, so weich wie Eierhäutchen. Wenn eins von uns blind geworden wäre, hätte der es ins Haus genommen?« Es war eine harte Sache, den Weger immer wieder geduldig zu machen. Er hatte auch Angst, unsere Kinder werden zu vornehm, und hat ihnen deshalb oft gesagt: »Euer Großvater war Straßenknecht, und euer Vater war Hausknecht.« Die guten Wege, die von unserem Haus über den Berg in die Felder und in den Wald führen, die hat der Schwäher hergerichtet, ganz allein. Im Haus hat er auf alles achtgegeben, und die Art, so gutes Kirschwasser zu brennen, die hat der Ronymus von seinem Vater überkommen. Bevor ich noch das letzte erzähle, muß ich von Seridja berichten. Ich hatte sie fast vergessen; wenn ich mich aber ihrer erinnerte, gab es mir einen Stich ins Herz. Undank thut immer aufs neue weh. Nun erhielt ich nach Jahren einen Brief aus Indien, der zuerst nach Zürich gegangen war, und Seridja schrieb mir, daß sie in der schweren Stunde, da sie einen Sohn gebar, daran denken mußte, wie sie mir unrecht gethan; sie bat mich um Verzeihung und schickte mir ein schönes Andenken. Der Rittmeister hat sich bald gut drein gefunden in das Leben bei uns. Er war säuberlich, wie sonst nie ein Blinder, er hat beim Essen nichts verschüttet und war immer angezogen, wie wenn er zur Parade müßte; man hätte glauben sollen, er hätte jedes Stäubchen auf seinem Rock gerochen. Aus Essen und Trinken hat er sich nicht viel gemacht, aber seine besondere Freude hat er an seinen Wohlgerüchen gehabt; er hat sich mit wohlriechenden Wassern bespritzt und auch immer Pflanzen auf seinem Zimmer gepflegt, sie sind ihm wohlgediehen. Stundenlang saß er drunten am Bach bei der Mühle, wo das Wehr rauscht; dieses Rauschen scheint ihm wohlgethan zu haben. Gegen die Kinder war der Rittmeister gut, und er war auch ein Glück für sie. Es kann für Kinder nichts geben, was sie besser macht, als wenn sie Tag für Tag einem Hilflosen Dienste leisten können; das macht sie willfährig und geweckt, um Gutthaten zu thun, und das ist die beste Schule und die beste Nahrung für ein junges Gemüt. Der Weger und der Rittmeister sind bald nacheinander gestorben, ohne daß sie eigentlich krank waren. Eines Abends kam der Weger heim und sagte zum Ronymus: »Ich hab' Hammer und Schaufel und Harke droben am Wald liegen lassen, es ist mir gar nicht gut; ich will mich niederlegen. Bring mir einen Schluck Kirschwasser.« Er ging in seine Kammer, und bald darauf, wie der Ronymus nachkam, fand er seinen Vater tot. Er muß leicht gestorben sein. Wir gaben uns alle Mühe, daß der Rittmeister nichts vom Tod und Begräbnis des Schwähers merke, aber er hat es doch gemerkt und ist mit zum Leichenbegängnis gegangen, von der Agnes geführt. Das war sein letzter Ausgang. »Dein Vater hat Wege gemacht, daß andere darauf laufen können,« hat er bei der Heimkehr zum Ronymus gesagt. Weiter kein Wort, überhaupt hat er von da an wenig mehr gesprochen. Sonst hatte er die Kinder viel um sich, jetzt hat er immer nur mich um sich haben wollen. »Du bist noch einmal Tochter geworden, jetzt ist das auch vorbei,« sagte er eines Tages, »zu mir, zu mir nicht . . .« Ich habe wohl verstanden, was er meinte, aber ich konnte nicht lügen, ich konnte ihm nicht sagen, daß ich ihn lieb habe: es war nicht. Eines Tages kam ein Brief aus Paris, ich mußte ihn vorlesen; der Brief war von seiner Frau, und es standen gar entsetzliche Worte darin. Der Rittmeister lag lang still, dann sagte er: »Zünd' ein Licht an! Verbrenne den Brief. Verbrennen . . .« Ich willfahrte ihm. Ich mußte daran denken, wie mein Vater seinen Namen verbrannte. »Gib mir die Asche in die Hand,« sagte der Rittmeister. »So. Vorbei. Das thut sie mir, der ich nur Gutes gethan, alles geopfert, alles. Ich war an die Unrechte gekommen. Du . . . dir . . . An dir hab' ich nur Böses gethan, und du, du hast Liebe zu mir. Sag', hast du Liebe? Du schweigst? Ist recht, ist ehrlich . . . Du hast mir Gutes gethan . . . Gutes . . .« Er murmelte noch Worte, die ich nicht verstand. Mir ward angst und bang, ich rief den Ronymus, er kam; der Rittmeister atmete schwer, ich sank in die Knie, und der Ronymus drückte ihm die Augen zu, die toten Augen. Der Rittmeister ist neben meinem Schwäher, dem Weger, begraben . . . . So, nun bin ich fertig. Ich weiß nicht, ob jemand anders von sich sagen kann, er habe den Spruch erfüllt: »Liebet eure Feinde« – ich von mir kann's nicht sagen. Das goldene Lamm im Wirtsschilde war in der Frühe bereits mit einem weiß schimmernden Dufte überhaucht, als Brigitta in ruhig gesammelten Morgenstunden ihre Geschichte erzählt hatte. Der Herbst nahte sich dem Winter. Auf den Grabkreuzen des Wegers und des Rittmeisters lag dicker Reif. Der Röhrbrunnen am Hause wurde in Stroh eingewickelt, auf der Hausflur hingen die gelben Maiskolben, und in den Gastzimmern waren Aepfel aufgehäuft, die das ganze Haus durchdufteten. Die große Wirtsstube war wohl durchwärmt. Als ich Abschied nahm, gab mir Brigitta das Geleit bis auf die Freitreppe; sie verläßt das Haus fast nie, Ronymus aber ging mit bis zum Bahnhofe. Als ich ihm berichtete, daß Brigitta mir alles genau erzählt habe, sah er mich mit strahlenden Augen an und sagte: »Habe ich nun nicht recht, daß ich sie die Prinzeß vom Schlehenhof heiße?« Eben als der Schaffner »Fertig« rief, legte mir Ronymus noch einen Krug Kirschwasser neben den Sitz und sagte: »Das ist von meinem ältesten, aus unserem ersten hiesigen Jahre.« Der Bahnzug brauste am Wirtshaus zum goldenen Lamm vorbei, von der Freitreppe grüßte Brigitta.